Wir zwei gegen die Pissratten
Oskar Kroon
Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat.
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2025, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-18687-2
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing

«Ihr zwei …», sagt Papa oft, wenn er Kaj und seinen älteren Bruder zusammen beobachtet. Die beiden sind ein echtes Dreamteam, gehen zusammen durch dick und dünn. Kaj bewundert Krister, der alles über das Universum weiss, ihn zum Lachen bringt und immer für ihn da ist. Für ihn ist der grosse Bruder «ein bisschen so wie Yoda in Star Wars. Er hatte die Macht. The Force.» Genau das sorgt aber auch oft für Probleme. Denn Krister «war einfach nicht gut darin, wie alle anderen zu sein».

Eindringlich und hochemotional lässt Oskar Kroon Ich-Erzähler Kaj von seinem grossen Bruder erzählen, «dem Einzigen, der den Mut hatte, er selbst zu sein», weshalb ihm «die Pissratten» das Leben zur Hölle machen. Die Pissratten, das sind Sacke, «Crabbe» und «Goyle», denen alle aus dem Weg gehen, weil sie sich alles Mögliche einfallen lassen, nur um andere zu quälen. Einfach so, aus Spass. Und ihre Attacken werden immer brutaler.

Als Kaj erkennt, dass Krister gemobbt wird, versucht er zu helfen. Doch der lehnt jede Hilfe ab: «Das bringt doch nichts.» Kaj muss erleben, wie sein Bruder immer stiller und trauriger wird, sich zurückzieht, kaum noch lacht, sich in Luft aufzulösen beginnt. Mit seiner besten Freundin schmiedet Kaj deshalb einen Plan – der dann gründlich danebengeht und in einer Katastrophe endet. Etwas Gutes hat es aber: Die Erwachsenen können nicht länger wegschauen.

In Schweden 2023 mit dem Augustpreis für das beste Kinderbuch des Jahres ausgezeichnet, ist dies ein mutiges, einfühlend geschriebenes Kinderbuch über Mobbing, das aus einer ungewöhnlichen Perspektive erzählt wird: der des jüngeren Bruders, der hilflos zusehen muss.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/26, S. 30

Katastrofabelhafte Sommerferien
Katja Alves
Verlag: Magellan, Publiziert: 2025, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-4176-7
Schlagwörter: Ferien | Freundschaft

Fili hofft auf einen grandiosen Papa-Urlaub, aber statt nach Ibiza nimmt Papa sie nur mit an den veralgten Blausee, wo sie ihre Zeit in einem geliehenen, nach Zigarettenrauch riechenden Wohnmobil verbringen werden. Doch Fili lässt sich die Laune nicht vermiesen: Die muffige Unterkunft kann man mit bunten Tüchern und Klamotten aufhübschen, und wenn es ihr gelingt, sich so vor dem See zu platzieren, dass man auf einem Selfie den steinigen Boden nicht sieht, sieht doch alles wunderbar aus. Und irgendwie ist es das ja auch – oder? Die beiden Brüder Otto und Jayson werden Fili bald gute Freunde, Frau Mia mit den hübschen Kleidern ist allem Anschein nach ein Hollywood-Star, und überhaupt sind alle auf dem winzigen Campingplatz irgendwie besonders. Spannend wird es, als Dinge anfangen zu verschwinden und andernorts wieder auftauchen. Ist ein Dieb unterwegs? Oder eine gute Fee? Denn irgendwie landet alles genau dort, wo es am meisten gebraucht wird. Fili, Otto und Jayson wollen unbedingt herausfinden, was da los ist, und so wird der vermeintlich öde Urlaub richtig gut.

Katja Alves hat mit Fili eine wunderbar positive Heldin mit Vorbildcharakter erfunden – anstatt zu maulen, macht dieses Mädchen aus allem das Beste und schafft es sogar, ihre Nachrichten an die Freundinnen so zu schreiben, dass ihr Urlaub klingt wie ein spannender Film. Dabei muss sie nicht mal schwindeln, denn ein kleines «vielleicht» hier, ein «da bin ich sicher» dort lassen genug Spielraum für eine freie Interpretation ihrer Handy-Botschaften. Mit den durchgehend farbigen Bildern von Mila Marquis ein wunderbares Ferienbuch für Kinder ab neun Jahren. Eine Fortsetzung, «Die katastrofabelhafte Klassenfahrt», ist bereits erschienen.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/26, S. 29

Rabenkonzert
Jutta Richter, Illustration: Julie Völk
Verlag: Insel, Publiziert: 2025, Seiten: 109, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-458-64545-0
Schlagwörter: Natur | Gefühle

Gedichte für kleine und grosse Menschen

Dieser Band mit 71 Gedichten gibt einen prächtigen Einblick in das lyrische Werk und die Poetik der Kinderbuchautorin Jutta Richter. Ihre Gedichte widmen sich grossen Gefühlen, einer Schar von Haustieren und Federvieh, ebenso der Natur, den Jahreszeiten, dem Wetter, dem geheimnisvollen Spiel der Wolken. Auch Taubenengel, Leseschnecke, Vogelhund oder Stiebelstalb machen ihre Aufwartung. Sie trösten, behüten die Träume, bringen zum Lachen. Richter malt mit Worten: Jede Farbnuance stimmt. Reim und Rhythmus, Alliteration und Wiederholung sind ihre feinen Pinsel. Ihre Reime sind nie gesucht, sie lassen die Verse fliessen und erfreuen die Lesenden, etwa wenn «Kakao» sich auf «Blau» reimt.

Egal, ob vom Dank der Fledermäuse an die Nacht berichtet wird, vom Frühlingsgefühl unter den Wollmützen oder der Heckenrosenzeit – immer finden wir uns auf dem Land, kann der Blick ins Weite schweifen, verschmutzt kein Licht den Blick auf den Sternenhimmel. Das ist Jutta-Richter-Land. Urbanes fehlt ganz, auch der Kinderalltag am Bildschirm. Selten schimmern Not und Trauer durch, etwa in «Kinderlied», wo über die Melodie von «Schlaf, Kindchen, Schlaf» ein neuer Text gelegt wird, oder in «Flieg Taube flieg», das von Krieg, Hunger und Tod erzählt und vom Traum von Frieden.

Die Illustratorin Julie Völk schafft es, diese breite Auswahl mit ihren filigranen Zeichnungen in Blau zu einem Ganzen zusammenzufügen. Auf einer Eisenbahnschiene, die sich über alle Seiten zieht und mal zur Rutsch-, mal zur Achterbahn wird, fahren auf illustren Fahrzeugen Figuren mit oder hüpfen leichtfüssig durch die Seiten. Ein Gedichtband reich an Wortzauber und Bildcharme.

Christine Tresch
Buch&Maus 1/26, S. 27

Kuddelmuddel
Karen Hottois, Illustration: Vincent Pianina
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel.
Verlag: Péridot, Publiziert: 2025, Seiten: 55, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-910387-10-2
Schlagwörter: Tiere | Liebe | Humor/Komik

18 auf 33,5 Zentimeter – dieses für ein Bilderbuch ungewöhnliche Hochformat wird hier sehr originell bespielt. Die Story hat Filmpotenzial, mischt Stille-Post-Witz mit viel Poesie und spielt meist unter einer zugeschneiten Winterwiese. Die zeigt der italienische Comiczeichner Vincent Pianina in seitenfüllenden, wunderschönen Aquarellen zu Tag- und Nachtzeiten. Trotzdem hat der Regenwurm Herzschmerz: «Bei so einem Wetter sollte man nicht allein sein», sinniert er und schreibt der Motte einen Liebesbrief. So fängt das grosse Kuddelmuddel an. Denn die Motte interessiert das kein bisschen, stattdessen schreibt sie dem Grashüpfer, der aber so schlecht sieht, dass er statt «befreundet» «bescheuert» liest und erbost antwortet. Diesen Brief versteht wiederum die Motte völlig falsch, während der Marienkäfer versucht, den Regenwurm zu trösten, der nun dem Hirschkäfer einen Liebesbrief schreibt. Und nicht zuletzt mischen Spinne und Postschnecke mit …

Liebeswirren wie in Shakespeares «Sommernachtstraum» sind mit zarter Komik erzählt und in Szene gesetzt mit schmalen Bilderstreifen, für jedes Tier in einer anderen Seitenhöhe, in denen sich immer mehr Handlungsstränge miteinander verflechten und eine Art Bilderkino im Comicstil bilden. Drumherum viel Schneeweiss, aus dem die witzigen Miniaturwelten leuchten, strotzend vor Fantasie und lustigen Details. Eine geniale Idee, wenn auch die Zeichnungen eine Spur zu klein geraten sind. So klebt man mit der Nase am Buch und muss ganz genau gu-cken, was all die Tierchen in ihren vollgestopften, kunterbunten Buden treiben.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/26, S. 27

ErZähl mir etwas
Amanda Mijangos
Aus dem Spanischen von Eva Roth.
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2025, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907277-32-4
Schlagwörter: Anleitung

Ein Bilderbuch aus Mexiko zum Zählen und Erzählen

Hier wird nicht einfach gezählt, von 1 bis 10 und dann fast bis ins Unendliche. Dieses Buch regt auf jeder Doppelseite mit Bild, Zahl und kurzem Text zu kleinen Geschichten an. Da sind zum Beispiel zwei Sonnen zu sehen und zwei Vögel, die vorbeiziehen. Dazu steht «2 im Spiegel». Ein Satz, der auf eine ganz andere Wahrnehmungsebene verweist. Der mexikanischen Künstlerin Amanda Mijangos, die hier erstmals auch als Autorin auftritt, gelingen im Zusammenspiel von Erzählebene und Illustration Brückenschläge zwischen der Zahlenwelt und dem Lebendigen.

Schon der Auftakt ist fulminant: Bis zur 7 kommt bei jeder Zahl eine neue Farbe hinzu, bis sich ein Regenbogen über die Seiten spannt und einlädt, weiter ins Buch hineinzuspazieren. Jede Zahl bespielt eine Doppelseite. Die 4 ist gleichzeitig ein umgedrehter Stuhl. Aber wo versteckt sich der 4. Stuhl? Die 9 steht fürs Warten auf das Baby im Bauch der Mutter. Je grösser die Nummern werden, desto mehr animieren sie zum Mitzählen und Raten. Sind es wirklich 77 Ameisen, die verreisen? Und was kommt zum Vorschein, wenn man die 99 Punkte auf einer Doppelseite miteinander verbindet? Stapeln sich da 365 Bücher mit Geschichten für jeden Tag? Von den 3796 Blättern hat der Herbstwind den Grossteil schon fortgetragen. Ganz am Schluss tragen zwei Ameisen eine liegende Acht davon – das mathematische Symbol für Unendlichkeit.

Aus Farben, Flächen und Punkten werden Raubtiere, Vögel, Hunde, Katzen, Insekten und eine Mädchenfigur. Sie laden ein, mit ihnen durch dieses Zahlenuniversum zu turnen. Immer wieder.

Christine Tresch
Buch&Maus 1/26, S. 24

Ich kann Rad fahren
Gilles Baum, Illustration: Amandine Piu
Aus dem Französischen von Ulrich Störiko-Blume
Verlag: Von Hacht, Publiziert: 2025, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96826-061-7

Meine Omi auch

Konsequent und glaubhaft aus kindlicher Perspektive zu erzählen, ist eine Kunst. Diesem Bilderbuch gelingt dies spielerisch, weil Bild und Text mit je eigenen Mitteln die Kindersicht so eindrücklich spiegeln, dass es am Ende zwei Heldinnen gibt.

Sprachlich wird die Figurenrede in Ich-Form unmittelbar vergegenwärtigt. Das Schweinemädchen nimmt ihre Erzählerrolle erkennbar ernst, so kommt das aus ihrer Sicht Wichtigste zuerst, die bei Oma zu befolgenden Regeln: Schuhe vor der Tür abstellen, beim Essen von allem nehmen und abends «zack, zack» ins Bett gehen. Da klingen die liebevoll-strengen Worte der Grossmutter durch.

Wie sich das Tierkind fühlt, beschreibt der Text ehrlich; eindrücklich wird Innerweltliches aber erst in den Farben und kontrastierenden Grössenverhältnissen der Bilder. So ist das Kind vor der Haustür kaum höher als Grossmutters Stiefel – überhaupt erscheint diese Erwachsenenwelt riesig. Doch die Grössenverhältnisse kehren sich im Laufe dieser Heldenreise um, die bereits im Titel gefeiert wird. Zuerst ist Omas Plan: Die Kleine soll Fahrradfahren lernen. Weil sie ihr Enkelkind unterstützt, bis es endlich klappt, wird sie nahbar und ist nun ganz im Bild zu sehen. Als dann klar wird, dass die Oma selbst Fahrradfahren nie gelernt hat, wird ihre Kleine zur Grossen und die Metamorphose der Grossmutter farblich sichtbar: War sie anfangs eine alte Figur in Brauntönen, schleichen sich ihre Erinnerungen in Türkis dazwischen, bis sie im letzten Bild, auf dem Oma und Enkelin zusammen Rad fahren, ein sonnengelbes Kleid und rote Schnürstiefel trägt. Eine Hommage an alle Grossmütter!

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/26. S. 24

Stadt der Magier und Diebe
Judith Mohr
Verlag: Silberfisch, Publiziert: 2025, ISBN/ISSN/EAN: 9783844943276
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Krimi/Thriller

Im mitreissenden Beginn dieses Fantasyromans wird der junge Cor als Sklave verkauft. Was als Pech erscheint, erweist sich als Glück: Sein neuer Meister ist Zauberer und braucht jemanden, der sich mit den Diebesgilden der Stadt auskennt, da die Stadt von mehreren Explosionen erschüttert wurde. Doch er fördert auch Cors eigenes magisches Talent, das in seinem Gesang liegt, und zusammen decken sie eine Verschwörung auf. Im Hörbuch kommen die Eigenheiten der verschiedenen Sprecher:innen in den Dialogen besonders gut zur Geltung.

Ungekürzte Lesung
(Buch: Carlsen 2025)

Joshua Jackelby
Benedict Mirow
Verlag: Der Audio Verlag, Publiziert: 2025, ISBN/ISSN/EAN: 9783742436245
Schlagwörter: Historisches | Diversität | Krimi/Thriller

Im London des 19. Jahrhunderts stolpern der Zeitungsjunge Joshua Jackelby und seine Freunde Leroy und Charlotte beim Kohlevertragen über zwei neue Kontakte: zum einen den Professor Bellows, der für die Weltausstellung einen Ballon konstruiert hat, der aber gestohlen wurde, zum andern das indische Mädchen Aarya und ihren Pfau. Ein Zirkus, eine rivalisierende Strassengang und finstere Pläne zeichnen in diesem Roman ein lebhaftes Bild der historischen Grossstadt, die im Hörbuch mit Hörspielelementen stimmungsvoll vertont ist.

Ungekürzte Fassung
(Buch: Thienemann 2025)

Wilderland
Gina Mayer
Verlag: cbj Audio, Publiziert: 2025, ISBN/ISSN/EAN: 9783759900838
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Abenteuer | Freundschaft

Der Wald

Der 14-jährige Calum ist in staatlichen Kinderheimen in Chicago aufgewachsen. Nun wird er aber in eine Jugendlichen-Wohngruppe ins ländliche Maine verfrachtet. Mit seinen Mitbewohnern kann er sich zunächst gar nicht anfreunden, doch dann häufen sich die Anzeichen, dass sie von Agenten beobachtet werden – und die vier merken, dass sie alle eine besondere Verbindung zu einer Tierart haben. Langsam kommen sie dem Geheimnis auf die Spur. Das spannend gelesene Abenteuer punktet im Hörbuch besonders auch mit dem lockeren Tonfall der jugendlichen Figuren.

Ungekürzte Lesung
(Buch: CBJ 2025)

 

Rocky Winterfeld
Marie Hüttner
Verlag: Silberfisch, Publiziert: 2025, ISBN/ISSN/EAN: 9783844943856
Schlagwörter: Freundschaft | Reisen

Ziemlich neben der Spur

Als sein bester Freund mit seiner Familie nach Polen umzieht, ist Rocky untröstlich. Und als dieser entgegen ihrer Abmachung nicht auf Besuch kommt, findet der 11-Jährige einen Weg, zu Marek zu gelangen: Er nimmt an einem Wissenschaftswettbewerb in Danzig teil, und zusammen mit einer bunt zusammengewürfelten Gruppe geht es im alten VW-Bus der Lehrerin von Deutschland nach Polen – Glamping und Hamsterretten inklusive. Rockys Gefühlsschwankungen auf dieser verrückten Reise sind mit Feingefühl wiedergegeben.

Gekürzte Fassung
(Buch: Thienemann 2025)

Neon und Bor
Marc-Uwe Kling
Verlag: Silberfisch, Publiziert: 2025, ISBN/ISSN/EAN: EAN: 9783844941845
Schlagwörter: Geschwister | Wissenschaft | Humor/Komik

Erfinderkinder

Die neunjährige, eher chaotische Neon und ihr einjähriger, eher penibler Bruder Bor sind zwei sehr begabte Kinder, die allerlei Probleme mit ihren Erfindungen beheben möchten. Sie bauen etwa einen Roboter, um ihr Zimmer aufzuräumen, oder einen Lärmsauger. Nur funktionieren die Erfindungen (in Neons Fall: Sie-findungen) oft etwas zu gut. So sorgt das Geschwisterduo, das auch als TV-Serie zu sehen ist, für turbulente und witzige Situationen. Der Autor liest das Hörbuch gekonnt und mit hörbarer Freude an den Sprachkonstruktionen.

Ungekürzte Fassung
(Buch: Carlsen 2025)

Limati und der Fluch des Papyrus
Roger Rhyner
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2025, Seiten: 200, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-107-2
Schlagwörter: Medien | Rätsel | Spiel

Lesen im Buch, Rätseln via App

Der Glarner Autor Roger Rhyner ist bekannt für seine innovativen Ideen, um mit Büchern weitere Sinne anzusprechen. Nach seinen erfolgreichen Duft- und Leucht-Bilderbüchern richtet sich sein neuster Streich an Jugendliche: Mit einer Rätsel-App wird das Lesen des gedruckten Buchs ins Digitale erweitert.

von Aleta-Amirée von Holzen

LIMATI steht für Lilu, Max und Tina, die drei Held:innen dieses Abenteuerbuchs. Max hat dabei eine familiäre Prädisposition zum Abenteuer geerbt, sein Grossvater war ein umtriebiger Archäologe und Schatzsucher – und ist seit fünf Jahren verschollen. Am Tag, als er amtlich für tot erklärt wird, fährt Max nochmals in dessen Haus nach Näfels. Hier stösst er auf rätselhafte Hinweise, die eine geheime Wunderkammer öffnen. Zugleich muss er sich vor schattenhaften Einbrechern verstecken. Höchste Zeit, seine beiden besten Freundinnen, Sportskanone Tina und Alleswisserin Lilu, zu Hilfe zu rufen. Einen Schritt weiter kommen die drei in der Stiftsbibliothek St. Gallen, wo Bibliothekar Gerber verzweifelt, weil sich die Buchstaben in Büchern und Dokumenten zu neuen Inhalten verändern. Offenbar liegt es an zwei ägyptischen Papyri, und schon gelangen LIMATI durch ein Portal in der Bibliothek ins alte Ägypten und kommen einer uralten Bedrohung auf die Spur. Die Story ist gut ausgedacht, spannend erzählt und vermittelt viel Sachwissen, stilistisch aber trägt der Text immer wieder etwas zu dick auf, was den Lesefluss manchmal eher hemmt.

Die vierzehn Illustrationen sind von QR-Codes umrahmt. Scannt man diese mit der App, führen sie zu zehn Rätsel-Spielen – für das zehnte müssen alle vorher gelöst sein. Die Rätsel sind vielfältig und mit diversen Spielmodi kombiniert: Zum Beispiel gilt es mal die richtigen Knöpfe zu drücken, mal den digitalen Raum zu erkunden, um Gegenstände oder Symbole zu finden. Ein Highlight ist dabei ein 3D-Scan der Stiftsbibliothek, aber auch die Wunderkammer oder die Pyramidengänge vermitteln Schatzsucherfeeling. Die narrativen Passagen der App wirken in Bild und Ton frisch und sind sehr professionell gemacht.

Man kann das Buch auch gut ohne die App lesen, zumal diese 852 MB Speicherplatz und etwas Geduld beim Herunterladen braucht. Aber die App sorgt mit den 3D-Effekten (teils muss man sich im wirklichen Raum bewegen, um durch den digitalen Raum zu gehen) für ein besonderes Erlebnis, das gedrucktes Buch und digitale Welt auf interessante Weise verbindet.

Buch&Maus 3/25, S. 25

Im Haus seines verschollenen Grossvaters stösst Max auf mysteriöse Einbrecher und Indizien, dass sein Grossvater einem unglaublichen Geheimnis auf der Spur war. Gemeinsam mit seinen Freundinnen Lilu und Tina begibt er sich auf eine abenteuerliche Suche inklusive Zeitreise. Die spannende Story ist gespickt mit Rätseln und Lösestrategien. Dies wird innovativ durch eine App erweitert, die zusätzliche Aufgaben einbettet und Buch sowie intermedialen Raum geschickt verknüpft.

Erika Ehrlich und de Spuk uf em Campingplatz
Samuel Schuhmacher
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2025, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03964-098-0
Schlagwörter: Ferien | Krimi/Thriller | Schweiz

Mundart? «Voll nöd lame!»

Die Mundart ist in den letzten Jahren in der Schweizer Literatur zu einem Instrument geworden, das für Innovation und Ausbrüche aus literarischen Normen steht. In der Kinderliteratur hat sie bis jetzt in der geschriebenen Form einen geringen Stellenwert. Dieses Jahr setzen jedoch gleich zwei Neuerscheinungen die schweizerdeutsche Sprache als gelungenes Stilmittel ein.
von Elisabeth Eggenberger

«Spoken Word» − die performatorische Wiedergabe vorbereiteter Texte in mündlicher Form hat eine neue Kunstform entstehen lassen, die noch weitgehend frei von fixen Vorstellungen und Traditionen ist und sich daher besonders innovativ zeigt. Im Berner Verlag «Der gesunde Menschenversand» sind Texte in Mundart erschienen, denen der Sound einge-schrieben ist, die das geschriebene Wort nur als Transportmedium verstehen, um es – tatsächlich oder in den Köpfen der Leser:innen – wieder hörbar zu machen. Das trifft auch auf «Helsinki» von Dominique Oppliger und Vincent Glanzmann zu. Zwar kommt das kleine, schwarz eingebundene Büchlein mit Illustrationen von Eva Rust auch in der gedruckten Form sehr hochwertig daher und weckt Lust, die locker gesetzte lyrische Prosa zu lesen. Doch ist mit dem Buchkauf – und ein wenig Rätseln über dem Buchtext – auch das Passwort enthalten, mit dem das Hörstück heruntergeladen werden kann. Hier entfaltet sich in der monotonen Stimme von Dominique Oppliger und der musikalischen Unterlegung von Vincent Glanzmann erst die Rhythmik, der Sound dieses Textes. Dominique Oppliger, ausgezeichnet mit dem Schweizer Literaturpreis für seinen Mundartroman «giftland», weiss, wie er die Mundart einsetzen kann, dass man ihr gerne nachhorcht – ohne sie je künstlich zu gestalten. Wiederholungen und Relativsätze geben dem Text eine Richtung, lassen Tempo entstehen und wieder zusammenfallen. Die Freude am Klang ist wohl auch manchmal für die Inhalte verantwortlich: Wörter wie «Linkshänderschär» oder «hinderschi» sind einfach zu schön, um sie nicht in der Handlung unterzubringen.

Diese ist weit weg von irgendwelcher Mundart-Romantik: «Helsinki» spielt in einem dystopischen Setting – noch flackert der Bildschirm mit den News-Schlagzeilen und Buchstabenrätseln im ausgedienten Postauto, doch die Farbe des Sonnenuntergangs kann der Erzähler nicht benennen, denn «niemert weiss, wie d Farbe heissed». Er lebt in einer Kindergruppe, die auf sich alleine gestellt ist. Dazu gehört neben Erzähler Tok auch Rok mit seinen «Bibeli» auf der Haut, und Sol, blind, mit einer Wassermelone auf dem Arm und immer «hinderschi» unterwegs: «Aber sonen fascht blinde Mänsch / wo hinderschi lauft / zwei Meter grooss / und i de Hand / e foif Kilo schweri Wassermelone / chan eigentlich nöd eifach so verschwinde / Aber d Sol ebe scho / well d Sol hät das irgendwie gmacht.» Ebenfalls weg ist Moh, der dreibeinige Kater. Auf der Suche nach ihnen geht es um die Züünler mit ihren «Fiisvögel», die vielleicht auch auf einen Kater abgerichtet werden könnten, es geht um ein seltsames Gerät, auf dem ein Spiel gespielt werden kann, und es geht um einen Tunnel in eine verheissungsvolle fremde oder doch bekannte Stadt. Doch wichtiger als die Geschichte ist die Sprachkreativität, mit der Figuren mit skurrilen Eigenschaften erdacht, scheinbar Unzusammengehörendes zusammengehörig gemacht wird.

Das Gespenst in der Bünzli-Hochburg

Damit verglichen ist der Mundart-Comic «Erika Ehrlich: Spuk ufem Campingplatz» von Samuel Schuhmacher in der Erzählform konventionell. Inspiriert ist der Wimmelbuch- und Comic-Zeichner aus dem Kanton Zürich von Mike van Audenhoves inzwischen klassischen «Züri by Mike»-Bänden. Auch Schuhmacher zeigt den Alltag der «kleinen Leute», und zwar auf dem Campingplatz, neben der Schrebergartensiedlung wohl die Hochburg des Bünzlitums. Hier fährt mit Erika Ehrlich eine durchaus unkonventionelle Detektivin mit Sonnenbrille, Latzhosen und Töff ein. Bei ihren Unter-suchungen zum Spuk, der den Campingplatz in den Ruin zu treiben droht, wird sie begleitet von Edi, dem nervigen Neffen der Campingbetreiber. Der Fall nimmt eine überraschende Wendung, und am Ende ist der Campingplatz im wahrsten Sinne des Wortes eine Goldgrube.

Der Geschichte können Kinder im Primarschulalter gut folgen, jüngeren lässt sich der schweizerdeutsche Text leicht vorlesen, ältere versuchen sich sicher gerne selbst daran. Die Sprache ist direkt aus dem Alltag über-nommen. Edi sorgt für eingestreute englische Lehnausdrücke aus der Jugendsprache: «voll lame!» Dieser ungezwungene, unpuristische Umgang mit der Mundart wird auch im Nachwort von Pedro Lenz gelobt. Der Comic ist im Stil der «ligne claire» gehalten und so gut lesbar, fröhlich-farbig, und der Humor spricht sowohl Kinder als auch Erwachsene an.

Dagegen braucht «Helsinki» sicher mehr Vermittlung. Sowohl das Hörstück in seiner rhythmisierten Aufführungsform wie auch das Büchlein verlangen von den Hörenden und Lesenden Konzentration und den Willen, sich auf ein ungewohntes Lese- oder Hörerlebnis einzulassen. Dass die Sprache so nah ist an der Umgangssprache und hier keine Schwellen zwischen der emotional nächsten eigenen Ausdrucksweise und der Kunstform sind, macht aber hoffentlich viele neugierig darauf.

Buch&Maus 3/25, S. 24

Carp City
Aleksandra Mizielińska, Daniel Mizieliński
Aus dem Polnischen von Hannah Gemmel
Verlag: Moritz, Publiziert: 2025, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-480-0
Schlagwörter: Spiel | Rätsel

Die Stadt des tanzenden Karpfens

Ein aussergewöhnliches Werk haben Aleksandra Mizielińska und Daniel Mizieliński hier geschaffen: In «Carp City» verschmelzen Suchbilderbuch, Stadtführer und Rätselspiel zu einem Gesamterlebnis. Das Set besteht aus einem grossformatigen Panoramabuch mit zwanzig detailreichen Szenen, einem Stadtführer mit nummerierten Textabschnitten und Stickern, die den Fortgang der Geschichte verändern.

Sofort ziehen die farbenprächtigen, traumartigen Tableaus – ein Mosaik aus architektonischen Anspielungen, historischen Fragmenten und fantas-tischen Details – in den Bann: Hunderte winzige Figuren bevölkern die «Stadt des tanzenden Karpfens». In den verschlungenen Gassen begegnet man geflügelten Dachsen, Quacksalbern, Skelettechsen, und Windgeistern – und fast alle brauchen Hilfe. Etwa Imker, denen gefrässige Blauaffen zusetzen, oder Wiedergänger, die zurück in ihre Gräber wollen. Die 969 Zahlen im Buch führen zu ihren Geschichten, zu Hinweisen und Aufgaben.

Die Spielanleitung ist verständlich, eine Einführung in die Geschichte würde den Einstieg aber erleichtern. Die visuelle Opulenz und die Fülle an Figuren, Rätseln und Querverweisen können überwältigen. Anders als bei klassischen Spielbüchern fehlt ein roter Faden: Auf gelöste Aufgaben folgt nicht automatisch der nächste Schritt, manche Handlungen bleiben ohne Belohnung. Das erfordert Geduld, Kombinatorik und die Bereitschaft, sich auf ein erzählerisches Labyrinth mit Sackgassen und Falltüren einzulassen. So ist das Zusammenpuzzeln der Geschichte faszinierend, aber auch komplex. Empfehlenswert (nur) für die ganze Familie.

Alice Werner
Buch&Maus 3/25, S. 41

Detektiv Stanley und das Geheimnis im Museum
Hannah Tunnicliffe, Illustration: Erica Harrison
Aus dem Englischen von Jan-Frederik Bandel
Verlag: carlsen comics, Publiziert: 2025, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-01830-4
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Rätsel

Gerade hat Detektiv Stanley endgültig seinen Verbrecherjagdhut an den Nagel gehängt und freut sich auf Ausschlafen, Pfannkuchen und Puzzles, da flattert ein Hilferuf durch seinen Briefschlitz: Im Kunstmuseum wurde eingebrochen! Noch ist in allem Chaos unklar, was der Dieb gestohlen hat. Klar, wirft sich Stanley sein Sherlock-Holmes-Cape um und macht sich auf den Weg.

Einen spannenden Comic im Stil britischer Detektivgeschichten hat das Duo Hannah Tunnicliffe und Erica Harrison hier kreiert: Mit vielen Spuren und Zickzackwendungen, vor allem aber mit fantasievoll-witzigen Details, Kunstreferenzen und einem tierisch hinreissenden, völlig vermenschlichten Ensemble: Stanley, ein brillanter Schnüffelhund (der dennoch im Knast landet) mit Deerstalker-Mütze und Lupe, Direktorin Rosenbaum, eine elegante Gepardin mit Perlenkette und Schlaghose, und das Museumspersonal – ein ganzer Zoo aus Biber, Bären, Affen, Krokodilen und Mäusen …

Dabei wechseln sich Einzelpanels mit seitenfüllenden Wimmelbildern ab, leuchtende, monochrome Farben und dicke, schwarze Konturlinien schaffen einen luftigen, klar strukturierten Bildaufbau, knackige Fliess- und Sprechblasentexte in grosser Schrift laden schon Leseanfänger:innen zum Buchstabieren und Miträtseln ein. Ein Konzept, das auch inhaltlich passt: Gestohlen beziehungsweise gefälscht und vertauscht wurde bei diesem fast genialen Coup nämlich ein berühmtes Gemälde aus der aktuellen Museumsausstellung von Zieg Mondrian (alias Piet Mondrian), zu dem es am Ende dieses tollen Comics noch Infos gibt.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/25, S. 41

Urlaub am Abgrund
Albert Mitringer
Verlag: Egmont Ehapa, Tessloff, Publiziert: 2025, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7704-1200-6
Schlagwörter: Natur | Wissenschaft | Abenteuer

Tiefsee

Die neue erzählende Sachcomic-Serie «Was ist was – Der Comic», ist aus einer Verlagskooperation von Tessloff mit Egmont Bäng entstanden. Erstere sorgt für das Sachbuch-Know-how, Letztere für das innovative Konzept, entwickelt von Comic-Künstler Zapf (alias Falk Holzapfel) und Redaktorin Annica Strehlow. «Wir wollten eine unterhaltsame Abenteuergeschichte erzählen und nebenbei noch wissenschaftlich belastbare Fakten vermitteln. Das war jedes Mal eine Herausforderung», erzählt Zapf. Für den Serien-charakter sorgt ein konstantes Figurenensemble, das in jedem Band ein neues Abenteuer erlebt, welches auf einer realistischen Handlung basiert, in die fantastische Elemente eingebaut sind. Dieser Kunstgriff macht Zeitreisen möglich, sodass der erste Band «Das beste Haustier der Kreidezeit» bei den Dinosauriern spielt, «Im Orbit des Neptun» im Weltall und «Tiefsee: Urlaub am Abgrund» unter Wasser.

Die drei Kinder Will, Iris und Wenko werden durch ihre breit gefächerten Interessen (Games/Fastfood, Tiere/Natur, Sport/Lesen) als ideale Identifikationsfiguren konzipiert, die ihre Missionen dynamisch voran-bringen. In diese kommen sie durch den durchgeknallten Professor Quecksilber und seinen fliegenden Roboter «FAIL34». Diese Konstellation verspricht Humor, während dem Inhaltlichen trotz Sachbezug kaum noch Grenzen gesetzt sind. Da ist es manchmal schwierig, wenn die zahlreich eingestreuten, visuell verständlich umgesetzten Sachinformationen spannende Handlungsmomente immer wieder kurzzeitig einfrieren. Doch das Konzept – beliebte Kinderthemen, belastbare Sachinformationen, der Comic als fantastisch-dynamische Erzählform, realisiert von unterschied-lichen Künstler:innen – geht auf und hat grosses Potenzial für die Leseförderung.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/25, S. 41

Von Goldzahn bis Giftzahn
Yoann Cantin, Illustration: Maria Marega
Aus dem Französischen von Carolin Farbmacher
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2025, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03964-110-9
Schlagwörter: Körper

Packende Fakten mit Biss

«Von Goldzahn bis Giftzahn» ist verfasst von Yoann Cantin, einem Zahnarzt. Gleich im Vorwort macht er den appellativen Charakter des Buches deutlich: «In diesem Buch erfährst du, warum deine Zähne so kostbar sind und warum du gut auf sie achtgeben musst. Sie sind kleine Juwelen, die du unbedingt gesund halten solltest […].» Sein Buch versammelt denn auch die Kapitel, die man zum Thema Zähne und Zahnpflege erwartet, zum Beispiel Milchzähne, Karies, Zahnpflege. Diese ergänzen aber zum einen Informationen, die man eher selten präsentiert bekommt, etwa, welche Werkzeuge ein Zahnarzt benutzt oder was es für Berufe rund um Zähne gibt, und zum andern Kurioses, das den Unterhaltungswert (auch für erwachsene Vorleser:innen) stark steigert. So erfährt man, welche Tiere die grössten Zähne haben, wie die Giftzähne von Schlangen funktionieren und immer wieder, was man über Zahngesundheit in der Geschichte, etwa bei den Wikingern, herausgefunden hat.

Das Sachbuch gesellt sich zu einer kleinen Anzahl an Büchern aus den letzten Jahren, die sich einem einzelnen Körperteil oder einem einzelnen Sinn widmen. Es ist darunter nicht das originellste, aber sehr zweckmässig gestaltet: Die Informationen, meist thematisch auf Doppel- oder Einzelseiten gruppiert, sind in kurze Textportionen in sehr verständlicher Sprache verpackt, Kästchen mit der Überschrift «Schon gewusst?» bieten «Fun Facts». Die Illustrationen sind ebenfalls der Klarheit verpflichtet. Dem pädagogischen Ziel entsprechend, runden zwei Rezepte für kinderleicht herstellbare, zuckerlose Snacks sowie ein Quiz das Buch ab.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 3/25, S. 40

Zwei Seiten eines Augenblicks
Jenny Valentine
Aus dem Englischen von Klaus Fritz
Verlag: dtv Reihe Hanser, Publiziert: 2025, Seiten: 185, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-65046-5
Schlagwörter: Freundschaft | Tod/Trauer | Liebe

Es ist Freundschaft auf den ersten Blick. Auf einem Sommerausflug mit ihrer Familie verirrt sich die elfjährige Elk in einem Heckenlabyrinth und wird von der furchtlosen Mab gerettet. Im Herbst finden sich die beiden unverhofft in der gleichen Klasse wieder und sind fortan unzertrenntlich. Das ist das Davor, an das sich Elk fünf Jahre später erinnert. Ihre demenzkranke Oma, zu der sie ein besonders inniges Verhältnis hatte und die sie mit dem Firmament und Quantenphysik bekannt machte, ist inzwischen gestorben. Auf Drängen der Eltern beginnt Elk eine Gesprächstherapie. Halt findet sie bei Mab und deren Bruder, zu dem sie sich mehr und mehr hingezogen fühlt.

Dann reisst etwas ihre Welt endgültig entzwei. Auf dem Heimweg nach einer Party kommt es zu einem tödlichen Unfall mit Fahrerflucht. Davor und Danach liegen nur einen Wimpernschlag auseinander, aber der verhängnisvolle Augenblick weitet sich zur unüberwindlichen Kluft. Bruchstückhaft kehren die Erinnerungen zurück. Elk erzählt, mit ihrer Freundin als geisterhafte Erscheinung an ihrer Seite.

Jenny Valentine macht es ihren Figuren und uns Leser:innen nicht einfach. Aber bis zum unvorhersehbaren Ende gelingt es ihr auf wundersame Weise, der Schwere von Verlust und Trauer etwas entgegenzusetzen. So handelt die Geschichte nicht nur von der Unerbittlichkeit des Todes, sondern mehr noch davon, wie intensive Begegnungen und gemeinsame Erfahrungen unser Leben prägen und bereichern. Die Autorin und ihr Übersetzer Klaus Fritz finden hierfür den passenden Ton und schaffen mit einer pulsierenden Sprache, eindrucksvollen Bildern und feinem Humor eine Brücke zwischen Glück und Kummer.

Daniel Ammann
Buch&Maus 3/25, S. 40

Im Jugendarrest
Patricia Thoma
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2025, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96428-269-9
Schlagwörter: Biografie | Kunst

Über ein Jahr lang hat die Künstlerin Patricia Thoma in der Jugendarrestanstalt Berlin-Brandenburg mit inhaftierten Jugendlichen gezeichnet und ihre Geschichten gesammelt. Entstanden ist ein eindrücklicher Comic, der Einblick in ihr Denken, Fühlen und Hoffen gibt. Die unterschiedlichen Zeichner:innen prägen die Kapitel sichtbar: mal filigran, mal kraftvoll oder düster, dazwischen farbige Panels von Thoma aus dem Arrestalltag. Authentisch, berührend und vielseitig erzählt, öffnet das Buch einen seltenen Blick hinter Mauern – auf Jugendliche, die sonst kaum Gehör finden.

Wenn unsere Welt kippt
Jandy Nelson
Aus dem Englischen von Barbara König
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2025, Seiten: 640, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-4415-9
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Identität/Individualität

«Wenn unsere Welt kippt» ist ein eigensinniges, rauschhaftes Jugendbuch, das zwischen Familienepos, Brief- und Geisterroman, Coming-of-Age und mythischem Märchen oszilliert, weder Kitsch noch Tragik scheut – und gerade durch seine Opulenz und existenzielle Dringlichkeit fesselt.

Theo Fall stirbt an einer Lungenentzündung – aufersteht in der Leichenhalle und verschwindet spurlos. Zurück bleiben seine Frau und drei Kinder: Dizzy, zwölf, die Geister sieht und unter Mobbing leidet; Wynton, der älteste, ein genialer Geiger auf Selbstzerstörungskurs; und Miles, der scheinbar vollkommene Mittlere, sportlich und attraktiv, doch von Zweifeln geplagt. In dieses fragile Gefüge tritt ein rätselhaftes Mädchen mit Regenbogenhaar. Sie löst eine Ereigniskette aus, die Dizzy und Miles, begleitet von einem telepathischen Hund, auf eine Pilgerfahrt in ihre Vergangenheit führt.

Im Kern ist der Roman eine Meditation über Familie: über Bande, die Verrat überdauern; über den Schmerz des Erwachsenwerdens; über die Verflechtung von Identität und Herkunft. Die Geschwister verkörpern archetypische Konflikte – die Sehende, der Künstler, der Perfekte – und verleihen der Erzählung allegorische Kraft. Parallel dazu entfaltet sich die Legende um Stammvater Alonso Fall und den Fluch, der seine Nachkommen heimsucht. So gewinnt der Roman Züge des magischen Realismus. Das Übernatürliche ist kein Eskapismus, sondern Spiegel innerer Zustände. Nelsons Prosa folgt dieser Logik – überbordend, fast synästhetisch: Gerüche haben Farben, Gefühle Klang; die Sätze strömen in Metaphern und poetischen Volten. Am Ende steht ein farbsatter Fiebertraum, in dem Wirklichkeit und Vision ununterscheidbar werden.

Alice Werner
Buch&Maus 3/25, S. 39

Quest
Frédéric Maupomé, Illustration: Walter Mannaert
Aus dem Französischen von Christiane Bartelsen
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2025, Seiten: 119, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-80428-0
Schlagwörter: Mythologie/Sage | Umweltschutz/Klima | Intertextualität

Die Dame vom See

Seit König Artus’ Tagen jagen die Pellinors die sagenhafte «die Bestie», um sie zu besiegen. Doch die moderne Welt fordert Tribute: Pellis Grossvater führt einen drittklassigen Mittelalter-Erlebnispark, und als der eher zaghafte Jugendliche die Tradition weiterführen soll, muss er sich auf Moped Géraldine aufmachen. Erst soll er von Nixe Nimue ein Schwert holen. Sie bedingt sich aber aus, ihn zu begleiten, da ihr See nur noch ein Tümpel ist und sie ihre Magie verloren hat. Doch auch gebrochene Helden treffen manchmal auf etwas Magie, in dieser amüsanten, aber auch kritischen Adaption der Artussage ins 21. Jahrhundert.

Suri, die Monsterjägerin
Jo Rioux
Aus dem Englischen von Maria Schmidt
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2025, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-9896200-1-8
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Der goldene Faden

Suri hat grosse Pläne: Sie will einmal Monsterjägerin werden. Bis es so weit ist, erzählt sie als Teil eines Schaustellermarkts Geschichten von Monstern. Diese sind nicht nur näher, sondern auch ganz anders, als die Leute glauben. Als Suri im Wald zufällig ein Fadenknäuel findet, weckt sie das Interesse verschiedener Gruppierungen. Dieser süffig zu lesende Reihenauftakt präsentiert eine eigenständige Fantasywelt und eine selbstbewusste Heldinnenfigur, die ungewöhnliche Freunde findet.

Pippin und Olivia
Camille Jourdy
Aus dem Französischen von Lilian Pithan
Publiziert: 2025, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: Aus dem Französischen von Lilian Pithan
Schlagwörter: Geschwister | Alltag

Die grosse Gar-Nichts-Feier

Auch wenn sich Olivia und ihr jüngerer Bruder Pippin mal langweilen, weil sie wegen Lehrerstreik nicht in die Schule müssen, die Eltern aber trotzdem im Homeoffice arbeiten, fällt den beiden immer etwas ein – kleine oder grössere Pannen inklusive. Ob Pippins Rucksack verloren geglaubt wird oder die Familie den Rummelplatz besucht: Nah am Kinderalltag schildert Camille Jourdy in einzelnen Geschichten Alltagsepisoden um die Geschwister und ihre liebevoll-vernünftigen Eltern. Schmunzeln ist garantiert.

Der Schlaf der Kutula
Ulf K.
Verlag: Kibitz, Publiziert: 2025, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948690-45-8
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Umweltschutz/Klima

Was für ein opulenter und vielversprechender Buchtitel – ob er hält, was er verspricht? Heldin Frederike Fabula trägt jedenfalls einen sprechenden Namen: Das Schulmädchen denkt sich abenteuerliche Geschichten aus, wenn sie wieder mal zu spät in die Schule kommt. Zwar geht sie immer pünktlich los, lässt sich aber gern ablenken, zum Beispiel von einer «supertollen» Pfütze. «Platsch» – wird diese zur Schwelle in eine fantastische Meereswelt.

Frederike, die noch nicht mal ihr Seepferdchen-Abzeichen hat, versinkt und landet fast direkt im Maul eines Wals. Doch der ist das U-Boot von Professor Dagoni. Kaum hat er ihr sein Forschungsprojekt vorgestellt – Kutula, die Hüterin der Träume, ist durch die Meeresverschmutzung bedroht –, müssen sie, Frederike am Steuer, einem Riesenmüllstrudel ausweichen. Ein Abenteuer später kommt Frederike kein bisschen nass, aber mit einer atemberaubenden Geschichte in ihrer Klasse an.

Genau das ist Ulf K. mit dem ersten Band seiner Erstlese-Comicreihe gelungen: ein mit fantastischen Unwahrscheinlichkeiten, altbekannten Motiven und intertextuellen Anspielungen gespicktes kleines Meisterstück, wie es in der Erstleseliteratur eher selten vorkommt. Erstlesecomic bedeutet dabei nicht, wie es auf der Kibitz-Website steht, «ab 6» Jahren geeignet. Denn trotz grosser Druckschrift, sinnbezogenem Flattersatz und engen Bildfolgen dürften ihn leselernende Kinder wegen teils schwieriger Wörter und langer Sätze, erst ab Mitte/Ende der zweiten Klasse geniessen. Als Vorlesestoff für Jüngere ist er aber ein Geheimtipp: für erwachsene Vorleser:innen wegen der vielen amüsant-ironischen Zwischentöne und für Erstlesende, da bekannte Geschichten sich leichter selbst lesen lassen.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/26, S. 35

Erstklässlerin Frederike kommt eine Viertelstunde zu spät in den Unterricht. Das ist eigentlich wenig, wo ihr doch auf dem Schulweg etwas Unglaubliches passiert ist! Sie sprang in eine Pfütze – und landete mitten im Meer. Zum Glück fischte sie ein Meeresbiologe mit seinem U-Boot auf, und Friederike hat ihm bei seiner Expedition zur Sagenfigur Kutula geholfen. Ulf K. legt in seinem stark der «ligne claire» verpflichteten Stil eine absurd-vergnügliche, auf Umweltthemen sensibilisierende Geschichte als Auftakt für seine neue Erstlese-Comicreihe vor.

Ein Baum ist eine Zeitmaschine
Rob Sears, Tom Sears
Aus dem Englischen von Frederik Kugler
Verlag: Laurence King, Publiziert: 2025, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96244-489-1
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima | Zukunft | Historisches

Um eine 4000-jährige Eibe wuseln die Menschen mit ihren Handys und Uhren. Doch wer im Hier und Jetzt stehen bleibt und ihr zuhört, erfährt viel Spannendes über die Vergangenheit, die Langsamkeit und darüber, was die Zukunft bringen könnte. In kleinen Comicpanels und doppelseitigen Illustrationen bringt die Eibe Ida die Leser:innen zum Nachdenken über das menschliche Leben – durch verblüffende Vergleiche, mit viel Humor und ohne Moralkeule.

Regenwurm und Anakonda
Bibi Dumon Tak, Illustration: Annemarie van Haeringen
Aus dem Niederländischen von Meike Blatnik
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2025, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6291-9

Was Tiere über sich erzählen

In diesem originellen Sachbuch halten Tiere selbst Referate über andere Tiere – und das ist sehr unterhaltsam. Der Putzerfisch erzählt vom Hai, das Zebra präsentiert schwarz-weisse Tiere, und der nervöse Einsiedlerkrebs hält sein Referat lieber aus dem Schneckenhaus. So entsteht ein frischer, witziger Blick auf die Tierwelt, voller überraschender Fakten und zarten, lebendigen Illustrationen.

Penis!
Nadine Beck, Tim Berkels, Illustration: Sandra Bayer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2025, Seiten: 11, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-28344-2
Schlagwörter: Sexualität

Wissen für unter der Gürtellinie

«Vulva!» und «Penis!» sind zwei farbenfroh gestaltete Aufklärungsbücher für Jugendliche, die Klartext reden: von anatomischen Grundlagen und Begrifflichkeiten über Körperveränderungen bis hin zu Themen wie Scham, Schönheit, Bodyshaming und Pornokonsum. Witzige Illustrationen – angeführt von einer kleinen Comic-Vulva bzw. einem kleinen Comic-Penis – führen humorvoll durchs Buch, während der Text verständlich erklärt und Mythen sowie Fake News ausräumt. Ein wichtiger Beitrag zu einer offenen, informierten und wertschätzenden Haltung zum eigenen Körper – und anderen gegenüber.

Vulva!
Nadine Beck, Rosa Schilling, Illustration: Sandra Bayer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2025, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-28347-3
Schlagwörter: Sexualität

Wissen für unter der Gürtellinie

«Vulva!» und «Penis!» sind zwei farbenfroh gestaltete Aufklärungsbücher für Jugendliche, die Klartext reden: von anatomischen Grundlagen und Begrifflichkeiten über Körperveränderungen bis hin zu Themen wie Scham, Schönheit, Bodyshaming und Pornokonsum. Witzige Illustrationen – angeführt von einer kleinen Comic-Vulva bzw. einem kleinen Comic-Penis – führen humorvoll durchs Buch, während der Text verständlich erklärt und Mythen sowie Fake News ausräumt. Ein wichtiger Beitrag zu einer offenen, informierten und wertschätzenden Haltung zum eigenen Körper – und anderen gegenüber.

Was tun, wenn …
Verena Hochleitner, Laura Momo Aufderhaar, Illustration: Verena Hochleitner, Laura Momo Aufderhaar
Verlag: Kunstanstifter, Publiziert: 2025, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948743-49-9
Schlagwörter: Anleitung | Wissenschaft

Kleine Hilfe bei grossen Katastrophen

Zwei Kinder gucken in den Regen, in die flirrende Hitze oder auf Eierschalen – alltägliche Szenen bieten ihnen Anlass, um sich von (Fast-)Katastrophen zu erzählen. Was hätte alles passieren können, hätte der Regen nie mehr aufgehört? Und was hättest du gemacht bei Sturm, Feuer oder bei einem Beben? Nach jedem Zwiegespräch fasst eine Doppelseite in einem Flussdiagramm zusammen, was zu tun wäre, wenn… Knallig-freundliche Bilder kontrastieren das ernste Thema.

Berlin Biker
Deniz Selek
Verlag: Gulliver, Publiziert: 2025, Seiten: 109, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82466-0
Schlagwörter: Sport | Kulturen

Ferri liebt Biken. Meist ist er allein unterwegs – bis er eines Tages einem vermummten Biker begegnet und diesem bei der Flucht vor der Polizei hilft. Später erfährt er zu seiner Überraschung, dass hinter der Maske die deutsch-türkische Jugendliche Lu steckt. Lu stellt Ferris Welt auf den Kopf und bringt ihn dazu, seine Vorstellungen zu hinterfragen. Die kurze, leicht erzählte Geschichte gibt Denkanstösse und regt an, über eigene Vorurteile ins Gespräch zu kommen.

Alle nennen mich Nein-Sam!
Drew Daywalt, Illustration: Mike Lowery
Verlag: dtv, Publiziert: 2025, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76585-5
Schlagwörter: Humor/Komik | Tiere

Ein ahnungsloser Mops beisst sich durch

Ein frecher Mops als Held: In «Alle nennen mich Nein-Sam» wird die chaotisch-komische Geschichte eines Hundes erzählt, der glaubt, sein Name sei «Nein-Sam». Aus seiner Sicht sind Teppiche fürs grosse Geschäft da und Mülleimer werden zu «Schatzkisten». Obwohl Sam mit seinen Missverständnissen ständig für Chaos sorgt, ist er fest entschlossen, seine neue Familie zu beschützen – und wird dabei wider Willen zum Helden.

Robin the Hood
Rüdiger Bertram, Illustration: Horst Hellmeier
Verlag: CBJ, Publiziert: 2025, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-18228-4
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Abenteuer

Wie klaut man eine Stadt?

Ein Buch wie ein Actionfilm: Es beginnt mitten im Banküberfall, den Robin Kappe gerade macht – zu Testzwecken, wie es von ihm als Teil einer berüchtigen Meisterdieb-Familie, deren Vorfahre Robin Hood gewesen sein soll, erwartet wird. Als er einen «unklaubaren» Schmetterling stehlen will, landet er prompt in der Falle: Zusammen mit Junior-Superagentin Mary, alias The Hand, soll er eine gestohlene Stadt wiederbeschaffen. Der lebhafte, süffige Text ist serifenlos gesetzt und wird von Comicszenen aufgelockert.

Muffin und Tört!
Adam Stower, Illustration: Adam Stower
Aus dem Englischen von Leena Flegler
Verlag: Planet!, Publiziert: 2025, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-50882-7
Schlagwörter: Humor/Komik | Abenteuer

Bei den Wikingern

«Muffin und Tört bei den Wikingern» eröffnet eine neue, witzige Reihe für Leseanfänger:innen ab 7 Jahren. Mit wenig Text, grosser Schrift und vielen Illustrationen ist sie ideal für Kinder, die Mühe mit dem Lesen haben. Muffin und Tört geraten mitten in die Wikingerzeit, jagen Trolle, begegnen dem skurrilen «Eierich» und erleben jede Menge Abenteuer. Rasch geblättert, leicht gelesen – und mit Bonusseiten zum Mitmachen.

Auf in die Berge!
Katja Seifert
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2025, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10676-7
Schlagwörter: Abenteuer | Historisches

Was Menschen in die Höhe treibt

Seifert spannt den Bogen vom Anfang des Alpinismus in den Schweizer Bergen hin zum Massentourismus am Mount Everest anhand von den Schicksalen einzelner Bergsteiger:innen. Dazwischen erklären Doppelseiten, wie Seilschaften und Expeditionen funktionieren und welchen Proviant es dazu braucht. Im Text und den grossformatigen Zeichnungen räumt Seifert insbesondere den Bergsteigerinnen den Platz ein, der ihnen in der Geschichtsschreibung sonst häufig verwehrt bleibt.

Fake
Sibylle Hein
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2025, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-7495-8
Schlagwörter: Medien

Ein Buch für alle Kinder, die sich nicht veräppeln lassen wollen

Im Kinderzimmer, am Esstisch, in der Werbung und online: Getrickst, gefoppt, gemogelt und getäuscht wird fast überall und schon seit jeher. Dass wir auf die Gründe und Absichten achten können, um harmlose von böswilligen Lügen zu unterscheiden, exerziert Hein an zugänglichen, alltagsnahen Beispielen mit viel Bild und wenig Text durch. In einer Checkliste liefert sie schliesslich Tricks, wie wir der Wahrheit näher und den Fakes auf die Schliche kommen.

Hallo Tod, ich hab da mal ’ne Frage
Ellen Duthie, Anna Juan Cantavella, Illustration: Andrea Antinori
Aus dem Spanischen von Ilse Layer.
Publiziert: 2025, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: ISBN 978-3-522-30685-0
Schlagwörter: Tod/Trauer | Philosophie | Körper

Die Autorinnen Duthie und Cantavella stellen sich 28 Kinderfragen zum Thema Tod und scheuen auch keine differenzierten Antworten zu Fragen wie: Warum werden Menschen nicht eingeschläfert, wenn sie krank sind? Oder: Sterben wir irgendwann alle aus? Dabei nehmen sie das Thema und vor allem die Fragesteller:innen ernst und verlieren doch nicht den Humor. Dieser wird insbesondere in makaber-witzigen Bildern aufgegriffen. Ein Buch, das sowohl Kindern als auch Erwachsenen mit Spass etwas zumutet.

Schau genau hin!
Giselle Clarkson
Aus dem Englischen von Katharina Diestelmaier.
Verlag: Moritz, Publiziert: 2025, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-470-1
Schlagwörter: Natur | Wissenschaft | Alltag | Anleitung

Das aussergewöhnliche Handbuch der Beobachtologie

Die Anleitung zur «Beobachtologie» lautet schlicht: «Schau genau hin!» – vor allem bei Dingen, die man gern übersieht. Das ist überall und jederzeit möglich und kann auch langweilige Situationen spannend machen, gilt es doch, Bemerkenswertes im (vermeintlich) Gewöhnlichen zu entdecken, etwa in einer feuchten Ecke oder auf dem Trottoir. Mit diesem so informationsreichen wie humorvollen Plädoyer für Freude an der Beobachtung, auf der jede Wissenschaft basiert, wird das Genre Sachbuch auf den Punkt gebracht.

 

Das Feuer vergessen wir nicht
Sarah Jäger
Verlag: Rotfuchs, Publiziert: 2025, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7571-0212-8
Schlagwörter: Liebe | Generationen

Vergangenen Herbst erhielt Sarah Jäger für ihr Jugendbuch «Die Welt, sie fliegt hoch» den Deutschen Jugendliteraturpreis. Ihr neues Buch beschäftigt sich mit der Frage, was von einem Menschenleben bleibt –auch das wieder preisverdächtig.

Als Ari und Flint sich in einem Altenpflegeheim kennenlernen, sind sie sofort voneinander fasziniert. Weil das Geld zu Hause immer knapp ist, liest Ari, der «[Geschichten] wichtig sind, auch die eigene», dort samstags alten Menschen vor. Flint muss Sozialstunden leisten, weil er zu oft die Schule geschwänzt hat. Es entwickelt sich eine ebenso zarte wie intensive Lovestory. «Nur so dasitzen und nicht berühren, das funktioniert irgendwie nicht mehr.» Dabei könnten ihre Leben unterschiedlicher nicht sein: Während Ari mit ihrer Mutter und der schwangeren Single-Schwester in einer besonderen Hausgemeinschaft ein behütetes Zuhause hat, lebt Flint allein in einem alten Wohnwagen auf dem Schrottplatz seines Onkels. Auch die Lebenseinstellungen der beiden 17-Jährigen sind sehr konträr. Ari ist neugierig, offen und dem Leben zugewandt, Flint dagegen findet, «dass die Welt am Arsch ist. So richtig. Dass alles keinen Sinn hat.» Und doch «matcht» es zwischen ihnen – unsichtbare Schmetterlinge allüberall.

Wieder gelingt es Jäger, die Lesenden vom Fleck weg in ihre Geschichte hineinzuziehen. Immer auf Augenhöhe mit ihren Protagonist:innen (erst erzählt Ari aus der Ich-Perspektive, als diese nach einem Feuer im Pflegeheim im Krankenhaus liegt, übernimmt Flint), lebensnah, klug konzipiert und spannend bis zum Schluss. Kurz: Allerwärmste Leseempfehlung!

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/26, S. 32

Die 17-jährige Ari liest im Seniorenheim vor und lernt dort Flynn kennen, der Sozialstunden ableistet, und verliebt sich in ihn, trotz ihrer Unterschiede. Ari hat eine Familie und hängt immer mit ihren zwei engen Freund:innen ab, Flynn ist ein Einzelgänger und lebt im Wohnwagen. Uneins sind sie sich auch in einer grossen Frage: Ist es jede Lebensgeschichte wert, erzählt zu werden? Flynn ist sich da nicht sicher – bis etwas Schreckliches passiert. Klug verwebt dieser Jugendroman Motive und Handlungen und erzählt lebendig von Protagonist:innen, die man ins Herz schliesst.

All Better Now
Neal Shusterman
Aus dem Englischen von Andrea Helweg.
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2025, Seiten: 576, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-7453-8
Schlagwörter: Krankheit | Zukunft

Neil Shustermans Roman entwirft ein gesellschaftliches Szenario, in dem eine neuartige Pandemie die Gesellschaft im Griff hat: Die Genesenen werden in glücklichere Menschen verwandelt, die nach überstandener Krankheit nicht mehr nach Macht oder Konsum streben, sondern inneres Glück, Zufriedenheit und Gelassenheit empfinden und materiellen Gütern keine Bedeutung mehr beimessen. Verknüpft wird diese Thematik mit weltwirtschaftlichen Entwicklungen und Fragen nach den Auswirkungen auf ökonomische Entwicklungen sowie den Reaktionen der Weltwirtschaft auf ein solches Virus.

Die Interessen der Protagonist:innen des Romans, deren Lebenswege eng miteinander verknüpft sind, sind dementsprechend vielfältig: Rón, Sohn des zweitreichsten Mannes der Welt, hat sich mit dem neuartigen Virus angesteckt und ist zu einem dauerhaft ansteckenden Super-Spreader geworden, der alle Menschen an diesem Glück teilhaben lassen will. Mariel, die auf der Strasse gelebt hat und deren Mutter an dem neuartigen Virus stirbt, entpuppt sich als von Natur aus immun gegen das Virus. Sie trifft auf Rón und verliebt sich in ihn. Die dritte Akteurin ist Morgan, die aufgrund plötzlichen Reichtums in der Lage ist, ein Gegenvirus zu entwickeln – und dazu braucht sie Mariels Blut. Zwischen diesen Polen oszilliert die Geschichte, die angereichert wird mit Berichten über die facettenreiche Entwicklung des Virus auf der Welt. So entsteht nie der Eindruck eines schlichten Gut-Böse-Dualismus, sondern die Motivationen der Akteur:innen erscheinen in immer wieder neuem Licht und verleihen dem Roman zusätzlich Spannung.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/25, S. 39

Ein neuartiges Virus breitet sich aus – und macht die Menschen glücklich, sofern man die Krankheit überlebt. Stress, Angst und Trauer verschwinden. Was paradiesisch klingt, ist schlecht fürs Geschäft: Regierungen und Konzerne brauchen unzufriedene Bürger:innen und Konsument:innen. Als ein Impfstoff entwickelt wird, der das Unglück zurückbringen soll, geraten zwei Jugendliche in einen gefährlichen Machtkampf um Wahrheit, Freiheit und Gefühle. Ein hochaktueller Thriller über Manipulation, Glück und die Frage, was uns wirklich menschlich macht.

Helsinki
Dominic Oppliger, Vincent Glanzmann
Verlag: Der gesunde Menschenversand, Publiziert: 2025, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-28072-4
Schlagwörter: Schweiz | Zukunft

Mundart? «Voll nöd lame!»

Die Mundart ist in den letzten Jahren in der Schweizer Literatur zu einem Instrument geworden, das für Innovation und Ausbrüche aus literarischen Normen steht. In der Kinderliteratur hat sie bis jetzt in der geschriebenen Form einen geringen Stellenwert. Dieses Jahr setzen jedoch gleich zwei Neuerscheinungen die schweizerdeutsche Sprache als gelungenes Stilmittel ein.
von Elisabeth Eggenberger

«Spoken Word» − die performatorische Wiedergabe vorbereiteter Texte in mündlicher Form hat eine neue Kunstform entstehen lassen, die noch weitgehend frei von fixen Vorstellungen und Traditionen ist und sich daher besonders innovativ zeigt. Im Berner Verlag «Der gesunde Menschen-versand» sind Texte in Mundart erschienen, denen der Sound einge-schrieben ist, die das geschriebene Wort nur als Transportmedium verstehen, um es – tatsächlich oder in den Köpfen der Leser:innen – wieder hörbar zu machen. Das trifft auch auf «Helsinki» von Dominique Oppliger und Vincent Glanzmann zu. Zwar kommt das kleine, schwarz eingebundene Büchlein mit Illustrationen von Eva Rust auch in der gedruckten Form sehr hochwertig daher und weckt Lust, die locker gesetzte lyrische Prosa zu lesen. Doch ist mit dem Buchkauf – und ein wenig Rätseln über dem Buchtext – auch das Passwort enthalten, mit dem das Hörstück heruntergeladen werden kann. Hier entfaltet sich in der monotonen Stimme von Dominique Oppliger und der musikalischen Unterlegung von Vincent Glanzmann erst die Rhythmik, der Sound dieses Textes. Dominique Oppliger, ausgezeichnet mit dem Schweizer Literaturpreis für seinen Mundartroman «giftland», weiss, wie er die Mundart einsetzen kann, dass man ihr gerne nachhorcht – ohne sie je künstlich zu gestalten. Wiederholungen und Relativsätze geben dem Text eine Richtung, lassen Tempo entstehen und wieder zusammenfallen. Die Freude am Klang ist wohl auch manchmal für die Inhalte verantwortlich: Wörter wie «Linkshänderschär» oder «hinderschi» sind einfach zu schön, um sie nicht in der Handlung unterzubringen.

Diese ist weit weg von irgendwelcher Mundart-Romantik: «Helsinki» spielt in einem dystopischen Setting – noch flackert der Bildschirm mit den News-Schlagzeilen und Buchstabenrätseln im ausgedienten Postauto, doch die Farbe des Sonnenuntergangs kann der Erzähler nicht benennen, denn «niemert weiss, wie d Farbe heissed». Er lebt in einer Kindergruppe, die auf sich alleine gestellt ist. Dazu gehört neben Erzähler Tok auch Rok mit seinen «Bibeli» auf der Haut, und Sol, blind, mit einer Wassermelone auf dem Arm und immer «hinderschi» unterwegs: «Aber sonen fascht blinde Mänsch / wo hinderschi lauft / zwei Meter grooss / und i de Hand / e foif Kilo schweri Wassermelone / chan eigentlich nöd eifach so verschwinde / Aber d Sol ebe scho / well d Sol hät das irgendwie gmacht.» Ebenfalls weg ist Moh, der dreibeinige Kater. Auf der Suche nach ihnen geht es um die Züünler mit ihren «Fiisvögel», die vielleicht auch auf einen Kater abgerichtet werden könnten, es geht um ein seltsames Gerät, auf dem ein Spiel gespielt werden kann, und es geht um einen Tunnel in eine verheissungsvolle fremde oder doch bekannte Stadt. Doch wichtiger als die Geschichte ist die Sprachkreativität, mit der Figuren mit skurrilen Eigenschaften erdacht, scheinbar Unzusammengehörendes zusammengehörig gemacht wird.

Das Gespenst in der Bünzli-Hochburg

Damit verglichen ist der Mundart-Comic «Erika Ehrlich: Spuk ufem Campingplatz» von Samuel Schuhmacher in der Erzählform konventionell. Inspiriert ist der Wimmelbuch- und Comic-Zeichner aus dem Kanton Zürich von Mike van Audenhoves inzwischen klassischen «Züri by Mike»-Bänden. Auch Schuhmacher zeigt den Alltag der «kleinen Leute», und zwar auf dem Campingplatz, neben der Schrebergartensiedlung wohl die Hochburg des Bünzlitums. Hier fährt mit Erika Ehrlich eine durchaus unkonventionelle Detektivin mit Sonnenbrille, Latzhosen und Töff ein. Bei ihren Untersuchungen zum Spuk, der den Campingplatz in den Ruin zu treiben droht, wird sie begleitet von Edi, dem nervigen Neffen der Campingbetreiber. Der Fall nimmt eine überraschende Wendung, und am Ende ist der Campingplatz im wahrsten Sinne des Wortes eine Goldgrube.

Der Geschichte können Kinder im Primarschulalter gut folgen, jüngeren lässt sich der schweizerdeutsche Text leicht vorlesen, ältere versuchen sich sicher gerne selbst daran. Die Sprache ist direkt aus dem Alltag übernommen. Edi sorgt für eingestreute englische Lehnausdrücke aus der Jugendsprache: «voll lame!» Dieser ungezwungene, unpuristische Umgang mit der Mundart wird auch im Nachwort von Pedro Lenz gelobt. Der Comic ist im Stil der «ligne claire» gehalten und so gut lesbar, fröhlich-farbig, und der Humor spricht sowohl Kinder als auch Erwachsene an.

Dagegen braucht «Helsinki» sicher mehr Vermittlung. Sowohl das Hörstück in seiner rhythmisierten Aufführungsform wie auch das Büchlein verlangen von den Hörenden und Lesenden Konzentration und den Willen, sich auf ein ungewohntes Lese- oder Hörerlebnis einzulassen. Dass die Sprache so nah ist an der Umgangssprache und hier keine Schwellen zwischen der emotional nächsten eigenen Ausdrucksweise und der Kunstform sind, macht aber hoffentlich viele neugierig darauf.

Buch&Maus 3/25, S. 24

In lyrischer Prosa auf Zürichdeutsch, rhythmisch und klangvoll, erfahren wir von Erzähler Tok, der mit zwei anderen Kindern und Kater Moh in einer dystopischen Zukunft lebt. Trostlos ist diese Welt, doch durch die bildhaften Beschreibungen erscheint sie farbig – wenn auch die Namen dieser Farben den Kindern unbekannt sind. Und dann sind Moh und Sol verschwunden! Ein ganz eigenständiges Werk ist dieses Büchlein. Das downloadbare Hörstück macht mit seinem Sound das Erlebnis komplett.

Leben, Sterben und Kaninchen
Dita Zipfel, Illustration: Rán Flygenring
Verlag: Hanser, Publiziert: 2025, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-28310-7
Schlagwörter: Tod/Trauer | Abschied | Philosophie

Wie ist es gerade, du zu sein? Wie fühlt es sich an in dir, das Leben? Diese Fragen eröffnen das neue Kinderbuch von Dita Zipfel und der Illustratorin Rán Flygenring – und ziehen Leser:innen sofort hinein in ein grosses Nachdenken über das Leben. Ein Kind und sein Kaninchen namens Miss Marple begleiten durch ein Buch, das sich staunend dem Dasein nähert: der Einzigartigkeit jedes Menschen, dem Zusammenspiel von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und der kaum fassbaren Tatsache, dass so viele Individuen gemeinsam auf einem Planeten leben.

Im Verlauf der Geschichte stirbt Miss Marple, und der Fokus verschiebt sich behutsam auf das Thema Tod. Es geht um Abschied, Trauer und Verlust, aber ebenso um das Weiterleben und die Fragen, die bleiben: Was wissen wir eigentlich über den Tod? Wo ist jemand, der gestorben ist? Und warum fehlen uns oft die Worte, während die Gefühle umso stärker sind? Zipfel findet dafür eine Sprache, die Kinder ernst nimmt, ohne zu überfordern.

Warmherzig, stellenweise humorvoll und philosophisch erzählt, bewegt sich das Buch zwischen Bilderbuch und Sachbuch. Es lädt dazu ein, über Anfänge und Enden, über Freude und Schmerz nachzudenken – und darüber, dass beides untrennbar zusammengehört.

Die Illustrationen von Rán Flygenring sind ausdrucksstark und vielseitig. In kühlen Blautönen, durchbrochen von leuchtendem Gelbgrün, spiegeln sie das Dunkle und das Helle, das im Leben oft nah beieinander liegt. Ein eindrückliches, ehrliches Buch zum Vorlesen und gemeinsamen Nachdenken, das Kindern – und Erwachsenen – Raum für grosse Fragen lässt.

Carlotta Binder
Buch&Maus 1/26, S. 30

Ein Kind und sein Kaninchen Miss Marple führen durch grosse Fragen: Wie unglaublich ist es, ein einzigartiger Mensch zu sein? Was bedeutet Leben – und was bedeutet Abschied? Als Miss Marple stirbt, wird das Buch zu einer warmherzigen, humorvollen und zugleich tiefen Auseinandersetzung mit Trauer, Verlust und Weiterleben. Poetisch erzählt und eindrucksvoll illustriert in Blau- und Gelbtönen, ist dies ein philosophisches Buch über Anfänge und Enden.

Kennen wir uns?
Franziska Ludwig
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2025, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-314-2
Schlagwörter: Diversität

Unsere geheimen Gemeinsamkeiten

52 Menschen unterschiedlicher Ethnien, vom Baby bis zum Greis, von dünn bis dick, mit Kopftuch, Dreadlocks oder Rollstuhl: In ihrem fantastischen Wimmel- und Suchebuch stellt Franziska Ludwig sie auf der ersten Doppelseite fein säuberlich nach Alter auf und mit Namen vor. Ganz selbstverständlich dazwischen auch Eichhörnchen, Schmetterling, Roboter und Vampir. Unter dem Motto «Kennen wir uns? Unsere geheimen Gemeinsamkeiten» werden sie dann entlang 41 ganz unterschiedlicher Themen immer wieder neu sortiert.

Nach dem ersten Eindruck folgt der genauere Blick: «Alle, die etwas auf dem Kopf haben», so die Überschrift – wir sehen Emil, Gerlinde oder Elif mit Fahrradhelm, Duschhaube oder Beanie-Mütze. Auf der nächsten Seite wird es mit «Alle, die etwas Besonderes im Gesicht haben» noch interessanter: für Damenbart, falsche Wimpern, Akne-Narben, Hörgerät, Leberfleck oder Kontaktlinsen braucht es schon Beschriftung. Immer intimer zoomt Ludwig an ihre Protagonist:innen heran, immer besser lernen wir sie kennen: So zeigen sie ihre Narben und erzählen von deren Ursprung, wir erfahren von Allergien, Sammelleidenschaften, Verliebtheiten, Ängsten und Sehnsüchten. So entstehen Biografien, Verbindungen und überraschende Mini-Geschichten, die den Figuren Tiefe und Dreidimensionalität verleihen: Wer hätte gedacht, dass Gero obdachlos ist, Vanessa auf eine Spender-Niere wartet, Rubina und Ari vor dem Krieg geflohen sind, genauso wie Winfried damals mit seiner Mama aus Schlesien?

Pralles Leben, verpackt in ein superspannendes Sammelsurium mit Erlebniswert: Denn Toleranz kommt von Neugierde und Interesse.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/25, S.40

56 Figuren jeden Alters tummeln sich in diesem Buch und werden immer wieder neu sortiert und eingeordnet: «Alle, die etwas auf dem Kopf tragen» ist von aussen noch gut erkennbar. «Alle, die eine Narbe haben» ist schon versteckter und erzählt von Durchlebtem. Wir erfahren vor allem durch die Illustrationen, mit Sprechblasen und wenige Textinformationen, dass alle etwas sammeln, wer auf der Flucht war und wem etwas fehlt. Dabei lassen sich die Persönlichkeiten durch das Buch verfolgen. Witzig, durchdacht und zum Denken anregend – weil Menschen mehr sind als Klischees.

Ist okay
Ye Guo
Aus dem Englischen von Mine Hawel
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2025, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: ISBN 978-3-95854-240-2
Schlagwörter: Identität/Individualität | Freundschaft

Als sich Ziege und Hase im Supermarkt treffen, entdecken sie ihre gemeinsame Liebe zu Dosengras – und werden Freunde. Sie haben vieles gemeinsam, sind aber auch grundverschieden. Das Bilderbuch zeigt mit wenigen, leisen Worten, dass Freundschaft auch zwischen unterschiedlichen Persönlichkeiten funktioniert. Warm illustriert in Mischtechnik, fein beobachtet und ganz ohne Moralisieren – ein stilles Plädoyer für Akzeptanz und Zusammenhalt.

Pinie packt’s!
Mirjam Nievergelt
Verlag: SJW, Publiziert: 2025, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0466-1
Schlagwörter: Gefühle | Geschwister

Zum zehnten Geburtstag wünscht sich Pinie eine Campingparty: mit ihren Freund:innen im Garten von Oma Charlie zelten, Halli Galli im Taschenlampenlicht spielen und flüsternd Geheimnisse austauschen. Doch je näher der Abend rückt, desto weniger kann sie das flaue Gefühl im Magen ignorieren. Pinie kennt die Angst. Manchmal kommt sie überraschend, manchmal schleicht sie durch die Hintertür und bringt alte Sorgen wieder aufs Tapet. Für diese Zeltnacht hat sie sich eine alte Bekannte ausgesucht: die Dunkelheit. Wie soll Pinie eine ganze Nacht in Finsternis aushalten? Und wie kann es sein, dass sie sich mit ganzen zehn Jahren noch immer davor fürchtet?

Die Autorin findet für diese innere Zerrissenheit eine klare, anschauliche und sehr kindnahe Sprache. Sie nimmt Pinies Gedanken ernst, ohne sie aufzubauschen, und zeigt feinfühlig, wie Ängs-te kleiner werden können: durch Nähe, Zuhören und Humor – und durch kleine, alltagstaugliche Kniffe. Omas positive Affirmationen geben ebenso Halt wie die bunte Lichterkette, die sie im Garten aufhängt. Doch als nachts plötzlich der Strom ausfällt, erweist sich ein wohlüberlegtes Geschenk als Rettung: eine Kurbeltaschenlampe. Unvermittelt müssen die Kinder mit der unheimlichen Situation zurechtkommen. Aus bangem Warten wird gemeinsames Improvisieren – und das furchterregende Dunkel verwandelt sich in einen Raum, den man sich zurückerobern kann. Am Ende der angstbesetzten Nacht steht eine mitternächtliche Verkleidungsparty bei Kerzenschein mit Honigbroten und Schokomilch.

Warmherzig, tröstlich und ganz ohne Kitsch berührt die Geschichte, weil sie zeigt: Mut heisst nicht, keine Angst zu haben, sondern ihr nicht das letzte Wort zu lassen.

Alice Werner
Buch&Maus 1/26, S. 28

Die Angst vor der Dunkelheit macht der neunjährigen Pinie manchmal das Leben schwer. Dabei würde sie so gerne an ihrem Geburtstag mit ihren Freund:innen im Garten der Oma übernachten! Ob sie sich wirklich traut? Zum Glück gibt es Kurbeltaschenlampen, Lichterketten und eine einfühlsame Oma. Die kurze Geschichte erzählt warmherzig und mit kreativen sprachlichen Bildern, was es heisst, Ängste zu akzeptieren und einen Umgang mit ihnen zu finden.

Für das Auerhuhn
Livia Stampfli, Ueli Stampfli, Illustration: Melanie Suter
Verlag: Édition de Caro, Publiziert: 2025, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-9525107-6-6
Schlagwörter: Tiere | Schweiz | Streit/Konflikt

Der Esel findet ein Geschenk fürs Auerhuhn – das bringt er ihm doch gerne vorbei! Aber wo ist es? Auf der hinteren Seite der Mythen (zweier Berge), erklären die Hühner. Bloss: Die hintere Seite lässt sich nicht finden. Jedes Tier, das der Esel trifft, ist überzeugt: Wir wohnen an der vorderen Seite! Die naturgetreuen Illustrationen und das Spiel mit der Typografie machen dieses Bilderbuch zu einem Schauvergnügen. Der Zugang zum Hörspiel mit eingängigen Melodien ist inklusive.

Baobab
Ada Diagné
Verlag: Leykam, Publiziert: 2025, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7011-8371-5
Schlagwörter: Rassismus | Historisches | Kulturen

Die Legende vom Baum der Erinnerungen

In ihrem ersten Jugendbuch erzählt die österreichische Autorin Ada Diagne eine Legende von zwei Mädchen, die zu unterschiedlichen Zeiten in demselben Lagunendorf in Westafrika leben. Ein Jahrhundert trennen Ava und Zeyna voneinander, und dennoch sind ihre Leben eng miteinander verwoben: Als Baby in einer wilden Sturmnacht an Land gespült, wächst Zeyna als einziges weisses Mädchen in der Dorfgemeinschaft auf. Nun jedoch bleiben die Fische aus und die Lebensgrundlage des Dorfs steht auf dem Spiel. Um den Vorkommnissen auf den Grund zu gehen, muss nicht nur Zeyna tief in die Vergangenheit des Dorfes vordringen.

Hundert Jahre früher erzählt Ava den anderen Kindern im Dorf unter dem alten Baobab-Baum heimlich Geschichten über die «Alte Zeit» vor den «Weissen Soldaten», als ihre Eltern noch nicht in der Goldmine schuften mussten und noch ihre eigene Sprache sprechen durften. Das Echo ihrer Stimme hallt dabei weit über die Jahrzehnte hinaus …

Gekonnt flicht die in Wien geborene Juristin und Anti-Rassismus-Trainerin ihre Expertise für Erinnerungskultur, Machtkritik und Afrozentrismus in ihre mit vielschichtiger Symbolik gewebte Erzählung. Diese entfaltet sich in poetischer Sprache und findet zugleich klare Worte für die koloniale Gewalt und die anhaltenden Wunden, die diese hinterlassen hat. «Baobab» ist nicht nur ein mit viel Feingefühl komponiertes Buch über die erinnerungs-politische Kraft des Geschichtenerzählens und die Wichtigkeit, die eigene Geschichte zu kennen, sondern auch eine poetische Erzählung über die Bedeutung des Zuhörens. Denn schliesslich «braucht jede Geschichte jemanden, der ihr lauscht».

Claudia Sackl
Buch&Maus 3/25, S. 38

Olivia. Preis der Wahrheit
Karin Bachmann
Verlag: da bux, Publiziert: 2025, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906876-41-2
Schlagwörter: Identität/Individualität | Familie/Familienformen

Wer bin ich – und woher komme ich? Diese Fragen beschäftigen viele Jugendliche. Für Olivia erhalten sie jedoch besondere Brisanz, als ihre Eltern ihr eröffnen, dass sie adoptiert wurde. Sie wurde in die Babyklappe des Spitals Einsiedeln gelegt. Von einem Moment auf den anderen steht ihre Welt kopf: «Wie kann man an einem Sonntagmorgen als eine Person aufwachen und kurz nach Mittag jemand anderes sein?»

Olivia beginnt, nach ihren Wurzeln und ihrer Identität zu suchen. Hinweise findet sie in alten Zeitungsartikeln, einem Brief der leiblichen Mutter und einer geheimnisvollen Perlenkette – alles sorgfältig aufbewahrt in einer Schüssel, die jahrelang unbeachtet im Schrank stand. Aus einem Artikel erfährt Olivia, dass ihre Mutter kurz nach der Geburt tot in einem Hotel aufgefunden wurde. Die Umstände blieben ungeklärt, und auch die Kette, die nicht zum sozialen Status der Mutter passt, deutet auf ein Geheimnis. Gemeinsam mit ihrer Freundin macht sich Olivia – trotz des Widerstands der Eltern – auf Spurensuche nach ihrem Vater.

Die Geschichte eröffnet mit einer Rückblende, die Einblick in die schwierige Situation der Mutter gibt. Identität, Herkunft und soziale Unterschiede stehen im Zentrum und bieten Jugendlichen viele Anknüpfungspunkte für Diskussionen. Besonders der Kontrast zwischen der Mutter, die als Sans-Papiers und Dienstmädchen in prekären Verhältnissen lebte, und dem wohlhabenden Vater, dessen Familie die Beziehung unterband, macht die Geschichte vielschichtig.

Das Buch ist bewusst knapp und in einfacher Sprache verfasst. Es richtet sich an Jugendliche, die wenig oder ungern lesen, und eignet sich sowohl für die Individual- als auch als Klassenlektüre. Auf der Website des Verlags steht Unterrichtsmaterial bereit.

Carlotta Binder
Buch&Maus 3/25, S. 38

Olivia erfährt, dass sie adoptiert wurde – ihre Mutter starb unter ungeklärten Umständen, ihr Vater bleibt unbekannt. Ein Brief, ein Zeitungsartikel und eine geheimnisvolle Perlenkette führen sie und ihre Freundin auf Spurensuche. Der Roman thematisiert Identität, Herkunft, Migration und soziale Unterschiede. In einfacher Sprache erzählt, eignet er sich besonders für Jugendliche mit geringer Lesemotivation sowie für den Einsatz als Klassenlektüre.

Tomorrow Land
Antonia Michaelis, Peer Martin
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2025, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0719-5
Schlagwörter: Zukunft | Krieg

Im dystopischen Jugendroman «Tomorrow Land» nutzt das Autorenduo Antonia Michaelis und Peer Martin aktuelle geopolitische, gesellschaftliche und klimatische Bedingungen als Grundlage, um ein Szenario von Deutsch-land am Ende des 21. Jahrhunderts zu entwerfen. Berlin ist erneut eine von einer Mauer durchschnittene Stadt, Deutschland ein geteiltes Land. Die Russische Föderation im Osten steht den westlichen Ländern im Krieg um Lebensmittel und Wasser, aber auch Ackerland gegenüber.

In dieser Gemengelage treffen Hannes, entflohener Sträfling, Greta-Anna, Tochter des Nationalen Sicherheitschefs, und Moa, Geflüchtete aus Nigeria, aufeinander. Gemeinsam versuchen sie, sich nach Norwegen durchzu-schlagen, um ein neues Leben anzufangen. Doch der Weg ist lang und mit Feind:innen, aber auch neuen Freundschaften gespickt. Sie treffen auf eine Untergrundbewegung, die das System stürzen will, und schliessen sich dieser zwangsläufig an, als die Nationale Sicherheit ihnen auf die Spur kommt. Statt nach Norden gelangen sie nach Süden in ein Flüchtlingslager und werden mit dem ganzen Grauen des Systems konfrontiert, das vor Mord an Millionen Menschen und dem Abwurf von KI-gesteuerten Atombomben nicht zurückschreckt.

Michaelis und Martin haben einen düsteren Roman vorgelegt, dessen angedeutetes positives Ende in der Tat nur eine Andeutung ist und die Leser:innen keineswegs hoffnungsfroh zurücklässt. Zu übermächtig sind die negativen Folgen, die das Autorenduo entwirft und dessen Ursachen in der Gegenwart der Leser:innen zu finden sind.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/25, S. 37

Bin pumpen
Heiko Wolz
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2025, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-20304-3
Schlagwörter: Sport | Sucht | Körper

Der 16-jährige Aaron ist als ehemaliges Frühchen schmaler als seine Freunde. Das wird ihm richtig bewusst, als sein Freund aus Kinderzeiten vom Austauschjahr in den USA zurückkommt: gewaltig gewachsen, mega-muskulös und mit grosser Begeisterung für Kraftsport. Innerhalb kürzester Zeit schafft er es, Aarons Klassenkameraden und sogar seinen besten Freund Tan fürs Gym zu begeistern – und Aaron steht nun vor der Entscheidung, mit dabei oder aussen vor zu sein. Eher aus Versehen startet er die von einem Fiesling provozierte Challenge «Mr Universe in 100 Tagen»: Bis Weihnachten will er fünf Kilo zugenommen und seinen mageren Körper in Bestform gebracht haben! Plötzlich wandelt sich sein ganzes Dasein: Er erfährt Unterstützung von vollkommen Fremden, die ihn inspirierend und mutig finden, sogar bei seinem Schwarm Elif scheint er plötzlich Chancen zu haben. Doch der Muskelzuwachs läuft stockend, und irgendwann steht die Frage im Raum, ob «was zu nehmen» die Lösung sein könnte …

«Bin pumpen» ist ausgesprochen dicht am Leben der heutigen Jugendlichen. Dazugehören, sportlich sein, Warnungen der Erwachsenen in den Wind schlagen – all das wird wunderbar selbstironisch aus Aarons Sicht präsentiert. So könnte der Roman mit seinen Anspielungen an nerdige Filme aus den Neunzigern ein reiner Lesespass sein – hätte nicht der kleine Prolog mit der dramatischen Meldung über einen Einsatz mit dem Rettungshubschrauber eine düstere Vorahnung über alles gelegt. Geschickt lässt Heiko Wolz seine Recherchen über Selbstoptimierung, Nahrungsergänzungsmittel und deren Risiken in eine packende, als Freizeit- oder Schullektüre ausgesprochen lesenswerte Geschichte um erste Verliebtheit und echte Freundschaft einfliessen.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/25, S. 37

Der Junge, der auf ein Haus stieg
Salah Naoura
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2025, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75283-3
Schlagwörter: Sport | Familie/Familienformen | Streit/Konflikt

«Heute mache ich mal, was ich will. […] Ich sitze zwischen Himmel und Erde und bin für niemanden zu sprechen.» Solange Viktor sich zurückerinnern kann, hat er Angst um seinen Vater, Todesangst. Denn sein Vater liebt die Gefahr: Basejumping, Fallschirmspringen, Freeclimbing … Für den väterlichen Adrenalin-Kick ist die Familie sogar schon mitten im Schuljahr in die Schweiz umgezogen. Dass Viktor deshalb den Kontakt zu seinem besten Freund verliert? Egal. Hauptsache, sein Vater kann sich nach der Arbeit in einem hauchdünnen Anzug von einer Felswand stürzen.

Inzwischen sind die Eltern geschieden. Nachdem Viktor im Urlaub von einer alten Stadtmauer gefallen ist, weil sein Vater ihn dazu überredet hatte, mit ihm hinaufzuklettern, hat seine Mutter die Scheidung eingereicht und ein Kontaktverbot erwirkt. Nun lebt er mit seiner Mutter wieder in Berlin, sitzt auf dem Dach eines Hochhauses und lässt seinen Blick und die Gedanken schweifen.

Auf kaum mehr als hundert Seiten erzählt Salah Naoura von einem Jungen, der zwischen den ständig streitenden Eltern steht. Die sprachlich dichte Erzählung zieht einen mit den ersten Sätzen in ihren Bann. Und das hat viel damit zu tun, wie Ich-Erzähler Viktor uns mit auf die Reise in sein Inneres nimmt.

Manchmal hilft es, die Perspektive zu ändern, um den eigenen Weg zu finden. Viktor wundert sich selbst, dass er sich traut, das Baugerüst hinaufzuklettern. Ihm wird klar, wie anstrengend seine Eltern sind. «Alle beide.» Und dass er ab jetzt selbst entscheiden will, was gut für ihn ist und was nicht.

Salah Naoura erzählt die hochemotionale Geschichte einer Befreiung in einer Weise, die lange nachwirkt – kraftvoll, intensiv und doch ganz leise.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/25, S. 37

Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten
Davide Morosinotto
Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2025, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-20314-2
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Historisches | Rätsel

Kaspar Hauser, das Findelkind, das bis zu seinem 16. Lebensjahr abseits jeglicher Zivilisation eingesperrt gewesen sein soll – oder war er nur ein Betrüger? – taucht im Jahr 1829 mit einem Brief in Nürnberg auf, der seine (angebliche) Lebensgeschichte resümiert. Von Professor Daumer aufgenommen und unterrichtet, erweist sich Kaspar als Wunderknabe: Kindlich naiv, aber mit frischem Eifer lernt er im Handumdrehen alles, was er verpasst hat. Vier Jahre später wird er erstochen aufgefunden.

Soweit in aller Kürze der historisch überlieferte und literarisch oft bearbeitete Stoff, an den sich Morosinottos Jugendroman, wie im Nachwort erklärt, hält. Wie und warum Kaspar zu Tode und der Mord zur Aufklärung kam, ist Gegenstand der Fiktion. Nachdem Drohbriefe gegen Kaspar eingegangen sind, wird der berühmte Detektiv Grimaldi mit seiner scharfsinnigen Tochter Greta aus Sizilien herbestellt. Die 14-Jährige erweist sich als eigentliche Hauptfigur: Sämtliches Geschehen wird aus ihrer Perspektive geschildert, sie ist es, welche die Lösung des Falls vorantreibt und dabei blauäugig in eine Romanze mit dem jungen Oskar von Tucher stolpert, dessen zwielichtige Rolle sie aufdecken wird.

Rätselhafte Gestalten, nächtlicher Spuk in engen Gassen, metaphorische Wetterlagen und Eifersuchtsdramen: Mit den Ingredienzien von historischem Detektivroman, Liebes- und Adoleszenzroman erzählt Morosinotto an-spielungsreich und mit viel Suspense. Schwarz-Weiss-Abbildungen von Schauplätzen, Karten und Briefen unterstreichen das Kolorit. Die finale Enthüllung wirkt indes etwas aufgesetzt, wenn sich das verschlungene Netz
der ausgelegten Fährten und Köder auflöst in die Banalität einer zerstörerischen Leidenschaft.

Deborah Keller
Buch&Maus 3/25, S. 36

Unvergesslich, Sophie
Lois Lowry
Aus dem Englischen von Anne Brauner
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2025, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-7335-7
Schlagwörter: Generationen | Krieg | Freundschaft | Krankheit

Die 11-jährige Ich-Erzählerin Sophie und ihre 88-jährige Nachbarin Sophie Gershowitz sind beste Freundinnen. Bei ihren Peers ist Sophie weniger beliebt. Kein Wunder: Sie kommandiert den Nachbarsjungen herum und missioniert in der Schule fürs Blattgemüse-Essen. Als ihre alte Freundin immer vergesslicher wird, setzt Sophie alles daran, mittels Tests zu belegen, dass diese nicht an Demenz erkrankt ist und in ihrem Haus bleiben kann. Unter anderem soll sich Sophie Gershowitz drei Wörter merken, notfalls auch über Geschichten, die sie mit diesen Wörtern verbindet. So taucht die alte Frau ab in ihre Kindheit in Polen. Sie erzählt von der Eberesche vor ihrem Haus und vom Tisch in einer Bäckerei, auf dem sich buchstäblich das ganze Leben abspielte. Und schliesslich von einem Buch, das eine katholische Familie dazu brachte, sie als eigene Tochter auszugeben. So überlebte Sophie als einzige ihrer Familie den Holocaust.

Das Mädchen will diese Geschichten in Erinnerung behalten, anders als die Daten und Fakten aus der Schule. In dieser Aussage steckt Lois Lowrys Poetik: Erzählte Erinnerungen sind die wahre Geschichtsschreibung. Die alte Frau wird wegziehen, aber über Videochat bleiben die beiden Sophies in Kontakt.

Der Roman greift auf der Gegenwartsebene viele Themen auf. Sophies Kindheitserinnerungen, so eindringlich sie sind, wirken eingeschoben. Auch nutzt die Autorin ihre junge Protagonistin als Sprachrohr für Einsichten, die eine Elfjährige kaum äussern wird, mag sie noch so aufgeweckt sein. Doch die Freundschaft der beiden Sophies berührt und der launische, immer wieder selbstironische Erzählton packt. Ein Buch für Leserinnen ab Ende Zyklus 2 mit etwas Stehvermögen.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/25, S. 36

Aristide Ledoux
Frank Maria Reifenberg, Illustration: Maleek
Verlag: dtv, Publiziert: 2025, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76594-7
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Historisches

Meisterdieb wider Willen

«Die Katze schlägt wieder zu!», titelt die Pariser Zeitung «Le Grand Journal». Dieses Mal hat der Meisterdieb die Kronjuwelen der Königin gestohlen, die Polizeioberen, die seit Monaten im Dunkeln tappen, sassen zeitgleich im selben Palais zu Tisch. Die Katze – das ist der Waisenjunge Aristide Ledoux, der verborgen in einer alten Villa lebt und Nacht für Nacht in immer neuen Verkleidungen im Auftrag eines Unbekannten stiehlt. Seine Welt sind die Dächer, Geheimgänge und das Gassenlabyrinth von Paris Anfang des 20. Jahrhunderts. Doch dann gerät er in eine Falle, ertrinkt samt Droschke fast in der Seine und wird von Julien gerettet, der seit seiner Flucht aus einer «Kannibalenschau» mit seinem Äffchen Patou untergetaucht ist. Seine beste Freundin ist die abenteuerlustige Leontine, begeisterter Krimifan, überzeugte Feministin und pikanterweise Tochter des Chefs der Geheimpolizei. Weil Aristide nach seiner Bewusstlosigkeit das Gedächtnis verloren hat, machen sich die drei neuen Freund:innen auf Spurensuche – mit der Polizei dicht auf den Fersen …

So das Setting von Frank Reifenbergs spannendem Abenteuerroman, der durch die grandiose Bebilderung von Illustrator, Graffiti- und Comickünstler Paul Hillebrandt alias Maleek eine geradezu filmische Atmosphäre entwickelt: Vignetten, Zeitungsseiten, Einzelpanels und vor allem mehrseitige Comic-Blöcke in Blau-Schwarz-Gelb puzzeln sich immer wieder üppig zwischen den Text, schaffen einen Sog und entführen zu ikonischen Schauplätzen wie Metro oder Katakomben. Nur das Ende ist leider zu viel des Guten: ein gehetzter, überladener und fast verwirrender Plot mit zu vielen Personen und Entwicklungen.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/25, S. 36

Inseltage mit Rosa
Mareike Krügel
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2025, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75285-7
Schlagwörter: Generationen | Natur | Tod/Trauer

Weil Linneas alleinerziehender Vater zu einer Konferenz nach Finnland muss, «parkt» er seine elfjährige Tochter bei seiner Mutter, die dort lebt. Gemeinsam verbringen sie das Wochenende auf einer kleinen Schäreninsel, nicht viel mehr als «ein Haufen Steine im Meer». Für Linnea ist Mu «eine alte Frau, die sie kaum kannte, auch wenn sie ihre Grossmutter war». Deshalb streift sie meistens durch die Natur und spielt mit Rosa, die da ist, sobald Linnea sie ruft. Rasch wird klar, dass die Freundin nur in ihrer Fantasie existiert.

Dann zieht ein schwerer Sturm auf und tobt um die Holzhütte. Als er sich legt, dauert es Tage, bis wieder Schiffe fahren. Oma und Enkelin lenken sich mit Kartenspielen ab, sie dichten, malen, tanzen Polka und – reden. Die beiden verbindet viel: Wie Linnea, deren beste Freundin Rosa kürzlich bei einem Autounfall ums Leben kam, hat auch Mu einen schweren Verlust zu verarbeiten: Die Frau, mit der sie seit vielen Jahren zusammen ist, lebt nun wegen ihrer Demenz im Pflegeheim. Oft erkennt sie Mu nicht einmal mehr.

Mareike Krügel hat ein wunderbar sanftes, tief berührendes Kinderbuch geschrieben, das leicht und ernst zugleich von zwei Menschen erzählt, die sich beide wieder neu finden müssen, nachdem sie eine ihrer wichtigsten Bezugspersonen verloren haben. Anna Schillings skizzenhafte Zeichnungen ergänzen den Text zauberhaft. Oma Mu lässt das Mädchen so sein, wie es ist, bedrängt es nicht, wartet ab. «Sie hielt es aus, dass ich nicht redete, dass ich nichts ass» – und ist da, als Linnea zu erzählen beginnt. Als beide Tage später von der Insel abgeholt werden, winkt Linnea ihrer Freundin zu, solange sie sie noch erkennen kann. Das Leben ruft nach ihr.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/25, S. 35

Immerland
Flix
Verlag: Hanser, Publiziert: 2025, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-28332-9
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Aussenseiter:in/Mobbing

Die Stadt der Ewigkeit

Flix kennen wir als Comic-Autor, der mit frechem Strich liebenswerte Geschichten erzählt sowie Comic- und Literaturklassiker humoristisch neu interpretiert. Mit «Immerland. Die Stadt der Ewigkeit» liegt nun sein Romandebüt vor, dessen motivischer Ideenreichtum den eingestreuten Illustrationen in nichts nachsteht.

Statt langweiliger Ferien bei Oma Hertha gerät der 12 5/6-jährige Protagonist Mika Thorwarth in ein unglaubliches Abenteuer. Ein medizinischer Notfall seiner Oma faführt die beiden per walfischförmigem Luftschiff in eine andere Welt, in der sich statt eines Himmels über ihnen ein enormer Ozean voller Meerestiere erstreckt. Sie gelangen in eine seltsame Stadt, in der fast alles automatisiert ist, viele Arbeiten von Affen erledigt werden und einem mithilfe eines schlangen-förmigen Armbandes nahezu alle Wünsche erfüllt werden. Hier fühlt sich Mika zum ersten Mal dazugehörig: Niemand nennt ihn dumm, lacht ihn aus oder spielt ihm Streiche, stattdessen wird er dank seiner Gamer-Fähigkeiten in den Club der Grossen Geister aufgenommen. Bei einer Tüftlergruppe findet er Freundinnen und Freunde, mit denen er sogar die Robolympiade gewinnt. Aber ist diese seltsam «perfekte» Stadt nicht zu schön, um wahr zu sein?

Einfühlsam und sprachlich nuanciert schildert Flix, wie Mika allmählich Selbstvertrauen entwickelt und die vielen kleinen Verletzungen in seinem Leben zu überwinden beginnt, und thematisiert den Umgang mit Trauer und Tod. Der Roman balanciert dabei gekonnt zwischen fantastischem Abenteuer und dystopischer Gegenwelt – eine wahre erzählerische Wundertüte.

Petra Schrackmann
Buch&Maus 3/25, S. 35

Eher fällt der Mond vom Himmel
Rachel van Kooij
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2025, Seiten: 232, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-6007-9
Schlagwörter: Armut | Aussenseiter:in/Mobbing

Janas Vater ist so stark übergewichtig, dass er nicht mehr arbeiten kann und die Wohnung kaum verlässt. Mahnungen von Arbeits- und Jugendamt bleiben wirkungslos – er schafft es weder, Bewerbungen zu schreiben noch Gewicht zu verlieren. Stattdessen flüchtet er in die digitale Welt: Als Mister Pi kämpft er in X-Town ums virtuelle Überleben und träumt davon, mit Livestreams Geld zu verdienen. Doch der Erfolg bleibt aus, und das wenige Geld reicht kaum bis zum Monatsende. Jana ist es gewohnt, in der Schule zum Gratisobst zu greifen, wenn der Kühlschrank leer ist.

Die Hindernisse, die ihr Vater im Spiel bekämpft, sind für Jana bittere Realität: Mobbing und gehässige Bemerkungen über ihren «Nilpferdpapa» gehören zu ihrem Alltag. Am schlimmsten ist die ständige Sorge um den Vater. Jana muss alles allein bewältigen: für Essen sorgen, sich um den Vater kümmern, selbst wenn er das knappe Geld im Spiel verschwendet. Denn so hoffnungslos sein Traum auch wirkt – Jana möchte an ihn glauben.

Als Aleena neu in die Klasse kommt, scheint erstmals eine Freundschaft möglich. Doch ein unbedachter Kommentar zerstört das fragile Vertrauen. Auf einer Geburtstagsparty eskaliert die Situation, Jana landet auf der Polizeiwache – und trifft dort auf eine Beamtin, die den Ernst ihrer Lage erkennt. Zum ersten Mal erhält sie die Hilfe, die sie so dringend braucht.

Die Autorin erzählt die Geschichte aus Janas Perspektive mit eindringlicher Klarheit. Schonungslos greift sie Themen wie Armut, Mobbing, Sucht und Überforderung auf. Man bangt und leidet mit Jana, diesem tapferen Mädchen, auf dessen Schultern viel zu viel Verantwortung lastet. Ein Roman, der unter die Haut geht und eine Realität sichtbar macht, die vielen Kindern näher ist, als man denkt.

Carlotta Binder
Buch&Maus 3/25, S. 35

Rocky Winterfeld
Marie Hüttner
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2025, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-18846-3
Schlagwörter: Reisen | Wissenschaft | Freundschaft

Ziemlich neben der Spur

Rocky Winterfeld aus Unter-Teutlingen ist ein Nerd. Lieblingsfach Physik, liebs-tes Game «Space-Attack», sitzt in der ers-ten Reihe, nur ein Freund namens Marek. Aber Stopp: Schon in der Einleitung soll Marek mit den Eltern zurück nach Polen ziehen. Ob die Freundschaft das aushält? Gerade wollen sich die zwei vor dem Umzugswagen verstecken: «Bei dem Blick in die Tiefe wird mir schwindlig. Schätzungsweise 2,75 Meter. Zwischen Marek und mir ein wackeliges Holzbrett.» Ihre Verbindung scheint jetzt schon wackelig – nur Rocky merkt es noch nicht. In der Geschichte, die erst ein halbes Jahr später beginnt, geht es dann darum, was der sonst so regeltreue Rocky alles riskiert, um Marek wiederzusehen: Er fälscht eine Unterschrift und fährt ohne mütterliche Erlaubnis mit einer Schülerauswahl zu einem Naturwissenschaftswettbewerb nach Polen. Die Idee: dort Marek besuchen und zur Rückkehr bewegen.

In drei Teilen berichtet der aufgeweckte Ich-Erzähler vom Ausreiss-Abenteuer: Wie es sich mit rätselhaften Briefen anbahnt, «Du wurdest ausgewählt. Komm zum Treffpunkt», was die bunte Truppe unterwegs im VW-Bus der Physiklehrerin erlebt und wie Rocky es bis zum dramatischen Höhepunkt bei Mareks Familie schafft. Die Nebenfiguren, Kadir, Leyla, Tess und Frau Popov, werden dabei auch quicklebendig.

«Rocky Winterfeld» ist ein witzig-rasanter Roadtrip mit einem schüchternen Helden, der mutig aufbricht, um die Freundschaft zu retten. Das gelingt nicht, dafür etwas anderes: Rocky erkennt, dass er neue Freundschaften gewonnen hat. Das ermutigt, auch mal was neben der Spur zu probieren.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/25, S. 34

Das nennt man Glück
Cornelia Franz
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2025, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6312-1
Schlagwörter: Alltag | Familie/Familienformen | Armut | Geschwister

«Sieben Leute und drei Zimmer, von denen eines jetzt auch noch zur Abstellkammer wurde!» Cornelia Franz’ Kinderbuch erzählt von der siebenköpfigen Familie Mirza, die in Hamburg schon lange nach einer grösseren Wohnung sucht und wenig Glück hat – bis Janan (9) und ihre Brüder die Sache selbst in die Hand nehmen. Sie kleben Zettel an Strassenlaternen, suchen in ganz Hamburg nach Baustellen, auf denen neue Wohnungen entstehen, und lassen sich auch sonst so allerlei einfallen. Allerdings geht erst mal so einiges schief: Mal baut Baba mit dem Auto einen Unfall und sie kommen zu spät, mal steigt Janan mit ihrem kleinen Bruder zu früh aus dem Bus und geht verloren. Doch dann steckt Janans Lehrerin ihr einen Zettel mit einer Adresse zu: Im Haus ihres Nachbarn wird bald eine Wohnung frei. Vier Zimmer, Hochparterre, und das zur Abwechslung sogar bezahlbar!

Die warmherzige Geschichte fängt den turbulenten Alltag der kinderreichen Familie sehr lebendig, erfrischend und realitätsnah ein. Dass das Glück, von dem im Titel die Rede ist, sich nicht nur auf die Suche nach einer neuen Wohnung bezieht, sondern auch darauf, eine Familie zu haben, in der alle füreinander da sind, Freund:innen, gesund zu sein und ohne Angst und in Frieden leben zu können, wird klar, als die Familie eine sehr traurige Nachricht aus dem Irak erreicht, der Heimat der Eltern. Doch auch davon lassen sich die Mirzas nicht unterkriegen. «Alles war nur halb so schlimm, wenn es jemanden gab, der einen lieb hatte.» Klar, dass man Janans Familie sofort ins Herz schliesst. Genauso wie die fröhlichen Schwarz-Weiss-Illustrationen von Meike Töpperwien. Eine absolute Lese-Empfehlung!

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/25, S. 34

Schon lange will die Familie Mirza umziehen. Die 3-Zimmer-Wohnung ist mit fünf Kindern einfach viel zu klein. Und nun macht der Schimmel den kleinsten Bruder krank. Janan und ihre Brüder brauchen einen Plan. Tatkräftig hängen sie Zettel aus, suchen nach Neubauten und verhandeln mit Verwaltungen und Vermietern. Doch immer kommt etwas dazwischen. Da hat Janan genug! Ein Kinderroman mit viel Herz über Wohnungsnot und Vorurteile, aber vor allem über Geschwisterzusammenhalt und Selbstwirksamkeit.

Die neue Schule
Sabine Lemire, Illustration: Signe Kjær
Aus dem Dänischen von Maike Barths
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2025, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-316-6
Schlagwörter: Schule | Gefühle

Die dänische Autorin Sabine Lemire hat bereits in ihrer hinreissenden Comic-Serie mit Mira eine starke Mädchenfigur geschaffen. Ihr folgt nun Molly als Heldin der neuen Serie für Grundschulkinder. Zum Vorlesen geeignet ab Ende der ersten  Klasse, zum Selbstlesen für diejenigen, die schon ganze Sätze lesen und verstehen können. Die recht grosse Schrift ist gut lesbar, und zum aufgelockerten Layout tragen auch die Illustrationen von Signe Kjær bei, die so dekorativ wie atmosphärisch Mollys Kinderleben einfangen.

Deren Innen- und Aussenwelt werden in Bild und Text vielfarbig ausgemalt. Dass dabei die Grenzen des in der Kinderliteratur üblicherweise Erzählbaren ausgedehnt werden, zeigt, dass Klett Kinderbuch der richtige (deutsche) Verlag für die Serie ist, weil man dort authentische Inhalte schätzt. So kommt es, dass in der Geschichte von einem Mädchen, das die Schule wechseln und sich ein Zimmer mit dem kleinen Bruder teilen muss, intensive Emotionen Raum bekommen: So lebendig, so pathetisch, so kurzweilig und wild sind die Szenen bis hin zum Filmzombie, der einen Vater frisst.

Ein Moment in Band eins geht dabei jedoch weit: Mollys Gefühlswelt ist derart aufgewühlt durch die neuen Herausforderungen, dass sie ihren Bruder anstachelt, gesammelte Schnecken totzutrampeln. Ein Massaker als martialisches Sinnbild für ihre emotionale Überforderung: nachvollziehbar, aber nicht tolerierbar. Das Problem: Die Eltern sehen vorrangig die innere Not ihrer Kinder, aber es gibt keine klare Ansage dazu, dass Tiere mutwillig zu töten nicht zu rechtfertigen ist.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/25, S. 34

Die Insel der Schlasocks
Nils Mohl
Verlag: dtv, Publiziert: 2025, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76586-2
Schlagwörter: Fabelwesen | Freundschaft | Fantasie

Jasper lebt mit seiner älteren Schwester Bonnie, die unter Verantwortung, Geldsorgen und Nachtschichten zu zerbrechen droht. Nach den Ferien muss er vielleicht ins Internat – weit weg von Bonnie. Diesem Abschied will er mit einem tollkühnen Plan entkommen: Mit der selbstgebauten Passagierdrohne des schrulligen Nachbarn hebt er ab. Da «Drohnatella» autonom fliegt, scheint das Vorhaben einfach; und das einprogrammierte Ziel – das «Meer der Langeweile» – kommt ihm gerade recht, um den drückenden Gedanken zu entfliehen.

Die Reise endet unsanft auf einer dschungelartigen Insel, bevölkert von bizarren Wesen: riesenhaften Grummeln, rüsseltragenden Schnarnas, Trütass-Robben mit Knutschlippen – und den Schlasocks, plumpen Fellmonstern, die das Nichtstun zur Lebenskunst erhoben haben. Weil sie kein «Wirbeltamtam» dulden, wollen sie Jasper kurzerhand im Sand verschwinden lassen. Doch mit Witz und Mut gelingt es ihm, die monströs Müden aufzurütteln und Freund:innen zu gewinnen. Als ein alles verschlingender Strudel die Insel bedroht, zeigt sich, ob die neue Gemeinschaft wirklich trägt.

In seinem ersten Kinderroman erzählt Nils Mohl ein Abenteuer voller Sprachwitz und Fantasie – bevölkert von Figuren, die zugleich skurril und traumhaft vertraut erscheinen. Michael Rohers detailreiche Illustrationen verstärken dies, sie verleihen den Schlasocks und ihren Gefährten eine unverwechselbare Gestalt – monstermässig und zugleich liebenswert. Über das Abenteuer hinaus überzeugt der Roman durch sein Gespür für die Schattenseiten der Kindheit – Einsamkeit, Verlustängste, das Ringen um Nähe. «Die Insel der Schlasocks» zeigt, wie Freundschaft auch dort entstehen kann, wo Trägheit und Mutlosigkeit herrschen.

Alice Werner
Buch&Maus 3/25, S. 33

Hühner streicheln und Zoff mit Knuffel
Daniele Meocci
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2025, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85546-428-9
Schlagwörter: Fabelwesen | Ferien | Generationen

Das Stadtkind, das unfreiwillig Ferien bei der Verwandtschaft auf dem Dorf verbringen muss und dort das Landleben kennen- und lieben lernt: Der Berner Autor Daniele Meocci verarbeitet in seinem neusten Kinderroman einen Stoff, der in der Kinderliteratur wohlbekannt ist. Er reichert sein Buch «Hühner streicheln und Zoff mit Knuffel» allerdings mit einem fantastischen Element an: Im Zimmer, in dem Leonie bei ihrer Tante die Ferien verbringen soll, taucht plötzlich ein seltsames Wesen auf. Keine zartgliedrige, glitzrige Elfe – sondern ein miesepetriger, geflügelter Wicht, ein «Zwölf» namens Knuffel. So wenig wie Leonie zu Beginn mit der Natur anfangen kann, so wenig mag er Menschen und erst recht kein «Kinderzeug». Dafür liebt er Süsses, und da ist es gut, dass der ältere Nachbar Wolf, der gerne mit seinem Dreirad durch den Ort braust, täglich
Leckereien bäckt, an denen Knuffel und Leonie sich gütlich tun können.

Der gemütliche Wolf und der kratzbürstige Knuffel erinnern an Meister Eder und seinen Pumuckl. Knuffel ist allerdings ein wahrer Naturbursche und zeigt Leonie die Tiere und Pflanzen des Waldes, inklusive Begegnung mit einem stattlichen Hirsch. Das ist eine der Szenen, in denen wir der Protagonistin nahekommen, die davon sehr ergriffen ist. Ansonsten wird sie leider etwas zu oft mittels Aussagen des Erzählers charakterisiert statt über die Ausdrücke ihrer Gefühle.

Auf der Handlungsebene plätschert die Geschichte gemütlich dahin und wird nur etwas dramatischer, als ein Umweltsünder aus dem Wald vertrieben wird. Eine solide Feelgood-Geschichte, die sich gut zum Vorlesen im frühen Primarschulalter eignet.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/25, S. 33

Jim Salabim und der Mogel-Strauss
Karsten Teich
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2025, Seiten: 60, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-667-3
Schlagwörter: Abenteuer | Humor/Komik

Legendär ist die vielbändige Erstleseserie über «Cowboy Klaus», die Karsten Teich zusammen mit Eva Muszynski umgesetzt hat. Das Besondere daran sind die mehrsinnigen Sprachspielereien, die sprechenden Namen, die urkomische Story. Diesen Herbst startet Karsten Teich mit zwei Bänden eine neue Serie, deren Titel «Jim Salabim» bereits vielversprechend klingt. Diesmal ist es eine «Hasen-Geschichte». Dass Komposita mit Bindestrich getrennt werden, ist eine gute Vereinfachung für Leselernende, die jedoch nicht konsequent umgesetzt wird. «Hutkrempe» als ungebräuchliches Wort oder «Stummelschwanz» mit schwierigen Multigraphemen werden nicht getrennt.

«Simsalabim, der Hase Jim» – in der Überschrift geht es reimend weiter und schon im dritten Satz wird mit Doppeldeutigkeiten gespielt. Glaubt doch der berühmte Zauberer Mogel-Strauss, er sei der Grösste, und Teich zeichnet ihn so gross, dass er nicht mehr auf die Seite passt. Inhaltlich ist er aber bald nicht mehr gross­artig dran, denn der freche Hase zettelt einen Aufstand an, verlässt mit den Küken erst den Zaubererhut, um dann den Zauberstab durch Hinein-beissen seiner Magie zu berauben. Die Kapitel mit der Verfolgungsjagd der beiden Tauben «Pick» und «Nick», die einander als «taube Nuss» beschimpfen, heissen «Falscher Hase 1+2» – die Sprachspiele nehmen kein Ende.

Die «Jim Salabim»-Serie ist ein würdiger Nachfolger von «Cowboy Klaus» und passt vom Textumfang her noch besser zu Leselernenden. Erstlesegeschichten solcher Güteklasse führen Kindern vor, wie Sprache literarisch gestaltet werden kann und wie viel Spass es macht, mit ihr zu spielen. Natürlich auch beim Vorlesen!

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/25, S. 33

Wenn Gedanken fliegen
Herausgeber:in: Jana Mikota, Sandra Niebuhr, Illustration: Sonja Stangl
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2025, Seiten: 151, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-4317-3
Schlagwörter: Sprachspiel | Philosophie

Gedichte zum Staunen, Wundern und Träumen

Möchte ich «ein Nilpferd im schlammigen Wasserloch sein oder ein Storch, der lange stillsteht auf einem Bein»? Wer ist es, den ich festhalte, am Ende der Welt, damit er nicht hinunterfällt? Werde ich Flanierer oder doch lieber Weltspazierer?

Sandra Niebuhr und Jana Mikota haben in ihrer Lyrik-Anthologie Gedichte namhafter zeitgenössischer Lyriker:innen arrangiert, welche die Gedanken zum Fliegen bringen sollen. Und das gelingt. Die 117 Gedichte fangen mit Sprache bildhaft, stimmungsvoll und spielerisch scheinbar Alltägliches ein und schnippen konkrete Fragen herbei: Philosophische Fragen rund um Themen wie Traum und Wirklichkeit, Wahrnehmung und Wissen, Realität und Möglichkeit, Identität, Glück, Zusammenleben, Gefühle oder Zeitlichkeit. Diese sind es denn auch, welche die Anthologie inhaltlich strukturieren.

Über einen QR-Code sind Anregungen zum Nachdenken greifbar. Diese enthalten eine wertvolle konzise Einführung von Sandra Niebuhr in das Philosophieren mit Kindern. Zudem werden konkrete Vermittlungsideen zu elf ausgewählten Gedichten angeboten, die jedoch leider teilweise dem gesetzten fachdidaktischen Anspruch nicht genügen können.

Die Anthologie büsst dadurch aber nicht an Qualität ein: Die Texte sind formbewusst-vielfältig gewählt, gedanklich weit gefächert, thematisch relevant sowie für Menschen ab etwa zehn Jahren gut zugänglich. Die Gedichte spielen kongenial mit den reduziert-verspielten Illustrationen von Sonja Stangl zusammen, der es gelingt, den Texten weitere Deutungsebenen hinzuzufügen.

Stefan Schröter
Buch&Maus 3/25, S. 32

Der Leuchtturmbär
Mathilde Stein, Illustration: Piet Grobler
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann.
Verlag: Moritz, Publiziert: 2025, Seiten: 86, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-490-9
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft | Lesen

«Der Leuchtturmbär» erzählt ein Abenteuer, für das die Hauptfigur nicht etwa weit reisen muss – nein, es ergibt sich im beschaulichen Zuhause. Und das kommt so: Leuchtturmbär liebt seine kleine Insel mit Leuchtturm über alles, jeden Morgen denkt er: «Boah, bin ich froh, Leuchtturmbär zu sein! So ein Glück!» Zu all den Dingen, die er fürs Leben gerne tut, zählt auch, in der Zeitung von Abenteuerbärs spannenden Abenteuern zu lesen. Als Leuchtturmbär wieder mal nächtelang durchgelesen hat, packt ihn die Unzufriedenheit. Plötzlich scheint ihm alles öde. Das geht so lange, bis ein Sturm um die Insel braust und ein Boot in Seenot seine Hilfe braucht. Unter Lebensgefahr retten Leuchtturmbär und Seehund Marius den Insassen, der sich als der leibhaftige Abenteuerbär entpuppt. Doch schon bald merkt Leuchtturmbär, dass dieser unfreiwillige Gast ihm wenig Freude macht. Abenteuerbär ist nämlich ein ziemlicher Faulpelz und vor allem penetranter Angeber. So weigert er sich etwa, Fische zu fangen: «Ganz normale Fische, die sind mir … zu langweilig.» Kurz vor seiner Abreise hat Leuchtturmbär genug, es kommt zum Eklat, der offenbart, dass alles ganz anders ist, als es scheint.

Mit in Sinneinheiten gesetzten Zeilen erzählt der Text in einer hervorragenden einfachen Sprache, die Raum lässt für fantasievolle Bezeichnungen. Unterstützt von den leicht krakeligen, dynamischen Illustrationen, ist «Der Leuchtturmbär» ideale Lektüre für Erst-, Zweit- und Vorleser:innen – und darüber hinaus ist dieses kleine, schlicht grossartige Buch eine Zierde im Regal aller Lehnstuhl-Abenteur:innen, ist es doch ganz nebenbei eine humorvolle Reflexion über das Abenteuer und das Erzählen darüber.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 3/25, S. 32

Leuchtturmbär liebt das Leben auf seiner idyllischen kleinen Insel sehr. Dazu ist er angefressen von den Zeitungsberichten über die waghalsigen Reisen von Abenteuerbär. In einem Sturm rettet er mithilfe Seehund Marius einen Bären aus Seenot – und dieser entpuppt sich als Abenteuerbär höchstpersönlich! Nur leider geht dieser mit seiner Grossspurigkeit Leuchtturmbär bald auf die Nerven … Eine tolle Geschichte über Abenteuer in einer einfach gehaltenen Sprache, stimmig bebildert – insgesamt ein hervorragendes Erst-, Zweit- und Vorlesebuch!

Die kleine Spitzmaus
Akiko Miyakoshi
Aus dem Japanischen und Englischen von Paula Weber und Nicola T. Stuart
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2025, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96428-262-0
Schlagwörter: Alltag | Arbeit

Das kleine Format passt gut in Kinderhände und fasst doch drei Geschichten. Allesamt erzählen sie von einer kleinen Spitzmaus: Wie sie lebt, was sie sich wünscht und mit wem sie ihre Zeit verbringt. Die Kapitel fallen durch muster-hafte Wiederholungen auf: «Ein Spitzmaustag», «Der Spitzmaustraum», «Die Spitzmausfreunde». Die paradigmatische Nennung inszeniert die Maus sprachlich einfach, literarisch gestaltet und semantisch bedeutsam als Hauptfigur.

Nicht nur das Inhaltsverzeichnis offenbart, dass bei diesem Bilderbuchprojekt auch Erstlesende miteinbezogen wurden. Die Wahl der Schrift bestätigt dies, ebenso der (teils sinnbezogene) Flattersatz auf den Seiten mit viel Raum zwischen den Zeilen, die meist kurzen, nebengeordneten Sätze und die vielen Bilder, die zeigen, wovon im Text die Rede ist.

Der Inhalt jedoch dürfte für Primarschulkinder auf den ersten Blick ungewohnt sein, denn die vermenschlichte Hauptfigur ist erwachsen und lebt allein. Man erfährt, wann ihr Wecker klingelt, welches Frühstück sie liebt, dass sie auf dem Arbeitsweg Hunde zählt, wie fleissig die Angestellte alles erledigt, bis sie vor dem Einschlafen überlegt, was heute Schönes passiert ist. Die genaue Doku-mentation ihres strengen Zeitplans charakterisiert die Spitzmaus indirekt ebenso wie die Momente ungeplanten Glücks: den Zauberwürfel zu lösen, ein zufällig gefundenes Poster mit ihrem Sehnsuchtsort und gemeinsames Singen.

Auf den zweiten Blick eröffnen sich Kindern Einblicke, was es bedeutet, erwachsen zu sein. Die sind zwar ein bisschen ernüchternd, vor allem aber berühren und ermutigen sie, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/25, S. 32

Petrichor
Inga Krause
Verlag: Kunstanstifter, Publiziert: 2025, Seiten: 52, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948743-17-8
Schlagwörter: Alltag | Reisen

Eine Fahrradtour durch die Stadt

Alle kennen den Geruch, wenn Regen auf warmen, trockenen Boden fällt. Weniger bekannt ist, dass australische Forscher:innen den Begriff «Petrichor» dafür eingeführt haben. Ihm widmet Inga Krause ihr gleichnamiges textloses Bilderbuchdebüt. Ein Radfahrer durchquert die Stadt, vorbei an Gebäuden, Fussgänger:innen, an Autoschlangen und an einem Unfall.

Inga Krause bemalt im wirklichen Leben Fassaden, die durch ihre charakteristischen Kompositionen aus klaren Formen und leuchtenden Farben auffallen. In ihrem Bilderbuch nun gestaltet sie eine ganze Stadt. Im ersten Augenblick mag man an konstruktivistische Kunst denken, doch Krauses Bilder sind verspielter. Sie kombiniert monochrome, oft geradlinige Farbflächen in Gelb, Rosa, Rot, Grün und Blau mit ausgeschnittenen Formen aus marmo-riertem, gesprenkeltem, koloriertem Papier. Handgezeichnete, teils kritzelige Elemente lockern die strengen Linien auf. Konkrete Darstellungen von Hunden, Autos und Menschen mischen sich mit abstrakten Formen und Figuren mit Gesichtern aus Kreis, Punkten und Strich. Durch das blosse Andeuten bleibt Raum zum Assoziieren. Wichtiger als Realismus scheinen Sinnlichkeit und Wahrnehmung. Man fühlt den rauen Asphalt auf den gesprenkelten Flächen, riecht den hingekritzelten Dampf aus dem Gully. Doch dann schiebt sich eine graue Wolke ins Bilderbuch. Der Regen in Form schwarzer, diagonaler Kreide-striche verdrängt die Farben. Nach dem Unwetter kehren sie zurück, die Stadt scheint zu leuchten, die Elemente wirken aufgeräumt. In den Bäumen sitzen Vögel, die Menschen lachen – man spürt die Frische und riecht den Petrichor.

Andrea Lüthi
Buch&Maus 3/25, S. 31

Das Wetter zu Hause
Anna Schmid
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2025, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0928-9
Schlagwörter: Gewalt | Familie/Familienformen | Sucht

Die Geschwister Rot und Rosa bauen sich eine Höhle aus Stühlen und Tüchern, wenn der Sturm in der Wohnung wütet. Die Primärfarben Blau, Gelb und Rot setzt die Baslerin Anna Schmid in ihrem ersten Bilderbuch als deutliche Symbole ein: Blau sind die übergrossen Arme des Vaters, das gelbe Licht der nun schwankenden Lampe über dem Tisch geht darin fast unter. Unter roten Stühlen in ihrer Höhle zusammengekauert sitzen in der Bildecke Rot und Rosa, in warmem, Geborgenheit ausstrahlendem Gelb. «Manchmal ist Papa wie der eisige Wind» – kalt und blau. Doch: «Ist der Sturm vorbei, scheint die Sonne und Papa ist ganz lieb.» Ein gelber Lichtkorridor fällt durch die Tür auf die Bildmitte, wo der Vater – nur in den guten Momenten sehen wir sein Gesicht – den zerbrochenen Stuhl repariert.

Zerbrochen und zerschnitten, so sind auch die Bilder, in denen die Aquarell-farben in geometrischen Formen aufeinandergelegt werden, wo Muster und Perspektiven aufeinandertreffen und keine Ruhe herrscht, wie sie die Kinder doch bräuchten. Diese kehrt ein, als die Kinder beim nächsten Sturm bei der Nachbarin Hilfe holen. Dort erhalten sie einen sicheren Ort, wo sie fortan die Gewitter überstehen können. Aber: «Rot und Rosa wünschen sich, dass auch Papa endlich versteht, dass nur er das Wetter zu Hause ändern kann.»

Anna Schmid hat in Farben und Formen einen wirkungsvollen Ausdruck für häusliche Gewalt gefunden. Hier liegt die Stärke dieses Bilderbuchs, das hoffentlich auch Kindern in ähnlichen Situationen Unterstützung bieten kann. Die Figuren bleiben sehr undefiniert, die Gesichter sind simpel gemalt, doch sie bieten so auch viel Offenheit und Interpretationsspielraum, den es bei diesem Thema wohl braucht.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/25, S. 31

Der letzte Hüter der Tiere
Aaron Becker
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2025, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6369-5
Schlagwörter: Religion | Umweltschutz/Klima | Tiere

In einer überfluteten Welt zeugen verfallene Bauwerke auf inselartigen Erhebungen davon, dass hier einst Menschen gelebt haben. Elektrizität gibt es noch, auch Boote schwimmen auf dem Wasser, doch Menschen sind nirgends zu sehen. Einzig einige Tiere haben sich auf Inseln gerettet. Dass es sich bei ihnen um die letzten Überlebenden eines Zoos handelt, verrät der Klappentext – oder aber das doppelseitige Bild, das der ohne Worte erzählten Geschichte vorangeht: Auf den Ruinen eines historischen Bauwerks stehen steinerne Löwen, die Friese sind kunstvoll mit in Stein gemeisselten Tieren geschmückt.

Versorgt werden die Tiere durch einen gigantischen humanoiden Roboter. Obwohl er gesichtslos ist, vermag seine Körperhaltung Gefühle auszudrücken: Hoffnung, Sorge und schliesslich Verzweiflung, als er erkennt, dass das steigende Wasser den Tieren kaum mehr Raum lässt. Da baut er aus den Resten von Booten und alten Zelten ein riesiges Schiff und nimmt die Tiere an Bord. Der Reise ins Ungewisse widmet Aaron Becker mehrere doppelseitige Bilder, die Ruhe einkehren lassen. Erst, als es zur Katastrophe kommt und das Schiff im Sturm kentert, kehrt er zur einseitigen Bebilderung zurück und findet dann ein wunderschönes (doppelseitiges) Ende voller Hoffnung, leuchtender Farben und Leben.

Bis dahin nur in pastellenen Aquarellen erzählt er ein packendes Near-Future-Abenteuer, das durch den Roboter der Firma «nöa» mit dem Emblem einer weissen Taube und einem Regenbogen am Ende biblische Anleihen hochaktuell mit der Climate-Fiction verbindet. Diesem aussergewöhnliches Bilderbuch, das generationenübergreifend anspricht, ist unbedingt Beachtung zu schenken.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/25, S. 31

Die biblische Geschichte zur Arche Noah mutiert in Beckers neuestem Silent Book zu einem futuristischen Abenteuer. Die Erde ist überflutet, doch der riesige Roboter NOA schafft es, die letzten Tiere mit seinem selbst gebauten Schiff auf eine karge Insel zu bringen. Doch erst mit Hilfe eines zweiten, fliegenden Roboters schaffen sie es alle auf eine fruchtbare Insel. Auf eindrücklichen (Doppel-)Seiten entwickelt sich aus anfänglichem Grau eine hoffnungsvoll grün geprägte Szenerie.

Knacknuss
Regi Widmer
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2025, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-120-1
Schlagwörter: Tiere | Natur

Ihre neuste Tiergeschichte hat die Basler Künstlerin Regi Widmer in einen farbenprächtigen Herbstwald gesetzt. Der Siebenschläfer ist es, der beim Graben seiner Winterhöhle eine kleine Pause braucht und auf einem goldgelben Laubhaufen ein Nickerchen macht – obwohl ihn das Eichhörnchen vor dem Fuchs gewarnt hat. Tatsächlich kommt die Gefahr von ganz woanders: «Krach!» Eine herunterfallende Baumnuss, die es beim Aufprall aus ihrer grünen Schützhülle sprengt, trifft ihn fast am Kopf.

Nach dem Schreck merkt der Siebenschläfer aber, wie gut die Nuss riecht, und will sie knacken. Doch sie ist zu hart. Auch das Eichhörnchen bemüht sich nach Kräften – vergeblich. Als Nächster versucht es der Specht und hämmert drauflos. Aber alle Strategien fruchten nicht. Schliesslich hat der Rabe noch eine Idee, er lässt die Nuss von hoch oben zu Boden krachen … Es sei nicht ganz alles verraten, doch schliesslich finden die Tiere zwar nicht die Nuss, auf der Suche danach aber einen Haufen andere gute Sachen. Die Freude darüber ist ihnen richtig anzusehen.

Ihre grosse Stärke, ausdrucksstarke Tierfiguren zu zeichnen, kann Regi Widmer hier voll ausspielen: Die Bemühungen der Tiere, die Baumnuss unter vollem Körpereinsatz zu knacken, sorgen für slapstickartige Szenen. Dazu kommen die lichtdurchfluteten Hintergründe, die einen in Herbstfarben schwelgen lassen. «Knacknuss» ist ein Schauvergnügen zu der gekonnt erzählten Geschichte, deren Situation für alle Identifikationspotenzial bietet. Diese Herbstgeschichte ist zu jeder Jahreszeit ein (Vor-)Lesespass, zumal sie am Ende durch den Winter und in den Frühling führt.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 3/25, S. 30

Fast hätte den Siebenschläfer eine herunterfallende Baumnuss am Kopf getroffen. Und die Nuss bleibt widerspenstig – sie lässt sich einfach nicht öffnen. Auch das Eichhörnchen schafft es trotz vollem Körpereinsatz nicht, und so versuchen es weitere Tiere, jedes mit einer eigenen Idee. Regi Widmer erzählt von diesen Mühen in Wort und Bild mit Augenzwinkern und fängt das ganze Panorama der herbstlichen Farbenpracht ein. Eine runde Sache – wie die Nuss, aus der am Ende ein Bäumchen wächst.

Die halbe Welt
Daniel Fehr, Illustration: Raphaël Kolly
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2025, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10730-6
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein | Philosophie | Abschied

«Es ist ein Tag wie immer», heisst es unter dem seitenfüllenden Bild mit der riesigen gelben Blüte. Mittendrin der gemütlich schlafende Frosch. Jetzt streckt und reckt er sich, schnappt sich ein frisches Badetuch und geht im Seerosenteich baden: «Einfach herrlich!» Frosch sieht zufrieden aus. Aber was ist das im Hintergrund? Was aussieht wie Badefliesen, ist eine gläserne Wand. Offenbar wohnt Frosch in einem wunderschönen Glashaus. So idyllisch, so gut.

Als Frosch Vögel beobachtet, die in den Süden ziehen, kommt er ins Grübeln: «Ich könnte mit ihnen gehen», denkt er und grinst. «Hehe, das wäre ein Ding! Aber wieso sollte ich weg? Hier ist es gut. Es ist immer warm und Bananen gibt’s auch.» Dann wird es absurd: Ein blauer Vogel platzt mit einem prallvollen Rucksack herein und backt für den überrumpelten Frosch Muffins. Alle Zutaten und selbst den Backofen holt der Vogel aus dem Gepäck. Die duftenden Muffins entlocken dem Frosch ein «Ahh!», dabei umhüllt ihn ein grün getupftes und rosa gesprenkeltes Feuerwerk. Die neue sinnliche Erfahrung gefällt ihm sichtlich. Ähnlich geht es ihm später, als der Vogel wieder fort ist. Mit einem «Boom» explodiert der Ofen, und durch das kaputte Glas des Wintergartens zieht frische Luft hinein. Wieder lässt Frosch ein «Ahh!» hören und spaziert dann frohen Mutes in die Welt hinaus: «Vielleicht ist es Zeit für mich. Es gibt viel zu entdecken.»

«Die halbe Welt» zeigt eindrücklich, wie wichtig es ist, selbst Erfahrungen zu machen. Durch die fröhlichen Bilder in harmonischen Grün-, Rot- und Gelbtönen erscheint Froschs halbe Welt sehr komfortabel. Erst die überraschenden «Ahh!»-Momente helfen ihm auf die Sprünge und er verlässt seine Komfortzone – freiwillig.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/25, S. 30

Der Frosch lebt zufrieden am idyllischen Seerosenteich. Erst allmählich erschliesst sich, dass dieser in einem Wintergarten liegt. Eines Tages landet ein charmanter Vogel bei ihm, packt einen Backofen aus dem Rucksack und macht Muffins – welch ein Geschmackserlebnis! –, zieht dann aber weiter. Als Froschs eigene Backversuche schiefgehen, wagt er frohen Mutes den Schritt in die «ganze» Welt. Was er da wohl erlebt? Eine stille Geschichte, die zum Weiterzählen und -zeichnen anregt.

Schnupperbunt
Anna Gusella
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2025, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-246-4
Schlagwörter: Tiere | Wissenschaft

Das Mädchen Lotta und ihr geliebter Hund Ella Propella haben eine sehr innige Beziehung. Schon auf dem Titelbild in den stilbildenden vier Farbtönen ist das eindeutig zu sehen. Ebenfalls zu entdecken – in überdimensionaler Grösse: eine geheimnisvolle Brille. Was es mit der wohl auf sich hat? Wir lesen und sehen von diesem Wunderding in einer Geschichte, die sich auf ungewöhnlich vielen Seiten für ein Bilderbuch entwickelt und dramaturgisch trotzdem rund ist. In einen Kaugummiautomaten steckt Ella zwei geheimnisvolle Münzen – und heraus kommt eine Brille, mit deren Hilfe man sich vollkommen in den anderen hineinversetzen kann. Phänomenal ist dargestellt, wie Lotta nun begreift, was ihr geliebter Hund alles riechen kann.

Das Storyboard hat Anna Gusella für den Hamburger Bilderbuchpreis 2023 entwickelt und kam damit auf die Longlist. Dabei hat sich sich einige Raffinessen einfallen lassen. So etwa gibt es für jeden Geruch ein eigenes Muster, das im Buch zu finden ist. Vor- und Nachsatz dienen hierbei als Legende, die Kindern hilft, sich zu orientieren. Gelungen auch die abwechs-lungsreiche Gestaltung von Text und Bild: einige Doppelseiten textlos, dann wieder längere erzählende Passagen. Lustige Gestalten tauchen darin schwungvoll auf: So etwa Otto von Zottel, Champi und Tom oder Paulinchen Kaninchen. Alle für Ella ganz leicht mit ihrer Hundenase zu erkennen. Sanft, sorgfältig und sensibel – so möchte man die Illustrationen charakterisieren. Digital zu arbeiten, ermöglicht der Illustratorin, zeichnend zu denken, wie sie selbst sagt. Bilderbücher rund um das beliebte Haustier gibt es so einige. Aber so eine geschickte Verknüpfung zwischen erzählendem Bilderbuch und Sachinformationen findet man selten!

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/25, S. 30

Schlich ein Puma in den Tag
Lena Raubaum, Illustration: Verena Pavoni
Verlag: Kunstanstifter, Publiziert: 2025, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948743-50-5
Schlagwörter: Kunst | Tiere

Nachtschwarz, dick und grossformatig ist das Buch. Im Schwarz sind die Umrisse eines Puma-Kopfes zu erahnen, ein helles Auge fokussiert die Betrachtenden. Im Innern stellt die Baslerin Verena Pavoni eine Illustrations-technik vor, die dem ganzen Werk zugrundeliegt. Auf jeder rechten Seite sieht man das Bild eines Tieres entstehen: Erst mit farbigen Wachsstiften auf weissem Papier, relativ grob und konturenfrei, wachsen Puma, Laubfrosch, Kugelfisch, Leguan und Eule heran, um erst hinter einer Schicht weisser Kreide zu verblassen und dann mit Schwarz komplett verdeckt zu werden. Nun wird das Tier aus der Dunkelheit hervorgekratzt, wird detailreicher, dreidimensionaler.

Ein faszinierender Prozess, dem in diesem Buch viel Raum gelassen wird. Hier wird «visual literacy» gefördert, Achtsamkeit auf kleine Veränderungen und ihre Wirkung verlangt. Komplementiert, reflexiv begleitet und auf eine weitere Ebene gebracht wird das Herausschälen der Bilder durch die Wiener Lyrikerin Lena Raubaum auf den linken Seiten. «Wann habe ich alles, was ich brauche?», fragt sie neben den hervortretenden Beinen des Laubfrosches, dem der Körper noch fehlt. Und setzt dann auf den folgenden Seiten in konziser Form das Gedicht fort, das darüber sinniert, wann der Moment gekommen ist, um einen Sprung zu wagen. Nah am Bild und doch auf einer allgemeineren Ebene kommentiert sie den Vorgang.

Bilder und Texte inspirieren durch die Darstellung des Entstehungsprozesses dazu, selbst kreativ zu werden. Dies unterstützt auch die Anleitung auf den hintersten Seiten. Ein mit grösster Sorgfalt gestaltetes Buch, das Menschen allen Alters ansprechen kann.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/25, S. 29

Seite für Seite tritt der Puma hervor: Mit Kreide gemalt, schwarz verdeckt und dann wieder hervorgekratzt. Dieser faszinierenden Maltechnik widmet sich das aufwendig gestaltete und ausgestattete, grossformatige Buch und lässt den Bildern dabei viel Raum. Begleitet werden die entstehenden Tierbilder von ebenso Seite für Seite wachsenden Gedichten. Der Fokus auf den Entstehungsprozess von Kunst sorgt gleichzeitig für Staunen und weckt die Lust, es selbst auszuprobieren.

Fünf Fremde in Dusty Hill
Daniel Fehr, Illustration: Barbara Scholz
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2025, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10736-8
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing | Kulturen

Erst rote Wüsten-Monolithe und Tafelberge, dann eine staubige Strasse, Holzhäuser, Pferde, Planwagen und ein Saloon – mehr Wilder Westen geht nicht: Willkommen in Dusty Hill! Lust- und stimmungsvoll inszeniert Illustratorin Barbara Scholz ihr beschauliches Westernstädtchen im endlos-heissen Nirgendwo als opulente Breitband-Bilderbuchkulisse und bevölkert Daniel Fehrs Geschichte mit jeder Menge ulkiger Tiere: Ob Mäuse, Füchse, Dachse, Bären, Schweine oder Eulen – die Bewohner:innen von Dusty Hill sind stilecht ausgestattetes Cowboy-Volk.

Noch herrscht hier gepflegte Langeweile – aber dann kommen sie: Fünf komische Vögel, die im Saloon einen Teller Wasser bestellen und sich auch sonst ausgesprochen zwielichtig verhalten.Wer bitte hatte in Dusty Hill schon jemals Panik vor Bill (Schlange) und Rob (Geier) und flüchtete dann so hektisch auf den Kronleuchter, dass der fast herunterfiel? Wer nimmt verbotenerweise ein Staubbad und spannt dann noch ein Seil über die Stadt? Wer flüstert so konspirativ in der Nähe der Bank? Seite für Seite befremdliches Verhalten – unfreundlich, ignorant, verdächtig! Und so werden die Fremden misstrauisch beäugt und mit Argwohn behandelt, während das Bilderbuchpublikum nur fünf niedliche Piepmätze sieht bei dem, was Piepmätze eben so tun …

«Am Abend flogen sie wieder weg. Ohne sich zu verabschieden … Solche Typen verabschieden sich nie», so das Ende. Was heisst hier «solche Typen»? Und wen wundert es bei so einem Empfang? Eine sehr witzige Fabel über Vorurteile, Erwartungshaltungen und Missverständnisse, über die sich prima diskutieren lässt.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/25, S. 29

Fünf gefiederte Fremde tauchen in der Stadt Dusty Hill auf. «Niemand hatte sie hier je gesehen.» Sie verhalten sich sehr verdächtig: Warum bestellen sie im Saloon einen Teller mit Wasser? Warum baden sie im Sand? Und warum nur flüchten sie vor Schlange Bill und Geier Rob? Die Stadtbevölkerung, als cartoonhafte Tiere gezeichnet, ist skeptisch – die Bilderbuchleser:innen aber erkennen schnell, von wem hier tatsächlich Gefahr ausgeht. Das humorvolle Bilderbuch regt zum Austausch über Vorurteile und Intoleranz ein.

Selma, du machst das falsch!
Tini Malina
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2025, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10736-8
Schlagwörter: Kreativität | Aussenseiter:in/Mobbing

Diese schwarze Spinne hat zwei Besonderheiten: Erstens trägt sie eine fesche rote Baskenmütze auf dem Kopf, und zweitens gelingt ihr das, was normalerweise nur Menschen vorbehalten ist. Sie durchbricht die Kausalitätskette, wird kreativ und erfindet ganz neue Spinnennetzmuster. Denn sie hegt den grossen Traum, die Pracht des Universums einzufangen. Ähnlich wie bei den Menschen reagieren dagegen die anderen Spinnen skeptisch. Aus deren Sicht übertreibt Selma, und wie ein Chor wiederholt sich mantraartig der Satz, der titelgebend für dieses herausragende Bilderbuch ist: «Selma, du machst das falsch!»

Der jungen Illustratorin Tini Malina kam die zündende Idee für das Buch, als sie eines Nachts überlegte, warum es eigentlich kein Sternbild gibt, das wie ein Spinnennetz aussieht. So war die Geschichte geboren, und erst im zweiten Schritt entstanden die Zeichnungen: skizziert mit Bleistift und dann digital am Tablet ausgearbeitet und koloriert. Dabei beeindruckt die Klarheit sowohl bei der Farbwahl als auch in der Bildkomposition. Schon das Cover lockt haptisch dank der Verlagsidee, die Spinnenfäden mit Re-lieflack zu versehen. So können Kinder die Fadenvariationen nicht nur mit den Augen verfolgen. Das stilsichere, grafisch überzeugende Bilderbuch lädt ein zu Gesprächen: Welches Kind hat schon einmal eine ungewöhnliche Idee gehabt, die von den Erwachsenen oder anderen Kindern nicht mit Begeisterung aufgenommen wurde? Was falsch und richtig ist – kann man das immer so eindeutig bestimmen? Und wer einmal eine Spinne unbeirrt beim Netzweben beobachtet hat, wird die Faszination an diesem Tier nicht verlieren.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/25, S. 29

Herschel, der Gespensterhund
Thomas Meyer, Illustration: Magali Franov
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2025, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0909-8
Schlagwörter: Tiere | Tod/Trauer

Für viele Kinder ist der Tod eines Haustiers eine der ersten Erfahrungen mit Sterben und Abschiednehmen. In ihrem feinfühligen und zugleich witzigen Bilderbuch erzählen Thomas Meyer und Magali Franov die Geschichte von Herschel. Der Hund gehörte schon zur Familie, bevor Luise geboren wurde. Er hat das Mädchen durch dessen ganzes Leben begleitet. Nun ist er alt geworden und hat keine Kraft mehr. Die Familie muss Abschied nehmen von dem Tier. Meyers Text – teils in Sprechblasen gesetzt – ist schlicht und direkt, und Franov zeigt die Situation beim Tierarzt auf einer Doppelseite unbeschönigt, aber empathisch: Die Hände von Luise und ihrer Mutter liegen auf dem Hund, die Gesichter sieht man nicht. Auch die anschliessende Trauer zeigt sich subtil – indem etwa der Vater die Tochter hält und Luise wiederum das gepunktete Halstuch, das Herschel immer getragen hat. Auf die Leere folgt die tröstliche Vorstellung, dass Herschel als Gespensterhund weiterhin bei der Familie lebt, und das birgt auch komische Momente: Ein Gespensterhund verliert keine Haare und darf darum aufs Sofa. Und: «Jetzt stört es auch nicht, wenn er wieder auf den Teppich kotzt. Gespensterkotze sieht und riecht man nämlich nicht!»

In Magali Franovs ebenfalls 2025 erschienenem Bilderbuch «Zuhause auf der Klippe» spielte ein Haus die Hauptrolle. Auch in den Aquarellbildern von «Herschel, der Gespensterhund» bekommt das Zuhause der Familie besondere Aufmerksamkeit. Kinderzeichnungen hängen an den Wänden, ein Staubsauger steht herum und Malzeug liegt auf dem Boden. Das Haus ist nicht nur Kulisse, sondern widerspiegelt Eigenheiten und Alltag der Familie.

Andrea Lüthi
Buch&Maus 3/25, S. 28

Das Buch der Anfänge
Heinz Janisch, Illustration: Michael Roher
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2025, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-4312-8
Schlagwörter: Kreativität | Philosophie

Leo Tolstois Roman «Anna Karenina» beginnt mit dem Satz: «Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie dagegen ist unglücklich auf ihre besondere Art.» Nur diese «besondere Art» interessiert den Erzähler. Genauso verhält es sich mit guten Geschichten. Sie öffnen einen Spalt in eine Welt, in der etwas Anderes, Magisches, Abgründiges aufscheint. Der öster-reichische Autor Heinz Janisch, Hans-Christian-Andersen-Preisträger 2024, präsentiert 33 erste Sätze, die in solche besonderen Geschichten hineinführen. Da warten ein Paar Fussballschuhe, die sich einfach anders anfühlen, ein Baum läuft davon, ein Haus beginnt zu sprechen … Neben diesen Anfängen, die einladen, das Eindringen des Surrealen in den Alltag weiterzudenken und
-schreiben, finden sich Sätze, die mehr ins Nachdenken führen: «Die Sonne schien, aber sie wärmte nicht.» Oder: «Der Lärm liebt die Stille, das war schwierig.»

Doppelseiten mit jeweils einem farblich und typografisch abwechslungsreich gestalteten Anfangssatz wechseln sich ab mit von Michael Roher in analog-digitaler Mischtechnik entworfenen Bildseiten. Manchmal nehmen die Illustrationen Bezug auf den vorangegangen Anfangssatz, immer wieder führen sie aber auch in eigene Assoziationsräume. Auf den Satz: «Nur ihr Tagebuch wusste, was sie wirklich dachte», folgt etwa eine Illustration, die Plastikmüll im Meer zeigt. Ob und wie Text und Bild zusammenhängen, müssen wir Leser:innen entscheiden. So oder so sind beide grandiose Türöffner für Kinder ab der Unterstufe, um selber ins Fantasieren, Philosophieren und Schreiben zu kommen. Ein Buch, das in jede Klassenbibliothek gehört.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/25, S. 28

Orlando
Susanne Kuhlendahl
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2025, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03964-100-0
Schlagwörter: Geschlechterbilder | LGBTQ*

Der Roman «Orlando» von Virginia Woolf aus dem Jahr 1927 ist eine bissige Gesellschaftssatire über Geschlechterrollen. Der junge britische Adlige Orlando wacht eines Morgens als Frau auf und lernt die Vor- und Nachteile beider Geschlechter kennen und wie er sie für sich nutzen kann. In Susanne Kuhlendahls Aufbereitung als Graphic Novel wird der komplexe Text von Virginia Woolf auch für interessierte Jugendliche zugänglich.

Wild Song
Candy Gourlay
Aus dem Englischen von Alexandra Rak
Verlag: Rotfuchs, Publiziert: 2025, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7571-0194-7
Schlagwörter: Historisches | Rassismus | Geschlechterbilder

Luki lebt um 1900 im philippinischen Hochland. Sie ist eine geschickte Jägerin, was den Ältesten ein Dorn im Auge ist. Um einer Heirat zu entgehen, kommt ihr die Aussicht auf eine Reise gerade recht: Mit vielen anderen macht sie sich auf den beschwerlichen Weg an die Weltausstellung in St. Louis. Hier sollen sie zur Belustigung des Publikums ihre «Gebräuche» vorführen. Der sorgfältig recherchierte Roman klärt nicht nur über die unmenschlichen «Völkerschauen» von damals auf, sondern erzählt zugleich von Lukis Emanzipation.

Stein schlägt Papier
Christina Erbertz
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2025, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75275-8
Schlagwörter: Gewalt | Geschlechterbilder | Sport

Der Traum der 18-jährigen Lee von einem unabhängigen Leben und einer Ausbildung an der Polizeischule findet ein jähes Ende, als sie aus Frust einen Jungen mit einem Tritt niederstreckt. Er landet im Koma und Lee in Untersuchungshaft und vor dem Gericht. Unterstützung erfährt sie von einem Anwalt und vor allem von ihrem Taekwondo-Lehrer. Der kurze Roman erzählt von Wut und Gewalt, Selbstreflexion und Verantwortung mit einer aussergewöhnlichen Protagonistin im Zentrum.

Girlhood
Anna Dimitrova, Amani Padda, Basma Hallak, Justine Pust, Rabia Doğan, Katharina Seck
Verlag: Arctis, Publiziert: 2025, Seiten: 368, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03880-233-4
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Mut/Selbstbewusstsein

Sechs inspirierende Storys über Mut, Stärke und Zusammenhalt

Für viele junge Frauen ist das Leben keine Romance, auch wenn Tiktok-Regale anderes versprechen. «Girlhood» kann stattdessen bedeuten: Im Punktesystem der Schule eine Null für «Körper» zu kassieren, auch wenn «Gesicht» und «Charakter» als «top» eingestuft werden. Oder: trotz bester Noten in der «Willkommensklasse» bleiben zu müssen, weil der Tochter von Geflüchteten nicht mehr zugetraut wird. Für die Anthologie «Girlhood» haben sechs junge deutsche Autorinnen Figuren entworfen, die in populärer Young-Adult-Literatur allenfalls am Rand auftreten. Alle Erzählungen berichten aus einer (oft mehrfach) diskriminierten weiblichen Perspektive vom Erwachsenwerden in Deutschland und stimmen dabei nie in den Self-Help- und Confidence-Kult ein: Hier geht es um Strukturkritik in Zeiten zunehmender gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Dalia: «Wichtig ist nur, wo man geboren wurde und wann man nach Deutschland kam.»

Das Anliegen, auf jeweils wenigen Seiten Aufklärung und Strukturkritik mit Erzählungen individueller wie kollektiver Befreiung zu verbinden, ist aber ein äusserst ambitioniertes, und in mehreren Texten bleiben literarische Originalität, Plot und Figurenzeichnung hinter dem aufklärerisch-emanzipatorischen Anspruch zurück. Amani Paddas «Das Hochzeitsduell» allerdings wählt mit einer indischen Hochzeit ein sehr anregendes Setting, um Prees Zerrissenheit zwischen traditionellen Erwartungen und einer einerseits progressiven, für andere Formen von Diskriminierung aber zuweilen blinden LGBTIQ+-Community zu erzählen. Ihrer temporeichen Geschichte gelingt es, vermeintlich klare Gruppenzugehörigkeiten aufzulösen und sehr berührend vom Wunsch nach Anerkennung zu erzählen.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/25, S. 39

Sechs Geschichten beinhaltet dieser Band, alle aus der Sicht von Jugendlichen erzählt, die ihre Stimme finden und erheben: Mädchen, die im Spagat zwischen Freundeskreis und Familie stehen, die genug davon haben, dass ihr Körper bewertet wird oder über ihre Entscheidungen geurteilt wird. Die sich für ihre Rechte einsetzen und den Mut entwickeln, um ihren Widersachern ins Gesicht zu sagen, dass ihre Handlungen falsch sind. Die rund 50-seitigen Geschichten können gut auch einzeln gelesen werden.

Birk
Liv K. Schlett
Verlag: Magellan, Publiziert: 2025, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-5089-9
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing | Geschlechterbilder | Krankheit

«Wie sollte ich mich für meinen sechzehnten Geburtstag feiern lassen? Dafür, dass […] ich immer erwachsener wurde, wenn ich […] mich die Nacht zuvor eingepisst habe?» Eigentlich ist Birk ein normaler Teenager. Er zockt und feiert, entdeckt seine Interessen und Talente. Plötzlich ist aber sein «Nachtproblem» wieder da: Die Enuresis nocturna, unter der er schon als Kind gelitten hat. Wie soll er so bei Kathy übernachten, in die er verliebt ist? Wie geht das im Klassenlager?

Über sein Leben mit der Krankheit schreibt Birk einen Blog, der dem Roman seine Form gibt. Diesen schreibe er für Carl, den er als Kind in einer Enuresis-Gruppe kennenglernt hat. «Weil ich nicht will, dass es umsonst war, versteht ihr?» Carl ist tot – er hat Suizid begangen.
Eindrücklich, glaubhaft und vielschichtig zeigen Birks Blogeinträge, wie seine Krankheit zur Quelle tiefer Verunsicherung wird, zu Selbsthass führt bis hin zur sozialen Angst. Immer wieder scheinen auch Mut und Hoffnung auf, leise und fragil. Die Darstellungen psychischer Vorgänge entwickeln stellenweise Sogwirkung. Insgesamt wirkt der Text dramaturgisch jedoch konstruiert und einer pädagogischen Absicht verpflichtet. Etwa, wenn Birk in Kommentaren zu seinen Blogbeiträgen Zuspruch für alles erfährt, was er «richtig» macht: Hilfe holen oder den Mut zu haben, über die Enuresis zu schreiben. Das Ende des Blog-Romans entlässt die Leser:innen vielleicht etwas allzu leicht aus dem Text.

Dennoch bietet der Text viel Potenzial, auch für literarisch wenig erfahrene Jugendliche: Mit einer flott voranschreitenden Handlung, sprachlich gut bewältigbar und dennoch differenziert bringt er Themen wie Mobbing, psychische Erkrankungen oder Suizid zur Sprache.

Stefan Schröter
Buch&Maus 3/25, S. 38

In Internet schreibt der 16-jährige Birk sich das von der Seele, was er seit Jahren geheim zu halten versucht. Dass er unter Enuresis leidet, unter Bettnässen also. Doch sein Blog bleibt kein «safe space». Als die Einträge in der Schule bekannt werden, ist Birk verzweifelt. Schritt für Schritt findet er jedoch den Weg aus der sozialen Isolation. Ein eindrücklicher Jugendroman aus der Sicht eines jungen Mannes über Scham und Verletzlichkeit, Freundschaft und innere Stärke.

trans*
Beate Lakotta
Verlag: Gabriel, Publiziert: 2025, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-30756-7
Schlagwörter: LGBTQ*

Don't judge my journey

In neun Kapiteln, von «Wie man es merkt» bis «Ankommen», berichten Jugendliche und junge Erwachsene von ihrer Transgeschlechtlichkeit, einige über mehrere Jahre hinweg. Die Personen und ihre Geschichten, kombiniert mit starken Schwarz-Weiss-Porträtfotos, stehen dabei im Zentrum. Vor- und Nachwort bieten eine kurze Einordnung und ein Glossar erklärt die wichtigsten Begriffe. Die persönlichen Lebensgeschichten fördern das Verständnis für die emotionalen und sozialen Herausforderungen, mit denen Transmenschen konfrontiert sind.

Berlin Biker
Deniz Selek
Verlag: Gulliver, Publiziert: 2025, Seiten: 109, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82466-0
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Ferri liebt Biken. Meist ist er allein unterwegs – bis er eines Tages einem vermummten Biker begegnet und diesem bei der Flucht vor der Polizei hilft. Später erfährt er zu seiner Überraschung, dass hinter der Maske die deutsch-türkische Jugendliche Lu steckt. Lu stellt Ferris Welt auf den Kopf und bringt ihn dazu, seine Vorstellungen zu hinterfragen. Die kurze, leicht erzählte Geschichte gibt Denkanstösse und regt an, über eigene Vorurteile ins Gespräch zu kommen.

Die kleinen Königinnen
Magali Le Huche
Aus dem Französischen von Annette von der Weppen
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2025, Seiten: 156, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-461-0

Schon zum dritten Mal wurde Mireille als «Wurst», als hässlichstes Mädchen ihrer Schule, ausgezeichnet. Statt sich zu gross zu grämen, radeln sie und die andern zwei «Würste» Astrid und Hakima nach Paris und verkaufen unterwegs Würstchen. Begleitet werden sie von Hakimas Bruder, einem Ex-Soldaten im Rollstuhl, und bald auch den Medien. Ein sehr amüsanter, lässig gezeichneter Coming-of-Age-Roadtrip in Comicform, der Schönheitsideale und soziale Erwartungen reflektiert.

Mary Anning
Marcel Barelli
Publiziert: 2025, ISBN/ISSN/EAN:

Fossilienjägerin

Mary Anning entdeckte 1811 als Zwölfjährige das erste Fossil eines Fischsauriers und gilt als eine der ersten Paläontologinnen. Der Tessiner Regisseur Marcel Barelli zeigt Marys Entschlossenheit und Wissbegierde eindrücklich. Sie lässt sich auf der Suche nach einem sensationellen Fossil weder von sozialen noch familiären Widerständen beirren. Anschaulich wird vermittelt, wie eingeschränkt Frauen zu dieser Zeit waren und wie dieser Fund das damalige Wissen auf den Kopf stellte, für Mary aber auch neue Freundschaften und etwas weniger Armut brachte.

Frauenpower
Rebecca June, Illustration: Ximo Abadía
Aus dem Englischen von Hanna Christine Fliedner
Verlag: Prestel, Publiziert: 2025, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7913-7588-5
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Politik | Historisches

Der Kampf und Gerechtigkeit und Gleichberechtigung

1789 zogen die Marktfrauen nach Versailles, um gegen die hohen Brotpreise zu protestieren. Auf der Plaza de Mayo in Buenos Aires erinnern seit den 1970er-Jahren Mütter an die Opfer der Militärdiktatur. Und die MeToo-Kampagne brachte Sexualdelikte in die Öffentlichkeit. Das mit bunter Kreide illustrierte Sachbilderbuch stellt dreizehn Protestaktionen aus der Geschichte vor, in denen Frauen für sich, ihre Rechte und ihre Familien einstanden und sich gegen die Mächtigen behaupteten.

Die Kickflip-Bande. Rebellinnen auf Rollen
Matthäus Bär
Verlag: Karibu, Publiziert: 2025, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96129-428-2
Schlagwörter: Sport | Geschlechterbilder

Rosa, Müjde und ihre Freundinnen haben das Skaten entdeckt. Gemeinsam sind sie die Kickflip-Bande, der Skatepark wird zu ihrem Zuhause. Doch dieser ist in Gefahr, die Stadt möchte ihn schliessen. Gleichzeitig fordern die Jungs die Mädchen zu einem Duell heraus. Wer kann die besten Tricks? Mit viel Engagement und Kreativität gelingt es den Kindern, die Skaterszene zu mobilisieren und den Park zu retten. Das witzige Layout macht die Lektüre besonders attraktiv.

Leo und Ralph
Peter Carnavas
Aus dem Englischen von Barbara König
Verlag: Atrium, Publiziert: 2025, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85535-223-4
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Mut/Selbstbewusstsein | Freundschaft

Leo fallen soziale Kontakte schwer. Mit Ralph, einem Ausserirdischen, hat er immer einen besten Freund an seiner Seite. Doch das reicht nicht, finden seine Eltern, und wagen einen Neustart an einem anderen Ort, mit einer neuen Schule und ohne Ralph. Schritt für Schritt, in seinem eigenen Tempo und mit genau der Unterstützung, die er braucht, gelingt es Leo, seinen Fantasiefreund ins All zu verabschieden und zu erleben, wie Freundschaft unter Menschen aussehen kann. Ein Kinderroman zum Vorlesen.

Unterirdisch
Steffi Freitag
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2025, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-7313-5
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Abenteuer

Ein Comicroman – selbst erlebt von Stofel und Co. Garantiert ohne Einhörner!

Ein rasanter Ritt ist dieser Comic-Roman, voller Quatsch und irren Einfällen, wie sie sonst oft in Büchern für Jungen mit männlichen Protagonisten zu finden sind. Doch hier sind mit Stoffel und Ca zwei gewitzte Mädchen die Heldinnen. Auf einer Mission, um ein lustiges Mädchenbuch ganz ohne Einhörner zu finden, verirren sie sich in einem riesigen Höhlensystem. Ein ulkiges Plädoyer gegen Geschlechterklischees.

Neon und Bor
Marc-Uwe Kling, Illustration: Monströös
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2025, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-52280-1
Schlagwörter: Geschwister | Geschlechterbilder | Technik

Erfinderkinder

Neon mit den blauen Haaren ist eine «Siefinderin». Zusammen mit ihrem superklugen Babybruder Bor erfindet sie in jeder Episode des Trickfilms beziehungsweise jedem Kapitel des Buches etwas höchst Nützliches: einen Aufräumroboter, der es ein wenig zu gut meint, eine Hund-Katzen-Mischung, weil sich die Geschwister nicht auf ein Haustier einigen können, oder einen Lärmsauger für die genervte Mutter. Natürlich geht das nicht immer gut. Das tut dem Ideenreichtum, der Handlungskraft und Selbstsicherheit der Geschwister aber keinen Abbruch.

Familien im Tierreich
Tecnoscienza, Illustration: Francesco Faccia
Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi
Verlag: Magellan, Publiziert: 2025, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-6086-7
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Familie/Familienformen | Tiere

Biberpapas nehmen ihre Jungen gerne auf dem Rücken mit auf Entdeckungstouren. Das Weibchen des Blatthühnchens verteidigt das Revier, während ihre bis zu vier Männchen sich um die Jungen kümmern. In den Rudeln der Wildhunde sorgen alle gemeinsam für die Jungen – und adoptieren sogar verwaiste Welpen. Auf reich illustrierten Seiten und mit einfachen Erklärungen zeigt dieses Sachbuch die ganze Vielfalt an Familienformen im Tierreich.

Hier kommt ein T-Rex vor. Und das ist erst der Anfang!
Julie Douine, Illustration: Noémie Favart
Aus dem Französischen von Anja Kootz.
Verlag: Aladin, Publiziert: 2025, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0331-3
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Zukunft

Edith und ihr Papa Baschir wohnen in einem maroden Hochhaus in einer Betonsiedlung. Doch hier war nicht immer Beton, erzählt Baschir: Früher gab es an diesem Ort grosse Abenteuer, Wölfe und Dinosaurier! Und hier, so glaubt die Heldin in diesem Bilderbuch, kann auch wieder etwas Neues entstehen. Darum pflanzt sie eine Zeder … Aus dem kleinen Samen entsteht ein grosser Wandel. Edith wächst heran und gestaltet als Bürgermeisterin eine lebenswerte Stadt.

Ganz am Anfang war der Ball
Will Gmehling, Illustration: Antje Damm
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2025, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0782-6
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Sport

« … denk an Barbarella Blut oder Gabriella Glut: Alle finden Fussball gut!» Dieses humorvolle Bilderbuch sprüht vor Sprachwitz und originellen Bildideen und übermittelt dabei eine einzige Aussage: Fussball ist für alle da – ganz egal, wer, wo und wie! Ob am Strand oder im Hinterhof, am Fernsehen oder in der Garderobe: In den Bildern lässt sich vieles entdecken, der Text überbietet sich mit witzigen Reimen.

Ritter Glitter
Jörg Isermeyer, Illustration: Ulrike Halvax
Verlag: Achse, Publiziert: 2025, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-903408-36-4
Schlagwörter: Geschlechterbilder

«Was macht einen Ritter zum Ritter?», fragt Knappe Knut den furchteinflössenden Ritter Roland. Roland weiss das ganz genau: Waffen und Kämpfen, grimmig gucken und Heldentaten! Doch Knut, mit Blume im Haar und Nachziehpferdchen, hat viel Mut. Daher traut er sich zu widersprechen und genau so ein Ritter zu sein, der zu ihm passt. Mit cartoonhaften Illustrationen und einer klaren Botschaft bestärkt dieses Bilderbuch Jungen darin ihren Interessen abseits von Geschlechterstereotypen nachzugehen.

Opas Camper
Harry Woodgate
Aus dem Englischen von Anna Kindermann
Verlag: Kindermann, Publiziert: 2025, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-949276-46-0
Schlagwörter: LGBTQ* | Generationen

Am liebsten kuschelt sich das kleine Mädchen auf dem Sofa zu ihrem Opa und hört ihm zu, wenn er erzählt, wie er in jungen Jahren im rosa Camper gereist ist – zusammen mit seinem verstorbenen Partner, dem Grossvater. Das Bilderbuch zeigt in leuchtenden Farben all die herrlichen Orte, die die beiden Männer erkundet haben. Doch nur in den Erinnerungen leben? Das hätte doch auch Grossvater nicht gewollt. Das Mädchen hat einen Plan … Ein Buch, das Kinder behutsam an die Themen Trauer und Erinnerung heranführt.

Carli und Klecks gehen auf den Spielplatz
Lisa Hänsch
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2025, Seiten: 22, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75994-8
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Carli gefällt es nicht mehr auf dem Spielplatz: Seine grossen Brüder drängeln sich auf der Rutsche vor und rennen ihn fast über den Haufen. Mit Katze Klecks zieht er sich in den Garten der Nachbarin zurück. Dort findet er ein Brett und baut sich ein eigenes Spielgerät. Auch seine Brüder dürfen mitspielen – wenn sie nicht zu wild sind! Das Pappbuch für die Kleinsten erzählt von einem vorsichtigen Kind, das seine Grenzen spürt und äussern kann.

Ein Winter zum Ohrenwackeln
Kristina Andres
Verlag: Moritz, Publiziert: 2025, Seiten: 59, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-491-6
Schlagwörter: Tiere | Natur

Die Winterferien bei Tante Olga sind so gemütlich wie erlebnisreich, denn Matti und Janne helfen beim Holzholen oder bringen den Tieren im Wald Nahrung. Dass sie sich in einem Schneesturm beinahe verirren und sogar dem alten Keiler Wampe begegnen, macht diese Ferien zu einem zu einem richtigen Abenteuer. Die kurzen Kapitel eignen sich gut zum Selberlesen, die Illustrationen unterstützenden den Text gut. Der Anhang enthält zudem einige Informationen zum Verhalten im Winterwald.

Kater Klaus vermisst die Maus
Kathrin Rohmann, Illustration: Jasmin Schäfer
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2025, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95728-868-4
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Tiere

Ein Weihnachtsmärchen

Das Geld von Grossvater Vasilis reicht nicht, um seinem Enkel Niko einen Tannenzapfen als Weihnachtspaket zu senden. Gut, hat Kater Klaus die Idee, dass die Maus den Transport des Pakets zu Niko begleiten kann. Während Klaus zu Hause mehr um Maus bangt, erlebt diese eine ebenso abenteuerliche wie humorvolle Reise zwischen Hirschgeweih und Biberfloss. Gespickt mit vielen alltagsnahen Einfällen und liebevollen Illustrationen, eignet sich dieses Buch bestens zum Vorlesen.

Schnee
Kaori Tajima
Aus dem Japanischen von Simonetta van Daalen.
Verlag: Minedition, Publiziert: 2025, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03934-083-5
Schlagwörter: Tiere | Natur

Diese Illustrationen fangen die Betrachter:innen sofort ein: Vom roten Herbstlaub bis zur tiefweissen Schneelandschaft begleiten wir den kleinen Schneehasen in den Winter. Zuerst nur wenige, dann immer mehr weisse Flocken fallen nacheinander verschiedenen Tieren auf die Nase. Diese ziehen sich müde in ihre Bauten zurück, und der Schneehase scheint ganz allein inmitten des Schnees – bis er von seiner Mama gefunden wird und auch sie schlafen gehen.

Der Apfel rollt und rollt…
Taro Miura
Verlag: Minedition, Publiziert: 2025, Seiten: 22, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03934-258-7
Schlagwörter: Tiere | Essen

Nachdem der Elefant den Apfel beim Pflücken nicht ganz erwischt hat, rollt dieser von Tierrücken zu Tierrücken immer weiter. Er ro-ro-rollt und ho-ho-holpert, flie-flie-fliegt usw. – lautmalerisch schön angepasst an eine Eigenheit des jeweiligen Tieres –, bis er am Ende in die Arme eines Kleinkindes ku-ku-kullert. Fröhliches Mitsprechen ist mit diesem Pappbuch hier garantiert!

Plitsch, platsch, pfützenass
Daishu Ma
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2025, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3737374897
Schlagwörter: Alltag | Spiel

Regen? Kein Problem! Raus aus dem Haus und rein in die Pfützen! Luca geht vor, die Tiere hinterher. Die Maus macht kleine Hüpfer, der Elefant einen riesigen Platscher. Was für ein Spass! Kein Wunder, schlafen danach alle zusammen im grossen Bett tief und fest. Die Illustratorin fokussiert mit weichem Stift ganz auf die Spielenden.

Alle? Nicht alle!
Kathrin Schärer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2025, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3- 446-28263-6
Schlagwörter: Identität/Individualität | Diversität

Auf 30 Doppelseiten stellt Schärer Gemeinsamkeiten und Unterschiede vor und zeigt Diversität als Selbstverständlichkeit: «Alle essen. Nicht alle essen Fleisch.» Oder «Alle machen Pipi. Nicht alle gehen aufs Klo.» Wunderbar illustriert sind die anregenden Sätze mit ausdruckstarken Tieren in kleinen Szenen.

Mit Kathrin Schärers unverwechselbaren Tierfiguren ist auf jeder Doppelseite eine Szene dargestellt, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zeigt. Links steht zum Beispiel: «Alle müssen manchmal warten», rechts: «Nicht alle können das gleich gut». Oder über einer fröhlichen Verkleidungsszene: «Alle verkleiden sich gerne … nicht alle als Prinzessin.» So werden schon kleine Kinder ins Gespräch über eigene Vorlieben und Charaktereigenschaften kommen, ohne dass diese an ein Geschlecht gebunden sind.

Als die Katze leise schnurrte…
Phine Wolff
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2025, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0755-3
Schlagwörter: Humor/Komik | Tiere

Ein Comic für Kleinkinder? Ja, das geht – mit einer vorwitzigen kleinen Katze, wenigen Panels pro Seite, klaren Farben und starkem Strich. Ein Wollknäuel wird einmal quer durch die Wohnung verfolgt – von der Katze und von den Betrachtenden gleich mit. Wieselflink geht alles, mit humorvollen Pannen und viel Erzählpotential.

Am liebsten bin ich froh
Daniela Kulot
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2025, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6348-0
Schlagwörter: Gefühle | Identität/Individualität | Diversität

Mika und Mops könnten unterschiedlicher nicht sein: Der eine mag es turbulent, der andere ärgert sich darüber. Mops frisst Mäuse, Mika sicher nicht. In farbenfrohen Illustrationen und kurzen Reimen lernen Kinder Gefühle kennen. Entsprechende Emoticons am Bildrand im Pappbuch bieten zusätzliche Anknüpfungspunkte für ein Gespräch, auch mit grösseren Kindern.

Leise durch die Nacht
Marianne Dubuc
Verlag: Annette Betz, Publiziert: 2025, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-219-12065-3
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen | Alltag

Aufgepasst, unter der Klappe auf dem Cover verbergen sich Tiere! Glühwürmchen zeigen uns den Weg in die Nacht. Jede Doppelseite hält hinter einer Klappe eine Überraschung bereit: Im Baum wohnt der Uhu, im Dachstock schnarcht ein kleiner Hase, hinter der Strassenlaterne feiern die Nachtfalter ein Fest. Ein zartes Eintauchen in die Nacht.

Alle putzen Zählne!
Elsa Klever
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2025, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-5511-7347-8
Schlagwörter: Alltag | Tiere

Kaum sind die Kinderzähne da, sollten sie auch geputzt werden! Elsa Klever zeigt mit Tieren, wie unterschiedlich das geht, und bietet so eine witzige Identifikationsmöglichkeit. Krokodil braucht etwas länger, Hamster nimmt etwas viel Zahnpasta, Kätzchen will eigentlich nicht – und am Schluss stehen Zahnbürste und -pasta für das betrachtende Kind bereit.

Klopf an! Zuhause
Susanne Göhlich
Verlag: Hanser, Publiziert: 2025, Seiten: 20, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-28168-4
Schlagwörter: Alltag | Rätsel

Tim wohnt im Haus mit der roten Tür. Wir klopfen an, von Seite zu Seite. An der roten, der gelben und der blauen Tür. Doch da ist er nicht. Dafür tanzende Mäuse im Wohnzimmer, knabbernde Mäuse in der Küche, planschende Schweine im Badezimmer. Tim liegt schon in seinem Bett hinter der letzten, der grünen Tür. Ein fröhlicher Such- und Mitmachspass für ein Abendritual.

Elefant fährt los
Miriam Zedelius
Verlag: Magellan, Publiziert: 2025, Seiten: 22, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-1642-0

Elefant hätte gern ein Fahrzeug wie die anderen Tiere auch. Reihum bieten diese ihm ihre Gefährte an, doch die passen alle nicht: zu eng, zu wackelig, zu gefährlich. Wie gut, kommt Frosch, der Erfinder, dazu! Aus Alltagsdingen entsteht im Nu ein grandioses Elemobil! Das Problem ist gelöst, und los geht die fröhliche Fahrt aller Tiere.

Jetzt geht’s los!
Philip Waechter
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2025, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75997-9
Schlagwörter: Wimmelbuch | Alltag | Abenteuer

Heute ist echt viel los! Am Morgen gehen alle raus aus der Stadt. Über Wiese, Berg und See geht es weiter, bis nach sieben rappelvollen Doppelseiten alle auf dem Sportplatz landen. Alle Figuren bringen ihre eigenen kleinen Geschichten mit, die von leicht gefährlich bis zum Kugeln komisch sind und den Betrachtenden individuelle Anknüpfungspunkte bieten.

Alle weg
Yvonne Hergane, Illustration: Christiane Pieper
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2025, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0764-2
Schlagwörter: Spiel | Alltag

Die Büchermacherinnen Yvonne Hergane und Christiane Pieper haben äusserst gute Erinnerungen ans Versteckspielen in ihrer Kindheit. Das eingespielte Team widmet dem Spiel sein neues Buch. Dies ist dabei die Umkehrung oder, in den Worten von Hergane, das «Geschwister» ihres Buches «Einer mehr» (Peter Hammer 2011, 2012 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert). Dies zeigt sich im Illustrationsstil mit den starken Farbkontrasten und dickem, schwarzem Strich.
Doch der Reihe nach: Während damals von 1 bis 10 immer ein Junge dazu kam, spielen hier zehn wilde Kinder Verstecken. Kai hält sich die Augen zu, die andern laufen weg. Neun wilde Kinder platschen durch den Bach. Lou versteckt sich hinterm Stein, da sind es nur noch acht. Ja, der Text lässt sich singen nach der Melodie der «Zehn kleinen Zappelmänner»! Die Kinder rennen auf den meisten Doppelseiten von links nach rechts durchs Bild und haben sichtbar Spass. Denoch haben sie noch Zeit fürs Ziegenkraulen, Beerenpflücken oder Verkleiden. Zuletzt flitzt Jonas zur Tanne hin. Jetzt sind alle weg! Und nun kommt der Clou: Kai macht die Augen auf und nicht nur er, sondern wir alle müssen die Kinder suchen! Denn die letzte Seite ist ein Panoramabild mit allen Verstecken. Und wie beim richtigen Spiel gilt es nachzuschauen: Welches Kind versteckt sich hinter welcher Klappe? Und weiss vielleicht jemand auch noch dessen Namen?
Ein temporeiches Buch zum Mitzählen, Mitraten und Mittun, dessen interaktive Elemente gerade für buchungewohnte Kinder spannend sind. Auf der Verlagswebsite ist eine Handreichung zur Vermittlung von Antje Ehmann verfügbar.

Barbara Jakob
Buch&Maus 3/25, S. 28

Auf gehts zum fröhlichen Versteckspiel! In diesem Pappbuch verschwindet auf jeder Doppelseite eines von zehn Kindern in einem Versteck. In eingängigen zweizeiligen Reimen geht es flott voran. Zum Schluss will die wilde Bande auf der letzten Seite hinter Klappen von den kleinen Betrachter:innen wiedergefunden werden. Klare Farben gezeichnet im Comicstil runden dieses Mit-Spiel-Buch ab.

Unser Baby
Jeanne Ashbé
Verlag: Moritz, Publiziert: 2025, Seiten: 18, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8956-5478-7
Schlagwörter: Alltag | Familie/Familienformen | Geschwister

Ein Baby kommt zur Welt. Ashbé fängt diese freudige Herausforderung für Eltern und Geschwister in kleinen Situationen ganz ohne Text ein. Das ältere Geschwister ist zunächst voller Vorfreude, dann muss es weinen, weil es zurückstehen muss. Doch immer mehr wird es eingebunden. Auf fast jedem Bild in diesem Pappbuch ist ein Elternteil zu sehen, bereit zum Austausch mit dem Kind. In dieser neuen Reihe sind weitere Bücher erhältlich.

Bauchlandung
Wanda Dufner
Verlag: Edition Moderne, Publiziert: 2025, Seiten: 400, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03731-273-5
Schlagwörter: Körper | Familie/Familienformen | Mut/Selbstbewusstsein | Streit/Konflikt | Biografie

Geschichte einer Teenager-Schwangerschaft

Für Noemi scheint ihr Schicksal als alte Jungfer besiegelt: Eine schüchterne Aussenseiterin ist sie, mit Essstörung und ohne Busen. Babys lassen sie kalt, und Sex ekelt sie so sehr, dass sie bei küssenden Paaren im Fernsehen wegguckt. Doch dann wird sie quasi in die Arme des acht Jahre älteren Adi geschubst – während sie davon träumt, gemeinsam Hand in Hand durch Löwenzahnwiesen zu springen, will Adi nur das eine, ohne Verhütung. Noemi kann nicht nein sagen, sehnt sich nach Nähe und Normalität, und so passiert der Worst Case: Gerade mal 17, mit 100’000 eigenen Problemen – und schwanger. Ein Albtraum, den die 1992 in Zürich geborene Illustratorin Wanda Dufner in ihrem autobiografisch gefärbten und für den Comicbuchpreis der Berthold-Leibinger-Stiftung nominierten Comic-Debüt so differenziert wie packend in knallbunten, plakativ-expressiven Panels erzählt.

Sechs Kapitel, sechs Stationen ihrer Teenager-Schwangerschaft, schonungslos ehrlich zu einem Konglomerat aus Angst, Verzweiflung, Scham und Einsamkeit destilliert, mit pointierten Szenen und grotesken Kopfkino-Fantasien, aber auch mit viel Witz und Galgenhumor. Dabei wird schnell klar: So schwierig die Situation ist, zur Hölle wird sie durch die anderen, ihre Schuldzuweisungen, Vorwürfe und ständigen Ratschläge. Die Schwangerschaft bedeutet einen Spiessrutenlauf, ob in Familie und Schule, diversen Beratungsstellen, Arztpraxen oder der toxischen Beziehung mit Adi – überall wird über Noemi geurteilt und bestimmt, Unterstützung gibt es kaum. Das hat Wucht und Sog. Ein fantastisch umgesetztes Selbstermächtigung-Plädoyer, das nicht nur Betroffenen mit viel Empathie und Aufklärung zur Seite steht – parteiisch, dringlich, wichtig.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/25, S. 37

Die Philosophin, der Hund und die Hochzeit
Barbara Stok
Aus dem Niederländischen von Sylke Hachmeister
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2025, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-80148-7
Schlagwörter: Philosophie | Historisches | Geschlechterbilder

In «Die Philosophin, der Hund und die Hochzeit» widmet sich Barbara Stok einer historischen Figur, die in der Philosophiegeschichte zwar erwähnt, zu deren Leben aber kaum etwas überliefert ist. Hipparchia von Maroneia lebte im vierten Jahrhundert v. Chr. und gilt als eine der ersten bekannten Philosophinnen der Antike. Auf der schmalen Quellenbasis entwickelt Stok eine fiktive, aber glaubwürdige Lebensgeschichte – lebendig erzählt und überraschend aktuell. Hipparchia wächst in wohlhabenden Verhältnissen auf, liebt das Lesen und soll, wie es sich gehört, bald verheiratet werden. Die Begegnung mit dem eigenwilligen Philosophen Krates, der materiellen Besitz ablehnt und radikal frei lebt, bringt alles ins Wanken. Als Mann verkleidet besucht sie seine Vorlesungen und denkt neu über ihr Leben nach. Am Ende steht ein mutiger Entschluss: Sie verlässt ihre privilegierte Welt, macht Krates einen Heiratsantrag – und wird selbst Philosophin.

Die Kapitel orientieren sich an zentralen Begriffen der antiken Ethik – Eudaimonia, Autarkeia, Askêsis – und strukturieren die Erzählung thematisch. Die Illustrationen sind reduziert, verzichten auf Raffinesse, gewinnen aber durch feine Details wie antike Parfümfläschchen, Marktstände und auch Hinweise auf soziale Ungerechtigkeit. Stok erzählt mit Leichtigkeit und Humor, modern und besonders für jugendliche Leser:innen gut zugänglich. Im Anhang finden sich weiterführende Informationen. Hipparchia ist ein Vorbild: «Sie hatte den Mut, für ihre Ideale einzutreten und sich den gängigen Normen zu widersetzen», sagt die Autorin – und macht deutlich, warum Hipparchias Denken heute noch Relevanz hat.

Carlotta Binder
Buch&Maus 2/25, S. 37

Was macht ein gutes Leben aus? Diese Frage stellt sich Hipparchia, eine der ersten Philosophinnen der Geschichte. Im Athen des 4. Jahrhunderts v. Chr. entscheidet sie sich mutig gegen Reichtum und Konventionen. Der Comic erzählt ihre Geschichte modern, klug und nahbar: mit feinem Witz, klaren, reduzierten Bildern und starken Denkanstössen. Ein überraschend aktuelles Buch über Freiheit, Haltung und den Mut, den eigenen Weg zu gehen.

Verrückt nach Pi
Jean-Baptiste Aubin, Anita Lehmann, Illustration: Joonas Sildre
Aus dem Französischen von Viktoria Wenker
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2025, Seiten: 88, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03964-088-1
Schlagwörter: Wissenschaft

Geheimnisse einer unendlich faszinierenden Zahl

3,1415… ‑ über eine Milliarde Dezimalstellen der Zahl Pi berechnen Hochleistungscomputer pro Tag. Das Verhältnis zwischen Umfang und Durchmesser jedes Kreises ist eine zentrale Konstante der Mathematik, doch wir können uns ihr nur annähern. In vielen Illustrationen in den Grundfarben, teils auch in Comics und humorvollen Erzähltexten wird Pi in diesem Buch gründlich unter die Lupe genommen. Vom Namen der Zahl, der Geschichte ihrer Berechnung bis zu witzigen Versuchen damit: Wer kann mit Hilfe von Pi eine Pi-zza in drei Stücke schneiden?

Säen, Sammeln, Wurmkompost
Eva Roth, Illustration: Pia Wieland
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2025, Seiten: 98, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03964-096-6
Schlagwörter: Natur

Unser bunter Permakultur-Dschungel

Zwei Nachbarskinder unterhalten sich von Balkon zu Balkon in der warmen Märzsonne. «Können sich Tiere auch langweilen?», fragt Ben. Kira, die eben noch gegähnt hat, sagt: «Ich sehe hier weit und breit kein Tier. Kein Wunder! Sie machen bestimmt einen riesigen Bogen um unseren Balkon, so langweilig ist es hier.» Das ändert sich jetzt. Denn aus dieser entspannten Langeweile spriesst ein nachhaltiges Projekt. «Wie ein Balkondschungel wächst», ist der Hauptteil dieses Sachbuchs, das die Kinder zwei Jahre lang bei ihren gärtnerischen Umtrieben begleitet. Vom ersten bescheidenen Einkauf von Blumenwiesensamen und Erde (mit Taschengeld) über die Anzucht von Bohnenpflanzen (aus getrockneten Bohnen), das Sammeln von Baum-Keimlingen (am Waldesrand), bis hin zum Anlegen eines Wurmkomposts in acht Schritten. Kira und Ben verfolgen ihr Projekt begeistert und wissen sich immer zu helfen. In regem Austausch mit Eltern, Nachbar:innen, einem Schrebergärtner und einer Trödelhändlerin wird gesät, gesammelt, mit Superdünger gedüngt, geerntet, gemulcht, neu geplant, nachgepflanzt. Und: Es wird zusammen geschmaust – Kartoffelstock, bunter Salat oder Mirabellenkuchen.

«Säen, sammeln, Wurmkompost» ist ein fröhlich und lesefreundlich gestalteter Ratgeber mit vielen Tipps und Anleitungen. Gut informiert wird auch über den Tellerrand hinausgeschaut. Nebenbei entsteht so eine nette Nachbarschaft und beim Lesen die Lust, selbst ein paar Samen zu pflanzen. Zum Schluss wird noch das «Prinzip Permakultur» kurz erklärt, und Stadtgärtner:innen von Basel bis Taiwan kommen zu Wort. Wie sagt Ben im Kapitel «Wachsen und wünschen» so treffend? «Wenn die alle mitmachen, wird die Welt immer schöner und dschungliger!»

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/25, S. 36

Das Meer am Ende der Jugend
Ettore Mjölsnes
Verlag: Krause, Publiziert: 2025, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907409-12-1
Schlagwörter: Gefühle

«Kennst du dieses Gefühl? Dass du denkst, du hast irgendwann in deinem Leben eine falsche Entscheidung getroffen, und nicht nur kann nichts sie rückgängig machen, sondern du fühlst zusätzlich, dass du denselben Fehler in dieser Situation immer wieder machen wirst?» Das Nachdenken über Entscheidungen und die verschiedenen Lebenswege, die sie mit sich bringen, treibt die Hauptfiguren dieses Buches um. Alle drei sind Mitte zwanzig – am Ende ihrer Jugend – und suchen, wagen etwas, bereuen, feiern und verstecken sich vor dem Leben.

Arne Gabriel ist Besitzer eines aus der Zeit gefallenen Schiffs, mit dem er Güter von A nach B fährt und so knapp genug Geld verdient, um sich über Wasser zu halten. Camilla hat Oslo für den Sommer hinter sich gelassen, um auf einer Insel im norwegischen Meer ihre Doktorarbeit zu schreiben. Dort verliebt sie sich in Arne und seine besonnene, fröhliche Art. Auch Nikolaj sucht Arnes Nähe und die Weite des Meeres, um Ruhe zu finden. Er arbeitet auf dem Schiff mit, nachdem er sein Medizinstudium abgebrochen hat. Auf dem mal stillen, mal stürmischen Wasser treffen widersprüchliche Gefühle aufeinander: Liebe und Angst, Nähe und Distanz, Kontrolle und Ausgeliefertsein.

«Das Meer am Ende der Jugend» ist ein sanftes, in seiner Bildsprache ausdrucksvolles Buch des Tessiner Autors und Übersetzers Ettore Mjölsnes. In klaren, poetischen Sätzen bringt er die Unsicherheiten und Einsamkeiten zur Sprache, die in uns allen leise oder laut schlummern. So schimmern im Lauf der Handlung auch unter Arnes scheinbar sicherer Art Zweifel und die Sehnsucht nach Gemeinschaft durch. Das Buch eignet sich, auch als Klassenlektüre, für ältere Jugendliche, die vor ähnlichen Entscheidungen stehen.

Isabelle Schmid
Buch&Maus 2/25, S. 35

Die Tribute von Panem: L. Der Tag bricht an
Suzanne Collins
Aus dem Englischen von Sylke Hachmeister und Peter Klöss.
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2025, Seiten: 464, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0716-4
Schlagwörter: Zukunft | Fantastik/Fantasy | Politik

Erneut kehrt die US-Autorin Suzanne Collins in die Welt ihrer dystopischen Bestseller-Reihe «Die Tribute von Panem» zurück. In diesem Prequel, das 24 Jahre vor der ursprünglichen Trilogie spielt, reicht sie nun eine von Fans mit Spannung erwartete Vorgeschichte nach.

Für die fünfzigste Austragung der Hungerspiele haben sich die Mächtigen in Panem etwas besonders Perfides einfallen lassen: Statt je zwei Tributen muss jeder Distrikt die doppelte Anzahl an Jugendlichen an die tödlichen Spiele schicken. Zu den 48 unglücklich Auserwählten, von denen nur eine:r überleben darf, gehört auch der 16-jährige Haymitch Abernathy, der als hilfsbereiter und gutherziger Jugendlicher noch weit entfernt von dem alkoholkranken, eigenbrötlerischen Wrack ist, das in «Die Tribute von Panem» zum Mentor von Katniss und Peeta wird.

Bereits durch die Ich-Perspektive gewährt der sympathische Protagonist einen ähnlich unmittelbaren Blick auf das Geschehen wie Katniss. Doch erhalten wir mit Haymitch punktuell Einblicke in die Ränkespiele hinter den Kulissen – des Capitols wie auch der sich formierenden Rebellion. Durch den Einbezug von Figuren aus der Trilogie und die Thematisierung der Mechanismen medialer Präsentation und Manipulation wirft der Roman spannende Fragen darüber auf, wie ein totalitäres Regime seine Bevölkerung unterjocht und Propaganda einsetzt. Collins schafft es meisterhaft, verschiedene Fäden ihres Erzähluniversums zusammenzuführen, Wissenslücken zu füllen und trotz bekanntem Ausgang eine bewegende Geschichte zu erzählen, die sich auch als spannungsgeladenes Abenteuer oder sogar wie ein Spionagethriller lesen lässt.

Petra Schrackmann
Buch&Maus 2/25

Break to You
Neal Shusterman, Debra Young, Michelle Knowlden
Aus dem Englischen von Kristian Lutze, Pauline Kurbasik und Andreas Helweg.
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2025, Seiten: 432, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-7379-1
Schlagwörter: Liebe

Eigentlich ist es nichts Besonderes, als sich Adriana und Jon nach mehreren Monaten endlich in die Arme nehmen können, wäre da nicht das Setting, das ihr Treffen eigentlich unmöglich macht. Denn beide sitzen in der Jugendstrafanstalt Compass ein, Adriana im Mädchen-, Jon im Jungentrakt. Während sich Adriana als Neuzugang erst einmal zurechtfinden und die impliziten Regeln in der Anstalt verstehen muss, sitzt Jon seit Jahren ein und hat sich seinen Ruf als derjenige erarbeitet, der die Dinge unter den Jungen regelt. Zum Kontakt zwischen den beiden kommt es, als Adriana ihr Tagebuch in der Gefängnisbibliothek verliert und Jon es findet, liest und kommentiert. Adrianas anfängliche Empörung verfliegt, als sie Jons Worte liest. Sie antwortet ihm, bis beide das Unmögliche beschliessen und ein Treffen arrangieren.

Das Autorentrio Shusterman, Young und Knowlden legt hier einen spannenden und kurzweiligen Jugendroman vor, der den Alltag in einer Jugendstrafanstalt mit all seinen Dynamiken und Problemen einfängt. Dazu gehören zum einen die von Vorsicht und Misstrauen, aber auch von Vertrauen geprägten Beziehungen der Insassen und Insassinnen untereinander. Zum anderen sind es die Beziehungen zwischen Häftlingen und Personal, die entscheidend sind für den Verbleib in Compass, sich aber auch auf eine mögliche Bewährung auswirken können. Vor diesen Hintergründen lassen die Autor:innen beide Hauptfiguren jeweils aus ihrer Perspektive das Geschehen schildern und zeigen eindrücklich, welche Hoffnungen die aufkeimende Beziehung zwischen ihnen in einem strikt reglementierten Umfeld weckt.

Sabine Planka
Buch&Maus 2/25, S. 34

People Pleaser
Anna Dimitrova
Verlag: Arctis, Publiziert: 2025, Seiten: 394, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03880-097-2
Schlagwörter: Freundschaft | Liebe

Nina ist ein «People Pleaser». Helfen ist ihre Passion. «Ich muss leisten. Ich muss helfen. Ich muss mich nützlich machen.» Nur dann ist sie etwas wert. Ninas aktuelles Projekt ist ihre seit zwei Jahren wie ausgewechselte beste Freundin: Teo provoziert, schwänzt, trinkt zu viel Alkohol, schläft schlecht, wirkt immer traurig – und vertraut sich Nina nicht an. Die ist irgendwann so ratlos, dass sie bei einer Therapeutin (die das natürlich nicht weiss) Theos Probleme als ihre eigenen ausgibt. Wenn auch ohne Erfolg. Dass Teo sich dann auch noch in Aleks, den Bad Boy der Schule, verliebt, toppt alles. Um die Freundin wieder glücklich zu machen, glaubt Nina erst mal, Aleks «fixen» zu müssen – und der hat mehr Probleme als gedacht.

«Wer bin ich und will ich wirklich so sein?», lautet die zentrale Frage in Anna Dimitrovas neuem Coming-of-Age-Roman. Ninas Familie stammt aus Bulgarien, die von Teo aus Rumänien. Aleks kommt aus Bosnien und Finn, Ninas ärgs­ter Konkurrent im Kampf um den Titel Klassenbeste:r, hat zwei Mütter – «culture clash at it’s best» zum zweiten. Wie Dimitrovas Deutschlanddebüt «Kanak Kids» – auf der Leipziger Buchmesse von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2025 nominiert – spielt auch «People Pleaser» im Münchner Brennpunktviertel Neuperlach. Dimitrova erzählt witzig, mit feiner Ironie und aus verschiedenen Perspektiven, meist aus der Sicht von Nina und Aleks, manchmal aber auch aus der von Finn oder Teo. Dabei spiegelt sie den Alltag ihrer Figuren sehr authentisch wider und bringt auch belastende Themen wie falsche Vorbilder, Panikattacken, Prüfungsangst, Essstörungen oder Sportsucht ein, ohne ihre Story damit zu überfrachten.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/25, S. 35

Zweiklang
Elin Hansson
Aus dem Norwegischen von Meike Blatzheim und Sarah Onkels.
Verlag: Arctis, Publiziert: 2025, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03880-098-9
Schlagwörter: LGBTQ* | Musik | Identität/Individualität | Feste/Bräuche

Im queeren Coming-of-Age-Klassiker «Oranges Are Not the Only Fruit» (1985) beschreibt Jeanette Winterson die Rückkehr ins Heimatdorf, frei übersetzt, wie folgt: «Nach langer Zeit zurückzugehen, wird dich verrückt machen, denn die Leute, die du zurückgelassen hast, sehen dich nicht gern verändert; sie werden dich behandeln wie immer und dich beschuldigen, gleichgültig zu sein, obwohl du nur anders bist.» Exakt so ergeht es Torleif in «Zweiklang». Seit dem Tod seiner Mutter vor zwei Jahren lebt er in einem Internat in der Stadt; ist glücklich in seiner queeren Community und beim Spiel der Hardangerfiedel, einem traditionellen Instrument norwegischer Volksmusik. In seinem Heimatdorf aber, in das er für die Herbstferien zurückkehrt, um dem Grossvater nach einem Schlaganfall beizustehen, weiss niemand, dass er schwul ist. Doch blicken alle, glaubt Torleif, auf den verweichlichten Städter hinab. Männlichkeitswahn, Homophobie, Sexismus, Abneigung gegen alle, die ‹anders› sind – sie sind real und tun weh. Mit Musik­metaphern verbildlicht Elin Hansson die Differenzen zwischen Torleif, seinem Bruder und dem Vater, beide passionierte Jäger: «Kaum zu glauben, dass es Leute auf dieser Welt gibt, die sich lieber eine Büchse an die Schulter legen als eine Hardangerfiedel.»
Und doch sind auch die Gefühle der anderen real, die sich gleichgültig behandelt, vor allem: von Torleif verlassen, sehen. Dies anzuerkennen und zugleich das Recht zu wahren, sich selbst zu sein, muss Torleif in diesen intensiven Tagen lernen. Obwohl der Text symbolisch etwas überladen ist, findet «Zweiklang» dafür einen einmaligen Ton – und bietet nicht zuletzt ein Setting, das sich erfrischend von den Highschools populärer Coming-of-Age-Romane abhebt.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/25, S. 34

Der Sommer, in dem der Blitz mich traf
Lauren Wolk
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann.
Verlag: Hanser, Publiziert: 2025, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-28255-1
Schlagwörter: Abenteuer | Abschied | Historisches | Mut/Selbstbewusstsein

West-Pennsylvania, 1944: Zu Beginn der Sommerferien wird die etwa zwölfjährige Ich-Erzählerin Annabelle von einem Blitzschlag getroffen. Das verleiht ihr die magische Gabe, Tiere zu verstehen und deren Gefühle zu spüren. Auch wenn diese bemerkenswerte Fähigkeit ebenso schnell wieder verschwindet, wie sie gekommen war, ist es diese Thematik, die Lauren Wolks Roman prägt.
Nach und nach entdeckt Annabelle die wahren Motive des freundlichen Städters Mr. Graf, der seinen verschwundenen Hund sucht; die gemeinsamen Interessen, die sie mit dem zunächst seltsam scheinenden neuen Nachbarn Mr. Edelmann und dessen Tochter Nora teilt; vor allem aber begegnet sie dem gleichaltrigen Andy neu. Ausgerechnet Andy, der eine entscheidende Rolle spielte bei den tragischen Ereignissen im Vorgängerband «Das Jahr, in dem ich lügen lernte» (2017). Formal stimmig erzählt Wolk dies in einer zeitlichen Rückblende und durchsetzt diese mit zahlreichen Andeutungen auf die Vergangenheit. Annabelle ist durch die Geschehnisse noch immer verunsichert und schwermütig und sie sucht nach Erklärungen.

Jede Erfahrung prägt den Menschen – sei sie noch so gross oder klein. Ein Blitzschlag, ein Wort, ein Blick. «Der Sommer, in dem der Blitz mich traf» ist ein Plädoyer für die Menschlichkeit; dafür, den Mut zu haben, immer an sich selbst zu glauben und nie aufzuhören, auf Menschen zuzugehen. Der Text vermag es durchaus, diesen Aspekten einen literarischen Ausdruck zu verschaffen. Insgesamt verleiht der Roman jedoch solch möglichen Botschaften durch seine sprachliche und motivische Machart etwas zu viel Nachdruck.

Stefan Schröter
Buch&Maus 2/25, S. 34

Wort für Wort
Maryam Master
Aus dem Englischen von Isabel Abedi.
Verlag: WooW Books, Publiziert: 2025, Seiten: 230, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03967-045-1
Schlagwörter: Freundschaft | Krankheit | Tod/Trauer

Hero fühlt sich alles andere als heldenhaft. Wenn Aria von seinem Mitschüler Rufus gehänselt wird, steht sie erstarrt daneben. Aria ist neu an der Schule, und obwohl er alles zu verstehen scheint, spricht er kein Wort. Mit ihrer Freundin Jaz nähert sich Hero ihm an, und zusammen verbringen sie nun ihre Mittagspausen in der Bibliothek oder im Besenschrank – möglichst ausserhalb Rufus’ Reichweite.
Die Überraschung ist gross, als Aria einen Poetik-Preis gewinnt. Heros Vater, welcher selbst mit einer bipolaren Störung zu kämpfen hat, ermuntert Aria, an einem Poetry-Slam-Wettbewerb teilzunehmen. Erstaunlicherweise sagt Aria zu. Dafür üben Hero und Jaz mit Aria und bieten ihm dabei den nötigen Raum, um Schritt für Schritt – oder eher Wort für Wort – seine Stimme zu nutzen. Mit der Zeit erfahren die Lesenden immer mehr über Arias früheres Leben in Shiraz, seine Flucht aus dem Iran und den Tod seiner Mutter, was zum Verlust seiner mündlichen Sprache führte.

Humorvoll und dennoch feinfühlig erzählt Master abwechselnd aus Heros und Arias Perspektive. Sensible Themen wie Mobbing, psychische Erkrankung und Kriegstrauma werden sorgfältig und unaufgeregt behandelt, wobei der hohe Stellenwert von Freundschaft und Hilfsbereitschaft deutlich wird. Die auflockernde Typografie, die einzelne Wörter und Phrasen dynamisch hervorhebt, trägt zum stimmungsvollen Leseerlebnis bei und verstärkt die deutlich wahrnehmbare Liebe zur Sprache. Sowohl thematisch wie auch im Gebrauch von ausgeklügelten Begriffen wird die Macht von Worten immer wieder betont und reflektiert. Eine wunderbar wortgewandte Geschichte für Leser:innen ab Ende Mittelstufe, welche mitfühlen und nachdenken lässt.

Rebekka Bischof
Buch&Maus 2/25, S. 33

Alpakas, Agate und mein neues Leben
Erin Bow
Aus dem Englischen von Ute Mihr.
Verlag: dtv, Publiziert: 2025, Seiten: 400, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64124-1
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere | Religion | Humor/Komik

Der zwölfjährige Simon fängt noch einmal ganz neu an: neue Stadt, neue Schule, neues Leben! Und wenn ihn jemand fragt, warum, dann erzählt er die abgefahrene Geschichte von dem vollkommen schiefgelaufenen Gottesdienst mit den Tiersegnungen, bei dem die Alpakas für Tumult sorgten und ein Uhu auf dem Altar eine Katze fressen wollte – und da sein Vater als Diakon die Verantwortung trug, musste er eine neue Stelle suchen. Wer aber aufmerksam liest, bemerkt, dass sich hinter dieser Geschichte ein tiefer gehender Grund verbirgt, einer, der Simon dankbar auf die totale Abgeschiedenheit seines neuen Lebens blicken lässt, in dem es nicht mal eine Internet-Verbindung gibt.

Ohne Internet keine Suchmaschine, ohne Suchmaschine keine Möglichkeit, Simons wahre Geschichte herauszufinden. Stattdessen trifft er auf neue, schräge Freunde und ein turbulentes Chaos, das den Leser:innen die Lachtränen in die Augen treibt. Dazu zählen ein angriffslustiger Pfau, ein Bestattungsunternehmen mit dem Traditionsnamen Gemetzel & Söhne und der äusserst brisante Plan von drei Teenagern, mit physikalischer Finesse und einer geklauten Mikrowelle glaubhafte Signale aus dem All zu faken, um die Forscher:innen vor Ort (mit den lautersten Absichten) zu narren. Zwischendurch kommen immer wieder kleine Hinweise, Bruchstücke aus der Vergangenheit, die sich wie Puzzleteile zu der entsetzlichen Wahrheit verdichten, weswegen Simon tatsächlich neu anfangen musste. Erin Bow erzählt ungemein gekonnt die Geschichte eines furchtbaren Traumas, eingebunden in Sommerflirren, entlaufene Emuherden und Kinderstreiche – packend, glücklich machend und zum Weinen bringend. Grandios!

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/25, S. 33

Zu schnell für diese Welt
Martina Wildner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2025, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75970-2
Schlagwörter: Sport | Gefühle | Freundschaft

Dennis und Jay sind «Freunde seit immer». Bei einer nächtlichen Spray-Aktion werden die beiden 16-Jährigen von einem älteren Mann erwischt, der ihnen ein seltsames Ultimatum stellt: Entweder sie kommen zum Training in seine Leichtathletikgruppe, oder er ruft die Polizei. Was als Erpressung beginnt, entwickelt sich schnell zu einer neuen Leidenschaft. Vor allem Ich-Erzähler Dennis, «eher so der Werfer», freut sich mehr und mehr auf die Übungsstunden beim «Turnen und Sport». Jay indes fällt es schwer, sich den strikten Regeln und Routinen unterzuordnen. Obwohl er laufen kann wie kein anderer, droht er aus der Gruppe zu fliegen. Dennis versucht alles, um seinem Freund, der es zu Hause nicht einfach hat, «die kleine Tür zu einem normalen Leben offen zu halten, die durch den Sport aufgegangen war» – mit Erfolg.
Martina Wildner ist selbst begeis-terte Sportlerin. Die Freude, mit der sie schwimmt, läuft und turnt, lässt sie auch in ihre Bücher einfliessen. Nach «Königin des Sprungturms» (2014 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet) und «Himmel über dem Platz» (2021), das von einem Mädchen erzählt, das Profi­fussballerin werden möchte, dreht sich diesmal alles um die Liebe zur Leichtathletik, um Übungs- und Technikeinheiten, Wettkämpfe und die Dynamik einer Trainingsgruppe; überehrgeizige Eltern, die zu fiesen Mitteln greifen, um ihren Kindern einen Vorteil zu verschaffen, inklusive.

«Zu schnell für diese Welt» erzählt aber nicht nur sehr atmosphärisch von der Freude am Sport, den neuen Perspektiven, Zielen und Struktur, die dieser jungen Menschen bieten kann, sondern ist auch und vor allem eine tolle Freundschaftsgeschichte, die bis zum Schluss spannend bleibt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/25, S. 33

Das Telefon in der Birke
Alison McGhee
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann.
Verlag: dtv, Publiziert: 2025, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64126-5
Schlagwörter: Tod/Trauer

Ayla und Kiri sind ein eingeschworenes Gespann. Wie die Bäume, die bei ihrer Geburt in der Nachbarschaft gepflanzt wurden und die sich über ein unterirdisches Wurzelwerk verständigen, verstehen sich die Freundinnen ohne Worte. Doch Kiri (die im Original kein eindeutiges Geschlecht hat) ist weggegangen. Ayla zieht sich in ihre Birke zurück und beobachtet das Geschehen auf der Strasse. Alles, was sie an Kiri erinnert, ist noch da. Wenn es ihr zu viel wird, wiederholt sie in ihrem Kopf die Worte «Nicht denken nicht denken nicht denken» oder singt ihr «Lalala». Das sei schwer, erklärt sie. «Aber das musst du machen, wenn du nicht daran denken willst, dass dein bester Freund oder deine beste Freundin so weit weg ist.» Nur der wiederkehrende Albtraum von einem Gewittersturm lässt sich dadurch nicht bannen. Ayla glaubt fest daran, dass Kiri an ihrem elften Geburtstag zurückkommen wird. Die Wunderkerzen liegen, zusammen mit Erinnerungsstücken, bereit.

Manchmal braucht es magisches Denken und etwas Fantasie. Als Ayla eines Morgens in der Astgabel ihrer Birke ein altes Telefon entdeckt, nimmt die Geschichte eine zauberhafte Wendung. Menschen kommen vorbei, um mit ihren Verstorbenen zu sprechen – der kleine Junge, dessen Gecko gestorben ist, ein Pizzabote, der seinen Vater vermisst, ein Mann mit einem Baby. Irgendwann ist auch Ayla bereit, ihr langes Schweigen zu brechen.

Alison McGhees Geschichte ist voller Wärme und Poesie. Mit ihrer behutsamen Übersetzung ist es Birgitt Kollmann hervorragend gelungen, diese Stimmung einzufangen und für deutsche Leser:innen eine magische Atmosphäre zu schaffen.

Daniel Ammann
Buch&Maus 2/25, S. 32

Die Bibliothek der wahren Lügen
Jesús Cañadas
Aus dem Spanischen von Elisabeth Leuthardt.
Verlag: Coppenrath Verlag, Publiziert: 2025, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-649-64850-5
Schlagwörter: Abenteuer | Intertextualität | Lesen | Fantastik/Fantasy

Oskar liebt die Welt der Bücher – besonders die Fantasyreihe seines Lieblings-autors Simon Bruma. Als Bruma in einem Wettbewerb dazu aufruft, die beste Lüge zu erfinden, ist das Oskars Chance, für einen Moment seiner Welt zu entkommen – denn die ist mit mobbenden Mitschülern und einem eher unsympathischen neuen Freund der Mutter gerade nicht sehr angenehm. Oskar ahnt nicht, dass ihm der Hauptgewinn nicht nur einen Schreibworkshop beim Lieblingsautor bescheren wird, sondern ein noch viel seltsameres Umfeld.

Bruma lebt in einem düsteren Haus, das voller Monster zu stecken scheint, seine Tochter November ist nicht gerade eine Ausgeburt der Freundlichkeit, und Bruma selbst wirkt auf Oskar auch eher abschreckend. Am liebsten würde er den bedrohlichen Ort sofort wieder verlassen, aber etwas hält ihn zurück. Mit Feder und Tinte, die er von Bruma bekommen hat, erzählt er dessen Geschichten weiter und entwirft neue Abenteuer für seinen liebsten Helden. Als Oskar merkt, dass Bruma und November geradezu begierig darauf warten, welchen Weg sein Abenteuer nimmt, wird ihm allmählich klar, was seine eigentliche Aufgabe an diesem Ort ist. Mit seinen «Lügen» – denn nichts anderes sind Geschichten – soll er dazu beitragen, Novembers Leben zu retten.

Auch wenn hier einiges an Michael Endes «Unendliche Geschichte» erinnert, ist «Die Bibliothek der wahren Lügen» lesenswert. Cañada verwebt Handlungsstränge, wechselt gekonnt zwischen den Welten und erzählt mit hohem Tempo. Immer wieder wird das Genre gebrochen und durch Horroranleihen eine Spur düsterer. Packend bis zum Schluss, ist das Buch eine tolle Lektüre für nervenstarke Kids ab elf Jahren.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/25, S. 32

The World Famous Nine
Ben Guterson
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst.
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2025, Seiten: 400, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-3110-1
Schlagwörter: Abenteuer | Krimi/Thriller | Fantasie

Willkommen im berühmtesten Kaufhaus der Welt: dem «World Famous Nine»! Der neunzehnstöckige Palast aus Glitzer, Chrom und Licht ist eine Wunderwelt schöner Dinge und spektakulärer Attraktionen, vom Riesenrad auf dem Dach bis zur weltbesten Donut-Maschine im Untergeschoss. In diesem flirrenden, von Hunderten Kund:innen frequentierten Ort darf der elfjährige Zander seine Sommerferien verbringen. Denn seine Grossmutter leitet das «Nine» – wie schon seit Generationen die Frauen ihrer Familie. Mit Natascha, der Tochter des Kaufhaus-Klempners, erkundet Zander das gigantische Edelkaufhaus Etage für Etage. Doch je tiefer sie in das wabenartige Bauwerk und dessen Vergangenheit vordringen, desto rätselhafter und unheimlicher werden ihre Entdeckungen. Als es auch noch zu Sabotageakten kommt, wird den Kindern klar: Sie sind einer dunklen Macht auf der Spur.

Ben Guterson, bekannt durch seine «Winterhaus»-Trilogie, bleibt seinem bewährten Konzept treu: charmante Szenerie, Abenteuer, dunkle Magie, sanfter Gruselfaktor, raffinierte Rätsel. Sein solide erzählter Whodunit-Krimi bleibt bis zum Schluss spannend. Gutersons Stärke aber liegt darin, einen stimmungsvollen Ort voller Geheimnisse und Geschichte mit liebevollen Details zum Leben zu erwecken. Mit grosser Fabulierlust beschwört er eine nostalgische Konsumkultur, die Kindern im Zeitalter des Online-Shoppings kaum noch bekannt ist.

Kongenial ergänzt werden Text und Atmosphäre durch Kristina Kisters ausdrucksstarke Schwarz-Weiss-Illustrationen, die die Pracht des guten alten Konsumtempels einfangen.

Alice Werner
Buch&Maus 2/25, S. 32

Magic of Moon and Sea
Clare Harlow
Aus dem Englischen von Sabrina Sandmann.
Verlag: Schneiderbuch, Publiziert: 2025, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-505-15144-6
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Freundschaft | Politik

Die Diebin der vielen Gesichter

Clare Harlows Fantasy-Erstling überrascht mit einem Handlungsort abseits typischer Fantasy: Shelwich ist eine Hafenstadt, in der die Magie mit Ebbe und Flut sinkt und steigt. Die Einwohner:innen besitzen eine «Gezeitengabe», ein kleines magisches Talent, das für die meisten wenig Nutzen hat. Zum Beispiel kann jemand seine Augenfarbe ändern oder einen besonders hohen Ton singen. Da ist die Gabe der jungen Ista Flit schon spektakulärer: Sie kann die Gestalt anderer Menschen annehmen. Naheliegenderweise schlägt sie sich als Diebin durch. Allerdings tut sie das nicht freiwillig, denn der geheimnisvolle Alexo erpresst sie, für ihn zwanzig magische Artefakte zu stehlen, bevor er ihr die Flöte ihres verschwundenen Vaters zurückgibt. Als beim 19. Auftrag etwas schiefläuft, beginnt Ista zu ahnen, dass in Shelwich einiges nicht so ist, wie es scheint. Während immer mehr Leute verschwinden, knüpft Einzelgängerin Ista Allianzen respektive Freundschaften mit Gleichaltrigen und kommt so nicht nur der Wahrheit hinter der Legende der Seemonster auf die Spur.

Harlow beschreibt ihre Welt mit der richtigen Menge Details, um sich am gedanklichen Ausmalen dieser Stadt erfreuen zu können, und einem wohldosierten Gruselfaktor, während die spannende und an Wendungen reiche Handlung einen in ihren Bann zieht. Die sympathische Hauptfigur und interessante Nebenfiguren begleitet man gerne in diesem Abenteuer, das zugleich ein Lehrstück über die Abgründe politischen Machtstrebens ist. Trotz des auf Deutsch arg generisch gewählten Titels ist dieser erfrischende Reihenauftakt die Fantasy-Entdeckung dieses Frühjahrs.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus2/25, S. 31

Der Sommer der unmöglichen Dinge
Kate DiCamillo
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn.
Verlag: dtv, Publiziert: 2025, Seiten: 198, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76572-5
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Ferien | Alltag | Grusel/Spuk/Horror | Krankheit

Ist Ferris’ Grossmutter wirklich ein Geist erschienen? Alles deutet darauf hin, denn die alte Charisse erzählt ihrer Enkelin sehr genau, wie dieser Geist aussieht und was er will … Das ist nicht das einzige Geheimnis, das Ferris (eigentlich Emma Wilkey) in diesem Sommer beschäftigt, kurz bevor sie in die fünfte Klasse kommt. Ihr Onkel zieht in den Keller, um die Geschichte der Welt zu malen, ihre kleine Schwester wird von der Polizei aufgegriffen, weil sie versucht hat, eine Bank zu überfallen, und Ferris sieht sich der Willkür ihrer Haare schneidenden Tante ausgesetzt, die ihr rücksichtslos eine Frisur nach der anderen verpasst, wann immer sie das Mädchen in ihre Hände bekommt.

Ansonsten ist es eigentlich ein ganz normaler Sommer, jedenfalls wenn man ihn durch die Augen der US-amerikanischen Autorin Kate DiCamillo betrachtet, die ein Faible für besondere Menschen und aussergewöhnliche Situationen hat. Ferris’ kleine Schwester Pinky, die nach einer eigenhändigen Zahn-«Operation» die Buchstaben S und Z über weite Teile des Romans «ther thanloth» als th ausspricht, ist das beste Beispiel dafür. Mit solch skurrilen kleinen Persönlichkeiten und der meist ruhigen Handlung – das Aufregendste, was passiert, ist Pinkys skandalöse Verhaftung – spricht «Der Sommer der unmöglichen Dinge» vielleicht kein Massenpublikum an, dafür aber ein über alle Altersgruppen breit verstreutes. Es geht um kleine Wunder, tiefe Liebe in der Familie, bevorstehenden Tod, Houdini und den unerschütterlichen Glauben daran, dass alles irgendwie weitergeht – auch wenn am Ende eine in der Familie fehlt. Warmherzig und sehr besonders, am besten langsam zu lesen und zu geniessen.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/25, S. 31

Detektiv Ameisis
Matthias Kröner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2025, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75968-9
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Tiere

Ein fast unlösbarer Fall

Dritter Ring, Gürtel-Ghetto, Hornschuppenboulevard 7777, 47. Stock – da ist die Detektei von Ameisenbär Afri Ameisis. Klar, sind Aufzug und Ventilator kaputt – kein Geld, keine Kundschaft. Seit Raymond Chandlers Kultkrimis um Privatermittler Philip Marlowe ist das ein klassisches Setting, das längst auch in Kinderkrimis zitiert und parodiert wird. Doch «hard boiled» ist im zweiten Kinderroman des vielfach ausgezeichneten Autors Matthias Kröner weder die quicklebendige Erzählstimme seines Helden noch die Geschichte, auch wenn es ganz schön zur Sache und um das grosse Ganze geht: eine bessere, gerechtere Welt.

Kröners Fabelkosmos ist eine Kas-tengesellschaft: Kontrollen und meterhohe Mauern trennen Arm und Reich und damit die verschiedenen Tierspezies. Im äussersten Ring wohnen vor allem Ameisenbären und Gürteltiere in brütend heissen Hochhausschluchten, im Zentrum stehen dagegen luxuriöse Villen mit Pools, Rasensprengern und Bediensteten. Umso erstaunlicher ist es, dass mit Nita Nasoni ausgerechnet eine Vertreterin des ersten Rings mit einem Umschlag voller Nashornzaster in Afris heruntergekommenem Büro auftaucht: Ihre achtjährige Tochter wurde entführt, und der Gürteltiergürtelfinder ist ihre letzte Hoffnung. Für Afris Frau Alina stinkt das zum Himmel, Afri selbst glaubt an einen «ameisenbärfantastischen Superauftrag» – und stolpert mitten in die böse Falle einer hochkriminellen Verschwörung. Gespoilert werden soll hier nichts, aber es wird superspannend! Dafür sorgen viel Action, Atmosphäre, tolle Charaktere, Zickzackwendungen und vor allem die starke Gesellschaftskritik samt Vision.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/25, S. 31

Rosa Elefanten gibt es nicht
Linda Meyer
Verlag: kwasi, Publiziert: 2025, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906183-37-4
Schlagwörter: Tod/Trauer | Fantasie | Geschwister

Bücher über Kinder, deren Geschwister verstorben sind, gibt es einige. In der Regel liegt der Tod des Geschwisters dabei weit vor der erzählten Zeit. «Rosa Elefanten gibt es nicht» der Heilpädagogin Linda Meyer bricht so gesehen ein Tabu. Hier stirbt nämlich eine zuvor eingeführte und den Leser:innen ans Herz gewachsene kindliche Figur: Luk, der kleine Bruder der zehnjährigen Ich-Erzählerin Sanna. Diese ist ein «Schattenkind». Mit der Geburt ihres herzkranken Bruders wird sie in der Familie zur Nebenfigur. Vor allem der Vater findet nicht aus seiner überbehütenden Rolle heraus – und nach Luks Tod nicht aus der Trauer. Zum Glück gibt es die Mutter und die Grosseltern, die dafür sorgen, dass auch Sanna wahrgenommen wird.

Erzählt wird aber erst einmal von einer Geschwisterbeziehung, die von Liebe und Fantasie geprägt ist. Sanna und Luk malen sich die Welt nach dem Tod voller Glitzerdelfine und rosa Elefanten aus – Metaphern, die sich auf gelungene Art durch die Geschichte ziehen. Die Rollen der Eltern, von denen der Vater die Bedürfnisse seiner Tochter komplett zu vergessen scheint, während die Mutter alles richtig macht, sind dagegen etwas gar schwarz-weiss geraten. Angesichts der dichten Textmenge, die nur selten von einer fröhlichen Illustration von Daniela Rütimann unterbrochen wird, und der anspruchsvollen Erzählweise mit Rückblenden ist gut denkbar, dass hauptsächlich Erwachsene, die mit betroffenen Kindern arbeiten, hier eine lohnenswerte Lektüre finden. Auf jeden Fall ist «Rosa Elefanten gibt es nicht» ein mutiges Buch, und wieder beweist der kwasi-Verlag damit, dass auch Bücher über «therapeutische Themen» mit erzählerischen Qualitäten punkten können und nicht reine Zweckliteratur sein müssen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/25, S. 30

Lela und die fabelhafte Frau Farah
Samira El-Maawi
Publiziert: 2025, Seiten: 123, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82451-6
Schlagwörter: Alltag | Fantastik/Fantasy

«Gibt es Geister als Nachbarn?», möchte Lela wissen: Denn aus Frau Farahs Hosentaschen fliegen Schmetterlinge, ihr Auto scheint von allein zu fahren, und Lelas Gedanken kennt Frau Farah eigentlich auch, ohne dass diese sie ausspricht. Weil sie aber in einer Stadt leben, in der alles grau ist, keine Blumen mehr wachsen und nun sogar das Kino abgerissen werden soll, erweist sich Frau Farah als grosses Glück: Durch ihren Mut und ihre Entschlossenheit können die Intrigen der Bürgermeisterin aufgedeckt und die Stadt gerettet werden.

Der Kinderroman der Schweizer Autorin Samira El-Maawi ist Teil der Buch­reihe «READy» der Verlagsgruppe Beltz. Seit 2021 hat Gulliver dort bisher zirka 30 Bücher für Kinder zwischen acht und elf Jahren, «denen das Lesen noch nicht leichtfällt», publiziert: Sprache, Layout und Umfang sind auf wenig Leseerfahrung abgestimmt und sollen Lesefähigkeiten fördern. Grosse Schrift und Zeilenabstände weisen die Geschichte auch sofort als «vereinfacht» aus. Doch Spannung und Komik machen sie ebenso interessant, Versalien oder Lautmalerei können die Sprache auflockern. Positiv fällt auch die pluralistische Gesellschaft auf, die ganz selbstverständlicher Hintergrund der Handlung ist, ohne besonders thematisiert oder problematisiert werden – etwa, dass Lela zwei Mütter hat. Das heterogene Figurenensemble kulminiert in Frau Farah, deren fantastische Aura bis zum Schluss ungeklärt bleibt.

Auch mit seinen Reihen «Super Lesbar» und «Lesetexte in Einfacher Sprache» folgt Gulliver dem Konzept der einfachen Lesbarkeit. Durch Bücher wie «Lela und die fabelhafte Frau Farah» schafft der Markt immer stärker auch ein Angebot an einfacheren, aber qualitativ hochwertigen Büchern für jüngere Leser:innen.

Maria Becker
Buch&Maus 2/25, S. 30

Das Licht in der Tiefe
Dagmar de Mendieta, Illustration: Diego Balli
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2025, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85546-424-1
Schlagwörter: Ferien | Fantastik/Fantasy

Kopfüber ins Abenteuer: Mutig taucht Paul seinen Freunden hinterher, die spurlos in der Ostsee verschwunden sind. Ein kräftiger Strudel reisst ihn in die Tiefe – in eine geheime Unterwasserwelt. Dort lebt das Volk der Algotarier, menschenähnliche Wesen mit Kiemen, die unter dem Bann zweier Meeresungeheuer stehen: eines riesigen Kalmars und seines urzeitlichen Widersachers, des Mosasaurus. Könnte einer von ihnen Pauls Freunde verschleppt haben?
Dagmar de Mendieta verbindet Magie, Meeresbiologie und Action zu einem ideenreichen Kinderbuch. Die Algotarier trinken Plankton-Smoothies, stricken mit Wasserpflanzen und flitzen auf Seepferdchen-Scootern durch enge Wasserstrassen. Vor allem jüngere Leser:innen dürften von dieser lebendigen Welt und der Vorstellung eines verborgenen Lebens in der Tiefsee fasziniert sein.
Inhaltlich schöpft die Geschichte jedoch ihr Potenzial nicht aus. Manche Handlungsstränge werden nur angedeutet, Wendungen wirken teils unausgereift, die Spannung lässt nach. Auch die Figurenzeichnung fällt blass aus – Hauptfigur Paul bleibt in seinen Gedanken und Gefühlen schemenhaft. Sprachlich setzt de Mendieta auf umgangssprachliche Dialoge mit einem Hauch Schweizer Kolorit. Der Ton wirkt alltagsnah, lässt aber sprachliche Raffinesse und spielerischen Wortwitz vermissen.

Dafür überzeugt die Buchgestaltung: Das in Blautönen gehaltene Cover mit magischem Lichtstrahl zieht sofort in den Bann. Bedruckte Spiegelblätter mit Steckbriefen der Seeungeheuer und ein klares Layout unterstreichen die hochwertige Ausstattung. Ein echtes Highlight sind die atmosphärischen Illustrationen von Diego Balli – sie fangen Setting und Stimmung der Erzählung mit emotionaler Tiefe ein.

Alice Werner
Buch&Maus 2/25, S. 29

Das beste Versteck des Sommers (und jede Menge Himbeereis)
Nora Hoch
Verlag: dtv, Publiziert: 2025, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76561-9
Schlagwörter: Generationen | Familie/Familienformen | Reisen

Adas Oma leidet an Demenz. Immer häufiger vergisst sie mitten im Satz, was sie gerade sagen wollte, kauft täglich Sahne ein und erkennt sich beim Blick in den Spiegel manchmal selbst nicht: «So ein faltiges altes Gesicht. Dass soll sie sein?» Als sie Ada erzählt, dass sie als kleines Mädchen in ihrer Heimat Italien einen Schatz (die geheimen Eisrezepte ihrer Familie) versteckt hat, steht für die Neunjährige fest: Sie will mit Oma in das Bergdorf reisen, in dem diese aufgewachsen ist – am besten sofort, in den Sommerferien. Mama ist dagegen. Sie kann nicht frei nehmen, und überhaupt! «Vielleicht im Herbst, vielleicht nächstes Jahr …» Aber so lange kann Ada unmöglich warten. Wer weiss, ob Oma sich dann noch an das Versteck erinnert! Also überredet sie ihre elfjährige Schwester Rike, sie und Oma zu begleiten. Ihr bester Freund Bela und sein Hund sind auch dabei. Schnell noch einen Zettel für Mama auf den Tisch gelegt – und das Abenteuer beginnt.

Mit viel Empathie und noch mehr Leichtigkeit erzählt Nora Hoch davon, wie es sich anfühlt, wenn ältere Menschen immer öfter «Aussetzer» haben und Erinnerungen verschwimmen. Dabei werden nicht nur Adas und Omas Emotionen sehr einfühlend beschrieben, sondern auch die Sichtweisen und Reaktionen von Beteiligten: von Mama, der Schwester, Omas Cousin, vom Bahnschaffner oder von einem unbekannten Wanderer.

Susanne Göhlich fängt die Stationen der abenteuerlichen Reise in fröhlichen Schwarz-Weiss-Zeichnungen ein. Ein berührendes Sommerbuch, das – verpackt in eine liebevolle Familiengeschichte – Demenz verständnisvoll, warmherzig und authentisch zugleich beschreibt und so lange nachwirkt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/25, S. 29

A wie Biene
Ellen Heck
Aus dem Englischen von Regina Jooß.
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2025, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-52264-1
Schlagwörter: Lesen | Schule

Ein ABC mit tierisch guten Übersetzungen

ABC-Bücher gelten als Vorläufer des Mediums Bilderbuch und sind bis heute elementar auf dem Kinderbuchmarkt. Sie titeln «A wie Apfel» oder «B wie Ball» und kombinieren einzelne Buchstaben mit Wörtern desselben Anlauts. «A wie Biene» wirkt daher auf den ersten Blick wie ein Bruch mit dieser Tradition, die offensichtlich widersprüchliche Aussage fällt auf, macht neugierig und regt Überlegungen an, inwiefern sie doch stimmen könnte.

Denn tatsächlich gibt es eine Auflösung,: Das sind Sprachen, in denen das Wort für Biene – wie behauptet – mit A anfängt. Auf Türkisch zum Beispiel heisst sie «ari», auf Portugiesisch «abelha», auf Ojimbwe «aamoo». Wer es noch nicht wusste: Ojimbwe wird vom Anishinaabe-Volk in Kanada gesprochen. Da nicht einmal Lesekundige wissen dürften, wie all diese Wörter ausgesprochen werden, hat der Originalverlag eine Website eingerichtet (levinequerido.com/aisforbee), auf der man sie in der jeweiligen Sprache hören kann.

ABC-Bücher sind traditionell thematisch. Auch hier wird man entführt in die Welt der Sprachen, 67 sind es insgesamt, und der Tiere. Die Bilder zeigen sie holzschnittartig, teils koloriert, teils schwarz-weiss, meist mit wenigen Beigaben – bei der Katze ist es ein Wollkorb, beim Fisch eine Wasserpflanze. Die unifarbenen Hintergründe betonen das ordnende Prinzip des Bezeichnens und der Lexikalisierung.

Das multilinguale ABC-Bilderbuch wählt den Zugang in die Welt der Sprachen über Schriftzeichen und schliesst die Lektüre mit dem Klang sprachlicher Vielfalt ab. Damit wird eine der wichtigsten Erkenntnisse für Vorschulkinder inszeniert: dass Buchstaben und Laute zusammenhängen.

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/25, S. 28

Mabelle
Matías Acosta
Aus dem von Spanischen von Jochen Weber.
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2025, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907277-30-0
Schlagwörter: Natur

Mit «Mabelle» erscheint das zweite Bilderbuch des uruguayischen Künstlers Matías Acosta auf Deutsch. Schon sein «Die Sommergäste» (2021 ebenfalls von Baobab zweisprachig verlegt) beeindruckte mit tableauartigen Bildern, die die vermeintlich schlichte Geschichte eines Mannes erzählen, der sich mit Gänsen anfreundet. Auch «Mabelle» konzentriert sich auf eine menschliche Figur und ihre Begegnung mit der Natur und inszeniert diese mit wenigen Worten und ruhigen Bildern.

Das Mädchen Mabelle ist in ein Haus «ausserhalb der Stadt» gezogen und «liebt es, die Umgebung mit dem Rad zu erkunden». Mit wehendem orangerotem Schal fährt sie durch die weite Landschaft, in der ihr Häuschen ziemlich einsam liegt. Am liebsten fährt sie zur Wiese mit den Ringelblumen, die dort wachsen, «wo der Wind häufig weht», um sie zu betrachten und einen Strauss davon nach Hause zu nehmen. Doch eines Tages stehen keine mehr auf der Wiese, deren Färbung nun mehr braun statt grün ist. Warum die Blumen weg sind, wird nicht explizit gesagt, aber Mabelle sucht so lange, bis sie hinter einem Findling doch noch einige findet – und lässt sie stehen, denn sie «weiss, dass auf dem Hügel Blumen im Wind tanzen».

Für viele Leser:innen mag das etwas zu ruhig, etwas zu wenig Handlung sein. Doch so, wie es Mabelle geht, deren Gesicht nur dort, wo sie die Blumen betrachtet, in Nahaufnahme zu sehen ist, bieten die sanften Landschaften unter den wechselnden Wolkenstimmungen den Leser:innen grosse ästhetische Befriedigung. Sie laden dazu ein, die Augen beim Betrachten gleichsam auszuruhen und dabei dennoch viele unerwartete Details, etwa einen Ameisenbären, zu entdecken.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 2/26, S. 28

Rosa und Bleistift unterwegs im Land der Bilder
Jens Rassmus
Verlag: Edition Nilpferd, Publiziert: 2025, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7074-5315-7
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Kunst

Immer wieder erscheinen Bilderbücher, die den eigenen Schaffensprozess reflektieren: Da sprechen Figuren mit der Illustratorin, oder sie warten im Buch, bis die Geschichte kommt. In Jens Rassmus’ erstmals 2011 herausgegebenem und jetzt überarbeitetem Bilderbuch erwachen nicht nur die gezeichneten Figuren zum Leben, sondern auch die Stifte. Ein Bleistift und ein rosa Stift betreten die Zeichnung eines schlafenden Kindes. Sie entdecken darin ein leeres Auto und fahren los durch die Kinderzeichnungslandschaft. Es geht über Wiesen und Hügel, vorbei an Tieren – bis ein Abgrund kommt. Kurzerhand springt Rosa hinüber und hinterlässt einen rosa Farbstiftbogen, auf dem das Auto weiterfahren kann.

Rassmus löst die Grenzen zunehmend auf zwischen seinem eigenen malerischen Stil und dem der Kinderzeichnung. Die Welten gehen auch auf der Erzählebene ineinander über: Plötzlich begegnen die Stifte dem Kind – der Urheberin der Zeichnung. Und dann kommt auch noch der strenge Radiergummi und will die Stifte bestrafen, weil sie die Zeichnung unrechtmässig betreten haben. Doch am Ende müssen alle zusammenhalten, als das «schreckliche Etwas» auftaucht. Es ist eine Monsterfigur, die offensichtlich das Kind gezeichnet hat. Wie gut, kann ein Radiergummi spitze Zähne einfach wegradieren und die rosa Farbe einen freundlichen Mund zeichnen!

In der zugleich spannenden und witzigen Geschichte überwinden die Figuren Probleme und Ängste durch Kreativität. Vor allem aber feiert Rassmus die Fantasie, und das Bilderbuch macht grosse Lust, die eigenen Stifte zu personifizieren und mit ihnen übers Zeichenpapier zu ziehen, um Abenteuer zu erleben.

Andrea Lüthi
Buch&Maus 2/25, S. 28

Das Wunder der Flunder
Daniela Leidig
Verlag: Kunstanstifter, Publiziert: 2025, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948743-45-1
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing | Identität/Individualität | Schule

Moritz fühlt sich wie die Flunder im Schulaquarium. Nur begrenzen ihn keine Glaswände, sondern gesellschaftliche Konventionen. Ständig sagen die Erwachsenen ihm, was richtig und falsch ist. Dabei hat er seine eigenen Vorstellungen: Im Ausmalbild malt er die Blumen über den Rand hinaus aus, weil sie zum Licht wachsen. Anstatt Fussball zu spielen, klettert er lieber auf einen Baum, und weil er von dort auf die kleine Schule und in den grossen Himmel schaut, schreibt er «Schule» klein und «blau» gross.

«Du malst immer noch beide Augen auf die eine Seite vom Kopf? Das machen doch nur Kindergartenkinder», sagt die Lehrerin zu Moritz, nachdem er die Flunder abgezeichnet hat. Da geschieht es: Die Augen der Flunder wandern auf eine Seite – so, wie Moritz es gezeichnet hat. Das ist biologisch korrekt, denn tatsächlich wandert bei der Flunder ein Auge im Laufe des Lebens auf die andere Seite. Die Geschichte lässt durchblicken: Was im ersten Moment offensichtlich und richtig scheint, ist manchmal ganz anders. Das Bilderbuch ermuntert, Regeln und Gewohnheiten zu hinterfragen und der eige­nen Fantasie zu folgen.

Diesen Freiheitsgedanken bringt Daniela Leidig auch in ihrem unbefangenen Stil zum Ausdruck. Innerhalb eines Bildes gibt es unterschiedliche Perspektiven und Zeitebenen. Ineinanderfliessende Aquarellfarben formen Landschaften mit transparenten Wasser- und Lichtstimmungen, die sich mit Kinderzeichnungen, wild-bunten Kritzeleien und mit Farbstift gezeichneten Figuren mischen. Collagenelemente unterstreichen deren Charakter: Nicht zufällig trägt die pedantische Lehrerin eine Bluse aus liniertem Papier mit korrigiertem Kinderaufsatz.

Andrea Lüthi
Buch&Maus 2/26, S. 27

Herrn Specht geht’s schlecht
Ragnar Aalbu
Aus dem Norwegischen von Katrin Frey.
Verlag: Kraus Verlag, Publiziert: 2025, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-9823493-6-7
Schlagwörter: Krankheit | Identität/Individualität | Gefühle

Schon der Titel verrät, wie sehr dieser tierische Held vermenschlicht ist, und dann erzählt er seine Geschichte sogar selbst. Um die eigene, aber auch andere Perspektiven und Gründe, warum jemand etwas wie sieht, geht es hier ganz zentral.

Am Anfang sitzt Herr Specht wegen Schwindel und Kopfweh beim Arzt. Dieser rät vom Klopfen und Fliegen in nächster Zeit dringend ab. Wie gut, dass Maulwurf, sein gerade aus Dänemark angereister Freund, ihn abholt. Denn bei Herrn Specht kommt erstmal Unmut auf: «Spechte müssen klopfen und fliegen.» Maulwurf versucht sich an klugen Ratschlägen, bleibt dabei aber ganz Maulwurf: Klopfen und Fliegen seien ohnehin out, Buddeln hingegen «schwer angesagt». Die beiden spielen alle Aspekte durch, jeder sagt das, was ihm – ganz unreflektiert – als Erstes einfällt und bleibt bei seiner Sicht. Das ist für beide völlig in Ordnung.

Die in kühlen Farben gehaltenen, grafischen Bilder zeigen im Vordergrund die Szene der Unterhaltung, während der Hintergrund den Inhalt des Gesprächs ausmalt und weiterspinnt. Schliesslich geht es um ein sehr relevantes Thema: Wie gehe ich damit um, wenn ich etwas, was ich richtig gut kann und gerne tue, nicht mehr machen darf? Herr Specht jedenfalls kommt weder mit Wut noch mit Ignoranz weit, denn er stürzt in einen Gulli, eine handfeste Gehirnerschütterung ist die Folge. Das letzte Bild zeigt ihn «ein paar Wochen später», wie er statt seines Schnabels eine Bohrmaschine nutzt, also eine Prothese, die so «fancy» ist, dass alle beeindruckt schauen. Es wird deutlich: Man braucht Zeit, aber auch bei einem Leben mit Einschränkungen finden sich immer gute Lösungen und Alternativen.

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/25, S. 27

Der Riese und die grossen Gefühle
Charlotte Bellière, Illustration: Ian De Haes
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2025, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-638-3
Schlagwörter: Gefühle

Ein grossformatiges Bilderbuch ohne Text – Autorin Charlotte Bellière hat dafür viel überlegt, geschrieben und sich mit Ehemann und Illustrator Ian De Haes jede Menge ausgedacht. Über zehn Bilderbücher hat das belgische Künstlerpaar schon gemeinsam geschaffen, und hier nun muss­te genau feststehen, was welcher Charakter auf jeder einzelnen Doppelseite erlebt und fühlt. Die Figuren lernt man allesamt auf dem Vorsatzpapier kennen: Jean-Luc auf dem Fahrrad, Familie Bonchic mit den beiden Kindern oder Karamell, den Hund. Deren beschauliches Leben bringt ein Riese komplett durcheinander.

Niemand konnte ahnen, dass der kleine, helle Hügel ein Riese ist, der sich durch die Erde hochkämpft und so einem Erdbeben gleich die Häuser der Stadt zerstört. Dementsprechend aufgewühlt sind die Bewohner:innen und durchleben gleich eine ganze Reihe unterschiedlicher Gefühle: Sorge, Furcht, Traurigkeit, Wut und zum Ende hin Liebe. Denn der weisse Riese hat das alles nicht mit Absicht gemacht und versucht, den Schaden wiedergutzumachen. Anschaulich wird auf je einer Doppelseite ein Gefühl fokussiert und illustriert. De Haes experimentiert mit verschiedenen Techniken und zeigt auch, dass Menschen ein und dieselbe Emotion durchaus unterschiedlich ausdrücken. Spannend wird sein, dies mit den Kindern gemeinsam genau anzuschauen und so auch über ihre Gefühle ins Gespräch zu kommen.
Erfreulicherweise sind nun einige Bilderbücher des Duos auf Deutsch erhältlich, denn der eigenwillige Strich und die charmante, leicht stilisierte Figurenzeichnung bereichern die Bilderbuchlandschaft. Auf weitere Übersetzungen darf man noch in diesem Jahr gespannt sein.

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/25, S. 26

Für dich hab ich Wörter bis zum Mond
Felicita Sala
Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs.
Verlag: Insel, Publiziert: 2025, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-458-64495-8
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Fantasie

Bla, bla, bla – so geht das den ganzen Tag: Ob auf der Strasse, im Supermarkt oder in der Küche am Handy – Papa ist ständig am Reden. Eine echte Quasselstrippe! «Was ist, wenn du mal keine Wörter mehr hast? Sind dann für mich noch welche übrig?», fragt ihn seine kleine Tochter beim Ins-Bett-Bringen. Alarmiert reisst der riesige Schnauzbartpapa die Augen auf – jetzt muss er sich etwas einfallen lassen!
Zum Glück ist er ein begnadeter Geschichtenerzähler, und so fabuliert er von der Wortfabrik der Elfen tief unter der Erde – das doppelseitige Wimmelbild zeigt sie in leuchtenden Farben und mit witzigen Details im Querschnitt: Gänge, Höhlen, Labore, Förderbänder, ein riesiger Destillierkolben und viel Gewusel. Da holt sich Papa dann die «Niemals-leer-Flasche» mit dem Endlosvorrat an Wörtern. Aber was, wenn er sich auf dem Rückweg im dunklen Wald verirrt? Dann klettert er auf den allerhöchsten Baum, um nach Hause zu finden. Und wenn ihn eine Rieseneule auf einen fernen Planeten verschleppt? Dann baut er sich eben eine Rakete! Und wenn die kaputtgeht? Entlang der unermüdlichen Fragen seines Töchterchens ersinnt der Vater eine wilde Odyssee samt Tauchgang, Schrumpfzauber und Piraten.
Parallel zu den Kinderzimmerszenen auf weissem Grund kreiert die italienische Illustratorin opulente Traumbilder: prallbunt, stimmungsvoll, mit lustigen Details und fantastischer Lichtdramaturgie. Jedes Bild ist ein Kunstwerk, das tief eintauchen lässt.Das Buch ist eine väterliche Liebeserklärung und eine Hommage an die Fantasie – und bietet viel Stoff für aufregende Träume.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/25, S. 26

Ein Zuhause für Michel und Angelo
Raphaël Kolly
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2025, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0906-7
Schlagwörter: Geschwister | Identität/Individualität

Die Brüder Michel und Angelo zieht es hinaus in die Welt. Doch die Vorstellungen der Brüder von ihrem zukünftigen Zuhause sind sehr unterschiedlich. Während Michel auf der grünen Wiese eine Nuss pflanzt und wartet, bis daraus ein Baum wird, in dem er wohnen kann, baut Angelo in einem felsigen Gebiet ein möglichst hohes, architektonisch visionäres Gebäude. Davon und wie die Brüder schliesslich doch wieder zusammenfinden, erzählt Kolly angenehm ruhig, besonnen und mit Raum für eigene Gedanken. Inspiriert wurde er von einer Art Schöpfungsmythos mit Vögeln. Darin leben die «Naturnahen» am Boden, während die «Sonnennahen» so hoch oben im Himmel wie möglich sein möchten.

Zwischen Michel und Angelo abwechselnd, mal in Panels, mal ganzseitig, füllen die Illustrationen die Geschichte aus. Ein Bilderbuch aus einer Hand, bei dem Text und Bild in einer guten Balance bleiben. Die Farben sind in sich stimmig und inspiriert von Fotos, Gemälden und «film stills», die Kolly sammelt. Allein schon die Architektur von Angelos Bau, der seine Vogelgestalt aufnimmt, ist eine Besonderheit. Sensibel, fast schon zärtlich fängt Kolly kleine, genau beobachtete Szenen ein: den wachsenden Nussbaum und Michel (beide mit Schlafmütze), sechs Freunde beim kreativen Spiel mit den ersten Blättern, Angelo allein beim Lesen im Kerzenlicht.

Dieses Gespür für Feinheiten kann der Schweizer Illustrator auch im grossen Finale ausspielen. Denn wir sehen ein Baumhaus besonderer Art auf dem Nussbaum, so geduldig von Michel erwartet und nun mit Liebe und Leben - und Angelo - gefüllt. Alle einzelnen Einrichtungsgegenstände zu finden oder sich ein eigenes Zuhause zu erträumen, wird vielen Kindern ein willkommener Zeitvertreib sein.

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/25, S. 26

Der süsseste Bruder der Welt und andere Irrtümer
Elin Lindell
Aus dem Schwedischen von Katharina Erben
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2025, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-313-5
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Geschwister

«Er hatte bestimmt Löckchen, ein Kussmündchen, speckige Babybeine, weiche Bäckchen und ein goldiges, kleines …». In der Gedankenblase lacht ein süsses Babygesicht. Aber nein, das Cover zeigt es schon: Ein 15-Jähriger mit dunklen Augenrändern und Klamotten und langen, strähnigen Haaren. Und der soll Danis «Bonusbruder» werden! Dies ist nur eine von vielen skurrilen Enttäuschungen, mit denen die heranwachsende Heldin auf ihrer Geschwistersuche konfrontiert wird. Dabei lässt dieses witzig und liebevoll gezeichnete Comic-Abenteuer auch Raum zum Nachdenken – über Identität, Familie und Freundschaft.

Dani geht in Schweden in die sechste Klasse und hegt einen schier verzweifelten Geschwisterwunsch – vielleicht, weil sie selbst im Reagenzglas gezeugt wurde? Die 13 Kapitel sind ratgebermässig betitelt und zeigen sehr lebendig, wie peinlich und absurd Dani viele Situationen empfindet. Als ihre Mutter vom neuen Freund erzählt und fragt: «Willst du wissen, wie wir uns kennengelernt haben, Björn und ich?», antwortet Dani: «Nein, danke», und muss es trotzdem hören. Dass Dani dann plötzlich erfährt, wie sie nach leiblichen Geschwistern suchen kann, hat dann wirklich Ratgeber-Charakter. Und es berührt. Denn da ist jemand, der sie unterstützt – und die Suche nach einem leiblichen Geschwister nicht mehr so dringlich macht.

Mit «Der süsseste Bruder der Welt … und andere Irrtürmer» hat Autorin und Illustratorin Elin Lindell eine tolle Geschichte übers Suchen-und-Finden der eigenen Rolle entwickelt. Sehr lesenswert – auch in der deutschen Übersetzung von Katharina Erben.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/25, S. 36

Dani hat einmal auf dem Handy ihrer Mutter in die falsche Richtung geswipet – und jetzt ist ihre Mutter doch tatsächlich mit diesem Softie Björn zusammen! Sowieso häufen sich die Missverständnisse in diesem herrlich komischen Comic: Ihren Klassenkameraden hält Dani für einen leiblichen Bruder und nur weil der Samenspender Däne war, braucht sie doch keinen Dänisch-Muttersprachenunterricht! Präpubertäre Irrungen und Wirrungen rund um Extrageschwister und biologische und andere Eltern mit viel Witz in Bild und Text erzählt.

Auf Papier eine Welt
Peter Bichsel, Illustration: Jeanette Besmer
Verlag: SJW, Publiziert: 2025, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0439-5
Schlagwörter: Alltag | Aussenseiter:in/Mobbing | Schweiz

Acht Geschichten von Peter Bichsel versammelt dieses SJW-Heft, um sie der jungen Generation zugänglich zu machen. Nur zwei Zeilen ist die kürzeste, rund vier Seiten die längsten, die aber alle Bichsels unvergleichlichen Blick auf die Menschen und ihren Alltag offenbaren. Die mal knalligen, mal skizzenhaften Illustrationen von Jeannette Besmer peppen die oft etwas lakonisch, mit feinem Witz geschilderten Erzählungen um allerlei Sonderlinge auf, deren Macken vielleicht kleingläubig sind, aber den Horizont von uns Leser:innen erweitern.

Das Herz von Kamp-Cornell
Susan Kreller
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2025, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58546-2
Schlagwörter: Generationen | Rätsel

Vier erwachsene Schwestern und ihre fünf jugendlichen Kinder ziehen nach langen Jahren ohne Kontakt ins Haus des greisen Grossvaters ins merkwürdige Städtchen Kamp-Cornell. Hier müssen sich diese ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten, die vieles voreinander verschweigen, zusammenraufen vor allem aber versuchen die Cousins und Cousinen, dem düsteren Geheimnis auf die Spur zu kommen, die über dem Haus zu wabern scheint. Ein anspruchsvoller Roman voller Geheimnisse und Anspielungen, Metaphern und literarischer Finessen, erzählt aus wechselnden Perspektiven.

Auch am Tag leuchten die Sterne
Hilde Myklebust
Aus dem Norwegischen von Meike Blatzheim
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2025, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58556-1
Schlagwörter: Abschied | Erwachsenwerden

Mia freut sich auf ihr Studium, neue Erfahrungen und den Beginn eines neuen Lebensabschnitts – weit weg von der kleinen norwegischen Insel, auf der sie aufgewachsen ist. Es ist eine Zeit des Aufbruchs und des Abschieds. In der Stadt fühlt sie sich schnell wohl, das neue Leben ist aufregend und leicht. Doch dann erkrankt ihr bester Freund aus Kindheitstagen schwer. Zwischen Studentenpartys und Krankenhausbesuchen gerät Mia aus dem Gleichgewicht – hin- und hergerissen zwischen Lebensfreude, Schuld und Schmerz. Ein feinfühliges, poetisches Jugendbuch über Aufbruch, erste Liebe und die Zerbrechlichkeit des Lebens.

Gross werden
Charles Berberian
Aus dem Französischen von Anja Kootz
Verlag: Aladin, Publiziert: 2025, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0241-5
Schlagwörter: Natur | Abschied

In seinen bestechenden Illustrationen lässt Charles Berberian die Bäume mit leichtem Pinsel zartfarben in den Himmel wachsen, mit präzisem Cartoon-Strich zeichnet er, wie ein Bub und seine Mutter durch diesen Wald gehen und über das Leben, das Dasein in Natur und Zeit reden, über Werden, Sein, Vergehen. Seite für Seite ein ästhetischer Genuss, zumal die Dialoge als Sprechblasen elegant in den Szenen schweben; stimmig in einer Schrift gesetzt, die laut Impressum für den Zeichner entworfen wurde. Alles perfekt?

Auch der Mutter geht es um «die perfekte Stelle». Sie will – ihre nicht verratene Absicht soll eine minimale Spannung geben – zur Erinnerung an den Grossvater einen Steckling einpflanzen. Deshalb der Ausflug voller Nachdenken. Doch wie Kleid und Gangart der Mutter zeigen, dass sie keine routinierte Waldgängerin ist, so hat das Gespräch auch eine Künstlichkeit. Vielleicht, dass Berberian mit seiner subtilen Inszenierung «Urbane im Wald» just eine Brechung einbringen will. Ein Detail bestätigt diese Lesart: Als die Mutter zum Schluss vom Wald als Familie der Bäume schwärmt, sagt der Bub: «Mama, jetzt hab ich Hunger!» Auch die Episoden von Kind, Hund und Vogel am Rand unterlaufen die kinderphilosophische Lektion.

Als Pariser Künstler, mit biografischen Strecken in Bagdad und Beirut, ist Berberian ein subtiler Zeichner französischen Alltags, nach dem Tod von Jean-Jacques Sempé vielleicht der Beste. Er mag seine Mitmenschen, hat aber ein Auge für ihre kleinen Schwächen. In diesem Kontext hat er ein raffiniertes Kammerspiel im Wald geschaffen. Ob es als Bilderbuch zum wiederholten Vorlesen taugt, darüber gehen die Meinungen allerdings auseinander.

Hans ten Doornkaat
Buch&Maus 2/25, S. 26

Comiczeichner Charles Berberian, bekannt für die «Monsieur Jean»-Comics mit Philippe Dupuy, kombiniert in seinem ersten, grossformatigen Bilderbuch Seiten mit Comic-Sequenzen in Schwarz-Weiss mit farbintensiven Waldpanoramen, die zum Innehalten einladen. Darin unternimmt ein Junge mit seiner Mutter einen Waldspaziergang, um einen Baum zu pflanzen – die Bäume werden zur Metapher für das menschliche Leben. Ein kleiner Hund und ein roter Vogel sind auf jedem Bild zu entdecken, ohne dass sie im einfühlsamen Dialog zwischen Mutter und Kind erwähnt werden.

Pia Pfefferminz zieht ein
Kairi Look, Illustration: Ulla Saar
Aus dem Estnischen von Maximilian Murmann
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2025, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978–3–95854–237–2
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Freundschaft | Humor/Komik

Pia ist ein aufgewecktes Vorschulmädchen. Eben ist sie umgezogen, und schon macht sie sich auf, ihre neue Umgebung und deren Bewohner:innen zu entdecken. In den 31 kurzen Geschichten lernen wir im Verlauf eines Jahres ihre ganze Familie und deren Eigenheiten, aber auch den gefrässigen Nachbarshund Baron und Kater Fussel kennen. Selbstredend, dass Pia mit Letzteren auch sprechen kann. Die Unbekümmertheit von Pia ist dabei genauso schön fassbar wie die Erwachsenen, die sich durch viel Menschlichkeit und Humor auszeichnen. Ein fröhliches Vorlesebuch für die ganze Familie.

Zu Hause ist es am schönsten, sagte die linke Hand und hielt sich an der Heizung fest
Navid Kermani, Illustration: Mehrdad Zaeri
Verlag: Hanser, Publiziert: 2025, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-28260-5
Schlagwörter: Humor/Komik | Körper | Streit/Konflikt

Alle sind sie begeistert – Kopf, Bauch, Beine, Füsse, Kehle und rechte Hand –, als der Ich-Erzähler, ein Schriftsteller, zu einer Reise nach Afrika aufbrechen will. Die Ohren freuen sich auf die Musik in Addis Abeba, die Nase auf die Gerüche auf dem Markt in Timbuktu, das Herz auf die Menschen überall. Nur die linke Hand streikt: Afrika werde überschätzt, und überhaupt sei es zu Hause viel schöner. Flugs klammert sie sich am Heizkörper fest, alles Zureden und Drohen bringt sie nicht mehr von dort los. Ein Klempner muss her, der Radiator wird abmontiert, im Taxi gehts samt Heizung an den Flughafen. Allein, dort beginnt das Drama von Neuem. Jetzt klammert sich die linke Hand an die Tür des Taxis. Es braucht schliesslich den Kopf und seine erlösende Idee, damit das Flugzeug endlich bestiegen werden kann.

Navid Kermanis aberwitzige Geschichte lebt von Situations- und Wortkomik und mantraartigen Wiederholungen, die grossen Vorlesespass versprechen, aber auch zur Wortschatzarbeit anregen. Sie erzählt von den Ängsten vor Aufbruch und Veränderung und der Lust auf das Reisen und Welterfahren. Mehrdad Zaeri stellt den Ich-Erzähler als dunkelhaarigen Mann mit Salvador-Dalì-Schnauz dar, wählt für jede Doppelseite eine andere Grundfarbe und illustriert das Geschehen flächig mit wenigen schattenartigen Details.

Aus dem wohligen Umfeld daheim nur ungern in die Ferien zu verreisen, ist eine Erfahrung, die nicht nur Kinder kennen. Dass die linke Hand ihren Widerstand gegen eine Reise ins Ungewisse erst aufgibt, als dafür eine Belohnung winkt, mag zwar pädagogisch nicht lupenrein sein, ist aber wirksam und eine vielen Eltern bekannte Geste.

Christine Tresch
Buch&Maus 2/25, S. 28

Eine Reise durch Afrika könnte ein sinnliches Erlebnis werden: Die Nase des Autors freut sich auf die frischen Kräuter, die Beine auf den Kilimandscharo, der Popo auf das Reiten auf Kamelrücken. Nur die linke Hand, die hat gar keine Lust und sabotiert alle Reisepläne. Der Autor wehrt sich wortwörtlich mit Hand und Füssen, Mund und Augen, die alle ihre eigene Stimme bekommen. Eine temporeiche, irrwitzige Vorlesegeschichte mit überraschenden Wendungen, passend comichaft überspitzt bebildert.

Fuchs und Hase
Sylvia Vanden Heede, Illustration: Thé Tjong-Khing
Verlag: Moritz, Publiziert: 2025, Seiten: 148, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-473-2
Schlagwörter: Freundschaft | Humor/Komik

Fuchs und Hase wohnen zusammen in einer Höhle im Wald. Der eine gemütlich und gefrässig, die andere flink und schlau. Die sympathische Gruppe wird komplettiert von Nachbar Eule und einem Ei, das überraschend zu einem Hahn heranwächst. Ein ganzes Jahr erleben wir mit den vieren, ihren skurillen Überlegungen und hin- und herwogenden Gefühlen. Der niederländische Kinderbuchklassiker mit seinen kurzen Episoden und einfachen Sätzen eignet sich sowohl zum Vorlesen im Kindergarten als auch zum Selbstlesen in der Unterstufe.

Selmas wundersame Abenteuer im Tapetenwald
Anu Stohner, Illustration: Dan Tavis
Verlag: Penguin Junior, Publiziert: 2025, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-328-30352-7
Schlagwörter: Abenteuer | Alltag | Fantasie | Tiere

Selma hat an in ihrem Zimmer eine neue Tapete mit Waldmotiven. Eine ganz besondere Tapete, denn Selma entdeckt, dass sie ganz einfach in den Tapetenwald hineingehen kann. Schnell freundet sie sich mit den Tieren an und erlebt in neun Kurzgeschichten herzerwärmende kleine Abenteuer, sei es auf der Suche nach den Apfeldieben oder beim Haselballspielen. Kleine Elemente wie ein Bonbonpapier schaffen immer wieder eine Verbindung zu ihrem Alltag. Die neun gefällig illustrierten Vorlesegeschichten runden Suchbilder für die kleinen Zuhörer:innen ab.

Schnitzel, der Fuchs
Sol Undurraga, Mujer Gallina
Aus dem Spanischen von Bettina Obrecht
Verlag: Kunstanstifter, Publiziert: 2025, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948743-43-7
Schlagwörter: Abenteuer | Mut/Selbstbewusstsein

Schnitzel ist ein ungewöhnlicher Fuchs: Statt Hasen jagt er lieber Wassermelonen, er liest Bücher und tanzt gern auf Partys. Als er vom Tal der Vegetarier hört, wo die besten Feste steigen sollen, macht er sich auf den Weg. Doch wird man ihn überhaupt willkommen heissen – als Fuchs? Nach einigen gescheiterten Plänen und einer gebratenen Wassermelone fasst er Mut und rudert zum Partyfloss. Und siehe da: Alle freuen sich, dass er da ist. Dieses schräg-witzige Bilderbuch begeistert mit kraftvollen Illustrationen und erzählt mit viel Herz von Mut, Zugehörigkeit und dem Wunsch, sich selbst sein zu dürfen.

Der Sommer mit Pepper
Beatrice Alemagna
Aus dem Italienischen von Beatrice Höck
Verlag: Aladin, Publiziert: 2025, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0242-2
Schlagwörter: Abschied | Freundschaft | Körper

Ein kleiner Unfall ist Ausgangspunkt dieser ungewöhnlichen Geschichte: Ein Mädchen stürzt und verletzt sich am Knie. Aus der Wunde entsteht eine Kruste. Zunächst sorgt sie für Schmerz und Sorge, doch schon bald entwickelt sich eine besondere Beziehung: Die Kruste bekommt einen Namen – Pepper – und wird zur Vertrauten, mit der das Mädchen Gedanken und Träume teilt. Als Pepper schliesslich wieder verschwindet, fällt der Abschied schwerer als erwartet. Mit feinem Gespür und etwas schrägem Humor erzählt die Autorin vom kindlichen Umgang mit Verlust. Ungewöhnliche Bildkompositionen und sanft leuchtende Farben machen das Bilderbuch zu einem besonderen Erlebnis.

Zu schnell für diese Welt
Martina Wildner, Illustration: Bea Davies
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2025, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75970-2
Schlagwörter: Sport | Freundschaft

Dennis kann weit werfen, Jay ist schnell wie der Blitz – eigentlich perfekte Voraussetzungen für die Leichtathletik. Doch Lust auf Training und Disziplin haben die beiden nicht – bis sie beim Sprayen erwischt werden und ein Trainer sie vor die Wahl stellt: Polizei oder Probetraining. «Zu schnell für diese Welt» ist ein intensiver, ehrlicher Roman über zwei Freunde, deren Leben kaum unterschiedlicher sein könnte. Kraftvoll und spannend erzählt er von Freundschaft, sozialer Ungleichheit, Wettkämpfen – und davon, wie man seinen Weg findet, auf der Bahn und im Leben.

Mein merkwürdig schöner Sommer mit Luna
Silke Schlichtmann, Illustration: Verena Körting
Verlag: Hanser, Publiziert: 2025, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-28257-5
Schlagwörter: Ferien | Freundschaft | Rätsel

Vorleselektüre für die Sommerferien – oder zur Vorfreude darauf – gesucht? Silke Schlichtmanns neuer Kinderroman bietet sich da an: Mit einer Jungen- und einer Mädchenfigur in abenteuerlicher Mission ist sowohl für Identifikationspotenzial als auch für Spannung gesorgt. Die vorlesenden Erwachsenen kommen dank Nordsee-Lokalkolorit sowie Seitenhieben auf Sorgen und Nöte von gestressten Eltern auf ihre Kosten – und Grosse und Kleine werden den Humor und die sympathischen, entwicklungsfähigen Charaktere schätzen. Dazu kommen viele Schwarz-Weiss-Illustrationen von Verena Körting.

Doch von Anfang an: Erzähler ist der elfjährige Skat, der zwar schon mal den «Ich pack in meinen Koffer»-Wettbewerb gewonnen hat, doch nun eher nicht fürs Kofferpacken zu begeistern ist. Denn statt mit der ganzen Familie soll er nur mit seinem Vater und dem kleinen Bruder Stig nach Cuxhaven in die Sommerferien fahren. Zu allem Übel hat ihn der Vater beim Kitesurf-Camp angemeldet, wo Skat gar nicht hin will. Im Zug aber trifft er auf Luna: Die lockenköpfige Gleichaltrige starrt mit verbissener Miene auf ein altes Foto. Eben hat sie erfahren, dass ihr Vater nicht ihr biologischer Vater ist – und macht sich jetzt in Cuxhaven auf die Suche nach dem Mann mit Lockenkopf auf dem Bild. Dabei soll ihr Skat helfen. Und so lässt Skat den Kurs sausen und düst stattdessen mit Luna durch die Stadt: von den Strandkörben zu einer Arztpraxis und zum Ringelnatz-Museum führen die Hinweise. Doch wie so oft findet die eigentliche Suche im Innern statt: Was ist eigentlich ein Vater? Und wer bin ich selbst? So finden beide Kinder am Ende Antworten und die Familien wieder zueinander.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/25, S. 30

Skat hat wenig Lust auf Strandferien: Die Mutter kann nicht mitfahren, und der Vater will ihn mit einem Kitesurf-Kurs zu seinem Glück zwingen. Doch alles kommt anders, denn Skat lernt Luna kennen, die ihren richtigen Vater suchen will. Einziger Anhaltspunkt: Ein altes Foto am Strand von Cuxhaven. Skat lässt den Kurs sausen und begibt sich mit Luna auf eine abenteuerliche Suche entlang von Hinweisen quer durch die Stadt. Eine Sommergeschichte mit Meeresbrise, in denen zwei Kinder erfahren, was Familie bedeutet und wie man sich für seine Bedürfnisse einsetzt.

Knäckebrothelden
Judith Allert
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2025, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55844-2
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Tod/Trauer | Abenteuer

oder: Wie man seine Familie rettet

Nach dem Tod von Samys Opa läuft in der Familie nichts mehr rund. Dann taucht plötzlich ein Zettel mit Opas letztem Wunsch auf: eine Reise ans Meer. Mitsamt Opas Asche in der Knäckebrotdose macht sich die Familie auf den Weg, um diesen Wunsch zu erfüllen. Es beginnt ein chaotischer Roadtrip voller Pannen, verrückter Situationen und berührender Momente. «Knäckebrothelden» erzählt warmherzig und mit viel Humor von Verlust, Zusammenhalt und dem Mut, sich seinen Gefühlen zu stellen. Eine leicht zu lesende und tröstliche Abenteuergeschichte über eine Familie, die auch in schwierigen Zeiten zusammenhält.

Kaleio
Herausgeber:in: Marta Kosińska, Laura Simon, Martina Polek
Verlag: Genossenschaft Kaleio, Publiziert: 2025, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 2673-6837
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Sport

Bereit? Los!

Wie sieht ein Boxtraining für Mädchen aus? Was passiert im Körper, wenn die Muskeln wachsen? Warum gehen viele Mädchen nicht gerne in den Schulsportunterricht? Ausgabe 27 des Kaleio-Magazins für Mädchen nimmt das Thema Sport in den Fokus. Mit Reportagen, Informationen, Spielen und Denkanregungen – und einem Interview mit der Fussballerin Lia Wälti.

FC Stinkesocke
Oliver Schlick, Illustration: Julia Christians
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2025, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7641-5260-4
Schlagwörter: Sport | Geschlechterbilder

Glücksbringer wäscht man nicht

Emil ist traurig: Die D-Jugend seines FC Stokkesinke soll wegen zu wenigen Spielern eingestellt werden. Und auch wenn der Verein von den Gegner:innen gerne als Stinkesocken verspottet wird: Anderswo spielen kommt nicht in Frage. Aber was, wenn die Mädchen mitmachen? Als «mixed team» kann das Juniorenteam zeigen, was es draufhat – aber davon muss es erst den skeptischen Vereinsvorstand überzeugen. Das Fussballbuch punktet mit herrlich schrägen Charakteren, spannenden Match-Schilderungen, farbigen Illustrationen – und einer Portion Stinkesocken-Magie …

Lia am Ball
Lia Wälti, Meret Wälti, Illustration: Mireille Lachausse
Verlag: Genossenschaft Kaleio, Publiziert: 2025, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-9525835-2-4
Schlagwörter: Sport | Geschlechterbilder

Das Fussballmärchen ihres Lebens

Vom Kicken im Garten über die Fussballschule mit harter Disziplin bis zur Kapitänin der Frauen-Nati: Lia Wälti erzählt mit ihrer Schwester in diesem Kinderbuch anschaulich und lebensnah ihre Geschichte – von Teamgeist und Freundschaft, Training und Spielfreude, Entbehrungen und Erfolgen. Die gestrickte Decke des geliebten Grosis begleitet das Mädchen dabei, zieht sich als roter Faden durch die Geschichte und gibt Lia in schwierigen Situationen Mut und Selbstvertrauen.

Fussballchampions 06
Martin Helg, Illustration: Marisa Nussbaumer
Verlag: SJW, Publiziert: 2025, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0438-8
Schlagwörter: Sport | Geschlechterbilder

Lia Wälti, Coumba Sow, Alisha Lehmann

Der sechste Band der Reihe «Fussballchampions» fokussiert erstmals ganz auf Fussballerinnen. Drei süffig zu lesende Reportagen inklusive Steckbriefe schildern den Werdegang der drei Nati-Spielerinnen Lia Wälti, Coumba Sow und Alisha Lehmann und bieten viel Infos über ihre Vorbilder, Herausforderungen und Stärken auf und neben dem Platz. «Leidenschaft, Verantwortung und Ringen um Anerkennung», der Titel des Vorworts von Lara Dickenmann, wirkt dabei als Leitmotiv für alle drei Porträts, die stellvertretend für die Entwicklung des Schweizer Frauenfussballs stehen.

Fussball
Marcel Rohner
Verlag: SJW, Publiziert: 2025, Seiten: 52, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0460-9
Schlagwörter: Sport | Anleitung | Geschlechterbilder

Regeln, Tipps und Tricks

In der neu überarbeiteten Ausgabe dieses SJW-Heftes werden Geschichte, Regeln und Spieltechnik des Fussballs nachvollziehbar geschildert und dabei in Sprache und Bildern ganz selbstverständlich Frauen und Männer dargestellt. Wie ein Ball gestoppt wird oder eine Grätsche gelingt, wird im Kapitel «Tipps und Tricks» erläutert. Ein Heft, das Lust macht, sich gleich selbst als Fussballerin zu versuchen. Mit einem Vorwort von Murat Yakin.

Lily links aussen
Eve Ainsworth, Illustration: Luna Valentine
Aus dem Englischen von Julia Süssbrich
Verlag: Gulliver, Publiziert: 2025, Seiten: 78, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82456-1
Schlagwörter: Sport | Geschlechterbilder

Als Lily, die an der neuen Schule oft allein war, vom Sportlehrer ins Fussballteam geholt wird, blüht sie auf. Hier kann sie etwas beitragen! Doch nicht alle im Team verhalten sich fair. Als Lily sich für eine Mitspielerin einsetzt, wird sie vermeintlich gemobbt – aber ist das wirklich so? Die Geschichte ist in einer leicht verständlichen Sprache geschrieben und geradlinig erzählt. Das macht das Buch zugänglich für leseungeübte Kinder und Jugendliche.

Schwimmbad
Eilika Mühlenberg
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2025, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6273-5
Schlagwörter: Alltag | Historisches | Sport

Öffnen wir dieses Sachbilderbuch, betreten wir eine ganz eigene Welt, die vielen Kindern wohlbekannt ist. Die erste Doppelseite führt uns in den Eingang des Hallenbades. Freudig gespannt stehen hier Lino, Tomi und ihr Papa in der Schlange vor der Kasse. Einmal blättern, und wir lesen an einem Wegweiser viele Wörter rund ums Thema Schwimmbad, die auf die Inhalte des Buches verweisen: «Schwimmer» und «Nichtschwimmer», «Bademode», «Sauna», «Sprungturm» und «Imbiss» … Verheissungsvolle Wörter, die nach Plantschen und fröhlichem Lärm klingen, nach Chlor oder Sonnencrème riechen, Nervenkitzel und womöglich Muffensausen hervorrufen.

Eilika Mühlenberg hat den Kosmos «Schwimmbad» in diesem Sachbilderbuch in einer beeindruckenden Fülle und Vollständigkeit festgehalten – bis zum Haareföhnen vor der Heimkehr. In Begleitung des Vaters mit seinen zwei Jungs, von denen der Kleinere sich nach und nach von ersten Schwimmversuchen überzeugen lässt, handelt sie auf jeder Doppelseite ein neues Thema ab. In flächigen, farbkräftigen Bildern, kombiniert mit Collagentechnik, geht es um Schwimmstile oder Sicherheit, historische Bademode oder Abenteuerbäder, technische Anlagen oder Wassersport. Ja, sogar eine Anleitung zum Malen von «Schwimmbadkunst» findet sich hier – tatsächlich lädt dieses Buch als Sammelsurium zum eigenen Kreativwerden ein. Text ist nur ganz sparsam vorhanden: als Schatz von «Schwimmbad-Wörtern», einzelne Dialoge in Sprechblasen zwischen den Figuren und wenige erklärende Sätze, wo die Bilder nicht ausreichen. Ein Buch zum vorfreudigen Stöbern für alle Wasserratten und als ideale Einstimmung für jene, die dem Element Wasser noch zögerlich gegenüberstehen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/25, S. 40

Vom Anstehen an der Schwimmbadkasse bis zum Haareföhnen vor der Heimkehr nimmt dieses Sachbilderbuch das Hallenbad in allen Facetten unter die Lupe: Die Doppelseiten, die als Collagen gestaltet sind und auf viel Bild und wenig Text setzen, widmen sich Themen wie Wasserrutschen oder Schwimmsportarten, Schwimmkursen und Badebekleidung, Schwimmen mit Behinderung oder zu früheren Zeiten. Das erstaunliche Sammelsurium zu einem Sehnsuchtsort vieler Kinder lässt keine Fragen offen und lädt zum Blättern und Entdecken ein.

Engel der letzten Nacht
Nils Mohl
Verlag: Rotfuchs, Publiziert: 2025, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7571-0192-3
Schlagwörter: Identität/Individualität | Abschied

Der 17-jährige Kester hat gerade als Jahrgangsbester sein Abitur gemacht. Während der Rest seiner Klasse den Schulabschluss auf einem Campingplatz feiert, will Kester die Nacht der Nächte erleben – eine Nacht, die aus seiner Sicht nur die letzte Nacht sein kann. So plant er, sich nach der ultimativen Feier das Leben zu nehmen. Auf seinem nächtlichen Streifzug durch Hamburg begegnet Kester einer Reihe von Figuren, die seinen Plan ins Wanken bringen. Denn um sich so richtig verlieren zu können, muss man sich ja erst einmal finden. Kesters Suche nach dem totalen Rausch wird eine Suche nach dem eigenen Ich, welches sich für ihn in letzter Zeit leer und verwirrt angefühlt hat.

Nils Mohl erzählt Kesters Geschichte anachronistisch, mehrmals wird die Erzählung durch den Hinweis «Also noch mal von vorn …» unterbrochen, und eine neue Version von Kesters letzter Nacht beginnt. Ob die «Volksfest-Version», die «Räuberpistolen-Version» oder «Blankas Version»: Jede Neuerzählung liefert in Rückblenden und Vorausdeutungen Puzzleteile, die sich nach und nach zusammenfügen. Der Erzählstil spiegelt Kesters Erleben in dieser Nacht, denn stets kommt es ihm vor, als hätte er die Personen, die er kennenlernt, schon einmal getroffen. «Déjà-vu» – das seltsame Gefühl, einen Moment schon einmal erlebt zu haben –, dieses Gefühl spüren auch die Leser:innen, wenn der Autor in der Geschichte vor- und zurückspringt und eine Montage bildet aus Szenen, Motiven und Figuren, die zunächst angedeutet und später wieder aufgenommen werden. Kunstvoll aufgebaut stellt dieser Jugendroman eine sensible Erkundung dar, die trotz der Schwere des Themas voller Hoffnung und lebensbejahender Kraft ist.

Sarah Eggel
Buch&Maus 1/25, S. 39

Death in Brachstedt
Tobias Wagner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2025, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75995-5
Schlagwörter: Freundschaft | Krankheit | Ferien | Intertextualität

Das metallisch-bunte Buchcover ist einem Stück Zelluloidstreifen mit Perforationslöchern nachempfunden. Auch der reisserisch anmutende Titel in fetten Grossbuchstaben lässt ans Kino denken. Tatsächlich beginnt Tobias Wagners Jugendroman mit einer filmischen Standardsituation. Der fünfzehnjährige Leo entdeckt mit wachsender Panik, dass sein Vater verschwunden ist. Die Wohnungstür steht offen, der Fernseher läuft, von Leos Vater fehlt jede Spur. Doch schnell wird klar, dass hier kein Thriller erzählt wird. Der anfängliche Schreck weicht einer schicksalhaften Familiengeschichte. Leos demenzkranker Vater ist bereits bei seiner Schwester aufgetaucht, die ihn vorerst bei sich aufnimmt. In der bevorstehenden Ferienwoche kann Leo tun und lassen, was er will. «So ähnlich musste sich Maik Klingenberg gefühlt haben», sinniert er. Oder die Jungs in seinem Lieblingsfilm «Stand by Me».

Ablenkung und Halt findet Leo bei seinem cinephilen Schulfreund Henri, dessen wohlhabende Eltern Anfang der 1990er-Jahre von Sarajevo nach Deutschland gekommen waren. Der exaltierte Henri wirkt wie ein Pendant zu Wolfgang Herrndorfs Prekariatsrussen Tschick – und auch er hat sofort grandiose Pläne, was die beiden Freunde bis Ostern anstellen könnten. Sie werden einen genialen Horrorfilm drehen und in Leos Wohnung eine wilde Klassenparty samt Filmpremiere feiern. Leo lässt sich zwar mitreissen, aber seine Gedanken und Gefühle pendeln zwischen Sorgen um seinen Vater und der Hoffnung, dass auch seine Mitschülerin Maja zur Party kommt.

Tobias Wagner gelingt mit seinem eindrücklichen und in lockerem Ton erzählten Romandebüt eine spielerische Balance zwischen Familiendrama, Spannung und anspielungsreicher Heiterkeit.

Daniel Ammann
Buch&Maus 1/25, S. 39

Frei
Sarah Welk
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2025, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8458-5754-1
Schlagwörter: Abenteuer | Erwachsenwerden | Freundschaft

Bester Sommer

Der 14-jährige Joshua hat schon in Berlin, Neapel und Hamburg gelebt. Und jetzt zieht es seine Mutter, eine erfolgreiche Künstlerin, auf ihrer Suche nach Inspiration ausgerechnet nach Rottloch. Ein kleines Kaff, wo das Schnitzelbuffet im Gasthof die grösste Attraktion ist. Hier soll Joshua also wieder einmal in einer neuen Schule anfangen. Diese entpuppt sich aber als sehr innovativ und überrascht gleich mit einem Projekt: In Kleingruppen werden die Schüler:innen auf eine mehrtägige Wanderung durch ein grosses Waldgebiet geschickt. Joshua wird in eine Gruppe gesteckt mit Grossmaul Nico, Musterschülerin Nasrin, Gasthoftochter Nina, auf die er schon ein Auge geworfen hat, und Koray, der ebenfalls neu in Rottloch ist.

Die Zutaten des Jugendromans sind nicht ungewöhnlich, versprechen aber Spannung: Fünf zusammengewürfelte Jugendliche und die Dynamiken zwischen ihnen, viele Kilometer in zu schlechten Schuhen, ein unheimlicher Mann im Wald – und dann zieht noch ein Gewitter auf und einer der fünf ist auf einmal verschwunden … Die ehemalige Redaktorin der ARD-«Tagesschau», Sarah Welk, kocht daraus gekonnt ein schmackhaftes Süppchen. Mit authentischen Stimmen, viel Dialog, Spannung und interessanten Charakteren, die auch zu Entwicklung fähig sind, gelingt es ihr, dass man den Ich-Erzähler gerne bei diesem Abenteuer begleitet und sich das Buch auch in der Sekundarschule gut vorstellen kann.

Im Laufe der Handlung werden die fünf Jugendlichen zu guten Bekannten. Doch all ihre Geheimnisse erfährt man nicht. Der nächste Band der Reihe, der im Herbst erscheinen soll, ist dann aus Nasrins Sicht erzählt, in Band drei wird Koray berichten.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/25, S. 39

Schon wieder muss Joshua umziehen. Diesmal landet er in Rottloch, einem Dorf, in dem nichts los ist. Doch die neue Schule hat es in sich: Für ein Projekt werden die Jugendlichen in Kleingruppen auf eine mehrtägige Wanderung durch den Wald geschickt. Mit kecken Dialogen, solidem Spannungsaufbau und interessanten Figurenzeichnungen erzählt der Roman aus Joshuas Sicht von einem packenden Abenteuer, in dem fünf Jugendliche sich von neuen Seiten kennenlernen. Das Buch ist der Start einer Reihe, bei der bei jedem Band die Erzählstimme wechselt.

The Last Bookstore on Earth
Lily Braun-Arnold
Aus dem Englischen von Mareike Weber.
Verlag: Rotfuchs, Publiziert: 2025, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7571-0196-1
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Zukunft | Diversität

In einer postapokalyptischen Welt lebt die siebzehnjährige Liz als einzige Überlebende ihrer Familie in einem Buchladen. Das Gebäude hat den zerstörerischen sauren Regen des Sturms nicht unbeschadet überstanden, aber die Bücher bieten Schutz und die Geschichten Trost. Ohne Elektrizität und ohne Internet, haben die Bücher besonderen Wert: Menschen bringen Liz im Tausch gegen Bücher Lebensmittel, hinterlassen Nachrichten für ihre Lieben und hoffen, selbst welche zu finden. Alles scheint gut, bis Maeve auftaucht, die Liz drängt, den Laden zu verlassen. Ein weiterer Sturm ist angekündigt, das Gebäude zu instabil, um länger Schutz zu bieten. Doch Liz ist zu traumatisiert, zu paralysiert, um der körperlich fitteren und sehr tatkräftigen Maeve zu folgen. Kann sie trotzdem überleben, noch dazu, wo sie von Maeves Überlebensgruppe überfallen und bedroht wird?

Lily Braun-Arnold baut eine sehr starke dystopische Welt auf, die Lesende sofort in ihren Bann zieht. Leider gelingt es ihr nicht, diesen Rahmen aufrechtzuerhalten. Der Buchladen als Geschichtenbollwerk und Nachrichtenzentrale verliert ab der Mitte der Geschichte seine Bedeutung, als die Liebesgeschichte zwischen Liz und Maeve in den Vordergrund rückt. Es ist unklar, warum Liz den Laden verlassen soll, während Maeves Truppe alles versucht, um ausgerechnet hier Schutz zu finden. Alles gipfelt in einen blutigen Showdown, über den der zweite Sturm hereinbricht, dessen Regen Bücher und Menschenhaut zerfrisst. Spannend geschrieben, ja, die Liebesgeschichte der Mädchen unaufdringlich und schön, als Dystopie jedoch voller loser Fäden und Brüche. Je nachdem, was man in dem Buch zu finden hofft, wird man den Roman lieben – oder enttäuscht sein.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/25, S. 38

Keiner bleibt zurück
Michèle Minelli
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2025, Seiten: 223, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-6002-4
Schlagwörter: Schule | Erwachsenwerden

Mit «Keiner bleibt zurück» ist beim Wiener Jungbrunnen-Verlag schon der dritte Jugendroman der Zürcher Autorin Michèle
Minelli erschienen. Mit vielen Bezügen auf das Schweizer Schulsystem berichtet er von einer Sekundarschulklasse in der Berufswahlphase. Finn, Blerta, Dennis und wie sie alle heissen nehmen uns je aus ihrer Sicht in einem Reigen mit durch diese Zeit der Unsicherheit, Entscheidungen, familiärer und persönlicher Achterbahnfahrten. Auch der Lehrer, Valdet Berisha, kommt zu Wort. Dazwischen, auch als Motivation für die Schreiblust der jugendlichen Erzähler:innen, stehen kurze Stücke aus Kreativ-Schreiben-Ateliers der Klasse.

«Keiner bleibt zurück» – das ist Lehrer Berisha wichtig. Darum lässt er seine erste Sekundarklasse nachts im Moor über Äste und Baumstümpfe einen Weiher überqueren, sie spuren einander vor, halten sich aneinander fest, nehmen Rücksicht. Doch die Solidarität bröckelt über die Jahre. Lehrstellen werden gefunden oder gar nicht erst gesucht, elterliche Erwartungen erdrücken die Jugendlichen, Familienfassaden fallen, ein Stiefel trifft einen Kopf, und ein Lehrer zieht seine Kündigung im letzten Moment zurück.

Wie herausfordernd es für Teenager ist, sich damit auseinanderzusetzen, wo ihre Stärken liegen und wie sie ihre Zukunft gestalten wollen, arbeitet der Roman eindrücklich heraus. Die Einzelschicksale verweben sich dabei mit dem Wohlergehen der Klasse. Als Lektüre für die Sekundarstufe ist der Roman insgesamt leider etwas zu lang geraten. Etwas mehr Raffung und Handlung hätten ihm stellenweise gutgetan, um tatsächlich die Leser:innen zu erreichen, deren Lebenswelt geschildert wird. Eine auszugsweise Verwendung im Unterricht ist jedoch gut vorstellbar und sicher gewinnbringend.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/25, S. 38

Was geschieht in drei Jahren Sekundarschule? Welche Herausforderungen bringt die Berufswahlphase mit sich? Was für Entwicklungen sind möglich? In diesem Roman begleiten wir eine Klasse durch diese Zeit: einen engagierten Lehrer, der beinahe seine Freude verliert, und ganz unterschiedliche Jugendliche, die persönliche Krisen durchleben, ihre Identität suchen, Konflikte austragen und sich zusammenraufen. Ein mehrstimmiger Roman, dessen Kapitel sich gut auch einzeln lesen lassen.

I wie immer ich
Judith Mohr
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2025, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-2904-7
Schlagwörter: Behinderung | Freundschaft | Familie/Familienformen | Erwachsenwerden | Streit/Konflikt

«Ä wie Ärger» lautet die Überschrift des ersten Kapitels, und den hat der 14-jährige Ich-Erzähler Lennox, weil er nach einer Dummheit zur Beweisaufnahme auf der Polizeiwache gelandet ist und die Reaktion seiner Eltern fürchtet. Der gut aufgebaute Anfang, bei dem man erst nach ein paar Seiten erfährt, was dieser Lennox genau angestellt hat, zieht die Lesenden schnell in die Handlung. Im Grunde wollte Lennox mit seiner ‹Dummheit› seinen Frust über seine mittelmässigen statt sehr guten Noten respektive über den Frust seiner Eltern deswegen loswerden (der Roman schildert durchgehend nachvollziehbar, wie sehr wohlmeinende Eltern Teenagern auf die Nerven gehen können). Lennox’ Eltern sehen ihn nun auf der schiefen Bahn.

Während der Rest der Familie nach Sardinien fährt, wohnt er bei Tante Mieke, um Sozial- und Nachhilfestunden abzuarbeiten. Mieke ist dabei als Lehrerin die «Geheimwaffe» gegen elterliche Pedanterie und begegnet ihm mit Verständnis statt mit Kontrolle. Da ihm die Eltern zudem ein Sozialprojekt aufgebrummt haben, besteht seine Hauptbeschäftigung darin, die zwei Jahre ältere Grit zu begleiten: Sie möchte beweisen, dass sie sich mit dem Rollstuhl selbstständig in einer Stadt bewegen kann. Schnell bringt sie ihm bei, dass ungewollte Hilfe eher eine Behinderung ist, doch lernen beide aneinander, dass man manchmal Hilfe annehmen muss. Die beiden arbeiten ein Alphabet von Orten in der Stadt ab, woraus ein Blogprojekt entsteht. Damit betont der Roman auch, wie motivierend es sein kann, sich auf Neues einzulassen. «I wie immer ich» ist eine mitreissende Freundschafts- und Familiengeschichte, in der alle Figuren lernen, dass Herausforderungen mit respektvoller gegenseitiger Unterstützung leichter zu bewältigen sind.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 1/25, S. 38

Weil der 14-jährige Ich-Erzähler Lennox wegen einer Dummheit auf der Polizeiwache gelandet ist, streichen seine Eltern die Herbstferien auf Sardinien. Stattdessen brummen sie ihm Sozialdienst auf. Zwei Wochen lang muss er Grit begleiten, die ihren Eltern beweisen will, wie selbstständig sie trotz Rollstuhl ist. Zuerst wenig begeistert voneinander, entdecken Lennox und Grit mit der Zeit neue Talente und lernen, dass man manchmal Hilfe annehmen muss. Die mitreissend geschilderte Freundschafts- und Familiengeschichte schliesst auch Lennoxʼ Eltern in den Lernprozess mit ein und eignet sich als Klassenlektüre und Vorlesebuch für die Oberstufe.

Louder Than Hunger
John Schu
Aus dem Englischen von Maren Illinger.
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2025, Seiten: 528, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-4397-8
Schlagwörter: Sucht | Geschlechterbilder

In den letzten Jahren sind einige Jugendromane über Protagonistinnen, die an Essstörungen leiden, erschienen. Bücher, die explizit männliche Protagonisten ins Zentrum stellen, sind deutlich seltener, sodass John Schus «Louder Than Hunger» besondere Beachtung verdient. Protagonist Jack ist an Magersucht erkrankt, was ihn schliesslich in eine Klinik für suchtkranke Jugendliche führt. Zunächst hört er auf die Stimme in seinem Kopf, die ihn anstiftet, jede Hilfe abzulehnen. Im Lauf der Zeit führen jedoch Begegnungen mit anderen Menschen und einschneidende Ereignisse, wie der Tod seiner Grossmutter, dazu, dass Jack Unterstützung annehmen kann. Es ist vor allem der unerschütterliche Glaube der Grossmutter an ihn, der die Leser:innen in Schus anteilig autobiografischem Werk berührt und, zusammen mit der Ich-Perspektive, den Ernst der Lage veranschaulicht.

Herausragend ist die grafische Gestaltung, die Jacks Gedanken über das reine Schriftbild hinaus visualisieren: Worte, die Jack nur mühsam denken und aussprechen kann, werden immer grösser, bis sich ein Wort über mehrere Seiten erstreckt; grosse Leerräume verbildlichen Pausen; stellenweise erinnert die Anordnung an Haikus. All das verdeutlicht Auslöser – in Jacks Fall Mobbing in der Schule – und Auswirkungen der Krankheit. Begleiterkrankungen wie Depression, Zwangsstörungen oder Osteoporose finden ebenso Eingang in den Text wie typische Krankheitsmerkmale von Anorexie. Aus dieser Sucht finden Betroffene oft nicht ohne die Unterstützung anderer heraus. Genau das lässt Schu seinen Protagonisten in einem Satz formulieren, mit dem er am Ende einem Therapeuten dankt: «Danke, dass du an mich geglaubt hast, als ich es nicht konnte!»

Sabine Planka
Buch&Maus 1/25, S. 37

Fräulein Florentines Gespür für Mord
Alexandra Fischer-Hunold
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2025, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7641-7143-8
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Ein getöteter Bräutigam, unglücklich Verliebte, ein wieder aufgetauchter Verschollener, goldene Uhren, ein mysteriöser Orden, eine schwarze Kutsche, jede Menge Geheimnisse und mittendrin die 17-jährige Florentine Falkenberg. Obwohl sie eine Tochter aus gutem Hause ist, gibt sie sich nicht mit dem Status quo und den damit einhergehenden Einschränkungen zufrieden, die für Frauen im 19. Jahrhundert in Berlin herrschten. Sie ist an Medizin interessiert und schleicht sich als Junge verkleidet heimlich in die Vorlesungen an der Charité. Ihr Mitgefühl, ihre Neugier und ihre Ambition werden geweckt, als an einer Hochzeit der Bräutigam mit einem Tortenmesser erstochen vor ihr liegt. Natürlich beschliesst Florentine, den Fall zu lösen, denn der Getötete hat ihr mit letzter Kraft einen ersten rätselhaften Hinweis zugeflüstert: «Folge den drei Schwestern!» Gemeinsam mit dem Dienstmädchen Elise beginnt Florentines Suche nach dem Mörder. Der Druck, die schuldige Person zu finden steigt, als ihr Bruder in Verdacht gerät.

Aus der Perspektive von Flo wird die klassische Whodunit-Detektivgeschichte aufgefrischt. Zusammen mit der witzigen und nahbaren Hauptfigur tauchen die Lesenden in die Zeit und den Fall ein, verfolgen Verdächtige im Dunkeln und nehmen an schicken Soirées teil. Nicht zuletzt kämpft Florentine sowohl gegen patriarchale als auch klassistische Ungerechtigkeiten an. Wer wer ist, kann zu Beginn verwirrend sein, doch hilft hier das Personenregister am Anfang.

Alexandra Fischer-Hunolds neuester Krimi ist ein gut ausgedachter, unterhaltsamer Mordfall in einem historisch inspirierten Erzählraum, der den Charakteren und ihren persönlichen Geschichten viel Raum lässt.

Isabelle Schmid
Buch&Maus 1/25, S. 37

Die schlechteste Idee in der Geschichte der schlechten Ideen
Herman van de Wijdeven
Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann.
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2025, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-227-3

«Tschäng». Mit voller Wucht fällt das eiserne Schultor ins Schloss. Heute braucht Bent Krawall – ungewöhnlich für den reflektierten, etwas unsicheren elfjährigen Ich-Erzähler. Aber «heute ist alles anders». Bents freier Fall beginnt, vorbei an Orten voller Erinnerungen der letzten vier Monate, wütend und ohne klaren Gedanken, mündet aber in einen mutigen Entschluss. Und so endet sein Fall schliesslich – in den Armen von Juris Mutter. Mit Juri hat Bent zuvor Sommerferien voller Abenteuer verbracht, in denen sie sich zwar gegenseitig provozierten, aber loyal zueinander blieben. Als nach den Ferien Finn neu in die Klasse kommt, wendet sich Juri diesem zu. Als Bent glaubt, Juri habe Finn sein grösstes Geheimnis verraten, fordert er Juri zu einer halsbrecherischen Mutprobe heraus.

In seiner spannungsgeladenen Dreiecksgeschichte unter Jungen an der Schwelle zur Pubertät findet Herman van de Wijdeven eine stimmige Balance zwischen unaufgeregten und differenzierten Darstellungen von Bents Innenleben und einer zügig voranschreitenden Handlung mit durchaus konventionellen Motiven. Durch wenige Worten und Ges-ten verleiht er seinen Figuren Konturen und Tiefe; dies gilt ebenso für die komplexen Beziehungen unter den Charakteren. Besonders stark in ihrer Echtheit sind die Dialoge. Kapitelweise wechseln die Zeitebenen kontinuierlich zwischen dem Heute und früheren Zeitpunkten. Dies stellt relativ hohe Ansprüche an die Leser:innen, entwickelt aber insbesondere im zweiten Teil einen enormen Sog und bietet, nebst den raffiniert und sensibel verhandelten Fragen nach Freundschaft, Verrat, Mut, Eifersucht und Schuld, viel Potenzial für literarisches Lernen.

Stefan Schröter
Buch&Maus 1/25, S. 36

Die Bibliothek der verborgenen Erinnerungen
Kekla Magoon
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn.
Verlag: dtv Reihe Hanser, Publiziert: 2025, Seiten: 432, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64127-2
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Zukunft | Diversität

Als ihr Grossvater stirbt, bleibt der elfjährigen Halbwaise Dally wenig Schönes im Leben. Zwar wächst sie auf einem prachtvollen Anwesen auf, doch lässt ihr die strenge Erziehung durch ihre sehr distanziert wirkende Mutter kaum Freiraum oder Zeit für Freund:innen. Als Aufbegehren gegen die starren familiären Zwänge liest Dally einen Brief ihres Grossvaters, den sie erst am Tag ihrer Volljährigkeit hätte bekommen sollen. In kniffligen Rätseln führt er sie zu einer sonderbaren Bibliothek, die keine fiktionalen Werke, sondern die geheimen Erinnerungen von Menschen bewahrt. Dally lernt, unter «Familiengeheimnissen», «kleineren Verstössen» und anderen Kategorien jene Erinnerungen auszuwählen, die ihr mehr darüber verraten, wer sie heute ist. Sie wird Zeugin, wie sich ihre Eltern kennenlernen, und reist über hundert Jahre in der Zeit zurück, um an der Seite von Piraten zu segeln – noch ohne zu wissen, welcher von ihnen eine besondere Verbindung zu ihr und ihrem Leben hat. In den Erinnerungen erfährt sie mehr über ihre afroamerikanischen Wurzeln, die Kultur ihres viel zu früh verstorbenen Vaters und das Leid, das durch Rassentrennung und den Wunsch nach Chancengleichheit über ihre Familie gebracht wurde.

Behutsam vermittelt Kekla Magoon so Rassismusprobleme von damals und heute. Dass sie dabei durch die Jahrhunderte zudem die LGBTQ-Thematik mit einbringt, wirkt – obwohl gut geschrieben – leider aufgesetzt, wie um einer literarischen Mode gerecht zu werden. Der Roman insgesamt verdient jedoch unbedingt Aufmerksamkeit, sowohl wegen des fantastischen als auch wegen des historischen Moments. Informativ und dabei spannend – sehr lesenswert.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/25, S. 35

Lisa mit Herz drum rum
Kjersti A. Skomsvold
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2025, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-18848-7
Schlagwörter: Freundschaft | Liebe | Diversität | Identität/Individualität

Lisa und Vera sind eineiige Zwillinge – und grundverschieden: «Vera ist cool und Lisa peinlich. Vera ist mutig und Lisa feige. Vera ist lustig und Lisa langweilig. Vera ist fröhlich und Lisa traurig.» Aus der Perspektive der extrem schüchternen Lisa, die Zahlen und Kaninchen lieber mag als Jungs, erzählt Kjersti A. Skomsvold, wie schwer es manchmal ist, so zu sein, wie man ist. Dabei findet Skomsvold, die zu den wichtigsten Gegenwartsautor:innen Norwegens zählt, immer wieder wunderbare Worte und Vergleiche, um zu beschreiben, wie Lisa sich fühlt, zum Beispiel «so schlaff und kraftlos wie eine alte Karotte tief unten im Gemüsefach» oder «wie ein Fisch, der gerade an Land gezogen wurde».

Als Lisa erfährt, dass sie bald ein Referat halten muss, bekommt sie Panik: «Sie kann doch keinen Vortrag halten! […] Soll sie krank werden? Fieber bekommen? Sich übergeben?» Sich von einem Auto anfahren zu lassen, scheint ihr die sicherste Alternative. Doch dazu kommt es (zum Glück) nicht. Denn als Jonas, mit dem Lisa im Kindergarten oft gespielt hat, «Lisa» in sein Heft schreibt und ein Herz darum malt, ändert das alles. Lisa möchte unbedingt herausfinden, was es damit auf sich hat. Als sie Jonas eines Tages im Schulwald verschwinden sieht, nimmt sie ihr Herz in beide Hände und folgt ihm …

Und auch für die schulische Herausforderung fasst sie schliesslich Mut, denn ihr Vater hat ihr von der Fibonacci-Folge erzählt, und von dieser würde Lisa in ihrem Vortrag gerne erzählen.

Ein berührendes Kinderbuch über das Mutigsein, (Selbst-)Akzeptanz und das erste Verliebtsein, das in einer reduzierten und doch sehr einfühlenden Sprache eine wichtige Botschaft vermittelt: So, wie du bist, bist du genau richtig.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/25, S. 35

Jo & Jomoto
Frauke Scheunemann
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2025, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-4364-0
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

Das Portal nach Kinko

«Mein Enkel Nick musste dringend die Welt retten», schreibt Oma Erika in ihrer Entschuldigung für die nicht gemachte Strafarbeit, aber Oma hat ja auch den schwarzen Gürtel in Entspannung – zum Ärger von Lehrerin Brinkeldinkel, für die Nick einfach nur eine faule Socke ist. Wie Nick auf dem Schulweg von Meister Jojo mit den Worten «Du bist der Auserwählte» aufgegabelt und in einem verwaisten Hundesalon zusammen mit drei anderen Kindern als Weltretter-Ninja ausgebildet wird, das lässt Kinderbuchautor Christian Thielmann seinen Anti-Helden in schnoddrig-flapsiger Art und mit viel Galgenhumor à la «Gregs Tagebuch» selbst erzählen.

In luftigem Seitenaufbau mit zahlreichen Schwarz-Weiss-Illustrationen und unterschiedlichen Schriftarten ist diese rasant-komische Story ein leichter Lesespass, der als fantasievolle Ninja-Parodie (Meister Jojo hat einen Knall, und auch sonst gibts mehr Chaos und Fehlschläge als geniale Pläne) an Lebenswirklichkeit und Idolen seiner Zielgruppe anknüpft. Denn natürlich gibts auch eine Mission und viel Action: «Wir haben den Strom in der Hand», schreiben die Erpresser und fordern zehn Millionen. Solange gilt: keine Kühlschränke, keine Autos, Computer oder Handys.

Die Spuren führen zur Verbrecherorganisation «Böse & Wicht». Klar, tappen Nick, Zeynepp, Zoran und Olga in so manche Falle, entwickeln ihre Fähigkeiten und wachsen als Team über sich hinaus. Und dann kommt auch noch ein Wurfstern zum Einsatz, und es gibt einen spannenden Showdown mit einem allmächtigen Zerstörerroboter.

Sehr viel raffinierter und komplexer gestrickt ist da Frauke Scheunemanns Reihen-Auftakt «Jo & Jomoto», der unterschiedlichste Erzählebenen und Welten miteinander verwebt. Ich-Erzähler Johannes ist glühender Fan des Mangas «Jomoto» und taucht in jeder freien Sekunde ab in die Abenteuer von seinem Superhelden und dessen Freunden. Das ist auch bitter nötig: Ohne ein Wunder ist sein Gymnasium-Rausschmiss beschlossene Sache, Klassenstar Bosse mobbt ihn und lädt ihn als Einzigen nicht zu seiner Geburtstagsparty ein. Als er von Schulsekretärin Frau Konradi – auch sie ein Manga-Fan – den neuesten «Jomoto»-Band im Austausch gegen sein einkassiertes Heft bekommt, beginnt ein Abenteuer im Stil von Michaels Endes «Unendlicher Geschichte».

Plötzlich sitzt Jomoto in Johannes’ Kleiderschrank, der ein Portal zwischen dem Fantasy-Reich Sokoku und Johannes’ Kinderzimmer ist. Die Seiten seines Mangas sind leergefegt und dann mit genau dieser Szene gefüllt. Jomoto kommt als japanischer Austauschschüler mit in die Schule und sorgt als echter Ehrenkrieger mit viel Magie und Karate «für Ordnung» – was Johannes beeindruckt und auch erschreckt, schliesslich ist Gewalt für ihn keine Lösung. Damit nicht genug: Auch Jomotos Kampfdrache Raku und das Kampfkaninchen Usagi rumpeln durch den Kleiderschrank in Johannes’ Zimmer, denn sie brauchen Jomoto dringend, um das Reich zu retten. Doch das Portal ist verschlossen. Ob die vier es schaffen, den Zaubertrunk Habutonikku zu brauen? Was hat Frau Konradi mit diesen unglaublichen Ereignissen zu tun? Und will Jomoto überhaupt zurück in seine Manga-Welt?

Eine sehr empfehlenswerte, spannende Geschichte, die Erzählstrategien von Mangas und Animes kreativ überschreibt und deren Stereotype hinterfragt. Denn was, wenn der Superheld eigentlich ein Mädchen ist? Dazu gibts viele Illustrationen und zehn seitenfüllende Panels im Manga-Stil.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/25, S. 34

Ninja ohne Plan
Christian Tielmann, Illustration: Christian Effenberger
Verlag: dtv, Publiziert: 2025, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76555-8
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

«Mein Enkel Nick musste dringend die Welt retten», schreibt Oma Erika in ihrer Entschuldigung für die nicht gemachte Strafarbeit, aber Oma hat ja auch den schwarzen Gürtel in Entspannung – zum Ärger von Lehrerin Brinkeldinkel, für die Nick einfach nur eine faule Socke ist. Wie Nick auf dem Schulweg von Meister Jojo mit den Worten «Du bist der Auserwählte» aufgegabelt und in einem verwaisten Hundesalon zusammen mit drei anderen Kindern als Weltretter-Ninja ausgebildet wird, das lässt Kinderbuchautor Christian Thielmann seinen Anti-Helden in schnoddrig-flapsiger Art und mit viel Galgenhumor à la «Gregs Tagebuch» selbst erzählen.

In luftigem Seitenaufbau mit zahlreichen Schwarz-Weiss-Illustrationen und unterschiedlichen Schriftarten ist diese rasant-komische Story ein leichter Lesespass, der als fantasievolle Ninja-Parodie (Meister Jojo hat einen Knall, und auch sonst gibts mehr Chaos und Fehlschläge als geniale Pläne) an Lebenswirklichkeit und Idolen seiner Zielgruppe anknüpft. Denn natürlich gibts auch eine Mission und viel Action: «Wir haben den Strom in der Hand», schreiben die Erpresser und fordern zehn Millionen. Solange gilt: keine Kühlschränke, keine Autos, Computer oder Handys.

Die Spuren führen zur Verbrecherorganisation «Böse & Wicht». Klar, tappen Nick, Zeynepp, Zoran und Olga in so manche Falle, entwickeln ihre Fähigkeiten und wachsen als Team über sich hinaus. Und dann kommt auch noch ein Wurfstern zum Einsatz, und es gibt einen spannenden Showdown mit einem allmächtigen Zerstörerroboter.

Sehr viel raffinierter und komplexer gestrickt ist da Frauke Scheunemanns Reihen-Auftakt «Jo & Jomoto», der unterschiedlichste Erzählebenen und Welten miteinander verwebt. Ich-Erzähler Johannes ist glühender Fan des Mangas «Jomoto» und taucht in jeder freien Sekunde ab in die Abenteuer von seinem Superhelden und dessen Freunden. Das ist auch bitter nötig: Ohne ein Wunder ist sein Gymnasium-Rausschmiss beschlossene Sache, Klassenstar Bosse mobbt ihn und lädt ihn als Einzigen nicht zu seiner Geburtstagsparty ein. Als er von Schulsekretärin Frau Konradi – auch sie ein Manga-Fan – den neuesten «Jomoto»-Band im Austausch gegen sein einkassiertes Heft bekommt, beginnt ein Abenteuer im Stil von Michaels Endes «Unendlicher Geschichte».

Plötzlich sitzt Jomoto in Johannes’ Kleiderschrank, der ein Portal zwischen dem Fantasy-Reich Sokoku und Johannes’ Kinderzimmer ist. Die Seiten seines Mangas sind leergefegt und dann mit genau dieser Szene gefüllt. Jomoto kommt als japanischer Austauschschüler mit in die Schule und sorgt als echter Ehrenkrieger mit viel Magie und Karate «für Ordnung» – was Johannes beeindruckt und auch erschreckt, schliesslich ist Gewalt für ihn keine Lösung. Damit nicht genug: Auch Jomotos Kampfdrache Raku und das Kampfkaninchen Usagi rumpeln durch den Kleiderschrank in Johannes’ Zimmer, denn sie brauchen Jomoto dringend, um das Reich zu retten. Doch das Portal ist verschlossen. Ob die vier es schaffen, den Zaubertrunk Habutonikku zu brauen? Was hat Frau Konradi mit diesen unglaublichen Ereignissen zu tun? Und will Jomoto überhaupt zurück in seine Manga-Welt?

Eine sehr empfehlenswerte, spannende Geschichte, die Erzählstrategien von Mangas und Animes kreativ überschreibt und deren Stereotype hinterfragt. Denn was, wenn der Superheld eigentlich ein Mädchen ist? Dazu gibts viele Illustrationen und zehn seitenfüllende Panels im Manga-Stil.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/25, S. 34

Motte und die Metallfischer
Sanne Rooseboom
Aus dem Niederländischen von Lotte Hammond.
Verlag: Magellan, Publiziert: 2025, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-4753-0
Schlagwörter: Abenteuer | Mut/Selbstbewusstsein | Umweltschutz/Klima

Motte und ihre Mutter haben das, was man gemeinhin eine «schwierige Beziehung» nennt. Sie ticken einfach sehr gegensätzlich. Das fängt schon bei Mottes eigentlichem Vornamen an (mal ehrlich, wer will schon «Schmetterling» genannt werden!?) und zieht sich quasi durch alle Lebensbereiche. Als Ernährungs-, Mode- und Life-Coach legt Mottes Mutter zum Beispiel viel Wert auf ihr Äusseres. Motte dagegen trägt am liebsten nur Schwarz und macht sich auch sonst wenig Gedanken um ihr Outfit. Wenn ihre Mutter Kundschaft hat, soll Motte sich deshalb am besten unsichtbar machen. Kein Wunder, dass es der Elfjährigen da vor den anstehenden Sommerferien graut. Doch dann zeigt ihr Lehrer Lukas am Kanal das Metallfischen, Motte besorgt sich einen eigenen Magneten – und findet damit kurz darauf ein altes U-Boot, das seit Jahrzehnten im Wasser liegt.

Ein taffes Mädchen, das mit einem kleinen, rostigen U-Boot den Machenschaften eines skrupellosen Millionärs trotzt und ein altes Familiengeheimnis aufdeckt – Sanne Roosebooms Kinderbuch weckt Erinnerungen an die Abenteuerromane Jules Vernes. Gleichzeitig erzählt es aber auch eine fesselnde Mutter-Tochter-, Freundschafts- und Gut-gegen-Böse-Geschichte, die durch die zauberhaften Kreidezeichnungen von Sophie Pluim zusätzlich an Atmosphäre gewinnt. In rostigem Braun und Schwarz fängt die Illustratorin Szenen, Settings und Figuren in wimmeligen Bildern ein, die zum Schauen und Suchen einladen. Mit einem spannenden Showdown und allerlei unerwarteten Wendungen bleibt das Buch packend bis zum Schluss.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/25, S. 34

Die Windmacherin
Maja Lunde
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Verlag: btb, Publiziert: 2025, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-442-76284-2
Schlagwörter: Generationen | Fantasie | Rätsel

Eine Sommergeschichte

Maja Lunde schreibt gerne in Zyklen. Ihr zwischen 2017 und 2023 erschienenes «Klimaquartett» für Erwachsene hat die Autorin, der Klima- und Umweltschutz sehr am Herzen liegen, international bekannt gemacht. Mit dem «Jahreszeiten-Quartett» gestaltet sie seit 2018 Ähnliches für Kinder: Jedes Buch ist in einer Jahreszeit verortet und steht für sich. Der dritte Band, «Die Windmacherin», ist die Sommergeschichte und erzählt von Tobias, der in einem Land lebt, in dem es lange Krieg gab. Der ist nun vorbei, doch in der Stadt leiden alle Hunger. Deshalb sollen die Kinder den Sommer auf dem Land verbringen. Tobias kommt nach Wetterland, eine Insel draussen im Meer. In dem kleinen, windschiefen Haus von Lothe, hoch oben auf den Klippen, ist der Elfjährige nicht gerade willkommen, darf aber erst mal bleiben. Aus einer Nacht werden zwei, drei, vier, viele – am Ende sogar eine Freundschaft fürs Leben.

Lunde entwickelt ihre Geschichte ebenso spannend wie einfühlsam und lässt ihren sensiblen Ich-Erzähler mit grosser Ruhe und Sanftheit berichten. Tobias entdeckt ein verschlossenes Zimmer mit Kinderzeichnungen, einen ausgebrannten Leuchtturm, der ihn an «die weisse Nacht» erinnert, die ihn tief traumatisiert hat, ein Haus im Wald, das von einer Frau bewohnt wird, die im Rollstuhl sitzt und vor langer Zeit Lothes beste Freundin war.

Im Zusammenspiel mit den atmosphärischen Illustrationen von Lisa Aisato wird dieses Kinderbuch zu einem echten Schatz. Landschaftsaquarelle, traumhafte Hintergrundbilder, romantische Porträts, Vignetten und Stillleben ergeben mit Lundes Text einen kunstvollen Mix, der von der ersten bis zur letzten Seite verzaubert.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/25, S. 33

Jasper und das Lied der Nachtigall
Sarah Ann Juckes
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Verlag: Loewe, Publiziert: 2025, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7432-1535-1
Schlagwörter: Natur | Tod/Trauer

Für Jasper ist es das Grösste, draussen in der Natur zu sein und zusammen mit
seiner Schwester Rosie Vögel zu beobachten. Am liebsten hören sie auf dem Baum im Garten der Nachtigall zu, die immer zur selben Zeit wiederkommt. Als sie in einem Jahr ausbleibt, verspricht Rosie ihrem kleinen Bruder, dass sie sich mit ihm auf die Suche nach der Nachtigall macht, wenn
sie nächstes Wochenende wieder nach Hause kommt. Doch Rosie kommt nicht. Die
Eltern sagen, sie sei «an einem besseren Ort» − bei der Nachtigall, schliesst Jasper daraus. So macht er sich auf, diesen Ort zu finden. Auf seinem Weg trifft er Menschen, die ebenfalls etwas suchen, was verloren gegangen ist. Mit jeder Person, der Jasper begegnet, lernt er, sich verschiedensten Ängsten zu stellen, und kommt so der schrecklichen Wahrheit Stück für Stück näher.

Immer mit dabei ist das «Buch der Vögel», in dem Rosie und er all ihre Abenteuer dokumentiert haben. Daraus werden passende Episoden erzählt, und die Leser:innen erfahren mehr über die Geschwister und ihre Beziehung und bekommen auch einige Vogelarten vorgestellt. Diese Rückblenden zur parallel angelegten, Heldenreise-artigen Suche Jaspers machen deutlich, wie sehr er vor der Realität davonrennt.
Sarah Ann Juckes’ erstes Kinderbuch ist eine Geschichte übers Trauern, Zusammenhalten und darüber, wie viel Mut es braucht, loszulassen und sich der Welt draussen zu stellen. Denn: «Wer seinen Kummer verbirgt, wird keine Heilung finden.» Diese einfühlsam erzählte Einsicht ist für kleine und grosse Leser:innen bereichernd.

Isabelle Schmid
Buch&Maus 1/25, S. 33

Keine Party ist auch keine Lösung
Anna Maria Prassler
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2025, Seiten: 168, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-311-1
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Familie/Familienformen

Geburtstag ist wohl für die meisten Kinder ein Zauberwort, das oft schon lange vor dem Tag selbst für Aufregung sorgt. Anna-Maria Prassler hat sich den Geburtstag und die Partyvorbereitungen als Aufhänger für ihren Kinderroman über ein eher schweres Thema ausgesucht: Im Mittelpunkt steht Jagoda Schubert, die mit ihrer Mutter in der Nähe der deutsch-polnischen Grenze in einem Frauenhaus lebt, weil sie zum zweiten Mal vor dem gewalttätigen Vater geflohen sind. Als Mia in Jagodas Klasse kommt, hofft sie, in ihr endlich eine Freundin zu finden, und ehe sie sichs versieht, hat sie Mia zu ihrer Geburtstagsparty eingeladen. Die allerdings gar nicht geplant ist, weil niemand wissen darf, wo das Frauenhaus ist, das Geld fehlt und die Bewohner:innen des Frauenhauses mit existenziellen Problemen beschäftigt sind. Jagoda ist klar: Ihr bleiben vier Tage, um das Unmögliche zu schaffen und eine «richtige» Party auf die Beine zu stellen. Immerhin kommt sie mithilfe der Menschen im Frauenhaus zu guten Ideen, und ein bisschen hilft auch der Zufall.

Wie sich Jagoda unverzagt an die Partyplanung macht und dabei Rückschläge und Glücksmomente erfährt, schildert die Autorin in einem Countdown aus der Ich-Perspektive mit grossem Gespür für überzeugende Charaktere und Beziehungen unter ihnen. «Keine Party ist auch keine Lösung» ist ein warmherziges und lustiges Buch, das Einblick in eine Lebenswelt bietet, die wohl den meisten Menschen unbekannt, aber für zu viele traurige Realität ist. Die Geschichte sensibilisiert dafür, ohne die Zuversicht zu verlieren: Denn es wird eine tolle Party, und durch Jagodas Tun sind sogar unerwartete Freundschaften entstanden.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 1/25, S. 33

Der Sternsee
Will Gmehling, Illustration: Jens Rassmus
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2025, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0766-6
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima | Natur | Rätsel

Vier Kinder wohnen in einem Hochhaus mit kleinem See vor der Tür. Dort verbringen sie viel Zeit, genauso wie eine Entenfamilie und ein Reiher. Früher zog Letzterer im Herbst in den Süden. Aber «früher war vorbei», meint der Ich-Erzähler. Dann wird es im Januar richtig kalt und der See friert zu – zum Gaudi der Kinder. Er bleibt auch zugefroren, als sich der Frühling ankündigt. Nach Ostern wird der See zur Sensation. Leute aus der ganzen Welt reisen an, um sich auf ihm zu tummeln. Im folgenden Hitzesommer liefert er herrliche Abkühlung. Als der See im September wieder aus den Schlagzeilen verschwunden ist, bricht das Eis eines Nachts doch noch auf, und bald schon ist der Sternsee wieder
ein gewöhnliches Gewässer.

Für den Ich-Erzähler aber, eine typische Figur von Will Gmehling, hat sich der Blick auf die Welt verändert. Dieser Junge mit Lernschwäche, der ab und zu Sätze wie «Mathe ist ein Arschloch» laut vor sich hersagt, um zu hören, wie sie klingen, entdeckt am Ende des Sommers, dass Sissi, seine Freundin seit Kleinkindertagen, über ein reizendes schiefes Lachen verfügt. Die entstehende Nähe zwischen den beiden fügt sich wie selbstverständlich in den Alltag der Freundesgruppe. Das gehört zu den vielen kleinen Wundern, von denen diese Novelle berichtet. Die besondere Begebenheit ist nicht der gefrorene See, sondern die Art, wie diese Kinder aus einfachen Verhältnissen miteinander umgehen. Gmehling erzählt leichtfüssig und poetisch zugleich von ihnen und ihrem genauen Blick auf Menschen und Natur.
Jens Rassmus hat dazu raumgreifende Illustrationen in Blau und Schwarz gezeichnet, die die Atmosphäre dieses leisen Textes grossartig einfangen. Zum Vorlesen und Selberlesen auf der Mittelstufe.

Christine Tresch
Buch&Maus 1/25, S. 32

Ein Liekesch für Jascha
Mehrnousch Zaeri-Esfahani, Frauke Angel
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2025, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6246-9
Schlagwörter: Migration | Freundschaft | Sport

Mehr «Lie-gesch-tüt-zen» müsse Jascha (eigentlich Jaša) machen, um seine dünnen Arme zu trainieren, sagt die Sportlehrerin. «Verstehst du das?» Jascha, der erst vor wenigen Wochen mit seiner Familie aus Bosnien nach Heidelberg gekommen ist, versteht nicht. Oder jedenfalls nicht richtig. Einen «Liekesch» brauche er, das kommt bei ihm an. Und dieser scheint wichtig zu sein. Also geht er in ein Sportgeschäft und fragt nach einem Liekesch … Aus diesem sprachlichen Missverständnis bauen die beiden Autorinnen Mehrnousch Zaeri-Esfahani und Frauke Angel eine warmherzige, generationenübergreifende Freundschaftsgeschichte.

Abwechselnd mit den Teilen, die Jaschas Geschichte erzählen, stehen Briefe, die der alleinstehende ältere Sportladenbesitzer Frank an seine tote Mutter schreibt und in denen er ihr von Jascha erzählt. Rührend ist, wie sich der einsame Mann durch Jascha an seine eigene Kindheit zurückerinnert, in der seine Mutter ihn stets verteidigt hat, wenn er als moppelig verlacht wurde. Jascha geht in Franks Sportladen bald ein und aus, sie verständigen sich mit Händen und Füssen und entwickeln gemeinsam einen Plan, wie der Junge zu Geld kommen soll, um sich dieses tolle, neue Sportgerät, von dem auch Frank noch nie gehört hat, leisten zu können.

Die kurze, von Barbara Jung reich bebilderte Geschichte thematisiert das Ankommen in einer neuen Sprache und lässt über die Wichtigkeit von Kommunikation nachdenken – durchaus mit Witz, aber ohne sich je lustig zu machen. Der Verlag stellt Zusatzmaterial für den Einsatz in der zweiten bis vierten Klasse zur Verfügung.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/25, S. 32

Mehr «Lie-ge-schtü-tzen» solle er machen, sagt Jaschas Lehrerin. Doch der eben aus Bosnien immigrierte Junge versteht nur «Liekesch». Sportladenbesitzer Frank findet auf Jaschas Frage kein solches Gerät. Dafür freunden sich der einsame Mann und der Junge an. In Briefe an seine tote Mutter offenbart Frank seine eigenen Unsicherheiten, während er mit Jascha einen Plan entwickelt, wie dieser seine Talente zu Geld machen kann. Aus zwei Perspektiven erzählt dieses Buch eine herzerwärmende Geschichte rund um Sprache, Ankommen und Freundschaft über Generationen hinweg.

Der magische Stundenplan
Michael Petrowitz, Illustration: Anna-Lena Kühler
Verlag: Loewe, Publiziert: 2025, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7432-1852-9
Schlagwörter: Schule | Lesen

Immer wieder haben einzelne Verlage versucht, Comics in ihre Erstlesereihen zu integrieren. Der erste Band von Zapfs Miniserie «Die Wächter von Tal» (Oetinger) hat 2021 sogar den Preuschhof-Preis für Kinderliteratur gewonnen. Seit einiger Zeit scheint die Sparte jedoch verwaist. Dafür legt Loewe nun los: Bei den «Leselöwen» erscheinen im Frühjahr 2025 zwei neue Comics in der ersten, im Herbst wird es einen in der zweiten Lesestufe geben. «Im Drachenwald» und «Der magische Stundenplan» lauten die Titel der ersten beiden.

Bei Letzterem bringt Lehrer Himbär ein Board mit vielen Knöpfen mit, das die Schulkinder in frühere Zeiten beamt. Schon die Kapiteltitel setzen das paradigmatische Erzählen, wie es Maria Lypp genannt hat, um. Es zeigt Leselernenden eine einfache und doch kunstvolle Gestaltung von Sprache auf: «Der rote Knopf», «Der blaue Knopf», «Der grüne Knopf» und «Noch ein Knopf?». «Für den Erstleser ist dieses Zugleich von Konstante und Variante der beste Weg, um durch seinen Text hindurchzukommen. Die Erwartbarkeit des Musters gibt […] Sicherheit», betonte Lypp («Verfremdung als Erstleseerfahrung», in: «Literatur für Einsteiger», 1998).

Zugleich wird die Bedeutung des gestalteten Musters, die zentrale Rolle eines Knopfes als literarisches Motiv, direkt ansichtig. Einfachheit verkörpern auch Elemente wie grosse Druckschrift, sinnbezogener Flattersatz, Wortwahl und Satzbau oder Sprechblasen, kleine Textportionen in einem lebendigen Layout. Die Story von «Der magische Stundenplan» ist fantastisch und doch aus der kindlichen Lebenswelt, spannend und sogar ein bisschen lehrreich. Der Band ist frühestens gegen Ende des ersten Schuljahres empfehlenswert. Ein fulminanter Reihenstart!

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/25, S. 32

Am Ende der Welt
Anna Desnitskaya
Aus dem Russischen von Thomas Weiler
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2025, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6259-9
Schlagwörter: Freundschaft

Wer lebt denn eigentlich alles auf diesem Planeten? Und warum sollte es so sein, dass man Freund:innen nur in der Nähe findet? Das fragt sich Vera im neuen Bilderbuch der Künstlerin Anna Desnitskaya. Denn der Mensch, mit dem das Mädchen Vera in Kontakt kommt, lebt am anderen Ende der Welt – in Chile, diesem faszinierenden, länglichen Land. Und die russische Halbinsel Kamtschatka, wo das einsame Mädchen lebt, ist hierzulande wohl auch nicht jedem bekannt. Wie Vera mit Mama und Oma lebt, was sie sammelt und welche Sehnsüchte nach einem Freund sie hat, all das liest und schaut man sich hier an. Wie dann das Morsealphabet die beiden Jugendlichen verbindet, davon erzählt das Wendebilderbuch. Denn man kann alles auch aus der Perspektive von Lucas lesen. Die drei textlosen Doppelseiten in der Buchmitte suggerieren tatsächlich die Weite und Tiefe des Meeres – grandios!

Die russische Künstlerin zeichnet ihre Figuren analog mit schwarzen Outlines, koloriert dann mit Gouachefarben, scannt die Illustrationen und gestaltet damit am Rechner Collagen. Dazu sind Informationen über das internationale Morsealphabet, die Seefahrt und Fauna und Flora der russischen Halbinsel eingewoben.

Da das Bilderbuch ältere Kinder anspricht, wird eine Herausforderung sein, wie man es in Schulbibliotheken platziert, so dass sich auch Kinder ab acht, neun oder zehn Jahren angesprochen fühlen, zumal die Hauptfiguren ja noch älter sind.

Nach «Ein Stern in der Fremde» präsentiert die herausragende Künstlerin hier wieder eine neue Facette, wie immer mit viel Sprachgespür von Thomas Weiler übersetzt. Auf ihr nächstes Werk darf man gespannt sein.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/25, S. 31

Der alte Eiswagen will zurück zur azurblauen Küste
Eva Treml, Illustration: Christoph Frei
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2025, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-108-9
Schlagwörter: Reisen | Ferien

Das wonnige Bilderbuch erzählt die Geschichte eines alten, abgenutzten Eiswagens. Er steht in einem malerischen Café in einer verstaubten Ecke und wird nur dann beachtet, wenn ein Kellner sich an ihm stösst und sich darüber aufregt – ein ziemlich tristes Dasein. Doch war das nicht immer so: Früher war der Eiswagen nämlich schick genug, um den ganzen Sommer die an der Promenade in Nizza flanierenden Leute mit Glace zu versorgen. Der Eiswagen sehnt sich danach, wieder dort zu sein.

Eines Tages geschieht dem Kellner ein Missgeschick, und schon rollt der Eiswagen, so schnell er kann, aus dem Café und die Strasse hinab. Die actionreiche Fahrt endet in einer Bruchlandung. Doch der Eiswagen hat nochmal Glück. Ein Passant erwirbt ihn und transportiert ihn in seine Werkstatt, wo er ihn wieder repariert und auffrischt. So erfüllt sich der Traum doch noch: Der Eiswagen steht in neuem Glanz am Seeufer, wird wieder gebraucht und kann nach der Arbeit den Sommerabend geniessen. Er ist angekommen in seinem zweiten Nutzungszyklus.

Der Text ist konsequent aus der Ich-Perspektive des anthropomorphen alten «Glacewägeli» formuliert, bewusste Betonungen im Schriftsatz unterstützen die Lebendigkeit der inneren Rede. Die Aargauer Autorin Eva Treml erzählt so unterhaltsam eine Geschichte über Sehnsucht und über den Wert von Reparaturen, ohne dabei die Wegwerfgesellschaft je zu erwähnen oder den Zeigefinger zu erheben. Christoph Freis Illustrationen fangen dies mit Retro-Charme in warmen Farben ein, glänzen zwischendurch auch mit überraschenden Perspektiven und machen Lust auf den Sommer.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 1/25, S. 30

Tomke gräbt
Lena Hach, Illustration: Julia Dürr
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2025, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-222-8
Schlagwörter: Spiel | Alltag

Ein Gartentag im Sommer: Oma und Opa lesen auf ihren Liegen, Papa will grillen, Mama füllt das Planschbecken, Tomke kommt mit Bagger, Eimer und Schaufel. Wie die Figuren Zeit erleben, Zeit füllen, wird in diesem Buch in Bild- und Textsprache übersetzt. Tomkes Langsamkeit manifestiert sich in kurzen Einzelsätzen, von denen nur einer oder gar keiner auf einer Seite steht: «Wer gräbt, kann nicht antworten.» Die anderen reden deutlich mehr und schneller. Sie rufen, fragen, kommentieren Tomkes Tun. Die anderen, das sind Tomkes Mutter, Vater, Bruder, Schwester, Oma, Opa und Nachbarn. Tomke aber ist bei der Sache. «Immer grösser wird das Loch.» Achtsam begutachtet Tomke, was es alles zu sehen gibt: einen Käfer, Erde, Steine.

Julia Dürrs Illustrationen lassen oft nur erahnen, was genau es ist. Ihr malerisch-skizzenhafter Duktus hat viele Leerstellen, die die Fantasie anregen. Von Seite zu Seite lässt sie ihre Figur kleine Erzählschritte machen in einer Geschichte, die schnell erzählt ist und mit variierter Wiederholung spielt: Tomke gräbt ein Loch und denkt sich aus, was unter der Erde alles zu finden wäre.

Tomke kann mit Käppi und Latzhose weiblich wie männlich gelesen werden, ist verspielt, fantasievoll, selbstvergessen, neugierig, introvertiert. Die anderen sind das Gegenteil: Sie ordnen Tomkes Tun fortzu ein, geben ihm ein Ziel, eine Funktion, ein Warum. Will Tomke einen Baum pflanzen, eine «Dino-Falle» errichten oder einen Teich bauen? All diese herumwuselnden Nebenfiguren wirken, skizzenhaft eingefangen in ihrer Umtriebigkeit, fast unattraktiv. Was ihnen fehlt, achtsam im Moment zu sein, gelingt Tomke mühelos.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/25, S. 30

Hokus Pokus Oktopus
Doris Lecher
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2025, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0765-9
Schlagwörter: Tiere | Spiel

Weil Mama und Papa Oktopus ausgehen wollen, soll die Schildkröte Klaas auf die drei Tintenfischkinder aufpassen. Er schlägt vor, Verstecken zu spielen, und darin sind die drei naturgemäss Meister! Doppelseite um Doppelseite sucht der arme Klaas, und vor dem Bilderbuch sind kleine Lesekinder ab etwa drei Jahren dazu aufgefordert, eifrig mitzusuchen. Spannend wird es, als plötzlich ein Mensch herabgetaucht kommt. Zwar sind Okta, Pi und Puss gut versteckt, aber Schildkröte Klaas ist allzu gut zu sehen! Gut, dass seine Schützlinge eine Idee haben, wie sie auch ihn vor den Blicken des Menschen schützen: Mit «Hokus Pokus Oktopus» und einer Tintenwolke machen sie Klaas im Handumdrehen unsichtbar.

Doris Lecher hat ein zauberhaftes Bilderbuch geschaffen, das zum genauen Hinsehen auffordert und das Interesse an der bunt schillernden Unterwasserwelt weckt. In pfiffigen Reimen mit Wortspielereien und doppelter Verneinung erzählt sie mit nur wenig Text die Geschichte einer aufregenden Babysitternacht mit glücklichem Ende. Die durchgängig doppelseitig illustrierten Bilder sind in kräftigen Aquarelltönen gemalt, voller liebevoller Details aus der Fisch- und Pflanzenwelt und dabei lichtdurchflutet. So tauchen Vorleser:innen und Kinder gern gemeinsam ab, um Klaas dabei zu helfen, die kleinen Oktopoden zu finden. Sachinformationen im Vor- und Nachsatz bieten zusätzlich Wissenswertes aus der Unterwasserwelt und fordern – ohne dass es ausdrücklich gesagt wird oder gesagt werden muss – zum weiteren Suchen und Hinschauen auf. Ein Bilderbuch, das man immer wieder gern betrachtet!

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/25, S. 30

Kolossale Katastrophe
Hannah Brückner
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2025, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10716-0
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein | Gefühle | Geschlechterbilder

Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann bekanntlich ganz schön viel bewirken. Auf dessen Spuren malt sich Bilderbuchkünstlerin Hannah Brückner mit Lust und viel Dynamik eine «Kolossale Katastrophe» aus: Es ist ein ganz gewöhnlicher Donnerstagnachmittag im Dinomuseum, als kurz vor Feierabend «der kleine Wellensittich des Garderobiers blitzartig zu seinem Inspektionsflug aufbricht». Auf einer Doppelseite sieht man den hellblauen Piepmatz, wie er durch die Ausstellungshalle rund um die meterlangen Hälse der beiden Brachiosaurus-Skelette unter der abendblauen Glaskuppel schwirrt. Süss – und aufregend! Zu aufregend für Juris, der so grosse Angst vor Vögeln hat, dass schnell geschnittene Einzelbilder nun das ganze Ausmass des folgenden Super-GAU zeigen: ein Sturz nach hinten, fallende Knochen – dann ein riesiger Haufen aus dem, was eben noch spektakuläres Zeugnis aus der Urzeit war, Schockstarre und entsetzte Blicke. Eben eine kolossale Katastrophe!

«Aber nun atmest du zweihundertdreiundachtzig Mal ruhig ein und wieder aus», rät der Text seinem Buchpublikum, beruhigend bebildert mit einem seitenfüllenden Setzkasten voll wohlgeordneter Knochen. Also erst mal sortieren und dann Hilfe suchen! Was die grossen und die kleinen Museumsgäste nun eine Nacht lang hinter den Bauplanen des mehrstöckigen Gerüstes zusammen austüfteln, zeigt die aufklappbare Panoramaseite: Etwas ganz Neues, ein Flugdino, ein kolossales Kunstwerk, ist entstanden!

Hier wird Chaostheorie entlang alltagspraktischer Empathie erzählt und mit Witz und Tempo auf luftig-plakativen Bildern in zarten, monochromen Farben und feinen Konturlinien in Szene gesetzt. Das ergibt eindrücklichen Mutmachstoff.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/25, S. 28

Juris kolossale Angst vor noch so kleinen Vögeln führt zur kolossalen Katastrophe im Museum. Das Dinoskelett bricht in sich zusammen! Das ist einerseits kolossal katastrophal, aber auch kolossal witzig. Denn: Die Skelettteile werden von den Museumsbesucher:innen über Nacht pragmatisch und kreativ zugleich neu gruppiert. Am Morgen ist ein Flugdino zu bewundern! Die Illustrationen zeigen in zarter Farbigkeit auf variantenreichen Detailansichten und einer Ausklappseite, wie sich ein Riesenschreck mit Mut und Kreativität überwinden lässt.

Jedem kann mal etwas ganz, ganz Blödes passieren. So wie Juri, der das Dinoskelett in der riesigen Museumshalle aus Versehen zum Einsturz bringt. Doch mit der Unterstützung anderer und viel Kreativität wird daraus etwas richtig Tolles! Ein bestärkendes Bilderbuch, das gerade auch Jungen ermuntert, persönliche Katastrophen nicht nur mit sich selbst auszumachen und Misserfolge auch als Chancen zu sehen.

Zuhause auf der Klippe
Magali Franov
Verlag: Edition Nilpferd, Publiziert: 2025, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7074-5314-0
Schlagwörter: Gefühle | Migration | Reisen

Die Geborgenheit eines Zuhauses, die Sehnsucht nach Heimat kommen in vielen Geschichten vor. Magali Franov hat ihre umgedreht. In ihrem Bilderbuch sehnt sich ein Haus danach, ein Zuhause für Menschen zu sein. Gegenstände anstatt Menschen und Tiere als Hauptfiguren sind herausfordernd, fehlen ihnen doch Mimik und Gestik, um Emotionen auszudrücken. Franov gelingt das in ihren Illustrationen jedoch, ohne das Haus mit menschlichen Zügen auszustatten. Sie setzt auf Perspektiven, Farb- und Lichtstimmungen. Die Geschichte beginnt am Ende des Sommers. Ein Haus steht verlassen auf der Klippe: «Doch wenn die Farben des Sommers verblassen, spürt das Haus tief in sich einen Wunsch. Es schaut den Vögeln zu, die in den Süden fliegen.» Der schlichte, wunderbar poetische Text ergänzt sich mit den in transparenten Aquarellfarben gemalten, ausdrucksstarken Naturstimmungen. Die Gefühle des Hauses widerspiegeln sich darin, wenn die warmen Gelb- und Orangetöne kühlen Blautönen und düsterdunklen Sturmbildern weichen. Aus der Vogelperspektive blickt man auf das einsame Haus, umtost vom Meer, unter schweren Regenwolken aus ineinanderfliessenden Farben.

Schliesslich kommt die Wende in Form eines knallgelben Bootes. Mitten im Sturm strandet es an der Klippe, und drei Menschen mit Hund suchen Schutz im Haus. Der reduzierte Text lässt Raum, sich die Geschichten der Gestrandeten auszumalen. Woher kommen sie, warum waren sie im Sturm unterwegs? Nun aber füllen sie das alte Haus mit Leben, Lachen und Ideen. Sie restaurieren, malen und schreiben Postkarten, um andere Menschen einzuladen. Das Haus ist glücklich: «Wie sehr hat es vermisst, ein Zuhause zu sein.»

Andrea Lüthi
Buch&Maus 1/25, S. 28

Ein verlassenes Haus, das einsam auf einer Klippe steht, ist die ungewöhnliche Hauptfigur in Magali Franovs Erstling. Es hört zu, wie die Möwen und die Wale ihm von der weiten Welt erzählen, und sehnt sich nach neuen Bewohner:innen. In einer stürmischen Nacht landet ein Grüppchen Menschen in einem Boot vor dem Haus. Sie machen sich ans Reparieren und füllen das Haus mit neuem Leben. Die Aquarell-Landschaften mit dem kargen Text drücken meisterlich die Stimmung des Hauses aus und das hoffnungsvolle Ende macht richtig heimelig.

Sörens siebter Song
Dave Eggers, Illustration: Mark Hoffmann
Aus dem Englischen von Lena Riebl
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2025, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0910-4
Schlagwörter: Identität/Individualität | Humor/Komik

Der junge Buckelwal Sören kann die monotonen, altbewährten Gesänge seiner Artgenossen nicht mehr hören. Er träumt von etwas Neuem – einem spritzigen Song mit Melodie und Rhythmus. Doch als er seine Komposition voller Enthusiasmus präsentiert, stösst er statt auf Begeisterung auf schroffe Ablehnung. Statt sich gekränkt zurückzuziehen, nimmt Sören die Kritik ernst und feilt weiter an seinem Stück. Doch auch die neue Version überzeugt nicht – sie sei, wie sein bester Freund Hans treffend bemerkt, «nicht gut genug, um als fürchterlich durchzugehen». Sören ist «superwütend», macht sich aber entschlossen an die nächste Überarbeitung. Und tatsächlich: Nach zahlreichen Anpassungen und Übungsstunden gelingt ihm ein Walgesang, der sich von der Nordsee über die Karibik bis hin zur Antarktis ausbreitet und die Meereswelt erobert.

Dave Eggers erzählt Sörens Erlebnisse mit viel Witz und feinem Gespür für skurrile Details. Besonders gelungen ist der verspielte Sprachstil, der mit übertrieben saloppen Formulierungen («Voll toll», «sooooo monoton») und absurden Bildern eine humorvolle, fast satirische Ebene schafft. So geniesst Gesangsjuror Hans bei Sörens Auftritten stets ein anderes Garnelengericht. Doch weil ihm Sörens Gesang buchstäblich auf den Magen schlägt, landet das Mahl hinterher – diskret, versteht sich – in seinen «Flossenhöhlen».

Zugleich vermittelt das Buch eine klare, ermutigende Botschaft: Kreativität braucht Geduld, Kritik ist kein Grund zur Resignation, und Beharrlichkeit zahlt sich aus. Für Kinder und Erwachsene, die gerne über das Scheitern und Wiederaufstehen lachen, ist «Sörens siebter Song» ein grossartiges Buch.

Alice Werner
Buch&Maus 1/25, S. 29

Der junge Buckelwal Sören kann mit den althergebrachten, monotonen Gesängen, für die Buckelwale bekannt sind, so gar nichts anfangen. Engagiert komponiert er ein ganz neues Lied, doch als er dieses seinen Freunden vorsingt, finden sie sein Werk furchtbar. Trotz dieser Enttäuschung nimmt Sören die Kritik ernst und überarbeitet seinen Song so lange, bis daraus ein Unterwasser-Hit wird. In farbenfrohen und detailfreudigen Bildern mit viel Witz und in einer jugendlichen Sprache erzählt «Sörens 7. Song» ermutigend von Kreativität und Kritik und wie Beharrlichkeit zum Erfolg führen kann.

Fantastischer Wald
Sebastián Ilabaca
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2024, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-9593-9229-7
Schlagwörter: Natur | Fantastik/Fantasy | Wimmelbuch

Das 3 m (!) lange Leporello in den Händen haltend oder auf dem Boden aufgestellt – schon geht es hinein in einen Wald voller fantastischer Abenteuer! Auf der Vorderseite gibt es unzählige Tiere, auf der Rückseite Menschen mit ihren fröhlichen Geschichten und Aktivitäten zu entdecken. Kleine Klappen lassen kleine wie grosse Betrachtende staunen und erzählen.

Lena & Lobo
Anna Robbel, Illustration: Saskia Gaymann
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2024, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-03369-7
Schlagwörter: Sport | Geschlechterbilder

Das Fussballspiel

Mit ihren neuen, knallorangen Fussballschuhen kann Lena richtig gut kicken! Kuscheltier Lobo darf heute Schiedsrichter sein, wenn sie mit den anderen Kindern Fussball spielt. Als Lena vor dem Tor steht, pfeffert sie den Ball mit voller Kraft – und der Ball fliegt weit, weit davon. Wo ist er bloss gelandet? In diesem Pixi-Buch für die Kleinsten wird eine einfache Geschichte erzählt über ein Mädchen voller Bewegungsfreude und Selbstvertrauen.

Ginsengwurzeln
Craig Thompson
Aus dem Englischen von Matthias Wieland.
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2024, Seiten: 456, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-434-4
Schlagwörter: Biografie | Umweltschutz/Klima | Krankheit

Ginsengwurzeln

Seit über 100 Jahren wird in Wisconsin Ginseng angebaut und nach China exportiert. Craig Thompson und seine Geschwister mussten als Kinder auf den Ginsengfeldern mithelfen. Mit dem verdienten Sackgeld kauften sie Comic-Hefte, die sie die Strapazen der Arbeit vergessen liessen.

Stand in «Blankets», Thompsons vielfach ausgezeichnetem autobiografischem Comic-Roman, die Befreiung aus der streng religiösen Familie im Zentrum, dreht sich im neuen Werk alles um die Ginsengwurzel. Thompson recherchiert Geschichte und Anbautechniken der Pflanze und erforscht die Legenden, die sich um sie ranken. Er folgt den Spuren des Marathon-Ginseng nach Asien und interviewt Ginsengbauern, die vom globalen Markt abhängig sind und auch deshalb Donald Trump wählen. Und er lässt Migrant:innen aus der Volksgruppe der Hmong zu Wort kommen, die im zweiten Indochinakrieg auf der Seite der USA gekämpft hatten, nach dem Krieg fliehen mussten und auf den Ginsengfeldern Wisconsins ein kärgliches Einkommen fanden. Der Künstler erkundet aber auch, wie die Autoimmunkrankheit, die seine Finger verkrüppeln lässt, damit zusammenhängt, dass er jahrelang in der von Pestiziden vergifteten Erde nach Ginseng grub.

Vielschichtig und verzweigt sind die Themen, die Thompson aufgreift, komplex und verspielt setzt er sie ins Bild: In Schwarz- und Rottönen gehaltene Panels finden sich neben Seiten, auf denen mehrere Zeitebenen ineinanderfliessen. Schaubilder, Infoboxen und anthropomorphe Ginsengknollen kommentieren das Berichtete. «Ginsengwurzeln» erzählt anhand einer Heilpflanze Weltgeschichte. Wer dieses Buch in die Hände nimmt, wird es nicht mehr weglegen.

Christine Tresch
Buch&Maus 1/25, S. 41

Kleine Hexe Nebel
Jérôme Pelissier, Carine Hinder
Aus dem Französischen von Marcel Le Comte.
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2024, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-80428-0
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Fabelwesen | Abenteuer

Das Erwachen des Drachen

Erzähler dieses herzig-frechen Comics für die Mittelstufe ist ein niedliches, schwarzes Schweinchen. Gleich am Anfang stellt es aber klar, dass nicht es der Held dieser fantastischen Geschichte sei, sondern vielmehr ein Mädchen namens Nebel, das fest daran glaubt, zaubern zu können. Dabei wissen alle Leute in dem beschaulichen Dorf, in dem Nebel lebt, dass es seit dem Verschwinden einer gewissen Naia keine Hexen mehr gibt. Doch Nebel kennt keine Gnade: Als die alte Odette sie anrempelt, verzaubert sie diese flugs in ein Schwein – glaubt Nebel jedenfalls. In Wahrheit ist Odette um eine Hausecke gebogen, um die gleichzeitig das schwarze Schweinchen kam. So lernt es Nebel kennen, und sie tauft es kurzerhand Hubert und ernennt es zu ihrem Gehilfen. Als ihr Adoptivvater ihr kurz darauf ein geheimnisvolles Zauberbuch schenkt, gibt es für Nebel kein Halten mehr. Mit Hubert und ihrem menschlichen Freund Hugo als Gehilfen macht sie sich ans Zaubern und beschwört aus Versehen tatsächlich grosse Nebelschwaden herbei. Die abergläubische Dorfbevölkerung ist überzeugt, dass der Drache im Wald erwacht ist. Keine Frage also, dass Nebel mit Hubert und Hugo im Schlepptau genau dahin losstürmt.

Das energische ‹Lausmädchen› erinnert durchaus an die kecken, doch liebenswerten Kinderfiguren der Bandes déssinées, Nebel agiert aber in einer fantastischen Welt. Die Zeichnungen der beiden Bilderbuchkünstler, die hier ihren ersten Comic vorlegen, sorgen (oft mit wenig Text) für eine zauberhafte Atmosphäre und Situationskomik. Der erste Band der Trilogie «Kleine Hexe Nebel» ist ein charmantes, amüsantes Abenteuer mit einer unerschütterlich selbstbewussten Heldin und lässt gespannt auf die Fortsetzung warten .

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 1/25, S. 41

In den Bergen
Marion Brand
Aus dem Französischen von Boris Kenov.
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2024, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03964-069-0
Schlagwörter: Arbeit | Tiere | Schweiz

«Nelly! Wolke! Blacky! … Zeit zum Melken!» Mit rotem Mantel und weissem Hirtenstab tritt eine junge Frau in den blau-kalten Morgen hinaus. Und während sie ihre Ziegen herbeiruft, lodert in der Stube schon ein wärmendes Feuer. Gleich reiht sich Ziege an Ziege im Melkstand ein  – dabei zeigt ein Fokusbild in Gross melkende Hände am Euter und wie die Milch spritzt. «Mit der Milch von gestern reicht es für einen neuen Käselaib. Gut gemacht, Mädels!», lesen wir die Gedanken der Hirtin. Der Hund schleckt ein paar Milchpfützen vom Boden auf, aus dem Radio tanzen Noten. Auf der Geissenalp in den Bergen hat wieder ein munterer Morgen begonnen.

Welche Aufgaben die Ziegenhirtin bis Sonnenuntergang noch erwarten, zeigen die fröhlich-plakativen Illustrationen in Weiss, Rot- und Blautönen. Der wenige Text und die ausdrucksstarken Bilder wirken dabei informativ und lebendig zusammen. Zum Beispiel: In der Käserei schüttet Flavie Milch – «Glugg Glugg Glugg» – in den Kessel. Dann wird erklärt: «Danach im Kessel bei 38 °C über dem Feuer rühren.» Die Hirtin liefert den fertigen Käse ins Dorf, macht Heu, fällt Bäume, füttert Hühner und Zicklein und sitzt endlich gähnend im Büro. So heisst es am Ende des Tages: «Das war wieder ein anstrengender Tag.» Beglückend wohl auch, merkt man.

Womöglich lernen «Flachlandkinder» das Älpler- oder Sennenleben mit diesem stimmungsvollen Sachbuch erstmals kennen. Am Schluss gibt es noch vier Doppelseiten: ein Interview mit der Geissenhirtin Flavie und weitere Sachinformationen. Und ja, meist macht es auch noch Lust auf Käse.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/25, S. 40

Ich hab da was für dich
Lena Raubaum, Illustration: Katja Seifert
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2024, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-4230-5
Schlagwörter: Alltag | Lesen | Fantasie

Wortgeschenke und Gedankenstupser

Im neuen Gedichtband der Wiener Autorin Lena Raubaum lässt sich ein Kunterbunt an lyrischen Formen entdecken: Zehn-Wort-Gedichte, Bild- und Kopfstandgedichte, An-die-Tür-Klopfen-Gedichte, Wortspiele, Kalauer und kleine Geschichten in Versform. Das Inhaltsverzeichnis am Schluss ordnet die Texte in elf Themenkreise und ermuntert, sie nicht linear zu lesen, sondern herauszupicken, was einen anspricht.

«Ich hoffe / dass niemand / jemals vergisst / das FRIEDEN / ein Tunwort ist», liest man gleich zu Beginn. Ein Auftakt, der andeutet, dass diese Texte auch zum Dialog und Weiterdenken anregen wollen. In der Folge entfaltet ein kindliches lyrisches Ich einen Regenbogen an Gefühlen. Das Kind hält Stille aus, will sich nicht vorsorglich Sorgen machen, beobachtet und hört ganz genau in den Tag hinein. Es stellt sich vor, wie es wäre, mit anderen Füssen aufzutreten – «mit ruhigen Pranken / und flinken Flossen / mit Zehen, die Schwimmhäute haben» – oder auf seinem Globus auf Weltreise zu gehen. Und es erzählt von all den Abenteuern, die es lesend erlebt hat. Ab und zu klopft es bei ihm an die Tür: «Es klopft. / Vor der Tür ein Streich. / Ich öffne. / Da steht niemand.» Diese und andere kleine Gedichtformen machen Lust, sie gleich selber auszuprobieren.

«Ich hab da was für dich» knüpft inhaltlich und gestalterisch an Raubaums erfolgreiches Lyrikdebüt «Mit Worten will ich dich umarmen» an. Katja Seifert illustriert erneut zurückhaltend und in warmen, gedeckten Farben. Sie nimmt in ihren Zeichnungen einzelne Szenen auf oder spinnt Gedanken im Text weiter. Abwechslungsreich, witzig, sorgfältig, klug, zugewandt, nah am Alltag von Kindern: Was kann ein Gedichtband mehr bieten?

Christine Tresch
Buch&Maus 1/25, S. 40

Dass die Österreicherin Lena Raubaum grundsätzlich gerne mit Sprache spielt, ist in ihrem zweiten Gedichtband für Kinder gut zu spüren. In elf Kapiteln gruppiert sie zu den Überthemen Hoffnung und Zuversicht Hintergründiges neben Humorvollem, mal direkt aus einer Situation Beschriebenes, mal eher Abstrakteres. Immer sind es wenige Zeilen, verdichtet und dennoch einfach zu verstehen, häufig fröhlich untermauert durch die feinen Strichzeichnungen von Katja Seifert. Wenn es unter dem Titel «Glücksbringer» heisst: «Du hat mir gerade Glück gebracht, denn ich hab an dich gedacht», ist Raubaums Geschenk an das Leben und die Lesenden offensichtlich.

Was keiner kapiert
Michael Hammerschmid, Illustration: Barbara Hoffmann
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2024, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-5996-7

«Was keiner kapiert» richtet sich an jene, die sich oft unverstanden fühlen und im Gegenzug oft auch die Welt nicht verstehen: Vor allem die jugendliche Empfindungs- und Erfahrungswelt giessen die Gedichte in Worte, in denen sich aber alle, die einmal Teenager waren, wiedererkennen werden. Denn die zentralen Fragen nach der eigenen Identität und den Lebenszielen bilden den Kern vieler Gedichte. Hammerschmid verzichtet dabei weitgehend auf Zeichensetzung, um mit Mehrdeutigkeiten zu spielen. Die grafische Umsetzung der Texte und ihre Bebilderung in sattem Blau von Barbara Hoffmann erden die Texte und runden den Band ab.

Elektrizität und Himmelsfische
Andrej Bulbenko, Marta Kajdanowskaja
Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja und Henriette Reisner.
Verlag: dtv Reihe Hanser, Publiziert: 2024, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64119-7
Schlagwörter: Krieg | Migration | Pubertät

Eigentlich sollte heute das neue Bett aufgebaut werden, auf das Marzia sich schon lange freut. Doch dann fallen Bomben. Panisch packt die Familie das Nötigste in Opas Jeep und fährt los. «Wohin?» – «Auf jeden Fall raus aus der Stadt. Im besten Fall – raus aus dem Land.» Tausende tun es ihnen gleich, und so geht es – wenn überhaupt – nur im Schritttempo voran. Der Grossvater weicht auf Nebenstrecken aus und verfährt sich. Im Auto ist es eng, laut, stickig, die Nerven aller sind bis zum Zerreissen gespannt – sechs Menschen und viel Angst in einer rollenden Sardinenbüchse. Auf der zufällig eingepackten Aufbauanleitung für das Bett notiert Marzia, was die Familie auf der Flucht erlebt. Auf dem 14-seitigen Plan schreibt sie mal hier, mal da ihre Gedanken und Gefühle auf, erzählt von absurden, surrealen Situationen und Begegnungen, Not, Gewalt, Willkür und Demütigung.

In einem grenznahen Motel vertraut sie dem Co-Autor des Buches ihre Auf-zeichnungen an, ehe die Familie weiterfährt: Wenn er binnen einer Woche nicht wieder von ihr hört, darf er sie veröffentlichen. Die Geschichte einer Flucht vor dem Krieg wird hier aus der Sicht einer 14-Jährigen erzählt. Sie ist fiktiv – und auch wieder nicht, denn was der etablierte, russisch schreibende Autor aus der Ukraine und eine 15-jährige Schülerin (beide unter Pseudonym) zu einem Buch verarbeitet haben, haben sie so ähnlich selbst erlebt.

Ein ungewöhnliches, stilistisch und inhaltlich forderndes Buch, das auf die Ängste und Nöte von Menschen im Krieg und auf der Flucht aufmerksam macht, berührt, zum Nachdenken anregt und lange nachwirkt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/25, S. 37

Inken oder Alba
Marianne Kaurin
Aus dem Norwegischen von Franziska Hüther.
Verlag: WooW Books, Publiziert: 2024, Seiten: 248, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03967-038-3
Schlagwörter: Eifersucht/Neid | Streit/Konflikt

«Typisch, dass ausgerechnet ich Eltern habe, die ultralangweiligen Kram machen und meinen, er wäre wahnsinnig wichtig.» Inken, kurz für Inger Karin, ist zwölfeinhalb und geht in einer norwegischen Küs-tenstadt in die siebente Klasse. Ihr Kram: mit der besten Freundin Jasmin Schwester spielen, an Leo denken und Schminkvideos von Cora und Caitlin gucken. Nur dass die Freundin nach den Ferien wenig Zeit hat und Inken zu Papa ziehen muss. Als an der Schule, parallel zu den norwegischen Parlamentswahlen, Wohlfühlagenten gewählt werden, sieht Inken ihre Chance, «eine von den Beliebten» zu werden. «Wie wird man so jemand? Ich glaube, ich würde so ziemlich alles dafür tun», vertraut sie ihrem grünen Tagebuch an.
In knapp 50 turbulenten Kapiteln erleben wir dann, was Inken wirklich alles tut – und nicht nur sie. Der Wahlkampf zwischen ihr und Rivalin Alba, einer erklärten Umweltaktivistin, eskaliert. Trotz der extremen Positionen agieren die beiden ähnlich destruktiv: Sie mobben sich in Klassenchats, lügen und intrigieren. Die Situation spitzt sich zu, als sich die Mädchen überraschend ein Zimmer teilen müssen. Das wirkt beim Lesen teils konstruiert, aber auch witzig. Als Alba zum Beispiel Geige übt, kommentiert Inken: «Leider klingt es ziemlich schön», und zerschneidet kurz darauf die Saiten. Einer der Tiefpunkte, aber auch ein Neuanfang – denn die Mädchen verbünden sich, um ein frisch verliebtes Paar, Inkens Vater und Albas Mutter, auseinanderzubringen.

Dank viel Sprachwitz und einigen Wendungen bleibt die Geschichte bis zum Happy End lesenswert. Wir erfahren, wer Wohlfühlagentin wird und in welchen Paralleluniversen sich diese Jugendlichen und ihre Erwachsenen bewegen.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/25, S. 36

Milo tanzt
Anne Becker
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2024, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-18638-4
Schlagwörter: Identität/Individualität | Geschlechterbilder

Milo tanzt Ballett, und das richtig gut. So gut, dass er bei der Aufnahmeprüfung mitmachen kann, um sich für einen Platz an der Tanzakademie zu qualifizieren. Blöd nur, dass Tanzen für Jungs ja eigentlich uncool ist und er zusammen mit seinem besten Freund Maxim alles dransetzt, seine Leidenschaft zu verheimlichen. Und blöd auch, dass Milo selbst Maxim noch gar nichts von seinem Plan, die Aufnahmeprüfung zu machen, erzählt hat. Als jedoch der Neue in der Klasse, Luca, Milo beim Tanzen filmt und das Video auf TikTok stellt, eskaliert die Situation, bis am Ende eine Überraschung die Wende bringt.

Hobbys und Vorlieben, die eigentlich gar nicht mehr so ungewöhnlich sind für einen Jungen und dennoch von Klassenkameraden als Aufhänger für Mobbing via Social-Media-Kanäle genutzt werden – um dieses Thema dreht sich Anne Beckers
gelungener, kurzweiliger und unterhaltsamer Kinderroman «Milo tanzt». Kontrastiert wird die Mobbingerfahrung durch Milos Familie und Freunde, die sein Hobby bedingungslos unterstützen und damit zeigen, wie unverzichtbar Menschen sind, denen man sich anvertrauen und mit denen man schwierige Situationen gemeinsam meistern kann. Denn gerade diese starken Bande ermöglichen es Milo, durchzuhalten und sich dem Mobbing zu stellen. Gleichzeitig erkennt er, dass sich das, was von seinen Peinigern als Mobbing gedacht war, ins Gegenteil verkehrt hat: Zahlreiche User und Userinnen haben das Video, in dem Milo tanzt, gelikt und mit positiven Kommentaren versehen. Das bestärkt Milo weiter, seiner Leidenschaft nachzugehen, bis er schliesslich die ganze Klasse überreden kann, an einer Schulaufführung mit ihm zu tanzen.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/25, S. 36

Als Anders in mein Leben rollte
Ariane Grundies
Verlag: Rotfuchs, Publiziert: 2024, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7571-0019-3
Schlagwörter: Behinderung | Freundschaft | Familie/Familienformen

Bei der Schulaufführung von «Hänsel und Gretel» hat Ronjas Mutter der Lehrerin öffentlich eine geschmiert, worauf der überkorrekte Vater mit einem geklauten Fahrrad zur Wache radelt, um die Mutter zu befreien. Wie es zu diesem ungekannten Chaos im Leben der elfjährigen Ich-Erzählerin Ronja kam – das erzählt Ariane Grundies’ Kinderroman «Als Anders in mein Leben rollte».

Alles beginnt mit dem neuen Mitschüler Anders, der eines Tages in Ronjas Schulzimmer rollt. Kurz darauf verkünden Ronjas Eltern, dass sie sich trennen. Dann klingelts. Vor der Tür sitzt Anders, um mit ihr die Rollen des Schultheaters einzuüben. Anders soll Hänsel, Ronja Gretel spielen. Da hat Ronja hat gerade keinen Kopf, um Anders anders zu behandeln − wohl zum Glück, denn so entwickelt sich zwischen den beiden eine Freundschaft, ohne dass Anders Ronja wie den Erwachsenen «die ganze Zeit» sagen muss, dass er «kein Problem» habe.

Mit viel Sprachwitz, scharf beobachtet und auch mal sehr entlarvend, zeigt Grundies die Mühen – insbesondere der Erwachsenen –, mit dem Anderssein von Anders umzugehen. Feinfühlig und authentisch stellt sie das Erleben der Ich-Erzählerin Ronja dar. Von Regina Kehn treffend und ausdrucksstark illustriert, erzeugt die flott voranschreitende Handlung mit überraschenden Wendungen Spannung. Neben Inklusionsfragen regt der Roman seine Leser:innen zu Diskussionen über Themen wie Freundschaft an. Stellenweise nehmen die Anliegen der Erwachsenen vielleicht etwas viel Raum ein, dennoch funktioniert die Mehrfachadressierung des Textes insgesamt sehr gut. Die märchenhafte Auflösung stimmt optimistisch und ist mit ihren intertextuellen Bezügen zu Märchen insgesamt stimmig.

Stefan Schröter
Buch&Maus 1/25, S. 35

Die Geschichte vom Nichts
Regina Schwarz, Illustration: Florence Dailleux
Verlag: Aracari, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907114-36-0
Schlagwörter: Philosophie | Sprachspiel

Ein schwarzes, ausgefranstes Loch und drumherum ein ineinandergepuzzeltes Gewimmel aus Menschen, Tieren und Ornamentik: Schon das Cover von Illustratorin Florence Dailleux macht neugierig in seiner Dualität: aussen Farbe, Fülle, Verschiedenheit – im Zentrum monochrome Leere. Dass beides nur in seiner Polarität funktioniert, wird schon durch die starken Konturlinien deutlich. Doch das Nichts ist traurig: «Ich bin ein Nichts und bleibe ein Nichts. Und ich sehe nach nichts aus …», klagt es, das Punkt-Punkt-Strich-Gesicht nur eine unglücklich-zittrige Linie. Am liebsten würde es sich auflösen.

«Und dann? Ständen alle da ohne das Nichts» – das doppelseitige Bild zeigt die Gruppe verloren im Weissraum. Mit vielen Redewendungen spinnt Kinderbuchautorin Regina Schwarz nun diesen Gedanken weiter: Keiner sagt mehr «Nichts da!» oder «Macht nichts», es gäbe nichts mehr zu lachen, wir müssten uns um nichts mehr kümmern, und niemand wollte mehr mit nichts etwas zu tun haben … Und das Nichts selbst verschwindet in der Schwärze, bis die anderen ihm zeigen, wie wichtig es ist und wie sehr sie es brauchen. So geht es in diesem Bilderbuch auch um schwarze Gefühle, Selbstwert, Trost und Dazugehören.

Kindern das Nichts und dessen Sinnhaftigkeit fassbar zu machen, ist ein ambitioniertes Unterfangen, das sich hier allerdings im Spagat zwischen Philosophie und Sprachspiel nicht wirklich erschliesst. Stark und besonders ist die Bebilderung, in der Erdfarben mit Schwarz und Weiss, Muster, Linien und Schraffuren kombiniert werden, die an die Kunst der australischen Aborigines erinnern und ihren eigenen Mythos vom Nichts in der Welt erzählen.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/25, S. 31

Susie im Supermarkt
Daniel Fehr, Illustration: Claudia Burmeister
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95939-236-5
Schlagwörter: Alltag | Familie/Familienformen | Essen

Samstags geht Susie mit ihrer Mutter, die Supermarktkassierin ist, zur Arbeit. «Wir sind kein Hort», sagt die Chefin. «Hier kann sie nicht sein.» «Also bin ich nicht hier. Wie jeden Samstag», kontert die kindliche Ich-Erzählerin. Dass diese Aussage ironisch gemeint ist, dürfte sich für Kinder im Vorlesealter rein sprachlich kaum erschliessen. Sie tun sich schwer, wenn der Sinn in einer konträren Aussage verborgen ist. Autor Daniel Fehr macht dennoch Ironie zum Dreh- und Angelpunkt seiner Geschichte. Zusammen mit Illustratorin Claudia Burmeister entwirft er ein Suchspiel, durch das die Rezipient:innen ihm auf die Schliche kommen.

Denn die Bilder widersprechen offen der Textaussage. «Ich bin nicht beim Brot», sagt Susie und ist doch im Bild zu finden. In jeder Abteilung plaudert sie über die Kund:innen – wie Herrn Herrlich, der wegen seiner kleinen Rente nur wenig kauft. Die betrachtenden Kinder sind eingeladen, genau zu beobachten und Rückschlüsse zu ziehen, wer was warum einkauft. Spannend, wenn es um ein heruntergefallenes Glas oder eine schon im Markt verfutterte Tüte Süssigkeiten geht. Die Bilder erzählen einiges, worüber im Text kein Wort verloren wird. Zugleich lernen Kinder die einzelnen Bereiche eines Supermarkts kennen.

Das Beste kommt zum Schluss: Susie kauft als letzte Kundin bei ihrer Mutter ein, um die Zutaten zu Hause in ein Abendessen zu verwandeln. Da müssen nochmals alle Bilder gesichtet werden, um herauszufinden, was Susie wo in ihren Korb gelegt hat und welches Gericht sie kocht. (Tipp: Das hintere Vorsatzpapier liefert die Antwort.) So bietet dieses Bilderbuch ein selten gelungenes Bild-Text-Wechselspiel, das Kindern spielerisch Ironie nahebringt.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/25, S. 31

Nonnas Geburtstag
Ruth Loosli, Illustration: Monique Stadler
Verlag: die Brotsuppe, Publiziert: 2024, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03867-099-5
Schlagwörter: Generationen | Körper

Nonna ist eine lebensfrohe, jung gebliebene Grossmutter. Sie liebt ihren Garten, unternimmt mit ihrem roten Cabriolet schnelle Spritztouren und trägt Nagellack, der zur Tasche oder zur Halskette passt. Ausgerechnet an ihrem 77. Geburtstag schlägt das Alter zu: Beim Kaugummikauen bricht ein Zahn ab – ein kleiner Unfall, der Nonna jedoch einen grossen Dämpfer versetzt.

Zunächst versucht sie, das Malheur zu ignorieren. Schliesslich ist es ihr Geburtstag, bald kommen ihre Freundinnen zu Besuch. Am Geburtstagstisch wird Nonna aber klar: Der Gang zum Zahnarzt ist unvermeidlich. Zum Glück ist sie nicht allein, ihr Enkel Luca und ihre drei Freundinnen begleiten sie. Letztere schleppen dabei allesamt selbst ein Altersgebrechen mit sich herum. Eine humpelt an Krücken, eine hört schlecht, und die Dritte hat ein abgeklebtes Auge. Der Tag findet schliess-lich doch noch ein fröhliches Ende: Mit Tanz, Gelächter und einer grossen Portion Lebensfreude feiern alle im Garten.

Die Illustrationen kombinieren verschiedene Stile. Die Figuren wirken teils wie in die Szenerie hineingesetzt, was an Collagen erinnert. Sie enthalten charmante Details, etwa das rot-weiss gestreifte Kleid einer der Freundinnen, das grafisch ansprechend umgesetzt wurde. Diese Abwechslung an Stilen ist spannend, gleichwohl hätte eine einheitlichere gestalterische Linie das visuelle Gesamtbild harmonischer wirken lassen. In «Nonnas Geburtstag» stehen eine alte Frau und das Älterwerden im Mittelpunkt – nicht unbedingt eine Figur und ein Thema, womit sich junge Leser:innen identifizieren können. Doch das Ende, voller Gemeinschaft und Lebensfreude, trägt eine universelle Botschaft: Es erinnert uns alle daran, das Leben in jeder Phase zu feiern.

Carlotta Binder
Buch&Maus 1/25, S. 29

Niemand ausser mir
Sara Lundberg
Aus dem Schwedischen von Franziska Hüther.
Verlag: Limbion, Publiziert: 2024, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-910549-07-4
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie | Natur

Sara Lundberg vermag es, in ihren Bildern die Zeit anzuhalten. Etwa, wenn der Junge in diesem Buch hochkonzentriert versucht, den Reissverschluss seiner Schwimmweste zuzuziehen, oder wenn er an der Hand seiner Mutter durch den Regen nach Hause geht. Vorher hatte der Sommertag am Wasser für beide einiges zu bieten. Während sie, bis zu den Knien im kühlen Nass, angeregt mit einer anderen Frau plauderte, erkundete er mit seinem orangefarbenen Schlauchboot die ganze Welt. Darum geht es im Kern: Um das Loslassen und ums Zurückkommen.

Wer sind die drei geheimnisvollen Wesen, denen der Junge auf seiner Entdeckungsreise durch die Everglades-ähnliche Landschaft begegnet? Für Lundberg verkörpern sie seine wilde Seite, seine Kreativität, oder sie sind seine Beschützer. All das ist möglich und bietet noch genug Raum für eigene Assoziationen.

Die schwedische Illustratorin variiert die Seitengestaltung ihres über weite Strecken textlosen Buchs geschickt und feinfühlig. Dabei offenbart sich ihr grosses Können in der Farbwahl, der lebendigen Gestik und Mimik sowie im perfekten Rhythmus, der die Geschichte strukturiert. Mit Wasserfarben, Gouache und Buntstift bringt Lundberg ihre ausdrucksstarken Szenen zu Papier. Basis dafür waren eine ausgiebige Recherche, zahlreiche Naturfotografien und der fünfjährige Sohn ihres Cousins. Mit ihrem fotorealistischen Stil versucht sie, nahe an den Vorlagen zu bleiben.

Es waren Lundbergs Bücher, die Verlegerin Lisa Hammerl dazu inspiriert und ermutigt haben, den Limbion-Verlag zu gründen. Das ist – wie die Arbeiten von Sara Lundberg – etwas ganz Besonderes.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/25, S. 29

Das Wimmelbuch vom Abschiednehmen
Sophia Bartenstein, Illustration: Andrea Peter
Verlag: vatter&vatter, Publiziert: 2024, Seiten: 14, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907340-25-7
Schlagwörter: Abschied | Tod/Trauer | Alltag

Wimmelbücher leben von der Gleichzeitigkeit vieler Geschichten. Im vorliegenden Buch sind es Geschichten aus dem Leben, in das Krankheiten und der Tod treten. Genau dies möchte die Palliativärztin und Familientrauerbegleiterin Sophia Bartenstein, die die Grundkonzepte für dieses Buch entwickelt hat, aufzeigen. Das ist in intensiver Zusammenarbeit mit der Berner Illustratorin Andrea Peter gelungen. Mithilfe einer gemeinsamen Tabelle wurden die Geschichten minutiös ausdifferenziert und miteinander verwoben.

Auf der ersten Doppelseite sehen wir alle Figuren(-gruppen), die wir anschliessend durch ein Jahr verfolgen können. Dazu werden konkrete Fragen an die Betrachtenden gerichtet, mal näher, mal weiter weg vom Thema Abschied: Wer kann uns in schwierigen Zeiten unterstützen? Welche Rituale begleiten dich? Wen liebst du? Damit schärft sich der Blick für Lebensfragen und die Vielfalt des Abschiednehmens. Während im Krankenhaus oben eine Frau ein Kind gebärt, wird unten jemand operiert. Auf der Strasse trauert ein Kleinkind um seinen roten Ballon. Wir begleiten die Figuren und entdecken in nachvollziehbaren Situationen Momente von Trauer, genauso wie Freude, Humor und Hoffnung. Wenige Menschen sind mit ihrer Trauer einsam, nur der rothaarige Tod bleibt allein. Die Illustrationen zeugen von grosser Ernsthaftigkeit und sind zugleich leicht und fröhlich. Schade ist, dass sie etwas zu sehr an die Wimmelbuchtechnik von Rotraut Susanne Berner erinnern. Nichtsdestotrotz sollte dieses Buch zu vielen Kindern und Eltern kommen – nicht nur in konkreten Trauermomenten, sondern um das Thema mitten hinein ins Leben zu holen.

Barbara Jakob
Buch&Maus 1/25, S. 28

Aufbruch nach Deseo
Markus Heitz
Verlag: Argon, Publiziert: 2024, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8398-4322-2
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Traum | Abenteuer

Seit einem BMX-Unfall ist der 13-jährige Finn vorübergehend auf Krücken und Rollstuhl angewiesen. Dies kann er aber gut kompensieren, denn Finn hat eine besondere Gabe: Er kann seine Träume nach eigenen Wünschen gestalten. Ob als Raumschiffpilot oder heldenhafter Ritter, in selbst entworfenen Vergnügungsparks oder Fantasywelten – im Schlaf, und manchmal sogar beim Tagträumen kann Finn die unglaublichsten Szenarien herbeiträumen.

Doch eines Nachts erscheint ein schwarzgekleidetes Mädchen in seinem Traum und warnt ihn vor Albtraumwesen, die in seine Träume eindringen können. Sanja lädt ihn zu sich in die «Spukvilla» ein, in der sie beim stadtbekannten Professor Barfuss wohnt. Dort offenbart sie Finn, dass er ein Klarträumer ist und dass im Keller der Villa eine klapprige Traummaschine steht, die Dinge aus Träumen in die echte Welt zieht. Damit die Maschine repariert werden kann, reisen Finn und Sanja in das Traumland Deseo, wo Traummacher die Zutaten für Träume herstellen. Gemeinsam begeben sich die beiden auf eine rasante Schnitzeljagd durch Traumwelten, immer auf der Suche nach Hinweisen, die zu Sanjas verschwundenen Eltern führen könnten.

Mit dem abenteuerlichen Trip durch die verschiedenen Traumländer rührt Markus Heitz eine ideenreiche Mischung aus Fantasy, Spukgeschichte und Spionageroman an. Hörbuchsprecher Simon Jäger haucht den sympathischen Figuren mit grosser Spielfreude Leben ein und sorgt mit seiner wandelbaren Stimme meisterhaft für die richtige Balance aus Humor, Spannung und wohlig-angenehmem Gruselgefühl.

Petra Schrackmann
Buch&Maus 3/24, S. 41

Fahr Rad
Ondřej Buddeus, Illustration: Jindřich Janíček
Aus dem Tschechischen von Lena Dorn
Verlag: Karl Rauch, Publiziert: 2024, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7920-0386-2
Schlagwörter: Historisches | Reisen | Sport

Die Sonne geht über einer malerischen Hügellandschaft auf. Ein Fahrradfahrerin rollt locker den Berg hoch, setzt sich oben auf einen Stein, hält ihr Gesicht in die ersten Sonnenstrahlen. So fühlt sich Freiheit an. Schon der Auftakt macht klar, dass es sich bei diesem Buch auch um eine Liebeserklärung ans Velofahren handelt.

Die tschechischen Buchkünstler Ondřej Buddeus und Jindřich Janíček stellen das Objekt ihrer Leidenschaft in drei Teilen vor. Zuerst geht es um die Geschichte des Velos, Bauteile, neue Technologien oder die Ökobilanz der Fahrradproduktion. Dann stehen kleine und grosse Velofahrer:innen und ihre Räder im Zentrum, es geht ums Gleichgewicht, den Einsatz der Muskelkraft und geeignete Kleidung. Auch über Gefühle und Gefahren, die einen velofahrend ereilen können, wird sinniert. Witzig ist die Doppelseite mit einer Blessuren-Skala, je nach Unterlage beim Fall. Nicht nur hier werden Leser:innen die Infos mit eigenen Erfahrungen vergleichen. Schliesslich kehrt das Buch zu Entdeckungsfahrten auf zwei Rädern zurück, gefolgt von Tipps fürs sichere Unterwegssein.

Janíčeks comicartige Illustrationen auf kräftig-gelbem oder orangem Hintergrund changieren zwischen humorvollen Darstellungen der diversen Velocommunity und vielen Details und impressionistischen, nicht immer leicht zu lesenden Landschafts- und Strassenszenen. Buddeus’ Texte richten sich an schon gute Lesende. Diese holt er mit vielen Infos und witzigen fiktiven Episoden ab. Ein Lesevergnügen für alle ab Ende Primarschule, die das Velo bereits für sich entdeckt haben, und Anregung für alle anderen, der Aufforderung – «Fahr Rad» – zu folgen.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/24, S. 41

Dein Geld und die Welt
Cecile Biccari, Illustration: Naïade Lacolomb
Aus dem Französischen von Silv Bannenberg
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2024, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03964-044-7
Schlagwörter: Armut | Arbeit | Anleitung

Was du mit deinem Taschengeld alles bewirken kannst

«Money, Money, Money« von ABBA, «Money» von Pink Floyd oder «Money for Nothing» von den Dire Straits: Viele Rockbands haben Geld und die Vorzüge sowie Nachteile besungen, die aus dem Besitz von Geld resultieren. Doch wie kommt man überhaupt an Geld? Was ist das eigentlich? Haben alle Menschen das gleiche Geld? Wie funktioniert Sparen? Und was sind Aktien und Bitcoins? Diesen und vielen anderen Fragen spüren Christine Bortenlänger und Franz-Josef Leven in ihrem Sachbuch «Alles Money, oder was?» in 16 Kapiteln nach. Was vielleicht langweilig klingt, entpuppt sich als spannendes und vor allem logisch aufgebautes Nachschlagewerk, das nicht nur junge, sondern sicherlich auch ältere Leser:innen kurzweilig und höchst informativ in die Welt der Finanzen einführt. Das Autorenduo weiss, worüber es schreibt: Beide Autor:innen sind im Finanzwesen tätig und vermitteln unkompliziert und lehrreich Wissen rund ums Geld und die Finanzwelt. Dabei scheuen sie sich nicht, auch komplizierte Themen und Konzepte wie Devisen, festverzinsliche Wertpapiere oder Dividenden in ihr Buch aufzunehmen und zu erklären. Illustrationen, anschauliche Grafiken und kleine Infoboxen runden das hervorragend konzipierte Buch ab, das in jeder Hinsicht überzeugt und die Leser:innen nicht überfordert.

Die Vermittlung von Wissen rund um das Thema Geld steht auch im Sachcomic von Cecile Biccari und Naïade Lacolomb im Zentrum. Ihr Buch «Dein Geld und die Welt» ist etwas anders aufgebaut als «Alles Money oder was?» und startet mit einem Comic, in dem Leser:innen die Protagonistin Nora begleiten. Nora möchte wissen, was sie mit ihrem Geld alles anstellen könnte, wenn sie es nicht zur Bank bringt. Schon hier werden Themen wie Sparen und Investment, aber auch Verluste aufgegriffen. Interessant ist, dass hier der Bogen zwischen Geld und Nachhaltigkeit ins Spiel gebracht wird, der später das Buch durchzieht und erweitert wird um soziale Themen, die mit Geld verknüpft sind: Wie nachhaltig sind unsere Einkäufe und Investments eigentlich?

Der Comic leitet zum ersten grossen Themenblock des Buches über: «Geld in unserem Leben». Auch hier werden zunächst grundsätzliche Fragen besprochen: Wozu brauchen wir Geld, und wie verdient man es? Als soziale Komponente werden Kinderarbeit und deren Auswirkungen ins Spiel gebracht. Erklärungen zu Güter produzierenden Unternehmen, Fragen, ob Geld glücklich macht, und Sachthemen rund ums Sparen, Spenden und Investieren runden den ersten Block ab. Der zweite Block erweitert den Fokus und widmet sich dem «Geld in der Welt». Hier erklären die Autorinnen, woher das Geld kommt und wer es herstellt, wie Banken entstanden sind, und nehmen auch Digitalwährungen in den Blick. Infoboxen und Illustrationen in Kombination mit kurzen Comicstrips begleiten die auch hier unterhaltsamen und kurzweiligen Ausführungen, die immer wieder Nachhaltigkeitsthemen in den Blick nehmen und zeigen, wie Geld, die Wirtschaft, natürliche Ressourcen und damit auch die Umwelt zusammenhängen.

Beide Bücher sind klare Empfehlungen für Jung und Alt, die sich über Geld informieren wollen, und lassen sich durchaus ergänzend nutzen.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/24, S. 40

Alles Money oder was?
Franz-Josef Leven, Christine Bortenlänger
Verlag: Loewe, Publiziert: 2024, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7432-1728-7
Schlagwörter: Armut | Arbeit

Von Aktien, Bitcoins und Zinsen

«Money, Money, Money« von ABBA, «Money» von Pink Floyd oder «Money for Nothing» von den Dire Straits: Viele Rockbands haben Geld und die Vorzüge sowie Nachteile besungen, die aus dem Besitz von Geld resultieren. Doch wie kommt man überhaupt an Geld? Was ist das eigentlich? Haben alle Menschen das gleiche Geld? Wie funktioniert Sparen? Und was sind Aktien und Bitcoins? Diesen und vielen anderen Fragen spüren Christine Bortenlänger und Franz-Josef Leven in ihrem Sachbuch «Alles Money, oder was?» in 16 Kapiteln nach. Was vielleicht langweilig klingt, entpuppt sich als spannendes und vor allem logisch aufgebautes Nachschlagewerk, das nicht nur junge, sondern sicherlich auch ältere Leser:innen kurzweilig und höchst informativ in die Welt der Finanzen einführt. Das Autorenduo weiss, worüber es schreibt: Beide Autor:innen sind im Finanzwesen tätig und vermitteln unkompliziert und lehrreich Wissen rund ums Geld und die Finanzwelt. Dabei scheuen sie sich nicht, auch komplizierte Themen und Konzepte wie Devisen, festverzinsliche Wertpapiere oder Dividenden in ihr Buch aufzunehmen und zu erklären. Illustrationen, anschauliche Grafiken und kleine Infoboxen runden das hervorragend konzipierte Buch ab, das in jeder Hinsicht überzeugt und die Leser:innen nicht überfordert.

Die Vermittlung von Wissen rund um das Thema Geld steht auch im Sachcomic von Cecile Biccari und Naïade Lacolomb im Zentrum. Ihr Buch «Dein Geld und die Welt» ist etwas anders aufgebaut als «Alles Money oder was?» und startet mit einem Comic, in dem Leser:innen die Protagonistin Nora begleiten. Nora möchte wissen, was sie mit ihrem Geld alles anstellen könnte, wenn sie es nicht zur Bank bringt. Schon hier werden Themen wie Sparen und Investment, aber auch Verluste aufgegriffen. Interessant ist, dass hier der Bogen zwischen Geld und Nachhaltigkeit ins Spiel gebracht wird, der später das Buch durchzieht und erweitert wird um soziale Themen, die mit Geld verknüpft sind: Wie nachhaltig sind unsere Einkäufe und Investments eigentlich?

Der Comic leitet zum ersten grossen Themenblock des Buches über: «Geld in unserem Leben». Auch hier werden zunächst grundsätzliche Fragen besprochen: Wozu brauchen wir Geld, und wie verdient man es? Als soziale Komponente werden Kinderarbeit und deren Auswirkungen ins Spiel gebracht. Erklärungen zu Güter produzierenden Unternehmen, Fragen, ob Geld glücklich macht, und Sachthemen rund ums Sparen, Spenden und Investieren runden den ersten Block ab. Der zweite Block erweitert den Fokus und widmet sich dem «Geld in der Welt». Hier erklären die Autorinnen, woher das Geld kommt und wer es herstellt, wie Banken entstanden sind, und nehmen auch Digitalwährungen in den Blick. Infoboxen und Illustrationen in Kombination mit kurzen Comicstrips begleiten die auch hier unterhaltsamen und kurzweiligen Ausführungen, die immer wieder Nachhaltigkeitsthemen in den Blick nehmen und zeigen, wie Geld, die Wirtschaft, natürliche Ressourcen und damit auch die Umwelt zusammenhängen.

Beide Bücher sind klare Empfehlungen für Jung und Alt, die sich über Geld informieren wollen, und lassen sich durchaus ergänzend nutzen.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/24, S. 40

Warum leuchten Sterne?
Mai Thi Nguyen-Kim, Illustration: Marie Meimberg
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2024, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0447-7
Schlagwörter: Weltall | Wissenschaft

Spätestens seit der Corona-Pandemie ist Dr. Nguyen-Kims grosses Talent als Wissenschaftsjournalistin durch verschiedene Sendeformate weitherum bekannt. In einfachen Metaphern und Vergleichen vermag sie komplizierte Sachverhalte aus ihrem Fachgebiet, der Chemie, und anderen MINT-Fächern in Videos für Erwachsene verständlich zu erklären. Zusammen mit der Künstlerin und Illustratorin Marie Meimberg wagt sie sich nun an das Medium Kindersachbuch.

Das Prinzip von «BiBiBiber hat da mal ’ne Frage» steckt bereits im Reihentitel. Ausgangspunkt ist immer eine vermeintlich einfache Frage von Biberfrau Bibi, die dann zu weiteren Fragen und so vom Kleinen ins Grosse und zurück führt. Im konkreten Fall vom Sternenhimmel zu den Molekülen zurück zur Milchstrasse. Zwischen Bibi und den Autor:innen zieht sich über das ganze Buch ein Dialog, der vom Nach- und Weiterfragen bestimmt ist. Dieser Textfluss spornt zum Weiterlesen oder -vorlesen an. Gleichzeitig ist der lineare Wissensaufbau auch anspruchsvoll – so ist der Text nicht in Kapitel unterteilt, die auch mal zum Stöbern einladen – und fordert ein gewisses Durchhalte-vermögen oder die Fähigkeit, selbst an einem guten Ort Pausen einzulegen. Dafür verzichten die Autorinnen bewusst auf Fachausdrücke und bleiben ganz nah an der kindlichen Alltagssprache. Die flächigen Illustrationen, die zuweilen grosse Teile der Seiten einnehmen, unterstreichen das im Text Gesagte oder kommentieren es auch mal humorvoll am Rande und bieten so Entlastung. Alle Bände verweisen per QR-Code auf eine eigene Website, mit Quellenverzeichnissen und Songs zu den Themen der Bücher. Alle Bände sind zusätzlich als Hörbücher erhältlich.

Gina Domeniconi
Buch&Maus 3/24, S. 40

Pinke Monster
Claus Daniel Herrmann
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2024, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-441-2
Schlagwörter: LGBTQ* | Erwachsenwerden

In zarten Grautönen inszenieren die ers-ten Bilder in Claus Daniel Herrmanns «Pinke Monster» eine scheinbar sehr alltägliche Szene und ziehen einen dennoch sofort in die Geschichte. Teenager Frank kommt nach der Schule nach Hause und verzieht sich gleich mit einer Müslischale auf sein Zimmer, um zu zeichnen. Die Mutter ist noch nicht da, der Vater, Georg, sitzt antriebslos vor dem Fernseher. Dessen Depression bringt aber die Ereignisse ins Rollen, die für Frank einen Coming-of-Age-Prozess auslösen. Weil die Mutter mit der Situation überfordert ist, lädt sie eine alternative Heilerin ein, um Georg zu helfen. Und mit dieser Thea kommt Farbe in den Comic, denn sie trägt rosa und pinke Accessoires. Sie beruhigt die Familie, dass schon alles gut komme. Es brauche nur etwas Geduld, um die schlechten Energien im Haus loszuwerden – die Voraussetzung für Georgs «Heilung».

Dass ihr Vorgehen, das mit harmlosem Verteilen von Edelsteinen beginnt, ungute «Nebenwirkungen» hat, wird klar, als sie Franks Monsterzeichnungen, die angeblich schlechte Energien auslösen, mit der grössten Selbstverständlichkeit pink übermalt und die Eltern dies zulassen. Zudem hat Frank inzwischen erkannt, dass er schwul ist, und einen Freund gefunden, der seine Skepsis formuliert. Thea wird dabei in immer kräftigeres Pink getaucht, während zarte Rosatöne Franks Leben erhellen. Als Thea Franks Schwulsein als Quelle schlechter Energien benennt, befürchtet man als Leser:in schon Übles. Doch da hat die Mutter genug und setzt dem Spuk ein Ende, zumindest für sich und Frank. Die ruhige Erzählweise und der gefällige Zeichenstil kontrastieren die Ungeheuerlichkeit von Theas Ideologie und schaffen so ein Plädoyer wider esoterische Verführungen, das nachhallt.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 3/24, S. 39

Mein Papa ist kein Mörder
Christine Hubka, Illustration: Lukas Vogl
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2024, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-4198-8
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Gefühle

«Er ist doch selbst schuld. Was muss er auch mit dem blöden Handy telefonieren?!», antwortet Simon seiner Mutter frustriert. Der Junge hat keine Lust, aufzustehen, um den Vater zu besuchen: Der «beste Busfahrer von Wien» sitzt im Gefängnis – er hat einen Zwölfjährigen überfahren, während er telefonierte. Sind die Kinder des Schuldigen deshalb Kinder eines Mörders? Die als Graphic Novel aufbereitete Geschichte zeigt hautnah, welche dramatischen Folgen die Tat eines Elternteils hat: vom ersten Fehlen des Vaters beim Abendessen bis zum holprigen Neuanfang.

Simon ist wütend, die kleine Schwester hat Schuldgefühle (sie hat damals angerufen), die Mutter plagen auch finanzielle Nöte. Die Kinder sind mehrfach gestraft: kein Vater zuhause, kein Schulausflug, kein neues Handy, dafür Mobbing und Prügeleien, schlechte Noten. Simon wird bald die Schule schwänzen und Alkohol trinken. Die hochemotionalen Geschehnisse werden begleitet von sachlichen Texten zum juristischen Ablauf und Begriffserklärungen: «Offiziell heisst das Gefängnis in Österreich Justizanstalt (JA; in Deutschland und der Schweiz: Justizvollzugsanstalt, JVA). Manche sagen auch: Haftanstalt, Knast, Häfn, Strafhaus …» Es tut immer gut, diese Info-Päckchen zu lesen. Sie bringen Klarheit und Stabilität – wo eine ganze Familie aus dem Gleichgewicht geraten ist. Als Simon sich endlich helfen lässt, bricht es aus ihm heraus: «Mein Papa ist kein Mörder!»

Ein seltenes Thema in der Jugendliteratur wird hier beherzt angepackt. Durch die expressive Gestaltung – von Rot über Hellrosa bis Schwarz – verbindet Lukas Vogl die erzählenden und erklärenden Teile zu einem mitreissenden Ganzen.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/24, S. 39

Mukkekukke
Herausgeber:in: Anke Kuhl, Moni Port
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2024, Seiten: 148, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-425-2
Schlagwörter: Musik | Kreativität

Comics zu Musik

«Mukkekukke» – so der schöne Titel dieses grandiosen Bilder-Hörbuchs: Denn hier kann man wirklich Musik lauschen und dabei die passenden Comics gu-cken. Eine tolle Idee, die Anke Kuhl und Moni Port da ausgeheckt haben und für die sie fünfzehn der besten Comic- und Kinderbuchzeichner:innen begeistern konnten: von Nadia Budde bis zu Axel Scheffler, Philip Waechter, Jutta Bauer oder Tanja Esch. Jede und jeder hat zu einem der 23 hier präsentierten Lieder eine Bildergeschichte gezeichnet, mal erzählerisch, mal assoziativ interpretierend und in Stil, Techniken und Materialien so vielfältig wie ihre musikalischen Vorlagen. Die Playlist in der richtigen Reihenfolge gibts dann per QR-Code bei Spotify, Deezer und Apple Music.

Da strichelt Tor Freeman eine lustige Hofgesellschaft zu Beethovens «Flohlied», Ole Könneke schickt in Henry Mancinis Ohrwurm-Filmsong «Baby Elephant Walk» seinen kleinen Dickhäuter gut gelaunt in allerhand Mini-Abenteuer, und Max Fiedler lässt seine «Biene» von Franz Schubert in filigranen, ganzseitigen Wimmelbildern mit ihrem Skateboard durch eine wuselige Insektenstadt – und gerade noch pünktlich in die Schule sausen. Anke Kuhl kreiert zu «Hurra» von den Ärzten ein ebenso stimmungsvolles wie ironisches Setting, und Axel Scheffler strickt ein ganzes Mäusekonzert um Rossinis «Katzenduett».

Ob Dotas «Bademeister*in», Songs von Max Raabe, Wir sind Helden oder Rocko Schamoni – die Comics lassen tief eintauchen in einen musikalischen Kosmos von Klassik bis Pop, voller Stimmungen, Gefühle und Geschichten, mal poetisch, mal lustig oder frech. Ein echter Bücherschatz!

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/24, S. 39

City of Trees
Chantal-Fleur Sandjon
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2024, Seiten: 400, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-20287-9
Schlagwörter: Kulturen | Diversität | Krankheit

Drei Jahre ist es her, dass Lindiwes grosse Schwester im Wald verschwunden ist. Seither wohnt sie wie ein Geist in der Familie, immer präsent, ohne jemals genannt zu werden, so wie andere Themen in der gottesfürchtigen Familie nicht angerührt werden. Lindiwe will Khanyi nicht aufgeben, geht oft in den Wald, wo sie sich ihr nahe fühlt. Den moosartigen Ausschlag auf ihrer Haut verbirgt sie, wie auch andere Symptome, wegen der die Gesellschaft ähnlich wie bei Corona in höchster Alarm-bereitschaft ist. Als ihre Cousine Unathi aus Südafrika anreist, wirbelt das Lindis Leben durcheinander. Ihre Gefühle für das Mädchen, das so viel Kraft ausstrahlt, sind stärker, als sie sein sollten. Gleichzeitig spürt Lindiwe durch sie eine stärkere Verbundenheit zu ihren afrikanischen Wurzeln. Und auch auf Unathis Haut wächst eine Flechte … Können sie zusammen etwas über Khanyis Verschwinden herausfinden?

«City of Trees» ist ein nicht leicht zu durchblickender Roman zwischen African Future- und Climate-Fiction, über LGBTQ+ und Transitionen auf vielen Ebenen: vom Kind- ins Erwachsenensein, vom Leben ins Sterben oder Weiterleben in anderer Form, vom Mann- ins Frausein und umgekehrt. Die 17-jährige Lindiwe fühlt sich immer im Dazwischen. In der Schule ist sie «Zebra-Girl», zu Hause die unsichtbare Schwester einer Verschwundenen. Die Welt um sie herum verändert sich durch das Virus. Kinder verschwinden, und der Wald rückt vor: ein grosses, harmonisches Eins, verbunden durch Wurzeln und Duftstoffe. Die äussere Form des Texts passt zum Inhalt, liegt zwischen Roman und Poesie.

Das Buch verlangt seinen Leser:innen viel ab, bietet aber auch viel. Man muss sich nur darauf einlassen können.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/24, S. 38

Beat vor der Eins
Alexa Helmig
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2024, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-219-8
Schlagwörter: Identität/Individualität | Erwachsenwerden

Die Playlist, die Alexandra Helmigs Jugendroman per QR-Code vorangestellt ist, wird in einer Rezension auf buch.ch etwas verhalten als «nette Idee» bezeichnet. Das trifft es ganz gut. Eine Playlist ist klug eingesetzt, wenn sie sich als Klangspur durch die Geschichte zieht und weitere Dimensionen von Figur, Welt oder Handlung frei-legt. Keinesfalls aber sollte sie Ersatz sein für etwas, was der Text selbst nicht leistet: Hier hast du ein paar Songs und Stichworte, schaff Figuren und Atmosphäre daraus!

Leider drängt sich hier dieser Eindruck auf. «Beat vor der Eins» enthält alle Zutaten einer weiblichen Coming-of-Age-Geschichte: die Sehnsucht nach Sicherheit wie Autonomie; eine dysfunktionale Familie, in der der Vater die Mutter betrügt und die Mutter die Tochter mal zur Komplizin, mal zum unmündigen Kind macht; erste Liebe, erster Sex, auch Erfahrung sexueller Gewalt. Mit keinem dieser Themen aber setzt sich der Text intensiv auseinander, alle gehen im Rauschen der Ereignisse unter, die auf Ina einstürzen und an ihr abprallen. Obschon der Tagebuchroman als Medium der Innerlichkeit gilt, ist von den Emotionen der 15-Jährigen kaum etwas zu spüren. Zur drohenden elterlichen Trennung meint sie nur: «Ich werde in jedem Fall ein Trennungs-trauma mit mir herumschleppen und aller Voraussicht nach beziehungsunfähig sein. Aber vielleicht muss ich nicht mehr als Klagemauer meiner Eltern herhalten.» Interessanter-weise berührt der Text gerade dann, wenn er die Absenz von Gefühl thematisiert. Etwa wenn Ina erfasst, warum sie, an ihren Freund gekuschelt, ihr Glück nicht geniessen kann: «Aber ich weiss, dass ich nie wieder so glücklich sein werde wie in diesem Moment, der mir langsam entgleitet.» Das wäre eine verheissungsvolle Spur gewesen.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/24, S. 38

Wie der seltsamste Traum
Lisa Krusche
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2024, Seiten: 263, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75938-2
Schlagwörter: Diversität | Fantasie | Freundschaft

Seltsam, sehr, sehr seltsam: Eben stand Pauli noch neben Eliott an Arturos Eiswagen, dann ist Pauli weg. Wie vom Erdboden verschluckt – oder eigentlich vom Hut. Den findet Elio nämlich neben Paulis Roller auf der Wiese, er ist gross und schwarz und brummt gespenstisch. Schockfrost, Denkschwindelnotfall, geballtes Bauchgefühl, gegen das nur eine Handvoll Bonbons hilft – Elio ist zwar nicht oberschlau, hat aber böse Ahnungen: Pauli ist in den Hut gestürzt wie Alice im Wunderland durchs Kaninchenloch. Pauli ist in Gefahr! Eliott weiss: Jetzt braucht es Verbündete, «sonst war man in den Arsch gekniffen».

Eine völlig abgedrehte Geschichte erzählt die vielfach ausgezeichnete Lisa Krusche hier, mit schillernden Charakteren, starken Bildern und viel Wortwitz, dabei so philosophisch wie spannend. Denn ausgerechnet die hinreissende, furchterregende und superschlaue Pola ist Eliotts einzige Chance, Pauli zu retten. Pola, die Poolblau und Lyrik liebt und für so komische Vögel wie Elio nichts übrig hat … Die Erwachsenen kann man jedenfalls vergessen: Paulis Vater ist längst in eine andere Welt gefallen und Polas Mutter in die grosse Verwahrlosung. Und dann gibt es da noch Marmelina, ihres Zeichens Antiquitätenhändlerin und leichenblasse Schwarzmagierin, den seltsamen Gordon aus dem Wald, Jens Armin mit den viel zu langen Armen und zum Glück Frau Olaf, die Superwoman unter den Bäckerinnen … Damit nicht genug, zappt Krusche noch in die sanft-graue Hutwelt zu den Oos: Die leben in absoluter Verbundenheit und Harmonie, bei der Pauli mächtig stört. Dass Krusche es schafft, einen so mühelos in ihr skurril-schräges Abenteuer zu saugen, ist ganz grosse Fabulierkunst. Ihre Botschaft: «Mach dir nicht ins Herz!»

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/24, S. 37

Warum du schweigst
Martin Schäuble
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2024, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-4361-9
Schlagwörter: Sport | Sexualität | Gewalt

«Danach blieb sie auf ihrem Bett liegen, als wäre sie tot. […] ‹Mach das sauber!›, sagte Charly und warf ihr eine Packung Taschentücher auf die Matratze. Sie blutete.» Schockierend: Lena ist gerade vergewaltigt worden. Zwar steuert die Geschichte mit dem übergriffigen neuen Trainer darauf zu. Dass es ihm aber so leicht gemacht wird, überrascht doch und tut auch beim Lesen richtig weh. Dabei wirkt die 16-jährige Fussballerin nicht hilflos. Wie konnte es so weit kommen, und warum schweigen alle?

Es beginnt damit, dass Tim aus der Parallelklasse heftig in Lena verliebt und verzweifelt ist: Mal scheint sie auch verliebt, dann wieder abweisend. Das Erleben der beiden steht sich abwechselnd in Kapiteln gegenüber. Eigentlich eine First-Love-Story, die krass gestört wird. Die Tat verändert Lenas Leben für immer: Sie bekommt Schweissausbrüche, wenn sie ein bestimmtes Deo riecht, wird ohnmächtig, wenn ein spezieller Song läuft. Ihre Sinne haben den Täter gespeichert: «Auch wenn sie nicht mehr ins Training ging, Charly war immer bei ihr.» Die Dramatik der Geschichte wird aufgehellt durch Tims aufgeregte Verliebtheit und die oft witzigen Dialoge oder Chatverläufe seiner Schulband. Dann wird der Trainer entlarvt – Lena und andere Mädchen wehren sich. Endlich!

Martin Schäuble hat betroffene Sportler:innen interviewt und zeigt: Sexueller Missbrauch ist ein systemisches Problem. Der Verein schweigt, da der Trainer erfolgreich ist. Eine Jugendliche wie Lena schweigt, da sie sich vor den anderen schämt und die überforderte Mutter schonen will. In deutschen Sportvereinen wird von einigen hunderttausend Fällen ausgegangen – jährlich. «Warum du schweigst» liefert dazu guten, dringend nötigen Gesprächsstoff.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/24, S. 36

Atlas, Elena und das Ende der Welt
Anna Woltz
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2024, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55938-8
Schlagwörter: Medien | Familie/Familienformen | Gefühle | Aussenseiter:in/Mobbing

«Was soll man tun, wenn man sich wirklich Sorgen um jemanden macht? Wenn überall Weihnachtsschmuck rumsteht und die Schule gebrannt hat, die Erwachsenen aber zu krank sind oder zu viel mit Beilen zu tun haben, um zu helfen?» Elena ist so etwas wie ein Social-Media-Star. Auf ihrem gefeierten Account gibt sie Jugendlichen Tipps für alle Lebens- und Stimmungslagen. Bis sie einen grossen Fehler macht und ein gigantischer Shitstorm über sie hereinbricht. Elena löscht ihren Account, schneidet sich die Haare ab, wirft ihr Handy weg und flüchtet zu ihrer Tante, die mit ihrer neuen (Patchwork-)Familie «in the middle of nowhere» lebt.

Anna Woltz lässt ihre Protagonisten abwechselnd aus der Ich-Perspektive erzählen: ein Kapitel Elena, das nächste Atlas. Wohldosiert und gekonnt konzipiert, erfahren wir, warum Elena plötzlich mit Tausenden von Hasskommentaren zu kämpfen hat. Und wieso das Leben von Atlas und seiner Familie seit drei Jahren stillsteht, während jeder tut, als wäre alles in bester Ordnung. Wieso hat Atlas die Fenster seines Zimmers mit Brettern vernagelt? Und warum schleicht er sich fast jede Nacht heimlich nach draussen?

Cybermobbing, Long Covid, Trauer und Verlust, Angst vor der Apokalypse – die niederländische Erfolgsautorin lässt viele «grosse» Themen einfliessen, ohne ihr Buch damit zu überfrachten. Einfühlend und mit grosser Sympathie für ihre Figuren erzählt sie von zwei Jugendlichen, die versuchen klarzukommen. Ein Buch, das glücklich macht. Einmal in das Leben von Elena und Atlas eingetaucht, mag man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/24, S. 36

Elena erlebt nach einem Shitstorm eine schwere Zeit und zieht sich auf den abgelegenen Hof ihrer Tante zurück. Dort trifft sie auf Atlas, der nicht nur einen besonderen Namen hat, sondern sich auch seltsam verhält und offenbar etwas zu verbergen hat. Elena kommt ihm und dem Geheimnis langsam näher. Die Geschichte wird abwechselnd aus beiden Perspektiven erzählt – spannend, vielschichtig und mit viel Witz. Ein Buch über Verantwortung, Freundschaft und darüber, wie man persönliche Krisen und Katastrophen meistert.

Die Tasche
Kornelia Wald, Houssein Kahin
Verlag: Der Audio Verlag, Publiziert: 2024, ISBN/ISSN/EAN: 9783742433008
Schlagwörter: Rassismus | Schule

Als ob er geahnt hätte, dass etwas passieren würde, beginnt Mohammed an diesem Tag ein Audio-Tagebuch – diesem Tag, an dem er als Musterschüler für seine Schule einen Preis für Diversität entgegennehmen soll. Doch die Preisverleihung endet im Chaos: mit einem (falschen) Bombenalarm, Blut und Tod. Wie es dazu kam, dass der Preis die rassistischen Vorurteile, Misstrauen und Geltungsdrang und bei Schüler:innen wie Lehrer:innen eruptieren lässt, wird aus wechselnden Perspektiven auch mit Chats, Pressemeldungen etc. nachgezeichnet. Mit viel Jugendjargon entfaltet dies im Hörbuch seine ganze Dynamik.

Ungekürzte szenische Lesung
(Buch: Arena 2024)

Dragon Girls
Maddy Mara
Verlag: Silberfisch, Publiziert: 2024, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-84493-777-0
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Fantastik/Fantasy

Azmina, der Golddrache

Azmina ist mit ihrer Mutter gerade an einen neuen Ort gezogen, als sie im Garten einen seltsamen Gesang hört. Ein Wind kommt auf, Azmina wird in die Luft gehoben – und findet sich in einem Wald wieder. In dieser magischen Welt ist Azmina ein Glitzerdrache, genau wie ihre Freundinnen Willa und Naomi. Doch auf die Freude der drei Mädchen folgt schon bald Sorge: Der Zauberwald ist in Gefahr, und die Dragon Girls wurden gerufen, um ihn zu retten. Dieses Hörbuch bietet ein magisches Eintauchen in eine Welt mit einer mächtigen Baumkönigin, flinken Glühbienen und bösen Schattenkobolden.

Ungekürzte Lesung
(Buch: dtv 2024)

Päckchensommer
Jasmin Schaudinn
Verlag: Hörcompany, Publiziert: 2024, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96632-085-6
Schlagwörter: Reisen | Familie/Familienformen

Als der Chef ihrem Papa, der als Postbote arbeitet, den geplanten Urlaub streicht, sind Kalle und sein Bruder Frieda untröstlich. Kurzerhand fährt ihr Papa die Postrunde nicht fertig, sondern biegt nach Süden ab. Auf ihrer abenteuerlichen Reise nach Italien malen die drei das Postauto farbig an, sprechen über Friedas zukünftige Karriere als Waldmatratzenverkäufer und treffen auf neue und altbekannte Freund:innen. Stefan Kaminski erweckt die liebenswürdige Familie zum Leben und setzt die verschiedenen Stimmen treffend um.

Ungekürzte Lesung
(Buch: dtv junior 2024)

Himmelwärts
Karen Köhler
Verlag: Diwan, Publiziert: 2024, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-949840-33-3
Schlagwörter: Freundschaft | Tod/Trauer

Toni und ihre Freundin YumYum verbringen eine Achterbahnnacht: Mit einem selbst gebastelten kosmischen Radio versuchen die beiden nämlich, in den Himmel zu funken, um mit Tonis verstorbener Mutter Kontakt aufzunehmen. Doch statt der Mutter antwortet die Astronautin Zanna, die auf der Raumstation ISS um die Erde kreist und alle 90 Minuten für ein paar Minuten mit Toni und YumYum sprechen kann. Eine gleichermassen komische wie berührende Geschichte über Freundschaft und Trauer, Marshmallow-Challenges und das Leben im Weltall – von der Autorin selbst unterhaltsam gelesen.

Ungekürzte Lesung
(Buch: Hanser Verlag 2024)

Der Pfad der Verdammten
Thomas Vaucher
Verlag: da bux, Publiziert: 2024, Seiten: 60, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906876-37-5
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Abenteuer

Beim Wort Fantasy denkt man zuerst an dicke Schmöker mit umfangreich gebauten Welten voller Fantasiewörter – in der Regel nicht gerade Leichtlesekost. Da regen sich Zweifel, ob «ein Fantasy-Roman in einfacher Sprache», wie der auf Leichtlese-Texte für Jugendliche spezialisierte Verlag Da Bux auf seiner Homepage schreibt, funktionieren kann. Doch tatsächlich: Thomas Vauchers «Der Pfad der Verdammten» beweist, dass Fantasy und Leichtlesetext eine gelungene Kombination sein können.

Held der Geschichte ist ein armer Bauernsohn, Deeskar, der sein tristes Leben mit dem kranken, lieblosen Vater satt hat. Er wird ins Abenteuer gerissen, als eine rothaarige junge Kriegerin mit einem grünen und einem silbernen Auge auf dem Hof Schutz sucht. Inka wird von den unaufhaltsamen Vaerin, Häschern des vielgestaltigen Gottes, verfolgt, ohne den Grund dafür richtig zu kennen. Knapp entronnen, finden Deeskar und Inka bei einem Einsiedler erste Antworten, der sie auch gleich auf eine Queste schickt. Inka muss eine besondere Blume finden, um damit den kranken König zu heilen.

Schon bei diesem kurzen Anriss werden Fantasy-Lesern und -Leserinnen einige Elemente bekannt vorkommen. Als Einstieg ins Genre für Leseungeübte sind diese gängigen, teils klischeehaften Fantasymotive aber nicht fehl am Platz. Zudem ist die Welt dennoch interessant gestaltet. Der Text ist mühelos zu lesen und hat «Drive», souverän sind Action- und ruhigere Szenen platziert, um die Gefahr bis zum spannenden Finale zuzuspitzen. Die Kurzgeschichte (von einem «Roman» kann bei 50 Textseiten nicht die Rede sein) ist abgeschlossen, könnte aber auch als Exposition, als Einführung, in eine längere Geschichte dienen. Fortsetzung erwünscht!

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 3/24, S. 37

Thomas Vaucher entwirft in kurzen, flüssigen Sätzen eine typische Fantasy-Welt: In Bauernsohn Deeskars unbefriedigendes Leben bricht das Abenteuer ein, als die junge Kämpferin Inka auf seinem Hof auftaucht, verfolgt von den Häschern eines Gottes. Um ihr zu helfen, macht sich Deeskar mit ihr auf die Suche nach Informationen und einem Heilmittel für den kranken König. Immer mit den Häschern auf den Fersen, ist die Reise für Inka und Deeskar spannend und für leseungeübte Jugendliche leichtfüssig zu lesen.

Wut
Marcus Sedgwick
Verlag: Gulliver, Publiziert: 2024, Seiten: 164, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82436-3
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima

Cassie ist abgehauen – mitten in der Corona-Zeit. Parallel zur Suche nach ihr beschreibt Ich-Erzähler Fitz in Rückblenden, wie es dazu kam: Cassie wurde ausgelacht, weil sie glaubt, die Schreie der Erde zu hören, die unter dem Klimawandel leidet. Während die Polizei Cassie an einem Aktivistentreffen wähnt, findet Fitz andere Hinweise, wobei die Leser:innen im Zuge seiner Recherchen einiges über Wetterphänomene wie Kobolde und Geister erfahren. Dass man dem Text stets gut folgen kann, verdankt sich der spannenden Story und der lebendigen Sprache des 2022 verstorbenen Autors.

Hot Dog
Christian Gailus, Illustration: Daniel Steudtner
Verlag: Planet!, Publiziert: 2024, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-50816-2
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Tiere

Ein Mops auf heisser Spur

Walter Wuffmann, Mops und Privatschnüffler, hat in Dog City alle Pfoten voll zu tun. Er muss sich um verschwundene Diamanten, einen entführten Professor und einen geheimnisvollen Tunnel kümmern. Der unterhaltsame Krimi «Hot Dog», in dem alle Figuren Hunde sind, bietet sowohl Spannung als auch Humor und viel Wortwitz. Das Lesen wird durch die grosse Schrift, ein lockeres Layout und kurze Kapitel erleichtert. Viele Illustrationen unterstützen den Text. Am Rand zeigt eine praktische Leiste den Lesefortschritt an.

Milla und die verfluchten Vampirzähne
Ralph Caspers, Illustration: Ulf K.
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2024, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-18656-8
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror

An Millas Schule wird für ein Musical geprobt, in dem Vampire die Hauptrolle spielen. Doch mitten in den Vorbereitungen verschwindet plötzlich Millas schauriges Vampirgebiss und am nächsten Tag häufen sich seltsame Ereignisse: Die Fensterläden sind geschlossen, die Spiegel fehlen und der Knoblauch aus der Schulküche ist verschwunden. Als auch noch eine Fledermaus im Schulgebäude auftaucht, bricht Chaos aus. Ein humorvolles Erstlesebuch mit vielen Bildern und spannenden Rätseln, die die Leser:innen selbst lösen können.

 

Fucking fucking schön
Eva Rottmann
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2024, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96428-243-9
Schlagwörter: Sexualität | LGBTQ* | Erwachsenwerden

Das erste Mal: Was ist das überhaupt? Das erste Mal von einem Jungen geküsst werden? Sich das erste Mal selbst befriedigen? Das erste Mal einen sexuellen Übergriff erleben? Das erste Mal spüren, wie Sex eigentlich sein könnte? Gerahmt von reflektierenden Texten zum Thema, erzählen die jugendlichen Protagonist:innen in den zehn Kurzgeschichten, die mehr oder weniger stark miteinander verwoben sind, von ihrem ersten Mal von ihren Gefühlen, Unsicherheiten, dem Schwierigen und Schönen rund um Sex. Ungekünstelt, ehrlich, mit grosser Offenheit dafür, wie Sexualität aussehen kann.

Das Verhalten ziemlich normaler Menschen
K. J. Reilly
Aus dem Englischen von Ute Mihr
Verlag: dtv Reihe Hanser, Publiziert: 2024, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-65040-3
Schlagwörter: Reisen | Tod/Trauer

In «Das Verhalten ziemlich normaler Menschen» erzählt K. J. Reilly die bewegende Geschichte von Asher Hunting, einem Teenager, dessen Leben nach dem Unfalltod seiner Mutter völlig aus der Bahn gerät. Getrieben von Rache, plant Asher, den betrunkenen LKW-Fahrer, der den tödlichen Unfall verursacht hat, zur Verantwortung zu ziehen. Während er heimlich düstere Pläne schmiedet, zeigt er nach aussen eine vermeintliche Bereitschaft zur Therapie.

Mehrmals wöchentlich besucht er verschiedene Trauergruppen und begeg-net dort drei ebenso verletzten Seelen: Sloane, die ihren Vater an Krebs verloren hat, Will, der um seinen kleinen Bruder trauert, und Henry, der nach 50 Jahren Ehe plötzlich ohne seine Frau klarkommen muss. Gemeinsam brechen sie zu einem Roadtrip von New Jersey nach Tennessee auf, nichtsahnend, dass Asher eine ganz eigene Agenda verfolgt.

Reilly gelingt es meisterhaft, Asher als komplexen Charakter zu zeichnen. Sein Zynismus dient dabei als Schutzschild gegen den Schmerz, der ihn innerlich zerfrisst. Die kurzen, prägnanten Kapitel, durchzogen von Ashers sarkastischen Gedanken, lassen tief in die Gedankenwelt eines trauernden Jugendlichen eintauchen. Reilly verbindet die Schwere der Themen Verlust und Rache gekonnt mit unerwartetem Humor und skurrilem Witz, ohne die emotionale Tiefe der Figuren zu mindern.
Trotz der bitteren Ausgangslage bietet der Roman immer wieder Momente der Hoffnung. Was als Rachefeldzug beginnt, entwickelt sich allmählich zu einer Reise der Selbstfindung und Vergebung. Reilly zeigt eindrucksvoll, wie Freundschaft und gemeinsame Trauer Heilung ermöglichen können.

Alice Werner
Buch&Maus 3/24, S. 38

Seit seine Mutter bei einem Autounfall gestorben ist, droht Asher in der Trauer zu versinken. In einer Trauergruppe lernt er den alten Henry kennen, der seine Frau vermisst und Asher einen Vorwand liefert, nach Memphis zu fahren. Dort will sich Asher am Unfallfahrer rächen. Mit viel Ironie, scharfsinnig und doch feinfühlig schildert Asher, wie er durch den Roadtrip mit Henry und zwei weiteren trauernden Teenagern einiges entdeckt, das ihn zu einem neuen Lebenssinn führt.

Das ist nicht lustig!
Martin Muser, Illustration: Susanne Göhlich
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2024, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55845-9
Schlagwörter: Alltag | Spiel | Humor/Komik

«Das ist nicht lustig» versammelt dreizehn in sich abgeschlossene Geschichten über die Freunde Juri, Kette und Quark. Wir tauchen mit ihnen in die aufregende Welt des kindlichen Spiels ein: Ob beim Entdecken unbekannter Kontinente oder beim Bau eines Hyper-Schall-Raketen-Rennwagens – die Geschichten sprühen vor fantasievollen Ideen und zeigen den Humor und die Kreativität der Kinder. Detailreiche Illustrationen ergänzen den Text und bringen zusätzlichen Charme in die Erzählungen. Ein Vorlesebuch, das zum Lachen und Nachdenken anregt.

Ein Stern in der Fremde
Anna Desnitskaya
Aus dem Russischen von Thomas Weiler
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2024, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6309-1
Schlagwörter: Migration | Krieg

In «Ein Stern in der Fremde» erzählt die Illustratorin ihre eigene Migrationsgeschichte: Nach Beginn des Ukraine-Kriegs bleibt sie mit ihrer Familie im Ausland und muss fernab von ihrer Heimat neu anfangen. Zunächst fremd und kalt, gewinnt der neue Ort durch das Aufhängen eines Sterns im Fenster an Wärme – der Stern wird zum Symbol für Heimat und Hoffnung. Mit eindrucksvoller Farbgestaltung und Lichtführung drückt Anna Desnitskaya Gefühle von Verlust und Geborgenheit aus und zeigt, dass man in einer neuen, anfangs fremden Welt doch wieder glücklich werden kann.

Schrecklich geheime Geisterbahngeheimnisse
Sandra Bayer
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2024, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-303-6
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror | Technik

Ein erzählender Sachcomic mit Mitmachseiten zum Gruseln: Da ist für alle was dabei! Lola und Gurki bleiben in der Geisterbahn stecken, die Betreiberin macht nämlich Feierabend. Dafür nimmt sie die beiden mit auf eine Tour hinter die Kulissen, erklärt Technik und Geschichte der Bahn und gibt gleich praktische Anleitungen zum Basteln von Grusel-effekten. Dem Comic gelingt ein wilder Mix in starken Bildern, kurzen, spannenden Texten und Anleitungen, die bereits für jüngere Kinder gut zu lesen oder anhand der Bilder zu verstehen sind.

Dream Machine oder wie ich beinahe meine Seele an die künstliche Intelligenz verkauft hätte
Laurent Daudet, Illustration: Appupen
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2024, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96428-230-9
Schlagwörter: Technik | Zukunft

Software-Unternehmer Hugo hat es geschafft: Ein global agierender KI-Konzern möchte das von seiner Firma entwickelte Large-Language-Modell für Sprachübersetzungen kaufen. Doch kurz bevor er den Deal unterschreiben soll, regen sich bei Hugo Zweifel. So spricht er mit vielen Bekannten aus Forschung und Kunst, die sich mit KI befassen, und lässt die Leser:innen an seinem sorgfältigen Abwägen über KI-Vor- und Nachteile teilhaben. Eine zum Nachdenken anregende Lektüre – nicht zuletzt, weil das letzte Kapitel mit KI erstellt wurde.

Outline
Michèle Fischels
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2024, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-429-0
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Ben, Clara und Andreas stehen kurz vor ihrem Abitur. Wir begleiten sie durch ihr letztes Schuljahr, eine Zeit voller Umbrüche, Veränderung und Überforderung. Zwischen Klassenfahrt, Partys und Prüfungsvorbereitungen entfaltet sich eine ruhige, melancholische Coming-of-Age-Geschichte, die viel Raum für Interpretation lässt. Der skizzenhafte Zeichenstil fängt die Unsicherheiten und die Ungewissheit dieser Lebensphase, in der alles anders zu werden scheint, perfekt ein.

Celeste
Pierdomenico Bortune, Illustration: Cecilia Bozzoli
Verlag: Seismo, Publiziert: 2024, Seiten: 60, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03777-286-7
Schlagwörter: Schweiz | Migration

Das versteckte Kind

«Schrankkinder» – so wurden die Kinder von italienischen Saisonniers genannt, die aufgrund gesetzlicher Bestimmungen in der Schweiz versteckt werden mussten und keine Schule besuchen konnten. Die Seniorin Celeste erzählt der Schülerin Léane, wie sie als kleines Mädchen von ihrem Vater über die Grenze geschmuggelt wurde und die Tage möglichst ruhig in einer Dachwohnung verbringen musste, um ja nicht aufzufallen. In konventionellen Panels erzählt der Comic auf gut zugängliche Weise vom Unrecht, das diese Kinder erleiden mussten. Ein Nachwort vermittelt die Hintergründe.

Pankoland
Eva Roth
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2024, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-3017-7
Schlagwörter: Zukunft | Politik

Literatur wirft uns in Gegenwelten, die sich bei näherer Betrachtung oft als (Zerr-)Spiegel der Wirklichkeit entpuppen. Der zwölfjährige Clemens wächst mit seinem älteren Bruder Fredo bei der Tante auf. Die Eltern haben Pankoland einst mit einer Reisegenehmigung verlassen, sind jedoch nie zurückgekehrt. Was aus ihnen geworden ist, weiss angeblich niemand. Haben sie eine bessere Welt gefunden oder wurde ihnen die Rückreise verwehrt? Wie bei allen Verschwundenen soll ihre Existenz möglichst rasch aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht werden. Selbst wenn Vater und Mutter keine Namen haben und Clemens kaum Erinnerungen bleiben, spürt er doch den Schmerz eines Verlustes und den unstillbaren Drang nach Antworten.

Abends schleichen sich die beiden Brüder aus dem Haus und unternehmen verbotene Streifzüge, immer in der Angst, erwischt oder von Unterirdischen verschleppt zu werden, die auf der Suche nach Essbarem ins Land eindringen. Als Clemens ein Paket zur Grenze schmuggeln soll, gerät er in Gefangenschaft, gewinnt aber Erkenntnisse über die Hintergründe der politischen Spaltung.

Bei Erwachsenen weckt die Lektüre Assoziationen an die ehemalige DDR, an Planwirtschaft, Überwachung, Mauerbau und Republikflucht. Für jugendliche Leser:innen präsentiert sich Eva Roths allegorischer Roman jedoch als geheimnisvolle Abenteuergeschichte, die von Familie, Freundschaft, gesellschaftlichen Umbrüchen und utopischen Visionen von Freiheit und Gerechtigkeit erzählt.

Wenngleich die Verstrickungen und das viele Personal, das mitunter schemenhaft bleibt, den Leser:innen einiges abverlangen, wird die wechselhafte Geschichte durch den Blick des Ich-Erzählers zusammengehalten und lebendig.

Daniel Ammann
Buch&Maus 3/24, S. 36

In Pankoland geht es allen gut – solange sich alle an die strengen Regeln halten und nicht zu viele Fragen stellen. Clemens und sein Bruder haben seit Jahren nichts mehr von ihren Eltern gehört. Als mehr und mehr Menschen verschwinden und Clemens ein seltsames Paket an die Grenze bringen soll, wird seine Neugier geweckt. Doch dann wird er selbst von den Unterirdischen verschleppt… Der dystopische Roman thematisiert Gesellschaftsformen und politische Freiheit und zeigt: Am Ende sind es die Beziehungen zwischen den Menschen, die das Leben lebenswert machen.

Runa und die Traumfängerkatzen
Nicole Auf der Maur, Illustration: Ruth Cortinas
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2024, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-079-2
Schlagwörter: Traum | Tiere

Weil sie eine «Vielträumerin» ist und eine Menge Ideen hat, wird Runa ins fantastische Land Traumfabrikata geholt. Dieses braucht dringend ihre Hilfe: Der böse Lord Krakenhand und seine Kraben lassen die Traumfängerkatzen verschwinden, sodass die Kinder auf der Erde vor lauter Albträumen nicht mehr schlafen. Um die Traumfängerkatzen zu befreien, begibt sich Runa mit possierlichen Gefährten auf eine ereignisreiche Reise. Dank sprühender Fantasie und leichtfüssiger Erzählweise ein (Vor-)Lesevergnügen für kleine Fantasy-Fans.

3, 2, 1… Auf ins All!
Sarah Mühlebach
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2024, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03964-073-7
Schlagwörter: Weltall | Technik | Historisches

Mit dem Mond auf den Spuren der Raumfahrt

In diesem umfangreichen Sachbuch schildert der Mond selbst die jahrzehntelangen Anstrengungen der Menschen, sich ihm zu nähern. In weisser Schrift und feinen Zeichnungen auf schwarzem Papier lesen wir von technischen Meilensteinen, internationaler Zusammenarbeit und tragischen Schicksalen. Das Buch folgt grösstenteils dem geschichtlichen Verlauf, rückt die persönlichen Geschichten der Astro-, Kosmo- und Taikonaut:innen ins Zentrum und thematisiert die Zukunft der Raumfahrt.

 

Hai-del-bär
Lorenz Pauli, Illustration: Gregor Forster
Verlag: SJW, Publiziert: 2024, Seiten: 52, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0419-7
Schlagwörter: Tiere | Sprachspiel

ABC-Tierklappbuch

Werden die Seiten entlang der zwei perforierten Linien eingerissen, entsteht aus diesem SJW-Heft ein unendlicher Spass: Die Tierbilder von Gregor Forster und die dazugehörigen Sechszeiler von Lorenz Pauli lassen sich dann nach Lust und Laune zu fantasievollen Tiergestalten und herrlichen Nonsens-Gedichten kombinieren. Da sitzt der Kopf des Gletscherflohs im Streichelzoo auf dem Bauch des vegetarischen Löwen, und unten schliessen sich die dicken Beine des harfenspielenden Elefanten an. Bilder und Reime laden zur eigenen kreativen Betätigung ein.

Susie im Supermarkt
Daniel Fehr, Illustration: Claudia Burmeister
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95939-236-5
Schlagwörter: Alltag | Essen

Am Samstag begleitet Susie ihre Mutter immer in den Supermarkt und bleibt den ganzen Tag dort, während ihre Mutter an der Kasse arbeitet. Eigentlich dürfte sie nicht dort sein, doch sie weiss sich ganz unauffällig zwischen den Regalen zu bewegen. Als genaue Beobachterin kennt sie alle Stammkund:innen und Mitarbeiter:innen und macht sich ihre Gedanken über sie. Die detaillierten Bilder zeigen den Supermarkt als eine faszinierende Welt für Kinder. Hier kommt die ganze Gesellschaft zusammen, trotz aller Unterschiede – nicht nur bei den Einkaufsgewohnheiten.

Meine Geheimschublade
Regina Schwarz, Illustration: Cora Meyer
Verlag: SJW, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0421-0
Schlagwörter: Sprachspiel | Gefühle | Kreativität

Gedichte für Kinder

Wie es dazu gekommen ist, dass meine Geheimschublade nun nicht mehr geheim ist; wie es sich anfühlt, nach einem Streit ohne Versöhnung einzuschlafen; wie zauberhaft es sein kann, gemeinsam mit einem vertrauten Menschen dem Regen zuzuschauen und seinem «Trommelregenlied» zuzuhören oder wie alle Mitläufer nicken wie Aufziehpuppen, wenn Oli was sagt – davon und von vielem mehr erzählen die 26 Gedichte von Regina Schwarz, die unter dem Titel «Meine Geheimschublade» bei SJW erschienen sind. Im Zusammenspiel mit den Illustrationen von Cora Meyer sind kleine grosse Kunstwerke entstanden, welche Leser- und Betrachter:innen jeden Alters mit ihrer eigentümlichen synästhetischen Kraft in ihren Bann ziehen und dazu einladen, gleich selber dichterisch und gestalterisch tätig zu werden.

Es erstaunt wenig, dass der Band bereits mit dem Josef-Guggenmos-Preis für Kinderlyrik 2024 ausgezeichnet worden ist. Verblüffend leicht schaffen die Texte von Regina Schwarz Zugänge zu vielschichtiger Lyrik. Mit einer treffenden Wortwahl, einem bemerkenswerten Formbewusstsein und sehr geglückten Wortneuschöpfungen fängt Regina Schwarz das Leben ein und bringt es in stimmigem Rhythmus zum Klingen – Träume, Enttäuschungen, Wünsche, Pläne, Erinnerungen, Glücksgefühle, Einsamkeitsmomente.

So tragend wie die Sprache sind für «Die Geheimschublade» die Illustrationen von Cora Meyer: Leuchtend-kräftig und poetisch-zart nehmen die Aquarellbilder die Themen der Gedichte auf, akzentuieren und erweitern diese auf der Bildebene.

Schön wäre, wenn dieser Band ein Klassiker der Kinderlyrik würde. Jedenfalls gehört er sicher nicht in eine Geheimschublade.

Stefan Schröter
Buch&Maus 3/24, S. 35

Wünsche an die Wellen
Katya Balen
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2024, Seiten: 276, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-28072-4
Schlagwörter: Geschwister | Familie/Familienformen | Streit/Konflikt

Zofia ist wild, laut und voller Energie. Sie liebt das Leben am Meer, wo sie mit ihrem Vater in einem kleinen Küstendorf lebt. Das Schwimmen und Tauchen im Meer bei jedem Wetter beruhigt sie und hilft ihr, ihre Sorgen für einen Moment loszulassen. Der gleichaltrige Tom hingegen ist ruhig, zurückhaltend und unsicher. Geprägt von seiner schwierigen Vergangenheit, in der er häusliche Gewalt durch seinen Vater erlebt hat, kämpft er noch immer mit den psychischen Folgen dieses Traumas. Normalerweise hätten diese beiden unterschiedlichen Kinder wohl nie zueinandergefunden. Doch als sich Toms Mutter und Zofias Vater verlieben und die Familien zusammenziehen, müssen Zofia und Tom miteinander auskommen – eine scheinbar unüberwindbare Herausforderung. Zofia begegnet Tom anfangs feindselig, aus Eifersucht und Angst, ihren Vater zu verlieren. Tom wiederum ist durch Zofias stürmisches Temperament verunsichert und mit seinen eigenen Ängsten überfordert. Beide wünschen sich, dass ihr Leben wieder so wird, wie es früher war. Ein tragisches Ereignis zwingt die beiden schliesslich, zusammenzuhalten, und sie erkennen, dass sie sich ähnlicher sind als gedacht.

Die Geschichte wird abwechselnd von Zofia und Tom erzählt. Der Perspektivwechsel bietet einen tiefen Einblick in ihre Ängste, Hoffnungen und die langsame Annäherung der beiden. Die Autorin beschreibt die vielschichtigen Emotionen und komplexen Gedankengänge der beiden Kinder präzise und mit grosser Empathie. Der Roman vermittelt eine ehrliche und berührende Darstellung der Herausforderungen, die das Leben in einer Patchwork-Familie mit sich bringt.

Carlotta Binder
Buch&Maus 3/24, S. 35

Zofia und Tom sind beide elf Jahre alt, haben ansonsten aber nichts gemeinsam. Zofia liebt ihr Leben am Meer, sie ist laut und selbstbewusst. Der ruhige Tom hingegen kämpft nach Erfahrungen häuslicher Gewalt mit Ängsten. Als Toms Mutter und Zofias Vater ein Paar werden, zieht Tom mit ins Küstendorf, was Zofia überhaupt nicht gefällt. Nach einem dramatischen Ereignis finden die beiden langsam zueinander. Die Geschichte erzählt feinfühlig von den Herausforderungen und Chancen des Zusammenwachsens in einer Patchwork-Familie.

Martin & Jack
Frida Nilsson
Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2024, Seiten: 372, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6276-6
Schlagwörter: Abenteuer | Armut | Tiere | Lesen

Von Hundebesitzern, Katzenjägern und der Suche nach dem Glück

Im Schweden des frühen 20. Jahrhunderts wächst der neunjährige Martin bei Bauer Pärson auf, der ihn schonungslos als billige Arbeitskraft ausnutzt. Martin bleibt dennoch bei ihm: Zum einen ist hier Hund Jack, sein treuester Freund, zum anderen verspricht ihm der Bauer, ihm an seinem 17. Geburtstag den Namen seines leiblichen Vaters zu verraten. Alles ändert sich, als Pärson den alten Hund vom Hof jagt und Martin erfährt, dass gar kein Brief mit Informationen zum Vater existiert. An Jacks Seite macht er sich nun auf den Weg, in der Hoffnung, seinen Vater und damit endlich Liebe und ein Zuhause zu finden.

«Martin und Jack» ist das bisher vielleicht komplexeste, härteste Kinderbuch von Frida Nilsson, die hier eine fantastische Welt entworfen hat, in der anthropomorphisierte Hunde selbstverständlich mit Menschen kommunizieren. Geschickt kontrastiert Nilsson die Gier der Menschen sowie deren Macht durch Manipulation und Betrug mit der Kraft von Bildung und Wissen. Dabei spielen Zeitungen, die Torben Kuhlmanns wunderschöne Cover-Gestaltung prägen, eine grosse Rolle. Dass Hund Jack lesen kann, während Martin von Buchstaben keine Ahnung hat, durchbricht – wie andere Nuancen – die scheinbare Hierarchie, die den Menschen über die Hunde stellt.

Ein packender Roman für ältere Kinder (und Erwachsene), die mehr erwarten als nur Unterhaltung und bereit sind, sich bei wenigen humorvollen Auflockerungen und mancher Traurigkeit sozialkritische Fragen zu stellen. Einmal mehr zeigt Frida Nilsson, dass Kinderbücher richtig grosse Literatur sein können.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/24, S. 35

Der Halbwaise Martin, der nie eine Schule besucht hat, und der belesene, für Gerechtigkeit kämpfende alte Hund Jack fliehen vom Bauernhof, auf dem sie jahrelang geschuftet haben, auf der Suche nach einem Vater und einem Ort, an dem sie in Würde alt werden können. Zwei weitere Hunde, die in dieser ans Schweden der Jahrhundertwende angelehnten fiktiven Welt als gesellschaftliche Aussenseiter gedemütigt und ausgegrenzt werden, schliessen sich ihnen an. Ein atemberaubender Abenteuerroman über soziale Ungerechtigkeit, über Bildung als Weg zur Freiheit, über Elternliebe und Freundschaft.

Die vierte Wand
Maja Ilisch
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2024, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0533-7
Schlagwörter: Rätsel | Lesen | Philosophie

Fox mangelt es eigentlich an nichts. Sie lebt in einem stattlichen Haus mit Bibliothek, Musikzimmer, Hauslehrer und Koch. Doch die strenge Routine, die jedem Familienmitglied festgelegte Rollen zuweist, ermüdet die Elfjährige zunehmend. Warum muss jeder Tag denselben starren Regeln folgen?
Dann jedoch verändert sich alles: Fox findet in der Eingangshalle ein mys-teriöses Päckchen mit einem anonymen Brief und einem Buch voller Abenteuergeschichten. Während ihre Eltern das seltsame Geschenk bewusst ignorieren, wird Fox von ihrer Neugier überwältigt. Je tiefer sie in die Lektüre eintaucht, desto mehr Fragen drängen sich auf: Warum bekommt ihre Familie niemals Besuch und verlässt nie das Haus? Und warum fehlt in jedem Raum die vierte Wand? Fox vermutet, dass nur die unbekannte Briefeschreiberin das Rätsel lösen kann. Doch wie soll sie nach draussen gelangen, wenn alle Türen verriegelt sind und die Fenster lediglich in immer neue Versionen ihres eigenen Hauses führen?

Maja Ilisch entwirft in ihrem neuen Kinderbuch ein faszinierendes Setting – eine endlose Kaskade ineinander verschachtelter Häuser ohne erkennbaren Ausweg. Diese Welt wirkt raffiniert, aber auch klaustrophobisch, zumal Fox nicht nur physisch, sondern auch emotional gefangen scheint. Ist ihre gesamte Existenz womöglich nur eine Illusion?

Ilisch spielt gekonnt mit verschiedenen Ebenen von Realität und Identität, verliert dabei jedoch den Spannungsaufbau aus den Augen. In diesem in sich geschlossenen Kosmos passiert zu wenig – sowohl auf der äusseren als auch auf der inneren Handlungsebene –, um die Leserschaft bis zum Ende in atemloser Spannung zu halten.

Alice Werner
Buch&Maus 3/24, S. 34

Frankie und wie er die Welt sieht
Zoran Drvenkar
Verlag: Hanser, Publiziert: 2024, Seiten: 152, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-28073-1
Schlagwörter: Fantasie | Mut/Selbstbewusstsein

Vier Erdbeershakes in der Eisdiele – dann geht Frankie aufs Klo und ist weg, Fliege gemacht! Es ist nicht das erste und auch nicht das letzte Mal im neuen Roman des vielfach ausgezeichneten Autors Zoran Drvenkar, dass sein Superheld des Herzens ohne ein Wort spurlos verschwindet. Wobei: Jemand wie Frankie verschwindet nicht einfach, der hat immer einen Plan. Trotzdem macht sich seine grosse Schwester Delia furchtbare Sorgen. Aber «Solange sich keina kümmert, geschiet auch nichts auf dieser Wält», das schreibt Frankie nicht nur winzigklein in sein Notizbuch, davon ist er auch überzeugt. Und deswegen zieht er los und kümmert sich – mit einem Euro siebzig mit dem Zug bis nach Venedig, um Papa einzusammeln, der dort Ferien mit seiner neuen Freundin macht. Der muss sich schleunigst bei Frankies Mutter entschuldigen, denn sonst wird sie verrückt …

Seinen Protagonisten begleitet Drvenkar mit überbordender Fabulierlust durch eine aberwitzige Odyssee, bei der sich Realität und Fantasie so spannend wie originell verquicken. Denn wer glaubt schon, dass sich Frankie wirklich unsichtbar machen kann, dass er mit seinem Freund Lars nach Madagaskar fliegt und die Arktis retten kann? Wobei … wer weiss? Schliesslich ist alles «verbunden. Nichts geht verloren» und sowieso: «Geht nicht» gibts nicht für Frankie. Drvenkar jedenfalls lässt die Übergänge schweben und flirren, spielt als grandioser Geschichtenerzähler mit Vor- und Rückblenden, Kameraschwenks, Zoom und Totale, weiss immer neu zu überraschen und findet Bilder voller Witz, Poesie und Magie. Ein Kinderroman mit Tiefgang und einer anarchischen Portion Mut und Zuversicht.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/24, S. 34

Himbeereis am Fluss
Maria Parr
Aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt
Verlag: Dressler, Publiziert: 2024, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7513-0125-1
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Geschwister | Alltag

In Norwegen gilt Maria Parr als eine der wichtigsten Stimmen der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur. Im deutschsprachigen Raum wurde sie zwar wahrgenommen – so wurde «Waffelherzen an der Angel» 2010 mit dem Luchs des Jahres ausgezeichnet –, es ist jedoch erstaunlich, dass ihre Bücher nicht weiter verbreitet sind. Ganz im skandinavischen Stil erzählt sie mit Wärme und viel Einfühlungsvermögen vom Kindsein in Autonomie, umgeben von verständnisvollen Erwachsenen, die Halt geben, wenn es nötig ist, aber auch viel Freiheiten und Raum zur Entfaltung lassen.

So geht es auch Ida und ihrem kleinen Bruder Oskar. Die Achtjährige macht die Hierarchie schon auf der zweiten Seite klar: «Ich schlafe oben im Hochbett und bin der Chef. Oskar schläft im unteren Bett und glaubt, er wäre der zweite Chef, aber eigentlich bin ich diejenige, die alles bestimmt.» Doch wie es in Geschwisterbeziehungen so ist: Ida kann über ihren Bruder zwar nur den Kopf schütteln, wenn er mal wieder den Ranzen in der Schule vergessen hat oder am Halloweenabend plötzlich verschwunden ist. Ohne ihn heimgehen würde sie trotzdem nicht. Schliesslich kann man mit niemandem besser am Fluss spielen als mit Oskar.

In dem Jahr, von dem Ida episodenhaft in diesem Vorlesebuch erzählt, geschehen lustige Dinge – etwa, wenn Oskar Katzenfutter und Damenstrumpfhosen einkauft statt Essen für die kranke Familie – und traurige Ereignisse, so stirbt der schwerkranke Onkel und alles ist anders ohne ihn. Maria Parr schildert dies alles mit viel Gespür für kleine Gefühlsregungen. Ashild Irgens’ farbenfrohe und alltagsnahe Illustrationen machen das Buch zur perfekten Vorlesegeschichte.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/24, S. 34

Es geschah auch kein Unfug …
Daniela Kulot
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2024, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-297-8
Schlagwörter: Alltag | Geschwister | Historisches

Drei Familiengeschichten

Welch schöne Idee von Klett Kinderbuch: Illustrator:innen und Autor:innen erzählen in der Reihe «Wir Kinder von früher» Episoden aus ihrer eigenen Kindheit. Im privaten Kreis hören Kinder gerne solche Geschichten, und Erwachsene erzählen sie gern. Dass es auch literarisch funktioniert, zeigen bereits die beiden ersten Bände: Neben Gerda Raiths «Wie ein Vogel» legt Daniela Kulot mit «Es geschah auch kein Unfug» drei Familiengeschichten vor.

Kulots Episoden spielen in einer bayrischen Kleinstadt zu einer Zeit, in der die Erzieherin «Kindergartenfräulein» genannt wurde. Gleich die erste Episode schildert eine ungeheuerliche Begebenheit: Die Ich-Erzählerin und ihr Bruder beschliessen, die tote Kindergarten-Schildkröte heimlich auszugraben, um den Panzer als Erinnerungsstück aufzubewahren. Die nächtlichen Ausflüge, das Warten, das gemeinsame Bewahren des Geheimnisses ist äusserst spannend erzählt und eklig wird es auch noch.

«Kinderliteratur darf alles sein, nur nicht langweilig», meint Verlegerin Monika Osberghaus in einem Radiobeitrag von Radio Eins / Die Literaturagenten. Wichtig sei, dass die Geschichte «so stark und markant erzählt wird, wie es das damalige Kind auch erlebt hat». Das ist Kulot klar gelungen. Nur beim Spannungsbogen merkt man, dass das Erzählte nicht erfunden wurde: Ihr Erleben wird authentisch und spannend geschildert, läuft aber auf keine Pointe hinaus. Zum Glück wird es aber auch nicht pädagogisch überformt, sodass es statt eines erhobenen Zeigefingers («Leichenschändung») am Ende nur einen klugen Rat gibt: Kinder, die ein solch «bedrückendes Geheimnis» in sich tragen, sollten sich jemandem anvertrauen können. Wie wahr!

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/24, S. 33

Holly, Herbert und die Fleischfresserpflanze
Maja Konrad
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2024, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55931-9
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft | Krimi/Thriller

Auf dem Flohmarkt kauft Holly eine fleischfressende Pflanze, ohne zu ahnen, dass die eine ganze Menge mehr vermag, als nur interessant auszusehen: Herr Pula, wie sie sich nennt, kann hervorragend rechnen (im Gegensatz zu Holly), ist Vegetarier und ausserdem begeisterter Hobbykoch. Damit bringt er Hollys Leben in angenehmer Weise durcheinander: Er lotst sie durch leckere Rezepte und begleitet sie in die Schule, wo er ihr in Mathe so unauffällig wie möglich vorsagt. Das fällt aber nicht nur dem neuen Mitschüler Herbert Hase auf, auch andere werden bald misstrauisch. So steht Herr Pula immer wieder vor der Gefahr, entdeckt zu werden. Richtig schlimm aber wird es, als Fernsehkoch Siegfried Schmand in die Stadt kommt. Herr Pula will ihn unbedingt treffen, verehrt er den Starkoch doch schon lange. Doch Holly und Herbert sind misstrauisch. Schmand prahlt mit seiner neuen Gewürzlinie, und es scheint, als würden ihm dazu nur ein paar sehr besondere Blätter einer sehr besonderen Pflanze fehlen …

«Holly, Herbert und die Fleischfresserpflanze» ist ein rundum gelungenes fantastisches Kinderbuch mit Krimi-Elementen, das den Fokus nicht nur auf das Abenteuer mit einer sprechenden, rechnenden und kochenden Pflanze legt, sondern auch auf liebenswerte Aussenseiter (Herbert trägt meist Grossvater-Klamotten und ist damit nicht gerade der angesagteste Typ in der Klasse) und alternative Familienmodelle (Holly lebt beim Papa und ist nur an jedem zweiten Wochenende bei ihrer Mama, Herbert ist bei seinen Grosseltern untergebracht). Maja Konrad hat ein gutes Gespür für Humor und Spannung und macht mit ihrem Kinderbuchdebüt absolut Lust aufs Lesen – und auf weitere ihrer Bücher!

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/24, S. 33

Otto von Irgendwas
Peter Stamm
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2024, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-3016-0
Schlagwörter: Humor/Komik | Freundschaft

Das Buch sieht aus wie aus der Zeit gefallen – ein Klassiker, den noch niemand gelesen hat und der doch so einiges verspricht. Das Cover klingt an die von Walter Trier illustrierten Kinderromane von Erich Kästner an, die leichthändig und präzise in den Text eingestreuten Illustrationen von Ole Könnecke erinnern an Goscinny und Sempés Geschichten vom Kleinen Nick. So viel Intermedialität schon im äusseren Erscheinungsbild des Buches weckt die Neugier. Und tatsächlich geht es auch in Peter Stamms Kindergeschichte um das Altvertraute im Spannungsfeld zum Neuen, Überraschenden.

Erwartungsgemäss steht ein kleiner Junge für die Einkapselung ins Vertraute, während es ein Mädchen ist, das in seine kleine Welt hereinbricht und sie durcheinanderwirbelt. Von Otto, einem Nachkommen derer von Irgendwas, der in einem Schloss lebt, heisst es: «Seit er sich erinnern konnte, lebte er da allein mit seinen Angestellten, seinem Hund und seinem Tresor voller Geld.» Ina hingegen, deren Eltern keine Zeit für sie haben, erinnert an Pippi Langstrumpf, besteht darauf, dass sie bestens auf sich selbst aufpassen und besonders gut befehlen kann.

So weit, so langweilig. Doch wer Peter Stamms Texte kennt, weiss, dass man die Langeweile, die Gleichförmigkeit, den Fluss der einfachen, sportlich-eleganten Sprache nicht unterschätzen darf. Von einer Sekunde auf die andere kann alles durcheinandergeraten; das Schloss verwandelt sich in eine Art Villa Kunterbunt, bewohnt von einer abenteuerlustigen, selbstverwalteten Kinderbande. Peter Stamm lässt aus den Bezügen auf Kinderbuchklassiker eine Welt hervorwachsen, die sehr nostalgisch anmutet, dabei aber durchaus aktuelle Fragen rund um das Verhältnis von (abwesenden) Eltern und (einsamen) Kindern aufgreift.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/24, S. 33

Der Bär liebt Gänse und der Fuchs auch
Kai Würbs
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0877-0
Schlagwörter: Humor/Komik | Tiere

Es ist Markttag und Bär geht einkaufen: Karotten, Lauch, Nüsse und zum Schluss am Stand des Fuchses eine Gans. Zuhause rüstet er das Gemüse. Die Gans und die Leser:innen befürchten das Schlimmste. Doch er tischt auch dem Vogel einen Teller Suppe auf und zeigt der Gans danach den Teich. Doch hatte der Fuchs nicht genau aus diesem Teich letzte Nacht die Gänse gestohlen? Würbs’ Bilder fordern in fröhlichen Farben zum Entdecken, Zurückblättern und Hintersinnen auf.

Bus
Christina Röckl
Verlag: Kunstanstifter, Publiziert: 2024, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948743-23-9
Schlagwörter: Fantasie | Gefühle

Augen auf, hier kommt ein Bus mit gelben Augen angebraust. Drin sitzen still und griesgrämig eine ganze Menge Leute. Als ein Mann mit Zylinder, gelbem Gesicht und bester Laune einsteigt, beginnen sich die Mitfahrenden zu verändern. Zuerst ziemlich irritiert von diesem neuen, fröhlich kommunikativen Mitfahrer, lässt sich zuerst ein Griesgram, mit der Zeit alle anstecken. Die Stimmung wird immer heiterer und lauter. Die Illustrationen in diesem (Fast-) Silent Book sind so expressiv wie die Figuren selbst.

No Alternative
Dirk Reinhardt
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2024, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6295-7
Schlagwörter: Extremismus/Terrorismus | Umweltschutz/Klima

Emma, 17, engagiert sich mit ihrem Freund Patrick für den Umweltschutz. Als er bei einer Protestaktion gegen den Pharmakonzern PLS ums Leben kommt, gerät Emma in eine tiefe Krise. In dieser Zeit begegnet sie Valerie, die versucht, sie für die radikale Umweltorganisation «No Alternative» zu gewinnen. Nach anfänglichem Zögern schliesst sich Emma der Gruppe an und geht in den Untergrund – wohl wissend, dass dies ihr Leben für immer verändern wird. Von nun an lebt sie in ständiger Angst, entdeckt oder verraten zu werden. Die Mitglieder von «No Alternative» verfolgen unterschiedliche Ansätze: Einige handeln radikaler, andere zurückhaltender. Gemeinsam müssen sie entscheiden, wie weit sie im Kampf gegen die Klimakrise gehen wollen.

Der Autor beleuchtet diese inneren und äusseren Konflikte auf eindrückliche Weise und lässt die Leser:innen die moralischen Dilemmata der Figuren hautnah miterleben. Besonders Emmas Ringen zwischen Idealismus und ihren ethischen Bedenken wird tiefgehend und glaubwürdig beschrieben. Geschickt ist auch der Einsatz einer zweiten Erzählperspektive, die sich mit derjenigen von Emma abwechselt: Finn, ein ehemaliger Schulfreund von Emma, arbeitet an einer Reportage über sie und ihr Engagement. Seine Nachforschungen und die Gespräche mit Menschen aus Emmas Umfeld ermöglichen unterschiedliche Blickwinkel auf ihr Handeln. Der Roman verdeutlicht, dass Radikalität oft eine Frage der Perspektive ist und überlässt es schliesslich den Leser:innen, ihren eigenen Standpunkt im Spannungsfeld zwischen ethischen, rechtlichen und moralischen Fragen zu finden. «No Alternative» ist ein spannender und lebendiger Roman, der dazu anregt, sich differenziert mit einer der drängendsten Fragen unserer Zeit auseinanderzusetzen.

Carlotta Binder
Buch&Maus 3/24, S. 37

Die 17-jährige Emma setzt sich leidenschaftlich für den Umweltschutz ein und entscheidet sich schliesslich, der radikalen Gruppe «No Alternative» beizutreten. Von nun an lebt sie im Untergrund, und ihr Leben ändert sich grundlegend. Wie weit wird Emma im Kampf gegen die Klimakrise gehen? Der Roman zeigt ihr Ringen zwischen Idealismus und ethischen Bedenken und beleuchtet verschiedene Perspektiven auf ihr Handeln. Ein spannender, temporeicher Roman, der zum Nachdenken und zur Diskussion anregt.

 

Mittelmeer
Katharina Vlcek
Verlag: Haupt, Publiziert: 2024, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-258-08364-3
Schlagwörter: Natur | Umweltschutz/Klima | Kulturen

Tauche ein in die mediterrane Welt

Indem Katharina Vlcek das Mittelmeer in die Mitte der Landkarte rückt, eröffnet sie eine neue Perspektive auf diesen vielfältigen Lebens- und Kulturraum. Auf mal grosszügig, mal detailreich bebilderten Doppelseiten ergründet sie anhand oft verblüffender Fakten, was das Leben der Be- und Anwohner des Meeres prägt. Mit genauem Blick werden Seegraswiesen, Ölbäume, La Serenissima oder Tourismusschäden in Text und Bild stimmungsvoll präsentiert – eine Trouvaille, auch für Erwachsene.

Läuse
Berta Páramo
Aus dem Spanischen von Stefanie Kuballa-Cottone
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2024, Seiten: 204, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03964-059-1
Schlagwörter: Tiere | Körper

Handbuch zum Überleben auf Menschen

Die Menschen spinnen doch! Obwohl Läuse stark, blitzschnell und mit nur fünf bis sechs kleinen Blutmahlzeiten am Tag äusserst genügsam sind, tun Menschen alles, um sie loszuwerden. Dieses charmante Sachbuch zeigt aus Läuse-Perspektive, wie sie auf ihren menschlichen Wirten überleben können. Gleichzeitig ist es ein informatives und schön gestaltetes Büchlein in Neonorange, das uns hilft, Läuse nicht nur als lästig, sondern auch als faszinierende Lebewesen zu sehen.

In der Tierarzt-Praxis
Carla Häfner, Illustration: Mieke Scheier
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2024, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95728-772-4
Schlagwörter: Tiere | Körper

Entdecke die spannende Welt der Tiermedizin

Ylvie darf in den Ferien ein Praktikum in der Tierarztpraxis machen. Sie ist bei Eingriffen wie dem Röntgen von Hundepfoten und Ziehen von Katzenzähnen dabei und darf zu Grosstieren auf dem Bauernhof. Die einzelnen Kapitel orientieren sich immer an einem konkreten Fall. Die Illustratorin strukturiert den gut verständlichen Text der kinderbuchschreibenden Ärztin mit grafischen Elementen wie Kästen, Sprechblasen oder Abfolgen. Zudem werden die Leser:innen einige Male aufgefordert, kleine Quiz zu machen oder einfache Fragen zu beantworten.

Der kleine Baum und das Wood Wide Web
Lucy Brownridge, Illustration: Hannah Abbo
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-3197-2
Schlagwörter: Natur | Umweltschutz/Klima

Lucy Brownridge verpackt die faszinierende Erkenntnis, dass Bäume eines Waldes über Pilzmyzele im Boden in gewisser Weise miteinander kommunizieren können, in eine herzerwärmende Geschichte. Als einem kleinen Baum wichtige Nährstoffe fehlen, sendet er einen «Hilferuf» über das Pilznetzwerk. Tatsächlich kann die Papierbirke vom andern Ende des Waldes helfen, bevor sie später ebenfalls Unterstützung braucht. Hannah Abbo hat das Netzwerk der Waldwelt farbenfroh und einprägsam ins Bild gesetzt.

 

Hüte und andere Kopfbedeckungen aus aller Welt
Karen Exner
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2024, Seiten: 88, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-52291-7
Schlagwörter: Kulturen | Diversität | Körper

Was sich die Menschen so alles auf den Kopf setzen! Helme zum Schutz, Hüte zum Schmuck, Tücher und Turbane aus Glaubensgründen, Perücken und Mützen, die im Dienst, Badekappen und Fascinators, die in der Freizeit zum Einsatz kommen. Je weiter man in dieses grossformatige Bilderbuch vordringt, desto grösser wird das Staunen über die Vielfalt an Kopfbedeckungen aus aller Welt und die knalligen, in Ölkreide gekratzten Bilder. Insgesamt 60 Kopfbedeckungen werden in ihrem historischen und kulturellen Kontext beschrieben.

 

Was für Sachen Pinguine machen
Huw Lewis Jones, Illustration: Sam Caldwell
Aus dem Englischen von Ulrike Hauswaldt
Verlag: Penguin Junior, Publiziert: 2024, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-328-30328-2
Schlagwörter: Tiere | Umweltschutz/Klima | Forschen

Huw und Sam, zwei Pinguin-Forscher, gehen auf Expedition. In anschaulichen, grossen und bunten Illustrationen nehmen sie die Leser:innen mit in die Antarktis, nach Südamerika und Neuseeland, aber auch ins Labor und sogar ins All. Sie erzählen spielerisch und mit viel Witz von den vielfältigen Vögeln, beantworten Fragen zum Sozialverhalten, dem Lebensraum und der Sprache der Pinguine. In zugänglicher Sprache werden Fachwörter erklärt. Der umfangreiche Text pro Seite bietet sich zum Vorlesen an.

 

Buchstabenhausen
Maja Knochenhauer, Illustration: Jonas Tjäder
Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2024, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0440-8
Schlagwörter: Lesen | Sprachspiel

In Buchstabenhausen kommen Alphabet und Architektur zusammen: In einer Feuerwehrstation in F-Form, einer Turnhalle als T und in einer B-förmigen Bibliothek tummeln sich allerlei Figuren und themenspezifische Utensilien. Die digitalen Illustrationen erinnern an 3D-Visualisierungen von Architektur, und unter jedem Haus steht jeweils ein Achtzeiler, der das Thema des Hauses in Reimen konkretisiert. Ein kreatives ABC-Buch mit ganz eigener Logik, das dazu auffordert, Verknüpfungen zwischen Text und Bild zu machen.

Elsie und das Karibu
Katja Alves
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2024, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75932-0
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Fantasie

Als die alte Wohnung von Onkel Heinrich und Onkel Jens aufgelöst wird, weiss Elsie sofort: «Ich will das Karibu! […] Onkel Heinrich hat gesagt, dass ich [es] irgendwann bekomme. Schon als ich ganz klein war.» Da wusste Elsie allerdings noch nicht, dass der alte, staubige Tierkopf, der kurz darauf in ihrem Zimmer an der Wand hängt, sprechen kann und für alle Probleme eine Lösung parat hat. Karibu-Regeln inklusive, von denen es, wie Elsie erfährt, stolze 1387 gibt. «Und nach jedem Treffen des grossen Karibu-Rates kommen mindestens zehn neue dazu.»

Etwas anstrengend kann das Leben mit so einem Karibu-Life-Coach schon sein. Trotzdem ist Elsie froh, gerade jetzt so einen klugen Berater an ihrer Seite zu haben. Ihre Mutter ist nämlich wieder einmal spurlos verschwunden. Elsie glaubt, dass die nervige Nachbarin Frau Hagerbeck sie entführt hat.

Mit «Elsie und das Karibu» legt Autorin Katja Alves eine ebenso warmherzige wie witzige Geschichte vor, die berührt und Spass macht. Denn Elsie hat eine lebhafte Fantasie, steckt voller verrückter Ideen und Einfälle. Um ein Haar wäre sie mit Onkel Jens sogar nach Formentera geflogen. Dabei ist der nach dem Tod von Onkel Heinrich schon etwas sonderbar. Am Ende ist Elsies Mutter zwar (noch) nicht wieder da. Aber weil sie neue Freund:innen gefunden und Mama ihr geschrieben hat, ist das nicht mehr ganz so schlimm. Ausserdem hat sie ja Mister Karibu, und der sagt: «Manchmal macht man sich zu viele Sorgen und alles löst sich wie von selbst» (Karibu-Regel Nummer 112). Claudia Weikerts Schwarz-Weiss- Zeichnungen fangen die Situationen stets augenzwinkernd und wunderbar komisch ein.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/24, S. 32

Die Schurkenschnapp-AG
Martin Muser
Verlag: dtv, Publiziert: 2024, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76517-6
Schlagwörter: Schule | Aussenseiter:in/Mobbing

Am Anfang: zwei Kinder, die zusammen kichern. Zum Schluss: drei Kinder, die sich mit einem launigen Highfive abklatschen. Schon die lustigen schwarz-weissen Illustrationen bringen die Geschichte herrlich auf den Punkt. Das eingeschworene Duo Pola und Miro schliesst überraschend Freundschaft: ausgerechnet mit Linus, dem Aussenseiter der Klasse, dem Streber, der lieber rechnet, als auf Klassenfahrt zu gehen. Wie kommt es dazu?

Mit viel Sprachwitz: In 24 Kapiteln sprudelt die Geschichte. «Miro und Pola waren wie Sprudel und Rülpser. Wie Kaugummi und Blase. Wie Freibad und Köpper. Sie passten einfach super zusammen. » Schule finden sie langweilig, träumen dafür von einer Detektivschule. Die Klassenfahrt verspricht Abwechslung. Allerdings: Kurz vor Abfahrt fehlt ein Kind. Linus wurde entführt. «Entführt zu werden war richtig schlimm. Das hatte niemand verdient. Egal wie blöd er war.» Miro und Pola wollen ihm helfen und gründen die Schurkenschnapp-AG.

Die kurzweilige Spurensuche führt über einige Umwege in den Keller der Schule und zur erstaunlichen Lösung. Linus hat sich selbst entführt, um der Klassenfahrt zu entgehen. Denn: «Ich mag aber keine Gemeinschaftserlebnisse. Ich mag Minusrechnen.»

Neben der ganzen Action wird Linus’ Selbstverständnis ernsthaft thematisiert. «Auch wenn er noch ein Kind war, war er ein freier Mensch! Und ein freier Mensch kann selbst bestimmen, was er tut und was nicht.» Diese Einstellung verbindet. Die Kinder planen nun zu dritt die «Befreiungsaktion », und nach gelungenem Showdown mit Polizei und Eltern will Linus nur noch eins wissen: «… ob ich bei eurer AG mitmachen kann?»

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/24, S. 32

Mächtig Wind ums Müffel-Kind
Christian Seltmann, Illustration: Dirk Henning
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2024, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-6204-7
Schlagwörter: Sprachspiel | Abenteuer

Immer mehr Erstlesebücher und -serien erscheinen ausserhalb der etablierten Reihen für Leselernende. «Erstlesespass mit Reimen» ist der einzige, dezent platzierte Hinweis auf dem Cover der Serie «Reimhart Reimwolf». Deshalb mögen die beiden bereits erschienenen Bände auf Erstlesende wie «richtige» Bücher wirken. Ob die empfehlenswerte Serie leselernende Kinder auf diese Weise jedoch erreicht, ist zweifelhaft, sind diese doch bei ihrer Buchauswahl auf erwachsene Käufer:innen sowie Buchhandels- und Bibliothekspersonal angewiesen, die oft wenig über den Schriftspracherwerb wissen. Das Buch muss aber zur individuellen Leselernstufe passen, sonst ist es zu leicht oder zu schwer. In beiden Fällen besteht die Gefahr, dass das Lesen frustriert.

Wen aber «Reimhart Reimwolf» in der fortgeschrittenen alphabetischen Phase – oft Ende der ersten oder Anfang der zweiten Klasse – erreicht, darf sich freuen. Denn mit Christian Seltmann, dem aktuell vielleicht experimentierfreudigsten Erstleseautor, sind alle Pferde durchgegangen: Er reimt sich mit «Käthe» und «Trompete» oder, noch besser, «latschen» und «Latschen» um Kopf und Kragen. Letzteres klingt nicht nur nach richtig schönem Quatsch, sondern ist auch lernförderlich, zeigt es doch zwei Bedeutungen desselben Wortes.

Die Fee der Reime schickt Reimhart, Käthe und Dennis mit einem Auftrag ins Reime-Land, der anspruchsvolle Wörter wie «Müffel» oder «Ungetüm» enthält. Wortschatzarbeit, denken da glücklich die Pädagog:innen. Die Erstlesenden aber lernen nicht nur, sie kommen in den Geschichten auf ihre Kosten, weil sie spannend und lustig sind.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/24, S. 32

Erinnerst du dich?
Sydney Smith
Aus dem Englischen von Bernadette Ott.
Verlag: Aladin, Publiziert: 2024, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0235-4
Schlagwörter: Abschied | Gefühle | Familie/Familienformen | Migration

Der kanadische Illustrator Sidney Smith wurde dieses Jahr mit dem Hans-Christian- Andersen-Preis ausgezeichnet. Sein neustes Bilderbuch ist ein weiterer Beweis, wie meisterhaft es Smith versteht, Emotionen durch Bilder spürbar zu machen und als Grundlage seiner Geschichten zu wählen.

Smith wählt eine intime Szene als Ausgangspunkt, in der die Geschichte auf Doppelseiten immer wieder landet: Eine Mutter und ein kleiner Sohn nebeneinander unter eine Bettdecke gekuschelt, die Gesichter einander zugewandt. «Erinnerst du dich?», fragen die zwei abwechselnd und rufen Bilder hervor, eingefangene Momente, die als Panels traumhaft verblassend gemalt auf der nächsten Doppelseite zu sehen sind. Als Text dient allein der Dialog: «Erinnerst du dich an das Picknick damals auf der Wiese? Nur du und ich und dein Vater.».

Süsse Beeren an einem Sommertag, das Lachen nach einem Sturz vom Rad, die Angst beim Flackern der Sturmlaterne: Gefühle, die Mutter und Sohn beim Erinnern an ein «Vorher» teilen.

Dann der Schnitt: Wir sehen die aufgetürmten Besitztümer neben dem Bett, darunter das Rad, die Laterne, den Picknickkorb: Alles musste in einem Zimmer Platz finden. Die Gesichter schauen nun direkt nach vorne: «Meinst du, wir können aus dem hier auch eine Erinnerung machen?» Auf der letzten Seite, im Weiss der Morgensonne fast verblassend, schläft das Kind an die Mutter gekuschelt.

Geborgenheit, geteilte Erinnerungen sind auch in der Fremde da: ein tröstlicher Gedanke. Dass Smith hier die geflüchteten Menschen von allen äusseren Ereignissen abkoppelt und auf die innerste Beziehungsebene reduziert, berührt.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/24, S. 31

Ida, Chris und Emil im Zug
Sarah Michaela Orlovský, Illustration: Michael Roher
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2024, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-4226-8
Schlagwörter: Reisen | Diversität

Mit dem Zug fahren – in den Urlaub, zur Oma oder wohin auch immer – ist ein Erlebnis für Kinder. Zum Zeitvertreib im Gepäck mit dabei ist oft etwas zum Vorlesen. Bücher wie «Dr. Brumm fährt Zug» von Daniel Napp oder «Nächste Haltestelle» von Sonja Bougaeva machen das Transportmittel selbst zum Thema. Nun gibt es auch ein Bilderbuch mit Wimmelbuchcharakter, dessen Idee sogar im Zug entstanden ist, wie die Autorin Sarah Michaela Orlovsky verrät. Hauptfiguren sind die Kinder Ida, Chris und Emil – allein zu dritt auf grosser Fahrt. Fantasie und Wirklichkeit vermischen sich hier so rasant wie ein ICE, der Höchstgeschwindigkeit erreicht. Schon die einzelnen Haltestellennamen wie Unterstinkenberg oder Edelschrott sind wunderbar anarchisch. In ähnlicher Manier übernehmen die Kinder kurzerhand die offizielle Zugdurchsage und bitten alle zum Lesezirkel ins Bordrestaurant. Passend hat man im schmalem Querformat gleich die Anmutung eines Waggons vor sich liegen und ist damit beschäftigt, all die Fahrgäste zu betrachten. An Bord sind etliche Tiere und Prominente: Lady Gaga, der Gestiefelte Kater und Charlie Chaplin haben sich unter die – ansonsten aber auch bereits recht illustre – Gesellschaft gemischt. Illustrator Michael Roher fokussiert überzeugend auf Primärfarben und fügt Rosa, Magenta und Schwarz hinzu.

Das eingespielte Kreativteam stellt die Welt des Reisens humorvoll auf den Kopf und bringt originelle Ideen an Bord. Nach Erreichen der Zug-Endstation gilt das alte Sprichwort: «Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.» Für die Vermittlung stellt der Verlag Zusatzmaterialien zur Verfügung.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/24, S. 30

Geht’s hier zum Nordpol?
Mariajo Ilustrajo
Aus dem Englischen von Anu Stohner.
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2024, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75915-3
Schlagwörter: Freundschaft | Medien

Ein Eisbär hat sich in die Stadt verirrt. Wir blicken mit ihm hoch zu den Wolkenkratzern und runter auf Beine, Hund und Kind in einer Fussgängerzone. So auffällig das grosse weisse Tier ist – niemand nimmt es wahr.

Das ist denn auch Thema in Mariajo Ilustrajos Bilderbuch: Die Menschen sind mit sich selbst beschäftigt, treten kaum miteinander in Kontakt. Die meisten sind allein unterwegs, tragen Kopfhörer, schauen zu Boden oder aufs Smartphone. Als Leser:in ist man direkt erleichtert, in der U-Bahn ein küssendes Paar zu entdecken. Versucht der Bär in einer Kaffeebar oder an einem Schalter nach dem Weg zum Nordpol zu fragen, knallen ihm die Angestellten einen Kaffeebecher oder einen U-Bahn-Plan hin, ohne aufzublicken oder zuzuhören.

Ilustrajo fängt das Klischee der anonymen, grauen Stadt mit griesgrämigen Leuten etwas auf, denn die Menschen in ihrem Bilderbuch wirken eher in Gedanken versunken und in ihrer eigenen Welt. Mit wenigen Strichen gelingt es der Illustratorin, dies über die Mimik der Figuren auszudrücken. Dass ein Kind als einzige Person den Bären entdeckt, ist wiederum absehbar: Zusammen gehen sie nach Hause, wo die Welt bunter ist, spielen miteinander und tüfteln an Möglichkeiten, wie der Bär zurück in seine Heimat gelangt. So geht es in dieser Freundschaftsgeschichte auch um die Neugier und Offenheit von Kindern. Sie ermuntert dazu, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Wem das zu offensichtlich pädagogisch ist, freut sich an der Vorstellung, einen Eisbären zum Freund zu haben und selbst Ideen auszuhecken, wie er zurück an den Nordpol gelangen könnte.

Andrea Lüthi
Buch&Maus 3/24, S. 30

Mr. Wurst
Ariane Nicollier
Aus dem Französischen von Steven Wyss.
Verlag: SJW, Publiziert: 2024, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0417-3
Schlagwörter: Tiere | Humor/Komik

Mr. Wurst ist verfressen und verspielt, so wie andere Hunde. Anderes macht ihn einzigartig: Dass er aus einer üppigen roten Blume geschlüpft ist, ein blau-weiss gestreiftes Fell trägt oder stets wächst. All das stört aber weder ihn noch seine tierischen WG-Freunde. Denn immer länger zu werden, kann auch Vorteile haben. Zum Beispiel, wenn es gilt, den entflogenen Kanarienvogel Piwi wiederzufinden. Nicht nur kann Mr. Wurst auf der abenteuerlichen Suche nach ihm mit seinem Körper eine Brücke über einen breiten Fluss schlagen, er buddelt Knochen tief aus der Erde, die für gewöhnliche Hunde unerreichbar wären, und hüpft in luftigen Höhen elegant von Wolke zu Wolke.

Die in Yverdon-les-Bains lebende Illustratorin und Grafikdesignerin Ariane Nicollier inszeniert ihr fulminantes Debüt in einer Mischung aus Comic(strip) und Bilderbuch fast ohne Text. Ihr Illustrationsstil, auf den ersten Blick ein Spiel von Primärfarben und einfachen geometrischen Formen und Rastern, entpuppt sich bei genauerem Hinschauen als raffiniertes Hand-in-Hand von grafischer Abstraktion und erzählerischer Dynamik, von witzigen Einzelbildern und vorwärtsdrängenden Bildsequenzen. So purzeln auch im Mondrian-Bild, das nicht zufällig in Mr. Wursts Wohnzimmer hängt, die Quadrate und Rechtecke durcheinander, wenn in der Tier-WG wieder mal eine Verfolgungsjagd stattfindet.

Nach der glücklichen Heimkehr gönnen sich Mr. Wurst und Piwi ein leckeres Mahl, während sich Mr. Wursts Körper durch das ganze Treppenhaus runter bis auf die Strasse erstreckt. Praktisch, dass der Hund so gleichzeitig sein kleines Geschäft erledigen kann!

Christine Tresch
Buch&Maus 3/24, S. 30

Wer küsst wen?
Mehrdad Zaeri
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2024, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6075-5
Schlagwörter: Kunst | Spiel | Liebe

Bilder – Kunst – Reisen

Mit seinen 232 Bildern passt auf dieses hochformatige Buch die Definition «fast textfreies Bilderbuch» hervorragend. Denn kleine Textanteile sind hier nur innerhalb der Bilder zu finden. Da hängt ein «WC»- Schild an der Wand, ist im Kalendereintrag «Kino mit Eleonore» zu lesen, daneben ein Herzchen. Solche sprachliche Anteile sind unverzichtbare Hinweise, um die Bilder zu Sequenzen zusammensetzen zu können.

Schon beim ersten Aufschlagen von Mehrdad Zaeris «Wer küsst wen?» fällt die besondere Ausstattung auf, die an ein Klipp-Klapp-Buch erinnert: Oben und unten liegt ein Stapel fadengehefteter Seiten. Öffnet man sie, liegen vier quadratische Einzelbilder in einem Quadrat nebeneinander. Die ersten zeigen ein Porträt auf einer Kommode mit der Aufschrift «Elise»; eine mondbeschienene Wiese; eine Hand, die einen Blumenstrauss trägt; eine Stadt, über der ein Zeppelin f liegt, mit der Aufschrift «Kauft alles!». Allesamt sind sie schwarz-weiss, mal dünner, mal dicker konturiert und immer wieder in Grautönen eingefärbt.

Doch weder stilistische Unterschiede noch Textanteile helfen beim Versuch, Zusammenhänge zu finden und kohärente Handlungen zu generieren. Man muss sich sehr viel Zeit nehmen, um die Liebesgeschichten zu entdecken. Zaeri simuliert mit seinen Einzelansichten Wahrnehmungseindrücke, die im Vorbeigehen entstehen; Geschichten ohne Anfang, ohne Ende. Leider ist ein erzählerischer Faden so schwer zu finden, dass die Entdeckungslust leidet. Klug platzierte narrative Hinweise hätten dem Kunstobjekt gutgetan. «Gute Reise!», wünscht der Künstler im Einband. Bleibt zu hoffen, dass nicht zu viele stornieren.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/24, S. 30

Ein Berg, ein Sturz, ein langes Leben
Dayeon Auh
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2024, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10683-5
Schlagwörter: Generationen | Märchen/Fabel | Philosophie

Wenn Grossvater auf den Markt will, muss er den Weg über den «Berg des Grauens» nehmen: Es heisst, wer dort stürze, habe nur noch drei Jahre zu leben. Und genau das passiert eines Tages: Grossvater stolpert und fällt.

In ihrem Bilderbuchdebüt erzählt die in Seoul geborene Künstlerin Dayeon Auh die Geschichte eines traditionellen koreanischen Volksmärchens nach: Im festen Glauben an den nahenden Tod fühlt sich der ehemals so lebensfrohe Grossvater immer schlechter. Die Ärztin, die er konsultiert, kann ihm nicht helfen: «Eigentlich scheinen Sie mir vollkommen gesund zu sein …» Erst als seine Enkelin ihn kurz vor Ablauf der Drei-Jahres-Frist besucht und die alte Legende neu deutet, findet der alte Mann seine Lebensfreude wieder. Aus dem «Berg des Grauens» wird der «Berg des langen und glücklichen Lebens». Zwei, drei Sätze Text pro Doppelseite, mehr braucht es nicht, denn Dayeon Auhs kraftvolle, farbintensive Bilder tragen die Geschichte. Dabei schöpft die junge Künstlerin, was Techniken und Material betrifft, aus dem Vollen: Mit satten Wasserfarben, Pastell- und Wachsmalkreide, Bunt- und Bleistiften schafft sie Bilder einer anderen Welt. Pflanzen, die an riesige Pilze, Springbrunnen oder Luftballons erinnern, fantasievolle Tiere und Landschaften. Ein wahres Feuerwerk der Farben und Formen.

«Dayeon wünscht sich, dass ihre Bilder in Erinnerung bleiben, Freude und Inspiration in der Welt verbreiten», heisst es im Vorsatz. Auf «Ein Berg, ein Sturz, ein langes Leben» trifft das hundertprozentig zu: ein farbenfrohes, Mut und froh machendes Bilderbuch, in dem sich von Mal zu Mal neue Details entdecken lassen.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/24, S. 30

Gutenachtgeschichten für Celeste
Ole Könnecke, Nikolaus Heidelbach
Verlag: Hanser, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-28077-9
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen | Geschwister | Grusel/Spuk/Horror

Ein sehr gruseliges Bilderbuch

Unterschiedlicher könnten die Stile der beiden Künstler nicht sein: Nikolaus Heidelbach ist bekannt für seine gemäldeartigen, surreal-traumähnlichen Illustrationen, Ole Könneckes witzige Strichzeichnungen sind reduziert und nah beim Comic. Nun haben die preisgekrönten Illustratoren gemeinsam ein Bilderbuch gestaltet. Erstaunlicherweise funktioniert das, denn beide nutzen die jeweilige Stärke ihres Stils. Man glaubt zu spüren, dass sich die zwei beim Entwickeln ebenso amüsiert haben, wie es die Leser:innen beim Anschauen tun.

Im Comicstil mit Sprechblasen gibt Könnecke die Rahmenhandlung wieder, eine Situation aus dem Kinderalltag: Die Eltern gehen abends aus und ermahnen Boris und Celeste zu allem Möglichen. Natürlich halten sich die Kinder nicht dran, essen Chips und Kekse und schauen einen Film. Schliesslich will Celeste eine gruselige Gutenachtgeschichte hören. Hier steigt Nikolaus Heidelbach ein. Auf der linken Buchseite findet sich jeweils eine Szene aus einer Gruselgeschichte, die Boris zu erzählen anfängt: vom Gespenst auf der Brücke, von der Riesenkröte, von steinernen Figuren, die sich plötzlich bewegen, von der Dame ohne Kopf. Doch Celeste findet alles langweilig: Mit dem Riesenaffen hat sie Mitleid, Kröten findet sie süss, und ein Ungeheuer inspiriert sie, die Szene parodistisch nachzuspielen, was Boris zunehmend verärgert. Am Ende erzählt Celeste die wahre Gruselgeschichte – diesmal gezeichnet von Ole Könnecke. Das alles ist nicht nur verspielt, einfallsreich und urkomisch, sondern weckt zugleich die Fantasie. Denn weil Boris jede Geschichte nur anreisst, können Kinder sie weiterspinnen.

Andrea Lüthi
Buch&Maus 3/24, S. 29

Was der grosse Bruder Boris vor dem Insbettgehen Gruseliges für seine kleine Schwester Celeste ersinnt, zeigen die gemäldeartigen, surrealistisch anmutenden Bilder von Nikolaus Heidelbach jeweils auf der linken Seite. Rechts sehen wir in Ole Könneckes Cartoonstil, wie Boris fabuliert und Celeste Schabernack treibt. Doch Celeste will sich einfach nicht vor Frau ohne Kopf, Gespenstern und mehrköpfigen Hunden fürchten und treibt damit den Bruder in die Verzweiflung – ein herrlich komischer und gar nicht so grusliger Bilderbuchspass.

Emma und der traurige Hund
Sabine Rufener
Verlag: Kunstanstifter, Publiziert: 2024, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948743-35-2
Schlagwörter: Gefühle | Tod/Trauer | Generationen

Das Fell des Hundes ist struppig: In einer wilden Schraffur in alle Richtungen, mit roten, grünen und blauen Strichen ins Braun gemischt, hat die Basler Illustratorin Sabine Rufener es mit Buntstift gemalt. Dieses Fell zieht den Blick auf sich und darf in Vergrösserung auch Vor- und Nachsatz ihres Bilderbuches «Emma und der traurige Hund» zieren.

Die doppelseitenfüllenden Bilder im Buch konzentrieren sich auf die zwei Hauptfiguren: auf Emma, ein gewitztes, kurzhaariges Mädchen mit roter Brille, und den Hund. Dieser ist alt – und müde. Er ist des Lebens überdrüssig geworden. Tag für Tag versucht Emma, ihm einen Grund zu liefern, warum das Leben sich trotzdem lohnt. Der für ein Bilderbuch ungewöhnlich lange Text, der sich an ein schon etwas älteres Publikum richtet, ist nicht nur in seiner Gesamtheit eine philosophische Erkundung von Lebenssinn und Glück, er enthält auch immer wieder prägnant gefasste Gedanken: «Nicht mehr geliebt zu werden, ist viel schlimmer, als nie geliebt worden zu sein.» Emma erinnert den Hund daran, dass es Sonnenschein und Erdbeereis gibt, sie versucht, ihm mit selbst verfassten Briefen und Gedichten von der Schönheit des Lebens zu erzählen. Er lässt sich nicht überzeugen.

Graubraune Transparentfolie bildet den Hintergrund, in dem alles leicht verschwimmt, die Figuren sind mit deutlichen Farbstiftstrichen darauf gezeichnet. Text und Bild gehen ineinander über: Denn Emma und der Hund stellen fest, dass das Glück am Ende auch von der eigenen Perspektive abhängt. Und so setzt Emma dem Hund am Ende ihre Brille auf. Unscharf mag er die Welt nämlich ganz gerne.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/24, S. 29

 

Graubraun ist die Farbskala, in der die Doppelseiten gehalten sind: Grau ist auch die Sicht aufs Leben des alten Hundes. Mit zerzaustem Fell sitzt er da und will vom fröhlichen Mädchen Emma nur einen guten Grund wissen, warum er weiterleben soll. Emma gibt sich alle Mühe, doch ihn von seiner Schwermut zu befreien, ist nicht ihre Aufgabe. Dafür kann sie ihm eine Freundin sein. Und den Hund durch ihre Brille die Sicht auf eine sonnengelbe Welt ermöglichen… Ein kunstvoll gestaltetes Bilderbuch mit philosophischem Text für ältere Kinder.

Die schönste Wunde
Emma Adbage
Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger.
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2024, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75920-7
Schlagwörter: Alltag | Schule | Gefühle

Ein Junge fällt von einer Tischtennisplatte herunter und verletzt sich am Knie. Ganz nah sind wir dabei an diesen minutiös geschilderten Ereignissen, die den Jungen aus seinem Grundschulalltag reissen. Aus der Sicht des Jungen erleben wir das Blut, die Aufregung und die Reaktion der anderen Kinder und der Erwachsenen hautnah. Die meisten Kinder kennen das, wovon die schwedische Künstlerin Emma AdBåge hier erzählt: Unfälle, Verletzungen, ein aufgeschürftes Knie und dann eine dicke Kruste. Danach der innere Kampf gegen den Wunsch, alles aufzukratzen.

Die Illustratorin setzt Gouache und Bleistift ein, legt Schicht um Schicht aufeinander, verändert dabei geschickt Körperproportionen und verzerrt Perspektiven. Die Kunst der Schwedin besteht darin, etwas ganz Alltägliches künstlerisch so zu gestalten, dass Kinder sich darin wiederfinden, aber auch die Möglichkeit bekommen, darüber hinauszu reflektieren. Denn der Heilungsprozess wird hier eindringlich und intensiv durch die Gestaltung in Text und Bild erlebbar gemacht. Grossartig auch, wie der Lehrer die Situation aufnimmt und einfallsreich in den Unterricht integriert. So gestaltet man Schule lebensnah und interessant. Auch dieses Bilderbuch von Emma AdBåge ist wieder preisverdächtig und wurde in Schweden bereits mit dem «August-Priset», dem grössten Kinderliteraturpreis, ausgezeichnet, wie auch schon das Vorgängerbilderbuch «Die Grube», das für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert war. So eine genaue Beobachterin und sensible, zugewandte Menschenkennerin hat das unbedingt verdient – und einen festen Platz in Schulbibliotheken sowieso.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/24, S. 29

Café Käfer
Marie Gamillscheg, Illustration: Anna Süssbauer
Verlag: Leykam, Publiziert: 2024, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7011-8301-2
Schlagwörter: Tiere | Umweltschutz/Klima

«Der Käfer ist König», verspricht das Schild am bezaubernden kleinen Café auf der Wiese am Waldrand. Leider hat Chefin Karli wieder mal nichts zu tun – tote Hose in ihrem schnuckeligen Krabbler- Birkensaftladen. Das war letzten Sommer noch ganz anders! Doch dann kamen die grossen, gelben Maschinen mit den Schaufeln. Erst verschwanden Blumen und Gräser, dann Büsche und Bäume, dann die Gäste. Stattdessen steht da jetzt ein grosses, stummes Menschenhaus …

Das kommt einem traurig bekannt vor. Doch dieses mit fantastischen, plakativ- knallfarbigen Wimmelbildern illustrierte Vorlesebuch setzt dem Artensterben einen verspielten Mikrokosmos samt handfester Problemlösung entgegen: Eine Käfer-Sause muss her, mit Musik, Drinks und leckerem Essen! Auf gehts – die letzten Stammgäste wirbeln los: Die Kartoffelkäfer sammeln Lavendelsamen, die Hirschkäfer graben die Erde um, der Rest macht Grossputz. Denn Schlaumeier-Tausendfüssler Tassa (liest immer zwei Bücher gleichzeitig) weiss: ohne Bienen keine Blumenwiese, ohne Blumenwiese keine Gäste. Mitten in den Vorbereitungen bebt die Erde: Menschen- Alarm! Jetzt braucht es einen Plan.

Dass am Ende doch noch eine Party steigt, ist der Diversität der von Anna Süssbauer so umwerfend ulkig porträtierten Tiere zu verdanken: Mit ihren Superkräften verwandeln sie das Café Käfer in eine Insektendisco mit Urwald- Sounds und Starkregen-Beats. Das Beste daran: Alle sind willkommen! Eine tolle Geschichte, die Insekten-Infos so originell und witzig verpackt, dass man sofort mithelfen und lossäen will.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/24, S. 28

Das Dorf der Steine
Lawrence Schimel, Illustration: Lena Studer
Aus dem Spanischen von Eva Roth
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0869-5
Schlagwörter: Behinderung | Lesen | Tod/Trauer

Schauplatz des Bilderbuchs ist ein Friedhof, doch wer Düsteres erwartet, irrt sich: Farbiger kann man sich eine Friedhofsszenerie kaum vorstellen. Lena Studers Pastellkreiden- und Farbstift-Bilder strahlen Fröhlichkeit aus, die Bäume leuchten in Herbstfarben, überall blühen Blumen, die Kopfsteine auf dem Weg gleichen einem bunten Mosaik. Mittendrin ist Sonja. Sie besucht ihren verstorbenen Onkel auf dem Friedhof, damit er sich nicht einsam fühlt.Ihre Erinnerungen sind voller schöner Dinge – gemusterter Vasen, Blumen oder Eisbecher an einem lebhaften Sommertag im Park. Dass Sonja blind ist, merkt man erst, als sie mit ihrem Stock gegen etwas stösst. Hier ist die Hauptfigur nicht auf das Blindsein reduziert; es gehört schlicht zu Sonja, ist aber nicht weiter Thema. Nur erspürt Sonja die Welt vielleicht etwas stärker mit den Fingern. Denn eines Tages entdeckt sie die eingeprägten Buchstaben auf den Grabsteinen und beginnt sich für die Geschichten der Verstorbenen zu interessieren. Der Friedhofsgärtner erzählt sie ihr.

Eva Roth hat Schimels Text in knappen, prägnanten Sätzen ins Deutsche übertragen, und die junge Basler Illustratorin Lena Studer interpretiert ihn auf ihre Weise: «Jeder Stein öffnet eine neue Tür» hat sie bildlich umgesetzt. Sonja tritt durch die Buchstaben auf dem Grabstein wie durch Türen und gelangt so in die Lebensräume der Verstorbenen – eine tröstliche und schöne Vorstellung. Zwischen doppelseitigen, stimmungsvollen Bildern von Friedhof und Park finden sich überraschende Perspektiven, sei es eine Aufsicht auf den Gehweg oder eine Nahaufnahme, in der eine Mini-Sonja auf der Hand des Friedhofsgärtners steht.

Andrea Lüthi
Buch&Maus 3/24, S. 28

Sonjas geliebter Onkel Fred ist gestorben. Sie hängt auf dem Friedhof oft ihren schönen Erinnerungen an ihn nach. Dass Sonja blind ist, erfahren wir, als sie mit ihren Fingerspitzen die Grabinschrift ertastet. So erliest sie sich nicht nur diesen Stein, sondern auch viele weitere und taucht zusammen mit Friedhofsgärtner Martin in deren Lebensgeschichten ein. Ein vielschichtiges Bilderbuch, bei dem sowohl der Text des Autors als auch die Bilder der jungen Schweizer Illustratorin Lena Studer zart und ausdrucksstark zugleich sind.

Da war ich noch nie!
Daniel Fehr, Illustration: Raffaela Schöbitz
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-5994-3
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein | Freundschaft

Geschichten, die von Sehnsüchten und dem Mut aufzubrechen erzählen, gibt es viele. Daniel Fehr wählt für seine eine Schnecke zur Protagonistin. Schnecke lebt schon lange am selben Ort, es geht ihr gut, vor allem wegen Ente, auf deren Kopf sie lebt. Die zwei sind unzertrennlich und teilen alles. Fast alles! Denn Schnecke fände Fliegen schön, besonders wenn sie im Herbst den Gänsen auf ihrem Flug in den Süden zuschaut. Doch Laufenten können nicht fliegen. Schneckes Sehnsucht, die Welt zu entdecken, in der Luft oder im Wasser, wird so stark, dass sie langsam von Entes Hals rutscht und sich aufmacht. Ente lässt sie ziehen – weil sie nicht so viel Mut hat, oder weil sie Schnecke bewusst loslassen will, bleibt offen.

Hoch oben auf der Linde angekommen, muss Schnecke an Ente denken, weil sie den Blick ins Tal gerne mit ihr teilen möchte. Wieder zurück erzählt sie ihr zwar vom grossen Baum, nichts aber von ihrem Weg und dem schönen Blick. Da beginnt Ente mit all ihrer Kraft und mit Schnecke auf dem Kopf zu flattern und fliegt, knapp über dem Boden zwar, über den Bach. Dort, das weiss sie, gibt es einen noch grösseren Baum.

Die Illustratorin bindet die fantastische Stimmung und die selbstverständliche Leichtigkeit in der Erzählung in zarte Bilder mit Farbstift, Tusche und Aquarell. Das offene Ende macht weit auf für Gespräche über mögliche Entdeckungen. Es ist gut vorstellbar, wie die beiden es geniessen werden, die unbekannte Seite des Flusses zu entdecken. Ihr Entdeckerdrang lässt beide über sich hinauswachsen, sodass das gemeinsame Erleben und Austauschen erst möglich wird.

Barbara Jakob
Buch&Maus 3/24, S. 28

Miss Kat
Jean-Luc Fromental, Illustration: Joëlle Jolivet
Aus dem Französischen von Anette von der Weppen
Verlag: Limbion, Publiziert: 2024, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64123-4
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Humor/Komik

Das Geheimnis des warmen Schnees

Detektivin Miss Kat ist bereit für den Weihnachtsblues. Da lädt sie eine Freundin zum Skifahren nach Snøbøll ein. Während Griselda und Ole Oktopus den Bergwinter mit allem Drum und Dran geniessen, erhält Miss Kat einen Auftrag: Sie soll die Freundin von Ulli mit dem Pistenbully finden, die ihm Pizzaiolo Fredo ausgespannt hat. Haben sie etwas damit zu tun, dass nachts der ganze Schnee verschwindet? Der lässig gezeichnete Comic löst mythologische Liebeswirren fantasie- und humorvoll.

Schneeball
Sabine Dormond, Illustration: Léonie Pantillon
Aus dem Französischen von Steven Wyss
Verlag: SJW, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0423-4
Schlagwörter: Freundschaft | Feste/Bräuche

In einem grauen Wohnblock reden die Bewohner:innen kaum miteinander. Als eine elegante Frau in den dritten Stock zieht, setzt eine Geste alles in Bewegung: Sie bringt einem Mädchen dessen verlorene Jacke zurück. Das Mädchen macht daraufhin einer Nachbarin ein Kompliment, was diese so freut, dass sie ihr selbstgemachten Pudding schenkt. Es entsteht ein Schneeballeffekt, der in einem kleinen Weihnachtsfest mit allen im Treppenhaus gipfelt. Die Geschichte zeigt, wie wenig es braucht, um durch Freundlichkeit eine Gemeinschaft zu beleben

Wie die Wichtelinnen Weihnachten retteten
Friedbert Stohner, Illustration: Katrin Engelking
Verlag: dtv Reihe Hanser, Publiziert: 2024, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64123-4
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Humor/Komik

Eine Adventsgeschichte in 24 Kapiteln

Der Weihnachtsmann liegt im Bett. Die Geschenkeauslieferung wollen nun die schusseligen Wichtel übernehmen. Weihnachten wird allerdings nur gerettet, weil die pfiffigen Wichtelinnen die Schussel in einer wilden Aktion verfolgen und alle Pannen beseitigen. Die 24, bestens zum täglichen Vorlesen geeigneten kurzen Kapitel mit Cliffhangern und vielen Illustrationen sind ein Feuerwerk an Ideen und witzigen Akteur:innen. Ein Spass für zuhause und in der Schule!

Ein Eisbär im Schnee
Marc Barnett, Illustration: Shawn Harris
Übersetzt von Ebi Naumann
Verlag: Aladin, Publiziert: 2024, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0230-9
Schlagwörter: Identität/Individualität | Tiere

Aus schneeweissen Grund schält sich ein Eisbär hervor. Er ist aufgewacht und wir begleiten ihn auf seinem Weg durch den Schnee, vorbei an Robben, einer Höhle und einem Menschen. Er will hinein in die blaue Unterwasserwelt, zum fröhlichen Spielen. Und wer weiss, wohin er danach geht? Der sehr knappe Text lebt von faszinierend reduzierten Illustrationen in Schnitt- bzw. Collagetechnik mit stark strukturiertem weissem bzw. blauem Papier und gibt viel Raum für die eigene Fantasie.

Fröhliche Winternacht
Lorenz Pauli, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0868-8
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Mut/Selbstbewusstsein | Freundschaft

Endlich hat sich der hungrige und entsprechend mieslaunige Bär zum Schlafen in seine Höhle gelegt. Als die mutige Maus sich in die Höhle direkt ins warme Bärenfell wagt, lassen sich die anderen Tiere von deren Zuversicht anstecken, und so feiern sie alle ein Fest mit Geschichten, Essen, Liedern und einem Neuankömmling. Nicht einmal als der Bär ob ihrem Lachen erwacht, entsteht Gefahr! Zwischen Höhlendunkel und Winterweiss fangen die Illustrationen die ausgelassene Stimmung bestens ein.

Genderqueer
Maia Kobabe
Aus dem Englischen von Matthias Wieland
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2024, Seiten: 239, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-415-3
Schlagwörter: LGBTQ*

Eine nichtbinäre Autobiografie

Maia fühlt sich weder als Junge noch als Mädchen: Wie kann Maia anderen erklären, was das bedeutet? Die autobiografische Graphic Novel erzählt auf sensible und einfühlsame Weise vom Weg zur non-binären, asexuellen Identität: über das eigene Bewusstwerden, Gespräche mit Familie und Freund*innen bis zu den ersten sexuellen Erkundungen und der Wahl der passenden Pronomen. Mit dem Einblick in die eigene Geschichte regt Maia Kobabe zugleich zum Austausch über Geschlechtsidentität an.

Queer Kids
Christina Caprez
Verlag: Limmat, Publiziert: 2024, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03926-080-5
Schlagwörter: LGBTQ*

15 Porträts

In «Queer Kids» erzählen 15 Schweizer Jugendliche zwischen 10 und 20 Jahren: über die Selbstfindung als non-binärer, trans oder homosexueller Mensch in der Stadt oder auf dem Land, über das Coming-out vor den Eltern und in der Schule, über Orte, an denen sie Gemeinschaft spüren. Sie berichten aber auch erschütternd von fehlender Akzeptanz und Mobbing. Drei Interviews mit Expert*innen ordnen ein und ein Glossar hilft, die Begriffe zu verstehen.

Anno und Issa
Linnea Lundborg, Illustration: Ylva Oknelid
Aus dem Schwedischen von Franziska Hüther
Verlag: Atrium, Publiziert: 2024, Seiten: 219, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85535-181-7
Schlagwörter: LGBTQ*

Anno ist eher schüchtern und verbringt am liebsten Zeit mit ihrem besten Freund Jakob im Skatepark. Dort trifft sie Issa, die beim Skaten mutig und cool wirkt, und möchte sie näher kennenlernen. Die beiden Mädchen verlieben sich ineinander. Dies löst viele neue Gedanken und Gefühle bei Anno aus, bis sie lernt, zu sich selbst zu stehen. Annos Gefühlschaos wird für die Lesenden nachvollziehbar geschildert, sowohl in Romanform als auch in eingestreuten Comic-Passagen.

Milo tanzt
Anne Becker
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2024, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-18638-4
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Milo brennt fürs Balletttanzen und ist richtig gut darin. In der Schule weiss aber niemand davon, ausser seinem besten Freund Maxim. Ein Neuer in der Klasse hat es darauf abgesehen, Milos Geheimnis zu lüften. Als ein Tanzvideo von Milo die Runde macht, möchte Milo nie wieder aus dem Bett aufstehen. Ein feinfühliger Kinderroman über Freundschaft, Männlichkeit, Vorurteile und Mobbing und darüber, wie gut es tut, Rückhalt zu spüren.

Hier kommt Bahar Bizarr
Michael de Cock
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2024, Seiten: 87, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75891-0
Schlagwörter: LGBTQ*

Am ersten Schultag in der neuen Klasse erzählt Bahar, das ihre eine Mama Schlagzeugerin in einer Band ist. Das ist nicht völlig gelogen, aber auch nicht wirklich wahr. Jetzt möchte die Klasse Mami Sophie als Rockstar in die Schule einladen. Wie kommt Bahar da wieder raus? Ein pfiffiges Mädchen aus einer Regenbogenfamilie steht im Mittelpunkt dieser Geschichte zum Vor- oder Selberlesen, in der es auch um das Thema Berufe und Zukunftspläne geht.

Medita
Martina Blunschy
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2024, Seiten: 157, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-081-5
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Da pfeif’ ich drauf!

Medita veranstaltet ein Badezimmer-Konzert als Einschlafhilfe für Baby Ben. Sie verkauft an einem Marktstand Glück für eine gute Tat oder freundet sich mit Edmund Heldenmut an, der aus den Steinen, die ihm nachgeworfen werden, eine Eisenbahn baut. Die Geschichten rund um Medita sind gleichzeitig unterhaltsam und tiefsinnig. Die kurzen Episoden aus dem Alltag der frechen, sympathischen Hauptfigur können auch einzeln vorgelesen werden.

Maimun
Sahar Abdallah
Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2024, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907277-27-0
Schlagwörter: Geschlechterbilder

In diesem Bilderbuch aus Ägypten kämpft ein gewitztes Mädchen für ihre Familie und ihr Haustier. Tuhas Vater bringt als Gaukler die Menschen zum Staunen. Tuha tanzt zu seinem Tambourin und Affe Maimun macht Kunststücke. Doch jeden Abend bringt der Vater weniger Geld heim. Sollte er lieber Orangen verkaufen? Doch dann müsste auch das Äffchen weg! Tuha will das nicht zulassen. Also bringt sie Maimun einen ganz besonderen Trick bei …

Die Ritter holen Gold
Bjørn F. Rørvik, Illustration: Camilla Kuhn
Aus dem Norwegischen von Barbara Giller
Verlag: Picus, Publiziert: 2024, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7117-4037-3
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Prinzessin Begonia ist wütend, weil sie nicht am Ritterturnier teilnehmen darf: Im Mittelalter gehört sich so etwas nicht für ein Mädchen. Die Ritter Zack und Rosenbusch würden hingegen lieber gemütlich auf der Wiese liegen als Lanzenkampf zu üben. Mittels einer List bringt Begonia die zwei dazu, ihr eine Rüstung zu beschaffen – und gewinnt das Turnier haushoch. Mit Humor und Ironie stellt dieses Vorlesebuch antiquierte Geschlechterrollen auf den Kopf.

Alles über Väter
Oskar Kroon, Illustration: Jenny Lucander
Aus dem Englischen von Maxime Pasker
Verlag: Carl Auer Kids, Publiziert: 2024, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96843-058-4
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Wie sind Väter so und was tun sie den ganzen Tag? Morgens werden sie vom Kind viel zu früh geweckt, sie beantworten verschlafen Fragen, bringen das Kind in die Kita, machen die Wäsche und sitzen im Büro, sie stossen Schaukeln an und dämpfen Gemüse. Und wenn es Zeit ist, ins Bett zu gehen, wissen sie genau, was zu tun ist. Erst wird aber noch getanzt! Liebevoll und mit Humor wird der Alltag mit einem im Familienleben präsenten Vater geschildert.

Korianderkuss
Antje Herden
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2024, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-641-3
Schlagwörter: LGBTQ*

Rosa fühlt sich einsam und unverstanden, seit ihre beste Freundin einen Freund hat. Da kommt Kim neu in ihre Klasse – und Rosa bekommt von ihrem Vater einen wilden Garten. Rosa und Kim verbringen die Ferien dort, graben um, säen und jäten. Während alle nur zu interessieren scheint, welchem Geschlecht sie Kim zuordnen können, spürt Rosa: Sie ist einfach in den Menschen Kim verliebt. Im Roman erzählt sie davon, wie schön, schwierig und spannend das ist.

Mamapapa & ich / Papamama & ich
Claudia de Weck
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2024, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0867-1
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Unter dem Satz «Meine Mama ist ein Schiff» sehen wir ein Kind bequem auf dem Bauch der Mutter sitzen, die auf dem Rücken durchs Wasser pflügt. Mama ist aber auch ein Theater, eine Lokomotive oder eine Insel. Wird das Buch von der anderen Seite her aufgeschlagen, steht der Papa im Zentrum, der beim Backen Frau Holle ist, oder ein Igel, wenn seine Bartstoppeln kitzeln. Eine Liebeserklärung an Mütter und Väter, die in verschiedene Rollen schlüpfen können und dabei immer die Grössten sind.

Wir reisen ins Farbenland!
Daniela Kulot
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2024, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6301-5
Schlagwörter: Sprachspiel | Diversität

«Der Bus, er fährt nun längs am Strand» der Reihe nach durch das Farbenland. Von Stopp zu Stopp steigen allerlei lebendige Pflanzen und Tiere einer bestimmten Farbe ein. Alle finden Platz im Bus, der nach elf Doppelseiten rappelvoll am Buntfarbenstrand hält – für eine ausgelassene Party. Auf allen Seiten gibt es viel Witziges zu entdecken und benennen.

Das Nori sagt Nein!
Antje Damm
Verlag: Moritz, Publiziert: 2024, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-462-6
Schlagwörter: Identität/Individualität

Das Nori lebt friedlich unter der Erde, liebt rote Beeren und seine gemütliche Höhle. Doch eines Tages wird es von einem Kind entdeckt und kurzerhand mitgenommen. Nun soll es im Puppenhaus leben und grüne Beeren essen. Verzweifelt ruft das Nori: NEIN! Eine Geschichte über das Respektieren von Grenzen, liebevoll erzählt in scherenschnitt-artigen Schwarz-Weiss-Bildern.

Wer isst was?
Eurydice Da Silva, Illustration: Elsa Mroziewicz
Verlag: Minedition, Publiziert: 2024, Seiten: 18, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-0393-4220-4
Schlagwörter: Tiere | Spiel

Die Illustratorin beweist erneut ihren Sinn für gute Pop-up-Effekte. Jede Seite zeigt ein Tier, das mit dem Öffnen auch gleich seinen Schnabel, sein Maul, seine Schnauze weit aufsperrt und den Betrachter:innen offenbart, was es gerne frisst. Die bunten, ornamentalen Bilder laden zum Spielen ein und verraten gleichzeitig etwas über das Fressverhalten der insgesamt acht Tiere.

Was mag die Maus?
Helga Bansch
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2024, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-702-24241-1
Schlagwörter: Alltag

Dieses Pappbuch für die Allerkleinsten ist so einfach wie vielseitig: Links sind jeweils einzelne Gegenstände oder Figuren, rechts sind mehrere Figuren in Aktion. Wer tanzt mit wem? Wer erzählt wem? Wo schlafen die gezeigten Figuren? Alltagsfragen also, aus denen beim gemeinsamen Betrachten der mit feinem Strich gezeichneten Bilder erste Gespräche entstehen.

Haltet den Ball!
Susanne Strasser
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2024, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0743-7
Schlagwörter: Spiel | Sport

Ente schiesst den Ball: FFFUIIIH! übers Tor, BAMM an den Baum mit der Eule, WUUUSCH! durch die Büsche. Immer weiter gehts, immer ein Tier kommt hinzu. Zusammen rennen sie dem Ball hinterher, bis das Tor doch noch fällt und alle gemeinsam spielen. Gespickt mit witzigen Details, aber nie überladen wird diese Verfolgungsjagd nicht nur Ballfreunde erfreuen.

Ente sagt Miau
Juliette MacIver, Illustration: Carla Martell
Aus dem Englischen von Bernd Stratthaus
Verlag: Annette Betz, Publiziert: 2024, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-2191-2036-3
Schlagwörter: Tiere | Identität/Individualität

«Wuff!», macht Hund. «Muh!», macht Kuh. Und Ente macht … MIAU! Das kann doch gar nicht sein, meinen die anderen Tiere und wollen Ente umstimmen. Doch diese lässt sich nicht beirren. Schliesslich ist sie von der Katzenmama adoptiert worden. In klaren Farben, einfachem Strich und mit Sprechblasen zu den Tierlauten fordert dieses Büchlein ein fröhliches Mitsprechen ein

«Muuuuh!», sagt die Kuh, der Hund macht «Wuff!», der Spatz ruft «Tschiep!». Das Entenküken sagt: «Miau!». Die anderen Tiere sind empört: Das stimmt doch nicht! Im Pappbuch für die Kleinsten, das nur wenig Text enthält, widersetzt sich ein kleines Tier den Erwartungen. Denn das Entenküken weiss genau, was es in sich spürt. Es bleibt sich selbst treu, unbeirrt von den Vorstellungen der anderen. Am Ende kuschelt es sich an seine Katzenmama, die es vorbehaltlos liebt.

Rate mal, wer ist denn da?
Daniel Fehr, Illustration: Claudia Weikert
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2024, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75705-0
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen

Schlafenszeit, Licht aus! Doch welche Schatten tummeln sich da im dunklen Zimmer? Es sind die Silhouetten verschiedener Stofftiere, die noch ihrer Abendroutine nachgehen. Ein Mädchen bringt sie der Reihe nach mit seiner Taschenlampe ans Licht. Die Illustrationen zeigen eine liebenswerte Tierbande im Farbenspiel zwischen Hell und Dunkel.

Finger weg!
Thorsten Saleina
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2024, Seiten: 20, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8458-5870-8
Schlagwörter: Spiel

Öffnen verboten!

Beim Aufschlagen des Buches öffnet sich die Tür zum Käfig eines kleinen, frechen Monsters, das wieder eingefangen werden muss. Doch es entwischt durch Fenster, Rohre oder ein Loch im Boden, die als Aussparungen in den Seiten gestaltet sind. Witzige Verse begleiten die turbulente Jagd, die endet, als das müde Monster friedlich in seinem Bett einschläft.

Im Baum ist was los
Marianne Dubuc
Verlag: Annette Betz, Publiziert: 2024, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-219-12026-4
Schlagwörter: Alltag

Mitten auf einer Wiese steht ein Baum. Was sich da alles hinter Klappen verbirgt! In seiner Wurzel lebt ein lesender Maulwurf, im Stamm feiert eine Maus Geburtstag, in den Zweigen im Baumwipfel isst Familie Vogel zu Mittag. Die alltäglichen Momente zeugen von einem schönen Zusammenleben und sind in zarten Illustrationen festgehalten.

Schaukel
Jutta Wetzel
Verlag: Esslinger, Publiziert: 2024, Seiten: 22, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-480-23911-5
Schlagwörter: Spiel

In diesem Buch warten Schaf, Pinguin, Bär und Giraffe mit grossen Augen darauf, in ihrer Schaukel angeschubst zu werden. Es wird von unten nach oben geblättert, sodass die Kinder die Seiten gleich selbst vor- und zurückschaukeln können. Kein Wunder wird das Schaukeln immer wilder, bis das Buch beim Looping komplett mitgedreht wird.

Hoppla, Hopp und Stopp
Walid Serageldine
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2024, Seiten: 18, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0866-4
Schlagwörter: Alltag | Spiel

Ein Kind löst die Kugel vom Mobile und diese hüpft weg, durch Küche und Bad. Das Kind hinterher, durchs Wohnzimmer und vom Vater begleitet die Treppe hinunter bis hinaus in den Garten. Dort stoppt die Kugel direkt vor der Nase des besten Freundes, dem Hund. Auf neugierige Kinder wartet eine fröhliche Ver-folgungsjagd mit klug eingesetzten Klappen.

Lesen ist schön
Renate Habinger
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2024, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10694-1
Schlagwörter: Lesen

Literatur im Spiel. Das Kinderbuchhaus im Schneiderhäusl

Der Vision einiger Buchfrauen ist es zu verdanken, dass im ländlichen Niederösterreich ein Ort entstanden ist, der sich ganz dem Kinderbuch als Spiel- und Kreativitätskosmos verschrieben hat. Auf Initiative der Illustratorin Renate Habinger und mit tatkräftiger Unterstützung von Barbara Schwarz – «Leseanimatorin SIKJM» der ers-ten Stunde – werden im Kinderbuchhaus neue Wege und Angebote zur Literaturvermittlung für Kinder entwickelt und in Weiterbildungen zugänglich gemacht.

Zum 10-Jahr-Jubiläum gibt ein prächtiger, deutsch-englischer Band umfassend Einblick in das Angebot der Mitmach-Wechselausstellungen. Den Auftakt machen drei Stimmen, die das Konzept des Kinderbuchhauses fassbar machen. Kinder sollen sich im Spiel inmitten von Buchwelten und gemeinsam mit anderen selbstwirksam erfahren. Vielleicht auch eine Vision für spielerische Zugänge in Kinderabteilungen von Bibliotheken (vgl. auch den Lehrgang «Literaturlabor SIKJM»)? Die Buchinhalte sind Motor für die Spielanlagen, die drei Prinzipien folgen: «Für alle etwas», «Herz- und Augenfreude» und «Ach, so geht das!». Im ersten Prinzip wird deutlich, dass es nicht nur um Kinder, sondern auch um die erwachsenen Begleitpersonen geht. Prinzip zwei fokussiert auf die ästhetischen Aspekte, das dritte auf Nachhaltigkeit und Nachvollziehbarkeit.

Zahlreiche Fotos aus den Ausstellungen geben Ästhetik und Wandelbarkeit von Raum und Angebot wieder. Jedes Kapitel enthält eine reiche Bibliografie und konkrete Tipps für literal-kreative Spielanlagen. Auf dass der Funke der «Literatur im Spiel» an vielen weiteren Orten springen mag!

Barbara Jakob
Buch&Maus 2/24, S. 37

Der Bärbeiss
Annette Pehnt, Jutta Bauer, Illustration: Josephine Mark
Verlag: Kibitz, Publiziert: 2024, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948690-27-4
Schlagwörter: Freundschaft | Identität/Individualität | Aussenseiter:in/Mobbing

Der neue Nachbar ist echt seltsam: Tagsüber nur im Haus, gräbt er nachts Löcher in seinen Garten und stampft sie laut schimpfend wieder zu. Besuch kann ihm gestohlen bleiben! Und so jagt er das fröhliche Empfangskomitee – bestehend aus dem Tingeli, den Graureiher-Kindern und der Hasenbande – auch gleich wieder vom Grundstück. «Rumms», knallt er ihnen die Türe vor der Nase zu. Was für einen grandiosen Kotzbrocken hat sich die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin Annette Pehnt da in ihrem 2013 erschienenen Kinderbuch «Der Bärbeiss» ausgedacht! Laut und grob, grimmig und egozentrisch – ein Stinkstiefel, der alten Fisch, zerrissene Teppiche und schleimigen Husten mag. Doch das Tingeli bleibt hartnäckig in seiner fast unzerstörbaren Freude und Freundlichkeit.

Es sind lustige Episoden mit Wiedererkennungswert über Aussenseitertum und Freundschaft, Spass und Streit, Enttäuschung und Versöhnung. Jetzt erzählt Comiczeichnerin Josephine Mark den «Bärbeiss» mit vielen Panels und kaum Text erfrischend neu. Wer ihr 2022 mit dem Deutschen Comicpreis ausgezeichnete Roadnovel «Trip mit Tropf» kennt, weiss um ihre starke Figurenzeichnung, ihren Sinn für Spannungsbögen, anarchischen Witz und sensiblen Tiefgang. Und auch diese «Bärbeiss»-Adaption ist absolut preisverdächtig! Hinreissend ist jeder ihrer kleinen Hasen, das Tingeli im rosa Tütü und Ringelstrumpfhose oder der Fellsack Bärbeiss. Mit minimalen Akzenten zaubern hier Augen und Münder ein ganzes Gefühls-Kaleidoskop, mit viel Slapstick und Dynamik werden kleine Alltagsgeschichten zum turbulenten Kopfkino. Vor allem bereichert Mark ihre Vorlage um eine gehörige Portion Frech- und Albernheit.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/24, S. 37

Vier der bekannten Bärbeiss-Geschichten von Anette Pehnt und Jutta Bauer wurden von Josephine Mark humorvoll und detailreich als Comics illustriert. Der griesgrämige, knurrige Bärbeiss und seine Freund:innen erwachen in den lebendigen Zeichnungen mit ausdrucksstarker Mimik und Gestik zum Leben. Die Panels bestechen durch gut abgestimmte Farbigkeit, schnelle Schnitte und dynamische Zooms. Dank der sparsam eingesetzten Sprechblasen sind die Geschichten besonders zugänglich, auch für ungeübte Leser:innen – ein grosses Vergnügen!

 

Voll ungerecht!
Assata Frauhammer
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2024, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75912-2
Schlagwörter: Philosophie | Politik

Über Fairness und Gerechtigkeit

Dass Gerechtigkeit ganz schön kompliziert sein kann, erfahren Kinder bereits im Sandkastenalter: Warum bekommt Tom den drehbaren Aufsitzbagger zum Geburtstag und man selbst nicht? Warum wird Friedas kleine Schwester nicht bestraft, wenn sie ihr die Schaufel kaputt macht? Und warum sagt immer Mama, wann es Zeit ist, nach Hause zu gehen?

Solchen Warums geht Assata Frauhammer in «Voll ungerecht!» auf den Grund. Dabei interessiert sie sich nicht nur für die gerechte Verteilung von Süssigkeiten, sondern auch für Chancengleichheit, Menschenrechte, Fairness im Sport und Generationengerechtigkeit. Auf zwei bis vier Seiten wird jeweils eine Facette von Gerechtigkeit und Fairness, Gleichheit und Ungleichheit, Strafe und Konsequenz beleuchtet. Zum leichteren Verständnis führt eine Frage lückenlos zur nächsten, ohne gedankliche Sprünge. Der logische Aufbau und die vielen Abschnitte sind ideal für eine schrittweise Lektüre, was bei dem hohen Informationsgehalt empfehlenswert ist.
Trotz der Komplexität des Themas ist das Buch leicht zugänglich für Kinder ab Zyklus 2. Denn die präsentierten Beispiele spiegeln ihre eigenen Erfahrungen anschaulich wider – etwa, dass sich bei Regelverstössen das schlechte Gewissen bemerkbar macht oder dass Kompromisse eine gute Lösung für Konflikte sein können. Die inklusiven Zeichnungen von Meike Töpperwien unterstützen die Lektüre. Ihre mit Sprechblasen und subtil humorvollen Sidekicks angereicherten Situationsbilder werden von wütenden, neugierigen, ängstlichen und nachdenklichen Charakteren bevölkert und zeigen: Gerechtigkeit hat viele Gesichter.

Alice Werner
Buch&Maus 2/24, S. 36

Kein Platz für uns
Noëmi Sacher, Bruno Blume
Verlag: kwasi, Publiziert: 2024, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906183-34-3
Schlagwörter: Historisches | Aussenseiter:in/Mobbing

Der Bergsturz von Goldau im September 1806, eine Naturkatastrophe, bei der 457 Menschen starben, wurde von einem Zeitzeugen, Dr. Karl Zay, genau dokumentiert. Seine Schriften bilden die Grundlage dieses historischen Romans von Noëmi Sacher und Bruno Blume.

«Kein Platz für uns» erzählt von Flora, die abgeschottet von der Zivilisation auf der Alp aufgewachsen ist und runter ins Tal nach Goldau geht, um zu arbeiten. Sie findet Anstellung bei Elisabeth, die von einem freieren Leben in der Stadt träumt. Die zwei Frauen finden Halt und Trost beieinander, da sie im Dorf als Aussenseiterinnen gelten. Die Stimmung in der Dorfgemeinschaft erinnert an diejenige in Gotthelfs «Die Schwarze Spinne». Es wird über andere gelästert, Skandale werden vertuscht und es wird ausgegrenzt, wer nicht ins vom Katholizismus geprägte, patriarchale Weltbild passt.
Der schreckliche Bergsturz, der ganze Dörfer und viele Leben mit sich reisst, gibt den beiden Frauen die Chance für einen Neuanfang. Flora und Elisa gelingt es, sich der Gesellschaft – zumindest für eine Weile – zu entziehen und oben auf dem Berg einen Ort einzurichten, an welchem sie sich selbst sein und zufrieden in Liebe miteinander leben können.

Das Buch ist abwechselnd aus der Sicht der zwei Protagonistinnen geschrieben und zeichnet sich durch eine von Helvetismen geprägte und historisch anmutende Sprache aus. Aufgrund der Sprache und des Umfangs richtet sich das Buch eher an ältere Leser:innen. Als his-torischer Roman, der ein Stück Schweizer Geschichte thematisiert und die Erfahrungen und Perspektiven queerer Frauen ins Zentrum stellt, ist er auch als Schullektüre gut denkbar.

Isabelle Schmid
Buch&Maus 2/24, S. 36

Code Name Verity
Elizabeth Wein
Aus dem Englischen von Petra Koob-Pawis
Verlag: dtv, Publiziert: 2024, Seiten: 460, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76501-5
Schlagwörter: Krieg | Krimi/Thriller

Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit

Zwei junge Frauen, die im 2. Weltkrieg beste Freundinnen werden und im Kampf gegen Deutschland für eine britische Spezialeinheit arbeiten: die eine als Pilotin, die andere als Agentin auf feindlichem Terrain. Elizabeth Wein lässt jede für sich erzählen. In Teil eins des Romans, der «im Kern auf wahre Geschichten junger Frauen zurückgeht, die in Kriegszeiten Grosses geleistet haben», erfahren wir, wie es Verity alias Julie als Gestapo-Gefangene ergeht. Nach wochenlanger Folter soll sie ihre Geschichte aufschreiben und dem Feind so möglichst viele Informationen liefern: Stützpunkte, Details zu Flugzeugtypen, geplante Operationen, Codes etc. Solange sie schreibt, bleibt sie am Leben. Also schreibt sie: auf die Rückseite alter Kochrezepte, auf Notenblätter und den Rezeptblock eines jüdischen Arztes. Papier ist Mangelware.

«Code Name Verity» wurde in den USA bereits 2012 veröffentlicht, was dem Roman anzumerken ist. Er erzählt jedoch eine spannende Kriegsgeschichte, in der es viel über die menschenverachtenden Haftbedingungen und brutalen Verhörmethoden der Nazis sowie die Arbeit der Résistance zu erfahren gibt.

Es dauert etwas, bis man in die Geschichte hineinfindet. Dass Verity mal aus der Ich-Perspektive erzählt, mal von sich selbst in der dritten Person als «Queenie» schreibt, verwirrt. Teil zwei, in dem Pilotin Maddie beschreibt, was parallel nach ihrer Bruchlandung im besetzten Frankreich passiert, liest sich leichter.

Ein anspruchsvoller, sorgsam recherchierter Roman mit starken Protagonistinnen, der mit einem dramatischen Ende aufwartet und die Herausforderungen jener Zeit mit der Geschichte einer besonderen Frauenfreundschaft verknüpft.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/24, S. 36

Popcorn süss-salzig
Lena Hach
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2024, Seiten: 168, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-214-3
Schlagwörter: Liebe | Humor/Komik | Intertextualität

Romance ist Genreliteratur, die primär an Frauen adressiert ist – und zwar höchst erfolgreich. Die Vlogs von Bookfluencerinnen, die sich bei der atemlosen Lektüre neuster New-Adult-Titel filmen lassen, zeigen, dass klare Erzählmuster so wichtig sind wie spezifische Erfahrungen: Gefühl muss her, viel davon. Die liebesliterarischen Beziehungsdynamiken scheinen dabei in Kontrast zu stehen zu den Forderungen der MeToo-Bewegungen und der weitherum vernehmbaren Kritik an traditionellen Geschlechterbildern und -verhältnissen.

Es erstaunt also nicht, dass auch die Jugendliteratur mit diesen Erzählmustern ins Gericht geht. «Das ist übrigens eines der furchtbarsten Tropes überhaupt», nervt sich Ruby in Lena Hachs «Popcorn süss-salzig» über «Persistence Will Get The Girl», das fragwürdige Motto einiger Liebesroman-Männer: Dranbleiben lohnt sich, auch gegen weiblichen Widerstand, notfalls per «Grand Gesture», der öffentlichen Liebeserklärung. Hach treibt ein witziges metareferenzielles Spiel mit diesen Tropes, durch die sie ihre Heldin quasi mit der Machete treibt; sie brennt ein intertextuelles Feuerwerk ab und scheut auch explizite Zitate aus den erotischen Historienromanen von Rubys Mutter nicht.

Während Holly Bournes Protagonis-tin Audrey in «Happy End gibt’s nur im Film» (dtv, 2021) erlebt, wie tief kulturelle Skripte in die intimsten Beziehungen hineinwirken, ist Ruby bereits mit allen feministischen Wassern gewaschen. Nur lotet sie leider weder aus, was die Glücksversprechen von Romance so zweifelhaft noch was sie für ihre Leser:innen attraktiv macht und was die Sehnsüchte derjenigen sind, die sich mit der Story der «einen» Liebe identifizieren – weil das nun mal die Geschichte ist, die (Frauen) als die wichtigste überhaupt verkauft wird.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/24, S. 35

Wohin das Licht entflieht
Sara Barnard
Aus dem Englischen von Hanna Christine Fliedner und Christel Kröning.
Verlag: Arctis, Publiziert: 2024, Seiten: 447, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03880-082-8
Schlagwörter: Tod/Trauer

ter Beth das Leben nimmt. Die britische Autorin Sara Barnard erzählt im Jugendroman «Wohin das Licht entflieht» aus Emmys Perspektive von der Lücke, die ihre berühmte Schwester hinterlässt, und von einer ganzen Bandbreite an Gefühlen, die im Teenager toben.

Für Emmy war Beth die grosse, wilde, talentierte Schwester, während die Welt sie als Teil einer Girlband kannte, die ganze Stadien bis auf den letzten Platz füllte. Diese beiden Versionen von Beth, um die nach ihrem Tod getrauert wird, sind für Emmy kaum vereinbar. Nachrufe im Netz, Trauerbekundungen der Girlband-Mitglieder auf Twitter und Nachrichten von Fans lösen in Emmy viel Wut aus. Sie ist wütend auf das Musikbusiness, auf die Presse, auf die anderen Sängerinnen der Band. Sie ist wütend auf die Welt, an der ihre Schwester kaputt gegangen ist. Da ist viel Schmerz: «Früher habe ich gedacht, Trauer wäre Leere, aber da lag ich falsch. Trauer ist etwas sehr Greifbares.»

Die Autorin versucht diese Trauer auch grafisch greifbar zu machen. So sind alle Kapitelüberschriften Marker dafür, wie viele Tage ohne Beth vergangen sind, oder Seiten werden bis auf wenige Wörter leer gelassen und verdeutlichen die Lü-cken, die Beth hinterlassen hat. Das Buch kommt nicht ganz ohne verklärende Elemente aus, was unter anderem am ganzen Popstar-Narrativ liegt. Abgesehen davon wird vielschichtig erzählt, was es bedeutet, nach dem Tod eines geliebten Menschen weiterzuleben und sich sowohl den Schatten- als auch den Lichtseiten einer Person zu stellen und sich an sie zu erinnern.

Isabelle Schmid
Buch&Maus 2/24, S. 35

Long Road
Kevin Brooks
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn.
Verlag: dtv, Publiziert: 2024, Seiten: 281, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-74105-7
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Reisen

Kevin Brooks ist der Meister des sehr dunklen, sozialkritischen Thrillers, der Jugendliche genauso mitreisst wie Erwachsene. Seit dem Brexit haben sich die Verhältnisse, in denen seine Figuren aufwachsen, noch verschärft. In «Long Road» scheinen die Brüder Cole und Ruben ganz auf sich gestellt zu sein – der Vater, ein Roma, ist im Gefängnis, die Mutter hält sich gerade so über Wasser, die Schwester wurde ermordet. So etwas wie soziale Institutionen gibt es in ihrer Welt nicht, nur die Polizei und eine hochgefährliche Welt, in der alle alles als Ressource benutzen und in der auf niemanden Verlass ist.

Cole und Ruben sind selbst nicht gerade gemütliche junge Männer; vor allem Cole ist hartgesotten und kann sich gegen erfahrene Gangsterbosse zur Wehr setzen. Was die Brüder von den Bad Guys unterscheidet, ist ihre Liebe zueinander und ihr soziales Bewusstsein. Weil sie ein Mädchen retten wollen, das ein als Spielzeug missbrauchtes Äffchen aus den Händen von Gangstern befreien will, jagen sie über die englische Autobahn und versuchen, den Verfolgern zu entkommen.

Brooks hat einen klaren, rasanten Stil; er versteht sich perfekt auf den Rhythmus zwischen Aktion und Dialogen, zwischen Spannung und Reflexion. Die Schilderung der sozialen Realität lehnt sich an die Tradition von Roman noir und Thriller an, ist aber immer nachvollziehbar und realis-tisch. Vor allem aber erzählt Brooks auf zurückhaltende, coole und zugleich zarte Weise von den Sehnsüchten der jugendlichen Figuren, die mitten in der Schwärze einer kaputten Welt aufkeimen. Einen starken Magen braucht man dennoch für den Roman, der in Sachen Spannung und Action vieles, was für Erwachsene geschrieben wird, in den Schatten stellt.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/24, S. 34

The Fort
Gordon Korman
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn.
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2024, Seiten: 249, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75899-6
Schlagwörter: Freundschaft | Ferien | Gewalt

Das Geheimnis eines Sommers

Evan und seine Freunde finden nach einem Hurrikan im Wald einen vergessenen Bunker aus der Zeit des Kalten Krieges, ausgestattet mit Videokassetten, Plattenspieler und Röhrenfernseher. Der Bunker, den sie Fort nennen, wird zu ihrem Treffpunkt, den sie sich aneignen und vor den Erwachsenen geheim halten.

Während die Jungen durch dieses Geheimnis zusammenwachsen, sind es vor allem äussere Einflüsse, die nicht nur ihre Freundschaft zunehmend auf die Probe stellen, sondern auch die Bedeutung des Bunkers für jeden der Jungen verändern: C. J. flüchtet vor dem gewalttätigen Stiefvater in den Bunker, um den Gewaltausbrüchen zu entgehen. Ricky will den Bunker nutzen, um sich auf eine Prüfung vorzubereiten. Jason zieht sich darin zurück, um dem Scheidungskrieg seiner Eltern zu entfliehen, in dem er als Spielball instrumentalisiert wird. Und alle zusammen versuchen, Evans Bruder Luke und dessen neuen Freund Jaeger zu meiden, die auf die schiefe Bahn zu geraten drohen und dem Geheimnis der Jungen auf den Grund kommen wollen.

Multiperspektivisch aus der Sicht aller fünf Jungen überzeugend erzählt, nimmt die Handlung zunehmend an Tempo auf. Die Spannungskurve steigt, bis sich die Ereignisse überschlagen und im Aufeinandertreffen aller Beteiligten im Bunker kulminieren. Hier trifft dann auch der aggressive Stiefvater auf den ebenfalls gewalttätigen Jaeger. Kormans beeindruckender Roman zeigt vor allem, wie wichtig Freundschaft, Zusammenhalt und Vertrauen sind. Er erzählt aber auch vom Erwachsenwerden – und lässt mit einem Augenzwinkern technisch-nostalgisch den Plattenspieler und die VHS-Videokassette wiederaufleben.

Sabine Planka
Buch&Maus 2/24, S. 34

Die Falle
Andreas Brettschneider
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2024, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7641-7138-4
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing | Schule

An der Schule des 16-jährigen Victor gehört Mobbing zur Tagesordnung. Die dominanten Jungs um Bastian Jussem schikanieren die Schwächeren, während Victor sich still verhält, um nicht selbst zum Ziel zu werden. Er gehört zu jenen, die das Geschehen zwar unauffällig beobachten, aber nicht eingreifen: «Auch ich sehe hin – meist schaue ich aber weg – und einen Lehrer rufe ich auch nicht.»

Als Martin neu in die Klasse kommt, wird Victor in seiner Passivität herausgefordert. Martin weigert sich, den Kopf einzuziehen, und schmiedet einen ungewöhnlichen Plan, um dem Mobbing Einhalt zu gebieten. Etwas überrumpelt schliesst sich Victor ihm an. Als der Plan glückt, ändert sich die Dynamik entscheidend. Die, die vorher weggeschaut haben, werden zu Täter:innen, während Bastian selbst zum Opfer wird. Diese Umkehrung ist bemerkenswert erzählt und regt zum Nachdenken an: Wo liegen die Grenzen der Zivilcourage? Wie weit darf man für Gerechtigkeit gehen? Während Martin weitere Rachepläne schmiedet und Anhänger um sich schart, ringt Victor mit seiner neuen Rolle und den Konsequenzen seines Handelns. Er entwickelt sich zur Stimme des Gewissens und reflektiert über die feine Grenze zwischen Macht, Zivilcourage, Freundschaft und Gruppendruck. Nun muss er selbst entscheiden, wie weit er bereit ist zu gehen, und verdeutlicht dabei, mit wie vielen, oft widersprüchlichen Gefühlen dies verbunden ist.

Als Lehrer kennt Brettschneider die Dynamik des Schulalltags genau und spricht mit seinem Roman direkt seine Zielgruppe an. «Die Falle» ist ein hochaktueller und lesenswerter Beitrag zu einem ernsten Thema, der sich ideal als Klassenlektüre eignet.

Carlotta Binder
Buch&Maus 2/24, S. 34

Feuer in Dir
Jess Redman
Aus dem Englischen von Meritxell Piel.
Verlag: WooW Books, Publiziert: 2024, Seiten: 432, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03967-018-5
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Freundschaft | Gefühle

Jess Redmans «Feuer in dir» entführt in ein Städtchen mit dem ungewöhnlichen Namen Vierpunkt. Der Umzug hierhin hat der 12-jährigen Alma nicht gutgetan: Sie wird von Panikattacken erschüttert. Diese «Stürme» geben ihr das Gefühl, dass ihr «Licht», ihre «Alma-heit», erlischt.

Autorin Jess Redman, die auch Therapeutin ist, nutzt hier eine so schlichte wie wirkungsvolle Metapher für Angststörungen und ihre Folgen. Denn Alma traut sich kaum mehr etwas zu und bleibt in der Schule für sich. Um ihre etwas zu hilfsbereiten Eltern nicht zu enttäuschen, verstummt sie auch zu Hause zunehmend. Almas Reise zur Besserung beginnt, als sie eine Einladung zum Astronomieclub der Schule findet und spürt, wie sich in ihr ein Funke Hoffnung regt. Kurz darauf wagt sie sich in den Fünften Punkt, den geheimnisvollen, turmbesetzten Trödelladen genau in der Stadtmitte. Der Besitzer leiht ihr ein «Quintoskop», ein magisches Teleskop, mit dem Alma beobachtet, wie ein Stern (in einer Art menschlichen Gestalt) vom Himmel fällt. Alma ist dazu berufen, mit drei neuen Freund:innen, diesen Sternling zu retten und zurückzuschicken, was einige abenteuerliche Aktionen erfordert. Die vier Kinder sind dabei je mit einem Element verknüpft und können zusammen die Quintessenz bilden.

Der etwas eigentümliche, aber stimmige Weltentwurf wird lose mit dem sagenhaften Paracelsus verbunden, denn als dieser entpuppt sich der Ladenbesitzer. Die eher spirituelle Seite des Romans wird durch astronomisches Wissen ausbalanciert. Eine sorgfältige Psychologisierung und die gefühlvolle Erzählweise sorgen für eine stimmige Freundschafts- und Mutmachgeschichte für geübte Leser:innen ab Ende Primarschule.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 2/24, S. 33

Niemand so wie ich
Rachel van Kooij
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2024, Seiten: 232, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-5992-9
Schlagwörter: LGBTQ*

«In der ersten Klasse, als ich selbst noch keine Idee hatte, dass mein Körper ein Problem für andere sein konnte, nannte mich einer aus der vierten die ganze Zeit Schnecki statt Niki.» Inzwischen ist Niki elf Jahre alt, hat eine gewaltige Krankenakte und die erste Identitätskrise: «… weil es nicht einfach ist, anders als alle anderen zu sein, beides zu sein, Junge und Mädchen» – Niki ist intergeschlechtlich. Da platzt ein abgerissener Fremder in die Familie – und wird barsch abgewiesen. Weder Eltern noch Oma wollen darüber sprechen. Aber Niki packt das Geheimnis um den vorbestraften Onkel Raimund offensiv an und hilft ihm. Parallel erforscht Niki in lebendigen Rückblenden die Situation, erkennt die Angst, sich (falsch) zu entscheiden, und beginnt mutig, den eigenen Körper anzunehmen. Gegenüber Onkel Raimund ist Niki offen: «Deine Sache ist längst vorbei, aber ich stecke mittendrin und vielleicht finde ich auch nie die richtige Lösung dafür.» Absurd: Wie soll sich ein Kind für ein Geschlecht entscheiden, wenn sogar der Trainer nicht weiss, ob es im Mädchen-Team mitspielen darf? Als Niki beim Spiel heimlich mitkickt, wird es richtig spannend, denn auch die – leider stereotyp dargestellte – Presse wird aufmerksam. Jetzt setzt sich der frisch aus dem Gefängnis entlassene Raimund für Niki ein. In der Schweiz werden jährlich 20 bis 100 Kinder wie Niki geboren. Doch es ist (noch) nicht möglich, im Geburtsregister etwas ausser «männlich» oder «weiblich» anzugeben. «Niemand so wie ich?» zeigt, wie viel Druck Unwissenheit und Schab-lonendenken erzeugen. Nach vielen gut erzählten Twists versöhnt Niki die Familie und entwickelt auch kreative Perspektiven für sich: «Kann ich gleichzeitig für immer beides sein, sie und er? Also ser?»

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/24, S. 33

Als Nikis Vater einen Obdachlosen grob von der Tür weist, geht Niki ihm nach und findet heraus, dass der von der Familie verschwiegene Onkel eben aus der Haft entlassen worden ist. Beschämt von der Intoleranz der Eltern, beginnt Niki, sich deutlicher von deren Wünschen abzugrenzen. Auf Niki lastet nämlich ein grosser Druck: Ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale geboren, soll sich das elfjährige Kind vor der Pubertät für ein Geschlecht entscheiden. Aber muss das überhaupt sein?

Niki ist nicht eindeutig Junge oder Mädchen. Die Eltern drängen das elfjährige Kind, sich festzulegen und eine Hormontherapie zu beginnen – ein grosser Druck. Und nun soll Niki nicht mehr mit den Mädchen Fussball spielen dürfen. Als Niki heimlich im Trikot einer Freundin doch mitspielt, wird die Presse darauf aufmerksam. Nikis Onkel, der weiss, was es heisst, nicht akzeptiert zu werden, setzt sich für Niki ein. Ein herausfordernder Roman über Ausgrenzung und Toleranz.

Julian und Birke
Lorenz Langenegger
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2024, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-3014-6
Schlagwörter: Freundschaft | Fabelwesen | Krimi/Thriller

Seit Julian herausgefunden hat, dass die freundliche ältere Nachbarin, Frau Materski, am selben Tag Geburtstag hat wie er, lädt er sie an diesem Tag ein, mit in den Zoo zu gehen. Ausserdem hilft er ihr jeden Donnerstag bei den Einkäufen. Doch plötzlich ist von der alten Dame nichts mehr zu sehen, um ihr Haus wurde ein grosser Zaun gezogen und ein geifernder Hund vertreibt jeden, der sich dem Haus nähern will. Julian wüsste gern, was hinter den Veränderungen steckt, aber erst als Birke auftaucht, wagt er es, aktiv zu werden. Schade nur, dass ihm Birke nicht helfen kann, über den Zaun zu klettern – denn Birke ist ein Geist.

Lorenz Langeneggers Kinderbuch passt in keine Schublade. Ein Geisterbuch ist es nicht, denn Birke macht schnell klar, dass wir eine seltsame Vorstellung von Geistern und Gespenstern haben, zu der er selbst nicht passt. Vielmehr wirkt er wie ein unsichtbarer Schutzgeist, der durch seine philosophischen Fragen einiges in Bewegung bringt. Als Krimi möchte man das Buch auch nicht so recht lesen, denn obwohl hier letzten Endes ein (sehr krudes) Verbrechen geschildert wird, stehen doch eher Freundschaft und Fürsorge im Vordergrund. An Julians Seite ist Bela, der noch gar nicht so lange seine Sprache spricht, dennoch Klassenbester ist und Julian hilft, wo er kann. Auch als Julian um Mitternacht ins Haus von Frau Materski einbrechen will, um herauszufinden, was mit ihr ist, kommt Bela mit. Langenegger schreibt durchweg im Präsens, woran man sich erst gewöhnen muss, und manche seiner Figuren (etwa Belas Vater) wirken unwirklich bis unglaubwürdig. Trotzdem ist das kleine Buch lesenswert und gibt Raum zum Nachdenken.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/24, S. 33

Der Sommer, in dem einfach alles passiert ist
Iben Akerlie
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger.
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2024, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0417-0

Ferien bei der Grossmutter auf dem Land: Da müsste man sich drauf freuen. Für Nora fühlt es sich wie eine Strafe an. In der Stadt würde Nora sich zu Tode langweilen, versucht ihre Mutter sie zu beschwichtigen. Nora hingegen ist überzeugt, dass sie sich bei ihrer Oma, die sie kaum kennt, ganz bestimmt langweilen wird. Zunächst sieht es auch danach aus, denn Oma gibt sich distanziert und kann nach eigenen Worten «nicht so gut mit Kindern». Aber eine gute Geschichte schafft es stets, Erwartungen zu durchkreuzen und Entwicklungen anzustossen.

Als Nora den gleichaltrigen Abbas kennenlernt, öffnet sich ihr eine neue Welt. Die beiden verabreden sich täglich im Wald und richten sich in einer fremden Hütte ein. Damit ziehen sie den Unmut der Besitzerin auf sich, die vor allem Abbas bei jeder Gelegenheit mit rassistischen Anfeindungen einschüchtert.

Nora lernt in diesen Wochen nicht nur intensive Gefühle der Verliebtheit und Freundschaft kennen, sie überwindet nach und nach auch ihre Zurückhaltung und erfährt, wie wichtig es ist, für die Wahrheit einzustehen, für andere Partei zu ergreifen und sich gegen Ungerechtigkeit zur Wehr zu setzen. Auch ihre Grossmutter sieht Nora bald mit anderen Augen. Ordner voller Zeitungsartikel und Boxen mit privaten Fotos zeugen von ihrem bewegten Leben. Als Nahost-Korrespondentin hat sie über den Krieg in Afghanistan berichtet, sich dort mit Abbas’ Eltern angefreundet und den beiden die Flucht nach Norwegen ermöglicht. Dabei entdeckt Nora, dass Abbas nicht die wahre Geschichte über den frühen Tod seiner Mutter kennt.

Daniel Ammann
Buch&Maus 2/24, S. 32

Ein wunderschönes blaues Chaos
Ashley Herring Blake
Aus dem Englischen von Michelle Landau.
Verlag: dtv, Publiziert: 2024, Seiten: 344, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76503-9
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Freundschaft | Gefühle

Seit zwei Jahren ziehen Hazel, ihre Schwes-ter Peach und Mama von Ort zu Ort. Seit sie Kalifornien verlassen haben, sind sie achtmal umgezogen. Hazel sehnt sich nach einem Zuhause. Ihrem Zuhause. Dass Mama das Haus in Berkeley längst verkauft hat, weiss sie nicht. Nach dem Tod von Mum, wie Hazel ihre zweite Mutter nennt, kann Mama sich nicht vorstellen, je wieder dort zu leben. Doch das sagt sie Hazel nicht. Und vieles anderes auch nicht …

Ashley Herring Blake erzählt die Geschichte eines schwer traumatisierten Mädchens. Dabei lässt die US-Autorin uns tief in die Gefühls- und Gedankenwelt ihrer jungen Ich-Erzählerin eintauchen: Hazels Schuldgefühle, weil sie Mums Tod nicht verhindern konnte, ihre übertriebene Sorge um Peach, Panikattacken, Ängste und Zweifel, Sprachlosigkeit und Zerrissenheit. Denn so sehr Hazel sich insgeheim danach sehnt, Freunde zu finden, so sehr fürchtet sie sich davor, ihren Schmerz und ihre Mum zu vergessen. Folglich erstickt sie alle Annäherungsversuche im Keim. Peach und Mama sind alles, was sie braucht und will.

Doch das funktioniert diesmal nicht. Denn Lemon, die allein mit ihrer Mutter in dem Häuschen neben Hazels Familie am Strand lebt, ist hartnäckig. Und sie ist genau die Richtige, um Hazel aus ihrer Erstarrung zu befreien, ihr den Weg zurück ins Leben zu zeigen. Auch Lemon und ihre Mutter haben einen geliebten Menschen verloren – und gelernt, wieder zu lachen.

Sehr einfühlend und mit viel Sympathie für seine Protagonistinnen erzählt das Kinderbuch von einem grossen Verlust, von Freundschaft, Familie und dem Mut, sich seinen Ängsten zu stellen. Und eine ordentliche Portion Meerjungfrauen-Mystik gibt es obendrauf.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/24, S. 32

Die Swifts
Beth Lincoln
Aus dem Englischen von Ulrich Thiele.
Verlag: Loewe, Publiziert: 2024, Seiten: 448, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7432-1379-1
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Humor/Komik

Ein vorzügliches Verbrechen

Einmal im Jahrzehnt trifft sich die Familie Swift zur grossen Schatzsuche auf dem Familienanwesen. Eine abenteuerliche Sache, auf die sich die Swifts jeweils freudig und akribisch vorbereiten. So auch Schelmerei Swift, die das Haus deswegen minutiös kartografiert hat, inklusive doppelten Böden und Geheimgängen. Einsatzbereit versammelt sich die Schar. Doch als niemand hinschaut, wird Erztante Schadenfreude heimtückisch die Treppe hinuntergestossen. Auf einmal folgt ein todbringendes Unglück auf das nächste. Ist unter den Swifts ein Mörder? Oder will eine aussenstehende Person der Familie an den Kragen? Und was hat der Schatz der Swifts mit allem zu tun? Schelmerei und ihre Schwestern starten die Ermittlungen. Hinweis für Hinweis kommen sie der Sache auf die Spur und bringen sich dabei selbst in Gefahr.

Beth Lincoln nutzt in ihrem Debüt ein gut erprobtes Erzählmotiv: Gewitzte Geschwister lösen gemeinsam einen Fall. Was beinahe trivial klingt, punktet mit vielen Wortspielen, kreativen Ideen und unerwarteten Wendungen. Weil Schelmereis Karte des Hauses auf dem Vorsatz abgedruckt ist, kann man den Wirren wunderbar folgen. Der Krimi traut seinen jungen Leser:innen aber noch viel mehr zu als nur Mord und Detektivarbeit. Inmitten der Ermittlungen werden immer wieder Themen wie Individualität, Persönlichkeitsentwicklung und Diversität behutsam angesprochen. Die literarisch anspruchsvolle Geschichte sorgt zudem dafür, dass sich beim Lesen spielerisch der Wortschatz erweitert. Ob nun zum Vor- oder Selberlesen: clever, einfallsreich und wie gemacht für Fans von «Lemony Snicket»!

Ronja Holler
Buch&Maus 2/24, S. 32

Das kleine Haus am Fluss
Selma Noort
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2024, Seiten: 204, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6241-4
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Ferien

Juss und Amber wohnen mit ihren Familien in einer kleinen Ansammlung von Häusern am Fluss, mit Hühnern und Tauben und Birnbäumen ringsum. Die Idylle wird von den Bauarbeiten in der Nähe gestört, eine grosse Brücke bringt einiges an Veränderungen mit sich. Auch die politische Schieflage der Welt macht nicht vor der kleinen Siedlung Halt: Das Thema Migration wird über Juss’ syrische Mama
(be-)greifbar.

«Das kleine Haus am Fluss», das auf dem violett, gelb und hellblau gemalten Cover weiss ausgespart wird, ist der Dreh- und Angelpunkt eines sehr besonderen Sommers, in dem ein Lastwagen von der Strasse abkommt und ungebremst mitten in Juss’ Kinderzimmer fährt. Der Roman beginnt dort: mit drei Seiten Schutt und Schmerz, Schreien, Blut und Ungewiss-heit, und springt dann in der Zeit zurück, zu den Anfängen der kleinen Familie, die hier um das Leben ihres Kindes bangt.

Geschickt führt Selma Noort ihre Leserschaft durch einen Sommer, der zwar das eine oder andere kleine Abenteuer bereithält, aber im Grossen und Ganzen durch das überwiegend harmonische Zusammenleben von drei Generationen auf engem, aber nicht zu engem Raum geprägt ist. Alle achten aufeinander – besonders auf Opa Gurrgurr, der mit dem Leben nicht gut zurechtkommt. Erinnerungen, Erzählen und der liebenswerte und behutsame Umgang der Menschen miteinander machen weite Teile des kleinen Romans aus, dessen Spannungsbogen erst in der Mitte zum Schockmoment der ersten Seite zurückfindet und von da aus weiter an das Ende des Sommers führt. Ein fein gesponnenes, sehr lesenswertes Stück Kinderliteratur!

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/24, S. 31

Wir sind (die) Weltklasse!
Tanya Lieske, Illustration: Sybille Hein
Verlag: Hanser, Publiziert: 2024, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-591-1
Schlagwörter: Schule | Identität/Individualität | Migration

In der «Igelklasse» sind Kinder aus 15 Ländern – da ist ganz schön was los! Jeden Tag geschehen lustige Sachen, es gibt viel Chaos und manchmal Streit. Zum Glück ist Frau Meister eine tolle Lehrerin. Die mag Flitzepausen und achtet eisern auf die Klassenregeln wie «Alle Igelkinder sind gleich wichtig», auch wenn sie beim grössten Tohuwabohu manchmal nicht mehr weiss, wo oben und unten ist – so das Setting von Tanya Lieskes neuer Kinderbuchreihe, für das sie sich von einer echten Klasse verzaubern liess. Dieser Zauber ist ansteckend – denn ihre turbulenten Schulgeschichten aus einer integrativen Klasse sind etwas ganz Besonderes: Mit so viel Herz, Witz und Wiedererkennungswert erzählt und bebildert, wird daraus eine grandiose Schullektüre rund um kulturelle Vielfalt, Solidarität und Freundschaft.

Im ersten Band erzählt Adam, dessen Familie aus Polen stammt. Dass dieses zweite Schuljahr so spannend werden würde, hätte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können. So gibt es beim Klassenausflug gleich einen Alarm im Museum und die hibbelige Mariam ist spurlos verschwunden, bis ausgerechnet Adams gezähmte Maus Karol sie völlig verängstigt in einem Gruselschrank findet. Dann basteln sie mit Hilfe des Karnevalswagenbauers Herr Jack bei den Projekttagen einen riesigen Stegosaurus aus Pappmaché auf dem Schulhof. Dilans und Mariams verwirrte Oma büxt von zu Hause aus und beim Lese-Wettbewerb sorgt der schweigsame Artem für eine gigantische Überraschung. Und Karol? Ist plötzlich weg und irgendwann wieder da … Bei all diesen aufregenden Erlebnissen wachsen die Igelkinder zusammen. Im Anhang finden sich noch Adams Wörterbuch und seine polnischen Rezepte.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/24, S. 31

Hinterhof-Geheimnisse
Nina Petrick, Illustration: Ingrid Sissung
Verlag: Tulipan ABC, Publiziert: 2024, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-591-1
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Es ist doch immer spannend, mal Detektiv zu spielen. Was kann man dabei nicht alles beobachten, in Nachbars Garten oder, wie hier, im Hinterhof! Nina Petrick hat sich für ihre Erstlesegeschichte von einem Klassiker des Genres, dem Film «Fenster zum Hof» von Alfred Hitchcock, inspirieren lassen. Als Hauptfigur hat sie einen sprechenden Kater gewählt, Willy, der den Hof von seinem Lieblingsplatz aus stets im Blick hat. Ausserdem mit von der Partie sind die Zwillinge Lena und Joschi.

Was macht Tobis Vater Bernd da nur im Hof? Die Fantasie geht mit den Kindern durch, sie verdächtigen Bernd und vermuten Juwelen im Hof. Was kann denn sonst in der Kiste sein? Aber sollen sie wirklich die Polizei einschalten? Illustratorin Ingrid Sissung setzt die Erstlesegeschichte passend in Szene und hat dafür extra einen Plan der Wohnung angelegt. Sie musste nämlich genau bedenken, was der Kater alles sehen kann und was nicht, denn Willy verlässt die Wohnung nicht. Die Wohnung und die Umgebung in kräftigen Farben, die beiden Kinder und der Kater in emotional ganz unterschiedlichen Zuständen – damit gibt Sissung dem Kriminalfall ein anschauliches Gesicht.

Nina Petrick hat schon mit «Doppelt gebucht» bewiesen, dass sie für die «Tulipan Lesestufe B» thematisch und vom Umfang her eine runde Geschichte konzipieren kann. Die Berliner Autorin vermischt gekonnt Erlebtes mit Erfundenem, trifft den Ton und überzeugt mit der überraschenden Auflösung – auch weil die Erwachsenen so wohlwollend und klug reagieren. Hier ist ihr es erneut gelungen, die Spannung gut aufzubauen, zu dosieren und wieder zu lösen – und so sicherlich auch dem einen oder anderen Kind einen Einstieg ins Krimigenre zu bieten.

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/24, S. 30

Die Gurkentruppe
Leslie Niemöller, Illustration: Liliane Oser
Verlag: Moritz, Publiziert: 2024, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-454-1
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere | Identität/Individualität

Unter dem Label «Für alle, die schon gerne selber lesen» hält der Moritz Verlag seit einigen Jahren eine sehr feine Auswahl kurzer, witziger und hintersinniger Geschichten bereit, die immer wieder grossen Spass machen. Ganz neu dabei: «Die Gurkentruppe» – Schwein Hans, Bär Ben, Hase Toto, Zebra Tayo und Biber Nick, die mehr oder weniger spontan eine Tier-WG gründen, in der es paradoxerweise ganz schön «menschelt».

Es beginnt mit Schwein Hans, der von seiner Tante Bertha ein kleines Häuschen im Wald geerbt hat. Leider fühlt er sich dort oft einsam. «Er war halt nur einer.» Als ihm beim Spazierengehen ein sehr ängstlicher Bär begegnet, zögert er deshalb nicht lange: «Zwei Leute in einem Haus, das nennt man schon eine Wohn-ge-mein-schaft. Wie gefällt dir das?» Ben zieht ein. Und es dauert nicht lange, da steht auch schon das nächste WG-Mitglied vor der Tür. In jedem der fünf Kapitel kommt ein neuer Mitbewohner dazu: Hase Toto mag es ordentlich, Zebra Tayo hat Heimweh nach Afrika. Und Biber Nick kann einfach nicht stillsitzen und braucht immer etwas zu tun.

Liliane Osers bezaubernde, farbige Illustrationen – mit sicherem Strich dunkel konturiert und anschliessend koloriert – fangen die Charaktereigenschaften der fünf Figuren humorvoll und sehr lebendig ein. Da können die Ohren von Hase Toto schon mal fliegen, wenn Hans seinem Ärger lautstark Luft macht und dem ordnungsliebenden Hasen «Du und dein Fimmel! (…) das geht uns ganz schön auf die Nerven, nicht wahr?» entgegenschreit.

Das Kinderbuchdebüt von Leslie Niemöller ist witzig und herzerwärmend und lässt auf weitere Geschichten dieser begabten Autorin hoffen.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/24, S. 30

Die grösste Zahl der Welt`?
Magnus Holm, Illustration: Rune Markhus
Aus dem Norwegischen von Matthea Dörrich.
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2024, Seiten: 42, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75886-6
Schlagwörter: Alltag | Wissenschaft

Gogoolplex

Googol nennt man eine Eins mit zehn Nullen, Googolplex eine Zehn hoch Googol. So unvorstellbar eine solche Grösse ist, es gibt doch ein Wort dafür. Tale gibt das Halt.
«Tale ist eins. Ein Mädchen. Ein Mensch. Tale ist Tale.» Selbst bei einer, die alle Zahlen zu kennen meint, fängt alles bei eins an. Wer schlussfolgert, Tale sei ein Jahr alt, merkt schnell, dass das nicht stimmen kann. In Jahren ist Tale fünf, und sie will ihre Welt immerzu in Zahlen vermessen. Dass sie dabei systematisch und logisch vorgeht, lässt sich sogar an der Typografie ablesen. Denn jeder Zahlengedanke bekommt im sinnbezogenen Flattersatz eine eigene Zeile und ist als Satz kurz und prägnant gebaut.

Diese glaubhaft charakterisierte kindliche Erzählerin ist mit ihrer Familie unterwegs in die Ferien. Tale zählt in der vorbeifliegenden Landschaft erst 149 Telefonmasten, in den Bergen jedoch keinen mehr: Null, denkt sie und fragt ihren Vater, der «mit Zahlen arbeitet», was das Gegenteil von null sein könnte. So kommen die beiden zahlenjonglierend ins Gespräch über die Unendlichkeit, landen bei Googolplex und schliesslich beim Universum und Atomen, die niemand sieht. Bis Tale von ihrem Vater liebevoll ins Bett gebracht wird. Morgen wird sie sechs und «nicht Googolplex!».

Die kleine sprachliche Pointe zum Schluss illustriert, wie unbeschwert die Fünfjährige mit ihrem Vater über die Vermessung der Welt philosophiert und sie mit sprachlichen Mitteln nachbaut. Die Bilder veranschaulichen dies kongenial, wenn etwa die Bäume als Zahlen dargestellt sind oder Objekte im Gespräch über Atome gestrichelt fast unsichtbar werden.

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/24, S. 30

Als das Dromedar in meinem Garten stand
Severin Hofer, Illustration: Regina Jäger
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-085-3
Schlagwörter: Reisen | Humor/Komik | Rätsel

2021 befreite der Schweizer Autor und Kleinkünstler Severin Hofer ein riesiges Plüsch-Dromedar aus einem Schaufenster. Mit diesem inszeniert er sich nun in einem Fotobilderbuch. Festgehalten wurden die beiden von der Fotografin Regina Jäger.

Die erzählte Geschichte beginnt mit dem plötzlichen Auftauchen des Dromedars im Garten, wo der Ich-Erzähler – den Severin Hofer in den Bildern selbst darstellt – gerade einen Mittagsschlaf hält. Keck fragt das Dromedar: «Weisst du, wie ich zu dir gefunden habe?» Zusammen überlegen die zwei nun an verschiedenen Orten, welchen Weg es genommen haben könnte: durch den Wald? Durch den See? Oder durch das Kornfeld? Doch die Vorschläge werden alle vom Dromedar mit einem guten Grund abgeschmettert. Mit seinen spitzfindigen Antworten erinnert es dabei an das Känguru aus Marc-Uwe Klings «Känguru-Chroniken». Erst als das Dromedar einen Wink mit dem Zaunpfahl gibt, kann das Rätsel gelöst werden.

Auf den zwölf Doppelseiten setzen Severin Hofer und Regine Jäger mittels der ausgefallenen Fotografien voller Witz und Erfindungsreichtum die möglichen Wege des Dromedars in Szene. Die gekonnte Platzierung des ungleichen Paares an den verschiedensten Orten sowie die ausdrucksstarke Mimik und Gestik des menschlichen Modells tragen zum absurden Humor bei. Begleitet werden die Fotografien durch kurze Texte, die jedoch eher im Hintergrund bleiben: Durch die Bearbeitung der Bilder rückt die Ockerfarbe des Dromedars sofort in den Fokus und regt dazu an, selbst Vermutungen anzustellen, welchen Weg das Dromedar beschritten haben könnte.

Hannah Schmitt
Buch&Maus 2/24, S. 29

Fundbüro Wurm
Jule Wellerdiek
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10672-9
Schlagwörter: Tiere | Körper

Suchen und Finden ist im Bilderbuch stets ein beliebtes Konzept. In «Fundbüro Wurm» finden nicht nur die Tiere ihre Regenschirme, Ringe oder Gummienten wieder, sondern auch die Betrachtenden werden zum Suchspass eingeladen. Doch die Bilder geben weit mehr her.

Wieso einfach, wenn es auch komplizierter – und damit spannender – geht?, muss sich Illustratorin Jule Wellerdiek gedacht haben, als sie sich für ihr Bilderbuch über ein Fundbüro ausgerechnet einen Wurm als Protagonisten ausgesucht hat. Denn wie hantiert ein solcher mit Gegenständen – ohne Hände oder Füsse? Mit der Schwanzspitze klappt er seinen Laptop zu, hantiert elegant mit dem Schlüssel, um das Fundbüro abzuschliessen, oder hält sich das Handy ans Ohr. Als der Wurm Unterstützung braucht, weil er für einmal selbst etwas verloren hat, kommt ihm eine Robbe zu Hilfe – wurstförmig und mit Flossen. Herrlich komisch, wie die beiden in einer Bildfolge ab nicht existentem Hals aufwärts dabei porträtiert werden, wie sie parallel in alle Richtungen schauen und sich sogar auf den Kopf stellen, um die verlorene Mütze des Wurms zu suchen! Der ausbleibende Erfolg macht den Wurm so wütend, dass er seinen Körper statt in Schlangenlinien in spitze Zacken legt.

Wo die Mütze am Ende gefunden wird? Unter dem Wurm-Popo – wo sonst? Spätestens hier ist klar: Diese Geschichte funktioniert als witziges Spiel mit der Diskrepanz zwischen den äusseren Gegebenheiten dieser Tierkörper und dem, was die Illustratorin im Bilderbuch daraus macht – denn das Bild kann unendlich viel mehr, als eine Abbildung der Wirklichkeit zu sein: Da stehen Robben Kopf und
Würmer sitzen auf ihren Popos.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/24, S. 28

Jeden Tag Geburtstag
Daniel Fehr, Illustration: Miriam Zedelius
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-594-2
Schlagwörter: Feste/Bräuche

Das wäre ja mal was – jeden Tag Geburtstag, jeden Tag Geschenke, jeden Tag Gäste. Auf den ersten Blick scheint das sehr verlockend. Und auch Susan hat nach ihrer tollen Geburtstagsfeier nur noch einen grossen Wunsch, den sie ihrem liebevollen Papa verrät: «Ich wünschte, jeder Tag könnte mein Geburtstag sein.»

Am nächsten Morgen steht das Mädchen völlig verblüfft in der Küche. Denn der Papa erfüllt den Wunsch seiner Tochter: Nochmals Kuchen, alle Freund:innen sind da – und am darauffolgenden Geburtstagsmorgen steht sogar ein Pony im Wohnzimmer! So geht das die ganze Woche weiter, bis Susan auf eine ganz andere Idee kommt …

Daniel Fehr hat immer wieder eine neue, zündende Idee für ein Bilderbuch parat. Lebendige Dialoge, liebenswerte Figuren und eine Prise Eigensinn zeichnen seine Bücher aus. Als grosses Plus werden seine Texte mit ganz unterschiedlichen Illustrator:innen und deren Bildsprachen kombiniert, hier nun mit den energiegeladenen, farbenfrohen und humorvollen Bildwelten von Miriam Zedelius. Mit Buntstift, Acryl, Kreide, Tusche und Gouache erweckt sie Susan und ihre Welt zum Leben. Die Fünfjährige steht voller Lebenskraft mitten auf dem Tisch und trägt die gelbe Geburtstagskrone auf dem Kopf. Der Ausdruck einer Zeichnung ist der Illustratorin wichtiger als die richtige Perspektive oder Anatomie, und sie versucht immer, die Lebendigkeit der ersten Entwürfe zu erhalten. Das ist ihr hier grossartig gelungen. Wieder gibt es in ihren Bildern etliche Details zu entdecken. Ein Vorleseliebling, der wohl nicht nur alljährlich zum Geburtstag aus dem Bücherregal gezogen werden wird. Mehr davon!

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/24, S. 27

Betreten der Baustelle verboten
Lorenz Pauli, Illustration: Raphaël Kolly
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0864-0
Schlagwörter: Kreativität | Spiel | Technik

Seit Raphaël Kolly mit seinem Bilderbuch «Ein Licht im Wald» (Atlantis, 2021) debütiert hat, hat er mit Jörg Isermeyer ein Papp- und mit Daniel Fehr ein preisgekröntes Bilderbuch gestaltet. Nun illustriert er einen Text von Lorenz Pauli und zeigt dabei nochmals neue Facetten seines Schaffens. Erstmals sind die Figuren nicht Tiere, sondern Menschen, und das Setting ist keine weite Landschaft oder ein Wald, sondern ein Dorf – mit südlicher Architektur. Während sich seine Bilder in «Wird schon schiefgehen, Ente!» (Thienemann, 2022) weit über das Querformat der Doppelseiten erstrecken, stellt er in «Betreten der Baustelle verboten» in kleineren Bildabfolgen panelartig oft mehrere Szenen hinter- und nebeneinander dar.

Manchmal ist aber auch die ganze Breite unabdingbar, denn es geht um ein Fussballfeld. Ein abschüssiges Fussballfeld – und das ist ein Problem. Meist spielen die Kinder, bis es 10:0 steht für das Team oben, und das macht auf Dauer keinen Spass. Doch: «Unmöglich ist unmöglich!», so lautet der Wahlspruch dieser kreativen und willensstarken Kinderschar, daher wird weiter Fussball gespielt.

Bis durch eine Adress-Verwechslung ein Lastwagen Baumaterial auf der Wiese ablädt. Hier soll ein Einfamilienhaus entstehen. Die Kinder aber haben bessere Verwendung für die Bretter, Röhren und Backsteine und bauen flugs ein ganzes Traumschloss inklusive Rutschbahn, Regenbogenzimmer und Zuckerwattenküche – und handeln sich damit am Ende sogar ein flaches Fussballfeld ein.

Lorenz Pauli erzählt von kompetenten Kindern, die sich zu helfen wissen, die ungestört werkeln, spielen, verhandeln können und damit auch den Erwachsenen zeigen: Unmöglich ist unmöglich!

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/24, S. 27

Jeden Tag spielen alle Kinder des Quartiers zusammen Fussball. Doch die Wiese ist abschüssig, der Ball rollt von selbst ins Tor. So macht es nicht viel Spass. Als fälschlicherweise Baumaterial auf der Wiese abgeladen wird, bauen die Kinder ein fantasievolles Haus daraus – und handeln sich damit sogar einen flachen Fussballplatz ein. Denn: «Unmöglich ist unmöglich!», wie das Motto der Kinder in diesem humorvollen Bilderbuch lautet.

Was macht die Maus?
Sophie Caron, Illustration: Chiara Armellini
Aus dem Italienischen von Igna Gantschev.
Verlag: Minedition, Publiziert: 2024, Seiten: 22, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03934-218-1
Schlagwörter: Tiere | Feste/Bräuche

Erwartungsfroh gespannt schaut die Katze einer fröhlichen Maus nach. Was mag diese vorhaben? Von Montag bis Mittwoch trägt sie Essbares am Fenster der Katze vorbei. Am Donnerstag keine Spur von der Maus, nur eine Aufziehmaus ist zu sehen. Am Freitag ist es wieder die echte Maus, die im Loch unter der Treppe verschwindet. Durch dieses kann sich die Katze am Samstag nicht durchzwängen, am Sonntag endlich tritt sie durch die Tür zur Maus – pünktlich zu ihrem Geburtstag! Die Maus hat mit den herangetragenen Zutaten einen Kuchen für die Katze gebacken.

Die für ihre Zeichentrickfilme ausgezeichnete Autorin Sophie Caron hat sich ein filmreifes kleines Spektakel in Form einer Reihengeschichte erdacht. In einem klassischen Dreischritt mit anschliessendem Bruch erzählt sie aus der Perspektive der Katze. Die Betrachter:innen überlegen mit, was die Maus plant. Die Auflösung ist bis zum Ende nicht offensichtlich, die Freude darüber umso grösser.

Ein wichtiges Element des Spannungsbogens sind die Fenster und Türen, welche Illustratorin Chiara Armellini als Durchguckelemente konzipiert. Die Illustrationen in klaren Farben sind nie überladen. Sorgfältig gewählte Details laden zum Entdecken und Weiterüberlegen ein. Nebengeschichten fordern ein Zurückblättern: Eine Raupe entwickelt sich zum Schmetterling, und eine langsame Schnecke schafft es gerade noch zum grossen Stelldichein auf der letzten Seite.

Einmal vorgelesen, werden Kinder das Pappbuch bald selbst erzählen können und sich auf die nächste Seite und natürlich auf den witzigen katzenförmigen Kuchen am Schluss freuen.

Barbara Jakob
Buch&Maus 2/24, S. 26

Jeden Tag trägt die Maus Essbares am Fenster der Katze vorbei. Was sie wohl vorhat? Am Sonntag endlich tritt die Katze durch die Tür zur Maus, die mit all den herangetragenen Zutaten einen Geburtstagskuchen gebacken hat. Kleine Durchguckelemente und witzige Details werden Kinder genauso freuen wie der witzige katzenförmigen Kuchen.

Hast du Zeit?
Antje Bones, Illustration: Nele Palmtag
Verlag: Hanser, Publiziert: 2024, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27928-5
Schlagwörter: Alltag | Philosophie

«Hast du Zeit?» – in dieser Kinderfrage steckt so viel mehr als der Wunsch nach Quality-Time in der Umtriebigkeit eines erwachsenen Alltags. Sie weist darauf hin, dass Kinder immer Zeit zu haben scheinen, Erwachsene hingegen selten. Darauf, dass kindliches Zeitempfinden völlig anders tickt. Darauf, dass Zeit ein Phänomen ist, das Fragen aufwirft und Antworten sucht. Ein Ziel, das zwei Bilderbücher auf ganz unterschiedliche Weise verfolgen.

Die tiefe Dimension von Zeit erkundet das erste doppelseitenweise mit einfachen bis philosophischen Fragestellungen, die jedes Wort abzuwägen scheinen und dabei die kindliche Neugier auf die Welt spiegeln: «Wann ist gleich? Und wie lange dauert eine Minute?»

Weil Zeit mit persönlichem Empfinden, aber auch Weltwissen zu tun hat, lässt Bildkünstlerin Nele Palmtag gleich sechs Perspektiven zu Wort kommen und bezieht sogar das zuhörende Kind mit ein: «Schliess doch mal deine Augen und versuche, sie erst nach einer Minute wieder aufzumachen. Spürst du, wie die Zeit vergeht?» Palmtags Illustrationen verorten die von der Autorin prägnant formulierten Fragen in den konkreten Alltagssituationen einer einzelnen Familie und damit in der Lebensrealität der Kinder, sodass sich über deren Betrachtung trefflich ins Gespräch kommen lässt. Zumal Palmtag in vielen Details eigene Assoziationen zur jeweiligen Frage anlegt – Schätze, die in Gesprächen gehoben werden können.

Was die ganzseitigen Tableaus von Nele Palmtag andeuten, formuliert Lilli L’Arronge synchron aus: «Tonis Tag» erzählt vom Tagesablauf einer Familie, in kleinen Einzelbildern und mit wenig Erzähltext. Der allerdings wird ergänzt durch eine Zeitleiste am äusseren Seitenrand und einer jeweils genauen Uhrzeit-Angabe in Grossbuchstaben.

Das darstellerische und narrative Zusammenspiel von Text und Bild ist fein austariert. Schliesslich geht es um nichts weniger als die Gleichzeitigkeit gelebten Lebens, die auf den einzelnen Seiten aufscheint, in kleineren und grösseren Bildern und einem Text, der mehr Bildunterschrift als Narration ist. Während Oma auf der Toilette von Baby Elias gestört wird, fährt Papa Toni im Fahrrad zur Kita, nascht der Kater die Reste vom Frühstückstisch, schliesst die Mutter ihren Blumenladen auf. Erst der Blick auf mehrere Seiten eröffnet parallele Bildsequenzen. In eigenen Erzählsträngen kann von Seite zu Seite nachverfolgt werden, was Oma, Mutter, Vater und drei Kinder samt Katze Oscar den ganzen Tag tun. Das offenbart die eine oder andere Überraschung. Wer abends als Letzte heimkommt, wird nicht verraten. Die jugendliche Tochter ist es nicht.

Die Wortwahl verrät auch hier eine kindliche Innenperspektive, die nicht wirklich versteht, was vor sich geht, wenn der Vater morgens, mittags, abends immerzu nur «tippt»: an die Stirn, aufs Handy oder auf die Spülmaschinen-Taste. Um die Hintergründe und Zusammenhänge nachvollziehen und sich erklären zu können, muss während des Vorlesens Zeit für Bildbetrachtungen und Gespräche eingelegt werden.
Wie im ersten Bilderbuch vollzieht sich die Bedeutungsfindung im gemeinsamen Austausch von Gedanken und Überlegungen zu Bildinhalten, welche die Leerstellen im Text füllen. Neben den Illustrationen zeigt gerade das Wechselspiel mit dem Text, wie kunstvoll beide Bilderbücher komponiert sind.

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/24, S. 26

Mathe fürs Leben oder: Wie lange brauche ich zu Fuss zum Mond?
Edward van de Vendel, Ionica Smeets
Aus dem Niederländischen von Sylke Hachmeister
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2024, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55942-5
Schlagwörter: Wissenschaft | Schule

Reichen die Tränen eines Lebens, um eine Badewanne zu füllen? Die fünfte Klasse der Theo-Thijssen-Schule rechnet es in ihrem Matheprojekt aus. Statt trockenen Unterrichts darf jede Woche ein Kind eine lebensnahe mathematische Frage stellen. In dieser Verschränkung von psychologischem Kinderroman und Sachbuch wird in jedem Kapitel zuerst von den Sorgen, Beziehungen und Gedanken eines Kindes erzählt und wie es eine für seinen Alltag relevante Mathe-Frage findet, bevor die Antwort darauf im Comicstil unterhaltsam wiedergegeben wird.

Hallo Plankton!
Kristina Heldmann
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2024, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96428-214-9
Schlagwörter: Natur | Wissenschaft | Umweltschutz/Klima

Wunderwesen im Wasser

98 Prozent der Lebewesen im Ozean sind von blossem Auge nicht sichtbar. In diesem faszinierenden Sachbuch wird ihre Bedeutung für einmal ins rechte Licht gerückt. Die einzelnen Plankter erstrahlen in den Illustrationen auf dunklem Hintergrund wie im Meer. In zahlreichen doppelseitigen Abschnitten werden die Planktonarten vorgestellt, und dabei bleibt keine Frage unbeantwortet. Welche Stellung hat das Plankton im Nahrungsnetz der Tiere? Wieso können Algen gefährlich werden? Wie beeinflusst das Plankton das Klima? Und was hat es mit dem Mikroplastik auf sich?

Toni sieht alles
Magdalena Miecznicka, Illustration: Franziska Ludwig
Aus dem Polnischen von Thomas Weiler
Verlag: Moritz, Publiziert: 2024, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-455-8
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Familie/Familienformen

Als Toni mit ihrer Mutter in die neue Wohnung direkt gegenüber der Bank zieht, ahnt sie gleich, dass dieser Ort das Potenzial zum Tatort hat. Eine Bank – das schreit doch geradezu nach einem Raub! Die Frage ist nur, ob per Einbruch, bewaffnetem Überfall oder per Tunnelnummer. Was für Toni so sonnenklar auf der Hand liegt, wird von ihrer Mutter nicht ernst genommen. Ihr Kind hat eben einfach eine sehr lebhafte Fantasie, wie auch schon diverse Gaunergeschichten in der jüngsten Vergangenheit gezeigt haben. Viel wichtiger ist es doch, sich mit den echten Fragen des Lebens zu beschäftigen, mit ihrem erhofften Job beim Theater etwa oder mit ihrer neuen Wohnsituation ohne Tonis Papa.

Doch Toni lässt sich nicht entmutigen. Weder entgeht ihr der merkwürdige Dialog zwischen den beiden seltsamen Typen, von denen der eine das Gesicht mit einem tiefsitzenden Hut und der andere mit einem hochgezogenen Schal verbirgt, noch glaubt sie eine Sekunde daran, dass der Vermesser auf der Strasse nicht eigentlich ein ganz anderes Ziel im Blick hat. Jetzt müssten ihr die Erwachsenen nur noch glauben …

Magdalena Miecznickas Kinderkrimi «Toni sieht alles» stellt sich wohltuenderweise ganz auf die Seite all der Menschen mit viel Fantasie, die sich nicht ganz ernst genommen fühlen. Mit feinem Gespür für das, was diese Menschen sehen, spinnt sie eine ganze Räuberpistole – mit überraschendem Schluss. Ringsumher setzt sie kleine Akzente, die nach dem Lesen weitergedacht werden können – gross-artig auch für (grosse) Menschen, deren Fantasie erst noch ein bisschen Training vertragen kann.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/24, S. 31

«Das Mädchen hat eindeutig zu viel Fantasie!» Diesen Satz hört die achtjährige Toni ständig. Dabei ist sie einfach eine ausgezeichnete Beobachterin. Als sie mit ihrer Mutter umzieht, spürt sie deshalb sofort, dass in der neuen Nachbarschaft Merkwürdiges passiert. Niemand nimmt sie ernst, bis sie selbstbewusst mithilft, einen Bankraub zu vereiteln. Dieser farbig illustrierte, humorvolle Krimi ermutigt Kinder dazu, an sich zu glauben und ihren Beobachtungen zu vertrauen.

Gurke und die Unendlichkeit
Oskar Kroon
Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2024, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-18628-5
Schlagwörter: Krankheit | Familie/Familienformen | Geschlechterbilder

«Am Anfang war alles so gut, aber das konnte man da noch nicht wissen. […] Das All wurde immer grösser, und der Weltuntergang war weit weg.» Doch dann droht Gurkes Welt einzustürzen: Sein Vater wird schwerkrank, liegt monatelang im Spital. Einfühlsam und in kunstvollen, doch einfach verständlichen sprachlichen Bildern malt dieser Kinderroman die Gedanken und Gefühle eines Kindes, das die schlimmste Krise seines bisherigen Lebens durchsteht – und übersteht.

Gurkes Welt gerät aus den Fugen: Sein Vater, der der Fixpunkt in seinem Leben war, wird krank und muss für lange Zeit ins Krankenhaus. Wie soll Gurke diese Zeit überstehen, wenn doch selbst seine Mutter völlig überfordert scheint? In diesem einfühlsamen Kinderroman steht ein Junge und seine Gefühlswelt im Mittelpunkt. Trost findet er im Gedanken an die Unendlichkeit des Universums, das seine Mutter erforscht.

Dinge, die verschwinden
Kim Fupz Aakeson, Illustration: Stian Hole
Aus dem Dänischen von Ina Kronenberger
Verlag: Hanser, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27926-1
Schlagwörter: Freundschaft | Abschied

Sommersprossen, schiefer Schneidezahn, coole Sprüche – das war Axels bester Freund Bosse. Jetzt ist er weggezogen, weit weg, nach Australien. Und Axel? Vermisst ihn furchtbar, ist untröstlich – allein im Unterricht, allein auf dem Schulhof, allein an den Nachmittagen.

Trauer und Verlust: Es sind schwere Erfahrungen, über die der vielfach ausgezeichnete dänische Autor und Dramatiker Kim Fupz Aakeson den Protagonisten seines Bilderbuchs erzählen lässt – offenherzig, packend und poetisch. Dabei sinniert der Junge auch über die Tatsache, die im deutschen und norwegischen Titel so unpassend wirkt: Verlorene Dinge wie Sportsachen oder ein Taschenmesser kann man nachkaufen, einen besten Freund nicht. Axel macht sich auf Spurensuche, sammelt, was nicht mehr da ist: Oma, Opas Gedächtnis, Zwerghamster Kakao oder acht seiner Milchzähne. Ob die Zeit wirklich alle Wunden heilt, wie seine Lehrerin sagt? Dann zieht ein neuer Junge in Bosses Haus … «Ich denke an alles, was verschwunden ist. Und überlege: Vielleicht findet man ja auch etwas Neues», so der letzte, tröstliche Satz.

Illustrator Stian Hole («Garmans Sommer») ist international bekannt. Seine hyperrealistischen, bildgewaltigen Collagen haben grossen Sog und Wiedererkennungswert. Und scheiden ähnlich wie die Arbeiten von Nikolaus Heidelbach die Geister: für die einen vielschichtig und originell, für die anderen verstörend. Süsslich ist da nichts. Hier zeigt sich Hole als sensibler und hellwacher Kommentator, lässt mal viel Raum für Gefühle oder bebildert Alex’ Gedanken mit faszinierenden Wimmelbildern.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/24, S. 29

«Bosse ist nicht mehr da. Australien ist so weit weg, dass man richtig weit weg ist, wenn man dort wohnt.» Der erzählende Junge trauert über den Wegzug seines besten Freundes.  Um ihn herum pulsiert das Leben in sur- und zugleich fotorealistischen Bildern. In seinen Gedanken aber beschäftigt ihn alles, was nicht mehr da ist – Bosse, der Hamster, acht Milchzähne, Opas Haare … Wie kommt man über Verlust hinweg? Dieses eindrückliche, philosophische Bilderbuch endet gut: Neuanfänge sind möglich.

Auf der Suche nach der geheimnisvollen Riesenqualle
Chloe Savage
Aus dem Englischen von Stephanie Menge
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-7273-2
Schlagwörter: Abenteuer | Fabelwesen | Wissenschaft | Geschlechterbilder

Eine magische Reise zum Nordpol

Nach jahrelanger Arbeit erfüllt sich für die Meeresforscherin Dr. Morley ein Lebens-traum. Sie darf im Nordpolarmeer nach einer geheimnisumwobenen Unterwasserspezies suchen, die noch kein Mensch zu Gesicht bekommen hat: die arktische Riesenqualle. Voller Tatendrang sticht sie in See – und ist schon bald überwältigt von all den Wundern, die die Natur für sie bereithält: glitzernde Eisberge, verspielte Wale, silberne Fischschwärme, magische Polarlichter. Nur die Riesenqualle macht sich rar und stellt Ausdauer und Zuversicht des Forschungsteams auf eine harte Probe.

Die mythologisch anmutende Abenteuergeschichte der Britin Chloe Savage um eine mutige Heldin, die es mit einem medusenartigen Wesen aufnehmen will, ist im sachlichen Stil einer Fernsehdokumentation aufbereitet. So reist man als eine Art teilnehmende:r Beobachter:in auf dem Forschungsschiff mit, wirft einen Blick hinter die Kulissen und wird mit Insiderinfos, O-Tönen und grossartigen Landschaftsaufnahmen versorgt.

Tatsächlich bilden Savages atmosphärische Aquarellbilder das Herzstück des aussergewöhnlichen Bilderbuchs. Die doppelseitigen Schnittansichten, die das ganze Schiff mit all seinen Räumen sowie die Besatzung und die Forscher:innen bei der Arbeit zeigen, stecken voller authentischer Details. Für Witz und Spannung sorgt die Tatsache, dass die Meeresoberfläche meist in die Mitte der Seite verschoben wurde. So können die Leser:innen wie durch eine Unterwasserkamera beobachten, was der Schiffsbesatzung an Deck lange Zeit verborgen bleibt – bis zum glücklichen, (un)vorhersehbaren Ende.

Alice Werner
Buch&Maus 2/24, S. 29

In der Arktis soll eine geheimnisvolle Qualle leben, die aber noch kein Mensch zu Gesicht bekommen hat. Die Quallenforscherin Dr. Morley macht sich mit einer Gruppe Kolleg:innen auf einem Forschungsschiff auf die Suche nach diesem Wesen. Detailreiche Bilder illustrieren liebevoll das Forscherleben auf dem Schiff, das neben magischen Momenten in der Natur auch Entbehrungen mit sich bringt. Von der Qualle sehen die Abenteurer:innen keine Spur – dieses bedacht-schelmische Wesen zeigt sich fast bis am Schluss nur den Betrachter:innen des Buches.

Mein tröstliches Buch
Moni Port
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2024, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-294-7
Schlagwörter: Gefühle

Dieses aussergewöhnlich gestaltete Buch vereint witzige und überraschende Text-Bild-Kombinationen rund um das Thema Trost. Vielfältig illustriert mit Zeichnungen, Fotos, Ausschnitten aus Gemälden, Comics und sogar einem Rezept für ein Trost-Süppchen, zeigt es kindgerecht, dass das Leben auch traurige Momente bereithält und wie man mit ihnen umgehen kann. Es bietet Ideen zum Trösten und regt zum Nachdenken darüber an, was in traurigen Momenten guttut. Das Buch enthält Anekdoten und Geschichten, die zum Dialog einladen, und schliesst mit einer Trost-Gebrauchsanweisung zum Ausfüllen.

Das Nachtkind
Armin Kaster, Illustration: Sabine Rufener
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-5990-5
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen | Freundschaft

Nicht nur für Kinder ist die Nacht eine Herausforderung. Ihre Dunkelheit wirkt oft beängstigend durch ungewohnte Geräusche und unheimliche Schattenspiele. Das ist in diesem zauberhaften Bilderbuch nicht nur für das Kind so, sondern auch für die Katze. Sie fragt das Kind, ob es sie besuchen kommt, und gleich die nächste Doppelseite bringt eine neckische Überraschung: Das Kind schlüpft durch die Katzenklappe!

Der Autor lässt in einer knappen, poetischen Sprache die Figuren lebendig werden, die Illustratorin folgt dem sprachlichen Stil mit einer eigenen, aussagekräftigen Bildsprache, was ein sinnliches Miterleben erlaubt. Die Farben sind gedämpft, da sich fast alles in den Randzeiten und während der Nacht abspielt, üppig wachsende Pflanzen nehmen einen grossen Teil der Bilder ein, ebenso spielt der zunehmende Mond eine wichtige Rolle. Das Kind und die Katze werden Freunde, sprechen über das Alleinsein und schlafen aneinandergekuschelt ein.

Für einige Nächte geht das gut – bis das Kind eines Morgens zu spät erwacht und nicht mehr unbemerkt aus dem Haus schlüpfen kann. Es wird erwischt und rennt davon, weil es der Katzenbesitzerin nicht sagen will, wo es wohnt. Am nächs-ten Abend ist die Klappe verschlossen. Die Nacht ist dunkel, nur eine Mondsichel beleuchtet das Bild. Die Illustrationen wirken hier besonders stark in ihrem Mut zu wenigen wichtigen Details, zu grossen Flächen; das Kind will die Gefahr, entdeckt zu werden, nicht mehr eingehen und lädt die Katze zu einem Gegenbesuch ein … Das Schlussbild ist angenehm offen, es zeigt die Katze, die das Kind sucht, und das Kind am Fenster, wie es auf das Tier wartet.

Ruth Loosli
Buch&Maus 2/24, S. 28

Eine Katze wünscht sich nachts Besuch gegen ihre Einsamkeit. Bald besucht das Kind die Katze jede Nacht bei ihr zuhause. Sie spenden sich gegenseitig Trost, überwinden ihre Angst vor der Dunkelheit und schlafen gemeinsam ein. Die heimlichen Treffen werden entdeckt, das Katzentor zugesperrt. Doch nach kurzer Zeit finden die beiden im Mondschein wieder zueinander. Stimmungsvolle, dunkelblaue Nachtbilder und wenig Text erzählen von Verbundenheit und Freundschaft.

Luis’ Plan
Eilika Mühlenberg
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2024, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-216-7
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein | Geografie | Reisen

Luis wohnt mit seinem Vater in der grossen Stadt und fährt gerne Roller. Heute hat er einen tollen Plan – im doppelten Sinn: eine Idee, für einmal alleine loszufahren, und einen Stadtplan, den er sich mit Hilfe des Vaters aufmalt. «Soll ich nicht lieber mitkommen?», fragt Papa. Luis schüttelt den Kopf. «Brauchst du nicht.» Ob das gut geht?

Eine typische Frage von Erwachsenen, die solchen Initiativen von Kindern oft übervorsichtig begegnen. Auch Luis’ Vater hat ein mulmiges Gefühl, bietet noch sein Handy an (was Luis auch ablehnt), wünscht aber viel Spass.

Endlich! Es kann losgehen. Am Teich mit dem angriffslustigen Schwan vorbei, durch die bunte Fussgängerzone, quer über den Friedhof mit den vielen gelben Steinen und grünen Giesskannen. Und schon kommt das erste Hindernis: ein geschlossenes Tor. Der selbst gemalte Stadtplan hilft nicht wirklich. Und doch kurvt Luis unerschrocken weiter bis an sein Ziel: den Roller-Park mit den weissen Schlangenlinien auf dem asphaltierten Boden und den Kindern, die hier bergauf und bergab Spass haben. «Huiiii!!!» Breit grinsend saust Luis auf einer aufklappbaren Doppelseite die herrliche Piste hinunter. Er ist da, wo er hinwollte. Und das Beste: Er hat es alleine geschafft!
Die Idee zu der fröhlich ausgestalteten Geschichte hatte die Autorin und Illustratorin Eilika Mühlenberg, nachdem sie den Superkilen-Park in Kopenhagen besucht hatte. Ein kleiner Junge liess sich nicht davon abhalten, die Piste runterzufahren: «total selbstbewusst […], weil ich offensichtlich Angst hatte und er nicht». «Luis’ Plan» ermutigt nicht nur Kinder, die Welt neugierig zu erkunden, sondern auch ihre Erwachsenen, ihnen mehr zuzutrauen.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/24, S. 27

Luis hat mit seinem Trottinett ein Ziel, und er kennt den Weg dorthin. Klar ist, Papas Handy braucht er nicht, er malt sich lieber einen Stadtplan. Bei der Fahrt durchs städtische Labyrinth halten ihn auch Umleitungen nicht auf. Mit Blick auf den Plan und selbstbewusst Hilfe holend, schafft er es bis zum Skaterpark und seinen Freunden. Mühlenberg regt mit Luisʼ Geschichte und dynamischen, detailreichen Collagen an, kleine Abenteuer zu wagen und Pläne zu malen.

Regentag
Jens Rassmus
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2024, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0726-0
Schlagwörter: Fantasie | Spiel

Draussen giesst es wie aus Kübeln. Zwei Kinder sitzen drinnen, unentschlossen. Doch rasch beginnen sie zu spielen und tauchen immer mehr ein in die Welt der Fantasie. Je weiter ihre imaginäre Reise geht, desto mehr breitet sich eine farbige Welt zwischen Wäldern, Bergen und Himmel aus. Die beiden (immer schwarzweiss gehaltenen) Kinder sind tief versunken in ihr Spiel, das Rassmus ganz ohne Text gestaltet. Dramaturgisch geschickt verwebt er auf bildnerischer Ebene, wie Fantasie und Wirklichkeit im kindlichen Spiel verschmelzen und zieht die Betrachtenden so mit hinein.

Tonis Tag
Lilli L’Arronge
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-292-3
Schlagwörter: Alltag | Familie/Familienformen

Und was machen eigentlich die anderen die ganze Zeit?

«Hast du Zeit?» – in dieser Kinderfrage steckt so viel mehr als der Wunsch nach Quality-Time in der Umtriebigkeit eines erwachsenen Alltags. Sie weist darauf hin, dass Kinder immer Zeit zu haben scheinen, Erwachsene hingegen selten. Darauf, dass kindliches Zeitempfinden völlig anders tickt. Darauf, dass Zeit ein Phänomen ist, das Fragen aufwirft und Antworten sucht. Ein Ziel, das zwei Bilderbücher auf ganz unterschiedliche Weise verfolgen.

Die tiefe Dimension von Zeit erkundet das erste doppelseitenweise mit einfachen bis philosophischen Fragestellungen, die jedes Wort abzuwägen scheinen und dabei die kindliche Neugier auf die Welt spiegeln: «Wann ist gleich? Und wie lange dauert eine Minute?»

Weil Zeit mit persönlichem Empfinden, aber auch Weltwissen zu tun hat, lässt Bildkünstlerin Nele Palmtag gleich sechs Perspektiven zu Wort kommen und bezieht sogar das zuhörende Kind mit ein: «Schliess doch mal deine Augen und versuche, sie erst nach einer Minute wieder aufzumachen. Spürst du, wie die Zeit vergeht?» Palmtags Illustrationen verorten die von der Autorin prägnant formulierten Fragen in den konkreten Alltagssituationen einer einzelnen Familie und damit in der Lebensrealität der Kinder, sodass sich über deren Betrachtung trefflich ins Gespräch kommen lässt. Zumal Palmtag in vielen Details eigene Assoziationen zur jeweiligen Frage anlegt – Schätze, die in Gesprächen gehoben werden können.

Was die ganzseitigen Tableaus von Nele Palmtag andeuten, formuliert Lilli L’Arronge synchron aus: «Tonis Tag» erzählt vom Tagesablauf einer Familie, in kleinen Einzelbildern und mit wenig Erzähltext. Der allerdings wird ergänzt durch eine Zeitleiste am äusseren Seitenrand und einer jeweils genauen Uhrzeit-Angabe in Grossbuchstaben.

Das darstellerische und narrative Zusammenspiel von Text und Bild ist fein austariert. Schliesslich geht es um nichts weniger als die Gleichzeitigkeit gelebten Lebens, die auf den einzelnen Seiten aufscheint, in kleineren und grösseren Bildern und einem Text, der mehr Bildunterschrift als Narration ist. Während Oma auf der Toilette von Baby Elias gestört wird, fährt Papa Toni im Fahrrad zur Kita, nascht der Kater die Reste vom Frühstückstisch, schliesst die Mutter ihren Blumenladen auf. Erst der Blick auf mehrere Seiten eröffnet parallele Bildsequenzen. In eigenen Erzählsträngen kann von Seite zu Seite nachverfolgt werden, was Oma, Mutter, Vater und drei Kinder samt Katze Oscar den ganzen Tag tun. Das offenbart die eine oder andere Überraschung. Wer abends als Letzte heimkommt, wird nicht verraten. Die jugendliche Tochter ist es nicht.

Die Wortwahl verrät auch hier eine kindliche Innenperspektive, die nicht wirklich versteht, was vor sich geht, wenn der Vater morgens, mittags, abends immerzu nur «tippt»: an die Stirn, aufs Handy oder auf die Spülmaschinen-Taste. Um die Hintergründe und Zusammenhänge nachvollziehen und sich erklären zu können, muss während des Vorlesens Zeit für Bildbetrachtungen und Gespräche eingelegt werden. Wie im ersten Bilderbuch vollzieht sich die Bedeutungsfindung im gemeinsamen Austausch von Gedanken und Überlegungen zu Bildinhalten, welche die Leerstellen im Text füllen. Neben den Illustrationen zeigt gerade das Wechselspiel mit dem Text, wie kunstvoll beide Bilderbücher komponiert sind.

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/24, S. 26

Der Untertitel ist hier Programm: Was machen eigentlich die anderen die ganze Zeit? Das ist die Frage, die der kleine Toni sich stellt. Vom Aufstehen bis in die Nacht hinein können wir ihn und seine ganze Familie inklusive Oma und Katze begleiten. Wir sehen in nebeneinander gruppierten Panels alle Personen einzeln bei ihrer aktuellen Tätigkeit und auf jeder Seite die Uhr ein Stückchen vorrücken. Ein kluges Konzept, umgesetzt mit feinem Comicstrich und einem fröhlichen Augenzwinkern beim Blick auf den Familienalltag!

Morgen bestimme ich!
Jörg Mühle
Verlag: Moritz, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-457-2
Schlagwörter: Gefühle | Spiel | Streit/Konflikt

Das Wiesel kommt nach Hause und ist erschüttert: Der Bär spielt mit dem Dachs, der doch eigentlich sein Freund ist! Während der Dachs zu vermitteln versucht und das Wiesel immer wieder ins Spiel einbinden will, positionieren sich Bär und Wiesel als Kontrahenten. Jeder will das Spiel bestimmen, bis sich beide mit Vorwürfen überhäufen: «Nie hältst du dich an die Spielregeln!», «Immer willst du der Bestimmer sein!» oder «Mit dir kann man einfach nicht spielen!». Die Deeskalationsversuche des Dachses bleiben wirkungslos, bis er nach Hause muss und die beiden Streithähne sich selbst überlässt. Die beiden finden, morgen müsse er unbedingt wiederkommen, dann «spielen wir weiter, das wird schön!». Eine Aussage, die die Leser:innen schmunzeln lässt, denn von einem Spiel konnte bis dahin keine Rede sein.

In «Morgen bestimme ich!» begegnen uns die beiden grossartigen Protagonisten Bär und Wiesel aus Jörg Mühles «Zwei für mich, einer für dich» (Moritz, 2018) wieder – und liefern sich erneut ein wortgewaltiges Duell, dessen zunehmende Heftigkeit auf der visuellen Ebene durch die Schriftgrösse zum Ausdruck gebracht wird, die passend zu den Ausrufen der beiden mal grösser, mal kleiner wird. Auch Mimik, Gestik und Körperhaltung zeigen die zunehmende Unzufriedenheit von Bär und Wiesel.

Mühles Bilderbuch überzeugt vor allem auch, weil den Leser:innen ab vier Jahren derartige Streitigkeiten und auch der Ausgang der Handlung nicht unbekannt sein dürften. Am Ende wird nämlich nicht entschieden, wer am nächsten Tag das Spiel bestimmen soll, sondern der Dachs entzieht sich dem Streit und verabredet sich kurzerhand mit dem Fuchs. Wie schon im ersten Buch frei nach dem Motto: Wenn zwei sich streiten …

Sabine Planka
Buch&Maus 2/24, S. 28

Der Dachs ist bei Bär zu Besuch zum Spielen, als das Wiesel heimkommt. Dabei ist der Dachs doch sein Freund! Schnell kommt die Idee auf, zu dritt etwas zu spielen, vielleicht Vater-Mutter-Kind oder Fussball? Doch Bär und Wiesel haben an den Vorschlägen des anderen etwas auszusetzen. Es wird laut und endet im Streit, während Dachs diskret im Hintergrund bleibt. Mit ausdrucksstarker Mimik erzählt Jörg Mühle nach «Zwei für mich, einer für dich» von einem neuen Streit, der genauso auch im Kinderzimmer stattfinden könnte.

Sommer in der Tempelgasse
Sachiko Kashiwaba
Übersetzt aus dem Japanischen von Luise Steggewentz
Verlag: Limbion, Publiziert: 2024, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-910549-04-3
Schlagwörter: Kulturen | Grusel/Spuk/Horror

In Kazus Strasse scheint es einen Tempel gegeben zu haben, doch niemand will davon wissen. Und nachts schleicht ein Mädchen über den Hof. Was ist da los? Unter dem Alibi eines Sommerferienprojekts macht sich Kazu mit seinem Freund und dem «Geistermädchen» dem Geheimnis auf die Spur. Es braucht etwas Zeit, um in das japanische Setting dieses vielschichtigen Kinderromans einzutauchen, doch dann besticht er mit viel Humor, Spannung und einer fantastischen «Geschichte in der Geschichte».

Der beste Fussballer aller Zeiten
Katja Alves
Verlag: Schneiderbuch, Publiziert: 2024, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-505-15161-3
Schlagwörter: Sport

Oder: Die Wahrheit ist nichts für Feiglinge

Philip hat nur Fussball im Kopf – mit Leib und Seele eifert er seinem grossen Vorbild Vitor Santos nach. Da ihm seine Mutter das Training aber erst nach dem Übertritt ins Gymnasium erlauben will, gibt er vor, im Schulgarten statt im Training zu sein. Dank Nachbarin Phoebe, die seine vorgefasste Meinung über Mädchen ziemlich revidiert, geht das ein Weile gut, doch dann führt Philips Lüge zu einem dramatischen Finale. Das humorvoll erzählte Buch eignet sich gut zum Vorlesen und für geübte Leser:innen auch zum Selberlesen.

Underdogs United
Martin Klein
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2024, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55787-2
Schlagwörter: Sport | Behinderung | Diversität

Ein Team für alle

Mattis Enttäuschung ist gross, als er nach dem Trainingscamp beim 1. SV Babelsdorf nicht für den Klub ausgewählt wird. Doch bei seinen Freund:innen von der «Platte», einem Betonplatz, wo jede:r kicken kann, kehrt seine Spielfreude zurück. Trotz vieler Verweise auf berühmte Fussballer, Klubs und Spiele ist das Buch vor allem eine Liebeserklärung an den Fussball als inklusiv orientierten Breitensport, wo Ehrgeiz zwar Platz hat, aber der Spass am Mitmachen wichtiger ist als das Pflegen von Rivalitäten.

Arnd Zeiglers wunderbares Fussballbuch
Arnd Zeigler, Illustration: Philip Waechter
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2024, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-289-3
Schlagwörter: Sport

Von A wie Abseits bis Z wie Zaubern – alles über die schönste Nebensache der Welt

Arnd Zeigler, Stadionsprecher und Berufsfan mit eigener Radio- und Fernsehshow, vermag die Faszination für den Fussball in Kurzgeschichten mit hohem Informationsgehalt und viel Augenzwinkern zu vermitteln. Zu jedem der 57 kurzen Kapitel kommt in dieser Neuauflage eine Vignette von Waechter. Gemeinsam stellen sie neben den wichtigsten Fakten vor allem die Freude am (Amateur-)Fussball ins Zentrum, mit Szenen vom Platz, die Identifikation für junge Leser:innen bieten.

Als die gelben Blätter fielen
Marius Marcinkevičius, Illustration: Inga Dagilė
Aus dem Litauischen von Saskia Drude
Verlag: Dressler, Publiziert: 2024, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7513-0118-3
Schlagwörter: Nationalsozialismus | Tod/Trauer | Krieg

Seit die schwarzen Vögel und Männer in Uniformen gekommen sind, leben Alon und seine Freundin Riwka hinter einem Tor im Ghetto. Ihr kindlicher Alltag geht zwar weiter: Sie lassen wehmütig Drachen steigen. Sie wissen aber auch, wer durch das Tor geht, kehrt nicht mehr zurück. Auch der 8-jährige Alon wird sterben. In einem jüdischen Ritual erinnert sich Riwka viele Jahre später seiner. In Wort und Bild findet dieses Buch die passenden Metaphern, um bereits jungen Kindern vom Holocaust und von Antisemitismus zu erzählen.

Kayabu
Eymard Toledo
Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907277-24-9
Schlagwörter: Natur | Kulturen

Eine Geschichte aus Amazonien

Naná lebt in einem Dorf am Urubu, einem Seitenarm des Amazonas. Eines Tages kommt eine Familie mit einem Kanu angepaddelt, welche sich im Dorf niederlässt, weil ihre Heimat im Regenwald niedergebrannt ist. Naná und Kayabu, ein Junge der Familie, freunden sich an und durch Kayabu erhält Naná einen ganz neuen Blick auf ihr Leben, die Natur und ihre Umwelt. Mit eindrucksvollen Collagen-Bildern erzählt Eymard Toledo wie sich die Zerstörung des Regenwaldes auf das Leben der indigenen Bevölkerung auswirkt.

Der Tunnelbauer
Maja Nielsen
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2024, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6230-8
Schlagwörter: Historisches | Migration

Die Geschichte von Achim, der in den 1960er-Jahren von Ost- nach Westberlin flüchtet, basiert auf einer wahren Begebenheit. Als die Mauer errichtet wird und das DDR-Regime seine Kontrolle verschärft, entscheidet sich Achim zu gehen. Mit einem gefälschten Pass gelingt ihm die Flucht in den Westen. Hier schliesst er sich den Tunnelbauern an, die Fluchtwege unter der Mauer hindurch graben. Viele finden über diese Tunnels schliesslich den Weg in die Freiheit. Ein fesselnder Roman, der ein Stück Geschichte lebendig werden lässt.

Das Zyx
Flix
Verlag: Kibitz, Publiziert: 2024, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948690-31-1
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen | Abenteuer

«Das Zyx» – was mag wohl hinter dieser rätselhaften Bezeichnung stecken? Sein Urheber jedenfalls ist Flix, zweifellos einer der renommiertesten zeitgenössischen deutschen Comic-Künstler, der hier erstmals ein an das ganz junge Publikum gerichtetes Werk vorlegt. Seinem cartoonhaften Stil bleibt er treu, aber so bunt und vor allem so rasant hat man Flix noch kaum gesehen. Und das in einem ABC-Buch, das in eine Gutenachtgeschichte mündet. Der Clou ist, dass das ABC von hinten aufgesagt wird. Auf jeder Seite beginnt der durchgehend gereimte Text mit dem nächsten Buchstaben des Alphabets. Am Anfang stehen entsprechend die letzten drei: Zyx.

Das ist der Name eines kleinen Fantasiewesens, das gerade vor dem Zu-Bett-Gehen die Zähne putzen muss. Da erscheint ein wundersames Licht und «blitzt» es in eine Zwischenwelt voller Türen, die aber alle verschlossen sind. Zum Glück sitzt in der Nähe «am Lagerfeuer […] ein riesiges Ungeheuer», das als Gegenleistung für seine Hilfe nur gemeinsames Teetrinken fordert. Nach 26 Tassen rückt es den Schlüssel für Tür Nummer 17 raus. Schon schwebt das Zyx in rosa Wolken und landet dann flugs auf einem Piratenschiff, das von einer Seemannsbraut befehligt wird und wo es brenzlig wird: «Das Zyx war irritiert,/ Zwölf Otter, hungrig wie die Pest,/ schnürten es am Mastbaum fest/ und schmatzten ungeniert.» Was dann noch alles passiert, sei nicht verraten, nur so viel: Das Zyx schwebt, schwingt, rudert und fällt von einer absurden Situation in die nächste, bis das Bett verlockender scheint als alle Abenteuer. Dabei weiss Flix das Umschlagen der Seite meisterlich zu nutzen und kombiniert versiert Bilderbuch und Comic. Dieses irrwitzige Spektakel einer Abenteuerfahrt macht unweigerlich gute Laune und Lust aufs Selberdichten.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 1/24, S. 37

The Sharp Edge of Silence
Cameron Kelly Rosenblum
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2024, Seiten: 448, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58545-5
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Gewalt

Gefährliches Schweigen

Das Internat hat in der Literatur zwei entgegengesetzte Seiten: Im Kinderbuch sind sie eher positiv präsent («Hanni und Nanni»). In der Erwachsenenliteratur dagegen handelt es sich oft um seelenzerstörende Anstalten (Musils «Zögling Törless»). Seit einigen Jahren verknüpfen sich diese zwei Topoi in Büchern für Jugendliche und junge Erwachsene besonders da, wo das Genre sich etwa mit Fantasy oder dem Thriller paart. Letzteres gilt für «The Sharp Edge of Silence».

Dass der Schein hier trügt, wird schon im Prolog deutlich: Eines der drei abgedruckten Aufnahmeschreiben wurde offenbar angesengt. Dann packt einen die Erzählstimme von Quinn, die vor den Sommerferien von einem der populären Typen aus dem Ruderteam vergewaltigt wurde und aus Scham geschwiegen hat. Nun sucht sie so verzweifelt wie intensiv einen Weg, sich an ihrem Peiniger zu rächen. Nur so glaubt sie ihr Selbst, das ihr seit der Tat wie entschwunden ist, wiederzufinden. Quinns Perspektive wird von zwei anderen Rollen ergänzt: von Charlotte, der Ballerina, die die Verliebtheit in einen anderen Ruderer geniesst, und von Max, dem schmächtigen MINT-Genie, der unverhofft ins Ruderteam kommt und dem so die Zugehörigkeit zur sozialen Elite winkt.

Alle drei kommen dahinter, dass das Ruderteam im Zentrum einer systembeförderten Vergewaltigungskultur steht. Welche Prozesse sie durchlaufen, bis sie diese letztlich demontieren helfen, ist spannend und stark geschildert. Die Frauen schaffen es dabei, dass die Täter eine Strafe bekommen, ohne dass die Opfer blossgestellt werden. Diese poetische Gerechtigkeit ist so nur in diesem (sehr amerikanischen) Internats-Setting möglich, was die Lektüre aber eher noch aufrüttelnder macht.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 1/24, S. 35

Die Legende vom letzten Bücherjäger
Diana Menschig
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2024, Seiten: 416, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-3010-8
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Lesen

Jelto ist Bücherjäger. Die mittelalterlich anmutende Fantasywelt, in die ihn die deutsche Autorin Diana Menschig entlässt, erlaubt keine Bücher, keine Schrift. Kaum jemand kann lesen in der Hafenstadt Brück, und selbst die Tatsache, dass es Bücherjäger gibt, ist ein gut gehütetes Geheimnis. Offiziell sind Bücher nämlich längst verschwunden, getilgt und verbrannt. Und doch lassen sie sich nicht so leicht vertreiben. Auch Jelto spürt, dass es nicht richtig ist, Bücher zu verbrennen, und seine zwiespältigen Gefühle kommen nicht von ungefähr, denn immer wieder sieht er bei den Bücherverbrennungen im Feuer tanzende Gestalten, manchmal hört er sogar einen Schrei.

Diana Menschigs mitreissender und sinnlich erzählter Roman greift die Tradition der Zauberbuchfantasy auf, die von Michael Ende über Cornelia Funke bis zu Kai Meyer immer wieder neu aufblüht, und kombiniert sie im Worldbuilding virtuos mit dystopischen Elementen, die an Ray Bradburys «Fahrenheit 451» erinnern. «Die Legende vom letzten Bücherjäger» liest sich als eine grosse Liebeserklärung an die Buchkultur, an die Macht des Erzählens und die Einbildungskraft. In der buchlosen Wirklichkeit, in der Jelto aufwächst, gibt es zwar so wundersame Wesen wie Taschendrachen, doch Bücher und Geschichten gelten als gefährlich. Wer liest, so wird den Menschen in Brück eingebläut, komme auf dumme Gedanken.

Dass Jelto nicht lange daran glauben wird, ist klar. Doch wie er die Magie der Bücher entdeckt und wer ihn dazu bewegt, zu begreifen, dass Bücher nicht gefährlich sind, sondern das Leben erst reich und inspirierend machen, ist ein Weg voller Überraschungen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/24, S. 35

Kanak Kids
Anna Dimitrova
Verlag: Arctis, Publiziert: 2024, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03880-085-9
Schlagwörter: Kulturen | Migration | Identität/Individualität

Halb angepasst und voll dazwischen

Die gebürtige Bulgarin Anna Dimitrova absolvierte in München ein Drehbuchstudium und erhielt für ihre Comedys unter anderem den Deutschen Nachwuchsfilmpreis. Auch ihr erster Jugendroman hat das Zeug dazu, verfilmt zu werden. Der Plot ist dynamisch, die Dialoge sind peppig, die Figuren schräg und liebenswert zugleich. Die 16-jährige Ich-Erzählerin Dessi, eigentlich Dessislava, führt zwei Leben: Eines findet in ihrem Kiez in Neuperlach statt, einem Münchner Quartier, «wo der Migrationsanteil ungefähr so hoch ist wie die Arbeitslosenquote, aber nicht ganz so hoch wie die Plattenbauten»; das andere rund um ein angesagtes Gymnasium in der Münchner Innenstadt. In der Fotokabine einer U-Bahn-Station verwandelt sich Dessi, Jogginghose, Schlabberpulli und Kanak-Slang, in Daisy, blonde Perücke, blaue Kontaktlinsen, Jeans und Standardsprache. So fühlt sie sich in der Schule nicht fehl am Platz.

Zwei Identitäten, zwei Freundeskreise, zwei Insta-Accounts und jede Menge Notlügen, das geht auf Dauer nicht gut. Als der Clash der Kulturen nicht mehr verhindert werden kann, kommt es aber, anders als von der Protagonistin und ihrem besten Freund und Komplizen befürchtet, nicht zur Katastrophe. Dessis/ Daisys Poetry-Slam-Auftritt in der Schule, in dem sie vor versammelten Communities ihre zwanghaften Assimilationsversuche begründet, führt zu einer Art kollektiver Katharsis. Neuperlach und die Münchner Innenstadt rücken näher zusammen. Zumindest für Dessi, ihre Familie und ihre Freund:innen.

Diese Sitcom in Buchform ist scharfzüngige (aber manchmal auch ausufernde) Gesellschaftskritik und romantische Komödie zugleich und natürlich eine Hommage an die Erfolgsserie «Hannah Montana».

Christine Tresch
Buch&Maus 1/24, S. 34

 

Die 16-jährige Ich-Erzählerin Dessi führt zwei Leben: Das eine findet in ihrem bulgarischen Migrationskiez im Münchner Quartier Neuperlach statt, das andere in einem angesagten Gymnasium in der Münchner Innenstadt. Zwei Identitäten, zwei Freundeskreise, zwei Insta-Accounts und jede Menge Notlügen, das geht auf Dauer nicht gut. Dieser Jugendroman entlarvt Vorurteile hüben wie drüben, übt scharfzüngig und komisch zugleich Kritik an Integrationskonzepten und persifliert das Genre der romantischen Komödie. Dazu kommen peppige Dialoge und schräge, aber äusserst liebenswerte Figuren.

Mittelstreifenblues
Alice Gabathuler
Verlag: Geparden, Publiziert: 2024, Seiten: 308, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907406-10-6
Schlagwörter: Intertextualität | LGBTQ* | Schweiz

Das Cover täuscht – oder verbildlicht die Träume der Hauptfiguren. Denn die Mittelstreifen, auf denen Elia und Jelscha gerne balancieren, befinden sich weit weg von flacher Landschaft im fiktiven Bündner Bergdorf Ronda. Hier gibt es eine Dorfschule, drei marode Hotels, einen Skilift, der meist stillsteht – und die Rockbar «Cave» von Jelschas Onkel Johnny, die den Duft der grossen weiten Welt nach Ronda bringt.

Elia sitzt auf einer Bank am Dorfeingang, in der Hand das Buch, das ihm seine beste Freundin Jelscha geschenkt hat, als sie weggegangen ist. Die Songtexte darin sollen ihn ermutigen, aber auch an vergangene Ereignisse erinnern, die er nun rekapituliert. Diese verschiedenen zeitlichen Ebenen sind manchmal nicht ganz leicht zu durchschauen, klären sich aber im Laufe des Romans.

Im- und explizit zitiert Alice Gabathuler Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame», denn es geht um das grosse Geld, das ins kleine Dorf fliessen soll. Conradin Annen, Sohn des Dorfes und nun reicher Unternehmer in London, will hier ein Luxus-Resort bauen. Das bringt Unruhe in die Bevölkerung, nicht zuletzt, weil Johnny mit seinem «Cave» nicht weichen will. In diesem Konflikt stehen Elia und Jelscha mittendrin mit ihren Träumen, Hoffnungen und Identitätssuchen – und Gefühlen, die Annens Söhne bei ihnen auslösen.

Die Annens finden im Austausch mit der Bevölkerung eine nachhaltige Lösung: Mehrgenerationenhaus, Künstlerateliers, renovierte Hotels. Das mag utopisch klingen. Gabathuler ist allerdings hoch anzurechnen, dass sie auf Schwarz-Weiss-Zeichnen verzichtet: Die Reichen aus dem Ausland sind bei genauerem Hinschauen sympathisch und gesprächsbereit, das Coming-out weniger dramatisch als erwartet. Und Lösungen brauchen manchmal Zeit.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/24, S. 34

Elia und Jelscha sind seit den Kindertagen im fiktiven Bergdorf Ronda eng befreundet. Nun werden sie erwachsen und gehen auf Identitätssuche: Jelscha verlässt dafür das Dorf; Elia lernt zu seinen Träumen, Wünschen und zu seiner Homosexualität zu stehen. Die Geschichte der zwei Jugendlichen ist eng mit den Geschehnissen rund um eine umstrittene, geplante Grossinvestition verknüpft, die die weite Welt nach Ronda bringen soll.

Vom Mut des ersten Fisches, der das Wasser verlässt
Anne Hoffmann
Verlag: Magellan, Publiziert: 2024, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-5082-0
Schlagwörter: Freundschaft | Erwachsenwerden

Nur weil die kleine Schwester an Halloween unbedingt das stadtbekannte Spukhaus sehen will, wird Aussenseiter Felix, 16 Jahre alt, in eine Geisterhaus-Expedition mit Leuten aus seinem Schulhaus hineingezogen. Doch mitten in der Expedition macht sich der Rest der Gruppe aus dem Staub. Felix steht derweil unvermittelt vor einem gleichaltrigen Mädchen mit türkisfarbenen Haaren – definitiv kein Gespenst. Aus Neugier und weil er eine Kamera liegen gelassen hat, zieht es Felix immer wieder zu dem Haus. Dass jemand allein in der verlassenen Villa abhängt, beschäftigt ihn ebenso, wie ihn dieses so geheimnisvolle wie selbstbewusste Mädchen nervt.

Zaghaft entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden − was aber nicht reibungslos geschieht. Sie geraten immer wieder in Streit, gleichen einander dabei aber zunehmend aus: Wo Felix, von der kleinen Schwester Fee genannt, zu nett und gleichmütig ist, ist Selina zu zornig und zu abweisend. Beide haben dabei gute Gründe für ihre Sichtweise. Felix, der sich nach dem frühen Tod der Mutter für die kleine Schwester (zu) verantwortlich fühlt, sehnt sich nach Freundschaft. Selina hält diese nach einem schlimmen Unfall für eine Illusion. In ihren Gesprächen reflektieren sie, was Freundschaft (nicht) wert ist oder bedeuten sollte. «Niemand will ein nachträglicher Gedanke sein», erkennt Fee an einer Stelle. Schön ist, dass diese Freundschaft dann weitere Kreise zieht und Fee in Ben die erste Liebe findet.

Trauer, Schuld, Pflichtgefühl, Ehrgeiz, Trauma: Hoffmann packt viele schwere Themen in diesen Freundschaftsroman mit hinein. Dass dies nicht zu viel wird, dafür sorgt die erfrischende und mitreissende Erzählstimme von Felix, gelegentlich aufgelockert durch Chatverläufe.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 1/24, S. 34

Zufällig lernt der 16-jährige Felix Selina kennen, die ihre Tage in einem alten Spukhaus verbringt. Ihre schroffe, impulsive Art stösst den eher sanften und stets vernünftigen Felix zunächst einige Male vor den Kopf, aber ihre Eigenständigkeit fasziniert ihn auch. Trotz all ihrer Gegensätze fassen die zwei, die beide seelische Lasten mit sich tragen, Vertrauen zueinander. Gespickt mit anregenden Dialogen über Freundschaft, wird dieser Prozess aus Felix’ Sicht feinfühlig und frisch erzählt.

Von da weg
Tamara Bach
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2024, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58543-1
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Geschlechterbilder

«Und? Wie wars in der Schule?», fragt Mama, und Kaija sagt: «Und? Wie wars in der Schule?» Wenn die beiden sich unterhalten, tönt das oft wie ein Echo. Seit dem Umzug wiederholt sich einiges. Kaijas Familie ist gerade ins Elternhaus der Mutter (zurück-)gezogen, in einen kleinen Ort auf dem Land. Die Elfjährige wohnt im Jugendzimmer ihrer Mutter Ruth und geht auf deren frühere Schule, wo diese jetzt als Lehrerin arbeitet. Auch Grosstante Josepha, der Grund für den «Rückzug», wie später klar wird, lebt bei ihnen. Aber bis auf Kaijas optimistischen Vater wirken alle gequält: Kaija hält zwanghaft die Luft an, Ruth arbeitet manisch und Josepha raucht Kette.

In 15 Kapiteln, meist aus Kaijas Blickwinkel, begleiten wir die weiblichen Figuren beim schmerzhaften Neuanfang. So wird die Trauer um Freundinnen, die Hunderte Kilometer weit weg sind, beim lustlosen In-die-Schule-Gehen greifbar: «Kaija läuft so langsam, dass sie fast rückwärts läuft.» Und die schräge Stimmung in der Familie verdichtet sich grossartig: «Kein Abendessen für Mama, die Tante raucht draussen, die Tante braucht kein Essen. Kaija hat Hunger, will aber nicht mit Papa über die Schule reden. Kein Essen für Kaija.» Rückblicke erklären, warum Josepha und Ruth «von da weg» wollten. Witzig ist, welcher Kommunikationswege sich die drei Generationen bedienten respektive bedienen: Josepha suchte jemanden, indem sie von Haus zu Haus ging, Ruth schrieb Postkarten, Kaija chattet.

«Von da weg» ist eine stimmungsvolle Geschichte, die beispielhaft zeigt, wie Mädchen seit den 1970er-Jahren in die Welt ziehen, am Ort bleiben – oder wieder nach Hause kommen. Am Schluss hat Kaija ein neues Zuhause: Als sie mit anderen durch Feld und Wiesen zum Schwimmen fährt, atmet sie endlich durch.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/24, S. 33

Als Kaija mit ihren Eltern zur Grosstante in den kleinen Ort zieht, in dem ihre Mutter aufgewachsen ist, steht sie vor der Herausforderung, ein neues Leben zu beginnen und endlich richtige Freundschaften aufzubauen. Gleichzeitig müssen auch ihre Mutter und ihre Grosstante alte Geschichten aufarbeiten. So erzählt dieser Jugendroman von drei Frauen aus drei Generationen, die alle unabhängig von den Ansichten der Gesellschaft ihren eigenen Weg finden mussten.

Leon Hertz und die Sache mit der Traurigkeit
Volker Surmann
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2024, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-211-2
Schlagwörter: Tod/Trauer | Freundschaft | Aussenseiter:in/Mobbing | Geschlechterbilder

«Ich will keine Rücksicht. Ich will einfach nur normal sein», sagt der 13¾-jährige Leon Hertz, dem es an manchen Tagen richtig elend geht. An solchen «Depri»- Tagen verzieht er sich auf dem Pausenhof hinter die Turnhalle, um heimlich zu weinen. Leon hat in der Schule kaum Freunde und lebt allein mit seiner Mutter, zu seinem Vater hat er keinen Kontakt mehr. Für den Ethikunterricht sollen die Schüler:innen ein Referat zum Thema Tod und Trauer halten. Leon entscheidet sich, über das Holzkreuz an der Ampel zu sprechen, an dem er jeden Tag auf dem Schulweg vorbeikommt. Die Traurigkeit, die dieser Gedenkort ausstrahlt, geht ihm extrem nahe. Liegt es am jungen Alter des Verstorbenen? Oder daran, dass das Unfalldatum Leons Geburtstag ist?

Auf der Suche nach Antworten erhält Leon Unterstützung von Rouven, der in dieselbe Klasse geht. Sie begegnen dabei Hinterbliebenen des Unfallopfers und sehen, was Trauer mit Menschen macht und wie mit Verlust und Erinnerung umgegangen wird. Die beiden Aussenseiter freunden sich an, und Leon lernt, was es heisst, ein guter Freund zu sein, gerade wenn es jemandem psychisch schlecht geht.

Volker Surmanns erster Jugendroman ist primär ein Roman über die Freundschaft zwischen zwei Jungen, die voller Gefühle und mit offenem Herzen durch die Welt gehen. Wichtige Themen wie psychische Gesundheit, Ängste, Sexualität, Männlichkeitsideale und Mobbing werden auf einfühlsame und zugleich sehr humorvolle Weise behandelt. Das Buch zeigt aus Leons sensibler Perspektive, wie Traurigkeit, Ängste, Verlust, Freude, Fürsorge und Liebe im Leben miteinander existieren.

Isabelle Schmid
Buch&Maus 1/24, S. 33

Auf dem Weg zur Schule läuft Leon jeden Tag an einem Holzkreuz vorbei, das seit dem Unfall eines jungen Manns dort steht. Der Gedenkort beschäftigt Leon und für ein Schulprojekt macht er sich zusammen mit seinem Klassenkameraden Rouven auf die Suche nach Hinterbliebenen. Rouven und Leon freunden sich an und müssen lernen über schwierige Gefühle zu sprechen. Volker Surmann erzählt sensibel und mit Humor, wie die zwei Jungen lernen, füreinander da zu sein.

Leon, 13 ¾-jährig und «depri light» soll in Ethik ein Referat halten. Er entscheidet sich, mehr über das Holzkreuz an der Strassenkreuzung herauszufinden, das ihn auf sonderbare Weise fasziniert. Gemeinsam mit dem schüchternen Rouven aus seiner Klasse lernt er dabei Menschen kennen, die den Unfalltod eines jungen Mannes zu verarbeiten haben. Neben dem Thema Trauer behandelt dieser emotionale und zugleich humorvolle Roman auch eine innige Freundschaft zwischen zwei Jungen.

Und die Welt, sie fliegt hoch
Sarah Jäger
Verlag: Rotfuchs, Publiziert: 2024, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7571-0007-0
Schlagwörter: Freundschaft | Erwachsenwerden

Mitten in den Sommerferien schickt die 14-jährige Ava dem Jungen Juri, zu dem sie seit der Grundschule keinen Kontakt mehr hatte, eine Nachricht. Sie habe seine Handynummer beim Aufräumen auf einem Zettel gefunden. Er müsse ihr helfen, damit sie die nächsten zwei Wochen überstehe, denn Ava hat Hausarrest, «wegen einer Sache». Doch statt zu erzählen, was wirklich passiert ist – die Wahrheit sei lahm, meint sie –, erzählt Ava Geschichten: Sie habe ein Alpaka aus dem Zoo entführt oder im Museum alle Bilder auf den Kopf gedreht, sie habe drei Autos angezündet, die Formel für Weltfrieden gefunden und sei vom Geheimdienst geschnappt worden. Juri sitzt ebenfalls zu Hause – aber aus einem anderen Grund: Sein Zimmer ist der einzige Ort, an dem er sich sicher fühlt, wenn er wieder das Gefühl hat, dass bald alles hochfliegt.

Sarah Jägers vierter Roman besteht nur aus Text- und Sprachnachrichten, die sich zwischen linker und rechter Buchseite abwechseln. Ava und Juri tauschen sich über Joghurteis mit Himbeersauce, über die Einrichtung ihrer Zimmer, ihre schlimmsten Geburtstage, peinlichsten Erlebnisse und über den Unterschied zwischen Wünschen und Vorsätzen aus. Die Gespräche werden von den Schwarz-Weiss-Illustrationen von Sarah Maus
ausdrucksstark untermalt: Auf jeder Doppelseite stehen sich ein «komischer Vogel» und ein Astronaut gegenüber –entsprechend den Verkleidungen von Ava und Juri auf einem Kostümfest in der Grundschule.

Der Chat-Roman ist ein ebenso witziges wie feinfühliges Jugendbuch, das sich sowohl fürs Vorlesen mit verschiedenen Stimmen als auch für eine szenische Interpretation im Klassenzimmer sehr gut eignet.

Sarah Eggel
Buch&Maus 1/24, S. 33

Dieser Roman besteht ausschliesslich aus Kurznachrichten. Wir lesen einen Dialog zwischen den Teenagern Ava und Juri, die trotz Hochsommer zuhause in ihren Zimmern sitzen. Ava hat Hausarrest, Juri hingegen zieht sich freiwillig zurück. Er leidet unter Panikattacken und fühlt sich in seinem Zimmer am sichersten. Obwohl sich die beiden lange nicht mehr gesehen haben, entsteht bald ein tiefgründiger Austausch über Sorgen und Ängste des Erwachsenwerdens. Die Kurznachrichtenform, die poetische Sprache und die reiche Bebilderung bieten ein aussergewöhnliches Leseerlebnis.

Gras unter meinen Füssen
Kimberly Brubaker Bradley
Aus dem Englischen von Beate Schäfer
Verlag: dtv Reihe Hanser, Publiziert: 2024, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64114-2
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Behinderung

Das Jahr, als ich leben lernte

London, 1939: Ada ist zehn und hat das Zimmer, in dem sie mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder lebt, noch nie verlassen. Sie wurde mit einem Klumpfuss geboren, für den sich ihre Mutter so schämt, dass sie allen erklärt, Ada habe eine geistige Behinderung. Und so sitzt Ada tagein, tagaus am Fenster und schaut hinaus – im besten Fall. Denn wenn ihre Mutter nicht gut drauf ist (und das ist sie oft), genügt eine Kleinigkeit, um sie wütend zu machen. Dann muss Ada oft stundenlang in dem dunklen Kabuff unter der Spüle sitzen, manchmal sogar die ganze Nacht. Als der Krieg näher rückt, soll ihr Bruder Jamie mit einem Kindertransport aufs Land geschickt werden. Ada überlegt nicht lange: Sie nutzt die Gelegenheit und geht einfach mit.

Im Haus der alleinstehenden Miss Smith, die anfangs wenig begeistert ist, zwei Stadtkinder aufnehmen zu müssen, lernen die Geschwister ein völlig anderes Leben kennen: Susan ist streng, aber auch aufmerksam, empathisch und fürsorglich und behandelt ihre Schützlinge mit Ernsthaftigkeit und Respekt. Ada bringt sich das Reiten bei, beginnt an Krücken zu gehen und Vertrauen zu fassen – zu Susan, aber auch in ihre eigenen Fähigkeiten.

Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs entwickelt die Autorin die bewegende Geschichte einer Befreiung. Atmosphärisch dicht erzählt ihr Coming-of-Age-Roman aber auch über die Kraft ehrlicher Zuneigung und die Suche nach einer eigenen Identität. Getragen von einer starken Figurenzeichnung, einem dramatischen Showdown und einer tapferen, starken Protagonistin, der man für ihren weiteren Lebensweg nur das Beste wünscht, ist «Gras unter meinen Füssen» ein Buch, das lange nachwirkt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/24, S. 32

Pony
Raquel J. Palacio
Aus dem Englischen von André Mumot
Verlag: Hanser, Publiziert: 2024, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27424-2
Schlagwörter: Mythologie/Sage | Intertextualität

Wenn die Reise deines Lebens lockt, mach dich auf den Weg

Amerika im Jahr 1860: Drei Männer stehen vor dem Haus und verlangen die Hilfe von Silas’ Vater, den sie bezichtigen, ein berüchtigter Geldfälscher zu sein. Der Zwölfjährige muss erstaunt zusehen, wie sein Vater die Männer begleitet, während er zu Hause bleiben soll. Doch geradezu magische Umstände führen dazu, dass Silas – der die besondere Gabe hat, mit Geistern kommunizieren zu können und schon immer von einem jugendlichen Geist namens Mittenwool begleitet wird – seinem Vater folgt. Seine Reise führt ihn durch einen Wald, den Silas nicht nur als geografischen Naturraum erfährt. Vielmehr zeigt sich ihm hier ein gleichsam mythisches Schlachtfeld, auf dem die ermordeten indigenen Völker umherstreifen. In einer Schlucht kommt es zum Showdown, bei dem Silas’ Vater tödlich verwundet wird.

Palacios Roman erzählt aber nicht nur die Geschichte eines Jungen, der Geister sehen kann, sondern ist auch als Western konzipiert und setzt sich so mit einer von Kolonialisierung und Bürgerkriegen geprägten Phase der US-amerikanischen Geschichte auseinander. Als wäre dies nicht schon genug, baut Palacio in beeindruckender Weise zudem die Geschichte der Fotografie und deren chemischer Grundlagen ein, die sich die Geldfälscher krimireif zunutze machen. Darüber hinaus hat Palacio ihren Text mit zahlreichen intertextuellen Verweisen auf antike Mythen und Sagen angereichert.

Was komplex anmutet, fügt sich wie ein Puzzle Stück für Stück zusammen. Palacio verbindet alle Fäden der Geschichten am Ende zu einem überzeugenden Schluss, der gar nicht anders hätte ausfallen dürfen.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/24, S. 32

New Dragon City
Mari Mancusi
Aus dem Englischen von Ulrike Köbele
Verlag: Arena, Publiziert: 2024, Seiten: 344, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-60744-3
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Fabelwesen

Eine verbotene Freundschaft

In einer postapokalyptischen Welt herrschen die Drachen. Die Städte liegen in Trümmern. Als die Drachen in diesem Jahr früher aus dem Winterschlaf aufwachen, fliehen die Menschen schlecht vorbereitet in die schützende Finsternis der U-Bahn-Schächte New Yorks. Der zwölfjährige Noah nutzt das Chaos, um sich von der Gruppe zu entfernen. Er will in der Stadt bleiben, um nach seiner Mutter zu suchen. Auch sein Vater bleibt in der Stadt – er scheint mehr über den Verbleib der Mutter zu wissen, als er bisher zugegeben hat.

Dann aber ändert die Begegnung mit einem Drachen plötzlich alles: Noah bringt es nicht über sich, das Jungtier zu erschiessen, und Drachenmädchen Asha zögert ihrerseits, ihn mit ihrem Feuer zu töten. Dieser Moment bringt für beide ihr eingebranntes Feindbild ins Wanken. Als Asha den von Noah angebotenen Apfel annimmt, ahnen beide, dass es eine andere Möglichkeit des Weiterlebens geben muss als die von Furcht und gegenseitiger Vernichtung. Doch können sie es schaffen,
auch die anderen zum Umdenken zu bewegen? Noahs Vater ist vom Hass auf die Drachen zerfressen – wie soll Noah ihn daran hindern, seinen erbarmungslosen Feldzug weiterzuführen, dem wenig später ausgerechnet Ashas Mutter, eine Drachenkönigin, zum Opfer fällt?

Mari Mancusi hat hier einen sehr empfehlenswerten Fantasyroman aus zwei Perspektiven (Noahs und Ashas) geschrieben. Ohne zu grosses Pathos vermittelt sie die Gefühle der Kontrahent:innen, die sich einander über Wochen zögernd und respektvoll annähern. Ein Plädoyer für ein friedliches Miteinander in einem düster-urbanen Zukunftssetting vor grandioser Kulisse.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/24, S. 32

Für den 11-jährigen Noah sind Drachen das Schlimmste, was es gibt. Seit sie vor fünf Jahren die Welt überfallen haben, schlagen er und sein Vater sich in den Ruinen New Yorks mehr schlecht als recht durch – immer auf der Hut vor angreifenden Drachen. Doch dann bringt es Noah nicht übers Herz, ein Drachenbaby zu töten, und zwischen den beiden entsteht eine besondere Verbindung. Damit wandelt sich diese Near-Future-Fantasy vom Action- zum Gesellschaftsroman, der einigen Stoff zum Nachdenken und Diskutieren bietet.

Cato und die Dinge, die niemand sieht
Yorick Goldewijk
Aus dem Niederländischen von Sonja Fiedler-Tresp
Verlag: Dragonfly, Publiziert: 2024, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7488-0260-0
Schlagwörter: Tod/Trauer | Familie/Familienformen | Reisen

Für ihre zwölf Jahre ist Cato ein ziemlich einsames und wütendes Kind. Einsam, weil ihr Vater seit dem Tod von Catos Mutter wie in Trance durchs Leben wandelt. Wütend, weil sie in einer Welt leben muss, in der sie und ihre Mutter nicht gleichzeitig existieren können. Dem emotionalen Abgrund, der Cato täglich aufs Neue zu verschlingen droht, begegnet sie mit mutigem Trotz und Rebellion. Sie liebt Zombiecomics, trägt
schräge Klamotten und interessiert sich für alles Absonderliche. Ihre Nachmittage verbringt sie damit, in der Gegend umherzustreuen und Dinge aufzuspüren, die anderen verborgen bleiben.

Eines Tages findet sie einen Flyer, der Werbung macht für «Filme, die nirgendwo laufen, die Sie aber immer schon mal sehen wollten». Als Adresse ist ein seit Jahren leer stehendes Kino angegeben. Hier lernt Cato die mysteriöse Frau Kano kennen, die ihren Gästen Zeitreisen in die Vergangenheit anbietet. Als Begleitzeitreisende nimmt sie Cato bald regelmässig mit in ihre eigene Erinnerung. Und als wäre dies nicht schon abenteuerlich genug, lernt Cato dort Dickie, einen ebenso einsamen Jungen kennen, in dem sie schliesslich ihren Vater erkennt.

In seinem mit dem «Goldenen Griffel 2022» ausgezeichneten Kinderroman greift der niederländische Autor Yorick Goldewijk die Idee der Zeitreise auf. Den magischen Aspekten gibt er dabei eine klare Funktion in Catos Entwicklungsgeschichte. Denn ihre transzendentalen Erfahrungen im Kino bewirken Veränderungen in ihrem realen Leben, vor allem in ihrer belasteten Beziehung zu ihrem Vater, und helfen ihr, in einer sehr bewegenden Szene den Tod ihrer Mutter zu akzeptieren.

Alice Werner
Buch&Maus 1/24, S. 31

Wer schnappt Ronaldo? Kopfgeld auf ein Chamäleon
Benjamin Tienti
Verlag: Dressler, Publiziert: 2024, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7513-0109-1
Schlagwörter: Abenteuer | Armut | Diversität

Nivins grösster Traum ist ein eigenes Zimmer. Kein Wunder, denn ihre achtköpfige Familie teilt sich eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Da «ist immer irgendwer in der Nähe und mischt sich […] ein». In den Ferien entdeckt Nivin auf einem ihrer Streifzüge durch das hochsommerliche Berlin einen Aushang: Chamäleon Ronaldo wird vermisst, und dem Finder oder der Finderin winken 5000 Euro Belohnung. Klar, dass Nivin sich prompt auf die Suche macht. Mit dem Geld wären alle ihre Probleme sofort gelöst: Ihr älterer Bruder Rabi könnte damit die Kaution für eine eigene Wohnung bezahlen – und Nivin bekäme das Zimmer, das er aktuell mit Frau und Baby bewohnt. Allerdings ist Nivin nicht die Einzige, die auf den Finderlohn scharf ist …

Benjamin Tienti erzählt von finanzieller und sozialer Ungleichheit, ohne dass der Spass zu kurz kommt. Nivin und Linus, mit dem sie sich zusammentun muss, um ihr Ziel zu erreichen, sind das perfekte Duo. Denn so gegensätzlich die beiden auf den ersten Blick scheinen – sie immer geradeaus, «Berliner Schnauze» mit Migrationshintergrund, er hochintelligenter Sonderling aus gutsituierter Familie mit jeder Menge ADS-Ticks –, gemeinsam wissen sie sämtlichen Herausforderungen clever Paroli zu bieten.

Das kurzweilige Ferienabenteuer, das in einer Berliner Schrebergarten-Kolonie spielt, vereint die Elemente des Kinderkrimis nahtlos mit denen einer Freundschaftsgeschichte und ist humorvoll und in einer leicht verständlichen Sprache erzählt. Die witzigen Schwarz-Weiss-Zeichnungen von Bea Davies – manchmal sind es auch kleine Comicstrecken – erinnern an Karikaturen und ergänzen den Text perfekt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/24, S. 31

Nivin, elf, braucht dringend Geld, damit ihr Bruder ausziehen kann und sie endlich ein eigenes Zimmer bekommt. Der Finderlohn für ein ausgebüxtes Chamäleon käme gerade recht. Doch auch Linus scheint es auf den verschwundenen Ronaldo abgesehen zu haben und so gehen die zwei grundverschiedenen Kinder bald gemeinsam in einer Schrebergartensiedlung auf Reptilienjagd. Ein Grossstadtabenteuer mit einem vielfältigen Figurenarsenal und einer frechen, witzigen Erzählstimme.

Spuk im Kiosk
Lena Hach
Verlag: Gulliver, Publiziert: 2024, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-81341-1
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror | Freundschaft

Im Kiosk von Fritzis Grosseltern geht es nicht mit rechten Dingen zu: Himbeer-Lollies verschwinden, Limonadenflaschen explodieren und süsse Bonbons verwandeln sich in feurig-scharfe Überraschungen. Fritzi will dem Spuk auf den Grund gehen. Zusammen mit ihrem besten Freund Carlos übernachtet sie im Kiosk und erlebt eine geisterhafte Überraschung: Das Gespenst Balduin erscheint. Er versucht, den Fluch zu brechen, der seit 104 Jahren auf ihm lastet und ihn zwingt, im Kiosk zu spuken. Fritzi und Carlos beschliessen, ihm dabei zu helfen.

Beworben wird Lena Hachs Buch vom Verlag mit dem Hinweis: «[…] auch für Kinder, denen das Lesen noch nicht leichtfällt». Dieses Versprechen hält die Autorin ein – nicht nur durch eine dem Lesealter angemessene Sprache, sondern auch mit der kurzweiligen Geister-Abenteuergeschichte mit einer Prise Humor, die zügig ihren Höhepunkt erreicht und bestens unterhält. In ihrer Konzeption überzeugen die Hauptfiguren, deren Lebenswelten denen der jungen Leser:innen angepasst sind: Während Fritzi ihren Grosseltern im Kiosk hilft, den ihre Mutter nicht übernehmen wollte – ein Vater wird in dieser Familienkonstellation nicht erwähnt –, hat Carlos gleich zwei Väter, die sich um ihn kümmern.

Zugleich werden Leser:innen mit Kultureinrichtungen wie der städtischen Bibliothek und dem Heimatmuseum vertraut gemacht, die nicht nur Schauplätze der Handlung sind, sondern selbstverständlich das Stadtbild prägen.

Hachs Buch lässt sich wunderbar in der Leseförderung einsetzen – und macht zudem gleichzeitig mit kulturellen Einrichtungen vertraut.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/24, S. 30

Im Kiosk von Fritzis Grosseltern geschehen plötzlich seltsame Dinge: Himbeer-Lollis verschwinden, Limonadenflaschen platzen und Bonbons werden zu scharfen Überraschungen. Fritzi und ihr Freund Carlos gehen dem Spuk auf den Grund. Dabei treffen sie auf Balduin, einen Geist, der unter einem Fluch steht. Gemeinsam beschliessen sie, ihm zu helfen und ein spannendes Abenteuer voller Witz und Fantasie beginnt. Ideal zum Vorlesen, dank zugänglicher Sprache und liebevollen Illustrationen.

Himmelwärts
Karen Köhler
Verlag: Hanser, Publiziert: 2024, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27922-3
Schlagwörter: Tod/Trauer | Abschied | Freundschaft

«Do you copy? This is Delta Papa Zero India Sierra Sierra. Over.» Was aus dem selbst gebastelten Weltraumempfänger schallt, den Toni und ihre Freundin YumYum nachts im Garten aufgestellt haben, klingt nicht nach Tonis Mama. Dabei wollte Toni, die so sehr unter «Komplettvermissung» leidet, mit dem Radio ihre kürzlich verstorbene Mutter erreichen – um zu prüfen, ob sie auch wirklich im Himmel ist. Stattdessen meldet sich die Astronautin Zanna, die in der ISS-Station die Erde umkreist. Toni und YumYum können kaum glauben, dass sie tatsächlich Kontakt mit dem Weltraum aufnehmen konnten. Während die Mädchen in ihre Schlafsäcke eingewickelt und mit Chips und Marshmallows ausgestattet im Garten sitzen, entspinnt sich zwischen ihnen und Zanna ein Funkgespräch über Gott und die Welt, die vielen grossen und kleinen Dinge des Lebens: über die Endlichkeit, über Schwarze Löcher und andere Geheimnisse des Alls, über die Schönheit unseres Blauen Planeten, die Toilettenspülung der ISS und die besten Chipssorten.

«Himmelwärts» – zunächst als Theaterstück für das Junge Theater Ingolstadt konzipiert – ist ein aussergewöhnlicher Kinderroman. Die Hamburger Autorin Karen Köhler scheut sich nicht, ihre Leser:innen mit tiefgehenden lebensphilosophischen Fragen und starken Gefühlen zu konfrontieren. Eindringlich und zum Heulen schön schreibt sie etwa über Tonis schreckliche Angst, ihre Mutter nach und nach zu vergessen. Statt oberflächlichem Trost bietet sie ihrer Heldin kreative Trauerbewältigungs-strategien an (Erinnerungstagebuch schreiben, an Wunder glauben, kosmische Geräte bauen, Herumblödeln). Und am Ende weiss Toni, dass man Schmerz nicht überwinden, sondern zulassen muss.

Alice Werner
Buch & Maus 1/24, S. 30

In «Himmelwärts» erzählt die zehnjährigen Toni berührend, wie sie den Tod ihrer Mutter bewältigt. In einer lauen Sommernacht versucht sie gemeinsam mit ihrer besten Freundin YumYum mittels eines selbstgebastelten kosmischen Radios Kontakt zur Mutter im Himmel aufzunehmen. Anstelle der Mutter antwortet überraschend eine Astronautin auf der ISS. Mit ihr entspinnt sich ein berührender Dialog zwischen Erde und Himmel über das Vermissen, den Tod und die Zeit. Die Geschichte ist reich an tröstlichen Bildern, die sowohl in der Sprache als auch in den Illustrationen zum Ausdruck kommen.

Ich bin hier!
Joke van Leeuwen
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2024, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6256-8
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Abenteuer

Kinderliteratur, die in Bild-Text-Kombinationen auf mehreren Ebenen – sprachlich, bildlich, typografisch – erzählt, ist nichts Neues, schaut man auf Joke van Leeuwens Werk. Denn multimodal sind ihre Kinder-geschichten von Anfang an. Schon bei der Nominierung eines ihrer ersten Kinderbücher 1986 für den Deutschen Jugendliteraturpreis hiess es: «Die originellen, humorigen und auch nachdenklichen Einfälle der niederländischen Autorin fliessen harmonisch und spielerisch in Zeichnungen und Textabschnitten ineinander.» Schwarz-weisse, berührend ungeschönte Zeichnungen wie von Kinderhand ergänzen den Text mehr, als sie ihn illustrieren. Die Bilder müssen mitgelesen werden; was sie zeigen, wird nicht schriftlich wiederholt. Auch ihr jüngstes Buch «Ich bin hier!» steht in dieser Tradition.

Die Heldin Jona hat nur noch ihren Vater. Da er alles immer gleich macht, soll sie nach der Schule jeweils still in seinem Arbeitszimmer bei ihm sitzen, bevor sie nach Arbeitsschluss Tag für Tag in derselben Gaststätte das Tagesgericht essen gehen. Nach vielen Seiten gleicher Tagesabläufe mit innerweltlichen Gedanken und Gefühlen des Mädchens kommt der äussere Handlungsumschwung unerwartet. Plötzlich steht das Hochhaus unter Wasser und wird, während Jona auf dem Dach ist, vollständig geräumt. Sie ist allein.

Was sie Tapferes, Fantasievolles bis zu ihrer Rettung macht, ist äusserst kurzweilig zu lesen. Das liegt neben der gekonnten Dramaturgie am Erzählduktus, der das kindliche Erleben auch sprachbildlich, mit Neologismen, musterhaften Wendungen und Mehrdeutigkeiten, wiedergibt. Wie ein Kind den kollektiven niederländischen Albtraum erlebt – Joke van Leeuwen fängt es meisterlich ein.

Ina Nefze
Buch&Maus, 1/24, S. 30

Die Tochter der Zauberin
Paul Maar
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2024, Seiten: 90, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0427-9
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Fantastik/Fantasy | Familie/Familienformen

Als Tochter einer mächtigen und zauberkundigen Mutter hat es die elfjährige Malefizia, kurz Fizzi, nicht leicht – besonders deshalb nicht, weil sie selbst eher friedliebend ist, ihre Mutter aber am liebsten grundlegend böse Zauber wirkt. Weil ihr Mann sie deshalb als Hexe bezeichnet, verzaubert sie ihn kurzerhand in einen Koffer. Fizzi weiss, dass es nun an der Zeit ist, ihre eigenen magischen Kräfte zu stärken und sich ihrer Mutter zu widersetzen.

Mit «Die Tochter der Zauberin» hat Paul Maar ein modernes Märchen geschrieben. Ein Zauber der Mutter versetzt Fizzi und ihren Vater − jetzt in Form eines singenden Koffers − in eine seltsame Zwischenwelt. Hier müssen sie an der Seite von sprechenden Tieren verschiedene Abenteuer bestehen, bis es Fizzi gelingt, ihren Vater zurückzuverwandeln und sich erfolgreich gegen ihre Mutter zu wehren. Zaubern kann sie am Ende so gut wie ihre Mutter, nur dass Fizzi sich für gute Zauberei entscheidet.

Obwohl der kleine Kinderroman mit Humor, Zauberei, einer echten Heldinnenreise und sprechenden Tieren alle Zutaten für eine schöne Fantasygeschichte hat und auch mit den locker eingestreuten Zeichnungen von Hannes Maar, Paul Maars Enkel, schön gestaltet ist, überzeugt er nicht ganz. Das mag daran liegen, dass er über weite Strecken aus Dialogen zwischen Fizzi, dem Koffer und einem Fuchs besteht und im Grunde nicht viel passiert. Die Figuren bleiben märchentypisch statisch, wodurch man nicht wirklich mit ihnen mitfiebert. Die Botschaft «geh deinen Weg und lass dich nicht beirren» ist gut, der Weg dahin jedoch leider ein bisschen langatmig.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/24, S. 29

Ameisen in Adas Bauch
Stefanie Höfler, Illustration: Philip Waechter
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2024, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75895-8
Schlagwörter: Gefühle | Identität/Individualität

Ein Kinderbuch über leise und laute Gefühle

Als Adas Erzieherin wissen will, wie ihr Tag gewesen sei, bleibt die Sechsjährige stumm: «Alle Worte stecken ganz weit unten im Bauch. Ziemlich viele Worte sind das, und zusammen ergeben sie einen kratzigen Berg aus Kurven und Zacken und Kanten, der sich nicht in Adas Mund traut.» Denn Adas beste Freundin und der doofe Linus haben sich über Ada lustig gemacht.

Über eigene Gefühle sprechen ist schwer, doch mitzubekommen, dass es anderen ähnlich geht, hilft: Das ist sicher auch eine der Überlegungen hinter «Ameisen in Adas Bauch». Der Untertitel «Ein Kinderbuch über leise und laute Gefühle» macht deutlich, dass ein Sachthema und die pädagogische Verwertbarkeit mitgedacht sind: ein Buch als Sprungbrett, um über eigene Gefühle zu sprechen. Der episodenhafte Aufbau hilft dabei. Einzelne Kapitel, die – ohne es zu benennen – je ein Gefühl wie Schadenfreude, Ekel oder Stolz thematisieren, lassen sich gut auch einzeln lesen. Von ähnlichen Projekten hebt das Buch ab, dass die Kapitel zusammengehalten werden durch die übergeordnete Geschichte, wie Ada sich nicht traut, im Freibad den Kopf unterzutauchen, bis sie es am Ende, zum für sie richtigen Zeitpunkt, doch tut. Und mehr noch wird es zusammengehalten von diesem kleinen Persönchen Ada, das Illustrator Philip Waechter zu munterem Leben erweckt: Ada, die elf Zentimeter zu klein ist für ihr Alter, die sich auf die Schule freut und trotzdem Angst davor hat und deren Beine spaghettilang wachsen, wenn Mama sie «meine Grosse» nennt. Stefanie Höfler zeigt dieses Mädchen in seiner ganzen inneren Vielfalt und macht bewusst, dass der Umgang mit Gefühlen beim Kind stets eine Gelegenheit zum Wachsen bietet.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/24, S. 29

Scham und Enttäuschung, Angst und Stolz, Ekel und überbordende Freude: So viele Gefühle in einem so kleinen Menschen! Jede der kurzen Episoden in diesem Buch dreht sich um ein Gefühl, mit der die sechsjährige Ada im Sommer vor Schulbeginn konfrontiert ist. Die bildhaften, empathischen Beschreibungen, aufgeteilt nach den Phasen eines Sommergewitters und humorvoll illustriert, stellen den Umgang mit Gefühlen als wichtige Entwicklungsaufgabe dar und laden zum Austausch über eigene Erfahrungen ein.

Pollys Post
Jutta Nymphius, Illustration: Volker Fredrich
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2024, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-626-0
Schlagwörter: Tod/Trauer | Familie/Familienformen | Generationen

Dass die 2023 gestartete Tulipan-Reihe «Was guckst du?!» fortgesetzt wird, ist mit Blick auf die schlechten Studienergebnisse zur Lesefähigkeit von Schulkindern sehr zu begrüssen. Denn das von Autorin Jutta Nymphius und Illustrator Volker Fredrich entwickelte Leseförder-Konzept zielt auf Kinder, die lesen können, aber noch Lesepraxis benötigen. Dazu braucht es Bücher mit Stoffen, die gut lesbar sind, und die neben einer zugänglichen Schrifttype mit einem aufgelockerten Layout aufwarten. Darum erzählen hier Bild und Text abwechselnd: zwei Seiten mit überwiegendem Textanteil werden von einer Doppelseite abgelöst, auf der primär visuell erzählt wird. Gefördert werden so neben sprachlicher Literacy auch visuelle Kompetenzen.

Der Erzählanlass im neuen Buch ist traurig: Polly vermisst ihre kürzlich verstorbene Oma und schickt ihr ihn an der Schnur eines Luftballons einen Brief himmelwärts. Im Brief wird deutlich, welche Lücke das Fehlen der alten Dame im Leben ihrer Enkelin bedeutet. Zu Pollys Glück bekommt sie Antwort, und es entsteht eine Konversation, die Polly tröstet. Bis an einem Tag zwei für Polly schreckliche Dinge passieren: Sie bemerkt, dass Oma nicht die Briefeschreiberin sein kann, und in einem Theaterstück, bei dem Polly mitmacht, wird ihr grösster Widersacher die Hauptrolle spielen. Ab hier kommt Spannung in die Geschichte. Polly wird zur Detektivin, findet zu eigener Stärke und im Briefeschreiber einen Freund, der die Rolle der Oma übernehmen kann.

Eine zauberhafte, stimmig komponierte und ästhetisch reizvolle Geschichte, die Elemente des Briefromans nutzt, um die Ich-Perspektive zu spiegeln und zu vertiefen.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/24, S. 29

Fuchs und Bär
Miriam Körner
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2024, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0419-4
Schlagwörter: Arbeit | Natur

Bär und Fuchs sind zufrieden mit ihrem Leben. Sie pflücken Beeren und holen Eier aus den Nestern – so viele, wie sie gerade brauchen. Die übrige Zeit döst Bär oder schaut sich den Sonnenuntergang an, während Fuchs Schätze sucht und vergräbt. «Wäre es nicht schön, wenn wir nicht tagein, tagaus jagen und sammeln müssten?», fragt Fuchs eines Tages. Die harmlose Idee artet zu einer Hamsterrad-Situation aus, wie sie für die heutige Gesellschaft kennzeichnend ist.

Um mehr Zeit zum Ausruhen zu haben, arbeiten die beiden Tag und Nacht, sie pflanzen und bauen automatische Vogelfütterer und Bewässerungsanlagen. Die Maschinen werden grösser und schneller – auf Kosten der Natur: Die beiden müssen immer mehr Bäume fällen, um die Maschinen anzufeuern. Der Unterhalt braucht mehr Zeit, und die Jagd nach Freizeit wird immer absurder, bis Bär die Reissleine zieht.

In ihrer Kritik an Effizienzsteigerung und dem Drang nach immer mehr zielt die Geschichte zwar auf die Erwachsenenwelt ab. Trotzdem ist sie auch für Kinder nachvollziehbar, denn was Fuchs und Bär tun, ist konkret und anschaulich, erst recht durch die Bildsprache.

Miriam Körner hat eine ganze Welt aus Altkarton und baumfreiem Papier geschnitten, geklebt, gebaut und gekonnt fotografiert. Zusätzliche Tiefe bekommt sie durch Beleuchtung und Schattenwurf. Auf einer Doppelseite blickt man sogar in einem Querschnitt unter die Erde und erkennt die Baumwurzeln und die Schätze von Fuchs. Maschinen und Baustellen sind aufwendig und detailliert ausgestaltet und machen sofort Lust, eine eigene Welt aus Karton zu schaffen.

Andrea Lüthi
Buch&Maus 1/24, S. 27

Nächste Haltestelle
Sonja Bougaeva
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2024, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0865-7
Schlagwörter: Reisen | Fantasie

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen… So geht es dem kleinen, etwas schüchternen Pinguin Pico, der sich ganz schön was traut. Ganz alleine meistert er eine lange Zugreise und kommt genau am richtigen Ziel an. Die Idee dazu kam Sonja Bougaeva bereits vor fünf Jahren beim «Zug-Spiel»: Gemeinsam mit ihrer Tochter hat sie fantastische Stationen erfunden, an denen sie gerne aussteigen würden. Auch ein sehr persönliches Ende präsentiert Bougaeva hier, da der Weg durch Wald und Wiese mit gemeinsamem Picknick auf einer ihrer Kindheitserinnerungen beruht.

Text und Bild befruchten sich gegenseitig, und mit auch typografisch abgehobenen Lautmalereien setzt Bougaeva gelungene Akzente in den Text, der uns in die Gedanken, Fragen- und Gefühlswelt der Hauptfigur hineinnimmt. Mit üppigen Gouachefarben in Pastelltönen schöpft Bougaeva aus dem Vollen: Sie taucht die malerischen, surrealen Doppelseiten in ganz unterschiedliche Farbstimmungen und erzeugt so eine kontrastreiche und abwechslungsreiche Szenerie, die atmosphärisch an die Gemälde von Edward Hopper erinnert.

Auch die fantastischen Figuren und die originellen Details bieten Überraschungen und Raffinesse. Denn wer hat schon einmal einen Heissluftballon in Ananasform gesehen oder einen Hund, der Seifenblasen pustet? Welches Kind mag sich noch mehr Stationen ausdenken? Und wer erzählt von einer erlebten Zugreise oder einem Traum, wo die Reise in Zukunft einmal hingehen soll?

Schön, wie man hier fast wie von selbst vom Staunen und Betrachten ins eigene Erzählen abdriften kann – ähnlich mühelos, wie scheinbare Realität in Fantasie übergeht. Gute Reise!

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/24, S. 26

Die kleinen Bücher der kleinen Brontës
Sara O’Leary, Illustration: Briony May Smith
Aus dem Englischen von Diana Steinbrede
Verlag: Von Hacht, Publiziert: 2024, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96826-036-5
Schlagwörter: Lesen | Geschwister

«Wuthering Heights» von Emily Brontë, aber auch die Romane ihrer Schwestern, vor allem «Jane Eyre» von Charlotte, zählen in der englischen Literatur zu Klassikern des 19. Jahrhunderts. Doch nicht nur die drei Schwestern waren schriftstellerisch tätig, sondern auch ihr Bruder Branwell, von dem das berühmte Gemälde der drei Frauen stammt. Dies lässt vermuten, so Sara O’Leary im Vorwort ihres porträtierenden Sachbilderbuches über die Brontë-Kinder, dass das Umfeld, in dem sie aufwuchsen, ihre künstlerischen Fähigkeiten besonders förderte – obwohl die Kinder bekanntermassen kein einfaches Leben hatten, da ihre Mutter früh starb und das Pfarrhaus des Vaters abgelegen in der Moorlandschaft Yorkshires lag.

Die Halbwaisen waren eine verschworene Gemeinschaft, in der sie viele Bücher (aus dem Nachlass der Mutter) lasen und einander Geschichten erzählten, wie bereits das Cover zeigt. Wer genau hinschaut, entdeckt zudem ein Geschenk des Vaters, das die Kreativität der Brontë-Kinder angefacht hat: Als die Kinder im Jahr 1829 Holzsoldaten geschenkt bekamen, gab jedes Kind seiner Soldatenfigur einen Namen und einen ganz eigenen Charakter. Zudem kamen sie auf die Idee, deren Abenteuer in selbst gebastelten Büchlein festzuhalten.

Das Miniaturexemplar, um das es im Bilderbuch geht, wurde 2022 in New York versteigert. Heute steht es im britischen «Brontë Parsonage Museum». Durch eine Anleitung zur Erstellung eigener Miniaturbücher wird das Hauptmotiv des erzählenden Teils dieses Bilderbuchs als Inspiration an heutige Kinder weitergegeben. Eine schöne Idee!

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/24, S. 26

Der Wortschatz
Rebecca Gugger, Simon Röthlisberger
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2024, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10670-5
Schlagwörter: Sprachspiel | Kreativität

Morgenblöd, tagtraumverloren, schnurzpiepegal – kreuz und quer tummeln sich schon auf dem Vorsatzpapier jede Menge origineller Adjektive als sprachlustiger Vorgeschmack auf die Magie der Wörter. Das Schweizer Künstlerpaar nimmt den doch eher linguistisch-trockenen Begriff des «Wortschatzes» nämlich wortwörtlich, und so buddelt ihr Schatzgräber Oscar gleich auf der ersten Seite eine prächtige Truhe aus. Fabelhaft! Doch statt Diamanten, Ritterrüstungen oder tollen Spielsachen (all dies ist detailverliebt in Reih und Glied gezeichnet) knuddelt sich im Inneren nichts als ein beachtliches Durcheinander von Wörtern.

Deren Buchstaben werden hier zu Objekten und so zupft, zieht und quetscht Oscar ratlos an einem «quietschgelb» herum und schleudert es schliesslich gelangweilt ins Gebüsch. «Einen Moment später galoppierte ein ziemlich aufgebrachter, quietschgelber Igel an Oscar vorbei.» Zauberei! Zack, klatscht Oscar «haarig» an die Eiche, und schwupps, hat diese eine tolle Mähne. Natürlich folgen weitere wilde Experimente, denn nun faxt Oscar buchstäblich mit Sprache herum: «Federleicht» wird der Bagger, «monströs» der Käfer – mit den Wörtern werden ganz neue Wirklichkeiten kreiert.

In Szene gesetzt wird das auf kleinen und ganzseitigen Illustrationen, im dynamischen, farbenprächtigen Spiel mit filigranen Details, schrägen Perspektiven und Grössenverhältnissen. Am Ende ist die Kiste leer – was tun? Die meisten Erwachsenen haben keine Zeit für solche Kinkerlitzchen, doch zum Glück trifft Oscar auf Louise, eine begeisterte Wörter(er)finderin…

Ein Buch, das Lust macht auf Buchstaben und Sprache – frühlingsfrisches Schmökerfutter zum «Weiterspintisieren» mit pädagogischem Zusatzmaterial.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/24, S. 26

Oscar buddelt eine Truhe aus – was da wohl drin sein könnte? Voller Wörter ist sie! Gelangweilt wirft Oscar eines ins Gebüsch, da springt ein quietschgelber Igel ins Bild. Freudig überrascht wirft Oscar mit den Wörtern nur so um sich. Eine haarige Eiche oder ein monströser Käfer sind das erstaunliche Resultat. Als die Kiste leer ist, macht sich Oscar auf die Suche nach neuen Worten und entdeckt, wie er selbst Wörter erfinden kann. Mit detailreichen Illustrationen und viel Witz erzählt das Künstlerpaar vom kreativen Umgang mit Worten. Eine Steilvorlage für angehende Wortkünstler:innen.

Globine
Sibylle Aeberli, Illustration: Samuel Glättli
Verlag: Globi Verlag, Publiziert: 2024, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85703-492-3
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Globine lebt mit Eichhörnchen Mathilda in einem Baumhaus – doch dort bleibt sie selten. In jedem der actionreichen Comicbände werden die beiden Abenteurerinnen herausgefordert. Globine stellt ihr technisches Können und ihren Erfindungsreichtum unter Beweis, wenn es darum geht, einen Heissluftballon wieder flugtüchtig zu kriegen, ein Biotop für Vögel anzulegen oder eine Bibliothek aufzubauen.

Akissi
Marguerite Abouet, Illustration: Mathieu Sapin
Aus dem Französischen von Ulrich Profröck (Bd. 1/2) und Annette von der Weppen (Bd. 3–5)
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2024, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-261-6
Schlagwörter: Kulturen | Humor/Komik | Geschlechterbilder

Akissi ist ein aufgewecktes Mädchen. Ihr Talent für Schabernack und absurde Situationen stellt sie in den humorvollen Comic-Kurzgeschichten immer wieder unter Beweis. Mit Cleverness und Schlagfertigkeit behauptet sich die Primarschülerin zwischen grossstädtischer Schule und grosselterlichem Bauernhof in ihrer Heimat, der Elfenbeinküste.

Mika Mysteries
Johan Rundberg
Verlag: Silberfisch, Publiziert: 2023, ISBN/ISSN/EAN: 9783844943566
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Historisches | Armut

Der Ruf des Nachtraben

«Mika Mysteries» nimmt die Leser:innen mit in den bitterkalten Winter 1880 in Stockholm. In einem Waisenhaus lebt Mika, die eines Nachts ein Neugeborenes in Empfang nimmt. Kurz darauf wird eine Leiche gefunden, und weil ein Zusammenhang vermutet wird, wird sie als Zeugin befragt. Dadurch fällt dem leitenden Ermittler ihre Beobachtungsgabe auf, worauf sie zusammen an der Lösung des Falls arbeiten. Schonungslos werden dabei die historischen Umstände von Armut und sozialer Ungerechtigkeit geschildert. Sprecherin Julia Nachtmann entfaltet mit ihrer Stimme einen thrillergerechten düsteren Sog.

Ungekürzte Lesung
(Buch: Magellan 2025)

Tierische Aussenseiter
Nils Mohl, Illustration: Katharina Greve
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2023, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-4149-0
Schlagwörter: Tiere | Humor/Komik

Reime über unknuddelige Grosse wie Kleine mit und ohne Beine. Für Kinder und Erwachsene

Die kurzen Gedichte erzählen kleine Geschichten voller Sprachwitz rund um unknuddelige Spinnen, rasselnde Asseln oder glitschige Salamander. Die Reise in die abenteuerliche Welt der Aussenseiter wird begleitet von grafisch reduzierten, humorvollen Illustrationen von Katharina Greve. Rasch avancieren die ungewöhnlichen, mal wilden und frechen, mal sensiblen und traurigen Figuren zu neuen Lieblingstieren. Und eines wird klar: «Alle Aussenseiter / sind doch meist die grössten Fighter!»

Pizzakatze
Will Gmehling, Illustration: Antje Damm
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2023, Seiten: 23, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0696-6
Schlagwörter: Essen | Humor/Komik

Fratze, Tatze, Glatze – alles reimt sich, wenn die richtigen Protagonisten an den Start gehen! Mit Roller und Anhänger braust Pizzakatze Pia los und liefert aus, was das Zeug hält. Sie fährt vor und hupt volles Rohr. Für Suleikas Oma extra scharfe Pizza Roma, für die Kinder in der Kita echte Pizza Margherita. Für alle Geschmäcker kann sie was liefern! Will Gmehlings fröhlich gereimte Ode an die Pizza ist, gespickt mit Antje Damms knallbunt-witzigen Illustrationen, ein Ohren- und Augenschmaus. Höchst dynamisch und definitiv nicht nur für Pizzaliebhaber:innen!

 

Games
Patrick Oberholzer
Verlag: Splitter, Publiziert: 2023, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-98721-253-6
Schlagwörter: Gewalt | Migration

Auf den Spuren der Flüchtenden aus Afghanistan

«Games» nennen afghanische Flüchtende ihre Versuche, eine Grenze zu überqueren. «Manche Leute brauchen zwanzig oder vierzig Games, um es zu schaffen», erklärt Ziya, einer von fünf jungen Menschen aus Afghanistan, die von ihrer gefährlichen Flucht nach Europa bis zum Ankommen in der Schweiz erzählen. Das Besondere dieser Graphic Novel: Die furchtlosen Protagonist:innen kommen selbst zu Wort, ein allwissender Erzähler ordnet aber ein und liefert Fakten. So ist «Games» halb packender Comic, halb anschauliches Sachbuch.

«Eines Tages kamen sie dann erneut»: Ein Pickup und ein Motorrad rollen explosionsartig in einer roten Wolke heran, vermummte Taliban mit hochgestreckten Gewehren – dies ist eines der starken Bilder aus Hamids Bericht. «In der Mitte vom Meer hat unser Boot angefangen zu sinken», erzählt die damals schwangere Afsaneh, dazu sieht man das randvoll besetzte Schlauchboot in einer Riesenwelle, darunter blau-schwarze Tiefe. «Mein Tipp: Wenn du flüchtest, nimm Nüsse mit. […] Glaubst du mir, dass ich in diesen zwei Monaten 13 Kilo abgenommen habe?», so Nima, der selbst aus einer Schlepperfamilie stammt. Verschnaufpausen bieten geografische Karten und aktuelle Infos, die teils ratgebermässig wirken: «Wie organisiert man seine Flucht?» oder «Wie viel kostet eine Flucht?»

Zwei Jahre lang hat Patrick Oberholzer Interviews geführt, recherchiert und gezeichnet. Er stellt die grosse Frage: Was muss sich an diesen Rahmenbedingungen ändern? Denn egal, wie viele Versuche es kostet, verzweifelte Menschen geben nicht auf. «Games» ist ein ästhetisch ansprechendes und stilistisch ausgereiftes Werk, das zum Weiterdenken animiert.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/24, S. 37

Für diesen erzählenden Sachcomic hat der Autor und Illustrator mit in die Schweiz geflüchteten Afghaner:innen gesprochen und ein überaus informatives, umfassendes, detailreiches Buch gestaltet, das mit Mythen aufräumt und mit Fakten aufklärt. In Kapiteln, die entlang der durchquerten Regionen aufgeteilt sind, werden fünf Fluchtschicksale nachgezeichnet und auf eingestreuten Infoseiten Prozesse und Zahlen grafisch aufbereitet.

Die Geschichte der Israelis und Palästinenser
Martin Schäuble
Verlag: Hanser, Publiziert: 2023, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27933-9
Schlagwörter: Krieg | Kulturen

Der Nahost-Konikt aus Sicht derer, die ihn erleben

«Wir müssen allen zuhören, immer und immer wieder. So lässt sich der Konflikt zwar nicht lösen, doch ein bisschen mehr verstehen. Das kann ein Anfang sein», schreibt Martin Schäuble auf der Website des Hanser-Verlags. Viele Male ist der Autor nach Israel und Palästina gereist, und er hat zahlreiche Bücher über den Nahen Osten geschrieben. Jetzt ist sein Jugendsachbuch «Die Geschichte der Israeli und Palästinenser» – in einer stark überarbeiteten Neuauflage – zum Buch der Stunde geworden.

Schäuble vermittelt einen weit in die Geschichte zurückgreifenden Überblick in die geo- und lokalpolitischen Zusammenhänge und religiösen Hintergründe des Nahostkonflikts. Vor allem aber lässt er Israelis und Palästinenser:innen zu Wort kommen: Menschen, die die Zivilgesellschaft vorantreiben wollen, militante Kämpfer, Flüchtlinge in Lagern, Juden und Jüdinnen aus aller Welt, die nach Erez Israel einwanderten; Menschen, die in diesem Konflikt Angehörige verloren haben, Siedlerinnen und palästinensische Taglöhner. Wo der Autor nicht mehr mit Zeitzeug:innen sprechen konnte, greift er unter anderem auf Archivmaterial zurück. Es ist eine Stärke des Buches, dass Schäuble all diese Erinnerungen, Erfahrungen und Meinungen unkommentiert nebeneinanderstellt und so über individuelle Schicksale hinaus die Komplexität des Konflikts manifestiert. Zitate aus wichtigen politischen Entscheiden und Reden sind vom Lauftext abgesetzt. Am Ende jedes Kapitels finden sich ausführliche Medientipps. Eine Zeittafel und Landkarten zu den Grenzverläufen zwischen Palästina und Israel im Verlauf der Jahrzehnte gehören selbstverständlich zu diesem gut lesbaren, äussert informativen Sachbuch für Leser:innen ab Ende Sekundarstufe 1.

Christine Tresch
Buch&Maus 1/24, S. 36

Everest
Alexandra Stewart, Illustration: Joe Todd-Stanton
Aus dem Englischen von Claudia Koch
Verlag: Midas, Publiziert: 2023, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03876-274-4
Schlagwörter: Abenteuer | Natur

Das Abenteuer von Edmund Hillary und Tenzing Norgay

Alexandra Stewart hat zusammen mit dem Illustrator Joe Todd-Stanton in ihrem Sachbilderbuch «Everest» die Geschichte des Mount Everest und dessen Erstbesteigung durch Edmund Hillary und Tenzing Norgay in den Blick genommen. Dabei fangen die beiden die Faszination ein, die die Berge und allen voran der Mount Everest seit langer Zeit auf Menschen ausüben. Geschickt verbindet Stewart allgemeine historische (welt-)politische und gesellschaftliche Entwicklungen mit der Geschichte des Mount Everest und auch den Biografien der beiden Bergsteiger Edmund Hillary und Tenzing Norgay. In seitenfüllenden Bildern werden die Lebensgeschichten der beiden Bergsteiger erzählt, die 1953 als Erste den höchsten Berg der Welt erklommen haben. Zugleich erfahren die Leser:innen, welchen Gefahren Bergsteiger:innen am Mount Everest begegnen und wie aufwendig die Vorbereitungen für eine solche Expedition sind. Fachbegriffe werden direkt im Text verständlich erklärt und erläutert.

Das Buch verdeutlicht dabei, dass Bergbesteigungen nicht immer Erfolgsgeschichten sind, sondern auch Geschichten des Scheiterns und des Umdenkens sein können. Vor allem bedürfen sie einer guten Planung, an deren Ende der Erfolg einer Expedition stehen kann.

Aufgrund der Komplexität des Buches – immerhin umfasst es 72 Seiten – empfiehlt es sich, die Geschichte von Hillary und Norgay mit jüngeren Leser:innen gemeinsam zu entdecken, während sich ältere Leser:innen alleine mit dem Buch auseinandersetzen können – und so hoffentlich ebenfalls die Faszination der Berge entdecken.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/24, S. 36

Der Geschmack von Aprikoseneis
Feurat Alani
Aus dem Französischen von Annette von der Weppen
Verlag: Karl Rauch, Publiziert: 2023, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7920-0375-6
Schlagwörter: Kulturen | Historisches | Migration

Le parfum d’Irak

«In diesem Buch ist jeder Tweet eine Tür», schreibt Rapper Disiz im Vorwort; er hat recht. Feurat Alani, als Sohn irakischer Eltern 1980 in Paris geboren, ist schon als Kind mehrmals zu seiner weit verzweigten Familie in den Irak gereist und arbeitete als Journalist lange in Bagdad und Falludscha. In «Le parfum d’Irak» (die Originalausgabe erschien 2018) öffnet er in exakt tausend Tweets mit jeweils 140 Zeichen winzige Pforten und grosse Tore in den Irak von 1989 bis 2011: Er erzählt vom Leben unter Saddam Husseins Diktatur und dem vernichtenden Embargo der Uno, der amerikanischen Intervention und Besatzung, den Bürgerkriegen. Dabei entsteht das Bild eines gebeutelten, gespaltenen Landes, das als Kriegsschauplatz der Spielball widerstreitender Mächte ist. Zugleich sind da all die Menschen, die sich stets wieder aufgerappelt, neu angefangen und Datteln gegessen haben, wenn der Import von Süssigkeiten verboten war.

Das Buch ist harte Kost, ja, und Alani kein unbeteiligter Beobachter. Er nimmt zutiefst Anteil am Schicksal seines Landes, und auch Blut hat hier seinen Geruch. Doch erzählt wird, um Chimamanda Adichie zu zitieren, keine «single story», die eine Einzelperspektive verallgemeinert und die Situation verzerrt. Bei aller Gewalt entsteht ein komplexes Bild, das, jenseits aller Romantisierung, zutiefst geprägt ist von Wertschätzung für die Vielfalt der Menschen, Erfahrungen und Lebensweisen auch unter schwierigsten Bedingungen. So nimmt der deutsche Titel Bezug auf eine schöne Kindheitserinnerung: «In Mansour halten wir an einer Eisdiele. Ich koste von dem besten Eis, das ich je gegessen habe. Aprikose. Der Duft von Bagdad.»

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/24, S. 35

1000 Tweets, 1000 Einblicke, Erfahrungen, Erinnerungen. Aufgezeichnet hat sie Feurat Alani, Sohn irakischer Eltern. Er wurde 1980 in Paris geboren, reiste oft in den Irak, zuerst mit der Familie, dann als Journalist. Alani ist kein unbeteiligter Beobachter. Er nimmt zutiefst Anteil am Schicksal seiner Heimat und seiner Verwandten, von denen viele in benachbarte Länder fliehen mussten. Er zeigt, wie der Irak zwischen 1989 und 2011 zum Spielball globaler Interessen wurde und wie sich die Daheimgebliebenen nach jedem Krieg wieder aufgerappelt haben und weiter versuchen, ihr Leben in Würde zu leben.

Schatten. Der Pakt
Timo Parvela, Illustration: Pasi Pitkänen
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2023, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8458-5082-5
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Wer sich das Unmögliche wünscht, muss dafür einen hohen Preis zahlen – das lehrt uns die Weltliteratur mit zahllosen Beispielen. Um seine rätselhaft erkrankte Freundin Sara zu retten, wünscht sich der 13-jährige Pete ausgerechnet vom Kaufhausweihnachtsmann, dass sie wieder gesund wird. Darauf bekommt er im Traum Besuch von einem unheimlichen Wesen. Dieses ist bereit, ihm den Wunsch zu gewähren – wenn Pete dafür im Gegenzug etwas Grosses gibt: seinen Schatten.

Ohne zu ahnen, dass er mit seinem Schatten auch sich selbst verliert, willigt Pete ein, wie sein Namensvetter Peter Schlemihl aus Chamissos klassischem Kunstmärchen, und spürt alsbald eine Leere in sich, die sich nach und nach mit negativen Gefühlen füllt. Neid, Hass und Misstrauen beherrschen sein ganzes Denken, nur beim Klang eines Glöckchens spürt er noch etwas von seinem alten Selbst. Als ihm das bewusst wird, beobachtet er sein Umfeld genauer. Haben all die Menschen, die sich so abweisend gegen Fremde verhalten, noch einen Schatten? Wohin sind sie verschwunden? Und wichtiger noch: Ist es möglich, sie zurückzuholen? Und zu welchem Preis?

Die «Schatten»-Trilogie von Timo Parvela und Pasi Pitkänen besticht durch grandiose Farbillustrationen und eine bedrohlich-faszinierende Handlung, in der Märchen und Mythen so verwoben werden, dass wir ein eindrucksvolles und begreifbares neues Bild für unsere gegenwärtige Welt voller Fremdenfeindlichkeit und Krieg erhalten. Obwohl Band eins in eine nordische Vorweihnachtszeit entführt, ist das Buch ganzjährig zu lesen und macht grosse Lust auf die beiden Fortsetzungen – ein absoluter Lesetipp für nervenstarke Jungen und Mädchen ab elf Jahren.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/24, S. 31

Eine Nacht im Garten
Anne Crausaz
Aus dem Französischen von Christiane Widmer
Verlag: Spalentor, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-908142-77-5
Schlagwörter: Natur | Tiere

Anders als in der Romandie sind die Bilderbücher der Lausanner Künstlerin und Grafikdesignerin Anne Crausaz in der Deutschschweiz noch wenig bekannt. Der Basler Verlag Spalentor bringt mit «Eine Nacht im Garten» eine hochwertig gestaltete, grossformatige Ausgabe des 2021 erschienenen Originals auf den deutschsprachigen Markt. Natur und Tiere sind Hauptthemen in Crausaz’ Bilderbüchern, so auch in dieser Geschichte über das nächtliche Treiben in einem Garten.

Vor allem die früheren Werke der Künstlerin waren stark geprägt von der Plakatkunst. In diesem Bilderbuch setzt Crausaz ebenfalls auf klar umrissene Formen, doch spielt die Lichtgestaltung eine zusätzliche Rolle. Öffnen wir das Buch, erwartet uns schwarze Nacht: Die Pflanzen heben sich kaum von der Dunkelheit ab, der Blick schwenkt auf den einzigen hellen Fleck – ein Glühwürmchen. Seite für Seite erkunden wir den Garten. Teils sehen wir Pflanzen, Heuschrecken und Nachtfalter im sanften Leuchten der Glühwürmchen, teils im scharfen Lichtkegel einer Taschenlampe. Mit der Dämmerung steigt Nebel auf, und bald legt sich das erste Morgenlicht auf die Szenerie.

Geschichte und Bilder wirken meditativ, und die Ruhe entsteht auch, weil die Künstlerin viel freien Raum rund um Tiere und Pflanzen lässt. In diesem Mikrokosmos herrscht kein Gewusel. Die Tiere sind nahezu dekorativ angeordnet, sodass ihre Formen und Muster gut erkennbar sind. «Eine Nacht im Garten» ist eine Hommage an die Natur, die einen zum Beobachten einlädt und den langsamen Wandel der Lichtstimmungen in feinen Nuancen mitverfolgen lässt.

Andrea Lüthi
Buch&Maus 1/24, S. 28

Der Marmeladenwolf
Nicole Röndigs, Illustration: Katja Gehrmann
Verlag: CBJ, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-17746-4
Schlagwörter: Tiere | Märchen/Fabel | Generationen

Alles begann mit einem Pflaumenmusklecks auf dem Teller und dem Kommentar des Sohnes: «Guck mal, Mama, ein Marmeladenwolf!» Manchmal haben Kinder die besten Ideen und vor allem Fantasie. Aber man muss als Autorin dann auch in der Lage sein, eine überzeugende Geschichte aus diesem Anfangsimpuls zu entwickeln. Und das ist Nicole Röndigs kurzweilig und humorvoll gelungen. Gekonnt wird hier die
aus Märchen bekannte Wolfsfigur gegen den Strich gebürstet und mit neuen Wendungen verknüpft. Weil ein Junge namens Carlo nicht von ihm gefressen werden will, kommt dieser Wolf nämlich auf den Geschmack von Marmelade-Pausenbroten. Diese nimmt er den Schulkindern bald in solchen Mengen ab, dass die marmeladenkochenden Omas genug haben und aktiv werden… Und so entdeckt der Wolf, unterstützt von einem quicklebendigen Figurenensemble – Carlo, den anderen Kindern aus der Klasse und den hochengagierten Omas – eine neue Leidenschaft.

Ein weiterer Glücksfall sind die Illustrationen von Katja Gehrmann. Mit ihren kraftvollen, grosszügig mit Schwung aufgetragenen Farben zeigt sie den Wolf mal in Grossaufnahme mit weit aufgerissenem Maul, mal konzentriert am Kochtopf – fast wie Paul Bocuse – und mal vor lauter Schreck nach hinten gekippt, als Carlo ihm seine blaue Lügengeschichtenzunge herausstreckt.

Die Gestaltung ist bis ins letzte Detail durchdacht: Marmeladengläser – jedes ein Unikat – auf dem Vorsatzpapier, geschickt integrierte Klebeetiketten, ein Waldbeermarmeladenrezept und unter dem Schmutztitel der zugrunde liegende Marmeladenfleck. Auf die nächste gemeinsame Arbeit, dann zu einer anderen Märchenfigur, darf man gespannt sein.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/24, S. 28

Da ist ein Gespenst im Haus
Oliver Jeffers
Aus dem Englischen von Katharina Naumann
Verlag: Von Hacht, Publiziert: 2023, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96826-035-8
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror

Eine hohe, alte Doppeltür mit Bogenfenster auf einem grob gepixelten SchwarzWeiss-Foto. Aus dem halb geöffneten Spalt blickt ein grünhäutiges, petrolfarben bezopftes Mädchen im Neon-Ringelkleid. «Hallo. Komm doch bitte herein», steht auf dem Weiss der gegenüberliegenden Seite in grosser Schrift. Es ist ein reizvoller Kontrast, mit dem der vielfach ausgezeichnete, US-amerikanische Künstler Oliver Jeffers in seiner spassigen Gespenstergeschichte spielt: Treppauf, treppab führt nun die knalligfarbige Erzählerin durch Originalfotos eines 1760 erbauten Herrenhauses, durch Kamin- und Schlafzimmer, Bad und Bibliothek bis hinauf zum Dachboden. Eine Kulisse voller Atmosphäre und still-vergessenem Retro-Charme, mit alten Möbeln, Plüsch und Stofftapeten.

«Ich habe gehört, dass hier Gespenster im Haus sind! Aber ich habe noch keines gefunden», so bittet sie um Hilfe bei ihrer Suche. Der Clou daran: Zwischen jeder Doppelseite steckt noch ein leicht milchiges Transparentpapier, auf das Jeffers mit zartem Weiss klassische Bettlakengespenster gemalt hat, die beim Umblättern wie von Geisterhand ein lustiges Versteckspiel zwischen Bettpfosten und Sofakissen treiben: Mal kauern sie mit Zeigefinger vor dem unsichtbaren Mund zu zweit unterm Tisch, mal hopsen sie fröhlich auf der Matratze des Baldachinbettes herum oder schaukeln auf dem Kronleuchter. So sind die Leser:innen der Protagonistin immer einen Blick voraus, werden zu Geisterprofis und Verbündeten.

Jeffers hat seine originelle Idee, die zum Entdecken und Erzählen animiert, mit leisem Gruselwitz hinreissend in Szene gesetzt.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/24, S. 27

Habt ihr schon vom Wolf gehört?
Quentin Gréban
Aus dem Französischen von Seraina Maria Sievi
Verlag: dtv, Publiziert: 2023, Seiten: 23, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76457-5
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Intertextualität

Der Wolf ist nicht nur in der öffentlichen Debatte präsent, sondern spielt auch in der Literatur die Rolle des Bösewichts. Schon die antike Fabel projiziert negative menschliche Eigenschaften auf das Raubtier, das diese Rolle nie mehr losgeworden ist.

Welche fatalen Folgen solche stereotypen Zuschreibungen aus den Fabeln haben können, spielt Quentin Gréban in seiner Geschichte durch, die bereits 2017 bei Orell Füssli auf Deutsch erschienen war und nun offenbar an Aktualität gewonnen hat. Schon zu Beginn bezieht sich der belgische Bilderbuchkünstler in intertextuellen Anspielungen neben Fabeln auch auf Märchenstoffe: «Ein Wolf frisst alles: ein zartes Lämmchen, drei kleine Schweinchen oder auch das Rotkäppchen. Wölfe sind einfach böse, das sagen alle. Aber weisst du auch, warum?»

Alles beginnt mit der Begegnung eines Lamms mit einer Wölfin. Diese entblösst beim freundlichen Grüssen ihre Zähne, was das kleine Tier so ängstigt, dass es den Ferkeln erzählt, die Wölfin habe es beissen wollen. Was folgt, ist eine Aneinanderreihung von Begegnungen, in denen die angebliche Gefährlichkeit wächst, bis die Wölfin selbst vom Monster hört, das alles verschlingt, was ihm begegnet.

Es ist ein Gattungsgesetz der Fabel, die Botschaft so knapp wie einleuchtend zu übermitteln. Dies schafft Gréban nicht nur durch die Erzählreihung, sondern auch durch deren musterhafte, immergleiche Ausgestaltung. Die Reihe endet augenzwinkernd mit der Aussage, dass jedes beteiligte Tier «immer auch ein bisschen übertreibt». Gréban zeigt anschaulich, wie Vorurteile entstehen, und bringt auf den
Punkt, um was es geht: Glaube nicht, was du nur hörst!

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/24, S. 27

Fürchten lernen
Nando von Arb
Verlag: Edition Moderne, Publiziert: 2023, Seiten: 428, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03731-256-8
Schlagwörter: Krankheit | Identität/Individualität

Es ist dick und schwer wie ein Ziegelstein, poppig bunt und prall gefüllt mit Monstern, Figuren und Tieren inmitten von dynamischen Mustern, Linien, Formen und Schatten. Es erinnert an mexikanische und afrikanische Kunst und die Neuen Wilden, es bannt verstörende Fantasien und Innenwelten auf Papier, entwickelt einen Sog, ist anstrengend und faszinierend gleichermassen.

«Fürchten lernen», so der Titel dieses eindrucksvollen Bilderbuchs der Angst vom 1992 in Zürich geborenen Comic-Künstler Nando von Arb. Nach seinem 2020 mit dem Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnetem Graphic-Novel-Debüt «Drei Väter» macht er sich nun auf Spurensuche nach dem Auslöser für all die Albträume und Panikattacken, die seinen Ich-Erzähler seit der Kindheit quälen: «Wann hat es angefangen?» Mit dem Sturz vom Zug-Etagenbett als Säugling oder dem Unfall in der Röhrenrutsche? «Plötzlich waren all diese Ängste da – oder wuchsen sie organisch in mich hinein?» Nur wenige Sätze und Sprechblasen braucht es, um ganz unterschiedliche Angstabenteuer zu erzählen, der Rest ist bildermächtige Wucht, mal in Schwarz-Weiss, mal ornamental, mal floral oder als Farbexplosionen samt Splattercomic-Elementen mit Tusche, Bunt- oder Filzstiften. Jede Seite ist ein Kunstwerk.

Bauchschmerzen? Hilfe, ein Tumor – ab in die Röhre! Herzrasen? Sicher ein Infarkt, die Rettungssanitäter sind schon unterwegs. Klassenfahrt oder Essen mit den Arbeitskolleg:innen? Nicht möglich wegen aufbrandender Sozialphobie. Angst, überall Angst – Angst zu sterben, Angst zu leben: Das hat bei aller spürbaren Verzweiflung auch Poesie und skurrilen Galgenhumor. Zeichnen als Therapie, das hilft, genauso wie Kraftsport und gute Freunde.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/24, S. 37

Willkommen im Restaurant
Andrea Külling, Illustration: Regi Widmer
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-075-4
Schlagwörter: Essen | Familie/Familienformen

Auf dem Cover gucken drei Figuren neugierig hinter der Tür hervor: Miro mit Kochmütze, seine Schwester Maila und Hund Flip. Was die drei erleben, weil der Kühlschrank leer ist und die Eltern beschliessen, zusammen ins Restaurant zu gehen, erfahren wir in diesem fantasievollen Bilderbuch.
Nach der freundlichen Begrüssung darf die Familie in der Gaststube einen Platz auswählen, die Tische sind jedoch schon gut besetzt. Trotzdem finden alle Platz, ein Rollstuhl im Hintergrund ebenso wie Flip, der es sich unter dem Tisch gemütlich macht. In der fröhlich bunten Bildsprache wird die Diversität der Gesellschaft selbstverständlich abgebildet.

Natürlich läuft das «Auswärts-Essen» nicht ohne Missgeschicke ab. So vergisst der liebenswerte Kellner Emil, dass auf der Pizza keine Oliven sein sollten. Als Miro sie von der Pizza klaubt, rollt eine der Oliven auf Umwegen zu Maila, die sie Flip verfüttern will. Der spuckt sie aber wieder aus. Papa bemerkt die Unruhe, beugt sich unter den Tisch – und zieht prompt das Tischtuch mit … Doch das Durcheinander wird schnell behoben.

Mit viel Witz in den Illustrationen wie auch in den Dialogen (die man spontan nachspielen könnte), wird in einer kindgerechten, einfachen Sprache erzählt, wie ein Familienbesuch in einem Restaurant einerseits chaotisch ablaufen kann, andererseits aber mit gutem Willen und Humor erfolgreich bewältigt wird: Alle verlassen zufrieden das Lokal. Die Kinder finden sogar, dass sie ihre Eltern zu Hause ebenfalls «ins Restaurant» einladen könnten und entwerfen eine Speisekarte in Kinderschrift und mit Kinderfehlern, die auf der letzten Doppelseite abgedruckt ist und belegt, dass Autorin wie Illustratorin die Welt der Kinder bestens kennen.

Ruth Loosli
Buch&Maus 3/23, S. 26

Das Dings
Simon Puttock, Illustration: Daniel Egnéus
Aus dem Englischen von Fabienne Pfeiffer
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-52207-8
Schlagwörter: Philosophie | Rätsel | Streit/Konflikt

Die Welt, in die das unbekannte Objekt, das sie nun «Dings» nennen, «hineingeplumpst» ist und in der es einfach nur still daliegt, erinnert in Daniel Egnéus’ Illustrationen der Figuren (tierisch bis amorph) und Schauplätzen (nordische Berglandschaft) an Tove Janssons «Mumins». Auch der Text ist geprägt von einer Langsamkeit des Seins, bleibt exemplarisch und allgemein. Von den vier «Jemand», die zufällig vorbeikommen, könnte der erste eine Eule, der zweite ein Fuchs, der vierte ein Wurm mit Ohren sein. Der dritte sieht aus wie ein Mumin und mutmasst: «Vielleicht ist es einfach da.» Der Vierte findet es «wunderschön». Anfangs Fremde, werden Flick, Purzel, Brummel und Romp (so heissen die vier, wie man nach dem Umblättern erfährt) bis am Ende des Buches Freunde sein – nachdem das Dings so mysteriös, wie es gekommen ist, wieder verschwunden ist.

In der Zwischenzeit haben sie nichts über das Dings, aber viel über sich selbst erfahren. Zuerst begegnen sie ihm mit Empathie, leisten ihm Gesellschaft, weil es einsam sein könnte. Dann heissen sie es freundlich willkommen, bauen ihm fürsorglich ein Schutzdach. Das Ganze bleibt nicht unbemerkt, das Dings wird zur Attraktion. Doch weil es weiterhin «keinen Mucks» von sich gibt, finden es immer mehr «komisch oder lästig oder sogar gefährlich». Ein Streit entbrennt, in dessen Verlauf das Dings «entplumpst, beinahe so, als wäre es nie da gewesen». Genial, wie sensibel und fantasievoll Fabienne Pfeiffer aus dem Englischen übersetzt hat.
Statt expliziter Moral lassen sich hier lauter Impulse zum gemeinsamen Philosophieren finden, vor allem darüber, wie man Unbekanntem begegnen könnte.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/23, S. 26

… aber wo ist die Geschichte?
Marianna Coppo
Aus dem Italienischen von Ulrike Schimming.
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2023, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95939-217-4
Schlagwörter: Rätsel | Humor/Komik | Medien

Schlägt ein Kind ein Bilderbuch auf, erwartet es eine Geschichte. In Marianna Coppos Bilderbuch ist sie noch gar nicht da. Nach einer leeren Doppelseite folgen fünf Figuren, die etwas verloren wirken. Sie sind reduziert gezeichnet und klar voneinander abgegrenzt. Jede hat eine eigene Farbe und Form und ist einem Tier nachempfunden – einem Bären etwa, einem Hasen, einer Giraffe. Die Figuren sind verwirrt und verängstigt. Wo sind sie gelandet? Eine klärt auf: «Ich glaube, wir sind in einem Buch.» Irgendwann muss die Geschichte ja kommen, und daher beschliessen die Figuren, auf sie zu warten. Nur der kleine rosa Hase schlägt vor, zu spielen. «Wir haben keine Zeit zum Spielen» und «Sei still», erwidern die anderen. Hier stellt Coppo mit feinem Humor die Erwachsenenwelt der Kinderwelt gegenüber. Während auf der rechten Seite die vier Figuren beharrlich warten, sich langweilen und belanglosen Smalltalk führen, beginnt auf der linken Seite der Hase, eine Fantasiewelt zu schaffen und zu zeichnen. Aus einem Setzling wird ein Baum. Schaukel, Vögel, Dinosaurier und Baumhaus kommen hinzu, von Seite zu Seite wird die Szenerie bunter und üppiger. In Form einer Regenwolke erreicht die Wunderwelt schliesslich die rechte Seite und treibt die Wartenden auf die linke Seite.

Coppos Bilderbuch übers Geschichtenerzählen ist eine Hommage ans Fabulieren und Fantasieren sowie an Kinder, die sich ihre eigenen Welten schaffen, an Menschen, die selber kreieren, anstatt abzuwarten, was ihnen geboten wird. Das ist so anregend, dass man sich sofort mit Stiften hinsetzen und sich überraschen lassen möchte, welche Bildergeschichten auf den weissen Seiten entstehen.

Andrea Lüthi
Buch&Maus 3/23, S. 27

Es gibt keine Drachen in diesem Buch
Donna Lambo-Weidner, Illustration: Carla Haslbauer
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10655-2
Schlagwörter: Fabelwesen

Unverdächtig wirken die Namen auf den sechs Klingeln des interessanten Mietshauses, in das uns Donna Lambo-Weidner und Illustratorin Carla Haslbauer mitnehmen. Und laut Titel gibt es ja keine Drachen in diesem Buch – bloss, dass das Dachgeschoss keine Klingel hat …

Man blättert gespannt durch dieses amüsante Mitmachbuch und lässt sich durch eine zunächst noch unbekannte Erzählerstimme leiten. Dabei stellt der direkte Dialog eine grosse Nähe zu den Betrachtenden her. Sie werden zum Mitmachen animiert, dazu, die Sache mit den Drachen zu klären, und am Ende das Bilderbuch umzudrehen und heftig zu schütteln. All das erzeugt eine erstaunliche Sogkraft und viel Spass.

Die spannende Entdeckungstour führt bis zur grossen Überraschung quer durchs ganze Haus. Spätestens beim zweiten Betrachten werden aufmerksame Kinder die schuppige Drachenhaut, den langen Schwanz auf dem Dach oder andere Hinweise entdecken. Als der Drache verlegen blickend tatsächlich erscheint, fängt das grosse Drachenfinale erst an!

Die in der Schweiz wohnhafte Illustratorin Carla Haslbauer arbeitet in einer Mischtechnik. Sie grundiert die Seiten zunächst mit Acryl- oder Gouachefarben und zeichnet dann die Figuren und Gegenstände mit Buntstiften, wasserlöslichen Wachskreiden und Aquarellfarben. Mit ihrem zweiten Bilderbuch nach «Die Tode meiner Mutter» (NordSüd, 2021) zeigt Haslbauer erneut ihr künstlerisches Potenzial, umso mehr, da der Text vieles der Fantasie der Illustratorin überlassen hat. Sie überzeugt mit raffinierten Perspektiven, feinfühliger Farbzusammenstellung und viel Lebendigkeit.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/23, S. 27

So kam das mit dem Drachen
Daniel Fehr, Illustration: Sébastien Mourrain
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-45973-0
Schlagwörter: Fabelwesen | Humor/Komik | Lesen

Ein Bilderbuch ist ein doofes Geschenk, findet der namenlos bleibende Ich-Erzähler aus der Geschichte «So kam das mit dem Drachen». Einen Grund nennt er dafür auch: Bilderbücher handeln von erfundenen Geschichten, und solche findet er langweilig. Viel lieber tauscht er deshalb sein Bilderbuch gegen ein Piratenschwert, denn damit kann man bekanntlich die Welt erobern. Aber schon steht der kleine Bruder da und bietet sein Laserschwert zum Tausch an, das der Protagonist dann wiederum gegen einen Fussball tauscht … und so geht diese Tauschgeschichte munter weiter. Wir erfahren darin nicht nur, was man bei einem echten Tausch so sagt – «abgemacht» –, sondern lernen zusätzlich, einen guten von einem schlechten Tausch zu unterscheiden. Auch ein katastrophaler Tausch ist dabei – ob das wohl noch eine gute Wendung nehmen kann? Doch, o Wunder, es gibt tatsächlich jemanden, der den ollen leeren Karren haben möchte und dafür sogar sein süsses Hündchen hergibt. Immer verrückter werden die Tauschgeschäfte, und am Ende steht der Junge mit einem riesigen (furzenden) Drachen da – ganz so wie der Junge auf dem Titelbild des Buches, das er nicht haben wollte. Ob seine Schwester ihm wohl dafür sein Buch zurückgibt?

Daniel Fehr greift ein beliebtes Kinderthema auf: Tauschen macht einfach grossen Spass! Sébastien Mourrain setzt die tolle Idee humorvoll in comicartige Bilder um. Mit dem überraschenden Ende schlägt Fehr eine wundervolle Brücke zurück zum Anfang des Buches und bringt damit auch diejenigen Leser:innen zum Schmunzeln, die sich anfangs wie der Junge gefühlt haben und Bücher eigentlich nicht mögen.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/23, S. 28

Kreidolf reloaded
Lorenz Pauli, Illustration: Ernst Kreidolf
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2023, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10654-5
Schlagwörter: Natur | Märchen/Fabel | Kunst | Sprachspiel

Vom Berner Künstler Ernst Kreidolf (1863–1956) kennen die meisten den Mikrokosmos aus feenartigen Blumenfiguren, Heuschrecken und Zwergen. So lieblich manche Bilder heute wirken – zu Kreidolfs Zeit begegnete man den Bilderbüchern anfangs skeptisch. Motive und Farbigkeit waren neu. Tatsächlich zeigte Kreidolf nicht einfach eine heile Welt. Unheimliches, Tod und Krieg haben in seinen Bildern ebenso Platz. Viele bergen aber auch Witz, wirken geheimnisvoll, und vor allem bleiben sie offen für Interpretationen. Für das Buch mit dem etwas unsinnlichen Titel «Kreidolf reloaded» hat der Berner Kinderbuchautor Lorenz Pauli zu ausgewählten Bildern Gedichte verfasst.

Pauli wird den zahlreichen Facetten Kreidolfs gerecht. Neben heiteren Blumenfiguren-Sujets finden sich Bilder mit melancholischem, magischem oder düsterem Charakter. Andere haben einen schrägen Anstrich, etwa das Männchen, das auf einer dackelartigen Schnecke reitet. Hier greift Pauli die Rätselhaftigkeit des Bildes auf amüsante Weise auf: «Vielleicht fällt dir dazu was ein? / Es darf nur eins nicht: logisch sein.» Teils glaubt man, Anleihen an Kreidolfs Ton und Rhythmus zu erkennen, jedoch in frischer, moderner Form. Paulis Verse sind voller Schalk und Lust an der Sprache. Oft sind sie tiefsinnig und nahezu philosophisch in dem für Pauli typischen, unangestrengten, leichtfüssigen Stil. Da gibt es Leises und Nachdenkliches, dann wieder wirds urkomisch und unverblümt wie beim Karussell, auf dem einem Hund übel wird und die anderen es ignorieren: «Und er kotzt! Kotzt weit und breit / über alles, und man schreit. / Alle sind sie jetzt so weit: / Hören auf die Minderheit.»

Andrea Lüthi
Buch&Maus 3/23, S. 28

Zwei Mäuse auf der Flucht
Katja Alves
Verlag: Magellan, Publiziert: 2023, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-4126-2
Schlagwörter: Freundschaft | Geschwister | Tiere

Genauso müssen kleine Schwestern sein –nervig, pfiffig, hart im Nehmen. So wie Mafalda, die nicht nur den gemeinsten grossen Bruder der Welt hat, sondern auch nullkommakein Haustier. Leider. Doch das ändert sich gerade: Ein Klassenkamerad dieses blödesten aller blöden Brüder bringt einen Pappkarton mit den allersüssesten Wüstenrennmäusen. Zugegeben, nur ausgeliehen für ein Schulprojekt und auch nicht für Mafalda, sondern für Spielverderber Flynn. Der schafft die beiden Mäuse gleich in sein Zimmer, das für kleine Schwestern absolute Sperrzone ist. Nur gut, dass Flynn ein Skateboard-Freak ist und gar keine Zeit für Tierbeobachtungen hat. Gerne übernehmen das Mafalda und ihre beste Freundin Selin. Bloss lassen sie das Käfigtürchen offen, und schon sind Claus und Cosi weg.

Denn die beiden Nager wollen zurück zu ihren Wurzeln, in die Wüste. Das jedenfalls lässt die Zürcher Kinderbuchautorin ihre Helden in quicklebendigen Dialogen erzählen. Ihr ständiger Perspektivenwechsel zwischen Mensch und Tier schafft dabei jede Menge Komik bei der folgenden Verfolgungsjagd, die kreuz und quer durch das fünfstöckige Haus führt. So landen Mafalda und Selin bei Frau Santos und sitten gleich ihr Baby, kriechen auf der Party der Studenten-WG heimlich unter die Betten, streuen Körner ins Treppenhaus und klingeln bei Karim, der eine Boa hat. Ihnen stetig auf den Fersen ist Kater Caligula von der alten Frau Kowalski, der endlich Frischmaus statt Spinatbällchen will … Tierisch was los und grosses Mäusekino! Ein toller Auftakt der neuen Kinderbuchreihe um die fabelhaft kesse Mafalda, üppig und lustig bebildert.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/23, S. 29

Superma
Bruno Blume, Illustration: Andrea Artemis Stergiou
Verlag: kwasi, Publiziert: 2023, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906183-35-0
Schlagwörter: Behinderung | Alltag | Identität/Individualität | Freundschaft

Die «peinlichste Mutter der Welt» zu haben, ist schon eine Bürde, findet der elfjährige Pipe. Denn seine Mutter hat im Gegensatz zum eher stillen Vater nicht nur eine direkte, lebensfrohe Art, sie macht auch immer wieder verrückte Sachen. Wenn sie die alten Barhocker aus dem Fenster wirft, kann Pipe ja noch mitlachen. Aber als sie in einem alten Superman-Kostüm mit herausgeschnittenem «N» als «Superma» durchs Quartier streift, um die Welt zu retten und Gurke, der Pipe oft piesakt, die Leviten zu lesen, endet Pipes Verständnis. Es ist schon schlimm genug, dass Pipe in der Schule stets darauf achten muss, sich nicht zu blamieren. Dabei würde er sich am liebsten nur allein in seinem Zimmer mit dem Mond beschäftigen, seinem «Lieblingsplatz», dessen Stille und ewigen Kreislauf ihn faszinieren.

Erst nach zwei Dritteln fällt das Wort «Spektrum», das Pipe aber nicht einordnen kann – was in Bezug auf Autismus unbedarften Leser:innen vielleicht ähnlich geht, bevor sie das Nachwort lesen. Denn Pipe wirkt wohl etwas ichbezogen, ist aber ein fantasievoller Junge, der genau beobachtet, sich viel überlegt und dessen Sorgen für die meisten Kinder anschlussfähig sind, zumal die feinfühlige personale Erzählstimme stets nah an der kindlichen Lebenswelt bleibt. Es wäre daher schade, den Roman auf das Autismus-Thema zu reduzieren. Denn vor allem dank Sofia, die sich wie selbstverständlich in sein Leben drängt, lernt Pipe binnen drei Wochen in 42 Kapiteln, dass das Leben mit Freund:innen oft besser ist und dass jeder Mensch seinen Weg finden muss, um sich zu entfalten. «Superma» ist darum keineswegs nur für Autist:innen ein tröstliches Buch.

Illustriert wurde Pipes Forschungstagebuch übrigens von der erst neunjährigen Andrea Artemis Stergiou.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 3/23, S. 29

Jetztu kommt Luna!
Tanja Kummer, Illustration: Daniel Reichenbach
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2023, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-078-5
Schlagwörter: Alltag | Tiere | Familie/Familienformen

Auf in ein hundestarkes Abenteuer

Luna – das bedeutet «lammfromm, ultraschnell, napfbegeistert und aktiv». So jedenfalls beschreibt sich die gleichnamige Königspudeldame, nachdem Familie Gut ihr diesen Namen gegeben hat. Und der gefällt ihr genauso wie ihr neues Zuhause. Dabei fand Luna Menschen erst so naja – schliesslich war sie von ihrem Erstbesitzer auf einem Spielplatz, an der Rutsche angebunden, ausgesetzt worden. Aber Alberto aus dem Tierheim «Pfupf» war dann zum Glück sehr nett, und jetzt ist Luna die frischgebackene beste Freundin von Mega, Poseidon, Kim und Benjamin.

Wie es dazu gekommen ist und was Luna alles so Spannendes erlebt und lernt, das erzählt sie im leichtfüssigen Spagat zwischen Tiergeschichte und Sachbuch über Hundehaltung. Das Besondere daran ist der überproportionale Bildanteil des Zürcher Illustrators Daniel Reichenbach, seine pointierten Schwarz-Weiss-Zeichnungen im Comicstil dürften auch Lesemuffel verführen. Dazu gibt es witzige Steckbriefe zu allen Familienmitgliedern, viele Listen und sogar ein Obst-Guetzli-Rezept.

Wie Luna fast im Fluss ertrinkt, sich erstmals über Brücken und Treppen zu gehen traut, stubenrein wird und den doppelfarbäugigen Wandelfloh-Nachbarsdackel San Diego kennenlernt, wie sie auf dem Lebenshof eine waghalsige Pferdedressur-Nummer hinlegt und ihren ersten Geburtstag samt Chilbi und Feuerwerk erlebt – das ist turbulenter Lesestoff aus einem aufregenden Hundeleben.

Übrigens ist auch der Baeschlin-Verlagshund eine Königspudeldame namens Luna – um sie dreht sich schon das 2022 erschienene «Luna, wie entsteht ein Buch?».

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/23, S. 30

Paradise Garden
Elena Fischer
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2023, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-257-07250-1
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Tod/Trauer | Reisen | Geschlechterbilder

Die 14-jährige Billie und ihre alleinerziehende Mutter waren trotz aller Einschränkungen stets ein gutes Team. Doch dann kommt die Oma aus Ungarn zu ihnen, die Wohnung wirkt auf einmal zu schäbig und zu klein, Streit ist an der Tagesordnung – und dann verstirbt die Mutter bei einem Unfall. Zeit für Billie abzuhauen und sich auf die Suche nach einem Vater zu machen, von dem sie nichts weiss. Eine starke Milieuschilderung und eine Liebeserklärung an eine Mutter-Tochter-Beziehung.

Berührend erzählt der erste Teil dieses Romans von einer engen Mutter-Tochter-Beziehung: einem Leben an der Armutsgrenze, das dennoch voller Fantasie und Glücksmomenten ist. Doch nach dem Tod der Mutter muss die 14-jährige Billie alleine zurechtkommen. So berichtet der zweite Teil vom abenteuerlichen Roadtrip, den Billie selbstständig unternimmt, um ihren Vater zu suchen, bis sie schliesslich auf einer kleinen Insel ein Zuhause findet. Auch als Hörbuch erschienen.

So dunkel!
Constance Ørbeck-Nilssen, Illustration: Øyvind Torseter
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2023, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6187-5
Schlagwörter: Gefühle

Ein Junge bleibt im Lift stecken und wagt nicht, den Alarmknopf zu drücken. Stattdessen gehen ihm schreckliche Vorstellungen durch den Kopf: Was, wenn das Haus zu brennen beginnt oder er im Lift bleiben muss, bis er ein Greis ist? Erst die Erinnerung an Ausflüge mit seinem Vater an einen wilden Fluss und die Sicherheit, die er dort verspürt, holen den Jungen aus seiner Agonie. Eine warmherzige Geschichte über Angst und ihre Überwindung: Øyvind Torseter treibt die Horrorgedanken des Jungen in den Bildern witzig weiter und setzt mit wenigen Farbtupfern dramatische Akzente.

Luftmaschentage
Anne Becker
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2023, Seiten: 173, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75759-3
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing | Kreativität | Freundschaft

Mats und Ricci schützen sich auf je eigene Weise vor Verletzungen und Enttäuschungen. Mats spricht nur zuhause. Sobald sie ausser Haus ist, übernimmt «Madame Schüchtern» in ihrem Bauch die Kontrolle. Ihre neue Mitschülerin Ricci aber ist laut, eckt überall an und lässt Mats, die zu ihr Vertrauen gefasst hat, immer wieder hängen. Aus der Perspektive von Mats erzählt dieser Jugendroman vom Werden einer Freundschaft und der Befreiung von Ängsten und Schutzschildern.

Rico und die Tuchlaterne
Andreas Steinhöfel, Illustration: Lena Winkel
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2023, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-69112-5
Schlagwörter: Schule | Alltag

Es ist ein Trend, der sich durchgesetzt hat: die Bearbeitung beliebter, verlagseigener Kinderbuchstoffe für Erstlesende. Denn, so die Idee, haben sich diese erst für einen Stoff begeistert, werden sie auch als geübte Leser:innen dazu greifen. Auch in Carlsens neuer Erstlesereihe «Einfach lesen lernen» finden sich Adaptionen, geschrieben von den Autor:innen selbst. Nach «Das kleine Wir» und «Die Schule der magischen Tiere» des ersten, präsentiert das zweite Programm ein erzählerisches Prequel von «Rico, Oskar und die Tieferschatten».

Darin ist Rico noch ein Vorschulkind. Statt mit komplexen Sprachbildern wie «tiefbegabt» charakterisiert Steinhöfel seinen jüngeren Helden mit zugänglicheren Metaphern: Rico denke «um die Ecken herum», sprich: langsam. Dabei verliere er schnell die Orientierung, im Kopf und auf der Strasse.
Was das genau bedeutet, speziell für ein Kind in einer Stadt wie Berlin, spielen Autor und Illustratorin an zahlreichen Beispielen und mithilfe weiterer Sprachbilder durch. So schafft es Rico beim Schultauglichkeitstest zwar nicht, ein Dreieck zu zeichnen. Er begründet dies originell damit, dass es sich versteckt habe (Dreiecke seien vom Aussterben bedroht!), so dass nur ein Punkt übrig bleibe. Wie der, der auf Ricos Blatt zu sehen ist. In der Förderschule malt er dann, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, ein Dreieck. Nach dem Umzug findet seine Mutter auch für das Verlaufen eine Lösung. Sie hängen ein Tuch an die einzige Laterne, an der er auf seinem Schulweg abbiegen muss. Zur Sicherheit malt Rico ein Dreieck darunter.

Steinhöfel bleibt Steinhöfel, auch und gerade im Erstlesetext. Welch gute Nachricht für die Erstleseliteratur!

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/23, S. 29

Rico, der Junge, dessen Gedanken manchmal wie Billardkugeln durcheinanderpurzeln, ist der alleinige Protagonist im ersten Band einer neuen Reihe für Erstleser:innen. Andreas Steinhöfel erzählt in diesem Prequel zu den erfolgreichen «Rico und Oskar»-Bänden abwechslungsreich und witzig von Ricos ersten Schulerfahrungen und belegt, dass man auch in einfachen Sätzen und mit reduziertem Wortschatz kluge Geschichten schreiben kann.

Die graue Stadt
Torben Kuhlmann
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2023, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10652-1
Schlagwörter: Identität/Individualität | Kreativität

Robin zieht mit ihrem Vater in die grosse, graue Stadt. Mit ihrem gelben Regenmantel bildet sie einen auffälligen Farbklecks zwischen all dem Asphalt und den strengen Mienen. In der neuen Schule werden Anpassung, Disziplin und Ordnung gelehrt, und Robin erhält für ihre bunten Zeichnungen bereits am ersten Schultag einen Tadel. Beim Nachsitzen lernt sie Alani kennen, der sich ebenso wenig an die «graue Ordnung» anpassen möchte. Schnell freunden sich die beiden an und kommen bei ihren Entdeckungsgängen durch die Stadt einer
Verschwörung auf die Spur: Die Grauwerke entziehen der Stadt alle Farben, um daraus riesige Kanister Grau herzustellen! Während die Erwachsenen sich dieser Farbdidaktur höchstens noch im Privaten widersetzen, beschliessen die zwei Kinder, die Fabrik zu sabotieren und mit den Farben wieder Leben in die Stadt zu bringen.

Mäuseabenteuer-Autor Torben Kuhlmann hält anhand der Metapher der grauen Stadt ein Plädoyer für mehr Farbe, Vielfalt und Individualität. Wie immer detailreich, arbeitet er mit einer Vielzahl an Grautönen von Anthrazit bis zu Mausgrau, die wenigen warmen Farben strahlen darin umso auffälliger. Wer Michael Endes «Momo» kennt, wird auf deutliche Ähnlichkeiten dazu stossen. Wie Momo bietet Robin Identifikationspotenzial für mutige Kinder, die nicht in die Schublade passen, in die man sie stecken will.

Mit mehr Text als Bild, der komplexen Farbenlehre im Anhang sowie den gesellschaftskritischen Aspekten ist das Buch eher an ein älteres Publikum adressiert, während jüngere Kinder bei Robins Geschichte mitfiebern können. Kuhlmanns neustes Bilderbuch macht Mut, aus dem Alltagstrott und aus gesellschaftlichen Normen auszubrechen.

Ronja Holler
Buch&Maus 1/24, S. 28

Robin zieht mit ihrem Papa in eine Grossstadt, die die schlimmsten Klischees zu erfüllen scheint: Alles – Häuser, Kleider, Autos – ist grau in grau. Nur wer wie Robin genau hinsieht, entdeckt versteckte Refugien von Buntheit. Damit aber ist der Anfang gemacht, um einer Grau- und Gleichmacherfirma das Handwerk zu legen. Torben Kuhlmann erzählt sorgfältig und flicht elegant die Grundlagen der Farbenlehre ein. Seine akkuraten Bilder locken auch in diesem Buch zum Immer-Wieder-Anschauen.

Dunkel war’s, der Mond schien helle
Herausgeber:in: Uwe-Michael Gutzschhahn, Illustration: Jens Rassmus
Verlag: Aladin, Publiziert: 2023, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0210-1
Schlagwörter: Nonsens

Weitergedichtet von Paul Maar, Heinz Janisch, Uwe-Michael Gutzschhahn und anderen

Die erste Zeile ist berühmt und gibt dem Gedicht den Titel. Das gruselige Dunkel wird vom Mondlicht unterlaufen. Wer hat als Kind nicht über den Widersinn gelacht? Der Text kursiert ohne Verfasserangabe und dürfte der meistverbreitete Nonsensreim deutscher Sprache sein. Uwe-Michael Gutzschhahn, versierter Übersetzer und Herausgeber, hat namhafte Kinderbuchautorinnen und -autoren angeregt, weiterzudichten. In Fortsetzung der anonymen Vorlage sind nun ein Drittel überlieferte und zwei Drittel neue Vierzeiler vermengt, wobei verschwiegen wird, wer welchen beigesteuert hat. Damit sei auch betont: Diese vermutlich längste Fassung des Gedichts ist eine Steilvorlage für Schreibanimationen.

«Eine Sanduhr, die schlug mittags / um Punkt fünf zur Frühandacht. / Alle Kinder machten schnurstracks / auf den Schulweg sich zur Nacht.» – So weit, so gut, so schräg. Die Illustrationen steigern die Sprachbilder. Jens Rassmus hat eine querformatige Landschaft entwickelt, die die 34 Strophen grösstenteils verbindet und so die Unlogik in einem logischen Ablauf einbettet, um darin neue Absurditäten zu zeigen. Den zitierten Glockenschlag etwa inszeniert Rassmus, indem ein Klosterbruder an einem Glockenseil zieht, um die Sanduhr zu läuten. Genial ist die Umsetzung der Anfangsstrophen: Ein Wagen fährt langsam um die runde Ecke. Rassmus malt das Auto – mit Speedlines! – gezogen von einer Schildkröte. «Drinnen sassen stehend Leute, schweigend ins Gespräch vertieft.» Illustriert findet dieser Nonsens definitiv im Alltag statt, denn die drei Leute starren je auf ihr Handy. Die Neudichtung bietet ein vergnügliches Fortschreiben alter Muster, die eigentlichen Purzelbäume wachsen auf den Bildern.

Hans ten Doornkaat
Buch&Maus 3/23, S. 28

Die Verse des wohl bekanntesten deutschen Nonsens-Gedichts haben verschiedene bekannte und unbekannte Autor:innen zum Anlass genommen, weiterzudichten: Herausgekommen ist ein Feuerwerk von Absurditäten, die der Illustrator Jens Rassmus genial umgesetzt hat. In seinen Bildern werden selbst die grössten Widersprüche verknüpft. Ein Lyrik-Bilderbuch, das nicht zuletzt viel Inspiration für eigene Nonsens-Reime bietet.

Damals, im Sommer
Xuoguang Li, Illustration: Jie Wei
Aus dem Chinesischen von Brigitte Koller Abdi
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2023, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907277-20-1
Schlagwörter: Abschied | Geschwister | Kulturen

Die Holzschnitttechnik, die der Künstler Li Xioaguang in «Damals, im Sommer» verwendet, hat in China eine lange Tradition. Das Schnitzen in hartes Birnbaumholz ist enorm aufwendig und verzeiht keine Fehler, wie er im Nachwort beschreibt. Deshalb hat er zwei Jahre an den Bildern gearbeitet.Das Resultat ist umso faszinierender. Die schwarz-weissen Bilder scheinen aus feinen Strukturen zusammengewoben. Da ranken sich Gemüsepflanzen im Garten; das feine Laub der Bäume breitet sich über dem Fluss aus; Berge, Felder und Hausdächer bilden ein geometrisches Muster. Oft schält sich die Szene erst auf den zweiten Blick aus den Mustern heraus, und noch länger muss man auf jeder Seite verweilen, um auch die Details wahrzunehmen: das Eichhörnchen auf dem Baum, ein Auto, das im Hintergrund über eine Brücke fährt.

Inspiriert von der eigenen Kindheitserfahrung, lässt Autorin Wei Jie ein Mädchen erzählen, das mit seiner Familie bald vom Dorf in die Stadt ziehen wird. Es berichtet mit etwas Wehmut, aber kindlicher Offenheit von den letzten Tagen im idyllischen Bergtal: vom riesigen Wachskürbis im Garten, vom Bad im Fluss, von den Leckereien, die es kaufen darf.

Dieses Bilderbuch setzt die Stimmung weit über die Handlung. Wer sich mit genug Zeit zum Betrachten, Vorlesen und Entdecken darauf einlässt, wird in eine Welt entführt, die fremd und dennoch vertraut wirkt – durch die universell kindliche Perspektive der Erzählerin und ihrer Freude an dem, was Kindern überall auf der Welt Spass macht, aber auch durch die durchaus nostalgische Sehnsucht nach einer dörflich überschaubaren Welt, die Stadtmenschen in China und Europa bekannt sein dürfte.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/23, S. 27

In den Strukturen der filigranen chinesischen Holzschnitte verliert sich der Blick. Ein Mädchen berichtet von den letzten Tagen, die seine Familie vor dem Umzug in eine grosse Stadt im Heimatdorf in den Bergen verbringt. Dicht sind nicht nur die schwarz-weissen Muster von Gartenpflanzen und Ziegeldächern auf den Bildern, auch die gleichzeitig sentimentale und erwartungsfreudige Stimmung ist in diesem Bilderbuch fast greifbar.

Der war’s
Juli Zeh, Elisa Hoven, Illustration: Lena Hesse
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2023, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-65308-6
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing | Schule

In Klasse 6a wird geklaut. Regelmässig verschwinden die leckeren Pausenbrote von Marie. Der Schuldige ist rasch gefunden: Konrad. Der Junge ist schüchtern und wurde dabei überrascht, wie er sich an Maries Schultheke zu schaffen machte. Aber ist Konrad wirklich der Täter? Die Klasse beschliesst, die Angelegenheit in einem Gerichtsprozess zu klären. Der Schriftstellerin und Richterin Juli Zeh und der Juraprofessorin Elisa Hoven gelingt es auf unterhaltsame Weise und in einer einfachen Sprache, Kinder an Fragen von Recht und Gerechtigkeit heranzuführen.

Überall Leben
Sascha Mamczak, Martina Vogl, Illustration: Katrin Stangl
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2023, Seiten: 280, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0717-8
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima | Natur | Wissenschaft

Vom erstaunlichen Miteinander der Arten auf unserem Planeten

Was haben Stadttauben, Oktopusse oder Shitake-Pilze mit dem ökologischen Gleichgewicht zu tun? In 15 Kapiteln nimmt dieses Lesebuch über einzelne Lebewesen das grosse Ganze in den Blick. Dabei wird immer wieder die Frage gestellt, wie es gekommen ist, dass wir Menschen die Natur als etwas von uns Lösgelöstes wahrnehmen und uns ihrer bedienen, wie es uns gefällt.

Einmal mehr gelingt es dem Autorenpaar Mamczak/Vogl, von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, gesellschaftlichen und philososophischen Fragen auf lustvolle Weise und doch stets präzise zu erzählen.

Kapital & Ideologie
Claire Alet, Illustration: Benjamin Adam
Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2023, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96428-174-6
Schlagwörter: Historisches | Politik | Philosophie

Die Graphic Novel nach dem Weltbestseller von Thomas Piketty

1300 Seiten umfasst die Universalgeschichte der sozialen Ungleichheit und ihrer Ursachen des Ökonomen Thomas Piketty. Claire Alet und Benjamin Adam erzählen sie in ihrem Comic anhand des Schicksals einer fiktiven französischen Industriellen-Familie über zwei Jahrhunderte und acht Generationen hinweg nach. Ergänzt wird die Rahmenhandlung durch viele Hintergrundinformationen über Staats- und Wirtschaftstheorien. Auf überzeugende Weise wird so über Lebensgeschichten Weltgeschichte vermittelt und Ökonomie auch Lai:innen verständlich gemacht.

Gerettet. Wahre Geschichten vom Überleben
David Long
Aus dem Englischen von Martina Tichy und Felix Mayer
Publiziert: 2023, Seiten: 191, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-458-64355-5
Schlagwörter: Abenteuer | Biografie | Historisches

«Gerettet» versammelt 23 fast unglaubliche, aber wahre Geschichten darüber, wie Menschen in Extremsituationen überlebt haben: vom Studenten im Treibsand bis zur Frau, die in einen Hurrikan segelte. Vor allem der Durchhaltewillen der Protagonist:innen unter höchster Lebensgefahr beeindruckt. David Long genügen jeweils wenige Seiten, um das Geschehen empathisch und informationsreich zu schildern. Die süffigen Texte lassen sich auch als Kurzgeschichten lesen und werden von stimmigen Illustrationen begleitet.

Afrika. Kreuz und quer durch einen bunten Kontinent
Kim Chakanetsa, Illustration: Mayowa Alabi
Aus dem Englischen von Margot Wilhelmi
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2023, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6219-3
Schlagwörter: Natur | Tiere

Endlich ein Buch über Afrika, das den Kontinent nicht über einen Leisten schlägt, sondern in seiner Diversität und Modernität zeigt. Jeder der fünf Regionen – Nord-, Ost-, Zentral-, West- und südliches Afrika – ist ein Kapitel gewidmet. Auf jeweils einer Doppelseite, ergänzt durch ausdruckstarke Illustrationen, wird der Blick auf die Geschichte gerichtet, auf Menschen und Kulturen, die Natur und Landschaften sowie Schlüsselfiguren und Vorbilder. Daneben erfährt man viel Wissenswertes über afrikanische Errungenschaften, die um die Welt gingen.

Pepe und der Oktopus auf der Flucht vor der Müllmafia
Stepha Quitterer, Illustration: Claudia Weikert
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2023, Seiten: 528, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6119-6
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima | Abenteuer | Reisen

Mitten in der Nacht schlüpft ein Tintenfisch in Pepes Zimmer. Er ist auf der Flucht vor der Müllmafia. Sie will ihm den Garaus machen will, weil er als Meeresbotschafter Europa davon überzeugen soll, weniger Plastikabfall zu produzieren. Selbstverständlich hilft Pepe dem Tintenfisch und begleitet ihn auf seiner abenteuerlichen Reise zurück ins chinesische Meer, wo die erste Weltkonferenz der Meerestiere wartet. Ein Ökokrimi mit James-Bond- und Jules-Verne-Elementen, in dem man ganz nebenbei fast alles über Plastikmüll erfährt.

Wir Menschen und das Meer
Kristina Scharmacher-Schreiber, Illustration: Claudia Lieb
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2023, Seiten: 78, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75727-2
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima | Natur

Wie die Ozeane Nahrung, Strom und Rohstoffe liefern und das Klima beeinflussen

Die Meere sind für das menschliche Leben unverzichtbar. Doch gerade die menschliche Nutzung richtet in vielfältiger Weise grossen Schaden an, wie dieses Buch in nüchternem Tonfall darlegt. All die komplexen, globalen Zusammenhänge von Algen-Anbau bis Todeszone werden leicht verständlich und kompakt erklärt. Zudem werden noch in der Zukunft liegende Potenziale thematisiert. Ruhige Illustrationen in leicht gedeckten Farben komplettieren dieses handliche, kluge Übersichtsbuch.

Die Tindims und der Schildkrötenschlamassel
Sally Gardner, Illustration: Lydia Corry
Aus dem Englischen von Janine Malz
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2023, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-3232-0
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima | Humor/Komik

Die Tindims sind geniale Recycler: Sie leben auf einer Müllinsel, erbaut aus den Abfällen der Menschen. Als ein ganzer Teil ihrer Insel wegbricht und auf ihm zwei Tindims ins Meer hinausdriften, sind Erfindergeist, Mut und die Mithilfe von bedrohten Meerestieren und Langbeinen (Menschen) gefragt, um die Entschwundenen wiederzufinden. Diese Reihe belegt, dass man eine äusserst witzige Story und dringliche Umweltthemen in Bild und Text so zusammenbringen kann, dass die Lektüre Lesefreude und Fachwissen vermittelt.

Rettet Omas Boa!
Anna Maria Prassler
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2023, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-286-2
Schlagwörter: Tiere | Generationen | Abenteuer

Mein Zirkus, das Dorf und ich

Zum ersten Mal schläft Princess in einem Haus. Und dazu in einem Dorf, in dem sie niemanden kennt. Ihr Leben lang zog sie mit den Verwandten in einem Wanderzirkus herum, wohnte mit ihrer Mutter in einem Wohnwagen. Nun sind die zwei zum Freund der Mutter gezogen. Princess hat Heimweh, besonders nach ihrer Oma.

Princess ist eine sympathische Erzählerin mit einer authentischen Stimme. Ihre Perspektive auf die «von privat», die in Häusern leben, ist herrlich erfrischend. Typografisch abgesetzt sind Rückblicke auf die Zeit vor dem Umzug.

Im neuen Dorf lernt Princess die Kinder Son und Emmi kennen. Sie hilft ihnen beim Baumhausbau, und die beiden unterstützen sie bei ihrem grossen Ziel: Mr Orange zurückzukaufen. Die Boa, mit der Oma jahrelang aufgetreten ist, wurde aus Geldnot verkauft. Um Oma wieder glücklich zu machen, müssen die Kinder erst Geld auftreiben – und dann auch noch zu dem Reptilienzoo gelangen, wo Mr Orange nun sein soll …

«Rettet Omas Boa!» ist eine empathische, unterhaltsame Milieuschilderung der Welt der Fahrenden. Anna Maria Prassler gelingt es hervorragend, eine Vielzahl Themen einzuflechten und anzustupsen, ohne dass diese sich je in den Vordergrund drängen und die Geschichte übernehmen würden. So erzählt Princess etwa, dass Oma in ihrer Kindheit in der Schweiz als «Kind der Landstrasse» den jenischen Eltern weggenommen worden war, und die Diskussion, ob die Tierhaltung im Zirkus vertretbar ist, wird geführt, ohne dass den Lesenden das Urteil darüber abgenommen wird.

Ein kluger und unterhaltsamer Kinderroman, der sich auch zum Vorlesen oder als Klassenlektüre in der Mittelstufe anbietet.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/23, S. 30

Hühner, Feuer, Abenteuer
Melanie Gerber
Verlag: da bux, Publiziert: 2023, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906876-32-0
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Generationen | LGBTQ*

Das wohl längste und anstrengendste Wort in «Hühner, Feuer, Abenteuer» vermag die gesamte Geschichte zu charakterisieren: «Einbrecherehrenwort» klingt, wie er ist: wohltuend altmodisch. Dagegen wirkt der Titel fast reisserisch, wobei Hühner ohnehin die kleinste Rolle spielen und schlicht den bäuerlichen Schauplatz, ein kleines Bergdorf, symbolisieren.

Dort verbringt Ich-Erzählerin Liv ihre Ferien, weil sie weder mit ihrem Vater und dessen neuer Freundin in den Südfrankreichurlaub noch zu Hause bei ihrer Mutter, die noch traurig ist über die Trennung und zudem arbeiten muss, bleiben wollte. Ihre Grossmutter Myrta, oder besser: Nani, ist keine traditionelle Oma-Figur, sondern führt ein selbstbestimmtes, freies Leben.

Die Befürchtung, es könnte langweilig werden, zerstreut sich schnell. «Okay, ich gebe es zu: Meine Grossmutter ist eine Verbrecherin.» Nani und Werner, ein enger Freund, planen minuziös einen Einbruch. Schnell aber wird klar, dass das Diebesgut vorrangig ideellen Wert hat. Denn Anna, Myrtas Lebenspartnerin, ist an Demenz erkrankt und soll durch eine bestimmte Musikkassette an glückliche Zeiten erinnert werden. Die Dieb:innen planen somit eine gute Tat und schaffen als romantisches «Fluchtfahrzeug» ein Motorrad mit Seitenwagen an. Sogar Hund Penny darf mit, als sie zu viert erfolgreich bei Annas Bruder einbrechen. Warum dieser die Kassette nicht freiwillig rausrückt? Weil er die lesbische Liebe zwischen Myrta und Anna nicht akzeptiert.

Die authentische Ich-Erzählerin als Identifikationsfigur, eine Grossmutter als modernes Frauenvorbild, gelebter Zusammenhalt, etwas Idylle und viel Romantik sind die Zutaten einer Geschichte aus einfachen Worten und kurzen Sätzen, in der sich das Leben nicht leicht, aber genau richtig anfühlt.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/23, S. 30

Crazy Family
Markus Orths
Verlag: Loewe, Publiziert: 2023, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7432-1217-6
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Humor/Komik

Die Hackebarts räumen ab!

Weil ihr achtjähriger Sohn Mönkemeier im Museum kreativ und kunstvoll das Gemälde seines Idols Malewitsch mit ein paar Pinselstrichen «verbessert» hat, kann die sechsköpfige Familie Hackebart ein bisschen Geld gut gebrauchen. Aber ob Papa Walter, Mama Adrijana und die vier Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren bei der Familienausgabe der RTL-Show «Wer wird Millionär?» wirklich eine Chance haben?

Da die sechsjährige Lulu hochbegabt ist und schon sämtliche Bände des «Brockhaus» auswendig kann, könnte das klappen. Brooklyn übernimmt als Älteste und durch und durch organisierte kleine Persönlichkeit das Training der Familie und entwirft einen Plan, der von der Bewerbung über die Vorrunde bis hin zum Gewinn absolut wasserdicht ist. Oder etwa doch nicht? Denn als endlich eine Dame der Endemol-Produktionen anruft, würgt der total gestresste Papa sie mit einem «Wir kaufen nichts!» einfach ab und legt auf …

Wie die liebenswert-chaotische Familie Hackebart dann doch noch im Studio landet und sich mit keinem Geringeren als Günther Jauch ein knallhartes Nervenduell liefert, beschreibt Markus Orths (nicht vier-, aber immerhin dreifacher Vater) in seinem umwerfenden Kinderbuch «Crazy Family – Die Hackebarts räumen ab» in knackig-kurzen Kapiteln, die von Horst Klein mit witzigen Zeichnungen bebildert wurden. Ein Kinderbuch, das sich am besten im Kreis der Familie (vor-)lesen lässt und bei dem kein Auge trocken bleibt – zu herrlich, zu skurril und zu einzigartig ist jedes einzelne Mitglied der Hackebarts. Ein grossartiges Lesevergnügen!

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/23, S. 31

Mischka
Edward van de Vendel, Anoush Elman
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf.
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2023, Seiten: 150, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-18651-3
Schlagwörter: Migration | Familie/Familienformen | Tiere

Die Lebensgeschichte von Anoush Elman hat den niederländischen Autor Edward van de Vendel zu zwei eindrücklichen Büchern inspiriert, zum Jugendroman «Der Glücksfinder» (Carlsen, 2011) und jetzt zu «Mischka». Während in «Der Glücksfinder» der älteste Bruder von Roya im Zentrum steht, erzählt im Kinderbuch «Mischka» das Küken der sechsköpfigen Familie, die Viertklässlerin Roya. Sie war erst drei Jahre alt, als ihre Familie aus Afghanistan flüchten musste. Endlich hat die Familie die Niederlassungsbewilligung erhalten und kann nach Jahren in Asylzentren in eine eigene Wohnung ziehen. Jetzt ist auch Zeit für ein Haustier, findet Roya. Ein weisses Zwergkaninchen soll es sein, Mischka. Schnell wird es zum Mittelpunkt. Manchmal liegt die ganze Familie «wie flache Diener sternförmig um König Mischka herum», und das Kaninchen veranlasst nach und nach alle Familienmitglieder, Roya von ihrer Heimat und den Monaten auf der Flucht zu erzählen.

Als Roya in der Schule einen Vortrag über Zwergkaninchen halten soll, überwältigen sie die Gefühle. Die Aufregung über Mischkas Verschwinden am Vortag ist das eine, was ihre Familie durchmachen musste, das andere. Dank einer verständnisvollen Lehrerin und mit ihren Brüdern, die rasch zur Stelle sind, wird ihr Referat zum vielstimmigen Bericht darüber, was es heisst, zu fliehen und in einem Land heimisch zu werden, das nicht auf einen gewartet hat. Van de Vendel erzählt einmal mehr in poetischer Sprache und ganz nahe an der kindlichen Wahrnehmung von traumatischen Erfahrungen und Widerstandsfähigkeit. Mit Annet Schaaps ganzseitigen, stimmungsvollen Bildern ist «Mischka» eine unbedingte Lese- und Vorleseempfehlung ab Ende Unterstufe.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/23, S. 31

In diesem Kinderbuch geht es um traumatische Erfahrungen und Widerstandsfähigkeit. Im Zentrum steht die Viertklässlerin Roya. Sie war drei Jahre alt, als ihre Familie aus Afghanistan flüchten musste. Erst das Zwergkaninchen Mischka, das mit in die neue Wohnung einzieht, bringt Royas Geschwister und ihre Eltern dazu, ihre Erinnerungen an die Flucht mit dem Nesthäkchen zu teilen. Und Roya schafft es, in ihrem Vortrag in der Schule nicht nur über Mischka zu erzählen, sondern auch darüber, was es heisst, in einem Land heimisch zu werden, das nicht auf einen gewartet hat.

October, October
Katya Balen
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2023, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27715-1
Schlagwörter: Natur | Familie/Familienformen | Gefühle

Die weite, wilde Welt wartet auf mich

«Waldeinsamkeit» ist das Lieblingswort der elfjährigen October, die gemeinsam mit ihrem Vater in einem kleinen grünen Holzhaus inmitten von Bäumen wohnt. Als moderne Waldmenschen führen die beiden ein nachhaltiges, autarkes Leben im Einklang mit der Natur. Doch die wilden, glücklichen Jahre als «Königin des Dschungels» enden für October ebenso abrupt wie schmerzhaft, als ihr Vater vom höchsten Baum des Waldes stürzt und sich dabei lebensbedrohlich verletzt. Der schreckliche Unfall zwingt das Mädchen, nach London zu ihrer entfremdeten Mutter zu ziehen. Ihr neues Grossstadtleben, das sie zivilisieren und bändigen soll, erscheint dem Naturkind October völlig falsch; sie wird erst traurig, dann zornig und schliesslich zerfällt sie «in Millionen zerbrochener Teile».

Katya Balen erzählt in ihrem mit starken Emotionen aufgeladenen Roman eine archaische Geschichte über den Willen zur Freiheit und das Recht auf Selbstentfaltung. Die Frage, wie man sich selbst treu bleiben kann, wenn Veränderungen einem alles Vertraute rauben, zieht sich als roter Faden durch das Buch. Für ihre Protagonistin wählt Balen als einzig gangbaren Lösungsweg die vorsichtige Annäherung an die Mutter. Wie Balen October nach und nach die einzelnen Puzzlestücke ihrer tragischen Familiengeschichte aufdecken und reflektieren lässt, ist als eine Art innerer Monolog empathisch und herzergreifend zu lesen.

Einen interessanten dramaturgischen Aufbau erhält der Roman dank der Parallelgeschichte um die Eule Stig, die, von October aufgezogen, in eine Auffangstation gebracht und schliesslich in die Freiheit entlassen wird – ein Echo auf die Reise des Waldmädchens zu sich selbst.

Alice Werner
Buch&Maus 3/23, S. 31

12 Stockwerke
Arndís Thórarinsdóttir, Hulda Sigrún Bjarnadóttir
Aus dem Isländischen von Gisa Marehn
Verlag: Arena, Publiziert: 2023, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-60701-6
Schlagwörter: Generationen | Identität/Individualität | Umweltschutz/Klima

Mein unglaubliches Zuhause am Ende der Welt

Ein einziges Hochhaus steht auf dieser Insel vor der isländischen Küste. Wegen des rauen Klimas kann hier im Winter keine Fähre anlegen und diejenige, mit der Dagny und ihre Familie ankommen, ist die letzte bis im nächsten Mai. Das weiss Dagny noch nicht, als sie von Bord geht, um die bisher unbekannte Oma zu besuchen. Doch das erwartete Enkelin-Verwöhnprogramm bleibt aus. Oma Berit scheint sich durch den Besuch vor allem gestört zu fühlen und mit ihr die meisten der 197 Bewohner:innen im Hochhaus. Denn mit den vier zusätzlichen Menschen und dem «unnützen» Hund Zorro müssen alle noch mehr Ressourcen sparen. Geduldet ist nur, wer sich einbringt, für die Gemeinschaft arbeitet und täglich in der Energiezentrale strampelt, um Strom zu produzieren

Die beiden isländischen Autorinnen greifen das Thema Klima und Ressourcenknappheit und die Grenzen der Freiheit im Kapitalismus auf originelle Weise auf. Die alternative Gesellschaft auf der Insel hat – so wird am Ende klar – für viele Menschen durchaus ihren Reiz: eine soziale Gemeinschaft ohne Überfluss, wo genug für alle da ist, wenn alle mitarbeiten. Dieses Gesellschaftssystem kann aber auch durch jede kleine Störung empfindlich ins Wanken geraten, wie Dagny in diesem Winter erlebt. Was wiederum bedeutet, dass die persönliche Freiheit geringgeschätzt wird. Dass sie sich als neugierige und kindlich naive Erzählerin auf das Experiment einlässt und uns diesen Kosmos durch ihre unbefangene Wahrnehmung präsentiert, macht einen grossen Teil des Charmes dieses klugen und sehr unterhaltsamen Romans für ältere Mittelstufenkinder aus.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/23, S. 32

Die Insel, auf der Dagnys Oma lebt, ist zwischen September und Mai von der Aussenwelt abgeschnitten. Alle Bewohner:innen leben zusammen in einem Hochhaus. Wer Energie braucht, muss diese auf dem Hometrainer erstrampeln. Dagny und ihre Familie müssen sich einen Winter lang in diese Gemeinschaft integrieren. Was erst fremd wirkt, macht Dagny sich immer mehr zu eigen – und deckt Vor- und Nachteile dieser alternativen Gesellschaft auf, in der das Kollektiv über dem Individuum steht.

Schneekinder
Andreas Langer
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2023, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7641-5252-9
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy | Krieg

Weil der Krieg ins Land gezogen ist, trägt die erst 13-jährige Elin die Verantwortung für die Alten und die kleineren Kinder aus ihrem Dorf; ihr Bruder Kjell gräbt unter den erbarmungslosen Männern des Königs mit den anderen Jungen im Berg nach Kohle. Als sie dabei unvorsichtigerweise einen Erdspalt öffnen, drängen giftige, heisse Rauchschwaden hervor und töten drei der Jungen. Doch mit den Schwaden kommen auch riesige steinerne Wesen aus dem Berg, die sich nun unaufhaltsam auf den Weg zu den Menschen ins Tal machen …

Andreas Langer beschreibt in seinem im eisigen Norden spielenden Fantasyroman ein von Mythen und Naturgeistern geprägtes Land, in dem die meisten Menschen den Kontakt zu diesen Wesen nicht mehr verspüren. Elin muss mit den wenigen Verbliebenden aus ihrem Dorf fliehen, als die Steinwesen näher kommen. Aus lauter Angst vor den finsteren Riesen, die ihrem Bruder das Leben genommen haben sollen, hinterfragt sie nicht, warum diese Giganten ihren Berg überhaupt verlassen haben. Erst im Lauf ihrer Flucht beginnt man zu ahnen, dass den Menschen eigentlich eine ganz andere Gefahr droht.

Der Autor verliert sich in seiner Erzählung und der atmosphärischen Schilderung der Natur; er schlägt durch das empfindsame und aufmerksame Mädchen Smilla einen besonderen Bogen zu den Naturgeistern und skizziert mit dem Zug der Fliehenden durch die eisige, verschneite Natur ein spannendes Setting. Das von Malin Neumann wunderschön gestaltete Cover macht neugierig auf den Inhalt. Leider reissen Handlung und Figuren nicht so sehr mit, wie es die Geschichte erwarten liesse. Dennoch durchaus lesenswerter und schöner, etwas düsterer Schmökerstoff für den Winter.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/23, S. 32

Irgendwo wartet das Leben
Erin Entrada Kelly
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann.
Verlag: dtv Reihe Hanser, Publiziert: 2023, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64110-4
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing | Schule | Freundschaft

Fawn Creek ist ein kleines, verschlafenes Nest irgendwo im Nirgendwo der USA: «Immer dieselben Leute. Immer dieselben Gesichter. Immer dieselbe Routine» – bis Orchid auftaucht. Mit einer Blüte im Haar steht sie eines Tages vor der siebten Klasse der Schule – ein magischer Moment, denn alles an Orchid ist anders. Orchid besitzt kein Handy, niemand weiss, wo sie wohnt, und sie begegnet allen offen und freundlich. Mit ihrer einfühlenden, aufmerksamen Art stellt sie die Ordnung in der Klasse rasch auf den Kopf und stösst Prozesse an.

Statt die Mittagspause in der Mensa zu verbringen, setzt Orchid sich draussen ins Gras, und täglich gesellen sich mehr zu ihr. Denn Orchid hört nicht nur genauer hin, sie stellt auch kluge Fragen und hat schon an vielen aufregenden Orten gelebt: New York, London, Paris, Island, Thailand … Rasch bilden sich die ersten Gerüchte um die neue Mitschülerin: Ein Zeugenschutzprogramm soll sie nach Fawn Creek geführt haben, sie soll in einem Baumhaus leben und ihr braunes, superlockiges Haar soll so wertvoll sein, dass es hoch versichert werden musste.

Erin Entrada Kelly, 2019 für «Vier Wünsche ans Universum» unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, legt mit «Irgendwo wartet das Leben» wieder eine ganz besondere Geschichte vor, die durch ihre atmosphärische Dichte und eine sehr sensible Figurenzeichnung überzeugt. Dabei schreibt die Autorin aus wechselnden Perspektiven und lässt – bis auf Orchid selbst – fast alle Kinder der Klasse zu Wort kommen. Ein Kinderbuch, das mit grosser Wärme und viel Humor von der Sehnsucht nach Veränderung erzählt und dem Wunsch, wider alle Normen und Klischees so sein zu dürfen, wie man ist.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/23, S. 32

Tsai Kun-Lin
Pei-Yu Chang, Illustration: Jian-xin Zhou
Aus dem Taiwanischen von Johannes Fiederling
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2023, Seiten: 168, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907277-17-1
Schlagwörter: Biografie | Erwachsenwerden | Krieg

Der Junge, der gerne las

Mit der Biografie des taiwanischen Verlegers und Menschenrechtsaktivisten Tsai Kun-lin (1930–1923) gelangt ein Werk aus einer Region ins Deutsche, die aus westlicher Sicht auf der Comic-Weltkarte wenig bekannt ist – zu Unrecht, wie die vierbändige Reihe beweist. Insbesondere im dritten Band erfährt man viel über die Entwicklung der Comics in Taiwan, die Tsai Kun-lin mitprägte. Im Fokus steht jedoch sein erschütterndes Schicksal, das die Nachkriegsgeschichte Taiwans gleichsam bündelt.
Kun-lin erlebt eine relativ ungetrübte Kindheit und kommt dank seiner Liebe zu Büchern auf eine höhere Schule. Trotz einiger Unbill übersteht die Familie die Kriegszeit. Nach Japans Kapitulation aber marschieren Truppen vom chinesischen Festland auf Taiwan ein, Hochchinesisch ersetzt Japanisch, und es kommt zu einer Schreckensherrschaft. Weil Kun-lin in der Schule kurzzeitig in einem Literaturclub war, wird er als Verräter verurteilt. Zehn Jahre darbt er auf einer Gefangeneninsel unter unmenschlichen Zuständen, erträglich nur dank des Zusammenhalts unter den Häftlingen; selbst hier eignet er sich neues Wissen an. In Band 3 baut er ein neues Leben auf, voller Tatendrang vertreibt er erfolgreich eine Kinderzeitschrift, geht aber doch pleite. Eindrücklich wird klar, wie die politischen Verwerfungen sein ganzes Leben prägen.
Jeder Band ist stilistisch angepasst: zartes Rosa und Bleistift für die Kindheit, harter Holzschnitt-Look für die Haftzeit, klarer Filzstift für den Neuanfang. Band 4 erscheint im Juli. Die schwer überschaubare Geschichte Taiwans als Spielball der Mächte wird hier greifbar, daher eine klare Leseempfehlung ab Ende Oberstufe.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 2/24, S. 37

Tsai Kun-lin wurde während der japanischen Besatzung Taiwans geboren. Schulsprache war Japanisch, den Kindern wurde japanische Kultur vermittelt. Als die chinesischen Kuomintang 1949 die Macht übernahmen, wurde der 19-Jährige angeklagt, einer illegalen Organisation anzugehören. Die Graphic Novel «Der Junge, der gerne las» erzählt in feinen Kreidezeichnungen mit wenigen rosafarbigen Akzenten vom Aufwachsen Tsai Kun-Lins unter fremder Herrschaft und Terror und vom Unabhängigkeitskampf des Inselstaats.

Hände weg von unserem Wald!
Nora Dåsnes
Aus dem Norwegischen von Katharina Erben
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2023, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-281-7
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima

Bao kann es nicht fassen: Die Schule will den Parkplatz vergrössern lassen und dafür den Wald auf dem Gelände abholzen. Die junge Klimaschützerin spannt ihre Mitschüler:innen ein und setzt sich zur Wehr: Als die Baumaschinen auffahren, campieren sie im Wald. Es zeigt sich, dass Protest erfolgreich sein kann, wenn viele mitmachen. Der Comic ist in leicht zu folgenden Panels gezeichnet und mit Chatverläufen angereichert.

Weltraumpolizistin Oma Gurke
Patrick Wirbeleit, Illustration: Stephan Lomp
Verlag: Kibitz, Publiziert: 2023, Seiten: 94, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948690-22-9
Schlagwörter: Zukunft | Generationen | Humor/Komik | Identität/Individualität | Krimi/Thriller

Den Polizei-Roboter einer fernen Galaxie und eine gelangweilte Oma die Plätze tauschen zu lassen, ist eine verrückte Idee, sorgt aber für eine äusserst amüsante Lektüre. Denn während BotBot ohne seine Rüstung im Altersheim ins Nachdenken kommt, muss sich Oma Gurke auf dem intergalaktischen Handelsposten beweisen, wo kurioserweise das Stricken verboten ist. Wenige Worte und überraschende Wendungen sorgen für Komik wie Spannung. Auch die besonders in der Mimik ausdrucksstarke zeichnungsweise überzeugt.

Krypto
Hans Jørgen Sandnes
Aus dem Norwegischen von Katharina Erben
Verlag: Loewe, Publiziert: 2023, Seiten: 143, ISBN/ISSN/EAN: 9783743216013
Schlagwörter: Fabelwesen | Krimi/Thriller

Geheimnisvolle Meereswesen

Ophelia wird von ihrer neuen Pflegefamilie im kleinen Ort Saltvik gut aufgenommen. Hier erspäht sie bei Nacht Rätselhaftes auf dem Meer, in dem kürzlich ein Junge auf mysteriöse Weise verschwunden ist. Im alten Fischer Bernhard findet sie einen herzhaften Verbündeten, um den Vorgängen auf den Grund zu gehen: In der Bucht leben unbekannte Meeresmonster! Der norwegische Zeichner Hans Jørgen Sandnes arbeitet gekonnt mit filmisch wirkenden Erzählverfahren – dank wenig Text auch für Lesemuffel spannend.

Oma zu verkaufen
Martin Baltscheit, Illustration: Thomas Wellmann
Verlag: Kibitz, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948690-28-1
Schlagwörter: Humor/Komik | Familie/Familienformen

In diesem Comic spielt sich mit viel Augenzwinkern Unerhörtes ab: Da wird beim Strassentrödel Spielzeug verkauft und aus Versehen gleich noch die kleine Schwester mit. Die erbosten Eltern lassen sich überzeugen, beim Trödler nebenan eine neue Schwester zu kaufen.  Dieser «Menschenhandel» geht immer weiter, offenbart aber schon bald einige Tücken. Die schwarzhumorige Geschichte wird mit grossäugigen Figuren in wimmligen Bildern erzählt – und mündet in ein moralisch befriedigendes Ende.

Die Farbe der Rache
Cornelia Funke
Verlag: Dressler, Publiziert: 2023, Seiten: 346, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7513-0007-0
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Kreativität | Lesen | Abenteuer

«Schwarz war die Welt. Es war Nacht in Ombra. Nur die Mauern der Burg färbten sich rot, als hätte die untergehende Sonne sich zwischen ihnen versteckt.» So beginnt Cornelia Funkes neues Werk aus der «Tintenwelt»-Reihe und entführt die Leser:innen erneut in die magische Welt, in der lieb gewonnene Figuren aus den ersten drei Bänden wie Staubfinger, Roxane, Brianna, Mortimer, Resa, Maggie, Fenoglio, der Schwarze Prinz und viele andere, auch neue Akteur:innen inzwischen in Frieden leben. Doch ist dieser Frieden trügerisch, denn Orpheus ist zurück.

Er will sich rächen, vor allem an Staubfinger, der ihn im Stich gelassen hat. Und dafür ist ihm kein Preis zu hoch. Er verbündet sich mit dem Dunklen, dem Bösen, und macht die Bekanntschaft der Schattenleserin Rabbia, die ihm mit ihrem eigenen dunklen Zauber einen Wunsch nach dem anderen erfüllt. Doch der Preis, den sie verlangt, ist hoch.

Mit dem vierten «Tintenwelt»-Band, 16 Jahre nach dem Abschluss der Trilogie, legt Cornelia Funke eine mehr als überzeugende Fortsetzung vor, die ganz im Zeichen von Orpheus’ Rache steht; verbunden mit der Gier nach Macht und Wohlstand, besiegelt sich letztlich sein Schicksal.

Erneut steht das Konzept im Fokus, dass Protagonist:innen in Büchern «verschwinden» – allerdings werden sie hier nicht in Geschichten hineingelesen, sondern sie werden malerisch und damit visuell mit und durch die Farbe Grau in ein Buch gebannt. Am Ende siegt, märchengleich, das Gute, und die Verbannten können zurück in ihr Leben treten, während Orpheus in seine ursprüngliche Welt geschrieben und gelesen wird.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/23, S. 33

Rattensommer
Juliane Pickel
Publiziert: 2023, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75687-9
Schlagwörter: Freundschaft | Gefühle | Streit/Konflikt

«Jetzt fängt dieser Sommer auch noch an zu stinken … Es riecht, als würde darin irgendetwas Unsichtbares vermodern. Es riecht nach Tod.» So beginnt die 15-jährige Lou ihren sinnlich-spannenden Bericht. Irgendetwas ist hier gewaltig faul – und es ist nicht nur die tote Ratte, die im alten Freibad vor sich hin modert.

Lou und Sonny, beste Freundinnen, chillen am Anfang der Sommerferien in ihrem Versteck. Dabei entdeckt Lou so «komische Momente» – «gar nicht mal unangenehm. Nur seltsam». Sie sieht Sonny auf einmal mit anderen Augen, hat Lust, sie anzufassen; Sonny geht es wohl ähnlich. Eine zarte erste Liebe scheint sich anzubahnen – aber nein. Die Vergangenheit überschattet alles. Sonnys Mutter wurde vor fünf Jahren umgebracht und Lous Schwester, ein «Sternenkind», kam vor Lou tot auf die Welt. Soweit die Fakten, das Brutale daran ist, wie dysfunktional und verantwortungslos die Erwachsenen sich dazu verhalten.

Gerade wurde Hagen Bender, der Mann, der schuld am Tod von Sonnys Mutter ist, aus dem Gefängnis entlassen. Und Lous Vater, immerhin Sozialarbeiter, überlässt es seiner Tochter dies Sonny mitzuteilen.
«Es ist kein sanfter Kuss, er ist hart, beinahe grob, er explodiert hinter meinen Augen und zwischen meinen Beinen und tut mir in der Brust weh.» Ihre Liebe können die Mädchen kaum geniessen: Sonny wird von Rachegelüsten zerfressen, Lou von Eifersucht. Die wachsende Entfremdung der beiden geht unter die Haut, und in einem nervenzerfetzenden Showdown landen die Mädchen und Hagen Bender zusammen im nächtlichen See.

Halb Krimi, halb Liebesgeschichte, bleibt «Rattensommer» spannend bis zum Schluss, ohne zu erschlagen. Lous intensiver Erzählstrom reisst in oft poetischen Bildern mit. Im letzten Kapitel regnet es endlich – befreiend für Lou.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/23, S. 33

Fürs Leben zu lang
Nikola Huppertz
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2023, Seiten: 200, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-570-6
Schlagwörter: Tod/Trauer | Pubertät | Generationen

Im Treppenhaus rumlungern und die Nachbar:innen ausspionieren – das ist, aus Mangel an Alternativen, Magalis Plan für die Osterferien. Weil es zunächst nicht sonderlich viel zu beobachten gibt, dokumentiert die 13-Jährige erst einmal alles vermeintlich Wesentliche zu den Leuten im Haus und ihren mitunter kuriosen Gewohnheiten.

Da sind allen voran Magalis Eltern, die sich zwischen pastellfarbenen Wänden und der «Encyclopaedia Britannica» für bewusste Erziehung interessieren, aus Senecas «De vita beata» zitieren, «das richtige Leben aber einfach nicht hinbekommen». Da ist die vielköpfige Familie Siemerding, hinter deren Wohnungstür sich lautstarke Alltagsdramen abspielen, sowie ihr ob seines Hundelebens depressiv gewordener Husky. Weiter Kieran mit seinem losen Mundwerk und seinem Clan aus Zweiteltern und Stiefgeschwistern, und schliesslich, als heimlicher Hauptdarsteller, der 98-jährige Herr Krekeler. Als dieser überraschend verkündet, nach den Osterfeiertagen sterben zu wollen, gerät das ganze Haus in Aufruhr.

Mit ihren exakt 182 Zentimetern und dank ihrer scharfen Beobachtungsgabe hat Magali nicht nur einen guten Überblick über die nachbarschaftliche Lage, sondern auch den perfekten Durchblick. Was sie in ihrem Tagebuch über die Endlichkeit und das Leben, über die Schwierigkeiten und Heiterkeiten des Heranwachsens notiert, liest sich intim und reflektiert – und gleichzeitig immer wieder skeptisch und ironisch distanziert. Nikola Huppertz gelingt es mit leichter literarischer Hand, die kindliche Perspektive mit erwachsenem Wissen zu verbrämen, von den Mädchen heute zu erzählen und sich dabei auch ans eigene Mädchen-gewesen-Sein zu erinnern. Ein authentischer, versöhnlich stimmender Jugendroman.

Alice Werner
Buch&Maus 3/23, S. 34

Dudek
Jan Koneffke
Verlag: Geparden, Publiziert: 2023, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907406-08-3
Schlagwörter: Freundschaft | Gewalt | Erwachsenwerden

Während ihre beste Freundin Ivana den Sommer bei Verwandten in Kroatien am Meer verbringt, bleibt Karla zu Hause – wo die Stimmung nach der Trennung der Eltern alles andere als gut ist. So langweilig wie befürchtet, wird es dann aber doch nicht, denn kaum ist Ivana weg, wird Karla an dem kleinen Baggersee am Waldrand auf einen seltsamen Jungen aufmerksam: Der ungefähr gleichaltrige Dudek wirkt völlig ausgehungert und verängstigt, kann kaum sprechen und weiss weder, was ein Ei ist, noch, wie man es verzehrt.

Einfühlend kümmert Karla sich um den verwahrlost wirkenden Jungen, der in einer Kuhle im Wald lebt und nur langsam Vertrauen fasst. Sie bringt ihm Essen und Kleidung, erfährt nach und nach mehr über ihn, lehrt ihn Gitarre spielen und schliesslich sogar lesen. Vieles deutet daraufhin, dass er jahrelang eingesperrt war und schwer misshandelt wurde.

«Keine Weichspülerei, keine rosa Watte – die Realität darf und soll durchaus in unsere Bücher (…) finden», lautet das Credo des noch jungen Geparden-Verlags aus Zürich, der im Frühjahr 2023 sein ers-tes Programm vorgelegt hat. Auf «Dudek» trifft das definitiv zu: Jan Koneffkes moderne Kaspar-Hauser-Geschichte beginnt spannend und verheissungsvoll, verliert im Mittelteil aber deutlich an Fahrt. Wer durchhält, wird aber mit einem packenden Finale belohnt.

Bleibt die Frage, ob es ein realistisches Szenario ist, dass sich eine Jugendliche mehrere Monate lang (!) und gänzlich auf sich gestellt so aufopferungsvoll um einen fremden Jungen bemüht, wie Karla das tut. Und ob die Protagonistin für ihr Alter nicht ein wenig zu erwachsen geraten ist, als dass sich Jugendliche ab 13 Jahren gut mit ihr identifizieren können.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/23, S. 34

Weisse Tränen
Kathrin Schrocke
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2023, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-205-1
Schlagwörter: Schule | Rassismus | Diversität

Die Schulferien sind vorbei und Leonard («Lenni») und Serkan bekommen einen neuen Mitschüler. Benjamin ist eine Person of Colour, und was eigentlich kein Problem sein sollte, sprengt plötzlich das Heile-Welt-Bild, das die Schule sich selbst gegeben hat. Denn Benjamin macht auf den Alltagsrassismus, der in der Schule und darüber hinaus herrscht, aufmerksam und bringt Dinge zur Sprache, die andere Menschen aus dem Alltag ausgrenzen, die sie diskriminieren, erniedrigen und beschämen.

Plötzlich steht auch die Freundschaft zwischen Lenni und Serkan auf der Kippe. Denn auch Serkan machen die diskriminierenden Hindernisse und Bemerkungen, mit denen er und seine Geschwister konfrontiert werden, zu schaffen. Nur hat er das, im Gegensatz zu Benjamin, nie offen angesprochen. Und Lenni, der von alldem keine Ahnung hatte, sieht sich plötzlich mit mehr Ausgrenzungen und Stigmatisierungen konfrontiert, als er je hat wahrhaben wollte und von denen nicht nur seine Mitschüler:innen betroffen sind, sondern auch seine Lehrer:innen.

Sensibel, aber klar und direkt bringt Kathrin Schrocke den Leser:innen das Thema Alltagsrassismus nahe. Anhand von jeder und jedem bekannten Situationen und Äusserungen, entlarvt sie, wo sich Rassismus verbergen und welche Formen er annehmen kann. Unmissverständlich zeigt sie auf, wie vorurteilsbehaftet Menschen im täglichen Leben agieren und Situationen fehlinterpretieren – und dass diese Fehlschlüsse ein Resultat der Stigmatisierungen sind.

Doch legt Schrocke auch dar, was passieren muss, damit es gar nicht erst zu Stigmatisierungen und Ausgrenzungen kommt. Der aufrüttelnde Roman regt somit an, das eigene Handeln zu reflektieren.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/23, S. 34

Scheissglitzertage
Antonia Michaelis
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2023, Seiten: 400, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0393-7
Schlagwörter: Krieg | Migration | Rassismus

Finnley staunt nicht schlecht, als Ulja aus der Ukraine vor ihm am Eiswagen steht. Ihre Ankunft auf der Insel Usedom ändert alles: Sie verdreht nicht nur Finnley den Kopf, sondern auch seinen Freunden Leif und Neil. Und während die vier Pläne für ein Leben in der weiten Welt, zumindest in Berlin, schmieden, häufen sich auf der Insel die Todesfälle. Plötzlich ist das Militär vor Ort. In der Insel-Facebookgruppe mehren sich Gerüchte, dass Russland Polen in einen Krieg verwickelt habe und nun plane, Usedom einzunehmen. Das Militär lässt verlauten, es liefen Verhandlungen zwischen General Noack, der die Operation auf Usedom leitet, und Präsident Putin, um Usedom zu einer unabhängigen Insel unter russischem Schutz zu machen. Doch Finnley und Co. sind skeptisch – die Hinweise mehren sich, dass hier ein riesengrosser, gründlicher Schwindel inszeniert wird.

Antonia Michaelis nutzt den Ukraine-Krieg als Folie für ihren Roman, in dessen Themenfülle sich die Leser:innen erst einmal zurechtfinden müssen. Neben den – letztlich – geografisch weit entfernten, konkreten Kriegshandlungen steht die Leichtgläubigkeit der Menschen im Fokus, die kaum mehr von der Wahrheit zu unterscheidenden Fake-News unbedingten Glauben schenken (wollen) und sich einer Bewegung anschliessen, deren Motive hauptsächlich rassistischer Natur sind: Die Insel soll nur den Einheimischen gehören und frei von Touristenhorden und Ausländer:innen sein.

Die Abgeschlossenheit des Raums unterstützt dieses komplexe narrative Konstrukt, das zudem mit Themen wie sexuelle Belästigung oder Flucht und Vertreibung angereichert ist. Auch die Figuren überzeugen und sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen – Michaelis’ neuster Roman verspricht Spannung bis zur letzten Seite.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/23, S. 35

Feuer
Anna Skrowońska, Illustration: Agata Dudek, Małgorzata Nowak
Aus dem Polnischen von Marlena Breuer.
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2023, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75767-8
Schlagwörter: Natur | Feste/Bräuche | Historisches

Ein explodierender Vulkan, der Feuer und Lava spuckt. Und mittendrin: ein Mensch im weissen Schutzanzug, der – umgeben von glühenden Lavaströmen – Messungen vornimmt. Anders als das eindrucksvolle Cover es vielleicht vermuten lässt, geht es im Sachbuch der Polin Anna Skowrońska nicht nur um Vulkane. Auf rund sechzig Seiten werden zahlreiche spannende Phänomene, (meist traurige) Rekorde und allerlei Wissenswertes rund um das Thema Feuer vereint, von den Anfängen der Menschheit bis in die Gegenwart. In kurzen, leicht verständlichen Texten erläutert die Autorin sehr anschaulich, was es mit dem Pazifischen Feuerring auf sich hat, erzählt von der Bedeutung des Feuers für verschiedene Kulturen und Feste, berühmten Bränden, Forscherinnen, Wissenschaftlern und Erfinderinnen.

Hin und wieder wäre ein etwas aufmerksameres Lektorat schön gewesen. Warum wird zum Beispiel bei der Erläuterung von «9/11» zwar die Zahl der Feuerwehrleute genannt, die am 11. September 2001 ums Leben kamen – aber nicht erwähnt, dass bei den Terroranschlägen insgesamt über 3000 Menschen starben?

Alles in allem liegt mit «Feuer» aber ein faszinierendes, mit spannenden Daten und Fakten, Geschichten und Entdeckungen prall gefülltes Erklär- und Lesebuch vor, das neugierigen Mädchen und Jungen ab sechs Jahren viel Know-how zum Thema Feuer bietet – zum Schauen, Staunen und Immer-wieder-darin-Blättern.

Grafisch wunderbar aufbereitet, abwechslungsreich und anschaulich präsentiert, mach das Buch Lust auf weitere Titel der Reihe: «Wasser» ist zeitgleich mit «Feuer» erschienen, und für 2024 sind «Erde» und «Luft» geplant.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/23, S. 36

Im Takt der Natur
Helen Pilcher
Aus dem Englischen von Monika Niehaus, Martina Wiese und Coralie Wink.
Verlag: Haupt, Publiziert: 2023, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-258-08340-7
Schlagwörter: Natur | Wissenschaft | Tiere

Rhythmen und Zyklen des Lebens oder warum Koalas lange schlafen

Alle Lebewesen sind als Individuen und als Teil einer Spezies bestimmten Zeitspannen unterworfen – dies vermittelt «Im Takt der Natur» mit eindrücklichen Informationen. Die oft verblüffenden Phänomene sind in sechs Kapitel geordnet, wobei die betrachteten Zeiten immer kleiner werden: Am Beginn stehen evolutionäre Zeitspannen, also Entwicklungen von globalen Ausmassen, etwa der Landgang des Lebens oder das Aufkommen der Primaten, sowie die die Dynamik von Ökosystemen (zum Beispiel um einen verwesenden Wal in der Tiefsee). Dann wird es zeitlich eher vorstellbar: Es geht um Lebensspannen von Lebewesen, von der Eintagesfliege bis zum ältesten Baum der Welt, der immerhin 5000 Jahre alt ist, sowie um Entwicklungen innerhalb der Lebenszeit. Zudem werden verhaltenbiologische Zeitspannen (wie lange dauert das Zuschnappen einer fleischfressenden Pflanze?) und schliesslich körperliche Rhythmen vom Stoffwechsel bis zur Zahl der Atemzüge pro Minute beleuchtet.

Das alles sind klassische Sachbuchthemen. Auch sachbuchtypisch wird pro Doppelseite ein Aspekt thematisiert. «Im Takt der Natur» versammelt auf 200 Seiten aber eine Fülle von Aspekten unter der Perspektive der Zeit und präsentiert sich so als «Komplettbuch». Stets liegt auch ein Augenmerk auf der drohenden Verknappung von Arten durch den Klimawandel. Das Buch richtet sich nicht spezifisch an Kinder und Jugendliche, ist aber ab Ende Mittelstufe zugänglich: Hervorragend sind die zahlreichen Grafiken, die komplexe Zusammenhänge anschaulich machen. Die Texte erklären viel Fachwortschatz und gut lesbar. So bekommt man Lust, weiter zu recherchieren.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 3/23, S. 36

Zwischen Leben
Monica Cantieni
Verlag: da bux, Publiziert: 2023, Seiten: 60, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906876-35-1
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima | Erwachsenwerden

Die Pottwale Liv und Kat finden sich im Nichts zwischen Leben und Tod wieder, gebrandmarkt als «ausgestorben». Monica Cantienis Kurzroman in einfacher Sprache beginnt mit einer schrägen Szenerie und Dialogen, die an Samuel Becketts «Warten auf Godot» erinnern. Wie Becketts Estragon und Vladimir, die weder wissen, wer Godot ist, noch, warum sie auf ihn warten, sind die beiden Wale an der Eingangspforte zum Todesreich verwirrte Wesen, die sich und das Drumherum nicht verstehen und so zu komischen Figuren werden.

Eine Vermutung haben sie aber: Das viele Mikroplastik im Meer hat sie hierhin gebracht. Ihre einzige Chance, irgendwie weiterzuleben und bei den Menschen ein Umdenken in Sachen Umwelt zu bewirken, sehen sie darin, sich in einem menschlichen Körper einzunisten, der den Weg aus diesem Schwellenraum zurück ins Leben schafft.

Da kommt Ben, der nach einem selbstverschuldeten Rollerunfall von Ärzten reanimiert wird, gerade richtig. In seiner Seele und seinen Gedanken ist noch eine Ecke frei für die beiden Wesen. Der arrogante Junge aus betuchtem Elternhaus war in einen Lastwagen gerast, nachdem ihm sein Kumpel den Spiegel vorgehalten hatte, wie gedankenlos und egoistisch seine Familie durch die Welt geht. Wieder genesen, ist Ben verwandelt: Wohlstand bedeutet ihm nichts mehr, er kann sich in andere einfühlen und fühlt sich im Wasser pudelwohl.

Die Aargauer Schriftstellerin erzählt in ihrem erstem Text für Jugendliche wechselweise aus der Wal- und der Jungenperspektive. Der schräge Plot verschränkt komische und realistische Passagen. Die Gratwanderung gelingt Cantieni, weil sie für beide Perspektiven eine Sprache findet und Dialoge schreiben kann, die sich gewaschen haben.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/23, S. 33

Der Mikroplastik im Meer hat zwei Pottwale umgebracht. Vor der Himmelspforte treffen sie auf Ben – der Junge schwebt nach einem Unfall in Todesgefahr – und nisten sich in seinem Körper ein. Ben überlebt, aus dem verwöhnten Jüngling wird ein umweltbewusster junger Mann. Der Kurzroman wird wechselweise aus der Perspektive der Wale und des Jungen erzählt. Eine Gratwanderung, die gelingt, weil die Autorin für beide Sichtweisen eine überzeugende Sprache findet und tolle Dialoge schreibt.

Leonie lernt fliegen
Sandra Rutschi
Verlag: SJW, Publiziert: 2023, Seiten: 35, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0416-6
Schlagwörter: Körper

In Tagebucheinträgen erzählt die elfjährige Leonie von den Buckeln auf ihrem Rücken, die niemand ausser ihr zu sehen scheint. Was passiert da mit ihrem Körper? Eines Tages platzen die Buckel und dem Mädchen wachsen wunderschöne Flügel. Als Leonie bemerkt, dass sie nicht die Einzige mit Flügeln ist, eröffnet sich ihr eine neue Welt. Eine kurze und leicht lesbare Entwicklungs- und Befreiungsgeschichte.

Cosmo Zauberkater
Barbara Rosslow
Verlag: Coppenrath Verlag, Publiziert: 2023, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-649-64497-2
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Tiere

Der Fluch der magischen Pfote

Das Motiv der Zauberschule erhält hier eine charmante Variante, denn in dieser Welt müssen nicht nur zauberkräftige Menschenkinder zum Unterricht, sondern auch ihre tierischen Gefährten. Kater Cosmo hegt dabei ein pikantes Geheimnis: Er verfügt über magische Kräfte, was sonst nur Menschen tun. Zusammen mit der in Zauberdingen noch ungeschickten Aywa kann er so eine weltverändernde Übeltat verhindern. Ein interessanter Weltentwurf, liebenswerte Figuren und eine grosse Prise Action sorgen für Lesevergnügen.

Hier bin ich doch!
Werner Rohner, Illustration: Samira Belorf
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0860-2
Schlagwörter: Körper | Gefühle

Wegen dem Weinen und Fluchen des kleinen Gespenstes ziehen alle Mieter:innen aus. Dabei will es gar niemanden erschrecken – weil es unsichtbar ist, weiss es manchmal selbst nicht, wo es anfängt und aufhört. Die Hausmeisterkinder Ali und Elli wollen dem Spuk ein Ende bereiten. Als die Familie das Gespenst umarmt und berührt, findet es seinen sichtbaren Körper wieder und damit zu sich selbst. Diese humorvolle Gespenstergeschichte wird durch die Bilder in ein aktuelles Setting gesetzt.

Bravo, Avocado!
Taltal Levi
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2023, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10629-3
Schlagwörter: Identität/Individualität | Natur

Als die kleine Ellie nach ihrem Geburtstag enttäuscht feststellt, dass sie kein bisschen gewachsen ist, meint ihr Papa, sie sei wie ein Avocadokern: klein, aber voller Magie. Die beiden pflanzen einen Avocadokern und pflegen ihn über Tage, Wochen und Jahre mit viel Liebe. Parallel zeigen die Illustrationen in warmen Farben wie nicht nur die Pflanze, sondern auch Ellie heranwächst. Mal kraftvoll-dynamisch, mal zart, fängt Taltal Levi so die Magie des Wachsens ein.

Buddeln, baggern, bauen
Ole Könnecke
Verlag: Hanser, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27722-9
Schlagwörter: Technik | Humor/Komik

Kleine Geschichten von grossen Maschinen

Radlader, Minischaufelbagger und Teleskopkran kommen in diesem Sachbuch zu typischen bis irrwitzigen Einsätzen. Der Vorderkipper bringt neuen Sand auf den Spielplatz, im Fahrmischer lässt sich wunderbar Pfannkuchenteig anrühren. Die 13 Kurzgeschichten mit tierischen Protagonist:innen finden grösstenteils auf Doppelseiten Platz, die Könnecke mit knappen, kursiv gesetzten Sachinformationen zu den Geräten anreichert. Ein grosser Spass für Maschinenbegeisterte und Freund:innen von absurdem Humor.

Giftig!
Ico Romero Reyes, Illustration: Tània García
Aus dem Spanischen von Andreas Jäger
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2023, Seiten: 42, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8458-5213-3
Schlagwörter: Tiere | Natur

Die tödlichsten Kreaturen der Erde

Süsse Tiere sucht man in diesem grossformatigen Buch vergebens. Vielmehr präsentieren die bunten Collagen Kreaturen, von denen man sich möglichst fernhalten sollte: Schlangen und Skorpione, aber etwa auch Kegelschnecken, Pfeilgiftfrösche und sogar einzelne Säugetier- und Vogelarten haben sich mit Gift als Schutz oder Waffe an ihren Lebensraum angepasst. Die informativen Texte vermitteln neben viel Fachwortschatz auch, wie Gift Todesgefahr und Heilmittel zugleich ist und dass es noch viel zu erforschen gäbe.

Radieschen von unten
Katharina van der Gathen, Illustration: Anke Kuhl
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2023, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-285-5
Schlagwörter: Tod/Trauer

Das bunte Buch über den Tod für neugierige Kinder

Ein «buntes Buch» über den Tod? Wie soll das denn gehen? Na, sehr gut! Zumindest, wenn man das Katharina von der Gathen und Anke Kuhl machen lässt. Das Erfolgsduo bleibt sich – nach seinen beliebten Büchern über Sexualität, den menschlichen Körper und das Liebesleben der Tiere – treu: Ohne Berührungsängste wird über alles geplaudert, was mit dem Tod zusammenhängt und Kinder zu diesem Thema beschäftigen könnte. Dabei wird auf kuriose Todesfälle und Bestattungsarten ebenso wenig verzichtet wie auf Interviews mit Menschen, die beruflich mit dem Tod zu tun haben und offen aus ihrem Alltag als Krankenpfleger, Sterbe- und Trauerbegleiterin, Bestatter oder Pfarrerin erzählen.

Wir erfahren, warum die Uhren früher angehalten wurden, wenn jemand gestorben war, was es mit den «Seelenfenstern» auf sich hat, die man in sehr alten Bauernhäusern finden kann, warum der Tod auch Schnitter, Sensen- oder Knochenmann genannt wird und wozu es früher Klageweiber gab. Und natürlich, was genau passiert, wenn jemand stirbt.

Dass das Ganze nie schwer, sondern wunderbar leicht und oft sogar witzig daherkommt, dafür sorgen nicht nur die einfühlsamen, lebendigen Texte von Sexualpädagogin Katharina von der Gathen, sondern auch die kecken Illustrationen von Anke Kuhl. Da fassen sich schwarze Skelette an den Händen und tanzen ausgelassen miteinander. Und farbenfrohe Cartoons zeigen, wie Sterben geht oder wie eine typische Beerdigung abläuft. Ein Buch, das in keinem Kinderzimmer fehlen sollte und bei dem es auch für Erwachsene noch so manches zu erfahren gibt. Und ja: «Bunt» trifft es perfekt!

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/24, S. 36

Das bunte Buch über den Tod für neugierige Kinder, so der Untertitel, ist ein riesiger Fundus zu allem, was zum Sterben und zum Tod gehört. In fünf Kapiteln wird das Thema in der Unbefangenheit kindlicher Fragen mit ebenso grosser Ernsthaftigkeit wie Humor erfasst. In den meist kurzen Texten ist vom Interview mit Bestatter oder Friedhofsgärtner bis hin zu witzig Anekdotischem alles dabei. Die comicnahen Illustrationen tragen zudem viel dazu bei, dass das Buch kein bisschen sterbenslangweilig, sondern ein todsicheres Lesevergnügen ist.

Alle helfen
Rike Drust, Illustration: Horst Klein
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2023, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-284-8
Schlagwörter: Arbeit | Identität/Individualität

25 Berufe, die die Welt besser machen

Auf Fragebogen geben 25 Berufsleute Auskunft über ihre Jobs: Welche Sätze sie oft hören, was ihnen am meisten Spass macht, wer ihnen eigentlich hilft. Pro Doppelseite erlangen die Leser:innen viel Basis- und Spezialwissen über helfende Berufe vom Rettungsschwimmer über die Krankenhaus-Clownin bis zu Erzieher:innen. In den Antworten stecken auch viele persönliche Erlebnisse, denn die Autor:innen haben dafür mit über 200 Personen gesprochen. Die comichaften Illustrationen lockern Ernstes mit Humor auf, ohne zu beschönigen.

Oh weia!
Jutta Bauer, Franziska Ludwig, Illustration: Franziska Ludwig
Verlag: Kibitz, Publiziert: 2023, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948690-30-4
Schlagwörter: Natur | Umweltschutz/Klima

Krise auf der Wiese

Moorfroschs Tümpel ist ausgetrocknet und Biene Bingül findet kaum noch Nektar. Klara Kuckuck kommt zu spät aus dem Süden und findet kein Nest mehr für ihr Ei. Diverse Tiere kämpfen so sehr mit den Folgen der Klimaerwärmung, dass es ihnen jetzt reicht! Sie ziehen los, um sich bei den Bestimmer:innen im Parlament zu beschweren. Doch werden sie gehört? Ein wimmeliger Comic, der die Klimakrise mit grosser Dringlichkeit, aber auch viel Witz schildert und zum Mitdenken anregt. Zum Vorlesen oder für geübte Comic-Leser:innen zum Selberlesen.

Buh!
Tini Malitius
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2023, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75737-1
Schlagwörter: Spiel | Grusel/Spuk/Horror

Verstecken und Erschrecken liebt der Waldgeist Buh so wie viele Kinder. Die Fledermaus fällt vom Baum, das Wildschwein rennt davon, das Reh macht einen Salto. Ausgerechnet das grösste Tier mit dem stacheligen Schwanz weist den frechen Buh mit einem Pups in die Schranken. Eine überraschende Buhte-Nacht-Geschichte in collageartigem Illustrationsstil.

Onnis Tag
Sanna Pelliccioni
Aus dem Finnischen von Janina Otto
Verlag: Edition Bracklo, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-946986-19-5
Schlagwörter: Alltag | Familie/Familienformen

Der Kleinkindertag von Onni ist genauso knallbunt wie die Illustrationen dieses Bilderbuches. Jede Seite zeigt eine Szene: vom Auf-stehen bis zum Schlafengehen, vom Zuhause bis zum Spielplatz. Mal ist Onni allein, mal zusammen mit Freund:innen oder den Eltern. Die Bilder mit den kleinen Details bieten viele Anknüpfungspunkte für einen fröhlichen Dialog.

Meine ersten Sachen
Anna Süssbauer
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2023, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0376-0
Schlagwörter: Alltag | Forschen

Dieses grossformatige Bildwörterbuch zeigt auf sieben Doppelseiten Alltagsdinge aus Kinderzimmer und Garten, vom Spielplatz bis zur Baustelle. Links ist eine kleine Sammlung von Dingen abgebildet, rechts jeweils nur ein Gegenstand gemalt. Dazu gesellt die Illustratorin kleine Tiere, die die Gegenstände bespielen und so auch zu erstem Erzählen anregen.

Waschbär wäscht Wäsche
Susanne Strasser
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2023, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0713-0
Schlagwörter: Alltag | Tiere | Spiel

Waschbär wäscht gerne. So gerne, dass ihm die Tiere je ein Kleidungsstück bringen, das er «Schrubb, schrubb, wischi, waschi» reinigt und an die Leine hängt. Kaum trocken, ziehen es die Tiere wieder an, allerdings vertauscht. Was für ein Durcheinander, was für ein Spass! Eine humorvolle Geschichte zum Vor- und Zurückblättern, Staunen und Lachen.

Wer steigt ein?
Vera Eggermann
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2023, Seiten: 18, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0863-3
Schlagwörter: Spiel | Alltag

So klein und handlich das Buch daherkommt, so viel steckt in der neuen Pappe von Vera Eggermann: eine zündende Idee, ein tolles Figurenarsenal und viel Platz für die eigene Fantasie der Betrachter:innen. Ausserdem finden sich ganz viele Ideen zum Nachmachen in diesem Werk. Doch der Reihe nach – so, wie auch die vielen, einzelnen und ungewöhnlichen Sitzmöglichkeiten provisorisch aneinandergeknotet werden. Die sechs Figuren, die auf dem einladenden Cover zu sehen sind, wollen allesamt mit auf grosse Fahrt. So offen und abenteuerlustig wie Mimik von Katze, Ente und Regenwurm zu deuten sind, kann es auf der Stelle losgehen!

Die Idee für die Geschichte hatte die Luzerner Illustratorin Vera Eggermann beim Betrachten alter Fotoalben. Für ein solches Spiel reicht es, sich Stuhl, Wäschekorb oder Bananenkiste zu schnappen und für den kreativen Autozug zu verwenden. Doch bis jeder seinen Platz gefunden hat, braucht es seine Zeit. Der grüne Glub ist zunächst unentschlossen, Yeti doch recht gross für den Korb, aber Max passt genau in die Bananenkiste. Nur der Fahrersitz bleibt leer. Und da gelingt der Illustratorin das Kunststück, die Kinder mit einzubinden. «Du steuerst!», ist da zu lesen, und schon verwandelt sich das Pappbuch in ein Spielzeug.

Mit Blei-, Filz- und Farbstiften gelingt es Eggermann, mit klarem, leicht kantigem Strich originelle Charaktere zu schaffen, die eine grosse Anziehungskraft haben. Ohne viele Worte fühlt man sich der Truppe verbunden und kann dank des übersichtlichen Registers die eigene Lieblingsfigur ganz schnell wiederfinden. Das alles ist im Zusammenspiel unterhaltsam und anregend zugleich, und damit sehr passend als eines von zwei Pappbüchern im neuen «Buchstart»-Paket.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/23, S. 26

Ein selbstgebauter Zug aus Körben, Stuhl und Bananenschachtel ist die Basis für das geliebte Spiel vom Einsteigen und Losfahren. Von Seite zu Seite kommt eine neue fantasievolle Figur dazu, bis nur noch zuvorderst Platz ist. Die Reise kann losgehen, wenn das betrachtende Kind sich das Buch bzw. das Steuerrad auf der Buchrückseite schnappt!

Einkaufen macht Spass!
Leonora Leitl
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2023, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-4146-9
Schlagwörter: Alltag | Familie/Familienformen | Essen

Papa Kiki zieht mit den drei Hühnerkindern im Bollerwagen zum Einkaufen los. Es soll Pizza geben. Von der Bäckerei bis zum Gemüseladen geht es, und vor dem Heimweg gibt es noch ein Eis und einen Regenstopp in der Buchhandlung. Gemeinsam mit den Küken gibt es viel zu entdecken an diesem bunten Familientag, an dem Mama Jojo ausschlafen darf.

Wo ist Momo?
Andrew Knapp
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2023, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5931-3
Schlagwörter: Tiere | Wimmelbuch

Ein Such- und Findebuch mit Hund

Der Fotograf Andrew Knapp setzt in diesem Such- und Findebuch seinen Border Collie Momo äusserst witzig ins Bild. Rechts eine Szene mit Wimmelcharakter, darauf versteckt jedes Mal Momo und zusätzlich drei andere Dinge, die auf der linken Seite als Suchhilfe gezeigt werden. Genaues Schauen lohnt sich, es gibt viel zu entdecken!

Fanni, Fuchs und Feuerwehr
Miriam Zedelius
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2023, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75672-5
Schlagwörter: Spiel | Freundschaft

Fanni und Fuchs lieben es richtig wild. Mit ihrem Feuerwehrauto brausen sie von Einsatz zu Einsatz. Da müssen Kuchen und Kinder, Lastwagen und Schweine gerettet werden. In den Bildern erweitern zahlreiche Nebengeschichten die Basishandlung liebe- und humorvoll. Dem «Tatü-tata» werden sich die Betrachtenden sicher lautstark anschliessen.

Unsere bunte Strasse
Maria Höck, Illustration: Lena Hesse
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2023, Seiten: 14, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0199-5
Schlagwörter: Spiel | Alltag | Diversität

Eine knapp 140 cm lange Strassenzeile zum Aufstellen versteckt sich in diesem Leporello. Auf den wimmeligen Szenen in und vor Kita, Bäckerei, Yogastudio oder Bibliothek leben und begegnen sich ganz unterschiedliche Menschen von heute. Kurze Reime weisen auf Figuren hin, kleine Klappen runden die Spielanlage ab.

Bist du kitzelig?
Mies van Hout
Verlag: Minedition, Publiziert: 2023, Seiten: 18, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03934-207-5
Schlagwörter: Tiere | Spiel

Der Titel ist Programm in Mies van Houts neuestem Pappbuch. Im Fokus steht immer ein Tier und dessen Gefühl beim Kitzeln. Die Reaktion versteckt sich hinter einer Aufklappseite. Die Katze mag es sehr, das Eichhörnchen rennt davon, der Wolf kann sich nicht mehr halten vor Lachen. Und die kleine Maus? Sie kitzelt am Ende das Kind!

Kann ich alleine!
Kathrin Schärer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2023, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27723-6
Schlagwörter: Alltag | Tiere

Kleine Kinder sind stolze Lerner:innen. Sich selbst anziehen, ein Bild malen, Kekse ausstechen oder einen Purzelbaum schlagen: Da sind grössere Buchstart-Kinder sicher auch schon dabei! Im gewohnten Stil zeigt Schärer in gut 30 Szenen wechselnde Protagonist:innen, die ganz in ihrem kindlich-spielerischen Lernen aufgehen.

1 2 3 Wie viele Vögel?
Marcos Farina
Verlag: Kleine Gestalten, Publiziert: 2023, Seiten: 18, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96704-745-5
Schlagwörter: Tiere | Anleitung

10 verschiedene Vogelarten warten auf je einer Doppelseite im zartfarbigen Retrostil darauf, entdeckt zu werden: eine Ente, zwei Pelikane, vier Hühner usw. Ein klassisches Zählbüchlein also, das Kleinkinder zum Benennen der Tiere und erstem Zählen auf-fordert. Der überraschende Schluss mit einer vorwitzigen Katze macht daraus ein Buch zum Immerwiederanschauenwollen!

Wölfe
Aleksandra Mizielińska, Daniel Mizieliński, Michał Figura
Aus dem Polnischen von Marlena Breuer und Thomas Weiler.
Verlag: Moritz, Publiziert: 2023, Seiten: 268, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-449-7
Schlagwörter: Tiere | Natur | Wissenschaft

Wahre Geschichten

Seit zwanzig Jahren spürt Michał Figura Wölfe auf und erforscht sie. In diesem Sachcomic erzählt er aus der Ich-Perspektive von acht Wölfen, die er teils über Jahre begleitet hat, teils nur für wenige Tage beobachten konnte. Jedem Wolf werden mehrere Kapitel gewidmet. Der Erzähler und das erfolgreiche Illustratorenpaar Mizielińska/i vermögen den Forscher:innenalltag sehr eindringlich und konkret, manchmal temporeich zu schildern. So fiebern die Leser:innen in vielen Abschnitten mit, etwa wenn Michał Figura und seine Kolleg:innen die Eltern eines Wolfswelpen suchen, der am Strassenrand aufgelesen wurde. Oder wenn sie mit den Wildschützer:innen gebannt darauf warten, dass endlich ein Wolf vor die Wildkamera läuft oder sie ein Signal eines Peilsenders erhalten. Dann streifen sie über mehrere Seiten durch den dichten Wald, um schliesslich auf eine Fährte zu stossen. In der Umsetzung als Comic erinnert die Erzählweise stark an filmische Tierdokumentationen, das Zusammenspiel von Text (oft kurze, prägnante Dialoge) und Illustration reisst einen mit.

Die umfangreichen und differenzierten Sachinformationen sind über die 260 Seiten häufig als Textpanels direkt in die Wolfsbiografien eingeschoben. So erfährt man, wie ein Peilsender funktioniert, nachdem die Wölfin Szelina mit einem solchen ausgestattet worden ist. Wo die Informationen mehr in die Tiefe gehen, wird einem Thema oder einer Technik auch mal eine Doppelseite oder ein kurzes Kapitel gewidmet. Ein umfangreicher Anhang mit Fotos und allgemeinen Informationen zum Wolfsvorkommen in Europa komplettiert das Buch, das Kindern ab der Mittelstufe und weit darüber hinaus tolle Lern- und Leseerlebnisse bescheren wird.

Gina Domeniconi
Buch&Maus 3/23, S. 36

Schwere Flocken
Léonie Pantillon
Aus dem Französischen von Steven Wyss.
Verlag: SJW, Publiziert: 2023, Seiten: 50, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0389-3
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing | Schule | Freundschaft

Liane hat ihre erste Stelle als Primarschullehrerin angetreten. In einem Café trifft sie zufällig auf Mélissa. Einst war diese ihre beste Freundin – bis sie mit der Klasse ins Skilager fuhren. Die jungen Frauen kommen auf damals zu sprechen und versuchen, zu verstehen, wie damals alles so weit kommen konnte: Liane wurde gehänselt, weil sie sich in den hübschesten Jungen in der Klasse verguckt hatte – der eine andere küssen würde –, sie bekam Schnee in den Hals gestopft, wurde auf der Skipiste umgefahren und am Bunten Abend blossgestellt. Im dünnen Partykleid lief das Mädchen in die Winternacht hinaus und wäre beinahe erfroren – eine Doppelseite zeigt nur Schnee und Lianes Fussspuren darin. Mélissa brachte nicht den Mut auf, für ihre Freundin einzustehen, weil sie unbedingt dazugehören wollte.
Léonie Pantillon hat an der Hochschule Luzern Illustration Fiction studiert. In ihrem überzeugenden Comic-Debüt erzählt sie in ruhigen Panels mit wenig Text von Gruppendruck, Mobbing und Freundschaft. Für die Rahmenhandlung in der Gegenwart wählt Pantillon warme, helle Brauntöne, die Rückblenden sind in kalten Blautönen gehalten, ergänzt durch pastellfarbige Akzente.

Auch wenn Liane sich mit der Vergangenheit ausgesöhnt hat, heilt Zeit nicht alle Wunden, und Mobbing geht weiter: Die junge Lehrerin sieht auf dem Pausenhof ein Mädchen, das in der Kälte sitzt. Mitschüler:innen haben ihr die Mütze geklaut. Liane wird hinuntergehen und mit den Kindern ins Gespräch kommen. So denkt man als Lesende das Ende dieser Geschichte weiter. Die Schlussszene könnte Ausgangspunkt sein, um mit einer Klasse Ende Mittel- / Anfang Oberstufe in die Lektüre dieses berührenden SJW-Hefts einzusteigen.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/23, S. 37

Eine junge Lehrerin erinnert sich zurück an das Skilager, in dem sie gehänselt und schikaniert wurde, weil sie sich in den Klassen-Beau verliebt hatte. In ihrer Verzweiflung lief sie damals weg vom bunten Abend in die Winternacht hinein und wäre fast erfroren. Die Neuenburger Illustratorin Léonie Pantillon erzählt in ihrem in Blau- und Beigetönen gehaltenen Comic-Debüt in ruhigen Panelstrukturen und mit nur wenig Text von Mobbing und Mitläufertum und davon, was diese Erniedrigung heute noch mit der jungen Frau macht.

Weg
Rina Jost
Verlag: Edition Moderne, Publiziert: 2023, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03731-253-7
Schlagwörter: Geschwister | Krankheit | Gefühle | Fantastik/Fantasy

Gekrümmt wie ein Croissant liegt hinter der geschlossenen Zimmertüre ein schreiender Deckenberg auf dem Boden. Er wird still und immer kantiger, bis er komplett zum Fels mutiert, langsam in der Matratze versinkt und darin verschwindet. Wohin? Die 1987 in Frauenfeld geborene Rina Jost findet in ihrem autobiografisch gefärbten Comic starke Bilder für die Depression ihrer Schwester und besonders für die eigene Angst, Ohnmacht und Verzweiflung. So springt Ich-Erzählerin Malin der verschwundenen Schwester durch die Matratze hinterher und landet wie Alice im Wunderland in einer märchenhaft-verrätselten Welt. Zum Glück ist Hündin Wilma dabei, denn die Suche nach Sybil wird gefährlich und bizarr: Erst explodiert der schwarze Himmel, dann ploppen Monster aus dem Wüstenboden. Malin trifft drei Schicksals-Korbflechter an der Ewigen Weide und eine Achtsamkeits-Fee, die ein rohes Ei aufzustellen versucht. Im dunklen Wald verwandeln die fiesen Vorwurfs- und Sorgenraben sie selbst beinahe zu Stein wie Sybil – die ist aber schon auf dem Rücken eines blauen Hundes unterwegs ans andere Ufer des Flusses und in die Bucht der Haie … Ob Malin sie retten kann und das Portal zurück in die Welt findet? «Niemand weiss, wie die Reise endet», orakelt der Fährmann.

«Weg» ist ein spannendes surreales Abenteuer mit mythologischen Anleihen, das sofort einen mächtigen Sog entwickelt, weil es so bildmächtig, fantasievoll und ausdrucksstark in Szene gesetzt ist. Erzählt wird von komplexen Seelenwelten, der Text dazu ist knapp und klar. «Du kannst Sybil nicht helfen. Sybil weiss, dass du für sie da bist. Mehr kannst du nicht für sie tun», rät die Hexenfee – und das ist dann ein grosser Trost. Ein vielschichtiger, eindrucksvoller Comic, nominiert für den Berthold-Leibinger-Preis 2022.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/23, S. 36

Als Malins grosse Schwester Sibyl in ihrer Depression und damit in ihrer Matratze buchstäblich versinkt, taucht Malin ihr hinterher und landet in einer surreal-fantastischen Welt. Auf der Suche nach Sibyl begegnet sie einigen mythologisch angehauchten Figuren und muss sich auch ihren Ängsten stellen. Das schwere Thema Depression ist in diesem beeindruckenden Erstlingswerk mit grosser Kreativität, erzählerisch durchaus mit Leichtigkeit und visuell mit kraftvollen Bildern umgesetzt.

Sieben Tage Mo
Oliver Scherz
Verlag: Silberfisch, Publiziert: 2023, ISBN/ISSN/EAN: 9783745604610
Schlagwörter: Behinderung | Geschwister

Der neue Kinderroman von Oliver Scherz beginnt furios. Der Ich-Erzähler Karl reisst seinen Zwillingsbruder Moritz, kurz Mo, vor einem herannahenden Zug von den Gleisen. Hat Mo den Zug denn nicht gehört? Karl ist fuchsteufelswild, doch schon streicht ihm Mo als Entschuldigung mit beiden Händen über den Rücken. Mo «tickt anders als die meisten», er hat eine kognitive Behinderung, weil die Nabelschnur bei seiner Geburt «zu wenig Sauerstoff durchgelassen» hat. Da die Mutter als Krankenpflegerin Geld verdienen muss und der Vater in Südamerika Staudämme baut, fällt die Betreuung seinem Bruder Karl zu. Dabei ist die Grenze zwischen Ausgelassenheit und Erschöpfung, Spass und Überforderung fein. Die beiden essen zusammen Mittag, quatschen, kümmern sich um den Hamster und erkunden gemeinsam einen verlassenen Stollen. Karl liebt die Ehrlichkeit und den Mut seines Bruders, trotzdem möchte er während der Abwesenheit der Eltern nicht immer auf Mo aufpassen und auch einmal seinen eigenen Interessen nachgehen. Als Karl seinen Bruder einen Nachmittag allein lässt, um sich mit Nida, einem Mädchen an seiner Schule, zu treffen, bricht Panik aus …

Oliver Scherz beschreibt die Beziehung der zwei Brüder mit viel Empathie, Hörbuch-Sprecher Jens Wawrczeck bringt die authentische Erzählstimme, die pointierten und oft unterhaltsamen Dialoge zur Geltung. Der Roman erzählt von ganz normalen Alltagsproblemen, von Freundschaft und erstem Verliebtsein, porträtiert aber zugleich einen Jungen, der die Verantwortung für seinen Bruder nicht allein tragen kann. Das Hörbuch eignet sich gerade auch zum gemeinsamen Anhören, um über die Inklusion von Menschen mit Behinderung ins Gespräch zu kommen.

Sarah Eggel
Buch&Maus 3/23, S. 37

Das Summen unter der Haut
Stephan Lohse
Verlag: Insel, Publiziert: 2023, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-458-64389-0
Schlagwörter: LGBTQ*

Einunddreissig glückliche Tage lang kennt der 14-jährige Julle Alex, bis dieser so schnell wieder verschwindet, wie er aufgetaucht ist. In diesem Sommermonat, die die zwei Jungs im Freibad oder im Wald verbringen, spürt Julle, wie schön Verliebtsein ist. Trotz ihres Settings in den Siebzigerjahren ist diese Liebesgeschichte nicht von den Widerständen gegen Homosexualität in der Gesellschaft geprägt, sondern von Rollenvorbildern, Akzeptanz und Verständnis.

Genauso, nur anders
Salome Müller, Andrea Arežina
Verlag: Kein & Aber, Publiziert: 2023, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-0369-5019-8
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Junge Frauen* erzählen vom Erwachsenwerden

Dieses eindrückliche Buch bietet ein Stimmungsbild der heutigen Generation junger Frauen*. 19 Gespräche mit 13- bis 19-Jährigen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz geben Einblick in ihre Ängste, Träume, Probleme und Lebensrealitäten. Jedes Gespräch und Kapitel fokussiert auf ein Thema: Verliebtsein, Menstruation, Geschlechtsidentität, politisches Engagement, häusliche Gewalt, Geld oder Leistungsdruck. Eine Infoseite kontextualisiert das Erzählte jeweils mit Fakten.

Ich sage Hallo und dann Nichts
Lilly Axster
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2023, Seiten: 200, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-4153-7
Schlagwörter: Identität/Individualität | Geschlechterbilder | Erwachsenwerden

Mit Identitäten, die sich nicht einordnen lassen, tut sich die Jugendliteratur schwer. Selbst wenn sich Figuren nun jenseits der Heteronorm definieren dürfen, muss eine Verortung stattfinden – ein Sich-Verhalten zu Kategorien, die Andeutung zumindest, dass man auf dem Weg ist zum lesbaren Ich. Lilly Axster führt diese Anforderung in ihrem neuen Roman vor, der zugleich zeitdiagnostisch ist und mit Zeitdiagnosen spielt: Jecinta, weiblich gelesen, zweites von drei Geschwistern, räumlich im «Durchgangszimmer» parkiert, in der elterlichen Ess-metaphorik «medium» zwischen «rare» und «well done», hat genug. Nennt sich nun J, will keine Ambition, kein Social-Media-Profil, kein Geschlecht, will gar nichts mehr sein: «nicht formatiert, nicht programmiert». Das geht selbst dem aufgeklärten Umfeld zu weit. «Girls, boys, queer, divers, kein Eintrag?», drängt Freundin Zineb. Der Biolehrer empfiehlt Beratung, Vernetzung: «Nur eines könne ich nicht tun: nichts. Schon gar nicht auf Dauer.»

Natürlich tut J nicht nichts; J arbeitet sich an den Diskursen ab, in denen «Mensch» gedacht wird, sich denkt. Einmal mehr lotet Axster eindringlich die ganze exkludierende wie öffnende Wirkkraft von Sprache aus, ohne dass der Text ins Theoretische kippt. Er bleibt nahe dran an der Figur, die natürlich auch nicht nichts ist – weil das Ich notwendigerweise in Beziehungen zu anderen Formen annimmt. Leo, die unter einer dissoziativen Identitätsstörung leidet, fordert Js Selbstverständlichkeiten weiter heraus und entwickelt als Figur, deren Perspektive über handschriftliche Versatzstücke eingestreut ist, zugleich ein Eigenleben. Dass der Text die Puzzleteile nicht zusammensetzt, ist stark. Dass er zugleich das Leid von Leonie, der nicht einmal die Illusion einer kohärenten Identität bleibt, beklemmend greifbar macht, öffnet eine weitere Tiefendimension.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/23, S. 35

Immer ist Jecinta dazwischen – das mittlere Kind, durchschnittlich in der Schule. Dann wenigstens radikal nichts sein, sich keiner Kategorie zuordnen! Nun ist Jecinta J, trägt keine Markenkleider mehr, löscht alle Apps, ist weder Mädchen noch Junge noch non-binär. Da lernt J Leo kennen, die immer wieder wie ausgewechselt scheint, sich nicht an Erlebnisse des Vortages erinnern kann und unter den Stimmen in ihrem Kopf leidet. Immer wieder stellt der Jugendroman die Leitfrage: Was ist Identität?

J entschliesst sich radikal, auf alle identitätsstiftenden Merkmale zu verzichten: Keine Markenklamotten, keine Social-Media-Profile, kein Lieblingsessen und keine geschlechtliche Zuordnung mehr. Leo, die J in der Schule kennenlernt, hat dafür wegen ihrer dissoziativen Persönlichkeitsstörung mit zu vielen Identitäten zu kämpfen. In diesem sehr literarisch gestalteten Roman suchen zwei Jugendliche nach dem, was sie eigentlich ausmacht.

Kurz vor dem Rand
Eva Rottmann
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2023, Seiten: 204, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96428-188-3
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Identität/Individualität | Sport

Ari (15), kurz für Arielle, wohnt mit ihrem Vater in der Hochhaussiedlung, macht eine Lehre als Malerin und fährt schon ewig Skateboard. Im Park mit der Clique ist das «gute Leben», aber generell sortiert sie Leute in «die Arschlöcher und die Guten». Mädchen, die nur am Rand sitzen und zuschauen, verachtet sie. Als der geniale Skater Tom auftaucht, würde sie ihm am liebsten eine reinhauen. Woher kommt dieser «Basishass», und wohin mit den neuen Gefühlen?

Ari verliebt sich in Tom, unglücklich – denkt sie. Ihr temporeiches Tagebuch bildet die Rahmenhandlung, um ihren Liebeskummer zu verarbeiten – mit einigen Rückblicken und überraschendem Nachspiel. Offenbar triggert der nervige Tom etwas in Ari, denn ein intensiver Prozess beginnt: Sie rekapituliert ihre Familiengeschichte, hinterfragt Geschlechterzuschreibungen, hadert mit der kleinen Welt der Kleinstadt. Mit ihrem lässig-sarkastischen Erzählstil packt die Heldin unerschrocken alle Themen an. Witzig: An Tag fünf fragt sie bei einer Party: «‹Er heult, weil er keinen hochgekriegt hat?› (…) Die Sexprobleme von Leyla und Tom waren mir ehrlich gesagt so egal wie der Wetterbericht in Paderborn.» Beklemmend: Als Fanni, die psychisch kranke Mutter, wieder auftaucht, erinnert sich Ari an früher – alleine, eingesperrt im Zimmer. Aber statt Schuld zuzuweisen, lotet sie auch ihre eigene Perspektive aus: «Bis wann ist man noch lustig und vielleicht einfach ein bisschen mutiger als andere? Und ab wann ist man krank? Wo ist der Rand?» Ermutigend: Aris neue Solidarität unter Mädchen, die sich neben der Lovestory als wesentliches Randthema entwickelt.

«Kurz vor dem Rand» ist ein aufregender und literarisch gelungener Jugendroman, der zweite von Eva Rottmann. Die Autorin lebt in Zürich und liebt – wie Ari – das Skateboardfahren.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/23, S. 35

Nach ihren Arbeitstagen hängt die Lernende Ari im Skate-Park mit ihren Freund:innen ab. Als Tom dort auftaucht und alle mit seinen Tricks begeistert, ist sie erst nur genervt. Doch nach und nach hegt Ari andere Gefühle für ihn. Soll sie enge Kleider anziehen und sich schminken, um ihm zu gefallen? Was passt zu ihr? Und steckt hinter Toms cooler Fassade mehr als er zeigen möchte? Ein vielschichtiger Jugendroman mit einer Hauptfigur, die ihre Weiblichkeit eigenständig definiert.

Skaten ist für Ari eine «lebensrettende Massnahme», um mit der Wut, die sich in ihrem Leben angestaut hat, klarzukommen. Frisch und klug und ohne je in Klischees abzudriften, erzählt Ari in diesem gehaltvollen Roman von ihrer Beziehung zu Tom, den sie erst für einen Angeber hält, bis sie erfährt, wie es in seinem Inneren aussieht. Sie setzt sich mit ihrer Geschlechtsidentität auseinander und mit der Tatsache, dass ihre Mutter erst nach 17 Jahren bereit ist, für sie da zu sein.

Smash the Patriarchy
Marta Breen, Illustration: Jenny Jordahl
Aus dem Norwegischen von Jonas David Gut
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2023, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03964-017-1
Schlagwörter: Emanzipation | Geschlechterbilder

Der Widerstand als Graphic Novel

Der Feminismus erlebt eine Blütezeit. Menschen auf der ganzen Welt möchten das Patriarchat stürzen. Aber was ist das überhaupt? Dieser freche Sachcomic rollt die Geschichte der Herrschaft der Männer auf. Witzig und oft überraschend stellen Autorin und Illustratorin Aussagen von Philosophen und «Genies» an den Pranger, die Frauen klein machen wollten, und stellen jene Frauen ins Rampenlicht, die früher und heute dagegen ankämpften.

Bunte Fische überall
Kathrin Schrocke
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2023, Seiten: 183, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-170-2
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Für ein Schulprojekt soll sich die Klasse der 13-jährigen Barnie in Zweiergruppen um lebensechte Babypuppen kümmern. Barnie ist glücklich, mit ihrem Schwarm Sergej das Elternsein zu üben, ihre zwei Väter begleiten die Aktion hingegen skeptisch. Das «Roboterbaby» sorgt für einige Turbulenzen und Konflikte, auch weil Sergej nicht einsieht, dass zwei Väter für Barnie ganz normal sind. Barneys Tagebuch über ihre Gefühle und Gedanken liest sich amüsant und leichtfüssig.

 

Gian kann nicht mehr
Karin Bachmann
Verlag: SJW, Publiziert: 2023, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0388-6
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Krankheit

«Du hast also keinen Bock, ja? Na toll! Meinst du etwa, wir hätten immer Bock?», ruft die Mutter aus, als Gian mal wieder den ganzen Nachmittag nichts erledigt hat und nur in seinem Essen rumstochert. Die Noten sacken ab, nichts interessiert ihn mehr. Seine Freundin Sarah macht sich Sorgen. Soll sie Hilfe holen? Auch wenn Gian dies nicht will? Abwechselnd aus der Perspektive von Sarah und Gian wird in dieser kurzen, gut lesbaren Geschichte das Thema der mentalen Gesundheit von Jungen behandelt.

Snapdragon
Kat Leyh
Aus dem Englischen von Matthias Wieland
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2023, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-386-6
Schlagwörter: LGBTQ*

Snapdragon ist kein «typisches» Mädchen und fühlt sich nach einem Umzug etwas verloren, bis sie die alte Jacks kennenlernt und deren Praktikantin wird. Sie lernt von ihr nicht nur das Präparieren von Tierskeletten, sondern auch das sanfte Wirken von Hexenkräften. Die warmherzige Graphic Novel um ein Mädchen, das zu sich selber findet, wartet mit starken Charakteren auf, die stereotype Vorstellungen von Geschlecht immer wieder durchkreuzen.

Als Snapdragon (deutsch «Löwenmaul») die alte Jacks trifft, scheint diese zuerst etwas ruppig. Dennoch strahlt sie auf Snapdragon durch ihren Ruf als Hexe und ihren Beruf als Tierpräparatorin eine morbide Faszination aus. Dass Jacks sie als Praktikantin aufnimmt, erweist sich für Snapdragon als Beginn eines Entwicklungsprozesses, in dessen Lauf auch einige Familiengeheimnisse aufgedeckt werden. Vielschichtig sind auch die mal eher düster, mal fröhlich-bunt gehaltenen Zeichnungen.

15 Frauen der Schweiz
Oliver May
Aus dem Französischen von Rea Gutzwiller
Verlag: Auzou Schweiz, Publiziert: 2023, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907295-51-9
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Schweiz

Nur noch eine Inschrift zeugt von Festilla, die im 1. Jahrhundert nach Christus Priesterin in Avenches war. Elisabeth von Wetzikon schuf sich als Äbtissin des Fraumünsters im 13. Jahrhundert eine einflussreiche Machtposition. Madame von Staël scharte in Paris die Intellektuellen ihrer Zeit um sich und Marie Heim-Vögtlin war die erste Ärztin der Schweiz. Sie und elf weitere Frauen, die die Geschicke der Schweiz über die Jahrhunderte mitprägten, werden in diesem Buch abwechslungsreich und ansprechend vorgestellt.

Der Wolfspelz
Sid Sharp
Aus dem Englischen von Alexandra Rak
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2023, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10663-7
Schlagwörter: Identität/Individualität | LGBTQ*

Aus Angst vor Wölfen traut sich Schaf Bellwidder kaum aus seinem idyllischen Häuschen im Wald. Darum schneidert er sich ein Wolfskostüm und schliesst sich drei Wölfen an. Als sich eine Naht des Kostüms löst, scheint der Spass vorbei – oder doch nicht? In diesem Comicbilderbuch kommen die Tiere (und die Lesenden) zur Erkenntnis, dass das Leben erst schön ist, wenn man sich in seiner Identität nicht verstellen muss.

In flächigen Aquarellen malt Sid Sharp in «Der Wolfspelz» eine Geschichte um die ermächtigende Funktion der Maskerade: Schaf Bellwidder Rückwelzer, das selbstgenügsam in seinem Waldhaus lebt, hat eines Tages eine Idee: Dank einem Wolfskostüm kann es endlich ohne Angst durch den Wald streifen – bis es sich mit drei anderen Wölfen anfreundet. Nun wird die Maskerade gefährlich … doch dank einer unerwarteten, witzigen Wendung ist die Angst vor Wölfen am Ende nurmehr eine Legende, auch ohne Kostüm.

Vincent und ich
Stefan Karch
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2023, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-4120-9
Schlagwörter: Geschlechterbilder

«Wenn ich ein Tier wäre, dann wäre ich ein Hase», sagt der Ich-Erzähler. Der zurückhaltende Junge bleibt lieber am Rand, wird selten wahrgenommen. Seit er mit Vincent befreundet ist, wird auch er gesehen. Mit Vincent geht es wild zu und her. Das macht Spass. Doch manchmal tut Vincent Dinge, die Angst machen … Eine Geschichte in Text und Bild über ungute Freundschaften, Zivilcourage und die Vielfalt des Jungen-Seins.

Untenrum
Noa Lovis Peifer, Lina Lätitia Blatt, Illustration: Yayo Kawamura
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2023, Seiten: 38, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75711-1
Schlagwörter: Körper | Diversität | Sexualität

Und wie sagst du?

Lo interessiert sich für das, was die Leute zwischen den Beinen haben. Wie sagt man dazu? Ganz verschieden, erklären Los Eltern: «Penis», «Schniedel» oder «Rüsselchen», «Schneckchen», «Vulvina» oder «Muschi»… Und viele weitere Wörter lassen sich erfinden! Unbeschwert werden Themen wie Sexualität, Doktorspiele und «Nein-Sagen» angesprochen. Dabei wird auch betont, dass Geschlechtsteile ganz unterschiedlich daherkommen und nicht immer klar zuzuordnen sind.

So oder so
Marcus Pfister
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10659-0
Schlagwörter: Diversität

Einfach Pinguin sein

«Jeder Pinguin ist anders. Aber jeder ist ein Pinguin.» Der erste Satz in Marcus Pfisters Bilderbuch ist der Leitgedanke des Buches, das die Individuen in einer Pinguinkolonie vorstellt. Jeder Pinguin hat Stärken und Eigenschaften oder Merkmale, die ihn verletzlich machen könnten, die aber in der Gemeinschaft Platz haben. Selbstverständlich ist dabei, dass es manchmal etwas Zeit braucht, Unsicherheiten zu überwinden.

Matteo glaubt an Einhörner
Jonah Kramer, Jacky Azúa Kramer, Illustration: Zach Manbeck
Aus dem Englischen von Anna Schaub
Verlag: Zuckersüss, Publiziert: 2023, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-949315-34-3
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Matteo spaziert duch die pastellfarbenen Bilder dieses Buches. Das Lieblingstier des Jungen ist das Einhorn. Alles, was er darüber weiss, hat er in einem Heft zusammengetragen. Ob er sich auch zur grossen Parade der wilden Tiere als Einhorn verkleiden wird? Oder wird er dann ausgelacht? Gibt es Einhörner überhaupt? Mit magischer Unterstützung gelingt es Matteo, für das einzustehen, was ihm viel bedeutet.

Mieko tanzt
Mariko Miyata-Jancey, Illustration: Skinkeape
Aus dem Norwegischen von Franziska Hüther
Verlag: Limbion, Publiziert: 2023, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-910549-02-9
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Mieko tanzt so gerne! Aber die langen Haare und das enge Trikot stören sie dabei nur. Mit Kurzhaarfrisur und in einem farbenfrohen T-Shirt fühlt sie sich in der Tanzstunde frei. Mädchen-Sein darf ganz unterschiedlich gelebt werden, das lernt und akzeptiert Mieko im Lauf dieser Geschichte, die in zarten Farben und mit einem starken Fokus auf die Figuren illustriert ist.

Zum Glück bist du kein Pilz!
Annie Barrows, Illustration: Leo Espinosas
Aus dem Englischen von Petra Buck
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2023, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-282-4
Schlagwörter: Diversität

Wir sind Menschen. Und daher sind wir anders als die meisten anderen Dinge auf der Welt. Zwar bestehen wir auch hauptsächlich aus Wasser wie ein Schwimmbecken. Aber zwei Menschen sind sich doch unendlich viel ähnlicher als ein Mensch und ein Schwimmbecken… Durch absurde Vergleiche werden auf humorvolle Art die Gemeinsamkeiten aller Menschen thematisiert, die trotz aller Unterschiede doch so viel mehr eint als trennt.

Papa liest vor
Martin Baltscheit
Verlag: dtv, Publiziert: 2023, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76463-6
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Lesen

Jeden Abend dasselbe Ritual. Papa sucht ein Buch aus, seine Tochter kuschelt sich an ihn und dann liest er vor: Wie ein ganzes Theater klingt er, alle Stimmen ahmt er nach. Und nicht nur abends im Bett, auch beim Frühstück, an der Bushaltestelle und in den Ferien liest Papa. Auf den Bildern sehen wir die fantastischen Wesen, die dem Vorlesen entspringen. Ein Bilderbuch, das Väter als Lesevorbilder hervorhebt.

Die Stadt der kleinen Wunder
Anja Portin, Illustration: Jade van der Zalm
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2023, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8458-5098-6
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Armut | Mut/Selbstbewusstsein

In den Herbstferien verreist Alfreds Vater wieder einmal und vergisst komplett, für ihn vorzusorgen. Doch da begegnet Alfred eines Nachts Amanda, die alle «vergessenen Kinder» im Viertel seufzen hört und ihnen mit kleinen Dingen hilft. Bei ihr findet er ein heimeliges Zuhause und einen alten Radiotransmitter – und startet damit eine Sendung für die vergessenen Kinder, um ihre Einsamkeit zu lindern. Die zarte Geschichte mündet in ein grosses Weihnachtsfest, das allen Hoffnung schenkt.

Tierisch wilde Weihnachten: 24 Tiere erzählen
Michael Stavarič, Illustration: Martina Stuhlberger
Verlag: Leykam, Publiziert: 2023, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7011-8290-9
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Tiere

Wer sagt eigentlich, dass Weihnachten nur etwas für und von Menschen ist?! Michael Stavarič gibt 24 Tieren eine Stimme. In 24 kurzen Geschichten geben sie in ihrem je eigenen Sprachduktus höchst eigenwillige Einblicke in ihre Weihnachtswelt. Wussten Sie zum Beispiel, dass die Gans lieber einen Weihnachtsbaum mit ihren Federn schmücken würde, anstatt als Braten auf dem Tisch zu landen? Oder dass die Krake als Weihnachtsbaumimitator arbeitet? Zum Vorlesen, Staunen und Lachen!

Das Jahr, in dem Weihnachten (fast) ausfiel
Katja Alves, Illustration: Sophia Schrade
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2023, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-5516-9058-6
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Umweltschutz/Klima

Klaras Eltern sind vielbeschäftigt, Weihnachten soll ohne Aufwand stattfinden. Da muss Klara sich zusammen mit ihren Freunden eben selbst darum kümmern! Nachhaltig soll es werden, hat Mama gemeint. Was das heisst, setzen die Kinder in diesem mit vielen Comicelementen ausgestatteten, ernsthaft-humorvollen Erstlesebuch gleich selbst um. Geschenke basteln anstatt kaufen, ein leckerer Stromsparteig, ein Gummibaum mit Perlendeko – den Kindern fällt so einiges ein.

Zuhause bei Hadek und Miezke
Anne Herbauts
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2023, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6212-4
Schlagwörter: Freundschaft

Was tun, wenn man eingeschneit wird in seinem Baumhaus im Wald? Feuer machen, raus gucken, Kuchen backen – so gemütlich! Nach sechs Tagen wird Katze Miezke allerdings langweilig. Zum Glück nimmt sein Freund, der Rüsselkäfer Hadek, ihn mit auf spannende Bücherreisen. In reduzierten Aquarellen und kurzen Texten fängt Herbauts die ruhige Schneestimmung ein, bevor sie die Leser:innen durch collagierte Bilder in die Lektüren der beiden Freunde miteintauchen lässt.

Irgendwo im Schnee
Linde Faes
Aus dem Niederländischen von Kristina Kreuzer
Verlag: Von Hacht, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96826-034-1
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Mut/Selbstbewusstsein | Freundschaft

Überall geniessen die Menschen die festliche Adventsstimmung. Nur Sofie nicht, denn ihr Vater hat keine Zeit. So macht sie sich dick verpackt auf die Suche nach etwas Frohem, Magischem. Im arktischen Wintersturm stösst sie auf einen Elch, der sie mitnimmt in die Winterwunderwelt des Waldes. Am Ende scharen sich Sofie, die Tiere und Papa um ein grosses Feuer. Die meist seitenfüllenden Illustrationen machen die klirrende Kälte des Nordens, aber auch die Wärme der Begegnungen intensiv fühlbar.

Rüben und Raketen
Dita Zipfel, Finn-Ole Heinrich
Verlag: mairisch Verlag, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948722-30-2
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Feste/Bräuche | Humor/Komik

Familie Rübe hat ihr ganz eigenes Silvester-Ritual: Nicht aufstehen, vorlesen von Lieblingslektüren, quatschtanzen und gegen Abend ballastentlasten und die Dinge, die nicht mehr gebraucht werden, zur Entsorgungsstelle bringen. Dann klingt das Jahr im Stadtwäldchen aus, wo die Natur mit Keksen und Limo fürs nächste Jahr freundlich gestimmt wird und Wunderkerzen erstrahlen. Nur die Rakete will heuer nicht in den Nachthimmel steigen. Eine herzerwärmende und urkomische Persiflage auf den Silvesterrummel zum Vorlesen.

Der Tag der Wale
Cornelius, Illustration: Tommaso Carozzi
Verlag: Carl Auer Kids, Publiziert: 2023, Seiten: 50, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96843-042-3
Schlagwörter: Natur | Gewalt | Fantastik/Fantasy

Eines Tages legt sich ein riesiger Schatten über die Häuserschluchten einer Stadt und Riesenwale schweben zwischen den Gebäuden hindurch. Zuerst erstarren die Menschen, dann bieten sie das Militär auf, um die Eindringlinge zu bekämpfen. Bald sind die Wale erledigt und die Sonne scheint wieder, doch am Ende bahnt sich neues Ungemach in Form von Riesentintenfischen an. Diese düstere Fabel über das Nebeneinander von Zivilisation und Natur kommt ohne Worte und ganz in Schwarzweiss daher. Und sie öffnet einen weiten Raum für Gespräche darüber, was diese Bilder bei den Betrachtenden auslösen.

Was passiert denn da?
Antje Damm
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2023, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6194-3
Schlagwörter: Kreativität | Fantasie

Damm erzählt mit jeweils zwei Bildern kleine Geschichten – mal gezeichnet, mal fotografiert oder in Collagetechnik. Mal schaut ein Junge durchs Schlüsselloch, mal steht ein Teller Suppe auf einem gedeckten Tisch oder eine volle Senftube liegt auf einem Schneidebrett. Was da wohl gleich passiert sein wird, wenn wir umgeblättert haben? Das genaue Hinschauen und gemeinsame Überlegen und Rätseln, mündlich oder auch als Schreibanregung, macht Spass. Und die Lösungen der Illustratorin sind immer wieder für eine Überraschung gut

Nach vorn, nach Süden
Sarah Jäger
Verlag: Diwan, Publiziert: 2023, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-949840-13-5
Schlagwörter: Reisen | Erwachsenwerden | Aussenseiter:in/Mobbing

«Entenarsch» wird die Ich-Erzählerin genannt, von der wir nicht viel erfahren, ausser dass sie nie so richtig zur Clique dazugehörte, die sich im Hinterhof des Penny-Marktes trifft. Nur weil sie als einzige Führerschein und Auto hat, darf sie mit auf den Roadtrip auf den Spuren von Jo, der plötzlich verschwunden ist. Eine heisse Autofahrt quer durch Deutschland, erzählt von Sarah Jäger und mit passend jugendlich-flapsigem Ton eingelesen von Rebecca Madita Hundt.

Ungekürzte Lesung
Musik: Benny Eisel
(Buch: Rowohlt 2023)

Loki – Wie man als schlechter Gott ein guter Mensch wird
Louie Stowell
Verlag: Silberfisch, Publiziert: 2023, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7456-0416-0
Schlagwörter: Mythologie/Sage | Fantastik/Fantasy | Schule

In diesem auf Jungen zugeschnittenen Comicroman landet der nordische Gott Loki als Strafe für seine Untaten als Menschenkind auf der Erde. Hier soll er endlich lernen, ein guter Gott zu sein. Aus der Aussenperspektive schildert Loki flapsig-frech den Schulalltag. Mit grosser stimmlicher Vielfalt setzt Sprecher Stefan Kaminski die zahlreichen Rollen um und fängt treffend ein, wie Loki zwischen Überheblichkeit und Muffensausen schwankt. Die Comic-Partien wurden für das Hörbuch detailliert ausformuliert.

Ungekürzte Lesung von Stefan Kaminski.
(Buch: Hanser 2023)

Kai zieht in den Krieg und kommt mit Opa zurück
Zoran Drvenkar
Verlag: Diwan, Publiziert: 2023, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-949840-09-8
Schlagwörter: Krieg | Generationen | Abenteuer

Mit dem dementen Opa reist Kai in die Erinnerungen zurück und freut sich darauf, all die Heldengeschichte aus dem Krieg mitzuerleben, für die er sich so begeistert. Doch die Wahrheit über Opas Kriegsvergangenheit ist kalt, schmerzhaft und kein bisschen heldenhaft. Kai, dessen Begeisterung in Enttäuschung umschlägt, der Opa, der in seiner Demenz manches klarer sieht als zuvor, und der allwissende, einordnende Erzähler: Max Ruhbaum gibt allen eine eigene, passende Stimme.

Ungekürzte Fassung
(Buch: Hanser Verlag 2023)

Willodeen
Katherine Applegate
Aus dem amerikanischen Englisch von Ulli und Herbert Günther
Verlag: Sauerländer Audio, Publiziert: 2023, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8398-4414-4
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima | Fantastik/Fantasy | Tiere

Das Mädchen und der Wald der verschwundenen Tiere

Als die Politiker beschliessen, die wildschweinartigen Kreischer auszurotten, scheint dies nur Willodeen zu betrüben. Aber dann verschwinden auch die niedlichen Summbärchen, und das ökologische Gleichgewicht ist im Eimer. Dank ihrem Freund Connor und etwas Magie erhält Willodeen ein Kreischer-Baby und kommt so hinter das Geheimnis dieses Ökosystems, für das sie nun zu kämpfen beginnt. Die aus Willodeens Perspektive erzählten Kapiteln ergänzen Einschübe, die auf die neu geborenen Kreischers fokussieren.

Crazy Family
Markus Orths
Verlag: Hörcompany, Publiziert: 2023, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96632-076-4
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Humor/Komik | Rätsel

Die Hackebarts räumen ab

Die vier Hackebartschen Kinder heissen nicht nur speziell, sie sind auch auf eine je ganz eigene Weise besonders. Die Mutter fährt LKW und gibt unterwegs Klavierkonzerte, der Vater ist permanent überfordert, ohne je die Contenance zu verlieren, und der Grossvater radikaler Klimaaktivist. Alle zusammen treten sie in einem Familien-Special von «Wer wird Millionär?» an und rocken das Publikum. Stefan Kaminskis Lesung lässt kein Auge trocken.

Gekürzte Lesung
(Buch: Loewe 2023)

Arschbombe verboten
Ulrich Hub
Verlag: Silberfisch, Publiziert: 2023, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8449-3417-5
Schlagwörter: Eifersucht/Neid | Diversität | Freundschaft

Lahme Ente und blindes Huhn (aus dem gleichnamigen Buch von Ulrich Hub) sind wieder unterwegs. Dieses Mal gehts ins Entenbad. Hühner haben dort zwar keinen Zutritt, aber Ente und Huhn lassen sich durch nichts aufhalten. Wie Huhn im Schwimmbad von seinem Freund verleugnet und, obwohl es nicht schwimmen kann und blind ist, zum Bademeister wird und von vielen anderen Begebenheiten erzählt dieses köstliche Hörbuch, das der Autor selbst liest.

Ungekürzte Lesung
(Buch: Carlsen 2023)

Wir mussten flüchten
Christoph Drösser, Illustration: Nora Coenenberg
Verlag: Gabriel, Publiziert: 2023, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-30633-1
Schlagwörter: Migration

Was es bedeutet, die Heimat zu verlassen und irgendwo neu anzufangen

In ihrem bereits vierten Kindersachbuch präsentieren Journalist Christoph Drösser und Illustratorin Nora Coenenberg das Thema Flucht in zahlreichen vielschichtigen Aspekten, von globalen Fluchtströmen bis zum Aufnahme- und Integrationsprozess in Deutschland. Fundierte Recherchen, Karten und Zahlen werden mit individuellen Schicksalen von Flüchtlingen anschaulich gemacht. Die bunten Seiten, gefälligen Bilder und Tipps zu sinnvollem Helfen nehmen dem Thema dabei etwas die Schwere.

Willodeen
Katherine Applegate, Illustration: Charles Santoso
Aus dem Englischen von Ulli und Herbert Günther
Verlag: dtv Reihe Hanser, Publiziert: 2023, Seiten: 232, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64105-0
Schlagwörter: Natur | Umweltschutz/Klima | Fantastik/Fantasy

Das Mädchen und der Wald der verschwundenen Tiere

Aussenseiterin Willodeen hat ein Herz für verachtete Kreaturen wie die Kreischer. Entsetzt muss sie mit ansehen, wie die Tiere ausgerottet werden, weil sie ein Störfaktor für den Tourismus sein sollen, auf den die Stadt baut. Als sie bemerkt, dass damit auch das Überleben der niedlichen Summbärchen am seidenen Faden hängt, mischt Willodeen wütend, aber überlegt den Stadtrat auf. Biodiversität, Kettenreaktionen und Klima-Aktivismus werden in eine leicht verständliche Umweltfabel verdichtet.

Wasser ist Leben
Sarah Garré, Marijke Huysmans, Illustration: Wendy Panders
Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2023, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5966-5
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima | Natur

Warum ist Meerwasser nicht durchsichtig? Warum muss man überhaupt Wasser trinken? Auf bunt und detailreich illustrierten Doppelseiten breitet dieses grossformatige Sachbuch eine Fülle von Informationen zum Wasser aus. Die kurzen, leicht verständlichen Erklärungen werden von Fragen strukturiert, die manchmal einfache Informationen, manchmal komplexe Sachverhalte adressieren und oft die kindliche Leserschaft direkt ansprechen. Auch dank dem Glossar lässt dieses Buch kaum eine Frage offen.

Franz von Assisi
Alois Prinz
Verlag: Gabriel, Publiziert: 2023, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-30590-7
Schlagwörter: Biografie | Religion | Armut

Tierschützer, Minimalist und Friedensstifter

Der renommierte Sachbuchautor Alois Prinz hat sich zu Fuss auf die Spuren Franz von Assisis in Mittelitalien gemacht, mit vielen Leuten über den Gründer des Franziskanerordens gesprochen und die Quellen gesichtet. Entstanden ist die packende Biografie eines jungen Mannes aus reichem Haus, der am Übergang vom 12. ins 13. Jahrhundert auf radikale Weise das wahre Leben suchte und dem viele folgen. Gleichzeitig zeichnet Prinz ein eindringliches Zeitbild und lässt die Leser:innen über die gegenwärtige Probleme wie die Klimakrise ins Nachdenken kommen.

Faszination Qualle. Geheimnisvolle Schönheiten
Michael Stavarič, Illustration: Michèle Ganser
Verlag: Leykam, Publiziert: 2023, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7011-8243-5
Schlagwörter: Tiere | Wissenschaft | Rätsel

Auch wer bislang nur schlechte Erfahrungen mit Quallen gemacht hat, wird dieses Sachbuch nicht mehr weglegen. Nicht nur der grandiosen Schwarz-Weiss-Illustrationen von Michèle Ganser wegen, sondern auch, weil uns der Autor Michael Stavarič humorvoll und gleichzeitig kundig in die Welt der Medusen entführt, die den Menschen und der Wissenschaft noch heute viele Rätsel aufgeben. Suchbilder, Quatschgedichte und knifflige Fragen garantieren zusätzlichen Lesespass.

(K)eins wie das andere
Neil Packer
Aus dem Englischen von Leena Flegler
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2023, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6192-9

Vom Ordnen und Sortieren

Sei es mit wissenschaftlicher Genauigkeit oder aufs Geratewohl, chronologisch oder willkürlich: Klassifikationen und Ordnungen prägen unsere Welt. Wie verschieden solche Einteilungssysteme sein können, zeigt das grossformatige Buch an zahlreichen Beispielen. Ein Junge namens Arvo führt dabei durch die Doppelseiten, auf denen man sich im Studieren zahlreicher Ordnungsversuche verlieren kann: Dazu zählen etwa Arvos Stammbaum und jener seiner Katze, Werkzeuge, Fahrzeuge, Kunst und Käse oder 66 Apfelsorten.

Das schönste und grösste Bildwörterbuch der Fahrzeuge
Tom Schamp
Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2023, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6217-9
Schlagwörter: Technik | Historisches | Fantasie

Wie zu erwarten, kommt auch das neue Bildwörterbuch von Tom Schamp grossformatig, bunt, wimmelig und schräg daher und macht wieder viel Spass! Orientierung bieten eine zeitliche Klammer – das Buch startet in der Antike und endet in der Zukunft – und Fahrzeugkategorien wie Busse, Rennräder und Familienkutschen. Weiter helfen assoziativ verwobene Sätze und (Bild-)Zitate, Sinn herzustellen: So sitzen im Citroën 2CV zwei Pferde und drei Ungerer-Räuber überfallen eine Postkutsche.

 

Wie rettet man Kunst?
Fabienne Meyer, Sibylle Wulf, Illustration: Martina Leykamm
Verlag: Karl Rauch, Publiziert: 2023, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7920-383-1
Schlagwörter: Kunst | Technik

Über Geheimnisse, Gefahren und Restaurationsarbeiten

Einen «ultimativen Kunstrettungsgenuss» nennen die Autorinnen ihr Buch, und das ist nicht übertrieben. Anhand einer Rahmengeschichte – ein gestohlenes Gemälde muss nach dem Wiederauffinden in die Restauration – geben die zwei Restauratorinnen einen tiefen Einblick in ihr Berufsfeld mit all seinen faszinierenden Aspekten zwischen Schimmel und Fälschung. Die Illustrationen haben mit ihrem Mix aus Fotos und Zeichnungen, die zwischen Sachlichkeit und humorvoll erweiternden Kommentaren wechseln, einen grossen Anteil an diesem eigenwilligen Buch.

Briefe vom Eichhorn an die Ameise
Toon Tellegen, Illustration: Axel Scheffler
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Hanser, Publiziert: 2023, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27650-5
Schlagwörter: Freundschaft | Humor/Komik | Tiere

Diese 26 Geschichten von Eichhorn, Ameise und ihren Freunden sind 2001 erstmals erschienen. Sie sind so zeitlos wie witzig und verbinden die Freude und Selbstverständlichkeit am Briefe schreiben. Dabei sprüht der Autor nur so vor Fantasie: vom tortenliebenden Bären, der unsicheren Blattlaus oder einem Brief, der selbst zum Akteur wird, ist jede Geschichte überraschend. Die Illustrationen von Axel Scheffler betonen den liebevollen Charakter und setzten Details verspielt ins Bild.

Maantje und das Eichhörnchen
Sjoerd Kuyper, Illustration: Sanne te Loo
Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
Verlag: Urachhaus, Publiziert: 2023, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8251-5320-5
Schlagwörter: Gefühle | Tiere

Maantjes tierfeindlicher Papa findet etwas Gruseliges im Garten: Ein Eichhörnchenbaby! Maantje ist sofort hin und weg und kümmert sich um das erschöpfte Tierchen. Als es nicht richtig munter wird, muss es in die Igel- und Eichhörnchenstation. Doch Maantje kümmert sich weiter und schreibt ihm Märchen, die beim Einschlafen helfen. Eine liebevolle Geschichte über starke Gefühle und deren Verarbeitung in Geschichten und um das Sich-Kümmern. Mit stimmungsvollen Bildern, die alle Erzählebenen einbeziehen.

Der Hoffnungsvogel
Kirsten Boie
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2023, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0258-9
Schlagwörter: Abenteuer | Diversität | Geschlechterbilder

Seit der Hoffnungsvogel nicht mehr über dem «Glücklichen Land» singt, sind die Menschen gehässig und egoistisch. Deswegen ziehen Jabu, der Sohn der Königin, und Alva, die Tochter der Leuchtturmwärterin, gemeinsam auf eine risikoreiche Mission aus, um den Vogel zurückzuholen. Eine zauberhaft und sehr vorlesefreundlich erzählte Abenteuergeschichte im Stil der Kinderbuchklassiker, doch bevölkert mit einem zeitgemässen Figurenarsenal, das viele Identifikationsmöglichkeiten bietet.

Jabu, der Sohn der Glücklichen Königin, und Alva, die Tochter der Leuchtturmwärterin, ziehen in diesem märchenhaften Abenteuer aus, um den Hoffnungsvogel zurückzubringen. Seit dieser nicht mehr über dem Glücklichen Land singt, sind die Menschen missgünstig und egoistisch geworden. Ihre Mission führt Jabu und Alva in Königspaläste und Räuberhöhlen und gemeinsam überwinden sie manche Gefahr. Dabei sind die Figuren in diesem Vorlesebuch divers gestaltet und Rollenbilder werden aktiv hinterfragt.

Geniale Nasen
Lena Anlauf, Illustration: Vitali Konstantinov
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2023, Seiten: 60, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10633-0
Schlagwörter: Tiere | Natur

Eine kuriose Tiersammlung

Lena Anlauf hat mit Leidenschaft eine Vielzahl verblüffender tierischer Nasen zusammengetragen: Elefant und Nasenaffe sind als Träger markanter Nasen wohlbekannt, aber wer kennt etwa Bisamrüssler, Stinkdachs, Sternnasenmaulwurf oder Dikdik? Die zahlreichen Tiere brauchen die Nase nicht nur zum Schnüffeln, sie dient auch als Schallverstärker oder Staubfilter. Die in Erdfarben und Grüntönen gehaltenen Zeichnungen zeigen die Tiere in kindlichen Formen und doch mit genauem Blick.

Kollektorgang
David Blum
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2023, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75734-0
Schlagwörter: Gewalt | Streit/Konflikt

Auf seinem Grabstein sitzend, erzählt Mario, der Ich-Erzähler, eindringlich seine Geschichte. Aus bruchstückhaften Rückblicken müssen wir sie zusammensetzen. In einer Plattenbausiedlung in der Nachwendezeit spielt sie, wo klare Hierarchien herrschen und Gewalt an der Tagesordnung ist. Der titelgebende Kollektorgang, der die Gebäude verbindet, ist erst Refugium für Mario und seine Freunde und wird dann Eingangstor für das Böse, in Gestalt von Nicki und seiner Bande.

Märkte in aller Welt
Maria Bakhareva, Illustration: Anna Desnitskaya
Aus dem russischen übersetzt von Thomas Weiler
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2023, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6123-3
Schlagwörter: Geografie | Essen

Auf dem Markt gibt es viel Spannendes zu entdecken, wie dieses Buch beweist. Den zwölf Monaten des Jahres folgend, ist es in zwölf Kapitel gegliedert und macht jeden Monat in einem anderen Land Halt. Die Illustrationen bilden den Wechsel der Jahreszeiten stimmungsvoll ab und zeigen die Saisonalität der Waren. In kurzen Texten erfahren die Leser:innen Informationen zu Spezialitäten, Marktgebäuden und Vorlieben der Marktgänger:innen. Auf Doppelseiten mit Sachinformationen folgen solche mit einem grossen Wimmelbild, das zum Suchen bestimmter Gegenstände auffordert.

Theo und Marlen auf der Insel
Peter Stamm, Illustration: Susanne Göhlich
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2023, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-69033-3
Schlagwörter: Spiel | Abenteuer

«Theo hat Verstecken mit sich selbst gespielt. Aber er hat sich immer gleich gefunden.» Gut, dass Marlen aus dem Hochhaus nebenan gute Spielideen hat! Kraft ihrer Fantasie setzen die Kinder auf die (Verkehrs-)Insel über. Hier spielen sie «Robinson und Vorgestern», richten sich ein und übernachten gar, bis sie von der Polizei aufgegriffen werden. Eine sprachlich gewitzte Erstlesegeschichte über Spiel, Fantasie und echte Abenteuer.

Wo kommen unsere Sachen her?
Julia Dürr
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2023, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75710-4
Schlagwörter: Geografie | Technik

Auf Lieferwegen um die Welt

Drei alltägliche Dinge – ein Stuhl, ein Plüschtier, ein Schokoaufstrich – sind die Protagonisten dieses Sachbuchs. Woraus bestehen sie, und wo kommen ihre Bestandteile her? Anschaulich, ja kinderleicht verständlich, erklärt Julia Dürr in Bild und Text komplexe industrielle Abläufe und lange Transportwege vom Rohstoff bis zum Produkt. Dank einer einfachen Icon-Bildsprache lassen sich die drei Gegenstände auf grossformatigen, wimmeligen Bildern verfolgen und globale Zusammenhänge nachvollziehen. Eine gelungene Weiterführung des Vorgängers «Wo kommt unser Essen her?».

Die erstaunlichen Abenteuer von zehn Socken (vier rechten und sechs linken)
Justyna Bednarek, Illustration: Daniel de Latour
Aus dem Polnischen von Karin Erhardt
Verlag: WooW Books, Publiziert: 2023, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96177-129-5
Schlagwörter: Humor/Komik

Wer kennt sie nicht, die einzelnen Socken, die nach der Wäsche spurlos verschwunden bleiben? Der Klempner bestätigt Beate und ihrer Mama: Ihre Waschmaschine hat ein Loch, das in einen unterirdischen Tunnel führt. In den folgenden Kapiteln erfährt man das Schicksal von zehn verschwundenen Einzelsocken, die es in ganz verschiedene Ecken der Welt verschlägt. Schmissig illustriert, werden die gewitzten Socken etwa Model, Politiker oder Maus-Ersatzmamas und lassen beim Vor- oder Selberlesen schmunzeln.

Eine Million Punkte
Sven Völker
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2023, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: ISBN 978-3-03964-003-4
Schlagwörter: Wissenschaft | Philosophie

Es beginnt ganz klein, mit einer 1 und einem Baum. Dann geht es von Seite zu Seite weiter nach dem Prinzip des Verdoppelns. Links wächst und wächst die Zahl, rechts wird diese in immer kleineren Kreisen oder Punkten veranschaulicht: von Erbsen bis zu Sandkörnern und Wasserdampfpartikeln. In grafisch stark reduziertem Stil macht Völker grosse Zahlen erfahrbar. Ein beinahe poetischer anmutender Zugang zu Mathematik mit einer riesigen Aufklappseite zum Schluss.

Klang
Cristina Cubells, Illustration: Joana Casals
Aus dem Spanischen von Lea Bosshart
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03964-004-1
Schlagwörter: Wissenschaft | Spiel | Musik

Spiele und Experimente mit Geräuschen

Klänge und Geräusche zum Gucken und Lesen – geht das überhaupt? Ein ambitioniertes Unterfangen, das dieses interaktive Sachbuch mit Bravour besteht und dabei Fantasie und Kreativität freisetzt. Der spanische Titel «Pprrrrriiit» trifft den Geist, auf Deutsch heisst es etwas schnöder «Klang». Zehn Szenarien, zehn ganz unterschiedliche Tonwelten: Wie klingt der Wind kurz vor einem Sommergewitter? Wie ein Laserschwert, ein Tausendfüssler, die Nacht, das Schrubben der Zahnbürste oder eine geschäftige Grossküche? Welche Geräusche macht wohl eine Wolkenreinigungsmaschine, und was gibt es in einer fernen Galaxie zu hören?

Illustratorin Joana Casals bebildert plakativ, filigran und wimmelig. Kurze Anleitungen laden ein, mit den dazu gehörigen Partituren zu experimentieren: Da gibt es Buchstaben, Lautmalereien, grafische Symbole, Formen und Linien, die man mit dem Finger nachzeichnen kann. «Tropf, plitsch, tok, plop, klatsch» prasselt der Regen, mit «fffff…» füllt sich der Luftballon, die Bienen kommunizieren per Sprechblasen mit rhythmisierten Punkten, der Wind macht Schraffuren, die Espressomaschine Blubberblasen.

Automatisch kreiert man so seinen eigenen Soundtrack entlang der Onomatopoesie, macht Geräusche mit Mund und Körper, interpretiert Zeichen und Symbole, variiert Ausdruck und Lautstärke – und ist so nicht nur mitten im Kopfkino, sondern auch in einer spielerischen Einführung in die zeitgenössische Musik. Das macht Spass und trainiert die Aufmerksamkeit für Klänge und Geräusche, lässt im eigenen Alltag genauer lauschen. Klacker, klacker, räusper, Punkt.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/23, S. 37

Faszination Qualle
Michael Stavarič, Illustration: Michèle Ganser
Verlag: Leykam, Publiziert: 2023, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7011-8243-5
Schlagwörter: Tiere | Wissenschaft | Natur

Geheimnisvolle Schönheiten

Die Qualle war als Tierart in der Sachbuchwelt bislang krass untervertreten. In letzter Zeit aber sind gleich einige Bücher über Medusen erschienen. Was macht die Faszination an diesem Tier aus, das schon so manchen von uns den Urlaub verdorben hat? Das Duo Michael Stavarič und Michèle Ganser, das letztes Jahr für «Faszination Krake» den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis erhalten hat, nähert sich den geheimnisvollen Nesseltieren auf unterhaltsame und informative Weise zugleich. Stavarič führt im Plauderton ans Thema heran und schweift dabei immer wieder auch gerne ab – etwa zur Figur der Medusa in der griechischen Mythologie, zu Brennnesseln, die wie die Quallen auch stechen, oder zur Organisation der Menschen in Staaten und der Frage, was denn «Staatsquallen» damit zu tun haben. Gansers Schwarz-Weiss-Illustrationen setzen die Quallen wie Feenwesen in eine schwerelose Welt, die oszilliert zwischen Ozean und Weltall. Dazu kommen viele genau gezeichnete Schaubilder.

Auf poetisch verspielte Weise wird, durch Rätselfragen, Suchbilder, Wortspiele und QuallenQuatschgedichte aufgelockert, natürlich auch von den Quallen selbst und ihren Lebensräumen erzählt und von all den Rätseln, die dieses «organisierte Wasser» (Quallen bestehen zu 99 Prozent aus Wasser) der Forschung noch immer aufgibt. Der Autor stellt seine Lieblingsquallen vor, darunter eine Art, die über Lichtsignale kommuniziert, oder eine andere, die sich verjüngen kann und darum unsterblich ist – es sei denn, sie wird gefressen.

Ein erzählendes Sachbuch, das aus der Reihe tanzt und (Vor-)Leser:innen ab der Mittelstufe begeistern wird.

Christine Tresch
Buch&Maus 2/23, S. 37

Allein in der Fremde
Fabian Menor, JP Kalonji, Ramon Yrgane
Aus dem Französischen von Stefanie Kuballa-Cottone
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2023, Seiten: 88, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03964-005-8
Schlagwörter: Politik | Migration | Schweiz | Biografie

In einem Genfer Flüchtlingszentrum kam es 2019 zu einer Tragödie: Ali Reza, einer der dort untergebrachten jungen Männer, beging Suizid. Zuvor war er vom Personal grob misshandelt worden, wie man im Nachwort zu «Allein in der Fremde» erfährt. Drei seiner Freunde aus dem Zent-rum haben nun drei Comiczeichnern ihre Geschichte erzählt.

Ihre gefährliche Flucht wird jeweils in Rückblenden erzählt. Im Fokus steht die Schwierigkeit, in der Schweiz tatsächlich anzukommen und eine Perspektive zu erhalten. Denn hier erwarten sie in der zeichnerischen Umsetzung vor allem kalte, unwirtliche Farben und teils grobschlächtige Striche. Besonders Yrgane Ramons plakative Farbsymbolik in der Geschichte von Sebemalet aus Eritrea scheint die Verzweiflung der jungen Menschen über zerschmetterte Träume greifbar zu machen: Die zwar lieblich-runden Comic-Formen sind ganz in flächiges Bleistift-Dunkelgrau getaucht und werden nur in wenigen Momenten, wenn Sebemalet Freundlichkeit erfährt, von Pastellfarben ergänzt. Sebemalet bringt die Ausweglosigkeit seiner Situation auf den Punkt: «Ich weiss nicht, ob es schlimmer ist, die Hölle zu durchleben, oder das Leben hier […]. Die alltägliche Ohnmacht. Ein Stück Papier für einen Krümel vom Paradies.» Denn für ihn bedeutet das «Papier blanc» kein Stück Freiheit, sondern «eine Quelle ständiger Ablehnung».

Die drei Geschichten sollen ein Denkanstoss für die Politik sein und sind ein eindrückliches Plädoyer dafür, traumatisierte junge Männer nicht in überfüllten, lieblosen Schlaflagern «überleben zu lassen», sondern ihnen Zukunftsperspektiven zu schaffen.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 2/23, S. 36

Drei Comic-Künstler haben mit ihrem Zeichenstift drei Geflüchteten eine Stimme verliehen, die ihr Herkunftsland noch als Minderjährige in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft verlassen haben. So verschieden die Zeichenstile sind, sie fangen die traumatischen Fluchtgeschichten mit teils rauen Strichen und reduzierten Farben gekonnt ein. Und sie vermitteln eindrücklich die Enttäuschung darüber, dass im Genfer Flüchtlingszentrum die Gegenwart schwer erträglich und die Zukunft ungewiss bleibt.

Inspektor Salamander – Tatort Schrottplatz
Markus Grolik
Verlag: dtv, Publiziert: 2023, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76439-1
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Tiere | Humor/Komik

Weil seine ganze Froschfamilie mitsamt Tümpel verschwunden ist, sucht Kröterich Luigi Crötelli Hilfe im Büro von Inspektor Salamander. Der will der merkwürdigen Geschichte gerne nachgehen und macht sich mit seinem Gehilfen Spider-Manni an die Arbeit. Doch wie sollen sie die Frösche finden, wenn der einzige Anhaltspunkt ein ausgetrockneter Tümpel ist, in dem die Luft vor Hitze flimmert? Noch dazu, wenn ihnen eine zwielichtige Vogelspinne und ein riesiger Tausendfüssler klarmachen, dass sie alles andere als erwünscht sind? Mit nichts weiter als ein paar halben Nussschalen als Indizien, die alles bedeuten können, versuchen Salamander, Spider-Manni und die Journalistin Hasel Maus das Unmögliche …

Mit «Inspektor Salamander» kehrt Markus Grolik endlich wieder zu seinen tierischen Detektiven zurück. Vom damaligen «Perry Panther» ist jedoch lediglich der kleine Trenchcoat übrig geblieben, der jetzt den schlanken Salamander ziert. Inspektor Salamander ermittelt in einem anderen Milieu (ländlicher) und in anderem literarischen Kontext. Waren schon die Romane um Perry Panther grandios illustriert, fährt Grolik jetzt in der Graphic Novel zur Höchstform auf: 128 Seiten durchgehend vierfarbig illustriert, mit einzelnen Panels oder doppelseitigen Bildern voller Action sind ein wahrer Augenschmaus. Dafür ist Salamanders erster Fall nicht ganz leicht zu durchschauen: Es braucht schon etwas Übung, um zu wissen, wann im Fliesstext und wann in den Sprechblasen weiterzulesen ist, und um zu verstehen, wie alles zusammenhängt. Alles in allem aber ein Buch, das Spass macht – auch Lesemuffeln – und das auf weitere Fälle hoffen lässt!

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/23, S. 36

Startenor Luigi Crötelli ist in Aufregung: Seine Verwandten sind verschwunden, ihr Froschtümpel ausgetrocknet! Das ist ein Fall für Inspektor Salamander. Mit Hilfe der rasanten Journalistin Hazel Maus sammelt er auf dem Schrottplatz Indizien, verhört Verdächtige und kann die Frösche aus den Fängen der fiesen Spinne befreien. Parallel in Comic-Panels und einem mittigen Textblock erzählt, ist diese schräge Detektivgeschichte speziell als Comic zum Vorlesen aufgemacht.

Eine Weile bleibt die Zeit für uns stehen
Jacqueline Woodson
Aus dem Englischen von Eva Riekert unter Mitarbeit von Chantal-Fleur Sandjon
Verlag: CBJ, Publiziert: 2023, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-16667-3
Schlagwörter: Rassismus | Schule | Liebe

In Brooklyn ist Jeremiah, kurz Miah, glücklich damit, Schwarz zu sein: «Er fühlte sich warm in seiner Haut. Geborgen.» Ein «anderes Gewicht» hat seine Hautfarbe an der Privatschule in Manhattan, die er seit Kurzem besucht und an der er vor einem Meer ‹weisser› Gesichter Basketball spielt. Sein Talent schützt ihn vor misstrauischen Blicken und rassistischen Attacken ebenso wenig wie seine Herkunft; seine prominenten, wohlhabenden Eltern verschweigt er, um nicht noch mehr aufzufallen oder als Snob zu gelten. Als sich Miah aber in seine Mitschülerin Ellie verliebt, ziehen die zwei als «interracial» Paar noch mehr Blicke auf sich. Die wenigsten sind freundlich.

Jacqueline Woodsons Jugendroman ist im Original («If you come softly») schon 1998 erschienen. Weil Smartphones, Social Media und die Black-Lives-Matter-Bewegung kein Thema sind, dafür aber die Brandanschläge, in denen allein 1995/96 in den USA über 30 «Black Churches» zerstört worden sind, lässt sich die Handlung in den 1990ern verorten. Ansonsten sind die geschilderten Vorfälle von Rassismus und Polizeigewalt erschreckend aktuell. Auch motivisch nimmt der Text viel vorweg, was in den aktuellen Black-Live-Matters-Romanen verhandelt wird. Allerdings ist Woodsons Werk subtiler; weniger aktivistisch als poetisch, aber politisch pointiert setzt der Roman auf die Ausstrahlungskraft der Figuren und ihrer Erfahrung mit erlebtem wie internalisiertem Rassismus. Dabei verwebt die Autorin die für Miah und Ellie zentrale Frage nach dem Wesen der Liebe auch mit den verlustreichen Biografien ihrer Eltern und ermöglicht so einen differenzierten, vielschichtigen Blick auf Identität und Gemeinschaft.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/23, S. 35

Höhenangst
Saskia Winkelmann
Verlag: die Brotsuppe, Publiziert: 2023, Seiten: 196, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03867-080-3
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Musik | Sexualität

Das psychedelische Cover trügt nicht: Der Debütroman der jungen Berner Autorin Saskia Winkelmann ist ein Trip, wie man ihn in der Schweizer Literatur nicht jeden Tag zu lesen bekommt. Winkelmann legt neben ihrer literarischen Arbeit auch als DJ in einem Berner Club auf, und das merkt man ihrer Sprache an, die rhythmisch groovt. Schon auf den ersten Zeilen breitet sich eine flimmernde Klangpalette aus.

Die Stimme, die im Roman ihre Geschichte erzählt, gehört der 18-jährigen Protagonistin, die mit ihrer apathischen Mutter in einer Schweizer Kleinstadt lebt. Sie erzählt assoziativ, erinnert sich in Fragmenten, wie die Freundschaft mit Jo sie aus der Einsamkeit und Langeweile reisst. Jo nimmt sie mit in den Keller, und die Erzählerin nimmt Jo mit in den Botanischen Garten, in den sie sich bisher allein zurückgezogen hatte. «Du hast etwas in mir freigesetzt», erinnert sie sich, «das sich nicht wieder wegsperren liess.»

Mit Musik, Drogen, Freiheits- und Widerstandsfantasien katapultieren sich die beiden aus der Welt hinaus und geniessen es. «Die Zerstreuung der Aufmerksamkeit», so hat die Ich-Erzählerin es von Jo gelernt, «sei eigentlich Widerstand gegen die Welt, in der wir lebten. Alle Sinne offen. Überall sein.» Sie befinden sich auf einer Forschungsreise, auf der sie sich verlieren, verschollen gehen, bis die Katastrophe eintritt.

Saskia Winkelmanns Sprache tastet sich an den Körpern und ihrer Sinnlichkeit entlang, sucht die Orte ab, wo die Haut und die Aussenwelt sich berühren, dabei lösen sich Kindheitserinnerungen und steigen an die Oberfläche des Textes. Entstanden ist dabei ein radikaler, dunkel leuchtender Kristall von einem Coming-of-Age-Roman.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/23, S. 35

Gideon Green
Katie Henry
Aus dem Englischen von Anne Emmert.
Verlag: Magellan, Publiziert: 2023, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-5081-3
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Medien | Identität/Individualität

Das Leben ist nicht schwarz-weiss

Das Gefühl, im falschen Film zu sitzen, kennt der 16-jährige Gideon nur allzu gut. So sehr er sich bemüht, sein Leben als Hommage an die hartgesottenen Sam Spades und Philip Marlowes der Filmgeschichte zu gestalten – sein Alltag gleicht doch weniger einem Film noir als einem Highschool-Drama. Aus einem pubertierenden Schüler wird nun mal kein Privatdetektiv alter Schule, auch wenn er ausschliesslich Trenchcoat und Fedora trägt, Kriminalfälle studiert, einen zynischen Blick aufs Leben pflegt und mit markigen Sprüchen jong-liert. Dass er seine in der vierten Klasse gegründete «Green-Privatdetektei» unter unrühmlichen Umständen schliessen musste, hängt ihm immer noch nach. So verbringt er seine Nachmittage damit, sich in düstere Gangsterfilme hineinzuträumen. Damit ist Schluss, als ihn seine frühere Kindergartenfreundin Lily um einen Gefallen bittet: Mit seinem detektivischen Spürsinn soll er ihr bei der Recherche für einen geplanten Coup in der Schulzeitung helfen. Zur Tarnung heuert Gideon als Korrektor in der Redaktion an – und erfährt bald am eigenen Leib, wie spannend, ja gefährlich die reale Welt sein kann.

Der amerikanischen Jugendbuch- und Theaterautorin Katie Henry ist mit «Gideon Green» ein überzeugendes Revival des leicht angestaubten Detektivgenres gelungen. Den zu lösenden mysteriösen Fall unterfüttert sie mit politischer Bedeutung, ergänzt ihn mit einer authentischen Vater-Sohn-Geschichte und würzt mit einer süssen Prise Teenager-Romantik und einer guten Portion bärbeissigem Humor nach. Die Mixtur ergibt einen raffinierten, vielschichtigen All-Age-Roman um einen jugendlichen Helden, der mit Humor und Herz um die Wahrheit und seine Integrität kämpft.

Alice Werner
Buch&Maus 2/23, S. 35

Honig mit Salz
Tamara Bach
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2023, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58499-1
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Pubertät | Ferien

«Alles ist falsch. Ich will nach Hause», schreiflüstert Ari, 13, in ihr Handy. «Du fehlst mir. Jetzt muss ich hier noch … Scheisse, wir haben gerade mal die Hälfte um.» Wenn Ari, kurz für Ariadne, diese verzweifelte Sprachnachricht an ihre Freundin Elif sendet, die sie nicht anhört und Ari vorerst in ihrer Not allein lässt, haben Ari und ihre Eltern tatsächlich erst die Hälfte ihrer Griechenland-Ferien hinter sich. Wir aber sind auf Seite 103 angelangt und zählen die verbleibenden Seiten: 56. Ob die ausreichen, um nicht nur Aris vertrackte Situation, sondern auch die bis dahin eher zähe Lektüre in ein Leseerlebnis zu verwandeln?

Wir beobachten das Zerbrechen der deutschen Kleinfamilie aus seltsamer Distanz; anders als in Tamara Bachs früheren Romanen entsteht kaum Nähe zur Protagonistin. Die knappen Sätze der zurückhaltenden Erzählstimme fokussieren auf eine Umgebung, die so interessant nicht ist – und als Figur bleibt Ari stumm. Schüttelt, selten, den Kopf; weit öfters nickt sie zu dem, was ihre streitenden Eltern entscheiden, bis hin zum Essen, das sie für sie bestellen, weil sie zu beschäftigt mit sich sind, um ihr Kind als Person zu sehen. Aris penetrantes Schweigen irritiert zunächst, wirkt dann zunehmend beklemmend. Während Elif aus der Türkei von ihren emanzipierten Cousinen schwärmt, findet Ari keine Stimme. Erst als sie sich das Motorrad des jungen Pegasos schnappt, der, wie sich zeigt, routiniert mit Touristinnen anbandelt, erlebt Ari einen Moment des Glücks: «Ari merkt, dass sie summt, lächelt und ist ein bisschen frei. I rode a motorbike today, denkt Ari.» Das ist schön, und man hätte gern zugesehen, wie Ari, nach Vorbild ihrer Namensgeberin, sich einen Weg aus dem Labyrinth legt. Hier aber ist es zu wenig, zu spät. Stumm reist die Familie ab.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/23, S. 34

Heute gehe ich nicht nach Hause
Antonella Sbuelz
Aus dem Italienischen von Michaela Heissenberger
Verlag: Arctis, Publiziert: 2023, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03880-066-8
Schlagwörter: Migration | Familie/Familienformen | Erwachsenwerden

Zwei Teenager, deren Leben kaum gegensätzlicher aussehen könnte: Aziz (13) aus Kabul ist auf der Flucht vor den Taliban und seit zwei Jahren zu Fuss auf dem Weg nach Europa. Mattia (15) lebt in Udine in einer wahren «Fernsehwerbungsfamilie. Harmonisch. Besonders. Glücklich» – bis er erfährt, dass die Eltern sich trennen werden, weil der Vater sich in eine andere Frau verliebt hat, die nun ein Kind von ihm erwartet. Mattias Welt steht Kopf. Er will seine Eltern nicht sehen, den Vater schon gar nicht, und beschliesst, am Abend nicht nach Hause zu gehen. Unterdessen werden Aziz, sein Vater und der Onkel, kurz nachdem sie die Grenze nach Ungarn überquert haben, aufgegriffen. Also schlägt sich Aziz, der vorgibt, erst elf Jahre alt zu sein und damit zu jung fürs Gefängnis, allein nach Italien durch.

Atmosphärisch dicht, poetisch, zuweilen philosophisch erzählt Antonella Sbuelz in ihrem ersten Jugendbuch von zwei Jugendlichen in Ausnahmesituationen. Dabei lässt sie ihre Protagonisten fesselnd aus der Ich-Perspektive berichten. Ein Kapitel erzählt Aziz, das nächs-te Mattia und so geht es weiter, bis beide spätnachts in einem Park aufeinandertreffen: Mattia voller Wut, Aziz krank und am Ende seiner Kräfte. Meisterhaft lässt die Autorin die Geschichten der beiden nebeneinander her- und aufeinander zufliessen, verknüpft die Ereignisse so geschickt, dass es schwerfällt, das Buch aus der Hand zu legen.
Das beeindruckende Debüt, das erdet und lange nachwirkt, wurde 2022 von 160 Kindern und Jugendlichen mit dem italienischen Literaturpreis «Premio Campiello Junior» ausgezeichnet. Es sei auch wärmstens zum Einsatz im Unterricht empfohlen.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/23, S. 34

Burn
Patrick Ness 
Aus dem Englischen von Petra Koob-Pawis
Verlag: CBJ, Publiziert: 2023, Seiten: 400, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-16663-5
Schlagwörter: Historisches | Fantastik/Fantasy | Rassismus

Die Welt brennt wie Feuer

Vom ersten Satz an zieht einen Patrick Ness in seinen Weltentwurf: Wir befinden uns im Jahr 1957 im ländlichen Amerika, wo die 16-jährige Sarah Dewhurst darauf wartet, einen Drachen kennenzulernen. Diese Zugabe zum historischen Setting verortet das Buch im Fantastik-Subgenre Alternate History.
So ist der erste russische Satellit in der angespannten Lage des Kalten Krieges ein zentrales Plotelement. Denn eine rätselhafte Prophezeiung vermutet, dass durch den Satelliten ein Krieg ausgelöst werden könnte, weil er den jahrhundertealten Frieden mit den Drachen gefährdet. Laut Prophezeiung soll Sarah das Zünglein an der Waage sein. Daher lässt sich der russische blaue Drache Kasimir von Sarahs Vater zur Brandrodung seiner Felder anheuern, was in der von Alltagsrassismus geprägten Zeit für grosses Misstrauen sorgt. Gleichzeitig macht sich der junge Attentäter Malcom im Auftrag seiner Sekte, die die Drachen verehrt, auf den Weg, um Sarah zu töten, trifft dabei aber auf Nelson, in den er sich augenblicklich verliebt. Und aufgrund von Indizien heften sich zwei Regierungsagent:innen an seine Fersen.

Die auf Diversität getrimmten Figuren steuern thrillermässig auf einen Kulminationspunkt zu, der aber schon in der Hälfte des Buches erfolgt. Danach greift Ness zu einem «Twist», der die dargestellte Welt (und was wir darüber zu wissen glaubten) nochmal auf den Kopf stellt. Diese kühne Wendung führt jedoch leider in eine Ansammlung von Szenen, in der das weitere Wordbuilding zu kurz kommt, was beim Lesen einiges an Kombinationsarbeit erfordert. Der ungewöhnliche Fantasyroman empfiehlt sich daher eher für versierte Leser:innen, die Überraschungen mögen.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 2/23, S. 34

Halber Löwe
Johannes Herwig
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2023, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6205-6

Viel Heiteres hat der 16-jährige Ich-Erzähler Sascha nicht zu berichten: Als Halbwaise lebt er im Leipzig der Nachwendezeit mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester in einer tristen Plattenbausiedlung. Wenn er mit der Sechsjährigen spielt, während die Mutter ihre Schichten im Krankenhaus abarbeitet, muss er zuerst die Kippen und Scherben aus dem Sandkasten holen. Geld ist keins da, die Noten sind schlecht, und wenn ihnen jemand doof kommt, packen Sascha und seine Freunde die Fäuste aus. In ihrem Unterschlupf in einem Abbruchhaus denken sie sich bei viel Rum, Bier und Gras absurde Mutproben aus, die sie ihre Zukunft kosten könnten. Warum, das scheint auch Sascha nicht zu verstehen: In etwas gar reflektiertem Duktus teilt er nur mit, dass er nie gelernt habe, sein Leben zu reflektieren. Dann bringt er den sensiblen neuen Mitschüler Marcel in die Gruppe mit – mit fatalen Folgen.

Johannes Herwig erzählt streckenweise sehr berührend von dem Zwiespalt, in dem Sascha steckt: Zwischen dem toxischen Männlichkeitsideal der Peergroup und übergrosser Verantwortung zu Hause fehlt ihm die Basis für einen positiven Selbstentwurf. Auch die Perspektivlosigkeit der männlichen Nachwendejugend wird in beklemmenden Bildern greifbar. Allerdings bleiben bis auf die – trotz ihrer Dauererschöpfung leuchtende – Mutter die Figuren recht blass oder geraten allzu stereotyp. Die Handlung ist oft vorhersehbar und nimmt mit ihren vielen unheilschwangeren Prolepsen bisweilen Züge einer Warngeschichte an. In Kontrast dazu steht Herwigs offensichtliche grosse Empathie für den verlorenen Jungen, der in kleinen Juwelensätzen immer wieder Gestalt annimmt: «Eine Sechsjährige sollte sich nicht um Scherben auf einem Spielplatz kümmern müssen, fand ich.»

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/23, S. 33

Schlaf niemals ein
Jennifer Killick
Aus dem Englischen von Gabriele Haefs.
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2023, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55784-1
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror | Krimi/Thriller | Schule

Wie wird man heutzutage zur Heldin oder zum Helden? Erstmal, indem man sich sozial verhält und nicht als Einzelkämpfer:in brillieren will. Und es kommt aufs Genre an. Im Bereich des humoristischen Gruselromans führt nur ein Weg zum Heldentum: exzessives Bingen von Horrorfilmen. Wenn es der britischen Kinderbuchautorin Jennifer Killick so gut gelingt, in ihren Gruselromanen für Kinder dieses eigentümliche Mischgefühl von Herzrasen und Gemütlichkeit zu evozieren, hat das viel mit ihrem Protagonisten zu tun. Lance ist eine Mischung aus Klassenclown und Sherlock Holmes; das heisst, dass er zwar überall den Horror wittert (zu Recht), dabei aber einen kühlen Kopf behält und ihm dank seiner gestählten Nerven immer ein blöder Spruch einfällt.

Dass der blutüberströmte Mann, der den Schulbus auf der Strasse anhält, kein Zombie sein kann, folgert er messerscharf: «[…] zwischen seinen Zähnen hängen keinerlei Reste von Innereien.» Wenn man ihm zuhört, glaubt man ihm gern, dass es pädagogisch wertvoll ist, sämtliche Zombie-Apokalypsen und Alien-Invasionen der Film- und Fernsehgeschichte zu kennen. Zum Beispiel hat er gelernt, dass die Zombies besonders gern die Figuren verspeisen, die sich «wie ein Arsch» verhalten. Damit wäre neben Horror das zweite wichtige Stichwort genannt, das den Roman zu einem Lesevergnügen macht. Killick operiert mit der Tradition britischer Internatsromane und hat ein gutes Gespür für die Dynamiken in Schulklassen, bei denen man nie so genau weiss, ob sie in Comedy- oder doch ins Horrorgenre gehören.

«Crater Lake. Schlaf niemals ein» liest sich jedenfalls schneller, als die Uhr ticken kann – zum Glück erscheint im September ein zweiter Band.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/23, S. 33

Derselbe Mond
Lara Schützsack
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2023, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5881-1
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing | Freundschaft | Identität/Individualität

Die Sommerferien sind vorbei und Magdalena und ihre Freund:innen hängen nach der Schule an der Halfpipe im Park ab. Alles scheint wie immer, bis November auftaucht. Mit ihren blauen Haaren, abgeschnittenen Hosen und dem Schlabberpulli fällt sie sofort auf. Während sie zunächst durch ihr Verhalten bei allen aneckt, will es der Zufall, dass sich Magdalenas und Novembers Wege immer wieder kreuzen. Magdalena stellt fest, dass die Neue in ihrer Eigenständigkeit gar nicht so übel ist. Bei ihr traut sich Magdalena, Seiten von sich zu zeigen, die sie sonst vor ihren Freund:innen versteckt – etwa die Gedichte, die sie heimlich schreibt. Beide verbringen zunehmend ihre Freizeit miteinander. Und Novembers Mut färbt ab – im wahrsten Sinne des Wortes: Magdalena lässt sich von November die Haare blau färben.

Im Kinderroman «Derselbe Mond» schildert Lara Schützsack einfühlsam die Entwicklung der Freundschaft zweier überzeugender Protagonistinnen, die lernen, mit neuen Lebenssituationen zurechtzukommen. Mit gekonnter Leichtigkeit verknüpft die Autorin Themenkomplexe miteinander, die vermutlich vielen Leser:innen bekannt vorkommen werden: Neben den alltäglichen Problemen und Sorgen Heranwachsender rund um Identitätsfindung, Freundschaft und Zugehörigkeit muss Magdalena mit der Trennung ihrer Eltern und dem neuen Freund ihrer Mutter zurechtkommen. November ist kurzfristig bei ihrer Grossmutter eingezogen, weil sie zu Hause mit Diebstählen aufgefallen und mit dem neuen Freund ihrer Mutter nicht klargekommen ist. Am Ende fügt sich jedoch alles: Magdalena erstarkt und geht selbstverständlich mit neuer Haarfarbe in die Schule. Und auch als November wieder zu ihrer Mutter zieht, bleiben die zwei sich verbunden – unter «demselben Mond».

Sabine Planka
Buch&Maus 2/23, S. 33

Die letzten Hexen von Blackbird Castle
Stefan Bachmann
Aus dem Englischen von Stefanie Schäfer
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2023, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-257-01310-8
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Grusel/Spuk/Horror | Fabelwesen

Die zwölfjährige Waise Zita arbeitet als Dienstmädchen bei einer garstigen alten Dame, als ihr scheinbar vorgegebener Lebensweg eine entscheidende Wendung nimmt. Per Brief wird sie nach Blackbird Castle zitiert, dem Familiensitz des letzten grossen Hexengeschlechts, dem sie angeblich angehört. Neugierig macht sich das Mädchen auf den Weg, die Spuren ihrer Familie zu erforschen. Doch auf dem halbverfallenen, von schwarzem Efeu umrankten Schloss wird sie nur widerwillig empfangen. Die Dame des Hauses, die Zita schon bald in Hexenkunde unterrichten wird, ist ihr offensichtlich feindlich gesinnt. Tatsächlich gerät die Junghexe schon bald zwischen die Fronten von Gut und Böse und muss es – trotz dürftiger Zauberkenntnisse – mit verwes-ten Geistern, Moorpfeifern und Seelenfressern aufnehmen. Glücklicherweise gehören zum Haushalt auch Bram und Minnifer, die Zita unter ihre Fittiche nehmen und ihr bei der Lösung eines lang gehegten Familiengeheimnisses helfen.

Stefan Bachmanns neues Kinderbuch erwächst aus der Vorstellung, dass es jenseits der sichtbaren eine unsichtbare Welt voller magischer, düsterer Existenzen gibt, die von den letzten Hexen dieser Erde unter Kontrolle gehalten werden. Dieses viktorianisch anmutende Reich erweckt der amerikanisch-schweizerische Autor mit offensichtlicher Leidenschaft fürs Bizarre zum Leben. Dass es ihm trotz überbordender Imagination und atmosphärisch aufgeladener Szenerie gelingt, seine auf den dramatischen Showdown hinstrebende Geschichte entschlossen, bündig und mit fast kühler Gelassenheit zu erzählen, hebt ihn aus der Masse der Fantasyschriftsteller heraus.

Alice Werner
Buch&Maus 2/23, S. 32

Blackbird Castle – so düster, wie sein Name klingt, wirkt das einsame Schloss auf die 12-jährige Waise Zita, die hier überraschend das Erbe eines Hexengeschlechts antreten soll. Doch statt auf ihre Familie trifft sie bloss auf eine feindselige Gouvernante und weiteres Dienstpersonal – und zahlreiche Geister und Geheimnisse. Dennoch findet Zita ihr Zaubertalent und ihren Mut. Stefan Bachmann erzählt die ungeheuerliche Geschichte gekonnt, vom ersten Satz an zieht einen der Text in seinen Bann.

Best Bro Ever!
Jenny Jägerfeld
Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
Verlag: Urachhaus, Publiziert: 2023, Seiten: 155, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8251-5342-7
Schlagwörter: LGBTQ* | Geschlechterbilder | Identität/Individualität

Transsexualität ist ein gesellschaftlich stark diskutiertes Thema unserer Zeit – auch im Kinder- und Jugendbuch. Zwei Neuerscheinungen erzählen aus der Ich-Perspektive und doch aus verschiedenen Blickwinkeln von Jugendlichen, die im falschen Körper geboren wurden.

In «Fred und ich» lässt Lena Hach die 13-jährige Anni in einer Art Tagebuch von ihrer Zeit mit Fred erzählen. Sieben Tage treffen sich die beiden täglich. Dann muss Fred nach Berlin zurück. Das erste Mal sehen sie sich in der Bäckerei, in der Anni sich jeden Morgen mit einem Hasenbrötchen und Kaffee versorgt, ehe sie zum Eisbaden an den See fährt. Es ist ihre Art, den Tod ihres Onkels zu verarbeiten, der vor sechs Wochen bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Vom ersten Moment an fühlt sich Anni von Fred angezogen, spürt, dass er für sie besonders ist. Ihm geht es wohl nicht anders, denn von da an springen beide morgens gemeinsam ins eiskalte Wasser. Dabei entdeckt Anni, dass Fred trans ist: ein Junge mit dem Körper eines Mädchens. An ihren Gefühlen für Fred ändert das nichts. Sie mag Fred so, wie er ist, konfrontiert ihn nicht mit ihrer Entdeckung und möchte ihn auf keinen Fall verletzen. Das ist das Allerwichtigste für sie.

Gefühlt in Echtzeit lesen wir, wie Anni und Fred einander näherkommen, sich öffnen, Gedanken, Ängste und Gefühle teilen. Eine behutsam, unaufgeregt und zärtlich erzählte Geschichte über eine etwas andere erste Liebe.

Auch in «Best Bro Ever!» der schwedischen Autorin Jenny Jägerfeld steht mit dem elfjährigen Måns ein Transjunge im Mittelpunkt. Und der erzählt diesmal selbst. Måns kommt aus Stockholm, verbringt den Sommer aber im südschwedischen Malmö, wo seine Mutter beruflich zu tun hat – und geniesst es sehr: Endlich kann er ganz selbstverständlich der sein, der er ist: «einfach Måns, ohne irgendeine anstrengende Geschichte». Mit Mikkel, den er im Skaterpark kennenlernt, erlebt er die beste Zeit seines Lebens. Noch nie hat er so viel Spass mit jemandem gehabt, sich so angenommen gefühlt. Bis Mikkel zufällig ins Måns’ Pass schaut, wo ein Mädchenname steht, und nichts mehr von ihm wissen will. Er fühlt sich belogen und in die Irre geführt, blockt alle Versuche von Måns ab, ihn zu kontaktieren
und sich zu erklären. Doch Måns gibt nicht auf …

Beiden Titeln ist gemein, dass sie von einer positiven Grundstimmung getragen werden und hoffnungsvoll enden. In «Fred und ich» spielt Freds Transsexualität fast eine untergeordnete Rolle. Denn Anni nimmt Freds Anderssein genauso selbstverständlich an wie er ihre Angst vor dem (Weiter-) Leben. Und auch in «Best Bro Ever!» gibt es mit Måns’ Mutter, Mikkels Bruder und dessen Freundin Menschen, die ihn so (an-) nehmen, wie er ist, und ihn nach besten Kräften darin unterstützen, seinen Weg zu gehen. Dabei lässt Jenny Jägerfeld ihren Ich-Erzähler mit viel Selbstironie und Humor so erfrischend erzählen, dass es bei allen Problemen, die Måns zu überwinden hat, doch auch immer viel zu lachen gibt.

Zwei Bücher, die eindrücklich unter Beweis stellen, dass die postitive Auseinandersetzung mit Transsexualität im Kinder- und Jugendbuch angekommen ist, und für Offenheit und Toleranz gegenüber Transkindern steht. Denn, wie Måns zusammenfasst: «AALLES kann schief gehen, aber es kann trotzdem ziemlich gut sein. Am Ende. Wenn die Leute sich ein bisschen zusammenreissen.»

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/23, S. 32

 

 

 

 

Måns begleitet seine Mutter für einige Wochen nach Malmö und freundet sich mit Mikkel an. Måns bedeutet es viel, dass Mikkel ihn als «Bro» bezeichnet. Dann aber gerät Mikkel Måns’ Pass in die Hände, in dem ein Mädchenname steht. Er fühlt sich betrogen. Måns aber möchte um diese Freundschaft kämpfen. Der Kinderroman erzählt mit sympathischen Charakteren, witzig und überzeugend aus der Sicht eines trans Jungen, der weiss, dass niemand das Recht hat, seine Identität für ihn festzulegen.

Fred und ich
Lena Hach
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2023, Seiten: 94, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75719-7
Schlagwörter: LGBTQ* | Mut/Selbstbewusstsein | Freundschaft

Transsexualität ist ein gesellschaftlich stark diskutiertes Thema unserer Zeit – auch im Kinder- und Jugendbuch. Zwei Neuerscheinungen erzählen aus der Ich-Perspektive und doch aus verschiedenen Blickwinkeln von Jugendlichen, die im falschen Körper geboren wurden.

In «Fred und ich» lässt Lena Hach die 13-jährige Anni in einer Art Tagebuch von ihrer Zeit mit Fred erzählen. Sieben Tage treffen sich die beiden täglich. Dann muss Fred nach Berlin zurück. Das erste Mal sehen sie sich in der Bäckerei, in der Anni sich jeden Morgen mit einem Hasenbrötchen und Kaffee versorgt, ehe sie zum Eisbaden an den See fährt. Es ist ihre Art, den Tod ihres Onkels zu verarbeiten, der vor sechs Wochen bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist. Vom ersten Moment an fühlt sich Anni von Fred angezogen, spürt, dass er für sie besonders ist. Ihm geht es wohl nicht anders, denn von da an springen beide morgens gemeinsam ins eiskalte Wasser. Dabei entdeckt Anni, dass Fred trans ist: ein Junge mit dem Körper eines Mädchens. An ihren Gefühlen für Fred ändert das nichts. Sie mag Fred so, wie er ist, konfrontiert ihn nicht mit ihrer Entdeckung und möchte ihn auf keinen Fall verletzen. Das ist das Allerwichtigste für sie.

Gefühlt in Echtzeit lesen wir, wie Anni und Fred einander näherkommen, sich öffnen, Gedanken, Ängste und Gefühle teilen. Eine behutsam, unaufgeregt und zärtlich erzählte Geschichte über eine etwas andere erste Liebe.

Auch in «Best Bro Ever!» der schwedischen Autorin Jenny Jägerfeld steht mit dem elfjährigen Måns ein Transjunge im Mittelpunkt. Und der erzählt diesmal selbst. Måns kommt aus Stockholm, verbringt den Sommer aber im südschwedischen Malmö, wo seine Mutter beruflich zu tun hat – und geniesst es sehr: Endlich kann er ganz selbstverständlich der sein, der er ist: «einfach Måns, ohne irgendeine anstrengende Geschichte». Mit Mikkel, den er im Skaterpark kennenlernt, erlebt er die beste Zeit seines Lebens. Noch nie hat er so viel Spass mit jemandem gehabt, sich so angenommen gefühlt. Bis Mikkel zufällig ins Måns’ Pass schaut, wo ein Mädchenname steht, und nichts mehr von ihm wissen will. Er fühlt sich belogen und in die Irre geführt, blockt alle Versuche von Måns ab, ihn zu kontaktieren
und sich zu erklären. Doch Måns gibt nicht auf …

Beiden Titeln ist gemein, dass sie von einer positiven Grundstimmung getragen werden und hoffnungsvoll enden. In «Fred und ich» spielt Freds Transsexualität fast eine untergeordnete Rolle. Denn Anni nimmt Freds Anderssein genauso selbstverständlich an wie er ihre Angst vor dem (Weiter-) Leben. Und auch in «Best Bro Ever!» gibt es mit Måns’ Mutter, Mikkels Bruder und dessen Freundin Menschen, die ihn so (an-) nehmen, wie er ist, und ihn nach besten Kräften darin unterstützen, seinen Weg zu gehen. Dabei lässt Jenny Jägerfeld ihren Ich-Erzähler mit viel Selbstironie und Humor so erfrischend erzählen, dass es bei allen Problemen, die Måns zu überwinden hat, doch auch immer viel zu lachen gibt.

Zwei Bücher, die eindrücklich unter Beweis stellen, dass die postitive Auseinandersetzung mit Transsexualität im Kinder- und Jugendbuch angekommen ist, und für Offenheit und Toleranz gegenüber Transkindern steht. Denn, wie Måns zusammenfasst: «AALLES kann schief gehen, aber es kann trotzdem ziemlich gut sein. Am Ende. Wenn die Leute sich ein bisschen zusammenreissen.»

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/23, S. 32

Alleine Eisbaden gehen ist gefährlich, findet der Junge, der Anni eines Morgens zum abgelegenen Waldsee folgt. Fortan begleitet Fred sie täglich dorthin. Und während sie sich anfreunden, stellt Anni fest, dass der Junge einen weiblichen Körper hat. Ohne ihm unpassende Fragen zu stellen, informiert sie sich über das Thema Transgender und ist ihm eine gute Freundin. Im Gegenzug unterstützt Fred Anni bei der Bewältigung ihrer Ängste. Ein Kinderroman über das respektvolle Miteinander und darüber, wieso man manchmal ins kalte Wasser springen muss.

Wildesland
Cornelia Franz
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2023, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6185-1
Schlagwörter: Abenteuer | Erwachsenwerden | Natur

Auf der Rückfahrt von einem Urlaubsausflug passiert es: Matthis und seine Eltern geraten dermassen in Streit, dass Matthis den restlichen Weg zur abgelegenen Ferienhütte in der norwegischen Wildnis zu Fuss zurücklegen muss. Als er mit seiner Hündin Tara ankommt, sind seine Eltern und sein Bruder jedoch noch nicht dort. Matthis macht sich auf die Suche und findet das Auto: Er sieht es von Weitem verunglückt, einen Abhang hinuntergestürzt. Obwohl Matthis erkennt, dass ein Steinschlag den Unfall verursacht hat, macht er sich bittere Vorwürfe. Zwar verständigt er die Rettung, doch selbst verschwindet Mat-this und streift tagelang mit Tara durch
den Wald.

Auf sich alleine gestellt lernt er, in der Natur zurechtzukommen. Dann trifft er auf die geheimnisvolle Jule, die ihm Einiges über die norwegische Natur beibringt, und viele Sagen erzählen kann, in denen Trolle die Hauptrolle spielen. Als es zu einem weiteren Unfall kommt, stellt sich Matthis seiner Verantwortung: Er läuft zu der Ferienhütte zurück, in die seine Familie in der Zwischenzeit wieder zurückkehren konnte, und holt Hilfe für Jule.
Cornelia Franz entwickelt mit Matthis einen Protagonisten, mit dem sich vor allem jüngere Leser:innen gut identifizieren können. Streitigkeiten mit den Eltern, verletzter Stolz, Schuldgefühle und die Erkenntnis, wie sehr man die Familie eigentlich liebt: Wer kennt das nicht? Es gelingt Franz, all diese Konflikte und komplexen Gedankengänge, die Matthis auf seiner Wanderung durch den Wald beschäftigen, ebenso überzeugend darzustellen wie die Entwicklung von Matthis selbst zu einem verantwortungsvollen Menschen.

Sabine Planka
Buch&Maus 2/2023, S. 31

Julian und Anisa und das Wunder vom Wacholderpark
Benjamin Lebert
Verlag: Gulliver, Publiziert: 2023, Seiten: 135, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-81306-0
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Liebe | Behinderung | Freundschaft | Sport

Ein Junge, ein Mädchen, ein Fussball – schon das Cover bringt diese aufregende Boy-meets-Girl-Geschichte auf den Punkt. Julian sitzt zusammengekauert da und schaut erwartungsvoll zu Anisa auf. Die lehnt lässig am Baum – mit Käppi, Kapuzenpullover und Turnschuhen. Sie hat Julian noch nicht im Blick, aber das kommt bald und wird ganz turbulent.

Die beiden erzählen in 20 Kapiteln abwechselnd. Julian wird in der Klasse seiner Epilepsie wegen Zitteraal genannt. Er himmelt Anisa an, die Draufgängerin, die gerne mit den Jungs kickt, und folgt ihr heimlich in ein abgebranntes Bootshaus: Eine erste Mutprobe für ihn und der Auslöser für die kommenden Verwirrungen, denn er wird erwischt. Julian und Anisa gehen in dieselbe Klasse – mehr verbindet sie erstmal nicht. Bis Anisa Julian verteidigt, der gerade brutal bedrängt wird. Umgekehrt setzt sich Julian für sie ein, nachdem der Lehrer sie übel runtergemacht hat: «Ich wollte nur sagen … Ich finde … Also, Sie sollten sich bei Anisa entschuldigen.» Im ersten Fall fordert Anisa Diego übermütig zu einem Fussballspiel heraus – die Vorbereitung mit Julian wird der rote Faden der Handlung. Im anderen Fall nimmt die Klasse den Ball auf und der Lehrer entschuldigt sich sogar. Wendepunkte, die beim Lesen unter die Haut gehen.

«Julian und Anisa und das Wunder vom Wacholderpark» ist ein wenig Liebes-, aber auch Entwicklungsgeschichte. Vor allem Julian entdeckt seine Gefühle und Stärken. Als strahlendes Duo gewinnen die beiden nicht nur mit Fairness und Spass den Match; sie zeigen auch eine wirkungsvolle Taktik, die gegen Fouls von gleichaltriger und erwachsener Seite hilft: persönliche Zivilcourage.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/2023, S. 31

Julian ist eher zart besaitet, sammelt Wörter und schwärmt für Fussballtalent Anisa. Ausgerechnet sie beschützt ihn, als einer ihrer Kumpel auf ihn losgehen will, und schlägt stattdessen ein Fussballspiel vor. Nur kann Julian gar nicht Fussball spielen. Zum Glück findet er in seinem Nachbarn Herrn Wong einen Mentor – und Anisa erkennt, dass Julian auf andere Weise Courage besitzt. Die sanfte Freundschaftsgeschichte glänzt mit starken Szenen und einem hochspannenden Finale, das besonders auch beim Vorlesen zur Geltung kommt.

Julia und der Hai
Kiran Millwood Hargrave, Illustration: Tom Freston
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Verlag: Loewe, Publiziert: 2023, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7432-1377-7
Schlagwörter: Abenteuer | Tiere | Krankheit

«Oh, Mann», seufzt die Leserin, während sie der knapp elfjährigen Julia auf die offene See folgt, «das kann nicht gut ausgehen.» Ein Sturm überrascht das Mädchen, das mit dem Boot aufgebrochen ist, um einen Hai zu finden, der für die Mutter überlebenswichtig zu sein scheint. Die Mutter, die nun im Spital liegt, ohne dass Julia genau weiss, weshalb, ist Meeresbiologin. Sie forscht zu einem bestimmten Hai, und dafür muss die Familie nach Unst ziehen, der nördlichsten der Shetland-Inseln. Der Leuchtturm bietet ihnen eine Küche, feuchte Schlafräume und eine gewundene Treppe. Alles ziemlich uncool, findet das Mädchen. Es lernt einen Jungen kennen, doch der Freundschaft werden Steine in den Weg gelegt. Während die Geschichte sich Satz um Satz in einer schnörkellosen Sprache entfaltet (dennoch mit überraschenden Gedanken und Bildern der Ich-Erzählerin), folgt Tom de Freston ihr in einer meisterhaften Bildsprache. Die gelbe Regenjacke, die Julia ihrer Mama entwendet, leuchtet auf dem dunklen Hintergrund, und auch in anderen Details lässt sich eine ganz eigene Sprache erkennen, die zu Recht viel Platz einnimmt und das ganze Buch zu einem Kunstwerk werden lässt.

Die Suche nach dem Hai und die Krankheit der Mutter verzahnen sich ineinander. Nach Julias gefahrvollen Irrfahrt erkennen die Eltern, dass weder ihre Gesundheit noch das Wohl eines Kindes verhandelbar sind. Im Anhang des Buches wird die Krankheit beim Namen genannt: «Bipolare Störung». Eine Adressliste hilft Kindern, deren Angehörige auch betroffen sind. Diese bewegende Geschichte, aus der Perspektive einer Heranwachsenden erzählt, ist jedoch auf das Leben in all seinen Facetten ausgerichtet.

Ruth Loosli
Buch&Maus 2/2023, S. 31

Dieser Sommer mit Jente
Enne Koens
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2023, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6126-4
Schlagwörter: Freundschaft | Mut/Selbstbewusstsein | Streit/Konflikt

«‹Nun zeig mal, dass du kein Baby bist!› Sie stand schon mitten auf der Brücke.» Sie, das ist Jente. Jente redet mit Marie, unserer Ich-Erzählerin, die ihr gefolgt ist: «Ich schaute hinab. Die Angst biss sich an meinen Beinen hoch … Mein ganzer Körper sagte Nein.» Mit dieser dramatischen Vorausblende geht es los. Dann erzählt die zehnjährige Marie hautnah, wie es dazu kam: vom ungewollten Umzug weg von der Stadt und der besten Freundin ins gelbe Neubauviertel – «Heimweh war überall»; von der ersten heftigen Begegnung mit Jente auf einer Wiese – «Plötzlich fiel etwas auf mich». Und von den gemeinsamen Abenteuern und Mutproben, die Marie über den Sommer so mitreissen – die Suche nach einer Moorleiche inklusive. Bis Marie merkt, dass die etwas ältere Jente gefährlich anders tickt.

So klettern die beiden zum Beispiel in einem Rohbau den Aufzugschacht hoch, Jente setzt sich an den Dachrand und beugt sich extra vor. «‹Das war gefährlich›, sagte ich. ‹Deshalb ja gerade›, sagte sie.» Dass sie Marie gerne Angst macht, sie manipuliert und vor anderen ein Baby nennt, fühlt sich beklemmend an. Marie entgeht es nicht, sie muss nur noch herausfinden, was sie dagegen tun kann.

«Dieser Sommer mit Jente» ist die Geschichte einer aufregenden, aber ungleichen Freundschaft – und ihres Endes. Mit feinfühliger Unterstützung des Vaters beginnt Marie sich gegen Jentes Provokationen zu behaupten. In der Schlussszene auf der Brücke beweist sie, dass sie zu sich selbst stehen kann. Die klaren gelb-grauen Illustrationen nehmen die angespannte Stimmung auf – mit Motiven aus dem gelben Neubauviertel und der geheimnisvollen niederländischen Polderlandschaft.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/2023, S. 30

Wolf
Saša Stanišić
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2023, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-65204-1
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing | Schule | Natur

Saša Stanišićs «Wolf» behandelt Themen, die den Autor laut eigener Aussage in der Jugend stark beschäftigt und ihn seitdem nicht mehr losgelassen haben: Gruppendruck, Angst vor Ausgrenzung, Rudelverhalten, Mut zum Anderssein. Verpackt hat Stanišić seine Mobbing-Geschichte in ein mit poetischer Leichtigkeit und Sprachwitz erzähltes Outdoorabenteuer.

Eine Woche muss der bis zum Schluss des Buchs namenlos bleibende Ich-Erzähler in einem Ferienlager verbringen. Mitten im Wald, mit Mückenschwärmen, doofen Klassenkamerad:innen und mies gelaunten Betreuenden. Dabei hat der Junge keine Lust auf Lagerfeuer und verbrannte Folienkartoffeln. Und dann soll er sich sein Stockbett auch noch mit dem uncoolen Jörg teilen, der mit seinen grossen Ohren und seinem grossen Herz ganz anders ist als die anderen – und schnell zum Opfer vom fiesen Marko und seinem Gefolge wird. Die Quälereien sind bekannt: hinterrücks drangsalieren, Angst machen, schubsen. Keiner unternimmt etwas gegen die Bosheiten, auch der 13-jährige Erzähler nicht. Immerhin erweist er sich als unbestechlicher Beobachter und bissiger Kommentator, knapp im Ton, ironisch und durchaus charmant. Offenherzig teilt er uns seine gemischten Gefühle mit, beschreibt seine inneren Hürden, den Zwiespalt zwischen Wollen und Tun – sowie die schreckliche Angst, die ihn jede Nacht in Gestalt eines Wolfes mit glimmenden Augen heimsucht.

Regina Kehns reduzierte schwarz-gelb-graue Illustrationen, die dem Wolf ein unheimliches Aussehen verleihen, unterstützen den Spannungsaufbau und passen hervorragend zu Stanišićs präg-nanten Charakterzeichnungen. Ein souveräner erster Kinderroman des vielfach ausgezeichneten Schriftstellers.

Alice Werner
Buch&Maus 2/2023, S. 30

Mücken, Zecken, Brennesseln: Die Aussicht auf eine Woche im Wald lässt den vorerst namenlosen Ich-Erzähler erschaudern. Selbst ein Aussenseiter und Verweigerer, wird er in der Lagerwoche zum Beobachter des Mobbings, das in seiner Klasse passiert. Dabei entwickelt er sich vom Mitläufer zum Alliierten des Opfers. Von einer neunmalklugen Erzählstimme mit viel Sprachwitz erzählt, ist dieser Roman eine tiefschürfende Betrachtung über Gruppendynamiken – und eine Versöhnung mit der Natur.

Benno, Fred und der letzte Keks
Catharina Valckx
Aus dem Französischen von Julia Süssbrich
Verlag: Moritz, Publiziert: 2023, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-439-8
Schlagwörter: Freundschaft | Alltag | Humor/Komik | Tiere

«Manu et Nono» heissen sie im französischen Original, in der deutschen Übersetzung sind Fred und Benno die (Anti?-)Helden der zwölf kurzen Geschichten, die nun in zwei Bänden zusammengefasst beim Moritz Verlag erschienen sind. In bes-ter Humortradition des ungleichen und leicht dümmlichen Freundespaares erleben Ente Fred (gross, weiss, gelber Schnabel) und Vogel Benno (klein, schwarz, roter Schnabel) kleine Alltagsgeschichten mit ihren Freunden, die jeweils nicht ganz so ausgehen wie geplant. Ein grosser Spass für das zuhörende oder lesende Kind, denn es ist klüger als die zwei und sieht das – harmlose – Unheil kommen. Kuchen und Kekse als Objekte der Begierde spielen dabei keine unwesentliche Rolle und Herausforderungen des Zusammenlebens werden verhandelt.

In den Bildern können wir die Handlung verfolgen, in den wenigen Sätzen pro Seiten lesen wir die Dialoge zwischen den beiden. Da sehen wir etwa, wie Fred stocksteif zwischen zwei Holzpflöcken liegt. Im Text lesen wir Freds Erklärung dazu: «Ich versuche mir vorzustellen, dass ich ein Brett bin.» Irritiert geht Benno davon, trifft Vogelfreundin Mina in der Schmetterlingspose und die Regenwürmer zur Blume verschränkt. Ein feiner Seitenhieb auf Yoga-praktizierende Eltern aus verständnisloser Kindersicht? Benno jedenfalls gefällt sich selbst am besten als Vogel!

Wenn sie auch für allererstes Lesen noch etwas zu anspruchsvoll sind, laden die Geschichten um Benno und Fred durch den hohen Bildanteil und die Kürze der einzelnen Episoden bald zum Selberlesen ein. Sie sind aber auch wunderbarer Vorlesestoff für gemeinsames Lachen!

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/2023, S. 30

In sechs in sich abgeschlossenen Geschichten erleben wir die besten Freunde Benno und Fred. Weder weggefutterte Kekse, noch Probleme mit dem neuen Wachhund und generell nicht ihre unterschiedlichen Wesensarten bringen sie auseinander. Die Illustrationen der Autorin fokussieren auf ausdruckstarke Figuren und unterstreichen den fröhlichen Charakter der Geschichten, und im dialogreichen Text steckt ganz viel Wortwitz und Lakonie. Mit «Benno, Fred und das Geschenk» liegt bereits ein zweiter Band vor.

Der Weltuntergang
Franz Hohler, Illustration: Dieter Leuenberger
Verlag: SJW, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0390-9
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima | Zukunft | Natur

1972 veröffentlichte der Club of Rome «Die Grenzen des Wachstums», den ersten Bericht, der aufzeigte, welche Auswirkungen die lokale Ausbeutung unserer Erde auf die ganze Welt hat. Zwei Jahre später trat Franz Hohler mit seinem Sprechgesang «Der Weltuntergang» erstmals auf die Bühne. Jetzt liegt der prophetische Text in einem überzeugend gestalteten SJW-Heft vor. Hohler erzählt davon, wie das Verschwinden einer unscheinbaren, dreckigen Käferart auf einer kleinen Insel im Südpazifik eine globale Kettenreaktion auslöst. Diese führt dazu, dass die Erde zu grossen Teilen unbewohnbar wird und die Mächtigen um die Gebiete zu kämpfen beginnen, die über dem Meeresspiegel liegen. Dieter Leuenberger illustriert die Geschichte mit Acrylfarbe in einer Mischung aus fast fotorealistischen Darstellungen und hingeklecksten, dunklen Farbtupfern. Zunächst prägen Blautöne die Doppelseiten, dann werden diese immer dunkler, begleitet von einem toxischen Gelb, das die Bedrohung unseres Lebensraums manifest werden lässt. Die Buchgestalterin Rahel Arnold spielt mit der Typographie und verteilt den Text so über die Seiten, dass er sich den Lesenden buchstäblich aufdrängt.

Franz Hohlers Apokalypse ist aktueller denn je. Das kann Ernüchterung und Beklemmung auslösen bei allen, die den Text seit Langem kennen. Was haben wir Erwachsenen in den fünfzig Jahren dazugelernt, und warum sind wir in der Klimafrage nicht viel weiter? Kinder und Jugendliche ab Ende Primarschule werden sich nach der Lektüre dieser Parabel über Überheblichkeit, Ignoranz und Egoismus die Augen reiben und mit Greta Thunberg fragen: Wie könnt ihr es weiter wagen, wegzuschauen?

Christine Tresch
Buch&Maus 2/2023, S. 29

Franz Hohler hat «Der Weltuntergang» 1973 als Reaktion auf den ersten Bericht des Club of Rome für die Bühne geschrieben. Die Geschichte vom kleinen Käfer, der im Pazifik verschwindet und damit eine vom Menschen verschuldete Kette von Zerstörungen immer grösseren Ausmasses auslöst, lässt uns auch 50 Jahre nach dem Erscheinen erschaudern. Alles ist verwoben, vom Käfer bis zum Meeresspiegel. Die Bilder des Malers Dieter Leuenberger nehmen die Atmosphäre des Textes kongenial auf. Ein anschaulicher Diskussionsstoff für verschiedenste Zusammenhänge.

Vor 50 Jahren trat Franz Hohler erstmals mit «Der Weltuntergang» auf die Bühne. Entstanden war das Lied als Reaktion auf den ersten Bericht des Club of Rome, der die Grenzen des Wachstums aufzeigte. Die Ballade über das Verschwinden eines dreckigen Käfers, der am Anfang der Zerstörung aller Lebensgrundlagen steht, hat nichts an Aktualität verloren, im Gegenteil. Über das Zusammenspiel von Text, Typographie und suggestiven Illustrationen von Dieter Leuenberger erscheint sie fast noch zwingender und ernüchternder. Ein SJW-Heft, das man sich in jedes Schulzimmer wünscht.

Wilde Radtour mit Velociraptorin
Nils Mohl, Illustration: Halina Kirschner
Verlag: mairisch Verlag, Publiziert: 2023, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948722-27-2
Schlagwörter: Sprachspiel | Fabelwesen | Nonsens | Sport

Von «A … wie Anfang und Abenteuerlust» bis «Z … wie Zuhause»: Nils Mohl und Halina Kirschner legen mit «Wilde Radtour mit Velociraptorin» ein ebenso vergnügliches wie ungewöhnliches ABC-Buch vor. Fahrradfans ab vier Jahren werden es genauso lieben wie junge Dinosaurier-Expert:innen.

In 26 Kapiteln erzählt Velo-Enthusiast Nils Mohl temporeich, fantasievoll und fabulierfreudig von einem fahrradbegeisterten Schriftsteller, der Besuch von einer Velociraptorin erhält. Gemeinsam gehen beide auf (Rad-)Tour. Die Dinosaurier-Dame zunächst im Anhänger, bevor sie selbst in die Pedale und mit ihrem «rostig rosafarbenen Mountainbike» gar bei einem Rennen antritt.

Jedes Kapitel behandelt einen Buchstaben des ABC. Und weil Sprache Spass machen soll, wimmelt es darin dann nur so von Wörtern, die mit dem Buchstaben beginnen, der gerade an der Reihe ist. Sprachspielerei vom Feinsten! Zusätzlich werden im Text genutzte Fahrrad-Fachbegriffe wie Maulschlüssel, Ritzel oder Wiegeschritt in Seitenspalten, die in Textmarker-Grün gesetzt sind, wie in einem Glossar fachkundig erläutert.

Apropos Grün: Halina Kirschner (ihre Bilderbücher «Trecker kommt mit» und «Das ist das Bauhaus!» wurden 2018 und 2019 als «Schönste Deutsche Bücher» ausgezeichnet) hat die herrlich schräge Handlung mit herausragenden Illustrationen unterlegt: In Quietschgrün, Magenta-Pink, Weiss und Schwarz kommen sie plakativ und dynamisch daher und unterstreichen den Tenor der Geschichte perfekt. Ein Buch, das Klein und Gross so viel Spass macht, dass man sich am liebsten sofort in den Sattel schwingen, in die Pedale treten und draussen in Feld und Flur Neues entdecken will.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/2023, S. 29

Auf dieser wilden Radtour des Autors mit einer Velociraptorin schnappen die Leser:innen ganz viele Sachinformationen zum Fahrrad unterwegs und nebenbei auf. Der Weg führt nicht nur durch abwechslungsreiche Landschaften, sondern auch durch das Alphabet. So fabuliert der Autor kunstvoll in endlosen Alliterationen, unter P beispielsweise, von Pedalen, Pannen und Pokalen. Leuchtende, dynamische Bilder fangen das Absurde ein und kurze Erklärungen am Seitenrand helfen, den Fahrradfachjargon zu verstehen.

Die wundersame Suppe des Monsieur Lepron
Giovanna Zoboli, Illustration: Mariachiara Di Giorgio 
Aus dem Italienischen von Ulrike Schimming.
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2023, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95939-215-0
Schlagwörter: Arbeit | Essen | Märchen/Fabel

Monsieur Lepron ist ein vornehmer Hase mit einer Vorliebe für Gemüse. Einmal im Jahr, zum Herbstanfang, kocht er in seinem grossen, roten Topf die beste Suppe der Welt. Erst nur für seine Hasenfamilie, dann dürfen auch die Schnecke, die Bauern und der Postbote kosten. Immer mehr Gourmets verköstigt die Suppe, bis dies nur noch durch die Eröffnung der Lepron-Fabrik zu schaffen ist. Der Hase kocht nun Tag und Nacht und verkauft seine Suppe in bunten Dosen an die ganze Welt. Doch von der Industriearbeit wird Monsieur Lepron täglich trauriger und hat immer schlimmere Alpträume. Er schliesst die Fabrik, um endlich wieder Zeit mit seinen Urenkelkindern zu verbringen. Wieder nur einmal im Jahr, am ersten Herbsttag, kocht Monsieur Lepron nun seine Suppe, und genau das macht sie auch so besonders.

In zarten Aquarellfarben wird die friedliche Stimmung im Hasenwald eingefangen. Detailverliebte Illustrationen von Karotten, Sellerie, Tomaten, Spinat und Wirz zieren die Seiten. Mit der Eröffnung der Fabrik und in Leprons Alpträumen werden die Farben immer greller, man spürt beinahe, wie das Tempo ansteigt, bis der Hase wieder in beruhigendem Nachtblau mit seiner Familie am Esstisch sitzt.

Zobolis und Di Giorgios Bilderbuch, das mit seinem relativ umfangreichen Text vor allem ältere Kinder und Erwachsene anspricht, regt zum Nachdenken an und hinterfragt das immer schnellere wirtschaftliche Wachstum. Eine philosophische Hasengeschichte, die man nicht nur zu Ostern vorlesen kann.

Ronja Holler
Buch&Maus 2/2023, S. 28

Omas Pakete
Matthias Kröner, Illustration: Taltal Levi
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2023, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75709-8
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Generationen | Reisen

Die Sehnsucht ist gross zwischen Oma und Enkelin. Ihre Zimmer sind eine halbe Weltreise voneinander entfernt, doch in beiden hängt ein gemeinsames Foto an der Wand, das ihre Liebe füreinander zeigt. Ein Paket mit geheimnisvollem Inhalt kann die Entfernung ein wenig überbrücken, und macht sich in vielen, abenteuerlichen Stationen auf den Weg zum Mädchen. Aus dessen Perspektive wird erzählt.

Es malt sich die Reise dank seiner reichen Fantasie in allen Einzelheiten aus: Das Paket legt die Strecke erst mit dem Postbotenfahrrad, dann auf einem riesigen Containerschiff über das Meer zurück, bis hin zu einem Flug mit der Propellermaschine, nachdem die Etappe durch den Dschungel gemeistert wurde.

Die in Basel wohnhafte Illustratorin Taltal Levi setzt das Wunderpaket der Oma farbig und mit Aufklebern und Bändern versehen effektvoll von den anderen Paketen ab, die allesamt auf dem Vorsatzpapier zu sehen sind. Ihre am Rechner erstellten, schwungvollen, doppelseitigen Illustrationen füllen die Seiten komplett und geben der Fantasie und dem Humor viel Raum. Zahlreiche Skizzen sowie das Experimentieren mit ganz verschiedenen Materialien spielen eine wichtige Rolle beim Erschaffen der ideenreichen Bildkompositionen. Matthias Kröner gelingt es dabei, im knappen Text das Wesentliche zu sagen, und er gestaltet auf diese Weise literarisch auch eigene Kindheitserinnerungen.

Ein wunderbarer Anreiz, selbst mal wieder einen Brief oder ein Paket und damit auch einige gute Gedanken zu verschicken.

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/2023, S. 28

Alula
Reto Crameri
Verlag: Kunstanstifter, Publiziert: 2023, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948743-26-0
Schlagwörter: Fantasie | Abenteuer | Spiel

Garten / Urwald

«Alula» – das hört sich nach wilder Südseeinsel, Exotik und Abenteuer an. Das alles gibt es im gleichnamigem Bilderbuchdebüt des 1975 in Bern geborenen Illustrators Reto Crameri, der hier sein Kinderpaar ohne ein Wort auf gleich zwei aufregende Expeditionen schickt: «Alula Garten» – titelt er spiegelverkehrt auf tomatenrotem Hintergrund, wird das Buch einmal gewendet und auf dem Kopf gedreht, steht da «Alula Urwald» auf sattem Sonnengelb. Das raffinierte daran: Beide Entdeckungsreisen gehen in der Mitte des Buches ineinander über, dann nämlich, wenn die Kinder über Steine balancierend mal Fluss, mal See überqueren und sich dabei im Wasser spiegeln. Und auch sonst eröffnen sich beim Immer-wieder-Anschauen viele spannende Parallelen und Verwandlungen, die zum Raten und Kombinieren anstiften.

Durch die verbogenen Gitterstäbe eines grossen Tores schlüpfen ein Junge und ein Mädchen, um einer langbeinigen Katze zu folgen. Mit dynamischem Pinselstrich erweckt Crameri sie zum Leben. Nun folgt man den beiden Doppelseite für Doppelseite: Blätter, Pflanzen, Baumstämme, Schnecken, ein Gartenschlauch und eine vollgepackte Wäscheleine – alles ist riesig und stimmungsvoll in Grün, Rot, Blau auf weissen Hintergrund gedruckt. Ganz ähnlich und doch ganz anders ist ihr Urwaldabenteuer: Hier lockt ein gelber Schmetterling ins Urwalddickicht aus Palmen, Farn und Mammutbäumen. Der Gartenschlauch ist eine Schlange, aus dem Federball- ist ein Spinnennetz geworden, aus den Bohnenranken Mangrovenwurzeln und die Wäscheklammern sind nun Krokodile. Ein grafisch fantastisch umgesetztes Wendespiel mit Strukturen, Grössen und Perspektiven – vor allem aber mit der Fantasie.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/2023, S. 28

Zwei Geschichten stecken in diesem farblich stark reduzierten Erstling des Schweizer Illustrators. Von vorn geht es mit zwei Kindern auf der Verfolgung einer Katze durch einen Garten bis zum Fluss, von hinten begleiten wir dieselben zwei Kinder und einen Schmetterling durch den Urwald bis zum Fluss. Über Bilder auf viel Weissgrund tauchen wir Betrachtende in fantastische Abenteuer ein, bei denen Gartenschläuche zu Schlangen und Wäscheklammern zu Krokodilen werden, und kommen Doppelseite um Doppelseite aus dem Kombinieren und Staunen nicht heraus. «Alula» ist nominiert für den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis 2024.

Wir bauen einen Damm!
Daniel Fehr, Illustration: Mariachiara Di Giorgio 
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10628-6
Schlagwörter: Spiel | Abenteuer | Fantasie

Wenn Kinder am Bach spielen, kommt irgendwann die Lust, Wasser zu stauen. So auch bei den drei Geschwistern in diesem Bilderbuch. Nur ist hier alles etwas grösser. In einer See-Enge schichten die Kinder Steine aufeinander, um einen Damm zu bauen. Und wie es oft ist: Er soll höher und höher werden. Mit einem Mal schleicht sich die Fantasie ein – oder passiert alles tatsächlich? Das Schiff des Königs kommt angefahren. Die Männer des Königs helfen mit, nur der König ist sich zu fein – bis Piraten das Schiff angreifen. «Wir haben keine Zeit für dumme Spielchen! Packt mit an!», ruft Mia den Piraten zu, und sie bauen mit. Tonangebend sind in dieser Geschichte von Daniel Fehr die Kinder, und das birgt Komik, denn die Rollen sind verdreht. Die Piraten reagieren eingeschüchtert, wenn Mia sie zurechtweist, und der König wirkt nicht mächtig, sondern hilflos. Und affektiert, wie er ist, nimmt ihn niemand ernst.

Atmosphäre und Lichtstimmungen sind in Mariachiara Di Giorgos Bildern oft besonders augenfällig. Hier zeigt sich das etwa im brennenden Schiff oder auf dem Vorsatz, wo man durchs Wasser auf die Steine blickt. In diesem Buch erinnert ihr Stil aber besonders an die Papiertheater aus dem 19. Jahrhundert mit den ausgeschnittenen Figuren, die sich von Szene zu Szene vor einer Kulisse verschieben lassen. Auch die Zeit wird übers Blättern erlebbar. Gegen Ende verdichtet sich der Rhythmus, und zwischen einem Umblättern liegen nur noch wenige Sekunden: Die Figuren verharren von einer Seite zur nächsten in derselben Pose und verändern nur ihren Blick oder drehen den Kopf. Die Situation spitzt sich zu, denn der kleine Noah will seinen Stein zurückhaben. Doch der steckt mitten im Damm …

Andrea Lüthi
Buch&Maus 2/2023, S. 27

Der Geräuschehändler
Kathrin Rohmann, Illustration: Jule Wellerdiek
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2023, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95728-717-5
Schlagwörter: Arbeit | Fantasie | Sprachspiel

In einem grün gestrichenen Haus in einer ganz gewöhnlichen Stadt wohnt der Geräuschehändler. In seinem Laden hat er Tütchen und Blechdosen, Gläser und Beutel voll mit – man hört es schon – unterschiedlichsten Geräuschen. Es tutet und kichert, donnert und flüstert. Die Kunden des Händlers haben alle ein Anliegen, bei dem er mit einer seiner ausgewählten Geräuschemischungen behilflich sein kann. Das Gespenst etwa möchte unheimlicher werden. Es erhält deshalb etwas heulenden Wind, eine Prise Kettenrasseln, zwei Katzenschreie und fünf Eulenrufe. Fieses Lachen habe er nicht im Angebot, flunkert der Geräuschehändler, der sich furchtbar gruselt. Am Tag darauf erscheint der Trauerkloss, der dringend über die Witze des Scherzkekses lachen können will. Das Gelächterfeuerwerk ist ihm zu viel, aber die hochansteckenden Kichererbsen tun ihren Zweck, und er kugelt er sich vor Lachen.

Für jeden Wochentag hält das Bilderbuch eine Geschichte bereit. Verzweifelte Zirkusleute, Krähen mit Fernweh und eine schläfrige Strassenlaterne gehören zur Kundschaft, die von Montag bis Samstag beim Geräuschehändler anklopft. Am Sonntag macht sich der Ladenbesitzer mit allerlei Gefässen auf, um Nachschub zu sammeln.

Die lässigen Bilder von Jule Wellerdiek illustrieren die fantasievollen Geschichten von Kathrin Rohmann, so dass man es schon ohne den Text förmlich rascheln und brummen hört. Das Bilderbuch vermittelt pure Freude am Hören und der Sprache: Nicht nur die fantasievolle Geräuschpalette, sondern auch die vielen Reime, Wortspiele und Wiederholungen machen die Geschichte vom liebenswerten Geräuschehändler zu einem klanglichen Vorleseerlebnis.

Ronja Holler
Buch&Maus 2/2023, S. 27

Monstersee
Leo Timmers
Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
Verlag: Aracari, Publiziert: 2023, Seiten: 43, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907114-29-2
Schlagwörter: Fabelwesen | Humor/Komik | Mut/Selbstbewusstsein

Der Stil des vielfach ausgezeichneten belgischen Illustrators Leo Timmers ist unverwechselbar: Seine witzigen Wesen haben riesige Tischtennisball-Augen und agieren in plakativen Szenarien mit vielen skurrilen Details. Immer gibt es eine überraschende Pointe. So auch in seinem neusten Bilderbuch, das sich um Ängste und eine wundersame Entdeckung dreht.

«Kommt, wir gehen zum See» – so der Vorschlag einer abenteuerlustigen Ente in Richtung ihrer drei Freunde, die noch gemütlich in der Pfütze dümpeln. Watschel, watschel – schon geht es los, nur Erpel Erik bremst: «Zum See? Aber man sagt, dort wohnt ein schreckliches Monster!», meint man ihn schnattern zu hören, die Flügel flattern alarmiert durch die Luft. Alles nur Geschichten, beruhigen die anderen und begeben sich unbeeindruckt auf zur grünschwarzen Tiefe – Timmers füllt fast die ganze Doppelseite damit.

Die Komik liegt im Spagat zwischen Text und Bild: Denn während die drei gutgelaunt an der Seeoberfläche paddeln, wagt Erik den Blick darunter. Und da ist das Monster auch schon und sieht aus wie ein Cousin des Grüffelos: Riesig, glotzäugig, den Unterbiss voller Zähne, dazu trägt es aber Hütchen, Schirmchen, Atemröhrchen – alles niedlich geringelt. «Monster!» brüllt Erik panisch. «Schlechter Scherz, Erik!», kontern die Freunde genervt.

Wie Erik dann mit dem freundlichen Ungeheuer zum Seegrund taucht und dort eine kunterbunte Unterwasserwelt mit lustigen Wesen, ulkigen Fahrzeugen, Leuchtreklamen und Ampeln entdeckt, zeigt Timmers auf einer opulent gefüllten Ausklapp-Doppelseite. Erik jedenfalls hat viel Spass – und jede Angst verloren. Das Fremde: oft ein Abenteuer und ganz anders als gedacht …

Marion Klötzer

Buch&Maus 2/2023, S. 27

Der Ort der lieben Dinge
Lorenz Pauli, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0859-6
Schlagwörter: Abschied | Generationen | Gefühle

Leicht versonnen lehnt sich der Dachs an die mit roten Beeren reich behängte Eberesche und schaut über weite Hügel hinweg. Schon das Cover von Kathrin Schärer fängt die eher leise, sehnsuchtsvolle Stimmung dieser neuen Geschichte von Lorenz Pauli ein. Das Vorsatzpapier entführt die Betrachtenden dann im Kontrast dazu in die unterirdischen Tierhöhlen von Fuchs, Hase, Mäusen und Dachs.

Letzterer räumt seine vollgestopfte Höhle auf. Dabei sortiert er die Dinge auf ganz eigene Weise und entscheidet, sich von Schaukel, Feder, Stein und Bild zu trennen. Doch wohin damit? Alles soll am Ort der lieben Dinge vergraben werden. Doch auf dem Weg dorthin kommt er an den anderen Tieren vorbei, die sich an seinen alten Sachen neu und anders freuen können.

Schärer strukturiert die Seiten mit unterschiedlich farbigen Texthintergründen. Sie zeigt dabei die Tiere recht gross und kann so ihre Stärken, die haargenauen Fellzeichnungen der Tiere und deren Gefühlsausdrücke in Mimik und Körperhaltung, voll ausspielen. In bewährter Mischtechnik aus Buntstift, Ölkreide, Monotypie und Collage präsentiert sie die Tiere so eindrücklich, dass viel Resonanz entsteht. Besonders in der Szene, in der die Erinnerung Gestalt annimmt: Da zeichnet sie den jungen Dachs glücklich auf der Schaukel sitzend, während der gealterte mit geschlossenen Augen leicht wehmütig an diese Situation zurückdenkt.

Lorenz Pauli war es wichtig, vom Umgang mit Gefühlen, den Erinnerungen und vom Loslassen zu erzählen. Das ist ihm beeindruckend gelungen. Er bringt so mit seinem mit Bedacht erzählten Text und den starken, lebendigen Dialogen verschiedene Generationen mühelos miteinander ins Gespräch.

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/2023, S. 26

Guck mal, was ich kann!
Andrea Peter
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2023, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8458-5230-0
Schlagwörter: Identität/Individualität | Mut/Selbstbewusstsein | Tiere

Nashorn, Tiger, Schaf, Pinguin und Waschbär spielen miteinander, da kommt Frosch: «Hee! Guck mal!», ruft er und springt auf einem Bein in die Höhe. Sofort wollen alle zeigen, was sie können – eine typische Situation aus dem Kinderalltag. Der Pinguin balanciert, das Schaf rollt den Hang hinunter. Im ersten Moment denkt man an den Bilderbuchklassiker «Mutig, mutig» von Lorenz Pauli und Kathrin Schärer, wo Tiere miteinander wetteifern, wer am mutigsten ist. Hier aber gehts weniger um Wettkampf, sondern darum, wie man sich gegenseitig zu neuen Spässen anstachelt. Klappt was nicht, helfen und trösten die anderen. Da schaut man mit Vergnügen zu, erst recht, weil manche Tiere Dinge tun, die man ihnen nicht zutraut: Ausgerechnet das Nashorn tanzt, und das Schaf hilft dem Waschbären vom Baum herunter.

Zusätzliche Dynamik entsteht, weil man das Buch ab und zu ins Hochformat drehen muss, denn im Querformat würde die Handlung die Buchseiten sprengen: Einen so langen Weg rollt das Schaf den Hügel runter, und so hoch klettert der Waschbär. Plötzlich merken die Tiere, dass ihnen jemand zuschaut und treten mit dem betrachtenden Kind in Kontakt.

Die Schweizer Illustratorin Andrea Peter hat Tiere gewählt, die kleine Kinder anhand ihrer Formen und Grössen gut unterscheiden können. Trotzdem wirken sie nicht schablonenhaft, sondern lebhaft und sympathisch in ihrer Gestik und Mimik. Die Umgebung ist reduziert, der Schwerpunkt liegt auf dem Treiben der Tiere. Wer will (und das tun Kinder bestimmt), verfolgt die subtil eingeflochtene Nebenhandlung: Insekten umschwirren die Tiere und nerven sie – dem Frosch kommen sie jedoch gelegen.

Andrea Lüthi
Buch&Maus 2/2023, S. 26

Reihum zeigen sich die Tiere, was sie alles können: Rollen, hüpfen, tanzen – und kleine Pannen gehören auch dazu beim fröhlichen Angeben. Mal muss das Buch gedreht werden, und gegen Ende wird das betrachtende Kind sogar entdeckt und zum eigenen Handeln aufgefordert! Eine witzige Reihengeschichte mit ausdrucksstarken Illustrationen.

Palomino
Michaël Escoffier, Illustration: Matthieu Maudet
Aus dem Französischen von Bettina Bach
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-202-0
Schlagwörter: Tiere | Humor/Komik | Freundschaft

Unendlich viele kleine Mädchen (und Jungen) wünschen sich ein eigenes Pony. Wer aber weiss, wie viele Ponys auf dieser Welt sich ein kleines Mädchen wünschen? Der strubbelige und quirlige Palomino hat sein Zimmer mit Mädchenpostern vollgepflastert und liegt seinen Eltern immer wieder in den Ohren, wie gerne er ein eigenes Mädchen hätte. Aber die kommen mit den üblichen Argumenten: zu viel Arbeit, viel Futter, fehlender Auslauf – und wer kümmert sich in den Ferien?

Doch als Palominos Ponyfreundin Arizona ihm zeigt, dass sie am Fluss eine ganze Horde kleiner Mädchen entdeckt hat, gibt es für ihn kein Halten mehr. Zu gerne hätte er das kleine, das ein wenig abseits sitzt. Ohne gross drüber nachzudenken, springt er in den Fluss …

Mit viel Humor und Sinn sowohl für spannendes Erzählen als auch rasantes Zeichnen – denn wenn sie Palomino retten wollen, müssen Arizona, die Mädchen und Palominos Eltern jetzt schnell handeln – machen Michaël Escoffier und Matthieu Maudet hier eine wunderbare Geschichte lebendig, die eine vielen bekannte Diskussion aus anderer Perspektive beleuchtet. Aber in den beiden bisher erschienenen Bänden von «Palomino» geht es nicht nur um einen innigen Hausmenschenwunsch, es geht auch um Freundschaft, Empathie und Rücksichtnahme – und darum, dass es nicht schaden kann, Situationen mit ein wenig mehr Nachdenken anzugehen. Denn auch in der Fortsetzung bringt Palomino sich (und sein Mädchen) durch wildes Voranstürmen in Gefahr. Grosse, comicartige Illustrationen, klare Sprache, wenig Text und viel Humor – diese kleinformatigen Bilderbücher erobern die Herzen im Sturm!

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/2023, S.26

Palomino ist ein kleines, freches Pony, das sich sehnlichst ein eigenes Mädchen wünscht. Wenn da nur nicht die Eltern wären! In einem wilden Abenteuer gelingt es, diese (fast) zu überzeugen. Die Umkehrung der Perspektive ist konsequent und vor allem ein Riesenspass. Das Duo Escoffier/Maudet legt ein schräges Bilderbuch im knallbunten Comicstil mit Lauftext und Sprechblasen vor. Ein zweiter Band liegt auch schon vor, beide ganz und gar nicht nur für Pferdefans!

Ludwig und das Nashorn
Noemi Schneider, Illustration: GOLDEN COSMOS
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2023, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10631-6
Schlagwörter: Fantasie | Philosophie

Imaginäre Freunde sind für Kinder zwischen drei und fünf Jahren nichts Ungewöhnliches und auch in Bilderbüchern gut vertreten. Ludwigs Freund jedoch sieht ganz besonders aus: In seinem Schrank, unter seinem Bett oder dem Schreibtisch sitzt ein blaues Nashorn. Leider kann Ludwigs Vater es trotz grossen Bemühens nicht sehen, was zu einem Disput der beiden führt: Sind Dinge, die man nicht sieht, trotzdem da? Und lässt sich das beweisen? Der Vater führt als Beispiel den Mond an. Man wisse, dass es ihn gebe, auch wenn er gerade nicht zu sehen sei. Hier kommt das Nashorn ins Spiel, entgegnet der Sohn. Er ist mit seinem Namensvetter, dem Philosophen Ludwig Wittgenstein, einer Meinung: «Es lässt sich schlechterdings nicht beweisen, dass kein Nashorn im Raum ist.» Die Frage ist: Kann man seinen eigenen Sinneseindrücken vertrauen und sicher sein, dasses den imaginierten Freund wirklich gibt?

Ja – in der Fantasie! Diese Antwort lässt sich der nachdenklich stimmenden Geschichte von Noemi Schneider, mehr aber noch den Ansichten des Berliner Duos Golden Cosmos entnehmen. Dessen Bilder verfremden das Reale durch ihren Siebdruckstil und die Verwendung reiner, auch neon-leuchtender, Druckfarben. Fantasien und Imaginationen haben hier selbstverständlich ihren Platz. Auch wenn sie nicht beweisbar sind, können sie präsent sein im Erlebnisraum der eigenen Vorstellungen. Wer hierzu eigene Nachforschungen anstellen will, kann dies mit der Bastelvorlage und dem Fotowettbewerb des Verlags tun, der zum Mitspielen und -denken anregt: «Psst. Habt ihr das Nashorn auf Social Media gesehen? #daistkeinnashorn.»

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/2023, S. 27

Lässt sich beweisen, dass etwas nicht da ist? Zum Beispiel ein Nashorn, von dem der kleine Ludwig behauptet, es sei in seinem Zimmer, das sein Vater aber nicht sehen kann? Dieses Bilderbuch widmet sich, geleitet von der kindlichen Fantasie, einer grossen Frage leichtfüssig und witzig. Es liefert viel Stoff zum gemeinsamen Philosophieren und Diskutieren – und ist nebenbei eine Einführung in die Philosophie Ludwig Wittgensteins. Durch Bilder in leuchtenden Farben, flächig übereinandergelegt, lädt das Illustratorenduo Golden Cosmos zum längeren Hinschauen ein.

White Bird
Raquel J. Palacio
Aus dem Englischen von André Mumot
Verlag: Hanser, Publiziert: 2023, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27604-8
Schlagwörter: Historisches | Krieg | Generationen

Wie ein Vogel

In «White Bird» begegnen wir Julien wieder, einem der Mobber aus Palacios erfolgreichen «Wunder»-Romanen. Julien hat die Schule gewechselt und will neu anfangen. Für einen Schulaufsatz ruft er seine Grossmutter in Paris an. Sie soll ihm von ihrer Kindheit als Jüdin im von den Nazis besetzten Frankreich erzählen. Grandmère Sara willigt nur zögernd ein, verfolgen sie die Erinnerungen doch bis heute. Sie berichtet Julien, wie ihr behütetes Leben mit der Nazi-Besatzung ein jähes Ende nimmt. Wie sie sich ihrer neuen roten Schuhe wegen nicht wie ihre jüdischen Mitschüler:innen im Wald versteckt und diese Eitelkeit ihr Leben rettet. Wie ausgerechnet Julien, ein Klassenkamerad, der seiner Krücken wegen verspottet wird, sie zu seiner Familie bringt, die das Mädchen zwei Jahre lang versteckt, unerschrocken und selbstlos. Wie Julien und Sara sich anfreunden und von einem gemeinsamen Leben nach dem Krieg zu träumen beginnen. Bis Julien kurz vor Kriegsende von den Nazis verschleppt und getötet wird. Grandmère aber bleibt zeitlebens mit seinen Eltern befreundet, und ihr Sohn und später der Enkel erhalten seinen Namen.

«White Bird» erscheint gleichzeitig als Jugendroman und als Graphic Novel. Der Comic entwickelt eine grosse Unmittelbarkeit durch den Wechsel zwischen malerischen Tableaus und skizzenhaften Sequenzen, in denen nur die Gesichter der Redenden zu sehen sind und die Hintergründe flächig bleiben. Im Unterschied zu Anne in «Anne Franks Tagebuch», in dessen Tradition sich die Autorin stellt, schaut Grandmère zurück. Sie erläutert Zusammenhänge – wenn auch manchmal etwas lehrbuchhaft – und fragt nach den Lehren aus der Vergangenheit für die Gegenwart. Roman und Graphic Novel eignen sich hervorragend zur vergleichenden Lektüre auf der Sekundarstufe.

Christine Tresch
Buch&Maus 1/2023, S.36

Frankreich während des 2. Weltkriegs: Das jüdische Mädchen Sara entgeht dem Tod nur knapp dank ihrem Klassenkameraden Julien, der sie in der Scheune seiner Familie versteckt. In einer so zugänglichen wie eindrücklichen Bildsprache schildert die Graphic Novel eine Überlebensgeschichte, der man ihre Fiktionalität kaum anmerkt. Die Geschichte, die in der Rahmenhandlung Sara als Grossmutter ihrem Enkel erzählt, ist zeitgleich als Roman erschienen und wird auch verfilmt (Kinostart Sommer 2023).

Grossmutter Sara berichtet ihrem Enkel über ihre Jugend als Jüdin im von den Nazis besetzen Frankreich. Sie erzählt, wie die Sorge um ein paar neue Schuhe sie vor der Deportation rettete und von den langen Monaten bis zum Kriegsende, in denen sie von einem Schulkollegen und dessen Familie versteckt wurde. Die Graphic Novel entwickelt über skizzenhafte Szenen, malerische Tableaus als Sehnsuchtsräume und Close-ups der Redenden eine grosse Dringlichkeit, im Unterschied zum gleichnamigen Roman, der gleichzeitig erschienen ist und sich eher schwerfällig liest.

Equilon
Sarah Raich
Verlag: dtv, Publiziert: 2023, Seiten: 400, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-74088-3
Schlagwörter: Zukunft

Eine Welt im Untergang. Eine kleine Elite, die vorgibt, das Beste für die Menschheit zu wollen, tatsächlich aber nur das eigene Wohlergehen im Blick hat. Und ein Mädchen und ein Junge aus der Schicht der Unterprivilegierten als Protagonist:innen, die zusammen mit Rebell:innen schliess-lich das System stürzen: Die deutsche Autorin Sarah Raich hat in ihrem Jugendroman «Equilon» bekannte Muster aufgegriffen, die ihn deutlich in die Riege der dystopischen Geschichten einreihen, die eine Welt am Abgrund schildern.

In «Equilon» präsentiert sich diese so: Der Klimawandel hat einen Grossteil der Erde austrocknen lassen, in vielen Regionen wachsen nur noch Pflanzen, die den widrigen klimatischen Bedingungen trotzen können. Die sogenannten MegaGoods, hinter denen sich grosse Konzerne verbergen, haben die Erde in Regionen aufgeteilt, in denen die Menschen nun leben. Ein Punktesystem gaukelt die Hoffnung vor, Teil der «Eine Milliarde» Menschen zu werden, die in New Valley leben und in den MegaGoods arbeiten. Tatsächlich schreckt das System jedoch nicht davor zurück, Menschenleben einzufordern.

Dass ein Algorithmus dabei helfen soll, die Erde wieder bewohnbar zu machen, ist ein spannendes Konzept, das sich in Raichs Roman jedoch nicht vollends entfalten kann. Zu präsent ist das bekannte Muster des Gegensatzes von gesellschaftlicher Unter- und Oberschicht, das, der Logik der Narration folgend, die beiden Protagonist:innen erkennen und schliesslich erfolgreich aufbrechen müssen. Trotz aller Vorhersehbarkeit ist «Equilon» ein spannender Roman, der die Leser:innen bis zum Schluss unterhält und Fragen zu einem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen aufwirft.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/2023, S. 35

Toffee
Sarah Crossan
Aus dem Englischen von Beate Schäfer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2023, Seiten: 350, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27593-5
Schlagwörter: Generationen | Geschlechterbilder | Gewalt

Wie Glücklichsein von aussen aussieht

Migration, Ausgrenzung und soziale Ungleichheit sind Themen, die die irische Autorin Sarah Crossan immer wieder aufgreift. Ihre Jugendromane beweisen, dass dezidiert politische Zeitgenossenschaft keineswegs zu Problemliteratur führen muss, sondern im Gegenteil sensible poetische Erkundungen des adoleszenten Lebensgefühls im Spätkapitalismus hervorbringen. Ihre Protagonist:innen suchen eine Sprache, die es ihnen erlaubt, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Wobei die Erzählung in Crossans Romanen erst im Kopf der Leser:in entsteht, aus Fragmenten, aus lyrischen Momentaufnahmen.

In ihrem neuen Roman «Toffee» entfaltet sich die ganze Kraft von Crossans Sprache in zum Teil nur wenige Zeilen umfassenden, fast haikuartigen Kapseln, umgeben von viel Weissraum, der für den Schmerz, das Unausgesprochene, das Vergessen steht. Denn es geht um die zufällige Begegnung zweier Frauen, die beide an den Rändern der Gesellschaft und an den Rändern des Erwachsenenlebens nach einem eigenen Ort suchen. Allison, wegen ihres gewalttätigen Vaters von zuhause weggelaufen, kommt in Marlas Reihenhäuschen unter. Und Marla, eine alte Frau, der ihre Identität entgleitet, weil sie mehr und mehr vergisst, sieht in Allison ihre verlorene Jugendfreundin Toffee. Die beiden lassen sich ein auf ein unkonventionelles Zusammenleben, das, ganz im Sinne eines feministischen Konzepts von Familie als Solidargemeinschaft, beiden hilft, mit ihrer jeweiligen Situation zurechtzukommen. Auch wenn die utopischen Momente, das gemeinsame Tanzen zum Beispiel, nicht von Dauer sein können, so sind sie für Allison doch der Anfang einer neuen, selbstbestimmten Geschichte.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/2023, S. 35

Der Sommer, als ich fliegen lernte
Jasminka Petrović
Aus dem Serbischen von Marie Alpermann
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2023, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-561-4
Schlagwörter: Ferien | Erwachsenwerden | Generationen

Endlich Ferien. Für Sofija die schönste Zeit des Jahres. Doch statt mit ihrem Bruder und seinen Freunden zelten zu fahren, hat sie sich von ihrer Mutter überreden lassen, ihre Oma auf die kroatische Insel Hvar zu begleiten, wo deren Schwester Lucija lebt. Für die beiden Frauen ist es das erste Wiedersehen nach über zwanzig Jahren.

«Sonne, nette Leute, verliebt sein … Ich habe in Stari Grad die schönsten Sommer meines Lebens verbracht», hat Sofijas Mutter geschwärmt. Von wegen! «Grillen, Hitze, zwei Omas und ich.» Sofija langweilt sich zu Tode. Weil sie sich das Zimmer mit ihrer laut schnarchenden Oma teilt, macht die 13-Jährige nachts ausserdem oft kein Auge zu. Es gibt aber auch schöne Momente: Wenn Oma, Nona Luce und Sofija sich während eines Stromausfalls Witze erzählen und lachen, bis ihnen die Tränen kommen zum Beispiel. Oder als Sofija sich in Sven verliebt.

23 Nächte verbringt Sofija, die im serbischen Belgrad zu Hause ist, im Heimatdorf ihrer Grossmutter. Und weil sie eine aufmerksame Beobachterin mit feinen Antennen ist, bekommt sie schnell mit, dass die Erwachsenen ihr bislang viel verheimlicht haben: nicht zuletzt einen grossen Teil ihrer Familie.

In Serbien ist Jasminka Petrović eine bekannte Kinder- und Jugendbuchautorin, die vielfach ausgezeichnet wurde. Ihr erster auf Deutsch vorliegender Jugendroman erzählt eine vielschichtige Coming-of-Age-Geschichte, in der es unterschwellig auch um den Balkankrieg Anfang der 1990er-Jahre und dessen Folgen in den Familien bis in die Jetztzeit hinein geht. Der Roman ist warmherzig, mit feiner Ironie und grosser Sympathie für die Figuren erzählt und toll übersetzt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/2023, S. 33

Skaterherz
Brenda Heijnis
Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2023, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-198-6
Schlagwörter: Krankheit | Freundschaft

Zwei sehr verschiedene Jungs sind die Protagonisten dieser etwas anderen Coming-of-Age-Geschichte. Da ist Elias, der ewig auf ein Spenderherz gewartet und im Spital den Bezug zur Aussenwelt verloren hat. Und da ist Boyd, der auf dem Skatebord vom Geländer einer Autobahnüberführung in die Tiefe stürzte, weil er glaubte, für ihn gebe es keine Grenzen. Jetzt schlägt sein Herz in Elias. Und er selbst steht als Geist am Krankenhausbett von Elias, nur dieser kann ihn sehen und mit ihm reden. Wie ein Gummiband verbindet das Herz die beiden. Wenn Boyd sich zu weit von Elias entfernt, flippt es aus.

Die Jungs brauchen einander, um auf ihre je eigene Weise loslassen zu können. Boyd bringt Elias dazu, erste Schritte ins neue Leben mit einem funktionierenden Herz zu wagen, Puck zu küssen, die mit ihm monatelang auf derselben Station gelegen hat, und auf der Reha-Abteilung endlich wieder mal Klavier zu spielen. Elias hilft Boyd, eine Geschichte mit seinem Grossvater ins Reine zu bringen. Sein erster Ausflug aus dem Spital führt ihn zu ihm. Der Grossvater glaubt dem Jungen mit dem Herz seines Enkels, dass Boyd im Raum anwesend ist und lässt ihn wissen, dass sein Haus wegen eines technischen Defekts abgebrannt ist und nicht, weil Boyd achtlos war. In der Umarmung mit dem Grossvater wird Elias zu Boyd und Boyd zu Elias. Jetzt brauchen sich die beiden nicht mehr.

Brenda Heijnis erzählt wechselweise aus der Sicht der beiden Hauptfiguren. Leser:innen ab der Sekundarstufe, die sich auf die spezielle Erzählperspektive von Boyd einlassen und sie als Spiegel von Elias’ Verängstigung dem Leben gegenüber lesen, begegnen einer berührenden Freundschaftsgeschichte mit viel Potenzial für philosophische Gespräche.

Christine Tresch
Buch&Maus 1/2023, S. 33

Endlich erhält Elias das Spenderherz, auf das er so lange warten musste. Womit er nicht gerechnet hat: dass er nach der Organtransplantation wie über ein Gummiband mit dem Jungen verbunden sein wird, dessen Herz nun in ihm schlägt. Sie brauchen einander. Der eine, um loslassen zu können, der andere, um ins Leben zurückzufinden. Heijnis erzählt wechselweise aus der Perspektive der beiden Jungs von einer ungewöhnlichen Freundschaft, in der Komisches und Ernsthaftes nebeneinander Platz finden und die zum Austausch über Lebensträume und -ängste einlädt.

Kiera
Sunil Mann, Illustration: Adam Vogt
Verlag: Geparden, Publiziert: 2023, Seiten: 172, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907406-00-7
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror

Eine Gespenstergeschichte

Kiera langweilt sich. Sie ist zwölf Jahre alt, und dies seit 346 Jahren. Kiera, das sollte klar geworden sein, ist ein Gespenst. Abwechslung gibt es in ihrem Leben deshalb kaum: Jeden Tag hat sie nichts anderes zu tun, als die Gäste im Schlosshotel, in dem sie mit ihrer Familie umgeht, in Angst und Schrecken zu versetzen. Der Gute-Nacht-Schreck ist Teil des etwas anderen Wellness-Angebots des Etablissements.

Genüsslich baut Sunil Mann in seinem neuen Kinderbuch eine von allerlei gruseligen Gestalten bevölkerte Welt im Stil eines geradezu kuscheligen Gothic-Horrors, der Adam Vogt mit seinen Illustrationen einen nostalgischen Touch verleiht. Ähnlich wie etwa Angie Sage mit ihrer Araminta-Spuk-Reihe oder Tim Burton mit «Wednesday», der aktuellen Netflix-Serie über die Teenie-Tochter der Addams-Family, nutzt Sunil Mann das Gothic-Setting, um von einer wild zusammengewürfelten Familie zu erzählen. Kieras Vater ist gern als abgetrennter Kopf unterwegs, im Keller ruht Tante Vasilia, eine vegane Vampirin, in ihrem Sarg, und zwei Füsse – mit den passenden Namen Brie und Stilton – legen sich besonders gern auf die Kopfkissen der Hotelgäste für den nächtlichen Schrecken.

Doch die Idylle ist bedroht, als das Schloss verkauft und zum Spekulationsobjekt wird. Zum Glück fällt der Gespenstertruppe, allen voran der mutigen Kiera, so einiges ein, um dem Wüten des Kapitals ein Ende zu setzen – immerhin in ihrem Schlosshotel.

Sunil Mann versteht es wunderbar, auf entspannte und ironische Weise mit den Horror- und Abenteuergenres zu jonglieren. Seine Gespenstergeschichte eignet sich auch ohne Risiko für böse Träume als Einschlaflektüre, zumindest für Freund:innen des gepflegten Gruselns.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/2023, S. 33

Kiera ist zwar erst zwölf, aber das schon seit 324 Jahren. Kein Wunder, kommt ihr das Leben als Schlossgespenst manchmal eintönig vor. Doch dann wird das baufällige Schlosshotel von Spekulanten übernommen und Kieras Familie von einer anderen Geisterfamilie aus dem Haus gedrängt. Da kann nur der verschollene Onkel Baxter helfen. Mutig segelt Kiera mit den zwei Geister-Käsefüssen Brie und Stilton ins Unbekannte, um ihn zu finden. Ein nur leicht gruseliges, amüsantes Abenteuer mit Sprachwitz.

Unten
Maja Ilisch
Verlag: Dressler, Publiziert: 2023, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7513-0104-6
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Wer im Hochhaus lebt, bleibt in seinem streng nach Farben aufgeteilten Bereich. Wer dabei keinen Ärger möchte, hält sich an die Regeln. Das fällt Nevo und ihrer bes-ten Freundin Juma in der Enge der endlosen Flure schwer. Noch nie haben sie ihre Etage verlassen. Sie sehnen sich nach Bewegung und rennen gemeinsam durch die Gänge, bis die seelenlose Stimme der Hausverwaltung das über eine Lautsprecherdurchsage unterbindet. Doch die Lust zu spielen ist grösser als die Sorge, und erst als tatsächlich Männer auf der Suche nach den beiden Mädchen die Etage betreten, kommt die Angst. Juma klettert in den Wäscheschacht, um sich zu verstecken, Nevo gibt vor, nicht gerannt zu sein. So wäre beinahe alles gut – wäre nicht anschliessend der Wäscheschacht leer und würde nicht in Jumas Wohnung plötzlich ein neues Mädchen wohnen … Nevo weigert sich, die Änderung hinzunehmen, wie die scheinbar so gleichgültigen Erwachsenen. Sie klettert selbst in den Schacht und macht sich mit ungewissem Ziel auf den Weg nach unten, um Juma zu suchen und die Geheimnisse des Hochhauses zu entlarven.

Maja Ilisch entwirft in ihrem Roman «Unten» ein einfaches und dabei doch so verstörendes dystopisches Szenario, dass einem beim Lesen die Luft wegbleibt. Immer weiter steigt Nevo in dem unübersichtlichen Hochhaus hinab und damit tiefer die soziale Rangordnung hinunter – immer dringlicher hinterfragt sie dabei die sinnlosen Regeln der Hausverwaltung. Faszinierend sind die skurrilen Begegnungen mit den übrigen Bewohner:innen des Hauses. Faszinierend ist auch die Architektur. Denn immer, wenn man Nevo angekommen glaubt, führt eine weitere Treppe nach unten. Der toll geschriebene, anspruchsvoller Roman ist für Kinder ab zehn ebenso spannend wie noch für junge Erwachsene.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/2023, S. 32

Ganz oben fliegt Lili
Julia Willmann, Illustration: Alexandra Junge
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2023, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0700-0
Schlagwörter: Tiere | Abenteuer

Als Lili eines heissen Augustmorgens im Blumentopf unter dem Vergissmeinnicht schlüpft, hat sie eine einzige, funkelnde Vision in ihrem kleinen Schwebfliegenherz: waldige Berge – schneebedeckte Gipfel. «Hurra, los geht’s!» Und bumm – knallt sie gegen die Fensterscheibe und ihr «L» ist weg. Was Julia Willmanns Heldin nicht von ihrer Mission abhält: «Ii wi in die Apen!», beteuert sie nun diesen ganzen, herrlich versponnenen Insektenroman hindurch, wird mit dem Sprachfehler aber nicht überall verstanden. Es ist eine prallbunte, sehr witzige und auch berührende Odyssee von einer, die auszieht, ihr Glück zu suchen – und dabei immer neue Abenteuer erlebt und liebenswert-skurrile Bekanntschaften macht mit besoffenen Fruchtfliegen, verliebten Schmetterlingen oder Kakerlaken mit Bauchladen. Sie findet neue Freunde wie Steinkauz Ludwig, seines Zeichens Vogelchorleiter und berühmt für seine romantischen Lieder. Oder Käfer Knorrte, dem zwar ein Bein fehlt, der aber die besten Torten backt und Lili ein Reisetagebuch schenkt, in das sie fleissig schreibt. Mit der Intensität des ersten Males erlebt Lili die Farben des Himmels, Gefahren, Hunger und Einsamkeit, stille Freude und wilde Begeisterung.

Willmann erzählt mit viel Sprachwitz und Fantasie, es gibt spannende Schauplätze und lustige Dialoge. Alexandra Junge bebildert expressiv, mit dickem Pinselduktus und leuchtenden Farben. Das Buch ist aber auch ein gut recherchierter Umweltroman über eine unerschrockene Weltenbummlerin: Schwebfliegen legen in ihrem kurzen Leben Tausende von Kilometern zurück. Vor allem aber sind sie neben den Bienen die wichtigsten Bestäuberinnen im Ökosystem. Heldinnen eben!

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/2023, S. 32

Gleich nach der Geburt weiss Schwebfliege Lili, dass ihr Ziel die Berge sind. Dass sie schon beim ersten Flug ihre Ls verliert und fortan etwas schwer zu verstehen ist, hindert sie nicht an ihrem Abenteuerdrang. Auf ihrem langen Flug vom Norden in den Süden macht sie Bekanntschaft mit anderen Tieren, jede Begegnung so humorvoll wie informativ. Ein kurzweiliger, mit vielen Illustrationen ausgestatteter Kinderroman aus der Perspektive einer Kleinstheldin, sowohl zum Vorlesen als auch zum Selberlesen.

Kai zieht in den Krieg und kommt mit Opa zurück
Zoran Drvenkar
Verlag: Hanser, Publiziert: 2023, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27594-2
Schlagwörter: Krieg | Generationen | Abenteuer

Demente Grosseltern sind in Kinderromanen keine Seltenheit, genau so wenig wie Aufarbeitungen von Kriegsvergangenheiten. Zoran Drvenkar verbindet beides in einer erzählerisch ausgefeilten Geschichte, die als Anti-Kriegs-Pamphlet berührt.

Der elfjährige Kai ist Feuer und Flamme für all die Heldengeschichten, die ihm sein Grossvater aus dem Krieg erzählt hat: Wie er mit blossen Händen gegen Feinde gekämpft und echte Kameradschaft erlebt hat, wie er durch einen Armbrustbolzen sein Auge verloren und mit vielen Orden dekoriert wurde. Kurz bevor Opa ins Heim gebracht werden soll, möchte Kai all dies auch erleben und reist mit ihm in die Erinnerungen.

Wir folgen Opa und Enkel in die Schützengräben und Gefangenenlager eines (nicht historisch festlegbaren) Krieges. Und nichts ist so, wie der begeisterte Kai es sich ausgemalt hat: Menschen sterben wie die Fliegen, Hunger und Kälte laugen aus, sie darben Jahre als Gefangene und Eingekesselte. Die Erzählerstimme, die das Ganze überblickt, warnt von Vornherein vor all den schlimmen Momenten, die auf Kai warten. Und der Opa tut sein Bestes, um seinen Enkel vor dem Schrecken zu bewahren, den er jahrelang gut in seinem Gedächtnis versteckt hatte.

Drvenkar lässt die Erzählung von seinen Figuren gestalten, die Geschichte findet im Raum zwischen Realität, Imagination und Erinnerung statt, kommentiert und eingeordnet von einem allwissenden Erzähler. Diese Führung braucht es auch, ist die erzählerische Anlage doch anspruchsvoll für junge Leser:innen. Wer sich traut, wird mit einer eindrücklichen literarischen Auseinandersetzung über Heldentum und Kriegsrealität belohnt.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/2023, S. 31

Inspektor Dilemma
Kristina Andres, Illustration: Meike Töpperwien
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2023, Seiten: 155, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75717-3
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Humor/Komik

Es fliegt was durch die Luft

Im Parkhaus des kleinen Hafenstädtchens Sandig wurden die Kassenautomaten gesprengt, das Geld liegt fein säuberlich gestapelt auf einem karierten Küchentuch, daneben ein angebissenes Wurstbrot. Endlich ein echtes Verbrechen! Sofort saust Inspektor Dilemma mit seinem Hund Komma auf dem Lastenfahrrad zum Tatort: «Kommas Ohren wehten, Oles Schnauzer flatterte und streute Zimtschneckenkrümel in die Luft.»

Kristina Andres verlegt ihr neues Kinderbuch in ein beschauliches Nordsee-Insel-Setting, ausge-stattet mit witzigen Details und schrulligem Personal. Denn die Menschen, die am vom neuen Parkhaus völlig verschatteten Rosenstieg wohnen, benehmen sich höchst seltsam: Niemand will etwas von der Explosion gehört oder gesehen haben. Schnell sind dem gemütlich-pfiffigen Inspektor nicht nur die alte Frau Ungethüm, sondern auch die superstarken Moffskis oder die fernsehsüchtige Familie Klebe verdächtig.

Was nun folgt, ist klassische Ermittlungsarbeit: Mit Hilfe von Buchhändlerin Lilly, Superspürnase Komma und ungezählten Zimtschnecken verfolgt Dilemma Spuren, sammelt Indizien und macht Zeugenbefragungen. Was hat das Mehrkornroggenschrotmalzkartoffelmöhrenbrot aus der Marktbäckerei mit einem gewaltigen Sandhügel und Alfred Nobel, dem Erfinder des Sprengstoffs, zu tun?

Ein Puzzlespiel mit vielen Verdächtigen, das Lust zum Miträtseln macht und dessen Teile sich am Ende raffiniert zusammensetzen. Ins Zentrum stellt Kristina Andres mit leichter Hand Korruption und Betrug. Ein erfreulich komplex konstruierter Kinderkrimi – hoffentlich gibts bald den nächsten Fall.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/2023, S. 31

Geheimnis im Klostergarten
Franco Supino, Illustration: Edi Ettlin
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2023, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85546-390-9
Schlagwörter: Historisches | Schule | Freundschaft

Pit und Tina gehen im Türmli-Schulhaus bei Frau Maurer in die erste und zweite Klasse. Ihr Schulweg führt sie an einem verlassenen Kapuzinerkloster vorbei. Eines Tages steht die Tür offen, und die Kinder lernen Bruno kennen, der das Kloster mit Sozialprojekten neu beleben will. Daraus ergibt sich ein Gartenprojekt mit Frau Maurers Klasse. Auf der Führung durch das Kloster treffen die Kinder auf Stella, die Bruno privat unterrichtet, weil ihr Vater, Rockstar This van Mohr, nicht möchte, dass sie in die Türmli-Schule geht. Trotzdem macht sie beim Garten-Projekt mit. Vor dem geplanten grossen Abschlussfest mit Gartengemüse und Ahmeds leckeren Falafeln führt dies zum Konflikt zwischen Stella und ihrem Vater. Schliesslich verrät This den Kindern, dass er im «Türmli» eine traumatisierende Schulzeit hatte – mit «Tatzen» und weiteren drakonischen Strafen. Das titel-gebende «Geheimnis» steckt also nicht im vermeintlich geschichtsbelasteten Kloster, sondern im Schulhaus. This lenkt ein: Stella darf mit ihren Freund:innen zusammensein. Zum versöhnlichen Abschluss steigt dann das ersehnte Fest im Klostergarten, inklusive Auftritt der Rockband in Mönchskutten.

«Geheimnis im Klostergarten» ist äusserst sorgfältig für Leseanfänger:innen gestaltet: Jeder Satz ist schlicht gebaut und beginnt auf einer neuen Zeile. Nicht weniger sorgfältig sind die Illustrationen des auch wissenschaftlichen Zeichners Edi Ettlin, sowohl in der Ausführung als auch im Dargestellen: Beispielsweise sieht man einen Querschnitt durch das Kloster, und die Gartentagebücher – die die Kinder teils mit der rechten, teils mit der linken Hand führen – informieren über Pflanzprozesse. Obwohl die Bilder mit hellen Farben und fast ohne Hintergründe sehr ruhig wirken, gibt es viele Details zu entdecken.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 1/2023, S. 30

Bennos Bestie
Jutta Nymphius, Illustration: Volker Fredrich
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2023, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-579-9
Schlagwörter: Gefühle | Mut/Selbstbewusstsein | Tiere

Erfrischend anders sind sie, die aktuellen Geschichten für Kinder, die gerade lesen gelernt haben und nun Lesepraxis benötigen, um flüssig und automatisiert lesen zu können. Mit «‹Was guckst du?›: Text und Bild erzählen gleichwertig die Geschichte» legt auch Tulipan ein solches Konzept für Zweitleser:innen vor. «Bild-Roman» nennt es der Verlag, wohlwissend, dass es rund um die Verbindung von Bild und Text viele unscharfe Begrifflichkeiten gibt. «Gregs Tagebuch» und Co haben jedenfalls gezeigt, wie sehr Bilder Lesende entlasten und die Lektüre zum kurzweiligeren Vergnügen machen.

In «Bennos Bestie», Tulipans erstem Bild-Roman, wird die Geschichte abwechselnd auf illustrierten Textseiten und Bilddoppelseiten, auf denen der Text – wie im Comic – zum Schriftbild wird, erzählt. Die warmherzige Geschichte beginnt traumatisch: Benno wird von einem Dackel gebissen. Wenn er nun an Herrn Konrads Garten vorbeiläuft, hat er grosse Angst vor dessen Hund, der am Zaum hochspringt und bellt. Der Grund: Seine Vorbesitzer haben ihn geschlagen und er «erschreckt sich zu Tode, wenn jemand den Arm hebt». Benno versucht nun seine Angst zu überwinden, indem er Freddie in einem ausgeklügelten Plan dessen Angst nimmt. Die kleine Heldenreise gelingt.

Im Bild-Roman ist nun neben sprachlicher auch Visual Literacy gefragt. Manches wird im Bild klarer, etwa dass Bennos Angst die Bestie ist. Doch bei komplizierteren Seitenarchitekturen der Bildseiten oder bei pluriszenischen Darstellungen, in denen eine Figur gleich mehrfach zu sehen ist, um eine zeitliche Abfolge zu zeigen, wird deutlich, dass Bilderlesen eine genauso wichtige Kompetenz ist, wie einen Text erlesen zu können.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/2023, S. 30

Herr Unverwechselbar
Olga Tokarczuk, Illustration: Joanna Concejo
Aus dem Polnischen von Lothar Quinkenstein.
Verlag: Kampa, Publiziert: 2023, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-311-40009-7
Schlagwörter: Identität/Individualität | Philosophie | Körper

Literatur-Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk und Illustratorin Joanna Concejo erzählen in ihrem zweiten gemeinsamen Bilderbuch die Geschichte eines Mannes, der sich stets auf sein charismatisches Äusseres verlassen konnte – und dessen Gesicht nun immer mehr verblasst und an Kontur verliert.

Fein gestrichelte und schattierte, fotorealistische Schwarzweiss-Zeichnungen, die sich wie Fotos im Familienalbum aneinanderreihen: Herr Unverwechselbar als Baby auf dem Arm der Mutter, als Kleinkind zwischen den Eltern, mit Cowboyhut auf einem Pony. Zehn Buchseiten Fotos, dann die Doppelseite mit dem Titel, die sich zu einem hellgrün kolorierten Panorama-Strandbild ausklappen lässt, erst dann die ersten Sätze: «Es war einmal ein Mann, der war unverwechselbar (…). Die strahlenden Augen, die fein gezeichnete Nase und der volle Mund weckten bei allen, denen er begegnete, angenehme Gedanken und herzliche Gefühle.»

Weitere acht Doppelseiten ohne Text, Stationen aus dem Leben des erwachsenen Protagonisten. Sein Gesicht ist nie zu erkennen: unscharf, verpixelt, das Spiegelbild beschlagen. Sind die Fotos dafür verantwortlich, dass sein Gesicht mehr und mehr verschwindet? Er hat das «klick, klick, klick» der Kameras so geliebt. Ein Leben ohne? Unvorstellbar. Ein neues unverwechselbares Gesicht muss her.

Wie schon «Die verlorene Seele» (Kampa, 2017) ist auch «Herr Unverwechselbar» ein Buch zum gemeinsamen Anschauen für alle Alter. Eine nachdenklich stimmende Parabel über den Zwang des Zurschaustellens, Alles-in-Bildern-festhalten-Wollens, in märchenhaftem Ton und zeitlos schönen Bildern erzählt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/2023, S. 29

Ich bin Victorine
Jet van Overeem, Illustration: Annemarie van Haeringen
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf.
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6195-0
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing | Schule | Mut/Selbstbewusstsein

«‹Wick-toh-rieh-näh!›, schrien sie im Chor und bildeten einen Kreis um mich. Mein Herz schlug wie wild», erzählt Victorine. Die Erstklässlerin lernt in der Schule nicht nur, dass man ihren Namen «doof aussprechen» kann, sie merkt auch, dass über sie getuschelt wird, dass ihre Sandalen verschwinden und der Lehrer nichts mitbekommt. Sie hat Albträume, will aber weder weinen noch petzen. Schliesslich findet sie ihren eigenen Weg – nicht umsonst heisst sie wie die römische Siegesgöttin Victoria.

Victorine wird – typisch Mobbing – selbst zu ihrer grössten Kritikerin. «Findet ihr es fies, dass die Kinder das taten? Ich erst auch, aber später dachte ich: Das kommt von so einem dusseligen Namen. Wirklich schade, dass ich so heisse.» Solche Fragen beziehen das Lesepublikum geschickt mit ein – wie es auch Annemarie van Haeringens eindrückliche Illustrationen tun. Auf dem Schulhof spielt ein Hyänenrudel mit Victorines Sandalen; im Klassenzimmer lauern Tierköpfe auf ihre Fehler. Hier die Häme maskenhaft in Überzahl, dort das hochrot beschämte Gesicht von Victorine. Wir begreifen: Sie wird Teil der Gruppe, indem sie die zugewiesene Rolle annimmt – als Opfer.

In «Ich bin Victorine» erfahren wir, wie schlimm Mobbing sich anfühlt, und dann, dass ein gutes Selbstbild davor schützen kann. Der Heldin kommen die Sommerferien und tolle Erlebnisse zu Hilfe: eine unbeschwerte Radausfahrt mit einem Nachbarjungen, ein ermutigender Traum von der verstorbenen Oma und ein gutes Gespräch mit der Mutter. Als sie ihr Gesicht wieder im Spiegel prüft, findet sie es: «Netter. Vielversprechend.» Schliesslich ruft sie selbstbewusst: «Ich bin ich!» – das neue Schuljahr kann beginnen.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/2023, S. 29

Wir sind die Könige des Waldes, sozusagen
Eva Lindström
Aus dem Schwedischen von Maike Dörries.
Verlag: Kunstmann, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95614-540-7
Schlagwörter: Tiere | Krieg | Aussenseiter:in/Mobbing

Wieso war von der schwedischen Illustratorin Eva Lindström kein Buch auf Deutsch lieferbar, als sie letztes Jahr den Astrid Lindgren Memorial Award erhielt? Steckt zu viel Absurdität in ihren Geschichten, sind die Figuren zu naiv gezeichnet, hält man die Themen für zu schwer?

Umso schöner jedenfalls, dass der Kunstmann-Verlag nun, abgesichert durch ihr ALMA-Renommee, ihr neustes Bilderbuch auch dem deutschsprachigen Publikum zutraut: «Jagt uns nicht», lautet der Originaltitel aus dem Schwedischen übersetzt, auf Deutsch wurde ein Zitat aus dem Buch titelgebend: «Wir sind die Könige des Waldes, sozusagen.» Die zwei Titel öffnen das Spannungsfeld, in dem sich die erzählenden Figuren, zwei Eichhörnchen, befinden. Halten sie sich selbst für die Coolsten, gehören sie doch zu den Schwächsten. Denn die Mehrheit hat bei der Abstimmung im Gemeindehaus beschlossen, dass die Jagd im Wald erlaubt sein soll. «Aber hier stehen wir und stimmen mit Nein. Zwei Eichhörnchen und die Häsin, wenn es jemand genau wissen will. Nein, Nein und nochmals Nein.» Die selbstbewussten («Sind wir cool? Ja, wir sind cool!») Eichhörnchen sind über ihre Opferrolle mindestens so befremdet wie die Lesenden. Die Gedanken gehen zu einem Krieg, den die Bevölkerung ungefragt hinnehmen muss.

Gemalt sind die Bilder in wässrigen Pinselstrichen und erdigen Farben, die Figuren sind zweidimensional im gleichen Stil darauf gesetzt. Die Komik zeigt sich in den Blicken, den Proportionen und in Kombination mit dem schnoddrigen Text. Ein Bilderbuch, das viele Ebenen bespielt und bei dem einem das Lachen immer wieder im Hals stecken bleibt.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/2023, S. 28

«Sind wir cool? Ja, das sind wir!» Da sind sich die zwei Eichhörnchen sicher. Aber Coolness nützt nichts, wenn man in der Minderheit ist. An der Gemeindeversammlung wird die Jagd im Wald per Abstimmung erlaubt. Ab sofort können sich die beiden Eichhörnchen und ihre Freundin, die Häsin, nicht mehr sicher fühlen. Eine philosophische Geschichte über die Ungerechtigkeit, zum Opfer gemacht zu werden, in naiv anmutenden Bildern und witzig-frecher Sprache.

Alfonso geht angeln
John Hare
Aus dem Englischen von Bettina Münch.
Verlag: Moritz, Publiziert: 2023, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-437-4
Schlagwörter: Tiere | Essen | Natur

Mit den Algen auf ihrem Panzer sehen Geierschildkröten wunderlich aus. Ebenso ausgefallen ist ihre Art, Fische zu fangen: Sie sperren ihr Maul auf und locken Beute an, indem sie ihre Zunge wie einen Wurm hin- und herbewegen. Nun gehören Geierschildkröten nicht zu den typischen Bilderbuchtieren, aber John Hares vergnügliche Geschichte funktioniert nur dank den Eigenheiten ebendieses Tiers. Geierschildkröte Alfonso taucht ab in eine grüne, lichtdurchflutete Unterwasserwelt und sitzt dort wartend fast durchs ganze Bilderbuch. Tatsächlich entdeckt eine Elritze den vermeintlichen Wurm. Doch dann fällt ihr ein, wen von ihrer grossen Familie sie noch zum Festessen einladen könnte – und Alfonso wartet auf den grösseren Happen und mit Zuschnappen erst einmal ab.

Die Umgebung ist reduziert auf ein paar Pflanzen, einen alten Pneu sowie einen Krebs auf einer Muschel. Veränderung gibts vor allem in der Zahl der Elritzen, die sich manierlich anordnen, in gleicher Blickrichtung und gleichem Abstand zueinander. Alfonso hingegen muss stillsitzen. Das ist für die Bildsprache eine Herausforderung, bietet sich doch kaum Abwechslung durch Schauplatz-wechsel oder Figurenbewegung. Der US-amerikanische Illustrator löst das, indem er die Schildkröte aus verschiedenen Positionen und Entfernungen zeigt. Überraschendes wie der Blick aus Alfonsos Maul in den Teich auf dem Cover hätte man sich noch mehr gewünscht.

Spannung ergibt sich aber durch die Geschichte: Wann wird Alfonso zuschnappen? Es kommt zum unerwarteten Dreh – gut für die Fische, gut für Alfonso. Zwar kehrt er ohne Frühstück zurück, dafür mit einer abenteuerlichen Geschichte für die anderen Schildkröten.

Andrea Lüthi
Buch&Maus 1/2023, S. 28

Das kleine Wildschwein und die Krähen
Franz Hohler, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2023, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27600-0
Schlagwörter: Freundschaft | Krankheit | Tiere

«Was soll das?», fragt die Mutter; «was siehst du dort oben?» der Vater. Eins ihrer Wildschweinkinder ist anders. Während seine Geschwister lernen, Futter zu suchen, freundet es sich mit den Vögeln an. Doch das berührende Bilderbuch erzählt keine Aussenseitergeschichte mit zwei Fronten. Das beweist eine Szene: Weil der Frischling noch immer nicht gelernt hat, Futter zu finden, legt die Mutter ihm einen Maiskolben hin (den es mit den Krähen teilt).

Kein Satz ist zu viel, und stets klingen die Gefühle der Figuren zueinander an. Die Wärme ist auch in Kathrin Schärers Bildern spürbar, erst recht, als das Wildschweinkind erkrankt und sich in ein zusammengekrümmtes Häufchen Elend verwandelt. Franz Hohlers feinsinniger Text lässt erahnen, wie krank das Wildschwein ist und wie tief seine Freundschaft mit den Vögeln: Eine Amsel singt ihm ein Lied, zu dem es «so leise den Bass grunzte, dass man es fast nicht hörte».

Schärer nimmt die Dramatik in ihren Naturstimmungen auf. Leuchtende Mohnblumen weichen grauen Wolken, und durch den Regen fliegen die Krähen nach Paris, um das einzige Heilmittel zu holen. Entwicklungen drückt die Illustratorin mit Bildfolgen aus. Auf einer Doppelseite verblassen in der Ferne die Krähen am Himmel, weiter vorn überschlägt sich eine zerzauste Krähe mit ihrer Fracht, im Vordergrund steht eine weitere vor dem Wildschweinkind. Die ausdruckstarke Gestik und Mimik von Schärers Figuren treten rund um Krankheit, Genesung und Fürsorge besonders hervor. Am Ende singen Wildschweine und Vögel zusammen. Aber wo ist der Vater? Er bringt den Krähen Maiskolben – ein leises Zeichen, dass er begriffen hat.

Andrea Lüthi
Buch&Maus 1/2023, S. 27

Das kleine Wildschwein ist fasziniert von den Vögeln am Himmel und singt mit ihnen, anstatt zu lernen, sein Essen zu suchen. Als es krank wird, sind es diese Krähen, die jene Kastanien in Paris holen, die das kleine Tier gesunden lassen. Kathrin Schärer meist doppelseitige Bilder vom abgemagerten Wildschweinkind bis zur Dynamik in Himmel und Landschaft verleihen der Intensität von Hohlers Text viel Raum. Ein feinfühliges Bilderbuch rund um Eigensinn und Fürsorge.

Der erste Schritt
Pija Lindenbaum
Aus dem Schwedischen von Jana Hemer
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2023, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-276-3
Schlagwörter: Rassismus | Politik | Aussenseiter:in/Mobbing

Pija Lindenbaum ist eine Meisterin darin, in ihren Bilderbüchern kleinkindliche Erfahrungen und Emotionen ganz auf Augenhöhe des Kindes abzuhandeln. Auch in «Der erste Schritt» gehört die Erzählstimme konsequent einem Kind. Dass aber ein grosser, gesamtgesellschaftlicher Zusammenhang dargestellt ist, zeigt sich nur schon im ersten Bild, das aus einer Vogelperspektive den Handlungsort zeigt. Blumengeschmückte Chalets inmitten hoher Berge, darum herum eine Horde Kinder in wohl nicht zufällig an Klosterschulen erinnernden, hell- und dunkelblauen Kitteln. Rund um die Anlage eine weisse Linie, die nicht übertreten werden darf. Das sagt die als Hündin dargestellte «Schäfin». «Die Schäfin bestimmt immer, was wir machen. Wir müssen uns nie selbst was ausdenken. Und das ist ja sehr praktisch.»

Das erzählende Kind gehört zu den Ringelblumen, der Gruppe Kinder in den dunkelblauen Kitteln. Fröhlich berichtet es vom Malen, Spazieren und Baden in dieser idyllischen Anlage. Im Hintergrund der Bilder sehen wir die «Primeln»: Sie putzen Stiefel, schälen Kartoffeln, halten trockene Handtücher bereit. Erst bleibt diese Aufteilung unhinterfragt, dann beginnen die Zweifel in der Erzählstimme zu wachsen, bis zur laut ausgesprochenen Einsicht: «Das ist doch ungerecht!» Die Kinder beraten sich, setzen mit gezielten Aktionen die gesellschaftliche Ordnung ausser Kraft und trauen sich schliesslich, die Linie zu übertreten und über die Berge in ein besseres Land zu fliehen.

Eine ungemein eindrückliche, parabelhafte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ungleichheiten und kolonialistischen Strukturen, die direkt das ausgeprägte kindliche Gerechtigkeitsempfinden anspricht.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/2023, S. 27

In einer idyllischen Berglandschaft haben die Kinder viel Spass: baden, spielen, malen, den ganzen Tag lang! Wenigstens die Kinder der Ringelblumen-Gruppe. Denn die «Primeln» müssen im Hintergrund arbeiten. Ist das gerecht? Das erzählende Kind in dieser eindrücklichen Gesellschaftsparabel erkennt die Ungerechtigkeit. Mit vereinten Kräften stehen die Kinder für Gleichberechtigung und Fairness ein – und wagen es, willkürliche Grenzen mutig zu überschreiten.

Albertas Wunschladen
Martina Walther
Verlag: Kunstanstifter, Publiziert: 2023, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948743-03-1
Schlagwörter: Traum | Identität/Individualität | Arbeit

Die Stadt am Meer ist grau vom Regen, Alberta hingegen sticht bunt heraus. Gleich wird sie ihren Wunschladen aufschliessen und die Dinge darin zum Leben erwecken. Hier liegt eine Blume, da ein Zebra, dort liegen Werkzeuge und Faden, Muscheln und Bauklötze. Alberta flickt und verschönert und findet für alle das Passende: einen Parkplatzteppich für den Mann in Eile oder eine Riesenmuschel für den Touristen, der das Meer nach Hause nehmen möchte. Sie verteilt ein Fischschwanzkostüm, einen doppelten Eierbecher in Kamelform oder eine Regenwolke. Selbstverständlich hat sie auch für Pepe etwas, der keine grossen Fische mehr fängt. Wovon Alberta selber träumt, erfährt man am Ende des Buches. Nach dem lebhaften Gewusel und Farbspektakel im Laden breitet sich ein ruhiger, blauer Hintergrund aus: Albertas Sehnsucht nach dem Meer.

Die Schweizer Künstlerin Martina Walther lotet in ihrem Bilderbuch auf erfrischende Weise Grenzen aus. So, wie in ihrer Geschichte alles möglich ist, geht sie in den Bildern frei um mit Proportionen, Perspektiven und Räumlichkeit. Die Pfeffermühle ist gross wie ein Mensch, irgendwo steht ein Riesenschuh, und auf der Strasse reitet eine winzige Frau auf einer Katze. Figuren und Dinge sind oft gleichwertig neben- und übereinander angeordnet, und dieses Tapetenartige wird verstärkt durch waagrechte und vertikale Linien und Raster von Regalen, Fliesen und Fenstern. Viele Kuriositäten und Menschen lassen sich im Wunschladen entdecken, die im Text nicht vorkommen, und das regt zum Fantasieren an. Für wen ist der Fisch mit Henkeln, wer braucht einen Rosenhut? Und vor allem: Was würde man sich selbst wünschen?

Andrea Lüthi
Buch&Maus 1/2023, S. 26

In Albertas Brockenstube lassen sich die schrägsten und herrlichsten Dinge entdecken. Jeden Wunsch der Menschen in der kleinen Stadt im Süden weiss Alberta zu erfüllen: Auf den wimmligen, knallig farbigen Seiten voller Details können wir beobachten, wie die Leute glücklich mit Papierblumen, einem Wolkenkleid oder einer Riesenpfeffermühle davonziehen. Gebrauchtes hat oft einen besonderen Wert. Doch was ist eigentlich Albertas tiefster Wunsch?

Heartstopper
Alice Oseman
Aus dem Englischen von Vanessa Walder
Verlag: Loewe, Publiziert: 2023, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7432-0936-7
Schlagwörter: LGBTQ* | Liebe

Boy trifft Boy

Seit 2016 zeichnet Jugendbuchautorin Alice Oseman die Romanze zweier britischer Schüler als Webcomic. In der Jungenschule muss Charlie als bekannter «Schwuler» einiges über sich ergehen lassen. Doch in Rugbyspieler Nick, seinem neuen Sitznachbarn, findet er einen Menschen, bei dem er sein darf, wie er ist. Nick geht es gleich, aber muss, soll, will er sich outen? Die zarte Liebesgeschichte mit LGBTIQ*-Cast wird als Graphic Novel gedruckt und von Netflix comicgetreu verfilmt.

Sowas von super!
Publiziert: 2022, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Hedvigs Papa ist ein Superheld. Als sein Heldenanzug in der Wäsche einläuft, möchte Hedvig seine Aufgabe übernehmen. Weil Athletik aber nicht ihre Stärke ist, bevorzugt Hedvigs Vater ihren (zu ehrgeizigen) Cousin. Nur gut, dass Oma ihr hilft zu erkennen, wie sie sich ihre Leidenschaft, das Gamen, zunutze machen kann. Liebevoll und mit einer Prise Retro-Charme erzählt, mündet der Film in der Einsicht, dass es schon super ist, sich selbst zu sein.

Rot
Herausgeber:in: Disney+
Publiziert: 2022, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Körper | Geschlechterbilder

Mit der Pubertät geschieht etwas Seltsames mit Mei Lee: Immer, wenn sie von ihren Gefühlen überwältigt wird, verwandelt sie sich in einen riesigen roten Panda. Etwas, was die Frauen ihrer Familie seit Generationen durch ein spezielles Ritual unterdrücken. Aber das Ritual soll ausgerechnet dann stattfinden, wenn Mei Lees Lieblingsband in der Stadt auftritt… Der Animationsfilm setzt sich humorvoll und klug mit Geschlechternormen, kultureller Identität und körperlicher Freiheit auseinander.

Grizzlybär und Hasenfuss
Agi Ofner
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2022, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-4077-6
Schlagwörter: Gefühle | Humor/Komik

Geschichten von wilden Tieren und solchen, die es noch werden wollen

Eine erschöpfte Krähe, ein mutiger Hase, ein lustloser Wolf und viele weitere Tiere mit ganz unterschiedlichen Charakteren und Launen treffen in 17 Kurzgeschichten aufeinander. Ihre Unsicherheiten und Ängste bieten viele Identifikationsmöglichkeiten für Leser:innen jeden Alters. Zum Glück wissen sich die Tiere aus ihren misslichen Lagen zu helfen, häufig auch gegenseitig. Kurze Szenen und grossformatige, freundliche Illustrationen mit frechen Kurzreimen wechseln sich ab.

Braver Hund! Freche Katze! Gedichte über das Wesen der Tiere
Bette Westera, Illustration: Mies van Hout
Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
Verlag: Aracari, Publiziert: 2022, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907114-23-0

Auf jeder der 16 Doppelseiten dieses Bilderbuchs stellen sich in Versform zwei Tiere selbst vor. Die meisten Paare stammen aus derselben Tierfamilie, unterscheiden sich aber im Aussehen oder in ihren Verhaltensweisen. So wartet die Spinne geduldig auf ihr Opfer, während die Schmeissfliege nicht stillsitzen kann – und wohl bald im Netz der Spinne landet? Die witzigen Reime und farbenkräftigen Illustrationen laden zum Philosophieren über Unterschiede und Gemeinsamkeiten an, aber auch zum Finden von weiteren Gegensatzpaaren.

Boris, Babette und lauter Skelette
Tanja Esch
Verlag: Kibitz, Publiziert: 2022, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948690-17-5
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Fabelwesen | Humor/Komik

Boris ahnt nicht, was auf ihn zukommt, als ihn die 16-jährige Lynette zu sich nach Hause einlädt: Weil sie ein Jahr nach England fahren wird, bittet sie ihn, sich um ihr Haustier Babette zu kümmern. Dieses kauert in Lynettes vollkommen gruftig eingerichtetem Zimmer und erweist sich als seltsame Kreatur mit leuchtend gelbem Fell, die auf zwei Beinen laufen und sogar (etwas nuschelig) sprechen kann!

Boris hat sich schon immer ein Haustier gewünscht und traut es sich zu, Babette ein Jahr vor seinen stets überbesorgten und geradezu verstörend hygienischen Eltern zu verbergen. Doch das ist gar nicht so einfach, wie es zunächst aussieht: Babette fängt bald an, sich zu langweilen. Zwar fehlt ihr Lynette nicht so sehr, dafür aber deren gruselig eingerichtetes Zimmer umso mehr. Ob sie sich ruhig verhält, wenn auch Boris sein Zimmer in eine Gruselhöhle verwandelt? Wo soll er nur mitten im Jahr Skelette herbekommen? Und als sein Vater Babette entdeckt und sie gegen jede Abmachung kurzerhand ins Tierheim bringt, ist guter Rat teuer!

Tanja Esch zeichnet einen quietschbunten und sehr lustigen Comic, der sich ebenso gut als Geschichte einer Selbstfindung (Babette) wie auch als Parabel auf die Pubertät (Boris) lesen lässt – oder aber einfach nur als herrlich fantasievolles Abenteuer, das zeigt, wie gut es in einer durch und durch geordneten Familie sein kann, einen etwas chaotischen Grossvater zu haben. Bei ihm kann Babette endlich unterschlüpfen, Flips essen und fernsehen nach Herzenslust – und Boris gleich mit ihr mit. Eine originelle Idee, die liebevoll und kunstreich umgesetzt wurde.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/23, S. 36

Das Gänsespiel
Anne-Ruth Wertheim
Aus dem Niederländischen von Ingrid Ostermann
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2022, Seiten: 52, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907277-16-4
Schlagwörter: Historisches | Krieg | Rassismus

Meine Kinderjahre im Internierungslager auf Java

Kinderzeichnungen als Zeitdokumente berühren auf besondere Art. Sie zeigen den unmittelbaren Blick eines Kindes und verweisen durch ihre Materialität auf die Umstände ihrer Entstehung. So auch das kleinformatige Büchlein mit Zeichnungen, das Anne-Ruth Wertheim und ihre zwei Geschwister Marijke und Hugo während ihrer Zeit in einem japanischen Internierungslager in Indonesien zwischen 1942 und 1945 zusammenstellten. Auf Geheiss ihrer vorausschauenden Mutter, einer Historikerin, hielten sie ihren Alltag fest. Diese Zeichnungen bilden die Grundlage für das Buch «Das Gänsespiel», das auf Niederländisch bereits 1994 erschienen ist und nun dank Baobab auch auf Deutsch von einem bei uns unbekannten Kapitel des Zweiten Weltkriegs erzählt. Der Titel verweist auf ein weiteres Erinnerungsstück: ein Spiel, das die Mutter für die Kinder bastelte und das der Hoffnung auf eine Rückkehr aus dem Lager Ausdruck verlieh.

Im Buch erzählt Anne-Ruth Wertheim anhand der naiven und detailgetreuen Buntstiftzeichnungen von der kleinen Pritsche, die Mutter und Kinder teilten, von den Appellen, vom knappen Essen, von den Kollektivstrafen nach Fluchtversuchen, von den schmutzigen Toiletten, von den heimlichen Schulstunden. Sie erklärt das Dilemma der Mutter, als die jüdischen Lagerinsass:innen sich für den Transport in ein neues Lager melden sollten: Vater Wertheim war Jude und die Kinder hatten damit jüdische Wurzeln, nicht aber die Mutter.

Das Bilderbuch, das für Kinder im Schulalter geeignet ist, aber auch Erwachsene anspricht, braucht Zeit für die Betrachtung. Es regt zu Gesprächen an, zum Nachforschen und Nachdenken.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/2023, S. 29

Als die bisher niederländische Kolonie Indonesien 1942 von Japan okkupiert wird, leben Anne-Ruth Wertheim und ihre Geschwister behütet und komfortabel in Jakarta. Nun werden die Kinder und ihre Mutter in ein Lager gebracht, der Vater in ein anderes. Die Bilder, die die Kinder vom menschenunwürdigen Leben im Lager zeichneten, bilden die Grundlage dieses Bilderbuchs und bieten einen berührenden Einblick aus Kindersicht in ein uns unbekanntes Kapitel des Zweiten Weltkriegs.

Rabbit Boy
Franziska Biermann
Verlag: dtv, Publiziert: 2022, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76388-2
Schlagwörter: Fabelwesen | Humor/Komik

Die seltsame Verwandlung des Robert Kümmelmann

Robert Kümmelmann besucht die 5b der Hermann-Igel-Grundschule, mag keinen Ärger und hat eine Vorliebe für süsse Drops. Sein Leben verläuft recht unspektakulär, bis der Rektor entscheidet, dass auf dem Biotop neben der Schule «die modernste Sporthalle Norddeutschlands» gebaut werden soll. Davon erhofft er sich viele neue Instagram-Follower. Was niemand weiss: Unter der Erde leben dort die Nuralagus Lux, eine ausgestorben geglaubte Kaninchenspezies aus der Urzeit. Weil durch die Baupläne ihr letzter Zufluchtsort in Gefahr ist, nutzen die Kaninchen ihre Magie zur Beschwörung eines Retters: Robert. Als dieser von der Mutter zum Karottensalat-essen verdonnert wird, verwandelt er sich vor den Augen der perplexen Familienmitglieder in ein menschengrosses Kaninchen. Die Zukunft der Nuralagus Lux lastet nun auf seinen Schultern. Gemeinsam mit seinen Freund:innen und Biologielehrer Dr. Kohl gibt Robert sein Bestes, um den Bau der Sporthalle zu verhindern.

Wer sich im Fernsehen gerne Zeichentrickserien ansieht, wird bei «Rabbit Boy» auf seine Kosten kommen. Franziska Biermanns Kinderbuch besticht durch ein rasantes Tempo, fantasievolle Details und skurrilen Humor. So etwa, wenn der Vater von Robert die riesigen Köttel seines verwandelten Sohnes kurzerhand als Dünger an die Nachbarschaft verkauft. Illustriert wird die Geschichte durch witzige Cartoons der Autorin. Das Kinderbuch bringt die Lesenden aber nicht nur zum Lachen, sondern ist auch ein klarer Appell, die Natur und ihre Lebewesen zu schützen – und vielleicht das eine oder andere Rüebli zu verputzen. Wer weiss, vielleicht verwandelt man sich dann auch in ein riesiges Kaninchen?

Ronja Holler
Buch&Maus 1/2023, S. 32

Ausgeflippte Fische
Debra Kempf Shumaker, Illustration: Claire Powell
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2022, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-45999-0
Schlagwörter: Tiere

Wusstest du, dass sie tanzen, blinken, fliegen?

Wer dachte, Fische schwimmen nur mehr oder weniger langweilig umher, hat sich gründlich geirrt. Debra Kempf Shumaker ist tief eingetaucht bei der Recherche zu ihrem Sachbilderbuchdebüt und hat sich fachliche Hilfe bei einem Fischkundler geholt. Kurze Reime bilden den roten Faden durch die Fülle an Fischen, die hier vorgestellt werden. Für diese Form hat sich Shumaker entschieden, weil sie weiss, wie beliebt eingängige Vierzeiler bei Kindern sind. Illustratorin Claire Powell verleiht den verschiedenen Fischen vor allem durch den Ausdruck der Augen viel Witz und Lebendigkeit. Auch Gefühle werden so transportiert: verzweifelt, gelangweilt oder neugierig – alles mit dabei! Die Fische hat sie zunächst mit Bleistift gezeichnet und anschliessend digital koloriert in einer Farbenpracht, die begeistert.

Die Balance des künstlerischen Ausdrucks mit den gelieferten Sachinformationen gelingt aufs Feinste. Um den nötigen Überblick zu bieten, zeigt eine Weltkarte das Meer und alle Kontinente. Zusätzlich gibt es das «Ausgeflippte Fischometer», das die vorgestellten Fische sortiert. Denn die schwimmen nicht nur, sondern stechen, singen oder schütteln sich. Zu sehen sind ausserdem kreative Fischtänze, eklige Schleimattacken oder ungewöhnliche Schlafstrategien. Wer noch mehr Wissensdurst hat, wird im Nachwort fündig und staunt vermutlich zuerst darüber, dass es mehr als 32 000 Fischarten gibt. Die Mischung aus dem in der Biologie üblichen Ordnen nach Klassen, Merkmalen und dem humorvollen Zugang macht aus diesem Sachbilderbuch ein herausragendes Werk.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/2023, S. 37

Ab ins Universum
Herji
Aus dem Französischen von Viktoria Wenker
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2022, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907293-83-6
Schlagwörter: Wissenschaft | Weltall

Eine Lesereise in die Wissenschaft muss nicht mit grossen Strapazen verbunden sein. Immer mehr Sachcomics wagen sich an die Popularisierung wissenschaftlicher Inhalte heran. Wie gut dies gelingen kann, zeigt die Graphic Novel «Ab ins Universum». In ihrer (Zeit-)Reise durch die Astrophysik verbinden zwei junge Westschweizer ihre Fähigkeiten zu einem grossen Lesevergnügen mit Tiefgang: der Genfer Zeichner und Illustrator Herji und der Nachwuchsforscher Jérémie Franc-fort. Wie sie komplexe physikalische Phänomene und Prinzipien der Kosmologie – etwa die Urknall-Theorie oder die Natur der Dunklen Materie – gleichzeitig vereinfachen und veranschaulichen und in eine abenteuerliche und unterhaltsame Geschichte verpacken, ist ein intellektueller und ästhetischer Genuss.

Protagonistin ist die fiktive rothaarige Wissenschaftlerin Dr. Aurora Astra, die gut gelaunt und mit ansteckender Begeisterung durch die Geschichte der Physik führt und uns mit berühmten Wissenschaftler:innen und ihren Ideen bekannt macht. Als Sparring-Partner zur Seite gestellt wird ihr der Schweizer Astronom Michel Mayor, der 2019 den Nobelpreis für Physik erhielt. Sein gezeichnetes Ego sorgt für Authentizität und eine grosse Portion (selbstironisch kommentierten) Star-Glamour. Gemeinsam versuchen sie die Essenz der Astrophysik zu erkunden – samt Gastauftritten von Galilei, Newton und Einstein.

Gedacht ist das Buch für ältere Jugendliche und (junge) Erwachsene, die einen fundierten, gut verständlichen und emotionalen Einstieg suchen in die Welt von Gravitationswellen, Quarks und schwarzen Löchern.

Alice Werner
Buch&Maus 1/2023, S. 37

Und dann tanzen wir laut
Melanie Gerber, Illustration: Nina Bucher
Verlag: Blaukreuz, Publiziert: 2022, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85580-560-0
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Musik | Sport

«Wenn ich mich bewege, dann fühle ich mich wohl, wie ich bin. Beim Tanzen zum Beispiel. Dann ist in mir drin alles schön laut. Jeder Muskel, jede Faser, alles ist wach. So sehr, dass ich die Welt um mich herum vergesse.» Das sagt die 12-jährige Kim, die mit ihrer älteren Schwester Olivia die Tanzgruppe der 19-jährigen Joy besucht. Die drei Mädchen respektive jungen Frauen bieten als Ich-Erzählerinnen drei Perspektiven auf die Herausforderungen des Erwachsenwerdens. Als roter Faden dient die Tanzgruppe, denn das Buch ist eine Hommage zum 20-jährigen Bestehen des Projekts «roundabout»: Organisiert vom Blauen Kreuz, führen heute schweizweit 320 Jugendliche (mithilfe erwachsener Begleiterinnen) eine Tanzgruppe.

Für die Mädchen bedeutet das Tanzen ein Stück Freiheit, gerade weil es nicht um Leistungen geht. Und nach dem Tanzen tauschen sich die Mädchen aus: «Über Jungs. Über die Schule. Über Eltern. Über das, was nervt. Traurig macht. Oder glücklich.» Immer geht es dabei auch ums Mädchen-Sein, von der ersten Periode bis zum Umgang mit dem Ex-Freund. Den Text ergänzen Sprechblasen mit Fetzen aus der Alltagskommunikation, die mal Zweifel säen, mal Unterstützung artikulieren.

Auf den pro Erzählerin mit einer Pastellfarbe unterlegten Seiten scheinen die mit bunten Umrissen skizzierten Figuren die Tanzbewegung und das Lebensgefühl der Mädchen zwischen Unsicherheit und Zuversicht aufzunehmen; hier und da hätte man sich dennoch einen weniger (nach)lässigen Strich gewünscht. Als Gesamtkunstwerk schafft das Buch ein authentisch wirkendes Porträt weiblicher Adoleszenz. Einzelne Handlungsstränge werden zwar abgerundet, doch endet das Buch mit der expliziten Aufforderung, sich ein eigenes Ende auszudenken.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 1/2023, S. 36

Glauben Sie an die Wahrheit?
Doan Bui, Illustration: Leslie Plée
Aus dem Französischen von Christiane Bartelsen
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2022, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-72329-1
Schlagwörter: Extremismus/Terrorismus | Medien | Politik

Die Wahl geraubt? Pandemie und Klimawandel nur Erfindungen? Die Erde eine Scheibe? – Fake News spalten Gesellschaften und sind eine Gefahr für die Demokratie. Da fühlt sich nicht nur die französische Journalistin Doan Bui wie Alice im Wunderland. In diesem autobiografischen Sachcomic präsentiert sie ihre Reportagen aus der Welt der populärsten Verschwörungsmythen und beweist, wie guter Journalismus funktioniert: gründlich recherchieren, verifizieren, einordnen. Illustratorin Leslie Plée gelingt es mit ihren pointierten Schwarz-Weiss-Cartoons, auch komplexe Inhalte mit Witz zu vermitteln. Das ist bes­ter Aufklärungsstoff für Jugendliche, trotz des an der Leserschaft vorbei getexteten Titels und vielen Fremdwörtern.

Als Ausgangspunkt wählt Bui einen Amoklauf an einer amerikanischen Grundschule, um den im Internet bald ein Meinungskampf tobt. Das sei alles nur von bezahlten «Crisis Actors» gestellt, behaupten die einen, während die andern, die Eltern der Opfer, für die Wahrheit kämpfen und dabei sogar Todesdrohungen ernten. Bui interviewt beide Parteien, entlarvt Interessen der Waffenlobby, macht sich auf die Suche nach den Gründen für das Misstrauen gegen Regierung, Wissenschaft und Medien. Warum verbreiten sich Fake News sechsmal schneller als wahre Nachrichten?

So reist sie zur internationalen Konferenz der Flacherdler nach Dallas und nach Skopje, wo massenweise Internet-Trolle fabriziert werden, experimentiert mit Algorithmen und Filterblasen, fragt nach der Verantwortung von Facebook und Co und einem entfesselten Klick-Business. Ihre Schlüsse sind eindringlich, denn die Macht der Mythen gibt es, seit sich Menschen Geschichten erzählen – gut, wenn jemand die Mechanismen mutig benennt.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/2023, S. 37

Eckstein
Pascale Quiviger
Aus dem Französischen von Sophia Marzolff
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2022, Seiten: 480, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-3002-3
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Die Kunst des Schiffbruchs

Prinz Tibald soll der nächste Herrscher eines Landes werden, das weder Duelle noch Kriege kennt. Doch der junge Mann verachtet jegliche höfische Etikette und verbringt seine Zeit lieber an Bord seines Schiffes, um die Meere zu erkunden und die an sein Land angrenzenden Reiche kennenzulernen.
Als sich Ema, die sich als Schiffsjunge an Bord seines Schiffes geschlichen hatte, als junge Frau herausstellt, ist die Mannschaft entsetzt: Frauen an Bord bedeuten Unglück! Doch Tibald ignoriert die Warnungen und lässt sich von Ema faszinieren, deren dunkle Male und Narben schlimme Erlebnisse in der Vergangenheit vermuten lassen. Die Blicke der anderen ignorierend, nimmt er Ema mit zu einem diplomatischen Empfang.

Kaum spürbar hüllt sich die in einer fiktiven Vergangenheit und erdachten Welt spielende Handlung in ein zartes Gespinst aus Lichtmagie, in die schleichend das Dunkel alter Geschichten drängt. Immer wunderbarer werden die Geschehnisse in diesem Roman, der zu Beginn fast noch realistisch anmutet. Gepaart mit einer bezaubernden Liebesgeschichte, jeder Menge Abenteuer und spannenden Geheimnissen ist dieser fantastische Roman ein grossartiger Auftakt zu einer mehrbändigen Reihe, der absolut auf die Fortsetzung fiebern lässt. Mit einem rückwärts und einem vorwärts gerichteten Spannungsbogen endet Band 1 mit einem absoluten Cliffhanger. Nach «Die Kunst des Schiffbruchs» ist jetzt im Februar bereits der zweite Band, «Die Maimädchen», auf Deutsch erschienen. Im französischen Original warten noch zwei weitere Bände auf Übersetzung. Das ist Fantastik von hoher literarischer Qualität und eine absolute Leseempfehlung!

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/2023, S. 36

Marla rockt
Alice Gabathuler
Verlag: da bux, Publiziert: 2022, Seiten: 60, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906876-31-3
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Krankheit | Liebe

Marla ist 15 Jahre alt, hat einen Lieblingsplatz am Fluss und singt in der Schulband. Typisch unbeschwerter Teenager? Im Gegenteil. Seit ihre Mam krank ist, rockt das Leben nicht mehr. Schon vor der Schule erledigt Marla tausend Dinge: die kleine Schwester schulfertig machen, Frühstück und Medikamente richten. «Ich bin zu spät. Und das schon am Montag. Meine Ausreden sind alle aufgebraucht.» Ihre Noten sind schlecht, ihr Verhältnis zum meist abwesenden Vater auch, in der Bandprobe versagt ihre Stimme. Ihr Bericht klingt wie ein abgehetztes Stakkato: kurze Sätze, viele Absätze, leere Zeilen. Kann jemand schnell helfen?

Da kommt Devin neu in die Klasse – bekannt als Sänger aus einer Casting-Show, Mädchenschwarm. Für Marla erstmal nur Störfaktor und Konkurrenz. Sie ahnt nicht, dass er mit seinem Hinweis die rettende Perspektive eröffnen wird. Nach aufregenden Komplikationen mit Band und Familie nimmt die mitreissende Geschichte eine glückliche Wendung. Denn die Heldin traut sich, Hilfe zu suchen, und findet sie – über die Website «Young Carers».

«Young Carers» sind Minderjährige, die ein Familienmitglied betreuen, dem es schlecht geht. In der Schweiz soll es über 50 000 von ihnen geben. Mit dem Projekt «Young Carers» bietet die Careum Hochschule Gesundheit jungen Menschen wie Marla direkt Hilfe an. Alice Gabathuler lässt das Mädchen in «Marla rockt» selbst zu Wort kommen und zeigt beispielhaft, wie die Mauer aus Scham und Angst überwunden werden kann. Marla nimmt Hilfe an und findet wieder in ihr eigentliches Leben zurück. «Am Tag, als der Bescheid kam, dass wir bei der Show dabei sind, haben Devin und ich uns zum ersten Mal geküsst. Unten am Fluss an meinem Lieblingsplatz.» Was für eine Erleichterung!

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/2023, S. 35

Baumschläfer
Christian Duda
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2022, Seiten: 200, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75685-5
Schlagwörter: Armut | Tod/Trauer

Christian Duda erzählt eine wahre Geschichte nach: 2017 wird die Leiche eines 17-Jährigen erst nach Monaten in den Ästen einer alten, knorrigen Eibe gefunden. Drei Jahre zuvor musste der Jugendliche mitansehen, wie sein Vater die Mutter mit 33 Messerstichen tötete. Marius, wie Duda ihn nennt, wird mit seiner Schwester zunächst in einer Wohngruppe untergebracht, zieht sich aber immer mehr zurück. Er bricht die Schule ab, reisst aus, rutscht ab. Monate lang lebt er auf der Strasse: auf einem Pappkarton zwischen den Mülltonnen eines Mehrfamilienhauses, unter dem Spielplatz-Trampolin, zuletzt in der Eibe, wo er in einer eisigen Nacht erfriert.

Aktenlage – Anklage – Urteil – Vollzug – Kommentare: Dudas Roman erinnert an ein Gerichtsdossier. Kunstvoll hat der Autor Informationen aus Zeitungsartikeln, Zeugenaussagen und Befragungen zu einem ebenso fesselnden wie bedrü­ckenden Jugendbuch verarbeitet, das lange nachwirkt und viel Gesprächsstoff bietet – perfekt für den Einsatz im Unterricht, denn «Baumschläfer» ist ein Buch, das Begleitung braucht und sich auch sprachlich abhebt.

Zwei Sätze, länger braucht es nicht, und wir sind mittendrin und Marius so nah, als geschehe alles direkt vor unseren Augen. Fettgedruckte, kurze Sätze geben Marius’ Gedanken wieder: «Polizei! Endlich!» – «Polizei Mama Rettung» – «Muss Mama retten». Eindringlich und intensiv beschreibt Duda, wie Betreuer:innen, Jugend- und Sozialamt, die Justiz versagen. Als Marius tot entdeckt wird, will (wie so oft) niemand Verantwortung übernehmen: «Wir wollten helfen, aber wir kamen nicht an ihn ran.» Ach so, ja klar.

Ein Buch, das unter die Haut geht: sperrig, verwirrend, erschütternd, verstörend.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/2023, S. 34

Mehr als wahrscheinlich
Sarah Watson
Aus dem Englischen von Henriette Zeltner-Shane
Verlag: Arctis, Publiziert: 2022, Seiten: 376, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03880-060-6
Schlagwörter: Emanzipation | Geschlechterbilder

Feministinnen, lasst alle Hoffnung fahren: Erst in 26 Jahren wird die erste US-Präsidentin gewählt. Sarah Watson zumindest setzt deren Inauguration 2049 an. Den Vornamen der Präsidentin erfahren wir im Prolog nicht. Aber wir lernen, dass sie a) hart für diesen Moment gearbeitet hat, b) viel über ihr Outfit nachdenkt und c) ihren ungewöhnlichen Nachnamen (Diffenderfer!) dem Mann verdankt, den sie liebt – seinen Namen aber nur auf Drängen ihres Wahlkampfteams angenommen hat.

Nach dieser Exposition führt uns die Lektüre zurück ins Jahr 2019 und zu vier Freundinnen im letzten Schuljahr in Cleveland, Ohio. Welche von ihnen Präsidentin wird, bleibt während fast 360 Seiten Gegenstand atemlosen Deduzierens. In der für Daily-Soaps typischen Zopfstruktur verschränkt die erfahrene TV-Autorin die Biografien der um gute Noten ringenden, sozial engagierten CJ; der Schwarzen, modebewussten Jungjournalistin Jordan; der mit ihren Depressionen kämpfenden Künstlerin Ava und des am Existenzminimum balancierenden, bisexuellen IT-Genies Martha. Diese Geschichten sind nicht nur gut erzählt, sondern von der diskriminierungskritischen Erkenntnis getragen, dass Unternehmer:innentum und «Inspirational Quotes» nicht genügen, um in Strukturen der Ungleichheit Erfolg zu haben. Dieser Fokus auf weibliche Solidarität ist eine Wohltat im postfeministischen Individualisierungsbrei.

Schade nur, dass ein gutaussehender junger Diffenderfer von Anfang an im Dunstkreis der Freundinnen herumlungert. Damit wird das Rätsel, wer am Ende Präsidentin wird, an die Frage gekoppelt, wer den Märchenprinzen nach Hause führt. Wobei uns die Autorin aber an der Nase herumführt. Und vor allem: ihre Heldinnen führen lässt.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/2023, S. 34

Das Schloss der Smartphone-Waisen
Salah Naoura, Illustration: Kai Schüttler
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2022, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55780-3
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Humor/Komik | Krimi/Thriller

Salah Naouras Romane sprühen vor Witz und Esprit. So verwundert es nicht, dass auch sein neuestes Werk «Das Schloss der Smartphone-Waisen», das als erster Band einer Reihe angekündigt ist, ein Feuerwerk an Unterhaltung bereithält. Die Waisenkinder Tara, Kalli, Leo, Bodhi und Bhavani haben ihre Eltern durch Unfälle mit Smartphones verloren und leben nun in einem Waisenhaus. Leiterin ist Marla, die selbst ihre Eltern verloren hat, als diese wegen eines Selfies von einer Klippe gestürzt sind. Doch das Haus, in dem Marla mit den Kindern wohnt, soll abgerissen werden, alle müssen ausziehen. Die Seniorin Hermine van Heuden ist bereit, die Waisen in ihrem Schloss aufzunehmen. Doch es gibt ein Problem: Ihr Sohn, dem das Schloss nach dem Tod von Hermines Mann gehört, zwingt sie zum Auszug.

Die Smartphone-Waisen schmieden einen irrwitzigen Plan: Sie wollen Hermines Enkel entführen und gegen das Schloss eintauschen. Dass auch Enkel Archibald seine Eltern durch einen Smartphone-Unfall verloren hat, und seinem Onkel, bei dem er wohnt, überhaupt nichts bedeutet, verkompliziert die Lage. Und so wird der Plan umgestrickt: Ein wertvolles Gemälde steht nun im Zent-rum und soll geraubt werden.

Naoura reichert die rasante Handlung mit überraschenden Wendungen an, die immer mehr Tempo erzeugen. Dabei werden die Leser:innen durchgehend von einer allwissenden Erzählinstanz adressiert und damit in die Geschichte mit hineingenommen. Sie nehmen also im Grund selbst teil und können so mit den Protagonist:innen, die sich allesamt als Identifikationsfiguren anbieten, mitfiebern.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/2023, S. 31

Uma und die geheime Superkraft
Lena Hach, Illustration: Marine Ludin
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2022, Seiten: 60, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75677-0
Schlagwörter: Gefühle | Geschlechterbilder | Mut/Selbstbewusstsein

Ob es etwas damit zu tun hat, dass Uma vier Geschwister hat, hat sie vor lauter Familientrubel manchmal das Gefühl, als werde sie übersehen? Wer weiss. Sicher ist, dass das Mädchen ab und zu unsichtbar wird. Schon etwas mysteriös. Doch sie beschliesst, sich nicht mehr den Kopf darüber zu zerbrechen, sondern die magische Fähigkeit für sich zu nutzen.

Autorin Lena Hach bezieht die Leser:innen von Anfang an mit ein. Sie dürfen mitsuchen und mitraten. So entsteht ein Dialog, der den ohnehin schon kurzweiligen Text zusätzlich auflockert. Umas Unsichtbarkeitstests, die sie mit ihrem Freund Fritz ausprobiert, sorgen für Humor, genau wie die lustigen Wortschöpfungen.

Illustratorin Marine Ludin versteht es, mit zarten Farbtönen, originellen Bildideen und viel Lebendigkeit die Szenen mit Uma, Fritz und Umas Familie schwungvoll darzustellen. Schon das Cover macht neugierig: Hund und Junge staunen, wie bald auch die lesenden Kinder. Was ist das nur für ein seltsamer, weisser Nebel? Die eigentlich ja unsichtbare Uma zeichnet Ludin im Buch hell und nahezu konturlos, mit dem erstaunlichen Effekt, dass man tatsächlich zweimal hinschauen muss, bevor man das Mädchen vor der riesigen Wohnzimmerpflanze oder heimlich fernsehschauend hinter dem riesigen Sofa entdeckt.

Mitten auf dem Tisch singend, werden die «O» in Kartoffel gleich viermal geschrieben und verwandeln sich scheinbar selbst in solche. Oder beim Niesen sind die Buchstaben «Hatschi» wuchtig gross auf der ganzen Seite verteilt zu lesen. Eine rundum gelungene Verbindung von Text, Bild und Typografie und perfekt als Schullektüre ab der zweiten Klasse geeignet.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/2023, S. 30

Nachtlampenfieber
Stephanie Schneider, Illustration: Nele Palmtag
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2022, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75674-9
Schlagwörter: Gefühle | Generationen | Schlaf/Einschlafen

So sperrig der Buchtitel als Kompositum wirkt, seine Bedeutung erschliesst sich – laut Luzies Papa – ganz leicht: «Nachtlampenfieber» ist, «wenn man sich auf etwas Neues freut und gleichzeitig ein bisschen Angst davor hat». Auf dem Cover wird die Wortneuschöpfung konkret zur visuellen Szene. Da sitzt Luzie mit ihrer Oma nachts am Küchentisch, beide lächeln sich unter der warm strahlenden Lampe zu. Das Titelbild impliziert bereits das Happy End: Das Abenteuer Übernachtung ist geglückt.

Entsprechend beruhigt, lässt sich beim Vorlesen gut aushalten, wie aufgeregt Luzie ist, als Mama und Papa sich verabschieden und sie allein bei Oma bleibt. «Jetzt kann’s gemütlich werden. Heute Abend haben wir sturmfrei», sagt Oma. Was das bedeutet, versteht Luzie nicht so genau. Jedenfalls machen die beiden gleich etwas Besonderes: Luzie und Herr Palimpa, ihr Teddy, verkleiden sich und Oma spielt Akkordeon dazu. Als Nächstes würde Oma gerne Pommes holen, aber Luzie ist es lieber, wenn es wie immer Tomatenfisch mit Apfelsaft gibt – und das vor dem Fernseher. Als Oma danach beim Vorlesen einnickt, lernt Luzie die fremd aussehende Einschlafoma kennen. Alleine im Bett wird es erwartungsgemäss ernst. Da sind fremde Geräusche und Nachtgespenster, die die Strassen-laterne an die Wände wirft. Bis Oma hereintapst: Sie kann nicht einschlafen. Das gelingt beiden erst nach einer Honigmilch gemeinsam in einem Bett.

Während der Text mit klugen Ratschlägen für die erste gelungene Übernachtung aufwartet, leuchten die expressiven Bilder von Nele Palmtag das Exemplarische des Textes innerweltlich aus. Sie machen ihn persönlicher, emotionaler und erfinden Omas Dackel hinzu.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/2023, S. 28

10 kleine Eulen wollen nicht schlafen
Katja Alves, Illustration: Andrea Stegmaier
Verlag: Arena, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-71836-1
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen | Anleitung | Geschwister

Es ist Nacht, der Mond scheint – Schlafenszeit für die zehn kleinen Eulen! Mama Eule fliegt aber noch einmal los, um etwas Dringendes zu erledigen. Doch wer bringt nun ihre Eulenkinder ins Bett? Auf dem Küchentisch liegt ein Brief, darin bittet sie um Hilfe und wendet sich vertrauensvoll an … dich! Es sei auch gar nicht so schwierig, schreibt sie. Da verspricht sie etwas viel, denn zehn kleine Eulen zum Schlafen zu bringen, ist einfacher gesagt als getan. Was macht man, wenn die Eulen noch gar nicht so müde sind? Oder wenn das dringend benötigte Schnuffeltuch unauffindbar ist?

Katja Alves bezieht die zuhörenden Kinder im Mitmach-Buch in die Geschichte mit ein, gibt ihnen Aufträge und stellt Fragen. Mal soll auf den von Andrea Stegmaier liebevoll und fröhlich illustrierten Bilderbuchseiten nach versteckten Eulen gesucht, mal darf mit den Armen wie mit Flügeln geflattert werden. Jede der zehn Eulen hat einen lustigen Namen und eine optische Eigenart, durch die sie erkannbar ist: Flinke-Eule zum Beispiel trägt ein Stirnband, Lange-Eule ist besonders gross. Das erleichtert die Suche nach den Nachtvögeln auf den in nächtlich-dunklen Farbtönen gehaltenen Doppelseiten und bietet Identifikationspotenzial. Spielerisch werden Routinen wie das «Schnabelputzen» ins Erzählen eingebaut, es wird geflüstert und auch ein Schlaflied darf nicht fehlen. Die interaktive Gute-Nacht-Geschichte bietet so viel Inspiration für Abendrituale und lässt Vorlesende und Kinder gemeinsam zur Ruhe kommen. Ist man am Ende des Buches angelangt, schlummern hoffentlich nicht nur die Eulenkinder bald tief und fest.

Ronja Holler
Buch&Maus 1/2023, S. 26

Nichts Besonderes
Jürg Obrist
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-062-4
Schlagwörter: Wimmelbuch | Fantasie | Alltag

Das total verrückte Wimmelbuch

Just zum 75. Geburtstag des Zürcher Künstlers Jürg Obrist erschien «Das total verrückte Wimmelbuch», das im Paradox dazu «Nichts Besonderes» verheisst. Geht denn beides? Klar. Denn dieses Buch handelt von Mutter und Kind und ihren unterschiedlichen Lebenswelten und Perspektiven. Mit wachsendem Vergnügen können wir den beiden folgen. Da ist die gestresste Mutter: «Komm, wir gehen einkaufen.» Und da ist Lilly, die sich noch vom Krokodil im Zimmer verabschieden muss.

Schon auf dem Weg zur Bushaltestelle entdeckt Lilly Figuren und Dinge, die der Mutter entgehen. Diese hat ein volles Programm; Lilly braucht eine neue Jacke, danach geht es durch den Park zum Supermarkt. Die Mutter telefoniert, während Lilly mit ihrem ganz anderen Blick für das Treiben ein Zebra im Handstand und fliegende Fische sieht. Sie hat gar keine Zeit, auf ihre Mutter zu achten. Die Details sind so lebendig illustriert und in leuchtenden Farben umgesetzt, dass jede Doppelseite zum Verweilen und Staunen und zu einem weiteren Gespräch einlädt.
Wieder zuhause, fragt der Vater, der schon das Nachtessen vorbereitet: «Und, wie war’s beim Einkaufen?» Man kann sich vorstellen, dass die Antworten der beiden Protagonistinnen verschieden ausfallen … Und klappt man das Buch zu, möchte man gleich wieder von vorne beginnen, so vieles gibt es zu entdecken.

Das cartoonhafte, etwas nichtssagende Cover täuscht: Spätestens auf der zweiten Seite zieht der Autor und Illustrator die Betrachtenden in seine Fabelwelt hinein, in die er mit wenigen Worten Fährten zu legen weiss, während wir diesem verrückten, ganz normalen Alltagseinkauf folgen.

Ruth Loosli
Buch&Maus 1/2023, S. 26

Queergestreift. Alles über LGBTIQA+
Kathrin Köller, Illustration: Irmela Schautz
Verlag: Hanser, Publiziert: 2022, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27258-3
Schlagwörter: LGBTQ*

LGBTIQA+: Was steckt hinter diesen Buchstaben? Fakten und Gedankenexperimente, Erklärungen zu historischen und gesellschaftlichen Zusammenhängen, Interviews mit LGBTIQA+-Menschen, Hinweise auf Netzwerke und Anlaufstellen und vieles mehr lassen in diesem äusserst sorgfältig recherchierten und gestalteten Buch keine Fragen rund um geschlechtliche und sexuelle Identität offen.

Echt jetzt? 99 bescheuerte Lügen über Jungs, die du nicht glauben solltest
Felix Treder
Verlag: Dressler, Publiziert: 2022, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7513-0043-8
Schlagwörter: Geschlechterbilder

«Jungs sind wild und aufgedreht», «Jungs lesen nicht», «Jungs können nicht mit Menschen», «Jungs schaffen das alleine» – alles gar nicht wahr! 99 Mythen über Männlichkeit knöpft sich dieses Sachbuch in cartoonhafter, ansprechender Gestaltung und kurzen, einleuchtenden Texten vor und bestärkt Jungen darin, ihre Persönlichkeit unabhängig von veralteten Vorurteilen zu leben.

Bosco Rübe rast durchs Jahr
Dita Zipfel, Finn-Ole Heinrich, Illustration: Tine Schulz
Verlag: mairisch Verlag, Publiziert: 2022, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948722-21-0
Schlagwörter: Alltag

«Bosco findet, nichts riecht wie U-Bahn. (…) U-Bahn riecht aussen anders als innen. Innen riecht sie nach Omas und Zeitung und Nudeln in Pappkartons und feuchtem Hund. Aussen riecht sie nach U-Bahn.» Bosco steht mitten im Leben – mit all seinen Sinnen, Emotionen und einer Extraportion Energie. Und wir sind auf seiner Jagd durchs Jahr ganz nah dran. Auf dem Weg vom dritten zum vierten Geburtstag nimmt er uns mit in den Kinderladen, wo das Klo immer so komisch guckt, an die Brotschmierweltmeisterschaften oder in die Regenpfütze, in der er sich pronto in eine Ente verwandelt.

Mal hochexplosiv, mal ängstlich, mal ausgelassen. Wunderbar facettenreich bringen die Autor:innen Dita Zipfel und Finn-Ole Heinrich das Leben der Rüben aus Boscos Perspektive zu Blatt. Es ist bereits der zweite Streich des Autor:innenpaars, in dem es sein Elterndasein literarisch umsetz, und das gelingt den beiden an dieser Stelle ausgezeichnet. Die Vorlesegeschichten lesen sich ungeheuer komisch und authentisch, dank Bosco-Wörtern wie «klitzikurz» und «Nackipopinanz», dem rasanten Erzählstil und den radikal lebensnahen Dialogen. Nicht weniger lustvoll und energiegeladen sind die Illustrationen in Blau-Grün von Tine Schulz. Ein Blick in die gezeichneten Gesichter verrät, welches Gefühl gerade vorherrscht oder mit wie viel Tatendrang Bosco sich seine Umwelt vornimmt.

Fragt sich bei der Lektüre dieser Vorlesegeschichten nur, wer wohl die grössere Freude daran haben mag: Klein-Boscos und -Boscas, deren ältere Geschwister oder die Erwachsenen, die wie Boscos Papa morgens manchmal selber «wie ein alter müder Besen in zu grossen Unterhosen» in der Küche stehen? Ein Leckerbissen für die ganze Familie!

Sabrina Zimmermann
Buch&Maus 3/2022, S. 33

Huhn Grete
Sabine Rufener
Verlag: SJW, Publiziert: 2022, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0352-7
Schlagwörter: Reisen | Abenteuer | Tiere

Huhn Grete will die Welt sehen

Hühner sind bisher nicht als Tausendsassas in die Bilderbuch-Geschichte eingegangen, schon gar nicht einzeln und als furchtlose Entdeckerinnen. Genau das und vieles mehr macht den Witz dieses Abenteuers der Basler Illustratorin Sabine Rufener aus: Deren Heldin trägt zwar rosafarbene Blümchen und wohnt auf einem beschaulichen Bauernhof – aber «Huhn Grete will mehr». Die Welt sehen nämlich!

Also packt sie ihre blau karierte Stofftasche: Leere Eierschachtel, Schal, eine Dose getrocknete Würmer und den iPod vom Bauernsohn … Dann geht es los mit dem gelben Postauto bis zur Endstation. Da ist die Welt allerdings nicht so toll wie erwartet: «Der iPod-Akku ist leer. Die Schuhe sind unbequem. Eine Katze will wissen, was sie hier mache: ‹Pass bloss auf! Wenn du hier noch lange rumstehst, holt dich der Fuchs.›» Das hört sich nicht nach prallbunten Erlebnissen an, gehört aber auch zum Reisen. Und deswegen lässt sich Grete nicht unterkriegen, sondern fährt weiter mit ein paar Kindern auf dem Skateboard, stolpert durch einen Supermarkt, macht Autostopp, obwohl es regnet und Nacht wird. Dann ist er da, der Fuchs. Aber Grete, trotz Schreck, ist ja nicht blöd …

Die Wiese erwächst aus einer gefiederten Landkarte, hinzu kommen ganz unterschiedliche Papiere und Stoffe, Briefmarken und gepresste Pflanzen – Sabine Rufeners Collagen erzählen mit vielen originellen Details, sind stimmungsvoll und ausdrucksstark. Hinreissend setzt sie Gretes Gefühle in Szene und zaubert ihrem Huhn ein erstaunlich breites Mimik-Repertoire um den Schnabel. Dazu ein knapper, staubtrockener Text voller Wortwitz. Ein Bastelbogen mit Grete samt Reise-Ausstattung komplettiert den Spass. Tolle Sache!

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/22, S. 33

Lydia
Kätlin Kaldmaa, Illustration: Jaan Rõõmus
Aus dem Estnischen von Maximilian Murmann
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907277-15-7
Schlagwörter: Biografie

Während das Titelbild des estnischen Bilderbuchs «Lydia», auf dem ein Mädchen lächelnd hinter einem roten Vorhang hervorschaut, klar auf eine kindliche Zielgruppe verweist, vergrössert sich der Adressatenkreis mit der ersten Seite. Der Prolog skizziert ein erstes Porträt der Hauptfigur. Ohne Illustration gleicht der ganzseitige Text einer Ansprache in gehobener und doch einfacher Sprache, die besagt: Hör zu, wie aus dem kleinen Mädchen eine für ihr Land wichtige Person wurde, die Dichterin Lydia Koidula.

Warum, wird auf den folgenden Seiten deutlich, die dialogreiche, szenische Schlaglichter auf das Leben der estnischen Lyrikerin werfen. Von den wundersamen Geschichten der Grossmutter, ihrer Liebe zu Blumen bis zu den vom Vater erklärten Sternbildern. In das entstehende, vielschichtige Porträt eines aussergewöhnlichen Menschen werden lyrische Werkfragmente eingestreut. Gestalterisch entstehen zweifarbige Bilder aus blauen und leuchtend dunkelrosa Flächen, die das Weiss des Papiers miteinbeziehen. Jaan Rõõmus nutzt die Drucktechnik, um Zeit- und Erlebnisebenen mal abzugrenzen, mal ineinander fliessen zu lassen oder collagenartig Dokumente einzubauen. So entsteht auch in den Bildern aus Splittern ein vielschichtiges Ganzes.

Kunstvoll wird hier – wie aktuell in vielen (Sach-)Bilderbüchern – eine Persönlichkeit porträtiert, die inspirierendes Vorbild sein kann. Lydia Koidula traute sich, wenn auch anonym, ihre Gedichte zu veröffentlichen. So kam es, dass eines erst vertont wurde, dann zur Nationalhymne Estlands avancierte und bis heute für die Unabhängigkeitsbewegung des baltischen Landes steht.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/22, S. 32

Schneelöwe
Heinz Janisch, Illustration: Michael Roher
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-4076-9
Schlagwörter: Fantasie | Tiere

«Ich bin ein weisser Schneelöwe», sagt der Junge. Das stimmt nicht? «Leute, ihr habt keine Ahnung. Ein Schneelöwe ist man innen. Den zeigt man nicht einfach so her, wie ein Taschenmesser oder wie eine Schneekugel vor Weihnachten.» Die wenigen Zeilen pro Seite, in denen Heinz Janisch den Jungen seine Überzeugung ausführen lässt, stehen auf Doppelseiten, die ganz in Weiss und Blau gehalten sind –gemalt mit einem Kugelschreiber. Mit diesem ungewohnten Zeicheninstrument erreicht Illustrator Michael Roher eine erstaunliche Präzision etwa in den Tierdarstellungen. Er arbeitet aber auch mit dicht gemalten Flächen, Schraffuren und mit weissen Leerstellen, die ganz unterschiedliche Qualitäten erzeugen, sodass das Auge trotz der farblichen «Eintönigkeit» der Bilder lange an ihnen hängen bleibt.

Zumal sie Ungewöhnliches ins Bild setzen: Mit einer selbstsicheren Überzeugung, wie nur Kinder von Surrealistischem erzählen können, erklärt der Junge, wie sich in vielen Menschen Tiere verstecken – auf dem Bild sieht man sie als Schatten oder in die Kinderkörper hineingezeichnet. Erfrischend ist, dass diese parallele Wirklichkeit nicht als psychologische Metapher aufgelöst wird, auch wenn sie selbstverständlich so gedeutet werden kann. Es bleibt als Behauptung stehen, ja wird durch die die aufklappbare Doppelseite, auf der der Junge und sein Cousin einen Blick auf ihre inneren Löwen erlauben, sogar «bewiesen». Und nachdem er uns versichert hat, es niemandem zu verraten, falls auch in uns ein Tier lebt, verabschiedet sich der Junge mit einem «Also bis bald! Schönen Tag noch!» aus dem Buch. Alltäglich wie ein Kugelschreiber? Nicht doch, wir wissen ja, was in ihm steckt …

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/22, S. 32

Lea und Finn langweilen sich
Tom Reed
Aus dem Englischen von Andrea Fischer Schulthess.
Publiziert: 2022, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03820-106-9
Schlagwörter: Reisen

Hilfe! – Riesenwarzenkröten mit langen, klebrigen Zungen! Dabei glaubten Lea und Finn unter der Dattelpalme endlich den perfekten Ort gefunden zu haben: jede Menge Blumen, warmer Sand, keine Insekten – ein sonniges Paradies. Pustekuchen! Gerade noch rechtzeitig können sie zurück zwischen die Seiten flüchten – und landen mitten in lärmendem Schlachtgetümmel, dann in der drangvollen Enge einer Suffragetten-Kundgebung 1908 und damit im nächsten Abenteuer …
Dabei beginnt alles ganz langweilig: Zwei Comic-Hunde dösen und lümmeln auf weissem Grund, bis die gescheckte Lea ihren Freund Finn überreden kann, auf eine neue Seite zu springen – vielleicht ist ja da etwas los. Leider hat Finn kurze Beine, stürzt ab und verschwindet im Buchfalz. Klar hüpft Lea sofort hinterher. Mitten im Meer paddeln sie nun und ertrinken fast in den Wellenbergen. «Lass uns abhauen. Schnell in den Spalt zurück!» Der Spalt ist ein genialer Trick des in Zürich lebenden Briten Tom Reed: In seiner metafiktionalen Geschichte wird das Buch zur Bühne, der Buchfalz zum Tor in andere Welten und Zeiten. Ins Weltall, in die eiskalte Arktis oder eine rauchige Industrielandschaft schickt Reed seine beiden Hunde und montiert sie mit viel Witz in alte Kupferstiche, Drucke, Gemälde und Fotos. Das ist so kunstfertig wie originell und damit bester Stoff für Kopfkino oder eigene Collagen. Eine Hommage an die Magie der Bücher – und an die Langeweile als Keimzelle der Fantasie: Überglücklich sind Lea und Finn nämlich am Ende, als sie wieder auf ihrer weissen Seite angekommen sind. So friedlich und still, so geräumig und sauber, der perfekte Ort – bis zur nächsten Reise.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/22 S. 31

Dieses Buch ist leer
Daniel Fehr, Illustration: Lindsey Thomas
Verlag: Penguin Junior, Publiziert: 2022, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-328-30130-1
Schlagwörter: Nonsens | Humor/Komik

«Du brauchst gar nicht erst nachzusehen. Dieses Buch ist wirklich leer», sagt die Erzählstimme und animiert einen erst recht, das zu überprüfen. Prompt entdeckt man unter einer Klappe einen Hamster. Die Geschichte stammt vom Schweizer Autor Daniel Fehr, die britische Textilkünstlerin Lindsey Thomas hat dazu Filzfiguren geschaffen mit einem stets leicht erschrockenen Blick, als hätte man sie ertappt. Mit dem Schattenwurf wirken sie noch dreidimensionaler, was ausgezeichnet zum Konzept des Buchs passt. Tatsächlich hat man das Gefühl, durch ein Gebäude mit grossen, leeren, weiss gestrichenen Räumen zu gehen und Türen zu öffnen – gespannt, was sich dahinter verbirgt.

Die Erzählstimme, und damit die vorlesende Person, interagiert mit dem betrachtenden Kind und nimmt dessen voraussichtliche Reaktion auf. Obwohl im Buch weitere Figuren auftauchen, beharrt die Erzählstimme neckend darauf, das Buch sei leer: Tiere unter einer Klappe würden nicht zählen, ebenso wenig solche, die bloss herumstehen. Als die Hamster trompeten, spielen und jonglieren, gibts keine Ausrede mehr. Nur: Was hat der riesige Vogel vor, der plötzlich im Buch auftaucht und seinen Kopf in typischer Manier schieflegt? Und warum drängen sich die Hamster auf den nächsten Seiten ängstlich zusammen?

Blättern und Klappen zu öffnen, ist ein wichtiger Teil der Geschichte, und es eröffnet neue Sichtweisen. So reduziert Text und Bild sind, so reich kommt Spannung auf, man lacht gemeinsam. Und Kinder sind versucht, wieder und wieder nachzusehen, ob sich nicht vielleicht weitere Hamster im Buch angesammelt haben.

Andrea Lüthi
Buch&Maus 3/22, S. 30

Pssst!
Tini Malitius
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2022, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75675-6
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Eine Räubergeschichte

Ein Räuber schleicht nachts ums Haus, schaut die Leser:innen direkt an und macht: «Pssst!» Diese Geschichte zieht und ab der ersten Seite in ihren Bann und macht uns zu Kompliz:innen. Der Räuber steigt durchs Fenster ein, packt Diverses in einen Sack. Doch im Gegensatz zu uns sieht er nicht, dass der Hund wach geworden ist. Nun beginnt ein spannender Wettlauf. Die nachtblauen Doppelseiten zeigen in aufs Wesentliche reduzierten Illustrationen und fast filmischer Sprache einen Krimi mit überraschendem Ausgang.

Klettern
Keith Gray
Aus dem Englischen von Julia Süssbrich
Verlag: Gulliver, Publiziert: 2022, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82009-9
Schlagwörter: Streit/Konflikt | Sport

Sechs Baumriesen sind es, die in einem englischen Dorf fast der ganze Freizeitinhalt einer Gruppe Jugendlicher sind. Sie alle zu erklettern, lautet das grosse Ziel von Hilly, dem Lokalmatador. Als ihm ein Neuzuzüger die Meisterschaft streitig zu machen droht, entwickelt sich eine verbissene Rivalität. Obwohl vom Rest der Gruppe durchaus kritisch beobachtet, kommt es zum Wettklettern auf dem mächtigsten der Bäume. Kurze Sätze und Abschnitte treiben den Text auf das packende Finale zu und sorgen für leichte (Vor-)Leseportionen.

Love Day Zero
Mirjam H. Hüberli
Verlag: da bux, Publiziert: 2022, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906876-29-0
Schlagwörter: Gefühle

Marie schäumt vor Wut und Eifersucht: Shila, die Neue, kreuzt im Fussballtraining auf, dabei droht ihr diese schon ihren Schwarm Nico abspenstig zu machen. Zwischen Fussball, Bandprobe und Party lodert Maries Gefühlschaos weiter, als sich zwischen ihr und Nico per Chat dennoch eine Beziehung anzubahnen scheint. Wie weit soll sie Kompromisse eingehen für die ersehnte Romanze? Marie fasziniert erst als selbstbewusste Erzählerin und wird dann zu einer starken Stimme der Selbstermächtigung.

Opa fliegt
Markus Orths, Illustration: Kerstin Meyer
Verlag: Moritz, Publiziert: 2022, Seiten: 94, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-432-9
Schlagwörter: Generationen | Nonsens

Bei Opa Winnie ist auch mit 107 Jahren immer noch etwas los, denn er ist ständig auf Rekordjagd. Nun aber setzt er seine letzte Höchstleistung um: Ein magischer Trank macht aus ihm den leichtesten Menschen der Welt. Er hebt ab und löst sich in Luft und Liebe auf. Eine witzige und doch nie banale Geschichte mit viel Bildunterstützung über den Tod eines Grossvaters und kindliche Verarbeitungsstrategien, die auch ungeübte Leser:innen auf der Mittelstufe noch zu packen vermag.

Die Eiche und der Federschopf
Bibi Dumon Tak, Illustration: Marije Tolman
Aus dem Niederländischen von Meike Blatnik
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2022, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6175-2
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima

Von Wurzelwissen, Autobahnen und einem ziemlich frechen Eichelhäher

In den Niederlanden steht eine 200-jährige Eiche auf dem Mittelstreifen einer Autobahn. Dieser Baum ist die Hauptfigur in diesem zart illustrierten, erzählenden Sachbuch. Im Dialog mit einem frechen Eichelhäher und kommentiert vom «Wurzelchor» berichtet die Eiche aus ihrer Geschichte, sinniert über die Vorteile des Stehenbleibens in einer temporeichen Zeit und lässt sich von den düsteren Prognosen, die ihr die Wurzeln übermitteln, nicht mürbe machen.

Ins ewige Eis!
Agata Loth-Ignaciuk, Illustration: Bartlomiej Ignaciuk
Aus dem Polnischen von Dorothea Traupe
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2022, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6148-6
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima

Nordpol und Südpol in einem Jahr

Der polnische Abenteurer Marek Kaminski legte, um im selben Jahr zu Fuss sowohl zum Nordpol wie auch an den Südpol zu gelangen, jeweils beinahe 1000 km zurück, einen schweren Schlitten hinter sich herziehend. Ausdrucksstarke Illustrationen und Grafiken inszenieren die Gefahren und emotionalen Strapazen dieses Unterfangens, der Text vermittelt nicht nur viel Hintergrundwissen zu den Expeditionen, sondern auch über die durch den Klimawandel bedrohten arktischen und antarktischen Lebensräume.

Stadt, Land, Wasser
Andrea Curtis, Illustration: Katy Dockrill
Aus dem Englischen von Jorunn Wissmann
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2022, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6182-0
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima

Von der Quelle bis ins Haus

In eigenwillig kolorierten, doch zugänglichen Illustrationen und Kurztexten wird hier der Weg des Wassers vom Gletscher übers Grundwasser bis in städtische Wasserrohre und von der Quelle über Flüsse bis in Süsswassertanks verfolgt. Es geht um die/unsere Wasserversorgung und wo sie überall gefährdet ist, ergänzt durch Blicke zurück in die Geschichte der Wassernutzung und Lösungsansätze, wie Wasser durch Innovationen oder persönlichen Einsatz gespart und geschützt werden kann.

Es werde Wald
Rina Singh, Illustration: Ishita Jain
Aus dem Englischen von Anna Schaub
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2022, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10613-2
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima

Die wahre Geschichte von Jadav Payeng

Ein einzelner Mensch kann die Welt verändern. Das beweist der indigene Jadav Payeng. Als Kind begann er auf der grössten Flussinsel der Welt im Nordosten Indiens Baumsetzlinge zu pflanzen, hegte und pflegte sie, bis aus ihnen ein Wald so gross wie der Central Park in New York geworden ist, heute Lebensraum für unzählige Tier- und Pflanzenarten. Die berührende Geschichte des «indischen Hüters der Bäume», in warmen Aquarelltönen gezeichnet, regt zu Gesprächen an über Nachhaltigkeit und darüber, was wir im Kleinen für die Umwelt tun können.

Wind
Olga Fadejewa
Aus dem Russischen von Thomas Weiler
Verlag: Magellan, Publiziert: 2022, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: ISBN 978-3-7348-6053-9
Schlagwörter: Natur

Wo kommt er her? Wo weht er hin?

Zu Beginn werden die Lesenden direkt angesprochen: «Wo weht er hin? Was denkst du?» Anschliessend wird beispielsweise erklärt, was Wind ist, wo welche Winde wehen und wie sie Vögel, Flugzeuge und Segelschiffe beeinflussen. Unter den zahlreichen Aspekten des Themas fehlen sogar Windgötter und Wind-Redensarten nicht. Ergänzt mit Skalen oder Landkarten, beweisen die abwechslungsreichen, malerischen Doppelseiten, wie spannend ein alltägliches Naturphänomen sein kann, und machen Lust auf «mehr Wind».

Echt jetzt? 99 bescheuerte Lügen über Jungs, die du nicht glauben solltest
Felix Treder
Verlag: Oetinger Media, Publiziert: 2022, ISBN/ISSN/EAN: 9783837392562
Schlagwörter: Geschlechterbilder

«Jungs sind wild und aufgedreht», «Jungs lesen nicht», «Jungs können nicht mit Menschen», «Jungs schaffen das alleine» – alles gar nicht wahr! 99 Mythen über Männlichkeit knöpft sich dieses Sachbuch in cartoonhafter, ansprechender Gestaltung und kurzen, einleuchtenden Texten vor und bestärkt Jungen darin, ihre Persönlichkeit unabhängig von veralteten Vorurteilen zu leben.

Gut gespukt ist halb ermittelt
Katja Alves, Illustration: Alicia Räth
Verlag: Arena, Publiziert: 2022, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-71808-8
Schlagwörter: Rätsel | Krimi/Thriller | Grusel/Spuk/Horror

Die beliebte Schweizer Autorin Katja Alves trumpft mit einer neuen Buchreihe auf. Dieses Mal wird es magisch und abenteuerlich. Pernille verbringt die Sommerferien im Hotel ihres Vaters. Das Hotel Mirabell ist alles andere als luxuriös, es hat nicht einmal einen Fahrstuhl und auch keinen Fernseher im Zimmer. Das gefällt den Geisterschwestern Röschen und Lila gar nicht, denn sie sollen die nächsten hundert Jahre hier verbringen und zu diskreten, nützlichen Hotelgespenstern werden. Dass sie nach kurzer Zeit bereits von Pernille entdeckt werden, ist nicht Teil dieses Plans. Nur gut, dass Madame Schukrut, die strenge Ausbildnerin der beiden, nichts von der Begegnung weiss! Damit das so bleibt, erklärt Pernille den Pavillon im Garten zum geheimen Treffpunkt. Über die Tür hängt sie ein Lavendelsträusschen, denn der Duft macht die Geister sichtbar.

Als Balu, der Hund der Familie Gluck, plötzlich verschwindet, beginnt das erste gemeinsame Rätsel des magischen Detektivteams. Und auch die Lesenden rätseln mit: Wer sich die Illustrationen gut anschaut, aufmerksam liest und kombiniert, kann die Fragen im Buch beantworten und das Rätsel mitlösen.

Die Illustrationen von Alica Räth sind in satten Farben mit vielen Blau-, Violett- und Rottönen gehalten, in denen die vorherrschende Magie durch farbige Leuchtpunkte, Sternchen, Blitze und schwungvolle Schnörkel sichtbar wird. Der Plan des Hotelareals auf der ersten Doppelseite lässt bereits erahnen, welche Orte in den Folgebüchern relevant sein könnten. Die kurzweilige und lustige Geschichte, in der Hotel-Feeling mit kurligen Gästen auf fantastischen Krimi trifft, macht Lust auf mehr.

Nadja Eich
Buch&Maus 3/2022, S. 34

Maila, Pia und die Schokoladenzwillinge
Regina Dürig, Illustration: Miriam Affolter
Verlag: die Brotsuppe, Publiziert: 2022, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03867-072-8
Schlagwörter: Essen | Musik | Anleitung

Eine Geschichte zum Vorlesen und Nachkochen

Die junge Pianistin Maila braucht unbedingt Ruhe. Deshalb mietet Freda, ihre Mutter und Managerin, eine Wohnung in einem kleinen Küstenort. Doch das mit der Ruhe ist so eine Sache, denn in der Wohnung über ihr wohnen die Zwillinge Meo und Nello, die alles andere als ruhig sind. Immer wenn es oben laut ist, beginnt Maila, Klavier zu spielen, bis sie nichts anderes mehr hört - denn für sie können Geräusche oder eben Lärm schmerzhaft sein.

Als Maila versehentlich ihre Wohnung flutet, bleibt ihr nichts anderes übrig, als bei den lauten Zwillingen und deren Mutter Pia einzuziehen. Sie taucht ein in eine ihr unbekannte, kulinarische Welt. Hier gibt es Schokoladenbrot mit Salz, Erdbeerrisotto und Schokoladencreme mit Oliven. Diese aussergewöhnlichen Geschmackskombinationen stammen von Konditor René Frank, der im hintersten Teil erklärt, warum gerade solche Kombinationen gut funktionieren. Danach folgen sechs seiner besonderen Schokoladenrezepte - begleitet von ästhetischen Rezeptfotografien des Fotografenteams Juni -, die Kinder mit erwachsener Unterstützung selber ausprobieren können. Anders als die Fotografien sind die farbenfrohen grafischen Illustrationen von Miriam Affolter im vorderen Teil des Buches simpel gehalten. Der Blick wird auf das Wesentliche gelenkt: Da sitzen Maila und die Zwillinge auf einem runden Teppich und spielen «Memory». Was rundherum passiert, ist irrelevant und deshalb auch nicht illustriert.

Das ganze Vorlesebuch widmet sich dem sinnlichen Erleben. Zudem animiert es zu Diskussionen über das Miteinander. Denn Maila, die sich zu Beginn am Lärm der Zwillinge stört, lässt die Familie am Schluss bei sich wohnen.

Nadja Eich
Buch&Maus 3/2022, S. 34

Feuerwanzen lügen nicht
Stefanie Höfler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2022, Seiten: 232, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75683-1
Schlagwörter: Armut | Freundschaft

Jedes Kapitel beginnt mit einem gewitzten Vers über ein Tier, das dann im Kapitel selbst eine kleine Nebenrolle spielt: Ich-Erzähler Nits, der gerne und häufig in End-, Binnen und Stabreimen spricht und schreibt, und sein bester Freund Mischa, leidenschaftlicher Experte der Tierwelt, sind auf diese Weise auch formal unzertrennlich verwoben. Doch bald geschieht Ungereimtes. Nits muss entdecken, dass Mischas betont aufrechtes Dasein nur Fassade ist, mit der er die wahren Verhältnisse seiner Familie zu kaschieren versucht: eine mehr oder weniger leere Wohnung; Lebensmitteleinkäufe bei der «Tafel»; eine Mutter, welche die Familie schon vor langer Zeit verlassen hat; ein Vater, der nicht nur cool und unkonventionell, sondern auch überfordert, ja sogar kriminell ist. Stück für Stück kommt die Wahrheit ans Licht und gefährdet sowohl die kleine Familie als auch die Freundschaft der beiden Jungen.

Stefanie Höfler zeichnet ihre Figuren stimmig und differenziert, und sie erklärt nicht, sondern zeigt (wenn zuweilen auch etwas repetitiv): So bringt etwa die unbändige Bewegungslust der siebenjährigen Amy kindliche Resilienz zum Ausdruck, während Teenager Mischas Leiden gleichsam in seiner Seelenruhe und Gefasstheit gefroren scheint. Gleichzeitig verweist der durchkomponierte Text, der auch mit den Genres spielt – es gibt darin Verse und Reime, aber ein Gedichtband ist es nicht; Wissen über Tiere wird vermittelt, aber ein Sachbuch ist es nicht; Ganoven treiben ihr Unwesen, aber ein Krimi ist es nicht –, auf seinen fiktionalen Charakter und nimmt damit dem Thema die existenzielle Schwere. So verwundert es dann kaum, wenn am Ende plötzlich sämtliche Nebenfiguren beherzt eingreifen, um zumindest ein Stück heile Welt wiederherzustellen.

Deborah Keller
Buch&Maus 3/2022, S. 35

Als wir einen Panther fangen wollten und dabei etwas viel Grösseres fanden
Tino Schrödl
Verlag: Südpol, Publiziert: 2022, Seiten: 204, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96594-176-2
Schlagwörter: Abenteuer | Tiere | Streit/Konflikt

Das Heben eines Schatzes steht hier für einmal nicht am Ende der Geschichte, sondern am Anfang: Nico, Poldi und Gonzo finden beim Tauchen im Waldweiher eine Holzkiste, die sie mit viel Aufwand an Land bringen. Statt des erhofften Schatzes enthält sie aber nur rostiges Werkzeug. Doch als Nico nochmal zurückfährt, weil er sein Handy vergessen hat, steht plötzlich ein Panther vor ihm. Erschrocken ziehen sich beide zurück. Es muss sich um den seit einem Jahr aus einem Zoo entlaufenen Panther handeln. Weil auf dessen «Ergreifung» noch immer 5000 Euro Belohnung ausgeschrieben sind, wittert Gonzo, der Clevere im Team, dessen Mutter das Geld gut gebrauchen könnte, seine Chance, und so beschliessen die drei Elfjährigen, im Wald eine grosse Grube auszuheben und den Panther hineinzulocken.

Wären da nur nicht die feindselige andere Jungen-Bande (zeitgerecht Gang genannt) und die Sommerhitze, die den Wald wegen Waldbrandgefahr zu verbotenem Terrain macht … Und immer wieder steht Nico allein dem Panther gegenüber, dem er sich bald nahe fühlt. Heimlich bringt er dem abgemagerten Tier schliesslich sogar Fleisch und zweifelt, ob ihr Vorhaben richtig ist – doch würde der Panther einen kalten Winter nicht überleben. Stark ist, dass der Panther trotz der Verbindung zu dem Jungen stets ein wildes Tier bleibt. Und natürlich, das sei verraten, landet im finalen Showdown zwischen allen Parteien nicht nur der Panther in der Grube.

Schrödl serviert eine klassische, gut gebaute Jungenfreundschaftsgeschichte mit drei unterschiedlichen Jungentypen, die viel Identifikationspotenzial bieten. Ein weniger aufgeblasener Titel wäre dem Buch zu gönnen gewesen.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 3/2022, S. 36

Holly im Himmel
Micha Lewinsky
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2022, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-257-01306-1
Schlagwörter: Tod/Trauer | Abenteuer | Humor/Komik

Holly ist zehn Jahre alt und stirbt schon im dritten Kapitel. Nach einem Streit mit der Mutter rennt sie wütend davon: «Ein Lieferwagen mit der Aufschrift ‹Brot vom Bäcker› fuhr direkt in Holly hinein.» Brutal – Holly ist tot! Einer von vielen Momenten, die wirklich weh tun in diesem Buch. Aber auch neugierig machen: Wie geht Hollys Leben nach dem Tod weiter?

Unheimlich spannend, oft sogar witzig. «Der Himmel war nicht nur gross, er war auch furchtbar schlecht ausgeschildert.» In der riesigen Halle wimmelt es nur so von Menschen und Tieren, alles ist chaotisch und fremd. Da trifft Holly zum Glück Frida, die schon seit hundert Jahren tot ist und sich hier auskennt. Von ihrer neuen Freundin erfährt sie, dass die Engel gefährliche Securityleute in blauen Latzhosen sind; ihr oberster Vorsitzender ist ein Diktator, der die Engelschule geschlossen hat. Damit ist auch Hollys Chance, ihre Familie als Engel wiederzusehen, vernichtet.

So wird aus dem dringenden Wunsch, nach Hause zurückzukehren, eine temporeiche Actionstory; Engel im Widerstand helfen den Mädchen und schleusen sie in den Körpern eines älteren Paares herunter auf die Erde. Grossartig ist, wie Holly und Frida es schaffen, als Fremde von Hollys Familie eingeladen zu werden – ausgerechnet an Weihnachten. Um dann zu erfahren, dass wegen Hollys Tod nicht gefeiert werden soll. «Waswolltihrauslassen?», ruft sie da entgeistert. Und hilft ihrer Familie bei der Bewältigung ihres eigenen Todes.

«Holly im Himmel» ist eine schön-absurde Reise in das Leben nach dem Tod. Der Text des bekannten Drehbuchautors und Regisseurs Micha Lewinsky wird wunderbar ergänzt von den fröhlichen Illustrationen von Lawrence Grimm.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/2022, S. 35

Als die zehnjährige Holly bei einem Unfall stirbt, ist sie noch längst nicht fertig mit dem irdischen Leben. Doch aus dem Himmel, der einer Transithalle gleicht, lässt sich nicht so leicht wieder umkehren. Holly und ihrer neuen Freundin gelingt es trotzdem. In Gestalt eines alten Paares besuchen sie an Heiligabend Hollys Familie, lockern die trübe Stimmung auf und werden auch den bösen Engel-Chef los. Der temporeiche Roman bietet eine unbeschwerte Annäherung an Tod, Trauer und Jenseits.

Via Mare
Anna Weber
Verlag: SJW, Publiziert: 2022, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0359-6
Schlagwörter: Wimmelbuch | Diversität | Reisen

Wie ein Sommertag am Meer aussieht, davon hat wohl jede:r eine eigene Vorstellung. Auf diese innere Bilderwelt setzt die Illustratorin Anna Weber in «Via Mare». Denn in Text und Bild beschränkt sie sich auf das Wesentlichste. Die Kulisse ist mit wenigen Strichen skizziert: Links steht eine Bank, rechts eine Palme, zwei Geraden kennzeichnen die Ufermauer. Weil sie nur mit Linien und Konturen und nicht mit Formen und Flächen arbeitet und viel Weissraum stehen lässt, stechen Details besonders hervor: das Muster einer Handtasche, eine Fahne am Horizont, ein durch ein verrutschtes T-Shirt entblösstes Tattoo.

Nach und nach betreten die unterschiedlichsten Menschen die Szenerie. Eingeführt werden sie nur mit ihrem Vornamen und einem Hinweis. So freut sich Vincent, dass seine Lieblingsbank frei ist, während Marta sich überlegt, ob sie sich endlich ein Smartphone anschaffen soll. Trotz der spärlichen Informationen vermitteln die mit reduzierten Buntstiftstrichen gezeichneten Figuren vielfältige und progressive Rollenbilder, wobei auch marginalisierte Lebensrealitäten nicht ausgeschlossen werden. Da ist ein tätowierter Vater mit Kinderwagen, eine Oma mit Rollator, eine queere Person auf einem Skateboard, ein Mann mit Beinprothese, ein Herumtreiber, ein Teenager, der «keinen Bock auf Menschen» hat.

Obwohl eine dynamische Rahmenhandlung fehlt, kommt rasch Leben in das wachsende Grüppchen. Man fotografiert sich gegenseitig, plaudert miteinander, teilt Früchte. Die Farben, Linien und Muster verflechten sich bald zu einem quirligen Bild, das die Fantasie der Betrachtenden herausfordert. Am Ende stellt sich heraus, dass alle denselben Bus nehmen wollen. Warten kann, so die verspielte Sichtweise der Illustratorin, ein echtes Alltagsabenteuer sein.

Alice Werner
Buch&Maus 1/2023, S. 29

Eine Bank an einer Strasse, eine Palme: Das ist die Kulisse für dieses querformatige SJW-Heft. Bei jedem Blättern taucht eine neue Person auf und wird im Text benannt. Die Figuren, nur mit Farbstiftlinien umrissen, interagieren miteinander und können über die Seiten hinweg verfolgt werden. Doch was tun sie hier eigentlich alle? Das erschliesst sich auf der letzten Seite … Ein etwas anderes Wimmelbuch, das die Menschen in ihrer ganzen bunten Vielfalt zeigt.

Hunde am Werk
Valeria Aloise, Illustration: Margot Tissot
Aus dem Französischen von Bianka Kraus
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2022, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907293-73-7
Schlagwörter: Arbeit

Vierbeiner und ihre Berufe

Insgesamt 32 Hundejobs von wohlbekannt bis ausgefallen stellen Aloise und Tissot auf je einer Doppelseite vor. Hier erfahren die Leser:innen, was Zughunde leisteten oder wer die Weltraumhündin Laika war. Zwischen den grosszügig illustrierten Porträts greifen Übersichtsseiten spezifische Themen in kompakten Texten auf, zum Beispiel die Ausrüstung oder die Lebensphasen eines Arbeitshunds. Ein Buch für Fans von Hunden und von kuriosem Spezialwissen.

Tschäderibumm
Herausgeber:in: Hans ten Doornkaat, Illustration: Elena Knecht
Verlag: Der gesunde Menschenversand, Publiziert: 2022, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03853-126-5
Schlagwörter: Sprachspiel | Schweiz

Mundartgedichte für Kinder

«Tschäderibumm»! Gerade leise kommt die Anthologie mit Mundartgedichten von 45 Autor:innen nicht daher. Laut ist in seiner onomatopoetischen Form nicht nur der Titel, laut sind auch der Einband – vorne tiefblau, hinten gelb und auf dem Rücken knallrot –  und natürlich die Coverillustration von Elena Knecht, auf der aus einer Schachtel unter anderem Emmentaler Käse, Zahnbürste, Auto und Krokodil herausschiessen: «Tschäderibumm!». Eine fröhliche, vielleicht etwas verrückte Sammlung wird hier versprochen, und dieses Versprechen wird eingehalten.

Knapp 200 Verse, Reime, Gedichte, Sentenzen und Sprüche sind in der Anthologie versammelt. Da geht es um Kaugummi und Hausaufgaben, um galoppierende Schnecken, rappende Geister und Albträume und um die Beziehungen zu den Nächsten – vom «Chindsgischatz» bis zu den Grosseltern. Hinter den Texten stehen bekannte Namen aus der Schweizer Kinderliteraturszene, die hier oft ihr Debüt auf Schweizerdeutsch und in gebundener Form geben. Gut vertreten ist die Spoken-Word-Szene – das Buch ist im darauf spezialisierten Luzerner Verlag «Der gesunde Menschenversand» erschienen. Teils sind deren Beiträge Erstveröffentlichungen, vieles ist auch den drei CDs mit Spi Spa Spoken Word für Kinder («Verruckti Tier», «Tomate uf de Ohre», «Flipper Flipperchaschte») entnommen, die in den letzten Jahren eine erfrischend neue Herangehensweise an mündliche Literatur für Kinder zeigten. Leseanimatorinnen sind mit in ihrer Arbeit entstandenen Versen für die Kleinsten vertreten, und schliesslich enthält der Band auch überraschende Namen, die bisher überhaupt nicht in Zusammenhang mit Kinderliteratur auftraten.

Entsprechend bunt ist die Mischung auch im Stil. Die Spoken-Word-Szene schreibt deutlich für die Ohren, hält Rhythmik und Sprachspiel hoch. Stefanie Grob arbeitet sich an Vornamen ab: «Vitus, du bisch fasch chli wiit uss / Das isch viu z wiit uss, Vitus […]», während Manuel Stahlberger auf einer Reise durch die Schweiz «Aargauer Rüebli» mit «Steinacher Chrüegli» reimt. Andere setzen wenige Worte ein, um eine kurze Szene im Kinderalltag zu beschreiben, oft auch in Dialogform (Ueli Ambühl: «Tue doch losä: / Zieh d Undrhosä / eifach aa, / dänn isch si draa»), was wohl vor allem bei lesenden Eltern zu Seufzern der leidvollen Wiedererkennung führen wird. Es werden aber auch ganze Geschichten erzählt (herrlich: jene über den mutlosen Papageientaucher Baldi von Ariane von Graffenried), mit Worten Stimmungen gemalt und Gefühle benannt. Besonders schön sind die Gedichte dort, wo der Bruch mit der Erwartung ganz überraschend kommt, Nicht-Zusammengehörendes durch die Sprache wie selbstverständlich zusammenpasst: «Hinder em Aendi vo der Wält / ischs hüt chalt und grau. / Nach de Gschwellte luegt de Mulwurf / uf sim Grätli Tagesschau», reimt etwa Barbara Schwarz.

«En Elefant vo 2022»

Mit «Tschäderibumm» hat sich Hans ten Doornkaat, der eben für seine Verdienste für das Schweizer Bilderbuch in Olten mit dem Dreitannen-Ehrenpreis ausgezeichnet wurde, selbst ein Geschenk zum 70. Geburtstag gemacht. Im Wissen, dass in manchen Schubladen unveröffentlichte Schätze schlummern, verfasste er einen Aufruf zur Einsendung von neuer Mundartlyrik für Kinder – das vorliegende Buch ist das Resultat davon. Zwar steht der Kinderbuchkenner durch seine Arbeit als Lektor, früher bei Sauerländer und bis heute bei Atlantis, hinter der Entstehung unzähliger Bücher. Bei «Tschäderibumm» ist seine Arbeit jedoch die eines Herausgebers, und er tritt dabei durchaus sichtbar in Erscheinung. Jedes der thematischen Kapitel mit Titeln wie «Alle Tage Alltag» oder «Unsinn ist sinnvoll» ist mit einer kurzen Betrachtung eingeleitet, die sich an die Erwachsenen richtet – assoziativ und aus der Fülle schöpfend, wie man Hans ten Doornkaat kennt.

Kaum jemand hat einen so guten und grossen Überblick über die Schweizer Kinderliteraturgeschichte wie ten Doornkaat, und so ist es auch kein Zufall, dass die Herausgabe von «Tschäderibumm» auf einem historischen Vorbild beruht. 1975 gab Kinderliteraturkritikerin Anna Katharina Ulrich mit «En Elefant vo Äntehuse» eine Sammlung von Mundartgedichten und -geschichten für Kinder heraus, zu der Schreibende wie Hans Manz, Ernst Eggimann oder Regine Schindler Texte beigetragen haben. Diese sind in ihrer radikalen Parteinahme für die Kinder und im Bruch mit den traditionellen «Chindervärsli» einerseits ein deutliches Produkt ihrer Zeit, andererseits haben sie bis heute Relevanz.

Nicht allumfassend, aber anregend

Im Vergleich mit «En Elefant vo Äntehuse», das ein klares Bekenntnis zu einer neuen und anderen Kinderliteratur war und wo die gesellschaftspolitische Komponente in den Gedichten deutlich zum Ausdruck kommt, fällt auf, wie wenige der Beiträge in «Tschäderibumm» sich deutlich in der heutigen Zeit verorten. So ist zu hoffen, dass heutige Kinder eher ratlos sind, wenn «eis ad Ohre» scherzhaft als gängige Bestrafungsmethode behandelt wird. Und auch wenn bei Bänz Friedli das iPhone in der Waschmaschine landet und das Kind sich bei Lorenz Pauli vom Samichlaus ein Handy mit 6-Zoll-Display wünscht: Andere Themen aus dem aktuellen Schweizer Kinderalltag sind untervertreten. Nur Katja Alves thematisiert das Leben in zwei Sprachen berührend im wehmütigen «Ich gang uf Portugal», wo ein Kind mit einem «barcinho us papel» zur «avó» reisen will. Dass Kinderlyrik auch ungeheuer treffend und berührend über das Gefühl von Traurigkeit berichten kann, über abwesende Elternteile, über Verlust und Schmerz, wie Jürg Schubiger das in seinen Gedichten umgesetzt hat – sein posthum veröffentlichtes «Wiegenlied» darf «Tschäderibumm» abschliessen –, das klingt in dieser Sammlung nur in Ausnahmefällen an, die umso deutlicher hervorstechen. Etwa in einem Gedicht von Esther Spinner, in dem das Grosi gestorben ist und dem Kind bewusst wird, dass es nun alleine Träger:in des bisher geteilten Wissens ist, oder in philosophischen Texten wie «mönschlandfarb» von Guy Krneta.

Fast 50 Jahre nach «En Elefant vo Äntehuse» hätte man sich gewünscht, dass mehr Schreibende hier über das Sprachspielerische, Blödlerische, Alltagsbeschreibende hinausgegangen wären. Vielleicht ist dies im Rahmen eines Aufrufs und einer Sammlung schwierig – eingeschickt und geordnet wird, was da ist; was fehlt, kann erst nachher konstatiert werden.

Ein Glücksgriff war da die Wahl der jungen Illustratorin Elena Knecht. Ihre flächigen, aus grafischen Formen zusammengesetzten Illustrationen verbinden jeweils die Texte einer Doppelseite und schrecken vor dem Nonsens nicht zurück, bieten aber genauso ruhige Stimmungen, wenn die Texte es verlangen. Sie lassen das Buch überaus frisch, frech und fröhlich erscheinen und machen es zu einem wertigen Hausbuch.

«Tschäderibumm» ist ein Buch für alle – an manchem werden sich die Erwachsenen beim stillen Lesen freuen, anderes ist für das gemeinsame Sprachspielen, Nachsprechen und Weiterdichten angelegt. Freude am Quatsch und an den kreativen Spielarten der Mundart ist glücklicherweise keine Altersfrage.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/2022, S. 26-27

Neue Gedichte, Verse, Reime und Sprüche in Mundart von 45 Autorinnen und Autoren versammelt diese Anthologie. Eingeteilt in Kapitel wie «Tierisch viele Tiere» oder «Jahrein, jahraus und das grosse Ganze» erzählen sie von Chindsgischätz und Ufzgi, vom Skilager und dem Einschlafen, von riesengrossen Zwergen und verrückten Tieren. Fröhlich, frech, unerwartet und unvernünftig und mit viel Freude am Spiel mit Klang und Inhalt. Die knallig verrückten Illustrationen halten die Texte zusammen und machen das Buch zu einem Hausbuch für alle Generationen.

Die wundersame Reise der Beatryce
Kate DiCamillo
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn.
Verlag: dtv, Publiziert: 2022, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76400-1
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Abenteuer | Lesen

Zu einer Zeit, als das Erzählen von Geschichten verboten war und Mädchen weder lesen noch schreiben durften, liess eine stolze Edelfrau ihre Tochter die Kunst der Buchstaben erlernen und überhaupt alles, was das Kind in seinem Wissensdurst erfahren wollte.

Davon wissen wir zu Beginn von «Die wundersame Reise der Beatryce» noch nichts. An der Seite eines Mönchs, der die Bilder und Lettern in der Chronik des Trauerns mit Licht erfüllt, finden wir ein kleines Mädchen ohne Erinnerung, und schmunzeln über eine eigensinnige Ziege, die keinen Zweifel daran lässt, dass ihr dieses Mädchen wichtig ist. Wir erleben die Verwandlung dieses Mädchens in einen viel zu kleinen Mönch mit kahl geschorenem Kopf. Wir bangen mit den Mönchen vor den Spähern des Königs und freuen uns über den Mut eines Waisenjungen, der sich mutig an Beatryces Seite stellt. Immer mehr Puzzleteile fügen sich zusammen, und über allen steht die Prophezeiung, dass ein Mädchen kommen werde, um den König zu stürzen und grosse Veränderung zu bringen. Alles deutet darauf hin, dass Beatryce dieses Mädchen ist – aber kann sie es allein an der Seite einer Ziege, eines Waisenjungen, eines ängstlichen Mönchs und eines Köngs, der keiner mehr sein will, wirklich bis in den Palast schaffen?

Erneut bereichert Kate DiCamillo die Bücherwelt mit einer Geschichte, die ihresgleichen sucht. In poetischer Sprache und durchdrungen von weiteren Märchen, wird hier von grossen Schicksalen erzählt – und von der grössten Macht, die alle Wunder dieser Welt ermöglicht: der Liebe. Zauberhaft, grandios übersetzt und genau so, wie ein wahres Märchen sein muss.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/2022, S. 35

Eine dämonenhafte Ziege, ein Waisenjunge, ein Mönch, ein entlaufener König und ein verkleidetes Mädchen, das mehr kann, als es dürfte: Diese bunte Truppe findet in diesem Abenteuer, das in einer anderen Zeit spielt, zusammen und lässt eine alte Prophezeiung wahr werden. Märchenhaft und poetisch wird eine Geschichte erzählt über die Macht des Lesens und Wissens und über die Liebe, die stärker ist als das Schwert.

Gangster müssen clever sein
Kirsten Boie
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2022, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0003-5
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Bei der Millionärsfamilie Ranzmeier wurde eingebrochen! Valentin, Mesut und Jamie-Lee machen sich auf Spurensuche, verstecken dabei ein alterndes One-Hit-Wonder im Schrebergarten und werden um ein Haar noch selbst entführt. Abwechselnd aus zwei Perspektiven erzählt, wird hier beste Kinderkrimi-Unterhaltung geboten, wobei auf witzige, aber nie respektlose Art die verschiedenen Lebensweisen und sozialen Unterschiede in einer Grossstadt eingeflochten werden.

Auseinander
Bette Westera, Illustration: Sylvia Weve
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Susanne Rieder, Publiziert: 2022, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948410-45-2
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Von der ersten Verliebtheit über ständige Querelen bis zur Trennung und neuen Familienkonstellationen. Dieser grossformatige Lyrikband setzt in Wort und Bild in Szene, was Kinder beschäftigt, wenn es zwischen den Eltern nicht mehr läuft. Bette Westera hat einen wunderbar leichten und einfühlsamen Ton für ein schwieriges Thema gefunden und Sylvia Weve dieses gestalterisch kongenial inszeniert. Gedichte, die trösten können, zum Lachen bringen und nicht nur Trennungskinder bewegen.

Ferien im Haus am Fluss
Eva Roth
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2022, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-5970-7
Schlagwörter: Fantasie | Generationen | Natur

«Wenn Papa und Mama sie einfach hier abstellen, müssen sie damit rechnen, dass sie in einem schwarzen Loch verschwindet», denkt Fanny, als sie am ersten Ferienmorgen im muffigen Haus des Grossvaters eine lange Treppe auftut, die tief hinab ins Erdreich führt. Hinter einer Türe trifft das Mädchen auf eine illustre Gesellschaft – eine fette Kröte, einen Schwan mit Lampe auf dem Kopf, ein Kartoffelmännchen namens Herr Döpfel, 29 geschwätzige, aber äusserst soziale Asseln und eine Staubmaus.

Sie alle haben sich im Kellerloch eingerichtet, weil sie sich dort sicherer fühlen. Aber jetzt ist gar nichts mehr gut, denn Lelalulah, die Tochter der Kröte, ist verschwunden. Ohne sie gibt es keine Geschichten mehr über das Leben an der freien Luft und die Gefahren, die dort lauern. Und nur über Geschichten, sind die Kellerlinge überzeugt, finden sie Lelalulah wieder. So schlüpft Fanny in die Rolle der vermissten Kröte. Bald schon können die Zuhörenden nicht mehr unterscheiden, ob ihre Erzählungen der Fantasie entspringen oder von ihnen selbst, dem Grossvater und dessen riesenhafter Lebensgefährtin handeln. Mit Geduld, Empathie und Geschichtenlist führt das Mädchen die lichtscheue Gruppe ans Tageslicht und lässt sie nicht nur Lelalulah finden, sondern auch ihr je eigenes Glück.

Die Zürcher Autorin Eva Roth erzählt in ihrem zweiten Kinderroman voller Wort- und Situationskomik von Freundschaft und Fürsorge, von Sehnsucht und Vorurteilen und von einem unerschrockenen und zupackenden Mädchen. Vor allem aber geht es in diesem Buch um die Macht von Geschichten. Zum Vorlesen und Selberlesen ab Ende Unterstufe.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/2022, S. 34

Als Fanny bei ihrem Opa die Kellerluke hinuntersteigt, trifft sie auf wunderliche Gestalten: eine Kröte, einen Schwan, die Kartoffel Herr Döpfel und 29 Kellerasseln. Sie vermissen ihre Freundin Lelalulah, die ihnen Geschichten vom Leben «oben» erzählt hat. Fanny übernimmt und tastet sich erzählend an den Verbleib von Lelalulah heran. Eine feine Erzählung über Spiel und Fantasie und das Glück, für das man auch mal über seinen Schatten springen muss.

Fuchs und Ferkel – Torte auf Rezept
Bjørn F. Rørvik, Illustration: Claudia Weikert
Aus dem Norwegischen von Meike Blatzheim
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2022, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-266-4
Schlagwörter: Spiel

Fuchs und Ferkel spielen «Tökterlis». Danach ist eine Stärkung angesagt. Fuchs versieht Ferkel am ganzen Körper mit roten Punkten und schickt es mit einem Rezept zur Heilung der gefährlichen Pünktchenkrankheit zur Kuh. Gefragt sind: «Zwei Liter Limonade und vier Schokoküsse, viermal täglich». In Text und Bild wird hier in diesem Vorlesebuch auf köstliche Weise erzählt, wie zwei listige Freunde ihr Spiel versüssen und dabei nicht nur dümmliche Kühe an der Nase herumführen.

Als der Krieg nach Rondo kam
Romana Romanyschyn, Illustration: Andrij Lessiw 
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2022, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6203-2
Schlagwörter: Krieg

Eine Doppelseite ohne Text zeigt zu Beginn den Stadtplan der wundervollen Stadt Rondo, geprägt von Wegen, runden Gebäuden und dem singenden Gewächshaus, der Attraktion der Stadt. Doch die friedliche Szenerie wird durch den Krieg jäh zerstört. Für die empfindsamen Einwohner:innen Rondos beginnt eine dramatische Zeit. Der Stadtplan sieht durch die Zerstörungen radikal anders aus. Die zerbrechliche Glühbirne Danko, der pinke Luftballonhund Fabian und der Papiervogel Sirka finden endlich Möglichkeiten, dem Krieg entgegenzutreten. Eine grosse Lichtmaschine verbreitet Hoffnung und setzt ein starkes Zeichen.

Das schwierige Thema Krieg in so eindrückliche Bilder umzusetzen, ist grosse Kunst. Dunkelheit, Panzer und das Wort Krieg in dicken schwarzen Lettern genügen, um die Bedrohung spürbar zu machen. Souverän arbeitet Romana Romanyschyn in Mischtechnik mit hellen und dunklen Farben, Collagen und kleinen Vignetten. Sie schafft so starke Gegensätze und transportiert die Atmosphäre des Lebens in Frieden und im Krieg intensiv. Dabei nimmt auch die Typografie eine bedeutende Funktion ein; das Umblättern, als der Krieg kommt, könnte nicht kontrastreicher sein und bleibt im Gedächtnis haften. Das Künstlerpaar entwickelt die Buchideen zusammen, teilt sich dann aber die Aufgaben. Dass dies hervorragend funktioniert, belegen internationale Preise und Übersetzungen in viele Sprachen. Im Original bereits 2015 unter dem Eindruck des Donbas-Krieges erschienen, ist das Werk nun, angesichts des Ukraine-Kriegs, aktueller denn je und ermöglicht es, mit Kindern ins Gespräch zu kommen über das Unsägliche, die Kriege in aller Welt. Denn Rondo könnte überall sein.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/22, S. 32

Weit herum ist die schöne Stadt Rondo für ihre Blumen bekannt, die sogar singen können. Doch dann kommt der Krieg nach Rondo, schwarz und schrecklich, und zerstört alles. Drei verletzliche Figuren, eine Glühbirne, ein Ballonhund und ein Papiervogel stellen sich ihm mit Licht und Musik entgegen, mit dem, was das Leben lebenswert macht. Da beginnen die Blumen wieder zu wachsen, doch die Erinnerung an den Krieg bleibt bestehen. Eine eindrückliche Bilderbuchparabel aus der Ukraine.

Der kleine Holzroboter und die Baumstumpfprinzessin
Tom Gauld
Aus dem Englischen von Jörg Mühle
Verlag: Moritz, Publiziert: 2022, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-430-5
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Humor/Komik | Geschwister

Ein kinderloses Königspaar, ein wenig Magie und Erfinderkunst und zwei Kinder aus Holz, die einander von Herzen zugetan sind – so beginnt Tom Gaulds Märchen von dem kleinen Holzroboter und der Baumstumpfprinzessin. Doch weil Märchen selten ein so frühzeitiges glückliches Ende vergönnt ist, passiert auch hier ein Unglück, das den kleinen Holzroboter von zu Hause aufbrechen lässt, um seine Schwester aus ihrer traurigen Form als blosser Holzklotz zu retten.

Tom Gauld, als Cartoonist etwa für «The Guardian» nicht zuletzt für seine bibliophilen Strips bekannt, ist mit seinem Bilderbuch ein Märchenschatz gelungen, der zu Herzen geht. Er verbindet in seinen klaren, holzschnittartigen Illustrationen Elemente aus alten Märchenbüchern und Comic und teilt die Seiten in verschiedene Panels auf, die den Text im Bild lebendig machen. Doch hier faszinieren nicht nur die erzählten Abenteuer, sondern auch die zwölf nicht erzählten, die Gauld (ähnlich wie in früheren Cartoons) nur mit je einem Bild und einer Legende andeutet und die vom Lesepublikum selbst mit Inhalt gefüllt werden müssen. Das Abenteuer folgt der Struktur der klassischen Heldensuche und hängt in seinem Gelingen sowohl vom Mut des kleinen Holzroboters als auch von der Tapferkeit der Baumstumpfprinzessin ab. Was die Geschwister eint, ist ihre Liebe zueinander und ihr Wunsch, gemeinsam wieder nach Hause zurückzukehren. Gauld erzählt mit nur wenig Text eine spannende und anrührende Geschichte, deren glückliches Ende nicht zuletzt auf Käferkraft und dem handwerklichen Geschick einer Hexe basiert, und schafft so ein wunderbares Lese- und Schauvergnügen.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/22, S. 31

 

In seinem ersten Bilderbuch erzählt der bekannte Cartoonist Tom Gauld in seinem typischen Stil ein zauberhaftes Märchen über zwei tapfere Königskinder. Weil die Prinzessin sich jede Nacht in einen Baumstumpf verwandelt, wirft die Zofe sie versehentlich aus dem Fenster. So muss der kleine Holzroboter viele Abenteuer bestehen, um seine Schwester zu finden. Auf dem Heimweg werden die Rollen vertauscht: Die Schwester bringt, auf nicht weniger erlebnisreichen Wegen, den Bruder heim.

Kati will Grossvater werden
Signe Viška, Illustration: Elina Braslina
Aus dem Estnischen von Signe Viška
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0847-3
Schlagwörter: Generationen

Auf den ersten Blick klingt die Idee der kleinen Kati, ein alter Mensch werden zu wollen, wenig naheliegend. Kati aber kennt mindestens zwei richtig gute Gründe für ihren Wunsch: «Grossväter haben immer Zitronenbonbons in der Tasche» und sie «haben es nie und nimmer eilig». Zeit haben und gemeinsam unvernünftig sein: Genau das schweisst Enkelkinder und Grosseltern zusammen. So weit, so bekannt. Aber Kati hat ein radikales Vorhaben: Sie will gleich selbst ein Grossvater werden. Um nicht zu denen zu gehören, die – wie im Buch auf einer ganzen Doppelseite vielgesichtig ausgemalt – nun die «Augenbrauen zu haarigen Fragezeichen» zusammenzuziehen, sollte man besser schnell umblättern. Denn so lässt sich weiterverfolgen, wie Kati ihren Wunsch spielerisch umsetzt.

Die Erzählsprache und der Illustrationsstil des lettischen Bilderbuchs bieten vielfältig Anlass, sich auch als Leser:in und Zuhörer:in auf den ganz und gar verspielten Modus einzulassen. Schon die wenigen zitierten Kostproben zeigen, wie poetisch die Sprachbilder sind, etwa «die Tage vor sich herschieben, wie es ihnen gefällt». Solche Formulierungen modulieren unsere Vorstellungswelt, man kann sich ihnen anvertrauen, um sich von expressiven, grossformatigen Bildern und deren wilder Strichführung weitertreiben zu lassen. Denn hier vermögen selbst die Konturen die Binnengestaltung nicht im Zaum zu halten und sprengen skizzenhaft alle Grenzen.

Mal gemeinsam, mal getrennt inszenieren Bild und Text die sich aus einzelnen Szenen zusammensetzende Geschichte eines Nachmittags zu zweit, an dessen Ende zwei Grossväter am Tisch sitzen und zusammen Milch trinken, was bekanntermassen zu den schönsten Grossvaterdingen zählt.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/22, S. 30

 

Die kleine Kati hat beschlossen, Grossvater zu werden. So verrückt das klingen mag, so zielstrebig setzt Kati ihr Vorhaben um. Voller Elan bastelt sie eine Grossvater-Montur: weiter Mantel, übergrosse Handschuhe und auf die Mütze geklebte Watte für die weissen Haare. So lassen sich noch inniger einen ganzen Nachmittag lang die schönsten «Grossvaterdinge» tun, etwa gemütlich Kakao trinken. Ein herzerwärmendes Buch über die besondere Beziehung zwischen Grossvater und Grosskind.

Spinne spielt Klavier
Benjamin Gottwald
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2022, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-52222-1
Schlagwörter: Humor/Komik | Kreativität

Geräusche zum Mitmachen

Geräusche zum Mitmachen, wie hat man sich das denn vorzustellen? Soundbücher gibt es ja zuhauf, mitunter in schlechter Tonqualität. Aber Benjamin Gottwald setzt ganz auf die Mitmachfreude der Kinder. Möglichkeiten und Anregungen gibt es in seinem Konzeptbilderbuch reichlich. Dabei hat man schon einiges ausprobiert, bis man zur titelgebenden «Spinne am Klavier» geblättert hat.

80 Doppelseiten in einem plakativen Illustrationsstil mit kräftigen Farben zeigen in reizvoller Weise Kombinationen und Gegenüberstellungen wie Vulkan und Wasserfall. Ihre reduzierte Farbpalette hält die vielen verschiedenen Szenen dabei rein visuell geschickt zusammen. Mit von der Partie sind Naturgeräusche, musikalische Szenen oder Tierlaute. Viel Power und Energie springt da förmlich aus den Seiten, und je nach dem, wie viele das Spiel gemeinsam spielen, wird es laut und lebendig. «Hatschi» für ein kräftiges Niesen ist leicht zu vertonen, auch ein herzhaftes Gähnen – aber wie hört es sich eigentlich an, wenn ein Stein über den See springt oder wenn man mit dem Fuss auf einen stacheligen Igel tritt? Da sind Fantasie und Ausprobieren gefragt.

Inspiration für das bereits mit dem Hamburger Bilderbuchpreis 2021 gewürdigte Werk holte sich Gottwald bei den Bilderbüchern «Jahreszeiten» und «Leute» von Blexbolex. Doch er wollte Geräusche sammeln und durch Bewegung im Bild darstellen – Linien, expressive Mimik oder etliche Staubwolken wie beim flitzenden Tausendfüssler. Nur die letzte Anregung – das Geräusch, das entsteht, wenn man ein Buch zuklappt – kann man mit mit dem Buch selbst machen. Eine reiche Fundgrube, die hervorragend für mehrere Kinder geeignet ist und Mitmachspass garantiert.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/22, S. 30

Es zischt und pfeift, brummt und gurgelt aus diesem Buch, das ohne Text auskommt und doch kein bisschen stumm ist. Pro Seite bzw. Doppelseite zeigt es einzelne Momente und überraschende Bildpaare, vorwiegend aus dem Alltag, die bei den Leser:innen unmittelbar ein Geräusch hörbar machen: eine Waschmaschine im Schleudergang, einen Wasserfall, Feuerwerk, aber auch einen Elefanten, der die Treppe herunterpurzelt. Unweigerlich kommt man ins Mitmachen und Tönen. Ein Hörbuch, das in jedem Alter grossen Spass macht.

Stolpertage
Josefine Sonneson
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2022, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58462-5
Schlagwörter: Pubertät | Familie/Familienformen | Geschwister

Die 13-jährige Jette ist etwas ratlos – seit der Trennung ihrer Eltern hat sich ihr Leben schon verändert, und weitere Veränderungen stehen an, von denen sie nicht so recht weiss, was sie davon halten soll. Schon gar nicht will sie sich mit dem Umzug beschäftigen, den ihre Mutter geplant hat. Zwar bleibt die Familie in der Stadt, aber Jette fühlt sich trotzdem überfordert, vielleicht weil der Umzug die bevorstehenden Änderungen zementiert: Die Mutter hat einen neuen Freund, die Schwester steckt mitten in den Abiturprüfungen, der Opa wird immer dementer. Kein Wunder fühlt sich Jette etwas entwurzelt: «Ich fühle mich wie ausgespuckt. Irgendwie herumgewirbelt, vom Küchentischgespräch (…) hierher und Papa ist nicht da und das ist ja nicht Neues, aber trotzdem.»

In ihrem fein gesponnenen Erstlingsroman lässt uns die junge deutsche Autorin am Gedankenkarussell ihrer Protagonistin über wenige Wochen teilhaben, von der Umzugsnachricht bis zum Umzug. Dabei ist in Jettes Leben nichts furchtbar, aber eben alles nicht ganz richtig. Jette beobachtet sich und ihre Umwelt äusserst detailliert und neigt darum oft zum Schweigen. Dennoch ist sie keine passive Figur, immer wieder macht sie einen Schritt auf andere zu, etwa wenn sie nach einigem Hinauszögern doch den Opa besucht. Nach dessen Tod öffnet sie sich endlich einer neuen alten Freundin ein bisschen, und diese zeigt ihr, mit welchem coolem Trick sie die «Kreisel im Hirn» mal anhält. Aber da hat Jette ihren eigenen Weg, mit den Dingen umzugehen, eigentlich schon gefunden. Etwas befremdlich bleibt nur, dass Jette ihre grosse Schwester Emma, ihre wichtigste Bezugsperson, stets nur «die Schwester» nennt. «Stolpertage» zeigt einfühlsam, dass man ungewollten Veränderungen manchmal Gutes abgewinnen kann und muss.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 3/2022, S. 37

Auf der Tonnenseite des Lebens
Antje Leser
Verlag: Magellan, Publiziert: 2022, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-5062-2
Schlagwörter: Armut | Umweltschutz/Klima | Medien

Antje Leser hat in «Auf der Tonnenseite des Lebens» das Containern, auch als «Dumps-ter Diving» bezeichnet, in den Mittelpunkt ihrer Geschichte gestellt. Joel wird von Merle, die in das gleiche Haus einzieht, für ihren Nachhaltigkeitsblog «Mit Fairgnügen» eingespannt und kommt so in Kontakt mit dem Phänomen des Containerns. Was zunächst als Abenteuer beginnt und die Klickzahlen für Merles Blog in die Höhe treiben soll, wird für Joel jedoch zunehmend zu einer ernsten Angelegenheit. Er lernt echte Dumpster-Diver kennen, die nicht (nur) aus Nachhaltigkeitsgründen Container nach Essbaren durchsuchen, sondern aus einer echten Notlage heraus, da sie oder ihre Familien durch Krankheit, Bankrott oder Kündigung plötzlich in die Armut gerutscht sind und nun ums Überleben kämpfen.

Neben der Kritik am Umgang mit Social-Media-Kanälen, deren aktive Nutzer:innen mehr Schein als Sein verbreiten und ihre Follower so über die Wirklichkeit täuschen können, greift Leser in ihrem sozialkritischen, vielschichtig-komplexen, dabei aber nachvollziehbar konstruierten Roman weitere Themen auf, die sie geschickt miteinander verbindet. Die Lebensmittelverschwendung in einer konsumorientierten und von Social-Media beeinflussten Wegwerfgesellschaft wird verbunden mit dem Problem, dass es immer wieder Menschen gibt, die keine oder kaum staatliche Unterstützung bekommen und auf die Lebensmittel angewiesen sind, die andere Menschen wegwerfen. Um ihren Leser:innen dieses insgesamt komplexe Konstrukt nahezubringen, formt die Autorin Figuren, mit denen sich die Leser:innen identifizieren können. Dadurch kann sich gewiss ein Bewusstsein für real gelebte Nachhaltigkeit entwickeln.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/2022, S. 37

Hannas Regen
Susan Kreller
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2022, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58475-5
Schlagwörter: Freundschaft | Rätsel | Gefühle

Im Schreiben von Susan Kreller kommen zwei Qualitäten zusammen. Einerseits ihre bildmächtige Sprache, die immer nach neuen Wegen sucht, etwas so auszudrü-cken, wie man es noch nie gelesen hat. Andererseits die Achtung vor der Komplexität der jugendlichen Seele, die sie eindringlich und überzeugend darstellt. In «Hannas Regen» experimentiert sie mit einer Leerstelle. Denn die titelgebende Figur ist nicht die Erzählerin, dennoch dreht sich in der Geschichte, vor allem aber in den Gedanken der Erzählerin Josefin alles um sie. Gerade, weil sie kaum greifbar ist: «Hanna taucht nicht in meinem Leben auf. Sie taucht von Anfang an unter.»

Hanna ist nicht die, die sie vorgibt zu sein. Und sie scheint sich nach dem zu sehnen, was Josefin so über ist: eine Familie, in der die Mutter an «internationalen Abenden» erfolglos neue Kochrezepte ausprobiert, in der der Vater sich am Telefon mit erfundenen Namen meldet, die Oma Crema Spezial mit Würfelzu-cker trinkt. Wer ist Hanna eigentlich und wieso muss sie sich verstecken?

Josefin läuft mit gesenktem Blick durch die Schulflure. «Ich gucke sie nicht an, weil ich nicht sehen will, wie sie mich nicht angucken.» Sie, die denkt, sie werde nicht gesehen, wird von Hanna zum sichtbaren Wesen erklärt. Denn Hanna, die nicht gesehen werden darf, wünscht sich nichts mehr, als gesehen zu werden. Sie bekommt ihren Wunsch am Ende nicht erfüllt. Josefin fühlt sich von ihrer Freundin betrogen, als sie sie wieder verliert. Die Leser:innen wissen: Vielmehr wurde hier ein Kind von allen Erwachsenen enttäuscht und betrogen. Aber das liegt nicht in der Verantwortung von Josefin – und deren Perspektive wird konsequent durchgezogen, und ihre Gefühle, ihr Blick auf Hanna stehen in diesem Jugendroman kompromisslos im Fokus.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/2022, S. 37

Hanna läuft durch den Regen, als würde sie sich darin verstecken. Sie legt ihren Kopf in der Schule auf ein altes Buch und reagiert kaum auf ihren Namen. Wer ist Hanna? Aus der Sicht ihrer Sitznachbarin und bald Freundin Josefin wird von der Annäherung an ein Mädchen erzählt, das nicht gesehen werden soll – und sich doch so sehr nach dem Gesehen-Werden zu sehnen scheint. Erneut besticht Susan Kreller mit ihrer Sprache, die eindringliche Bilder für Stimmungen und jugendliche Gefühle findet.

Bloss nicht den Kopf verlieren!
Sergio Dudli
Verlag: dtv, Publiziert: 2022, Seiten: 365, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76374-5
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror | Rätsel | Fabelwesen

Das Horror- und Gruselgenre ist in den letzten Jahren mainstreamtauglich geworden; das schlägt sich auch in der Kinder- und Jugendliteratur nieder, zum Beispiel in «Creepy Chronicles», dem Debüt des Schweizer Autors Sergio Dudli. Dass dieser laut Klappentext nicht gerne Horrorfilme schaut, ist schwer zu glauben, zieht er doch schon im ersten Kapitel seiner Monsterjäger-Reihe alle Register: Am klassischen Schauplatz einer verlassenen Kirche hausen die grausigen Monster, die ohne Federlesens brutal zu töten sind. Aufgelockert wird die Gewaltorgie von der Erzählstimme Padraigs – als cooler Monsterjäger gehören solche Szenen für ihn zum Arbeitsalltag, den er mit flapsigen Sprüchen kommentiert. Dennoch geht dieser Einsatz gründlich schief: Padraigs Vater verschwindet in einer Explosion. Einziger Hinweis auf sein Schicksal ist eine rätselhafte Sigille (ein Zauberzeichen).
Auf der Suche nach weiteren Hinweisen stösst Padraig auf den Blog «Creepy Chronicles» und dessen Verfasser Brandon, die zweite Erzählstimme. Brandon ist zwar Monsterfan, hat aber keine Ahnung von der wahren Monsterwelt. Padraig kommt gerade rechtzeitig, geschieht in Brandons Dorf doch Seltsames. Die Schnitzeljagd nach dem sehr bösen, sehr ekligen Monster, das dahintersteckt, ist damit eröffnet – und wirft nebenbei Indizien auf grössere Geheimnisse ab. Dritte im Team ist die rätselhafte Hannah, die kleine Hörner besitzt, «Spuren» von Gefühlen lesen kann und eine noch unbekannte Macht zu haben scheint.

Dudli entwirft eigene schaurig-groteske Monsterarten (die Zapfs Bilder vorstellbar machen), baut gewieft Angstszenarien auf und bietet ein actionreiches Leseerlebnis, das nichts für zarte Gemüter ist. Band 2 ist bereits erschienen.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 3/2022, S. 38

In diesem Genrestück wird in Schottland zur Jagd auf Monster geblasen, die mit Fantasie und Lust am Grausigen erdacht sind. Gewalt und Action werden mit Humor aufgefangen, sind doch die beiden Ich-Erzähler auf ihre je eigene Art zwei coole Socken: Padraig ist das Monsterjagen in die Wiege gelegt, während Pfarrerssohn Brandon zwar einen Monsterblog betreibt, aber keine Ahnung von wahren Monstern hat. In seinem Erstling zieht Dudli alle Register und bringt die Klaviatur des Horrors zum Klingen.

Nächte im Tunnel
Anna Woltz
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2022, Seiten: 222, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58474-8
Schlagwörter: Historisches | Krieg | Freundschaft

London 1940: Acht Monate lang lässt Hitler Nacht für Nacht Bomben auf die britische Hauptstadt regnen. Weil Luftschutzkeller fehlen, stürmen die Menschen die U-Bahn, schlafen «wie magere Sardinen in einer kolossalen Büchse (…) auf dem Boden». Anna Woltz’ Roman war geschrieben, bevor der Ukraine-Krieg begann, der diese Bilder nun aus ihrer Historizität löst.

«Nächte im Tunnel» erzählt von vier Jugendlichen, die der Zweite Weltkrieg zufällig zusammenführt: Ich-Erzählerin Ella (14) humpelt nach einer Polio-Erkrankung «halb kaputt», «mager und schief» durchs Leben. Aus Angst, sie könne zu atmen vergessen, schläft ihr Bruder Robbie (9) jede Nacht neben ihr. Quinn (15) ist aus gutem Hause. Selbstbewusst, abenteuerlustig und freiheitsliebend, ist sie von zu Hause weggelaufen, um Wichtigeres zu tun: «Ein Filmstar in Männerhosen, auf dem Weg, Krankenschwester zu werden.» Halbwaise Jay (16) hat kein Zuhause mehr, er plündert ausgebombte Häuser, um zu überleben. In einem halbfertigen U-Bahn-Tunnel verbringen die vier die Nächte miteinander, teilen Ängste und Nöte, kommen sich näher und fassen Vertrauen.

Einfühlend und authentisch fängt Woltz die Lebensumstände der Zeit ein, sie zeichnet ihre Figuren mit viel Wärme und Sympathie. Der Roman ist kein his-torisches Jugendbuch im klassischen Sinn: Mehr als alle intensiv recherchierten historischen Details stehen die Beziehungen der Jugendlichen zueinander im Fokus, ihre Wünsche und Träume, und was der Krieg damit macht: Ella, Robbie, Quinn und Jay möchten – wie heutige Jugendliche auch – gesehen, gehört und geliebt werden, eine Zukunft haben. Das macht ihre Geschichte zeitlos und Woltz’ Roman so besonders.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/2022, S. 38

Henny & Ponger
Nils Mohl
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2022, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-182-5
Schlagwörter: Weltall | Liebe | Abschied

Am Anfang steht eine Alltagssituation. Ponger ist auf dem Heimweg von seiner Arbeit; der Jugendliche repariert in einer Werkstatt alte Flipperkästen. In der Hamburger U-Bahn fällt ihm ein Mädchen in einem gelben Regenmantel auf, das John Greens Jugendroman «Margos Spuren» liest – einer von mehreren Verweisen auf Werke aus Literatur, Film und Musik im Roman des Hamburger Autors Nils Mohl.

Ponger ist fasziniert von Henny, wie er das Mädchen insgeheim nennt: «Um sie herum erscheint der Raum silbern von ihrer Anwesenheit. Beruhigend und beunruhigend, beides gleichzeitig.» Jäh reisst die U-Bahn einen Stopp – kurz nachdem Henny Ponger ein Handy zugesteckt hat, auf das sie ihn anrufen wird. Damit beginnt für Ponger eine seltsame Zeit. Männer der Behörde für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe verfolgen Henny. Sie wiederum bittet Ponger, ein kurioses Steuerelement zu reparieren, das für sie lebenswichtig ist. Die Reise führt bis auf die Nordseeinsel Amrum, und irgendwann realisiert man als Leser:in zusammen mit Ponger, woher Henny stammt. Pongers Herkunft erweist sich als ebenso mysteriös.

«Henny & Ponger» ist zugleich Science-Fiction und Road-Movie, über allem steht aber eine universelle Liebesgeschichte. Trotz des fantastischen Einschlags sind die Gefühle der Jugendlichen von dieser Welt. Mohl schreibt knapp, direkt und zeigt auch hier sein Flair für poetische, rhythmische Sprache. Er findet eigene Bilder für Stimmungen und beobachtet genau die Empfindungen seiner Figuren, etwa beim ersten Kuss: «Das Geschehen lässt sich nicht mehr steuern. / Alles dunkel. / Ponger erfasst ein befreiender Schwindel. / Für Momente. / Für Zeit und Ewigkeit. / Für die Dauer des Wimpernschlags dazwischen.»

Andrea Lüthi
Buch&Maus 3/2022, S. 38

Mechaniker-Lehrling Ponger trifft in der U-Bahn ein Mädchen, das das gleiche Buch liest wie er. Ab sofort wird er Henny, wie er sie nennt, nicht mehr los. Ein Ausflug nach Amrum, eine alte Dame in einem Buick, Sicherheitspolizisten in weissen Schutzanzügen und eine Liebesgeschichte, die nicht von dieser Welt ist, sind weitere Bestandteile dieses verrückten und sehr literarischen Romans über das Sich-fremd-Fühlen, der mit ungewöhnlichen Settings und Charakteren trumpft.

Einfach nur Paul
Tania Witte
Verlag: Arena, Publiziert: 2022, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-60684-2
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Erwachsenwerden | Liebe

Schon bevor die Geschichte richtig anfängt, beschreibt sich Paul, der 16-jährige Ich-Erzähler, als gespalten: Da ist der «äussere Paul», den seine beste Freundin Ru nennt und der als Sänger der Schulband ein bisschen der Rockstar im Schulhaus ist, und da ist der «innere Paul», der nur in der Band ist, um mit seiner besten Freundin Amira Zeit zu verbringen. Dazu kommt der Stress mit dem strengen Vater, der Nagellack und Band seines Sohnes skeptisch sieht. Dann enthüllt ein Bluttest zufällig, dass Paul nicht der Sohn seiner Eltern sein kann – anders, als er erst denkt, ist nicht sein Vater angeheiratet, sondern die Mutter. Pauls Welt scheint plötzlich Kopf zu stehen. Trotz allen Fragen und Unsicherheiten ist Paul im Grunde klar, dass seine Stiefmutter seine Mutter bleibt; ebenso bleibt die Beziehung zu seiner jüngeren Schwester Linn innig. Dennoch muss er seine biologische Mutter, K., finden und von ihr erfahren, warum sie ihn beim Vater gelassen hat.

Das verschränkt sich mit der Erkenntnis, dass er auch sonst reinen Tisch machen muss: mit Amira, die als asexuell-aromantischer Mensch seine Liebe nie auf dieselbe Weise erwidern wird, mit der Band, als deren Sänger er sich deplatziert fühlt, weil er lieber DJ wäre. Und dann steht er endlich K gegenüber und erlebt eine ziemliche Überraschung.

Das Thema des Kindes, das nach der Enthüllung seiner Adoption Selbst und Leben neu verorten muss, ist im Coming-of-Age-Roman durchaus frequentiert. «Einfach nur Paul» punktet vor allem mit einer frischen, gut rhythmisierten Erzählweise - zwischen den Kapiteln stehen die Briefe, die K. Paul zu jedem Geburtstag geschrieben hat - und authenthischen Charakteren, die trotz «Drama» geerdet bleiben und die zeitgemässe Toleranzbotschaft für die jugendlichen Leser:innen verkörpern.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 3/2022, S. 39

All die Farben, die ich dir versprach
Zoulfa Katouh
Aus dem Englischen von Rasha Khayat.
Verlag: Dressler, Publiziert: 2022, Seiten: 399, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7513-0047-6
Schlagwörter: Krieg | Migration | Liebe

Die 18-jährige Salama musste ihr unbeschwertes Studentinnenleben jäh aufgeben. Ohne abgeschlossene Ausbildung operiert sie im Krankenhaus der belagerten syrischen Stadt Homs Tag für Tag Granatensplitter aus Kinderbäuchen, verwaltet die stets knappen Medikamente und muss sofort reagieren, wenn eine Menschenmenge Dutzende Opfer eines Anschlags hereinträgt.
Die junge syrischstämmige Autorin Zoulfa Katouh, die heute in der Schweiz studiert, verhandelt in ihrem Debüt einerseits das moralische Dilemma, dem sich Salama gegenübersieht: Darf sie fliehen – auch im Wissen um ihre höchst bedeutungsvolle Arbeit für die notleidende Bevölkerung? Und ist die Antwort eine andere, wenn mit der Flucht auch die Leben geliebter Familienmitglieder gerettet werden könnten? Mittels eines hier nicht verratenen erzählerischen Mittels wird deutlich, wie diese Fragen und die enorm herausfordernde Situation im Krankenhaus an Salamas Psyche zehren. Dabei schreibt Katouh klar im Genre der angloamerikanischen Young-Adult-Novels und lässt ihre Protagonistin eine – durchaus kitschige – Liebesgeschichte mit Kenan erleben, der die Proteste auf Youtube dokumentiert. Gemeinsam träumen die zwei Studio-Ghibli-Fans von einer Zukunft in der Animationsfilmbranche, während sie über die ausgebombte Stadt schauen.
Salama ist eine junge Frau mit Träumen und Interessen, wie sie viele in der Welt hegen, das macht sie nahbar und ihre Not umso greifbarer. Dass am Ende ein heldenhafter Einsatz in letzter Sekunde ihre Flucht gewissermassen erst legitimiert, ist etwas schade, passt aber in die Dramaturgie des gefühlvollen Liebesromans.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/2022, S. 39

Seit Kriegsbeginn hat sich das Leben der Pharmaziestudentin Salama komplett verändert. Im Krankenhaus in Homs arbeitet sie bis zur Erschöpfung, operiert Schusswunden und rettet Kinderleben und hadert dabei: Soll sie fliehen – auch wenn sie so dringend gebraucht wird? Und da ist noch der Filmer Kenan, der mit Salama von einem anderen Leben träumt. Die syrischstämmige Autorin, die heute in der Schweiz studiert, erzählt von einer jungen Liebe vor dramatischem Hintergrund und wieso Flucht nie ein leichtfertiger Entscheid ist.

Blindfisch
Karen-Susan Fessel
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2022, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0260-2
Schlagwörter: Behinderung | Diversität | Liebe

Dass Lon (16) schlecht hört, ist nichts Neues. Dank moderner Hörgeräte ist das Leben aber gut zu meistern, Lon trifft sich mit Freunden, spielt Volleyball im Verein, wird akzeptiert. Was niemand weiss: Seit ein paar Monaten sieht Lon immer schlechter. Schuld daran ist das Usher-Syndrom, eine seltene Erbkrankheit, bei der sowohl das Hören als auch das Sehen beeinträchtigt werden. Aus Angst, bemitleidet und ausgegrenzt zu werden, erzählt Lon niemandem davon. «Ich will eine Gnadenfrist. (…) So lange normal sein, wie es nur geht.» Auf einer Klassenfahrt eskaliert die Situation: In der Dämmerung verliert Lon völlig die Orientierung und findet nicht mehr zurück.

Karen-Susan Fessel hat ihr Jugendbuch szenisch aufgebaut. In kurzen Kapiteln, selten länger als eine Doppelseite und oft lyrisch, lässt sie Lon einfühlend und sehr anschaulich erzählen, wie es sich anfühlt, langsam zu erblinden. Fünf Monate begleiten wir Lon auf dem Weg in die Dunkelheit. Das fühlt sich immer öfter an, wie in einem grossen Karton zu stehen, «ganz hinten, an die Pappwand gepresst, und (ich) sehe hinaus aus einem kleinen, mit einem Teppichmesser hineingeritzten unscharfen Viereck als Fenster. (…) / So ist das. / Ungefähr.» Doch da gibt es auch noch Damian – «dunkle Augen, ein schöner Mund», neu in der Klasse – der Lons Herz schneller schlagen lässt.

Atmosphärisch dicht, hochemotional und intensiv erzählt «Blindfisch» von der Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben, bei dem körperliche Einschränkungen oder die sexuelle Orientierung keine Rolle spielen. Dabei gelingt es der Autorin, Lons Geschlecht bis zuletzt offen zu lassen. Spannend und beeindruckend zugleich.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/2022, S. 39

Die Sonne, so strahlend und Schwarz
Chantal-Fleur Sandjon
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2022, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-20286-2
Schlagwörter: Diversität | LGBTQ* | Rassismus

Die 16-jährige Nova, ihre Mutter und ihr sechs Jahre alter (Halb-)Bruder kommen «aus einem Krieg / von dem keiner berichtet». Der Gips an Novas rechtem Arm zeugt noch davon. «Nach Wochen der Wohnungssuche / nach der Enge im Frauenhaus» beginnt für die drei mit dem Umzug in eine neue Stadt ein neues Leben. Ohne «ihn» – wobei die auf den Vater bezogenen männlichen Personalpronomen im Text stets durchgestrichen sind.
Nova verliebt sich Hals über Kopf in Akoua, und es folgt eine aufregende Zeit mit vielen ersten Malen: das erste Date, der erste Kuss, das erste Mal nackt, die erste gemeinsame Nacht. Glücklichsein scheint wieder möglich. Dann ist «er» wieder da und mit ihm die Rotweinflaschen unter der Spüle, eingenässte Bettlaken, erschreckende Kinderzeichnungen.

Häusliche Gewalt, (psychische) Abhängigkeit, queere Vielfalt, erste Liebe, Rassismus und Polizeigewalt – Chantal-Fleur Sandjon packt viele grosse Themen und ebenso viele Emotionen in ihren in Versform verfassten, kunstvoll gesetzten Coming-of-Age-Roman. Der Text zeigt die Pirouetten, die Nova auf ihren Rollschuhen dreht, auch auf dem Papier, steht seitenlang auf dem Kopf, wenn Novas Welt es tut, oder lässt eine ganze Doppelseite bis auf vier Buchstaben und einen Punkt leer, wenn Nova sich ebenso fühlt.

In ihre beeindruckende (Schwarze) Ich-Erzählerin hat Sandjon viel Selbsterlebtes einfliessen lassen. Und Nova schafft, was vielen nie gelingt: Sie packt eine Tasche, nimmt den kleinen Bruder an die Hand und geht. Ein Buch, das vieles ist und zeigt: Es ist ein kraftvolles Plädoyer für gelebte Diversität und ein (angst-)freies Miteinander und ebenso ein gefühlvolles Spiel mit Worten und Buchstaben – eindringlich und tief berührend.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/2022, S. 40

In diesem kraftvollen, poetischen Versroman erzählt Nova, die eben mit ihrem kleinen Bruder und der Mutter weg vom gewalttätigen Stiefvater gezogen ist, wie sie sich im neuen Viertel in Berlin Hals über Kopf in Akoua verliebt. Es wird ihr nicht leichtgemacht, doch dank Liebe, Freundschaft und Solidarität findet Nova auch ihre eigene Stärke und ihr Selbstvertrauen als queere Schwarze Jugendliche. Ein Roman über Selbstermächtigung angesichts von Rassismus und Gewalt.

Schnabeltier Deluxe
Sarah Jäger
Verlag: Rotfuchs, Publiziert: 2022, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-499-00911-2
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Geschlechterbilder | Freundschaft

Fliegende Untertassen der anderen Art: Weil sie erst das Geschirr und schliesslich die Kaffeemaschine aus dem Fenster des Lehrerzimmers befördert, fliegt Kim von der Schule. René, der Exfreund von Kims überforderter Mutter, erklärt sich bereit, sie bei sich aufzunehmen. Kim zieht also zu ihm ins abgeschiedene Dorf. Bei ihrem Wochenendjob an der Tankstelle lernt sie den Friseurlehrling Janne kennen, der sie jeweils Schokoriegel-mampfend an der Theke zutextet. Zwischen den beiden entwickelt sich langsam eine Freundschaft, sie treffen jedoch die Abmachung, nur «entfernte Bekannte» zu sein, denn für Kim ist es schwierig, Menschen an sich heranzulassen. Als Jannes Mitarbeiterin Alex(andra Sophie) zum Duo hinzustösst, kommen allerdings Gefühle ins Spiel, und am jährlichen Kartoffelfest wird es richtig turbulent.

Mit viel Einfühlungsvermögen bietet Jäger einen realistischen Einblick in die Gedankenwelt einer missverstandenen Jugendlichen, die sich manchmal fühlt «wie eine Zimmerpflanze, in die Ecke gedrängt und doch irgendwie egal». Vergangene Ereignisse und Traumata, die Kims Gefühlswelt erklären könnten, werden oft nur angedeutet, was den Roman trotz seiner thematischen Vielfalt nicht überladen wirken lässt. Zudem zieht sich Kims zynischer, staubtrockener Humor durch die Erzählung und nimmt schwierigen Themen auf eine willkommene Weise das Pathos. Was Jäger zudem hervorragend gelingt, ist, queere Figuren nicht auf ihr Anderssein zu reduzieren. Janne ist ein Junge mit Lidstrich, René hat Kims Mutter für einen Mann verlassen, und es gibt Mädchen, die sich in Mädchen verlieben – all das ist aber völlige Nebensache. «Schnabeltier Deluxe» ist ein Roman, der gewichtig sein könnte, aber gerade durch seine Leichtigkeit glänzt.

Ronja Holler
Buch&Maus 3/2022, S. 40

Alphabet der Träume
Hanna Johansen, Herausgeber:in: Uwe-Michael Gutzschhahn, Illustration: Rotraut Susanne Berner
Verlag: dtv Reihe Hanser, Publiziert: 2022, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64097-8
Schlagwörter: Traum | Tiere | Fabelwesen

Gedichte für Kinder

Das Ordnungsprinzip des Gedichtbands von Hanna Johansen ist das Alphabet. Von A wie Alpträume über P wie Pottwal bis hin zu XYZ reichen die einzelnen Gedichte für Kinder und mit Kindern der über 80-jährigen Zürcher Autorin, die mit diesem Buch das erste Mal einen ganzen Band mit Lyrik veröffentlicht. Die Gedichte sind mal vierzeilig, mal mehrere Seiten lang. Sie alle verbindet inhaltlich das Thema der Träume. Die oft animalischen Figuren, die in Versform auftauchen, erscheinen anderen im Traum, rauben einem den Schlaf oder wollen selber auch mal ihre Ruhe.

Es wird in Johansens Lyrik vor allem dort spannend, wo die Gruselgestalten ihre für sie vorgesehenen Rollen und die festgeschriebenen Verhaltensmuster verlassen. So der Eisbär, der vor dem Kinderbett auf dem Teppich zu liegen kommt und das Kind jede Nacht bewachen muss «bis morgen früh um acht». Doch eines Nachts steht er auf und fordert einen Rollentausch ein: Er legt das Kind auf den Teppich, schüttelt ihm den Vorderfuss (wie das Kind es zu tun pflegt) und sagt gute Nacht. Auch der Eisbär möchte einmal bewacht werden – «bis morgen früh um acht». Teil des «Alphabets der Träume» ist auch das furchtbar gruselige, geflügelte Krokodil, vor dem sich das Kind schrecklich fürchtet, das aber gar nichts Böses im Schilde führt. Dagegen wäre der riesige Iguanodon so gerne gefürchtet, kommt aber leider ganz harmlos daher und jagt niemandem einen Schrecken ein.

Die Zeichnungen von Rotraut Susanne Berner, die sich um die Buchstaben ranken, wirken manchmal etwas verloren auf den weissen Seiten. Hier und da hätte man sich das alles etwas unordentlicher, etwas opulenter, etwas eklatanter träumen lassen.

Sabrina Zimmermann
Buch&Maus 3/2022, S. 40

Hanna Johansens Kinderlyrik ist nie versammelt erschienen. Das holt ihr Dichterkollege und Herausgeber Uwe-Michael Gutzschhahn mit diesem Band nach, den Rotraut Susanne Berner aufs Feinste illustriert hat. In dreissig Gedichten entblättert sich ein Alphabet der Gruselträume vom Alptraum bis zum Drachen Zizhongosaurus. Es belegt nicht nur Johansens exquisiten Hang zum Nonsens, sondern auch ihre grosse Kunstfertigkeit im Reimen und Wörter-Verdrehen.

Aber ich lebe
Miriam Libicki, Barbara Yelin, Gilad Seliktar, Herausgeber:in: Charlotte Schallié
Aus dem Englischen von Rita Seuss
Verlag: C. H. Beck, Publiziert: 2022, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-406-79045-4
Schlagwörter: Nationalsozialismus | Historisches | Biografie

Vier Kinder überleben den Holocaust. Nach den Erinnerungen von Emmie Arbel, David Schaffler, Nico Kamp und Rolf Kamp.

«Ich bin eine Rebellin», sagt Heldin Emmie Arbel, cool ihre Zigarette rauchend. Am Küchentisch in Kiryat Tiv’on erzählt sie Comic-Künstlerin Barbara Yelin von ihrer Kindheit – drei Konzentrationslager hat sie überlebt. Wie wurde aus dem fröhlichen Mädchen mit Haarschleife die kahlgeschorene, düster blickende Achtjährige, die das Kinderheim niederbrennen wollte? Die Künstlerin wird selbst Teil der Geschichte, indem sie zuhört und die Erinnerungen mit viel Gespür für die traumatisierenden Erlebnisse, die bis heute nachwirken, in lebendige Bilder packt.

Etwa 180 000 jüdische Kinder überlebten den Zweiten Weltkrieg in Konzentrationslagern oder Verstecken. Ihre Erfahrungen wurden lange nicht ernst genommen. Inzwischen wird aber intensiv dazu geforscht; dies sei sehr wichtig, da es bald keine Überlebenden des Holocaust mehr gebe, sagt die kanadische Professorin Charlotte Schallié. Für die Mitarbeit an dieser Graphic Novel gewann sie internationale Holocaust-Fachleute und lud drei Graphic Novelists ein, mit vier Überlebenden über ihre Erinnerungen zu sprechen.

Emmie war viereinhalb, als ihre Familie 1941 in Holland von der Polizei abgeholt wurde; David war neun, als die Familie in ein Ghetto in Nordrumänien kam, und die Brüder Rolf und Nico waren sechs und drei Jahre alt, als die Eltern in Holland untertauchen mussten. Todesangst, Hunger und Verlustgefühle kommen hoch, aber auch fröhliche und überraschende Momente, die immer noch da sind. Besonders diese Gleichzeitigkeit ist wunderbar visualisiert. Mit «Aber ich lebe» ist eine innovative Geschichtsvermittlung gelungen, die mitfiebern lässt und unter die Haut geht.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/2022, S.41

Emmie Arbel ist eine der letzten lebenden Zeitzeug:innen des Holocaust. Die Münchner Comicautorin Barbara Yelin hat sie in vielen Gespräche zu ihrer Lebens- und Leidensgeschichte befragt und erzählt diese auf berührende Art und Weise ganz aus der Perspektive der eindrücklichen Frau. Auch Miriam Libicki und Gilas Seliktar porträtieren in ihren Comics Holocaust-Überlebende. Drei Graphic Novels über das Erinnern an den Holocaust und seine Schatten bis in die Gegenwart.

Der Geruch von Wut
Gabriele Clima
Aus dem Italienischen von Barbara Neeb und Katharina Schmidt.
Verlag: Diwan, Publiziert: 2022, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-949840-06-7
Schlagwörter: Gewalt | Rassismus | Extremismus/Terrorismus

Alex ist wütend. Wütend auf Gott und auf das Schicksal, die zugelassen haben, dass das alles passiert ist. Vor allem ist er wütend auf den Fahrer des Lieferwagens, der in den Autounfall verwickelt war, bei dem Alex’ Vater ums Leben kam und er und seine Mutter schwer verletzt wurden. Für
Alex nichts mehr wie früher. Er beschliesst, den Lieferwagenfahrer zu suchen, dem er die Schuld am Tod seines Vaters gibt. Der Jugendroman des italienischen Autors Gabriele Clima beginnt düster. Ich-Erzähler Alex berichtet rückblickend von seinem ersten Treffen mit Ferenc, dem Anführer der «Black Boys». Von dieser Gruppe erhofft sich Alex Hilfe bei seiner Suche, im Gegenzug muss er einen Schwarzen verprügeln. Doch die Prüfung läuft aus dem Ruder, das Opfer rutscht von einem Damm und bleibt reglos liegen. Der dumpfe Aufprall des Körpers lässt Alex nicht mehr los. Zu spät erkennt er, dass die Gang mit ihren rechtsradikalen Ansichten keine Gruppe ist, aus der man einfach wieder austreten kann.

Clima erzählt, wie ein junger Mann versucht, mit der Wut und dem Schmerz nach dem Tod des Vaters umzugehen, sich aber nicht sicher ist, ob der gewählte Weg der richtige ist. In der Weise, in der sich Erinnerungssequenzen, in denen Alex den Sturz des Autos in den Fluss immer wieder von Neuem durchlebt, Traumszenen, die zeigen, wie Alex seinen Vater sehen und mit ihm sprechen kann, und die gewalttätigen Aktionen der Gang abwechseln, entwickelt sich ein Sog, der gleichermassen schockiert und berührt Š˜nicht zuletzt dank der packenden Erzählweise von Hörbuchsprecher Pliquet. Das aktuelle politische Thema bietet viel Diskussionspotenzial für den Oberstufenunterricht.

Sarah Eggel
Buch&Maus 3/2022, S. 41

Tatütata, der Arzt ist da!
Matthias Maier, Illustration: Susanne Maier
Verlag: Coppenrath Verlag, Publiziert: 2022, Seiten: 12, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-649-63794-3
Schlagwörter: Tiere | Alltag

Im Wartezimmer des Arztes ist einiges los. Der Reihe nach kümmert er sich um juckende Flecken oder tropfende Rüssel. Kurze Reime schildern die tierischen Probleme, hinter Ausklappseiten versteckt sich die jeweilige Behandlung. Mit frechen Illustrationen und einer witzigen kleinen Parallelgeschichte zum Zurückblättern.

Zeig dich!
Giuliano Ferri
Verlag: Minedition, Publiziert: 2022, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03934-205-1
Schlagwörter: Tiere

Wer spielt mit dem Wollfaden? Wem gehört diese Nase? Und wer lugt aus dem Salat? Auf je einer Doppelseite versteckt sich eines von acht Tieren. Der Frage folgt die Aufforderung: «Zeig dich!» Beim Entfalten der dünnen Pappseiten wird das Geheimnis auf verblüffende Weise gelüftet, da das Buch auf die doppelte Grösse anwächst. Welch ein Spass für neugierige Kinderhände!

Ahhh!
Antje Damm
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2022, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-575-1
Schlagwörter: Tiere | Alltag

Diese turbulente Kettengeschichte in Collagetechnik beginnt schon auf dem Buchcover: Eine Frau geht mit ihrem Hund Gassi. Der zieht sie um die Buchecke, wo er einen angeleinten Seehund entdeckt. Der Seehund wiederum sichtet ums Eck einen Goldfisch. So bietet jede Doppelseite eine überraschende Begegnung.

Picknick mit Herrn Klein. Picknick mit Frau Gross
Miriam Zedelius
Verlag: Rotfuchs, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-499-00908-2
Schlagwörter: Freundschaft

Wie sich Gegensätze überwinden lassen, zeigen Herr Klein und Frau Gross. Des einen Haus ist für die andere zu klein und umgekehrt. So gibt es einfach ein Picknick auf der Wiese. Das Buch mit filigranen Illustrationen verblüfft dadurch, dass die eine Geschichte von vorn, die andere von hinten erzählt wird und sich die beiden in der Mitte finden.

Mama, bist du’s?
Michaël Escoffier, Illustration: Matthieu Maudet
Aus dem Französischen von Markus Weber
Verlag: Moritz, Publiziert: 2022, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-425-1
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Alltag

Mit einem grossen Strohhut auf dem Kopf tapst ein Kind auf der Suche nach der Mama von Seite zu Seite. «Mama, bist du’s?», fragt es nacheinander mehrere Tiere. Deren Antworten von «Piep» bis «Miau» machen dieses Buch zu einem lautmalerischen Mitmachspass. Und am Ende fehlt nur noch der Papa.

Hokuspokus Nudelstrudel
Jörg Isermeyer, Illustration: Raphaël Kolly
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2022, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0850-3
Schlagwörter: Essen | Sprachspiel

«Hokuspokus, Loch im Bauch, klar, dass ich da Nudeln brauch.» Gesagt, getan – schon macht sich der Hirsch in der Küche zu schaffen. Dass sich die Nudeln zuerst sperrig und danach umso dynamischer zeigen, führt in diesem gereimten Pappbuch zu einem grandiosen Nudeltanz. Für kleine und grosse Spaghettifans!

Birdie und ich
J. M. M. Nuanez
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Verlag: dtv, Publiziert: 2022, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64095-4
Schlagwörter: Geschlechterbilder | LGBTQ*

Ich-Erzählerin Jack und ihr 9-jähriger Bruder Birdie leben nach dem Tod der Mutter bei Onkel Carl. Der Lebenskünstler lässt ihnen viel, ja zu viel Raum. Als es in der Schule Probleme gibt, weil Birdie sich nur in Glitzer und «Mädchenfarben» wohlfühlt, müssen die Geschwister zu ihrem zweiten Onkel ziehen. Dieser scheint ihnen erst nur Unverständnis entgegenzubringen, doch dann gelingt der Familie ein Neuanfang.

Im wilden Galopp
Brigitte Schär
Verlag: SJW, Publiziert: 2022, Seiten: 43, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0362-6
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Als Jonas nach einem Reitunfall im Spital erwacht, sehnt er sich vor allem nach einem: seinem Pferd «Freiheit», das er über alles liebt. Doch scheint er in einer Parallelwelt aufgewacht, denn er kommt unverzüglich in ein luxuriöses Internat für talentierte junge Reiter*innen. Wieder vereint mit seinem Pferd, lässt er sich auf dieses neue Leben ein –
bis er erneut im Spital aufwacht. Die detailreiche Erzählung bricht mit dem Klischee, dass Pferde(bücher) Mädchenkram seien.

Die Prinzessin, die auszog, den Prinzen zu retten
Eva Rottmann, Illustration: Claire Lenkova
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96428-133-3
Schlagwörter: Geschlechterbilder

In rosa Seidenbettwäsche wartet die Prinzessin darauf, von einem Drachen entführt, von einem Prinzen gerettet und geheiratet zu werden. Aber weil der Drache alt und kurzsichtig ist, entführt er statt der Prinzessin den Prinzen und die Rollen werden kurzerhand getauscht. Am Ende des witzig erzählten umgedrehten Märchens die nachhaltige Änderung: Ab sofort entscheiden die Hochzeitspaare jeweils individuell, wie sie es mit der Drachenentführung handhaben wollen.

Ich bin Alex
Jean-Loup Felicioli
Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2022, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96428-144-9
Schlagwörter: LGBTQ*

Vor ihrem ersten Schultag an der neuen Schule hat Alex Respekt. Was, wenn jemand hinter ihr Geheimnis kommt? Zum Glück hat sie liebevolle Eltern und einen Schulleiter, der Alex seine Unterstützung zusichert. Und bald findet sie in Zoe eine wunderbare Freundin. Diese reich bebilderte Geschichte erzählt aus der Sicht eines trans Kindes zwar auch von Sorgen und Nöten, aber ebenso sehr von Musik und Freundschaft und von der Wichtigkeit eines unterstützenden Umfelds.

Später möchte ich mal…
Isabel Pin
Verlag: Hanser, Publiziert: 2022, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27254-
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Zukunft

40 Wünsche, Hoffnungen und Ideen von Kindern hat die Illustratorin Isabel Pin gesammelt und für dieses Buch illustriert: Bäume pflanzen oder Sonnenenergie-Autos erfinden; auf einem Bauernhof leben oder zusammen mit der besten Freundin; alles reparieren können oder spannende Geschichten schreiben… Die Illustrationen im Collagenstil vermeiden es dabei, Genderstereotypen zu reproduzieren, und lassen so den weiten Horizont der Möglichkeiten für alle offen.

Seeräubermädchen und Prinzessinnenjunge
Nils Pickert, Illustration: Lena Hesse
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2022, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-52195-8
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Seeräubermädchen Mara wirbelt am liebsten mit ihrem Holzsäbel durch die Wohnung. Prinzessinnenjunge Milo ist nie ohne seine Glitzerbänder unterwegs. Auf dem Spielplatz nimmt ihre Freundschaft ihren Anfang und beide profitieren von den Stärken des jeweils anderen Kindes. Doch dann fährt Mara ans Meer und Milo vermisst sie ganz fürchterlich… Eine einfühlsame Vorlesegeschichte fürs Kindergartenalter.

Adam und seine Tuba
Žiga X. Gombač, Illustration: Maja Kastelic
Aus dem Slowenischen von Alexandra Natalie Zaleznik
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10615-6
Schlagwörter: Identität/Individualität

In der Artistenfamilie Purzlovski hat jede:r ein Talent für waghalsige Kunststücke. Oma Antonia spuckt Feuer, Opa Angus ist Schwertschlucker, die Eltern tanzen auf dem Seil und auch die Schwestern sowie der Onkel und seine Familie tragen mit ihren Begabungen zum Gelingen der Vorstellungen bei. Nur Adam, der Jüngste, scheint kein Interesse am Zirkus und kein Talent dafür zu haben.

Während sich die ganze Familie Gedanken macht, wie man Adam in die Familienunternehmung einbinden könnte, übersieht sie, was ihn wirklich interessiert, was ihm Freude bereitet und wo seine Talente wirklich liegen. Nämlich im Tubaspielen. Damit aber ergänzt seine Kunst wunderbar alle anderen Talente in der Familie, und die Zirkusvorstellungen werden durch die Kombination der individuellen Stärken noch viel schöner und erfolgreicher.

Gombač und Kastelic ist ein wunderbares Bilderbuch gelungen, das sich an Leser:innen aller Altersstufen richtet und zeigt, dass jede:r ein Talent besitzt und dass es gilt, dieses wahrzunehmen und zu fördern. Die sepiafarbenen Bilder, die zum Teil Doppelseiten füllen, zum Teil Comicpanels ähneln, illustrieren die Texte mit einer starken nostalgischen Note und lassen die Welt des Zirkus und dessen Zauber mit einer ästhetischen Intensität aufleben, in der Leser:innen schwelgen können. Die Protagonist:innen, allen voran Adam, überzeugen in ihrer individuellen Gestaltung. Das slowenische Autor:innen-Duo zeigt kleinen Leser:innen so eindrücklich wie liebevoll auf, dass man keine Scheu haben muss, seine Talente offen zu zeigen – und sich auch dafür feiern zu lassen.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/22, S. 31

Die Purzlovskis sind eine eingefleischte Artistenfamilie – von der feuerspeienden Oma bis zur Enkelin, die sich aus einer Kanone schiessen lässt. Nur Adam interessiert sich nicht für kühne Kunststücke und Applaus. Die Familie macht sich schon Sorgen um ihren Jüngsten. Da zeigt sich, dass er wundervoll Tuba spielt und die perfekte Begleitung für alle andern ist. Eine nostalgisch inszenierte Geschichte über die Anerkennung von Individualität und Teamwork.

Glitzer für alle!
Milena Baisch, Illustration: Eefje Kuijl
Verlag: Penguin Junior, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-328-30058-8
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Funkelglitzersachen gefallen Paul gut. Doch damit spielen Jungen nicht, sagt sein Kita-Freund Tarek. Was wohl passiert, wenn sie es trotzdem tun? Explodieren sie? Oder verwandeln sie sich etwa in funkelnde Sterne? Das muss ausprobiert werden! Mutig klettern sie mit Feenumhang und Glitzerkrone auf den Kletterturm – bereit, zum Himmel zu fliegen… In einleuchtend kindlicher Logik setzt sich dieses heitere Bilderbuch mit Geschlechterzuschreibungen auseinander, auf die schon Kindergartenkinder stossen.

Wer holt dich von der Kita ab?
Anna Taube, Illustration: Meike Töpperwien
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2022, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0175-9
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Diversität

Kiras Papa kommt mit dem Fahrrad, Murad darf mit Oma und Opa noch in die Bibliothek und Lukas’ grosse Patchwork-Familie macht gleich einen Ausflug mit dem Bus. Neun Kinder werden aus der Kita abgeholt, in der wimmeligen Garderobe gibt es allerhand zu entdecken und nebenbei werden verschiedene Lebensmodelle vorgestellt – so selbstverständlich, wie sie in Kinderaugen sind.

Guten Morgen, schöner Tag!
Elisabeth Steinkellner, Illustration: Michael Roher
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2022, Seiten: 22, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-4016-5
Schlagwörter: Alltag | Geschlechterbilder

Voller Vorfreude nimmt uns das Kind in diesem Pappbuch mit durch seinen Tag. Es bestaunt Schnecken, fährt Bus, spielt und isst in der Kita, badet und kuschelt sich abends in einen Arm. Bewusst bleibt das Geschlecht des Kindes wie auch des jeweils nur angeschnitten gezeigten Erwachsenen in den farbenfrohen Bildern und im gereimten Text sehr offen. Was zählt, ist das Kind und seine Beziehung zur Welt, ganz unabhängig von seiner Geschlechtsidentität.

Such, Buddy, such!
Agnes Grün, Illustration: Henrike Wilson
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2022, Seiten: 20, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-17271-6
Schlagwörter: Tiere | Spiel | Freundschaft

Der kleine Buddy will spielen. Aber wo ist bloss sein gelber Ball? Von der Küche bis ins Wohnzimmer sucht er ihn und die Betrachtenden suchen mit. Zusammen freut man sich, wenn der Ball am Ende im Maul von Freund Rudi auftaucht und die beiden losspielen können. Illustrationen mit klaren Konturen und in den Text eingebettete Suchanregungen runden dieses Buch ab.

Hinter dem Schnee
Timothée de Fombelle, Illustration: Thomas Campi
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel und Sabine Grebing
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2022, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6118-9
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Migration | Arbeit

Eine Weihnachtsgeschichte

Freddy wärmt an Heiligabend eine Büchse Ravioli auf. Seine Arbeit als Lastwagenfahrer ist einsam und die berufliche Zukunft unsicher. An diesem Abend aber führt ihn eine Schwalbe, deren Eigensinn sie im Winter von Afrika nach Europa zurückfliegen liess, nochmals in die Garage. Im Laderaum seines Lastwagens findet er einen erschöpften jungen Flüchtling, der hoffte, Freddy würde nach England fahren. Eine berührende Vorlesegeschichte über Arbeitslosigkeit, Migration, Einsamkeit und Nächstenliebe mit realistischen Illustrationen in warmen Grundtönen.

Mehr als ein Wunsch
Werner Rohner, Illustration: Gareth Ryans
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2022, Seiten: 233, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-3126-2
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Familie/Familienformen | Gefühle

Eine Adventsgeschichte in 24 Kapiteln

In 24 in sich geschlossenen Geschichten, die sich bestens zum Vorlesen eignen, erfahren wir von Sunnys geheimen Wünschen, aber auch vom Alltag in der kleinen Familie mit Schwester und Vater. Mama ist gestorben. Ernsthaft und humorvoll zugleich, erzählt Werner Rohner in seinem ersten Kinderbuch in kindlicher Logik von äusserst liebenswerten Figuren, davon, was mit Sunnys ellenlanger Wunschliste passiert und ob die Verkuppelung von Vater und Postbotin glückt …

Die Weihnachtsparty
Brigitte Schär, Illustration: Heike Herold
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2022, Seiten: 39, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0688-1
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Fabelwesen | Familie/Familienformen

Immer, wenn Sunny traurig wird, bekommt er Hunger. Da seine Mama gestorben ist und schon zum dritten Weihnachtsfest fehlen wird, hat Sunny oft Hunger. Doch weil auch der Adventskalender statt Schokolade nur doofe Zeichnungen enthält, muss Sunny sich anders behelfen. Und weil er «Mehr als ein(en) Wunsch» hat, schreibt er einen Weihnachts-Wunschzettel.

«Paps» ermahnt ihn jedoch, unwichtige Wünsche zu streichen und sich nur auf einen einzigen zu konzentrieren. Doch welcher ist der wichtigste? Mit dieser Frage gehen die Leser:innen zunehmend gespannt mit und wollen gar nicht, dass das Buch endet – denn diesen Jungen, der zu komplizierten, teils altklugen, aber immer auf umwerfender Logik beruhenden Gedanken fähig ist, schliesst man nach wenigen Seiten ins Herz. Dass die Schwester ruppig ist zum kleinen Bruder, ist ebenso lebensnah beschrieben wie die Aussenseiterposition des unsportlichen, dafür fantasievollen Jungen. Freund:innen hat er nicht allzu viele, doch die Postbotin zählt definitiv dazu.

Dass die Oma dement wird, müsste nicht sein, ist das Leben der kleinen Familie doch durch Krankheit und Tod der Mutter ohnehin auf den Kopf gestellt. Diese Lücke ist immer spürbar und wird durch die oft sprunghaften Gedanken des Jungen eindrücklich herausgearbeitet. Auch das grafische Konzept des Romans überzeugt: Das (Weihnachts-)Rot der Zahlen des Adventskalenders als Kapiteltitel findet sich oft in einem Element der sonst schwarz-weissen Bilder wieder – und sei es nur in eine Mütze.

Aktive Grosseltern von aufgeweckten Kindern müssen auch mal in die Ferien - das ist nachvollziehbar. Doch die Drillinge Lola, Linus und Levin in «Die Weihnachtsparty» sehen das anders. An Weihnachten brauchen sie unbedingt wenigstens einen Grossvater. Deshalb wollen sie den Weihnachtsmann fragen, ob er diese Aufgabe übernimmt. Die Eltern wehren ab und möchten an diesem vierten Adventssonntag noch etwas schlafen – also machen sich die Kinder auf eigene Faust auf, um den Weihnachtsmann zu suchen. Als die Eltern im Haus von Grossvater Simon, dem Strippenzieher dieser rasanten Geschichte, ankommen, ist die Weihnachtsparty schon voll im Gange. Aus der ganzen Welt kamen die personifizierten Weihnachtsbräuche vom Christkind bis zu Väterchen Frost angeflogen oder rutschen als Santa Claus den Kamin hinunter. Zusammen feiern sie eine richtige Party, mit Essen, Trinken, Musik und Geschenken rund um den Weihnachtsbaum.

Die schwungvolle Erstlese-Geschichte will sich sicherlich bewusst quer in eine besinnliche Landschaft stellen und hat auf ihre Weise viel Pfiff. Heike Herolds skizzenhafte, bunte Illustrationen dazu werden den wilden Gestalten gerecht. Etwas irritierend ist die Teufelsfratze, doch verkörpert sie die Logik der Geschichte, dass wirklich alle einge-laden sind – was wiederum eine sympathische Erkenntnis enthält: Unsere Welt können wir nur verstehen, wenn wir niemanden ausschliessen, gerade an Weihnachten.

So verschieden diese zwei Weihnachtsbücher von Schweizer Autor:innen sind, beide sind in einer sorgfältigen, der Situation und dem Alter der Kinder angepassten Sprache geschrieben und einfühlsam-witzig illustriert. Beide werden ihre Leserschaft finden: Das eine gibt als (Vor-)Lesebuch Anfang Dezember einiges zum Nachdenken und Mitfühlen. Das andere hat viel Pfiff, ist schmaler und schnell erzählt, etwa während man aufs Christkind warten muss.

Ruth Loosli
Buch&Maus 3/2022, S. 36

Weil die Grosseltern an Weihnachten im Urlaub sein werden, ziehen die Drillinge los, um den Weihnachtsmann zu bitten, ihren Grossvater zu ersetzen. Ihre Aktion mündet in eine opulente Multikulti-Party mit aus aller Welt angereisten Weihnachtsfiguren von Babbo natale bis Väterchen Frost. Ein fantasievolles und reich illustriertes Abenteuer der Schweizer Autorin zum Selberlesen oder Vorlesen.

Herr Fuchs mag Weihnachten
Franziska Biermann
Verlag: Nilpferd, Publiziert: 2022, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7074-5278-5
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Tiere | Kreativität

Ein Paket mit herzerweichend geschriebenen Büchern landet versehentlich beim bücherfressenden Herrn Fuchs. Er beschliesst, es dem rechtmässigen Empfänger, Herrn P. Fuchs, am Nordpol zu bringen. Dieser arbeitet als Assistent des Weihnachtsmanns, liegt aber am nächsten Morgen krank im Bett und Weihnachten droht auszufallen. Wenn da nicht Herr Fuchs wäre! Eine turbulente Vorlesegeschichte mit frechen Illustrationen.

Ravensburger Fussballatlas
James Buckley Jr., Illustration: Eduard Altarriba
Aus dem Englischen von Karin Ehrhardt
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2022, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-4 73-48054-8
Schlagwörter: Sport

Ein Kick rund um die Fussballwelt

Dieser Atlas lässt kein Fussballer:innen-Herz kalt. Hier erfährt man alles über die Geschichte des Spiels, die Entwicklung der Bälle, Stadien, Verbände, einzelne liegen und Turniere. Die WM in Katar im November 2022 wird kritisch kommentiert. Aus jedem Kontinent finden sich Steckbriefe der bekanntesten Fussballer:innen. Auch Mädchen finden so zu ihren Vorbildern, z.B. zur US-Amerikanerin Megan Rapinoe, Fussballer in des Jahres 2019, Feministin und Kämpferin für LGBTQ*-Rechte.

Nico geht zum Nikolaus
Lorenz Pauli, Illustration: Katja Gehrmann
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2022, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0849-7
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Mut/Selbstbewusstsein

Dass Nico aufräumen und mehr Salat als Süssigkeiten essen soll, hat der Nikolaus schon letztes Jahr gesagt. Dieses Jahr macht sich Nico auf, um dem Nikolaus klarzumachen, dass er das Tadeln ruhig lassen kann. Lorenz Paulis Geschichte ist erstmals vor gut zwanzig Jahren erschienen. Jetzt setzt sie mit verdichtetem Text und komplett neu illustriert neue Akzente. Der selbstbewusste Protagonist und ein freundlicher Weihnachtsmann garantieren eine fröhliche Bilderbuchzeit.

GOAL! Mein Trainingstagebuch
Julian Wolff, Illustration: Hanna Wenzel
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2022, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55800-8
Schlagwörter: Sport | Körper | Anleitung

Dieses Buch will junge Fussballer:innen durch eine Saison begleiten. In zwölf Kapiteln werden sie aufgefordert, sich zu einzelnen Fragen rund um Fussball Gedanken zu machen und diese aufzuschreiben: von den Vorsätzen für die Saison, über eigene Stärken und Schwächen, Tricks, die man gerne lernen möchte, Vorbildern, denen man nacheifert, bis zum Umgang mit Niederlagen und Enttäuschungen. Zahlreiche Rubriken, z.B. über den Werdegang von Fussballstars oder Insider-Tipps, ergänzen dieses Vademecum.

Pinguin im Glück
Christiane Schwabbaur, Illustration: Henrike Wilson
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6168-4
Schlagwörter: Natur | Tiere | Spiel

Dieses Bilderbuch ist eine grossartige Ode an das Draussensein im Winter. Auf den aufs Wesentliche reduzierten Illustrationen ist zu Beginn ein einzelner Pinguin im Schnee zu sehen. Es kommen weitere dazu, bis es fünf sind, und alle haben sie kalt. Erst der sechste steht nicht einfach frierend herum, sondern läuft schnurstracks ans Ufer. Sein Ziel: Eine Arschbombe mitten hinein ins Eiswasser. Sein Planschspass entgeht den anderen Pinguinen nicht und entzückt kleine Leser:innen.

Fussball-Stars
Sven Voss, Illustration: Petra Braun
Verlag: EMF Verlag, Publiziert: 2022, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7459-0719-3
Schlagwörter: Sport | Biografie

40 Idole und ihre Geschichten

40 Kurzbiografien von ganz unterschiedlichen Fussball-Stars finden sich in diesem Buch zusammen. Gemeinsam haben die Stürmerinnen und Trainer, Torhüter und Schiedsrichterinnen, dass sie aufgrund ihrer Herkunft, ihres Durchhaltewillens, ihres politischen Engagements eine besonders erzählenswerte Lebensgeschichte haben. Die Auswahl der Idole ist erfrischend divers und stellt auch weniger bekannte Sportler:innen vor.

Neun Wünsche für Archie
Helen Rutter
Aus dem Englischen von Silke Jellinghaus und Katharina Naumann
Verlag: Atrium, Publiziert: 2022, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85535-685-0

Der elfjährige Archie muss sich daheim um alles kümmern, seit seine Mutter depressiv im Bett liegt, und in der neuen Familie seines Vaters ist er nur geduldet. Da begegnet ihm nach einem Sturz plötzlich sein Fussballidol und erklärt ihm, er habe neun Wünsche frei. Archie ermöglicht sich damit unter anderem die ruhmreiche Teilnahme an einem Fussballturnier. Vor allem aber lernt er, dass nicht Magie seine Probleme lösen wird, wohl aber das Einstehen für seine Bedürfnisse.

Fussballchampions 05
Martin Helg
Verlag: SJW, Publiziert: 2022, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0381-7
Schlagwörter: Sport | Biografie

«Fussballchampions 05» stellt drei sehr unterschiedliche Fussballer vor: Da ist Jan Sommer, sicherer Rückhalt der Schweizer Nati, ruhig, kommunikativ, belesen. Der belgische Stürmer Romeo Lukaku, aus armen Verhältnissen stammend, belegt immer wieder seine Wucht im Strafraum, so richtig glücklich ist er bisher aber bei keinem Verein geworden. Und schliesslich Robert Lewandowski, zweimaliger Weltfussballer des Jahres, der neu in Barcelona für Torjubel sorgt. Martin Helg erzählt ihre Werdegänge anschaulich und lebendig.

Team Torjäger – Aufregung im Fussballinternat
Michael Engler, Illustration: Jan Reiser
Verlag: dtv, Publiziert: 2022, Seiten: 378, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76394-3
Schlagwörter: Sport | Abenteuer

Im Internat Schloss Grünstadt dreht sich alles um Fussball, die grössten Talente arbeiten hier auf eine Kickerkarriere hin. In zwei Abenteuern in einem Band müssen die U13-Stürmer Leo, Gustav, Anton und Torwart Jakob ihren Teamgeist auch neben dem Feld beweisen. Wenn der Glücksball vom rivalisierenden Internat geklaut wird und ein angeblicher Scout krumme Ränke schmiedet, braucht das nicht nur «Wumms» in den Füssen, sondern auch Köpfchen. Und mit dem nächsten steht immer das wichtigste Spiel an.

Locke, Logo und der Zeitreise-Fussball
Angela Bernhardt, Illustration: Karsten Teich
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2022, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-527-0
Schlagwörter: Sport | Abenteuer

Locke haut im Turnunterricht aus Wut voll auf den Fussball und trifft den Sportlehrer. Zur Strafe muss sie den Geräteraum aufräumen. Zum Glück hilft ihr Logo. Gemeinsam stolpern sie in ein unglaubliches Abenteuer. Denn hinter den Turnmatten entdecken sie einen Jungen, der als Torwart 1922 just da, wo sie jetzt stehen, einen Schuss parierte und durch ein Zeitloch in die Gegenwart katapultiert wurde. Es braucht Logos kluges Köpfchen und Lockes Fussballkünste, um den Jungen wieder in seine Zeit zurückzubringen.

Future Fairy Tales
Holly-Jane Rahlens
Aus dem Englischen von Christiane Steen
Verlag: Rotfuchs, Publiziert: 2022, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-499-00635-7
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Zukunft | Geschlechterbilder

Geschichten aus einer anderen Welt

Es ist das Jahr 2440, man feiert «1000 Jahre Gutenbergpresse» mit der Neuausgabe von tausend Büchern – eine Rarität in einer Zeit, in der Brain-Interfaces Bücher längst überflüssig gemacht haben. Das vorliegende sei, heisst es im Vorwort, bereits 2312 erschienen und vereine zehn zwischen 2019 und 2290 entstandene Neuerzählungen von Grimm-Märchen.

Diese ambitiöse Vielschichtigkeit kommt nicht von ungefähr: Die Märchen der Brüder Grimm sind Momentaufnahmen aus einer langen Erzähltradition mit vielen Einflüssen aus verschiedenen Kulturen. Diese Tradition, aber auch der Umgang damit und die Reflektion darüber werden nun ganz einfach weitergesponnen in eine Zukunft, über die wir beim Lesen mehr erfahren. Aus den Märchen selbst, mehr noch aber aus den mit viel Augenzwinkern verfassten, «kulturhistorischen Einordnungen» der fiktiven Herausgeberin «Hailey Lane-Arlens», die in guter editionsphilologischer Manier erläutert, auf welche (für uns Leser:innen zukünftige) Ursprünge der Märchen Details in Stil, Sprache und Inhalt hindeuten könnten.

Die Märchen erscheinen dabei in unterschiedlichen Textsorten: Da ist «Aschenputtel» die Entstehungssaga einer Tech-Firma, «Dornröschen» das Drehbuch einer Reality-Serie und «Sterntaler» ein Vlog einer Influencerin.

Holly-Jane Rahlens legt hier ein äusserst vielschichtiges, intelligentes Spiel mit Referenzen vor, eine Art editionsphilologische Parodie. Doch auch für sich genommen sind die zehn Märchen – bebildert von Nachwuchskünstler:innen – klug gemachte, vergnügliche Neuschreibungen, die auf jeden Fall auch in den Unterricht auf der Sekundarstufe II passen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/22, S. 35

Im Jahr 2440 soll dieses Buch erschienen sein – eine Sammlung von Texten aus der Zukunft, auf Basis der alten Grimm-Märchen. Da wird Rapunzel von Androiden bewacht und der Froschkönig ist ein Cyborg, «Sterntaler» ist ein Vlog einer Influencerin und «Aschenputtel» die Entstehungssaga einer Tech-Firma. Immer aber ist es ein kluges Spiel mit der Überlieferung, das auch unseren Blick auf die Welt, Rollenbilder und das vermeintlich Unverrückbare in Frage stellt.

Herr Stämpfli
Severin Hofer, Illustration: Rafael Casaulta
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2022, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-047-1
Schlagwörter: Alltag | Fantastik/Fantasy | Medien

Am Samstag ist Zeitungsbündeltag

Schon der Einband des hochformatigen Bilderbuchs erinnert in den matten Farben und der Struktur an Zeitungspapier. Herr Stämpfli ist ein offenbar alleinstehender Mann, der seinen Alltag durch einen strikten Ablauf regelt, zumindest am Samstag: Dann ist nämlich Zeitungsbündeltag. Doch heute kommt Herr Stämpfli nicht weit. Die Schnur zum Bündeln ist zu kurz. Das ist noch nie vorgekommen! Er wundert sich zwar, lässt das Bündel aber vorerst liegen und wendet sich der neuen Zeitung zu. Da beginnt es zu knistern und zu rascheln, und zusehends rutscht Herr Stämpfli in eine fantastische Welt. Er steigt auf einen Zeitungsberg, springt ins Zeitungsmeer, taucht wieder auf und prustet. Wie spannend eine Reise im eigenen Wohnzimmer sein kann! Und dies nur, weil die Schnur zu kurz war und er sich einen anderen Ablauf des Tages gönnt – und damit auch dem Impuls nachgibt, auf der Flöte zu spielen, die aus den Seiten purzelt. Das Abenteuer endet erst mit dem Dingdong an der Tür. Oder doch nicht? Denn als er wenig später die Zeitungen zur Tür tragen will, beginnt es erneut zu rascheln und zu knistern …

Die abwechslungsreichen Collagen passen ausgezeichnet zum Inhalt. So ist «Herr Stämpfli» ein anregendes Buch, um sich über Zeitungen als Informationsquelle zu unterhalten und vor allem darüber, was man mit ihnen alles anstellen und gestalten kann.

«Herr Stämpfli» hat eine eigene Homepage erhalten; er ist begehrt in Kindergärten, denn Zeitungen lassen sich falten, bemalen, mit Kleister sogar verbauen. So ist das Buch wohl am vergnüglichsten beim gemeinsamen Lesen und beim Vorlesen.

Ruth Loosli
Buch&Maus 2/22, S. 28

Jeden Samstag bündelt Herr Stämpfli säuberlich seine Zeitungen. Doch heute klappt es nicht wie vorgesehen: Die Schnur ist zu kurz. Schon bald raschelt und knistert es: Aus den Beigen von ungebundenem Zeitungspapier ersteht eine fantastische Welt, in die Herr Stämpfli buchstäblich eintauchen kann, bis das Klingeln an der Tür diesen Ausflug in der eigenen Stube (vorerst) beendet. Die Hommage an eine Schweizer «Tradition» macht besonders beim Vorlesen Spass und regt zum Basteln an.

Der Tag, an dem ich versehentlich die ganze Welt belog
Lisa Thompson
Aus dem Englischen von Silke Jellinghaus
Verlag: Atrium, Publiziert: 2022, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85535-670-6
Schlagwörter: Armut | Kunst | Freundschaft | Familie/Familienformen

Der 11-jährige Cole ist sich der Armut seiner Familie sehr bewusst, rufen ihn doch einige Kameraden gnadenlos «Poor Kid Cole», seit sich sein Vater am Berufe-Nachmittag als «Papa» vorgestellt hat – und nicht etwa als cooler «Roadie» (Tourtechniker) einer Rockband, der er einmal war. Nicht einmal für den Schulausflug reicht das Geld (geschweige denn für nötige Reparaturen in ihrer Wohnung), und es kommt noch schlimmer: Seine Mutter wird ihre Stelle im Museum verlieren, weil dieses schliesst. Um das zu verhindern, will Cole den Schatz finden, der angeblich seit Jahrzehnten in diesem Museum ruht. Dazu braucht er nicht nur die Hilfe von seinem besten Freund Mason, sondern auch von der Klassenbesten Isla. Es läuft gut, dann kommt die Schnitzeljagd aber ins Stocken, weil ausgerechnet sein Bild (das er mehr als Verlegenheitslösung denn aus Inspiration abstrakt gemalt hat) dank der Begeisterung einer berühmten Malerin in einer Londoner Galerie tausend Pfund einbringt. Cole weiss nicht mehr, wie ihm geschieht, zumal er binnen dreier Wochen ein neues malen soll. Aus Hoffnung auf Geldsegen sagt er zu, ist aber völlig überfordert damit. Ihn plagt Ideenlosigkeit, nur seine kleine Schwester Mabel malt fröhlich drauflos. So erliegt Cole schliesslich der Versuchung, Mabels Bild als seins auszugeben, was freilich nicht lange gut geht.

Mit Coles armer, liebevoller Familie und Masons reichen, beschäftigten Eltern ist der Kontrast zwischen Arm und Reich sehr plakativ geraten. Dennoch wirkt die aus Coles Perspektive geschilderte Geschichte nie aufgesetzt, sondern regt über den Seitenhieb auf die Kunstszene hinaus zum Nachdenken über den Wert von Geld und Freundschaft an.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 2/22, S. 32

Der 11-jährige Cole ist sich der Armut seiner Familie sehr bewusst. Damit seine Mutter ihre Stelle im Museum nicht verliert, möchte er den Schatz finden, der dort lagern soll. Das tritt in den Hintergrund, als eine Künstlerin beim Schulbesuch sein Bild auswählt, um es teuer zu verkaufen. In drei Wochen soll er das nächste Meisterwerk malen, was ihn aber komplett überfordert. Wie weit soll er für Geld gehen? Ein warmherziges Buch über Arm und Reich, Freundschaft und Familie inklusive Schnitzeljagd.

Mina
Matthew Forsythe
Aus dem Englischen von Rita Fürstenau
Verlag: Rotopol, Publiziert: 2022, Seiten: 68, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96451-028-0
Schlagwörter: Tiere | Lesen

Das Mausemädchen Mina liebt das Lesen und lässt sich kaum davon ablenken. Doch als ihr Vater ein Haustier mitbringt, versetzt die neue Mitbewohnerin sie in Unruhe. Denn obwohl der Vater felsenfest überzeugt ist, dass das riesenhafte Haustier ein Eichhörnchen ist, mutmasst Lina argwöhnisch, dass es sich hier vielmehr um eine Katze handelt. Der Vater beginnt sich erst zu sorgen, als das «Eichhörnchen» nicht fressen will. Ob es sich einsam fühlt? Vielleicht hilft es, noch weitere Artgenossen dazuzuholen?

Einmal mehr erfreut uns Matthew Forsythe mit einer skurrilen Geschichte, die so ganz anders verläuft, als wir es erwartet haben. In den für ihn charakteristischen, leuchtenden Illustrationen in sonnig-warmen Farben und mit nur sehr wenig Text präsentiert er ein Abenteuer, das uns den Atem stocken lässt: Natürlich erkennen schon die kleinsten Buchbetrachter:innen, dass es sich bei dem «Eichhörnchen» um eine besonders feiste Katze handelt, und so teilen wir Minas beunruhigtes Gefühl von Anfang an. Erzählerisch knüpft «Mina» an die Froschgeschichte «Pokko und die Trommel» (Rotopol, 2020) an. Forsythe steigt mit einem kleinen Rückblick ein, der schon auf die Besonderheit der Mäusefamilie schliessen lässt, kommt dann in der Jetztzeit an und lässt uns an der rasanten Weiterentwicklung teilhaben. Ob und wie sich Mina und ihr Vater aus ihrer misslichen Lage wieder befreien, kann hier nicht verraten werden, doch so viel sei gesagt: Der Schluss überrascht auch erfahrenste Bilderbuchfans. «Mina» ist fraglos eines dieser Bücher, die man in sein Herz schliesst und nie wieder hergeben möchte. Absolute Leseempfehlung!

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/22, S. 27

Swing High
Cornelia Franz
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2022, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6105-9
Schlagwörter: Musik | Historisches | Krieg

Tanzen gegen den Sturm

Hamburg, 1939: Henri ist 15 und ein «Swingheini». Mit Haartolle, Karojackett und Schuhen mit breiter Kreppsohle. Vom Sprachurlaub in England hat er neue Scheiben wie «The Flat Foot Floogie with a Floy Floy» mitgebracht, denn «der Jazz pustete alles Kleinliche, Ängstliche davon. Mit jedem Ton fühlte er sich leichter und freier. Kein Mensch, der nicht schon scheintot war, konnte bei diesem Sound ruhig bleiben». Aber mit ihrem «Hotten», wie es die Partyleute nennen, ecken sie überall an.

«Ehrlich gesagt, ihr wärt mir auch auf’n Keks gegangen. Europa marschiert und ihr dudelt Jazzmusik», sagt Robert, ein junger Kommunist, mit dem Henri zufällig bei der Gestapo sitzt. Auch beim Lesen befremdet das fröhliche Verhalten der Swingheinis inmitten der Kriegslage erstmal. Dann reissen die Ereignisse einen mit: Henri feiert in der Szene, die sich launig mit «Swing Heil!» oder «Heil Hottler!» begrüsst, verliebt sich in Inge, erlebt aber auch den Kleinmut der Eltern, die Ohrfeigen des Direktors, dass jüdische Freunde verschwinden und Inges Bruder desertiert. Dann zeigt jemand Henri an.

Intensive Dialoge unterbrechen die Handlung und beleuchten das Innenleben: Henri und Robert bei der Gestapo im Dunkeln, stimmungsvoll verstärkt durch weissen Text auf schwarzem Grund. Die Jungs kommen zu neuen Einsichten. Als Henri fragt, warum er denn gefoltert werden sollte, wenn er nur ein Spassvogel sei, erkennt Robert: «Vielleicht is’ Widerstand immer politisch.»

«Swing High» ist eine spannende Spurensuche und ein tolles Zeitporträt, das auf historischen Ereignissen basiert; tatsächlich wurden Hunderte junger Swingfans in Hamburg von den Nazis verhaftet – wegen «Anglophilie».

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/22, S. 34

Sea Monsters
Barbara Iland-Olschewski
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2022, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8458-4063-5
Schlagwörter: Freundschaft | Fantastik/Fantasy | Natur

Ungeheuer weckt man nicht

Seit einem Unfall auf dem Surfbrett hat der zehnjährige Finn grosse Angst vor dem Meer. Wenn seine Freund:innen in den Wellen toben, sitzt er meist abseits. Trotzdem lässt er sich von den anderen überreden, als Mutprobe zum Verbotenen Fleck, einer kleinen vorgelagerten Insel, hinauszufahren. Dort sollen seine neue Klassenkameradin Polly und er allein die Nacht verbringen. Doch kaum haben die beiden ein kleines Lagerfeuer entzündet, bebt plötzlich die Erde, und schnell stellt sich heraus, dass der Verbotene Fleck gar keine Insel ist …

Barbara Iland-Olschewskis Auftaktroman zu ihrer «Sea Monsters»-Reihe hat alles, was ein guter Abenteuerroman für fantasybegeisterte Kids braucht: Neben Finn und Polly steht noch der gestandene Seemann Connor im Mittelpunkt, der mehr über die Tiefen des Meeres und die dort verborgenen Geheimnisse zu ahnen scheint. Durch die Mutprobe wurde nicht nur ein riesiger, friedlicher Meeresdrache aus einem mehrere Hundert Jahre dauernden Schlaf geweckt, auch etliche andere Meeresungeheuer tummeln sich plötzlich vor der Küste. Stellen sie eine Bedrohung für die Bewohner:innen des schottischen Inselstädtchens dar?

Es braucht eine gute Portion Heldenmut, um zu verhindern, dass ein paar starke Männer mit tödlichen Harpunen losziehen, und ausgerechnet Finn muss dazu mit Connor und einem U-Boot in die aufgewühlten Wellen. Ein packender und gut geschriebener Roman für Kinder ab etwa neun Jahren, der die Fantasie weckt, ein Bewusstsein für schützenswerte Kreaturen schafft und ganz bestimmt neugierig auf die Fortsetzung macht.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/22, S. 31

Das Jahr, in dem wir schwimmen lernten
Melanie Gerber, Illustration: Karin Widmer
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2022, Seiten: 110, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-054-9
Schlagwörter: Freundschaft | Migration | Kulturen

Bereits 2018 legte der Baeschlin-Verlag das Bilderbuch «Fennek findet ein neues Zuhause» vor, das mit dem youngCaritas-Award ausgezeichnet, den die Jugendgruppe der Schweizer Caritas an Projekte zu den Themen Armut, Migration und Flucht vergibt. Nun publiziert der Verlag aus Glarus einen Kinderroman, der die Themen Flucht und Migration eindrücklich aufbereitet: «Das Jahr, in dem wir schwimmen lernten» erzählt von Tim, für den es nichts Besonderes ist, schwimmen zu können, denn seine Mutter ist Schwimmlehrerin. Dass es Menschen gibt, für die ein Sturz ins Wasser tödlich enden kann, wird ihm erst klar, als er Alia kennenlernt, die mit ihrer Mutter und zwei kleinen Geschwistern in einem Schlauchboot vor dem Krieg in Syrien geflohen ist.

Melanie Gerber erzählt von dem Sommer, der das Leben des elfjährigen Tim nachhaltig verändert. Das hat viel mit «den Ramis» zu tun, die im Haus einziehen. Vom ersten Moment an ist Tim von Alia fasziniert. Sprachlichen und kulturellen Hürden zum Trotz werden die beiden Freunde und sind füreinander da, als es darauf ankommt. Denn als Tims bester Freund Vincenzo überraschend wegzieht, muss auch Tim, für den Abschiede «einfach schrecklich» sind, noch einmal «schwimmen» lernen – im übertragenen Sinn. Alia bleibt an seiner Seite. So wie er an ihrer, als sie das erste Mal in einem See schwimmt.

Eine warmherzige Freundschaftsgeschichte, die auch eine leise Liebesgeschichte ist. Von Karin Widmer einfühlend illustriert, lässt die Autorin ihren empfindsamen Protagonisten erzählen, als sässe er direkt neben uns. Ein Rezept zum Nachkochen von Alias Lieblingsgericht gibt es obendrauf.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/22, S. 32

Die Familie des elfjährigen Tim nimmt eine Familie aus Syrien in ihrem Haus auf. Der Junge erzählt aus seiner Perspektive über das Zusammentreffen mit den Geflüchteten, wie er das syrische Essen kennenlernt und der gleichaltrigen Alia schwimmen beibringt. Als er selbst einen Abschied zu verdauen hat, werden die Rollen getauscht – hier ist Alia durch ihre Erfahrungen kompetenter. Die Geschichte zeigt, wie ein interessiertes Zugehen aufeinander das Leben aller bereichert.

Was macht ihr denn da?
Alexandra Prischedko
Verlag: Edition Bracklo, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-946986-13-3
Schlagwörter: Tiere | Identität/Individualität | Traum

Wie sieht die Realität aus, wenn jeder Mensch sie anders wahrnimmt? Was ist objektiv, was subjektiv eingefärbt? Diese Fragen erkundet die in der Ukraine aufgewachsene Künstlerin Alexandra Prischedko in ihrem ersten Bilderbuch mit genuin visuellen Strategien.

Um beide Wirklichkeitsebenen ansichtig zu machen, wählt sie zwei Darstellungsmodi. Die scheinbar objektive Aussenwelt fassen Bleistiftzeichnungen, die innenweltliche Sicht auf die Welt zeigt sich bunt, sinnlich opulent in malerischen Aquarellen. Der Kontrast zwischen den Stadtszenen in definierten, doch skizzenhaften Formen und den darin imaginierten Tieren in oszillierenden, sich ausdehnenden Farbwelten ist stark, zumal das Malerische zwischen den Skizzen oft ganze Bildteile ausfüllt.

Die einzige Ausnahme in dieser gestalterischen Zweiteilung der Bildsujets bildet die kindliche Erzählerin, die im Text auf der ersten Seite erklärt, in den Zoo gehen zu wollen. Mit gelbem Rock, einem blauweiss gestreiften T-Shirt und roten Haaren läuft sie oft durchs Bild und assoziiert die in Gedanken vorweggenommenen Zootiere in urbanen Schauplätzen. Da sitzen zwei Pandas mit am Cafétisch, hüpfen Affen die Treppen hoch und runter. Schnecken kriechen über klassizistische Säulen, und Quallen spannen sich wie Schirme über die Piazza. Was das Mädchen im Aussen und Innen sieht, charakterisiert sie indirekt als fantasievolle Träumerin, als Schöngeist.

Die in Deutschland lebende Künstlerin führt in ihren Bildern vor Augen, wie sehr die Wahrnehmung von individuellen Imaginationen durchsetzt ist und wie so jeder Mensch seine eigene Lebensrealität kreiert. Und das ist auch gut so.

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/22, S. 26

«Ich sehe was, was du nicht sieht, und das ist gestreift.» An einem Sommertag geht ein Mädchen gemächlich durch die Stadt Richtung Zoo. Schon auf dem Weg gibt es überall Zootiere zu entdecken: Quallen neben Sonnenschirmen, Zebras neben gestreiften Sitzbezügen und Pandas neben Sonnenbrillentragenden. Als turnendes Faultier oder Äffchen wird die Protagonistin für einen Moment selbst Teil der Tierschar, die in leuchtenden Aquarellfarben die Skizze bleibenden Stadtszenen kontrastiert.

Fremde Blicke
Cynthia Häfliger
Verlag: Kunstanstifter, Publiziert: 2022, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948743-15-4
Schlagwörter: Krankheit | Familie/Familienformen

Eine Psychose ist für Betroffene und Angehörige ein Schock und tiefer Einschnitt, der Gewissheiten über eine Realität und Beziehung erschüttert. Das Umfeld reagiert meist mit Hilflosigkeit und Stigmatisierung. Davon erzählt die 1994 bei Luzern geborene Illustratorin Cynthia Häfliger in ihrer ersten Graphic Novel, die entlang vieler Interviews aus ihrer Bachelor-Arbeit entstand. Ihr Ziel: zu Aufklärung und Empathie beitragen. Dabei lässt sie die Schwester des Erkrankten als ein «Wir» erzählen und taucht tief in die Gefühle einer Familie ein, die mal so war «wie jede andere auch». Doch: «Wo beginnt eine Geschichte?» Mit Lars’ kleinen Rückzügen? Seiner Kifferei? Oder seinem Auszug?

Mit kindlich-zartem Strich und bunten Aquarellen füllt Häfliger anfangs die weissen Seiten nur luftig – es gibt viele Leerstellen in diesen Schnappschüssen der Erinnerung, oft steht nur ein Satz auf einer Doppelseite. Auf den Tagebuch-Skizzen sieht man Glück und Frieden, vor allem eine Geschwister-Freundschaft. Doch diese bekommt immer mehr Brüche: Lars meldet sich erst zwei Monate nach seinem Auszug wieder, er ist seltsam, fühlt sich ständig beobachtet. Seine Reizüberflutung zeigen knallbunte Wimmelbilder – feindliche Gedanken umschwirren die Kneipengäste, der Blick geht zu den Überwachungskameras.

Als Lars wieder in die Familienwohnung zieht, nimmt die Psychose an Fahrt auf: Erst sein ständiges Misstrauen, dann seine Verfolgungsängste, zuletzt sein plötzliches Verschwinden. Erst nach einem monatelangen Psychiatrie-Aufenthalt kann er seiner Schwester von seinen Erfahrungen erzählen. Doch ihre Sorge bleibt: «Wie gerne hätten wir gewusst, was in ihm vorging und wie wir hätten helfen können.» Ein wichtiges Thema wird hier eindrücklich und sensibel umgesetzt.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/22, S. 36

Heul doch nicht, du lebst ja noch
Kirsten Boie
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2022, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0163-6
Schlagwörter: Historisches | Krieg | Familie/Familienformen | Nationalsozialismus

Hamburg 1945: Der Krieg ist zu Ende, Deutschland besiegt. Jakob ahnt von alledem nichts: Seit Monaten lebt er in den Trümmern eines zerstörten Hauses. Aus Angst, entdeckt zu werden, ist er so leise wie möglich, liest viel, schläft. Nachts kommt Herr Hofmann und bringt ihm etwas zu essen. Dann kommt er nicht mehr. Nächtelang wartet Jakob auf ihn, hungrig, durstig. Schliesslich hält er es nicht mehr aus und wagt sich nach draussen.

Jakob ist jüdischer Abstammung. Ein «Mischling ersten Grades», ein «Itzig». Sein Vater ist tödlich verunglückt, die Mutter mit einem der letzten Transporte nach Theresienstadt deportiert worden.

Kirsten Boie erzählt ihre Geschichte aus der Sicht von drei Jugendlichen: Hermann, der noch immer seine HJ-Uniform trägt und keine Zukunft für sich sieht, weil sein Vater im Krieg beide Beine verloren hat und nun für immer auf Hermanns Hilfe angewiesen sein wird – sogar auf die Toilette muss er ihn tragen –, Bäckerstochter Traute, die ihre Freundinnen und die Schule vermisst, und Jakob, der nicht glauben kann, dass er die Terrorherrschaft der Nazis überlebt haben soll.

Wieder gelingt es Kirsten Boie, ein Stück deutsche Geschichte bewegend abzubilden. Acht Tage lang, vom 22. bis am 29. Juni, begleiten wir die drei 14-Jährigen, erleben ihren Alltag im zerbombten Hamburg, teilen ihre Gedanken und Gefühle.

Dies ist kein Buch, das fröhlich stimmt, das uns beim Lesen lächeln oder lachen lässt. Zerstörung, Hunger und Not, Flucht und Vertreibung sind allgegenwärtig. Traumatisierte Menschen, Familien, die vor dem Nichts stehen, Kinder, die auf der Flucht verloren gegangen sind. Ein Buch, das eindrücklich von den Folgen eines Krieges erzählt, berührt, nachdenklich stimmt und lange nachwirkt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/22, S. 33

Drei Jugendliche nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Hamburg. Der jüdische Junge Jakob hat in seinem Versteck den Sieg der Alliierten noch nicht mitbekommen. Traute ärgert sich über die Flüchtlinge, mit denen sie die Wohnung teilen muss. Und auf Hermann, der in der Hitlerjugend war, wartet zuhause ein kriegsversehrter Vater. Einmal mehr findet Kirsten Boie eine eindringliche Sprache, die zeigt, dass alle drei auf ihre Art Opfer des Nationalsozialismus geworden sind.

Die Sprachstarken
Eva Biasio, Erika Brinkmann, Hans Brügelmann, Josy Jurt Betschart, Réne Schär
Verlag: Klett, Publiziert: 2022, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-264-84692-8
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Wissenschaft | Sport | Rätsel | Forschen

15 Lesebüchlein mit Kommentar (Box)

Schon bevor Kinder in die erste Klasse kommen, lernen sie Schriftbilder auswendig, ahmen das Schreiben nach und tun so, als würden sie vorlesen. Dabei können sie die Geschichte einfach auswendig. Je vielfältiger die Erfahrungen, umso mehr Kompetenzen haben Kinder bei Schulbeginn. Manche kennen schon Buchstaben, andere kaum einen.

Gerade weil solch gravierende Unterschiede zum Schulalltag gehören, ist die Auswahl der Lektüre herausfordernd. Genau hier kommt die Lesebüchlein-Box ins Spiel, die 15 Hefte in drei Schwierigkeitsstufen umfasst. Die Box kann, um es gleich zu sagen, unabhängig vom jeweils genutzten Lehrwerk begleitend zum Einsatz kommen.

Die Differenzierung fängt bei den breit gefächerten Erzählformaten an. Es finden sich fiktive, literarisch einfache Geschichten ebenso wie Sachtexte und interaktive Formate. Die Inhalte biedern sich nicht mit Genderklischees an, sondern bieten Lieblingsthemen, Naturwissenschaftliches oder Sport, selbst gesellschaftsrelevante Aspekte. Spannung, Zaubern, Rätselraten, Experimentieren: Die schmalen Broschüren eröffnen angehenden Leser:innen vielfältige Gründe, warum sich Lesenlernen lohnt. Lesemotivation setzt dort ein, wo Kinder ihre Lektüre frei wählen dürfen.

Erstlesekriterien in Sprache, Syntax, Layout sind nach neuesten Erkenntnissen des Bremer Leichtlese-Konzepts entstanden, das im Begleitheft ausführlich dargelegt wird. Die Schwierigkeitsstufen sind so fein ausdifferenziert, wie man es in Büchern gängiger Erstleseverlage nie wird finden können. Um die Lobeshymne komplett zu machen: Grosse Illustrator:innen wie Kathrin Schärer, Anna Luchs oder Claudia de Weck haben auch mitgemacht.

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/22, S. 29

Hühner, Hühner, Hühner
Michaela Ziegler
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0839-8
Schlagwörter: Tiere | Natur

Hühner im Stadtgarten? Der Trend zu Urban Farming und zum eigenen Federvieh hat seit der Corona-Pandemie stark zugenommen. Da kommt ein neues Kindersachbuch über das gackernde Trendhaustier gerade recht: «Hühner, Hühner, Hühner» aus der Reihe «Atlantis Thema».

Kindgerecht gelingt der jungen Illustratorin Michaela Ziegler der Spagat, sowohl vierjährige Bilderbuchbetrachterinnen als auch schulpflichtige Wissensbuchleser zu überzeugen und obendrein die elterliche Sehnsucht nach einem naturnahen Leben zu bedienen. Das Sachbilderbuch ist grob strukturiert, pro Doppelseite wird ein Thema aus der Lebenswelt der Haushühner vorgestellt. So erfährt man beispielsweise unter der Überschrift «Ein volles Tagesprogramm», warum Hühner so fleissig scharren, picken und nicken. Neben Wissenswertem über die Biologie von Hahn und Henne, die Beziehung zwischen Glucke und Küken und die Verwandtschaft von Dinosaurier und Dschungelvogel liefert das Buch auch Informationen zu Massentierhaltung und Tierschutzfragen.

Für die einleitenden Texte auf jeder Doppelseite findet Ziegler einen zum Vorlesen geeigneten, sachlich-erzählenden Ton; die Textblöcke in kleinerer Schrifttype und die schematischen Illustrationshäppchen bieten Primarschüler:innen weiterführendes Detailwissen. Wie es sich für die Sachbuchreihe aus dem Atlantis-Verlag gehört, kommt auch dieses Hühnerbuch ohne aufwendige Spezialausstattung und Fun Facts aus. Dafür faszinieren die realistischen Farbstiftzeichnungen der gelernten Primarschullehrerin und wissenschaftlichen Illustratorin Ziegler umso mehr.

Alice Werner
Buch&Maus 2/22, S. 36

Das kleine Echo
Al Rodin
Aus dem Englischen von Thomas Bodmer
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2022, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10592-0
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft | Mut/Selbstbewusstsein

Wer schon einmal ein Echo gehört hat, ist gleich verzaubert von der Vorstellung, dass es sich nicht nur um einen faszinierenden Ton, sondern um ein Wesen handeln könnte. Diese Idee ist der Aufhänger für diese Geschichte, die in einer geheimnisvoll funkelnden Höhle spielt. Mitten auf dem Cover ist Echo zu sehen: In auffälligem Gelb schaut sie (dieses Echo ist weiblich) keck und erwartungsvoll, die grossen, runden Ohren aufgerichtet mit direktem Blick auf die Betrachter:innen. Ebenfalls vielversprechend ist die Gestaltung: Die bunten Tropfsteine sind auf dem Cover leicht erhöht und so haptisch erfahrbar.

So schüchtern, wie sie ist, lebt die kleine Echo eine Existenz im Verborgenen. Doch dann begegnet sie Max. Der ist auf der Suche nach einem Schatz und voller Tatendrang. Im Moment höchster Dramatik findet Echo ihre eigene Stimme: Ihr Schrei «Lauf!» warnt Max gerade noch rechtzeitig vor dem gefährlichen Bären. Ab sofort gibt es ein Leben zu zweit mit Spielen und Reden und Zuhören. So viel Spass haben die beiden, dass sie den Schatz darüber ganz vergessen. Eine Tatsache, die erst eine gute Pointe ermöglicht.

Expressiv in Mischtechnik aus Acryl, Wasserfarbe und Collage, präsentiert Al Rodin die dunkle Höhle erstaunlich farbenfroh. Auch die Typografie wird effektvoll eingesetzt. Einen Querschnitt der Höhle zeigt der englische Künstler, der Kandinsky, Chagall und Turner als seine Vorbilder nennt, in der Technik der Kaltnadelradierung. Ein intensives Bilderbuch, das vor allem schüchterne Kinder ansprechen kann, da Echo, die ihre Stimme findet, eine Vorbildfunktion einnehmen könnte. Zudem ist die Geschichte ein grosses Plädoyer für die Freundschaft.

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/22, S. 28

Auch junge Leoparden haben Flecken
Andreas Brettschneider
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2022, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7641-7121-6
Schlagwörter: Geschwister | Armut | Umweltschutz/Klima

Aayan, Geedis Bruder, verschwindet aus Hafun in Somalia, um Pirat zu werden. Vier Jahre erhalten Geedi, seine Schwester Amina und seine Eltern keine Nachricht von Aayan, bis er plötzlich wieder vor der Tür steht, nur um dann ebenso plötzlich wieder abzureisen. Doch diesmal ist er nicht allein: Geedi schleicht sich auf den Truck, der Aayan abholt. Er will nicht nur wissen, wie man ein Pirat wird, sondern hat sich geschworen, seinen Bruder nicht mehr allein zu lassen. Als Geedi Aayan das Leben rettet, wird er in die Gruppe aufgenommen und lernt, was es heisst, ein Pirat zu sein - aber auch, dass nicht immer alles so eindeutig ist, wie es scheint.

Andreas Brettschneiders Roman wirft einen anderen Blick auf Piraterie im Indischen Ozean und zeigt, dass auch im Bösen Absichten des Guten stecken können. Die Perspektive des 15-jährigen Geedi einnehmend, weist Brettschneider auf die gesellschaftspolitischen Probleme der Fischer in der Region hin und flicht sie in seine Geschichte ein, sodass es Leser:innen ermöglicht wird, Schicksale und Motivationen der Piraten nachzuvollziehen. Der Blick auf Europa ändert sich dementsprechend: So vermittelt Brettschneider zum Beispiel eindrucksvoll, ohne ins Schulmeisterliche oder ins Klischeehafte abzurutschen, wie der europäische Giftmüll, der im Meer verklappt und an die Strände Somalias gespült wird, das Leben der Menschen dort gefährdet.

«Auch junge Leoparden haben Flecken» nimmt somit nicht nur die Piraterie selbst in den Blick, sondern auch die gesellschaftlichen Probleme und Konflikte wie Armut und Umweltverschmutzung, die Menschen dazu bringen, in der Piraterie einen Ausweg zu suchen.

Sabine Planka
Buch&Maus 2/22, S. 34

Starkes Ding
Lika Nüssli
Verlag: Edition Moderne, Publiziert: 2022, Seiten: 232, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03731-227-8
Schlagwörter: Schweiz | Historisches | Arbeit | Biografie

Auf der ersten Seite schaut Ernst den Leser:innen winkend entgegen. «1946 bin ich sechs Jahre alt und lebe mit meiner Familie auf einem Bauernhof im Toggenburg», steht darunter in «Schnürlischrift». Ernst ist der Vater von Lika Nüssli, der in St. Gallen lebenden Illustratorin. Sie hat ihn im hohen Alter zu seiner Kindheit als Verdingbub befragt und daraus eine Graphic Novel gestaltet, die den Lebensweg von Ernst nachzeichnet, bis er 17 Jahre alt ist, auch viel über den Bergbauernalltag Mitte des letzten Jahrhunderts erzählt.

«Starkes Ding» bezieht sich auf Verschiedenes: Ernsts Kindheit ist starker Tobak; er wird vom älteren Bauernpaar, für das er arbeiten muss, wie eine Sache behandelt; er ist aber auch ein kräftiger, zupackender Junge und verfügt schliesslich über eine gesunde Schlitzohrigkeit und eine innere Stärke, die ihm über die dunkle Zeit als Verdingbub hinweghelfen wird.

Nüssli zeichnet ihre Figuren und einzelne Handlungsstränge mit schnellem Tuschestrich. Dynamische Seiten mit sequenziellen Szenen wechseln sich ab mit Doppelseiten, die mal mit scherenschnittartigen Motiven arbeiten, dann wieder Anleihen bei traditioneller Senntumsmalerei nehmen. Sie inszenieren Ernsts Ängste, seine Wut und Träume, aber auch die Landschaft übers Jahr. Die Künstlerin findet eine eigene Bildsprache für diese Lebensgeschichte, auch indem sie äussere Begebenheiten und innere Stimmungen von Ernst ineinanderfliessen lässt oder mit (Erzähl-)Perspektiven spielt. Dieses Testimonial leistet einen eindringlichen Beitrag zu einem düsteren Kapitel Schweizer Geschichte. Vor allem aber ist es eine aufwühlende und berührende künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema – für Leser:innen ab der Oberstufe.

Christine Tresch
Buch&Maus 2/22, S. 37

Lika Nüsslis Vater musste als Verdingbub auf dem Hof von Bergbauern arbeiten. In dieser Graphic Novel erzählt die in St. Gallen lebende Künstlerin seine Geschichte nach. Eine aufwühlende und berührende Auseinandersetzung mit einem düsteren Stück Schweizer Geschichte ist so entstanden, in der Nüssli mit Tusche mal in sequenziellen Szenen, mal über ganze Doppelseiten von den äusseren Umständen dieser Knechtschaft, den Gefühlen und der Lebensfreude und Widerstandskraft ihres Vaters erzählt.

Noch einer oben drauf
Bruno Hächler, Illustration: Laura D'Arcangelo
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10597-5
Schlagwörter: Humor/Komik | Tiere | Reisen

Ameisenbären gehören nicht zum klassischen Ensemble der Bilderbuch-Tiere, dabei sehen sie mit ihren Röhrenschnauzen und langen, flachen Köpfen so drollig wie exotisch aus. Die Berner Illustratorin Laura D’Arcangelo zeichnet ihre Ameisenbärin samt Jungem hier als zotteliges, schwarz-weiss-braun gestreiftes Doppelpack mit riesigen Kulleraugen auf meist weissem Hintergrund. Ist ja auch bald genug los auf Mamas Rücken, da braucht es gar kein Beiwerk. Erst schaukelt dort nur der kleine Ameisenbär gemütlich durch die Landschaft. Weil aber auch der beste Platz der Welt allein langweilig wird, lädt und sammelt er munter ein: «Hast du Lust mitzukommen?», fragt er alles, was da kreucht und fleucht. So stapeln sich bald schon Dachs, Ente, Hase, Eichhörnchen und eine Froschfamilie wie die Bremer Stadtmusikanten aufeinander. Ein lustiger Ausflug, bis der meterhohe Tierturm zu wackeln und schwanken beginnt …

Kinderliedermacher und Autor Bruno Hächler hat sich ein bezauberndes Setting ausgedacht und erzählt dabei einiges über die verschiedenen Lebensweisen der Reisegesellschaft: «Wie hell!», brummt der Dachs begeistert, während D’Arcangelo in seinen dunklen Bau zoomt. Der Maulwurf findet es so weit oben schön luftig, die Schnecke freut sich über das ungewohnte Tempo und der Frosch über trockene Füsse. Die zunehmend wimmeligen Bilder strotzen vor Situationskomik und Dynamik, mit jedem neuen Passagier gibt es jede Menge Veränderungen zu entdecken. Dann purzeln die Tiere in umgekehrter Reihenfolge wieder vom Mamas Rücken … Zum detailreichen und verspielten Buch gibt es den passenden Song «Ameisenbär» auf Deutsch und Schweizerdeutsch.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/22, S. 27

Wir
Zoran Drvenkar
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2022, Seiten: 480, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75604-6
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Geschlechterbilder | Sucht | Gewalt

Die süssen Schlampen - Thriller

Stinke, Schnappi, Taja, Rute und Nessi sind sechzehn und leben in Berlin, und endlich haben sie die Schule hinter sich. Sie sind «Tussis von der Realschule», wie Stinke die Leser:innen wissen lässt, und dokumentieren das Ende der Qualen im Klassenzimmer mit einem Tattoo am Handgelenk: «vorbei». Zoran Drvenkar schickt uns in seinem neuen Jugendroman auf einen wilden Ritt durchs nächtliche Berlin, mit Drogen und Gangstern und ein paar richtig guten Twists. Denn Taja ist verschwunden, und als sie wieder auftaucht, zieht sie ihre Freundinnen in etwas Dunkles hinein. Der Thriller-Plot ist mit viel Leidenschaft fürs Genre gebaut, doch die Kraft des Romans kommt aus den Figuren, den fünf Mädchen, die sich die «süssen Schlampen» nennen.

Jedes Kapitel ist aus der Perspektive eines anderen Ichs erzählt, wobei Drvenkar jedem Mädchen virtous einen eigenen Sound gibt. So entstehen ein breites Spektrum von Persönlichkeiten, eine Stimmenvielfalt und ein Knäuel aus engster Verbundenheit und Gedanken, die niemals zusammenkommen. Stinke bringt es rotzig auf den Punkt: «Du bist nicht die Herrin deines Lebens, du bist Hormone und Emotionen und Drama, du bist Geilheit und Wahnsinn […].» Drvenkar erschafft eine Atmosphäre der radikalen, wilden Gegenwart und macht die bittersüsse Intensität des Mädchenlebens als funkelndes Horrormärchen erfahrbar.

«Wir, die süssen Schlampen» ist übrigens eine Art Spin-off, denn die süssen Schlampen traten erstmals in Drvenkars Thriller «Du» (2010) auf, der für eine TV-Serie adaptiert wurde; unter dem Titel «Then You Run» wird sie diesen Herbst auf Sky zu sehen sein.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/22, S. 36

Im Untergrund
Annette Maas, Illustration: Horst Hellmeier
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2022, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8458-4464-0
Schlagwörter: Historisches | Geografie | Wissenschaft | Technik | Natur

Verborgene Welten entdecken

In ihrem ersten gemeinsamen Buchprojekt begleiten wir Annette Maas und Horst Hellmeier auf eine spannende Reise in den Untergrund. Los geht es in der Stadt Derinkuyu in Zentralanatolien, wo vor 4000 Jahren mehr als 20 000 Menschen unter der Erde lebten. Über viele weitere Stationen wie einen versunkenen Palast in Istanbul, die Wiener U-Bahn oder die Dambulla-Höhlentempel auf Sri Lanka gelangen wir durch zahlreiche Länder und Jahrhunderte bis in die Schweiz der Gegenwart. Hier soll bis 2045 ein gigantisches Projekt entstehen: ein mehr als 500 Kilometer langes Tunnelsystem, das Waren vollautomatisch vom Bodensee bis zum Genfersee transportiert und so die Lkws auf der Strasse ersetzt.

In 29 Kapiteln, die Hellmeier ähnlich wie einen Comic mit Sprechblasen und kunstvollen Bilderfolgen witzig illustriert hat, lesen wir von bahnbrechenden Erfindungen, spektakulären Entdeckungen und kuriosen Zufällen, denen eines gemein ist: Sie spielen sich unter der Erde ab, in den Gängen eines Tierbaus, den Magmakammern eines aktiven Vulkans oder einem Höhlenlabyrinth. Wir erfahren, wie der Eurotunnel unter dem Ärmelkanal entstanden ist, was es mit einem «Eisberghaus» auf sich hat oder einem Londoner Projekt, bei dem 33 Meter unter der Erdoberfläche Gemüse angebaut wird. Wir lernen, dass es in Helsinki keine Müllautos mehr gibt, wie das Erdöl in die Erde kommt (und wieder heraus), wie ein Salzbergwerk funktioniert oder was jeder tun kann, um unser Grundwasser zu schützen. Und so vieles, vieles mehr.

Ein beeindruckendes Sachbuch, das reichlich Wissenswertes bietet und dabei bestens unterhält. Naturwissenschaftlich-technisch begeisterte Mädchen und Jungen werden es lieben!

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/22, S. 36

Auf je einer bis zwei Doppelseiten präsentiert dieses Buch eine Fundgrube von allerlei Dingen, die es unter der Erdoberfläche zu entdecken gibt: Von Derinkuyu, der antiken, in der heutigen Türkei liegenden Stadt, die 18 Stockwerke in die Tiefe ging, bis zum zeitgenössischen Helsinki, das viel städtische Infrastruktur in den Untergrund verlegt hat. Auch Höhlen, Bergwerke, Vulkane, Moore, Grundwasser oder verschiedene Bunker werden detailreich und mit kleinen humorigen Szenen präsentiert.

Derborence
Fabian Menor
Aus dem Französischen von Stefanie Kuballa-Cottone
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2022, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907293-62-1
Schlagwörter: Schweiz | Natur | Historisches

Der Berg ist eingestürzt, hinunter auf Derborence. Kein Stück Vieh hat überlebt und sicher keiner der Männer, die dort auf der Alp den Sommer verbracht hatten. Oder doch? C. F. Ramuz’ Roman «Derborence» von 1934 ist eine eindrückliche Schilderung der Naturkatastrophe, die im 18. Jahrhundert die Landschaft um das Walliser Dorf Derborence für immer verändert hat.

Der junge Westschweizer Illustrator Fabian Menor, letztes Jahr mit seiner Graphic Novel «Elise» (Joie de lire, 2020) für den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis nominiert, hat Ramuz’ naturpoetische Romanvorlage in eine Graphic Novel verwandelt. Damit begründet Helvetiq die «Collection Ramuz Graphique». Menor setzt die Geschichte in erdig-steinige Grau-Brauntöne, als würde sich der Staubschleier des Bergsturzes nie ganz legen. Der unheimlichen Kraft der Natur gibt er viel Raum, zeigt in grossen Panoramen, wie die Flut der Steine ihren Weg ins Tal nimmt. Die hellen Gesichter der Menschen heben sich davon ab. In ihnen sieht man die zärtliche Liebe des jungen Ehepaars Antoine und Thérèse – sie mit einem süssen Geheimnis zu Hause im Dorf, er auf der Alp oberhalb von Derborence –, den Schrecken, als die Kunde vom Bergsturz sich im Dorf verbreitet und schliesslich die Entschlossenheit in Thérèses Gesicht, als sie in die Berge hinaufschreitet, um ihren Antoine zurückzuholen.

Dass die Graphic Novel zeitgleich auf Französisch und Deutsch erschienen ist, macht sie bestens geeignet für den Einsatz im Französischunterricht und kann so für die Verbreitung eines eindrücklichen Stücks Schweizer Literatur auch bei nicht ganz so versierten Französisch-Lesenden sorgen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/22, S. 37

Ein Berg als tödliche Gefahr, ein Totgeglaubter, der wieder auftaucht, und eine junge Liebe, die sich allem widersetzt: C. F. Ramuz’ «Derborence» ist ein Literaturklassiker aus dem Wallis. In der Graphic-Novel-Adaption schafft die Wahl von Braun- und Grautönen eine unheilschwangere Atmosphäre, das Chaos des Bergsturzes wird unscharf gepinselt dargestellt. Gleichzeitig macht die Comic-Bearbeitung den Roman sehr zugänglich – im französischen Original auch für den Französischunterricht.

Manchmal male ich ein Haus für uns
Alea Horst, Illustration: Mehrdad Zaeri
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2022, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-263-3
Schlagwörter: Migration | Krieg

Europas vergessene Kinder

«Alles hat angefangen, sagt mein Papa, als ich neun Jahre alt war. Da ist eine Bombe auf das Nachbarhaus gefallen. Mein Freund ist dort gestorben. Seitdem habe ich diese Schwierigkeiten mit den Gedanken», erzählt der elfjährige Fares aus Syrien. Er lebt mit seiner Familie im Lager Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos. Hier fehlen ihm: ein Zuhause, Essen, die Schule – und vor allem die Lebensfreude.

Rund zwanzig Mädchen und Jungen aus Afghanistan, dem Irak, dem Kongo oder Somalia hat Alea Horst, Fotografin und freiwillige Nothelferin auf Lesbos, im Februar 2021 für diese wachrüttelnde Dokumentation porträtiert. Die Kinder, zwischen sechs und vierzehn Jahre alt, erzählen selbst von ihren Erlebnissen, Ängsten und Wünschen. Dazu hat Horst, die auch Gründerin der Stiftung Alea e.V. ist, berührende Fotos gemacht – Einzel- und Momentaufnahmen. Auf einer sitzt Fares auf dem Zeltboden und sagt: «Morgens weckt mich meine Mama. Sie sagt immer, ich soll rausgehen, spielen. Aber ich kann nicht mehr spielen. Ich weiss nicht mehr, wie es geht.» Ein Kopf voller Locken, Augen müde, Mundwinkel und Kinn angespannt. Weint er gleich?

Die Geschichte zu «Europas vergessenen Kindern» vermittelt hautnah die kinderfeindlichen Zustände in den Lagern. Das mit zeitweise 20 000 Menschen – die Hälfte davon Kinder – völlig überfüllte Vorgängerlager Moria brannte 2020 ab. Viele Kinder, die hier zu Wort kommen, schliefen tagelang auf der Strasse. Inmitten von diesem Chaos gibt es dennoch auch hoffnungsvolle Bilder: Die Schwestern Asra und Tabasom aus Afghanistan halten sich lachend an der Hand.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/22, S. 30

Aus den Porträtfotografien sehen uns kleine Kinder mit verdreckten Wangen und viel zu ernste Jugendliche direkt in die Augen. Sie alle sind mit ihren Familien in den Lagern auf Lesbos gestrandet. Alea Horst hat protokolliert, was sie zu sagen haben: Sie erzählen davon, wie sie ihre Zeit verbringen, was sie zurückgelassen haben, wovon sie träumen – und von ihrem grossen Wunsch nach Freiheit und Bildung. Worte und Bilder, die ganz ohne künstliche Dramatik mitten in die Seele treffen.

Tochter der Tiefe
Rick Riordan
Aus dem Englischen von Gabriela Haefs
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2022, Seiten: 382, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55755-1
Schlagwörter: Abenteuer | Schule | Natur

Mit seiner «Percy Jackson»-Serie um heutige Jugendliche, die von griechischen Göttern abstammen und sich mit den im Verborgenen nach wie vor existierenden Protagonist:innen der griechischen Mythologie herumschlagen müssen, hat Rick Riordan 2005 eine zeitweilige Mode von Göttergeschichten losgetreten, und diese selber mit diversen Folgereihen, auch um weitere Mythologien, erweitert. In Riordans jüngstem Wurf scheint es für einmal nicht um Mythologie zu gehen. Dennoch bleibt Riordan seinem Erzählmuster treu, an die Stelle der Mythologie treten nämlich Jules Vernes Kapitän Nemo und dessen Unterwasserschiff Nautilus. Ebenfalls geht es um eine Schule mit vier «Häusern», die hauptsächlich Sprösslinge von bereits mit der Schule verbundenen Familien aufnimmt. Diese Highschool ist auf Meeresforschung spezialisiert und gleicht dabei einem geheimen Militär-Ausbildungscamp.

Dabei baut Riordan schon auf den ersten Seiten reichlich Spannung auf, denn es beginnt mit einem Knall: Kaum sind Protagonistin Ana Dakkar und ihre Klasse auf einer Prüfungsfahrt, explodiert die Schule – vernichtet von der rivalisierenden Institution. Für die Trauer um Familie und Freunde bleibt wenig Zeit, da die Klasse auf Geheiss des begleitenden Lehrers mit dem Schulschiff aufs Meer flüchten muss. Nun erst erfahren Ana und ihre Freunde, dass Ana die letzte Nachfahrin von Kapitän Nemo ist und wohl als Einzige seine zahlreichen futuristischen Erfindungen steuern kann. So muss sich Ana mit gerade mal 15 den Herausforderungen ihres Erbes stellen, denn auf sie warten unglaubliche Entdeckungen. Wer aus «Percy Jackson» herausgewachsen ist und wer Spionagethriller oder Unterwasserwelten mag, wird auch an «Tochter der Tiefe» Freude haben.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 2/22, S. 34

Holgers Haus
Jule Wellerdiek
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95728-618-5
Schlagwörter: Freundschaft

Holger, der Fuchs, und sein Freund Stein leben gemeinsam in einem Häuschen im Grünen. Doch immer, wenn Holger sich gern entspannen würde, sorgt der chaotische Stein wieder mal für Lärm und Unordnung. Eines Tages hat Holger die Schnauze voll: Er packt das Haus auf seinen Fahrradanhänger und radelt ohne Stein davon. Zuerst geniesst er zwar die Ruhe und Ordnung, doch dann merkt er schnell, dass das Tanzen zu ABBA zu zweit mehr Spass macht und es nachts so allein ganz schön zum Gruseln ist. Bei Mondschein tritt er daher kräftig in die Pedale und düst wieder zurück zu seinem Freund. Gemeinsam mit Stein stellt Holger fest: «Zuhause» ist eben mehr als nur Entspannung und Ungestörtheit.

Wellerdieks Bilderbuch zeigt mit Augenzwinkern, dass ein bisschen Chaos zum Leben dazugehört. Feine Bleistiftskizzen gehen fliessend in bunte Scherenschnitt-Collagen über. Statt unfertig zu wirken, verleiht das den Illustrationen eine originelle Leichtigkeit. Text und Bild spielen sich so gegenseitig in die Hände und betonen den Charme des Unperfekten. Aufmerksame Bildbetrachter:innen entdecken zudem einen wahren Detailreichtum: Dort baumelt eine Spinne von der Decke, die winzige Bücher liest, da sitzt mitternachts ein angelnder Biber. Gerade in solchen Kleinigkeiten versteckt sich viel Humor: So liest Holger beispielsweise Bücher wie «Selfcare für Füchse». Nicht nur junge Leser:innen werden sich beim Lesen ertappt und erinnert fühlen, dass nicht immer alles nach dem eigenen Willen geht und das auch gut so ist. «Holgers Haus» ist ein Appell für mehr Toleranz und Gelassenheit – und vor allem – ein Hoch auf die Freundschaft.

Ronja Holler
Buch&Maus 2/22, S. 26

Harte Schale, Weichtierkern
Cornelia Travnicek
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2022, Seiten: 126, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75645-9
Schlagwörter: Krankheit | Erwachsenwerden | Identität/Individualität

Fabienne, genannt Fabi, ist sechzehn Jahre alt, mittelgross, brünett, hat braune Augen und einen Gesamt-IQ von 136. Andere halten sie häufig für eingebildet, krankhaft ehrgeizig, unhöflich und überängstlich, ihre Mutter dagegen hält sie für «unglaublich gescheit, aber zum Leben zu dumm». Denn Fabi kann keine Witze erzählen und schlecht Augenkontakt halten, dafür hat sie ein Faible für Zahlen und kommt ganz ausgezeichnet mit sich selbst aus.

Der Psychiater, den sie ohne Wissen der Eltern konsultiert und von ihrem Praktikumsgeld bezahlt, bestätigt ihr schliesslich nur, was sie ohnehin schon weiss: Asperger. Ob sich Fabi deswegen dem Oktopus, diesem einzelgängerischen, hochsensiblen und bizarren Meeresbewohner, so nahe fühlt?

Cornelia Travnicek lässt Fabi ihre Geschichte als steten Gedankenstrom erzählen. Geschickt verknüpft die Autorin die komplexen Überlegungen ihrer Protagonistin mit deren medizinischen Recherchen, mit meeresbiologischen Randbemerkungen und detektivischen Erkundungen über das Leben im Allgemeinen. Mindmaps, Listen, Briefe, Chat-Beiträge, Skizzen und Therapieaufgaben lockern Fabis mal selbstironische, mal tiefernste Selbstschau zu einer tagebuchartigen Collage auf. Für Leichtigkeit sorgen zudem die durchgehenden, in Blau- und Rottönen gehaltenen Illustrationen des titelgebenden Weichtiers.

«Harte Schale, Weichtierkern» ist eine aussergewöhnliche, lebensnahe Coming-of-Age-Geschichte über Selbstfindung, Sinnverlust und Krankheitsbewältigung, über die Wunder des Lebens und die faszinierende Welt der Tiefsee.

Alice Werner
Buch&Maus 2/22, S. 35

Die 16-jährige Fabienne gestaltet ihr Journal mit tagebuchartigen Notizen, Brainstormings und Listen, Post-its und Fundstücke aus Social Media. Damit nähert sie sich ihrer Diagnose Asperger an, die ihr ein Therapeut endlich bestätigt hat. Die Oktopus-Bilder von Michael Szyszka greifen ein Motiv des Textes auf und illustrieren das Tauchen in die Tiefe der eigenen Identität. Eine leicht lesbare, spannend gestaltete Auseinandersetzung mit einem Teenie-Alltag auf dem autistischen Spektrum.

Als Papas Haare Ferien machten
Jörg Mühle
Verlag: Moritz, Publiziert: 2022, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-427-5
Schlagwörter: Abenteuer | Familie/Familienformen | Reisen

Jörg Mühle ist ausgebildeter Illustrator, Teil des Labor Ateliergemeinschaft in Frankfurt am Main und inzwischen erfolgreicher Autor. In einer Folge des Podcasts «Kinderbuchpraxis» schildert er, wie aufregend das Erfinden und Schreiben eigener Geschichten für ihn anfangs war. Dabei sei ihm die Mechanik der Geschichte wichtiger gewesen als Hauptfigur(en) und Bilder.

Schaut man sich seine neueste Kindergeschichte an, so gestaltet Mühle den Plot, indem er Text- und Bildsprache miteinander verschmelzen lässt. Visuelle und sprachliche Anteile wechseln sich innerhalb der Handlungsstruktur ab, sogar Schriftbilder und Bildsequenzen erzählen mit. Wer die Bilder beim Lesen nicht gleichrangig miteinbezieht, bekommt von der Geschichte nur die Hälfte mit. Daher ist «Als Papas Haare Ferien machten» mehr Bilder- als Kindergeschichte.

Elementar geblieben ist für Mühle das Finden einer besonderen Erzählidee, für die die Hauptfiguren dieses Mal zentral sind: ein Vater und dessen personifizierte Haarpracht. Wie diese ihn verlässt und der kahle Vater sie verfolgt, wie sie um die Häuser zieht, mal als Haar in der Suppe auftaucht, mal Postkarten aus «Haargentinien» und der «Anthaarktis» nach Hause schreibt, wie sie am Ende zurückkommt und mit dem witzigen Spruch «Menschenskinder, was seid ihr gewachsen!» willkommen geheissen wird, ist skurril, temporeich und mit den vielen Sprachspielereien hinreissend amüsant erzählt.

Mühle entspinnt eine Nonsens-Geschichte, die zum unbeschwerten Fabulieren einlädt, indem sie zeigt, was Unvorhergesehenes passieren kann, wenn man sich von seiner Fantasie tragen lässt. Eine Geschichte für schwere Zeiten wie diese: sehr zu empfehlen!

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/22, S. 30

Jörg Mühles Erzähldebüt für Leseanfänger:innen ist skurril, witzig, temporeich – und ein grossartiges Vorlesevergnügen in Wort und Bild. Die Ausgangslage ist nicht so lustig, denn Papas Haare machen sich auf und davon! Papa, entschlossen aber nicht erfolgreich, hinterher. Schliesslich entwischen die Haare übers Meer, nur um dann Post aus Haargentinien und der Sahaara zu schicken. Papa bleibt kahl, bis eines Tages Unglaubliches geschieht und sich zeigt, dass Haare viel zu erzählen haben.

Die aussergewöhnlichen Fälle der Florentine Blix
Alice Pantermüller, Illustration: Daniela Kohl
Verlag: Arena, Publiziert: 2022, Seiten: 280, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-60578-4
Schlagwörter: Freundschaft | Krimi/Thriller | Grusel/Spuk/Horror | Behinderung

Tatort der Kuscheltiere

Florentine Blix und ihre Freundin Maja ergänzen sich prima. Wo Florentine hervorragend im Lösen von Rätseln ist, kann Maja besonders gut mit Leuten umgehen. Das ist etwas, was Florentine manchmal schwerfällt, denn sie kann mit Ironie nicht viel anfangen und eckt damit manchmal ganz schön an. Bo, den Neuen in Florentines Klasse, schreckt das nicht ab. Im Gegenteil: Als er von Florentines Plänen hört, später erfolgreich Kriminalfälle zu lösen, bittet er sie, ihm bei der Suche nach seinem verschwundenen Cousin zu helfen. Angeblich ist dieser bei einem Bootsunglück gestorben. Da jedoch nie eine Leiche gefunden wurde, glaubt Bo nicht so recht daran. In der ihr eigenen Logik macht sich Florentine ans Werk und hat auch bald eine heisse Spur. Nur passt das, was sie sieht, mit dem, was sie weiss, nicht so recht zusammen, und das wirft bald viel mehr Fragen auf als gedacht. Unter anderem auch, was ihre beste Freundin Maja angeht …

Die Flensburger Heldin Florentine Blix erinnert in ihrer liebenswerten Schrulligkeit an den Serienstar «Bones». In einer sorgfältigen Dokumentation der teils recht gefährlichen Abenteuer schreibt Florentine alles auf, was ihr in jenem besonderen Sommer passiert ist, in dem sie herausfand, dass sie ein wenig mehr kann als andere Menschen. Daniela Kohl illustriert die Dokumentation als Aktenordner in Grau und Grün inklusive Aufkleber, Dänischvokabeln und eingeklebten Notizzetteln. Ein im wahrsten Sinne des Wortes fantastisches Kinderbuch für alle, die allmählich aus Pantermüllers «Lotta»-Büchern herauswachsen und nun adäquates Lesefutter brauchen. Spannend, lehrreich, schräg – ein Kinderkrimi der Extraklasse!

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/22, S. 32

Florentine Blix ist nicht einfach irgendeine Hobby-Detektivin, oh nein! Mit scharfem Verstand löst sie ihren ersten Fall und verhilft damit ihrem neuen Mitschüler zu seinem Erbe. Ihr logisches Denken wird allerdings arg auf die Probe gestellt, als sich herausstellt, dass sie Geister sehen kann! Eine aberwitzige Detektivgeschichte mit liebenswerter, eigenständiger Protagonistin und Flensburger Lokalkolorit – reich illustriert und abwechslungsreich gestaltet.

Radio Silent
Tom Ryan
Aus dem Englischen von Sandra Knuffinke und Jessika Komina
Verlag: Magellan, Publiziert: 2022, Seiten: 365, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-5058-5
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Freundschaft | Gewalt

Melde dich, wenn du das hörst

«Was ist damals an dem Nachmittag im Wald mit Sibby Carmichael passiert?» Diese Frage verfolgt die 17-jährige Delia, genannt Dee, seit fast zehn Jahren. Denn die beiden Mädchen waren zusammen im Wald spielen. Dass die Entführer Dee zurückliessen, war wohl Zufall. Trotz aller Unterstützung macht sich Dee, die Zurückgebliebene, immer wieder den Vorwurf: «Du hättest es verhindern müssen.» Als Bewältigungsstrategie hat sie einen Podcast namens Radio Silent aufgebaut, in dem sie Informationen zu anderen Fällen von Verschwundenen aufbereitet, aber strikt anonym bleibt. Ihr Aufruf «Hört zu. Helft mit» soll dabei nicht nur ihre eigene Machtlosigkeit, sondern auch die ihrer Zuhörerschaft lindern. Doch ihr eigener Fall holt Dee ein, als noch ein Mädchen in der Stadt verschwindet. Das ruft erneut eine Schar schlagzeilenhungriger Reporter auf den Plan, was die Beziehungen in der Stadt zusätzlich belastet. Dann erhält Dee auch noch einen vagen Hinweis, dass Sibby noch lebt. Während sie den Hinweisen nachgeht, bewahrt ihre neue Nachbarin, zu der sie eine tragfähige Liebesbeziehung entwickelt, sie davor, sich zu verrennen.

Natürlich mündet der solide gebaute Thriller in einen dramatischen Showdown. Davor punktet er mit sorgfältig beobachteten Beziehungen, wenn Dee verschiedene andere Betroffene trifft und ihre Sicht der Dinge justieren muss. Stossend ist, dass fälschlicherweise die 24-Stunden-Wartefrist für Vermisstmeldungen kolportiert wird. «Radio Silent» ist ein Buch der starken Frauenfiguren, in dem die männlichen Charaktere Nebensache bleiben. Mit den immer wieder eingeschobenen Podcast-Mono- und Dialogen sieht man fast schon die Verfilmung vor Augen.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 2/22, S. 35

Die Geschichte vom kleinen Und
Franz Fühmann, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Hinstorff, Publiziert: 2022, Seiten: 31, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-356-02390-9
Schlagwörter: Sprachspiel

Weil es von lauter finsteren Worten umgeben ist, beschliesst ein kleines Und kurzerhand, seinen Satz zu verlassen und sich stattdessen in die Sonne zu legen. Als es wieder aufwacht, ist der Satz längst weg und das kleine Und ganz alleine. Das kurze Wort wird zum Protagonisten der Geschichte, die ursprünglich 1978 als Teil des Sprachspielbuches «Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel» von Franz Fühmann, der dieses Jahr hundert Jahre alt geworden wäre, veröffentlicht wurde. Nun ist die Geschichte erstmals als eigenständiges Buch erschienen, neu illustriert von Jacky Gleich.

Der gesamte Text baut auf Wort- und Buchstabenspielen auf und regt zur spielerischen Auseinandersetzung mit der Sprache an. Das einsame Und trifft auf Buchstaben und ganze Worte, die sich mit ihm zusammentun möchten. Jedes Mal hat es jedoch etwas auszusetzen. Mit dem H zu einem «Hund» werden? Nein danke, da müsste es ja immerzu bellen. Das H geht weiter und wird von der Ecke festgehalten. Es entsteht eine Hecke, in deren Schatten sich das kleine Und ausruht. So geht es immerzu weiter. Buchstaben und ganze Wörter verbinden sich zu neuen Worten, und es entstehen neue Bedeutungen. Das kleine Und bleibt jedoch alleine und wird immer trauriger.

Jacky Gleichs Illustrationen zeigen das kleine Und als menschliche Gestalt mit sichtbaren Gefühlen. Es bewegt sich mit einem roten Faden, der das Wort und formt, über die Doppelseiten. Die Illustrationen untermalen die Geschichte mit all den Begegnungen und Emotionen. Sie zeigen auch, wie am Ende durch eine Umarmung ein Wunder entsteht.

Nadja Eich
Buch&Maus 2/22, S. 29

Ein kleines und sehnt sich nach Wärme und läuft aus einem Satz mit finsteren Worten raus. Doch nun ist es mutterseelenallein und macht sich auf die Suche nach einer neuen Gemeinschaft. Es trifft verschiedene Buchstaben, doch mit dem H müsste es immer bellen, mit dem M immer quatschen. Mit Mann und Maus müsste es untergehen. Wie schön schliesst das Wer das kleine und in sein Arme! Ein wundervolles Märchen, in dem die Zeichnungen eine wichtige Brücke zu den Wortspielen schlagen.

Wird schon schiefgehen, Ente!
Daniel Fehr, Illustration: Raphaël Kolly
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-45964-8
Schlagwörter: Freundschaft | Reisen

Ein Brief, Umschlag, Stifte und Briefmarke auf dem Schmutztitel stimmen die Betrachtenden auf die Geschichte ein. Was wird wohl «schiefgehen»? Die Redewendung im Titel lädt zum Austausch ein. In der ersten Szene lässt ein Brief Ente und Maus spontan aus ihrem gemütlichen Heim aufbrechen. Biber hat sie in seinen neuen Damm eingeladen. Der Weg durch die Natur bestimmt die Zweifel und Ängste der sehr unsicheren und pessimistischen Ente und damit die Handlung. Hunger, Durst und Schwächeanfälle gilt es zu meistern.

Daniel Fehr arbeitet mit sehr unterschiedlichen Illustrator:innen zusammen. Das macht sein Werk vielseitig. Seinem Text fügt er Regieanweisungen hinzu und vertraut doch ganz auf die Arbeit des oder der anderen. Diesmal steuert der Luzerner Künstler Raphaël Kolly mit der Figurenzeichnung, der grosszügigen Landschaft und der Farbgebung seine ganz eigene Note bei. Schön, mit welcher Ruhe und Intensität auf den querformatigen Doppelseiten der Raum entsteht. Und schon auf dem Cover wird klar, wie Ente alles gegen den Strich geht und wie die Brücke sie ängstigt.

Zurück bleibt der Eindruck, dass die negativen Gedanken von Ente dank der Beharrlichkeit von Maus keine Wirkung gezeigt haben. Trotz allen Ängsten haben die beiden Freunde den Ausflug gemacht. Das ist kein schlechtes Rezept für ängstliche Wesen, die manchmal aus ihrem Gedankenkarussell nicht herausfinden. So gibt es zuletzt einen glücklichen Moment: die drei Freunde an einem Tisch – eine Szene ganz ohne Text. Für Kinder mit ähnlichen Sorgen bietet dieses Bilderbuch eine Möglichkeit, ins Reden zu kommen. Für Spass und Leichtigkeit sorgt eine Krähe, die man auf jeder Seite entdecken kann.

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/22, S. 26

Durch eine sich weit über die Doppelseite erstreckende Landschaft wandern Maus und Ente zu Biber. Was da alles passieren kann! Die pessimistische Ente malt es sich aus: Sie könnten sich verlaufen, sich im Regen erkälten oder von der Brücke fallen. Mit Hilfe der zuversichtlichen Maus überwindet sie all ihre Ängste und kann den Besuch bei Biber geniessen. Mimik und Gestik zeigen nicht nur Entes Widerstände, sondern auch, wie Maus ihre zögerliche Freundin unterstützt und motiviert.

16x zum Himmel und zurück
Marlies Slegers
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Verlag: Dressler, Publiziert: 2022, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7513-0030-8
Schlagwörter: Tod/Trauer | Familie/Familienformen

«Mein Vater besteht aus null Zellen. Und das Verrückteste ist, dass er, obwohl nichts mehr von ihm da ist, noch alles ausfüllt.» Vor einem Jahr ist Pelles Vater an Krebs gestorben und hat im Leben von Pelle und seiner Mutter eine grosse Lücke hinterlassen. Das Leben scheint für beide stillzustehen. Nach einem Jahr übergibt seine Mutter Pelle plötzlich eine Kiste voller Briefe, die der Vater seinem Sohn geschrieben hat. Und das Leben von Mutter und Sohn nimmt plötzlich wieder an Fahrt auf.

Marlies Slegers ist ein wunderbarer und überzeugender Roman über das Sterben gelungen, der Pelles Traurigkeit ebenso einfängt wie die anfängliche Ohnmacht der Mutter. Er zeigt, wie beide auf ihre Art mit dem Verlust umzugehen versuchen: Während sich Pelles Mutter abschottet, verbirgt Pelle seine Trauer hinter Faktenwissen, das er wie auf Knopfdruck abrufen kann, das ihn aber im Grunde davon abhält, seine Gefühle richtig zuzulassen. Obwohl Slegers’ Roman eine Geschichte über Tod, Verlust und Trauer ist, so ist er doch zugleich ein Werk über das Leben, über Hoffnungen und über Freude.

Als Pelle beginnt, die Briefe zu lesen, setzt dies – ähnlich wie in Cecelia Aherns, den Erwachsenen zumindest durch die Verfilmung bekannten Erfolgsroman «P.S. I love you» – eine Kettenreaktion in Gang, die in neue Begegnungen und Freundschaften mündet und auch Pelles Mutter aus ihrem Kokon herausholt. Genau diese Veränderung lässt Pelle, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, schliesslich erkennen: «Der Einzige, der sich an seiner Trauer festklammert, bin ich selbst.» Er wächst an diesem Verlust und lernt durch die Aufgaben, die sein Vater ihm in den Briefen stellt, nicht nur diesen kennen, sondern auch sich selbst.

Sabine Planka
Buch&Maus 2/22, S. 31

Marina
Nikolaus Heidelbach
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2022, Seiten: 38, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75632-9
Schlagwörter: Migration | Natur | Rassismus

Woher kommt das Mädchen mit Schwimmweste, das zwei Brüder am Strand finden und nach Hause mitnehmen? Aus der Perspektive des kleinen Bruders lernen wir die anfangs sprachlose Marina, so nennen sie die Jungs, kennen. Sie sitzt wortlos am Tisch, isst am liebsten Fisch, badet jeden Tag und beisst auf dem Spielplatz einen Mann kurzerhand ins Bein, als der sie ihrer dunklen Hautfarbe wegen beleidigt. Wieder zuhause, beginnt sie zu sprechen, erst zögerlich, dann ohne Unterlass. Ihre Eltern seien Meerkönige, sie also sei eine Meerprinzessin. Dort, wo sie herkomme, gebe es alles im Überfluss, nur ihre Schwester habe genervt, darum sei sie abgehauen. Dem älteren Bruder werden die Schilderungen des glamourösen Unterwasserlebens zu bunt. Marina tische lauter Lügengeschichten auf, denn das Meer sei kein idyllischer Ort mehr, sondern eine Müllhalde. In der Nacht darauf verschwindet das Mädchen, wie es gekommen ist. Die Brüder sehen auf dem Meer nur noch einen Schemen – eine Robbe oder doch Marina?

Lesen wir eine Meerjungfrauengeschichte oder bewältigt da ein Mädchen das Grauenhafte, das es erlebt hat, mittels einer fantastischen Geschichte? Die Ambivalenz spiegelt sich auch in der Komposition des Buches. Heidelbach zeigt die realistische Welt der Brüder in zentralperspektivischen ein- oder doppelseitigen, fahlfarbigen Tableaus mit Weissrand. Mit dem Auftauchen von Marina schleicht sich ein warmer Gelbton in die Bilder; schildert sie ihre magische Herkunft, werden sie randabfallend, farbig und fantastisch.

Ein Bilderbuch, dessen Irritation und Offenheit auf der erzählerischen und gestalterischen Ebene viel Raum lässt für das dialogische Gespräch mit Kindern im Primarschulalter.

Christine Tresch
Buch&Maus 2/22, S. 29

Ist das Mädchen mit Schwimmweste, das die zwei Brüder am Strand finden, ein Bootsflüchtling? Aus ihrer Perspektive lernen wir die anfangs sprachlose Marina, so nennen sie die Jungs, kennen. Als sie endlich zu reden beginnt, erzählt sie von ihrem glamourösen Unterwasserleben und ihrer Mutter, der Meerkönigin. Das provoziert den grossen Bruder. Bild und Text lassen gekonnt in der Schwebe, woher Marina kommt und wohin sie eines Nachts wieder verschwindet, und öffnen so den Raum für intensive Vorlesegespräche.

Im Dschungel um acht, bis einer lacht
Katie Henry
Aus dem Englischen von Katharina Diestelmeier
Verlag: Magellan, Publiziert: 2022, Seiten: 400, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-5063-9
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Emanzipation | Humor/Komik | Identität/Individualität

Isabel wächst mit zwei älteren Geschwistern und mit Eltern auf, die in Arbeit versinken. Ihr eifersüchtiger Freund vereinnahmt und kontrolliert sie, die Beziehung zu ihrer besten Freundin ist deshalb merklich abgekühlt, und auch in der Schule ist sie hauptsächlich vom Bekanntenkreis ihres Freundes umgeben. Obwohl sie eigentlich schlagfertig wäre, bleibt sie daher oft stumm, scheint ihr doch niemand zuhören zu wollen. Als Isabel zufällig in eine Bar flüchtet, um ihrem Freund nicht auf der Strasse zu begegnen, landet sie in einer Stand-up-Comedyshow – und nimmt spontan teil. Sie begegnet Mo, die als Stand-up-Comedian deutlich erfahrener ist, in ihr aber Potenzial sieht. Aus Isabel wird Izzy, die nicht nur zunehmend Gefallen an ihrem neuen Hobby findet, sondern nun auch verbergen muss, dass sie eigentlich noch zur Schule geht und Bars nicht betreten sollte.

Die Protagonistin in Katie Henrys Roman tritt mehr und mehr aus sich heraus und schafft es so schliesslich, sich aus ihrer toxischen Beziehung zu befreien. Sie erkennt, wer sie ist und was sie will. Das gelingt ihr durch die (anfängliche) Anonymität der Comedyshows, in der sie jemand anders sein und sich dementsprechend ausprobieren kann. Die Shows fungieren somit als Katalysator, die zu einer Art Selbsterkenntnis führen und die Protagonistin so stärken, dass sie sich auch unangenehmen Situationen stellen kann.

Auch wenn einige Comedy-Einlagen nicht vollends überzeugen können, hat Henry hier eine interessante Idee aufgegriffen und in eine gut strukturierte Story umgesetzt.

Sabine Planka
Buch&Maus 2/22, S. 33

Das liebe Krokodil
Leo Timmers
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Aracari, Publiziert: 2022, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907114-22-3
Schlagwörter: Tiere | Freundschaft

Auf dieses Krokodil kann man sich verlassen. Mit seinem grossen Maul voller scharfer Zähne und grossem GRRRR vertreibt es die Feinde seiner Freund:innen und bietet ihnen auf seinem Rücken Zuflucht. In einer witzigen Wendung, die viel mit dem Gewicht des Nashorns zu tun hat, sind es dann die Freund:innen, die das Krokodil verteidigen. Eine temporeiche Reihengeschichte über die Kraft des Zusammenstehens und mit auf das Wesentliche fokussierten Illustrationen.

Die Erdmännchen sind los!
Stefanie Jeschke
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2022, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5791-5
Schlagwörter: Tiere

Ein Tag im Wimmelzoo

In diesem grossformatigen Wimmelbuch büxen zehn Erdmännchen aus und flitzen quer durch den grossen Zoo, auf jeder Doppelseite durch einen anderen Kontinent. Zu entdecken gibt’s witzige Interaktionen und ziemlich vorwitzige Erdmännchen. Und weil eine Runde sowieso nicht reicht, dreht man am besten gleich noch eine in diesem kunterbunten Zoo! Ein gezeichnetes Register am Ende dient als Suchaufforderung für bestimmte Tiere.

Anders? Genau richtig!
Sven Gerhardt, Illustration: Nikolai Renger
Verlag: Penguin Junior, Publiziert: 2022, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-328-30117-2
Schlagwörter: Tiere | Diversität

Sechs Doppelseiten, sechs verschiedene Tierarten, eine bunte Welt. Dieses Pappbuch ist ein so einfaches wie humorvoll-gereimtes Plädoyer für Vielfalt. Angelegt ist es als vergnügliches Such- und Zählspiel. Zwischen den gestreiften Zebras tanzen ein paar gepunktete, unter den grimmigen Haien tummeln sich ein paar sehr freundliche, bei den Pinguinen gilt es die modisch-aufgepeppten zwischen den klassisch-befrackten zu entdecken, bevor alle gemeinsam ein Fest feiern können.

Der Wunsch
Antje Damm
Verlag: Moritz, Publiziert: 2022, Seiten: 22, ISBN/ISSN/EAN: 978-3- 89565-424-4
Schlagwörter: Generationen | Familie/Familienformen

Oma und Fips spazieren in diesem Foto-Bilderbuch durch verschiedene Kulissen von der Stadt bis ans Meer. Dabei versucht die Oma zu erraten, was sich der kleine Fips wünscht und tippt auf Naheliegendes: einen Hund wie beim Nachbarn, ein Fahrrad wie das des Pöstlers. «Nein, nein, nein!», alles falsch. Erst ganz zum Schluss verrät Fips seinen Wunsch. Es ist einer, der sich schon fast erfüllt hat. Antje Damms dreidimensionale Figurenwelt aus Holz lädt zum Benennen und Staunen ein.

Heul doch nicht, du lebst ja noch
Kirsten Boie
Verlag: Oetinger audio, Publiziert: 2022, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8373-9158-9
Schlagwörter: Krieg | Nationalsozialismus | Historisches

Drei Jugendliche nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Hamburg: Der jüdische Junge Jakob, die Bäckerstochter Traute und Hermann, der in der Hitlerjugend war. Einmal mehr findet Kirsten Boie eine genaue Sprache für die Lebensgeschichten der drei, die sich verweben. Eine eindrückliche Schilderung dieser Zeit, die auch zeigt, dass Jakob, Traute und Hermann auf ihre je eigene Art Opfer des Nationalsozialismus geworden sind. Jodie Ahlborn liest die drei Erzählperspektiven mit unterschiedlichem Duktus und ohne Pathos.

Die Nelsons greifen nach den Sternen
Erin Entrada Kelly
Aus dem Englischen von Beate Schäfer
Verlag: Silberfisch, Publiziert: 2022, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7456-0343-9
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Weltall | Schule

Delaware, 1986: Bei Familie Nelson ist einiges im Argen. Obwohl Bird versucht, die Familie zusammenzuhalten, treiben ihre Brüder Cash und Fitch immer mehr in ihren je eigenen Bahnen dahin. Für einen Lichtblick sorgt das Schulprojekt zum bevorstehenden Start der Raumfähre Challenger. Aus den drei Perspektiven mitreissend erzählt und ebenso vorgelesen, steuert die Handlung auf den ersehnten Höhepunkt zu, der unerwartet in der Katastrophe endet − und dennoch für die Geschwister einen Neuanfang bedeutet.

Eine kurze Geschichte von fast allem
Bill Bryson
Aus dem Englischen von Irene Rumler
Verlag: cbj Audio, Publiziert: 2022, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8371-5981-3
Schlagwörter: Wissenschaft | Natur

Für junge Hörerinnen und Hörer

Bill Brysons Bestseller für Kinder und Jugendliche aufbereitet. Das reich illustrierte Sachbuch greift auf jeder Doppelseite ein Thema aus den Naturwissenschaften auf, vom Urknall bis zur Klimakatastrophe, von den Mikroorganismen bis zum Artensterben. Die Seiten sind übersichtlich gestaltet und warten mit kleinen Infoboxen auf, die knackiges Wissen vermitteln. Bietet das Hörbuch da noch einen Mehrwert? Ja, wenn es so überzeugend gelesen wird wie hier vom Wissenschaftsjournalisten Ralph Caspers.

Brummps
Dita Zipfel
Verlag: Diwan, Publiziert: 2022, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-941009-93-6
Schlagwörter: Identität/Individualität

Sie nannten ihn Ameise

Johnny ist grösser, plumper und kurzsichtiger als die anderen Ameisen und damit Zielscheibe ihres Spotts. Als auch noch die mysteriöse Krankheit «Brummps» bei ihm ausbricht, verlässt er den Ameisenhaufen, begleitet nur von seiner treuen Freundin Butz … Ob mobbende Ameise oder verwirrter Mistkäfer, in Katja Brenners Lesung, erhalten alle eine unverkennbare Stimme. Der ulkige Sprachwitz von Dita Zipfels Geschichte einer Identitätsfindung kommt dadurch bestens zur Geltung.

Baddabamba und die Insel der Zeit
Markus Orths
Verlag: cbj Audio, Publiziert: 2022, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8371-5970-7
Schlagwörter: Reisen

«Du bist noch zu klein dafür» − Paula mag den Satz nicht mehr hören. Darum wagt sie sich allein mit dem Surfbrett aufs Meer und strandet auf der Zeitinsel Chronossos. Hier trifft sie drei wunderlich-verrückte Mentorfiguren: Schwein Anna Bella, Gorilla Baddabamba und die Urwald-Oma. Vier Monate muss sie bei ihnen einiges lernen, bevor sie für das Abenteuer der Rückreise bereit ist. Den vergnüglichen Bildungsroman liest Anna Thalbach mit viel Tempo, Verve und Herz für die Figuren.

Helsin Apelsin und der Spinner
Melanie Höfler
Verlag: SRF, Publiziert: 2022, ISBN/ISSN/EAN:

Gelegentlich überkommt Helsin der «Spinner», dann wird das Kribbeln immer grösser, bis sie sich vergisst. Das erfährt auch der neue Mitschüler Louis. Als er den Namen von Helsin verhunzt, bleibt ihm eine blutig geschlagene Nase. Und seinen Leguan klaut sie gleich auch noch. Dabei verbindet die beiden mehr, als sie erahnen können. Die Schweizer Schauspielerin Anna Polivka verleiht der Protagonistin eine mal aufmüpfige, mal fragende Stimme und die Musik setzt Helsins Gefühlschaos lautstark in Szene.

Die 95. Minute / Oh je, schon wieder Fussball
Will Gmehling, Zoran Drvenkar
Verlag: Hörcompany, Publiziert: 2022, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96632-056-6
Schlagwörter: Sport

Zwei Fussballgeschichten

Zwei Fussballgeschichten in einem Hörbuch! Die eine erzählt von Toni, der mittels einer wilden Kraft, die ihn im Stadion packt, Spiele manipulieren kann und der dem Vater mit seinen Spielprognosen viel Geld beschert. Bis eines Tages alles schiefläuft. In der anderen hilft die Monsterzehe von Eddie der Nationalmannschaft zum Weltmeistertitel. Denn Eddie, die Fussball hasst, muss wider Willen den entscheidenden Elfmeter schiessen, weil die ganze Nati kneift. Jens Wawrceck liest die beiden Erzählungen mit Schalk und Schmiss.

Eine Reise unter die Erde
Mathieu Burniat
Aus dem Französischen von Ebi Naumann
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2022, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95728-548-5

Die Geheimnisse der Welt unter uns

Hades, Gott der Unterwelt, sucht eine:n Nachfolger:in und hält einen mörderischen Bewerbungswettbewerb ab. Die Kandidat:innen werden immer kleiner gezaubert und tauchen immer tiefer in die Mikroebene des unterirdischen Lebens ein, um Hades’ Aufgaben zu lösen. Eingebettet in die packende fiktionale Handlung ist dieser Comic auch ein eindrückliches Sachbuch über die Mechanismen und Lebewesen in jenen anderthalb Metern Erdschicht, denen alles, was wächst, entspringt.

Der Blauwal
Andreas Tjernshaugen, Illustration: Line Renslebråten
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Verlag: dtv, Publiziert: 2022, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64092-3
Schlagwörter: Tiere | Natur

Die unglaubliche Geschichte des grössten Tiers, das je gelebt hat.

Die Superlative rund um den Blauwal sind zahlreich. Er ist das grösste Tier, das je gelebt hat; schon die Walkälber sind mehrere Meter lang, trinken täglich 200 Liter Muttermilch und wachsen 4 cm am Tag. Mit diesem Sachbuch erfährt man über kurze, gut lesbare Texte, grossflächige Illustrationen und Vignetten sowie viele Fragen und knackige Antworten alles über dieses Säugetier, das vor 49 Mio. Jahren noch vierbeinig zu Lande und im Wasser lebte, und das durch den Klimawandel einmal mehr bedroht wird.

Heute kocht das kleine Känguru
Myriam Lang, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2022, Seiten: 105, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0836-7
Schlagwörter: Essen

Familie Känguru liebt das gemeinsame Kochen. Auf allgemeine Tipps zu Mengen oder Eiertrennen folgen in diesem etwas anderen Kochbuch sorgfältig ausformulierte, einfache, aber nie langweilige vegetarische Rezepte für das ganze Jahr, für Geburtstagsessen oder eine Grillparty, Freunde inklusive. In zahlreichen, liebevollen Illustrationen erleben wir ein konzentriert-tapsiges kleines Känguru am Werk, das beim Kochen von seinen Eltern, unterstützt und begleitet wird.

Reise über die Welt
Pavel Kvartalnov, Illustration: Olga Ptashnik
Aus dem Englischen von Kathrin Köller
Verlag: Insel, Publiziert: 2022, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-458-17999-3
Schlagwörter: Tiere

Das Tagebuch einer Schwalbe

Eine junge Schwalbe erzählt von ihrem ersten Flug in den Süden. Dank Datumsangaben auf jeder Seite wird ein ganzes Schwalbenjahr nachvollziehbar: wo die Tiere Halt machen, um zu fressen, wann ihnen neue Federn wachsen … Auch die Illustrationen nehmen die Vogelperspektive ein und zeigen vielseitige Landschaften. Eine Weltkarte im Vorsatzblatt vermittelt zusätzlich einen Überblick über das Zugverhalten der Rauchschwalbe weltweit.

Wie macht man eigentlich ein Baby?
Anna Fiske
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Verlag: Hanser, Publiziert: 2022, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27259-0
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Sexualität

Auf die Titelfrage gibt es ganz viele Antworten, denn Fiske zeigt den Prozess des Kinderkriegens in seiner ganzen Bandbreite. Soziale Aspekte sind ihr genauso wichtig wie biologische. So bleiben auch der unerfüllte Kinderwunsch oder dass es zwischen den Wehen auch Pausen gibt, um z. B. SMS zu schreiben, nicht unerwähnt. Mit viel Witz, vor allem in den einfachen Illustrationen, zeigt das Buch die Einzigartigkeit eines jeden Menschen schon bei seiner Entstehung.

Wunderwelt Wald
Jan Paul Schutten
Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2022, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6138-7
Schlagwörter: Natur | Tiere

Die äusserst detailreichen, doppelseitigen Bleistiftzeichnungen stechen in diesem Sachbilderbuch besonders heraus. Um die auf ihnen naturgetreu dargestellten Tiere und Pflanzen des Waldes zu erkennen, braucht es gute Augen und viel Zeit – so wie im richtigen Wald. Die Bilder lenken den Blick auf das so essenzielle Zusammenspiel aller Lebewesen im Ökosystem Wald. Ausführliche Informationsseiten erklären das auf den Bildern Versteckte und überraschen mit Fakten rund um die schützenswerte Wunderwelt Wald.

Geniale Fehler
Soledad Romero Mariño, Illustration: Montse Galbany
Aus dem Spanischen von Ursula Bachhausen
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2022, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95728-546-1
Schlagwörter: Wissenschaft | Forschen

Von glücklichen Unfällen & grossartigen Missgeschicken

Wichtige Fortschritte der Wissenschaft gehen nicht zwingend auf exakte Berechnungen und logische Herleitungen zurück. Manchmal steht an ihrem Anfang ein Fehlgriff, ein Irrtum oder ein Missgeschick einer Forscherin oder eines Tüftlers. 19 solcher genialer Fehler kann in diesem Sachbuch auf je einer Doppelseite nachgegangen werden. In den plakativen Illustrationen und den konzentrierten Texten entdeckt man so amüsante Anekdoten zu Kartoffelchips und erstaunliche Fakten über die Urknall-Theorie.

Alles Geld der Welt
Vitali Konstantinov
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2022, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6082-3
Schlagwörter: Historisches | Zukunft | Armut

Vom Muschelgeld zur Kryptowährung

Was ist Geld überhaupt, wo und wann und wie oft wurde es erfunden? Wer durfte es (nicht) ausgeben, und wie könnte es in Zukunft aussehen? Vom Tauschhandel bis zur Kryptowährung entfaltet dieses Buch detailreich die globale Geschichte des Geldes. Die knapp 70 Tableaus voller witziger Szenen, aufschlussreicher Karten und Schemas machen deutlich, dass diese wirrenreiche Geschichte nicht nur von klugen Köpfen, sondern stets auch von Schwindlern und Ausbeutung geprägt wurde.

Die Suche nach dem rätselhaften Fluss
Teddy Keen
Aus dem Englischen von Cornelius Hartz
Verlag: Prestel, Publiziert: 2022, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7913-7515-1
Schlagwörter: Reisen | Natur

Expedition im Amazonas-Regenwald – Eine Abenteuergeschichte

Eine geheimnisvolle Karte über einen unbekannten Fluss im Amazonas lockt den Erzähler und seine indigene Begleiterin, eine Biologin, auf eine fünfwöchige Abenteuerreise. In seinem Tagebuch notiert er, was ihnen alles passiert, in Hunderten von Bleistiftzeichnungen hält er Fauna und Flora fest. Aufklappbare Karten und stockfleckige Bilder machen das Buch zu einer lesenswerten Dokufiktion über den Amazonas und zu einem haptischen Leseerlebnis zugleich.

Welt ohne Ende
Jean-Marc Jancovici, Illustration: Christophe Blain
Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2022, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-318-7
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima

Vom Energiewunder zum Klimawandel

Ein französischer Experte für Umweltfragen (Jean-Marc Jancovici) und einer der angesagtesten Comiczeichner Frankreichs (Christophe Blain) widmen sich dem Klimawandel, seinen Ursachen und möglichen Lösungsansätzen in einem umfangreichen Comic. Wer sich auf das Werk einlässt, das ohne strukturierende Kapitel und Register auskommt, oder einfach nur darin schnuppert, wird mit einer Fülle an Fakten und Zusammenhängen zum Thema belohnt, die auf der Bildebene immer wieder augenzwinkernd aufgelockert werden.

Eine kurze Geschichte von fast allem
Bill Bryson
Aus dem Englischen von Irene Rumler
Verlag: CBJ, Publiziert: 2022, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-17988-8
Schlagwörter: Natur | Wissenschaft

Ausgabe für junge Leser

Bill Brysons Bestseller für Kinder und Jugendliche aufbereitet. Das reich illustrierte Sachbuch greift auf jeder Doppelseite ein Thema aus den Naturwissenschaften auf, vom Urknall bis zur Klimakatastrophe, von den Mikroorganismen bis zum Artensterben. Die Seiten sind übersichtlich gestaltet und warten mit kleinen Infoboxen auf, die knackiges Wissen vermitteln.

Für alle
Jason Reynolds
Aus dem Englischen von Petra Bös
Verlag: dtv, Publiziert: 2022, Seiten: 109, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64088-6
Schlagwörter: Traum | Identität/Individualität

«Für alle» ist ein schmaler Band mit kraftvoll gelb-schwarzen Illustrationen. Er beinhaltet einen Brief in Form eines Langgedichts an alle jungen Menschen. In ihm beschwört der afroamerikanische Autor Jason Reynolds die Träume und Hoffnungen herauf, die ihn dorthin gebracht haben, wo er heute ist. Das leidenschaftliche Plädoyer dafür, die eigenen Zukunftsträume ernst zu nehmen, auch wenn ihre Verwirklichung Zeit braucht, ist in einer rhythmischen Sprache gehalten, die einen grossen Sog entwickelt.

Es flüstert & rauscht
Josef Guggenmos
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2022, Seiten: 70, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75644-2
Schlagwörter: Natur | Umweltschutz/Klima

Naturgedichte für Kinder

«Es flüstert & rauscht» versammelt 12 Naturgedichte von Josef Guggenmos (1922−2003), die, so schreibt der Lyriker Arne Rautenberg im Nachwort, wie ein «funkelnder Mantel den Schatz der Schöpfung» umhüllen. Sie nehmen die Natur genau in den Blick und erzählen alle auf ihre Weise eine Geschichte. Jedes Gedicht steht zuerst für sich allein und wird auf den Folgeseiten von einer Illustratorin, einem Illustrator inszeniert. Auf diese Weise entstehen inspirierende Bildräume, die auch zur Nachahmung anregen.

Ein Sommer voller Brombeeren
Olivier de Solminihac, Illustration: Stéphane Poulin
Aus dem Französischen von Andrea Lüthi
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2022, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0838-1
Schlagwörter: Ferien | Tiere | Natur

Bittersüss schmecken die Brombeeren, die Mischa, Mara und das erzählende Kind an diesem letzten Ferientag pflücken, als das Ferienhaus geräumt und das Auto gepackt werden muss. Bittersüss ist auch die Grundstimmung in diesem atmosphärischen Bilderbuch, dessen Ölbilder fast fotorealistisch wirken. Dass die Figuren als Tiere dargestellt werden, schafft einen Kontrast zur durchaus menschlichen Kindheitserinnerung an das Ende eines abenteuerlichen Sommers.

Die Eroberung der Villa Herbstgold
Stefanie Höfler, Illustration: Claudia Weikert
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2022, Seiten: 34, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75631-2
Schlagwörter: Generationen

Nach «Waldtage» (2020) erleben wir die Kinder der Igel-Gruppe bei einem Altersheim-Besuch. Ein Märchen soll aufgeführt werden. Aufgeregt, aber kindlich-neugierig und selbstbestimmt gehen sie auf die eigenwilligen Alten zu. Sie putzen Gebisse, inspizieren Holzbeine und entdecken geheime Süssigkeitenverstecke an diesem fröhlichen Generationentag. In kindlich direktem Erzählstil, mit viel Witz und detailreichen Illustrationen wird deutlich, wie wertvoll diese Begegnungen für Jung und Alt sind.

Das Elser-Eck
Will Gmehling
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2022, Seiten: 184, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0670-6
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Alltag

Die Bukowskis machen weiter

Auch der dritte, unabhängig lesbare Band über die drei Bukowski-Kinder erzählt mit ganz viel Wärme und Empathie von den Abenteuern des normalen Familienalltags. Als die Eltern unerwartet zu Geld kommen, eröffnen sie einen Eck-Kiosk im Quartier, der schnell zum Treffpunkt und zum Kreuzungspunkt vieler Geschichten wird. Erzähler Alf erlebt den ersten Kuss mit seiner Johanna, Katinka wird zur Modeschöpferin und der kleine Robbie schliesst endlich Freundschaft mit einem anderen Kind.

Grimm und Möhrchen
Stephanie Schneider, Illustration: Stefanie Scharnberg
Verlag: dtv, Publiziert: 2022, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-4237-6366-0
Schlagwörter: Humor/Komik

Ein Zesel zieht ein

Buchhändler Grimm liebt seine «Bücherkiste», auch wenn es dort bisweilen etwas einsam ist. Als an einem Regentag ein kleiner Zesel namens Möhrchen in seinem Laden steht, kommt ordentlich Schwung in die Bude. Von Schuhkartonweitwurf bis Saubereien in der Badewanne gibt’s jede Menge Einfälle und Sprachspass, die zusammen mit witzigen Illustrationen beim Vorlesen ab Ende Kindergarten zahlreiche Lacher auslösen werden. Ein zweiter Band ist bereits angekündigt.

Dachs und Rakete
Jörg Isermeyer
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2022, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-4077-5640-4
Schlagwörter: Migration

Ab in die Stadt!

Eine übermächtige Baggerschaufel bahnt sich ihren Weg durchs Feld und vertreibt Dachs und Schnecke aus ihrem Bau. So machen sich die beiden auf, ein neues Zuhause zu finden. Dass sie sich unterwegs Schritt für Schritt von ihren Habseligkeiten trennen müssen und in der Stadt das erhoffte neue Glück erstritten werden will, nehmen sie mit stoischer Gelassenheit hin. Ein warmherziges Vorlesebuch mit zwei kauzigen Protagonisten, die man einfach gernhaben muss, gerade weil sie nicht immer die hellsten sind.

Völlig meschugge?!
Andreas Steinhöfel, Illustration: Melanie Garanin
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2022, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-79609-7
Schlagwörter: Religion | Freundschaft

Benny, Charlie und Hamid halten sich für unzertrennlich. Doch als Benny nach dem Tod seines Opas dessen Judenstern trägt, erhält die Freundschaft plötzlich Risse. Kann ein Moslem mit einem Juden befreundet sein? Charlie steht ungläubig zwischen den Parteien – und legt sich ins Zeug, um die Jungen und die ganze Schule zur Räson zu bringen. Nah an jugendlichen Lebenswelten hält der Comic zur Kika-Serie, in Wort und Bild kongenial, die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Augenzwinkern.

Shi Yu
Davide Morosinotto
Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2022, Seiten: 512, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-20280-0
Schlagwörter: Historisches | Kulturen | Geschlechterbilder

Die Unbezwingbare

Die Piratin Zheng Yisao beherrschte Anfang des 19. Jh. die chinesischen Meere. Der neue Roman von Davide Morosinotto lehnt sich an ihr sagenumwobenes Leben an. Er erzählt vom Waisenmädchen Shi Yu, die von der Küchenmagd zur gefürchteten Piratin aufsteigt, weil sie das «Wushu der Luft und des Wassers», eine legendäre Kampfkunst, beherrscht und durchschaut, wie Macht funktioniert. Eine atemberaubende Geschichte mit einer starken Protagonistin, in der man auch viel über das Leben in China damals erfährt.

Das Waisenmädchen Shi Yu wird im China des 19. Jahrhunderts von der Küchenmagd zur gefürchteten Piratenkapitänin, die sich mit perfektionierter Kampfkunst den Respekt ihrer Gegner verschafft. Dieser hochspannende Abenteuerroman über eine aussergewöhnliche Protagonistin lehnt sich an die historische Figur der Zheng Yisao (1755–1844) an, die als Frau die chinesischen Meere beherrschte.

Ohne dich
Erna Sassen, Illustration: Martijn Linden
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2022, Seiten: 264, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-3113-2
Schlagwörter: Freundschaft

Joshua und Zivan sind unzertrennlich, bis Zivan mit 15 in den Irak zurückkehren muss, um verheiratet zu werden. Autorin und Illustrator erzählen diese Geschichte gemeinsam, denn Joshua ist ein talentierter Zeichner und versucht so, Zivans Fehlen zu verarbeiten. Sein Tagebuch, das dem Schläger der Klasse in die Hände gerät, wird zum Schlüssel für eine ungewöhnliche Freundschaft, die sich zwischen den beiden entwickelt und die Joshua erkennen lässt, dass nicht alles so ist, wie es einem erscheint.

Die Eiche soll leben!
Wanda Dufner
Verlag: SJW, Publiziert: 2022, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0360-2
Schlagwörter: Natur | Umweltschutz/Klima

Wanda Dufners namenlose Protagonistin und ihr kleiner Bruder haben eine besondere Freundin: die Eiche vor ihrem Fenster. Bestimmt schon 500 Jahre steht sie da, bietet vielen Tieren Lebensraum und wünscht den Kindern jede Nacht schöne Träume. Doch eines Tages plant Nachbar Borselius, den Baum zu fällen. Die Tiere wollen schon traurig fliehen, da organisiert das Mädchen einen Streich … Die farbkräftigen, expressiven Bilder betonen die Liebe zum Baum und die Kraft des Miteinanders.

Von Schildflöten, Herdmännchen und Grossmaul-Nashörnern
Juri Johansson, Illustration: Stefanie Jeschke
Verlag: Kraus Verlag, Publiziert: 2022, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-9823493-0-5
Schlagwörter: Tiere | Natur

Das kleine Lexikon bislang kaum bekannter Tiere

Der Tiefseehase knipst, wenn er lesen will, seine Leuchtangel an. Vielleicht frisst er ab und zu ein Ei des Huhnfischs, denn dieser legt sie im Wasser ab, wo sie wider die Physik in die Tiefe sinken. 20 Tierarten, die in keinem Tierlexikon stehen, stellt Juri Johansson hier mit witzig ironischen Kurztexten vor und Stefanie Jeschke porträtiert jeder Spezies nicht weniger augenzwinkernd. Ein toller Vorlesespass ist das und ein Buch, das anregt, gleich selbst neue Tiere ins Leben zu rufen.

Nil, Nil, ich komme!
Jutta Richter, Illustration: Petra Rappo
Verlag: Hanser, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26219-5
Schlagwörter: Tiere | Reisen

Poetisch, wie wir es von der Autorin Jutta Richter kennen, ist auch diese Geschichte vom kleinen Nilpferd, das die Enge des Zoos verlässt. Immer mehr wächst seine Sehnsucht nach dem Nil, bis es über sich hinauswächst und losrennt. Quer durch die erdfarbenen, warmen Landschaften der Basler Illustratorin Petra Rappo rennt es und taucht schliesslich in der warmen Abendsonne seine Schnauze, umgeben von seinen Artgenossen, ins Wasser des geliebten Nils.

Dazwischen: Wir
Julya Rabinowich
Verlag: Hanser, Publiziert: 2022, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27236-1
Schlagwörter: Migration | Familie/Familienformen | Rassismus

Die Flucht aus der Heimat, in die der Vater zum Kämpfen zurückgekehrt ist, lastet schwer auf Madinas Familie: Der kleine Bruder findet sich im Kindergarten nicht zurecht, die Mutter verstummt ob dem Weggang des Vaters. Und Madina? Sie wünscht sich nichts sehnlicher als Normalität. Aber da sind die Rechtsextremen, die sie bedrohen, und die Ängste der Mutter vor der Verwestlichung ihrer Tochter. Ein intensiver Tagebuchroman, der in authentischer Sprache aus dem Sommer erzählt, in dem Madina lernt, nicht für alles Verantwortung übernehmen zu müssen.

Wir sind Wölfe
Katrina Nannestad
Aus dem Englischen von Bettina Obrecht
Verlag: CBJ, Publiziert: 2022, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-17967-3
Schlagwörter: Krieg | Migration

Als die Russen im 2. Weltkrieg Ostpreussen erobern, müssen die 11-jährige Liesl, ihre Mutter und die Geschwister wie Tausende von Deutschen fliehen. Als die Kinder in einem Schneesturm von der Mutter getrennt werden, sind sie auf sich selbst gestellt. Zusammen mit anderen elternlosen Kindern, so genannten «Wolfskindern», versuchen sie, zu überleben und das Grauen zu verkraften, dem sie auf der Flucht nach Litauen begegnen. Das Buch, das auf historischen Begebenheiten basiert, erzählt mit grosser Dringlichkeit davon, was der Krieg mit Kindern macht.

Was ist Zuhause?
Kristina Scharmacher-Schreiber, Illustration: Lena Hesse
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2022, Seiten: 74, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75650-3
Schlagwörter: Migration

Vom Wohnen, Leben, Weggehen und Ankommen

In einer vertrauten Umgebung mit nahestehenden Menschen leben, Gerüche mit Erinnerungen verbinden, Leibspeisen essen, ein eigenes Zimmer haben – dafür kann Zuhause stehen. Dieses Sachbuch erzählt in kurzen Kapiteln mit vielen Illustrationen mit dialogischen Einsprengseln und einfachen Grafiken vom Daheimsein und Vertrieben-Werden früher und heute, von Menschen, deren Zuhause die Strasse ist und anderen, die ihr Zuhause im Rucksack mitnehmen. Es bietet viele Gesprächsanlässe für Daheim und in der Schule.

Eine Geschichte macht Geschichten
Tor Fretheim, Illustration: Øyvind Torseter
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2022, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6117-2
Schlagwörter: Lesen | Kreativität

Schreibblockade. Darum geht ein Schriftsteller nach draussen. Abends schreibt er auf, wem er alles begegnet ist – einer traurigen Frau, einem Jungen auf einem Baum, einem Mädchen allein auf einer Schaukel und einer voreiligen Katze. Kaum ist der Text fertig, weht ein Luftzug die Blätter aus dem Fenster davon in die Welt hinaus. Denn diese Geschichte gehört, wie alle anderen auch, den Leser:innen. Torseters filigrane Zeichnungen passen wunderbar zu diesem Bilderbuchcomic über die Kraft des Erzählens und das Lesen.

Sherlock Holmes
Hannes Binder
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2022, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10599-9
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Das letzte Problem

Wie Sherlock Holmes in den Reichenbachfällen mit Erzfeind Moriarty in den (vermeintlichen) Tod stürzt, ist bekannt. Eine verdichtete Kurzform des Romantexts reicht aus, um Hannes Binders Illustrationen dazu sprechen zu lassen. Ob in der Grossstadt oder in der Bergwelt, die bedrohlich-schwindelerregende Atmosphäre scheint geradezu greifbar. Die eindrucksvollen Schabkarton-Bilder in Dunkelblau verleihen der oft adaptierten Story eine neue Intensität.

Die lahme Ente, der schräge Vogel und das blinde Huhn
Mirjam Pfister, Illustration: Annette Pfister, Armin Frischknecht
Verlag: Krautverlag, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-9524058-1-9
Schlagwörter: Tiere | Aussenseiter:in/Mobbing | Identität/Individualität

Lahme Ente, schräger Vogel, blindes Huhn – alltägliche Schimpfwörter, die an Brisanz gewinnen, wenn damit körperliche Einschränkungen gemeint sind. Mit viel Humor und Herz geht das gleichnamige Bilderbuch der Sache auf den Grund: Da ist zum Beispiel Dani Dreifuss, ein lahmer Enterich. «Alle sagen, er habe zwei linke Füsse. Aber ehrlich gesagt, es ist viel schlimmer. Er hat Füsse wie Backsteine», wird hier offenherzig erzählt; dabei zoomt die erste Doppelseite auf zwei riesige braune Klötze, auf denen sich die Schnecken tummeln. Neugierig springt daneben ein Fisch aus dem Wasser – er ist das einzige dynamische Bildelement, der Rest der Uferlandschaft montiert sich in monochromer Geometrie aus schweren Horizontal-Streifen und vielen Vierecken. Wie schwer seine Backsteinfüsse für Dani das Vorwärtskommen beim Laufen, Schwimmen und Fliegen machen, konkretisieren detaillierte Bewegungsabläufe mit viel Slapstick.

Der knappe Text kommentiert mit pointiertem Wortwitz und einer gehörigen Portion Respekt. Vorgestellt wird auch Vogel Fritz Franz, der mit viel zu langem rechtem Bein und Flügel tapfer gegen dauernde Schräglagen kämpft, sowie Huhn Gunilla Gack, die mit «Augen wie Glühbirnen mit Wackelkontakt» durchs Leben stolpert. Wie gut, dass sich dieses seltsame Trio am Ende trotzdem findet: «Seither schauen die drei, dass keiner von ihnen vom rechten Weg abkommt.»

Eine federleichte, weil ebenso unterhaltsame wie eindrückliche Lektion in Sachen Einfühlungsvermögen und Solidarität, verspielt und kreativ in Szene gesetzt, wobei Bild und Sprache sich in ihrer Eigenwilligkeit bereichern. Eine Entdeckung.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/22, S. 28

Eines Nachts im Paradies
Jürg Schubiger, Illustration: Rotraut Susanne Berner
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2022, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0675-1
Schlagwörter: Philosophie | Historisches | Natur | Religion

Was, wenn die Vertreibung aus dem Paradies ein Akt der Befreiung war? Einmal mehr hinterfragt eine kurze Erzählung von Jürg Schubiger, sie stammt aus dem Nachlass des 2014 verstorbenen Autors, tradierte Vorstellungen. «Uns bleibt ja hier nichts zu wünschen übrig», sagt Eva zu Adam nach dem ersten veritablen Streit. Eine Ewigkeit haben sie, natürlich nackig, einfach im Moos gelegen und den gewaltigen Sternenhimmel bestaunt. Nun ist Eva der paradiesische Kokon verleidet. Aus lauter Langeweile überlegt sie sich, die Sterne zu zählen, sehnt sich nach weniger und nicht mehr. Und Adam ist ein erstes Mal ratlos. Was soll er mit dieser unglücklichen Eva bloss anstellen? Der erste Kuss rettet ihn und Eva – ihm werden viele weitere folgen.

In Rotraut Susanne Berners Bildern – die auf jeder Seite denselben Ausschnitt und dieselbe Perspektive festhalten, bis auf das letzte Blatt, und zunehmend bunter und üppiger werden – gedeiht parallel zum Disput zwischen Adam und Eva die Welt zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Von prähistorischen Pflanzenwelten zum verführerischen Granatapfelbaum, von den Einzellern über die Flugsaurier bis zu unseren Haustieren, vom Leermond zum Vollmond, von der naiven nackten Zweisamkeit von Adam und Eva zu ihrer Liebe. Auf dem letzten Bild steckt sich das Paar im Vollmond auf dem Baum der Erkenntnis sitzend gegenseitig Granatapfelkerne in den Mund, um sie herum viele andere Tiere, die ebenfalls genüsslich an den Früchten knabbern. Keine Bedrohung geht von dieser Szene aus und kein Verlust. Im Gegenteil, hier beginnt etwas. Ein grandioses Bilderbuch für jedes Lesealter, das zum gemeinsamen Betrachten und Philosophieren einlädt.

Christine Tresch
Buch&Maus 1/22, S. 26

Eine Ewigkeit haben Adam und Eva einfach im Moos gelegen und den gewaltigen Sternenhimmel bestaunt. Jetzt ist Eva dieser paradiesische Kokon verleidet. Der erste Kuss rettet sie und Adam aus dem Ennui – viele weitere werden folgen. Rotraut Susanne Berner illustriert die gegen den Strich gebürstete Schöpfungsgeschichte mit zunehmend bunteren und üppigeren Bildern. Ein grandioses Bilderbuch für jedes Lesealter, das zum gemeinsamen Betrachten und Philosophieren einlädt.

Nur mal kurz gucken
Chris Haughton
Aus dem Englischen von Stephanie Menge
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2022, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-6119-4
Schlagwörter: Tiere | Natur

Mangos sind einfach sehr köstliche Früchte. Kein Wunder, dass sich die drei kleinen Äffchen die Finger danach lecken. Aber, der Hinweis der Affenmama war eindeutig: «Was immer ihr tut, geht nicht hinunter zu dem Mangobaum. Da unten sind Tiger.» Wie soll es anders sein, die Verlockung ist zu gross … Zum Glück geht die Geschichte gut aus! Die drei Abenteuerdurstigen retten sich in letzter Sekunde vor den Tigern zurück auf den Baum und die Mutter ahnt nichts vom Ausflug.

Kinder werden ihren Spass daran haben, die gefährlichen Tiger im knallig pink-roten Dickicht zu entdecken, im Gegensatz zu den unbedarften Äffchen, die nur an die süssen Früchte denken. Kurz darauf machen die weit aufgerissenen Tigermäuler samt Zähnen Eindruck!

Konzentriert auf wenige Details und in kräftigen Farben präsentiert Haughton seine expressiven Papiercollagen mit rau gerissenen Kanten und klaren Akzenten in der monochromen Landschaft. Seine erfolgreichen und ausgezeichneten Bilderbücher erscheinen in über 20 Ländern. Die Gesichter und Tierkörper haben pantomimische Qualität und fast meint man, die Naturgeräusche zu hören. Insgesamt zeichnen sich Haughtons Bilderbücher durch eine grosse Präsenz und Dramatik aus – das alles in perfektem Timing.

Stephanie Menge, die auch «Psst! Wir haben einen Vogel», «Oh nein, Paul!» und «Kleine Eule ganz allein» ins Deutsche übertragen hat, richtet sich beim Übersetzen der wenigen Worte nach Rhythmus, Klang und den sprachlichen Ideen des Originaltextes, wie sie selbst sagt, und schafft dabei etwas Neues, während sie versucht, dem Text so treu wie möglich zu bleiben.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/22, S. 27

Oma Erbse
Micha Friemel, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Hanser, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27257-6
Schlagwörter: Tod/Trauer | Familie/Familienformen | Abschied | Generationen

Mit «Lulu in der Mitte» haben Micha Friemel und Jacky Gleich 2020 ihr erstes gemeinsames Bilderbuch vorgelegt, das sogleich für den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis nominiert wurde. Nun sind Lulu und ihre Familie wieder da: «Oma Erbse» erzählt die Geschichte der fünfköpfigen Familie weiter. Diesmal stehen Nesthäkchen Leonor und ihre innige Beziehung zur Grossmutter im Mittelpunkt.

Dass Oma im Sterben liegt, darf Leonor nicht wissen. «Nicht vor dem Kind», sagt Oma, wenn Mama mit ihr darüber sprechen will, wie schlecht es ihr geht. Leonor merkt trotzdem, das etwas nicht stimmt. Weil Mama oft traurig ist und Oma mit Leonor nicht mehr Karaoke singt. Als Leonor Mama hilft, im Garten den Kompost umzusetzen, erfährt sie, dass Würmer fressen, was tot ist, und daraus Erde machen, die Pflanzen besonders gut wachsen lässt.

Jacky Gleich nutzt für ihre Illustrationen gedeckte, erdige Farben: (Karotten-)Orange, (Erbsen-)Grün, Braun und Schwarz. Düster kommen ihre mit feinem Strich konturierten Farbstiftbilder aber deshalb nicht daher. Im Gegenteil. Traurigkeit und ausgelassene Fröhlichkeit, Tod und Leben stehen hier ganz nah beieinander: Etwa, wenn Leonors Mama am Abendbrottisch die Tränen über die Wangen kullern, während Leonor, Lulu und Kaspar lauthals über den besten Pizzabelag diskutieren und der Familienhund durchs Zimmer flitzt. Ein warmherziges, tröstliches Bilderbuch, das vom Abschiednehmen erzählt, vom Tod und wie es danach – vielleicht – weitergeht: Vielleicht wird aus Oma ja eine Karotte? Und die wird dann von einem Pferd gefressen. Und das galoppiert dann bis zu den Sternen hinauf.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/22, S. 28

Oma ist krank und Mama traurig. Leonor bemerkt beides, doch niemand spricht mit ihr über den nahenden Tod. Wie gut, ist Mama beim Kompostieren gesprächiger und lehrt Leonor, wie das mit den gefrässigen Würmern, der Erde und dem Wachsen geht. So kann sie sich vorstellen, dass Oma zu einer Karotte wird! In den warmen Illustrationen entfaltet sich die liebenswerte Geschichte einer Familie, in der der unterschiedliche Umgang mit dem Tod deutlich, aber nie gewertet wird.

Marie Käferchen
Kai Lüftner, Illustration: Wiebke Rauers
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2022, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10591-3
Schlagwörter: Musik | Tiere | Aussenseiter:in/Mobbing

Marie Käferchen ist klein, aber alles andere als ein kleiner, süsser Käfer. Sie ist wild, zu wild für die Insekten auf der Wiese. Denn Marie ist eine Rock ’n’ Rollerin, wie sie im Buche steht! Sie grölt und turnt headbangend über die Wiese, bis kein anderes Insekt mehr zu sehen ist. Doch anstatt unglücklich zu sein, macht Marie weiter, mit Hingabe. Bis …ja, bis eine echte Käfer-Band die Wiese betritt und staunend auf Marie trifft. Die nun zum Besten gegebene Punkrock-Nummer zieht all die Insekten wieder an, die die neue Band feiern.

Kai Lüftners und Wiebke Rauers’ Bilderbuch reisst die Betrachtenden mit – und das nicht nur aufgrund der überaus sympathischen Protagonistin, die sich mit Hingabe ihrer Leidenschaft widmet und damit völlig gegen den Strom schwimmt. Es sind vor allem die in Reimform gebotenen Texte, die den Abbildungen ihren ureigenen Rhythmus geben. Die Bilder sind seitenfüllend und nehmen oftmals auch ganze Doppelseiten ein. So gelingt es Autor und Illustratorin, die Leserschaft in die Geschichte hineinzuziehen und an Maries Erfolgsgeschichte teilnehmen zu lassen.

Dass sich in den Bildhintergründen durchgängig Textausschnitte aus Zeitungsartikeln oder Büchern finden lassen, verleiht dem Ganzen einen collageartigen Touch. Es scheint, als hätten die Autor:innen ihre Geschichte auf Textfragmenten niedergeschrieben und gemalt, um zu zeigen, dass das Leben ein Puzzle mit vielen Teilen ist, die sich irgendwann ineinanderfügen – und in Erfolgsgeschichten münden, wenn man an seine Träume glaubt!

Sabine Planka
Buch&Maus 1/22, S. 28

Drache undercover
Elys Dolan
Aus dem Englischen von Anne-Marie Wachs
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2022, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7641-5202-4
Schlagwörter: Fabelwesen | Lesen | Identität/Individualität | Fantastik/Fantasy

Voll verplant zum Ritterschlag

Lennart ist ein fürchterlicher Drache – jedenfalls aus Drachensicht! Er frisst keine Dörfer, strickt keine Mützen und häuft keine Schätze an. Stattdessen liest er voller Begeisterung Bücher und weiss dadurch eine ganz Menge. Bei der Drachenprüfung jedoch ist theoretisches Wissen nicht gefragt, und so fällt er als erster Drache in der Geschichte der Drachen durch, mit Schmach und Schande. Auf der Suche nach einer alternativen Tätigkeit (das Drachendasein ist ihm künftig verwehrt), fällt ihm ein Handbuch für Ritter in die Hand, und er findet Gefallen an den Tugenden, die ein Ritter haben muss. Eigentlich kann er fast alles, nur fehlt ihm zu seinem Glück ein stolzes Ross. Das ist schnell besorgt, und weil Lennart ein recht kleiner Drache ist, stört es ihn auch nicht, dass sein «Ross» ein Ziegenbock ist. Gemeinsam bestehen die beiden ein Abenteuer nach dem anderen und dem Ritterschlag scheint kaum mehr etwas im Wege zu stehen – bis ein Neider den kleinen grünen Ritter darauf aufmerksam macht, dass ein echter Ritter vor allem eines können muss: Drachen töten!

Elys Dolan schreibt und zeichnet mit grossem Vergnügen ein vor verrückten Ideen und intertextuellen Bezügen sprühendes Fantasy-Abenteuer mit Comic-Elementen in Schwarz-Weiss für kleine Leser:innen ab etwa acht Jahren, an dem aber auch erwachsene Fans des Genres sicherlich ihr Vergnügen haben werden. Es geht um Anderssein, Abenteuer, skurrilen Humor und Selbstbestimmung, um ungleiche Freundschaft und Heldenmut. Durch den hohen Bildanteil werden auch Kinder angesprochen, die gerade erste Schritte in längere Bücher wagen – ein absoluter Volltreffer!

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/22, S. 29

Brummps
Dita Zipfel, Illustration: Bea Davies
Verlag: Hanser, Publiziert: 2022, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-27255-2
Schlagwörter: Freundschaft | Erwachsenwerden | Identität/Individualität

Sie nannten ihn Ameise

«Jonny ist keine Ameise. Du weisst das. Ich weiss das. Nur Jonny, seine Freundin Butz, die Bossis und alle anderen Ameisen aus Hügel Drei, die wissen das nicht.» Diese halten Johnny für die dickste und faulste Ameise überhaupt, täglich wird er verspottet. Er sieht schlecht, kann nichts tragen, am Bau ist er nur im Weg. Und das in der Ameisen-Leistungsgesellschaft! Nur die coole Butz hält zu ihm und klopft herrlich unameisenhafte Sprüche – «Ich sag dir was, Jonny: Leben ist, was passiert, während die anderen arbeiten.» Aber in Jonny rumort es kräftig und eines Tages macht es beim ihm «Brummps»: Der Anfang seiner wunderbaren Verwandlung von der unglücklichsten Ameise zum fliegenden strahlenden Helden – als Mistkäfer.

In 31 kurzweiligen Kapiteln entwickelt Autorin Dita Zipfel diese aussergewöhnliche Coming-of-Age-Story im Käferkosmos. Quicklebendig erzählt sie von Jonnys brummenden Selbstzweifeln, der riesigen Sehnsucht nach dem «Maximalen-Zuhause-Gefühl» und der Flucht in die wohlige Welt zwischen Wachen und Schlafen: «Im Waaf ist alles Gold und warm, im Waaf ist Jonny stark und genau richtig gross. Hach, der Waaf!» Ohne Butz, die ständig gute Laune verbreitet, und den Wald als ungewöhnlichen allwissenden Ich-Erzähler wäre es wirklich zum Verzweifeln.

Aber alles wird gut. Jonny und Butz ziehen hinaus in den Wald und Aufregendes passiert: «Er fliegt, Leute! Unelegant, aber durch die Luft. Er. Kann. Fliegen! Stell dir das mal vor, das ist, als würdest du mit fünfzehn merken, dass du Salto kannst. Aber als Fortbewegungsmethode!» Bea Davies’ expressiven Illustrationen lassen diese tolle Geschichte extra leuchten.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/22, S. 29

Nie hat Johnny Ameise richtig zu den anderen Ameisen gepasst. Er ist zu gross, zu dick, zu ungeschickt und wird deswegen gemobbt. Als dann auch noch die seltsame «Brummps»-Krankheit bei ihm ausbricht, verlässt er den Ameisenhaufen – und findet heraus, was wirklich in seinem Körper steckt. Eine urkomische und kluge Identitätsfindungsgeschichte zum Vor- und Selberlesen voller Sprach- und Bildwitz.

Der Billabongkönig
Matthias Kröner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2022, Seiten: 162, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75641-1
Schlagwörter: Tiere | Märchen/Fabel

Auch ein furchterregendes Sumpfkrokodil braucht mal Hilfe, so wie Ben, der Billabongkönig: Seit Tagen steckt zwischen seinem siebten und achten Vorderzahn eine fiese Gräte. Die Folgen: Entzündung, Eiter, schreckliche Schmerzen – und vor allem Hunger. Wenn Ben nur nicht so schreckliche Angst vor dem Zahnarzt hätte! Diese Krokodilwächter-Vögel sind auch zu ungeschickt: Halbblind hacken sie einem ins Zahnfleisch und krallen sich dabei im Gaumenboden fest. Bens letzte Hoffnung ist Kaukasius Grätenzieher II., Ihro Exzellenz von Stolzhausen-Stammberg, der als Zauberkünstler seiner Zunft gilt. Mit letzter Kraft erreicht Ben seine Praxis im 487. Mangrovenbaum südlich des Kaps der grünen Hoffnung und unterschreibt in seiner Verzweiflung vorab einen Blankocheck, mit dem er nach erfolgter Behandlung zum Auftragskiller wird: 4000 km weit entfernt soll er Kaukasius’ Konkurrenten fressen. Weil er dies nicht tut, erwartet Ben zu Hause eine böse Überraschung: entthront, gefangen und verurteilt als Verräter in Kaukasius’ neuer Diktatur. Da ist guter Rat teuer – zum Glück kommt der angeflattert …

Eine ambitionierte Fabel ist das kinderliterarische Debüt von Autor, Journalist und Lyriker Matthias Kröner, der hier in lebendiger Dialogform Ben selbst immer wieder den Erzähler unterbrechen lässt. So geht es um Macht und Ohnmacht, um Moral und Solidarität, Diktatur und Demokratie. Die Sprache ist prägnant und wortwitzig, Mina Braun bebildert üppig mit plakativen Vierfarb-Drucken im Ethnostil. Und doch fehlt es an Spannung, Farbe und Action – die Geschichte bleibt als zweistimmiges Kammertheater abstrakt und auch ein wenig wirr.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/22, S. 29

Meine Freundin Roxy
Kenza Ait Si Abbou
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2022, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-540-9
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Technik | Diversität

Roboterzähmen leicht gemacht

Künstliche Intelligenz und Robotik sind ihre Fachgebiete und die meisten Kolleg:innen wahrscheinlich weiss und männlich. Kenza Ait Si Abbou aber ist dunkelhäutig und weiblich. Dass sie ihre Kenntnisse verständlich erklären kann, beweist sie in ihrem Sachbuch «Keine Panik, ist nur Technik». Nun hat die in Marokko geborene Expertin ihr erstes Kinderbuch geschrieben, in dessen Zentrum – folgerichtig und vorbildhaft – nur weibliche Figuren stehen. «Meine Freundin Roxy» erzählt von Lisa, die ein Robotermädchen findet und «Roxy» mithilfe ihrer Oma erzieht. Die ehemalige Universitätsprofessorin forscht gerade an einem schnellen Q-Computer, den sie «Kuh» nennt. So zumindest versteht es Lisa. Es sind gerade solche Doppeldeutigkeiten, mit denen die Autorin ihrem Stoff Witz und Leichtigkeit verleiht. Ein Stoff, der es in sich hat, und daher im ganzen Buch sowohl fiktional als auch informativ aufbereitet ist. So werden Fachbegriffe wie «Algorithmus» in eingestreuten Infoblöcken verständlich erklärt als «Schritt-für-Schritt-Anweisungen» wie bei einem Kochrezept. Vieles wird aber nur durch einfache metaphorische Vergleiche ersichtlich: Was für Lisa Milchreis ist, bedeutet Roxy das Sonnenlicht.

Andere Aspekte wie Sicherheit und Datenklau sind klug als Spannungsmotive in die Handlung eingebaut. Problematisiert und absichtsvoll herbeigeführt wird auch die emotionale Beziehung zwischen Mensch und Roboter. Denn Roxy wird erst zur Glücksbringerin, dann zu Lisas Freundin und startet dank ihr am Ende eine eigene Karriere als Forscherin.

Kenza Ait Si Abbou bricht nicht nur mit genderspezifischen Festschreibungen. Sie öffnet die Welt der Technik für alle, die sich faszinieren lassen.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/22, S. 30

Auf dem Heimweg von der Schule findet Lili einen Roboter. Ihre Grossmutter, die zu künstlicher Intelligenz forscht, hilft ihr dabei, das Robotermädchen zu programmieren und mit ihm zu interagieren. Nicht nur in der Freundschaftsgeschichte selbst werden viele Sachverhalte zu Computern und Robotern erklärt, in Infokästen finden sich weitere kindgerecht aufbereitete Informationen zu Themen wie Coding, Datenschutz oder Gesichtserkennung.

Sommer mit Krähe
Frida Nilsson
Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2022, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6146-2
Schlagwörter: Ferien | Reisen | Tiere | Abenteuer

Ebba ist ein unerschrockenes, etwa achtjähriges Mädchen, das in einem schwedischen Städtchen in einem gelben Haus wohnt. Aber um das Zuhause geht es gar nicht. Vielmehr um ein grosses Abenteuer, das Ebba von hier bis an die norwegische Grenze führen wird. Mit Krähe, ihrem besten Freund. Ihren Eltern schreibt sie immerhin einen Zettel: «Krähe und ich sind jetzt erst mal weg. Krähe will seine Familie finden. Wir reisen per Anhalter.» So herrlich absurd, wie die Geschichte beginnt, so temporeich und aberwitzig geht sie weiter. Denn Krähe ist wirklich eine Krähe, die sprechen – und ganz schön anstrengend sein – kann. Die Ich-Erzählerin Ebba wirkt unternehmungslustig und fast vernünftig. Ein seltsames Paar, über das sich aber niemand wundert.

Die beiden fahren mit einem LKW-Fahrer (in die falsche Richtung), mit einer Blondine im Sportwagen, einer Band im Tourbus, auf einem Floss und sogar auf einer Draisine – immer mit dem Ziel, Krähes Eltern zu finden. Übernachtet wird mal im Komposthaufen, mal im Luxushotel, einmal ertrinkt Krähe fast, ein anderes Mal wird Ebba vor Hunger ohnmächtig. Das ist aufregend: «Es kribbelte in meinem Bauch, wenn ich an all die Gestalten dachte, die dort zwischen den Bäumen herumhuschten: Wölfe, Trolle und menschenscheue Waldarbeiter.»

Frida Nilssons eigenwilliger Sprachwitz und die komischen Situationen, die sich nonstop ergeben, sorgen bei diesem Roadtrip von Örebro bis in die Wälder Värmlands für gute Stimmung; auch wunderbar eingefangen von Anke Kuhls federzarten Illustrationen. «Sommer mit Krähe» ist ein mitreissendes Plädoyer für mehr Freiheit und Selbstbestimmung – nicht nur in den Sommerferien.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/22, S. 30

Krähe, der tierische Freund von Ebba, möchte seine Eltern in den Wäldern an der norwegisch-schwedischen Grenze suchen. Also fahren Ebba und Krähe in einem Sommer los, per Anhalter, Floss und Draisine, quer durch Schweden. Heimweh und Sehnsucht, Ablösung und Trennung, Streit und Versöhnung – der Roadtrip des Mädchens und seiner sprechenden Krähe verhandelt Themen, die jedes Kind beschäftigen, und gibt ihnen mit der nötigen Sorgfalt Raum, ohne dabei an Abenteuer und Humor einzubüssen.

Flora Salmanteri und der Tassen-Dieb
Noora Kunnas
Aus dem Finnischen von Anke Michler-Janhunen
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2022, Seiten: 154, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-185-6
Schlagwörter: Humor/Komik | Krimi/Thriller | Generationen | Familie/Familienformen

Lilli und ihren Bruder Mikko erwarten furchtbare Ferien: Weil ihre Eltern auf Dienstreise müssen, werden sie gegen ihren Willen zu Onkel Jim verfrachtet. Der ist Kinderhasser, Putzteufel und Oberspiesser in einem und schliesst die Geschwister gleich mit einer Scheibe knorztrockenem Knäckebrot im Gästezimmer ein. Klar, flüchten sie aus dem Fenster und machen eine wunderbare Entdeckung: Im Nachbarhaus hinter der Weissdornhecke wohnt Flora Salmanteri und lädt die Geschwister gleich zu leckeren Pfannkuchen ein. Eine harmlose Oma mit fröhlichen Falten und schneeweissen Locken? Von wegen! Flora wohnt hier nicht nur mit einem sprechenden Hahn mit Glitzerboots und Kunstlederjacke – sie ist auch ein echter Tausendsassa: tanzt Salsa, hat tausend Berufe und ist immer für eine Überraschung gut.

Eine tolle Heldin hat sich die finnische Autorin Noora Kunnas für ihre «Flora Salmanteri»-Reihe ausgedacht: Eine alt gewordene Pippi Langstrumpf mit dem Schnüffler-Gen einer Miss Marple. In jedem Band wird eine turbulente, gut gestrickte Detektivgeschichte erzählt, in die Kunnas mit leichter Hand Fantastisches und Schräges à la Roald Dahl verwebt: Mal büxen lebendig gewordene Mini-Piraten aus dem 3-D-Drucker aus, mal «Hermann Hakenberg, König der Tassendiebe» aus einem Gedicht. In filmisch geschnittenen Szenen wuselt ein bizarres Ensemble von Schwindlerinnen und Ganoven durch das beschauliche Städtchen Vammala. «Normal» und pfiffig sind da nur die Kinder und die verrückte Oma. Teemu Johani bebildert mit feinen Schwarz-Weiss-Karikaturen. Fabulierlustiges Finnland trifft englischen Humor, Fortsetzung folgt.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/22, S. 31

Die Nelsons greifen nach den Sternen
Erin Entrada Kelly
Aus dem Englischen von Beate Schäfer
Verlag: dtv Reihe Hanser, Publiziert: 2022, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64089-3
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Familie/Familienformen | Weltall

Die Nelsons – die Zwillinge Fitch und Bird und ihr ein Jahr älterer Bruder Cash – kreisen wie einsame Planeten in ihren eigenen Galaxien. Fitch verbringt die Nachmittage in der Spielhalle, wo er Rekord um Rekord knackt. Hier hat er alles im Griff, während er sonst schnell ausrastet. Sein Bruder Cash definiert sich über den Sport und seine Freunde – und hadert damit, dass er sportlich und schulisch nicht mithalten kann. Und Bird ist innerlich schon längst auf einer Reise zu den Sternen. Das einzige Mädchen in der ziemlich dysfunktionalen Familie möchte die erste Kommandantin eines Raumschiffs werden. Sie bewundert ihre Lehrerin, die ihren Schüler:innen die Faszination der Raumfahrt anhand des bevorstehenden Start des Challenger-Shuttles so gut vermitteln kann, und eifert Missionsspezialistin Judith Resnik aus der Challenger-Crew nach. Damit stösst sie auf wenig familiären Rückhalt.

Doch dann folgt die Katastrophe: Beim von Bird so sehr herbeigesehnten Start explodiert die Raumfähre kurz nach dem Start. Cash und Fitch realisieren, dass sie jetzt für ihre Schwester da sein müssen.

Das Motiv des Raumschiff-Starts gibt einerseits den historischen Rahmen der frühen 80er-Jahre für diesen inhaltlich sehr reichhaltigen Roman. Andererseits öffnet es den Blick weit, weit über den Kleinstadtmief in Delaware – und steht auch für das weibliche Empowerment.

Erin Entrada Kelly, für «Vier Wünsche ans Universum» 2019 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, gibt der Persönlichkeit aller drei Geschwister einen Ausdruck und erzählt überzeugend und einnehmend von den Herausforderungen, denen sie sich stellen müssen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/22, S. 33

Delaware, 1986: Cash kommt in der Schule nicht mit, Fitch tickt regelmässig aus und ihre Schwester, Bird, versucht die Familie irgendwie zusammenzuhalten. Eine Lehrerin weckt Birds Begeisterung für die Raumfahrt und das Mädchen findet in der Astronautin der Challenger-Mission endlich ein Rollenmodell. Doch dann stürzt die Raumfähre ab… Eine leise Familiengeschichte über drei Geschwister, die sich selbst und einander finden müssen.

Ungebremst
Ruth Anne Byrne
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2022, Seiten: 180, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-541-6
Schlagwörter: Schule | Aussenseiter:in/Mobbing | Sport | Behinderung

Nina sitzt seit einem Reitunfall im Rollstuhl und muss sich in ihrem neuen Leben zurechtfinden, zu der auch die neue Schule gehört, in die sie seit dem Unfall geht. Dort machen ihr besonders Fabian und Max das Leben schwer, nur mit Fiona freundet sie sich an. Während Ninas Bruder versucht, sie vor den Mobbern zu beschützen, ändert sich die Situation. Plötzlich sind die ehemaligen Mobber nett zu Nina. Und dann beginnt Nina, mit ihrem Rollstuhl nicht nur das Basketballfeld zu erobern, sondern auch den Skaterpark …

Der österreichischen Autorin Ruth Anne Byrne gelingt es in ihrem Roman zu zeigen, dass ein Handicap keinesfalls eine Ausgrenzung aus dem Leben bedeutet, sondern auch die Möglichkeit zur Eroberung neuer Nischen bietet. Dabei ist es überaus wichtig, dass die Betroffenen nicht nur selbst an sich glauben, sondern dass auch andere Menschen das Vertrauen in sie bewahren und sie in dem neuen Leben(sabschnitt) unterstützen. Während dies Ninas Bruder, ihr Vater und ihre neuen Freund:innen tun, sperrt sich ihre Mutter beharrlich gegen Ninas neues Hobby, bis sie sieht, wie sich ihre Tochter dadurch erfolgreich ihre Freiheiten zurückholt und vor allem auf Gleichgesinnte trifft, die ihre Interessen teilen.

Während Byrne damit thematisch überzeugt, erscheinen die Wandlungen einiger Protagonist:innen von Fieslingen zu guten Freund:innen – und vor allem im Fall von Fabian sogar zum festen Freund – ein wenig zu abrupt. Dafür überzeugt, dass der Roman ohne moralischen Zeigefinger auskommt, sondern sich ganz an seine Leserschaft richtet und aufzeigt, wie sich Nina den Platz im Leben zurückerobert.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/22, S. 34

Ey, hör mal!
Gulraiz Sharif
Aus dem Norwegischen von Meike Blatzheim und Sarah Onkels
Verlag: Arctis, Publiziert: 2022, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03880-054-5
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Familie/Familienformen | Diversität | LGBTQ*

Dieser Sommer ist für den 15-jährigen Mahmoud ganz schön anstrengend: Nicht nur, dass der Onkel aus Pakistan zu Besuch ist, sondern auch, dass sein kleiner Bruder Ali lieber Barbie-Hefte liest, als sich Actionfilme anzusehen, beschäftigt ihn. Während er dies zunächst als kindische Marotte abtut, wird bald klar, dass mehr dahintersteckt.

Mit unverwechselbarem Galgenhumor und in einer derben Umgangssprache erzählt Mahmoud den Leser:innen vom Familienalltag in einem heterogenen Osloer Plattenbauviertel. Immer wieder blitzen feinfühlige Beobachtungen auf, die er durch Vulgärsprache gleich wieder relativiert, um seine Coolness zu wahren. Selbstironisch kommentiert er seine Erzählung als etwas, auf das «norwegische Norweger abfahren» und berichtet von den gegenseitigen Vorurteilen. Die häufigen Referenzen auf norwegisches Kulturgut, Politik und Stereotype sind nicht immer einfach zu verstehen und Mahmouds Sprachstil ist gewöhnungsbedürftig, allerdings gewinnt der Roman dadurch enorm an Authentizität.

Gulraiz Sharif ist mit seinem Erstling ein so einfühlsames wie witziges Jugendbuch gelungen, das anspruchsvolle Themen wie Migration und Transgender auf ihre Alltäglichkeiten herabbricht und sie greifbarer macht. Kein Wunder, wurde es in Norwegen bereits ausgezeichnet und sogar von der Kronprinzessin empfohlen. «Ey hör mal» glänzt nicht mit Action, dafür bietet es eine realistische Coming-out-Geschichte und bringt einen – «ich schwör bei gut durchgebratenem Dönerfleisch» – pausenlos zum Schmunzeln.

Ronja Holler
Buch&Maus 1/22, S. 34

Mahmoud wohnt mit seiner pakistanischstämmigen Familie in einer Blocksiedlung am Rande von Oslo. In seinem Jugend-Slang ist er ein prägnanter Beobachter der gesellschaftlichen Realitäten Norwegens. Als sein kleiner Bruder ihm anvertraut, eigentlich ein Mädchen zu sein, ist er erst einmal überfordert: Die Toleranz, die in der Schule für diese Themen gelehrt wird, kann er in seiner Familie nicht erwarten. Ein witziger, frecher und dennoch tiefgründiger Einblick in das Leben zwischen zwei Kulturen.

Taras Augen
Katharina Bendixen
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2022, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95-854181-8
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima | Migration | Wissenschaft

Nicht nur nukleare Katastrophen haben Auswirkungen auf die Umwelt. Auch medizinische Forschung kann Mensch und Umwelt beeinflussen, wie Katharina Bendixen in ihrem Jugendroman «Taras Augen» zeigt.

In der Stadt Rekan kommt es zu einem Chemieunfall in der Galapa Factory II, die in der Schmerzmittelforschung und -herstellung aktiv ist. Gefährliche Stoffe treten aus, die ganze Region wird zur kontaminierten Zone erklärt. Die Menschen müssen ihre Heimat verlassen. Nach fünf Monaten werden die Zonen neu bewertet, sodass einige Bewohner:innen zurückkehren und versuchen, an ihr altes Leben anzuknüpfen. Dazu gehören auch Tara, ihre Mutter und ihr Grossvater, während Alún mit seiner Familie in Tonfato bleibt, wohin sie geflüchtet sind. Und doch kann er Tara nicht vergessen, obwohl sie seit einem Streit keinen Kontakt mehr zueinander haben. Er beschliesst, sich mit einer waghalsigen Aktion bei ihr zu entschuldigen, und löst unwissentlich eine revolutionäre Bewegung aus, die den Chemieunfall aufklären will. Denn es zeigt sich, dass sich die Chemikalien im See angesammelt haben und bei den Jugendlichen, die dort schwimmen, zur Erblindung führen. Sowohl die Firma, die heimlich an einem Gegenmittel forscht und längst um die Gefährlichkeit weiss, als auch der Staat verschleiern die Schwere des Unfalls.

Bendixen entwickelt einen komplexen Roman, der aus zwei Perspektiven erzählt wird und die Auswirkungen eines Chemieunfalls nicht nur auf die Region und die Umwelt darstellt, sondern auch zeigt, wie sich das Leben einzelner Betroffener nachhaltig ändert. Entstanden ist ein spannender Roman, der auf narrativer Ebene überzeugt und seine Leser:innen nachdenklich zurücklässt.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/22, S. 35

Warum?
Nikolai Popov
Verlag: Minedition, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03934-016-3
Schlagwörter: Krieg | Streit/Konflikt

Auf einer idyllischen Wiese springt die Maus plötzlich den Frosch an und nimmt ihm seine Blume weg. Schon hüpfen Froschkolleg:innen ins Bild und vertreiben die Maus, die nun ihrerseits schweres Geschütz auffährt. So geht es Schlag auf Schlag: Die zarten Bilder zeigen die Eskalation eines Zwists zum regelrechten Krieg. Am Ende sitzen Frosch und Maus in einer zerstörten, graubraunen Landschaft. Die Neuauflage von Popovs so zeitlosem wie kindgerechtem Werk von 1995 regt zum Nachdenken und zum Gespräch an.

Das rote Buch
Barbara Lehman
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0832-9
Schlagwörter: Lesen | Freundschaft

Ein Mädchen findet ein rotes Buch inmitten einer grossen Stadt. Es blättert darin und sieht einen Jungen an einem Strand, blätternd im gleichen roten Buch, mit ihr als Protagonistin. Immer mehr verschränken sich die Geschichten der beiden Lesenden. Die Betrachtenden ihrerseits erleben in dieser Buch-im-Buch-Geschichte hautnah die Faszination Lesen. Lehman baut auf Panels mit meist viel Weissraum dazwischen und einen komplexen Wechsel von Orten und Perspektiven.

Le voisin
Walid Serageldine
Verlag: Éditions la joie de lire, Publiziert: 2021, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-2-88908-549-1
Schlagwörter: Streit/Konflikt

Wenn ein Apfel über den Zaun in den Garten fällt, ist das nicht weiter schlimm. Aber als der Nachbargrill die frisch aufgehängte Wäsche verqualmt, zeichnet sich ein Konflikt ab. Immer turbulenter wird es im Nachbarschaftsstreit zwischen einer Elefantenfamilie und einem Nashorn. Unser Blick ist immer auf den gleichen Ausschnitt des Gartens gerichtet. In dieser Einfachheit liegt die Stärke dieses humorvollen Bilderbucherstlings, der dazu anregt, genau zu schauen, was nach dem Umblättern passiert ist. «Le voisin» war 2022 für den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis nominiert.

Wasser
Mathias Plüss
Verlag: SJW, Publiziert: 2021, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0234-6
Schlagwörter: Natur

lebenswichtig und bedrohlich

Auf nur gerade 44 Seiten liefert Mathias Plüss ein beeindruckend vollständiges Porträt des Wasser-Kreislaufs. Zu sieben Fragen gibt es sieben klar gegliederte Kapitel, von der Erdgeschichte über den Wasserverbrauch bis zu den Wassergefahren, besonders aus Schweizer Perspektive. Sowohl sprachlich als auch durch die leicht verständlichen Grafiken (geschaffen von der Designagentur Raffinerie aus Zürich) wird die Bedeutung von H2O für alles Leben auf der Erde anschaulich vermittelt.

Bob Popcorn
Maranke Rinck, Illustration: Martijn van der Linden
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Schaltzeit, Publiziert: 2021, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-946972-52-5
Schlagwörter: Nonsens

Ellis liebt Popcorn. Leider soll es an ihrer Schule nur noch gesundes Essen geben, und Ellis Väter’ tragen das auch noch mit. Als Ellis vor lauter Ärger ein nicht gepopptes Maiskorn erneut in die Mikrowelle stellt, wird daraus – plopp! – Bob Popcorn, das sprechende Maismännchen. Wenn er sich ärgert, wird er zum Puffmais, und so erlebt Ellis mit ihrem kleinen, geheimen neuen Freund leicht absurde Abenteuer. Die Comicroman-Reihe ist so locker-leicht zu verschlingen wie ein fluffiges Popcorn.

Balto & Togo
Lena Zeise
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2021, Seiten: 39, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6070-0
Schlagwörter: Historisches | Tiere | Reisen | Abenteuer

Dramatische Rettung in Eis und Schnee

Der historisch verbriefte Diphterieausbruch im Winter 1924/25 in einer kleinen Stadt in Alaska und die damit verbundene Medikamentenlieferung mit zahlreichen Schlittenhundestaffeln liefern Lena Zeise den Stoff für ein opulentes Sachbilderbuch. Die fotorealistischen Zeichnungen zwischen Schwarz-Weiss-Vignetten und doppelseitenfüllenden Panoramen fangen zusammen mit dem Erzähltext und vielen Sachinformationen die Situation von Mensch und Tier in dieser dramatischen Rettungsaktion gut ein.

Es ist ein Elch entsprungen
Andreas Steinhöfel, Illustration: Katja Gehrmann
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2021, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55804-6
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Tiere | Freundschaft

1995 erstmals erschienen und kein bisschen gealtert ist Andreas Steinhöfels turbulente Vorweihnachtsgeschichte. Zuerst kracht Mr Moose durch die Wohnzimmerdecke bei Bertil, Kiki und Mama. Dann steht Chef Santerklaus vor der Tür, bevor er später aus einer Klinik befreit werden muss. Nichts ist sicher, ausser die Freude auf die nächste skurrile Wendung! Die neuen, farbigen Illustrationen von Katja Gehrmann tragen ihren Teil zu fröhlichen Vorleserunden bei.

Isidor bleibt wach
Frédéric Stehr
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Verlag: Moritz, Publiziert: 2021, Seiten: 52, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-416-9
Schlagwörter: Tiere | Freundschaft | Natur

Es wäre Zeit für den Winterschlaf, doch Bär Isidor kann nicht schlafen. Mit der Frage, ob alle anderen schlafen, macht er sich auf in den Wald. Und siehe da: Anderen Tieren geht es auch so, die Freude über die unerwartete Gesellschaft ist gross. Gemeinsam kämpfen sie sich durch einen Schneesturm zurück zu Isidors Haus und die neuen Freunde verbringen die lange Winterzeit gemeinsam. Die Illustrationen geben den Winter bestens wieder in diesem zum Vorlesen geeigneten Buch.

Mein Freund, der Weihnachtsbaum
Bethan Welby
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0799-5
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Abenteuer | Tiere | Gefühle

Kurz nach Weihnachten nimmt der kleine Brian einen für die Müllabfuhr bereitgestellten Tannenbaum mitsamt Topf nach Hause. Bald muss der neue Freund wieder raus in die Kälte, in Brians Bett darf er nicht sein. Doch welch ein Glück: Dank der Tiere im Wald steht er am Morgen bunt geschmückt da und darf sicher zur nächsten Weihnacht zurück ins Haus! In zartfarbigen Illustrationen erzählt Bethan Welby eine feinfühlige Geschichte aus Kinderperspektive.

Der grosse Traum
Ronald Reng
Verlag: Piper Verlag, Publiziert: 2021, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-492-07099-7
Schlagwörter: Sport | Biografie | Alltag

Drei Jungs wollen in die Bundesliga

Der Autor und Fussballjournalist Ronald Reng hat drei talentierte Jungfussballer, die Profis werden wollen, über ein Jahrzehnt lang begleitet. Sein Dreierporträt erzählt vom riesigen Aufwand der Eltern, um ihren Söhnen den Wunschtraum zu erfüllen, von Trainern, Scouts und Beratern, von ersten Beziehungen, Verletzungen und Erfolgen. Fast beiläufig erhält man so auch einen fundierten Einblick ins Fussball-Business. Einen Profivertrag erhält am Ende
nur einer der Jungs. Sprachlich überzeugend und packend ab der ersten Seite.

Im Winterwald
Daniela Kulot
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-45960-0
Schlagwörter: Natur | Tiere | Freundschaft

Ein hungriger Fuchs streift mit knurrendem Magen durch den Winterwald. Anderen Tieren geht es auch so. Gut, dass sie dem eigentlich nicht so teilfreudigen, dafür vergesslichen Eichhörnchen beim Finden von dessen Vorrat helfen können. Da wird das Teilen am Ende für alle zur grossen Freude. Die Illustrationen erzeugen eine klirrend kalte Atmosphäre und setzen mit wenigen Details und Perspektiven wichtige Akzente. Sehr gut zum Vorlesen geeignet.

Eins zwei drei Rentier
Nadia Budde
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2021, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0668-3
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Fabelwesen | Nonsens | Sprachspiel

In Anlehnung an ihren Klassiker «Eins zwei drei Tier» betreten in diesem Büchlein im Geschenkformat (fast!) ausschliesslich weihnächtlich assoziierte Protagonist:innen Nadia Buddes Bühne. In einem fröhlichen Reigen treten immer drei auf, der oder die vierte kommt des Reimes Willen hinzu und schon kanns weitergehen mit dem bunten Treiben. Ein Sprach- und Sehspass für kleine und grosse Liebhaber:innen von schrägen Viechern und überraschenden Kombinationen!

Vieles und noch mehr
Maria Ursprung, Illustration: Malin Widén
Verlag: SJW, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0354-1
Schlagwörter: Sprachspiel

«Vieles und noch mehr» gibt es auf der Welt, und was alles dazu gehört, davon gibt die Schweizer Dramatikerin und Regisseurin Maria Ursprung in ihrem Text eine herrlich willkürliche und nicht zuletzt dem Reim geschuldete Aufzählung. «Es gibt den Himmel und die Erde, Berge, Täler, Vögel, Pferde»: In serifenloser, grosser Schrift gesetzt und in vier Zeilen umbrochen, sorgt diese Aneinanderreihung von einfach erfassbaren Substantiven schon auf der ersten Seite dieses SJW-Hefts für Erfolgserlebnisse bei Leseanfänger:innen. Doch wer einen rein didaktischen Erstlesetext erwartet hat, ist hier dennoch falsch. Zu den konkreten Substantiven gesellen sich schon auf der zweiten Seite die ersten abstrakten, denn auf der Welt gibt es auch «Schimpf und Schande», «Lob und Dank». Später wird die sehr geradlinige Syntax durch Relativsätze ausgeweitet («es gibt Nonnen, die nie beten»). Dass die Lust am Klang der Wörter und ihrer Kombination Priorität vor allfälligen lesepädagogischen Überlegungen hat, wird spätestens im unerwarteten Reim deutlich, in dem sich «Tennisbälle» auf «Einkommensgefälle» reimt. Genau diese Brechung mit dem Erwartbaren macht aber den Reiz aus – so ist auch auf der Welt nicht nur alles schön und bunt, sondern es gibt auch «Splitter und Pinzetten, / Eltern in getrennten Betten».

Freude an diesem lustvollen Spiel mit der Kreativität drücken die seitenfüllenden, flächig-farbigen Illustrationen von Malin Widén aus, die durch das Aufgreifen der im Text genannten Wörter einerseits das Leseverstehen unterstützen, andererseits die oft sehr willkürlichen Reihungen als Szenen ausdeuten und eigene Assoziationen hinzufügen.

Ein SJW-Heft, das beweist, dass Lyrik auch als Selbst-Lese-Erlebnis konzipiert werden kann.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/22, S. 30

Feminism is for Everyone
Fabienne Sand, Laura Hofmann, Felicia Ewert
Verlag: Dressler, Publiziert: 2021, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7513-0031-5
Schlagwörter: Geschlechterbilder | LGBTQ*

Argumente für eine gleichberechtigte Gesellschaft

Was ist Feminismus? Was bedeutet Intersektionalität? Wie ist Sexismus in der Gesellschaft verankert? Wie zeigt sich Transfeindlichkeit? Dieses informative Sachbuch vermittelt praxisnahes Grundlagenwissen und zeigt verschiedene gesellschaftliche Diskriminierungsformen auf. Die Liste weiterführender Quellen regt dazu an, die angesprochenen Themen zu vertiefen und selbst aktiv zu werden.

Steinfrucht
Lee Lai
Aus dem Englischen von Henrieke Markert
Verlag: avant, Publiziert: 2021, Seiten: 232, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96445-049-4
Schlagwörter: LGBTQ* | Familie/Familienformen

Für die Liebe von Rachel und Bron, einer trans Frau, ist es eine grosse Belastung, dass sie sich von ihren Familien nicht akzeptiert fühlen. Erst nach einer Trennung können sie zumindest die Bande zu ihren Geschwistern neu knüpfen – und auf beiden Seiten Vorurteile ausräumen. In einer dezenten, doch kraftvollen Bildsprache zeichnet diese Graphic Novel ein vielschichtiges Beziehungsporträt.

Das Geheimnis meines Turbans
Nadia Ghulam, Agnès Rotger
Aus dem Spanischen von Silke Kleemann
Verlag: CBJ, Publiziert: 2021, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-31378-7
Schlagwörter: Krieg | Kulturen | Geschlechterbilder

Als Junge verkleidet unter den Taliban

Nadia ist achtjährig, als sie im Afghanistankrieg schwer verletzt wird. Um arbeiten und die Familie ernähren zu können, verkleidet sie sich einige Jahre später als Junge – und lebt fortan in der Angst, von den Taliban entdeckt zu werden. Eindringlich erzählt Nadia Ghulam aus ihrem Leben und beschreibt das Leiden während des Krieges ebenso wie die kulturellen Bräuche und Traditionen Afghanistans.

Mut. Machen. Liebe.
Hansjörg Nessensohn
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2021, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7641-7119-3
Schlagwörter: Liebe | LGBTQ* | Historisches

Beim Wandern durch Italien erfährt Paul Helmuts Geschichte: Helmut verliebte sich im Sommer 1957– zu einer Zeit, als schwul liebende Männer in Deutschland nach § 175 des deutschen Strafgesetzbuches verhaftet wurden. Vergangenheit und Gegenwart verbinden sich in diesem lebensnahen Jugendroman, in dem zwei Männer nach Verbundenheit und Akzeptanz suchen – und gegen Vorschriften und soziale Normen kämpfen.

In all seinen Farben
George Lester
Aus dem Englischen von Elisa Valérie Thieme
Verlag: One, Publiziert: 2021, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8466-0128-0
Schlagwörter: LGBTQ* | Identität/Individualität

Als Robin eine Absage von der Schauspielschule erhält, weiss er nicht weiter. Der Besuch einer Drag-Show an seinem 18. Geburtstag eröffnet ihm eine neue Welt. Robin träumt davon, selbst aufzutreten. Eine queere Coming-of-Age-Geschichte, die nicht nur zeigt, wie viel Mut es braucht, zu sich selbst zu stehen, sondern auch einen Einblick in die faszinierende Drag-Szene bietet.

Laura Dean und wie sie immer wieder mit mir Schluss macht
Mariko Tamaki, Illustration: Rosemary Valero-O’Connell
Aus dem Englischen von Annette von der Weppen
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2021, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-76590-1
Schlagwörter: LGBTQ* | Liebe

Mehrfach hat Laura Dean bereits mit Freddy Schluss gemacht – und sich dann wieder gemeldet. Freddy leidet, doch erst eine neue Freundschaft und ein unerwarteter Rat geben ihr die Kraft, sich von Laura Dean zu lösen. Die ausdrucksstarken Zeichnungen verdeutlichen das Gefühlschaos der Protagonistin, die lernt, für sich selbst und die eigenen Gefühle einzustehen.

Komm, Trecker fahren!
Miriam Zedelius
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2021, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-4077-5807-1
Schlagwörter: Reisen

Zwei Kinder fantasieren sich eine abenteuerliche Reise mit dem Traktor (Trecker) herbei. Was im Text eindeutig ein Rollenspiel ist, bei dem die beiden immer wieder aushandeln, wohin ihre Fantasie abbiegen soll, wird in den Illustrationen ganz real umgesetzt. Da fliegen die beiden in ihrem Trecker davon, landen in der Wüste und schliesslich am Meer – also in der Badewanne und damit wieder in der Realität.

Es tanzt ein Mi Ma Monsterchen
Linda Wolfsgruber, H. C. Artmann
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2021, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-3913-8
Schlagwörter: Sprachspiel

Dieses Pappbuch fordert heraus: zum Mitsingen und Mitklatschen, Schütteln und Tippen. Es ist ein Mitmachbuch, das den Blick geschickt darauf lenkt wie Silben in Klang, Rhythmus und Schrift zusammenkommen. Die Illustrationen bleiben fast durchgehend abstrakt, werden aber durch klare Instruktionen lebendig. Ein anspruchsvolles Pappbuch, das viel Vergnügen und einen Ohrwurm beschert.

Das ist mein Papa
Mies van Hout
Verlag: Aracari, Publiziert: 2021, Seiten: 10, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-9071-1416-2
Schlagwörter: Tiere | Familie/Familienformen

Sieben Tierkinder fragen jeweils auf der linken Buchseite nach ihren Papas. Vier Lösungen stehen ihnen rechts zur Auswahl. Die richtige Lösung zu finden ist nicht nur bei der Kaulquappe eine Herausforderung! Umso grösser die Freude, wenn nach dem Ausklappen das richtige Papa-Kind-Duo hervorlugt. Die Illustrationen in breitem Pinselstrich und fröhlichen Farben verblüffen mit Details und lassen das einfache Konzept zum spannenden Mitmachbuch werden.

Wer versteckt sich?
Satoru Onishi
Verlag: Moritz, Publiziert: 2021, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8956-5402-2
Schlagwörter: Tiere

Ein Bilderbuch zum genauen Hinsehen

Der japanische Bilderbuchklassiker von 1983 erhält einen neuen Auftritt als Pappbuch. 18 grafisch stark reduzierte Tiere stehen erwartungsfroh in Reih und Glied auf jeder Doppelseite. Wer dreht sich um? Wer schläft? Kleinigkeiten sind es, die es zu erspähen und benennen gilt. Ganz schön knifflig in dieser stark reduzierten Grafik, mal liegt bei einem Tier, mal bei mehreren die Lösung! Ein bunter Such- und Findespass für kleine und grössere Kinder.

Locken, Pony, Pferdeschwanz und jede Menge Firlefanz
Daniela Kulot
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2021, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6109-7
Schlagwörter: Diversität | Identität/Individualität

Was habt ihr Kinder auf dem Kopf? Ein jedes einen anderen Schopf? Dieses Buch schärft den Blick für Frisuren aller Art und ist ein fröhliches Plädoyer für Vielfalt. Kurze Reime stellen einzelne Kinder vor: Klaus-Linus hat ’nen Pferdeschwanz mit viel Tamtam und Firlefanz. Die Umgebung der Kinder, die auf ihren Köpfen ihre Persönlichkeiten zur Schau tragen, ist gespickt mit fantasievollen Bilddetails, die zum Entdecken und Sprechen einladen.

Tier hier
Elsa Klever
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2021, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8642-9501-0
Schlagwörter: Tiere | Sprachspiel

Ein Tier, ein Adjektiv und schon haben wir ein überraschendes Stelldichein zwischen Text und Bild. Da stolziert eine Elefantendame in eleganten Schuhen oder der müde Rüde döst vor einem Espresso. Elsa Klever rückt in ihrem neuen Pappbuch ungeahnte Eigenschaften mit einer gehörigen Portion Humor ins Zentrum und bahnt mit den Begriffspaaren und ihren Bildern jede Menge Geschichten an. Zum genüsslichen Weiterreimen bestens geeignet!

Einfach nur Fussball spielen
Michael Stilson
Aus dem Norwegischen von Karoline Hippe
Verlag: Arctis, Publiziert: 2021, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03880-041-5
Schlagwörter: Sport | Identität/Individualität

Fredrik will Fussballprofi werden. Das Finalspiel seines U-16-Teams soll die Weichen für diese Karriere stellen. Der Vater, selbst einst Spitzenfussballer, plant Grosses mit seinem Sohn, die Mutter fürchtet Einfluss und Eigennutz des Vaters. Fredrik muss sich entscheiden, auch für oder gegen Line, die trotz seiner Launen immer wieder seine Nähe sucht. Ein packender Jugendroman aus dem nicht einfachen Leben eines Jugendlichen, der zu sich selbst finden muss.

Fussballsommer
Veronika Wiggert, Illustration: Marie Geissler
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2021, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-513-3
Schlagwörter: Sport | Freundschaft | Geschlechterbilder

Kurz vor den Sommerferien erlebt Tobi eine schmachvolle Niederlage auf dem Fussballplatz. Den Sommer über traut er sich deshalb nicht mehr aufs Feld und zu seinen Mannschaftskollegen. Zu seinem grossen Glück lernt er Lexy kennen. Die dribbelt besser als seine Freunde, trainiert ihn den Sommer über und organisiert einen Match, in dem sich Tobi beweisen kann. Ein Erstlesebuch mit einer liebenswerten Hauptfigur und vielen unterstützenden Illustrationen.

Anpfiff für Dr. Brumm
Daniel Napp
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-4932-7
Schlagwörter: Sport | Tiere

Die Gurkentruppe von Dr. Brumm besteht aus dem gemütlichen Bären, Dachs mit zwei linken Füssen und Biber, die ständig über ihren Schwanz stolpert. Gegen die professionelle Otter-Jugend haben die drei auf dem Platz schlechte Karten. Doch sie wissen ihr Ungeschick und die goldenen Regeln des Goldfischs zu nutzen und bringen so Spannung ins Spiel. Eine kurzweilige Geschichte der Dr.-Brumm-Reihe voller witziger Einfälle und Wendungen und mit dynamischen Illustrationen.

How to change everything
Naomi Klein, Rebecca Stefoff
Aus dem Englischen von G. Gockel und B. Steckhan
Verlag: Hoffmann und Campe, Publiziert: 2021, Seiten: 255, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-45501-251-4
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima

Wie wir alles ändern können und die Zukunft retten

«Wie wir unsere Welt zerstören» / «Was wir bisher tun (ist nicht genug)» / «Wie du die Welt rettest»: So lauten die Überschriften der drei Hauptteile dieses Buches. Jeder von ihnen greift die Themen Energie, Verkehr, Ernährung, Konsum und Müll auf. Die dringlichen Fakten der Klimaveränderung werden auf sachliche, gut verständliche Art in kurzen, auch einzeln lesbaren Kapiteln vermittelt und es werden auch kontroverse Meinungen diskutiert.

Schau mal, Zahlen!
Marion Deuchars
Aus dem Englischen von Anne Vogel-Ropers
Verlag: Laurence King, Publiziert: 2021, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-9624-4180-7
Schlagwörter: Tiere

Wozu man Zahlen alles brauchen kann, führt dieses kleine Pappbuch mit einer bunten Schar Vögel vor. Ein erster Vogel sitzt an die 1 angelehnt, auf der 2 können zwei Vögel balancieren usw., bis zehn dieser erfinderischen Vögel erschöpft in und um die 10 schlafen. Die einfachen Illustrationen laden ein zum ersten Zählen und Mittun.

Plitsch, platsch pitsch, patsch
Reza Dalvand
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2021, Seiten: 18, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-9072-7708-9
Schlagwörter: Mehrsprachigkeit

Reza Dalvand macht mit diesem zweisprachigen Pappbuch einen traditionellen Abzählreim aus seinem Heimatland Iran zugänglich. Wir sehen eine Hand und können gleich mitspielen, wie das durstige Vogelkind mitten in die Pfütze auf dem Handteller fällt. Fünf (Finger) stehen drum herum – doch wer hat das Vöglein geschubst?

Durch das Haus mit Mausi Maus
Martina Badstuber
Verlag: Magellan, Publiziert: 2021, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-1590-4
Schlagwörter: Alltag

Bei Mausi Maus gibt es wirklich viel zu tun. Sie pflückt Erdbeeren im Garten, backt eine Torte in der Küche, liest ein Buch im Wohnzimmer oder sucht Schätze auf dem Dachboden. Auf sieben thematischen Doppelseiten, an deren Rand jeweils einige Gegenstände zum Suchen auffordern, können Kinder viele vertraute Dinge entdecken und neue Wörter erfahren.

Hasenkind, flieg!
Jörg Mühle
Verlag: Moritz, Publiziert: 2021, Seiten: 22, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8956-5415-2
Schlagwörter: Spiel

Dynamisch springt uns Hasenkind auf dem Buchcover entgegen, verspielt geht es im Buchinnern weiter: Verstecken hinter einer Decke, schaukeln, plantschen oder die Hasenpuppe fliegen lassen. Und am Schluss streckt uns der kleine Frechdachs mit einem fröhlichen «Bäääh!» gar die Zunge heraus. Spätestens dann machen alle mit!

Bei Baba
Marianne Dubuc
Aus dem Französischen von Julia Süssbrich
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2021, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-4077-5615-2
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Bei Baba fühlt sich Koko geborgen. Nie krabbelt Koko runter von Baba, sondern isst, spielt oder badet wohlbehütet obendrauf. Erst als eines Tages ein Schmetterling Kokos Neugierde weckt, ist der kleine Koala bereit für die ersten eigenen Schritte. In zarten Bildern erzählt die Autorin diese liebevolle Geschichte vom Behüten, Loslassen und Sich-Trauen.

Hunger!
Isabel Kreitz
Verlag: Penguin Junior, Publiziert: 2021, Seiten: 22, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-3283-0012-0
Schlagwörter: Essen

Matz und Miep sind auf Augenhöhe mit ihren BetrachterInnen. Heute haben sie richtig Hunger und stürzen sich mit Wonne auf die Spaghetti. Ohne Hände, ohne Kleinschneiden – eine Herausforderung! Die Lösung liegt im vergnügten Schlürfen. Die unvermeidlichen Sossenspritzer sind kein Problem, denn der Nudeltag ist auch ein Badetag!

Das kann ich. Ich zeig es dir.
Heinz Janisch, Illustration: Birgit Antoni
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2021, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-3953-4

Sechs kleine Kinder zeigen uns voller Stolz und Freude ihr grosses Können. Jedem Kind ist eine Doppelseite gewidmet: Tasten, Hören, Riechen, Schmecken, Sehen und Fühlen. Die kurzen Reime dienen als Einstieg in die detailreichen Illustrationen, auf denen sich die Kinder zwischen witzigen Tierfiguren tummeln.

Meine ersten 100 Wörter
Eric Carle
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2021, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6127-1

Kinder sind kleine Weltenentdecker. Ob zu Hause oder im Park, ob im Zoo, am Himmel oder in der Stadt, überall gibt es viel zu sehen. Aufklappen und Staunen, Benennen und Erzählen macht Spass mit diesem szenisch angelegten, grossformatigen Bildwörterbuch, in dem sich die Raupe Nimmersatt immer wieder ins Bild schmuggelt.

Kuckuck? Da!
Kathrin Wessel
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2021, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-4-1026-2

Kleine Kinderhände können in diesem Büchlein mit Hilfe von stabilen Schiebe-, Zieh- und Drehelementen so allerhand Verstecktes zu Tage fördern. Auf dem Cover springt Brot aus dem Toaster, dann kriecht ein Wurm aus dem Apfel oder drei Mäuse lugen aus dem Käse. Mit dem altbewährten «Kuckuck? Da!» macht das ganz besonders Spass.

Du bist grün und ich bin blau
Adrienne Barman
Aus dem Französischen von Svenja Drewes
Verlag: Aladin, Publiziert: 2021, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0183-8
Schlagwörter: Natur | Tiere

Vom zitronengelben Fisch bis zum wüstengelben Kamel geben sich Tiere in kleinen Szenen ein Stelldichein. Adrienne Barman blickt mit Augenzwinkern aufs Tierreich und lädt durch ähnliche Hintergrund- und Tierfarben zu genauem Schauen ein. Der brüllorange Tiger ist nicht zu übersehen. Doch wer versteckt sich im apfelgrünen Blätterwald?

Wo ist der Teddybär?
Rocio Bonilla
Verlag: Jumbo, Publiziert: 2021, Seiten: 22, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8337-4330-6
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen

Babymia soll ins Bett, mit Schnuller und Kuscheldecke ist sie schon fast bereit. Bloss ihr Teddybär ist nirgends zu finden, denn … er wartet schon in ihrem Bett! Fragen und Antworten einer nicht sichtbaren Person führen von Szene zu Szene und ermöglichen schon kleinsten Kindern, das vertraute Abendritual mitzuspielen.

Kann ich bitte in die Mitte?
Susanne Strasser
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2021, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0665-2
Schlagwörter: Lesen | Tiere

Ein Kind will ein Buch vorlesen und schon sitzen mit ihm ein Zebra, ein Hamster, eine Katze und ein Löwe auf dem Sofa. Doch losgehen kann es noch lange nicht! Zuerst müssen weitere Tiere Platz nehmen, und kleine Kabbeleien untereinander lösen. Dann bringt das tollpatschige Nashorn die Sitzordnung nochmals durcheinander. Am Ende klappt es aber mit dem Vorleseerlebnis und mit dem Vorlesespass bei dieser fröhlichen Reihengeschichte mit ihren wiederkehrenden Sätzen sowieso.

Love is for Losers
Wibke Brueggemann
Aus dem Englischen von Michelle Landau
Verlag: dtv, Publiziert: 2021, Seiten: 480, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-74071-5
Schlagwörter: LGBTQ* | Liebe

Also echt nicht mein Ding

Der fünfzehnjährigen Phoebe ist klar: Das Hormonchaos im Gehirn lässt Verliebte verrückt werden. Auf keinen Fall möchte sie, dass ihr das passiert – bis sie Emma kennenlernt. In humorvollen Tagebucheinträgen versucht Phoebe, ihre Gefühle zu verstehen, und macht sich ganz nebenbei Gedanken über Familie, Freundschaft und die weibliche Sexualität.

Was ist eigentlich dieses LGBTIQ*?
Linda Becker, Julian Wenzel, Illustration: Birgit Jansen
Verlag: migo, Publiziert: 2021, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96846-046-8
Schlagwörter: LGBTQ*

Dein Begleiter in die Welt von Gender und Diversität

Dieses Sachbuch bietet eine spielerische Einführung in die Welt der LGBTIQ*-Gemeinschaft. Verschiedene sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten werden kindgerecht erklärt; Interviews und Erfahrungsberichte sowie bunte Illustrationen ergänzen den Text. Passende Aufgaben ermutigen dazu, die eigenen Gefühle zu reflektieren und Gedanken festzuhalten.

Girl Power!
Carrie Firestone
Verlag: WooW Books, Publiziert: 2021, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96177-081-6
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Jetzt reden wir!

Mollys Mittelschule verfolgt eine strikte Kleiderordnung: Kurze Shorts und Spaghettiträger sind verboten. Als Olivia gemassregelt wird, obwohl sie ihren Pullover nur ausgezogen hat, um einen Periodenfleck auf ihrer Hose zu überdecken, reicht es Molly. Der Protest der Schülerinnen wird in verschiedenen Formen wie Transkripten von Podcasts, Briefen und Chats lebhaft und authentisch erzählt.

Joscha & Marie und die Frage, wie man seine Eltern rettet, ohne einen Urknall auszulösen
Jens Baumeister, Illustration: Dominik Rupp
Verlag: Planet!, Publiziert: 2021, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-50690-8
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Freundschaft

Als Joscha einen Privatdetektiv kontaktiert, der ihm bei der Rettung seiner entführten Eltern helfen soll, rechnet er nicht damit, dass ihm die Besserwisserin und selbst ernannte Superdetektivin Marie antwortet. Gemeinsam begeben sie sich auf Spurensuche und werden trotz ihrer Differenzen ein erfolgreiches Team. Lebendig erzählt, mit witzigen Kommentaren der Erzählstimme und pfiffigen Illustrationen.

Herr K macht Wiau!
Frank Maria Reifenberg, Illustration: Sonja Kurzbach
Verlag: Südpol, Publiziert: 2021, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96594-086-4
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Als der Kater Herr K morgens aufwacht, spürt er, dass sich etwas verändert hat. Er ist überzeugt: Er ist ein Hund! Voller Komik und gespickt mit dynamischen Illustrationen erklärt dieses Vorlesebuch für Kinder ab fünf Jahren die Themen Toleranz und Diversität und zeigt auf originelle Weise, dass jeder und jede so sein kann, wie er oder sie sich fühlt.

Franz-Ferdinand will tanzen
Marcus Pfister
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10575-3
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Von seinem Felsen aus beobachtet das Walross Franz-Ferdinand die Flamingo-Ballett-Gruppe. Fasziniert von den Bewegungen, beschliesst er, dass er das auch versuchen möchte. Trotz Widerstand gibt Franz-Ferdinand nicht auf – und tanzt! Mit viel Humor vermittelt dieses in sanften Farbtönen gehaltene Bilderbuch, dass mit Mut, Selbstvertrauen und Ausdauer ein Traum wahr werden kann.

Prinz & Ritter
Daniel Haack, Illustration: Stevie Lewis
Aus dem Englischen von Andrea Fischer
Verlag: Windy Verlag, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948417-22-2
Schlagwörter: Märchen/Fabel | LGBTQ*

In dieser Neuerzählung nach traditionellem Märchenmuster findet ein junger Prinz die grosse Liebe nicht auf der «Brautschau», sondern als er im Kampf gegen den bösen Drachen einem fremden Ritter begegnet. Die in Reimen erzählte und in Disney-Optik illustrierte Geschichte zeigt auf berührende Weise, wie selbstverständlich Toleranz und Diversität sein können.

Was wir bauen
Oliver Jeffers
Aus dem Englischen von Anna Schaub
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10563-0
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Zukunft

Pläne für unsere Zukunft

Vater und Tochter bauen gemeinsam: ein Haus, ein Schiff, einen Turm in den Himmel, eine Zukunft. Auf den in kraftvollen Farben illustrierten Doppelseiten richten die beiden ihr Holzhäuschen ein, bereisen die Meere und bestaunen das Weltall, geraten in Streit und versöhnen sich wieder. Dieses poetische Bilderbuch ermutigt zum Träumen von Abenteuern, die bis zum Mond führen.

Das alles ist Familie
Michael Engler, Illustration: Julianna Swaney
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8458-3706-2
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Diversität

Patchwork- und Regenbogenfamilien, alleinerziehende oder unverheiratete Eltern, Familien aus unterschiedlichen Kulturen: Welche Vielfalt sich im Wort «Familie» versteckt, erfährt Lars, als er durch die Nachbarschaft streift. Auf jeder Doppelseite lässt sich das Leben einer anderen Familie entdecken, deren Mitglieder in liebevollen Illustrationen porträtiert werden.

Das Duell der Grossmütter
Hannes Wirlinger, Illustration: Volker Fredrich
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2021, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-511-9
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Generationen

Als Hubert und seine Oma im Strandbad zufällig einer früheren Teamkollegin der Grossmutter und deren Enkel begegnen, fordern sich die beiden ehemaligen Turmspringerinnen sogleich zum Duell heraus. Die Enkel staunen ob der durch die Luft wirbelnden Frauen – und lernen bei der Luftmatratzen-Regatta, dass zum sportlichen Ehrgeiz auch das Fairplay gehört.

Mika und das mutigste Mädchen der Welt
Pamela Butchart, Illustration: Kate Hindley
Aus dem Englischen von Michael Petrowitz
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-46133-2
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Mika hat vor vielen Dingen Angst, am meisten aber fürchtet er sich vor dem Wind. Als seine Freundin Emily bei stürmischem Wetter vor die Tür geht, will Mika sie nicht allein lassen – und wird vom Wind auf eine abenteuerliche Reise getragen. Ein zart illustriertes Bilderbuch, das zeigt, dass Angsthaben normal ist, mit etwas Mut aber auch viel Neues entdeckt und erlebt werden kann.

Was wir dachten, was wir taten
Lea-Lina Oppermann
Verlag: Gulliver, Publiziert: 2021, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-81271-1
Schlagwörter: Schule | Gewalt | Aussenseiter:in/Mobbing

Kurzfassung in einfacher Sprache

Lea-Lina Oppermanns Jugendroman über einen Amoklauf funktioniert auch als Easy Reader sehr gut, weil schon das Original vor allem von der Handlungsdynamik lebt. Fiona, Mark und Mathelehrer Filler beschreiben, was in den 143 Minuten in einem Schulzimmer passiert ist, in das ein maskierter und bewaffneter Unbekannter eingedrungen ist und die Klasse und den Lehrer zu entlarvenden Handlungen gezwungen hat. Ein provozierendes Buch über Mobbing, Selbstbilder und Gruppendynamiken, das viel Diskussionspotenzial bietet.

Sechs Leben
Véronique Petit
Aus dem Französischen von Anne-Kathrin Häfner
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2021, Seiten: 220, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-162-7
Schlagwörter: Krankheit | Abenteuer

Mit 13 Jahren erfährt Gabriel per Bluttest, dass er über sechs Leben verfügt. Das hat er sich nicht einmal in den kühnsten Träumen erhofft. Ein Freipass für Abenteuer und volles Risiko? Der Jugendliche verbraucht in kürzester Zeit all seine «geschenkten» Leben. Erst als er schwer erkrankt, wird ihm klar, was Leben wirklich heisst und wie fahrlässig er bis jetzt damit umgegangen ist. Ein Jugendroman mit Sogwirkung, der in kurzen Kapiteln von Thrill und Übermut erzählt, aber auch davon, was es heisst, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Von wegen Freundschaft
Daniel Höra
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2021, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-31975-3
Schlagwörter: Schule | Freundschaft

Obwohl Matthis ein Mathetalent ist, schafft er das Gymnasium nicht. Nun kommt er auf eine neue Schule und ist sofort fasziniert von Richard, der stets so souverän, aber auch geheimnisvoll wirkt. Umso mehr freut er sich, dass Richard ihn zu seinem besonderen Freund «erhebt». Trotz warnender Stimmen merkt er erst allmählich, dass dieser ihn nur ausnutzt und in ein Lügengespinst eingewickelt hat. Ein Freundschaftsdrama in schnörkellosen Sätzen und psychologisch spannend erzählt.

Asphalthelden
Jason Reynolds
Aus dem Englischen von Anja Hansen-Schmidt
Verlag: Der Audio Verlag, Publiziert: 2021, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7424-2003-9
Schlagwörter: Gefühle | Freundschaft

Zehn Geschichten über Kinder am Übergang zur Pubertät, die alle dieselbe Schule besuchen, werden hier erzählt. Jede kann für sich allein gehört werden. Zusammen ergeben sie das pointillistische Bild eines Alltags, in dem der Schulweg zur Erfahrungswelt wird. Etwa, wenn es darum geht, eigene Ängste zu überwinden, Leidenschaften zu leben, Freundschaften zu pflegen, aber auch Streiche zu spielen oder Gutes zu tun. Die Vielfalt der Motive kommt über die verschiedenen Stimmen der Vorlesenden gut zur Geltung.

Die Nachtbushelden
Onjali Q. Raúf
Aus dem Englischen von Katharina Diestelmeier
Verlag: Hörcompany, Publiziert: 2021, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-9663-2035-1
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing | Mut/Selbstbewusstsein | Freundschaft

Mit seinen zehn Jahren ist Hector ein notorischer Tunichtgut. Mit Genuss mobbt er nicht nur andere Schüler, sondern auch den obdachlosen Thomas. Ihn schwärzt Hector sogar fälschlich als Dieb an. Als er erkennt, dass er zu weit gegangen ist, braucht er viel Mut, um das wiedergutzumachen. Dafür gewinnt er neue Freunde, und sein soziales Gewissen wird geweckt. Ein starkes Plädoyer für soziales Engagement, dank dem vielfältigen stimmlichen Repertoire von Julian Greis auch als Hörbuch packend.

Es geht um die Wurst
Christoph Drösser
Verlag: Hörcompany, Publiziert: 2021, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-9663-2030-6
Schlagwörter: Essen | Umweltschutz/Klima

Was du wissen musst, wenn du gerne Fleisch isst

Fleisch essen oder nicht? Diese Frage beschäftigt viele Kinder. In diesem Hörbuch erfahren sie vieles zum Thema: von der Frage, warum der Mensch überhaupt Fleisch isst, über den globalen Fleischkonsum, die Fleischverwertung, das Wohl der Tiere von der Aufzucht bis zum Schlachthof, den Auswirkungen der Fleischproduktion auf unsere Umwelt bis zu Fleisch-Alternativen. Die Stimme von Peter Lohmeyer passt bestens zu den unaufgeregten, präzisen Texten.

Leo und Lucy
Rebecca Elbs
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2021, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55520-5
Schlagwörter: Freundschaft

Die Sache mit dem dritten L

Der grösste Wunsch von Leo Lennert aus Köln-Chorweiler ist das Skateboard XW 90. Und so eines gibt es am Vorlesewettbewerb der örtlichen Bank zu gewinnen. Wenn Leo nur nicht so Mühe hätte mit dem Vorlesen, weil die Buchstaben davontanzen … Zum Glück kann er auf die Hilfe seiner besten Freundin Lucy, des neues Freundes Cornelius und des ganzen Mietshauses zählen. Wie die Freunde scheitern und doch gewinnen, ist lebensnah und mit viel Humor beschrieben.

Kali kann Kanari
Michael Roher
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2021, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-5958-5
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Tiere

Ein zugeflogener Nymphensittich bringt das Leben von Lisbeths eh schon chaotischer Familie tüchtig durcheinander. Liebend gerne würden sie, ihr kleiner, zupackender Bruder Kali und der schwerhörige Grossvater Udini (einst ein berühmter Zauberer) den Vogel behalten. Dieser gehört aber ausgerechnet Lisbeths Erzfeind Kentucky. Der Weg des Sittichs zu seinem Besitzer zurück ist hindernisreich und voller Situationskomik. Er verändert aber auch Lisbeths Blick auf Freundschaften und ihre Familie.

Ein Fall für Katzendetektiv Ra
Amy B. Greenfield, Illustration: Felicitas Horstschäfer
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Verlag: dtv, Publiziert: 2021, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64081-7
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Historisches

Das verschwundene Amulett

Hier treffen sich Tierkrimi und historischer Roman: Amy Greenfields Katzendetektiv ist kein gewöhnlicher Kater, sondern Ra der Mächtige, die Katze des Pharaos. Tagein, tagaus verwöhnt werden und faulenzen, dieses Leben geniesst Ra. Als das Mädchen Tedimut des Diebstahls beschuldigt wird, lässt er sich aus purer Eitelkeit von Skarabäus Khepri und Küchenkatze Miu überreden, ihre Unschuld zu beweisen. Im Reihenauftakt entführt Ras originelle Erzählstimme höchst vergnüglich ins alte Ägypten.

Socke und Sophie
Juli Zeh
Verlag: Argon, Publiziert: 2021, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7324-4250-8
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere

Pferdesprache leicht gemacht

In den meisten Pferdebüchern sind Pferde pflegeleichte Verbündete, aber der Alltag mit ihnen sieht häufig anders aus. Das ist auch die bittere Erfahrung von Sophie, die per Zufall zu einem Pflegepony kommt, aber kein Kuscheltier antrifft, sondern ein Pony, das Menschen nach schlimmen Erfahrungen nicht mehr vertraut. Sophie muss einen Zugang zu ihm finden, sonst droht der Schlachthof. Auch die Pferde kommen in dieser Geschichte, die viel Fachwissen mit einem dynamischen Plot verbindet, zu Wort. Das wird im Hörbuch köstlich inszeniert.

Die Monster-Mall
Drew Weing
Aus dem Englischen von Matthias Wieland
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2021, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-259-3

Neu nach Echo City gezogen, ist Charles fasziniert von den Monstern, die sich in der gesamten Stadt verbergen. Nur zu gern begleitet der Möchtegernreporter die taffe Monster-Mediatorin Margo Maloo, wenn sie Probleme zwischen den Fronten lösen muss. Und die Monster brauchen dringend Hilfe, da ihr Lebensraum immer knapper wird und sich immer schwerer vor Erwachsenen geheim halten lässt. Die erfrischenden Monsterabenteuer sind mit Witz und einem Hauch Nostalgie erzählt.

Enola Holmes
Serena Blasco
Aus dem Französischen von Désirée Schneider
Verlag: Toonfish, Publiziert: 2021, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96792-725-2
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Der Fall des verschwundenen Lords

An Enola Holmes’ 14. Geburtstag verschwindet ihre Mutter spurlos. Ihre berühmten grossen Brüder wollen sie prompt in eine feine Töchterschule stecken. Nur gut, dass ihre Mutter sie konsequent zur Selbstständigkeit erzogen hat. So reist Enola lieber allein nach London, um ihre Mutter zu suchen, und stöbert nebenher einen entführten Jungen auf. Mit Esprit, Cleverness und Kühnheit – und in schwungvollen Aquarellzeichnungen – lässt Enola selbst Sherlock Holmes alt aussehen.

Gorm Grimm
Patrick Wirbeleit, Illustration: Kim Schmidt
Verlag: Kibitz, Publiziert: 2021, Seiten: 84, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948690-06-9

Gross, stark, hungrig

Gamer Julius soll endlich mal draussen spielen. So langweilig! Da materialisiert sich plötzlich ein leibhaftiger Wikinger neben dem Jungen: Gorm Grimm, Sohn der legendären Hilde Balkenbrech. Er ist von Schamanen in die moderne Welt gezaubert worden. Den starken, hungrigen und maulfaulen Wikinger kann dies jedoch nicht schrecken, und Julius hat einen neuen Freund gefunden, der für einige Aufregung sorgt. Ein auf Jungen zugeschnittener, turbulenter Lesespass.

Mauer, Leiter, Bauarbeiter
Mawil
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-294-4
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Baggerfahren ist einer der Jungenträume und Männerberufe schlechthin. Mawils Protagonist Boris zeigt, dass ein Baggerfahrer Wert auf Kleidung und Frisur respektive Bart legen, Smoothies mixen, sich beim Bouldern in Becky aus der Chefetage verlieben und mit ihr eine Familie gründen kann. Farbenfroh mixt Mawil Comic und Bilderbuch – alle Gegenstände mit B sind angeschrieben – und entzieht Geschlechterklischees augenzwinkernd den Boden.

Jeppe unterwegs
Jutta Bauer
Verlag: Kibitz, Publiziert: 2021, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948690-08-3
Schlagwörter: Reisen

Jeppe soll eine Botschaft ins Nachbarreich bringen, bleibt jahrelang weg und steht schliesslich unverrichteter Dinge wieder vor dem König. Er war so sehr damit beschäftigt, anderen zu helfen und sich zu verlieben, dass er im Kreis ging. Jetzt muss er dem König haargenau erzählen, was er alles erlebt hat. In comicartigen Sequenzen und mittels zweier Bildschienen erfahren wir auch, wie es dem König in der Zwischenzeit ergangen ist. Eine warmherzige Geschichte über Nächstenliebe und die Kraft der Freundschaft.

Socke und Sophie
Juli Zeh
Verlag: dtv, Publiziert: 2021, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-4237-6325-7
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere

Pferdesprache leicht gemacht

Nichts lieber hätte die 9-jährige Sophie als ein eigenes Pferd. Aber die Eltern halten gar nichts vom Reiten, lieber soll Sophie einen richtigen Sport betreiben, z. B. Fussball. Unverhofft kommt das Mädchen zu einem Pflegepony, Socke, das früher schändlich misshandelt wurde und dem jetzt der Schlachthof droht. Schritt für Schritt lernt Sophie auf Socke zuzugehen, seine Sprache zu verstehen und ihm zu helfen. Ein aussergewöhnlich kluges und witziges Pferdebuch, das auch Pferdemuffel nicht kalt lässt.

Das ist auch meine Welt
Gerda Raidt
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2021, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75857-6
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima

Wie können wir sie besser machen?

Wie können wir nachhaltiger produzieren, weniger Energie verbrauchen, unseren Konsum und die Mobilität überdenken? Die Autorin und Illustratorin Gerda Raidt wendet sich immer wieder direkt an ihre Leserinnen und Leser mit Fragen, die sie selbst beschäftigen. Sie lässt aber auch andere Erwachsene zu Wort kommen, mit ihren Bedenken und Ausreden, warum Veränderungen nicht möglich sind. Ein Buch, das komplexe Sachverhalte zur Klimafrage auf jeweils einer Doppelseite in Text und Bild verständlich und trotzdem genau darstellt.

So wächst ein Wald
Sally Nicholls, Illustration: Carolina Rabei
Aus dem Englischen von Cornelia Panzacchi
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2021, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5840-8
Schlagwörter: Natur

Ein Grossvater spaziert mit seinen Enkelkindern durch den Wald. Viele kleine Lebewesen haben diesen geschaffen, indem sie dafür sorgten, dass fruchtbare Erde entsteht, wo Samen keimen und zu grossen Bäumen heranwachsen können. Pflanzen sprengen gar Felsen und verändern so das Aussehen der Landschaft. Ein Sachbilderbuch über den Kreislauf des Lebens im Wald, erzählt in ruhigen, flächigen Bildern und einer poetischen Sprache.

Schlau, schwarz und kunterbunt
Xenia Joss
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0798-8
Schlagwörter: Tiere

Die Welt der Rabenvögel

Raben, Krähen, Elstern, Dohlen, Eichelhäher: Sie alle gehören zu den Rabenvögeln – und weltweit ist ihre Verwandtschaft noch viel grösser und farbenfroher. Das Sachbilderbuch bringt uns diese Vögel näher, deren Schlauheit, Anpassungsfähigkeit und Trickreichtum eine grosse Faszination ausüben. Die realistischen, feinen Aquarelle zeigen nicht nur die Tiere und ihr Federkleid, sondern auch ihre sehr unterschiedlichen Lebensräume.

Wahrheit oder Quatsch?
Tanja Esch
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2021, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-245-9
Schlagwörter: Rätsel

Warum schlafen Füsse ein? Woher kommt Strom? Zwei mögliche Antworten liefert das Buch jeweils pro Alltagsfrage, die eine stimmt, die andere ist Quatsch. So werden u. a. Theorien zum Pupsen oder Magenknurren auf je einer Doppelseite einander gegenübergestellt, in wenig Text erklärt und detailreich illustriert. Untersucht jetzt die Radiologin wirklich Knochen und nicht doch eher Radios? Ein Buch für Quiz-Begeisterte und wissbegierige Quatschköpfe.

Wilde Mamas
Philip Bunting
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-52136-1
Schlagwörter: Tiere

Im Tierreich gibt es Mamas, die leisten besonders Eindrückliches für ihren Nachwuchs. Sie bauen aufwändige Kuschelhöhlen, die vor Raubtieren schützen, sie essen monatelang nichts, bleiben wochenlang wach oder sie bringen ihren Babys ganz vieles bei. 16 tolle Tiermamas werden hier in kurzen Texten vorgestellt und in lieblichen Illustrationen gross abgebildet. Auf der letzten Doppelseite wird der Bogen zu den Menschenmamas geschlagen. Auch diese bewerkstelligen ganz schön viel, etwa, wenn sie mit wenig Schlaf auskommen (müssen).

Expedition Polarstern
Katharina Weiss-Tuider, Illustration: Christian Schneider
Verlag: CBJ, Publiziert: 2021, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-17814-0
Schlagwörter: Natur | Umweltschutz/Klima

Dem Klimawandel auf der Spur

Ein Jahr lang liess sich die Polarstern im Packeis treiben. Hunderte von Wissenschaftler:innen, auch aus der Schweiz, sammelten auf dieser Expedition Daten, um den Einfluss der Polarregion auf das Weltklima und den Klimawandel besser zu verstehen. Auf je einer Doppelseite stellt das einladend gestaltete, grossformatige Sachbuch das Leben auf dem Forschungsschiff und die Arbeit der einzelnen Forschergruppen vor und zeigt eindringlich auf, was es heisst, wenn das Eis an der Polkappe weiter rasant schwindet.

Monster-Mikroben
Marc van Ranst, Geert Bouckaert, Illustration: Sebastiaan Van Doninck
Aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel
Verlag: Hanser, Publiziert: 2021, Seiten: 70, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-4462-6953-8
Schlagwörter: Natur

Alles über nützliche Bakterien und fiese Viren

Auch wenn sie von Auge nicht zu sehen sind – sie sind überall: Bakterien, Viren, Parasiten und Pilze inklusive Hefen. Wie vielfältig all diese Mikroben für uns Menschen zum Guten oder zum Schlechten wirken, zeigt dieses Buch nah an der Alltagswelt von Kindern übersichtlich und verständlich auf. Dargestellt sind die Mikroben als sympathische, comichafte Figuren, über die es noch viel zu erforschen gibt. Anleitungen für eigene Experimente regen dazu an.

Freiheit!
Fleur Daugey, Illustration: Olivier Charpentier
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2021, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96428-084-8
Schlagwörter: Biografie | Historisches | Rassismus

Harriet Tubman, eine amerikanische Heldin

Anhand der Biografie von Harriet Tubman erzählt «Freiheit!» die Geschichte der Sklaverei und des Rassismus von den Anfängen bis in die Gegenwart. Die berühmteste US-amerikanische Sklavin erlebt schreckliche Pein und Willkür, bevor ihr die Flucht in den Norden gelingt. Von dort aus agiert sie als Fluchthelferin und kämpft im Sezessionskrieg für die Abschaffung der Sklaverei. Parallel zum Einzelschicksal liefert der Text wertvolles Hintergrundwissen und die Illustrationen zeigen prägende Szenen aus Tubmans Leben.

Es geht um die Wurst
Christoph Drösser, Illustration: Nora Coenenberg
Verlag: Gabriel, Publiziert: 2021, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-30581-5
Schlagwörter: Essen

Was du wissen musst, wenn du gern Fleisch isst

Fleisch essen oder nicht? Das beschäftigt viele Kinder. Hier erfahren sie alles zum Thema: Von der Frage, warum der Mensch überhaupt Fleisch isst, über den globalen Fleischkonsum, die Fleischverwertung, das Tierwohl von der Aufzucht bis zum Schlachthof, die Auswirkungen der Fleischproduktion auf unsere Umwelt bis zu Alternativen und Zukunftsperspektiven rund ums «Besser essen». Ein äusserst informatives, gut zu lesendes Sachbuch, übersichtlich gestaltet und mit Illustrationen versehen, die zum genauen Hinschauen verlocken.

fünfzehn kilo kolibri
Arne Rautenberg, Illustration: Katrin Stangl
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2021, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0667-6
Schlagwörter: Tiere | Sprachspiel

Gedichte zum Abheben

Federleicht und knallig ist dieser Gedichtband rund ums Fliegen und um Vogelbedürfnisse. Genaue ornithologische Beobachtungen stehen neben Vogelunsinn, Zungenbrecher, Wortspielereien und freche Reime neben allzu Menschlichem: «die meise sagt ganz leise scheise». Arne Rautenbergs Einfallsreichtum kennt keine Grenzen. Umschwirrt werden diese Texte von Katrin Stangls flächigen Siebdruck-Illustrationen.

Schlafen wie die Rüben
Dita Zipfel, Finn-Ole Heinrich, Illustration: Tine Schulz
Verlag: mairisch Verlag, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948722-04-3
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen | Familie/Familienformen | Sprachspiel

Diese putzmuntere Familie schwört auf seltsame Gutenachtrituale: Da wird in lustigen Reimen Honig auf die Kissen geschmiert, die Sonne getrunken und auf den Vorhang gekritzelt – und alles ist in Rot- und Blautönen frech ins Bild gesetzt. Doch das reimende Kind gibt dann doch zu: Irgendwie sind da die Wörter durcheinandergeraten. Und so werden im letzten Versuch brav die Zähne geputzt, die Kissen geschüttelt und alle hüpfen ins Bett. Ein herrliches, sprachspielerisches Gutenacht-Vorlesevergnügen.

König Goldbart
Klaas Verplancke
Verlag: Minedition, Publiziert: 2021, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03934-007-1
Schlagwörter: Märchen/Fabel

König Goldbart ist eitel, sehr eitel. Per Gesetz darf nur er Bart tragen und diesen nie schneiden. Mit viel Bildwitz, markanter Typographie und in wilden Perspektiven erzählt Verplancke, wie der königliche Bart über die Seiten, raus und um den Erdball wächst. Als schliesslich vor der Hintertür des Palastes ein Bart entdeckt wird, muss dessen Träger entlarvt und erledigt werden! Sie ahnen es … Diese zeitgemässe Fabel zeigt auf humorvolle Weise, dass Verblendung nicht vor Torheit schützt.

Alle zählen
Kristin Roskifte
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2021, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-38369-6036-6
Schlagwörter: Spiel | Rätsel

Jeder Mensch auf dieser Erde zählt. Von Seite zu Seite erscheinen mehr bunte Figuren, denen blaue Hintergrundzeichnungen als Bühne für ihre Geschichten dienen. Kleine Texte geben Hinweise zur Lesart der Bilder und öffnen den Erzählraum weit. Einzelne Personen tauchen immer wieder auf und durch genaues Schauen und eine Fragenseite am Ende, lüften wir ihre Geheimnisse. Ein vermeintlich simples, bei genauem Hinschauen aber hochkomplexes Such- und Geschichtenbuch für alle Altersstufen!

Ausser Kontrolle
Bali Rai
Aus dem Englischen von Julia Süssbrich
Verlag: Gulliver, Publiziert: 2021, Seiten: 78, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82389-2
Schlagwörter: Gewalt | Armut

Wenn aus Spiel bitterer Ernst wird

Es war ein Fehler, die Pistole, die ein Gangster nach einem Überfall weggeworfen hat, mit nach Hause zu nehmen. Jonas erzählt der Polizei rückblickend, wie er die Waffe seinen Kumpels zeigte, wie sie sich mit ihr im Revier Respekt verschaffen wollten, wie der eine Freund, Kamal, die Waffe schliesslich an sich nahm und immer unberechenbarer wurde. Für das, was dann passierte, trägt Jonas Mitverantwortung. Ein temporeicher Easy Reader, der ein Milieu schildert, in dem Gewalt und Armut zum Alltag gehören.

Krummer Hund
Juliane Pickel
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2021, Seiten: 264, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75875-0
Schlagwörter: Gewalt | Gefühle

Daniel ist voller Wut. Wut auf den Tierarzt, der seinen Hund einschläfert und der neue Freund seiner Mutter wird. Wut auf die Mutter, die ständig neue Partner hat. Wut auf den Vater, der einfach verschwunden ist. Manchmal schlägt er darum zu. Auch Alina, die alle in der Klasse fertigmacht, erfüllt ihn mit Aggressionen. Bis ihr Bruder von einem Auto überfahren wird und Daniel ihr hilft, den Täter zu finden, und lernt, Tatsachen ins Auge zu schauen. Ein Jugendroman mit Drive und Diskussionspotenzial.

Emilio und das Meer
Elisa Sabatinelli, Illustration: Iacopo Bruno
Aus dem Italienischen von Kristina Scharmacher-Schreiber
Verlag: Coppenrath Verlag, Publiziert: 2021, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-6496-3743-1
Schlagwörter: Natur

Die Liebe zum Meer und zum Tauchen liegen Emilio im Blut. Bei seinem ersten Tauchgang mit acht Jahren findet er eine geheimnisvolle Perle. Auch Amedeo Limonta, Besitzer eines modernen Tauchzentrums und ohne Bezug zum Meer, ist hinter der Kostbarkeit her. In einem dramatischen Finale auf stürmischer See kommt es schliesslich zur überraschenden Wendung. Diese süffige Geschichte mit einer Prise nostalgischer Tauchwelt und opulenten Illustrationen ist ein richtiger Vorleseschatz.

Dulcinea im Zauberwald
Ole Könnecke
Verlag: Hanser, Publiziert: 2021, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26951-4
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Ein Märchen

Der Zauberwald ist gefährlich, sein Betreten verboten. Doch der mutigen Dulcinea ist kein Hindernis zu gross, den von der Hexe zum Baum verwandelten Vater aus seiner misslichen Lage zu befreien – er ist ja nur dort, weil er Blaubeeren für sie holen wollte! Trickreich entwendet die moderne Märchenheldin einer sagenhaft scheusslich singenden Hexe das Zauberbuch. Ende gut alles gut. Die fein kolorierten Illustrationen erweitern den Text humorvoll. Ein wunderbarer Vorlesespass.

Lahme Ente, blindes Huhn
Ulrich Hub
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2021, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-5515-5810-7
Schlagwörter: Reisen | Humor/Komik

Das abenteuerlustige blinde Huhn überredet die ängstliche lahme Ente zu einer Reise, dahin, wo die geheimsten Wünsche in Erfüllung gehen. Das ungleiche Paar streitet viel und führt sich an der Nase herum – sehr zum Vergnügen der Leser:innen. Die Zankereien erlauben zunehmend Einblicke in die Wünsche und Ängste der beiden und führen zu einer rührenden Annäherung. Der rasant-witzige Dialog fesselt ab der ersten Seite, regt zum Nachdenken an und ist eine Hommage an die Macht des Geschichtenerzählens.

Igel und Schnuff
Lauren Castillo
Aus dem Englischen von Kirsten Reinhardt
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2021, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55516-8
Schlagwörter: Freundschaft | Abenteuer

Igel lebt mit ihrem geliebten Stoffhund Schnuff auf einer kleinen Insel, bis der Sturm den Freund fortweht. Welch ein Schreck! Auf der Suche nach ihm trifft Igel in Maulwurfine, Henne und Küken, Eule und Biber auf neue Tierfreunde und schliesslich auf Annika, die Schnuff gefunden hat. Eine Prise Abenteuer gepaart mit viel Herzwärme in Text und Illustrationen zeichnen diese Geschichte aus, die sich bestens zum Vorlesen ab Kindergarten eignet. (Hörbuch: Silberfisch)

Hey, hey, hey, Taxi!
Saša Stanišić
Verlag: mairisch Verlag, Publiziert: 2021, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-9487-2206-7
Schlagwörter: Spiel | Humor/Komik | Nonsens

Alle Geschichten in diesem aberwitzigen Hörbuch beginnen gleich: Der Erzähler besteigt ein Taxi. Aber dann geht es los! Assoziativ entstehen die absurdesten Geschichten, die nur so sprühen von der Lust am Ausdenken aller Merkwürdigkeiten: Zwergen, Robotern, Giraffen und Piraten muss der Erzähler beistehen, bevor er heimkehrt, «zurück zu dir». Der Autor liest rhythmisch und lässt das Erstaunen über die überraschenden Wendungen in seiner Stimme mitklingen.

Die Wasserschweine im Hühnerhof
Alfredo Soderguit
Aus dem Spanischen von Eva Roth
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2021, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0797-1
Schlagwörter: Tiere | Migration

Im Hühnerhof hat alles seinen festen Platz und geht seinen geordneten Gang. Bis die Wasserschweine kommen. Falls sie bleiben wollen, müssen sie sich unbedingt an feste Regeln halten! In Panels mit Schwarz-Weiss-Zeichnungen und dem Einsatz von wenig Farbe werden die wichtigsten Pointen dieser gewitzten Parabel über Integration fast ganz ohne Worte erzählt.

Frieden
Miranda Paul, Baptiste Paul, Illustration: Estelí Meza
Aus dem Englischen von Thomas Bodmer
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2021, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10565-4
Schlagwörter: Diversität

«Frieden kommt vom Geben / viel mehr als vom Nehmen. / Wir müssen uns darum bemühen / überall im Leben» heisst es in einem der kurzen Reime, die den Text in diesem Bilderbuch bilden. Die Hauptrolle spielen aber die bunten, flächigen, frohen Bilder, die zeigen, wie Kinder – und Tiere – aufeinander zugehen, einander annehmen und in Frieden leben. Ein Bilderbuch, das Hoffnung und Mut macht, dass Frieden möglich ist.

Auf der anderen Seite lauert was
Jon Agee
Aus dem Englischen von Ebi Naumann
Verlag: Dragonfly, Publiziert: 2021, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-74880-064-4

Im Buchfalz steht eine Mauer. Sie trennt und schützt den kleinen Ritter links vor der rechten Seite des Buches, auf der sich wilde Tiere und ein menschenfressender Oger tummeln. Emsig bessert der Ritter die Mauer aus und bemerkt dabei nicht, dass er sich selbst eine Falle stellt, denn von links kündigt sich eine reale Gefahr an. Zum Glück kann ihn der starke Oger retten! Eine witzig leichte Parabel über unbegründete Ängste und Vorurteile, in bestechend einfachen Bildern.

Der Nächste, bitte!
Michaël Escoffier, Illustration: Matthieu Maudet
Aus dem Französischen von Markus Weber
Verlag: Moritz, Publiziert: 2021, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8956-5403-9
Schlagwörter: Tiere | Krankheit

Sechs Tiere sitzen im Wartezimmer. Das Krokodil hat Zahnweh, der Elefant Rüsselschmerzen. Kein Problem für Herrn Doktor! Was es mit dem Bauchweh des Wolfes auf sich hat, bemerkt Herr Doktor etwas zu spät … Dieses Pappbilderbuch schreckt nicht vor gefrässigen Wölfen zurück und setzt eine Pointe, die sich erst durch genaues Hingucken erschliesst.

Das Leben und die seltsamen Abenteuer des Robinson Crusoe
Daniel Defoe
Verlag: Cornelsen, Publiziert: 2021, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-464-60168-6
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft | Reisen

Ein Leseprojekt nach dem Roman von Daniel Defoe

Daniel Defoes Klassiker erzählt die Geschichte des jungen Robinson Crusoe, der von fernen Ländern träumt und den es bei einem Schiffbruch als einzigen Überlebenden auf eine einsame Insel verschlägt. Dort kämpft er ums Überleben, gegen Unwetter und Kannibalen und gegen die Einsamkeit. Er lernt, sich eine Behausung zu errichten, Getreide anzubauen, zu jagen und Kleidung, Werkzeuge und Waffen herzustellen. Eines Tages rettet er einen Fremden vor den Kannibalen. Mit Freitag, so nennt ihn Robinson, gewinnt er einen Freund. Nach vielen abenteuerlichen Jahren – Robinson ist bereits ein erwachsener Mann – wird er schliesslich von einem englischen Schiff gerettet und kehrt nach England zurück.

In der Reihe „einfach lesen!“ des Cornelsen Verlags werden bekannte Jugendbücher so gekürzt und vereinfacht, dass sie auch von weniger geübten Leserinnen und Lesern bewältigt werden können. Zur Unterstützung des Textverständnisses eröffnet jedes der kurzen Kapitel eine Illustration. Als optische Lesehilfe sind die Texte zudem mit Zeilenzählern versehen. Verschiedene Aufgaben am Kapitelende dienen der Überprüfung des Textverständnisses. Ein Lösungsheft liegt bei.

Falls der Roman als Klassenlektüre eingesetzt wird, bietet es sich an, die weniger geübten Schülerinnen und Schüler das vereinfachte Leseprojekt und die fortgeschrittenen Leserinnen und Leser die Originalausgabe lesen zu lassen. Das kollektive Leseerlebnis bleibt somit trotz unterschiedlicher Leseniveaus erhalten. Daniel Defoes Geschichte verweist sowohl in der Auffassung, dass sich selbst widrigste Umstände durch Vernunft und Beharrlichkeit überwinden lassen, als auch in der Darstellung der Überlegenheit des weissen Mannes gegenüber „Kannibalen“ auf ihre Wurzeln im 18. Jahrhundert. Die Ausnahmesituation vom Leben und Überleben auf einer einsamen Insel hat jedoch nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüsst, und Leserinnen und Leser werden neben den Abenteuern auch Sachinformationen vermittelt. Zum Titel können Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“ gelöst werden. „Robinson Crusoe“ ist auch als Brockhaus Literaturcomic und als Text fürs Tandem-Lesen (cbj) erhältlich. In ungekürzter Fassung sind zudem Hörbücher, Hörspiele und DVDs auf dem Markt.

Klassenstufen: 5,6,7,8 L

Ich hab da so ein Gefühl
Katharina Grossmann-Hensel
Verlag: Annette Betz, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-219-11902-2
Schlagwörter: Gefühle

Schwarze Haare und meist ein rotes Kleidchen – so sieht Katharina Grossmann-Hensels Alter Ego aus. Das kindliche Ich der Berliner Künstlerin ist die Hauptfigur vieler ihrer (Sach-)Bilderbücher. Schon auf dem Cover sucht das kleine Mädchen Augenkontakt mit den LeserInnen, lädt ein. Diesmal geht es um Gefühle, ums «Kichern, Weinen, Wüten, Freuen», wie der Untertitel verrät.

«Ich habe tausend verschiedene Gefühle, jeden Tag. Gefühle fühle ich– in mir drinnen.» Visuell und in der Erzählerrede gelingt es Grossmann-Hensel, die kindliche Perspektive authentisch zu vergegenwärtigen. Das führt zu durchaus überraschenden Überlegungen: Sind Gefühle von Erwachsenen «grösser, weil es
in ihren Körpern mehr Platz dafür gibt?»

Beantwortet, weitergedacht, witzig kommentiert, erläutert oder schlicht konterkariert werden die Aussagen in den Bildern, die wiederum handschriftliche Kurztexte ergänzen. Doch nicht nur der Text ist zweigeteilt, auch die Illustrationen warten mit Bildformaten vom Strip bis zum seitenfüllenden Tableau auf.

Bild und Text stehen bei Grossmann-Hensel stets im Dialog. Nicht nur, weil man immerzu zwischen Sprachlichem und Visuellem hin- und herspringt, sondern auch, weil das Wechselspiel unterschiedlichste, auch erwachsene Perspektiven sichtbar macht und so das Thema komplex und wahrhaftig fasst. Selbst die Betrachtenden werden immer wieder direkt angesprochen und einbezogen: «Alle fühlen etwas. Überall auf der Welt. Siehst du mich? Ich winke dir zu. Ich denke an dich. Das verbindet uns. Fühlst du das?» Wer kann ein solch amüsantes und charmant vorgetragenes Gesprächsangebot schon ablehnen?

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/21, S. 26

Herr Bert und Alfonso jagen einen Dieb
Laura D'Arcangelo
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2021, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0793-3
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Abenteuer

Herr Bert ist klein. Keiner sieht ihn, obschon er einen wunderbar bunt karierten Anzug trägt. Gut, hat er seinen Dackel Alfonso, der wie eine kleine Reminiszenz an Franz Caspars Fridolin erscheint und ständig nach Wurst Ausschau hält. Als in einem Café der Kellner über die Dackelleine stolpert, entsteht ein heilloses Durcheinander, nach dem verschiedene Dinge fehlen und Herr Bert selbst zum Beschuldigten wird. Im letzten Moment entzieht er sich der Verhaftung durch zwei Polizisten, indem er das Weite sucht. Dann stellt er auf dem Dach den wahren Dieb und fängt den Riesen mit einer akrobatischen Dackelleinenlassoeinlage gekonnt! So wird er schliesslich zum bürgermeisterlich dekorierten Helden, der ab sofort nicht mehr unsichtbar ist für seine Mitmenschen. Ausser er will es, weil sich Geheimnisse unsichtbar besser in Erfahrung bringen lassen.

Die junge Illustratorin Laura D’Arcangelo hat diese wilde Verfolgungsjagd im Rahmen des für den Schweizer Auftritt in Bologna gegründeten Bolo Klubs erarbeitet. Mit ihren altmodisch anmutenden Figuren entwickelt sie auf weissem Grund eine klassische Detektivgeschichte. Allein diese zu verfolgen, macht Spass. Zugleich fordert sie die Betrachtenden dazu auf, genauso akribisch wie Herr Bert seine Detektivarbeit angeht, auf die vielen Details in den stark farbigen Bildern zu achten. D’Arcangelo nutzt Comicelemente genauso wie Perspektivenwechsel und zeigt ein gutes Gespür für Bildaufbau und Rhythmisierung. Sie vertraut auf sehr wenig Text, in dem aber wichtige Hinweise für das sehende Entdecken stecken. Ein Bilderbuch von einer spannenden neuen Illustratorin, das vor Erzählfreude nur so strotzt.

Barbara Jakob
Buch&Maus 1/21, S. 26

Herr Bert und sein Dackel Alfonso werden meist übersehen. Dennoch geraten sie ins Visier der Polizei, als ein Dieb die Stadt unsicher macht. Es entwickelt sich eine wilde Verfolgungsjagd, an deren Ende Herr Bert und Alfonso nicht als Diebe entlarvt, sondern als grandiose Fänger des Diebes plötzlich von allen gegrüsst werden. Die Dynamik der Handlung spiegelt sich wunderbar in den im Retrostil gehaltenen, fröhlichen Illustrationen.

Der Berg
Rebecca Gugger, Illustration: Simon Röthlisberger
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2021, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10562-3
Schlagwörter: Streit/Konflikt | Diversität | Natur | Tiere

Wie eine Umfrage zum Thema «Was ist der Berg für dich?» beginnt diese farbenfrohe und lebendige Bildergeschichte. Sechs Tiere antworten. «Der Berg ist waldig, voller Bäume und grün!», ist der Bär überzeugt. Ganz gross hat er sich aufgebaut und hält einen kleinen Baumstamm hoch; auf der nächsten Doppelseite schaukelt er gemütlich an einem Ast – mitten im Wald. Auch Schaf, Ameise, Gämse, Schneehase und sogar ein Wassertier kommen zu Wort: «‹Ihr habt ja keinen Schimmer! Der Berg ist nass und von Wasser umgeben. Voller Fische und Farben›, blubbert der Oktopus.» Er hat recht: Grossartig breitet sich eine bunt-bewegte Unterwasserwelt bildfüllend aus. Ja – alle haben recht. Aber jedes Tier besteht auf seiner Meinung, ist buchstäblich gefangen in seinem Meinungstal, das die anderen ausschliesst. So kriegen sie sich furchtbar in die Wolle.

Da fliegt ein hübsch getupfter Zugvogel vorbei und ruft den zankenden Tieren zu: «Wer von euch war überhaupt schon einmal ganz oben auf dem Berg?» Alle machen sich auf den Weg. Sogar der Oktopus kommt mit einem durchsichtigen Helm aus dem Wasser. Sie besteigen den Berg, um zu beweisen, dass sie recht haben. Aber auf dem Gipfel angekommen, erleben sie eine Überraschung – gemeinsam. Der Aufstieg eröffnet eine neue Perspektive und die gewonnene Einsicht wird beim Betrachten des herrlich blumig-waldig-felsig-wasserumrahmten Bergpanoramas greifbar.

In «Der Berg» gelingt es dem Schweizer Duo Rebecca Gugger und Simon Röthlisberger mit eindrücklichen Illustrationen, die individuelle Bergwelt jedes einzelnen Tieres zu zeichnen, aber auch eine überzeugende Geschichte übers Taldenken zu erzählen – und den Weg heraus.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/21, S. 26

Ein Berg, sechs Tiere und ebenso viele Perspektiven auf den Berg führen zu Streit. Alle Tiere wollen recht haben! Erst die von einem Zugvogel initiierte gemeinsame Bergbesteigung bringt Weitsicht und die Einsicht, dass alle recht haben. Die feingliedrigen Illustrationen unterstützen im klugen Wechsel zwischen grossen Panoramen und kleinen Vignetten und Panels die Perspektivenfrage. Dieses eindrückliche Plädoyer für Toleranz und Vielfalt ist in verschiedenen mehrsprachigen Fassungen erhältlich.

Früh los
Daniel Fehr, Illustration: Lotte Bräuning
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-45927-3
Schlagwörter: Generationen | Familie/Familienformen | Natur | Reisen

Ein besonderer Ausflugstag lockt. Opa und Enkel wollen gemeinsam wandern. Auf dem Cover zieht es die beiden schon magisch an: das Gipfelkreuz. Die beiden sind dabei auf Augenhöhe – dank eines grossen Steins, auf den Jon geklettert ist. Sein Opa hält ihn liebevoll an der Hand. So ist auch die Beziehung zwischen den beiden: vertraut, lebendig, offen.

Daniel Fehr wollte schon lange die Geschichte seines Grossvaters erzählen. Eine Geschichte, in der Jung und Alt an ihre Grenzen kommen, und zwar früh los gehen, aber das gewünschte Ziel trotzdem nicht erreichen. Der Ausflugstag endet mit einem Griff in die Fotokiste – mit Beweisen, dass Opa damals auf dem Berg war. Stark sind die knappen, prägnanten Dialoge, aus denen Humor und Klugheit hervorblitzen.

Lotte Bräuning arbeitet am liebsten analog, grundiert mit Aquarellfarben und zeichnet mit Buntstiften darüber. Das Gefühl des Autors, dass ihr Illustrationsstil gut zu seiner Geschichte passen könnte, hat sich bewahrheitet. Scheinbar mühelos schwenkt sie von Landschaftszeichnungen, inspiriert von ihren Kindheitserinnerungen an die österreichischen Alpen, zu den Innenräumen in Opas Haus und den beiden Hauptfiguren. Gekonnt setzt sie Schatten ein, stellt Blickkontakt zwischen den beiden her oder zeichnet stilsicher Bäume, Kühe und Weiden. Wenn im Text von einem Zeitraum von fünfzig Jahren die Rede ist, eröffnet sie den BetrachterInnen gleichzeitig den Raum und präsentiert einen Panoramablick über die imposante Berglandschaft. Besonders intensiv ist die letzte, textlose Doppelseite: Die Nacht legt sich über die Szene nach diesem unvergesslichen Tag. Insgesamt in Text und Bild beeindruckend und eine Bereicherung für Bibliotheken.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/21, S. 27

Mein Bruder und ich und die Katze im Wald
Jürg Schubiger, Illustration: Eva Muggenthaler
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2021, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0649-2
Schlagwörter: Geschwister | Natur | Tiere | Fantasie

Ein Wurzelgeflecht, bewohnt von kleinem Getier, zieht die BetrachterInnen buchstäblich in dieses Bilderbuch hinein. Schlägt man es auf, erscheint die dicke Wurzel eher als Ast, der durch ein Fenster auf dem Vorsatzpapier wächst und den Weg in eine Geschichte weist, in der man nie so genau weiss, was man sieht. Ist die Katze jetzt eine Katze oder doch ein kleines Mädchen? Sind die beiden Brüder wirklich zwei oder doch nur einer?

Eva Muggenthalers Bilder, die sich um einen wundersam poetischen Text aus dem Nachlass des 2014 verstorbenen Schweizer Autors Jürg Schubiger ranken, sind so etwas wie Landkarten der Gedanken und Bilder, die den Protagonisten durch die Köpfe gehen könnten. Diese sind dabei durchlässig wie Wolken oder dicht belaubte Bäume; alles, was reingeht, verwandelt sich und kommt in einer anderen Form wieder heraus. Das Buch wird so zur Projektionsfläche für die Welt, wie wir sie sehen und erleben. Es erinnert uns daran, dass Bücher, gerade weil sie voller Bilder oder Buchstaben sind, für die Zwischenräume sorgen, die unsere Fantasie erst in Gang setzen.

Man kann das Buch aber auch anders lesen: Zwei Brüder treffen im Wald auf eine weinende Katze. Die Kinder wissen, was zu tun ist, und fragen: «Was fehlt dir?» Doch bevor sie das tun, verwandeln sie sich zur Sicherheit in einen Wolf: «Ich war das Gebiss und mein Bruder war der Rest des Wolfes.» Aber die Katze fürchtet sich, auch beim nächsten Versuch als Spinne. Erst als sich die Brüder in eine Taube verwandeln, lässt sich die Katze auf einen Dialog ein. Sie antwortet schriftlich, und die Verbindung ist geschaffen: der Anfang einer wunderbaren Freundschaft?

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/21, S. 27

Der Wal im Garten
Sabine Rufener
Verlag: Kunstanstifter, Publiziert: 2021, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948743-00-0
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere | Natur

«Irgendetwas versperrte ihr die Sicht. Es war grau und es roch ein bisschen nach Meer.» So beginnt eine besondere Bekanntschaft: Ein Wal ist im Garten des Hauses gestrandet, in dem Lille mit ihrer Grossmutter lebt. Weil Letztere nie in Erscheinung tritt, gehört der Begegnung von Kind und Tier die ganze Bühne. Und was für eine Bühne! Die Schweizer Illustratorin inszeniert den Garten als einen Ort fast jenseits der Zeit.

Von Lille erfahren wir zwar, dass sie den Wal «gegoogelt» hat und dass Pottwale an Land nicht überleben: «ihre Lunge wird vom Gewicht zerdrückt». Lille, eine Digital Native, recherchiert, wenn ihr Gegenüber die Antwort schuldig bleibt. Der Wal dagegen ist, wie er in gewohnt mürrischer Manier kontert, ja offensichtlich nicht tot; dass er eine geradezu sinnliche Präsenz auch jenseits der Fakten entfaltet, die das Internet ausspuckt, ist dem Raum geschuldet, den die Bilder auftun. Auf wechselnden, Atmosphäre und Seelenzustände spiegelnden Grundfarben, in mono- und pluriszenischen Bildern, quer- und hochformatigen Panoramen und in bis zur extremen Aufsicht reichenden Perspektiven entwirft die Künstlerin mit verschiedenen Druck- und Zeichentechniken einen mal nur angedeuteten, mal bis in die zartesten Blüten konturierten und mit wundersamen Licht- und Schatteneffekten ausgeleuchteten Natur-Kultur-Raum, der eine tiefe Ruhe ausstrahlt. Er erlaubt eine Annäherung zwischen zwei Wesen, die zwar nichts gemeinsam haben, aber gemeinsam die Wolkenformationen betrachten können, auch wenn diese ihnen ganz unterschiedliche Projektionsflächen bieten.

Obwohl das Werk vertraute Erzählmuster konstant unterläuft, kann dieser Garten als Raum des Miteinanders eine betörende, fast utopische Kraft entfalten.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/21, S. 27

In ihrem Bilderbuchdebüt erzählt Sabine Rufener von einem Wal, der eines Tages mitten in einem überwucherten Garten auf Lilles Fahrrad liegt. Wie sich das Mädchen und der mürrische Kerl annähern, ist keine klassische Freundschaftsgeschichte, sondern eine spannende Auseinandersetzung mit einem Eindringling. Grossartig sind die Illustrationen, in denen mit Stempeltechnik reale Dinge integriert sind und Licht und Schatten, aber auch Perspektiven variantenreich eingesetzt werden.

Seesucht
Marlies van der Wel
Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2021, Seiten: 78, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-164-1
Schlagwörter: Traum | Natur | Umweltschutz/Klima

Mit dem ungewöhnlich umfangreichen Bilderbuch «Seesucht» gelingt es Marlies van der Wel, mit wenig Text und viel Bild die Liebe eines kleinen Jungen zum Meer nachhaltig auszudrücken. Bei seinem ersten Strandbesuch verliebt sich Jonas in das Meer, und diese Liebe wird sein Leben von nun an bestimmen. Seine Versuche, Teil des Meeres zu werden, scheitern jedoch immer wieder. Seine Umgebung ist da wenig hilfreich und belächelt Jonas’ Geduld und Durchhaltevermögen, welche sich jedoch schliesslich auszahlen. Er kann sich seinen Traum erfüllen – im stolzen Alter von 80 Jahren.

Auf teils doppelseitigen Bildern entführt van der Wel die LeserInnen in die Welt des Ozeans und fängt dessen Magie mit stimmungs- und geheimnisvollen Farben ein, in welche die BetrachterInnen ebenso wie Jonas eintauchen können. Dem Meer wird die Welt an Land gegenübergestellt, die nicht weniger liebevoll dargestellt und ebenfalls mit zahlreichen Details ausgestattet ist.

Dabei erzählt die Geschichte nicht nur vom Träumen. Implizit wird auch das Thema Nachhaltigkeit und ein achtsamer Umgang mit der Natur gezeigt; immerhin baut Jonas seinen schwimmenden Fisch aus Schrott und Müll, den er aus dem Meer geborgen hat. Der Titel des Buches «Seesucht» offenbart die ganze Dimension der Geschichte um Jonas erst am Ende: Im hohen Alter geht Jonas mit seinem selbst gebauten Fisch-U-Boot auf grosse Fahrt. «Mitten im Meer. Für immer.» Ein Bilderbuch, dessen optische Gestaltung für sich spricht und damit Emotionen zu zeigen vermag.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/21, S. 28

Ein Elefant macht Handstand
Markus Orths, Lola Orths, Illustration: Kerstin Meyer
Verlag: Moritz, Publiziert: 2021, Seiten: 93, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-408-4
Schlagwörter: Kreativität

Was braucht es, damit eine gute Geschichte erzählt werden kann? Natürlich, eine Idee. Da sind sich zwei ganz unterschiedliche Kinderbücher, die den kreativen Prozess des Schreibens zum Thema machen, einig. Die libanesische Autorin Nabiha Mheidly und der ägyptische Illustrator Walid Taher beginnen ihre Geschichte über das Erzählen mit einer Idee, die Gestalt annimmt – im konkreten Fall als Katze. Die Wolke aus Einfällen um den Schriftsteller herum, der allein zwischen Schreibtisch, Sofa und Fenster herumtigert und denkt, notiert und Kaffee trinkt, wird immer dichter, was die Illustrationen sehr schön visualisieren, bis die Katze aus dem Gewölk hervortritt, als quasi reales Geschöpf. Der Schriftsteller baut eine Welt um sie herum, bis die Katze selbst zu handeln beginnt – irgendwann muss er nur noch protokollieren, was sie macht. Was es aber bedeutet, die Abenteuer einer erfundenen Katze aufs Papier zu bringen, woher er die passenden Sätze findet, bleibt sein Geheimnis. Wichtiger ist ihm, dass er emotional ganz involviert ist, ohne seine Beobachterposition zu verlassen. Als die Katze in Not gerät, erinnert er sie daran, dass sie die Heldin ist und selbst einen Ausweg finden muss: «Ich liess sie alleine alles Mögliche ausprobieren. Ich sah ihr dabei zu und schrieb alles auf. Mein Herz schlug immer schneller dabei – genau wie ihr Herz.»

Im Dialog von Markus Orths und seiner Tochter Lola geht es konkreter zu; Schreiben wird hier als Handwerk verstanden. Was aber nicht heisst, dass Einfälle, auch die verrücktesten, keine Rolle spielen, ganz im Gegenteil. Wie Mheidlys und Tahers Schriftsteller nach einer Gestalt für seine Idee sucht, rät Markus Orths seiner Tochter, zuerst einen Stoff zu finden. Am besten einen ganz alltäglichen. Als Lola fragt, ob das nicht langweilig sei, antwortet der Vater: «Hm. Manchmal wollen wir einfach für das Gewöhnliche, das geschieht, neue, schöne, ungewöhnliche Worte finden.» Markus und Lola erfinden also eine Geschichte, die im Zoo spielt. Sie machen das, anders als der Schriftsteller mit der Katze, im Kopf; fabulieren und diskutieren. Aufschreiben, meint der Schriftsteller-Vater, könne man das alles auch später noch. Im Gespräch zeigt er seiner Tochter, wie man eine Pointe setzt und wie man aus vorhandenen Erzählelementen ein Muster entwickeln kann.

Indem sie auf leicht verständliche und unterhaltsame Art vom Geschichtenerfinden erzählen, beschreiben die beiden Kinderbücher unterschiedliche Schreibprozesse. Bei Mheidly und Taher erschafft der Autor eine Welt, in der er sozusagen ethnografisch unterwegs ist, als teilnehmender Beobachter. Damit nimmt er Bezug auf eine Tradition, wie sie – in Europa zumindest – aus Tolkiens poetologischen Essays bekannt ist. Die Art, wie Markus Orths mit seiner Tochter an einer Geschichte arbeitet, hat mit Handwerk zu tun, aber auch mit Spiel. Es werden aus dem Material der Einfälle und der Sprache heraus Regeln entwickelt, die den Text weitertreiben. Am Ende hat die Katze doch eine ähnliche Funktion wie die Regeln – sie lassen zu, dass etwas passiert, sozusagen von selbst.

Das Wunderbare an beiden Büchern ist, dass sie von der grossen Freude und dem durchaus abenteuerlichen Unternehmen erzählt, das Schreiben und Illustrieren bedeutet – man setzt sich hin und hat keine Ahnung, was am Ende des Tages auf dem Papier steht.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/21, S. 28

Gutenachtgespräche übers Schreiben sind nicht alltäglich. Wenn der Vater ein bekannter Schriftsteller ist, wie Markus Orths, und die Tochter für die Schule eine Geschichte schreiben muss, liegen sie aber auf der Hand. Im Dialog entwickeln Vater und Tochter Abend für Abend die Ingredienzien für eine packende Story und Lola erfährt eine Menge über das Schreibhandwerk. Das ist witzig und anregend, keinen Moment pädagogisch – und inspiriert, das mit dem Schreiben gleich selber zu versuchen.

Familie von Stibitz
Anders Sparring, Illustration: Per Gustavsson
Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger
Verlag: Hanser, Publiziert: 2021, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26975-0
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Krimi/Thriller | Generationen | Humor/Komik

Auf Golddiamanten-Jagd 

Im Februar 2020 erschien der erste Band auf Deutsch, nach einem Jahr liegt bereits der vierte vor, in dem Familie von Stibitz «Auf Golddiamanten-Jagd» geht. Für ihre Kinderbuchserie haben Anders Sparring und Per Gustavsson eine Familie erfunden, die es liebt, Sachen zu klauen. Was dafür nötig ist, gehört zur Erziehung: «Wenn du es im Leben zu etwas bringen willst, musst du lügen können!»

Die beiden Schweden hielten es angesichts der zahllosen KinderdetektivInnen an der Zeit für kindliche VerbrecherInnen. Doch bei aller (diebischen) Freude fehlt auch Familie von Stibitz kein moralischer Kompass: Sohn Ture bekommt vom Lügen Bauchweh und mag nur Sachen, die erlaubt sind – im Gegensatz zu Papa Ede, Mama Fia, Tochter (Krimin-)Ella, Hund Schnüffler und Oma Klaudia. Die hat zusammen mit Schummel-Lisa den Golddiamanten gestohlen, der nun auf der Kommode des ahnungslosen Polizisten Paul Eisig schimmert.

Seit Erhard Dietls «Olchis» hat keine Verkehrte-Welt-Geschichte mehr ein solches Feuerwerk an Sprachspielereien und Komik gezündet. Da wird wild fabuliert und auf allen Ebenen mit Klischees gespielt. Die ganze Gangster-Familie trägt Sträflingsringelpullis und Augenmasken, selbst der Titel sieht aus wie ein Erpresserbrief. Der Text feiert sprechende Namen und nutzt ein literarisches Verbrecher-Vokabular, welches Friederike Buchinger bravourös übersetzt. Doch das alles funktioniert nur, weil die von Stibitz’ eine ganz normale, nette Familie sind: mit einem Papa, der Angst im Dunkeln hat, und einer Mama, die nett zu allem ist, was lebt.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/21, S. 30

Als Einziger in seiner Familie aus liebenswerten Langfingern schlägt Ture aus der Art: Statt Sachen zu stibitzen, tut er lieber nur erlaubte Dinge. Diese verkehrte Welt bietet viel Stoff für allerlei, manchmal etwas absurde Abenteuer. Der leicht lesbare Text spricht kindliche LeserInnen immer wieder direkt an, zahlreiche Illustrationen verstärken den witzigen Charakter. Eine Reihe mit bisher drei Bänden voll schrägem Humor zum ersten Selberlesen oder Vorlesen.

Das stumme Haus
Uticha Marmon
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2021, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5825-5
Schlagwörter: Krankheit | Abenteuer | Freundschaft

Etwas ist passiert, was dem Trubel und dem Leben im fünfstöckigen «Kaninchenbau» ein Ende setzt und das Haus verstummen lässt. Von einem Tag auf den anderen soll es keine Begegnungen mehr im Treppenhaus geben. Die Nachrichtenfrau spricht von «Abstand», der etwas unfreundliche Nachbar nuschelt «Virenschleudern» und verlässt die Wohnung nur noch mit der Taucherbrille im Gesicht. Es ist alles vollkommen verrückt! Dass plötzlich alle Kinder Ferien haben, macht keinen Spass, weil niemand das machen darf, was er gerne möchte. Stattdessen wird die Zeit zu einer quälenden Ewigkeit, findet Nikosch, der uns das alles erzählt; dabei hat er wenigstens noch seine Schwester Nini zum Reden! Paula nebenan ist ganz allein. Mitten in all dem Fremden machen die Kinder eine beunruhigende Beobachtung: Ist da ein Einbrecher in den halbfertigen Häusern gegenüber? Und was hat es mit den Lichtzeichen in der Nacht auf sich? Da morst doch jemand um Hilfe! Allen Regeln zum Trotz finden die Kinder aus dem Kaninchenbau einen Weg, trotz Abstand gemeinsam etwas in Bewegung zu setzen!

Uticha Marmon packt eine spannende Abenteuergeschichte mit manch gut gehütetem Geheimnis in ein verrücktes Corona-Drumherum mit Schwimmreifen zum Abstandhalten, schrägen Erfindungen und einer verschworenen Walkie-Talkie-Gesellschaft. Nikoschs kindlicher Blick auf Verunsicherung, Angst und seltsame Regeln ist nicht immer logisch, aber sehr authentisch. Marmon lässt damit eine merkwürdige Zeit Revue passieren und zeigt gleichzeitig, dass Hilfsbereitschaft und Zusammenstehen bei allen Einschränkungen nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Das Kinderbuch regt damit zum Nachdenken und Nachahmen an.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/21, S. 30

Mein geniales Leben
Jenny Jägerfeld
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Urachhaus, Publiziert: 2021, Seiten: 350, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8251-5270-3
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Identität/Individualität | Geschlechterbilder | Freundschaft

Ware und Sigge, die zwei Ich-Erzähler in den neuen Romanen von Sara Pennypacker und Jenny Jägerfeld, geben sich genau einen Sommer Zeit, um zu einem neuen Menschen zu werden. Dies sei, so denken die beiden Zwölfjährigen, was die Gesellschaft von ihnen erwarte. Denn beide stehen im lauten Geschrei um Aufmerksamkeit und Popularität nicht zuvorderst. Ware verabscheut alles, was Erwachsene als passende Kinderbespassung ansehen. Dass seine Mutter sich heimlich einen anderen Sohn wünscht, spürt er nur zu gut. Sein Leidensgenosse in Schweden, Sigge, hört zwar von seiner Mutter immer wieder, dass er genau richtig sei, wie er ist. Doch wer schielt und wegen seines Interesses für Eiskunstlauf als schwul gilt, hat keine Freunde in der harten Realität einer Stockholmer Grundschule. Sigge will aber beliebt werden, denn dass dies das Ziel eines jeden sein muss, geht auch an ihm nicht vorbei. Da kommt der Umzug der Familie zur Oma in den kleinen Ort Skärblacka gerade recht – bis zum Schulbeginn hat er hier Zeit, sich ein neues Image zuzulegen.

Ware hingegen geht einen anderen Weg. Als seine Eltern ihn in einem Sommercamp platzieren, setzt er sich am ersten Tag ab. Auf dem Grundstück einer zerfallenen Kirche richtet er sich ein und beginnt sein Interesse für das Mittelalter auszuleben, indem er eifrig die Kirche Stück für Stück zu einer Burg umbaut. Zum neuen Menschen werden will er dabei symbolisch: durch die Taufe im Weihwasser der Kirche. Auf diesen Gedanken hat ihn Jolene gebracht, das Mädchen, das auf dem gleichen Grundstück eine Papaya-Plantage anlegt. Deren Ertrag ist für das Mädchen aus verarmten Verhältnissen eine Frage des Überlebens. Entsprechend verbissen arbeiten die zwei Kinder, erst verfeindet, dann befreundet, Tag für Tag hart an ihren Projekten. Dabei erfahren sie viel darüber, wie schlechte Dinge besser gemacht werden können. Und dass es dafür einen jeden braucht. So geben sie auch nicht auf, als sie erfahren, dass das Grundstück verkauft werden soll. Um das Projekt zu retten, dreht Ware einen Film und erhält dabei von seinem Onkel, einem Filmregisseur, Unterstützung. Dieser macht dem Jungen klar: Ware ist ein Künstlertyp und seine Art, die Dinge zu betrachten, hat ihren Wert. Eine Ansicht, die Ware sich nach und nach zu eigen macht.

Auch Sigge lernt über einen väterlichen Freund, sich selbst zu akzeptieren. Und auch hier ist es das Medium Film, das diese Einsicht reifen lässt. Der eigenbrötlerische Krille Marzipan, der als einziger Gast in Omas heruntergekommenem Hotel wohnt, verbringt sein Leben damit, von Filmprojekten zu träumen, die er einst realisieren möchte. Und er erstaunt alle damit, als er eines Tages seine Koffer packt, nach Paris, Rom und Berlin reist und tatsächlich einen Film dreht. Sigge lernt von ihm nicht nur, die eigenen Träume zu verfolgen, sondern auch, dass es nicht nötig ist, von allen gemocht zu werden: Eine Person reicht da schon. Und diese Person findet Sigge in Juno, der er sich öffnen kann. Diese Freundschaft will er nicht verlieren. Ein anderer Mensch muss er dafür aber nicht werden. Wie gewohnt schafft Jenny Jägerfeld liebenswerte, lebensechte und etwas abgedrehte Figuren und erzählt mit psychologischer Tiefe und viel Witz von ihnen.

Auf einem Abbruchgelände in den USA und in einem Provinzhotel in Schweden reifen zwei unsichere Jungen zu Personen heran, die für sich und ihre Art zu sein einstehen können. Lektüre, die nicht nur Jungs gut tut.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/21, S. 32

Hier im echten Leben
Sara Pennypacker
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2021, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5822-4
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Identität/Individualität | Geschlechterbilder | Freundschaft

Ware und Sigge, die zwei Ich-Erzähler in den neuen Romanen von Sara Pennypacker und Jenny Jägerfeld, geben sich genau einen Sommer Zeit, um zu einem neuen Menschen zu werden. Dies sei, so denken die beiden Zwölfjährigen, was die Gesellschaft von ihnen erwarte. Denn beide stehen im lauten Geschrei um Aufmerksamkeit und Popularität nicht zuvorderst. Ware verabscheut alles, was Erwachsene als passende Kinderbespassung ansehen. Dass seine Mutter sich heimlich einen anderen Sohn wünscht, spürt er nur zu gut. Sein Leidensgenosse in Schweden, Sigge, hört zwar von seiner Mutter immer wieder, dass er genau richtig sei, wie er ist. Doch wer schielt und wegen seines Interesses für Eiskunstlauf als schwul gilt, hat keine Freunde in der harten Realität einer Stockholmer Grundschule. Sigge will aber beliebt werden, denn dass dies das Ziel eines jeden sein muss, geht auch an ihm nicht vorbei. Da kommt der Umzug der Familie zur Oma in den kleinen Ort Skärblacka gerade recht – bis zum Schulbeginn hat er hier Zeit, sich ein neues Image zuzulegen.

Ware hingegen geht einen anderen Weg. Als seine Eltern ihn in einem Sommercamp platzieren, setzt er sich am ersten Tag ab. Auf dem Grundstück einer zerfallenen Kirche richtet er sich ein und beginnt sein Interesse für das Mittelalter auszuleben, indem er eifrig die Kirche Stück für Stück zu einer Burg umbaut. Zum neuen Menschen werden will er dabei symbolisch: durch die Taufe im Weihwasser der Kirche. Auf diesen Gedanken hat ihn Jolene gebracht, das Mädchen, das auf dem gleichen Grundstück eine Papaya-Plantage anlegt. Deren Ertrag ist für das Mädchen aus verarmten Verhältnissen eine Frage des Überlebens. Entsprechend verbissen arbeiten die zwei Kinder, erst verfeindet, dann befreundet, Tag für Tag hart an ihren Projekten. Dabei erfahren sie viel darüber, wie schlechte Dinge besser gemacht werden können. Und dass es dafür einen jeden braucht. So geben sie auch nicht auf, als sie erfahren, dass das Grundstück verkauft werden soll. Um das Projekt zu retten, dreht Ware einen Film und erhält dabei von seinem Onkel, einem Filmregisseur, Unterstützung. Dieser macht dem Jungen klar: Ware ist ein Künstlertyp und seine Art, die Dinge zu betrachten, hat ihren Wert. Eine Ansicht, die Ware sich nach und nach zu eigen macht.

Auch Sigge lernt über einen väterlichen Freund, sich selbst zu akzeptieren. Und auch hier ist es das Medium Film, das diese Einsicht reifen lässt. Der eigenbrötlerische Krille Marzipan, der als einziger Gast in Omas heruntergekommenem Hotel wohnt, verbringt sein Leben damit, von Filmprojekten zu träumen, die er einst realisieren möchte. Und er erstaunt alle damit, als er eines Tages seine Koffer packt, nach Paris, Rom und Berlin reist und tatsächlich einen Film dreht. Sigge lernt von ihm nicht nur, die eigenen Träume zu verfolgen, sondern auch, dass es nicht nötig ist, von allen gemocht zu werden: Eine Person reicht da schon. Und diese Person findet Sigge in Juno, der er sich öffnen kann. Diese Freundschaft will er nicht verlieren. Ein anderer Mensch muss er dafür aber nicht werden. Wie gewohnt schafft Jenny Jägerfeld liebenswerte, lebensechte und etwas abgedrehte Figuren und erzählt mit psychologischer Tiefe und viel Witz von ihnen.

Auf einem Abbruchgelände in den USA und in einem Provinzhotel in Schweden reifen zwei unsichere Jungen zu Personen heran, die für sich und ihre Art zu sein einstehen können. Lektüre, die nicht nur Jungs gut tut.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/21, S. 32

Der Himmel über dem Platz
Martina Wildner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2021, Seiten: 218, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75848-4
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Sport | Mut/Selbstbewusstsein

Jolanda, genannt Jo, träumt davon, die beste Fussballspielerin aller Zeiten zu werden. Ein weiblicher Cristiano Ronaldo. Nach den Sommerferien will sie deshalb vom Mädchenteam des FFC zu den Jungs von Blau-Weiss wechseln. «[…] man wird nur besser, wenn man bei den Jungs spielt.» Leichter gesagt als getan. Denn der Sommer ist heiss, das Training hart und das Tempo höher. Ausserdem sind die Jungs nicht gerade begeistert, jetzt ein Mädchen im Team zu haben. Für Ron und Niclas ist Jo vom ersten Probetraining an nur ein «pain in the ass». Jo beisst sich durch. Im Laufe des Sommers lernt sie, sich zu behaupten, auf ihre Stärken zu vertrauen, sich selbst mehr zuzutrauen. Und mit dem Toreschiessen klappt es irgendwann auch wieder.

Martina Wildner kann Sport. In «Königin des Sprungturms» (2014 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet) erzählte sie bereits von zwei jugendlichen Leistungssportlerinnen. Diesmal dreht sich (fast) alles um das berühmte «Runde, das ins Eckige muss». Fussballbegeisterte Mädchen werden sich in Martina Wildners sympathischer Ich-Erzählerin sofort wiedererkennen. Und auch für alle anderen hält «Der Himmel über dem Platz» reichlich Identifikationsmöglichkeiten bereit. Schliesslich ist Jos Leben alles andere als perfekt: Seit ihre Eltern geschieden sind, pendelt sie zwischen zwei Haushalten, mit ihrer Schwester Katharina gibt es oft Streit, und in der Schule läuft es oft auch nicht so, wie es soll. Aber mit Betty hat sie eine Freundin, auf die sie sich immer verlassen kann.

Die Geschichte eines Mädchens, das leidenschaftlich für seinen Traum kämpft, ist psychologisch fein beobachtet, vielschichtig und authentisch erzählt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/21, S. 32

Um sich fussballerisch entwickeln zu können, soll Jo von ihrem Mädchenteam zur Jungen-Mannschaft von Blau-Weiss wechseln. Eine grosse Chance, doch die Jungs wollen sie nicht akzeptieren. Und sieht sie dort wirklich ihre Zukunft? Die Autorin baut ihren Fussball-Roman um Themen wie die Suche nach dem Selbst, familiäre Erwartungen und persönliche Entwicklung und würzt alles mit einer Prise Mystik. Denn wer ist dieser Fussballgott im Nachbarhaus wirklich?

Jo möchte die beste Fussballspielerin aller Zeiten werden. Doch das Training mit der Männermannschaft ist anstrengend, die Jungs lachen sie aus, Jo fühlt sich unsicher. Unterstützt von ihrer Familie, ihrer besten Freundin und einem kuriosen Nachbarn lernt die junge Frau, gegen Geschlechterklischees vorzugehen und sich sowohl auf als auch neben dem Platz durchzusetzen.

Schön wie die Acht
Nikola Huppertz
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2021, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-484-6
Schlagwörter: Geschwister | Familie/Familienformen | Streit/Konflikt

«Alle Zahlen sind schön, aber die Acht ist perfekt […] mit ihren Links- und Rechtskurven und dem Richtungswechsel genau in der Mitte. Und wenn man sie auf die Seite legt, bedeutet sie Unendlichkeit. Keiner kann sagen, das wär nicht schön.» Der zwölfjährige Malte, der hier spricht, liebt nichts mehr, als sich in mathematische Themen zu verbeissen. Als Lohn für sein Talent und seinen Fleiss winkt die Mathe-Olympiade, auf die er sich fokussiert vorbereiten möchte. Darum ist er gar nicht begeistert, dass seine vier Jahre ältere Halbschwester Josefine, die er kaum kennt, bei ihm und seinen Eltern wohnen soll, während ihre Mutter in der Krebs-Reha ist. Die gepiercte Josefine, die laute Musik, Hanteln und Schulschwänzen mag, scheint so gar nicht in das aufgeräumte Leben von Maltes Familie zu passen. Schon bald herrscht dicke Luft. Trotzdem entdeckt er auch gute Seiten an Josefine, die ihm Gedichte näherbringt und ihn stets ermuntert, seine neue Mathekonkurrentin Lale, die ihm eigentlich gefällt, anzusprechen.

Als eine Familienlüge ans Licht kommt (sein Vater hatte damals seine erste Familie für die zweite verlassen), wird Maltes Welt(-sicht) durchgerüttelt, nicht einmal mehr in den Zahlen findet er sich noch zurecht. Schliesslich aber beginnt die ganze Familie, die Entfremdung zu überbrücken. Zudem erkennt Malte, dass Freundschaft auch ohne Mathefachsimpelei funktioniert und dass Glück manchmal darin liegt, dass Dinge «auf unlogische Weise logisch sein können».

Ein aus der Sicht eines liebenswerten Nerds schön erzähltes Buch um Familienkonflikte und ihre Überwindung, dem es zudem gelingt, Mathematik und Literatur, bei vielen SchülerInnen heute noch starke Gegensätze, zu vereinen.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 1/21, S. 33

Das Familien- und Gefühlsleben von Mathegenie Malte steht ganz schön Kopf, als seine Halbschwester Josefine einzieht. Sie rebelliert gegen den Vater und dessen zweite Frau, Maltes Mutter, ist aber eine verständnisvolle grosse Schwester. Aus der Sicht des liebenswerten Nerds Malte wird hier vom dynamischen Alltag einer Patchworkfamilie erzählt, mit der er lernen muss umzugehen, will er an die Mathe-Olympiade, und von einer besonderen Geschwisterbeziehung, in der Poesie eine wichtige Rolle spielt.

Perfect Storm
Dirk Reinhardt
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2021, Seiten: 414, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6099-1
Schlagwörter: Medien | Gewalt | Umweltschutz/Klima

Sechs jugendliche Hacker aus der ganzen Welt treffen sich zufällig in einem Computerspiel und wachsen zu einem Team zusammen. Als einer der sechs aus dem Kongo von Menschenrechtsverletzungen berichtet, wird aus dem Spiel plötzlich Ernst: Sie hacken sich in die Netzwerke zweier Unternehmen, die massgeblich an diesen Vorfällen beteiligt sind, suchen nach belastenden Informationen – und werden fündig. Sie ahnen nicht, dass ihnen dabei der amerikanische Geheimdienst NSA auf den Fersen ist. Doch auch hier spielen nicht alle mit offenen Karten. Es kommt zu einigen Überraschungen.

Dirk Reinhardt setzt in «Perfect Storm» mit Menschenrechtsverletzungen in Afrika ein wichtiges Thema prominent in Szene. Es geht um die Ausbeutung von Menschen, gerechte Arbeitsbedingungen, Machtmissbrauch und Gier. Bei aller Spannung ist jedoch ist gerade der Einstieg in den Roman nicht ganz einfach, da unterschiedliche Texttypen wie Chatprotokolle, Spielbeschreibungen und Dossiers mit dem Handlungsverlauf verknüpft werden. Auf diese textuelle Vielfalt müssen sich LeserInnen erst einmal bewusst einlassen, um der Handlung folgen zu können, die ihrerseits – und das liegt an den fingierten Dokumenten und deren Datierungen – komplex strukturiert ist. Verwirrung können auch die unterschiedlichen Namen der Hauptfiguren stiften, die im Computerspiel nicht ihre realen Namen tragen. Ein auktorialer Erzähler behält den Überblick über die Handlung und bringt alle Handlungsstränge zusammen. Ein Glossar rundet das Buch ab.

Wer sich aber darauf einlässt, wird mit einem spannenden Jugendroman konfrontiert, der zum Nachdenken über nachhaltige Rohstoffgewinnung und die Wahrung von Menschenrechten anregt.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/21, S. 34

Chaos im Kopf
Michèle Minelli
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2021, Seiten: 217, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-5954-7
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Pubertät | Familie/Familienformen | Gewalt

Antonia - vierzehn-dreiviertel

Die imaginierten Pferde «Blitz» und «Schatten», mit denen Toni und ihre Freundin bis zu den Sommerferien in eine stillgelegte Ziegelei galoppieren, um dort abzuhängen, lässt Toni in den Ferien auf La Palma in einen Krater abstürzen. «Dort sehe ich meine Kindheit kippen.» Aber nicht nur das mit den Pferden fühlt sich im Leben der fast 15-jährigen Ich-Erzählerin falsch an. Angi, ihre Mutter, ist eine notorische Lügnerin, die ihre drei Töchter manipuliert und weghört, wenn ihr neuer Liebhaber im Zimmer der älteren Schwester verschwindet oder anzügliche Bemerkungen über Tonis wachsenden Busen macht. Und sie hält rein gar nichts von Bildung. «Nur keine Schule ist eine gute Schule. Nur wer berufen ist, findet zu seinem Beruf», lautet ihr Mantra, wenn Toni es wagt, davon zu reden, dass sie später Filmregisseurin werden will.

Toni hat ihre Mutter längst durchschaut, aber auch viele ihrer Verhaltensmuster internalisiert. Bis sich die junge Frau endlich helfen lässt, weil sie erkennt, dass sie nur für sich verantwortlich ist, folgen wir ihr auf einer Achterbahn der Gefühle, hinein in ein Leben voll Schuldzuweisungen, Selbstverleugnung und turbulenten Ferientagen mit erstem Verliebtsein in einen um einiges älteren Mann, der ihr zuhört und sie ernst nimmt.

Die Zürcher Autorin Michèle Minelli erzählt diese Geschichte in einer Sprache, die hin und her mäandert zwischen bissigem Jugendslang, abgeklärten, sehr erwachsen wirkenden Reflexionen und dichten poetischen Betrachtungen. Ein Buch, das leider von allem etwas zu viel hat: zu viel Elend, zu viel Ignoranz der Erwachsenen, zu viel triefende Pubertät, zu viel Lüge, zu viel plötzliche Einsicht und so seinen ernsthaften Kern zudeckt.

Christine Tresch
Buch&Maus 1/21, S. 35

Skeleton Tree
Iain Lawrence
Aus dem Englischen von Anne Brauner
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2021, Seiten: 270, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-2973-3
Schlagwörter: Natur | Tod/Trauer | Gefühle | Streit/Konflikt

Als der zwölfjährige Chris nach dem Tod seines Vaters vom Onkel zu einem Segeltörn eingeladen wird, scheint das ideal, um ihn von der Trauer abzulenken. Aber Chris ist nicht der einzige Junge an Bord, und der etwas ältere Frank macht kein Geheimnis daraus, dass er ihn verachtet. An der starken Abneigung ändert auch ihr Schiffbruch wenige Tage später nichts: Die Jungen stranden allein in der Wildnis Alaskas, und Franks offensichtlicher Hass und seine unkontrollierbaren Wutausbrüche machen Chris nicht nur das Leben zu Hölle, sondern gipfeln auch in mancher Idiotie, die sie das Leben hätte kosten können – wie einem zerschmetterten Walkie-Talkie oder zertretenen Streichhölzern. Nur ein erstaunlich zahmer Rabe tröstet Chris. Eine verlassene und halb zerstörte Hütte zeugt von einem früheren Bewohner und veranlasst die Jungen, dort auf Rettung zu warten, statt auf der Suche nach Leben die Küste entlangzugehen. Immer wieder wird brauchbares Gut angespült, aber auch Besitztümer von Kindern, die der empfindsame Chris im Wald bestattet. Ein unheimlicher Baum, in dessen Ästen unterschiedlich grosse Särge hängen, gibt Rätsel auf. Während es draussen immer kälter wird, lodert die Abneigung der Jungen immer stärker, bis Frank offenbart, was geübte LeserInnen schon längst vermutet haben.

Wildnis, Mystik, Trauerbewältigung, Spuren des Tsunamis, Plastikmüll im Meer und die Macht des Erzählens ranken sich um den dramatischen Überlebenskampf der beiden ungleichen Protagonisten, und obwohl «Skeleton Tree» fraglos eine packend und atmosphärisch geschriebene Robinsonade ist, enthält sie ein paar Zufälle und dumme Verhaltensweisen der Jungen zu viel, um vollends zu überzeugen.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/21, S. 35

Wenn man so will, waren es die Aliens 
Andreas Thamm
Verlag: Magellan, Publiziert: 2021, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-5050-9
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Freundschaft | Krankheit | Abenteuer

Die Nacht vor dem ersten Schultag des Abijahres verbringt Josh auf der Suche nach dem Alten Herrn, seinem Hund, und malt sich aus, was er an diesem Tag alles verpassen wird. «Ich war an einem komischen Abend vor zwei Wochen in eine komische Rolle hineingeraten, die ich jetzt ernsthaft ausprobieren wollte.» Der ältere Bruder hätte in den väterlichen Hotelbetrieb einsteigen sollen, wandert aber lieber nach Neuseeland aus. Darum übernimmt Josh mit 17 die Verantwortung für das «Knutt», das in die Jahre gekommene, aber von Stammgästen geschätzte Hotel an der Nordsee. Eine Schliessung möchte Josh verhindern, war es doch einst der Lebenstraum der Eltern, selbst wenn die Mutter entschwunden und der Vater über die Jahre menschenscheu geworden ist.

Der Hund ist bald gefunden, doch dann ist der Papa weg. Zum Glück kann Josh auf seine zwei besten Freunde zählen. Nur bringen die Kia mit, die mit esoterischen Theorien aufwartet – vielleicht war es doch eine Alien-Entführung? Was sich auf der Suche nach dem Vater alles zuträgt, wie sie ihn schliesslich finden, wie Josh und Kia sich nebenbei verlieben und was die Hotelgäste Seltsames treiben, schildert Josh im Präsens, erfrischend unaufgeregt und zugleich voller Witz.

Sorgfältig strukturierte Rückblenden enthüllen eine wenig glückliche Familiengeschichte. Erst am Schluss wird klar, dass der Vater psychisch krank ist. Doch deswegen muss Josh nicht alle Perspektiven aufgeben, auch wenn er eine Verantwortung übernimmt, die eigentlich nicht seine ist. Josh ist eine beeindruckende männliche Erzählstimme, gerade weil sie Unsicherheiten zulässt, damit aber recht souverän umzugehen weiss.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 1/21, S. 35

Lügentochter
Megan Cooley Peterson
Aus dem Englischen von Sandra Knuffinke und Jessika Komina
Verlag: Magellan, Publiziert: 2021, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-5051-6
Schlagwörter: Religion | Familie/Familienformen

Petersons Protagonistin Piper hat zwei Leben: ein «Davor» und ein «Danach». Das «Davor» zeigt Piper umringt von ihren Geschwistern in ihrer heilen Familie, die abgeschottet lebt, da der Vater seine Kinder von dem Bösen der Welt fernhalten will. Das «Danach» zeichnet eine Piper, die dieser Harmonie entrissen wurde. Ein Mensch, zwei Welten und ein zunächst gefestigtes Weltbild, das zunehmend ins Wanken gerät. Denn Piper wurde als Kind entführt und in einer Sekte grossgezogen, von Eltern und Tanten, die «ihre» Kinder einer Gehirnwäsche unterzogen und sie emotional manipuliert haben. Unbedingter Gehorsam und Glaube an die Unfehlbarkeit des Vaters bestimmten Pipers Leben, bis das Jugendamt sie und ihre Geschwister befreit und mit einer für sie unbekannten Realität konfrontiert.

Mit leisen Tönen und aus der Sicht der Protagonistin zeigt Peterson in «Lügentochter» die Manipulationskraft von Sekten. «Sekten sprechen Menschen aller Altersklassen, Geschlechter, Einkommensverhältnisse und Bildungsschichten an und machen sich dabei unser menschliches Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Geborgenheit zunutze.» Dabei profitiert das Buch von den Erfahrungen, die die Autorin selbst als Jugendliche in einer Sekte gemacht hat, wenngleich ihre Eltern sie im Gegensatz zu Petersons Protagonistin freiwillig haben austreten lassen. Ihr Buch leistet einen wertvollen Beitrag zu einer entsprechenden Aufklärungsarbeit und veranschaulicht diesen Mechanismus nachdrücklich, sodass «Lügentochter» sowohl für Jugendliche als auch für Erwachsene empfehlenswert ist.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/21, S. 36

Sehen
Romana Romanyschyn, Illustration: Andrij Lessiw 
Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2021, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6050-2
Schlagwörter: Körper

Sehen, dieses hochkomplexe Phänomen unserer Wahrnehmung, wird in diesem künstlerisch sehr ehrgeizigen Buch nicht etwa auf die Mechanismen der Optik reduziert, sondern in grosser thematischer Breite illustriert. Jeweils auf Doppelseiten werden Themen wie das Auge, Farben, Spiegelbild, Mienen, Piktogramme, Sehhilfen, optische Täuschungen, Unsichtbares oder Braille-Schrift vorgestellt. Dabei dient ein Persönchen mit Melone und schickem Mäntelchen als visuelle Begleiterin durch die vielen Themen. Zahlreiche Kürzesttexte bieten Informationen zu einzelnen Aspekten eines Themas. Jeweils unten auf der Seite formuliert ein Satz die (intendierte) Erkenntnis, wobei die LeserInnen teils angesprochen werden, meist aber, etwas bevormundend, für sie gesprochen wird: «Ich sehe mehr, als meine Augen sehen können.» Das Buch will denn auch dazu anzuregen, «die Welt immer mit neuen Augen zu sehen».

Die Umsetzung sticht durch grafische sowie drucktechnische Originalität hervor. Statt des üblichen Vierfarbendrucks wurden vier Sonderfarben verwendet, auf die sich die meisten Seiten auch grafisch beschränken: nebst Gelb und Blau Gold und Neonlachsrosa. Die Neonfarbe ist bei gewissen Lichtverhältnissen geradezu gleissend. So faszinierend dies ist, bleibt die Schaufreude etwas auf der Strecke, wenn man klein Gedrucktes schlecht lesen kann und der Sehsinn fast gereizt wird. Auch für Kinder über der empfohlenen Altersgrenze von acht Jahren kann das Buch insgesamt eher überfordernd wirken. Daher ist zu empfehlen, Inhalt und Ästhetik zusammen mit den Augen einer erwachsenen Person zu entdecken und zu bestaunen.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 1/21, S. 37

AnyBody
Katharina von der Gathen, Illustration: Anke Kuhl
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2021, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-246-6
Schlagwörter: Körper | Identität/Individualität | Diversität

Dick & dünn & Haut & Haar: das grosse Abc von unserem Körper-Zuhause

Ob dick, ob dünn, ob jung, ob alt, kraftstrotzend oder ausgebremst – wir alle haben einen Körper, der uns ein Leben lang begleitet und sich ständig verändert. Wie er aussieht und funktioniert, ist spannend, können wir aber nur zu einem Bruchteil selbst bestimmen. Dass wir uns möglichst oft in ihm wohlfühlen, dafür brauchen wir Mut, Selbstbewusstsein und liebevolle Selbstannahme. So das Plädoyer von Sexualpädagogin Katharina von der Gathen, die hier mit der vielfach ausgezeichneten Illustratorin Anke Kuhl nach «Klär mich auf» und «Das Liebesleben der Tiere» wieder ein grossartiges Kindersachbuch geschaffen hat.

Ihr «Grosses Abc von unserem Körper-Zuhause» ist ein positiver und offenherziger Appell für Vielfalt und Toleranz, in dem neben einer Fülle an Informationen auch Lust, Schmerz und Zweifel ihren Platz haben. In Kapiteln wie «So sehen wir aus», «Körpergefühle» oder «Was wir denken, tun und sagen» geht es um Selbst- und Fremdwahrnehmung, Körpersprache, Komplimente oder Kunststücke. «Schon gewusst»-Kästen erzählen, dass Ohren immer weiterwachsen oder im Laufe eines Lebens fünf Tonnen Kacke zusammenkommen.

Das Schmökern in diesem Körperlexikon ist so befreiend wie unterhaltsam. Farbe und Witz bekommt es durch die pointierten Illustrationen, in denen Anke Kuhl wieder überbordende Kreativität beweist: Auf kleinen Comics, grossen Wimmelbildern, Schautafeln oder verbildlichten Redewendungen gibt es Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten unserer Körper zu entdecken. Ein Buch, das man jedem Kind wünscht – und Erwachsenen auch!

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/21, S. 37

Von «Alt sein» über «Körperflüssigkeiten» und «Scheide» bis «Zuhause» (im Körper nämlich) – dieses Abc gibt Auskunft über alles, was Kinder und Jugendliche rund um den Körper interessiert. Die anschaulich dargelegten Texthäppchen sind sensibel und bestärkend formuliert. Die cartoonartigen Illustrationen liefern Zusatzinformationen und machen dieses wichtige Sachbuch zu einem nicht nur erhellenden, sondern auch sehr vergnüglichen Blätter- und Leseerlebnis.

Mit viel Witz widmen sich die Macherinnen den Themen, die Kinder in Bezug auf den menschlichen Körper interessieren. In Schautafeln, Wimmelbildern und Cartoons lassen sich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede unserer Körperformen entdecken. Das Lexikon ist ein Plädoyer für Vielfalt und Toleranz und ermuntert dazu, den eigenen Körper in seiner Einzigartigkeit wahrzunehmen.

Da sein
Kathrin Schärer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2021, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26956-9
Schlagwörter: Alltag | Gefühle | Tiere

Was fühlst du?

Auf der Spitze des Buchstabens im Titel dieses besonderen Nachschlagewerkes drehen sich die beiden Glücklichen im Karussell. Maus und Eichhörnchen verkörpern das Glück aufs Feinste. Doch es gibt noch mehr Gefühle – geliebte und weniger geliebte –, und denen widmet sich die versierte Illustratorin auf je einer Doppelseite. Insgesamt 30 Gefühle stellt sie dar und vermittelt die Botschaft: Du darfst auch wütend, beleidigt, verlegen oder traurig sein. Alle Gefühle gehören dazu, und keines soll übergangen oder unterdrückt werden. Zahlreiche Schauplätze werden mit wenigen typischen Details versehen, und viele eindrückliche Szenen bleiben im Kopf: zwei Füchse, die – die Pfoten der Hinterbeine aneinander – sich miteinander verbunden fühlen, der Hase, der sich ausgeschlossen fühlt, während die anderen zusammen Spass auf dem Schlitten haben, der Elefant, der sich nicht für eine Eissorte entscheiden kann, während Pinguin, Bär und Erdmännchen ungeduldig in der Schlange stehen.

Das sind Gefühle, die Kathrin Schärer nur allzu gut kennt. Kinder identifizieren sich ihrer Erfahrung nach leichter mit Tierfiguren, und sie selbst fühlt sich beim Illustrieren in die Tiere ein – manchmal mental, manchmal auch tatsächlich, indem sie die dem jeweiligen Gefühl entsprechende Körperhaltung einnimmt oder die Mimik der Tiere nachahmt. Fellstrukturen, Haut- und Schuppenvariationen, gefletschte Zähne oder gesträubte Haare – es gibt viele Möglichkeiten, Emotionen darzustellen. Ideal für alle und über die Generationen hinweg, um miteinander zum elementaren Thema Gefühle ins Gespräch zu kommen, in der Primarschule, im Kindergarten oder in der Kita genauso wie in der Familie.

Antje Ehmann
Buch&Maus 02/21, S. 26

In über 30 Szenen gibt Kathrin Schärer vielen Bekannten aus ihrem tierischen Universum einen starken Gefühlsauftritt. Mit dabei sind eine behütete Maus genauso wie ein mutiges Erdmännchen oder ein beleidigtes Chamäleon. Die ausdrucksstarken Tiere geben in einfachen Situationen Einblick in eine aussergewöhnlich grosse Bandbreite von Emotionen. Gerade diese macht das Buch zu einem wertvollen Schatz für das Benennen von und Sprechen über Gefühle.

Die Tode meiner Mutter
Carla Haslbauer
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2021, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10561-6
Schlagwörter: Kunst | Familie/Familienformen | Kreativität

Die Arbeit der Eltern hat grossen Einfluss auf die Sozialisation der Kinder; häufig ergreifen diese später einen der elterlichen Berufe. Bei Carla Haslbauer ist das anders. Weder Arztpraxis noch Bühne: der Arbeitsplatz der Bildkünstlerin ist ein Zeichentisch. Dass ihre Mutter Opernsängerin ist, spielt trotzdem eine grosse Rolle, es ist das Thema ihres ersten Bilderbuchs.

«Zeichnen ist mein Zugang zur Wirklichkeit. Ich will zeigen, wie ich die Realität sehe.» So geht es in «Die Tode meiner Mutter» nicht nur um «reale Kindheitserinnerungen», wie Haslbauer im Interview erzählt, sondern um deren Resonanz im kindlichen Erleben. Das führt zu amüsanten bis berührenden Szenen, wenn eine neue Nachbarin klingelt, weil die lauten Schreiereien sie beunruhigen. Oder die eigene Mutter durch Schminke und Kostümierung fremd aussieht und auf der Bühne stirbt, weil sie die böse Hexe spielt oder eine andere Rolle, denn «ich sterbe für mein Leben gern».

Mehr noch als die äussere Handlung spiegeln die mit Buntstiften gezeichneten und partiell malerisch grundierten Bilder auf anschauliche Weise innerweltliches Erleben und Wahrnehmen. Das zeigen die ganzseitigen Illustrationen ebenso wie kleinteilige Bilder im Bild – erste künstlerische Versuche der Tochter. So wirkt die Mutter aus Kinderperspektive mal nett, mal verzerrt, Bildräume ziehen sich wie Kaugummi und mütterliche Stimmübungen purzeln die Treppe hinunter.

Die Ich-Kindererzählung kommt mit einem Satz pro Seite aus und wird comic-haft ergänzt durch lautmalerische Schriftbilder und Dialoge in Sprechblasen. Da bleibt nur zu hoffen, dass, wie angedacht, nach «Die Tode meiner Mutter» das nächste Bilderbuchprojekt «Die Leben meines Vaters» heissen wird.

Ina Nefzer
Buch&Maus 02/21, S. 26

Du, was machst du gerade?
Germano Zullo, Illustration: Albertine
Aus dem Französischen von Bernadette Ott
Verlag: Aladin, Publiziert: 2021, Seiten: 88, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0182-1
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Lesen | Kreativität

Eine Geschichte von Roberto und Marie

«Du, was machst du gerade?» ist eine Geschichte über die Langeweile, den Stress und das Geschichtenerzählen, die Eltern und Kinder genauso anspricht – wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise. Nach den Homeoffice-Erfahrungen zucken lesende Eltern schon auf der ersten Seite zusammen: Da sitzt ein Mann am Laptop und tippt konzentriert. Doch da schreit jemand auf der gegenüberliegenden Buchseite in roter Schrift seinen Namen: «Robääärto … Robääärto!» So geht es weiter, bis die kleine Marie auftaucht und jetzt auch auf den Schreibtisch klettert. Sie möchte spielen.

Roberto gibt irgendwann nach und wechselt hinüber auf Maries Buchseite. Da liest er ihr eine Geschichte vor. Seite für Seite, fast wie in einem Daumenkino, lässt Albertine den Mann, das Kind und das Buch sich mehr und mehr zu einem Ensemble verschlingen; am Ende schmiegt sich Marie eng an Roberto und ihr Gesicht verschwindet im aufgeschlagenen Buch. Danach gehts zurück an den Schreibtisch, zur Geschichte für die Grossen. Doch Marie hat keine Lust, brav auf ihrer Buchseite zu bleiben, und beginnt selbst zu erzählen. Sie verwandelt Roberto in einen Kröterich und erfindet den dicken schwarzen Zoiglo. Im Gegensatz zu Robertos Roman, der unsichtbar in seinem Kopf und im Computer steckt, füllen ihre Fantasiegestalten die leeren Buchseiten mit Leben und Dynamik.

Das präzise und mit viel Witz gemachte Buch wirft Fragen über das Verhältnis von Erwachsenen und Kindern und ihre jeweiligen Prioritäten und Wünsche auf; vor allem aber zeigt es, wie sehr ihre Welten voneinander getrennt oder miteinander verschlungen sein können.

Christine Lötscher
Buch&Maus 02/21, S. 27

Die Situation ist uns seit dem Corona-Lockdown nur zu vertraut: Hier die Grossen, die vor dem Computer sitzen und arbeiten, da die Kleinen, die spielen möchten. Gewohnt originell übersetzen Germano Zullo und Albertine diese Alltagssituation in einfache Illustrationen: Der Bruder hat nur kurz Zeit für seine kleine Schwester. Zusammen mit ihrem Kuscheltier rächt sie sich an ihm, indem sie sich vorstellt, dass der Bruder in eine Kröte verwandelt wird. Eine Fantasie, die ganze Doppelseiten in Beschlag nimmt. Eine leichtfüssige Geschichte über Geschwister, das Erzählen und die Fantasie.

Louisa und die Schattenmonster
Liliane Steiner
Verlag: Kunstanstifter, Publiziert: 2021, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948743-01-7
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen

«Feenschmalz und Krötensalz …» – was tun, wenn ein Zauberspruch doch nicht funktioniert? Wenn die abendlichen Rituale der Eltern, sobald sie das Licht löschen und das Kinderzimmer verlassen, verblassen und im Schatten der möglichen Monster ihre Kraft verlieren?

Genau vor dieser Frage steht Louisa. Sobald es dunkel ist im Zimmer, wird es ihr mulmig zumute. Was kriecht da den Wänden entlang? Mutig knipst Louisa das Licht wieder an, schaut sich um. Auf dem Stuhl liegt Ferdinand, das Stofftier. Mit ihm unter dem Arm geht sie in die Küche, um sich ein Glas Wasser zu holen. Aber auch hier ist es dunkel, und der Schatten der Kochlöffel ist plötzlich riesig. Glotzaugen starren sie an. Also doch Monster! Louisa flieht ins Zimmer zurück, im Flur bleibt ihr aber vor Schreck erneut das Herz beinahe stehen. Da huschen sie den Wänden entlang! Mutig nimmt Louisa einen Regenschirm zur Hand und wirft sich den Schattenmonstern laut schreiend entgegen.

Papa kommt aus dem Zimmer und erschrickt ebenfalls. Er schaut Louisa ratlos an. In diesem Moment erkennt sie, dass sie mit dem Regenschirmschatten und den Beinen von Ferdinand ein Gegenmonster gezaubert hat, und kann nun ihrerseits ihren Vater beruhigen. Das ist eine charmante und überraschende Wendung der Geschichte. Die Illustrationen, die von der Autorin gestaltet wurden, zeigen sehr schön, wie Schattenbilder entstehen. Die beiden ersten und letzten Seiten geben Beispiele, was man mit den Händen alles für Schattenbilder erfinden kann. Licht und Schatten und die dadurch hervorgerufenen Ängste: Das ist gerade im Kinderzimmer ein unerschöpfliches Thema. Eine gelungene Arbeit für alle Kinder ab drei Jahren und ihre (geplagten) Eltern.

Ruth Loosli
Buch&Maus 02/21, S. 27

Chick
Sebastian Meschenmoser
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2021, Seiten: 58, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-45969-3
Schlagwörter: Geschlechterbilder

«In unserer Stadt gibt es einen Garten», lautet der erste Satz dieser «beinahe wahren Geschichte». Geplant sei, «Hühnerküken in unserer Wohnung grosszuziehen, bis sie alt genug wären» für Hühnerstall und Garten. Kaum sind einführende Aspekte durch ein nicht näher bezeichnetes «Wir» benannt, wechselt der Text in die tierische Perspektive: «Jeden Tag gab ihnen Mutter zu fressen.» Wer Mutter ist, offenbart ein Bild erst viele Seiten später: eine männliche Figur, die dem Künstler verblüffend ähnlich sieht.

Weite Teile der Geschichte gestalten sich nun aus der Perspektive von Chick, den schon Titel und Cover als tierische Hauptfigur ausweisen. Der Name lässt sich als Abkürzung von «Chicken» lesen, könnte aber auch intertextuell auf «Tschick», die Hauptfigur in Wolfgang Herrndorfs gleichnamiger Kult-Road-Novel, verweisen.

Das Küken träumt davon, «der Bosshahn» zu sein, ein Diener soll «ihm das Futter direkt in den Schnabel» werfen. Die im Text formulierten Allmachtsphantasien werden direkt im zugehörigen Bild konterkariert und auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Zugleich malen eingestreute Comicstrips Chicks fiktive Abenteuer detailreich aus. Am Ende jedoch wartet auf Chick eine erschütternde Erkenntnis: Freundin Hennriette entpuppt sich als Hahn «Hennri»; Chick aber ist eine Henne. Als der Fuchs einbricht, ist es aber trotzdem Chick, der diesen mutig davonjagt.

Im erzählerischen Wechselspiel von Bild und Text inszeniert Meschenmoser eine warmherzige Geschichte voller Witz, die Kinder zur Identifikation einlädt und ihnen zugleich Fiktionalität vor Augen führt, die mehrsinnig mit Erwartungen spielt und diese in überraschenden Wendungen unterläuft.

Ina Nefzer
Buch&Maus 02/21, S. 28

Das Küken Chick träumt davon, ein grosser, starker Hahn zu sein. Doch mit dem Heranwachsen macht Chick eine erschütternde Entdeckung: Sie ist ein Huhn! Im Kampf gegen den Fuchs ist es aber gerade Chick, die als mutige Heldin den Hühnerstall verteidigt. Die warmherzige Coming-of-Age-Geschichte ist mit feinen Buntstiftzeichnungen und witzigen Comicstrips illustriert.

Ein Fuchs namens Henry
Margaret Sturton
Aus dem Englischen von Sabine Ludwig
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-51994-8
Schlagwörter: Diversität | LGBTQ* | Identität/Individualität

Bilderbücher über Identität und Diversität gibt es erfreulicherweise immer mehr. Dieses ist eine pädagogische Steilvorlage, um ins Gespräch zu kommen, Vorurteile zu hinterfragen und dabei ganz unverkrampft zu vermitteln: «Du bist richtig und gut, so wie du bist.»

Einfühlsam und pointiert erzählt die britische Illustratorin Margaret Sturton in ihrem Debüt die Geschichte vom Hasen Henry, der so gerne ein Fuchs sein möchte, dass er sich schliesslich traut, einer zu sein. Ihre luftig-zarten Bilder setzen den Fokus auf Henrys Gefühle: Wie der kleine, gelbe Hase schüchtern die Füchse beim Kicken bewundert, wie er glücklich mit seinen selbst gebastelten Fuchsohren posiert, sich mit Hilfe der kleinen Schwester rot anmalt und aus Mamas Kleid einen tollen Schwanz schnippelt. Wie er trotz aller mütterlichen Beschwörungen, «ein richtiger Hase» zu sein, mit den Füchsen spielt und dann traurig die Löffel hängen lässt, als er dafür ausgeschimpft wird.

Sein Coming-out ist eindrücklich: Da steht er mit Schwanz, Ohren und rotem Fell in der Küchentür, sein Schatten wirft die Silhouette eines Fuchses. «Warum benimmst du dich so? Du hast mir doch versprochen, ein richtiger Hase zu sein!», so seine Mutter. «‹Ich kann kein richtiger Hase sein!›, sagte Henry. ‹Warum denn nicht?›, fragte seine Mama. «‹Weil›, antwortete Henry, ‹… Ich bin ein Fuchs!›» Selbstbewusst reckt er dazu die Schnauze vor, die Hände stemmt er kämpferisch in die Hüften. So klar und einfach ist das also! Zum Glück gibts hier ein Happy End, denn Mama hat ihren Henry lieb, ob als Hase oder Fuchs.

Marion Klötzer
Buch&Maus 02/21, S. 28

Wir müssen zur Arbeit
Pija Lindenbaum
Aus dem Schwedischen von Jana Hemer
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2021, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-241-1
Schlagwörter: Spiel | Arbeit | Alltag

Wo schleichen sie sich nur hin, diese drei Kinder? Klammheimlich das grosse Treppenhaus hinunter? Der weisse Arztkoffer mit dem roten Kreuz gibt einen Hinweis und der Titel «Wir müssen zur Arbeit» gleich noch einen. Sofort zeigt sich das künstlerische Vermögen der vielfach ausgezeichneten schwedischen Illustratorin und Autorin. Man spürt die Stimmung, hört die Schritte auf den Stufen und ist gleich ganz nah an den drei Hauptfiguren. Sie kommen prima zurecht, so ganz ohne Erwachsene. Legen das Baby ins Bett, fahren mit dem Auto in die Arztpraxis und absolvieren dort ihr Tagespensum. Und das hat es in sich: operieren, Knochenbrüche verbinden und vor allem – pragmatisch und nicht allzu zimperlich sein! Das Blut nach der Operation bekommen die Wölfe. Dann noch schnell einkaufen und im Wald Marshmallows bräteln. Atemlos verfolgt man als Betrachterin den Kampf mit der riesigen Hexe, bis der Tag im Kinderzimmer endet.

Lindenbaum hat sich vom ernsthaften Spiel der Kinder inspirieren lassen. Sie wollte zeigen, wie die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit verschmelzen, wie schnell und dramatisch es zugeht. Grossartig, wie sie mit den Perspektiven spielt und sie variiert, die Farben von Doppelseite zu Doppelseite wechselt, um so das Ende einer Szene und den Beginn der nächsten Szene zu markieren.

Flüssiges Acryl verwendet Lindenbaum und bietet stets viele Details, die man zusammen entdecken kann: tierische Nebenfiguren, treffende Übertreibungen im Wartezimmer – etwa die Tränenpfützen auf dem Boden – oder das riesige Pflaster auf dem soeben operierten Bauch. Das Tempo, die Kraft und der Sog, der von diesem überraschenden Bilderbuch ausgeht, sind wiederum preisverdächtig.

Antje Ehmann
Buch&Maus 02/21, S. 29

Das Baby muss jetzt schlafen, denn die drei Kinder müssen zur Arbeit. Mit grosser Ernsthaftigkeit meistern sie ihren blutigen Ärztealltag, einen Marshmallow-Grosseinkauf und einen Zeltausflug inkl. nächtlicher Abwehr einer Hexe. Kein Wunder herrscht am Ende ein wildes Durcheinander im Kinderzimmer! Mit den drei zielstrebigen ProtagonistInnen, eingebettet in farblich voneinander abgesetzten Schauplätzen, gelingt Pija Lindenbaum ein grossartiges Plädoyer für das selbstvergessene kindliche Spiel.

Marius
Dana Grigorcea, Illustration: Edi Ettlin
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2021, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-031-0
Schlagwörter: Reisen | Tiere | Natur

Ein Storch fliegt nach Afrika

Als die Eltern dem Storchenjungen Marius sagen, dass er wegen dem nahenden Winter nach Afrika fliegen muss, möchte er nicht weg. Mit einem mulmigen Gefühl macht er sich auf die lange Reise. Auf seinem Flug in den Süden entdeckt Marius die Welt von oben – und der/die LeserIn fliegt und entdeckt mit. Die Sicht der LeserInnen ist stets auf der Höhe der fliegenden Störche, während die Menschen und Häuser, Bäume und Autos auf der Erde ganz klein wirken. Die naturgetreuen, farbenreichen Bilder lassen die Tiere lebendig werden, die auf ihrer Reise vielen Gefahren begegnen, Stürmen und Stromleitungen ausweichen müssen. Als sich dem Storch auf der Nahrungssuche beim Wühlen in einer riesigen Mülldeponie plötzlich eine Schnur um Schnabel wickelt, hält der qualvolle Kampf des Tiers die Leserschaft in Atem; gerade noch rechtzeitig kann ein Mädchen die Schnur lösen und den Vogel befreien.

Die Bebilderung des Storchenzugs wird durch einen Steckbrief am Ende des Buchs ergänzt, der allerlei Sachwissen zum Weissstorch zusammenfasst. Bilder und Text laden dazu ein, ins Leben dieses faszinierenden Tieres einzutauchen – die LeserInnen fiebern mit den Jungstörchen mit, die am Ende ihrer langen Reise in der afrikanischen Savanne ankommen. So stellt das letzte Doppelbild auf eine Weise das Gegenstück zur ersten Doppelseite dar: Wieder sehen wir aus der Perspektive des Storchs, der auf einem Ast rastet, auf eine Wiese, auf der Menschen Fussball spielen. Zwar unterscheiden sich die Landschaften, doch wird über das Storchenjunge eine Verbindung zwischen diesen verschiedenen Lebensräumen geknüpft, in denen sich Marius gleichermassen zuhause fühlt.

Sarah Eggel
Buch&Maus 02/21, S. 29

Zickenzeit
Nini Alaska
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2021, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-503-4
Schlagwörter: Pubertät | Geschwister | Alltag

«Wir drei sind eigentlich ein echt gutes Dreiziegenschwesternteam», so beginnt Nini Alaskas neues Bilderbuch. Erzählt wird die Geschichte von der Sandwich-Ziege Franzi. Fell, niedliche Ziegenköpfe samt kleinen Hörnchen – so präsentiert die in Hamburg lebende Autorin und Illustratorin ihre ansonsten ganz und gar vermenschlichten Protagonistinnen. Diese tragen Kleider, stehen aufrecht auf den Hinterhufen und leben einen ganz normalen Kinderalltag. Es geht hier klar um das Wortspiel, denn die grosse Schwester Ottilie ist brandneu in der Pubertät und das bedeutet Zickenzeit.

Das ist bis auf den Schlusspointen-Streich ziemlich absehbar und wenig originell, werden hier doch vor allem die Symptome von Ottilies seltsamer Verwandlung mit kesser Stimme und luftig-bonbonfarbenen Bildern aufgezählt: Plötzlich ist Trampolin-Hüpfen für sie Babykram, stattdessen liegt sie mit Kopfhörern im Bett und hört Wummer-Musik oder blockiert stundenlang das Familienbad. Franzi und Fritzi fragen sich, warum, wittern ein Geheimnis und schnüffeln hinter Ottilie her. Natürlich geht es um den schönen Kuno, und weil der es mit der verliebten Schwester gar nicht ernst meint, tüfteln die beiden an einem Rettungsplan.

Die Kleinen als Heldinnen mit Chuzpe und gesundem Menschenverstand – das dürfte BilderbuchguckerInnen gefallen, zumal es ein paar witzige Details gibt wie den Kinofilm «Zickman» oder den Süssigkeitenladen «Zuckerziege». Davon hätte man sich mehr gewünscht! Für alle mit pubertierenden Schwestern hat diese frisch erzählte, aber konventionelle Geschichte sicher Wiedererkennungswert.

Marion Klötzer
Buch&Maus 02/21, S. 29

Nuschki
Martin Muser, Illustration: Tine Schulz
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2021, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55517-5
Schlagwörter: Abenteuer | Reisen | Tiere | Freundschaft

In drei «Kannawoniwasein»-Bänden hat Martin Muser die Abenteuer des Berliner Jungen Finn und des polnischen Mädchens Jola erzählt. Dass der Autor sonst Drehbücher schreibt, erstaunt bei seiner Vorliebe für absurdeste Situationen und sich rasant überschlagende Ereignisse sowie dem Witz in den Dialogen nicht. Mit «Nuschki» legt Muser nun ein Spin-off nach – mit einem dreibeinigen Hund in der Hauptrolle.

Die Handlung spielt sich an der deutsch-polnischen Grenze an der Oder ab. Auf dieser machten Finn und Jola im zweiten Band mit dem Jungen Antek eine Flosstour, die mit einer spektakulären Kenterung endete. Anteks Hund blieb verschwunden – ein unhaltbarer Zustand, wie der Autor in den ersten Sätzen von «Nuschki» zugibt. Also gibt er nun vor, gemeinsam mit dem Hund, der sich in Kommentaren auf den Buchseiten äussert, über dessen Erlebnisse zu berichten. Nuschki landet nämlich erst einmal auf der falschen Seite der Grenze. Doch in Gesellschaft eines alten Polizeihundes und einer geschickten Ratte gelingt es ihm, zu Antek zurückzukehren.

Der Geschichte, die sich mit ihren tierischen Figuren eher an jüngere Kinder richtet, fehlt etwas der Schwung der Trilogie. Dafür ist die reiche Bebilderung besonders: Der Autor steuert die Fotos der tatsächlichen Handlungsorte bei. Polizeistationen, Brücken, ein polnischer Garten mit Swimmingpool: Unaufgeregte Hintergründe, die von Illustratorin Tine Schulz mit comicartigen Figuren belebt werden. Diese Collagen sind nicht nur witzig und besonders durch ihre Verknüpfung von Fiktion und Realität unterhaltsam, sie verstärken auch die geografische Verortung der Handlung. Spätestens hier ist der Bezug zum Film nicht mehr zu übersehen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 02/21, S. 30

Pandekraska Pampernella
Zoran Drvenkar
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2021, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75827-9
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Erwachsenwerden | Mut/Selbstbewusstsein

«Pandekraska Pampernella» ist das dritte Buch von Zoran Drvenkar bei Beltz & Gelberg. Nach einer Kindergeschichte und einem Jugendroman kommt nun ein Kinderroman. Und was für einer!

Schon der titelgebende Name der Heldin symbolisiert die überbordende Fantasie, mit der Drvenkar sein Werk auf allen Ebenen ausstattet. Die Prinzessin zu Florin lebt im Königschloss ihrer Eltern in Saus und Braus und mit ihren 34 Ängsten, mit Köchin, Friseurin, Leibwächter, Chauffeur und eigenem Chronisten. Bonita kocht und backt ab fünf Uhr morgens. Sookie zaubert täglich neue Frisuren, ob Donut Bun, Chignon Le Chat oder Half Open Bubble Tail. Leibwächter Xien Xien Ya ist ein tibetanischer Mönch und Weltmeister im Sumo-Ringen. Chronist Don Pluto wird aus seiner Historik-Vorlesung in Oxford heraus an den Hof verpflichtet. Die Runde komplettieren Bobby B., Butler und Fahrer, und Zara Moss, Pandekraskas Patentante und Vorbild.

Das Ganze spielt keineswegs in grauer Vorzeit, es gibt Internet und Social Media. Wie im Märchen aber versuchen ein Widersacher und eine Erzfeindin mehrfach, die Heldin in ein «grand malheur» zu stürzen.

Immerzu verwoben aus Ich-Erzählungen der Elfjährigen und Berichten des Chronisten, entspinnt sich eine spannende Handlung, in der Pandekraska Pampernella versucht – in drei Anläufen und mit der Unterstützung ihrer Belegschaft –, die Angst zu überwinden, niemals eine beste Freundin zu finden.

Drvenkar ist ein märchenhaft verkleideter kluger, amüsanter, vielschichtiger Coming-of-Age-Roman gelungen, ein wildes, seitenstarkes Werk, das dem Genre alle Ehre macht.

Ina Nefzer
Buch&Maus 02/21, S. 30

Pandekraska Pampernella lebt im Königsschloss ihrer Eltern ein wildes und eigenwilliges Leben. Sie ist furchtlos, kann reiten, fechten und Bogen schiessen. Im Kampf gegen ihre
Erzfeindin und einen Bösewicht versucht die Prinzessin in diesem märchenhaft verrückten und zugleich klugen Coming-of-Age-Roman, ihre Angst zu überwinden, niemals eine beste Freundin zu finden.

Die ganze Wahrheit (wie Mason Buttle sie erzählt)
Leslie Connor
Aus dem Englischen von André Mumot
Verlag: Hanser, Publiziert: 2021, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26802-9
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing | Tod/Trauer | Krimi/Thriller

Cortland, Rome Beauty oder MacIntosh: Von Äpfeln versteht der zwölfjährige Mason eine Menge – schliesslich wächst er auf einer riesigen, wenn auch heruntergekommenen Obstplantage im Städtchen Merrimack auf. Aber mit ihm tauschen möchte man nicht. Wer will schon täglich gehänselt werden oder im Spind ein T-Shirt mit der Aufschrift «deehmlich» finden? Mason selbst! Weil er stark schwitzt, zieht er das T-Shirt gleich an. «Vielleicht fällt ja keinem auf, was draufsteht. Und wenn doch, na ja, ich sag mal so: Mir sind schon sehr viel schlimmere Sachen passiert.»

Stimmt. Mason hat früh Mutter und Grossvater verloren, dann auch seinen Freund Benny. Aber er muss noch mehr aushalten: Buchstabierwettbewerbe und Mobbing in der Schule, die ständigen Fragen des Inspektors und die «Traurig, dich zu sehen»-Blicke der Leute. Was der lernschwache Ich-Erzähler da im Plauderton berichtet, ist ein Mix aus persönlicher Tragödie und spannendem Krimi. Denn Benny ist vor zwei Apfelernten unter ungeklärten Umständen gestorben.

Masons gutmütige und unerschütterliche Art, fast allem etwas Positives abzugewinnen, überrascht und beeindruckt. Er hat auch eine spezielle Wahrnehmung: In Situationen, die er stressig findet, sieht er Schlammgrün; wenn er sich besonders wohlfühlt, Himbeerrosa. Langsam finden wir uns in seine Welt ein und erschrecken uns genauso wie er, als sich herausstellt: Er wird schon die längste Zeit des Mordes verdächtigt! Dann verschwindet auch noch sein neuer Freund Calvin – wiederholt sich jetzt alles? In diesem Roman reift Mason schliesslich zu einem selbstbewussten Helden heran. Und wir erfahren hautnah, was es heisst, wie ein Apfelbaum geerdet zu sein.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 02/21, S. 31

Undercover Robot
David Edmonds, Illustration: Bertie Fraser
Aus dem Englischen von Henriette Zeltner-Shane
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2021, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8458-3965-3
Schlagwörter: Schule | Alltag | Freundschaft | Technik

Mein erstes Jahr als Mensch

Als Dotty in die Schule kommt, ist für sie alles neu: die Mitschüler, die Lehrer, die Schulordnung. Sie lernt, Freundschaften einzugehen, und trifft auf MitschülerInnen, die ihr nicht wohlgesonnen sind. Das Besondere an dieser Geschichte, die auf den ersten Blick nach bekanntem Muster zu verlaufen scheint: Dotty ist eine Androidin, einem Mädchen nachgebildet und so perfekt konstruiert, dass niemand merkt, dass sie kein Mensch ist. Sie ist Teil eines Wettbewerbs, bei dem ihr Entwickler Forschungsgelder in Millionenhöhe gewinnen kann. Dafür muss Dotty ein Jahr lang unentdeckt in die Schule gehen. Was für Menschen manchmal ein Weg voller Stolpersteine ist, birgt für Dotty durch ihre Künstlichkeit doppelt hohe Hürden. Dabei erfährt sie Unterstützung, erlebt aber auch Misstrauen seitens eines Mitschülers, der irgendwie ahnt, dass Dotty nicht ganz normal ist. Ihr Geheimnis droht aufzufliegen. Doch Dotty weiss sich zu helfen …

Aus der Sicht eines Robotermädchens erzählt, gelingt es Fraser und Edmonds mit einer ordentlichen Prise Humor nicht nur, dem Schulalltag eine neue komische Seite abzugewinnen und die vielen Fallstricke zu zeigen, denen sich SchülerInnen insgesamt stellen müssen. Es gelingt ihnen auch, das Leben der Menschen selbst in den Blick zu nehmen. Dabei beschränken sie sich nicht nur auf äussere Lebensbedingungen, sondern zeigen, wie verwirrend kulturelle Gebräuche wie zum Beispiel das Austauschen von Weihnachtsgeschenken oder der Umgang mit Gefühlen und Versprechen sein können. Dotty wird zu einer Identifikationsfigur für LeserInnen, die erfahren, dass Versprechen manchmal auch gebrochen werden müssen und die Wahrheit nicht immer friedensstiftend ist.

Sabine Planka
Buch&Maus 02/21, S. 31

Finnja Feentochter und die sieben Gefährten
Elke Satzger, Illustration: Lena Winkel
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2021, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7641-5198-0
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy | Fabelwesen

Auf der Suche nach seinem verlorenen Smartphone gerät Leon unvermutet in eine magische Welt, in der das Reich der Feenkönigin Lynn von der grausamen Sumpfhexe Swampilla überfallen wurde. Völlig verdattert stolpert Leon mitten in den Rettungstrupp der Königin, der zu dem Zeitpunkt aus der tapferen Feenprinzessin Finnja, ihrer besten Freundin, einem unglaublich stinkenden Troll, zwei Spaidern und einem echten Helden besteht – und zu dem von nun an auch Leon gehören soll. Denn die magischen Wesen sind fasziniert vom Smartphone und hoffen, dass Leon mit seiner «Smatfo-Magie» Swampillas finstere Kräfte bändigen kann. So steckt Leon bald in einem aufregenden Abenteuer, das ihn nicht nur mit einem wehleidigen vegetarischen Drachen bekannt macht, sondern ihn bald auch über sich selbst hinauswachsen lässt.

Elke Satzger hat mit «Finnja Feentochter» ein packendes Fantasyabenteuer geschrieben, mit verzagten HeldInnen, die eigentlich erst lernen müssen, welche zu sein, und mit einer üblen Schurkin, die uns zum Schaudern bringt. Was diesen Roman aber darüber hinaus unbedingt lesenswert macht, sind die zahllosen kleinen Nebenschauplätze, die von der Autorin so wunderbar fantasievoll erdacht und benannt werden. Kreischkröten und Blutwurmlinge, Pusteblumen mit säbelscharfen Samen, bissige Glockenblumen – all das wird vor unseren Augen lebendig und lässt uns an der Seite der AbenteurerInnen erzittern. Nicht zuletzt aber trägt auch die stimmungsvolle, detailreiche Aufmachung des Buchs von Lena Winkel dazu bei, dass wir es gern in die Hand nehmen. Ein absolut empfehlenswertes Vorlesebuch für Jüngere oder zum Selbstlesen ab etwa neun Jahren.

Maren Bonacker
Buch&Maus 02/21, S. 31

Ringo, ich und ein komplett ahnungsloser Sommer
Judith Burger
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2021, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6112-7
Schlagwörter: Freundschaft | Erwachsenwerden | Geschlechterbilder

Dieser Sommer soll ein ganz besonderer in Astas Leben werden: Zum ersten Mal kann sie bei den sommerlichen Theatervorführungen ihrer Eltern auch selbst auf der Bühne stehen. Doch dann fühlt sich die fast Dreizehnjährige auf der Bühne fehl am Platz, und auch sonst in ihrem Leben stolpert sie von einer ungeschickten Situation in die nächste. Obwohl sie sich so auf ihren Sommerfreund Ringo gefreut hatte, ist es plötzlich merkwürdig anstrengend, ihm zu begegnen. Er muss in den Ferien lernen und auf seine kleine Schwester aufpassen, und Asta vermisst die Unbeschwertheit, mit der sie sonst immer gemeinsam zum See gefahren sind und Eis gegessen haben. Richtig doof aber wird es, als Ringo Zeuge einer ihrer verpatzten Theaterproben wird und für einen Moment selbst auf die Bühne geht, um ihr zu helfen. Asta merkt es sofort, und auch alle anderen Theaterleute sehen es: Ringo ist für die Bühne geboren. So ändert sich zu Astas grossem Verdruss nun auch noch die Besetzung der Rollen, und der Sommer fällt endgültig ins Wasser. Oder vielleicht doch nicht?

Mit viel Gespür für all die staksigen Unbequemlichkeiten, die ein junger Mensch zwischen Kind und Erwachsenem durchläuft, lässt Judith Burger ihre Protagonistin Asta hier von enttäuschten Hoffnungen und unbekannten Gefühlen erzählen. Ebenso aber zeigt sie Wege auf, damit umzugehen. Asta entdeckt neue Seiten an sich, und viele davon sind positiv und wegweisend. Und so schafft sie es letztlich, diesem ganzen verkorksten Sommer eine zweite Chance zu geben, ohne sich dabei ständig selbst im Weg zu stehen. Ein ruhiger, weiser und sehr lesenswerter Roman für alle, die gerade irgendwie nicht Fisch, nicht Vogel sind.

Maren Bonacker
Buch&Maus 02/21, S. 32

Echo Mountain
Lauren Wolk
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2021, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26959-0
Schlagwörter: Freundschaft | Familie/Familienformen | Natur | Umweltschutz/Klima

Ellie geht ihren eigenen Weg

Der Börsenkrach von 1929 stellt das Leben von Ellies Familie auf den Kopf. Beide Eltern verlieren ihre Arbeit, sie müssen ihr schönes Zuhause verkaufen und im Hinterland von ganz von vorne beginnen. Ellies Mutter und ihre ältere Schwester hadern mit dem neuen, kargen Leben als Selbstversorger, Ellie und ihr Vater aber fühlen sich in der Wildnis bald zuhause. Nachdem der Vater beim Holzschlag schwer verletzt worden ist und Mutter und Schwester sie für den Unfall verantwortlich machen, will Ellie nicht zuwarten, sondern ihn so rasch als möglich aus dem Koma holen. Schliesslich weiss nur er, was wirklich vorgefallen ist. Sie schmiert ihm Honig in die Wunde, schüttet kaltes Wasser über ihn, sperrt eine Schlange in seine Kammer, damit er vor Schreck aufwachen möge. Aber all das bringt ihr nichts als Ärger ein.

Auf ihren Streifzügen verschlägt es sie auf den Echo Mountain, dorthin, wo sie eigentlich nicht hingehen darf, weil die Erwachsenen glauben, dass auf dem Berg eine Hexe wohnt. Ellie aber trifft auf eine alte, kranke Frau und ihren Enkel – den geheimnisvollen Jungen, der ihr immer wieder geschnitzte Kleinodien zukommen lassen, sich aber nie gezeigt hat. Auch hier packt Ellie zu, in der Hoffnung, damit auch ihrem Vater zu helfen und nicht zuletzt sich selbst.

Ein vielschichtiges, kluges und herzerwärmendes (Vorlese-)Buch, das auch in der Gegenwart spielen könnte, über Verlust, Verantwortung und das Vertrauen in Menschen, die nicht in die Norm passen, mit einer Protagonistin, die wenig redet, dafür umso zielstrebiger handelt und dabei weiss, dass sie die Natur nicht einfach ausbeuten kann, sondern auf sie angewiesen ist zum Überleben.

Christine Tresch
Buch&Maus 02/21, S. 32

Die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre hat die Existenzgrundlage von Ellies Familie zerstört. In der Wildnis nahe dem Echo Mountain fängt sie neu an. Als der Vater schwer verunfallt, fühlt sich Ellie verantwortlich, obwohl sie keine Schuld trägt. Ihre Nähe zur Natur, eine «die Hexe» genannte Heilerin, die auf dem Berg wohnt, und deren Enkel, helfen dem Mädchen, den Vater ins Leben zurückzuholen. Eine umwerfende Geschichte über Beharrlichkeit, Vertrauen in andere und das Glück von Freundschaften.

Alles wird gut, immer
Kathleen Vereecken, Illustration: Julie Völk
Aus dem Niederländischen von Meike Blatnik
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2021, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6061-8
Schlagwörter: Krieg | Familie/Familienformen | Migration | Historisches | Tod/Trauer

Sommer 1914. Sorgenvoll blicken die Erwachsenen im belgischen Ypern Richtung Deutschland. Und versuchen gleichzeitig, Zuversicht auszustrahlen. «Alles wird gut, immer», versichert auch Alice‘ Mutter ihren vier Kindern immer wieder. Alice glaubt ihr. Ypern ist «die sicherste Ecke der Welt». Doch der Krieg kommt, Flüchtlinge «mit Wagen voller Töpfe und Pfannen, Decken und Matratzen. Männer, Frauen und Kinder», Soldaten, Stellungskrieg, Granatenhagel und Giftgas.

Die Gräueltaten des Ersten Weltkrieges als Thema für ein Kinderbuch? Warum nicht, wenn so erzählt wird, wie Kathleen Vereecken es tut: Die flämische Autorin, bekannt vor allem durch ihre historischen Jugendromane, lässt ihre junge Ich-Erzählerin leise und unaufgeregt, zuweilen fast verwundert erzählen, wie der Krieg das Leben ihrer Familie verändert: «Die Weiden waren zu Feldern voller Kanonen geworden. Die Stille verschwand aus unser aller Leben. Wagen mit verwundeten Soldaten fuhren an unserem Haus vorbei.»

Alice‘ Mutter stirbt, als sie Brot holen geht, das Bein ihres älteren Bruders wird bei einem Luftangriff von herabstürzenden Mauerteilen zermalmt, ihr Vater und die älteste Schwester erkranken an Typhus. Zuletzt muss Alice mit ihren beiden jüngsten Geschwistern allein nach Frankreich fliehen. Doch sie verliert nie den Mut, trifft am Ende sogar ihre beste Freundin wieder. «Wir lachen und reden und manchmal werden wir still. Wir sind dieselben geblieben und auch wieder nicht.»

Ein beeindruckendes, wichtiges Buch, das tief berührt, Krieg und Verzweiflung, Flucht und Verlust in einfachen, klaren Sätzen begreifbar macht.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 02/21, S. 32

Eine halbe Banane und die Ordnung der Welt
Sarah Michaela Orlovský
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2021, Seiten: 58, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-3918-3
Schlagwörter: Krankheit | Geschwister

Jugendromane über Essstörungen gibt es viele, darunter die sogenannten Problembücher mit aufklärend-therapeutischer Ausrichtung ebenso wie eindrückliche Auseinandersetzungen mit (weiblichen) Körpern und dem Gewicht, das sie haben, dem Raum, den sie einnehmen dürfen. Sarah Michaela Orlovský, die österreichische Autorin, die immer für Überraschungen gut ist, findet in ihrem neuen Roman einen ganz anderen Zugang zum Thema.

Sie erzählt aus der Sicht der kleinen Schwester, die an der Schwelle zur Pubertät zu sein scheint. Der ganze, in kurzen, rhythmischen Sätzen geschriebene Roman ist ein Monolog, ein flehentliches Anreden, ein einfallsreiches Anargumentieren gegen eine geschlossene Tür, hinter der die grosse Schwester schweigt und hungert. Der Text kommt wie Lyrik daher und lässt der Leere so auch visuell viel Raum.

Mit einer ungeheuren Wucht erfahren die LeserInnen, was dieses Schweigen eines kranken Kindes, dieser dunkle Abgrund aus Schmerz und Verzweiflung für eine Familie bedeutet.

Und doch leuchtet die kindliche Stimme der kleinen Schwester tapfer ins schwarze Loch hinein. Denn sie weigert sich zu akzeptieren, dass die grosse Schwester alles besser weiss und kann: «Ich kann zum Beispiel Hula-Hoop. / Am längsten von allen. / Ich backe die besten Kirschcremeküchlein. / Und ich weiss, wie schön du bist – – – besser als du selbst.»

Es gibt noch etwas, was sie kann, und zwar erzählen. Geschickt wechselt sie die Register, ruft gemeinsame Kindheitserinnerungen wach und schildert, wie sie das langsame Verschwinden der Schwester aus der gemeinsamen Welt miterlebt hat. Das ist traurig, und doch vibriert das Leben in jedem Satz.

Christine Lötscher
Buch&Maus 02/21, S. 33

Esther und Salomon
Elisabeth Steinkellner, Illustration: Michael Roher
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2021, Seiten: 335, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-3917-6
Schlagwörter: Freundschaft | Geschwister | Geschlechterbilder | Migration

Flippa und Aisha sind erst fünf, aber vielleicht die wichtigsten Figuren dieser Geschichte, vielmehr: dieser beiden Geschichten, jenen von Esther und Salomon, die sich für kurze Zeit zu einer Erzählung verweben. Esthers Schwester Flippa zwingt die 14-jährige Ich-Erzählerin mit ihrem ganzen Da-Sein dazu, selbst präsent zu bleiben, sich in diesen Ferien nicht ganz auf ihren Posten hinter der Kamera zurückzuziehen, während die Ehe der Eltern zerbricht. Salomons Schwester Aisha erinnert sich nicht an das Davor, das Salomon und seine Mutter verfolgt; sie zelebriert mit Flippa den Moment: «Dann stehen sie, / von oben bis unten mit Sandmatsch beschmiert, / vor ihrem Bauwerk / und gestikulieren wild – / vermutlich planen sie, / wo welche Prinzessin / ihr Zimmer haben soll […].»

Es ist ein Strand im Nirgendwo, und Esther und Salomon leben in weit entfernten Irgendwos. Salomon ist, das erfahren wir in der zweiten, aus seiner Perspektive erzählten Hälfte von Elisabeth Steinkellners Versroman, von nochmal Anderswo übers Meer gekommen, in einem Boot voller Menschen, die nicht alle das Festland erreichten. Nichts verbindet die zwei also – bis auf die kleinen Schwestern, die Unterschiede für faszinierend oder empörend, in ihrem Zusammensein aber für belanglos halten. Verbindend wirkt die Sehnsucht, mit dem und im jeweils anderen eine Gegenwart zu leben, in der weder Gestern noch Morgen zur Sprache kommen müssen. Trotz ihres scharfen Blicks auf die Welt und ihrer Versuche, sie in der eigenen Sprache (neu) zu erzählen – Esther in Polaroids, Salomon in Zeichnungen –, sind diese Teenager (noch) keine AutorInnen ihres Lebens. Elisabeth Steinkellner und Michael Roher aber gelingt es einmal mehr, vom Weg dorthin in aller Vielstimmigkeit zu erzählen.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 02/21, S. 33

Hier die 14-jährige Esther, die verzweifelt ist, weil ihre zerstrittenen Eltern im Urlaub die Beziehung zu retten versuchen. Dort Salomon, den Esther am Strand kennenlernt. Im ersten Teil des Buches erzählt Esther, im zweiten Salomon, auch von seiner traumatisierenden Vergangenheit als Flüchtling. Dieses berührende Porträt zweier Jugendlicher, die einen völlig verschiedenen Hintergrund haben und aneinander Halt finden, fasst Elisabeth Steinkellner in eine poetische Sprache, die tief in die Seelenwelten der Hauptfiguren blicken lässt.

Das Glück wartet nur bis um vier
Kate O'Shaughnessy
Aus dem Englischen von Barbara Lehnerer
Verlag: dtv, Publiziert: 2021, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76320-2
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft | Familie/Familienformen | Reisen

Maybelle Lane lebt mit ihrer Mutter in einem Wohnwagenpark. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt, lediglich sein Lachen ist ihr von einer alten Nachricht auf dem Anrufbeantworter vertraut. Eines Tages hört sie dieses Lachen im Radio und erfährt, dass ihr Vater als Radiomoderator arbeitet und zusammen mit seinem Sender einen Gesangswettbewerb veranstaltet. Maybelle meldet sich an, weil sie ihren Vater endlich treffen will.

Ein abenteuerlicher Roadtrip nach Nashville beginnt, bei dem nicht nur Maybelle über sich hinauswächst, sondern auch ihre BegleiterInnen. Denn nicht Maybelles Mutter fährt mit ihr nach Nashville, sondern die Nachbarin Mrs Boggs, Lehrerin an Maybelles Schule, und Tommy, ein Junge aus der Nachbarschaft. Als Pickle, ein kleiner Dackel mit Handicap, zu der Gruppe stösst, multiplizieren sich die Turbulenzen. Maybelle gewinnt den Gesangswettbewerb am Ende zwar nicht, und auch die Begegnung mit ihrem Vater verläuft ganz anders als erträumt, aber sie hat neue FreundInnen gefunden, die sie in ihrem Alltag begleiten. Und sie hat gelernt, auf wen sie sich wirklich verlassen kann.

Kate O’Shaughnessy nutzt in ihrem Erstlingswerk das klassische Erzählmuster der Road-Novel, um die LeserInnen mit den ProtagonistInnen vertraut zu machen, die sich zunehmend als Identifikationsfiguren entpuppen. Je weiter die Reise voranschreitet und je mehr sie erleben, desto mehr offenbaren sie von sich selbst, von ihren Sorgen und Ängsten, aber auch von ihren Wünschen und Träumen – und sie lernen, sich Dinge zuzutrauen, die ihnen vorher unmöglich erschienen, und so Probleme anzupacken.

Sabine Planka
Buch&Maus 02/21, S. 34

Zwischen uns tausend Bilder
Neda Alaei
Aus dem Norwegischen von Stefan Pluschkat
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2021, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-20272-5
Schlagwörter: Krankheit | Familie/Familienformen | Tod/Trauer

Bücher, in denen Kinder oder Jugendliche über das Zusammenleben mit psychisch kranken Eltern erzählen, gibt es einige. «Zwischen uns tausend Bilder» von Neda Alaei geht weiter. Die junge norwegische Autorin arbeitet hauptberuflich als Sozialarbeiterin und hat Erfahrungen aus ihrem Berufsalltag in ihr beeindruckendes Romandebüt einfliessen lassen. Authentische Schilderungen und eine feine Figurenzeichnung zeugen davon.

Mit viel Gespür für Gefühle und Stimmungen lässt Alaei die vierzehn Jahre alte Sanna aus der Ich-Perspektive erzählen: Mie, beste Freundin seit Kindertagen, hat eine neue beste Freundin gefunden. Und der Vater findet nach dem Tod von Sannas Mutter nicht mehr aus seiner Trauer heraus. Während Sanna stark zu sein versucht, einkauft, kocht, wäscht, putzt und zur Schule geht, sitzt er tagein, tagaus mit leeren Augen am Küchentisch oder schreibt Botschaften auf kleine Zettel.

Im Schrank ihrer Mutter findet Sanna eine Kamera, die sie zu ihrem 14. Geburtstag geschenkt bekommen sollte. Während ihr Vater immer mehr «in den Wörtern verschwindet», zieht sie mit Yousef, der neu an ihrer Schule ist, durch die Stadt und fotografiert. Yousef hat nicht nur «die braunsten Augen im Universum», er kennt auch viele interessante Orte und sieht «die wichtigen Dinge». Dazu gehört auch, dass Sanna und ihr Vater Hilfe brauchen. Als die Situation Sanna mehr und mehr überfordert, ist er für sie da. Genauso wie ihre Lehrerin und die Mitarbeiterinnen des Jugendamts.

Eine neue starke Erzählstimme aus Norwegen, die authentisch und berührend davon erzählt, dass es im Leben nicht darum geht, gut zu sein, sondern vor allem mutig.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 02/21, S. 34

Elchtage
Malin Klingenberg
Aus dem Schwedischen von Anu Stohner
Verlag: dtv Reihe Hanser, Publiziert: 2021, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64076-3
Schlagwörter: Abenteuer | Natur | Tiere | Freundschaft

Seit den Sommerferien ist vieles anders. Johanna geht jetzt auf die Mittelstufe, und ihre beste Freundin Sandra hängt plötzlich lieber mit der hippen Victoria und ihrer Clique ab. Nichts für Johanna, der Äusserlichkeiten nicht so wichtig sind, und die keine Lust hat, in den Pausen die älteren Jungs anzuhimmeln. Da bleibt sie lieber für sich und verbringt Zeit in ihrer Hütte im Wald. Hier kann sie in Ruhe chillen, lesen, Musik hören, ihren Gedanken nachhängen und die beiden Elchkühe beobachten, die seit einiger Zeit zum Trinken an den nahen See kommen.

Kaum hat Johanna sich an die Gesellschaft von Wildstern und Gun-Maj gewöhnt, steckt sie auch schon mitten in einem gefährlichen Abenteuer, in dem eine Gruppe Elchfänger, eine übermotivierte Umweltaktivistin und ein geheimnisvoller, fremder Junge entscheidende Rollen spielen. Mit Hilfe von Six, der Johannas Herz rasch schneller schlagen lässt, und ihrer Tante, auf die sie im entscheidenden Moment zählen kann, gelingt es Johanna, zwei Elche aus den Händen der Tierfänger zu befreien und an einen sicheren Ort zu bringen. Und mit Amanda und Sebastian findet sie auch in der Schule zwei neue Freunde.

Einfühlend und humorvoll erzählt Malin Klingenberg in ihrem ersten Jugendbuch von einem naturverbundenen Mädchen auf der Stufe zwischen Kindheit und junger Frau. Die Übersetzung von Anu Stohner, für ihre Übertragungen aus dem Schwedischen vielfach ausgezeichnet, ruckelt hier und da etwas, aber Johanna ist ein so sympathisches, taffes Mädchen, das mutig den eigenen Weg geht, dass man darüber gerne hinwegliest. Ein unterhaltsamer Sommerroman aus Schweden für alle, die wie Johanna gerne Zeit in der Natur verbringen.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 02/21, S. 35

Moni heisst mein Pony
Andrea Gerster, Illustration: Lika Nüssli
Verlag: SJW, Publiziert: 2021, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0236-0
Schlagwörter: Alltag | Sprachspiel | Identität/Individualität | Humor/Komik

«Ich buche, du buchst, er/sie/es bucht, wir buchen, ihr bucht, sie buchen. / Ich wurm, du wurmst, er/sie/es wurmt, wir wurmen, ihr wurmt, sie wurmen.» So beginnt der Text «Bücherwurm und Leseratte» in Andrea Gersters und Lika Nüsslis «Moni heisst mein Pony», einer Sammlung von Spoken-Word-Texten und Cartoons, die vor witzigen Einfällen und treffenden Beobachtungen nur so sprühen. Begleitet wird das Spiel mit den Wörtern Bücherwurm und Leseratte von einer Illustration dieser Tiere, die, mit Brille und ineinander verschlungen, sich gegenseitig die Bücher halten. Farbige Punkte und Striche scheinen das Rauchen der Köpfe zu versinnbildlichen.

Text und Bild sind unmittelbar aufeinander bezogen und gehen jeweils von einzelnen Stichworten aus, die auf Alltagserlebnisse der jungen Ich-ErzählerInnen Bezug nehmen. Das Spiel mit dem «Spoken Word» nimmt rhetorische Stilmittel wie Anapher, Alliteration oder Reim auf; das Ausgangswort wird variiert, fragmentiert und immer wieder neu kombiniert. Die Texte erhalten eine Rhythmisierung, die dem Wortklang eine zentrale Bedeutung zuweist – wir springen von Wort zu Wort, von Bild zu Bild, werden von ihrem Tempo mitgezogen. So wird die mit Verliebtsein assoziierte Farbe Rot rückwärts gelesen und über das Wort «Tor» mit Deutschland verknüpft, wo man «Tor» statt «Goal» sagt. Und der Junge Urs wird von allen «Wurscht» genannt, da er stets die Mitte (von «W-urs-cht») ist, aber auch ein mittelgrosser, -mässiger Schüler der Mittelstufe.

Die rasante Prosa und die frechen Zeichnungen bringen die LeserInnen immer wieder zum Schmunzeln und überzeugen nicht nur durch die originelle Weise, in der sie alltägliche Themen verhandeln, sondern auch durch eine ganz eigene Poesie, die lange nachhallt.

Sarah Eggel
Buch&Maus 02/21, S. 35

Fröhlich-frech und höchstens eine Seite lang sind die Texte in diesem SJW-Heft – und ganz nah am Schul-, Sprach- und Lebensalltag von Kindern. Da geht es um Kaugummi in den Haaren, um Finken und Mathe und Verliebtsein, oder, auch mal in etwas gedämpfter Stimmung, um Papas neuen Schatz. Jeder dieser Texte, die ihren Rhythmus und Witz vorgetragen am besten entfalten, wird von einer ebenso auf den Punkt gebrachten Illustration mit wenigen Farbtupfern begleitet.

Warten auf Wind
Oskar Kroon
Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat
Verlag: Hummelburg, Publiziert: 2021, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7478-0035-5
Schlagwörter: Freundschaft | Generationen | Familie/Familienformen | Natur | Umweltschutz/Klima

«Jetzt ist das Meer meine Rettung. Auf dem Meer kann man verschwinden.» Oskar Kroon verleiht der 12-jährigen Vinga eine Stimme, der man gerne lauscht. Zudem kann man sich für einige Stunden auf eine Insel im Norden zurückziehen, wer möchte das nicht? Das Meer rauschen hören, am Boot die alte Farbe abschleifen, vom Grossvater – der liebevoll und mit einem knorrigen Humor gezeichnet wird – Rhabarbersaft eingeschenkt bekommen. Die Gründe, weshalb Vinga die ganzen Sommerferien ohne Eltern verbringt, entrollen sich nur allmählich. Sie sind zwar wichtig, aber viel wichtiger ist die Gegenwart. Vinga erzählt, was sie tut und denkt, beobachtet und lernt. Von der Tiefe des Meeres, von den Gefahren auch, die von den Gezeiten ausgehen – mehr aber noch von den Menschen selbst, die unachtsam den Plastikabfall am Strand lassen, der bis in die Bäuche der Meeresbewohner gelangt.

Vinga ist glücklich, dass sie hier sein darf, im Gegensatz zur gleichaltrigen Rut, die eines Tages aus dem Nichts auftaucht. Und wieder in den Hinterräumen des Ladens ihrer missmutigen Oma verschwindet. Aber sie kommt wieder. Steht da, hat sich lautlos vom Felsen zum Strand hinuntergleiten lassen. Vingas Herz beginnt plötzlich unverschämt zu pochen, sie kann nicht einordnen, weshalb.

Diese Geschichte ist wundersam zart und kräftig zugleich, wie die Farben des Meeres, die sich im Licht verändern. Vinga lernt in diesem Sommer sich selbst kennen und vertrauen. «Wir gewöhnen uns an alles – ausser an Steine im Schuh», sagt Opa und übernimmt in einem wichtigen Moment das Steuer auf der Fähre, die in einen Sturm geraten ist. Vinga und Opa müssen mitten aus den Sommerferien zurück aufs Festland. Warum, sei hier nicht verraten.

Ruth Loosli
Buch&Maus 02/21, S. 35

Dunkelnacht
Kirsten Boie
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2021, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0053-0
Schlagwörter: Historisches | Mut/Selbstbewusstsein | Krieg

Im April 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, weiss im kleinen Ort Penzberg kaum jemand mehr, was recht und unrecht ist. Verunsicherung folgt auf den veränderten Ton im einzigen Radiosender, der legal empfangen werden darf. Er klingt jetzt wie Feindpropaganda und wird vorsichtshalber leise gedreht. Die Amerikaner stünden vor den Städten, heisst es; die Bürgermeister, die 1933 abgesetzt worden waren, seien wieder ins Amt zu bringen, um für Frieden und Ordnung zu sorgen. Nur wenige Stunden vor Eintreffen der Amerikaner will Hans Rummer tun, was richtig ist: das Bergwerk des Ortes vor der von Hitler angeordneten Sprengung bewahren, die Bergleute vor dem sicheren Tod. Die Kriegsgefangenen will er schützen, damit sie nicht im Durcheinander des Kriegsendes noch hingerichtet werden. Ihn indes schützt niemand. Die Amerikaner sind noch nicht im Ort, Hans Rummers Handeln gilt in den Augen der Hitler-Getreuen als Wehrmachtzersetzung. Auf diese steht die unverzügliche Hinrichtung. Doch wer hat nun das Sagen? Wer entscheidet, und welchen Befehlen ist Folge zu leisten?

Kirsten Boie ist über ein kleines Stück verdunkelte Geschichte gestolpert und verbindet in einer beklemmend ehrlichen Novelle die Erlebnisse dreier fiktiver Jugendlicher mit den historisch belegten Schicksalen der Menschen, die in den letzten Stunden des Krieges sinnlos ermordet wurden. Die Auswirkungen einer unguten Mischung von Unsicherheit, Verzweiflung und Verblendung begreifen wir nahezu schmerzhaft, fragen uns beständig, wie blind oder mutig wir wohl selbst gewesen wären. Kirsten Boie versteht es meisterhaft, zu erzählen, ohne anzuklagen. Sachlich, ohne Pathos, und doch so berührend. Ein grandioses Buch!

Maren Bonacker
Buch&Maus 02/21, S. 36

Fürchtet uns, wir sind die Zukunft
Lea-Lina Oppermann
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2021, Seiten: 291, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75580-3
Schlagwörter: Freundschaft | Schule | Musik | Zukunft

Der achtzehnjährige Theo Sandmann – ein richtiger Klassik-Nerd – wird auf der renommierten Musikakademie im Fach Klavier aufgenommen. Von einem Tag auf den anderen sieht er sich zahlreichen Herausforderungen und manch unüberwindlich wirkender Hürde gegenüber. Da ist der Dozent, der Theos Musikverständnis von Grund auf hinterfragt, da ist Frau Leis, die Gehörbildung wie Leistungssport unterrichtet. Da sind die anderen KommilitonInnen mit ihrem Ehrgeiz und ihren Spleens, zwischen denen Theo sich seinen Platz erst erkämpfen muss. Und da ist Aida, die Schauspielschülerin mit dem rasierten Schädel und den wechselnden Perücken, die an der Akademie eine geheime Gruppe aufsässiger Studierender führt. Ausgerechnet zu Aida, die in ihren visionären Reden die Machtstrukturen der Bildungsinstitution anprangert und eine Revolution unter den angehenden KünstlerInnen anzetteln will, fühlt sich der zurückhaltende Theo hingezogen. Bald schon ist er williges Mitglied der «Zukunft» und beteiligt sich an den nächtlichen Protestaktionen der Gruppe. Doch das berauschende Gefühl, Teil einer auserwählten Gemeinschaft zu sein, steigt Theo zu Kopf. Er schläft kaum noch, übt nicht mehr, getrieben von Aidas wilden Phantasmen. Dass sie sich letztlich nur ein perfides Spiel für Theo ausgedacht hat, erfährt er gerade noch rechtzeitig.

Auch in ihrem zweiten Roman gelingt es der Berliner Jungautorin Lea-Lina Oppermann, für Jugendliche brisante Themen – wie Selbstzweifel, Zukunftsängste, Ausbruch aus familiären, sozialen Strukturen, Kreativität und Engagement für die Gesellschaft – zu einer dichten Handlungsspirale zu verweben. Schade, dass ihr die Charaktere eine Spur zu extrem, zu unnahbar geraten sind und die Motive der Figuren weitgehend unklar bleiben.

Alice Werner
Buch&Maus 02/21, S. 36

Mats & Milad
Eva Rottmann
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2021, Seiten: 233, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96428-096-1
Schlagwörter: Liebe | Geschlechterbilder | Migration | Rassismus

Oder Nachrichten vom Arsch der Welt

Der erste Jugendroman der in Zürich lebenden Autorin und Theaterfrau Eva Rottmann beginnt furios. Die Ich-Erzählerin Mathilda, Mats, stösst einen Jungen, der auf den Geleisen steht, vor einem herannahenden Zug vom Bahntrassee. Milad, dem sie auf diese dramatische Weise zum ersten Mal begegnet, wollte sich nicht umbringen, sondern einfach wissen, wie das ist, «wenn man wieder mal so richtig merkt, dass man lebt». Dieses Gefühl kennt Mats sehr gut. Seit sie mit ihrer Mutter aus Berlin in die Provinz gezogen ist, ist sie völlig von der Rolle. Sie findet das Dorf spiessig, und statt in der Schule als der coole Neuzugang aus der Grossstadt umgarnt zu werden, setzt sie sich gleich in die Nesseln und wird fortan vom angesagtesten Mädchen in der Klasse fertiggemacht. Mit Milad, dem Automechaniker mit Migrationshintergrund, ändert sich nach diesem Rencontre auf den Schienen alles. Er kümmert sich nicht um das, was andere reden, ist witzig, kann zuhören und sich in Mats einfühlen.

Unterfüttert wird diese komische und doch authentische Geschichte einer ersten Liebe mit einem aktuellen politischen Thema. Im Sportzentrum am Rande des Dorfes sollen AsylbewerberInnen untergebracht werden. Die Stimmung ist aufgeladen und die rechtsradikale Szene, darunter auch Jugendliche, die Mats gut kennt, zu allem bereit. Mats muss Stellung beziehen. Das wird für sie und Milad richtig gefährlich.

Eva Rottmann versteht es, rasante und humorvolle Dialoge zu schreiben, nah an der Alltagssprache von Jugendlichen. Da wird die Theaterautorin sichtbar. Der Roman bietet viel Diskussionspotenzial für Jungs und Mädchen und eignet sich darum auch als Vorleselektüre auf der Oberstufe.

Christine Tresch
Buch&Maus 02/21, S. 36

Mats begegnet Milad auf einem Bahnübergang. Er steht auf den Geleisen und wartet auf den nächsten Zug. Sie zerrt ihn mit einem Sprung von da weg, dabei wollte Milad nur das Leben spüren. Mit Milad fühlt sich Mats’ Leben am neuen Wohnort nicht mehr so falsch an und die mobbenden Mitschülerinnen können sie mal. Eine zügige Coming-of-Age-Geschichte mit rasanten Dialogen und politischem Hintergrund, denn Mats und Milad wehren sich mit anderen gegen rechtsradikale Jugendlichen im Ort und geraten in Gefahr.

Rückwärtsland
Henning Wagenbreth
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2021, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0646-1
Schlagwörter: Krieg | Zukunft | Humor/Komik

Schrill und ein bisschen düster sind die Bilder des Berliner Grafikers und Comiczeichners Henning Wagenbreth, der mit «Der Pirat und der Apotheker» für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2012 nominiert war. In «Rückwärtsland» tummeln sich auf dicht bepackten Tableaus mit knalligen Filzstiftfarben und viel schwarzer Konturlinie glubschäugige Androiden, immer im Seitenprofil, immer in einer zweidimensionalen Reissbrett-Welt aus Strichen, Ecken und Kanten. Denn was für den vergleichbaren Künstler ATAK die florale Ornamentik ist, ist für Henning Wagenbreth grafische Strenge im Spagat zwischen DDR-Ästhetik und Underground-Comic.

Betrachtet man dieses Buch mit der humorlosen Brille gängiger Kinderbuch-Illustration, dann ist es so sperrig wie verstörend. Nicht nur weil statt kindlichen Lebenswelten Fabriken und Krieg dargestellt sind, stellt sich die Frage: Wie kommt das bei der Zielgruppe an? Das Gedankenexperiment und dessen Umsetzung sind jedenfalls spannend: Ausgehend von der lustigen Kindheitserfahrung rückwärts geguckter Super-acht-Filme, spinnt Wagenbreth hier fantasievoll weiter. Da werden viele Wörter rückwärts geschrieben («IEZILOP, ESAN, KISUM …»), und unter Überschriften wie Bankraub, Meer oder Fotoalbum gibt es schräge Geschichten in Bild und Reim: Diebe bringen das Geld zurück, Autos werden vom Schrottplatz ins Schaufenster gestellt, Schiffbrüchige hüpfen aus den Wellen, vom Sarg gehts in die Wiege, beim Fussball spielt man bis zum Null-zu-Null. – Zeitreisen, bei denen Logik und Kausalketten lustvoll gegen den Strich gebürstet werden und sich eine zweite Chance auftut.

Marion Klötzer
Buch&Maus 02/21, S. 37

Niemals
Bruno Duhamel
Aus dem Französischen von Lilian Pithan
Verlag: avant, Publiziert: 2021, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96-445048-7
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima | Generationen | Natur

In Bruno Duhamels Comic-Album prallen zwei Perspektiven aufeinander, wobei die Folgen der Klimaerwärmung den Anlass sowie die dramatische Kulisse bieten.

In einem kleinen Fischerdorf in der Bretagne lebt die alte Madeleine. Schon über neunzig und seit Geburt blind, meistert sie das Leben in ihrem kleinen Haus direkt an der Küste gut allein. Trotz dem Drängen des Bürgermeisters weigert sie sich standhaft, ins Altersheim zu ziehen. Niemals will sie ihr Häuschen verlassen – sehr zum Entsetzen der Amtsträger. Denn der Untergang steht buchstäblich vor ihrer Tür: Jede Nacht erodieren ein paar Meter Land, und es ist nur eine Frage der Zeit, ja von Tagen, bis ihr Haus ins Meer rutscht. Der etwas kleingeistige Bürgermeister sorgt sich im Grunde weniger um Madeleine als um seinen Ruf und die juristische Belangbarkeit, wenn er dies geschehen lässt. So versucht er sie sogar mit einem Trick aus dem Haus zu locken, den sie aber durchschaut – die Auseinandersetzung droht absurde Auswüchse anzunehmen. Dabei ist die Gefahr Madeleine wohlbewusst, nur lässt sie sich davon nicht beeindrucken und geht weiter ihren Alltäglichkeiten nach. In der Nacht stürmt es so, dass man die Alte gegen ihren Willen retten will. Schliesslich lässt sie sich auf ein Gespräch mit einem der Feuerwehrmänner ein. Ihm erzählt sie ganz ohne Pathos, warum sie gewillt ist, mit ihrem Haus unterzugehen.

In den klaren Strichen der frankobelgischen «ligne claire» lässt Duhamel mit satirischem Blick Sicherheitsdenken und Selbstbehauptung eindrücklich aufeinanderprallen und bietet so viel Stoff zum Nachdenken. Mit der unbeugsamen alten Madeleine hat er eine eindrückliche Protagonistin geschaffen, die einem lange im Gedächtnis bleibt.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 02/21, S. 37

Unbeugsam: Das ist die alte Madeleine. Mit über neunzig Jahren und trotz Blindheit weigert sie sich standhaft, ins Altersheim zu ziehen. Niemals will sie ihr Haus an der bretonischen Küste verlassen. Zum Entsetzen der Nachbarn, denn der Untergang steht wortwörtlich vor der Tür: Die erodierende Küste frisst jede Nacht ein paar Meter Land weg, Madeleines Garten ist schon dahin. In klaren Linien lässt Duhamel mit satirischem Blick Sicherheitsdenken und Selbstbehauptung aufeinanderprallen.

Kuckuck, ich bin wieder da!
Daniel Fehr, Illustration: Luigi Olivadoti
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0778-0
Schlagwörter: Gefühle | Spiel | Tiere | Natur

Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen kehrt der Kuckuck aus seinem Winterquartier in der afrikanischen Savanne in seinen heimischen Wald zurück. Nach dem mehrere tausend Kilometer langen Flug ist er ganz flattrig vor Aufregung, seinen Freunden von den neusten Abenteuern zu berichten. «Kuckuck! Ich bin wieder da!», ruft er voll Vorfreude in den Wald. Doch nichts rührt sich. Keiner seiner Freunde lässt sich blicken. Der Kuckuck beschliesst, jedem Einzelnen von ihnen einen Überraschungsbesuch abzustatten. Aber die Maus, die in einem alten Gummistiefel wohnt, ist nicht da. Auch der Hirsch liegt nicht auf seiner Lichtung. Je mehr Wohnungen, Nester und Höhlen der Kuckuck auf der Suche nach seinen Freunden abklappert, desto enttäuschter und wütender wird er. Wieso erwartet ihn niemand? Warum sind ausgerechnet heute alle ausgeflogen? Verdrossen macht er sich auf den Heimweg zu seinem Kuckucksuhrhaus – wo den völlig verdutzten Vogel eine rauschende Willkommensfeier erwartet. Dass sich das Partyspektakel hinter der (aufklappbaren) Doppeltür des Vogelhäuschens befindet, verstärkt den Überraschungseffekt noch.

Die leicht verständliche, dynamische Geschichte, die nach dem Prinzip des beliebten Kuckuck-da!-Versteckspiels funktioniert, lebt von seinem emotionalen Helden. Die Gefühlsachterbahn, die der Kuckuck bei seiner Rückkehr durchlebt, ist Kindern so vertraut, dass sie sich dem Gefiederten ganz nahe fühlen können. Leicht zugänglich sind auch die expressiven, leuchtstarken Buntstiftzeichnungen, die Persönlichkeit und Gefühlswelt des Kuckucks eindrücklich wiedergeben. Eine klare Leseempfehlung – auch schon für deutlich jüngere Kinder.

Alice Werner
Buch&Maus 2/21, S. 27

Hey, hey, hey, Taxi!
Saša Stanišić, Illustration: Katja Spitzer
Verlag: mairisch Verlag, Publiziert: 2021, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948722-05-0
Schlagwörter: Spiel | Nonsens | Humor/Komik

Das erste Kinderbuch von Saša Stanišić gehört zwar nicht zu den allergrössten, aber doch sicher nicht zu den kleinen Kinderbüchern. Kaum schlägt man es auf, wird es noch viel grösser, denn es ist ein Spielbuch, das zum Selberdichten anregt. Es handelt sich nämlich nicht nur um eine Sammlung fantastischer Geschichten, bei denen das Taxi, das einen immer zu Beginn abholt, sich auch einmal in eine Kutsche oder ein Käserad verwandelt und einen in wundersame Welten chauffiert. Viele Geschichten sind Nonsense vom Feinsten, zum Beispiel die mit dem Käsetaxi. «Entschuldigen Sie bitte», sagt der Erzähler, «‹Ihr Taxi sieht aber megalecker aus.› ‹Ich›, sagt die Maus und knabbert am Lenkrad, ‹weiss. Aber es ist mein Taxi, nur ich darf es verspeisen.› ‹Logisch›, sage ich. ‹Fahren Sie mich bitte zum Mond.›»

Stanišićs Nonsense ist schnell wie ein Taxi mit durchgedrücktem Gaspedal und entsteht aus spontanen Assoziationen. Das ist durchaus logisch: Ein Käse sieht doch aus wie der Mond – also nichts wie los zum Mond! In solchen Erzählverfahren steckt bereits der interaktive Ansatz, denn jede Idee kann und soll in viele Richtungen weitergedacht werden – so ganz ohne mitdichtendes Kind bietet die Lektüre nur das halbe Vergnügen. Vorlesen wird zum gemeinsamen Spiel; besonders da, wo die Kinder zum Mitmachen aufgefordert werden. Mal indirekt, wenn ein Mann im Motor onomatopoetisch «Brrruff-Brufff» macht; das muss man einfach ausprobieren. Oder ganz direkt: Einmal sitzt eine Musik am Steuer, und zwar das Lieblingslied der Lesenden. Das muss natürlich gesungen werden, bevor sich das Taxi in Bewegung setzen kann. Irgendwann fährt das Erzähltaxi ganz von selbst, und das Buch kann sich im Regal ausruhen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/21, S. 30

Alle Geschichten in diesem aberwitzigen Vorlesebuch beginnen gleich: Der Erzähler steigt in ein Taxi – und findet sich in den absurdesten Geschichten wieder. Sie sprühen von Merkwürdigkeiten und schrägen Begegnungen mit Zwergen, Robotern, Giraffen und Piraten. Ihnen allen muss der Erzähler beistehen, bevor er heimkehren kann, «zurück zu dir». Die Bilder in Sonderfarben liefern ihr eigenes Feuerwerk und machen dieses Buch zum kreativen Gesamtkunstwerk, das beim Vorlesen zu eigenem Drauflos-Spinnen anregt.

Ich bin wie der Fluss
Jordan Scott, Illustration: Sydney Smith
Aus dem Englischen von Bernadette Ott
Verlag: Aladin, Publiziert: 2021, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0197-5
Schlagwörter: Behinderung | Aussenseiter:in/Mobbing | Familie/Familienformen | Natur

2008 machte der kanadische Autor Jordan Scott mit einer Gedichtsammlung auf sich aufmerksam, in der er seinen lebenslangen Kampf gegen das Stottern thematisierte. Die Erinnerungen an seine Kindheit hat er nun in ein beeindruckendes Bilderbuch einfliessen lassen. Sydney Smith («Überall Blumen», «Unsichtbar in der Stadt») hat die Geschichte mit kraftvollen Bildern ausgestattet, die tief berühren und die Gefühle des jungen Ich-Erzählers wunderbar einfangen.

«Ich bin wie der Fluss» erzählt von jenem Tag, der Scotts Leben nachhaltig verändert hat. Warum, erfahren wir in seiner sehr persönlichen Nachbemerkung. Zunächst lässt der Autor seinen jungen Protagonisten – und Smiths Bilder – sprechen: «Wenn ich aufwache, höre ich den Klang von Wörtern. Aber ich kann sie nicht sagen.» Der Junge stottert. B, K und M sind besonders schlimm. «Das B […] treibt Wurzeln in meinem Mund und umzingelt meine Zunge. Das K ist eine Krähe, die sich in meinen Rachen krallt. Das M […] malt mir ein stummes, staunendes Lächeln auf die Lippen.»

Smiths atmosphärische Bilder spiegeln das perfekt wider: Mal klar und fokussiert, mal verschwommen, wie durch einen Vorhang von Tränen, zeigen sie Szenen aus dem Alltag des Jungen, seinen verzweifelten Kampf mit Buchstaben und Wörtern – und MitschülerInnen, die sich über ihn lustig machen, bis in ihm «alles verklumpt».

Ruhe und Trost findet der Junge mit seinem Vater am Fluss. Dort, wo alles, «sprudelt, gischtet, wirbelt» erkennt er an jenem Tag: «Der Fluss ist wie ich. So spreche ich. Auch der Fluss stottert. Wie ich.» Ein Bild, das ihm von nun an hilft, mit dem Stottern umzugehen. Denn hinter den Stromschnellen ist der Fluss still und ruhig, weich und einfach wunderschön.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/21, S. 26

Autor Jordan Scott erzählt in wenigen Worten eine autobiografische Schlüsselszene. Als Kind kämpft er mit den Wörtern, die nicht über seine Zunge rollen wollen. Nach einem schlimmen Schultag nimmt ihn sein Vater mit zum Fluss, dessen Wasser fliesst, wie Scott spricht. Der schlichte Vergleich lässt Scott fortan mit seinem Handicap viel besser umgehen. Den Text hat Sydney Smith in kraftvollen Bildern mit bewussten Unschärfen illustriert – tief berührend, eindrücklich, perfekt.

Teddy ist weg
Antje Damm
Verlag: Moritz, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-411-4
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Tiere

Mit «Teddy ist weg» legt Antje Damm bereits ihr sechstes Bilderbuch in dieser Machart vor. «Der Besuch» ist dabei mit der Auszeichnung durch die «New York Times» 2018 und einer beeindruckenden Zahl an Übersetzungen das erfolgreichste.

Das dreidimensionale Arbeiten fasziniert die versierte Künstlerin nach wie vor, und ihre in sich geschlossenen Miniaturwelten sind liebevoll und detailliert ausgeschnitten, angemalt, umgesetzt und geschickt ausgeleuchtet. Beim Fotografieren lerne sie jedes Mal noch dazu. Langweilig wird es dabei nicht, denn sie ändert die Themen und variiert in der Darstellung. Diesmal geht es um einen Schreckensmoment in vermutlich fast jeder Kindheit: Das geliebte Kuscheltier ist verschwunden. Was tun? Keck sass der Teddy zu Beginn des Wochenendausflugs mit Papa auf dem Fahrersitz im roten Auto, aber nach der aufregenden Nacht voller Träume findet ihn Flo nicht mehr.

Da sich das neueste Werk bereits an Kinder ab drei Jahren richtet, hat Damm mit etwas gröberer Pappe gearbeitet und plakativer illustriert. TheatergängerInnen werden sich an Bühnenbilder erinnert fühlen, MuseumsgängerInnen an historische Dioramen. Bäume, Auto und Zelt sind in den Szenen allesamt treffgenau arrangiert und um die nötigen Requisiten ergänzt. Die Pappfiguren sind mit bunter Pastellkreide koloriert. In kurzen Sätzen wird das Wesentliche dramaturgisch gut aufgebaut, erzählt und genug Raum gelassen, um selbst beim gemeinsamen Betrachten ins Nachdenken zu kommen. Eine berührende Papa-Sohn-Geschichte, die Lust auf einen eigenen Ausflug macht. Ihr nächstes Projekt gestaltet Antje Damm mit Holz. Man darf gespannt sein.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/21, S. 26

Ein Licht im Wald
Raphaël Kolly
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2021, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0830-5
Schlagwörter: Natur | Tiere

Kollys Erstling bezaubert zunächst durch seine Gestaltung: Die Doppelseiten sind beinahe ganz in samtenes Schwarz getaucht, nur die weisse Schrift leuchtet auf der einen Seite, auf der anderen sehen wir das verschreckte kleine Tier – eine faszinierende Kombination von Zeichnung und digitaler Bildbearbeitung.

Das neugierige Kaninchen führt die Lesenden und simultan Schauenden in den Wald, wo es plötzlich dunkel wird und sich verirrt. Und schon erinnern wir uns an Situationen, in denen uns im Dunkeln mulmig zumute wurde.

Zum Glück sieht es Licht, und findet eine Art Lichtpfütze. Ob die Sonne das Licht dort vergessen hat? Das Licht lässt sich zu einer Kugel formen – und schon ist alles nur noch halb so schlimm.

Doch wären auch andere Tiere froh um ein Stück Licht: Der Maulwurf bräuchte es zum Lesen. Ein Vogel mit gefährlichen Krallen möchte seiner Freundin den Heimweg leuchten. Man staunt mit dem Kaninchen, dass sich das Licht wiederholt teilen lässt. Dabei wird es aber immer kleiner, und fast ist das Kaninchen wieder in der verzweifelten Situation vom Anfang. Doch erinnert es sich an all die schönen Dinge dieser Nacht und ist schon eingeschlafen. Als es mit der Sonne im Gesicht erwacht, verschwindet die Angst, hat doch die Nacht ihre eigene Schönheit.

Dass einige Doppelseiten fast komplett tiefschwarz getüncht sind, hält zugleich Spannung und Magie bereit. Die Worte sind dort knapp, wo die Sprache in Angstmomenten oft fehlt, und wird dort erzählend, wo die Geschichte Schwung holt in den Begegnungen mit den anderen Tieren. Eine erstaunlich gelungene Auseinandersetzung mit der Angst vor der Dunkelheit, zumal der junge Erzähler sich zugleich als begabter Illustrator (oder umgekehrt?) entpuppt.

Ruth Loosli
Buch&Maus 3/21, S. 26

Es fiel vom Himmel
Terry Fan, Eric Fan
Aus dem Englischen von Nicola T Stuart
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2021, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96428-117-3
Schlagwörter: Tiere | Natur

«An einem Donnerstag fiel es vom Himmel.»

Mit diesem geheimnisvollen Satz beginnt das neue Bilderbuch des preisgekrönten kanadischen Brüderpaars Eric und Terry Fan. Die doppelseitige Szene dazu zeigt Banales ausgesprochen magisch: Zwischen fein gestricheltem Löwenzahn in Schwarz-Weiss liegt eine verheissungsvoll bunt-schillernde Glasmurmel, wie jedes Kind sie kennt. Doch welch Sensation für die staunenden Wiesenbewohner! Marienkäfer, Stabheuschrecke oder Frosch – alle sind in heller Aufregung über dieses Wunder. Schon das ist witzig, zumal die Krabbler Hüte tragen und das seltsame Objekt nun gleich betasten, besteigen und daran lecken. Der weise Grashüpfer tippt auf einen gefallenen Stern, die Mondmotte vermutet ein verpupptes Insekt, das sie nun die ganze Nacht mit ihren Flügeln wärmt. Natürlich schlüpft da nichts!

Eine skurrile Wendung mehr nimmt diese Geschichte, als die ebenso listige wie geschäftstüchtige Spinne ein Freilichtmuseum namens WunderLand um die Murmel baut und ihren Besuchern jede Menge Blätter als Eintrittsgeld abknöpft. Der Laden brummt – bis sich eine riesige Kinderhand senkt, die Murmel schnappt und wieder im Himmel verschwindet. Was nun? Zum Glück fallen noch weitere «Wunder» auf die Wiese, und so gibt es bald neue Kunst zu bestaunen. Ein fantastisch gezeichnetes und mit viel Augenzwinkern erzähltes Perspektiven-Abenteuer, das kleine Menschen in eine noch viel kleinere Wimmelwelt entführt. Die Botschaft: Wunder sind für alle da. Am besten gleich in die nächste Wiese liegen und Augen auf!

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/21, S. 27

Die Bienenkönigin
Romana Ganzoni, Illustration: Ekaterina Chernetskaya
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-032-7
Schlagwörter: Tiere | Märchen/Fabel

Ein Märchen nach Grimm

Ein Märchen aus einer anderen Perspektive als jener des Helden oder der Heldin zu erzählen, ist eine beliebte Schreibübung für SchülerInnen. Romana Ganzoni hat diese vermeintlich leichte Aufgabe mit «Die Bienenkönigin» souverän gelöst. Zum einen hat sie ein Märchen gewählt, das eher selten (wieder-)erzählt und von dem es nicht schon zahllose Adaptionen gibt. Zum andern beschreibt sie die Geschehnisse aus der Sicht der Tiere: der Bienenkönigin, der Ameise und der Ente – der hier ein Enterich ist –, die als magische Helferfiguren dafür sorgen, dass der Dummling, «der eben kein Dummling ist», wie es explizit heisst, sein Happy-End mit der Prinzessin bekommt. Die Tiere als Protagonisten, die den jüngsten von drei Brüdern für seine Tierliebe belohnen, da er sie vor seinen zwei groben Brüdern beschützt – dies trifft gewiss den Nerv der Zeit, in der mehr Bewusstsein für Tier- und Umweltschutz gefragt ist. Ganzoni bleibt nah am grimmschen Text und verleiht ihm dennoch Aktualität; sie schafft es, den «Märchenzauber», nach dem sich doch im Grunde alle MärchenliebhaberInnen sehnen, zu bewahren. (Oft sind die besten Märchenadaptionen ja Parodien, die immer auch ein dekonstruktives Element haben.) Nur an wenigen Stellen wirkt die Wortwahl leicht gekünstelt.

Zweifellos leben Märchenbücher oft mehr von den Bildern als von den Texten. Mit sicherer Hand hat Ekaterina Chernetskaya auch die Bilder nicht mit dem Helden, sondern den Tieren im Blick gemalt; der Held ist sozusagen nie direkt zu sehen. Die bunten, ja opulenten und doch feinen Aquarelle ziehen die BetrachterInnen ins Geschehen, und auch sie verbinden visuelle Märchennostalgik mit einem frischen Wind bzw. einer frischen Perspektive.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 3/21, S. 27

Amika zeichnet eine Maus
Godi Huber, Illustration: Sandra Gujer
Verlag: Sage und Schreibe, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-9525164-3-0
Schlagwörter: Kreativität | Tiere | Fantasie

Godi Hubers Hauptfigur ist ein kreatives und selbstständiges Mädchen, Langeweile ist ein Fremdwort für Amika. Heute zeichnet sie eine Maus, die lebendig wird und sogar sprechen kann. Was noch fehlt? Na klar, eine Katze. Und schon kommt Lebendigkeit ins Spiel. Bis das Mädchen abends im Bett liegt, entstehen noch zwei weitere gezeichnete Wesen. In «Rosa und Bleistift» von Jens Rassmus (Nilpferd 2011), «Die Reise» (Gerstenberg 2015) von Aaron Becker und «Marta & ich» von It’s Raining Elephants (Atlantis 2017) etwa gab es sie schon – die Stifte, die Gezeichnetes zum Leben erwecken. Das Motiv ist nicht neu, aber wie Sandra Gujer es in ihren wilden, bewegten Bleistiftzeichnungen umsetzt, ist durchaus sehenswert. Amikas Kinderzeichnungen sind in der ganzen Wohnung über Boden und Wände verteilt. Das Mädchen hat mächtig Energie und setzt diese mit himbeerrotem Buntstift und schwarzer Wasserfarbe um. Derweil sitzen die Eltern in ihre Beschäftigungen versunken im Wohnzimmer. Die Wohnung ist Amikas Reich, in dem sie sich wohl fühlt.

Schön ist die gewählte Vogelperspektive auf alle vier Fantasiefreunde im gemütlichen Bett. Erwähnenswert ist, wie Gujer das gezeichnete Karussell vom Anfang am Ende der dialogreichen Geschichte wieder aufnimmt: Am nächsten Morgen wird es von den ausgeschlafenen Freunden in Himbeerrot und Gelb zum Leben erweckt – zumindest in der Fantasie!

Vorsatzpapier und Leinenrücken in Senfgelb nehmen den Farbtupfer von Amikas Schlafanzug geschickt auf und bilden zu den sonst eher zurückhaltend kolorierten Seiten ein passendes, stilvolles Pendant. Das Buch, zeitgleich auf Französisch erschienen, wird bestimmt das eine oder andere Kind zum Malen anregen.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/21, S. 28

Als Rigo Mäuse anpflanzte und Rosa die Leoparden erfand
Lorenz Pauli, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2021, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0831-2
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere

Fünf Jahre ist es her, dass die ersten 28 Geschichten von Rigo, dem weisen alten Leoparden, und Rosa, der kleinen Maus, erschienen sind. Jetzt ist das verspielt-philosophische Team wieder zurück, mit 31 neuen Geschichten «von grossartigen Kleinigkeiten». Und wieder setzt sich Rosa nach einem kleinen Spaziergang durch den Zoo, in dem der Leopard lebt, auf Rigos Pfote  – wo sie fast im Muster seines Fells verschwindet, so klein ist sie. Doch die Freundschaft der beiden Tiere generiert gerade deshalb so viele Geschichten, weil die beiden durch ihre Gegensätzlichkeit und ihre Lust am Hinterfragen einiges zu besprechen haben. Zum Beispiel, wie wunderbar es ist, dass sie sich nicht über ihre Freundschaft wundern müssen, weil sie diese so wunderbar normal finden. Alles, was die beiden miteinander erleben, ist alltäglich wie Herbstlaub oder ein Maschenzaun im Zoo. Zwei gelbe Ahornblätter können für eine Maus zu Flügeln werden, mit denen sie tanzen kann, und der Maschenzaun, an dem es sich gut baumeln lässt, ist auch Anlass für ein philosophisches Gespräch über die Freiheit – Platons Höhlengleichnis für Kinder.

Wie immer bei den Büchern, die Lorenz Pauli und Kathrin Schärer zusammen machen, ist auch dieses bis ins Detail gestaltet, ein Buch zum Vorlesen und zum gemeinsam Anschauen. Der Rhythmus von Text und Bild macht das Umblättern jedes Mal zu einem aufregenden Akt; manchmal sehen wir Rigo, dieses Prachtexemplar von einer Raubkatze, in Grossaufnahme, dann erscheint er, wie im Comic, plötzlich sechs Mal auf einer Doppelseite. Und dasselbe gilt für Rosa. Die es sich übrigens nicht nehmen lässt, einer Giraffe eine Frisur zu machen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/21, S. 28

Die freche Maus Rosa und der gutmütige Leopard Rigo verbringen auch in diesem zweiten Band ihre Zeit am liebsten gemeinsam. Rosa kann sich im Tierpark frei bewegen − in ausdrucksstarken Tierporträts humorvoll ins Bild gesetzt −, während die Welt von Rigo auf sein Gehege beschränkt ist. Das gibt Stoff für Gespräche, zwischen Maus und Leopard und zwischen Vorlesenden und Zuhörenden. Die 31 Geschichten für Gross und Klein sind mal etwas anspruchsvoller, mal leichter zugänglich.

Als ich mal
Joke van Leeuwen
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6060-1
Schlagwörter: Philosophie | Alltag | Abenteuer | Fantasie

Der achtjährige Deef hat den Kopf voller Ideen und das Herz am rechten Fleck. In 15 kurzen Geschichten erzählt er aus seinem Leben. Zum Beispiel von dem Tag, an dem er eine Taube fand, die er aufpäppeln und dann zum Briefeaustragen nutzen wollte. Leider hatte die Taube andere Pläne – und flog davon. Oder von jenem Schultag, an dem er ein Referat über den ausgestorbenen Java-Tiger hielt und plötzlich totgeglaubte Tiger hereinspazierte. In Deefs Erzählungen ist alles möglich. Da gibt es Strichmännchen, die lebendig werden und sich über ihr Aussehen beschweren; Königinnen, die extra im Schwimmbad vorbeikommen, um Deefs ersten Sprung vom Dreimeterbrett zu erleben, und Busfahrer, die spontan Richtung Dschungel fahren.

Die niederländische Autorin hat einen kleinen Helden geschaffen, wie ihn Kinder lieben: unverdrossen, trotzig, mutig und originell, mit feinsinniger Fantasie und Lust am (philosophischen) Unsinn. Zusammen spüren sie die grossen und kleinen Fragen unserer Welt auf: Warum kann man die Uhr anhalten, aber nicht die Zeit? Wie erfindet man etwas? Können Menschen aussterben? Und: Weiss eine Fliege, dass sie ganz klein ist? Ihre Antworten bleiben – fernab jeder pädagogischen Erklärungswut – rätselhaft und regen zum Weiterdenken an.

Kommentiert werden Deefs Alltagsabenteuer von den schrägen Kritzelbildern der Autorin und einer spielerischen typografischen Gestaltung, durch die die verschiedenen ProtagonistInnen eine eigene – mal frechere, mal nachdenklichere – Stimme bekommen. Die diversen (Hand-)Schriften helfen zudem, den Text zu strukturieren, sodass sich auch ErstleserInnen auf den Seiten leicht orientieren können. Ein heiteres Buch, das die Lust am Lesen schürt.

Alice Werner
Buch&Maus 3/21, S. 28

Die Eisreise
Thomas Tidholm, Illustration: Anna-Clara Tidholm
Aus dem Schwedischen von Anu Stohner
Verlag: dtv, Publiziert: 2021, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64085-5
Schlagwörter: Natur | Reisen | Abenteuer | Fantasie

Wenn ein Buch mit dem Nebensatz «glaube ich» anfängt, kann man sicher sein, auf den folgenden Seite eine abenteuerliche Geschichte aufgetischt zu bekommen: «Es war ein Samstag, glaube ich», erinnert sich Ida, die von der unglaublichen Reise ins Eis erzählt, die sie mit ihren Freunden Jock und Max unternommen hat. Sie ist eine dieser unzuverlässigen Erzählerinnen, welche die (Kinder-)Literatur so vielschichtig machen. Denn ganz gleich, ob sie sich alles nur ausgedacht hat oder sich so sehr in die Berichte von den Polarfahrern Fritjof Nansen und Ernest Shackleton hineingesteigert hat, denen das Buch übrigens gewidmet ist, dass sie glaubt, selbst dabei gewesen zu sein: Die Schilderungen der kleinen Ich-Erzählerin sind überaus sinnlich in den Beschwörungen der Kälte mit ihren Spielarten, dem sich ständig verändernden Eis und den Polarlichtern, «roten, blauen und grünen Flammen, die im Dunkeln flackerten». Fast glauben die LeserInnen, selbst über ein endloses Meer von Eisschollen zu wandern und die Schönheit der Polarwelt zu erleben. Besonders wundersam wird die Geschichte, als die drei, hungrig und durchfroren, eine gemütliche Hütte mit Konserven und warmen Betten finden.

Ida, Jock und Max wollten eigentlich nur am Bach spielen, doch eine Eisscholle trägt sie ans Ende der Welt, zu beiden Polen gleichzeitig mit all ihren bedrohten Schönheiten. Anna-Clara Tidholm findet eine überzeugende Bildsprache, mit der die Naturgewalten Wasser, Eis, Fels und Himmel inszeniert werden, aber eben nicht nur als Kulisse für menschliche Erlebnisse, sondern als eine Welt voll eigenwilliger Lebendigkeit, die unbedingt erhalten werden muss – in der Fantasie und in der Realität.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/21, S. 29

Drei Kinder treiben auf einer Eisscholle auf dem Fluss bis ins ewige Eis der Antarktis, wo sie nach langen Fussmärschen in einer Polarforscherhütte überwintern und erst im Frühjahr zurückkehren. Spiel, Fantasie und Traum mischen sich in diesem aus der Perspektive der Kinder erzählten Abenteuer. Besonderen Sog entwickeln die Bilder, die in zarten Farben die ungeheure Weite der Eiswüste und des Himmels über ihr darstellen.

Kaya Kompliziert
Noëmi Sacher, Illustration: Tanja Stephani
Verlag: kwasi, Publiziert: 2021, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906183-31-2
Schlagwörter: Abenteuer | Krankheit

Als Kaya in die Küche kommt, steht der Minutenzeiger schon auf der Sieben – drei Striche weiter, als er sein sollte. Dafür kann sie nichts. Seit dem Aufstehen haben sie Eisgeisterchen, Wasserwichtel und Winkelkobolde abgelenkt. Und sie musste unbedingt gestreifte Socken und einen nicht zu engen Pullover finden, damit sich ihre Zehen und ihr Hals wohlfühlen. Schnell wird klar: Die wie Pippi rot bezopfte Kaya ist kein ganz normales Mädchen. Mit ihr hat Autorin Noëmi Sacher eine Protagonistin erschaffen, deren Alltag von Zwangsstörungen geprägt ist.

Diese Zwänge sind das leitende Element der Geschichte, die aus Kayas Perspektive erzählt wird. Sie sind der Grund, warum sich Mama abends aufregt und für Kayas nächtliches Abenteuer in der zweiten Hälfte des Buches. Auf Anweisung der Drachin Jette muss Kaya den Berg Ohnimeh erklimmen und in einer Höhle ihren Dämon besiegen, bevor der Minutenzeiger wieder auf der Zwölf steht. Auf dem Weg lenken Kaya Wasserwichtel und Winkelkobolde ab, sie muss einfarbige Socken anziehen und das Jucken und Zwicken am Hals ertragen. Kaya kann es nur rechtzeitig in die Höhle schaffen, wenn sie lernt, ihren Zwängen standzuhalten. Genau das müssen auch Kinder mit Zwangsstörungen in einer Therapie lernen. Die Figur Kaya, die dies innerhalb einer Nacht schafft, kann Vorbild für diese Kinder sein und den Eltern durch ihre bildliche Erzählung die Zwänge verständlicher machen. Auch wenn die Geschichte insgesamt keine grossen Überraschungen bereit hält, schafft sie es, das Thema Zwangsstörungen kindgemäss abzubilden und dafür zu sensibilisieren. Die farbenfrohen, fantasievollen Illustrationen von Tanja Stephani helfen dabei, in Kayas Welt und ihre Wahrnehmung einzutauchen.

Nadja Eich
Buch&Maus 3/21, S. 29

Der Leuchtturmwärter und ich
Michael Morpurgo, Illustration: Benji Davies
Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Verlag: Magellan, Publiziert: 2021, Seiten: 110, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-4109-5
Schlagwörter: Krieg | Natur | Historisches | Freundschaft | Generationen

In den 1920er-Jahren segelt der fünfjährige Allen mit seiner Mutter von New York nach Liverpool. Ein heftiger Sturm lässt den Viermaster sinken. Zum Glück kann der Leuchtturmwärter alle dreissig Menschen bergen und schenkt dem kleinen Jungen eine Zeichnung. Diese begleitet Allen durch seine lieblose, einsame Kindheit und Jugend.

In einem Internat untergebracht, geben ihm zwei Talente Halt. Das eine ist das Rennen, mit dem er Strafen abgelten kann, das andere das Zeichnen. Am liebsten zeichnet er Leuchttürme und Schiffe.

Er schreibt seinem Retter Briefe, bekommt jedoch nie eine Antwort. Nach dem Schulabschluss beschliesst Allen, den Mann auf der Insel zu besuchen. Ben ist alt geworden. Er hat alle Briefe aufbewahrt – doch er kann nicht lesen. Das lernt er von Allen, während dieser von ihm lernt, einen verletzten Papageientaucher zu pflegen. Doch Allen wird bald in den Krieg einberufen.

Es sind komplexe Themen, die auf nur 110 Seiten beschrieben werden. Illustrator Benji Davies ist bekannt für seine Zeichnungen, die mit ihrer visuellen Literalität den Text erhellen. Ideal wäre, das Buch vorzulesen, um auftauchende Fragen besprechen zu können. Die Freundschaft zwischen dem Jungen und dem alten Mann braucht keine Erklärungen. Die Zeit im letzten Jahrhundert aber, die in einer knappen und klaren Sprache ungeschönt beschrieben wird, fordert die jüngeren LeserInnen heraus.

Dass der verletzte Vogel am Beginn einer neuen Population von Papageientauchern steht, bildet einen versöhnlichen Schluss. Auch Allen gründet eine Familie auf der Insel. Die Nähe zur Natur wie der Wunsch nach ihrer Bewahrung sind der Geschichte eindrücklich eingeschrieben.

Ruth Loosli
Buch&Maus 3/21, S. 29

Ein Zebra in der Schule
Gideon Samson, Illustration: Joren Joshua
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2021, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5695-6
Schlagwörter: Schule | Humor/Komik

Schulgeschichten gibt es jede Menge, für diese wurde Gideon Samson mit dem Goldenen Griffel, dem bedeutendsten niederländischen Preis für Jugendliteratur, ausgezeichnet. Zu Recht: Das Setting Schule ist hier Nebensache, vielmehr erzählen elf Kinder ihre völlig verrückten Erlebnisse – und das ganz selbstverständlich, als ob diese jeden Tag passieren könnten … Schon dieses Perspektiven-Spiel macht wach, schliesslich werden nicht Träume oder Schwindeleien präsentiert, sondern Abenteuer aus einer Parallelwelt, die den Kinderalltag des Lesepublikums mit anarchischem Witz verschieben und auf den Kopf stellen. Till Eulenspiegel lässt grüssen.

Da berichtet Imara von der eigenwilligen Neuen in der Klasse: Die heisst Zeb., will aber Ariane genannt werden und ist ein Zebra mit schwarzer Haartolle, Streifen und beweglichen Flauschmuscheln. Auf dem Weg zu ihrem Platz fegt Ariane mit dem Hinterteil erst mal die Bänke leer, in der Pause will sie unbedingt «Pferdchen» spielen, und dann erwischt die Lehrerin sie noch mit einem Klumpen Blätter im Maul. Hinreissend! Ein paar Seiten später will Eskil einen richtig tollen Witz für Ziva kaufen, hat aber wenig Geld. Billige, gebrauchte oder faule Witze gebe es hier aber nicht: «Wir sind ein Qualitätsladen», sagt der Verkäufer stolz. Zum Glück steht an der Kasse noch ein Körbchen mit Gemischtem …

Köpfe tauschen, Demos für das Weinen oder Selbstflugtickets – alle diese Unmöglichkeiten gibt es in diesen Kurzgeschichten. Die sind vielschichtig, überraschend, schräg und spannend – und von Streetart-Künstler Joshua im plakativ-expressiven Retrostil in Knallorange und Schwarz bebildert. Toll!

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/21, S. 30

Wendelin und Lila und das geheime Volk im Eulenfrost
Werner Ryser
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2021, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-312-01256-5
Schlagwörter: Abenteuer | Märchen/Fabel | Natur

Findelkind Wendelin und Lila wachsen beide geborgen beim dörflichen Arzt als aufrechte und liebenswerte Kinder auf. Sie haben viele Möglichkeiten, nur vom nahe gelegenen Eulenforst sollen sie sich fernhalten. Doch als immer wieder Bauernhöfe brennen und man die Verursacher im Eulenforst vermutet, wollen die Kinder dem Geheimnis auf die Spur kommen. In einem extra für sie gefertigten kleinen Feuerwehrauto, das ihnen als Dank für ihre Hilfe bei den Löscharbeiten geschenkt wurde, fahren sie in den verbotenen Wald und treffen dort auf eine Welt voller Wunder, die sie zudem auf die Spur von Wendelins Herkunft bringt. Sie helfen einem kleinen Wassermann, erlösen ein Gespenst, töten einen mächtigen Drachen und lernen bei ihren Abenteuern immer mehr, ihre Angst zu überwinden. So sind sie vorbereitet auf die grosse Rolle, die sie in der Welt der Elfen und Zauberwesen spielen sollen.

Werner Rysers «Wendelin und Lila» ist ein Zaubermärchen in alter erzählerischer Tradition, ohne allzu verschlungene Handlungsstränge oder übermässig packende Spannungsmomente. Die Kinder wissen von Anfang an, dass ihnen die Zauberwesen zur Seite stehen und ihnen nichts passieren wird. Ihre grösste Angst ist die vor der Strafe dafür, dass sie wegen ihres Abenteuers drei Tage nicht zur Schule gegangen sind. Ryser achtet sorgsam darauf, dass die Mädchenrolle nicht zu kurz kommt, und lässt Lila immer wieder reflektieren, dass doch nicht nur die Jungen zu Helden bestimmt sein können. Klug durchschaut sie manchen Zauber und verhilft durch eine List Wendelin zum Sieg über das Böse. Beide Kinder sind lobenswerte charakterliche Vorbilder. Wunderbar zum Vorlesen schon für Kinder ab fünf Jahren.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/21, S. 30

Ein Sommer mit Percy und Buffalo Bill
Ulf Stark
Aus dem Schwedischen von Brigitta Kicherer
Verlag: Urachhaus, Publiziert: 2021, Seiten: 285, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8251-5283-3
Schlagwörter: Ferien | Freundschaft | Humor/Komik

Mit dieser Neuausgabe macht Urachhaus ein Lieblingsbuch des vielprämierten schwedischen Autors wieder erhältlich (die deutsche Erstausgabe erschien 2006 bei Carlsen). Der Text wurde lesefreundlicher (mit roten Kapiteltiteln) gesetzt und von Regina Kehn mit ganz- und halbseitigen Bildern lebendig illustriert. So bunt soll das Werk nun auch jüngere Kinder ansprechen.

Wohl nicht zufällig heisst der Held wie der 2017 verstorbene Autor; tauchen doch nebenbei die 1950er-Jahre als Hintergrund dieser zeitlos grossartigen Freundschaftsgeschichte auf. Letzter Schultag vor den Ferien: Ulf hat gerade mit Percy Blutsbrüderschaft geschlossen, als ihm dieser verkündet, das bedeute, dass man miteinander in die Ferien fahre. «‹Aber weil ich ja nicht in die Ferien fahre, muss ich bei dir mitfahren.›» Na, das ist mal eine Ansage! Ist dieser Percy einfach unangepasst, berechnend oder wirklich ein Freund?

Der zehnjährige Ulf ist sich da auch nicht sicher und verschweigt seiner Familie den Plan lieber. Als Percy wirklich mitkommt, mischt er die eigenwilligen Inselbewohner auf – so unerschrocken wie charmant. Dem Grossvater pfeffert er die Dickmilch, der vor Wut einen Stuhl zerschlägt. Alle haben Angst: «Nur Percy wirkte nicht nervös. Er reckte das Kinn in die Luft. Da lachte der Grossvater.» Nicht nur der cholerische Grossvater, auch «das zornigste Pferd von ganz Schweden» wird gebändigt, Ulfs Schwarm Pia verliebt sich sogar in Percy. Wie ein Alter Ego ergänzt, provoziert und bestärkt Percy den schüchternen, unglücklich verliebten Ich-Erzähler und bricht alte Verhaltensmuster auf. Und weil Ulf so locker-flockig davon erzählt, ergeben sich viele überraschende und urkomische Momente.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/21, S. 30

Das goldene BMX
Katja Alves
Verlag: da bux, Publiziert: 2021, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906876-24-5
Schlagwörter: Sport | Fantastik/Fantasy | Aussenseiter:in/Mobbing | Intertextualität

Leseleichte Geschichten sind wichtig für Menschen, die weder gut noch gerne lesen und daher ungeübt sind. Wie ein solcher Text aussehen sollte, darüber gibt es verschiedene Ansichten. 2006 wurde das europäische Netzwerk «Leichte Sprache» für informative Texte entwickelt. Auf der Webseite leichtlesen.de findet man die erarbeiteten Vorgaben. Auffallend: Für einen niederschwelligen Zugang werden auch orthografische Regeln ausser Kraft gesetzt. Bei Schullektüren ist das problematisch. Noch komplexer wird es bei literarischen Texten – davon können ErstleseautorInnen ein Lied singen. Etliche Kriterien, die für dieses Textgenre erarbeitet wurden, werden unter dem Begriff «Einfache Sprache» auf Literatur im Allgemeinen bezogen, ohne dass es ein verbindliches Regelwerk gäbe.

Aufgrund strikter formaler Vorgaben den literarischen Anspruch aufzugeben - für Tom Zai vom Verlag dabux ist das keine Option: «Unsere Bücher sind einfach zu lesen, aber nicht einfach einfach.» Katja Alves’ «Das Goldene BMX» ist das erste Kinderbuch des Verlags und formal wie die dabux-Jugendbücher gehalten: geringer Seitenumfang, grosse Druckschrift, kurze Sätze, einfacher Satzbau. Die Geschichte um Nuno, der in der Schule ein Aussenseiter ist und sich Freunde wünscht, ist äusserst spannend erzählt, auch dank einer Prise Magie. Sprachlich herausfordernd ist das portugiesische Setting mit Bezeichnungen wie «Vila Nova da Gaia», «Antunes Oliviera» oder «Sergio». Ein intertextueller Verweis und drei Strichmännchen als Symbol runden – klein, aber fein – Alvesʼ literarische Zutaten ab. Wie auch in der Erstleseliteratur oder dem Projekt «LiES!» zeigt sich, dass gerade LiteratInnen in der Lage sind, aus der kleinen Form etwas Grosses zu machen.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/21, S. 31

Nuno wünscht sich nichts sehnlicher als ein BMX. Aber das können sich seine Eltern nicht leisten. Da findet er in einem Buch im Keller einen seltsamen Vertrag: Er bekommt das BMX, wenn er unterschreibt, dass der jetzige Besitzer nie mehr Rad fahren kann. Nuno geht den magischen Deal ein, muss aber bald realisieren, dass das Gefährt ihm nicht nur Freude bereitet und er andere mit seinem Tun ins Unglück gestürzt hat. Packender Lesestoff aus der neuen «da bux young»-Reihe.

Hinterhoftage
Anna Maria Prassler, Illustration: Felicitas Horstschäfer
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2021, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-256-5
Schlagwörter: Freundschaft | Krimi/Thriller | Abenteuer | Alltag

Wie ich Hannibal verlor, einen Freund gewann und der Sauerteig das alles nicht überlebte

Empathisch und mit einem feinen Gespür für Situationskomik erzählt Prassler in ihrem ersten Kinderbuch vom ganz normalen Corona-Wahnsinn: Mayas Kaninchen ist weg. Als Papas neuer Hometrainer geliefert wurde, ist es ihrer kleinen Schwester Odette vom Arm gesprungen und im Treppenhaus verschwunden. Maya will sofort hinterher, aber wie soll das gehen, wenn man eigentlich nicht raus darf und 1050 Regeln auf einmal beachten muss? Hände waschen, Abstand halten, Maske tragen … «Hannibal! Ist! Weg!», und Maya weiss nicht, wie sie ihn wiederfinden soll. Da steht plötzlich Niko vor ihr, mit dem sie «bis vor drei Tagen […] nicht einmal gross […] geredet hat». In der temporeichen Detektiv- und Freundschaftsgeschichte, in der die alte Frau D’Amico aus dem Hinterhaus bald ebenso verdächtig erscheint wie Herr Wuttke aus dem Obergeschoss, wird er zu Mayas wichtigstem Verbündeten.

Konsequent auf Augenhöhe ihrer zehnjährigen Protagonistin, lässt uns die Autorin auf die ersten Lockdown-Wochen (zurück-)blicken: auf einen Papa, der nicht als Kameramann arbeiten kann und mit Hamsterkäufen, Homeschooling und Kochen überfordert ist, und eine Mutter, die als Oberärztin im Krankenhaus arbeitet.

Mit Ich-Erzählerin Maya, der pfiffigen Odette und Niko, der mit Mutter und Schwestern in einer viel zu kleinen Wohnung lebt, hat Prassler ebenso besondere wie sympathische Kinderfiguren geschaffen, mit denen man sich gern identifiziert – weil sie sich von den kleinen und grossen Katastrophen im Pandemie-Alltag nicht schrecken lassen, immer wieder neuen Mut schöpfen und Lösungen finden, wo Erwachsene oft resignieren.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/21, S. 31

Corona-Lockdown: Mayas Vater baut den Hometrainer auf, ihre kleine Schwester kümmert sich um den Sauerteig – und ausgerechnet jetzt haut Mayas Kaninchen Hannibal ab. Rausgehen, um ihn zu suchen? Kommt nicht in Frage! Schon gar nicht zusammen mit Niko aus dem Hinterhaus, dessen Familie es mit dem Social Distancing nicht immer so genau nimmt … Ein witziges Alltagsabenteuer vor dem Pandemie Hintergrund mit viel Identifikationspotenzial.

Der Fluch der Aurelia
Cornelia Funke
Verlag: Dressler, Publiziert: 2021, Seiten: 420, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7513-0026-1
Schlagwörter: Fabelwesen | Fantastik/Fantasy | Umweltschutz/Klima

Mit grosser Ungeduld haben kleine und grosse «Drachenreiter»-Fans auf den nach längerer Pause erschienenen dritten Band der Reihe gewartet und werden nun mit einem opulenten und vor Fantasie sprühenden Roman belohnt, in dem Ben Wiesengrund und seine Wahlfamilie aus Menschen, Homunkuli, dem Koboldmädchen Schwefelfell und natürlich den Drachen einmal mehr die Welt vor bösen Einflüssen bewahren und die Fabeltiere retten müssen. Ein uraltes Wasserwesen aus der Tiefsee ist auf dem Weg an die Oberfläche. Den alten Legenden nach wird diese Aurelia Saatkapseln für neue Fabelwesen bringen. Das heisst, auch ausgestorbene Tiere könnten in unsere Welt zurückkehren. Doch fühlt die Aurelia eine Bedrohung, zieht sie sich auf den tiefsten Grund des Meeres zurück – und nimmt alle fabelhaften Kreaturen mit sich, die es auf der Welt gibt. So beginnt ein dramatischer Wettlauf mit einem Superschurken, der über Leichen geht, um seine Macht zu vergrössern. Und die Fracht der Aurelia ist unendlich kostbar…

Auch dieser dritte Band nutzt das Genre Fantastik, um uns durch die bedrohten Fabelwesen auf die bittere Realität aufmerksam zu machen, dass unendlich viele Tier- und Pflanzenarten auf dieser Welt vor dem Aussterben stehen.

Cornelia Funke lässt uns ihr neustes Abenteuer durch die Augen verschiedener Figuren erleben, was ungeübtere LeserInnen vor eine Herausforderung stellen mag; da ist der Anhang mit der Figurenübersicht hilfreich. Ein bisschen weniger Wehleid und Pathos, wie er vor allem durch den Homunkulus Fliegenbein transportiert wird, hätte dem Roman jedoch sicher nicht geschadet.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/21, S. 32

Valérie
Andrea Schütze, Illustration: Alexandra Helm
Verlag: Planet!, Publiziert: 2021, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-50691-5
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Fantastik/Fantasy | Freundschaft | Abenteuer

Die Meisterdiebin von Paris

Valérie ist keine gewöhnliche Diebin: Flink und zielstrebig bestiehlt sie die Diebe selbst, um den Menschen ihre Portemonnaies und Handys zurückzubringen. Ihre «Gabe» ist für diese Raubzüge besonders hilfreich, umgibt sie doch ein Verborgenheitszauber, der dafür sorgt, dass Beobachter auf das Mädchen im Blümchenkleid, das mit Diebesgut den Eiffelturm hochklettert, nur einen flüchtigen Blick erhaschen.

In der Parallelwelt, aus der Valérie und ihr Vater stammen, werden Kinder mit einer besonderen Gabe vom Magischen Institut der Diebe eingefordert. Sie müssen für Raoul Rabraqueur, den grausamen König der Diebe, arbeiten. Um Valérie dieses Schicksal zu ersparen, flüchtet die Familie in die andere Welt, doch nur Vater und Tochter kommen dort an. Fortan leben sie im Verborgenen, in einem winzigen Dachhaus, das hoch über den Strassen von Paris nur über eine Kletterroute erreicht werden kann.

Valéries Streifzüge, die sie durch Fenster hinaus, an Fassaden hoch und quer über Dächer führen, sind lebendig erzählt und lassen selbst schwindelfreie LeserInnen den Atem anhalten. Fahrt nimmt die Geschichte auf, als Valéries Vater eine kostbare Schatzkarte aus dem Museum entwendet. Der Überfall bringt die Polizei und auch den König der Diebe auf ihre Spur. Gemeinsam mit dem Jungen Matteo, dem sie bei einem Einbruch begegnet, schmiedet Valérie einen Plan, um Rabraqueur in die Falle zu locken. Bei einer waghalsigen Suche durch die Katakomben decken die beiden gleich mehrere Geheimnisse auf. Mit seinen aussergewöhnlichen Schauplätzen in den geheimen Winkeln und Ecken von Paris versprüht dieses Buch eine ganz eigene Magie.

Sarah Eggel
Buch&Maus 3/21, S. 32

Flink und zielstrebig bestiehlt Valérie Diebe, um das gestohlene Gut zurückzubringen. Doch als ihr Vater eine Schatzkarte aus dem Museum entwendet, ist nicht nur die Polizei, sondern auch der König der Diebe hinter den beiden her. Gemeinsam mit dem Jungen Matteo beginnt für Valérie eine wilde Verfolgungsjagd, die sie über die hohen Dächer und in die dunklen Katakomben von Paris führt.

Unsichtbar im hellen Licht
Sally Gardner
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2021, Seiten: 343, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-2854-5
Schlagwörter: Historisches | Fantastik/Fantasy | Rätsel

In jungen Jahren arbeitete die englische Autorin Sally Gardner als Kostümbildnerin am Opernhaus in Kopenhagen. Dort erhellte ein riesiger Kronleuchter den Zuschauerraum. Er wurde zum Putzen in die Kuppel eingezogen und von einer alten Frau auf Hochglanz poliert. Diese Erinnerung sowie die Legende über einen Seemann, der im Tausch gegen seine Seele zum Gehilfen eines Albatros wird, bilden den Hintergrund von Gardners neuem Jugendroman.

Im Mittelpunkt steht Celeste. Zusammen mit ihren Eltern und Angehörigen des dänischen Königshauses gerät sie in der Silvesternacht 1870 in Seenot. Auf dem Meeresgrund begegnet Celeste einem geheimnisvollen Seemann. Er stellt ihr ein Rätsel. Nur wenn sie es löst, kann sie sich, ihre Eltern und Freunde ins Leben zurückholen. Kurz danach erwacht Celeste in der Kuppel des Kopenhagener Opernhauses und kann sich nicht mehr erinnern, wer sie ist und woher sie kommt, ja nicht einmal mehr, was für eine Aufgabe ihr der unheimliche Meeresbewohner gestellt hat.

In diesem märchenhaften Thriller um eine vergangene Theaterwelt, Intrigen und wahre Freundschaft tappen die Lesenden am Anfang genauso im Dunkeln wie die Hauptfigur. Sie wird mit einer wunderbaren Tänzerin verwechselt, gerät in die Fänge einer egomanischen Opernsängerin, findet aber auch Menschen, die ihr helfen, den Zauber des Vergessens zu bekämpfen.

Nach und nach tauchen aus dem Grau Farben, Erinnerungsfetzen, Zusammenhänge auf, fügen sich die Teile dieses Mysteriums wie ein Puzzle zusammen, schafft es Celeste, dem grausigen Spiel des Seemanns ein Ende zu bereiten. Gardner ist eine grossartige Erzählerin, die historische Szenerien und fantastische Motive zu einer packenden Geschichte verwebt, die sich auch zum Vorlesen ab Ende Mittelstufe eignet.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/21, S. 32

Wie man eine Raumkapsel verlässt
Alison McGhee
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Verlag: dtv, Publiziert: 2021, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64071-8
Schlagwörter: Tod/Trauer | Gewalt | Gefühle

«Wer ist gewappnet für all den Scheiss, der einem so im Leben passiert?» Der 16-jährige Will hat mit 13 Jahren seinen Vater durch einen Suizid verloren. Dessen Suizid kam für Will völlig unvorbereitet. Um mit dieser Situation zurechtzukommen, beginnt er, willkürlich durch die Stadt zu spazieren. Beim Gehen sortiert Will seine Gedanken, die sich um seinen verstorbenen Vater drehen, aber auch um die Menschen, denen er auf seinen Wegen begegnet. Und er denkt an Playa, die er seit der Grundschule kennt und die vor einem Monat von drei Klassenkameraden vergewaltigt wurde.

Mit «Wie man eine Raumkapsel verlässt» hat Alison McGhee einen Jugendroman verfasst, der zwei ernste Themen aufgreift, seine LeserInnen jedoch nicht überfordert. Schonungslos und klar wird die Vergewaltigung von Playa genannt, ohne sich in Details zu verlieren. Ausschmückungen finden sich hier ebenso wenig wie in Wills Gedanken über den Selbstmord seines Vaters und der Frage, was ihn zu der Tat getrieben haben könnte. McGhee konfrontiert ihre LeserInnen mit den Fragen und Gefühlen, die bei Angehörigen und engen Freunden entstehen können.

Das Layout des Romans erscheint fragmentarisch, der Text wird rechtsseitig gedruckt, während linksseitig Kalligrafien zu sehen sind, die in Verbindung zu dem im Roman erwähnten Asialaden stehen. Will kauft dort asiatische Segenssprüche für Playa, die er ihr jeden Tag als Geschenk vor die Tür legt. Das Ende des Romans stimmt positiv: «‹Will›, sagte Playa, ‹du hast das mit deinem Dad überlebt, stimmt’s? Und ich werde das, was mir passiert ist, auch überleben.›»

Sabine Planka
Buch&Maus 3/21, S. 33

Es geht ja bloss um den Rest meines Lebens
Anne Hoffmann
Verlag: Magellan, Publiziert: 2021, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-5055-4
Schlagwörter: Schule | Erwachsenwerden

«Auf der Toilette hielt ich mich am Waschbecken fest und versuchte, zu Atem zu kommen. Ich schaute in den Spiegel: Mein Gesicht war rot, die Augen glasig, die Lippen zitterten. Was war los?» Elisa, die in einem Städtchen in Brandenburg zur Schule geht, ist während einer Vorklausur panisch aufs Klo gerannt. Aufs Jungsklo – wo sie von Leo entdeckt wird. So ist «Es geht ja bloss um den Rest meines Lebens» nicht nur die Coming-of-Age-Geschichte eines Mädchens, das im letzten Schuljahr nicht mehr fraglos funktioniert, sondern auch eine – erstmal – unglückliche Lovestory. Und: Elisa fängt aus Scham an zu lügen, was auch beim Lesen irritiert. Ihre beste Freundin Helena stösst sie vor den Kopf, auch ihren Schwarm Leo.

Muss sich die Heldin nur zusammenreissen, um die Prüfungen zu bestehen – wie sie und ihre Eltern hoffen –, oder stellt sie sich dem Problem? Dringende Fragen, die leider nur zögerlich beantwortet werden. Viele Anfälle und Lügengeschichten später ist die erschöpfte Ich-Erzählerin an einem Wendepunkt. Sie quält sich bis in die schriftlichen Maturaprüfungen, um endlich einzusehen: «Ich brauchte jemanden, der sagte: Ich glaube dir. Du bildest dir das nicht ein. Da ist eine Wunde […]. Du übertreibst nicht. Du bist nicht irre.» Elisa bricht die Prüfung ab und outet sich – einer der dramatischen Momente, denn Elisa ist auch die Tochter der Schuldirektorin.

Obwohl die Erzählung ihr Potenzial nicht ausschöpfen kann und immer wieder abfällt, zeigt die Geschichte, wie wichtig es ist, Betroffene ernst zu nehmen. Denn nach Panikattacken tritt oft scheinbar völlige Normalität ein. Elisa macht das ihrer Mutter schliesslich klar: «Nur weil ich nicht nach einem Notfall aussehe, heisst das nicht, dass es nicht ernst ist!» Schliesslich beginnt sie eine Therapie.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/21, S. 33

Blut und Schokolade
Peer Martin
Verlag: Dressler, Publiziert: 2021, Seiten: 480, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7513-0023-0
Schlagwörter: Rassismus | Liebe | Arbeit | Gewalt

Schokolade – das Wort allein lässt so manchem und mancher das Wasser im Munde zusammenlaufen. Um Schokolade dreht sich auch Peer Martins Jugendroman, doch statt ausschliesslich die süsse, verlockende Seite zu zeigen, gibt die Geschichte Einblick in die ökonomischen Bedingungen des Kakaoanbaus in Afrika – und die sind alles andere als süss.

Manal weiss nicht so recht, was sie nach dem Abitur machen will, und jobbt in einem traditionsreichen Schokoladengeschäft in Berlin, bis sie ein Paket mit einer Kakaobohne von ihrem Onkel aus Afrika erhält. Er lädt sie auf seine kleine Farm ein, damit sie ihre Wurzeln kennenlernt. Der privilegierten Manal wird Issa gegenübergestellt, der sich freiwillig als Sklave an eine Farm verkauft, auf der Kakaobohnen angebaut, geerntet und in westliche Länder, vor allem nach Europa verkauft werden, wo die «Europäer […] Schokolade wie die Wahnsinnigen [fressen]». Martin gelingt es überzeugend, beide Handlungsstränge miteinander zu verbinden und noch einen dritten einzuflechten, in dem Pieter, Manals Vater, die Geschichte ihrer Familie niederschreibt und dabei die Geschichte der Sklaverei innerhalb der Familie aufarbeitet.

Martins Werk ist ein Roman über Sklaverei, Ausbeutung, Rassismus und Skrupellosigkeit, aber auch über Freiheit, Genuss, die Möglichkeit, fair zu handeln, und über Liebe über kulturelle Grenzen hinweg. Dabei zeigt Martin das Geschehen aus Manals, Issas und Pieters Perspektive, wobei lediglich Issa als homodiegetische Erzählinstanz angelegt ist. Martins komplexer Roman zeigt die dunkle Seite der Schokoladenproduktion und regt zum Nachdenken an. So manche LeserInnen werden nach der Lektüre Schokolade sicherlich mit anderen Augen betrachten.

Sabine Plankar
Buch&Maus 3/21, S. 33

Sommernachtserwachen
Meg Rosoff
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Verlag: Fischer, Publiziert: 2021, Seiten: 255, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-4251-3
Schlagwörter: Sexualität | Familie/Familienformen | Liebe

Als die Familie wie in jedem Jahr am Anfang des Sommers in das krude kleine Familienanwesen am Meer fährt, freuen sich alle auf die unbeschwerte Zeit. Den Tag verträumen, im Meer schwimmen, Tiere beobachten und reiten – jedes der vier Geschwister hat eigene Vorstellungen. Das Highlight wird das traditionelle Tennisturnier aller Familienmitglieder sein, zu denen auch Cousine Hope und ihr Freund Mal zählen. Ausserdem ist als Überraschung Hopes und Mals Hochzeit ganz am Ende geplant. Doch noch etwas Unerwartetes passiert: Hopes als Hollywood-Star bekannte Patentante bringt ihre beiden gerade erwachsenen Söhne bei ihnen unter, und vor allem der sonnige Kit Godden mit der umwerfenden Ausstrahlung und der warmen Stimme bringt sie alle ganz schön durcheinander. Ein bisschen zu sehr… Und so nimmt dieser Sommer schleichend und ganz allmählich einen anderen Verlauf als erwartet und bringt «das Ende der Unschuld» mit sich.

Rosoff versteht sich darauf, ihre Leserinnen und Leser von Anfang an in ihren Bann zu ziehen. Die sympathisch-chaotische Familie, zu der neben der Ich-Erzählerin als ältester Tochter noch die 16-jährige Mattie, die etwas jüngere Tam und der kleine Alex gehören, schliessen wir sofort ebenso ins Herz wie das lavendelblaue Haus mit seinen zugigen Türmchen und Erkern. Gemeinsam mit der Erzählerin werden wir zu stillen Beobachtern, wie Kits Anwesenheit das harmonische Gefüge der Familie aus dem Lot bringt. Geheimnisse, Intrigen, unwiderstehlicher Charme – ebenso unwiderstehlich ist Rosoffs Roman, der einen faszinierenden Einblick in die Abgründe der menschlichen Psyche gibt und sich trotzdem leicht und unbeschwert liest. Empfehlenswert.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/21, S. 34

Die Nacht so gross wie wir
Sarah Jäger
Verlag: Rotfuchs, Publiziert: 2021, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-499-00574-9
Schlagwörter: Schule | Abschied | Erwachsenwerden | Freundschaft

In dieser Nacht, der Nacht der Abiturfeier, geht für Suse, Pavlow, Maja, Tolga und Bo vieles zu Ende. Die Kindheit, die Schulzeit, die Clique und die schöne Routine, nach dem Unterricht gemeinsam in der Stammkneipe abzuhängen – all das wird es am darauffolgenden Morgen nicht mehr geben. Dann sind sie, wie der Schuldirektor in seiner Abschlussrede mantraartig wiederholt hat, «ins Erwachsenenleben entlassen», zerstreut in alle Winde, jedeR mit eigenen Plänen beschäftigt. Dass diese letzte Nacht ihrer Jugend also etwas Besonderes werden muss, darin sind sich die fünf FreundInnen einig. Doch noch bevor sie überhaupt bei der «Party ihres Lebens» ankommen, eskaliert die Situation.

Wie im klassischen aristotelischen Theater beschränkt sich Sarah Jäger in ihrem zweiten Jugendroman auf eine nur wenige Stunden dauernde Haupthandlung, die allerdings kaum dramatischer sein könnte. Reihum erzählen die scheinbar besten Freunde, wie sie diese eine Nacht erleben und eröffnen dabei völlig unterschiedliche Perspektiven auf das Geschehene. Der Reiz dieser Erzählweise, die einen subtil in die Romanhandlung hineinzieht, liegt darin, dass man nicht weiss, wem von den fünfen man glauben soll. Jäger gelingt es zudem hervorragend, nicht nur die Dynamik dieser Gruppe im Ausnahmezustand realistisch zu beschreiben, sondern auch die Nöte ihrer Charaktere, die sich auf dem schmalen Grad zwischen Hilflosigkeit und Prahlerei, zwischen Rohheit und Liebeshunger bewegen, glaubwürdig darzustellen. Es kostet erzählerischen Mut, so nah an den Figuren dranzubleiben, sie in jugendlichem Slang ziemlich banale Lebenserkenntnisse verbreiten und einige hart an der Peinlichkeit vorbeischrammende, postpubertäre Handlungen tun zu lassen. Jäger, ihre geistige Mutter, nimmts mit Gelassenheit und Empathie.

Alice Werner
Buch&Maus 3/21, S. 34

Game Changer
Neal Shusterman
Aus dem Englischen von A. Helweg, P. Kurbasik, K. Lutze
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2021, Seiten: 414, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5884-2
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Rassismus | LGBTQ* | Sucht

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, alles falsch zu machen

Was wäre, wenn wir hier und da etwas Schicksal spielen könnten? Wenn wir Kleinigkeiten in unserem Leben, in der Gesellschaft «korrigieren» könnten? Wäre die Welt dann eine bessere? Eine Welt ohne Kriege, Gewalt und Vorurteile zum Beispiel, mit mehr Bildung, Gesundheit und Wohlstand für alle, mehr Natur- und Klimaschutz? Neal Shusterman spielt in «Game Changer» mit dieser Vorstellung.

Ash ist 16, weiss und leidenschaftlicher Footballspieler. Kurz: «Ein anständiger amerikanischer Hetero-Junge mit einer Vorliebe für Vaginas.» Dass sein Leben privilegierter ist, als er denkt, wird ihm erst klar, als er bei einem Footballspiel so heftig in einen Gegenspieler prallt, dass ihn das - zack - in ein Paralleluniversum katapultiert. Dort sind die Stoppschilder blau, sein Vater ist kein Autoteilehändler mehr, sondern besitzt lukrative Vitaminshops, die Ash eifrig zum Drogendealen nutzt.

Sechs Mal wechselt Ash die Realität, jeweils durch einen Crash, und jedes Mal ist die Welt eine andere: Ash führt «aus Versehen» die Rassentrennung wieder ein, ist homosexuell und in seinen Nachhilfelehrer verliebt oder Cheerleaderin und Freundin des Quarterbacks, den er für seine Rohheit eigentlich verachtet.

Rassismus, Homophobie, LGBTQ+, Drogenkriminalität, Chancengleichheit – Shusterman packt viele brandheisse Themen in seinen anspruchsvoll-unterhaltsamen Social Thriller. Es dauert etwas, bis man in der skurrilen Geschichte angekommen ist. Wer dranbleibt, wird aber mit einer packenden Story belohnt, die immer wieder neue Wendungen nimmt, spannende Perspektivwechsel eröffnet und viel Stoff zum Nachdenken bietet.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/21, S. 35

Shelter
Ursula Poznanski
Verlag: Loewe, Publiziert: 2021, Seiten: 432, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7432-0051-7
Schlagwörter: Medien

Aus einer Partylaune heraus und weil sie ein Thema für ihre Bachelorarbeit im Fach Psychologie benötigt, entwickeln Liv und ihre Freunde Nando, Benny, Darya und Till die Idee, eine Verschwörungstheorie über soziale Netzwerke im Internet zu verbreiten. Zu Beginn verläuft alles nach Plan: Ihre Verschwörungstheorie, dass Ausserirdische von Menschen Besitz ergreifen, um sich selbst neuen Lebensraum auf der Erde zu sichern, stösst zunehmend auf fruchtbaren Boden und verbreitet sich weltweit.

Die fünf FreundInnen befeuern ihre Theorie zusätzlich durch Kommentare und Bilder auf unterschiedlichen Social-Media-Kanälen, was von Liv genau dokumentiert und protokolliert wird. Doch dann wendet sich das Blatt überraschend, denn ein neuer User greift die Verschwörungstheorie auf, um sie für seine Zwecke zu nutzen. Nando, Benny, Darya, Till und Liv verlieren immer mehr die Kontrolle über das Geschehen und auch über ihr Leben.

Poznanski widmet sich in ihrem neuesten, stringent strukturierten Jugendroman einem Thema, das kaum an Aktualität eingebüsst hat. Es gelingt ihr, zu zeigen, wie schnell sich (Falsch-)Informationen im Internet ausbreiten und ein Eigenleben entwickeln können. Sie legt aber auch dar, wie schnell Menschen falschen Informationen Glauben schenken, wenn diese nicht als solche erkannt werden. Zudem demonstriert sie, wie gefährlich Falschinformationen und Verschwörungstheorien sein können, wenn sie auf wissenschaftliche Erkenntnisse treffen, die im Gegenzug nicht anerkannt, sondern geleugnet werden.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/21, S. 35

Liebe machen
Hans-Christian Schmidt, Illustration: Andreas Német
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2021, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-261-9
Schlagwörter: Sexualität

Wer die Ursprünge heutigen Verhaltens in die Steinzeit legt, will in der Regel naturalisieren, was Gegenstand von Diskussionen (geworden) ist: Was «immer schon so war», das muss ja in der «Natur» des Menschen liegen. Hinsichtlich Sexualität funktioniert das Argument aber in zwei Richtungen. So kann der Verweis auf «Natur» soziale Strukturen und Zwänge hinter hetero-hegemonialen Normen verschleiern – aber auch sozial Verpöntes normalisieren.

Mit «Das Liebesleben der Tiere» (2017) hat Klett Kinderbuch ein Sachbuch im Programm, das im humorvollen Blick auf das Treiben von Rennechse, Kragenbär & Co. alle Spielarten der Liebe feiert. Auch das Sachbilderbuch von Schmidt und Német enttabuisiert mit viel Lust am Detail eine elementare Erfahrung: Sexuelles Vergnügen wird in drolligen Paarreimen und krakeligen Bildern ausgemalt, die an Kinderzeichnungen und deren unbeschwerte Direktheit erinnern. Wenn es heisst: «und schliesslich, eher spät als zeitig, / entkleiden sie sich gegenseitig, / das heisst enthosen und entrocken / entschlüpfern und sogar entsocken», wird zu Recht enthüllt, was in der oft erstaunlich prüden aktuellen Kinder- und Jugendliteratur off-stage stattfindet. Das Enthoste selbst aber bleibt, selbst in den Höhlenmalereien, auf heterosexuellen Geschlechtsverkehr beschränkt; die «Vagina» der Höhlenfrau ist ganz auf Penetration funktionalisiert und Sex direkt mit Reproduktion verknüpft: «So war’s schon immer und so geht’s /bis heute und in Zukunft stets.» Homosexuelle Eltern sind dem Text nur eine Fussnote wert. Allerdings ist dem Verlag zuzutrauen, dass er das unverbindliche Versprechen  – «wie die sich lieben, / das sei ein andermal beschrieben» – einlöst. Gern in der Steinzeit, in der bestimmt auch lesbische Höhlenfrauen lebten.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/21, S. 35

Es war einmal und wird noch lange sein
Johanna Schaible
Verlag: Hanser, Publiziert: 2021, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26981-1
Schlagwörter: Historisches | Zukunft

Gestalterisch wie erzählerisch besitzt das Sachbilderbuch durch seine Zwitterform enormes künstlerisches Potenzial. Das spannungsvolle Vermischen fiktiven und faktualen Erzählens kündigt sich hier bereits im Titel durch die spielerische Variation der Märchenformel «Es war einmal und wird noch lange sein» an. Zugleich bietet Johanna Schaibles Erstling dem Visuellen die grosse Bühne. 2019 von 30 internationalen Jury-Verlagen als bestes unveröffentlichtes Bilderbuch ausgezeichnet, beeindruckt es gestalterisch schon beim ersten Aufblättern. Denn die beschnittenen Papierbögen der Doppelseiten werden zur Mitte kontinuierlich kleiner und visualisieren in der Form den Ablauf der Zeit und zugleich die Vielfältigkeit der Ereignisse. So ist eine eindeutige Leserichtung zwar erkennbar, aber nicht zwingend. Stattdessen wird man zum Vor- und Zurückblättern, Rückblicken und Vorausschauen aufgefordert.

Thema ist die Zeit, es geht um Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Beginnend im Erdzeitalter mit formatfüllenden Seiten - «Vor Milliarden von Jahren formte sich das Land» -, endet die Zeitlinie kleinblättrig im Falz der Buchmitte mit dem menschlichen Erleben in der Gegenwart: «Jetzt! Wünsch dir was!» Die symbolische Bedeutung der Papiergrösse legt nahe, wie die anfänglich unendlich scheinende Zeit einem kurzen Augenblick gegenübersteht, der schnell vorbei ist. In der Variation wird Zeit zugleich als verlässliche Grösse erkennbar, als Spanne und Dauer.

Die kurzen, in die kollagierten Bildseiten auf weisse Balken kopierten Sätze drehen sich neben faktischen Aussagen um das unterschiedliche Erleben, um Zukunftspläne, den Umgang mit der persönlichen Lebenszeit und regen an, darüber nachzudenken, wie jeder mit der so wertvollen Ressource Zeit umgeht.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/21, S. 35

Das Sachbilderbuch nimmt die Betrachtenden mit auf eine Reise durch die Zeit. Schaible zoomt von den Anfängen bis ins Jetzt hinein, die Bilder werden immer detailreicher, die Seiten dagegen immer kleiner. Was die Zukunft bringen könnte, verhandelt die zweite Buchhälfte durch Fragen, die zum Dialog einladen. Mit wenig Text manifestiert das Buch effektvoll wie die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft miteinander verwoben sind.

Das Buch der Labyrinthe und Irrgärten
Silke Vry, Illustration: Finn Dean
Verlag: Prestel, Publiziert: 2021, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7913-7473-4
Schlagwörter: Historisches | Reisen

Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Labyrinth und einem Irrgarten? Die beiden Wörter sind nicht synonym – in einem Labyrinth kann man sich nämlich gar nicht verirren. Silke Vry erzählt von allerlei Anlagen mit verschlungenen Wegen, von frühzeitlichen Labyrinthen bis zu Mais-Irrgärten, und der Minotaurus fehlt auch nicht. Trotzdem wirkt das Buch nicht überladen. Die LeserInnen erhalten kurze Einblicke in ganz verschiedene Epochen, und immer wieder werden die symbolischen Bezüge zur Metapher des Lebenswegs aufgenommen – ein spiralförmiges Labyrinth abzuschreiten, gilt seit Jahrhunderten als Einladung zu innerer Einkehr.

Das Thema hat zwar einen starken historischen Fokus, ist mit klaren, kindgerechten Sätzen und nur einem Hauch Mystik aber überraschend informativ. Wohl mit Blick auf jüngere Kinder, die schon selber lesen können, gibt es auch Anleitungen zum Irrgarten-Zeichnen und für Textlabyrinthe. Kleine Kästen laden zu «Gedankenreisen» über die Parallelen zu Lebens(irr)wegen ein. Es scheint einerseits seltsam, dies an Kinder zu richten, die ja erst am Anfang ihres Lebenswegs stehen; andererseits könnte das Sachbuch damit bei älteren Kindern und Jugendlichen Interesse wecken, zumal das Thema Mädchen und Jungen zu faszinieren vermag.

Die grossformatigen Illustrationen des englischen Künstlers Sean Finn machen das Buch trotz der vielen unterschiedlichen Räume und Zeiten auch visuell zu einem Ganzen. Seine grossformatigen, in kräftigen Pastellfarben gemalten Bilder wirken zum Teil wie Fantasywelten und haben hier und da etwas von Wimmelbüchern – sie laden zum Verweilen im Buch ein und dazu, sich Abenteuer auszumalen, die sich in diesen Irrgärten ereignen könnten.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 3/21, S. 36

Wie man mit Tigern spricht
Jason Bittel, Illustration: Kelsey Buzzell
Aus dem Englischen von Stefanie Ochel
Verlag: Insel, Publiziert: 2021, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-458-17947-4
Schlagwörter: Tiere

«Sprichst du Tiger?» Leider nein, dürfte die Antwort lauten. Solch imaginäre Dialoge initiiert «Wie man mit Tigern spricht» auf vielen Seiten. Das Sachbuch ist malerisch illustriert und prall gefüllt mit interessanten, manchmal nützlichen Informationen und zahlreichen «fun facts» - Informationen, die man eigentlich nicht braucht, die aber faszinieren und sich im Gedächtnis verfangen, wie «Manche Fische furzen um ihr Leben». Denn anders als der missverständliche Buchtitel suggeriert, geht es um verschiedenste Tiere und deren kommunikative Möglichkeiten. Analogien zu Wort-, Bild- und Schriftsprachen werden oft zum besseren Verständnis herangezogen – was mal hilfreich, mal weit hergeholt ist, zum Beispiel, wenn schnüffelnde Hunde wissen wollen, «wer wann wo was gepostet hat».

Die vielleicht spannendste Information begegnet einem, bevor es überhaupt losgeht, im Paratext: «Am Ende des heutigen Tages wirst du ungefähr 16 000 Wörter gesagt haben – so viel redet der Durchschnittsmensch an einem Durchschnittstag.» Hätten wir diese Wörter nicht zur Verfügung, wie würden wir uns dann verständigen? Diesen Gedanken in einem auszuführen, hätte viel für sich gehabt, um die Vorerfahrungen der kindlichen LeserInnen zu aktivieren. Und zwar bevor ihnen vielfältigste Infoblöcke kapitelweise angeboten werden zu «Sichtbaren Signalen», «Lauten und Geräuschen» oder «Elektrosignale und Berührung». So erfordert die Tiefseekommunikation die Fähigkeit, selbst Licht zu erzeugen. Man lernt Fachbegriffe wie «Infraschall», mit der Elefanten die Erde zum Beben bringen, um einander zu warnen – vor allen aber, dass viele tierische Botschaften von Menschen kein bisschen verstanden werden.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/21, S. 36

Die ganze Welt steckt voller Energie
Christina Steinlein, Illustration: Anne Becker
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2021, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75610-7
Schlagwörter: Politik | Umweltschutz/Klima | Technik

Alles über die Kraft, die uns antreibt

Die Zeitungen sind in diesen Tagen voller Mutmassungen über künftige Blackouts. Wie in der Debatte um die Klimaveränderung allgemein ist es auch beim Thema Energie wichtig, dass sich Kinder und Jugendliche nicht von Meinungen und Interessen lenken lassen, sondern mit anschaulich vermittelten, wissenschaftlich belegten Fakten vertraut gemacht werden. Christina Steinlein ist schon in «Ohne Wasser geht es nicht! Alles über den wichtigsten Stoff der Welt» ein Ökothema kompakt und doch nie plakativ angegangen. Energie ist ein noch viel komplexerer Gegenstand. Oder können Sie verständlich erklären, wie Strom entsteht und aus der Hochspannungsleitung in unsere Steckdosen kommt?

«Die ganze Welt steckt voller Energie» greift auf jeweils einer Doppelseite einen Aspekt auf: von der Stromproduktion über die Energie, die unser Körper braucht oder die Pflanzen produzieren, über fossile Brennstoffe und nachhaltige Energieträger bis zum Energiesparen. Auch politische und soziale Zugänge kommen nicht zu kurz. So thematisiert eine Doppelseite die Tatsache, dass immer noch eine Milliarde Menschen auf der Erde ohne Strom leben. Die Folgeseite rückt eine hiesige Stadtszene ins Bild und damit einen Alltag, der ohne Energie zusammenbrechen würde. Allein schon diese beiden Doppelseiten regen zum intensiven Gespräch an. Anne Beckers bunte, comicartige Illustrationen setzen nicht nur schwierige Prozesse in verständliche Bilder und Schautafeln um, in ihnen finden sich auch viele witzige Details, die junge LeserInnen abholen und zum genauen Hinschauen anregen. Ein Sachbuch für jedes Lesealter, für Schule und Bibliothek.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/21, S. 36

Die viereckige Welt der Kubixe
Éléonore Douspis
Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2021, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96428-109-8
Schlagwörter: Gewalt | Politik | Identität/Individualität

Quadratisch, praktisch, gut – so ist die Welt der Kubixe, die sie unermüdlich nach ihrem Ebenbild gestalten. Ihre Strassen, Häuser und Gärten – alles ist würfelförmig, selbst ihr Gemüse züchten sie viereckig, um es perfekt zu stapeln. Man lebt in Ultrasicherheitshäusern mit unterirdischen Bunkern, gegessen wird zwecks einheitlicher Hautfarbe ausschliesslich Grünes. Um jede Art von Individualität im Keim zu ersticken, ist die Ordnungspolizei allgegenwärtig und sanktioniert noch den kleinsten Regelverstoss. Träume vom Anderssein und Andersleben? Müssen streng geheim gehalten werden, dunkle Gedanken werden ganz einfach abgesaugt. Schöne neue Welt! Doch hinter den streng bewachten Grenzen von Kubixien lauert das runde Chaos, immer wieder werden Eindringlinge aus Flora und Fauna aufgegriffen (am schlimmsten sind die Vögel).

Mit filigranem Strich, viel Witz und Detaillust erzählt Éléonore Douspis in ihrem Comic von kleinkarierten Ordnungsfanatikern und ihrer übermächtigen Angst vor Wildwuchs. Satirisch entwirft sie so einen perfekten Spiesserkosmos, den sie in ihrer zunehmend spannenden Geschichte explodieren lässt. Denn die Kubixe gehen zu weit: Weil sich das Tierreich nicht unterwerfen will und immer wieder Elefanten ihre Plantagen plündern, planen sie eine Art Austausch: Wildtiere einsperren, dafür künstliche Tiere (natürlich eckig) aus Fabriken auswildern. Doch die Zähmung der Natur geht nach hinten los, und so gibt es bald eine grosse Revolte … Eine Hommage an die Freiheit und das Leben in all seiner Vielfalt, Warnung inklusive.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/21, S. 37

Evie und die Macht der Tiere
Matt Haig
Verlag: Der Audio Verlag, Publiziert: 2021, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-74-242069-5
Schlagwörter: Abenteuer | Tiere | Fantastik/Fantasy | Umweltschutz/Klima

Der englische Erfolgsautor Matt Haig («Die Mitternachtsbibliothek», Droemer Knaur 2021) schreibt aus Überzeugung auch Bücher für Kinder, denn sie sind seiner Meinung nach die besten LeserInnen, weil sie noch bereit sind, sich in Tagträumen zu verlieren. Für Haigs ProtagonistInnen ist die Realität oft durchlässiger als für normale Menschen. So hat auch die elfjährige Evie eine besondere Gabe: Sie kann per Telepathie mit Tieren kommunizieren. Zwar soll sie diese nicht ungefährliche Kraft nicht nutzen. Als aber ein Nachbarsjunge im Zoo in den Löwenkäfig klettert, muss sie das Raubtier überreden, von ihm abzulassen. Ihre Heldinnentat geht viral. Bald darauf verschwindet in Evies Heimatstadt Lofting («Dr. Dolittle» lässt grüssen) Haustier um Haustier, und auch ihr Vater wird entführt. Der Bösewicht Mortimer J. Mortimer will sie in eine Falle locken - wie er schon ihre Mutter getäuscht und getötet hat. Auch er hat tiertelepathische Fähigkeiten, setzt diese aber – anders als die Frauen in Evies Familie – nicht für das Wohl der Tiere ein, sondern um reich und mächtig zu werden. Jetzt muss Evie auf ihre Kräfte vertrauen, um ihren Vater, all die Tiere und sich selber zu retten.

Haigs Werk ist mehr als eine fantastische Abenteuergeschichte mit viel Drive und Situationskomik (dank Evie werden wir zu MitlauscherInnen von vielen amüsanten Gesprächen zwischen Tieren), erzählt wird auch von Tiermisshandlungen, den Konflikten zwischen Zivilisation und Tierwelt und der Bedrohung der Artenvielfalt.

Der Schauspieler Rufus Beck liest diese moderne Adaption eines klassischen Motivs mit wohltuender Zurückhaltung und verleiht all den menschlichen und tierischen Stimmen ihre ganz eigenen Ausdrucksweisen. Ein absoluter Hörspass.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/21, S. 37

Vincent und das Grossartigste Hotel der Welt
Lisa Nicol
Verlag: Der Audio Verlag, Publiziert: 2021, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-74-242127-2
Schlagwörter: Armut | Fantastik/Fantasy | Freundschaft

Als das Mädchen Florence ihm einen Job als Schuhputzer im «Grossartigsten Hotel der Welt» anbietet, kann der elfjährige Vincent sein Glück kaum glauben. Für Vincent, dessen Eltern wenig Geld besitzen und kaum Zeit für ihn haben, erscheint das «The Grand» wie eine andere Welt. Majestätisch gross, mit farbenprächtigen Gärten, die von exotischen Tieren und Pflanzen bevölkert werden, besitzt das Hotel, von Florence als junger Direktorin geleitet, zudem eine Auswahl von magischen Zimmern, die dafür sorgt, dass jeder Gast die passende Schlafstätte erhält.

Das geheimnisvollste Zimmer entdeckt Vincent, als er nachts durch das Hotel wandert: Obwohl der Zutritt verboten ist, wirft Vincent einen Blick in das «Spiegel-der-Zukunft»-Zimmer und sieht darin etwas Erschreckendes. Als er im Folgenden versucht, das Gesehene aufzuhalten, setzt Vincent nicht nur seinen Job im Hotel, sondern auch seine Freundschaft zu Florence aufs Spiel, die nicht versteht, wieso Vincent sie plötzlich vor allem und jedem zu beschützen versucht.

Der Aufenthalt im «Grossartigsten Hotel der Welt», den die Lesenden bzw. Zuhörenden erleben, stellt ein Abtauchen in eine fantastische Welt voller Träume und Wünsche dar, das magische Hotel ist aber zugleich auch Spiegel der uns bekannten Welt, mit helleren und dunkleren Seiten. Die Lebendigkeit des Erzählstils kommt in der Hörbuchfassung wunderbar zum Ausdruck. Die Erzählstimme, die die Schauspielerin Sascha Icks wiedergibt, zeichnet sich durch eine direkte Ansprache der ZuhörerInnen sowie durch metareflexive Kommentare aus, in denen sich die Erzählerin immer wieder mit einem «Co-Autor» über das Erzählte austauscht.

Sarah Eggel
Buch&Maus 3/21, S. 37

Unter Decken verstecken
Andrea Peter
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2021, Seiten: 42, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8458-4576-0
Schlagwörter: Humor/Komik | Tiere

Das Pappbuch der Berner Illustratorin Andrea Peter ist ein schönes Beispiel für eine neue Generation von Einsteigerbüchern. Diese trauen den jüngsten Leser:innen etwas zu, sind von einer guten Portion Humor geprägt und machen nicht zuletzt auch Erwachsenen Spass.

Die Grundidee ist so einfach wie alltagsorientiert: Unter einer blauen Decke verstecken sich Tiere, die entdeckt werden wollen, von den anderen Tieren im Buch, aber auch vom betrachtenden Kind. Zuerst steht eine vorwitzige Katze vor einem riesigen Deckengebilde. Als ein Elefant darunter hervorspringt, hüpft sie vor Schreck rückwärts. Dann wird der Hase als neuer Freund begrüsst. Während die Katze sich mutig dem nächsten Tier nähert, sind Elefant und Hase vorsichtiger. Auf Basis des Versteckt-Entdeckt-Prinzips wird die Tierschar immer grösser. Dabei variiert Andrea Peter dieses immer wieder neu. So entsteht eine Reihengeschichte, die zum Mitraten und Mitsprechen einlädt, aber auch zu genauem Schauen auffordert. Während jüngere Kinder Freude daran haben, beim Umblättern das nächste Tier richtig zu erraten, amüsieren sich ältere Kinder und Erwachsene auch über die unterschiedlichen Charaktere der Tiere und deren Nebengeschichten. Da tritt der Dachs auf die Löwenpfote, der Bär frönt seiner Liebe zum Schlaf und das Krokodil erhält vom Elefanten ein Pflaster.

Die Tiere strahlen in wenigen Farben auf rein weissem Grund. Da immer mehr Tiere dazukommen, wird der Weissraum immer weniger. Erst auf der letzten Doppelseite kann er sich wieder fast komplett ausbreiten, weil die Tiere schon bis an den Buchrand davongesaust sind für ein neues Versteckspiel. Oder für einen zweiten Vorlesedurchgang?

Barbara Jakob
Buch&Maus 1/22, S. 26

Unter einer blauen Decke versteckt sich von Seite zu Seite ein neues Tier. Da gilt es, genau auf die kleinen Hinweise zu achten, die unter der Decke hervorlugen. Dann raten, umblättern und sich freuen! So kommt auf der rechten Bildseite eine ganze Tierschar zusammen, die sich am Ende gleich ins nächste Versteckspiel davonmacht. Eine schöne Erweiterung der Rätselreihe sind die witzigen Nebengeschichten mit den verschiedenen Tieren.

Aus heiterem Himmel
Jon Klassen
Aus dem Englischen von Thomas Bodmer
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2021, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10573-9
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere | Weltall

Auf den ersten Blick trägt das Cover von Jon Klassens neuem Bilderbuch durch die sparsame Farbigkeit, den verwischten Malstil, die grossen Augen und die Hüte seine Handschrift. Es ist das vierte Buch, bei dem er für Text und Bild verantwortlich zeichnet, nach «Wo ist mein Hut?», «Das ist nicht mein Hut» und «Wir haben einen Hut». «I can’t write a book without hats in it», erzählt er schelmisch. Diesmal stehen die schwarzen Minimelonen schlicht für schräge, lustige Charaktere.

Die Szenerie scheint ruhig, würde nicht der Buchtitel Aufregendes verheissen. Schlägt man das Buch auf, fällt zuerst ein grosser Felsbrocken vom Himmel. Wie weit entfernt, weiss niemand. Fünf Episoden lang wird dieses Narrativ variiert. In den Hauptrollen: Schildkröte, Schlange, Maulwurf, ein Alien. Es gibt keine Erzählstimme, die vermitteln oder erklären könnte. Nur reine Figurenrede, die mal spannungsvoll, mal komisch mit den Bildtableaus kontrastiert. Da entstehen viele Leerstellen, die durch Redundanzen und kleine Erzählschritte aufgefangen werden: «Hallo» / «Hallo. Was tust du?»  / «Ich stehe an meinem Lieblingsplatz. Komm stell dich mit dazu» / «Ich habe ein ungutes Gefühl, ehrlich gesagt» / «Ein ungutes Gefühl?» / «Ja». Zum Glück verlassen beide kurz vor knapp die Stelle.

Alle Episoden beleuchten Aspekte von Freundschaft im Allgemeinen, durchgespielt mit dem fürsorglichen Maulwurf und der dickköpfigen Schildkröte, die schummelt. In der zweiten Episode ganze sieben Mal. Wie bei den vorherigen Bilderbüchern nutzt der kanadische Künstler dramaturgisch klug die einfachsten Mittel, ist tiefgründig und komisch zugleich und nimmt sich erzählerisch alle Zeit der Welt, um am Ende zu überraschen.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/22, S. 26

Ein Buch allein im Wald
Nathalie Wyss, Illustration: Laurence Clément
Aus dem Französischen von Bianka Kraus
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2021, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907293-33-1
Schlagwörter: Natur | Abenteuer

Interaktive Bilderbücher, die entlang einer rasanten Geschichte wie beim Kasperletheater zum Mitrufen, -klatschen, -singen oder -hüpfen auffordern, die gibt es seit einigen Jahren immer mehr. In diesem hier von einem Autor:innenduo aus der Romandie spricht ein Buch, das schon lange alleine im Wald liegt. «Ah endlich habt ihr mich gefunden!», steht da in einer Sprechblase auf der ersten Seite. Aber nicht lange, da haben sich der unsichtbare Erzähler und seine Leserinnen und Leser schon gemeinsam im dämmrigen Dickicht verlaufen, schnattern vor Kälte, flüchten vor einem Rudel Wölfe und vielen Fledermäusen, schleichen und kriechen durch Nebel und stinkenden Schneckenschleim. «Haltet euch die Nase zu!», rät das Buch in grossen Buchstaben – und weiter geht das nächtliche Waldabenteuer bis zum Hexenhaus …

Die doppelseitigen Bilder der französischen Illustratorin Laurence Clément bieten für so viel Grusellust eine stimmungsvolle Kulisse und lassen in ihrer Plakativität und groben Trickfilmästhetik viel Raum für die eigene Fantasie. Gezeigt werden überdimensionierte Ausschnitte aus der Perspektive des Bilderbuchs: Mal blickt man mitten in ein Gewirr aus schwarzen Baumstämmen und Ästen, mal durchziehen knallrote «Auuu!»-Rufe als Wolfsgeheul in Comic-Lautsprache die Szene oder eine riesige, erbsengrüne Hexe mit spitzen Zähnen füllt die Seite. Ein rasantes Escape-Spiel, das sicher nicht nur beim Mitmachen Spass macht, sondern auch beim Vorlesen.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/22, S. 27

Auf der Insel
Malin Widén
Verlag: Kunstanstifter, Publiziert: 2021, Seiten: 52, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948743-02-4
Schlagwörter: Natur | Generationen | Familie/Familienformen

Wie jeden Sommer fährt das Mädchen zur Oma auf die Insel. Dass die Bolo-Klub-Illustratorin Malin Widén in ihrem ersten Bilderbuch Kindheitserinnerungen an die Sommer bei der schwedischen Verwandtschaft verarbeitet, ist in den Aquarellbildern mit farbigen Holzhäusern, Bootsstegen und einer Zimtschnecken backenden Grossmutter unschwer zu erkennen. Doch auch die so idyllische schwedische Schärenlandschaft kann Ängste wecken. Denn in der Nacht ist alles anders als zu Hause, und vor allem sind da Geräusche, die das Mädchen – im sehr spärlichen Text ist es die Ich-Erzählerin – nicht kennt. Schnell weckt es die Oma, die das Mädchen auf einen Spaziergang zum Ursprung der Geräusche mitnimmt.

Die Künstlerin lässt in den Bildern mit subtilen Details die Ängste des Kindes lebendig werden: Sehen die Mäntel und Hüte in der Garderobe nicht aus wie Riesen? Hat der Baum vor dem Haus etwa ein Gesicht? Doch Oma kann beruhigen. Nur auf jeder zweiten Doppelseite findet sich hier ein einziger Satz, während wir den beiden durch die nächtliche Landschaft folgen und mit ihnen die Geräuschquellen ausfindig machen: Am Bach summen Mücken, in den Bäumen flattern Fledermäuse und in der Wiese schlängelt sich ganz leise eine Schlange. Das Mädchen schaut aufs Meer und versöhnt sich mit der Inselnacht. Und mit zurück ins Zimmer kommt auch das Glühwürmchen, das sie begleitet hat.

In weich verlaufenden Grün-Blau-Grautönen schafft Malin Widén die Atmosphäre für diese Geschichte. Die Figuren setzt sie in fast naiv anmutendem Stil hinein und komplettiert dies mit einer Vielzahl kleiner Details wie den Naturschätzen, die das Mädchen zurück in das Sommerhaus rettet.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/22, S. 27

Mit einem Koffer voller Bücher
Muzoon Almellehan, Illustration: Ann Lecker
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2021, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7512-0101-8
Schlagwörter: Diversität | Migration | Lesen

Ob Umwelt oder Diversität: Aktuelle Themen kommen im Bilderbuch deutlich schneller an als in der Erstleseliteratur. In fast allen Erstlesereihen – mit Ausnahme vielleicht von den Büchern aus dem Tulipanverlag – hält man eisern an beliebten, genderfixierten Themen wie Fussball oder Pferde fest. Doch es gibt Hoffnung in Sachen Diversität: angefangen mit Arenas «Team Lupe», zu dem wie selbstverständlich ein Kind im Rollstuhl gehört, über das Naturschutzbuch «Die Baumretter» bei Dudens «Leseprofi» oder «Leons erster Schultag» bei Ravensburger mit einem dunkelhäutigen Protagonisten.

Die Nase vorn aber hat Oetinger mit einem Buch der syrischen UNICEF-Botschafterin Muzoon Almellehan. Unterstützt von der Autorin Ann Lecker erzählt sie in «Mit einem Koffer voller Bücher» von ihrer Flucht aus Syrien. Schon im Vorwort ist sie mit Foto und einem Brief an die Leser:innen zu sehen. Denn sie hat ihre eigene Geschichte aufgeschrieben, die von den informativen wie expressiven Illustrationen von Friederike Ablang begleitet wird. Ihre Bilder sind nicht nur für die Hypothesenbildung der Lesenden wichtig, sondern auch für deren tieferes Verständnis der Handlung, da mit Mitteln wie Farbwahl und Lichtregie die hellen und die dunklen Tage sichtbar werden. Welche Bedeutung Bücher für Muzoon auf der Flucht hatten, veranschaulicht Ablang, indem sie diesen mit Gesichtern und Gliedmassen Leben einhaucht.

Der Text ist einfach zu lesen durch kurze Sätze, grosse Druckschrift und einfache Wortwahl. Wenige Wörter, der Name der Autorin, «Syrien» oder «UNICEF» sind etwas schwierig. Es ist aber wichtig, gerade sie kennenzulernen.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/22, S. 28

Oma backt Zutterbopf
Tabea Ammann
Verlag: SJW, Publiziert: 2021, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0353-4
Schlagwörter: Generationen | Familie/Familienformen | Krankheit

«Zutterbopf!» könnte ein neckisches Schimpfwort sein. Es ist aber die Bezeichnung für eine neue Kreation der an Alzheimer erkrankten Oma, die das Rezept für den Emmentaler Butterzopf vergessen hat. Dabei fängt alles klammheimlich an. Jona, das zehnjährige Mädchen, aus deren Perspektive erzählt wird, merkt wie ihre Mama lange nicht, dass etwas aus dem Ruder läuft. Denn: Vergessen wir nicht alle ab und zu etwas?

Doch mit der Zeit muss Oma zugeben, dass in ihrem Kopf etwas nicht mehr stimmt. Es ist wie ein Gewitter, erklärt Mama, die ihre Mutter zu sich und zu Jona holt. Das ist nicht immer lustig, vor allem nicht, wenn Jona mit Oma in den Dorfladen muss. Oma spricht laut aus, was sie früher nur gedacht hätte, und Jona ist das furchtbar peinlich. «Dieser Alzheimer geht mir so was von auf den Keks», denkt Jona, die nicht weiss, was sie tun soll in dieser Situation. Zum Glück ist der angesprochene «Söiniggel» (wegen eines Tattoos mit Totenkopf) ein Altenpfleger, der angemessen und mit Humor reagiert.

Oma bringt vieles durcheinander und hält sich immer öfter in der Vergangenheit auf. Dann reist Jona einfach mit, «das ist wie in einer Zeitmaschine und Oma ist die Pilotin», erzählt das Mädchen, das mit seinen warmherzigen Beobachtungen ziemlich ins Schwarze trifft. Dabei hilft auch, dass Jonas Mama sich beraten lässt, was die Krankheit alles auslösen kann – und so verliert sie ihren Schrecken, ohne die Schwierigkeiten auszublenden.

Am Schluss der liebenswürdig und oft humorvoll erzählten Geschichte gibt es ein Glossar für die verwendeten berndeutschen Ausdrücke sowie das «Geheimrezept» für den Zutterbopf. Die teilweise ganzseitigen Illustrationen laden ein zum Innehalten zwischen den Kapiteln.

Ruth Loosli
Buch&Maus 1/22, S. 30

Zwei von jedem
Rose Lagercrantz, Illustration: Rebecka Lagercrantz
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Moritz, Publiziert: 2021, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-419-0
Schlagwörter: Freundschaft | Liebe | Religion | Krieg | Nationalsozialismus

In Elis Leben gibt es zwei von jedem – aber nur eine Luli. Eli hat «ein Leben vor dem Krieg und ein neues Leben danach». Zwei Mal ist er dem Tod nah. Zwei Mal rettet Luli ihn. «Zwei von jedem» erzählt von einer Kinderfreundschaft, aus der Liebe wird und die die Schrecken des Nationalsozialismus überdauert. Es erzählt von Eli und Luli, die seit der Schulzeit unzertrennlich sind, einander im Zweiten Weltkrieg verlieren und sich nach Jahren wiederfinden.

Als das Leben im Deutschen Reich für Juden und Jüdinnen in den 1940er-Jahren immer gefährlicher wird, folgt Luli ihrem Vater nach Amerika. Eli bleibt in Siebenbürgen, wird älter und und feiert seine Bar-Mizwa. Der Krieg kommt näher, jüdische Menschen müssen einen Stern tragen, dürfen kein Geschäft mehr besitzen, Familien werden in Todeslager deportiert. Eli und sein Bruder Adam haben Glück und überleben.

Rose Lagercrantz erzählt von jüdischen Traditionen und jüdischem Leben, von den Schrecken des Holocaust, aber auch und vor allem von der Liebe. «Zwei von jedem» ist die Geschichte ihrer Mutter Ella, die wie Eli im Buch und viele Jüdinnen und Juden nie von dieser Zeit erzählen wollte: «Wenn ich nur nicht von dem spreche, was ich erlebt habe, ist alles gut.»

In einfachen Sätzen erzählt, in grosser Schrift gesetzt und von Rose Lagercrantz’ Tochter Rebecka mit Aquarellen einfühlend illustriert, ist das Buch für Kinder ab neun Jahren leicht zu lesen. Besser aber eignet es sich zum Vorlesen. Denn auch wenn die Autorin das Grauen nie direkt benennt, werfen Sätze wie «Hier muss ich eine Pause machen» oder «Was dann kam, kann ich eigentlich nicht erzählen» Fragen auf. Und dann ist es gut, wenn jemand sie beantworten kann.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/22, S. 31

Luli und Eli, zwei jüdische Kinder und dicke Freunde, wachsen zusammen in Siebenbürgen auf, bevor der Krieg sie auseinanderreisst: Sie emigriert zum Vater nach Amerika, er wird nach Auschwitz deportiert. Zum Glück nimmt diese als Märchen angelegte Geschichte ein gutes Ende und die beiden finden sich wieder. Rose Lagercrantz gelingt es, das Unsagbare für Kinder erzählbar zu machen. Mit Aquarell-Illustrationen und grosser Schrift zum Selber- und Vorlesen.

Flora Salmanteri und die Mini-Piraten
Noora Kunnas
Aus dem Finnischen von Anke Michler-Janhunen
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2021, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-175-7
Schlagwörter: Humor/Komik | Krimi/Thriller | Generationen | Familie/Familienformen

Lilli und ihren Bruder Mikko erwarten furchtbare Ferien: Weil ihre Eltern auf Dienstreise müssen, werden sie gegen ihren Willen zu Onkel Jim verfrachtet. Der ist Kinderhasser, Putzteufel und Oberspiesser in einem und schliesst die Geschwister gleich mit einer Scheibe knorztrockenem Knäckebrot im Gästezimmer ein. Klar, flüchten sie aus dem Fenster und machen eine wunderbare Entdeckung: Im Nachbarhaus hinter der Weissdornhecke wohnt Flora Salmanteri und lädt die Geschwister gleich zu leckeren Pfannkuchen ein. Eine harmlose Oma mit fröhlichen Falten und schneeweissen Locken? Von wegen! Flora wohnt hier nicht nur mit einem sprechenden Hahn mit Glitzerboots und Kunstlederjacke – sie ist auch ein echter Tausendsassa: tanzt Salsa, hat tausend Berufe und ist immer für eine Überraschung gut.

Eine tolle Heldin hat sich die finnische Autorin Noora Kunnas für ihre «Flora Salmanteri»-Reihe ausgedacht: Eine alt gewordene Pippi Langstrumpf mit dem Schnüffler-Gen einer Miss Marple. In jedem Band wird eine turbulente, gut gestrickte Detektivgeschichte erzählt, in die Kunnas mit leichter Hand Fantastisches und Schräges à la Roald Dahl verwebt: Mal büxen lebendig gewordene Mini-Piraten aus dem 3-D-Drucker aus, mal «Hermann Hakenberg, König der Tassendiebe» aus einem Gedicht. In filmisch geschnittenen Szenen wuselt ein bizarres Ensemble von Schwindlerinnen und Ganoven durch das beschauliche Städtchen Vammala. «Normal» und pfiffig sind da nur die Kinder und die verrückte Oma. Teemu Johani bebildert mit feinen Schwarz-Weiss-Karikaturen. Fabulierlustiges Finnland trifft englischen Humor, Fortsetzung folgt.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/22, S. 31

Im Nachbarhaus von Lilli und Mikkos kinderhassendem Onkel lebt Flora Salmanteri, gut gealterte Ex-Piratin mit eigener Band und einem Tango tanzenden, sprechenden Hahn. Gemeinsam mit ihr schlittern die Kinder in eine verrückte Geschichte um Missgunst und Betrug rund um die jährliche Blumenschau – inklusive wild gewordener Mini-Piraten aus dem 3D-Drucker. Der zweite Band, «Flora Salmanteri und der Tassen-Dieb», mit einem weiteren schrägen Abenteuer liegt bereits vor.

Marthas Boot
Polly Horvath
Aus dem Englischen von Anne Brauner
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2021, Seiten: 248, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-2974-0
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Geschwister | Emanzipation | Tod/Trauer

Fiona, Marlin, Natasha und Charlie sind Waisen. Bei einem Urlaub in Thailand sind ihre Eltern, mit denen sie zuletzt in Borneo lebten, durch einen Tsunami ums Leben gekommen. Bei ihrer Grosstante in Kanada sollen die Schwestern nun ein neues Zuhause finden. Doch die 60-Jährige stirbt, während die Mädchen auf dem Weg zu ihr sind. Als das Flugzeug auf Pine Island landet, ist niemand da, um sie abzuholen. Auf eigene Faust machen sich die Schwestern zur abgelegenen Farm der Tante auf und finden ein leeres Haus vor. Aus Angst, auf verschiedene Pflegefamilien aufgeteilt zu werden, beschliessen sie, niemandem zu erzählen, dass sie allein leben – und überreden Al, der in einem heruntergekommenen Wohnwagen auf dem Nachbargrundstück lebt, pro forma ihre Vormundschaft zu übernehmen.

Polly Horvath erzählt auf unnachahmliche Weise: ein wenig skurril, ruhig und unaufgeregt, fast sachlich. Dennoch wird ihre Geschichte von einer intensiven Atmosphäre getragen, die einen beim Lesen bereits mit den ersten Sätzen gefangen nimmt.

Die Monate vergehen. Marthas Farm wird für die Mädchen zu ihrem Zuhause. Während die 14-jährige Fiona mehr und mehr in die Rolle einer Erwachsenen schlüpft, die Finanzen verwaltet, Besuche in der Schule und beim Notar übernimmt und die Korrespondenz erledigt, entdeckt die zwölfjährige Marlin ihre Leidenschaft fürs Kochen. Und auch die beiden Jüngsten, zehn und acht Jahre alt, finden Aufgaben, die ihren Neigungen entsprechen.

Ein fesselnd und warmherzig erzähltes Buch über vier Schwestern, die sich nicht unterkriegen lassen, ihr Leben mutig in die eigenen Hände nehmen und allen Widrigkeiten zum Trotz fest zusammenstehen.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/22, S. 32

Die Eltern der vier McCready-Schwestern kommen bei einem Tsunami ums Leben. Eine Grosstante, die die Geschwister auf ihrer abgelegenen Farm in British Columbia aufnehmen will, stirbt noch vor der Ankunft der Mädchen. So sehen sich die Schwestern gezwungen, einen Plan auszuhecken, wie sie nicht in die Fänge der Vormundschaftsbehörde gelangen und zusammen auf der Farm bleiben können. Polly Horvath schafft es einmal mehr, vom Schwierigen mit grosser Leichtigkeit, Herzenswärme und einer gehörigen Portion Humor zu erzählen.

Das Pferd ist ein Hund
Tamara Bach
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2021, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55802-2
Schlagwörter: Freundschaft | Familie/Familienformen

Es ist Winter und so entsetzlich kalt, dass die Bevölkerung dazu aufgerufen wird, zu Hause zu bleiben. Auch die Schulen bleiben geschlossen. Clara und ihre jüngere Schwester Luze freuen sich zunächst über das unerwartete Kältefrei. Aber dann müssen die Eltern Homeoffice und Homeschooling planen. Die Diskussion wird schnell grundsätzlich – und die Vorfreude auf die Beinahe-Ferien verfliegt.

Tamara Bach eröffnet ihr neues Kinderbuch mit einer Ausnahmesituation, die uns seit der Coronapandemie vertraut ist – auch wenn hier kein Virus, sondern eine Kältewelle den Alltag durcheinanderbringt. Während auf einer übergeordneten Erzählebene authentisch berichtet wird, wie die in ihrem Mietshaus festsitzenden Wohnparteien die besondere Lage meistern, laufen darunter viele Minidramen ab – erzählt in der von pointierten Witzen gespickten Sprache der zwölfjährigen Clara. Da ist, allen voran, Luze, die sich aus Kummer über den Wegzug des Nachbarjungen einen imaginierten Hund herbeizaubert. Und da ist der angehimmelte Vincent aus dem zweiten Stock, der nicht mehr lachen kann, seit seine Eltern im Clinch miteinander liegen. Im Laufe der kältefreien Tage bemerken die Kinder, dass auch in der Nachbarschaft so einiges im Argen liegt, und beschliessen, den Haussegen Wohnung für Wohnung wieder geradezurücken.

Mit feinem Gespür und kindlicher Neugier lässt Tamara Bach ihre Protagonist:innen den Mikrokosmos des Mietshauses erkunden. Empathisch erzählt sie dabei von Wohlstandsvernachlässigung und der Sehnsucht nach Aufmerksamkeit. Die charmant gezeichneten, blau gedruckten Kapitelvignetten unterstreichen die Stille und das In-sich-gekehrt-Sein des Winters hervorragend.

Alice Werner
Buch&Maus 1/22, S. 32

Während sie wegen der grossen Kälte wochenlang nicht zur Schule können, filmen die zehnjährige Erzählerin Clara, ihre kleine Schwester Luze und der Nachbarsjunge Vincent ihre NachbarInnen und finden heraus, wo deren Leben eine kleine Reparatur nötig hätte. Der Mikrokosmos eines Miethauses entfaltet sich in diesem psychologischen Kinderroman, frisch- fröhlich und sprachlich erfindungsreich erzählt.

Wir entern ein Engadinerhaus
Tim Krohn
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2021, Seiten: 242, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-3000-9
Schlagwörter: Natur | Familie/Familienformen | Krimi/Thriller

Seltsam, dass die Leute unfreundlich werden, sobald sie erfahren, dass Tilly und Robbie neu ins 400 Jahre alte Engadinerhaus eingezogen sind. Liegt vielleicht ein Fluch auf der Bruchbude? Tim Krohn gelingt es nach wenigen Seiten, eine Spannung aufzubauen, die über den ganzen Kinderroman trägt. Das Haus ist verwinkelt, bricht beinahe zusammen und beherbergt eine herrliche Gerümpelsammlung. Genau das richtige für zwei junge Detektiv:innen, die nicht gerade begeistert sind vom Umzug aus der Stadt in die Berge. Ihre Ermittlungen lassen die beiden Geschwister einige Abenteuer erleben und führen sie in ein dunkles Kapitel der Vergangenheit, mit dem das Haus verbunden ist. Der Roman spielt übrigens im fiktiven Dorf Samartin, doch viel von der besonderen Atmosphäre und dem liebevoll gestalteten Lokalkolorit könnte von Santa Maria im Val Müstair inspiriert sein, wo Tim Krohn mit seiner Frau und vier Kindern lebt.

Der besondere Charme des Buches besteht aber in seiner Form: Es handelt sich um einen Mailroman. Weil Tilly und Robbie wegen des Umzugs ihr Schuljahr in der Stadt früher beenden mussten, schreiben sie ihrer Deutschlehrerin abwechselnd jeden Tag einen Bericht über ihr neues Leben. Jedes Kind hat seinen eigenen, immer aber witzigen Tonfall. Beiden entgeht gar nichts, wobei Tilly zum Exkurs neigt, während Robbie superschlau ist und alle durchschaut. Vor allem die Eltern, zwischen denen, wie sich der Vater (ein Psychiater) ausdrückt, «na ja, gewisse Spannungen herrschen». Insgesamt erzählt der Roman aber von einer recht harmonischen Familie und beweist, dass es auch da jede Menge Geschichten zu erzählen gibt.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/22, S. 32

Hörst du, wie der Himmel singt?
Kirsten Miller
Aus dem Englischen von Barbara Brennwald
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2021, Seiten: 280, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907277-10-2
Schlagwörter: Armut | Geschwister | Behinderung

Mit Blau kennt Zuko sich aus. Auch mit dem Sonnenlicht, das durch seine gespreizten Finger schwappt. Zuko ist ein Junge, der anders ist als sein älterer Bruder Ash oder seine Schwester Honey. Wir befinden uns in Südafrika, arm und reich prallen aufeinander. Zuko kann zwar nicht sprechen, doch er kann Muster legen, sei es mit Dattelsteinen oder in besseren Zeiten mit den runden Cheerios aus Getreide, als die Mutter noch Milch kaufen konnte mit dem Geld des «Fremden». Doch die beiden hatten Streit, der Mann zog in die Stadt, die Mutter wurde krank und starb wie zuvor die kleine Schwester.

Das ist der Moment, in dem Ash entscheiden muss, wie das Leben weitergehen soll. Er entscheidet sich für den langen Weg in die Stadt. Die Adresse des Fremden, des Vaters der Kinder, hat ihm die Mutter kurz vor dem Tod in die Hand gedrückt. Der reiche Fremde ist Anwalt und hat eine andere Familie gegründet. Den Begriff Autismus lernt Ash erst gegen Ende der gefährlichen Reise kennen, als sie in die Stadt kommen und neugierigen Blicken ausgesetzt sind. «Er muss in ein Heim», sagt der Fremde. Vielleicht hat er recht. Doch Ash und Zuko entscheiden gemeinsam, dass sie sich nicht trennen wollen. Sie schleichen sich an einem Morgen aus dem Haus, einer ungewissen Zukunft entgegen.

Die Sprache selbst ist kunstvoll: Sie beschreibt den Fortgang der Geschichte mit einer umwerfenden Logik und Kühnheit. Die Autorin zeichnet sich als feinfühlige Kennerin des Spektrums Autismus aus, doch dieses Wissen ist nie vordergründig. Die beiden Brüder meistern die Gefahren immer gemeinsam. Ein Werk, das nicht nur Jugendliche zu faszinieren vermag.

Ruth Loosli
Buch&Maus 1/22, S. 33

Mehr. Mehr. Mehr
Franco Supino
Verlag: da bux, Publiziert: 2021, Seiten: 52, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906876-26-9
Schlagwörter: Krankheit | Sucht

«Was ich hier aufschreibe, ist nur für mich. Niemand soll es lesen. Niemand soll es erfahren.» So beginnt die Person, deren Tagebuch wir in Franco Supinos «Mehr. Mehr. Mehr.» lesen, ihre Einträge. Noch am selben Tag erlebt sie bei einem Zahnarztbesuch den blanken Horror. Nicht etwa wegen des Bohrers, sondern weil der Zahnarzt am Zustand der Zähne ihr grosses Geheimnis erkennt und fordert, dass etwas geschehen müsse, und zwar binnen eines Monats. Es dauert über zehn Seiten, bis die Vermutung, dass es hier um Ess-Brech-Sucht geht (die die Zähne angreift), bestätigt wird. Doch da hat einen der Text längst in seinen Bann gezogen. In kurzen, oft erschütternden Sätzen schwankt die Person, die hier schreibt, zwischen Scham und Sucht, Schuldgefühlen und Befriedigung. Letztere gewährt nicht nur das Erfüllen der Sucht, sondern auch die perfektionierten Vertuschungsstrategien – kühl und methodisch wird der Fressanfall inklusive Erbrechen geplant und werden danach alle Spuren beseitigt. Obwohl man fast glauben könnte, die Beschreibung eines Verbrechens zu lesen, seziert Supinos Text ein schwer lädiertes Ich, das den eigenen, von der Leistungsgesellschaft genährten Ansprüchen nur mittels einer selbstzerstörerischen Praxis zu genügen vermag.

Welches Alter und Geschlecht diese Person hat, bleibt offen – ein starker Verweis darauf, dass Bulimie ebenso wie Frauen auch Männer betreffen kann.

Die Tagebucheinträge erstrecken sich vom 1. Dezember bis zum Jahreswechsel, und schliesslich wagt das erzählende Ich zumindest zu hoffen, die Sucht doch noch zu überwinden. Franco Supino hat einen dichten, eindringlichen Text geschaffen, der auch mit dem LesePeter der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien der GEW (AJuM) für den Monat Februar 2022 honoriert wurde.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 1/22, S. 33

Vergissmeinnicht
Kerstin Gier
Verlag: Fischer, Publiziert: 2021, Seiten: 478, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-949465-00-0
Schlagwörter: Religion | Liebe | Fantastik/Fantasy

Quinn ist der coole und supersportliche Typ von gegenüber, den Matildas religiöse Familie mit milder Verachtung nur den «Satansbraten» nennt; Matilda ist das schüchterne Mädchen, das sich vor Ehrenämtern kaum retten kann. Als Quinn nach einer Party bei einem Unfall lebensgefährlich verletzt wird und sich nur langsam seinen Weg ins Leben zurückkämpft, heuert seine Mutter Matilda an, um ihm mit dem Rollstuhl zu helfen. Was Matilda zunächst nur ermöglicht, ihrem Schwarm näherzukommen, ist für Quinn die Chance, eine Frage zu klären: Vor seinem Unfall war er von jemandem gejagt worden, der nicht von dieser Welt zu sein schien, und jetzt zieht es ihn zum Friedhof, zu einem ganz bestimmten Grab. Gut, dass «Grübchenface» von gegenüber mit seinen ganzen Ehrenämtern auch einen Schlüssel zum Friedhof hat, so dass einem nächtlichen Ausflug dorthin nichts im Wege steht …

Kerstin Gier schafft es einmal mehr, neugierig auf ein fantastisches Abenteuer zu machen: Abwechselnd aus der Perspektive ihrer hinreissend kontroversen Figuren erzählt, führt sie uns in den «Saum», eine Welt am Rand der unseren, in der zahllose Fabelwesen beheimatet sind. Die menschenähnlichen unter ihnen halten sich unbemerkt zwischen uns auf, und auch Quinn scheint von dort zu stammen und ist möglicherweise Teil einer uralten Prophezeiung. So steckt er plötzlich mitten in den Machtkämpfen von Feen, Geistwesen und bedrohlichen Nex, die unerschütterliche Matilda immer an seiner Seite. Spannend, magisch und romantisch, mit traumschönem Buchcover von Eva Schöffmann-Davidov – wunderbarer Lesestoff für Fans des Fantastischen!

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/22, S. 34

Öl, Benzin und Schweiss
Karin Bachmann
Verlag: da bux, Publiziert: 2021, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906876-27-6
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Technik | Abenteuer

Es ist schon liebgewonnene Tradition: Seit 2016 bringt der Verlag da bux jeden Herbst vier Jugendbücher heraus, in denen Schweizer Autor:innen aus der Perspektive von Jugendlichen ebenso spannende wie unterhaltsame Geschichten erzählen, die immer auch Diskussionsstoff bieten. Und das auf maximal 60 Seiten und in einer einfachen, leicht zu lesenden Sprache. So auch Karin Bachmanns «Öl, Benzin und Schweiss».

Graziella, genannt Ella, liebt schnelle Autos. Nur zu gerne würde sie nach ihrem Schulabschluss Mechatronikerin werden und wie ihr Bruder in der Werkstatt des Vaters arbeiten. Dem gefallen Ellas Pläne allerdings gar nicht. «Öl, Benzin und Schweiss passen nicht zu einem Mädchen», findet er und sagt Ellas Praktikum in einer Autogarage kurzerhand ab – ohne ihr das zu erzählen. Doch Ella und schnelle Autos, das passt sehr gut. Schon lange schraubt die 16-Jährige heimlich am PS-starken Boliden ihres Bruders mit. Dafür darf sie ab und zu selbst ins Auto steigen und ein paar schnelle Runden auf der Rennstrecke drehen. Das rettet ihr eines Abends das Leben: Nach einem heftigen Streit mit ihrem Vater geht sie (in einem «geliehenen» Mustang) auf Spritztour und landet geradewegs in einer Entführung. Mutig verhilft sie dem gekidnappten Sohn reicher Eltern zur Flucht. Dass die beiden den Entführern (mehr oder weniger) unbeschadet entkommen können, gelingt nur dank Ellas guter Fahrkünste.

Temporeich, frech und nah an der Erlebniswelt der Jugendlichen erzählt Karin Bachmann von einer taffen jungen Frau, die weiss, was sie will: an Autos schrauben. Perfekt, um im Oberstufenunterricht über Geschlechterstereotypen zu diskutieren – kostenlose Unterrichtsmaterialen gibt es auf der Website zum Download.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/22, S. 35

Ella ist glücklich, wenn sie Motorenöl und Armaturenleder riecht. Doch eine Lehre als Mechatronikerin? Kommt nicht in Frage, meint ihr Vater. In ihrer Wut macht sie eine Spritztour mit einem gelben Mustang – und ist plötzlich in eine Entführung verwickelt! In dieser temporeichen Erzählung, die sich auch für leseungewohnte Jugendliche eignet, kämpft ein Mädchen gegen familiäre Vorurteile und für ihre Träume.

An die, die wir nicht werden wollen
Nils Mohl
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2021, Seiten: 165, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-3956-5
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Identität/Individualität

Eine Teenager-Symphonie

«Kantinenfrass in Fettbäuche schaufeln. / Mit den Schultern zucken. / Drei Mal zwei Wochen Urlaub jedes Jahr. / Restzeit bis zum Ruhestand ausrechnen.» Das tun die Erwachsenen, tun die, die «wir» nicht werden wollen. Und das «Wir» oder auch – explizit so genannt – das lyrische Ich dieser «Teenager-Symphonie» steht kurz vor der Volljährigkeit: «Countdown läuft, läuft, läuft.» Und jetzt? Und dann?

Nils Mohl komponierte eine Partitur des fast erwachsenen und doch noch sehr jungen Lebens, Regina Kehn fügte ihre Bildtöne in schwarz-grau-roten Pinsel- und Bleistiftstrichen hinzu. Es ist eine lyrische, suchende, prozesshafte Auseinandersetzung mit dem «Ich» an der Schwelle zum erwachsenen Leben – zwischen Schule, Beziehungen, Elternhaus und möglichen Zukunftsszenarien. Die Ströme der Gedanken sind in unterschiedliche, stark geformte Textsorten gefasst und über die Seiten verteilt – Wortspiele werden in imaginierten Social-Media-Kommentaren auseinandergenommen, Dialoge wechseln sich ab mit Gedichtformen und wenigen Prosatexten. Die Mehrstimmigkeit ist in der Symphonie Programm.

Nils Mohl zeigt mit diesem herausragenden Werk, an dem er schon vor über 15 Jahren erstmals zu arbeiten begann, ein weiteres Mal, dass er jugendlichen Leser:innen viel zutraut. Es ist ein Buch, für das diese sich ein Verständnis erarbeiten, Zusammenhänge suchen, eigene Verbindungen machen müssen. Mit «An die, die wir nicht werden wollen» kann – etwa in der Schule kurz vor der (Berufs-)Matur – hochliterarisches Schreiben erfahrbar gemacht werden und dies in einer Thematik, die stets ganz eng an den jugendlichen Lebenswelten bleibt.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/22, S. 36

Dieses Textkonvolut ist eine lyrische, suchende, prozesshafte Auseinandersetzung mit der Zeit knapp vor der Volljährigkeit. In den Gedichten, den Social-Media-Beiträgen, den Dialogen und Prosatexten geht es um die Schule, um den Umgang mit dem Ich, dem Du, dem Wir und die Aussicht auf ein erwachsenes Leben – von dem vor allem bekannt ist, wie es nicht werden soll. Ein Buch, mit dem literarisches Lesen für SchülerInnen der Sekundarstufe 2 lebensnah erfahrbar wird.

Herr Elefant und Frau Grau gehen in die grosse Stadt
Martin Baltscheit, Illustration: Max Fiedler
Verlag: Kibitz, Publiziert: 2021, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948690-12-0
Schlagwörter: Natur | Tiere | Medien

Morgenstunde: die Sonne am Horizont, rosa Himmel, grasgrüne Savanne. Wird bestimmt ein schöner Tag! Aber stopp – nicht für den lustigen Käfer, der gerade in eine Blüte beisst, denn gleich macht es «plopp»! Eine Gottesanbeterin reisst ihm den Kopf ab. Dann «Knack» – sie wird von einem Vogel verschluckt. Hui, was kommt als Nächstes?

In diesem brutal-heiteren Comic des Texter-Zeichner-Duos Baltscheit und Fiedler finden Elefant Horst und Gazelle Elvira ein Handy. Es ist aus einem Safarijeep gefallen: «Wo kommst du her, flacher Käfer?» – «Mein Name ist Siri und ich wurde von einem Apfel in Kalifornien entwickelt.» Neugierig kommen alle Tiere zusammen und diskutieren über die Welt, die der Flachkäfer ihnen zeigt: Die Häuser in Hamburg sind «Termitenbauten», Badewannen eine «persönliche Suhle» und die U-Bahn «ein Mäusetunnel». Witzig, wie der Büffel erklärt, dass Menschen Kleider tragen, weil sie kein eigenes Fell haben –  im Panel illustriert mit lauter Nackedeis in der U-Bahn.

Es ist aber auch beschämend, unser menschliches Treiben mit tierischen Augen zu sehen. Schon auf Safari werden Elefant und Gazelle von einer Jeepladung Tourist:innen beobachtet: Hier die ruhigen Weiten der Savanne und ein zarter erster Kuss, da die Szene voyeuristisch zersplittert in einer dichten Komposition aus schwitzenden Menschenköpfen, Displays, Kommentaren, Emojis und Foto-«Klick-klacks!».

In «Herr Elefant & Frau Grau gehen in die grosse Stadt» arbeiten Bild- und Textebene fabelhaft zusammen. Menschliches Verhalten wird entlarvt und wirkt doch anziehend. Das frisch verliebte Paar Elvira und Horst macht sich auf in die Stadt. Die Geschichte hat erst begonnen.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/22, S. 36

Unvermögen
Andreas Kiener
Verlag: Edition Moderne, Publiziert: 2021, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03731-220-9
Schlagwörter: Technik | Zukunft

Eine steinerne Bogenbrücke im Schweizer Gebirge dient als Anfangs- und visueller Fixpunkt, der die Lesenden im Schnelldurchlauf von der Säumerbrücke bis ins 23. Jahrhundert trägt. Der Text etabliert als Ausgangsidee für die dargestellte futuristische Welt derweil die Weiterentwicklung der Wettervorhersage. Die Ressourcen der Erde sind aufgebraucht, fast alle Säugetiere ausgestorben – aber die Wissenschaft hofft, mit enormen Computern bald voraussagen zu können, wo selbst der kleinste Regentropfen aufschlagen wird. Dabei kommt die Dystopie mit erstaunlich wenig Erklärungen zum Weltenbau aus; auch farblich hat Kiener seine Welt genre-untypisch in zarte Pastelltöne getaucht.

Bei allen Denkanstössen ist es denn auch eine «herzige» Story: Die sechsjährige Ali türmt aus dem Kinderheim, um ihre verschollene Mutter zu suchen, eine Entwicklerin von Superrobotern. Einen davon, einen lebensgrossen, weissen Teddybären, hatte sie als Aufpasser für Ali programmiert. «Rob» wäre potenziell allwissend, doch verhindern dies Schranken in seiner Programmierung – ebenso wie Lügen oder Gewalt. Der Comic lebt von der Beziehung zwischen Mädchen und Roboter, muss Ali den hochintelligenten Androiden doch häufig mahnen: «Ich bin erst sechs. Du musst es mir so erklären, dass ich es verstehe.» Obwohl er ihr bei der Suche nicht helfen dürfte, gelingt es der vifen Ali auf ihrer Reise nach Abidjan immer wieder, Robs «Schaltkreisel» (wie sie sagt) zu überlisten – und damit auch viele weitere Figuren, denen die beiden begegnen. Wie in jeder guten Dystopie wird eine anfangs eingeführte Gesetzlichkeit am Ende gebrochen: Ein Strommangel startet Robs Schaltkreise ohne Schranken neu. Das macht neugierig auf eine Fortsetzung.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 1/22, S. 36

In zarten Pastelltönen ersteht in Tuschestrichen eine futurische Welt: Im 23. Jahrhundert ist die Erde karg, aber die Computer sind leistungsfähig wie nie, alles scheint berechenbar. Die Waise Ali reist von der Schweiz nach Abidjan, um ihre Mutter zu suchen – nur begleitet von ihrem potenziell allwissenden Androiden in Gestalt eines riesigen Teddys. Er muss sich an einprogrammierte Regeln halten; die Sechsjährige fordert ihm aber immer wieder ab, diese zu umgehen, und tut so das Unberechenbare.

Alle Welt zu Tisch
Natalia Baranowska, Aleksandra Mizielińska, Daniel Mizieliński
Aus dem Polnischen von Thomas Weiler
Verlag: Moritz, Publiziert: 2021, Seiten: 116, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-420-6
Schlagwörter: Religion | Geografie | Essen | Kulturen

Das grosse Buch vom Essen, Kochen und Schmecken

Nach dem grossen, internationalen Erfolg von «Alle Welt. Das Landkartenbuch» und weiteren Sachbüchern legt das polnische Grafiker:innenpaar Mizielinski/Mizielinska nun gemeinsam mit Natalia Baranowska eine kulinarische Schatztruhe vor. Grossformatig und umfangreich werden auf je zwei Doppelseiten 26 Länder vorgestellt. Obwohl diese mit einem Fries und einführenden Informationen übersichtlich gestaltet und strukturiert sind, kann man sich dennoch verlieren in all den interessanten und oftmals unbekannten Details rund ums Kochen, um faszinierende Esstraditionen und kulinarische Zeitreisen. Ein herausragendes Sachbuch, das ganz unterschiedliche Zugänge erlaubt.

Übersetzer Thomas Weiler schätzt besonders, dass auch aufgezeigt wird, wie es zu den unterschiedlichen Kochtraditionen gekommen ist. Denn neben Böden, Gewässern und klimatischen Bedingungen sind auch religiöse Vorschriften oder Migrationsgeschichten prägend für die nationalen Küchen.

Zeitlich geht es weit zurück. So war der Zuckerschock durch Datteln schon in der Römerzeit beliebt, der Tee wurde von den Chinesen vor 4000 bis 5000 Jahren als «wohltuendes Ritual für Leib und Seele» entdeckt und die erste Schokoladentafel 1847 hergestellt. In Schritt-für-Schritt-Anleitungen wird klar, wie man sich das vorzustellen hat. Eine Weltkarte zum Auftakt, eine Rezeptübersicht, ein chronologisches Inhaltsverzeichnis und ein Register am Ende sorgen für den nötigen Überblick. Die köstlichen Rezepte machen Lust aufs Nachmachen und jede Menge unterhaltsame Anekdoten sind das Salz in der Suppe.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/22, S. 37

Wo sind denn nun die Dinosaurier?
Claudia Walder, Illustration: Anna-Lea Guarisco
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2021, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-035-8
Schlagwörter: Historisches | Tiere | Wissenschaft

Auf die Frage, wie sich ihre Eltern kennen gelernt haben, fangen Mama und Papa an, eine kunterbunte und fantasievolle Geschichte zu erzählen. Es sei schon so lange her, dass es damals noch Dinosaurier gegeben habe, sagt Papa, der von einer wilden Elefantensafari berichtet, in deren Verlauf er Mama auf Schmetterlingssafari getroffen hätte, als sie beinahe von einem T-Rext gefressen worden wäre. So ein Unsinn, findet Ina, die genau weiss, dass Dinosaurier schon lange ausgestorben waren, bevor es Elefanten gab, und dass der Elefant nach Asien und Afrika gehört, während der T-Rex doch in Nordamerika gefunden wurde. Also korrigieren die Eltern ihre abenteuerliche Geschichte ein bisschen, bringen dabei aber abermals so viele haarsträubende Fehler auf den Tisch, dass Ina sie immer wieder verbessern muss, bis sie endlich zum Kern der Wahrheit vorstösst: Im Museum sei es gewesen, bei den Skeletten. Das, findet Ina, ist ein prima Stichwort, und sie schlägt vor, dass sie gleich alle gemeinsam dort hingehen könnten.

Dino-Fans freuen sich, dass hier endlich mal ein Mädchen die Dino-Expertin ist, finden sich doch traditionellerweise meist die Jungs in diesem Sektor. Je eine Doppelseite fantasievoller Elternerzählung wechselt sich mit einer Doppelseite Fachinformation durch Ina ab. Dabei weiss sie manches, was kleinen Dinofans schon bekannt sein dürfte, klärt aber auch ein paar hartnäckige Missverständnisse auf, wie etwa den Unterschied zwischen Archäologie und Paläontologie und dass sich Hunde nicht für Dinoknochen interessieren, weil die ja längst versteinert sind. Eine pfiffige Idee in grafisch sehr ansprechender Umsetzung.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/22, S. 37

Die Stimme der Frauen
Caroline Stevan, Illustration: Elina Braslina
Aus dem Französischen von Bianka Kraus
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2021, Seiten: 140, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907293-38-6
Schlagwörter: Historisches | Geschlechterbilder | Politik | Schweiz

Das Frauenwahlrecht Kindern (und ihren Eltern) erklärt

Bücher über «Wonder Women» und «Rebel Girls» liegen im Trend. Allerdings bleiben jugendliterarische Darstellungen, die über die Glorifizierung individueller Kämpferinnen hinausgehen, die Ausnahme. Und wenn die Schweiz erwähnt wird, dann nur aufgrund des wenig schmeichelhaften Umstands, dass sie mit dem erst 1971 eingeführten Frauenstimm- und -wahlrecht auch über Europa hinaus zu den Schlusslichtern gehört. Caroline Stevans «Die Stimme der Frauen», originell illustriert von Elīna Brasliņa, blickt dagegen auch immer wieder explizit auf die Geschichte politischer Gleichstellung in der Schweiz – und berichtet etwa, dass die Frauen der Waadt als Erste das kantonale Wahlrecht erhielten. Bereits das Vorwort ruft mit dem Frauenstreik 2019 ein Ereignis auf, das jüngere und ältere Frauen vereinigte; diesen Generationendialog führt das Buch fort.

Im Bemühen jedoch, Erreichtes wie noch zu Erstreitendes sichtbar zu machen, neben der Schweiz die ganze Welt und die Situation unterschiedlichster Frauen zu berücksichtigen, Ansätze der Geschlechtertheorie einzubinden und zugleich über kurze Texte, Bilder, Zahlen, Grafiken, Spiele, Porträts und Gedankenexperimente abwechslungsreich zu bleiben, übernimmt sich das Werk letztlich. So bleibt vieles unerklärt oder oberflächlich, wirken die Porträts der Vorkämpferinnen gar glattgebügelt und bleibt die «Schweizer» Geschichte in ihrer unsystematischen Aufbereitung eher undurchsichtig. Weniger wäre mehr gewesen. Denn dass die Geschichte des (Schweizer) Frauenwahlrechts vielschichtig ist und auch erzählerisch grosses Potenzial bietet, zeigt sich hier immer wieder deutlich.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/22, S. 37

Treiben lassen
Peter van den Ende
Verlag: Aladin, Publiziert: 2020, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0191-3
Schlagwörter: Reisen | Fantasie

Ein kleines Papierboot wird von einem Schiff aus aufs Wasser gesetzt und gleitet fortan durch die Weltmeere. 96 Seiten lang geht es – wie wir auf dem hinteren Vorsatzpapier dieses rein schwarz-weissen, mit Tusche gezeichneten Bilderbuches nachschauen können – auf und unter der Meeresoberfläche vorbei an unterschiedlicher Flora und Fauna, lavierend zwischen Realität und Fantastik. Jede Seite führt zu neuem Staunen! Ein textloses Buch, das durch seine Ruhe und seine Anregungen zum Denken fasziniert.

Young Rebels
Benjamin Knödler, Christine Knödler
Verlag: Hanser, Publiziert: 2020, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26640-7
Schlagwörter: Biografie | Umweltschutz/Klima

25 Jugendliche, die die Welt verändern!

Das Buch präsentiert neben einzelnen historischen Personen vor allem Werdegang und Wirken von aktuellen jungen AktivistInnen, die mit ihrem Engagement für verschiedenste Aspekte sozialer Gerechtigkeit bewiesen haben, dass auch Jugendliche Handlungsmacht besitzen können. Die süffigen Kurzreportagen rufen dazu auf, selbst für eine bessere Welt einzutreten.

You don’t look gay
Julius Thesing
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2020, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95939-094-1
Schlagwörter: LGBTQ*

Auf einer sehr persönlichen Ebene erzählt der Autor und Illustrator, wie Homophobie im Alltag aussehen kann, warum «War doch nur ein Witz!» nicht witzig ist und wieso ein Comingout gegenüber sich selbst, den Freundinnen und Freunden und erst gegenüber der Öffentlichkeit noch immer ein grosser Schritt ist. Anekdoten werden mit teils eindrücklichen Fakten und Zahlen ergänzt und mit Zitaten untermalt.

Anna der Indianer
Livia Anne Richard
Verlag: Cosmos, Publiziert: 2020, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-305-00488-1
Schlagwörter: LGBTQ* | Geschlechterbilder

Im Kindergarten spielt Anna mit den Buben im Quartier Indianer – als Winnetou, nicht als Squaw. Im Austauschjahr in den USA macht die Jugendliche sexuelle Erfahrungen mit beiden Geschlechtern und reift zur selbstbewussten Frau heran. Dieser Roman aus dem Erwachsenenregal über ein selbstbestimmtes Frauwerden fern von Konventionen eignet sich auch für interessierte Jugendliche.

Home Girl
Alex Wheatle
Aus dem Englischen von Conny Lösch
Verlag: Kunstmann, Publiziert: 2020, Seiten: 280, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95614-355-7
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Erwachsenwerden

Die 14-jährige Naomi hat in ihrem Leben schon vieles erleben müssen. Wieder einmal ist sie auf dem Weg zu einer Pflegefamilie, von der sie nicht viel erwartet. Doch bei den Goldings fühlt sie sich richtig wohl – ob sie dort bleiben darf? Der Jugendroman erzählt differenziert und eindrücklich über ein Mädchen, das lernt, Hilfe anzunehmen und eigene Meinungen zu entwickeln.

Fussballchampions 04
Martin Helg
Verlag: SJW, Publiziert: 2020, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0210-0
Schlagwörter: Sport | Biografie

Ein neues SJW mit Kurzporträts von Fussballern. Es widmet sich drei unterschiedlichen Spielertypen: Dem französischen Ballzauberer Kylian Mbappé, dessen Stern an der Fussball-WM 2018 aufging; dem etwas steif wirkenden englischen Goalgetter Harry Kane; und Granit Xhaka, Regisseur in der Schweizer Nati und bei Arsenal London. Martin Helg versteht es einmal mehr, auf wenigen Seiten die Charaktere dieser Spieler lebendig werden zu lassen.

Future History 2050
Thomas Harding
Aus dem Englischen von Edmund Jacoby
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2020, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96428-057-2
Schlagwörter: Zukunft | Umweltschutz/Klima

Ein Journalist stösst in einem Archiv auf eine Reihe von Heften aus der Zukunft. Die Aufzeichnungen stammen von Billy, die im Jahr 2050 ihre Grossmutter über das Leben vor dem Klimakollaps ausfragt, wissen will, warum sie in einem Überwachungsstaat leben, der zwar ein Grundeinkommen, Sicherheit und ein langes Leben garantiert, aber die Vergangenheit totschweigt und Individualität unterbindet. Billys Rückblick, die Fotos und Werbeplakate, die sie gesammelt hat, werden für uns zum Ausblick in eine denkbare Zukunft. Ein packendes und aufrüttelndes Buch.

Palmen am Nordpol
Marc ter Horst, Illustration: Wendy Panders
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Gabriel, Publiziert: 2020, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-30557-0
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima

Alles über den Klimawandel

«Schornsteine & Rinderrülpser» oder «Wasserstoff & Insektenburger»: Die Kapitelüberschriften lassen erahnen, dass der Zugang zum Thema in diesem Buch eher ungewöhnlich ist. Hintergründe zum Klimawandel werden über Geschichten und Anekdoten sinnlich und witzig vermittelt. Zu einem Handbuch, das man nicht mehr weglegen will, wird das Buch auch dank der genauen und gleichzeitig augenzwinkernden Illustrationen.

Umweltschutz
Dela Kienle, Illustration: Jochen Windecker
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2020, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-32970-0
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima

Der Umweltschutz war in Sachbuchreihen bis jetzt kein grosses Thema. Dieser Band beantwortet 29 grundlegende Fragen rund um den Klimawandel mittels kurzer, gut verständlicher Texte, Infokästen und übersichtlicher Grafiken. Er greift auch heikle Aspekte wie das Bevölkerungswachstum oder den Zwang zu immer mehr Wachstum differenziert auf. Das Buch hebt sich wohltuend von anderen Publikationen ab, weil es die jungen LeserInnen nicht zu Weltrettern hochstilisiert.

Wie kommt die Milch in die Tüte?
Libby Deutsch, Illustration: Valpuri Kerttula
Aus dem Englischen von Birgit Reit
Verlag: Dorling Kindersley, Publiziert: 2020, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8310-3970-8
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima

Der Kreislauf alltäglicher Dinge

«Wächst das Essen im Supermarkt?» – «Wie kommt das Wasser in den Hahn?» – «Wohin geht die Kacke?» Vieles in unserem Alltag ist selbstverständlich. Das Kennenlernen von Produktionsprozessen und ökologischen Kreisläufen bietet nicht nur viel Wissenswertes, es hilft auch moderne Errungenschaften differenzierter anzusehen. Jede Doppelseite erschliesst über kurze Texte, wimmlige Bilder und eine klare Leserführung komplexe Zusammenhänge.

Im Moor
Eva Sixt
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0784-1
Schlagwörter: Natur | Tiere

Kiebitz, Frosch und Sonnentau

Die Illustratorin Eva Sixt nimmt uns mit auf einen Gang durchs Moor, bei Tag und Nacht, Sonne und Regen, im Sommer und Winter. In stimmungsvollen Aquarellbildern und kurzen Infotexten lernen wir seine Vegetation und Tierwelt kennen. Einmal geht der Blick in die Tiefe, dann zoomt er auf einen Wassertropfen unter dem Mikroskop. Auch die Bedeutung dieses Ökosystems für die Menschen kommt in Sixts überzeugendem Sachbilderbuch nicht zu kurz.

Die Klimaschweine
Till Penzek, Illustration: Julia Neuhaus
Verlag: Kunstanstifter, Publiziert: 2020, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-942795-80-7
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima

Hier das in gedeckten Farben gezeigte Schweineland, wo der Überfluss regiert und die Schweinekinder per Monstertruck zur Schule gefahren werden. Dort das helle Pinguinland, in dem es immer wärmer wird. Der Pinguinprofessor erklärt, warum. Da machen sich die Pinguine auf zur Klimamission ins Schweineland. Diese Parabel regt zum Gespräch über die Umweltthematik an und die Bilder in Mischtechnik warten mit witzigen Details auf.

Mein Butterbrot
Isabel Pin
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2020, Seiten: 22, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-465-5
Schlagwörter: Essen

Woher kommen eigentlich all die Zutaten auf meinem Brot? Da in Deutschland ein Butterbrot auch ein belegtes Brot im Allgemeinen sein kann, stapelt die Illustratorin auf der rechten Bildseite einen ordentlichen Belag mit Käse, Gurken und Tomaten und mehr. Die linke Bildseite führt parallel dazu in kleinen Vignetten und kurzen Sachtexten alle Beteiligten und Arbeitsschritte auf, die zu diesem gesunden, regional hergestellten Essen beitragen.

Mein Bruder heisst Jessica
John Boyne
Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel
Verlag: Fischer KJB, Publiziert: 2020, Seiten: 254, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-4219-3
Schlagwörter: LGBTQ* | Familie/Familienformen

Die Erklärung des 17-jährigen Jason, er sei trans, stürzt seine Familie in die Krise. Mitreissend schildert der jüngere Bruder Sam, wie dies ihn selbst und die auf die Politkarriere der Mutter fokussierten Eltern völlig überfordert. Es braucht viel, inklusive medialem Gewitter, bis die Familie Jason als Jessica akzeptiert und deren Mut und Souveränität anerkennt.

Mein neues Herz lernt, wie man l(i)ebt
Ashley Herring Blake
Verlag: dtv, Publiziert: 2020, Seiten: 346, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76290-8
Schlagwörter: Liebe | LGBTQ*

Die 12-jährige Sunny hat ein neues Herz, eine neue beste Freundin – Quinn mit den blauen Haaren – und grosse Ziele: ein neues Selbst finden und endlich einen Jungen küssen. Der Roman erzählt mit viel Wärme von den Unsicherheiten der ersten Liebe, und davon, wie die Freundinnen über den Zeitraum eines Sommers merken, dass sie statt Jungs lieber einander küssen wollen.

Die Mühlenkinder
Antonia Michaelis, Illustration: Claudia Carls
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2020, Seiten: 143, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-1047-4
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy | Geschlechterbilder

Prinzessin Jorunn und der Wassertroll

Vier Schwestern erleben ein märchenhaftes Abenteuer, als sich die Mühle, in der sie wohnen, in ein Schloss verwandelt, und ein boshafter Wassertroll die kleine Jorunn entführt. Um sie zu retten, begeben sich ihre Schwestern in viele Gefahren. Während Marit gern Prinzessin wäre, bevorzugt Erzählerin Liv die Knappenkluft und ein Schwert – und darf dennoch zart für den Nachbarsjungen schwärmen.

Der Katze ist es ganz egal
Franz Orghandl
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2020, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-231-2
Schlagwörter: LGBTQ* | Schule

Leo heisst jetzt Jennifer. «Unsinn!», findet ihr Vater, während die Mutter Verständnis aufbringt und die Lehrerin das Thema mit der Klasse aufgreift. Die Kinder gehen pragmatisch mit der Sache um, verkloppen sich, wenn es nötig ist, und halten doch zusammen. Die mit Wiener Lokalkolorit ausgestattete Geschichte zeigt, wie erfrischend und wenig problembehaftet über Transgender erzählt werden kann.

Allein unter Mädchen
Beate Dölling, Illustration: Marie Geissler
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2020, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-482-2
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Theo will in den Ferien auf den Pferdehof, als einziger Junge. Die perfekte Gelegenheit, zu erfahren, wie Mädchen eigentlich so sind. Nach einer Woche Hufauskratzen und Mutproben kommt er zum Schluss: Frech und witzig sind sie – und wert, mehr Zeit mit ihnen zu verbringen. Ein Buch für Erstleserinnen und Erstleser, das Mut zum Überschreiten gesellschaftlicher Grenzen macht.

Das ist doch kein Beruf für einen Wolf
Annette Feldmann, Illustration: Mareike Engelke
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2020, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-493-8
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Die Tierart ersetzt hier das Genderstereotyp: Wölfe fahren nicht zur See. Die junge Wölfin Isa Grimm will aber Schiffskapitänin werden. Trotz aller Bedenken ihrer Wolfsfamilie verfolgt sie beharrlich ihren Traum, heuert als Leichtmatrosin an und stellt bald bei einem Piratenangriff ihren Team- und Erfindergeist unter Beweis. So reüssiert Isa in ihrem Traumberuf und die Vorurteile sind widerlegt.

Ich will ein Schokocroissant. Sofort!
Jean-Luc Englebert
Aus dem Französischen von Alexander Potyka
Verlag: Picus, Publiziert: 2020, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7117-4015-1

Nach jahrelangem Schlaf will Prinzessin Bertie: ein Schokocroissant! Auf der Suche danach verheddern sich ihre rapunzellangen Haare im ganzen Dorf. Mit der Haarschere ist dieses Problem jedoch schnell gelöst, und sie tauscht die Krone gegen frische Croissants für alle Kinder. Da braucht sie auch den Prinzen nicht, der sie vom hohen Ross herunter für eine Hexe hält – Bertie geht unbeeindruckt wieder schlafen.

Ida und die Welt hinterm Kaiserzipf
Linda Schwalbe
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10519-7
Schlagwörter: Reisen | Biografie

In leuchtenden Farben kommt die Welt in diesem Buch daher: So malt sie sich auch Ida Pfeiffer aus, die im 18. Jahrhundert ihr erst sehr konventionelles Leben gegen die Entdeckung exotischer Orte eintauscht und auf eigene Faust wagemutig die Welt bereist. Das Bilderbuch erzählt ausdrucksstark die Lebensgeschichte der Wiener Reiseschriftstellerin.

Julian ist eine Meerjungfrau
Jessica Love
Aus dem Englischen von Tatjana Kröll
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95728-643-7
Schlagwörter: Diversität

In der Stadtbahn sieht Julian drei als Nixen gekleidete Frauen und ist so begeistert, dass er selbst eine sein möchte. Und sein Traum wird wahr: Als ihn Oma beim Verkleiden erwischt, geht sie mit ihm in rührender Selbstverständlichkeit kurzerhand an den Meerwesen-Umzug. Die erd- und pastellfarben gehaltenen Bilder erzeugen ohne viele Worte einen poetischen Sog.

So schnell wie der Wind
Joan Negrescolor
Verlag: Kleine Gestalten, Publiziert: 2020, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89955-852-4
Schlagwörter: Sport | Biografie

Die Geschichte von Alfonsina Strada

Als Alfonsina Strada in den 1920er-Jahren am Radrennen Giro d’Italia startete, war sie die erste und bislang einzige Frau – ist der «Giro» doch bis heute ein Rennen der Männerkategorie. Mit wenigen Worten und farbgewaltigen Illustrationen erzählt dieses Bilderbuch aus dem Leben dieser furchtlosen Frau, die sich als «Königin der Pedale» Regeln und Geschlechternormen widersetzte.

Von wegen Schwänzen – wir streiken fürs Klima!
Florian Buschendorff
Verlag: Verlag an der Ruhr (K.L.A.R.), Publiziert: 2020, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8346444-6-6
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima

Neben vielen dystopischen Jugendbüchern, die die Klimakrise thematisieren, finden sich auch zahlreiche Jugendromane, die davon erzählen, wie Teenager zu Klimaaktivist:innen werden und wie sie versuchen ihre Peers auch für die Sache zu gewinnen. Jonathan, der Protagonist in diesem Easy Reader, macht mit, weil er sich in die Aktivistin Klara verliebt hat. Er begreift aber erst wirklich, worum es geht, als er sich selbst mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert sieht.

Der Ickabog
Joanne K. Rowling
Aus dem Englischen von Friedrich Pflüger
Verlag: Hörverlag, Publiziert: 2020, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8445-4187-8
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Im Königreich Schlaraffien – einem wahren Paradies – hält sich hartnäckig die Legende vom menschenfressenden Ungeheuer Ickabog. Zwei fiese Höflinge schüren nicht nur die Angst des Königs, sie versetzen das ganze Land in Schrecken mit ihren erlogenen Ickabog-Gräueltaten. Trotz Hunger und Verzweiflung macht sich eine Gruppe von Kindern daran, die Bösewichte zu entlarven. Eine süffige Geschichte im «Es-war-einmal»-Ton über Machtmissbrauch, Feigheit und die Wahrheit, die den Menschen zumutbar ist. Das Hörbuch, gelesen von Heike Makatsch, erschliesst sich auch ungeübten LeserInnen.

Die Keilers machen sich breit
Alice Keller, Illustration: Veronica Truttero
Aus dem Italienischen von Julia Süssbrich
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2020, Seiten: 66, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75819-4
Schlagwörter: Tiere

Kaum ist das Ehepaar Grunz ins Wochenende verreist, nehmen Herr und Frau Keiler ihr Haus in Besitz. Alles wird ausprobiert: Der Kuchen auf dem Tisch sieht lecker aus, auf dem Laptop kann man rumspielen, die Zeitung lässt sich auch mit den Klauen lesen. Nach dem Weekend hinterlassen die Wildschweine eine Spur der Verwüstung und das ordentliche Ehepaar Grunz steht vor einem Rätsel. Eine Geschichte, die mit der Schadenfreude der Lesenden spielt, versehen mit witzigen Illustrationen. Erschienen ist sie in der Reihe «Lust auf Lesen. Bücher für die ersten Lesejahre» bei Beltz & Gelberg.

Letzte Runde Geisterstunde
Nadia Budde
Verlag: Kunstmann, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95614-363-2
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror

Ein Geistergedicht als Bilderbuch. Knallig sind sie, diese Polter-, Wasser-, Flaschen- und Schlossgeister. Und mit ihren unförmigen Körpern und verlegenen Grimassen zum Knuddeln. Überall tauchen sie auf und treiben ihren Unfug. Sie wollen gezählt werden und Angst einflössen. Das muss ein Ende nehmen! Die Bösen unter ihnen werden am Schluss von den «Geistermeistern» gezähmt und in Bilderrahmen eingesperrt an die Wand gehängt. Ein Gruselspass vom Feinsten in Reimgestalt.

Post aus Paidonesien
Oriol Canosa, Illustration: Meike Töpperwien
Aus dem Katalanischen von Kristin Lohmann
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2020, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-221-3
Schlagwörter: Politik

Ein Inselbriefroman

Weil seine Eltern sich ständig streiten, entschliesst Nicolas das Kreuzfahrtschiff zu verlassen. In einer Annonce ruft er andere Kinder auf, ihm zu folgen. Sie kommen zuhauf und gründen Paidonesien, einen Inselstaat, den nur Kinder betreten dürfen. Der Roman erzählt in Briefen und Emails, die höchstens zwei Seiten umfassen, humorvoll von ausgefuchsten Kindern, die eigene Regeln aufstellen und sogar die internationale Diplomatie herausfordern. Für gute LeserInnen ab der Unterstufe (Hörbuch: Hörcompany)

Meine liebsten Spielsachen
Claudia de Weck
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2020, Seiten: 22, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0785-8
Schlagwörter: Spiel | Alltag | Forschen

Ein strahlender Lausbub mit roten Wangen läuft aus dem Cover mitten hinein in die Welt, die er erkunden will. Seinen Bären und seine Spielsachen lässt er buchstäblich links liegen, dafür folgt ihm eine vorwitzige Maus auf Schritt und Tritt und die fröhliche Erforschung einer Reihe von Alltagsgegenständen beginnt. Der Junge ist magisch angezogen vom Saugrohr des Staubsaugers und hantiert an dessen Knöpfen. Kleider und Schuhe sind genauso faszinierend wie Klopapierrollen und Küchenutensilien, Körbe und Bücherregal. Und dass Handtasche und Handy äusserst interessante Spielobjekte sind, wissen ja nicht nur Kinder! Der Bär folgt anfänglich noch etwas zögerlich, doch am Ende ist es gerade er, der im Licht der Nachttischlampe von allen Entdeckungen eine kleine Trophäe mit ins Bett, in die Nacht rettet.

Die wohl vielen Betrachtenden vertrauten, von Illustratorin Claudia de Weck in ihrem typischen Strich pointiert gezeichneten Situationen reihen sich zu einer kleinen Geschichte nahe am neugierigen Kind und seiner kindlichen Spiellust. Die Künstlerin rhythmisiert dabei zwischen Doppelseiten und Einzelseiten und lässt ihre Figuren und Gegenstände auf zarten Hintergrundfarben auftreten.

Die Frage, was genau ein Spielzeug ist und was man mit welchen Gegenständen machen darf oder nicht, stellt sich hier nicht. Es geht ums Entdecken und Experimentieren, ums Betrachten und Befühlen. Da wird ausgeräumt und umgeräumt, mal mit tierischem Publikum, mal mit tierischen Mitstreitern – aber immer mit Freude und Forscherdrang. Kein Wunder sind die Wangen bei so viel Energie rot und wird der Maus bisweilen schwindelig.

Ein so anregendes Spiel- und Lernumfeld wünscht man allen Kindern. Allfällige elterliche Ängste dürfen da beim Betrachten getrost hinten anstehen.

Barbara Jakob
Buch&Maus 1/2020, S. 26

Jim ist mies drauf
Suzanne Lang, Illustration: Max Lang
Aus dem amerikanischen Englisch von Pia Jüngert
Verlag: Loewe, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7432-0669-4
Schlagwörter: Freundschaft | Gefühle

Wer kennt es nicht? Mit dem falschen Bein aufgestanden, eine richtig schlechte Laune – und alle um einen herum sind gut drauf? Genau diesem Gefühl haben sich die Geschwister Suzanne und Max Lang kongenial in ihrem Bilderbuch «Jim ist mies drauf» angenommen und einen kleinen Schimpansen namens Jim Panse zu ihrem Protagonisten gemacht. Jim ist wahrlich mies drauf und durch nichts aufzumuntern. Weder sein bester Freund, ein Gorilla namens Nick, noch die anderen Tiere des Urwalds sind in der Lage, Jims miese Laune zu vertreiben. Und sie bemühen sich redlich, indem sie Jim zu allerlei Aktivitäten animieren. Doch nichts hilft, Jim bleibt mies drauf, obwohl er vehement – und schliesslich brüllend – behauptet, keine schlechte Laune zu haben. Bis sein bester Freund Nick mit einem ebenso verkniffenen Gesicht vor ihm steht und auch miese Laune hat. Zusammen stellen sie fest, dass es völlig in Ordnung ist, auch mal schlechte Laune zu haben. Und dass alles wieder besser wird.

Suzanne und Max Lang ist mit «Jim ist mies drauf» ein wunderbares Bilderbuch gelungen, an dem im Sinne des All-Age-Konzeptes nicht nur junge, sondern auch ältere LeserInnen ihre Freude haben werden. Mit zum Teil wenigen Strichen gelingt es ihnen, Jims Emotionen pointiert zu veranschaulichen und zu vermitteln. Sie schaffen es zu zeigen, dass man Gefühle auch mal rauslassen darf – und dass echte FreundInnen das verstehen. Ein wunderbares Bilderbuch über den Umgang mit negativen und positiven Gefühlen!

Sabine Planka
Buch&Maus 1/2020, S. 26

Lulu in der Mitte
Micha Friemel, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Hanser, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26612-4
Schlagwörter: Geschwister | Familie/Familienformen | Alltag | Identität/Individualität

Mittelkind, Sandwich-Kind oder Dazwischenkind – wie man das zweite von drei Kindern auch nennen mag, in der Geschichte von Micha Friemel geht es um Lulu, und sie ist «Lulu in der Mitte». Die Geschwisterkonstellation ist prägend und besonders das mittlere Kind spürt oftmals eine Ambivalenz in seiner Rolle. Mal zu klein für etwas, mal bereits zu gross – zwischen diesen Polen schwankt Lulu auch. Aber als sie deswegen abends weint und eine Art Identitätskrise hat, sind ihre Eltern sofort zur Stelle.

Das Bilderbuch heisst uns willkommen im Alltag einer vielbeschäftigten, sehr lebendigen Familie, die aus Mama, Papa, Oma und drei Kindern besteht – ein Hund und ein Goldfisch sind auch noch dabei. Die Schweizer Autorin spricht aus eigener Erfahrung und so gelingt es ihr, die Vielzahl an Situationen, Emotionen und Konflikten, die ein ganz normaler Tag so mit sich bringt, überzeugend in Worte zu fassen. Dabei wechseln sich knappe Dialoge mit treffenden Beschreibungen ab. Das Spannungsverhältnis zwischen Text und Bild vibriert. Micha Friemel und Illustratorin Jacky Gleich haben sich intensiv ausgetauscht und dann in der Zusammenschau überlegt, wo der Text ergänzt, geändert oder umgestellt werden soll. Auf den farblich angenehm zurückhaltenden Buntstiftillustrationen entdeckt man deutlich mehr. Ist im Text nur von Lulu die Rede, sieht man die Mama am Schreibtisch, den Bruder Kaspar lesend und Leonor, das Baby, im Tragetuch beim Papa, der sich im Bad die Zähne putzt. So wie Jacky Gleich die Szene mit ihren in Mimik und Gestik trotz Strichmännchenarmen und -beinen sehr ausdrucksstarken Figuren umsetzt, ist das ein grosses Vergnügen. Nach all der pädagogischen Literatur zu Sandwichkindern ist dies nun ein gelungenes Bilderbuch zum Thema.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/2020, S. 27

Der Kiosk
Anete Melece
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2020, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0781-0
Schlagwörter: Reisen | Traum | Identität/Individualität

Tag für Tag sitzt Olga in ihrem Kioskhäuschen und verkauft Zeitungen, Socken, Seife «und andere nützliche Sachen». Abends lässt sie die Jalousien herunter, klappt ihren Sessel aus und liest Chips knabbernd Reisejournale. Ihre paar Quadratmeter Lebensraum füllt sie komplett aus: mit ihrer Sehnsucht nach Strand, Sonne und fernen Ländern – und ihrer enormen Leibesfülle. Die wird ihr eines Morgens zum Verhängnis, als zwei Jungen Süssigkeiten klauen wollen. Völlig ausser sich versucht Olga, den Dieben hinterher zu hechten. Doch herrje, sie steckt ja in ihrem Kiosk fest! Der ungewohnte körperliche Einsatz bekommt der dicken Frau schlecht. Krach, kippt sie samt ihrem Häuschen um. Noch mit den Füssen strampelnd macht Olga eine erstaunliche Entdeckung: Ist sie vielleicht freier als gedacht? Schnell rappelt sie sich auf, und – tatsächlich: Sie kann mit dem Kiosk herumgehen! Ihr Spaziergang wird abenteuerlich: Olga stolpert über eine Hundeleine, fällt in den Fluss und treibt stromabwärts Richtung Meer. Als sie nach drei Tagen und Nächten an Land gespült wird, findet sie sich am Strand ihrer Träume wieder. Tagsüber verkauft Olga jetzt Eis. Abends lässt sie die Jalousien offen und geniesst den Sonnenuntergang.

Die lettische Autorin, Illustratorin und Animationskünstlerin Anete Melece hat die ebenso absurde wie rührende Geschichte ursprünglich als animierter Kurzfilm erzählt. Für die Buchausgabe hat sie nun sämtliche Bilder neu gezeichnet, arrangiert und mit witzigen Details gespickt. Ihre ausdrucksstarken Filzstift-Illustrationen lassen die liebevoll stereotypisierten Charaktere mit ihrem dramatischen Mienenspiel lebendig werden – so entsteht bei jeder/m Lesenden ein eigener Animationsfilm.

Alice Werner
Buch&Maus 1/2020, S. 27

Meine Freundin Erde
Patricia Maclachlan, Illustration: Francesca Sanna
Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Bodmer
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2020, Seiten: 42, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10512-8
Schlagwörter: Natur | Umweltschutz/Klima

Hügel, Wiesen, Seen und Wälder in ausdrucksstarken Farben schmücken bereits das Vorsatzpapier dieses Bilderbuches; eine Seite weiter fliegt ein junges Mädchen mit schwarzen Haaren und dunkler Haut auf einem orangefarbenen Laubblatt über den Titel «Meine Freundin Erde» in das Buch hinein. Diese Freundin wacht in der von Francesca Sanna künstlerisch umgesetzten Geschichte aus ihrem Winterschlaf auf. Sie hört den Frühlingsgeräuschen von Menschen und Tieren zu und sieht die kleinsten Wunder der Natur, wie die silbrigfeinen Fäden der Spinne. Sie lässt den Sommerregen auf die sattgrüne Landschaft fallen, bläst Herbstwinde, sodass die roten, orangen und gelben Laubblätter über mehrere Seiten tanzen, bevor sie – am Ende des Kreislaufs – Schnee über die schlafenden Bären und Eichhörnchen streut und sich selbst zur Ruhe legt.

Spannend sind die unterschiedlich gestalteten Interaktionen zwischen Mädchen und Natur: Szenen mit viel Dynamik – in einer reitet das Mädchen auf dem Rücken eines Zebras mit einer Zebraherde durchs Bild – wechseln sich mit ruhigeren Szenen ab, etwa wenn das Mädchen mit dem Eisbären an einem Wasserloch liegt und auf Beute wartet. Die Lasercut-Seiten ermöglichen immer wieder neue Einblicke und Entdeckungen, sodass die LeserInnen wie das Mädchen durch die Löcher oder über die abgerundeten Ränder der Seiten auf die Landschaften schauen können.

Patricia MacLachlans poetischer Text zu den vielfältigen Tätigkeiten der Freundin Erde ergänzt Francesca Sannas Illustrationen, sodass aus Text und Bild ein faszinierendes, üppig-farbiges Kunstwerk wird – eine Liebeserklärung, die daran erinnert, die Erde zu schützen.

Sarah Eggel
Buch&Maus 1/2020, S. 27

Der kleine Fuchs
Edward van de Vendel, Illustration: Marije Tolman
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2020, Seiten: 88, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6044-1
Schlagwörter: Abenteuer | Tiere | Natur

Dieses Bilderbuch irritiert, denn es flirrt zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit. Vertraut und sympathisch, zugleich fremd wirkt «Der kleine Fuchs» in skizzenhaft kolorierter Leuchtfarbe Orange schon auf Marije Tolmans Titelbild. Die ersten Doppelseiten zeigen, wie er die Dünenlandschaften der niederländischen Nordseeküste und ihre Tierwelt bestaunt, um letztere sogleich nachzuahmen. Den Möwen hinterherjagend, schüttelt er seine Pfoten wie die Gänse ihre Flügel. Erst als er versucht, einem Schmetterling hinterherzufliegen und hart aufschlägt, steigt der Text von Edward van de Vendel in die Geschichte ein. Der kleine Fuchs beginnt träumend, sein bisheriges Tierkinderleben zu erinnern: wie anfangs – «fiep, fiep» – alles dunkel war, es nur Mama, Geschwister, Milch und Spiel gab. Und wie Papa eine Maus im Maul mit nach Hause brachte.

Vorsicht: Mäuse überleben in dieser Geschichte nicht lange, sondern «machen (…) das schönste Geräusch, das es gibt: Sie knacken so lecker zwischen den Kiefern». Vor dem Vorlesen sollte man sich auf diesen Satz und einiges mehr vorbereiten. Denn hier wird personal erzählt – subjektiv und animalisch aus Sicht eines Tieres. Die Wirklichkeit kunstvoll überformend sind auch die Bilder gehalten, vielfach Landschaftsfotos, die monochrom verfremdet und übermalt sind. Marije Tolman zeigt mutmassend die Welt, wie sie der kleine Fuchs wahrnimmt.

«Wenn du auf einer Maus kaust (…), dann ist die Maus viel zu todesgierig gewesen». Dieser Rat des Fuchsvaters beschäftigt den Filius, war er doch selbst zu unvorsichtig auf Schmetterlingsjagd. Am Ende wird alles gut, ein kleiner Junge trägt ihn behutsam zu seiner Familie zurück. Das Abenteuer Welt ist erstmal gut ausgegangen. An Schmetterlingen laufen die Fuchskinder nun aber lieber gemeinsam vorbei.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/20, S. 29

Mehr Schweinchen
Jutta Nymphius, Illustration: Julia Christians
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2020, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-479-2
Schlagwörter: Tod/Trauer | Familie/Familienformen | Tiere

Thea hat zwei Meerschweinchen, Frieda und Frodo. Nicht nur ihr, sondern auch ihrer Mutter fällt auf, dass Frodo zunehmend altersschwach ist und vermutlich bald sterben wird. Die Eltern machen sich Sorgen um Thea und stellen sich die Frage, wie sie den Verlust verarbeiten wird. Theas Bruder Jo sieht die Sache lockerer, bis Frodo ausgerechnet an dem Morgen stirbt, an dem Thea zum Schulausflug aufgebrochen ist. Alle finden sie das tote Tier im Käfig: erst Theas Vater, dann Jo und zuletzt auch die Mutter. Und alle beschliessen sie – jede/r für sich und ohne miteinander zu reden –, Thea ein neues Meerschweinchen zu kaufen. Entsprechend besuchen sie nacheinander die gleiche örtliche Tierhandlung und kaufen jeweils ein Tier, das Frodo ähnlich sieht. Doch sie können Thea nicht täuschen. Im Gegenteil: Thea wundert sich nach ihrer Rückkehr, warum drei fremde Meerschweinchen Frieda in ihrem Käfig Gesellschaft leisten. Zur Überraschung ihrer Familie berichtet Thea, dass sie schon vor ihrem Aufbruch gesehen habe, dass Frodo gestorben sei – und sie kommt damit durchaus zurecht.

Jutta Nymphius und der Illustratorin Julia Christians ist ein wunderbares Kinderbuch über Tod und Verlust, aber auch über Kraft, Vernunft und Resilienz gelungen. Es besticht nicht nur durch die individuell gezeichneten ProtagonistInnen und die altersgerechte Sprache, sondern auch durch die den Text begleitenden Illustrationen. Unterhaltsam und mit viel Humor nähern sich Autorin und Illustratorin dem Thema an und zeigen, dass Eltern oftmals dazu neigen, ihre Kinder zu sehr behüten zu wollen, und dabei ihre Stärke und Vernunft unterschätzen. Die überzeugenden Figuren sorgen zusätzlich dafür, dass das Thema mit Leichtigkeit seinen Weg zu den jungen LeserInnen findet.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/20, S. 30

Lotta Barfuss und das meschuggene Haus
Jens Steiner, Illustration: Melanie Garanin
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2020, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-40843-6
Schlagwörter: Abenteuer | Aussenseiter:in/Mobbing | Familie/Familienformen

Wer anders ist, wird gemobbt – auch an Lottas neuer Schule gilt dieses ungeschriebene Gesetz. Für den Klassenstänker Henrik und seine «zwei Hilfsdoofis» ist Lotta mit ihrem selbstgenähten Primadonna-Glockenrock und ihrem kauzigen Vater, der eigentlich Erfinder ist und nur zum Geldverdienen Modelleisenbahnen verkauft, ein gefundenes Opfer.

Zum Glück sitzt der «Laurilepp» neben ihr, ein komischer Kerl aus Estland, ausgestattet mit ein paar Macken und einem besonders wachen Geist. Als Lauri sich einen genialen «Doppeltrick-Plan» ausdenkt, um Lotta aus Henriks Schusslinie zu nehmen, lädt sie ihn zum «Turbo-Scheunendrescher-Spaghetti-Essen» zu sich ein. Ihr Zuhause ist ein klappriges Märchenschloss mit Türmchen und Erker, das Lotta und ihr Vater bis zum beschlossenen Abriss ohne Erlaubnis bezogen haben. Dass es bald plattgemacht werden soll, dagegen wehrt sich das Haus selbst mit umhersausenden Dachziegeln und schlagenden Türen. Während eines solchen Wutanfalls werden Lotta und Lauri unversehens in einen schwarzen Tunnel gesaugt. Sollte das Haus überirdische Kräfte besitzen?

Der Zürcher Autor Jens Steiner reisst in «Lotta Barfuss und das meschuggene Haus» viele für die Zielgruppe wichtige Themen an, etwa, wie prekär die Situation eines alleinerziehenden Vaters sein kann und wie schwierig es sich für Kinder gestaltet, wenn sich Eltern dem gängigen Lebensentwurf verweigern. Leider bringt Steiner die aufgeworfenen Probleme und Fragen zu keinem Abschluss. Vielmehr jagt er einer Story hinterher, in der sich die Ereignisse geradezu überschlagen. Dank ebenso dickköpfiger wie eigenwilliger Figuren, einer halsbrecherischen Handlung und witziger Details ist das Buch geeignetes Lesefutter für PrimarschülerInnen. Ein bisschen mehr Tiefgang hätte allerdings nicht geschadet.

Alice Werner
Buch&Maus 1/20, S. 31

Freischwimmen
Adam Baron
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2020, Seiten: 223, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26607-0
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Gefühle

Der deutschsprachige Titel bringt auf den Punkt, worum es in diesem halb melodramatischen, halb humoristischen Thriller geht: Ein Junge schwimmt sich frei. Paradoxerweise hatte er in seinem Leben, soweit er sich erinnert, noch nie Kontakt mit Wasser. Wann immer er seine Mutter fragt, warum sie nie mit ihm Schwimmen geht, hat sie seltsame Ausreden parat: «in Flüssen, behauptet sie, sind Krokodile (wir wohnen im Südosten von London); Seen, sagt sie, sind so was wie die Lochs von Schottland, da könne es Ungeheuer geben wie das von Loch Ness». Man ahnt bald, trotz oder gerade wegen des vergnügten, pointierten Tons des Ich-Erzählers Cymbeline, dass er sich freischwimmen muss von Dingen, von denen er nichts weiss, die sein Leben aber deswegen umso mehr bestimmen. So richtig in Fahrt kommt die mit Spannung und Witz erzählte Suche nach der Wahrheit, nach dem Trauma am Grund seines Familienlebens, als in der Schule Schwimmunterricht angesagt ist und er beinahe ertrinkt.

Hier setzt der Originaltitel von Adam Barons Kinderbuchdebüt – «Boy Underwater» – an, und tatsächlich liest sich der Rest der Geschichte wie der Kampf gegen einen übermächtigen Strudel, der den Jungen mit sich reisst. Der Roman ist furios geschrieben und keine Sekunde langweilig. Allerdings kann er sich nicht so recht entscheiden, ob Cymbelines schreckliche Familiengeschichte nun im melodramatischen oder im grotesk-humoristischen Modus erzählt werden soll. Auf den Schock, der Cymbeline erfasst, als er seine Mutter apathisch in der Psychiatrie sitzen sieht, folgt Comic relief durch bissige Beschreibungen der Tante, einer reichen, arroganten Bankersgattin, und ihrer verzogenen Kinder. Doch vielleicht drückt sich im etwas brachialen Wechsel der affektiven Modi die Achterbahn der Gefühle aus, auf der sich Cymbeline befindet.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/20, S. 31

Helsin Apelsin und der Spinner
Stefanie Höfler, Illustration: Anke Kuhl
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2020, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75554-4
Schlagwörter: Eifersucht/Neid | Freundschaft | Gefühle

Helsin geht in die zweite Klasse, ist biegsam wie ein Grashüpfer, hüpft wie ein Gummiball und ist – laut ihrem Papa – überdurchschnittlich fröhlich. Manchmal aber hat sie einen Spinner. Dann kocht ihre Energie über und sie sieht nur noch feuerrot. In der Schule wissen das alle und können damit umgehen, doch als der Neue, Louis, in die Klasse kommt, und dieses blöde Wortspiel «Helsin – Apelsin» erfindet, da rast die rote Welle in Helsin hoch und kurz darauf spritzt es rot aus Louis’ Nase.

In den nächsten Tagen und Wochen ist einiges los im Leben der Achtjährigen, die als Baby aus Finnland adoptiert wurde (was, wie in einer editorischen Notiz bemerkt wird, in der Realität eher unwahrscheinlich ist – aber wofür gibt es denn Fiktion?): Ein geklauter Fidschi-Leguan ohne Schwanz, ein Referat über Schweden und Finnland und eine finnische Grossmutter, die plötzlich in Helsins Leben auftaucht, spielen darin eine entscheidende Rolle. Und dieser Louis ist doch viel netter als gedacht …

Stefanie Höfler hat in ihren Romanen für jüngere Jugendliche bewiesen, wie ernst sie die Gefühle und Beziehungen ihrer jungen ProtagonistInnen nimmt, ohne dabei die Leichtigkeit in Sprache und Erzählung zu verlieren. Dies gelingt ihr auch in ihrem ersten Kinderbuch. Sie erzählt von Freundschaft und Eifersucht, von Schuld und vom Verzeihen – und davon, wie man «Spinner» in den Griff bekommen kann. Dies alles braucht seine Zeit und seinen Platz: Für Helsins Gleichaltrige dürfte das Buch in den meisten Fällen zum Selberlesen noch etwas zu umfangreich sein. Umso schöner, denn so können auch die Vorlesenden an Helsins Gefühlswelt Anteil nehmen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/20, S. 32

Der Junge aus der letzten Reihe
Onjali Q. Raúf
Aus dem Englischen von Katharina Naumann
Verlag: Atrium, Publiziert: 2020, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85535-630-0
Schlagwörter: Migration | Diversität

Ein bleicher, schweigsamer Junge kommt neu in die Klasse. Dunkle Haare hat er, grosse Augen, aber den Blick meist gesenkt. Die Ich-Erzählerin Alexa beobachtet ihn fasziniert: «Es gehört bestimmt zu den schlimmsten Dingen auf der Welt, irgendwo neu zu sein und neben jemandem sitzen zu müssen, den man nicht kennt. Besonders neben jemandem, der einen böse anstarrt, so wie Clarissa es tat.»

Alexa beschliesst, sich mit dem Neuen anzufreunden. Dabei beginnt ein grosses Abenteuer für sie und ihre FreundInnen Josie, Tom und Michael. Denn Ahmet aus Syrien hat auf der Flucht seine Eltern verloren und Alexa hat «die tollste Idee der Welt», um sie wiederzufinden: Sie will die Queen persönlich um Hilfe bitten. Das ist nicht ganz ungefährlich, wie sich zeigen wird.

Zu Beginn des Romans plätschert die Geschichte noch vor sich hin, wobei Alexa fein beobachtet, wie sich Ahmet langsam an ihrer Londoner Schule einlebt. Sie erzählt, wie sie mit ihrer geduldigen Mutter Märkte abklappert, um einen Granatapfel für ihn zu finden, und wie Brendan-der-Quälgeist diese Freude verdirbt. Nebenbei wird herausgestellt, dass im Leben vieler Kinder Migration eine grosse Rolle spielt: Alexas Mutter stammt aus Indonesien, der Vater war Österreicher; Tom kommt aus den USA; Michael hat eine dunkle Hautfarbe. Spannend wird auch die Handlung, wenn Alexa bei der Wachablösung am Buckingham Palace über die Absperrung springt – und damit nicht nur einen Tumult, sondern auch ein grosses mediales Echo auslöst.

«Der Junge aus der letzten Reihe» ist ein zart gesponnenes, aber entschiedenes Plädoyer für Toleranz. Ein neunjähriges Mädchen mit einem starken Sinn für Gerechtigkeit macht klar, dass jede/r einzelne von uns etwas tun kann. Das stimmt hoffnungsvoll.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/20, S. 32

Nach vorn, nach Süden
Sarah Jäger
Verlag: Rowohlt, Publiziert: 2020, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-499-00239-7
Schlagwörter: Reisen | Erwachsenwerden | Aussenseiter:in/Mobbing | Freundschaft

Sommer in der Stadt. Zwischen Holzpaletten und Metallstühlen, Plastiksäcken und Pfandflaschen hängen die Aushilfen des Penny-Marktes (alle «so um die 18») in jeder freien Minute auf dem Hinterhof ab. So wie die 19-jährige Ich-Erzählerin Lena, die von allen nur Entenarsch genannt wird. Ein Stuhl bleibt seit sechs Monaten leer: der von Jo, der hier sonst stets das Sagen hatte, und dem Lena auch ihren Spitznamen verdankt. Seit einem Streit mit Marie, die alle mögen, weil sie freundlich, warm- herzig und sehr hübsch ist, ist Jo weg. Ein paar Postkarten, abgestempelt in Fulda, Frankfurt am Main, Würzburg, Ulm und zuletzt in Freiburg bilden die einzige Spur, die von ihm bleibt.

Als Marie verkündet, dass sie Jo suchen will, bietet sich Lena spontan als Fahrerin an – und überrascht sich damit wohl selbst am meisten. Schliesslich hat sie nicht das Gefühl, wirklich dazuzugehören, sie fühlt sich eher «wie ein Nebensatz». Zwar ist sie dabei, weil das «unterm Strich weniger wehtut, als einsam zu sein», mehr aber auch nicht. Nun aber machen sich Lena, Marie und Can auf den Weg. In Lenas altem Corsa (ohne Klimaanlage!) geht es erst nach Münster, wo Jos Mutter lebt, dann weiter nach Fulda, ein paar Tage später noch auf ein Musik-Festival. Und das alles auf Bundes- und Nebenstrassen, denn Lena fährt auf keinen Fall Autobahn.

«Nach vorn, nach Süden» erzählt von wenigen Sommerwochen, in denen sich vieles verändert, vor allem für Lena, deren richtiger und vollständiger Name auf der letzten Seite zum ersten Mal genannt wird. Sarah Jägers erster Roman ist eine spannende Road Novel, welche die Atmosphäre eines drückend heissen Sommers mit durchgeschwitzten, klebrigen T-Shirts ebenso überzeugend einfängt wie das Lebensgefühl der ehrlich gezeichneten Figuren, die auf der Schwelle zum Erwachsensein stehen. Darüber hinaus besticht der Text mit feinfühligen Dialogen und einer Ich-Erzählerin, deren Stimme man einfach gerne lauscht.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/20, S. 34

Weltverbessern für Anfänger
Stepha Quitterer
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2020, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6024-3
Schlagwörter: Generationen | Schule | Erwachsenwerden

Stepha Quitterer, 1982 geboren, wurde 2016 für ihr (allgemeinliterarisches) Debüt «Hausbesuche» bekannt. Sie backte 200 Kuchen und klingelte an 200 Tagen bei fremden Menschen in ihrer Nachbarschaft im Prenzlauer Berg. Was sie dabei fand, war ungeahnte Gastfreundschaft und eine Fülle von Geschichten.

Auch Minna, Ich-Erzählerin von Quitterers erstem Jugendroman, spaziert ohne Einladung in die Privatsphäre wildfremder Leute hinein – im Pflegeheim. Und auch sie erlebt, nach dem ersten Schock, wie die Herzen unterschiedlichster Menschen füreinander aufgehen. Nicht nur die schrägen Einfälle sorgen für eine irrwitzige, berührende Lektüre, sondern vor allem der frech-charmante, sprachverliebte, bayerisch angehauchte Rotzgören-Ton, den Minna anschlägt – und durchhält, über die ganzen 278 Seiten des Romans.

Doch der Reihe nach: Die Welt, da sind sich alle einig, muss dringend verbessert werden. Traditionellerweise sind Kinder und Jugendliche für diese Aufgabe zuständig. Es ist also nur konsequent, dass an Minnas Schule ein Wettbewerb ausgeschrieben wird. Die Klasse, die das beste Weltverbesserungsprojekt vorlegt, gewinnt eine Reise nach Tallinn. In Minnas Klasse schiessen die Ideen wie Pilze aus dem Boden. Doch als das Pflegeheim-Projekt Fahrt aufnimmt, wird ihr und ihren FreundInnen klar, dass die ganze Klasse mitmachen muss. Diese ist allerdings für ihre Unfähigkeit zur Kooperation berüchtigt. Die Problemlage lässt sich wie folgt schildern: «Die Merle wird nirgendwo mitmachen, wo die Cosi dabei ist, und die Cosi nirgends, wo der Martin mitmacht, und wenn der Martin mitmacht, dann nur, wenn der Gerlach dabei ist …» – und das ist erst der Anfang. Wie das Wunder am Ende doch gelingt, soll hier nicht verraten, der Roman aber allen, die ans Weltverbessern durch Sprachfeuerwerke glauben möchten, wärmstens empfohlen werden.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/20, S. 35

Vor uns das Meer
Alan Gratz
Aus dem Englischen von Meritxell Janina Piel
Verlag: Hanser, Publiziert: 2020, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26613-1
Schlagwörter: Armut | Krieg | Migration | Biografie

Drei Jugendliche. Drei Jahrzehnte. Eine Hoffnung

Fotos von Kindern auf der Flucht sorgen immer wieder für einen Aufschrei in den Medien – doch der (voyeuristische) Blick auf die kleinen Körper, denen Gewalt angetan wird, sagt nicht viel aus über das, was Kinder erleben. Und vor allem erfahren wir nichts über ihre Resilienz. Statistiken in Namen zu verwandeln war denn auch das erklärte Ziel des US-amerikanischen Autors Alan Gratz in «Vor uns das Meer». Gratz wollte bei jungen LeserInnen nicht einfach Mitleid, sondern echte Empathie für Kinder auf der Flucht wecken. Und sie für die Folgen von Krieg, Armut und menschenverachtender Flüchtlingspolitik, wie sie (nicht nur) Trump praktiziert, sensibilisieren.

Drei Kinder aus drei Teilen der Welt und zu unterschiedlichen Zeiten sind gezwungen, ihre Heimat zu verlassen: Josefs Familie verlässt Berlin nach den Pogromen im November 1938; Isabel aus Havanna, Kuba, sucht 1994 dem Hunger zu entrinnen; und Mahmoud flieht 2015 aus dem zerstörten Aleppo. Alle drei machen ähnliche Erfahrungen auf der Flucht übers Meer.

Alan Gratz erzählt abwechselnd aus der Perspektive Josefs, Isabels und Mahmouds. Von Anfang an steht die Flucht im Mittelpunkt des Romans, doch es gelingt dem Erzähler, mit wenigen Pinselstrichen ein Gefühl für die alltägliche Kindheitswelt zu evozieren, die schon bald verloren sein wird. Szenische, dialogreiche Momente und spannende Plots ziehen die LeserInnen in die drei Erzählstränge hinein, und zwischendurch werden einigermassen elegant die nötigen Informationen über die jeweilige politische Situation eingestreut. Aus der Sicht deutschsprachiger LeserInnen, die mit der Geschichte der Schoah einigermassen vertraut sind, erscheint Josefs Flucht schematischer als die Erfahrungen, die Isabel, vor allem aber Mahmoud machen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/20, S. 36

Der jüdischer Junge Josef flieht 1939 mit seiner Familie vor den Nazis; Isabel und ihre Nächsten setzen sich 1994 im selbstgebauten Segelboot aus dem von Gewalt und Hunger geprägten Kuba ab; Mahmoud und seine Angehörigen brechen 2015 aus dem zerrütteten Aleppo Richtung Europa auf. Gratz erzählt die fiktiven Schicksale wechselweise, nüchtern und doch berührend, und regt zum Gespräch über Fluchtgründe, Heimatsuche und Solidarität an.

Ein eiskalter Fisch
Frauke Angel, Illustration: Elisabeth Kihssl
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2020, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-3842-1
Schlagwörter: Gefühle | Tiere | Familie/Familienformen | Tod/Trauer

«Ich liebe dich, auch wenn du ein eiskalter Fisch bist.» Diese Worte malt der kleine Junge Buchstabe für Buchstabe sorgfältig ab. Schreiben kann er noch nicht, aber er möchte seinem gerade verstorbenen Fisch Onno gern eine Flaschenpost mitgeben, wenn er ihn bestattet. Er hat die Worte auf dem Zettel gefunden, den Mama für Papa auf den Küchentisch gelegt hat, bevor sie ging.

Und so wird der Tag von Onnos Tod für den Jungen zum schönsten Tag in seinem Leben. Denn der Tag, an dem Onno stirbt, ist der Tag, an dem der Papa des Jungen weint. Das ist etwas Besonderes, denn er weint sonst nie. Er nimmt seinen Sohn auch nie in den Arm – er hat es weder mit Gefühlsduselei, noch ist er so der Kuscheltyp. Aber am Tag von Onnos Tod kann er plötzlich beides. Weinen und seinen Jungen in den Arm nehmen, ganz fest. Und das tut so unendlich gut, dass sich der Junge wünscht, es würde nicht aufhören. «Ein eiskalter Fisch» ist ein bewegendes und berührendes Bilderbuch, das zwar vordergründig «nur» vom Tod eines Haustiers handelt, aber tiefgreifender davon erzählt, was mit einer Familie geschieht, wenn sie ihre Gefühle unterdrückt. Gefühle machen verletzlich, aber – und das ist viel wichtiger – auch menschlich. Diese Erkenntnis drängt sich nach dem Tod des Fisches in diese stille Familie, die gemeinsam um den Fisch weint, ihn begleitet und verabschiedet und dabei neu zueinander findet. Zauberhaft aquarelliert von Elisabeth Kihssl lässt diese zarte, nicht ganz leicht zu lesende Geschichte von Frauke Angel die LeserInnen lange nicht los.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/20, S. 26

Ei Ei Ei! Die Maus hilft aus
Lorenz Pauli, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0783-4
Schlagwörter: Tiere | Mut/Selbstbewusstsein | Freundschaft

Eben lümmelte die Maus noch ganz gemütlich im Gras, da wird sie in den Schwanz gezwickt. Die Amsel war’s! Sie hat das Mäuseschwänzchen mit einem Wurm verwechselt, denn das Brüten stresst sie mächtig, zudem ist sie hungrig. Die Maus hat eine tolle Idee: «Bringe deine Eier und ich wärme sie. Ob ich nur so daliege oder auf deinen Eiern, spielt keine Rolle. Und du kannst in Ruhe Futter suchen und einen Ausflug machen.»

Hört sich wie im Märchen an, weswegen die Elster vom hohen Baum auch gleich ein miesepetriges «So etwas gibt es gar nicht!» krächzt. Erwachsene und Kinder werden sich aus unterschiedlichen Gründen in diese Bilderbuch-Babysitter-Maus verlieben: Selbstbewusst und kess ist sie, verspielt und – wie sich gegen Ende herausstellen wird – wohl auch ziemlich naiv. Aber auch engagiert, mutig und zunehmend verantwortungsbewusst. Kathrin Schärer zeichnet ihre Heldin in unverwechselbarem Strich: Sehr niedlich, zart und mit kindlich-naivem Schimmer in den Knopfaugen, vom Perlmuttrosa der zarten Riesenohren ganz zu schweigen. Überhaupt erweckt die Illustratorin ihre tierischen Figuren in den luftigen Kreidebildern mit viel Witz und Dynamik zum Leben.

Der Text von Lorenz Pauli dazu ist federleicht und lebt von seiner komödiantischen Zuspitzung: Die Kunde von der hilfsbereiten Maus verbreitet sich nämlich wie ein Lauffeuer im Wald und so nimmt die Supernanny nach den Amseleiern auch winzige Meisen-, empfindliche Specht- und diverse Fund-Eier in ihre Obhut, dazu vier kleine, zappelige Eichhörnchen … Eine ganze Kita! Ob sie sich da nicht übernommen hat? Eine turbulente Geschichte mit Visionspotenzial, ohne Zuckerguss und grosse Gesten erzählt.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/20, S. 26

Wolfskinder
Svenja Herrmann, Illustration: Józef Wilkon
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2020, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10507-4
Schlagwörter: Abenteuer | Tiere | Familie/Familienformen

Wolfkindern geht es vermutlich nicht viel anders als Menschenkindern. Sie verspüren den Drang, die Welt zu entdecken und brauchen dabei die Unterstützung ihrer Eltern, aber auch den nötigen Freiraum.

Genau dieser Freiraum wird den vier Wolfswelpen im Bilderbuch «Wolfskinder» gestattet. Die Zürcher Lyrikerin und Literaturvermittlerin Svenja Herrmann erzählt in ihrem Bilderbuchdebüt eine neue Geschichte zu den Illustrationen des Kinderbuchklassikers «Wolfskinder» von Józef Wilkon. Erstmals 1975 im Parabel-Verlag erschienen mit einem Text von Günter Spang, liegt das Bilderbuch nun bei NordSüd mit neuem Cover vor. Darauf sind die Wolfskinder zu sehen. Die Dynamik der vier Tiere im Lauf steht im Spannungs verhältnis zu den Bäumen, die den reglosen Hintergrund zu dieser Lebendigkeit verkörpern. Die jungen Wölfe sind voller Neugier und Energie. Wir begleiten die «vier Wölfchen» dabei, wie sie nach und nach die Welt entdecken. Es ist Nacht und der Wald noch geheimnisvoller als bei Tageslicht. Links steht der auffallend wortgewandte Text, der atmosphärisch dicht, sinnlich und sehr anschaulich von den Erlebnissen der Wolfskinder erzählt, und rechts sind die ausdrucksstarken Aquarelle, die sich auf die Natur und die Tiere konzentrieren. Nur ein paar Farbtupfer in Blau und Grün setzen Akzente zu den in gedeckten Naturtönen gehaltenen Illustrationen. Beim Vorlesen fühlt man Höhen und Tiefen dieses Abenteuers mit und die Kinder können sich mit den jungen Wölfen identifizieren, vor allem auch damit, wie schön es ist, endlich wieder geborgen im Wolfsbau zu sein.

Geborgenheit hat Wolfi im Bilderbuch «Wolfi in Wolle» genug. Seine Wolfseltern geben ihm davon sogar deutlich mehr, als er braucht. Im Gegensatz zur grossen Wolfsfamilie in «Wolfskinder» erzählt Doris Lecher eine Geschichte mit einer menschlich anmutenden Wolf-Kernfamilie mit Papa Wolf, Mama Wolf und einem Wolfskind. Dieses braucht natürlich dringend jemanden zum Spielen. Wenn nur nicht die Eltern immer so überängstlich wären! Mit Schaf Lisa versteht sich Wolfi auf Anhieb blendend. Auch die Eltern haben nichts dagegen: Ein Schaf ist bestimmt harmlos. Doch weit gefehlt!

Die erfahrene Schweizer Illustratorin beginnt bei der Arbeit an einem Bilderbuch immer erst mit der Geschichte. Diese hier liegt ihr sehr am Herzen, hatten ihrer Meinung nach Kinder vergangener Generationen doch deutlich mehr Freiraum als Kinder heute. Danach entstehen die Bilder. In diesem Bilderbuch sind es farbige Illustrationen im Stil der Bauernmalerei. Lecher konzentriert sich dabei auf die Szenen mit Wolfi und seiner neuen Freundin, dem Schaf Lisa. Dabei wagt sie auch ungewohnte Perspektiven, etwa der schwindelerregende Blick in die tiefe Wolfsgrube, aus der Papa Wolf gerettet werden soll.

Umrahmt werden die Farbszenen mit schwarz-weiss gezeichneten, alpinen Scherenschnitten. Darauf gibt es viel zu entdecken: andere Tiere, Ornamente und diversen Tierspuren. So entsteht eine spannungsreiche Kombination dieser beiden Stile. Ab und an wirkt die Mimik der beiden Hauptfiguren etwas zu statisch. Ein Schönheitsfehler, über den man aber getrost hinwegsehen kann. Zu Ende geht die Geschichte wie bei den «Wolfskindern» nach einem grossen Abenteuer mit der Geborgenheit des Wolfsbaus.

Beide Bilderbücher machen neugierig auf die Lebenswelt von Wölfen und bieten Kindern gleichzeitig etliche Anknüpfungspunkte in Sachen eigenes Weltentdecken.

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/20, S. 27

Wolfi in Wolle
Doris Lecher
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-020-4
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Tiere | Freundschaft

Wolfkindern geht es vermutlich nicht viel anders als Menschenkindern. Sie verspüren den Drang, die Welt zu entdecken und brauchen dabei die Unterstützung ihrer Eltern, aber auch den nötigen Freiraum.

Genau dieser Freiraum wird den vier Wolfswelpen im Bilderbuch «Wolfskinder» gestattet. Die Zürcher Lyrikerin und Literaturvermittlerin Svenja Herrmann erzählt in ihrem Bilderbuchdebüt eine neue Geschichte zu den Illustrationen des Kinderbuchklassikers «Wolfskinder» von Józef Wilkon. Erstmals 1975 im Parabel-Verlag erschienen mit einem Text von Günter Spang, liegt das Bilderbuch nun bei NordSüd mit neuem Cover vor. Darauf sind die Wolfskinder zu sehen. Die Dynamik der vier Tiere im Lauf steht im Spannungsverhältnis zu den Bäumen, die den reglosen Hintergrund zu dieser Lebendigkeit verkörpern. Die jungen Wölfe sind voller Neugier und Energie. Wir begleiten die «vier Wölfchen» dabei, wie sie nach und nach die Welt entdecken. Es ist Nacht und der Wald noch geheimnisvoller als bei Tageslicht. Links steht der auffallend wortgewandte Text, der atmosphärisch dicht, sinnlich und sehr anschaulich von den Erlebnissen der Wolfskinder erzählt, und rechts sind die ausdrucksstarken Aquarelle, die sich auf die Natur und die Tiere konzentrieren. Nur ein paar Farbtupfer in Blau und Grün setzen Akzente zu den in gedeckten Naturtönen gehaltenen Illustrationen. Beim Vorlesen fühlt man Höhen und Tiefen dieses Abenteuers mit und die Kinder können sich mit den jungen Wölfen identifizieren, vor allem auch damit, wie schön es ist, endlich wieder geborgen im Wolfsbau zu sein.

Geborgenheit hat Wolfi im Bilderbuch «Wolfi in Wolle» genug. Seine Wolfseltern geben ihm davon sogar deutlich mehr, als er braucht. Im Gegensatz zur grossen Wolfsfamilie in «Wolfskinder» erzählt Doris Lecher eine Geschichte mit einer menschlich anmutenden Wolf-Kernfamilie mit Papa Wolf, Mama Wolf und einem Wolfskind. Dieses braucht natürlich dringend jemanden zum Spielen. Wenn nur nicht die Eltern immer so überängstlich wären! Mit Schaf Lisa versteht sich Wolfi auf Anhieb blendend. Auch die Eltern haben nichts dagegen: Ein Schaf ist bestimmt harmlos. Doch weit gefehlt!

Die erfahrene Schweizer Illustratorin beginnt bei der Arbeit an einem Bilderbuch immer erst mit der Geschichte. Diese hier liegt ihr sehr am Herzen, hatten ihrer Meinung nach Kinder vergangener Generationen doch deutlich mehr Freiraum als Kinder heute. Danach entstehen die Bilder. In diesem Bilderbuch sind es farbige Illustrationen im Stil der Bauernmalerei. Lecher konzentriert sich dabei auf die Szenen mit Wolfi und seiner neuen Freundin, dem Schaf Lisa. Dabei wagt sie auch ungewohnte Perspektiven, etwa der schwindelerregende Blick in die tiefe Wolfsgrube, aus der Papa Wolf gerettet werden soll.

Umrahmt werden die Farbszenen mit schwarz-weiss gezeichneten, alpinen Scherenschnitten. Darauf gibt es viel zu entdecken: andere Tiere, Ornamente und diversen Tierspuren. So entsteht eine spannungsreiche Kombination dieser beiden Stile. Ab und an wirkt die Mimik der beiden Hauptfiguren etwas zu statisch. Ein Schönheitsfehler, über den man aber getrost hinwegsehen kann. Zu Ende geht die Geschichte wie bei den «Wolfskindern» nach einem grossen Abenteuer mit der Geborgenheit des Wolfsbaus.

Beide Bilderbücher machen neugierig auf die Lebenswelt von Wölfen und bieten Kindern gleichzeitig etliche Anknüpfungspunkte in Sachen eigenes Weltentdecken.

Antje Ehman
Buch&Maus 2/20, S. 27

Heute nicht. Doch vielleicht morgen?
Timon Meyer, Illustration: Julian Meyer
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-257-01263-7
Schlagwörter: Tiere | Gefühle | Streit/Konflikt

«Hat’s der Bär heute schwer?» Ja! Seine Aktentasche ist aufgeklappt und die Dokumente liegen auf dem Boden verteilt. «Zerbricht das kleine Pandaherz heute fast vor lauter Schmerz?» Sieht ganz so aus! Auch der Lurch hängt durch, beim Lama gibt’s Drama und das Schaf kriegt keinen Schlaf. Weil etwas nicht klappt, weil gestritten oder getrauert wird. Puh – richtig schlimm fühlt sich das an! Aber dann kickt der Löwe trotzig einen Ball weg – dem Bären an den Kopf, der überlegt: «Wird es denn auch wieder besser? Heute nicht! Doch vielleicht morgen?»

Der Bär entscheidet sich, eine Fantasiereise ans Meer zu unternehmen, weil dort alle gut gelaunt sind. Der Lurch, der dringend eine Lernpause braucht, chillt einfach mal zu Hause mit Videospielen, und der Panda düst mit seinen FreundInnen durch den grasgrünen Wald: «Vielleicht scheint dann auch die Sonne und es ist die reinste Wonne durch den Bambuswald zu brettern und dabei ein Lied zu schmettern.» Jedes Tier hat etwas, worauf es sich freuen kann – und siehe da, das positive Denken bewirkt eine Veränderung. Aus dem «vielleicht» wird ein «ganz bestimmt».

Das Kreativduo Timon und Julian Meyer vermittelt mit eingängigen Reimen und farbenfrohen Illustrationen, was die Kraft der Fantasie vermag: Mit einem frischen optimistischen Blick in die Zukunft können wir die Dinge, die uns missmutig machen, leichter nehmen und uns besser fühlen. Die letzte Doppelseite bringt die Botschaft humorvoll auf den Punkt: «Was die Tiere gestern plagte, kümmert heute keines mehr, und es ist, sein wir mal ehrlich, auch schon viel zu lange her.» Die tierische Truppe geniesst gemeinsam das Abendrot – der Panda guckt entzückt, das Lama zufrieden. Ein fröhliches Kopf-hoch-Buch für Kinder und Erwachsene.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/20, S. 27

Die Fabel von Fausto
Oliver Jeffers
Aus dem Englischen von Anna Schaub
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2020, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10523-4
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Intertextualität

Was passiert, wenn jemand alles besitzen und sich nicht zufriedengeben will mit den Dingen, die er bereits hat? Oliver Jeffers hat diesen Gedanken aus der Faust-Überlieferung in eine wunderbare Fabel transferiert.

Fausto ist ein Mann, der alles haben will. In der Welt fängt er klein an: Er will erst die Blume, dann das Schaf, den Baum, ein Feld, einen Wald, den See und den Berg. Immer grössenwahnsinniger werden seine Wünsche, doch nach anfänglichen Widerständen beugen sich ihm alle und akzeptieren seinen Willen. Dies bietet Fausto mehr und mehr Genugtuung und gibt ihm das Gefühl von Macht. Fausto will aber mehr – er will das Meer. Schliesslich scheitert er hier: an sich, seinem Machtstreben und am nicht vorhandenen Verständnis für Bedürfnisse und Eigenheiten anderer. Er ertrinkt, als er dem Meer beweisen will, wie viel Macht er hat. Und so nehmen die Dinge wieder ihren Lauf: «Dem Meer tat es leid um ihn, aber es machte weiter wie bisher. Auch der Berg ging wieder seinen eigenen Angelegenheiten nach. Und der See und der Wald, das Feld und der Baum, das Schaf und die Blume – alle machten sie weiter wie bisher. Denn das Schicksal des Fausto hatte für sie keine Bedeutung.»

Sparsam sind Texte und Bilder – entstanden auf einer traditionellen Lithografiepresse – auf den Seiten gesetzt. Gerade dies unterstützt die Wirkung des Bilderbuchs, das nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene anspricht und bei einer gemeinsamen Lektüre zum Nachdenken anregt. Es gibt Dinge, die grösser sind als der Mensch. Und das Wissen, genug zu haben und nicht mehr zu brauchen, macht erst richtig zufrieden, wie eine kurze, dem Buch beigefügte Anekdote klarmacht.

Sabine Planka
Buch&Maus 2/20, S. 28

Sie kommen
Sylvie Neeman, Illustration: Albertine
Aus dem Französischen von Bernadette Ott
Verlag: Aladin, Publiziert: 2020, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0174-6
Schlagwörter: Schule | Alltag

Viele Bilderbücher erzählen, wie sich der erste Schultag für ErstklässlerInnen anfühlt. Nach und nach erst halten genuin erwachsene Positionen und Sichtweisen wie die der LehrerInnen als offene Mehrfachadressierung in Kinderbüchern Einzug. Sparsam, in wenigen und einfach gebauten Sätzen erzählt die Schweizer Autorin Sylvie Neeman in «Sie kommen!» von einer Lehrerin, die am Tag der Einschulung im noch leeren Klassenzimmer Angst vor ihrer Aufgabe, vor ihren Schulkindern hat.

Was sich bis zum Eintreffen der ErstklässlerInnen in ihren Gedanken abspielt, bildet Albertine ab. Verblüffend kunstvoll und einfach nutzt die Genfer Illustratorin visuelle Erzählstrategien, um die Kinder figürlich zu verfremden. Die schwarzen Schattenrisse wirken erst wie riesige, bedrohliche Monster und mutieren dann zu farbigen Fantasietieren. Bild um Bild malt sich die Lehrerin aus, was sie erwarten könnte: hungrige Mäuler, bewaffnete Banden, die viele Fragen stellen, auf die sie keine Antwort weiss, und die sie zur Bestrafung kochen. Oder sind sie am Schluss doch lieb, mit Augen wie Sterne, die grosszügig lächeln?

Die Panikattacken werden als farbig konturierte Anteile inszeniert, die im Gegensatz zu den Farbflächen schemenhaft wirken. In der letzten Szene ist die Welt zum Glück wieder in Ordnung: mit einer grossen Lehrerin, die sich liebevoll ihren kleinen, schüchternen, sympathischen Schulkindern zuwendet. Statt verkrampfter Belehrung wird hier eine überzeugend leichtfüssige Alltagsgeschichte wider üblicher Rollenzuweisungen geboten.

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/20, S. 26

Hugo und Kauz
Vera Eggermann
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0765-0
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Tiere | Intertextualität | Lesen

«Oben am Waldrand wohnt Hugo mit Papa und dem Hund Bernhard.» Der erste doppelseitige Aufschlag in Vera Eggermanns neustem Bilderbuch referiert auf die grossen Klassiker der Schweizer Kinderliteratur. Da steht ein Maiensäss unter grossen Tannen, ein bärtiger Mann schaut über das Bergpanorama gerade wie Alpöhi und ein kleiner Junge stellt sich den Betrachtenden so forsch frontal gegenüber wie bei Carigiet der Schellen-Ursli. Dass die Luzerner Illustratorin in diesem Bilderbuch mit intertextuellen Referenzen spielt, ist offensichtlich – und sie tut dies liebe- und humorvoll.

Auch wenn die Geschichte von Hugo, der einen jungen Kauz findet und daheim versteckt, an «Flurina und das Wildvöglein» angelehnt ist, wird es nie zu beschaulich. Denn der Illustratorin gelingt es, das Bergleben ins 21. Jahrhundert zu versetzen. Im Innern des Maiensäss haben Actionfiguren genauso ihren Platz wie Bauernmalerei. Und nachdem der tätowierte Vater eine umgestürzte Tanne zersägt hat, setzt er sich mit dem Laptop auf eine Stabelle – auf genau solch einen Holzstuhl also, auf dem auch Schellen-Ursli bei Kastanienribel den Eltern von seinen Abenteuern berichtet. Die Innenräume sind mit viel Liebe bis ins kleinste Detail gestaltet – Hugo liest dem Kauz unverkennbar aus Eggermanns «Buchstabenmonster» vor –, die Landschaftsbilder sind hingegen grosszügig flächig gemalt.

Hugo muss den Kauz am Ende zurückbringen, denn in den Tannen ist dieser glücklicher als in einer Stube. Was bleibt, ist eine von Verständnis und Geduld geprägte Vater-Sohn-Beziehung, die ihren Ausdruck in der abendlichen Vorleseszene findet. Wer genau hinschaut, erkennt auch die Gutenachtgeschichte: Es ist «Der Kiosk» von Anete Melece.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/20, S. 28

Rosie auf dem Baum
Isabel Pin
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2020, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-3828-5
Schlagwörter: Identität/Individualität | Natur | Geschlechterbilder

Auf den ersten Blick sieht sie mit ihren dynamischen roten Zöpfen wie Pippi Langstrumpf aus. Und tatsächlich darf man Rosie, die Heldin von Isabel Pins neuem Bilderbuch, als Enkelin der legendären Schwedin sehen, die dieses Jahr ihren 75. Geburtstag feiert. Denn Rosie tut, was sie will. Sehr konsequent sogar.

An einem Dienstag klettert sie auf einen Baum, von dem sie den ganzen grossen Aquarell-Garten in seinen vielen Grünschattierungen überblicken kann, und bleibt dort. Schon am Mittwoch beginnen die Erwachsenen auf sie einzureden – ein Mädchen gehöre nicht auf den Baum –, sie strecken ihr Kuchen, Geschenke entgegen und versprechen ihr alles Mögliche, wenn sie nur runterkommt und wieder tut, was normale Kinder tun. Isabel Pin malt die besorgten Erwachsenen aus Rosies Vogelperspektive und lässt das Grün um sie herum fast verschwinden; mit ihren Mahnungen stehen sie auf Inseln, im Abseits, im Weissraum der Buchseiten. Als hätte Rosie mit ihrem Ausbruch aus der Alltagsnormalität die Sorgen und Nöte all jener, die sich brav an die Regeln halten, ans Licht gebracht.

Wann immer Rosie dagegen ins Bild kommt, ist ein zarter Tag- oder gemütlicher Nachthimmel zu sehen, umgeben von der Ungerührtheit des Gartens mit seinen langmütigen Bäumen, Sträuchern und Blumen, bevölkert von Vögeln und spielenden Kindern. Je länger Rosie oben bleibt, desto weiter hebt die Perspektive in die Luft ab; bald sehen wir die Welt – den Garten, den Baum, Rosies rote Zöpfe – so, wie sie die Vögel sehen, die ihre Kreise ziehen. Irgendwann klettert Rosie wieder vom Baum herunter und legt sich auf die Wiese – auf den Bauch, mit ausgestreckten Armen, wie ein Vogel am Himmel.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/20, S. 29

Hans Christian Andersen
Heinz Janisch, Illustration: Maja Kastelic
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2020, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10422-0
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Biografie

Die Reise seines Lebens

Auf einer Kutschenfahrt nach Kopenhagen begegnet die siebenjährige Elsa dem berühmten Märchenautor Hans Christian Andersen. Dieser nimmt Elsa auf eine Reise durch sein Leben mit und erzählt ihr auch von seinen Märchen.

Der kleine Hans wird in ärmlichen Verhältnissen in Odense geboren und verliert früh seinen Vater. Fest entschlossen, Schauspieler zu werden, reist er mit 15 Jahren alleine nach Kopenhagen, um dort sein Glück zu versuchen, was anfangs nicht so recht klappen will. Holprig ist auch die Erzählweise in diesem Bilderbuch zuweilen, was der Fantasie und Poesie in der Sprache des österreichischen Lyrikers Heinz Janischs jedoch keinen Abbruch tut.

Die Bilder der von Maja Kastelic in Panels erzählten Geschichte setzen farblos ein. Als Andersen sich erfolgreicher durchzusetzen vermag, wird die braungraue Farbe bunter aufgemischt. Farbe gewinnt das Märchen auch schon früher, wenn der kleine Hans Christian das Märchenbuch seines Vaters aufschlägt und zu träumen anfängt. Zu diesem Zeitpunkt weiss er noch nicht, dass er die Märchenwelt selbst einmal entscheidend prägen wird.

Fantasie und Wirklichkeit vermischen sich in der Geschichte und Andersen gesteht Elsa ein, dass er sich zuweilen wie seine Märchenfiguren gefühlt habe. Diese Verwischung der Grenzen zeigt sich auch, wenn auf einmal Elsa selbst in Andersens Geschichte auftaucht und sich wünscht, bereits in Kopenhagen zu sein. Andersen erfüllt ihr diesen Wunsch, dem Motto folgend: In Märchen ist alles möglich. Trotzdem bleibt das schönste Märchen, das Leben selbst, wie Andersen mal so schön sagte.

Alexia Panagiotidis
Buch&Maus 2/20, S. 29

Gipfelstürmer
Pierre Zenzius
Aus dem Französischen von Ebi Naumann
Verlag: Aladin, Publiziert: 2020, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0171-5
Schlagwörter: Abenteuer | Humor/Komik | Tiere | Natur | Biografie

Mit «Gipfelstürmer» hat Pierre Zenzius ein mehr als beachtenswertes Bilderbuchdebüt vorgelegt, dass sich der Geschichte des Schweizer Naturforschers Horace-Bénédict de Saussure widmet. Das Buch erzählt de Saussures Besteigung des Mont-Blanc frei nach dessen Werken «Journal de l’ascension du Mont-Blanc» sowie «Voyages dans les Alpes» nach. Ein faktuales Vorwort macht die LeserInnen mit de Saussures Geschichte vertraut, bevor sich das Abenteuer der Bergbesteigung vor ihnen visuell entfaltet.

Der Stil mutet an gewissen Stellen beinahe schon kubistisch an und erinnert an die Bilder von Alexander Kanoldt oder Lawren Harris. So fangen Pierre Zensius’ Illustrationen mit ihrer Leichtigkeit und ihrem feinfühligen Humor die Dramatik und Anstrengung des Bergaufstiegs geschickt sowie mit starken Farben ein.

Der Text ist sparsam gesetzt – auf einigen Seiten fehlt er ganz – und überlässt damit den Bildern den Vortritt in ihrer ganzen Aussagekraft, die die Übermacht der Natur gegenüber den Menschen zeigt, die sie zu bezwingen suchen. Und die jüngeren und älteren LeserInnen haben viel zu entdecken: Die kleinen Menschen tummeln sich in der Natur und lassen so Assoziationen zu Wimmelbildern und -büchern zu; sind es doch die kleinen Details, die sich beim mehrmaligen Betrachten der Bilder offenbaren. Die Überraschung erwartet die LeserInnen am Schluss: Es ist de Saussures Hund, der die Geschichte erzählt hat und sie auch humorvoll beendet.

Sabine Planka
Buch&Maus 2/20, S. 29

Ada + Eva
Laura D'Arcangelo
Verlag: SJW, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0213-1
Schlagwörter: Liebe | LGBTQ* | Natur

Was für eine Welt! Üppige Farne, Sträucher, Blumen und Gräser von satt- bis zartgrün mit sparsam bunten Akzenten ranken sich in Laura D’Arcangelos textlosem Bilderbuch zu einem ornamentalen, materiell-sinnlichen Wald. Es ist ein Paradies, das man mit jeder Faser seines Daseins wahr- und aufnehmen und in dem man sich verlieren möchte, um transformiert daraus aufzutauchen. Oder auch nicht wiederaufzutauchen: Warum nicht bleiben? Nicht jedem Paradies ist die Vertreibung eingeschrieben. In «Ada + Eva» sind die Vorzeichen geändert. Und eine Frucht ist «nur» eine Frucht: ein Wunder der Natur, das frau sich teilen kann. Um sich, vielleicht, darüber zu verlieben, sich aneinander und an der Welt zu freuen und gemeinsam darin zu leben.

Die junge Frau im blauen Kleid jedenfalls, die ihrer abenteuerlustigen Katze in diese zauberhafte Geschichte eines anderen Anfangs hineinfolgt, sieht die Welt mit neuen Augen. Denn auch sie wird gesehen: von einer Ornithologin, deren Blick durch den Feldstecher einem Vogel (allerliebst: einer paradiesischen Gimpel-Variante?) folgt, um dann bei einem Gegenüber zu landen, das ihren Blick und ihr Herz nicht mehr loslässt. Dass die Katze selbigen Vogel frisst, gehört zu einer Welt, die nicht perfekt ist, aber voller Möglichkeiten; einer Welt, in der eine «Arschbombe» ins Meer zum ersten Kuss führen kann. Ohne Verklärung, aber mit viel Liebe zu den Figuren und feinem Humor erzählt, bereichert die Bildgeschichte der jungen Künstlerin die Farbpalette und die Möglichkeitsformen der Schweizer Bilderbuchlandschaft immens. Der Hinweis auf dem Umschlag, dass wir es mit einer «Geschichte ohne Worte über die Selbstverständlichkeit einer gleichgeschlechtlichen Liebe» zu tun haben, ist (mehr als) unnötig. Love is love. Selten wurde diese fundamentale Wahrheit schöner ausgemalt.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/20, S. 30

Zwei junge Frauen streifen durch einen üppigen Urwald. Die eine jagt einer Katze hinterher, die andere beobachtet einen Vogel – da treffen sie aufeinander. Ganz ohne Text entwickelt sich in den Bildern eine zarte Liebesgeschichte zwischen den beiden Frauen, die am Ende mit ergrauten Haaren zurückblicken. Adam und Eva als gleichgeschlechtliche Liebe: Der Stoff und die Bilder lassen viel Raum zur Interpretation und zum Weiterdenken.

Sonntag, Montag, Sternentag
Anna Woltz
Aus dem Niederländischen von Andrea Khuitmann
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2020, Seiten: 63, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55768-1
Schlagwörter: Freundschaft | Schule | Forschen

Aus Noras Sicht sind alle anderen Kinder ein wenig doof. Allen voran ihre Brüder, die sie auslachen, wenn sie eine besonders gute Idee hat. Aber auch alle anderen, die nicht kapieren, dass sie eine Erfinderin ist, und eine ganz ausgezeichnete dazu. Nora selbst sieht zu Beginn der Geschichte natürlich nicht, dass sie vielleicht auch einen klitzekleinen Anteil daran hat, dass die anderen alle so schwierig sind.

Anna Woltz gelingt es mit einfachen, aber raffinierten Mitteln, Nora als Ich- Erzählerin so reden zu lassen, dass die LeserInnen sich sowohl in sie als auch in ihre Umgebung einfühlen können. Wenn Nora prahlt, wie sie ihre Brüder mit ihrem selbst erfundenen mechanischen Feuerdrachen in Angst und Schrecken versetzt hat, kommt einem ihre Schadenfreue schon ein wenig übertrieben vor: «Ich sass im Baum des Drachen und hörte meine Brüder heulen und jammern. Und zitternd nach Mama rufen. Haha, ich bin Nora, und ich bin Erfinderin.» Oder wenn sie auf die anfängliche Zurückhaltung des neuen Nachbarsjungen stinksauer reagiert. Auch da drückt sich die Wut in einer Erfindung aus, was von den erfinderischen Qualitäten der Autorin zeugt: Nora macht sich daran, einen Jungen-Pümpel zu erfinden, einen mit fiesen Nägeln, um Jungsköpfe zu entstopfen.

Im Lauf der kurzen und mit witzigen Einfällen gespickten Geschichte lernt Nora, dass es viel mehr Spass macht, gemeinsam zu forschen und zu erfinden als allein. Denn Ben, der Junge, der ins Nachbarhaus einzieht, ist zwar ein grosser Astronom, stirbt aber tausend Tode, wenn er vor der Klasse einen Vortrag halten soll. Dank Teamwork – Bens Wissen, Noras Erfindung und tatkräftiger Hilfe eines ihrer Brüder – gelingt es am Ende aber doch. Zum Glück, denn Freunde kann man nicht erfinden.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/20, S. 29

Pelikansommer
Gillian McDunn
Aus dem amerikanischen Englisch von Katja Maatsch
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2020, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-73-735674-9
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Generationen | Mut/Selbstbewusstsein

Oft genug lastet in Kinder- und Jugendbüchern eine ungeheure Bürde auf den Kindern. Sie sollen dafür zuständig sein, zu verbitterten, erwachsenen Herzen durchzudringen und alles, was auf der grossen oder in ihrer kleinen Welt schiefläuft, wieder geradezurücken. Gut, dass sich neue Kinderliteratur diesem Narrativ auch mal verweigert. Die Wiederherstellung von Familienglück kann nicht in der Verantwortung eines Kindes liegen.

Gillian McDunns Ich-Erzählerin, die Cat genannt wird, fühlt sich viel zu sehr für alles verantwortlich. Zu oft muss sie alleine für ihren siebenjährigen, leicht autistischen Bruder Küken sorgen. Wenn er in der Stadt wegläuft, erzählt sie ihrer alleinerziehenden Mutter nichts davon, um sie nicht zu beunruhigen. Als Cat und Küken aufgrund einer kurzfristigen Planänderung die Ferien in einem pittoresken Küstendorf bei ihren Grosseltern verbringen, setzt bei Cat ein Prozess ein, an dessen Ende sie laut ausrufen kann: «Ihr seid doch die Erwachsenen, also verhaltet euch so!» Denn hier wird ihr die Sorge um ihren kleinen Bruder abgenommen und sie darf für einmal ganz frei mit ihrer neuen Freundin die Insel erkunden. Gleichzeitig hat sie ein Projekt: Sie will ihre Mutter und ihren Grossvater wieder zusammenbringen, die sich vor vielen Jahren zerstritten hatten. Um dies zu erreichen, muss Cat unbedingt den lokalen Angelwettbewerb gewinnen. Cat gewinnt nicht. Und das ist nicht schlimm. Denn es ist nicht ihre Aufgabe, die Erwachsenen zu versöhnen.

«Pelikansommer» ist ein empathischer Kinderroman über Geschwister- und Generationenbeziehungen, über Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein und über einen wunderschönen Sommer in der Küstenidylle.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/20, S. 30

Als ich die Pflaumen des Riesen klaute
Ulf Stark
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Urachhaus, Publiziert: 2020, Seiten: 92, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8251-5222-2
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft | Forschen

Ulf Stark (1944–2017) verstand sich darauf, die wunderbarsten Geschichten aus dem Kinderalltag zu erzählen. Unverkennbar ist es die Erinnerung an seine eigene Kindheit, aus welcher der schwedische Autor in seinem letzten Kinderbuch schöpft; mit witzigen und stimmungsvollen Illustrationen von Regina Kehn.

Ulf und sein Freund Bernt wachsen in einer Zeit auf, in der es noch Hühner im Garten gibt, und erleben eine zeitlose Geschichte. Es geht um die Mischung aus Faszination und Schrecken, die seltsame Erwachsene auf Kinder ausüben. Ulf und Bernt haben den Riesen Oskarsson im Visier, der seltsam aussieht, immer allein ist, Nistkästen für Vögel bastelt und, der Gipfel der Skurrilität, verzückt lauscht, wenn Ulfs Mutter am Klavier sitzt. Wahrscheinlich ist er ein Menschenfresser, jedenfalls muss er dringend ausspioniert werden.

Nach einigen Wirrungen und Konflikten löst sich alles in Harmonie auf, und die beiden Jungen haben mehr von der Welt der Erwachsenen verstanden. Was die Geschichte so zauberhaft macht, ist die Sprache. Dazu gehören die poetischen Sätze, mit denen er seinen kleinen Ich-Erzähler die anderen Figuren in ihrer Eigenwilligkeit charakterisieren lässt. Über seine Mutter, die immer für ihre Familie da ist, jeden Abend zwanzig Minuten Klavier spielt und jedes Wochenende einen Nachmittag ungestört in ihrer Hütte im Wald verbringt, sagt er: «Man konnte den Wind in der hohen Kiefer rauschen hören, die gleich neben der Hütte stand. Das Rauschen sei die Art des Baumes zu denken, sagte Mama.» Nachdenkliche Momente wechseln sich ab mit witzigen Dialogen, in denen Stark die emotionalen Achterbahnfahrten der beiden Freunde einfängt, die das Privileg haben, ihre Kindheit als ein grosses Experimentierlabor zu erleben.

Christine Lötscher
Buch&Maus, 2/20, S. 31

Sommer ist trotdzem
Espen Dekko
Aus dem Norwegischen von Karoline Hippe
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2020, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-18531-8
Schlagwörter: Tod/Trauer | Generationen | Familie/Familienformen

«Tränen sind Gedanken, die wir nicht in Worte fassen können, hat Papa gesagt» – ein trauriger wie poetischer Anfang, der noch nicht ahnen lässt, wie packend diese Geschichte wird. Die Elfjährige, deren Name nicht genannt wird, hat ihren Vater verloren. Und jetzt, ein Jahr später, als sie in den Sommerferien zu den Grosseltern ans Meer fährt, kann sie immer noch nicht über ihren Verlust sprechen, manchmal fällt ihr sogar das Atmen schwer. Bei Oma und Opa passiert dann einiges, das unter die Haut geht. Aufbauende Glücksmomente werden durch Zufälle oft brutal sabotiert, der Tod ist allgegenwärtig: Ein Schweinswal verendet, der Wurf der Hauskatze stirbt, Protagonistin und Opa geraten nach einer Walsafari in einen lebensgefährlichen Sturm. Es ist zum Verzweifeln. Und doch reisst die Lektüre mit, denn hier wird Trauerbewältigung inszeniert, radikal und heilsam zugleich.

Die Erzählweise überwältigt mit einer sprachlichen Sinnlichkeit, die in die Gefühlswelt der Heldin hineintaucht und sie intensiv vermittelt. Sie sieht Pfützen, die «randvoll mit blauem Himmel» sind, oder spürt das Meer in ihren Händen: «Als ob es mich mit Handschlag begrüsst». Dazu ist der Bericht der Ich-Erzählerin mit Hinweisen gespickt. Ihre ständigen Atemprobleme und der unzuverlässige Bootsmotor weisen auf vergangenes und kommendes Unheil hin, die bevorstehende Geburt der Katzenjungen oder die Walausfahrt lassen hoffen, dass doch noch alles gut wird. Neugierig und besorgt begleiten wir die Heldin. Kann sie aus ihrem Gefühlskokon ausbrechen und den Tod des Vaters akzeptieren? Sie kann. Weil sie genug Zeit bekommt, ein engelsgeduldiges Umfeld hat und schliesslich ihre eigene Stärke entdeckt, um loszulassen: «Ich lehne mich an Opa und lasse die Tränen kommen … Ich weine um Papa … Alles kommt raus.»

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/20, S. 31

Sammy
Henry Cole
Aus dem amerikanischen Englisch von Diana Steinbrede
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2020, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-280-08020-7
Schlagwörter: Abenteuer | Natur | Tiere

Die unglaublichen Abenteuer einer kleinen Maus

«Absolut sicher. Perfekt. Eine Profimaschine!», verspricht Jimmy, bevor er die Maus seines Bruders in ein selbstgebautes Modellflugzeug setzt. Prompt fällt die Fernsteuerung aus und der kleine Testpilot stürzt mutterseelenallein in einem riesigen Wald ab. Zum Glück wird Sammy von einer Schar Feldmäuse gefunden und in ihre Höhle zum alten Osmund gebracht. Dessen Gastfreundschaft ist gross, doch die vom Himmel gefallene «Zaubermaus» ruft leider auch sofort das böse Wiesel Mustela und seine Buschrattenbande auf den Plan: Schon lange will sich der Fiesling Mustela das fruchtbare Land der Feldmäuse einverleiben und da kommt ihm so ein geheimnisvolles Fluggerät gerade recht.

Am nächsten Morgen ist Sammys «Zauberblitz» verschwunden. Weil der sich wieder nach Hause in seinen gemütlichen Schuhkarton sehnt, hat er nun gleich zwei Missionen: Sein Flugzeug finden und danach den Tüftler Waschi Waschbär ausfindig machen, der es ihm reparieren soll. Auf seinem gefährlichen Abenteuer begleiten ihn bald fünf Gefährten, die unterschiedlicher kaum sein könnten, darunter eine flugunfähige Krähe, eine freche Molchin und eine mutige Spitzmaus. Wie sie es zusammen in einem spektakulären Showdown schaffen, Mustela zu besiegen und mit Sammy nach Hause zu fliegen, ist eine spannende Geschichte.

Erzählt wird sie von dem US-amerikanischen Bilderbuchautor Henry Cole in kurzen Vorlesekapiteln mit viel Action, exotischen Figuren und quicklebendigen Dialogen. Seine stimmungsvollen, filigranen Bleistiftzeichnungen im Stil von Torben Kuhlmanns «Lindbergh» füllen fast jede Seite und entführen in eine märchenhafte Waldwelt.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/20, S. 31

Das Mädchen, das den Sturm ruft
Lindsay Lackey
Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Klein
Verlag: Dressler, Publiziert: 2020, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-0156-7
Schlagwörter: Gewalt | Familie/Familienformen | Gefühle

Weil die elfjährige Red von einer Pflegefamilie zur nächsten gereicht wird, fällt es ihr schwer, Vertrauen aufzubauen. Sie zählt die Tage, bis ihre Mama aus dem Gefängnis kommt: noch 397 Tage. Zu lange, um allein zurechtzukommen, nicht lang genug, um irgendwo Wurzeln zu schlagen. Verstanden fühlt sich Red alleine von der Riesenschildkröte, die auf dem Hof ihrer neuen Pflegeeltern lebt. Auch sie ist allein und hat einen Panzer voller Narben, der von alten Verletzungen erzählt.

Was Red mit ihrer Mutter verbindet, ist die Fähigkeit, allein durch ihre Gedanken und Gefühle Wind aufkommen zu lassen. Doch während der Wind von Reds Mutter sanft, wärmend und streichelnd sein konnte, ist der von Red wild und ungezügelt. Ist sie unsicher oder traurig, geht eine Windböe von Red aus, ist sie zornig, schwillt der Wind zum zerstörerischen Sturm an. Ein wahrer Tornado zerstört Teile ihres neuen Zuhauses, als Red erfährt, dass ihre Mutter bereits vor drei Monaten aus dem Gefängnis entlassen wurde, ohne sie zu informieren. Richtig gefährlich wird es, als Red wenig später feststellen muss, dass ihr eine weitere seelische Verletzung bevorsteht.

«Das Mädchen, das den Sturm ruft» ist ein zutiefst berührendes Debut, das dazu ermutigt, Gefühle zuzulassen und dadurch zu lernen, sie zu beherrschen. Ein tief in der Realität verwurzelter Roman um ein verlassenes Kind, das sich nach einer Familie sehnt, durchdrungen von einem Hauch (oder muss man sagen: Orkan) von Fantastik, um das begreifbar zu machen, was niemand uns ansehen kann: Unsere Ängste, unsere Hoffnungslosigkeit, unsere Wut.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/20, S. 32

Wie ich Einstein das Leben rettete
Cornelia Franz
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2020, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-83-696057-1
Schlagwörter: Abenteuer | Biografie | Wissenschaft | Historisches

Am Vorabend ihres zwölften Geburtstags steht Emily an der Reling des Luxuskreuzers Queen Mary, unterwegs nach New York. Doch als der ulkige Herr neben ihr, der etwas von der Unendlichkeit des Universums schwafelt, eine Rakete zündet, geht das Abenteuer los. Plötzlich ist Emily an Bord eines ganz anderen Schiffes – eines Auswandererdampfers im Jahr 1913! Und damit ist sie nicht alleine. Die Jungen Malik und Lorenzo haben genau das gleiche wie Emily erlebt und sind seither in einer Zeitschlaufe gefangen: Immer wieder müssen sie miterleben, wie im Schiff ein Feuer ausbricht und viele arme Auswanderer sterben. Zusammen mit dem Auswandererjungen Willi und der Erstklasspassagierin Erna entwickeln Malik, Lorenzo und Emily einen Plan, wie sie alle Passagiere rechtzeitig an Deck locken und damit retten können. Dies gelingt – und es überlebt auch der seltsame Herr, der seine Aktentasche fest umklammert hält. Diesem Mann und seiner Tasche werden sie später in New York wieder begegnen und in bester «Emil und die Detektive»-Manier verhindern, dass Albert Einsteins wichtige Berechnungen geklaut werden. Dafür kann ihnen der berühmte Professor vielleicht helfen, wieder in ihre Zeit zurückzufinden?

Cornelia Franz hat in ihr mitreissendes Zeitreiseabenteuer viele historische Fakten eingearbeitet. So erfahren die LeserInnen nicht nur von den miserablen Bedingungen der Viertklasspassagiere auf den Auswandererschiffen und ihrer unwürdigen Abfertigung auf Ellis Island, die Autorin lässt ihre ProtagonistInnen auch hautnah den Streik des Hotelpersonals in Manhattan miterleben und streut nebenbei noch Einstein-Zitate und physikalisches Wissen ein. Das Resultat kann man sich bestens als Vorlesebuch für die Mittelstufe vorstellen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/20, S. 32

Meer geht nicht
Oliver Uschmann, Sylvia Witt
Verlag: Gulliver, Publiziert: 2020, Seiten: 143, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-74997-0
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft | Reisen

Bina, Sharif und Samuel können es kaum glauben: Ihr neuer Freund Kevin hat zwar hinter dem Haus einen Mini-Teich mit Strand angelegt, war aber noch nie in seinem Leben am Meer. Das geht gar nicht! Deswegen brechen die 13-Jährigen gleich am nächsten Wochenende Richtung Nordsee auf, heimlich, ohne Eltern und Handys. Schliesslich ist es manchmal besser, «hinterher um Verzeihung zu bitten, als vorher um Erlaubnis zu fragen».

Ihr folgendes Abenteuer ist ein klassisches Roadmovie, das sich dank der pointierten Dialoge und der lebendigen Stimme von Erzähler Samuel ausgesprochen spannend liest, zumal die kurzen Kapitel samt lockerem Seitenaufbau, grosser Schrift und vielen Abschnitten auch Büchermuffel bei der Stange halten dürften.

Die Reisestationen der vier Freunde haben es in sich: Ein Baum kracht auf die Zugschienen, das Kleeblatt wird beim Trampen ausgeraubt, schläft mit tausend Insekten im Wald, macht Feuer, sucht sich Arbeit, versetzt ein Wespennest und bekommt alte Fahrräder geschenkt. Das Wichtigste: Trotz aller Widrigkeiten und Pannen geben die vier bei ihrer Mission «Kevin ans Meer bringen» nie auf. Dann, nach einer furchtbaren Gewitternacht, riecht es plötzlich nach Salz …

Ein fast filmischer Szenenaufbau, vier ungewöhnliche HeldInnen, die über sich hinauswachsen, eine flügelzarte Liebesgeschichte und jede Menge Freundschaft, dazu eine Hommage an das Meer samt zum Heulen schönem Happy End (nur das Elternkapitel ist dann doch zu dick aufgetragen und etwas kitschig) – der «Hartmut und ich»-Autor Oliver Uschmann hat hier mit seiner Frau Sylvia Witt eine tolle Geschichte in einfacher Sprache, aber mit viel Action, Witz und auch Poesie ge-schrieben. Der Band aus der neuen Beltz-Reihe «Super lesbar» wurde zu Recht mit dem Leipziger Lesekompass 2020 ausgezeichnet.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/20, S. 33

Bianca
Bart Moeyaert
Aus dem Niederländischen von Bettina Bach
Verlag: Hanser, Publiziert: 2020, Seiten: 134, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-44-626618-6
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Mut/Selbstbewusstsein

Die ganze bisweilen unerträgliche Kompliziertheit eines zehn- oder elfjährigen Menschenlebens in einem einzigen Nachmittag zu verdichten, ohne sich im Nacherzählen der Biografie zu ergehen, kann nur Bart Moeyaert. Wenige Pinselstriche reichen ihm in seiner Novelle, um Ich-Erzählerin Bianca mit ihren Nöten, ihrem wachen Verstand und ihrer präzisen Beobachtungsgabe greifbar zu machen. Sie sei «schwer zu händeln», finden der Vater und seine Partnerin. Ein «Mädchen mit Gebrauchsanweisung» sei sie, und dazu verschlossen, aber sonst «eine ganz Süsse», meint die alleinerziehende Mutter, deren Energie von der Herzkrankheit des jüngeren Sohnes aufgezehrt wird. Auf jeden Fall sei sie ein interessantes Kind, befindet Billie King, die von Bianca verehrte TV-Serien-Schauspielerin, die an diesem Sommertag mit ihrem Sohn vorbeikommt, damit die Jungen miteinander spielen können. Hinter der fiktionalen Persona dieser Frau kommt eine weit schwerer zu schubladisierende Persönlichkeit zum Vorschein: Sie spricht mit Erleichterung von ihrem baldigen Serientod und als sie später von ihrer Lebensgefährtin abgeholt wird, ist diese ihre Antagonistin in der Serie. Diese Begegnung löst in Bianca viel aus: Sie muss den Bildern nicht entsprechen, die andere sich von ihr machen. Sie hat ein Recht darauf, dass andere sie «händeln», auch wenn sie dazu ihre «Gebrauchsanweisung» studieren müssen. Und sie selbst kann anderen diese Lektüre sowie die Gemeinschaft mit anderen erleichtern, wenn sie mehr von sich preisgibt: etwa, indem sie ihre Zeichnungen aus ihrem Geheimversteck holt – und verschenkt. Was leicht ins Appellative kippen könnte, erinnert bei Moeyaert an den hoffnungsvollen, mit Erleichterung getränkten Geruch eines Platzregens nach einem drückend schwülen Hitzetag.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/20, S. 33

Comedy Queen
Jenny Jägerfeld
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Urachhaus, Publiziert: 2020, Seiten: 247, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8251-5189-8
Schlagwörter: Tod/Trauer | Krankheit | Gewalt

Hauptberuflich leitet Jenny Jägerfeld eine psychologische Praxis in Stockholm. Ihre Erfahrungen, die sie dort mit ihren jungen Klientinnen macht, bewogen sie 2006 dazu, diese literarisch zu verarbeiten. In ihrem neuen Kinderroman «Comedy Queen» geht es um eine psychische Krankheit, nämlich um Depression, und um Suizid. Erkrankt ist nicht die Heldin, sondern deren Mutter. Im Nachwort und in einem Anhang mit Adressen für Hilfesuchende stellt die Autorin klar, dass sie mit ihren fiktionalen Geschichten aufklären und helfen will. Das gelingt aufgrund Jägerfelds erzählerischem Talent, eine psychische Erkrankung einerseits muster- und vorbildhaft (positiv wie negativ) abzubilden, andererseits subjektiv zu spiegeln. So wird die Depression aus Sicht der zwölfjährigen Sasha geschildert, die durch ihre Tabulosigkeit zur Identifikationsfigur wird: Sie darf Vorwürfe äussern, sich zeitweise einigeln, wütend, ja unverhohlen aggressiv sein.

Dieser Umstand findet Ausdruck in einer Checkliste, die Sasha erstellt, um nicht – wie ihre Mutter – «mit ihrem Leben zu scheitern»: «Mama hat versucht, sich um ein Kind (mich) zu kümmern. Das ging total schief.» Daher will Sasha sich um nichts Lebendiges kümmern und verweigert sich lange dem Welpen, den ihr Vater ihr schenken möchte.

Zu Sashas Überlebensstrategie zählt auch das Entwickeln einer Zukunftsvision für ihr eigenes Leben: Sie will Stand-up- Comedian werden und hat auch das Talent dazu, «funny bones» wie ihre Mutter. Diese Gemeinsamkeit tröstet. Zugleich begreift Sasha, dass jeder Mensch einzigartig ist. Diese Erkenntnis hat die Autorin von Beginn weg als Marotte in ihrer Figur angelegt: Sasha ordnet jeden Mensch einem chemischen Grundelement zu. Jägerfeld ist mit «Comedy Queen» ein vielschichtiger, origineller Kinderroman gelungen.

Ina Nefzer
Buch & Maus 2/20, S. 33

Nils geht
Gabi Kreslehner
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2020, Seiten: 141, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-3843-8
Schlagwörter: Schule | Aussenseiter:in/Mobbing | Gewalt

«… und plötzlich hatte Nils dieses Messer in der Hand.» Seit er vor rund einem Jahr neu an die Schule gekommen ist, haben «die fürchterlichen Vier» Nils auf dem Kieker. Sie rufen ihn «Detlev», verspotten und verhöhnen ihn, malträtieren ihn körperlich und seelisch. Allen voran Jo, der es gar nicht gern sieht, als Nils der schönen Mila, die der Sprössling aus reichem Hause als sein Eigentum betrachtet, Nachhilfe in Mathematik gibt und die beiden sich einander annähern.

«Nils geht» erzählt ein Stück Schule: von SchülerInnen, die bestimmen, von einem, der von ihnen gemobbt, schikaniert und gequält wird. Und von denen, die das stumm beobachten, danebenstehen oder wegschauen statt zu helfen. Froh, nicht selbst Zielscheibe der Gemeinheiten zu sein.

Autorin Gabi Kreslehner, von Haus aus selbst Lehrerin, gibt ihrer Geschichte Zeit, sich zu entwickeln. In kurzen, schnellen Schnitten mischt sie im ersten Teil Auszüge aus polizeilichen Vernehmungen mit erzählenden Passagen. Erst nach und nach und aus verschiedenen Perspektiven erfahren die LeserInnen, wie es schliesslich um ein Haar zur Katastrophe kommt und warum die Polizei SchülerInnen befragt. Im zweiten Teil wird ausschliesslich aus Nils’ Perspektive beschrieben, wie es für ihn nach der Messerattacke gegen Jo weiterging.

Ein ebenso spannendes wie beklemmend zu lesendes Buch, dass das Thema Mobbing aus vielen Blickwinkeln beleuchtet und sich bestens für den Einsatz im Unterricht eignet. Fängt es doch die Gedanken, Gefühle und Befindlichkeiten aller Beteiligten einfühlend ein, ohne darüber zu urteilen. Und gibt Lehrerpersonen so ein tolles Buch an die Hand, um mit Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, Diskussionen anzustossen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Andrea Duphorn
Buch & Maus 2/20, S. 33

Landkarte für Verliebte und andere Verirrte
Johanna Lindbäck
Aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
Verlag: Urachhaus, Publiziert: 2020, Seiten: 280, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8251-5185-0
Schlagwörter: Freundschaft | Ferien | Liebe

Jahrelang waren Julia und Karin die allerbesten Freundinnen. Bis sich Karins heimlicher Schwarm Isak ausgerechnet in Julia verliebt und die beiden ein Paar werden. Karin ist tief verletzt und spricht kein Wort mehr mit Julia. Dabei ist die noch nicht mal richtig in Isak verliebt. Aber musste man jemanden nach nur zwei Wochen schon lieben? «Das war so eine kurze Zeit. (Und) es war doch wohl nicht falsch, wenn man da nichts spürte, oder?»

Wie viel anders fühlt es sich da an, als Julia in den Ferien Rasmus kennenlernt, der mit seiner Mutter (und Katze Sivan) im Haus nebenan Urlaub macht. Wenn sie zusammen losziehen (und das tun sie schon bald ziemlich oft), vergeht die Zeit wie im Flug. Stundenlang können sie reden, ohne dass es langweilig wird, die Insel erkunden und über Rasmus’ Zeichnungen sprechen. Mit ihm ist alles ganz leicht und sie sind auf einer Wellenlänge. Aber darf Julia sich überhaupt in Rasmus verlieben? Jetzt, wo sie Isak hat, der doch «nett, lustig und voll gut» ist. Mit aller Macht stemmt sich Julia gegen die wachsende Zuneigung zu ihm. Er wiederum kann sich nicht erklären, warum sie manchmal von einem Moment auf den anderen auf Abstand geht.

«Landkarte für Verliebte und andere Verirrte» lebt von der Spannung, ob Julia und Rasmus am Ende zusammenkommen oder nicht. Johanna Lindbäck erzählt ihre Geschichte aus zwei Perspektiven. Abwechselnd wird ein Kapitel aus der Sicht von Julia und eines aus der Sicht von Rasmus erzählt. Dabei gelingt es der Autorin sehr gut, sich in ihre ProtagonistInnen einzufühlen sowie Gedanken und Gefühle, Zweifel und Unsicherheiten authentisch einzufangen.

Eine wunderbar leichte, mit viel Sympathie für ihre ProtagonistInnen erzählte Liebesgeschichte, die einen Schwedens Sommersonne beim Lesen förmlich auf der Haut spüren lässt.

Andrea Duphorn
Buch & Maus 2/20, S. 34

Sein Reich
Martin Schäuble
Verlag: Fischer KJB, Publiziert: 2020, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-4194-3
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Identität/Individualität | Liebe | Extremismus/Terrorismus

«Grelles Licht blendet mich. Einer der Typen reisst mir die Axt aus der Hand. Stimmt, die hatte ich ganz vergessen. Sie fällt direkt in die Blutlache.» Mit dieser Rückblende beginnt Juri seine dramatische Geschichte, die zur Zeit der Corona-Krise und den kursierenden Verschwörungstheorien hochaktuell wirkt.

Juri ist ein sympathischer Held, der einen grossen Wunsch hat: Er will seine Ferien nicht bei «Mum» mit ihren Regeln und ihrem peinlichen Partner verbringen. Mutig stürzt er sich ins Abenteuer «Papa besuchen». Denn er möchte ganz dringend wissen, wer sein leiblicher Vater ist. Überraschung! Eine Dorfidylle erwartet ihn, man wohnt im Amsel-, Finken- oder Storchenweg, die Tür des Vaters steht offen. Eine aufregende Annäherung beginnt: zusammen basteln, fischen und das Beste: Juri darf sogar Auto fahren. Auch bei der Dorfjugend kommt der 15-Jährige gut an; hier ein Kuss von Maggie, dort Streicheleinheiten von Jule – Juri schwelgt in freudiger Erwartung. Sein Vater aber erwartet Krieg. Den Staat hält er für eine Firma, Kondensstreifen am Himmel für Kampfstoffe, mit anderen ReichsbürgerInnen hat er schon einen Bunker gebaut. Die Rollen scheinen vertauscht: Juri wirkt erwachsen, der Vater wie ein unreifes Kind. Die schlechte Stimmung wird greifbar, Juri will weg, dabei ist er schon Teil des absurden väterlichen Plans.

Doch der Held verliert weder seinen Mut, noch seinen Humor – das wirkt spannend und oft witzig: «‹Muss das sein?›, frage ich. ‹Muss sein›, sagt er. Und wer würde Rohrbomben-Jens nachts im Wald widersprechen?» Zum Glück wird letztlich nur Hühnerblut vergossen.

Juri hat seinen Vater getroffen und weiss, wie er zumindest nicht werden will. «Sein Reich» ist ein gelungener Thriller zwischen Identitätssuche, Liebesgeschichte und Terroranschlag.

Ursula Thomas-Stein

Vront
Yves Grevet
Aus dem Französischen von Nadine Püschel
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2020, Seiten: 500, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-149-8
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Zukunft | Medien

Was ist die Wahrheit?

Weil Stans Bruder Scott gegen das System rebelliert hat, muss er sich einer Gerichtsverhandlung stellen. Die Familie rechnet mit allem, aber nicht mit einer langjährigen Gefängnisstrafe. Für Stan, der seinen grossen Bruder sehr bewundert, bricht eine Welt zusammen. In der Folge versucht er herauszufinden, was tatsächlich in der Widerstandsgruppe «Vront» passiert, die Scott mit seinen Freunden gegründet hat.

Über diesen Handlungsstrang geraten wir in eine nahe Zukunft, in der jedem Mensch ein Computerchip zur Überwachung seiner Gesundheit eingepflanzt wurde. Was Stan immer ein Gefühl von Sicherheit vermittelt hat, war für Scott ein unerträglicher Eingriff in seine Bewegungsfreiheit. «Vront» hat sich in kleinen und eigentlich harmlosen nächtlichen Aktivitäten diese Freiheit Stück für Stück zurückerobert. Indem sich Stan nun auf die Suche nach der Wahrheit hinter Scotts Inhaftierung macht, versteht er immer mehr, was seinen Bruder dazu gebracht hat, sich gegen das System zu stellen.

In «Vront» entwirft der französische Autor Yves Grevet ein packendes Near-Future-Szenario, das bereits geführte Diskussionen um gläserne PatientInnen, Datenschutz und Manipulation in ein überzeugendes narratives Setting bringt. Aus den Perspektiven von Stan, später Scott und abschliessend verschiedenen Mitgliedern der «Vront», erfahren wir mehr über diese nicht allzu fern scheinende Zukunft, in der das System keinen Widerstand verzeiht und zu drastischen Mitteln greift, um das auch unmissverständlich klarzumachen. Ein mitreissender Thriller, in dem es um Leben und Tod geht und der engagierten LeserInnen reichlich Stoff zum Nachdenken gibt.

Maren Bonacker
Buch & Maus 2/20, S. 35

Milchgesicht
Christian Duda
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2020, Seiten: 159, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75543-8
Schlagwörter: Krankheit | Familie/Familienformen | Arbeit | Gewalt

Die 1950er-Jahre in der Steiermark: In einem Dorf «am Rand von allem» kommt ein Bub auf die Welt. Bereits wenige Stunden nach der Geburt ist klar, dass «der Sepp» anders ist: die Haut unnatürlich hell, die Augen gerötet, grelles Licht bereitet körperliche Schmerzen. Ein später befragter Arzt bestätigt: «Krank is’ er. Sehr krank.» Weil zwischen der Arbeit im Stahlwerk und auf dem Feld keine Zeit bleibt, sich um ein krankes Kind zu kümmern, wird der Sepp zu einer «Tante» gegeben. Einer alleinstehenden, kinderlosen Frau, die ihn «an Kindes statt» aufnimmt und die er irgendwann «Mama» nennen wird.

Autor Christian Duda erzählt eine fiktive Geschichte. Und doch auch einen Teil der eigenen Familiengeschichte. Von Dokumenten und Fotos inspiriert, die er nach dem Tod der Grossmutter in der Küchenschublade fand, hat er um das Schicksal von Sepp eine dichte Geschichte gesponnen, die die von Entbehrungen und harter körperlicher Arbeit geprägten 1950er-Jahre atmosphärisch wie sprachlich überzeugend einfängt. In Szenen, Episoden und Momentaufnahmen aus dem Alltag von Sepp und Tante, wird vom Leben eines (vermutlich aus inzestuösen Gründen) zurückgebliebenen Jungen erzählt, der zwar versorgt, aber nie wirklich gefördert, geschweige denn geliebt wird. Als die Tante – Sepp ist bereits ein junger Mann und arbeitet als Aushilfe in der Dorfkneipe – als Engelmacherin überführt wird und für fünf Jahre ins Gefängnis muss, wird Sepp in eine Anstalt eingewiesen, wo er Opfer eines Fachmanns für Bewusstseinsstörungen wird: Nach einer Lobotomie kann er nie wieder ein eigenständiges Leben führen.

Sperrig, intensiv, bedrückend, zuweilen brutal und voller Wut erzählt «Milchgesicht» in steirisch-derbem Ton eindringlich, was «damals normal» war. Ein Buch, das lange nachwirkt.

Andrea Duphorn
Buch & Maus 2/20, S. 35

Eins – zwei, eins – zwei – drei
Kim Ryeo-Ryeong
Aus dem Koreanischen von Kim Hyuk-Sook und Manfred Selzer
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2020, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-905804-98-0
Schlagwörter: Schule | Familie/Familienformen | Erwachsenwerden

«Wenn du ihn diese Woche nicht um die Ecke bringst, dann komme ich wieder und sage dir, was ich davon halte. Im Namen des heiligen und allmächtigen Herrn, Amen.» So betet der siebzehnjährige Wan-Duk zu Gott um den Tod seines Lehrers. Dieser hat ihn gedemütigt, weil Wan-Duks Vater als fliegender Händler in der U-Bahn arbeitet, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn Wan-Duks kleinwüchsiger Vater ausgelacht wird, packt seinen Sohn die Wut.

Bald zeigt sich aber, dass vieles anders ist, als es für Wan-Duk scheint. Er hat sich nie Gedanken über seine abwesende Mutter gemacht; ausgerechnet sein verhasster Lehrer stellt den Kontakt zu ihr her. In Wan-Duks Leben treten Menschen, die ihn unterstützen: Zu seiner Mutter entwickelt sich ein vorsichtiger Kontakt; sein Kickboxtrainer bringt ihm bei, fair zu kämpfen; seine Mitschülerin Yun-Ha ernennt sich zu seiner Managerin.

Yun-Ha möchte Kriegsreporterin werden, aber welche Pläne hat Wan-Duk nach der Schule? Sein Vater würde ihn gern als Schriftsteller sehen. Wan-Duk scheint das zwar wenig zu interessieren, in seinen Monologen wird aber poetisches Talent sichtbar: «Egal, was ich suche, ich möchte mir Zeit lassen, es zu finden. (…) Die Summe kleiner Tage ergibt einen grossen Tag. Die einzelnen Tage, die gewöhnlich, aber solide und ausgefüllt sind, werde ich zusammenfügen und irgendwann eine schöne Halskette des Lebens daraus fertigen.»

«Eins – zwei, eins – zwei – drei» wurde in Korea zum Bestseller und wirkt auch in der deutschen Übersetzung packend, anrührend und witzig. Die Coming-of-Age-Geschichte lädt über Ländergrenzen hinweg zur Identifikation ein.

Evamaria Zettl
Buch & Maus 2/20, S. 35

Firewall
Erin Jade Lange
Aus dem kanadischen Englisch von Sandra Knuffinke und Jessica Komina
Verlag: Magellan, Publiziert: 2020, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-5045-5
Schlagwörter: Gewalt | Aussenseiter:in/Mobbing | Medien

Mobbing ist ein Thema, das immer wieder in Kinder- und Jugendbüchern verhandelt wird. So auch in «Firewall», das den Selbstmord des Jugendlichen Jordan Springer als Aufhänger nutzt, um nicht nur die Folgen von Mobbing für das eigentliche Opfer, sondern auch dessen Umfeld darzustellen. Eli, Computernerd, Hacker und selbst gemobbt, wird von Seth und Mouse eingeladen, sich mit ihnen an der ACM, der Amerikanischen Cybersicherheitsmeisterschaft, zu beteiligen. Zu Beginn geschmeichelt, wird ihm schnell klar, dass es Seth und Mouse um mehr geht, als nur um die Meisterschaft. Mit der Website, die sie programmieren, um das nationale Cyberüberwachungssystem zu unterlaufen, wollen sie nicht nur ihr Können beweisen und die ACM beeindrucken, sondern auch persönliche Rache an denjenigen üben, die Jordan Springer in den Selbstmord getrieben haben. Dies hat ungeahnte und drastische Folgen, an deren Ende eine überraschende Wende die eigentlichen Schuldigen offenbart.

Während die Handlung narrativ überzeugt, sind die Figuren oft klischeehaft präsentiert. So findet sich zum Beispiel der Konflikt zwischen dem allseits beliebten Mädchen und der Aussenseiterin ebenso wie der Konflikt zwischen Computernerd und beliebtem Sportass. Doch die Dynamiken zwischen ihnen entwickeln zunehmend Tiefgang und entsprechen nicht alle der typischen Schwarz-Weiss-Zeichnung von Tätern und Opfern.

Erin Jade Lange ist es gelungen, die Themen Cybermobbing, Selbstjustiz und deren Folgen in einer spannenden Geschichte zu verpacken, die nicht nur das Mobbing selbst thematisiert, sondern besonders auch die Frage, wann Gerechtigkeit zu Rache wird.

Sabine Planka
Buch & Maus 2/20, S. 34

Ans andere Ende der Welt
Philip Pullman
Aus dem Englischen von Antoinette Gittinger
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2020, Seiten: 750, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58394-9
Schlagwörter: Abenteuer | Philosophie | Fantastik/Fantasy

Philip Pullman baut seit Jahren das fantastische Paralleluniversum aus, das er für seine erfolgreiche «His Dark Materials»-Trilogie (1995–2000) schuf. Seine ebenfalls als Trilogie angelegte neue Reihe «The Book of Dust» bezeichnet er als «Equel»: Der erste Band, «Über den wilden Fluss» (2017), setzt zehn Jahre vor der Handlung der ursprünglichen Trilogie an; «Ans andere Ende der Welt» (2019) spielt acht Jahre danach in Oxford, wo die inzwischen 20-jährige Lyra Belacqua studiert.

Dabei verweist der Originaltitel «The Secret Commonwealth» auf das Reich des Übersinnlichen, von dem sich Lyra gerade resolut abwendet. Beeinflusst durch die Schriften populärer Philosophen, welche die Existenz des Dæmons, der menschlichen Seele in Tiergestalt, negieren, hat sie sich ihrem Dæmon Pantalaimon zufolge zur kalten Rationalistin entwickelt, was zum fatalen Bruch führt. Lyras abenteuerliche Suche nach Pan führt sie anschliessend bis in den Mittleren Osten und tief ins eigene Innere: Über die Begegnung mit Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen von ihren Dæmonen getrennt leben, transformiert sich ihr Weltbild erneut.

Während die Vorgängerbände religionskritisch ein theokratisches Regime imaginierten, das forschende Neugier durch Doktrin ersetzen will, wirft «Ans andere Ende der Welt» die Frage auf, welchen Preis eine konsequent rationalistische, materialistische Weltanschauung fordert – gerade wenn Wortführer dominieren, deren Absage an alles, was nicht empirisch beweisbar ist, in narzisstischer Denkfaulheit wurzelt. Der für philosophisch interessierte Jugendliche und Erwachsene äusserst anregende Roman fordert einiges an Denkarbeit, belohnt aber mit eindrücklichen und sinnlichen Bildern der faszinierenden Komplexität menschlicher Existenz.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus, 2/20, S. 36

Luftpiraten
Markus Orths
Verlag: cbj Audio, Publiziert: 2020, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8371-5136-7
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

So wie es Erdlöcher gibt, gibt es über den Wolken auch Luftlöcher. Und in diesen leben die Luftpiraten. Ein graues Volk, das unter dem Regime von Peer Dekret zu Boshaftigkeit, Streitsucht und zum Wutbürgertum angehalten wird. In der Schule werden einzig diese Eigenschaften gelehrt, zum Beispiel das Blitze-Werfen mit dem rechten Auge als Kampftechnik. Die Wutausbrüche der Luftpiraten vernehmen wir auf der Erde als Gewitter.

Als Adiaba, dem einzigen Lehrer an der Johann-Sebastian-Krach-Schule, eines Tages ein Luftpiraten-Baby vor die Tür gelegt wird, das weisse statt graue Haut und kein Blitzauge hat, sollte er dieses per Dekret ertränken. Aber der kleine Kerl strahlt den bärbeissigen Lehrer so innig an, dass sich in diesem zum ersten Mal in seinem Leben zärtliche Gefühle regen. Er beschliesst, den Jungen, den er «Zwolle» tauft, heimlich aufzuziehen. Natürlich fliegt das Versteckspiel auf. Adiaba wird von Peer Dekret zu lebenslangem Arbeitslager verurteilt, auf Zwolle wartet der Tod durch einen Fresspilz.

Zum Glück hat Zwolle eine junge Luftpiratin als Freundin und einen Luftikus – ein Haustier, das jede tierische Gestalt annehmen kann – zum Freund. Die beiden befreien ihn aus seiner misslichen Lage und gemeinsam machen sie sich auf die abenteuerliche Suche nach Adiaba, vorbei an Luftschlössern und über die Milchstrasse …

Markus Orths Anderswelt-Geschichte sprüht vor Wortwitz und Anspielungen auf die irdische Kulturgeschichte, lebt von Situationskomik und fantastischen Szenerien. Axel Prahl liest sie grandios. Wer ihm zuhört, wird durch seinen Stimmenwirbel mitten ins Luftpiratengeschehen hineingesogen und will nicht mehr ausgespien werden.

Christine Tresch
Buch & Maus 2/20, S. 36

Emily und die geheime Nachtpost
Benjamin Read, Laura Trinder
Aus dem Englischen von Birgit Niehaus
Verlag: Silberfisch, Publiziert: 2020, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-74-560156-5
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

Emilys Leben ist schon nicht gerade durchschnittlich, bevor sie in dieses magische Abenteuer purzelt, das alles gewaltig durcheinanderbringt. Ihr schweigsamer Vater verbringt seine Zeit damit, die Nachtschicht in der Poststelle zu übernehmen oder im Schuppen vor sich hin zu basteln, während ihre exzentrische Künstlerinnen-Mama die elfjährige Emily mit ihren schrillen Aktionen und ihrem Hang zur Müllsuche für ihre Kunstwerke von einer peinlichen Situation in die nächste führt.

Das ändert sich schlagartig, als Mama nach einem nächtlich zugestellten Brief verschwindet und gespenstische Stille in Emilys Leben einkehrt. Als wenig später auch ihr Vater nicht mehr da ist, macht sich Emily auf die Suche und entdeckt, dass das nächtliche London weit mehr ist, als die Stadt bei Tag zu bieten hat! Als die grosse Glocke von Big Ben beginnt, die zwölf Stunden zur Mitternacht zu schlagen, findet sich Emily unter Kobolden und allerlei unheimlichem Getier wieder, in einem London, das merkwürdig aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Ob sie hier ihre Eltern wiederfindet? Sie muss schnell sein, denn offenbar ist sie nicht die einzige, die nach ihnen sucht …

Der Auftakt zur Fantasy-Reihe «Mitternachtsstunde» bietet alles, was Fans des Genres sich wünschen: eine mutige Heldin, faszinierende Kreaturen, Spannung und Abenteuer. Sandra Keck liest die packende Geschichte mit grossem Engagement; ihre Stimme passt wunderbar zu der unerschrockenen Heldin. Ein bisschen weniger Aufregung und Lautstärke hätten der Geschichte jedoch gut getan – empfindliche HörerInnen könnten es schwer finden, sich von der Stimme zu lösen und ganz in das magische Abenteuer einzutauchen.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/20, S. 36

100 Kinder
Christoph Drösser, Illustration: Melvin
Verlag: Gabriel, Publiziert: 2020, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-30537-2
Schlagwörter: Alltag | Spiel | Armut | Krieg | Medien

Wenn 100 Kinder die zwei Milliarden Kinder repräsentieren würden, die heute auf der Welt leben, wie sähe ihr Alltag aus? Diese Frage hat sich der Wissenschaftsjournalist Christoph Drösser gestellt. In sechs thematischen Kapiteln finden sich dazu erste Antworten schon im Inhaltsverzeichnis des attraktiv aufgemachten und gut lesbaren Buches.

So erfährt man dort zum Thema «wie wir unsere Zeit verbringen», dass 50 von 100 Kinder zu Hause ins Internet gehen können, 80 einen Fernseher haben, 98 Mickey Maus kennen, 5 mit Lego spielen und alle 100 Musik machen. In den kurzen Kapiteln zu diesen Befunden werden diese und viele anderen Zahlen in einen grösseren Kontext gestellt. Auf den drei Seiten über Spielzeug erfährt man zum Beispiel, dass Legosteine und andere fertige Spielwaren vor allem in Kinderzimmern in Europa und Nordamerika landet, das heisst bei 17 % aller Kinder auf der Welt. Eine doppelseitige Grafik illustriert diese Verteilung eindrücklich. Weniger vorgefertigtes Spielzeug zur Verfügung zu haben, auch das kann man lesen, macht Kinder erfindungsreich und lässt sie ausdauernder und kreativer damit umgehen.

Der Autor versteht es, dröge Zahlen in packende Informationen zu verpacken. Nora Coenenberg rückt die Fakten mal in grossformatigen Tafeln, mal als Vignetten oder emotionale Kommentare ins Bild.

Auch ein Kapitel darüber, wie die Zahlen erhoben wurden und warum es viel schwieriger war, Informationen über Spiel und Spass zu finden als über Themen wie Armut oder Krieg, fehlt nicht, genauso wenig wie ein Register. Ein sorgfältig gestaltetes Sachbuch, dem es gelingt, die grossen Fragen der Globalisierung über ein originelles Modell zu vermitteln und das viel Stoff zum Diskutieren ab der Unterstufe bietet.

Christine Tresch
Buch & Maus 2/20, S. 37

Hexen hexen
Roald Dahl, Illustration: Pénélope Bagieu
Aus dem Französischen von Silv Bannenberg
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2020, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-225-8
Schlagwörter: Tiere | Generationen | Familie/Familienformen | Grusel/Spuk/Horror

All unsere Vorstellungen von Hexen stimmen gar nicht. Die haben keine fliegenden Besen und Warzen auf der Nase! Echte Hexen haben heidelbeerblauen Speichel, gewellte Nasenlöcher und Krallenfinger. Und sie sehen zwar aus wie Frauen, sind aber keine! Diese Gestalten tarnen sich einfach geschickt und tragen auch nur hohe Schuhe, um ihre zehenlosen Füsse zu verbergen. Doch das Schlimmste an ihnen ist ihre Abscheu gegen Kinder. Diese lösen bei ihnen Brechreiz aus. Das sagt jedenfalls Oma, und die muss es ja wissen. Als Hexenexpertin kennt sie sich aus.

Enkel und Oma, die beide namenlos bleiben, wollten ein paar erholsame Tage in einem Hotel verbringen. Wer konnte schon ahnen, dass hier ausgerechnet das jährliche Treffen aller Hexen von England stattfindet und der Junge mit ihnen eingeschlossen wird! Die Hoch- und Grossmeisterin persönlich ist da und instruiert die Hexen, wie man Kinder in Mäuse verwandeln kann. Ein Mädchen hat die gruselige Hexenanführerin schon erwischt und mit vergifteter Schokolade verzaubert. Ein Plan muss her! Und Oma muss her, doch – oh Schreck, da haben die Hexen den Lauscher in seinem Versteck schon entdeckt und gleich auch in eine Maus verhext.

Die Comic-Adaption von Roald Dahls Kinderbuch wirkt in farbigen Flächen und quirligen Panels, aber auch mit schauerlichen Gruselszenen. Pénélope Bagieu spielt mit witzigen Blickwinkeln, Mausperspektiven und expressiven Distanzwechseln. In diesem vitalen Layout schickt Bagieu die Oma, ihren Mäuseenkel und dessen neue Mäusefreundin auf Hexenjagd. Mit Stützstrümpfen, List und wahrer Grösse machen sich die drei auf, um den Hexen das Handwerk zu legen.

Nora Jäggi
Buch & Maus 2/20, S. 37

Wie Kinder Bücher lesen
Nicola Bardola, Stefan Hauck, Mladen Jandrlic, Alexandra Rak, Christoph Schäfer, Ralf Schweikart
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2020, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-25267-8
Schlagwörter: Lesen | Familie/Familienformen

Mehr als ein Wegweiser

Dieses Buches verspricht Antworten auf dringliche Fragen rund ums Lesen bei Kindern und Jugendlichen. Geschrieben wurde es von einer Gruppe von Leuten, die sich professionell mit Kinderliteratur und ihrer Vermittlung beschäftigen. Entstanden ist ein Patchwork aus Analyse und Ratgeber. Aspekte wie Lesekompetenz, Lesevorlieben, Serialität, Easy Reader, Diversität, Gender und vieles mehr werden ausgeleuchtet oder kurz angetippt; Kapitel, die wissenschaftliche Grundlagen und Fachdiskussionen reflektieren, werden ergänzt durch Literaturtipps, Interviews, etwa mit Erfolgsautor Jeff Kinney, oder Hinweise auf (deutsche) Leseförderungsinitiativen. Es schleichen sich aber auch immer wieder subjektive Befunde und ärgerliche Pauschalisierungen ein, etwa, wenn von der «höllischen Angst» von Müttern und Vätern vor schwierigen Themen im Kinderbuch die Rede ist. Das inhaltliche und stilistische Konglomerat wird zusammengehalten von einem klaren grafischen Konzept und Regina Kehns witzigen Illustrationen, die mehr als blossen Vignettencharakter haben.

Nur ganz am Rande wird auf die Schule als Ort der Literaturvermittlung eingegangen. Dabei kommt Lehrpersonen die wichtigste Rolle zu, wenn es um die lustvolle und kenntnisreiche Förderung von Lesemotivation und Selbstkonzepten von jungen LeserInnen geht.

Patentrezepte, wie Kinder zum Lesen verführt werden können, gibt es keine. Wer sich auf kurzweilige Weise mit dem Thema auseinandersetzen will, findet in diesem Wegweiser dennoch viele Informationen und Anregungen.

Christine Tresch
Buch & Maus 2/20, S. 37

Seepferdchen sind ausverkauft
Constanze Spengler, Illustration: Katja Gehrmann
Verlag: Moritz, Publiziert: 2020, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89-565391-9
Schlagwörter: Arbeit | Familie/Familienformen | Tiere

«Wenn du mich in Ruhe arbeiten lässt, bin ich auf jeden Fall schneller fertig.» Solche Vertröstungen kommen vielen Eltern bekannt vor. Das Bilderbuch «Seepferdchen sind ausverkauft» scheint wie massgeschneidert für die aktuelle Krise, in der viele Eltern die Tücken des Homeoffice erleben mussten. Auch dieser Vater muss mal wieder «was fertig machen» und kann nicht, wie versprochen, an den Badesee. Sohn Mika, der Ich-Erzähler, kennt das schon: «Ich lasse Papa arbeiten und frage nur ab und zu: ‹Wie lange brauchst du noch?›» Der Vater ist genervt – mit schlechtem Gewissen. Der Sohn fühlt sich einsam und weiss einen Ausweg: ein Haustier!

Ab hier werden Kinderträume wahr: Der Vater ist einverstanden, gibt dem Filius sogar seinen Geldbeutel mit, wodurch Mika zum besten Kunden der örtlichen Zoohandlung wird. Vom Vater weitgehend unbemerkt, ziehen erst eine Maus, dann ein Welpe und ein Seehund ein. Der Brillenpinguin, ein Papagei und zuletzt ein Elefantenbaby kommen noch dazu. Das ist aus Kinderaugen unvermeidlich: Weil die Maus sich immer versteckt, muss ein Welpe beim Suchen helfen. Weil dieser wiederum Pfützen neben das Klo macht, muss der Seehund in der Badewanne aufpassen, «dass alle richtig aufs Klo gehen».

Wie sich Kindersicht mit Erwachsenenleben, wilde Spiele mit der Arbeitsrealität des zerstreuten und ahnungslosen Vaters kreuzen, ist lustig arrangiert und von Katja Gehrmann detailliert ausgestaltet. Als sich beide Handlungsebenen am Ende treffen, bleibt der Knall aus: Der Vater ist tierlieb und so machen alle zusammen den versprochenen Ausflug zum Badesee. Erwachsene wie Kinder dürften sich in dieser Geschichte nicht nur auf ganz unterschiedliche Art wiedererkennen, sondern auch beim Vorlesen gemeinsam schlapplachen.

Ina Nefzer
Buch & Maus 2/20, S. 28

Einstein
Torben Kuhlmann
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2020, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10529-6
Schlagwörter: Wissenschaft | Biografie

Geschichte und Wissenschaft als Grundlage nutzend, lässt Torben Kuhlmann in seinem neuesten Mäuseabenteuer seine Protagonistin durch die Zeit reisen. Die Handlung beginnt damit, dass die kleine Maus das Käsefest verpasst und den Tipp erhält, sie solle doch die Zeit zurückdrehen. Sie ist gespickt mit philosophischen Fragen: «Ich möchte verstehen, was Zeit ist!», und Antworten: «Die Zeit ist etwas, das stetig dahinfliesst. Immer in die gleiche Richtung. Uhren und Kalender helfen nur dabei, das Verstreichen der Zeit darzustellen.» Die Maus erhält Hinweise auf Albert Einstein, folgt ihnen und studiert dessen Schrift über die Relativitätstheorie. Damit ist sie in der Lage, eine Zeitmaschine zu bauen, um durch die Zeit zum Käsefest zu reisen. Es klappt – und Kuhlmann setzt hier das Motiv der Zeitreise korrekt um, indem er die Maus wirklich nur durch die Zeit, nicht aber durch den Raum reisen lässt. Sie landet jedoch nicht beim Käsefest, sondern im Jahr 1905 bei Albert Einstein. Und wie immer verschmelzen in Kuhlmanns Geschichte Fakten und Fiktion: Seine Maus greift in das Geschehen ein und wird Auslöser für Einsteins Überlegungen zur Relativitätstheorie. Am Ende des Buches finden sich Biografisches zu Einstein und Erläuterungen zu dessen Relativitätstheorie.

Mit «Einstein» hat Kuhlmann einmal mehr bewiesen, dass er ein wunderbarer Geschichtenerzähler ist. Seine Maus geht stellvertretend für die LeserInnen auf Entdeckungsreise und taucht ein in die rationale Welt der Physik, die jedoch schnell in das Sujet der Science Fiction wechselt. Die zum Teil doppelseitigen Illustrationen, besser: Kunstwerke, bestimmen die Handlung und laden zum Träumen und Philosophieren ein: Was wäre, wenn man wirklich durch die Zeit reisen könnte?

Sabine Planka
Buch&Maus 3/20, S. 26

Die Waldlinge
Maria Stalder
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0794-0
Schlagwörter: Natur | Kreativität

Herbstzeit ist Bastelzeit, da stattet uns die Natur zuverlässig und üppig mit kostenlosen Naturmaterialien aus. Im Corona-Herbst 2020 sind DIY-Projekte besonders angesagt: Auf Pinterest und Co. sieht man Erwachsene Kürbisse verzieren, Herbarien an­legen und Treibholz bemalen. Für Kinder gibt es Anleitungen, wie man mit Moos einen Feengarten anlegt, aus Blättern Traumfänger kreiert oder gruselige Baummonster erschafft.

Dass man aus Kastanien, Laub, Tannenzapfen, Ästen, Nussschalen und Eicheln coole Spielfiguren bauen kann, zeigt die Illustratorin Maria Stalder. Sie hat zwar kein Kreativ-, sondern ein Bilderbuch herausgebracht, die auf den Vorsatzblättern angedeutete Bastelaktion mit Kindern regt aber zum Nachmachen an. Diese haben aus den Fundstücken mit Hilfe von Schere, Kleber, Nägeln und Stiften eine Schar lustiger Waldbewohner fabriziert: niedliche Nusslinge, Tannenzapfenmännchen, einen starken Kerl aus Birkenholz und einen stolzen Hirsch. Ehe man sichs versieht, werden die Waldlinge lebendig und die Geschichte beginnt. Weil Sturmböen aufziehen, beschliessen sie, Hütten gegen das unwirtliche Wetter zu bauen. Doch in ihrem Eifer geraten sie bald aneinander und agieren, argumentieren und streiten dabei so leidenschaftlich wie Kinder.

Die konventionell erzählte Geschichte über Freundschaft und Versöhnung, Missgunst und Wut läuft geradlinig auf ein erlösendes Ende zu. Umso erfrischender wirken die mit Buntstiften und Aquarellfarben gezeichneten Waldlinge: Es sind agile Figuren, die durch den herbstlichen Laubwald wuseln und dank ihrer selbst gebastelten Anmut und ihrer emotionalen Darstellung charmant und sehr lebendig wirken.

Alice Werner
Buch&Maus 3/20, S. 26

Die Savannenkicker
Regi Widmer
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2020, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-280-08023-8
Schlagwörter: Diversität | Sport | Tiere

«Wer will Fussball spielen?», fragt der Löwe und lässt den Ball voller Vorfreude hopsen. «‹Ich, ich, ich!›, ruft es rundherum aus dem hohen Gras.» Die Savannentiere kommen eilig zusammen. Das Gnu hüpft mit einem Huf in die Hose, die Hyäne bindet noch schnell ihre Schuhe, und der Gepard zieht flink sein Shirt an. Nur die Antilope stellt eine Bedingung: Dass niemand sie packt! «Packen ist Foulspiel», versichert der Löwe. Er ist die Nummer eins im Goalie-Trikot und nicht das einzige Raubtier in der Truppe. Kann das gut gehen?

Für mulmige Gefühle bleibt kaum Zeit, denn das Spiel geht munter los. Mit Toren, Jubel, verbotenem Um-den-Hals-Fallen und – logisch – einem erstem Foul. Als die Hyäne den Ball frustriert wegkickt, landet er im Wasserloch. Zu zehnt stehen die Kicker in ihren lustig auf den Leib geschnittenen Trikots am Ufer. Keiner traut sich rein. Da hat die Hyäne eine tolle Idee.

«Die Savannenkicker» ist eine fröhlich illustrierte Fabel, die Illustratorin Regi Widmer auch im Dialog mit Kindern entwickelt hat. Unterschiedlichste Charaktere raufen sich dank ihrer Spielfreude zusammen, wenn sie ihre Vorbehalte überwinden. Vor dem Krokodil am Wasserloch haben selbst die Raubtiere Angst, und doch laden sie es ins Team ein. «Du hast uns gerade noch gefehlt!», ruft die Hyäne. Denn jetzt sind sie eine richtige Elf – strahlend stellen sie sich fürs Gruppenfoto auf. Wie im richtigen Leben sind die tierischen Kicker ein Haufen von Individualisten mit allen Stärken und Schwächen. Dabei zeichnet Widmer die sportlichen Actionszenen dynamisch und die einzelnen Gesichter herrlich ausdrucksstark: helle Freude beim Warzenschwein, Konzentration pur bei Antilope und Erdmännchen, Unschuldsmiene bei der Hyäne. Das Spiel läuft rund – so lange sich alle an die Regeln halten.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/20, S. 26

Wenn sich zehn Savannentiere treffen, um Fussball zu spielen, geht es hoch zu und her. Tore werden bejubelt und Fouls begangen. Als die Hyäne den Ball aus Frust ins Wasserloch kickt, sind alle ratlos. Wie soll der Ball da rausgeholt werden, wo im Loch doch das gefährliche Krokodil haust? Indem das Krokodil zum Mitmachen aufgefordert wird, steht jetzt trotz der individuellen Macken der Tiere eine richtige Elf auf dem Platz. Der schwungvolle Malstil vermittelt die Bewegungs- und Spielfreude der Tiere.

Das ist mein Baum
Olivier Tallec
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2020, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6069-4
Schlagwörter: Tiere | Natur | Gefühle

Eichhörnchen sind niedliche Wesen, die flink auf den nächsten Baum huschen, sobald man sich ihnen nähert? Das Exemplar, das uns der Illustrator Olivier Tallec in seinem neuen Werk vorstellt, tickt anders, wie man auf den ersten Blick erkennt: Mit gespitzten Puschelohren und in die Höhe gerecktem, buschigem Schwanz spaziert es auf dem Cover mit einem Rasenmäher um einen Baum herum. (Eventuelle Ähnlichkeiten mit stolzen Hausbesitzern sind selbstverständlich voll beabsichtigt.)

Tallecs Eichhörnchen liebt Bäume, genauer gesagt seinen Baum. Und es liebt es, seine Kiefernzapfen im Schatten seines Baumes zu essen. Der Rest ist Kopfkino. Oder auch nicht. Ob sich der Rest der Geschichte in der Fantasie des Eichhörnchens abspielt oder wirklich passiert, überlässt Tallec den BetrachterInnen. Fest steht, dass sein Eichhörnchen Angst hat, dass ihm jemand seinen Besitz streitig macht. «(…) man weiss ja, wie das ausgeht: Am Ende gehört der Baum allen, gehören die Zapfen allen und der Schatten auch.» Ob sich das mit einem Tor oder Zaun verhindern lässt? Nein, eine Mauer muss her!

Augenzwinkernd, in wenigen knappen Sätzen und witzigen Bildern, die von der Mimik und der Körpersprache des Eichhörnchens leben, erzählt «Das ist mein Baum» von Besitzansprüchen, vom Nicht-hergeben- und Nicht-teilen-Wollen. Und dass das ziemlich einsam machen kann. Gefühle, die Kinder nur zu gut kennen.

Mit grossen Augen blickt das Eichhörnchen auf der letzten Doppelseite von seiner Mauer in den Wald hinunter. Dort tummeln sich seine Artgenossen. Tallec lässt offen, was es nun tun wird – und schafft damit eine Grundlage für intensive Gespräche und fantasievolle Fortsetzungen.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/20, S. 27

Wo ihr mich findet
Taltal Levi
Aus dem Englischen von Elisa Martins
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10531-9
Schlagwörter: Natur | Familie/Familienformen | Identität/Individualität

Abschlussarbeiten an Kunsthochschulen sind für Bilderbuchverleger eine gute Möglichkeit, NachwuchskünstlerInnen zu finden. So entdeckte Herwig Bitsche von NordSüd nun auch Taltal Levi. Mit «Wo ihr mich findet» erscheint bereits das zweite, während des Studiums entstandene Bilderbuch der in Israel aufgewachsenen und in Luzern ausgebildeten Illustratorin. Anerkennung kommt auch von anderer Seite: 2019 war sie für den Serafina-Nachwuchspreis Illustration nominiert, dieses Jahr stand sie auf der Shortlist Children’s Publishing des World Illustration Award.

Was zeichnet die junge Künstlerin aus? Der mit Graphit- und Buntstiften umgesetzte zeichnerische Stil ihres Erstlings «Ein Fingerhut voll Mut» findet sich im zweiten Werk nur noch in den Details. Die neuen Illustrationen sind mit Aquarellfarbe auf kaltgepresstes Papier gemalt, was ihnen Textur gibt, die partiell definiert und mit Graphitstiften konturiert ist. Insgesamt haben die grossformatigen Bilder so eine weiche, farblich zarte Anmutung, sind aber zugleich klar definiert.

Komposition und Blickführung rücken die Erlebniswelt eines kleinen Mädchens ins Zentrum. Der Text liefert die Ich-Perspektive dazu. Bild und Text erzählen, dass es sich von seinen vielbeschäftigten Eltern nicht gesehen fühlt und daher beschliesst, auszuziehen, und wie es unbemerkt zu seinem Lieblingsort am Meer aufbricht, sich unterwegs kleiner fühlt als erwartet und ein Fuchs sein Gefährte wird. Das Gefühl, doch sichtbar zu sein, wird stärker. Am Meer angekommen, sind auch die Eltern nicht weit.

Aufbruch, Grosswerden, innere Stärke entwickeln – grossen Themen gibt Taltal Levi eine Heimat in ihren offenen Bildräumen, die von der Natur ihrer Kindheit in Galiläa inspiriert sind.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/20, S. 27

Unsichtbar in der grossen Stadt
Sydney Smith
Aus dem kanadischen Englisch von Bernadette Ott
Verlag: Aladin, Publiziert: 2020, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0176-0
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Gefühle

Ein Junge sitzt allein in der Strassenbahn. Ganz bei sich und sehr konzentriert, weiss er doch, dass er quer durch die laute, aufregende Grossstadt laufen muss, nachdem er an der Haltestelle ausgestiegen ist. Wohin geht er? Der mehrfach ausgezeichnete kanadische Illustrator Sydney Smith legt nach «Stadt am Meer», 2019 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, erneut ein preisverdächtiges Werk vor. Diesmal mit Bild und Text aus seiner Hand. Gewidmet hat er dieses unter die Haut gehende Werk seiner Mentorin und Verlegerin Sheila Barry, die ihm künstlerisch komplette Freiheit gewährte. Das merkt man auf jeder Seite. Die zentrale Kraft geht dabei von den Illustrationen aus. Basierend auf Fotografien, setzt Smith die schwarzen Linien mit Tinte und Pinsel souverän und stilsicher. Im grossen Interesse des Autors an seinem Charakter liegt vermutlich der Schlüssel für die Intensität und die Tiefe, mit der man in die Geschichte hineingezogen wird: Man hört die Geräusche, man spürt die Kälte des Schneesturms, und man fühlt die Geborgenheit, wenn sich der Junge und seine Mutter wieder begegnen. Leerstellen lassen dabei genug Raum für eigene Gedanken. Passagenweise kommen die abwechslungsreich gestalteten Seiten im Hochformat ganz ohne Text aus. Dabei wechseln sich Panels mit komplett gefüllten Doppelseiten oder einzelnen Bild­tafeln ab. Smith variiert mit Schärfe und Unschärfe, Schatten und sinnlichen Details, die der Text transportiert.

Warum sich der Junge alleine auf den Weg gemacht hat? Er sucht seine verschwundene Katze, um die er sich Sorgen macht. Es geht also auch um Emotionen wie Verlust, Begegnung und Verbundenheit – mit Mensch oder Tier. Und um das grossartige Gefühl, zu Hause zu sein.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/20, S. 27

Der Schneeflockensammler
Robert Schneider, Illustration: Linda Wolfsgruber
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-5946-2
Schlagwörter: Traum | Kunst | Natur

«Im grossen Land Amerika lebte ein kleiner Junge, der hiess Wilson Bentley.» Der erste Satz lässt auf eine historische Vorlage schliessen. Doch da weder Autor noch Verlag darauf Bezug nehmen, verflüchtigt sich der Gedanke wieder. Googelt man nach der Lektüre «Wilson Bentley», zeigt sich: Der Eindruck war richtig. Ihm gelang es Ende des 19. Jahrhunderts als einem der Ersten, Schneekristalle unter dem Mikroskop zu fotografieren. Die fehlende Bezugnahme auf die Faktualität des Stoffs mag bezeugen, dass Robert Schneider weniger die Leistung fasziniert, als vielmehr die Idee des Entdeckers, der Unmögliches versucht hat – wie schon der Titel andeutet.

Der kleine Wilson ist das Sorgenkind der Familie, das tagträumt und auf der Farm, anders als sein grösserer Bruder, nicht mit anpackt. Gerade aber weil er als stiller Charakter die Welt aufmerksam wahrnimmt, entdeckt er Übersehenes. Erst eine Ähnlichkeit zwischen Blatt und Baum, da «in der kleinen Form auch die grosse verborgen war», und Steine, deren Maserung wie eine Landkarte aussieht, dann «die geheimnisvolle Schönheit» der Schneeflocken. Doch da ihr einzigartiger Zauber in Sekunden dahinschmilzt, kann er sie nicht in seiner «Sammlung an Wundern» festhalten. Bis ihm dies mit Mikroskop und Fotoapparat doch gelingt.

Illustratorin Linda Wolfsgruber taucht Wilsons Welt in die Farbe Blau, selbst wenn im Text von der «Roten Mühle» die Rede ist. Sogar auf den Textseiten steht weisse Schrift auf blauem Grund. Mit dieser kunstvollen Ausstattung und einer wunderschönen Erzählsprache gelingt die Heldengeschichte eines kleinen Jungen, der den Zauber des Augenblicks einfängt, weil er ihn zu würdigen weiss.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/20, S. 28

Roberts weltbester Kuchen
Anne-Kathrin Behl
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10534-0
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Essen | Geschlechterbilder

Mit dem Papa zusammen sein, ist toll, findet der Junge namens Robert. Sie geniessen den Sommertag auf dem Balkon: Papa strickt, und Robert liegt bequem auf dem Bauch und blättert in einem Backbuch. Der eine Kuchen sieht einfach zu lecker aus! Und schon ist Robert voller Energie und Ideen: ein grosses Fest, Einladungskarten und dann gemeinsam ab in die Küche! Wenn da nicht der Wind alle Pläne durcheinanderwirbeln würde … Die liebevoll gestalteten Einladungskarten sind weg! Robert beschliesst kurzerhand ein Fest im kleinen Kreis. So wird die Überraschung am Ende wirklich gross!

Die llustratorin Anne-Katrin Behl wollte mit diesem Bilderbuch Vater und Sohn explizit eine Geschichte widmen. Wie wichtig das für Familien ist, wenn der Kontakt und die Beziehung zum Papa gut ist, weiss sie aus eigener Erfahrung. Dabei wollte sie jenseits von Stereotypen eine unterhaltsame Episode erzählen. Vor allem die Eigendynamik, die das Kuchenbacken – aus (ungeniessbarem!) Salzteig – und das Dekorieren entwickelt, ist mitreissend. Gut möglich, dass der eine oder die andere Lust zum Nachmachen bekommt.

Schön auch, wie die Grenzen zwischen Realität und Fantasie ab und zu verschwimmen. Anne-Kathrin Behl arbeitet auch hier digital, nimmt allerdings eine neue Pinselspitze. Ein wenig fehlt an manchen Stellen die Lockerheit, die man sonst oft in ihren pfiffigen Illustrationen findet. Erneut sehr gelungen sind die kleinen, liebevoll eingestreuten und mal mehr, mal weniger versteckten Details – Mülleimer mit Gesichtern, Kinderzeichnungen an der Wand und die zahlreichen, höchst diversen Gäste.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/20, S. 28

Robert und sein tätowierter, strickender, rosa gekleideter Papa backen zusammen einen grossen Kuchen aus Salzteig. Der Wind trägt die gebastelten Einladungen für das
Kuchenfest auf die Strassen und bald füllt sich das Treppenhaus mit der ganzen Nachbarschaft. Robert braucht mehr Kuchen! Diese fröhliche Vater-Sohn-Geschichte zelebriert Diversität in all ihren Formen.

Grand Hotel Bellvue
Hendrik Jonas
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2020, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-478-5
Schlagwörter: Arbeit | Tiere | Abenteuer

Ein Chihuahua als Liftboy, der viel zu winzig ist, um die Knöpfe im Aufzug zu drücken. Ein spindeldürrer Windhund, der als Gepäckträger regelmässig unter Koffern und Taschen zusammenbricht und ein Mops als Küchenchef, der nicht mal ein Ei kochen kann. Dazu ein schwarzer Riesenschnauzer als Oberkellner, der den Gästen mächtig Angst einjagt. Es läuft nicht gut im Grand Hotel Bellvue, weswegen die Preise günstig, die Buchungen rar und die Schäden gross sind: eine gigantische Bruchbude aus dem vorvorletzten Jahrhundert, kurz vor dem Untergang.

Fabulierlustig erzählt und mit stimmungsvollen Collagen mit viel Patina illustriert wird diese Hotelgeschichte von Hendrik Jonas, der damit sein drittes Kinderbuch im Tulipan Verlag präsentiert. Sein Held ist ein niedlicher, kleiner Hund, der von seinen Eltern auf Geschäftsreise einfach vergessen wird. Zum Glück nimmt sich der übergewichtige Dalmatiner-Direktor seiner an und er darf den Hotelbediensteten als Praktikant zur Pfote gehen: Toll, mit dem Zimmermädchen Madame Tütü Staub zu blasen, aufregend die Fahrt mit dem Speiseaufzug und die Stunden im Heizungskeller mit Yorkshire Terrier Johnny. Doch auch der ist eine komplette Fehlbesetzung, weswegen es in dem alten Kasten so kalt ist.

Der kleine Hund hilft fleissig mit und regt eine Reihe kluger Umstrukturierungen an, indem die Angestellten ihre Arbeitsplätze nach Fähigkeiten und Vorlieben tauschen. Wie das aussieht, zeigt der doppelseitige Querschnitt durch alle Stockwerke des Hotels. Am Ende sind nicht nur Gäste und Personal glücklich, sondern auch der kleine Hund. Als seine Eltern wieder auftauchen, sind Schmerz und Langeweile längst vergessen.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/20, S. 28

Rosalie
Timothée de Fombelle, Illustration: Isabelle Arsenault
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel und Sabine Grebing
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2020, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6040-3
Schlagwörter: Lesen | Mut/Selbstbewusstsein | Krieg

Als mein Vater im Krieg war

«Ich habe ein Geheimnis.» Bereits der erste Satz lässt erahnen, dass die fünfeinhalbjährige Rosalie, die tagsüber in der hintersten Schulreihe der Grossen sitzen darf, dort nur zum Schein malt. Doch: «Ich zeige nichts von dem, was ich denke.» Da ist sie nicht die Einzige: «Jeden Morgen verkündet der Lehrer die Kriegsnachrichten. Der Lehrer verkündet immer die guten Nachrichten, nie die schlechten.»

Frankreich, 1916: Rosalies Mutter arbeitet in der Fabrik, der Vater ist Soldat an der Front, Rosalie aber sieht sich als Hauptmann auf Mission und sehnt sich nach einem Orden. Sie spioniert die SchülerInnen aus und mag es, wenn der Mut ihre Mutter verlässt und ihre Augen sich rot färben. Rot wie Rosalies Haare, rot wie das Feuer im Ofen. Wie das Feuer im Krieg.

Rosalie traut dem harmlosen Inhalt, den ihre Mutter aus den Briefen des Vaters vorliest, nicht ganz. Vergisst sie diese, kann sie ein wenig Kind sein und die Zeit mit ihrer Mutter geniessen. In solchen Momenten werden die Bilder weiss wie die gezuckerte Milch, die sie mit Mama trinkt, und weiss wie das Hochzeitskleid, das sie ihr vorführt. Dann glitzert es kunterbunt in den kuschligen Decken, und der graue Mantel, in dem sich Rosalie als Hauptmann versteckt, verschwindet kurz.

Als ihre Mutter einen letzten Brief erhält, verändert sich alles schlagartig und Rosalie ist bereit für ihre Mission: heimlich alle Briefe des Vaters zu lesen. Das nämlich hat sie in der hintersten Schulbank gelernt. So erfährt sie die grausame Wahrheit des Krieges. Das Buch, das in seiner Adressierung offen bleibt, besticht auch durch die starke Sprache – lyrisch und rhythmisch –, die nie aufhört, anzuklagen und die Wahrheit einzufordern. Am Schluss erhält Rosalie ihren Orden – aber den Vater nicht wieder.

Alexia Panagiotidis
Buch&Maus 3/20, S. 29

Fanny ist die Beste
Sara Ohlsson, Illustration: Jutta Bauer
Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger
Verlag: Moritz, Publiziert: 2020, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-397-1
Schlagwörter: Spiel | Familie/Familienformen | Generationen

Schon vor der Lektüre macht die Ausstattung dieses Buch zu einem kleinen Juwel. Das Konzept ist so einfach wie wirkungsvoll: Zartgelb sind Einband und jede erste Seite der 18 Kapitel. Hinzu kommen schwarzweisse Vignetten und handgeschriebene Kapitelüberschriften, deren herausstechendes Merkmal Jutta Bauers weicher Kreidestrich ist.

Im Innern hält das bildschöne Kinderbuch für Zweitleser, was die Verpackung verspricht: eine warm erzählte Geschichte mit Ausstrahlung. Es geht um drei lustige Frauen, Enkelin Fanny mit Mutter und Grossmutter, die mal wieder einen Wettkampftag veranstalten, am laut Ich-Erzählerin Fanny «schönsten Ort der Welt», in Omas Haus. Als Hauptregel des selbst erfundenen Spiels gilt: Schummeln verboten! Einzige Ausnahme: Schiedsrichterin Oma, denn die kennt jeden Trick. Die fantasievollen Disziplinen sind Rückwärtsrennen, Wettschmecken, Klötzchenturm bauen, Balancieren, Elfmeterschiessen und Stillsein. Nachdem auch noch Dackel Alf gerettet werden musste, darf sich die Gewinnerin das Abendessen aussuchen. Fanny wählt gelb: Pizza mit Bananen.

Die Geschichte ist zum Kichern und das Spiel so unwiderstehlich geschildert, dass die Lektüre zum Veranstalten eigener Wettkämpfe anregen dürfte. Der Gefahr, dass das genussvolle Zusammenspiel zur heilen Familienidylle wird, entgeht die Autorin durch Authentizität. Zum Beispiel, wenn Fanny es noch schöner findet, wenn Mama gar nicht erst dabei ist, oder wenn Fanny von ihrer Oma «Schnuckipups oder Schlaubikeks», genannt wird. Das charakterisiert indirekt beide und zeigt, wie Erwachsene in den Ohren von Kindern manchmal kurios klingen – was wiederum erwachsenen VorleserInnen die grösste Leselust bereiten dürfte.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/20, S. 29

In Band 1 veranstaltet Fannys Drei-Frauen-Familie einen Wettkampftag. In lustigen Disziplinen wie Rückwärtsrennen darf Fanny dem Wetteifer und der Siegesfreude frönen. Im Folgeband wünscht sich Fannys beste Freundin Ester, dass Fanny in sie verliebt ist. Wie soll Fanny reagieren? Was heisst das für ihre Freundschaft? Die kindliche Gefühlswelt wird unaufgeregt und amüsant geschildert.

Dachs und Stinktier
Amy Timberlake, Illustration: Jon Klassen
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: CBJ, Publiziert: 2020, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-17722-8
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere | Streit/Konflikt

Dachs wohnt allein im Haus seiner Tante und ist in seinen Gewohnheiten so flexibel wie die Steine seiner Sammlung, der er sich mit grosser Hingabe widmet. So irritiert ihn das Auftauchen von Stinktier, das ihm freundlich erklärt, von nun an ebenfalls in dem Haus wohnen zu dürfen. Es gibt sich nicht mit dem Abstellräumchen zufrieden, sondern bezieht selbstbewusst das grosse Zimmer, in dem Dachs seine vielen Kartons gestapelt hat, die er vielleicht noch einmal gebrauchen könnte. Fassungslos muss Dachs mit ansehen, wie Stinktier immer neue Änderungen einführt: gute, wie frisch gebackene Erdbeer-Zimt-Muffins, und verstörende, wie schmutziges Geschirr, das Dachs nun spülen soll. Und dann sind da noch die Hühner! Stinktier liebt Hühner, und obwohl es Dachs bisher nie aufgefallen war, dass überhaupt Hühner in der Nachbarschaft leben, ist plötzlich sein ganzes Haus voll von ihnen. Alles ist plötzlich voll mit weichem Flaum und fedrigen Geräuschen, und schuld daran ist allein Stinktier. Als es dann auch noch sprühen muss, weil ein Wiesel an die Hühner will, und Dachs dabei in die Schusslinie gerät, kommt es zum Eklat.

Amy Timberlake hat ein zauberhaftes Kinderbuch über Annäherung und Freundschaft geschrieben, das von Uwe-Michael Gutzschhahn meisterhaft ins Deutsche übertragen und von Jon Klassen mit hinreissenden Zeichnungen und Farbtafeln ausstaffiert wurde. Sprachlich auf hohem Niveau und von feinem Humor, ist die Botschaft des Buchs klar: Veränderungen können anstrengend sein, aber Gutes bewirken, und wer sein Herz öffnet, dessen Welt wird grösser und wärmer.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/20, S. 29

Der beste Notfall der Welt
Lorenz Pauli
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2020, Seiten: 220, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0792-6
Schlagwörter: Freundschaft | Sprachspiel | Fabelwesen

In Gedichten, Bilderbuchtexten und Kurzgeschichten zeigt Lorenz Pauli seit über zwanzig Jahren seine Kunst im Spiel mit Lauten und Wörtern, mit Fallhöhen, Pointen und Gedankenspielen und hat sich damit über die Schweiz hinaus einen Namen gemacht. Das erste Mal traute er sich nun an einen längeren Kinderbuchtext. Seinen Roman «Der beste Notfall der Welt» siedelt er im in der Schweizer Kinderliteratur beliebten Genre des magischen Realismus an: Ein realistisches Setting – zwei Jungen, die sich nichts zu sagen haben, müssen zwei Wochen miteinander verbringen – wird durch magische Invasoren aufgemischt: ein wichtelähnliches und nicht sehr höfliches Geschöpf namens Fabel und seine Flauschmaus, die nach einem Unfall bei den Jungen landen.

Pauli hat sich für sein besonders zum Vorlesen geeignetes Kinderbuch nicht neu erfunden: Seine Stärken kommen gut zur Geltung, etwa im erfrischenden Hin und Her zwischen dem «Intellektuellen» Ben und dem «Macher» Gustav: «Wir sind nicht wie ein Auf und ein Ab. Auch nicht wie ein Auf und ein Zu. Wir sind nicht wie ein Einerseits und ein Andererseits. Wir sind wie ein Einerseits und ein Andersrum.»

Auch das Spiel mit der Figurensprache des expressiven Fabels, sprachspielerische Einschübe und von der Mutter erfundene Kürzestgeschichten erinnern daran, dass Pauli ein Kurzstreckenchampion ist. Dabei gerät das grosse Ganze manchmal in den Hintergrund, aber nie so, dass die Geschichte nicht mehr funktionieren würde. Wie sich die Freundschaft zwischen Ben und Gustav auf durchnässten Velofahrten und mit zermantschten Pralinen entwickelt und was die wichtige Mission von Fabel und Flauschmaus sein soll – das ist unterhaltsamer Kinderbuchstoff, an dem Vorlesende und Zuhörende Spass haben.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/20, S. 30

Das schwarze Schaf und das Rätsel von Baskeltorp
Annette Roeder
Verlag: edelkids, Publiziert: 2020, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96129-167-0
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Tiere

Mit «Das schwarze Schaf und das Rätsel von Baskeltorp» hat Annette Roeder einen wunderbar kurzweiligen Kinderkrimi vorgelegt, dessen zwei sympathische Helden einen raffiniert konstruierten Kriminalfall lösen, an dessen Ende nichts so ist, wie es zu sein scheint.

Als die beiden Hütehunde des Bauernhofs verschwinden und der Wolf verdächtigt wird, ihnen etwas angetan zu haben, tun sich das schwarze Schaf Texel, das eigentlich weiss ist, und der Maulwurf Dr. Winnewurp zusammen. Sie suchen nach Hinweisen, um die Unschuld des Wolfes, Texels bestem Freund, zu be­weisen. Die zwei Tierdetektive verfolgen Spuren, befragen die Tiere auf dem Hof, kombinieren und folgen den Hinweisen, bis sie schliesslich dem richtigen Täter auf die Spur kommen. Als Dr. Winnewurp am Ende auch noch in Gefahr gerät, ist Texel zur Stelle, um seinen Freund zu retten.

Packend erzählt, entwickelt sich der Spannungsbogen der Handlung kontinuierlich bis zur Klimax und wird immer wieder durch humoristische Passagen aufgelockert, die die beiden Helden und das Leben auf dem Bauerhof mehr als liebenswert zeigen.

Dass sich Schafe als Protagonisten anbieten, hat bereits Leonie Swann mit der Hauptfigur Miss Maple in ihren Schaf­krimis für Erwachsene «Glennkill» und «Garou» gezeigt, und auch die Anima­tionsfigur Shaun das Schaf löst so manches Geheimnis auf dem Bauernhof. In Texel und Dr. Winnewurp haben die beiden ebenbürtige Kollegen gefunden.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/20, S. 30

Super reich
Polly Horvath
Aus dem Englischen von Anne Brauner
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2020, Seiten: 293, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-2894-1
Schlagwörter: Armut | Feste/Bräuche | Humor/Komik

Fans von Polly Horvath sind, auch nach all den Jahren und Romanen, stets aufs Neue fasziniert von den verrückten, unsinnigen, grotesken und absurden Einfällen, die bei der US-Kinderbuchautorin aus einer nie versiegenden Quelle zu sprudeln scheinen. Auch in ihrem neuen Buch, das, es sei gleich gesagt, nicht ihr bestes ist, geht es irrwitzig los. Denn Rupert Brown, der so arm ist, dass Charles Dickens’ Figuren geradezu als Glückspilze erscheinen, stolpert an Heiligabend zufällig in die Villa einer der reichsten Familien des Ortes – und wird herzlich aufgenommen. Familie Rivers kann sich zwar nicht vorstellen, warum er keine gescheiten Schuhe trägt, ist aber von vollendeter Liebenswürdigkeit. Er tafelt wie noch nie im Leben, und, Wunder über Wunder, gewinnt beim traditionellen Geschenkepoker alles, was man nur gewinnen kann. Schon freut er sich darauf, mit der Bescherung nach Hause zu gehen und mit seinen Geschwistern zu teilen – doch in der letzten Runde verliert er alles.

Ja, der Roman ist eine Parabel und bleibt bei allem Witz stärker an der Oberfläche der Suche nach dem Glück als andere Horvath-Romane. Für die superreiche Familie Rivers ist der Geschenkepoker das lustigste Abenteuer, das sie sich vorstellen kann; weiter reicht die Fantasie der Übersatten und Verwöhnten nicht.

Wie immer bei Horvath gibt es aber auch hier eine Wende zum Besseren, wenn die Rivers, jeder und jede für sich, begreifen, dass Rupert doch aus einer anderen Welt kommt – und zur Wiedergutmachung schreiten. Auch hier gibt es viel Verrücktes zu erleben. Dennoch bleibt das Buch ein wenig blass. Schuld daran ist letztlich die Realität der sozialen Ungerechtigkeit: Wie sie funktioniert, ist leider ziemlich absehbar. Dagegen kommen auch die absurdesten Einfälle nicht an.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/20, S. 30

Meine grössten Erfolge in der Liebe
Bruno Blume, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: kwasi, Publiziert: 2020, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906183-30-5
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Liebe | Humor/Komik | Gewalt

«Meine grössten Erfolge in der Liebe nebst einigen Misserfolgen und anderen Dingen, die ich auch noch lernte» – der Titel des neuen Buchs von Bruno Blume ist selbstironisch und positiv. So beherzt läuft es allerdings nicht, erzählt der 1972 geborene Schweizer Autor, Theaterregisseur und Journalist hier doch nicht nur turbulent-witzige Liebesgeschichten aus seiner Kindheit und Jugend, sondern beleuchtet dabei auch sehr persönlich das Trauma und die Tragik dahinter.

«Ich war ein seltsames Kind», steht da im Vorspann – die vielfach ausgezeichnete Illustratorin Jacky Gleich strichelt dazu einen zarten Jungen mit Brille, viel zu grossem Kopf und ohne Haare. Trägt er nicht sogar einen Strickpullunder? «Schüchtern, hässlich, klein und unbeliebt» sei er gewesen, doch erlebt man ihn in dieser Mischung aus Graphic Novel und Comicroman trotzdem als unbeirrbaren Ritter auf der Minnesuche, als Liebenden mit Leidenschaft und Passion: Da spielt er selbstvergessen Puppen mit Kindergartenliebe Fränzi, da sind die romantischen Hundespaziergänge mit Alexandra und die glühenden Briefe an Simona, es gibt oberpeinliche Körbe, bittere Missver­ständ­­nisse und schrecklichen Liebeskummer. Nur unterkriegen lässt sich dieser Antiheld nicht …

Nach und nach erfährt man den traurigen Subtext dazu – Jacky Gleich zeichnet mit weissem Stift auf schwarzen Grund die dunklen Innenwelten: der prügelnde Vater, das bigotte, lieblose Elternhaus, die wochenlangen Spitalaufenthalte … Wie der Protagonist selbst vom Prügelknaben zum Schläger und Dieb wird, wie sein Panzer wächst und wieder Risse bekommt, das ist eindrücklich illustriert und wird sehr berührend, stellenweise vielleicht aber allzu ausufernd und fast altklug erzählt. Ob das funktioniert, werden die jungen LeserInnen entscheiden.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/20, S. 31

Die Ausreisser
Ulf Stark
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Urachhaus, Publiziert: 2020, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8251-5221-5
Schlagwörter: Krankheit | Tod/Trauer | Generationen | Familie/Familienformen

Grossvater liegt schwach und wütend im Krankenhaus. Diese Wut nervt den Vater, der sich fragt: «Warum kann er nicht so sein wie alle andern?» Enkelsohn Klein-Gottfried hingegen findet, dass gerade diese Wut das Leben aufregend macht. Es sind schwierige Vater-Sohn-Beziehungen zweier Generationen und verschiedene Weltanschauungen, die hier aufeinanderprallen und von starken, rot gefärbten Illustrationen der belgischen Illustratorin Kitty Crowther aufgefangen werden.

Es handelt sich um das letzte Kinderbuch von Ulf Stark, das post mortem erschienen ist. In Schweden wurde es für den August-Preis nominiert und als sein bestes Buch gelobt, weil es den Fragen um das Leben nach dem Tod abwechselnd feinfühlig und mit schwarzem Humor nachgeht. Abenteuer­epi­soden wechseln sich mit philosophischen Gesprächen ab, die zum Innehalten und Vorlesen einladen und sich für alle Lebensalter eignen.

Der Grossvater ist ein Meister der Wut und lässt diese an den Pflegerinnen aus, ununterbrochen den Notfallknopf drückend. Da beschliesst sein Enkel, mit ihm auszureissen und zu seinem Haus in den Schären zurückzukehren. Grossvater reist mental zurück in der Zeit und sehnt sich nach seiner verstorbenen Ehefrau. Er findet sie im letzten Preiselbeerglas: «Sie hat ihm ihre Zeit geschenkt. Und ihre Gedanken. Darum steckt ein Teil von ihr darin.» Aber wo ist der restliche Teil? Im Himmel vielleicht? An so etwas glaubt Grossvater nicht! Aber sein Enkel gibt ihm Hoffnung und ein neues Lebensgefühl. Nach dem Ausflug ist Grossvater wie ausgewechselt, obwohl sich sein Gesundheitszustand verschlechtert. Klein-Gottfried muss schnell handeln und ihm eine gepflegte Sprache für Grossmutter im Himmel beibringen, bevor er ein letztes Mal ausreisst. Diesmal für immer.

Alexia Panagiotidis
Buch&Maus 3/20, S. 31

Lila Perk
Eva Roth
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2020, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-5948-6
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Tod/Trauer

Seit Mama «weg» ist, spricht Papa kaum noch mit Lila. Mit grauem Gesicht sitzt er am Küchentisch und starrt durch sie hindurch. Über ein Jahr geht das so. Dann kauft Papa sich ein Auto und will mit Lila einen Survivaltrip machen. Deshalb muss sie auch Autofahren lernen. Denn «wenn mir irgendwo im Nirgendwo etwas passiert, musst du mit dem Auto Hilfe holen». Lila versteht die Welt nicht mehr. «Papa hatte Reisepläne? Und ich sollte ihn retten, wenn etwas passierte? Mit einem Auto? […] Mir war schwindlig.»

Es werden aufregende Ferien für Lila. Nicht nur, weil sie mit erst zwölf Autofahren lernt und so den Respekt und die Freundschaft des zwei Jahre älteren Aurels gewinnt. Sondern vor allem, weil sie und ihr Vater wieder zueinander finden – wenn auch auf Umwegen.

Im tiefsten Osten, nahe der ukrainischen Grenze, schlagen Lila und ihr Vater schliesslich ihr Zelt auf, das kurz darauf bei einem heftigen Gewitter vom Fluss mitgerissen wird. Lila und ihr Papa haben Glück im Unglück. Als der Vater darauf Lilas Lehrerein Frau Stieger anruft und sie bittet, ihnen ein neues Zelt zu bringen, kommt Lila das zwar seltsam vor; dass die zwei verliebt sind, wird ihr aber erst klar, als sie sie engumschlungen miteinander tanzen sieht. Wie kann Papa nur? Hat er Mama schon vergessen? Lila läuft davon, fährt mit dem Auto ins nächste Dorf und lässt die frisch Verliebten in der Wildnis zurück.

Mit Lila Perk hat Eva Roth eine wunderbare Heldin geschaffen, die die LeserInnen ungefiltert an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben lässt. Dabei erzählt sie so lebendig, dass man beim Lesen meint, direkt neben Lila im Auto, am Fluss oder am Lagerfeuer zu sitzen. Eine aussergewöhnliche Vater-und-Tochter-, aber auch Trauerbewältigungsgeschichte, fesselnd und ­einfühlsam erzählt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/20, S. 31

Der Händler der Töne
Verena Petrasch
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2020, Seiten: 350, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75825-5
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

In ihrem zweiten Buch entwirft Verena Petrasch eine originelle fantastische Welt, die nach Klängen und Tönen ausgerichtet ist. Sie können aus der Luft gefiltert, mittels Klanggabeln konserviert und für verschiedenste Zwecke eingesetzt werden, als Teekräuter, Medizin oder Illusionszauber. Dabei hat jeder Mensch einen individuellen Klang, der viel über ihn aussagen kann – zwielichtige Figuren haben disharmonische Klänge.

Der Junge Noé hat ein besonderes Talent: Er kann Klänge hören, die zu keinem Menschen zu gehören scheinen. Als Waise in einem Dorf aufgewachsen, erhält er Gelegenheit, den mürrischen Händler Per und dessen freundliches Fabeltier, den Perltonäugling Farouk, durch ein Portal (einen «Klangbogen») in eine andere Sphäre dieser Welt zu begleiten. Die Stadt Elnurbajram ist nur die erste Station von Noés Reise, auf der er grosse Aufgaben löst und zahlreiche Gefahren übersteht, aber auch HelferInnen findet. Der bunte Strauss an Nebenfiguren und Kulissen reicht von wirklich bösartigen (Klang-)Piraten über eine Audiobook-Bibliothek bis zu einem Illusionisten à la Dschinni aus Disneys «Aladdin». Zunächst mit dem Händler auf der Jagd nach besonderen Tönen, findet Noé nicht nur eine Erklärung für sein Talent, sondern schafft es auch, dem Händler den inneren Frieden und seiner Freundin Minu die Gesundheit zurückzugeben.

Bis zum packenden Finale packt Petrasch viel in ihren Text und übertreibt vielleicht manchmal das Weltenbauen, wenn selbst der Badezusatz «Badetonzusatz» heissen muss. Doch lebt der schöne Text von der Freude am Spiel mit Sprachklang (z. B. «Sturmwasserdüsterling») und originellen Ideen. Dies und die sympathischen Hauptfiguren machen das Buch zu einer klaren Empfehlung für FantasyfreundInnen.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 3/20, S. 32

Adresse unbekannt
Susin Nielsen
Aus dem kanadischen Englisch von Anja Herre
Verlag: Urachhaus, Publiziert: 2020, Seiten: 284, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8251-5226-0
Schlagwörter: Armut | Familie/Familienformen

Ein gemütliches Zuhause mit eigenem Bett, eigener Toilette und immer etwas zu essen auf dem Tisch – davon kann der zwölfjährige Felix nur träumen. Seit vier Monaten lebt er mit seiner Mutter in einem alten Campingbus. Weil sie mit der Miete im Rückstand waren, hat der Vermieter die Schlösser zu ihrer Wohnung austauschen lassen. Anfangs findet Felix das Leben im Bus fast «ein bisschen magisch»: «Es war wirklich wie ein langer Sommerurlaub in unserer eigenen Stadt.» Felix liebt seine Mutter und glaubt daran, dass der Bus nur eine Übergangslösung ist.

«Adresse unbekannt» erzählt anschaulich und einfühlsam über «unsichtbare Obdachlose» – Menschen ohne festen Wohnsitz, die bei Freunden oder Verwandten unterkommen, in ihren Autos, leer stehenden Häusern oder anderen Notunterkünften schlafen. Warmherzig und mit grosser Sympathie für alle ihre Figuren beschreibt Susin Nielsen, wie Felix und seine Mutter immer weiter abrutschen. Ohne fremde Hilfe können sie den Teufelskreis (kein Einkommen – keine Wohnung – kein Job) nicht durchbrechen. Und Hilfe will Felix’ Mutter auf keinen Fall annehmen.

Aus Scham und Angst, von seiner Mutter getrennt zu werden, erzählt er auch seinen Freunden Dylan und Winnie nichts von seiner Situation, erfindet immer neue Ausreden, warum sie nicht zu ihm nach Hause können, er kein Pausenbrot dabei hat oder im Unterricht einschläft. Aber Felix ist clever und hat «ein komisches Talent (…), Fakten abzuspeichern». Als seine Lieblingsquizshow eine Junior-Ausgabe veranstaltet, bewirbt er sich – und schafft es mit Hilfe seiner Freunde ins Finale.
Ein eindringliches Kinderbuch zu einem ernsten, bedrückenden Thema. Dabei gelingt es der Autorin, deutlich zu machen, was es bedeutet, kein Zuhause zu haben – ohne ihre jungen LeserInnen zu überfordern.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/20, S. 31

Rory Shy
Oliver Schlick
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2020, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7641-5188-1
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Mut/Selbstbewusstsein

Der schüchterne Detektiv

Die zwölfjährige Matilda strotzt vor Selbstbewusstsein und Tatendrang und wäre am liebsten Detektivin. Kriminalistischen Spürsinn übt sie bei der Aufklärung nachbarschaftlicher Geheimnisse und stolpert dabei über keinen Geringeren als ihr grosses Idol: Rory Shy, den als «schüchternen Detektiv» bekannten Ermittler. Weil sie ihn aus einer ausgesprochen misslichen Lage befreit, ertrotzt sie sich das Recht, bis zum Ende der Weihnachtsferien seine Praktikantin zu sein. So hofft sie herauszufinden, wie er seine Fälle löst. Mit den üblichen Mitteln «Befragung» oder «Überwachung» kann ihm das keinesfalls gelingen, weil er viel zu schüchtern ist, um sich mit den Verdächtigen auseinanderzusetzen.

Schon am ersten Praktikumstag geht es los: Einer Millionenerbin wurde eine wertvolle Perle gestohlen. Die Polizei vermutet Versicherungsbetrug. Doch Rory und Matilda sind ganz auf der Seite der Bestohlenen, die im Übrigen nicht weniger schüchtern ist als Rory … Schnell wird klar: Matilda wird zur Lösung dieses Falles mehr beitragen müssen, als man von einer Praktikantin erwarten könnte!

Oliver Schlick erfindet mit Rory und Matilda (und deren furchtsamem Cockerspaniel Doktor Herkenrath) ein hinreissendes und erfrischend anderes Ermittlerduo, das sicher nicht nur kindlichen LeserInnen ab zehn Jahren grösstes Vergnügen bereiten wird! Ein spannender Fall, Verdächtige, die nicht die sind, die sie zu sein vorgeben, ein knallharter Kommissar, ein dramatischer Showdown und mittendrin ein Detektiv, der zu schüchtern ist, um den Mund aufzumachen, und eine Nachwuchsermittlerin, die spätestens um acht zu Hause sein muss – herrlich!

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/20, S. 32

Papierklavier
Elisabeth Steinkellner, Illustration: Anna Gusella
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2020, Seiten: 140, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75579-7
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Kreativität

Bevor wir überhaupt erfahren, dass wir das Tage- und Skizzenbuch der 16-jährigen Maja in der Hand halten, lässt uns das Vorsatzpapier bereits eintauchen in die reiche, wilde Welt im Kopf der jungen Frau. Ein Löwe, ein Vogel, Köpfe mit Brille oder geschlossenen Augen; einiges steht Kopf, einiges ist durcheinander, doch von allen Seiten spielen Buchstaben und Bleistifte ins Chaos hinein.

Maja ist eine richtige Coming-of-Age-Heldin. Liebenswürdig, witzig, künstlerisch begabt, arbeitet sie in einem Saftladen im doppelten Sinn: Beim Smoothies-Mixen wird Maja von einer Kamera überwacht, damit sie ja nicht zu viel frisches Obst verwendet. Und sie kümmert sich um ihre kleine Schwester, die sich seit dem Tod der Nachbarin, die sie auf ihrem Klavier spielen liess, mit einem Papierklavier begnügen muss. Das Tagebuch ist der Raum, der Maja in der sozialen Welt fehlt; wo sie ausdrücken kann, was sie bewegt. Ihr Übergewicht zum Beispiel.

Steinkellner und Gusella legen ein lebendiges Buchkunstwerk vor. Keine Doppelseite gleicht der anderen – und die abwechslungsreich gestalteten Seiten drücken die wechselnden Stimmungslagen Majas aus. Mal sind es zarte Arabesken auf viel Weissraum, mal fast eine Bleiwüste, mal wilde Striche voller Energie. Das Vorsatzblatt am Ende ist ein noch dichteres Palimpsest als sein Pendant zu Beginn, doch die Striche sind sicherer geworden, selbstbewusster. Denn im letzten Teil findet Maja immer wieder schöne, harmonische Formen für ihren Körper, der ihr so sehr als Zumutung erscheint. Das ist zum Beispiel ein weicher Bauch, ein runder Rücken – und ein kleines Gedicht: «Irgendwo / muss ja mal / irgendwer / damit anfangen, / sich wohlzufühlen, / in der eigenen Haut, / im eigenen Leben, / auch, wenn es nicht / der Norm entspricht. // Wo, wenn nicht hier. / Wer, wenn nicht wir.»

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/20, S. 33

Die 16-jährige Maia trägt fast allein die Verantwortung für ihre jüngeren Schwestern, jongliert Schule und Job neben dem üblichen Teenagerwahnsinn. Und das in einem Körper, der nicht in die gesellschaftliche Norm passen will. In ihrem Tagebuch notiert und zeichnet sie in aller Schnoddrigkeit und mit viel Witz ihre Sicht auf ihr Leben und das Frausein.

Die Torte
Romana Ganzoni
Verlag: da bux, Publiziert: 2020, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906876-19-1
Schlagwörter: Sucht | Tod/Trauer | Liebe

«Licht aus. Alles weg.» Eindringliche erste Worte: Gleich von Anfang an sitzen die LeserInnen mit Samba drin: im Schrank. Und in der Thematik Tablettensucht. Natürlich meint der Lehrer, dass Samba schon wieder die Schule schwänzt und äussert sich vor der Klasse entsprechend. Der Junge hört aus dem Schrank alles mit und möchte rufen, «volle Anwesenheit», Herr Halter! Es ist die «volle Anwesenheit» dieses Jungen, die sich durch das Buch zieht. Der den Gedanken an den Tod seiner älteren Schwester nicht verkraften kann und sich «Hirn und Herz» aus dem Leib reissen möchte, um nichts zu fühlen. Um zu vergessen, dass Zuz, seine schöne Schwester, an einer Überdosis gestorben ist. Dass er vielleicht keine Lehrstelle finden wird.

Von Sambas Herkunft erfährt man nicht viel. Die Eltern sprechen wenig. Die Hautfarbe des Schülers, der auf Lehrstellensuche ist? Unwichtig. Wichtig ist, dass er sich in Aya verliebt hat, die im Flüchtlingszentrum wohnt. Dass er eine Möglichkeit sucht, um ihr eine Torte zu backen. Dass Backen sein Hobby ist und dass darum die Strafe seines Lehrers, einen Kuchen zu backen, genau das Richtige für ihn ist. Der Start in ein ureigenes Leben hinein. Nachdem Samba die ganze Nacht für den Bazar durchgebacken hat, denkt er: Der Himmel muss eine Backstube sein, und fühlt sich glücklich wie schon lange nicht mehr. Angekommen.

Romana Ganzoni gelingt es, mit einer klaren Sprache, in kurzen, prägnanten Sätzen eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich man sich gerne aufhält und sich weitertreiben lässt, bis man weiss, wie die Geschichte ausgeht – und ein unerwarteter und hoffnungsvoller Anfang möglich wird.

Ruth Loosli
Buch&Maus 3/20, S. 33

Jefferson
Jean-Claude Mourlevat
Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2020, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96428-056-5
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Gewalt | Tiere

Weil sich der junge Igel Jefferson als erster Zeuge an einem Tatort ungeschickt verhält, gilt er als Verdächtiger Nummer eins! Eine hysterische Kundin und eine wenig sachliche Berichterstattung tun ihr Übriges, sodass Jefferson seine Unschuld nur beweisen kann, indem er selbst den Täter findet. Die unfreiwillige Detektivarbeit führt ihn in die Welt der Menschen …

Anthropomorphisierte Tiere gelten seit Kenneth Grahames «Wind in den Weiden» als liebenswerte Helden im Kinderbuch. Doch selten trifft diese Tierwelt auf die der Menschen – mit allen Vorurteilen, die jene den Tieren entgegenbringen. Und mit dem pikanten Zusatz, dass es in der Menschenwelt Haus- und Nutztiere gibt, die nicht auf zwei Beinen laufen und adrett gekleidet sind. Schlimmer noch: die sogar gegessen werden! Wenn dort ein Igel auftaucht, dessen bester Freund ein Schwein ist, kann der im Rahmen der Ermittlungen notwendige Besuch eines Schlachthauses verstörende Ausmasse annehmen. Zum Glück ist Jefferson Teil einer grossen, tierischen Reisegesellschaft, die ihn nach Kräften unterstützt.

Mourlevat stellt Ansprüche an seine jungen LeserInnen: Er bietet ihnen eine ausnahmslos erwachsene Tierwelt zur Identifikation und spart nicht an Medien-, Gesellschafts- und Konsumkritik. Feinsinniger Humor und die drastisch vermittelte ethische Frage, ob der Mensch nicht auch ohne Fleisch genug schmackhafte Nahrung hätte, stehen gleichberechtigt nebeneinander, ergänzt um 17 wunderschöne, ganzseitige Zeichnungen. Fraglos ein besonderes Buch, dessen Leserschaft sorgsam ausgewählt sein möchte – und sich durchaus auch unter Erwachsenen finden kann.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/20, S. 33

Being Young
Linn Skåber
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Verlag: Rowohlt, Publiziert: 2020, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-499-00279-3
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Identität/Individualität | Diversität

«Es ist seltsam, dass alle Kinder es einfach hinnehmen, irgendwann zu verschwinden. Ich auch, ich nehme hin, dass es bescheuert ist, auf Stella zum Laden zu reiten.» Der Ich-Erzähler in Linn Skåbers Text «Peter Pan» stimmt einen empörten, resignierten Abgesang auf die Kindheit an: Er ist 15, Stella ein Holzpferd. Nur «ab und zu ganz früh am Morgen zwischen den Bäumen hinter den Wohnblocks» reiten die beiden noch aus, denn Peter weiss, wie das wirken muss, «einen Fünfzehnjährigen mit Pickeln und langen Füssen» auf einem Holzpferd vorbeitraben zu sehen: «Ich bin nicht blöd. Ich bin nicht Peter Pan. Ich bin Peter Kann.» Die Texte in der Sammlung «Being Young», im Klappentext treffend als «literarische Monologe» klassifiziert, handeln von Kindern an der Schwelle zur Pubertät, von Jugendlichen am Übergang zum Erwachsenenalter und vom ganzen Spektrum dazwischen. Die ProtagonistInnen blicken nach vorn und zurück: Vom Dachboden des Hauses etwa, mit dem sich der/die Jugendliche in der bildhaft-poetischen Reflexion «Ich bin ein Reihenhaus» vergleicht, lässt sich bis zum Horizont blicken. In seinen Ecken aber lagern die Kartons mit den Kindersachen.

Dass Kindheit in den 32 Miniaturen, zu denen die norwegische Autorin zahlreiche Gespräche mit Jugendlichen verwebt hat, oft idealisiert und betrauert wird, ist nicht nur erwachsene Projektion, sondern auch Teil jugendlicher (Er-)Lebenswelt und Erinnerungspraxis. So legen es auch die Tagebucheinträge und Gespräche mit Schweizer Jugendlichen nahe, die in Ronja Fankhausers publizierter autoethnografischer Maturaarbeit «Tagebuchtage Tagebuchnächte» zu einem differenzierten Text verdichtet und in Form von Scans und Zitaten auch im O-Ton wiedergegeben werden. Wiederholt wird darin die Sehnsucht nach der Primarschule artikuliert, weil die Oberstufe als Schlachtfeld erlebt wird, auf dem sich Verbündete kaum von AntagonistInnen unterscheiden lassen.

Betrachtet man Lisa Aisatos traumbehafteten, magisch-surrealen und zugleich augenzwinkernd-ironischen Illustrationen, die in «Being Young» Metamorphosen imaginieren, oder die Selbstbefragungen, die viele der abgedruckten Einträge in «Tagebuchtage Tagebuchnächte» prägen, muten einige Facetten zeitlos an; die «Ummöblierungsaktion», wie Skåber sie im Vorwort beschreibt, mag sich heute ähnlich beängstigend anfühlen wie vor zehn oder dreissig Jahren. Aber das Haus, die Stadt, die Welt, in der das Nicht-mehr-Kinderzimmer steht, konstituieren sich stetig neu.

Fankhausers Buch ist eine oft kämpferische, ideologie- und kapitalismuskritische Analyse der Gesellschafts- und Werteordnung, in der Jugendliche sozialisiert werden. Perspektive, Sprache und Thematik sind durch aktuelle identitätspolitische Diskurse geprägt, zu denen die Reflexion eigener Privilegien und Diskriminierungserfahrungen ebenso gehört wie das Plädoyer für einen intensivierten Generationendialog. Während dieser an Einblicken reiche Text streckenweise
Manifest-Charakter gewinnt, erzählt Skåber in literarisch verdichteter Unmittelbarkeit von einer Vielfalt an Erfahrungen. Im Zentrum stehen Jungs, denen die Klassenkameradinnen entwachsen und die Letztere dafür grausam demütigen – aber auch Jungs, die vom Onkel als «kleiner Schwuli» bezeichnet werden. Wir haben es mit Mädchen zu tun, die den Schönheitsidealen nicht genügen, weil sie zu oft zum Kiosk laufen, und mit solchen, die sich auf Insta zu präsentieren wissen; es sind Jugendliche dabei, die sich den Skitag nicht leisten können und andere, die erleben, wie sie und ihre Eltern als ‹Fremde› diskriminiert werden. Beiden Büchern gelingt es auf eindrückliche Weise, Jugendliche nicht nur im Hier und Jetzt zu verorten, sondern Jugend multiperspektivisch in aller Diversität zu repräsentieren.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/20, S. 34

Tagebuchtage Tagebuchnächte
Ronja Fankhauser
Verlag: Lokwort, Publiziert: 2020, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906806-30-3
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Identität/Individualität | Diversität

«Es ist seltsam, dass alle Kinder es einfach hinnehmen, irgendwann zu verschwinden. Ich auch, ich nehme hin, dass es bescheuert ist, auf Stella zum Laden zu reiten.» Der Ich-Erzähler in Linn Skåbers Text «Peter Pan» stimmt einen empörten, resignierten Abgesang auf die Kindheit an: Er ist 15, Stella ein Holzpferd. Nur «ab und zu ganz früh am Morgen zwischen den Bäumen hinter den Wohnblocks» reiten die beiden noch aus, denn Peter weiss, wie das wirken muss, «einen Fünfzehnjährigen mit Pickeln und langen Füssen» auf einem Holzpferd vorbeitraben zu sehen: «Ich bin nicht blöd. Ich bin nicht Peter Pan. Ich bin Peter Kann.» Die Texte in der Sammlung «Being Young», im Klappentext treffend als «literarische Monologe» klassifiziert, handeln von Kindern an der Schwelle zur Pubertät, von Jugendlichen am Übergang zum Erwachsenenalter und vom ganzen Spektrum dazwischen. Die ProtagonistInnen blicken nach vorn und zurück: Vom Dachboden des Hauses etwa, mit dem sich der/die Jugendliche in der bildhaft-poetischen Reflexion «Ich bin ein Reihenhaus» vergleicht, lässt sich bis zum Horizont blicken. In seinen Ecken aber lagern die Kartons mit den Kindersachen.

Dass Kindheit in den 32 Miniaturen, zu denen die norwegische Autorin zahlreiche Gespräche mit Jugendlichen verwebt hat, oft idealisiert und betrauert wird, ist nicht nur erwachsene Projektion, sondern auch Teil jugendlicher (Er-)Lebenswelt und Erinnerungspraxis. So legen es auch die Tagebucheinträge und Gespräche mit Schweizer Jugendlichen nahe, die in Ronja Fankhausers publizierter autoethnografischer Maturaarbeit «Tagebuchtage Tagebuchnächte» zu einem differenzierten Text verdichtet und in Form von Scans und Zitaten auch im O-Ton wiedergegeben werden. Wiederholt wird darin die Sehnsucht nach der Primarschule artikuliert, weil die Oberstufe als Schlachtfeld erlebt wird, auf dem sich Verbündete kaum von AntagonistInnen unterscheiden lassen.

Betrachtet man Lisa Aisatos traumbehafteten, magisch-surrealen und zugleich augenzwinkernd-ironischen Illustrationen, die in «Being Young» Metamorphosen imaginieren, oder die Selbstbefragungen, die viele der abgedruckten Einträge in «Tagebuchtage Tagebuchnächte» prägen, muten einige Facetten zeitlos an; die «Ummöblierungsaktion», wie Skåber sie im Vorwort beschreibt, mag sich heute ähnlich beängstigend anfühlen wie vor zehn oder dreissig Jahren. Aber das Haus, die Stadt, die Welt, in der das Nicht-mehr-Kinderzimmer steht, konstituieren sich stetig neu.

Fankhausers Buch ist eine oft kämpferische, ideologie- und kapitalismuskritische Analyse der Gesellschafts- und Werteordnung, in der Jugendliche sozialisiert werden. Perspektive, Sprache und Thematik sind durch aktuelle identitätspolitische Diskurse geprägt, zu denen die Reflexion eigener Privilegien und Diskriminierungserfahrungen ebenso gehört wie das Plädoyer für einen intensivierten Generationendialog. Während dieser an Einblicken reiche Text streckenweise
Manifest-Charakter gewinnt, erzählt Skåber in literarisch verdichteter Unmittelbarkeit von einer Vielfalt an Erfahrungen. Im Zentrum stehen Jungs, denen die Klassenkameradinnen entwachsen und die Letztere dafür grausam demütigen – aber auch Jungs, die vom Onkel als «kleiner Schwuli» bezeichnet werden. Wir haben es mit Mädchen zu tun, die den Schönheitsidealen nicht genügen, weil sie zu oft zum Kiosk laufen, und mit solchen, die sich auf Insta zu präsentieren wissen; es sind Jugendliche dabei, die sich den Skitag nicht leisten können und andere, die erleben, wie sie und ihre Eltern als ‹Fremde› diskriminiert werden. Beiden Büchern gelingt es auf eindrückliche Weise, Jugendliche nicht nur im Hier und Jetzt zu verorten, sondern Jugend multiperspektivisch in aller Diversität zu repräsentieren.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/20, S. 34

Still!
Dirk Pope
Verlag: Hanser, Publiziert: 2020, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26816-6
Schlagwörter: Gewalt | Aussenseiter:in/Mobbing | Freundschaft

Mariella spricht nicht. Sie ist «der Knoten in der Zunge, der erste und letzte Buchstabe jedes Schweigegelübdes, die Meisterin des Stillseins». Schon immer sprach sie wenig, doch seit ihre Eltern sich getrennt haben und ihre Mutter mit ihr in diese Kleinstadt gezogen ist, hat sie ganz aufgehört damit. Denn «wer nicht gefragt wird, braucht auch nicht zu antworten». So kommuniziert sie mit ihrer zunehmend besorgten Mutter via WhatsApp und bringt die Lehrpersonen zur Weissglut, die sich durch Mariellas Schweigen in ihrer Autorität verletzt sehen. Darunter scheint die – wie aus ihrer Erzählweise deutlich wird – sehr aufgeweckte Jugendliche aber kaum zu leiden. Mit den Erwachsenen kann sie es aufnehmen. Humoristisch (zum Beispiel in Interviewform mit dem «Institut für angewandtes Schweigen») denkt sie über sich selbst und ihre Entscheidung nach. Das Mobbing ihrer MitschülerInnen hingegen lässt sich nicht so einfach ausblenden, schon gar nicht, als es in Form eines absichtlich hart geworfenen Handballs in ihrem Gesicht landet. Gut, dass sie kurz davor auf dem KuLa, dem Aussichtsturm im Städtchen, Stan getroffen hat. Stan ist gehörlos, er gebärdet und unterhält sich mit Mariella über WhatsApp. Mariella hat endlich einen Seelenverwandten. Doch da gerät ihr erst ihr gewalttätiger Vater in die Quere und später kommt es sogar zu einer richtigen Katastrophe. Hätte Mariella früher sprechen müssen?

Der dritte Jugendroman des deutschen Autors Dirk Pope beeindruckt nicht nur durch die kluge und gewitzte Erzählstimme der Ich-Erzählerin, die durchaus viel zu sagen hätte. Der Roman nimmt eine tiefgreifendere Wendung als vermutet und lässt die Protagonistin als Opfer von Gewalt in verschiedenen Formen noch einmal in einem ganz anderen Licht erscheinen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/20, S. 34

Das Lied von Vogel und Schlange
Suzanne Collins
Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Klöss und Sylke Hachmeister
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2020, Seiten: 608, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-2002-2
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Zukunft | Medien

Zwölf Jahre ist es her, seit der erste Band von Suzanne Collins’ Trilogie um Katniss Everdeen und die Hungerspiele die Herzen zahlloser jugendlicher und erwachsener LeserInnen erobert hat. Nun liefert Collins neuen Stoff aus ihrer dystopischen Welt mit einem 600 Seiten starken Prequel.

Mit der Wahl der Hauptfigur hat sich Collins keine leichte Aufgabe gestellt: Als perfider Machtmensch war Präsident Coriolanus Snow der verachtenswerte Antagonist der Trilogie. Hier nun sehen wir ihn kurz vor dem Schulabschluss als Mentor an den Hungerspielen. Diese stehen scheinbar im Zentrum, sind aber noch weit entfernt vom Riesen-Medienevent aus der Trilogie. Coriolanus’ Ideen, die er in Schulaufgaben entwirft, sind dazu wegweisend. Zwar äussern er und seine MitschülerInnen (für die LeserInnen) bei jedem Schritt Bedenken, die aber ungehört verhallen. Für Coriolanus, dessen verarmte Familie nur mühsam den Anschein von Reichtum wahrt, ist dies die Chance auf eine goldene Zukunft. Wider Erwarten ist «seine» Tributin aus Distrikt 12 ein Glücksfall: Lucy Gray hat Showtalent und schreckt vor Rattengift in der Arena nicht zurück. Schon bald regen sich bei beiden zarte Gefühle. Sein Strategiegeschick macht ihn derweil zum Protegé der Spielmacherin, deren Grausamkeit ihn ebenso abstösst wie ihn ihre Methodik fasziniert.

Während einen in der Trilogie Katniss’ Ich-Erzählstimme im Präsens direkt mitgerissen hat, gewährt den LeserInnen hier die Er-Perspektive im Präteritum Distanz zum Protagonisten; auch Lucy bleibt letztlich ungreifbar. Zwar entwickelt man durchaus Sympathien für «Coryo», doch ist stets klar, dass die Erfüllung seiner Aufstiegsgelüste nichts Gutes für seine Welt verheisst. Das Prequel ist kein solcher «Pageturner» wie die Trilogie, wohl aber eine herausragende Charakterstudie.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 3/20, S. 35

Hitze
Victor Jestin
Aus dem Französischen von Sina de Malafosse
Verlag: Kein & Aber, Publiziert: 2020, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-0369-5828-6
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Gefühle | Tod/Trauer

Es brennt. Die Sommerhitze verwandelt den Campingplatz am Meer in einen Glutofen, und rund um Léonards Zelt tobt ein einziger Paarungstanz feierwütiger Jugendlicher. Jedenfalls scheint es ihm so – und die LeserInnen erfahren auf den knappen, rauschhaft intensiven 160 Seiten von Victor Jestins Romandebüt nichts anderes als das, was der Ich-Erzähler erlebt, oder genauer, was ihn durchschüttelt und durch die zwei Tage taumeln lässt, an denen die Geschichte spielt. Was mit ihm geschieht und warum, weiss er selbst nicht; gerade dafür findet der 1994 geborene Jestin eine Sprache, die in all den Coming-of-Age-Romanen, die zurzeit erscheinen, nur selten in dieser Härte und Zärtlichkeit auftritt. Was er weiss, ist nur, dass ihn auch ein Feuer von innen zu verzehren droht. Wegen Luce, dem geheimnisvollen, etwas manipulativen Mädchen, in das er sich verliebt, vor allem aber wegen Oscar.

Mit Oscar beginnt der Roman, strenggenommen die Novelle, und mit einem Schlag ins Gesicht der LeserInnen: «Oscar ist tot, weil ich ihm beim Sterben zugesehen habe, ohne mich zu rühren.» Léonard erinnert sich; die Nacht, in der Oscar sich mit den Seilen einer Schaukel erwürgt, scheint schon einige Zeit zurückzuliegen. Doch im Erzählen, das, so drastisch es einsetzt, zu Beginn noch vergleichsweise entspannt daherkommt, steigert er sich nochmals in die hellwache Raserei der letzten Sommerferientage hinein. Er weiss sofort, dass er helfen müsste, und doch lässt er Oscar sterben, und auch dann schlägt er nicht Alarm, sondern verscharrt ihn im Sand. Es ist, als befände er sich im Bann einer höllischen Urlaubseuphorie, aus der es kein Entkommen gibt.

Jestin schildert grandios, wie das Nichtstun, die Unmöglichkeit, sich jemandem anzuvertrauen, Léonard fast in den Wahnsinn treibt. Alle Fragen nach dem Warum lässt er offen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/20, S. 35

König der Kinder
Nils Mohl, Illustration: Katharina Greve
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2020, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-155-9
Schlagwörter: Sprachspiel

Gedichte

«kleine form ganz gross» heisst das vorletzte Gedicht in Nils Mohls Buch «könig der kinder». Es ist eine Ode an die literarische Kurzform: «unzählige indianer hoch zu pferden / wolkenkratzer elefantenherden / die längste wüstenkarawane / alaska kontinente ozeane / walschulen polareisbrecher / die sonne schwarze löcher / tiefste dunkelheit hellstes licht / was findet nicht alles platz hier im gedicht». Das Gedicht als Füllhorn, als Zusammendenken der Gegensätze, Verführerin in Anderswelten, sprachlicher Jungbrunnen. Wie Mohl diesen weiten Lyrikraum auch formal in der letzten Zeile zum Ausdruck bringt, ist grosse Klasse.

Der vielfach ausgezeichnete Autor debütiert lyrisch gleich mit zwei Gedichtbänden, einem für Kinder und einem für Jugendliche. Beide umfassen 40 Texte, beide sind von der Comiczeichnerin Katharina Greve illustriert. Ihre flächigen Bilder in «könig der kinder» sind farbiger und setzen ein Momentum des jeweiligen Gedichts in Szene, in «tanz der untertanen» reduziert die Künstlerin die Farben und geht assoziativer vor.

Mohl zieht alle Register der Lyrikkunst, vom Haiku bis zum erzählenden längeren Gedicht. Er reimt astrein und krosend von «marzipan oder lebertran? / blattspinat oder wurstsalat?» bis «der reifenwechsel sollte starten / da überfielen uns piraten», verwirbelt Konsonanten («die zirpen grillen / was grillen sie wohl?») und spielt mit Alliterationen und Assonanzen. Die Texte sind da am stärksten, wo Pointen nicht verpuffen, das Sprachspiel mit Hintersinn im Zentrum steht und nicht das Erzählen einer Begebenheit, wie öfters im Band für die Jugendlichen. Geht es um Sex, Liebeskummer oder gescheiterte Lebensentwürfe, schwingt ein irritierender Grundton mit, der eher Erwachsene ansprechen dürfte. So etwa in «lernen von den rock-royalties»: «impotenz / falten / depression / (die jugend: dahin) // viagra / botox / prozac / (alles: halb so schlimm)».

Christine Tresch
Buch&Maus 3/20, S. 36

Tänze der Untertanen
Nils Mohl, Illustration: Katharina Greve
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2020, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-156-6
Schlagwörter: Sprachspiel

«kleine form ganz gross» heisst das vorletzte Gedicht in Nils Mohls Buch «könig der kinder». Es ist eine Ode an die literarische Kurzform: «unzählige indianer hoch zu pferden / wolkenkratzer elefantenherden / die längste wüstenkarawane / alaska kontinente ozeane / walschulen polareisbrecher / die sonne schwarze löcher / tiefste dunkelheit hellstes licht / was findet nicht alles platz hier im gedicht». Das Gedicht als Füllhorn, als Zusammendenken der Gegensätze, Verführerin in Anderswelten, sprachlicher Jungbrunnen. Wie Mohl diesen weiten Lyrikraum auch formal in der letzten Zeile zum Ausdruck bringt, ist grosse Klasse.

Der vielfach ausgezeichnete Autor debütiert lyrisch gleich mit zwei Gedichtbänden, einem für Kinder und einem für Jugendliche. Beide umfassen 40 Texte, beide sind von der Comiczeichnerin Katharina Greve illustriert. Ihre flächigen Bilder in «könig der kinder» sind farbiger und setzen ein Momentum des jeweiligen Gedichts in Szene, in «tanz der untertanen» reduziert die Künstlerin die Farben und geht assoziativer vor.

Mohl zieht alle Register der Lyrikkunst, vom Haiku bis zum erzählenden längeren Gedicht. Er reimt astrein und krosend von «marzipan oder lebertran? / blattspinat oder wurstsalat?» bis «der reifenwechsel sollte starten / da überfielen uns piraten», verwirbelt Konsonanten («die zirpen grillen / was grillen sie wohl?») und spielt mit Alliterationen und Assonanzen. Die Texte sind da am stärksten, wo Pointen nicht verpuffen, das Sprachspiel mit Hintersinn im Zentrum steht und nicht das Erzählen einer Begebenheit, wie öfters im Band für die Jugendlichen. Geht es um Sex, Liebeskummer oder gescheiterte Lebensentwürfe, schwingt ein irritierender Grundton mit, der eher Erwachsene ansprechen dürfte. So etwa in «lernen von den rock-royalties»: «impotenz / falten / depression / (die jugend: dahin) // viagra / botox / prozac / (alles: halb so schlimm)».

Christine Tresch
Buch&Maus 3/20, S. 36

Der deutsche Autor Nils Mohl hat sich an das rare Genre des Jugendgedichts gewagt. Die zwanzig Texte, vom Haiku bis zum erzählenden Langgedicht, hat Katharina Greve in reduzierten Farben und assoziativ illustriert. Die Gedichte, in eher nüchternem Ton gehalten, thematisieren erste Liebeserfahrungen, Träume und Ängste, spiegeln aber auch das Leben der Erwachsenen. So etwa in «lernen von den rock-royalities»: «impotenz / falten / depression (die jugend: dahin) // viagra / botox / prozac / (alles: halb so schlimm)».

Das wahre Leben der Bauernhoftiere
Lena Zeise
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2020, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-240-4
Schlagwörter: Natur | Essen | Tiere

Auch das gibt es! Einen Schweinebauer-Shitstorm zu einem Kinderbuch: Die Abbildung, an der sich 2019 ein deutscher Grossbetrieb störte, stellte die Bioschweinehaltung der Massentierhaltung gegenüber. Dabei war das Buch «Alles lecker» damals schon sieben Jahre alt. Der Klett-Kinderbuch-Verlag entschloss sich daraufhin, dem kontroversen Thema ein ganzes Buch zu widmen: «Das wahre Leben der Bauernhoftiere».

Mit fotorealistischen Illustrationen porträtiert Lena Zeise unsere Nutztiere vom Hausschwein bis zum Haushuhn und zeigt die konventionelle Landwirtschaft mit Massentierhaltung wie auch die ökologische auf Biohöfen. Inklusive Tiertransporte, Schlachtung und die Weiterverarbeitung zu Lebensmitteln. Nichts wird beschönigt, nichts ausgelassen – wobei keine schockierenden Bilder gezeigt werden, aber auch keine ländliche Idylle. «Auch biologisch gehaltene Tiere werden geschlachtet und viele von ihnen ganz genauso wie die aus den konventionellen Betrieben.» Der sachlich beschreibende Text und die teils lexikonartigen Informationen werden durch eindrückliche Tierporträts ergänzt. Schwein, Kuh, Ziege blicken uns direkt an; Menschen bleiben schemenhaft im Hintergrund. Das Tier als lebendiges Wesen hat unsere ganze Aufmerksamkeit. So werden die Folgen der Haltungsformen und letztlich auch unsere Verantwortung klar: «Wir entscheiden über ihr Leben mit. Und auch darüber, wie es ihnen vor dem Schlachten ging.»

Dem Verlag ist ein wunderbares Aufklärungsbuch gelungen, das auch anregt, die Herkunft von Lebensmitteln selbst unter die Lupe zu nehmen. Erfreulich, dass zeitgleich auch andere Titel wie «Wo kommt unser Essen her?» von Julia Dürr (Beltz&Gelberg) das Bild der heutigen Landwirtschaft für Kinder zurechtrücken.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/20, S. 36

Herzfaden
Thomas Hettche
Verlag: Argon, Publiziert: 2020, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-83-981817-6
Schlagwörter: Historisches | Intertextualität

Die Geschichte der Augsburger Puppenkiste böte genug Stoff für ein Sachbuch. Wie viel mehr Spass macht es aber, in «Herzfaden» diesem Monument des deutschsprachigen Marionettentheaters literarisch zu begegnen! Autor Thomas Hettche erzählt auf zwei Ebenen. Da ist ein Mädchen, dessen Vater nach Augsburg gezogen ist und es in eine Vorstellung der Puppenkiste mitnimmt, obwohl es sich viel zu alt fühlt für diese Art von Unterhaltung. Unversehens gerät es dort über eine versteckte Tür in eine Art Zwischenreich. Es schrumpft auf Marionettengrösse – «Alice im Wunderland» lässt grüssen – und trifft das Urmel, Jim Knopf, König Kalle Wirsch und andere Puppenkiste-Figuren, zudem die Tochter des Gründers: Hatü Öhmichen, jetzt eine alte, gebrechliche Frau. Erst widerwillig, dann immer aufmerksamer, lauscht das Mädchen Hatü, die von den Anfängen der Puppenkiste am Ende des Zweiten Weltkriegs berichtet und den Bogen bis in die 1960er-Jahre schlägt, als mit «Jim Knopf» deren TV-Karriere begann.

Über den imaginären Herzfaden beseele der Puppenspieler seine Puppen, erklärt Hatüs Vater einmal. Hettches zweiter Herzfaden führt tief in die deutsche Geschichte hinein, von den Kriegsverheerungen über den Wiederaufbau und die Sehnsucht der Menschen nach Ablenkung bis in die Zeit des Wirtschaftswunders. Auch das Mädchen beginnt im Verlauf des Berichts seinen eigenen Herzfaden wieder zu spüren. Selbst wenn Mutter und Vater getrennt leben, kann es beide liebhaben.

«Die Vergangenheit ist die Gegenwart und die Gegenwart die Vergangenheit», heisst es einmal im Roman. Christian Brückner, mit rauer, leicht gebrochener Stimme, und Valery Tscheplanowa, mit kindlicherem Duktus, lesen die beiden Geschichtenebenen so, dass wir zuhörend erfahren, wie wahr dieser Satz ist.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/20, S. 36

Hugo & Hassan
Kim Fupz Aakeson, Illustration: Rasmus Bregnhøi
Aus dem Dänischen von Franziska Gehm
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2020, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-238-1
Schlagwörter: Kulturen | Diversität | Freundschaft

Ganz schöne Früchtchen, diese beiden! Mit dem Comic «Hugo&Hassan» hat der vielfach prämierte dänische Autor Kim Fupz Aakeson ein rotzfreches Freundespaar geschaffen, das es faustdick hinter den Ohren hat: Zwei, die sich in Rausch lachen, daddeln und prügeln, nichts als Unsinn und Flausen im Kopf haben. Der ebenfalls mit vielen Preisen ausgezeichnete Illustrator Rasmus Bregnhøi giesst ihre Alltagsabenteuer in Panels voller Witz und Dynamik.

«Oberkackmist», schimpft Hugo, als ihn seine Mutter an diesem öden Nachmittag dazu verdonnert, auf dem blöden Loser-Hinterhof zu bleiben. Stinklangweilig, nix los! Das sieht der frisch eingezogene Hassan genauso, und nach ausgiebigem Abgechecke samt coolem Rap-Getue beginnt eine wunderbare Freundschaft. In zehn Kapiteln erlebt man das Knallerteam zuhause, beim Fussball oder ihrem (ersten und einzigen) Kung-Fu-Training – immer mit grosser Klappe und zu viel Energie. Dabei übernehmen sich die beiden Möchtegernhelden öfter mal gehörig: So foppen sie im Schwimmbad den strengen «Nazi-Bademeister», der sie dann aber vom Zehnmeterbrett retten muss, oder verkleiden sich an Halloween so gruselig, dass sie sich vor sich selber fürchten und dann doch brav auf dem Sofa bleiben …

Gerade diese Brüche zwischen Übermut und Angst macht die Figuren sympathisch und bieten attraktives Identifikationspotenzial. Und weil die beiden echte Brüder sind, darf Hassan sogar beim Kicken eine wilde Prügelei anzetteln und Hugo sich über Ramadan lustig machen. Die witzigen Quatsch- und Freundschafts­geschichten sind besonders auch für lesefaule Jungs gut denkbar.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/20, S. 37

Hugo und Hassan knurren sich zuerst an wie junge Hunde, dann werden sie beste Freunde. In 10 Kapiteln folgen wir ihren Abenteuern – vom Geschäftsmodell mit Süssigkeiten über heldenhafte Absichten im Schwimmbad bis zu Halloween-Gruselfantasien. Allerdings scheitern die Pläne der Beiden jedes Mal an der Realität. Die grossformatigen Panels und die für jede Figur mit einer eigenen Farbe versehenen Sprechblasen erleichtern auch ungeübten Lesenden die Lektüre dieser Schelmengeschichten in der Tradition des «Kleinen Nicks».

Die Farbe der Dinge
Martin Panchaud
Aus dem Französischen von Christoph Schuler
Verlag: Edition Moderne, Publiziert: 2020, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03731-201-8
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing | Gewalt | Reisen | Medien

Mag die Geschichte auch mit einem rosa Einhornkuchen beginnen, das Leben des 14-jährigen Londoners Simon Hope ist trist: Die Eltern streiten ständig, da der Vater das karge Geld bei Pferdewetten verspielt und den übergewichtigen Sohn verabscheut. Auch für die Nachbarsjungen ist dieser eine Zielscheibe. Doch weil sie ihn für eine «Geschäftsidee» brauchen, landet er bei einer Wahrsagerin. Gemäss ihrer Prophezeiung setzt Simon alles auf eine Karte bzw. die 1001.99 Pfund aus der Spardose des Vaters auf Aussenseiter-Rennpferd Black Caviar. Und Simon gewinnt! 14 Millionen Pfund. Der Haken dabei: Er ist zu jung, um den Gewinn einzulösen. Zugleich fällt die Mutter nach einem brutalen Angriff ins Koma, der Vater setzt sich ab. Um ihn zu finden, unternimmt Simon eine Art Roadtrip, der aber nie so richtig zum Abenteuer wird – dafür ist zu vieles zu verfahren. Im Showdown wirkt die Explosion eines gestrandeten Wals als abstruser «deus ex machina», der ein schlimmeres Ende für Simon verhindert.

Es ist nicht der filmreife Plot, der diese Graphic Novel spektakulär macht, sondern die Umsetzung, die die Informationsgrafik zum Gestaltungsprinzip erhebt: Die Figuren sind farbige Punkte, deren Bewegungen im Raum aus der Vogelperspektive auf Plänen dargestellt werden. Eingeschoben sind Grafiken, die etwa die Funktionsweise einer Pistole erläutern. Diese nüchtern scheinende Darstellung tut der Empathie für die Figuren kaum Abbruch; die Figurenpunkte erinnern nicht zuletzt an Game-Optiken, und der Dialog, ausserhalb der Bilder gesetzt, offenbart die Verwandtschaft des Mediums Comic mit dem Dramentext. Wie einfallsreich und konsequent der Westschweizer Comiczeichner Panchaud seinem Gestaltungsprinzip folgt, ist beeindruckend und macht die Lektüre einzigartig.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 3/20, S. 37

Die kürzesten Geschichten der Welt
Tamás Ijjas, János Lackfi, Illustration: Mattea Gianotti
Aus dem Ungarischen von György Buda
Verlag: Helvetiq, Publiziert: 2020, ISBN/ISSN/EAN: 978-2-94-048194-1
Schlagwörter: Spiel | Kreativität

Ein Buchumschlag, aber keine Seiten, dafür 52 Karten und eine Spielanleitung. Was ist das nun – Buch oder Spiel? Das Werk selbst will darauf keine Antwort geben; es ist beides – je nachdem, wie man es nutzen will. Die Spielanleitung gibt sowohl Lese- wie auch Spielvarianten vor, wobei die Trennung nicht zu scharf gesehen werden darf; denn bis auf die Möglichkeit, einfach die auf den Kärtchen vorgegebenen Texte zu lesen, ist auch bei allen Lesevarianten Kreativität beim Weiterspinnen und Erfinden von Geschichten gefragt.

Die auf der einen Seite mit Illustrationen der Bündnerin Mattea Gianotti und auf der anderen Seite mit kurzen Erzählungen bedruckten Kärtchen setzen der Fantasie dabei so gut wie keine Grenzen, wobei die Illustrationen teilweise schwer zu deuten sind. Was genau stellt zum Beispiel das pflanzenartige Gewächs mit Süssigkeiten in den Ästen dar? Und was das weisse Etwas, das aus einer Tasse zu kommen scheint? Die Texte der beiden ungarischen Autoren János Lackfi und Tamás Ijjas sind dagegen klarer in ihrer Aussage, dafür fehlt ihnen thematisch der rote Faden, der sich so bezeichnend über alle Illustrationen zieht. So sind einige der Erzählungen klar in der Märchen- und Fabelwelt verhaftet, während andere das Alltagsleben thematisieren und einige wenige über das Erzählen und die Sprache reflektieren. Dadurch wird die Konstruktion einer kohärenten Geschichte erschwert. Auch wenn «Die kürzesten Geschichten der Welt» keine Geschichte im traditionellen Sinn erzählen und ihr Gebrauch eine gehörige Portion Fantasie voraussetzt, wird der Aufbau, genauso wie das Erzählen einer Geschichte auf eine spielerische Art thematisiert, die dieses «Spielbuch» für eine Mittelstufenklasse interessant erscheinen lässt.

Dominique Mühlebach
Buch&Maus 3/20, S. 37

Agentin Yeshi
Gabriela Kasperski
Verlag: Aris, Publiziert: 2020, Seiten: 229, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907238-05-9
Schlagwörter: Identität/Individualität | Diversität

Weiss und in traditionellen Familienmodellen lebend: So kommen ProtagonistInnen von Kinderbüchern immer noch oft daher. Denn verkaufen sollen sich die Bücher ja, und da tun sich diejenigen Geschichten am leichtesten, die am wenigsten Reibungsfläche bieten und Identifikation für die Mehrheitsgesellschaft bieten. Frustrierend für alle, welcher diese nicht angehören und nach Identifikationsfiguren suchen. Oder die ihren Kinder ganz einfach ein vollständigeres Bild der Gesellschaft vermitteln wollen.

Die Adoptivtochter der Zürcher Autorin Gabriela Kasperski etwa fand kaum Kinderbuchprotagonistinnen, die aussehen wie sie. Und so entstand die Romanfigur Yeshi. Das Mädchen erlebt nach «Einfach Yeshi» (2019) nun schon sein zweites rasantes Abenteuer in den Strassen Zürichs und im zweiten Band «Agentin Yeshi» wird die Frage, die zu ihrer Schöpfung führte, gleich zum leitenden Thema des Buches. Yeshi nämlich will beweisen, dass es durchaus dunkelhäutige Prinzessinnen gibt, und so erreichen, dass sie im Weihnachtsmusical der Schule die Hauptrolle spielen darf – auch wenn ihre KlassenkameradInnen finden, dass das mit ihrem Aussehen nicht in Frage kommt. Es ist eindrücklich und teilweise direkt beklemmend, aus der Sicht eines Kindes zu lesen, was es bedeutet, wenn alle Märchenaufführungen, alle Buchcover ihr Aussehen verneinen. Diese Verzweiflung schlägt selbst bei einer eigentlich selbstbewussten Protagonistin wie Yeshi in solche Selbstzweifel um, dass sie sich auf YouTube Instruktionsvideos zur Hautbleichung ansieht. Die Relevanz der Thematik lässt darüber hinwegsehen, dass ansonsten gar viel in die Geschichte gestopft wurde: eine komplizierte Klassenabstimmung, viel zu viele benannte Charaktere und Dialoge und zu allem Überfluss ein nicht wirklich motivierter Kriminalfall. Yeshi aber zeigt mit viel Energie und Einsatz, dass Mädchen wie sie sich ihren Raum in der Gesellschaft nehmen dürfen. Etwas, was zu beweisen eigentlich nicht an ihr läge.

Vielfältige Familienmodelle fassen Fuss

In letzter Zeit etwas weniger arg steht es um die Repräsentation von Familienmodellen in der Kinderliteratur. Ein schönes Schweizer Beispiel ist Ina Voigts und Jacky Gleichs «Wie heiraten eigentlich Trockennasenaffen?» (kwasi 2015) – eine angenehm unaufgeregte Geschichte über Matti und seine zwei Mütter. Während dort die Tatsache, dass Matti in einer Regenbogenfamilie aufwächst, ganz nebenbei einfliesst, ist das Thema Familienformen im neuen Bilderbuch «Lou entdeckt die Nachbarschaft» leitend. Zwar auch in eine Geschichte verpackt, steht hier die Vermittlung im Vordergrund: Die Vielfalt möglicher Familienmodelle soll gezeigt werden. Das Mäusekind Lou – dass sein Geschlecht bewusst offengehalten wird, ist beim Erzählen im Dialekt leider nicht so einfach umsetzbar – ist neu in eine Siedlung gezogen und lädt alle NachbarInnen zu einem Fest ein. Dabei lernt es Regenbogenfamilie Brumm mit Tigervater und Bärenvater kennen, das polyamore Trio Krockopotamus, Patchworkfamilie Tuttitierli oder das kinderlose Paar Herr Pfote und Herr Tatze. Die bildnerische Umsetzung überzeugt: In fröhlichen, flächigen Farben werden die Tierfiguren mit viel Humor in ihren Wohnungen gezeigt. Dass es Tiere sind, generalisiert die Aussage und macht die Beziehungen deutlicher: Familie Hirsch hat ein Zebra adoptiert und der Trans-Elternteil ist natürlich ein schwangeres Seepferdchen.

Die attraktive Art der Illustrationen und die sprachlich gelungene Umsetzung (für den Feinschliff steht Autor Daniel Fehr) laden zur Beschäftigung mit dem Bilderbuch ein – auch ohne tragende Geschichte. Trotz gelungener Beispiele: Es bleibt zu hoffen, dass Bücher, die sich mit dem Fehlen von Repräsentation beschäftigen, bald überflüssig sind und die darin nachgefragte Vielfalt selbstverständlich in allen tollen Geschichten mitgelebt wird.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/20, S. 25

Lou entdeckt die Nachbarschaft
Tania Kyburz, Fabienne Schellenberg, Patricia Schär, Illustration: Christina Baeriswyl
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2020, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-026-6
Schlagwörter: Diversität | Familie/Familienformen | Tiere

Weiss und in traditionellen Familienmodellen lebend: So kommen ProtagonistInnen von Kinderbüchern immer noch oft daher. Denn verkaufen sollen sich die Bücher ja, und da tun sich diejenigen Geschichten am leichtesten, die am wenigsten Reibungsfläche bieten und Identifikation für die Mehrheitsgesellschaft bieten. Frustrierend für alle, welcher diese nicht angehören und nach Identifikationsfiguren suchen. Oder die ihren Kinder ganz einfach ein vollständigeres Bild der Gesellschaft vermitteln wollen.

Die Adoptivtochter der Zürcher Autorin Gabriela Kasperski etwa fand kaum Kinderbuchprotagonistinnen, die aussehen wie sie. Und so entstand die Romanfigur Yeshi. Das Mädchen erlebt nach «Einfach Yeshi» (2019) nun schon sein zweites rasantes Abenteuer in den Strassen Zürichs und im zweiten Band «Agentin Yeshi» wird die Frage, die zu ihrer Schöpfung führte, gleich zum leitenden Thema des Buches. Yeshi nämlich will beweisen, dass es durchaus dunkelhäutige Prinzessinnen gibt, und so erreichen, dass sie im Weihnachtsmusical der Schule die Hauptrolle spielen darf – auch wenn ihre KlassenkameradInnen finden, dass das mit ihrem Aussehen nicht in Frage kommt. Es ist eindrücklich und teilweise direkt beklemmend, aus der Sicht eines Kindes zu lesen, was es bedeutet, wenn alle Märchenaufführungen, alle Buchcover ihr Aussehen verneinen. Diese Verzweiflung schlägt selbst bei einer eigentlich selbstbewussten Protagonistin wie Yeshi in solche Selbstzweifel um, dass sie sich auf YouTube Instruktionsvideos zur Hautbleichung ansieht. Die Relevanz der Thematik lässt darüber hinwegsehen, dass ansonsten gar viel in die Geschichte gestopft wurde: eine komplizierte Klassenabstimmung, viel zu viele benannte Charaktere und Dialoge und zu allem Überfluss ein nicht wirklich motivierter Kriminalfall. Yeshi aber zeigt mit viel Energie und Einsatz, dass Mädchen wie sie sich ihren Raum in der Gesellschaft nehmen dürfen. Etwas, was zu beweisen eigentlich nicht an ihr läge.

Vielfältige Familienmodelle fassen Fuss

In letzter Zeit etwas weniger arg steht es um die Repräsentation von Familienmodellen in der Kinderliteratur. Ein schönes Schweizer Beispiel ist Ina Voigts und Jacky Gleichs «Wie heiraten eigentlich Trockennasenaffen?» (kwasi 2015) – eine angenehm unaufgeregte Geschichte über Matti und seine zwei Mütter. Während dort die Tatsache, dass Matti in einer Regenbogenfamilie aufwächst, ganz nebenbei einfliesst, ist das Thema Familienformen im neuen Bilderbuch «Lou entdeckt die Nachbarschaft» leitend. Zwar auch in eine Geschichte verpackt, steht hier die Vermittlung im Vordergrund: Die Vielfalt möglicher Familienmodelle soll gezeigt werden. Das Mäusekind Lou – dass sein Geschlecht bewusst offengehalten wird, ist beim Erzählen im Dialekt leider nicht so einfach umsetzbar – ist neu in eine Siedlung gezogen und lädt alle NachbarInnen zu einem Fest ein. Dabei lernt es Regenbogenfamilie Brumm mit Tigervater und Bärenvater kennen, das polyamore Trio Krockopotamus, Patchworkfamilie Tuttitierli oder das kinderlose Paar Herr Pfote und Herr Tatze. Die bildnerische Umsetzung überzeugt: In fröhlichen, flächigen Farben werden die Tierfiguren mit viel Humor in ihren Wohnungen gezeigt. Dass es Tiere sind, generalisiert die Aussage und macht die Beziehungen deutlicher: Familie Hirsch hat ein Zebra adoptiert und der Trans-Elternteil ist natürlich ein schwangeres Seepferdchen.

Die attraktive Art der Illustrationen und die sprachlich gelungene Umsetzung (für den Feinschliff steht Autor Daniel Fehr) laden zur Beschäftigung mit dem Bilderbuch ein – auch ohne tragende Geschichte. Trotz gelungener Beispiele: Es bleibt zu hoffen, dass Bücher, die sich mit dem Fehlen von Repräsentation beschäftigen, bald überflüssig sind und die darin nachgefragte Vielfalt selbstverständlich in allen tollen Geschichten mitgelebt wird.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/20, S. 25

Das neu zugezogene Mauskind Lou will eine Party veranstalten. Hoffentlich wohnen keine Monster in der Nähe! Beim Verteilen der Einladungskarten gibt es aber nur liebenswerte neue Nachbarinnen und Nachbarn und zugleich zahlreiche alternative Familienformen kennenzulernen. Die fröhlich gezeichneten tierischen Figuren erweitern nach und nach die Vorstellung der klassischen Kleinfamilie.

Wie der kleine Stern auf die Welt kam
Thomas Meyer, Illustration: Mehrdad Zaeri
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2020, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-257-01260-6
Schlagwörter: Weltall | Sexualität

Was ist wohl vor der Geburt? Diese Frage hat sich schon manch ein Kind gestellt. Der bekannte Schweizer Autor Thomas Meyer gibt eine mögliche Antwort darauf. Alle Menschenkinder sind einmal kleine Sterne gewesen. Der Stern, um den es hier geht, lebt schon seit Millionen von Jahren im Weltall und möchte sich nun endlich eine Mama und einen Papa aussuchen. Hilfe dazu bekommt er von der weisen Eule und einem Fernglas, das Zauberkräfte besitzt. Denn damit kann er alles auf der Erde ganz genau sehen. Und siehe da, er findet zwei Elternteile und mit Hilfe der Eule klappt es auch, dass sich die zwei näherkommen. Dabei wird auch nicht ausgelassen, was auf der körperlichen Ebene stattfindet. Die zwei schlafen miteinander und so entsteht neues Leben.

Kennengelernt haben sich der Zürcher Autor und der Mannheimer Illustrator bei einem gemeinsamen Aufritt in Heidelberg, als Zaeri zu einer Lesung aus Meyers «Wolkenbruch»-Roman live zeichnete. Die poetische, einfache und trotzdem sehr aufklärerische Erzählweise Meyers passt zu Zaeris Illustrationsstil. Er taucht die atmosphärisch dichten Doppelseiten abwechselnd in Hell und in Dunkel – ein steter Wechsel zwischen Sternenwelt und dem Leben auf der Erde. Dieser Rhythmus strukturiert die Erzählung angenehm. Ausserdem gelingt Zaeri in ganz unterschiedlichen Szenen eine überzeugende Fokussierung und zugleich charmant-liebevolle Darstellung von Menschen und Dingen: so etwa die Menschenschlange vor den Eiswagen, das gelbe Postamt oder der Moment, in dem die beiden zukünftigen Eltern beschwingt durch die Welt springen.

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/21, S. 28

Hübsch!
Canizales
Aus dem Spanischen von Karl Rühmann
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2020, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-5947-9
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein | Humor/Komik | Liebe

Die Hexe hat ein Date. Und zwar mit dem Oger. Klar, ist sie aufgeregt wie nie zuvor. «Was ziehe ich an?», fragt sie sich – und kommt nur mit Verspätung aus dem Haus. Dafür fühlt sie sich in ihrem schwarzen Lieblingskleid «so richtig hübsch». Das ändert sich schnell, als sie unterwegs von den Waldtieren gut gemeinte Tipps zu ihrem Aussehen bekommt. So zaubert sie sich kurzerhand all ihre Hexenmerkmale weg – den gekrümmten Rücken, die warzige Kartoffelnase, das spitze Kinn und die rabenschwarzen, drahtigen Haare. Wer dann beim Oger auftaucht, hat nicht mehr viel mit der Hexe gemein. Kein Wunder, zeigt sich dieser wenig erfreut von der stupsnasigen Fremden mit dem sanft gewellten roten Haar, die anstelle seiner Angebeteten erscheint. Die Hexe versteht die Welt nicht mehr. Doch ein Blick in den Spiegel genügt: «Igitt, wie grässlich!» Fast hätte sie sich selbst nicht wiedererkannt. In Nullkommanichts verwandelt sie sich zurück in ihr hexenhaftes Selbst, und so finden Oger und Hexe doch noch zusammen – bei einem köstlichen Picknick mit Eichhörnchenschnitzel, Kaninchenragout und knusprig gebratenem Fuchs.

Schönheit liegt im Auge der BetrachterInnen; das wird deutlich in dieser alternativen Liebesgeschichte, die der in Kolumbien geborene Illustrator Canizales mit viel Witz und schwarzem Humor erzählt und mit klaren Bildern in kräftigen Farben unterstreicht. Doch nicht nur das – des Ogers ablehnende Reaktion auf das magisch veränderte Aussehen der Hexe erinnert daran, sich selbst treu zu bleiben und sich nicht für andere zu verändern. Frei nach dem Motto: Und wenn sie dich nicht mögen, so wie du bist, dann friss sie auf!

Dominique Mühlebach
Buch&Maus 1/21, S. 28

Zug der Fische
Yaroslava Black, Illustration: Ulrike Jänichen
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-51197-3
Schlagwörter: Armut | Familie/Familienformen | Migration

Marika lebt in einem kleinen Dorf in den Karpaten. Hier kennt jedeR jedeN, man hilft sich, wo immer es geht. «Man teilt […] Brot und Wasser – das hat Marika gelernt, wie sie […] gelernt hat, bei jeder Kirche und Wegkapelle drei Kreuze zu schlagen.» Die Jahreszeiten und der Glaube an Gott bestimmen den Alltag. Yaroslava Black, 1973 in der Westukraine geboren und heute Pfarrerin in Köln, erzählt mit grosser Selbstverständlichkeit von diesem einfachen Leben. Etwa, wie Marika im Sommer Blaubeeren pflückt, bis es dunkel wird, um sie auf dem Markt zu verkaufen. Weil Marikas Mutter in Italien arbeitet, wächst sie bei ihrer Grossmutter auf. Die Briefe der Mutter – «zwei Lebenszeichen pro Jahr: einmal zum Geburtstag und einmal zu Weihnachten» – sind ihr grösster Schatz.

Wie Marika geht es vielen Kindern im Dorf. Sie sind «Eurowaisen»: Kinder, die in Osteuropa ohne Eltern aufwachsen, versorgt von älteren Geschwistern, Verwandten oder Nachbarn, weil die Eltern im Westen arbeiten. Die Sehnsucht der Kinder ist allgegenwärtig. So werfen sie an einem Wintertag Dollarscheine mit Wünschen an ihre Eltern in den Fluss. Fast alle beginnen mit «Komm zurück!».

Ein berührendes, nachdenklich stimmendes Buch, dem Ulrike Jänichens ausdrucksstarke Buntstiftzeichnungen die Schwere nehmen. Ihre fein gestrichelten, manchmal fast pointilistischen Tableaus erinnern an Kinderzeichnungen und fangen Alltagsszenen und Wohnverhältnisse, das Leben mit und in der rauen Natur kunstvoll ein. Es gibt viel zu entdecken, zu fragen und viel, über das man beim Vorlesen sprechen kann.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/21, S. 29

Der Schriftsteller und die Katze
Nabiha Mheidly, Illustration: Walid Taher
Aus dem Arabischen von Petra Dünges
Verlag: Susanne Rieder, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948410-06-3
Schlagwörter: Kreativität | Tiere

Was braucht es, damit eine gute Geschichte erzählt werden kann? Natürlich, eine Idee. Da sind sich zwei ganz unterschiedliche Kinderbücher, die den kreativen Prozess des Schreibens zum Thema machen, einig. Die libanesische Autorin Nabiha Mheidly und der ägyptische Illustrator Walid Taher beginnen ihre Geschichte über das Erzählen mit einer Idee, die Gestalt annimmt – im konkreten Fall als Katze. Die Wolke aus Einfällen um den Schriftsteller herum, der allein zwischen Schreibtisch, Sofa und Fenster herumtigert und denkt, notiert und Kaffee trinkt, wird immer dichter, was die Illustrationen sehr schön visualisieren, bis die Katze aus dem Gewölk hervortritt, als quasi reales Geschöpf. Der Schriftsteller baut eine Welt um sie herum, bis die Katze selbst zu handeln beginnt – irgendwann muss er nur noch protokollieren, was sie macht. Was es aber bedeutet, die Abenteuer einer erfundenen Katze aufs Papier zu bringen, woher er die passenden Sätze findet, bleibt sein Geheimnis. Wichtiger ist ihm, dass er emotional ganz involviert ist, ohne seine Beobachterposition zu verlassen. Als die Katze in Not gerät, erinnert er sie daran, dass sie die Heldin ist und selbst einen Ausweg finden muss: «Ich liess sie alleine alles Mögliche ausprobieren. Ich sah ihr dabei zu und schrieb alles auf. Mein Herz schlug immer schneller dabei – genau wie ihr Herz.»

Im Dialog von Markus Orths und seiner Tochter Lola geht es konkreter zu; Schreiben wird hier als Handwerk verstanden. Was aber nicht heisst, dass Einfälle, auch die verrücktesten, keine Rolle spielen, ganz im Gegenteil. Wie Mheidlys und Tahers Schriftsteller nach einer Gestalt für seine Idee sucht, rät Markus Orths seiner Tochter, zuerst einen Stoff zu finden. Am besten einen ganz alltäglichen. Als Lola fragt, ob das nicht langweilig sei, antwortet der Vater: «Hm. Manchmal wollen wir einfach für das Gewöhnliche, das geschieht, neue, schöne, ungewöhnliche Worte finden.» Markus und Lola erfinden also eine Geschichte, die im Zoo spielt. Sie machen das, anders als der Schriftsteller mit der Katze, im Kopf; fabulieren und diskutieren. Aufschreiben, meint der Schriftsteller-Vater, könne man das alles auch später noch. Im Gespräch zeigt er seiner Tochter, wie man eine Pointe setzt und wie man aus vorhandenen Erzählelementen ein Muster entwickeln kann.

Indem sie auf leicht verständliche und unterhaltsame Art vom Geschichtenerfinden erzählen, beschreiben die beiden Kinderbücher unterschiedliche Schreibprozesse. Bei Mheidly und Taher erschafft der Autor eine Welt, in der er sozusagen ethnografisch unterwegs ist, als teilnehmender Beobachter. Damit nimmt er Bezug auf eine Tradition, wie sie – in Europa zumindest – aus Tolkiens poetologischen Essays bekannt ist. Die Art, wie Markus Orths mit seiner Tochter an einer Geschichte arbeitet, hat mit Handwerk zu tun, aber auch mit Spiel. Es werden aus dem Material der Einfälle und der Sprache heraus Regeln entwickelt, die den Text weitertreiben. Am Ende hat die Katze doch eine ähnliche Funktion wie die Regeln – sie lassen zu, dass etwas passiert, sozusagen von selbst.

Das Wunderbare an beiden Büchern ist, dass sie von der grossen Freude und dem durchaus abenteuerlichen Unternehmen erzählt, das Schreiben und Illustrieren bedeutet – man setzt sich hin und hat keine Ahnung, was am Ende des Tages auf dem Papier steht.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/21, S. 28

Parole Teetee
Antje Herden
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2020, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-483-9
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Freundschaft

«Wir befinden uns mitten in einem Kriminalfall um das seltsame Verschwinden einer älteren Dame. Obwohl die ziemlich auffällig nicht mehr da ist, scheint sich niemand dafür zu interessieren. Nicht einmal die Polizei.» So fasst Lene die Lage zusammen. Den Gemüseladen von Herrn Mansur erklärt sie zur Kommandozentrale, weil die Kinder den Fall jetzt selbst übernehmen. Bene, Cosmo, Junis, Sara, Saha und Stulle – alle aus Klasse 4a – sind begeistert und über Lene erstaunt: «Noch niemand hatte sie je so viele Worte sagen hören.» Langsam entspinnt sich eine unterhaltsame Detektivgeschichte, in der das Tempo passt. Denn mit viel Feingefühl und Wortwitz entwickelt die allwissende Erzählerin die einzelnen Charaktere der sieben Kinder, der merkwürdigen Dame namens Teetee mit ihrem Turban und der grossen bauchigen Tasche, der liebevollen Klassenlehrerin und dem freundlichen Ladenbesitzer.

Die Kinder verbünden sich für ihre Mission, Teetee zu finden – gegen fast alle Erwachsenen, ausser Frau Felgentreff und Herrn Mansur – und werden Freunde. Lene fühlt sich frei zu reden, Bene hinterfragt seinen Vater, Junis’ Heimweh wird kleiner. Die Spurensuche mit einigen Überraschungen führt in den dunklen Keller eines Zahnarztes, in eine verbotene Villa und zu einer Entdeckung hinaus an den See. Da wird es richtig abenteuerlich. Schade ist, dass ausgerechnet ein Zahnarzt – der klassische Kinderschreck – als Gegenspieler aufgebaut wird und Teetees Tasche, die am Anfang so magisch wirkte, später kaum eine Rolle spielt.

Maja Bohns detailverliebte Illustrationen in Schwarz-Weiss unterstreichen die aufgeladene Atmosphäre und vermitteln: Zum Schluss wird alles gut.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/21, S. 30

Nächste Runde
Will Gmehling
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2020, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0652-2
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Familie/Familienformen

Die Bukowskis boxen sich durch

Zwei Sommer hat es gedauert, bis der von Kritik und LeserInnen gefeierte Kinderroman «Freibad» in die «Nächste Runde» geht. So nämlich lautet der Titel des Folgebandes um Familie Bukowski, der fortführt, was im ersten gelungen ist, und auch inhaltlich unmittelbar an den Freibadsommer anknüpft.

Haupt- und Erzählerfigur ist der inzwischen elfjährige Alf. Ihm gelingt es, zwei seiner Vorhaben aus dem Freibadsommer umzusetzen: (Kick-)Boxen zu lernen und der Freund von Johanna zu werden. «Stark und unbesiegbar. Muskulös. Fäuste aus Eisen» – so will er sein. Nach dem Freibad wird nun der Boxclub Butterfly zum Sinnbild für Entwicklung, zum Raum, in dem er wachsen kann. Dort fühlt sich Alf sofort wohl: «wenn du wo richtig bist», passt alles! Er lernt Ausdauer, Disziplin, Lowkick, Sparring und echte Freundschaft kennen. Auch mit Johanna fühlt es sich «richtig» an: «Manche Leute siehst du jeden Tag, aber du kannst nichts mit ihnen anfangen. Manche siehst du zum ersten Mal und du denkst, sie gehören zu dir.»
Entwicklung führt zu Erkenntnissen, und so werden Alf viele Lebensweisheiten in den Mund gelegt. Das gilt auch für zahlreiche Metaphern – «fror wie ein erbarmungswürdiger Hund» würde heute wohl kein Teenager sagen. Dennoch: Will Gmehling vermag wieder lebendig und warmherzig aus Alfs Sicht zu erzählen und das Familiengeschehen in mal launige, mal spannende Handlungsstränge einzubinden. Bei den Bukowskis ist die Welt in Ordnung. Und wenn der Mutter die ungerechte Kündigung droht, sorgen die Kinder in einer Geheimaktion dafür, dass alles wieder gut wird. Gmehling schreibt Kinderbücher, die ein bisschen glücklicher machen.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/21, S. 31

Tru & Nelle
Greg Neri
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2020, Seiten: 281, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-2927-6
Schlagwörter: Freundschaft | Krimi/Thriller | Rassismus

Eine Kleinstadt im Alabama der 1930er-Jahre: Wirtschaftskrise, schwüle Sommerhitze, eine Schlangengrube und Ku-Klux-Clan-Mützen. Der siebenjährige Tru, von seinen Eltern aufs Schmerzlichste zurückgestossen, wird hier bei Verwandten einquartiert. Als er seiner Nachbarin, der sechsjährigen Nelle, begegnet, hält er sie für einen Jungen, sie ihn für ein Mädchen – womit die Freundschaft besiegelt ist. Beide lieben Sherlock Holmes und die Gerechtigkeit. Von ihrem Hauptquartier, dem Baumhaus, aus nehmen sie es mit der harten Realität auf und riskieren dabei Kopf und Kragen: Allen Drohgebärden eines weissen Mobs zum Trotz laden sie ihre dunkelhäutigen Freunde zu einer Party ein. Im Fall um die mysteriösen Pekannüsse und die gestohlene Schlangenbrosche ermitteln sie hartnäckig, bis die Übeltäter überführt sind. Doch im Moment ihres Triumphs lehrt sie Nelles Vater, der Anwalt, eine anrührende Lektion: nämlich Gnade vor Recht walten zu lassen – und schenkt ihnen eine Schreibmaschine, damit sie inskünftig ihre Fantasie auf dem Papier ausleben mögen.

Greg Neri erzählt nahe an der kindlichen Wahrnehmung und über weite Strecken in Dialogen. Dass die Reden der Winzlinge so scharfsinnig und eloquent daherkommen, irritiert zunächst, hat aber Methode und amüsiert bald nur noch. Man braucht nicht unbedingt zu wissen, dass hier die Kindheit zweier späterer Berühmtheiten, Truman Capote («Frühstück bei Tiffany») und Nelle Harper Lee («Wer die Nachtigall stört»), rekonstruiert bzw. imaginiert wird, um den vielschichtigen Roman mit Gewinn zu lesen, aber es fügt ihm eine weitere Dimension hinzu: Es geht nicht nur um eine besondere Freundschaft, sondern auch um eine Keimzelle der Literatur.

Deborah Keller
Buch&Maus 1/21, S. 31

Als der Wolf den Wald verliess 
Rosanne Parry
Aus dem Englischen von Petra Knese
Verlag: Coppenrath Verlag, Publiziert: 2020, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-649-63475-1
Schlagwörter: Migration | Reisen | Tiere

«Um mich ist es dunkel, und alles, was ich weiss, weiss ich durch meine Nase.» Flink ist noch ein Welpe, und sein Lieblingsplatz ist bei seinen Geschwistern in einem Wolfsrudel. Intensiv erzählt er vom kuscheligen Glück, ein Wolf zu sein, aber auch von den strengen Regeln und Ritualen.

Den Überfall eines fremden Rudels knapp überlebt, schlägt er sich irgendwie durch: von der Wolfshöhle in den Bergen in die Weiten der Prärie. Unterwegs erlebt er extremen Hunger und Durst, einen «schwarzen Fluss» (Strasse) oder eine Feuersbrunst. Es gibt viel zu lernen und viele ungewöhnliche Begegnungen – mit einem Raben als Jagdgenossen, Männern mit «Stöcken», wilden Pferden inklusive Fohlengeburt, einem schnellen Puma und einer jungen rabenschwarzen Wölfin. Flink berichtet packend, wölfisch und witzig. Er spricht von einer «Hirschin und ihrem Welpen», einem «Rudel Vögel» oder vom Mond, der «wie ein Ei im Nest» liegt. Einmal ruft er einem Herdenhund hinter dem Zaun zu: «‹Komm mit mir! Spring über die Linien!› Die Halbwölfin legt den Kopf in den Nacken und ahmt mein Heulen nach, ohne zu wissen, was sie da sagt.»

Das Vorbild für diesen fast dokumentarischen Bericht ist ein gechippter Wolf namens Oregon 7, der 1600 Kilometer vom amerikanischen Bundesstaat Oregon nach Kalifornien wanderte. Seine Wanderroute und viel Wissenswertes zu Wölfen finden sich im Anhang. Ein Highlight: der Abdruck einer Wolfspfote in Originalgrösse – 15 Zentimeter lang!

Zum Schluss kommt Flink an; wie im wirklichen Leben gründet er ein neues Rudel. Eine Geschichte, die einen innerlich mit dem Schwanz wedelnd zurücklässt.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/21, S. 31

Ein Flüstern im Wind
Greg Howard
Aus dem Englischen von Beate Schäfer
Verlag: dtv Reihe Hanser, Publiziert: 2020, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64072-5
Schlagwörter: Tod/Trauer | Familie/Familienformen | Identität/Individualität

Nachdem seine Mutter verschwunden ist, setzt der elfjährige Riley seine Hoffnung in den Kommissar. Doch statt Rileys Hinweise aufzunehmen, befragt dieser ihn nur immer wieder. Dass Rileys Vater Begegnungen ausweicht und eher wütend als verständnisvoll wirkt, lässt ahnen, dass etwas Furchtbares ihr Leben zerrissen haben muss. Allein und unverstanden flüchtet Riley in den Wald, in dem die Flüsterer zu Hause sind. Oft hatte seine Mutter von diesen Wesen erzählt, die Herzenswünsche erfüllen können, wenn man ihnen etwas opfert. Obwohl den Jungs verboten wurde, sich nachts dort aufzuhalten, überredet Riley seinen Freund Gary zu einer nächtlichen Wanderung zu den magischen Waldwesen, ohne zu ahnen, dass im Dunkeln etwas ungleich Grösseres, Bedrohlicheres lauert …

Greg Howards Debütroman packt uns von der ersten Seite an. Ohne eine übergeordnete Erzählinstanz müssen wir uns auf Riley verlassen, und so glauben wir an die Existenz der Flüsterer und die besondere Verbindung, die seine Mutter zu ihnen hatte. Doch wir erfahren auch von Rileys einem Problem und den heimlich gewaschenen Bettlaken sowie von seinem anderen Problem, das ihn in der Nähe des älteren Dylan immer ganz kribbelig macht. Zunehmend hinterfragen wir Rileys Glaubwürdigkeit, bis wir nach einem einschneidenden Erlebnis im Wald alles neu einordnen und eine zutiefst berührende psychologische Kindheitserzählung über Verlust, Verstörung und Vorurteile erkennen, an deren Ende Riley nicht nur die tragische Wahrheit, sondern auch sich selbst endlich akzeptieren kann. Ein hochsensibler Roman für Kinder ab elf Jahren, der auch erwachsene LeserInnen tief berührt und lange nach der Lektüre nicht loslässt.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/21, S. 33

Wild
Ella Blix
Verlag: Arena, Publiziert: 2020, Seiten: 376, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-60510-4
Schlagwörter: Natur | Krimi/Thriller | Forschen

Sie hören dich denken

Dramaqueen Noomi, Sonnyboy Flix, die nüchtern-schlaue Olympe und der zurückhaltende Ryan – vier jugendliche Straftäter, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Sechs Wochen müssen sie jetzt im Resozialisierungscamp «Feel Nature» mitten in der Sächsischen Schweiz klarkommen – ohne Strom und Netz, dafür mit Kompostklo und jeder Menge körperlicher Arbeit. Geschlafen wird in Blockhütten, die Tage bestimmen das Wetter und der Wald.

Das Setting des neuen Mystery- Thrillers des preisgekrönten Autorinnen-Duos Ella Blix (Antje Wagner, Tania Witte, 2018 erschien ihr gemeinsamer Debütroman «Der Schein») ist spannend und entwickelt von Anfang an einen starken Sog: Magisch und mächtig wirkt die Natur auf die Teenies aus der Stadt, voll Leben, Geräuschen, Gerüchen, Farben, Licht und Schatten. Zumal seltsame Dinge im Camp passieren: Die bärbeissige Leiterin Lara wird angegriffen, es gibt Ungereimtheiten über den Verbleib der letztjährigen DelinquentInnen, Dinge verschwinden, komische Gefühle und Gedanken sowie Hautveränderungen stellen sich ein. Alles nur ein Sozialexperiment? Die Spur führt zu einem gut versteckten Forscher-Hexenhaus …

Antje Wagner und Tania Witte erzählen abwechselnd aus den Perspektiven der vier ProtagonistInnen. Sie zeichnen eigenwillige Charaktere mit je eigenständiger Geschichte. Immer wieder meldet sich dazwischen ein geheimnisvolles «X» zu Wort. Dabei ist die Sprache so poetisch wie jugendlich, die Dialoge sind pointiert und lebendig. Auch wenn der Plot irgendwann etwas absehbar ist, bleibt die Atmosphäre dicht, der Spannungsbogen hält. Atemloses Schmökerfutter – und eine Hommage an den Wald und seine Kräfte.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/21, S. 33

Sankt Irgendwas
Tamara Bach
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2020, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58430-4
Schlagwörter: Reisen | Schule

Irgendetwas ist auf der Abschlussfahrt der 10b passiert. Die ganze Schule redet davon – ohne Genaues zu wissen. «Was ist denn passiert, ist was passiert?» Kollektives Schulterzucken. Wilde Spekulationen. Jemand weiss, dass am Abend ein Elternabend stattfinden soll. Und dann? «Was wollen die denn machen, eine ganze Klasse von der Schule schmeissen? Oder alle sitzen bleiben lassen?»

«Sankt Irgendwas» beginnt (und endet) auf dem Schulhof. Jugendliche stehen beisammen, warten auf das Klingeln, tauschen sich aus. Wer gerade spricht, lässt sich nie so genau sagen. Es folgt eine E-Mail, die der Klassenlehrer, Dr. Utz, vorab an die Eltern geschrieben hat, schliesslich das Protokoll der Studienfahrt, das mal der eine, mal die andere Schülerin führt und das am Ende – aus gutem Grund – verschwunden sein wird.

Tamara Bach hat ein feines Gespür für Themen, die Jugendliche bewegen. In «Sankt Irgendwas» erzählt die vielfach ausgezeichnete Autorin von einer vermurksten Klassenfahrt, bei der zwei Welten aufeinandertreffen: der angestaubte, verbitterte Geschichtslehrer, der kurz vor seiner Pensionierung steht, maximal entfernt von der Erlebniswelt seiner Schüler­Innen, gegen die 10b, die überraschend viel mitmacht, Verbote und Strafen hinnimmt, täglich tapfer Referate hält und anstrengende Wanderungen erträgt – vielleicht der jungen Lehrerin zuliebe, die zu vermitteln versucht, die Gemüter beruhigt, um Verständnis wirbt?

Kunstvoll reduziert, in indirekter Rede und immer auf Augenhöhe mit ihren jugendlichen ProtagonistInnen, erzählt Tamara Bach von einer Klassenfahrt, die anders eskaliert, als man anfangs vielleicht denkt. Vieles wird nur angeteasert, zwischen den Zeilen erzählt, und dadurch erst richtig rund.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/21, S. 34

Auf der Klassenfahrt der 10b muss irgendetwas passiert sein, wilde Gerüchte darüber kursieren jedenfalls auf dem Pausenhof. Aus dem Klassenfahrtprotokoll nach irgendwohin, wo es Ruinen gab, erfahren die LeserInnen Stück für Stück, was sich tatsächlich ereignete. Ein Buch über einen Lehrer, der überfordert ist, und eine Gruppe junger Menschen, die in wenigen Tagen zu Solidarität und Zusammenhalt findet. Die kurzen, direkten Sätze des Protokolls lassen viel Raum für Interpretationen und Diskussionen. Ein Buch, das auch Lesemuffel packt.

Ich war der Lärm, ich war die Kälte
Jenny Downham
Aus dem Englischen von Astrid Arz
Verlag: CBJ, Publiziert: 2020, Seiten: 432, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-16582-9
Schlagwörter: Gewalt | Gefühle

Lexi rast vor Wut. Wut ist so sehr zur Grundstimmung der 15-jährigen Ich-Erzählerin geworden, dass der kleinste Hauch genügt, um sie aus der Fassung zu bringen. Sie schlägt alles kurz und klein, wirft Stühle durch Scheiben und auch einmal einen Laptop. Weil ihr Kopf so fürchterlich raucht, kann sie sich auf nichts konzentrieren und kommt in der Schule kaum noch mit. So etwas geht gar nicht – das finden nicht nur alle Erwachsenen, sondern auch Lexis Geschwister und Freunde. Lexi wird immer einsamer. Irgendwann landet sie beim Psychiater und wird mit Medikamenten sediert.

Jenny Downhams gewaltiger Roman handelt aber nur vordergründig von wütenden Teenagern. Vielmehr geht es um häusliche Übergriffe, die sich nicht mit blauen Flecken belegen lassen – um den Psychoterror, den Lexis Vater gegen die ganze Familie, vor allem gegen ihre Mutter ausübt. Weil Lexi sich wehrt, wird ihr Körper, ihre Person zum Schauplatz eines Familiendramas.

Man zögert, den Roman als rundum gelungen zu bezeichnen, weil er zu sehr zwischen anklagendem Problembuch mit aufklärerischem Anspruch und einer eindrücklichen literarischen Gestaltung von häuslicher Gewalt schwankt. Downham hätte auf die Wucht der Passagen vertrauen können, in denen Lexi, eine leidenschaftliche Schauspielschülerin, sich in Caliban aus Shakespeares «Sturm» wiedererkennt oder in den Märchenfiguren, die ihre Fantasie bevölkern. Doch man nimmt die didaktischen Stellen, in denen etwas zu viel auf etwas zu psychologisierende Weise erklärt wird, gerne in Kauf, um dann wieder in Lexis emotionales Chaos einzutauchen und mit ihr zusammen langsam zu erkennen, dass ihre Wut nichts anderes ist als der verzweifelte und letztlich wirksame Ausdruck der Not.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/21, S. 34

Normale Menschen
Sally Rooney
Aus dem Englischen von Zoë Beck
Verlag: Luchterhand, Publiziert: 2020, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-630-87542-2
Schlagwörter: Freundschaft | Liebe | Identität/Individualität

Popularität und Ansehen. Depressionen. Unsicherheit und Selbstwertgefühl. Kapitalismus. Sex und Liebe. Selbstfindung. Die Themen, die Sally Rooney aufbringt, sind vielfältig, werden jedoch nur gestreift und dienen als Rahmen für etwas auf den ersten Blick Banaleres: das Leben und die Beziehung zweier «Normale[r] Menschen», Connell und Marianne, die ohne einander nicht können und doch immer wieder aneinander vorbeischlittern, bevor sie sich endlich auf derselben Ebene begegnen. Die Beziehung, die in der Schulzeit mit heimlichen Treffen anfängt, nach kurzer Zeit in einer tiefen Verletzung endet und im College zögerlich wiederaufgenommen wird, bestimmt das Leben der beiden Hauptfiguren.

«All die Jahre waren sie wie zwei Pflänzchen, die sich dasselbe Fleckchen Erde teilten, die umeinander herumwuchsen, sich verbogen, um Platz zu machen, dabei merkwürdige Positionen einnahmen.» So beschreibt Marianne ihre Beziehung rückblickend. Die Aussage könnte allerdings genauso gut von Connell kommen, denn obwohl aus zwei Perspektiven erzählt wird, scheint es, als gäbe es nur einen Erzähler – oft wird anhand der Gedanken- und Gefühlsbeschreibungen nicht klar, in wessen Kopf man sich gerade befindet. Diese Schwäche ist aber zugleich eine Stärke des Erzählstils: Gerade weil ihre Persönlichkeiten nur schwach skizziert sind, dienen die Figuren als Projektionsflächen für all die Ängste, Träume, Empfindungen und Erkenntnisse, die das Erwachsenwerden begleiten. So fasst Rooney prägende Momente im Leben eines jeden Jugendlichen einfach in Worte und ermöglicht es den LeserInnen, sich wiederzuerkennen.

Dominique Mühlebach
Buch&Maus 1/21, S. 36

Ulf und das Rätsel um die Neue
Tanja Esch
Verlag: Kibitz, Publiziert: 2020, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-948690-00-7
Schlagwörter: Rätsel | Krimi/Thriller | Schule

«Wir haben ab sofort ein neues Kind in der Klasse», verkündet Frau Süllmann – und Tita, Otto und Heiko sind begeistert: Endlich ein Fall für ihre Detektivbande! Denn mit der Neuen stimmt was nicht, hundertpro: Ihre Eltern sehen aus wie Rockstars, Uli selbst isst nie was in den Pausen und wird dabei beobachtet, wie sie im Supermarkt fünfzig Rollen Alufolie kauft: sehr seltsam, absolut verdächtig … Ich-Erzähler Ulf will zwar keine Leute bespitzeln, trotzdem ist er dann schnell mittendrin in den Ermittlungen. Denn die Bande ist im Fieber: observiert, spioniert, recherchiert, schreibt Protokolle, liegt permanent auf der Lauer. Als sie mittels Fernglas in Ulis Zimmer ein Raumschiff entdecken, scheint das Rätsel gelöst: Die Neue ist eine Ausserirdische!

Ein turbulenter Kindercomic mitten aus der brodelnden Gerüchteküche einer Grundschule. Erzählt wird in ganz kurzen Texten und grossen und kleinen Panels von der 1988 in Hanau geborenen Illustratorin Tanja Esch, deren vielbeachteter Vorgänger «Supercool. Eine Grundschulgeschichte» (Jaja Verlag 2015) schon einmal Alltagsgeschichten packend in eine Bildergeschichte für ErstleserInnen transportierte. Hier hat sie sich in ihrem Stil weiterentwickelt: Knallbunte Szenen, bevölkert von witzigen Figuren mit Luftballonköpfen und Gummiarmen, in deren Schulheftreduktion viel Lebendigkeit und Ausdruck steckt – und Wiedererkennungswert. Denn Aktivitätsrausch, wild entfesselte Kombinationslust samt einer überbordenden Fantasie, die überall im Alltag noch das Mystische vermutet – das alles hat Tanja Esch hautnah eingefangen, ohne sich darüber lustig zu machen. Ein grosses Zeichentalent und eine grossartige Geschichtenerzählerin.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/21, S. 36

Kaleio
Herausgeber:in: Marta Kosińska, Laura Simon, Martina Polek
Verlag: Genossenschaft Kaleio, Publiziert: 2020, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 2673-6837
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Das Magazin für Mädchen (und den Rest der Welt)

Die Schweiz ist um eine Kinderzeitschrift reicher. Eine Zeitschrift, deren Konzept aus Polen stammt, die nachhaltig gedruckt wird und auf Deutsch und Französisch erscheint. Sie nennt sich im Untertitel selbstbewusst «Das Magazin für Mädchen». Dies wird zwar ergänzt mit dem Hinweis, auch «für den Rest der Welt», sprich für Buben und Erwachsene, interessant zu sein, aber primär richtet sich das Magazin an Mädchen zwischen 8 und 13 Jahren – und findet dabei deutliche Worte. «Meine Stimme» ist das Thema, das in der ersten Ausgabe von allen Seiten beleuchtet wird: von der Stimme, die zum Gesang oder zum Wutschrei erhoben wird, über die politische Stimme, die erst erkämpft werden musste, bis zur Stimme der Natur, die «Tsi-Da, Tsi-Da, Zi-Da-Tit, Zi-Da-Tit, Zi-Pink-Pink-Pink» erklingt, zumindest bei der Meise. Die Inhalte sind ebenso facettenreich, bunt und klug wie die LeserInnen selbst und begegnen diesen stets auf Augenhöhe. Dafür sorgen auch die Illustrationen, denen viel Raum gegeben wird. Die Zeichnungen zeigen bewusst ein positives, vielfältiges Körperbild und untermalen so die feministische Ambition des Magazins, Genderklischees und starre Rollenzuschreibungen aufzubrechen. Das ist lobenswert, ja sie könnten dabei sogar noch mutiger sein.

Nach dem gefeierten Start der Zeitschrift folgte eine Turbulenz auf markenrechtlicher Ebene, die eine Umbenennung von «Kosmos» zum weitblickenden, schillernden Namen «Kaleio» mit sich brachte. Das Magazin begeht den Wechsel erhobenen Hauptes, indem es den Leserinnen in der aktuellen Ausgabe zum Thema «Masken» in einem prägnanten Artikel erklärt, wie Markenrecht funktioniert. Stark!

Loretta Sutter
Buch&Maus 1/21, S. 37

«Kaleio» ist die Schweizer Zeitschrift für Mädchen von 8 bis 13, für ihre Eltern und für alle anderen, die gerne Neues erfahren und über die Welt nachdenken. In den bestärkenden Beiträgen werden Gefühle erkundet, wird über Projekte von Frauen in der Schweiz berichtet, werden gesellschaftliche Themen erläutert und Mädchen in der Schweiz und anderswo vorgestellt. Dazu kommen Rätsel, Experimente, Kurzgeschichten und vieles mehr. Pro Jahr erscheinen 6 Ausgaben.

Jahrmarkt um Mitternacht
Gideon Sterer, Illustration: Mariachiara Di Giorgio 
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2020, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95939-092-7
Schlagwörter: Tiere | Spiel

Ein Jahrmarkt zieht in die Stadt, und am Tag geniessen die Menschen das bunte Treiben. Doch wenn diese abends das Gelände verlassen und alle Lichter ausgeschaltet sind, leuchten die Augen der Waldtiere kleinen Lämplein gleich aus der Dunkelheit. Der Maschendrahtzaun ist keine Hürde, schon haben die Waschbären den Lichtschalter wieder umgekippt, und das fröhliche Treiben kann beginnen. Wie nun die Lichter und Farben das Dunkel erleuchten! Mit welcher Freude die Tiere sich über das Angebot an Bahnen und Buden hermachen! Da fliegen Popcorn und Wurfringe durch die Luft, da schlecken die Tiere Lollies und fahren gemeinsam Karussell und Achterbahn, was das Zeug hält. Erst im Morgengrauen kommt das faszinierende Treiben zu einem Ende, und die Tiere ziehen sich in den Wald zurück. Derweil lassen kleinste tierische Hinterlassenschaften zwar nicht die Betrachtenden, doch den Jahrmarktarbeiter sich ungläubig die Augen reiben.

Basierend auf einer Geschichte von Gideon Sterer, illustriert Mariachiara Di Giorgio nach «Krokodrillo» ein weiteres textloses Bilderbuch. In einem attraktiven Wechselspiel zwischen doppelseitigen Panoramen und Panelanlagen gelingt es der Illustration, die BetrachterInnen sofort in ihren Bann zu ziehen. Der Umgang mit Farben und Licht fängt den Zauber eines nächtlichen Jahrmarktes ein. Zuweilen ist der/die BetrachterIn mittendrin im Geschehen, dann wieder geniesst er/sie eine Übersicht, oder ein Detail wird herangezoomt. Kein Wunder, dass dem Auge zuweilen fast schwindlig wird bei so viel Bewegung und so vielen Sehangeboten! Insgesamt ist das Buch vom Titel- über das Vorsatzblatt bis zum hinteren Buchrücken ein prallvolles Angebot für individuelle Erzählreisen.

Barbara Jakob
Buch&Maus 02/21, S. 26

Die Fleckenfeder
Johanna Ries
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2020, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10533-3
Schlagwörter: Freundschaft | Streit/Konflikt | Tiere

Was für ein Leben! Die drei schneeweissen Reiher Ade, Emem und Nuru ziehen auf dem Rücken eines Elefanten durch die sonnengelben Weiten der Savanne. Da haben sie eine gute Übersicht, sind sicher vor Raubtieren, und aus den Hautfalten des Dickhäuters lassen sich Insekten picken. So weit, so gut – und so friedlich. Bis eines Tages der schnelle Ade eine hübsche, rot gemusterte Feder fängt und sich damit schmückt: «‹Guckt mal, wie toll ich aussehe!›, prahlt er. ‹Ich bin der schönste Vogel der ganzen Savanne!›» Emem und Nuru sind nicht begeistert und wollen die Feder klauen. Eine spektakuläre Szene jagt jetzt die andere: Rechts und links des riesigen Elefantenrüssels, der blaugrüne Wellen in ein Wasserloch malt, pirschen sich die beiden wie hypnotisiert heran. Der grösste Streit bricht los und dauert bis in die Nacht. Doch: «Angelockt von dem Krach nähert sich etwas im Dunkeln  …»

Mit ihren stimmungsvollen Illustrationen und extremen Perspektiven gelingt es Johanna Ries, den grossen Zusammenhang und auch den beschränken Blickwinkel der Charaktere aufzuzeigen. Eben noch sehen wir aus der Vogelperspektive die Elefantenherde in der nachtdunklen Savanne, im Gras die hellen Vögel und die nahende Gefahr. Im nächsten Moment sind wir auf Augenhöhe mit dem egoistischen Ade und den neidisch schnatternden Kollegen. Die leuchtend gelben Augen im Dickicht bemerken sie nicht. Fassungslos erleben wir, wie die Streithähne wegen einer unwichtigen Feder in Lebensgefahr geraten. Ist ihnen noch zu helfen? Zum Glück, ja. In letzter Sekunde werden sie gerettet, müssen ihrem grossen klugen Freund aber versprechen: nie wieder Streit!

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 02/21, S. 28

Dinge, die so nicht bleiben können
Michael Gerard Bauer
Aus dem Englischen von Ute Mihr
Verlag: Hanser, Publiziert: 2020, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26801-2
Schlagwörter: Freundschaft | Gefühle | Geschlechterbilder

Wenn Michael Gerard Bauer als australischer John Green gefeiert wird, mag dies kein origineller Vergleich sein, von der Hand zu weisen ist die Nähe aber nicht. Sein neuster auf Deutsch erhältlicher Jugendroman nimmt die LeserInnen mit auf eine Berg- und Talfahrt der Gefühle. Dies in einer erzählerischen und sprachlichen Leichtigkeit und höchst unterhaltsamer Schlagfertigkeit in den Dialogen, die den Text hauptsächlich ausmachen. Auch die Rhythmisierung stimmt, höchstens die Schlussszene ist etwas zu kitschig geraten. Die Handlung könnte man sich bestens als Teenie-Rom-Com vorstellen, und die vielen Verweise auf populäre Filme – und die Tatsache, dass Ich-Erzähler Seb sich selbst als Rom-Com-Figur imaginiert, lassen dies auch als gewollt erscheinen.

Doch der Autor stösst auch die Tür zu grösseren Fragen auf. Am Tag der offenen Tür eines Colleges trifft Seb zufällig auf Frida. Oder wie sie heissen mag. Denn während die beiden mit Sebs bestem Freund Tolly – der als Superheld betitelt wird und mit seiner moralischen und emotionalen Intelligenz auch diese Rolle einnimmt – über das Gelände streifen, Kaffee trinken und Attraktionen besuchen, versuchen sie, mehr übereinander herauszufinden. Doch was Frida über sich erzählt, scheint immer weniger aufzugehen. Während sie sich sehr für andere Menschen interessiert und auf Seb schon fast therapeutisch wirkt, bleibt sie selbst schemenhaft. Aber ist die Wahrheit so wichtig? Oder ist es manchmal sogar angezeigt, vor ihr zu fliehen?

Seb jedenfalls lässt «Frida» am Ende wissen: Was auch immer in ihrem Leben bisher geschah, er möchte zukünftig gerne eine Rolle darin spielen und ihr neue Bilder schenken, die sie nicht mit Unwahrheiten übermalen muss.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 02/21, S. 34

Elefant auf der Brust
Lucia Zamolo
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2020, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95939-097-2
Schlagwörter: Wissenschaft | Gefühle | Liebe

Oder: Warum sich Liebeskummer lohnt

«Ein Elefant auf der Brust» – das ist aus Sicht der Autorin die passende Metapher für Liebeskummer. Der Elefant ist gross und rosa. Wie die Brille, die man trägt, oder die Wolken, auf denen man schwebt, wenn man frisch verliebt ist.

Nach dem Erfolg ihres ersten Sachbuches «Rot ist doch schön» widmet sich die Künstlerin auch in ihrem zweiten Buch einem grossen Thema und lässt dabei eigene Erfahrungen, aber auch literarische Überlieferungen und wissenschaftliche Fakten einfliessen. Sie verweist sowohl auf die grossen Dichter der Antike als auch auf die moderne Wissenschaft. Aber wie fühlt sich Liebeskummer an, und wie kommt man da wieder raus?

Lucia Zamolo beschreibt und verbildlicht das in ihrem ganz eigenen Stil. Sie lässt die geschwungene Schrift und die Illustration ineinanderfliessen. Die Platzierung der Schrift ist Teil der Illustration. Mal ist sie eingequetscht, mal wild über die ganze Seite verteilt. Und wenn das Gefühl, «aus allen rosa Wolken zu fallen», illustriert werden muss, dann wird dazu eine ganze Doppelseite gebraucht – senkrecht –, sodass man das Buch beim Lesen drehen muss.

Die Ergänzung von Illustration und geschriebenem Wort macht die erlebten Gefühle greifbarer, ja geradezu erlebbar. Die Autorin führt sensibel und verständnisvoll durch die Phasen des Liebeskummers, nimmt die vorherrschenden Gefühle ernst und gibt ihnen Raum. Eine gute Portion Humor fehlt trotzdem nicht, und am Ende lässt einen das Buch mit einem guten Gefühl zurück. Denn hat man den Liebeskummer überstanden, so kann wieder eine neue Liebe mit rosaroter Brille und Schmetterlingen im Bauch anfangen.

Nadja Eich
Buch&Maus 02/21, S. 37

Wo bist du?
Marta Bartolj
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2019, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-016-7
Schlagwörter: Alltag

Ein Hund ist entlaufen, die Besitzerin hängt in der Stadt Plakate auf. Als sie einem Strassenmusiker begegnet, gibt sie ihm einen roten Apfel. Diese Szene wird beobachtet von einem Mann mit einer roten Tasche. Nun folgen wir diesem Mann. Immer weiter geht der Reigen von freundlichen Begegnungen. Geschickt lenkt die Illustratorin unseren Blick mit roten Bildelementen durch die sonst erdfarbenen Bilder. Zahlreiche Perspektivenwechsel tragen zu einem intensiven Seherlebnis bei.

Hier wird gebaut!
Doro Göbel, Peter Knorr
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2019, Seiten: 15, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-81221-6
Schlagwörter: Wimmelbuch | Arbeit

Eine Wimmelbilder-Geschichte

Ali Mitgutsch und später Rotraut Susanne Berner haben Zeichen gesetzt mit ihren Wimmelbüchern. Das Gespann Göbel/Knorr setzt mit seinen Wimmelbüchern weitere Akzente, speziell was die Vielfalt der abgebildeten Menschen und sachliche Korrektheit betrifft. In «Hier wird gebaut!» entsteht auf sieben Doppelseiten in immer wieder leicht gedrehter Ansicht im Verlauf eines Jahres ein Gebäude. Im und um dieses Bildzentrum herum spannen sich zahllose kleine, freche bis unerwartete Geschichten, nicht nur ums Bauen, sondern auch zum Zusammenleben.

Noch 20 Minuten
Doris Büchel, Illustration: Roland Hausheer, Markus Roost
Verlag: SJW, Publiziert: 2019, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0183-7
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Sport

Nervenkitzel Kitzbühel

Hat ein Skirennfahrer Angst, bevor er sich in den Abhang schwingt? Und wie! Das kurze, packende Gedankenprotokoll, das von den letzten 20 Minuten vor der Herrenabfahrt in Kitzbühel berichtet, zeigt, dass Männlichkeit und Gefühle keine Gegensätze sind.

Globine und das Flussungeheuer
Samuel Glättli
Verlag: Globi Verlag, Publiziert: 2019, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85703-153-3
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Auch in ihrem fünften Abenteuer beweist Detektivin Globine, dass sie über ebenso viel Abenteuerlust und Mut verfügt wie ihr männliches Pendant. Auf der Suche nach dem Ungeheuer «Wumpie» findet Globine in erfrischenden Bildern mit Beobachtungsgabe, Handwerkskönnen und Detektivin-Action – inklusive Krokodilrodeo – souverän heraus, was hinter dem Fischmangel im Fluss Wumpe steckt.

Book Creator
In 11 Sprachen
Verlag: Tools for Schools Limited, Publiziert: 2019, ISBN/ISSN/EAN:

Book Creator erlaubt es schon jüngeren Kindern erste multimediale Bücher selbst zu erstellen. Sie können Fotos und Töne aufnehmen oder eigene Zeichnungen oder Texte, aber auch Filme und Webinhalte einfügen. Verschiedene leere Buch- und Comicvorlagen werden durch Hinzufügen, Positionieren und Anpassen der Elemente im Handumdrehen zu persönlichen Büchern, mit denen genauso vom Waldausflug berichtet wie eine Geschichte erfunden und gestaltet oder ein Gedicht vertont werden kann. Die Buchprojekte können in verschiedenen Formaten exportiert und anschliessend vom Gerät gelöscht werden, um Speicherplatz zu sparen. Für komplexere Gestaltungen entsprechend älterer NutzerInnen sei auch die App Creative Book Builder empfohlen.

WDR AR 1933-1945
In Deutsch und Englisch
Verlag: Westdeutscher Rundfunk, Publiziert: 2019, ISBN/ISSN/EAN:

Die letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs sterben weg. Die App ermöglicht die Begegnung mit einigen von ihnen. So kommt einer der letzten noch lebenden Wehrmachtssoldaten zu Wort, der fast am Ende des Krieges mit 18 Jahren noch Panzerkommandant wurde. Ein Kapitel ist Anne Frank gewidmet. Zwei ihrer Freundinnen, Jacqueline und Hannah, erzählen aus ihrem Leben. Ein weiteres Kapitel zeigt Kriegskindheiten in London, Leningrad und Köln. Über die App können die ZeitzeugInnen als Hologramme uns gegenüber Platz nehmen. Ihre Erzählungen über Furcht und Gräuel werden durch Geräusche, sich wechselnde Hintergründe und Atmosphären untermauert. Diese Inszenierung holt die Erinnerungen der Zeitzeug:innen in die Gegenwart und unterstreicht ihre anhaltende Dringlichkeit. Der App gelingt es, Geschichte lebendig zu halten. Unterrichtsmaterial dazu ist erhältlich.

Tulpen / Tulipanas
Leta Semadeni, Illustration: Madlaina Janett
Verlag: SJW, Publiziert: 2019, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0185-1
Schlagwörter: Sprachspiel | Mehrsprachigkeit

Die Gedichte der Engadiner Autorin Leta Semadeni giessen Welt in Sprache und bringen sie zum Leuchten über Metaphern und Analogien. Das lyrische Ich ermutigt die Lesenden immer wieder, nicht alles festnageln zu wollen. Denn wir hausen in den Worten und die Worte hausen in uns. Madlaina Janetts Illustrationen ganz in Rot- und Blautönen spiegeln das Schwebende dieser Verse in Deutsch und Valader auf wunderbare Weise wider.

Die zweite Arche
Heinz Janisch, Illustration: Hannes Binder
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0761-2
Schlagwörter: Mythologie/Sage | Migration

Wind und Wasser sind die Protagonisten des neuen Bilderbuchs von Heinz Janisch und Hannes Binder, zumindest, was die visuelle Erfahrung angeht. Himmel und Meer sind in hellem Aufruhr, als wollten sie die BetrachterInnen des Buches verschlingen. Wenn man die Bilder anschaut, wundert man sich, dass Hannes Binder sich nicht schon längst an der Sintflut abgearbeitet hat. Denn das Regnen und Strömen, das Stürmen und Toben, der Wellenwurf des brodelnden Ozeans – all das lässt sich mit der Schabkartontechnik des Zürcher Künstlers und Illustrators aufs Eindrücklichste und Präziseste gestalten. Fast dreidimensional wirken die entfesselten Naturgewalten.

In diese archaische Wildheit hinein kom­men die nicht minder interessanten Figuren, deren Geschichte Janisch im Text erzählt. Alef – wie der hebräische Buchstabe A – eilt durch den Sturm an die Küste, doch Noahs Arche ist schon weg. Also baut er eine zweite Arche, zusammen mit allen Fabelwesen, die von der ersten Arche zurückgelassen wurden: Zentauren, ein Pegasus, eine Sphinx, ein Vogel Greif, ein Einhorn, ein Drache. Alle tragen, in den Anklängen an historische Darstellungen, die Binder macht, ihre Geschichten mit sich, durch die sie tief ins menschliche Erzählen verwoben sind. «Die zweite Arche» lässt sich als mythopoetische Erweiterung der Geschichte von Noah lesen; als Plädoy­er für Vielfalt: «Wir sind anders als die anderen», heisst es einmal, «und das ist gut so. Sie brauchen uns. Wir werden da sein, vor und hinter ihnen, in der Mitte und am Rand, sichtbar und unsichtbar». Das Buch ist auch eine Hommage an die Fantasie als das, was den Menschen ausmacht.

Am Ende geht jedes Fabeltier seiner We­ge, und Alef lebt in unserer Welt – als Geschichtenerzähler vielleicht? Wir sehen ihn mit einem Lächeln im Bus, unter Leuten, die fasziniert auf ihre Smart­phones schauen. Vielleicht schauen die Fabelwesen aus der virtuellen Welt zurück.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/19, S. 26

Der grosse Mann und die kleine Maus
Mara Bergman, Illustration: Birgitta Sif
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5667-3
Schlagwörter: Freundschaft

Da leben sie nun seit Jahren nebeneinander her, bis eines Tages eine wichtige Aufgabe Mann und Maus zusammenführt: Die grosse Turmuhr ist kaputt und guter Rat ist teuer. Jeder hat besondere Fähigkeiten, und die kommen nun zum Einsatz. Und am Ende sind die zwei ein tolles Team.

Titel wie Cover des Bilderbuchs zeigen deutlich, wie gross der Mann ist – nur bis zu den Knien sind seine Beine zu sehen –, und wie klein dagegen die kecke Maus. Mara Bergmann entwickelt die lautmalerische Geschichte in aller Ruhe, Birgit­ta Sif gibt den verschiedenen Schauplätzen ein freundliches, detailverliebtes Gesicht. Die Illustratorin erfindet ihren ei­ge­nen Subtext, und denkt sich beispielsweise aus, dass der Mann ein Fischer, verwitwet und deshalb einsam und etwas traurig ist. Ausdruck findet das in den gezeichneten Fotografien, die an der Wand hängen.

Sif überzeugt seit mehreren Jahren mit ihren besonderen Bilderbüchern, um mit «Frieda tanzt», «Oliver» oder «Henriettes Heim für schüchterne und ängstliche Katzen» nur drei davon zu nennen. Vor allem ihr weicher, charmanter und luftiger Illustrationsstil fällt auf. Die dezente Farbigkeit, stilsichere Raumgestaltung und eine sehr individuelle, fantasievolle Figurenzeichnung überzeugen jedes Mal aufs Neue. Für «Der grosse Mann und die kleine Maus» verwendet die Isländerin etwas intensivere, pastellene Frühlingstöne. Bergmans Text wiederum ist von Uwe-Michael Gutzsch­hahn gewohnt gekonnt übersetzt. Damit wird das Buch zum gereimten Vorlesevergnügen mit Tiefgang für alle ab vier Jahren.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/19, S. 26

Gebrauchsanweisung gegen Traurigkeit
Eva Eland
Aus dem Englischen von Saskia Heintz
Verlag: Hanser, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26210-2
Schlagwörter: Gefühle

Manchmal ist sie ganz plötzlich da, die Traurigkeit. Instinktiv würde man sie ger­ne unterdrücken oder wegsperren, wenn sie einen so überrascht. Eva Eland aber schlägt in ihrem Bilderbuch einen anderen Weg vor: Heisse die Trauer willkommen! In dieser «Gebrauchsanweisung» zeigt die in Grossbritannien wohnhafte niederländische Autorin und Illustratorin verschiedene Beispiele, wie man einen Tag mit der Traurigkeit gestalten könnte: einen langen Spaziergang im Wald mit ihr machen etwa, oder einen heissen Kakao mit ihr trinken. Nach einem Tag intensiver Auseinandersetzung ist die Traurigkeit dann oftmals auch schon wieder verschwunden…

Farblich und gestalterisch passen sich die Illustrationen dem Thema an. Die Trau­rigkeit erscheint, im Gegensatz zur Hauptfigur des kleinen Mädchens, überdimensional gross, und auch farblich nimmt sie in dem sonst eher zurückhaltend illustrierten Bilderbuch viel Raum ein: Das Türkisgrün der personifizierten Trauer macht sich auf den weissen Hintergründen sprichwörtlich breit. Im Kontrast zu ihr steht der lachsfarbene Ton der Kleider des Kindes. Nachdem die Traurigkeit verschwunden ist, bleibt ein Hauch von ihr zurück: Ihr Türkisgrün ist in der Blumenvase und plötzlich auch im Schal des Kindes, wo vorher nur Rosa war, zu finden – allerdings zurückhaltend und unauffällig, nicht mehr überbordend wie zu Beginn der Geschichte. Und es wird deutlich, dass beide Farben ganz gut zueinander passen – so lange die eine nicht zu viel Raum einnimmt.

Manolya Özbilen
Buch&Maus 1/2019, S. 26

Ich und meine Angst
Francesca Sanna
Aus dem Englischen von Thomas Bodmer
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10471-8
Schlagwörter: Freundschaft

Angst hat zwei Seiten. Im kleinen Rahmen kann sie uns zur Vorsicht mahnen und uns so beschützen. Doch wird die Angst zu gross, kehrt sich das Positive ins Gegenteil um: Die Angst isoliert uns dann, hält uns von vielem Schönen ab, legt sich wie ein unsichtbarer Puffer um uns herum, sodass es immer schwerer wird, das wahrzunehmen, was uns sonst noch umgibt.

In ihrem Bilderbuch «Ich und meine Angst» gibt Francesca Sanna ihrer eigenen Angst Gestalt. Klein und freundlich ist sie am Anfang: ein weisses Wesen, das an der Seite des erzählenden Kindes die Welt entdeckt. Doch mit der Ankunft in einem neuen Land wird die Angst grösser. Lächelnd und sehr selbstzufrieden nimmt sie immer mehr Raum ein und schirmt das Mädchen von allem ab. Alle Versuche des Mädchens, sich von der Angst zu trennen oder sie zu besiegen, scheitern – bis ein Junge zu ihr durchdringt und ihr die nötige Kraft verleiht. So kann sie endlich erkennen, dass alle anderen Kinder auch eine kleine Angst bei sich haben, die sie durchs Leben begleitet, und sie nicht allein ist.

Francesca Sannas sehr persönliches Buch erinnert an Mirjam Zels’ «Fast wie Freunde», das 2017 bei Kunstanstifter erschien. Beide Künstlerinnen beschäftigen sich in ihren Werken mit der Angst, Mirjam Zels in Grautönen, Francesca Sanna in hellen Farben, und senden damit eine wich­tige Botschaft nicht nur an kindliche, sondern auch an betroffene erwachsene LeserInnen: Angst hat einen berechtigten Platz in unserem Leben, solange sie nicht zu übermächtig wird.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/19, S. 27

Angst kann etwas Gutes sein. In diesem Bilderbuch ist sie weiss und weich, ein kleiner Geist, der die Ich-Erzählerin begleitet. Doch als sie in ein neues Land kommt, wird die Angst plötzlich überdimensional gross – sie füllt die ganze Buchseite und trennt das Mädchen von den anderen Kindern. Die Künstlerin findet eine eigenwillige Bildsprache für das Verhältnis zwischen Weiss und Farben, Kindern und ihren Ängsten.
(Nominierung Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis 2020)

Laufrad, mein Laufrad
Martin Baltscheit, Illustration: Anne-Kathrin Behl
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2019, Seiten: 22, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-81227-8
Schlagwörter: Spiel | Sport

Laufräder sind seit geraumer Zeit in Mode. Während man früher die Kinder mit Stützrädern sah, ist es heutzutage eher üblich, dass die Balance fürs Fahrradfahren auf dem Laufrad geübt wird. So macht es auch die stolze, selbstbewusste Flora in Martin Baltscheits erstem, für ein Pappbilderbuch entworfenem Text. In «Laufrad, mein Lauf­rad» erleben wir Floras Freude und ihren Erfolg in temperamentvollen Vierzeilern im Kreuzreim hautnah mit; das Werk ist eine wahre Liebeserklärung an diesen ersten wunderbaren, sprich fahrbaren Untersatz, die Kindern sofort Lust auf das Laufradfahren machen wird.

Anne-Kathrin Behl versteckt in ihren Bildern erheiternde und fantastische Details. Anderen Tieren und Kindern gibt sie lustige Fahrräder und transportiert unterschiedliche Stimmungen geschickt. Die Künstlerin hat schon zahlreiche Bilderbücher illustriert und überzeugte von Anfang an mit ihrem liebenswerten Stil. Sie arbeitet digital und konzentriert sich ger­ne auf die Mimik der Figuren. Manchmal schlüpft sie sogar in die Rolle ihrer ProtagonistInnen und schaut, wie sie selbst in der jeweiligen Situation ausschauen wür­de. «Wo sind meine Hände? Was machen meine Augenbrauen?» – so erklärt sie ihre Vorgehensweise. Während der Arbeit habe es einen lebendigen Austausch zwischen Behl und Baltscheit gegeben, dessen gröss­­te Inspiration nach eigener Aussage seine Kinder seien. Das merkt man dieser perfekten Neuanschaffung für das Pappbilderbuchregal auch an.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/19, S. 28

Alles war See
Lorenz Pauli, Illustration: Sonja Bougaeva
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0762-9
Schlagwörter: Natur | Reisen | Abenteuer

Eigentlich wollen die Frau und der Mann ja Blumenkohl im Garten pflanzen, doch das Wetter passt nicht, und so machen sie es sich in ihrem Häuschen gemütlich. Illustratorin Sonja Bougaeva zeigt die beiden auf einem ihrer grandiosen Bilderbuchgemälde mit Huhn und Katze fröhlich am Tisch, während draussen der Sturm tobt und fast die Schafe davonfliegen. Wenig später ist das Dach kaputt, was eine unglaubliche Kettenreaktion und ein ebenso grosses Abenteuer nach sich zieht: Statt eines neuen Dachs bauen die beiden nämlich gleich ein neues Haus am See – eine Entscheidung, die sich als denkbar falsch herausstellt. Ein apokalyptisches Unwetter später schrauben sie Räder an ihr Haus und schieben es auf einen Berg, nach einer weiteren Sintflut schippern sie mit einem Hausschiff samt Stall wie die Arche Noah durch die Fluten. Bis endlich wieder Land auftaucht …

Was sich wuchtig-biblisch anhört, kommt hier federleicht daher, denn Lorenz Pauli erzählt staubtrocken, mit viel Witz und Lücke: Seine beiden Helden sind jung, stark, mutig und pfiffig, vor allem aber lassen sie sich trotz Weltuntergangsstimmung nicht unterkriegen; ein sympathisches Lebenskünstler-Superpaar, das mit gemeinsamer Kraft immer wieder einen Neustart wagt. Woher dieses riesige Lebensvertrauen kommen könnte und welche Gefühle in den Lücken dazwischen stecken, darüber lässt sich ja dann beim Vorlesen diskutieren. Sonja Bougaeva setzt diese märchenhafte Hommage an die Hoffnung, diese Parabel für Tüftlerinnen und Träumer mit traumschönen Bildern in Sze­ne: Mit geballter Atmosphäre und leiser Komik spielt sie mit Licht und Schatten, Statik und Dynamik, und zeigt beeindruckende Metamorphosen von Land und Wasser, Himmel und Erde.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/19, S. 28

Komm kuscheln
Simona Ciraolo
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95939-068-2
Schlagwörter: Gefühle | Liebe | Familie/Familienformen

Ein kleiner Kaktus, der sich unverstanden fühlt und einfach nur in den Arm genommen werden will, stattdessen aber von seiner unfreundlichen Verwandtschaft nur gemassregelt wird: Das ist der Stoff von Simona Ciraolos wunderbarem Bilderbuch «Komm kuscheln», das im Original bereits 2014 unter dem Titel «Hug Me» erschienen ist.

Felipes immer brummelig guckende Verwandtschaft hat kein Verständnis für den kleinen Kaktus. Es gilt, sich ruhig zu verhalten und sich in aller Pracht zu präsentieren. Für Gefühle ist in Felipes Familie kein Platz. Sein Wunsch, in den Arm genommen zu werden, erfüllt sich nicht, sodass er schliesslich abgeschieden und allein in einem kleinen Gewächshaus sitzt – bis er plötzlich bemerkt, dass noch jemand anders allein und unglücklich ist. Als er Camilla, einen kleinen Stein, antrifft und ihre Einsamkeit bemerkt, «da wusste Felipe ganz genau, was zu tun war».

Simona Ciraolos Bilder begleiten die auf Textebene erzählte Geschichte nicht nur, sondern erzählen sie vor allem auch weiter. So wird nicht nur gezeigt, dass sich Felipe und Camilla in den Arm nehmen. In der rückseitigen Buchklappe finden sich – korrespondierend zu den in der vorderen Buchklappe in Felipes Stammbaum gezeigten Familienporträts – Fotos von Felipes und Camillas Unternehmungen: Sie spielen Tennis, gucken sich die Sterne an, zelten, lesen und spielen Computerspiele. Es ist das gemeinsame Erleben von Abenteuern und das füreinander da Sein, das mit dem Einzelgängertum in Felipes Familie kontrastiert wird. Den BetrachterInnen wird gezeigt, dass man sein Glück manchmal unerwartet findet und am Ende doch alles gut werden kann. Der kleine, zufrieden wirkende Felipe auf dem Buchcover kann symbolisch für das kommende Glück des Einzelnen gelesen werden.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/19, S. 28

Mein Jimmy
Werner Holzwarth, Illustration: Mehrdad Zaeri
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2019, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-420-4
Schlagwörter: Freundschaft | Tod/Trauer | Abschied

Jimmy, das Nashorn, und Hacki, der Madenhacker, sind bis zu Jimmys Tod beste Freunde gewesen. Von ihrem gemeinsamen Weg erfahren wir aus beiden Perspektiven. Und die zwei haben zusammen wirklich wilde Abenteuer erlebt: Sie haben Löwinnen- und Affenattacken und sogar einen Grosswildjäger überlebt (dies gibt Hacki in grossartig übertriebenem Ton wieder). Sie haben sich Witze erzählt und vor allem viel zusammen gelacht. Doch dann wurde Jimmy müder und müder, und der kleine Hacki machte sich grosse Sorgen. Wer soll ihm beim nächsten Abenteuer beistehen, wer ihn trösten? Jimmy nimmt seine Fragen geduldig auf, gibt in ihrem ureigenen Kommunika­tionsstil Ant­worten und Zuversicht. Hacki beginnt zu vertrauen, dass er Jimmy immer bei sich haben wird, solange er an ihn denkt.

Während dieser intensiven Auseinandersetzung mit dem grossen Verlust zeigen die Illustrationen auf komplett textlosen Seiten das sterbende Nashorn; sodann bricht die Nacht über ihm an, schliesslich erkennen wir Morgenlicht hinter den Bäumen. Auf der letzten Seite dann präsentiert ein stolzer Hacki, auf dem Rücken eines Zebras stehend, seine neuen Madenhackerkumpel … nur, um diesen sogleich sein wildes Löwenabenteuer mit Jimmy weiterzuerzählen.

Mehrdad Zaeri nimmt in seinen Illustrationen die verschiedenen Erzählebenen unterschiedlich auf und verleiht der Geschichte eine eindrückliche Leichtigkeit: Szenen zur aktuellen Freundschaft sind in warmen Farben auf weichem Papier gehalten; für die Retrospektiven verwendet Zaeri glatte, scherenschnittartige Umrisse; in den Abschiedsszenen dann verschmelzen beide Ebenen. Werner Holzwarth wollte «kein Buch über das Sterben, sondern über das Leben – zu dem ohne Zweifel auch das Sterben gehört». Genau dies drücken die beiden Künstler im engen Zusammenspiel aus.

Barbara Jakob
Buch&Maus 1/19, S. 29

Spaziergang mit Hund
Sven Nordqvist
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-1060-3
Schlagwörter: Abenteuer | Reisen | Wimmelbuch | Fantastik/Fantasy

Seit Jahren lieben Kinder auf der ganzen Welt die Geschichten vom alten Pettersson und seinem Kater Findus, die Sven Nordqvist erschaffen hat. Dem Küns­t­­­­ler liegt aber auch das textlose Bilderbuch: Zuerst zeigte er mit «Wo ist meine Schwester?» (Oetinger 2008), dass Wimmelbücher sowohl für kleine als auch für grosse BetrachterInnen Erstaunliches bereithalten. Jetzt folgt mit «Spaziergang mit Hund» ein neues Wunderwerk, das zum Träumen und Entdecken einlädt. Klappentext und erstes Bild liefern den Kontext: Ein namenloser kleiner Junge darf mit Omas grossem Hund Gassi gehen – aber nicht zu lange, und nicht zu weit weg! Doch wie lange und wie weit ist das genau?

Die BetrachterInnen begleiten die beiden Figuren von der ersten Seite an auf ihrem Abenteuer – und ein Abenteuer ist es wahrlich! Auf extra-grossen Seiten, die viel Platz für Nordqvists traumhafte Bildwelten bieten, folgt man Kind und Hund, wie sie von Omas Haus mit einem magischen Zug eine völlig andere Welt betreten – magisch deshalb, weil die Gleise mitten auf dem Gehweg wie aus dem Nichts beginnen. Steil hinauf geht es aus der Bahnhofshalle hinaus in eine fantastische Landschaft, in der alles möglich erscheint: Kleine Menschen führen überdimensional grosse Igel an der Leine spazieren, Giraffen fahren Boot, Rinder gra­sen neben ebenso grossen Insekten auf der Weide. Die nächste Station ist ein Zoo, in dem Fantasiewesen neben «echten» Tieren zu bestaunen sind, und beim übernächsten Halt kommt die Teekanne selbst angelaufen, um nachzuschenken.

Mit viel Liebe zum Detail bietet Nord­qvist in seinem wahrhaft fantastischen Wimmelbild-Abenteuer unendlich viel zu entdecken, bevor er Kind und Hund endlich wieder bei Omas Haus im Hier und Jetzt ankommen lässt.

Manolya Özbilen
Buch&Maus 1/19, S. 29

Was auf dem Titel noch wie Alltag klingt, mündet in überbordende Wimmelbildwelten im extragrossen Format. Ein kleiner Junge zieht mit dem Hund seiner Oma los und führt uns von Doppelseite zu Doppelseite in neue fantastische Bildwelten. Gemäldeartig breitet der Illustrator humorvoll bis grotesk anmutende Szenerien aus. In der Stadt, rund ums Meer und anderswo gilt es zahllose Figuren zu entdecken und gemeinsam über deren Geschichten zu rätseln.

Stadtbär
Katja Gehrmann
Verlag: Moritz, Publiziert: 2019, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-376-6
Schlagwörter: Tiere | Humor/Komik

Als der Bär nach langem (Winter-?)Schlaf erwacht, scheint der Wald völlig verlassen. Ein vorbeifliegender Habicht erzählt ihm, dass Fuchs, Biber, Dachs und alle anderen in die Stadt gezogen seien, weil es bei den Menschen «beheizte Höhlen, leckeres Es­sen und vor allem: keine Jäger» gäbe. Klingt gut, findet der Bär und zieht ebenfalls um. In der Stadt angelangt, sorgt er, ohne es zu ahnen, für jede Menge Aufregung. Als die anderen Tiere von seiner Ankunft hören, beschliessen sie, nach ihm zu suchen und ihn in den Zoo zu locken. «Und dann hauen wir einfach ab und lassen ihn da.» Ein Bär ist schliesslich kein Biber. So ein riesiges Tier fällt auf! Und das wollen die anderen Tiere auf keinen Fall. Tatsächlich fällt es ihnen aber schwerer als gedacht, den Bären zu fassen zu kriegen. Der tappt – mit schwarzer Sonnenbrille, Hut und Einkaufstasche getarnt («Ich dachte, das trägt man hier so») – staunend durch die Strassen und beobachtet das seltsame Verhalten der Städter.

In leuchtenden Blau- und Grüntönen, strahlendem Orange und Gelb erzählt Katja Gehrmann von einem höflichen Bä­ren, der durch die Stadt streift. Dabei kommt es zu den skurrilsten Situationen. Etwa, wenn die BesucherInnen eines Imbisses sich hinter der Schaufensterschei­be drängeln, um mit ihren Handys Fotos von Dachs und Marder zu machen, während der Bär in aller Ruhe das Kuchen-Buffet plündert.

Das Text-Bild-Verhältnis ist so ausgewogen, dass auch LeseanfängerInnen nicht überfordert werden. Ausserdem ist auf den doppelseitigen Illustrationen immer ein bisschen mehr zu entdecken, als der Text erzählt. Das macht den «Stadtbären» zu einem im wahrsten Sinne des Wortes tierischen Bilderbuch-Vergnügen zum Vor- und Selberlesen, zum nach im Bild versteckten Tieren-Suchen und zum gemeinsamen Lachen.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/19, S. 30

Die Rache der schwarzen Katze und andere Sagen aus der Schweiz
Katja Alves
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2019, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10449-7
Schlagwörter: Schweiz | Mythologie/Sage

Die reich illustrierte Sammlung von Schwei­zer Sagen, eine aus jedem Kanton, die der NordSüd-Verlag vorlegt, ist voller Überraschungen. Klar, die Sage vom Teufel, der beim Bau der Schöllenenbrücke geholfen hat, ist dabei, ebenso jene vom tollkühnen Vreneli aus dem Glarnerland, das partout im Winter sein Blumengärtchen bestellen wollte. Doch die meis­ten Wesen, die zwischen den Buchseiten kreuchen und fleuchen, sind weniger bekannt. Zum Beispiel die Erdmännlein. Kein Wunder, denn «Erdmännlein sind als von Natur aus eher scheue Wesen bekannt». Nur im Kanton Zug ist eins so keck, dass es die schönste Bauerntochter heiraten will. Oder La Voui­vre, eine gefürchtete Drachendame, die als Gestaltwandlerin im Jura lebte. Und wer hat schon einmal das Geisterschiff auf dem Genfersee gesehen?

Katja Alves hat Sagen aus allen Landessprachen gesammelt und das Augenmerk dabei auf Entdeckungen gelegt. Es gelingt ihr, die Geschichten in einem frischen Ton nachzuerzählen und ihren Witz herauszulocken, ohne ihnen die leicht archaische Patina zu nehmen. Dabei funktionieren die Geschichten als solche nicht alle gleich gut, was mit der Gattung der Sage zu tun hat. Denn oft geht es einfach darum, «eine Erklärung für ein Naturphänomen zu finden oder die Menschen vom schlechten auf einen guten und löblichen Pfad zu brin­gen», wie es im Nachwort heisst. Um­so mehr laden Erdmännlein und Drachendamen dazu ein, sich selbst Geschichten auszudenken. So vielfältig wie die Stoffe sind die Illustrationen von 19 jungen KünstlerInnen aus allen Landesteilen. Wenn Katja Alves betont, dass die Sagensammlung ganz ohne teuflisches Zutun eine Brücke zwischen traditionellem Erzählen und einer modernen Bildsprache schlage, kann man ihr nur zustimmen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/19, S. 30

Giraffe und dann ab ins Bett! 
David Grossman
Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer und Mirjam Pressler
Verlag: Hanser, Publiziert: 2019, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26053-5
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Alltag | Erwachsenwerden

Über welche feine Beobachtungsgabe der israelische Schriftsteller David Grossman verfügt und wie gut er sich in kindliches Welterleben einfühlen kann, zeigt eine Sammlung Kurzgeschichten für und über Kindergartenkinder. In «Giraffe und dann ab ins Bett!» zeichnet er nicht nur fein nuancierte kindliche HeldInnen, sondern auch Eltern, die mit grosser Hingabe und blühender Fantasie ihren Nachwuchs ernst nehmen und das familiäre Leben gestalten. Erwachsene sind in Grossmanns Geschichten geradezu Personifikationen idealisierter Lebenserfahrungen.

So kann man sich den Vater der ersten Geschichte «Ruthi schläft immer weiter» zum Vorbild nehmen. Der malt seiner kleinen Tochter, die morgens zu müde ist zum Aufstehen, in allen Einzelheiten aus, was sie an Erlebnissen verschläft, während die anderen vom Kindergarten in die Schule wechseln, eine Ausbildung beginnen, selbst Kinder bekommen. Das Ganze wird so kindlich verspielt vorgetragen, dass die Tochter lange glaubt, dass die Vorzüge des Weiterschlafens die Nachteile überwiegen. Als sie zur gegenteiligen Erkenntnis kommt und aufsteht, hat sie ihre Entscheidung selbst getroffen. Hätte der Vater gemeckert, hätte die Tochter nicht verstanden, dass ein Leben auf sie wartet.

Das Buch besteht aus insgesamt 14 Geschichten, die von vier unterschiedlichen Kindern erzählen, zwischen denen es keinen inhaltlichen Zusammenhang gibt. Leider hat der Verlag versäumt, sie zu Beginn in Bildporträts vorzustellen und ih­ren Geschichten zuzuordnen. Der Rahmen der «Gutenachtgeschichten» trifft die fiktiven Anleitungen zum Glücklichsein auch eher weniger; sie bieten viel Stoff zum Nachdenken. «David Grossmans Bücher (…) sind Werke, an denen man als Mensch wächst», schrieb Felicitas von Lovenberg in der FAZ. Sie hat Recht!

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/19

Ein Bruder zu viel
Linde Hagerup
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2019, Seiten: 140, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5678-9
Schlagwörter: Eifersucht/Neid | Identität/Individualität | Familie/Familienformen | Tod/Trauer

Der kleine Bruder, den Sara bekommt, ist schon fünf Jahre alt und in ihren Augen absolut nervtötend. Schon bei den alljährlichen Weihnachtsbesuchen fand sie ihn furchtbar – und nun, da Mamas Freundin gestorben ist, soll er nicht mehr nur über die Feiertage kommen, sondern bei ihnen dauerhaft ein neues Zuhause finden. Schlimmer noch: Er wird mit Sara in ihrem Zimmer wohnen!

Steinar bringt alles durcheinander. Regeln im familiären Zusammenleben müssen neu aufgestellt werden, und man spürt deutlich, dass Sara dabei ihren Platz in der Familie zu verlieren droht. Obwohl ihr Kopf den Ernst der Lage versteht, kann ihr Herz sich nicht dazu durchringen, Steinar zu mögen. In ihrer Zerrissenheit findet Sara einen ungewöhnlichen Weg, um die Neuerungen besser akzeptieren zu können: Sie wird zu Steinars grossem Bruder – zu Alfred, der seine Mama nicht teilen muss, weil er, wie Steinar, vorher auch noch keine hatte. Zu Alfred, der mit Stei­nar spielt, ihn gewinnen lässt und ihm das Lesen beibringt. Sensibel nehmen Saras Eltern diese neue Identität ihres Kindes an, akzeptieren den Kurzhaarschnitt und die Jungsklamotten. Gleichzeitig aber lassen sie Alfred immer wieder ihre Liebe zu Sara spüren und eb­nen ihr damit den Weg zurück in die Familie.

«Ein Bruder zu viel» ist ein fein gesponnener psychologischer Kinderroman mit einem berührenden Schluss, der zeigt, wie sehr auch Steinar die Figur der Sara liebt, zu deren Gunsten sie «Alfred» als «Bruder zu viel» irgendwann gehen lässt.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/19, S. 31

Vom Fuchs, der ein Reh sein wollte
Kirsten Boie, Illustration: Barbara Scholz
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2019, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-0953-9
Schlagwörter: Tiere | Identität/Individualität | Familie/Familienformen

Kirsten Boies neue Kindergeschichte, die sich besonders gut zum Vorlesen eignet, beginnt mit einer Katastrophe, denn im Wald ist ein Feuer ausgebrochen. Wer kann, bringt sich in Sicherheit, und so wird das weinende, «kleine graue Puschelige» nur zufällig entdeckt. Die Tierfamilien beratschlagen lange, wer der Findling sein könnte. Als ihnen klar wird, dass es sich um ein Fuchsjunges handelt, kippt die Stimmung. Denn «ein Fuchs bleibt immer ein Fuchs». Nur Mama Reh nimmt «Blau-Auge», wie sie ihn nennt, bei sich auf.

Damit beginnt ein zauberhaftes und durchaus anspruchsvolles Tierepos, das der versierten Autorin angeblich ihr Alter Ego, der «beste Geschichtenerzähler zwischen Sommerwiese und Winterwald», ins Ohr geflüstert hat. Denn der kluge Uhu weiss, dass Geschichten «spannend, lustig und manchmal ein bisschen traurig» sein müssen. Als überaus präsente Erzählerfigur hilft er zuhörenden Kindern tatsächlich aktiv dabei, die zu Herzen gehende Notlage des Tierfindlings, seine verzweifelte Suche nach Anerkennung und nach seiner Fuchsfamilie, und sogar den Tod eines Mäusekindes einzuordnen und bis zum glücklichen Ende auszuhalten.

Kirsten Boie wagt das Experiment, ganz aus Tierperspektive zu erzählen. So sind Menschen «Zweifüssler», Autos «Rund­füssler», und das Licht der Taschenlampe ist «gefangenes Mondlicht».

Es dürfte Kindern nicht ganz leicht fallen, sich in den daraus ergebenden Metaphernfeldern zurechtzufinden. Einerseits werden LeserInnen auf diese Weise viele Umstände tierischen Lebens vermittelt. Zugleich sind die tierischen Hauptfiguren in ihrer Gefühlswelt aber weitgehend ver­men­schlicht, was Barbara Scholz’ Bilder facettenreich widerspiegeln. Der erzählerische Draht­seilakt führt zu einigen Unklarheiten und langatmigen Passagen, im grossen Ganzen aber zu viel Erheiterung.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/19, S. 31

Ziegen bringen Glück
Anne Fleming, Illustration: Philip Waechter
Aus dem kanadischen Englisch von Ingo Herzke
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2019, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55382-9
Schlagwörter: Humor/Komik | Tiere | Freundschaft

«Es war einmal eine Bergziege, die in New York City lebte» – so beginnt diese wunderbar absurde Geschichte auf dem Dach ei­nes Hochhauses am Central Park. «Sie sprang im Zick – klippklapp – und Zack – klippklapp – quer über die Klippe. Das Klappern war, das muss dazugesagt werden, nur ganz leise. Ihre Hufe hatten innen weiche Polster, die jede Landung dämpften.» Und so, wie die Ziege zwischen den oberen Stockwerken herumspringt, dass einem beim Lesen ganz schwindlig wird, werden auch die illustren Hausbewoh­nerInnen im Zickzack vorgestellt. Irgendetwas kriegen sie alle von den Aktivitäten der jungen Geiss mit, aber erst die elfjährige Kid setzt alles daran, sie aufzuspüren. Immerhin winken dem, der sie sieht, sieben Jahre Glück – heisst es.

«Ziegen bringen Glück» ist ein urbanes Märchen, das mit der köstlichen Ziegenperspektive – «Oh. Heu. Heu war gut» – auf Anhieb begeistert. Dazu kommt die liebevolle und einnehmende Art, mit der auch alle Charaktere episodenartig vorgestellt werden – vom blinden Schriftsteller, der die Anwesenheit der Ziege spürt, dem halbseitig gelähmten älteren Herrn, der sie beim Weizengras-Fressen beobachtet, dem Penthouse-Bewohner, der täglich einen Eimer Heu für sie rausstellt, bis hin zur superschüchternen Kid, die mit ihren Eltern neu im Haus ist. Nachdem Kid sich mit Will angefreundet hat, der gerne in Schüttelreimen spricht, startet sie im Haus eine Umfrage – Kid, die den Leuten sonst nur auf die Schulter starren kann! Will, der seine Eltern bei den Anschlägen des 11. September 2001 verloren hat, schafft es sogar, die Dachterrasse zu betreten. Offenbar stösst diese Ziege bei jedem etwas an; um sie herum sprühen auf jeden Fall die sprachlichen Funken.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/19, S. 31

Matti und Sami und die verflixte Ungerechtigkeit der Welt
Salah Naoura, Illustration: Barbara Jung
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2019, Seiten: 150, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-81231-5
Schlagwörter: Abenteuer | Humor/Komik | Familie/Familienformen | Geschwister

Nachdem die Familie von Matti und Sami tatsächlich ein Haus in Finnland gewonnen hat, heisst es nun Fussfassen in einer Gegend, die direkt aus einem Reisepros­pekt stammen könnte. Damit tun sich aber irgendwie alle ein bisschen schwer – nur der kleine Sami findet sich in seinem neuen Zuhause anscheinend wirklich gut zurecht. Was Matti dagegen am meisten Kopfzerbrechen macht, ist die verflixte Un­gerechtigkeit der Welt. Hat Onkel Jussi plötzlich nur deshalb so viel Pech, weil sie selbst so viel Glück hatten? Und wie kann man das wieder gerade rücken?

Wenn eins der persönlichen Lieblingsbücher eine Fortsetzung bekommt, liest man diese meist mit gemischten Gefühlen: Die Freude darüber, die geliebten ProtagonistInnen wieder zu treffen mischt sich mit der Angst, dass die Fortsetzung weniger gut sein könnte. Leider wird diese Befürchtung mit «Matti und Sami und die verflixte Ungerechtigkeit der Welt» tatsächlich auch wahr.

Überzeugt Band eins schon mit den ersten Textzeilen, kommt die Fortsetzung etwas schwer in Gang. Wo Band eins vor Momenten voller Situ­ationskomik, welche die LeserInnen vorherahnen und daher noch intensiver miterleben können, nur so sprudelt, plätschert Band zwei nett und lie­benswert vor sich hin, mehr nicht. Salah Naoura ist es zwar gelungen, einen durchaus soliden und sicher lesenswerten Kinderroman mit einigem philosophischen Tiefgang zu schreiben, aber es fehlt die Leichtigkeit, die den ersten Band so besonders machte und ihn von anderen Kinderbüchern ab­hob. Trotzdem: Wer Matti und Sami wahrhaft liebt, verfolgt auch ihre Abenteuer in Finnland weiter mit. Und grinst, wenn er/sie merkt, dass Matti und sein Vater doch sehr viel mehr gemein haben, als ihnen vorher bewusst war.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/19, S. 32

Sonne, Moon und Sterne
Lara Schützsack, Illustration: Regina Kehn
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2019, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5622-0
Schlagwörter: Identität/Individualität | Pubertät | Liebe

Gustavs Eltern brauchen Abstand voneinander, deshalb fällt der Urlaub aus. Das kommentiert eine der älteren Schwestern so: «War eh ein bisschen peinlich, dass wir die Einzigen sind, deren Eltern nicht getrennt sind.» Willkommen in Gustavs Universum – kurz vor den Sommerferien, kurz vor ihrem zwölften Geburtstag.

Ja, genau: Gustav ist ein Mädchen. Warum sie so genannt wird, bleibt offen – Thema allerdings ist, wie sie mit den vielen Irritationen umgeht, die auf sie einprasseln. Ihre wachsende Brust macht ihr Angst (vor Brustkrebs), ihre Schulfreundinnen nerven sie (mit Jungsthemen). Gus­tav will sich so gar nicht auf diese Welt einlassen. Da stellt sich ein Neuer in der Klasse vor – mit langen blonden Haaren und Glitzerhose. Und das Unglaubliche passiert: Am Ende der – doch nicht so langweiligen – Sommerferien zu Hause hat Gustav sich in Moon verliebt.

Mit viel Feingefühl und mit herrlicher Situationskomik entwickelt Lara Schützsack die Geschichte aus Gustavs Perspektive, und zeigt die Herausforderungen, denen sich das junge Mädchen zu stellen hat: den Mut, den sie (wegen der «Erbsen») benötigt, um ins Schwimmbad zu gehen; den Umgang mit den Eltern, die nur mit sich beschäftigt sind und mit Schwes­tern, die sich «am schlimmsten Ort befinden, den Gustav sich vorstellen kann: mitten in der Pubertät». Da helfen nur Routinen wie die Spaziergänge mit ihrem alten Hund «Sand», den Gustav innig liebt. Als er während dieses heissen Sommers immer schwächer wird, leidet man mit und ahnt es schon: Sand stirbt – ein Sinnbild für den Abschied von der Kindheit. Aber durch die aufregenden Treffen mit Moon, der auch Ferien in der Stadt machen muss, beginnt auch etwas Neues. Es berührt, wie die Heldin ihre Wandlung meistert, und es macht Spass, sie dabei zu begleiten.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/19, S. 32

Davor und Danach
Nicky Singer
Aus dem Englischen von Birgit Salzmann
Verlag: Dressler, Publiziert: 2019, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-0100-0
Schlagwörter: Migration | Umweltschutz/Klima

In den letzten Wochen streikten Schüler­Innen für das Klima: Sie warnen vor einer Klimakatastrophe mit dramatischen Folgen, wenn die Mächtigen das Ruder nicht sofort herumreissen – Folgen, die wir uns vorläufig nur in Horrorszenarien ausmalen können. Zum Beispiel könnte es in absehbarer Zeit in den Äquatorialzonen der Erde so heiss werden, dass Millionen von Menschen zur Flucht in kühlere Gegenden gezwungen sein werden.

So wie Mhairi in Nicky Singers Roman. Die 14-Jährige ist mit ihren Eltern vor einigen Jahren in den Sudan gezogen, wo ihre Mutter eine Solaranlage baute. Doch zurück zu ihrer Grossmutter nach Schottland flieht Mhairi ohne ihre Eltern. Wieso, das kann sie zuerst nicht erzählen. Die bösen Erinnerungen hat sie in einer Festung in ihrem Kopf eingemauert. Eine Festung, die im Laufe der Geschichte, in der sie durch Nordengland und Schottland wandert, stetig mehr bröckelt und Blicke ins «Davor» erlaubt, an damals, als der Vater noch Geschichten erzählte und Lieder sang. Aber auch in das «Danach», als Mhairi sich alleine in Afrika und Europa durchschlug, und von einem Kind zu einer Diebin, ja sogar Mörderin wurde, um zu über­leben.

Die Festung in ihrem Kopf bröckelt, weil ein kleiner Junge ihre hart gewordene Scha­le durchdringt. Mo, wie sie den stummen Jungen nennt, hat sonst niemanden mehr und weicht nicht von Mhairis Seite. Gemeinsam gelingt ihnen die Flucht aus dem Auffanglager, gemeinsam gelangen sie auch zur Grossmutter auf die Insel Arran: etwas, was nicht hätte sein dürfen, denn die Gesetze der Insel sind überaus streng. Wer sich nicht daran hält, bezahlt mit Lebensjahren. Und so kommt es zum Schluss dieser sowieso schwer verdaulichen Geschichte zur grössten Tragödie. Ein Aufsteller ist dieses Buch bestimmt nicht. Aber ein Aufrüttler.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/19, S. 34

Hinter Glas
Julya Rabinowich
Verlag: Hanser, Publiziert: 2019, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26218-8
Schlagwörter: Emanzipation | Gewalt | Identität/Individualität

Ob eine Opernarie schön gesungen oder ein Helene-Fischer-Song nervig ist, darüber lässt sich streiten. Aber es gibt Geräusche, bei denen es uns allen kalt über den Rücken läuft, sei es aufgrund unangenehmer Frequenzan­teile oder aufgrund der Herkunft der Geräusche.

In Alices Welt, hinter akkurat geschnittenen Hecken und sorgfältig bekiesten Auf­fahrten, die zu weitläufigen Villen führen, überwiegen die hässlichen Nebengeräusche des Lebens. Das wüste Geschrei des tyrannischen Grossvaters, splitterndes Glas, das Geräusch einer Hand, die mit voller Wucht auf Haut trifft, die vor Wut zitternde Stimme des Vaters, das Reissen einer Seidenbluse, plötzlich einsetzende Stille, das Getuschel der NachbarInnen, die verbalen Anfeindungen der Mitschü­ler­Innen, ihr höhnisches Gelächter – all das vereint sich zu einer unerträglichen Kakophonie, die Alice kränklich und furchtsam werden lässt. Lange hat sie es mit der Oh­ren-zu-und-durch-Methode ausgehalten. Doch als Niko in ihrer Klasse auftaucht und sie mit Ausdauer und Esprit umwirbt, kann Alice die heile-Welt-Fassade nicht länger aufrechterhalten. Ohne sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein, brechen die beiden Teenager mit Schule und Familie und tauchen bei flüchtigen Bekannten unter. Doch nach einem langen, verliebten Sommer folgen erste Schwierigkeiten: Geldsorgen, zu viel Alkohol, zu viele Partys, zu wenig Perspektiven. Alice, die sich stets ausgeschlossen und abgeschirmt, wie «hinter Glas» gefühlt hat, muss nun zum ersten Mal eigenständig über ihr Leben entscheiden.

Feinfühlig und in jugendgerechter Spra­­che schildert die österreichische Autorin, Dolmetscherin und Künstlerin Julya Rabinowich die Flucht einer jungen Frau aus einem gewalttätigen, patriarchalen Fa­mi­liengefüge. Am Ende steht eine geglückte Emanzipation: die hart erkämpfte Befreiung aus der eigenen Unmündigkeit.

Alice Werner
Buch&Maus 1/19, S. 35

Die geheimnisvolle Welt des Leonardo da Vinci
Christine Schulz-Reiss, Illustration: Paolo Friz
Verlag: Kindermann, Publiziert: 2019, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-934029-75-0
Schlagwörter: Kunst | Biografie

Der Kindermann Verlag feiert dieses Jahr ein Jubiläum. Vor 25 Jahren gründete die Schweizerin Barbara Kindermann in Berlin die Reihe «Weltliteratur für Kinder», in der sie in Bilderbuchform klassische Literatur für Kinder ansprechend nacherzählt und bebildern lässt. Über die Jahre kam «Poesie für Kinder» – wo Gedichte wie «Der Erlkönig» oder Rilkes «Panther» von namhaften IllustratorInnen umgesetzt wer­den –, «Kinder entdecken Kunst», «Weltmusicals für Kinder» und zuletzt «Kinder entdecken berühmte Leute» hinzu. Dort erschien nun ein Buch, das seinerseits ein Jubiläum zum Anlass hat, ein geringfügig höheres allerdings: Vor 500 Jahren nämlich starb in Rom das Universalgenie Leonardo da Vinci.

Die Autorin Chris­tine Schulz-Reiss erzählt in einem dichten Text, der sich an Kinder ab ca. der Mittelstufe richtet, von diesem ungewöhnlichen Künstler und Erfinder, der seiner Zeit weit voraus war.

Bebildert hat das Buch der Schweizer Illustrator Paolo Friz. Seine Bilder sind von einer starken Leuchtkraft und faszinieren durch Farben und die gewählten Ausschnitte, während die Mimik der Personen manchmal etwas schemenhaft geraten ist. Friz entschied sich für immer wieder andere, teils auch überraschende Zugän­ge. Das Interesse der Renaissancekünstler an Raum und Perspektive doppelt er etwa, wenn er darstellt, wie da Vinci im Hintergrund eines grossen Raumes «Das letzte Abendmahl» an die Wand pinselt, das wiederum eine starke Tiefenwirkung hat, während sich im Vordergrund zwei Kleriker die Mäuler zerreissen. «Die geheimnisvolle Welt des Leonardo da Vinci» ist ein Buch, in das man sich gerne vertieft, um mehr über einen durch und durch aussergewöhnlichen Menschen zu erfahren.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/19, S. 37

Ein bisschen wie du / A little like you 
Lilly Axster, Illustration: Christine Aebi
Verlag: Zaglossus, Publiziert: 2019, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-902902-63-4
Schlagwörter: Identität/Individualität | Abschied

«Die Erwachsenen hatten immer etwas an meinen Socken auszusetzen. Aber sie passen perfekt, nur nicht zueinander.» So erzählt es Mom Chioma Terry in Lilly Axsters und Christine Aebis zweisprachigem Bilderbuch «Ein bisschen wie du // A little like you». Was aber meint dieses perfekt, aber nicht Zueinander-Passen? Wer entscheidet, was zueinander passt, was perfekt ist?

Dieses Gefühl, dass alles gut, ja sogar perfekt ist, wie es ist, ist immer subjektiv. Wenn diese Subjektivität nicht mit der ver­meintlichen Objektivität übereinstimmt, die besagt, was (zueinander)­passt oder nicht, dann ist es womöglich das, was Terry fühlt. Es ist ein Gefühl, das Mom Chioma kennt. Deshalb erzählt sie Terry aus der eigenen Kindheit – «Unter meinem Kleid habe ich heimlich Boxershorts getragen» – und sagt Terry eins immer wieder: «Du bist genau richtig, so, wie du bist.» Denn Mom Chioma kennt das vermeintliche Nicht-Passen, Nicht-Zusammen- oder Rein-Passen in Konzep­te, Schemata, Schu­bladen, ins Farbkonzept eines Landes, das Geschlechtskonzept der Heteronormativität. Sie verkörpert, was noch nicht benannt werden kann, erzählt, ohne zu beschreiben und zu erklären, und gibt Terry zu verstehen, dass Terry alles sein kann und eins ist: perfekt.

Und perfekt ist auch dieses Buch. Es ist ein Kunstwerk, das zwar voraussetzungsvoll ist, dem es aber gelingt, nicht zu benennen, was mit unseren sprachlichen Mitteln noch nicht benannt werden kann, und trotzdem alles zu erzählen, deutlich zu machen, worum es geht. Die grossen, mitunter gezoomt wirkenden, collageartigen und vor allem bunten Bilder unterstreichen diese Vielschichtigkeit. Als Mom Chioma stirbt, fühlt sich Terry leer: «Why did she take all these words with her?» Wir alle sollten Worte wie Mom Chioma fühlen, finden, sprechen, damit sich niemand leer, sondern alle sich perfekt fühlen.

Nadine Bieker
Buch & Maus 2/19, S. 26

Krake beim Schneider
Nadia Budde
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2019, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0605-8
Schlagwörter: Tiere | Humor/Komik | Gefühle

Tierische Zweiteiler

Die vielfach ausgezeichnete Illustratorin Nadia Budde ist längst zu einer Meisterin des kongenialen Zusammenspiels von Bild und Text geworden. In «Krake beim Schneider» wartet sie mit 23 ebenso lusti­gen wie überraschenden Minigeschichten auf, verdichtet zu jeweils zwei plakativen Comicillustrationen und einem pointier­ten Zweizeiler.

Auch in diesem Buch liegt der Witz in den Leerstellen; auch dieses Mal sind ihre Protagonisten eigenwillige Tiere, die allzu menschliche Eigenschaften und Sorgen haben. «Wäsche glatt – Waschbär platt», steht da in typischer Budde-Typografie. Bild 1 zeigt den Waschbären mit genervt-ergebener Miene am Bügelbrett vor riesi­gen Wäschebergen; auf Bild 2 ist er völlig erschöpft auf dem Sofa eingeschlafen. Das hat für Kinder wie für Erwachsene hohen Wiedererkennungswert. Viel lustiger ist das Leben für die drei Hirsche: Die stehen um eine «Schüssel mit Kirschen» – beim «Picknick mit Hirschen» gegenüber posie­ren sie bestens gelaunt mit roten Drinks, in die Geweihe haben sie sich die Früchte neckisch wie Christbaumkugeln gehängt. Anarchische Albernheit, gepaart mit bissi­gem Humor, gibt es auch bei «Post für die Flunder»: In ihrem Paket sind Flossen und Schwimmbrille, also «alles nur Plunder». Überhaupt öffnet sich hier ein Gefühls­kaleidoskop jenseits süsslicher Kinder­zimmer-Pädagogik. Buddes kulleräugige Tiere sind enttäuscht oder bockig wie der Kuckuck in seiner Uhr, faul wie die ver­schnarchte Biene oder gelangweilt wie die Fische in der Schule. Sie haben aber auch Spass, freuen sich über Besuch oder ein neues Kleid. Die Spannung liegt stets in den Veränderungen zwischen den Bildern, wobei es kaum Absehbares gibt und nur wenige schwächere Episoden. «Krake beim Schneider» ist fantasievoll, dabei knallbunt, schön frech und total lustig.

MARION KLÖTZER

Hannas Elefant
Randall de Sève , Illustration: Pamela Zagarenski
Aus dem amerikanischen Englisch von Gundula Müller-Wallraf
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2019, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95728-258-3
Schlagwörter: Freundschaft | Alltag | Traum

«Nebenan ist ein neues Mädchen eingezogen. Es heisst Hanna.» Diese Ankündigung setzt bei der kleinen Erzählerin dieser Bilderbuchgeschichte eine Flut an Fantasien in Gang. Nachdem es die riesenhafte Umzugskiste der neuen NachbarInnen gesehen hat, ist sich das Mädchen sicher, dass Hanna einen eigenen Elefanten hat. Sie ba­det mit ihm, füttert ihn mit Unmengen an Toast, und die zwei bauen sogar ein Geheimversteck …

Pamela Zagarenskis farbenfrohe, verträumte Illustrationen unterstützen auf der einen Hälfte der Doppelseiten die Gedanken der Erzählerin, lassen ihre Vorstellungskraft lebendig werden. Zwischen diesen fast magischen Seiten, auf denen Hannas vermeintlich perfektes Le­ben mit dem Elefanten gezeigt wird, zeigt aber die andere Hälfte der Doppelseiten, wie ihr Alltag während des Umzugs tatsächlich aussieht: Anstatt mit ihrem Elefanten zu baden, macht sie den Abwasch, hält sich während des furchtbaren Lärms die Ohren zu oder langweilt sich – keine Spur von den Abenteuern, die sich die Erzählerin ausmalt. Deren Vorstellungskraft erschafft einen kunterbunten Raum, der im starken Kontrast zur tristen Wirklichkeit steht. Farblich grenzt sich die Realität in ihren matten und abgeschwächten Blau- und Grüntönen stark von dieser Traumwelt ab. Gegen Ende ändert sich die Geschichte auf Textebene, als die Erzählerin reflektiert, dass sie all die Dinge, die sie sich gerade vorgestellt hat, selbst sehr gerne mag – Elefanten zum Beispiel. Und schliesslich zeigen auch die Illustrationen, dass die Wirklichkeit genauso bunt sein kann wie ein Traum – wenn man sich etwas traut. Vielleicht ist Hannas Elefant nicht real. Dafür haben jetzt beide Mädchen eine neue Freundin, was mindestens genauso toll ist – vielleicht sogar noch besser.

Manolya Özbilen
Buch&Maus 2/19, S. 26

Wer blutet denn da?
Stina Wirsén
Aus dem Schwedischen von Monika Osberghaus
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-206-0
Schlagwörter: Tiere | Kreativität | Körper

Wenn ganz viele versuchen, gemeinsam etwas zu bauen, dann kann es den einen oder anderen Unfall geben … Wuselwesen, Hase, Katze und Vogel tragen Bretter, Nägel und Werkzeug zusammen und machen sich mit viel mehr Eifer als handwerklichem Sachverstand ans Werk. Als die kleine Katze nicht richtig hinguckt, sägt sie sich ins Bein – das Blut fliesst. Aber, ach, es ist zum Glück nur halb so schlimm: Mit einem Pflaster ist der Schaden schnell behoben.

Wenig später ereignet sich die nächste Katastrophe: Das Häschen haut dem Vogel mit dem Hammer auf den Schnabel, und wieder fliesst das Blut in Strömen. Klar, dass die anderen sauer sind! «Schäm dich, Häschen!» sagen sie, und «Blödes Häschen». Dabei hat es das doch gar nicht mit Absicht getan. Wieder versinken alle in ihr Werk. Ausser Häschen, das bleibt abseits. Da kann ihm eigentlich nichts passieren, oder? Und trotzdem ruft es plötzlich laut «AU!», und es tut ihm überall etwas weh. Besonders im Bauch. Wie gut, dass die anderen sofort zur Stelle sind und sich kümmern. Da helfen Pflaster, pusten und Verband auch bei unsichtbaren Wunden. Erst am Ende wird klar, was eigentlich gebaut wurde: ein Theater. Bei all dem Theater vorneweg ist das genau das Richtige für die kleine Truppe.

Stina Wirsén hat bereits vor ein paar Jah­ren mit ihren kleinen Wuselwesen die ersten LeserInnenherzen im Sturm erobert. Nun geht es endlich weiter mit ihren kritzeligen und dabei so herrlich ausdrucksstarken Figuren, die kindliche Nöte und Befindlichkeiten wunderbar spiegeln.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/19, S. 27

Aus dem Schatten trat ein Fuchs
Einar Turkowski
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2019, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5666-6
Schlagwörter: Natur

Die Landschaft der Nacht ist weiss, sie ist grau. Und der Himmel tiefschwarz, genau wie das Vorsatzpapier. Aus der Schwärze kommt das weisse Nachtlicht mit seinen unzähligen Graustufen – eine traumhaft fahle Landschaft, in der die Pflanzen und Insekten Ornamente sein können, oder so präzise gezeichnet, dass man die Materialität ihrer Blätter, ihres Fells haptisch zu spüren glaubt.

Anders als der Fuchs, der zu Beginn aus dem Schatten tritt, um in dieser in seinen Augen «endlos faden» Nacht die Farben zu suchen, ist die Leserin verzaubert von der surrealen Schönheit von Wäldern und Wiesen, Seen und Bergen. Das Land, durch das der Fuchs wandert, bald begleitet von einem Vogel, weist Spuren von Menschen auf: Zäune oder ein Steg am Seeufer. Es ist auch fantastisch; so begegnet der Fuchs aus heiterem Himmel einem Jungen im Baum oder zwei Kühen mit Hörnern, lang wie zu Stecken erstarrte Schneckenfühler. Was er sucht, sind die Farben der Liebe. Konkret: einen Zipfel rotes Fell. In den lyrischen Kurztexten, die auf jeder Doppelseite im Weissraum der einen Hälfte eingelassen sind wie Kristalle, heisst es an dieser Stelle: «Eine Farbe erschien. Nur ein Zipfel davon. Sie war klar und so rein. Zwischen schroffem Gestein. Und er wusste es gleich. Diese Farbe war sein.» Ansteckend ist sie auch: Am Ende der Nacht springen zwei Füchse davon – beide feuerrot.

Man kann das Bilderbuch als Liebes- und Sehn­suchtsgeschichte lesen – zwischen Lebewesen, aber auch bezogen auf die Kunst des Bilderbuchgestaltens. Einar Turkowski ist berühmt für seine Meisterschaft der Schwarz-, Weiss- und Grautöne. Farbe kommt in seinem Werk zum ersten Mal ins Spiel. Doch das letzte Wort hat sie nicht. Auf der letzten Seite sitzt der Vogel in ei­nem Baum, der seine Farben ganz in Schwarzweiss explodieren lässt: Aus seinen Blüten wachsen kleine Kinderköpfe.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/19, S. 27

1 Wolf, 2 Hunde, 3 Schlüpfer
Dorothée de Monfreid
Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2019, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-189-3
Schlagwörter: Tiere | Abenteuer

Drei Hunde und eine grosse, rote Schachtel – was das wohl für eine Geschichte sein mag? Spielerisch verbindet Dorothée de Monfreid hier mehrere Aspekte: Es geht ums Zählen, wenn man denn möchte; ums Verkleiden, wenn man darauf Lust hat; und es geht um den Wolf. Wer mag, kann diese Spur weiter verfolgen und andere Geschichten suchen, in denen dieses sagenumwobene Tier eine Rolle spielt. Monfreid bietet also viel an, gibt aber auch gleichzeitig viel Freiheit, Raum und Kurzweil dazu.

Tiere zu zeichnen liegt der französischen Künstlerin, die in Frankreich schon zahlreiche Bilderbücher veröffentlicht hat und deren Hunde-Abenteuer seit einigen Jahren bei Reprodukt auf Deutsch verlegt werden. Hunde haben dabei den Vorteil, dass sie innerhalb einer Spezies viele Varianten bieten. Es gibt grosse und kleine Hunde, Hunde mit langem oder mit kurzem Fell. Manche Hunde sind niedlich, andere können eher unansehnlich wirken; einige sind für ihre Freundlichkeit bekannt, andere erscheinen eher übellaunig. Die Kleidung, die Monfreids tierische Protagonisten aus der zu Beginn eingeführten Schachtel holen, darunter Schlüpfer, Ho­sen, Röcke und Hüte, tragen dezent zu ihrer Vermenschlichung bei.

Ausserdem verhalten sich die Hunde auffällig wie eine Gruppe von Kindern. Sie sind neugierig, probieren aus, freuen sich und haben Angst. In dem originellen Pappbilderbuch ist zudem jede einzelne Doppelseite auf den Punkt genau: Tempo und Dramaturgie stimmen, die Pointe sitzt. Die Französin arbeitet mit Feder und Tinte und koloriert mit Aquarellfarbe direkt auf das Papier. Kindern ab zwei Jahren bietet dieses Pappbilderbuch jede Menge – so wie die Abenteuer in den anderen vier Pappen. Die sollten in keiner Kita fehlen.

ANTJE EHMANN
Buch&Maus 2/19, S. 27

OmaOpa find ich gut
Katharina Grossmann-Hensel
Verlag: Annette Betz, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-219-11787-5
Schlagwörter: Humor/Komik | Familie/Familienformen | Generationen

Familie – das ist Katharina Grossmann-Hensels Thema. In verschiedenen Varianten und aus unterschiedlichen Blickwinkeln untersuchte die Berliner Illustratorin dieses Feld bereits in den bisher erschienenen Büchern «Als ich ein Kind war so wie du», «Meine Mama ist ein Superheld» und «Eltern richtig erziehen». Nicht soziologisch, dafür künstlerisch in Text und Bild und vor allem sehr originell fallen ihre Betrachtungen aus. Dabei blitzt viel Humor hervor. Schon das Cover des neuen Buches «OmaOpa find ich gut» bietet reichlich davon – es nimmt vorweg, was an witzigen Einfällen auf die LeserInnen wartet.

Erzählt wird die Geschichte eines Mädchens, das bei den Grosseltern zu Besuch ist und mit ihnen Verstecken spielt. Dieses altbekannte Spiel bietet per se viel Spass, aber Oma und Opa vermögen ihn zu toppen. Ob unauffällig und horizontal im Bücherregal, oder Rücken an Rücken unter dem Lampenschirm – den beiden fallen wirklich viele Verstecke ein.

Dabei bieten die mit Buntstift gezeichneten und mit Gouachefarben kolorierten, im unverkennbar expressionistischen, impulsiven Stil der Künstlerin gehaltenen Illustrationen ständig neue Überraschungen; sie überzeugen mit lebendiger Mimik der Figuren und ihrer ausdrucksstarken Körpersprache. Bild und Schrift gehen überdies ein enges Verhältnis ein. Da schreit die Oma laut unter dem Tisch «Piep, piep, piep», oder versteckt sich unter einer Parkbank, auf der ein sich innig küssendes Liebespaar sitzt. Als nettes Extra bietet das Werk ein Suchspiel: Hund und Eule verstecken sich auf jeder Seite. Die Geschichte sprüht vor Lebenslust und bietet vor allem Grosseltern und Enkeln Ins­piration. Nur Kathrin Schärer huldigt dem Versteckspiel ähnlich herausragend in ihrem Bilderbuch «Oma, Emma, Mama».

ANTJE EHMANN
Buch&Maus 2/19, S. 28

Das ist gut! Das ist schlecht!
Joan M. Lexau, Illustration: Aliki
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7913-7367-6
Schlagwörter: Tiere | Abenteuer

Eine Hommage an die Magie des Erzählens ist dieses 1963 in Amerika veröffentlichte, 50 Jahre lang vergriffene und nun erstmals auf Deutsch erschienene Bilderbuch. Sei­ne Protagonisten: Ein Junge und ein Tiger, in den Nebenrollen ein Nashorn und ein Krokodil. Die Bühne: Ein Dschungel mit allem, was dazugehört. Hier kauert der kleine Held auf einem Stein, zu erschöpft, um vor der riesigen Raubkatze wegzurennen. Was tun, um nicht gefressen zu werden? Eine spannende Geschichte hat schon manches Leben gerettet…

Also berichtet der Junge von seinem gerade nur knapp überstandenen Abenteuer mit dem Nashorn. Zum Glück ist er ein begnadeter Erzähler und der Tiger ein begeisterungsfähiger Zuhörer. Letzterer kommentiert jede Zickzackwendung dieser rasanten Verfolgungsjagd mit wachsender Empathie und hat längst Partei für sein potentielles Opfer ergriffen: «Das ist gut!» freut er sich, wenn der Junge Oberwasser hat; «Oje, das ist schlecht!» wirft er besorgt ein, wenn das Nashorn zu gewinnen scheint. Freunde werden die beiden trotzdem nicht: Am Ende büxt der pfiffige Junge aus und setzt dem Tiger mit einer List das Nashorn auf die Fersen.

Zur lohnenden Wiederentdeckung wird diese Geschichte durch ihre virtuose bildnerische Umsetzung, die bei allem Retro-Charme gut an heutige Illustrationskunst anknüpfen kann: Plakativ, ausdrucksstark und mit leuchtenden Farben kreiert die Bilderbuchkünstlerin Aliki auf jeder Doppelseite einen aufregenden Erzählraum, der rechts und links von den übergrossen Gesichtern der beiden Sprecher flankiert wird. Dabei legt Aliki den Fokus vor allem auf die ausdrucksvolle Mimik des Tigers. Im monochromen Blau dazwischen zeigt sie Szenen der Verfolgungsjagd, stark stilisiert und doch dynamisch wie bei einer Höhlenmalerei.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/19, S. 28

Alwina und Nelli
Heribert Schulmeyer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2019, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0758-2
Schlagwörter: Freundschaft | Ferien | Identität/Individualität

Eine Sommergeschichte aus dem Skizzenbuch

Was ist das für eine schöne Idee: Die Heldinnen eines Bilderbuchs in einem Skizzenheft Gestalt annehmen zu lassen, die Studien zu zeigen, die nötig waren, damit die Idee einer Figur zur Person wird! Die Entwürfe Heribert Schulmeyers, die seine «Sommergeschichte aus dem Skizzenbuch» eröffnen, zeigen aber nicht nur den kreativen Prozess, sondern führen zwei Persönlichkeiten ein, die im Werden begriffen sind und denen sich dabei ganz viele Möglichkeiten auftun. Dass Text und Bild einige davon konkretisieren, die Figuren aber nie darauf festlegen, ist Teil des Zaubers, der sich thematisch in der titelgebenden Freundschaft verdichtet.

Für Alwina und Nelli, erstere eine rundliche Frau in der Mitte des Lebens, letztere ein tatkräftiges kleines Mädchen, beginnt der Sommer enttäuschend. Alwinas Hotelzimmer mit Meerblick ist bereits belegt; das in zarten Farbtönen gehaltene Porträt, das sie ratlos in der Empfangshalle sitzend zeigt, fängt auf unaufdringlich berühren­de Weise ihre Einsamkeit ein. Die kleine Nelli dagegen hatte auf Abenteuer gehofft; ihre Tante aber, die an dem kleinen Ferienort am Meer eine Pension führt, hat keine Zeit dafür. Ein Glück, dass sich Alwina und Nelli im Badezimmer dieser Pension begegnen und fortan zu zweit durch den Sommer gehen: Sie pilgern unter Sonnenschirmen ans Meer, besuchen Nellis Lieblingsorte, sitzen in der Eisdiele. Stets hält der Künstler dabei eine sensible Distanz zu ihrem Innenleben; er lässt die wachsende Freundschaft in Momentaufnahmen aufscheinen und die Figuren sich treu bleiben. Alwina und Nelli verbiegen sich nicht, sie finden sich in der anderen nicht immer wieder. Wohl aber erfahren sie bei allen Differenzen vollkommenes Angenommen­-Sein. Das zeigt sich vielleicht am schönsten, wenn die gemeinsam gesammelten Muscheln im Bild ausgebreitet werden: «Nelli mochte die grossen und dicken, Alwina die kleinen und feinen.»

Manuela kalbermatten
Buch&Maus 2/19, S. 28

Tausend schöne Dinge
Johannes Stankowski, Illustration: Katrin Stangl
Verlag: Pänz, Publiziert: 2019, Seiten: 22, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-00-061068-4
Schlagwörter: Musik | Freundschaft | Ferien

«Tausend schöne Dinge» besingen Johannes Stankowski und gut gelaunte Kinder auf der gleichnamigen CD, die allen, die sie hören, ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Da geht es in zehn fröhlichen Liedern um den allerbesten Freund und das Staunen darüber, dass man ihn gefunden hat und er zu einem passt wie niemand sonst. Wir hören vom Spass einer Schnitzeljagd und achten zusammen mit dem Liedermacher und sei­nen kleinen SängerInnen einfach auf all das Tolle, das man draussen in der Welt entdecken und erleben kann. Auch ein bisschen melancholisch darf es werden, wenn es etwa um die Ferien geht, die viel zu schnell enden. Schön, dass der Traum von den nächsten Sommerferien und der herrlichen Zeit am Meer gleich mitbesungen werden!

Wie die vorherigen CDs von Johannes Stankowski sprüht auch diese wieder vor Lebensfreude. Die Musik geht sofort ins Ohr, die Lieder können schnell mitgesungen werden. Wer dabei lieber die Texte vor Augen hat, findet sie anbei im Pappbilderbuch, das Katrin Stangl und Heike Herold in natürlich belassenen Farben stimmig illustriert haben.

«Tausend schöne Dinge» ist ein neues musikalisches Kleinod, das in keiner Familie fehlen darf und das die Erwachsenen manchmal heimlich sogar ohne ihre Kinder hören werden. Es bietet nicht nur Lieblingslieder für den Sommer, sondern für ein ganzes Leben.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/19, S. 29

Morgen kommt die Hyäne zum Essen
Nasrin Siege, Barbara Nascimbeni, Illustration: Kerstin Meyer
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2019, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-81230-8
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Wimmelbuch

Afrikanische Tiergeschichten

«Früher waren alle Tiere grau und hatten die gleichen langweiligen Kleider. Das gefiel Gott überhaupt nicht.» So beginnt eine von fünf fantasievollen afrikanischen Fabeln, gesammelt und aufgeschrieben von der 1950 im Iran geborenen Psychologin und Kinder- und Jugendbuchautorin Nasrin Siege, die selbst viele Jahre in Afrika lebte. Wie die Tiere zu ihren Streifen, Punkten, Federn und Schuppen kamen und was dabei für das schusselige Nashorn schiefging, das erzählt sie voll Witz und fabulierlustiger Exotik. Ihre Geschichten handeln von eingebildeten Dikdiks und verlogenen Drongos, schlauen Hasen oder doofen Hyä­nen, und sie erklären dabei im Spagat zwischen Schöpfungsmythen und David-gegen-Goliath-Begegnungen manch erstaunliches Phänomen. Warum schläft die Fledermaus mit dem Kopf nach unten? Warum kacken Zwergantilopen so gerne auf einen Haufen? Und wie funktionieren Ameisen als Schutzpolizei für einen Dornenbaum?

Ein Schatz zum immer-wieder-Ansehen wird das Buch durch die vielen doppelseitigen Wimmelbilder von Barbara Nascimbeni und Kerstin Meyer. In comicartigen Zeichnungen, farbenprächtiger Druck- und Collagetechnik in den Hauptfarben Senfgelb, Pistaziengrün, Ro­sa und Orange setzen sie das Erzählte detailreich und dynamisch in Szene und knü­pfen mit viel Witz an den Alltag ihrer LeserInnen an: Da gibt es Stadtpläne und Strichcodes, Hochhäuser, kühle Drinks und Urwaldtoiletten zu entdecken. Kreativ und sehr schön gelayoutet ist das Zusammenspiel von Text und Bild, die hier gleichberechtigt erzählen, sich überlagern und ineinander puzzeln: Jede Seite ist ein stimmungsvoller, spannungsreicher Augenschmaus in der Ästhetik afrikanischer Stoffe und Muster, frisch und ohne Folklore.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/19, S. 30

Am Sonntag, als das Ei aufging 
Lorenz Pauli, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2019, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0766-7
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere

Üblicherweise sind Bilderbücher zum Le­senlernen wenig geeignet, denn sie sind bis in die Typografie hinein auf den Akt des Vorlesens hin komponiert. Redegewandt zielen sie darauf ab, im Ohr zu bleiben und zu fesseln. Erstlesebücher hingegen operieren mit sehr begrenztem Wortschatz. Aus solch einfachen Mitteln lesens- und hörenswerte Geschichten zu erschaffen, bedarf grosser Sprachkunst.

Einer, der diese Fertigkeiten beherrscht, ist Lorenz Pauli. Für SJW hat sich der Autor mit Bildkünstlerin Kathrin Schärer bereits einige Leselerngeschichten ausgedacht. Bei Atlantis ist nun nach «Drei freche Mäuse» (2013) wieder ein Sammelband erschienen. Am Buchtitel «Am Sonntag, als das Ei aufging», der keine ganz leichte Transferleistung erfordert, zeigt sich gleich, wie wichtig Schärers Part ist. Ihre Bilder stellen sich nicht nur in den Dienst sinnerhellender Redundanz, sondern überraschen mit aussergewöhnlichen Anschnitten und Ansichten, mit Anmut und Bildwitz. Wer ihr Cover sieht, versteht die Titelmetaphorik sofort. Staunend schlägt man das Buch auf und findet einen Bären, der sich nach einem rauschenden Fest – zusammen mit dem einzig verbliebenen Gast, einem Igel – sein nächstes Lebensjahr erst in Wochentagen, dann in den vier Jahreszeiten so schön ausmalt, dass die beiden Freunde werden.

In der zweiten Geschichte beweist Maus Wanda, dass lesen können so wichtig ist wie Schläue. In Geschichte drei taucht das Titel-Ei wieder auf, im Nest eines Vogels. Daraus schlüpft eine kleine Katze, die vergeblich versucht, ein Vogelleben zu führen. Wer wiederum aus dem Ei schlüpft, das sie selbst am Ende ausbrütet, sollen die LeserInnen weitererzählen. – Grosse Druckschrift, ein bis drei kurze Sätze pro Bilderdoppelseite, kleine Erzählschritte: minimalistisch setzt Lorenz Pauli seine Erzählideen um. Alles andere malt Kathrin Schärer aus. Das Ergebnis: berührend gut!

Ein ebenso eingespieltes wie einfallsreiches und dazu schlagfertiges Team sind Eva Muszynski und Karsten Teich. Gereift an ihrer Erstlese-Serie (Band 11, «Cowboy Klaus und die Gold-Rosi», erscheint im August bei Tulipan), präsentiert sich ihr neustes Werk als Feuerwerk an Sprach- und Wortspielen, es ist mit karikaturistischem Strich albern bis witzig ins Bild gesetzt. Der Spass fängt schon beim Titel an: «Trudel Gedudel purzelt vom Zaun». Kennzeichnend für die Darstellungskunst der beiden sind Sprachmuster, die variiert werden, und Doppelsinnigkeiten: Kindlichen ZuhörerInnen macht der gereimt-rhythmische Name «Trudel Gedudel» als klangmalerisches Wortbild gute Laune. VorleserInnen dürften das altertümliche «trudeln» als sprechenden Namen verstehen und ahnen, dass sich die Gute in Schwierigkeiten bringen wird. Die Möwe mit analog gebildetem Namen «Gräten-Käthe», die Trudel mal «Knödel», mal «Sprudel», mal «Nu­del» nennt, ist nicht ganz unschuldig, dass Trudel ihren Hühnerhof mit dem so lustigen wie charakterisierenden Namen «Das-Gelbe-vom-Ei» verlassen wird.
Als Argument zieht: «Hinter dem Zaun, da ist das Meer.» Auch wenn das Huhn «mehr» versteht, meinen beide doch in etwa dasselbe. Eine Verabredung am alten Strandkorb kommt zustande. Dort aber wohnt überraschend eine alte zerzauste Ratte namens «Herr Klautermann». «Ich bin ein Haustier. Ich brauche ein Dach über dem Kopf» lässt er nicht gelten, am nächsten Morgen muss Trudel gehen. Dass das verrückte Huhn dann aber ausgerechnet eine Wattwanderung macht und von der Flut eingeschlossen wird, schweisst die drei Tiere zusammen. Auf dem Abschlussbild blicken sie gemeinsam auf die untergehende Sonne, als Trudel sagt: «Da hast du Recht, Gräten-Käse. Es gibt hier so viel mehr Wasser!»

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/19, S. 29

Trudel Gedudel purzelt vom Zaun
Eva Muszynski, Illustration: Karsten Teich
Verlag: CBJ, Publiziert: 2019, Seiten: 88, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-17592-7
Schlagwörter: Humor/Komik | Sprachspiel

Üblicherweise sind Bilderbücher zum Le­senlernen wenig geeignet, denn sie sind bis in die Typografie hinein auf den Akt des Vorlesens hin komponiert. Redegewandt zielen sie darauf ab, im Ohr zu bleiben und zu fesseln. Erstlesebücher hingegen operieren mit sehr begrenztem Wortschatz. Aus solch einfachen Mitteln lesens- und hörenswerte Geschichten zu erschaffen, bedarf grosser Sprachkunst.

Einer, der diese Fertigkeiten beherrscht, ist Lorenz Pauli. Für SJW hat sich der Autor mit Bildkünstlerin Kathrin Schärer bereits einige Leselerngeschichten ausgedacht. Bei Atlantis ist nun nach «Drei freche Mäuse» (2013) wieder ein Sammelband erschienen. Am Buchtitel «Am Sonntag, als das Ei aufging», der keine ganz leichte Transferleistung erfordert, zeigt sich gleich, wie wichtig Schärers Part ist. Ihre Bilder stellen sich nicht nur in den Dienst sinnerhellender Redundanz, sondern überraschen mit aussergewöhnlichen Anschnitten und Ansichten, mit Anmut und Bildwitz. Wer ihr Cover sieht, versteht die Titelmetaphorik sofort. Staunend schlägt man das Buch auf und findet einen Bären, der sich nach einem rauschenden Fest – zusammen mit dem einzig verbliebenen Gast, einem Igel – sein nächstes Lebensjahr erst in Wochentagen, dann in den vier Jahreszeiten so schön ausmalt, dass die beiden Freunde werden.

In der zweiten Geschichte beweist Maus Wanda, dass lesen können so wichtig ist wie Schläue. In Geschichte drei taucht das Titel-Ei wieder auf, im Nest eines Vogels. Daraus schlüpft eine kleine Katze, die vergeblich versucht, ein Vogelleben zu führen. Wer wiederum aus dem Ei schlüpft, das sie selbst am Ende ausbrütet, sollen die LeserInnen weitererzählen. – Grosse Druckschrift, ein bis drei kurze Sätze pro Bilderdoppelseite, kleine Erzählschritte: minimalistisch setzt Lorenz Pauli seine Erzählideen um. Alles andere malt Kathrin Schärer aus. Das Ergebnis: berührend gut!

Ein ebenso eingespieltes wie einfallsreiches und dazu schlagfertiges Team sind Eva Muszynski und Karsten Teich. Gereift an ihrer Erstlese-Serie (Band 11, «Cowboy Klaus und die Gold-Rosi», erscheint im August bei Tulipan), präsentiert sich ihr neustes Werk als Feuerwerk an Sprach- und Wortspielen, es ist mit karikaturistischem Strich albern bis witzig ins Bild gesetzt.

Der Spass fängt schon beim Titel an: «Trudel Gedudel purzelt vom Zaun». Kennzeichnend für die Darstellungskunst der beiden sind Sprachmuster, die variiert werden, und Doppelsinnigkeiten: Kindlichen ZuhörerInnen macht der gereimt-rhythmische Name «Trudel Gedudel» als klangmalerisches Wortbild gute Laune. VorleserInnen dürften das altertümliche «trudeln» als sprechenden Namen verstehen und ahnen, dass sich die Gute in Schwierigkeiten bringen wird. Die Möwe mit analog gebildetem Namen «Gräten-Käthe», die Trudel mal «Knödel», mal «Sprudel», mal «Nu­del» nennt, ist nicht ganz unschuldig, dass Trudel ihren Hühnerhof mit dem so lustigen wie charakterisierenden Namen «Das-Gelbe-vom-Ei» verlassen wird.
Als Argument zieht: «Hinter dem Zaun, da ist das Meer.» Auch wenn das Huhn «mehr» versteht, meinen beide doch in etwa dasselbe. Eine Verabredung am alten Strandkorb kommt zustande. Dort aber wohnt überraschend eine alte zerzauste Ratte namens «Herr Klautermann». «Ich bin ein Haustier. Ich brauche ein Dach über dem Kopf» lässt er nicht gelten, am nächsten Morgen muss Trudel gehen. Dass das verrückte Huhn dann aber ausgerechnet eine Wattwanderung macht und von der Flut eingeschlossen wird, schweisst die drei Tiere zusammen. Auf dem Abschlussbild blicken sie gemeinsam auf die untergehende Sonne, als Trudel sagt: «Da hast du Recht, Gräten-Käse. Es gibt hier so viel mehr Wasser!»

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/19, S. 29

Unterwegs mit Kaninchen
Benjamin Tienti
Verlag: Dressler, Publiziert: 2019, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-0102-4
Schlagwörter: Liebe | Familie/Familienformen | Tiere

Wenn Andrea aus der Schule kommt, kriecht er zuallererst in den alten Karton, der in seinem Zimmer neben der Heizung steht. «Ich bleibe einfach liegen. Und atme. Und atme. Und atme», erklärt er – bis irgendwann Kaninchen Maikel zu ihm hin­einkrabbelt, schnuppert, kuschelt, ganz eng bei ihm liegt. Maikel ist Andreas Ein und Alles. Seit seine Mutter vor zwei Jahren ausgezogen ist, um sich in einem Aussteigerdorf selbst zu verwirklichen, lebt der Zehn­jährige mit seinem Vater allein. Der ist Anästhesist – und kaum zuhause.

Zum Glück hat Andrea Maikel. Umso dramatischer ist es für ihn, als dieser eines Abends panisch Fidaa vom Arm springt, die mit ihrer Mutter einige Zeit bei ihnen wohnt. Maikel bricht sich eine Pfote und soll eingeschläfert werden. Völlig verzweifelt packt Andrea das halbtote Kaninchen in eine Kühlbox und macht sich auf den Weg zu seiner Mutter. Die ist schliesslich Heilerin und soll Maikel gesund machen.

Benjamin Tientis Kinderbuch geht zu Herzen. Dabei steckt es voller komischer Momente und skurriler Situationen. Gekonnt fängt der Berliner Autor die Gefühlswelt seines Ich-Erzählers ein. Stellt ihm mit Punk Lars, einer brummigen Truckerin sowie deren Kumpel ebenso markante wie herzliche Charaktere zur Seite. Nicht zu vergessen Kaninchen Maikel, das sich zuweilen per «Statusmeldung aus der Kühlbox» meldet und die Geschehnisse kommentiert. Und natürlich Fidaa, die Andrea ebenso kratzbürstig wie trotzig auf den Fersen bleibt, fast unmerklich zur Freundin wird und massgeblichen Anteil daran hat, dass Kinder und Kaninchen ihr Ziel am Ende doch noch erreichen.

«Unterwegs mit Kaninchen» berührt, es ist lustig, spannend, traurig – alles zugleich. Tienti lässt seinen Helden nicht nur über sich hinauswachsen; er hält für ihn auch ein überraschendes Happy End bereit, das die LeserInnen mit einem breiten Grinsen im Gesicht zurücklässt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/19, S. 30

Amy und die geheime Bibliothek
Alan Gratz
Aus dem amerikanischen Englisch von Meritxell Janina Piel
Verlag: Hanser, Publiziert: 2019, Seiten: 248, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26211-9
Schlagwörter: Lesen | Schule | Freundschaft

Amy Anne Bolinger geht in die vierte Klasse und sie liebt Bücher. Doch nirgends in ihrem Zuhause findet sie Platz, sie wirklich zu geniessen – deshalb ist die Schulbibliothek ihr Lieblingsplatz. Wie so oft will sie dort ihr Lieblingsbuch ausleihen, doch zu ihrem Entsetzen muss sie feststellen, dass es nicht an seinem Platz steht und auch nicht ausgeliehen wurde: Es wurde mit anderen Büchern aus der Bibliothek verbannt. Und das soll so weitergehen – immer mehr Bücher sollen aus der Bibliothek verschwinden, weil Erwachsene sie nicht als angemessenen Lesestoff für Kinder erachten.

Das kann Amy auf keinen Fall zulassen. Das sonst so schüchterne Mädchen beschliesst, sich für ihre geliebten Bücher einzusetzen, und bekommt Hilfe von unerwarteter Seite. Gemeinsam mit ihrer besten (und bis dato einzigen) Freundin Rebecca und deren heimlichem Schwarm Danny gründet sie eine geheime Schliessfachbibliothek, damit die verbannten Bücher auch weiterhin von allen Kindern in der Schule gelesen werden können. Doch obwohl sie vorsichtig sind, bleibt die Aktion nicht unbemerkt, und nicht nur Amy bekommt einen Heidenärger. Die Chance, die Bücher zurück in die Schulbibliothek zu holen, rückt in weite Ferne. Eine letzte Möglichkeit bleibt dem Trio noch. Doch diese würde bedeuten, vor einer grossen Menschenmenge zu sprechen, und das ist eigentlich so gar nicht Amys Stärke …

Alan Gratz vereint in seinem Kinderbuch eine Vielzahl wichtiger Themen: Familie, Freundschaft, Selbstbewusstsein und die Macht der Bücher spielen eine primäre Rolle. Mutige Kinder, die für ihre Interessen einstehen und Erwachsene, die mit ihrer Fürsorge auch mal daneben liegen können, stehen im Zentrum. «Amy und die geheime Bibliothek» ist ein originelles Plädoyer für die Bedeutung von Büchern und von (Meinungs-)Freiheit.

Manolya Özbilen
Buch&Maus 2/19, S. 31

Ein Indianer wie du und ich
Erna Sassen
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2019, Seiten: 125, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-2864-4
Schlagwörter: Gefühle | Liebe | Kulturen

Boaz ist ein besonderer Junge: feinfühlig, still, wissbegierig und klug – aber auch oft allein. Freunde hat er keine, von seiner Grossmutter, die Indianer genauso mag wie er, einmal abgesehen. Das findet Boaz nicht weiter schlimm. Da kommt eines Tages ein neues Mädchen in seine Klasse: Schwarze Haare, rehbraune Augen … Bo­az weiss sofort, dass Aisha (die vermutlich aus einem Kriegsgebiet geflüchtet ist) eine Sioux ist. Warum sonst sollte sie so wundervoll «indianisch» malen können? Nun ist alles anders. Boaz geht wieder gern zur Schule. Und obwohl Aisha seine Sprache (noch) nicht spricht, und er nicht die ihre, verstehen sie sich. Wenn sie Hand in Hand zur Turnhalle laufen, sind das für ihn «die schönsten Minuten der Woche».

Umso verzweifelter reagiert Boaz, als er, schon nach den Herbstferien, eine Klasse überspringen soll. Aisha braucht ihn doch! Und er sie! Boaz reisst aus. Nicht weit weg, eigentlich nur auf seinen Lieblingsbaum in der Nähe des Deiches, später dann mit den Wildpferden weiter auf eine kleine Lichtung im Wald. Doch weil es rasch dunkel wird und kalt, durchlebt er eine Nacht voller Angst und Unsicherheit, die vieles ändert – auch für seine Eltern.

Wunderbar leicht, aber auch ernsthaft und ganz tief in der Gefühls- und Gedankenwelt ihres Helden verankert, erzählt Erna Sassen von einer so schüchternen wie starken ersten Liebe – von Boaz’ Angst, Aisha wieder zu verlieren, seiner Wut auf Erwachsene, die nicht zuhören, von seinem ungeahnten Mut und seiner Stärke, als er um sein Glück zu kämpfen beginnt. Von Martijn van der Linden grossartig im Stil nordamerikanischer Totem-Zeichnungen illustriert und mit Infokästen versehen, die viel Interessantes aus dem Leben der Sioux und Maya bereithalten, ist «Ein Indianer wie du und ich» ein kostbares Buch, das lange nachwirkt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/19, S. 31

Die schreckliche Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby
Lois Lowry
Aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: dtv, Publiziert: 2019, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76238-0
Schlagwörter: Humor/Komik | Familie/Familienformen

Die sechsköpfige Familie Willoughby ist nicht nur altmodisch und ziemlich langweilig, die Eltern sind auch echte Ekelpakete: der Vater ein jähzorniger Despot, die Mutter faul und permanent übellaunig. Meist vergessen sie, dass sie Kinder haben, ansonsten sind sie ihnen lästig. Wie Timothy, die Zwillinge Barnaby A und B und ihre kleine Schwester Jane glückliche Wunsch-Waisen werden, erzählt die vielfach ausgezeichnete US-amerikanische Autorin Lois Lowry in einem ebenso skurrilen wie schwarzhumorigen Abenteuer à la Roald Dahl. Augenzwinkernd parodiert sie Klassiker der Wai­senhausliteratur wie «Oliver Twist», «Huckleberry Finn», «Heidi» & Co.

Die Handlung switcht zwischen unterschiedlichen Schauplätzen. Nachdem die Willoughby-Geschwister ihre Eltern mit der Agentur für verantwortungslose Reisen auf Kamikaze-Expeditionen und da­mit in den sicheren Tod geschickt haben, verlieren sie zwar ihr Zuhause. Mit ihrem resoluten Kindermädchen aber machen sie einen echten Glücksgriff: Sie ist nicht nur eine begnadete Köchin, sondern hat auch das Herz auf dem rechten Fleck. Genauso wie der todtraurige Schokoriegel-Milliardär Melanoff, dem die vier Kinder ein hässliches Findelbaby unterschieben und ihn damit unfreiwillig aus seinen Depressionen retten. Dass dessen Frau und Sohn gar nicht tot sind, sondern nach einem Lawinenunglück in der Schweiz leben, führt zu weiteren Verwicklungen.

«Die schreckliche Geschichte der abscheulichen Familie Willoughby» ist nicht nur eine schrullig-schräge Geschichte mit bizarren Gestalten, die mit tabuloser Lust an Fiesheiten und Übertreibungen fabuliert wurde, sondern auch eine Hommage an die Wahlfamilie.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/19, S. 31

Freibad
Will Gmehling
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2019, Seiten: 156, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0608-9
Schlagwörter: Ferien | Liebe | Geschwister

Ein ganzer Sommer unter dem Himmel

Im Sommer jeden Tag ins Freibad! Für den zehn Jahre alten Alf und seine zwei jüngeren Geschwister Katinka und Robbie wird dieser Kindertraum wahr. Im Hallenbad ha­ben die drei ein Kleinkind vor dem Ertrinken gerettet und dafür alle drei eine Saisonkarte für das Freibad erhalten. Für die drei ist das fast zu schön, um wahr zu sein, denn die Familie hat wenig Geld, Dauerkarten wären nie und nimmer drin gewesen. Die Folge: vom Tag der Eröffnung am 15. Mai bis zur Schliessung am 15. September, 100 Tage lang, sind sie jeden Tag im Freibad zu finden. Direkt nach der Schule, in den Ferien, bei Regen und Sonne – einmal sogar verbotenerweise nachts. «Es war fast, als würden wir im Schwimmbad wohnen.» Dabei hat sich jedes der Geschwister ein Ziel gesetzt: Robbie will endlich richtig schwimmen können, Katinka Französisch lernen und zwanzig Bahnen am Stück kraulen, Ich-Erzähler Alf vom 10-Meter-Turm springen. Und dann kommt für ihn auch noch die Liebe ins Spiel.

Sonne und Eis, Chlorgeruch, Pommes rotweiss, Sprungturm-Träume und Bademeister-Albträume – vordergründig passiert nicht viel in Will Gmehlings Sommergeschichte. Die Tage kommen und gehen, ähneln einander, und doch durchläuft je­des der Kinder eine Entwicklung, reift an den Erfahrungen des Som­mers. Das geschieht sanft und leise, fast unmerklich, und ist gerade deshalb spannend zu lesen. Dabei wirkt «Freibad» fast ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Die liebevolle, wertschätzende Art, mit der die Familienmitglieder miteinander umgehen, füreinander einstehen und den anderen doch sein lassen, wie er ist, auch wenn das manchmal anstrengend ist, und die Erkenntnis, auch mit wenig glücklich sein zu können – all das weckt wohlige Erinnerungen an Astrid Lindgrens «Bullerbü»-Geschichten. Und prägt ein Buch, das wie gemacht ist für einen Sommertag im Freibad.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/19, S. 32

Karak und der Zuckerbäcker
Willi Tobler
Verlag: Moritz, Publiziert: 2019, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-374-2
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Fabelwesen

Bereits 1990 veröffentlichte der Schweizer Autor und passionierte, mittlerweile pensionierte Lehrer Willi Tobler seine für LeseanfängerInnen geschriebene Geschichte «Karak und der Zuckerbäcker». Nun ist im Moritz-Verlag eine nur geringfügig überarbeitete Neuauflage erschienen.

Das in zwölf kurzen Kapiteln erzählte Märchen handelt vom Riesen Karak, der auf einem hohen Berg mitten im dichten Tannenwald haust. Die meiste Zeit lässt der Unhold, der so laut schmatzt und rülpst, dass es bis ins Tal zu hören ist, die Bevölkerung des kleinen Bergdörfchens in Ruhe; er stiehlt nur hie und da ein Huhn oder zwei Fuder Heu. Doch einmal im Jahr überkommt den Riesen eine gewaltige Lust auf Süsses. Dann trampelt er mit dröhnenden Schritten den Berg herunter und durchstöbert Küchen und Vorratskammern nach Backwerk und Süssigkeiten, bis kein Körnchen Zucker mehr im Dorf zu finden ist.

So geht das Jahr für Jahr. Eines Tages aber platzt dem Bäcker Tschaggomo Doltsche der Kragen: «Wenn er das nächste Mal kommt, hau ich ihn zusammen, windelweich schlage ich den Saukerl!» Natürlich bezwingt der «panettiere» mit den schwarzen Haaren und dem gezwirbelten Schnauzbart den Riesen nicht mit Muskelkraft, sondern mit Schläue und Glück. Und siehe da: Kaum haben sich die Machtverhältnisse gekehrt, kommt auch Karaks tragische Lebensgeschichte ans Licht.

In Toblers gradlinig erzählter Mähr von Menschen und Riesen werden beiläufig und ohne moralischen Eifer Themen wie Rücksichtnahme, Toleranz und Trauer gestreift – dabei ist der Ton des Buchs bodenständig und herzlich. Kongenial dazu die unbekümmerten Buntstift-Zeichnungen von Rotraut Susanne Berner, die mit «Ka­rak und der Zuckerbäcker» eines ihrer ersten Bücher illustrierte.

Alice Werner
Buch&Maus 2/19, S. 32

Vom Flaniern und Weltspaziern
Elisabeth Steinkellner
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2019, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-3741-7
Schlagwörter: Alltag | Abenteuer | Sprachspiel

Reime und Sprachspiele

Zart, vorsichtig annähernd beginnt dieser Spaziergang durch die Kulisse der Stadt, dahinter wartet ein du. Von diesen dus wird es noch viele geben: Es sind dus, die alles sind und sein können, die manchmal «Nur so» den «Blick zu Boden / und den Kopf zwischen den Knien / unbeweglich und konzentriert» auf einem grossen Platz sitzen, die manchmal aber auch die Welt bereisen, träumend oder wahrhaftig.

Elisabeth Steinkellner führt uns in ihrer poetischen Sammlung mit Gedichten, Lautmalereien und Sprach­spie­len durch den Alltag. Wenn das Tempo zu schnell oder der Tag zu früh, die Diagnose der Zahnärztin zu langweilig ist, machen Onomatopoesia und Bilder aus Worten auch diese Eindrücke zu lyrischen. Es ist eben ein «Flaniern und Weltspaziern» durch die Welt der Wörter, so leicht, so vielseitig, zart und gewaltig. Ein hitziges Zwiegespräch führt über den Reim der Schimpfwörter zu einer Freundschaft; ein einziger Vokal ermöglicht eine Annäherung. Es ist die Frage, warum das Warten so schwer ist, «und gleichzeitig so schön», die dem schmalen Grat zwischen Melancholie und Hoffnung eine Stimme verleiht; Michael Roher gibt ihr in doppelseitig bunten und zarten, schwarz-weissen Illustrationen Gestalt. Wenn die Musik direkt aus dem eigenen Ohr kommt, ist es die Lyrik des Alltags, die uns Steinkellner zauberhaft vor Augen führt. Sie zeigt, wie nahe Angst und Freude beieinander liegen, und dass es Mut ist, wenn man es doch macht.

Es sind darüber hinaus die kleinen Feinheiten, mit denen Steinkellner wie immer die Grenzen sprengt. Da gibt es Damenkleider für den Herrn; da ist Anna-Maria aus Haus Nummer vier nachts um halb drei ein Vampir; und ein ausgebrochener Leopard paart sich mit der Hauskatze. Schmunzelnd sich freuen wird sich Jung, Alt und Mittendrin, wer liest: «Lass uns (…) den Glücksmoment multiplizieren». Denn genau das geschieht bei dieser Lektüre.

Nadine Bieker
Buch&Maus 2/19, S. 32

Siebzig Gedichte über den Alltag, den Klang der Sprache, ABC-Texte, Abzählreime, Wortklaubereien, konkrete Poesie und populäre Versformen. In ihnen lässt sich durch die Stadt «flaniern» – «… ein Fenster / Licht / dahinter: du», vorbei an der Imbissbude, der Badi und raus in die Welt «spaziern», ans Meer oder an Orte, die so klangvoll tönen, dass sie der Fantasie Tür und Tor öffnen. Genauso wie Michael Rohers feine Schwarz-Weiss-Illustrationen.

Dunkles Gold
Mirjam Pressler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2019, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-81238-4
Schlagwörter: Religion | Historisches | Biografie

Mit «Dunkles Gold» liegt Mirjam Presslers letzter Roman vor, der sich um jüdische Historie dreht und damit das Thema aufgreift, das Presslers schriftstellerisches und übersetzerisches Œuvre prägte. Im Zen­trum stehen zwei Mädchen und ihre Lebensgeschichten, die in Erfurt ihren Aus­gangspunkt nehmen: Laura lebt in der Gegenwart, Rachel in der 700 Jahre zurückliegenden Vergangenheit. Verbunden sind beide Lebenswege durch den im Jahr 1998 entdeckten Erfurter Schatz, den Lauras Mutter, eine Kunsthistorikerin, erforscht. Sein Besitzer soll ein Geldverleiher namens Kalmar von Wiehe gewesen sein, dessen von Laura erfunde­ne Tochter Rachel ist. Auf der Flucht vor den Pestpogromen Richtung Polen verliert sie erst den Vater, der erschlagen wird, dann übergibt sie den Bruder in fremde Obhut und verliebt sich schliesslich. Für Laura werden der Schatz und die mittelalterliche jüdische Geschichte erst richtig interessant, als sie beschliesst, eine Graphic Novel darüber zu zeichnen und sich dabei in den jüdischen Mitschüler Alexej verliebt.

Verschränkt erzählt Pressler die Biografien beider Mädchen. Diese doppelte Perspektive ermöglicht eine differenzierte Sicht auf Geschichte, die dadurch erlebbar wird, und führt zur Erkenntnis, dass manche Konflikte zeitlos und deshalb immer wieder neu zu bewältigen sind. Die überzeugenden Protagonistinnen müssen sich in ihrer Welt zurechtfinden und sehen sich zum einen mit interreligiösen und -kulturellen Problemen konfrontiert, mit denen sie umzugehen lernen müssen. Zum anderen lässt Pressler diese Konflikte lebendig werden, wenn Alexej seinen Glauben in der Schule aufgrund bereits erfolgter Ausgrenzungen und Mobbing verheimlichen will. «Dunkles Gold» ist ein Roman, mit dem Pressler jüdische Geschichte greifbar macht und einmal mehr gegen das Vergessen anschreibt.

Sabine Planka
Buch&Maus 2/19, S. 33

On the Come Up
Angie Thomas
Aus dem amerikanischen Englisch von Henriette Zeltner
Verlag: CBJ, Publiziert: 2019, Seiten: 509, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-16548-5
Schlagwörter: Musik | Rassismus | Emanzipation

Ein Auftritt im berüchtigten «Ring» soll ihr zum Durchbruch verhelfen: Die 16-jährige Brianna ist eine begnadete Rapperin und fest entschlossen, ihren Weg zu gehen. Ein Battle vor Publikum könnte nicht nur den Beginn einer Karriere bedeuten, sondern ihre Familie aus der finanziellen Misere befreien. Schon ihr Vater, den sie mit vier Jahren bei einer Schiesserei verloren hat, ist eine Underground-Legende gewesen. Aber Brianna will nicht einfach in seine Fussstapfen treten, wie viele mutmassen, sondern auf eigenen Beinen stehen.

Mit ihrem zweiten Roman versucht An­gie Thomas an ihren Erstlingserfolg «The Hate U Give» anzuschliessen. Auf die Ermordung des schwarzen Jungen durch einen Cop, um die sich dieser erste Roman drehte, wird immer wieder Bezug genommen. «On the Come Up» spielt zwei Jahre später im gleichen Milieu. Die Lage ist nach wie vor angespannt. Vorurteile und Diskriminierung bekommt Brianna fast täglich zu spüren, etwa dann, wenn der Sicherheitsdienst in der Schule sie zu Unrecht in die Mangel nimmt. Mit ihren rückhaltlosen Raps (die in der deutschen Ausgabe unübersetzt bleiben) kann sie ihrem Ärger Luft machen und wird dank sozialer Medien rasch zur lokalen Berühmtheit. Aber sie erfährt auch harten Gegenwind, als sich zum Beispiel FreundInnen distanzieren oder empörte Eltern versuchen, ihren Song zu verbieten.

Die Geschichte einer jungen Afroamerikanerin, die sich durchsetzt und für ihre Werte und Ziele einsteht, hat viel für sich. Dennoch packt die Autorin etwas gar viel in den Plot und lässt ihre Ich-Erzählerin hinter den Kommentaren verblassen. Vor allem die ausführlichen Handlungsbeschreibungen und teils ins Banale abdriftenden Dialoge nehmen der Story den Schwung und gehen auf Kosten atmosphärischer Dichte.

Daniel Ammann
Buch&Maus 2/19, S. 33

Wer braucht ein Herz, wenn es gebrochen werden kann
Alex Wheatle
Aus dem Englischen von Conny Lösch
Verlag: Kunstmann, Publiziert: 2019, Seiten: 263, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95614-286-4
Schlagwörter: Freundschaft | Gewalt

Maureen und Elaine sind Schwestern – wenn nicht im Blut, so im Herzen. Kein Tag vergeht, an dem sich die beiden 15-Jährigen nicht bedingungslos unterstützen. Dabei ist es aufgrund der haarsträubenden Situation, in der sich Maureen alias Mo Baker gerade befindet, vor allem Elai­ne, die sich für die Freundin zuweilen weit aus dem Fenster lehnt: Sie hält auf der Polizeiwache ihre Hand, als Mo Anzeige ge­gen den gewalttätigen Freund der Mutter erstattet, und gibt ihr Rückendeckung, als Mo sich mit einer gefürchteten Gang einlässt, um sich an ihm zu rächen. Diese grenzenlose, mitunter aber auch gefährliche Solidarität hindert die Freundinnen nicht daran, sich in entspannteren Momenten kräftig anzuzicken, etwa wegen künstlicher Wim­pern: «Du siehst aus, als hätte dir einer die Tore von Mordor auf die Augen geklebt.»

Im dritten Band seiner Reihe rund um die fiktive Stadt Crongton und ihre Gang- und Klassenkämpfe setzt Alex Wheatle auf die bereits in «Liccle Bit» und «Die Ritter von Crongton» (2018) hervorragend gelungene Mischung aus Sozialrealismus und Humor. Letzterer verdankt sich vor allem dem unerschöpflichen Sprachwitz der ErzählerInnen. Der Band «Wer braucht ein Herz, wenn es gebrochen werden kann», der als eine Art Prequel angelegt ist, wächst aber zugleich über die Vorgängerbände hinaus, indem er in einer von Männern dominierten Welt die Frauen zu Wort kommen lässt. Denn sie, und das gilt für Mo und Elaine wie für Ihre Mütter und Grossmütter, sind nicht nur die häufigsten (und beiläufigsten) Opfer der Gewalt, die Crongton beuteln – sie versuchen auch, oft unter Einsatz ihres Lebens, alles zusammen zu halten. Dabei zeichnet Wheatle sie nie als toughe Superheldinnen oder hilflose Opfer, sondern als vielschichtige Menschen, die besonders viel zu verlieren, aber auch besonders viel zu geben haben.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/19, S. 33

Am Ende des Regenwaldes
Marion Achard
Aus dem Französischen von Anna Taube
Verlag: Magellan, Publiziert: 2019, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-5044-8
Schlagwörter: Natur | Umweltschutz/Klima | Kulturen

Marion Achards von einer wahren Begebenheit inspiriertes Jugendbuch sticht bereits durch das ungewöhnliche Format ins Auge: Hoch und schmal kommt es daher. Dazu zeigt das mit hellgrünem Relieflack auf lehmfarbenem Grund gestaltete Cover das Bild eines von roten Adern durchzogenen Blattes, durch das mittenhindurch eine Strasse verläuft. Ein Hingucker!

Beim Lesen ist das schmale, hohe Format etwas gewöhnungsbedürftig, doch die atmosphärisch dichte Geschichte um Daboka und ihre Schwester Loca, die zu ei­nem indigenen Stamm gehören, der fried­lich und im Einklang mit der Natur im ecuadorianischen Regenwald lebt, nimmt einen rasch gefangen. Ich-Erzählerin Daboka nimmt die LeserInnen mit in eine andere Welt. Mit ihr laufen wir barfuss durch endloses, tiefes Grün, nehmen jeden Geruch, jedes Geräusch intensiv wahr, blicken durch ihre Augen auf das Geschehen: Bei einer Wanderung durch «den Bauch des Waldes» stösst Dabokas Stamm auf ein schwarzes Band, das den seit Generationen genutzten Pfad brutal durchtrennt. Männer mit grossen Maschinen räumen auf der Suche nach Gold und Öl alles aus dem Weg, was sie stört. Der Stamm wird entdeckt, kann fliehen, wird aber später überfallen und ausgelöscht. Nur Daboka und Loca, die am Fluss gefischt ha­ben, überleben das Massaker und werden in die «Zivilisation» verschleppt.

Marion Achards kurzer Text ist ein poetischer und berührender Appell, den von Abholzung bedrohten Lebensraum der Ureinwohner­Innen, zugleich eine der wich­tigsten Sauerstoffquellen unseres Pla­neten, zu retten. Und er bietet einen perfekten Einstieg, um mit Jugendlichen (oder Erwachsenen) in die Diskussion zu starten. Inzwischen wurde er denn auch für den Deutsch-Französischen Jugendliteraturpreis nominiert.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/19, S. 34

Dry
Neal Shusterman, Jarrod Shusterman
Aus dem amerikanischen Englisch von Kristian Lutze und Pauline Kurbasik
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2019, Seiten: 448, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5638-1
Schlagwörter: Zukunft | Umweltschutz/Klima

Kein Wasser. Nicht heute. Nicht morgen. Vielleicht nie mehr.

Die Vorzeichen waren schon lange da. Seit Jahren herrscht Dürre in Südkalifornien, bei Wasserverschwendung drohen hohe Bussen. Trotzdem kommt der «Tap-Out» überraschend, als Arizona und Nevada den Colorado River für die eigenen Bedürfnisse stauen. Auf einen Schlag bleiben die kalifornischen Wasserleitungen trocken. Die Konsequenzen sind verheerend: leergekaufte Geschäfte, Panik und Gewalt, innert Tagen kämpfen die Menschen um das nackte Überleben.

In wechselnden Perspektiven reisst das Vater-Sohn-Autorenduo Neal und Jarrod Shusterman mit seinem kaum in die Zukunft verlegten Katastrophenszenario das Gewebe der Zivilisation auf und legt das dahinter verborgene Potenzial zum Monströsen offen. Nicht nur die Alltagsnähe macht den Roman zu einer unglaublich beunruhigenden Leseerfahrung, liest sich der Roman doch im Grunde genommen wie eine Zombie-Apokalypse. Nur sind es nicht Untote, die zu fürchten sind, sondern die Selbstsucht der Menschen – und die Verdurstenden, genannt «Wasserzombies», deren sprachlich eindrücklich eingefangener Durst alle anderen Bedürfnis­se und Vorbehalte längst wie ein ungebändigtes Buschfeuer verzehrt hat. Selbst die moralischen Positionen, vertreten durch die jungen Figuren, die zwischen Barmherzigkeit, Prepper-Wahn, Selbstsucht und Profitgier changieren, scheinen direkt einer Zombie-Erzählung entnommen.

«Dry» wirft einen pessimistischen, zuweilen plakativen Blick auf ein beängstigendes Endzeitszenario, setzt sich dabei aber kaum mit dem implizit stets präsenten Thema Klimawandel auseinander. Durch den meisterhaften Spannungsaufbau entwickelt der Roman jedoch eine unglaubliche Sogwirkung, die einen beim Lesen so manches Mal zum erlösenden Wasserglas greifen lässt.

Petra Schrackmann
Buch&Maus 2/19, S. 34

Ramona Blue
Julie Murphy
Aus dem amerikanischen Englisch von Kattrin Stier
Verlag: Fischer, Publiziert: 2019, Seiten: 397, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8414-4025-9
Schlagwörter: Liebe | Streit/Konflikt | Emanzipation

Ramona sprengt die Grenzen ihrer Welt auf jede denkbare Weise. Mit 1.90 Metern findet sie in der Enge des Trailers, den ihre fragmentierte Familie bewohnt, seit Hurrikan Katrina ihr Haus zerstört hat, kaum Platz. Armut und die ungeplante Schwangerschaft der älteren Schwester Hattie nihilieren Ramonas Träu­me von Autonomie und Studium. Dass sie lesbisch ist, macht ihr das Leben in der Kleinstadtgesellschaft von Eulogy, Mississippi, auch nicht leichter. Folglich hat Ramona gelernt, im wörtlichen wie übertragenen Sinn den Kopf einzuziehen, andere zu unterstützen und selbst wenig Raum einzunehmen.

Nach einer unglücklichen Sommerliebe mit der viel privilegierteren Grace trifft Ramona ihren Kindheitsgespielen Fred­dy wieder, der für das letzte Schuljahr nach Eulogy zurückgekehrt ist. Vereint in Herzschmerz, geplatzten Träumen und Diskriminierungserfahrungen – als ‹Schwarzer› kennt Freddy die Vorurteile der (Südstaaten-)‹Mehrheitsgesellschaft› zu gut –, entwickeln die beiden eine tiefe Beziehung, die bald auch in Begehren mündet. Ramona erkennt, dass auch sie selbst sich in eine zu enge Schublade gesteckt hat. Und beschliesst, nicht mehr nur die Scher­ben aufzusammeln, die andere zurücklassen: «(…) jetzt wird es erst einmal Zeit, dass ich meine eigenen Fehler mache».

Sexualität, ‹Rasse›, Klasse: Julie Mur­phy, die mit ihrem ‹Body Positivity›-Ro­man «Dumplin’» bereits einen Beststeller verfasst hat, bringt alle sozialen Differenzkategorien auf den Tisch, die (jungen) Menschen ein Leben in Freiheit und Wür­de erschweren – und lässt ihre Figuren am Ende bei allen Konflikten doch recht leichtfüssig darüber hinwegtanzen. Das funktioniert literarisch deshalb gut, weil Murphy vielschichtige Charaktere und akkurate soziale Diagnosen mit viel Sprachwitz und archetypischen Bildern realer wie metaphorischer Stürme kombiniert.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/19, S. 34

Die Spiegelreisende
Christelle Dabos
Aus dem Französischen von Amelie Thoma
Verlag: Insel, Publiziert: 2019, Seiten: 536, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-458-17792-0
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Streit/Konflikt

Die Verlobten des Winters 

In einer Welt, die der unseren gleicht und doch ganz anders ist, leben die Menschen nach dem Auseinanderbrechen der Erde auf schwebenden Archen. Die schüchterne Ophelia ist «Leserin» auf der friedlichen Arche Anima. Durch eine behutsame Berührung kann sie die Geschichte jedes Gegenstandes lesen, weiss, durch wessen Hände etwas gegangen ist und wie die- oder derjenige sich dabei fühlte. Ihre sehr zurückgezogene Lebensweise wird empfindlich gestört, als ihr eröffnet wird, sie sei auserwählt worden, den Adligen Thorn auf der eisigen Arche Pol zu heiraten. Lehnt sie sich auf, wird sie von Anima verstossen. Doch zieht sie ins Eisland, kann sie kaum überleben. Als Thorn kommt, um seine Braut heimzuführen, ahnt Ophelia, dass er über diesen Entschluss nicht glücklicher ist als sie selbst. Doch wer kann ein Interesse daran haben, zwei junge Menschen gegen ihren Willen miteinander zu verbinden – und warum?

Im Verborgenen erkundet Ophelia vorsichtig ihr neues Zuhause, ein magisch übertünchtes Umfeld aus Schein­bildern, Intrigen und tödlicher Feindseligkeit. Dass sie sich in der Maske eines Pagen frei bewegen kann, mindert ihre Bedrohungslage nur unwesentlich. Denn eins ist klar: Sobald sie offiziell als Thorns Braut in diese gierige Gesellschaft eingeführt wird, ist sie ihres Lebens nicht mehr sicher.

Der Auftaktroman zur «Spiegelreisenden»-Trilogie verbindet sparsam gesetz­te Fantasy-Elemente mit einer Gesellschaft, wie sie Jane Austens Feder entsprungen sein könnte, zu einer Geschich­te, die mit vielen Vorbehalten und einem Hauch aufkeimender Zuneigung zwischen den so unterschiedlichen HeldInnen spielt. Trotz des Umfangs ist der Roman ein absoluter Pageturner, der auf die Fortsetzung fiebern lässt.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/19, S. 35

Grüne Gurken
Lena Hach
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2019, Seiten: 221, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-108-5
Schlagwörter: Alltag | Humor/Komik | Freundschaft | Familie/Familienformen

Lena Hach ist mit ihrem Jugendroman «Grüne Gurken» ein kleines Meisterwerk gelungen. Sie lässt ihre 15-jährige Ich-Erzählerin selbstironisch, mit beneidenswerter Schlagfertigkeit und perfektem Sinn für Rhythmus und Timing aus ihrem Alltag erzählen. So entsteht ein Sound, der die LeserInnen durch Lottes Geschichte trägt, mal atemlos, mal nachdenklich, mal mit Lachtränen in den Augen.

Alles beginnt mit einem Umzug vom ländlichen Hessen nach Berlin. Lotte hat gar keine Lust, das hippe Kreuzberg zu erkunden und sitzt schmollend zuhause. Dabei ist ihr Leben turbulent. Es kommen darin ehrgeizige Eltern vor, die nicht ru­hen, bis ihre Tochter in den exklusiven Club für Hochbegabte aufgenommen wird, dessen Mitglieder sie sind. Ein erster Job kommt vor und eine erste Liebe; eine Trennung, ein Abschied, Prüfungsangst und erwachsene Menschen, die sich noch nicht trauen, ihren Weg zu gehen, weil sie die Eltern enttäuschen könnten.

Das klingt nach viel und nicht unbedingt leicht Verdaulichem – aber Lottes beziehungsweise Lena Hachs Witz verbindet alle Herausforderungen so elegant, dass man erst am Ende, leicht schwindelig, bemerkt, was da alles drinsteckt im Roman. Im Kern geht es um den Wunsch, von den Eltern anerkannt zu werden, auch wenn man ihre Erwartungen nicht erfüllt. Wie Lotte, die bei den Hochbegabten-Tests regelmässig durchfällt. Als LeserIn versteht man aber, dass Lotte auf viele Arten sehr klug ist. Sie kann erzählen und ihre Gefühle in schrägen Diagrammen ausdrücken. Sie erlebt durch ihre Kombination aus Schusseligkeit und Hu­mor verrückteste Dinge und macht sich im «Späti» als Verkäuferin unentbehrlich. Ih­ren Freund­Innen wird es keine Sekunde langweilig mit ihr, den LeserInnen ebenso wenig. Umso mehr schmerzt es, dass sich die Eltern vor Plänen für ihr ideales Kind nicht über die Lotte freuen können, die sie ist.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/19, S. 35

Amelia Earhart / Coco Chanel / Marie Curie / Frida Kahlo / Anne Frank / Rosa Parks
Isabel Sánchez Vegara 
Aus dem Spanischen und amerikanischen Englisch von Svenja Becker
Verlag: Insel, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-458-17795-1
Schlagwörter: Biografie

Vorbilder sind wichtig – für jede Generation. Dass Frauen dabei gerne übersehen werden, offenbart das diesjährige «Bauhaus»-Jubiläum. Von den Kollegen einst in die Textilklasse abgedrängt, sind Bauhaus-Künstlerinnen heu­te nur wenigen bekannt. Weibliche Vorbilder auf­zuspüren und zu würdigen, kennzeichnet den Feminismus der Gegenwart, der sexuelle Gewalt an Frauen öffentlich macht, nur am Rande. Auf dem Buchmarkt aber lässt sich ein Trend ausmachen. Es gibt für alle Zielgruppen immer mehr Biografien über inspirieren­de weibliche Per­sönlichkeiten.

Künstlerisch fällt dabei eine Reihe auf, die sich weltweit bereits mehr als 1,5 Mio. Mal verkaufte. Sechs Bände von «Little People, Big Dreams» sind im Frühjahr bei Insel herausgekommen. Und das ist erst der Anfang. Im spanischen Originalverlag werden es Ende Jahr 32 Titel sein, und auch Insel hat für das Herbstprogramm weitere Titel angekündigt. Für ihre Reihe über kleine Mädchen, die sich zu visionären Frau­en entwickeln, hat Herausgeberin und Autorin Isabel Sánchez Vegara ein bestechendes Konzept gefunden: Schon die mit Leinenrücken veredelten Cover visualisieren durch vielfarbige Mädchenporträts vor einfarbigen Hintergründen, wie aufregend und faszinierend diese Frauen ihre Träume gelebt haben. Das Buchinnere ist zweigeteilt: zuerst wird für Kinder in grossen Bildern – die für jedes Buch von einer anderen Künstlerin stammen – mit wenig Text die Biografie präsentiert. Dann folgen Sachinfos und Fotos für die Vorle­serInnen. Im Herbst erscheinen dann ers­te Bände mit männlichen Helden. «Wah­re Geschichten über andere Kinder zu lesen, die Grosses erreichen», so die Herausgeberin, gebe schliesslich allen Kindern «die Kraft und den Mut, an sich zu glauben».

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/19, S. 36

Lauf um dein Leben
Wolfgang Korn
Verlag: Hanser, Publiziert: 2019, Seiten: 232, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26217-1
Schlagwörter: Arbeit | Sport

Die Weltreise der Sneakers

Ein Paar Laufschuhe am Rand eines Stadtmarathons; eine Zeitung, die eine gute Story braucht; und ein Journalist, der Lunte riecht. Er macht sich auf die Suche nach der Herkunft dieser bunten Laufschuhe ohne Label.

Wolfgang Korn hat mit «Die Weltreise einer Fleeceweste» bereits ein erfolgreiches Sachbuch über die Globalisierung geschrieben. In «Lauf um dein Leben» stellt er erneut ein Accessoire unserer Alltagskultur ins Zentrum. Denn ob Lauf- oder Freizeitschuh: Sneakers hat fast jede und jeder von uns ab und zu an den Füssen. Der Erzähler setzt nun alle Hebel in Bewegung, um das Geheimnis um die mysteriösen Schuhe zu lüften. Er befragt Laufschuhspezialisten. Er fliegt in die chinesische Schuh-Metropole Wenzhou, wo viele Snea­kers produziert werden, und spricht mit WanderarbeiterInnen, die bei der Fabrikation von Laufsohlen giftige Dämpfe einatmen und von Fabrikbesitzern gnadenlos ausgenutzt werden. Und er reist ins äthiopische Hochland, dorthin, wo sich auch Schweizer LangstreckenläuferInnen ihre Ausdauer holen. Ja, er beginnt sogar selber zu joggen, weil er die Faszination für den Laufsport besser verstehen will. Die Geschichte um dieses Paar Schuhe vermittelt auch einen Einblick ins Geschäft mit Marathonläufen. So werden immer wieder afrikanische LäuferInnen als TempomacherInnen nach Europa gelockt. Ihr Traum von sportlichem Erfolg und viel Geld erfüllt sich selten, sie bleiben hier hängen – ohne sportliche Zukunft und gültige Papiere. Nach der Lektüre dieses Buches schaut man nicht nur anders auf sein Schuhwerk, man hat auch viel Wissenswertes über den weltweiten Handel erfahren, über Armut und die Beweggründe, seine Heimat zu ver­lassen in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Für Gesprächsstoff auf Sekundarstufe ist auf alle Fälle gesorgt.

Christine Tresch
Buch&Maus 2/19, S. 36

I have a dream
Alois Prinz
Verlag: Gabriel, Publiziert: 2019, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-30520-4
Schlagwörter: Rassismus | Biografie

Das Leben des Martin Luther King

Der preisgekrönte Sachbuch-Autor Alois Prinz ist in der zeitgenössischen deutschsprachigen Jugendliteratur der Biograf schlechthin. Das Spektrum reicht dabei von Je­sus über Hannah Arendt bis Ulrike Meinhof. Immer gelingt es Prinz dabei, die historischen Figuren im Kontext ihres gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Umfelds in gut verständlicher Sprache lebendig werden zu lassen. Seine aktuelle Biografie für junge LeserInnen widmet sich mit Martin Luther King dem Nationalhelden eines an demokratischen Werten orientierten Amerikas – und damit auch dem Kampf gegen den Rassismus (nicht nur) in den USA.

Ausführlich schildert Prinz die Umstän­de, unter denen Martin Luther King aufwächst, wie er Rassismus erfährt und als junger Baptistenpfarrer zum Vorkämpfer für die Bürgerrechte der Schwarzen wird. Er hatte einen Traum – war aber gerade deshalb weit entfernt, ein Träumer zu sein. Wenn es um das Vermächtnis Martin Luther Kings geht, betont Prinz, dass dieser kein Politiker war, sondern ein Pfarrer, der sich in seinem Traum von einem gewaltlosen Kampf für Gleichberechtigung, von einem friedlichen Zusammenleben zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, immer an christlichen Werten orientierte: «Dass fremdes Leid uns bewegt und wir Abhilfe schaffen wollen, das ist für King nur dann möglich, wenn wir akzeptieren, dass alle Menschen gleichberechtigt ‹Gottes Kinder› sind. Oder mit anderen Worten: dass sie eine unendliche Würde besitzen.» Dabei hütet sich Prinz, King als Heiligen auf ein Podest zu stellen. Stattdessen zeigt er zum Schluss auf, wie aktuell dessen Forderungen nach wie vor sind. Solange unser Wirtschaftssystem nämlich auf Profit und Wachstum ausgerichtet sei, werde sich nach King nichts an der Ungerechtigkeit dieser Welt ändern.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/19, S. 36

Peter in Gefahr
Helen Bate
Aus dem Englischen von Mirjam Pressler
Verlag: Moritz, Publiziert: 2019, Seiten: 45, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-373-5
Schlagwörter: Historisches | Religion | Nationalsozialismus | Krieg

Aus medienpädagogischer Sicht eignen sich Holocaustcomics, um ei­nen ersten Zu­­gang zur Shoah zu gewinnen. Mit «Peter in Gefahr» ist nun eine Graphic Novel für Grundschulkinder erschienen, der es sehr gut gelingt, politisch-historische Bildung in Comicform zu transportieren. «Ich heisse Peter und ich erzähle euch eine Geschichte, die mir genauso passiert ist« – so beginnt Peter seine Erzählung. «Ich war ein ganz normaler Junge und lebte (…) in einer Stadt, die Budapest heisst.» Schon bald erfahren wir, dass Peter gern Knöpfefussball spielt und seit kurzem ei­nen gelben Stern auf dem Mantel tragen muss. Dieses neue Gesetz findet er blöd. Noch blöder erscheint ihm die Anweisung, dass seine Familie die Wohnung verlassen und in ein «Judenhaus» ziehen soll. Von einem Tag auf den anderen ist Peters behütete Kindheit vorbei. Plötzlich krachen Bomben vom Himmel, bedrohen ihn Soldaten, ist sein Leben in ständiger Gefahr. Nur knapp entgeht er einer Deportation und muss sich bis Kriegsende in einer «Geheimwohnung» verstecken. Zur Angst kommen Hunger, Kälte und – im Wortsinn – tödliche Langeweile. Nur mit viel Glück überleben Peter und seine Familie die nationalsozialistische Judenverfolgung – und müssen sich im Nachkriegsungarn mühevoll ein neues Leben aufbauen.

Der englischen Künstlerin Helen Bate gelingt es, Peters auf authentischen Quellen basierende Kriegserinnerungen überzeugend nachzuerzählen. Dabei ist ih­re Sprache sehr direkt, die Zeichnungen sind dicht am Protagonisten dran. Irritierend mag zunächst die leuchtende Kolorierung erscheinen, die nicht zur düsteren Thematik passen will. Doch das Konzept geht auf: Die freundliche Farbigkeit erleichtert den Zugang für jüngere LeserInnen und reflektiert Peters oftmals ausufernde Phantasie.

Alice Werner
Buch&Maus 2/19, S. 37

Nur noch eins
Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2019, Seiten: 22, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0772-8
Schlagwörter: Alltag | Tiere | Schlaf/Einschlafen

Wenn Kathrin Schärer sich alleine auf den künstlerischen Weg begibt, verarbeitet sie oft Themen, die ihr begegnen. Im Fall ihres ersten Pappbilderbuches zum Beispiel eine Kindheitserinnerung: Weil sie selbst gerne mit Murmeln gespielt hat, vergnügen sich die Bärenkinder mit diesem Spiel, bevor noch ein letztes Mal gemalt, die Spielsachen sorgfältig weggelegt und noch ein letztes Buch vorgelesen wird.

Dass das Antlitz des Bärenjungen etwas niedlicher ist als bei Schärers Tierfiguren üblich, ist wohl der besonders jungen Zielgruppe geschuldet. Was in den Tiergesichtern deutlich zu sehen ist, sind der Eifer und dann auch die Freude darüber, etwas geschafft zu haben: noch einen letzten Bau­klotz ganz oben draufgelegt, die letzte Treppenstufe erklommen oder den letzten Farbstift in den Kasten zurückgelegt zu haben. Erst wenn alles so ist, wie es sein soll – oben, vollständig oder ordentlich – ist das Bärenkind zufrieden. Und damit es eine gute Nacht wird, darf natürlich der Kuss nicht fehlen. Der Gutenachtkuss stellt auch die einzige Doppelseite dar, in der Text verwendet wird. Alle anderen vertrauen auf die Kraft der Illustrationen und Schärers Bildsprache. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass sie nahe an die Figuren heranrückt, dass sie sich auf das Wesentliche konzentriert und auf überflüssige Details verzichtet. Cover und Rück­seite bilden zusammen noch eine zusätzliche Szene aus dem Kinderalltag ab.

Die Grundlage für Schärers künstlerische Arbeit bildet die Faszination und die Freude an kleinen Kindern und ihrem Welt­entdecken. Dieses sehr genaue und sensible Einfühlen kennzeichnet alle Arbeiten der Schweizer Illustratorin. Schön, dass sie sich nun auch der jüngsten Zielgruppe gewidmet hat. Dieses Buch darf ins Regal mit den empfehlenswerten Pappen.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/2019, S. 26

Kaninchentango
Daan Remmerts de Vries, Illustration: Ingrid Schubert
Verlag: Aracari, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907114-07-0
Schlagwörter: Freundschaft | Spiel

Ein Kaninchen im Sonnenschein, am Teich, allein. Als es ins Wasser guckt, erblickt es – so scheint es – sein Spiegelbild. Aber daran stimmt etwas nicht. Müsste das schwarze Ohr nicht auf der anderen Seite sein? Und der Fleck über dem Auge … Und überhaupt ist es eine Kaninchendame, die da aus dem Wasser zurückgespiegelt wird und die auf der nächsten Doppelseite mit so viel Schwung aus dem Teich springt, dass das Kaninchen mit Krawatte patschnass wird. Die beiden tanzen, gehen aufeinander zu, entfernen sich wieder voneinander, manchmal etwas zu schwungvoll, umarmen sich und scheinen sich endlich zu finden – nur, um am Schluss im Mondlicht auseinanderzugehen. Doch halt, verläuft die Geschichte nicht umgekehrt? Ist es nicht das Kaninchenmädchen, das im Mondschein allein am Teich sitzt und sich freut, als ihr Gefährte über den Hügel kommt, um mit ihr zu tanzen? Die beiden tanzen, mal ganz nahe, mal viel zu weit entfernt, bis sie in der aufgehenden Sonne allein am Teichufer zurückbleibt, das Spiegelbild ihres Gefährten eine gespiegelte Erinnerung im Wasser …

Man muss das – wortlose – Spiel mit der doppelt zu schauenden und von zwei Seiten zu erlebenden Geschichte mögen, muss die Spiegelung mit Trug und Fantasie, vielleicht Wunschdenken, hinnehmen und sich darauf einlassen, vergleichen oder gar rätseln, was hier Schein und was Sein ist. Trotz der zauberhaften Illustrationen von Ingrid und Dieter Schubert ist «Kaninchentango» sicher kein leicht zu erfassendes Bilderbuch. Wer aber hinter den Spiegelzauber schaut, wird es lieben.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/19, S. 26

Zikade
Shaun Tan
Aus dem australischen English von Eike Schönfeld
Verlag: Aladin, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0163-0
Schlagwörter: Arbeit

Tristesse pur: Grau in Grau ist die Welt aus Hochhäusern und winzigen Arbeitskojen, in der Zikade sein Leben fristet. Grau und grausam, denn Zikade wird von den Menschen in einer Firma wie ein Sklave gehalten. In 17 Jahren keine Lohnerhöhung, und das Gehalt reicht nicht aus, um eine Wohnung zu mieten. Nicht einmal die Toiletten darf Zikade benutzen; er muss jedes Mal raus, zwölf Stockwerke rauf und runter.

Shaun Tans neues Bilderbuch ist leicht als Parabel auf eine Arbeitswelt zu er­kennen, in der MigrantInnen unter un­­men­schlichen Bedingungen ausgebeutet werden. Tan, selbst Sohn eines malay­ischen Einwanderers in Australien, gestaltet mit seinen Bildern eine Atmosphäre der Beengung und Beklemmung, die uns BetrachterInnen die Not von Zikade körperlich spüren lässt. Dazu kommt, dass es nur eine reduzierte Sprache gibt, um über Zikades Leben zu sprechen: «Siebzehn Jahre. Zikade geht in Rente. Keine Rede. Keine Feier. Chef sagt: Sachen packen. Tack Tack Tack!»
Und da passiert es: Zikade steigt auf das Dach des Hochhauses – doch nein, er stürzt sich nicht in die Tiefe, er verwandelt sich. Ein rotes, geflügeltes Wesen bricht aus ihm heraus und fliegt weit fort, in den Wald. Beim Zurückblättern sieht man plötzlich nicht mehr nur Grau, sondern Zikades grün aus seinem grauen Anzug herausleuchtenden Kopf, seine blitzenden Au­gen. Plötzlich klingt die fragmentarische Sprache wie Poesie: «Alle Zikaden fliegen zurück in Wald. Denken manchmal an die Menschen. Müssen dann lachen.» Besonders, wenn man das Haiku von Bashô, das ganz hinten im Paratext abgedruckt ist, entdeckt: «Stille… das Sirren der Zikaden sickert ein in den Fels».

Gerade weil es seine LeserInnen nicht schont, weckt Shaun Tans Buch die Neugier darauf, dieses Sirren, diese Farbtupfer überall zu entdecken.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/19, S. 26

Ausflug zum Mond
John Hare
Verlag: Moritz, Publiziert: 2019, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-381-0
Schlagwörter: Reisen | Weltall | Kreativität

Schulausflug in den Zoo oder auf eine Burg? Schnee von gestern! Fünfzig Jahre nach der ersten Mondlandung schickt der US-amerikanische Grafikdesigner John Ha­re eine Klasse auf den Erdsatelliten und erzählt dort ein hinreissendes Science­fiction-Abenteuer ganz ohne Wor­te, dafür mit viel Witz, Poesie und ausdrucksstarken Bildern.

Erst fliegt ein quietschgelber Raumtransporter durch endlose schwarze Weiten und landet auf grauen Krater-Bergen. Dann sieht man eine Gruppe Kinder in Raumfahrtanzügen aussteigen, voran ein dozierender Erwachsener, am Ende der Gänsemarsch-Exkursion trabt einer lustlos mit Zeichenblock und einer Schachtel Wachsmalstiften. Doch dann taucht sie auf, in all dem unbelebten Schwarz und Grau: die leuchtend blau-grüne Erde! Selbstvergessen malt das Kind sie ab, schlummert ein und wird vergessen. Mutterseelenallein zurückgelassen auf dem Mond – ein schreckliches Szenario. Hier aber dauert es nur ganz kurz: Schon ploppen neugierige Glubschaugen aus dem Boden und hinter den Felsen hervor. Sie gehören zu fünf lustigen Aliens, die sich brennend für das Kind und seine Regenbogen-Zeichnung interessieren. Ihre Begegnung steckt voller Situationskomik: Aus Furcht wird schnell Annäherung, es werden Stifte getauscht, damit Schabernack und eine wilde Mal-Session veranstaltet. Am Ende sitzt das Kind wieder glücklich im Raumtransporter, übrig ist nur noch die graue Farbe. Perfekt, um die neuen Freun­de auf Papier zu bannen!

«Ausflug zum Mond» ist ein fantastischer Erstling, eine eindrucksvoll illustrierte Hommage an die Offenheit und Kreativität, die Brücken zwischen Fremden schlagen können.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/19, S. 27

Ein Schulausflug zum Mond ist der Ausgangspunkt von John Hares Bilderbucherstling, zu dem sich weitere textlose Geschichten in derselben Art gesellten (Tief im Ozean, 2021; Die Vulkaninsel, 2022). Die Gruppe landet und ein Kind verpasst vor lauter Staunen und Malen den Rückflug. In einem ausgeklügelten Wechsel von Panoramen und Panelseiten werden die Betrachtenden hineingezogen in diese eigenwillige Variante einer Mondlandung bzw. der kreativen Begegnung des Kindes mit den Mondbewohner:innen.

Alma und Oma im Museum
Nikolaus Heidelbach
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2019, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75448-6
Schlagwörter: Generationen | Familie/Familienformen | Kunst

Wenn Nikolaus Heidelbach von Alma und Oma im Museum erzählt, ist schon vorher klar, dass das kein gewöhnlicher Museumsbesuch wird. Kaum haben die beiden das Museum betreten, verabschiedet sich die Oma auch schon wieder. «Du musst dir die Bilder alleine anschauen», erklärt sie Alma. «Weil’s dann spannender wird!» Sie verpasst Alma noch Kopfhörer und ist verschwunden. Damit Alma genau hinschaut, hat Oma sich etwas ausgedacht: Sie wird sich in Bildern verstecken. Alma soll nach ihr suchen. Denn: «Maler malen für Leute, die genau hingucken.»

Angeleitet von der Stimme der Oma in ihrem Kopfhörer marschiert Alma durch die Mittelalter-Abteilung, schaut genau hin, beschreibt, was sie sieht und denkt, stellt Fragen. So tauchen Grossmutter und Enkelin in 16 Meisterwerke mittelalterlicher Kunst ein, die Heidelbach originalgetreu in seine Bilder eingebettet hat. Sie plaudern über das Jüngste Gericht, «Maria im Rosengarten», den heiligen Antonius, die zwölf Apostel, Religion, Teufel und Dämonen. Die beeindruckende Räumlichkeit der Illustrationen sorgt dabei dafür, dass der/die LeserIn sich fühlt, als streife er oder sie Seite an Seite mit Alma durch die Räume des Kölner Wallraf-Richartz-Museums, in dem die Geschichte spielt. Aus dieser Perspektive erfassen die LeserInnen Raum für Raum, sie nähern sich den Bildern, betrachten Details. So wird aus dem Buch eine pfiffige Sehschule inklusive Suchspiel.

Dabei sind Heidelbachs Illustrationen wie immer unverwechselbar und speziell, seine Figuren eigenwillig. Unbezahlbar ist diesmal sein mal liebevoller, mal spöttischer Blick auf die weiteren MuseumsbesucherInnen, von den älteren Damen mit Hut bis zum Business-Papa mit Sohnemann. Letztere fotografieren die Kunstwerke – eine Hand in der Hosentasche – mit ihren Handys, ohne sie wirklich anzuschauen.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/19, S. 27

Du schon wieder!
Jory John, Illustration: Benji Davies
Aus dem amerikanischen Englisch von Ebi Naumann
Verlag: Aladin, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0169-2
Schlagwörter: Tiere | Schlaf/Einschlafen

Während Ente das Buch «101 Wege wach zu bleiben» mit augenscheinlichem Interesse studiert, sitzt der grosse, dunkle Bär müde auf seinem Sessel, bereit für den Winterschlaf. Der Konflikt ist in dieser gegensätzlichen Ausgangssituation schon vorprogrammiert – und nun hebt sich der Vorhang für eine Bilderbuch-Sitcom unter tierischen Nachbarn. Spätabends klopft die muntere Ente beim Bären an und konfrontiert ihn mit vielen Vorschlägen, wie sie die Nacht verbringen könnten. Sie bleibt mit ihren nerv­tötend-liebens­wür­digen Stör­aktionen so hartnäckig, dass dem übermüdeten Bären, der sich eben ins Bett legen wollte, der Kragen platzt.

Dass sich Autor Jory John mit (Bilderbuch-)Tieren und deren schwierigem Zusammenleben auskennt, hat er bereits in den Bilderbüchern «Roberta und Henry» und «Paule Pinguin allein am Pool» (beide Carlsen) gezeigt. «Du schon wieder!» nimmt diese Thematik wieder auf. Lebendigkeit entsteht durch den temperamentvollen verbalen Schlagabtausch der zwei Hauptfiguren sowie die ausdrucksstarken Illustrationen von Benji Davies, bekannt durch seine «Nick»-Geschichten. Er visualisiert die beiden Nachbarhäuser mittels intensiver Farben: Gelb für die taghelle Wohnung der Ente, verschiedene Blautöne für das Schlafzimmer des Bären. Gelungen sind auch die einzelnen Szenen mit den nächtlichen Beschäftigungsvorschlägen der Ente.

Eltern und ihre Kinder werden sich an eigene Erfahrungen erinnern und sich in Zukunft vielleicht – dank Bär und Ente – mit mehr Humor durch nächtliche Krisen manövrieren. Zudem könnte man sich in Kitas und Kindergärten zu dieser Geschichte gut eine Figurentheaterversion denken.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/19, S. 28

Die Uhr meines Grossvaters / El reloj de mi abuelo
Samuel Castaño Mesa
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2019, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-905804-91-1
Schlagwörter: Tod/Trauer | Abschied

«In unserem Haus gab es eine Pendeluhr, die viele Male am Tag schlug», erinnert sich der Ich-Erzähler. In diesem Augenblick – das Pendel im bleistiftgrau schraffierten Uhrenkasten schwingt gerade nach links – beginnt die Geschichte. Der Junge blickt von seinem gezeichneten Häuschen hoch. Uhr und Häuschen gleichen sich: eine rechteckige Form mit einem Dach drauf. Es sind die zarten Illustrationen, die diese Geschichte auf Anhieb so liebenswert machen. Dabei geht es um die magische Verbindung zwischen der Uhr und der Dimension Zeit, die sich der Junge buchstäblich erschliesst.

Der Tagesablauf der Familie folgt dem Takt der Pendeluhr: Vom Aufstehen und Frühstücken bis zum Schlafen in der Nacht. Es könnte ewig so weitergehen. «Doch eines Tages starb mein Grossvater», berichtet der Erzähler. Und wie ein Echo folgt jeweils der spanische Text im Original: «Pero mi abuelo un día se murió.» Im Sonntagsanzug liegt der Grossvater ausgestreckt da, mit grossem weissem Bart und roten Strümpfen. Friedlich, aber ganz starr wirkt er. Und nach der Beerdigung passiert – nichts: «Die Suppe wurde nicht heiss, die Wäsche trocknete nicht, die Pflanzen wuchsen nicht, die Avocados wurden nicht reif, die Blumen verwelkten nicht, das Kind meiner Tante kam nicht zur Welt.» Warum nur?

Im Nachwort schreibt der kolumbianische Autor und Illustrator Samuel Castaño Mesa, dass mit der Zeit auch der Tod kommt: «Die plötzliche Leere ermöglicht einen anderen Rhythmus und schafft Raum, so dass wir uns auf eine neue Weise und in neue Richtungen bewegen können.» Der Junge in der Geschichte findet den kleinen Schlüssel des Grossvaters und beschliesst, die Uhr selbst aufzuziehen. Sie war stehen geblieben. Alles pendelt sich wieder ein: Die Uhr tickt, die Tante seufzt, das Kind kommt zur Welt.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/19, S. 28

Otto Schaf will schwimmen
Annelies van Uden, Illustration: John Rabou
Verlag: Minedition, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86566-399-3
Schlagwörter: Tiere | Sport

Schwimmen, das wünscht sich Otto Schaf mehr als alles andere auf der Welt. Er möchte Brustschwimmen, Schmetterlingsschwimmen und Rückenschwimmen lernen, und er träumt vom Tauchen, Schnorcheln und Plantschen. Obwohl die anderen Schafe, und insbesondere seine Eltern, das Schwimmen für keine gute Idee halten, nimmt Otto eines Tages Anlauf und springt ins kühle Nass, hinein zu den Enten, Fischen und Fröschen, die er immer so gern beobachtet hat. Leider saugt sich seine Wolle voll; Otto droht unterzugehen. Nur mit Hilfe der Schafsherde schafft er es zurück an Land. An diesem Abend kann Otto vor Grübeln nicht schlafen: Es muss doch auch für Schafe eine Möglichkeit geben, zu schwimmen! Am nächsten Tag herrscht auf der Schafswiese reges Treiben. Es ist Zeit für einen neuen «Haar»-Schnitt. Und dann dämmert es Otto: Auch Schafe können schwimmen. Nur eben nicht ungeschoren …

Annelies van Uden und John Rabous Bilderbuch «Otto Schaf will schwimmen» enthält eine simple und doch überzeugende Geschichte mit einer kraftvollen Aussage: Träume können wahr werden – auch wenn erst alles dagegen zu sprechen scheint, und wenn auch vielleicht auf ganz andere Weise als vermutet. Die vielen Grünflächen in Rabous Illustrationen untermalen diesen positiven Grundgedanken, und das Blau des Wassers macht Lust auf einen Tauchgang im nächstgelegenen Gewässer. Die lustigen Illustrationen im Vorsatzblatt nehmen Ottos Abenteuer vorweg; im Nachsatz geben sie noch einmal den Spass wieder, den Otto nun, da er seinen Traum in die Tat umsetzen konnte, im Wasser hat. Zu empfehlen für grosse und kleine Wasserratten.

Manolya Özbilen
Buch&Maus 3/19, S. 28

Als die Tiere in den Wald zogen
Barbara Senckel, Illustration: Rotraut Susanne Berner
Verlag: C. H. Beck, Publiziert: 2019, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-406-73143-3
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Starke Märchen für starke Kinder

Volksmärchen sind ebenso faszinierend wie rätselhaft, da sie – aus mündlicher Erzähltradition stammend – durch ihre symbolische Bildhaftigkeit nie eindeutig interpretiert werden können. So gibt es im­mer wieder neue Ausgaben und Ansät­ze, wie die von Entwicklungspsychologin und Psychotherapeutin Barbara Senkel. «Als die Tiere in den Wald zogen» ist Märchensammlung und Handbuch in einem, von Rotraut Susanne Berner mit Schattenriss-Vignetten und tiefgründigen Farbtableaus in einen Prachtband verwandelt.

Das konzeptuelle Vorhaben ist ambitioniert: Die Herausgeberin zielt darauf, die aus ihrer Sicht «übergeordnete Frage aller Märchen: wie kann ein erfülltes, glückliches Leben gelingen?» zu beantworten. In insgesamt sieben Kapiteln wird vom Glück erzählt, «den eigenen Weg zu finden», «klein und pfiffig zu sein» oder «Kränkungen zu überwinden». Bis zu vier Märchen hat Senckel pro Kapitel ausgewählt, mit Blick auf Entwicklungsauf­gaben, die sich Kindern von drei bis acht
Jahren stellen.

Einleitend werden jeweils auf den Märchenstoff zugeschnittene kindliche Erlebnisweisen, Entwicklungsthemen und Kon­fliktpotenziale benannt. Nach dem Märchentext folgt eine inhaltlich belegte entwicklungspsychologische Deutung, be­vor der Stoff für Erwachsene als «innerpsychisches Drama» interpretiert wird.

Es ist ein populärwissenschaftliches Buch für Erwachsene, die mit fundierter und anregender psycho­logischer Hintergrundinformation ermu­tigt werden, mit Märchen die eigene Persönlichkeitsentwicklung und die ihrer Kinder zu stärken. Ob die genrebedingt wunder­samen Lösungsansätze der MärchenheldInnen als Wegweiser für ein glück­liches Leben in «grundsätzlicher Über­ein­stimmung mit dem eigenen Wesen» taugen, mag jede/r selbst entscheiden.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/19, S. 29

Die Killerkatze haut ab
Anne Fine, Illustration: Axel Scheffler
Aus dem Englischen von Bettina Münch
Verlag: Moritz, Publiziert: 2019, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-388-9
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft | Tiere

Kuschel ist Ellies Katze, aber nicht zum Kuscheln aufgelegt. Sie erinnert an die rabiaten Katzen von Wilhelm Busch, die stets andere piesacken und Wohnzimmer verwüsten. So auch Kuschel: Sie faucht das Baby an, pinkelt in die Topfpflanze und schmeisst den Fernseher um. Für alles hat sie eine Erklärung: «Und wer war schuld, dass ich es mit meinem Wahnsinnssprung nicht über den Fernseher schaffte? Ganz genau. Es war die Schuld von Ellies Mutter. Schliesslich werde ich von ihr gefüttert.» Dieses Mal hat sie es wohl übertrieben, denn die Familie überlegt, sie wegzugeben. Da fasst Kuschel einen Entschluss.

«Die Killerkatze haut ab» ist der dritte Band mit einer witzig-turbulenten Geschichte um den egozentrischen Charakter Kuschel. Kuschels Selbstbild wird in einigen Abenteuern auf die Probe gestellt, und da sie eine höchst eloquente Ich-Erzählerin ist, macht es richtig Spass, sie zu begleiten: als Strassenmusikerin, die verkannt wird, oder als verwöhnte Hauskat­ze, die einen Vogel nicht anrührt: «‹Komm schon!›, sagte ich zu mir. ‹Sei nicht so ein Weichei! Es ist Fleisch. Und es ist frisch. Gutes traditionelles Essen. Und du bist sehr, sehr hungrig.›»

Kuschel ist eine feine Beobachterin; die Schwächen anderer entlarvt sie mit bissigem Humor. Ellies Vater etwa nennt sie unter anderem «Mr. Ich-schnarche-nicht-ich-atme-nur-schwer». Schliesslich erkennt sie auch die eigene Überheblichkeit, aber erst, als sie gefangen in einem Käfig sitzt. Ellie rettet sie – ein Happyend, das froh stimmt. Denn Kuschel hat mutig neue Wege ausprobiert, um endlich zu merken, wie wichtig ihr andere wie Ellie oder ihre Katzenbande sind. Auch Wilhelm Busch hätte an der Geschichte seine Freude – besonders an den fabelhaften Illustrationen von Axel Scheffler.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/19, S. 29

Lotte und die Oma-Tage
Miriam Zedelius
Verlag: Hummelburg, Publiziert: 2019, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7478-0001-0
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Generationen | Alltag | Abenteuer

Vorlesegeschichten

Die Beziehung zwischen Enkelkindern und ihren Grosseltern ist etwas Besonderes. Die alte Generation besitzt in der Regel genug Erfahrungen, um verantwortungsvoll zu handeln, andererseits hat sie keinen Erziehungsauftrag mehr wie Eltern oder ErzieherInnen. Das gibt dem Zusammensein eine spielerische Leichtigkeit. Genau davon erzählen Miriam Zedelius’ Vorlesegeschichten «Lotte und die Oma-Tage».

Wann es wieder Montag ist und Lotte von Oma abgeholt wird, erkennt die Fünfeinhalbjährige daran, dass es Nudeln zum Mittagessen gibt. Mit Bildsymbolen wie die­sem verankert Zedelius die Kinder­perspektive glaubhaft im Text. Auch auf andere Weise verleiht die Autorin und Illustratorin ihrem Text sprachmetaphorisch eine zusätzliche Ebene. Da ist zum einen die Strukturierung der Handlung: Die 18 in sich abgeschlossenen Episoden stellen ebenso viele Montage dar, die immer gleich anfangen und gut enden. Ob «Picknick», «Bibliothek» oder «Schwimmbad»: Die aussagekräftigen Titel erleichtern die Auswahl.

Für die gemeinsamen Tage lässt sich Lottes Oma immer etwas einfallen. Mal bringt sie einen Hund mit, mal veranstaltet sie ein Picknick oder ist einfach faul. Diese Grossmutter hat ein eigenes Leben, eigene Bedürfnisse und Gefühle und ist zudem spontan, wild und verspielt. Wenn Lotte oder Oma schlechte Laune haben, sammeln sie Schimpfwörter und werfen sie in die Waschmaschine. Metaphorisch reingewaschen wird aus «Schrottkompott» «Kuschel-Muschel». Sol­che Komposita initiieren in witzigen, anschaulichen Vorstellungsbildern eine kreative und lebendige Zweisamkeit.

Diese Zweisamkeit kann man auch beim Vorlesen erleben. Und auch die zweifarbigen, mit blauem und rotem Strich gezeichneten Illustrationen halten diese schö­nen gemeinsamen Momente fest: wie Erinnerungen.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/19, S. 30

Elise und der gebrauchte Hund
Bjarne Reuter
Aus dem Dänischen von Knut Krüger
Verlag: dtv, Publiziert: 2019, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76254-0
Schlagwörter: Freundschaft | Alltag | Abenteuer | Tiere

Elise will unbedingt einen Hund. In Herrn Potifars Tierparadies entdeckt sie einen, der aussieht wie vom Laster überrollt. Er ist dick und rund, hat dürre Beine und Ohren, die in verschiedene Richtungen vom Kopf abstehen, und – er lächelt! Sofort weiss Elise, dass sie diesen süssesten Hund der Welt haben muss.

Ihr Vater ist allerdings wenig angetan von der Idee, einen Hund zu kaufen (schliesslich sind die so teuer), und noch weniger davon, ein Exemplar ins Haus zu nehmen, das dermassen kaputt aussieht. Doch Elise lässt nicht locker. Und als sie ihren neuen Freund auf den Namen Prinz Eisenherz taufen will, passiert das Unglaubliche: Der Hund spricht! Er behauptet, sein Name sei McAduddi und er käme eigentlich aus Schottland. Von da an erleben Elise und ihr Hund ein Abenteuer nach dem anderen.

Man könnte meinen, ein sprechender Hund sei das Schrägste an dieser Geschichte, doch weit gefehlt: Elises Familie, die aus ihrem Vater, ihrer Tante Fie, ihrer Grossmutter und ihrem Urgrossvater besteht, besticht durch ihren ganz eigenen Charme. Und so folgt man ihr auf ihren alltäglichen ungewöhnlichen Abenteuern: auf der Vampirjagd an Halloween; der Geschenkejagd in der Weihnachtszeit und einer Kutschfahrt an Mariä Lichtmess durch eine Stadt in Dänemark. McAduddi wird mit seinen vielen altklugen Sprüchen in kürzester Zeit zu Elises bestem Freund. Er hilft ihr oft über die Einsamkeit hinweg, die sie verspürt, weil sie ihre Mutter vermisst, die im Regenwald an einem Hängebrücken-Projekt arbeitet.

Mit seinem «gebrauchten Hund» hat Bjarne Reuter eine Figur erfunden, die man sofort ins Herz schliesst. Miryam Spechts Illustrationen erwecken McAddudi und Elise zum Leben und bringen noch mehr Schwung in diese schräge und doch sehr tiefgründige Geschichte.

Manolya Özbilen
Buch&Maus 3/19, S. 30

Ein Kater sieht rot
Irene Zimmermann, Illustration: Stefanie Jeschke
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2019, Seiten: 184, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-280-08011-5
Schlagwörter: Abenteuer | Tiere

«KA-KA-KATASTROPHE!», stottert Eich­hörnchen Uwe, seines Zeichens hibbeliger und zu Hysterie neigender Sicherheitsbeauftragter in Irene Zimmermanns ebenso turbulentem wie lustigem Kinderroman. Meistens ist es dann Fehlalarm, manchmal aber auch ein wichtiger Warnruf, den Uwes MitbewohnerInnen gerne igno­rieren. Uwe lebt zusammen mit dem vierschrötigen Hausmeister-Waschbär Rüdiger und dem faulen, verfressenen Tigerkater Ferris in der verlassenen Villa eines Fischkonservenhändlers, in deren Keller sich paradiesischerweise noch 46 Kartons mit Heringsdosen befinden. Und damit fängt das Problem an: Die Mäuse Marlene und Alice sind spurlos verschwunden, und nun hat Kater Ferris keinen mehr, der ihm um Punkt 9, 12 und 19 Uhr sein Lieblingsfutter öffnen kann.

Die Spur führt zum kauzigen Nachbarn Otti Knirschke, von dort in die stadtbekannte Magic-Maus-Disco und über allerhand Zickzackfährten zur Queen, einer fiesen Diva-Katze, die schon lange das Viertel tyrannisiert. Ob sie Alice und Marlene entführt hat? Schon bald finden Ferris und seine Freunde ein Erpresserschreiben im Briefkasten. Gefordert werden als Lösegeld exakt 46 Kartons mit Hering in Tomatensauce. Das ist wirklich eine Katastrophe! – Die nach einem genialen Plan verlangt …

Fabulierlustig und mit viel Sinn für pointierte Dialoge und Situationskomik erzählt Irene Zimmermann eine spannen­de Detektivgeschichte in originellem Setting. Dabei bevölkert sie ihren Kosmos mit eigenwilligen ProtagonistInnen mit allzu menschlichen Eigenschaften und stattet deren Welt mit vielen verspielten Details aus. Kongenial bebildert Stefanie Jeschke die Geschichte auf jeder Seite mit witzigen Bildern. Bestes Lesefutter!

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/19, S. 30

Jeder Tag ist Ida-Tag
Antje Damm
Verlag: Moritz, Publiziert: 2019, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-383-4
Schlagwörter: Spiel | Alltag

Das Jahr hat 365 Tage. Aus dem Leben von Ida lernen wir in Antje Damms «Jeder Tag ist Ida-Tag» 44 davon kennen. Doppel­sei­tenweise ­sind sie immer gleich gestaltet: Die linke Buchseite füllt dick aufgetragene, hellblaue Farbe. Darauf verteilt sind mit blauer Kontur gezeichnete und weiss hinterlegte Requisiten aus Idas Welt.

Anfangs ist es nur ein Spielauto, mit jeder Geschichte aber kommt ein Ding da­zu: Buntstifte, Puppenwagen, Wollknäuel, Pausenbrot und sogar eine Klobürste – alles wild durcheinander. Nur die Karotten, der Hut eines Pilzes und das Flämmchen einer Kerze sind nicht weiss, sondern orangerot gefärbt, so wie Idas Haare. Die visuelle Verbindung liegt im bildhaften Vergleich: Sind es karottenrote oder gar flammrote Haare wie ein Fliegenpilz? Der Farbton jedenfalls signalisiert: Ida ist ein Energiebündel.

Was das genau bedeutet, erzählen die Epi­soden auf der rechten Buchseite. Ob «Wintertag» oder «Krankheitstag», das jeweilige Tages-Motto ist als Titel gestempelt. Cartoonartig, in Bild und Text, stellen vier bis sechs Einzelszenen einen Lebensmoment vor, Pointe inklusive.

Immer dabei ist Idas Hase. Ganz sicher weiss man nicht, ob er ein Plüschtier ist. Man hofft es, denn Ida geht nicht gerade zimperlich mit ihm um, einmal ertrinkt er sogar fast in der Badewanne. Ihre Eltern sind nicht zu sehen, ab und an aber zu hören. Der Fokus liegt auf Ida, die als lustbetontes, impulsives, launisches und selbstbezogenes Kind zur Identifikation einlädt: «Ich hab den Papa lieb. Und die Mama erst. Manchmal sogar meinen Bruder. Aber dich hab ich am zweitliebsten. Du kommst gleich nach mir!», sagt Ida zum Hasen. Antje Damm gelingt es in ihrem Buchkunstwerk, Kindersicht und -mund so zu inszenieren, dass auch die Elternperspektive sichtbar wird – auf sehr amüsante Weise.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/19, S. 31

Mino und die Kinderräuber
Franco Supino
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2019, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85546-350-3
Schlagwörter: Generationen | Familie/Familienformen | Abenteuer

Was verbindet die Enkel- und Urenkelgeneration der italienischen EinwandererInnen in der Schweiz noch mit der Heimat ihrer Vorfahren? Der italienische Name? Das Familienrezept für die besten Gnocchi? Die Lebensrealitäten der längst als SchweizerInnen wahrgenommenen Kinder unterscheiden sich frappant von jener ihrer Gross- und Urgrosseltern. Chia­ras Nonno etwa ging in Süditalien nur zwei Jahre zur Schule. Dann schickte ihn seine Mutter als Knecht zu einem Bauern.

Die Geschichte von Mino, der – ganz ähnlich wie die Tessiner Kaminfegerjungen – nach Neapel verkauft wird, erzählt Franco Supino auf zwei Ebenen nach. Als die heute lebende Chiara mit ihren Freund­Innen Selma und Drago in der Schule eine Abenteuergeschichte schreiben sollen, erinnert sie sich an die Erzählungen des verstorbenen Nonno. Die drei schreiben sich in Minos Geschichte zur Zeit des zweiten Weltkrieges hinein und retten sich aus den Fängen eines Kinderräubers. Der Nougat-Aufstrich, den der Neapolitaner Zuckerbäcker produziert, stellt eine Verbindung zur heutigen Lebenswelt der Kinder dar.

Literarische Kritik nimmt das Buch gleich schon selbst vorweg, wenn die drei Kinder von ihren KlassenkameradInnen Rückmeldungen zu ihrem Aufsatz bekommen. Hinzuzufügen wäre: Für eine 6 hätte die Abenteuergeschichte vielleicht noch etwas mehr Spannung und Gefühl ertragen können. Was geht in den Köpfen der Kinder vor, wenn sie eine Bombe auf Neapel fallen sehen? Wie nervenzerreissend sind die Stunden, bis Drago und Mino aus dem Lastwagen gerettet werden? Die Botschaft, die Supino weitergeben möchte, und Generationenforscher François Höpflinger im Nachwort unterstreicht, kommt aber klar zur Geltung: Grosseltern, sprecht mit euren EnkelInnen! Nur so werden wertvolles Wissen und gute Geschichten weitergegeben.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/19, S. 31

Roberta verliebt
Judith Burger, Illustration: Ulrike Möltgen
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2019, Seiten: 200, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6016-8
Schlagwörter: Liebe | Gefühle | Familie/Familienformen | Generationen

Roberta ist verliebt. Und wie! Immer und überall muss sie an Felix denken, den Neuen in ihrem Malkurs. «Er ist in ihrem Kopf, ihrem Herz und ihrem Bauch.» Ein bisschen früh, findet ihre Mutter. Schliesslich ist Roberta erst elf. Und «sich verlieben. So was kommt doch erst viel später!» Roberta weiss es besser: «Obwohl ich bisher nicht wusste, wie sich das anfühlt, bin ich mir GANZ sicher.» Gut, dass sie Hedi hat. Die feine, alte Dame, so etwas wie Robertas Ersatz-Oma, nimmt sie ernst und hilft ihr, all die neuen Gedanken und Gefühle einzuordnen. Sie gibt ihr Tipps, wie sie Felix auf sich aufmerksam machen kann, und ist da, als alles anders läuft als es laufen soll. Denn es dauert lange, bis Roberta Felix näherkommt. Weil seine Mutter frisch verliebt ist, musste er umziehen, ist nun neu in der Stadt, unglücklich und wütend auf die ganze Welt.

Judith Burger lässt uns tief in die Gefühle und Gedanken ihrer feinfühligen Ich-Erzählerin eintauchen. «Mir war es wichtig zu zeigen, dass Kinder ihre Gefühle ernst nehmen und dass die Erwachsenen diese Gefühle eben auch ernst nehmen müssen», erklärt die Autorin im Interview. Es ist ihr geglückt. «Roberta verliebt» erzählt kraftvoll von den Gefühlswirren der ersten Liebe, mit Robertas Empfindungen im Vordergrund. Aber auch ihre Mutter, Hedi, eine Schulfreundin, der Zeichenlehrer und Felix’ Mutter, haben etwas über die Liebe zu sagen und darüber, was sie mit den Menschen macht.

Die stimmungsvollen Schwarzweiss-Zeichnungen von Ulrike Möltgen greifen Schlüsselszenen heraus, fesseln ebenso wie die Erzählung. «Verliebtsein fühlt sich leicht an und ist gleichzeitig anstrengend. Beides zusammen», stellt Roberta irgendwann fest. «Vielleicht ist es der rätselhafteste Zustand auf dieser Welt?» Judith Burgers Kinderbuch erzählt eindringlich und authentisch davon.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/19, S. 31

Haus ohne Spiegel
Marten Sandén
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2019, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5464-6
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Generationen

Weil ihre Urgrossmutter Henrietta im Sterben liegt, zieht Thomasines Vater in deren Haus, um jederzeit nach ihr sehen zu können. Auch seine Geschwister leben während dieser Zeit des Wartens dort, aber ihnen ist deutlich anzumerken, dass sie ihre Zeit nicht gerne in Henriettas Anwesen verbringen. Die Stimmung ist gedrückt. Die Kinder vertreiben sich die Zeit in dem riesigen, fast leer stehenden Haus mit Versteckspielen. Das wird richtig spannend, als Thomasine und die kleine Signe in einem Schrank nicht nur sämtliche Spiegel des Hauses finden, sondern auch eine Art geheimen Durchgang in einen Teil des Hauses, der noch voller Leben ist.

Dort lernen sie die kleine Hetty kennen, deren zugewandte, ruhige und freundliche Art etwas in den Mädchen zum Klingen bringt. Jedes von ihnen fühlt sich durch die Begegnung mit Hetty verändert. Doch wer ist sie? Ein Geistermädchen? Eine lebendig gewordene Erinnerung an eine lange vergangene Zeit? Klar ist nur, dass die Streifzüge durch das Haus ihrer sterbenden Urgrossmutter Thomasine viel mehr über deren Leben vermitteln, als es die alte Dame selbst vermocht hätte.

Mårten Sandén erzählt leise und unaufgeregt und schafft es dennoch, seine Leser­Innen zu packen. Diese müssen jedoch eine gewisse Bereitschaft mitbringen, sich auf die mystische und psychologische Komponente des Texts einzulassen und die berührende Botschaft um die Bedeutung von Wurzeln und Familiengeschichte hinter allem zu finden. «Haus ohne Spiegel» ist kein einfaches Kinderbuch, aber dafür eines, das auch Erwachsene noch tief berühren kann.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/19, S. 32

Jetzt noch ein Gedicht, und dann aus das Licht!
Kenn Nesbitt, Illustration: Christoph Niemann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2019, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26438-0
Schlagwörter: Alltag | Schlaf/Einschlafen

Gedichte zur guten Nacht

174 poetische Texte bilden den Inhalt dieser Lyriksammlung für Kinder. Neben Non­sensversen und wort­witzigen Reimen finden sich Texte, die zum Nachdenken über Lebens- und Alltagsfragen anregen wollen. Da ist zum Beispiel das Gedicht vom trotzigen Schaf, das sich wei­gert, «Mäh» zu sagen. Da ist der Vers über eine zwölffüssige Schlange, die sechs Paar neue Schuhe braucht. Da ist die gereimte Liebeserklärung eines Kindes an seine zerkaute, verschmuddelte Knuddel-Decke; ein Brief an die Zahnfee und ein gereimter Abenteuerbericht aus Schlummerland. Es gibt Unsinnsgeschichten über singende Tintenfische und 17 Schwes­tern, deren geballte Haarpracht den Duschabfluss verstopft. Da wird über den Herbst und den schmelzenden Schneemann nachgedacht, der wunderwarme Pyjama und der Teddybär besungen. Und natürlich sind da auch klassische Gute-Nacht-Gedichte über Mondmäuse, Morgensterne und Nachtflüge, die einen sanft ins Land der Träume begleiten.

Der preisgekrönte Illustrator Christoph Niemann beweist ein feines Gespür für die lyrischen Texte. Seine erfrischenden, farblich dezenten Illustrationen führen uns das Absurde, Liebenswerte oder Freche der einzelnen Gedichte mit dicken Tinten- oder feinen Buntstiftstrichen noch einmal vor Augen. Der in sieben Abteilungen gegliederten Sammlung vorangestellt ist ein Vorwort von Michael Krüger. Der ehemalige Leiter der Carl Hanser Literaturverlage fasst kurz und prägnant seine Überlegungen zur Bedeutung von Lyrik für Kinder zusammen: «Wir machen uns nur selten klar, dass wir nur einmal leben. Wir wären also sehr dumm, wenn wir in diesem Leben nicht alles Mögliche unterbringen, auch die komischen und die traurigen Verse, die auf sehr viel kürzere Weise als alle Lehrer und alle Erziehungsberechtigten ausdrücken, um was es geht.»

Alice Werner
Buch&Maus 3/19, S. 32

Spring! Vor allem über deinen Schatten
Mina Teichert
Verlag: Planet!, Publiziert: 2019, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-50632-8
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft | Krimi/Thriller | Aussenseiter:in/Mobbing

Als Penelope, genannt Pebbels, und Corinne, genannt Coco, aufeinandertreffen und beschliessen, Freundinnen zu werden, kollidieren zwei Welten, die zunächst nichts gemeinsam haben: Pebbels ist leise, hat ADHS und vergisst viel, weil äussere Einflüsse ihre Gedanken auf andere Wege lenken und sie sich nur schlecht konzentrieren kann. Sie setzt sich kaum gegen fiese MitschülerInnen zur Wehr, sondern lässt sich ausnutzen und nahezu alles mit sich machen. Coco hingegen ist das komplette Gegenteil: Sie ist laut, flucht wie ein Gassenjunge, lebt auf dem Schrottplatz bei Tante und Onkel, während ihr Vater als Schausteller in einer Geisterbahn Geld verdienen muss.

Und doch ergänzen sich beide Wel­ten perfekt: Während Coco zunächst Pebbels zu mehr Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein verhilft – Pebbels schafft es schliesslich, sich bei ihren Mitschüler­Innen Respekt zu verschaffen –, ist es Pebbels, die Coco bei der Aufklärung eines Verbrechens helfen kann, sodass Cocos Vater seine Stelle als «Geisterbahn­erschrecker» nicht verliert.

Teichert nutzt ihren Roman, um nicht nur ADHS als Krankheit darzustellen – durchaus kindgerecht und verständlich –, sondern auch die Konsequenzen aufzuzeigen, die aus einer solchen «Krankheit» resultieren können, namentlich das Mobbing in der Schule, dem Pebbels ausgesetzt ist. In «Spring! Vor allem über Deinen Schatten» sind es besonders die Charaktere, die überzeugen, wobei vor allem Coco durch ihr loses Mundwerk auffällt. Daneben präsentiert sich Teicherts Roman als Mischung aus Freundschafts-, Abenteuer- und schliesslich auch Detektivgeschichte, die junge LeserInnen kurzweilig unterhalten wird.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/19, S. 32

Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte
Dita Zipfel, Illustration: Rán Flygenring
Verlag: Hanser, Publiziert: 2019, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26444-1
Schlagwörter: Generationen | Humor/Komik | Identität/Individualität

«Bah! Ein Mädchen!» – so beginnt die abenteuerliche Begegnung der zwölfjährigen Lucie mit Herrn Klinge. Dabei versprach dessen Supermarktaushang das Ticket in ein besseres Leben: 20 Euro pro Stunde fürs Gassigehen! Das bedeutet, dass Lucie bald von zu Hause ausziehen und ihr Zimmer Mamas nervigem Esoterikfreund Mi­chi überlassen kann. Dann aber gibt es gar keinen Hund; stattdessen einen barfüssigen und grantigen Opa in Outdoor-Uniform, der ihr erst den Smoothie aus der Hand grapscht und darauf die Tür zuknallt. Doch Lucie ist hartnäckig, und so hat sie den Job als Ghostwriterin für diesen verrückten Hexenmeister, der ihr Rezepte für sein geheimes Buch «Kochen für Killer – Enzyklopädie der Wunderwesen» diktiert – die sie noch dazu mit Feder und Tinte niederschreiben muss!

Was es mit seinen Zaubertränken aus Nixenhirn (Himbeere), Drachenherz (Tomate) oder Werwolfspucke (Honig) auf sich hat und wie sie Lucies Leben verändern, das lässt Autorin Dita Zipfel die Protagonistin ihres preisgekrönten ersten Jugendbuchs so schnoddrig wie selbstbewusst erzählen. Die norwegische Künst­lerin Rán Flygenring («Frerk, du Zwerg!», «Maulina Schmitt») bebildert üppig und ausdrucksstark in Neon-Orange und Schwarz. Und weil Aussenseiterin Lucie Menschen meist nur erträgt, wenn sie diese als anthropologische Forschungsobjekte betrachtet, gibt es dazu jede Menge Diagram­me und Beobachtungslisten. Klinges Kosmos allerdings sprengt alles – oder ist die Wahrheit nur eine Frage der Perspektive? Jedenfalls hüpft Lucie mit Klinge bald nicht nur bei bizarren Ritualen auf dem Friedhof herum, sondern testet auch sein Liebesketchup an Marvin aus.

«Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte» ist eine grandiose Geschichte für alle, die noch neugierig sind auf Welten fern der Norm – originell, fantasiestrotzend, mit umwerfenden Dialogen und viel Situationskomik geschrieben.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/19, S. 33

Licht und Schatten
Zoran Drvenkar
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2019, Seiten: 584, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75462-2
Schlagwörter: Historisches | Fantastik/Fantasy | Streit/Konflikt

Wie verrückt darf man sich beim Weltenbauen in der Fantasy austoben? Bei Zoran Drvenkar ist alles möglich. Mythen, Klassiker der Weltliteratur, Geschichtsschreibung, Abenteuerliteratur, Thriller und Esoterik – er scheut nicht vor Auren und Mudras zurück – verbinden sich zu einem vibrierenden Geflecht, einem literarischen Humus, aus dem sich Überraschendes, Mitreissendes und Berührendes hervorfabulieren lässt. Bei Drvenkar ist das mehr als nur ein Schreibverfahren. In seiner Poetik des Verbindens und Verwandelns manifestiert sich auch eine ethische Haltung, wie im neuen Roman «Licht und Schatten» deutlich wird. Der Kampf des Lichts gegen die Dunkelheit ist hier nicht etwa eine Neuauflage des guten alten Kampfes gegen das Böse, wie es durch Sauron oder Voldemort verkörpert wird. Ursprünglich gab es in der Welt von «Licht und Schatten» nur das Licht, bis die Versuchungen von Neid, Missgunst und Macht die Urkräfte verwirrten. Gefährlich sind Angst und Hoffnungslosigkeit, deshalb ist es die Aufgabe eines kleinen Mädchens, Vida, gegen diese Schatten anzutreten.

Was einen an diesem dicken Roman immer wieder neu verzaubert, ist, wie Drvenkar eine fast abstrakte Idee einer für das menschliche Denken unfassbaren Zeitlichkeit im Zusammenspiel von Figuren und Welt lebendig macht. Dazu trägt das nicht nur fantastische, sondern auch historische Setting bei: Vidas Geschichte beginnt nämlich 1704 in Sibirien und führt nach St. Petersburg. Die Kälte in Schnee und Eis, der schmerzende Hintern auf dem Pferd, die plötzliche Wärme des Feuers; die Art, wie die Figuren reden, ob auf dem Land oder bei Hof, lässt die Sinnlichkeit einer anderen Zeit entstehen. Zum Gelungensten gehören die Kapitel, in denen vom bewegten Leben eines Jahrmarktbärs erzählt wird; wie er die Welt wahrnimmt und wie er fühlt, ohne ganz fremd, aber auch ohne ganz Mensch zu sein.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/19, S. 33

Bus 57
Dashka Slater
Aus dem amerikanischen Englisch von Ann Lecker
Verlag: Loewe, Publiziert: 2019, Seiten: 400, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7432-0363-1
Schlagwörter: Rassismus | LGBTQ* | Gewalt | Identität/Individualität

In «Bus 57» erzählt die amerikanische Journalistin Dashka Slater die Geschichte zweier Teenager, die in mehrfacher Hinsicht aus dem «System» fallen. Es ist eine Geschichte, die bestenfalls dazu führt, dass wir unsere eigenen Kategorien und Denkschemata hinterfragen. Auf dem Weg dorthin zeigt sie auf, was passiert, wenn wir uns als Menschen nicht mehr erkennen, wenn wir uns nicht mehr verstehen wollen und können, sondern andere nur noch als bedrohliche Abweichungen einer Norm wahrnehmen – Abweichungen, die uns derart irritieren, dass wir uns angegriffen fühlen und deshalb angreifen.

«Bus 57» beruht auf einer wahren Begebenheit, dem Aufeinandertreffen von Sa­sha und Richard. Es sind zwei Jugendliche, die das Gleiche wollen: gesehen und anerkannt werden als diejenigen, die sie sind. Sasha identifiziert sich selbst als agender, was im Text durch das Pronomen «sier» umgesetzt wird. Im Umfeld der Privatschule, die Sasha besucht, interessiert dies im positiven Sinne niemanden. Richard ist Afroamerikaner, was ausreicht, damit ihm ein gewisses «Potenzial» zugeschrieben wird. Und dann treffen die beiden im Bus der Linie 57 aufeinander, und Richard zündet Sashas Rock an.

«Bus 57» schildert nicht nur Sashas und Richards Geschichte bis zu diesem Vorfall, sondern auch das, was danach geschieht: wie die Justiz auf ihre eigenen Vorurteile hingewiesen werden muss; wie die Öffentlichkeit das Ausmass der Tat potenziert und weiteren Unmut schürt; wie das jeweilige Umfeld der Jugendlichen die Tat zu verstehen und zu verarbeiten versucht. Ganz ohne Pathos erzählt der Roman letztlich von Menschen, die einander nicht bestrafen wollen für das, was geschehen ist, sondern die schliesslich den Mut aufbringen, einander verstehen zu wollen – auch, um sich selbst besser zu verstehen.

Nadine Bieker
Buch&Maus 3/19, S. 34

An Nachteule von Sternhai
Holly Goldberg Sloan, Meg Wolitzer
Aus dem amerikanischen Englisch von Sophie Zeitz
Verlag: Hanser, Publiziert: 2019, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26432-8
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Freundschaft

E-Mail-Romane gab es schon einige. Diese Koproduktion der beiden Bestsellerautorinnen Holly Goldberg Sloan und Meg Wolitzer aber liest sich wie das Drehbuch für einen erfolgreichen amerikanischen Familienfilm. In den Hauptrollen: Zwei Fast-Teenies, die mit ihrer Korrespondenz ein turbulentes Gefühls-Tohuwabohu mit vielen Zickzackwendungen auslösen, Happy End inklusive. Das Fazit: Familie ist weniger eine Blut- als eine Herzensangelegenheit, und sie kann sich mehrfach ändern. Also mach das Beste daraus, sei offen und tolerant!

Davon ist die zwölfjährige Bett meilenweit entfernt, als sie der gleichaltrigen Avery mailt, die sie noch nie gesehen hat. Aber schliesslich gilt es eine Katastrophe zu verhindern. Die alleinerziehenden Vä­ter der beiden Mädchen haben sich nämlich unsterblich ineinander verliebt und planen nun nicht nur einen Motorradtrip durch China, sondern wollen ihre Töchter auch zwecks späterer Familiengründung in einem Streber-Camp verbandeln.

Freundinnen werden? Ausgeschlossen! Darüber sind sich die beiden Schreiberinnen einig, die ansonsten kaum unterschiedlicher sein könnten: Bett liebt Tiere und Wassersport, ist impulsiv, mutig und eigenwillig; Avery grübelt viel, will Schriftstellerin werden, hat Schlafstörungen und viele Ängste. Erst misstrauisch und eifersüchtig, dann zunehmend interessiert lernen sie sich kennen, teilen als Nachteule und Sternhai ihre Sorgen und Ängste, schmieden Pläne und werden im Camp Wahlschwestern. Als sie Averys biologische Mutter ins Boot holen und ihre Väter sich verkrachen, müssen sie noch einmal um ihr Glück kämpfen – dieses Mal für eine Patchwork-Familie. «An Nachteule von Sternhai» ist eine ebenso lebendige wie unterhaltsame Lektüre mit verschiedenen SprecherInnen und viel Liebe.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/19, S. 34

Long Way Down
Jason Reynolds
Aus dem amerikanischen Englisch von Petra Bös
Verlag: dtv, Publiziert: 2019, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-65031-1
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Tod/Trauer | Identität/Individualität | Gewalt

«Die Regeln / sind Die Regeln.» Jeder in Wills Viertel kennt sie: 1. niemals weinen; 2. niemanden verpfeifen und 3. sich rächen. «Wird jemand den du liebst / getötet / finde den / der getötet hat / und töte ihn.»

Shawn ist auf offener Strasse erschossen worden. Am Morgen danach steigt der 15-jährige Will – die geladene Waffe seines toten Bruders im Hosenbund – in den Aufzug, wild entschlossen, den Mörder zu töten. Auf dem Weg aus dem achten Stockwerk in die Lobby stoppt der Lift auf jeder Etage. Jedes Mal steigt eine Person zu. Shawns toter Freund Buck (auf der Strasse erschossen), Wills Freundin Dani (mit acht Jahren auf dem Spielplatz in einen Kugelhagel geraten), sein Onkel Mark (beim Dealen erschossen), Wills Dad (in einer Telefonzelle erschossen), Frick (der Buck erschossen hat), zuletzt Shawn. Die Zeit scheint still zu stehen, während die Toten mit Will im Aufzug stehen, rauchen und reden und Will mehr und mehr an seinem Vorhaben zweifeln lassen.

Acht Bücher hat Jason Reynolds in den vergangenen drei Jahren geschrieben. In jedem erzählt der afroamerikanische Autor auch ein Stück seiner eigenen Geschichte. So auch in «Long Way Down». In Washington D.C. geboren, wuchs Reynolds wie Ich-Erzähler Will in einem Viertel auf, in dem Schiessereien, Drogen und Aids zum Alltag gehörten. Neu ist, dass Reynolds in freier Versform über den Alltag Schwarzer Jugendlicher erzählt. Oft stehen nur wenige Worte auf einer Seite – und doch strotzt auch dieser Roman wieder nur so vor Rhythmus und Melodik: Es ist geschriebener Rap, der etwas mit dem Leser, der Leserin macht.

Mit den Worten «Kommst Du?» endet der Roman. Reynolds lässt offen, wie Will sich entscheiden wird. Gelingt es ihm auszusteigen? Den Teufelskreis aus Gewalt, Hass und Rache zu durchbrechen? Auf alle Fälle ist der Roman intensiv, fesselnd, authentisch, beklemmend – und er bietet viel Gesprächsstoff für Jugendliche.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/19, S. 34

Immer kommt mir das Leben dazwischen
Kathrin Schrocke
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2019, Seiten: 181, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-142-9
Schlagwörter: Generationen | Familie/Familienformen

Karls Leben wird kompliziert, als ihm sein verstorbener Opa im Traum erscheint und ihm rät, Youtube-Star zu werden. Als wäre das nicht genug, beschliesst seine Oma in ein Mehrgenerationenhaus zu ziehen, das von Karls Eltern, seiner Tante und seinem Onkel als Hippie-Projekt abgelehnt wird. Karl und seine beiden Cousins helfen der Oma jedoch beim nächtlichen Umzug, ohne ihren Eltern etwas davon zu verraten – bis Karls Vater ebenfalls im Wohnprojekt unterkommt, weil er und seine Frau eine Beziehungspause brauchen. Diese Krise wiederum resultiert aus der Tatsache, dass sich Karls Mutter in ihren Chef verguckt hat. Karls Projekt, ein Youtube-Star zu werden, scheint zu scheitern, bis sich sein heimlicher Schwarm Irina, Schulkameradin und Nachbarin, einmischt und ihm Tipps gibt.

In locker-leichter und unterhaltsam amüsanter Sprache gelingt es Kathrin Schrocke, die LeserInnen in ihren Bann zu ziehen und in Karls Leben eintauchen zu lassen, das geprägt ist von zahlreichen Turbulenzen. Es sind vor allem die ProtagonistInnen, denen Schrocke durch kleine Eigenheiten Kontur verleiht, sie zum Leben erweckt und die Handlung tragen lässt. Der Jugendroman greift – bei allem Witz – aktuelle Themen auf, wobei vor allem das Leben im Alter im Fokus steht und die damit einhergehende Frage, wie man diesen Lebensabschnitt verbringen möchte. Reicht die Familie aus? Sucht man sich neue Beschäftigungen und neue Freunde? Ist es erlaubt, sich im Alter neu zu verlieben? Unterhaltsam und mit gekonnter Leichtigkeit sensibilisiert Schrocke so für Themen, die sehr viele von uns irgendwann einmal betreffen werden.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/19, S. 35

Alles okay
Nina LaCour
Aus dem amerikanischen Englisch von Sophie Zeitz
Verlag: Hanser, Publiziert: 2019, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26435-9
Schlagwörter: Tod/Trauer | Erwachsenwerden

Was sorgt dafür, dass ein Leben wird, wie es wird? Und was bleibt in einem Menschen unveränderlich, egal, welchen Verlauf sein Schicksal nimmt? In der Stille ihres Wohnheimzimmers, 5000 Kilometer von ihrer alten Heimat Kalifornien entfernt, hört Marin jeden ihrer Gedanken dröhnen. Nach einer Familientragödie will sie Weihnachten allein verbringen und sich neu sortieren. Das Unglück, das ihre Kindheit beendet und wie eine bedrohliche Wolke über ihrem neuen Lebensabschnitt an einem kleinen College an der Ostküste hängt, ist der Selbstmord ihres Grossvaters – und die von Verlustgefühlen und Einsamkeit geprägte Zeit danach.

In Rückblicken erfahren wir Marins Geschichte: dass ihre Mutter mit 24 Jahren an den Folgen eines Surf-Unfalls starb, dass ihr Vater nie von ihrer Existenz erfuhr und ihr verschrobener Grossvater sie liebevoll und freiheitlich erzog. Chronologisch folgen wir Marins Lebensspur, erfahren von prägenden Ereignissen und teilen mit ihr bittersüsse Erinnerungen. Dann sprengt der Tod ihres geliebten Gramps alles bisher Gewesene und entlarvt ihr Leben als von Lügen geprägte Farce. Für Marin ist das ein Schock, mit dem sie nur dank der energischen Hilfe ihrer einstigen besten Freundin Mabel umgehen lernt.

Nina LaCour nimmt den Werdegang ihrer jugendlichen Heldin sehr ernst. Und so ist «Alles okay» ein anspruchsvoller Entwicklungsroman voller Wendepunkte, Rückschläge und Hoffnungsschimmer, Glück und Pech, grosser Gedanken und noch grösserer Liebe. Weil LaCour ihre Charaktere beim Erzählen sorgfältig und leidenschaftlich skizziert, ihre Fehler entblösst, aber gleichzeitig um Verständnis für ihre Figuren wirbt, dringt man als Leser­In bis in den letzten Winkel ihrer Herzen vor. Derart berührt hält man der gewaltigen Emotionalität des Romans – der leicht ins Pathetisch-Peinliche hätte kippen können – stand.

Alice Werner
Buch&Maus 3/19, S. 35

Poet X
Elizabeth Acevedo
Aus dem amerikanischen Englisch von Leticia Wahl
Verlag: Rowohlt, Publiziert: 2019, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-499-00186-4
Schlagwörter: Identität/Individualität | Geschlechterbilder | Kreativität

In «Poet X» erzählt die US-Poetry-Slammerin Elizabeth Acevedo von einer jungen Frau, die nicht so sein kann, wie es ihre aus der Dominikanischen Republik emigrierte Familie will – fromm und gehorsam. Stattdessen ist die junge Frau, wie ihr Name Xiomara es bedeutet, «eine, die zum Kämpfen bereit ist». Von ihrer strenggläubigen Mutter fühlt sich Xiomara unverstanden, von den Regeln und Verboten eingeengt und unterdrückt. Als sie beginnt, die Doktrin der Kirche zu hinterfragen und das Abendmahl zu verweigern, eskaliert der Konflikt mit ihrer Mutter. Einen Weg aus dem Schmerz findet Xiomara im Verfassen von Gedichten. In ihren Texten beschreibt sie ihre Verzweiflung darüber, nicht ausbrechen zu können, aber auch die Gefühle, die sie für ihren Mitschüler Aman empfindet.

Form und Inhalt kommen in diesem Jugendroman auf spannende Weise zusammen. Elisabeth Acevedo schreibt in freien Versen, die von der deutschen Poetry-Slammerin Leticia Wahl gekonnt übersetzt wurden. Die kurzen Texte lesen sich wie Tagebuch- oder Notizhefteinträge, in denen die Hauptfigur als Ich-Erzählerin auftritt. Die Szene, als ihre Mutter Xiomara zum Beten zwingt, wird in einzelnen, schräg nach unten laufenden Schriftzeilen beschrieben, die den Gang von Ameisen evozieren. In diesem Moment, von ihrer Mutter wortwörtlich in die Knie gedrückt, versucht Xiomara sich in eine kleine Ameise zu verwandeln und zu verschwinden. Erst die Bühne des Poetry Slam Contest bietet ihr einen Ort, an dem sie ihren Worten und ihrer Person Raum geben kann.

In einer Sprache, die mit bildlichen Vergleichen und Metaphern arbeitet, beschreibt dieses Buch den Entwicklungsprozess einer junge Frau, die lernt, sich von Einengungen zu befreien, indem sie diese eigene Sprache und Stimme zu benutzen beginnt – und zwar laut genug, um gehört zu werden.

Sarah Eggel
Buch&Maus 3/19, S. 35

Eve of Man
Giovanna Fletcher, Tom Fletcher
Aus dem Englischen von Friedrich Pflüger
Verlag: dtv, Publiziert: 2019, Seiten: 448, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64055-8
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima | Zukunft | Geschlechterbilder | Gewalt

Die letzte Frau

In «Eve of Man» entwerfen die britischen AutorInnen Giovanna und Tom Fletcher eine Welt in der Zukunft: Nach Umweltkatastrophen ist das Land unbewohnbar geworden, die Atmosphäre ist verseucht, die Städte überschwemmt und die Menschheit vom Aussterben bedroht. Als nach 50 Jahren erstmals wieder ein Mädchen geboren wird, weckt dieses die Hoffnung, den Fortbestand der Menschen zu sichern. In einem Turm wächst Eve isoliert vom Rest der Welt auf, eingesperrt in der für sie errichteten Illusion einer friedlichen Welt, die sie zu retten bestimmt ist.

Doch als Eve erkennt, dass die Bilder, die ihr von der Aussenwelt gezeigt werden, eine zensierte Realität präsentieren, beginnt sie die Aussagen der Mächtigen zu hinterfragen. Kann sie selbst über ihren Körper bestimmen oder dient sie bloss als Gebärmaschine? Wie kann sie ein selbstbestimmtes Leben führen, wenn jede Bewegung, jedes gesprochene Wort als Livestream in der Stadt ausgestrahlt wird? Der Name «Eve of Man», mit dem die junge Frau bezeichnet wird, verweist auf dieses Problem der Abhängigkeit: Die Frau gehört nicht sich selbst, sondern dem Mann.

Die Welt, die dieses Buch beschreibt, erinnert an andere Zukunftsromane, wie etwa Margaret Atwoods «Report der Magd», in denen die (sexuelle) Ausbeutung der Frau im Zentrum steht. Während Offred in Atwoods Dystopie das System jedoch von Anfang an kritisch betrachtet, zeigt sich die Hauptfigur von «Eve of Man» in vielerlei Hinsicht als klassische Damsel in Distress. Als einzige Frau in dieser Männerwelt wird Eve als Objekt des männlichen Blickes inszeniert, als ultimatives Sexobjekt, das von den Männern sowohl begehrt wird als auch beschützt werden muss. Der Roman vermag diese Konstellation letztlich nicht aufzubrechen: Eve bleibt bis zum Ende dieses ersten Bandes von männlicher Unterstützung abhängig. Die Flucht aus dem Turm gelingt ihr nur dank ihrem Leibwächter Bram.

Sarah Eggel
Buch&Maus 3/19, S. 36

Erebos
Ursula Poznanski
Verlag: Loewe, Publiziert: 2019, Seiten: 512, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7432-0049-4
Schlagwörter: Zukunft | Medien

Seit den abenteuerlichen Ereignissen in «Erebos» (2010) sind fast zehn Jahre ver­gangen. Nick Dunmore studiert inzwischen Fotografie und hat die Erinnerungen an das heimtückische Computerspiel, dem er als Jugendlicher verfallen war, weit hinter sich gelassen. Aber er wird unsanft in die virtuelle Welt und zugleich auf den Boden der Realität zurückgeholt, als sich das Game unvermittelt auf Smartphone und Computer installiert und ihn erneut unter Druck setzt.

Wie eine Ransomware kapert das Programm seine Daten und rückt die Bilder, die er als Hochzeitsfotograf geschossen hat, nur heraus, wenn er mitspielt und den Anweisungen der Erebos-App folgt. Das manipulative Spiel hat in jeder Hinsicht dazugelernt und verschickt sogar E-Mails und authentische Sprachnachrichten in Nicks Namen. Es macht mit seiner Freundin Schluss und sagt wichtige Termine ab. Ähnlich ergeht es dem 16-jährigen Schüler Derek: Nach einfachen Botengängen muss er im Auftrag des geheimnisvollen Boten zunehmend halsbrecherische und illegale Missionen ausserhalb des Spiels erfüllen. Als in seiner Schule ein Mädchen, für das er sich zu interessieren beginnt, spurlos verschwindet, ist an ein Aussteigen nicht mehr zu denken.

Mit «Erebos 2» gelingt es Ursula Poz­nanski erneut, die Spannung bis zum Schluss zu halten und ihre LeserInnen mit überraschenden Wendungen, Enthüllungen und falschen Fährten zu fesseln. Bei aller Faszination für digitale Medien und Künstliche Intelligenz führt ihr Thriller in der Tradition des Zukunftsromans vor Augen, was Überwachungstechnik und all­mächtige Algorithmen in falschen Händen anrichten können und wie viel Kontrolle wir bereits abgegeben haben. Diese Zukunft hat schon begonnen.

Daniel Ammann
Buch&Maus 3/19, S. 36

Wer bist du zur blauen Stunde?
Yuhki Kamatani
Aus dem Japanischen von Alexandra Klepper
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2019, Seiten: 194, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-75896-5
Schlagwörter: LGBTQ* | Erwachsenwerden

Tasuku ist verzweifelt. Er hält es in der Schule nicht mehr aus. Seine Mitschüler­Innen haben den Verdacht, dass er schwul ist, und verspotten ihn deswegen. Er haut ab und sieht schon fast keinen anderen Weg mehr, als mit einem Sprung von der Mauer sein Leben zu beenden. Da trifft er auf die geheimnisvolle «Frau Jemand», die ihn in die «Lounge» mitnimmt. Hier lernt er Haruko und Uchikai kennen, die in ihrer Freizeit alte Häuser vor dem Zerfall retten. Er schliesst sich den beiden an und hilft ihnen beim Renovieren. Nach und nach fasst Tasuku mehr Vertrauen zu seinen neuen FreundInnnen und erfährt ihre Geschichten. Als Haruko ganz offen mit ihm über ihre Liebe zu einer Frau spricht, wagt auch Tasuku, sich langsam mit seinen Gefühlen für den dunkelhaarigen Jungen aus dem Volleyball-Team auseinanderzusetzen.

Im ersten Teil dieser vierbändigen Manga-Serie bringt Yuhki Kamatani zum Ausdruck, dass Identität weit vielfältiger als sexuelle Orientierung ist. Der Wunsch nach Geborgenheit und Anerkennung innerhalb einer konservativen japanischen Gesellschaft gibt der Geschichte ihren grösseren Rahmen. Eine feinfühlige, stark metaphorische Bildsprache nimmt durch viele Nahaufnahmen die Gefühlswelt der Figuren auf. In der visuellen Gestaltung überlagern sich dabei Realität und Imagination und loten so die Grenzen des Darstellbaren aus. Die Erzählung ist an manchen Stellen etwas verwirrend und nicht leicht zu deuten. Trotzdem stellt dieser Band den Beginn einer Coming of Age-Geschichte mit viel Romantik, Drama und Hoffnung auf Liebe dar – verpackt in eine angenehm leichte Ästhetik, die auch ungeübte Manga-LeserInnen begeistern kann.

Nora Jäggi
Buch&Maus 3/19, S. 36

Alle haben einen Po
Anne Fiske
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Verlag: Hanser, Publiziert: 2019, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26430-4
Schlagwörter: Körper | Diversität | Identität/Individualität

«Alle haben einen Po» – schon der Titel ist richtig gut, denn hier wird gleich der für Kinder wohl lustigste Körperteil der menschlichen Anatomie in den Fokus gerückt. Zusammen mit der Coverillustration wird sofort klar, worum es in diesem etwas anderen Sachbuch zum Thema Körper geht: Po ist eben nicht gleich Po. Es gibt knackige Hintern und Hängepos, herzförmige Gesässe und ausladende Hinterteile, süsse Baby-Popos und behaarte Hinterbacken. Jeder Po sieht anders aus – und das ist völlig normal.

Die norwegische Autorin und Illustratorin Anna Fiske nähert sich unserem durch Debatten, Diskurse und Inszenierungen gebeutelten Leib mit erfrischender Direktheit. «Alle haben eine Vorderseite. Alle haben eine Rückseite», schreibt sie auf den ersten Seiten. Angesichts unserer Versessenheit auf bestimmte Problemzonen ist diese Sicht auf unser Äusseres angenehm simpel. Alle Körper, so Fiske weiter, müssen gewaschen, ernährt, warm gehalten und gepflegt werden. Dafür leisten sie uns dann treue Dienste (etwa beim Handstand machen oder Schlittschuh laufen) und überraschen uns mit unterschiedlichen Geräuschen (Rülps, Schnarch, Gähn) und manchmal schwer zu begreifenden Gefühlen.

Nach den Gemeinsamkeiten kommen die Unterschiede an die Reihe. Da vergleicht Fiske, wie Kinder es so gerne tun: Mädchen und Jungs, Kinder und Alte, Behaarte und Glatzköpfe, Sitz- und Stehpinkler, Körpergrössen, Brüste und Hautfarben. Und egal wie schräg ihr die Figuren im leicht überdrehten Comicstil geraten, bleibt ihre Botschaft glasklar: Jede/r ist okay so, wie er ist.

«Alle haben einen Po» ist ein sehr em­pfehlenswertes Werk für alle, die einen niederschwelligen Einstieg suchen, um mit Kindern über die menschliche Anatomie, über ihr individuelles Körpergefühl, über Hemm- und Toleranzschwellen oder unseren Blick auf Andere zu sprechen.

Alice Werner
Buch&Maus 3/19, S. 37

Rot ist doch schön
Lucia Zamolo
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2019, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95939-080-4
Schlagwörter: Körper | Sexualität

«Tüdelü … hier gibt’s NIX zu sehen!» Mit einem überdimensionierten Tampon, den es schützend an die Brust drückt, schleicht ein rotwangiges Mädchen Richtung Toilette, ein Vorbild jener Diskretion, die Aufklärungsbücher und Tampon-Werbung gleichermassen predigen. In ordentlicher Schulschrift lässt das Sachbilderbuch «Rot ist doch schön» diesen Appell Revue passieren («Am besten ist also, du hältst das Ganze streng geheim»), nur, um ihn dann mit fettem Rotstrich gnadenlos zu übersteigern: «Ein Tampon sagt doch nichts Geringeres als JA, ich ziehe gleich einen blutgetränkten Tampon aus mir heraus und stoppe den Blutfluss, indem ich mir einen neuen in die Vagina schiebe. DEAL WITH IT.»

Die Zumutungen einer Kultur, die Frauen dazu auffordert, ihre Körper unentwegt und akribisch auf verräterische Spuren natürlicher leiblicher Prozesse zu überwachen und ihnen dazu schwer überteuerte Hygieneprodukte verkauft, sind nicht zum ersten Mal Ziel feministischer Kritik. Die Künstlerin Lucia Zamolo aber artikuliert diese Kritik sowohl mit der gebührenden Vehemenz als auch mit viel Humor für ein junges Publikum. Ihr überaus originell komponiertes «rotes Buch» ist Manifest und Ratgeber in einem, und noch viel mehr: Es bietet eine interessante (zuweilen erschreckende) kleine Kulturgeschichte der Menstruation und spricht in offenen Worten und ebenso liebevollen wie ungeschminkten Bildern über Tabuthemen wie prämenstruelles Syndrom und Flecken im Bett.

Dazu gibt es hilfreiche Tipps: zum Umgang mit einem wahlweise prüden, besserwisserischen oder verständnislosen Um­feld genauso wie zum Basteln ei­nes Wärmekissens. Vor allem aber macht es Mut und Lust, offen und selbstbewusst in und mit dem eigenen Körper zu leben – auch und gerade wenn der sich nicht so vollständig zähmen lässt, wie uns das O.B. & Co. so gern erzählen.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/19, S. 37

Disco!
Frauke Angel, Illustration: Julia Dürr
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-5934-9
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Diversität | Identität/Individualität

Jungs mögen Fussball und die Farbe Blau, Mädchen Tanzen und Pink. – Klar haben solch starre Geschlechterstereotype einen Methusalem-Bart, in viel zu vielen Köpfen leben sie aber munter weiter. Wehe, wer die mumifizierten Schubladen aufmischt, wie die forsche Pina in diesem klugen und spannenden Bilderbuch.

Schauplatz ist die Brutstätte der sozialen Identität: der Kindergarten. Hier spielen Vorbilder und Vorurteile eine grosse Rolle, umso gewaltiger, was dann passiert: «Pina sagt, es gibt keine Jungs- oder Mädchenfarben. Es gibt nur Lieblingsfarben. Deshalb sind meine jetzt Rot und Pink. Violett und Rosa mag ich aber auch», verkündet der Ich-Erzähler gleich auf der ersten Seite. Ob das lange gutgeht?

Erst einmal ist es aufregend: Übernachtungsparty im rosa Nachthemd, mit dem der begeisterte Disco-Tänzer am nächsten Morgen auch in den Kindergarten geht. Prompt kommt die kalte Dusche, allerdings nicht von den Kindern, sondern vom Papa seines besten Freundes: Nein, Fussball ist nichts für Mädchen und der Junge soll «den albernen Fummel ausziehen, weil ihm sonst übel wird». Und auch die Erzieherin behauptet, ein Junge in Mädchenkleidern sei verkleidet. Zum Glück ist Pina eine beherzte Freiheitskämpferin und bietet Paroli. Sogar zum Thema Schwulsein hat sie klare, aufmunternde Worte. Ihr Plädoyer für Selbstbestimmung wirkt und so gibt’s ein kunterbuntes Happyend.

Dramaturgisch dicht, facettenreich und mit viel Sprachwitz und Komik ist das Bilderbuch erzählt. Dazu kommen fröhlich-filigrane Illustrationen, die viel Guck- und Diskussionsstoff bieten – statt verkrampfter Belehrung wird hier eine überzeugend leichtfüssige Alltagsgeschichte wider Rollenzuweisungen geboten.

Marion Klötzer
Buch & Maus 1/2020, S. 26

sChly Mandli
Hans P. Schaad
Verlag: die Brotsuppe, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-905689-69-3
Schlagwörter: Schweiz | Sprachspiel | Humor/Komik

«Chlyne Maa, wo chunsch du her?» – «He, vo de blaue Berge!» – «Worum bisch dänn du so chly?» – «Bi nüd chli, han e Frau.» – Das Bild, das an dieser Stelle den Dialog begleitet, zeigt das Männchen neben einer erwachsenen Frau. Der fragende Bub quittiert mit «guet». Das Männchen kontert: «Gar nüd guet, si isch mer gstorbe.»

Der Grafiker und Zeichenlehrer Hans P. Schaad (1928–2002) hat beim Diogenes Verlag mehrere Bilderbücher veröffentlicht und langlebige Kinderbücher illustriert (z. B. Franz Caspars «Fridolin»). Das quadratische, grüne Bändchen «sChly Mandli», das erstmals 1969 erschien, ist typisch für Schaads raschen, cartoonhaften Zeichenstrich, den er hier mit leichtem Pinsel kolorierte. Inhaltlich entspringt die Geschichte einer kindlichen Logik, die Drastisches ad absurdum führt: Die Frau ist tot, der Gemüsegarten wird von den Hasen kahl gefressen. Also schiesst der Winzling diese über den Haufen und trifft dabei seine linke Hand. «Das isch jetzt au schaad», meint der Bub aus dem Off. «Gar nüd so schaad», sagt der Betroffene, «jetz bruuch i nu na äin Häntsche». Keck streckt das Männchen die rechte Hand mit rotem Fäustling in die Luft und lacht. Ein Plädoyer für ein ironisch-pragmatisches Wegstecken von Widrigkeiten?

So liest das kaum, wer brave Szenen sucht oder stur nach ‹political correctness› fragt. Wer jedoch bedenkt, wie Kinder Schockierendes benennen und damit spielen, um Grenzen auszuloten, der wird mitlachen. Als Beleg für ein ‹böses Kinderbuch nach 68› taugte schon die Erstausgabe nur bedingt: Der mündliche Text wurde vor 1926 aufgezeichnet und findet sich als Nr. 2647 in «Kinderlieder der deutschen Schweiz» der Volkskundlerin Gertrud Züricher. Aber natürlich machen die Bilder die Musik – kompromisslos und launig, verspielt und frech.

Hans ten Doornkaat
Buch&Maus 1/20, S. 28

Desperado
Ole Könnecke
Verlag: Hanser, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26434-2
Schlagwörter: Abenteuer | Humor/Komik

Im gestreckten Galopp reitet der Miniheld Roy abenteuerlustig auf seinem stattlichen und so gar nicht verzweifelten Pferd Desperado durch die Bilderbuchseiten. Sein Schöpfer, der Bilderbuchkünstler Ole Könnecke, hat ganz offensichtlich eine Western-Vergangenheit – und nun hat er daraus sein ureigenes und vor allem urkomisches Westernnarrativ gebildet.

Zum Auftakt heisst es noch ganz lapidar: «Roy reitet jeden Morgen auf Desperado in den Kindergarten. Die Eltern bleiben zuhause. Sie müssen arbeiten.» Im Kindergarten wartet die überaus nette Erzieherin Heidi (ob wir eine sympathische Wild-West-Alternative zu Heidis Frau Rottenmeier sehen?). Doch als Roy eines Tages verschläft, ist alles anders: Der Kindergarten ist zerstört, Heidi verschwunden. Was ist passiert? Black Bart will Heidi heiraten, sie ihn aber nicht. Da hat er sie mit seinen drei Banditen hoch zu Ross entführt. Roy und Desperado machen sich sogleich an die Verfolgung, die vor einem Schuppen endet. Ein flott gegrabener Tunnel bringt die zwei zu Heidi, während der Schurke draussen in Anlehnung an einen historisch verbrieften Postkutschenräuber, der auch Gedichte schrieb, lesenderweise auf Heidis Ja-Wort wartet. Genau wie die Banditen aus «Lucky Luke» bemerken seine Kumpane von dem Rettungsmanöver nicht das Geringste – bis Desperado seinen grossen Auftritt hat und sie zu einer rasanten Flucht zwingt. Als die Eltern abends fragen, wie es im Kindergarten war, meint Roy, ganz kindlicher Abenteurer: «Och, eigentlich wie immer».

Auf meist weissem Grund setzt Könnecke seinen freien Tuschestrich, krakeliger als auch schon. Flächen sind dynamische Handkolorierungen. Dies führt auch auf Illustrationsebene zu Lebendigkeit und einem fröhlichen Zusammenspiel von Bild und Text: Kein Element ist ohne Sinn, jede Bewegung und Mimik, jeder Ausschnitt realisiert eine kleine Pointe.

Barbara Jakob
Buch&Maus 1/20, S. 28

Blödes Bild!
Johanna Thydell, Illustration: Emma Adbage
Aus dem Schwedischen von Maike Dörries
Verlag: Kunstmann, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95614-327-4
Schlagwörter: Geschwister | Gefühle | Kreativität | Alltag

Wildes Wachsmalstift-Gekritzel überzieht schon das Vorsatzpapier dieses Bilderbuches, eine Seite weiter sieht man die kleine Minze mit roten Backen am Küchentisch vor einem leeren Blatt. Wieder einmal hat sie keine Idee, was sie malen soll, ihr grosser Bruder Max jedoch schon: Schliesslich ist Max drei Jahre älter, hat dreimal so tolle Einfälle und kann dreimal so schön malen. Das ist gemein und superdoof! Es kommt, wie es kommen muss: Frust, Wut – und dann doch noch ein ganz und gar überraschendes Happy End! Da Minze nämlich an ihrem Projekt Schneeflocke so kläglich scheitert und ihr zusammengeknülltes Bild mit der Schere malträtiert, kreiert sie unabsichtlich etwas ganz Wunderbares. Diese Entdeckung macht zum Glück Max, der während Minzes Wutanfall auch noch ein Versöhnungsbild für seine kleine Schwester malt …

Eine hinreissende Mutmachgeschichte, die mit hohem Wiedererkennungswert und ganz nah dran an den Gefühlen ihrer Protagonistin so pointiert erzählt und ausdrucksstark in Szene gesetzt wird, dass man Minzes schwitzig-wütenden Bauchknoten bis zur Explosion zu spüren glaubt. Dabei erinnern die filigranen, erfrischend unperfekten Zeichnungen mit schwarzen Konturlinien und wenig Farbe auf weissem Grund an eine Ausmalvorlage und bieten viel Stoff zum Entdecken und Nacherzählen, zumal Minzes Mimik ebenso ulkig-reduziert wie konzentriert im Mittelpunkt steht. Die Themen sind prallbunt aus dem Kinderalltag gegriffen: Geschwister-Rivalität, Frustbewältigung und die Hürden eines kreativen Prozesses, der hier erst gelingt, als mutig um die Ecke gedacht und die richtige Technik gefunden wird. Das ist grosse skandinavische Bilderbuchkunst!

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/20, S. 28

Die Stadt, das Mädchen und ich
Einar Turkowski
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2019, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96428-039-8
Schlagwörter: Reisen | Kunst | Fantastik/Fantasy | Kreativität

Woher kommen die Geschichten? Solange sie den AutorInnen einfach zufallen, solange sie an jeder Ecke lauern und erzählt werden wollen, stellt sich die Frage nicht. Umso drängender wird sie jedoch, wenn die Inspiration ausbleibt. Der Ich-Erzähler von Einar Turkowskis Bilderbuch leidet unter einer kreativen Blockade. Er entflieht seinem Schreibtisch und setzt sich in einen Park, in der Hoffnung, «dass mir wieder ein Stück Kreativität zufiele, ein inspirierender Gedanke querschiessen würde oder ich sonst irgendeinen Zipfel einer vielversprechenden Idee zu fassen bekäme». Es geschieht aber gar nichts. Erst, als der Künstler durch die Stadt flaniert und sich seine Wahrnehmung durch das Gehen zu schärfen beginnt, kann der Zufall zuschlagen. Er begegnet einem Mädchen, das Dinge sieht, die gar nicht da sind. Sie spricht von einer matt schimmernden Kugel, die der Erzähler nicht sehen kann – die BetrachterInnen aber schon. Bei jedem Spaziergang werden die fantastischen Elemente lebendiger und konkreter, und die Geschichtenproduktion setzt ein.

Bilderbuch ist nicht das richtige Wort für den Flaneurtraum zwischen Buchdeckeln, den Turkowski geschaffen hat. Vielmehr haben wir es mit einem Künstlerbuch zu tun. Das gilt für die Gestaltung: Auf den streng konzipierten Doppelseiten treten Textepisode und Bild miteinander und mit den LeserInnen in einen Dialog. Es gilt aber auch für die Thematik des Buches. Es geht um kreative Prozesse und, in der Tradition von Walter Benjamins Essays, um die Bedeutung des kindlichen Blicks für die Wahrnehmung und die Arbeit des Künstlers. Dies ist die Ebene, die Erwachsene anspricht. Kindern erschliessen sich die Episoden über die von tiefstem Tintenschwarz bis zu schneeleuchtendem Weiss alle Schattierungen durchspielenden Bilder – und über die Art, wie die bunten Kreaturen aus der Fantasie des Mädchens Dynamik in diese helldunklen Welten bringen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/20, S. 29

Die drei Räuberinnen
Verena Hochleitner
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2019, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-3802-5
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Spiel | Abenteuer

«Nicht weit von hier. Gleich um die Ecke. Falls man das so sagen kann, weil der Wald genau genommen immer woanders ist» – so nebulös beginnt das Kinderbuch-Debüt der österreichischen Illustratorin Verena Hochleitner, die hier mit viel Witz und Situationskomik von einem ausgiebigen Kinderspiel erzählt. Alles beginnt mit ein paar Kostümen, schon werden Maja, Bruno und Kaspar zur wilden Räuberbande, die sich eine Höhle unter dem Hochbett baut. Jetzt fehlt nur noch fette Beute, unbedingt brauchen sie Proviant, eine Katze und eine PlayStation.

Beherzt und in voller Montur ziehen die drei los, um die Nachbarschaft heimzusuchen: Erst mischen sie PC-Nerd Oskar auf und klauen seinen fettigen Pizzakarton, lassen sein süsses Kätzchen aber da. Dann überfallen sie die «Kutsche» der neuen Postbotin, werden von der alten Edith beim Monopoly übers Ohr gehauen, mopsen dies und das, treffen ein Gespenst mit Nagelknipser und einen sprechenden Kämpferkater … Dass sie dabei immer hilfsbereit und höflich sind, ist natürlich RäuberInnen-Ehre!

Ein Abenteuer wie eine lustige Kasperlegeschichte, in kurzen Episoden erzählt, die Fantasie und Realität doppelbödig verquicken. Dabei lässt Hochleitner ihre drei RäuberInnen nicht nur Aufregendes erleben, sondern auch allerhand Konflikte meistern. Üppig und sehr originell bebildert sie mit expressiven Illustrationen, indem sie mit knallbunten Gouache-Farben auf Folien malt, diese übereinander legt und auf meist schwarzem Hintergrund abfotografiert. Das ist versponnen-verspielter Vorlesestoff – und damit perfekt für Kindergartenkinder.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/20, S. 29

Hilfe, Gregor ist plötzlich ein Käfer!
Lawrence David, Illustration: Delphine Durand
Aus dem Englischen von Wolfram Sadowski
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2019, Seiten: 62, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75456-1
Schlagwörter: Gefühle | Aussenseiter:in/Mobbing | Intertextualität

Der Buchmarkt steckt in einem tiefgreifenden Wandlungsprozess. Kinder- und Jugendverlage versuchen seit Längerem, sich auf digitale Medien einzustellen mit Bilderbuch-Apps für Kleine bis zu Marketingkampagnen mit Buch-Bloggern und instagramfähigen Buchcovern für Jugendliche. Auch das veränderte Leseverhalten führt neben Leseförderungsmassnahmen zu verlegerischen Konsequenzen. Als Geheimwaffe gegen mangelnde Lesekompetenzen, so scheint es, werden Lektüren immer stärker ausdifferenziert. Ergänzend zum Konzept «Leichter Lesen», das entwickelt wurde, um Behinderten das Lesen und Verstehen alltäglicher wie literarischer Texte zu ermöglichen, werden nun auch Texte für leseschwache Kinder in der sogenannten «Einfachen Sprache» angepasst.

Im aktuellen Fokus, das zeigen die Frühjahrsprogramme 2020, stehen GrundschülerInnen. So gestaltet Loewe die neue «Wow!»-Reihe nach Vorbild des Comicromans mit alternierenden Bild- und Textblöcken. Ravensburger deutet ihre ehemals dritte Leselernstufe des «Leseraben» zur «Einfacher Lesen»-Reihe um. Am weitesten aber geht Beltz & Gelberg. Neben Ausgaben für weiterführende Schulen startet die innovative Reihe «Super lesbar» für leseschwächere Kinder im Primarschulalter. Drittes Lesemodell ist die bereits im Herbst gestartete Zweitlesereihe «Lust auf Lesen», bestückt von hochrangigen AutorInnen und IllustratorInnen.

Für die Parabel «Hilfe, Gregor ist plötzlich ein Käfer» von Lawrence David stand sogar Franz Kafkas «Die Verwandlung» Pate, wachen doch sowohl Gregor Samsa als auch Gregor Samson eines Morgens als Käfer auf. Beim Schulkind scheint erst gar keiner zu merken, dass er plötzlich durchs Leben kriecht. Nur sein bester Freund Michael realisiert, was passiert ist, und steht ihm bei. Als Gregors Familie ihn endlich als das wahrnimmt, was er ist, verwandelt er sich zurück.

Die Metaphorik dieser beeindruckenden Parabel ist, anders als bei Kafka, leicht zu entschlüsseln: einen «Käfertag» hat der, der sich ungeliebt fühlt. Einfach und doch literarisch raffiniert, gelingt Lawrence eine Kindergeschichte, deren Sprachbilder durch die Illustrationen von Delphine Durand an Transparenz gewinnen und die Gestalt gewordene Innerlichkeit glaubhaft visualisieren, indem Junge und Käfer beispielsweise eine ähnliche Körperstatur haben.

Die Reihe hat ein für LeseanfängerInnen sinnvolles Buchlayout, da sich Bilder sowie Comicpanels mit dem Text abwechseln. Die sprachliche Erzählebene ist zudem zweigeteilt – als Fliesstext und in Sprechblasen mit abweichender Typographie. Auch die Druckschrift und viele Absätze überzeugen mit Blick auf ZweitleserInnen. Beltz & Gelberg macht es vor: Wenn die LeserInnen nicht zum Verlag kommen, kommt der Verlag zu den LeserInnen!

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/20, S. 30

K.I.
Monica M. Vaughan
Aus dem amerikanischen Englisch von Anja Hansen-Schmidt
Verlag: dtv, Publiziert: 2019, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76264-9
Schlagwörter: Freundschaft | Identität/Individualität | Zukunft

Freundschaft vorprogrammiert

Als Eric neu an die Schule kommt, freundet er sich schnell mit den angesagten Typen an. Sie haben die meisten Likes im Netz, ihre Eltern sind reich, und die LehrerInnen unterstützen die Verbindung. Als Eric allerdings Danny kennenlernt, ist er fasziniert von ihm, weil er sich im selben Computerspiel auskennt wie er. Danny wiederum kommt aus armen Verhältnissen, er hat kaum Freunde und keine Likes im Netz. Eine Freundschaft zu ihm ist nicht erwünscht.

Fasziniert erleben wir mit, wie hier eine besondere Freundschaftsgeschichte aus zwei Perspektiven erzählt wird. Von Eric wissen wir schnell, dass es sich bei ihm um eine so lebensähnliche künstliche Intelligenz handelt, dass seine MitschülerInnen ihn für ‹echt› (wenn auch etwas sonderbar) halten. Erzählt Eric, ist die Sprache neutral, fast emotionslos. Eric legt Wert auf Design und teure Marken. Danny hingegen ist in jeder Hinsicht ein Zwölfjähriger mit Gefühlen, Hoffnungen und Ängsten. Im Wechsel erzählen die beiden Erics Geschichte, von der wir schon nach den ersten Sätzen wissen, dass sie nicht gut endet. Trotzdem sind wir gespannt, was passiert, und hoffen, dass der kleine Spoilersatz zu Romanbeginn sich nicht bewahrheitet, dass die Geschichte vielleicht doch anders endet.

«K.I. – Freundschaft vorprogrammiert» ist eine durch Erics andere Art der Wahrnehmung immer wieder witzige Geschichte, die aber auch ernstere Themen wie Mobbing, Ausgrenzung und Marken-Hype aufnimmt. Über allem steht die Freundschaft in ihren unterschiedlichen Facetten. Das macht den Text zu einem gelungenen Beispiel von Science Fiction für junge LeserInnen.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/20, S. 32

Prinzessin auf dem Mist
Tim Krohn, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: kwasi, Publiziert: 2019, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906183-28-2
Schlagwörter: Schweiz | Alltag | Mut/Selbstbewusstsein

Der Erzähler, der als Schriftsteller mit seiner Familie im Münstertal lebt, ganz so wie der Autor Tim Krohn selbst, erzählt in kurzen Episoden von seinen Begegnungen und Gesprächen mit dem fünfjährigen Nachbarsmädchen Bigna. Ihre Mutter arbeitet, so dass sich Bigna tagsüber im Kuhstall von Bauer Not aufhält oder durchs Dorf streift. Und sich mit dem Erzähler unterhält: über das Lesen und Schreiben, über Geschenke und das Geldverdienen, erschlagene Spinnen, erschossene Rehe und kranke Hirsche, über den Himmel und die Seelen der Blumen.

Das Mädchen, das uns aus diesen Texten entgegenspringt, ist autonom, selbstbewusst, wild und frei – eine Pippi Langstrumpf des Val Müstairs. Und doch sind die Erwachsenen nicht ihre Feinde, sondern der Erzähler begegnet ihr auf Augenhöhe. Was sie sagt, beschäftigt ihn; wenn er sie lange nicht gesehen hat, fragt er nach ihr. Es ist, als bräuchte der erwachsene Mann das Kind mehr als es ihn. Fast noch besser als die Texte lassen Jacky Gleichs intensive Farbstiftzeichnungen Bignas Persönlichkeit aufleben, zeigen das Gesicht in allen Gefühlsregungen: konzentriert und verbissen, trotzig und wütend, mitleidig und freudig. Herzig, lieblich, fein – das ist Bigna nicht. Und dass dem kleinen Mädchen dies in Text und Bild zugestanden wird, das ist eine der grossen Qualitäten dieses Buches.

Die Episoden, die zuerst in der Zeitschrift «reformiert» als Kolumnen erschienen sind, erzählen aus einer sehr erwachsenen Perspektive. Ein Kinderbuch ist es allenfalls in zweiter Linie, dann, wenn die Geschichten beim Vorlesen zu Gesprächen zwischen Erwachsenem und Kind anregen können. Ansonsten darf dieser leise Einblick in eine etwas andere Schweizer Lebensrealität und der wertschätzende Blick auf das Kind auch einfach von Erwachsenen genossen werden.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/20, S. 33

Ich bin Vincent und ich habe keine Angst
Enne Koens, Illustration: Maartje Kuiper
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2019, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5679-6
Schlagwörter: Freundschaft | Natur | Mut/Selbstbewusstsein | Aussenseiter:in/Mobbing

Vincent weiss alles über das Überleben in der Wildnis. Mit seinem Survival-Handbuch bereitet sich der Junge auf jede Art von Katastrophe vor – dazu gehört auch die bevorstehende Klassenfahrt. Ums blanke Überleben geht es für den Elfjährigen nämlich auch täglich in der Schule, wo er von seinen KlassenkameradInnen gemobbt wird.

Der Text beginnt mit einer auf schwarzen Seiten gedruckten Szene: «Ich bin Vincent und ich habe keine Angst, habe keine Angst, habe keine Angst», flüstert der Junge sich Mut zu, während er sich vor seinen Verfolgern im dunklen Wald versteckt. Darauf springt die Erzählung zurück, wobei die einzelnen Kapitel nach den Tagen strukturiert sind, die bis zur Klassenfahrt verbleiben. Umrahmt werden die Kapitelüberschriften von Maartje Kuipers Illustrationen: Blätter, Tannenzapfen, Haselnüsse und diverse Waldtiere, deren Zartheit zum beklemmenden Inhalt der Geschichte einen Kontrast bilden. Im Text verteilt finden sich zudem Vignetten von Fohlen, Würmern, Käfern und Eichhörnchen – vier Tiere, deren Stimmen Vincent in seiner Vorstellung hören kann.

Der Roman erzeugt eine grosse Nähe zum Ich-Erzähler, dessen Sorgen und Ängste, Einsamkeit und Verzweiflung die LeserInnen mitempfinden. Man möchte dem Jungen Mut zusprechen, sich jemandem anzuvertrauen, und bleibt angesichts der Blindheit der Erwachsenen fassungslos. Erst der neuen Mitschülerin Jacqueline gegenüber kann Vincent sich öffnen – sie erklärt ihm, der einfach nur «normal» sein möchte, dass es «normal» nicht gibt, dass jede/r auf eigene Weise anders ist. So lässt dieses Buch die LeserInnen doch mit Hoffnung zurück: In der Schlussszene nämlich überwindet sich Vincent, vor allen Beteiligten sein Leid anzusprechen, für seine Person einzustehen und sich zu wehren.

Sarah Eggel
Buch&Maus 1/20, S. 33

Die beste Bahn meines Lebens
Anne Becker
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2019, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75457-8
Schlagwörter: Freundschaft | Lesen | Liebe

Der Sommer beginnt, und für Jan wird alles anders. Neue Stadt, neues Haus, neue Schule, neue FreundInnen. Dafür, dass er absolut keine Lust auf Veränderung hat, lässt sich die Sache aber erstaunlich gut an. Sein neuer Schwimmtrainer ist okay, seine LehrerInnen auch, und mit Fabi, seinem Banknachbarn, verbringt er die Nachmittage am Badesee. Eigentlich hat Jan nur drei Probleme: Linus, das Klassengrossmaul, das in ihm einen lästigen Konkurrenten sieht; LRS, seine Lese- und Rechtschreibstörung, die sich nicht mehr länger geheim halten lässt; und schliesslich Flo, das rothaarige Hippie-Mädchen aus dem Nachbarhaus, das Hühner hält, an Mathematikwettkämpfen teilnimmt und seine Ohren zum Glühen bringt.

Anne Becker hat eine unaufgeregte Geschichte über die Absurdität der Adoleszenz geschrieben. Ihr Blick gilt dem ‹Normalen›, das uns umgibt und prägt, an dem wir uns messen und wachsen. Wie Jan die Fäden seines Lebens ordnen und neu verknoten muss, wie er lernt, was Verantwortung, Freiheit und Unabhängigkeit bedeuten – all das beschreibt Becker nachvollziehbar und authentisch. Von ihrem Ich-Erzähler erfahren wir im O-Ton, wie es ist, ein schlechtes Gewissen zu haben, ohne schuldig zu sein und mit welchen Taktiken sich Wutausbrüche kanalisieren lassen. Parallel dazu dürfen wir in Flos Tagebuch blättern, in der sie ihre durcheinander geratenen Emotionen mit kühler Logik zu sortieren sucht. In Schaubildern, Infografiken und Tortendiagrammen hält sie Glücksgefühle und Versagensängste fest und analysiert, wie mögliche Gespräche mit ihrer besten Freundin ablaufen könnten. Dank der doppelten Perspektive gewinnt Beckers Summer-Love-Story an Tiefe, erscheinen alltägliche Ereignisse in bunterem Licht. Und am Ende hat Jan vor allem eins gelernt: Schwächen gehören zu jedem Leben dazu.

Alice Werner
Buch&Maus 1/20, S. 33

Der Vogelschorsch
Hannes Wirlinger, Illustration: Ulrike Möltgen
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2019, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-96428-031-2
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft | Natur | Gewalt | Liebe

Der 17-jährige Georg zieht mit seiner selbstgemachten Frisur und der eigenwilligen Kleidung sofort die Blicke auf sich. Die Jungs machen sich über ihn lustig, doch die etwas jüngere Lena ist fasziniert von dem Neuen, der anscheinend mühelos mit den Vögeln des Waldes Freundschaft schliesst und der eine tiefe Liebe für alles Leben in der Natur empfindet. Obwohl ihre Freunde spotten, entscheidet sie sich für eine Freundschaft mit dem Vogelschorsch, wie sie ihn nennt, und teilt fortan ihre Ferienzeit akribisch zwischen den Tagen auf, die sie mit ihm im Wald verbringt, und Tagen, in denen sie in einer ersten zarten Liebesgeschichte zwischen dem Mühltaler Max und dem Lederer Lukas schwankt.

Doch die Sommeridylle wird immer wieder gestört. Lena ahnt, dass Georgs Vater ihn mit einem Gürtel schlägt. Georgs Mutter verschwindet spurlos. Lenas Eltern sprechen von Scheidung. Während Lena kämpft und trotzt, findet der Vogelschorsch Halt in seinem Glauben an die Vögel. Obwohl ihr vieles seltsam erscheint, was der Vogelschorsch erzählt, zweifelt Lena seine Geschichten nie offen an. Als es zum Äussersten kommt, erkennt sie eine eigene, berührende Wahrheit in der Präsenz der Vögel.

«Der Vogelschorsch» ist eine traumhafte, versponnene und sehr bewegende Sommer- und Coming-of-Age-Geschichte über erste Liebe, tiefe Freundschaft und Tod, in der heitere und düstere Passagen ganz selbstverständlich Hand in Hand gehen. Ein Hauch von magischem Realismus liegt über dem Ende dieses wunderbaren Romans, der uns auch lange nach dem Lesen nicht so recht loszulassen vermag.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/20, S. 34

Elektrische Fische
Susan Kreller
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2019, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58404-5
Schlagwörter: Liebe | Identität/Individualität | Diversität | Familie/Familienformen

In «Elektrische Fische» erzählt Susan Kreller die Geschichte von Emma, die mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern von Dublin nach Mecklenburg-Vorpommern zieht, ins Haus ihrer Grosseltern, die ihr fremd sind und deren ostdeutschen Dialekt sie nicht versteht. Aus dem ausgestorbenen Ort Velgow möchte Emma nur noch weg – und so schnell wie möglich nach Hause zurückkehren. Doch was «Zuhause» bedeutet, wird für die Ich-Erzählerin dieses Jugendromans zur Frage. Am Strand der Ostsee, die sie an den Atlantik erinnert, kommt Emma mit Levin ins Gespräch, dem schweigsamen Jungen aus ihrer Klasse, der ihr seine Hilfe anbietet und einen Fluchtplan für Emma erstellt, obwohl ihm lieber wäre, sie würde bleiben.

In einer leisen, aber bilderreichen Sprache beschreibt Susan Kreller die Gefühlslage ihrer Protagonistin, die ihr Heimweh als «ein Schon-nicht-mehr-richtig-Hier-sein und ein Noch-nicht-wieder-zurück-in-Irland-Sein» empfindet. Die Form des Romans bringt dieses «Dazwischen»-Sein zum Ausdruck, indem nicht nur englische Formulierungen und Ausdrücke integriert sind, die Emmas Codeswitching kennzeichnen, sondern auch plattdeutsche Wörter und Begriffe aus der DDR, die die Mutter und Grosseltern verwenden.

Dieses Oszillieren zwischen den Sprachen, Kulturen und Ländern beschreibt Emmas schwebenden Gefühlszustand. «Ich bin hier, aber ich bin gar nicht hier», meint die junge Frau. Sie begibt sich schliesslich nicht auf eine Reise zurück nach Irland, sondern auf die Suche danach, was «home» und «Heimat» bedeuten, wie das «Dazwischen» ausgefüllt werden kann und wie zwei unterschiedliche Hälften – deutsch und irisch – doch auch ein Ganzes ergeben können.

Sarah Eggel
Buch&Maus 1/20, S. 34

Das Ende
Mats Strandberg
Aus dem Schwedischen von Antje Rieck-Blankenburg
Verlag: Arctis, Publiziert: 2019, Seiten: 413, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03880-029-3
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Zukunft

Um vom Ende der Welt zu erzählen, sind drei Monate eigentlich zu lang. Zumal im Jugendbuch, das aus naheliegenden Gründen nicht zu sehr ins Detail geht, wenn die zivilisatorische Decke reisst. Wäre die Menschheit in einem Buch für Erwachsene mit Mats Strandbergs Komet Foxworth konfrontiert, der zu einem präzis errechneten Datum die Erde annihilieren wird, dürfte das Resultat einem Stephen-King-Schocker ähneln – oder dem literarischen Pendant eines Gemäldes von Hieronymus Bosch. Strandberg dagegen streift die Abgründe, die sich auftun, wenn Verbrechen keine Folgen mehr haben, eher am Rand. «Katastrophen haben schon immer entweder unsere besten oder schlechtesten Eigenschaften zutage gefördert», stellt die 17-jährige Lucinda auf Seite 34 fest, um dann den Ton für die restlichen 400 Seiten vorzugeben: «Die allermeisten Menschen versuchen einfach, ihr Leben so gut wie möglich zu leben.»

Genau darum geht es in diesem eher beschaulichen Endzeitroman: Auszuloten, welche Lebens- und nicht etwa welche Überlebensstrategien zur Verfügung stehen, wenn Erwachsenwerden keine Option mehr ist. Die disziplinierte Sportlerin Tilda sucht in Drogen und Sex den Spass, den sie nie hatte; die krebskranke Lucinda ergründet, welche Gedanken es wert sind, per Botschaft ins All geschickt zu werden. Simon wiederum will herausfinden, wer Tilda wenige Wochen vor dem Einschlag getötet hat. Dass die Apokalypse zum Krimi wird, ermöglicht den Figuren, dem Leben eines Menschen Gewicht zuzumessen – gerade wenn keine Spuren bleiben.

Zwar wirft Strandberg durchaus zeitdiagnostische Schlaglichter, etwa wenn ‹gebürtige Schweden› eine Rationierung der Lebensmittel für AusländerInnen fordern. Meist aber konzentriert sich der Roman auf die Sinnsuche von Figuren, die man am Ende doch gerne länger als drei Monate begleitet hätte.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/20, S. 35

Nicht so das Bilderbuchmädchen
Agnes Ofner
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2019, Seiten: 180, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-5937-0
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft | Identität/Individualität | LGBTQ*

Wenn Zara aus dem Fenster ihres Zimmers schaut, sieht sie geradewegs in das von Sam, der auf der anderen Strassenseite wohnt. Er weint oft, und das beschäftigt Zara so sehr, dass sie beginnt, ihm zu schreiben: grosse Zettel, die sie an ihr Fenster klebt. Von Fenster zu Fenster entwickelt sich so eine zarte Freundschaft, die für beide zunehmend wichtiger wird.

Agnes Ofner, bislang als Illustratorin von Kinderbüchern bekannt, legt mit «Nicht so das Bilderbuchmädchen» ein vielversprechendes Jugendbuchdebüt vor, das ebenso einfühlend wie leicht über ein komplexes Thema erzählt. Dabei lässt die Autorin ihre ProtagonistInnen abwechselnd zu Wort kommen: mal wird ein Abschnitt (oft ist es nicht mehr als ein Absatz) aus der Perspektive von Zara erzählt, dann einer aus der Sicht von Sam. So gewährt Ofner tiefe Einblicke in die Innenwelt ihrer Figuren, deren Tagesabläufe sich gleichen und die ähnliche Dinge beschäftigen – und die doch sehr verschieden fühlen. Während Zara im Grossen und Ganzen mit sich im Reinen ist, hat Sam das Gefühl, dass er «aus tausend losen Stücken (besteht), die alle nicht zusammenpassen»; er hat «mindestens fünf Körperteile zum Wegwerfen für jedes, das er gern behalten würde».

Wie Zara hat man beim Lesen immer wieder das Gefühl, dass das, was Sam quält, weit über das hinausgeht, was Mädchen und Jungen während der Pubertät sonst so plagt. Erst auf Seite 146 wird wirklich klar, was mit Sam ist: Er ist ein Junge, der im Körper eines Mädchens geboren wurde und kann sich nur Zara gegenüber als sein wirkliches Ich zeigen.

So ruhig, wohltuend unaufgeregt und optimistisch Ofner ihre Geschichte erzählt, so hoffnungsvoll lässt sie sie auch enden: Zara findet heraus, was mit Sam ist: «Und es ist alles gut!» Zumindest für Zara, die ja selbst «Nicht so das Bilderbuchmädchen» ist, und für die es im Leben vor allem darauf ankommt, «man selbst zu sein und zu wissen, dass das reicht».

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/20, S. 35

Wer ist Edward Moon?
Sarah Crossan
Aus dem Englischen von Cordula Setsman
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2019, Seiten: 357, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-140-5
Schlagwörter: Abschied | Geschwister

Erst im Februar wurde in Texas letztmals die Todesstrafe vollstreckt; es war die dritte Hinrichtung in den USA seit Jahresbeginn. Während in 22 Staaten die Todesstrafe abgeschafft wurde, werden in Texas jährlich die meisten Urteile vollstreckt: 9 von insgesamt 22 waren es allein 2019. Edward Moon, der über alles bewunderte grosse Bruder des Protagonisten Joe in Sarah Crossans jüngstem Jugendroman, hat denn auch das Pech, in Texas für den Mord an einem Polizisten verurteilt zu werden – und nicht in New York, wo er mit seiner dysfunktionalen Familie lebte.

Am Anfang der Erzählung stehen drei Telefongespräche. Im ersten erfährt der siebenjährige Ich-Erzähler von Edwards Verhaftung; im zweiten wird das Todesurteil mitgeteilt; im dritten verkündet Edward, der seit zehn Jahren in der Todeszelle sitzt, dem inzwischen 17-Jährigen Bruder, dass er in wenigen Wochen hingerichtet wird, sollte sein Fall nicht neu beurteilt werden. Joe reist nach Wakeling, um in der von Perspektivlosigkeit gezeichneten Kleinstadt, in der alles auf das Gefängnis zu weisen scheint, dem ihm fremd gewordenen Bruder beizustehen.

Crossans Roman lebt für einmal stärker von der klaren politischen Positionierung als von der literarischen Kraft der Sprache, deren Rhythmisierung zuweilen etwas zufällig erscheint. Vor allem in den vergeblichen Bemühungen der Familie, dem Verurteilten Gehör zu verschaffen, wird ein Bild des US-Rechtsstaats als fragwürdiges, von Willkür geprägtes Konstrukt gezeichnet, das vor allem für Angehörige von Minderheiten und arme Menschen fatale Konsequenzen zeitigt. Joe erlebt dies hautnah mit und stellt sich den konkreten Fragen des Überlebens auf Zeit genau wie der Suche nach Nähe vor dem endgültigen Abschied. So entfaltet auch Crossans jüngster Versroman eine den thematischen Rahmen sprengende Dringlichkeit.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/20, S. 36

Hexenlied
Antonia Michaelis
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2019, Seiten: 400, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-1052-8
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Gewalt

Das neue Theaterstück an Tims Schule sorgt von Anfang an für Aufregung. «La Bruja» soll es heissen – die Hexe. Obwohl eigentlich klar ist, dass die rothaarige Ninon die Hauptrolle spielen wird, entwickelt plötzlich die als verschrobene Aussenseiterin geltende und stets in schwarz gekleidete Lilith auf der Bühne eine derartige Präsenz, dass stattdessen sie die Rolle der Hexe bekommt.

Für Tim, aus dessen Perspektive das Geschehen geschildert wird, hat ihr Spiel eine beklemmende Realität. Immer mehr fühlt er sich in das Stück hineingezogen, in das Mexiko einer revolutionären Vergangenheit, in der es für Hexen nur das Schicksal auf dem Scheiterhaufen gab. Als der Lehrer die gemischte Gruppe zu einem Theaterseminar in den Bergen einlädt, verwischen die Grenzen immer mehr: Was ist Wirklichkeit und was ist Fiktion? Hin- und hergerissen zwischen seinen eigenen Gefühlen für das charismatische, dünne Mädchen und den immer lauter werdenden Anschuldigungen, Lilith sei wirklich eine Hexe, wird Tim zunehmend unsicherer. Als der Lehrer verschwindet, offenbar Blut in den Boden der Scheune gesickert ist und die Jugendlichen durch ein Unwetter von der Aussenwelt abgeschnitten werden, kommt es zum Eklat.

Antonia Michaelis beweist hier einmal mehr, dass sie eine Meisterin ihres Fachs ist. Eine nicht uneingeschränkt glaubhafte Fokalisierungsinstanz mit psychischen Problemen, verstörenden Erlebnissen, Fieberträumen und Angst – all das ist eingebettet in einen kunstvoll komponierten und höchst spannenden Roman, der vom ersten Satz düster überschattet wird: «Wir haben die Hexe getötet». Atmosphärisch und packend, ist dieser Thriller am Rand der magischen Realität absolut lesenswert.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/20, S. 36

Alle behindert!
Monika Osberghaus, Illustration: Horst Klein
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2019, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-217-6
Schlagwörter: Behinderung | Biografie | Diversität

25 spannende und bekannte Beeinträchtigungen in Wort und Bild

Mit dem Slogan «Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna?» warb Limonadenhersteller Bluna Mitte der 1990er-Jahre nicht nur für seine prickelnde Orangenlimonade, sondern für ein neues Lebensgefühl. Horst Klein und Monika Osberghaus verfolgen in «Alle behindert!» einen ähnlichen Ansatz. Steckbriefartig stellen sie auf jeweils einer Seite «25 spannende und bekannte Beeinträchtigungen» vor. Dabei stehen Mädchen und Jungen mit Behinderungen wie Trisomie 21, Epilepsie oder Kleinwuchs neben Kindern, die man auf den ersten Blick nicht als behindert bezeichnen möchte: Julien zum Beispiel, der ein ziemlicher Angeber ist, Helikopterkind Leopoldine Victoria, die extrem schüchterne Martha oder Jeremias, der in jeder freien Minute am Bildschirm klebt.

Im Zentrum jeder Seite steht eine witzige, farbig unterlegte Comic-Zeichnung, die eine typische Szene aus dem Alltag des Kindes zeigt. Drumherum finden sich allerlei Fragen und Antworten, die davon erzählen, was das jeweilige Kind mag und was nicht, wie seine Behinderung heisst und ob sie wieder verschwindet, was man mit Kindern mit dieser Beeinträchtigung spielen kann und welche «geheimen» Talente sie besitzen.

Auf verspielte Weise versuchen die KünstlerInnen, die Kategorisierung in behindert und nicht-behindert aufzubrechen und das Andere, Besondere jedes Menschen zu betonen. Dabei begegnen sie den beschriebenen Kindern auf Augenhöhe, werben für einen offenen Umgang und betonen, dass Schlausein viele Gesichter haben kann und man nicht immer alles perfekt machen muss, um Freude am Leben zu haben. Das Buch gehört in jede Kindergarten und jede Primarschule: Weil es neugierig macht, Berührungsängste und Vorurteile abbaut und hilft, Inklusion zu leben.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/20, S. 37

Antigone
Olivia Vieweg
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2019, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-71352-0
Schlagwörter: Historisches | Familie/Familienformen | Gewalt

«Ismene? Hast du es schon gehört?» – «Ja.» – «Ja? Das ist alles, was du dazu zu sagen hast? Was sollen wir nur tun? Wenn sie unserem Bruder die Beerdigung verwehren, so kann er niemals ins Reich der Götter eintreten.» Antigone und Ismene trauern beide um ihre toten Brüder Eteokles und Polyneikes, die sich im Zweikampf gegenseitig ermordet haben. Ihr Onkel, der tyrannische Herrscher Kreon, will sich die Macht über Theben sichern und verbietet das Begräbnis des einen Bruders. Der Leichnam von Polyneikes soll vor den Stadttoren verrotten. Eteokles hingegen wird heldenhaft bestattet. Das ist der Ausgangspunkt der Ereignisse, in deren Rahmen erzählt wird, wie Antigone sich nicht vom Bestattungsverbot aufhalten lässt und ihren geliebten Bruder beerdigt. In flagranti ertappt, wird sie Kreon vorgeführt. Dieser lässt sie zur Strafe lebendig einmauern.

Die antike Tragödie von Sophokles wird in der Adaption von Olivia Vieweg reduziert und in eine kurze Comic-Erzählung für jugendliche LeserInnen transformiert. Die Distanz zum Geschehen wird durch den narrativen Modus aufgebrochen. Dadurch entstehen ein schnelles Tempo und viel Spannung. Dramatisch wird die ästhetische Linie besonders durch das knallrot eingefärbte Blut, welches das weiss-grau-schwarze Farbschema sprengt.

Die Comic-Adaption betont die Antagonismen «Frau gegen Mann», «Gesetz gegen göttliches Gebot» und «Gewissen gegen Gehorsam», setzt sie aber in Beziehung zu aktueller Zeitgeschichte. Bei Viewegs Antigone wird eine wahrhaft schauerliche Facettierung der weiblichen Hauptfigur herausgearbeitet: Nicht als glorreiche Heldin, sondern eingebettet in eine unheimliche Bild-Szenerie voller schwarzer Krähen, abgetrennter Körperteile und triefendem Blut, tritt die unheimliche Gestalt schlussendlich ab.

Nora Jäggi
Buch&Maus 1/20, S. 37

Melin
Rahel Messerli
Verlag: Luftschacht, Publiziert: 2019, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-903081-42-0
Schlagwörter: Schule | Lesen

Anstrengend. So fühlt sich das Lesen für ein Kind mit Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) an: «Ich mac8hte vi#e*le Fe!h+l*er, s!tà%0)ckéte, v4e£r)*l/oçh)r m+i?ch i*n d+°er Z!e£i&l*e …» Wie sehr sich Melin auch anstrengt, die Diktate bleiben rot. Die Mühe beim Lesen und Schreiben wirkt sich auch auf andere Fächer aus. Melin übt, Melin betet, Melin hält sich für dumm. Aus dem fröhlichen Mädchen – «Ich habe mich wahnsinnig auf die Schule gefreut» – wird ein frustriertes, trauriges Kind. Braucht sie eine Brille? Oder einfach jemanden, der erkennt, was mit ihr los ist?

Endlich! Die Mutter hat eine Fachperson gefunden und der Test zeigt, «…dass Melin ein gesundes und kluges Mädchen ist. Sie hat einfach eine LRS.» Dann erklärt der mit blau-grün aquarellierten Pinselstrichen zum Leben erweckte, ruhige Herr, dass bei Menschen mit LRS das Speichern von ganzen Wortbildern nicht automatisiert ist. Melins in klaren, bunten Farben gehaltenes Gesichtlein spiegelt ihre Verwunderung. Fortan wird sie ein Förderangebot bekommen.

Interessant: Der Text ist in «OpenDyslexic» gesetzt, eine Schrift, die speziell für Menschen mit Dyslexie / Legasthenie entwickelt wurde. Der Sachcomic ist ansprechend aufgebaut und fröhlich-einfühlsam illustriert. Das sperrige Thema wird mit Melin lebendig und in ihrer Perspektive glitzert neben dem ganzen Frust auch Humor und Protest auf: «LRS ist wenn man ein Wort auf gaaanz viele Arten schreiben kann und für einen selbst alle Varianten richtig sind!» Bei der freundlichen Frau Biberli lernt Melin dann spielerisch und darf auch aufs Trampolin. Das Aufklärungsbuch der jungen Schweizer Illustratorin Rahel Messerli macht Mut, es verrät Fakten wie Strategien und zitiert zum Schluss betroffene VIPs – von der Schauspielerin Whoopi Goldberg bis hin zum Physiker Albert Einstein.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/20, S. 37

Totsch
Sunil Mann
Verlag: da bux, Publiziert: 2019, Seiten: 60, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906876-13-9
Schlagwörter: Freundschaft | LGBTQ*

Ist das möglich: eine Freundschaft, vielleicht sogar mehr, zwischen einem Pummelchen und dem coolsten Typen der Stadt? Der Autor erzählt in einer subtilen, präzisen Sprache von der Annäherung zweier ganz unterschiedlicher Jugendlicher. Mit wenigen Worten lässt er seine Figuren lebendig werden, mit ihren Gedanken, Sorgen und Nöten. Dabei entfaltet der Text einen rhythmischen Sound und hat auch einiges an Action zu bieten.
(Nominierung Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis 2020)

Als «Totsch», als pummliger Trampel fühlt sich Lehrling Olaf. Heimlich beobachtet er Jannick. Der coole, beliebte Typ wird zum Ziel von Olafs Sehnsüchten, und die beiden Jugendlichen nähern sich einander an. Ist es Freundschaft oder Liebe? Action gibt es auf jeden Fall! Diese Erzählung in rhythmischer, alltagsnaher Sprache eignet sich auch für Leseungewohnte.

Drei Väter
Nando von Arb
Verlag: Edition Moderne, Publiziert: 2019, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03731-190-5
Schlagwörter: Familie/Familienformen

In einer chaotischen Familie aufzuwachsen, bringt Schmerz mit sich, aber auch Entwicklungsmöglichkeiten. Mit archaischer Bildkraft erzählt diese Graphic Novel aus einer radikalen Kinderperspektive, was es heisst, drei Väter zu haben, die kommen und gehen, und eine Mutter, der alles zu viel ist. Die expressiven Szenen evozieren ein Gefühl für diese schwankende Welt und für das Kind, das lernt, auf lustvolle Weise darin zu navigieren.
(Nominierung Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis 2020)

Einer von 11
Manfred Theisen
Verlag: Loewe, Publiziert: 2018, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7855-8912-0
Schlagwörter: Sport | Identität/Individualität | Rassismus

Der Erzähler steht am Spielfeldrand, bereit für den ersten Einsatz in der deutschen Nationalelf. Sein Leben geht ihm durch den Kopf, das Aufwachsen als Sohn eines Nigerianers und einer Deutschen, seine vielen Erfahrungen von Ausschluss und Anderssein. Aber Schwarz-Rot-Gold ist seine Berufung. Er ist Deutscher. Er gehört dazu. Ein kurzer Monolog über Identität und Nationalismus, der viel Gesprächsstoff bietet.

Fussball
Barbara Iland-Olschewski
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2018, Seiten: 140, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-55451-5
Schlagwörter: Sport

Fakten, Rekorde und Stars

Dieses überarbeitete und neu aufgelegte Fussball-Sachbuch bietet eine Fülle an Hintergrundinformationen für alle Fussball-Aficionados. Hier können sie ihr taktisches Wissen schulen, Regelkenntnisse überprüfen, Einblick in den Frauenfussball erhalten, mehr über grosse europäische Vereine erfahren und natürlich Stars und Legenden begegnen. Dazu gibt es viele Fotos, Statistiken und Tabellen.

Wild auf Fussball
Beate Dölling
Verlag: dtv, Publiziert: 2018, Seiten: 152, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-71779-3
Schlagwörter: Sport | Freundschaft | Geschlechterbilder

Lino und Ella liegen sich dauernd in den Haaren – und immer geht es um Fussball. Seit Ella mit ihrem gemischten Team Linos Jungen-Mannschaft in den Schatten stellt, schikaniert sie der etwas ältere Bruder am Laufmeter. Erst als er für sich ein neues Hobby entdeckt und Linas Team ihn für ein Spiel dringend braucht, löst sich dieser Knoten. Eine dynamische Geschichte über Fussball, Freundschaft und Genderfragen.

Storm oder die Erfindung des Fussballs
Jan Birck
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2018, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-65125-9
Schlagwörter: Sport | Abenteuer | Streit/Konflikt

Klosterschule ist langweilig! Deshalb haut der Junge Storm ab – und wird prompt vom Wikinger Ansgar dem Haarigen und seinen Leuten aufgegriffen. Storm gerät mitten in die Feindschaft zweier benachbarter Wikingerdörfer hinein und bringt diese dank seiner Erfindung mit einem Ball und zwei Toren dazu, ihre Konflikte fortan friedlich zu lösen. Eine Abenteuergeschichte zum Vor- und Selberlesen – nicht nur für Fussballfans.

71 Schafe spielen Fussball
Pablo Albo, Illustration: Raúl Nieto Guridi
Aus dem Spanischen Mónica Hahn
Verlag: Aladin, Publiziert: 2018, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-848-90127-2
Schlagwörter: Sport | Tiere

35 auf der einen Seite, 35 auf der anderen und der Schiedsrichter in der Mitte: 71 (säuberlich nummerierte) Schafe spielen Fussball. Das heisst, gespielt wird in dieser witzigen Bildergeschichte eher wenig. Denn in der Mitte des Spielfelds steht ein Baum, auf dem abwechselnd der Ball oder ein Schaf landet. Und dann kommt auch noch der Wolf … Wenig Text, viel Humor und die Erkenntnis: Lieber 11 als 71!

Zirkusnacht
Mattias de Leeuw
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2018, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5633-8
Schlagwörter: Traum

Als spätabends ein kleiner, schwarzer Hund vor dem Fenster des Mädchens auftaucht, lockt es ihn in sein Zimmer, wo sie noch lange zusammen spielen. Erst weit nach Mitternacht geht das Mädchen schlafen, und der Hund verlässt das Zimmer, wie er gekommen ist – durchs Fenster. Für die BilderbuchbetrachterInnen gut sichtbar läuft er zurück zum Zirkus, dessen Plakat im Zimmer des Mädchens hängt. Doch davon weiss das Mädchen nichts, und als es wenig später erwacht, sucht es seinen neuen Freund überall, bis es sich traurig auf der Fensterbank zusammenrollt und wieder einschläft. Hier beginnt nun eine traumhafte Reise: Der Clown steigt aus dem Plakat und bringt das schlafende Kind zum Zirkus, wo es mit den Artistinnen, Trapezkünstlern und Zirkustieren eine wunderbare Nacht erlebt.
Doch ist das Mädchen wirklich im Zirkus? Wer genau hinsieht, erkennt in den Zirkusleuten das Spielzeug aus dem Kinderzimmer. Endlich taucht auch der kleine Hund wieder auf und zeigt dem Mädchen, warum er es wieder verlassen musste: In einem Körbchen liegen ein zweiter Hund und viele winzige Welpen. Der Clown trägt das Kind durch die Nacht zurück, wobei es einschläft und erst am nächsten Morgen erwacht, als es von den Sonnenstrahlen gekitzelt wird.
Mattias de Leeuw erzählt diese zauberhafte Zirkusgeschichte ganz ohne Worte mit kleinen Panels und grossen, doppelseitigen Illustrationen in kräftigen, leuchtenden Farben, so dass kleine BuchbetrachterInnen sich aussuchen können, ob sie die «Zirkusnacht» als fantastisches Abenteuer oder als Traum lesen möchten. Ein zum Erzählen und Spielen animierendes, wunderschönes Bilderbuch für kleine Zirkusfans ab etwa vier Jahren.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/18, S. 26

Das Mädchen, das den Mond trank
Kelly Barnhill
Aus dem amerikanischen Englisch von Sandra Knuffinke und Jessika Komina
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2018, Seiten: 464, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5538-4

Jedes Jahr muss das jüngste Baby des Protektorats der Hexe geopfert werden, die im Wald lebt. Der Ältestenrat glaubt beständig, damit eine Lüge in die Welt gesetzt zu haben, um die eigene Machtposition zu sichern, und weder er noch die anderen Stadtbewohner ahnen, dass es im Wald tatsächlich eine Hexe namens Xan gibt. Diese kümmert sich jedoch rührend um die «geopferten» Kinder, füttert sie mit Sternen- und Mondlicht und bringt sie zu Familien in andere Städte, wo sie behütet aufwachsen können. Ein Kind jedoch, Luna, zieht sie selbst gross. Weil Xan sie mit zu viel Mondlicht gefüttert hat, ist Luna voller Magie – die nicht nur Xan zu spüren bekommt. Auch das Monster im Sumpf und der kleine Drache, der über sich hinaus wachsen wird, werden Zeuge von Lunas übersprühender Magie. Es gibt einen Helden namens Antain, der bereit ist, gegen die vermeintlich böse Hexe im Wald anzukämpfen. Und es gibt auch eine wirklich böse Hexe – die im Dorf lebt …
Kelly Barnhill erzählt in ihrem umfangreichen Kinderroman nicht nur die Geschichte von Xan, Luna und dem Geschehen im Wald. Sie erzählt auch von einer Stadt, die vom Ältestenrat und der Priorin beherrscht wird, in der sich jedoch langsam Widerstand regt. Dieser manifestiert sich in der Figur des Antain und seiner Frau Ethyne, die der Hexe entgegentreten wollen, nicht ahnend, dass das Böse im Dorf selbst lauert. Und auch Lunas richtige Mutter, die im Kerker der Priorin stets an ihr Kind denkt, findet einen Weg in die Freiheit und zu ihrer Tochter. Gekonnt verbindet Barnhill alle Erzählstränge und die darin enthaltenen Einzelschicksale ihrer Figuren miteinander und lässt eine komplexe Welt entstehen, in der Magie ganz unterschiedliche Formen annehmen kann und sowohl zu guten Zwecken eingesetzt als auch missbraucht wird – und in der das Gute schlussendlich siegen kann.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/18, S. 32

Die Nervensäge, meine Mutter, Sir Tiffy, der Nerd & ich
Michael Gerard Bauer
Aus dem Englischen von Ute Mihr
Verlag: Hanser, Publiziert: 2018, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25862-4
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Humor/Komik

«Die Nervensäge, meine Mutter, Sir Tiffy, der Nerd & ich» – der Titel des neuen Romans von Michael Gerard Bauer ist bereits eine Auslegeordnung der seltsamen Konstellation von Figuren, von denen die Ich-Erzählerin Maggie berichten wird. Doch bis daraus zwei Liebespaare und eine Patchworkfamilie mit Kater werden können, toben einige Stürme durch das Haus, das Maggie und ihre Mutter wie eine Festung bewohnen. Denn Maggie, ein zorniger Teenager mit geschliffenem Mundwerk, ist nicht an Konstellationen interessiert; und schon gar nicht, was ihre Mutter angeht. Ihr ganzer Hass ergiesst sich deshalb über den zu Witzen aufgelegten Herrn, der mit ihrer Mutter ausgeht: die Nervensäge. Doch wie es sich für Nervensägen gehört, lässt der sich nicht so leicht abschrecken und entwickelt sogar einen pädagogischen Furor. Dieser gipfelt darin, dass er Maggie einen uralten einäugigen Kater mitbringt, um den sie sich kümmern soll: Sir Tiffy.
Ein bewährtes Rezept, um in Romanen unterschiedliche Figuren und ihre Sicht der Dinge zur Geltung zu bringen, besteht im Perspektivenwechsel. Doch Bauer tut genau das Gegenteil. Er lässt Maggie schimpfen und toben und alles aus der beschränkten Sicht eines selbstbezogenen Teenagers betrachten. Zu Beginn ist sie manchmal so ungerecht, dass man als Leserin Mitleid mit Mutter und Nervensäge bekommt. Vor allem ist man froh, dass es Schwester Yoda gibt, Maggies Englischlehrerin. Sie zwingt Maggie, die sich als Schreiberin für extrem begabt hält, so lange an ihren Texten zu feilen, bis jedes Wort da steht, wo es hingehört. So lernt das Mädchen, den Schmerz und die Wut in Sprachwitz und Selbstironie zu verpacken – nicht nur im Text, sondern, langsam aber sicher, auch im Leben.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/18, S. 33

Komm nur herein! 
Max Bolliger, Illustration: Lihie Jacob
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2018, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0728-5
Schlagwörter: Eifersucht/Neid

«In einem Märchenhaus wohnte eine Gute Fee, zusammen mit einer winzigen Maus» – so beginnt die Bilderbuchgeschichte des 2013 verstorbenen Schweizer Kinderbuchautors Max Bolliger, die der Atlantis Verlag nun posthum aus dem Nachlass veröffentlicht. Die Gute Fee hat zwei Gaben: Sie kann mit Tieren sprechen und wunderbare Geschichten erzählen. Eines Tages klopfen eine kleine Katze und ein grosser Hund an die Tür und betteln um eine ihrer Geschichten. Vor Schreck und mit vor Eifersucht wild klopfendem Herzen verkriecht sich das Mäuschen unter der Kommode. Wie kann ihr die Gute Fee das antun? Warum lässt sie andere Tiere ihren Platz einnehmen? Als es draussen dämmert und den Zuhörern langsam der Magen knurrt, bereitet die Gute Fee ein Festmahl zu: süsser Most und Milch, Speck und Käse und je ein Tellerchen für Katze, Hund und Maus. Als das Mäuschen begreift, dass die Fee es keinesfalls vergessen hat, kriecht es aus seinem Versteck.

Sich in die Gedankenwelt von Heranwachsenden einfühlen, ihre Nöte und Freuden auf den Punkt bringen und in gut erzählte Geschichten verpacken – diese Fähigkeit hat Max Bolliger in zahlreichen und vielfach prämierten Bilder- und Kinderbüchern bewiesen. Auch sein Märchen von der Guten Fee und ihrer Maus ist so seelenvoll geschrieben, dass Drei- bis Fünfjährige ihm im Wortsinn mucksmäuschenstill lauschen werden. Erfrischend unkonventionell sind die Aquarellbilder von Lihie Jacob: Ihre Gute Fee gleicht mit der grauen Kurzhaarfrisur, der senfgelben Hose und dem mit Nippes und Textilien ausstaffierten Wohnzimmer eher der netten Oma von nebenan als einem ätherischen Feenwesen. Statt mit ihren hauchzarten Flügelchen abzuheben, bleibt diese Fee lieber am Boden bei Kakao, Kuchen und einer guten Geschichte.

Alice Werner
Buch&Maus 1/18, S. 26

Das Tigerei
Nele Brönner
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2018, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10431-2
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere

Ein alter, schlechtgelaunter Tiger namens Hermann erlebt etwas absolut Unerwartetes in seinem Zooalltag: Ein kleines Ei, das ihm eines Tages vor die Schnauze rollt, verändert sein Leben. Der innere Monolog des Tigers gibt eine rührende Zärtlichkeit dem winzigen, aus dem Ei geschlüpften Vogel gegenüber zu erkennen. Die Dialoge sind quicklebendig und die Spannung zwischen keckem Vogelkind und alter Raubkatze trägt durch die komplette Erzählung. Wie leicht könnte das starke Tier das schwache Küken fressen!
Wie Katja Gehrmanns tierische Adoptionsgeschichte «Gans, der Bär» spielt auch «Das Tigerei» auf den Verhaltensbiologen und Gänsevater Konrad Lorenz an, doch in punkto Technik und Stil unterscheiden sich die Illustrationen stark. Nele Brönner zeichnet mit Fineliner, Marderhaarpinseln und farbigen Tuschen auf Papier, oft auf mehreren Blättern, die sie dann in einem nächsten Schritt am Computer zusammenbaut. Bild und Text entstehen im «Ping-Pong-Verfahren», wie sie selbst sagt. Ein klarer Vorteil, wenn beides aus einer Hand kommt.
Ganz bewusst präsentiert Brönner nach ihrem ersten Bilderbuch «Affenfalle», für das sie 2015 mit dem Nachwuchs-Preis «Serafina» ausgezeichnet wurde, ein Kontrastprogramm. Nun stehen satte Farben und exotische Pflanzen im Mittelpunkt. Um die Tiere in ihren Bilderbüchern zeichnen zu können, geht sie in den Zoo und studiert zunächst ihr Aussehen. In einem zweiten Schritt abstrahiert sie aber und stellt die Bewegung und die Körpersprache in den Fokus, um deutlich zu machen, was die Tiere denken und fühlen.
Auf weitere aussergewöhnliche Bilderbücher mit ihrem Charme darf man gespannt sein!

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/18, S. 28

Smon Smon
Sonja Danowski
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2018, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10415-2
Schlagwörter: Freundschaft | Sprachspiel

«Das Smon Smon lebt auf dem Planeten Gon Gon» – so beginnt das neue Bilderbuch von Illustratorin Sonja Danowski, die für ihre detailreichen, magisch-realistischen Zeichnungen schon mehrfach ausgezeichnet wurde. Diese Geschichte ist allerdings anders als ihre Vorgängerprojekte: Mit nur wenigen, sprachvespielten Sätzen, aber opulenten Panorama-Bildern in sepiafarbenem, osteuropäisch anmutendem Retro-Stil präsentiert Danowski eine surreale und fantastische Welt, in der sich seltsame Wesen tummeln. So, wie das Smon Smon: Ein Clown mit verträumtem, zartem Kindergesicht, schwarzem Katzennäschen und Ziehharmonika-Hals, der in einem Won Won lebt, am liebsten Lon Lons und Ron Rons schnabuliert und auf der Suche danach mit seinem Ton Ton durch geheimnisvolle Fels- und Wasserlandschaften schippert.
Was das alles sein soll, lässt sich dank ausdrucksstarker Bebilderung zwar mühelos entschlüsseln, das tut der verzauberten Exotik dieses Planeten aber keinen Abbruch: Hier gibt es riesige, rasend schnell wachsende Pon Pon-Pilze, fliegende Flon Flons und wuselige Klon Klons mit Ston Stons, vor allem aber überall ein Gewirr aus Strukturen und Ornamenten in warmen Erdtönen. Erzählt werden in dieser Traumkulisse kleine Geschichten von Freundschaft, vom Helfen und Teilen: Da stürzt das Smon Smon in eine Felsspalte und wird von den Klon Klons wieder herausgezogen, da bedankt es sich bei den vogelgleichen Flon Flons für seine Rettung mit einem Ton Ton, das dann als Transportkorb für die Küken fungiert. Und am Ende findet es sogar noch ein anderes Smon Smon zum Kuscheln … – liebenswerte Episoden, wie aus dem Sandmännchen vor langer Zeit, bildgewaltig umgesetzt.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/18, S. 30

Herzsturm – Sturmherz
Annette Herzog, Illustration: Rasmus Bregnhøi
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2018, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0584-6

Die Liebe, dieses kaum fassbare, komplizierte, absolutes Glück verheissende und gleichzeitig tiefste Verunsicherung auslösende Gefühl … Ein paar Jahre nach dem hochgelobten «Pssst!» gerät dessen Protagonistin Viola in «Herzsturm – Sturmherz» in die Wirren der ersten Liebe: Sie ist in Storm verliebt, Storm in sie, doch aus Unsicherheit, Angst vor Abweisung und sozialem Druck wagen es beide nicht, einander ihre Gefühle zu offenbaren. Lieber vertrauen sie sich ihrem Tagebuch und ihrer Freundin an (Viola) oder schreiben glühende Songtexte (Storm).

Die Originalität von «Herzsturm – Sturmherz» liegt nicht in der Story; dieser folgt den erwartbaren, sich zwar einmalig anfühlenden, tatsächlich aber von allen durchlittenen Phasen der ersten Verliebtheit: die berauschenden Gefühle, die schwarzen Selbstzweifel, das Bedürfnis und die Lust nach Nähe und Intimität und die Angst davor, die Rückweisung des anderen, Verzweiflung und Unverstandensein.

Nein, die Qualitäten der Graphic Novel liegen in der subtilen Vermittlung dieser Emotionen, den Wechseln zwischen Aussenwahrnehmung und Innenleben der ProtagonistInnen und in der raffinierten Verknüpfung des Comics mit Tagebucheinträgen, Songs, beiläufig eingestreuten Zitaten und Vorbildern aus der Fach- und Weltliteratur. Zusammengefügt ergibt sich daraus ein emotional stimmiges und gut nachvollziehbares Bild dieses Zustands.

Besonders gelungen ist, dass Annette Herzog die Geschichte zweimal erzählt, einmal aus der Perspektive Violas (gezeichnet von Katrine Clante), einmal aus Storms Perspektive (Rasmus Bregnhøi); beide Geschichten kreuzen sich in der Mitte dieses Wendebuchs – und natürlich wünscht man Viola und Storm nur das Beste und Schönste in ihrer ersten Beziehung …

Christian Gasser
Buch&Maus 1/18, S. 37

Als wir einmal Waisenkinder waren
Nikola Huppertz, Illustration: Maja Bohn
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2018, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-345-0
Schlagwörter: Ferien

Ferien in Minte – Idylle pur! Aber als die Eltern von Stine, Carotta und Liv vorschlagen, eine Wanderung ins Teufelsmoor zu unternehmen, streiken die drei Töchter aus den unterschiedlichsten Gründen. Das Moor könnte gefährlich sein, die Wanderung zu weit – und Handyempfang gibt es da sicher auch nicht, erklären die Mädchen und sind sich ungewöhnlich einig darin, gegen etwas zu sein. Die Eltern sind zwar nicht begeistert, brechen dann aber doch alleine auf und die Mädchen starten in einen herrlichen Ferientag ohne elterliche Aufsicht. Ganz unversorgt sind sie dabei nicht, denn die Vermieter der Ferienwohnung sind ganz in der Nähe und haben versprochen, ein Auge auf die Mädchen zu haben.
Kirschenessen, Kernespucken, Sonnesitzen – ein Sommertag kann herrlich sein! Doch dann senkt sich ein Schatten über die drei Mädchen: Carlotta wirft die Frage auf, was wohl wäre, wenn den Eltern jetzt etwas passieren würde in dem gefährlichen Moor. Dann wären sie Waisenkinder und müssten wohl ins Heim … Oder ob sie sich selbst versorgen könnten? Nikola Huppertz spielt die Herzensängste der Mädchen und ihren Einfallsreichtum als Selbstversorger hinreissend durch.
Schade nur, dass der Titel so sehr an Ulf Nilssons «Als wir allein auf der Welt waren» (Moritz 2009) erinnert. Das schmälert den Eindruck von Originalität, auch wenn die Umsetzung der beiden thematisch ähnlichen Bücher durchaus individuell ist. Huppertz’ «kleiner Roman» ist ein federleichtes Buch, das Mädchen im Unterstufenalter ansprechen wird, voller Situationskomik und spannenden Bangens über die Grundidee vieler Kinderbücher – es ohne die Eltern schaffen zu können.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/18, S. 30

Sternschnuppensommer
Gideon Samson
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2018, Seiten: 232, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5630-7
Schlagwörter: Eifersucht/Neid | Freundschaft | Ferien

Was für ein dummes Gefühl, wenn Eifersucht die schönsten Freundschaften auf einmal in Frage stellt! Oskar und Jaak aus zwei Kinderromanen von Kerstin Lundberg Hahn und Gideon Samson müssen das beide erfahren.
Schon auf Susanne Göhlichs Coverillustration von «Oskar und das Mandelherz», das sich an Kinder ab dem Unterstufenalter richtet, ist die Tragödie zu erkennen: Da steht Oskar im Hintergrund auf dem Pausenplatz und beobachtet mit betrübter Miene seine fröhlich plaudernden Freunde, Bie und Hugo. «Als ich die beiden so sah, wie sie Arm in Arm vor mir herliefen, da kam es mir plötzlich so vor, als würde mir das Atmen schwerfallen», bringt der kindliche Ich-Erzähler dieses Gefühl in Worte. Dabei ist Bie doch Oskars Freundin, er trägt ihren Drachenanhänger um den Hals! Wolken ziehen auf am präpubertären Liebeshimmel. Kommt dazu, dass Oskar gleich an mehreren Fronten zu kämpfen hat: Heiss und innig wünscht er sich einen Hund, am liebsten so einen wie das Mischlingshündchen Amelia, das er im Park kennengelernt hat. Bei seinen Eltern stösst der Wunsch aber auf taube Ohren, denn Oskar soll in wenigen Monaten grosser Bruder werden – an einen Welpen ist nicht zu denken. Wie ein zu Marzipan zerriebener Mandelkern fühlt sich Oskars Herz da an.
Die schwedische Autorin Kerstin Lundberg Hahn steht mit ihrer einfühlsamen Erzählweise und dem liebevollen Humor der kindlichen Gefühlswelt ganz nahe: Der Junge, der seine Freundschaften und die Liebe seiner Eltern in Gefahr sieht, projiziert sein Verlangen, geliebt zu werden, auf einen Hund. Von einem erheiternden Missverständnis gerät er ins nächste (wer hätte ahnen können, dass Bie selbst eifersüchtig ist auf Amelia, die sie als Mädchen wähnte?), bis sich alles zum Guten wendet – mit Baby, Hund und Drachenanhänger.
In «Sternschnuppensommer» des Niederländers Gideon Samson sind die ProtagonistInnen schon etwas älter und die Sachlage präsentiert sich noch komplexer. Jaak, der vom Erzähler durchgehend als «Du» angesprochen wird, ist nicht der einzige Eifersüchtige in dieser Dreiecksgeschichte, vielmehr arbeiten sich drei Kinder am Glück und den Schwierigkeiten verschiedener Freundschaftskonstellationen ab. Jaak muss die Ferien beim ihm unvertrauten Vater auf einer griechischen Insel verbringen. Dem Ertrinken in Selbstmitleid entgeht er knapp, als er dort Micha kennenlernt. Innert Kürze entwickelt sich zwischen den zwei Jungen eine tiefe Freundschaft. Doch mit der baldigen Ankunft von Puck, Michas Freundin, scheint das Glück endlich. Es kommt aber anders: Micha zieht Jaak selbstverständlich in die junge Liebe hinein. Zu dritt geniessen sie den griechischen Sommer, ja sogar Küsse unter dem Sternenhimmel. Und doch schwingt in ihrem Beisammensein stets etwas mit, etwa wenn die zwei Jungen zu Puck auf einen Baum klettern: «Ihr klettert um die Wette, durchzuckt es dich. Niemand hat es laut gesagt, aber du fühlst es einfach und bist dir fast sicher, Micha fühlt es auch.» Die Grenzen der emotionalen Grosszügigkeit werden ausgetestet, es kommt zum Eklat und zur Wiederversöhnung.
Gideon Samson entlässt seine ProtagonistInnen am Ende dieses langsam und sehr intensiv erzählten Romans hoffnungsvoll, wenn auch wehmütig und mit wichtigen Erfahrungen im Gepäck.
Eifersucht zu überwinden, ist eine grosse und reife Leistung, das machen beide Bücher deutlich. «‹Hör mal›, sagte Bie. ‹Ich kann Hugo ja wohl so gerne mögen, wie ich will. Du magst ihn doch auch. Oder etwa nicht?›» – Wenn es doch nur immer so einfach wäre!

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/18, S. 31

Pudel mit Pommes
Pija Lindenbaum
Aus dem Schwedischen von Kerstin Behnken
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2018, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-0858-7

Nach dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle sind 2016 besonders viele Bilderbücher zum Thema Flucht erschienen. Geschichten, die in drastischen Bildern verarbeiten, wie schwer das Leben in einer zerstörten Heimat war und wie dramatisch die Flucht. Diese Bücher ermöglichen europäischen Kindern, Zusammenhänge besser zu verstehen. Die neuangekommenen Kinder selbst sollten sie nur in geschütztem, psychologisch betreutem Rahmen ansehen, da sie möglicherweise direkt an ein erlittenes Trauma anknüpfen. Für eine sensible interkulturelle Pädagogik eignen sich hingegen Geschichten, die allgemeiner vom Weggehen und Ankommen handeln.
Solch ein Buch ist «Pudel mit Pommes». Darin erzählt Pija Lindenbaum – gewohnt abwechslungsreich in Bild und Text – von unhaltbaren Zuständen. Die aber sind so absurd, dass es schon wieder komisch ist: Da leben drei Hunde alleine auf einer kleinen Insel und beklagen sich, dass es keine Bonbons und Fussbälle mehr gäbe. Man fragt sich, woher hatten sie diese oder auch das Boot mit Motor, Schlafanzüge und Zahnbürsten jemals her? Aber genaugenommen brauchen Hunde all das ja ohnehin nicht. Kurz und gut, die drei samt Schosshündchen «Wauwau» machen sich in einem viel zu kleinen Boot auf und erreichen ein Land, «in dem die Kartoffeln wachsen, dass es knackt» und drei Pudel leben. Die Wirtschaftsflüchtlinge «schüttelten sich den Sturm aus dem Fell» und werden erstmal freundlich begrüsst. Dann aber bekommen die Pudel Angst, wollen weder Haus noch Pommes teilen. Schliesslich sind es die auffallenden Gürtel der Zugereisten, die erneut zu einer Annäherung führen und der Erkenntnis, dass Fremdes das Eigene bereichert, wenn man sich ihm öffnet. Beeindruckend spielend balanciert die schwedische Bilderbuchkünstlerin zwischen Quatsch und todernstem Thema und erzählt mit viel Sprachwitz ihre abenteuerliche Fabel, deren Botschaft herausgelesen werden kann, aber nicht muss.
Die erste Bilderbuchgeschichte der iranischen Autorin Sepideh Sarihi ist zwar realistisch. Doch wird das Thema Auswanderung aus Sicht der kindlichen Erzählerin, die nichts über die ernsten Hintergründe weiss, als harmloser Umzug in eine «neue Wohnung» gedeutet. Eine Situation, die Kinder auf der ganzen Welt kennen und gleichermassen wenig schätzen. «Meine liebsten Dinge» fehlen überall im neuen Zuhause des Kindes. Dass es sich um ein Mädchen handelt, zeigen nur die Bilder. Ebenso das südländische Aussehen der Migrantenfamilie und die fremde heimatliche Architektur. Ansonsten geht es in Bild und Text darum, wie man Aquarium, Opas Holzstuhl, den Birnbaum im Hof, einen netten singenden Busfahrer und ganz wichtig: die beste Freundin mitnehmen könnte. Der zündenden Idee des Mädchens, seiner kindlichen Lösung, muss man sprachlich wie visuell nachspüren. Ob es am Ende klappt, bleibt offen.
Beeindruckend hat Julie Völk die kleine Geschichte in grosse Tableaus übersetzt: Ihre Schwarzweiss-Zeichnungen mit rein primärfarbigen Akzenten spiegeln in Aussenansicht das Innenleben der Heldin wieder. Zeigt das erste Doppelbild deren intaktes Kinderleben noch zentralperspektivisch, wandelt es sich danach zu Collagen, in denen sich – zusammengesetzt aus verschiedenen perspektivischen Versatzstücken – realistische mit bedeutungsperspektivischen Objekten mischen, bis sich die Welt des Mädchens langsam wieder sichtbar zusammensetzt. Am Ende ist zwar ihre Flaschenpost noch nicht da, sie aber im neuen Leben angekommen.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/18, S. 27

Meine liebsten Dinge müssen mit
Sepideh Sarihi, Illustration: Julie Völk
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2018, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82337-3
Schlagwörter: Migration

Nach dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle sind 2016 besonders viele Bilderbücher zum Thema Flucht erschienen. Geschichten, die in drastischen Bildern verarbeiten, wie schwer das Leben in einer zerstörten Heimat war und wie dramatisch die Flucht. Diese Bücher ermöglichen europäischen Kindern, Zusammenhänge besser zu verstehen. Die neuangekommenen Kinder selbst sollten sie nur in geschütztem, psychologisch betreutem Rahmen ansehen, da sie möglicherweise direkt an ein erlittenes Trauma anknüpfen. Für eine sensible interkulturelle Pädagogik eignen sich hingegen Geschichten, die allgemeiner vom Weggehen und Ankommen handeln.
Solch ein Buch ist «Pudel mit Pommes». Darin erzählt Pija Lindenbaum – gewohnt abwechslungsreich in Bild und Text – von unhaltbaren Zuständen. Die aber sind so absurd, dass es schon wieder komisch ist: Da leben drei Hunde alleine auf einer kleinen Insel und beklagen sich, dass es keine Bonbons und Fussbälle mehr gäbe. Man fragt sich, woher hatten sie diese oder auch das Boot mit Motor, Schlafanzüge und Zahnbürsten jemals her? Aber genaugenommen brauchen Hunde all das ja ohnehin nicht. Kurz und gut, die drei samt Schosshündchen «Wauwau» machen sich in einem viel zu kleinen Boot auf und erreichen ein Land, «in dem die Kartoffeln wachsen, dass es knackt» und drei Pudel leben. Die Wirtschaftsflüchtlinge «schüttelten sich den Sturm aus dem Fell» und werden erstmal freundlich begrüsst. Dann aber bekommen die Pudel Angst, wollen weder Haus noch Pommes teilen. Schliesslich sind es die auffallenden Gürtel der Zugereisten, die erneut zu einer Annäherung führen und der Erkenntnis, dass Fremdes das Eigene bereichert, wenn man sich ihm öffnet. Beeindruckend spielend balanciert die schwedische Bilderbuchkünstlerin zwischen Quatsch und todernstem Thema und erzählt mit viel Sprachwitz ihre abenteuerliche Fabel, deren Botschaft herausgelesen werden kann, aber nicht muss.
Die erste Bilderbuchgeschichte der iranischen Autorin Sepideh Sarihi ist zwar realistisch. Doch wird das Thema Auswanderung aus Sicht der kindlichen Erzählerin, die nichts über die ernsten Hintergründe weiss, als harmloser Umzug in eine «neue Wohnung» gedeutet. Eine Situation, die Kinder auf der ganzen Welt kennen und gleichermassen wenig schätzen. «Meine liebsten Dinge» fehlen überall im neuen Zuhause des Kindes. Dass es sich um ein Mädchen handelt, zeigen nur die Bilder. Ebenso das südländische Aussehen der Migrantenfamilie und die fremde heimatliche Architektur. Ansonsten geht es in Bild und Text darum, wie man Aquarium, Opas Holzstuhl, den Birnbaum im Hof, einen netten singenden Busfahrer und ganz wichtig: die beste Freundin mitnehmen könnte. Der zündenden Idee des Mädchens, seiner kindlichen Lösung, muss man sprachlich wie visuell nachspüren. Ob es am Ende klappt, bleibt offen.
Beeindruckend hat Julie Völk die kleine Geschichte in grosse Tableaus übersetzt: Ihre Schwarzweiss-Zeichnungen mit rein primärfarbigen Akzenten spiegeln in Aussenansicht das Innenleben der Heldin wieder. Zeigt das erste Doppelbild deren intaktes Kinderleben noch zentralperspektivisch, wandelt es sich danach zu Collagen, in denen sich – zusammengesetzt aus verschiedenen perspektivischen Versatzstücken – realistische mit bedeutungsperspektivischen Objekten mischen, bis sich die Welt des Mädchens langsam wieder sichtbar zusammensetzt. Am Ende ist zwar ihre Flaschenpost noch nicht da, sie aber im neuen Leben angekommen.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/18, S. 27

Battle
Maja Lunde
Aus dem Norwegischen von Antje Subey-Cramer
Verlag: Urachhaus, Publiziert: 2018, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8251-5147-8
Schlagwörter: Identität/Individualität | Liebe

Amelie hat alles, wovon Mädchen in ihrem Alter sonst nur träumen: eine lustige Clique, einen netten Freund und jede Menge Geld. Mit ihrem Vater, der ihr jeden Wunsch von den Augen abliest, lebt sie in einem schicken Haus im Osloer Nobelviertel Holmenkollen: Pool, 40-Quadratmeter-Zimmer und Blick über den Fjord inklusive. Sie besucht die Tanzklasse der berühmten Valkyrie-Schule und träumt von einer grossen Karriere als Tänzerin. Für ihren Traum trainiert Amelie hart. Ihrer Tanzlehrerin genügt das nicht mehr. «Technik und Training reichen […] nicht mehr aus», erklärt sie. «Wir wollen dich im Tanz sehen. […] Wo bist DU? Wo ist Amelie?» Und dann stehen auch noch Gerichtsvollzieherin und Polizei vor der Tür. Vater und Tochter müssen in eine heruntergekommene Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Mietblock in Stovner («auch bekannt als Arsch der Welt») ziehen. Der totale Abstieg.
Amelie erzählt niemandem davon: «solange keiner […] etwas wusste […], konnte ich die bleiben, die ich war.» Erst als sie Mikael kennenlernt, Sohn iranischer Eltern und begnadeter Hiphop-Tänzer, beginnt Amelie ihre Situation anzunehmen. Mikael führt sie nicht nur an eine neue Art zu tanzen heran, er lässt Amelie auch vieles in ihrem Leben neu wahrnehmen und bewerten.
Jazztanz trifft Hiphop. Gefallenes Jetset-Girl verliebt sich in aufstrebenden Migranten. Die norwegische Autorin Maja Lunde («Die Geschichte der Bienen») arbeitet mit bewährten Gegensätzen. Mit ihrem ersten Jugendbuch, das auf Deutsch erscheint, ist ihr eine mitreissende, durchaus atmosphärische Romeo-und-Julia-Geschichte gelungen, die an Filme wie «Fame» oder «Billy Elliot» erinnert. Tanzbegeisterte werden die gut recherchierten, treffenden Beschreibungen der Tanzszenen lieben, die letztlich auch über das klischeehafte Happy End hinwegtrösten.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/18, S. 35

Ich packe meinen Koffer
Regina Schwarz, Illustration: Julia Dürr
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2018, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-360-3
Schlagwörter: Spiel | Sprachspiel

Autorin Regina Schwarz, die sich als kreative Wortspielerin mit Zungenbrecher-, Rate- und Mitmachgedichten, ABC-Reimen, Gute-Nacht-Gebeten, Trost-Versen, Sprachversprechern, Schimpfwörtern und anderen lautmalerischen Blödeleien einen Namen gemacht hat, verwandelt in ihrem neuen Bilderbuch das beliebte Kindergeburtstagsspiel «Ich packe meinen Koffer» in eine wilde Einpack-Schlacht. Denn hier wird das Reisegepäck nicht wohlsortiert von Anorak bis Zahnbürste gefüllt, hier wird herrlich albern weitergesponnen. Gut gelaunt und voller Übereifer wirft sich die ferienreife Bilderbuchfamilie ins Vorbereitungsabenteuer. In den roten Urlaubskoffer kommen buchstäblich «alle Siebensachen»: Kleine und grosse, skurrile und unnütze, fantastische und exotische Gegenstände. Neben der Hose mit den Zebrastreifen und Chicos gelbem Zirkusreifen findet Mannis Zugposaune, haufenweise gute Laune und ein gruseliger Zombie-Fresser Platz – oder auch nicht. Trotz Drücken und Drauf­setzen will der vollgestopfte Koffer einfach nicht zugehen. Und da fliegt auch schon – Rums! Peng! Krawumm! – der ganze Krempel in hohem Bogen durch die Luft!

Die verspielten, detailreichen Collagen von Julia Dürr erzählen bei genauer Betrachtung weitere Mini-Episoden. Da reimt die eingepackte Gummigans lustvoll vor sich hin – Fabel, Kabel, Picknick­gabel –, da bekämpfen sich zwei Bleistiftfiguren mit Wanderstöcken und Sackmesser, da erlaubt sich das in den Koffer gepresste Riesenkänguru ein entnervtes «Uff!».

Ein unterhaltsames Bilderbuch zum Vorlesen, Mitsprechen, Anschauen, Entdecken und Weitererfinden – auch mit dem zugehörigen Poster und der Spiele-App.

Alice Werner
Buch&Maus 1/18, S. 29

Die Bratwurstzipfel-Detektive und das Geheimnis des Rollkoffers
Jens Steiner, Illustration: Maria Karipidou
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2018, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-40817-7
Schlagwörter: Abenteuer

Im Schultheater wird «Emil und die Detektive» aufgeführt und Clemens hat wie erwartet eine unbeliebte Nebenrolle bekommen. Nicht, dass es ihm etwas ausmachen würde: Der Primarschüler mit einem selbsterklärten «Hirn wie ein Sieb» sieht sich im echten Leben ebenfalls eher als Randbesetzung, besonders neben seinem vor Halbwissen sprudelnden Freund Leo. Eigentlich will Clemens einfach nur in Ruhe gelassen werden, doch Abenteuer pflegen leider nicht zu fragen, ob sie einem auflauern dürfen.
Der kauzige Radek, der Besitzer des Hauses, in dem Clemens mit seinen Eltern wohnt, benimmt sich nämlich mehr als auffällig. Nie verlässt er das Haus ohne Gummistiefel und mysteriösen Rollkoffer, aus seinem Keller dringen seltsame Geräusche, und dann findet Clemens auch noch einen verdächtigen Zettel. Leo hat keine Zweifel – Radek muss beschattet werden. Der widerstrebende Clemens und Mitschülerin Olivia schliessen sich der Detektivarbeit an und zusammen stossen die drei tatsächlich auf ein Geheimnis, das sich in einem Tunnelsystem im Untergrund der Stadt verbirgt.
Der leichtfüssige Ton und Sprachwitz des Schweizer Autors Jens Steiner passt zur witzig-absurden Geschichte seines ersten Kinderbuches. Feinsinnig schildert er die drei ungleichen Hauptfiguren und deren leicht exzentrische Familien, ohne sie zu überzeichnen oder übertriebene Charakterentwicklungen zu forcieren.
Obwohl nicht wörtlich genannt, dürfte Ortskundigen darüber hinaus schnell klar sein, dass es sich beim Schauplatz um die Stadt Zürich handelt, die in Steiners Fantasie Katakomben unter dem Schanzengraben bekommt. Zusammen mit eingestreuten Schweizbezügen, etwa wenn Clemens' Oma noch eine Runde «Tschau Sepp» zum Abgewöhnen spielen will, ergibt sich ein kurzweiliger Lokalkrimi für die Mittelstufe.

Fabienne Saurer
Buch&Maus 1/18, S. 32

Nicht um die Ecke
Dirk Steinhöfel
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2018, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5531-5
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie

«Du fährst mir nicht um die Ecke. Hörst du? Nicht um die Ecke!» – mit solch dringlicher Ermahnung beginnt Dirk Steinhöfels neues, fantastisch illustriertes Bilderbuch. Und wie im richtigen Leben bewirkt das mütterliche Verbot auch hier das prompte Gegenteil: Schon treten Emmas Füsse wie von selbst in die Pedale ihres roten Dreirads, dann saust sie los – natürlich schnurstracks Richtung geheimnisvolle Ecke. Wie ein verheissungsvoller Zaubersturm wirbeln dazu gelbe Herbstblätter durch die Mauerschluchten, wie ein goldener Ritterhelm leuchtet Emmas Fahrradhelm mit ihnen um die Wette.
Dann beginnt ein surreales Abenteuer, von Steinhöfel fast ohne ein Wort, in doppelseitigen, magisch-realistischen Bildern erzählt: Erst trudeln weisse Federn vom Himmel, dann entdeckt Emma den dazugehörenden Flugentenschwarm als Silhouette auf der Steinwand, wenig später staunt sie über wilde Pferde, Affen und einen gewaltigen Dreimaster, der durch den einsetzenden Regenschauer pflügt. Ein bunter Regenbogenschein lockt sie weiter und immer weiter … bis sie am Ende ihre Mama wieder trifft. Morgen aber geht ihre Entdeckungstour durch das Mauerlabyrinth weiter! Denn Ecken sind Emmas Leidenschaft geworden.
Gerade, wenn man nicht weiss, was einen erwartet, lohnt es sich aufzubrechen, so die Botschaft dieser märchenhaften Mutmach-Geschichte, die von ihrer starken Atmosphäre lebt: Jedes Bild ist eine stimmungsvolle Komposition aus grauem Stillstand und leuchtend farbiger Bewegung, jedes entwickelt einen gewaltigen Sog und bringt das Kopfkino zum Schnurren. Eine Hommage an die Fantasie, vor allem aber an die Neugierde und den Mut. Abenteuer gibt es überall – sie beginnen schon hinter der nächsten Ecke!

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/18, S. 28

Das Liebesleben der Tiere
Katharina von der Gathen
Verlag: Igel-Records, Publiziert: 2018, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7313-1196-6
Schlagwörter: Tiere

Bei den Rennechsen sind keine Männchen vorgesehen: Die Weibchen befruchten sich mittels Jungfernzeugung selbst und aus den Eiern schlüpfen – logisch – nur Rennechsenmädchen. Der Stichling verführt mit einem Zick-Zack-Tanz. Riesenschildkröten stöhnen beim Sex erstaunlich laut und die Vielzitzenmaus kann ganze 24 Junge säugen. Diese und noch viele weitere wissenswerte und kuriose Fakten rund um die Themen Verführung, Paarung und Nachwuchs im Tierreich sind in «Das Liebesleben der Tiere» zusammengetragen.

Katharina von der Gathen erklärt in einfachen Worten und kurzen Texten die Fakten gut verständlich für Kinder im Mittelstufenalter, Anke Kuhl setzt diese gewohnt witzig und frech, gespickt mit amüsanten Kommentaren, ins Bild um. «Schautafeln» geben einen Überblick über Verführungstricks oder Penislängen – wobei die entsprechende Seite sogar ausgeklappt werden kann, und selbst dann ist der (bis zu drei Meter lange) Blau­walpenis noch stark verkleinert dargestellt!
Im Hörbuch, gelesen von Cathlen Gawlich, Peter Kaempfe und Michael Schwager muss zwar auf die Bilder weitgehend verzichtet werden, dafür sind hier Balzgeräusche und Brunstgesänge erlebbar.

Weil es sich über Koalavaginas und Maulwurfsex ganz ungehemmt sprechen und lachen lässt, ist das «Liebesleben der Tiere» nicht nur ein tolles Tierbuch, sondern auch ein fröhlicher Zugang hin zu Fragen zur eigenen Sexualität.

«Es gibt nichts, was es nicht gibt» steht im Vorwort ­– eine wichtige Botschaft dieses Buches: Denn ob der Vielfalt von möglichen Liebes- und Lebensformen mit schwulen Trauerschwänen und Straussen-Patchworkfamilien stellt sich die Frage, was denn «natürlich» oder «normal» sei im besten Fall gar nicht mehr.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/18, S. 27

Keine Lust
Dorothée de Monfreid
Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2018, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-152-7
Schlagwörter: Freundschaft

Eine kleine Warnung vorab: Die witzige Hundebande von Dorothée de Monfreid könnte das Anschaffungsbudget strap­a­zieren! Die lose Reihe der französischen Illustratorin, auf Deutsch erst bei Beltz publiziert («Wau Wau – die Welt der Hun­de», 2016), erscheint nun bei Reprodukt. «Schläfst du?» (2017) ist für den Deutschen Jugendliteraturpreis no­mi­niert, «Keine Lust» und «Wartet auf mich» erfreuen seit Frühjahr 2018 nicht nur Hundefans und weitere Bände sind schon angekündigt. De Monfreid hat sieben höchst eigenwillige Hundetypen kreiert, von denen sie jeweils einen in den Mittelpunkt rückt.
In «Keine Lust» ist dies der zottelige Micha. Miesepetrig empfängt er uns schon auf dem knallroten Covergrund. Weiter geht’s mit einem «Grmblgrm» in der Sprechblase. Nacheinander versuchen seine Hundekumpel ihn zum Fussball, zu einem Kämpfchen oder einem Spazier­gang aufzufordern. Aber nix da, alles wehrt Micha mit einem eindeutigen «Keine Lust!» ab. Als die Freunde nach und nach Michas Bildseite bevölkern, schiebt er mit dem klaren Hinweis, ihn in Ruhe zu lassen, wieder zurück auf die linke Bildseite. Nun artikulieren die Freunde ihren Unwillen, bis endlich klar wird, dass Micha schlicht Hunger hat! Da kann ein Keks von einem der Kumpel helfen. Micha strahlt und knabbert selig an diesem Geschenk. Bloss zum Teilen hat er keine Lust…
De Monfreid gelingt mit dem gross­­­formatigen Pappbuch der Spagat zwi­schen einfacher Reihengeschichte für die Kleinsten und humorvoll-komple­xerer Überhöhung eines uns allen bekannten Gemütszustandes. Die Hunde­bande ist witzig individualisiert und mit wenigen Sätzen in den Sprechblasen ge­lingt es, die Situation voranzutreiben und zu einem kindlich-ehrlichen Ende zu führen.

Barbara Jakob
Buch&Maus 2/18, S. 26

Oje, ein Buch!
Lorenz Pauli, Illustration: Miriam Zedelius
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2018, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0742-1
Schlagwörter: Medien

Eine Maus wirft einem giftgrünen Drachen beherzt ein Buch zum Frass vor. Der denkt: «Oje, ein Buch!». Was man auf dem Cover des gleichnamigen Bilderbuchs sieht, ist die Schlüsselszene der Binnenge­schichte, die Frau Asperilla dem Jungen Juri vorliest. Dass auch sie zunächst «Oje, ein Buch!» seufzt, macht deutlich: Den Durchblick zu behalten, ist hier nicht leicht!
Wäre da nicht Illustratorin Miriam Zedelius. Sie grenzt die verflochtenen Handlungsstränge mittels künstlerischer Darstellungsstile kontrastreich voneinan­der ab: Die vorgestellte Welt des Buches wird vierfarbig und malerisch, die sichtbare Welt der Lebenswirklichkeit als Schwarz-Weiss-Zeichnung präsentiert. Was auf den ersten Blick paradox wirkt, ist gestalterisch ein wirksames Mittel, um ins Bild zu setzen, wie bunt und lebendig die imaginäre Welt der Literatur sein kann.
Das Prinzip der verkehrten Welt, mit dem Pauli und Zedelius schon in «Pass auf mich auf» gespielt haben, findet sich auch hier in der Rahmenhandlung wieder. Ist doch diejenige Figur, welche sich anfangs mit dem Handy beschäftigt, nicht das Kind, sondern die Erwachsene. Eine, die offenbar nur digitale Medien kennt: «Da ist etwas kaputt. Es erzählt sich gar nicht». Juri gibt sein Bestes, Frau Asperilla Vorlesen beizubringen: «Es geht immer von links nach rechts. Und dann umblättern, nicht wischen». Sie weiss weder, dass eine Geschichte frei erfunden ist, noch dass man ein Buch nicht abschalten kann, wenn es zu spannend wird.
Geradezu satirisch bildet das schwarz-weiss gezeichnete Szenario den für PädagogInnen schlimmstmöglichen Fall ab, während die metafiktionale Spiege­lung der Erzählstränge so kunstvoll wie spielerisch demonstriert, wie fantasievoll, wild und lebendig es in und mit Bilder­büchern zugeht.

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/18, S. 26

Zwei für mich, einer für dich
Jörg Mühle
Verlag: Moritz, Publiziert: 2018, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-357-5
Schlagwörter: Streit/Konflikt | Tiere | Essen

Ein Abendessen, zwei ungleiche Freunde – und DREI Pilze… Diese einfache Grundkonstellation birgt Potenzial für grosses Drama! Denn als der Bär mit den drei Pilzen nach Hause kommt, die das Wiesel voller Freude putzt, scharf anbrät, würzt und in der schweren Pfanne schmort (mit Petersilie), ist beiden sogleich klar, wie das Essen aufzuteilen ist. Nach Meinung des Bären bekommt er zwei Pilze, weil er der grössere von beiden ist und mehr Hunger hat. Das Wiesel aber findet, es müsse noch wachsen – und überhaupt sei sein Hunger nicht gerade kleiner.

So argumentieren und streiten die beiden hin und her, ohne zu bemerken, dass sich ein ungebetener Gast heranschleicht. Mit jedem gespannten Umblättern ist der Fuchs etwas näher an die beiden herangerückt, und die BilderbuchbetrachterInnen ahnen, wie die Sache ausgeht… Und richtig: Wenn zwei sich streiten, freut sich der dritte, schnappt sich einen der Pilze und schlichtet dabei ganz nebenbei den Konflikt, der über den Schrecken sofort beendet ist. Bis das Wiesel den Nachtisch bereitstellt: DREI Walderdbeeren!

Jörg Mühle hat mit bewährtem Strich ein altbekanntes Thema humorvoll
aufbereitet. Bär und Wiesel sind zwar Waldbewohner, haben aber zwischen den locker stehenden Laubbäumen eine herrlich gemütliche alte Küche mit allem Komfort eingerichtet. Wie die Szene nach dem frechen Diebstahl kurz gefriert, weil Bär und Wiesel viel zu entsetzt sind, um reagieren zu können, lässt bei jedem Anschauen erneut schmunzeln. Die letzte Doppelseite regt zum Mitdenken und Erzählen an – haben die beiden dazugelernt? Ein wunderbares Streitbuch für Kleine und Grosse!

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/18, S.26

Ellington
Marlies Bardeli, Illustration: Ingrid Godon
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2018, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0589-1
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere | Liebe

Ein Hund an der Leine ist ja nichts Besonderes, aber eine Ente sieht man doch eher selten so. Frau Treuherz, eine Klavierlehrerin, entdeckt Ellington auf ihrem Heimweg bei einem Geflügelhändler. Sie rettet das arme Tier vor dem sicheren Tod und gibt ihm den Namen Ellington, nach Duke Ellington, dem berühmten Jazzmusiker. Der konnte nämlich mit seiner Jazztrompete ähnliche Töne wie eine Ente hervorbringen. Nebst einer leisen und
inten­siven Liebesgeschichte zwischen Mensch und Tier entwickelt sich allmählich auch eine Liebesgeschichte zwischen Herrn Straubinger und der Klavierlehrerin. Still und heimlich hat der sich in ihr Leben geschlichen: Zunächst als Klavierschüler und dann als Mann. Von Ellington muss sie sich im Verlauf der Geschichte jedoch verabschieden, denn an der Leine und im Haus gehalten wird er von Tag zu Tag unglücklicher.
Von Menschen vor dem sicheren Tod gerettet ­­­– so ging es ja schon der berühmten «Weihnachtsgans Auguste» bei Friedrich Wolf und doch hat sich Marlies Bardeli eine ganz eigene und originelle Geschichte ausgedacht, inspiriert von ihrer Tochter, die ihr von einem entenhaltenden Studenten erzählt hat. In Ingrid Godon hat sie eine kongeniale Illustratorin gefunden. Auf dem luftigen Cover zeigt sie beide Hauptfiguren, wie sie sich fragend und staunend ansehen. Blättert man um, schaut Frau Treuherz einem direkt in die Augen, ein intensiver Moment mit Seltenheitswert im Bilderbuch. Wie Godon die Tanzbewe­gungen von Herrn Straubinger einfängt, mit souveränen, leicht skizzenhaftem Strich Räume definiert oder die Stadtsilhouette vor den Augen der Bilderbuchbetrachter entstehen lässt, das ist grosse Kunst, die sich auch in der exakten Farbigkeit ausdrückt

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/18, S.27

Alle sehen eine Katze
Brendan Wenzel
Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Bodmer
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2018, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10405-3

Wie malt man eine Katze? Vier Pfoten, ein Schwanz, Schnurrbarthaare und zwei Ohren. Brendan Wenzel zeigt uns in «Alle sehen eine Katze» gleich mehrfach, wie es geht. Der amerikanische Bilderbuchkünstler zeigt uns aber auch – und das ist die eigentliche, philosophische Botschaft seines Buches – wie sehr sich das, was der eine sieht, von dem unterscheiden kann, was ein anderer sieht. Es gibt nicht immer nur eine Wahrheit.
«Die Katze ging durch die Welt mit ihren Schnurrhaaren, Ohren und Pfoten…» Vier­mal wiederholt sich dieser Satz, erinnert an den Refrain eines Liedes oder Gedich­tes. Es ist immer dieselbe Katze, die wir sehen – und auch wieder nicht. Denn das Kind, dem die Katze um die Beine streicht, erlebt das Haustier anders als die Maus, die in ihm ein furchterregendes Monster mit spitzen Zähnen, gefährlichen Krallen und wild funkelnden Augen sieht. Der Hund sieht einen ausgemergelten Körper mit langen, dünnen Beinen und einer schweren goldenen Glocke um den Hals. Aus der Perspektive des Vogels dagegen wirkt die Katze pummelig-niedlich. Die Fledermaus wiederum sieht nur viele weisse Punkte, die nachts wie ein Sternbild leuchten.
Ein Kind und elf Tiere sehen zwölf verschiedene Katzen. Nicht zu vergessen die Katze selbst, die sich zum Schluss in der Spiegelung eines Gewässers noch einmal anders sieht. Die Perspektiven, aus denen Wenzel sie zeigt, sind ebenso vielfältig wie die Materialien und Techniken, mit denen der Amerikaner gearbeitet hat. «Am Ende hat es fast jedes künstlerische Material, das ich besitze, ins Buch geschafft» , verrät er in einem Interview: «Wasserfarbe, Acrylfarbe, Ölkreide, Wachsmalkreide, Graphitstift, Buntstift, Kohle, Magic Marker und natürlich Papierschnipsel.» Simple Idee – genial umgesetzt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/18, S.27

Krokodrillo
Giovanna Zoboli, Illustration: Mariachiara Di Giorgio 
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2018, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95939-056-9
Schlagwörter: Alltag | Tiere | Identität/Individualität | Arbeit

«DRIIIIIIIIIIIING», gnadenlos reisst der Wecker den Schlafenden mitten aus seinem schönsten Urwaldtraum, hinein in einen ganz normalen Tag: Pipi machen, Zähne putzen, anziehen, frühstücken – dann trabt er los. Klar, kriegt er schlechte Laune, als ihn ein Auto mit Pfützenwasser bespritzt und er eingequetscht in der völlig überfüllten U-Bahn steht, doch zum Glück ist noch Zeit um vor der Arbeit ein paar Leckereien und Blumen zu besorgen. Wo und was so ein Stadt-Krokodil arbeitet? Das ist in diesem originellen Bilderbuch eine Überraschung und soll hier nicht verraten werden.

Ohne ein Wort, dafür mit einer Fülle zartbunter und sehr detaillierter Bilder in ganz unterschiedlichen Perspektiven erzählen die zwei italienischen Illustratorinnen hier von einem Alltag, der so langweilig gar nicht ist, schaut man nur genau hin. Das liegt zum einen natürlich an ihrem ungewöhnlichen Protagonisten – einer Panzerechse mit spitzen Zähnen, die aber in einer ganz normalen Wohnung lebt, zierlich aus ihrem Kaffeetässchen schlürft, einen gestreiften Pyjama und später Krawatte, Hut und Mantel trägt. Famos, wie Giovanna Zoboli und Mariachiara di Giorgio ihrem Krokodrillo dabei Ausdruck und Gefühle in die langgestreckte Schnauze zaubern!

Zum anderen ist dieses Krokodil hier nicht der einzige Exot: Auf den fein gestrichelten Wimmelbildern mit mediter­ra­nem Flair tummelt sich mitten unter den Menschen auch Nilpferd, Puma oder Giraffe. Vor allem aber zeigen die Illustrationen – mal ganzseitig, mal in Einzelsequenzen oder mit Lautmalereien wie im Comic – was es in dieser spannenden, urbanen Welt alles zu entdecken gibt. Ein mit viel Witz umgesetztes Alltagsabenteuer, das voller Zauber und Geschichten steckt!

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/18, S.27

Der Wecker klingelt. Verschlafen schlüpft das Krokodil in seine Hausschuhe und öffnet die Vorhänge, bevor es sich bereit macht, um das Haus zu verlassen. In verschieden grossen Panels und in filmischen Perspektivenwechseln lässt sich über die Doppelseiten hinweg mitverfolgen, wie das Tier in Menschenmanier in der vollen U-Bahn Zeitung liest, auf dem Weg Blumen ersteht und endlich an seinem Arbeitsort ankommt: dem Zoo-Terrarium.

Ein witziges Spiel mit Erwartungen und Irritation. Mit Letzterer spielt Mariachiara Di Giorgio auch in ihrem zweiten Silent Book «Jahrmarkt um Mitternacht».

Der volllkommmen normale Herr Gnirzdefrrrtz
Martin Fuchs, Illustration: Fréderic Bertrand
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2018, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-183-4
Schlagwörter: Identität/Individualität

Ein dreiäugiger, grünhaariger Kerl mit roten Stiefeln an den Füssen, einer Pfeife im Mund und einem gelben Gummistiefel mit Strohhalm in der Hand grinst uns aus einer vor Schaum überquellenden Bade­wanne entgegen: Der vollkommen normale Herr Gnirzdefrrrtz. Autor Martin Fuchs und Illustrator Fréderic Betrand stellen in dieser Geschichte witzig und überzeugend klar, dass dieser lustige Kerl ganz normal ist. «Was ist denn los mit Herrn Gnirzdefrrrtz?» wird zur Leitfrage, die verkehrte Welt zum Motiv.
Auf jeder Seite reagiert der Erzähler auf eine Annahme, was unseren «Helden» abnormal machen könnte – «Dann ist es vielleicht sein Haus!» – mit einer gut argu­mentierten Entgegnung: «Das kann es auch nicht sein, denn das ist kugelrund und hört den ganzen Tag Popmusik über Kopfhörer. Schau dich um, jedes gute Haus macht das!» So wird die Verrücktheit zur Regel erklärt, das Abnormale zum Normalen. Man kann sich gut vorstellen, wie Kinder lautstark auf diesen Vergleich reagieren und eine Diskussion darüber entsteht, was «normal» denn eigentlich bedeutet.
Die knallig farbigen Illustrationen von Fréderic Bertrand tragen zur Wirkung dieser verkehrten Welt bei und es gelingt ihm, den aussergewöhnlichen Herrn Gnirzdefrrrtz einzigartig-reizvoll darzu­stellen. Dabei lässt er die Schrift mit den
Illustrationen verfliessen: Mal bunt, mal unter- oder gar durchgestrichen; mal grösser, mal kleiner, bewegt sie sich wie das Gekritzel in einem Notizbuch frei über die Seiten. Vieles in diesem Buch ist nicht «vollkommen normal» . So überrascht es auch nicht, dass das Buch manchmal
gedreht werden muss, um die Bilder zu betrachten. Und auch wenn man in der
Geschichte eine Botschaft erkennen mag, nämlich dass Normalsein eine Definitionsfrage ist, so steht schlussendlich das Erleben dieser lustig-verkehrten Welt doch im Vordergrund.

Nadja Eich
Buch&Maus 2/18, S.28

Es ging ein Fisch zu Fuss zur Post
Johann König, Illustration: Daniel Napp
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2018, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5548-3

Ein Fisch möchte einen Brief versenden. Wohin? Zum Mittelmeer. Und an wen? An seine Neffen. Doch da packt den Fisch auf einmal selbst die Reiselust und er möchte auch dorthin. Die Lösung? Eine Wasserflaschenpost als Transportmittel. Doch er landet nicht bei seinen Neffen, soviel sei verraten.
Der in Deutschland bekannte und mehr­fach ausgezeichnete Komiker Johann König legt seinen ersten flott ge­reimten Bilderbuchtext vor und erinnert dabei ein wenig an Heinz Erhardt. Lustig, kurzweilig, spannend und mit einem überraschenden Ende, so lesen sich –­ am besten laut – seine Vierzeiler. Illustrator Daniel Napp, der bei seinen erfolgreichen Dr. Brumm Geschichten selbst für den Text verantwortlich ist, hatte durch die stim­mige Art, in der Johann König erzählt, zu jeder Szene immer genug verrückte Ideen. So sieht man in gewohnt humorvoller Weise den Fisch, wie er sich vor lauter Fluglärm die Ohren zuhält, wie er unter Wasser eine hübsche gelbe Fischfrau an seiner Seite hat oder sich geduldig vermessen lässt – auf der Wasserflaschenpostwaage. Erfolgreich meisterte Napp die schwierige Aufgabe, einen Fisch zu entwerfen der laufen kann, obwohl dies seiner Anatomie komplett wiederspricht. Wie immer garantiert der Illustrator aus Münster abwechslungsreiche Seitengestaltung, variiert gekonnt die Perspektiven und unterhält aufs Beste. Und das alles mit nur einer Handvoll verschiedener Aquarellfarben.
Vom Thema her reiht sich das Bilderbuch ein in eine Reihe von Kinderbüchern, die sich mit Briefen beschäftigen, so etwa Antje von Stemms «Ab die Post!», «Die Heimkehr der Farben» von Oliver Jeffers oder «Post für Paul und Ida» von Sharon Rentta. Pakete, Briefe und Postkarten – sie scheinen im E-Mail-Zeitalter besonders zu faszinieren!

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/18, S.28

Das Vöglein des Herrn Anderson
Jürg Obrist
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2018, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0739-1
Schlagwörter: Streit/Konflikt

Röhren, Tröten, Klopfen, Knattern – von früh bis spät. Weil Frau Amalie einen Putzfimmel hat und den ganzen Tag staubsaugt, steigern sich ihre MitbewohnerInnen in einen Riesenkrach. Denn aus Protest blasen Herr und Frau Blum in ihre Blechhörner, Herr Zackel sägt und hämmert und Herr Wolfbein fährt nonstop Rasenmäher. «Alle lärmen, schimpfen und lästern von früh bis spät.» Zornesrot ist die Doppelseite, die die wütenden BewohnerInnen auf drei Stock­werken im selbstgezimmerten Höllen­lärm zeigt.
Willkommen in der Welt aufgeblasener Egoisten, die sogar gegen sich selbst rücksichtslos handeln. Einzig Frau Amalie hat anfangs noch Spass am Staubsaugen. Alle anderen wollen mit ihrem Lärm nur übertönen und einschüchtern – ohne Erfolg natürlich. Da zieht ein neuer Mieter ein, Herr Anderson: «…und er bringt ein kleines Vöglein mit, das lustig hüpft und fröhlich piepst.» Auf einmal wird es still im Haus. Werden sich jetzt alle vertragen? Weit gefehlt. Was wie ein nettes Geplauder im Treppenhaus aussieht, ist eine Verschwörung. «‹Den ganzen Tag hört man nichts als diesen Vogel!› ‹Unerträglich!›» Herr Anderson hört traurig mit. Da schämt man sich richtig für diese Leute. Ihr ständiges Nörgeln und ihre masslosen Übertreibungen lassen sich beim Vorlesen herrlich enttarnen, denn einzelne Wörter sind gross gedruckt: «Alle sind sich einig: Das Gepiepse muss SOFORT aufhören!»
«Das Vöglein des Herrn Anderson» ist eine energisch und farbenfroh illustrierte Fibel des schlechten Benehmens – mit philosophischem Gehalt. Die Frage nach dem richtigen Handeln drängt sich lautstark auf. Die HausbewohnerInnen stellen sie sich leider erst, als Herr Anderson ausgezogen ist.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/18, S.28

Bis dann … und träum was Schönes
Edward van de Vendel, Illustration: Marije Tolman
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2018, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5443-1
Schlagwörter: Geschwister | Eifersucht/Neid | Traum

Träumen – in der Nacht, am Tag. Alpträume, die einen nicht mehr loslassen. Grenzen, die zwischen Traum und Wirklichkeit verwischen. Lotta fliegt in ihren Träumen und erlebt unglaubliche Geschichten. Ihren grossen Bruder macht das wütend, denn er träumt nie etwas Schönes.

Geschickt erzählt van de Vendel die Geschichte zweier Geschwister und deren Konfrontation mit Eifersucht. Am Ende präsentiert er eine schlüssige Lösung und lässt noch einen wichtigen Entwicklungsschritt einfliessen: Nach dem Frühstück radeln die Kinder nämlich gemeinsam zur Schule, ohne Mama. Der versierte niederländische Autor erzählt auf kluge und einfühlsame Weise, wobei er an den richtigen Stellen Andeutungen und Leerstellen einsetzt.

Die Illustratorin Marije Tolman wech­selt ab zwischen komplett ausgefüllten Doppelseiten, gerahmten Illustrationen und einzelnen, eher kleinen Drucken, fast ganz in schwarz-weiss gehalten. Die dunklen Gedanken des grossen Bruders setzt sie so künstlerisch um. Dabei kombiniert sie hier Linoldruck mit anderen Mischtechniken: Gouache, Wasserfarben, Tinte, Ecoline, Buntstifte, Pastellfarben und Acryl. Ihre eigene Druckerpresse war zu klein für das Format, so dass sie die Doppelseiten mit der Hand gedruckt hat, was körperlichen Einsatz erforderte. Dabei steht ihre stilsichere Reduziert­heit in einem faszinierenden Spannungsverhältnis zu der überbordenden Traumwelt. Lange bevor sie mit der Arbeit an diesem Bilderbuch beginnen konnte, hatte sie den Text schon gelesen und gedanklich mit sich herumgetragen. Das spürt man.

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/18, S.29

Stummel
Max Bolliger, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2018, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0743-8
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Ein Hasenkind wird gross

«‹Ich spüre die Stille, auch wenn ich sie nirgends sehen kann›, sagte Stummel. ‹Bin ich jetzt im Himmel?› ‹Vielleicht›, antwor­tete die Mutter. Stummel war es feierlich zumute. Aber als er unter einer Tanne ein Büschel Sauerklee entdeckte, kehrte er schnell wieder auf die Erde zurück.»
Die Mischung von «Himmel und Erde», vom seelischen Innenleben eines Menschenkindes und den zoologischen Fakten eines Hasenlebens ist in Max Bolligers liebevollen Stummel-Geschichten Programm. Dass Kathrin Schärer für die
Illustration der Neuausgabe angefragt wurde, scheint daher nur logisch: Auch ihr gelingt es wie kaum einer zweiten, Tieren Mimik, Gestik und durchaus menschliche Gefühle einzugeben und dennoch bis in die Spitze der Schnauzhaare durch und durch tierische Gestalten zu entwerfen.
«Stummels Lehr- und Wanderjahre» könnte man die drei Bände nennen, die in den 1980er-Jahren erstmals erschienen sind und seither mehrmals neu aufgelegt wurden. Sie berichten von der Entdeckung der Welt, von Stummels Gross- und Erwach­sen­werden: erst unter der liebe­vollen Aufsicht und Anleitung der Mutter, dann mit seinem Schneehasen-Freund Stoppel und schliess­lich alleine unter­wegs auf einer abenteuerlichen Reise – bis zuhause ein Hasenmädchen auf den nun gross gewordenen Stummel wartet. Bolligers sorgfältige Beobachtung von Gefühlsregungen und die intensiv wahrgenommenen Beschreibungen der Natur sorgen dabei für eine warme Stimmung.
Atlantis knüpft mit dem Vorlesebuch im gleichen Format und Kathrin Schärers reicher Bebilderung wohl an den Erfolg von «Rigo und Rosa» an. Tatsächlich
sind die Stummel-Geschichten eine lohnende Wiederentdeckung für wertvolle Vorlesemomente.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/18, S.30

Wozu hat man eine Freundin? 
Rose Lagercrantz, Illustration: Karen Kings
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Moritz, Publiziert: 2018, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-359-9
Schlagwörter: Behinderung | Identität/Individualität | Freundschaft | Sport

Cäcilie schämt sich, dass sie Cäcilie heisst und sie schämt sich, dass sie nicht rennen kann. Ihre Beine sind von Geburt an nicht gleich lang; bei einer Operation ist sie fast gestorben. Als in der vierten Klasse Melody neu in die Klasse kommt, werden die beiden auf Anhieb beste Freundinnen. «‹Cäcilie?›, wiederholte Melody. Sie sah mich mit grossen runden Augen an. ‹Heisst Du Cäcilie?› ‹Ja …› ‹Echt krass!› Alle guckten mich an, als wäre ich die Neue und nicht sie.» Melody, Mello genannt, ist nicht nur herzerfrischend direkt, sie ist auch supersportlich und steckt Cäcilie mit ihrer Lebensfreude an. Bevor die Heldin aber in Mellos Superfussballmannschaft mitspielen kann, gibt es einige drama­tische Prüfungen zu bestehen: den nächsten OP-Termin, das heimliche Trai­ning mit Mello, einen Unfall und vor allem die vielen Selbstzweifel. Wie soll Cäcilie das alles schaffen?

Keine Sekunde ist die Ich-Erzählerin Cäcilie am Jammern. Flott und ehrlich berichtet sie auch von dem Abend vor der OP. «Dann schrieb ich einen Abschiedsbrief an Grossmutter auf Briefpapier mit Pferden drauf … Ich schrieb, dass sie immer eine liebe Grossmutter gewesen sei». Auch dem Vater schreibt sie, dass sie ihm verzeiht, dass er die Familie verlassen hat. Puh, wie traurig! Cäcilies Angst vor der Operation ist richtig greifbar. Und wie so oft in der Geschichte, treffen die zarten Illustrationen die Stimmung der Charaktere punktgenau.
Die OP gelingt, Cäcilie hinkt bald nicht mehr und fängt sogar an, Fussball zu spielen. Erst mal heimlich, da die Mutter es ihr noch nicht zutraut – die Freundin aber schon und so dreht Cäcilie richtig auf, spielt, kämpft um den Ball, wird immer besser und hat endlich Spass.

«Wozu hat man eine Freundin?» ist eine inspirierende Freundschaftsgeschichte und ein toller Mutmacher.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/18, S.31

Cäcilie glaubt nicht, dass sie irgendetwas gut kann. Nicht so wie ihre Schwester, die Klavier spielt, oder ihre neue Freundin Melody, die beim FC Birka kickt. Fussballspielen darf sie eigentlich sowieso nicht: Wegen ihrer schiefen Hüfte muss sie einmal mehr operiert werden und fürchtet sich schrecklich davor. Ein einfühlsames Kinderbuch über Freundschaft, Selbstvertrauen – und Fussball.

Eine ungeheuerliche Überraschung
Tuutikki Tolonen
Aus dem Finnischen von Anu Stohner
Verlag: Hanser, Publiziert: 2018, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25880-8
Schlagwörter: Geschwister | Abenteuer

Es ist der Traumgewinn für die Mutter von Hilla, Kaapo und Maikki: Zwei Wochen Wellness-Camp in Lappland, Haushaltshilfe inklusive! Dass Letztere ein «perfekt ausgebildeter Halbmensch» sein soll, ist zwar mehr als seltsam, aber da steht die Monsternanny auch schon vor der Tür: Riesig, zottelig, müffelnd und voller Staub, so brummt sie Familie Hellemaa an und rollt dazu die grünlich-gelben Augen. «Sie ist nicht gefährlich, sie will bei uns bleiben!», entscheidet die sechsjährige Maikki resolut, aber die spricht ja auch regelmässig mit ihrem Bademantel…
Drei Kinder mit einem Monster allein zu Haus, dazu eine mysteriöse Ver­schwörung: so das Setting dieses umwerfenden Kinderromans der 1975 in Finnland geborenen Autorin. Mit viel Sinn für Komik und nordischer Fabulierlust verquickt sie ganz selbstverständlich Fantastisches mit Realität, turbulentes Troll-Spektakel mit spannender Detektivgeschichte. Denn während Maikki sich sofort mit Monsternanny anfreundet und die praktische Hilla ihnen Eltern und Probleme vom Hals hält, erwacht in Lesenarr Kaapo dank eines Handbuchs der Forschergeist: Was frisst so eine Monsternanny überhaupt? Woher kommt sie und wer zwingt sie Hausarbeit zu machen und unter Menschen zu leben? So richtig glücklich ist dieses Wesen namens Grah nämlich nicht, das merken alle. Als sich herausstellt, dass in der Stadt noch viele andere Kinder allein mit ihren Monsternannys sind und aggressive Stech-Frosch-Elfen auftauchen, überschlagen sich die Ereignisse…
Quicklebendige Charaktere, eine tempo­reiche Geschichte mit Witz und vielen Zickzackwendungen, dazu noch tolle Schwarz-Weiss-Illustrationen und
einige Cliffhanger – gut, dass es schon die Fortsetzung gibt!

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/18, S.31

Frosch und die abenteuerliche Jagd nach Matzke Messer
Michael Roher
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2018, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-3666-3
Schlagwörter: Abenteuer | Ferien

Dieses Buch muss man laut lesen, zumindest stellenweise. Nur schon, um sich die dialektale Schreibweise zu erschliessen, wenn da etwa steht: «Duat drübm, des is des Gwächshaus, do san a Guakn drin. Vuan, des san a Guakn und des do – jo, Guakn.» Der Junge, der da eine Führung durch die Gurkenfelder macht, ist der Sohn des Bauern, auf dessen Hof Frosch die Sommerferien verbringen wird. Gepackt hat die abenteuerlustige Viertklässlerin ja eigentlich ihre Gefahrenausrüstung, denn die Eltern hatten ihr einen «unvergesslichen Urlaub» versprochen. Doch auf dem Bauernhof gibt es nicht einmal Kampfstiere, sondern nur – nun ja – «Guakn». In der ersten Nacht aber freundet sich Frosch mit drei ganz besonderen Exemplaren dieses Gemüses an: Big G., die gerne mit «Yo, Babe!» und Raps um sich wirft, Gina, die Gurke mit italienischen Wurzeln und entsprechendem Akzent und schliesslich Gunnar, dessen Vorliebe für perfekt manikürierten Nägel mit einem Vokabular voller «Süsser» und «Schätzchen» einhergeht.
Gemeinsam mit ihnen erlebt Frosch die verrückteste Nacht ihres Lebens, die eine zum Drachen verwandelte Hexe, eine Reise zum Mond, einen Flug auf einem fliegenden Teppich, die Rettung eines Wanderzirkus und die Aufdeckung eines Fast-Kinderfressers beinhaltet.
Dank viel Sprachwitz, nicht nur in den Figurenreden – Aufzählungen oder Rezep­te sind auch einmal in Form eines gereimten Gedichtes eingearbeitet – kön­nen sich Vorlesende voll ausleben und diesem Text, der so aufs Mündliche ausgerichtet ist, Leben verleihen. Die ZuhörInnen werden es ihnen danken, denn so kommen sie in den Genuss eines rasanten, schrägen und sehr, sehr
lus­tigen Abenteuers, erzählt und bebildert vom aussergewöhnlichen österrei­chi­schen Fabulier­­künstler und Illustrator Michael Roher.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/18, S.32

Wortwächter
Akram El-Bahay
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2018, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7641-5118-8
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

In den Zeiten von Social Media mit ihren Filterblasen und ihrer Macht, Fake News
in Windeseile zu verbreiten, verwandelt sich auch das Zauberbuch in der Fantasy – und bleibt damit sich selber treu. Schliesslich hatte das fantastische Buch im Buch spätestens seit Michael Endes «Die unendliche Geschichte» immer wieder neu auf mediale Entwicklungen reagiert und, indem es Technologie in Magie übersetzt, Räume des lustvollen Nachdenkens über den Einfluss der Medien auf unser Leben geschaffen.
Im spannend, fabulierfreudig und wit­zig geschriebenen Roman «Wort­wächter» erzählt der deutsche Fantasy-Autor Bakram El-Bahay von der zweischneidigen Macht des Wortes: Man kann Gutes – grosse Literatur zum Beispiel –, aber auch Gefährliches damit anrichten.
Von alledem hat Tom keine Ahnung, als er aufbricht, um seine Ferien bei seinem skurrilen Onkel in Stratford-upon-Avon, der Stadt Shakespeares, zu verbringen. Kaum ist der Junge angekommen, beginnt auch schon das Abenteuer. Tom entdeckt, dass es lose Buchseiten gibt, die alles kommentieren, was gerade geschieht – und dass er «seine» Seite nur lesen kann, weil er eine besondere Begabung hat. Er hat aber keine Zeit, sich daran zu freuen, weil sein Onkel entführt wird und er, zusammen mit der auf enervierende, aber hilfreiche Weise belesenen Josephine, einen Kriminalfall lösen muss. Ohne hre Kenntnis der weltliterarischen Klassiker stünde Tom dumm da – eine Tatsache, die El-Bahay ganz undidaktisch in seine Erzählung einflicht. Die Anspielungen auf Shakespeare, Mary Shelley, Tolkien und viele andere sind so geschickt verpackt, dass einen die Lust packt, seine Nase in diese Bücher zu stecken.
Der Roman richtet sich an alle Fantasy-LeserInnen, vor allem aber an ältere Kinder. Weil er so leichtfüssig daherkommt, auch an solche, die wie Tom noch für das Lesen begeistert werden müssen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/18, S.32

Sieben Ziegen fliegen durch die Nacht
Herausgeber:in: Uwe-Michael Gutzschhahn, Illustration: Sabine Kranz
Verlag: dtv, Publiziert: 2018, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76201-4

Der Autor und Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn ist auch ein grosser Lyrik-Vermittler. Monatlich präsentiert er in seinem Gedichtblog neue Kinderlyrik (www.dasgedichtblog.de). Jetzt hat er die über den Zeitraum von zwei Jahren dort veröffentlichten Texte in einer Anthologie zusammengestellt. Da finden sich Ge­dichte von dreissig unbekannten und be­kannten Kinderlyrikern, darunter Arne Rautenberg, Heinz Janisch oder Mathias Jeschke und natürlich auch Franz Hohler, sowie wenige Gedichte von Autorinnen: Jutta Richter ist vertreten, endlich wieder einmal Hanna Johansen oder – eine Entdeckung – erste Gedichte der Jugendbuchautorin Susan Kreller.

Es geht ums Fressen und Gefressen-Werden. Etwa wenn Jan Koneffkes in «Missionar in Afrika» von Krokodilen berichtet, die es satt haben, ständig zähe Gottesmänner futtern zu müssen. Einschlaf­gedichte fehlen ebenso wenig wie Texte übers Meer, die Jahreszeiten und das Reisen. Philosophisches steht neben Sprach­spielen und Zungenbrechern. So dichtet Jürgen Brater: «Das Warzenschwein / mag schwarzen Wein. / Dem toten Reh / gib roten Tee. / Gern frisst’s auch Matsch. / Was? Das ist Quatsch? / Saublödes Gelaber? / Reimt sich aber!» Brater, eine weitere «Entdeckung» von Gutzschschahn, thematisiert hier eine Binsenwahrheit: Ohne Reim geht im Kindergedicht fast nichts. Toll, wenn diese schön knirschen, zum Beispiel bei Alex Drepper: «Erlaubt war’n jetzt Rosinien / wenn sie aus Argentinien / und einmal fand er Möhren / direkt von den Azören».

Sabine Kranz setzt das Erzählte mit kräftigen Pantonefarben ins Bild. Virtuos verbinden ihre Illustrationen verschiedene Gedichte miteinander. Ein leuchtender Lyrikstrauss ist da entstanden, dem man viele Erwachsene wünscht, die ihn zu Hause und in der Schule unter die Kinder bringen.

Christine Tresch
Buch&Maus 2/18, S.32

100 neue Kindergedichte von bekannten und unbekannteren Autor:innen, unter ihnen auch Hanna Johansen und Franz Hohler, finden sich in dieser Anthologie. Gedichte übers Essen und Gefressen-Werden, übers Meer, über die Jahreszeiten; Sprachspiele und Zungenbrecher, Kurzformen und balladenartige Texte. Ein Gedichtestrauss voller Überraschungen, farbkräftig illustriert von Sabine Kranz.

Tito Bonito und die Sache mit dem Glück
Matilda Woods
Aus dem australischen Englisch von Susanne Klein
Verlag: Dressler, Publiziert: 2018, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-0069-0
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Familie/Familienformen | Generationen

«…wenn man nach Allora kam, musste man nur den Kopf in den Nacken legen und in den Himmel blicken, um von Tagesanbruch bis tief in die Nacht wundervolle Dinge zu sehen.» Es ist ein – im wahrsten Sinne des Wortes – zauberhafter Ort, von dem die Australierin Matilda Woods in ihrem ersten Kinderbuch Tito Bonito und die Sache mit dem Glück erzählt. «Aus dem ganzen Land kamen Touristen, um zu sehen, wie die Fische aus dem Meer flogen, und auch Künstler kamen, um mit Pigmentfarben die bunten Häuser zu malen, die wie Stufen am Hügel von Allora emporstiegen. Es gab so viele Farben, dass sie nicht genügend Pigmente besassen, um alle zu malen.»
Es ist ein unbeschwertes Leben, das die Menschen in Allora führen – bis eine heimtückische Krankheit fast das ganze Dorf auslöscht. Auch vor der Familie des Schreiners Alberto Cavello macht der Tod nicht halt. Eigenhändig zimmert er die Särge für seine Liebsten, begräbt Frau und drei Kinder und wartet darauf, dass der Tod auch ihn holt. Doch das geschieht nicht. Jahre vergehen und aus dem einst fröh­lichen Tischler ist ein einsamer Sarg­macher geworden. Die Toten, für die er wundervolle Särge fertigt, sind meist seine einzigen Gesprächspartner. Da treten der kleine Tito Bonito und sein fantas­tischer Vogel in sein Leben und verändern alles.
Blaue Schrift auf weissem Grund, wunderschöne Vignetten, die den Text verspielt umfliessen, dazu ganzseitige, blau-weisse Illustrationen, die an Linolschnitte erinnern und ein Cover, auf dem neben dem Titel auch die Skyline des Dorfes und die Schuppen der Fische silbrig schim­mern: Dieses warmherzig und märchen­haft erzählte Kinderbuch ist in jeder Hinsicht ein kleines Kunstwerk. Und eine zarte Hommage an einen Beruf, über den sonst nicht gerne gesprochen wird. Ein Buch, das verzaubert.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/18, S.33

Was Herr René so alles malt
Leo Timmers
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Schaltzeit, Publiziert: 2018, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-946972-21-1
Schlagwörter: Fantasie | Kunst | Tiere

Wofür ist Kunst überhaupt da, wenn keiner sie haben will? Dieser Frage widmet sich der belgische Bilderbuchkünstler Leo Timmers in «Was Herr René so alles malt» mit Witz und Fantasie: «Dies hier ist kein Apfel», steht gleich auf der ersten Seite – zu sehen ist ein grüner Apfel. Wie jetzt?
Das Rätsel löst sich schnell: Da steht ein Hund mit Baskenmütze an der Staff­elei und malt so virtuos, dass seine Bilder aussehen wie echt. Hilft aber nichts, ein Hungerkünstler ist er trotzdem, weil niemand sich für seinen Marktstand interessiert. Bis eines Tages ein Mann mit Melone auftaucht – übrigens der einzige Mensch in dieser von ulkigen Tieren bevölkerten Welt. Schwuppdiwupp, plötz­lich wird alles Realität, was Herr René auf Leinwand bannt. Klar, pinselt der sofort begeistert los und lebt von nun an in Saus und Braus: vom Hotdog über die mehrstöckige Torte bis zu Auto, Schiff und Villa. Seitenlang schwelgt Tim­mers in diesem selbst erschaffenen Schla­raf­fenland. Dann aber steht plötzlich Häsin Rosa vor der Tür und möchte ein Bild kaufen. Das geht aber nicht, denn Herr René ist ja gar kein Künstler mehr, sondern nur noch Konstrukteur von Wirklichkeit. Ob sich der Zauber rückgängig machen lässt?
Ein spannendes Gedankenexperiment und eine Hommage an René Magritte – von Timmers in pointierten Sätzen und plakativen, quietschbunten Illustrationen ebenso luftig wie detailreich erzählt.
Mit einem Vorurteil räumt die Hongkonger Illustratorin Joanne Liu in ihrem origi­nellen Bilderbuch «Kunst für Max» auf: Ihr pfiffiger Held mit Baseball-Cap findet es im Museum nämlich kein bisschen langweilig – im Gegenteil! Er stromert zwischen den Erwachsenenbeinen herum und entdeckt jede Menge spannende Dinge, die auf den ersten Blick mit den eigentlichen Kunstwerken gar nichts zu tun haben: Muster, Farben und Formen, verrückte Perspektivenwechsel und ganz neue Einblicke. Liu setzt seinen Streifzug mit kräftigen Farben und ausdrucksstarkem Pinselstrich in Szene. Ohne ein Wort, aber mit viel Humor, stellt sie Kunstklassiker und Max’ Beobach­tungen nebenei­nan­der: Da wieder­holen sich Mondrians monochrome Farbflächen auf dem Fussboden im Spiel aus Licht und Schat­ten, neben der römischen Frauen­skulptur mit Wasserkrug entdeckt Max die Museums­putzfrau und die Tätowierun­gen eines Besuchers interessieren ihn viel mehr als die ganz ähnlichen Bemalungen der Ming-Vase. Die Botschaft: Augen auf, denn Kunst ist überall!
Kinder zur Kreativität anstiften – das gelingt der Labor Ateliergemeinschaft mit ihrem «Kinder Künst­­ler Kritzelblock. Fressen und gefressen wer­den»: Grossformatig, mit heraustrennbaren Seiten in exquisiter Papier­qualität, vor allem aber mit vielen inspirierenden Ideen und ganz unter­schied­­lichen Motiven laden hier
illustre Illustra­torInnen zum Weiter­zeichnen: «Baby hat Spinat gegessen» schreibt Anke Kuhl und zeigt den kleinen Fratz ganz sauber vor leerem Teller. Los geht’s mit grüner Farbe! Zuni Fellehners blitzblanke Küche mit Farbstiften vollzusauen macht genauso Spass wie sein Traum-Eis, ein Hexensüppchen oder eine Raubtier­­­füt­terung zu kreieren.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/18, S.29

Kunst für Max
Joanne Liu
Verlag: Prestel, Publiziert: 2018, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7913-7320-1
Schlagwörter: Kunst

Wofür ist Kunst überhaupt da, wenn keiner sie haben will? Dieser Frage widmet sich der belgische Bilderbuchkünstler Leo Timmers in «Was Herr René so alles malt» mit Witz und Fantasie: «Dies hier ist kein Apfel», steht gleich auf der ersten Seite – zu sehen ist ein grüner Apfel. Wie jetzt?
Das Rätsel löst sich schnell: Da steht ein Hund mit Baskenmütze an der Staff­elei und malt so virtuos, dass seine Bilder aussehen wie echt. Hilft aber nichts, ein Hungerkünstler ist er trotzdem, weil niemand sich für seinen Marktstand interessiert. Bis eines Tages ein Mann mit Melone auftaucht – übrigens der einzige Mensch in dieser von ulkigen Tieren bevölkerten Welt. Schwuppdiwupp, plötz­lich wird alles Realität, was Herr René auf Leinwand bannt. Klar, pinselt der sofort begeistert los und lebt von nun an in Saus und Braus: vom Hotdog über die mehrstöckige Torte bis zu Auto, Schiff und Villa. Seitenlang schwelgt Tim­mers in diesem selbst erschaffenen Schla­raf­fenland. Dann aber steht plötzlich Häsin Rosa vor der Tür und möchte ein Bild kaufen. Das geht aber nicht, denn Herr René ist ja gar kein Künstler mehr, sondern nur noch Konstrukteur von Wirklichkeit. Ob sich der Zauber rückgängig machen lässt?
Ein spannendes Gedankenexperiment und eine Hommage an René Magritte – von Timmers in pointierten Sätzen und plakativen, quietschbunten Illustrationen ebenso luftig wie detailreich erzählt.
Mit einem Vorurteil räumt die Hongkonger Illustratorin Joanne Liu in ihrem origi­nellen Bilderbuch «Kunst für Max» auf: Ihr pfiffiger Held mit Baseball-Cap findet es im Museum nämlich kein bisschen langweilig – im Gegenteil! Er stromert zwischen den Erwachsenenbeinen herum und entdeckt jede Menge spannende Dinge, die auf den ersten Blick mit den eigentlichen Kunstwerken gar nichts zu tun haben: Muster, Farben und Formen, verrückte Perspektivenwechsel und ganz neue Einblicke. Liu setzt seinen Streifzug mit kräftigen Farben und ausdrucksstarkem Pinselstrich in Szene. Ohne ein Wort, aber mit viel Humor, stellt sie Kunstklassiker und Max’ Beobach­tungen nebenei­nan­der: Da wieder­holen sich Mondrians monochrome Farbflächen auf dem Fussboden im Spiel aus Licht und Schat­ten, neben der römischen Frauen­skulptur mit Wasserkrug entdeckt Max die Museums­putzfrau und die Tätowierun­gen eines Besuchers interessieren ihn viel mehr als die ganz ähnlichen Bemalungen der Ming-Vase. Die Botschaft: Augen auf, denn Kunst ist überall!
Kinder zur Kreativität anstiften – das gelingt der Labor Ateliergemeinschaft mit ihrem «Kinder Künst­­ler Kritzelblock. Fressen und gefressen wer­den»: Grossformatig, mit heraustrennbaren Seiten in exquisiter Papier­qualität, vor allem aber mit vielen inspirierenden Ideen und ganz unter­schied­­lichen Motiven laden hier
illustre Illustra­torInnen zum Weiter­zeichnen: «Baby hat Spinat gegessen» schreibt Anke Kuhl und zeigt den kleinen Fratz ganz sauber vor leerem Teller. Los geht’s mit grüner Farbe! Zuni Fellehners blitzblanke Küche mit Farbstiften vollzusauen macht genauso Spass wie sein Traum-Eis, ein Hexensüppchen oder eine Raubtier­­­füt­terung zu kreieren.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/18, S.29

Maulwurf Max
Roger Rhyner, Illustration: Patrick Mettler
Verlag: Wörterseh, Publiziert: 2018, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03763-090-7
Schlagwörter: Behinderung | Rätsel

Das Ganze ist ein Experiment: Zwei Verlage warten mit sogenannten «barriere­freien» Kinderbüchern auf. Beide Projekte sind in Zusammenarbeit mit karitativen Verbänden entstanden.

«Die Bunte Bande» hat bereits Tradi­tion. Gemeinsam mit der Stiftung Mensch herausgegeben, erzählt die Serie wie Henry, Tessa, Leo, Tom und seine kleinen Schwester Jule gemeinsam Probleme meistern und Abenteuerliches erleben. Ganz genretypisch trägt jedes Mitglied mit seinen besonderen Stärken zum Gelingen bei. Anders ist nur, dass Leo, der im Rollstuhl sitzt, wie selbstverständlich dazugehört und sinnigerweise der schnell­entschlossenste ist.

Der fünfte Band «Das gestohlene Fahrrad» erzählt nun erstmals nicht nur von Inklusion, sondern ist auch entsprechend ausgestattet: Neben A4-Format, Softcover und Spiralbindung fallen gleich die hellblauen Seiten ins Auge. Darauf wird die Geschichte in sogenannter «Leichter Spra­che» erzählt, für Kinder, die noch nicht gut Deutsch sprechen. Die dunkelblauen Sei­ten füllt ein sprachlich anspruchsvollerer Text in grösserer Schrift mit derselben Geschichte für Kinder, die schon alleine lesen können, und sehbehinderte Vorleser. Zusätzlich sind diese Seiten noch in Brailleschrift unterlegt, so dass auch Blinde tastend mitlesen können.

Die Idee, drei verschiedene Lesearten in einem Buch zu versammeln, ist innovativ umgesetzt. Fragwürdig allerdings ist das Konzept des Büros für Leichte Sprache, welches die Textbearbeitung übernommen hat. Wenn Komposita durch Binde­strich getrennt werden, mag das bei Nomen wie «Urwald-Haus» sinnvoll sein. Allerdings nur, wenn dies für alle gilt. Warum wird bei «Bürgersteig» und «Rollstuhl» eine Ausnahme gemacht? Konju­gierte Verb-Adverb-Komposita wie «ab-bekommt» mit Bindestrich zu trennen, irritiert regelrecht. Hier wird – und nicht einmal konsequent – eine falsche Schreibweise eingeübt. Das stiftet Verwirrung! Dasselbe gilt auch für Satzteile, die falsch angeschlossen werden und wie ab­gehackt nebeneinander stehen: «Willst du…? Fragt Tom». Durch fehlende An­füh­rungszeichen bei Dialogen kann mündliche Rede zudem stellenweise nicht eindeutig von anderer Figurenrede abgegrenzt werden.

Um Lob nicht zu vergessen: Alle anderen Geschichten kann man für eine geringe Schutzgebühr bestellen, zudem sind sie für den Screenreader und als kostenloser Hörbuch-Download verfügbar. Gratis gibt es auch pädagogische Handreichungen für die erste bis sechste Klasse und einen «Bunte Band» -Song.

Das zweite Projekt «Maulwurf Max» des für ihre «Geissbock Charly»-Duftbücher bekannten Duos Roger Rhyner und Patrick Mettler ist hingegen ein Volltreffer in Sachen Barrierefreiheit. Ganz traditionell steht hier der Text linksseitig, für Blinde zusätzlich in Brailleschrift. All diejenigen, die das ABC in Blindenschrift erlernen möchten, können dies auf dem Schmutztitel ertasten.

Indem die Illustrationen der rechten Seiten zusätzlich als Duft- und Tastbilder ausgestattet sind, gelingt es, die Illustrationen zu einem Erlebnis unter­schiedlicher Sinne zu machen. Mittels Aufgaben, Fragen und Rätseln werden die Kinder am Ende jeder Seite aufgefordert, zu rubbeln und einen Duft zu riechen, bzw. einen Basketball, Fussabdrücke oder einen Spalt in der Stallwand zu ertasten. Die Oberflächen der Buchseiten sind zu diesem Zweck speziell beschichtet. Hier sind nicht nur Zusatzfunktionen, welche die Sinne ansprechen, konsequent für Blinde zugänglich gemacht. Das in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Blindenbund entstandene Konzept stiftet im Lektüreprozess Gemeinsamkeiten zwischen Sehenden und Blinden.

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/18, S.30

Das gestohlene Fahrrad
Corinna Fuchs, Illustration: Uli Velte
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2018, Seiten: 60, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-06699-2
Schlagwörter: Behinderung | Freundschaft

Das Ganze ist ein Experiment: Zwei Verlage warten mit sogenannten «barriere­freien» Kinderbüchern auf. Beide Projekte sind in Zusammenarbeit mit karitativen Verbänden entstanden.
«Die Bunte Bande» hat bereits Tradi­tion. Gemeinsam mit der Stiftung Mensch herausgegeben, erzählt die Serie wie Henry, Tessa, Leo, Tom und seine kleinen Schwester Jule gemeinsam Probleme meistern und Abenteuerliches erleben. Ganz genretypisch trägt jedes Mitglied mit seinen besonderen Stärken zum Gelingen bei. Anders ist nur, dass Leo, der im Rollstuhl sitzt, wie selbstverständlich dazugehört und sinnigerweise der schnell­entschlossenste ist.
Der fünfte Band «Das gestohlene Fahrrad» erzählt nun erstmals nicht nur von Inklusion, sondern ist auch entsprechend ausgestattet: Neben A4-Format, Softcover und Spiralbindung fallen gleich die hellblauen Seiten ins Auge. Darauf wird die Geschichte in sogenannter «Leichter Spra­che» erzählt, für Kinder, die noch nicht gut Deutsch sprechen. Die dunkelblauen Sei­ten füllt ein sprachlich anspruchsvollerer Text in grösserer Schrift mit derselben Geschichte für Kinder, die schon alleine lesen können, und sehbehinderte Vorleser. Zusätzlich sind diese Seiten noch in Brailleschrift unterlegt, so dass auch Blinde tastend mitlesen können.
Die Idee, drei verschiedene Lesearten in einem Buch zu versammeln, ist innovativ umgesetzt. Fragwürdig allerdings ist das Konzept des Büros für Leichte Sprache, welches die Textbearbeitung übernommen hat. Wenn Komposita durch Binde­strich getrennt werden, mag das bei Nomen wie «Urwald-Haus» sinnvoll sein. Allerdings nur, wenn dies für alle gilt. Warum wird bei «Bürgersteig» und «Rollstuhl» eine Ausnahme gemacht? Konju­gierte Verb-Adverb-Komposita wie «ab-bekommt» mit Bindestrich zu trennen, irritiert regelrecht. Hier wird – und nicht einmal konsequent – eine falsche Schreibweise eingeübt. Das stiftet Verwirrung! Dasselbe gilt auch für Satzteile, die falsch angeschlossen werden und wie ab­gehackt nebeneinander stehen: «Willst du…? Fragt Tom». Durch fehlende An­füh­rungszeichen bei Dialogen kann mündliche Rede zudem stellenweise nicht eindeutig von anderer Figurenrede abgegrenzt werden.
Um Lob nicht zu vergessen: Alle anderen Geschichten kann man für eine geringe Schutzgebühr bestellen, zudem sind sie für den Screenreader und als kostenloser Hörbuch-Download verfügbar. Gratis gibt es auch pädagogische Handreichungen für die erste bis sechste Klasse und einen «Bunte Band» -Song.
Das zweite Projekt «Maulwurf Max» des für ihre «Geissbock Charly»-Duftbücher bekannten Duos Roger Rhyner und Patrick Mettler ist hingegen ein Volltreffer in Sachen Barrierefreiheit. Ganz traditionell steht hier der Text linksseitig, für Blinde zusätzlich in Brailleschrift. All diejenigen, die das ABC in Blindenschrift erlernen möchten, können dies auf dem Schmutztitel ertasten.
Indem die Illustrationen der rechten Seiten zusätzlich als Duft- und Tastbilder ausgestattet sind, gelingt es, die Illustrationen zu einem Erlebnis unter­schiedlicher Sinne zu machen. Mittels Aufgaben, Fragen und Rätseln werden die Kinder am Ende jeder Seite aufgefordert, zu rubbeln und einen Duft zu riechen, bzw. einen Basketball, Fussabdrücke oder einen Spalt in der Stallwand zu ertasten. Die Oberflächen der Buchseiten sind zu diesem Zweck speziell beschichtet. Hier sind nicht nur Zusatzfunktionen, welche die Sinne ansprechen, konsequent für Blinde zugänglich gemacht. Das in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Blindenbund entstandene Konzept stiftet im Lektüreprozess Gemeinsamkeiten zwischen Sehenden und Blinden.

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/18, S.30

Das Glück ist ein Fisch
Melba Escobar de Nogales
Aus dem Spanischen von Jochen Weber
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2018, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-905804-83-6
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Was für ein ungeheuer einfaches und wirkungs­volles Bild: Da schiesst ein Junge vor lauter Vorfreude in die Höhe und aus seinen Kleidern heraus, wächst um zwei Zentimeter und eine ganze Schuhgrösse, weil er zum ersten Mal das Meer sehen wird. Als ihm aber seine Mutter auf der kleinen Karibikinsel gesteht, dass der Vater nicht zur Familie zurückkehren wird, stürzt der zehnjährige Pedro aus der Hütte und an den Strand, schrumpft vor lauter Traurigkeit «auf einer Strecke von weniger als zwei Kilometern eineinhalb Zentimeter», und findet zunächst auch am Wasser keinen Trost: «Das Meer war zu gross, um Mitleid mit ihm zu haben.»
Wie Pedro aber dann vom alten «Piraten» und Lebenskünstler Johnny Tay und seinem geschwätzigen Papagei Victoria lernt, dass es ganz verschiedene Arten gibt, zu wachsen, auch über sich selbst hinaus, das erzählt die kolum­bianische Autorin Melba Escobar de Nogales in ihrer ebenso eigenwilligen wie ernsthaft-verspielten Geschichte. Die Insel – im Nachwort gibt die Autorin sie als Providencia zu erkennen – wird für den Jungen aus der Grossstadt Bogotá zum Moratorium; hier darf und muss Pedro noch einmal klein sein, ehe er in seine neuen Kleider hineinwächst, müssen sich er und seine Mutter ein paarmal verpassen, um dann auf gleicher Höhe miteinander zu kommunizieren. Dazwischen lernen wir eine ganze Menge über Piraten – «Wusstest du, dass jeder Pirat, der etwas auf sich hält, an die Liebe glaubt?» – , über Brotfruchtbäume, übers Kochen und den Fischfang. Vor allem aber erfahren wir viel über die sieben Farben des Meeres. Und erahnen die Vielgestaltigkeit der Träume und Lebensschicksale, der absurden wie der traurigen und hoffnungsvollen, die untrennbar mit ihm verknüpft sind.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/18, S.33

Eine Insel zwischen Himmel und Meer
Lauren Wolk
Aus dem amerikanischen Englisch von Birgitt Kollmann
Verlag: dtv, Publiziert: 2018, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64035-0
Schlagwörter: Abenteuer

Lauren Wolk gelingt es immer wieder, Träume und Sehnsüchte, aber auch die Sorgen ihrer ProtagonistInnen feinfühlig darzustellen. So auch in ihrem neuen Werk «Eine Insel zwischen Himmel und Meer», einem Roman übers Suchen und Finden, über Wissen und Nicht-Wissen, Festhalten und Loslassen. Es ist die Protagonistin Crow selbst, die ihre Geschichte erzählt und auf ihre Erlebnisse zurückblickt. Als Baby wurde sie auf dem Meer ausgesetzt und vom einzigen Inselbewohner Osh am Strand gefunden. Er zieht sie gross und bringt ihr bei, «Wurzeln zu schlagen». Unterstützt wird er dabei von Miss Maggie von der Nachbarinsel Cuttyhunk, die Crow unterrichtet.
Als die Zwölfjährige ein Feuer auf der Nachbarinsel Penikese, einer ehemaligen Leprakolonie, entdeckt, erwachen erneut all die Fragen, die sie immer wieder beschäftigen und die sich vor allem um ihre Herkunft drehen. Die Vermutung, dass sie von Penikese stammt, bewahrheitet sich, als sie mit Osh und Miss Maggie die Insel besucht. Doch dort erwarten sie nicht nur Hinweise auf Crows Herkunft, sondern auch ein merkwürdiger Fremder, der auf Schatzsuche ist und sich als gefährlich für Crow entpuppt. Denn der Schatz ist eigentlich für sie bestimmt…
Langsam entwickelt Wolk die Ge­­schich­­te, die eine Mischung aus Identitäts- und Abenteuergeschichte ist und auch die Bedeutung von Familie verhandelt. Zudem gibt sie ihren Figuren den nötigen Raum, um sich zu entwickeln. Damit werden Crows Erkenntnisse für die LeserIn­nen nachvollziehbar: dass es nicht wichtig ist, wo man herkommt, sondern was man denkt und wie man handelt – und dass es manchmal nötig ist, sich von Dingen zu trennen, damit man wirklich frei ist.

Sabine Planka
Buch&Maus 2/18, S.33

Für immer Alaska
Anna Woltz
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2018, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55378-2
Schlagwörter: Krankheit

In Parkers Leben ist gerade ein bisschen zu viel passiert: Sie musste ihren über alles geliebten Hund Alaska abgeben, weil ihr kleiner Bruder allergisch auf Hundehaare ist. Sie beginnt an einer neuen Schule, an der sie noch keine anderen Kinder kennt. Und dann war da noch diese Sache im Sommer, über die sie nicht so einfach sprechen kann.
Richtig schlimm aber wird es für sie, als sie herausfindet, wo Alaska jetzt wohnt: ausgerechnet bei Sven, dem Jungen in ihrer neuen Klasse, den sie von allen am blödesten findet. Wenn er den Hund wenigstens mögen würde! Aber für ihn ist Alaska in erster Linie ein Assistenzhund – ein Tier, das an seiner Seite ist und Hilfe holt, falls er einen epileptischen Anfall bekommt. Die Epilepsie ist neu in Svens Leben und Alaska führt ihm seine Krankheit vor Augen und alles, was er nun nicht mehr sein kann: der coole Lang­streckenschwimmer oder der Junge auf dem Fahrrad.
Weil sie es nicht erträgt, Alaska so lieblos behandelt zu sehen, will Parker sie sich zurückzuholen und schleicht nachts inkognito zu Svens Haus. Dort lernt sie einen völlig anderen Jungen kennen als den in der Schule – und Sven versucht herauszufinden, wer das Mädchen unter der Biwakmütze ist, das seinen Hund so sehr liebt, dass es bereit ist, einzubrechen.
«Für immer Alaska» ist ein weiteres wunderbar einfühlsames Buch der niederländischen Autorin Anna Woltz. Aus der Perspektive beider Kinder er­zählt es von behutsamer Annäherung – und davon, dass jeder immer auch eine zweite Seite hat. Man muss nur näher hinsehen. Berührend, spannend und voller Hoffnung!

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/18, S.34

Dieses Leben gehört: Alan Cole (Bitte nicht knicken)
Eric Bell
Aus dem amerikanischen Englisch von André Mumot
Verlag: Fischer Sauerländer, Publiziert: 2018, Seiten: 295, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5488-2
Schlagwörter: Geschwister | Mut/Selbstbewusstsein | Aussenseiter:in/Mobbing

Dass Alan Cole in der Cafeteria am «Wackeltisch» sitzt, sagt viel über sein Leben aus. Mehr vielleicht als die Menge an Knete, die er auf «Einladung» seines fiesen älteren Bruders Nathan schon geschluckt hat, oder als die Inschriften, mit denen er auf seinem fiktiven Grabstein den eigenen «Weichei-Grad» bekennt; vielleicht sogar mehr als der Spitzname «Goldfisch», bei dem ihn der Vater ruft, wenn er den Jungen noch kleiner machen will, als der sich ohnehin fühlt.
Wir haben es hier mit einem ausgesprochen unsicheren Zwölfjährigen zu tun, an dessen Welt beständig gerüttelt wird, und der, gebannt wie das Kaninchen angesichts der Schlange, darauf wartet, dass sie endgültig zusammenstürzt. Denn das wird sie, wenn Nathan aller Welt offenbart, dass Alan in seinen Schul-kameraden Connor verliebt ist. Diese Apokalypse zu verhindern, indem er Nathan in einer Reihe abstruser Aufgaben übertrifft, ist Alan unmöglich.
Oder doch nicht? Natürlich nicht. Denn natürlich sitzt Alan nicht allein am «Wackeltisch»: Zack und Madison, zwei Nerds wie aus dem Bilderbuch, stehen ihm wild entschlossen zur Seite. Natürlich schlägt unter Alans zitternder Oberfläche ein Löwenherz. Sein Coming Out steht er tapfer selber durch. Und dass sich hinter Nathans Hass und der Brutalität des Vaters zwei tief verletzte Seelen verbergen, erstaunt dann auch nicht sehr. Innova­tion, Komplexität und Subtilität sind nicht gerade die Stärken dieses Buches. Dass es den­noch bezaubert, liegt an der aus Gal­gen­humor geborenen Situationskomik, mit der es immer wieder überrascht. Und vor allem an der Kreativität und Herzenswärme seines (Anti-)Helden, der im Minen­­feld von Highschool und Fa­milie navi­giert, ohne andere zum Opfer zu ma­chen, weil er selbst keins mehr sein will.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/18, S.34

Taschenpost
Ingeborg Rotach
Verlag: Stachelbart, Publiziert: 2018, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-945648-06-3
Schlagwörter: Freundschaft | Gefühle

alome träumt davon, Clownin zu werden. Eines Tages begegnet sie einem Vorbild, dem berühmten Clown Rinaldo Rocca, der seinen kleinen Sohn in die Schule begleitet. Hier nimmt Ingeborg Rotach den Faden auf, um die Geschichte einer fantasievollen und eigenwilligen Jugendlichen zu erzählen – die sich vor allem als eine Geschichte über Freundschaft erweisen wird; über die Sehnsucht danach, die Welt mit einer Freundin zu teilen und über das Glück, wenn es gelingt.
Einfühlsam und respektvoll nähert sich Ingeborg Rotach ihrer Protagonistin an, und findet immer wieder eindrückliche und präzise Bilder für die Achterbahnfahrten, die das Leben mit sich bringt. Für den Schmerz, den Salome fühlt, weil Mike nichts mehr von ihr wissen will. Oder, wenn Salomes «Freundin», die coole Ursina, fiese Spielchen mit ihr treibt.
Kurz nach der Begegnung mit dem Clown geschieht noch ein kleines Wunder in Salomes Leben: Als sie ein Paar Jeans anprobiert, findet sie in der Hosentasche einen Zettel – Taschenpost von einem Mädchen namens Vera. Bäume, Pferde und Bücher seien ihr wichtig, steht da, und eine Handynummer: Ruf mich an. Nach langem Zögern tut es Salome tatsächlich – der Anfang einer wunderbaren Freundschaft.
Was den Text vor allem auszeichnet, ist ein musikalischer Rhythmus, der Salomes Gefühlszustände ausdrückt. Wenn ihre Gedanken Flügel bekommen, hebt auch die Sprache ab, träumerisch-poetisch, verspielt. Die hohe Sensibilität Ingeborg Rotachs für die Sprache verleiht dieser Coming-of-Age-Geschichte ein ganz eigenes Gepräge. Zwar legt die Autorin ihren Figuren durchaus aktuelle jugendsprachliche Ausdrücke in den Mund, kombiniert sie aber mit altmodisch anmutenden Wen­dungen, die eher zur Generation von Salomes Mutter gehören. So entsteht eine Kunstsprache, die Salomes Geschichte etwas Zeitloses verleiht.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/18, S.34

Jede Sekunde zählt
R.T. Acron
Verlag: dtv, Publiziert: 2018, Seiten: 266, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76199-4
Schlagwörter: Abenteuer

Zeit als Währung: Kein neues Motiv, das sich R.T. Acron alias Christian Tielmann und Frank Maria Reifenberg für ihr Jugendbuch «Ocean City – Jede Sekunde zählt» ausgesucht haben. Bereits 2011 zeigte der Film «In Time» (Regie: Andrew Niccol) ein neues Wirtschaftssystem, in dem mit Zeit bezahlt wird. Auch in «Ocean City» kann man sich mit dieser Währung Dinge des alltäglichen Gebrauchs erkaufen.
Den drei Schülern Crockie, Jackson und Henk gelingt es, einen Transponder zu bauen, mit dem man die Zeit und damit das System manipulieren kann. Doch sie fliegen auf. Bei der Flucht meint Jackson zu beobachten, wie Crockie erschossen wird.
Henk, der währenddessen im Unterricht gesessen hat, entpuppt sich im Laufe der Handlung als Verräter. Einzig die Mitglieder einer Rebellengruppe scheinen auf Jacksons Seite zu stehen. Mit ihnen gelingt es Jackson, den doch nicht verstorbenen, sondern gefangen gehaltenen Crockie zu befreien. Beide unterstützen fortan die Rebellen und sind gleichzeitig Teil eines grösseren Plans, den sich Clark Kellington, III. ausgedacht hat, um einen der beiden zum Nachfolger und damit zum Herrscher über die Stadt zu machen.
Mit Ocean City als Inselstadt – sie ist eine von 34 Städten, die auf dem Meer losgelöst vom Kontinent schwimmen – verweist das Autorenduo in seinem span­nenden Roman auf Foucaults Konzept der Heterotopie. Die Stadt erscheint zunächst als perfektes Gegenstück zur «aus den Fugen geratenen Welt» und verspricht ein Leben in Frieden. Doch nach und nach bröckelt die Fassade und die Protagonisten merken schnell, dass das Paradies nicht perfekt ist.
Die kurzweilige Handlung wird getragen von überzeugenden Charakteren, auf deren Entwicklung in den Folge­bänden man gespannt sein darf.

Sabine Planka
Buch&Maus 2/18, S.35

So beschissen schön ist nur das Leben
Shaun David Hutchinson
Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Köbele
Verlag: Arena, Publiziert: 2018, Seiten: 360, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-60414-5

Der siebzehnjährige Drew ist der Nette, der Kumpel, der, der für jeden im Krankenhaus ein Lächeln hat. Aber Drew ist auch der, der heimlich in diesem Krankenhaus wohnt, seine Identität zu vertuschen sucht und in der Sozialarbeiterin den Tod sieht. Seit er seine ganze Familie bei einem Unfall verloren hat, versteckt er sich. Er hilft in der Cafeteria und verdient sich so sein Essen, er «leiht» sich Klamotten von Patienten – und er hat endlos viel Zeit, sich kleine Anekdoten aus dem Leben der PflegerInnen anzuhören, bei der im Koma liegenden Dame zu sitzen, die er als seine Grossmutter ausgibt, oder die todkranken Kinder von der Krebsstation aufzu­muntern.
Als eines Tages Rusty auf die Intensivstation eingeliefert wird, ändert sich Drews Leben. Er kann die Schreie des Jungen, der offenbar von seinen eigenen Mitschülern angezündet wurde, weil er homosexuell ist, nicht vergessen. Er möchte Rusty ins Leben zurückholen und erzählt ihm dabei Bruchstücke aus seiner eigenen Vergangenheit, die sich bei der Lektüre wie ein Puzzle zusam­mensetzen. Wir erfahren mehr über Drews sexuelle Orientierung, mehr über seine Familie und die ganze, grausame Wahrheit über den Unfall, der ihm seine Familie genommen hat. Immer wieder sind wir erschüttert, wenn die Geschichte eine andere Wendung nimmt, als wir erhofft und erwartet hatten.
«So beschissen schön ist nur das Leben» wird langsam und mit einiger Redundanz erzählt – ein wenig Straffung hätte hier sicher gut getan. Doch der Roman überzeugt und berührt durch seine Brisanz, Drews einfühlsame Art und durch die eingeflochtene, düstere Graphic Novel, in der er sein Trauma verarbeitet.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/18, S.35

Nicu & Jess
Sarah Crossan, Brian Conaghan
Aus dem irischen Englisch von Cordula Setsman
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2018, Seiten: 330, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-106-1
Schlagwörter: Liebe

Die irische Autorin Sarah Crossan wagt zusammen mit ihrem schottischen Kollegen Brian Conaghan ein riskantes Experiment: Sie lassen einen Migrantenjungen in gebrochener Sprache schreiben. In der Schweiz kennt man diese Poesie einer Sprache des Dazwischen aus den Gedichten von Dragica Rajčić – doch sie arbeitet sich an ihrer eigenen Zweisprachigkeit ab, während Crossan und Conaghan eine Sprache erfinden und sie einem jungen Roma in den Mund legen. Und das auch noch in einem Setting, das alle drängenden Probleme unserer Zeit bündeln will: Migration, Armut und Brexit; Gewalt in der Familie, Zwangsverheiratung und ein Staat, der Opfer – nämlich Jugendliche, die über die Stränge schlagen – zu Tätern macht. Konkret sind das Nicu, der junge Roma, und Jess, ein Mädchen aus der englischen Arbeiterklasse, das zuschauen muss, wie ihre Mutter Tag für Tag von deren Freund verprügelt wird. Beide werden beim Klauen erwischt und in ein Sozialprojekt gesteckt, bei dem sie sich in einander verlieben. Sie bauen sich eine kleine, gefährdete Insel in ihrer ansonsten gnadenlosen Wirklichkeit – nur darf niemand erfahren, dass sie ein Paar sind. Jess’ Stiefvater hasst Ausländer, und Nicu soll schon bald mit einer jungen Frau aus Rumänien verheiratet werden.
Bei aller Skepsis: Das Experiment gelingt. Das liegt daran, dass das Autor­In­nen-Duo sich auf die Romeo-und-Julia-Geschichte konzentriert, und dafür eine poetische Form wählt: die des langen Prosagedichts. Der Text ist ausserdem als Dialog gestaltet; abwechselnd kommen Nicu und Jess zu Wort; und je näher sich die beiden kommen, umso intensiver drängt die Sprache des einen auf die Sprache des anderen zu – und umgekehrt.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/18, S.35

Ich weiss, heute Nacht werde ich träumen
Steven Herrick
Aus dem australischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2018, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-20246-6

Ein australisches Kaff in den 1960ern. Hier gibt es wenig, was die Erinnerung lohnt, findet Harry, «nichts, was lebt, nichts, was leuchtet». Und doch ist hier alles nur aus der Erinnerung gebaut, liegt der Staub der Vergangenheit wie ein schweres Tuch über der Kleinstadt und verhindert, dass sie die Gegenwart atmet. In der Hitze wälzt sich der grosse Fluss an ihr vorüber, «wirft einen trägen Blick / und wälzt sich dann weiter». Bis er, einmal mehr, plötzlich anschwillt, über die Ufer tritt und alles mit sich reisst, auch Linda, Harrys Freundin. Ihr Kreuz am Pearce Swamp wird zum lebendigsten Ort seiner kleinen Welt.
In seinem zweiten Jugendroman zeichnet Steven Herrick das Bild einer entbehrungsreichen und von Verlusten, aber auch vom Gerede und den sozialen Konflikten der Kleinstadt geprägten Jugend. Nach dem frühen Tod der Mutter kommen Harry, sein Vater und der jüngere Bruder Keith mehr schlecht als recht über die Runden; selbst ihr Haus ist mit Öl anstatt mit Farbe gestrichen. Weil aber der Vater ein guter Lehrer, Harry ein toller Koch und Keith ein begnadeter Putzmann ist, klafft zwischen Innen und Aussen ein ekla-tanter Kontrast: «Keith und ich machten Witze / über das sauber / gepflegte Haus, das von aussen so / schäbig und schmud­delig wirkte, / doch innen nach Hähnchen / und Putzmitteln roch».
Genau umgekehrt verhält es sich mit diesem Buch. In klaren Versen formt Herrick das, was in diesem Jungenleben schwierig und schmutzig, auch traurig und gewalttätig ist, zu leuchtenden Miniaturen voller Schönheit. Und schreibt doch dieser funkelnden Oberfläche stets eine Tiefe ein, die allem Schmerz Raum bietet.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/18, S.36

Dumplin‘
Julie Murphy
Aus dem amerikanischen Englisch von Kattrin Stier
Verlag: Fischer FJB, Publiziert: 2018, Seiten: 397, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8414-2242-2
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing | Körper

Go big or go home

«‹Willowdean›, habe ich gesagt. ‹Kassiererin, Dolly-Parton-Verehrerin und die Dicke vom Dienst.›»So stellt sich die 16-jährige Willowdean «Will» ihrem Kollegen Bo vor, als dieser bei Harpy’s Burgers&Dogs seinen neuen Job antritt. Was ihr anfänglich egal war, nämlich ihr Gewicht, wird für sie zunehmend zum Problem, als sie sich in Bo verliebt. Denn obwohl ihre Gefühle erwidert werden, sind ihre Zweifel stärker. Sie trennt sich von Bo, kündigt ihren Job – und meldet sich zum örtlichen Schönheitswettbewerb an. Un­willentlich wird sie dadurch zum Vorbild für mehrere Mitschülerinnen, die aufgrund ihres Aussehens gemobbt werden. Was sie wirklich will, wird ihr erst am Ende klar: Bo nicht verlieren.
Murphy greift in ihrem Roman auf ein klassisches Muster zurück: Unscheinbare Frau verliebt sich in einen in ihren Augen zu perfekten Mann, auf den sie sich keine Chance ausrechnet. Dennoch gelingt es ihr, die Thematik unterhaltsam und humorvoll zu erzählen und mit Body-Shaming zudem ein aktuelles Thema zu integrieren, ohne das die Handlung überfrachtet wirken würde. Die Protagonistin wird differenziert aufgebaut, so dass ihre Ängste und Sorgen vermittelt werden. Einige Nebenfiguren sind leider etwas stereotyp geraten, wie etwa die lästernde Footballgang, die jeden nicht der Norm entsprechenden Körper fies kommen­tiert. Dementsprechend ist die «Moral der Geschichte» zwiespältig zu bewerten: Kommt sie einerseits überdeutlich daher, ist es genau dieser Aspekt, der es verdient, hervorgehoben zu werden: Hinter jeder Schale steckt ein Mensch mit besonderen Talenten und Fähigkeiten. Oder um es mit Will’s Worten zu sagen: «‹Wenn es nicht dein eigener Körper ist, dann hast du ihn auch nicht zu kommentieren. Dick. Dünn. Klein. Gross. Völlig egal.›»

Sabine Planka
Buch&Maus 2/18, S.36

Mausmeer
Tamara Bach
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2018, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58380-2
Schlagwörter: Geschwister | Erwachsenwerden

«Also können wir einfach bleiben dieses Wochenende? Du und ich? Wie damals? Ein allerletztes Mal?», so dringlich bittet Ben seine grosse Schwester Anni, nachdem er sie schlafend von seiner Geburtstagsparty in Opas leerstehendes Häuschen am Arsch der Welt verschleppt hat. Hier haben die beiden endlose Kindersommer verbracht, «es gab immer kleine Tiere. Und irgendwo war ein Schwimmbad». Heile Welt mit Patina also, doch ob sich deren Zauber reanimieren lässt?
Nach und nach erfährt man in Tamara Bachs schmalem Jugendroman, dass Ben dringend eine Auszeit mit schwesterlicher Unterstützung braucht: Heimlich hat er kurz vor dem Abi die Schule geschmissen und keinen Plan wie es nun weitergehen soll. Erzählt wird von diesen matschgrauen Osterfeiertagen im Nirgendwo erst von der vernünftigen Anni, dann von Ben, dann von beiden abwechselnd. Dabei passiert bis über die Hälfte des Buches eigentlich nicht viel – stattdessen plätschert die Geschichte mit sparsamen Dialogen und viel Assoziationsfluss da­hin. Das wäre extrem dröge, doch Tamara Bach ist eine Sprachkünstlerin: Präzise, bilder­mächtig und lakonisch-poetisch entwickelt sie hier ein Kammerspiel mitten aus dem Geschwisterdickicht, zwischen Kindheit und Erwachsen­werden, inklusive fest zementierten Familienrollen, Weltschmerz und Sehn­sucht nach Freiheit. Erst als der Autoschlüssel unwiederbringlich im schlammigen Teich versunken ist, nimmt die Sache etwas Fahrt auf, wobei einige Statisten der kauzigen Dorfbevölkerung überraschen­de Impulse setzen.
Eine schwache Handlungsebene mit dramaturgischen Durchhängern – trotz sprachlicher Finesse und mikroskopisch genauen Beobachtungen ist dieser neue Roman der vielfach ausgezeichneten Autorin leider ziemlich langweilig.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/18, S.36

Abgefahren
Dirk Pope
Verlag: Hanser, Publiziert: 2018, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25875-4

Viorel ist 17, stark übergewichtig antriebslos und nicht gerade das, was man einen Sympathieträger nennt. Als seine Mutter eines Morgens tot am Küchentisch sitzt, ist er wie gelähmt. Dann erinnert er sich, dass sie in ihrer Heimat Rumänien begraben werden wollte. Er wickelt ihre Leiche in einen Schlafsack, packt sie in den Kofferraum ihres alten Opel Corsa und rast los: Ohne Fahrausweis, Papiere, Totenschein. Von der Wohnung in Essen-Vogelheim über Österreich, Ungarn, quer durch Rumänien bis nach Mahmudia, dem Geburtsort der Mutter. 2500 Kilometer, auf denen Viorel von einer skurrilen Situation in die andere schlittert und dabei eine erstaunliche Entwicklung durchläuft. 55 Stunden ohne Schlaf, dafür mit vielen sonderbaren Begegnungen.
Ein mysteriöser Anhalter mit auffällig spitzen Eckzähnen, den Viorel aufgabelt, beeindruckt mit seinem umfangreichen Wissen über Transsilvanien und Vampire –kurz darauf verunglückt er durch eine ungeschickte Bewegung Viorels tödlich. Viorel packt seine sterblichen Überreste auf den Beifahrersitz und hetzt mit zwei Leichen im Gepäck weiter. Sein Auto wird verfolgt, von der Strasse gedrängt und gestohlen. Als Viorel es wiederfindet, fehlt nur die Leiche des Anhalters.
Nach «Idiotensicher» legt Dirk Pope mit «Abgefahren» sein zweites Jugendbuch vor. Der Titel ist Programm: Viorels Geschichte ist in erster Linie Roadmovie, aber auch Entwicklungsroman, leise Liebes­geschichte – vor allem aber eines: abgefahren!
In kurzen, manchmal regelrecht abgehackten Sätzen, die Viorels panische Getriebenheit perfekt zum Ausdruck bringen und für Tempo sorgen, nimmt Pope seine LeserInnen mit auf eine Reise in den «Wilden Osten» Europas, transportiert Motive aus Bram Stokers «Graf Dracula» in die Gegenwart. Witzig, schräg, makaber, mitunter pietätlos – grossartig!

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/18, S.37

Der Riss
Carlos Spottorno, Illustration: Guillermo Abril
Aus dem Spanischen von André Höchemer
Verlag: avant, Publiziert: 2018, Seiten: 184, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-945034-65-1
Schlagwörter: Migration | Medien | Armut | Krieg | Rassismus

Zwei Journalisten reisen im Auftrag der Zeitung El País mehrmals an die Aussengrenzen Europas, dorthin, wo Europa Risse bekommen hat. Der eine macht unzählige Fotos, der andere schreibt die Geschichten dazu. In ihrer fotorealistischen Graphic Novel doku­men­­tieren sie nun ihre erschütternden Erfahrungen. Wir folgen den beiden in die spanische Exklave Melilla, wo hinter Hochsicherheitszäunen Abertausende auf ihre Ausreise nach Spanien warten. Sie führen uns in Auffanglager in Osteuropa, geben Einblick in eine Mare-Nostrum-Operation, begleiten Menschen auf der Balkanroute oder besuchen in Finnland NATO-Truppen, die für einen Grenzkonflikt mit Russland trai­nie­ren. Das Schlussbild zeigt Flüchtlinge an der russisch-finnischen Grenze nördlich des Polarkreises, eine afghanische Familie und zwei Kameruner. «Wer sie anblickt, sieht in Wirklichkeit die Welt, die wir sind», kommentiert Guillermo Abril.

Carlos Spottorno porträtiert skep­tische, traurige, fragende, konzentrierte Gesichter. Er fängt Details ein, Fundstücke, Graffiti, sinnlose Hinweisschilder, die Sterilität der Überwachungsmaschi­nerie, aber auch die Versuche der Gestran­deten, ihren vorläufigen Aufenthaltsorten einen Hauch von Zuhause zu verleihen. Farbigkeit und Konturen der Bilder sind zurückgenommen. Dies zwingt zum genauen Hinschauen auch bei Szenen, die aus den Medien bekannt erscheinen.

Die Fotoreportagen regen dazu an, mit Jugendlichen über die Trennlinien zu reden, die den Rändern Europas entlang verlaufen, über die Gräben zwischen Armut und Wohlstand, zwischen der gefährlichen und der sicheren Welt, aber auch zwischen der Idee eines vereinten Europas und populistischen, fremden­feindlichen Strömungen.

Christine Tresch
Buch&Maus 2/18, S.37

Der Kinder Künstler Kritzelblock
Atelier Laborgemeinschaft
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2018, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 401-9-17-260003-7
Schlagwörter: Kunst

Fressen und Gefressenwerden

Wofür ist Kunst überhaupt da, wenn keiner sie haben will? Dieser Frage widmet sich der belgische Bilderbuchkünstler Leo Timmers in «Was Herr René so alles malt» mit Witz und Fantasie: «Dies hier ist kein Apfel», steht gleich auf der ersten Seite – zu sehen ist ein grüner Apfel. Wie jetzt?
Das Rätsel löst sich schnell: Da steht ein Hund mit Baskenmütze an der Staff­elei und malt so virtuos, dass seine Bilder aussehen wie echt. Hilft aber nichts, ein Hungerkünstler ist er trotzdem, weil niemand sich für seinen Marktstand interessiert. Bis eines Tages ein Mann mit Melone auftaucht – übrigens der einzige Mensch in dieser von ulkigen Tieren bevölkerten Welt. Schwuppdiwupp, plötz­lich wird alles Realität, was Herr René auf Leinwand bannt. Klar, pinselt der sofort begeistert los und lebt von nun an in Saus und Braus: vom Hotdog über die mehrstöckige Torte bis zu Auto, Schiff und Villa. Seitenlang schwelgt Tim­mers in diesem selbst erschaffenen Schla­raf­fenland. Dann aber steht plötzlich Häsin Rosa vor der Tür und möchte ein Bild kaufen. Das geht aber nicht, denn Herr René ist ja gar kein Künstler mehr, sondern nur noch Konstrukteur von Wirklichkeit. Ob sich der Zauber rückgängig machen lässt?
Ein spannendes Gedankenexperiment und eine Hommage an René Magritte – von Timmers in pointierten Sätzen und plakativen, quietschbunten Illustrationen ebenso luftig wie detailreich erzählt.
Mit einem Vorurteil räumt die Hongkonger Illustratorin Joanne Liu in ihrem origi­nellen Bilderbuch «Kunst für Max» auf: Ihr pfiffiger Held mit Baseball-Cap findet es im Museum nämlich kein bisschen langweilig – im Gegenteil! Er stromert zwischen den Erwachsenenbeinen herum und entdeckt jede Menge spannende Dinge, die auf den ersten Blick mit den eigentlichen Kunstwerken gar nichts zu tun haben: Muster, Farben und Formen, verrückte Perspektivenwechsel und ganz neue Einblicke. Liu setzt seinen Streifzug mit kräftigen Farben und ausdrucksstarkem Pinselstrich in Szene. Ohne ein Wort, aber mit viel Humor, stellt sie Kunstklassiker und Max’ Beobach­tungen nebenei­nan­der: Da wieder­holen sich Mondrians monochrome Farbflächen auf dem Fussboden im Spiel aus Licht und Schat­ten, neben der römischen Frauen­skulptur mit Wasserkrug entdeckt Max die Museums­putzfrau und die Tätowierun­gen eines Besuchers interessieren ihn viel mehr als die ganz ähnlichen Bemalungen der Ming-Vase. Die Botschaft: Augen auf, denn Kunst ist überall!
Kinder zur Kreativität anstiften – das gelingt der Labor Ateliergemeinschaft mit ihrem «Kinder Künst­­ler Kritzelblock. Fressen und gefressen wer­den»: Grossformatig, mit heraustrennbaren Seiten in exquisiter Papier­qualität, vor allem aber mit vielen inspirierenden Ideen und ganz unter­schied­­lichen Motiven laden hier illustre Illustra­torInnen zum Weiter­zeichnen: «Baby hat Spinat gegessen» schreibt Anke Kuhl und zeigt den kleinen Fratz ganz sauber vor leerem Teller. Los geht’s mit grüner Farbe! Zuni Fellehners blitzblanke Küche mit Farbstiften vollzusauen macht genauso Spass wie sein Traum-Eis, ein Hexensüppchen oder eine Raubtier­­­füt­terung zu kreieren.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/18, S.29

Monsta
Dita Zipfel, Illustration: Mateo Dineen
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2018, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-387-0
Schlagwörter: Humor/Komik

Monsta kündigt. Es hat die Nase voll davon unter dem Bett des Kindes zu leben und jede Nacht daran zu scheitern, es zum Gruseln zu bringen. Also schreibt es ihm einen Abschiedsbrief. In Kritzelschrift, inklusive Rechtschreibefehlern, durchgestrichenen Wörtern und Farbstiftzeichnungen erzählt es von seinen unzähligen Gruselversuchen: Wie es am Bett rüttelte und grollte, und doch nichts passierte. Wie es im Kind nach dem Grusel suchte und keinen fand. Wie es einmal sogar einen unheimlich grossen Bücherturm errichtete und von ganz oben auf das Bett des Kindes sprang. Da musste es sogar die Luft anhalten. Doch wieder geschah nichts. «Du bist unreparierbar, Kint. Da hilft Keine Medizin.» Das anfangs selbstbewusste kleine blaubefellte Monster mit gelben Punkten, riesigen neugierigen Augen und schiefen Zähnen gibt auf. «Lass dir mal Grusel wachsen, rat ich dir. Was ist ein Mensch schon ohne Angst», lässt Dita Zipfel ihr Monsta seine Frustration äussern.
US-Amerikaner Mateo Dineen, der in Berlin lebt und schon immer leidenschaftlich gerne Monster zeichnete, hat die Geschichte in starken, satten Farben illustriert. Während das Kind seelenruhig in seinem Bett schläft und beinahe unsichtbar wird, fokussiert er auf das energiegeladene Monsta, das Grimassen schneidet, auf dem Bett herumhüpft, sich immer wieder Neues einfallen lässt, und doch nichts erreicht.
«Monsta» ist aber nicht bloss ein witziges und unterhaltsames Bilderbuch. Dita Zipfel und Mateo Dineen haben sich damit auch der bekannten Angst vor dem Monster unter dem Bett angenommen und einen Perspektivenwechseln vorgenommen: mit Fokus auf das erfolglose Monsta. Da möchte man sich doch gleich Gruseln, um ihm eine Freude zu bereiten.

Nadja Eich
Buch&Maus 3/18, S. 26

Kalle und Elsa
Jenny Westin Verona, Illustration: Jesús Verona
Aus dem Schwedischen von Karl-Axel Daude
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2018, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95-939066-8
Schlagwörter: Tiere

Ein Sommerabenteuer 

Im zweiten Band – nach dem Debut «Abenteuer im Garten» – erleben Kalle und Elsa einen fantasievollen Tag am Strand. Schon das Cover macht es deutlich: Der Freiraum, der Spass und die Freude, die beide Kinder im Wasser empfinden, sind sofort spürbar. Die Kinder sind sich selbst genug und tauchen ab in ihren Fantasien. Die schwedische Autorin Jenny Westin lässt uns in lebendigen Dialogen an diesem Strandabenteuer teilhaben. Während die Eltern für sich sind, spielen Kalle und Elsa unentwegt. Sie graben das tiefste Loch der Welt, begegnen einem riesigen Tintenfisch und lernen einen sprechenden Seehund kennen. Die Illustrationen von Jesús Verona, Jenny Westins Mann, nehmen viel Raum ein. Das wird schon mit der ersten textlosen Doppelseite so etabliert. Durch das dunkle Walddickicht ist die Familie auf dem Weg zum Strand zu sehen. Hochgerissene Arme, lachende Münder und Finger, die in die Richtung zeigen in der das Abenteuer lockt, überzeugen als lebendige Körpersprache. Interessant ist auch, wie sich die Grössenverhältnisse verkehren. Da sind die Meerestiere und Muscheln auf einmal grösser als die beiden Kinder und bevölkern die überbordenden Doppelseiten. Verona arbeitet digital und komponiert die einzelnen Farbflächen virtuos. Wirklich erwähnenswert und typisch für ein Bilderbuch aus dem Bohem Verlag ist die qualitativ hochwertige Ausstattung: Alles ist durchdacht, von der Typografie über die Farben bis hin zum Klappentext, der sich perfekt auf den verheissungsvollen Sandweg hin zum Meer legt. Ein dritter Band über Kalle und Elsas Abenteuer ist in Planung.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/18, S. 26

Ida und der fliegende Wal 
Rebecca Gugger, Illustration: Simon Röthlisberger
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2018, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10446-6
Schlagwörter: Weltall | Traum | Tiere

Ida wohnt in einem Baumhaus inmitten eines Birkenwäldchens und träumt sich tagein tagaus in ferne Galaxien davon: Was wohl hinter der Sonne, dem Mond und den Sternen sein mag? Um gut (aus-) gerüstet zu sein für den Fall, dass sie tatsächlich einmal überraschend zu einer weiten Reise ins All aufbrechen muss, trägt sie stets allwettertaugliche Gummistiefel, die sie vor dem Schlafengehen fein säuberlich auf dem Bettvorleger postiert. Und, siehe da, eines Nachts taucht unverhofft ein fliegender Wal vor Idas Schlafzimmerfenster auf und lädt sie zu einem Ritt auf seinem Buckel ein. Der Flug der beiden ungleichen Reisegefährten durchs Wolkenmeer wird dann auch wirklich nass – zwischen den Gestirnen hat sich ein gewaltiger Sturm zusammengebraut. Rebecca Gugger und Simon Röthlisberger erzählen eine philosophische Abenteuergeschichte, die wir so noch nirgendwo gelesen haben. Zum ideenreichen und interessant typografierten Text schickt das Schweizer Grafiker-Duo seine Helden durch ein blau-grau-grün aquarelliertes Universum, «irgendwo ins Nirgendwo» zwischen Himmel und Meer. Es ist die Welt, die Ida und der Wal auf ihrem Gleitflug durch Zeit und Raum entdecken: Mal sind sie verwundert, angesichts ein es «urkomischen» Orts, an dem alles kopfsteht, mal traurig, manchmal froh. Schwer wird Ida ums Herz, als nach dem stürmischen Brausen plötzlich Stille herrscht. «So klein und allein» fühlt sie sich plötzlich. Leicht klopft es gegen ihren Brustkorb, als sie auf einem Mini-Planeten Halt machen, an dem alles so wunderbar lebendig erscheint. Ein geheimnisvolles und fantastisches Bilderbuch, das weniger intellektuell verstanden als erfühlt werden will. Für Träumerinnen und Wolkenbauer.

Alice Werner
Buch&Maus 3/18, S. 26

Das Nacht-Tier
Jens Rassmus
Verlag: Nilpferd, Publiziert: 2018, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7074-5215-0
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen | Fabelwesen

«Pass auf, sonst holt dich der Nachtkrabb!» In der schwarzen Pädagogik tummeln sich einige solcher Kinderschreckfiguren. Es heisst, die oberschwäbische Sagengestalt fliege weit weg mit Kleinen, die bei Dunkelheit noch draussen sind, damit sie ihr Zuhause nicht mehr finden. Auch in der schwäbisch-alemannischen Fastnacht kennt man den rabenähnlichen Riesenvogel, der einschüchtern soll. Nur im Burgenland gibt es den «guten Nachtkrapp», der Kinder sanft in den Schlaf singt und zudeckt. Und in Jens Rassmus neuem Bilderbuch. Sein «Nacht-Tier» gleicht – obwohl riesengross mit dunklem Federkleid – ganz der netten Variante des mittelalterlichen Fabelwesens. «Da plötzlich war an meiner Tür ein Schatten erst – und dann ein Tier. Wild sah es aus und schien doch zahm. Ich sagte komm!» Der munter reimende Ich-Erzähler ist ein Junge, der nicht einschlafen kann und sich einsam fühlt. Bei der gemeinsamen Reise durch die Nacht gibt er den Ton an. Erst heisst es «lauf!», dann «spring!», «schwimm!», «steig!» und schlies slich «flieg!». Rittlings aufgesessen, geht es gemeinsam durch dunkle Gassen, über eine Strasse, hinein in reissende Fluten, auf einen Berg durch die Lüfte zurück ins Kinderzimmer. «Schlaf!», bestimmt nun das Nacht-Tier, wird ganz klein und Junge wie Kuscheltier schlummern endlich ein. Zwei Wahrnehmungsebenen, eine Realität – zwei Darstellungsstile, ein Bild: die Wirklichkeit des Jungen wird gezeichnet, die Fantasie ausgemalt. Linie versus Oszillation. Die Farbigkeit der Tableaus ist – der späten Uhrzeit entsprechend – zurückgenommen. Das Dunkelblau des Fantasiewesens hingegen wirkt satt und stofflich weich: ein Traum zur blauen Stunde.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/18, S. 27

Hektor ist kein Schisser! 
Anne Ameling, Illustration: Günther Jakobs
Verlag: Coppenrath Verlag, Publiziert: 2018, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-649-62836-1
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein

Wölfe haben gerade Hochkonjunktur im Bilderbuch. Drei Wölfe, die unterschiedlicher kaum sein könnten, sind in den im Folgenden vorgestellten Bilderbüchern mit von der Partie. Anne Ameling vermenschlicht in «Hektor ist kein Schisser!» ihre tierische Hauptfigur. Sie erzählt die Geschichte vom Wolfsjungen Hektor, der im Wald lebt. Um in die Freundesbande der anderen Tierkinder aufgenommen zu werden, muss er erst eine Mutprobe bestehen. Günther Jacobs Szenen, in Acrylfarben und Buntstift gestaltet, strahlen stets eine erstaunliche Lebendigkeit aus. Der versierte deutsche Illustrator ist abwechslungsreich in der Bildkomposition und ausdrucksstark in Mimik und Gestik. Mal zoomt er nah heran, mal füllt er die komplette Doppelseite mit kräftigen Farben. Der dialogreiche Text macht es den VorleserInnen leicht und Kinder werden schnell von sich selbst und ihren Ängsten erzählen. Angst muss die Ente in «Der Wolf, die Ente & die Maus» nicht mehr haben. Seit sie sich im Bauch des Wolfes mehr als angenehm eingerichtet hat, hat sie keine Furcht, von ihm gefressen zu werden. Denn das hat sie ja nun schon hinter sich, und geniesst jetzt ein Leben, das ihr behagt – frei von Bedrohung, dafür mit eingeschränkter Freiheit. Für die kleine Maus, die der Wolf gerade erst erwischt hat, ist das alles noch neu und höchst dubios. In einem dunklen Magen lässt es sich gut leben? Schwer vorstellbar! Der US-Amerikaner Mac Barnett ist ein Meister der hintergründigen und philosophischen Gedanken und verpackt diese in pointierte Dialoge und ein erstaunlich temporeiches Tierdrama. Unerwartete Wendungen prägen die Story ebenso, wie Lebenslust und bemerkenswert tiefgründige Weisheiten. Illustrator Jon Klassen arbeitet etwas anders als sonst, diesmal mit Wasserfarben, Gouache und Bleistift. Wie immer funktioniert bei ihm viel über die Blicke und in der Farbgebung bleibt er sich ebenfalls treu. Wie ein Bühnenbild legt er die Doppelseiten an und gibt dem Text zusätzlich Humor. Im Märchen hat der Wolf traditionell seinen Platz. Sebastian Meschenmoser vollendet nach «Rotkäppchen hat keine Lust» und «Die verflixten sieben Geisslein» seine Märchentrilogie, in dem er den Wolf neu interpretiert und das gesamte Märchengenre persifliert. «Vom Wolf, der auszog, das Fürchten zu lehren» ist in Bleistift, hellen Aquarellfarben und einer teils überbordenden Fülle an Details gezeichnet. Ein Wolfsvater zu Beginn, der äusserst unzufrieden mit seinen Wolfssöhnen ist – sie sind nicht böse genug! Nun versucht der dritte seinem Klischee gerecht zu werden. Aber alles verläuft ganz anders als gedacht. Rollenmuster werden hinterfragt und so Gedanken bei den BetrachterInnen wie von selbst angeregt. So ist vielleicht kein einziger der drei Wölfe, wie man erwartet und genau das macht die Bilderbücher so interessant.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/18, S. 27

Der Wolf, die Ente & die Maus 
Mac Barnett, Illustration: Jon Klassen
Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Bodmer
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2018, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10440-4
Schlagwörter: Tiere | Philosophie | Geschlechterbilder

Wölfe haben gerade Hochkonjunktur im Bilderbuch. Drei Wölfe, die unterschiedlicher kaum sein könnten, sind in den im Folgenden vorgestellten Bilderbüchern mit von der Partie. Anne Ameling vermenschlicht in «Hektor ist kein Schisser!» ihre tierische Hauptfigur. Sie erzählt die Geschichte vom Wolfsjungen Hektor, der im Wald lebt. Um in die Freundesbande der anderen Tierkinder aufgenommen zu werden, muss er erst eine Mutprobe bestehen. Günther Jacobs Szenen, in Acrylfarben und Buntstift gestaltet, strahlen stets eine erstaunliche Lebendigkeit aus. Der versierte deutsche Illustrator ist abwechslungsreich in der Bildkomposition und ausdrucksstark in Mimik und Gestik. Mal zoomt er nah heran, mal füllt er die komplette Doppelseite mit kräftigen Farben. Der dialogreiche Text macht es den VorleserInnen leicht und Kinder werden schnell von sich selbst und ihren Ängsten erzählen. Angst muss die Ente in «Der Wolf, die Ente & die Maus» nicht mehr haben. Seit sie sich im Bauch des Wolfes mehr als angenehm eingerichtet hat, hat sie keine Furcht, von ihm gefressen zu werden. Denn das hat sie ja nun schon hinter sich, und geniesst jetzt ein Leben, das ihr behagt – frei von Bedrohung, dafür mit eingeschränkter Freiheit. Für die kleine Maus, die der Wolf gerade erst erwischt hat, ist das alles noch neu und höchst dubios. In einem dunklen Magen lässt es sich gut leben? Schwer vorstellbar! Der US-Amerikaner Mac Barnett ist ein Meister der hintergründigen und philosophischen Gedanken und verpackt diese in pointierte Dialoge und ein erstaunlich temporeiches Tierdrama. Unerwartete Wendungen prägen die Story ebenso, wie Lebenslust und bemerkenswert tiefgründige Weisheiten. Illustrator Jon Klassen arbeitet etwas anders als sonst, diesmal mit Wasserfarben, Gouache und Bleistift. Wie immer funktioniert bei ihm viel über die Blicke und in der Farbgebung bleibt er sich ebenfalls treu. Wie ein Bühnenbild legt er die Doppelseiten an und gibt dem Text zusätzlich Humor. Im Märchen hat der Wolf traditionell seinen Platz. Sebastian Meschenmoser vollendet nach «Rotkäppchen hat keine Lust» und «Die verflixten sieben Geisslein» seine Märchentrilogie, in dem er den Wolf neu interpretiert und das gesamte Märchengenre persifliert. «Vom Wolf, der auszog, das Fürchten zu lehren» ist in Bleistift, hellen Aquarellfarben und einer teils überbordenden Fülle an Details gezeichnet. Ein Wolfsvater zu Beginn, der äusserst unzufrieden mit seinen Wolfssöhnen ist – sie sind nicht böse genug! Nun versucht der dritte seinem Klischee gerecht zu werden. Aber alles verläuft ganz anders als gedacht. Rollenmuster werden hinterfragt und so Gedanken bei den BetrachterInnen wie von selbst angeregt. So ist vielleicht kein einziger der drei Wölfe, wie man erwartet und genau das macht die Bilderbücher so interessant.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/18, S. 27

Vom Wolf, der auszog, das Fürchten zu lehren 
Sebastian Meschenmoser
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2018, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-45897-9
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Tiere | Geschlechterbilder

Wölfe haben gerade Hochkonjunktur im Bilderbuch. Drei Wölfe, die unterschiedlicher kaum sein könnten, sind in den im Folgenden vorgestellten Bilderbüchern mit von der Partie. Anne Ameling vermenschlicht in «Hektor ist kein Schisser!» ihre tierische Hauptfigur. Sie erzählt die Geschichte vom Wolfsjungen Hektor, der im Wald lebt. Um in die Freundesbande der anderen Tierkinder aufgenommen zu werden, muss er erst eine Mutprobe bestehen. Günther Jacobs Szenen, in Acrylfarben und Buntstift gestaltet, strahlen stets eine erstaunliche Lebendigkeit aus. Der versierte deutsche Illustrator ist abwechslungsreich in der Bildkomposition und ausdrucksstark in Mimik und Gestik. Mal zoomt er nah heran, mal füllt er die komplette Doppelseite mit kräftigen Farben. Der dialogreiche Text macht es den VorleserInnen leicht und Kinder werden schnell von sich selbst und ihren Ängsten erzählen. Angst muss die Ente in «Der Wolf, die Ente & die Maus» nicht mehr haben. Seit sie sich im Bauch des Wolfes mehr als angenehm eingerichtet hat, hat sie keine Furcht, von ihm gefressen zu werden. Denn das hat sie ja nun schon hinter sich, und geniesst jetzt ein Leben, das ihr behagt – frei von Bedrohung, dafür mit eingeschränkter Freiheit. Für die kleine Maus, die der Wolf gerade erst erwischt hat, ist das alles noch neu und höchst dubios. In einem dunklen Magen lässt es sich gut leben? Schwer vorstellbar! Der US-Amerikaner Mac Barnett ist ein Meister der hintergründigen und philosophischen Gedanken und verpackt diese in pointierte Dialoge und ein erstaunlich temporeiches Tierdrama. Unerwartete Wendungen prägen die Story ebenso, wie Lebenslust und bemerkenswert tiefgründige Weisheiten. Illustrator Jon Klassen arbeitet etwas anders als sonst, diesmal mit Wasserfarben, Gouache und Bleistift. Wie immer funktioniert bei ihm viel über die Blicke und in der Farbgebung bleibt er sich ebenfalls treu. Wie ein Bühnenbild legt er die Doppelseiten an und gibt dem Text zusätzlich Humor. Im Märchen hat der Wolf traditionell seinen Platz. Sebastian Meschenmoser vollendet nach «Rotkäppchen hat keine Lust» und «Die verflixten sieben Geisslein» seine Märchentrilogie, in dem er den Wolf neu interpretiert und das gesamte Märchengenre persifliert. «Vom Wolf, der auszog, das Fürchten zu lehren» ist in Bleistift, hellen Aquarellfarben und einer teils überbordenden Fülle an Details gezeichnet. Ein Wolfsvater zu Beginn, der äusserst unzufrieden mit seinen Wolfssöhnen ist – sie sind nicht böse genug! Nun versucht der dritte seinem Klischee gerecht zu werden. Aber alles verläuft ganz anders als gedacht. Rollenmuster werden hinterfragt und so Gedanken bei den BetrachterInnen wie von selbst angeregt. So ist vielleicht kein einziger der drei Wölfe, wie man erwartet und genau das macht die Bilderbücher so interessant.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/18, S. 27

Irgendein Berg
Fran Pintadera , Illustration: Txell Darné
Aus dem Spanischen von Silvia Bartholl
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2018, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0599-0
Schlagwörter: Krieg

Die Leute, die auf dem Berg leben, sind glücklich: «Weil immer ein angenehmer Wind weht und die Sonne von morgens bis abends scheint. Und weil man weit übers Land schauen kann.» Tatsächlich: Auf dem Gipfel sitzen lächelnde Leute, der Himmel ist blau und Vögel mit buntem Gefieder fliegen umher. Auch im Dorf im Tal ist das Leben schön und die dargestellte Szene einladend. Aber schon ein paar Seiten weiter hat sich die Postkartenidylle radikal geändert. Und zum Schluss liegen zwei Dörfer in Schutt und Asche – dank blindem Aktionismus und zuviel Eigenliebe. Die Geschichte «Irgendein Berg» zeichnet mit eindrücklichen, farbintensiven Collagen von Txell Darné nach, warum zwei Dörfer sich bekriegen. Der Auslöser ist scheinbar harmlos: ein Feuerwerk im Tal, dessen Rauchschwaden auf den Gipfel hochsteigen. Die Reaktion dort: «‹Das ist eine Frechheit!›, ruft einer aufgebracht. ‹Wir werden angegriffen!›, schreit ein anderer. Wütend überlegen sie, wie sie es denen im Tal zurückgeben können.» Man kann den Unmut sogar verstehen: Eine grosse dunkle Wolke hat sich zwischen Berg und Tal aufgebaut, die Vöglein sind ganz grau. Gross und gefährlich wirkt der Felsbrocken, der jetzt von soldatisch aussehenden Leuten talwärts gerollt wird. Im Tal ist man – wie beim Lesen – überrascht: «Was soll das? Aber viel Zeit zum Fragen haben sie nicht. Sie müssen sich verteidigen!» Statt miteinander zu reden, fliegen jetzt Steine und Baumstämme hin und her. Der Berg geht kaputt – dramatisch mit einem Riss im Papier, das den Berg darstellt, illustriert. Ratlos blickt man in die traurigen Gesichter, da geht die Geschichte mit zwei anderen «glücklichen» Dörfern weiter. Selbst jüngste Kinder verstehen: Frieden gibt es nur miteinander.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/18, S. 28

Kati, die Möwe
Anita Hansemann, Illustration: Verena Pavoni
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2018, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0757-5

Die Möwen Kati, Kiki und Karl wundern sich: Was sind das für Vögel, die im Herbst neu an den See gekommen sind? Kormorane sind es, und in einen davon hat Kati sich verguckt. Nils der Kormoran ist zwar nicht sehr freundlich, aber Kati ahmt ihn nach. Sie versucht zu tauchen wie Nils, ertrinkt fast und wird von ihren Freunden gerettet. Im Frühjahr ziehen die Kormorane fort. Die Aquarelle von Verena Pavoni faszinieren durch ihre realistischen und zugleich atmosphärisch dichten Vogel darstellungen aus Boden-, Luft- und Unterwasserperspektiven, die auf unzähligen Tierstudien basieren dürften. Nur die Mimik der Vögel deutet auf ihre Vermenschlichung in der Geschichte hin. Dieser doppelte Blickwinkel auf die Vögel – als realistisch dargestellte Tiere wie als vermenschlichte Wesen – ist in den Illustrationen überzeugend. Im Text der Autorin Anita Hansemann wirkt beides etwas weniger verbunden. Es gibt Passagen genauer Naturbeobachtung, die sich eher unvermittelt mit einer symbolisch zu verstehenden Handlung abwechseln. In dieser imitiert ein Tier eines einer anderen Spezies und findet erst zu sich, als es die Eigenschaften seiner Art akzeptiert. Dieser Topos erinnert an Hans Fischers «Pitschi», von Weitem auch an Andersens «Hässliches Entlein». Die Botschaft von «Kati, die Möwe» wird nur auf dem Cover formuliert: «die Faszination des Andersartigen und die Besinnung auf sich selbst». Ein Dialog zwischen dem neu zugezogenen «Andersartigen» und den Alteingesessenen findet dabei kaum statt, die einheimischen Freunde retten das Mädchen, das sich in den Fremden verliebt hat. Hansemanns Geschichte weist jedoch auch auf Potenziale der Schweizerin hin, etwa ihre präzise Formulierungen, die sie hoffentlich in weiteren Büchern für Kinder vertiefen kann.

Evamaria Zettl
Buch&Maus 3/18, S. 28

Der Mann, der eine Blume sein wollte 
Anja Tuckermann, Illustration: Uli Krappen
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2018, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-409-9
Schlagwörter: Natur | Identität/Individualität

«Nusret und die Kuh», das erste Gemeinschaftswerk von Anja Tuckermann, Mehrdad Zaeri und Uli Krappen, wurde 2017 auf Anhieb für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Nun legt das Trio ein neues Bilderbuch vor. Es erzählt von einem Mann, dem es nicht mehr reicht, «einfach nur ein Mann zu sein». Das Leben des Mannes, von dem hier auf doppelseitigen, ausdrucksstarken Bildern und stark reduziertem Text erzählt wird, ist zunächst vor allem grau und trist. Seine Arbeit als Bahnschrankenwärter, ein wenig Fussball spielen und fernsehen, mehr ist da nicht. Dabei würde er so gerne «in der Erde stehen und hin und her schaukeln, wohin der Wind ihn führte». Er träumt davon, eine hochgewachsene rote Mohnblume zu sein, ein süss duftender Strauch, eine blaue Blüte auf einer Bergspitze. Mit jeder Doppelseite wandelt sich die farblose Unterkunft des alten Herrn mehr und mehr in eine dschungelartige Blumenwelt. Erst sind es nur zarte Triebe, die um seinen Kopf spriessen, bunte Blumengirlanden, vereinzeltes Grün, das aus dem Boden wächst. Doch schon bald nehmen Blätter und Blüten mehr Raum ein, bis die Wohnung kaum noch zu erkennen ist. Die Metamorphose des Mannes ist aber noch nicht zu Ende. Als er als Blumenwiese an die Fasnacht geht, trifft er auf eine rote Tulpe, die mit ihm einem neuen, bunteren Leben entgegengeht. Mehrdad Zaeri und Uli Krappen haben eine ganz eigene Technik zur Illustration von Büchern entwickelt, die Uli Krappen «demokratisches Übermalen mit Stoppuhr» nennt: Das Blatt wechselt zwischen ihnen hin und her, mal malt der eine, mal die andere. Für «Der Mann, der eine Blume sein wollte» sind so wieder berührende Bilder entstanden, die den poetischen, feinfühligen Text von Anja Tuckermann wunderbar begleiten. Ein Bilderbuch, das dazu ermutigt, seine Träume zu leben.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/18, S. 28

Ein Blatt im Wind 
Illustration: José Sanabria
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2018, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10442-8

«Die Zeitung von heute ist das Altpapier von morgen»: So lautete das Trostwort auf der Lokalredaktion, wenn sich jemand allzu sehr über einen vermeintlich misslungenen Artikel grämte. Der Online-Journalismus steckte zu Beginn der 2000erJahre noch in den Kinderschuhen: Es galt, zumindest für einen Tag, das gedruckte Wort. Ihm setzen die südamerikanischen KünstlerInnen José Sanabria und María Laura Díaz Domínguez nun, wo der Printjournalismus auszusterben droht, ein Denkmal. Schon der Titel ihres Bilderbuches «Ein Blatt im Wind» – deutet an, dass Materialität wie Flüchtigkeit gedruckter Nachrichten im Zentrum stehen: Beide verleihen der Tageszeitung, um die es in der Geschichte geht, ihr faszinierendes Eigenleben. Diese Zeitung, sie heisst «El Barco», Schiff also, berichtet für einmal nicht von politischen Entwicklungen, Wetter- und Börsenschwankungen. Stattdessen erzählt sie von dem, was die Menschen, denen sie vom Wind zerpflückt vor die Füsse flattert, mit ihr anfangen. Unter den Händen eines Jungen wird sie tatsächlich zum Schiff. Einem Obdachlosen dient sie als Decke. Einer Frau, die sie zur Reinigung ihres Spiegels benutzt, verhilft sie zu einem Moment der Selbsterkenntnis: «Sie putzte den ganzen Tag nur ihr Haus. Doch dank mir leuchtete ihr Gesicht wieder.» Leuchten tun auch die farbstarken, flächigen Bilder, vor denen sich die filigran bedruckten Zeitungsseiten der «Protagonistin» abheben. Und es leuchten die kurzen Sätze unter jedem Bild: Sie erzählen vom Wesentlichen, vom Elementaren, zugleich vom ganz Persönlichen. Bevor ihre letzten Seiten auf dem Altpapier landen oder als Papierflieger davonflattern, wird diese Zeitung tatsächlich davon erzählt haben, was jede und jeden ganz persönlich anging.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/18, S. 30

Marthas Reise 
Christina Laube, Illustration: Mehrdad Zaeri
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2018, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95728-185-2

Das Bilderbuch als Gesamtkunstwerk – für «Marthas Reise», das der Illustrator Mehrdad Zaeri mit seiner Partnerin, der Papierkünstlerin Christina Laube gestaltet hat, kein übertriebener Begriff. Nicht nur verweilen die Augen gern auf den in gedeckten Tönen gehaltenen Bleistift- und Collagebildern, die mal seitenfüllend, mal in Panels oder vignettenartig die Zugreise eines Mädchens zu seinem Opa illustrieren. Kombiniert sind sie mit gestanzten Seiten, die sich in die Bilder einfügen und etwa das Muster eines Schals oder die Silhouetten eines Baugerüsts fühlbar machen. Allerdings nicht für Kleinkinder, denn dafür ist die Kunst zu filigran. Aber die ganz leise dahinfliessende Geschichte richtet sich auch eher an Menschen ab Schulalter: Martha setzt sich in den Zug und lässt ihre Gedanken schweifen – zum Opa, der sagt, dass alte Wurzeln nicht mehr verpflanzt werden können, zum ihr gegenübersitzenden Bauarbeiter, der keinen Applaus bekommt für seine Arbeit, und zu den Zugvögeln, die den Weg immer kennen. Manchmal würde man sich wünschen, dass im Text mehr unausgesprochen bliebe. Wenn etwa die Zugfenster-Panels zeigen, wie eine alte Frau mit Strickzeug sich – genau beobachtet von Martha – ins Abteil setzt oder ein Musiker mit Cello sich vorbeidrängt, ist der Text, der genau dies beschreibt, weit weniger aussagekräftig. Seine Stärken sind die philosophischen Gedanken Marthas: «Es soll Menschen geben, die nachts nicht träumen, hat Opa gesagt. Ist bei ihnen dann alles schwarz und still in der Nacht? Und der Kopf einfach ausgeschaltet?» Ein zartes Buch, das Zeit für Musse braucht – so wie sie Martha in ihrem Zugabteil hat.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/18, S. 29

Am liebsten ass der Hamster Hugo Spaghetti mit Tomatensugo
Franz Hohler, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2018, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26055-9
Schlagwörter: Tiere

Tiergedichte

Tiere sind ja an sich schon faszinierende Geschöpfe mit vielfältigen Eigenheiten. Doch was Franz Hohler hier zu Lämmergeier, Siebenschläfer, Maus oder Reh einfällt, strotzt vor Fantasie und Witz. Bebildert werden seine Tierverse von Kathrin Schärer, deren ebenso expressive wie augenzwinkernde Illustrationen dieses Buch zum Kleinod machen.

Dabei funktionieren Hohlers Mini- Geschichten als Inspiration zum Weiterspinnen, oft genügen dazu schon die Anfangszeilen: «Ein dickes altes Murmeltier / fand einmal eine Dose Bier» steht da, man sieht den felligen Gesellen in absoluter Entspannung chillen, die Pfötchen locker auf der leeren Bierdose gekreuzt. Spannend auch, was mit jenem Sonderling passieren mag: «Ein Vogel namens Fisch / der fühlte sich nicht frisch». Sehr komisch ist «Eine schwächliche Tarantel / trainierte täglich mit der Hantel», während «Eine ziemlich junge Fliege / verliebte sich in eine Ziege» leicht zur Tragödie werden könnte. Schlag auf Schlag, Seite auf Seite tummeln sich da seltsame Kreaturen mit Flossen, Hufen, Flügeln oder Pfoten, gereimt wird pointiert und doch voll Überraschungen. Noch ein dramatisches Beispiel gefällig? «Ein Reh geriet in ein Gewitter / Und meldete sofort auf Twitter: ‹Ich steh im Wald in tiefster Nacht / Und höre, wie es ringsum kracht! Soeben ging mein Kind verloren: Getupfter Rücken, lange Ohren. Ich hoffe auf den nächsten Blitz / Dann finde ich vielleicht mein Kitz›».
Fabulierlust, Rhythmus, Sprachmelodie, Wortklang: In dieser Hommage auf alle Sonderlinge und Aussenseiter stimmt alles. Franz Hohler – 75 Jahre alt, hier albern wie ein Kindergartenzwerg!

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/18, S. 30

Lämmergeier und Siebenschläfer, Murmeltier und Tarantel, Maus und Reh − kein Tier, zu dem Franz Hohler nicht ein Vers einfiele. Seine kurzen Gedichte leben von Wortspielen und frechen Reimen. Nonsens paart sich mit Aktualität und allzu Menschlichem: «Ein Reh geriet in ein Gewitter / Und meldete sofort auf Twitter …» Kathrin Schärers Illustrationen kommentieren und transportieren Emotionen und machen diesen Lyrikband zum Gesamtkunstwerk.

Ich und Jagger gegen den Rest der Welt 
Frida Nilsson, Illustration: Ulf K.
Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger 
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2018, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5904-9
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing | Mut/Selbstbewusstsein

Bengt hat keine Freunde und sagt über sich selbst, dass er «ein ekliger Fetti» ist. Selbstwertgefühl? Gleich null. Wen wundert’s, schliesslich quälen die Nachbarskinder Astrid, Allan und Gustav den Achtjährigen, wann sie nur können. Sie stopfen Cornflakes durch den Briefschlitz, werfen seinen neuen Ball in den Fluss oder beschmieren seinen Fahrradsattel mit Matsch. Bengts Eltern schauen weg oder reden seine Probleme sogar klein. Das geht so, bis eines Tages – Bengt sitzt seit Stunden in einem kalten Müllraum eingeschlossen – ein grosser abgerissener Hund vor ihm steht, der sich Jagger nennt. Er befreit Bengt nicht nur aus seiner misslichen Lage, sondern ermutigt ihn auch, sich gegen die Attacken zu wehren. «[…] alleine wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass es lustig sein könnte, aber zusammen mit Jagger war das ganz selbstverständlich.» Und so beginnt Bengt sich – frei nach Jaggers Motto, «wenn man die Fiesen nicht bestraft, dann lernen sie nie, nett zu sein» – an seinen Peinigern zu rächen.

Die schwedische Autorin Frida Nilsson erzählt mit grosser Ehrlichkeit und Nähe zum kindlichen Alltag. In «Ich und Jagger gegen den Rest der Welt» stellt sie einen einsamen Jungen in den Mittelpunkt, der brutal gemobbt wird – und lernt, sich da gegen zu wehren. Dabei bewegt Nilsson sich auf einem schmalen Grat zwischen Realität und Fantastik, verbindet Ernsthaftigkeit mit schrägem Humor. Die comichaften Schwarzweiss-Illustrationen von UIf K., die einen immer wieder ein Grinsen ins Gesicht zaubern, unterstützen das perfekt.

Ein vielschichtiges Kinderbuch, das Fragen unbeantwortet lässt und damit Gespräche herausfordert. Auch, weil die Erwachsenen darin nicht besonders gut wegkommen. Wissen sie doch von Bengts Nöten – oder erahnen sie zumindest – tun aber nichts.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/18, S. 30

Chlodwig 
Will Gmehling, Illustration: Jens Rassmus
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2018, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0600-3
Schlagwörter: Armut | Freundschaft

Endlich wieder eine neue Kindergeschichte von Will Gmehling! «Chlodwig» heisst sie und spielt mit einem narrativen Prinzip: Kontraste. Das sieht man dem schmalen Band bereits auf dem Cover von Jens Rassmus an: Da steht im Vordergrund stockgerade ein Junge mit gescheitelter Frisur, Hemd und Pullunder mit ernst hafter Miene. Im Hintergrund lümmeln vier Kinder auf einem Sofa, mit Löchern in der Hose, wildem Haarschopf und breitem Zahnlückengrinsen. Hinten herrscht kindliche Anarchie in feurigen Rot- und Brauntönen, vorne steht in kühlen Blau- und Grüntönen das Musterkind.

Es geht um zwei Jungs, Clodwig und Bert, mit gegensätzlichen Temperamenten, die in unterschiedlichen sozialen Verhältnissen aufwachsen. In einer grossen Chaosfamilie, bei der auch mal der Strom abgestellt wird, der eine. Der andere hingegen hat Eltern, die viel arbeiten, gut verdienen, aber selten zuhause sind. Welche Erwartungen sie an ihren einzigen Sprössling haben, erzählt sein Name. Chlodwig I., der bereits mit 16 Jahren Herrscher wurde, unterwarf gewaltsam fränkische Königreiche und gründete das Frankenreich.

Gmehlings Titelheld jedoch ist still, klug und wirkt wie ein Streber, als er neu in Berts Klasse kommt. Die beiden sitzen nebeneinander und kommen sich durch eine Partnerarbeit näher: Sie sollen gegenseitig ihre Familien besuchen. Wie Berts Schwester bei Chlodwigs Name an ein Klo denkt, wie die gesamte Familie ihn so sehr ins Herz schliesst, dass Chlodwig sogar bei ihnen einzieht, als seine Eltern beruflich verreisen, davon erzählt Gmehlings Geschichte. Und zwar so lebendig, so witzig und nuanciert, dass all die eingangs betonten Zuschreibungen zerfliessen und etwas Wahrhaftiges entsteht: Freundschaft.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/18, S. 30

Die magische Zahnspange 
Lukas Hartmann, Illustration: Julia Dürr
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2018, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-257-01236-1

Lukas Hartmann versteht sich wunderbar darauf, seltsame Begegnungen und magische Objekte in Geschichten aus dem ganz normalen Kinderalltag hineinzuschmuggeln und das Leben seiner ProtagonistInnen so in wilde Abenteuergeschichten zu verwandeln. Wenn das Fantastische in die Wirklichkeit einbricht, werden die Kinder weder Zauberschüler noch Superhelden. Vielmehr sorgt es bei Hartmann dafür, dass sich die Menschen näherkommen und den Wert der Gemeinschaft neu entdecken.

Genau so geht es auch Tobi, einem normalen, wenn auch recht aufgeweckten 12-Jährigen. Er hat zwei Schwestern, die manchmal nerven, eine Mutter, die immer da ist, wenn man sie braucht, und einen Vater, der sich nur selten blicken lässt: Im Keller programmiert er hochkomplizierte Sicherheitssysteme. Als Tobi beim Kieferorthopäden Doktor Letrou eine Zahnspange angepasst bekommt, die ihm in der Schule aus der Mundhöhle alle Antworten zuflüstert und, noch besser, ihn beim Fussball zum gefeierten Torschützen werden lässt, denkt er zunächst nichts Böses. Doch irgendwann wird Tobi klar, dass die Spange seinen Vater ausspionieren will und er kommt einem Komplott auf die Spur. Mit der Zeit gelingt es ihm, ein schlagkräftiges Team – seine Lehrerin, die Eltern und vor allem die nette Viola aus seiner Klasse – davon zu überzeugen, dass Letrou ein Schuft ist.

In seinem neuen Kinderbuch sprüht Hartmann geradezu vor Lust am Erzählen – voller Schalk kostet er die Kniffs und Twists des Krimigenres aus, ist dabei aber immer ganz nah bei seinem kindlichen Protagonisten. Bei allen Intrigen und allem Suspense ist klar, dass die wahren Abenteuer in der Fantasie, in den Geschichten stattfinden. Es ist die Energie des hellwachen und einfallsreichen Jungen, die das Buch zu einer vergnüglichen Lektüre (auch für Erwachsene) macht.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/18, S. 31

Und das fast ganz ungeplante Abenteuer 
A. L. Kennedy
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2018, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-280-03575-7
Schlagwörter: Humor/Komik | Tiere

Der vielbeachteten und ausgezeichneten britischen Autorin A.L. Kennedy wird von Kritikern in ihren Romanen für Erwachsene immer auch Humor und Sarkasmus attestiert. In ihrem Kinderbuch «Onkel Stan und Dan und das fast ganz ungeplante Abenteuer» scheint sie nun diese Ader besonders genussvoll ausgelebt zu haben. Der Text steckt voll von schwarzem Humor, witzigen Übertreibungen und höchst skurrilen Figuren in der besten Tradition Roald Dahls.
In der schottischen Einöde leiden Tiere: Der Dachs Dan wurde von einem Mitglied der grässlichen McGloone-Familie in einen Käfig gesteckt und zum Boxer verkleidet. Am Samstag soll der Kampf gegen drei blutrünstige Hunde stattfinden. Die drei Lamas hingegen wurden von den McGloones böse getäuscht: Ihre Einsendung bei einem Werbespruchwettbewerb für Lamasocken bescherte ihnen nicht die versprochenen Wellnessferien im Sonnenparadies, sondern grauenhaftes Essen und Dauerregen in der schottischen Kälte. Und die Hofbesitzer, die Verursacher all dieser Tierquälerei, spekulieren schon auf frische Lama-Pastete («Sie waren wirklich sehr gemeine Menschen»). Zum Glück gibt es Onkel Stan, der den üblen Machenschaften auf die Schliche kommt und dank eines klugen Plans die Tiere befreien kann.
Mindestens soviel Spass wie die von Einfällen sprudelnden Sätze von Kennedy machen die Illustrationen von Gemma Correll, die die Garstigkeit der McGloone-Kinder oder die depressive Stimmungen der Lamas mittels Comiczeichnungen und hilfreichen – und sehr witzigen – Kommentaren aufs Papier bringt.
Ein bissiger Lesepass zum Selberlesen – oder zum Vorlesen und gemeinsamen Grinsen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/18, S. 31

Drachenerwachen
Valija Zinck, Illustration: Annabelle Sperber
Verlag: Fischer KJB, Publiziert: 2018, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-4126-4

Es ist der ewige Traum von Kindern, einen eigenen Drachen zu haben – und immer wieder greifen ihn KinderbuchautorInnen auf und zaubern daraus neue, spannende und witzige Abenteuer. In Valija Zincks «Drachenerwachen» beginnt die Geschichte mit einem vertauschten pinken Plastikkoffer, der nun in der Wohnung von Frau Tossilo wider Erwarten keine umfangreiche Sammlung an Nagellackfläschchen enthält, sondern ein merkwürdiges Ding, das wohl ein Stein zu sein scheint. Dass sich die Schuhverkäuferin ein echtes Drachenei ins Haus geholt hat, merkt sie erst, als das Drachenbaby geschlüpft ist und sie ganz offensichtlich als seine Mutter ansieht. Das wirft nun ihr Leben ganz schön durcheinander, und ohne die Hilfe der patenten Geschwister Janka und Johann würde sie es wohl gar nicht so recht schaffen können. Gemeinsam aber gelingt es ihnen, dem wunderbaren Drachen Kurmo ein Zuhause zu bieten und ihn auch lange vor den Betreibern des internationalen Energiekonzerns zu bewahren, denen der pinke Koffer eigentlich gehört und die Böses mit Kurmo vorhaben. Doch wie lange können sie den Drachen dauerhaft beschützen? Denn schon kurz nach Neujahr ist klar: Dieser Drachen bleibt nicht klein!
Valija Zinck wird allenthalben wegen ihrer schönen Sprache und ihres gelungene Schreibstils gelobt. Und doch wirkt ihre Geschichte mit dem allwissenden Erzähler, der einen Einblick in die Gedanken aller Beteiligten gibt, fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Da scheint doch Andy Shepherds Kinderbuch «Wenn Drachen Sachen machen» deutlich näher an der Zielgruppe, denn hier haben sie mit dem etwa neunjährigen Tomas eine klare Identifikationsfigur. Als der im Garten seines Grossvaters eine seltsame Pflanze mit stacheligen Früchten findet, ahnt er nicht, dass eine davon allzu bald auf seinem Schreibtisch explodieren und einen kleinen Drachen ausspucken wird. Noch weniger kann er freilich wissen, was dieser Drache für ein Chaos anrichtet! Denn Babydrachen machen nicht nur ziemlich viele Häufchen, diese sind auch selbstentzündlich und hinterlassen grauenvoll stinkende Brandflecken, wenn sie einen gewissen Trockenheitsgrad erreicht haben. Aber auch wenn Tomas alsbald den Spitznamen «der Stinker» verabreicht bekommen hat, weiss er doch, dass er sein Drachenbaby unbedingt behalten möchte. Dazu muss er alles herausfinden, was so ein Drache zum Aufwachsen eigentlich braucht. Ob er nicht doch seine Freunde einweihen sollte? Denn an der Pflanze in Opas Garten wachsen schon die nächsten Früchte …
Wo mit «Drachenerwachen» ein kinderliterarischer Genremix aus Fantastik und ein wenig Science Fiction vorliegt, auf dessen Fortsetzung sich kleine und grosse Fans schon freuen, begeistert Andy Shepherds fantastischer Reihenauftakt durch skurrile Ideen und turbulenten Humor. Blutrünstig ist keiner der Drachen – im Babyalter fressen Drachen offenbar am liebsten allerlei Grünzeug. Das beruhigt manchen Meerschweinchenbesitzer, der das aus Bruce Covilles Kinderbuchklassiker «Ein Drache in der Schultasche» vielleicht noch anders in Erinnerung hat.
Beide Drachenbücher haben absolut ihren Charme – und eins ist klar: In den Regalen echter Drachenfreunde dürfen sie beide nicht fehlen!

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/18, S. 32

Wenn Drachen Sachen machen
Andy Shepherd, Illustration: Sara Ogilvie
Aus dem Englischen von Emma und Sabine Ludwig
Verlag: Dressler, Publiziert: 2018, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-0111-6

Es ist der ewige Traum von Kindern, einen eigenen Drachen zu haben – und immer wieder greifen ihn KinderbuchautorInnen auf und zaubern daraus neue, spannende und witzige Abenteuer. In Valija Zincks «Drachenerwachen» beginnt die Geschichte mit einem vertauschten pinken Plastikkoffer, der nun in der Wohnung von Frau Tossilo wider Erwarten keine umfangreiche Sammlung an Nagellackfläschchen enthält, sondern ein merkwürdiges Ding, das wohl ein Stein zu sein scheint. Dass sich die Schuhverkäuferin ein echtes Drachenei ins Haus geholt hat, merkt sie erst, als das Drachenbaby geschlüpft ist und sie ganz offensichtlich als seine Mutter ansieht. Das wirft nun ihr Leben ganz schön durcheinander, und ohne die Hilfe der patenten Geschwister Janka und Johann würde sie es wohl gar nicht so recht schaffen können. Gemeinsam aber gelingt es ihnen, dem wunderbaren Drachen Kurmo ein Zuhause zu bieten und ihn auch lange vor den Betreibern des internationalen Energiekonzerns zu bewahren, denen der pinke Koffer eigentlich gehört und die Böses mit Kurmo vorhaben. Doch wie lange können sie den Drachen dauerhaft beschützen? Denn schon kurz nach Neujahr ist klar: Dieser Drachen bleibt nicht klein!

Valija Zinck wird allenthalben wegen ihrer schönen Sprache und ihres gelungene Schreibstils gelobt. Und doch wirkt ihre Geschichte mit dem allwissenden Erzähler, der einen Einblick in die Gedanken aller Beteiligten gibt, fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Da scheint doch Andy Shepherds Kinderbuch «Wenn Drachen Sachen machen» deutlich näher an der Zielgruppe, denn hier haben sie mit dem etwa neunjährigen Tomas eine klare Identifikationsfigur. Als der im Garten seines Grossvaters eine seltsame Pflanze mit stacheligen Früchten findet, ahnt er nicht, dass eine davon allzu bald auf seinem Schreibtisch explodieren und einen kleinen Drachen ausspucken wird. Noch weniger kann er freilich wissen, was dieser Drache für ein Chaos anrichtet! Denn Babydrachen machen nicht nur ziemlich viele Häufchen, diese sind auch selbstentzündlich und hinterlassen grauenvoll stinkende Brand flecken, wenn sie einen gewissen Trockenheitsgrad erreicht haben. Aber auch wenn Tomas alsbald den Spitznamen «der Stinker» verabreicht bekommen hat, weiss er doch, dass er sein Drachenbaby unbedingt behalten möchte. Dazu muss er alles herausfinden, was so ein Drache zum Aufwachsen eigentlich braucht. Ob er nicht doch seine Freunde einweihen sollte? Denn an der Pflanze in Opas Garten wachsen schon die nächsten Früchte …

Wo mit «Drachenerwachen» ein kinderliterarischer Genremix aus Fantastik und ein wenig Science Fiction vorliegt, auf dessen Fortsetzung sich kleine und grosse Fans schon freuen, begeistert Andy Shepherds fantastischer Reihenauftakt durch skurrile Ideen und turbulenten Humor. Blutrünstig ist keiner der Drachen – im Babyalter fressen Drachen offenbar am liebsten allerlei Grünzeug. Das beruhigt manchen Meerschweinchenbesitzer, der das aus Bruce Covilles Kinderbuchklassiker «Ein Drache in der Schultasche» vielleicht noch anders in Erinnerung hat.

Beide Drachenbücher haben absolut ihren Charme – und eins ist klar: In den Regalen echter Drachenfreunde dürfen sie beide nicht fehlen!

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/18, S. 32

Kannawoniwasein!
Martin Muser
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2018, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55375-1

Manchmal muss man einfach verduften

Als Finn nach seinem Papa-Wochenende in Neustrelitz zum ersten Mal ganz alleine mit dem Zug zurück zu Mama nach Berlin fährt, ist er natürlich aufgeregt, aber auch guter Dinge: Schliesslich wird er bald zehn und hat Ticket, Handy und Geld griffbereit. Doch nicht mehr lange: Ein Typ mit Bierdose und Plastiktüte steigt ein und pflanzt sich mit einem «Na, Kleener, alles schick?» auf den Platz gegenüber. Einen miesen Kartentrick später ist er zum Glück wieder verschwunden – aber auch Finns Rucksack. Unglaublich, wie in Erich Kästners «Emil und die Detektive»! Deswegen greift Finn sich auch schnell die Bierdose mit den Fingerabdrücken des Diebes, als der Schaffner ihn ohne Fahrkarte der Polizei übergibt. Aber auch die will nichts wissen von dem Fiesling im «Hackmack»-Shirt, stattdessen bringt sie Finn auf die Wache.– Es ist zum Verzweifeln: Ohne Handy kann er Mama nicht anrufen, zuhause erreicht die Polizei nur deren afrikanischen Freund und alles wird noch komplizierter. Deswegen zögert Finn auch nur einen Moment, als das Polizeiauto in einen Auffahrunfall verwickelt wird und ein Mädchen durchs Seitenfenster zischt: «Verduften! Ich würd auch mitkommen…».
Was Martin Muser in seinem Kinderbuch-Debüt mit viel Empathie und Situationskomik erzählt, ist ein turbulentes Roadmovie: Finn und Jola hauen ab, tauchen in einem vollen Müllcontainer unter, finden und fahren einen alten Traktor, schlafen im Freien, treffen zwei splitternackte Dänen und einen echten Wolf, haben Hunger, viele Ideen und noch mehr Spass. Und als ob das alles nicht Abenteuer genug wäre, stossen die beiden gewitzten Helden auch noch auf die Spur des Diebes… Das gleichnamige Hörbuch wird von Stefan Kaminski kongenial mit Berliner Schnauze gelesen.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/18, S. 32

Unendlich mal unendlich mal mehr
Ingrid Ovedie Volden, Illustration: Felicitas Horstschäfer
Aus dem Norwegischen von Nora Pröfrock
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2018, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-18461-8
Schlagwörter: Liebe | Krankheit

Im Leben der 12-jährigen Petra Petterson scheint alles in Ordnung. Sie hat zwei beste Freunde und ihre schwedische Mutter arbeitet in einer Bar, wo Petra in der neuesten Ausgabe «Das gute Leben» den «Gruk der Woche» liest, ein kurzes Gedicht mit Lebensweisheit: «es ist so schön, wenn sich etwas reimt».

Wie sehr Petra sich einen Reim aus allem machen muss, veranschaulicht die Norwegerin Ingrid Ovedie Volden bildhaft: nicht nur an der Vorliebe ihrer Hauptfigur für Sprachharmonie, sondern auch für Zahlen. Für gerade und für endliche, um genau zu sein. Denn Ungerade, Primzahlen und die Kreiszahl «pi» bringen Petra so aus dem Gleichgewicht, dass ihr schwindelig wird. Einmal muss sie sich sogar übergeben und deswegen zum psychologischen Dienst. Das bleibt lange geheim.

Denn Petra hat eine Zwangsstörung. Nur wenn sie vier Schlucke aus dem Wasserhahn trinkt, schiesst sie im Handball eine gerade Anzahl Tore, nur wenn sie ihre Haare fünfmal auf die eine und fünfmal auf die andere Seite kämmt, hat sie Glück. Wer eins und eins zusammenzählt, versteht, wie ein traumatisches Erlebnis mit dieser Lebensangst zusammenhängt: eingebrochen im Eis wäre sie fast im See ertrunken. Der Psychologe rät intuitiv zur Konfrontationstherapie. Weil Petra sich darauf einlässt, wird sie stark. Im Schwimmbad verliebt sie sich und erlebt, wie der «Propellerjunge» ihr Leben durcheinanderwirbelt, ohne dass sie untergeht.

Volden malt in ihrem Debütroman mit Worten, als habe sie nie etwas anderes gemacht als grosse Kunst. Überschäumend expressiv lässt ihr bildhafter Erzählstil die Welt des Mädchens spürbar präsent aufblühen. Zugleich fügt sich jedes Detail, jeder einzelne Pinselstrich zu einem schlüssigen Gesamteindruck. Poetischer kann man kaum beweisen: Das Leben wagen macht Sinn.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/18, S. 33

Der Nachtgarten
Polly Horvath
Aus dem kanadischen Englisch von Bernadette Ott
Verlag: Aladin, Publiziert: 2018, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-2109-6

Vancouver Bay, 1945. Franny führt mit ihren Adoptiveltern Sina und Old Tom ein beschauliches Leben, obwohl Krieg ist und die Angst vor japanischen Spionen für eine paranoide Stimmung sorgt. Ausserdem gilt es, den magischen Nachtgarten zu bewachen: Wer ihn betritt, hat einen Wunsch frei – genau einen. Das hat in der Geschichte (zwei Gespenster zeugen da von), schon zu viel Leid verursacht.
Franny möchte Geschichten schreiben, ihr fällt aber nichts ein. Umso ärgerlicher, dass sich die Lage der Welt doch noch in die ländliche Idylle hineindrängt: Eine Nachbarin lässt ihre drei Kinder bei Frannys Familie zurück, weil ihr Mann, Techniker auf einem Luftwaffenstützpunkt, eine grosse Dummheit plant, die sie verhindern soll. Und dann kommt auch noch die aufgetakelte Gladys als unbegabte Köchin hinzu, die ständig Bepop hören und mit Soldaten flirten will. Als auch noch ein UFO gesichtet wird, ist das Chaos perfekt.
Polly Horvath befindet sich hier in erzählerischer Hochform: Ihre seltene Kunst, nämlich hochgradig verrückte Einfälle mit einer tiefer Liebe zu den Figuren und äusserst berührenden Szenen zu verbinden, realisiert sich diesmal an der Ich-Erzählerin und jungen Schriftstellerin Franny auf besondere Weise. Man kann sich als LeserIn an nächtlichen Abenteuern, skurrilen Dialogen und halsbrecherischen Flugreisen erfreuen, man erfährt aber auch, was Menschen zusammenhält, über kulturelle, soziale, Geschlechts- und Altersgrenzen hinweg – vor allem in schwierigen Zeiten. Wer sich für Horvaths Poetik interessiert, findet sie in Frannys Gedanken glasklar formuliert. Über den kreativen Zustand sagt sie: «In diesem Augenblick waren wir nicht nur wir selber, wir waren aus uns herausgetreten und wurden zu mehr, als wir sonst immer so sind. Wir […] waren Teil von allem, von Wind und Regen, den Mohnblumen und dem Mond …»

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/18, S. 33

Tell – mein Vater
Gabrielle Alioth, Illustration: Laura Jurt
Verlag: SJW, Publiziert: 2018, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0129-5
Schlagwörter: Schweiz

Am Anfang dieser Geschichte steht ein leeres Blatt, das der 12-jährige Tim abgibt. Beim Aufsatzthema «Meine Familie» ist ihm wind und weh geworden. Wie soll er über sie berichten, wo sein Vater verstarb, als er noch ein kleiner Junge war und er ihm nur als Schemen in Erinnerung geblieben ist? Wo die Mutter immer wieder ausweicht, einen harten Zug um den Mund bekommt, wenn Tim oder eine seiner älteren Schwestern etwas über ihn in Erfahrung bringen will? Als die Lehrerin Tim fragt, wie er sich denn seinen Vater vorstelle, meint dieser, so wie Tell, gross, stark, mutig und aufrichtig. Er wird mit dem Auftrag in die Sommerferien entlassen, einen Aufsatz über diesen Tell zu schreiben. Ein Unterfangen, in das sich bald auch die Schwestern einmischen und das in einem heimlichen Ausflug zu den Schauplätzen der Tell-Sage kulminiert.
Im Unterschied zu Jürg Schubigers «Die Geschichte von Wilhelm Tell», in dem ein Grossvater seinem Enkel die Sage mit aller erzählerischen Freiheit vermittelt, bezieht Gabrielle Alioth die wichtigsten Eckpunkte um die Genese dieses Schweizer Heldenmythos mit ein und beleuchtet ihn von verschiedenen Seiten. Das verleiht dem Text passagenweise etwas Didaktisches.
Tim wird am Ende des Sommers einen Aufsatz geschrieben haben über eine Figur, die zum Vexierbild geworden ist – so wie sein schnelles Foto aus dem Bus vom Tell-Denkmal in Altdorf, das nichts als einen schwarzen Klecks zeigt. Dafür sieht er seinen Vater jetzt klarer vor sich. Die Mutter hat endlich begonnen von ihm zu erzählen. Er hatte als Journalist einen grossen Fehler begangen, konnte sich das nicht verzeihen und kam angetrunken im Auto zu Tode. Dass Tim seinem Vater gleicht und dass auch er gut schreiben kann, ist ihm mehr als ein Trost. Tell ist der eine – sein Vater ein anderer.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/18, S. 33

Die Wahrheit über Dinge, die einfach passieren
Ali Benjamin
Aus dem amerikanischen Englisch von Petra Koob-Pawis und Violeta Topalova
Verlag: Hanser, Publiziert: 2018, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-26049-8
Schlagwörter: Freundschaft | Tod/Trauer

Suzy ist zwölf Jahre alt und macht sich über andere Dinge Gedanken als ihre MitschülerInnen. Etwa über die Plastikabfälle im Pazifik, über den Schlafrhythmus von Schnecken oder warum Small Talk höflicher sein soll als Nichtsprechen. Als sie kurz vor Ende der Sommerferien erfährt, dass ihre beste Freundin ertrunken ist, kann sie es nicht fassen: Franny war die beste Schwimmerin der Klasse! Suzy ist wild entschlossen, den mysteriösen Unfall aufzuklären – und legt sich aus Verzweiflung eine gewagte Theorie zurecht: Franny wurde von einer tödlichen Qualle gestochen. Warum hat man nicht an diese Möglichkeit gedacht? Schliesslich kommt es jährlich zu etwa 150 Millionen Quallenstichen, das sind ca. 411’000 Stiche pro Tag oder 17’000 pro Stunde.
Während Suzy nach aussen verstummt, werden die inneren Stimmen, die ihre Hypothese unterstützen immer lauter. Mit Akribie beginnt sie Bibliotheken, Archive und das Internet zu durchforsten und Kontakt mit Quallenforschern aufzunehmen. Doch gerade als sie um die halbe Welt fliegen und mit einem australischen Wissenschaftler sprechen möchte, bricht ihr Kartenhaus zusammen.
Die US-Amerikanerin Ali Benjamin lässt Suzy auf zwei Zeitebenen erzählen: Auf der einen spielt sich die fortlaufende Handlung ab, auf der anderen wird in Rückblicken Suzys Freundschaft mit Fran ny thematisiert. Auf diese Weise verknüpft die Autorin geschickt die komplexe Gedankenwelt ihrer Heldin mit deren detektivischen und wissenschaftlichen Entdeckungen. Eine aussergewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte über Selbstfindung und Trauerbewältigung, Neugierde und Wunder und die faszinierende Welt der Naturwissenschaft. Und ein grossartiges Portrait einer ebenso unbekannten wie magischen Tierart der Meere.

ALICE WERNER
Buch&Maus 3/18, S. 34

Ghost
Jason Reynolds
Aus dem amerikanischen Englisch von  Anja Hansen-Schmidt
Verlag: dtv Reihe Hanser, Publiziert: 2018, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64041-1
Schlagwörter: Sport

Jede Menge Leben

Multiperspektivisches Erzählen hat seine Reize wie seine Tücken. Wird authentisch aus der Sicht verschiedener Figuren erzählt, dann bietet sich die verlockende Gelegenheit, dieselbe Welt, vielleicht gar dieselben Ereignisse mit anderen Augen zu betrachten, ihnen jeweils andere Wahrheiten zu entlocken. Dieses Erzählprinzip erlebt derzeit eine Blüte auch ausserhalb der fantastischen Literatur, wo es schon länger etabliert ist: Neue kinder- und jugendliterarische Werke sind als Reihen konzipiert, deren einzelne Bände jeweils eine andere Fokusfigur vorstellen. Nun sind allerdings längst nicht alle AutorInnen in der Lage, verschiedene Figuren mit ihrer jeweils eigenen Stimme auszustatten. Und wo sich die Stimmen kaum oder gar nicht unterscheiden, kommt kein bereicherndes Leseerlebnis zustande.
Der US-amerikanische Schriftsteller Jason Reynolds gehört aber eindeutig zur ersten Kategorie. Seine auf vier Bände angelegte Serie um ein Laufteam, in dem sich ein exzentrischer Trainer mit Herzblut und teilweise unkonventionellen Methoden um verschiedene Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen kümmert, lässt schon im Auftaktband «Ghost» viel Potenzial erkennen. Ghost, der eigentlich Castle Cranshaw heisst, tritt, oder besser: rennt förmlich aus den Buchseiten hinaus und von dort in die offenen Arme des Lesers oder der Leserin. Wie Patina, deren Geschichte im November erscheint, und die in einer in «Ghost» enthaltenen Leseprobe bereits einiges aus ihrem Leben erzählt, hat der 11-Jährige Furchtbares durchgemacht. Zugleich ist er ein Kind geblieben, das mit Unerschrockenheit und Optimismus in eine neue Zukunft startet; das seine Umgebung dabei mit wachen Augen betrachtet, und diese vor allem mit einer ebenso unverstellt frischen wie unverwechselbaren Stimme kommentiert.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/18, S. 34

Bernsteinstaub
Mechthild Gläser
Verlag: Loewe, Publiziert: 2018, Seiten: 464, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7855-8860-4

Das Motiv der Zeit wird in Kinder- und Jugendbüchern immer wieder gerne aufgegriffen. Auch Mechthild Gläser nimmt sich in ihrem Werk «Bernsteinstaub» der Zeit an. Ophelia sieht seit einigen Wochen überall grauen Staub, der sie zu verfolgen scheint, von anderen Menschen jedoch nicht wahrgenommen wird. So offenbart sich ihre besondere Gabe: Der graue Staub ist die Zeit, die Ophelia sehen kann. Sie erfährt, dass sie einer Familie entstammt, in der einzelne Mitglieder – darunter ihre Schwester – die Fähigkeit besitzen, Zeit sehen und beeinflussen zu können. Ihre erwachte Gabe setzt die Handlung in Gang, die implementierte Parallelwelt wird handlungsbestimmend: Ophelia wird fortgeschickt zu Verwandten nach Paris, dann reist sie nach Rom in den unterirdisch gelegenen Bernsteinpalast, der den Zeitsehenden Schutz bietet und sie vor dem Altern bewahrt. In Rom wird sie unfreiwillig zur Teilnehmerin in einem Wettstreit um die Nachfolge des Herrn der Zeit. Mit diesem Handlungsstrang wird die Aufklärung des Todes von Ophelias Vater ebenso verknüpft wie die sich formierende Revolution gegen die Obrigkeiten der Zeitsehenden. Und Ophelia verliebt sich in Leander, einen weiteren Wettbewerbsteilnehmer, der schliesslich neuer Herr der Zeit wird.
Mechthild Gläser ist im Rückgriff auf zahlreiche bekannte Motive und Elemente aus der Jugendliteratur ein unterhaltsamer und kurzweiliger fantastischer Roman gelungen, der wechselseitig aus Ophelias und Leanders Perspektive erzählt wird. Das Werk legt aufgrund der Mannigfaltigkeit von Motiven und Handlungssträngen stellenweise ein hohes Tempo an den Tag und hält die Protagonistin (und die LeserInnen) in Atem. Dessen ungeachtet gelingt es Gläser, alle Handlungsstränge im Auge zu behalten und schlussendlich aufzulösen.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/18, S. 34

Hyde
Antje Wagner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2018, Seiten: 408, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75435-6
Schlagwörter: Rätsel

Sie trägt ein Tuch über dem Gesicht, obwohl sie damit nicht gut atmen kann. Etwas Dunkles ist in ihrer Vergangenheit geschehen, das ihr die Schwester und den Vater genommen hat. Und nun stellt sich die gerade volljährige Katrina einem aufziehenden Schneesturm und weiss nicht, wo sie die Nacht verbringen soll. Diese ersten Seiten wecken Assoziationen, erzeugen Ahnungen über die Vergangenheit der Protagonistin, die sich den LeserInnen erst nach und nach erschliessen. Von einer Gefangennahme spricht das Mädchen, das sich den Unterhalt auf der Walz als Schreinergesellin verdient. Und von einer glücklichen Zeit im titelgebenden «Hyde», das sowohl an Stevensons Schauerroman erinnert, als auch phonologisch für «Versteck» stehen kann. Im erzählenden Jetzt findet Katrina Zuflucht in einem leer stehenden Haus, dessen verfallene Schönheit sich allein der Schreinerin erschliesst.
Von hier aus entspinnen sich gleich mehrere Spannungsbögen: Was geschah in Katrinas Kindheit und was hat dazu beigetragen, diese so abrupt zu beenden? Wohin wird ihr Weg sie führen, wo sie schon einen Racheplan und eine Liste mit Adressen hat, von denen die erste bereits «erledigt» und damit durchgestrichen ist? Und was hat es mit dem morschen Gebäude auf sich, das so seltsam lebendig auf Katrina wirkt?
Antje Wagner ist eine unbestrittene Meisterin atmosphärischer Gestaltung. Mit feinem Gespür für verletzte Seelen erschafft sie mit «Hyde» einen packenden Roman, über dem von Anfang an ein Hauch Fantastik schwebt. Geschickt verwebt sie darin verschiedene Handlungsstränge und erzeugt so einen erzählerischen Sog, der es unmöglich macht, das Buch zur Seite zu legen.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/18, S. 35

Passiert es heute? Passiert es jetzt?
Michèle Minelli
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2018, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-5927-1
Schlagwörter: Schweiz

Das ist starker Tobak, was die Zürcher Autorin Michèle Minelli in ihrem ersten Jugendbuch erzählt. Oder genauer: ihren Ich-Erzähler, den 16-jährigen Wolfgang, erzählen lässt. Der Roman beginnt am Ende einer langen Leidenszeit, wie wir aus Wolfgangs Gedankenbruchstücken erfahren, die Minelli zu einem aufgewühlten inneren Monolog montiert. Er sitzt in Schock starre auf dem Sofa, während um ihn herum Blaulichter flackern und Polizisten das Haus seiner Familie als Tatort sichern. In der Küche liegt etwas – was es ist, wird nicht gesagt, doch wir können es uns vorstellen. Die kleine Schwester kommt zu den Grosseltern, die Mutter wird abgeführt, und Wolfgang landet in der geschlossenen Jugendpsychiatrie. Dort werden seine Gedanken im Gespräch mit einem geduldigen Therapeuten nach und nach klarer.
Was ist passiert? Eine Familie wird über Jahre vom Vater tyrannisiert. Jede Zuwiderhandlung gegen seine autokratischen Regeln wird gnadenlos verfolgt. Sein Regime der Angst erlaubt nicht den Hauch eines Widerspruchs. Dafür sorgt die Offizierspistole, die in Schweizer Haushalten ja erlaubt ist, wie Minelli in einem Interview im Anhang betont. Irgendwann kommt es zum grossen Knall.
Die Autorin will aufrütteln mit ihrem Buch. Warum lassen wir es zu, dass Kinder gepeinigt werden? Warum waren alle blind für das Grauen, das sich in Familien abspielt? Minelli rührt mit ihren Fragen an wunde Punkte unserer Gesellschaft.
Wolfgangs Geschichte geht unter die Haut, ohne Frage. Deshalb verzeiht man der Autorin die nicht immer gelungenen Versuche, eine literarische Sprache für das Innenleben des Jungen zu finden. Am besten ist das Buch da, wo es sich dazu bekennt, ein sogenanntes Problembuch zu sein – wo Wolfgang also seine Sprache wieder findet und ungebrochen erzählt, was er erlebt hat.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/18, S. 35

Schildkrötenwege oder Wie ich beschloss, alles anders zu machen 
Matthew Quick
Aus dem amerikanischen Englisch von Knut Krüger
Verlag: dtv, Publiziert: 2018, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76204-5
Schlagwörter: Lesen

Es gibt Bücher, die einen umhauen. Da träumt man schon mal davon, dem Autor des Romans persönlich zu begegnen. Für die 18-jährige Ich-Erzählerin geht dieser Wunsch in Erfüllung – allerdings mit unabsehbaren Folgen. Dabei fängt alles ganz harmlos an. Von ihrem Lieblingslehrer bekommt Nanette ein zerfleddertes Taschenbuch geschenkt. «Der Kaugummikiller», erklärt er, sei längst vergriffen, aber dieser Roman habe seinerzeit sein Leben verändert, und er könne sich gut vorstellen, dass es für Nanette die richtige Lektüre sei.
Für die angepasste Schülerin und erfolgreiche Fussballspielerin wird die Geschichte über einen jugendlichen Aussteiger tatsächlich zu einer Art persönlichem Manifest. Dass die Handlung an einem entscheidenden Punkt abbricht und das Schicksal der Hauptfigur am Ende im Ungewissen bleibt, lässt Nanette allerdings keine Ruhe. Auch der schrullige Autor Nigel Booker, den sie bald kennenlernt und mit dem sie viel Zeit verbringt, bleibt ihr Antworten schuldig. Stattdessen ermuntert er sie, ihren eigenen Weg zu gehen. «Du kannst den Kreislauf durchbrechen. Du kannst diejenige sein, die du sein willst.» Ihrem neuen Idol verdankt Nanette auch die Bekanntschaft mit Alex. Die junge Liebe wird jedoch auf eine harte Probe gestellt, denn Alex schreibt nicht nur rebellische Gedichte, sondern greift wie die Hauptfigur im «Kaugummikiller» selbst zu Gewalt, um Schwächeren zu ihrem Recht zu verhelfen.
Matthew Quick zeigt in seinem Roman, wie wichtig es ist, sein Leben in die Hand zu nehmen und für die eigenen Werte einzustehen. Aber er tut dies nicht ohne Vorbehalt. Als die jungen Fans den alten Autor am meisten brauchen, zieht sich dieser zurück und lehnt jede Verantwortung ab.

Daniel Ammann
Buch&Maus 3/18, S. 36

Bienenkönigin
Claudia Praxmayer
Verlag: CBJ, Publiziert: 2018, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-16533-1
Schlagwörter: Technik | Tiere | Umweltschutz/Klima

Mit ihrem Roman «Bienenkönigin» hat sich Claudia Praxmayer eines Themas angenommen, das momentan die Buchwelt beherrscht, nämlich das der Bienen. Im Zentrum steht die zentrale Frage: «Was wird aus der Menschheit werden, wenn die Bienen von der Erde verschwinden?» Protagonistin Mel, die in San Francisco in einer Wohngemeinschaft lebt, findet im Garten bei ihren Bienen eine künstliche Biene. Dieser Fund führt Mel und ihre MitbewohnerInnen letztlich zu einem Geschäftsmann, der den Plan, künstliche Bienen zu Bestäubungszwecken zu entwickeln, pervertiert hat, um echte Bienen auszurotten. Was auf den ersten Blick einfach und schnell erzählt scheint, entpuppt sich als komplex aufgebauter und spannend geschriebener Roman, der bestimmt wird durch «Bienensängerin» Mel, die dank ihrer Gabe mit Bienen kommunizieren kann. So ist es ihr möglich, die Bienen auf die Gefahr der künstlichen Artgenossen aufmerksam zu machen. Konzeptionell überzeugt der Roman in weiten Teilen: Neben den in sich konsistenten ProtagonistInnen erscheint vor allem das eingeflochtene Faktenwissen informativ, zudem lebt der Roman vom Gegensatz der Gabe der «Bienensänger» und der neu entwickelten Technik. Nur Kleinigkeiten machen stutzig: So wird Mel zwar von den Zeichnungen ihrer Grossmutter zu ihrer eigentlichen Aufgabe gelotst, es bleibt jedoch unklar, ob bereits diese Drohnen gesehen oder nur vorhergesehen hat. Beides erscheint möglich aufgrund der Zeichnung einer tiefschwarzen Biene, die Mel findet. Wünschenswert wäre zudem ein Glossar am Ende des Buches gewesen, das die «Weiterführende[n] Informationen zu Bienen und anderen Bestäubern» hätte ergänzen können. Dies alles schmälert den Roman jedoch nicht und lässt LeserInnen nach der Lektüre Raum für eigene Überlegungen zum Thema Bienenschutz.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/18, S. 36

Love, Simon
Verlag: Twentieth Century Fox, Publiziert: 2018, ISBN/ISSN/EAN: 401-0-23-207356-3
Schlagwörter: Schule | LGBTQ*

Simon (Nick Robinson) weiss selbst nicht, warum ihm das Outing so schwer fällt. Dass er schwul ist, weiss der 17-Jährige mit Sicherheit, seit er mit 13 von allnächtlichen Harry-Potter-Träumen beglückt wurde, die mit Zauberei im engeren Sinne wenig und umso mehr mit Daniel Radcliffes Magie zu tun hatten. Seine Mutter ist offen und liberal, der nah am Wasser gebaute Vater definitiv kein Macho. An seiner Highschool in Obama, Atlanta, gehören homophobe Witze zwar zum Alltag; in Nick, Leah und Abby hat Simon aber ein starkes soziales Netz. Und mit einem unbekannten homosexuellen Mitschüler führt er ausserdem seit Neustem online tiefe Gespräche: Ohne zu wissen, um wen es sich beim jeweils anderen handelt, geben sich die beiden jungen Männer während ihres Coming-Out-Prozesses Rückendeckung. Warum also stürzt für Simon eine Welt zusammen, als ein Mitschüler droht, ihn vorzeitig zu outen?

«Der Welt zu verkünden, wer man ist, ist ziemlich beängstigend», fasst Simon eine existenzielle Furcht zusammen, die mit der sexuellen Orientierung letztlich weniger als mit den fundamentalen Herausforderungen des Erwachsenwerdens zu tun hat: «Denn was, wenn die Welt dich nicht mag?» Hier trifft Greg Berlantis leichtfüssige Verfilmung von Becky Albertallis «Nur drei Worte» (Carlsen 2016) genau den richtigen Ton: Verhandelt wird, was es bedeutet, sich anderen in dem zu erkennen geben, was man fühlt, und ihnen wiederum die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdienen. Das sind zeitlose Themen, die alle angehen. Dass sie mit der Biografie eines schwulen Teenagers und vor allem mit einer flott und anregend erzählten, letztlich glückenden homosexuellen Liebesgeschichte verknüpft werden, ist hingegen eine neue Entwicklung die, so überfällig sie ist, in ihrer Bedeutung kaum unterschätzt werden kann.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/18, S. 36

Toni
Philip Waechter
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2018, Seiten: 67, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75425-7
Schlagwörter: Feste/Bräuche

Und alles nur wegen Renato Flash

Alles beginnt an einem Dienstag im November, als Toni plötzlich seinem Fussball-Idol auf der Strasse gegenüber steht: Mit Siegerstrahlen stürmt Renato Flash über eine riesige Plakatwand, an seinen Füssen hat er gleichnamige Kickschuhe mit Blinkfunktion. Wow! Die muss Toni haben! Absolut überflüssig, findet Mama und auch Opa lässt sich nicht erweichen. «An diesem Abend wurde mir klar – um manche Dinge musste ich mich in meinem Leben selber kümmern», so Tonis nüchterne Erkenntnis.

Autor und Illustrator Philip Waechter begleitet seinen pfiffigen Helden mit viel Witz und pointierten Zeichnungen bei einer Odyssee des Geldverdienens: So verteilt Toni mithilfe seiner Fussballkumpels 1000 Flyer – und wirft am Ende eine Runde Pommes für alle. Auf dem Weihnachtsmarkt schmettert er stundenlang «Meine Oma fährt im Hühnerstall», dann führt er Hündchen Hänschen aus, lernt Lotte kennen und kauft ihr eine neue Mütze, macht Flohmarkt und Probeaufnahmen für eine Werbeagentur. Am Ende hat er eine Menge neue Erfahrungen und Bekanntschaften gemacht, aber nur magere 14,82 Euro eingenommen. Das reicht nie im Leben für ein Paar Renato Flash, doch zum Glück gibt’s dann doch noch ein Weihnachtswunder …

Eine Geschichte mitten aus dem Kinderalltag, quicklebendig erzählt von einem mit Herzenswunsch, der sich nicht so schnell geschlagen gibt. Waechter setzt sie in seinem unverwechselbaren Stil in Szene: mit ausdrucksstarken Charakteren, lustigen Details und stimmungsvoller Farbigkeit. Ein toller Comic für Kicker, Leseanfänger und Buchstabenmuffel!

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/18, S. 37

Einmal Haare schneiden bitte
Dana Grigorcea, Illustration: Anna Luchs
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2018, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03893-007-5
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein

Das Programm der Baeschlin-Verlagsleiterin Gaby Ferndriger setzt ganz auf Schweizer Produktion. In den letzten Jahren ist eine illustre und auch recht bunte Schar zusammengekommen: Dana Grigorcea, die mit ihren Büchern für Erwachsene bekannt wurde, im Team mit Anna Luchs; Doris Lecher, Jürg Obrist, Linard Bardill – und jetzt Brigitte Schär, die Grande Dame des fantastisch-verrückten Erzählens, Daniele Meocci mit seinem zweiten Kinderbuch «Maunzer. Klara, Wolle und der magische Kater», sowie der als Sänger und Texter der Bands Baby Jail und Schtärneföifi bekannte Boni Koller.
Die – zumindest aus KritikerInnensicht – interessantesten Bücher aus dem Baeschlin-Verlag sind die Bilderbücher, die in enger Zusammenarbeit zwischen der Autorin Dana Grigorcea und der Illustratorin Anna Luchs entstanden sind: «Mond aus!» (2016) und, diesen Herbst erschienen, «Einmal Haare schneiden bitte». Die beiden loten die Vielfalt aller möglichen Frisuren im Zusammenspiel von Bild und Sprache aus und laden die Kinder zum Mitfantasieren ein – wie bunt wäre doch die Welt, wenn jeder eine andere Frisur hätte! Nur der wuschlige Pudel Bobby will, ganz im Gegensatz zum punkigen Jan (einem Hahn), und zu Rasta Ross mit seinen Dreadlocks, einfach nicht zum Friseur (LockenträgerInnen können es ihm nicht verdenken). In der Nacht vor dem Termin hat er furchtbare Alpträume: er muss mit einer misslungenen Frisur herumlaufen. So rührt Bobbys Geschichte an kindliche Ängs te, humorvoll und sanft.
Computer- und Sprachspiele im erzählenden Kinderbuch
Im erzählenden Kinderbuch-Programm setzt Gaby Ferndriger auf spannende Unterhaltung mit Tiefgang. Die neuen Romane von Schär, Meocci und Koller erzählen ganz unterschiedliche Geschichten rund um Freundschaft, doch eins haben sie gemeinsam: Alle sind sie Genreliteratur im besten Sinn. Das heisst, sie lesen sich flott und arbeiten mit bekannten Mustern, die auch weniger lese erfahrenen Kindern das Eintauchen erleichtern.
Brigitte Schär spielt vordergründig mit dem Superhelden-Genre. Eigentlich geht es um Freundschaft, sogar um eine erste Liebe. Sie erzählt von zwei Kindern, die es nicht leicht haben, gerade weil ihnen das Lernen so leicht fällt. Hanna und Leo sind hochbegabt und begegnen sich in einer therapeuti schen Praxis. Einfühlsam erzählt Schär, wie sie sich einander annähern. Hanna mag Leo sehr, doch sie versteht nicht, warum er den ganzen Tag am Computer spielt und selbst Games programmiert. Zum Glück hat sie Fantasie, und kann sich als Supergirl in Superboys Hirnwindungen hineindenken.
Einen grossen Lesespass hält Boni Kollers «Sommer der Zombies» bereit. Sein Romanerstling greift ein literarisch viel zu selten beackertes Thema auf: das Pfadilager. Eigentlich wollte Helen, die sich von ihren frisch geschiedenen Eltern abgeschoben fühlt, gar nicht mit. Doch dann erlebt sie ein Abenteuer, bei dem sie sich richtig bewähren muss. Und sie findet eine Freundin, Pixie. Es gelingt Koller, einen Ton anzuschlagen, der mit Tempo und ohne Firlefanz erzählt – und wie nebenbei spielt er in bester Schtärneföifi-Manier mit Sprache. Allein aus den Pfadinamen der Kinder – Hydra, Rambo, Shakira – die in drei Gruppen eingeteilt sind – Monster, Werwölfe, Zombies – ergeben sich die verrücktesten Sätze, die für Eingeweihte aber ganz vernünftig klingen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/18, S. 25

Hanna und Leo
Brigitte Schär
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2018, Seiten: 125, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85546-336-7
Schlagwörter: Freundschaft

Von einem anderen Stern

Das Programm der Baeschlin-Verlagsleiterin Gaby Ferndriger setzt ganz auf Schweizer Produktion. In den letzten Jahren ist eine illustre und auch recht bunte Schar zusammengekommen: Dana Grigorcea, die mit ihren Büchern für Erwachsene bekannt wurde, im Team mit Anna Luchs; Doris Lecher, Jürg Obrist, Linard Bardill – und jetzt Brigitte Schär, die Grande Dame des fantastisch-verrückten Erzählens, Daniele Meocci mit seinem zweiten Kinderbuch «Maunzer. Klara, Wolle und der magische Kater», sowie der als Sänger und Texter der Bands Baby Jail und Schtärneföifi bekannte Boni Koller.
Die – zumindest aus KritikerInnensicht – interessantesten Bücher aus dem Baeschlin-Verlag sind die Bilderbücher, die in enger Zusammenarbeit zwischen der Autorin Dana Grigorcea und der Illustratorin Anna Luchs entstanden sind: «Mond aus!» (2016) und, diesen Herbst erschienen, «Einmal Haare schneiden bitte». Die beiden loten die Vielfalt aller möglichen Frisuren im Zusammenspiel von Bild und Sprache aus und laden die Kinder zum Mitfantasieren ein – wie bunt wäre doch die Welt, wenn jeder eine andere Frisur hätte! Nur der wuschlige Pudel Bobby will, ganz im Gegensatz zum punkigen Jan (einem Hahn), und zu Rasta Ross mit seinen Dreadlocks, einfach nicht zum Friseur (LockenträgerInnen können es ihm nicht verdenken). In der Nacht vor dem Termin hat er furchtbare Alpträume: er muss mit einer misslungenen Frisur herumlaufen. So rührt Bobbys Geschichte an kindliche Ängs te, humorvoll und sanft.
Computer- und Sprachspiele im erzählenden Kinderbuch
Im erzählenden Kinderbuch-Programm setzt Gaby Ferndriger auf spannende Unterhaltung mit Tiefgang. Die neuen Romane von Schär, Meocci und Koller erzählen ganz unterschiedliche Geschichten rund um Freundschaft, doch eins haben sie gemeinsam: Alle sind sie Genreliteratur im besten Sinn. Das heisst, sie lesen sich flott und arbeiten mit bekannten Mustern, die auch weniger lese erfahrenen Kindern das Eintauchen erleichtern.
Brigitte Schär spielt vordergründig mit dem Superhelden-Genre. Eigentlich geht es um Freundschaft, sogar um eine erste Liebe. Sie erzählt von zwei Kindern, die es nicht leicht haben, gerade weil ihnen das Lernen so leicht fällt. Hanna und Leo sind hochbegabt und begegnen sich in einer therapeuti schen Praxis. Einfühlsam erzählt Schär, wie sie sich einander annähern. Hanna mag Leo sehr, doch sie versteht nicht, warum er den ganzen Tag am Computer spielt und selbst Games programmiert. Zum Glück hat sie Fantasie, und kann sich als Supergirl in Superboys Hirnwindungen hineindenken.
Einen grossen Lesespass hält Boni Kollers «Sommer der Zombies» bereit. Sein Romanerstling greift ein literarisch viel zu selten beackertes Thema auf: das Pfadilager. Eigentlich wollte Helen, die sich von ihren frisch geschiedenen Eltern abgeschoben fühlt, gar nicht mit. Doch dann erlebt sie ein Abenteuer, bei dem sie sich richtig bewähren muss. Und sie findet eine Freundin, Pixie. Es gelingt Koller, einen Ton anzuschlagen, der mit Tempo und ohne Firlefanz erzählt – und wie nebenbei spielt er in bester Schtärneföifi-Manier mit Sprache. Allein aus den Pfadinamen der Kinder – Hydra, Rambo, Shakira – die in drei Gruppen eingeteilt sind – Monster, Werwölfe, Zombies – ergeben sich die verrücktesten Sätze, die für Eingeweihte aber ganz vernünftig klingen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/18, S. 25

Sommer der Zombies
Boni Koller
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2018, Seiten: 203, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85546-337-4
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Ferien

Das Programm der Baeschlin-Verlagsleiterin Gaby Ferndriger setzt ganz auf Schweizer Produktion. In den letzten Jahren ist eine illustre und auch recht bunte Schar zusammengekommen: Dana Grigorcea, die mit ihren Büchern für Erwachsene bekannt wurde, im Team mit Anna Luchs; Doris Lecher, Jürg Obrist, Linard Bardill – und jetzt Brigitte Schär, die Grande Dame des fantastisch-verrückten Erzählens, Daniele Meocci mit seinem zweiten Kinderbuch «Maunzer. Klara, Wolle und der magische Kater», sowie der als Sänger und Texter der Bands Baby Jail und Schtärneföifi bekannte Boni Koller.
Die – zumindest aus KritikerInnensicht – interessantesten Bücher aus dem Baeschlin-Verlag sind die Bilderbücher, die in enger Zusammenarbeit zwischen der Autorin Dana Grigorcea und der Illustratorin Anna Luchs entstanden sind: «Mond aus!» (2016) und, diesen Herbst erschienen, «Einmal Haare schneiden bitte». Die beiden loten die Vielfalt aller möglichen Frisuren im Zusammenspiel von Bild und Sprache aus und laden die Kinder zum Mitfantasieren ein – wie bunt wäre doch die Welt, wenn jeder eine andere Frisur hätte! Nur der wuschlige Pudel Bobby will, ganz im Gegensatz zum punkigen Jan (einem Hahn), und zu Rasta Ross mit seinen Dreadlocks, einfach nicht zum Friseur (LockenträgerInnen können es ihm nicht verdenken). In der Nacht vor dem Termin hat er furchtbare Alpträume: er muss mit einer misslungenen Frisur herumlaufen. So rührt Bobbys Geschichte an kindliche Ängs te, humorvoll und sanft.
Computer- und Sprachspiele im erzählenden Kinderbuch
Im erzählenden Kinderbuch-Programm setzt Gaby Ferndriger auf spannende Unterhaltung mit Tiefgang. Die neuen Romane von Schär, Meocci und Koller erzählen ganz unterschiedliche Geschichten rund um Freundschaft, doch eins haben sie gemeinsam: Alle sind sie Genreliteratur im besten Sinn. Das heisst, sie lesen sich flott und arbeiten mit bekannten Mustern, die auch weniger lese erfahrenen Kindern das Eintauchen erleichtern.
Brigitte Schär spielt vordergründig mit dem Superhelden-Genre. Eigentlich geht es um Freundschaft, sogar um eine erste Liebe. Sie erzählt von zwei Kindern, die es nicht leicht haben, gerade weil ihnen das Lernen so leicht fällt. Hanna und Leo sind hochbegabt und begegnen sich in einer therapeuti schen Praxis. Einfühlsam erzählt Schär, wie sie sich einander annähern. Hanna mag Leo sehr, doch sie versteht nicht, warum er den ganzen Tag am Computer spielt und selbst Games programmiert. Zum Glück hat sie Fantasie, und kann sich als Supergirl in Superboys Hirnwindungen hineindenken.
Einen grossen Lesespass hält Boni Kollers «Sommer der Zombies» bereit. Sein Romanerstling greift ein literarisch viel zu selten beackertes Thema auf: das Pfadilager. Eigentlich wollte Helen, die sich von ihren frisch geschiedenen Eltern abgeschoben fühlt, gar nicht mit. Doch dann erlebt sie ein Abenteuer, bei dem sie sich richtig bewähren muss. Und sie findet eine Freundin, Pixie. Es gelingt Koller, einen Ton anzuschlagen, der mit Tempo und ohne Firlefanz erzählt – und wie nebenbei spielt er in bester Schtärneföifi-Manier mit Sprache. Allein aus den Pfadinamen der Kinder – Hydra, Rambo, Shakira – die in drei Gruppen eingeteilt sind – Monster, Werwölfe, Zombies – ergeben sich die verrücktesten Sätze, die für Eingeweihte aber ganz vernünftig klingen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/18, S. 25

Baby an Bord
Allan Ahlberg, Illustration: Emma Chichester Clark
Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel
Verlag: Moritz, Publiziert: 2018, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-361-2
Schlagwörter: Abenteuer

Ein schöner Nachmittag am Strand. Strahlender Sonnenschein, zahlreiche Kinder. Wie verlockend ist es da, die Verantwortung für das kleine Kind einmal an die anderen, grösseren Kinder abzugeben. Aber die sind eben Kinder und keine Eltern, und so kommt es, wie es kaum anders kommen konnte: Das mit der Verantwortung klappt nicht so ganz. Der Kinderwagen rollt auf den Strand zu und verschwindet dann im Meer. Was für ein Glück, dass das Baby doch nicht ganz allein den Weiten des Ozeans ausgeliefert ist. Aufopfernd und überaus beeindruckend kümmern sich Panda, Puppe und Kuschelhase, die Spielsachen und Plüschtiere im Kinderwagen, um das Kleine. Und es beginnt ein Abenteuer, das niemanden kalt lässt.
Übersetzer Andreas Steinhöfel zeig­te sich begeistert von der dramatischen und märchenhaften Geschichte des 80-jährigen britischen Autors Allan Ahlberg: Segeln durch den Sturm, ohne Angst haben zu müssen, weil einem die Kuscheltiere tapfer zur Seite stehen, das hätte er, wie er selber sagte, als kleines Kind geliebt. Emma Chichester Clark zeichnet mit leichter Hand, mit Tusche und Bleistift. Dabei gestaltet sie die Seitenaufteilung abwechslungsreich und überzeugt in der Darstellung des Meeres, ob es nun dunkel und wild ist oder ruhig im Sonnenuntergang liegt. Eine Doppelseite mit einem riesigen Fisch prägt sich besonders intensiv ein. Desgleichen eine Szene, in der alle Spielzeugfiguren den Kinderwagen gemeinsam an Land ziehen.
«Calvin und Hobbes» ist das bisher grossartigste Beispiel dafür, wie genial eine Geschichte sein kann, in der ein Kuscheltier lebendig wird. Mit «Baby an Bord» haben wir nun noch einen potentiellen Klassiker dazu bekommen.
Antje Ehmann
Buch&Maus 1/19, S. 27

Begel, der Egel
Nele Brönner
Verlag: Luftschacht, Publiziert: 2018, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-903081-31-4
Schlagwörter: Humor/Komik | Tiere

Neben Hasen, Hunden oder Bären tummelt sich ja auch allerhand exotisches Getier im Bilderbuch – ein Blutegel dürfte bisher nicht dabei gewesen sein. Die in Berlin lebende Illustratorin und Comic-Zeichnerin Nele Brönner zeigt ihren Helden ganz ungeschönt als feucht glänzenden, dicken Wurm, mal gekringelt zum Häufchen, mal als vollgesogenen, teerschwarzen Tropfen. Seine Augen allerdings sind kugelrund, und das Saugmaul verzieht er einmal sogar zum breiten Grinsen. Aber schlies­slich ist Begel auch kein gewöhnlicher Blutegel, sondern Therapie-Assistent in einer Tierarztpraxis, weswegen er auch in einem schönen Glas mit fantastischer Aussicht auf dem obersten Regalbrett wohnt. Dort macht er zwischen seinen Einsätzen Gymnastikübungen und sortiert nach jedem Wassertausch gewissenhaft den Flusssand. Klar, dass das nicht lange gutgeht. Eine Seite weiter bekommt Begel zu seinem Entsetzen mit dem schmäch­tigen Ögel einen neuen Mitbewohner, einen nervigen Eindringling, der ihn aus Konzentration und Rhythmus bringt. Ihr Begrüssungsdialog in Sprechblasen ist so pointiert, wie all die knackigen Texte von Nele Brönner: «Ich hänge immer hier vorne. Du kannst da hinten schlafen», sagt Begel. «Hier so?», fragt Ögel schüchtern. «Besser noch weiter nach hinten. Häng vor allem ruhig und stör mich nicht. Ich bin Therapeut und trage Verantwortung…» – Was für ein aufgeblasener Wichtigtuer!
Durch welche Fast-Katastrophe Begel den Wert von Solidarität und Freundschaft erkennt, ist ein klassisches Bilderbuchthema in skurrilem Setting, aussergewöhnlich in Szene gesetzt: Doppelseitige Drucke zeigen Zoom-Perspektiven in knal­­ligen Neonfarben. Und es gibt viel Dynamik und noch mehr Humor in dieser hinreissenden Geschichte über Trott und Fremdheit.
Marion Klötzer
Buch&Maus 1/19, S. 27

Snuffi Hartenstein
Paul Maar, Illustration: SaBine Büchner
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2018, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-0817-4
Schlagwörter: Freundschaft | Humor/Komik | Fantasie

… und sein ziemlich dicker Freund

Wer einsam ist, denkt sich einen Freund aus. Doch was geschieht eigentlich mit den unsichtbaren Gefährten, wenn Kinder (wieder) An­schluss gefunden haben? «Leider hat mein Niko mich immer weniger beachtet», klagt der verschmähte Snuffi Hartenstein. «Der war ständig mit diesem doofen Ole zusammen!» Snuffi findet das «obergemein», bis er Mops Mucki trifft, den unsichtbaren Hundefreund von Ole, der nun auch allein ist. Wie sich die beiden rückblickend die ganze Geschichte erzählen, setzt SaBine Büchner in ihren Bildern mit so viel Witz in Szene, dass jedes Kind die Sache mit den Fantasiefreunden versteht. Wenn andere dabei sind, gibt es Snuffi nur als hellblauen Sche­renschnitt, denn nur Niko kann ihn ja sehen. Wenn die zwei dagegen allein sind, ist Snuffi so realistisch dargestellt wie Ni­ko, denn für den Jungen existiert er wirklich.

Nach Michelle Cuevas, die in «Kasimir Karton» das Leben eines «abgelegten» unsichtbaren Freundes schildert, wechselt nun auch Paul Maar die Perspektive und erzählt, wie die ehemaligen heimlichen Kumpel ihr Schicksal in die eigenen Pfoten nehmen. Ihre kluge Erkenntnis: Wir können uns im Kopf auch alles vorstellen, und es wird für uns real. Und tatsächlich, es klappt: Sie denken sich einen Berg, dann einen Zwerg, von dem sie den klugen Rat bekommen, den sie brauchen, um in die Menschenwelt zurückzukehren. Doch erst als die Hunde ein neues trauriges Kind finden, dem sie beistehen können, gibt es ein Happy-End.

«Snuffi Hartenstein» steckt voller Überraschungen, ist köstlich und leicht zu le­sen. Letzteres ist vor allem den kurzen, ein­fachen Sätzen, der grossen Erstleserschrift und SaBine Büchners Bildern zu verdanken, welche die Maar’sche Komik zum Leuchten bringen. Und nicht zuletzt überzeugt das Buch mit einer schönen Bot­schaft: Glaub an deine inneren Bilder!

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/19, S. 32

Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich
Silke Lambeck, Illustration: Barbara Jung
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2018, Seiten: 184, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5625-3
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft

«Otto hat gesagt, wir sind viel zu brav. Seitdem denke ich über das wilde Leben nach …» – so beginnt der Held von Silke Lambecks neuem Kinderroman seine Geschichte. Die entwickelt sich in Windeseile zum ebenso spannenden wie komischen Grossstadtabenteuer. Dabei ist das Leben von Matti und Otto in Berlin-Mitte kein bisschen gefährlich: Zwischen Lachanfällen, Klavierunterricht und Yogastunden trauen sich die beiden Zehnjährigen nicht einmal, ihre resoluten Mütter am Handy wegzudrücken.

Das ändert sich mit einem Videoclip von «Bruda Berlin» in der Musikstunde und aufgrund der darauf folgenden Hausaufgabe, selbst einen Rap zu schreiben und vor der Klasse aufzuführen. Denn worüber bloss? Das einzig Gangsta-mässige in diesem Bioladen-Viertel ist der nach Schnaps stinkende Kinderfeind Hotte in seinem schmuddeligen Kiosk. Statt dem aber nun wie geplant einen fiesen Streich zu spielen, kriegen Matti und Otto mit, wie Hotte von zwei Schlägern eines Immobilienhais bedroht wird. So ist es also, das wilde Leben – gefährlich und anstrengend. Trotzdem werfen sich Matti und Otto mu­tig ins Getümmel, wachsen als «die Herren Kinder» über sich hinaus und ho­len schliesslich für Hotte in Neukölln bei «Bruda Berlin» und seinem Clan Hilfe.

«Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich» ist eine tolle Jungs- und Freundschaftsgeschichte, quicklebendig erzählt und mit einem so furiosen Happy-End, wie sich das zwei frischgebackene Helden verdient haben. Dabei verhandelt Silke Lambeck rund um das Thema Gentrifizierung wichtige Themen: Wie ist das mit Vorurteilen, Solidarität und Gerechtigkeit? Und vor allem: Was bedeutet eigentlich Cool-Sein? Auf Seiten der Schwachen zu stehen oder mit den Starken nach unten zu treten?

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/19, S. 33

Die beste Medizin
Christine Hamill, Illustration: Felicitas Horstschäfer
Aus dem Englischen von Eva Jaeschke
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2018, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-406-8
Schlagwörter: Krankheit | Pubertät | Familie/Familienformen

«Was ist der Unterschied zwischen einem Fussgänger und einem Fussballspieler? Der Fussgänger geht bei Grün, der Fussballspieler bei Rot.» Das ist ein Klassiker unter den Witzen, die der 12-jährige Philip bei jeder Gelegenheit erzählt. Nicht bloss zum Spass: Er will Comedian werden. Talent hat er; er bringt die Leute zum Lachen. Mit Ausnahme des Yetis, eines riesigen Jungen, der ihm das Taschengeld abnimmt – und seiner Mutter. Sie, die sich immer um ein perfektes Aussehen bemüht hatte, schleicht plötzlich mit roten Augen im Haus herum. Nur durch Zufall erfährt Philip, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist.
In ihrem Kinderbuch-Erstling lässt sich die nordirische Autorin Christine Hamill ganz auf die Erfahrungswelt ihres Ich-Erzählers ein. Sie traut sich, ihn nicht einfach als empathische Stütze der kranken Mutter zu zeichnen, sondern als ein Kind am Beginn der Pubertät, das alle Probleme erst einmal als Bedrohung der eigenen Existenz und, ja, auch Bequemlichkeit erfährt. Als seine Mutter erklärt, wie die Behandlung verläuft, unterbricht er sie und schreit: «Bestrahlung! … Bist Du verrückt geworden? Doctor Who wurde im letzten Weihnachtsspecial (…) mit Bestrahlung getötet! Weisst du das nicht mehr?» Dass der Krebs die Brust befallen hat, erlebt er als Zumutung für einen – nebenbei frisch verliebten – Teenager. Mit Lungen-, Zehen- oder Ohrenkrebs hätte er leben können.
Schwarzer Humor und differenzierte Figurenzeichnung sind in Hamills Roman kein Widerspruch. Und vor allem lässt sie sich witzige Aktionen einfallen, in denen Philips zarte Seite zum Ausdruck kommt: Er liest und schreibt Gedichte und wendet sich in seiner Not an sein Idol, den Grosskomiker Harry Hill. Beim Lesen kommt man aus dem Lachen nicht heraus, und so öffnen sich fast unbemerkt die Schleusen zu Philips Verzweiflung und seinem Schmerz.
Christine Lötscher
Buch&Maus 1/19

Reise ins Innere der Stadt
Shaun Tan
Aus dem australischen Englisch von Eike Schönfeld
Verlag: Aladin, Publiziert: 2018, Seiten: 285, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-2118-8
Schlagwörter: Tiere | Umweltschutz/Klima | Märchen/Fabel

Es ist ja nicht so, als wären sie je weg gewesen: die Tiger und Eulen, Füchse, Fische und Frösche, die hier ins «Innere der Stadt», ins Blickfeld und Bewusstsein des Menschen drängen mit einer Macht, die einen schwindeln lässt. Da lieben sich riesenhafte Schnecken «auf den Nebenstrassen und Kreuzungen» und lassen den Men­schen – ihrer Anmut, ihrer Nacktheit, ihrer fluiden Geschlechtergrenzen we­gen? – mit seinen «kleinen Vorstellungen von Liebe» empört, dann verzaubert zurück. Da fällt ein in seiner Menge schwereloser Insektenleiber schlicht unfassbarer Schwarm von Schmetterlingen in den Luft­raum einer Grossstadt ein, ein «lautloses Wunder», das für kurze Zeit jede Frage nach Ursache, Zweck und Profit verstummen lässt. Und da leben Krokodile im 87. Stock eines Wolkenkratzers mit Blick auf das Bankenviertel; sie existieren «in zeitlosem Frieden» in einer Stadt, die ihnen nur Wartezimmer ist, weil sie, früher oder später, der Wildnis wieder weichen wird.

In jeder der 25 mal satirischen, mal poetischen, mal zärtlichen, mal fast unerträglich brutalen Geschichten, in denen Shaun Tan vom ungleichen Verhältnis von Mensch und Tier erzählt, ist die zivilisatorische Decke dünn. Nirgends aber wird die Grenze zwischen Natur und Kultur, die der Mensch stets zu ziehen bestrebt ist, so unerbittlich als anthropozentrisches Kons­trukt entlarvt wie in der Geschichte der Krokodile. Das Tier, das der Mensch zu verdrängen, zu domestizieren, zu vermarkten, zu schlachten oder zu vernichten sucht, ist nie weiter als eine dünne Glaswand entfernt. Und bleibt uns, vor allem in Tans so beklemmenden wie betörenden Gemälden, doch immer fremd, auch wenn es als engster Freund erscheint. Seine Fremdheit respektieren zu lernen ist eine zentrale Botschaft dieses kulturkritischen Werks, das aufmerksame jugendliche wie erwachsene LeserInnen lange mit seinen scharfen Zähnen verfolgen wird.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/19, S. 33

Babel
Jan de Leeuw
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2018, Seiten: 436, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-2278-9
Schlagwörter: Zukunft | Mythologie/Sage

Ein Moloch von einer Stadt in einer nicht näher spezifizierten Zukunft, gebeutelt von Überlebenskampf und Terrorismus. In ihrer Mitte zieht der grössenwahnsinnige Patriarch Abraham Babel den gewaltigsten Wolkenkratzer aller Zeiten hoch, «ein gotisches Monstrum» inklusive Wasserspeiern und allegorischen Skulpturen. Und ein ehrgeiziger Luzifer namens Lichtenstern gibt vor, jene Sprache rekonstruieren zu wollen, welche angeblich die Völker vor dem Sturz des biblischen Turms zu Babel einte. Dabei verfolgt er doch stets nur sei­ne eigenen diabolischen Pläne.
«Babel», Jan de Leeuws aufregender neu­er Jugendroman, hat alle Zutaten einer leinwandtauglichen Apokalypse – bis zu den detailreich ausgestalteten, glasverspiegelten und zugleich düsteren Schauplätzen und der politisch vage gehaltenen Anlage einer ebenso religiös-fatalistischen wie ultrakapitalistischen Wettbewerbskultur. Und doch verweigert sich der Text den Mustern aktueller Endzeit-Thriller. Statt linear zu erzählen, wie es die Dystopien für junge LeserInnen in der Regel tun, mischt de Leeuw ganz verschiedene Erzählverfahren, Perspektiven und Textfragmente, um die Vielstimmigkeit der tief gespaltenen Zukunftsgesellschaft auch formal zu spiegeln. Auszüge aus einer fiktiven Biographie und Tarot-Karten, deren Bedeutungen motivisch auf Kom­mendes ver­weisen, ergänzen Passagen, in denen aus Sicht zwei­er junger Frauen erzählt wird, die ins Zentrum der drohenden Katastrophe geraten.
Dass man diesen zwei alles andere als unschuldigen jungen Damen wiede­rum lan­ge Zeit nicht in die Karten schauen kann, steigert noch die Spannung – aber auch die fast klaustrophobische Beklemmung, die de Leeuws hochaktuelle Parabel auf kapitalistische Herrschaft, auf Fatalismus und auf das menschliche Unvermögen zur Verständigung bis zur letzten Seite aufrecht erhält.
Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/19, S. 34

Der grosse schwarze Vogel
Stefanie Höfler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2018, Seiten: 182, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75433-2
Schlagwörter: Tod/Trauer | Familie/Familienformen | Abschied

«Der Tod ist wie der Flügelschlag von einem grossen schwarzen Vogel, der vorbeifliegt, und sein Schatten fällt kurz auf den, der zufällig darunter sitzt, und etwas länger auf diejenigen, die vielleicht gerade drum herum sind.» Mit diesem Bild hat Bens Mutter dem Sohn einmal den Tod erklärt. Nun hat sich der Schatten des Vogels über die Familie des 14-Jährigen gelegt. Als er an einem strahlenden Herbstmorgen aufwacht, versuchen im Nebenzimmer gerade zwei Sanitäter, das Leben seiner Mutter zu retten. Ohne Erfolg. Für die 45-Jährige, der zum Hinaufklettern kein Baum zu hoch war, kommt jede Hilfe zu spät. «Plötzlicher Herztod» lautet die Diagnose, die das Leben von Ben, seinem acht Jahre jüngeren Bruder Karl und ihrem Va­ter von einem Moment auf den anderen schmerzlich verändert.
Ebenso einfühlsam wie authentisch erzählt Stefanie Höfler «wie das ist, wenn jemand plötzlich stirbt. Wie die ersten Tage vergehen, wie man damit klarkommt.» Oder auch nicht klarkommt. Bens Vater sitzt nur noch weinend auf dem Boden im Flur. Der sechseinhalb Jahre alte Karl dagegen nimmt aktiv, fast unbekümmert Abschied von der Mutter: Er steckt ihr eine Feder in den Ärmel ihres Nachthemdes, baut ihr ein Mausoleum, zeigt ihr seine Lieb­lingsorte, malt ihren Sarg an. Und Ben? Funktioniert. Irgendwie. Gefasst, in sich gekehrt kümmert er sich, worum sich gekümmert werden muss. Findet (wie seine Mutter) Trost in der Natur, vor allem im Wald. Und überraschenderweise bei der schönen, sonst so unnahbaren Mitschülerin Lina, die ihn als einzige nicht schont, sondern ihn anspricht, weil sie weiss, wie es in ihm aussieht. Und ihn auch den Grund dafür wissen lässt.
«Der grosse schwarze Vogel» ist ein leises, tröstliches und mit grosser Sorgfalt komponiertes Buch, das Betroffenen, Angehörigen und FreundInnen helfen kann, mit einer ähnlichen Situation umzugehen und ins Gespräch zu kommen.
Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/19, S. 34

Die Ritter von Crongton
Alex Wheatle
Aus dem Englischen von Conny Lösch
Verlag: Kunstmann, Publiziert: 2018, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95614-255-0
Schlagwörter: Freundschaft | Gewalt | Streit/Konflikt

McKay und seine Kumpels Liccle Bit und Jonah wetteifern um die coolsten Sprüche und kabbeln sich hin und wieder. Aber wenn es hart auf hart kommt, halten die drei Jungs aus South Crongton zusammen wie die Ritter der Tafelrunde. So auch, als es die Ehre eines Mädchens zu retten gilt, auf das Bit schon länger ein Auge geworfen hat. Venetia muss sich von ihrem Exfreund das gestohlene Handy zurückholen, bevor gewisse Fotos darauf in Umlauf geraten. Da ihre Freundin Saira sie begleitet, können auch Bit, Jonah und McKay nicht kneifen, obwohl ihnen die Mission ins fremde Viertel mächtig zusetzt. Eltern müssen hinters Licht geführt, Gettoratten, Polizei und feind­liche Gangs wollen tunlichst gemieden werden. Dass es in der Gegend ausgerechnet an diesem Abend zu Strassenkrawallen und Plünderungen kommt, macht das Unterfangen nicht leichter.

Der 14-jährige McKay erzählt von der lan­gen Nacht der Abenteuer mit virtuosem Schwung und sprachlichem Witz. Er spart auch nicht mit Selbstironie, wenn es um die eigene Körperfülle, um Unsicherheit gegenüber dem anderen Geschlecht oder um seinen knurrenden Magen geht. Ausserdem sorgt er sich um den verschuldeten Vater und seinen älteren Bruder, der sich mit den falschen Leuten angelegt hat.

Autor Alex Wheatle stammt aus dem Südlondoner Stadtteil Brixton und kennt die Lebensverhältnisse in tristen Gross­stadtsiedlungen. Sozialwohnungen, Bandenkriminalität und häusliche Konflikte bilden auch den Hintergrund seiner Trilogie um den fiktionalen Stadtteil Crongton, die nach «Liccle Bit – Der Kleine aus Crongton» mit «Der Ritter von Crongton» in die zweite Runde geht. Trotz dieses eher düsteren Settings versteht es Wheatle, seine jugendlichen Helden mit einfühlsamer Wär­me zu zeichnen, und er lässt sie durch Freundschaft, familiären Zusammenhalt und eine grosse Portion Humor dem harten Alltag und ihrem Schicksal trotzen.

Daniel Ammann
Buch&Maus 1/19, S. 35

Tankstellenchips
Antonia Michaelis
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2018, Seiten: 362, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-0918-8
Schlagwörter: Abenteuer

Ein Heldenepos

Ein 18 Jahre alter iranischer Flüchtling, der kaum Deutsch spricht, und ein acht Jahre alter Junge mit Zahnlücke und Sprachfehler, der aus dem Kinderheim ausgebüxt ist, auf der Flucht vor der drohenden Abschiebung oder erneuten Unterbringung im Kinderheim. So oder so ähnlich liessen sich Anlage und Handlung von Antonia Michalis neustem Jugendbuch knapp zusammenfassen – und würde «Tankstellenchips» damit nicht annähernd gerecht.
Was diesen aussergewöhnlichen Road Novel vor allem ausmacht, ist der mal staunen­de, mal kopfschüttelnde Blick des Ich-Erzählers auf das für ihn fremde Deutschland. Dieses reiche und so gründliche Land der schnellen, sauberen Autos, der jun­gen, schlanken Frauen in teurer Sportkleidung. Das Land, in dem alle zwei Kilometer ein ordentlicher orangener Abfalleimer im Wald hängt. Per Anhalter, mit dem Fahrrad, im Heissluftballon, zu Fuss, zu Pferde, sogar mit einer Hochzeitskutsche führt die verrückte Flucht der zwei tragischen Helden von der Ostseeküste im hohen Norden bis in den südlichsten Zipfel des Landes.
Es gibt viel zu lachen in Michaelis wunderbar anderem «Heldenepos», das auch einen erfrischenden Beitrag zur neueren Flüchtlingsliteratur stellt. Denn obwohl Shayan alias Sean alias Shaun (das Schaf) stets versucht, das Richtige zu tun, stürzt er mit Davy slapstickartig von einer skurrilen Situation in die nächste, von einer Katastrophe zur anderen. Am Ende wird Shayan nicht nur von der Polizei wegen Einbruchs, Mordes und Kindesentführung gesucht, sondern auch von Schwerverbrechern gejagt, die ihn und Davy töten wollen. Und es fehlt nicht viel, und Shayan wäre in einem Flugzeug nach Teheran gelandet – und dort wohl sofort im Gefängnis. Zum Glück hat er Davy. Und Lotta. Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute und lachen für die iranische Verwandtschaft glücklich in die Kamera.
Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/19, S. 35

Monster im Dunkeln
Karin Bachmann
Verlag: da bux, Publiziert: 2018, Seiten: 60, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906876-08-5
Schlagwörter: Behinderung | Krimi/Thriller

Leicht lesbare Lektüre für Jugendliche, und dies auf 60 Seiten, das bedeutet auch: viel Spannung, viel Action – die Handlung muss vorwärts getrieben werden. Dafür ist Karin Bachmanns «Monster im Dunkeln» ein gelungenes Beispiel. Viel Action – ja, sogar rohe Gewalt – gibt es da auf jeden Fall. Und die Spannung hält in der Geschichte dank eines besonderen erzählerischen «Tricks»: Der Protagonist, der 18-jährige Arjen, ist nämlich blind. In der dritten Person, aber auf seine Perspektive fokussiert, wird erzählt, und das heisst: Die LeserInnen erfahren, was Arjen hört, fühlt, riecht, schmeckt – nicht aber, was er sieht. Dies macht die Verfolgungsjagd in der elterlichen Wohnung fast unerträglich spannend, denn alleine durch Geräusche, Gerüche und kurze Berührungen wird der Verfolger, ein holländischer Diamantenschmuggler, geortet.
Aber von Anfang an: Auf dem Heimweg nach einem Torball-Spiel (eine Art Fussball für Blinde und Sehende) sitzt Arjen im Bus neben einem unangenehm riechenden Mann, der auf Holländisch in ein Telefon spricht. Arjen, selbst Halb-Holländer, versteht jedes Wort und erkennt, dass der Typ kriminell sein muss. In der Verwirrung steigt Arjen mit der falschen Tasche aus dem Bus. Dass in der Tasche Diamanten eingenäht sind, findet er mit der Nachbarin Yara erst heraus, nachdem er das erste Mal von dem Typen zu Hause überrascht und bedroht wurde. Ein sturmfreies Wochenende wird so zur Nervenprobe: Wann kommt der Kriminelle zurück? Und wie soll Arjen mit ihm fertig werden? Zum Glück hat Arjen einen grossen Vorteil: Im Dunkeln können Sehende mit seinem Orientierungssinn nicht mithalten – die Behinderung wird zum Talent.
Dank des Fokus auf die nicht-visuellen Eindrücke kommt dieses kleine Heftchen wie ein grosser Psychothriller daher.
Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/19, S. 36

Anders als wir
Rindert Kromhout
Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2018, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-122-1

In «Brüder wie wir» hat Rindert Kromhout die Geschichte der Brüder Julian und Quentin Bell erzählt. Deren Mutter, die Malerin Vanessa Bell, gehörte wie ihre Schwes­ter Virginia Woolf zur Blooms­bury Group. Kromhouts neuer Ro­man «Anders als wir» fokussiert nun auf die Geschichte von Julian und Quentins Schwester Angelica. Eingebettet in die Rahmenhandlung um das Verschwinden von Virginia Woolf, die mit deren Selbstmord aufgelöst wird, und vor der Folie historischer Ereignisse – es ist die Zeit des Beginns des Zweiten Weltkriegs –, wird erzählt, wie sich die Familienmitglieder mit Virginia auseinandersetzen. Kromhout legt den Fokus auf Angelica und ihre Beziehung zu Tante Virginia: Angelica bittet Quentin, ihre Geschichte aufzuschreiben.
Daraus entspinnt sich die Binnenhandlung, in der nicht nur die Beziehung Angelicas zu Virginia aufgerollt, sondern auch Quentins und Vanessas Verhältnis zu Angelica und zu Virginia thematisiert wird. Dieser komplexen Handlungsstruktur kön­­nen LeserInnen jedoch gut folgen und so immer tiefer in die Familienstrukturen eintauchen. Die Handlungsstränge flies­sen am Ende ineinander und führen die Geschichte zu einem Ende, das die Leser­Innen nachdenklich zurücklässt. Kromhout gelingt es erneut, eindrücklich das Innenleben der ProtagonistInnen darzustellen. Thematisiert wird etwa Angelicas Wunsch nach Normalität, die ihr in ihrer Künstlerfamilie mit einer freiheitsliebenden Mutter verwehrt bleibt und mit der sie das ers­te Mal so richtig konfrontiert wird, als sie in die Schule kommt; nur, um auch dort eine Sonderbehandlung zu erfahren. Umgekehrt wird Vanessas strenge Erziehung beleuchtet, die sie zur Entscheidung veranlasste, ihrer eigenen Tochter alle Freiheiten einzuräumen. Kongenial von Birgit Erdmann ins Deutsche übersetzt, überzeugt der anspruchsvolle Roman in jeder Hinsicht.
Sabine Planka
Buch&Maus 1/19, S. 36

Verloren in Eis und Schnee
Davide Morosinotto
Aus dem Italienischen von Cornelia Panza­cchi
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2018, Seiten: 440, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-20251-0
Schlagwörter: Historisches

Die unglaubliche Geschichte der Geschwister Danilow

Der 22. Juni 1941 beginnt für die Zwillinge Viktor und Nadja mit einer Überraschung: Sie dürfen den Tag im ehemaligen Winterpalast des Zaren verbringen, genauer: im Museum der Eremitage, in dem ihre Eltern als Kunstsachverständige arbeiten. Doch das bleibt nicht die einzige Überraschung des Tages. Deutsche Truppen greifen unter Verletzung des Nichtangriffspakts die So­wjetunion an – und plötzlich herrscht im Leben von Viktor und Nadja Krieg. Die Leningrader Blockade gehört zu den eklatantesten Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Fast zweieinhalb Jahre lang schliesst die Wehrmacht die nordrussische Stadt ein. Während der 872 Tage dauernden Abriegelung der Metropole sterben über eine Million Menschen an Unterernährung.
Für seine literarische Aufar­bei­tung des historischen Stoffs schlüpft Davide Morosinotto in die Rolle der zwei 13-jährigen Geschwister Danilow. Empathisch und nachvollziehbar erzählt er, wie die Kinder aufgrund der Repressionen der Deutschen flüchten müssen, wie sie bereits im überfüllten Leningrader Bahnhof getrennt wer­den und dann in weit entfernten Teilen Russlands um ihr Überleben kämpfen. Die Handlung wird in Form von Tagebucheinträgen wiedergegeben und ergänzt von Kartenausschnitten, Fotos, Zeichnungen und Dokumenten sowie dem Bericht eines gewissen Oberst Smirnows, der die Aufzeichnungen der Zwillinge nach dem Kriegsende liest und kommentiert. Grosse Gefühle, Spannungselemente, sogar komische Szenen und eine Liebes­geschichte kann sich der Autor erlauben, da sein Roman sehr sorgfältig unterfüttert ist mit
historischen Fakten und Augenzeugenberichten. Aus der Verschränkung von Wahr­heit und Fiktion, minutiöser Recherche und dramatischer Handlung entwickelt der Roman einen Sog, der einen mitten hineinzieht in die jüngere Geschichte.
Alice Werner
Buch&Maus 1/19, S. 36

Mira
Sabine Lemire, Illustration: Rasmus Bregnhøi
Aus dem Dänischen von Franziska Gehm
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2018, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-189-6
Schlagwörter: Pubertät | Gefühle

#freunde #verliebt #einjahrmeineslebens

Für Eltern mag die Pubertät schwierig sein. Aber für die Heranwachsenden ist die Vorpubertät, diese Zerissenheit zwischen dem Wunsch, ein Kind zu bleiben und den Erwartungen der Peer Group, vielleicht noch komplizierter. Mit dieser Phase zwischen Barbiehaus und erstem Kuss beschäftigte sich schon Annette Herzogs und Katrine Clantes Comic «Pssst!» (Peter Hammer 2016), der auch viele Sachinformationen präsentierte. In «Mira» erzählt die Protagonistin hingegen einfach in Episoden – und oft sehr rührend – über ein Jahr ihres Lebens. Rasmus Bregnhøi findet in einfach lesbaren Panels Bilder, die durch die Detailtreue überzeugen: die Ikea-Ausstattung im neu eingerichteten «Nicht-mehr-Kinderzimmer» etwa, oder die Instagramfotos, in denen Mira nichts von ihren inneren Kämpfen zeigt. Sie hat es nämlich nicht leicht. Ihre Freundin Kar­la findet eine neue Mitschülerin, die «spielen» am Geburtstag für unter ihrer Würde hält, plötzlich viel spannender und gründet mit ihr den «Club der Verliebten». Mira wüsste auch gerne, wie Verliebtsein geht, aber als sie es mit ihrem besten Freund ausprobiert, sind beide überfordert: Was macht man denn so als Paar? Wie gut, dass sie sich zur Entscheidung durchringen können, einfach wieder Freunde zu sein, und im Hinterhof Piraten zu spielen. Und dann ist da noch die Sache mit Miras Vater: Ihn hat Mira nie kennengelernt, und während ihre Mutter – die mit dem Verlieben deutlich weniger Probleme hat als Mira – ihr immer neue Stiefväter vor die Nase setzt, verschweigt sie ihr Informationen zum Va­ter. Zum Glück gibt es eine verständnisvolle Oma, eine starke Mutter-Tochter-Beziehung und irgendwann auch wieder Kar­la, die sich auf Mira rückbesinnt. Das Leben aber bleibt aufregend – der zweite Mira-Band ist eben erschienen.
Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/19, S. 37

Flüsse dieser Erde
Peter Goes
Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2018, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75422-6
Schlagwörter: Natur | Geografie | Historisches

Eine Reise über Flüsse, Meere und Ozeane

Eine Reise entlang der Moldau sollte es einmal werden, von der österreichisch-tschechischen Grenze bis Prag. Nach drei Tagen war uns am ruhig dahinziehenden Gewässer aber todlangweilig. Wir bogen ab in abwechslungsreichere Gestade.

Keine Spur von Langeweile kommt dagegen auf, wenn man den Wasserläufen folgt, die der Künstler Peter Goes in seinem bildgewaltigen Atlas «Flüsse dieser Erde» portraitiert. Das mag daran liegen, dass die übergrossen, so farbenprächtigen wie detailverliebten Doppelseiten keinem irgendwie gearteten Realismus verpflichtet sind und der Überblick im wilden Wogen von Anekdoten und Informationen rasch verloren geht: In grosszügigen geografischen Schlenkern, massiven Zeitsprüngen und Ausflügen in mythologische Gebiete zeichnet Goes jeden Fluss als nahezu unerschöpflichen Geschichtenspeicher.

So erfahren wir zwar, dass die Themse in den Hügeln der Cotswolds entspringt und von der Quelle bis zum Meer 338 Kilometer zurücklegt. Viel interessanter und entsprechend liebevoll bebildert ist doch aber das Wissen da­rum, dass der Flussgott der Themse «Old Father Thames» genannt wurde, dass zu Zeiten der Kleinen Eiszeit auf ihrem zugefrorenen Wasser Jahrmärk­te, «Frost Fairs», abgehalten wurden, und dass der um 1840 in England ausgestorbene Säbelschnäbler seit 1947 wieder an ihren Ufern heimisch ist. Missouri und Seine, Mekong und Ganges und auch der 1120 Kilometer lange Fly in Ozeanien werden auf verspielte Weise als Schauplätze grosser und kleiner menschlicher Dramen inszeniert – aber auch und vor allem als Teil einer Natur, die sich letztlich wenig um den Ausgang dieser Dramen schert.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/19, S. 37

Hallo Leben, hörst du mich?
Jack Cheng
Verlag: cbt, Publiziert: 2018, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-31246-9
Schlagwörter: Weltall

Der 11-jährige Alex liebt Raketen, das Weltall und den Science Fiction-Film «Con­tact». Weil er sich vorstellt, dass es Ausserirdische gibt, beschliesst er, ihnen vom Leben auf der Erde zu erzählen. Seine Erzählungen nimmt er auf seinem goldenen iPod auf, den er mit einer selbstgebauten Rakete ins Weltall schiessen will. Dazu macht er sich mit seinem Hund Carl Sa­gan, einem Raketenbausatz und dem iPod auf den Weg zum SHARF-Raketenfestival nach New Mexico. Der Road Trip entwickelt früh seinen ureigenen Charme, denn Alex, der fast alles über Raketen und das All weiss und Tiefgründiges auf seinen iPod spricht, erscheint in anderen Bereichen naiv: «Will mir denn keiner auf meine Fragen antworten?», fragt er das All.
Die kindliche Sichtweise auf die Welt spiegelt sich nicht nur in den Aufnahmen und in Alex’ Weltauffassung wider, sondern führt auch dazu, dass Verhaltensweisen fehlinterpretiert werden. So sind es erst Alex’ Freunde und sein Bruder sowie seine Halbschwester, die erkennen, dass seine Mutter an Schizophrenie leidet.
Jack Chengs Roman überzeugt sowohl in der Charakterisierung der AkteurInnen als auch in der Konzeption. Die einzelnen Kapitel entsprechen Transkriptionen von Alex’ Audioaufnahmen und lassen das Geschehen aus seiner Perspektive erlebbar werden. Die Road Novel entpuppt sich zudem als Roman über das Glück, eine Familie zu finden und Freunde zu haben. Oder, um Alex zu zitieren: «Ich versuche mir vorzustellen, was ihr wohl denken werdet, wenn ihr euch diese Aufnahmen anhört, wenn ihr Geräusche und Laute eines Jungen vom Planeten Erde hört, der versucht hat, tapfer zu sein, und der die Wahrheit finden wollte und der seine Familie geliebt hat und seine Freun­de und seinen Hund, dem er nach seinem Helden und grossem Vorbild den Namen Carl Sagan gegeben hat.»

Sabine Planka
Buch&Maus 2/19, S. 30

Drei Wege
Julia Zejn
Verlag: avant, Publiziert: 2018, Seiten: 184, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-945034-99-6

Lebensnah gibt die Graphic Novel «Drei Wege» von Julia Zejn Einblick in die Alltagsräume dreier junger Protagonistinnen, die zu unterschiedlichen Zeiten in Deutschland leb(t)en. Dabei erkundet Zejn die Frage, welchen Erwartungen junge Frauen in unterschiedlichen ‹Gesellschaften› gerecht werden soll(t)en. Während sich Ida ihrem vom Ersten Weltkrieg geprägten Alltag als Dienstmädchen fügt, verliebt sich Marlies 1968 in den kämpferischen Studenten Wolfgang. Die planlose Selin dagegen wandert nach ihrem Abitur irgendwo im Jahr 2018 herum – wo sie steht und wohin sie will, weiss sie selber am wenigsten.
Die Erlebnisse der drei Protagonistinnen sind in einer simplen und doch klug durchdachten visuellen Komposition in expressiven Bleistiftstrichen und zart-blas­sen Farben verpackt. Das dreifarbige Konzept – jede Erzählebene ist in einem anderen Farbton gehalten – ordnet die unterschiedlichen Handlungsstränge. Zejns unaufgeregte und bildlastige Inszenierung wirkt kraftvoll und ausdrucksstark. Dabei lädt die Graphic Novel zu einer – wenn auch nicht allzu kritischen – Reflexion der heutigen Gesellschaft ein.
«Du lebst in einer Zeit, in der du auch als Frau alles machen darfst…», lautet die Behauptung eines Freundes von Selin. Doch ob die Gesellschaft bereits offen für ein selbstbestimmtes Leben junger Frauen ist, bleibt auch heute noch fraglich. Selin jedenfalls nutzt die Möglichkeiten unserer Gegenwart und wagt den Schritt nach vorne. Es bleibt also nur die Frage, ob zukünftige Gesellschaften die gleiche Richtung einschlagen und junge Frauen mu­tig dabei unterstützen, den eigenen Weg zu finden und zu gehen.

Nora Jäggi
Buch&Maus 2/19, S. 37

Stop Motion Studio Pro
In 11 Sprachen
Verlag: Cateater, Publiziert: 2017, ISBN/ISSN/EAN:

Wie früher das Daumenkino macht diese App aus den NutzerInnen FilmproduzentInnen. In wenigen Minuten lassen sich mit Playmobilfiguren einfache Trickfilme herstellen; vielfältige Gestaltungselemente wie Green Screen, Zeiteinstellungen, Bildoptionen, die Möglichkeit Gesichter zu animieren und Audiobearbeitungen ermöglichen auf der Basis von aneinandergereihten Bildern ausgefeilte Filmprojekte. In die App integriert ist eine Anleitung, die die Nutzung der komplexen Möglichkeiten erleichtert. Der Export der Projekte ist als Film, GIF-Datei, Einzelbilder, aber auch als einfaches PDF-Daumenkino möglich.

Viele Grüsse, deine Giraffe!
Megumi Iwasa, Illustration: Jörg Mühle
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Verlag: Moritz, Publiziert: 2017, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-337-7
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere

Giraffe hat zwar einen langen Hals – weiter als bis zum Horizont sieht aber auch sie nicht. Und doch würde es sie interessieren, wer dahinter lebt. Wer weiss, vielleicht könnte dieser Jemand sogar ihr Freund werden? Wie praktisch, dass der Pelikan aus Langeweile gerade eine Poststelle eröffnet hat. Giraffe verfasst einen Brief und wartet ungeduldig auf Antwort. Und tatsächlich: Ein Pinguin schreibt zurück! Die Briefe fliegen bald hin und her, Savannenpostbote Pelikan und Meerespostbotin Robbe sind gefordert. Der kleine Pinguin berät sich mit seinem Lehrer, dem Wal: Was mag dieser «Hals» sein, von dem die Giraffe schreibt? Und ihre Frage nach der Pinguinfarbe ist auch gar nicht so leicht zu beantworten: Das Meer ist blau, aber in einen Eimer gefüllt, ändert es die Farbe. Flugs wird der Test gemacht und im Brief vermerkt: «Übrigens bin ich schwarz-weiss. Denn meine Farbe ändert sich nicht, wenn ich in einen Eimer steige. Also glaube ich nicht, dass ich mich irre.»
Als die Giraffe genug über das Aussehen des Pinguins zu wissen glaubt, schreitet sie mit Hilfe des Pelikans zur Tat und verkleidet sich für eine Reise zu ihrem Freund als schwarzweisses Schnabeltier. Ganz richtig kommt es nicht heraus, aber zum Glück kann sich auch gut verstehen, wer nicht gleich aussieht.
Das Kinderbuch der japanischen Autorin Megumi Iwasa, das von Jörg Mühle passend zum leichten, feinfühligen Humor illustriert wurde, eignet sich dank hohem Bildanteil und überschaubarem Leseportionen gut zum Selberlesen in der Unterstufe. Genau soviel Spass macht es aber auch, sich beim Vorlesen gemeinsam über die vermeintlich logischen Schlussfolgerungen der Tiere zu freuen.
Bilder im Kopf entsprechen nicht immer der Wirklichkeit. Gut, dass die Welt gross, die Neugier aber grösser ist und dass auch eine Giraffe und ein Pinguin Freunde werden können.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/17, S. 31

Puh! So ein Glück
Ghislaine Roman, Illustration: Tom Schamp
Aus dem Französischen von Gertrud Posch und Annabel Lammers
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2017, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95939-037-8

Das Leseerlebnis beginnt, noch ehe der erste Satz gelesen ist: Immer wieder möchte man über das hochformatige Cover in dunklen Grüntönen streichen, die kühle, leicht raue Titelfläche mit den Fingern erspüren, Aussparungen ertasten und ihrem Verlauf folgen. Von dem Eichenblatt im Zentrum den feinen Stiel hinab und wieder hinauf zu einem zweiten, weiter bis zu einem dritten und wieder hinab bis zum gleichfalls in Blindprägung gedruckten Untertitel des Buches: «So ein Glück!» Ja, ein Glück ist dieses Buch. Jede Doppelseite ein Kunstwerk, eine faszinierende Waldszene folgt der anderen.

Die Geschichte, die Ghislaine Roman in pointierten Endreimen erzählt (ein Hoch auf die gelungene Übersetzung von Gertrud Posch und Annabel Lam­mers!), ist ebenso einfach wie fesselnd: Eine Eichel fällt zu Boden und wächst im Laufe der Jahre zu einem präch­tigen Baum heran. Mehr als einmal hat die Eiche Glück: Sie übersteht eine lange Dürre, trotzt den Jahreszeiten, Sturm und Feuer, und die Bag­ger lassen sie stehen. Am Ende ist sie so gross und stark, dass Kinder in ihrer Krone ein Baumhaus bauen.

Tom Schamp hat mit gedeckten Farben magische Bilder geschaffen, die lange und immer wieder angeschaut werden wollen. Ein vierseitiges «Making of» am Ende des Buches zeigt, wie sie entstanden sind, wie viele Schritte notwendig waren, um – Schicht um Schicht auf Holz gemalt – schliesslich ihren Zauber zu entfalten.

Ein beeindruckendes Bilderbuch über den Kreislauf der Natur und darüber, dass im Leben nichts selbstverständlich ist. Dass es vielmehr immer wieder glücklicher Zufälle bedarf. Wer Bäume, Wald und Wiesen liebt, wird «Puh! – so ein Glück!» nicht wieder hergeben wollen!

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/17, S. 26

Ein Loch gegen den Regen
Daniel Fehr, Illustration: Francesca Sanna
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2017, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0719-3
Schlagwörter: Tiere

Auf dem Titelbild sieht man jede Menge fragender Gesichter: In der Mitte der eifrig beschäftigte Hase und um ihn herum, von Francesca Sanna geschickt positioniert, die grösseren Tiere. Bär, Kuh, Dachs, Specht, Eichhörnchen und Biber blicken skeptisch auf den Hasen, der sich eine Höhle gräbt.
Drei Doppelseiten gehören ganz dem Bild, bevor die Dialoge zwischen den Tieren mit einstimmen. «Was machst Du?», fragt der Bär. So kommen nach und nach die Tiere zusammen, kritisieren ungefragt und sind sich einig, dass es viel bessere Lösungen gibt, um sich gegen Regen zu schützen. Doch das Wetter schafft Tatsachen, die Tiere vertun die Zeit mit Reden, und der unbeirrbare Hase wird letztendlich mit einem trockenen Ort belohnt. Wie gut, dass er nicht auf die anderen Tiere gehört hat.
«Am Anfang war der Satz ‘Nein, so geht das nicht!’», erzählt Autor Daniel Fehr. «Und hätte ich auf diesen Satz gehört, so gäbe es heute dieses Bilderbuch wohl nicht.» Seine Fabel bietet schon kleinen Kindern Zugang auf mehreren Ebenen.
Genaues Farbgespür, eine perfekte Seitenkomposition und die für Sannas
Illustrationen charakteristische Flächigkeit prägen auch das zweite Bilderbuch der jungen Künstlerin. Stilsicher und in klaren Linien auf das Wesentliche reduziert, arbeitet sie gekonnt mit den Grössenverhältnissen. «Ihre Figuren haben einen starken Charakter und sind doch nüchtern genug», so Fehr. Nach Sannas mit viel Aufmerksamkeit bedach­ten Debüt «Die Flucht» beweist sie dies nun in einem ganz anderen Thema.
Isabel Pin hat mit «Ein Regentag im Zoo» (Beltz&Gelberg 2006) gezeigt, wie Tiere mit dem Regen umgehen, und ein preisgekröntes Ratebuch daraus gemacht. Da ist Newcomerin Francesca Sanna doch in guter Gesellschaft.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/17, S. 26

Wazn Teez?
Carson Ellis
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2017, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10386-5
Schlagwörter: Natur | Nonsens | Sprachspiel

Dass dieser ulkige, bebrillte Holzwurm «Izzi» heisst und «Miwi betta an Sprossel» sowas Ähnliches wie «Wir brauchen eine Leiter», das rätselt man sich in diesem herrlich albernen Bilderbuch entlang der Illustrationen zusammen. Erzählt wird nämlich durchgängig in Fantasiesprache, einer Art Insektenkauderwelsch mit wenigen, lautmalerischen Wörtern. Dabei sind die Doppelseiten anfangs noch fast leer: Ein brauner Rand markiert den Erdboden wie auf einer Kinderzeichnung, drum herum bleibt viel weisse Fläche. Erst ist da nur ein grünes Keimblatt und eine haarige Raupe, die kopfüber an einem Ast hängt und freudig «Ba baa!» ruft. Beide werden sich im Laufe dieser Geschichte wundersam verwandeln, während es Tag, Nacht, Sommer, Herbst, Winter und wieder Frühling wird. Doch erst einmal füllt sich die Szene mit kunterbuntem Leben: Drei Käferfreunde bauen sich in der rasant wuchernden Pflanze begeistert eine «Forzung», man sieht ein Baumhaus mit allen Schikanen, dazwischen wuseln Ameisen und lustige Flügelwesen. Fast wird diese «Forzung» von der doofen Spinne Titti Schrozzler zerstört, Rettung naht in letzter Sekunde aus der Luft, dann öffnet die Pflanze nach und nach ihre gigantische Blüte. «Wazn teez?» fragt sich die Insektenschar, bis schliesslich einer «An mirobelli Freuenschuh!» verkündet. Grosses Staunen! Doch was eben noch in stolzer Pracht erblühte, ist ein paar Seiten später verwelkt und aus der Raupe ist ein Mitternachtsgeiger auf Brautschau gewor­den. Und im nächsten Frühjahr – wachsen ganz viele neue Freuenschuhs! Eine bezaubernde Bildergeschichte vom Werden und Vergehen, mit Witz und Poesie erzählt. Wer genau guckt, wird wie in der Natur noch mehr Details und Minigeschichten entdecken.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/17, S. 26

Wilmas Mäusejagd
Liliane Steiner
Verlag: Kunstanstifter, Publiziert: 2017, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-942795-49-4
Schlagwörter: Rätsel

Die grosse Zeit der «Licht an!»-Taschenlampenbücher bei Meyers ist vorbei, doch noch immer sind Bücher, in denen mittels farbiger Folie oder 3D-Brille neue Seherlebnisse generiert werden, im Trend. Das Bilderbuch «Wilmas Mäusejagd» der Basler Illustratorin Liliane Steiner hebt sich durch die aufwendige Gestaltung, die das Buch zu einem haptischen und optischen Gesamtkunstwerk macht, von der Masse ab. Der Einband ist mit zerknittertem Seidenpapier überzogen, das Papier hochwertig, die Seitengestaltung aus einem Guss. Kein Wunder – Liliane Steiner hat zwar schon länger kein Bilderbuch mehr illustriert, ihre Gestaltung des Lehrmittels «Die Sprachstarken» wurde aber bei den «Schönsten Deutschen Büchern» ausgezeichnet.
Die Geschichte im Bilderbuch ist simpel: Eine Katze durchquert auf Mäusejagd die Stadt. Auf der Suche nach etwas Essbarem gerät sie in den Wald, auf einen Bauernhof, in den Zoo, den Feierabendverkehr und viele weitere Orte, bis sie endlich wieder zu ihrer Menschenfamilie zurückkehrt. Der Text auf der linken Seite endet jeweils mit einem Suchauftrag. Nach wem hält der Jäger Ausschau? Wieso sind die Hühner auf dem Bauernhof so aufgeregt? Rechts sind die Bilder so konzipiert, dass über die feineren, hellroten und blauen Flächen Figuren aus groben roten Mustern gedruckt sind. Hält man die mit roter Folie bespannte Lupe darüber, verschwinden diese und machen den Blick frei auf die Tiere, die sich dort versteckt haben. So tritt plötzlich ein Hirsch zwischen den Bäumen hervor oder ein Fuchs stiehlt sich in das Hühnergehege.
«Wilmas Mäusejagd» ist ein vergnüglicher Such-Spass in herausragender
Gestaltung und Ausstattung – schön!

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/17, S. 27

Wir haben einen Hut
Jon Klassen
Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Bodmer
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2017, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10387-2
Schlagwörter: Eifersucht/Neid | Traum

Wer an Jon Klassen und Hüte denkt, grinst unweigerlich in sich hinein, denn sowohl «Wo ist mein Hut», als auch der Nachfolger «Das ist nicht mein Hut» zeichnen sich durch eine gehörige Portion hintergründigen schwarzen Humors aus. Mit «Wir haben einen Hut» werden nun die Hüte-Bücher zur Trilogie geadelt, wenn auch die Formate, handelnden Figuren und Inhalte gänzlich unterschiedlich sind. Verbindendes Element ist allein das Thema «Hut» und die Frage, wer ihn tragen darf und kann.
Erleichtert aufseufzen dürfen nun all jene, denen die beiden ersten Hüte-Bücher zu makaber waren: Im dritten Buch kommt kein Akteur zu Schaden. Zwei Schildkröten finden einen Hut, setzen ihn auf, sehen beide nicht wirklich schlau damit aus, bestätigen sich trotzdem gegenseitig darin, dass ihnen der Hut aber wirklich gut stünde. Indes – sie sind zu zweit, es gibt nur einen Hut, also ist klar, dass sie ihn letztlich dort lassen, wo sie ihn gefunden haben. Klassen-typisch jedoch erzählen die Bilder eine leicht vom Text abweichende Geschichte. Denn wo der Text Einigkeit suggeriert, bekommt eine der beiden Schildkröten schmale Augen und schielt nach dem Hut. Ob sie nicht doch …? Wenn die andere schläft …? Der Clou steckt diesmal im Traum. Während sich die eine der beiden Schildkröten nicht wirklich an die Abmachung hält, erzählt die andere mit geschlossenen Augen ihren Traum, in dem sie BEIDE einen Hut haben. Und diese Vorstellung ist so schön, dass sich nun auch die andere Schildkröte besinnt und zu träumen beginnt. Ein wunderbar harmonisches (Klassen-Fans vielleicht fast schon zu zahmes) Bilderbuch über den versöhnlichen Umgang zweier Interessenten mit nur einem Hut.

Maren Bonacker
Buch&Maus, 1/17, S. 27

Ein Weiser, ein Kaiser und viel Reis. Die Legende von der Erfindung des Schachspiels
Paolo Friz
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2017, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0724-7

Wieviel sind 18,45 Trillionen? Diese Menge an Reiskörnern ergäbe eine Last, die neun Milliarden Frachtschiffe mit einem Fas­sungs­vermögen von je 100 Tonnen zu füllen vermöchte. Alle diese Schiffe aneinandergereiht würde eine Kette ergeben, die weiter reicht als von der Erde zur Sonne. Unvorstellbar? Der Schweizer Illustrator Paolo Friz, von dem zuletzt 2011 das Bilderbuch «ICH knack die Nuss!» erschien, hat es sich in «Ein Weiser, ein Kaiser und viel Reis» zur Aufgabe ge­macht, genau diese schwindelnde Vorstellung in Bilder zu übersetzen. Die Legende über die Erfindung des Schachs, die in verschiedenen Weltge­genden verortet wird, setzt er in eine altchinesische Szenerie: Die Reisbauern sind verzweifelt, weil der Kaiser immer höhere Abgaben von ihnen verlangt. Sie holen Rat bei einem Weisen, der mit einem neuen Spiel beim Kaiser vorstellig wird. Der Kaiser findet Gefallen am Spiel mit den schwar­zen und weissen Feldern und möchte es dem Erfinder abkaufen – er dürfe sich dafür wünschen, was er wolle. Darauf verkündet dieser seinen vermeint­lich bescheidenen Wunsch: Für jedes der 64 Felder des Spielbrettes möchte er jeweils die doppelte Anzahl Reiskörner des vorangehenden Feldes. Das sind 264-1 Reis­körner – und damit 18,45 Trillionen. Da reichen sämtliche Reisvorräte des Kaisers nicht aus. Der Weise verzichtet auf die Menge, handelt aber aus, dass den Bauern genug zum Leben bleibe.
Paolo Friz’ Illustrationen sind stim­mungs­volle Bilder einer alten, ostasia­tischen Märchenlandschaft. Da ist jedes Detail stimmig: von den Koi-Karpfen im Aquarium des Kaisers über die Papier­wände, auf denen die Schatten spielen, bis hin zu den Teekannen. Beeindruckend etwa die Szene, in der die Arbeiter bei fahlem Mondlicht Tonnen von Reis im Kaiserhof zusammentragen müssen – und man die Schreie der Aufseher beinahe zu hören glaubt. Kaum je war Mathematik so sinnlich.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/17, S. 28

Salon Salami
Benjamin Tienti
Verlag: Dressler, Publiziert: 2017, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-0047-8
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Einer ist immer besonders.

«Überfall», brüllt Hani am Schalter der Sparkasse – doch genau so schnell wie sie ihr Tomatenmesser gezückt hat, wird es ihr vom Security-Mann auch wieder abgenommen. Bei Polizei und Jugendamt schweigt die Zwölfjährige hartnäckig, auf dem mit Kuscheltieren überladenen Sofa von Sozialarbeiterin Mira begründet sie ihre hirnrissige Aktion damit, unbedingt ins Gefängnis zu wollen. Warum? Was ist passiert? Das lässt Benjamin Tienti die Heldin seines Debüts nach dieser film­reifen Anfangsszene selbst erzählen: Mit quicklebendiger, mal trotzig-rauer, dann wieder offenherziger und zarter Stimme, in bilderreicher Sprache und mit viel Galgenhumor. Dabei wird schnell klar, dass diese Hani Salami alias Salmani nicht nur eine sehr genaue Beobachterin ist, sondern auch eine ausgesprochen eigen­willige und fantasievolle Persönlichkeit, die sich auch dann nicht unterkriegen lässt, wenn ihr das Wasser bis zum Hals steht. Und das tut es zunehmend: Seit Monaten ist ihre Mutter angeblich auf Arbeitsreise, ihr Vater hat mit seinem Herren-Frisörsalon alle Hände voll zu tun, bis zur Überforderung kümmert sie sich derweil um ihren kleinen Bruder, der neuer­dings wieder ins Bett pinkelt und Probleme in der Kita hat. Als Hani durch Zufall erfährt, dass Mama im Knast in Lichtenberg sitzt, hat sie genug von der Geheimniskrämerei der Erwachsenen. Was das alles mit Onkel Ibos krummen Geschäften im Hinterzimmer zu tun hat und wie Hani mit Miras Hilfe, einem verrückten Plan und einem spektakulären Mobilée vieles zum Guten wendet, ist eine spannende Geschichte im Berliner Multi­kulti-Milieu, mit viel Herz und pointierten Dialogen erzählt. Barbara Jung zeichnet pfiffige Vignetten dazu.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/17, S. 31

Der Kaugummigraf
Kirsten Reinhardt
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2017, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55654-7

«Ein Kaugummi ist wie ein Fingerabdruck, nur viel besser»: Wer das sagt, ist nicht etwa ein Detektiv in den Fussstapfen von Sherlock Holmes, sondern ein etwas komplizierter, höchstwahrscheinlich stark zwangsneurotischer Mann. Als Grafen­sohn geboren, später in eine Anstalt abgeschoben, aus der er fliehen konnte, verlebt er seine alten Tage als Herrscher über einen ausrangierten Bahnhof. Zusammen mit seinem Hund Schmitt, der eigentlich Mustafa heisst. Wir kennen solche verkorksten alten Männer aus der Kinderliteratur schon länger, und so erstaunt es nicht, dass auch dieser Alpöhi sein Heidi findet. Das kleine Mädchen, das Chaos und Lebensfreude ins Leben des Alten bringt, heisst Eli und hat absolut keine Manieren. Dennoch, oder gerade deshalb, schliessen die beiden schrägen Vögel einander ins Herz. Bald schon zeigt der Graf Eli seine einzigartige Sammlung von Kaugummis, allesamt gebraucht, und erzählt ihr zu jedem der ekligen Dinger eine Geschichte, die in haarsträubendem In­halt und grausigem Ton an die Schauerromantik gemahnt.
Die Kaugummigeschichten sind das Herzstück des neuen Kinderromans der Berliner Autorin Kirsten Reinhardt. Denn in den abgelegten Gummis sammelt sich buchstäblich die DNA der Eltern, Erzieher und Anstaltskameraden, die dem Grafen in seiner Jugend das Leben sauer gemacht haben. Ihre dunkelsten Geheimnisse, aber auch ihre Sorgen und Nöte sind für alle Zeiten ins zähe Material eingekaut. So skurril die Idee auch sein mag – passend zu Reinhardts wunderbar verdrechseltem Stil –, so einleuchtend, ja geradezu zwin­gend erscheint es einem am Ende des Romans, Lebensgeschichten anhand der zähen, klebrigen Batzen zu erzählen, die unerkannt unsere Welt bevölkern.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/17, S. 32

Die Mississippi-Bande
Davide Morosinotto
Aus dem Italienischen von Cornelia Panzacchi
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2017, Seiten: 368, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-18455-7
Schlagwörter: Abenteuer

Wie wir mit drei Dollar reich wurden

Louisiana, um 1900: Wie jeden Tag treffen sich Te Trois, Eddie, Julie und deren kleiner Bruder Tit in der geheimen Hütte in den Sümpfen des Bayou. Doch heute ist ihr Glückstag, und sie ziehen beim Angeln eine verbeulte Blechdose mit drei Dollars aus dem Mississippi. Mit Tricks und Kniffen bestellen die Freunde damit einen Polizeirevolver aus dem Versandkatalog von Walker&Dawn. Doch statt der Waffe enthält das Päckchen nichts als eine alte, kaputte Taschenuhr. Die allerdings scheint Gold wert zu sein: Ein Bote bietet den Kindern dafür eine ungeheure Summe – wenig später liegt er tot in den Sümpfen und die vier paddeln in ihrem Einbaum Richtung New Orleans. Etwas Besseres als ihr armseliges Leben gibt es überall, also werden sie die Uhr selbst zu Mister Walker nach Chicago bringen und die Belohnung kassieren. Ihre Reise quer durch die USA ist ein spannendes und gefährliches Abenteuer, das der preisgekrönte italienische Autor Morosinotto seine HeldInnen abwechselnd erzählen lässt und mit vielen historischen Details spickt: Mit dem Schaufelraddampfer reisen sie flussaufwärts und als blinde Passagiere im Güterzug durch die Prärie, sie treffen Schlitzohren, Falschspieler und Landstreicher, erleben riesige, trubelige Städte, Industrialisierung und Rassismus. Wie durch ein Wunder landen sie wirklich bei Mister Walker vom Versandhaus – und damit mitten in einem der spektaku­lärsten Kriminalfälle Chicagos: Wer hat die Firmengründerin Miss Dawn wirklich ermordet? Und wo sind ihre millionenschweren Inhaberpapiere?
Abenteuerroman, Reisereportage und Krimi in einem, dazu eine Hommage an Freundschaft und Freiheit – Morosinotto hat eine packende Zeitreise auf den Spuren Huckleberry Finns geschrieben, bebildert wird sie mit alten Landkarten, Zeitungsartikeln und Versandhausseiten.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/17, S. 32

Eine Insel für uns allein
Sally Nicholls
Aus dem Englischen von Beate Schäfer
Verlag: dtv, Publiziert: 2017, Seiten: 216, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64028-2
Schlagwörter: Geschwister

Die Vorstellung, dass Kinder in unserer heutigen Gesellschaft auf sich allein gestellt sein können, fällt vielen von uns schwer. Und doch gibt es Kinder, die sich durchwursteln, indem sie nach aussen hin den Schein bewahren, es wäre alles in Ordnung – wie die dreizehnjährige Holly, ihr grosser Bruder Jonathan und ihr kleiner Bruder Davy. Nach dem Tod der Mutter hat der gerade volljährig gewordene Jonathan auf seinen Studienplatz verzichtet und stattdessen die Pflege seiner beiden jüngeren Geschwister übernommen. Sie kommen gerade so über die Runden, nur darf nichts Unvorhergesehenes passieren, wie etwa die kaputte Geschirrspülmaschine, die ihre Wohnung unter Wasser setzt, oder Davys krankes Kaninchen, das nur überleben kann, wenn es eine kostspielige Operation erhält. Greift das Sozialamt beim Wasserschaden noch helfend unter die Arme, ist ein Kaninchen in ihren Augen nicht weiter wichtig – doch Holly will das nicht kampflos akzeptieren. Anhand einiger Fotos, die ihr Tante Irene auf dem Sterbebett in die Hand gedrückt hat, versucht sie herauszufinden, wo der Schmuck versteckt sein könnte, den die Kinder laut Testament geerbt haben. Eine Suche, die sie quer durch England bis hinauf zu den Orkney-Inseln führt.
Sally Nicholls lässt Holly ihre abenteuerliche Geschichte um Hoffnung, Enttäuschungen, Hilfsbereitschaft und neue Freundschaften selbst erzählen. Einmal mehr hat sie einen umwerfenden, anrührenden Kinderroman verfasst, in dem die deprimierende Situation der Kinder durch die vielen Menschen aufgehoben wird, die zwar alle selbst kein Geld haben, aber Holly und ihren Brüdern auf andere Weise weiterhelfen – über Vernetzung und Ermutigung. Ein bemerkenswerter moderner Abenteuerroman um eine überlebenswichtige Schatzsuche.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/17, S. 33

Gar nichts von allem
Christian Duda
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2017, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82213-0

Wie der tiefbegabte Rico in Andreas Steinhöfels Kinderbüchern schreibt auch der elfjährige Magdi Berichte über seinen Alltag. Der Nachhilfelehrer hat ihm den Auftrag gegeben. Magdi ist offensichtlich alles andere als tiefbegabt, und seine Einträge sind, trotz manchmal brachialem Humor, voller Wut auf die Ungerechtigkeiten, die ihm widerfahren. Zum Beispiel von der Deutschlehrerin, Frau Voll. Vom arabischen Namen des Jungen geblendet, sieht sie, wie viele andere auch, nur den inkompetenten Ausländer in ihm.
Manchmal übertreibt es Magdis Er­fin­der Christian Duda mit den pennälerhaft-flotten Sprüchen, die wohl das Salz in der Suppe sein und vor allem etwas «comic relief» bieten sollen. Der ist auch bitter nötig. Denn insgesamt ist «Gar nichts von allem» eine eindrückliche und erschüt­ternde Lektüre, die, gerade für junge Leser­Innen, ohne den saloppen Sound schwer zu ertragen wäre. Der Ich-Erzähler wächst mit einer deutschen Mutter und einem aus einem nicht näher bezeich­neten arabischen Land stam­men­den Vater sowie drei Geschwistern in den 1970er-Jahren auf. Wenn man Magdis Berichte liest, weiss man nicht, was schlimmer ist: Der unverhohlene Rassismus, der den Kindern entgegenschlägt, oder die Lieblosigkeit der Eltern, die um jeden Preis erreichen wollen, dass ihre Kinder etwas Besseres sind. Der Junge fühlt sich hoffnungslos ausgeliefert: Der Vater verprügelt die Kinder, die Mutter ist seine Komplizin. Rettung erträumt sich Magdi von seinem Idol Mohammed Ali. Und malt sich Rache­fantasien aus: «Wenn ich mal so gross wie Vater bin, hau ich zurück, aber ohne Glatze!»
Das Drehbuch des Romans richtet sich nach unglücklichen Familien im richtigen Leben und nicht nach den Regeln des Kinderbuchs, denn am Ende gibt es keine Versöhnung mit den Eltern. Doch das Schreiben hilft Magdi dabei, seine eigenen Stärke, seine Stimme zu finden und sich zu wehren – was gemeinsam mit den Geschwistern auch gelingt.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/17, S. 33

Das Jahr, in dem ich lügen lernte
Lauren Wolk
Aus dem Englischen von Brigitte Kollmann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2017, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25494-7

Annabelle ist elf und bekommt eine neue Mitschülerin: die schwer erziehbare, 15-jährige Betty. Diese wurde zu ihren Grosseltern aufs Land geschickt in der Hoffnung, dass sie sich bessert. Doch mit ihr hält das Böse Einzug in das idyllische Landleben. Erst lauert sie Annabelle auf und verprügelt sie, dann wirft sie mit Steinen, so dass Annabelles Freundin Ruth ein Auge verliert. Als Betty dann den Outlaw und – wie sich später herausstellt – Kriegsveteran Toby, der auf dem Land von Annabelles Eltern lebt, bezichtigt, den Stein geworfen zu haben, überschlagen sich die Ereignisse, an deren Ende für Annabelle der Vorsatz steht, immer «die Wahrheit zu sagen […] über Dinge, vor denen man unmöglich die Augen verschliessen darf».
Retrospektiv berichtet die Erzählerin von den Geschehnissen. Sie erzählt von Misstrauen, von Bösartigkeiten, von Lügen und Anschul­­­­di­gungen, aber auch von Freundschaft, Vertrauen, Hilfsbereitschaft, Familien­zusam­men­­halt und vor allem davon, wie man sich in Menschen irren und ihnen Unrecht tun kann. Mit einer beeindruckenden Leichtigkeit lässt Lauren Wolk ihre Erzählerin vom Farm­leben in der USA während des Zweiten Weltkriegs berichten. Das Weltgeschehen ist auch in diesem kleinen Kosmos auf dem Land spürbar – etwa wenn die Farmer und deren Kinder Kapseln von Seidenpflanzen sammeln, die den Schwimmwesten der Marine Auftrieb verleihen sollen, aber auch, wenn Toby Annabelle von den Gräueltaten erzählt, die er selbst im Krieg erlebt hat, und Annabelle beschliesst, «dass ich selbst niemals Söhne bekommen würde».
Den LeserInnen bietet sich ein Roman, der nachdenklich macht und anregt, sich mit Vorurteilen auseinanderzusetzen, der aber auch gleich­zeitig an das Gute im Menschen, an Courage und Menschlichkeit appelliert.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/17, S. 33

Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle
Timothée de Fombelle
Aus dem Französischen von Sabine Grebig und Tobias Scheffel
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2017, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5879-0

Leichtfüssig springt der Ich-Erzähler nicht, als er als Jugendlicher aus der Waldhütte des seltsamen alten Mannes mit den vielen Koffern entkommen will. Denn beim Sprung aus dem Fenster verletzt er sich den Fuss und kehrt sogleich reumütig zum Alten zurück. Zwischen Welten und Zeiten zu springen fällt ihm da deutlich leichter: Im neuen Jugendbuch von Timothée de Fombelle bewegen wir uns nicht nur mühelos zwischen dem Paris der Zwischenkriegszeit und dem heutigen Venedig, sondern auch zwischen der Welt der Feen und verbannten Königskinder und der unseren mit ihrer Schön­heit eines Pariser Schaumzuckerladens und den Abgründen des Zweiten Weltkriegs.
Jener alte Mann in der Waldhütte mit den sorgfältig verpackten Schätzen in den Koffern lässt den Erzähler nicht mehr los. Jahre später macht er sich auf die Suche nach ihm. Und er erzählt uns dessen Geschichte, die sich erst nach und nach wie ein Puzzle zusammenfügt. Jene des Königssohns Ilån, der, vom Bruder gehasst, sich in eine Fee verliebt hat und aus der Märchenwelt verbannt wurde. Der als Adoptivsohn des jüdischen Schaumzuckerhändlers Perle ein menschliches Leben annahm und doch nie die Fee Oliå vergessen konnte. Der darum begann, Beweise für die Existenz der Märchenwelt zu sammeln, um so seinem Exil zu entkommen: «Statt den Ausgang zu suchen, musste er diese Welt verändern, die es sich versagte, an andere Reiche zu glauben. Sein Gefängnis war der Zweifel. Durch Beweise würde er es sprengen.»
Wie schon in «Vango» mit dem der französische Autor und Dramatiker für den Deutschen Jugendliteraturpreis nomi­niert war, spricht de Fombelle mit «Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle» Jugendliche und Erwachsene an, fordert sie heraus und lässt seine Freude am Erzählen aus den Seiten funkeln.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/17, S.34

Dark Noise
Margit Ruile
Verlag: Loewe, Publiziert: 2017, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7855-8446-0

Zafer arbeitet als Bildretuschierer für Filmproduktionen. Er lässt Produktlogos verschwinden oder ersetzt sie durch erfundene Symbole. Gleichzeitig baut er kleine selbstkreierte Monster in einzelne Szenen ein, die die ZuschauerInnen kaum bemerken. Eines Tages erhält er einen Auftrag des ihm unbekannten Laurin: Zafer soll in einer Videoaufzeichnung einer Tief­garage das Nummernschild eines Autos unkenntlich machen. Zafer sagt zu und erhält neue Aufträge: Aus einem Video soll er einen Mann löschen, in ein anderes einen hineinkopieren. Zafer macht trotz Bedenken mit – und findet sich verstrickt in ein Netz aus Lügen und Betrügereien. Dahinter steht ein Konzern, der Überwachungskameras zur Sicherheit der BürgerInnen in den Strassen installiert hat…
Ruiles Roman ist spannend – sehr spannend. Das liegt an der gewählten
The­ma­­tik und an der Konstruktion der Handlung, in der die Erzählinstanz eine massgebliche Rolle spielt und Überra­schendes bereithält. Erst berichtet sie von aussen über Zafer und bringt sich immer wieder kommentierend ins Geschehen ein, was eine Distanz manifestiert – nur um diese nach einem knappen Drittel einzureissen: Die Erzählinstanz selbst ist in das Geschehen verwickelt!
Die Autorin ist nach Studium und Lehrveranstaltungen an der Münchener Filmhochschule zum Schreiben gekommen. Diese filmische Vergangenheit ist ihrem Stil anzumerken: Visuell und plastisch entsteht das Geschehen vor dem inneren Auge der LeserInnen. Die Geschichte ist komplex konstruiert und folgt dennoch dem traditionellen Muster David gegen Goliath. Verwoben mit dem aktuellen Thema der omnipräsenten Überwachung und der Möglichkeit von Missbrauch und Verfälschung dieser Aufnahmen gesellt sich Ruiles Roman zu anderen Werken, die virtuelle Realitäten in den Mittelpunkt stellen, etwa Ursula Poznanskis «Layers» (Loewe 2015). Ein intelligenter Roman – nicht nur für jugendliche LeserInnen!

Sabine Planka
Buch&Maus 1/17, S. 36

Der siebente Bruder
Øyvind Torseter
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2017, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5900-1
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein

Was einpacken, wenn man sechs Brüder aus den Händen eines Trolls befreien soll? Auf dem Aufschlagsbild zu Øyvind Torseters Graphic Novel «Der siebente Bruder» sind die Dinge fein säuberlich ausgelegt, die Hans in seinen Rucksack stopft: Schlafsack und Tauchflossen, Gummistiefel und gebratene Hähnchen.
Zu Beginn wird noch unbebildert der Anfang dieses norwegischen Volksmär­chens erzählt, das Torseter in der Folge nicht nur in Comicform umwandelt sondern auch mit einigen verrückten Ideen ergänzt. Hans’ sechs ältere Brüder sind auf Rat des alten Königs ausgezogen, um Prinzessinnen zu freien. Allesamt wurden sie vom Troll versteinert. Nun ist die Reihe an Hans – mit seinen spitzen Ohren und der grossen Schnauze wohl eng verwandt mit der Figur in Torseters Bilderbuch «Das Loch». Im ursprünglichen Märchen hilft der Königssohn auf dem Weg Rabe, Lachs und Wolf. Hier trifft er auf seinem abenteuerunlustigen Klapperpferd, das an Don Quichottes Rosinante erinnert, zufällig auf ein Saxophon, das ihm noch nützlich sein wird (und für das im Gepäck tatsächlich noch Platz ist) und hilft einem Elefanten, der ihm wortwörtlich Hindernisse aus dem Weg räu­men wird. Denn in der schaurigen Höhle des Trolls wartet eine hübsche Prinzessin auf einem roten Sofa und gemeinsam kommen sie dem Geheimnis um das Herz des Trolls auf die Spur.
Hans’ Heldentaten stehen in schönem Kontrast zu Torseters Bildwelten, die wie schnell hingekritzelt erscheinen und doch erstaunlich viel Gefühl übermitteln: Sei es, wenn der Bildhintergrund plötzlich romantisch orange wird, als Hans und die Prinzessin sich näherkommen, sei es, wenn es Hans auf dem grossen Plumpsklo des Trolls verständlicherweise unge­mütlich ist. «Der siebente Bruder» ist eine schräge Märchenparodie, deren Humor Kinder und Erwachsene begeistern wird.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/17, S. 37

Das grosse Wissenssammelsurium
Richard Platt, Illustration: James Brown
Aus dem Englischen von Christane Manz
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2017, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5950-6

Warum gibt es im lateinischen Zahlensystem keine Null – und wann kam sie hinzu? Wie sind Atome aufgebaut, und wie setzt sich ein Orchester zusammen? Was ist unter der «Anatomie der Buchstaben» zu verstehen, und wie heissen die menschlichen Körperorgane? In «Das grosse Wissenssammelsurium» infor­mie­ren 30 Bildtafeln über das Sonnensystem, Wolkenklassifikation, See­­manns­knoten oder regelmässige Polygone. Wissenshungrige Kinder (und Erwachsene!) ab zehn können in dem grossformatigen, edel ausgestatteten Sachbilderbuch blättern und werden dabei vielleicht das eine oder andere Vertraute entdecken, aber überwiegend Neues erfahren. Viel­leicht MUSS man die Bedeutungen des internationalen Signalbuchs nicht kennen, ebensowenig wie das Morse- oder Winkeralphabet, aber es ist halt doch ungemein lässig, wenn man sein fachkundiges Wissen an passender Stelle mal eben ins Gespräch einfliessen lassen kann.
Für Kinder, die sich von kuriosen Fakten begeistern lassen, ist dieses graphisch wunderschön gestaltete Buch, das jede Doppelseite in einem anderen, kräftigen Farbton präsentiert, eine wahre Fundgrube. Neben Fach­wissen werden auch kuriose Geschichten geboten, die etwa erklären, warum das chemische Element Cobalt nach einem Kobold benannt ist. Musik­fans freuen sich über das moderne Stück, in dem drei Staubsauger und eine Bodenpoliermaschine zu Gehör kommen. Abgerundet mit Informationen über das Auge und optische Täuschungen, verschiedene Sorten von Schrauben und Papierformate steht das grandiose Sammelsurium in der Tradition der alten Konversationslexika, die man sicher nicht von vorne bis hinten durchlesen, aber doch immer wieder fasziniert zur Hand nehmen wird.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/17, S. 37

Tscheng Bam Bumm
Frédéric Stehr
Aus dem Französischen von Markus Weber
Verlag: Moritz, Publiziert: 2017, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-339-1
Schlagwörter: Musik

Bei diesem Pappbilderbuch ist der Titel Programm: Vier Vogelfreunde kommen nacheinander dazu, als die kleine Eule ganz vertieft ein Bom-Bam-Bom-Pfannen-Kellen-Konzert anstimmt, und tun so­gleich fröhlich mit. Auch Deckel, Schüs­sel, Salatsieb und Kuchenblech eignen sich bestens für musikalische Höhen­flüge bis zum wildesten, fünfstimmigen Dschong-Kalang-Bom-Tscheng-Bum-Dong!
Doch da unterbricht Mama Eule das lautstarke Stelldichein – und überrascht die Kinder mit einem Kuchen. Frisch gestärkt stellt sich den kleinen MusikantInnen die Frage, was sie nun als nächstes in Angriff nehmen wollen. Die neue Idee lässt nicht lange auf sich warten (und könnte bei genauer Betrachtung nicht ganz allen Erwachsenen gefallen)!
Angetrieben von kindlicher Neugier und der Selbstverständlichkeit des Spielens erleben die Vogelkinder ein lustvolles Miteinander. Schön, dass die das Spiel zwar unterbrechende Mama nicht wirklich eine Spielverderberin ist, sondern zu erkennen scheint, dass Musi­zieren hungrig macht und das Spiel der Kinder mit ihrem Kuchen wertschätzt.
Für die Betrachtenden entfaltet sich ein kraftvolles Hörbuch, einfach so, ohne jede Technik, nur durch die Kraft der Geschichte und der Illustrationen. Man kann fast nicht anders, als selbst ins Konzert einzustimmen!
Der Fokus liegt ganz auf der mit leichtem Strich gezeichneten, bunten Vogelschar und ihrem Tun, auch weil der immer gleiche Raum nur mit hellem Strich angedeutet ist und sich erst ganz zum Schluss für die neue Idee der Vogel­­kinder ändert. Witzig auch, dass sich die Schriften durch die unterschiedlichen Farben den einzelnen Gerätschaften und Vögeln zuordnen lassen.

Barbara Jakob
Buch&Maus 2/17, S. 26

So müde und hellwach
Susanne Strasser
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2017, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-779-50564-8
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen

Sechs Tiere liegen da nebeneinander und unter einer Decke. Einschlafen wäre angesagt. Na, das kann ja nicht gutgehen! Und tatsächlich, der Seebär hat die Augen weit offen und ist überhaupt nicht müde. Er muss noch aufs Klo. Von den Geräuschen – pitsch patsch, pitsch patsch – wacht das Krokodil wieder auf. Ihm fällt ein, dass es ja noch seine Zähne putzen muss. Dann wird der Pelikan von seinem grossen Durst geweckt. Ein Tier nach dem anderen liegt auf einmal nicht mehr unter der Decke, bis wir alle (Kuschel-)tiere mit dem Kind im anderen Bett liegen sehen. Wie dieses alle wieder vertreibt, wird hier nicht verraten.
Sicher ist, dass Susanne Strasser nach «So weit oben» und «So leicht, so schwer» wieder ein Pappbilderbuch gelungen ist, das Humor, Lautmalerei und ein Thema aus dem Kinderalltag gekonnt miteinander verknüpft. «Ich wollte diesmal ein anderes Personal, sperrigere Tiere, die man so nicht im Bett vermuten würde. Die Figuren zeichne ich erst realistisch, um dann zu reduzieren. Dabei sind mir die Blicke sehr wichtig», erzählt die Münchner Illustratorin. Über die Blicke transportiert sich tatsächlich enorm viel Witz. Herrlich, wie viele verschiedene Ausdrücke ihr gelingen, ohne zeichnerisch viel zu verändern! Für die Flächentextur verwendet sie Naturpapier. Strasser arbeitet in einer Mischtechnik aus handwerklicher Monotypie für den körnigen Strich der schwarzen Konturen und mit digitaler Weiterverarbeitung für die Colorierung.
Das Gute-Nacht-Buch «So müde und hellwach» ist besonders empfehlenswert für Kleinkinder ab zwei und Erwachsene – ein grosses gemeinsames Vergnügen!

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/17, S. 26

Spielplatz
Mies van Hout
Verlag: Aracari, Publiziert: 2017, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-905945-66-9
Schlagwörter: Spiel

«Komm, wir gehen zum Spielplatz! Gehst du mit?» Natürlich folgen wir den zwei motivierten Kindern und ihrer Katze mit Hut auf die nächste Seite – und sind schon mitten drin. Auf weissen Wegen durch den Garten, an Lianen über die Bäume (aber Achtung, nicht die jungen Vögel stören!), auf Brettern und Ästen über den Krokodilfluss, durch die Brombeerhecken und eine gefährlich dunkle Höhle, am vielarmigen Ungeheuer vorbei und dann – steht da der Spielplatz mit einem einsamen Schau­kelgerüst. Wie langweilig! Gleich wieder umkehren!
Interaktive Bilderbücher sind im Trend, dieses wartet mit einer neuen Idee auf. Mit dem Finger gilt es, den Weg durch die Doppelseiten zu finden und sich etwa den sicheren Brückenweg über den Fluss mit den Krokodilen zu suchen. Damit knüpft das Konzept an die «Suche den Weg!»-Labyrinthe an, die auf keiner Kinderrätsel-Seite fehlen dürfen, doch sind Mies van Houts Bilder farbig-fröhlich, mit vielen wimmligen Tierfiguren angereichert und sprechen die Sinne an. Den Finger auf den Seiten verrennt sich das betrachtende Kind mal in einen Irrweg, muss wieder herausfinden, trifft auf Junge, Mädchen oder Katze, die mit durch die Seiten rennen und wird dabei von einfachen Aufträgen auf den Seiten geleitet – eine Art «Jump‘n’Run-Game» auf Papier. Das Kind bahnt sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes selbst einen Weg durch die Geschichte, die dabei erst entsteht. Der Spielplatz ist nicht das armselige Schau­kelgerüst, sondern einerseits der Weg dahin mit allen Abenteuern, die es dabei zu erleben gibt, anderseits aber auch das Buch selbst, das zum Spielen einlädt.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/17, S. 26

Der Wunderkasten
Rafik Schami, Illustration: Peter Knorr
Verlag: Edition Bracklo, Publiziert: 2017, Seiten: 52, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-98-174432-3
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Kulturen

Kamishibai in Syrien. Vermutlich kannte in der Zeit, von der Rafik Schami hier erzählt, niemand in Damaskus das japanische Erzähltheater. Aber auch erst wenige kannten es hierzulande, als «Der Wunderkasten» 1990 bei Beltz&Gelberg erstmals erschien. Deshalb sei die Neuausgabe neu angepriesen; und das gleich vorweg: Sie ist schöner gesetzt und besser lithographiert als die alte Version.

Wie so oft erzählt Schami auch vom Erzählen. Immer wenn der alte Mann in den Hof kommt und seinen Wunderkasten aufstellt, strömen die Kinder zusammen (und wer ihm ein Glas Wasser bringt, darf gratis zuschauen). Und dann beginnt das Spektakel: Der Alte erzählt von Sami und Leila, von deren unmöglicher Liebe und von der Notwendigkeit aus Liebe gegen die Normen zu verstossen. Das alte Lied, in alter Manier gemalt. Und alt ist nicht nur der Erzähler, sondern auch die Papierrolle, die er in seinem Guckkastenkino vorbeiziehen lässt. Im Lauf der Jahre wird die Rolle immer brüchiger. Aber wer kann noch so malen wie einst? Der Alte flickt die Löcher mit Werbebildern. Der arme Sami hütet nun nicht mehr Ziegen, er wird Lehrling in einer Autowerkstätte. Und für Leila, die längst Kolgata heisst, weil sie ihr Lächeln neu aus einer Zahnpastawerbung hat, verlangt ihr Vater nicht mehr Kamele, sondern eine Limousine.

Peter Knorr hat die Veränderung der Bilderrolle genial illustriert. Den Wandel von der Miniaturenmalerei zur Inserate­collage inszeniert er stimmungsvoll und urkomisch. Nicht verraten sei, wie Schami die Geschichte auflöst. Aber gedankt sei der Edition Bracklo, die sich in Deutschland, wo das Kamishibai noch immer nicht so verbreitet ist wie in der Schweiz, zu einem Kompetenzentrum für diese Kunst entwickelt.

Hans ten Doornkaat
Buch&Maus 2/17, S. 27

Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin
Pei-Yu Chang
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2017, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10382-7
Schlagwörter: Philosophie | Migration | Krieg

Auf dem Cover zwinkert uns ein bebrillter Mann mit Zylinder zu. Er legt einen Finger auf den Mund: Pssst – hier geht es um ein Geheimnis! Unabhängig davon, ob man weiss, wer Walter Benjamin ist, und ob man ihn in der Collage-Zeichnung erkennt, packt einen das Bilderbuch der taiwanesisch-deutschen Künstlerin Pei-Yu Chang sofort – und zwar buchstäblich. Sobald man es aufschlägt, wird man in einen Koffer gepackt, denn auf dem Vorsatz erwartet uns dessen leeres Inneres. Darin, das erfahren wir beim Weiterblättern, muss ein ganzes Leben Platz haben. Doch Herr Benjamin, wie der Philosoph im etwas gar kindlich formu­lierten Text genannt wird, schleppt den Koffer mit auf seiner Flucht aus Paris in die Pyrenäen; über grüne, dramatisch stili­sierte Berge, unter einer heissen roten Sonne. «Was in diesem Koffer ist,», sagt er, «kann alles verändern. Er ist mir das Allerwichtigste, wichtiger als mein Leben.»

Im Bilderbuch überlagern sich zwei Geschichten. Einmal die Flucht von Walter Benjamin vor der Verfolgung durch das NS-Regime. Dazu gehört auch die Widerstandskämpferin Lisa Fittko, die ihn als Fluchthelferin zur spanischen Grenze führte. Darüber legt sich die Geschichte seines Koffers, die ebenfalls wahr ist, doch weniger aus dem Leben denn aus den Essays von Benjamin zu stammen scheint. Was es mit diesem Koffer auf sich hat, was darin war, weiss niemand.

Die Collagetechnik erlaubt es Pei-Yu Chang, die beiden Ebenen der Erzählung zu verbinden, ohne die Brüche verschwinden zu lassen. So wird das Buch fast zu einem von Benjamins Werk inspirierten Denkbild – der Koffer als Raum, in dem, wie in der Collage, Dinge nebeneinander Platz finden, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Nur über die Figur von Walter Benjamin sind sie verbunden.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/17, S. 27

Ist Ida da?
Antonie Schneider, Illustration: Julie Völk
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2017, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-073-6
Schlagwörter: Freundschaft | Sprachspiel

Alle warten auf Ida. Ohne sie wirkt der ovale Garten zu ruhig und zu leer. Die Tiere schauen traurig und hoffnungslos. Wie kann man die Zeit bis zur Ankunft des Mädchens nur überbrücken?

Der knappe, lautmalerische Text regt die Betrachtenden an, zu schauen, ob sie Ida vielleicht irgendwo entdecken, zu überlegen, wie sich Warten anfühlt und sich mit allen Tieren zu freuen, als Ida endlich da ist. «Da es kaum Text gibt und der Stil am Anfang noch stärker von DADA inspiriert war, hat mir Antonie Schneider Regieanweisungen zu ihren Worten gegeben», so die ausgezeichnete Wiener Illustratorin Julie Völk, die schon einige bemerkenswerte Bilderbücher vorgelegt hat. Poesie, Nonsens, Philosophisches und kluge Wortspiele: Das sind die Stärken von Autorin Antonie Schneider, die auch in diesem Bilderbuch zur Geltung kommen.

Ein zarter Strich, Farbgespür und die Fähigkeit, Räume entstehen zu lassen, prägen die Illustrationen. Das Hochformat und eine stimmige Typografie runden Text und Bild ab. «Die besondere Herausforderung dabei war, alles nur in dem einen Garten spielen zu lassen. Ausserdem muss ich mir trotz der vorgegebenen Geschichte genug Freiraum schaffen, um auf interessante Bildideen zu kommen», so Völk. Daran mangelt es den charmanten und humorvollen Illus­tra­tionen in Pastellkreide und Stempeltechnik wirklich nicht. So viel kann man entdecken: ein Figurentheater mit einer Kiste voller Handpuppen, den angelnden Frosch oder Hund und Katze, die sich die Zeit vertreiben, bis Ida endlich kommt.

«Ich bin da! Du bist da! Ida ist da! Alle sind da. Alles ist gut!», so schliesst das gefühlsintensive, emphatische Bilderbuch. Das Warten hat ein Ende und die Freude ist gross!

Antja Ehmann
Buch&Maus 2/17, S. 27

Marta & ich
It's Raining Elephants
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2017, Seiten: 88, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0730-8
Schlagwörter: Freundschaft

Marta hat schon mal einen Katzenhai und einen Brillenbär gezeichnet, heute pinselt sie einen riesigen Löwen aufs Papier. «Voilà! Hier war ich!», erzählt der seinen Bilderbuchleserinnen und -lesern und steigt mit einem charmanten «Bonjour Madame, gestatten Sie?» aus dem Bild und von der Wand. Und seine Schöpferin? Ist so cool wie jener Max aus «Wo die wilden Kerle wohnen» und weiss, wie Monster­zähmen geht: «Marta zeigte mir ihre Krallen und knurrte! Von da an folgte ich ihr auf Schritt und Tritt.»
Weil Marta zudem voller Fantasie und Ideen steckt, erleben die beiden spannende Abenteuer: Flugs malt sie auf ihr Bett ein paar Bootsstreifen und drumherum mit wässrig-breiten Pinselstrichen die Wellen, schon geht es bei pfeifendem Wind und Möwengekreisch auf grosse Fahrt. Nach einem Nickerchen auf dem schaukelnden Ozean landen die beiden im Dschungel, spielen Verstecken, machen eine Wasserschlacht, tanzen, turnen, schreien, streiten und vertragen sich wieder. Bis die Nachbarn an die Wände klopfen, dann sausen sie im Taxi raus aus der Stadt. Dort, hoch oben in den Wolken, verlieren sich der Löwe und Marta aus den Augen. Macht aber nichts, Freunde bleiben sie trotzdem…

Das mehrfach ausgezeichnete Illustratorinnen-Duo It’s Raining Elephants alias Nina Wehrle und Evelyne Laube aus Luzern setzt diese Hommage an die Kreativität mit wenigen Worten und überbordenden Bildern sehr originell in Szene: Martas Zuhause mit all seinen Gegenständen wird detailliert mit schwarzem Konturstrich wie in einem Ausmalbuch bebildert, ihr Kopfkino in dynamischem Strich und leuchtenden Grund­farben. Das spritzt, saut und kleckert so grosszügig wie die zwei Protagonisten bei ihren ausgelassenen Spielen. Ein wilder Ausflug in das Land der Fantasie!

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/17, S. 28

Als Marta einen überlebensgrossen Löwen malt, springt dieser plötzlich lebendig aus dem Papier. Doch Marta weiss, wie Monsterzähmen geht. Der Löwe folgt ihr in wilde Abenteuer und an fantasievolle Orte, die das kecke Mädchen mit dem Pinsel schafft.

Grododo
Michaël Escoffier, Illustration: Kris Di Giacomo
Aus dem Französischen von Anna Taube
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2017, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-51509-4
Schlagwörter: Humor/Komik | Schlaf/Einschlafen

Der Hase Cäsar möchte schlafen gehen. Nach einem ereignisreichen Tag hat er sich eine erholsame Nacht verdient. Alles, was Cäsar dafür braucht, ist am richtigen Platz. Denn ohne ein Glas Wasser, einen Kontrollblick unter das Bett und einigen weiteren Ritualen geht es nicht ins Bett! Doch es dauert nicht lang und schon ist ohrenbetäubender Lärm zu hören: ein Specht. Cäsar muss aufstehen und gehörig mit dem rücksichtslosen Vogel schimpfen. Auch der zweite Versuch, endlich einzuschlafen, ist zum Scheitern verurteilt. So geht es weiter, bis der Hase stets empörter und dann komplett verwirrt ist. Eine gelungene Pointe vollendet die originelle Gute-Nacht-Geschichte und macht Lust, sie gleich nochmals zu lesen.
«Die Idee kam mir wirklich eines Nachts, nachdem ich erst von meinen Nachbarn und deren Party, dann von einem Feuerwehrwagen und danach von zwei Tauben gestört wurde», erzählt der französische Autor. Auf der Bildebene überzeugt Kris di Giacomo stilsicher. Er verleiht mit erdigen Farbtönen, ausdrucksstarker Mimik und ausser­gewöhnlichen Details dem Bilderbuch Stil und ein wenig nostalgischen Charme. Selten auch, dass Typografie so bewusst eingesetzt wird. Eine ganze Doppelseite steht jeweils für die störenden Geräusche zur Verfügung und bietet eine gute Vorlage für lebendiges, temperamentvolles Vorlesen. «Tatsächlich komponiere ich eine Seite rund um den Text. Mit der Grösse der Buchstaben kann man die Lautstärke regulieren. Das ist eine Art Spiel und ein Tanz für mich. Ich arbeite in Mischtechnik, starte zunächst mit Bleistift auf Papier, bevor ich dann am Computer verschiedene Farben und Texturen dazugebe», so Kris di Giacomo. In der Fülle der Gute-Nacht-Bücher ist «Grododo» ein herausragendes Werk.

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/17, S. 28

Schlaf gut
Tatia Nadareischwili
Aus dem Georgischen von Rachel Gratzfeld
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2017, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-905804-78-2
Schlagwörter: Tiere | Schlaf/Einschlafen | Mehrsprachigkeit

Zweisprachig: Deutsch - Georgisch

Ein kleiner Junge kann nicht einschlafen. In seiner karierten Nachtwäsche schaut er nachdenklich drein. «Dann gehe ich eben noch ein bisschen spa­zieren», sagt er. Und aus seinem Mund purzeln Buchstaben, die aussehen wie Zah­­len auf dem Kopf mit vielen Schnör­keln. Auf dem nächtlichen Spazier­gang begegnet der Junge einer Giraffe, die weiss, wie das mit dem Schlafen geht: «Du musst einfach den Kopf auf den Rücken legen, dann schläfst du ein. Ich schlafe so.» Der Junge biegt sich nach hinten gleich der Giraffe im hübschen Schlafrock. Schade, es klappt nicht. Faultier, Biber, Enten und Wale schlagen dem Jungen ihre Schlafstellungen vor. Aber sogar Fliegen wie ein Albatros hilft nicht beim Einschlafen. Oder doch?

Auf 32 Seiten zeichnet die georgische Illustratorin und Autorin Tatia Nadareischwili die fantastische Nachtwanderung des experimentierfreudigen Buben nach. Mit ausdrucksstarken bildfüllenden Illustrationen setzt sie die Eigenheiten der tierischen Schlafpositionen in Szene und macht zugleich die einzigartigen georgischen Schriftzeichen lebendig; die wurden 2016 ins Weltkulturerbe aufgenommen. Eine anregende Anleitung entsteht, die tierischen Tipps auszuprobieren (sei es im Kopf oder im Bett) und vielleicht sogar die lustige «Geheimschrift» nachzumalen – die deutsche Übersetzung steht unten auf der Seite. Die Liebe zur georgischen Sprache und der Anblick senkrecht im Wasser schlafender Pottwale, haben Tania Nadareischwili zu dieser originellen Gutenachtgeschichte inspiriert. All die Schlaftipps sind anstrengend: Der Junge in der Geschichte sagt zum Schluss: «Ich geh nach Hause und ruh mich ein bisschen aus.» Und tatsächlich: «Einige Minuten nur – und schon schläft er tief und fest.»

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/17, S. 28

Weisst du noch
Zoran Drvenkar, Illustration: Jutta Bauer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2017, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25478-7
Schlagwörter: Alltag | Abenteuer

Sein Debüt gab Zoran Drvenkar 1998 als Jugendbuchautor, schon kurze Zeit später erschienen Kinderbücher von ihm. In den letzten Jahren hat er für Erwachsene geschrieben, dazwischen Gedichte und nun ein Bilderbuch: «Weisst du noch». Hinter solch einer Offenheit, sich sprachlich und literarisch zu erproben, steckt ein freier Kopf, ein Poet. Einer, der sich nun auch die Form seiner Texte selbst ausgedacht hat. Mit der immer gleichen Formel «Weisst du noch…» lässt er auf jeder der zwölf Doppelseiten eine neue Episode beginnen. Erinnerungen wie Stationen, die von einer gemeinsamen Reise erzählen: «Weisst du noch, als wir losgelaufen sind?[…] Wir hatten überhaupt keine Angst, obwohl hinter jeder Ecke ein Abenteuer wartete. Denn wer Angst hat vor Abenteuern, der kann gleich zu Hause bleiben.» Der Junge und das Mädchen begegnen einem Zwerg mit Korken auf dem Kopf, sehen im Handstand die Welt verkehrt herum, stellen fest, dass Regentropfen mal nach Pfeffer­minz, mal nach Stein schmecken und kein Weg mehr dunkel ist, wenn man Sternenaugen hat. Um sich am Ende zuhause – Nase an Nase – aneinander zu kuscheln.

Der Blick zurück signalisiert, dass es um Erinnerungen geht, um Glücksmomente einer gemeinsam erlebten Zeit. Wer aber konkret spricht – das zeigen nur die Bilder von Jutta Bauer. Sie reiht die einzelnen Szenen wie Perlen an eine Kette und bringt sie zum Leuchten, gibt ihnen zugleich auch Halt und Struktur. Wird doch durch ihre Kunst das sprachbildnerisch Ange­deutete in der Wirklichkeit verortet. Was Drvenkar per Erinnerungsformel nahe­legt, inszeniert Bauer in schwarzweissen Vignetten als Gespräch eines alten Paares. Deren Erinnerungen werden farbig, seiten­füllend und textgetreu ausgemalt mit viel Gespür für das Komische, Süsse, Aufregende und Lebendige, das entsteht, wenn zwei Kinder losziehen, mutig, staunend, zu allem entschlossen. Ein Buch, das reich macht!

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/17, S. 29

Kasimir Karton
Michelle Cuevas
Aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: Fischer KJB, Publiziert: 2017, Seiten: 204, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-4046-5
Schlagwörter: Humor/Komik | Identität/Individualität | Freundschaft

Mein Leben als unsichtbarer Freund

Im zarten Alter von acht Jahren muss Kasimir zu seinem Kummer erfahren, dass er nur in den Augen seiner Zwillingsschwester Fleur existiert: Er ist ein unsichtbarer Freund, Produkt der überhitzten Fantasie einer Tochter von Puppenverkäufern. «Man ist nur so un­sichtbar, wie man sich fühlt», lautet zwar das Credo der «Anonymen Eingebildeten», denen sich Kasimir in der Verzweiflung seiner Identitätskrise anschliesst. Für Kasimir aber steht fest, dass er, wie einst Pinocchio, ein echter – und in diesem Fall: ein sichtbarer – Junge werden will. Stattdessen bildet sein Gang zum «Amt für Neuzuteilungen» den Auftakt einer langen Odyssee voller überraschender Entdeckungen und Einsichten.

Mit «Kasimir Karton» ist der US-amerikanischen Autorin Michelle Cuevas ein ebenso heiterer wie tiefsinniger Wurf gelungen, der Kinder wie Erwachsene begeistern wird. In seinen diversen Verkörperungen führt Kasimir ihnen nicht nur den Zauber der Kindheit, sondern auch ihre Nöte, Zumutungen und Absurditäten vor Augen: Das Gefühl, nicht gehört, gesehen und beachtet zu werden, steht neben der ebenso beglückenden wie erschreckenden Existenz als Möglichkeitsform; als Figur, die sich gerade durch ihre gestaltwandlerischen Fähigkeiten konstituiert. Dass Kasimir sich den Titel des «besten unsichtbaren Freundes von allen» verdient, liegt an seiner Fähigkeit, seinen ebenso liebevoll wie überzeugend ausgemalten (echten und ausgedachten) FreundInnen ein Gefühl für ihre Einzigartigkeit wie für all die überraschenden, auch kontrastierenden Farben ihrer Identität zu vermitteln. Eingebettet in einen Text, der vor skurrilen Einfällen, parodistischen Verweisen und witzigen Miniaturen nur so strotzt, entfaltet diese Botschaft ihr ganzes, ermächtigendes
Potenzial.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/17, S. 29

Böse Jungs
Aaron Blabey
Aus dem australischen Englisch von Lisa Engels
Verlag: Baumhaus, Publiziert: 2017, Seiten: 140, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8339-0423-3
Schlagwörter: Tiere

Der australische Autor Aaron Blabey hat sich für seine ebenso irre wie irre witzige Comic-Geschichte «Böse Jungs», die für den deutschen Jugendliteraturpreis 2017 in der Sparte Bilderbuch nominiert ist, die wahrscheinlich gefährlichste Tier-Gang ausgedacht, die je ein Kinderbuch un­sicher gemacht hat. Anführer der Gruppe ist, na klar, der böse Wolf. Mr Wolf – auch Grossmütterchen genannt – wird vom Metropolitan Police Departement wegen unzähliger Missetaten (unter anderem für den Versuch, ältere Damen zu fressen) gesucht. Keinen Deut harmloser sind die anderen Bandenmitglieder: Mr Snake wird vorgeworfen, alle Mäuse, Kana­rienvögel und Meerschweinchen in Mr Hos Zoohandlung verschlungen zu haben, Mr Piranha – Künstlername El Kneifer – hat es auf Touristen abgesehen und Mr Shark «frisst wirklich jeden und alles, was er zwischen die Kiefer bekommt».
Dass es diese vier Schurken seit langem satt haben, stets die Bösewichte zu sein, ist der Clou der Geschichte. Beim ersten offiziellen Treffen des Gute-Jungs-Clubs beschliessen sie, von nun an ausschliesslich Heldentaten zu begehen. Etwa arme Katzen von Bäumen zu bergen oder 200 Hunde aus ihren Zwingern zu befreien. Zum riesigen Spass der LeserInnen geraten ihre gut gemeinten Rettungsaktionen bald völlig ausser Kontrolle.
Was Aaron Blabey mit wenig Text – oder besser: mit coolen Sprüchen und in rasanten Schwarz-Weiss-Zeichnungen – zu Papier gebracht hat, ist eine überraschende, geistreiche Mischung aus Märchen, Comic und Graphic Novel. Was für ein Glück, dass sich die bösen Jungs gerade erst richtig warm gemacht haben: Band 2 mit weiteren guten Taten ist nämlich bereits erschienen.

Alice Werner
Buch&Maus 2/17, S. 29

Die leise Luise
Renus Berbig, Illustration: Anke Kuhl
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2017, Seiten: 117, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82210-9
Schlagwörter: Kreativität | Alltag

Die siebenjährige Luise kann gut malen und rennen wie der Blitz, sie hat tolle Ideen und weiss meistens genau, was sie will. Letzteres kriegt leider keiner mit. Luise hat nämlich eine «Leise-Schwäche»: So flüsterleise spricht sie, dass sie permanent überhört und übergangen wird. Deswegen nennen die anderen sie auch «Leise Luise». Klar ist das frustrierend, ob beim Vorlesen in der Schule oder mitten im Familienkrach. Unterkriegen lässt sie sich diese kesse Heldin aber trotzdem nicht.

Wie sie pfiffige Lösungen findet, ihre Eigenwilligkeit behauptet und was sie selbst am Leisesein schätzt, erzählt Renus Berbig in seinem Vorlesebuch so lebendig wie pointiert. Dabei sind Luises Erlebnisse wie im wirklichen Leben eine Mischung aus Lustigem und Aufregendem, Konflikten und Missverständnissen. Und die kommen eben hauptsächlich dadurch zustande, dass Luise so leise spricht. Ihre Wut darüber ist verständlich und sie bringt sie deutlich zum Ausdruck. Aber sie hat auch fantasievolle Einfälle, wie sich solch blöde Situationen entschärfen lassen: Macht sie eben Pantomime, Geräusche-Raten oder Flüsterpost, stellt sich auf die Leiter oder bewirft den kleinen Bruder mit Tomaten. Und ausserdem weiss Luise genau: Schleichen wie ein Indianer, mucksmäuschenstill vor einem Mäuseloch warten oder das Rascheln des Vorhangs im Wind hören – darin ist sie die Beste!

21 spannende Alltagsgeschichten über Schwächen und Stärken, Fantasie und Humor. Jede ist eine abgeschlossene Episode und kongenial mit viel Herz und Witz von Anke Kuhl bebildert. Bester Vorlesestoff zum Darüberreden und mit vielen Aktivitätsideen in Sachen «leise Spiele».

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/17, S. 30

Tagebuch eines Möchtegern-Versagers
Luc Blanvillain
Aus dem Französischen von Maren Illinger
Verlag: Fischer KJB, Publiziert: 2017, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-4085-4
Schlagwörter: Schule | Identität/Individualität

Nils trägt das Kreuz der Hochbegabung. Die Intensivförderung seiner Eltern hat Früchte getragen: Er ist Klassenbester und fristet ein klägliches Dasein ohne Fern­sehen, ohne Computerspiele, ohne Fussball – und ohne Freunde. Wer kann es Nils da verdenken, dass er den Übertritt ans Elitegymnasium nutzt, um sich planvoll zum Schulversager zu wandeln? Das Experiment wird im Tagebuch festgehalten.

Tagebücher haben Kon­jun­ktur in der Kinder- und Jugendliteratur. Ob Tief- oder Hochbegabte, Loser oder Winner, die Ich-Erzähler berichten mehr oder weniger geistreich oder formvollendet von Tri­umph und Schmach, Hoffnung und Qual im täglichen Chaos. Luc Blanvillains Setting bietet da einige Vorzüge. Dass der Text eloquent, dicht und pointenreich daherkommt, macht nicht nur Vergnügen, sondern ist aufgrund der Hochbegabung des Schreibenden sogar plausibel (einige Gemeinplätze mögen auf das Konto des Pubertierenden gehen). Auch hat das Tagebuch als Geheimnisträger eine Funktion im Plot: Nils vertraut dem Tagebuch – und nur diesem – an, wie er sein Umfeld kaltblütig und raffiniert in die Irre führt. Bis es kommt, wie es kommen muss: Das Tagebuch gerät in falsche Hände, zudem bricht sich beim Mathewettbewerb Nils’ Genie Bahn. Der Betrug fliegt auf. Eine Kata­strophe vor allem deshalb, weil dies die wachsende Romanze mit Klassen­ka­meradin und Nachhilfelehrerin Mona auf Eis legt. Auf der amourösen Ebene erweist sich der Hochbegabte als knapp durchschnittlich, was ihn erst zum liebenswerten Helden macht. Wie ihm ausgerechnet der sadistische Mathematiklehrer den entscheidenden Hinweis lie­fert, um Mona zurückzuerobern, das sollte man selbst nachlesen in diesem mehrfach ironisch gebrochenen und doch sehr zugänglichen Text, der den in Frankreich verbissen geführten Schwarz-Weiss-Diskurs um Schulversagen und Schulerfolg farbig aufmischt.

Deborah Keller
Buch&Maus 2/17, S. 30

Flucht aus Mr. Banancellos Bibliothek
Chris Grabenstein
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2017, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-2787-6
Schlagwörter: Rätsel

Als bekannt wird, dass kein Geringerer als der geniale Spieleerfinder Mr. Banancello hinter dem Konzept der neuen, mit grossem Aufwand und unter höchster Geheimhaltung errichteten Stadtbibliothek steckt, ist der zwölfjährige Kyle Feuer und Flamme! Zwar ist er kein grosser Leser, dafür liebt er die verrückten Spiele von Mr. Banancello umso mehr. Kyle kann sein Glück kaum fassen, als er zusammen mit zwei seiner besten Freunde ausgewählt wird, unter den zwölf Kindern zu sein, die in der Nacht vor der Eröffnung die Bibliothek erkunden dürfen – im Rahmen eines neuen Rätselspiels, das den Kindern Kooperation und Spürsinn abverlangt.
Autor Chris Grabensteins Idee von Mr. Banancellos Bibliothek ist genial! Ein multimedialer Ort voller Geheimnisse und Hologramme, den bibliophile Menschen am liebsten sofort erkunden möchten. Das Buch wird Bibliotheken dazu animieren, es in den Mittelpunkt einer literaturpädagogischen Aktion zu stellen, können die LeserInnen doch nicht nur an den Rätseln mitknobeln, die den Kindern in der Geschichte gestellt werden, sondern auch selbst ein speziell an sie gerichtetes Rätsel lösen. Finden kann es nur, wer die Geschichte aufmerksam liest und sie als Hinweis versteht. Grossartig!
Leider überzeugt die Umsetzung weniger. Das Buch will die Lust am Lesen wecken – und das merkt man allzu deutlich! Grabenstein orientiert sich an literarischen und filmischen Vorbildern, aber es fehlt ihm der skurril-makabre Ton eines Roald Dahl oder die Actionbereitschaft eines Regisseurs von «Nachts im Museum». Die AkteurInnen sind Stereotype (der Faire, die Leserin, der Arrogante, die Zicke, der Mitläufer…), und der Ausgang des Wettkampfs ist vorhersehbar. Schade!

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/17, S. 30

Esel und Bärin
Aby Hartog, Illustration: Ulf K.
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2017, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0567-9
Schlagwörter: Freundschaft

Vorlesebücher, die episodenweise aus dem Leben zweier Tierfreunde erzählen, sind beliebt. Das mag daran liegen, dass Kindern Tiere besonders sympathisch sind. Umso mehr, wenn eine der beiden Figuren klug, die andere naiver als das Kind selbst ist. Denn dann stellt sich ein wohliges Überlegenheitsgefühl ein. Der vorlesende Erwachsene wiederum kann in der Rolle des rede­gewandten Erzählers brillieren, werden doch in kleinen Inszenierungen exemplarische Lebenssituationen oder Fragestellungen durchgespielt und elementare Botschaf­ten so anschaulich auf den Punkt gebracht.
«Esel und Bärin» steht ganz in dieser Tradition. Das Besondere: Die literarische Darstellung orientiert sich an der klein­kindlichen Aufnahmefähigkeit und baut auf Einfachheit durch kurze Sätze, viele Dialoge, kleine Sinnschritte und viele Wiederholungen. Entsprechend sind auch die Herangehensweisen kindlich-naiv. So weiss die Bärin im Kapitel «Bis zehn zählen» nicht mehr, was nach «eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun» kommt. Der Esel hilft weiter, worauf sie jammert: «Ich kann nicht mehr bis elf zählen!». «‘Das kann einige Zeit dauern’, dachte der Esel.»
Solche Pointen zeigen, mit welch ernst­hafter Zärtlichkeit Aby Hartog den kindlichen Anstrengungen, das Leben zu lernen, begegnet. Ulf K. überträgt diese wertschätzende Haltung ebenso wie die einfache, aber kunstvolle Sprache in seine Illustrationen. Dabei ist er nicht nur herzerfrischend witzig, sondern macht auch tiefer liegende Bedeutungen sichtbar. In der Selbstliebe-Episode «Hör zu!» erfindet er ein Zwillingsbild der Bärin, die klagt: «Ich möchte, dass jemand mir zuhört. Immer. Jeden Tag, den ganzen Tag.» «Aber du kannst doch immer noch dir selbst zuhören. Du bist ja immer in deiner Nähe», entgegnet der Esel. «‘Grossartig’, dachte die Bärin. ‘Jetzt gibt es immer jemanden, der mir zuhört.’ Sie war glücklich.»

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/17, S. 31

Das geheime Logbuch, das magnetische Mädchen und eine fast brillante Erfindung
Simon van der Geest
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2017, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-18454-0
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft

Alle sagen «Durchhalten», aber Ro hält nicht durch: Schliesslich sitzt seine Mutter unschuldig im Gefängnis und sein Vater zockt seitdem nur noch Playstation. Und das alles, weil Direktor Dubbelman vom «Museum für fast brillante Erfindungen» behauptet, Ros Mutter habe als Putzfrau das Logbuch eines berühmten Polarforschers gestohlen. Als mehr als dürftige Beweise müssen fehlende Einbruchspuren, die Tatzeit und ein viel zu grosser Schuhabdruck her­halten. Für Ro ist so viel Ungerechtigkeit unerträglich und er ist fest entschlossen, seine Mutter zu befreien.
Schon das ist für einen Zehnjährigen fast unmöglich, noch vertrackter, dass dieses Gefängnis auf einer Insel liegt, die nur einmal pro Woche mit der Besucherfähre zu erreichen ist. Zum Glück ist Ros bester Freund Archie ein genialer Tüftler, der auch gleich mit Feuereifer Ausbruchspläne schmiedet. Aber erst mit der grossherzigen Lela zusammen – und dank ihr mit fast der ganzen Klasse – gelingt das grössenwahnsinnige Projekt: Unzählige alte Campingzelte braucht es, Nähmaschinen, ein kompliziertes Steue­rungs­system, 20 000 Liter Helium, dann eine stockdunkle Nacht und der richtige Wind – und ihr Ballon schwebt nach wochenlanger, geheimer Arbeit wirklich hoch in der Luft. Vor einem Happy End gibt es aber noch gewaltige Turbulenzen und überhaupt ist alles ganz anders als gedacht …
«Schau, Dinge können gelingen. Und Dinge können schiefgehen. Und manchmal, wenn man Glück hat, kann auch etwas zufällig gelingen. Das weiss man im Voraus nie. Man muss es einfach ausprobieren» – so die Schlussworte von Ro, der seine Geschichte hier so spannend und aufrichtig erzählt, dass daraus ein beeindruckender Kinderroman wird.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/17, S. 31

Hugo und die Dämonen der Nacht
Bertrand Santini
Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2017, Seiten: 223, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-946593-24-9
Schlagwörter: Tod/Trauer | Familie/Familienformen | Grusel/Spuk/Horror

Seit seinem unvergleichlich ironischen Märchen vom kinderfressenden Yark warten LeserInnen, die ein Herz für Gruselig-Groteskes haben, ungeduldig auf jedes neue Buch des französischen Autors Bertrand Santini. Im Fall von «Hugo und die Dämonen der Nacht» hat sich das Warten sehr gelohnt, denn diesmal liefert uns Santini einen regelrechten Gothic-Roman. Der zwölfjährige Held, Hugo, kann sein Glück als Erbe von Gut Monliard und als Sohn einer äusserst erfolgreichen Fantasy-Autorin nur kurz geniessen. Denn schon nach wenigen Kapiteln ist er tot.

Doch da fängt die Geschichte erst richtig an. Auf dem Friedhof findet Hugo eine ganze Truppe hilfreicher Geister, alle­­samt übereifrig darauf bedacht, ihm Nachhilfestunden im Totsein zu erteilen. Das bunte Treiben unter den Verblichenen, denen nichts Menschliches fremd ist, erinnert in der liebevollen Figurenzeichnung sowohl an Neil Gaimans «Graveyard Book» (2008) als auch an Tim Burtons Stop-Motion-Film «The Corpse Bride» (2005) – doch bei Santini überwiegt, in bester französischer Tradition, das Höfisch-Ironische. Hugo erfährt aber auch von einem bösartigen Komplott, hinter dem sich ein dunkles Familiengeheimnis verbirgt.

Santini jongliert die so unterschiedlichen Modi aufs Eleganteste: Das Humoristisch-Groteske überlagert sich mit der Paranoia der Intrigengeschichte, und über das familiäre Trauma (von dem hier nicht mehr verraten werden soll), schleicht sich das Melodrama in die Geschichte hinein. So wird der Roman leichtflüssig und tiefsinnig zugleich, und er bleibt spannend bis zur letzten Zeile.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/17, S. 32

Mein Bruder, die Neuen und ich
Martha Heesen
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2017, Seiten: 116, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5903-2
Schlagwörter: Geschwister | Familie/Familienformen

Immer wieder nehmen Toons Eltern Kurzzeitpflegekinder bei sich auf. Das ist spannend, verlangt Toon und seinem älteren Bruder aber auch einiges ab. Nie haben sie ihre Eltern für sich, immer müssen sie sie teilen – mit dem Jungen, der mit einer Gespensterfreundin spricht, dem Mädchen, das den Tod des alten Nachbarn heraufbeschwört und dem kleinen Mädchen, das sich nur bei Toon wohlfühlt und schliesslich auf Nimmerwiedersehen geht – mit seinem liebsten Kuscheltier im Arm. Durch die Art, wie Toon diese und andere Kinder beschreibt, charakterisiert er auch sich selbst – als äusserst sensiblen, wachen und verantwortungsvollen Jungen. Gerne hätte er ein dickeres Fell (oder wenigstens Muskeln und Knochen wie sein supersportlicher älterer Bruder), aber das fällt schwer, wenn man mit seinen Sorgen, Ängsten und Schuldgefühlen meist alleine ist.

«Mein Bruder, die Neuen und ich» suggeriert vom Cover, den Illustrationen und vom Klappentext her ein humorvolles Buch, das feinsinnig und interessant von einer etwas «anderen» Familie erzählt. Tatsächlich erwartet die LeserInnen ein unkommentierter Lebensausschnitt einer Familie, in der immense Probleme bewältigt werden müssen. Die Eltern erwarten Verständnis und zumindest die Mutter kann nie nein sagen, wenn wieder ein fremdes Kind Unterschlupf braucht. Wie sehr ihre eigenen Kinder sie brauchen, scheint sie nicht zu bemerken. So alleingelassen wie Toon fühlen sich auch LeserInnen, die nicht jede Situation klar deuten können, und sich so sehr einen hoffnungsvollen Schluss wünschen und ihn nicht bekommen. Zweifellos ein bemerkenswertes Buch – aber eines, das auch Eltern lesen sollten, um mit ihren Kindern darüber reden zu können.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/17, S. 32

Pferd Pferd Tiger Tiger
Mette Eike Neerlin
Aus dem Dänischen von Friederike Buchinger
Verlag: Dressler, Publiziert: 2017, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-0034-8
Schlagwörter: Armut | Behinderung | Familie/Familienformen

«Mama huhu» ist chinesisch und heisst wörtlich übersetzt «Pferd, Pferd, Tiger, Tiger». «Die Chinesen verwenden es, wenn etwas nicht so richtig gut ist, aber trotzdem schlimmer sein könnte», erklärt uns die Ich-Erzählerin im gleichnamigen Jugendbuch. Und das gilt auch für das Leben der fast 15 Jahre alten Honey, die mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren wurde, damit aber sehr gut klar kommt. («Schön werde ich in diesem Leben nicht mehr. So ist es einfach.») Mit ihrer älteren, behinderten Schwester und der Mutter lebt sie im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro. Der Vater hat die Familie verlassen, als Honey noch ganz klein war. («Vielleicht hat Mama ihn auch rausgeworfen, ich bin mir nicht ganz sicher.») Honey sieht ihn jedes zweite Wochenende oder wenn er vor der Schule wartet, um mit ihr «eine heisse Scho­ko­lade trinken zu gehen». Danach ist Honey jeweils ihr ohnehin schon knappes Taschengeld los. Und: «Heisse Schokolade habe ich noch nie bekommen.»

Mette Eike Neerlin lässt Honey wunderbar leicht von schweren Dingen erzählen. Vom Zusammenleben mit ihrer hirngeschädigten Schwester. Von einer Mutter, die viel arbeiten muss und trotzdem kein Geld für eine neue Waschmaschine hat. Von einem Drogen dealenden Vater, der immer dann auftaucht, wenn er Geld braucht. Und vom Sterben. Denn als Honey eines Tages in einen Bus steigt, mit dem sie eigentlich gar nicht fahren wollte, landet sie in einem Hospiz im Zimmer eines sterbenden Mannes. Zwischen den beiden entwickelt sich eine kurze, aber besondere Freundschaft, die Honey hilft, für ihre Bedürfnisse einzustehen. Mit ihrer bescheiden-pragmatischen Art gewinnt Honey rasch die Herzen der LeserInnen. Deshalb fühlt es sich auch wie ein Happy End an, als sie am Ende ihre erste Party besucht und von dem Jungen, in den sie heimlich verliebt ist, zu einer heissen Schokolade eingeladen wird.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/17, S. 32

Tanz der Tiefseequalle
Stefanie Höfler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2017, Seiten: 190, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82215-4
Schlagwörter: Freundschaft | Aussenseiter:in/Mobbing

Für Sera könnte das Leben so leicht sein: Sie stammt aus Ägypten, ist bildschön und kann sich vor Freunden kaum retten. Niko steht auf der anderen Seite des Glücks: Er ist der Dicke, das Walross, der Panzer, nach dessen Gefühlen niemand fragt. Auf der Klassenfahrt wird Niko Zeuge, wie der gut aussehende Marko Sera in einer Weise anfasst und bedrängt, die sie nicht will. Ohne gross über die Konsequenzen nachzudenken, geht er dazwischen, wodurch er sowohl sich selbst als auch Sera in eine Aussenseiterposition manövriert. Was für ihn ein altvertrautes Gefühl ist, muss Sera erst erlernen. Sie weiss nicht, dass ihre MitschülerInnen sie schneiden, weil Marko Lügen über sie verbreitet hat. In dieser Situation nimmt sie sich Niko zum Vorbild, der sich nie etwas anmerken lässt und so scheinbar unbelastet durchs Leben geht. So sieht sie näher hin, bemerkt das belustigte Grinsen in seinem Mundwinkel, sieht das Grübchen, wenn er lächelt, die grünen Augen, die lebendig funkeln. Beim Diskoabend auf der Klassenfahrt fordert sie ihn erst zu Tanzen auf ­– und dann zum gemeinsamen Abhauen.
Dadurch, dass die Geschichte aus der Perspektive beider Figuren erzählt wird, durch Sprachstil und Schrifttype unter­schieden, ist man an beiden nahe dran und bangt mit ihnen. Keinem wünscht man die Rolle als Mobbing-Opfer – doch ob sie sich wirklich gemeinsam gegen die Klasse stellen können, bleibt lange fraglich.
«Tanz der Tiefseequalle» – so kommen­tieren die Mitschüler den Disco-Abend, und es ist klar, wen sie mit der Qualle meinen. Ironischerweise wird ausgerechnet diese neue Demütigung für Niko zum Symbol für Schönheit und Leichtigkeit. So scheint eine echte Freundschaft zwischen Sera und ihm plötzlich gar nicht mehr unmöglich.
Ein wunderbarer, Hoffnung machender Jugendroman mit liebenswerten ProtagonistInnen!

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/17, S. 33

Creature
Morton Rhue
Aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2017, Seiten: 480, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-40150-5
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima

Gefahr aus der Tiefe

Was tun, wenn das Ökosystem zusammenbricht und die Erde stirbt? Man sucht nach alternativen Orten, an denen man leben kann. Morton Rhue schickt seine ProtagonistInnen, allen voran Ismael, in seinem neuen Jugendroman auf den fernen Planeten Cretacea. Dort wollen sie Geld verdienen, damit sie ihren Angehörigen auf der Erde ein besseres Leben oder gar die Flucht auf diesen Planeten mit noch intaktem Ökosystem ermöglichen können. Dass ihre Mission auf dem Walfangschiff, auf dem sie arbeiten, jedoch vielmehr das Ziel hat, das Land zu erkunden, um seine Bewohnbarkeit für die noch auf der Erde verharrenden reichen Menschen zu ermöglichen, erfah­ren sie erst nach und nach. Der Clou am Ende: Ismael erfährt, dass er sich nicht auf einem anderen Planeten, sondern auf der Erde in der Kreidezeit, im Cretaceum befindet – und damit durch die Zeit geschickt wurde!
Geschickt greift Rhue in seinem neuen Roman erneut ein aktuelles gesellschaftspolitisches Thema auf und zeigt zunächst eine dystopische, sterbende Welt, die keine Überlebenschancen für die Menschheit bietet, um dann die Vision einer lebenswerten Welt zu entwickeln, die sich als Vergangenheit und gleichzeitig mögliche Zukunft der Menschheit entpuppt.
Rhues Roman knüpft damit an eine Reihe von Jugendromanen an, die sich kritisch mit dem Zusammenbruch unseres Ökosystems beschäftigen und nutzt das Element der Zeitreise um eine «bessere» Welt zu zeigen, von der sich die Menschheit etwas abgucken könnte. Ein empfehlenswerter Roman mit geschickt aufgebauter Handlung und einem überraschenden Ende, das nachdenklich stimmt.

Sabine Planka
Buch&Maus 2/17, S. 33

Hundert Stunden Nacht
Anna Woltz
Aus dem Niederländischen von Andrea Khuitmann
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2017, Seiten: 253, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58348-2

Statt mit Star-Postern hat Emilia Dezem­ber de Wit ihr Zimmer mit der Skyline von New York tapeziert. Denn für die 14-jährige Holländerin, Tochter einer exzentrischen Künstlerin und eines weltfernen Rektors, ist die Stadt mehr als ein Fluchtpunkt der Sehnsucht: Sie bildet die Projektionsfläche für ihren Wunsch nach einer eigenen Geschichte fern der Angstneurosen, die ihr die Reibung an der Welt verwehren. Als die Beziehung ihres Vaters zu einer Schülerin an die Öffentlichkeit dringt und Emilias Alltag auseinanderbricht, wird der Traum- zum Identitätsspielraum. «Vor zwei Tagen war es nicht mehr als ein Gedanke», resümiert sie am Flughafen. «Etwa so: Wäre ich ein völlig anderes Mädchen, würde ich der Welt den Mittelfinger zeigen und nach New York fliegen. Heute ist Freitag, der 26. Oktober. In zehneinhalb Stunden bin ich da.»
Anna Woltz erzählt Emilias Reise in die US-Metropole als eine Geschichte der Ermächtigung, die ihren unwidersteh­lichen Reiz daraus zieht, dass die von fern bewunderte Stadt Emilia den Mittelfinger zeigt. Erst entpuppt sich das gemietete Appartement als Internetschwindel, dann fegt Orkan Sandy über die Stadt. Emilia überwindet ihre Ängste vor dem Leben in einer Schattenstadt, die wenig mit ihren Träumen von Freiheit und Unabhängigkeit und umso mehr mit Geschichten von Ausgrenzung und Egoismus, aber auch von überraschender Solidarität und Freundschaft zu tun hat. Sehenswürdigkeiten interessieren hier weniger als das nächste Gratis-WLAN, und ihren neuen FreundInnen und Leidensgenossen erzählt Emilia mit Stolz, dass sie demnächst ihren eigenen Reiseführer schreiben wird: «Mit dem Stecker unterwegs: Die 100 besten Steckdosen von New York». Derart katastrophenerprobt, kann die junge Frau mit neuer Zuversicht in die Zukunft blicken und selbst den Eltern mit mehr Verständnis begegnen.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/17, S. 33

Love oder Meine schönsten Beerdigungen
Jason Reynolds
Aus dem amerikanischen Englisch von Klaus Fritz
Verlag: dtv, Publiziert: 2017, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-42-343139-2

Matt hat einen ungewöhnlichen Job für einen Teenager: Er arbeitet nach der Schule in einem Beerdigungsinstitut und hilft bei der Vorbereitung der Beer­digungen – und setzt sich bei den Trauerfeiern in die letzte Reihe. Was auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheint, wird verständlich durch die Erfahrung des Krebstods seiner Mutter. Auf einer dieser Beerdigungen lernt er Love kennen, die ihre Grossmutter verloren hat – und die so ganz anders mit dem Verlust einer geliebten Person zurechtkommt als Matt. Matt ist fasziniert von Love und kommt ihr langsam näher, bis beide feststellen, dass sie ein trauriges Ereignis in der Vergangenheit teilen.
Mit einer für das Thema unge­wöhnlichen Leichtigkeit lässt Jason Reynolds Matt seine Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die von Trauer über den Verlust der Mutter und Sorgen über den erneut aufflammenden Alkoholkonsum des Vaters geprägt ist, die aber verändert wird durch die aufkeimenden Gefühle für Love. Reynolds Buch, kongenial übersetzt von Klaus Fritz, ist in einer klaren, schnörkellosen und doch kraftvollen Sprache gehalten. Komische Situationen wechseln sich mit klugen, nahezu philosophischen Äusserungen ab – «Und ich hab erkannt, dass es nicht so ist, dass der Tod schlimm ist. Das ist es nicht. Es ist nur so, dass das Leben so gut ist. So verdammt gut, dass du dich einfach daran festhalten möchtest und an allen, die da sind.» – und werden unterfüttert durch Bezüge zur Musik und zum Kochen; Dingen, die geteilt noch mehr Freude bereiten, wie Matt feststellt. Reynold gelingt es, alle Hand­lungsstränge zusammenzufügen und Nebenereignisse in das grosse Ganze einzubetten – mit überraschenden Er­kenntnissen, die die LeserInnen anrühren und zeigen, dass alle Ereignisse im Leben eines Menschen miteinander in Verbindung stehen und den Lebensweg beeinflussen können.

Sabine Planka
Buch&Maus 2/17, S. 34

Der Himmel über Appleton House
S. E. Durrant
Aus dem Englischen von Katharina Diestelmeier
Verlag: Königskinder, Publiziert: 2017, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-56030-8
Schlagwörter: Gefühle | Familie/Familienformen | Identität/Individualität

Geht es in der Jugendliteratur um Fremdplatzierung so dominieren zwei Topoi: entweder für die Kinder traumatische, missbräuchliche Verhältnisse in Heimen und Pflegefamilien – man denke an «Oliver Twist» und seine Nachfolger – oder die heftigen Probleme, die Kinder mit einer oft sehr schweren Vergangenheit mit in diese Zuhause auf Zeit bringen, wie sie in «Kill all enemies» von Melvin Burgess oder Sally Nicholls’ «Wünsche sind für Versager» geschildert sind.

Während Martha Heesen in «Mein Bruder, die Neuen und ich» den Fokus auf eine Pflegefamilie legt (siehe Rezension S. 32), stellen zwei neue Jugendbücher nun das fremdplatzierte Kind ins Zentrum, ohne es mit sozialen und psychischen Problemen zu überladen oder die sie betreuenden Personen zu entmenschlichen. Zwar zehrt die Situation sowohl an Ira (eigentlich Miracle) in «Der Himmel über Appleton House» als auch an Billie in «Billie. Abfahrt 9.42», doch verweigern sich die beiden starken Mädchen bekannten Zuschreibungen an Kinder aus «schwie­rigen Verhältnissen».

S.E. Durrant erzählt – wohl zu grossen Teilen autobiographisch – aus der Sicht von Ira, die mit ihrem Bruder Zac in den 1980er-Jahre nach einer Odysee durch Pflegefamilien ins Londoner Kinderheim Skilly House gebracht wird. Ira liebt Zac über alles, doch seine Impulsivität hat sie früh in die Rolle der Vernünftigen gedrängt. Um gute Karten auf dem Adoptionsmarkt zu haben, bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich so gut und unauffällig wie möglich zu benehmen, um so ihren Bruder «auszugleichen». Sie weiss: «Selbst wenn das süsseste Kind einen Aufstand macht, ändert sich nichts. Nicht, wenn es ein Pflegekind ist.» Mit einem Mädchen, das 1942 in ihrem Zimmer in Skilly House einen Brief versteckt hatte, beginnt Ira eine – einseitige – Brieffreundschaft und stösst auf Überraschendes. Und dann tritt Martha in Zac und Iras Leben. Die alleinstehende, ältere Frau nimmt die Geschwister erst in den Ferien bei sich in Appleton House auf und schliesslich für immer. Sie lehrt Ira ihren Gefühlen in der Kunst Ausdruck zu verleihen und ihre eigenen Bedürfnisse nicht zu vergessen. Martha bietet Zac und Ira die dringend benötigten Freiräume und zeigt ihnen, dass echte Liebe bedingungslos ist.

Auch Billie in «Billie. Abfahrt 9.42» ist wie Ira keineswegs ein schwieriges Kind, trotz ihrer Dreadlocks, die im kleinen Ort Bokarp, wo sie temporär wohnt, ein ungewohnter Anblick sind. Die schwedische Autorin Sara Kadefors hält den «perfekten Familien» in «Billie. Abfahrt 9.42» durch die Augen von Billie einen Spiegel vor. Die Zwölfjährige aus Stockholm ist durch die Betreuung ihrer übergewich­tigen und MS-kranken Mutter reifer und selbständiger, als ihr Sozialarbeiterin und Pflegeeltern zugestehen wollen. Bis es ihrer Mutter besser geht, soll Billie in der Familie von Pfarrerin Petra und Sportlehrer Mange in Bokarp wohnen. Mit Erstaunen nimmt Billie wahr, wie eine Familie organisiert sein kann: bildschirmfreier Spielabend einmal pro Woche, Fahrradausflüge in den Wald, Lichterlöschen zu einer bestimmten Zeit. Billie wird in eine Rolle gedrängt, der sie schon längst entwachsen zu sein scheint. Doch während Petra und Mange sich schon auf allfällige «schwierige» Situationen vorbereitet hatten, gibt sich Billie völlig unberührt und nimmt am Leben der Familie teil – so, wie man an den Sitten einer fremden Kultur teilnimmt ohne ihren Sinn zu verstehen. Über die Wochen erkennt Billie, dass auch eine nach aussen noch so «heile Familie» ihre Wunden hat und Bokarp ein Stück Stockholm ganz gut tut.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/17, S. 34

Billie
Sara Kadefors
Aus dem Schwedischen von Lotta Rüegger
Verlag: Urachhaus, Publiziert: 2017, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8251-5111-9

Abfahrt 9:42

Geht es in der Jugendliteratur um Fremdplatzierung so dominieren zwei Topoi: entweder für die Kinder traumatische, missbräuchliche Verhältnisse in Heimen und Pflegefamilien – man denke an «Oliver Twist» und seine Nachfolger – oder die heftigen Probleme, die Kinder mit einer oft sehr schweren Vergangenheit mit in diese Zuhause auf Zeit bringen, wie sie in «Kill all enemies» von Melvin Burgess oder Sally Nicholls’ «Wünsche sind für Versager» geschildert sind.
Während Martha Heesen in «Mein Bruder, die Neuen und ich» den Fokus auf eine Pflegefamilie legt (siehe Rezension S. 32), stellen zwei neue Jugendbücher nun das fremdplatzierte Kind ins Zentrum, ohne es mit sozialen und psychischen Problemen zu überladen oder die sie betreuenden Personen zu entmenschlichen. Zwar zehrt die Situation sowohl an Ira (eigentlich Miracle) in «Der Himmel über Appleton House» als auch an Billie in «Billie. Abfahrt 9.42», doch verweigern sich die beiden starken Mädchen bekannten Zuschreibungen an Kinder aus «schwie­rigen Verhältnissen».
S.E. Durrant erzählt – wohl zu grossen Teilen autobiographisch – aus der Sicht von Ira, die mit ihrem Bruder Zac in den 1980er-Jahre nach einer Odysee durch Pflegefamilien ins Londoner Kinderheim Skilly House gebracht wird. Ira liebt Zac über alles, doch seine Impulsivität hat sie früh in die Rolle der Vernünftigen gedrängt. Um gute Karten auf dem Adoptionsmarkt zu haben, bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich so gut und unauffällig wie möglich zu benehmen, um so ihren Bruder «auszugleichen». Sie weiss: «Selbst wenn das süsseste Kind einen Aufstand macht, ändert sich nichts. Nicht, wenn es ein Pflegekind ist.» Mit einem Mädchen, das 1942 in ihrem Zimmer in Skilly House einen Brief versteckt hatte, beginnt Ira eine – einseitige – Brieffreundschaft und stösst auf Überraschendes. Und dann tritt Martha in Zac und Iras Leben. Die alleinstehende, ältere Frau nimmt die Geschwister erst in den Ferien bei sich in Appleton House auf und schliesslich für immer. Sie lehrt Ira ihren Gefühlen in der Kunst Ausdruck zu verleihen und ihre eigenen Bedürfnisse nicht zu vergessen. Martha bietet Zac und Ira die dringend benötigten Freiräume und zeigt ihnen, dass echte Liebe bedingungslos ist.
Auch Billie in «Billie. Abfahrt 9.42» ist wie Ira keineswegs ein schwieriges Kind, trotz ihrer Dreadlocks, die im kleinen Ort Bokarp, wo sie temporär wohnt, ein ungewohnter Anblick sind. Die schwedische Autorin Sara Kadefors hält den «perfekten Familien» in «Billie. Abfahrt 9.42» durch die Augen von Billie einen Spiegel vor. Die Zwölfjährige aus Stockholm ist durch die Betreuung ihrer übergewich­tigen und MS-kranken Mutter reifer und selbständiger, als ihr Sozialarbeiterin und Pflegeeltern zugestehen wollen. Bis es ihrer Mutter besser geht, soll Billie in der Familie von Pfarrerin Petra und Sportlehrer Mange in Bokarp wohnen. Mit Erstaunen nimmt Billie wahr, wie eine Familie organisiert sein kann: bildschirmfreier Spielabend einmal pro Woche, Fahrradausflüge in den Wald, Lichterlöschen zu einer bestimmten Zeit. Billie wird in eine Rolle gedrängt, der sie schon längst entwachsen zu sein scheint. Doch während Petra und Mange sich schon auf allfällige «schwierige» Situationen vorbereitet hatten, gibt sich Billie völlig unberührt und nimmt am Leben der Familie teil – so, wie man an den Sitten einer fremden Kultur teilnimmt ohne ihren Sinn zu verstehen. Über die Wochen erkennt Billie, dass auch eine nach aussen noch so «heile Familie» ihre Wunden hat und Bokarp ein Stück Stockholm ganz gut tut.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/17, S. 34

Strom auf der Tapete
Andrea Badey, Claudia Kühn
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2017, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82211-6
Schlagwörter: Familie/Familienformen

«Es ist kalt. In meinem Zimmer. In mir drin. Alles ist wie immer, auch heute.» – Dabei hat Ron Robert Geburtstag, das erzählt er aber erst ein paar Seiten später wie nebenbei. Gibt ja sowieso keine Feier: Seine Mutter Peggy vergisst alles, bei ihr im Bett liegt Mucki-Bert. Und Ron selbst? Hatte mal wieder den fiesen Albtraum mit den Wölfen und kriegt seine innere Stressuhr nur mit Mühe auf Viereinhalb zurückgestellt. «Eins ist voll chillig. Kenne ich nicht», so sein staubtrockener Kom­mentar.
Ein klassisches Sozialdrama ist dieser mit dem Peter-Härtling-Preis 2017 ausgezeichnete Jugendroman aber trotz seines gebeutelten Anti-Helden nicht: Von Anfang an entwickelt Rons Erzählerstimme einen eigenwilligen Sog, seine Sprache ist sensibel, ungeschönt und bilderreich, sein Galgenhumor zeugt von Zähigkeit und Langmut. «Himmelhochdrücker» nennt er sich selbstironisch, weil er selbst so gross ist und der Himmel über seiner Hochhaussiedlung am Rande von Frankfurt an der Oder so tief. Dann geht plötzlich alles ganz schnell: Eben noch hat er einen Zettel mit «Wer ist mein Vater?» an den Kühlschrank geklebt, da düst er schon mit der seltsamen Rollstuhl-Clara in einem weissen Cabriolet ins Irgendwo. Wie es dazu kommt, bleibt ziemlich fragmentarisch und konstruiert, macht aber nichts, weil das Ganze wie ein Film funktioniert und der Spannungsbogen hält: Im Spagat zwischen Be- und Entschleunigung jagt das Autorinnenteam seine beiden Aussenseiter durch ein irrwitziges Roadmovie bis nach Letschow, einem gottverlassenen Nest an der polnischen Grenze. Dabei gibt’s jede Menge Action, schräge Situationen und viele stille, zarte Momente. Ob Ron seinen Vater am Ende gefunden hat? Ist dann gar nicht mehr so wichtig…

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/17, S. 35

Väterland
Christophe Léon
Aus dem Französischen von Rosemarie Griebel-Kruip
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2017, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-095-8

Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist nicht einmal vergangen: William Faulkners berühmtes Diktum passt genau auf die Ereignisse, von denen uns die 12-jährige Ich-Erzählerin Gabrielle in Christophe Léons dystopischem Roman «Väterland» berichtet. Ihre beiden (Adoptiv)väter, George und Phil, waren bis vor Kurzem ein erfolgreiches Künstlerpaar in Paris. Doch dann begann «die giftige Blume ‚Traditionelle Familie’ fast überall aufzublühen», und die beiden Männer wurden gezwungen, eine rosafarbene Raute auf ihre Kleidung zu nähen und in eine geschlossene Siedlung für homosexuelle Paare zu ziehen, die immer mehr zum Konzentrationslager wird. Die Situation im Frankreich der nahen Zukunft unterscheidet sich kaum von derjenigen in Deutschland in den 1930er-Jahren.
Gabrielles Erzählung setzt in einem dramatischen Moment ein: Ihre beiden Väter sind illegal nach Paris gefahren, um ein Geschenk für ihren 13. Geburtstag zu kaufen und verunglücken dabei. Verletzt und blutüberströmt fliehen sie aus dem Autowrack, verfolgt von der Polizei und von sogenannt aufrechten BürgerInnen. Ob die Flucht gelingt, weiss man am Ende nicht sicher – doch der Hoffnungsschimmer, der dieses düstere Lehrstück von einem Roman begleitet, kommt aus der Erzählposition: Gabrielle weiss alles über den Unfallhergang und die Odyssee ihrer Väter durch Paris, also muss das Leben irgendwie weitergegangen sein.
Das pädagogische Engagement des Autors Chris­tophe Léon verdient sicher Aner­kennung, auch wenn literarisch nicht alles einleuchtet: Vor allem Gabrielles Stimme ist nicht konsistent. Sie schwankt zwischen Teenie-Ton und einer viel zu erwachsenen Ausdrucksweise; besonders wenn es gilt, die jungen LeserInnen über NS-Verbrechen und die Gefahren des aktuellen Rechtspopulismus aufzuklären.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/17, S. 35

Lanz
Flurin Jecker
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2017, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-312-01022-6
Schlagwörter: Schweiz | Erwachsenwerden

Lanz steht dazwischen. Zwischen dem Verlangen auf- und davonzugehen, ins Nachbardorf Bottigen und noch weiter, zu den Verwandten ins Bündnerland, und dem Wunsch wieder nach Hause zurückzukehren. «Ich stand dann im Gleichgewicht zwischen dem Anschiss, wieder runter-, und dem Anschiss raufzugehen.» Und Lanz steht – wie so mancher Vierzehnjähriger – zwischen dem Drang, erwachsen zu sein, und der Angst vor dem Verlust der Kindheit. Davon erzählt er frei von der Leber weg: «Weil ich gar nicht unbedingt ficken möchte. Also schon, irgendwie aber eigentlich hätte ich lieber, wenn ich mit einer schreiben könnte und sie zu mir kommen würde, manchmal nach der Schule oder so…» Oder: «An Ostern bekamen Mam und ich dann noch einmal kurz Streit. Weil es mich anschiss, dass sie mir kein Osternestchen gemacht hatte, […] und sie meinte, dass ich ihr das doch einfach hätte sagen sollen, was ja dann aber keine Überraschung mehr gewesen wäre. Aber egal.»

Den Alltag Schweizer Jugendlichen finden wir in der Jugendliteratur selten. Umso schöner hier von Lanz zu lesen, der über Mittag bei der Familie vom «Kolleg» essen geht, einen Abend pro Woche beim gelangweilten Vater verbringt, und den Blogkurs in der Projektwoche ja eigentlich nur «angekreuzelt» hat, weil Lynn auch dort sei. Die ist dann allerdings am ersten Tag gar nicht da. Den Blog schreibt Lanz trotzdem, zu unserem Glück.

Mit Lanz hat der junge Autor Flurin Jecker einen der glaubwürdigsten Protagonisten der neueren Schweizer Jugendliteratur geschaffen. Die mit Helve­tismen durchsetzte Kunstsprache, in der Lanz seinen Blog schreibt, ist nie anbiedernd, sondern gerade dadurch authentisch, dass sie nicht eine Jugendsprache schlecht nachahmt.

Ein Coming-of-Age-Roman zwischen Berner Agglomeration und Bündner Bergtälern, wie er bisher gefehlt hat!

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/17, S. 36

Den Mund voll ungesagter Dinge
Anne Freytag
Verlag: Heyne, Publiziert: 2017, Seiten: 400, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-453-27103-6
Schlagwörter: Liebe

Nachdem Tessa und Oskar in «Mein bester letzter Sommer» kein Happy End beschert war, können nun Sophie und Alex in Anne Freytags zweitem Roman «Den Mund voll ungesagter Dinge» schlussendlich ihr Glück geniessen. Doch ehe es soweit ist, muss besonders die 17-jährige Sophie eine Reihe von Hindernissen überwinden.
Sophie zieht mit ihrem Vater von Hamburg nach München zu dessen neuer Lebensgefährtin. Sophie ist alles andere als ein Mauerblümchen: Auf Partys hat sie zu oft mit den falschen Jungs geschlafen, glücklich hat sie das nicht gemacht. Sie fühlt sich in München allein. Ihr bester Freund ist nach Paris gezogen zu seiner notorisch eifersüchtigen Freundin. In der Schule ist Sophie «die Neue» und weckt Begehrlichkeiten bei ihren männlichen Mitschülern. Doch dann macht sie die Bekanntschaft von Alex, dem Nachbarmädchen. Und plötzlich sind die Gefühle da: Sophie verliebt sich so richtig – und hinterfragt ihre eigene Identität.
Anne Freytag ist eine einfühlsame Liebesgeschichte zweier Mädchen von grosser emotionaler Eindringlichkeit gelungen. Fragen von Akzeptanz und Offenheit werden ebenso verhandelt wie jene nach der Identität. Schnörkellos, mitunter schonungslos, und glaubhaft erzählt Freytag von der vorsichtigen An­näherung der beiden Mädchen, die ihre Liebe geheimhalten, bis ihre Beziehung mit einem grossen Knall öffentlich wird und vorerst ein Ende findet. Die Autorin sagt zu ihrem Roman: «Ich glaube, es ist wichtig, gerade jungen Menschen zu zeigen, […] dass es okay ist, sich als Mädchen in ein Mädchen und als Junge in einen Jungen zu verlieben. Ich glaube, es ist wichtig, ihnen zu zeigen, dass es nicht um normal oder nicht normal geht, sondern um Respekt und Akzeptanz. Darum, dass nicht mit ihnen etwas nicht stimmt, sondern mit Gesellschaften, die ein Problem mit ihnen haben.» Dem ist nichts hinzuzufügen.

Sabine Planka
Buch&Maus 2/17, S. 36

Weltgeschichte für junge Leserinnen
Kerstin Lücker, Ute Daenschel
Verlag: Kein & Aber, Publiziert: 2017, Seiten: 528, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-0369-5760-9
Schlagwörter: Historisches | Biografie

«Wenn die Weltgeschichte ein Teil des Bewusstseins der gesamten Menschheit ist, dann müssten in den Träumen der Menschheit unendlich viele verdrängte Frauen auftauchen», schreiben Kerstin Lücker und Ute Daenschel am Ende eines Werkes, das zumindest einen Teil dieser Frauen aus der Tiefe an die Oberfläche holt. Über 500 Seiten haben die Berliner Geisteswissenschaftlerinnen mit einer erfrischend ruhig, aber packend erzählten, inspirierenden Weltgeschichte gefüllt, die gerade keine «Geschichte der Frauen» ist: Denn «das wäre wieder eine Spezialgeschichte; die Frauen wären nicht ganz selbstverständlich Teil jener Weltgeschichte, die uns alle gleichermassen angeht». Und so richtet sich das ambi­tio­nierte Projekt mit dem etwas irre­führenden Titel auch nicht nur an «junge Leserinnen», sondern an alle Jugendlichen, die wissen wollen, welche Frauen und Männer am Teppich unserer Existenz gewebt haben, wie sich das Alltagsleben gestaltete und welche Geschichten man sich erzählt hat, um Sinn und Gemeinschaft zu stiften, aber auch Ausschluss und Herrschaft zu legitimieren. Dass diese Erkundungen angesichts des gewaltigen Umfangs an erzählter Zeit – von der Frühgeschichte bis zur Gegenwart – notwendigerweise an der Oberfläche bleiben müssen, tut der Faszination keinen Abbruch: Die Fülle von Geschichten motiviert, selbst weiter zu recherchieren – zur chinesischen Dichterin Ban Zhao, die im ersten Jahrhundert Geschichtsbücher verfasste; zu den christlichen Apostelinnen, die sich mit den (und auch gegen die) Männern auf den Weg machten; zu Theodora, die von der Zirkusartistin zur Kaiserin von Konstantinopel aufstieg, oder zur Suffragette Emmeline Pankhurst, die zwar keine gute Steinewerferin war, aber als Gründerin der «Politischen und sozialen Frauenunion» den Kampf um die Rechte der Frauen massgeblich geprägt hat.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/17, S. 36

Tour de Suisse
Martin Born, Herausgeber:in: Marc Locatelli
Verlag: Edition Moderne, Publiziert: 2017, Seiten: 79, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03731-162-2
Schlagwörter: Schweiz | Sport

Geschichten zur Geschichte

Die Graphic Novel zur Geschichte der Tour de France gibt es schon, wieso nicht auch einen Comic über den «kleinen Bruder», die Tour de Suisse in Angriff nehmen? Das haben sich Radsportjournalist Martin Born und Illustrator und Ex-Radrennfah­rer Marc Loca­telli gefragt und Comic­zeichnerInnen gebeten, Episoden aus der Geschichte der Schweizer Rundfahrt zu illustrieren. Über Crowdfunding finanziert ist ein Band entstanden, der in dreissig Bildgeschichten und Cartoons sowie kurzen Texten von Husarenritten über die Berge erzählt, von listigen Attacken, drama­tischen Stürzen und Plattfüssen im falschen Moment, von Freundschaft und Verrat, von Helden und Gefallenen.
Comic und Sachinformationen ergänzen sich vor allem da auf witzige Weise, wo nicht nur ein Sachverhalt ins Bild gesetzt, sondern im Comic eine Episode weitererzählt wird. So ärgert 1933 ein Junge in kurzen Hosen, Hemd und rotem Pullunder auf einem Damenfahrrad über Kilometer hinweg den Sieger der ersten Tour de Suisse. Er lässt sich einfach nicht abschütteln, bis er von einem Begleitfahrzeug zum Anhalten gezwungen wird. Im letzten, grossformatigen Bild sehen wir den Jungen mit seinem viel zu grossen Fahrrad zufrieden dastehen. Er ist der künftige «Ferdi National»! Gezeichnet hat diese Anekdote Res Zinniker. Roger Zürcher illustriert in dramatischen Bildern eine Etappe mit sintflutartigen Regenfällen, die im Dorfcafé von Bulle endet. Oder Lika Nüssli zeigt in ihrem textlosen Comic über einen Zwischenfall aus dem Jahr 1989, wie rasch Radrennhosen reissen können und ein Fahrer zur unfreiwilligen Stripfahrt gezwungen wird.
Ein Band, der durch seine Vielfältigkeit besticht. Für sportbegeisterte Jungs und Mädchen und ihre Eltern, die als Kinder am Strassenrand dem Tour de Suisse-Tross entgegengefiebert haben.

Christine Tresch
Buch&Maus 2/17, S. 37

Hoch hinaus
Franziska Walther
Verlag: Kunstanstifter, Publiziert: 2017, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-942795-61-6
Schlagwörter: Traum

Elche sind ja an sich schon kuriose Geschöpfe, der Held im Bilderbuchdebüt von
Franziska Walther aber ist ein ganz besonderes Exemplar. In seiner vollen Pracht füllt er als Brustporträt die erste Doppelseite. Mit melonenförmig herunterhängender Oberlippe, vorwitzig abgespreizten Ohren und sehr viel Schalk in seinen schwarzen Knopfaugen blickt er seine BilderbuchleserInnen unternehmungslustig an und trabt auf den nächsten Seiten auch schon los: raus aus dem Wald, über schneebedeckte Berge, durch Felder, Wiesen und mitten in die Stadt hinein. Warum er das macht? Walther zeigt als Erklärung nur einen Blick in den endlosen Himmel, wo Vögel ihre Kreise ziehen. Keine Frage: Elch Erasmus hat das Fernweh und die Abenteuerlust gepackt! Seine Geschichte erzählt die 1980 geborene Grafikerin ohne ein Wort, dafür aber mit fantastischen Bildern, die mal seitenfüllend als Panoramen oder in Viererblöcken mit Comicelementen soviel Witz wie Weite und Dynamik transportieren.
Vor allem aber ganz viel Stimmung: Knallig kontrastiert das Rotbraun von borstigem Elchfell mit zartem Hellblau, sattem Violett und Senfgelb. Die scheinbare Einfachheit der Illustrationen birgt komplexe Strukturen und Dreidimensionalität – eine surreale Atmosphäre!
Inspiriert wurde Walther durch eine wahre Begebenheit, deren Faden sie weiterspinnt. Und so marschiert Erasmus schnurstracks in ein Kaufhaus, bis er schliesslich treppauf, treppab auf der Dachterrasse und damit in der Falle landet. Dann passiert ein Wunder, das beweist, dass Glaube und Sehnsucht hier zwar keine Berge versetzen, aber Flügel wachsen lassen können. Ein Bilderbuch, das den Traum von Freiheit grossartig in Szene setzt.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/17, S. 26

Drei sind keiner zu viel
Eulalia Canal, Illustration: Rocio Bonilla
Aus dem Katalanischen von Ursula Bachhausen
Verlag: Ellermann, Publiziert: 2017, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7707-0003-5
Schlagwörter: Eifersucht/Neid | Freundschaft

Bär und Murmeltier verbindet eine tiefe Freundschaft, sie sind ein Herz und eine Seele. Wenn da nur nicht die Ente wäre. Das Murmeltier ist eifersüchtig, empfindet das andere Tier als Konkurrenz und erfindet kurzerhand eine gruselige Gespensterstory, um die Ente loszuwerden. Das Ablenkungsmanöver hat aber einen ganz anderen Effekt als erwartet: Die Tiere im Dorf erfahren davon und sind neugierig auf die vermeintlichen Gespenster. Eulalia Canal lässt einige Leerstellen in ihrer Geschichte und die Kinder können sich selbst überlegen, warum es nach einem gemeinsamen Abendessen plötzlich kein Problem mehr ist, zu dritt zu sein. Illustratorin Rocio Bonilla hat einen stilsicheren, zarten Strich und ein ausgesprochenes Gespür für Farben. Um eine ausgewogene, harmonische Atmosphäre zu erzeugen, nimmt sie stets nur eine begrenzte Anzahl an Farben zur Hand. Bleistift, Wasserfarben und am Ende noch ein wenig Farbstift – darin besteht ihr Geheimnis. Die schwarz-weissen Illustrationen stehen in einem gelungenem Spannungsverhältnis zu den liebevoll detaillierten ganzseitigen Szenen im Haus oder in der winterlichen Natur. Man merkt Bonillas Figuren an, dass sie Erfahrung im Bereich Animationsfilm, Comic und Cartoon hat – so beweglich, humorvoll und ausdrucksstark sind sie. Für diese Ausgabe stand Bonilla in intensivem Austausch mit der katalanischen Autorin und dem deutschen Verlag, da in der deutschen Ausgabe andere Schwerpunkte gelegt wurden. Darum hat sie für die deutschsprachige Ausgabe auch ein neues Cover gemalt. Darauf sind alle drei Tiere glücklich zu sehen: Denn, wie der Titel schon sagt, zu dritt geht es auch gut und keiner ist zu viel!

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/17, S. 26

Mikas Himmel
Bibi Dumon Tak, Illustration: Annemarie van Haeringen
Aus dem Niederländischen von Meike Blatnik
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2017, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5939-1
Schlagwörter: Tod/Trauer

Wenn Annemarie van Haeringen ein Bilderbuch (mit)gestaltet, ist es per se schon beachtenswert. Die Holländerin ist eine Garantin für künstlerische Projekte, die aussergewöhnlich, herausfordernd und spannend sind. So ist es auch bei «Mikas Himmel», das davon erzählt, wie Familienhund Mika abends stirbt, in der Nacht bei strömendem Regen begraben wird und wie im sonnigen Himmel am nächsten Morgen fröhliches Gebell zu hören ist. Mika scheint glücklich im Hundehimmel angekommen.

Tag und Nacht, schwarze und weisse Wolken, Regen und Sonne: Bereits auf der Textebene von Bibi Dumon Tak wird das schwer begreifbare Geschehen in eine verständliche wie tröstliche Symbolsprache übersetzt. In dieser Ich-Erzählung ist nur die Rede von «wir», ob es sich um Vater, Mutter, Kind oder Geschwister mit Fami­lienhund han­delt, bleibt offen. Dadurch wird der Spiel­raum für Iden­tifi­kation gross und zugleich offenbar, dass es um etwas Allgemeines geht: wie man von einem sterbenden Haustier Abschied nehmen kann. Beispielweise indem viele Fragen gestellt werden dürfen und die Grossen keine fadenscheinigen, vorschnellen Antworten suchen.

Die Illustrationen transformieren all dies in eine beeindruckend reduzierte Bildsprache: Wo es um Tod und Sterben geht, ziehen dunkle Wolken auf, färben sich die Seiten schwarz. Violett, Purpur, Blau reissen vorsichtig ein. Als Mikas Ball im Grab liegt, stösst Orange dazu. Danach Weiss, plötzlich Gelb, Grün, Rot und am Schluss Hellblau. Zugleich formiert sich aus der schwarzen Fläche Seite um Seite eine Hundesilhouette vor farbigem Hintergrund. Will sagen: Tote bleiben bei uns, in der Erinnerung. Ein Buch, das gut tut – im Ernstfall und auch einfach so.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/17, S. 26

Stromer
Sarah V., Illustration: Claude K. Dubois
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Verlag: Moritz, Publiziert: 2017, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-342-1
Schlagwörter: Armut | Identität/Individualität

Es könnte Paris sein. Oder auch nicht. Die Menschen, die an dem formlosen Kleider­haufen an der Strassenecke vorbeihetzen, haben verschwommene Gesichter. Könn­te man sie besser sehen, sie hätten alle diesen Blick, der sieht, aber nicht hinsieht. Der nicht feindselig ist, meistens nicht, vielleicht noch nicht einmal gleichgültig, wohl aber darauf trainiert, kein Gegenüber entstehen zu lassen. Entsprechend hat auch Stromer kein richtiges Gesicht, lange nicht. Wir sehen ihn oft von hinten, seinen dick vermummten Körper, die Trag­taschen, die er mit sich schleppt. Wir sehen ihn in einer Mülltonne wühlen, als verlorenen Punkt in einer Strassenschlucht, oder wir schauen aus seinen Augen auf eine Stadt voller Menschen, für die er nur dann in Erscheinung tritt, wenn er stört. Im Bus zum Beispiel, weil er stinkt. Oder im Park, wo er nicht zu den Liebespärchen und Familien passt: «Stromer ist hier nicht willkommen.»

Stromer also, ein Obdachloser, der einmal Briefträger war und der sich heute nicht einmal mehr recht an seinen Namen erinnern kann. Der kein Gesicht hat, weil ihn keiner sieht. Und der doch da ist – und wie. In ihren feinen, vielschichtigen Zeich­nungen verleiht ihm Claude Dubois Gestalt, eine handfeste Kontur. Sarah V. gibt ihm in ihrem aufs Essenziellste be­schränk­ten Text eine Präsenz, die sich weder verschweigen noch wegdiskutieren lässt. In präzisem Duett arbeiten die zwei Künstlerinnen die Sichtbarkeit obdach­loser Menschen gerade dann heraus, wenn sie ihre Unsichtbarkeit thema­tisieren. Dieser andere, dieser sehende Blick verdichtet sich zum Ende in der unvoreingenom­menen Geste eines kleinen Mäd­chens, das Stromer nicht nur wahrnimmt, sondern ihn in seinem So-Sein anspricht. Und das ihm einen Namen und damit auch das Gesicht zurückgibt, das ihm schon immer gehört hat.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/17, S. 27

Nichts passiert
Mark Janssen
Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2017, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5523-0
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie

Zwei Kinder, Nick und Sara, treffen sich und erzählen sich gegenseitig von ihrem Tag. Sicher, beide haben heute einige Dinge erlebt, aber besonders aufsehenerregend war aus ihrer Sicht eigentlich nichts davon… Die Betrachterinnen und Betrachter dieses farbenfrohen Bilderbuches des niederländischen Autors und Illustrators Mark Janssen würden den Tagesablauf der Kinder anhand der Bilder auf den folgenden grosszügig komponierten Doppelseiten aber etwas anders beschreiben. Nick ist mit einem Wal geschwommen und hat zwei Löwen als Freunde, Sara ist einen Elefantenrüssel heruntergerutscht und hat auf dem Kopf eines zahmen Tigers einen grünen Hut anprobiert. Ein grossartiges Erlebnis jagt das andere, auch wenn die beiden Kinder das augenschein­lich ganz anders sehen.
Mark Janssen hat in expressionistischen Bildern eine Ode aus Wasserfarben an die schier unerschöpfliche Fantasie von Kindern komponiert. Schön, wie durch geschickt gesetzte Bildausschnitte erst am Ende klar wird, dass eine Eisbärwolke als Ort der Zusammenkunft dient. Auch der kurze dialogreiche Text, übersetzt von Eva Schweikart, sitzt. Denn wie bei der Lyrik kommt es auch im Bilderbuch auf jedes einzelne Wort an, auf den Rhythmus und die Frage, ob es es sich gut vorlesen lässt. Diesem kraftvollen Bilderbuch ist all das gelungen. Doch was bringen all die unglaublichen Erlebnisse, wenn man sie mit niemanden teilen kann? Nick und Sara beschliessen jedenfalls, den nächsten Tag gemeinsam zu verbringen. Was sie da alles erleben, das könnten sich die BetrachterInnen ja einfach selbst ausdenken – mit ihrer eigenen blühenden Fantasie.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/17, S. 27

Otto war nicht begeistert
Jutta Richter, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Hanser, Publiziert: 2017, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25699-6
Schlagwörter: Freundschaft

«Otto war nicht begeistert» ist der Titel dieses Bilderbuchs von Jutta Richter und Jacky Gleich – und seine Pointe. Sie wiederholt sich fast Seite für Seite, denn der junge Held, Otto, findet so ziemlich alles blöd: mit anderen Kindern spielen, ins Ferienlager fahren, nachts quietschende Betten und schnarchende Kinder ertragen, Sandburgen bauen oder im Meer schwimmen. Tatsächlich sieht man es ihm auch auf Anhieb an: Otto ist das Kind, das meist die Mundwinkel nach unten zieht, oder mindestens eine Ecke. Sogar Zorn­falten bekommt er, als er nachts nicht schlafen kann. Doch am Ende der Ferien hat sich etwas verändert. Otto ist begeistert – was ist geschehen?
Auf vierzehn farbenfrohen Doppelseiten wird in kurzen, nüchternen Sätzen die Geschichte des kleinen Verweigerers aus dessen Blickwinkel erzählt. Eine Szene beim Mittagessen zeigt Otto als kras­sen Aussenseiter und wirkt doch lustig, denn Text und Bild ergänzen sich grossartig: «Otto guckte das Essen an. Das Essen guckte Otto an. Otto war nicht begeistert» – das Essen ist ein Fisch. Langsam tut Otto einem leid: Er sollte hier seinen Dauerschnupfen loswerden und Freunde finden, hat aber jeden Tag furchtbar Heimweh. Da kann man schon verstehen, dass er nichts gut findet. Optimistisch bleibt die Geschichte aber trotzdem. Für gute Laune sorgen auch die tollen Namen: Die Leiterin des Ferienlagers heisst Frau Felgenkranz und das Mädchen, das die Wende auslöst, Gerlinde Piepenkötter.
Wie Schnappschüsse wirken die seitenfüllenden Bilder von Jacky Gleich. Das Mienenspiel der Beteiligten zieht direkt ins Geschehen, besonders als Otto zum Schluss sogar grinst.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/17, S. 27

Gans vergessen
Stephanie Schneider, Illustration: Ingrid Sissung
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2017, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86873-888-9
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere | Feste/Bräuche

Alle Jahre wieder erscheinen etliche neue Bilderbücher rund um das Weihnachtsfest. Es geht um Schnee, die Familie, Geschenke und immer auch um gewisse Traditionen – wie etwa das Essen der Weihnachtsgans. Stephanie Schnei­­der mit Ingrid Sissung, Andre Marois mit Alain Pilon sowie Julie Völk legen in ganz unterschiedlicher Bildsprache drei inte­ressante Neuer­schei­nungen vor, die den Advent bereichern.
Schneider beginnt mit zwei Tieren, die eine Brieffreundschaft führen. Kuh Tilda und Kamel Klaus haben solche Sehnsucht nacheinander, dass sie kurzerhand
beschliessen, sich an Weihnachten endlich wiederzusehen. Gesagt, getan – Treffpunkt ist bei Kuh Tilda im Dorf. Zusammen bereiten sie ein traditionelles Weih­nachts­fest vor, mit Baum schmücken, Lieder singen – aber halt, etwas fehlt doch, oder? Die Gans! Aber in diesem Fall nicht auf dem Teller, sondern als Gast. Zum Glück hat Marietta verschlafen und ist als einzige Gans im Dorf geblieben. Da die Autorin Happy Ends liebt, bleibt das Tier am Leben und geniesst mit den beiden anderen den Weihnachtsabend. So fühlt man sich an den Klassiker «Die Weihnachtsgans Auguste» von Friedrich Wolf erinnert.
Ingrid Sissung gibt der klugen Geschichte einen kräftigen, farbenfrohen Anstrich. Mit sichtbarem Pinselduktus in Gouachefarben, kombiniert mit Farbstiften, Collage und Linoldruck verleiht sie der hintersinnigen Erzählung zusätzlichen Schwung und Ausdruckskraft.
Schwung braucht auch Chloé, um mit dem Heissluftballon in die Lüfte zu schweben. Hilfe bekommt sie von den Schneeeulen, die ihr treu zur Seite stehen. Andre Marois lässt seine Weihnachtsgeschichte in Kanada spielen, einem Land, in dem der Heilige Abend ohne Schnee nahezu undenkbar ist. Doch in diesem Jahr ist es anders, keine einzige Schneeflocke weit und breit. Da nimmt das kleine resolute Mädchen den Fall selbst in die Hand und holt mit Hilfe von Eisbären einen riesigen Schneeball nach Hause.
Die ursprünglich für ein Einkaufszentrum gefertigte Auftragsarbeit setzt Alain Pilon mit einer sehr reduzierten, präzisen Bildsprache um. Mit Fineliner gezeichnet und exakt in den Farben der Dekoration des kanadischen Einkaufszentrums am Computer coloriert, bezaubert er mit stilsicheren Bildern im Retrostil. Mit Glitzer­­schrift und Glitzerschneeflocken auf dem Cover hält man ein Bilderbuch in den Händen, das den Wunsch nach weisser Weihnacht mit einer magischen Geschichte sowie einer starken Mädchen­figur verbindet.
Das Cover von Julie Völks neuem Buch ist mit Guckloch und Goldprägung ebenfalls besonders und sorgfältig ausgestattet, so wie alle ihre Bilderbücher. Ein Mädchen erwartet mit ihrer Mutter die
Verwandtschaft, um Weihnachten zu feiern. In einer Wohnwagenkarawane reist diese an und zusam­men verbringen sie ein fröhliches Fest.
Ganz ohne Text präsentiert Völk zauberhaft, charmant und federleicht Gesichter, Räume, Landschaften und hinreissende Details. Die vielfach ausgezeichnete Künstlerin grundiert mit Aquarell und coloriert dann mit Farbstift und Aquarell. Wie bei einem Bühnenbild lässt Völk die vierte Wand verschwinden und gibt den Blick frei auf das Geschehen im Haus. Satt und zufrieden legen sich alle im Wohnzimmer schlafen – ein Bild, das man so schnell nicht vergisst!

ANTJE EHMANN
Buch&Maus 3/17, S. 28

Weisse Weihnacht für Chloe
Andre Marois, Illustration: Alain Pilon
Aus dem Französischen von Oliver Ilan Schulz
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2017, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-257-01213-2
Schlagwörter: Feste/Bräuche

Alle Jahre wieder erscheinen etliche neue Bilderbücher rund um das Weihnachtsfest. Es geht um Schnee, die Familie, Geschenke und immer auch um gewisse Traditionen – wie etwa das Essen der Weihnachtsgans. Stephanie Schnei­­der mit Ingrid Sissung, Andre Marois mit Alain Pilon sowie Julie Völk legen in ganz unterschiedlicher Bildsprache drei inte­ressante Neuer­schei­nungen vor, die den Advent bereichern.
Schneider beginnt mit zwei Tieren, die eine Brieffreundschaft führen. Kuh Tilda und Kamel Klaus haben solche Sehnsucht nacheinander, dass sie kurzerhand
beschliessen, sich an Weihnachten endlich wiederzusehen. Gesagt, getan – Treffpunkt ist bei Kuh Tilda im Dorf. Zusammen bereiten sie ein traditionelles Weih­nachts­fest vor, mit Baum schmücken, Lieder singen – aber halt, etwas fehlt doch, oder? Die Gans! Aber in diesem Fall nicht auf dem Teller, sondern als Gast. Zum Glück hat Marietta verschlafen und ist als einzige Gans im Dorf geblieben. Da die Autorin Happy Ends liebt, bleibt das Tier am Leben und geniesst mit den beiden anderen den Weihnachtsabend. So fühlt man sich an den Klassiker «Die Weihnachtsgans Auguste» von Friedrich Wolf erinnert.
Ingrid Sissung gibt der klugen Geschichte einen kräftigen, farbenfrohen Anstrich. Mit sichtbarem Pinselduktus in Gouachefarben, kombiniert mit Farbstiften, Collage und Linoldruck verleiht sie der hintersinnigen Erzählung zusätzlichen Schwung und Ausdruckskraft.
Schwung braucht auch Chloé, um mit dem Heissluftballon in die Lüfte zu schweben. Hilfe bekommt sie von den Schneeeulen, die ihr treu zur Seite stehen. Andre Marois lässt seine Weihnachtsgeschichte in Kanada spielen, einem Land, in dem der Heilige Abend ohne Schnee nahezu undenkbar ist. Doch in diesem Jahr ist es anders, keine einzige Schneeflocke weit und breit. Da nimmt das kleine resolute Mädchen den Fall selbst in die Hand und holt mit Hilfe von Eisbären einen riesigen Schneeball nach Hause.
Die ursprünglich für ein Einkaufszentrum gefertigte Auftragsarbeit setzt Alain Pilon mit einer sehr reduzierten, präzisen Bildsprache um. Mit Fineliner gezeichnet und exakt in den Farben der Dekoration des kanadischen Einkaufszentrums am Computer coloriert, bezaubert er mit stilsicheren Bildern im Retrostil. Mit Glitzer­­schrift und Glitzerschneeflocken auf dem Cover hält man ein Bilderbuch in den Händen, das den Wunsch nach weisser Weihnacht mit einer magischen Geschichte sowie einer starken Mädchen­figur verbindet.
Das Cover von Julie Völks neuem Buch ist mit Guckloch und Goldprägung ebenfalls besonders und sorgfältig ausgestattet, so wie alle ihre Bilderbücher. Ein Mädchen erwartet mit ihrer Mutter die
Verwandtschaft, um Weihnachten zu feiern. In einer Wohnwagenkarawane reist diese an und zusam­men verbringen sie ein fröhliches Fest.
Ganz ohne Text präsentiert Völk zauberhaft, charmant und federleicht Gesichter, Räume, Landschaften und hinreissende Details. Die vielfach ausgezeichnete Künstlerin grundiert mit Aquarell und coloriert dann mit Farbstift und Aquarell. Wie bei einem Bühnenbild lässt Völk die vierte Wand verschwinden und gibt den Blick frei auf das Geschehen im Haus. Satt und zufrieden legen sich alle im Wohnzimmer schlafen – ein Bild, das man so schnell nicht vergisst!

ANTJE EHMANN
Buch&Maus 3/17, S. 28

Stille Nacht, fröhliche Nacht
Julie Völk
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2017, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5602-4
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Familie/Familienformen

Alle Jahre wieder erscheinen etliche neue Bilderbücher rund um das Weihnachtsfest. Es geht um Schnee, die Familie, Geschenke und immer auch um gewisse Traditionen – wie etwa das Essen der Weihnachtsgans. Stephanie Schnei­­der mit Ingrid Sissung, Andre Marois mit Alain Pilon sowie Julie Völk legen in ganz unterschiedlicher Bildsprache drei inte­ressante Neuer­schei­nungen vor, die den Advent bereichern.
Schneider beginnt mit zwei Tieren, die eine Brieffreundschaft führen. Kuh Tilda und Kamel Klaus haben solche Sehnsucht nacheinander, dass sie kurzerhand
beschliessen, sich an Weihnachten endlich wiederzusehen. Gesagt, getan – Treffpunkt ist bei Kuh Tilda im Dorf. Zusammen bereiten sie ein traditionelles Weih­nachts­fest vor, mit Baum schmücken, Lieder singen – aber halt, etwas fehlt doch, oder? Die Gans! Aber in diesem Fall nicht auf dem Teller, sondern als Gast. Zum Glück hat Marietta verschlafen und ist als einzige Gans im Dorf geblieben. Da die Autorin Happy Ends liebt, bleibt das Tier am Leben und geniesst mit den beiden anderen den Weihnachtsabend. So fühlt man sich an den Klassiker «Die Weihnachtsgans Auguste» von Friedrich Wolf erinnert.
Ingrid Sissung gibt der klugen Geschichte einen kräftigen, farbenfrohen Anstrich. Mit sichtbarem Pinselduktus in Gouachefarben, kombiniert mit Farbstiften, Collage und Linoldruck verleiht sie der hintersinnigen Erzählung zusätzlichen Schwung und Ausdruckskraft.
Schwung braucht auch Chloé, um mit dem Heissluftballon in die Lüfte zu schweben. Hilfe bekommt sie von den Schneeeulen, die ihr treu zur Seite stehen. Andre Marois lässt seine Weihnachtsgeschichte in Kanada spielen, einem Land, in dem der Heilige Abend ohne Schnee nahezu undenkbar ist. Doch in diesem Jahr ist es anders, keine einzige Schneeflocke weit und breit. Da nimmt das kleine resolute Mädchen den Fall selbst in die Hand und holt mit Hilfe von Eisbären einen riesigen Schneeball nach Hause.
Die ursprünglich für ein Einkaufszentrum gefertigte Auftragsarbeit setzt Alain Pilon mit einer sehr reduzierten, präzisen Bildsprache um. Mit Fineliner gezeichnet und exakt in den Farben der Dekoration des kanadischen Einkaufszentrums am Computer coloriert, bezaubert er mit stilsicheren Bildern im Retrostil. Mit Glitzer­­schrift und Glitzerschneeflocken auf dem Cover hält man ein Bilderbuch in den Händen, das den Wunsch nach weisser Weihnacht mit einer magischen Geschichte sowie einer starken Mädchen­figur verbindet.
Das Cover von Julie Völks neuem Buch ist mit Guckloch und Goldprägung ebenfalls besonders und sorgfältig ausgestattet, so wie alle ihre Bilderbücher. Ein Mädchen erwartet mit ihrer Mutter die
Verwandtschaft, um Weihnachten zu feiern. In einer Wohnwagenkarawane reist diese an und zusam­men verbringen sie ein fröhliches Fest.
Ganz ohne Text präsentiert Völk zauberhaft, charmant und federleicht Gesichter, Räume, Landschaften und hinreissende Details. Die vielfach ausgezeichnete Künstlerin grundiert mit Aquarell und coloriert dann mit Farbstift und Aquarell. Wie bei einem Bühnenbild lässt Völk die vierte Wand verschwinden und gibt den Blick frei auf das Geschehen im Haus. Satt und zufrieden legen sich alle im Wohnzimmer schlafen – ein Bild, das man so schnell nicht vergisst!

ANTJE EHMANN
Buch&Maus 3/17, S. 28

Wer hat den Lebkuchen stibitzt?
Maria Stalder
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2017, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0734-6
Schlagwörter: Feste/Bräuche

Lebkuchenduft zieht durch den verschneiten, winterlich blauen Wald. Arne, der in einem Holzhäuschen mitten im Forst wohnt, hat für den Nikolaus gebacken. Schliesslich sollen die Kinder im Dorf heute eine grosse Überraschung erleben! Doch bevor der Nikolaus das Weihnachtsgebäck in seinen Gabensack stecken kann, müssen die Lebkuchen auf dem Fensterbrett abkühlen. Angelockt vom süssen Duft von Honig und Zimt streicht der Fuchs unter dem Fenster vorbei – und schnapp, schon hat er einen der brauen Kuchen verschlungen. «Noch nie hat er etwas so Gutes gefressen. Dem Fuchs wird warm, von den Ohren bis in die Schwanzspitze.»
Doch bald meldet sich sein schlechtes Gewissen: Wem hat er die Köstlichkeit weggeschnappt? Muss jetzt ein Kind leer ausgehen? Oder verzichtet Arne auf seinen Lebkuchen? Leise folgt der Fuchs dem Nikolaus-Gehilfen in den Wald zur winterlichen Wildfütterung. «Jedes Tier ist willkommen. Für alle hat Arne etwas dabei.» Gerne würde sich der Fuchs für seine Gefrässigkeit und den heimlichen Diebstahl entschuldigen. Nur, wie soll er das anstellen? Zum Glück kommt ihm am Ende doch noch eine Idee.
Die junge Schweizer Autorin und Illustratorin Maria Stalder erzählt in ihrem zweiten Bilderbuch eine liebenswerte, versöhnliche Geschichte zur Samichlauszeit. Ihre kleine Adventsparabel über Grossherzigkeit und Empathie braucht nur wenig Text; Stimmung und Emotionen werden über die doppelseitigen, farbensatten Illustrationen im realistischen Stil transportiert.
Ein atmosphärisches Winterbilderbuch – unbedingt zu frisch gebackenen Leb­kuchen vorlesen!

Alice Werner
Buch&Maus 3/17, S. 28

Hans im Glück und andere Märchen der Brüder Grimm
Jakob Grimm, Wilhelm Grimm, Illustration: Felix Hoffmann
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2017, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10349-0
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Ein Höhepunkt der SIKJM-Ausstellung im Zürcher Strauhof zum 200. Geburtstag der Grimmschen Kinder- und Hausmärchen war die Vitrine mit Illustrationen des Aargauer Künstlers Felix Hoffmann (1911-1975) – sie zog die BesucherInnen magisch an. Manche waren mit Hoffmanns Bilder­büchern aufgewachsen, andere dagegen hatten die subtilen und eindringlichen Szenen noch nie gesehen und fragten sich, wie das denn sein konnte. Über Jahrzehnte waren die Bilderbücher nämlich vergriffen, bis sie der NordSüd-Verlag dieses Jahr in einem wunderschönen Band herausbrachte. Hoffmann war ein viel­seitiger, handwerklich äusserst versierter Künstler: Er war Grafiker, Fensterglas- und Buch­maler, wobei es seine illustrierten Märchenbücher waren, die ihm internationales Renommee eintrugen, obwohl sie ursprünglich nur für seine eigenen Kinder, gedacht waren.

Hoffmann verstand sich dezidiert als Buchkünstler, was sich in der Gesamtkomposition zeigt: Eine fast filmische Dynamik geht durch die Seiten. Die Figuren, Landschaften, die Gegenstände und Requisiten treten aus der Leere des Papiers in den Vordergrund. Die Farben sind eher zurückhaltend, die Konturen hingeworfen und beweglich, doch Hoffmann verstand sich auch darauf, harte Kontraste einzusetzen und damit emotionale Effekte zu bewirken.

Eins der eindrücklichsten Bilder stammt aus Hoffmanns allererstem Bilderbuch «Rapunzel» (1960). Da sehen wir eine Doppelseite ganz ohne Text, die zur Hauptsache aus Himmel besteht. Die Landschaft – ein Städtchen am linken Bildrand, rechts der Wald und dazwischen die weite Fläche eines Feldes – liegt im Schnee. Eine einzige Spur führt aus den Häusern heraus übers Feld: Es sind die schweren Stiefel der Hexe, die das schreiende Rapunzel unter dem Arm geklemmt in ihren Turm entführt.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/2017, S. 29

Das Jahr, als die Bienen kamen
Petra Postert
Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2017, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-372-6
Schlagwörter: Tiere | Familie/Familienformen

Bienen sind keine Kaninchen, die man ans Herz drücken oder in deren Augen man versinken könnte. Vielleicht, denkt die 12-jährige Josy, hat es deshalb so lange gedauert, bis sich wahre Zuneigung einstellen konnte: «Die Augen von Bienen waren riesengross. Aber nie […] entdeckte man in diesen Augen Freude, Angst oder Wut. Bienen blieben auf Distanz. Bienen schloss man nicht einfach ins Herz. Aber dann eben doch. Geliebte Bienen.» Josys Gefühle für die Honigbienen in ihrem Garten sind zunächst wie die Tiere selbst «nur» geerbt: Dem Grossvater, einem leidenschaftlichen Imker, war sein Bienen­volk mit das Wichtigste, und seine Enkelin zögert daher nicht, als er sie im Testament zur Nachfolgerin kürt. Von einer Freundin des Verstorbenen lässt sie sich in Zucht und Honigernte einführen; sie liest die Fachliteratur und tritt einem Imkerverein bei, der mehrheitlich aus kauzigen älteren Herren besteht. Im Lauf der Monate aber wächst mit dem Wissen echte Zuneigung, und Josy beginnt sich mit Herzblut um «ihre Damen» zu kümmern.
Josys Lehrer, der sich seine Freizeit mit einer Gruppe urbaner Hipster auf einem Bienen-Campingplatz vertreibt, stellt fest, dass Bienen «ja gerade voll im Trend» sind – ein Befund, der auch für die aktuelle Kinder- und Jugendliteratur passt. Seit das Bienensterben und seine Folgen für Natur und Mensch zum öffentlich-ökologischen Diskurs gehören, widmen sich den Insekten zahlreiche Titel. Petra Posterts Roman gehört kaum zu den originellsten; er klingt zuweilen arg nach Sachbuchtext, die Figurenzeichnung bleibt hinter der Faktenfülle zurück. Und doch ergeht es der Leserin wie der jungen Imkerin: Sie erliegt der Faszination des Bienenvolks, aus dessen Mitte heraus der Text immer wieder sehr gekonnt berichtet und das einem enorm ans Herz wächst, ohne dass die Bienen je vermenschlicht würden.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/17, S. 29

Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch
Andreas Steinhöfel
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2017, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55665-3
Schlagwörter: Freundschaft | Feste/Bräuche

Es ist Heiligabend und bei Rico und Oskar in der Dieffe 93 ist einiges los: Sie kaufen Geschenke, ziehen gemeinsam mit den Nachbarn den unter dem Weihnachtsbaum eingeklemmten Bühl hervor und trotzen dem Schneesturm, der sie abends von der Aussenwelt abschneidet. Oskar hütet zudem ein grosses Geheimnis und zu guter Letzt spielen gleich zwei Christkinder eine wichtige Rolle.
Was sich Andreas Steinhöfel in seinem neuesten Rico und Oskar-Abenteuer hat einfallen lassen, ist kurzweilig, unterhaltsam, komisch und mit viel Liebe und familiärem und freundschaftlichem Zusammenhalt ausgestattet, ohne dabei ins Kitschige abzudriften. Einiges hat sich in der Dieffe 93 seit dem letzten Band der Trilogie verändert: So ist Ricos Mutter nun mit «dem Bühl» verheiratet und schwan­ger, beide Haushalte wurden durch einen Durchbruch in der Decke zusammen­gelegt, neue Figuren treten auf, die Ricos Leben (vermutlich) fortan begleiten werden. Geschickt verwebt Steinhöfel Ricos Erzählung zudem mit dessen Erinnerungen an den vergangenen Sommer, in dem er neue Freunde gefun­den und auch wieder verloren hat, bis sie unverhofft an Heiligabend an der Tür klingeln. Alle Fäden der komplex aufgebauten Handlung führen schlussendlich zusammen und finden – so muss es bei Rico und Oskar einfach sein – zu einem guten Ende.
Andreas Steinhöfel ist mit «Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch», gewohnt humorvoll illustriert von Peter Schössow, eine turbulente und gleichzeitig wunder­schöne Weihnachtsgeschichte gelungen, an dessen Ende Rico das für ihn wohl tollste Geschenk bekommt, nämlich eine kleine Schwester, ihr aber wiederum selbst das allerschönste Geschenk macht: die vorliegende Erzählung vom Tag ihrer Geburt.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/17, S. 30

Siri und die Eismeerpiraten
Frida Nilsson
Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2017, Seiten: 376, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5920-9

Die Erzählungen, die sich um den Piraten Weisshaupt ranken, sind so grausig, dass die Grenzen zwischen Märchen und Realität verschwimmen. Auch Siri und ihrer jüngeren Schwester Miki sind seine Gräueltaten nur zu vertraut. Doch was als schaurig-schöne Gruselgeschichte unter Schwestern ihren Anfang nimmt, wird zu einer unerbittlichen Odyssee im Eis, als Miki von den Piraten entführt wird. Weil sich alle scheuen, ihr zu helfen, bricht Siri allein in die Inselwelt des Eismeers auf, um Miki zu befreien. Dabei trifft das kaum zehnjährige Mädchen auf viele selbstsüchtige und wenig hilfsbereite Men­schen: auf den feigen Kapitän Sturmbart, seinen warmherzigen Koch, den bärenstarken Frederik, eine gierige Wolfsjägerin und viele mehr. Auch tonnenschwere Meerjungfrauen sind unter Siris Begegnungen, die jeweils nicht von Dauer sind und das Mädchen doch prägen und auf seinem Weg weiterbringen. An den Erfolg von Siris Mission glaubt kaum jemand, und doch geht sie unerschrocken weiter, Weisshaupt entgegen.
Frida Nilsson, die wir von den meist sonnigen Episoden der lebenslustigen Hedvig kennen, führt ihre LeserInnen hier in ein eisiges Abenteuer, das Salz, Kälte und Nässe über fast 400 Seiten spürbar macht. Wärme kommt allein aus Siris Herzen und ihrer Hoffnung, dass sich alles zum Guten wenden wird. Die fantasie­vollen Namen der Figuren und Schau­plätze erinnern dabei an die fantastischen Geschichten Astrid Lindgrens. Ein eindrucksvolles modernes Märchen mit einer starken und mutigen Heldin, die kleinen Leserinnen und Lesern in ihrer Vorstellung von Zivilcourage, Ehre und Moral ein Vorbild sein kann.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/17, S. 30

Mein Freund Charlie
Tanya Lieske
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2017, Seiten: 171, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82321-2

«Scheisslette!» – «Kackrusse!» – das sind die ersten Worte zwischen Niks und Charlie. Man ist sich spontan sympathisch. Niks hat viel Zeit für eine neue Freundschaft, hat sich sein chaotisch-optimistischer Vater doch in den Kopf gesetzt, dass in Deutschland alles besser ist und deswegen ihre schnuckelige Dachwohnung in Riga an Amerikaner vermietet. Nach dreissigstündiger Busfahrt landen sie in einem Dortmunder Multikulti-Viertel und einer Bruchbude, die Niks wie ein Bahnhof vorkommt: Jede Menge zusammengewürfelte Leute, die hier nur mal kurz Zwischenstation machen. Während Vater Mahris als ge­lernter Stuckateur auf dem Bau malocht, stromert Niks also durch die Gegend und erkundet diese Welt mit seinem neuen Freund Charlie. Einem Freund, wie man sich keinen besseren wünschen könnte: Lustig, mutig und pfiffig, dazu Meister im Sachen-organisieren und der hohen Kunst des Unsichtbarwerdens. Dass Char­lie klaut und bei allen möglichen krimi­nellen Aktionen mitmischt, merkt Niks erst nach und nach – aber da steckt er selbst schon mitten drin. Das Abenteuer, das die beiden erleben, ist Krimi, Entwicklungsroman und Komödie in einem. Tanya Lieske lässt ihren Helden davon in einer Art Schulaufsatz erzählen.
Es ist eine rasante und spannende Geschichte mit dunklen Gestalten, Raub­zügen, Gewalt und Rettung in letzter Sekunde. Als Mahris erst ins Krankenhaus kommt und dann plötzlich verschwunden ist, wird die Sache brandgefährlich, aber zum Glück ist Niks Charlies Freund und die Liebe zwischen Vater und Sohn gross. Ein toller Jungsroman: Erfrischend unpäda­gogisch, voller wichtiger Gefühle und eigenwilliger Charaktere. Niks’ Re­sümee ist positiv: «Ich fühlte mich anders, es war ein neuer Niks in mir drin. Ich hatte Gefahren bestanden und konnte Sachen, die nicht einmal Mahris konnte.»

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/17, S. 30

Schlafen Fische?
Jens Raschke
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2017, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-070-5
Schlagwörter: Geschwister | Tod/Trauer

Eigentlich hätte Jette ein grosses Ereignis zu feiern: Sie wird zehn Jahre alt – zweistellig! Doch der Geburtstag weckt schmerz­liche Erinne­rungen bei der klei­nen Ich-Erzählerin: Vor einem Jahr starb ihr kleiner Bruder Emil. Das ist schon traurig genug. Doch der Autor, Dramatiker und Regisseur Jens Raschke lässt das Mädchen auf eine Weise von jenem Tag erzählen, die einem den Atem stocken lässt. Die Trauer und Verzweiflung der Eltern war so absolut, dass Jette sich nicht nur von Emil, sondern von der ganzen Welt verlassen fühlen musste – ihre Erzählstimme scheint aus einer dicht isolierten Glocke aus Einsamkeit zu uns herauszudringen.
Dabei vermeidet Raschke jede Interpretation, Erklärung, Schuldzuweisung; er gibt seiner Figur einfach eine Stimme und lässt sie erzählen. Jette ist kein senti­mentales Kind; Euphemismen sind ihr fremd und sie greift auch gerne zu unorthodoxen Vergleichen. Das Gesicht des toten Bruders sieht aus wie Joghurt, ein kranker Junge, dem die Haare ausgefallen sind, wie eine Megakaulquappe. Ein Kapitel ist der Aufzählung makabrer Todesarten gewidmet. Umso gewaltiger packt einen die Not zwischen den Zeilen.
Der Text ist umso stärker, je konkreter die Ich-Erzählerin über den Tod nachdenkt. Nur wenn es um die letzten Fragen geht, um das, was die Erwachsenen den Kindern Halbherziges über Gott, den Himmel und was nach dem Tod passiert, erzählen, nimmt die Geschichte einen vorwurfsvollen, leicht entrüsteten Ton an und kippt für Momente ins Betuliche. Dafür endet das Buch ganz wundersam mit Jettes Fantasien vom Kreislauf des Lebens – wie die Würmer, die an uns knabbern, selbst auch irgendwann ster­ben, um ihrerseits von Würmern und dann vielleicht von einem Fisch gefressen zu werden, der weit herumkommt im Meer.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/17, S. 31

Die unheimliche Krähe am See
Martina Wildner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2017, Seiten: 218, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82318-2
Schlagwörter: Geschwister | Rätsel | Grusel/Spuk/Horror

Sechs Jahre nach ihrem intensiv gruseligen Roman «Das schaurige Haus» führt uns Martina Wildner zurück in das kleine Dorf im Allgäu, in dem Ich-Erzähler Hendrik und sein hellsichtiger Bruder Eddi inzwischen nur noch ihre Ferientage verbringen. Doch nun scheint ein neues Abenteuer zu winken. Eddi bekommt wieder diesen merkwürdig abwesenden Blick und interessiert sich auffallend für Krähen. Gleichzeitig wird die Grossmutter von Hendriks Freundin Ida beim Schwim­men im Bergsee von Krähen angegriffen.

Sogleich stellt sich wie­der dieses behaglich gruselige Gefühl ein. Krähen als Boten aus der Anderswelt, Krähen als Ge­fährten der germanischen Götter, Krähen als Todesboten – Leserherz, was willst du mehr? Leider aber verflüchtigt sich die Begeisterung im Lauf des Romans. Martina Wildner, eine Meisterin atmosphärischer Spannung, bemüht sich hier zu sehr darum, Verbindungen zu knüpfen, die schwer nachzuvollziehen kann.

Ausser Hendrik und Eddi kommt noch Eddis Freundin Monique als eigentlich Aussenstehende hinzu und mit ihr ihre hexengläubige Mutter, die aber letztlich beide doch eine Verbundenheit zu dem kleinen Ort verspüren. An Idas Oma hängt ein finsteres Familiengeheimnis, von dem sie selbst nichts weiss. Ein Stausee hat drei Dörfer überflutet und die Natur aus dem Gleichgewicht gebracht. Mitten in einer Rettungsaktion am See verschwindet eine alte Hebamme spurlos, ohne dass es irgendjemandem auffällt. Das ist alles ein bisschen viel. Zu viele Zufälle und erklärungsbedürftige Verbindungen gehen zu Lasten der Spannung. So kann «Die unheimliche Krähe am See» leider nicht an den Erfolg des Vorgängers anknüpfen.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/17, S. 31

Corniglias / Alpendohlen
Angelika Overath
Verlag: SJW, Publiziert: 2017, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0093-9

Zweisprachig: Vallader - Deutsch

«Tanter grazcha e gratai / la furtüna / da stübgiar / sur da sai» – «Zwischen Anmut und Mut / das Glück / nachzudenken / über sich». «Poesia» / «Gedicht» lautet der Titel dieses Vierzeilers von Angelika Overath. Die in Sent im Unterengadin lebende Autorin und Journalistin hat 14 Gedichte für Kinder auf Vallader geschrieben und für dieses zweisprachige SJW-Heft ins Deutsche übersetzt. Gedichte, die die Kraft der lyrischen Sprache erkunden und des Sprachspiels, in denen die Wörter zu Klangkörpern werden und Bedürfnisse haben; Gedichte über Lebensthemen, Wimpertierchen und Alpendohlen; Ge­dich­­te mit losen Enden und solche, die mit Wiederholungen arbeiten wie eine Lita­nei. Was für eine wärmende Sprache ist dieses Vallader, getragen von dunklen Vokalen und Umlauten und weichen Konsonanten, singend und tänzelnd, vertraut und fremd in einem! «Minchatant / cur ch’eu / vegna a chasa, / es tschantanda la lingua / vi da la maisa / da chadafö.» – «Manchmal, / wenn ich / nach Hause komme, / sitzt die Sprache / in der Küche / am Tisch.»
Die Übertragungen ins Deutsche können die Sinnlichkeit des rätoroma­nischen Idioms, die Stabreime und Homo­nyme nur ansatzweise wiedergeben, zum Beispiel das Spiel mit den Wörtern «sunar» (klingen) und «suna» (ich bin). Im Hin- und Her zwischen Original und Übersetzung lassen sich etymologische Entdeckungen machen, lässt sich mit Kindern darüber philosophieren, wie die Gedichte in der eigenen Mundart tönen würden, aber auch über Themen wie «Heimweh» und «Zuhause» oder «Anderssein». Madleina Janetts Illustrationen in den Primärfarben Gelb und Blau und der Komple­men­tärfarbe Grün zeigen hybride Tier- und Menschenwesen. Die Bilder greifen in Farbe und Aussage den Zustand des Zwischen-den-Sprachen-Seins auf, in den dieses besondere Heft die Lesenden führt.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/17, S. 32

Besuch Aus Tralien
Martin Baltscheit
Verlag: Dressler, Publiziert: 2017, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-0045-4
Schlagwörter: Humor/Komik

Als sich die deutsche Familie auf einen Schüleraustausch mit Australien einlässt, hat sie keine rechte Vorstellung von Land und Leuten. Doch ein bisschen überrascht sind die Gasteltern schon, als sie ihren Sohn zum Flugplatz gebracht haben und mit ihrem Austauschkind nach Hause fahren. Sind Australier wirklich grün? Und haben sie alle so viele Zähne? Australier Dave hat auch am Kulturschock zu knabbern. Nicht im Wasser schlafen zu dürfen, findet er befremdlich. Ob das Baby, das ihm die Ärmchen entgegenstreckt, Teil des Müslis ist (das er im Übrigen für ungeniessbar hält), weiss er auch nicht so genau. Und dass ihm sein Gastvater hurtig die Zähne putzt, als er beim Anblick des Babys bereitwillig den Rachen aufreisst, macht die Sache nicht besser. Hier bedarf es einiger interkultureller Vermittlung. Doch kein Versuch in diese Richtung ist erfolgreich. Erst als die Psychologin vorschlägt, dass doch die Gasteltern versuchen könnten so zu sein wie Dave, anstatt ihn nach ihren Vorstellungen zu «integrieren», kommt Bewegung in die Sache. Als der fiese Nachbar Dave zu eige­nen Zwecken entführen will, wird es richtig spannend! Und was macht eigen­t­lich der deutsche Sohn Piet die ganze Zeit?
Maria Karipidous knallbunte und stilistisch ein bisschen an die Illustra­tionen aus den Sechzigern erinnernde Bilder gehören unbedingt zur Geschichte und lassen wenig Interpretationsspiel­raum: Dave ist ganz eindeutig ein Krokodil. Aber weil diese Vorstellung so absurd ist, kommt innerhalb der Geschichte kaum jemand darauf. Martin Baltscheit spielt aufs Herrlichste mit Klischeevorstellungen und überholten Konventionen und öffnet so auf clevere Weise die Köpfe seiner jungen Leserinnen und Leser. Ein aussergewöhnliches Kin­der­buch, das unseren Vorurteilen sehr geschickt mit Humor begegnet.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/17, S. 32

Feo und die Wölfe
Katherine Rundell
Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2017, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55686-8
Schlagwörter: Natur | Tiere | Gewalt

Feo und ihre Mutter sind Wildwolfer. Seit Generationen wildert ihre Familie Wölfe aus. Tiere, die sich der russische Adel eine Weile als ausgefallene Haustiere hielt – bis diese zu gross, zu wild, eben doch zu sehr Wolf wurden.

Feo liebt das einfache, naturverbun­dene Leben in der kleinen Hütte im Wald. Ihre Mutter und die Wölfe, das ist alles, was sie braucht. «Kennst Du das Gefühl, ein Feuer zu haben, wenn es draussen regnet? Und Wölfe, die deine Hände ablecken und versuchen, den Teppich zu fressen? Das nennt man Glück […].»

Doch Feos Glück ist bedroht. Dem Lieblingsoffizier des russischen Zaren, General Rankow, sind das unerschrockene Wolfsmädchen und ihre Mutter ein Dorn im Auge. Mit Soldaten überfällt er nachts die Hütte, brennt sie nieder und verschleppt Feos Mutter ins Gefängnis nach St. Petersburg. Dort soll ihr in einer Woche der Prozess gemacht werden, weil sie sich geweigert hat, ihre Wölfe zu töten. Feo kann in den Wald flüchten.

Katherine Rundell versetzt ihre Leser­Innen in das Russland der Zarenzeit zurück. Auch sprachlich gelingt ihr dieser Sprung sehr gut. Mit einer starken Mädchenfigur im Mittelpunkt, die die Kinder des Dorfes hinter sich vereint, steht «Feo und die Wölfe» zudem ganz in der Tradition von Klassikern wie «Die Rote Zora» oder «Emil und die Detektive».

Auf dem Weg nach St. Petersburg muss Feo allerlei Gefahren, eisiger Kälte und Schneestürmen trotzen – und eine Wölfin begraben, die von General Rakows Schüssen tödlich getroffen wird. Sie findet aber auch Freunde, mit deren Hilfe die Befreiung der Mutter gelingt.

Ein spannender Schmöker, wie gemacht für einen kuscheligen Abend auf der Couch bei Schnee und Eis. Schade nur, dass auf Innenillustrationen verzichtet wurde. Zeich­­nungen im Stile des tollen Covers hätten dem Titel noch das gewisse Extra verliehen.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/17, S. 32

Palast der Finsternis
Stefan Bachmann
Aus dem amerikanischen Englisch von Stefanie Schäfer
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2017, Seiten: 397, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-257-30055-0
Schlagwörter: Rätsel

Mit 18 Jahren schrieb Stefan Bachmann, der in den USA geboren wurde und in Zürich lebt, seinen ersten Bestseller, ein Fantasy-Steampunk-Abenteuer. 2015 er­schien das Buch unter dem Titel «Die Seltsamen» in deutscher Übersetzung. Unterdessen ist der Autor und Musikstudent 24 Jahre alt und hat sich an einem anderen Genremix versucht: «Palast der Finsternis» ist ein Thriller, der sich an der ganzen Palette von Horror-Variationen versucht. Doch es kommt noch ein drittes, für den Ton des Ganzen entscheidendes Genre hinzu: der Coming-of-Age-Roman.
Die 17-jährige Ich-Erzählerin Anouk, soviel wird auf der ersten Seite klar, braucht dringend ein Abenteuer. Ein existen­zielles. Denn viel unglücklicher, aggres­siver und egozentrischer als die junge Amerikanerin kann man kaum sein.
Bach­mann schlägt von Anfang an ein hohes Tempo an, das er bis zum Ende durchhält. Spannend ist der Roman nicht zuletzt, weil sich Anouks Geschichte mit einem Erzählstrang abwechselt, der zur Zeit der Französischen Revolution spielt und die LeserInnen über mögliche Zusammen­hänge rätseln lässt. Aber auch, weil einem das Projekt, für das Anouk zusammen mit vier weiteren Jugendlichen ausgewählt wurde, nicht geheuer vorkommt: Die fünf sollen einen bisher unent­deckten unterirdischen Palast in Frank­­reich erforschen, den ein Adliger vor der Fran­zösischen Revolution bauen liess, um seine Familie zu verstecken. Ein Glück, dass Anouks radikale Misanthropie stär­ker ist als die Überzeugung, ein Genie zu sein – denn je länger die Jugendlichen mit Limousinen herumkutschiert und mit Kaviar gefüttert wer­den, desto misstrauischer wird sie. Die sogenannte Expedition stellt sich tatsächlich als Falle heraus, und der Horror geht los. Dabei erweist sich Bachmann als starker Erzähler, wenn es um Figuren und Atmosphäre geht – den Actionszenen dagegen fehlt es an raumzeitlicher Präzision. Die Spannung hält jedoch bis zum Schluss.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/17, S. 33

Zweet
Marit Kaldhol
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2017, Seiten: 196, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-074-3
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing

Lill-Miriam, Susan und Ruben: drei Perspektiven, ein Geschehen, das die Erlebnisse der drei Figuren zusammenhält. Ein Gasunfall in einer Chemiefabrik sorgt dafür, dass die danebenliegende Schule evakuiert werden muss. Alle Schüler und Lehrer folgen der Aufforderung, ausser Lill-Miriam, die sich aus Angst auf dem Dachboden der Schule versteckt. Lill-Miriam, die anders ist als die anderen Schülerinnen der 10. Klasse und sich für Bienen und Insekten interessiert. Die zu viel Nähe nicht ertragen kann und sich ab und zu in ihre eigene Welt zurückzieht. Die von Susan und deren Freundinnen gemobbt und misshandelt wird. Die nur von Ruben, der aufgrund seiner kubanischen Wurzeln ebenfalls anders ist, gemocht wird und langsam begonnen hat, diese Gefühle in ihrem Leben zuzulassen.
Marit Kaldhol ist eine sehr einfühlsame Geschichte gelungen. Sie lässt ihre Figu­ren, deren Schicksale untrennbar mitei­nander verbunden sind, als Ich-Erzähler retrospektiv Blicke auf die Vergangenheit werfen. Dabei kreisen die Gedanken von Lill-Miriam, besonders aber von Susan und Ruben, zunächst um das Erlebte, bevor sie sich immer mehr fokussieren und schliesslich in dessen Kern münden.
Quasi nebenbei spielt Kaldhol mit der Sprache: So lässt sie zum Beispiel Lill-Miriam, auf der kaputten Tastatur ihres Laptops schreiben, bei der sie das «s» durch das «z» ersetzen muss – was beim Lesen kein Problem, sondern im Gegenteil eine spannende Sprachspielerei darstellt. Dieses «Experiment» ins Deut­sche zu übertragen ist Maike Dörries hervorragend gelungen, sodass LeserInnen in eine Geschichte eintauchen können, die vollends in ihrer Konzeption überzeugt und nachdenklich und berührt zurücklässt.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/17, S. 33

Hundert Lügen
Alice Gabathuler
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2017, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-20231-2

Schuldgefühle und Verdrängung domi­nieren das Leben der Geschwister Kris und Mano. Vor zehn Jahren brach ihre heile Welt in einem schrecklichen Sommer­camp auseinander. Seit diesem verstörenden Erlebnis wachsen die Kinder eines steinreichen, gewissenlosen Geschäftsmannes entfernt voneinander auf, besuchen teure Internate und werden, psychisch labil, von einem Therapeuten zum nächsten geschickt. Doch dann beordert ihr Vater sie plötzlich nach Hause – und bald darauf geschieht eine Reihe von Verbrechen an der Familie.
Nach und nach enthüllt die Schweizer Thriller-Spezia­listin Alice Gabathuler Details über die Vergangenheit von Kris und Mano, die immer mehr Parallelen zur Gegenwart offenbaren. Dies erzeugt einen gelungenen Spannungsbogen bis zum Schluss. Beim Lesen tappt man wie die beiden Geschwister lange im Dunkeln, weiss nur, wer sicher nicht schuld ist – nämlich Kris, der bald unter Hauptverdacht steht.
Dass Kris sich auf den ersten Blick in die regenbogenhaarige Anführerin einer Protestgruppe gegen die skrupellosen Aktivitäten der Firma seines Vaters verliebt, wirkt im Gegenzug etwas gezwungen. Auch der Schluss hat einige logische Schwachstellen. Die Täter werden als wohlmeinende Weltverbesserer ge­zeich­net, während der Vater der Geschwister, der aus moralischer Sicht als eigentlicher Schurke erscheint, seltsam eindimen­sional bleibt. Dafür lässt einen die Nähe zu den beiden erzählenden Protago­nistInnen, die sich ihrem jahrealten Trauma stellen müssen und dabei auf eine kolossale Lüge stossen, tief in das Gesche­hen abtauchen und mitfühlen. Ein dicht gewobener, düsterer Jugendthriller, der Fragen nach Schuld und Moral aufwirft.

Fabienne Saurer
Buch&Maus 3/17, S. 33

Fangirl
Rainbow Rowell
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Verlag: Hanser, Publiziert: 2017, Seiten: 480, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25700-9
Schlagwörter: Liebe | Kreativität | Erwachsenwerden

Wer heute auf dem Fan Fiction-Portal «Archive of Our Own» nach «Simon Snow» sucht, erhält über 1500 Treffer für Texte, in denen sich junge und ältere Fans neue Geschichten mit diesem Helden ausdenken. «Literarischer Diebstahl» nennt Professor Piper, Caths Dozentin für literarisches Schreiben, im Roman «Fangirl» diese Art, sich eine literarische Welt und ihre Figuren zu Eigen zu machen.
Mit grossem Erfolg schreibt Cath, die eben neu aufs College gekommen ist, Fan Fiction zu «Simon Snow», einer Serie um einen Zauberschüler der (fiktiven) Autorin Gemma T. Leslie. Es ist für Cath auch eine Möglichkeit, sich der für sie schwierigen Lebensrealität zu entziehen: Zum ersten Mal ist die introvertierte Cath auf sich alleine gestellt, weil ihre Zwillingsschwester am College ihr eigenes Leben führen möchte, zuhause gleitet der Vater in eine Depression. Mit Müesli­riegel und Laptop setzt sich Cath erst einmal aufs Bett und befriedigt den Lesedurst ihrer Follower. Doch auf die Dauer muss Cath sich den Menschen aussetzen – auch der Kritik der Literaturprofessorin, die Cath dazu anhält, eigene Welten zu erschaffen.
Geschickt verwebt Autorin Rainbow Rowell die Erlebnisse von Cath – humorvolle Dialoge und Herzschmerz inbegriffen – mit Zitaten aus Gemma T. Leslies Simon Snow-Büchern und Caths Fan Fiction. Und sie lässt auf diese Weise nachvollziehen, wie Cath sich nach und nach ihre eigene Lebensgeschichte erschreibt.
Die US-amerikanische Autorin treibt die Sache aber noch weiter. Nicht nur erfindet sie für «Fangirl» eine Buchserie plus das zugehörige Fandom, nein, sie kann diesen fantastischen Helden nicht loslassen und schreibt gleich auch noch eine eigene Version eines letzten Bandes dieser fiktiven Serie: «Aufstieg und Fall des aussergewöhnlichen Simon Snow». Beide Romane lesen sich auch ohne Kenntnis des jeweils anderen mit viel Vergnügen, zusammen aber sind sie eine Echo­kammer der intertextuellen Bezüge.
Denn was Rainbow Rowell hier macht, ist eine respektvolle Persiflage auf Harry Potter, die noch dazu viele Elemente aus Fan Fiction aufnimmt, etwa die homoerotische Beziehung zwischen dem Held und seinem Erzrivalen, wie sie Harry und Draco gerne angedichtet wird. Jedes Motiv und jede Wendung in «Simon Snow» ist eine Auseinandersetzung mit Harry und all den anderen Auserwählten der Kinderliteratur. Sei sie rein humoristischer Art, wenn die schlaue Penny, anders als Hermine, nicht bei jeder Frage in die Bibliothek eilt, sondern einwirft, die Sache vielleicht mal zu googeln. Oder sie wird philosophisch und kritisch, wenn nämlich Simon schlussendlich nicht der Prophezeiung entspricht, um sein Glück zu finden, oder seine Freundin Agatha sich bewusst gegen den Todesmut und für das Davonlaufen vor den Abenteuern entscheidet.
Sowohl in «Fangirl» als auch in «Simon Snow» macht der spritzig-witzige Schreibstil der Autorin süchtig und ihre Fähigkeiten, Figuren mit viel Empathie bis ins Detail nachzuzeichnen, die sie schon in «Eleanor&Park» gezeigt hat, bleiben bewundernswert. Ein so kundiger und niemals platter Umgang mit Intertextualität ist keineswegs «Diebstahl», wie es Professor Piper bezeichnet. Und dass «Simon Snow» inzwischen in der realen Welt die Grundlage für ein eigenes Fandom mit seinen Weiterdichtungen bildet, ist nur eine logische Weiterführung dieses höchst vergnüglichen Spiels mit der Metafiktionalität.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/17, S. 34

Aufstieg und Fall des ausserordentlichen Simon Snow
Rainbow Rowell
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Verlag: dtv, Publiziert: 2017, Seiten: 528, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64032-9
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Wer heute auf dem Fan Fiction-Portal «Archive of Our Own» nach «Simon Snow» sucht, erhält über 1500 Treffer für Texte, in denen sich junge und ältere Fans neue Geschichten mit diesem Helden ausdenken. «Literarischer Diebstahl» nennt Professor Piper, Caths Dozentin für literarisches Schreiben, im Roman «Fangirl» diese Art, sich eine literarische Welt und ihre Figuren zu Eigen zu machen.
Mit grossem Erfolg schreibt Cath, die eben neu aufs College gekommen ist, Fan Fiction zu «Simon Snow», einer Serie um einen Zauberschüler der (fiktiven) Autorin Gemma T. Leslie. Es ist für Cath auch eine Möglichkeit, sich der für sie schwierigen Lebensrealität zu entziehen: Zum ersten Mal ist die introvertierte Cath auf sich alleine gestellt, weil ihre Zwillingsschwester am College ihr eigenes Leben führen möchte, zuhause gleitet der Vater in eine Depression. Mit Müesli­riegel und Laptop setzt sich Cath erst einmal aufs Bett und befriedigt den Lesedurst ihrer Follower. Doch auf die Dauer muss Cath sich den Menschen aussetzen – auch der Kritik der Literaturprofessorin, die Cath dazu anhält, eigene Welten zu erschaffen.
Geschickt verwebt Autorin Rainbow Rowell die Erlebnisse von Cath – humorvolle Dialoge und Herzschmerz inbegriffen – mit Zitaten aus Gemma T. Leslies Simon Snow-Büchern und Caths Fan Fiction. Und sie lässt auf diese Weise nachvollziehen, wie Cath sich nach und nach ihre eigene Lebensgeschichte erschreibt.
Die US-amerikanische Autorin treibt die Sache aber noch weiter. Nicht nur erfindet sie für «Fangirl» eine Buchserie plus das zugehörige Fandom, nein, sie kann diesen fantastischen Helden nicht loslassen und schreibt gleich auch noch eine eigene Version eines letzten Bandes dieser fiktiven Serie: «Aufstieg und Fall des aussergewöhnlichen Simon Snow». Beide Romane lesen sich auch ohne Kenntnis des jeweils anderen mit viel Vergnügen, zusammen aber sind sie eine Echo­kammer der intertextuellen Bezüge.
Denn was Rainbow Rowell hier macht, ist eine respektvolle Persiflage auf Harry Potter, die noch dazu viele Elemente aus Fan Fiction aufnimmt, etwa die homoerotische Beziehung zwischen dem Held und seinem Erzrivalen, wie sie Harry und Draco gerne angedichtet wird. Jedes Motiv und jede Wendung in «Simon Snow» ist eine Auseinandersetzung mit Harry und all den anderen Auserwählten der Kinderliteratur. Sei sie rein humoristischer Art, wenn die schlaue Penny, anders als Hermine, nicht bei jeder Frage in die Bibliothek eilt, sondern einwirft, die Sache vielleicht mal zu googeln. Oder sie wird philosophisch und kritisch, wenn nämlich Simon schlussendlich nicht der Prophezeiung entspricht, um sein Glück zu finden, oder seine Freundin Agatha sich bewusst gegen den Todesmut und für das Davonlaufen vor den Abenteuern entscheidet.
Sowohl in «Fangirl» als auch in «Simon Snow» macht der spritzig-witzige Schreibstil der Autorin süchtig und ihre Fähigkeiten, Figuren mit viel Empathie bis ins Detail nachzuzeichnen, die sie schon in «Eleanor&Park» gezeigt hat, bleiben bewundernswert. Ein so kundiger und niemals platter Umgang mit Intertextualität ist keineswegs «Diebstahl», wie es Professor Piper bezeichnet. Und dass «Simon Snow» inzwischen in der realen Welt die Grundlage für ein eigenes Fandom mit seinen Weiterdichtungen bildet, ist nur eine logische Weiterführung dieses höchst vergnüglichen Spiels mit der Metafiktionalität.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/17, S. 34

Ikarus fliegt
Sally Christie
Aus dem Englischen von Martina Tichy
Verlag: Aladin, Publiziert: 2017, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-2089-1
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing

Alex hat seine Lektion gelernt: «Nicht-Reagierer kommen ungeschoren davon, Reagierer müssen einstecken.» Nach dem Wechsel auf die höhere Schule setzt er deshalb alles daran, nicht zur Zielscheibe von Klassenkamerad Alan und seiner Gang zu werden. «Trau niemandem» und «nicht reagieren», so lauten Alex’ neue Lebensmottos. Das funktioniert auch ziemlich gut. Bis David, genannt Bogsy, ins Nachbarhaus zieht und eine Reihe mysteriöser Botschaften von einem gewissen Ikarus auftauchen, die jeder in Alex’ Klasse heimlich zugesteckt bekommt. «Bald ist es so weit! Ein Junge wird fliegen! […] Wirst du da sein?», lautet die erste Nachricht. «2. November. Ikarus», die zweite. Unruhe macht sich breit. Wer ist dieser Ikarus? Und was hat er vor? Plant er etwa einen Amoklauf?
Sally Christies Jugendbuch «Ikarus fliegt» erzählt von Mobbing unter Jugendlichen, vom (Nicht-)Dazugehören-wollen, von Verantwortung, Mut und Courage, vor allem aber von einer Freundschaft wider Willen. Denn eigentlich will Alex gar nicht mit Bogsy befreundet sein, der ein echter Sonderling ist und deshalb auch nicht lange gebraucht hat, um ins Visier von Alan und seiner Gang zu geraten. Als Alex herausbekommt, dass es Bogsy ist, der hinter all den geheimnisvollen Botschaften steckt und dass dieser im Schuppen hinter dem Haus heimlich an zwei riesigen Flügeln arbeitet, findet er das aber so cool, dass er ihm dabei unbedingt helfen will. Bis Alex begreift, was Bogsy mit den Flügeln vorhat, ist es fast zu spät …
Ein Buch mit einer klaren Botschaft: Wegschauen und wegducken ist nicht gut. Und weil Christie die Leserinnen und Leser nie mehr wissen lässt, als ihren Ich-Erzähler, bleibt es bis zum Ende fesselnd.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/17, S. 34

Der Junge auf dem Berg
John Boyne
Aus dem Englischen von Ilse Layer
Verlag: Fischer, Publiziert: 2017, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-4062-5
Schlagwörter: Historisches | Nationalsozialismus

Eine coole Uniform, ein schwaches Selbstwertgefühl, ein starkes Vorbild und zuviel Zeit: Offenbar wichtige Kriterien, die junge Menschen für Extremismus empfänglich machen. In «Der Junge auf dem Berg» zeigt der britische Autor John Boyne mit seinem fiktiven Charakter Pierrot in einer hochspannenden Geschichte aus der NS-Zeit, wie leicht es ist, verführt zu werden.
1937 kommt der Siebenjährige von Paris auf den Obersalzberg. Hier, im Landhaus von Adolf Hitler, arbeitet seine Tante Beatrix als Haushälterin. Aus dem feinfühligen Waisenkind Pierrot wird der machtgierige Hitlerjunge Peter, der sogar seine Tante und ihren Freund denunziert. Mit einer Uniform, die Hitler ihm schenkt, fängt die Verwandlung an: Pierrot fühlt sich wichtig, übernimmt automatisch Meinungen anderer, kommandiert das Personal herum, wird unfassbar egoistisch. Entsetzt beobachtet er Beatrix’ Exekution, bereut aber nichts: «[D]u bist in Sicherheit, sagte er sich. Und sie war eine Verräterin, genau wie Ernst. Verräter müssen bestraft werden.» Der Zwölfjährige hat jetzt nicht nur seinen Namen und seine frühere Identität verloren, sondern auch seine ganze Familie. Als LeserIn fühlt man gleichzeitig Mitleid und Abscheu. Auch der Junge selbst muss dieses Wechselbad der Gefühle ertragen, vor allem nach Kriegsende, als er sich seiner Schuld bewusst wird, wie der weise und versöhnliche Epilog zeigt.
Es ist eine erschütternde Erkenntnis, dass sogar Kinder mitschuldig werden können. Aber es gibt auch Hoffnung, wie eine Szene offenbart: «‘Denkst du nicht manchmal’, fragte er vorsichtig, ‘dass es besser wäre, selbst andere zu quälen, als gequält zu werden?’» Pierrots Klassen­kameradin verneint, aber er hat sich wohl schon entschieden. Denn die wichtigste Entscheidung trifft jeder selbst.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/17, S. 35

Und du kommst auch drin vor
Alina Bronsky
Verlag: dtv, Publiziert: 2017, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76181-9
Schlagwörter: Rätsel

Besser als mit ihrem Debütroman hätte es für Alina Bronsky kaum laufen können: Von Feuilletons gefeiert, für diverse Preise nominiert, ist «Scherbenpark» inzwischen Schullektüre, wurde als Theaterstück aufgeführt und sogar verfilmt. Gelobt wurden an der deutsch-russischen Autorin besonders die Einfachheit ihrer Sätze und die gelungene Konstruktion ihrer All Age-Geschichte. Seit 2008 hat Bronsky weiter geschrieben; für Erwachsene, ein Bilderbuch für Kinder und zwei fantastische Jugendromane, denen es gelingt – so die FAZ ­– «jegliche Erwartungen und Kli­schees zu durchbrechen».
All das Gelobte trifft auch auf ihr neuestes Buch zu. In «Und du kommst auch drin vor» erzählt die 14-jährige Kim eine atemberaubend konstruierte Geschichte, deren pointierte Klischees die Lektüre äusserst unterhaltsam gestalten. Allen voran Autorin Leah Eriksson, die mit ihren «speckigen Haaren» als ungepflegt, unsympathisch und übellaunig porträtiert wird. Ihrer genuschelten Lesung in der Bücherei, wo es «nach halbtoten Omas» riecht, hört kaum jemand aus der Schulklasse zu, nur Kim ist plötzlich hellwach. Denn das Vorgelesene stimmt bis ins Detail mit ihrem Leben überein.
Verstört bricht sie mit ihrer Freundin bei der Autorin ein, um herauszufinden, woher die unheimlichen Übereinstimm­ungen kommen. Doch Fiktion und Realität der Geschichte in der Geschichte vermischen sich immer mehr, Autorin Eriksson mutiert zur ignoranten Wahrsagerin, die Leserin, Kim, identifiziert sich bis zum Äussersten mit ihrer Romanfigur. Was besonders alarmierend ist, weil bei Eriksson am Ende ein Mensch stirbt. Schliesslich emanzipiert sich Kim und überlistet ihr fiktiv vorgezeichnetes Schicksal – fast. Mit ihrer spannenden Schilderung einer zugespitzten Autor-Leser-Beziehung dürfte Bronsky erneut die Aufmerksamkeit jugendlicher Leser­Innen gewinnen.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/17, S. 35

Die Königinnen der Würstchen
Clémentine Beauvais
Aus dem Französischen von Annette von der Weppen
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2017, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55677-6
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing

«Goldene Wurst» – was sich anhört wie die Auszeichnung für einen Schnellimbiss, ist das grausame Ergebnis eines schulinternen Hässlichkeit-Wettbewerbs auf Facebook. Gewinnerinnen und damit Wurstköniginnen sind in diesem Jahr Astrid, Hakima und wieder mal Mireille, die in Sachen Mobbingopfer schon ein Profi ist. Spontan trifft sie sich mit ihren am Boden zerstörten Leidensgenossinnen – eine Begegnung mit Initial­zündung: Denn so unterschiedlich die drei Mädchen in Herkunft und Persönlichkeit sind, so viel verbindet sie. Und weil aus Solidarität im besten Falle Mut erwächst und jede eine ganz besondere Mission zu erfüllen hat, schmieden sie einen abenteuerlichen Plan: Von ihrer Heimatstadt Bourg-en-Bresse wollen sie zusammen nach Paris – mit Fahrrädern und einem Anhänger voller Würstchen, deren Verkauf die Reise finanzieren soll.
Was sie erleben, ist ein Roadmovie, prall­­voll mit persönlichen Krisen, Erkenntnissen, Überraschungen, Glücks­momen­ten, Achsen- und Wolkenbrüchen, von Mireille in unverwechselbarem Ton erzählt: Rotzig-schnoddrig, eigenwillig, stolz, klug und schlagfertig, dabei mit staubtrockenem Galgenhumor und viel Sensibilität berichtet sie von den Etappen dieser Tour de France, bei der das Trio Muskeln ansetzen und über sich hinauswachsen wird. Zu verlieren haben sie dabei nichts ausser ihrer Scham. Eine zarte Liebesgeschichte gibt es auch: Als Begleitschutz ist nämlich Hakimas grosser Bruder im Rollstuhl dabei und der ist für Mireille der «Sonnenschein im Streit­wagen». Am Ende ihrer Reise, beim Showdown am Nationalfeiertag im Elysée-Palast, hat dann längst etwas ganz Neues begonnen… Ein sehr französischer, weil erfrischend leichtfüssiger Roman, der mit viel Witz und Herz gegen Internet-Mobbing und Schönheitswahn anschreibt. Seine Botschaft: Tut euch zusammen!

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/17, S. 36

Am Ende des Sommers
Kazumi Yumoto
Aus dem Japanischen von Koyama Yoko und Peter Siebert
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2017, Seiten: 190, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-905804-82-9
Schlagwörter: Tod/Trauer | Philosophie

Vor Kiyamas Klassenzimmer schiessen die «Monsterblätter» in die Höhe: «einzigartige Pflanzenwesen» mit Blättern gross wie Kürbisse, die sich im Winter in die Erde zurückziehen und im Frühling explo­sionsartig zum Leben erwachen. Sie sind ein Bild für die Entwicklung, die der nachdenkliche Sechstklässler in diesem Som­mer durchläuft: Wie seine Freunde, der dicke Yamashita und der nervöse Kawabe, wird Kiyama von einem jähen Wachstumsschub erfasst, der ihm nicht nur den Spitznamen «Schlangengurke» einträgt, sondern ihn in rasendem Tempo in die Welt der Erwachsenen treibt und seine Beziehungen auf eine neue Ebene bringt.
Auslöser dieses Reifeprozesses ist eine obsessive Faszination für den Tod. Seit Yamashitas Grossmutter gestorben ist, grübeln die drei Zwölfjährigen über das Ende des Lebens. Ob Gespenster wohl ein Gewicht haben? Ob das Reich der Toten wirklich so anders ist als die Welt, in der sie sich gerade auf die Oberstufe vorbereiten? Und bleibt diese Welt dieselbe, wenn jemand aus ihr gegangen ist? Kawabe schlägt vor, einen alten Mann zu beobachten, der bestimmt bald sterben werde – sein Tod soll die quälenden Speku­lationen und Albträume beenden. Dieser hat es mit dem Sterben aber nicht gar so eilig. Statt Forschungsobjekt zu blei­ben, holt er die Beobachter in seine Welt; eine Erfahrung, die alle für immer verändert.
«Das Ende des Sommers», 1995 erstmals unter dem Titel «Gespenster­schatten» erschienen, ist ein leiser,
philosophischer Roman. Den Erkenntnissen der Figuren lässt er viel Raum zum Gedeihen, auch wenn denen ihr Wachstum so rasant erscheint wie das der Monsterblätter. Die japanische Kultur wird westlichen LeserInnen unaufdringlich lebendig gemacht, und wo sie fremd bleibt, sind die Fragen der Jungen doch von universaler und zeitloser Gültigkeit: Sie laden ein, sich den eigenen Gespenstern zu stellen, um an ihnen zu wachsen.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/17, S. 36

Wie ein springender Delfin
Mark Lowery
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: Rowohlt, Publiziert: 2017, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-499-21775-3

Zwei Brüder reissen aus. Nach St. Bernards an der Küste Cornwalls, wo die Familie vor 14 Monaten jeden Tag einen Delfin beobachtet hat. Charlie, der oft zurückstecken muss, weil er unter einer Herzschwäche, Asthma und mehr leidet, war glücklich wie noch nie. «[D]amals, bevor zu Hause alles ein bisschen mies wurde.» Bevor Dad anfing, Doppelschichten zu arbeiten und Mum nur noch im Bett lag. Als es für den 13-jährigen Martin zuhause unerträglich wird, «kidnappt» er seinen drei Jahre jüngeren Bruder Charlie und macht sich mit ihm auf den Weg nach St. Ber­­nards. Mit einer Keksdose im Gepäck, de­ren Geheimnis erst gelüftet wird, als man die Jungs schon fast am Ziel ihrer aben­teuerlichen Flucht wähnt. Es stellt den Verlauf der Geschichte völlig auf den Kopf.
Charlie ist anders als andere Kinder. 15 Wochen vor dem errechneten Geburtstermin zur Welt gekommen, muss er schon als Baby etliche Operationen über sich ergehen lassen, ehe er nach Hause darf. Von da an ist Martin immer für ihn da: «[…] seine Hand halten, um ihn über die Strasse zu bringen; ihm sein Essen klein schneiden und seine Schnürsenkel knoten, weil er so ungeschickt ist; […] die Druckstellen aus seinen Äpfeln beissen, weil er ‘ne Macke hat, was die Flecken betrifft […]; ihn zu seinen Millionen Terminen und Nachuntersuchungen im Krankenhaus begleiten.»
Mark Lowerys Jugendbuch bezieht seine Spannung vor allem aus zwei parallel verlaufenden Erzählebenen. Zum einen lässt uns Ich-Erzähler Martin hautnah an den Aufregungen der Zugreise teilhaben; zum anderen erinnert er sich an die Ferien in St. Bernards. Und dann gibt es da noch Gedichte, die den Kapiteln ab und an vorangestellt sind und Martins inners­te Gefühle und Gedanken zum Ausdruck bringen. Ein Buch, in dem unglaublich viel steckt: eine spannend erzählte Geschichte, tiefe Emotionen, eindrucksvolle Charaktere, ein grosser Kummer und ein Ende, das tief berührt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/17, S. 36

Ich so du so
Atelier Laborgemeinschaft
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2017, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82316-8
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Identität/Individualität

Alles super normal

«Wie normal ist mein Leben?» «Wer bestimmt überhaupt, was normal ist?» Diesen Fragen gehen neun zeichnende, fotografierende oder schreibende Talente nach (Christopher Fellehner, Anke Kuhl, Alexandra Maxeiner, Jörg Mühle, Moni Port, Philip Waechter, Claudia Weikert, Zuni und Kirsten von Zubinski, vereint im Labor Ateliergemeinschaft). Ihr Buch «Ich so du so» für Kinder ab etwa neun Jahren und Erwachsene vereint assoziativ eine Mischung aus kurzen Sachtexten, Cartoons, Collagen und Fotos, Interviews mit Kindern aus aller Welt und Menschen, die im Rückblick über ihre Kindheit berichten.
Normalität wird anhand von Themen wie Geschlechterrollen, sexuellen Identi­täten, Körperidealen, Behinderungen, Haut­farbe oder Herkunft, aber auch individuellen Eigenheiten diskutiert. Viele Aspekte des Buchs gehören in sozial­wissenschaftlichen und pädagogischen Theorien zum Mainstream und erinnern etwa an Butlers Gendertheorien oder Prengels Pädagogik der Vielfalt. Auch in der Kinderliteratur sind diese Themen inzwischen nicht mehr neu; allerdings bleibt die Auseinandersetzung mit Normalität angesichts wirkungsmäch­tiger Stereotype zum Beispiel in Bezug auf Geschlechterrollen in der Kindheit auch dringend notwendig.
Was «Ich so du so» aus ähnlichen Büchern heraushebt und zur genussvollen Lektüre macht, ist sein subversiver Humor – in einem Interview wird etwa eine als gänzlich unnormal bewertete «Leiden­schaft zu Leberwurst» beschrieben. In einem Cartoon verzweifelt eine Mutter: «Klausi hat Elisabeths Prinzessin-Rosa-Herzchen-Tee getrunken! Jetzt verliert er seine Jungenhaftigkeit! Der wird nie einen Ball werfen können! Oder rechnen!» Schöner können Geschlechterstereotype nicht ad absurdum geführt werden.

Evamaria Zettl
Buch&Maus 3/17, S. 37

Berge!
Piotr Karski
Aus dem Polnischen von Thomas Weiler
Verlag: Moritz, Publiziert: 2017, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89-565347-6
Schlagwörter: Tiere | Sport

Das Mitmachbuch für Gipfelstürmer

«Berge!» – der Titel dieses Buchs ist Programm. Los, schlag mich auf, entdecke die Welt der Berge, stürme auf Gipfel und sause ins Tal, klettere in Felsspal­ten, folge Wolfsspuren und such den Yeti!
Tatsächlich steckt dieses vielfältige Beschäftigungsbuch für Kinder ab sechs Jahren, das über die Primarschulzeit hinaus anregenden Denk- und Guckstoff bietet, voller Überraschungen. Der War­schauer Grafiker und leiden­schaft­liche Wanderer Piotr Karski hat auf den gut 200 Seiten im A4-Format eine erfrischende Mischung aus naturwissenschaftlichem Wissen, philosophischen Überlegungen, alpinem Praxisunterricht, Volkskunde und kreativem Unsinn versammelt.
So erklärt der Autor in anschaulichen Zeichnungen die Entstehung der Gebirge, demonstriert, wie Emmentaler mit Löchern hergestellt wird, und wie ein Kompass funktioniert. Er regt dazu an, ein Wettertagebuch zu führen, Speisepläne für Bären zu erstellen und eine Packliste für eine Gletschertour anzulegen. Auf mehreren mit (Info-)Grafiken illustrierten Doppelseiten thematisiert er das Verhältnis von Mensch, Natur und Technik, etwa die Auswirkungen des Wintersports auf Flora und Fauna. Wer Lust auf Experimente hat, kann sich von Karski zum Bau eines Barometers oder einer südamerikanischen Rohrflöte animieren lassen, einen Stalaktit ziehen oder eine Silberdistel falten. Natürlich darf auch jede Menge gekritzelt und gezeichnet werden: Wer gestaltet die schönste Murmeltierwohnung? Wer entwirft das coolste Skateboard-Design? Und wer ist der geschickteste Farbstiftabfahrtsfahrer?
Ob man die Berge als Anlass zum Nachdenken und Diskutieren nimmt oder sich (nur) auf die kreativen Mitmach-Ideen stürzt, das bleibt jedem selbst überlassen. Dieses Buch lädt zum hemmungslosen Draufloslesen ein – und lässt jedem die Freiheit zur individuellen Lektüre.

Alice Werner
Buch&Maus 3/17, S. 37

Der bleiche Hannes
Steffen Gumpert
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2017, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-359-7
Schlagwörter: Freundschaft

Geister und Gespenster sind keineswegs dasselbe, erklärt Illustrator Steffen Gumpert im Vorwort seines neuen Graphic Novels. Denn während Gespenster, die ruhelosen Untoten, in unheimlichen Schlossruinen heulen, sind Geister alte Wesen, die Feld und Wald bewohnen und beschützen. Ein bisschen angenehmen Grusel liefert die Geschichte dann aber trotzdem.
In dieser soll der rothaarige und -backige Joris eine Woche mit seinen Eltern auf einer einsamen Insel verbringen, auf der die beiden Biologen Ar­tenbestände dokumentieren wollen. Sein Interesse wird geweckt, als er hört, dass es auf der Insel spuken soll, und in der ers­ten Nacht tatsächlich einem milchig weis­sen, wa­bern­den Wesen begegnet. Joris bietet dem scheuen Geist seine Freundschaft an, worauf er ihn, unhörbar für die LeserInnen, auf einmal verstehen kann. Da haucht ihm der Geist, der sich als Hannes vorstellt, eine Kugel leuchtenden Geister­dunst ins Gesicht – und plötzlich bekom­mt alles um sie herum Augen. Die Steine, Pilze und Büsche, jeder Baumstamm und Blätterhaufen schaut sich neugierig nach Joris und Hannes um. Dazu kommen die fliegenden, krabbelnden und schwim­menden Kreaturen, die die Insel nun bevölkern. Den Bäumling, die Dra­chen­­biene, die Wuselkiesel und viele mehr sieht man auf einer Doppelseite, die ein Auszug aus Joris’ Notizbuch nachbildet.
Visuell wunderbar einfach erklärt wird der Übergang von der Welt, wie die Menschen sie normalerweise sehen, zur Geisterwelt, die für Joris sichtbar wird. Von überwiegend in Blau und Orange gehaltenen und dunkelblau gerahmten Bildern wechselt die Gestaltung zu Bildern in allen Schat­tierungen von Violett, eingefasst in leuchtend himbeerrote Rahmen. Die leichte Lesbarkeit, fantasievollen Geschöpfe und vielen liebevollen Details machen «Der bleiche Hannes» zu einem unterhaltsamen Comicabenteuer für jüngere LeserInnen.

Fabienne Saurer
Buch&Maus 3/17, S. 37

Die unerklärliche Logik meines Lebens
Benjamin Alire Sáenz
Aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2017, Seiten: 512, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-20236-7
Schlagwörter: Freundschaft

Das letzte Jahr an der High School stellt Sal und seine Freundin Sam vor viele Herausforderungen und ihre Freundschaft auf eine harte Probe. Retrospektiv erzählt Sal, der als Junge mit weisser Hautfarbe nach dem Tod seiner Mutter von einem homosexuellen Mexikaner adoptiert worden ist, von einem Jahr voller Verluste und kleiner und grosser Tragödien, vom Tod geliebter Menschen, aber auch von einem Jahr voller schöner Momente und Erinnerungen. Vor allem aber erzählt er von der Liebe, die – erfüllt oder unerfüllt – ganz unterschiedliche (Ausdrucks-)Formen an­nehmen kann: als Liebe zwischen Freunden, denen zu helfen man bedingungslos bereit ist, als Liebe innerhalb einer Familie, als Liebe in homo- und heterosexuellen Paarbeziehungen. Und es wird klar: Liebe innerhalb einer Familie muss nicht auf Blutsverwandtschaft gründen, ebenso wenig wie Familie ausschliesslich klassische Strukturen aufweisen muss. Sals Familie ist am Ende eine ungewöhnliche, aber sehr glückliche multikulturelle Patchworkfamilie, deren Mitglieder zwar nicht wissen, was im Leben auf sie zukommen wird, aber dass sie sich diesen Herausforderungen stellen werden.
«Die unerklärliche Logik meines Lebens» ist ein Roman über das Erwachsenwerden und über das Leben, das trotz Schicksalsschlägen unerbittlich weiter geht. Ohne den moralischen Zeigefinger zu heben schildert Sáenz eindrücklich, wie sich Sal seinen Ängsten stellt und ehrlich zu sich selbst ist. Kurzum: Es ist ein Buch, das den Mut beschreibt, dem Leben aufgeschlossen zu begegnen, Verluste hinzunehmen, und trotzdem – oder gerade deshalb – weiterzuleben und sich der Vergangenheit zu erinnern, denn: «Das Leben hatte seine Jahreszeiten und die Zeit, loszulassen, würde immer kommen, doch es lag etwas sehr Schönes darin, loszulassen.»

Sabine Planka
Buch&Maus 1/18, S. 36

Was von mir bleibt
Lara Avery
Aus dem amerikanischen Englisch von Nadine Püschel
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2017, Seiten: 400, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58373-4
Schlagwörter: Identität/Individualität | Krankheit

Wie so viele ihrer literarischen Zeitgenossinnen will Samantha weg aus dem «500-Seelen-Kaff», in dem sie aufgewachsen ist. Sie will die Landesmeisterschaft der Debattierclubs gewinnen, an ihrer Highschool die Abschlussrede halten und dann in New York Recht studieren, um Menschenrechtsanwältin zu werden. Die ehrgeizige 17-Jährige wähnt sich auf der Zielgeraden, als ihr eine seltene, äusserst aggressive Erbkrankheit namens «Niemann-Pick Typ C» einen fetten Strich durch die Rechnung macht: Innert absehbarer Zeit wird Sam ihre Erinnerungen und ihre körperliche Autonomie verlieren. Letzteres ist ihr egal. Ihre geistigen Fähigkeiten aber sind ihre «Verbindung zur Welt», sind alles, worauf sie gebaut hat. Sie zu verlieren bedroht ihre Existenz: «Ich muss immer wissen können.»
Glaubt man den aktuellen Diskursen weiblicher Omnipotenz, liegt jungen Frauen die Welt zu Füssen: In Marktanalysen, Regierungsprogrammen und Kinofilmen werden sie als machtvolle Akteurinnen gehandelt und aufgefordert, ihre Zukunft detailliert zu planen. Die aktuelle Jugendliteratur verfährt mit dem Motiv in der Regel kritischer, äussert Zweifel an der Idee des neoliberalen Selbstoptimierungs-Imperativs, der Misserfolge als individuelles Versagen und Autonomie als höchstes Gut bewertet. Lara Avery tut in «Was von mir bleibt» all das und noch viel mehr. Eigentlich soll das Erinnerungsbuch, das Sam in ihrer bis zum Ende kraftvollen und unverwechselbaren Stimme schreibt, der «Zukünftigen Sam» vor Augen halten, was sie alles erreicht und wofür sie weiter zu kämpfen hat. Stattdessen wird es zum herzzerreissenden Zeugnis eines Lebens, das seinen Wert nicht nur aus den Insignien des Erfolgs gewinnt, sondern gerade auch in seinen Abhängigkeiten und Verstricktheiten ein berauschendes Wunder bleibt.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/18, S. 34

Unerschrocken
Pénélope Bagieu
Aus dem Französischen von Heike Drescher und Claudia Sandberg
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2017, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-129-9

Fünfzehn Porträts aussergewöhnlicher Frauen

Wer kennt schon Clémentine Delait, die Dame mit Bart, die im frühen 20. Jahrhundert dank ihrer Kneipe zur Ikone wurde und später an Königshöfen ein und aus ging? Oder Nzinga, die Königin von Ndongo und Matamba im heutigen Angola? Die Entdeckerin Delia Akeley, die Transsexuelle Christine Jorgensen oder die altgriechische Gynäkologin Aknodike? In «Unerschrocken» präsentiert die junge französische Comic-Autorin Pénélope Bagieu «fünfzehn Porträts ausser­gewöhnlicher Frauen», und dass sie – mit Ausnahme der Schriftstellerin und Zeichnerin Tove Jansson und der Sängerin und Tänzerin Joséphine Baker – auf weibliche Selbstermächtigungs-Klassikerinnen verzichtet, macht dieses Buch umso erstaunlicher und lesenswerter.
Die porträtierten Frauen stammen aus unterschiedlichen Epochen, Ländern, Kulturen und Gesellschaftsschichten, und sie waren in sehr unterschiedlichen Gebieten tätig – gemein ist ihnen, dass sie in einer noch nicht vom Feminismus in Frage gestellten Männerwelt dem Druck von Familie, Gesellschaft, Kultur und Politik widerstanden, ihr Leben in die eigene Hand nahmen und selbstbewusst, frech und unbeirrbar ihren Weg gingen.
Bagieu erzählt diese Lebensgeschichten auf jeweils ein paar Seiten ohne jegliche didaktische und enzyklopädische Trockenheit, sondern mit zeichnerischem Schmiss, mitreissender Erzählfreude, viel Humor und einer gesunden Portion Sarkasmus – und immer mit respektvollem Staunen vor den ungewöhnlichen Lebensleistungen dieser Frauen. «Unerschrocken» ist eine nicht minder unterhaltsame als lehrreiche Sammlung eigenwilliger, wenn nicht vorbildhafter weiblicher Lebensgeschichten. Der zweite Band mit fünfzehn weiteren Porträts folgt schon im Mai.

Christian Gasser
Buch&Maus 1/18, S. 37

Frida Kahlo und ihre Tiere
Monica Brown, Illustration: John Parra
Aus dem Englischen von Elisa Martins
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2017, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10411-4
Schlagwörter: Kunst

«Wozu brauche ich Füsse, wenn ich doch Flügel habe?» – Keine Frage, Frida Kahlo, von der dieser Satz stammt, zählt zu den schillerndsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Die Selbstbildnisse der 1907 geborenen Mexikanerin gehören zu den bedeutendsten Werken der Kunstgeschichte. Ihrem leidenschaftlichen Drang, sich immer wieder selbst zu malen um ihrem Seelenleben Ausdruck zu verleihen, entsprangen mehr als fünfzig farbintensive, surrealistische Selbstporträts, die ihr leidvolles, zugleich aber auch sehr erfülltes Leben bezeugen. Auf vielen dieser Bilder ist Frida Kahlo mit Tieren zu sehen: ihrem Papagei Benito, zwei Klammeraffen oder dem Hund Señor Xolotl. In «Frida Kahlo und ihre Tiere» erzählt Monica Brown die Lebensgeschichte der berühmten Malerin für Kinder nach und hebt dabei vor allem Kahlos innige Beziehung zu ihren Tieren hervor. Auf jeweils einer Doppelseite werden Lebensphasen skizziert: vom kleinen Mädchen, das bäuchlings auf der Erde liegend malt, bis zur erwachsenen, stolzen Künstlerin, die trotz grosser Schmerzen im Bett sitzend arbeitet – stets umgeben von Papageien, Affen, Hunden, Truthähnen …
«Ich war schon immer fasziniert von Fridas Beziehung zu ihren Tierfreunden», merkt die Autorin am Ende des Buches an. Weil sie die Tiere, die eigentlich erst im Erwachsenenalter Teil von Kahlos Leben wurden, bereits der kleinen Frida zur Seite stellt, gelingt es ihr, Leben und Werk der Künstlerin schon Kindergartenkindern nahezubringen. John Parras kraftvolle, farbenprächtige Illustrationen erinnern an den Strich der Künstlerin, ohne diesen zu kopieren. Ein Buch, das Lust macht, mehr über Frida Kahlo und ihre magischen Bilder zu erfahren. Erwachsene (Vor-)LeserInnen dürfen vorab also ruhig schon etwas recherchieren, um neugierige Fragen beantworten zu können.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/18, S. 27

Machs wie Abby, Sascha!
Bänz Friedli
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2017, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85546-320-6
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Sascha ist fast 13 Jahre alt, hat kurze Haare und spielt am liebsten Fussball. Typisch Junge, könnte man denken. Sollte man aber nicht, denn Sascha ist ein Mädchen. Die Geschichte «Machs wie Abby, Sascha!» nimmt in 13 Kapiteln geschlechtsstereotype Zuschreibungen gezielt unter Beschuss und zeigt, dass kickende Mädchen und Pferde liebende Jungs weder eine Ausnahme sind, noch als solche behandelt werden sollten. Und: wie wichtig es ist, für den eigenen Traum zu kämpfen. So wie Sascha. Sie träumt davon, eines Tages im Nationalstadion einzulaufen, aber nicht nur als «Einlauf-Kind» an der Hand von Spielern: «‹Dort laufe ich dann selber mal ein – als Spielerin›, antwortet Sascha trotzig. ‹Nicht so als Anhängsel›».
Während Sascha in ihrem Zimmer Fotos der Stürmerin Abby Wambach aufgehängt hat, kleben bei ihrem elfjährigen Bruder Niki Pferdeposter an der Wand. Dazu ist die Mutter Chefin in einer Computerfirma und der Vater macht Abendbrot und saugt Staub. Verkehrte Welt? Zum Glück nicht, aber auch in Kinderbüchern immer noch eine auffallend ungewohnte Welt. Niki, der gerne Pferdebücher liest, stellt die Frage: «Warum müssen in Büchern die Mädchen immer die Heldinnen sein und die Jungs immer die Dummen?» Dazu liest er Sascha eine Stelle vor, in der das Mädchen die Heldin ist, der Junge steht «belämmert» dabei. Tatsächlich verliert Niki im weiteren Verlauf der Geschichte jedoch selbst an Bedeutung – vom allwissenden Erzähler gewollt oder ungewollt – und Sascha wird zur Heldin, die im Nationalstadion aufläuft.
Das Kinderbuchdebut von Kolumnist und Kabarettist Bänz Friedli unterhält mit vielen guten Dialogen und vorwitzigen Kapitel-Überschriften wie «Kapitel sieben, in dem man ‹Scheisse!› sagen darf». Und es regt an, über die eigenen Erwartungshaltungen nachzudenken.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/18, S. 31

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken
John Green
Aus dem amerikanischen Englisch von Sophie Zeitz
Verlag: Hanser, Publiziert: 2017, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25903-4
Schlagwörter: Krankheit | Liebe

Aza Holmes trägt mit ihrem Namen eine schwere Bürde: Alles steckt drin, von A bis Z, und dann heisst sie auch noch wie der berühmteste Detektiv aller Zeiten. Doch John Green, spätestens seit seinem Erfolg mit «Das Schicksal ist ein mieser Verräter» ein Superstar der All Age-Literatur, überlässt es den LeserInnen, über den Namen seiner Ich-Erzählerin nachzugrübeln. Bald wird klar, dass die Verbindung zwischen psychischer Störung und Genialität in der BBC-Serie «Sherlock» ihren Charme haben mag; im wirklichen Leben dagegen sieht es anders aus. Denn Aza leidet an einer Zwangskrankheit, die ihr die kleinen alltäglichen Aufgaben schwer und die grossen Dinge – einen Jungen küssen zum Beispiel – unmöglich macht. Sie ist besessen von Gedanken an die Mikroorganismen, die ihren Körper bewohnen, und lebt in panischer Angst, tödliche Bakterien könnten in sie eindringen. Es gibt nichts, was sie tun kann, um die Gedankenspirale in ihrem Kopf zu stoppen. Auch ihre beste Freundin und der Junge, in den sie sich verliebt, können sie nicht retten – alle drei müssen Aza aushalten, wie sie ist.
John Green selbst kämpft mit Zwangsstörungen, wie er in einem Youtube-Video zum Roman berichtet. Und so ist «Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken» eine ernsthafte literarische Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Stigmatisierung durch Krankheit. Schonungslos rechnet Green mit der Selbstoptimierungsideologie ab, die uns einreden will, wir seien an unseren Leiden selbst schuld und müssten uns nur ordentlich am Riemen reissen.
Green mutet seinen LeserInnen in diesem wuchtigen Roman einiges zu, doch er versteht sich wie immer auf temporeiche Dialoge und witzige Szenen. Den «comic relief» treibt er aber eine Spur zu weit: Er verpackt Azas Geschichte nämlich in einen ziemlich albernen Krimiplot. Doch das kann der Kraft von Azas Ringen um ein selbstbestimmtes Leben nichts anhaben.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/18, S. 35

Das ist kein Spiel
Barry Jonsberg
Aus dem australischen Englisch von Ursula Höfker
Verlag: CBJ, Publiziert: 2017, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-16454-9
Schlagwörter: Geschwister | Krimi/Thriller

Der 16-jährige Jamie ist überdurchschnittlich gut in Mathe, seine wahre Leidenschaft gilt jedoch der Spieltheorie. Selbst wenn er seiner kleinen Schwester Phoebe Märchen erzählt, bestimmen Taktik und Statistik, welcher Anwärter die besten Chancen auf die Hand der Prinzessin hat.
Als Jamies ältere Schwester Summerlee ausgerechnet mit seinen Zufallszahlen im Lotto gewinnt und Phoebe kurz darauf spurlos verschwindet, wird der Jugendliche auf eine harte Probe gestellt. Zum einen fühlt er sich schuldig, weil er die Achtjährige im Supermarkt aus den Augen gelassen hat. Zum anderen ist er es, der mit dem Entführer verhandeln muss. In der Spieltheorie geht es weniger um Zahlen, sondern vielmehr darum, wie die anderen ticken. So versucht Jamie ständig herauszufinden, was sein Gegenüber vorhat und wie er am besten darauf reagiert, um die Oberhand zu gewinnen. Wie der deutsche Titel des Romans nahelegt, ist das alles andere als ein Spiel.
Der Australier Barry Jonsberg steigt im Prolog dramatisch vor dem Showdown ein. Wenn er in den folgenden Kapiteln die Vorgeschichte aufrollt, lässt er es hingegen ruhig angehen und zieht die Spannungsschraube erst nach und nach an. Ich-Erzähler Jamie behauptet von sich zwar, er sei ein Junge, kein Superheld und als Mathematiker lägen ihm Geschichten nicht. Letzteres wollen wir ihm als LeserInnen allerdings nicht abkaufen. Jamie beschreibt sein Umfeld mit viel Wärme und grosser Empathie. Wie fürsorglich er sich um seine kleine Schwester kümmert und was er alles auf sich nimmt, um sie zu retten, lässt einen nicht kalt. Aller Spieltheorie und Wahrscheinlichkeitsrechnung zum Trotz hält das Ende dann auch für ihn eine gewaltige Überraschung bereit.

Daniel Ammann
Buch&Maus 1/18, S. 34

Erbsenalarm
Maria Jönsson
Aus dem Schwedischen von Ruth Nikolay
Verlag: Hanser, Publiziert: 2017, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25867-9
Schlagwörter: Essen

Essenszeit. Papa Wolf sorgt heute für ein gesundes Mittagessen. Ähnlich wie Pia in «Nein! Tomaten ess ich nicht!» von Lauren Child (Aladin 2013) denkt sich der junge Wolf Valdemar aber: «Was soll ich denn mit Erbsen im Bauch?» Er mag nur die Fischstäbchen. Während seine kleine Babyschwester Linn alles fein säuberlich aufmampft und bereits beim leckeren Schokoladeneis zum Nachtisch angekommen ist, quält er sich noch herum – vor allem mit den in seinen Augen sinnlosen Erziehungsmassnahmen seines Papas: «HALT! Du hast deine Erbsen nicht aufgegessen!», spricht dieser streng. Doch er hat nicht mit Valdemars Spitzfindigkeit gerechnet und seinem festen Vorhaben, die Erbsen keinesfalls zu essen. Sie sollen im Bauch landen, so Papas Worte, in welchem Bauch der beiden Kinder hat er nicht näher definiert. Und so nutzt das Tierkind das Schlupfloch und behilft sich mit einem kleinen Trick.
Maria Jönsson hat bereits mit «Schnulleralarm», das letzten Frühling auf Deutsch erschienen ist, eine kleinkindliche Alltagsthematik am Beispiel der zwei Wolfsgeschwister behandelt. In Schweden liegt auch schon eine dritte Geschichte vor, in der Valdemar etwas grösser ist und sich nun zum ersten Mal alleine durch den Wald auf den Weg zu seinem Grossvater macht.
Lebendig, pfiffig und auf das Wesentliche reduziert versprühen die Illustrationen von Maria Jönsson einen Humor und eine Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht. Ein wenig rot und das satte Grün der runden, gehassten Erbsen sind die einzigen Farbtupfer. Ansonsten dominiert der mit sicherer Hand gesetzte Text und die schwarzen Linien, mit denen Jönsson flink Figuren und Räume erschafft.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/18, S. 26

Oskar und das Mandelherz
Kerstin Lundberg Hahn
Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger
Verlag: Aladin, Publiziert: 2017, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Eifersucht/Neid | Freundschaft | Familie/Familienformen

Was für ein dummes Gefühl, wenn Eifersucht die schönsten Freundschaften auf einmal in Frage stellt! Oskar und Jaak aus zwei Kinderromanen von Kerstin Lundberg Hahn und Gideon Samson müssen das beide erfahren.
Schon auf Susanne Göhlichs Coverillustration von «Oskar und das Mandelherz», das sich an Kinder ab dem Unterstufenalter richtet, ist die Tragödie zu erkennen: Da steht Oskar im Hintergrund auf dem Pausenplatz und beobachtet mit betrübter Miene seine fröhlich plaudernden Freunde, Bie und Hugo. «Als ich die beiden so sah, wie sie Arm in Arm vor mir herliefen, da kam es mir plötzlich so vor, als würde mir das Atmen schwerfallen», bringt der kindliche Ich-Erzähler dieses Gefühl in Worte. Dabei ist Bie doch Oskars Freundin, er trägt ihren Drachenanhänger um den Hals! Wolken ziehen auf am präpubertären Liebeshimmel. Kommt dazu, dass Oskar gleich an mehreren Fronten zu kämpfen hat: Heiss und innig wünscht er sich einen Hund, am liebsten so einen wie das Mischlingshündchen Amelia, das er im Park kennengelernt hat. Bei seinen Eltern stösst der Wunsch aber auf taube Ohren, denn Oskar soll in wenigen Monaten grosser Bruder werden – an einen Welpen ist nicht zu denken. Wie ein zu Marzipan zerriebener Mandelkern fühlt sich Oskars Herz da an.
Die schwedische Autorin Kerstin Lundberg Hahn steht mit ihrer einfühlsamen Erzählweise und dem liebevollen Humor der kindlichen Gefühlswelt ganz nahe: Der Junge, der seine Freundschaften und die Liebe seiner Eltern in Gefahr sieht, projiziert sein Verlangen, geliebt zu werden, auf einen Hund. Von einem erheiternden Missverständnis gerät er ins nächste (wer hätte ahnen können, dass Bie selbst eifersüchtig ist auf Amelia, die sie als Mädchen wähnte?), bis sich alles zum Guten wendet – mit Baby, Hund und Drachenanhänger.
In «Sternschnuppensommer» des Niederländers Gideon Samson sind die ProtagonistInnen schon etwas älter und die Sachlage präsentiert sich noch komplexer. Jaak, der vom Erzähler durchgehend als «Du» angesprochen wird, ist nicht der einzige Eifersüchtige in dieser Dreiecksgeschichte, vielmehr arbeiten sich drei Kinder am Glück und den Schwierigkeiten verschiedener Freundschaftskonstellationen ab. Jaak muss die Ferien beim ihm unvertrauten Vater auf einer griechischen Insel verbringen. Dem Ertrinken in Selbstmitleid entgeht er knapp, als er dort Micha kennenlernt. Innert Kürze entwickelt sich zwischen den zwei Jungen eine tiefe Freundschaft. Doch mit der baldigen Ankunft von Puck, Michas Freundin, scheint das Glück endlich. Es kommt aber anders: Micha zieht Jaak selbstverständlich in die junge Liebe hinein. Zu dritt geniessen sie den griechischen Sommer, ja sogar Küsse unter dem Sternenhimmel. Und doch schwingt in ihrem Beisammensein stets etwas mit, etwa wenn die zwei Jungen zu Puck auf einen Baum klettern: «Ihr klettert um die Wette, durchzuckt es dich. Niemand hat es laut gesagt, aber du fühlst es einfach und bist dir fast sicher, Micha fühlt es auch.» Die Grenzen der emotionalen Grosszügigkeit werden ausgetestet, es kommt zum Eklat und zur Wiederversöhnung.
Gideon Samson entlässt seine ProtagonistInnen am Ende dieses langsam und sehr intensiv erzählten Romans hoffnungsvoll, wenn auch wehmütig und mit wichtigen Erfahrungen im Gepäck.
Eifersucht zu überwinden, ist eine grosse und reife Leistung, das machen beide Bücher deutlich. «‹Hör mal›, sagte Bie. ‹Ich kann Hugo ja wohl so gerne mögen, wie ich will. Du magst ihn doch auch. Oder etwa nicht?›» – Wenn es doch nur immer so einfach wäre!

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/18, S. 31

Das Wunderreich von Nirgendwo
Ross Mackenzie
Aus dem Englischen von Anne Brauner
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2017, Seiten: 366, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-2799-9
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Als der magisch begabte Waisenjunge Daniel Holmes die Lehre im «Wunderreich von Nirgendwo» antritt, um Nachfolger des Ladeninhabers Lucien Silver zu werden, ahnt er nicht, dass er zwischen die Fronten zweier Magier gerät. Vindictus Sharpe, Silvers einstiger Lehrmeister, hat Silver im Kampf um das Wunderreich herausgefordert und will dieses Geschäft unbedingt in seinen Besitz bringen. Während das Wunderreich den Menschen mit seinen Wundern Freude schenkt, nimmt es ihnen gleichzeitig ein bisschen Fantasie, um weiterhin existieren und Kuriositäten hervorbringen zu können. Verfolgt von Sharpe, ist Silver seit vielen Jahren mit Daniel und seiner Tochter Emilie auf der Flucht. Dementsprechend wechselt auch das Wunderreich beständig seinen Ort. Als es Sharpe schliesslich gelingt, Silver aufzuspüren, entkommt dieser – und verschwindet. Nun ist es an Daniel und Emilie, Vindictus Sharpe aufzuhalten und das Wunderreich zu retten, das ohne seinen Baumeister zu zerfallen droht.
Ross MacKenzie verknüpft in seinem Roman bekannte Motive und Elemente – der Waisenjunge als Lehrling, Zeitreisen in Kombination mit Ortswechseln – mit überzeugenden Figuren und integriert sie in einen durchdachten Plot, der LeserInnen in seinen Bann zu ziehen vermag, ohne langatmig zu werden. Die eingefügten Rückblenden beleuchten Silvers Beziehung zu Sharpe und offenbaren nicht nur ein komplexes Figurengefüge mit überraschenden Familienverbindungen, sondern zeigen auch, was sich in der Vergangenheit zwischen Sharpe und Silver zugetragen hat. Mit diesem Wissen wird es Daniel schlussendlich möglich, Sharpe zu besiegen und – zusammen mit Emilie – Silvers Erbe anzutreten und das Wunderreich weiterzuführen.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/18, S. 33

Der Wilde Watz
Edouard Manceau
Aus dem Französischen von Markus Weber
Verlag: Moritz, Publiziert: 2017, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-343-8
Schlagwörter: Fantasie | Humor/Komik

Hilfe, ein Monster! Der wilde Watz stiert einen schon auf dem Cover an. Spitze gelbe Hörner, noch spitzere Zähne und grüne Hände hat er. Und er ist ganz wild darauf, kleine Kinder im Dunkeln zu packen, zu beissen und zu fressen. Keine Chance, ihm zu entkommen? Doch! Das grossartige hochformatige Bilderbuch von Edouard Manceau ist eine kreative Anleitung, die selbst kleinsten Kindern zeigt, wie sie sich gegen übermächtige Ängste wehren können: mit Spass und Fantasie.
«Huh! Du willst mich fressen, mit Haut und Haar, du WILDER WATZ!», meldet sich eine Kinderstimme auf der ersten Seite. Die grosse weisse Schrift springt einen auf der nachtschwarzen Seite förmlich an. Das wirkt eher angriffslustig als ängstlich. Der wilde Watz muss jetzt aufpassen, denn die Rollen sind vertauscht. Das Kind droht dem gehörnten Monster: «Ich kitzle dich an deinen Hörnern, dann kannst du mich nicht mehr piksen, du WILDER WATZ!» Tatsächlich verwandeln sich die Hörner in einen Sichelmond. Der Watz steht als Kahlkopf da und sieht schon deutlich zahmer aus; die plakativen Illustrationen zeigen es. Die Kitzelattacke geht weiter. Immer mit dem Zauberspruch: «Ich kitzle dich» – unter den Armen, an den Füssen, dem Hals, den Zähnen. Seite für Seite wird der Watz in seine Einzelteile zerlegt. Die Arme stehen jetzt als Bäume in der Nacht da, die Zähne liegen als Steine herum – armer halber Watz, jetzt schielt er sogar. Nase und Augen werden zu einem Auto, der Kopf zu einem Wohnanhänger und der fröhliche Erzähler ruft: «… und weg bist du! Mach’s gut du WILDER WATZ!»
Klar, dass beim Vorlesen viel gekitzelt, gelacht und gestaunt wird. Und wenn der wilde Watz wiederkommt? Halb so wild.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/18, S. 28

Mick Mangodieb und die Rezepte der Sieben Weltmeere
Marloes Morshuis, Illustration: Torben Kuhlmann
Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2017, Seiten: 235, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5940-7

Weil der Kaiser der fiktiven Insel Minelotte alle Nahrungsmittel verbietet, die er selbst nicht mag (und er ist wählerisch!), leiden seine Untertanen Hunger. Mick ist noch ein Kind, als er eine überreife Mango aus dem Garten des Kaisers stiehlt – und von dessen Wächtern erwischt wird! Als Strafe winkt ihm ein grässlicher Tod in der Haifischbucht, doch Mick schlägt dem Kaiser einen Handel vor: Wenn es ihm gelingt, eine Woche lang so für den mäkligen Herrscher zu kochen, dass es ihm schmeckt, muss dieser nicht nur ihn laufen lassen, sondern auch alle verbannten Köchinnen und Köche begnadigen.

Es beginnt eine nervenzerreissende Woche, denn die Günstlinge des Kaisers sind gegen Mick und sabotieren seine Arbeit, wo sie nur können. Doch während er drinnen überwiegend alleine arbeitet, braut sich vor den Toren des kaiserlichen Palasts eine Rebellion zusammen: Alle BewohnerInnen der Insel stehen hinter Mick!

Verwoben wird Micks Geschichte vom Kochen in seine Suche nach den eigenen Wurzeln – wer etwa hat das Rezeptebuch geschrieben, das er in den Sachen seiner Eltern gefunden hat? Und wird es ihm gelingen, mit Hilfe der darin stehenden Gerichte nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner verbannten Eltern zu retten?

Marloes Morshuis erzählt in ihrem leisen und dabei doch ungemein packenden Roman von quälend sinnloser Diktatur und Umbruch; sie vermischt Mut und Freundschaft mit süssen Apfeltörtchen und deftigen Leckereien zu einem spannenden, grossen Ganzen. Und die Rezepte zum Nachkochen von Paella mit Huhn, falscher Schildkrötensuppe oder süssem Mangomousse liefert sie gleich mit. Wunderbar!

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/18, S. 32

Fell und Feder
Lorenz Pauli, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2017, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0737-7
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere

Gleich geht der Vorhang hoch. Schnell noch etwas pudern, alle Scheinwerfer perfekt ausrichten und die Kulissen an den richtigen Stellen platzieren. Hund und Huhn, alias Fell und Feder, betreten die Bühne. Sie geben ein Stück zum Besten, das sich um das richtige, wahre Leben dreht. Um die Suche nach einem guten Freund, einem, mit dem man alles teilen kann und bei dem man sich wohlfühlt. Dass die so gegensätzlichen Tiere einen Freund suchen, obwohl sie sich doch schon längst gefunden haben, erzeugt eine Spannung, die über das gesamte Stück hinweg trägt. Dieses können die BilderbuchbetrachterInnen und alle Fans des eingespielten Teams auch live auf der Bühne in der gleichnamigen Kinderoper mit argovia philharmonic miterleben.
Komisch und klasse zugleich, wie Kathrin Schärer den Hund zeichnet, der nicht zeichnen kann oder die kräftig musizierenden Hühner auf dem Drahtzaun, als Anspielung auf die Kinderopernfassung. Ansonsten bekommt man geboten, was man vom Bilderbuch-Duo Pauli/Schärer erwartet: Ausdrucksstarke, herangezoomte Tierzeichnungen, viel Gefühl und eine fesselnde Geschichte mit überraschenden Wendungen und geschickt verpackten Lebensweisheiten. Bildakzente setzt Schärer mit einer Doppelseite Huhn und Hund in schwarzer Silhouette vor blauem Hintergrund als unbesiegbaren Drachen, und mit einer Doppelseite «Pause» – im Theater ja üblich, im Bilderbuch eher nicht. Schön auch die Szene des Schlussapplauses, die den Blick ins Publikum freigibt und damit auch an Peter Schössows Theaterbilderbuch «Der arme Peter» erinnert – ganz anders in Stil und Inhalt, aber formal eins. Mit diesen metafiktionalen Einwürfen haben Pauli und Schärer unterhaltsam ein Theaterstück zwischen zwei Buchdeckel gebracht.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/18, S. 29

Der Flugplatzspatz nahm auf dem Flugblatt Platz
Moni Port, Illustration: Philip Waechter
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2017, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-177-3
Schlagwörter: Sprachspiel

«Zungenbrecher sind schwer auszusprechende, verschwurbelte Sätze und erfordern HÖCHSTE KONZENTRATION! Je schneller du es hinkriegst, desto besser!» Nachdem vorab Definition und Gebrauchsanweisung geliefert werden, geht es los mit insgesamt 19 Zungenbrechern. Im handlichen Bilderbuchformat immer doppelseitenweise: links ein Spruch, rechts die passende Kulisse mit gewohnt amüsanten Ansichten von Philip Waechter.

Liest man sich durch die Zwei-, Drei- oder Vierzeiler, gesammelt und ausgedacht von Moni Port, entdeckt man neben der künstlerischen Vielfalt auch deren paradigmatische Machart: Worte oder Wortfolgen werden mit minimalen Variationen wiederholt, so dass eine Serie von ähnlich klingenden Lauten und Silben entsteht. So wird aus «sieben Robbenklippen» erst «sieben Robbensippen», dann «Rippen stippen» und schliesslich «Klippen kippen», kunstvoll zum Schüttel­reim verbunden.

Wiederholt oder variiert man Gleiches oder Ähnliches, stellt gar einzelne Satzglieder um, wird es rhythmisch, witzig und nicht selten reimt es sich sogar (ein bisschen): «Unter einer Fichtenwurzel / hör ich einen Wichtel furzen». Auch rhetorische Stilmittel wie Alliteration kommen zum Einsatz: «Klaus Knopf liebt Knödel, Klöse und Knöpse / Knödel, Klöse und Knöpse liebt Klaus Knopf».

Zungenbrecher lenken den Blick kunstvoll auf die Sprache, führen Sätze als offenes Sprachmaterial vor und fordern zum spielerischen Umgang heraus. Passend dazu gibt es am Ende eine Einladung, selbst zu experimentieren. Denn Zungenbrecher sind dazu da, gesprochen zu werden. Der Begriff selbst vermittelt bildhaft, dass das nicht leicht sein darf.

Mit diesem kleinen, feinen Werk wird dem Zungenbrecher ein Denkmal gesetzt: als künstlerischer Ausdrucksform und zugleich überaus lustigem Stoff für erprobende Sprechakrobatik, die wie nebenbei deutliche Aussprache trainiert.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/18, S. 30

«Unter einer Fichtenwurzel / hörte ich einen Wichtel furzen». Links in diesem Bilderbuch steht auf 19 Doppelseiten ein Zungenbrecher von Moni Port, rechts jeweils eine amüsante Illustration dazu von Philip Waechter. Mit den Versen lässt sich der Schnabel wetzen und sie lockern den Alltag auf. Das Ohr und der Blick werden aber auch auf die vielen Spielformen von Sprache gerichtet. Wer mit ihnen vertraut gemacht wird, kann zu den Illustrationen rasch eigene Zungenbrecher kreieren.

Über den wilden Fluss
Philip Pullman
Aus dem Englischen von Antoinette Gittinger
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2017, Seiten: 560, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58393-2
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Als Philip Pullman vor mehr als 20 Jahren den ersten Band seiner «His Dark Materials»-Trilogie schrieb, begeisterte er damit nicht nur Fantasy-Fans, sondern auch LiteraturwissenschaftlerInnen.
Geschickt verwob er eine spannende Geschichte mit einer in dieser Form bis dahin unbekannten fantastischen Welt, die sich aus unendlich vielen parallel existierenden Welten zusammensetzt. Die Tiefe seiner Geschichte und das prägnante Bild eines Daemons in Tiergestalt, der jeden Menschen begleitet und mehr über dessen Inneres verrät, haben die Trilogie zu einem der grössten kinderliterarischen Werke des vergangenen Jahrhunderts gemacht – so ist es in zahllosen Artikeln und in den Fanforen weltweit zu lesen.
Mit «Über den wilden Fluss» kehrt Pullman nun zurück in die magische Anderswelt der hier erst sechs Monate alten Heldin Lyra Belaqua und zieht damit die Aufmerksamkeit der LeserInnen auch wieder auf seine ursprüngliche Trilogie. Die Meinungen dazu gehen nun auseinander. Während die einen monieren, dass die Geschichte vom Goldenen Kompass doch eigentlich auserzählt sei, freuen sich andere darüber, wieder in die ihnen so vertraute Geschichte einzutauchen und mehr über die Entstehung des die Wahrheit erkennenden Alethiometers zu erfahren.
Der Roman startet recht langsam und man muss die Bereitschaft mitbringen, sich darauf einzulassen. Doch dann packt einen das düstere Setting! An der Seite des elfjährigen Malcolm erleben wir die bedrückende Allmacht des Geistlichen Disziplinargerichts und bangen um ein Baby, dem Grosses prophezeit wird. Wunderbar erzählte Fantasy für KennerInnen der Trilogie und alle, die jetzt erst in diesen grossen Stoff eintauchen!

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/18, S. 35

Hau ab, Bruderherz! 
Franco Supino
Verlag: da bux, Publiziert: 2017, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906876-05-4
Schlagwörter: Schweiz

«Kleine Bücher zu grossen Themen» verspricht die Schweizer da bux-Reihe, die 2016 mit vier schlanken Romanen im Taschenbuchformat startete. Zielpublikum sind Jugendliche von 12 bis 16 Jahren, die «gerne kurze Texte mit knackigem Inhalt lesen», wie es auf der Website www.dabux.ch heisst. Dahinter steht die Idee, eine Lücke im Angebot für junge LeserInnen zu füllen, die nichts mit dicken Fantasyschmökern oder literarisch anspruchsvollen All Age-Romanen anfangen können – oder denen das Lesen schwerfällt. «Unsere Bücher sind einfach zu lesen, aber nicht einfach einfach», verspricht die Verlagsseite weiter, «aus der Perspektive von Jugendlichen erzählen wir Geschichten mit Tiefgang, die unterhalten, aber auch Diskussionsstoff bieten.»
Franco Supinos «Hau ab, Bruderherz!» löst das Versprechen auf allen Ebenen ein. Die Geschichte von Tobi, der in einer dystopischen Schweiz ohne Hoffnung auf eine Zukunft aufwächst, ist in einer klaren, temporeichen, harten Sprache erzählt. Und sie ist spannend, vom ersten bis zum letzten Satz, obwohl eigentlich nicht viel passiert. Doch Tobi muss eine Entscheidung treffen: Soll er die Flucht aus der Schweiz wagen, über die Alpen nach Italien und übers Mittelmeer nach Afrika, wo die Menschen in Frieden und Wohlstand leben?
Supino erzählt szenisch und lässt einen Jugendlichen, der nichts zu verlieren hat, das Klima einer totalitären Schweiz erfahren. Mit wenigen Pinselstrichen skizziert Supino das Leben in der finsteren Zukunft und ruft geschickt die Bilder eines Genres ab, das Jugendliche aus dem Kino kennen.
Der Roman ist ebenso ein Gedankenexperiment wie eine mitreissende Erzählung. Und weil wir nie erfahren, ob es Tobi nach Sierra Leone schafft und was ihn dort erwartet, fängt das Buch am Ende erst richtig an – mit viel Stoff für Diskussionen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/18, S. 34

The Hate U Give
Angie Thomas
Aus dem amerikanischen Englisch von Henriette Zeltner
Verlag: cbt, Publiziert: 2017, Seiten: 512, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-16482-2

Die 16-jährige Starr führt zwei Leben: Mit ihrer Familie wohnt sie in Garden Heights, einem von Gangs kontrollierten Schwarzen-Viertel, in dem sie geboren und aufgewachsen ist. Wie ihre beiden Brüder besucht sie jedoch eine «weisse» Privatschule. Zwei Welten, die Starr strikt zu trennen gelernt hat. «Ich habe mir angewöhnt, mit zwei verschiedenen Stimmen zu sprechen und unter bestimmten Leuten nur bestimmte Dinge zu sagen. Darin war ich meisterhaft.»
Auf einer Party in Garden Heights trifft Starr ihren besten Freund aus Kindertagen wieder. Schüsse fallen. Gemeinsam laufen die beiden davon. Kurz darauf wird ihr Wagen von einem weissen Polizisten gestoppt und Khalil vor Starrs Augen erschossen. Tief traumatisiert schweigt Starr, empfindet das aber zunehmend als Verrat an Khalil und ihrer Herkunft. Erst als es in ihrem Viertel zu Demonstrationen und Plünderungen kommt und Khalils Tod zunehmend instrumentalisiert wird, bricht sie ihr Schweigen. Sie will, dass der Polizist angeklagt und verurteilt wird. Doch dazu kommt es nicht.
«The Hate U Give» greift ein hochbrisantes Thema auf: die brutalen Übergriffe polizeilicher Ordnungskräfte gegenüber Schwarzen, die in den Vereinigten Staaten immer wieder zu massiven Unruhen führen. Eindringlich und packend erzählt, schildert die Autorin Starrs Zerrissenheit, verzichtet dabei auf Schwarzweiss-Malerei und Klischees und gibt so authentisch Einblick in das Leben in den verarmten Vierteln in den USA. Ihre lässige, Slang-durchsetzte Sprache (ein grosses Lob an Übersetzerin Henriette Zeltner!) trifft den Ton rebellierender Jugendlichen perfekt und fängt die Gefühle der Altersgruppe überzeugend ein. Ein kluges und wichtiges Buch, das in den USA auf Anhieb Platz 1 der New York Times-Bestsellerliste eroberte, und dem man überall auf der Welt ähnliche Erfolge wünscht.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/18, S. 36

Das Liebesleben der Tiere
Katharina von der Gathen, Illustration: Anke Kuhl
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2017, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-169-8
Schlagwörter: Tiere

Bei den Rennechsen sind keine Männchen vorgesehen: Die Weibchen befruchten sich mittels Jungfernzeugung selbst und aus den Eiern schlüpfen – logisch – nur Rennechsenmädchen. Der Stichling verführt mit einem Zick-Zack-Tanz. Riesenschildkröten stöhnen beim Sex erstaunlich laut und die Vielzitzenmaus kann ganze 24 Junge säugen. Diese und noch viele weitere wissenswerte und kuriose Fakten rund um die Themen Verführung, Paarung und Nachwuchs im Tierreich sind in «Das Liebesleben der Tiere» zusammengetragen.
Katharina von der Gathen erklärt in einfachen Worten und kurzen Texten die Fakten gut verständlich für Kinder im Mittelstufenalter, Anke Kuhl setzt diese gewohnt witzig und frech, gespickt mit amüsanten Kommentaren, ins Bild um. «Schautafeln» geben einen Überblick über Verführungstricks oder Penislängen – wobei die entsprechende Seite sogar ausgeklappt werden kann, und selbst dann ist der (bis zu drei Meter lange) Blau­walpenis noch stark verkleinert dargestellt!
Im Hörbuch, gelesen von Cathlen Gawlich, Peter Kaempfe und Michael Schwager muss zwar auf die Bilder weitgehend verzichtet werden, dafür sind hier Balzgeräusche und Brunstgesänge erlebbar.
Weil es sich über Koalavaginas und Maulwurfsex ganz ungehemmt sprechen und lachen lässt, ist das «Liebesleben der Tiere» nicht nur ein tolles Tierbuch, sondern auch ein fröhlicher Zugang hin zu Fragen zur eigenen Sexualität.
«Es gibt nichts, was es nicht gibt» steht im Vorwort ­– eine wichtige Botschaft dieses Buches: Denn ob der Vielfalt von möglichen Liebes- und Lebensformen mit schwulen Trauerschwänen und Straussen-Patchworkfamilien stellt sich die Frage, was denn «natürlich» oder «normal» sei im besten Fall gar nicht mehr.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/18, S. 37

Zusammen sind wir Helden
Jeff Zentner
Aus dem amerikanischen Englisch von Ingo Herzke
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2017, Seiten: 368, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55685-1
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Identität/Individualität

Lydia ist kreativ und smart, eine Unternehmerin und Stilikone. Auf Twitter und Instagram hat die 17-Jährige über 100 000 Follower; auf ihrem Mode-Blog inszeniert sie sich als «selfmade girl»: «In Forrestville klopfen die Karrierechancen nicht an die Tür. Man muss sie selbst kreieren.» Das Dorf in Tennessee, tief im amerikanischen «Bible Belt» gelegen, stellt für Lydia die dunkle Kulisse dar, vor der sie umso heller glänzt und der sie entfliehen will. Ihre Träume stehen in scharfem Kontrast zu den Perspektiven ihrer beiden Freunde. Der musikalische Dill ist Sohn eines fanatischen Erweckungspastors, der wegen Kinderpornographie im Gefängnis sitzt. Travis, ein Bär von Gestalt, duckt sich unter der alkoholgeschwängerten Gewalt seines Vaters, um in die phantastischen Welten seiner geliebten «Bloodfall»-Bücher zu flüchten. Gemeinsam haben die drei bis auf ihren Aussenseiterstatus nichts – und doch halten sie sich gegenseitig am Leben in dieser viel zu engen Welt.
Jeff Zentner erzählt in seinem ersten Jugendroman aus drei ganz einzigartigen Perspektiven von der Einsamkeit junger Menschen, die sich im Korsett von sozialen Erwartungen, von Tradition und Religion, Armut und Perspektivlosigkeit gefangen sehen. Seine so liebenswert überzeichneten wie berührend menschlichen Figuren scheitern immer wieder am Versuch, einen Ausweg zu finden; sie arbeiten sich ab an den zweifelhaften elterlichen Vorbildern und an den Grenzen, die sie sich selbst gesetzt haben. Ihre Konflikte mit der Welt sind so zeitnah wie zeitlos; immer aber schärfen sie den Blick für andere Lebensrealitäten. Vor allem lassen sie erahnen, dass keiner von uns vom Himmel gefallen ist: Dass auch das «selfmade girl» nicht lebensfähig wäre ohne Freunde, die Gitarre spielen oder mit dem Eichenstab aus einer Fantasy-Serie gegen das Schlechte in der Welt antreten.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/18, S. 36

Wäre ich eine Schlange, könnte ich in eine andere Haut schlüpfen
Annette Lory
Verlag: SJW, Publiziert: 2017, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0121-9
Schlagwörter: Gewalt | Familie/Familienformen

Über Leilas Familie hängen dunkle Gewitterwolken, und wenn es kracht, wird es richtig laut. Dann geht Leila in ihr Zimmer und singt «Dr Sidi Abdel Assar», um die Stimmen ihrer Eltern zu übertönen. «Erst wenn ich Mama weinen höre, kann ich aufatmen.»
Durch die nüchterne Erzählstimme einer Neunjährigen berichtet die Zürcher Autorin und Sozialarbeiterin Annette Lory in ihrem mit dem Baarer Raben ausgezeichneten Büchlein von streitenden Eltern und häuslicher Gewalt. In Leilas Vorstellung haben ihre Eltern bloss vergessen, wie «das mit der Liebe» geht, das Frauenhaus erscheint ihr als eine Art Hotel, und der gewalttätige Vater ist einfach der Papa, der sich manchmal nicht zusammennehmen kann. Eindrücklich und realistisch zugleich schildert Leila aber auch die vage Angst, zu Hause könnte «das Schlimmste» passieren, wenn sie beim Grossvater übernachtet, und erzählt, wie sie mit ihrer Mutter gelernt hat, die Launen des Vaters zu lesen.
Leilas Angst, mit dieser Familiensituation nicht normal zu sein, oder gar die Schuld dafür zu tragen, wird deutlich. Bittersüss ist für das Kind die Trennung der Eltern, die die gemeinsamen Familienausflüge in die Erinnerung verbannt, die Hoffnung auf ein Geschwisterchen verpuffen lässt, aber dafür endlich den Krach zum Verstummen bringt.
Es ist ein schwerwiegendes Thema, das Lory auf 40 Seiten kondensiert. Doch der fein erzählten Geschichte gelingt es, auf Dramatik zu verzichten, ohne an Eindringlichkeit zu verlieren, und die Gefühle der Protagonistin in den Mittelpunkt zu stellen, ohne das Verhalten der Eltern vereinfachend oder anklagend darzustellen. Es ist keine einfache Zeit, die Leila durchmacht, doch sie endet mit der tröstlichen Aussicht, dass beide Eltern sie immer noch gleich lieben und nun andere, bessere Zeiten kommen können.

Fabienne Saurer
Buch&Maus 2/18, S.31

Wuwu und Co.
Kamila Slocinska, Merete Pryds Helle
In Deutsch, Dänisch, Englisch, Französisch und Spanisch
Verlag: Step In Books, Publiziert: 2016, ISBN/ISSN/EAN:

Die mit dem Bologna Ragazzi Award 2016 in der Kategorie Fiction ausgezeichnete, dänische App lotet Möglichkeiten digitalen Erzählens lustvoll aus. In einem roten Haus mitten im Winterwald finden fünf witzige Fantasiefiguren Einlass. Wir lesen oder hören ihre Geschichten und werden immer wieder aufgefordert, das Tablet hochzuhalten. Dadurch wird dieses zum faszinierenden Fenster in eine sanft animierte Situation, in welcher sich die Spielenden selber bewegen und helfen können, mittels kleiner Spielaufgaben das Problem der jeweiligen Figur zu lösen: Glühwürmchen-Lampen müssen gefunden, Bäume geschüttelt oder schlafende Larvenkinder geweckt werden. Moderate Geräuschkulissen und nie hektisch werdende Spielsituationen überzeugen in dieser App.

33 Bogen und ein Teehaus
Mehrnousch Zaeri-Esfahani
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2016, Seiten: 148, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0522-8
Schlagwörter: Migration | Politik

In der iranischen Stadt Isfahan schwingt sich eine Brücke mit 33 Bogen über den Fluss, wo die Menschen sich abends treffen. Als kleines Mädchen erlebt die Ich-Erzählerin mit, wie ihre Heimat sich verändert, ein Regime der Angst beginnt, was das Leben der Familie schliesslich unerträglich macht. Über die Türkei gelangt die Familie nach Deutschland. Aus Sicht des damaligen Kindes schildert Zaeri eine Geschichte des Ankommens.

Als mein Vater die Mutter der Anna Lachs heiraten wollte
Christine Nöstlinger
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2016, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-4337-3

«Klein, etwas übergewichtig, weisse Haut, rostrote Drahtwaschelhaare, Hänge­schul­tern, dünnlippiger Sichelmund nach un­ten und riesengrosse wasserblaue Au­gen» – so wirkt Anna Lachs anfangs auf Cor­nelius, den elfjährigen Ich-Erzähler in Chris­­tine Nöstlingers jüngstem Kinderro­man. So unverblümt und vollmundig wie die Grande Dame der Kinderliteratur pla­t­ziert kaum jemand seine Figuren punkt­genau vor dem inneren Auge des Lesers, stülpt meisterhaft nach aussen, um was es sich im Innern dreht.
Denn «Pummel» alias Anna und «Stum­mel», wie Cornelius genannt wird, haben – man hört es schon – mehr gemeinsam, als ihnen lieb ist. Will doch Cornelius’ Vater Annas Mutter heiraten. Eine Katastrophe, die beide Kinder zu verhindern suchen. Da ihre gemeinsamen Aktionen sie immer mehr zusammenschweissen, werden sich die beiden zusehends sympathischer, während die verliebten Erwachsenen auf eine harte Probe gestellt werden.
Amüsant stellt Nöstlinger hier zwei Varianten alleinerziehender Minifamilien vor, lässt Männerwirtschaft gegen Weiberkram antreten… und gewinnen: Weil diese beiden eine bessere Balance finden, sich gegenseitig respektieren und unterstüt­zen und den abwesenden Elternteil einzubinden wissen. Für die Autorin ist dieser Stoff die reinste Spielwiese, so hing­e­bungsvoll und komisch entwirft sie köstlichste Situationen für ihre Figuren und lässt diese sich bissig aus wech­seln­den Perspektiven reflektieren. In Mi­ni­familien, konstatiert Nöstlinger, hat sich das traditionelle Kräfte­gleich­gewicht verlagert. Eltern und Kinder haben eine gleich­rangige Beziehung, in der Regeln verhandelt und Kräfte ausgemessen wer­den müssen. Hier verliert nur einer, der letztlich und durch alle Turbulenzen «auf Dauer einfach nicht auszuhalten ist!»
Ina Nefzer

Buch & Maus 3/2013, S. 32.

Nusret und die Kuh
Anja Tuckermann, Illustration: Uli Krappen
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2016, Seiten: 52, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-302-3
Schlagwörter: Migration

Nusret wohnt mit seiner Oma, seinem Opa und vielen Tieren in einem Dorf im Kosovo. Dort holt er jeden Tag die Eier, füttert die Kuh und hilft dem Opa. Manchmal kommt der Briefträger vorbei. Dann kocht die Oma Kaffee und der Briefträger liest den Brief vor, der aus Deutschland kommt, wo Nusrets Mutter und Vater, der Bruder und die Schwester wohnen. «Bald wollen wir auch Nusret zu uns nehmen, denn er muss auch zur Schule gehen», steht in einem Brief. Darüber muss Nusret ein wenig nachdenken, bevor er eine Entscheidung trifft: Ja, er wird nach Deutschland gehen. Aber die Kuh nimmt er mit. Alles kann er schliesslich nicht einfach zurücklassen. Zusammen mit der Kuh geht er lange, lange, über die Grenze – bis nach Deutschland. Dort lernt Nusret in der Schule lesen und schreiben. Die Kuh auch. Aber bald hat Nusret Freunde und die Kuh macht es sich lieber zuhause gemütlich. Sie muss nicht mehr so oft mit Nusret zusammen sein. In den nächsten Ferien bringt der Junge die Kuh zurück zu den Grosseltern in den Kosovo. So kann sie den Grosseltern seine Briefe vorlesen.

Diese Geschichte haben Mehrdad Zaeri und Uli Krappen in enger Zusammenarbeit wild illustriert. Immer zwei Minuten lang durfte eine Person an einem Bild malen, dann machte die andere weiter. So entstanden Bilder mit einer hohen Dynamik und viel Abwechslung: Flächen mit dick aufgetragener Farbe werden belebt durch schwarze Sil­hou­ettenfiguren oder Kreide­zeichnungen und Collagen mit Zeitungsschnipseln.

Anja Tuckermann erzählt in einer rhythmischen Sprache aus der Sicht eines Jungen, der einen eigenen Weg findet, um sich von der einen Heimat abzulösen und in der anderen anzukommen. Dass dieser Prozess nie ganz abgeschlossen ist, zeigen die letzten Worte: «Alle sind zufrieden und alle haben Sehnsucht.»

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/16, S. 27

Hieronymus
Thé Tjong-Khing
Verlag: Moritz, Publiziert: 2016, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-321-6
Schlagwörter: Kunst | Wimmelbuch

Ein Abenteuer in der Welt des Hieronymus Bosch

Am faszinierenden Werk von Hieronymus Bosch beissen sich die Kunsthistoriker bis heute die Zähne aus. Man könnte ihn Erfinder des Wimmelbildes nennen, denn auf seinen fan­tasievollen, bisweilen durchaus auch verstörenden Bildern gibt es unglaublich viel zu entdecken.
Mit dem wortlosen Bilderbuch «Hiero­nymus» setzt sich nun der nieder­­ländische Wimmelbildkünstler Thé Tjong-Khing mit dem Werk des Renais­sancemalers ausein­an­der und verleiht damit den eindrucksvollen Fan­tasie­figuren 500 Jahre nach Boschs Tod neues Leben. «Hiero­nymus» steht in direkter Tradition von Tjong-Khings «Torten»-Trilogie: Die verschie­de­nen Hand­­lungsstränge der in Wimmelbildern erzählten Geschichte er­schlies­sen sich erst vollständig durch mehrmaliges Vor- und Zurückblättern, was den besonderen Reiz dieser Bücher ausmacht. Tjong-Khing lässt uns an einem Tag im Leben eines heutigen jungen Hieronymus teilhaben, der bei einem Ausflug über eine Klippe in die Tiefe stürzt und dort den exotischen und dämonischen Kreaturen aus dem Werk seines Namensvetters begegnet. Er verliert Mütze, Ball und Rucksack, die es wiederzubeschaffen gilt, und nebenbei rettet er drei Kindern das Leben, die einem düsteren Schicksal ausgeliefert schienen.
Schon für sich alleine ist dieses Buch ein span­nendes Abenteuer mit heim­tückischen Echsen, räuberischen Vögeln und allerhand verschlungenem Getier. Doch seinen besonderen Wert erhält es in Kombination mit den alten Kunstwerken: Das Buch verführt (auch Erwachsenen) dazu, die Wesen in den Ge­mälden wieder­zuentdecken und so tief in das Werk des alten Meisters einzu­tauchen. Ein grossartiges Buch, das spielerisch 500 Jahre überbrückt und schon in den Jüngsten kunsthistorisches Interesse weckt!

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/16, S. 28

Lisa, Paul und Frau Fisch
Brigitte Schär
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2016, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0541-9
Schlagwörter: Geschwister | Fantasie | Schule

Eine Lehrerin wie Frau Fisch wünscht sich wohl jedes Kind. Sie macht Spritztouren in ihrem feuerroten Sportwagen, schwimmt im Wasser wie eine Meerjungfrau und ist zur Stelle, wenn ein Kind Hilfe braucht. Ihre Schülerin Lisa wünscht sich aber vor allem eins: ein Brüderchen. Das ist tatsächlich unterwegs und dank Frau Fisch wird Lisa es bei einer rasanten Ausfahrt noch vor der Geburt kennenlernen. Doch als sie Frau Fisch in der Schule darauf anspricht, weiss diese von nichts. Nur seltsam: Die Lehrerin wird noch am gleichen Tag benachrichtigt, dass sie bei einem Preisausschreiben einen roten Sportwagen gewonnen hat. Auch andere Details, die Lisa von ihren Abenteuern mit Frau Fisch erzählt, treffen später ein. Kann sie etwa hellsehen? Und hat Frau Fisch vielleicht eine Doppelgängerin?
In sieben Kapiteln folgen wir Lisa begeistert und gespannt. Im Nu fährt sie mit Frau Fisch zu einem leckeren Algen-Picknick ans Meer oder geht mit Paul im Sportkinderwagen spazieren, bis er entführt wird. Das alles erscheint höchst real und lebendig. Dazu tragen die zweifarbigen, klaren Illustrationen, die vielen Dialoge und Lisas innere Stimme bei: «Dass das so lange dauern muss mit einer Schwan­gerschaft! Paul ist zwar schon da, aber unsichtbar in seiner Bauch-Einzimmerwohnung.» Mit ihrer Vorfreude treibt Lisa die Handlung voran, hin- und hergerissen zwischen Allmachts- und Ohnmachtsfantasien. Einerseits will sie sogar den Namen des Bruders bestimmen, andererseits kann sie ihn vor einem Riesenraben unmöglich schützen. So baut sich ein aufregender wie kurzweiliger Bogen bis zur Ankunft des ersehnten Geschwisterchens auf. Zum Schluss trifft sogar die «eine» auf die «andere» Frau Fisch und Lisa wird mit ihrer Gefühlswelt ernst genommen. Jetzt ist auch sie bereit für die grosse Veränderung.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/16, S. 30

Super-Bruno
Håkon Øvreås, Illustration: Øyvind Torseter
Aus dem Norwegischen von Angelika Kutsch
Verlag: Hanser, Publiziert: 2016, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25084-0

Bruno ist traurig und wütend. Drei ältere Jungen haben nicht nur seine selbstgebaute Hütte verwüstet, sie machen sich auch noch über ihn lustig. Am liebsten würde sich Bruno rächen – aber gegen die grösseren Jungs, von denen einer auch noch der Sohn des Pfarrers ist, hat er keine Chance. Mit den Eltern kann er nicht über die Sache reden, denn sie bitten ihn bloss, sich mit den anderen zu vertragen und achten nicht darauf, wie durch­­einander Bruno innendrin tatsächlich ist. Doch dann hat er einen Einfall: Mit einer braunen Hose, einem braunen Cape und einem Eimer brauner Farbe mutiert Bruno nachts zum Superhelden «Brauno», der Rache übend durch den Ort zieht und das Fahrrad eines seiner Widersacher mit einem nagelneuen Farbanstrich versieht. Auf geheimnisvolle Weise gesellen sich wenig später «Schwarzke» und «Blaura» mit vergleichbaren Farbaktionen hinzu, und die älteren Jungs platzen fast vor Wut. Zwar ist ihnen klar, dass Bruno und seine Freunde Matze und Laura hinter der Sache stecken, aber beweisen können sie nichts. Schliesslich droht der Pfarrer mit der Polizei und die drei Kinder stecken ganz schön in der Klemme. Und die Polizei erwischt die Farbteufel tatsächlich auf frischer Tat …

«Super-Bruno» ist ein grossartiges Kinderbuch, das in Skandinavien bereits die wichtigsten Literaturpreise abgeräumt hat. Es beschreibt nicht nur humorvoll, wie sich drei Kinder ohne die Unterstützung ihrer Eltern gegen die scheinbar unbesiegbaren älteren Jungs zur Wehr setzen, sondern es macht auch Hoffnung auf ausgleichende Gerechtigkeit. Denn die geschnappten Farbteufel sind nicht etwa Bruno und seine Freunde! Spannend, dicht an der Kinderperspektive und mit positivem Schluss macht «Super-Bruno» jetzt schon Lust auf die Fortsetzung, die im Herbst erscheinen wird.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/16, S. 30

Rigo und Rosa
Lorenz Pauli, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2016, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0710-0
Schlagwörter: Freundschaft

Endlich ein Pauli/Schärer-Buch, das nicht so schnell fertig gelesen ist! 28 kurze Geschichten über den Leoparden Rigo und die Maus Rosa erzählt das eingespielte Schweizer Bilderbuch-Duo diesmal in Wort und Bild. Die Beziehung zwischen einem Grossen und einem Kleinen haben die beiden zuletzt in «Da bist du ja!» zu ergründen versucht. In «Rigo und Rosa» bekommt das Nachdenken über die Freundschaft nun einen ganz konkreten Rahmen. Rigo lebt hinter Gitterstäben im Zoo. Mäuschen Rosa sucht bei ihm Schutz vor den wilden Tieren und gewinnt damit sein Herz. Oder wie er einleuchtend erklärt: «Du sitzt auf meiner Pfote und vertraust mir. Und wenn ich dich jetzt beissen würde, würde ich auch dein Vertrauen totbeissen. Und das kann ich nicht.»
Lorenz Pauli ist ein Meister der kurzen Form. Er führt jede der Geschichten, in denen Rigo und Rosa zusammen über die Freiheit und das Gefangensein, Freundschaft und das Vermissen, Geschichten und die Fantasie nachdenken, leicht und mit viel Humor auf eine Pointe hin, die einen innehalten und weiterphilosophie­ren lässt. Kathrin Schärer schafft es einmal mehr in unnachahmbarer Weise, Tieren Körperhaltungen und Gesichtsausdrücke zu verleihen, die unmissverständlich ihre Gefühle verdeutlichen. Das Bild etwa, indem der Leopard mit der rauen Zunge die sich wohlig räkelnde Rosa putzt, strahlt pure Wonne aus! Und wer genau schaut, findet auch Zitate aus ihren älteren Büchern: So sitzt der alte Wolf wohl nicht zufällig gerade so auf dem Baum, wie ihr «Tod im Apfelbaum» und wenn Rosa mit dem Farbstift ins Buch zu zeichnen beginnt, steckt auch etwas von der selbstbestimmten «Johanna im Zug» in ihr.
«Rigo und Rosa» ist ein Geschich­tenschatz zum Vorlesen, Nachdenken, Lachen und Geniessen – «flat­terastisch» oder einfach schön, wie Rosa sagen würde.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/16, S. 31

Krasshüpfer
Simon van der Geest
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2016, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-18425-0
Schlagwörter: Geschwister | Streit/Konflikt

«Es ist so unpraktisch, dass das Skelett bei den Menschen innen im Körper ist. Ich hätte lieber ein Skelett auf der Aussenseite gehabt, genau wie bei den Insekten. Innen weich und aussen hart.» Hart sein muss der elfjährige Hidde. Nur so wird es ihm gelingen, den Krieg gegen seinen älteren Bruder Jeppe zu gewinnen. In seinem Heft, einer Art Kriegstagebuch, notiert er gewissenhaft, was seit jenem Tag vorgefallen ist, an dem Jeppe ihm eröffnet hat, er brauche den geheimen Keller nun als Schlagzeugübungsraum. Der Keller, in dem Hidde seit Jahren sein Labor stehen hat mit Behältern und Gläsern voller Hirschkäfer, Regenwürmer, Kohlweisslinge, Grashüpfer und Schwebefliegen. Insekten sind seine Leidenschaft und seine besten Freunde, in der Schule gilt er deswegen als Sonderling. Hidde wehrt sich gegen Jeppes Plan. Denn der Keller, so ist es vor drei Jahren unter den Brüdern beschlossen worden, darf Hidde behalten –so lange er ein Geheimnis nicht verrät.
Beklemmend, wie der Streit zwischen den zwei Brüdern sich hochschaukelt, wie man als Leserin und damit einzige Vertraute mitbekommt, wie Hidde unter der Familiensituation und unter dem Geheimnis leidet, das drückt und drückt und unter seinem Panzer wächst, bis dieser zerspringt. Gleichzeitig wird die kindliche Naivität der Erzählerrolle beibehalten und nicht über junge LeserInnen hinweg erzählt. Das Heft – das Buch, das wir in Händen halten – spielt dabei eine aktive Rolle, die Illustrationen sind wichtiger Bestandteil davon und auch uns als Leser­Innen kommt bei der Auflösung von Hiddes innerem Konflikt eine tragende Funktion zu. Geheimnisse können los- und Grashüpfer freigelassen werden – mit dieser befreienden Gewissheit endet dieser bemerkenswerte Roman des mehrfach ausgezeichneten niederländischen Autors Simon van der Geest.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/16, S. 32

Das Nest
Kenneth Oppel
Aus dem kanadischen Englisch von Jessika Komina und Sandra Knuffinke
Verlag: Dressler, Publiziert: 2016, Seiten: 220, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-0005-8
Schlagwörter: Geschwister | Tiere | Traum

Als das Baby kommt, ist nichts so, wie Steve es sich vorgestellt hat. Angst und Sorge lasten auf der Familie, denn das Baby hat einen genetischen Defekt. Viel­leicht wird es sterben. Als Steve in seinen Träumen helle, geflügelte Gestalten erscheinen, glaubt er, Engel zu sehen, die ihm versprechen, dass alles gut werden kann. Gleichzeitig beobachtet der Junge tagsüber, wie ein Wespennest direkt über dem Zimmer des Babys entsteht. Er fürchtet sich vor den Wespen und wünscht sich, dass jemand das Nest entfernt, doch seine Eltern sind viel zu sehr mit dem kleinen Bruder beschäftigt, und Steves Ängste bleiben ungehört. Erst spät wird ihm bewusst, dass die hellen Gestalten in seinen Träumen, die er anfangs nur verschwommen erkennen konnte, identisch sind mit den merkwürdig bleichen Wespen am Haus. Was er am Tag fürchtet, wird in den Nächten seine grösste Hoffnung, denn die Wespenkönigin bietet an, das Baby zu «reparieren». Steve muss nur ja sagen, dann könnte ihm und seinen Eltern viel Kummer genommen werden. Die Entscheidung scheint so leicht – nur: Welchen Preis muss Steve für seine Zustimmung zahlen? Als er erkennt, was wirklich hinter den Versprechungen steht, und er den Handel abwenden will, wird das Wespenvolk zur tödlichen Bedrohung.

«Das Nest» ist ein psychologisch dichter Roman, der sicherlich nicht nur Leser­Innen ab zehn Jahren in den Bann schlägt, sondern auch Erwach­sene zu fesseln weiss. Kenneth Oppel erzeugt eine grauenvolle Atmosphäre aus Hoffnung, Angst und Schuldgefühl, die Jon Klassen mit düsteren Illustrationen ins Bild setzt. Man kann Steves Unvermögen, das Baby bei seinem Namen zu nennen, genauso als Ausdruck von unterschwelliger Eifersucht lesen, wie als Furcht vor dem drohenden Tod. Und man wird das Buch kaum aus der Hand legen können, bevor man weiss, wie es ausgeht.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/16, S. 33

Sturmland
Mats Wahl
Aus dem Schwedischen von Gesa Kunter
Verlag: Hanser, Publiziert: 2016, Seiten: 253, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-24936-3

Die Reiter

Wer von der Zukunft erzählt, rollt gewöhnlich den Weg dorthin auf: Zeigt, warum es gekommen ist, wie es gekommen ist. Verfolgt die Spuren einer blutigen Reality Show zurück zur ausgebeuteten Arbeiterklasse und zur Spassgesellschaft des 21. Jahrhunderts. Entwirft das Flutland von morgen als Folge heutiger Umweltverbrechen. Zeichnet unter die Haut implantierte Chips als Extra­polation aktueller Überwachungstechnologie. Nicht so Mats Wahl. Im Auftakt seiner dystopischen «Sturmland»-Serie bricht der schwedische Meister der Milieuerzählung mit den Genrekonven­tionen der Future Fiction. Ohne sie zu erklä­ren, wirft er in karger Sprache eine karge Welt aufs Papier. Bevölkert sie mit Figuren, die lange namenlos bleiben. Führt uns im Stil altnordischer Sagas ihre Körper, Waffen, Handlungen vor, aber nicht ihr Innenleben. Umkreist sie stattdessen aus der Distanz, um dann an sie heran zu zoomen, ohne ihnen zu nahe zu treten: «In der Dämmerung steigt Elin aus dem Bett, den Körper voller Träume, an die sie sich nicht erinnern kann.»
Wahls Figuren leben in einer von Orkanen, Rohstoffmangel und Terroris­mus gebeutelten Welt, in der nur das Nötigste gesprochen wird. Nur das kleine Mäd­chen fragt, Abend für Abend, wie sich das angefühlt hat: Schnee. Die Mutter erzählt, widerwillig, vom einzigen mickri­gen Schneemann ihres Lebens, bis die Kleine einschläft. Ihre Schwester, die 16-jährige Elin, tritt dann ins Zentrum, eine Pragmatikerin durch und durch. Die durch ein Missverständnis ausgelöste Fehde mit den Nachbarn, die mehrere Leben fordert, schickt sie auf eine mäandernde Reise durch ein Schweden, in dem jedes Miteinander problematisch geworden ist. Dieses Miteinander ist es, das Wahl seziert und das bei aller Verfremdung ein durch und durch heutiges ist und vielleicht der Grund dafür, warum es gekommen ist, wie es gekommen ist – aber auch ganz anders kommen könnte.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/16, S. 34

Durchs Feuer
Jenny Valentine
Aus dem Englischen von Klaus Fritz
Verlag: dtv, Publiziert: 2016, Seiten: 215, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-65020-5
Schlagwörter: Kunst

Die britische Autorin Jenny Valentine lotet in ihren Jugendromanen immer wieder die finstersten Abgründe der menschlichen Seele aus, um ihren Figuren dann wie aus heiterem Himmel Hoffnung und Liebe widerfahren zu lassen. Auch ihr neuer Roman «Durchs Feuer» beginnt als Horrorgeschichte und endet als Märchen.
Eigentlich spielt Valentine von Beginn an mit dem Märchengenre, kaschiert dies aber hinter dem realistisch-alltäglichen Sound, den sie ihrer Ich-Erzählerin Iris in den Mund legt. Diese wächst in einer Familie auf, deren Werte ihren eigenen völlig entgegengesetzt sind: Die Mutter und ihr Freund lieben Geld, schicke Klamotten und glamouröse Partys – ganz, wie es sich für die böse Stiefmutter im Märchen gehört; Iris dagegen zieht an, was bequem ist und hängt mit ihrem besten Freund, einem noma­disierenden Stras­sen­künstler, ab. Dass sie Feuer anzünden muss, um Spannung abzubauen, macht die Be­ziehung zur Mutter nicht gerade besser. Nur in einem Punkt hinterfragt sie die mütterliche Position keine Sekunde: Sie zweifelt nie daran, dass ihr stein­reicher Vater Ernest die Familie verlassen und sich zwölf Jahre lang kein einziges Mal gemeldet hatte. Dass bei Iris ausgerechnet hier keine Skepsis aufkommt, ist die einzige Krux dieses mitreissenden Romans.
Als Iris’ Mutter in Finanznöte gerät, meldet sie sich bei ihrem Ex-Mann und erfährt, dass er im Sterben liegt. Die Leser­Innen wissen, dass Ernest kein schlechter Mensch ist, doch seine Tochter ist nicht so leicht zu überzeugen. Atemlos verfolgen wir mit, wie die von Schmerz und Einsamkeit eingefrorenen Menschen langsam, langsam auftauen und sich füreinander öffnen – im Wettlauf mit dem Krebs, der Ernest nicht mehr viel Zeit lässt. Am Ende warten einige Familiengeheimnisse darauf, enthüllt zu werden – und Iris zündet ein letztes gigantisches Feuer an.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/16, S. 34

Eins
Sarah Crossan
Aus dem Englischen von Cordula Setsman
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2016, Seiten: 424, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-057-6
Schlagwörter: Behinderung

Wie ist es, gleichzeitig eins und zwei zu sein? Den Körper – zumindest von der Hüfte abwärts – mit jemandem zu teilen, doch eine eigene Persönlichkeit, eigene Gedanken und Gefühle zu haben? Was passiert, wenn diese Gefühle für je­manden zu wachsen beginnen, bei jedem Aufflackern von Romantik die eige­ne Schwester aber dicht neben einem sitzt? Und welche Entscheidung soll man treffen, wenn eine Trennung den baldigen Tod beider Schwestern abhalten könnte – das eigene Leben dabei aber aufs Spiel gesetzt wird?
In «Eins» ergründet Sarah Crossan, die mit «Die Sprache des Wassers» für den Deutschen Jugendliteraturpreis nomi­niert war, die innere Welt von Grace, die mit ihrer siamesischen Zwillingsschwester Tippi das erste Jahr an einer öffentlichen High School verbringt. Das Schulgeld für Privatunterricht kann sich die Familie nicht mehr leisten, seit der Vater seine Arbeit verloren und dem Alkohol verfallen ist. Nun sind die Schwestern nicht nur täglich dem öffentlichen Gaffen und Anfeindungen ausgesetzt, sie finden auch Freunde, deren Interesse an ihnen über ihre körperliche Besonderheit hinausgeht. Damit aber sind auch viele Fragen verbunden, für die es keine einfache Antwort gibt.
Die gebundene Sprache in kurzen, oft nur einseitigen Sequenzen, die Sarah Crossan auch hier verwendet, gibt prägnante und eindrückliche Einblicke in das Innenleben von Grace: «Wir sehen so sehr / wie ein und dieselbe Person aus, / dass ich manchmal vor ihr / zurückschrecke, / es satt habe, / jeden Tag meines Lebens in einen / Spiegel zu schauen». Die Ich-Erzählerin wird damit als das Individuum dargestellt, das sie ist – ganz unabhängig von ihrer Körperlichkeit.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/16, S. 35

Opfer
Jesper Wung-Sung
Aus dem Dänischen von Friederike Buchinger
Verlag: Hanser, Publiziert: 2016, Seiten: 142, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25092-5
Schlagwörter: Schule

Lasst uns hier raus!

Aus der Vogelperspektive betrachten wir die Versuchsanlage, die der Erzähler in nüchternem Ton vor uns ausbreitet: Die namenlose Schule, unter Sommerhitze zitternd, wird zum Labor für ein Denkexperiment, in dem Lehrpersonen und SchülerInnen sterben wie die Fliegen. Oder wie die Spinnen im Glasofen des Kunstsaals. Denn nach der eröffnenden Totale, welche die Perspektive der alsbald über der Schule kreisenden Drohne vorwegnimmt, folgt ein Zoom ins Innere: Jugendliche sind eben dabei, Spinnen zu verbrennen, über deren Überlebensdauer sie Wetten abschliessen. «Das Reaktionsmuster der Spinnen war immer dasselbe», reflektiert Benjamin, Ich-Erzähler und Sohn des Schulleiters. «Erst kauerten sie sich zusammen, dann suchten sie den Ofen […] nach einem Fluchtweg ab, und schliesslich […] orientierten sie sich am Licht und warfen sich gegen das Glas.»
Dasselbe Muster zeigt die Belegschaft der Schule, als ihr verboten wird, das Ge­lände zu verlassen. Als ein Zaun errichtet und Leichensäcke abgeworfen werden und die Drohne jeden erschiesst, der sich gegen die Grenzen des Gefängnisses wirft, weil die Eingesperrten der Reihe nach an einer Epidemie sterben: «Es war, als hätte sich die Schule in weniger als vierundzwanzig Stunden in eine einsame Insel verwandelt.» Auch wenn der Däne Jesper Wung-Sung an Goldings «Herr der Flie­gen» anknüpft, werden doch nicht nur die inneren Mechanismen des Mikro­kosmos seziert: Zu­nehmend rückt die Frage nach der Legitimation für die Ausgrenzung Betroffener während einer Notsituation ins Zentrum. «Wir sind ihr. Ihr seid wir», drängt ein Schild, mit dem «ein niedliches, kleines Mädchen» zur Ankurbelung des sozialen Gewissens auf den Pausenplatz geschickt wird, aber nicht gehört wird.
Vor dem Hintergrund aktueller Abschottungsdiskurse wirkt der ent­setz­liche Mangel an Solidarität, den diese scharf­sinnige Parabel imaginiert, schockartig.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/16, S. 36

Morkels Alphabet
Stian Hole
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Verlag: Hanser, Publiziert: 2016, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25100-7
Schlagwörter: Freundschaft | Natur

«Ich frage mich, welche Richtung für Zugvögel der Heimweg ist», sagt Anna, als sie neben Morkel auf dem Baum sitzt. Morkel antwortet ihr nicht. Vielleicht, weil der Junge, der kaum in der Schule auftaucht, selbst nicht weiss, wo seine Heimat ist. Ein Zugvogel aber ist auch er. Denn eines Tages ist er weg, hinterlässt Anna keine Zettel mehr auf dem Acker, wartet nicht in seinem Baumhaus auf sie, sam­melt mit ihr keine Wörter und erzählt nicht mehr von den Vögeln. Doch als auf dem Acker die ersten Pflänzchen spriessen, ist er wieder da.
In seinen «nahtlosen digitalen Col­lagen», wie der norwegische Künstler seine Bildtechnik nennt, macht Stian Hole uns beim Betrachten der Bilder selbst zu Vögeln. Aus der Vogelperspektive betrachten wir Morkel, wie er mit einem Schneeball in der einen, der Kakaotasse in der anderen Hand auf seiner Hütte die Beine baumeln lässt und auf Anna herunterschaut, die dank seiner Nachrichten zu ihm gefunden hat. Von oben sehen wir auch am Ende durchs Geäst auf die nestbauenden Vögel und die zwei Kinder, die unter dem Baum liegen.
Mit seiner Hütte hat Morkel sich im Baum selbst ein Nest gebaut. Wir können nur ahnen, warum der Junge weder in die Schule geht, noch ein richtiges Zuhause zu haben scheint. Die Baumhütte ist der sichere Ort des Rückzugs, mitten in der Natur, die Hole in einer atemberaubenden, skandinavischen Weite inszeniert. Anna, die wir bereits aus «Annas Himmel» kennen, lässt Morkel nur nach und nach an sich heran, er bestimmt, wer sein Vertrauen geniesst. Stian Hole erzählt mit «Morkels Alphabet» in höchster Bilderbuchkunst eine zarte Freundschaftsgeschichte, die nicht zuviel ausdeutet, sondern in einer leisen, rätselgeladenen Atmosphäre verharrt.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/16, S. 26

Vor meiner Tür auf einer Matte
Nadia Budde
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2016, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0539-6

Manchmal sind zwei einer zu viel. Sogar der allerliebste Lieblingsmensch kann nerven. Dazu muss er sich noch nicht mal selber einladen wie die blonde Ratte, die dauernd beim Erzähler auf der Matte steht: «Selten lade ich sie ein. Meistens quetscht sie sich mit rein.» Wie immer in ihren akkuraten Bestiarien bringt Nadia Budde auch hier eine Wahrheit auf den Punkt, die schon kleine Kinder spüren und von der sie ahnen, dass sie das Zusammenleben immer prägen wird: Eine Wohnung, ein Zimmer, selbst die eigene Haut kann sich zu eng anfühlen, wenn da noch jemand Platz beansprucht, gesehen werden will, die Luft atmet, die man alleine braucht, den Spiegel füllt, in dem man sich selber sucht. Und wenn sich derjenige dann auch noch in den Lieblingssessel drängt, den Kühlschrank leerfrisst und das Badewasser austrinkt, ist der Ärger Programm.
Einmal mehr findet Budde eingängige, frische Reime und einzigartige Bilder für die Tücken des Zusammenlebens. Diesmal begeistert vor allem das groteske Pairing von riesiger Ratte mit Fönfrisur und winzigem, alterlos scheinenden Mann. Auf den zweiten Blick aber sind sich nicht nur die Frisuren ähnlich. Vor allem in den identisch kugelrunden Augen malt sich das ganze Gefühlsspektrum einer Beziehung: Sie füllen sich mit Freude, Neugier, Skepsis, Ärger, werden schwarz unterschattet und quellen schliesslich aus den Höhlen: «Immerzu sind wir zu zweit – Das geht wirklich jetzt zu weit!» Dass aus diesen Augen der Kummer leckt, als die Ratte wegbleibt, und zaghafte Erleichterung leuchtet, als sie zurückkehrt, versteht sich fast von selbst. Dass der Ärger nicht für immer ausbleibt, auch. Zumindest bei Nadia Budde, deren Welt bei aller Komik und schrillen Buntheit auch immer ein paar scharfe Kanten hat.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/16, S. 26

Fisch!
Linda Wolfsgruber
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2016, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10339-1
Schlagwörter: Tiere

Tiere im Bilderbuch sind bekanntlich keine Seltenheit. Der Otter ist als Hauptfigur jedoch eher aussergewöhnlich. Carola Holland hat in «Mit Ottern stottern, mit Drachen lachen» Verse zum Weiter­reimen illustriert und im letzten Jahr ist mit Zachariah OHoras «Du schnarchst, Schubert!» beim NordSüd-Verlag bereits ein erzählendes Bilderbuch er­schienen mit diesem Tier, das sonst eher einen Platz in Sachbilderbüchern hat. Linda Wolfsgruber nimmt sich der kurligen Wassertiere nun ebenfalls an und präsentiert eine rätsel­hafte Geschichte mit überraschendem Schluss.
«Fisch!» so schallt es aus des ersten Otters Kehle und die anderen vier Otter lecken sich die Mäuler. Das ist das Startzeichen. Ab jetzt heisst die Devise umblättern und staunen. Vorzulesen gibt es nur einige lautmalerische Worte, Wiederholungen und ein paar Satzfragmente einer Stimme aus dem Off. Was machen die fünf Tiere da nur? Nacheinander werden Topf, Wasser, Kräuter und Kochlöffel eingesammelt und alles deutet darauf hin, dass sich die Fischotter gleich einen köstlichen Fisch zubereiten. Aber von wegen: Den Erwartungen der Betrachtenden wird ein Streich gespielt. Diese Otter sind Cineasten – wo hat man so etwas schon mal gesehen?
Die ungewöhnliche Geschichte wäre wie für ein Leporello geschaffen. Stets in eine Richtung laufen die Tiere über den erdigen Boden. Die Szenen sind in naturfarbene Acrylfarben getaucht. Die österreichische Illustratorin Linda Wolfs­gruber überzeugt mit ihrem künstlerischen Können in «Fisch!» erneut und lässt den VorleserInnen und ZuhörerInnen viel Gestaltungsfreiraum, der vergnüglich genutzt werden darf.

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/16, S. 26

Kommt das Nashorn
Heinz Janisch, Illustration: Helga Bansch
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2016, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-5895-3
Schlagwörter: Körper

Wenn das Nashorn durch die Steppe läuft, bebt die Erde, und die Stille, die nach seinem Erscheinen in der Luft hängt, scheint eine andere zu sein als zuvor. Gross ist es und kraftvoll, grösser und stärker als die meisten anderen Tiere. Doch wirklich glücklich ist es nicht. Das Nashorn träumt von der federleichten Schwerelosigkeit des kleinen Vogels, der immer auf seinem Rücken sitzt. Zu gerne würde es fliegen können! Trösten können die anderen Tiere es kaum, auch wenn sie ihm erzählen, wie wichtig es für sie ist. Doch erst als der Vogel ihm sagt, dass er lieber so schwer wäre wie das Nashorn, damit er nicht vom Winde verweht wird, kann das Nashorn befreit lachen – und sich in seiner Schwere annehmen.
Heinz Janisch erzählt hier nicht einfach eine zauberhafte Geschichte von Ich­findung und dem Platz jedes Einzelnen im Leben, sondern er verfasst ein Gedicht, das man sich vorlesend auf der Zunge zergehen lassen muss, damit man nicht zu schnell ans Ende gelangt. Mit kurzen Versen, so luftig und zart wie der kleine weisse Vogel, weiss er das Nashorn und sein Dilemma zu skizzieren. Helga Bansch fängt seine Worte in Zeichnungen ein, in denen das Nashorn so raumeinnehmend ist, dass es bisweilen die Grenzen des Seitenrandes sprengt. Obwohl sie dabei eher verhalten zeichnet und Hintergründe nur andeutet, gibt es auf den Doppelseiten einiges zu entdecken. Manches Detail erklärt sich nur fantasievollen Betrachter­Innen, die so ein kleines «Plus» an Lesefreude haben. Am schönsten ist der Traum des Nilpferds: Collagenhaft wird es mit den unterschiedlichsten Flügeln ausstaffiert; das in dieser Szene geschrumpfte und fliegende Nashorn strahlt vor Glück. Ein philosophischer und poetischer Bilderbuchtraum.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/16, S. 27

Eltern richtig erziehen
Katharina Grossmann-Hensel
Verlag: Annette Betz, Publiziert: 2016, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-219-11670-0

Wie Väter und Mütter die Geburt ihres Babys und die Zeit danach erleben, darüber wird viel geschrieben. Über das Glück, die Erwartungen und die Ratgeber, die man braucht, um mit den Proble­men fertig zu werden. Nun gibt es endlich einen Erfahrungsbericht aus Sicht des Kindes. «Eltern richtig erziehen!» soll dem Nachwuchs helfen, es von Anfang an rich­tig zu machen. Denn welche Eltern sind schon perfekt, wenn man auf die Welt kommt!
Typisch für eine Verkehrte-Welt-Geschichte, werden Aussagen und Regeln, welche man landläufig aus Elternmund kennt, auf deren eigene Erziehung ange­wendet. Entsprechend konterkariert, ergeben sich hinreissende Pointen. So schreit ein kleines energisches Mädchen, das mit erhobenem Zeigefinger neben einem langen Mutterbein mit schickem Schuh steht: «Ich habe NEIN gesagt!». Doch: «Sie hörten mich nicht gut, obwohl ich eine sehr laute Stimme habe». Fortan werden Erziehungsbücher zu Rate ge­zogen, die tatsächlich helfen: «Ich brachte ihnen bei, sich vernünftig anzuziehen: ‚So geht ihr nicht vor die Tür! Seid ihr 14 oder 40? Schon wieder Mütze verloren? Wo sind eure Fahrradhelme?’« Im Bild jugendlich gekleidete Eltern, die immer braver und stiller werden. Das kluge Kind erkennt, dass es zu weit gegangen ist, und befiehlt: «Werdet ihr selbst!» und lobt die Eltern von morgens bis abends. Doch da wird ein neuer Erziehungsberechtigter geboren – und alles geht von vorne los!
Katharina Grossmann-Hensel spitzt Bild und Text so zu, dass die Lektüre bis zum furiosen Finale immer vergnüglicher wird. Dabei hält sie Eltern gnadenlos den Spiegel vor. Das ist für Kind und Eltern erheiternd, birgt aber auch Diskussionsstoff und eine ernste Botschaft. Der Versuch, jemanden so hinzuziehen, wie man ihn sich wünscht, ist nicht nur vergeblich, sondern eigentlich völlig bekloppt!

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/16, S. 27

Mir nach!
Nadine Brun-Cosme, Illustration: Olivier Tallec
Aus dem Französischen von Sarah Pasquay
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2016, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5881-3

Der französische Illustrator Olivier Tallec überrascht und beeindruckt stets mit originellen Figuren und Ideen in seinem unverkennbaren Stil – ob in Pappbilder­büchern wie «Hör den wilden Tiger brüllen», Ratebilderbüchern «Wer war’s?» oder «Wer war’s wo?» oder erzählenden Bilderbüchern wie zuletzt «Ludwig I. König der Schafe». Nun liefert er bereits zum zweiten Mal die malerischen Bilder zu einer raffinierten und hintergründigen Geschichte von Nadine Brun-Cosme. Schon das Cover macht neugierig und gibt einen versteckten Hinweis, wohin es gehen könnte.
Eine sehr grosse rosa Kreatur (Leon), ein kleines Kind (Max) und ein noch kleinerer Hase (Henri) gehen gemeinsam durch die Welt. Im Gänsemarsch unterwegs gibt es allerdings ein Problem: Hinter dem breiten Rücken des grossen Leon sind die zwei Kleinen zwar geschützt, können aber nichts sehen von der Welt. Während auf der Textebene am unteren Bildrand die verschie­denen Möglichkeiten, in welcher Ordnung man zu dritt laufen kann, und deren Vor- und Nachteile in knappen Dialogen zwischen den Hauptdarstellern Leon, Max und Henri ausgehandelt werden, zieht auf der Bildebene eine Weltreise an den Betrachtenden vorbei. Tallec, der selbst schon viel gereist ist, wechselt auf jeder Doppelseite das Szenenbild: Eben noch in Paris, geht es eine Strandpromenade entlang, dann tapfer durch die Savanne. Ein roter Luftballon erregt die Neugier von Max, der jetzt nach vorne will, und weitere Herausforderungen sind zu meistern: durch den geheimnisvollen und furchterregenden Dschungel in dunkler Nacht oder im Strassenverkehr einer Grossstadt, wo es dem kleinen Henri zuvorderst dann doch nicht mehr so geheuer ist. An den seitenfüllenden Bildern in Buntstift und Acrylfarben kann man sich kaum sattsehen und ein schönes Happy-End beschliesst die kluge Erzählung.

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/16, S.27

Überall Blumen
JonArno Lawson, Illustration: Sydney Smith
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2016, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5321-2

Beziehen sich die beiden in Toronto beheimateten Künstler, JonArno Lawson und Sydney Smith, in ihrem ersten gemeinsa­men Bilderbuch bewusst auf einen der grössten franzö­sischen Maler des 20. Jahrhun­derts? Oder ist es Zufall, dass zwei Zitate von Henri Matisse bestens als Leitmotive über die Geschichte gestellt werden könnten? «Man muss zeitlebens so sehen können, wie man als Kind die Welt ansah», hielt Ma­tisse über das schöpferische Seh­vermö­gen fest. Und er war überzeugt: «Es gibt übe­rall Blumen für den, der sie sehen will».
Diese beiden Aphorismen ziehen sich – im wörtlichen Sinne – wie ein roter Faden durch das Bilderbuch «Überall Blumen»: Ein kleines Mädchen in knallroter Kapu­zen­jacke läuft an der Hand ihres Vaters durch eine triste graue Stadt, die auf den ersten Blick wenig Anziehendes zu bieten hat: Verkehr, Asphalt, Baustellen, Tunnel. Aus der Erwach­senen­perspektive – und in Sydney Smiths Schwarz-Weiss-Bildern – wirkt das Stadtbild gewöhn­lich und fad: Alles schon tausendmal gesehen. Das Kapuzen-Mädchen aber schaut genauer hin: Es blickt in den Him­mel, zu Boden und um die Ecken, beob­achtet und staunt. Als wüsste es, dass das Sehen an sich schon eine schöpfe­rische Tat sein kann, die eine gewisse Anstrengung verlangt. Und die reichlich belohnt wird: An Laternenpfählen wächst Löwenzahn, in Mauer­ritzen spriessen Gänseblümchen und zwischen Pflastersteinen quillt blühendes Unkraut hervor. Bald hat die Kleine ein hübsches Büschel Blumen zusammen und schmückt damit, was ihr auf ihrem Spaziergang begegnet: einen toten Vogel, einen schla­fenden Mann auf einer Bank, einen angeleinten Hund. Je mehr Blumengeschenke sie verteilt, desto bunter und fröhlicher wird die Um­gebung. Eine poetische Bilderge­schichte – auch ohne Worte ausdrucksstark.

Alice Werner
Buch&Maus 2/16, S. 28

ZiegenHundeKrähenMama
Katharina Tanner, Illustration: Lihie Jacob
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2016, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0707-0
Schlagwörter: Krankheit

... oder was ist mit Mama los?

Was für ein schreckliches und zugleich aufregendes Abenteuer! Katharina Tanner und Lihie Jacob erzählen ebenso wild wie klug von einer depressiven Mutter und ihren zwei Kindern, die versuchen, die Leere und Kälte zu füllen, die ihr Leben zu erdrücken droht. Das ist traurig. Aber es ist Leben. Das versteht man sofort, wenn man sich auf diese grossartige künstlerische Umsetzung einlässt.
Von links, aus dem beruhigenden Weissraum der Buchseite, kommt ein Junge geschritten. Die Hände in gelben Ofenhandschuhen trägt er feier­lich eine Tasse Kaffee. Von der ande­ren Seite dringt ein übertrieben leuchten­des Gelb ins Wohnzimmer. Es färbt den Fuss des Jungen ein, und den Rücken seiner Schwester, die auf dem Boden sitzt. Auf der anderen Seite der Knickkante liegt die Mutter auf dem Sofa; still und doch unruhig, wie das Metronom, das vom Beistelltisch auf den Boden gefallen ist und dort den Takt weiter zu schlagen versucht. Das Leben der Familie ist aus dem Takt geraten, seit die Mutter depressiv ist. Nicht, dass dieser Begriff in der Geschichte vorkäme. Wir erleben die Krank­heit aus der Perspektive der Kinder mit: Für sie verwandelt sich die Mutter in eine meckernde Ziege, einen bissigen Hund, eine Krähe. Die beiden werden immer wilder, je lebloser die Mutter da­liegt. Tanner und Jacob inszenieren die Eskalation ganz auf der ästhetischen Ebene: der Bildraum wird ver-rückt, jede Perspektive löst sich auf, und auch die Sätze aus den Kindermün­dern werden immer unsinniger: «‘Soll ich Wjornstral njäx­ten?’, zischte Laute Lotte. ‘Soll ich dir ein Srnn ausrübben?’, raunte Kleiner Paul.» Irgendwann kehrt Ruhe ein. Und dann beginnt die Mutter, mit ihren Kindern zu spielen. Als Ziege.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/16, S. 28

Wolfi der Hase
Ame Dyckman, Illustration: Zachariah OHora
Aus dem Englischen von Thomas Bodmer
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2016, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10332-2
Schlagwörter: Geschwister | Familie/Familienformen

Was ist denn das für eine Verkleidung auf dem Bilderbuchcover? Ein grauer, haariger, schüchtern winkender Wolf in einem rosa Strampler mit Karotte in der Hand? Kein Wolf im Schafspelz, sondern einer im Hasenkostüm? Alles klärt sich, wenn man zu lesen beginnt, direkt in Brooklyn, New York landet und eine Familie kennenlernt, die Ungewöhnliches erlebt. Eine Hasenfamilie, genauer gesagt, die bereits ein Hasenkind namens Nora hat. Deren Eltern empfinden unverzüglich eine grosse Zuneigung für das hilflose, graue, haarige Etwas, das eines Tages in einem Körbchen vor der Tür liegt. Sie sind blind für die Gefahr, vor der sie Nora unentwegt warnt: Was wird passieren, wenn das Wolfsbaby eines Tages ein grosser Wolf ist? Noras Kinderalltag wird gegen ihren Willen von einem Moment zum anderen auf den Kopf gestellt. «Er wird uns alle auffressen!», schreit sie, doch vor lauter Entzücken über das neue Baby hören die Eltern sie nicht. Ein Erlebnis im Supermarkt schweisst die beiden kindlichen Kontrahenten dann aber zusammen.

Für Eltern hält die kurzweilige Erzählung beim Vorlesen reichlich Wiedererkennungseffekte bereit, denn Ame Dyckman stellt schön dar, mit welchen typischen Problemen eine Familie zu kämpfen hat, wenn aus dreien vier werden. Dabei sorgt die Übertragung in die Tierwelt für zusätzlichen Humor. Zachariah OHora zeigt auf seinen pla­ka­tiven, schwarz umrandeten Acrylbildern den Familienalltag sowie das überraschende, energiegeladene Ereignis im Supermarkt und verwendet die Typografie – mal grösser, mal in anderer Farbe ­– geschickt als zusätzliches Ausdrucksmittel.

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/16, S.28

Hier ist Minna!
Viola Rohner, Illustration: Dorota Wünsch
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2016, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0542-6
Schlagwörter: Schule

Minna ist «ein strammer Kerl», jedenfalls nennt Opa Jan sie immer so, was ihr ziemlich gut gefällt. Was Minna so alles kann und erlebt, das erzählt sie im Vor- und Selbstlesebuch der Zürcher Autorin Viola Rohner in knappen Sätzen mit viel Situationskomik und Sprachwitz gleich selbst: Wie sie auf ihr Lieblingskuscheltier gekotzt hat, das sich nun unter ihrer professionellen Aufsicht in der Waschma­schine dreht. Wie sie Stoffhase Schnuller danach in Opas Coiffeursalon unter die Trockenhaube packt und nur in Unterhose bekleidet Frau Mumi bedient und ihr die Farbe aus den Haaren wäscht, weil weit und breit kein Erwachsener in Sicht ist. Wie sie sich ausgerechnet am ersten Schultag mit ihrer besten Freundin Lena streitet und sich wieder verträgt …
Kleine und grössere Alltagserlebnisse aus der aufregenden Zeit zwischen Kindergartenabschied und Einschulung, pointierte Beschreibungen von Familienangehörigen, Nachbarn und Spiel­kameraden inklusive: «Hier ist Minna!» versammelt quicklebendige Momentaufnahmen eines Vorschulkindes. Dabei vermisst man nur ab und an einen stringenten Erzählstrang, reihen sich manche Episoden doch allzu unvermittelt aneinander. Charme hat dieses Buch aber nicht nur durch Minnas kesse Stimme, die gutgelaunt und energiegeladen drauf­los plappert, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, sondern auch dank der üppigen Illustrierung: Dorota Wünsch fängt viele komische Szenen in prallbunten, dynamischen Bildern im Kari­katur­stil ein und gibt der Geschichte so zu­sätzlich Atmosphäre. Eine fröhliche, federleichte Lektüre.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/16, S. 29

Holly Hosenknopf
Meike Haberstock
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2016, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-3732-7
Schlagwörter: Tiere

Ein Nilpferd macht das Rennen

«Zweitlesebücher» scheinen aktuell im Trend zu sein. Das zumindest legen die neuen Herbstprogramme nahe, in denen sie vielfach angeboten werden. Die Lücke im Angebot ist erkannt und nun scheint jeder Verlag bestrebt, sie auf seine Weise zu füllen. Ob sich der Siegeszug fortsetzt, wird wohl davon abhängen, wie gut es den Büchern tatsächlich gelingt, die Brücke zwischen ErstleserInnen und Leseratten zu schlagen.

Oetinger präsentiert das «innovative Konzept» seiner neuen «Selbstleser-Serie» ausführlich. «Holly Hosenknopf» heisst der «grosse Spass für Zweitleser» und wartet mit einer «lockeren und modernen Bild-Text-Anordnung» auf. Letztere kennzeichnet bereits Meike Haberstocks beeindruckenden Erstling «Anton hat Zeit». Als Illustratorin und Autorin in Personalunion ist sie wie geschaffen für eine vereinfachende und anschauliche Narration, bei der Bild und Text gemeinsam erzählen. Hinzu kommt, dass die Künstlerin bildhaft denkt und schreibt. Alles Bedeutsame wird auch äusserlich sichtbar. So symbolisiert der Hosenknopf als Teil ihres Namens und Outfits Hollys Herkunft: Sie trug als Baby genau diesen gelben, mit rotem Faden angenähten Hosenknopf an der Windel, als ihre Zieheltern sie in einer Schatzkiste fanden.

Anders als in Haberstocks Kinderbüchern ist hier der Textumfang pro Seite überschaubar, die Schrift gross und gut lesbar, jede einzelne Zeile durch Linien gestützt. Der Text selbst aber ist keineswegs leicht zu lesen, die Wortwahl gewohnt übermütig, der Erzählstil verspielt, witzig, quirlig – wie die Geschichten auch. Auch «Riesenrüpelratte», Camillo Gonzales und «Nil-PFERD Fee» spielen mit: genau die richtige Mischung aus einfacher Form und Sprachpoesie!

Bei Carlsen gibt es eine «Ida»- und eine «Anton»-Serie, über die auf den Buchrücken identisch zu lesen ist: «Ideal für Leseanfänger ab 6. Kurze und einfache Sätze. Hoher Bildanteil. Grosse Fibelschrift». Tatsächlich ist Sabine Ludwigs versiert geschriebene Mädchen­serie über die Alltagsabenteuer des Mädchens Ida in Textumfang, Flattersatz und Wortschatz nichts für Sechsjährige, dafür bestes Zweitlesefutter!

Die zweite Serie – «Antons Fussball-Tagebuch» – ist ein Comicroman im Stil von «Gregs Tagebuch». Darin erzählt Anton überaus amüsant, wie er mit allen Mitteln versucht, ein Supertyp auf dem Rasen zu werden. Zweifarbige Comics, die alles Witzige ins Bild setzen, und das abwechslungsreiche Layout können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Text mit Lesestolpersteinen gespickt ist. Nicht nur massenhaft schwierige Wörter, sondern auch das Fussball-ABC haben es in sich. Die Fachbegriffe sind zwar im Text farbig markiert, die Definitionen stecken aber in ganz kleiner Schrift in gleichfarbigen Kästen am Seitenrand und sind für die vom Verlag avisierten ErstleserInnen praktisch nicht lesbar. Was für ein Frust! Hinzu kommt Heiko Wolz’ verschlun­gener, alles andere als geradliniger Handlungsaufbau. Es gibt Nebenhandlungen, Rückblenden, Gedankenfetzen, so dass man oft erst Seiten später versteht, wovon eigentlich genau die Rede ist. Ein Buch wie dieses ist aber bestens geeignet für Zweitleser­Innen, denn genau solche erzählerischen Finessen sollen sie ja kennenlernen nach den sprachlich stark vereinfachten Erstlesetexten.

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/16, S. 29

Ida und der freche Kater
Sabine Ludwig
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2016, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-06802-6

«Zweitlesebücher» scheinen aktuell im Trend zu sein. Das zumindest legen die neuen Herbstprogramme nahe, in denen sie vielfach angeboten werden. Die Lücke im Angebot ist erkannt und nun scheint jeder Verlag bestrebt, sie auf seine Weise zu füllen. Ob sich der Siegeszug fortsetzt, wird wohl davon abhängen, wie gut es den Büchern tatsächlich gelingt, die Brücke zwischen ErstleserInnen und Leseratten zu schlagen.
Oetinger präsentiert das «innovative Konzept» seiner neuen «Selbstleser-Serie» ausführlich. «Holly Hosenknopf» heisst der «grosse Spass für Zweitleser» und wartet mit einer «lockeren und modernen Bild-Text-Anordnung» auf. Letztere kennzeichnet bereits Meike Haberstocks beeindruckenden Erstling «Anton hat Zeit». Als Illustratorin und Autorin in Personalunion ist sie wie geschaffen für eine vereinfachende und anschauliche Narration, bei der Bild und Text gemeinsam erzählen. Hinzu kommt, dass die Künstlerin bildhaft denkt und schreibt. Alles Bedeutsame wird auch äusserlich sichtbar. So symbolisiert der Hosenknopf als Teil ihres Namens und Outfits Hollys Herkunft: Sie trug als Baby genau diesen gelben, mit rotem Faden angenähten Hosenknopf an der Windel, als ihre Zieheltern sie in einer Schatzkiste fanden.
Anders als in Haberstocks Kinderbüchern ist hier der Textumfang pro Seite überschaubar, die Schrift gross und gut lesbar, jede einzelne Zeile durch Linien gestützt. Der Text selbst aber ist keineswegs leicht zu lesen, die Wortwahl gewohnt übermütig, der Erzählstil verspielt, witzig, quirlig – wie die Geschichten auch. Auch «Riesenrüpelratte», Camillo Gonzales und «Nil-PFERD Fee» spielen mit: genau die richtige Mischung aus einfacher Form und Sprachpoesie!
Bei Carlsen gibt es eine «Ida»- und eine «Anton»-Serie, über die auf den Buchrücken identisch zu lesen ist: «Ideal für Leseanfänger ab 6. Kurze und einfache Sätze. Hoher Bildanteil. Grosse Fibelschrift». Tatsächlich ist Sabine Ludwigs versiert geschriebene Mädchen­serie über die Alltagsabenteuer des Mädchens Ida in Textumfang, Flattersatz und Wortschatz nichts für Sechsjährige, dafür bestes Zweitlesefutter!
Die zweite Serie – «Antons Fussball-Tagebuch» – ist ein Comicroman im Stil von «Gregs Tagebuch». Darin erzählt Anton überaus amüsant, wie er mit allen Mitteln versucht, ein Supertyp auf dem Rasen zu werden. Zweifarbige Comics, die alles Witzige ins Bild setzen, und das abwechslungsreiche Layout können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Text mit Lesestolpersteinen gespickt ist. Nicht nur massenhaft schwierige Wörter, sondern auch das Fussball-ABC haben es in sich. Die Fachbegriffe sind zwar im Text farbig markiert, die Definitionen stecken aber in ganz kleiner Schrift in gleichfarbigen Kästen am Seitenrand und sind für die vom Verlag avisierten ErstleserInnen praktisch nicht lesbar. Was für ein Frust! Hinzu kommt Heiko Wolz’ verschlun­gener, alles andere als geradliniger Handlungsaufbau. Es gibt Nebenhandlungen, Rückblenden, Gedankenfetzen, so dass man oft erst Seiten später versteht, wovon eigentlich genau die Rede ist. Ein Buch wie dieses ist aber bestens geeignet für Zweitleser­Innen, denn genau solche erzählerischen Finessen sollen sie ja kennenlernen nach den sprachlich stark vereinfachten Erstlesetexten.

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/16, S. 29

Mein bestes Fussballspiel. Also fast …
Heiko Wolz, Illustration: Zapf
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2016, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-06830-9

«Zweitlesebücher» scheinen aktuell im Trend zu sein. Das zumindest legen die neuen Herbstprogramme nahe, in denen sie vielfach angeboten werden. Die Lücke im Angebot ist erkannt und nun scheint jeder Verlag bestrebt, sie auf seine Weise zu füllen. Ob sich der Siegeszug fortsetzt, wird wohl davon abhängen, wie gut es den Büchern tatsächlich gelingt, die Brücke zwischen ErstleserInnen und Leseratten zu schlagen.
Oetinger präsentiert das «innovative Konzept» seiner neuen «Selbstleser-Serie» ausführlich. «Holly Hosenknopf» heisst der «grosse Spass für Zweitleser» und wartet mit einer «lockeren und modernen Bild-Text-Anordnung» auf. Letztere kennzeichnet bereits Meike Haberstocks beeindruckenden Erstling «Anton hat Zeit». Als Illustratorin und Autorin in Personalunion ist sie wie geschaffen für eine vereinfachende und anschauliche Narration, bei der Bild und Text gemeinsam erzählen. Hinzu kommt, dass die Künstlerin bildhaft denkt und schreibt. Alles Bedeutsame wird auch äusserlich sichtbar. So symbolisiert der Hosenknopf als Teil ihres Namens und Outfits Hollys Herkunft: Sie trug als Baby genau diesen gelben, mit rotem Faden angenähten Hosenknopf an der Windel, als ihre Zieheltern sie in einer Schatzkiste fanden.
Anders als in Haberstocks Kinderbüchern ist hier der Textumfang pro Seite überschaubar, die Schrift gross und gut lesbar, jede einzelne Zeile durch Linien gestützt. Der Text selbst aber ist keineswegs leicht zu lesen, die Wortwahl gewohnt übermütig, der Erzählstil verspielt, witzig, quirlig – wie die Geschichten auch. Auch «Riesenrüpelratte», Camillo Gonzales und «Nil-PFERD Fee» spielen mit: genau die richtige Mischung aus einfacher Form und Sprachpoesie!
Bei Carlsen gibt es eine «Ida»- und eine «Anton»-Serie, über die auf den Buchrücken identisch zu lesen ist: «Ideal für Leseanfänger ab 6. Kurze und einfache Sätze. Hoher Bildanteil. Grosse Fibelschrift». Tatsächlich ist Sabine Ludwigs versiert geschriebene Mädchen­serie über die Alltagsabenteuer des Mädchens Ida in Textumfang, Flattersatz und Wortschatz nichts für Sechsjährige, dafür bestes Zweitlesefutter!
Die zweite Serie – «Antons Fussball-Tagebuch» – ist ein Comicroman im Stil von «Gregs Tagebuch». Darin erzählt Anton überaus amüsant, wie er mit allen Mitteln versucht, ein Supertyp auf dem Rasen zu werden. Zweifarbige Comics, die alles Witzige ins Bild setzen, und das abwechslungsreiche Layout können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieser Text mit Lesestolpersteinen gespickt ist. Nicht nur massenhaft schwierige Wörter, sondern auch das Fussball-ABC haben es in sich. Die Fachbegriffe sind zwar im Text farbig markiert, die Definitionen stecken aber in ganz kleiner Schrift in gleichfarbigen Kästen am Seitenrand und sind für die vom Verlag avisierten ErstleserInnen praktisch nicht lesbar. Was für ein Frust! Hinzu kommt Heiko Wolz’ verschlun­gener, alles andere als geradliniger Handlungsaufbau. Es gibt Nebenhandlungen, Rückblenden, Gedankenfetzen, so dass man oft erst Seiten später versteht, wovon eigentlich genau die Rede ist. Ein Buch wie dieses ist aber bestens geeignet für Zweitleser­Innen, denn genau solche erzählerischen Finessen sollen sie ja kennenlernen nach den sprachlich stark vereinfachten Erstlesetexten.

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/16, S. 29

PeterSilie
Antje Damm
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2016, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-253-8

Was macht man, wenn die geliebte Oma ins Krankenhaus muss, dort lethargisch vor sich hin vegetiert und mit leerem Blick an die Zimmerdecke starrt? Ganz klar: Man muss etwas tun, um ihr zu helfen. Und so beschliessen Nick und sein grossväterlicher Freund Paul, zwei Gänse zu stehlen, die in Nicks Oma Erinnerungen wachrufen sollen an ihre Kindheit auf dem Land und die zwei Gänse Peter und Silie, die ihr überall hin gefolgt sind.
Antje Damm ist ein herzerfrischender und kurzweiliger Roman für Kinder gelungen, der menschliche Nähe, Empathie, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit sowohl sich selbst als auch anderen gegenüber in den Mittelpunkt stellt – und so manch komischen Moment bietet: «Wenn Mama die ganzen Ameisen hier sehen könnte, würde sie postwendend einen Kammerjäger bestellen und den Wald erst mal mit Sagrotan desinfizieren.» Die Konzeption der ProtagonistInnen, allen voran Nick, überzeugt und ermöglicht die Identifikation mit ihnen und dem Geschehen, das Nick aus seiner Perspektive erzählt. Die von Damm gewählte Sprache wirkt nicht gekünstelt, sondern ist klar und verständlich und lädt dazu ein, Nicks Erlebnisse auf Augenhöhe mitzuerleben und dem – natürlich – positiven Ende entgegenzufiebern.
Nebenbei gelingt es Damm, Sachwissen zu vermitteln über Pilze und Fossilien, aber auch über wilde Tiere im Wald, die sie den eingesperrten Gänsen im Mastbetrieb gegenüberstellt und so bei ihren Lese­r­Innen das Bewusstsein für ihre Umwelt schärft.
Mit seinem aufgeweckten, männlichen Protagonisten, der sich für Familie und Freunde einsetzt und Verantwortung übernimmt, eignet sich «PeterSilie» besonders gut als spannender Lesestoff für Jungen, der Roman bietet aber selbstverständlich auch Mädchen ein tolles Lesevergnügen.

Sabine Planka
Buch&Maus 2/16, S. 30

Dunkelgrün wie das Meer
Ute Wegmann, Illustration: Birgit Schössow
Verlag: dtv, Publiziert: 2016, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64020-6
Schlagwörter: Streit/Konflikt | Ferien

«Wie nennt man eine Person, die immer weiterredet, obwohl niemand zuhört? – Lehrer!» Linns Vater kann einfach toll Witze erzählen und ist der einzige «Blödsinnentdecker», den Linn kennt. Ferien ohne ihn gehen also gar nicht. Das findet auch Linns Mutter, die stinksauer ist, dass eines seiner Projekt wieder wichtiger sein soll als die Familie. Die Fahrt ans Meer ist für Linn anstrengend: «Ich sass hinter ihm und spürte genau Mamas Zorn und dass er sich langsam wie Nebel im Auto ausbrei­tete.» Kaum angekom­men, muss der Vater wieder für zwei Tage in die Firma zurück.
Linn merkt, was los ist. Aus den Telefonaten ihrer Mutter schliesst sie, dass diese sich trennen will: «Viele in unserer Klasse lebten mit neuen Vätern. Ihre eige­nen Väter hatten neue Kinder und wohn­ten bei fremden Frauen. Ich wollte das nicht.» Aber was kann ein neunjähriges Mädchen schon tun? Sie will ihre Ferienfreundin Smilla besuchen, doch die hat schon Besuch – ein anderes Mädchen, mit dem Smilla Hand in Hand ins Wasser läuft. «Smilla schaute zu mir herüber, blieb einen Moment stehen und hob die Hand, als wären wir zwei Busfahrer, die sich zufällig auf ihrer Strecke begegneten.» Das tut beim Lesen richtig weh. Und es kommen noch schlimmere Momente.
Wie ein Stimmungsbarometer nimmt Linn ihr Umfeld auf. Den Streit der Eltern auf der Reise kann sie nicht verstehen, aber sie spürt, wie sich die Rückbank im Auto «wie ein Fach im Kühlschrank» anfühlt. Linns Gefühlswelt, ihre Sehn­sucht nach Harmonie wird in origineller bildhafter Sprache und mit stimmungs­vol­len Illustrationen in gelb-blau-grünen Tönen von Bir­git Schös­sow inszeniert. Dabei wird die Geschichte nicht etwa kitschig, sondern spannend. Das Meer ist «dunkelblau wie Heidelbeeren», bevor ein Hagelgewitter losbricht. Da ist Linn schon alleine spazieren gegangen. Ob sie jemand vermissen wird?

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/16, S. 30

Jakob und die Hempels unterm Sofa
Valija Zinck
Verlag: Fischer KJB, Publiziert: 2016, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-4035-9
Schlagwörter: Fantasie | Freundschaft | Märchen/Fabel

Als Jakob mal wieder bei einem seiner Pflichtbesuche auf Tante Ellis rotem
Samtsofa sitzt, traut er seinen Augen nicht: In der Thermoskanne spiegelt sich «etwas, das aussah wie kleine, blau angezogene Leute, die einen Kaugummi abtranspor­tierten». Das sind die Hempels, ein emsiges Zwergevolk, das alles in seinen Bau schleppt und völlig verrückt nach Gurken ist. Mit Hilfe eines Glas Essiggurken lernt Jakob dann auch Hempel Junior kennen – es ist Freundschaft auf den ersten Blick. Über einen geheimnisvollen Koordinatenpunkt in Tante Ellis Garten können die beiden täglich miteinander reden, auch wenn Jakob bei sich zu Hause ist. Dann aber stürzt die alte Tante und zieht zu ihrem Neffen. Bei der Haushaltsauflösung wird ihr Sofa verkauft: Hempel und seine Sippe sind spurlos verschwunden!
Zum Glück findet Jakob das rote Sofa bei der türkischen Familie seiner Klassen­kameradin Elif wieder – und zwischen den Mottengift-verseuchten Polstern Hempel, halbtot, ganz allein und krank vor Sehnsucht nach seiner Sippe. Eine dramatische Rettungsaktion beginnt …
Frei nach der Redewendung «Wie bei Hempels unter’m Sofa» spielt Valija Zinck in ihrem Erstling mit radikalen Grössenunterschieden und dem Phänomen des unsichtbaren Freundes. Statt nun aber wie in ähnlichen Geschichten einfach in immer neuen, lustigen Episoden pittoreske Kobold- auf Kinderalltagswelt treffen zu lassen, stehen in ihrem spannendem Abenteuer Mitgefühl und Freundschaft im Mittelpunkt. Dabei ist Ich-Erzähler Jakob ein sensibler, offenherziger und wunderbarer Freund, der vollen Einsatz bringt und dadurch auch in der Schule aus seiner Einsamkeit findet.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/16, S. 30

Der Hummelreiter Friedrich Löwenmaul
Verena Reinhardt
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2016, Seiten: 521, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82097-6
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

Friedrich von Löwenmaul aus einer alten Dynastie von Hummelreitern mag keine Hummeln, und so ist er auch nicht begeistert, als eines Abends ein besonders dickes Exemplar auf seinem Balkon landet und sich partout nicht mehr verscheuchen lässt. Als Hieronymus Brum­sel, Geheimdiensthummel im Dienste ihrer Majestät, der Königin von Südwärts, ihn auch noch anspricht, fällt Friedrich beinahe rücklings um. Aus derlei unverhofften Begegnungen entstehen bis­weilen die grössten Abenteuer, und so findet sich auch Friedrich plötzlich mitten in einer vertrackten Geschichte um Spionage und einen drohenden Krieg im insektenreichen Skarnland wieder, treibt sich in zwielichtigen Käferkneipen herum und muss bald erkennen, dass nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint.
Verena Reinhardts Debütroman «Der Hummelreiter» ist wortwitzige und ausgesprochen ideenreiche Insekten-Fantasy für LeserInnen, die es lieben, gründlich in Geschichten einzutauchen. Auf über fünfhundert Seiten erzählt sie das Abenteuer von Friedrich Löwenmaul, Held wider Willen, und begeistert dabei mit grossartigen Ideen wie etwa den «Mythen in Tüten» (Pulver, das sich ausgeschüttet wie ein Buch lesen lässt) und so mancher pfiffiger Wortneuschöpfung.
Ungeduldige LeserInnen werden jedoch möglicherweise gar nicht erst in den Genuss des eigentlichen Abenteuers um Ränkespiele und Intrigen kommen, denn der Einstieg mit Friedrichs wiederholtem Gejammer, nach Hause zu wollen, zieht sich sehr in die Länge. (Im «Kleinen Hobbit» ist dieses Motiv doch deut­lich besser verpackt.) Doch ist man einmal drin in der Geschichte, liest sie sich gut – und lässt einen die Welt der Kleintiere und Insekten mit neuen Augen sehen.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/16, S. 31

Wenn man selbst dran glaubt, ist es nicht gelogen
Cilla Jackert
Aus dem Schwedischen von Maike Dörries
Verlag: Fischer KJB, Publiziert: 2016, Seiten: 206, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-4036-6
Schlagwörter: Ferien

Eigentlich wollte Annika die Sommerferien mit ihren Eltern auf dem Land verbringen. Zum letzten Mal zu dritt, denn die Mutter ist schwanger. Doch als Annika nach dem letzten Schultag nachhause kommt, platzt ihrer Mutter die Fruchtblase und sie erleidet eine Sturzgeburt – dreizehn Wochen vor dem errechneten Geburtstermin.
Während Annika das Erlebte zu verarbeiten versucht, streift sie durch Stockholm – und lernt Kaja, Keks, Blatt, Tobbe und «den Finnen» kennen, die sich bei schönem Wetter immer im Observatoriumpark treffen, um gemeinsam abzuhängen oder einander Mutproben zu stellen. Keiner spricht über Eltern oder Geschwister, die Schule oder wo er wohnt. So ist es abgemacht. Das passt Annika, die sonst gerne mal eine wilde Geschichte erfindet, nur zu gut in den Kram. Sie hat nämlich gar keine Lust, von dem ganzen Blut zuhause auf dem Küchenfussboden zu erzählen. Das würde ihr ohnehin niemand glauben.
Mit «Wenn man selbst dran glaubt, ist es nicht gelogen» legt Cilla Jackert eine wunderbar leichte Sommergeschichte aus Schweden vor – trotz der ernsten Themen, die sie darin streift, denn jedes der Kinder, mit denen Annika die Ferien verbringt, hat so «sein Päckchen zu tragen». Annika selbst fürchtet die Veränderung, die die Geburt ihres Bruders mit sich bringt, so sehr, dass sie den Besuch im Krankenhaus ein ums andere Mal aufschiebt. «Sie wollte nämlich gar nicht wissen, ob Mama jetzt anders war, weil sie zwei Kinder hatte. Ein grosses und ein kleines, das viel zu klein war.» Als sie sich endlich überwinden kann, ist der Schock gross: Dem kleinen Bruder geht es lange nicht so gut, wie die Erwachsenen sie haben glauben lassen. «Die Wahrheit sagen» bekommt für Annika eine ganz neue Bedeutung.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/16, S. 32

Nelli und der Nebelort
Annika Scheffel, Illustration: Joëlle Tourlonias
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2016, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-4753-1

Auf der Suche nach ihrem Vater reisen Nelli und ihre Mutter Ava in einem kunterbunten Bus durch die Welt. Nie bleiben sie länger als ein paar Tage an einem Ort. Als Avas Bus von der Strasse abkommt, landen sie in einer seltsam vernebelten Landschaft. Die Menschen, die dort leben, halten sich an strenge Regeln. Freude, eigenständiges Denken oder gar Fragen sind nicht erwünscht. Wer gegen diese Ordnung verstösst, wird auf merkwürdige Weise eingenebelt, von Nebelhänden ergriffen und verschwindet spurlos. Obwohl Ava ihrer Tochter verbietet, hier auf eine ihrer Entdeckungstouren zu gehen, schleicht sich Nelli hinaus, nur um nach ihrer Rückkehr weder den bunten Bus, noch ihre Mutter wiederzufinden – sie sind vernebelt und
verschwunden.
Nelli ist auf sich allein gestellt, erhält aber Hilfe von ein paar freundlichen Menschen. Besonders die gleichaltrigen Kinder Henri und Laura stehen ihr bei der Suche nach ihrer Mutter zur Seite, obwohl sie damit gegen alles verstossen, was sie in ihrem Leben gelernt haben. Allmählich finden sie heraus, dass Ava mit dem Nebelort weit mehr verbindet, als Nelli hat ahnen können.
«Nelli und der Nebelort» ist eine langsam erzählte, märchenhaft versponnene Geschichte, die zeigt, dass Regeln manchmal hinterfragt werden müssen und dass es nicht ganz falsch sein kann, dem eigenen Herzen zu folgen. Joelle Tourlonias' warme und lichtdurchflutete Illustrationen nehmen dem Text die Düsternis und das leichte Grauen, das durch die beklemmende Willkür des nehmenden Nebels erzeugt wird. Schön für Kinder, die keine Action brauchen, um sich von einem Text fesseln zu lassen, schön aber auch für Ewachsene, die sich ein wenig Kindsein bewahrt haben.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/16, S. 32

Ich, Onkel Mike und Plan A
Alice Gabathuler
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2016, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8458-1149-9
Schlagwörter: Abenteuer | Ferien | Musik

Leons Sommerferien sind geplant: Erst wird der Elfjährige, der zwischen seinen geschiedenen Eltern pendelt, mit Mama, ihrem Freund und den Zwillingen ins Ferienhaus nach Menorca fahren, dann das Highlight – Campen mit dem Vater. Das Problem: «Paps hatte sich nämlich verknallt. In irgendeine Birgit mit irgendwelchen kleinen Rotzlöffelkindern.» Statt Männercamping soll es gemeinsam ins Kinderhotel gehen. Leon ist am Boden zerstört: «Ich verzog mich in mein Zimmer. Total würdevoll. Das heisst, dass ich die Tür nicht hinter mir zuknallte und erst weinte, als ich allein war.» Er beschliesst, in den Ferien heimlich zu seinem ausgeflippten Onkel Mike in ein «Alpenkaff» zu fahren.

Wie Leon das anstellt, wie seine Eltern reagieren, was dann in dem Bergdorf alles passiert, entwickelt sich zu einer herrlich spannenden und unterhaltsamen Geschichte, die der Ich-Erzähler locker-flockig erzählt. Es wird der Sommer seines Lebens! In der Hütte schlafen, Beeren sammeln, einen Wasserfall hinunterspringen, Hunger haben, ein Bier trinken, eine Höhle entdecken und Zeit mit dem wunderbaren – aber planlosen – Onkel Mike verbringen. Hier kommt Leons grosse Stärke ins Spiel: Er kann sich gut in andere Leute hineindenken und verhandelt nicht nur grossartig mit seinen Eltern, sondern später auch mit Mikes Musikagent. Einen berührenden Moment gibt es, als Leon seiner Mama eine SMS schickt. «Keine zwei Minuten später kam die Antwort: ,Hab dich auch lieb.’ Mehr nicht, keine Fragen, keine Ratschläge. Mir wurde kuschelig warm. Bestimmt sass ich da und grinste völlig dämlich vor mich hin.» Die Geschichte macht unbändige Lust auf Ferien. Irgendwo da draussen – bloss nicht im Kinderhotel.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/16, S. 32

Finsterer Sommer
Martina Wildner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2016, Seiten: 238, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82098-3
Schlagwörter: Nationalsozialismus

Kann man eine zugleich kluge, abgründige und leichtfüssige Geschichte über die NS-Vergangenheit einer Familie erzählen? Man kann. Martina Wildner legt mit ihrem Kinderkrimi den Tatbeweis vor. Ihr 13-jähriger Ich-Erzähler, der viel zu lang gewachsene Konrad, ist nicht unbedingt ein Sherlock Holmes, aber er weiss, wie man eine Geschichte erzählt. Reich an Witz und Dialogen, mit unvorherge­sehenen Wendungen, und auf keinen Fall so kitschig wie das Zeug, das Marc aus Fulda schreibt. Der, den Konrad die ganze Zeit für einen Agenten hielt.
Aber der Reihe nach: Irgendetwas stimmt nicht mit dem Urlaub am Atlantik, den Konrad mit seinen Eltern und seiner gleichaltrigen Cousine Lisbeth verbringt. Nicht, weil Lisbeth eine Besserwisserin und «irgendwie arm dran» ist wegen ihrer toten Mutter. Auch nicht wegen des Nieselregens. Es hat etwas mit dem Bunker zu tun, der eine magische Anziehung auf alle Strandbesucher ausübt. Kürzlich ist eine Frau darin ertrunken, also beginnt Konrad sachte zu ermitteln. Auf seine Art. Die hat viel mit Eindringen in fremde Häuser und Slapstick-Fluchten zu tun, funktioniert aber in Zusammenarbeit mit Lisbeths mi­nu­tiösen historischen Recherchen wun­­derbar. Denn zwischen dem Bunker, der von Zwangsarbeitern als Teil des Atlantikwalls gebaut wurde, und Konrads und Lisbeths Familie, gibt es eine Verbindung – und zwar keine angenehme.
Martina Wildner lässt Konrad das Puzzle so zusammensetzen, dass auch die Gehirnwindungen der LeserInnen auf Hochtouren laufen. Der Bunker steht als Denkfigur für die Geschichte, die nicht tot ist. Er wird zu einem Teil des fröhlichen Strandlebens zwischen Familienknatsch und Lästereien über String Tangas. In ihm verkörpern sich für Konrad zum ersten Mal die Gespenster der Nazi-Urgrossväter. Und Gespenster, das erzählt Wildner auf äusserst kunstvolle und überzeugende Weise, wüten schlimmer, wenn man so tut, als wären sie nicht da.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/16, S. 33

Bruder Wolf
Carla Maia de Almeida
Aus dem Portugiesischen von Claudia Stein
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2016, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5360-1
Schlagwörter: Armut | Familie/Familienformen

«‘Wir müssen lernen unter Wasser zu atmen’, erklärten sie uns. Das klang gut, bis wir verstanden, was es wirklich bedeutete.» «Sie» – das sind Schwarzer Elch und Blanche, «Wir» – ihre Kinder Fossil, Miss Kitty und Ich-Erzählerin Bolota, der Krümel. Zusammen sind sie ein stolzer, fröhlicher und eigenwilliger Stamm, dessen Territorium so dramatisch schrumpft, dass er in den Krieg ziehen muss. Erst verlieren sie ihr Totem, den Husky Malik, später auch ihren Führer.
Was Bolota da in so hellsichtige wie poetische Metaphern packt, ist das Zerbrechen ihrer Familie während der portu­giesischen Wirtschaftskrise. Sieben Jahre später kehrt sie noch einmal die Scherben zusammen, macht sich auf Spurensuche und sortiert zärtlich Erin­ne­rungs­bruch­stücke. Dabei puzzeln sich die Fakten erst nach und nach zusammen und werden aus zwei Perspektiven auf zwei Farben zwischen holzschnittartige Illustrationen verschachtelt. Auf den blauen Seiten ref­lektiert die fünfzehnjährige Bolota in der Rückschau, beleuchtet Sta­tionen und Symp­tome: Wie der Vater arbeitslos wird, die Mutter sich bei drei Jobs abschuftet, die Wohnungen immer kleiner und die glücklichen Momente seltener werden, ihre Geschwister eigene Wege gehen und die Eltern sich trennen. Auf den weissen Sei­ten schlüpft sie in ihr achtjähriges Ich und berichtet grossäugig und gefühlsvoll vom letzten, dramatisch-verrückten Road­movie mit ihrem Vater.
Ein magisches Buch, in seiner Komplexität erst ein bisschen sperrig, dann aber mit ungeheurem Erzählsog und einer Tiefe, die nicht nur diejenigen direkt am Herz packt, die Verlust und Trauer kennen. «‘Was auch immer um dich herum passiert, hör nie auf zu schweben. Versprochen?’», sagt Schwar­­zer Elch. Bolota hält ihr Versprechen.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/16, S. 33

Wünsche sind für Versager
Sally Nicholls
Aus dem Englischen von Beate Schäfer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2016, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25083-3
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Gewalt

Olivia wächst in Pflegefamilien auf, nachdem ihre leibliche Mutter sie gequält und sich nicht mehr um sie und ihre Geschwister hat kümmern können. Getrennt von ihren Geschwistern muss die Elfjährige in immer neuen Umgebungen und mit immer neuen Menschen zurecht kommen – und hat schnell raus, wie sie die Erwachsenen um den Fingern wickeln, aber auch terrorisieren kann, damit sie ihren Willen bekommt. In der sech­zehn­ten Familie scheint Olivia das zu finden, was sie verdient hat: Eine Familie, die sie liebt und ihr Halt gibt. Doch die Wut in Oli­via und die Angst, wieder enttäuscht und verlassen zu werden, lassen sie nicht los.

Sally Nicholls ist ein beeindruckender Roman über Adoption und Fremdplatzierung für jugendliche LeserInnen gelungen, der das Leben eines tief trauma­tisierten Mädchens zeigt, das enge Kontakte scheut und keinen anderen Ausweg sieht, um sich zu schützen, als schreiend, tobend und unter Ausübung von Gewalt die zu verletzen, die sie lieben könnten. Aus der Ich-Perspektive heraus schildert Olivia beinahe abgebrüht chrono­logisch voranschreitend und von Flashbacks durchsetzt ihr Leben.

Beide Stränge streben einem Höhepunkt zu: Die Handlung, die sich um Olivias Leben in der Pflegefamilie Ivey dreht, zeigt eine sich langsam und in kleinen Schritten verändernde Olivia, die beginnt, positive Gefühle zuzulassen, während die Flashbacks nach und nach tiefer in Olivias Vergangenheit eindringen und bei Olivias leiblicher Mutter enden, die Olivia aufs Schlimmste misshandelt und ihr Gewalt angetan hat.

Nicholls Roman lässt nicht los und berührt nachhaltig, indem er das Leben eines psychisch und physisch verletzten Kindes zeigt, das nach und nach dazu befähigt wird, die Hilfe und Liebe zu erkennen, die man ihm entgegenbringt.

Sabine Planka
Buch&Maus 2/16, S. 34

We all looked up
Tommy Wallach
Aus dem amerikanischen Englisch von Henriette Zeltner
Verlag: CBJ, Publiziert: 2016, Seiten: 448, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-40342-6

Nicht in der Zerstörung liegt der Kern der Apokalypse, sondern in dem, was sie offenbart. Wie die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn betont, verweist die moderne
Katastrophenfantasie gerade in ihrem Bruch mit den geltenden Regeln auf eine verborgene Wirklichkeit: «Hier geht es um ‚Eigentliches’, um das, was den Menschen jenseits des kulturellen Cocons einer intakten Zivilisation ‚in Wirklichkeit’ ausmacht.» Gleich zwei aktuelle Jugendromane inszenieren die Katastrophe denn auch als sozialpsychologisches Experiment.
Den Hauptfiguren in Tommy Wallachs Erstling «We all looked up» bleibt Zeit, sich aus ihren Highschool-Schubladen zu befreien, denn das Desaster, das «der gute alte Obama» der Nation prophezeit, wird erst in acht Wochen erwartet: Wahrscheinlich wird Asteroid Ardor dann die Erde vernichten. In serieller Zopf-Drama­turgie wird also erzählt, wie Starsportler Peter, «Schlampe» Eliza, «Strebe­rin» Anita und Kiffer Andy entgegen aller Hindernisse zu sich finden. Denn natür­lich ruft Obama in US-popkultureller Tradition auf, «unser Leben weiterzu­leben, die Nähe der Menschen zu suchen, die uns lieb und teuer sind, und darauf (zu) vertrauen, dass Gott uns beschützt». Und natürlich bricht das Chaos aus. «Wie viel geheimer Groll», fragt sich Peter in Erwartung einer Zeit ohne Konse­quenzen, «würde sich endlich Bahn brechen?» Dass die sozialen Desaster lange im Hintergrund bleiben, während die «Boy meets Girl»-Storys ins Zentrum rücken, sei Wallach zähneknirschend verziehen. Denn vor allem mit Eliza und Andy entwirft er Figuren, die ihre Endzeit originell und oft skrupellos zur Auslotung ihrer Identitätsspielräume nutzen. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? «Das hier ist das 21. Jahrhundert», bilanziert ein junger Kulturkritiker im Text. «Die Meeres­­spiegel steigen. Irre Diktatoren haben Zugang zu Nuklear­waffen. (…) Jeder, der sich nicht fürchtet, ist ein Schwachkopf.» «We all looked up» spielt mit diesem aktuellen Krisendiskurs – und stilisiert die Antworten zur Seifenoper. Sozialkritisch ist das kaum. Aber herrlich enthüllend.
Komplexer ist die Katastrophenanthropologie in Anne-Laure Bondoux’ «Von Schatten und Licht». Bo und Hama sind versehrt, noch ehe das Desaster über ihre rezessionsgebeutelte «Epoche ohne Schwung und Pläne» hereinbricht; beide lassen sich in der letzten Waffenfabrik des Landes ausbeuten. Beim Schichtwechsel zwischen Nacht und Morgen verlieben sie sich, zünden einen Funken Hoffnung in ihrer desillusionierten Stadt. Dann explodiert die Fabrik, 53 Menschen sterben, Hama verliert beide Hände, Bo den Idealismus. Von abergläubischen Überlebenden schikaniert und getrieben von der Hoffnung, «das Irreparable zu reparieren», machen sich Bo und die schwangere Hama auf Identitätssuche in einer märchenhaften, (post)apokalyp­tischen Welt, die sich trotz gegenläufiger Signale gerade durch ihre Graustufen auszeichnet. Immer wieder wird das Paar von der Vergangenheit eingeholt, streitet, driftet auseinander, überlässt es der auf der Flucht geborenen Tochter Tsell, Ordnung ins Chaos zu bringen. Und auch die anderen sind nie einfach gut oder böse. «Da wir glaubten, das Unglück hätte seinen Ursprung ausserhalb unserer Gemeinschaft, versuchten wir uns zu schützen, indem wir uns zurückzogen wie verängstigte Schnecken», reflektiert die kollektive Erzählstimme der Stadt im ersten Teil. Doch in genau diesem Muster liegt die soziale Katastrophe beider Texte – und in beiden Texten ist es das Erzählen, das dagegen antritt. Dass sich dieses Erzählen bei Bondoux in Symbolen, Träumen und Erinnerungen entfaltet und stets neue Fragen aufwirft, macht die Lektüre zur anspruchsvollen, aber eindrücklichen Erfahrung.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/16, S. 34

Von Schatten und Licht
Anne-Laure Bondoux
Aus dem Französischen von Maja von Vogel
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2016, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55667-7
Schlagwörter: Liebe

Nicht in der Zerstörung liegt der Kern der Apokalypse, sondern in dem, was sie offenbart. Wie die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn betont, verweist die moderne
Katastrophenfantasie gerade in ihrem Bruch mit den geltenden Regeln auf eine verborgene Wirklichkeit: «Hier geht es um ‚Eigentliches’, um das, was den Menschen jenseits des kulturellen Cocons einer intakten Zivilisation ‚in Wirklichkeit’ ausmacht.» Gleich zwei aktuelle Jugendromane inszenieren die Katastrophe denn auch als sozialpsychologisches Experiment.
Den Hauptfiguren in Tommy Wallachs Erstling «We all looked up» bleibt Zeit, sich aus ihren Highschool-Schubladen zu befreien, denn das Desaster, das «der gute alte Obama» der Nation prophezeit, wird erst in acht Wochen erwartet: Wahrscheinlich wird Asteroid Ardor dann die Erde vernichten. In serieller Zopf-Drama­turgie wird also erzählt, wie Starsportler Peter, «Schlampe» Eliza, «Strebe­rin» Anita und Kiffer Andy entgegen aller Hindernisse zu sich finden. Denn natür­lich ruft Obama in US-popkultureller Tradition auf, «unser Leben weiterzu­leben, die Nähe der Menschen zu suchen, die uns lieb und teuer sind, und darauf (zu) vertrauen, dass Gott uns beschützt». Und natürlich bricht das Chaos aus. «Wie viel geheimer Groll», fragt sich Peter in Erwartung einer Zeit ohne Konse­quenzen, «würde sich endlich Bahn brechen?» Dass die sozialen Desaster lange im Hintergrund bleiben, während die «Boy meets Girl»-Storys ins Zentrum rücken, sei Wallach zähneknirschend verziehen. Denn vor allem mit Eliza und Andy entwirft er Figuren, die ihre Endzeit originell und oft skrupellos zur Auslotung ihrer Identitätsspielräume nutzen. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? «Das hier ist das 21. Jahrhundert», bilanziert ein junger Kulturkritiker im Text. «Die Meeres­­spiegel steigen. Irre Diktatoren haben Zugang zu Nuklear­waffen. (…) Jeder, der sich nicht fürchtet, ist ein Schwachkopf.» «We all looked up» spielt mit diesem aktuellen Krisendiskurs – und stilisiert die Antworten zur Seifenoper. Sozialkritisch ist das kaum. Aber herrlich enthüllend.
Komplexer ist die Katastrophenanthropologie in Anne-Laure Bondoux’ «Von Schatten und Licht». Bo und Hama sind versehrt, noch ehe das Desaster über ihre rezessionsgebeutelte «Epoche ohne Schwung und Pläne» hereinbricht; beide lassen sich in der letzten Waffenfabrik des Landes ausbeuten. Beim Schichtwechsel zwischen Nacht und Morgen verlieben sie sich, zünden einen Funken Hoffnung in ihrer desillusionierten Stadt. Dann explodiert die Fabrik, 53 Menschen sterben, Hama verliert beide Hände, Bo den Idealismus. Von abergläubischen Überlebenden schikaniert und getrieben von der Hoffnung, «das Irreparable zu reparieren», machen sich Bo und die schwangere Hama auf Identitätssuche in einer märchenhaften, (post)apokalyp­tischen Welt, die sich trotz gegenläufiger Signale gerade durch ihre Graustufen auszeichnet. Immer wieder wird das Paar von der Vergangenheit eingeholt, streitet, driftet auseinander, überlässt es der auf der Flucht geborenen Tochter Tsell, Ordnung ins Chaos zu bringen. Und auch die anderen sind nie einfach gut oder böse. «Da wir glaubten, das Unglück hätte seinen Ursprung ausserhalb unserer Gemeinschaft, versuchten wir uns zu schützen, indem wir uns zurückzogen wie verängstigte Schnecken», reflektiert die kollektive Erzählstimme der Stadt im ersten Teil. Doch in genau diesem Muster liegt die soziale Katastrophe beider Texte – und in beiden Texten ist es das Erzählen, das dagegen antritt. Dass sich dieses Erzählen bei Bondoux in Symbolen, Träumen und Erinnerungen entfaltet und stets neue Fragen aufwirft, macht die Lektüre zur anspruchsvollen, aber eindrücklichen Erfahrung.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/16, S. 34

Wir waren hier
Nana Rademacher
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2016, Seiten: 341, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-40139-0
Schlagwörter: Liebe

Endzeit ohne Ende: Dystopien erobern seit einiger Zeit erfolgreich den Jugendbuchmarkt. Kein Wunder – heutzutage sind sich Schülerinnen und Schüler auch aufgrund des Internets mehr als jemals zuvor der Risiken für die Zukunft bewusst. Und welches andere Genre kann die Alltagsfolgen von Seuchen, Kriegen und Umweltkatastrophen, globalem Terror und Überwachungsstaat besser durchspielen?
Wie schlimm sich 15-Jahre-alt-Sein im Jahr 2039 anfühlen könnte, erzählt Nana Rademacher in ihrem apokalyptischen Berlin-Roman «Wir waren hier». Die Stadt liegt in Schutt und Asche, das öffentliche Leben und die Versorgung mit Lebensmitteln und Strom sind zusammenge­brochen, auf der Strasse herrschen Angst, Hunger und Elend. Um das Überleben in einer Welt nach ihrem Untergang zu beschreiben, ersinnt die Autorin eine repressive Militärregierung, die mithilfe einer Untereinheit, der Web-Polizei, die totale Überwachung und Indoktrination anstrebt. In dieser düsteren Zeit lernt Anna über ihren Blog, den sie «auf einem ziemlich abseitigen Offshore-Server versteckt», den Widerstandskämpfer Ben kennen. Zusammen mit den «Tunnelmenschen» aus dem Berliner U-Bahn-System organisiert er die Rebellion.
Rademacher gelingt es, nicht nur die Dynamik dieser Gruppe im Ausnahmezustand realistisch zu beschreiben, sondern auch die persönlichen Nöte ihrer Charaktere, die sich angesichts des Todes einen Rest Moral und Menschlichkeit bewahren wollen, glaubwürdig darzustellen. Doch die ganz grossen Fragen wirft ihre Geschichte nicht auf: Dazu bleiben die fiktive Welt und ihre Politik zu kulissenhaft, die Hintergründe für den beschriebenen globalen Krieg zu wage. Den eigentlich beängstigenden Konflikten fehlt es damit letztlich an Reibung und Brisanz.

Alice Werner
Buch&Maus 2/16, S. 35

Solo für Clara
Claudia Schreiber
Verlag: Hanser, Publiziert: 2016, Seiten: 267, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25090-1
Schlagwörter: Musik

«Über Musik zu sprechen, ist wie zu Architektur zu tanzen», soll der US-ameri­kanische Komiker und Musiker Steve Martin gesagt haben. Dass es aber möglich ist, grossartig über Musik zu schreiben, zeigt Claudia Schreibers Roman: «Ein Solo für Clara».
Clara spielt Klavier. Sie will die Beste der Besten werden und übt unentwegt. Aus ihrer Perspektive erfahren wir von der Welt der Wunderkinder, in der sie sich bewegt – und die ist eigentlich gar nicht lustig: Üben, vorspielen, an Meisterkursen und Wettbewerben teilnehmen, ge­win­nen, verlieren, aufhören wollen. Als wir Clara kennenlernen, steckt sie – mit zwölf Jahren! – in einer künstlerischen Krise: «Zweiter Preis, also gänzlich verloren. Der zwei­te Preis war das Allerletzte, es war schlim­mer, als erst gar nicht anzutreten. Ich war vor den Kopf gestossen, atmete kaum mehr.»
Mitreissend berichtet die Ich-Erzählerin vom nervenaufreibenden Rennen mit ihrer «elterngesteuerten» Konkurrentin Beatrice und von ihrer eige­nen Lust zu spielen. Clara ist ein Natur­talent, aber ob das zur Konzertpianistin reicht? Wenn der Roman auch nicht eine wahre Geschichte erzählt, ist doch vieles doku­mentarisch. Die Familie wohnt in Köln, die Konzertorte gibt es wirklich und auch Claras Begeisterung für Musik ist echt und ansteckend: «Die Töne klingen wie goldene Tropfen! Ich drücke die Taste, der Ton fällt in den Raum, jeder einzelne, so unglaublich schön!» Weil sie so unbekümmert und angstfrei agiert, fällt die Identifizierung mit ihr leicht, selbst, wenn man kein Instrument spielt.
Und die neben dem Text abgedruckten QR-Codes? Sie führen auf YouTube zur Musik, die Clara gerade spielt. Wer will, kann beim Lesen gleich Chopins «Regentropfen-Prélude» hören.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/16, S. 35

Zeit für Astronauten
Nils Mohl
Verlag: Rowohlt, Publiziert: 2016, Seiten: 432, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-499-21678-7
Schlagwörter: Ferien

«(…) alles unter einem Himmel, an dem es nichts zu meckern gibt, der sich heute mit Maiwölkchen wie aus dem Prospekt
de­koriert hat, der ein prima Sonnen­brillen­argument liefert.» Nils Mohl gelingt es, spröde jugendliche Rhe­torik mit dich­terischer Me­ta­phernliebe so zu verbinden, dass daraus eine Kunstsprache wird, von der man sich nur zu gern zum dritten Mal an den Stadtrand entführen lässt. Nach «Es war einmal Indianerland» und «Stadt­rand­ritter» ist «Zeit für Astro­nauten» der letzte Teil von Mohls Glaube-Liebe-Hoffnung-Trilogie. Die drei Bände wer­den lose zusammengehalten durch die ähnlich aufgebaute, komplexe Zeitstruktur, das Milieu (eine Blocksied­lung am Rand einer deutschen Grossstadt), die wechselnde, aber immer ähnlich auftretende Motivik (Indianer – Ritter – Astronauten) und durch einzelne Figu­ren, die von Neben- zu Hauptfiguren aufsteigen. Und natürlich durch die übergeordnete The­ma­tik: nach Liebe und Glaube nun die Hoffnung.
Hoffnung haben viele in diesem Buch. Zum Beispiel Körts – die sechzehnjährige Selbstsicherheit in Person –, der sich mit erstaunlicher Unverfrorenheit seinem Ziel nähert. Das Ziel heisst Domino, ist mit über zwanzig deutlich zu alt für Körts, hält herzlich wenig von ihrem jungen Verehrer und plant gerade eine Reise an den Urlaubsort Sinillyk. Dort will sie einen Freund suchen und darüber sinnieren, was sie mit dem Kind im Bauch anstellen soll, das für sie keinewegs «gute Hoffnung» bedeutet. Körts, zielbewusst, bucht kurzerhand im gleichen Club: «Mit Aus­landserfahrung punktet man richtig». Im Süden kreuzen sich ihre Wege also wieder (gewollt auf der einen, höchst ungewollt auf der anderen Seite) und die Ereignisse nehmen ihren Lauf, deren Höhepunkt wie ein Raketenstart durch einen Count­­down in der Kapitelzählung angekündigt wird.
Mohl erzählt vergnüglich, herausfor­dernd und nie banal – das ist grossartige Literatur für junge LeserInnen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/16, S. 35

Ein Sommer ohne uns
Sabine Both
Verlag: Loewe, Publiziert: 2016, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7855-8222-0
Schlagwörter: Liebe

«Eines Tages willst du es wissen. Wie es mit jemand anderem ist. Und wenn du es nicht ausprobierst, wirst du den Gedan­ken nie los. Und das macht deine Be­zie­hung kaputt. Erst unbemerkt, dann immer deut­licher. Und am Ende hasst Ihr euch.»
Verena und Tom leben seit ihrem drit­ten Lebensjahr Tür an Tür. Seit Verenas 13. Geburtstag sind sie ein Paar – und jetzt, kurz vor dem Abi, immer noch so verliebt ineinander wie am ersten Tag. Dachten sie. «Zusammenziehen. Heiraten. Kinder. Alles mit Dir.» Der Termin zur Wohnungsbesichtigung in der Unistadt Marburg steht schon. Doch dann hat Verena das Gefühl, vielleicht doch etwas zu verpassen – und bringt mit ihrem Wunsch nach einer «Auszeit von der Treue» alles ins Wanken.
Verenas Unsicherheit – «Ein Teil von ihr will immer dieselbe bleiben, der andere will sich häuten und neu werden» – überträgt sich auf Tom. Sie versprechen sich, dass nichts zwischen ihnen stehen soll, hinterher. «Sie können das. Bestimmt. Sich eine Auszeit geben und trotzdem die Zukunft planen» – und stehen einander im selben Moment bereits verändert gegenüber. Beide erliegen der Versuchung des Neuen – und zahlen dafür. Wo bislang mit traumwandlerischer Sicherheit Übereinstimmung herrschte, kommen plötzlich Zweifel und Ängste auf.
Liebe zwischen Freiheit und Sicherheit: In unterschiedlichen Schrifttypen gesetzt, erzählt Sabine Both mal aus Verenas, mal aus Toms Perspektive und fängt die Gefühlslagen ihrer ProtagonistInnen so sehr authentisch ein. Am Ende ist nichts wie gedacht: Tom geht alleine nach Marburg. Verena bleibt. Das Vertrauen ist zu tief erschüttert, die Verletzungen sind zu gross. Im Epilog treffen sich beide «Ein Jahr später» wieder. Ist da nicht doch noch etwas zwischen ihnen? Vielleicht …
Ein Buch, das ebenso sanft wie eindringlich dazu auffordert, gut in sich hineinzuhören und auf sich und seine Liebe aufzupassen.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/16, S. 36

Schreib! Schreib! Schreib!
Ylva Karlsson, Katarina Kuick
Aus dem Schwedischen von Gesa Kunter
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2016, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82124-9
Schlagwörter: Kreativität

Die kreative Textwerkstatt

«Schreib! Schreib! Schreib!» und «Fang einfach an!»: Die Imperative in den Titeln der zwei Bücher sind unmissverständlich. Schreiben ist nicht eine Sache von Talent und ödem Lernen, viel mehr geht es darum, Hemmungen zu überwinden und durch lustvolles Tun zum Meister zu werden. Beide Bücher erzählen vom Geschichtenerzählen, beide haben einen ganz unbeschwerten, lustbetonten Zugang dazu, beide kommen aus Schweden – und doch sind sie ganz unterschiedlich.
«Schreib! Schreib! Schreib!» von Katarina Kuick und Ylva Karlsson ist prallvoll mit witzigen Schreibübungen, Begriffserklärungen, Erfah­rungsberichten von jungen und älteren Autorinnen und Autoren, Tipps und Beispielen, grafisch spannend und ansprechend gestaltet von Sara Lundberg. Schon 2009 ist diese «kreative Textwerkstatt» in Schweden mit dem renommierten Augustpris geehrt worden. Für die deutsche Ausgabe hat der Beltz-Verlag viel angepasst, so kommen statt uns unbekannten schwedischen SchriftstellerInnen nun verlagseigene AutorInnen wie Christoph Wortberg, Regina Dürig oder Lena Hach zu Wort und erzählen von ihren Schreiberfahrungen. Ganz nebenbei – und vor allem durchs eigene Tun und Ausprobieren – werden jugendliche Hobby-Autorinnen hier an Grundlagen der Textanalysen herangeführt und können sich intensiv mit dem eigenen Schreiben auseinandersetzen. Ylva Karlsson und Katarina Kuick begleiten sie dabei humorvoll und mit einer sehr persönlichen Note. Schön ist, dass das Schreiben hier nicht in einem luftleeren Raum stattfindet, sondern eng ans Lesen gekoppelt ist: Erläuterungen zu Genres und Schreibstilen werden immer mit Hinweisen auf beispielhafte Jugendliteratur versehen. Langeweile kommt mit diesem Buch ganz bestimmt nicht auf – und wenn einen die Fülle des Sammelsuriums zu erdrücken droht, gibt es hinten ein praktisches Register, das Ordnung in die Sache bringt und Tipps wiederauffindbar macht.
Auch Pernilla Stalfelts Bücher sind voll: Voll von kleinen Farb- und Filzstiftvignetten, mit kurzen Kommentaren versehen, die in einer sehr kindernahen Sprache grosse Dinge erklären, in «Und was kommt dann?» etwa den Tod oder in «Ich mach dich platt» Gewalt in all ihren Formen. Im neusten Buch erzählt die Museumspädagogin und Grafikerin nun vom Geschichtenerzählen – und ändert dafür das Konzept ein wenig. Statt wie in den früheren Büchern zum Nachdenken lädt sie mit einer Schritt-für-Schritt-Anleitung nun zum Mitmachen ein. Pernilla Stalfelt erzählt immer in Wort und Bild, ja, das Bild ist eigentlich das zentrale Element. Und da das Zielpublikum von «Fang einfach an!» im frühen Primarschulalter noch nicht unbedingt in der Lage ist, längere Texte zu Papier zu bringen, ist es nur logisch, dass das Erzählen sich hier genau so im Bild wie im Text abspielt. Stalfelt erklärt also in vielen Illustrationen und knappen Sätzen wie ein Comic entsteht, wie und was sich damit erzählen lässt. Schrei-, Flüster- und eisige Gespensterblasen werden gezeichnet, mit Kästchengrössen und Gesichtsausdrücken
experimentiert. Entstanden ist eine liebevoll gestaltete Anleitung für eine erste Bildergeschichte oder einen Comic, die sich zuhause und im Unterricht gut einsetzen lässt.
«Schreib! Schreib! Schreib!» und «Fang einfach an» lassen die LeserInnen zu AutorInnen werden. Sie zeigen, dass Schreiben – auch in der Schule – mehr sein darf als «Mein schönstes Ferienerlebnis» und dass jeder und jede Geschichten zu erzählen hat.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/16, S. 36

Fang einfach an!
Pernilla Stalfelt
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Moritz, Publiziert: 2016, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-314-8
Schlagwörter: Kreativität

Das Kinderbuch vom Geschichtenerzählen

«Schreib! Schreib! Schreib!» und «Fang einfach an!»: Die Imperative in den Titeln der zwei Bücher sind unmissverständlich. Schreiben ist nicht eine Sache von Talent und ödem Lernen, viel mehr geht es darum, Hemmungen zu überwinden und durch lustvolles Tun zum Meister zu werden. Beide Bücher erzählen vom Geschichtenerzählen, beide haben einen ganz unbeschwerten, lustbetonten Zugang dazu, beide kommen aus Schweden – und doch sind sie ganz unterschiedlich.
«Schreib! Schreib! Schreib!» von Katarina Kuick und Ylva Karlsson ist prallvoll mit witzigen Schreibübungen, Begriffserklärungen, Erfah­rungsberichten von jungen und älteren Autorinnen und Autoren, Tipps und Beispielen, grafisch spannend und ansprechend gestaltet von Sara Lundberg. Schon 2009 ist diese «kreative Textwerkstatt» in Schweden mit dem renommierten Augustpris geehrt worden. Für die deutsche Ausgabe hat der Beltz-Verlag viel angepasst, so kommen statt uns unbekannten schwedischen SchriftstellerInnen nun verlagseigene AutorInnen wie Christoph Wortberg, Regina Dürig oder Lena Hach zu Wort und erzählen von ihren Schreiberfahrungen. Ganz nebenbei – und vor allem durchs eigene Tun und Ausprobieren – werden jugendliche Hobby-Autorinnen hier an Grundlagen der Textanalysen herangeführt und können sich intensiv mit dem eigenen Schreiben auseinandersetzen. Ylva Karlsson und Katarina Kuick begleiten sie dabei humorvoll und mit einer sehr persönlichen Note. Schön ist, dass das Schreiben hier nicht in einem luftleeren Raum stattfindet, sondern eng ans Lesen gekoppelt ist: Erläuterungen zu Genres und Schreibstilen werden immer mit Hinweisen auf beispielhafte Jugendliteratur versehen. Langeweile kommt mit diesem Buch ganz bestimmt nicht auf – und wenn einen die Fülle des Sammelsuriums zu erdrücken droht, gibt es hinten ein praktisches Register, das Ordnung in die Sache bringt und Tipps wiederauffindbar macht.
Auch Pernilla Stalfelts Bücher sind voll: Voll von kleinen Farb- und Filzstiftvignetten, mit kurzen Kommentaren versehen, die in einer sehr kindernahen Sprache grosse Dinge erklären, in «Und was kommt dann?» etwa den Tod oder in «Ich mach dich platt» Gewalt in all ihren Formen. Im neusten Buch erzählt die Museumspädagogin und Grafikerin nun vom Geschichtenerzählen – und ändert dafür das Konzept ein wenig. Statt wie in den früheren Büchern zum Nachdenken lädt sie mit einer Schritt-für-Schritt-Anleitung nun zum Mitmachen ein. Pernilla Stalfelt erzählt immer in Wort und Bild, ja, das Bild ist eigentlich das zentrale Element. Und da das Zielpublikum von «Fang einfach an!» im frühen Primarschulalter noch nicht unbedingt in der Lage ist, längere Texte zu Papier zu bringen, ist es nur logisch, dass das Erzählen sich hier genau so im Bild wie im Text abspielt. Stalfelt erklärt also in vielen Illustrationen und knappen Sätzen wie ein Comic entsteht, wie und was sich damit erzählen lässt. Schrei-, Flüster- und eisige Gespensterblasen werden gezeichnet, mit Kästchengrössen und Gesichtsausdrücken
experimentiert. Entstanden ist eine liebevoll gestaltete Anleitung für eine erste Bildergeschichte oder einen Comic, die sich zuhause und im Unterricht gut einsetzen lässt.
«Schreib! Schreib! Schreib!» und «Fang einfach an» lassen die LeserInnen zu AutorInnen werden. Sie zeigen, dass Schreiben – auch in der Schule – mehr sein darf als «Mein schönstes Ferienerlebnis» und dass jeder und jede Geschichten zu erzählen hat.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/16, S. 36

Der Yeti hat den Blues
Céline Fraipoint, Illustration: Pierre Bailly
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2016, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-053-7
Schlagwörter: Abenteuer

Eine rote Nase, strubblige Haare und eine grosse Portion Neugierde, Zuversicht und Mut. Das ist der kleine Strubbel. Jeden Morgen macht er sich auf den Weg zur Schule, und ebenso oft gerät er in ein grosses Abenteuer: Er landet im Bauch einer nimmersatten Meerjungfrau oder im eingenebelten Spukschloss eines unglücklichen Vampirs, er verirrt sich in einem verzauberten Gemüsegarten voller Ungeheuer, macht auf einem Bauernhof Unsinn, geht auf einer Pirateninsel auf Schatzsuche, wird von Oma Bonbon mit Süssigkeiten vollgestopft, bis ihm übel wird, oder er wird – wie im aktuellen Band – von einem Schneesturm in die Berge gewirbelt, zum Yeti. Der Yeti sieht zwar furchterregend aus, entpuppt sich aber als liebenswerter, melancholischer Tollpatsch, der den kleinen Strubbel schliesslich sogar auf den Nachhauseweg bringt.
Mit «Kleiner Strubbel» haben Pierre Bailly und Céline Fraipont eine höchst charmante Comic-Serie für Kinder geschaffen, die ohne Worte auskommt. Die Zeichnungen und die Erzählweise sind so klar, dass auch Kinder im Vorschulalter problemlos in Strubbels Abenteuer eintauchen und seine Geschichten selber lesen können. Ebenso gut lassen sich die Geschichten natürlich auch von den Eltern oder grösseren Geschwistern erzählen. Sie sind in erster Linie unterhaltsam und verzichten auf beleh­rende Einschübe, aber nicht auf dramatische Momente: In besonders aussichtslos scheinenden Situationen holt Strubbel das Foto seines Mami aus dem Rucksack und vergiesst ein paar Tränen, ehe er sich aufrappelt und weitermacht. Umso mehr freuen sich die kleinen Leserinnen und Leser, wenn der kleine Strubbel nach vielen Verwicklungen und Spannungen zu seinen Eltern nach Hause zurückfindet, beim Abendessen von seinem Abenteuer erzählt und schliesslich erschöpft, aber glücklich ins Bett fällt.

Christian Gasser
Buch&Maus 2/16, S. 37

Worauf wartest du?
Britta Teckentrup
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2016, Seiten: 200, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-946593-09-6
Schlagwörter: Gefühle | Philosophie

Das Buch der Fragen

Ein Kopf im Profil vor einem einfachen Hintergrund, der vielleicht eine Wiese andeuten soll. Die Form des Kopfes gefüllt mit grossen Blüten in allen Farben und Formen. Mitten unter ihnen, auf Höhe des Hinterkopfs, ein kleines weisses Häuschen mit rotem Dach, das unter dem Blütendach zu stehen scheint. Die Farben sind warm, die Blüten leuchten, gerne würde man in das kleine Häuschen in diesem Blumen-Kopf einziehen. Neben dem Bild, das die ganze rechte Seite einnimmt steht links auf einer weissen Seite nur eine einzige Frage: «Ist Glück, wenn man nur schöne Dinge denken kann?»
Gefüllt mit schönen Blüten ist das ganze gedan­ken­anregende Buch von Britta Teckentrup. Die produktive Illustratorin, die dieses Jahr mit dem Sachbuch «Alle Wetter» für den Deutschen Jugendliteraturpreis nomi­niert war, hat über hundert Bilder geschaffen und sie in einem dicken Buch zusammengefasst. Ihre Bilder zeigen gesichtslose Figuren, einsam in der Landschaft oder in Beziehung zu anderen, tanzend, fliegend, springend, staunend. Mit Drucktechniken und Schablonen arbeitet sie so, dass die Flächen eine Struktur erhalten, die Farben durchlässig werden.
Neben dem Bild jeweils eine passende Frage: «Ob ich mal so klug werde wie meine Oma?», steht da neben dem Profil einer alten Dame; «Warum habe ich Angst vor dem, was ich nicht kenne?» neben dem Bild, auf dem wir eine kindliche Figur einen nassen Weg entlanggehen sehen, in den dunkle Flächen wie Schatten ragen.
Die Fragen sind Einstiege ins Betrachten der Bilder, ins Sich-Einlassen, Denken, Philosophieren und ebnen damit den Weg für die Auseinandersetzung mit den eigenen grossen und kleinen Fragen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/16, S. 26

Warten auf Goliath
Antje Damm
Verlag: Moritz, Publiziert: 2016, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-332-2
Schlagwörter: Freundschaft

Ein kleiner namenloser Bär mit spitzer Schnauze wartet auf seinen Freund. Goliath heisst der, aber ob er so gross ist wie sein Namensvetter aus der biblischen Geschichte? Auch wenn der Bär auf einer roten Bank an einer Bushaltestelle wartet: Mit dem Bus fahren will er nicht und leider steigt auch sein Freund nicht aus, als doch endlich einmal ein Bus dort anhält. Wie lange kann man warten, über wieviel Geduld verfügt man? Bär hat jede Menge davon. Er trotzt den Stiche­leien der ande­ren Tiere und ist fest davon überzeugt, dass Goliath eines Tages auftauchen wird.
«Warten ist für viele ja etwas Schreckliches. Ich glaube aber, dass man Zeit braucht, um Dinge entdecken zu können», so Antje Damm. Und tatsächlich, auch wenn es inzwischen Winter und wieder Frühling wird – Goliath kommt! Wunderbar, wie lapidar und unkompliziert der Dialog zwischen den beiden an dieser Stelle ist: «Endlich bist Du da!», – «Tut mir leid, es hat ein bisschen länger gedauert.» – «Ach, das macht doch nichts!»
Wie beim Vorgänger «Der Besuch» hat Damm mit Schuhkarton und angemalten Papier­figuren eine Guckkastenbühne arran­giert, alles mit Heisskleber montiert und danach abfotografiert. Nur die Schneeflocken hat sie in das Bild ge­zeichnet. Mit einer Baulampe leuchtet sie die Szenen aus, bringt so Veränderung in die Stimmung und wechselt am Schluss den Bildausschnitt. Nur die schwarze, nasse Bärenschnauze ist zu sehen und der – kleine! ­– Freund.
Ingrid Godon hat die Zeit, die Geduld und das Vertrauen in den Freund bereits in «Warten auf Seemann» (Peter Hammer 2001) gestaltet. Antje Damm gelingt das nun auch für jüngere Kinder – mit einer gelungenen Überraschung als Belohnung nach dem langen Warten.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/16, S. 26

Drachenreiter
Cornelia Funke
Verlag: Dressler, Publiziert: 2016, Seiten: 416, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-0011-9
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy | Fabelwesen

Die Feder eines Greifs

Fast zwanzig Jahren nach dem Erscheinen von Cornelia Funkes vielleicht schönstem Kinderbuch «Drachenreiter» folgt jetzt ein weiterer Band, der die LeserInnen zurück in die wunderbare Welt von Ben Wiesengrund und seinem Drachen Lung führt. Während eine Lesergeneration zwischen erstem und zweitem Band liegt, sind innerhalb der fantastischen Welt gerade mal zwei Jahre vergangen. Die Wiesengrunds haben in den einsamen norwegischen Fjorden einen Zufluchtsort für die Fabelwesen dieser Erde erschaffen und korrespondieren weltweit mit Gleichgesinnten, die sich für den Schutz mythischer Tiere einsetzen. Ben liebt dieses Leben, auch wenn es ihn selten zur Ruhe kommen lässt. Als in Griechenland ein Pegasusweibchen seinen schweren Verletzungen erliegt, geht es für ihre noch ungeborenen Jungen um Leben und Tod – nur die Feder eines Greifs kann jetzt noch helfen. Um die zu finden wäre eigentlich die Hilfe von Lung gefragt, doch das würde bedeuten, den geliebten Drachen möglicherweise in Lebensgefahr zu bringen …
Cornelia Funke knüpft mit Leichtigkeit an den ersten Band an und findet sofort in ihren wunderbaren Erzählstil zurück, den manche LeserInnen bei «Reckless» vermisst haben mögen. Humorvolle Dialoge zwischen der Wanderratte Lola und dem einsamen Homunkulus Fliegenbein, die von fantastischen Ideen durchdrungene Erzählung und die zahlreich eingestreuten Zeichnungen machen eine märchenhafte Welt so lebendig, dass man beim nächsten Spaziergang mit offeneren Augen durch die Wälder geht – auf der Suche nach Kobolden, Waldgeistern und Baumtrollen. Ein Lesegenuss mit gerade der richtigen Anzahl offener Fragen, um auf eine Fortsetzung hoffen zu können!

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/16, S. 31

Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte
Anna Woltz
Aus dem Niederländischen von Andrea Khuitmann
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2016, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55676-9
Schlagwörter: Krankheit | Familie/Familienformen

Könnte man Familien doch heilen wie einen gebrochenen Arm! Eingipsen – und alles wird gut. Dass das nicht funktioniert, erfahren Fitz (12) und ihre Schwester Ben­te (9) in Anna Woltz’ Kinderroman «Gips oder Wie ich an einem einzigen Tag die Welt reparierte». Vor einer Woche wur­den sie «in eine Rakete gesetzt und auf den Planeten gemeinsames Sorgerecht ge­schos­sen». Am zweiten Weihnachtstag – «Ich dachte, wir würden […] zusam­men Mensch ärgere Dich nicht spie­len» – haben die Eltern den Mäd­chen erklärt, dass sie sich trennen. Fitz und Bente werden nun drei Tage die Woche bei ihrer Mutter, drei weitere beim Vater leben. Den Mittwoch «müssen sie erst noch regeln».
Fitz ist zutiefst verletzt, unglücklich – und wütend. So wütend, dass sie sich am ersten Tag in Papas neuer Wohnung mit Permanentmarker «Mama soll sterben» auf Stirn und Wangen schreibt. Da passiert der Unfall: Auf vereister Strasse stürzt der Vater mit dem Fahrrad. Bente, die auf dem Gepäckträger sass, verliert eine Finger­kuppe und muss operiert werden.
Im Krankenhaus lernt Fitz den 15-jähri­gen Adam kennen, der ihr hilft, die schrecklichen Worte von ihrem Gesicht zu waschen. Wie Fitz kämpft auch er mit einem grossen Kummer. Zusammen mit der herzkranken Primula streifen die zwei einen Tag durch das Krankenhaus.
Anna Woltz erzählt leicht und humor­voll über ernste Themen. Mit Fitz schafft sie eine Heldin, die ihre Probleme auf eigene Art zu lösen versucht – trotzig, aufmüpfig, sympathisch-verrückt und mutig zugleich. Am Ende hat Fitz ihre Welt viel­leicht nicht repariert, aber Freunde gefunden, die ihr helfen sich der neuen Situation zu stel­len. «Heute Morgen […] dachte ich, es sei mutig in einen Vulkan springen zu wollen. Nicht mitzumachen. Aber vielleicht ist es mutiger, es einfach zu versuchen. Was immer auch geschieht.»
Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/16, S. 31

Max‘ Mütze
Jörg Isermeyer, Illustration: Nele Palmtag
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2016, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0714-8

Wer hatte nicht als Kind dieses ganz persönliche Lieblingsteil im Kleiderschrank? Überallhin wurde es mitgenommen, waschen durfte es man es auf keinen Fall! Für Max ist das seine kuschlig gestrickte, orange Schlabbermütze mit Bommel. Meis­tens hat er sie auf dem Kopf, aber manchmal wirft er sie aus Freude oder Wut in die Luft. Im Flug oder dort, wo sie landet, sammelt die Mütze Gerüche ein, die Max riecht, wenn er die Mütze vor die Nase hält. Der Schweiss vom Bolzplatz oder der Duft von Balkonblumen erscheinen wie kleine Freiheiten, die Max tief in sich einzieht.
Doch eines Tages fällt die Mütze nicht wieder vom Himmel, sondern wird zur Weltreisenden: Sie landet auf dem Kopf einer Wildgans, diese flattert erschreckt in einen Baum, die Mütze fällt runter, einem Hund direkt auf den Schwanz, einem Hai in den Rachen … In einer wilden Reise wird sie von Tieren an Land, zu Wasser und in der Luft quer durch die Kontinente gereicht bis sie «WUPPS» ziemlich lädiert direkt vor Max‘ Füssen landet. Als er sie sich an die Nase drückt, ist er mittendrin im Geruch der grossen weiten Welt.
Jörg Isermeyer und Nele Palmtag legen mit ihrem ersten gemeinsamen Bilderbuch eine stimmungsvolle Geschichte vor, die in Bild- und Textebene stark rhyth­mi­siert ist: Grosse, mit Buntstiften ge­malte Bildseiten mit repetitiver Textanlage füh­ren einen als BetrachterIn zügig hinein in die Geruchswelt. Anschliessend werden die Stationen der rasanten Reise in meist mehrere Bildrahmen pro Seite gesetzt und die Comicnähe mit lautmalerischen Ausdrücken unterstrichen. Das Ende der Geschichte kehrt zurück zu grossflächigen
Illustrationen und lässt die Betrachtenden automatisch innehalten und dabei lernen, warum man Lieblingsteile wirklich nicht waschen sollte!

Barbara Jakob
Buch&Maus 3/16, S. 26

Mond aus!
Dana Grigorcea, Illustration: Anna Luchs
Verlag: Baeschlin, Publiziert: 2016, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85546-300-8
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen

Überall lauern Monster in der Nacht. Manche Kinder können nicht einschlafen, wenn alles dunkel ist. Andere hindert auch die kleinste Lichtquelle daran, die Augen zu schliessen und sich in den Schlaf sinken zu lassen. Ihnen kann dank Lichtschal­tern und Vorhängen geholfen werden. Doch der Wolf im verspielt
ge­machten Bilderbuch von Dana
Gri­gorcea und Anna Luchs hat ein ernsthaftes Problem: Ihn stört der Mond. Er macht ihn wahnsinnig. Rund und hell steht er am Himmel und leuchtet. Da kann der Wolf noch so lange «Mond aus!» rufen – die vorüberziehende Wolke oder die Flügel der Eule verdecken den Trabanten nur für Sekunden, und selbst dann spiegelt sich das Mondlicht im Wasser und in den Augen des kleinen Hasen. Bis der Wolf auf die Idee kommt, einfach die Augen zu schliessen, dauert es ganz schön lang.
«Mond aus!» ist das erste Bilderbuch der Zürcher Autorin Dana Grigorcea. Ihr Text beschränkt sich auf das Wesentliche, ent­faltet in seiner Lakonie aber einen hintergründigen Witz. Wie der Wolf im Wald herumtobt und die Tiere aufschrecken, um dann wieder schnarchend und grunzend ins Reich der Träume abzutauchen, lässt einen an wohlvertraute Alltagssituationen denken. Und doch ist man ganz im Wald. Dafür sorgen die stimmungsvollen Bilder von Anna Luchs, die den Tieren mit Fell und Federn, aber auch den Bäumen eine individuelle, sinnliche Textur gibt – während der Mond von Seite zu Seite hypnotisch über den nachtblauen Hintergrund wandert.
Dabei gibt es für Kinder, die ihre Augen partout nicht schliessen wollen, überall schöne Details zu entdecken. Die Illustratorin drückt dem Wolf zum Beispiel die Geschichte von Rotkäppchen in die Pfoten – kein Wunder, dass er nach dieser nicht sehr artgerechten Bettlektüre nicht schlafen kann.

Christine Lötscher
Buch&Maus, S. 27

Das tolle ABC-Buch
Joke van Leeuwen
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2016, Seiten: 88, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5926-1
Schlagwörter: Sprachspiel

Bilder, Geschichten & Gedichte

Buchstaben schubsen und drängeln sich so lange, bis aus dem Wort «Armut» das Wort «Traum» geworden ist, eine Truppe witziger Männchen in Sporttrikots verrenkt sich zum Turner-ABC und die Freun­de Gabella und Löffelino spinnen fröhlich darüber herum, dass Sonne doch eigent­lich Flomp und Stuhl Brups heissen könnte … Was die vielfach ausge­zeichnete, niederländische Künstlerin und Autorin Joke Van Leeuwen mit diesem Erstlese-Buch präsentiert, ist eine vor Fantasie und Kreativität strot­zende Spiel­kiste rund um Schrift und Sprache. Da gibt es Geschichten, Gedichte, Comics, Car­toons, Collagen, Fotos, Bildwörter und Buchstaben-Rätsel – mal sind sie lustig und albern, mal poetisch, philosophisch oder geheimnisvoll.

Jede Seite bietet Abwechslung und Überraschung, ist eine neue Einladung in die Wunderwelt der Buchstaben. Gestaltet hat van Leeuwen die einzelnen Kapitel sehr aufwändig in ihrem eigenwilligen Stil und mit vielfältiger Typografie. Dabei verknüpft sie Bild und Text zu einer Einheit: Wer findet in der Wimmel-Stadtansicht die versteckten Buchstaben? Wer kennt schon alle vier Vokale, die hier in poin­tierten Situationen vorgestellt werden? Wer kann das Monster- und das Schau-ABC entschlüsseln? Die Botschaft jeden­falls wird deutlich: Überall stecken diese magischen Zeichen, mit denen sich endlos viel erzäh­len lässt. Es lohnt sich Augen und Ohren aufzusperren, zu entdecken und zu experimentieren.

Ein kunterbuntes Sammelsurium lite­rarischer Appetithäppchen, das man jedem Kind wünscht, das gerade Lesen gelernt hat. Angerichtet werden sie so originell und ästhetisch, dass man sich der Jurybegründung zur Verleihung des James Krüss Preises 2013 nur anschliessen kann: «Jedes ihrer Bücher ist ein kleines Gesamtkunstwerk».

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/16, S. 31

Piratenschwestern
Petra Postert
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2016, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-300-9
Schlagwörter: Pubertät | Familie/Familienformen | Geschwister

Wenn sich Familienzuwachs ankündigt werden Familienstrukturen beeinflusst und verändert. Wenn dieser Zuwachs bereits fünfzehn Jahre alt ist und sich mitten in der Pubertät befindet, sind es Herausforderungen und Konflikte anderer Art, der sich eine Familie stellen muss.

Frankas Leben wird umgekrempelt, als ihre ältere Halbschwester Kim, Tochter von Frankas Papa, zu ihnen zieht. Die Zehnjährige freut sich auf die ältere Schwester und malt sich aus, wie so eine Teenagerin denn sein könnte. Zum Glück ist Kim keine von den «Treppentussis»: «dumme Tussis, grosse Mädchen eigentlich nur, die immer die Stufen auf der Treppe blockieren […]. Sie haben gross geschminkte Augen und riesige Handtaschen und tragen knallenge Hosen. […] Die Tussis rauchen. Und werfen ihre Haare und hören Musik und sind laut.» Kim ist für Franka eine Piratin: geheimnisvoll, wild und frei – und teilt mit ihr die Vorliebe für Schokolinsen und Kieselsteine. Und dennoch braucht es seine Zeit, bis sich Kim und Franka – bei aller anfänglicher Sympathie – wirklich wie Schwestern anfühlen und Franka schliesslich wild wie Kim wird: Sie lässt sich ihre Haare eben­so kurz schneiden und fühlt sich «pira­tinnen­schön!».

Aus Sicht der zehnjährigen Protagonistin schildert Postert das Entstehen einer Patchworkfamilie, die sich erst finden muss. Dass eine Familie dabei nicht zerbrechen, sondern an Konflikten und Neuerungen wachsen kann, veran­schau­licht Postert durch die schwesterliche Beziehung zwischen Franka, die stolz und zugleich schüchtern ihre Schwester bewundert, während sich Kim zunehmend auf ihre Schwester einlässt, gleichzeitig aber auch den ersten Liebeskummer bewältigen muss. Am Ende ist klar: Diese Schwestern gehören zusammen!

Sabine Planka
Buch&Maus 3/16, S. 30

Little Miss Florida
Kate DiCamillo
Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Ludwig
Verlag: dtv, Publiziert: 2016, Seiten: 232, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76157-4
Schlagwörter: Abenteuer

Seit ihr Vater mit einer Dentalhygienikerin durchgebrannt ist, wird die zehnjährige Raymie von einem sehr unangenehmen Bild verfolgt: Sie sieht vor ihrem geistigen Auge, wie der Mann, der eigentlich an ihren Küchentisch gehört, romantisch in einem Diner sitzt und seiner neuen Flamme tief in die Augen schauend Kaffee trinkt. So kann es nicht weitergehen, beschliesst die beherzte Protagonistin von Kate di Camillos neuem Kinderroman. Soll ihre Mutter depressiv vor sich hin brüten – Raymie wird etwas unternehmen. Sie muss, beschliesst sie, die Aufmerksamkeit ihres Vaters auf sich ziehen, damit er sich an sie erinnert und zurückkehrt. Zu diesem Zweck will sie «Little Miss Central Florida» werden. Doch es gibt zwei andere Mädchen, Beverly und Louisiana, die sich dasselbe Ziel in den Kopf gesetzt haben – denn auch sie haben mit ernsthaften Problemen zu kämpfen. Aus der Konkurrenz wird aber bald Freundschaft, und die drei erleben Abenteuer, die viel besser sind als jede Miss-Krone.
Wie schon in ihrem letzten Roman «Flora&Ulysses» lässt di Camillo die Welt der Erwachsenen durch eine radikale Kinderperspektive unvernünftig, ja gera­de­zu grotesk erscheinen. Auf den ersten Blick mögen es die Massnahmen der Kinder sein, die einem überspannt vorkommen. Doch wenn Raymie mit einer Biographie von Florence Nightingale in ein Pflegeheim marschiert, um dort gute Taten zu vollbringen und stattdessen in ein Gespräch mit einer zynischen Alten verwickelt wird, welche die Nase voll hat von all den Kindern, die Gutes tun wollen, erhärtet sich der Verdacht, dass die ganze Welt genauso verrückt ist, wie die Kinder sie erleben.
Durch die Augen von Raymie, Louisiana und Beverly erweist sich Kate di Camillo als eine kluge, einfallsreiche und humor­volle Analytikerin des menschlichen Herzens.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/16, S. 30

Moin und das Monster
Anushka Ravishankar
Aus dem Englischen von Barbara Brennwald
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2016, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-905804-73-7
Schlagwörter: Fantasie

Auch für Monster gibt es Regeln. So muss sich ein Monster, das in die Welt der Menschen geschickt wird, immer unter einem Bett verstecken (Regel 42 – «Falls kein Bett da ist, kann es sich auch unter einem Schrank oder irgendeinem anderen Möbelstück aufhalten.») Als Moin nachts durch lautes Schniefen geweckt wird und unter seinem Bett nachschaut, sieht er aber erst mal – nichts. Er muss das Monster erst zeichnen, um es zu sehen. («Eine dieser blöden Regeln.») Dummerweise ist Moin kein besonders guter Zeichner und das Monster schlecht im Beschreiben. So bekommt es aufgrund eines Missver­ständ­nisses statt Hörnern Rikscha-Tröten an den Kopf. Und weil Moin nicht weiss, was Ski sind, rät er («Im Raten bin ich ziemlich gut»), wie die Füsse des Monsters aussehen könnten. Purpurrot ist gerade aus, also malt Moin mit grellpink. Das Monster ist entsetzt: «Was hast Du getan? Was hast Du nur getan?», heult es, als es sich zum ersten Mal sieht. Aber weil ein Monster für immer bei dem Menschen bleibt, der es gezeichnet hat (Regel 54) und auch nicht verschenkt werden kann (Regel 114), müssen die beiden nun eben irgendwie miteinander auskommen.
Seit fast 30 Jahren setzt sich der Kinderbuchfonds Baobab für die Verbreitung von Kinder- und Jugendmedien aus Afrika, Asien, Lateinamerika, Ozeanien und dem Nahen Osten ein. Mit «Moin und das Monster» von Anushka Ravishankar prä­sen­tiert er eine Erzählung aus Indien, zu der im kostenlosen Download auch Unterrichtsmaterialien mit Hintergrundinformationen zum Land erhältlich sind.
Eine Monstergeschichte mit indischem Lokalkolorit, die so gar nicht zum Fürchten ist, jagt doch eine lustige Situ­a­tion die nächste. Eingefangen werden diese in Schwarzweisspink-Zeichnungen von Anitha Balachandran.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/16, S. 30

Sally Jones
Jakob Wegelius
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2016, Seiten: 624, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5874-5
Schlagwörter: Abenteuer | Krimi/Thriller | Historisches | Tiere | Reisen

Mord ohne Leiche

Nach dem spurlosen Verschwinden eines dubiosen Seemanns im Hafenbecken von Lissabon um 1900 wird der Seemann Koskela des Mordes angeklagt, obwohl es nicht einmal eine Leiche gibt. Seine engste Vertraute will ihn nicht für 25 Jahre ins Gefängnis gehen sehen und beschliesst, auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen. Keine leichte Aufgabe, denn abgesehen davon, dass der Fall alles andere als leicht zu klären ist, handelt es sich bei Sally Jones um eine zwar einfallsreiche aber ansonsten doch durch und durch tierische Gorilladame …

«Mord ohne Leiche» ist die um einiges umfangreichere Fortsetzung in Roman­form von «Weltreise in Bildern», die als durchgehend vierfarbig colorierte Graphic Novel 2009 grosse und kleine LeserInnen begeisterte. Der Lesestoff hat in den vergangenen sieben Jahren einen drastischen aber absolut faszinierenden Wandel erfahren, hin zum sprachlich einfachen, aber wunderschönen Lebensbericht der Gorilladame, einer erfahrenen Inge­nieu­rin und Gefährtin, die ihresgleichen sucht.

Jakob Wegelius‘ Arbeit merkt man die Liebe zum Detail an – sowohl in schriftstellerischer als auch in illustratorischer Hin­sicht. Sein Kriminalroman gerät hier zum fantastischen, farbenprächtig ausformu­lierten Reise- und Abenteuerbericht und ist deutlich an historischen Vorbildern orientiert. Sally Jones wird dabei nicht als verkitschtes, mit Menschen sprechendes Tier dargestellt, sondern als Gorilladame mit Würde, die sich dank ihrer Intelligenz schreibend verständigen kann. Ein Roman, der auf den ersten Blick in keine Schublade passt, doch fraglos lese­freu­di­gen Kindern ab neun Jahren schon immen­ses Vergnügen bereiten wird – umwerfend!

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/16, S. 33

Jonny Himmelblau und der Millionenvogel
Andrea Karimé
Verlag: DIX Verlag, Publiziert: 2016, Seiten: 184, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-941651-02-9

Keiner spricht so schnell und viel wie Jonny Himmelblau – «garantiert, Gott hat’s gesehen», seine Wortwasserfälle sind bekannt. Daran ändert auch der Stimmbruch nicht, der ausgerechnet ihn schon mit zwölf trifft. Unterwegs mit seinem blinden Freund Malik, der singt wie eine Nachtigall und eine Vorliebe für englische Einwürfe hat – «yesplies!» – ist Jonny auf einer Mission: Den wertvollen Vogel muss er wiederbeschaffen, den die Stiefmutter ihrer Freundin Aische geklaut hat. Während Aische auf Verwandtschaftsbesuch in Deutschland ist, machen Jonny (der eigentlich Junis heisst) und Malik dafür Kairo unsicher. Wie blöd, dass ausgerechnet jetzt ganz Ägypten «Stubenarrest» hat, weil gerade etwas «Historisches» geschehe, wie Onkel Sami erklärt. Wieso der Präsident das Mobilnetz abschaltet, um nicht gestürzt zu werden, kann sich Jonny aber nicht so ganz erklären: Beliebter wird er damit sicher nicht, jedenfalls nicht bei Johnny, der so weder sein neues Smartphone verwenden kann noch Aisches Mail aus Deutschland empfängt. Und für Stubenarrest hat Johnny ganz und gar keine Zeit: Mit Hilfe von seinen Rede- und Maliks Gesangs­künsten, einem Wagen voller Zitronen und etwas Glück geht es der Vogelentführerin an den Kragen!
«Jonny Himmelblau und der
Mil­lionenvogel» ist der zweite Band für das Mittelstufenalter über den paten­ten Jungen mit Detektivambitionen aus Kairo, den man mit seinem geschmierten Mundwerk und seinen Wortneu­schöpfungen sofort lieb gewinnt. Der arabische Frühling bildet den Hintergrund der Geschichte, ohne den Fokus von den Kindern und ihren Erlebnissen zu neh­men. Denn Andrea Karimé erzählt nie überheblich-aufklärerisch, sondern authentisch, packend, mit viel Humor und Wärme. Für einen dritten Band bleiben genug Fragen offen – «yesplies, hörriap!»

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/16, S. 33

Was WÜRDEst du tun?
Karin Gruss, Illustration: Tobias Krejtschi
Verlag: Minedition, Publiziert: 2016, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86566-308-5
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing

Wen WÜRDEst du in deine Mannschaft wählen? Was WÜRDEst du posten? Wie WÜRDEst du dich fühlen? – Das sind nur drei von insgesamt elf Fragen, die Karin Gruss den kindlichen und erwachsenen BetrachterInnen stellt. Stets typografisch in Grossbuchstaben herausgehoben ist dabei das zentrale Wort, um das sich in diesem Bilderbuch alles dreht: die Men­schenWÜRDE. Denn es sind keine moralisch einfachen Fragen, die am bes­ten im Dialog miteinander beantwortet werden können. Um Armut, Diskri­mi­nierung oder Mobbing geht es hier. Da ist ein Ob­dach­loser namens Harry zu sehen, der leere Pfandflaschen aus dem Mülleimer holt, oder der Junge Joshua, der in der Umkleidekabine von Mitschülern geärgert wird. Fragwürdige zwischenmenschliche Verhaltensweisen stehen zur Disposition, um eine eigene Haltung dazu zu entwickeln. Ein Bilderbuch, für das der Hamburger Illustrator Tobias Krejtschi zum ersten Mal digital gearbeitet hat: «Als Grundlage dient auch hier die klassische Bleistiftzeichnung. Dann habe ich mit Farbflächen und unterschiedlich gescannten Texturen gearbeitet. Aufgrund der Knappheit des Textes musste der Grossteil des Inhalts durch das Bild transportiert werden.»
Das hochformatige Bilderbuch in gedeckten Rot-, Braun- und Grautönen eignet sich für den Unterricht in der Unter- oder auch Mittelstufe. Ein Buch, das einen wichtigen politischen Beitrag leistet. Dabei hat die Autorin ein klares Anliegen: «Ich begrüsse es sehr, wenn auch das Bilderbuch sich einmischt. Zusam­men­hänge erkennen, Ursachen nachspüren, eine Meinung bilden: All das sollen, können – und wollen! – Kinder schon früh erproben. Wenn wir es mit der Demokratie ernst meinen, dürfen wir Kindern diese Prozesse nicht vorenthalten.»

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/16, S. 27

Peter Hase
Emma Thompson, Illustration: Eleanor Taylor
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Verlag: Annette Betz, Publiziert: 2016, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-219-11698-4
Schlagwörter: Feste/Bräuche

Ein Weihnachtsabenteuer

Peter Rabbit ist der Held einer doppelten Erfolgsstory: Zum einen verwandelte «Die Geschichte von Peter Hase» 1902 die Tochter einer Upperclass-Familie in die gefeierte Künstlerin Beatrix Potter. Zum anderen ermöglichte ihr der rasende Absatz der Tiergeschichte(n), als Frau selbstständig und unabhängig zu leben. Von klein auf waren Tiere Beatrix’ einzige Spielkameraden. Es gelang ihr sogar, ein Kaninchen längere Zeit unentdeckt im Kinderzimmer zu halten. Stundenlang studierte sie zeichnend Haltung, Ausdruck und Mimik von «Ben­jamin Kaninchen». Potter gelang es, Tiere realistisch wiederzugeben und sie zugleich mittels zeitgenössischer Accessoires zu vermenschlichen. In ihren Geschichten geht es lustig und abenteuerlich zu, sie will unterhalten statt belehren. Und dies vor der idyllischen Kulisse des Lake District.
2015 entschloss man sich, neue Geschichten von Peter Hase bei der Schauspielerin Emma Thomp­son in Auftrag zu geben. Eine gute Wahl! Voller Respekt vor Potters Leistung verwandelt sie sich Ort, Figuren und Inhalt an. Als spiele sie die berühmte Erzählerin, schlüpft sie in deren Rolle, bis hin zur altmodischen Wortwahl, von Alexandra Ernst gekonnt ins Deutsche übersetzt. In der neuesten Geschichte retten die beiden Lausbuben Peter und Benjamin einen Truthahn davor, als Weihnachtsbraten zu enden. Thompson gestaltet den Vogel mit sanftem Spott, ganz wie ihr Vorbild: als Geck, der zu stolz und naiv ist, zu erkennen, dass man ihn nur deshalb besonders gut behandelt, weil er für den Kochtopf vorgesehen ist.
In den Bildern scheinen manche Posen direkt aus den Vorlagen durchgepaust zu sein, andere gelingen weni­ger gut, weil Eleanor Taylor – anders als Thompson – Beatrix Potter nicht das Wasser reichen kann. Für Spin-offs reicht es aber allemal.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/16, S. 27

Was ist los vor meiner Tür?
Herausgeber:in: Stephanie Jentgens
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2016, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-942787-87-1

20 Geschichten der Besten zum 60 - Geburtstag des Deutschen Jugendliteraturpreises

Der in der Schweiz geborene Italiener Davide Calì erzählt von einem «Mann, der Briefkästen pflanzte», Tami Shem-Tov aus Israel über den sechsten Sinn eines Mädchens, der Lette Māris Putniņš von einem nicht ganz ungefährlichen nächtlichen Spaziergang durch die Vitrine einer Konditorei und Kirsten Boie von vier elfjährigen Kindern und ihren sehr persönlichen Definitionen vom Glückhaben.
Was den genannten Autorinnen und Autoren gemein ist? Sie alle sind schon einmal mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet worden oder wa­ren für ihn nominiert. Seit 1956 zeich­net der aktuell mit 62.000 Euro do­tierte Staatspreis jährlich herausragende Werke der Kinder- und Jugendliteratur aus, feiert in diesem Jahr also seinen 60. Geburtstag. Für den Arbeitskreis für Jugendliteratur, der den Preis ausrichtet, Anlass, eine Jubiläums-Anthologie mit «20 Geschich­ten der Besten» herauszugeben, wie es im Untertitel heisst. Für «Was ist los vor meiner Tür?» haben zwanzig Autorinnen und Autoren aus aller Welt Geschichten geschrieben, die eine geheimnisvolle, manchmal auch fantastische Atmosphäre verbindet. Mal sind es Tiere, die im Mittelpunkt stehen, mal Kinder, zuweilen auch Erwachsene.
Aljoscha Blau – schon zweimal mit der begehrten «Momo» ausgezeichnet – hat die Geschichten mit Bildern illustriert, die Stimmungen und Szenen einfühlend und hintergründig zugleich in Szene setzen. Ein sehr besonderes Vorlesebuch mit einer Fülle von «Liest-Du-mir-nochmal-die-Geschichte-von…»-Geschichten, das in diesem Jahr bei allen, die gerne vorlesen bzw. vorgelesen bekommen, nicht unter dem Weihnachtsbaum fehlen sollte.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/16, S. 33

Crenshaw
Katherine Applegate
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2016, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5427-1
Schlagwörter: Armut

Einmal schwarzer Kater

Jacksons Familie wird von Geldsorgen geplagt, denn der Vater ist an Multipler Sklerose erkrankt und die Mutter hat ihren Job als Musiklehrerin verloren hat. Nachdem die Familie bereits einmal vierzehn Wochen im Minivan gelebt hat, ist der Geldmangel erneut so gross, dass sie aus der neuen Wohnung ausziehen muss. Die nun drohende Obdachlosigkeit ist für Jackson eine belastende Situation – in der sein imaginärer Freund Crenshaw, ein grosser, schwarz-weisser Kater, wie­der auftaucht und ihn fortan begleitet. Das erste Mal hat Jackson den Kater gesehen, als er mit seiner Familie im Minivan schlafen musste. Crenshaw steht Jackson bei, wenn er ihn braucht: «Imaginäre Freunde kommen nicht aus freien Stücken. Wir werden eingeladen. Wir bleiben, solange wir gebraucht werden. Und dann, erst dann gehen wir wieder.»
Applegates Roman schildert – z.T. retrospektiv – aus der Sicht des Ich-Erzählers Jackson die finanziellen Nöte einer Familie, die alles versucht, um wieder auf die Beine zu kommen: Die Eltern treten als Strassenmusiker auf und verkaufen das Hab und Gut der Familie auf einem Flohmarkt, um Geld für Miete und Essen zu haben. Dass sie ihre Kinder beschützen wollen, indem sie ihnen ihre Notlage verheimlichen, macht alles – besonders für Jackson – nur schlimmer. Der imaginierte Crenshaw erweist sich als grosse Stütze für Jackson: Er sorgt dafür, dass Jackson den Mut findet, sich seiner Freundin Marisol anzuvertrauen und seinen Eltern seine Gefühle zu offenbaren.
In die bittere Ebene der Realität eine magische Komponente einbindend, ge­lingt es Applegate zu zeigen, dass Kinder zwar Möglichkeiten finden, sich mit schwierigen Ereignissen zu arrangieren, dass sie jedoch ernst genommen werden müssen, damit die Ungewissheit ihnen das Leben nicht noch schwerer macht.

Sabine Planka
Buch&Maus 3/16, S. 32

Der Fuchs und die verlorenen Buchstaben
Pamela Zagarenski
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2016, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86873-942-8
Schlagwörter: Fantasie

«Es war einmal», so märchenhaft beginnt das neue Bilderbuch der preisgekrönten, amerikanischen Illustratorin Pamela Zagarenski, deren zauberhafte Traum­reise «Schlaf wie ein Tiger» 2014 auch auf Deutsch erschienen ist. Was sie dieses Mal zu erzählen hat, ist wirklich ein Märchen: Ein Mädchen, das Geschichten über alles liebt, bekommt ein magisches Buch von seiner Lehrerin ausgeliehen. Doch welche Enttäuschung, als sie es zu Hause aufschlägt: Die Seiten sind leer, die Buchstaben verloren, nichts als wunderliche Bilder. «Fantasie ist einfach!», flüstert da eine Stimme und gibt gleich ein paar ermunternde Tipps. Und siehe da, nach anfänglichen Schwierigkeiten «flogen dem kleinen Mädchen die Wörter zu wie von selbst. Sie verschmolzen zu Sätzen,
und die Sätze verflochten sich zu
Geschich­ten.»
Gleich sieben Geschichten fabuliert das Mädchen entlang der doppelseitigen, detailreichen Illustrationen, eine span­nender als die andere. Wobei – mehr als
einige prägnante Anfangssätze gibt es nicht, aber diese katapultieren die Leser­Innen sofort in eine fantastische Welt und bringen das Kopfkino zum Laufen: Was hat es mit dem Besuch des Blauen Bären auf sich? Wohin fliegt die Eule mit dem goldenen Schlüssel? Und warum zaubert der geheimnisvolle Mann mit Seifenblasen riesige Walfische ins Hafenbecken?
Dabei lässt der Bildstoff tief eintauchen: zarte Buntheit, in vielen Schich­ten aufgetragen und wieder abgekratzt, mit filigranen Ornamenten und Collage-Elementen durchsetzt, reich an Poesie, Exotik und Atmosphäre.
So ist «Der Fuchs und die verlorenen Buchstaben» eine Verführung zur Fantasiereise und eine Hommage an die Magie des Geschichtenerzählens.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/16, S. 28

Ich bin ein Tiger
Michael Engler, Illustration: Joëlle Tourlonias
Verlag: Annette Betz, Publiziert: 2016, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-219-11694-6
Schlagwörter: Spiel | Tiere

Kleine Kinder verfügen über eine enorme Vorstellungskraft. So auch der Junge in «Ich bin ein Tiger», dem neuen Bilderbuch von Michael Engler. Einen Tag lang begleiten wir ihn in seinem Tigerdasein. Wie lange er diese Rolle schon spielt, bleibt offen. Sicher ist, dass ihm bereits ein Tigerkostüm, Hausschuhe und Mütze genügen, um sich wie ein echter Tiger zu fühlen.
Das Schauspiel beginnt schon gleich morgens. Einmal gestreckt und schon brülllt er so laut er kann: «WOAR! WOAR! WOAR!» Die Eltern machen das Spiel gelassen mit und basteln an dem freien Tag Tigermasken mit ihrem Sohn. Illustratorin Joëlle Tourlonias erklärt: «Diese Familienszene sollte ursprünglich am Tisch stattfinden, aber ich fand es am Boden passender – tigermässiger.»
Drei «Elefantastisch»-Bände haben Michael Engler und sie bereits zusammen gemacht. Joëlle Tourlonias ist aber auch mit anderen Bilderbüchern und neu auch mit Pappbüchern erfolgreich. In «Ich bin ein Tiger» überzeugt sie durch ein erstaunliches Farbgespür, die Erzeugung ganz unter­schiedlicher Stimmungen, viel Dynamik durch die passende – an einer Stelle wild mit Bleistift gekritzelte – Typografie, sowie durch viele liebevoll gezeichnete Details, z.B. die Tigertasse oder das Tiger Crunch Müsli. Zusätzlicher Anreiz in die lebendigen und ausdruck­starken Aquarellbilder einzutauchen bieten die vier Kuscheltiere, die Tourlonias geschickt auf jeder Seite platziert hat.
Und für nacheifernde kleine Tiger lassen sich auf der Website des Verlags zwei Ausmalvorlagen aus dem Buch herunterladen.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/16, S. 28

Tausend Dummheiten
Jürg Schubiger, Illustration: Eva Muggenthaler
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2016, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0558-7
Schlagwörter: Schule

Wenn Luzi zu seinem Klassenkameraden, dem Ich-Erzähler, zum Mittagessen kommt, steckt ihn dessen Mutter erst einmal in die Badewanne. Einmal im Monat kürzt sie ihm auch die Hufe. Denn Luzi ist ein Teufel – genauer ein Teufelslehrling. Luzi, der gerne schmatzt und rülpst, bringt eine Menge Unruhe in die Klasse. Denn sein Auftrag ist es, die Kinder des Dorfes zu tausend Dummheiten anzustiften – dann erst darf er zurück in die Hölle. Erst macht die Klasse begeistert mit, aber je mehr Zeit die Kinder mit Luzi verbringen, desto weniger wollen sie ihn wieder verlieren. Also geben sie sich alle Mühe brav zu sein und stürzen sich geradezu auf Gebrechliche, um ihnen über die Strasse zu helfen. Doch Luzi hat Heimweh nach der Hölle …
Wie schön, dass auch zwei Jahre nach dem Tod des Meisters der poetischen Feinfühligkeit, Jürg Schubiger, noch Werke von ihm herauskommen. Zwar ist «Tau­send Dummheiten» schon in der Sammlung «Als die Welt noch jung war» erschienen, doch mit Eva Muggenthalers Illustrationen gewinnt die Geschichte da­zu. Ihre Bilder sind wild und ungezügelt, in höllischen Farben gehalten und zeigen doch auch die augenzwinkernde Leichtigkeit des Textes. Dabei fabulieren sie die Geschichte weiter: Wie gut etwa können wir uns Luzis Heimweh nach der Hölle vorstellen, wenn wir sehen, wie seine teuflische Familie ihn weinend in die obere Welt entlässt und der dreiköpfige Höllen­dackel ihm traurig hinterherbellt!
Das Konzept des Teufels, mit dem hier genüsslich gespielt wird, dürfte in der heutigen Kleinkindergeneration vermut­lich eher unbekannt sein, ausserdem ist das Buch bilderbuchuntypisch textlastig – aber für alle etwas Älteren mit Freude an Absurditäten bietet «Tausend Dummheiten» ein höllisches Spektakel.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/16, S. 28

Armstrong
Torben Kuhlmann
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2016, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10348-3

Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond

Sind Mäuse die klügeren Helden und besseren Flieger? Das zumindest glaubt Torben Kuhlmann. In seinem viel gepriesenen Erstling «Lindbergh» liess er eine den Atlantik überqueren und im neuesten Werk darf Mäuse-«Armstrong» sogar zum Mond fliegen.
Der Titelheld ist jedoch kein Mensch in Mäusegestalt, wie es traditionelle Tiergeschichten vormachen. Er bleibt immer so klein wie ein Mäuserich tatsächlich ist und kann einen Stift gerade eben mit beiden Vorderpfötchen halten. Trotzdem fertigt Armstrong feinste technische Zeichnungen an. Denn er ist ein Entdecker und so ganz anders als seine Artgenossen, die den Mond für einen Käse halten. Wie der gleichnamige menschliche Kollege lebt er im New York der 1950er-Jahre, das auf male­rischen Tableaus atmosphärisch in Szene gesetzt wird. Da passieren pastell­farbene Strassenkreuzer, tragen Männer Hüte und Anzüge wie Humphrey Bogart.
Kuhlmann ist ein Historienmaler. Alles scheint genau recherchiert, jedes Detail ist stimmig. Zudem arrangiert er die Abfolge grossformatiger Abbildungen mit kleinen, montierten Bildern geradezu filmisch. Fliessend gleiten die Augen von einer Ansicht zur nächsten. Bild und Text kann der Künstler, da beides aus seiner Feder stammt, erzählerisch verzahnen. Die zahlreichen Eindrücke in Kuhlmanns Geschichtsstunde werden vertieft, indem das historische Geschehen im Mäuseabenteuer nachgespielt wird – bis hin zur «Mäuseluftfahrt». Das muss man nicht glauben, erfährt aber nebenbei eine Menge Wissenswertes, das im Infoteil summiert wird. Seine Faszination für Historisches weiss Kuhlmann so in Szene zu setzen, dass der Funke der Begeisterung überspringt.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/16, S. 29

Arno
Nikolaus Heidelbach
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2016, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82145-4
Schlagwörter: Traum | Nonsens

Und die Festgesellschaft mit beschränkter Haftung

Alles beginnt mit einer Werbekarte, die Arnos Eltern aus dem Briefkasten fischen: «Sie haben ein Kind? Sie sind überfordert? Wir nicht. Die Fest-GmbH» , ist da zu lesen. Was darauf folgt, ist eine aberwitzige Odyssee á la Alice im Wunderland: Nicht nur, dass Arno am nächsten Morgen unter einem grossen, dicken Mädchen fast erstickt, vor seinem Bett steht auch noch ein Kamel, das mit zwei Stimmen aus den
Höckern einen Geburtstag «der Über­raschun­gen, Gefahren und Abenteuer» verkündet. Nur, dass Arno gar nicht Geburtstag hat … Und dann ist da noch seine Betreuerin Uschi Schuhschnabel – ein seltsamer Vogel, der ständig «Keine Fragen!» zischt.
Von nun an überschlagen sich die Ereignisse: Arno entkommt mit Hilfe eines
gefrässigen Monster-Geldbeutels nur haarknapp einem ebenso gefrässigen Kaugummimonster, er schwimmt mit Haien, spielt mit Seekühen Korbball und mit halbnackten Tänzerinnen Blinde Kuh, er schwebt, fliegt und klettert. Zwölf LKW-Wägen lang ein bizarres Spektakel mit immer neuen Akteuren und Szenerien, so fantastisch wie dilettantisch aufgeführt. Dabei geht so einiges schief: Falsche Auftritte, Krankheitsvertretungen und immer wieder verzweifelte Anweisungen aus dem Off. Grund genug für Schlaumeier Arno zwischen all seinen schrägen Erlebnissen zu ergründen, was hier eigentlich los ist und wie dieses Schmierentheater funktioniert.
Grandios illustriert und mit viel Spannung und Situationskomik erzählt, präsentiert Nikolaus Heidelbach hier eine opulente Zirkusbühne im XXXL-Format und inszeniert zwischen Fantasie und Wirklichkeit, Grusellust und Albernheit. Ein verrätseltes, versponnenes und verschmitztes Buch mit vielen Zickzackwendungen, das in seiner Übergrösse so sperrig ist wie manch verrückter Traum.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/16, S. 29

Nest
Esther Ehrlich
Aus dem amerikanischen Englisch von André Murmot
Verlag: Aladin, Publiziert: 2016, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-2077-8
Schlagwörter: Krankheit | Familie/Familienformen | Historisches | Tod/Trauer

Naomi, genannt Chirp, liebt Vögel und das Tanzen. Wenn die Elfjährige nicht mit dem Fernglas unter einem Baum am nahe gelegenen See sitzt und Vögel beobachtet, tanzt sie mit ihrer Schwester oder der Mutter, einer professionellen Tänzerin, durch Haus und Garten. Eine sorglose, wohlbehütete Kindheit – bis Chirps Mutter an Multiple Sklerose erkrankt und schwer depressiv wird.

Esther Ehrlichs Kinderbuch versetzt die LeserInnen in das Amerika der frühen 1970er- Jahre zurück. Eine Zeit, in der MS so gut wie gar nicht und Depressionen mit Elektroschocks behandelt wurden. Nao­mis Mutter helfen sie nicht. Als sie nach mehr als drei Monaten in einer Spezialklinik heimkehrt, geht es ihr nicht besser. Sie nimmt sich das Leben. Der Tod der Mutter stürzt Chirp in tiefe, sprachlose Traurigkeit. Aus Kleidungsstücken baut sie sich in einer Ecke ihres Zimmers ein Nest und verkriecht sich darin.

Mit Chirp hat Esther Ehrlich eine Ich-Erzählerin geschaffen, die man sofort ins Herz schliesst und geradezu körperlich vermisst, wenn die Zeit zum Weiterlesen fehlt. Warmherzig, einfühlend und tief berührend lässt die US-Amerikanerin ihre junge Heldin von Erinnerungen an schöne Erlebnisse und Rituale mit der Mutter erzählen und schafft so grosse Nähe zu ihrer Protagonistin. Doch auch ihre Nebenfiguren überzeugen durch Vielschichtigkeit und Authentizität.

Als Chirp ausreisst und im nahe­gelegenen Boston zusammenbricht, ist Joey an ihrer Seite. Der Klassenkamerad aus der Nachbarschaft, der nie weiss, ob ihn zu Hause Schläge, Streit oder Tränen erwarten, ist für Chirp da, hält sie fest und ermuntert sie, ihren Vater anzurufen, der sofort ins Auto springt und beide nach Hause holt.

Ein beeindruckendes Debüt – das schlichte, kunstvoll reduzierte Titelbild von Felicitas Hornschäfer inklusive.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/16, S. 34

Schneller als Licht
Bettina Spoerri
Verlag: SJW, Publiziert: 2016, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0032-8
Schlagwörter: Tod/Trauer

Wenn Dorian an der Spielkonsole seine Rennen fährt, schlüpft er in die Rolle des tödlich verunglückten Rennfahrer Ayrton Senna. Dorian ist schnell. Nur manchmal wird er beim Spielen abgelenkt und dann gibt’s einen Crash. Den maximalen Crash kennt er schon aus dem wirklichen Leben – vor kurzem ist seine Mutter gestorben. Nicht so spektakulär wie Senna – langsamer, quälender. Wie soll ein 13-Jähriger das verkraften?
Eigentlich erleben wir nur ein Wochenende mit Dorian, seinem grossen Bruder und dem Vater. Aber seine Gedanken rasen immer wieder in die Vergangenheit und vermitteln, was alles passiert ist, und unter welchem Druck Dorian steht. «Er wollte nicht, dass die Mutter seine Angst spürte. Denn da war etwas im Raum, etwas, das er nicht kannte: Es war, als ob ein unsichtbares Tier in einer Ecke des Zimmers hocken würde, ein unheim­liches, dunkles Tier.» Ein scheinbar neutra­ler Erzähler beschreibt Dorians
Ge­fühls- und Gedankenwelt. Tatsächlich werden wir aber zu seinem Vertrauten und Co-Piloten in einem nerventreibenden Auf und Ab: zwischen Poleposition im Spiel und Rückwärtsgang im richtigen Leben.
Ein Besuch im Planetarium bringt den Neuanfang. Der Vater überlegt, dass die Mutter vielleicht auch irgendwo «da draus­­sen» ist, ein erloschener Stern, der aber immer noch strahlt. Es ist ein magischer Moment. Dorians Schutzschild bricht auf. Jetzt erzählt auch er dem Vater: von dem unheimlichen Tier, den schnellen Rennen und seinen Alpträumen. Die schreckliche Spannung kann sich endlich lösen.
Das erste Werk von Bettina Spoerri für ein jugendliches Publikum wurde 2015 mit dem «Baarer Raben» ausgezeichnet. Mit den ausdrucksstarken schwarz-weiss
Illustrationen von Sarah Furrer nimmt die Kurzgeschichte noch mehr Fahrt auf.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/16, S. 34

Letztendlich geht es nur um dich
David Levithan
Aus dem amerikanischen Englisch von Martina Tichy
Verlag: Fischer FJB, Publiziert: 2016, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8414-2240-8

Rhiannon ist dabei, sich komplett zu verlieren: Vollkommen auf ihren unzuverläs­sigen, labilen Freund Justin ausge­richtet, stellt sie alle eigenen Wünsche hinten an, um ganz in seinen Bedürfnissen und spo­ra­dischen Zuwendungen aufzugehen. Das erste Kapitel von David Levithans neuem Roman entwirft so das ebenso realistische wie tieftraurige Psychogramm eines 16-jährigen Mädchens in einer Abhängig­keits­beziehung, die jede Lebenslust und Selbstachtung zu ersticken droht. Bis A in Rhiannons Leben tritt. Wir kennen A aus dem preisgekrönten Roman «Letztendlich sind wir dem Universum egal» als eine Art seelische Essenz, die jeden Tag den Körper wechselt und zu Beginn der Handlung in Justins Leben aufwacht, um sich in Rhiannon zu verlieben. Der Folgeband schildert die Folgen der Begegnung nun aus ihrer Perspektive.
Die Idee ist überaus reizvoll: Jeder Mensch ist ein Universum für sich, durch einen anderen nie vollends zu ergründen; nur die Innenperspektive kann letztlich ein Bild von der Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit menschlicher Exis­tenz vermitteln. Doch während der erste Band seine Spannung und die Kraft des philosophischen Gedankenexperiments aus der Fluidität von As Identität und dem Gewicht seiner/ihrer Verkörperungen bezieht, bleibt Rhiannons Perspektive starr und partiell: Ihre Geschichte wird in As hineingepresst, ohne dass weitere Fa­cet­ten ihrer Persönlichkeit entwickelt würden. Durch die Begegnung mit A lernt Rhiannon, ihr heteronormatives Denken zu hinterfragen, die für sie zentralen As­pek­te von Beziehungen auszuloten und ihre eigenen Wünsche zu artikulieren. Das ist lesenswert, auch ermächtigend. Ein eigenes Universum entwirft «Letztendlich geht es nur um dich» aber nicht. Und das liegt wohl vor allem daran, dass sich die weibliche Figur aller Lippenbekenntnisse zum Trotz wiederum nur als Teil einer Beziehung definiert.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/16, S. 34

Unicorns don’t swim
Verlag: Aviva, Publiziert: 2016, Seiten: 250, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-932338-82-3

Geschichten gegen den Mainstream, besonders aber Geschichten gegen festgefahrene Genderbilder versammelt Schrift­stellerin und Herausgeberin Antje Wagner in einem aus zwanzig Er­zählungen verschiedener Autorinnen
bestehenden Band unter dem Titel «Uni­corns don't swim». Da geht es um eine verschwundene Mutter, die Jahre später als Mann wieder in das Leben ihrer Tochter tritt, da geht es um Mädchen, die lieber Computerspiele programmieren oder Skateboard fahren als mit der breiten Masse zu schwimmen, da geht es um die aufgeklärte Tochter, der es peinlich ist, mitanzusehen, wie ihr Vater um sein Schwulsein herumdruckst statt es einfach auszuleben. Es wird von der Jungvermählten erzählt, die in ihrer Angetrauten plötzlich einen Drachen zu erkennen glaubt, einen wunderbaren, begeiste­rungs­fähigen Drachen, aber eben doch eine Kreatur, mit der man sich nicht in der Öffentlichkeit sehen lassen kann – oder? Die Texte wurden durchweg von Frauen geschrieben und berücksichtigen primär die weibliche(n) Perspektive(n). Ansons­ten wartet das Buch mit erfreulicher Hetero­genität auf, das einem Flücht­lingsmäd­chen ebenso eine Stimme verleiht wie der verzweifelten Familie, die hilf­los mitansehen muss, wie eine der Töchter aus Liebeskummer der Mager­sucht verfällt.
Antje Wagner schreibt in ihrem Vorwort, dass die Erzählungen uns über unsere Erwartungen stolpern liessen, doch stimmt das? Jeder der Texte allein für sich und aus dem Kontext gerissen, vielleicht – aber in der Zusammenstellung ahnt eine erfahrene Leserin alsbald, worauf es in dem jeweiligen Text hinausläuft. Oder sind wir doch alle gar nicht (mehr) so dem Stereotyp verfallen? Was ja letzten Endes eine wünschenswerte Rezeption einer ungewöhnlichen und sehr starken Sammlung von Erzählungen wäre …

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/16, S. 35

Dschihad online
Morton Rhue
Aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2016, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-40118-5
Schlagwörter: Extremismus/Terrorismus

Jugendliteratur reagiert sofort auf aktuelle Themen. Kein Wunder, dass gleich meh­rere neue Titel vorliegen, die sich in Roman­form der Radikalisierung junger MuslimInnen und ihrer Reise in die Gebiete des so genannten Islamischen Staates an­nehmen. Einige davon muten an wie Aufklärungsbroschüren mit Storyanteilen. Die Absicht ist klar: aufzuzeigen, wie schnell unbedarfte Jugendliche in die Fänge der Gehirnwäscher gelangen können und davor zu warnen.
Der Protagonist in Morton Rhues «Dschi­had online» ist hingegen von Natur aus einer, der gerne zweifelt. Khalils Leben zwischen zwei Kulturen – der bosnischen, muslimischen Herkunftskultur seiner Eltern und der US-amerikanischen, in der er seit Geburt lebt – hat ihn gelehrt: «Jeder glaubt, dass seine Seite Recht hat, aber es gibt immer zwei Seiten. Wer glaubt, der Westen sei immer gut und der Islam immer böse, hat genauso Unrecht wie jeder, der das Gegenteil behauptet.»
Khalil ist es denn auch nicht, der sich radikalisiert. Ganz dazugehören wird er aber dennoch nie in diesem Land, in dem «jede verschleierte muslimische Frau und jeder muslimische Mann mit Bart und Gebetskappe für einen potenziellen Terro­risten gehalten wird.» Besorgt muss Khalil mitansehen, wie sein älterer Bruder, für den das Leben in den USA bisher nur Enttäuschungen bereithielt, in seinem Hass bestärkt wird, zum Salafisten wird und sich zusehends radikalisiert. Am Ende wird auch Khalil eingespannt und muss sich entscheiden, zu wem er hält.
Der Titel «Dschihad online» scheint willkürlich gewählt. Viel mehr als die Radikalisierung via Internet steht in diesem Roman die gesellschaftliche Stellung der jungen Muslime in den USA im Zentrum. Dabei ist Rhue ein bemer­kenswert differenzierter Umgang mit der Thematik gelungen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/16, S. 35

Dazwischen: Ich
Julya Rabinowich
Verlag: Hanser, Publiziert: 2016, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25306-3

Wir wissen nicht, aus welchem Land Madina, die 15-jährige Ich-Erzählerin von Julya Rabinowichs eindrücklichem Ju­gend­­roman «Dazwischen: Ich» kommt, und wir wissen nicht, in welchem euro­päischen Staat sie gelandet ist – und das ist gut so. Denn Rabinowich, die selbst als Siebenjährige aus der Sowjetunion nach Wien «umgetopft» wurde, wie sie in
Interviews sagt, und die als Dolmetscherin mit Flüchtlingen arbeitet, geht es weniger um konkrete politische und kulturelle Zusammenhänge, sondern um die exis­tentielle Erfahrung des Dazwischenseins, die zurzeit 20 Millionen Kinder und Jugendlichen auf der ganzen Welt teilen.
Die Welt von Madinas Eltern ist notge­drun­gen auf das Leben im Flücht­lingsheim beschränkt; die alltäglichen Konflikte rund um das Zusammenleben auf engem Raum und das endlose Warten auf die Bearbeitung ihres Asylantrags verschlingen ihre gesamte Energie. Madina dagegen geht zur Schule, findet eine beste Freundin, verliebt sich und lernt, sich in der neuen Umgebung zu behaupten. Sie wird zur Vermittlerin zwischen den Kulturen und übernimmt Verantwortung für ihre Eltern und ihren kleinen Bruder. Das ist, wie der Roman auf differenzierte Weise deutlich macht, eine Belastung, aber auch eine Quelle von Energie, um ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.
Rabinowich gibt ihrer Figur eine überzeugende Sprache, die zugleich suchend ist und hart, manchmal regelrecht abgehackt – man spürt das Ringen Madinas um ein Stück Boden unter den Füssen. Im
Verlauf des Romans findet sie eine Sprechposition im Dazwischen, die ihr erlaubt, sich an die traumatischen Erlebnisse im Krieg zu erinnern und gleichzeitig nach vorne zu schauen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/16, S. 35

Vierzehn
Tamara Bach
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2016, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58359-8
Schlagwörter: Pubertät | Alltag | Schule

Ein Tag im Leben der 14-jährigen Beh. Von morgens bis abends: erster Schultag in der 9. Klasse, erster Besuch beim Vater in der neuen Wohnung, erster Streit mit der Freundin nach den Ferien und der wievielte Kuss von Anton? Protokollartig berichtet Beh von ihrem Tagesablauf. Sie selbst funktioniert wie ein Uhrwerk – sie ist gut organisiert, kreuzbrav und höflich. Auf den ersten Blick eine gute Schülerin und eine liebe Tochter.
Umso mehr überrascht der unverblümte Bericht: Mitschülerinnen werden zu «Jeanette, Hannah, Emma eins und Emma zwei. Blahblah und Blahblah», die Lehrer sind der «Mathemensch» oder die «Kunstmenschin». Erzählt wird aus Behs Perspektive aber in Du-Form. Das irritiert zunächst, wirkt bald aber erhellend und unterhaltend. Mathe, 8.48 Uhr: «Er ruft dich auf, sagt ‚Duda’, du gibst die Antwort. Schnell. Ein Nicken. Ein Nachfragen. Kreisumfang. Du antwortest. Du bist registriert.» Die Art der Erzählung zieht einen mitten ins Geschehen hinein: die Manipulationsversuche der Freundinnen, der Egoismus der Eltern, aber auch die Aufmerksamkeit der neuen Mitschülerin Maxima oder Antons Zuneigung. Beh registriert alles und es lässt sie nicht kalt. Dafür sorgt Tamara Bach auch mit starken Wortschöpfungen: Eine Postkarte macht das Mädchen vor Freude «postkartenblind», das blaue Zimmer für das erwartete neue Kind des Vaters wird zum schrecklichen «Tatsachenzimmer».
Was uns die empfindsame Beatrice, deren Namen wir erst am Schluss erfahren, so grenzenlos sympathisch macht, ist ihre positive Energie und ihre Gabe, sich auf das Gute zu konzentrieren, ohne die Wirklichkeit auszublenden. Die Postkarte zum Beispiel – «vorne Elefanten, hintendrauf dein Name» – stellt sie vor dem Schlafengehen an die Nachttischlampe. Da streitet die Mutter noch immer mit dem Vater am Telefon.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/16, S. 36

Nichts ist okay!
Jason Reynolds, Brendan Kiely
Aus dem amerikanischen Englisch von Klaus Fritz und Anja Hansen-Schmidt
Verlag: dtv, Publiziert: 2016, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-65024-3
Schlagwörter: Rassismus | Gewalt

Zwei Seiten einer Geschichte

Nachdem Jason Reynolds letztes Jahr mit dem Erstling «Coole Nummer» geglänzt hat, erscheint in diesem Herbst «Nichts ist okay!» (im Original: «All American Boys») ebenfalls bei dtv in der Reihe Hanser.
Aktueller könnte der neue Jugendroman nicht sein, denn er handelt von Polizeigewalt und Rassismus gegen Schwarze in den USA.
Als er eine Tüte Chips kaufen will, wird der schwarze 16-jährige Rashad im Laden um die Ecke von einem weissen Polizisten, der ihn zu Unrecht beschuldigt, ein Dieb zu sein, brutal verprügelt. So brutal, dass er erst im Krankenhaus wieder zu sich kommt. Der weisse Junge Quinn, in Rashads Jahrgang in der Schule, ist Zeuge des Vorfalls. Er kennt den Polizisten: Dieser ist der ältere Bruder seines bestens Freundes und für Quinn ein väterlicher Vertrauter.
So die Ausgangslage für eine Geschichte über Unrecht und Gerechtigkeit, die abwechselnd aus den zwei Perspektiven von Rashad und Quinn erzählt wird. Unaufgeregt stellen die beiden Autoren Reynolds und Kiely verschiedene Aspekte einander gegenüber. So wird auch die Position des Polizisten eingenommen: Rashads Vater, der früher Polizist war, gibt gegenüber seinem Sohn zu, dass er selbst einst auf einen afroamerikanischen Jugendlichen schoss. Der Junge wollte aber nur nach seinem Asthma-Spray greifen und nicht nach einer Waffe, wie Rashads Vater annahm.
Ein interessanter, vielschichtiger Jugendroman, der auch für die Schule als Diskussionsgrundlage sehr zu empfehlen ist. Besonders lobenswert: Das Buch geht das Thema wirklich differenziert an und vermeidet es, zu einfache Erklärungsmuster zu verwenden.

Roger Meyer
Buch&Maus 3/16, S. 36

Easygoing
Jenny Jägerfeld
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2016, Seiten: 318, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25298-1
Schlagwörter: Armut | LGBTQ*

Mit Joannas Leben geht es schon länger «immer nur steil bergab. Bei Gegenwind.» Dass Geld nicht glücklich mache, hat sie gehört; dass die Abwesenheit von Geld «verdammt verzweifelt» macht aber spürt sie, im Gegensatz zu den «poor little rich kids» ihres Gymnasiums, täglich am eige­nen Leib. Seit der Vater mit Depressionen vor dem Fernseher hockt und die Mutter sich ins fünfte erfolglose Romanprojekt verbissen hat, lebt die Familie unter dem Existenzminimum, weshalb sich Joanna im winterlichen Stockholm weder warme Kleider noch das Medikament leisten kann, das sie so dringend braucht: Ritalin. Als sie sich dann auch noch Hals über Kopf in die unkonventionelle Audrey verliebt – «Sie hatte ein gestörtes Sozialverhalten und war schön wie eine verdammte Gewitternacht» –, lässt sich Joanna auf eine halsbrecherische Aktion ein, um an Geld und Medikamente zu kommen.

Mit Joanna hat Jenny Jägerfeld eine Ich-Erzählerin geschaffen, die einen auf be­rauschende, süch­tig ma­chende Weise an der Welt, ihrer Schönheit, Scheuss­lichkeit, Ungerechtigkeit und Überfülle teilhaben lässt. Im Text wird ADHS nie romantisiert: Der «überdrehte Vergnügungspark» in Joannas Kopf, die fünfzig Sender, die dort gleich­zeitig laufen, und der Overload an Gefühlen, der sie gern synchron zum Weinen und zum Kotzen bringt, vereiteln wiederholt Joannas Versuche, ein «stil­volles» Leben zu führen. Wut, Frust und Traurigkeit darüber schleudert sie, ketten­rauchend und unzensiert fluchend, auf so authentische Weise aufs Papier, dass die Gefühle zwischen den Zeilen und über den Text hinaus weiterbrodeln. Und doch sind es Joannas überbordender Gefühlsreich­tum, ihr scharfer Blick für das Bizarre, Schöne und Abgründige, ihre überstei­ger­te Vitalität und ihre fast schmerz­haft intensiven Sinneswahrnehmungen, die so viel Lust darauf machen, die Welt immer wieder neu zu sehen, zu erleben und, wie Joanna, auf den Kopf zu stellen.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/16, S. 36

Pssst!
Annette Herzog, Illustration: Katrine Clante
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2016, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0556-3
Schlagwörter: Pubertät

«Pssst!» steht da auf einem Fress-Zettel aus Karopapier, drumherum rankt sich eine Pinnwand mit Fotos, Kritzeleien und Erinnerungsstücken, darunter schält sich gerade ein zerzaustes Mädchen aus ihrem Schlafsack wie aus einem Kokon und blickt einem als LeserIn intensiv in die Augen. Schon das Cover dieser fantas­ti­schen Graphic Novel ist eindrücklich und ein Konzentrat seines Inhaltes: Hier vertraut sich eine an, gibt Einblick in ihr Leben, Denken und Fühlen – vor allem aber in ihre Identitätssuche an der Schwel­le zwischen Kindsein und Erwachsenwerden. Dabei lässt die 1960 in Potsdam geborene Annette Herzog ihre Viola nicht in schnoddrig-frechem Ton erzählen, wie man das aus Comic­romanen kennt, sondern mit berührender Offenherzigkeit, Sensibilität und Galgen­humor.

In zwölf Kapiteln eröffnet sich so ein ganzer Kosmos. Da geht es um gewichtige, philosophische Fragen wie: Wo komm ich her? Wer bin ich eigentlich? Und was wäre, wenn ich eine andere wäre? Da geht es um Erinnerungen, Erfah­rungen, Rückschläge, Ängste, Zukunftsfantasien und Sehn­süchte, aber auch um alterstypische Themen wie Cool- und Beliebtsein, Jungs, Pickel oder Klamotten. Dabei verweben sich Wort und Bild ebenso originell wie dicht – fantastisch wie die dänische Illustratorin Katrine Clante diesen inneren Sturm bebildert: Vor allem in Comic­panels, aber auch mit Schnipsel­collagen, Fotowänden aus Violas Kindheit, illustrierten Listen und Tagebucheinträgen oder einem Bogen mit Papierpuppe samt Kleidern. Violas Metamorphose wird gar auf Schautafeln wie aus einem alten Naturkundebuch präsentiert …

Ein inno­vativ aufbereitetes und dabei sehr zartes Buch, das all denen Mut macht, die sich gerade himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt aus ihrem Kinderkokon wursteln.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/16, S. 37

Bienen
Piotr Socha
Aus dem Polnischen von Thomas Weiler
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2016, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5915-5
Schlagwörter: Natur | Tiere

Jedes Kind hat wohl schon Bekanntschaft gemacht mit dem kleinen Insekt – mit seinem giftigen Stachel oder dem süssen Honig. Das Bilder- und Sachbuch im
XL-Format «Bienen» erweitert nun solch vordergründige Erfahrungen zum stau­nenswerten Wissenskosmos. Es bereitet dem Insektenvolk den ganz grossen Auftritt, indem es auf 36 «Tafeln» dessen facet­tenreiche Welt mit Pracht, Witz und Liebe zum Detail entfaltet. Als Sohn eines Im­kers und als Cartoonist und Grafiker gleich zweifach prädestiniert, geht der polnische Autor Piotr Socha geradezu enzyk­­lo­pädisch vor: Anatomie und Fortpflan­zung; Evolution und Kulturge­schichte; Sozio­logie des Bienenvolkes; die Imkerei in Geschichte und Gegenwart, in Äthiopien oder Südostasien; der Honig bei den Ägyptern oder in der Steinzeit – all dies und noch viel mehr ist sinnlich dargestellt und präzise erklärt. Die Illustration findet für jedes Thema eine Bildsprache, die auf den Kern des im Text vermittelten Wissens zielt. So sind etwa alle Phasen vom gelegten Ei bis zum Schlüpfen der Biene sequenziell abgebildet und können genau verfolgt werden. Das Verständnis des Textes – ein etwa sieben Zentimeter breiter Streifen am unteren Bildrand – wird dann zum Kinderspiel.
Nicht zuletzt wird die kindliche Lust am Superlativ gekitzelt und das Vorstellungsvermögen herausgefordert: Von Rekordzahlen (wie weit fliegt eine Biene für ein Kilo Honig? – dreimal um die Erde) über skandalöse Fortpflanzungspraktiken (das Männchen begattet weiter, wenn das Weibchen ihm schon den Kopf abgebissen hat) bis hin zum Überleben eines Menschen mit 2443 Bienenstichen erfahren Gross und Klein viel Verblüf­fendes. «Zeit für ein kleines Ge­summ», würde Pu da nur beglückt sagen.

Deborah Keller
Buch&Maus 3/16, S. 37

Du und ich und alle anderen Kinder
Bart Moeyaert
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Hanser, Publiziert: 2016, Seiten: 512, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25302-5
Schlagwörter: Gefühle

Jürg Schubiger hat Bart Moeyaert einmal nach dem Blick aus dem Fenster seines Schreibzimmers gefragt. Über die Dächer der Nachbarn hinweg, so Moeyaerts Antwort, könne er ein Hotel ausmachen, das wie ein Spielzeughotel anmute: «Lights shine in the 150 windows at night. That appeals to my imagination: all those little boxes with different lives inside them.»
Nicht gleich 150, aber 32 hell erleuchtete Fenster auf die unter­schied­lichsten (Kinder)Leben öffnen sich den Leser­Innen, die den zu Moeyaerts dreissig­stem «Schriftstellergeburtstag» ers­chie­nenen Sam­­melband in Händen halten. Die Figuren, die in den Zimmern leben und sie gern auch mal heimlich und leise, oder aber unter Geschrei und Hals über Kopf verlassen, um im Alleinsein zu sich und anderen (zurück) zu finden, entstammen unter­schied­lichen Zeiten. Sie werden von verschiedenen Illustrator­Innen liebevoll ausgemalt, frech skizziert, mit zartem Strich als Möglichkeitsform ent- oder mit kräftigen rot-schwarzen Vignetten handfest aufs Papier geworfen. Einige sind dem deutschsprachigen Publikum wohlbe­kannt; andere haben seit ihrem ersten Auftritt Namen oder Gestalt gewechselt; viele begegnen uns zum ersten Mal. Alle kämpfen mit existen­ziellen Gefühlen, die Moyeart in ihrer Tiefe auslotet, ohne viele Worte über sie zu verlieren: Ein knappes «Sie will jetzt nachdenken. Kein Gekrieke und kein Geluise» kehrt Luises Bedürfnis nach einem autonomen Denk­raum nach aussen («Wirklich weg ist nicht so weit»).
Eines der grössten Fenster des wunderbaren Hotels führt in eine verschachtelte Wohnung, in der jedes Zimmer ein von Erlbruch illustriertes Gedicht enthält. «Wör­ter schlafen tief, wenn niemand sie liest», steht in einem davon. «Du und ich und alle anderen Kinder» weckt sie alle wieder auf.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/16, S. 32

Marie und der Vogelsommer
Katja Alves
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2016, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82165-2
Schlagwörter: Freundschaft | Schule

Marie fühlt sich wie «der falsche Vogel am falschen Platz», seit sie mit ihrer Mutter und dem kleinem Bruder aufs Land gezogen ist. Weg von ihren Freundinnen, nach Münde, wo das Haus von Onkel Gregor steht, der nach Spanien ausge­wandert ist.
«Weggehen und neu ankommen», als Kind ungefragt ein neues Leben anfangen müssen, zählt zu den häufigsten Handlungsmotiven in der Kinderliteratur. Auch die Zürcher Autorin Katja Alves kann diesem Thema inhaltlich keinen neuen Dreh abgewinnen. Die Geschichte endet vorhersehbar: Marie trennt sich von den blöden Zicken, findet eine Lehrerin, der sie vertraut, und in Björn einen neuen Freund.
Was der Autorin jedoch gelingt, ist ein erzählerisches Spiel mit besagtem Motiv. Etwa durch Variation, indem zahlreiche Figuren im Umfeld der Hauptperson weggehen und neu anfangen. Allen voran Maries Vater, der die Familie verlassen
hat, um afrikanische Kinder zu retten. Die Ornithologie verbindet Vater und Tochter. Ohne das Vogelbuch, welches er ihr geschenkt hat, würde sie nirgendwohin gehen. Damit sind Vögel die Konstante in Maries Leben. Eine Konstante, die jedoch selbst immerzu in Bewegung ist.
Titel wie Titelbild stellen die gefie­derten Wesen von Anfang an ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Das Cover zeigt die lächelnde Marie, auf ihrer Schulter eine Amsel, die eine bunte Schar unter­schiedlicher Vögel anzwitschert. Ein Bild mit Symbolcharakter. Denn «wenn man Vögel beobachtet, ist man nie allein». Marie geben Vögel Sicherheit. In der alten Wohnung hing eine Pinnwand voller Zettel, auf denen Marie Interessantes über Vögel festhielt. Diese Pinnwandzettel leiten jedes Kapitel ein und künden davon, wie sehr die Fachkompetenz der Heldin auf ihren eigenständigen Beobachtungen basiert. Denn gross werden, und davon erzählt Katja Alves meisterlich, heisst wie ein Vogel sein Zuhause in sich zu tragen.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/16, S. 32

Gott, der Hund und ich
Will Gmehling, Illustration: Wiebke Oeser
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2016, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0557-0
Schlagwörter: Armut

«Ich sass auf der rostigen Schaukel bei uns in der Siedlung. Es regnete.» Mit diesen Worten aus der Sicht eines vielleicht neunjährigen Jungen lässt Will Gmehling sein neues Bilderbuch beginnen. Der Junge ist an diesem Vormittag alleine, seine Mama arbeitet im Supermarkt, der Vater trifft sich mit Freunden im Fussballstadion, um zu fachsimpeln und den Frust über seine Arbeitslosigkeit zu vergessen. Bis er seinem Sohn das Mittagessen kocht, ist noch etwas Zeit, und die verbringt der Junge heute ganz ausser­gewöhnlich: Gott kommt vorbei – ein Mann in alter Jacke und Fellmütze. Ein Dialog entspinnt sich sogleich zwischen den beiden und gemeinsam machen sie einen Spaziergang durch das Viertel.
«Gott als Person kann man nicht abbilden, klar. Die Figur ist für mich eher der unabhängige Vagabund, das Vorbild oder auch erwachsene ‘Alter ego’ des kleinen Jungen», so die Illustratorin. Auch hier zeichnet sie mit dicken, rauen Buntstiften. Ein paar Skizzen macht sie zwar für jede Illustration, aber nicht zu viele, «denn das Skizzenhafte soll auch noch im fertigen Bild erscheinen», ergänzt sie.
Schon mit «Kleopatra» hat Will Gmeling gezeigt, dass er Geschichten schreiben kann, die aus dem Rahmen fallen und neue Blickwinkel eröffnen. Mit «Gott, der Hund und ich» wirft er wiederum interessante Fragen auf, bietet Denkanstösse und hallt noch lange nach. Gewidmet hat er die Geschichte dem Musiker Neil Young, der sich bei einem Benefizkonzert für die Schule, in der seine schwer behinderten Söhne betreut werden, extra zu eingen SchülerInnen hinwendet. «Neil spielt nur für sie und in den Augen derer, für die er spielt, ist ein Leuchten», so erinnert sich der Autor. Diese Kraft strahlt der Gott in seiner Geschichte auch aus.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/17, S. 27

Hier kommt keiner durch!
Isabel Minhós Martins, Illustration: Bernardo P. Carvalho
Aus dem Portugiesischen von Franziska Hauffe
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2016, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-145-2
Schlagwörter: Politik

Was ist denn da vorne los? Wieso kommt denn da keiner weiter? Temperamentvoll, trubelig und emotional geht es in dieser Geschichte zu, der ein überzeugender Einfall zugrunde liegt. Der Falz in der Buchmitte – meist eher eine Herausforderung für IllustratorInnen – spielt hier die Hauptrolle. Er fungiert als Schutzwall und Grenze – vom machtbesessenen General so angeordnet. Keiner darf auf die rechte, komplett weisse Buchseite. Doch sein Aufpasser hat mehr und mehr Mühe, den Befehl zu vollstrecken. Zu viele Menschen drängeln sich vor der Grenze. – Da macht der Ball von Lionel und Christiano plötzlich den Anfang … Eine starke Seite mit grosser Spannung. Denn man muss umblättern, um zu erfahren, was nun weiter geschieht!
Mit weit aufgerissenem Mund auf einem sich aufbäumendem Pferd ist der cholerische General schon auf dem Cover zu sehen. In den Bildern sind die Argumente und Empörungen in Sprechblasen zu lesen. Dabei ist die Dynamik und Spannung, die sich beim Lesen und Anschauen überträgt, beeindruckend. Schon allein die knallig bunten Filzstiftfarben fallen auf. Die handschriftlichen Buchstaben verleihen zusätzlich einen eigenen Stil. Auf dem Vor- und Nachsatzpapier sind die Figuren der aufrüttelnden Geschichte eine neben der anderen versammelt. Wer genau vergleicht, sieht viele humorvolle Veränderungen.
Die politische Dimension der Geschichte erschliesst sich älteren Kindern. Jüngere denken vielleicht an Alltagssitu­ationen, in denen sie sich mit unverständlichen Verboten konfrontiert sehen oder ihre Konflikte mit anderen Kindern erleben, die auch immer Bestimmer sein wollen. In Schulbibliotheken sollte «Hier kommt keiner durch!» nicht fehlen!

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/17, S. 28

Wo ist Oma?
Peter Schössow
Verlag: Hanser, Publiziert: 2016, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-24952-3
Schlagwörter: Krankheit

Zu Besuch im Krankenhaus

Ein kleiner Junge will zusammen mit einer jungen Frau eine ältere Dame im Krankenhaus besuchen. Als ihm das Warten zu lange dauert, macht er sich alleine auf die Suche und lernt vieles kennen: lange, gleich aussehende Flure und Stationen, immer neue Kranke und ÄrztInnen, sogar den Keller. Schliesslich wird er gefunden und ins richtige Zimmer gebracht. Von den beiden Frauen bekommt er einiges zu hören, am Ende verlässt er lachend, an der Hand der Jüngeren das Krankenhaus.
Wer nur die Bilder in Peter Schössows neuestem Buch anschaut, kennt den Inhalt: In Grundzügen zwar, doch lässt sich der, für jüngere Kinder nicht unspektakuläre Plot durch ausgiebige Betrachtung unzähliger Details noch viel genauer ausmalen. Kann man doch auf den grossformatigen, doppelseitigen Ansichten – analog zur Hauptfigur – ausserordentlich viele Entdeckungen machen. Schon die Rückenfigur auf dem Buchcover lädt den Betrachter ein, mitzukommen. Schössow erzählt vieles nur mit seiner Bildsprache. Zeitliche Abläufe zum Beispiel, indem ein Bild die Hauptfigur pluriszenisch darstellt.
Doch selbst bei ausgiebigster Betrachtung kann keiner das, was im dazu gehörigen Text steht, erschliessen. Dass der Junge Henry und seine Babysitterin Gülsa heisst, oder was genau in den Gesprächen thematisiert wird. Auch den Ort des Geschehens kennt nur, wer lesen kann: spiegelverkehrt auf der Scheibe, die im Schmutztitelbild zu sehen ist: «Planten & Blomen», Hamburgs grösster Park. Dort kauft Henry seine Blumen.
«Wo ist Oma?» wirkt wie das Ergebnis eines Experiments, in dem Peter Schössow auslotet, was Bilder und was Sprache zu erzählen imstande sind. Zusammen jedoch vergegenwärtigen visuelle Sinneseindrücke und Sprache – kunstvoll authentisch wie Bewusstseinssplitter – als Gesamteindruck ein autarkes kindliches Ich.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/17, S. 28

Peter Pan
James M. Barrie, Illustration: Silke Leffler
Aus dem Englischen von Bernd Wilms
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2016, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10342-1
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Märchen/Fabel

Peter Pan ist so berühmt wie Alice, Heidi oder Pinocchio. Und es geht ihm ganz ähnlich wie den anderen Figuren aus Klassikern der Kinderliteratur: Die meisten Kinder (und Erwachsenen) kennen den Jungen, der niemals erwachsen wird, nicht aus James M. Barries Buch, sondern aus den zahlreichen Filmadaptionen, die in den letzten hundert Jahren entstanden sind. Wobei Peter Pan, im Gegensatz zu seinen KollegInnen, von Anfang an in verschiedenen Medien unterwegs war. Zunächst erschien Peter Pan als Nebenfigur in einem Roman für Erwachsene, dann kam er auf die Bühne – 1904 fand die Uraufführung des Stücks «Peter Pan, or The Boy Who Wouldn’t Grow Up» statt. Der Roman, der 1911 schliesslich unter dem Titel «Peter and Wendy» erschien, war eine adaptierte und erweiterte Version des Theaterstücks. Ein Grund für die Loslösung der Figur vom Text hat mit James M. Barries seltsamer Prosa zu tun. Sie zeichnet sich durch eine verspielte, manchmal etwas manieriert anmutende Ironie aus und erschliesst sich LeserInnen mit wenig Texterfahrung nicht ohne Weiteres.
Nun haben gleich zwei (Schweizer) Verlage je eine Prachtausgabe des englischen Klassikers vorgelegt, die Peter Pan, Wendy, Captain Hook und Tinkerbell neu ins Bild setzt. Diogenes packt das Buch traditionsgemäss in einen Schuber, und in der Klassiker-Reihe des NordSüd-Verlags erscheint die Geschichte von Peter Pan in einem edlen Leinenkleid. Wunderbarerweise braucht man sich nicht für die eine oder andere zu entscheiden. Denn die beiden Übersetzungen sowie die vollkommen unterschiedlichen Illustrationsstile von Silke Leffler und Tatjana Hauptmann bieten zwei Lesarten, die unter­schiedliche Aspekte des Romans herausheben. Passend zur etwas schnör­keligeren Übersetzung von Bernd Wilms betonen Silke Lefflers Bilder eher den historischen Kontext der Jahrhundertwende. Collageelemente bringen die Kunst der Zeit ins Spiel, und der Weissraum zwischen Schrift und Illustrationen tritt hervor. Damit rückt das intertextuelle, das intermediale Spiel in den Vordergrund. Silke Leffler arbeitet in ihren Illustrationen aber auch das Irritierende des Romans heraus. Dieser beginnt nämlich mit einer höchst verstörenden Kalku­lation von Seiten Mr. Darlings, der ausrechnet, ob es die Finanzen seiner Frau und ihm erlauben würden, die Kinder zu behalten. Wir sehen die Rechnungen, die Mr. Darling anstellt, und die drei Köpfe der Kinder, die dank der Fürsprache ihrer Mutter bleiben dürfen.
Tatjana Hauptmann dagegen betont in ihren Illustrationen das Märchenhaft-Fantastische der Geschichte und lässt die Magie auf jeder Seite in einem anderen Farbton erblühen. Zu Beginn, bevor Peter Pan zum ersten Mal im Kinderzimmer der Familie Darling auftaucht, erscheinen die Illustrationen im Form von Vignetten als Farbtupfer auf den Seiten; wie kleine Versprechen, dass die kalte Zahlenwelt nicht die ganze Wahrheit, ja nicht einmal ein Teil von ihr bleiben würde. Erst als Peter Pan durchs Fenster geflogen kommt, mit dem Lichtschweif von Tinkerbell im Schlepptau, füllt das Bild des nächtlichen Kinderzimmers erstmals eine ganze Seite im Buch. Die Komposition aus dem Nachtblau, den Betten mit schlafenden Kindern und dem fliegenden Jungen im grünen Federkleid – fast wie Papageno aus Mozarts «Zauberflöte» –, erlaubt uns als BetrachterInnen schon jetzt ein Eintauchen in die Magie des Nimmerlands. Einem fantastischen Land, das Tatjana Hauptmann mit Farbe und Pinsel ganz neu entdeckt hat.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/17, S. 29

Peter Pan
James M. Barrie, Illustration: Tatjana Hauptmann
Aus dem Englischen von Christiane Buchner und Martina Tichy
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2016, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-257-01189-0
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Märchen/Fabel

Peter Pan ist so berühmt wie Alice, Heidi oder Pinocchio. Und es geht ihm ganz ähnlich wie den anderen Figuren aus Klassikern der Kinderliteratur: Die meisten Kinder (und Erwachsenen) kennen den Jungen, der niemals erwachsen wird, nicht aus James M. Barries Buch, sondern aus den zahlreichen Filmadaptionen, die in den letzten hundert Jahren entstanden sind. Wobei Peter Pan, im Gegensatz zu seinen KollegInnen, von Anfang an in verschiedenen Medien unterwegs war. Zunächst erschien Peter Pan als Nebenfigur in einem Roman für Erwachsene, dann kam er auf die Bühne – 1904 fand die Uraufführung des Stücks «Peter Pan, or The Boy Who Wouldn’t Grow Up» statt. Der Roman, der 1911 schliesslich unter dem Titel «Peter and Wendy» erschien, war eine adaptierte und erweiterte Version des Theaterstücks. Ein Grund für die Loslösung der Figur vom Text hat mit James M. Barries seltsamer Prosa zu tun. Sie zeichnet sich durch eine verspielte, manchmal etwas manieriert anmutende Ironie aus und erschliesst sich LeserInnen mit wenig Texterfahrung nicht ohne Weiteres.

Nun haben gleich zwei (Schweizer) Verlage je eine Prachtausgabe des englischen Klassikers vorgelegt, die Peter Pan, Wendy, Captain Hook und Tinkerbell neu ins Bild setzt. Diogenes packt das Buch traditionsgemäss in einen Schuber, und in der Klassiker-Reihe des NordSüd-Verlags erscheint die Geschichte von Peter Pan in einem edlen Leinenkleid. Wunderbarerweise braucht man sich nicht für die eine oder andere zu entscheiden. Denn die beiden Übersetzungen sowie die vollkommen unterschiedlichen Illustrationsstile von Silke Leffler und Tatjana Hauptmann bieten zwei Lesarten, die unter­schiedliche Aspekte des Romans herausheben. Passend zur etwas schnör­keligeren Übersetzung von Bernd Wilms betonen Silke Lefflers Bilder eher den historischen Kontext der Jahrhundertwende. Collageelemente bringen die Kunst der Zeit ins Spiel, und der Weissraum zwischen Schrift und Illustrationen tritt hervor. Damit rückt das intertextuelle, das intermediale Spiel in den Vordergrund. Silke Leffler arbeitet in ihren Illustrationen aber auch das Irritierende des Romans heraus. Dieser beginnt nämlich mit einer höchst verstörenden Kalku­lation von Seiten Mr. Darlings, der ausrechnet, ob es die Finanzen seiner Frau und ihm erlauben würden, die Kinder zu behalten. Wir sehen die Rechnungen, die Mr. Darling anstellt, und die drei Köpfe der Kinder, die dank der Fürsprache ihrer Mutter bleiben dürfen.

Tatjana Hauptmann dagegen betont in ihren Illustrationen das Märchenhaft-Fantastische der Geschichte und lässt die Magie auf jeder Seite in einem anderen Farbton erblühen. Zu Beginn, bevor Peter Pan zum ersten Mal im Kinderzimmer der Familie Darling auftaucht, erscheinen die Illustrationen im Form von Vignetten als Farbtupfer auf den Seiten; wie kleine Versprechen, dass die kalte Zahlenwelt nicht die ganze Wahrheit, ja nicht einmal ein Teil von ihr bleiben würde. Erst als Peter Pan durchs Fenster geflogen kommt, mit dem Lichtschweif von Tinkerbell im Schlepptau, füllt das Bild des nächtlichen Kinderzimmers erstmals eine ganze Seite im Buch. Die Komposition aus dem Nachtblau, den Betten mit schlafenden Kindern und dem fliegenden Jungen im grünen Federkleid – fast wie Papageno aus Mozarts «Zauberflöte» –, erlaubt uns als BetrachterInnen schon jetzt ein Eintauchen in die Magie des Nimmerlands. Einem fantastischen Land, das Tatjana Hauptmann mit Farbe und Pinsel ganz neu entdeckt hat.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/17, S. 29

Käpt’n Kalle
Anke Kranendonk, Illustration: Annemarie van Haeringen
Aus dem Niederländischen von Sylke Hachmeister
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2016, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55678-3
Schlagwörter: Abenteuer

Kalle wohnt mit seiner Familie in einer Gegend in Holland mit Wassergräben, Kanälen und einem grossen Fluss. Zur Feier seines Schwimmabzeichens hat er ein kleines Motorboot geschenkt bekommen. Und auf seine erste Bootstour nimmt er den fröhlichen Nachbarshund Max und sein langhaariges Meerschwein­chen Hektor mit. Das Abenteuer beginnt. «Oje! Das Boot treibt langsam vom Ufer weg und Max kläfft die Schafe an, die alle in die hinterste Ecke der Weide gelaufen sind und wie versteinert den fremden Hund anstarren. Kalle hält sich nur noch an ein paar Grashalmen fest.»
Der Ausflug ist von Anfang an mitreissend: Kalle steuert mit dem Boot zuversichtlich in die Welt hinaus. Aber es fühlt sich auch unheimlich an, weil nicht klar ist, wohin die Reise geht, und wie gefährlich sie noch wird. Darf Kalle überhaupt alleine Boot fahren? Durfte er die Tiere mitnehmen? Selbst der allwissende Erzähler scheint das nicht so genau zu wissen; er kommentiert die Geschehnisse wohlwollend aus Kalles Blickwinkel.
Max, der wasserscheue Hund, wächst schnell in seine Rolle hinein: «Er stellt die Pfoten aufs Vorderdeck und hält Ausschau. So ist es ganz echt. Ein echter Kapi­tän mit seinem Bootshund.» Es kommt zu spannenden Begegnungen – mit einem wütenden Bauern, der mit der Mistgabel droht, einem Schiff, «so vollgeladen, dass es aussah, als wollte es sinken» und einem Mädchen mit knallroten Locken. Dass Hek­tor Kalle im Wasser entgleitet, ist schon schlimm genug. Dass er ihn aber – kaum gerettet – diesem hübschen Mäd­chen schenkt, scheint auch Kalle zu verwirren. Und doch hat er noch Augen für die alte seltsame Dame, die in Puschen am Ufer spazieren geht. Eine berührende Geschichte über das Grosswerden mit fröhlich-lebendigen Illustrationen von Annemarie van Haeringen.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/17, S. 30

Hier kommt Oma!
Stefan Boonen, Illustration: Melvin
Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer
Verlag: Arena, Publiziert: 2016, Seiten: 88, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-60158-8
Schlagwörter: Abenteuer

«Benimm dich, Junge! Sei lieb zu Oma! Vergiss deine Socken nicht!» – einen ganzen Wust solcher Ermahnungen schicken die Eltern dem kleinen, bebrillten Ich-Erzähler hinterher, bevor der gutgelaunt ins Wochenende startet. Dabei sind diese Ratschläge komplett überflüssig, ist Oma doch eine wilde Wucht, die ihre zehn­köpfige Enkelschar mit dem anarchischen Frohsinn einer Pippi Langstrumpf «händelt» und geniesst.
Doch erst mal geht’s im alten Klapperbus zum Haus des Riesen mitten im Wald. Hier ist die Erwachsenenwelt bis auf den spiessigen Nachbarn Lichtjahre entfernt: Hände waschen? Zähneputzen? Saubere Unterhosen? – Will keiner, ist egal. Stattdessen balgen sie im Riesenbett, patschen auf der Suche nach dem Waldschwein barfuss durch den Bach, veranstalten Mutproben, Wolfsspiele und Feuertanz, bis Oma so unheimliche Gruselgeschichten über Zombies ohne Zähne erzählt, dass sie sich selbst ein bisschen fürchtet. Wer dann nicht schlafen kann, klettert mit ihr durchs Fenster auf das Dach, um in den Mond zu gucken. Dass die zunehmend verdreckte Rasselbande dabei dauernd rülpst, furzt und in der Nase popelt, juckt Oma nicht die Bohne. – Hört sich paradiesisch an? Ist es trotz des stinkigen, dunklen Aussenklos auch, zeigt sich diese Tausend­sassa-Grossmutter doch auch als grossherzige Mutmacherin und Trösterin.
Stefan Boonen schreibt lustig, pointiert und mit viel wörtlicher Rede, MELVIN illustriert kongenial mit dynamischen Krakelbildern in Orange und Tintenblau, die den Text oft weiterfantasieren und dadurch dessen Witz verstärken. Verknüpft wird beides mit luftig-lebendiger Typographie. Eine Hommage an ungezähmte Kindertage – und ein turbulentes Vergnügen auch für Lesemuffel.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/17, S. 31

Der Schmetterling, der mit dem Fuss aufstampfte
Rudyard Kipling, Illustration: Kathrin Schärer
Aus dem Englischen von Andreas Nohl
Verlag: Hanser, Publiziert: 2016, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-25299-8
Schlagwörter: Tiere

Taffy ist ein gewitztes Steinzeitmädchen, das mit vollem Namen Taffimai Metal­lumai heisst. Das bedeute übersetzt, wie der Ich-Erzähler ergänzt: «Kleine-Person-ohne-Manieren-die-verhaun-gehört, aber ich nenne sie Taffy.» Natürlich verhaut der Steinzeitpapa das Mädchen nicht. Selbst wenn es beim Jagen aufgeregt herumhopst und jedes Lebe­wesen mit seinem «raspelnden, haspeln­den Flüsterton, der eine Dampfkuh in Angst und Schrecken versetzt hätte», verscheucht. Die beiden haben unterwegs viel Spass. Einmal, als der einzige Speer kaputtgeht, kommt Taffy auf die Idee, der Mutter eine Nachricht zu schicken. Mit einem Haifischzahn ritzt sie Bilder in eine Rinde – und schreibt so den ersten Brief der Menschheit. Der wird dann zu Hause bei den Steinzeitdamen aber herrlich missverstanden. Mit ihrem Papa erfindet Taffy sogar das Alphabet und sie erfährt, was ein Stille-Tabu ist.
In Rudyard Kiplings «Just-so-stories» von 1902, die bei Hanser nun unter dem Titel «Der Schmetterling, der mit dem Fuss aufstampfte» neu erschienen sind, geht es immer um Grundsätzliches: Wie das Kamel seinen Höcker bekam, das Rhino­zeros seine Haut oder der Leopard seine Flecken. Es sind spannende und urkomische Geschichten mit Tieren, Insek­ten, Dschinns und Zauberern. Der Erzähler – man hört ihn beim Lesen fast sprechen – wirft mit Fantasie­namen, lustigen Wörteransammlungen und witzigen Situationen nur so um sich. Das erlaubt keine Sekunde Langeweile: Der orientalische Parse, der am Roten Meer Kuchen backt, tut das an einem Ofen «von der Sorte, die du auf keinen Fall anfassen darfst.» Die Kuchenbrösel landen juckend unter der Haut des Rhinozeros’ – darum hat es so viele Falten und so schlechte Laune.
Dreizehn Geschichten: wunderbar übersetzt von Andreas Nohl, grossartig
illustriert von Kathrin Schärer.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/17, S. 32

Böse
Lorenz Pauli, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2016, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0720-9
Schlagwörter: Tiere

Die Bauernhoftiere reden und lachen zusammen. Der Hund sagt, er sei brav: „,Meistens oder fast immer. Aber … schaut!’“ Und dann springt er dem Hahn mitten in den Weg, der sich natürlich furchtbar erschreckt. Die Ziege frisst sich durch den Blumengarten, die Taube macht dem Bauern auf den Hut. Und so führen alle Tiere ihre Streiche vor – bis die Katze dran ist. Sie hat es auf die unbekümmerte Maus abgesehen. Plötzlich ist es nicht mehr lustig. „Der Hund schaut die Katze an. Der Hahn schaut die Katze an. Die Ziege schaut die Katze an. Die Katze nähert sich der Maus.“ Auch die Schweine und die Taube schauen gespannt zu, das Pferd guckt besorgt. Wird die Katze der Maus wirklich etwas antun?
„Böse“ von Lorenz Pauli entwickelt sich mit kurzen prägnanten Sätzen, lebendigen Dialogen und mit den fantastischen Illustrationen von Kathrin Schärer zu einer hochdramatischen Geschichte. Wir spielen dabei so zu sagen Mäuschen, denn wir kriegen alles mit und bangen um die Maus, die gar nicht merkt, in welcher Gefahr sie schwebt. Plötzlich passiert die Überraschung: „Klack“ – das Pferd tritt auf die Maus. Wir sind entsetzt. Die Tiere sind schockiert. Jetzt machen sie dem Pferd Vorwürfe, sie hatten ihm diese Gemeinheit nicht zugetraut. Selbst die Katze zieht verwirrt davon. Da hebt das Pferd seinen Huf, unter dem sich das Mäuschen versteckt hatte. Was für eine Freude, die Maus lebt! Und was für eine Einsicht: Während die anderen bei der Katzenpirsch passiv waren, griff das Pferd beherzt ein: „Die Katze bekommt ihr Futter vom Bauern. Mäuse jagt sie bloss aus Langeweile und lässt sie dann tot liegen. Die Katze soll die Mäuse in Ruhe lassen.“ Eine fabelhafte Geschichte, die unsere Gefühle anspricht, Denkmuster und Erwartungen hinterfragt.

Ursula Thomas-Stein

Das Spiel von Liebe und Tod
Martha Brockenbrough
Aus dem amerikanischen Englisch von Jessika Komina und Sandra Knuffinke
Verlag: Loewe, Publiziert: 2016, Seiten: 400, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7855-8262-6
Schlagwörter: Rassismus | Tod/Trauer | Liebe

Liebe und Tod spielen seit Jahrtausenden ein Spiel. Die Spielfiguren: Liebende, deren Geschichte tra­gisch endet. Gewinnt Liebe, dürfen die Paare leben, gewinnt Tod, stirbt ihre Spiel­figur. Nun, im Jahr 1937, werden die Schwarze Flora und der Weisse Henry von Tod und Liebe für ihr Spiel erwählt. Doch das Spiel entwickelt sich anders als die bisherigen, Flora und Henry erfahren von ihren Rollen. Die Chance, das Spiel zum ersten Mal zu gewinnen, rückt für Liebe in greifbare Nähe.
Martha Brockenbrough hat mit «Das Spiel von Liebe und Tod» einen Jugendroman mit einer interessanten Grundidee vorgelegt, dessen Umsetzung aber nicht durchgehend überzeugt. Uner­wartet ist die Besetzung von Liebe und Tod: Im Gegensatz zum grammatikalischen Geschlecht wird «die» Liebe durch eine männ­liche, «der» Tod durch eine weibliche Figur verkörpert, was unge­wohnt, jedoch im Rahmen der narrativen Konzeption nachvollziehbar ist. Dennoch entsteht teil­­weise Verwirrung, vor allem, wenn die auktorial erzählte Geschichte zwischen Liebe, Tod, Flora und Henry und ihren Geschichten hin und her springt. Als Figur erscheint vor allem Tod nicht immer konsistent: Einerseits erschreckt ihre Lust am Töten und die Ekstase, die sie dabei empfindet, andererseits scheint sie empa­thisch, als sie Floras Grossmutter zu sich holt. Die Handlung selbst ist stringent und spannungsreich erzählt und strebt der Auflösung des Spiels zu. Leider geht der in den Kapiteltiteln ange­deu­tete Count­down in der Erzäh­lung verloren, die oft überfrachtet wirkt, wer­den doch auch histo­rische – todbringende – Ereignisse integ­riert. Hinzu kommt für die Liebenden das Hindernis der Rassentrennung in den USA der 1930er-Jahre.
Ein Roman mit einer guten Idee, die jedoch in einer zu überfrachteten Handlung verloren geht und überlagert wird von zu vielen zugefügten Einzelheiten.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/17, S. 34

Miranda Lux
Oliver Schlick
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2016, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7641-7059-2
Schlagwörter: Philosophie

Denken heisst Zweifeln oder warum jede Geschichte zwei Seiten hat

Dass die meisten Dinge im Leben Kulisse sind, weiss die 15-jährige Querdenkerin Miranda Lux längst. Ihr schusseliger Lehrer Viktor Carelius muss dagegen erst lernen, dass auch das lauschige Klein-städtchen Hammerstein bloss eine trüge­rische Idylle bietet. Soeben hat er sich hier nach einem eher abgründigen Curriculum eine behagliche Existenz eingerichtet, und schon zerrt ihn die altkluge Schülerin Miranda ins Abenteuer seines Lebens: Mit ihrem chaotischen Club von Verschwö­rungstheoretikern, den Zweifelwerkern, und mit der neusten spirituellen Technologie soll er ihr helfen, einer globalen Verschwörung auf die Spur zu kommen. Denn alles deutet darauf hin, dass in der Nähe gelandete Aliens mit Regierungshilfe die Welt übernehmen.
Mit «Miranda Lux» gelingt dem Schriftsteller und Sozialarbeiter Oliver Schlick ein ebenso halsbrecherischer wie leichtfüssiger Drahtseilakt zwischen Science Fiction und Satire, Milieustudie und Entwicklungsroman, Krimi und Philosophiestunde. «Miranda Lux» strotzt vor abgefahrenen Einfällen und skurrilen Figuren, alle liebevoll überzeichnet und doch unendlich wahrhaftig. Den LeserInnen bleibt es überlassen, Mirandas Theorie wörtlich zu nehmen oder sie symbolisch zu lesen. Denn worauf es wirklich ankommt, enthüllt der «Zwiebelmann», Schutzengel und galaktischer Weichensteller: «Leider gibt es Kräfte im Universum, die die bunte Vielfalt des Lebens ängstigt, und die sie unter einem eintönigen Grau ersticken wollen. […] Ich nenne sie die zusammengekniffene-Arschbacken-Kraft. Ich selbst bin Teil einer anderen Kraft, der ein fröh­licher Furz weitaus lieber ist. Ich möchte, dass das Leben in diesem Universum beseelt und bunt und vielfältig und unberechenbar bleibt.» Schlicks dritter Jugendroman ist, ganz ohne Zweifel, Teil dieser Kraft, ein schrill-fröhlicher Tupfer auf der Jugendbuchpalette.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/17, S. 34

Grenzlandtage
Antonia Michaelis, Peer Martin
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2016, Seiten: 464, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8415-0469-2
Schlagwörter: Politik | Liebe

Für «Sommer unter schwarzen Flügeln», die Liebesgeschichte zwischen der geflüchteten Nuri und dem Rechts­radikalen Calvin, ist Peer Martin 2016 von der Jugendjury der Deutsche Jugendliteraturpreis zuge­sprochen wor­den. Mit «Grenzlandtage» legt der inzwischen in Kanada lebende Autor nun einen weiteren Roman vor, der Flüchtlings- und Liebesgeschichte zugleich ist. Diesmal aber in Coproduktion mit Autorin Antonia Michaelis.
In zwei Wochen Ferien auf einer kleinen griechischen Insel will Jule sich mit ihrer Freundin Evelyn auf das Abitur vorbereiten: Sonne, Meer und Bücher. Dann wird Evelyn kurz vor Abreise krank. Jule fliegt allein – und begegnet auf Touren über die Insel immer wieder einem geheimnisvollen jungen Mann. Asman ist Syrer und auf der Insel gestrandet. 72 Menschen sind beim Untergang ihres Bootes ertrunken. Die Überlebenden hoffen noch immer, es nach Italien zu schaffen. Jule versucht zu helfen, kann weiteres Unglück aber nicht verhindern …
Rund eineinhalb Jahre vergingen vom ersten Satz bis zur Fertigstellung des Buches. Eineinhalb Jahre, in denen das Manuskript hin und her gemailt, miteinander telefoniert, Dialoge entwickelt wurden – Peer Martin in der Rolle von Asman, Antonia Michaelis in der von Jule. Entstanden ist eine Liebesgeschichte vor aktuellem politi­schem Hintergrund, die bis zum dramatischen Showdown zunehmend an Tempo und Spannung gewinnt.
Antonia Michaelis ist überzeugt: «Wer dieses Buch liest, wird mit 18 keine AfD und keine NPD wählen.» Peer Martin hofft vor allem, «dass es uns gelungen ist, das Thema so zu verpacken, dass man es auch lesen möchte. Nehmt, was ihr in diesem Buch findet und tragt es mit Euch, vielleicht wie einen Talisman. Es könnte sein, dass ihr ihn in dieser Welt noch sehr brauchen werdet […].»
Ein wichtiges, genau recherchiertes Buch, das sich – gerade weil es viele unterschiedliche Sichtweisen vereint – auch gut im Unterricht einsetzen lässt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus, 1/17, S. 35

Brüder für immer
Rindert Kromhout
Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2016, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-068-2
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Hin und wieder gibt es sie: Bücher, die einen derart in ihren Bann ziehen, dass jedes über sie geschriebene Wort nicht genug ist, um ihnen gerecht zu werden. Rindert Kromhouts Jugendroman «Brüder für immer» ist ein solches Buch.
Als Ich-Erzähler eingeführt, erzählt Quentin Bell das Leben seines im Spanischen Bürgerkrieg verstorbenen Bru­ders Julian und gleichzeitig das Leben in England in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er entführt die LeserInnen in eine für die damalige Zeit unkonventionelle Familie: Seine Mutter Vanessa Bell, Malerin und verheiratet mit Clive Bell, lebt mit ihren Kindern Julian, Quentin und Angelica sowie dem homosexuellen Maler Duncan Grant und dessen Freund David in Sussex in ihrem Landhaus Charleston. Vanessas Schwester, die Schriftstellerin Virginia Woolf, wohnt mit ihrem Mann Leonard in Monk’s House. In chronologisch angeordneter Rückschau von 1926 bis 1937 lässt Kromhout seinen Erzähler das ungewöhnliche Leben der Familie in den Bloomsbury-Kreisen und die Entwicklung der beiden Jungen von ihrer Kindheit bis ins junge Erwachsenenalter erzählen. Gleichzeitig wird eine sich verändernde Welt zwischen zwei Kriegen gezeigt: Der Erste Weltkrieg ist vorbei, der zweite hat noch nicht begonnen. Politische Diskussionen über den Spanischen Bürgerkrieg unter Franco, über Benito Mussolini, Adolf Hitler, die Sowjetunion und die Internationalen Brigaden prägen die Gespräche in der Familie ebenso wie Kunst und Kultur.
All dies lässt Kromhout einfliessen in seinen mitreissenden und doch stillen Familien-Entwicklungsroman, der in leisen Tönen tiefgründig daherkommt und die Leserin melancholisch nachdenklich zurücklässt.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/17, S. 35

Winger
Andrew Smith
Aus dem amerikanischen Englisch von Hans-Ulrich Möhring
Verlag: Königskinder, Publiziert: 2016, Seiten: 460, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-56027-8
Schlagwörter: Schule | Aussenseiter:in/Mobbing

Die «Kloschüsselperspektive» ist für Ryan Dean West nicht neu: Er ist «einsamer Klassenbester» und zwei Jahre jünger als seine Kameraden, weil er zwei Stufen übersprungen hat. Entsprechend ist er auch zwei Köpfe kleiner. Seinem sozialen Rang an der Pine Mountain, einem Inter­nat für vom Weg abgekommene «Reichenkinder», ist das alles nicht zuträglich. Und so wird «Winger», wie er nach seiner Rugby-Position genannt wird, bereits im Prolog zum Opfer eines «grausamen Survival-Experiments». Allerdings gelingt es ihm nicht nur dieses Mal, den Kopf mithilfe seines neuen «Anti-Memmen-
Mantras» über (Klo-)Wasser zu halten. Sein in karikaturistischer und mit
«Unflätigkeiten» gespickter Sprache reka­pi­­­tuliertes Schuljahr wird ihm viel Gelegenheit bieten, sich neu zu erfinden.
Wie bereits in «Auf Umwegen» erzählt Andrew Smith auch in «Win­­ger» den Reife­prozess des Prota­gonisten als eine bisweilen zum Brüllen komische Parodie auf die klassische männliche Heldenreise. Ryan Dean oszil­liert zwischen Schulnerd und Frauenheld, mutiert zwischendurch zum triebgesteuerten «Wolfsjungen», ergeht sich in Jungenfantasien vom Sex mit mehreren Frauen und beteuert alle paar Seiten, dass er seinen besten Freund, den homosexuellen Rugby-Kameraden Joey, «auf total unschwule Art» liebt. Gleichzeitig stolpert er in zunehmend lädiertem, gar mit einer «katastrophalen Penisver­letzung» geschlagenem Zustand durch ein Leben, das er nur durch geschickte erzählerische Strategien zu lenken weiss, um schliesslich doch zu einer ziemlich tradi­tionellen Form der Männlichkeit zu finden. Eine ausserordentlich brutale Wendung im allerletzten Teil des fast 500 Seiten starken Romans lässt das zuvor Erzählte dann allerdings merkwürdig trivial erscheinen. Da bleibt nicht nur Ryan Dean mit vielen Fragen zurück.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/17, S. 35

Wie ein Fisch im Baum
Lynda Mullaly Hunt
Aus dem amerikanischen Englisch von Renate Weitbrecht
Verlag: cbt Hardcover, Publiziert: 2016, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-16420-4
Schlagwörter: Behinderung | Lesen | Schule

Nicht lesen und nicht schreiben können – für die meisten ist das kaum vorstellbar. Und doch leiden etwa fünf Prozent aller Menschen unter einer Lese- und Rechtschreibschwäche (Legasthenie). Men­schen wie die elfjährige Ally im Roman «Wie ein Fisch im Baum», die zwar hochintelligent ist, in der Schule aber grosse Schwierigkeiten hat, weil sie die Fragen in einem Test einfach nicht lesen kann oder eine ganze Nacht braucht, um zwei kurze Absätze in ihr Heft zu schreiben.
Für LehrerInnen und MitschülerInnen ist Ally ein Freak. Ihre permanente Verweigerungshaltung nervt alle. Was keiner weiss: Ally ist nur so, weil sie weder lesen noch schreiben kann. Einen Text zu lesen ist für sie, als würde sie versuchen, «in einem Teller Buchstabensuppe einen Sinn zu finden». Dabei ist Ally clever, kann wundervoll zeichnen und gut mit Zahlen umgehen. Doch «in der Schule hat die Mathematik inzwischen Buchstaben».
Verblüffend gut gelingt es Ally, ihr Geheimnis zu wahren. Bis Mr. Daniels die Klasse übernimmt, der nicht nur ein guter Beobachter, sondern auch ein sehr einfühlender, engagierter und innovativer Lehrer ist. Schritt für Schritt gewinnt er Allys Vertrauen, erkennt ihr Problem und zeigt ihr, dass sie mehr ist, «als nur ein Kind, das nicht richtig lesen kann».
Lynda Mullaly Hunt widmet sich in ihrem Buch einem ausgefallenen Thema. Dabei findet die US-amerikanische Autorin immer wieder neue, beeindruckende Bil­der um zu vermitteln, wie es sich anfühlt, LegasthenikerIn zu sein. Wir leiden mit Ally, für die jeder Schultag ein Martyrium ist. Und freuen uns, wenn in ihr nach und nach das Gefühl wächst, etwas wert zu sein, wenn aus der verunsicherten Ally eine mutige Klassensprecherin wird und sie Freunde findet. «Wenn man sich mit etwas schwertut, heisst das wohl nicht, dass man es nicht kann.»

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/17, S. 36

Die Nacht, der Falter und ich
Elisabeth Steinkellner, Illustration: Michaela Weiss
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2016, Seiten: 125, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-3540-6
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Gefühle

Alle Jugendliteratur erzählt vom Erwachsenwerden, und sie tut es oft in grossen Geschichten: in Erzählungen, in denen sich ein Ich unaufhaltsam zu einer festen Gestalt formt, zu einer unverwechselbaren Stimme findet. Wenig Erzählraum ist dagegen den Momenten gewidmet, in denen sich dieses Ich gerade über sein Unbestimmt-sein, sein Verflochten-sein mit der Welt, über seine Fluidität und Grenzenlosigkeit erfährt; Momenten, in denen die «Haut schuppt und darunter sattes Grün zum Vorschein kommt» und etwas «winterlang Ersehn­tes» in der Luft liegt.
Die Österreicherin Elisabeth Stein­kellner widmet ihren Erzähl- und Lyrik­band ganz diesen flüchtig-intensiven Gefühlen und Erfahrungen: den heissen «Hochspannungsleitungen» der Jugend wie ihrem selbstvergessenen Lauschen auf das Echo eines warmen Sommertages. Das erlebende Ich in den drei Erzähl- und Lyrikzyklen fühlt intensiv und mit allen Sinnen, es ist körperlich, fast greifbar, bleibt aber unbestimmt in Alter und Geschlecht und damit offen für alle Asso­ziationen und Einschreibungen. Auch die Sehnsucht dieses Ichs wechselt beständig die Gestalt, sie «trägt mal ein bauschiges, knallgrünes Partykleid, dann wieder einen engen, schwarzen Herrenfrack», sie «entzieht sich der Erziehbarkeit» und «gibt sich nicht mit dem Möglichen zufrieden». Michaela Weiss fängt diese Sehnsucht nach Wandel wie Verbun­denheit in ihren filigranen Illustrationen auf und lässt sie immer wieder um den titelgebenden Falter kreisen: Er wird zum Bild der Metamorphosen, die das Ich durchlebt, während es auf Schlittschuhen Muster ins Eis kerbt: «mein Weg zieht Furchen in die Haut der Welt». Bei Jugendlichen, die in der Literatur nach einem Echoraum für ihre vielfältigen Gefühle und Sehnsüchte suchen, dürfte dieser zarte Band tiefe Spuren hinterlassen.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/17, S. 36

Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen
Gudrun Skretting
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2016, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58370-3
Schlagwörter: Freundschaft | Liebe

Eigentlich funktioniert der Männerhaushalt von Anton und seinem Vater (die Mutter ist vor einigen Jahren verstorben) ganz gut – bis Anton beim Reifenflicken zufällig erfährt, dass er kein Wunschkind ist, sondern die Folge eines geplatzten Kondoms. «Ein Zufall, so einer, den eigentlich niemand haben wollte.» Sofort hat Anton das Gefühl, etwas gut machen zu müssen. Mit seiner besten Freundin Ine («perfekt geplant und in einem Reagenzglas zusammengeführt») will er für Papa eine Frau suchen. Aber wie verkuppelt man einen «Mann von 40, Loch am Knie, unrasiert, mit angegrautem Pferdeschwanz», der es nicht nur schafft, die Pizza immer anbrennen zu lassen, son­dern auch noch den Lebensunterhalt als Ferienhaustoiletten-Vertreter verdient?
Anton meldet seinen Vater zum Strickkurs an – «einen Kurs ohne Konkurrenten» – und löst damit eine Lawine verrückter Verwicklungen aus. Er hat nämlich übersehen, dass ER gar keine neue Mama will … Gut, dass er Ine hat, die «taff und clever und cool» immer alles für ihn in Ordnung bringt. Allerdings hat die selbst ein Riesenproblem: ihre Eltern, die ständig streiten. Verliebt ist sie ausserdem. In Anton, der eine Weile braucht, ehe er das kapiert.
«[…] allen Papas, die sich die grösste Mühe geben», hat die Norwegerin Gudrun Skretting ihr Jugendbuchdebüt gewidmet. Doch auch alle anderen werden beim Lesen nicht mehr aus dem Lachen herauskommen, jagt doch eine skurrile Situation die nächste: zu herrlich, wenn Ich-Erzähler Anton sich Selleriestangen in Ohren und Nase stopft, um die Stricklehrerin, die sich an seinem Vater «festgebissen» hat, wieder zu vergraulen. Oder wie er – lediglich mit einer Speedo-Badehose bekleidet – in einem zu engen Toilettenfenster feststeckt. Dazu die trockene Erzählweise sowie die liebenswerten, weil so authentischen Charaktere. Mehr davon bitte, Frau Skretting!

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/17, S. 35

Anna und Froga
Anouk Ricard
Aus dem Französischen von Volker Zimmermann
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2016, Seiten: 46, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-096-4
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere | Kreativität | Alltag | Abenteuer

Und was jetzt?

Der Untertitel «Und was jetzt?» des zweiten Bandes der Kinder-Comicreihe «Anna und Froga» bringt es auf den Punkt: Da ist eine Gruppe von Freundinnen und Freunden, die vor Tatendrang und Unternehmungslust beinahe platzen und alles tun würden, um Langeweile zu vermeiden. Und doch geraten sie immer wieder an den Punkt, wo ihnen nichts einfallen will. Aber wie es die moderne Pädagogik lehrt: In der Langeweile entstehen die besten und kreativsten Ideen.

Das trifft auf das Menschenmädchen Anna, den Frosch Froga, den Kater René, den Hund Bubu und den Regenwurm Christopher zu: In solchen Augenblicken kombinieren sie ihre Fähigkeiten und Talente und spielen Music Star, sie machen sich auf eine Fotosafari zum Yeti auf, drehen einen eigenen Film, spielen auf dem Tennisplatz Karten oder picknicken am Ufer einer schmutzigen Pfütze.

Die Geschichten der französischen Comiczeichnerin Anouk Richard rund um diese Truppe ungleicher Freunde sind gut gelaunt, immer leicht schräg und aufsässig, stets komisch, und vor allem spielen sie sich in einer kindlich gezeichneten und knallig bunten Comic-Welt ab, die durchaus an die reale Welt ihrer Leserinnen und Leser erinnert. Denn die Ideen, Abenteuer, Emotionen, aber auch die Spannungen und Streitereien fühlen sich echt an. Besonders schön: Zwischen den einzelnen Comics ergänzt ein doppelseitiges, in anderem Stil gemaltes Bild die vorherige Geschichte um eine zusätzliche Szene, einen weiteren Witz oder ergänzende Informationen zu aktuellen Tanz-Moves oder Einblicken in Annas Fotoalbum.

Christian Gasser
Buch&Maus 2/17, S. 37

Ein neues Land
Shaun Tan
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2015, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-71378-0
Schlagwörter: Migration

Ein Mann wird aus seiner Heimat vertrieben, fährt über den Ozean, und versucht, im neuen Land ein Auskommen zu finden – so, wie viele andere, auf die er trifft und die ihm von ihrer Herkunft erzählen und ihren Schicksalen. Bis er seine Familie nachkommen lassen kann, wird viel Zeit vergehen. Shaun Tans textlose Graphic Novel, in sepiafarbenen Tönen gehalten, ist eine eindringliche, gestalterisch vielfältige Parabel über Fremdsein, Migration und Ankommen.

Comic Life 3
In 9 Sprachen
Verlag: Plasq LLC, Publiziert: 2015, ISBN/ISSN/EAN:

Comic Life 3 ermöglicht nicht nur das Erstellen von Comics, sondern eignet sich auch für Fotostorys, Wand- und Schülerzeitungen oder Flyer. Zur Verfügung steht eine grosse Bandbreite an typischen Comicelementen (Panelvorlagen, Sprechblasen und Konturen, Schriftarten, Farben etc.). Diese können per Drag-and-drop ausgewählt, platziert und schier unendlich verändert werden. Die Vielzahl dieser Angebote, zu denen man via Pop-up-Menüs Zugang erlangt, ermöglicht die intensive Auseinandersetzung mit grafischen Elementen, Prinzipien des Erzählens und der Visualisierung von Abläufen. Die App eignet sich auch für versierte NutzerInnen als Vorstufe/Storyboard für ein Filmprojekt.

David Wiesner’s Spot
In Englisch
Verlag: Houghton Mifflin Harcourt, Publiziert: 2015, ISBN/ISSN/EAN:

«Spot» bietet ein hoch immersives Erlebnis: Die BetrachterInnen tauchen durch das Hineinzoomen in fantastische Bildwelten immer tiefer in märchenhafte bis futuristische Lebensräume ein. Fünf Welten, die durch wiederkehrende Figuren und Elemente – viele davon sind aus Wiesners Bilderbüchern bekannt – miteinander verbunden sind, können so entdeckt werden. Die App kommt ohne Text oder abgeschlossene Narration aus, vielmehr lädt sie ein, die Verbindungen zwischen Robotern am Meeresgrund und Tintenfischen im Raumschiff selber zu knüpfen. Eine stark geleitete Navigation vermittelt Ruhe im opulenten Bildgewimmel, führt aber auch zu Wiederholungen im Spielablauf. Einzig ein Home-Button bringt die EntdeckerInnen wieder an die erste Weggabelung zurück.

Lindbergh
Torben Kuhlmann
In Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2015, ISBN/ISSN/EAN:

Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus

Torben Kuhlmann hat sein vielfach ausgezeichnetes Bilderbuch gleich selber animiert. Es erzählt die Geschichte einer Maus, die sich eines Tages ganz allein in ihrer grossen Stadtwiederfindet, umgeben von Fallen und Feinden, und beschliesst, ihren Artgenossen nach Übersee nachzureisen. Katzen hindern sie an der Überfahrt per Schiff. Kurzerhand baut sie sich ein Fluggerät und hebt ab. Auch die App lebt von Kuhlmanns grandiosen Illustrationen, durch Zoomen wirken die Illustrationen manchmal fast noch gefährlicher, mächtiger. Die animierten Hotspots sind gut erkennbar und führen nicht von der Geschichte weg, genauso wenig die Geräusche. Texte, Sprecherfunktion – die App funktioniert beim gemeinsamen Anschauen auch ohne diese – und Geräusche können an- und abgewählt werden, das Storyboard erlaubt jederzeit Orientierung.

Die Reise
Aaron Becker
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2015, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5784-7
Schlagwörter: Fantasie

Dieses fulminante Bilderbuch ist Teil 1 einer Trilogie. Mit seinem Debüt «Journey» – auf Deutsch «Die Reise» – hat es Aaron Becker in den USA direkt auf die Caldecott Honor List 2014 geschafft. Teil zwei «Quest» ist im Original bereits erschienen, und der dritte Teil «Return» in Arbeit.
«Die Reise» fasziniert die Betrachter­Innen von der ersten bis zur letzten Seite. Dabei gilt es, alles in den Illustrationen zu entdecken, genau zu schauen und sich die Geschichte selber zu erzählen. Denn dieses Bilderbuch ist ohne Worte.
Worum geht es? Langeweile ist manch­mal schwer zu ertragen. Wie gut, dass der traurige Blick der kindlichen Protagonistin auf einen geheimnisvollen roten Stift fällt, der auf dem Teppich in ihrem Zimmer liegt. Sie schnappt ihn sich, zeichnet kur­zerhand eine Tür an die Wand und geht hindurch. Nach dem Umblättern erwartet uns eine fantastische Reise: ein dichter Wald mit chinesisch anmutenden Lam­pions, gefolgt von einem imposanten Wasserschloss mit verschlungenen Was­ser­wegen. Hoch in der Luft wird das mutige und kämpferische Mädchen einen schönen Vogel retten. Motor dieses Abenteuers aber bleiben die roten Zeichnungen der Heldin, die sich in Wirklichkeit verwandeln.
Aaron Becker nennt Chris van Allsburg und Maurice Sendak als seine zeich­nerischen Vorbilder. Sein Interesse für Architektur und seine Begeisterung für Fortbewegungsmittel zeigt sich schon auf dem roten Vorsatzpapier. Er zeichnet atemberaubend und präsentiert die gegen­sätzlichen Landschaften und faszinierenden Flugobjekte detailliert und ausdrucksstark. Auch wenn dieses Bilderbuchjahr erst begonnen hat, kann man hier mit Sicherheit schon von einem ersten Highlight sprechen!

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/15, S. 26

Der Besuch
Antje Damm
Verlag: Moritz, Publiziert: 2015, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89-565295-0

«Bitte nicht stören» steht gut lesbar an der Tür zu Elises Wohnung. Eine Kanne Tee oder Kaffee, ein sauberes Zuhause und ihre Bücher – mehr braucht die alte Frau nicht. «Sie hatte Angst vor Spinnen, Angst vor Menschen und sogar Angst vor Bäumen. Deshalb blieb sie immer zu Hause. Tag und Nacht.» Da saust eines Tages ein blauer Papierflieger zum Fenster hinein. Elise betrachtet das seltsame Ding misstrauisch, dann verbrennt sie es im Ofen. Am nächsten Morgen steht ein klei­ner Junge vor der Tür. Energisch fordert er seinen Papierflieger zurück. Und aufs Klo muss er auch.
Für ihr jüngstes Bilderbuch hat Antje Damm aus Kartonelementen Räume nachgebaut, ausgeschnittene Figuren hin­ein­gestellt, die Szenen unterschiedlich aus­geleuchtet, koloriert und schliesslich fotografiert. Es hat sich gelohnt.
Mit knallroter Hose, leuchtend gelbem T-Shirt und frecher Kappe auf dem Kopf marschiert der Junge, Emil, neugierig durch Elises Wohnung und bringt im wahr­sten Sinne des Wortes Farbe in ihr Leben: Von Seite zu Seite wird Elises Woh­nung bunter. Leuchtet es anfangs nur et­was Gelb oder Orange durch die milchigen Fensterscheiben, während drinnen alles Grau erscheint, hinterlässt Emil in der Wohnung bald eine fröhliche Farbspur
aus Rot- und Orangetönen, Türkisblau
und Pink.
Elise erzählt ihm von früher, liest ihm vor, schmiert ihm ein Butterbrot und spielt mit ihm. Als der Besuch schliesslich nach Hause muss, ist Elise sogar «ein bisschen traurig». «Bis bald, Emil», verabschiedet sie sich – und verbringt den Rest des Abends damit, mit leuchtend roten Backen Papierflieger zu basteln …
Ein fein durchkomponiertes Bilderbuch, das mit ganz wenig Text auskommt, für ein wohliges Bauchgefühl sorgt und zeigt, dass die Unbeschwertheit von Kindern Wunder wirken kann.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/15, S. 27

Es spukt nicht unterm Bett
Guido van Genechten
Aus dem Englischen von Joanna Storm
Verlag: Annette Betz, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-21-911615-1
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen

In diesem Frühjahr erscheinen etliche, sehr unterschiedlich gestaltete Bilder­bücher rund um das Thema Einschlafen. Der erfolgreiche belgische Autor und Illustrator Guido van Genechten hat sich in «Ein Tiger schnarcht in meinem Bett» bereits mit kindlichen Alpträumen beschäftigt. In seinem neuesten Bilderbuch nun geht es um einen kleinen Pinguin, der partout nicht einschlafen kann. Jedes noch so leise Geräusch hindert ihn daran, geruhsam in den Schlaf zu finden. Es könnte doch ein Gespenst sein, oder? Papa Pinguin kümmert sich zum Glück rührend um ihn. Er erklärt, dass der Kleine das Bett hört, den Wind und die Heizung. Doch irgendwann wird auch der gedul­digste Papa energisch: «Es ist überhaupt gar kein Gespenst in deinem Zimmer!»
Der Künstler präsentiert dieses kindliche Drama mit Happy End als Kammerspiel. Das Kinderzimmer ist einer Kulisse gleich auf einer Bühne zu sehen. Mit von der Partie sind auch etliche, lebendig scheinende Kuscheltiere. Auch sie wollen endlich ihre Ruhe und schauen mal neugierig, mal freudig interessiert und schliesslich erschöpft dem Hin und Her zu. Dabei geraten Zimmer, Teppich, Vorhang und Lampe in Bewegung und spiegeln so den aufgewühlten Seelenzu­stand des Pinguinkindes Oskar wider.
Guido van Genechten gestaltet seit vielen Jahren liebevolle Bilderbücher für kleine Kinder. Für dieses Buch arbeitete er mit chinesischer Tinte für die feinen, schwar­zen Linien und füllte danach die Bildflächen. Mit Wachsmalfarben und Buntstiften setzte er dezente Farbakzente und spritzte an manchen Stellen mit verdünnter Farbe auf die Seiten, um so alles miteinander zu verbinden.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/15 S. 28

Kommst du spielen, Frida?
Pija Lindenbaum
Aus dem Schwedischen von Kerstin Behnken
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2015, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-78-917939-6
Schlagwörter: Freundschaft | Geschlechterbilder

Berit kommt zu Besuch und möchte gerne draussen mit Frida spielen. Frida ist aber auf dem gemütlichen Sofa mit Ausschneiden beschäftigt und alles andere als begeistert über den Überraschungsbe­such. Die zwei Nachbarsmädchen haben nicht immer die gleichen Wünsche, Vorstellungen und den gleichen Rhythmus. Werden sie sich arrangieren?

Als BetrachterIn kann man in Pija Lindenbaums neuestem Bilder­buch an einem verregneten Sommerwochenende teilhaben. Wie schon in «Mia schläft woanders» – 2012 in der Sparte Bilderbuch mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet – richtet die grandiose schwedische Bilderbuchkünstlerin den Fokus auf zwei Mädchen, die ihre kleinen Kämpfe miteinander austragen, und lässt die Erwachsenen nur marginal agieren. Lindenbaum präsentiert Kinder als Persönlichkeiten. Sie kann sich erstaunlich gut in sie einfühlen und lässt Unstimmigkeiten zwischen den beiden Prota­gonistinnen in Nebensätzen aufblitzen. Schön, wie Berit und Frida am Ende doch zusammen finden und gemeinsam in «ekligen Sachen hinter der Garage stochern».

Auch in den kantigen, leicht karikaturhaften Illustra­tionen spiegelt sich die kindliche Perspektive: So wirkt etwa Göran – der Freund der Mutter – riesig verzerrt und der Weg zum Nachbarhaus viel breiter als in Wirklichkeit. Auch mit ihrer Farbpalette drückt Lindenbaum gekonnt Stimmungen aus. Im Grunde handelt die Geschichte von der Balance zwischen dem Wunsch, alleine für sich oder mit jemandem zusammen Zeit zu verbringen. Ein Thema ohne Altersbegrenzung!

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/15, S.29

Anton hat Zeit – aber keine Ahnung, warum!
Meike Haberstock
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2015, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-3729-7

Der sechsjährige Anton hat alle Zeit der Welt und könnte damit überaus glücklich sein. Aber leider hat er eine Mama, die nie Zeit zu haben scheint, und die ausge­sprochen ungnädig darauf reagiert, wenn Anton den Tag in seinem eigenen Tempo startet. Schnell findet er heraus, dass sich Mamas schlechte Laune am Morgen in verschiedenen Alarmstufen steigert. Wenn Anton an einem Blautag, an dem er nur blaue Kleidungsstücke anziehen möchte, sich höchst kreativ eine blaue Wasserfarbsocke auf den Fuss malt, weil er seinen zweiten Strumpf nicht findet, dann kann das dazu führen, dass Mama in einem fort schimpft, während sie aus dem oberen Stockwerk die vielen Treppen zur Haustür runterflitzen müssen.
Für Anton ist das nicht schön – er hat dann so ein Gefühl im Bauch, als würde sich ein Kugelfisch darin aufblasen. Aber er merkt sich jede Beobachtung genau und beschliesst, seinen Opa um Rat zu fragen. Haben Erwachsene weniger Zeit, wenn Kinder sich mehr Zeit nehmen? Kinder stehlen den Erwachsenen ihre Zeit doch nicht etwa!? Warum hat Opa, obwohl er erwachsen ist, so viel mehr Zeit als Mama? Und ist es vielleicht besser, die Uhr nicht lesen zu können, weil man die Zeit dann viel besser vergessen kann?
Meike Haberstock beschreibt Antons Alltag und seine Fragen aus präzise beobachteter Kindersicht, so dass man als (vor)lesende Erwachsene schon einmal rote Ohren bekommen kann und sich sofort vornimmt, mehr auf das Zeitbedürfnis der Kinder zu achten. Ein herrlich humorvolles, von der Autorin toll illustriertes Kinderbuch für die ganze Familie!

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/15, S. 30

Der Galimat und ich
Paul Maar, Illustration: Ute Krause
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2015, Seiten: 253, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-78-914296-3
Schlagwörter: Humor/Komik

Paul Maars neuste Kindergeschichte ist ein echter Sams-oh-Maar! Unbenommen, wie vielseitig dieser Autor ist, der ABC-Bücher reimen, Texte fürs Theater dra­ma­tisieren und orientalische Stoffe fabu­lieren kann – jeder kennt ihn als Erfinder einer drolligen Figur, die inzwischen so berühmt ist wie ihr Autor: das Sams.
Auch sein Neuer ist von samsigem Kaliber: ein Kerl namens Galimat mit magischen Fähigkeiten, seltsamem Aussehen und komischen Angewohnheiten – z.B. Wortwiederholungen aus purer Höflichkeit: «Man sagt das letzte Wort seiner Rede zweimal, damit der andere weiss, dass die Rede zu Ende ist und er antworten darf, darf!» Klein ist dieser Typ mit ballgrossem Kugel-Körper, der zugleich sein Gesicht ist. «Direkt darunter befinden sich zwei grosse Füsse und zwei Hände mit jeweils drei Fingern». Beine und Arme kann er wie Teleskopstangen ausfahren und auf dem Kopf hat er zwei Antennen, um «Luft-Ionen» zu essen.
Der Galimat sitzt eines Tages auf dem Lexikon des Jungen Jim. Auch dieser hat eine Sonderbegabung, die nervt: Er schlägt immerzu in seinem inneren Lexikon nach und «spuckt» aus, was dort steht. Denn Onkel und Tante, bei denen er lebt, würden gern bei einem Fernsehquiz eine Million gewinnen. Als bekannt wird, dass dort nur Erwachsene zugelassen sind, hilft «Gali». Der kann nämlich zaubern und eine Erwachsen-werden-Pille materialisieren.
Was Jim als «Herr Jim» erlebt, wird nicht nur von Illustratorin Ute Krause mit spitzer Feder in Szene gesetzt, sondern auch von einer sehr präsenten Erzählerfigur, die mit LeserInnen und Figuren ständig den Dialog sucht. Paul Maar glänzt mit köstlichen Dialogen, lustigen Erzähleinfällen und sprachspielerischen Kunststücken. Sein Herz scheint an Geschichten zu hängen, in denen ein Ausserirdischer das Leben eines Erdenbürgers durcheinanderwirbelt und am Ende alle glücklicher sind als zuvor.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/15, S. 32

Eleanor & Park
Rainbow Rowell
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Verlag: Hanser, Publiziert: 2015, Seiten: 368, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-24740-6
Schlagwörter: Liebe

Dass zwei sechzehnjährige Teenager die Liebe, die Welt und sich selbst entdecken, ist erst mal keine grosse Überraschung. Überraschend und grossartig ist allerdings, wie die US-amerikanische Autorin Rain­bow Ro­well dieses Entdecken schil­dert: in entwaff­nend ehrlichen Alltags­beobach­tun­gen.
Zugegeben: Was die rothaarige Eleanor und der asiatisch aussehende Park in ihrem begrenzten Radius zwischen Schule und Zuhause erleben, schürft tiefer, als es das Leben eines Jugendlichen eigentlich vorsieht. Und natürlich sorgt die bittere soziale Wirklichkeit – prügelnde Väter, Mobbing und Rassismus an der Schule, Armut und Perspektivlosigkeit in der Wohnsiedlung –, in die Rowell ihre beiden Helden ungeschützt aussetzt, für die nötige Fallhöhe in dieser Geschichte. Doch das dramatische Potenzial lässt die Autorin weitgehend unausgeschlachtet liegen – sie erzählt lieber ausgiebig von dem, was zur ersten Liebe dazugehört: absurde Dialoge, Endlosgespräche über Musik, Bauchkribbeln und erdbebengleiche Missverständnisse.
Virtuos ist dabei die Sprache, die Rowell ihren beiden gebeutelten HeldInnen in den Mund legt: Während der sensible Park seine schwer greifbaren Gefühle in glasklare Sätze verpacken kann («Sie sah aus wie ein Kunstwerk, und Kunst musste nicht schön sein.»), begegnet Eleanor den täglichen Zumutungen mit lakonischem Witz. Man kann gar nicht anders, als die beiden ins Herz zu schliessen: Weil sie ihre Eigenheit viel lieber ausleben, als sich den Widrigkeiten des Lebens zu beugen.
In seiner Komplexität geht das Buch möglicherweise über das hinaus, was Jugendliche im Alter der Helden erfassen und überblicken können. Zum Glück: Das macht den Roman zu einem lohnenswerten All-Age-Titel auch für LeserInnen, deren erste Liebe längst verflossen ist.

Alice Werner
Buch&Maus 1/15, S. 34

Heldentage
Sabine Raml
Verlag: Heyne, Publiziert: 2015, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-45-326960-6
Schlagwörter: Liebe

Do what you love!

«Ich könnte normal sein. Eltern haben, einen Vater und eine Mutter. Meine Mutter könnte ein fröhlicher Mensch sein und einen interessanten Job haben und eine wahre Alltagsheldin sein (sie ist vor mir wach und bleibt länger auf und dazwischen ist sie für mich da, wenn ich sie brauche).» Leas Mutter ist aber keine Alltagsheldin. Diesen Part muss Lea selbst übernehmen. Muss sich die Launen der Mutter gefallen lassen, muss Zigaretten und «Flaschenfreunde» für sie besorgen, und ganz nebenbei noch das ohnehin komplizierte Leben einer 15-Jährigen leben, das noch ein bisschen schwieriger ist, seit ihr Freund Lenny das Freundschaftslederband ans Treppengeländer der Schule geknüpft hat und mit einem Mädchen rumknutscht, das im Gegensatz zu Lea solche körperlichen Annäherungen auch zulässt.
Sabine Raml, die für das Manuskript von «Heldentage» den Jugendbuchpreis der Stadt Oldenburg gewonnen hat, versteht es in ihrem Debütroman geschickt Motive zu verweben. Als Gegenmodell zu Lea baut sie deren Freundin Pola auf, die hübsch und selbstsicher ist und eine gute Beziehung zu ihrer Mutter führt – und in ihren Yoga-Übungen frei atmen kann, während Leas Leben ein einziges Ringen nach Luft darstellt. Und das nicht nur wegen ihres Asthmas.
Die Erzählstimme von Lea schwingt sich über ihre kaputte Existenz hinaus, ist sicherer und bestimmter als Lea es zu sein wagt. Und wenn auch der Schluss etwas gar rosig ist: Das Schöne an diesem Roman ist nicht zuletzt auch, dass nicht die Jugendliche selbst das Leben ihrer Mutter wieder ins Lot bringen muss, sondern dass es Erwachsene gibt, die sich der Sache annehmen. Das Leben einer 15-Jährigen beinhaltet nämlich auch so schon genug Heldentaten.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/15, S.35

Train Kids
Dirk Reinhardt
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2015, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-83-695800-4
Schlagwörter: Migration

Kinder auf der Strasse, Kinder auf der Flucht, Kinder im Krieg, Kinder, die missbraucht werden. Problemorientierte Jugend­romane, die aus anderen Weltgegenden berichten, sind seit den 1970er-Jahren präsent und werden Teil der
Ju­gend­­literatur bleiben, solange diese Dinge in der Welt geschehen. Wichtig ist es, in der Flut der Problembücher jene zu finden, die den jugendlichen LeserInnen bei uns ein adäquates Bild solcher Kinderschicksale vermitteln.
Gemäss Schätzungen sind es jährlich 300‘000 migrationswillige Menschen, die von der Südgrenze Mexikos nach Nordamerika aufbrechen. In Dirk Reinhardts Roman ziehen fünf Jugendliche los in das rund 3000 Kilometer entfernte, gelobte Land, die USA. Miguel aus Guatemala und seine Reisegefährten aus Honduras und El Salvador, der Jüngste ist gerade mal zwölf Jahre alt, machen sich auf die gefährliche Reise mit Güterzügen durch ganz Mittelamerika.
In seiner dichten und düsteren Erzählung mit wenigen Lichtblicken, reiht der Autor Mühsal an Mühsal, welchem die Jugendlichen auf ihrer Flucht begegnen. Er erzählt davon, wie die Hoffnung immer wieder erstickt wird und von neuem entflammt. Wie das Vertrauen unter der Schicksalsgemeinschaft wächst und die Jungen sich gegenseitig unterstützen, um ihrem Ziel näher zu kommen – im steten Wissen, dass sie es niemals alle gemeinsam schaffen werden.
Dirk Reinhardt beschreibt am Ende des Buches, wie er zu Recherchezwecken in Mittelamerika weilte und sich mit Jugendlichen auf der Flucht unterhielt. Auf wenigen Seiten vermittelt er noch einmal die Fakten, die für die Lesenden die Basis bilden, um den packenden, einfühlsam, aber nicht voyeuristisch geschriebenen Roman zu verstehen. Kein dystopischer Thriller, sondern harte Realität, aber durchaus von genauso grosser Intensität und Spannung.

Roger Meyer
Buch&Maus 1/15, S. 35

Das Herz von Libertalia
Anna Kuschnarowa
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2015, Seiten: 461, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-40-781187-5
Schlagwörter: Historisches

Als Anne Bonny und Mary Read, die berüchtigsten Piratinnen der Geschichte, 1720 zum Tode verurteilt wurden, hatten beide beachtliche Crossdress-Karrieren hinter sich. Angeblich starb Mary vor Vollstreckung des Urteils im Gefängnis, während Anne spurlos verschwand – was die Fantasie der nachkommenden Gene­rationen anregte. So ist sie auch Haupt­figur in Anna Kuschnarowas Roman, der am Ende ihrer Piratinnen-Karriere beginnt: Im dreckigen Verlies auf den Tod wartend, blickt Anne auf ihr Leben zurück. Als uneheliches Kind eines Corker Advokaten wächst sie unbeschwert auf dem Land auf, bis ihr Vater sie in Jungenkleidern zu sich nach Amerika holt. Dort soll Anne die tadellose Tochter geben. Doch es ist zu spät: Anne kann nicht mehr anders, als ihre persönliche Freiheit jenseits des Korsetts weiblicher Zwänge suchen. Angetrieben von der Sehnsucht nach Libertalia, dem sagen­haften Piratenstaat, in dem alle gleich und frei sind, durchstreift sie die Karibik. In der Männerwelt der Piraten findet sie schliess­lich auch als Frau Anerkennung, sie wird sogar Kapitänin. Aber der Preis dafür ist hoch, und am Ende der Piraten-Blütezeit wird selbst das weite Meer zu eng für ihren Traum nach Freiheit …
Kuschnarowa verwebt die Historie gekonnt mit dem Schicksal ihrer Protagonistin. Schwungvoll malt sie ein nuancenreiches Gemälde des Piratenlebens, zu dessen Faszination stets auch die Schattenseiten gehören. Nah an den historischen Fakten, aber mit der nötigen dichterischen Freiheit erzählt Kuschna­rowa in mitreissenden Worten eine span­nende Abenteuergeschichte um eine Frau auf der Suche nach Selbstbestimmung. Stellenweise liest sich der Text wie ein Manifest für Toleranz, Freiheit und Gleichberechtigung – am Ende bleibt die Frage, wie viele Schritte es heute noch bis Libertalia wären.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 1/15, S. 36

Walross, Spatz und Beutelteufel
Adrienne Barman
Aus dem Französischen von Susanne Schmidt-Wussow
Verlag: Aladin, Publiziert: 2015, Seiten: 216, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-84-890090-9
Schlagwörter: Humor/Komik | Tiere

Das grosse Sammelsurium der Tiere

Noch ein Tierlexikon? Ja, aber was für ein schräges, farbintensives! Wahrlich eine «Drôle d’encyclopädie», wie der Originaltitel des Buches verspricht. Die Genfer Illustratorin Adrienne Barman sass fast drei Jahre über dieser Arbeit. Sie hat über 640 Tiere nach Farben, Fähigkeiten oder Ver­hal­tens­formen geordnet und in 41 eigen­willige, humorvolle Kate­gorien eingeteilt, die sich so in keinem zoologischen Fachbuch wiederfinden, aber dennoch Hand und Fuss haben: von den «Architekten» über die «Legendären» bis zu den «spek­takulären Verführern», von den «Himmelblauen» über die «Zitronengelben» bis zu den «Pechschwarzen». Auf Französisch ist das Buch längst ein Bestseller geworden, Übersetzungen in viele andere Sprachen sind gefolgt, jetzt endlich liegt es auch auf Deutsch vor.
Barmann erfindet nichts dazu, aber sie inszeniert ihre Helden, indem sie sie grup­piert, Körperhaltungen karikiert, Eigen­schaften durch Gesten ausdrückt und ihre Augen sprechen lässt. So verleiht sie den Tieren Individualität, Ver­spielt­heit und Poe­sie zugleich. Den «Einzel­gängern» lässt sie viel Leerraum, der Leopard etwa döst auf einem Ast hoch über der Savanne vor blutrotem Abend­him­mel vor sich hin, die Galapagos-Riesenschildkröte tänzelt hocherhobenen Hauptes über eine einsame Insel und die «Schnellen» sind aus dem Bild gehuscht, bevor wir sie in den Blick nehmen konnten.
Barman spielt mit Farbkontrasten, Flächen und den ornamentalen Wundern der Natur. Entstanden ist so ein tierisches Feuerwerk, das mit dem Genre der Enzy­k­lopädie spielt, ohne seine Gesetze von Genau­igkeit und Register zu verletzen. Eine Augenweide, witzig und informativ, zum «Schnäuggen» und sich darin verlieren – für jedes (Vorlese-)Alter.

Christine Tresch
Buch&Maus 1/15, S. 37

Wild
Emily Hughes
Aus dem Englischen von Stephanie Menge
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2015, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5121-8
Schlagwörter: Natur

«Wild», das erste Werk der auf Hawaii geborenen und in England lebenden jungen Illustratorin Emily Hughes, ist ein mit Farbstift und Pinsel bewaffneter Angriff auf die von ihrem renommierten Kollegen Nikolaus Heidelbach kürzlich in der Presse als «rosa Scheisse» verunglimpften Heile-Welt-Geschichten für Kinder mit harmlosen, vorbildhaften Figuren, sim­pler Moral und hellen fröhlichen Bildern. Hughes erzählt in ästhetisch komplexen, mit starken Emotionen aufgeladenen und in den Farben der 1960er-Jahren kolo­rierten Zeichnungen eine archaische Geschichte über den Willen zur Freiheit und das Recht auf Selbstentfaltung.
In Anlehnung an Kiplings Mowgli und Sendaks Max weckt Hughes ihr eigenes Naturkind zum Leben: ein kleines, un­bändig glückliches Mädchen mit grünen Haaren, das von den Tieren im Wald aufgezogen wird, bis Wanderer es eines Tages entdecken und in die Menschenwelt entführen. Dort soll es von einem berühmten Psychiater vermessen, zivilisiert, erzogen und gebändigt werden. Sein neues Leben erscheint dem Mädchen völlig «falsch», es wird erst traurig, dann zornig und schlägt schliesslich in einem amokartigen Anfall alles kurz und klein. Die Lust an der rasenden Zerstörung – bei der auch die Haustiere des Psychiaters rachsüchtig mithelfen – wird hier als Befreiungsschlag dargestellt, der die Flucht zurück in die Wildnis ermöglicht.
So anmassend, wie wir Erwachsene uns Kindern gegenüber häufig gebärden, indem wir vorschreiben, was richtig und falsch ist, so anmassend verhält sich hier das kleine Mädchen. Es zeigt Mut, sich selbst treu zu bleiben und unsere Welt komplett in Frage zu stellen. Ein unkonventionelles Bilderbuch, das an Grenzen geht und spannende Diskussionen mit den vorlesenden Erwachsenen provoziert.

Alice Werner
Buch&Maus 2/15, S. 26.

Steckt
Oliver Jeffers
Aus dem amerikanischen Englisch von Anna Schaub
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10280-6
Schlagwörter: Humor/Komik | Nonsens

Als sein Drachen im Baum hängen bleibt, wirft Floyd kurzerhand einen Schuh hinterher, um ihn wieder herunterzu­bekommen. Blöd ist nur, dass jetzt auch der Schuh stecken bleibt! Also wirft Floyd die Katze Mitch hinterher – ohne Erfolg. Die herbeigeholte Leiter wird nicht etwa zum Hochklettern verwendet, sondern eben­falls in den Baum geworfen – wo sie sie sich prompt verfängt. Und genauso ergeht es Floyd mit Farbtopf, Ente, Haustür, Küchenspüle, Boot und Nachbarshaus … Alles bleibt stecken! Da ist guter Rat teuer. Ob wohl eine Säge hilft?
Wer schon einmal einen Drachen steigen liess, kennt die Mühsal, diesen wieder von einem Baum herunterzu­holen. Oliver Jeffers schreibt und malt dazu ein lustvoll ins Groteske überzogenes Quatschbuch, das Kinder (und VorleserInnen) vor Vergnügen quietschen lässt. So sind zum einen all die Dinge, die Floyd nacheinander in den Baum wirft, in ihrer Grösse hemmungslos übertrieben. Zum anderen durchbricht Jeffers mehrfach die Erwartungshaltung, indem er Floyd zwar durchaus sinnvolle Hilfsmittel (wie Leiter und Säge) herbeibringen lässt, der Junge sie aber ganz anders einsetzt, als gedacht. So überrascht jedes Umblättern und die Spannung wächst!
Jeffers arbeitet mit reduzierten Bildern, die meist nur das aquarellierte Strich­männchen Floyd und seine zusam­mengesuchten Gegenstände vor weis­sem oder einfach koloriertem Hintergrund zeigen. So lenkt wenig von der eigent­lichen Geschichte ab; Kinder können sich ganz auf die herrlich absurde Szenerie in der immer voller werdenden Baumkrone konzentrieren. Ein wunderbar humor­volles Bilderbuch mit überraschendem Ende zum immer wieder Anschauen!

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/15, S. 26

Theo und HAInz
Iris Muhl, Illustration: Daniela Rütimann
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0688-2

Was ist das nur für ein Schatten, der an den türkisfarbenen Badewannenfliesen auf dem Cover zu sehen ist? Das wird doch kein Hai sein? Tatsächlich! Iris Muhl und Daniela Rütimann haben sich für ihr Bilderbuch ein Tier als Hauptfigur ausgesucht, dass sich nicht häufig dorthin verirrt.
Die Idee für ihr Buch ist autobiografisch. Die Schweizer Journa­listin Iris Muhl hatte als Kind Angst vor Haien und hat deshalb lange nicht schwimmen gelernt. Auch Theo hat Probleme mit dem Schwimmen und vor allem partout keine Lust, in die Badewanne zu gehen. Aber seine Mutter besteht darauf und der Junge erlebt an diesem Donnerstag eine grosse Überraschung: «Mama, in unserer Badewanne ist ein Hai!» Seine Mama glaubt ihm nicht. Doch mit dem sprechenden HAInz, einem alten Hai mit schlechten Augen und übelriechendem Gebiss, macht die Zeit im Bad riesig Spass.
Geschichten rund um den Kinderort Badewanne gibt es in schöner Regel-mässigkeit, und auch die Idee, Fantasie und Wirklichkeit miteinander zu verbinden, ist nicht neu. Dennoch ist Muhl mit ihren kurzweiligen und lustigen Dialogen zwischen dem Jungen und dem Hai (der ohne Gebiss nur sehr undeutlich sprechen kann!), und Daniela Rütimann mit ihren Illustrationen, auf denen sich kleine Überraschungen verbergen und die mit interessanten Bildausschnitten aufwarten, ein Bilderbuch zum Thema Angstüberwindung und Fantasiefreund gelungen, dass sich sehen lassen kann. Mit ihren Bildergeschichten von Lilo&Baltz für das Kindermagazin Jumi ist die studierte Textildesignerin und Illust­ra­torin schon länger bekannt.

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/15, S. 26.

Sieh mal an, was der rote Faden kann!
Yvonne Hergane, Illustration: Sabine Lohf
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2015, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5812-7
Schlagwörter: Kreativität

In dieser Geschichte braucht man den roten Faden wirklich nicht zu suchen! Keck schlängelt er sich von Seite zu Seite, begleitet von kurzen Reimen. Er kommt als gerade Strecke von links, rollt sich und wird zur Schnecke. Dann wird er – keine Bange! – zu einer Schlange. Oder der Faden ist gespannt, wie auch der Elefant, der ihn gerade zum Seillaufen entdeckt. Ganz wunderbar macht er sich als Bürstenkopf bzw. Locken­schopf. Immer weiter auf der Leiter geht es, am Ende bis zum Mond. Und von da vielleicht ins Bett? Oder mögen die Betrachtenden selbst noch ein paar Variationen in Rot anfügen?
Auf sattfarbigem Hintergrund reiht Sabine Lohf im Doppelseitenprinzip ihre einfachen, mit unterschiedlichen Mate­rialien arbeitenden Collagen aneinander. Deren Räumlichkeit wird durch den Einsatz von Schattenwürfen verstärkt und die Seiten erhalten etwas Bühnen­haftes. Die wichtigste Rolle spielt natürlich das rote Baumwollgarn, das genauso als Schlangen­umriss dienen kann wie als Wäscheleine oder Springseil, als Paketschnur oder Schnürsenkel, an dem man wie die freche Maus am liebsten selbst ziehen möchte. Mindestens so viel Spass dürfte es machen, mit einem eigenen Faden den­jenigen im Buch nachzulegen oder sogar eine Fadenwäsche­leine mit Zahn­sto­cherverankerung selbst herzustellen. Gar nicht so einfach für kleine Kinderhände!
Die kurzen Reime dürften dem Mitmachen hingegen eher hinderlich sein. Sie sind sehr unterschiedlich in der Reimform, aber auch in der Qualität. Da ist wohl weniger das Mitsprechen gemeint, als das Zuhören und Staunen über die variantenreichen Collagen. Auf jeden Fall ist dieses Pappbilderbuch ein gutes Beispiel für die Experimentierfreude, die in diesem Segment zurzeit herrscht.

Barbara Jakob
Buch&Maus 2/15, S. 27.

Suchst du Streit?
Karsten Teich
Verlag: Hinstorff, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-356-01896-7
Schlagwörter: Streit/Konflikt

Der Wilde Westen hat es Karsten Teich offensichtlich angetan: Doch während sein Cowboy Klaus aus der gleichnamigen Erstlesereihe ein herzig-harmloser Far­mer mit Hausschwein ist, greift Teich in «Suchst du Streit?» tief in die Klischeekiste und präsentiert einen echten Desperado mit Sheriffstern. Den stechenden Blick von einer überdimensionierten Hutkrempe verschattet, die Beine krumm, den Colt ganz lässig an der Seite – so steht er einsam als schwarze Silhouette am Horizont und nähert sich unter der sengenden Mittagssonne Bild für Bild.

«Was glotzt du so?», stänkert der Raufbold schon auf den ersten Seiten – und meint damit den oder die LeserIn. Alle Argumente, dass der Cowboy schliesslich eine Buchfigur ist und man Bücher angucken darf, helfen nicht: Der Kerl ist auf Krawall gebürstet und zieht prompt die Waffe … Wie gut, dass Teich just vor dem Showdown die Machtverhältnisse auf den Kopf stellt: Die Pistole entpuppt sich als alberne Banane, der Rabauke will eigentlich nur spielen und das folgende Pusteduell katapultiert ihn zielsicher auf den Mond. Ätsch!

Mit ebenso viel Situationskomik wie an­­­fänglicher Dramatik parodiert Teich hier im opulenten Hochformat den Klassiker aller Konfliktsituationen im Film. Dabei entfalten seine ganzseitigen, mini­malistischen Illustrationen im Comic­stil eine starke Wirkung; beim pointierten Dialog-Pingpong zwischen Cowboy und LeserIn fällt kein Wort zuviel. So wird das Lesen, Gucken, Mitpusten zur kleinen und feinen Übung in Sachen Gegenwehr und Selbstbewusstsein. Herrlich – gleich noch einmal von vorn!

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/15, S. 27.

Die Rückkehr
Natalia Chernysheva
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2015, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0695-0

Eine junge Frau setzt sich in der Grossstadt in einen gelben Bus und fährt aufs Land. Dort lebt ihre Mutter, eine verschrumpelte kleine Alte, allein in einem windschiefen Haus mit Apfelbaum und Kohlköpfen im Garten. Die beiden freuen sich über das Wiedersehen, fallen sich in die Arme, essen zusammen.
Das ist auch schon alles, was Natalia Chernyshevas zauberhaftes Bilderbuch erzählt. Gesagt ist damit aber so gut wie nichts über das Buch, das auf einem Kurzfilm der 1984 in Swerdlowsk geborenen Animationskünstlerin basiert und ganz ohne Worte von der Begegnung zwischen Mutter und Tochter erzählt. Was die Bilder – viel Weissraum, klare Linien, gezielte Farbtupfer – so berührend macht, ist der raffinierte Aufbau von Gegensätzen und ihre Auflösung. Alt und jung, Stadt und Land, Gross und Klein – man müsste erwarten, dass die einfach und ländlich lebende Mutter ihre urban-schicke Tochter nicht mehr versteht und umgekehrt; es liegen Welten und Jahrzehnte, wenn nicht ein ganzes Jahrhundert, zwischen ihnen. Doch die beiden verstehen sich ohne Worte; die Tochter, riesengross im Bild erscheinend, drückt dem kleinen Mütterchen einen Kuss auf die glückselige Wange. Worauf sich die Mutter mit ihrer Art der Berührung revanchiert: Kaum erreicht der Duft aus der Pfanne die weit geöffneten Nasenlöcher der jungen Frau, schrumpft sie auf Kindergrösse, und die beiden sind wieder Mutter und Kind, wie früher.
Die schwindelerregende Perspektive ist verschwunden, und die Welt scheint, trotz ihrer Zerrissenheit, für einen Moment, für zwei Menschen im Gleichgewicht. Gerade weil die Künstlerin sich ganz auf die Emotionalität zwischen den Frauen konzentriert und nichts erklären will, lädt das Buch dazu ein, den weissen Raum mit eigenen Geschichten zu füllen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/15, S. 27.

Ich bin Henry Fink
Alexis Deacon, Illustration: Viviane Schwarz
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2015, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5836-3
Schlagwörter: Philosophie

Henrys riesiger Finken-Schwarm veranstaltet Tag für Tag einen solchen Lärm, dass man keinen klaren Gedanken fassen kann: «Guten Morgen» – «Guten Tag» – «Guten Abend» – «Gute Nacht» kreischt die Meute sich Stunde um Stunde zu. «Es war immer dasselbe. Doch … manchmal kam das Ungeheuer.» Dann flüchten die Vögel auf den nächsten Baum, «wo sie sassen und schrien, bis das Ungeheuer weiterzog». Eines Nachts erwacht Henry jedoch und ist zum ersten Mal in seinem Leben von absoluter Stille umgeben: «Er hatte einen Gedanken und er HÖRTE ihn.»
Als das Ungeheuer wieder auftaucht, stürzt er sich im Sturzflug in dessen Maul – und wird gefressen. «Du bist ein Idiot, Henry Fink […]. Du bist nicht genial, du bist das Abendbrot von jemandem», schimpft er im Magen des Untiers mit sich selbst. Es kommt anders.
Ein roter Fingerabdruck, zwei kleine Punkte und wenige Striche mit schwar­zem Filzstift – mehr braucht Viviane Schwarz nicht um Alexis Deacons gefie­dertem Held und seinen Artgenossen Leben einzuhauchen. Und was ist das für ein wagemutiger Piepmatz, der sich da einer nächtlichen Eingebung folgend kopfüber ins vermeintliche Verderben stürzt! Ein telepatisches Zwiegespräch und etliche Sprechblasen später, in denen Henrys Ideen und Gedanken zeichnerisch dargestellt werden, ist es dem Finken gelungen, dem Ungeheuer so ins Gewissen zu «denken», dass dieses kurzerhand zum Vegetarier mutiert, das Maul weit aufreisst und ihn quietschfidel entkommen lässt.
Ein ungewöhnlicher Bilderbuch-Held, eine pfiffige Geschichte, originelle Illustrationen, eine Prise Philosophie – dieses ebenso pointierte wie unterhaltsame Bil­der­buch lässt einen immer wieder Neues entdecken.
«‘Genial’, dachte Henry.» Nicht schlecht, Herr Specht, äh … Fink, denke ich.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/15, S. 28

Maulwurfstadt
Torben Kuhlmann
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10274-5
Schlagwörter: Technik

Torben Kuhlmann liebt historische Maschinen, Schauplätze und Materialien. Zahnräder und Dampfloks, Fotografien in Sepiatönen und im Dunst verschwin­dende Bahnhöfe beschwören in seinem Bilderbucherstling «Lindbergh» nostal­gische Gefühle von Entdeckerfreude und Abenteuer herauf. Das Buch über die Maus, die im selbstgebauten Flugapparat den Atlantik überquert, machte den jungen Hamburger Künstler zu einem Shooting Star der Kinderliteratur. Sein zweites Bilderbuch «Maulwurfstadt» ist ästhetisch mindestens so aufregend wie «Lindbergh» und in der Komposition noch konsequenter. Kuhlmann arbeitet dies­mal praktisch ohne Text; nur zwei überflüssige Sätze am Anfang und am Ende berichten von der Gründung und den Auswüchsen der Maulwurfstadt. Das bietet grossen und kleinen Betrachter­Innen Raum, sich eigene Geschichten zu erzäh­len, Bezüge zu Kunst und Film oder eines der unzähligen Details zu entdecken.
Alles beginnt auf einer grünen Wiese – oder nein, die Geschichte beginnt bereits im Vorsatz. Zeich­nungen von Schwarzweiss-Fotos erzählen hier die Geschichte der Maulwurfstadt. Aus einem Hügel werden viele, und bald buddelt nicht mehr jeder für sich, denn die Industrialisierung hält Einzug. Die Fotos zeigen aber nicht nur das Leben der Arbeiter, sondern die ganze maulwürfische (Alltags-)Kultur, die der menschlichen zum Verwechseln ähnlich ist. Auf den in Erd- und Metallfarben gehaltenen, klassisch gestalteten Doppelseiten ent­faltet sich das Leben unter Tage in Bildern, die von Ausbeutung und erstickender Bürokratie, aber auch von der schieren Schönheit der Dinge erzählen: Zahnräder und Aktenordner, die Wählscheiben alter Telefone oder die Ketten, mit denen man früher die Klos gespült hat, entfalten einen Charme mit Kultpotential. So fängt Kuhlmann unser ambivalentes Verhältnis zur Technikgeschichte in seinen Bildern ein.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/15, S. 28

Der Feuerdieb / Ladrón del fuego
Ana Paula Ojeda, Illustration: Juan Palomino
Aus dem Spanischen von Jochen Weber
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-905804-62-1
Schlagwörter: Mythologie/Sage

Schöpfungsmythen erzählen vom Ursprung der Welt, aber auch vom Sinn des Lebens und des Todes. Es ist faszinierend, wie für die immer gleichen Fragen – Ordnung des Ur-Chaos, Entstehung des Zeitablaufs, Bedeutung des Feuers – in jeder Kultur unterschiedliche Geschichten und Bilder kreiert und tradiert werden.
In den Schöpfungsmythen indigener Gemeinschaften Mexikos hat der Tlacuache, eine fünfzig Millionen Jahre alte Opossum-Art, eine besondere Be­deutung. Das zweisprachige Bilderbuch «Der Feuerdieb / Ladrón del Fuego» greift diese Mythen auf und erzählt, wie der Tlacuache Tag und Nacht – und somit das Mass der Zeit – schaffte, und den Menschen das Feuer brachte. Nicht dass eine Gottheit ihm diese Aufgaben übertragen hätte – nein, der Tlacuache überlistete die Herrin des Lichts und bestahl sie. Dafür wurde er mit dem Tod bestraft und in Stücke gehieben. Nur, der Tla­cuache liess sich nicht so leicht umbringen: «Muerto, el Tla­cuache se puso a pensar, recogió sus pedazos y se fue reconstruyendo!» Er selber machte sich wieder lebendig, und zwar durch die Kraft des
eigenen Denkens.
Kinder, die bereit sind, sich auf diese besondere Geschichten- und Bilderwelt einzulassen, finden vieles, in das sie eintauchen können: in die in warmen, weichen Farbtönen gehaltenen Bilder mit Motiven aus der mexikanischen prä­kolumbianischen Tradition, die Stoff fürs Weiterspinnen weiterer Geschichten hergeben; in die Texte in Spanisch und Deutsch in je einer Farbe, die zum Sprachvergleich und zum Wiedererkennen einzelner Wörter und Passagen anregen; in die ganz grossen Fragen zur Entstehung der Welt und dem Sinn von Tod und Zerstörung; und natürlich in das Leben des Tlacuache, diesem gewitzten, possier­lichen und allmächtigen Tierchen mit anarchischem Potenzial.

Therese Salzmann
Buch&Maus 2/15, S. 28.

Etwas ganz Grosses
Sylvie Neeman, Illustration: Ingrid Godon
Aus dem Französischen von Anna Taube
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-019-4
Schlagwörter: Gefühle

Ernste Problemgespräche führen ist nicht einfach. Schon gar nicht zwischen einem Grossen und seinem Kleinen, auch wenn sie sich «sehr lange und sehr gut» kennen. Weil der Grosse immer gross ist und der Kleine eben klein und wütend, weil er trotzdem etwas ganz Grosses tun möchte. Beide überlegen, was gross genug und trotzdem machbar wäre. Der Grosse fragt nach, um zu begreifen: Ein Leuchtturm? Ja, aber keinen bauen. Viel zu gross! Eine Reise? Zu weit, vielleicht eine kurze. Er führt das Gespräch, nimmt sich Zeit und den Kleinen «mit seinen verrückten Ideen» ernst. Darin ist der Grosse gross. Beim Spa­ziergang am Meer ergibt sich endlich die Gelegenheit für etwas Grosses: Der Kleine rettet einen Fisch.

Für ihre Parabel über das Grosswerden (lassen) wählt Sylvie Neeman die tra­di­tionsreichste symbolische Figurenkonstellation und lässt doch bewusst offen, wer wann gross oder klein sein mag. Zu einer Lektion für Vater und Sohn wird diese kluge, federleichte Geschichte erst durch Ingrid Godon. Die Illustratorin muss Figuren darstellen und wählt, wohl aufgrund des maskulinen Artikels, das Naheliegende.
Ansonsten inszeniert Godon in ihren Bildern kongenial die Modellsituation und deutet sie zugleich in Einzelaspekten. So offenbart schon das Cover, wer im Zentrum steht: der Kleine, indem er als Figur ausgemalt und nicht nur konturiert ist – wie der Vater. Den stellt sie schemenhaft in den Vordergrund und den Sohn in dessen Schatten. Godons darstellerisches Prinzip – im selben Bild manches nur anzudeuten, anderes auszugestalten – gibt ihren Illustrationen Dichte und Transparenz, bildet sie doch Vorder- wie Hintergründiges, Sichtbares und Unsichtbares wie Gedanken und Gefühle simultan ab. Sie zeigt Fremdheit und Nähe und offenbart so die Intensität zwischenmenschlicher Augenblicke.

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/15, S. 29.

Ein Kleiner und ein Grosser philosophieren zusammen. Der Kleine möchte auch einmal etwas ganz Grosses tun – aber es ist gar nicht so einfach, dies auszudrücken. Ein kluges Bilderbuch über einen Mann und einen Jungen auf der Suche nach den richtigen Worten für ihre Gefühle.

Sam und Dave graben ein Loch
Mac Barnett, Illustration: Jon Klassen
Aus dem Englischen von Thomas Bodmer
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2015, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10265-3
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft

Nach «Extra Garn» liegt mit «Sam&Dave graben ein Loch» die zweite Zusammenarbeit von Extraklasse zwischen Jon Klassen und Mac Barnett vor. Die beiden vielfach ausgezeichneten amerika­ni­schen Künstler bestechen in ihren Bilder­büchern durch originelle Geschichten, Minimalismus und enorme Stilsicherheit. Während «Das ist nicht mein Hut», das letzte Buch von Illustrator Jon Klassen, unter der Wasseroberfläche spielt, geht es jetzt unter die Erde.

«Am Montag gruben Sam und Dave ein Loch», heisst es lakonisch. Wie tief dieses Loch werden soll, und welche Misserfolge die beiden verkraften müssen bis sie am anderen Ende der Welt wieder das Tageslicht sehen, das ahnt man als LeserIn da noch nicht. Auf alle Fälle haben sie ein erklärtes Ziel: so lange graben, bis sie etwas Besonderes finden. Schokoladenmilch und Tierchenkekse verheissen Stärkung in den Pausen. Tragisch nur, dass sie immer haarscharf an den riesigen Diamanten vorbei buddeln …

Jon Klassen zeigt die Welt unter Tage als Querschnitt, so dass die Betrachtenden stets mehr wissen als die Protagonisten. Daraus entsteht eine enorme Spannung, die im Kontrast zu den seelenruhigen, knappen Dialogen steht, die die beiden abenteuerlustigen Jungs miteinander führen.

Der Illustrator hat sich zudem eine Nebenfigur ausgedacht, die im Text so gar nicht vorkommt. Nur dieser Hund bekommt am Ende, was er wollte. Entdecken kann das nur, wer genau genug schaut. Ein grandioses Buch für Kinder wie für Erwachsene zum Mitfiebern und mit vielen Leerstellen, die es auszufüllen gilt.

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/15, S. 29.

Pass auf mich auf!
Lorenz Pauli, Illustration: Miriam Zedelius
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0693-6
Schlagwörter: Fantasie

Ein leeres, liniertes Notizheft. Darin gekritzelt und geklebt Figuren, eine Geschichte. Und schon ist daraus ein Buch geworden – das dritte gemeinsame Werk von Lorenz Pauli und Miriam Zedelius.
In diesem Buch nun ist die Geschichte von Herrn Schnippel und dem kleinen Juri, der lautstark verlangt «Pass auf mich auf!» nur die eine Seite. Wie «aufpassen» geht, weiss Herr Schnippel nicht so genau. Juri dafür umso besser: Feuer machen, Indianer spielen, Fernsehen ist viel zu gefährlich. Auf den Eiffelturm klettern, mit der Schubkarre bis zu den Sternen reisen und im Frühling einen Schneemann bauen – das können sie aber machen. Und hier kommt die zweite Seite dieses Buches zum Zug: All dies ist möglich, weil Herr Schnippel und Juri nichts anderes als Figuren in einem Buch sind. Daran wird immer wieder erinnert. Nicht nur durch Miriam Zedelius’ Collagen, die immer auf ihr Gemachtwerden hinweisen, sondern auch durch Lorenz Paulis kursiv gesetzte metatextuelle Anmer­kun­gen, die auf die Möglichkeiten und Begrenzungen des Mediums Buch hinweisen: «[Herr Schnip­pel] liegt in unserem Buch. Von uns lässt er sich nicht stören. Wir schauen ja eigentlich auch nur zu.» Spielerisch werden alle Dimensionen ausgenutzt, wenn das Buch gedreht werden muss, weil Juri kopfüber im Apfelbaum hängt, und die Figuren einmal sogar aus ganz aus den Seiten verschwinden.
Eine Geschichte nimmt ein Ende. Das Buch bleibt aber da und damit die Möglichkeit, die Geschichte wieder und wieder zu erleben: «Was tun wir jetzt? Denn nun ist sie wirklich aus, die Geschichte. Oder tun wir so, als wäre schon morgen, und das Buch und wir und alles fängt von
vorne an?»

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/15, S. 29.

Herr Fuchs und der rote Faden
Franziska Biermann
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2015, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-021-7

Manche erinnern sich sicher noch an den unersättlichen Herrn Fuchs, der Bücher derart zum Fressen gern hatte, dass er sie gleich stapelweise mit Salz und Pfeffer verputzte. In Franziska Biermanns 2001 erschienenem Kinderbuch «Herr Fuchs mag Bücher» trieb die Sucht nach Lesefutter den Fuchs sogar zum Überfall auf seine Lieblings-Buchhandlung und damit ins Gefängnis, wo er mit Erfolg eigenen Büchernachschub produzierte.
Doch das ist alles Schnee von gestern! Im zweiten Band ist Herr Fuchs längst ein berühmter Autor mit luxuriösem Bau
am Waldrand geworden, an Lesefutter herrscht kein Mangel mehr. Statt aber auf der faulen Fuchshaut zu liegen, sammelt er emsig Gerüche, Gerüchte und geheimnisvolle Gegenstände, mit deren Hilfe er im Winter am nächsten Krimi schreibt. Welch Katastrophe also, dass seine Ideenkammer bis auf den letzten Krümel ausgeraubt wird! Die Polizei ist keine Hilfe und so macht sich Herr Fuchs fuchsteufelswild selbst auf Verfolgungsjagd. Gut, dass er so cool ist wie sein Romanheld Jacky Marrone, und dass er gesichert am losen Fadenende am Pullover seines Verlegers den Abstieg wagt, führt die Spur doch durch ein geheimes Loch in die Kanalisation …
Obwohl deutlich textlastiger und komplexer, hat auch Biermanns zweite Räu­ber­pistole aus der Bücherwelt viel Witz und erzählt im spannungsreichen Wech­sel­spiel von Text und Bild. Vor allem ihre plakativen Illustrationen sind echte Leckerbissen: Knallbunte Farbflächen kon­trastieren mit ornamentalen Collage-Elementen, schwarze Konturlinien setzen starke Akzente, überraschend wechseln Grössenverhältnisse und Perspektiven. Und weil ein Grossteil der Geschichte unterirdisch spielt, gibt es viele lustige Querschnitte durch Fuchsbau und Tunnellabyrinth.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/15, S. 30.

Ben
Oliver Scherz, Illustration: Annette Swoboda
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2015, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-18394-9
Schlagwörter: Schule

Schule, Schildkröten und weitere Abenteuer

Alle sind noch dabei, die dem ersten «Ben»-Band vor zwei Jahren zum grossen Erfolg verholfen haben: Hauptperson Ben, der jetzt in die erste Klasse geht. Bens grosser Bruder Alex, der diesmal gar zum Bodyguard wird, Nachbarsfreundin Ina, mit der Ben ein Indianerzelt und Geheimnisse teilt. Und die Schild­kröten Herr Sowa und Frau Lea, die er aber nur behalten
darf, wenn sie in ihrem Glaskäfig bleiben. Da beschliesst Ben, seine Tierkumpel einfach im Aqua­rium auf seine Streifzüge mitzunehmen. Aben­teu­er geschehen also wieder genug. Auch mit dem Neuen, der Olaf heisst und fies ist.
In ihrem malerischen Darstellungsstil gelingen Annette Swoboda idyllische Bilder mit watteweichen Übergängen, harmonischen Farben und stupsnasigen Kindergesichtern. Kinder, denen man auf den ersten Blick ansieht, wie glücklich sie sind. Ähnlich wie Katrin Engelking oder Eva Eriksson und doch ohne die farbenfrohe Idyllik der ersten, die kunstvolle Mimik der zweiten, vergegenwärtigt Swoboda die Intensität gelebter Augenblicke. Es sind die Momente, die Bens Leben bunt machen. Zugleich wird Ben genauso gezeigt, wie er in der Welt steht: vom ersten bis zum letzten Bild in denselben Kleidern. Was gut ist, darf aus Kindersicht auch gleich bleiben, das gibt Sicherheit.
Schutz und Freiheit, das sind die Ingredienzien eines glücklichen Kinderlebens. Astrid Lindgrens Credo lebt fort in Kindergeschichten wie diesen, die Kin­dern einen Lebensraum geben, in dem sie sich frei bewegen und Dinge erproben können in einem konstanten, stabilen Lebensrahmen. Oliver Scherz hat das Zeug zum grossen Erzähler: ideenreich mit grossem Gespür für Inszenierungen, Timing und Werte.

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/15, S. 30.

Ich – voll peinlich! oder Der Tag, an dem das Kushi kam
Katja Reider
Verlag: Rowohlt, Publiziert: 2015, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-499-21214-7
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein

Eigentlich ist Jule nichts peinlicher als im Mittelpunkt zu stehen. Ihre beste Freundin Mali kann sich deshalb nur wundern, dass sie von einem Tag auf den anderen Dinge tut, die bisher undenkbar gewesen wären: sich zur Klassensprecherin wählen zu lassen etwa. Sich in einen Streit einzumischen. Oder bei einer Tanzauf­füh­rung der Schule mitzuwirken und dabei gleich einen Solo-Part zu übernehmen.
Gänzlich freiwillig geschieht all das jedoch nicht. «Es fühlt sich eher so an, als würde jemand anderes an meiner Stelle handeln. Mein eigener Wille scheint wie ausgeschaltet zu sein», versucht Jule es zu erklären. Nach und nach dämmert ihr, dass das am Kushi liegt, eine eher hässliche, kleine Puppe aus Holz und Watte, die ihr ihre verrückte Tante aus Indien mitgebracht hat. «Dieses Kushi», erklärt Tante Manisha ihr, «ist ein echter Glücksbringer! Ein Talisman! Nicht irgend so ein Unfug! […] Du wirst sehen: Dieses Kushi kann unglaubliche Kräfte entwickeln!»
Mit Hilfe des Kushis wird aus der übervorsichtigen, ängstlichen Jule, die sich stets im Hintergrund hält und den anderen lieber beim Leben zuschaut, eine richtige kleine Draufgängerin. Und wo das Kushi schon mal dabei ist, sorgt es auch gleich noch dafür, dass Jules Vater, der sich von seinem Chef viel zu viel gefallen lässt, im Büro endlich mal so richtig aufdreht und so schliesslich den Job bekommt, der ihm schon lange zusteht.
Katja Reider legt mit «Ich – voll peinlich! oder Der Tag an dem das Khushi kam» ein witziges Mädchenbuch vor, das mit vielen skurrilen Situationen und überra­schen­den Wendungen nicht nur bestens unterhält, sondern auch dazu ermutigt, von Zeit zu Zeit einmal Dinge zu tun, die ein wenig Mut erfordern. Dann, so Reiders Botschaft, macht das Leben nämlich noch mal so viel Spass. Wie Recht sie doch hat.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/15, S. 31

Der Bärbeiss
Annette Pehnt, Illustration: Jutta Bauer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2015, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-24750-5
Schlagwörter: Gefühle

Herrlich miese Tage

Frühling ist schon schrecklich anstren­gend: Alles ist viel zu heiss und viel zu hell und vom Vogelgeschrei kriegt man Kopfschmerzen. So sieht das zumindest der Bärbeiss, der – wen wundert es – mit dieser Meinung allerdings etwas alleine dasteht. Der grummelige, zottelige Griesgram ist bereits aus einem erstem Band bekannt. Nun erlebt der Bärbeiss zusammen mit dem zauberhaft fröhlichen Tingeli – der Kontrastfigur zum Bärbeiss – und seinen tierischen Freunden den Wechsel der Jahreszeiten. Dabei öffnen sich viele Verstehensebenen, die besonders auf die Opposition kalt-warm abzielen. Denn während der Sommer zum Herbst und der Herbst zum Winter wird und draussen die Kälte überhand nimmt, wird das Herz des Bärbeiss Stück für Stück etwas wärmer. Zum eigentlichen Wärmespender wird ganz zum Schluss ein neuer Nachbar – das Schaf, das ganz vorurteilsfrei auf den Bärbeiss zugeht.
Die kurzen Episoden erzählen liebevoll und mit viel augenzwinkerndem Humor von Freundschaft und dem Umgang mit Gefühlen. Dabei erkennt man im Bärbeiss oft das Trotzkind, das mit seinen eigenen Empfindungen und Wünschen zwischen Alleinsein und Gemeinschaft überfordert ist. Jutta Bauer hat dies in ihren unaufdringlichen Farbstiftzeichnungen in aller Leichtigkeit eingefangen.
Am besten eignen sich die Bärbeiss-Geschichten natürlich zum Vorlesen – oder zum Hören, gelesen von Katharina Thalmann. Ihre Stimme gibt den ein­zel­nen Figuren gleich noch mehr Charak­ter und Eigenständigkeit und hebt gleichzeitig den Humor in Annette Pehnts Text hervor. Ganz egal, wie grummelig der Bärbeiss durch die Welt geht – das Lesen und Hören ist trotzdem ein grosses
Vergnügen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/15, S. 31

Funklerwald
Stefanie Taschinski
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2015, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-4807-1
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere

Das Luchsmädchen Lumi ist eine Träumerin: Statt sich im Jagen und Spuren­lesen zu üben, lauscht sie lieber den Bäumen oder spielt mit ihren Freun­den. Zum Leidwesen ihrer Tante Kette, die gar nicht genug vor den Gefahren des Funklerwaldes warnen kann: Was weiss Lumi schon von Stürmen, Wölfen und der Jahrtausendschlucht, die ihrer Mutter das Leben gekostet haben? Als eine Flüchtlingsfamilie auftaucht, ist die Aufregung gross: Nicht nur kursieren über die «Kratzer» üble Gerüchte, die Waldbewohner haben auch noch nie einen leib­haftigen Waschbären gesehen. Vor allem Schnauz, der Fuchs, hetzt gegen die Fremden, und als die Eicheln der Wildschweine gestohlen werden, jagt die Tierversammlung die Kratzer einfach davon. Da hat sich Lumi aber schon vorsichtig mit dem Waschbärjungen Rus angefreundet: Heimlich verstecken und versorgen die beiden die bedürftige Familie. Es gibt nur einen Weg, das Waldvolk umzustimmen, und der führt zum Wandelbaum auf der verbotenen Insel. Eine gefährliche Reise für zwei Tierkinder …
«Funklerwald» ist eine Parabel über Migration, Fremdenfeindlichkeit und die Macht der Freundschaft, die in einer Welt à la «Dschungelbuch» spielt und diese mittels eines Schöpfungsmythos in eine märchenhafte Friedensvision verwandelt. Zwar erzählt Stefanie Taschinski stim­mungsvoll und lebendig, sie bewegt sich dabei aber auf klassischen und relativ ausgetretenen Erzählpfaden. So kann ihr neuer Roman dem Vorgänger «Die kleine Dame» in punkto Originalität nicht das Wasser reichen, fehlt es doch an konturierten Charakteren und überra­schen­den Wendungen. Dasselbe gilt für Verena Körtings ganzseitige Schwarz-Weiss-
Illustrationen: Sie stecken voller Atmo­sphäre, sind aber immer einen Kick zu niedlich, um Spannung aufzubauen. Schöne Bettlektüre bietet das Buch dennoch allemal.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/15, S. 31

Mein Sommer mit Mucks
Stefanie Höfler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2015, Seiten: 139, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82063-1
Schlagwörter: Freundschaft

Die zwölfjährige Zonja – mit Z! – bezeichnet sich selbst als neugierig und beobachtet gern. So sieht sie, dass der spindeldürre Junge, der im Freibad unfrei­willig im Wasser landet, nicht schwim­men kann. Klar, dass sie ihn rettet, und so den Grundstein zu einer besonderen Freundschaft zwischen Mucks und ihr, der als etwas merkwürdig geltenden Aussen­seiterin, legt. Zonja liebt Listen mit schwierigen Fragen, Mucks liebt Scrabble mit seltenen Wörtern, jeder schwimmt auf seine Weise gegen den Strom, und das passt einfach.
Trotz der tiefen Freundschaft zwischen den beiden gibt es etwas, dass unausgesprochen zwischen ihnen steht. Zonja wagt es nicht, Mucks auf seine übergrosse Nervosität, seine Angst vor Wasser und seine komischen blauen Flecke anzusprechen. Instinktiv spürt sie, dass etwas in Mucks’ Leben nicht in Ordnung ist. Als Mucks sich plötzlich nicht mehr meldet, geht Zonja der Sache auf den Grund und wird Zeugin einer verstörenden Situation, die sie spontan vollkommen überfordert.
«Mein Sommer mit Mucks» ist eines dieser phänomenalen Bücher, die zwar ganz leise und zart daherkommen, aber gleichzeitig eine ungeheure Kraft haben. Dass Zonja nicht versucht, Mucks’ Problem allein zu lösen, sondern ihre Eltern zu Hilfe holt, verleiht der Geschichte darüber hinaus eine grosse Authentizität.
Stefanie Höfler schafft mit Zonja nicht nur eine starke Mädchenfigur, sondern stellt ihr mit ihrer Mutter auch eine sehr starke und mutige Frau zur Seite, die ihrer Tochter den Mut zu Zivilcourage ohne Leichtsinn mit auf den Weg gibt – eine Botschaft, die man jedem jungen Menschen uneingeschränkt mitgeben möchte. Ein absolut bemerkenswertes Buch!

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/15, S. 32

Blätterrauschen
Holly-Jane Rahlens
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Verlag: Rowohlt, Publiziert: 2015, Seiten: 315, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-499-21686-2
Schlagwörter: Lesen

In Greifswald gibt es eine Bibliothek, die wie ein Eisberg aus dem Boden ragt. In ihren Tiefen sind unzählige Bücher untergebracht, die letzten ihrer Art. Nur an drei Orten in Europa gibt es noch Bibliotheken, die das kulturelle Gedächtnis des Abendlandes hüten.
So sieht es im Jahr 2273 aus, wohin Holly-Jane Rahlens uns mit ihren drei­zehnjährigen Protagonisten Rosa, Iris und Oliver geradewegs aus einer kuscheligen Berliner Buchhandlung namens «Blätter­rauschen» katapultiert. Die drei machen in einem Leseclub mit, sind ansonsten aber nicht unbedingt das, was man enge Freunde nennt. Die Welt der Zukunft, wie sie sich Rahlens vorstellt, überrascht im Grossen und Ganzen nicht sehr; es geht recht friedlich und ruhig zu dort, weil die Menschen mit BBs – Brain Buttons – direkt von Kopf zu Kopf kommunizieren. Und da alles der totalen Kontrolle unter­liegt, wagt ohnehin niemand den Aufstand. Auch nicht die Foresters, die Menschen, die sich aus den mit höchsten technologischen Standards ausge­rüs­teten Städten in den Wald zurückgezogen haben, um dort nos­talgisch der analogen Kultur zu frönen.
Was den Roman zu etwas Besonderem macht, ist die Tatsache, dass Rahlens ihre drei Teenager für einmal nicht die Welt retten lässt. Überzeugend beschreibt sie die Achterbahn der Gefühle, welche Rosa, Iris und Oliver je nach Temperament auf ganz unterschiedliche Weise durchlaufen – zwischen Verlorenheit und Ohnmachtsgefühlen auf der einen und rasender Neugier auf die ganz andere Welt auf der anderen Seite. Neben all den witzigen Details aus der Zukunft bleibt die langsam wachsende Freundschaft der Jugendlichen immer im Mittelpunkt – auch da kann so eine Zeitreise ganz schön viel
bewirken.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/15, S. 32

Freunde der Nacht
Matthias Morgenroth, Illustration: Regina Kehn
Verlag: dtv, Publiziert: 2015, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76116-1

Genau eine Nacht ist die Zeitspanne, die diese Geschichte umfasst: vom Eindunkeln bis zum ersten Lichtstreif am Horizont. Es ist die Johannisnacht und Lea verspricht sich viel von dieser kürzesten Nacht des Jahres. Ohne lange Erklärungen holt sie ihren besten Freund Jojo, den Erzähler, aus dem Bett und gemeinsam entfachen sie am Flussufer ein Feuer und kauen Johanniskraut. Dann nämlich, so erklärt das forsche Mädchen, könne man Nachtlinge, also Wesen der Dunkelheit, sehen und sich von ihnen einen grossen Wunsch erfüllen lassen. Erst jetzt erfährt Jojo, dass seine beste Freundin am nächsten Tag ans andere Ende der Stadt umziehen soll. Dies gilt es dringend abzuwenden – so suchen die zwei rund um das alte Schloss nach den Nachtlingen, die den grossen Wunsch der beiden erfüllen sollen. Nicht alles klappt ganz so wie erwartet und die Nacht wird um einiges abenteuerlicher als es Jojo lieb ist.

Die grosse Qualität an diesem Kinderbuch ist aber nicht der Plot, sondern das Konzept hinter der sorgfältigen Aufmachung: Nicht nur hat Regina Kehn stimmungsvolle Bilder für das Buch geschaffen und sind die Kapitel mit Zeilen aus bekannten Nachtliedern überschrie­ben, die erzählte Zeit manifestiert sich auch in der Farbe der Buchseiten, die mit dem Fortschreiten der Dämmerung von weiss über ein immer dunkleres Grau bis schwarz und wieder zurück wechselt. Ein gestalterisches Element, dass das Lese-Erlebnis intensiviert: Mit Jojo und Lea spüren die LeserInnen die gruselige Dunkelheit und die Nervösität, ob sie es noch vor dem Hellwerden wieder nach Hause schaffen – sonst nämlich bleiben sie in der Welt der Nachtlinge gefangen. Dass der Autor dieses rundum stimmigen Kinderbuchs zum Vor- oder Selberlesen ausgerechnet Morgenroth heisst, passt da fast ein bisschen zu gut.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/15, S. 32

Ein Mädchen, sieben Pfannkuchen und ein roter Koffer
Stefan Boonen, Illustration: Tom Schoonooghe
Aus dem Niederländischen von Andrea Khuitmann
Verlag: Fischer KJB, Publiziert: 2015, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5172-0
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Politik

Es war einmal ein verträumtes Dorf am Fluss, das hiess Wammerswald. In diesem Dorf lebten 172 BewohnerInnen glücklich und zufrieden. Eines Tages lag ein Mäd­chen mit flammenden Haaren und einem roten Koffer am Strand. Die Tochter eines Königs oder eines Gauners, flüs­ter­ten die Wam­mers­walder. Noch am selben Abend wussten alle, dass «der Findling» seiner herzlosen Tante davongelaufen war.
Die Rahmenhandlung, die der Belgier Stefan Boonen für «Ein Mädchen, sieben Pfannkuchen und ein roter Koffer» ersonnen hat, ist durchwoben mit be­kanntem Märchenrepertoire. Es tauchen auf: eine heimatlose Waise, eine Bäckersfamilie mit elf Söhnen, ein magischer Wald, ein verständiger Bär, ein böser Mann und Unmengen an leckeren Pfannkuchen. In dieser Symbolwelt findet sich jeder sofort zurecht. Und darauf spekuliert Boonen: Er ködert uns mit seiner märchenhaften Geschichte, um dann philosophische Brosamen aus unserer unbequemen Wirklichkeit dazwischenzu­streuen. Denn in Wammerswald soll bald nicht mehr der spitzbärtige Bürgermeister regieren, son­dern das Geld. So jedenfalls plant das Herr Waltz, ein skrupelloser Investor, der den Wammerswalder Forst abholzen und einen gigantischen Vergnügungspark bau­en will. Mit Versprechungen auf Reichtum hat er sich die Zustimmung des halben Dorfs erkauft. Dass sich ein kleines Mädchen gegen ihn und seine Bulldozer erheben und an den Schneid und die Moral der Wam­mers­walder appellieren könnte, damit rechnet er in seiner geldgierigen Blindheit nicht.
Dank seiner ehrlichen, frechen Erzählweise gelingt Stefan Boonen die Verquickung von Märchen- und Realwelt mühe­los. Kongenial dazu die reduzierten Bilder von Tom Schoonooghe, der die unverbogenen, widerspenstigen Figuren mit wenigen Strichen einfängt.

Alice Werner
Buch&Maus 2/15, S. 33

Ben Fletchers total geniale Maschen
T.S. Easton
Aus dem Englischen von Wieland Freud und Andrea Wandel
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2015, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-76-419090-3
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Ein Junge, der strickt und das auch noch öffentlich, mit Leidenschaft und komplizierten Mustern – das ist origineller Stoff für eine Jugendroman, mit dem der englische Autor T. S. Easton gezielte Nadelstiche gegen zementierte Ge­schlechts­stereotype setzt. Zwar erleben Handarbeiten derzeit einen Boom und auch Männer outen ihre Liebe zu Garn und Nadeln, für einen schüchternen 16-Jährigen mit Mackervater und obercoolen Freunden ist ein solches Hobby aber erst mal ziemlich «schwul». So braucht es auch eine Verkettung denkbar unglücklicher Umstände, bis Ben im Strickkurs landet. Weil seine Kumpels ihm geklauten Alko­hol in die Fahrradtasche packen und Ben anschliessend die alte Mrs. Frensham über den Haufen fährt, wird er vom Jugendgericht zu drei Auflagen verdonnert: ein Tagebuch führen, Arbeitsstunden bei dem Opfer ableisten und einen Abendlehrgang besuchen. Letzterer ist eine Fehlbuchung, entpuppt sich aber als Glücksfall: Ben ist ein Strick-Naturtalent und so genial, dass er auf Anhieb den Landeswettbewerb gewinnt und mit seinen Kreationen erfolgreich in den Online-Verkauf einsteigt.
Zu schön um wahr zu sein? Unbedingt! Zwar versucht Ben ziemlich unbeholfen seinen Schwarm Megan zu umgarnen und verstrickt sich auch noch in einem Lügengespinst, um seine Leidenschaft geheim zu halten, aber Easton trägt beim Versuch seinen Antihelden zu «rehabilitieren» sehr dick auf: Wer anders ist, muss offensichtlich doppelt gut sein … Dass Ich-Erzähler Ben das alles so offenherzig seiner Bewährungshelferin anvertraut, ist da ein weiterer unrealistischer Win­kelzug. Eine Idee mit Potential, doch leider gar zu grob gestrickt, so dass im Laufe der locker-flockigen Geschichte reihenweise Maschen fallen, der Handlungsfaden zerfasert und Figuren fadenscheinig bleiben.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/15, S. 33

Doppeltot
Gideon Samson
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2015, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5799-1
Schlagwörter: Gewalt | Freundschaft | Krimi/Thriller

Eigentlich sollte es nur ein Bubenstreich, pardon – Mädchenstreich – werden. Der coolen 12-jährigen Rifka fällt ja immer etwas Lustiges ein. Diesmal: bei der eigenen Beerdigung dabei zu sein. Die plant sie mit Düveke, ihrer besten Freundin. Düv soll alles besorgen – von Proviant, Schlaf­sack und Zelt bis hin zu einem Messer – um eine Entführung vorzutäuschen. Und später eine Beerdigung, die wirklich stattfinden wird – eine echte?

Was in den Tagen vor Rifkas Verschwinden passiert, berichtet die kind­liche Düveke. Erst ist sie happy, Rifkas Auser­wählte zu sein, und nicht zu den «Dummtussis» und «Lödeldödeln» in der Klasse zu gehören; dann gestresst und verzweifelt. Nachts plagen sie schlimme Ahnungen, die sie morgens verdrängt: «Jetzt kommt mir die Entführung wieder ganz lustig vor. Geistesgestört natürlich, aber doch auch zum Lachen».

Packend ist auch Oliviers Per­spektive. Er ist Düvs ahnungsloser Bru­der, der in Rifkas Fantasie eine fatale Rolle spielt, und erzählt vom «Danach», das auch sein Leben verändern wird.

Im drit­ten Teil «Während­dessen» kommt Rifka zu Wort. Und wie! Durch die Du-Perspek­tive vermittelt sich ihre ge­stör­te (Selbst-)Wahrnehmung: «Du sitzt in einem Zelt. Vor zwei Stunden bist du ver­schwun­­den – entführt worden sogar –, aber das weiss noch fast niemand, noch nicht einmal dein Freund. Nur seine kleine Schwe­s­ter, sie weiss es. Also fast niemand.»

Rifkas Figur ist schrecklich faszinierend – nicht nur für die Menschen in ihrem Umfeld. Ihre starke Anziehungskraft ist auch beim Lesen spürbar. Selbstbewusst, frei von Angst und im richtigen Moment char­mant! Und gleichzeitig hat sie diese des­truk­tive, rohe Seite. Kaum auszu­halten, wie grob sie mit Düveke umspringt! Zum Schluss ist ein Mädchen tot und ein Junge steht unter Verdacht. «Doppeltot» ist ein höchst spannender Thriller vom witzigen Anfang bis zum erschütternden Schluss.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/15, S. 33

Das zweite Leben des Travis Coates
John Corey Whaley
Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Jandl
Verlag: Hanser, Publiziert: 2015, Seiten: 303, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-24741-3
Schlagwörter: Identität/Individualität | Körper

Seit Goethes «Wilhelm Meister» erzählt der moderne Entwicklungsroman von der Suche nach einer einzigartigen Identität, die vor allem einen Motor hat: die Abgrenzung vom «Anderen». Mit ihrer Absage an die grosse Geschichte männlicher, weisser, bürgerlicher Ich-Werdung hat die Postmoderne auch die Idee stabiler Iden­tität verabschiedet. An ihre Stelle sind fragile, widersprüchliche «Ichs» getreten – und Geschichten von Mischwesen, die die Grenzen zwischen Mensch, Tier und Maschine auflösen. Anders als Fantasy und Science Fiction, wo es von Mutanten, Klonen und Cyborgs wimmelt, findet der Adoleszenzroman aber noch kaum Bilder für die postmoderne Existenz: Identitätsverwischungen werden hier meist als Krisen inszeniert. Travis Coates und Scher­­benmädchen Angie ringen jedoch mit hybriden Ichs in ihrem Körper. Travis' Kopf findet sich, fünf Jahre nach seinem Krebstod, auf einem fremden Körper wieder; Angie spaltet sich in einer von Missbrauch geprägten Gefangenschaft in multiple Persönlichkeiten.
Travis ist zwar dankbar für den Körper des verstorbenen Jeremy, aber er leidet unter dem Verlust seines Körpergedächtnisses: Er hat «Hände, die noch nie Cate berührt, Kyle mit einem Knuckle-Knock begrüsst (…) hatten», er kann nun Skaten, aber nicht mehr Zocken und hat «den Schwanz eines anderen». Also versucht er, alle Widersprüche einzuebnen: «Genau wie die Ärzte meinen Kopf und Jeremys Körper zusammengefügt hatten, musste ich mein altes Leben nehmen und es auf dieses neue aufdrücken. Wahrscheinlich lief das auf ein paar weitere Narben hinaus.» Zugefügt werden die ihm von Cate und Kyle. Während er in «Kranialer Hibernation» weilte, sind sie zu Twens gereift; Cate ist verlobt, Kyle verdrängt seine Homosexualität. Die Erkenntnis, dass es kein Zurück gibt, ist aber letztlich befreiend. Sie öffnet Raum für Bündnisse, für Wieder-Annäherungen, neue Lebensentwürfe auf allen Seiten und die Versöhnung mit Jeremys Körper. Ein «Kopf-Typ» zu sein ist Travis nicht genug. Dieser Männertraum ist ausgeträumt.
Angies Teilpersönlichkeiten haben sie vor den schlimmsten Traumata geschützt, den Teil ihrer Identität unversehrt gehalten, den sie «Pretty Girl 13» nennen. Der aber ist vom Eigenleben der Alternativpersönlichkeiten befremdet. «Dissoziative Identitätsstörung», diagnostiziert die Psychologin, und schlägt vor, die Teilpersön­lichkeiten zu erkunden. Angie dagegen entscheidet sich für ein (fiktives) Verfahren, in dem sie gelöscht werden.
Während Whaley die Identitätskrise in einen leichtfüssigen Coming-of-Age-Roman bettet, erzählt Coley im atemlosen Duktus des Psychothrillers. Doch auch wenn die Rekonstruktion von Angies verdrängter Biografie den Plot stellt, liegt der Zündstoff im Umgang mit Identität. Angie tilgt zuerst «Kleine Frau» aka «Schlampe», die den Missbrauch auf sich genommen hat und nun für ungezähmtes Begehren steht, dann «Engel», der sich mit Fäusten wehrt. Hausfrau «Pfadfinderin» und «kleine Petze» dagegen integriert sie. Aus dem «Wir» wird ein «Ich», aus dem extreme weibliche Lust und männliche Aggressivität ausgeschlossen werden. Betrauert wird der Verlust immerhin: «Ohne die rohe Energie von Kleiner Frau fühlte sie sich irgendwie leerer.»
Mit nicht-einheitlichen Identitäten tut sich (nicht nur) die Jugendliteratur bis heute schwer. Travis und Scherben­mädchen denken sie zumindest an. «Selbst für ein zierliches Mädchen wie dich wäre es möglich, eine grosse männliche Teilpersönlichkeit zu entwickeln», sagt Angies Psychologin. Und Travis stellt fest, dass seine Hand perfekt in die von Jeremys kleiner Schwester passt.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/15, S. 34

Scherbenmädchen
Liz Coley
Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Klein
Verlag: One, Publiziert: 2015, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8466-0006-1
Schlagwörter: Identität/Individualität

Seit Goethes «Wilhelm Meister» erzählt der moderne Entwicklungsroman von der Suche nach einer einzigartigen Identität, die vor allem einen Motor hat: die Abgrenzung vom «Anderen». Mit ihrer Absage an die grosse Geschichte männlicher, weisser, bürgerlicher Ich-Werdung hat die Postmoderne auch die Idee stabiler Iden­tität verabschiedet. An ihre Stelle sind fragile, widersprüchliche «Ichs» getreten – und Geschichten von Mischwesen, die die Grenzen zwischen Mensch, Tier und Maschine auflösen. Anders als Fantasy und Science Fiction, wo es von Mutanten, Klonen und Cyborgs wimmelt, findet der Adoleszenzroman aber noch kaum Bilder für die postmoderne Existenz: Identitätsverwischungen werden hier meist als Krisen inszeniert. Travis Coates und Scher­­benmädchen Angie ringen jedoch mit hybriden Ichs in ihrem Körper. Travis' Kopf findet sich, fünf Jahre nach seinem Krebstod, auf einem fremden Körper wieder; Angie spaltet sich in einer von Missbrauch geprägten Gefangenschaft in multiple Persönlichkeiten.
Travis ist zwar dankbar für den Körper des verstorbenen Jeremy, aber er leidet unter dem Verlust seines Körpergedächtnisses: Er hat «Hände, die noch nie Cate berührt, Kyle mit einem Knuckle-Knock begrüsst (…) hatten», er kann nun Skaten, aber nicht mehr Zocken und hat «den Schwanz eines anderen». Also versucht er, alle Widersprüche einzuebnen: «Genau wie die Ärzte meinen Kopf und Jeremys Körper zusammengefügt hatten, musste ich mein altes Leben nehmen und es auf dieses neue aufdrücken. Wahrscheinlich lief das auf ein paar weitere Narben hinaus.» Zugefügt werden die ihm von Cate und Kyle. Während er in «Kranialer Hibernation» weilte, sind sie zu Twens gereift; Cate ist verlobt, Kyle verdrängt seine Homosexualität. Die Erkenntnis, dass es kein Zurück gibt, ist aber letztlich befreiend. Sie öffnet Raum für Bündnisse, für Wieder-Annäherungen, neue Lebensentwürfe auf allen Seiten und die Versöhnung mit Jeremys Körper. Ein «Kopf-Typ» zu sein ist Travis nicht genug. Dieser Männertraum ist ausgeträumt.
Angies Teilpersönlichkeiten haben sie vor den schlimmsten Traumata geschützt, den Teil ihrer Identität unversehrt gehalten, den sie «Pretty Girl 13» nennen. Der aber ist vom Eigenleben der Alternativpersönlichkeiten befremdet. «Dissoziative Identitätsstörung», diagnostiziert die Psychologin, und schlägt vor, die Teilpersön­lichkeiten zu erkunden. Angie dagegen entscheidet sich für ein (fiktives) Verfahren, in dem sie gelöscht werden.
Während Whaley die Identitätskrise in einen leichtfüssigen Coming-of-Age-Roman bettet, erzählt Coley im atemlosen Duktus des Psychothrillers. Doch auch wenn die Rekonstruktion von Angies verdrängter Biografie den Plot stellt, liegt der Zündstoff im Umgang mit Identität. Angie tilgt zuerst «Kleine Frau» aka «Schlampe», die den Missbrauch auf sich genommen hat und nun für ungezähmtes Begehren steht, dann «Engel», der sich mit Fäusten wehrt. Hausfrau «Pfadfinderin» und «kleine Petze» dagegen integriert sie. Aus dem «Wir» wird ein «Ich», aus dem extreme weibliche Lust und männliche Aggressivität ausgeschlossen werden. Betrauert wird der Verlust immerhin: «Ohne die rohe Energie von Kleiner Frau fühlte sie sich irgendwie leerer.»
Mit nicht-einheitlichen Identitäten tut sich (nicht nur) die Jugendliteratur bis heute schwer. Travis und Scherben­mädchen denken sie zumindest an. «Selbst für ein zierliches Mädchen wie dich wäre es möglich, eine grosse männliche Teilpersönlichkeit zu entwickeln», sagt Angies Psychologin. Und Travis stellt fest, dass seine Hand perfekt in die von Jeremys kleiner Schwester passt.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/15, S. 34

Das Schicksal der Sterne
Daniel Hörla
Verlag: Bloomoon, Publiziert: 2015, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8458-0758-4

Mit einer kleinen guten Tat geht’s los: Adib findet Karls Buch «Die Geheimnisse des Universums» und bringt es ihm zurück. Karl bedankt sich. Fertig? Nein, das ist erst der Anfang der Freundschaft zwischen dem jungen Flüchtling Adib und dem «alten Knacker» Karl. Beide wohnen in Berlin, sind gedanklich aber ganz woanders. Das Hier und Jetzt ist mit ihrer Vergangenheit verschränkt. Abwechselnd erinnern sie sich an ihre nervenauf­reibende Flucht – Adib heute aus Afghanistan und Karl vor siebzig Jahren aus Schlesien. Dabei sind wir die allwissenden LeserInnen, die beide Lebensläufe erfah­ren, und die Parallelen darin entdecken: Beide verlieren unterwegs Familienmitglieder, haben Angst, hun­gern, werden gede­mütigt. Und: Sie lieben den Himmel und die Sterne! Für Karl sind sie Orientierung, für Adib etwas Vertrautes.
Es ist ein Glück, dass die beiden sich treffen. Der pensionierte Jurist Karl setzt sich auf dem Amt für Adib ein. Und Adib interessiert, was Karl früher erlebt hat. Zum Fürchten, was da ans Licht kommt: Einmal raubt der junge Karl einer toten Frau das Brot aus der Hand; ein anderes Mal wird er wegen eines gierigen Mitflüchtlings fast erschossen und liefert diesen später an die Russen aus. Auch Adibs Odyssee verfolgen wir atemlos. In Deutschland kommt er nach einem Überfall frisch operiert ohne Milz an, und in der Schule muss er sich durchboxen.
Gemeinsam gucken die Freunde durchs Teleskop und Adib fasst Mut: «Wer wollte schon ein toter Stern sein? Dann doch lieber ein strahlender Stern. Und genau das würde er sein. Mochte das Universum ringsum noch so finster sein. Es gab keinen Grund, sich aufzugeben.» Zum Schluss haben wir eine Ahnung davon, was es heisst, Flüchtling zu sein – heute oder Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Roman stimmt nachdenklich, berührt und liest sich spannend wie ein Krimi.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/15, S. 34

Bet empört sich
Christian Frascella
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt, Publiziert: 2015, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-627-00212-1
Schlagwörter: Politik

Ein politisches Buch, ein europäisches Buch: «Bet empört sich» erzählt von der Bewegung der «Empörten», jenen jungen Menschen in Südeuropa, die sich seit 2011 gegen die herrschenden Zustände von Korruption und politischer Festgefah­renheit wehren. Bet, eine starke Figur mit Zivilcourage, ist sieb­zehn und wohnt in Turin bei ihrer Mutter und deren Softie-Freund – beide typische Vertreter der älteren Generation, die Ja-Sager sind, um den Kopf nicht zu riskieren.
Im Alltag begegnet Bet den Unge­rechtigkeiten des Lebens: Erfährt, dass sie für Männer Freiwild ist und von Lehrern nicht ernstgenommen wird. Als sie bei der Zwangsräumung der Wohnung einer alten Frau dazwischengeht, ist sie der Willkür der Polizei ausgeliefert. In dieser Situation lernt Bet Viola kennen, eine engagierte und intelligente Frau, die im Supermarkt arbeitet und als alleinstehende Schwan­gere einen besseren Job vergessen kann.
Als Bet von den Entlassungsplänen an der Arbeitstelle ihrer Mutter erfährt, mobilisiert sie ihre Freunde, vor allem Andrea, mit dem sie nicht nur politisch auf einer Wellenlänge ist. Nachdem der Streik innert Kürze zerschlagen und die Belegschaft machtlos zurückbleibt, entschliesst sie sich zu einer ungewöhn­lichen Aktion und schreit ihre Wut, die so persönlich wie politisch ist, in die Welt heraus.
Christian Frascella macht nachvollziehbar, welche Ohnmacht hinter Bets Ausbruch, aber auch hinter der ganzen Bewegung der «Empörten» steht – und das es dabei nicht nur um Hochschulreformen geht, sondern auch um die täglichen Ungerechtigkeiten, der gerade Frauen ausgesetzt sind. Da verzeiht man auch die holprige Sprache der Übersetzung und die nicht immer nachvollziehbaren Verhal­tens­änderungen der ProtagonistInnen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 2/15, S. 35

2 1/2 Gespenster
Regina Dürig
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2015, Seiten: 139, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-81197-4
Schlagwörter: Identität/Individualität | Familie/Familienformen

In Jonnas Familienleben hat das Chaos Tradition: Immer dann, wenn ihre Eltern Dominik und Ines «Trennung spielen» (elf Mal in den letzten zehn Jahren), gerät der Alltag aus den Fugen. Dann zieht der Vater in die familieneigene Siebdruckerei im Hinterhof und die Mutter verwandelt sich in eine «von diesen Heuschrecken, die man nicht sieht, weil sie sich als Stöckchen oder Blättchen komplett wegtarnen in ihrer ach so lebensfeindlichen Umgebung». Ein Wunder, dass Jonna in diesem Haushalt ihre Nerven und den Humor behält.
Das ändert sich, als Leo-mit-den-roten-Cowboystiefeln, ein 19-jähriger Heath-Ledger-Typ, in ihr Leben tritt, oder besser: sich in die Kleinfamilie schnorrt. Die Geschichte, die sich bald zu einem existentiellen Seelendrama auswächst, beginnt mit einer zufälligen Begegnung im Café: Als Leo seine drei Mohn-Zitronen-Sahneschnitten nicht bezahlen kann, übernimmt Dominik in einem seiner ge­fühlsduseligen Anfälle die Rechnung für «das bisschen Kuchen». Am nächsten Tag steht Leo überraschend vor der Druckerei um das spendierte Geld abzuarbeiten.
Für «ihre kunstvolle Sprache und die behutsame Erzählhaltung» hat Regina Dürig den diesjährigen Peter-Härtling-Preis gewonnen. Tatsächlich entwirft
die Absolventin des Schweizerischen
Literaturinstituts in Biel mit subtilen Mitteln und kreativen Sprachbildern eine verstörende Versuchsanordnung ohne Netz und doppelten Boden. So erwischt es die verliebte Jonna eiskalt, als ihr irgendwann klar wird, dass Leo nicht einfach nur ein cooler, etwas verplanter Möchtegern-Student auf Durchreise ist, sondern ein aus allen sozialen Bindungen Losgelöster – eine Art Wiedergänger mit destruktiver Agenda. «2½ Gespenster» ist ein inten­siver, kompakter Jugendroman, der einen nach nur 140 Seiten und einem rätsel­haften Schluss bereichert in die eigene Fantasie entlässt.

Alice Werner
Buch&Maus 2/15, S. 35

Das ist der Sommer im Paradies, wie er eben aussieht, wenn man die Sonnenbrille absetzt
Hilde K. Kvalvaag
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2015, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5712-0
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Ferien

Durch Johannes heiss ersehnten Sommer weht ein kalter Wind. Er fährt ihr unters neue Sommerkleid, das sich an ihre Haut schmiegt, so «glatt und eng, wie Frischhal­tefolie auf heisser Marmelade, damit sie nicht schimmelt». Er zischt durch die Rit­zen ins Haus am Fjord, in dem sie mit ihren Grosseltern allein ist, weil die grosse Schwes­ter dieses Jahr in der Stadt bleibt. Vor allem aber heult er aus dem Abgrund herauf, in den Johanne mit ihrem neuen Freund Mattias hinunterblickt, bis sie glaubt, von Magneten über die Kan­te ge­­zo­gen zu werden. Johanne ist jung, krib­belig und heiss vor Sehnsucht nach Aben­teu­er, Hitze und Nähe. Stattdessen bringt ihr der Sommer am Fjord das grosse Frös­teln.
Zwischen den Zeilen von Hilde K. Kvalvaags dichtem, atmosphä­risch küh­lem Text gähnt die Kluft zwi­schen
Erwartung und Erfüllung, zwischen Sehn­sucht nach erster Liebe und stiller Enttäuschung. Sie tut sich als unüberbrückbare Distanz zwischen Johanne und den Men­schen in ihrem Leben auf: Mit frem­den, ver­katerten Augen blickt sie auf ihre Gross­eltern, ihre idealisierte Schwes­ter, den grossen Schwarm und den unge­lieb­ten ersten Liebhaber, den sie mit ihrer Zurückweisung fast in den Abgrund stürzt.
Wie schon in ihrem preisgekrönten Roman «Prison Island» benutzt die norwe­gische Autorin auch in diesem stillen, unspektakulären Gemälde vom Ende einer Kindheit weder Weichzeichner noch schrille Farben: Beiläufigkeit und Ernüch­terung dominieren den Erzählton. Das Leben ist eben oft schrecklich blass, wenn man die Sonnenbrille absetzt. Umso plastischer treten die durch und durch mensch­lichen Nebenfiguren ans Licht. Und weil Kvalvaag ihre Hauptfigur nicht psychologisiert, sondern ihre Gefühlswelt in Ruhe erkunden lässt, bricht sich auch Johannes Hunger nach dem Sommer immer wieder Bahn.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/15, S. 36

Kill All Enemies
Melvin Burgess
Aus dem Englischen von Heike Brandt
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2015, Seiten: 271, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58303-1
Schlagwörter: Gewalt | Erwachsenwerden

Drei Jugendliche, drei Schicksale, drei Geschichten – und irgendwie sind sie alle miteinander verknüpft. Das Mädchen Billie wandert von Pflegefamilie zu Pflegefamilie und hat immer wieder Ärger, weil sie in Krisensituationen gnadenlos zuschlägt. Der massige Rob ist als Schul­hoftyrann verschrien, weil er einfach alles plattwalzen könnte. Und Chris provoziert Eltern und Lehrer, weil er jegliche Mitarbeit in der Schule oder zu Hause konsequent verweigert.
Alle drei landen in einer Auffangein­richtung, die für viele Problemkinder eine letzte Chance bedeutet. Hier versuchen Lehrpersonen und BetreuerInnen, hinter die Dinge zu blicken – wenn sie denn eine Chance bekommen. Doch wessen Vertrauen schon so oft missbraucht und enttäuscht wurde, dem fällt es sehr schwer, sich völlig Fremden zu öffnen. Missverständnisse sind vorprogrammiert.
Melvin Burgess hat gründlich recher­chiert und mit Menschen aus Pflege­fami­lien und Einrichtungen zur Re­integration gesprochen. Die so aus realen Schicksalen entstandenen Geschichten sind authen­tisch und berühren zutiefst. Sie werden aus Sicht der betroffenen Jugendlichen erzählt. Die einzige Erwach­senenstimme ist die der Betreuerin Hannah, die sich besonders für Billie verantwortlich fühlt und genau erkennt, was deren Problem ist. So erfah­ren die LeserInnen aus vier Perspek­tiven, was Billie, Chris und Rob aufeinan­derprallen lässt – und bangen zu­sam­men mit Hannah, dass diese Begegnung nicht in einer Katastrophe gipfelt.
«Kill All Enemies» ist mehr als «nur» ein Jugendbuch – es ist ein erschütterndes und doch Hoffnung schenkendes Plädoyer dafür, Jugendlichen immer wieder eine Chance zu geben und sich den Schicksalen hinter der oft aufgesetzten Fassade zu öffnen. Dieser bewegende Roman sollte Pflichtlektüre für alle PädagoInnen sein.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/15, S. 36

Young Blood
Sisifo Mzobe
Aus dem Englischen von Stephanie Harrach
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2015, Seiten: 280, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0518-1

Mit der Begriffskombination «Drifting» und «South Africa» lassen sich in Youtube unzählige Clips finden. Drifting – mit einem BMW 325iS beschleunigend in die Kurve gehen, dann die Handbremse ziehen und so viele Kreise wie möglich mit dem Auto drehen – beherrscht der sieb­zehnjährige Sipho aus Durban so perfekt, dass ihn Autoknacker-Gangs umwerben. Sie halten ihn für den geeignetsten Fluchtwagenfahrer. Sipho beschliesst von der Schule abzugehen und sich von nun an dem Klauen von Autos zu widmen. Doch seine Zweifel zwingen ihn nach einem einschneidenden Ereignis, seine Zukunftspläne noch einmal zu überdenken.
«Young Blood» ist ein realistischer, ungeschönter Roman aus Südafrika für Jugendliche und junge Erwachsene. Er handelt von Kriminalität, Drogen, Autos und Sex. Der Autor, selber im Township Umlazi aufgewachsen, zeichnet ein lebendiges Bild der Verhältnisse, weder beschönigend noch dramatisierend. Der Roman gerät, wie die Autos, schnell in Fahrt und zwingt die Lesenden dazu, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Das ist ganz schön gefährlich, da zusätzlich Benzindämpfe, Whiskey, Gras- und Zigarettenqualm die Sinne benebeln, die Bässe in den Autos dröhnen, es nach dem verbrannten Gummi der Pneus riecht und die Cops um die Ecke lauern.
Das Buch beschwört nicht Exotisches und Fremdes herauf, sondern ist gerade durch die aufgezeigten Gemeinsamkeiten auch für europäische Jugendliche interessant. Zudem überzeugt der Text durch seinen geschmeidigen, flüssigen Sprachstil und eine Handlung, die auch moralische Überlegungen miteinbezieht.

Roger Meyer
Buch&Maus 2/15, S. 36

Bäng!
tinkerbrain
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2015, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75405-9
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein

60 gefährliche Dinge, die mutig machen

Schon mal an einer Batterie geleckt? Oder Feuer unter Wasser gemacht? Vielleicht selbst eine Fackel gebastelt? Nicht? Haben Sie etwa Angst davor? Ist ja auch nicht ganz einfach, geschweige denn ungefährlich. Batterien zum Beispiel erzeugen Strom. Strom kann je nach Stärke lebensgefährlich sein. Wer leckt also freiwillig an einer Stromquelle?! Und Feuer kann zu üblen Verbrennungen führen, ganz abgesehen von verkohlten Häusern oder Waldbränden. Erwachsene wissen das alles und wollen Kinder darum vor Stromschlägen, Verbrennungen, bel­lenden Hunden, scharfen Sägeblättern, heissem Nu­delwasser, hohen Mauern, Gewittern, Nadeln, Spin­nen, Sprengstoff, Sekundenklebern oder Streichhölzern schützen.
Dumm nur, dass all diese Dinge nicht nur gefährlich, sondern auch magisch anziehend sind. Wie fabelhaft also, dass es jetzt ein Buch gibt, das der Ansicht ist, dass mutig wird, wer Gefährliches ausprobiert.
Im neusten Sachbuch aus dem Hause tinkerbrain (Anke M. Leitzgen und Gesine Grotrian) werden Kinder nicht von Gefahren ferngehalten, sondern lernen, sie spielerisch zu meistern. Ganz im Sinne des kindlichen Entdeckergeistes sind alle Aufgabenstellungen als Wie-Fragen und somit richtige Herausforderungen for­muliert. Die Aufgaben sind in verschiedene Kategorie (von Feuer bis Mut) eingeteilt und werden nach echten Gefahren und Mutproben unterschieden. Zu Beginn jeder Aufgabe wird gefragt, warum es gefährlich ist sie auszuprobieren. So lernen die Kinder die Risiken kennen und dürfen selbst entscheiden, ob sie es versuchen wollen. Mit Materialliste und genauer Anleitung können sie sich dann an die Aufgabe wagen – Puderzucker mit Brenngel verbrennen zum Beispiel, oder freihändig Rad fahren.
«BÄNG!» macht nicht nur mutig, sondern auch Spass – selbst den Grossen. Denn so viele Dinge hat man selbst noch nie oder schon zu lange nicht mehr ausprobiert. Nur Mut dazu!

Berenice Geser
Buch&Maus 2/15, S. 37

Lehmriese lebt!
Anke Kuhl
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2015, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95640-037-7
Schlagwörter: Abenteuer | Mythologie/Sage

Und plötzlich, am frühen Morgen, setzt sie sich auf, die riesenhafte Figur, die Olli und Ulla tags zuvor am Flussufer aus fettem Lehm geformt haben. Sie reckt und streckt sich und wankt mächtigen Schritts zur Stadt. Auf ihrem Weg verärgert der Lehm­riese einen pingeligen Förster, in der putzigen Kleinstadt müssen sich der Eismann, die Supermarktbesitzerin, der Frisör und viele weitere Bürgerinnen und Bürger mit diesem ungeschlachten Monstrum herumschlagen, das kein Fettnäpfchen auslässt. Mittlerweile haben Olli und Ulla spitzgekriegt, dass ihre Lehmfigur lebendig geworden ist, und auch der Polizist und zwei Feuerwehrmänner setzen sich auf ihre Fährte.
In «Lehmriese lebt!» greift Anke Kuhl ganz explizit die jüdische Legende des Golems auf, jener von einem Rabbi geschaffenen Kreatur, die im Dienste ihres Schöpfers Gutes tun soll, und erzählt sie neu als bunte und muntere Kindergeschichte. Das ist zweifellos attraktiv, denn die Golem­legende ist ein reicher Stoff, in welchem viele grosse Fragen mitschwingen. Deshalb erstaunt es, dass «Lehmriese lebt!» doch etwas gar brav geraten ist und dass das Auftauchen dieses Untoten nicht mehr durcheinander bringt als Frisuren beim Coiffeur … Zugespitzt formuliert: Kuhls Golem ist harmloser, als die Legende erlaubt – eine Golemgeschichte dürfte oder müsste mutiger, komplexer, allenfalls auch düsterer sein.
Bestechend sind dafür die Zeich­nungen; sie wirken wie mit Buntstiften gezeichnet und am Computer in warmen, aber leicht blassen Farbtönen ausgemalt und tauchen Ollis und Ullas freundliches Abenteuer mit ihrem riesenhaften Kumpel in eine nostalgische Kinderbuchzeitlosigkeit.

Christian Gasser
Buch&Maus 2/15, S. 37

Abenteuer mit Willi
Anthony Browne
Aus dem Englischen von Peter Baumann
Verlag: Lappan, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8303-1235-2

Seit der Schimpansenjunge Willi 1985 als «Willi, das Weichei» erstmals auf den deutschen Markt gelangte, durchhüpfte er als Zauberer und Träumer Anthony Brownes fantastische Bildwelten und zuletzt (2000) versuchte er sich als Maler. In einem faszinierenden Verwirrspiel von Bildern im Bild malte Willi Meisterwerke der Malerei nach. In «Abenteuer mit Willi» steht nun die (Jugend-)Literatur im Zentrum. Browne widmet das Buch den Schriftstellern und Illustratoren, die ihn inspiriert haben, Bilderbücher zu machen. Und so ist es wohl auch Browne selbst, der als Willi die Buchabenteuer seiner Jugend nacherlebt. Er kämpft als Peter Pan gegen Captain Hook, fällt als Alice durch das Kaninchenloch oder klettert an Rapunzels goldenem Haar hinauf. Während in «Willi, der Maler» die kleinen Details einen grossen Reiz ausmachen, sind im neuen Buch die Bilder, die jeweils die rechte Seite einnehmen, relativ schnell erkundet. Spass macht es aber die Bücher zu finden, die in jedem Bild versteckt sind: Sie formen den Palmenstamm auf der Robinsoninsel oder Rapunzels Turm.
Malerei ist universell, Literatur jedoch stärker im Sprachraum verankert. Daher ist es für Kinder in der Schweiz nicht immer einfach, die dargestellten Geschichten zu erkennen. Das macht aber nichts aus, da die Fragen am Ende jeder Textseite offen formuliert sind. «Was glaubst du, wird jetzt gleich geschehen?» kann von einem belesenen Erwachsenen mit Wissen beantwortet werden, von einem Kind mit Fantasie. Am besten aber erlebt man das Abenteuer Lesen gleich selbst und so fragt Willi am Ende: «Warum gehst du nicht auf deine eigene Reise?»
Inspirationen für die Lektürewahl bietet das Bilderbuch ja genug.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/15, S.26

Ein grosser Freund
Babak Saberi, Illustration: Mehrdad Zaeri
Aus dem Persischen von Nazli Hodaie
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-905804-63-8
Schlagwörter: Freundschaft

Man könnte meinen, bei der besorgten Rabenmutter in «Ein grosser Freund» handle es sich um eine Seelenverwandte von Erlbruchs Frau Meier aus seinem Bilderbuch «Frau Meier, die Amsel». Die Mutter des kleinen glücklichen Raben­mädchens steht der grossartigen Hauptfigur in Punkto Sorgenmachen in nichts nach! Der iranische Autor Babak Saberi hat eine kurzweilige, dialogreiche Geschichte geschrieben, in der es um Freundschaft geht und um den Erfin­dungs­reichtum, der vonnöten ist, wenn zwei Freunde auf den ersten Blick so unterschiedlich sind wie das Raben­mädchen und der Elefant. Die mütter­lichen Sorgen können entkräftet werden, denn «mit Zeichen und Blicken» kann man sich auch verständigen, wenn die gemein­sa­me Sprache fehlt. Jedenfalls ist das Raben­mädchen um keine Antwort verle­gen und schafft es so, die Mutter zu beruhigen.
Mehrdad Zaeri findet charmante Bilder, wählt interessante Bildausschnitte – vor allem für den Elefanten, von dem einmal nur der Rüssel und dann wieder nur der Rücken zu sehen ist – und beeindruckt mit dezenter Farbgebung in grau, beige und schwarz. An ein Schattentheater fühlt man sich erinnert und die Betrachter­Innen werden ermutigt, genau hinzuschauen. Was ist das, worauf der junge Rabe auf dem Cover hüpft? Eine Mauer oder vielleicht ein Elefant?
Auf www.mehrdadzaeri.de bekommt man einen umfassenden Überblick über die vielseitige Arbeit des Künstlers. Zaeri meint dazu: «Das Schönste ist: Ich darf in meinem Beruf spielen, denn nur spie­le­risch kann man mit Leichtigkeit ar­bei­ten. Das Mühsamste daran ist: Ich muss oft für mein Recht kämpfen, verspielt zu arbeiten.»

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/15, S.26

Der Hund, den Nino nicht hatte
Edward van de Vendel, Illustration: Anton van Hertbruggen
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85581-552-4

Es geht dynamisch zu in diesem Buch, mitunter sogar wild. Keine Doppel­seite, in
die nicht ein Sturm von mindestens Windstärke 8 hineinfahren würde. Das Bilderbuch des grossen niederländischen Erzählers Edward van de Vendel und des jungen belgischen Illust­ra­tors Anton van Hertbruggen erzählt von der Macht kindlicher Fantasie – kein neues Thema in der Kinder­literatur. Doch die wenigen, präzise gesetzten Worte sowie die weit und tief ausgreifenden Bilder inszenieren die Erfahrungswelt eines Jun­gen auf eine Art, wie man es noch nie gesehen hat.
Nino hat einen Hund, den er nicht hat: einen Fantasiehund. Im ersten Teil des Buches sehen wir viel Weissraum auf den Seiten; Nino, der Wald, das Boot, die Ur­oma und die gesamte Aussenwelt sind in satten Herbstfarben gehalten. Nur der Hund ist ein Zwischending, skizzenhaft ange­deu­tet, gehört er ebenso zu Ninos Welt wie zum Weissraum, aus dem alle Bilder und Geschichten entstehen. Eines Tages bekommt Nino von seinen Eltern einen richtigen Hund geschenkt. Dieser Hund ist weniger mutig als der, den Nino nicht hatte, und er weiss auch nicht so viel. Dafür ist er weich und lieb. Vor allem entfesselt die Ankunft des realen Hundes einen ganzen Zoo von Fan­ta­sietieren …

Van Hertbruggen schafft in seinen Illustrationen das, was der Psychoanalytiker Donald Winnicott den intermediären Raum nannte: Eine Zone, die vermittelt zwischen Innenwelt und Aussenwelt, aus der die Spiele von Kindern hervorgehen. Das Grossartige an diesem Bilderbuch ist ausserdem, dass es über die fast überwäl­tigenden Bilder die ungeheure Intensität des kindlichen Lebens erfahrbar macht.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/15, S.26

Spiegel, das Kätzchen
Doris Lecher
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10287-5

Die Novelle «Spiegel, das Kätzchen» von Gottfried Keller gefiel Richard Wagner so gut, dass er einen Brief an den Autor mit «an den Herrn Stadthexenmeister» adres­sierte. Eine Hexerin vom Dienst ist auch Doris Lecher. Katzenmagie findet sich in einigen ihrer Bilderbücher. So hat sie etwa im Bilderbuch «Ich will Wurst» 1997 auf geniale Weise von kindlichem Eigenwillen und Katzenlist berichtet.
Nun erzählt die Illustratorin «Spiegel, das Kätzchen» neu, in Text und Bild. Sie tut dies mittels einseitiger, fast quadratischer Bildtafeln – Kaltnadelradierungen, die sie mit Aquarellfarbe koloriert hat – und unter ihnen portioniertem Text. Natürlich musste die letzte Erzählung des ersten Bandes von Gottfried Kellers «Leute von Seldwyla» für dieses Unterfangen Federn lassen. Lecher beschränkt sich auf den Plot: die Geschichte des Katers namens Spiegel, der nach dem Ableben seiner lieben Meisterin ausgehungert in die Fänge des Stadthexen­meisters gerät. Fell und Speck von Spiegel sollen an den Hexer gehen, sobald das Tier wieder kugelrund ist. Mit dem leckeren Essen indes kehrt auch Spiegels Verstand zurück und er versteht es, listig und geschickt den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Der reich gewordene Hexer aber muss fortan mit einer Frau zusam­menleben, die mehr als nur Haare auf den Zähnen hat und ihm den Wohlstand vermiest.
Die Bildtafeln illustrieren filigran und verspielt – wie barocke Embleme – einzelne Abschnitte des Textes und laden zu Entdeckungen ein. Spiegels jeweiliger Gemütszustand lässt sich an Fell, Mimik und Gestik ablesen: Lecher parodiert und zitiert. Das ist grosses Illustrationstheater, das einen Klassiker der deutschsprachi­gen Literatur Kindern ab dem Kindergarten zugänglich macht.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/15, S. 26

Bus fahren
Marianne Dubuc
Aus dem Französischen von Julia Süssbrich
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2015, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82088-4
Schlagwörter: Reisen

Mit dem Pappbuch «Meine grosse kleine Welt» war die Kanadierin Marianne Dubuc 2011 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nomi­niert. Die Illustrationen «ähneln kind­lichen Buntstiftzeichnungen und sind von einem feinsinnigen Humor geprägt», steht in der Jurybegründung. Seither sind mehrere Papp- und Bilderbücher von ihr erschienen. In «Bus fahren» erzählt sie die Geschichte eines Mädchens, das zum ersten Mal alleine zu seiner Oma fährt. Ein einschneidendes Erlebnis, wie sich er­­­wach­sene Betrach­terInnen erinnern mögen, wenn sie dieses in zarten Farbtönen gezeichnete Bilderbuch voller kleiner Über­­raschungen gemeinsam mit einem Kind anschauen. Und zu sehen gibt es viel: Der Bus präsentiert sich wie auf einer Guckkastenbühne ohne vierte Wand. Ausser dem Mädchen gibt es noch viele andere illustre Fahrgäste: eine stricken­de Katze, die unternehmungslus­tige, kleine Maus, Familie Igel mit drei Kin­dern und ein Faultier, das seinem Namen alle Ehre macht. Vor- und Zurückblättern, dabei alle Tiere verfolgen und noch einen Dieb blossstellen – das macht Spass! Der Text am unteren Bildrand wird dabei zur Nebensache. Aber die letzten Sätze «Oma! Oma! Da bin ich! Ich muss Dir ganz viel erzählen …» treffen den Kern genau.
Ein Busporträt der ganz anderen Art kreieren Marjaleena Lembcke und
Ste­fanie Harjes in «Der Bus mit den ecki­gen Rädern». Darin geht es um Heilung, prob­lematische Lebensge­schichten und die Erkenntnis, aus ganz und gar nicht idealen Voraussetzungen doch etwas Sinnvolles machen zu können. Am Ende hat der Bus runde Räder und die Fahrgäste fühlen sich besser als je zuvor. Stefanie Harjes präsentiert mit ihren assoziativen,
traum­wandlerischen und zerbrechlich scheinenden Collagen ein künstlerisches Geschenkbuch – ideal für Bilderbuchliebhaber jeden Alters.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/15, S.27

Der Bus mit den eckigen Rädern
Marjaleena Lembcke, Illustration: Stefanie Harjes
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-44663-6

[…] Ein Busporträt der ganz anderen Art kreieren Marjaleena Lembcke und
Ste­fanie Harjes in «Der Bus mit den ecki­gen Rädern». Darin geht es um Heilung, prob­lematische Lebensge­schichten und die Erkenntnis, aus ganz und gar nicht idealen Voraussetzungen doch etwas Sinnvolles machen zu können. Am Ende hat der Bus runde Räder und die Fahrgäste fühlen sich besser als je zuvor. Stefanie Harjes präsentiert mit ihren assoziativen,
traum­wandlerischen und zerbrechlich scheinenden Collagen ein künstlerisches Geschenkbuch – ideal für Bilderbuchliebhaber jeden Alters.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/15, S. 27

Sofie mit dem grossen Horn
Hans Traxler
Verlag: Hanser, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-24988-2
Schlagwörter: Musik

Sprössling verweigert sich familiären Traditionen und Erwartungen, geht mutig den eigenen Weg und findet sein Glück – ein Thema, das im Kinderbuch nicht selten anzutreffen ist. Und auch der vielfach ausgezeichnete Autor, Maler und Cartoonist Hans Traxler erzählt hier auf den ersten Blick eine klassische Entwicklungsgeschichte, die er mit ausge­wa­schenen Farben und weichem Konturstift pittoresk in Szene setzt: Bilder wie aus einem alten Fotoalbum mit fernsehfreien, dunklen Wohnstuben und Schäf­chen­wolken über Alpenpanorama. Dafür steckt der Witz hier im Detail, hat Traxlers kleine Heldin doch einen ausge­wachsenen
Eigen­willen, auch wenn sie ihre flötende Sippe nicht mit Schlagzeug oder E-Gitarre schockt, sondern «nur» mit einem Alphorn.
Aber der Reihe nach … Sophie ist die Kleinste, aber talenttechnisch die Grösste ihrer Familie: Schon als Krabbler verblüfft sie alle mit der Blockflöte, als Dreikäsehoch gibt sie «den 1. Satz von Pizzicatis Sonate von Anfang bis Ende vollkommen fehlerfrei» – allein, sie muss die «blöde Pipi-Flöte» spielen. Die sie auch prompt im Dorfbach versenkt. Bis Sophie dann im Bergurlaub bei Oma Gertrude den Alois mit dem Alphorn kennen lernt. Ein geheimnisvolles, mächtiges und herrliches «Brooommm» weist ihr den Weg. Auch dass ihr erster Versuch «klingt wie das Piepsen einer kranken Maus», kann ihre Begeisterung nicht bremsen: Heimlich übt sie Pustkraft mit hundert Luftballons und nimmt bei Alois Stunden, bis ihr Solo des «Elmauer Hirtenrufs» den elterlichen Widerstand in alle Winde weht. «Teufelsbraten», nuschelt ihr Lehrmeister in seinen Bart und auch Traxlers LeserInnen sind beeindruckt.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/15, S. 28

Märchen der Brüder Grimm
Jakob Grimm, Wilhelm Grimm, Illustration: Herbert Leupin
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2015, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10253-0
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Kunst | Schweiz

Herbert Leupin wurde für seine Plakatkunst bekannt: Der Clown, der die Buchstaben K-N-I-E auf seinem Knie balanciert oder der Markenname «Pepita» samt dem bunten Papagei sind noch heute als Motive präsent. Wenn der NordSüd-Verlag jetzt Leupins Märchenbücher aus den 40er-Jahren in einem Sammelband neu auflegt, dann gehören sicher auch Kunstinteressierte, die sein grafisches Werk kennen, zum Zielpublikum.

In den ersten Märchenbüchern erkennt man sofort den magischen Realismus, den Herbert Leupin in seiner Werbung perfektioniert hatte. In der ärmlichen Stube des tapferen Schneiderleins (1944) ist jeder Gegenstand mit einer solchen Akribie und Liebe zur Dinglichkeit ge­zeichnet, dass man die Schere auf dem Tisch oder die Socken auf dem Ofenrohr am liebsten in die Hand nehmen möchte. Die Blumenwiese im Märchen «Hans im Glück» (1944) ist aus der Froschperspek­tive dargestellt und erinnert an die Jugendstilbilder eines Ernst Kreidolf. Und das Hexenhaus in «Hänsel und Gretel» (1944) leuchtet so magisch aus dem dunklen Wald, dass die angsterfüllte Stim­mung dieses Märchens beinahe fassbar wird. Wo die Geschichten unheimlich werden, sorgt der Illustrator allerdings dafür, dass sich die Kinder nicht allzu sehr zu fürchten brauchen. Witz und Gestaltungsfreude bestimmen seine Bilder, die selbst immer auch eine Geschichte
erzählen.

Ende der 40er-Jahre wird Leupins Stil abstrakter und damit auch moderner. In «Der gestiefelte Kater» (1946) stellt er die Figur des Katers erstmals isoliert vor eine Fläche aus grellen Farben. Sein stilistischer Weg endet schliesslich in den Illustrationen zu «Dornröschen» (1948), deren Scherenschnitt-Ästhetik zwar kühn ist, bei den Kindern jedoch wahrscheinlich weniger Anklang findet.

Karin Schneuwly
Buch&Maus 3/15, S. 28

Grosser Bärenzirkus
Benjamin Chaud
Aus dem Französischen von Anja Malich
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5858-5

Von Benjamin Chaud, der in Marseille lebt, gibt es mittlerweile glücklicherweise mehrere Bilderbücher in deutscher Übersetzung. In diesem Frühjahr bei Bohem erschienen sind die beiden Bände «Warum ich meine Hausaufgaben nicht gemacht habe …» und «Warum ich zu spät gekommen bin …» zu Texten von Davide Cali. Und jetzt kommt nach dem bravourösen «Bühne frei für Papa Bär!» endlich das zweite Bilderbuch mit der Familie Bär. Im ersten Buch drehte sich alles um eine Bienenverfolgungsjagd bis in das altehrwürdige Gebäude der Pariser Opéra Garnier. Diesmal jagt der kleine unternehmungslustige und neugierige Bär einem Schmetterling nach, und landet unversehens in der bunten, wundersamen Zirkuswelt!
Ähnlich wie im Cirque du Soleil kann man sich der Faszination der atem­beraubenden Szenen kaum entziehen. Der französische Künstler versprüht in seinen wuseligen Wimmelbildern eine Lebendigkeit und einen Esprit, die man nicht allzu häufig findet. Ausstanzungen erzeugen einen zusätzlichen Spannungsmoment und führen geschickt von einer Seite zur nächsten. Die Umrisse der Figuren wurden mit Bleistift gezeichnet, eingescannt und dann am Rechner koloriert. Ein genaues Farbgespür kombiniert mit einer Vielzahl an komischen Szenen – Nilpferd und Nashorn werden für den Auftritt herausgeputzt, eine Gans stibitzt Zuckerwatte im Foyer und im ersten Rang gibt es ein zusätzliches Happy End – fesseln BetrachterInnen jeglichen Alters. Benjamin Chaud möchte besondere Bilderbücher für Kinder und Erwachsene bieten und ernste Themen – in diesem Fall grosser Bärenbruder werden – künstlerisch verpackt mit Leichtigkeit präsentieren. Beides ist ihm zweifellos gelungen.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/15, S. 28

Der Tod auf dem Apfelbaum
Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0701-8
Schlagwörter: Tod/Trauer

Der Titel verrät es schon: Es geht um den Tod. Und der klebt in dieser Geschichte längere Zeit auf einem Apfelbaum fest – ein Fuchs hat ihn überlistet. Aber von vorne. Was wünscht sich ein alter Fuchs, wenn er wünschen darf? Dass ihm niemand mehr die Äpfel vor der Nase wegfuttert, bevor sie vom Baum fallen! Ein Zauber vollbringt es – jetzt bleiben Amseln, Spatzen, Käfer und Würmer am Baum kleben. Das muss man gesehen haben: Auf dem seitenfüllenden wun­derschönen Apfelbaum mit roten Äpfeln sitzt sogar eine Katze fest und guckt ganz schön verdutzt auf ihre Tatze. Die Amseln auf dem nächsten Ast sind auch nicht glücklich. «Das Gezeter und Gefiepse ist für die alten Fuchsohren kaum auszuhalten», also befreit er alle und hat den Baum für sich. Jahre später kommt der Tod herbei. Ein niedlicher Geselle, der aussieht wie ein Fuchs im Schlafanzug. Hier könnte die Geschichte enden – wäre der Fuchs nicht so schlau.
Die zweite Hälfte dieser zauberhaften Tiergeschichte geht unter die Haut. Der Tod, der jetzt auf dem Baum klebt, «lächelt und wartet». Wir ahnen es schon, er wird am Schluss gewinnen – aber wie? Grossartig, wie klar und einfühlsam Kathrin Schärer diese Fabel entwickelt. Die farbenkräftigen und expressiven Illustrationen, die mit viel Ausdruck gezeichneten Figuren begeistern schon Kindergartenkinder. Die Überraschung: Der Tod ist gar nicht böse, sondern hilfreich. Als der Fuchs sich beschwert, dass die Füchsin stirbt, erklärt er: «Kein einziges Lebe­wesen wäre ja sonst gestorben in den letzten Jahren – kein Tier, kein Mensch, keine Pflanze. Wie würde die Erde da aussehen? Das Leben braucht mich.» Der Fuchs – jetzt uralt, halbblind und einsam – wird schliesslich einsichtig. Er befreit den Tod, um selbst befreit zu werden. Sie umarmen sich.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/15, S. 29

Alle gegen Lukas
Michael Wildenhain, Illustration: Elke Marcus
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2015, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-36465-7
Schlagwörter: Freundschaft | Aussenseiter:in/Mobbing

Dass es mit dem «Preuschhof-Preis für Kinderliteratur» einen Preis gibt, der Erstlesebücher auszeichnet, ist eine tolle Sache. Er wird von der gleichnamigen Stiftung und vom FBW – dem Bildungsnetzwerk auf den Hamburger Elbinseln – verliehen. Prämiert wird jeweils das beste Buch des Vorjahres. Das Auswahlverfahren ist durchdacht: Eine sechsköpfige Fachjury wählt zehn Titel aus, das letzte Wort aber haben Kinder, die ihre ganz eigenen Kriterien mitbringen. So wählte Salomé den diesjährigen Siegertitel, «weil Hugo nie Sport machen will!» Die meisten Kinder aber heben an Salah Naouras «Superhugo startet durch!» den Superhelden hervor und dass es «so lustig ist, dass man es mehrmals lesen kann». Dennoch ist es beachtlich, dass er sich gegen die ebenfalls nominierten «Coolman und ich. Ab in den Zoo!» vom Duo Bertram/Schulmeyer und Paul Maars «Der Buchstabenzauberer» durchsetzen konnte. Paul Maar vermag es auf unnachahmliche Weise, die vorgegeben einfachen sprachlichen Möglichkeiten für seine inhaltliche wie lite­rarische Darstellung nutzbar zu machen. Sein Zauberer verzaubert einzelne Buchstaben in Wörtern, dass sie nicht nur eine andere Bedeutung bekommen, sondern sich auch gleich in das entsprechende Objekt verwandeln. Lustiger ist in der
alphabetischen Phase kaum das ABC eingeübt worden. Schade ist, dass SaBine Büchner, die beide Titel illustriert hat, nicht an dem mit 1000 € dotierten Preis beteiligt wird, denn es ist ein Autorenpreis. Dies, obwohl es bei Erstleseliteratur im Besonderen auf das gute Zusammenwirken von Bild und Text ankommt.
Ansonsten ist bei diesem Preis alles top: Die Nominierungsliste ist bester Ratgeber für Titelsuchende, die Begründung der Fachjury sehr lesenswert: «Als besonders geeignet empfand die Jury Bücher, die fantastische Mittel nutzen, um zwar einen Lebensweltbezug herzustellen, ohne aber zu sehr an konkrete Lebensumstände und -situationen anzu­knüpfen. Fantastische Figuren – wie z.B. Superhelden, sprechen­de Tiere, Monster und Vampire –
faszinieren Kinder im gesamten Grundschulalter und können trotz surrealer
Elemente vielfältige Anknüpfungspunkte an konkrete Alltagsthemen sowie Strategieentwicklungen zur Problem­lösung liefern». Das trifft allerdings nur bedingt auf Naouras Superhund zu, der glücklicherweise in Serie geht. Die neue Abenteuerstory «Superhugo fängt den Dieb!» spielt im Tiermilieu. Erzählt wird mit spleenigem Witz, der sich unter anderem daraus ergibt, dass Hugo, wenn er zuhause bei Oma Frieda ist, betagt und füllig aussieht, sobald er in Superheldenmissionen unterwegs ist, jung, cool und durchtrainiert wirkt und dergestalt von SaBine Büchner kongenial in Szene gesetzt wird. Das lädt zum Weiterlesen
ein – aber ein lebensweltlicher Bezug?
Fehlanzeige!
Den bietet dafür die gänzlich realis-tische erste Erstlesegeschichte des Autors für Erwachsene und Jugendliche Michael Wildenhain. In «Alle gegen Lukas» macht er einen gemobbten Jungen zum Helden im wirklichen Leben. Denn imaginäre Superheldenkräfte bringen Mobbingopfern wenig.
Eine Geschichte, die vorbildhaft zeigt, wie man sich selbst hilft, hingegen schon: indem man sich mit anderen «Opfern» zusammentut und Paroli bietet. Und sei es, dem Angreifer Hähnchenmatsch ins Gesicht zu schmieren!

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/15, S. 29

Elke
Christian Duda, Illustration: Julia Friese
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2015, Seiten: 159, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82082-2

Ein schmales Buch über die Wirkung von Kuchen

Christian Duda ist bekannt für seine klugen Bilderbuchtexte, aus denen in Zusammenarbeit mit der Illustratorin Julia Friese kleine Gesamtkunstwerke werden, die an die Grenze gehen. Sie fordern Kinder und Erwachsene durch ihre gewagte Ästhetik heraus. Beim Lesen und Schauen packt einen ein Gefühl von Erkenntnis und von Freiheit. Genau so funktioniert auch Dudas erster Kinderroman «Elke», der sich wie eine Radtour durch die noch nicht vollständig gentrifizierten Kieze Berlins liest. Er beginnt mit einer kleinen Grenzüberschreitung, denn die Erzählerstimme sagt ganz unverblümt, die Titelfigur Elke sei fett. Zwar gibt er zu, dass das unhöflich sei, bleibt aber bei seiner Formulierung. Umso nachhal­tiger wächst uns Elke ans Herz. Aber nicht nur uns. Der kleine Kasimir, der allein mit seinem besorgten Vater lebt, adoptiert die Nachbarin als gute Freundin und lässt sich jeden Tag mit selbstgebackenem Kuchen verwöhnen.

Sprachlich ist Dudas Roman leiden­schaftlich genau gearbeitet. Der Erzähler blickt durch Kasimirs Augen auf die Erwachsenenwelt und sieht unendlich viel Eigenartiges. Die Dialoge, in denen vorwitzige Kinderlogik auf übellauniges Erwachsenengebrummel stösst – etwa im Fall des Cafébesitzers Uwe –, sind von einer wohltuenden Frische.

Dennoch drückt die Botschaft mächtig durch. Eine Botschaft übrigens, die sich in letzter Zeit in vielen deutschsprachigen Kinderbüchern findet. Sie besagt: Eltern und Pädgagogen, lasst eure Kinder endlich in Ruhe. Sie sterben nicht, wenn ihr sie nicht jede Sekunde kontrolliert, wenn sie Zucker essen oder ihre Zeit mit merk­würdigen Menschen verbringen; im Ge­gen­teil. Das ist natürlich wahr, gehört aber eher in einen Elternratgeber als in ein Kinderbuch.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/15, S. 29

Die erstaunliche Geschichte von Frederik
Joke van Leeuwen
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2015, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5850-9
Schlagwörter: Identität/Individualität | Humor/Komik

Total geschrumpft!

Frederik hat ein ausgefallenes, um nicht zu sagen exzentrisches Problem. Dabei ist er eigentlich ein ganz normaler Mann, in 0815-Anzug und Krawatte, mit einem gewöhnlichen Auto und einem langweiligen Job. Wochentags sitzt er auf einem drehbaren Bürostuhl und schneidet Nachrichten aus Zeitungen aus, die er dann zu kleinen Haufen sortiert: Die Überschwemmungen kommen zu den Überschwemmungen und die Königinnen zu den Königinnen. Auch am Wochenende erlebt er nichts Aufregendes, da geht er in den Park oder sieht sich Tiersendungen an. An einem Mittwoch aber ändert sich sein Leben. Alles fängt mit einem grossen Schrecken an: Frederik entdeckt eine Todesanzeige, die ihn berührt. Gestorben ist Peter Paulus Prachtmans, sein – wie man später erfährt – liebenswerter Adoptivvater. Heimlich, denn das ist strengstens verboten, steckt er die Anzeige ein. «Und da passierte es. Frederik wurde kleiner. Er wurde kleiner und jünger. Er wurde so jung wie ein Kind.»
Von eben auf jetzt findet sich der «total geschrumpfte» Mann in einem Leben wieder, in dem ihn niemand mehr ernst nimmt: weder seine Arbeitskollegen, noch der Pförtner, nicht der Schlüsseldienstmann und der Polizist schon gar nicht. Noch nie war Frederik so allein. Auf den Verlust seiner Identität als Erwachsener folgt ein herzerwärmender Neubeginn. Denn Bommel, das Mädchen, das sich im Park «einfach so» neben ihn setzt, ruft in Frederik verloren geglaubte Talente wach: seine Fähigkeit etwa, unglaublich komische Geschichten zu erzählen, wie die vom König, der seinen Degen nicht mehr aus dem Gullydeckel herausbekam.
Mit frischem Witz und begleitet von schön schnoddrigen Illustrationen erzählt die niederländische Autorin Joke van Leeuwen eine märchenhafte Geschichte aus der heutigen Zeit.

Alice Werner
Buch&Maus 3/15, S. 29

Das tanzende Häuschen
Albert Wendt
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2015, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-5870-0
Schlagwörter: Humor/Komik | Tiere

Hilfe! Da steht ein Mädchen mutterseelenallein im Regen auf dem Bahn­hofsplatz. Und wünscht sich von der Bahnhofsuhr: «Verkürze mir die Zeit, bis dort die grosse Bahnhofstür aufschwingen wird, und eine schöne Frau, meine Mama, mit zwei Koffern in der Hand heraustritt.»
Tine Pellerine heisst die kleine Hel­din, mit der wir sofort Mitleid haben. Denn obwohl sie «nicht zimperlich» ist, muss sie jetzt weinen. So herzer­weichend beginnt eine turbulente Ge­schich­te, die Tine auf wundersame und schreckliche Geschöpfe treffen lässt. Der Regenkönig Tausendwasser empfiehlt ihr das tanzende Haus als Quartier, denn «kommt ein Schnellzug mit Gebraus, dann hüpft und tanzt das ganze Haus». Dort wird sie nun mit einem Haufen tierischer Hotelgäste wohnen. Dass Madame Kamel, die das Hotel führt, Tine mit viel Kamelliebe aufnimmt, beruhigt und amüsiert zugleich: «Ein Mutterkuss gehört zum Besten, was es auf dieser Welt gibt. Doch der Kuss eines mütterlichen Kamels erinnert doch sehr an einen Faust­hieb mit einem Boxhandschuh.»
Es geht Schlag auf Schlag: Be­rührende und lustige Szenen sowie sprühende Dialoge mit viel Sprachwitz sorgen für gute Laune. Selbst die Intrigen der Schlimmen Hedwig, einer Pudel­dame – «Lehrlinge eines Hunde­salons hatten sie aus Spass grell rosa verfärbt» – und von Mops Dreibein, der nur simuliert und vier gesunde Beine hat, sind köstlich unter­haltend. Tine hat keine Minute Langeweile, sie freundet sich mit Bär Brim-Brim, Ginsterkatze Klarinette und Hammel «Gartenmö» (aus der Schafsfamilie «Bel») an. Zum Schluss hüpft gar die Zeit und die Wochen sind verflogen. Tines Mutter kommt endlich an. Viel zu früh!

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/15, S. 30

Kaspar, Opa und der Monsterhecht
Mikael Engström
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: dtv, Publiziert: 2015, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64014-5

Als Opas Aussenborder nach nur dreissig Jahren seinen Geist aufgibt, ist klar, dass ein neuer Motor für das kleine Fischerboot her muss, denn so macht doch das heimliche Angeln auf dem See keinen Spass! Und ausgerechnet jetzt wird ein Wettbewerb ausgeschrieben: Wer den grössten Hecht im See fängt, bekommt genau so einen Motor, wie Opa ihn dringend braucht. So beginnen Som­mer­tage voller Versuchung … Muss Opa den Hecht wirklich selbst fangen? Und wer würde es merken, wenn Opa und Kas­par einfach einen Hecht kauften und nur so tun würden, als wären sie die Angler?
«Kaspar, Opa und der Monsterhecht» ist eine zeitlos scheinende Sommergeschichte um die innige Freundschaft zwischen Opa und Enkel. Gleichzeitig schreibt Mikael Engström eine mus­ter­gültige Adoleszenzgeschichte, Nah­­tod­­erfahrung und zweites Durchleben der Geburt inklusive. Es ist Kaspars letzter Sommer vor der Schule, die letzte Zeit kindlicher Unschuld, die jetzt möglicherweise wegen des blöden Hechts sowieso schneller vorbei ist als beabsichtigt. Kaspar verzweifelt fast daran, von den Erwachsenen nicht wirklich ernst genommen zu werden – er weiss immer­hin, wo man den grössten Hecht fangen könnte, er bekommt ihn nur nicht allein heraus! –, gleichzeitig lernt er die Erwachsenen auf eine Weise kennen, die es nicht sonderlich erstrebenswert macht, selbst erwachsen zu werden. Engström erzählt durch den kindlich-naiven Blick des kleinen Protagonisten und lässt dabei mehr durchblicken, als Kaspar offenbar selbst versteht. Herrlich skurrile Figuren, die Überwindung kindlicher Ängste und die Erkenntnis, dass Ehrlichkeit am längsten währt, runden dieses leise und dabei doch spannende Buch ab – das ist grossartige Literatur!

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/15, S. 31

Froschmaul
Andreas Steinhöfel, Illustration: Peter Schössow
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2015, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55657-8
Schlagwörter: Geschwister | Freundschaft

Geschichten

Neun Jahre nach ihrer Erstveröffentlichung sind acht Kurzgeschichten von Andreas Steinhöfel neu erschienen, mit Vig­net­ten von Peter Schössow, der ausschliesslich Schattenumrisse von Kin­der­figuren verwendet. Wie Elmer, Maria Benny oder Inger genau aussehen, kann sich die Fantasie selbst ausmalen. Es geht um Innenan­sichten: Andreas Steinhöfel hat den Kin­dern tief in die Seele geschaut. Poetisch und mit lakonischer Ernsthaftigkeit re­flektiert er von innen und von aussen verschiedene Kin­derblicke auf die Welt. Kein anderer Sprecher könnte dies so vortra­gen, wie der Autor selbst es eindrücklich im Hörbuch tut. Und davon erzählen, wie schwierig es sein kann, sich in Lebenswelten zurechtzu­finden, in denen andere das Sagen haben.
«Aus dem Äther», das Herzstück dieser Kindernovellen, ist die Geschichte von Du­da, der so heisst, weil sein Vater ihn immer mit «du da» ansprach. Er wächst bei der Grossmutter auf, der er «wert­voller ist als ein ganzer Sack fun­keln­der Diamanten». Ihr Rat «Du musst lernen, dich um dich selber zu kümmern, denn wenn du es nicht tust, tut es keiner» beherzigt der 10-Jährige, als sie stirbt. Trost gibt ihm ihr Glaube, dass Verstorbene «aus dem Äther» warme Gefühle schicken können. Das hilft ein wenig, denn der «Vater verachtete seinen Sohn aus allertiefstem Herzen».
Steinhöfels Auseinandersetzung mit dem «kaltherzigen» Vater, war in der Kindheitsgeschichte «Dirk und ich» zwi­schen vielen humorvollen Anekdoten kaum herauszulesen. Nun aber wird Klartext geredet: «Es ist schrecklich, so etwas sagen zu müssen, doch der Vater des Jun­gen war kein guter Mann». Geschrieben ist das in der «er»-Perspektive, die am Schluss in eine Ich-Darstellung, in Autorenrede kippt, als Duda hinauszieht in die Welt, denn «für mich fängt nun alles erst an».

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/15, S. 31

Ksss!
Daniele Meocci
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2015, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-280-03472-9
Schlagwörter: Schule | Aussenseiter:in/Mobbing

Lise, Paul und das Garderobenmonster

Es ist nicht viel grösser als ein Tennisball, hat hellgrüne, flauschige Haare, die abstehen wie die Stacheln eines Igels, und lebt unter der Bank in der Mädchengarderobe von Lise und Pauls Schule. Dort, wo es ganz dunkel ist und wo der Besen von Frau Lamara, der Putzfrau, nur schwer hinkommt. Als Lise das kleine Monster dort eines Tages vor dem Turnunterricht entdeckt, erschreckt sie sich erst ein wenig. Doch schon bald sind Lise, Paul und das kleine Garderobenmonster Ksss! die besten Freunde.
«Ksss! – Lise, Paul und das Garderobenmonster» ist einer von sechs Titeln, mit denen der Orell Füssli-Verlag in diesem Herbst sein Kinderbuch-Vollprogramm gestartet hat. Daniele Meocci erzählt darin eine ebenso fantasievolle wie lehrreiche Geschichte über die Freundschaft von drei liebenswerten Aussenseitern.
Lise wird von den Mädchen ihrer Klasse gemobbt, weil sie eine knallrote Leder­latzhose trägt und gerne Fussball spielt. Paul wird ausgegrenzt, weil er einen Sprachfehler hat, übergewichtig, langsam und unsportlich ist. Ksss! ist zu den Men­schen geflüchtet, weil ihn in der Monsterwelt immer nur alle ausgelacht haben.
Gemeinsam gelingt es den dreien nicht nur, sich gegen die Anfeindungen der anderen Kinder zu wehren, sie sorgen auch dafür, dass der griesgrämige Haus­meister kündigt und durch den freund­lichen Herrn Besenrein ersetzt wird. Lise und Paul rücken durch ihr Abenteuer mit ihrem Garderobenmonster näher zusam­men, werden selbstbewusster und lernen, sich gegen Anfeindungen zu wehren.
Meoccis Geschichte lebt von einer bildhaften Sprache und einem ausgewogenen Verhältnis von direkter und indirekter Rede. Ein Buch, das sich – zuhause oder in der Schule – gut gemeinsam und in Etappen lesen lässt. Mal der vorlesende Erwachsene, mal das Kind.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/15, S. 31

Mein Freund Salim
Uticha Marmon
Verlag: Magellan, Publiziert: 2015, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-4010-4

Als Hannes und Tammi eines Tages den fremden Jungen auf dem Spielplatz sehen, finden sie es zunächst witzig, dass er eine zu kleine Jacke mit rosa Glitzervögeln darauf trägt und sich bei einer Fehl­zündung eines Autos flach in den Sand wirft und sich die Ohren zuhält. Erst nach und nach begreifen sie, dass dem Jungen selbst gar nicht zum Lachen ist. Es ist Hannes’ jüngere Schwester Tammi, die sich als erste mit dem Jungen anfreundet. In kindlicher Unbefangenheit geht sie, schüchtern zwar, aber auch neugierig, auf ihn zu. Dass sie nicht dieselbe Sprache sprechen, stellt kein grösseres Problem da. Tammi und der Junge, Salim, reden mit den Augen, gestikulieren und finden schliesslich über Salims grosses Zeichen­talent einen Weg, sich zu verständigen. Die Zeichnungen sind es schliesslich auch, die Hannes ansprechen. Was Salim in sein arg zerlesenes Buch mit den seltsamen Buchstaben malt, kommt Hannes nämlich mehr als bekannt vor: Es sind Bil­der aus seinem absoluten Lieblingsbuch, «Tom Sawyer und Huckleberry Finn»! Bilder von einer Reise auf einem Floss, von Abenteuer und Gefahr. Doch malt der syrische Junge wirklich die Bilder einer fiktiven Geschichte? Oder mischen sich Bilder seines eigenen Lebens darunter?
«Mein Freund Salim» ist eine authentische Freundschaftsgeschichte, die mit behutsamen Bildern Flucht, den Weg über das Meer, Kinder, die es allein schaffen müssen, einfängt. Das Buch trägt so dazu bei, dass auch junge LeserInnen begreifen können, was Flucht aus der Heimat bedeutet. Dabei wählt Uticha Marmon ihre Bilder so, dass sie mediengebildeten Leser­Innen mehr verraten als dem behütet aufwachsenden Kind. Ein Roman, der gerade jetzt von hoher Aktualität ist und unbedingt gelesen werden sollte.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/15, S.32

Alice im Wunderland / Alice hinter den Spiegeln
Lewis Carroll, Illustration: Floor Rieder
Aus dem Englischen von Christian Enzensberger
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2015, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5864-6

Lewis Carrolls «Alice im Wunderland» (1865) und «Alice hinter den Spiegeln» (1871) sind wohl die erfolgreichsten Klassiker der Kinderliteratur überhaupt. Gerade, weil sie viel mehr sind als eine Geschichte für Kinder: Avantgardistische Nonsens-Poesie, Philosophie und ein fast grenzenloses Panoptikum, bei dem man niemals sicher wissen kann, ob es nun unheimlich-gruselig oder fröhlich-vergnügt ist. Obwohl John Tenniels Original-Illustrationen so sehr Teil des Textes sind, dass sich sämtliche Verfilmungen, von Cecil Hepworths und Percy Stows Stummfilm von 1903 bis zu Tim Burtons Version von 2010, an ihnen orientieren und abarbeiten, werden die Buchausgaben immer wieder neu illustriert. Das bedeutet jedes Mal eine neue Interpretation des Klassikers. Nun legt die niederländische Illustratorin Floor Rieder eine Version vor, die sich in ihrer Linolschnitt-Ästhetik ganz und gar von Tenniels Zeichnungen unterscheidet, die aber ein ganz wesentliches Element der Originalausgabe aufnimmt: Die Buchgestaltung als Gesamt­kunstwerk und das Spiel mit der Materialität des Buches als genuinem Bestandteil der Alice-Geschichten. Das fängt schon bei der Frage an, wie man das Buch in die Hand nehmen soll. Von vorne liest man «Alice im Wunderland», wenn man das Buch aber umdreht und auf den Kopf stellt, «Alice hinter den Spiegeln». Dass Text und Bild eine Einheit sind, dass Schrift auch Bild ist und umgekehrt – all das wird wunderbar einfallsreich realisiert. Dazu kommt das Spiel mit Farbe: Manche Seiten sind ganz orange, grün oder tief tintenschwarz, wenn der Humor makaber wird. Eine aufregende Entdeckungsreise ins Wunderland!

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/15, S. 32

Im Himmel ist es fast genau so
Ulf Stark, Illustration: Leonard Erlbruch
Aus dem Schwedischn von Birgitta Kicherer
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2015, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-4752-4
Schlagwörter: Geschwister | Tod/Trauer

Kann man jemanden vermissen, den man nie kennengelernt hat? Man kann. Der acht Jahre alte Ulf jedenfalls vermisst die grosse Schwester, die er nie hatte, ganz schrecklich. Marie-Louise ist gestorben, ehe sie auf die Welt gekommen ist, drei Jahre, bevor Ulf geboren wurde.
Mit dem Funkgerät seines Vater setzt Ulf heimlich eine Nachricht ins Weltall ab: «Hallo, hier spricht dein kleiner Bruder! Du hast mich noch nie getroffen. Aber du weisst bestimmt trotzdem, wer ich bin. (…) Hörst Du mich? Wenn ja, dann komm her und besuche mich. Sobald du kannst!»
Als wenig später ein neues Mädchen im Viertel auftaucht, ist Ulf fest davon überzeugt, dass seine Schwester der Bitte nachgekommen ist. Er sucht ihre Nähe und erfährt, dass sie in einem dreistöckigen Haus wohnt. «Ganz oben. Mit Balkon.» Viele Kinder gibt es dort auch. «Ich begriff, dass das Leben im Himmel fast genauso war wie das auf der Erde. Man ging ins Kino. Man ass Fleischklösschen. Man kletterte auf Bäume. (…) Der einzige Unterschied schien zu sein, dass die Strassenbahnen bei ihnen gelb waren.»
Als Ulf vernimmt, dass Marie-Louise, die eigentlich Britta heisst, nur die Cousine des Nachbarmädchens ist, fühlt er sich jämmerlich. Wie gut, dass sein bester Freund Klas sich mit überirdischen Dingen auskennt und eine wunderbare Erklärung dafür findet, dass Britta irgendwie doch Ulfs grosse Schwester ist: In Brittas Körper konnte sie Ulf zeigen, wie er seiner an Migräne leidenden Mutter helfen kann.
Tröstlich, warmherzig und fantasievoll er­zählt Ulf Stark von einem kleinen Jungen und seiner Sehnsucht nach einer gros­sen Schwester, von einer tollen Freundschaft, die über Kummer hinweghilft – und vom tiefen Vertrauen auf Kräfte, die über unser irdisches Dasein hinausgehen. Von Leonhard Erlbruch ebenso feinfühlig wie augenzwinkernd illustriert.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/15, S. 32

Schlamm oder Die Katastrophe von Heath Cliff
Louis Sachar
Aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2015, Seiten: 191, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-81199-8
Schlagwörter: Krankheit

Eine Verkettung unglücklicher Zufälle sorgt dafür, dass Tamaya und Marshall ausgerechnet mit dem gefürchteten Schul­schläger Chad im Wald landen, den sie auf dem Heimweg von der Schule
eigentlich meiden sollen. Um Chad abzu­wehren, bevor er Marshall die ange­drohten Prügel verabreichen kann, greift Tamaya blindlings nach einem seltsam schleimigen Matsch und wirft ihn Chad mitten ins Gesicht. Als sie am folgenden Tag unter einem merkwürdigen Ausschlag leidet, der zwar nicht wirklich wehtut oder juckt, sich aber unaufhaltsam ausbreitet, macht sie sich Sorgen um Chad, der nicht wieder aufgetaucht ist. Sie versucht den­selben Weg zu gehen, den sie am Vortag in Panik gerannt ist, muss aber verwirrt feststellen, dass sich entweder der Schlamm ganz ausserordentlich ausge­breitet hat oder sie sich nicht wirklich an den Weg erinnern kann. Als sie Chad endlich findet, bietet sich ihr ein entsetzliches Bild …
Louis Sachar schreibt mit «Schlamm oder Die Katastrophe von Heath Cliff» einen Roman, der durch die Entwicklung eines energiegewinnenden Ergonyms und die entsetzlichen Folgen einen leicht fantastischen Einschlag in Richtung Science Fiction erhält, aber auch gut und gern an vertraute Umweltromane und illegale Beseitigung von Dioxinfässern erinnert. Eingeschobene Gesprächsprotokolle aus der Zeit nach der Katastrophe tragen zur Spannung bei, denn schnell wird deutlich, dass die Ausbreitung des Schlamms Todesfälle zur Folge hatte ­– da bangt man beim Lesen um die Protagonisten. Fans von «Löcher» jedoch werden bei «Schlamm» die versponnenen Verquickungen der Geschichte und den Hauch von magischem Realismus vermis­sen. Gut zu lesen, aber sicher kein Muss.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/15, S.33

Die total irre Geschichte mit der Gitarre meines Vaters und allem, was danach kam, obwohl sie mir keiner auch nur ansatzweise glauben wird
Jordan Sonnenblick
Aus dem amerikanischen Englisch von Gerda Bean
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2015, Seiten: 284, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58324-6
Schlagwörter: Musik

Wenn Rich am Woodstock-Festival keinen Kuchen mit Drogenpilzen gefuttert hätte, wäre er im Krankenzelt weder Janis Joplin noch Jimi Hendrix begegnet. Hendrix hätte ihm seine Strat-Gitarre nicht vermacht. Rich wiederum hätte die Gitarre als Teenager 45 Jahre später nicht benutzt, um den «Hendrix-Akkord», den «Dominant-Sept-Akkord mit übermässiger None auf E», zu spielen. Er hätte keinen Stromschlag abbekommen, wäre aber auch nicht mit seinem ebenfalls 15-jährigen Vaters David und dem wenig älteren Onkel Michael am Woodstock-Festival gelandet. So wird Jimis Strat zum Tor in ein Zeitreise-Abenteuer, das es an Originalität, Tempo und Witz mit dem 1980er-Jahre Hit «Back to the Future» aufnehmen kann, aber auch düstere Saiten anschlägt.
Auch Jordan Sonnenblicks Roman handelt von der komplizierten Beziehung zwischen Vater und Sohn, die sich als Gleichaltrige begegnen müssen, um sich schätzen zu lernen. Aber obwohl der Text darüber hinaus wunderbare Woodstock-Referenzen enthält, erzählt er in erster Linie von den destruktiven Folgen des Drogenmissbrauchs. Michael, Sohn alko­holsüchtiger Eltern, wird nach Woodstock an einer Überdosis Heroin sterben, was seinen Bruder in einen bitteren Menschen und überstrengen Vater verwandelt. Rich kann die Tragödie zwar nicht verhindern. Aber zurück in der Gegenwart kann er seinem Vater helfen, positiv in eine Zukunft zu blicken, in der auch die Musik wieder eine tragende Rolle spielt. Obwohl die Warngeschichte bisweilen gar moralische Züge annimmt und die Gegenwartsgeneration recht konservativ daherkommt, ist der Roman, um Richs Einschätzung zu zitieren, ein absolut lesenswertes «erlebnispädagogisches Abenteuer».

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/15, S. 33

Coole Nummer
Jason Reynolds
Aus dem amerikanischen Englisch von Klaus Fritz
Verlag: dtv, Publiziert: 2015, Seiten: 260, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-65018-2
Schlagwörter: Behinderung | Freundschaft | Gewalt

Als ich der Grösste war

Der Coretta Scott King Award, benannt nach der Frau von Martin Luther King, wird jährlich an herausragende afroamerikanische AutorInnen und IllustratorInnen von Kinder- und Jugendbüchern vergeben. Der Preis für den besten Newcomer erhielt dieses Jahr Jason Reynolds mit seinem Erstling «When I Was The Greatest», der jetzt bei dtv in der Reihe Hanser unter dem Titel «Coole Nummer» erschienen ist. Dem Autor ist ein eindrückliches Porträt eines männlichen schwarzen Jugendlichen, der in Brooklyn zwischen Atlantic und Flushing Avenue wohnt, gelungen. Natürlich ist diese Gegend von New York berüchtigt und hat einen schlechten Ruf, aber Ali weiss sich geschickt aus Prob­lemen herauszuhalten. Seine besten Freunde sind die Nachbarjungs Noodles und dessen Bruder Needles, der immer zu stricken beginnt, wenn ihm sein Tourette-Syndrom im Alltag zu schaffen macht. Der Verlockung mit seinen Freunden auf eine der im Quartier angesagten illegalen Partys zu gehen, kann Ali nicht widerstehen. Gerade als er sich mit einem Traummädchen zurückziehen will, beginnt eine Schlägerei, in die Needles verwickelt ist. Ali, der Boxen trainiert, greift ein und hilft dem behinderten Jungen. Die zuvor humorvoll enthusiastische Story wird ernst, denn es ist klar, dass sich die Schläger rächen wollen. Auch die Freundschaft zwischen Ali und Noodles wird auf eine Bewährungsprobe gestellt.
Ohne zu moralisieren schafft es der ebenfalls in Brooklyn beheimatete Autor, Alis Geschichte glaubwürdig zu schildern. Dass dabei der Humor nicht zu kurz kommt und gleichzeitig Themen wie Freundschaft, Werte und Toleranz gegenüber anderen im Mittelpunkt stehen, zeigt, dass ein Text über das Leben in städtischen Ghettos nicht düster sein muss, sondern voller Hoffnung sein kann.

Roger Meyer
Buch&Maus 3/15, S. 34

Halbe Helden
Erin Jade Lange
Aus dem amerikanischen Englisch von Jessika Komina und Sandra Knuffinke
Verlag: Magellan, Publiziert: 2015, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7348-5010-3
Schlagwörter: Behinderung

«Hast du ein Glück, dass ich keine Mongos zusammenschlage!», blafft der stadtbekannte Raufbold Dane in Richtung des mondgesichtigen Billy D. – und hat in diesem Moment einen Fan gewonnen, der ihm nicht mehr von der Seite weichen wird. Das ist erst ziemlich nervig, denn der Nachbarsjunge mit Downsyndrom ent­puppt sich nicht nur als uner­schrockene Plaudertasche sondern auch als bein­harter Verhandler, der über Danes Kopf hinweg mit dem Disziplinarrat der Schule einen Deal einfädelt: Wenn Dane sich als Billys Mentor beweist, kommt er um den drohenden Schulausschluss he­rum. «Erpressung» jault Dane, der Billy jetzt nicht nur das Kämpfen bei­bringen, sondern auch dessen verschol­lenen Vater mithilfe eines Rätsel-Atlas suchen muss. Dass er dabei selbst von Sehnsucht nach seinem unbekannten Vater gepackt wird, macht die Sache nicht einfacher.
Zwei Aussenseiter in schwierigen Familiensituationen, deren holpriges Zusammenraufen Erin Jade Lange («Butter») in ihrem zweiten Jugendroman mit viel Sensibilität und Situationskomik in Szene setzt: Umwerfend, diese verqueren Dialoge, bei denen Billy alles wortwörtlich nimmt, den Nagel meistens auf den Kopf trifft und das letzte Wort behält! Berührend, wie sich Ich- Erzähler Danes nach und nach öffnet und verwandelt.
Aus einem lästigen «Aufpasserjob» entwickelt sich so eine ungewöhnliche Freundschaft mit ungeahnter Dynamik: Erst stösst die androgyne Seely zum Team, dann wirbelt es Billy und Dane durch einen abenteuerlichen Roadtrip, der statt des erwartbaren Happy Ends ein dunkles Geheimnis offenbart … Eine spannende und lebensbejahende Geschichte, die ihre kantigen Helden ganz ohne ameri­ka­nischen Outsider-Kitsch auf ihrer ambi­valenten Identitätssuche begleitet.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/15, S. 34

Dreckstück
Clémentine Beauvais
Aus dem Französischen von Annette von der Weppen
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2015, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58337-6
Schlagwörter: Rassismus | Gewalt

Fünf gelangweilte Jugendliche aus gutem Hause, die «einfach alles ankotzt»: Anne-Laure, Florian, Gonzague, Élise und Ich-
Erzähler David lungern vor ihrer Schule herum. Sie beschliessen wieder einmal zu schwänzen und die Zeit lieber in Gonzagues Wohnung totzuschlagen. Auf dem Weg dorthin begegnet ihnen ein kleines, dunkelhäutiges Mädchen, das offenbar Läuse hat. Aus einer Laune heraus – «Was danach passiert ist, haben wir nicht besonders geplant, auch wenn das hinterher viele Leute behauptet haben» – packen sie die Sechsjährige und nehmen sie in Gonzagues Wohnung mit. Dort binden sie sie an der Heizung fest und starten mit der «Entlausung». Während Ich-Erzähler David und die empfindsame Élise dafür sorgen, dass die Nachbarn keinen Verdacht schöpfen, quälen Anführerin Anne-Laure, Florian und Gonzaque die kleine Elikya weiter. Sie schneiden dem «Dreckstück» die Zöpfe ab, rasieren das Mädchen kahl, schlagen es bewusstlos und verfrachten es schliesslich in den Lift, wo es erst Stunden später gefunden wird. Wohlgemerkt eine Sechsjährige!
Es ist keine schöne Geschichte, die Clémentine Beauvais erzählt. Aber eine, die einen packt und berührt, betroffen macht und nachdenklich zurück lässt. Dadurch, dass David den schlimmsten Teil von Elikyas Martyrium aus der Distanz schildert, wird es für die LeserInnen nicht ganz so arg. Gleichzeitig ist es umso makabrer, dass Élise und David lieber bei dem ebenso blinden wie tauben alten Ehepaar eine Etage tiefer barmherzige Samariter spielen statt oben einzuschreiten …
Ein beeindruckendes deutschsprachi­ges Debüt, das angesichts zunehmender Fremdenfeindlichkeit viel Diskussionsstoff bietet und mit nur 90 Seiten Text geradezu nach einem Einsatz im
Unterricht «schreit».

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/15, S.35

Das hier ist kein Tagebuch
Erna Sassen
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2015, Seiten: 183, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-2861-3

Bou macht in letzter Zeit nichts mehr. Überhaupt nichts. Und das ist kein Verbrechen. Aber akzeptabel ist es trotzdem nicht, findet sein Vater und gibt ihm ein Heft, in das Bou ab sofort täglich etwas schreiben, und einen Stapel klassischer CDs, die er sich anhören soll. Also schreibt Bou: über seine Müdigkeit, über ent­täuschte Erwartungen, über das Alleinsein. Er schreibt Gedichte an seine kleine Schwester, und eine Absage an die Wettbewerbsgesellschaft. Und er schreibt über seine Mutter, die manisch-depressiv war und sich vor einigen Jahren das Leben genommen hat. Die ihre Medikamente nicht schluckte und damit seines
Erachtens die Familie im Stich gelassen hat, was Bou Jahre später immer noch ungeheuer wütend macht; viel zu wütend, als dass Tagebuchschreiben da helfen könnte. Trotzdem löst sich dabei etwas und es kommt mehr zum Vorschein, als man zu Beginn geahnt hätte. Neben netten Tanten, weltbesten kleinen Schwestern und niederträchtigen Ex-Freunden ist da nämlich auch noch die Sache mit Pauline …
Erna Sassens erstes Jugendbuch «Das hier ist kein Tagebuch» trifft einen Nerv. Es ist zugleich scharfsinnig und einfühlsam und beschäftigt sich dabei mit einem Thema, das noch zu häufig mit Samthandschuhen angefasst wird: der Depression. Um die Beklommenheit zu überwinden, die im Umgang mit psychischen Erkrankungen aufkommt, braucht es Bücher wie dieses. Bücher, die uns sagen, dass solche Probleme real sind und überall vorkommen können und die uns zeigen, dass damit umgegangen und daran gearbeitet werden kann. Klug und oft sogar humorvoll erzählt Bou seine Geschichte und wir merken, dass Überforderung menschlich ist – und dass sie nicht unser Ende bedeuten muss.

Leonie Staubli
Buch&Maus 3/15, S. 35

Dahlenberger
Florian Wacker
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2015, Seiten: 220, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-942787-69-7
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Welche Sprünge lassen sich machen, wenn man auf dem Dorf aufwächst, und die grosse Welt weit weg ist? Wenn die Sommer aus Pommes Frites und Sonnen auf der Liegewiese bestehen, im «Dahlenberger», dem Freibad, wo sich Erzähler Jan auch in diesem letzten Sommer täglich mit Hank, Jonas, Elli und Klara trifft? Dort warten sie schon auf dem Parkplatz, wenn die Kassierin das Tor aufschliesst, und gehen als Letzte wieder. Vor allem aber üben sie die Sprünge vom Einmeter, vor allem den doppelten Salto, von dem nur Jonas wirklich glaubt, dass er hier in diesem kleinen Becken, auf diesem alten Sprungbrett zu realisieren ist.
Mit ruhigen Strichen, ganz unaufgeregt und genau beobachtend malt Florian
Wacker in seinem Jugendromandebüt ein Stimmungsbild eines letzten Sommers in der Provinz der Jugend, wo etwas zu Ende geht und doch erst anfängt: «Bisher war alles gut so gewesen, wie es war. Bisher hatte ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht, dass das Ganze enden würde, einfach weil Dinge zu Ende gingen, wir älter werden würden, weil einige von uns wieder wegzogen oder das Dahlenberger dicht machte.» Dann aber ist da dieser Neue: Geht in seinen schwarzen Bade­hosen und dem Tuch mit dem «Slayer»-Schriftzug ruhig zum Brett, klettert die Leiter hoch und springt den perfekten Sprung. Wer ist er und wo kommt er her?
Der bemerkenswerte Coming-of-Age-Roman erzählt in einer gelungenen Symbolik und doch sehr authentisch von der Gefühlslage zwischen der Trauer über den Verlust des Vertrauten und dem Verlangen nach neuen und fremden Erfahrungen.
«Ich hab mir versucht vorzustellen, wie Schnee schmeckt. […] Kann mich nicht mehr dran erinnern», sagt Hank zu Jan, an einem dieser Hitzetage im Freibad. Wer «Dahlenberger» liest, wird sich auch im kältesten Winter genau erinnern, wie sich Sommer anfühlt.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/15, S. 35

Das Fieber
Makiia Lucier
Aus dem amerikanischen Englisch von Katharina Diestelmeier
Verlag: Königskinder, Publiziert: 2015, Seiten: 368, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-56012-4
Schlagwörter: Historisches | Krankheit

Manche Dinge im Leben machen sprachlos: sich das erste Mal zu verlieben etwa – oder die beste Freundin sterben zu sehen. Die 17-jährige Cleo erlebt beides fast gleichzeitig. Wir lernen die Tagesschülerin eines Internats für die besser gestellte Gesellschaft des amerikanischen Portland als verzagten Teenager kennen. Was soll nur aus ihr werden? Leuchtturmwärterin? Blackjack-Spielerin? Es ist das Jahr 1918 und «junge Frauen haben heute die Freiheit zu tun, was sie wollen.» An die Universität gehen, in Bohème-Kreisen verkehren, Sapphistin werden. Cleo jedoch fehlt jeglicher Ehrgeiz.
Für melodramatisches Selbstmitleid bleibt bald keine Zeit mehr. 1918 wütet noch der Erste Weltkrieg, als ein noch schlimmerer Todbringer folgt: die Spanische Grippe. Rasend schnell breitet sich die Pandemie in den westlichen Bundesstaaten aus. Von einem Tag auf den anderen befindet sich auch Portland im Ausnahmezustand. Mehr aus Langeweile denn aus Helferwillen oder patrio­tischem Pflichtgefühl meldet sich Cleo beim Roten Kreuz. Im Behelfsspital lernt sie die unermüdliche Krankenschwester Han­­nah, die gleichaltrige, zielstrebige Kate und den tatkräftigen jungen Arzt Edmund kennen. Unter ihren Fittichen – inmitten von Verzweiflung und Schmerz – erkennt Cleo ihre Stärken: Empathie, Klugheit, Hilfsbereitschaft. Alle drei Eigenschaften helfen ihr, als nicht nur die Liebe, sondern auch der Tod ihren Weg kreuzen.
Makiia Lucier erzählt in «Das Fieber» eine konventionelle Entwicklungsge­schichte. Dass man ihren Debütroman dennoch mit Spannung und Anteilnahme liest, liegt zum einen an ihrer lebensechten Heldin, deren Gedanken- und Gefühlswelt sie uns intensiv erforschen lässt. Zum anderen gelingt der Autorin das historisch überzeugende Portrait einer vom Todesfieber gebeutelten Stadt.

Alice Werner
Buch&Maus 3/15, S. 36

How to Be Gay
James Dawson
Aus dem Englischen von Volker Oldenburg
Verlag: Fischer, Publiziert: 2015, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7335-0092-4

Alles über Coming-Out, Sex und Gender

Facebook war regenbogenfarben, das Weisse Haus auch: Im Juni hat das oberste Gericht der USA die gleichgeschlechtliche Ehe in allen Bundesstaaten legalisiert. Zeitgleich erweitert der deutschsprachige Jugendbuchmarkt seine heteronormative Welt endlich um eine ganze Reihe queerer Titel. LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender), erklärt der Brite James Dawson im Sachbuch «How to Be Gay», steht für die «Gesamtheit aller sexuellen Orien­tie­run­gen, sozialen Geschlechter und Ge­schlechts­identitäten». Hier wird queeren Jugendlichen auf über 300 Seiten eine Form der Aufklärung angeboten, die weit über die Beschreibung sexueller Praktiken hinaus- und doch auch diesbezüglich «völlig schambefreit» zur Sache geht. Zentral ist die Sensibilisierung für die Vielfalt von Identität und Begehren: Über 300 von Dawson befragte LGBT-Menschen kom­men direkt zu Wort. Sie und die LeserIn­nen werden als «Teil einer wunderbaren Gemeinschaft» begrüsst, deren Kultur leb­haft beschrieben wird, ehe Themen wie Homophobie, Mobbing oder Krankheit fokussiert werden. Über allem steht die Aufforderung, lautstark gegen Diskri­minierung anzutreten: «Seid wie eine quietschende Tür. Wenn ihr höflich, aber konsequent Lärm schlagt, wird irgendjemand schliesslich die Scharniere ölen.»
Genau das tun Craig und Harry in David Levithans Roman «Two Boys Kissing». Nachdem ihr Freund Tariq von homo­phoben Schlägern zusammengeschlagen wurde, setzen sie ein so intimes wie politisches Zeichen: Mindestens 32 Stun­den, 12 Minuten und 10 Sekunden lang werden sie sich küssen, um den Weltrekord zu brechen und homosexuellen Jugendlichen Sichtbarkeit zu verschaffen. Erst sehen ihnen nur Freunde zu. Doch das Publikum wächst stündlich; endlich verfolgen tausende den Live-Stream. Einige lernen wir kennen. Abwechselnd wird erzählt von Cooper, der nach seinem desas­trösen Outing auf der Strasse landet, von Ryan, der sich am Schwulenball in Avery mit den pinken Haaren verliebt, und von Avery, der im falschen Körper geboren wurde und sich in Ryan mit den blauen Haaren verliebt. Von Peter und Neil, die seit einem Jahr den ganz normalen Wahnsinn erster Liebe erleben. Und von Craig und Harry, die auch nach der Trennung ein «gemeinsames Gleichgewicht» bewahrt haben. Aus ihren fragmentarischen Porträts entsteht ein literarisch dichtes Netz von Biografien, die bei allen Unter­schieden Existenzielles teilen: allem voran die Sehnsucht, Teil einer grenzüberschreitenden Community zu sein.
In der Tradition des antiken Chors begleitet ein körperloses Wir das Geschehen, formiert aus den Geistern schwuler Män­ner früherer Generationen. Es erinnert an die Zeit, in der es Männerküsse nur im Versteckten gab und Aids für den sozialen wie physischen Tod viel zu vieler Menschen sorgte. Das ist engagiert, mutig – und happig. «Wer will schon über so was nachdenken, wenn man mit Träumen, Lieben oder Vögeln beschäftigt ist», räumt die Geistergruppe ein. Trotzdem ist die «Geis­ter­last» wichtig – auch, um zu zeigen, wel­che Wege gegangen wurden und noch zu gehen sind. «Zwei Jungs, die sich küssen. (…) Für uns war es solch eine heim­liche Geste. Heimlich, weil wir Angst hatten. Weil wir uns schämten. Weil es eine Geschichte war, die niemand erzählte.»
«How to be Gay» und «Two Boys Kissing» brechen dieses Schweigen und erzählen Geschichten, die gehört werden sollen. Das ist heute kein bisschen weniger wichtig als damals. Aber dank der sozialen Nezwerke der Figuren und der LeserInnen endlich ein bisschen einfacher.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/15, S. 36

Two Boys kissing
David Levithan
Aus dem amerikanischen Englisch von Martina Tichy
Verlag: Fischer KJB, Publiziert: 2015, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5185-0
Schlagwörter: Liebe

Jede Sekunde zählt

Facebook war regenbogenfarben, das Weisse Haus auch: Im Juni hat das oberste Gericht der USA die gleichgeschlechtliche Ehe in allen Bundesstaaten legalisiert. Zeitgleich erweitert der deutschsprachige Jugendbuchmarkt seine heteronormative Welt endlich um eine ganze Reihe queerer Titel. LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender), erklärt der Brite James Dawson im Sachbuch «How to Be Gay», steht für die «Gesamtheit aller sexuellen Orien­tie­run­gen, sozialen Geschlechter und Ge­schlechts­identitäten». Hier wird queeren Jugendlichen auf über 300 Seiten eine Form der Aufklärung angeboten, die weit über die Beschreibung sexueller Praktiken hinaus- und doch auch diesbezüglich «völlig schambefreit» zur Sache geht. Zentral ist die Sensibilisierung für die Vielfalt von Identität und Begehren: Über 300 von Dawson befragte LGBT-Menschen kom­men direkt zu Wort. Sie und die LeserIn­nen werden als «Teil einer wunderbaren Gemeinschaft» begrüsst, deren Kultur leb­haft beschrieben wird, ehe Themen wie Homophobie, Mobbing oder Krankheit fokussiert werden. Über allem steht die Aufforderung, lautstark gegen Diskri­minierung anzutreten: «Seid wie eine quietschende Tür. Wenn ihr höflich, aber konsequent Lärm schlagt, wird irgendjemand schliesslich die Scharniere ölen.»
Genau das tun Craig und Harry in David Levithans Roman «Two Boys Kissing». Nachdem ihr Freund Tariq von homo­phoben Schlägern zusammengeschlagen wurde, setzen sie ein so intimes wie politisches Zeichen: Mindestens 32 Stun­den, 12 Minuten und 10 Sekunden lang werden sie sich küssen, um den Weltrekord zu brechen und homosexuellen Jugendlichen Sichtbarkeit zu verschaffen. Erst sehen ihnen nur Freunde zu. Doch das Publikum wächst stündlich; endlich verfolgen tausende den Live-Stream. Einige lernen wir kennen. Abwechselnd wird erzählt von Cooper, der nach seinem desas­trösen Outing auf der Strasse landet, von Ryan, der sich am Schwulenball in Avery mit den pinken Haaren verliebt, und von Avery, der im falschen Körper geboren wurde und sich in Ryan mit den blauen Haaren verliebt. Von Peter und Neil, die seit einem Jahr den ganz normalen Wahnsinn erster Liebe erleben. Und von Craig und Harry, die auch nach der Trennung ein «gemeinsames Gleichgewicht» bewahrt haben. Aus ihren fragmentarischen Porträts entsteht ein literarisch dichtes Netz von Biografien, die bei allen Unter­schieden Existenzielles teilen: allem voran die Sehnsucht, Teil einer grenzüberschreitenden Community zu sein.
In der Tradition des antiken Chors begleitet ein körperloses Wir das Geschehen, formiert aus den Geistern schwuler Män­ner früherer Generationen. Es erinnert an die Zeit, in der es Männerküsse nur im Versteckten gab und Aids für den sozialen wie physischen Tod viel zu vieler Menschen sorgte. Das ist engagiert, mutig – und happig. «Wer will schon über so was nachdenken, wenn man mit Träumen, Lieben oder Vögeln beschäftigt ist», räumt die Geistergruppe ein. Trotzdem ist die «Geis­ter­last» wichtig – auch, um zu zeigen, wel­che Wege gegangen wurden und noch zu gehen sind. «Zwei Jungs, die sich küssen. (…) Für uns war es solch eine heim­liche Geste. Heimlich, weil wir Angst hatten. Weil wir uns schämten. Weil es eine Geschichte war, die niemand erzählte.»
«How to be Gay» und «Two Boys Kissing» brechen dieses Schweigen und erzählen Geschichten, die gehört werden sollen. Das ist heute kein bisschen weniger wichtig als damals. Aber dank der sozialen Nezwerke der Figuren und der LeserInnen endlich ein bisschen einfacher.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/15, S. 36

Flipper Flipperchaschte
Verlag: Der gesunde Menschenversand, Publiziert: 2015, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03-853015-2

Spi Spa Spoken Word für Kinder

Wer eine Kugel in einen Flipperkasten hineinspicken lässt, weiss nicht so genau, wie deren Bahn verlaufen wird. Bei jedem Versuch kann sie wieder ganz andere Wege rollen.

Mit der CD «Flipper Flipperchaschte», die «Spi Spa Spoken Word» für Kinder bietet, ist es so ähnlich. Der Ausgangspunkt – aus den Buchhelden der eigenen Kindheit etwas Neues zu gestalten – war für alle Mitwirkenden die gleiche. Gelöst wurde diese Aufgabe ganz unter­schiedlich: Zwischen Lyrik und Prosa, zwischen Schweizer- und Hochdeutsch, zwischen Fiktion und Nachdenken über die Fiktion bewegen sich die kurzen Stücke von bekannten und unbekannteren Namen der Schweizer Spoken Word-Szene. Heterogen sind nicht nur die Beiträge sondern auch deren Qualität. Fantasievoll und sprachspielerisch schräg ist Simon Libsigs «S Fräulein Zahlugge und de Monsieur Tarzan», wunderbar böse Matto Kämpfs Märchen von der zu schönen Prinzessin und dem zu starken Prinz (Moral: «Mängisch isch zviu zviu»). In Jürg Halters «Komisch, komisch, komisch» scheinen die Kinderbuchfiguren leider eher zwangsweise eine Rolle zu spielen, ohne dass wirklich kreativ mit ihren Eigenschaften umgegangen würde, das gleiche gilt für das letzte Stück der CD «Heidis Geburifest» von Sarbach.

Hazel Brugger jedoch erzählt in «D Gschicht vom schwümmende Sebasch­tian» berührend und sprachlich stark von einer Meersau, die im Meer schwimmen möchte. Wie bildhaft gelingt ihr etwa die Beschreibung, wie der kleine Sebastian in unbeobachteten Momenten das Kügel­chen in seinem Wasserspender weit hinaufdrückt, damit er endlich einmal in einem Wasserstrahl duschen kann!

Die Spoken-Word-Szene hat auf jeden Fall einen erfrischend kreativen, spielerischen Zugang zu Sprache und Text, der hoffentlich auch in Zukunft vermehrt den Kindern zugutekommt.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/15, S. 37

Der Traum von Olympia
Reinhard Kleist
Verlag: carlsen comics, Publiziert: 2015, Seiten: 152, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-73639-0
Schlagwörter: Sport

Auf Youtube findet sich die Aufzeichnung eines Vorlaufs über zweihundert Meter an den Olympischen Spielen in Peking, in dem auch eine 17-Jährige Athletin aus Somalia mitlief: Samia Yusuf Omar. Der Berliner Comic-Zeichner Reinhard Kleist beginnt seine Graphic Novel über die tragische Geschichte von Samia mit diesem Lauf. Er zoomt hinein in ein Quartier von Mogadischu, wo Familie und Freunde sich das Rennen am TV ansehen. Sie sind stolz auf Samia, obwohl sie weit abgeschlagen als Letzte das Ziel erreicht. Im Gegensatz zur Al-Shabaab-Miliz: Diese hindert die Sportlerin nach ihrer Rückkehr zunehmend am Training und droht ihr mit dem Tod. Samia muss weg, wenn sie ihren nächsten grossen Traum verwirklichen will: London 2012. Sie flieht nach Addis Abeba, von dort weiter durch den Sudan, Libyen, bis ans Mittelmeer. Wie Abertausende andere findet sie sich auf einem überfüllten Gummiboot wieder, wie Tausende andere ist sie ertrunken.

Reinhard Kleist hat für sein Buch mit Flüchtlingen gesprochen, die eine ähnliche Reise hinter sich haben wie Samia, er befragte ihre Schwester und Freunde und recherchierte im Internet. Die Facebook-Nachrichten, die Samia auf der Flucht an Freunde schrieb, gingen verloren, Kleist hat sie neu geschrieben und nutzt sie als zweite Erzählebene, um uns an den Überlegungen und Gefühlen von Samia teilhaben zu lassen.

Die filmisch erzählte Graphic Novel packt von der ersten Seite weg. Als LeserIn ist man ganz nah an Samia dran, kann ihre Träume nachvollziehen, spürt die Kraft und Lebenslust, die von dieser jungen Frau ausgeht und ihre Verzweiflung. Reinhard Kleist hat ihr mit seinem Comic ein eindrückliches Denkmal gesetzt.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/15, S. 37

Mit 17 nimmt Samia Yusuf Omar für Somalia an den Olympischen Spielen von Peking 2008 teil. Wieder zu Hause, wird sie von der Al-Shabaab-Miliz mit dem Tod bedroht und entschliesst sich zur Flucht. Auf die Olympiade in London will sie in Europa trainieren. Reinhard Kleist erzählt in seiner Graphic Novel Samias Flucht bis zum tragischen Tod im Mittelmeer nach. Eindrücklich vermittelt er ihre Verzweiflung, aber auch ihre Kraft und Lebenslust.

Die Schwestern Löwenherz
Johanna Gerber
Verlag: kwasi, Publiziert: 2015, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906183-15-2

Es ist eine traurige Realität, dass auch in der Schweiz junge Mädchen gegen ihren Willen verheiratet werden. Auf diese Tragik und mögliche Hilfen aufmerksam zu machen, wie es Johanna Gerber in «Die Schwestern Löwenherz» tut, ist wichtig und richtig. Kritisch wird es, wenn eine grosse Einwanderergruppe pauschal der Frauenfeindlichkeit angeklagt wird: «Mei­ne Mutter hat noch nie etwas gegen die Meinung meines Vaters gesagt. So wie wahr­scheinlich alle Frauen bei uns.» Das sagt Süne, Tochter anatolischer Asyl­bewerber in der Schweiz, die bei ihrer deutschen Expat-Freundin Simone Zuflucht sucht, um der drohenden Heirat mit einem groben, älteren Kerl, der seine erste Frau auf dem Gewissen hat, zu entgehen. Leider ist die Struktur des engagierten Schweizer Jugendbuchdebüts etwas gar stereotyp geraten: hier das starke, westliche Mäd­chen, das gute Ideen hat, dort das hilfsbedürftige Migrantenkind, das bis fast am Ende ohne familiäre Unterstützung zurechtkommen muss. Der Ausweg besteht in der Lossagung von der alten Identität und der Anpassung an die westliche Kultur. Schade auch, dass aus Simones Sicht erzählt wird, so dass die LeserInnen kaum etwas von Sünes Gedanken und Gefühlen mitbekommen.
Dass es auch anders geht, zeigt etwa der britische Roman «Kopfgefühl und Bauchzerbrechen». Erzählerin ist hier das türkische Mädchen Zeyneb. Auch sie erlebt die Zerrissenheit zwischen den Gepflogenheiten in ihrer Familie und den Verlockungen des Teenagerlebens. Doch es wird differenziert: Zeyneb hat Vorbilder wie die kopftuchtragende Stu­dien­beraterin, die ihr aufzeigen, dass Herkunft und Kultur keine Beschränkung auf eine Rolle bedeuten müssen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/15, S. 34

Kopfgefühl und Bauchzerbrechen
Colette Victor
Aus dem Englischen von Ilse Rothfuss
Verlag: Chicken House, Publiziert: 2015, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-52075-3

Es ist eine traurige Realität, dass auch in der Schweiz junge Mädchen gegen ihren Willen verheiratet werden. Auf diese Tragik und mögliche Hilfen aufmerksam zu machen, wie es Johanna Gerber in «Die Schwestern Löwenherz» tut, ist wichtig und richtig. Kritisch wird es, wenn eine grosse Einwanderergruppe pauschal der Frauenfeindlichkeit angeklagt wird: «Mei­ne Mutter hat noch nie etwas gegen die Meinung meines Vaters gesagt. So wie wahr­scheinlich alle Frauen bei uns.» Das sagt Süne, Tochter anatolischer Asyl­bewerber in der Schweiz, die bei ihrer deutschen Expat-Freundin Simone Zuflucht sucht, um der drohenden Heirat mit einem groben, älteren Kerl, der seine erste Frau auf dem Gewissen hat, zu entgehen. Leider ist die Struktur des engagierten Schweizer Jugendbuchdebüts etwas gar stereotyp geraten: hier das starke, westliche Mäd­chen, das gute Ideen hat, dort das hilfsbedürftige Migrantenkind, das bis fast am Ende ohne familiäre Unterstützung zurechtkommen muss. Der Ausweg besteht in der Lossagung von der alten Identität und der Anpassung an die westliche Kultur. Schade auch, dass aus Simones Sicht erzählt wird, so dass die LeserInnen kaum etwas von Sünes Gedanken und Gefühlen mitbekommen.
Dass es auch anders geht, zeigt etwa der britische Roman «Kopfgefühl und Bauchzerbrechen». Erzählerin ist hier das türkische Mädchen Zeyneb. Auch sie erlebt die Zerrissenheit zwischen den Gepflogenheiten in ihrer Familie und den Verlockungen des Teenagerlebens. Doch es wird differenziert: Zeyneb hat Vorbilder wie die kopftuchtragende Stu­dien­beraterin, die ihr aufzeigen, dass Herkunft und Kultur keine Beschränkung auf eine Rolle bedeuten müssen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/15, S. 34

Der geniale Herr Zippzack
Jürg Obrist
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10288-2

Jürg Obrist ist unter anderem für seine Rätselgeschichten – etwa im «Spick» – bekannt, in denen es mit Hilfe eines Bildes einen Täter zu überführen gilt. Der Zürcher Illustrator bringt in seinen knallbunten und schrägen Bildern so viele Details unter, dass man mit dem Schauen fast nicht hinterherkommt.
In diesem Stil, zusätzlich ergänzt um fotografische Collage-Elemente ist auch sein neues Bilderbuch bei NordSüd gehalten. Herr Zippzack ist Erfinder und möchte in einer selbstgebauten Rakete zum Mond fliegen. Was in seiner Tüftelwerkstatt nicht alles herumliegt! Ein Tennisracket neben zusammengerollten Planzeichnungen, ein ganzes, gebratenes Poulet und daneben ein Schraubenzieher, eine Velopumpe und eine Käseglocke, ein Wecker im und eine Bratpfanne auf dem Schrank. Ganz klar: Herr Zippzack gehört zum Typ der zerstreuten Gelehrten. Ob das wohl gut kommt?
Mit Schinkenbroten ausgerüstet und einem bequemen Kissen auf dem Sitz geht
es los Richtung Mond. An fast alles hat Herr Zippzack gedacht – bloss die Bremsen, die hat er vergessen. Glücklicherweise werden seine Hilferufe gehört, als er die Rakete wieder Richtung Erde lenkt. Erst ein Muskelmann, dann eine Oma samt Regenschirm, ein Roboter und ein Huhn hängen sich nacheinander an
die Rakete – und werden alle mitgerissen. Zum Glück wetzt da die Fliege Klara ihre Flügelchen und erhebt sich in die Lüfte …
Eine einfache Geschichte, die das Prinzip der Menschenkette, wie man sie etwa aus dem russischen Märchen über die grosse Rübe kennt, in luftige Höhen überträgt. Die Menge an Text ist etwas zu gut gemeint – aus den Bildern ist die Essenz der Geschichte schnell ersichtlich und sie bieten obendrein viel Vergnügen bei der Suche nach unerwarteten Details.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/16, S. 26

Was macht die Maus?
Helga Bansch
Verlag: Tyrolia, Publiziert: 2015, Seiten: 20, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7022-3485-0

In schwarz-weissen Ringelhosen und Geniesserhaltung führt uns eine kleine Maus direkt in ein Pappbuch, das es in sich hat. Auf den ersten Blick bzw. auf der linken Seite ist es jeweils ein einfaches Elementarbuch, das je ein Lebewesen oder einen Gegenstand zeigt. Auf der rechten Seite sind fünf bis sechs einfache Szenen abgebildet, in denen dieses Objekt wieder erscheint. Jetzt erst wird die ganze Dimension dieses Büchleins offensichtlich, wenn mit dem Anfang einer Frage zu einer umfassenden Entdeckungsreise eingeladen wird. «Wo ist…?» führt uns vom linksseitigen knallroten Ball zu den kleinen Szenen, in denen der Ball einmal zum Luftballon, einmal zum Ei unter dem Bauch einer Henne oder zur winzigen roten Perle in einer Halskette geworden ist. Ein anderes Mal beginnt das Spiel mit dem Abbild einer kleinen Trommel, die rechts von der kleinen Maus gespielt wird. Die Frage «Was spielt…?» führt uns aber dann zum flötespielenden Mädchen, zur trompetenden Katze oder dem Hund mit der Gitarre. Während wir einmal den
Gegenstand suchen sollen, der gar nicht mehr ist, was er ist, suchen wir beim zweiten Beispiel nach der Figur, die ein weiteres Instrument einbringt. Hier wird klar, dass die Illustratorin Helga Bansch, die diese Büchlein im Rahmen des österreichischen Buchstart-Projekt entwickelt hat, weit über ein geläufiges Elementarbuch hinaus geht, ohne die Lebenswelt der Kleinkinder zu verlassen. Sie variiert ihr Konzept von Seite zu Seite und ermöglicht es den Betrachtenden so, immer wieder neu an eine Doppelseite heranzutreten.
Die zarten Illustrationen beinhalten viele liebevolle Details, die eine fröhliche Bilderbuchzeit garantieren.

Barbara Jakob
Buch&Maus 1/16, S. 26

Herr Sauermann sucht seine Zähne
Jon Nichols, Tucker Nichols
Aus dem amerikanischen Englisch von Kati Hertzsch
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2015, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-257-01181-4

«Eines sonnigen Herbstmorgens wachte Alfred Sauermann auf und stellte fest, dass er seine Zahnprothese nicht finden konnte. Also begann Alfred seine Habseligkeiten zu durchsuchen …».
So trocken beginnt das überformatige Bilderbuch-Debüt der Brüder Jon und Tucker Nichols, von denen der eine Musiker, der andere Künstler ist, die in Sachen Humor aber offensichtlich auf einer Wellenlänge liegen. Denn während Sauermann linkerhand als dicker Kauz im Schlafanzug ratlos aus der Seite guckt, werden auf den folgenden Doppel- und Aufklappseiten seine Habseligkeiten Exponat für Exponat ordentlich auf leeren Hintergrund drapiert, jedes Ding als stark vereinfachte und mit Augenzwinkern betitelte Filzstiftzeichnung wie aus einem Malbuch. Das wirkt auf den allerersten Blick fast eintönig, hat aber jede Menge Witz, finden sich doch im Allerweltskrimskrams dieses ältlichen Singles Schätze und Absonderlichkeiten ohne Ende: unreife Bananen zwi schen alten Ohrenstöpseln, Schuhpolitur neben Hummerschere und Sheriffstern.
«Alfred, du musst deine Sachen sortieren. Alles, was in keine Gruppe gehört, sind deine Zähne», rät Schwester Myrna – und Alfred sortiert: Hüte und Helme, Werkzeuge und Gerätschaften, kaputte Sachen und «Was soll das bloss sein»-Sachen. Das macht diese Ausstellung und seinen Besitzer noch skurriler, beginnt man doch unwillkürlich zu fantasieren, was dieser Typ da eigentlich warum in seinen Schränken hortet …
Ein eigenwilliges Wimmelbuch, das die Idee der seriellen Kunst albern und genial auf Kinderaugenhöhe bringt und auch noch mit einem Happy End überrascht.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/16, S. 26

Der goldene Käfig
Anna Castagnoli, Illustration: Carll Cneut
Aus dem Niederländischen von Ulrike Schimmig
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2015, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95939-016-3
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Was für eine Ausdruckskraft, was für mächtige Bilder! Carll Cneut ist schon durch etliche aussergewöhnliche Bilder­bücher aufgefallen und nun schenkt er uns ein künsterisches Bilderbuch, das seinesgleichen sucht.
Schon vor gut zehn Jahren hat Anna Castagnoli ihm ihre Geschichte über eine unbarmherzige, vogelvernarrte Prin­zessin geschickt und den preisgekrönten belgischen Illustrator gefragt, ob er sich damit künstlerisch auseinandersetzen möchte. «Nach der ersten Lektüre war ich schon in den Fängen dieser gar nicht netten Prinzessin», so Cneut. Fast eineinhalb Jahre hat er an den Acryl­illustrationen, stellenweise mit Tinte und Bleistift ergänzt, gearbeitet: Die Prinzessin Valentina verschwindet mal in einer Vielzahl von Vögeln, mal zeigt er sie in der Natur mit grimmiger Mimik auf einem Vogel sitzend oder spielend in ihrem Kinderzimmer – inmitten von Vogel­zeichnungen und gefiederten Figuren.
Denn nur ein einziger Gedanke beherrscht das zehnjährige Mädchen: Einen sprechenden Vogel zu besitzen, der in den bislang leeren, goldenen Käfig kommt und sie endlich zufriedenstellt. Die übereifrigen Diener können ihr aber nicht helfen und werden – hack! – einer nach dem Anderen geköpft. Doch als eines Tages ein Junge im Schloss erscheint, wird der sinnlose, blutige Kreislauf mit seinem ganz anderen Verhalten Valentina gegenüber und einer neuen Idee durchbrochen.
Ein intensives Bilderbuch für Kinder ab der Unterstufe und für erwachsene Bilderbuchliebhaber zugleich: in einer hochwertigen, grossformatigen Ausstattung mit schwarzem Leinenrücken und einer – auch in typografischer Hinsicht – herausragenden Gestaltung von Carll Cneut und Leen Depoorter.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/16, S. 27

Der Gewitter-Ritter
Kai Lüftner, Illustration: Eva Muszynski
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95470-121-6
Schlagwörter: Gefühle

«Das Firmament ist ein Vorhang aus Seide / gezupfte Wolken und edles Geschmeide / so sanft, so hell, so gediegen / ein Himmel, um schwelgend drunter zu liegen»: Vierzeiler aus eingängigen Paar­reimen gebaut von solch altmodischer Anmut, finden sich in der modernen Kinderliteratur eher selten. Und auch Autor Kai Lüftner ist bislang eher mit rotzigen Kinderliedern, als mit Naturlyrik aufgefallen. In «Der Gewitter-Ritter», seinem neuesten Bilderbuchprojekt, spielt der vielseitige Wortakrobat jedoch grosses Theater. Voller Pathos lässt er darin ein lyrisches Ich auftreten, das mit grosser Gestik und weit ausholend die Handlung in Szene setzt. Dabei ist keineswegs von Belang, ob jedes Wort verstanden wird. Lüftner kommt es auf die Sprachmelodie an, die mit Worten Stim­mung erzeugt. Denn es geht um ein Gefühl: um Wut. Wie sie aufsteigt und Besitz ergreift, einen fast umhaut, bis sich die Aufwallung wieder legt und einer grossen Ruhe weicht. Lüftner fasst die Emotion meta­phorisch als Naturschauspiel und Ritterabenteuer in Verse und lässt den «Gewitter-Ritter» zu Pferde und in glänzender Rüstung auftreten und wüten.

Getragen und verständlich wird diese doppelte Metaphorik durch das zwei­geteilte Bildkonzept von Illustratorin Eva Muszynski. Sie skizziert schwarz-weiss am unteren Bildrand als Strip das reale Geschehen: wie ein kleiner Junge richtig wütend wird. Darüber malt sie in farbigen Ansichten das innerweltliche Wutereignis entsprechend den Lüftner’schen Reimen grossflächig aus. Sie zeigt, wie Wut von aussen aussieht und sich zugleich von innen anfühlt, stilistisch differenziert: schwarz-weisse Zeichnung versus farbig expressive Malerei. Die Machart meta­phorischen Darstellens – in Sprache wie Illustration – wird hier offenbar und man begreift sie nachvollziehend: als Kunst.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/16, S. 27

Sechs Langbärte
Mar Pavón, Illustration: Vitali Konstantinov
Aus dem Spanischen von Katharina Distelmeier
Verlag: Aladin, Publiziert: 2015, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0094-7

Ganz in schwarz, mit Geweihen im zerzausten Haar und wilden Mähnen im Gesicht, so stehen die sechs Langbärte des in Deutschland wohnhaften Illustrators Vitali Konstatinov wie Teufelsilhouetten in der Bäckerei. Wir gucken über ihre Schultern hinweg auf eine fein gestrichelte, nur sparsam kolo­rierte Szene im Karikaturstil: Menschen mit schreckgeweiteten Augen, denen Croissants vor den offenen Mündern schweben; Bäcker, die sich in Hefekränzen verstecken, sogar das ein oder andere Brot glotzt schockstarr. «Diese Langbärte führ­ten bestimmt nichts Gutes im Schilde!», steht da in fetter Schrift – man glaubt es auf der Stelle! Da beruhigt es auch nicht wirklich, dass die Männer mit den Glühaugen einfach nur sechs Brote kaufen und einer auf seinem Blütoziped davon braust, während die anderen sich ihre Bärte kämmen. Sind ja immer noch fünf übrig! Und die shoppen munter weiter: Von der Metzgerei geht´s in den Spielzeugladen, von da ins Kostümgeschäft und dann in die Buchhandlung – es werden Wurst, Luftballons und Clownsnasen gekauft und nach jeder Episode verabschiedet sich ein Langbart mit einem freundlichen «Bis später!».
Die vielfach ausgezeichnete spanische Kinderbuchautorin Mar Pavón erzählt inknackigen Strophen und mit vielen Wiederholungen nicht mehr als das Gesehene, Vitali Konstatinov zeichnet dazu surreale Szenen mit witzigen Details. Die Wirkung: Angst schwindet, Spannung steigt. Und natürlich ist am Ende alles ganz anders als gedacht …
Ein geniales Bilderbuch, das so raffiniert mit Fantasien und Vorurteilen spielt, dass es wie eine Art Konfrontationstherapie funktioniert. Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann? Geburtstagskind Nino auf keinen Fall!

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/16, S. 28

Herr Blume ist glücklich
Bruno Hächler
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95854-025-5

Ob es regnet oder stürmt, ob man bei warmer Sonne ein Bad nehmen kann oder der See zugefroren ist: Herr Blume ist eigentlich immer hochzufrieden, egal welches Wetter gerade vorherrscht. Aber in diesem Winter geschieht etwas Besonderes: Ein grosses Schlitt­schuhrennen findet statt und dem Gewinner winkt als Preis ein neues Radio. Da muss Herr Blume mitmachen, hat doch sein Gerät gerade den Geist aufgegeben. Was dann ins Rollen kommt ist kein gewöhnlicher Wettbewerb, denn eine Reihe von Enten mischt sich unter die SchlittschuhläuferInnen und ab diesem Moment geht alles drunter und drüber.
Der Winterthurer Liedermacher Bruno Hächler schreibt eine leichte, liebenswerte und kurzweilige Geschichte mit einer Hauptfigur, die sich die Ruhe nicht nehmen lässt und ein unabhängiges, selbstbestimmtes Leben führt. Auf seiner neusten CD mit Kinderliedern (Sony 2015) ist denn auch der Titelsong diesem zufriedenen Herr Blume gewidmet. Die junge, französische Illustratorin Ingrid Sissung gibt dem Bilderbuch rund um das Thema Glück einen kräftigen, farbenfrohen Anstrich mit sichtbarem Pinsel­duktus in Gouachefarben, Buntstiften und Collagetechnik – so gestaltet sie die Birkenstämme aus bearbeitetem Reispapier. Schön, wie sie Blume Pirouetten auf dem Eis drehen lässt!
Herr Blumes Glücksfunke springt letztendlich auf die anderen «tausend Leute» am See über. So viel Zufriedenheit wie sie Herr Blume ausstrahlt wirkt eben an­steckend – bei Kindern wie bei Erwachsenen!

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/16, S. 28

Mein Rucksack ist mein Haus
Maria Stalder
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0703-2
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie

Hannes ist ein fröhlicher Bub mit grossen braunen Augen – vielleicht sechs Jahre alt. Die Mutter telefoniert, als er leise das Haus verlässt: «Nicht unterbrechen, denkt Hannes. Er flüstert noch ein leises Ciao, winkt und zieht die Türe hinter sich zu.» Das Abenteuer beginnt. Seine kleine Wanderung in den Wald, das Picknick gegen den Anflug von Heimweh und die Nacht mit Neuschnee und wunderfitzigen Tieren, die sogar Musik spielen – alles wird aus Hannes’ Perspektive und mit ausdrucksstarken Illustrationen geschildert. Das alte Kinderlied von «Hänschen klein», das allein «in die Welt hinein» ging, wird zitiert. Aber ums Fortgehen und Heimkehren geht es hier nicht wirklich. Und die Sorge der Eltern, die Hannes nachts vergeblich mit Taschenlampen suchen, ist auch kein Thema. Was dann?
Hannes hat sich den Ausflug in den Kopf gesetzt – sei es im Traum oder in der Fantasie – und sein Motto «Mein Rucksack ist mein Haus» setzt er nun wörtlich um. Zuerst füllt er ihn mit seiner Zimmereinrichtung plus Proviant. Später, als es schneit, klettert er hinein und in der Nacht beherbergt er darin sogar Maus, Wildschwein, Reh und Eule. Das geht doch nicht? Doch, widerspricht Hannes immer wieder – mal der Mutter, mal einem Hasen – und die Bilder geben ihm Recht. Eine grossartige Doppelseite in der dichten Mischtechnik aus gemalten und colla­gierten Bildern zeigt den Rucksack von innen: Alle schlummern friedlich und
zufrieden ineinander verschlungen. So beweist Hannes, was Selbstvertrauen und Fantasie bewirken können. Als die Eltern ihn morgens endlich finden, behauptet er sogar: «Wenn ich will, passt die ganze Welt hinein». In den Rucksack natürlich – der zum Symbol grossen Vorstellungsvermögens wird und beim Vorlesen noch viel Raum für konkrete Fragen bietet.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 1/16, S. 29

Liliane Susewind
Tanya Stewner
Verlag: Fischer KJB, Publiziert: 2015, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7373-5202-4

Ein Meerschwein ist nicht gern allein

Erstlesebücher sind vorrangig zum Lesen lernen da und daher sprachstilistischen Einschränkungen unter­worfen. Deswegen dürfte der erste Kontakt mit dem Medium Buch nur in Ausnahmefällen so umwerfend ausfallen, dass sich ErstleserInnen direkt in Leseratten verwandeln. Beginnt daher die eigentliche Leselust nicht erst, sobald das Lesen flüssiger geht und die Kinder zu Zweit­leserInnen werden? Dann sind Bücher nötig, die weder ganz einfach, noch anspruchsvoll sind; die auf der einen Seite eine gut leserliche, serifenlose und grössere Druckschrift, mehr Zeilendurchschuss sowie viele Bilder haben, zugleich aber auch das typische Kinderbuch-Layout mit eingerückten Zeilen, reinen Textseiten und Wörtern, die nur erfahrene Leser flüssig lesen können. Im Zuge einer zunehmenden Ausdifferenzierung der Kin­derbuchprogramme finden sich immer mehr Titel, die dem Zweitleser-Profil entsprechen. Auch wenn sie keineswegs immer dafür ausgewiesen sind.
So gibt es von «Liliane Susewind» seit kurzem vereinfachte Geschichten. Über das Mädchen, das mit Tieren sprechen kann, hat Autorin Tanya Stewner neue Abenteuer geschrieben, die deutlich kürzer sind als die Originalbücher und ohne Worttrennungen auskommen. Mit der Altersangabe «ab 6» wird auf den lukrativen Erstlesermarkt gezielt. ErstklässlerInnen aber dürften auch die neuen Serientitel viel zu schwer finden, denn sprachlich und stilistisch unterscheiden sie sich kaum von denen für Ältere. Für ZweitleserInnen hingegen sind sie perfekt. Das gilt auch für die «junior»-Ausgaben der Erfolgsserie «Das Magische Baumhaus». Der Loewe Verlag hat hierfür bereits erschienene Bände bearbeitet und mit vierfarbigen Illustrationen versehen. Gedacht zum Vorlesen, sind sie bereits «ab 5» ausgewiesen, eignen sich aber gleichermassen für ZweitleserInnen. Eingeführte Serien wie diese beiden sind ideal: Sobald mit den vereinfachten Geschichten mehr Leseerfahrung da ist, stehen zahlreiche Bände der Kinderbuchserien, zum Beispiel in Bibliotheken, zum Weiterlesen bereit.
Das Potenzial von Playmobilge­schichten liegt in der Verbindung von Kinderzimmer-Spielfantasie mit Kopfabenteuern beim Lesen. So basiert auch die neue Ravensburger Buchserie auf eigenen Spielfiguren und einer TV-Serie.
Der fantastische Abenteuerstoff rund um die «Super 4»-Piratin Ruby, Fee Twinkle, Agent Gene und Ritter Alex – ist zwar gespickt mit Anglizismen und anderen schwie­rigen Wörtern. Es ist jedoch anzunehmen, dass die meisten Kinder in der dritten Klasse diese in ihren Wortschatz aufzunehmen bereit sind.
Aufgrund reiner Textdoppelseiten und vieler Worttrennungen noch etwas schwieriger zu lesen, aber ausserordentlich schlüssig aus Kindersicht geschrieben und bebildert, ist Antje Damms Beitrag für die neue Tulipan-Reihe «Kleiner Roman». In «Kleines Afrika» erzählt ein Mädchen vom Versuch, seinen Traum zu verwirklichen: auf einem Elefanten in Afrika zu reiten. Ein wunderschönes kleines Buch, ganz in Rot- und Schwarztönen gehalten: ein Leseschatz.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/16, S. 29

Kleines Afrika
Antje Damm
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2015, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86429-274-3

Erstlesebücher sind vorrangig zum Lesen lernen da und daher sprachstilistischen Einschränkungen unter­worfen. Deswegen dürfte der erste Kontakt mit dem Medium Buch nur in Ausnahmefällen so umwerfend ausfallen, dass sich ErstleserInnen direkt in Leseratten verwandeln. Beginnt daher die eigentliche Leselust nicht erst, sobald das Lesen flüssiger geht und die Kinder zu Zweit­leserInnen werden? Dann sind Bücher nötig, die weder ganz einfach, noch anspruchsvoll sind; die auf der einen Seite eine gut leserliche, serifenlose und grössere Druckschrift, mehr Zeilendurchschuss sowie viele Bilder haben, zugleich aber auch das typische Kinderbuch-Layout mit eingerückten Zeilen, reinen Textseiten und Wörtern, die nur erfahrene Leser flüssig lesen können. Im Zuge einer zunehmenden Ausdifferenzierung der Kin­derbuchprogramme finden sich immer mehr Titel, die dem Zweitleser-Profil entsprechen. Auch wenn sie keineswegs immer dafür ausgewiesen sind.
So gibt es von «Liliane Susewind» seit kurzem vereinfachte Geschichten. Über das Mädchen, das mit Tieren sprechen kann, hat Autorin Tanya Stewner neue Abenteuer geschrieben, die deutlich kürzer sind als die Originalbücher und ohne Worttrennungen auskommen. Mit der Altersangabe «ab 6» wird auf den lukrativen Erstlesermarkt gezielt. ErstklässlerInnen aber dürften auch die neuen Serientitel viel zu schwer finden, denn sprachlich und stilistisch unterscheiden sie sich kaum von denen für Ältere. Für ZweitleserInnen hingegen sind sie perfekt. Das gilt auch für die «junior»-Ausgaben der Erfolgsserie «Das Magische Baumhaus». Der Loewe Verlag hat hierfür bereits erschienene Bände bearbeitet und mit vierfarbigen Illustrationen versehen. Gedacht zum Vorlesen, sind sie bereits
«ab 5» ausgewiesen, eignen sich aber gleichermassen für ZweitleserInnen. Eingeführte Serien wie diese beiden sind ideal: Sobald mit den vereinfachten Geschichten mehr Leseerfahrung da ist, stehen zahlreiche Bände der Kinderbuchserien, zum Beispiel in Bibliotheken, zum Weiterlesen bereit.
Das Potenzial von Playmobilge­schichten liegt in der Verbindung von Kinderzimmer-Spielfantasie mit Kopfabenteuern beim Lesen. So basiert auch die neue Ravensburger Buchserie auf eigenen Spielfiguren und einer TV-Serie.
Der fantastische Abenteuerstoff rund um die «Super 4»-Piratin Ruby, Fee Twinkle, Agent Gene und Ritter Alex – ist zwar gespickt mit Anglizismen und anderen schwie­rigen Wörtern. Es ist jedoch anzunehmen, dass die meisten Kinder in der dritten Klasse diese in ihren Wortschatz aufzunehmen bereit sind.
Aufgrund reiner Textdoppelseiten und vieler Worttrennungen noch etwas schwieriger zu lesen, aber ausserordentlich schlüssig aus Kindersicht geschrieben und bebildert, ist Antje Damms Beitrag für die neue Tulipan-Reihe «Kleiner Roman». In «Kleines Afrika» erzählt ein Mädchen vom Versuch, seinen Traum zu verwirklichen: auf einem Elefanten in Afrika zu reiten. Ein wunderschönes kleines Buch, ganz in Rot- und Schwarztönen gehalten: ein Leseschatz.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/16, S. 29

Chris, der grösste Retter aller Zeiten
Salah Naoura
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2015, Seiten: 188, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-81198-1
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Chris rettet ausnahmslos alles und jeden: Spinnen, aus dem Nest gefallene Vogelbabys, Kinder und Omas, wenn sie die Strasse überqueren. «Er ass weder Fleisch noch Wurst, weil ihm die Schweine und Rinder leidtaten. Und er schimpfte sogar, wenn Papa eine Mücke totschlug.» Einigen seiner Klassen­­kameraden hat Chris auch schon das Leben gerettet. Kein Wunder also, dass er sich sofort verantwortlich fühlt, als ein Neuer in die Klasse kommt. Bleich, mit hängendem Kopf und dunklen Schatten unter den Augen steht Titus vor der Klasse und behauptet, er sei ein Vampir…
Es ist keine fröhliche Geschichte, die hier erzählt wird. Doch Salah Naoura tut das wieder einmal so humorvoll und leicht, dass zu keiner Zeit wirklich Trübsinn aufkommt.
Seit Chris’ Zwillingsbruder mit zweieinhalb Jahren ertrunken ist, hat seine Mutter oft Kopfschmerzen und schleicht wie ein Geist durchs Haus. Sein Vater ist als Anwalt vielbeschäftigt. Und Oma, die alles am Laufen hält, schimpft quasi pausen­los mit Opa, der das mit stoischer Ruhe erträgt. Am schlimmsten ist für Chris aber, dass ihm vieles nicht erlaubt wird, weil es zu gefährlich sei: Schwim­­men, Fussballspielen oder mit der S-Bahn mehr als nur die eine Station bis zur Schule zu fahren. Das alles ändert sich, als Titus in Chris’ Klasse kommt, die quirlige Emma mit ihrer Familie ins Nachbarhaus zieht – und es an Chris’ Geburtstag zu einem kleinen Eklat kommt.
Naoura erzählt nicht nur, wie es Chris gelingt, mehr Freiheiten zu bekommen, sondern auch, wie heilend es sein kann, anderen zu helfen. Denn als Chris’ Eltern Titus, der mit seiner Familiensituation völlig überfordert ist, und dessen kleinen Bruder bei sich aufnehmen, beginnen auch sie, ihr Trauma zu überwinden.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/16, S. 30

Opi Kas, die Zimtziegen und ich
Marjolijn Hof
Aus dem Niederländischen von Maike Blatnik
Verlag: Aladin, Publiziert: 2015, Seiten: 241, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-2044-0
Schlagwörter: Tod/Trauer

Schneestürme voller Abenteuerversprechen und jede Menge Seemannsgarn sorgen dafür, dass man den neuen Kinderroman von Marjolijn Hof kaum aus der Hand legen kann. Obwohl das Thema, um das sich alles dreht, nicht zu den erfreulichsten gehört: Es geht ums Sterben, beziehungsweise um Selbstbestimmung am Ende des Lebens.
Twan, der Ich-Erzähler, und seine Zwillingsschwester Linde können sich nicht an ihren Urgrossvater erinnern; sie waren bei der letzten Begegnung noch Kleinkinder. Opi Kas wohnt in Island, die Kinder in den Niederlanden; seiner Tochter, Twans Oma, hatte der alte Seemann zeitlebens Kummer gemacht, weil ihm seine Freiheit wichtiger war als die Familie. Als seine Nachbarin sich mit der Nachricht, Kas sei todkrank, bei ihr meldet, beschliesst sie, es selbst anders zu halten. Sie reist mit Tochter und Enkelkindern nach Island, um ihren alten Vater zu sich zu holen. Doch diese Rechnung hat sie ohne den Wirt gemacht. Obwohl sich Twan vor dem alten Urgrossvater ekelt, weiss dieser genau, was er tun muss, um sich mit dem Jungen gegen die Frauen zu verbünden, die es mit ihrer Fürsorge übertreiben.
Wundersamerweise hat das Buch etwas Herzerwärmendes an sich, obwohl – oder gerade weil – Marjolijn Hof nichts beschönigt. Nicht die unlösbaren Span­nungen und Konflikte in der Familie, nicht die (aus Kindersicht) unappetit­lichen Seiten des Altwerdens, nicht die Unumgänglichkeit des endgültigen Abschieds, sei er nun selbstbestimmt oder nicht. Man würde sich wünschen, dass Mutter und Grossmutter ambivalenter, weniger eindimensional-übergriffig ge­zeichnet wären. Umso überzeugender ist ihr der Ich-Erzähler geraten, der seinem alten Urgrossvater zwar unbedingt ermöglichen will, auf seine Art zu sterben, dabei aber von Skrupeln und Schuld­gefühlen gequält wird – ist es richtig, die Mutter zu belügen, um Opi Kas zu helfen?

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/16, S. 32

Heimliche Freundin
Katarina Genar
Aus dem Schwedischen von Susanne Dahlmann
Verlag: Urachhaus, Publiziert: 2015, Seiten: 108, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8251-7943-4

Seit Henrietta mit ihrer Mutter in die Stadt gezogen ist, fühlt sie sich «wie ein Puzzleteil, das nirgends reinpasst». Auch wenn sie «schon immer ein bisschen allein» war – diesmal ist alles irgendwie schlimmer. Vielleicht auch, weil ihre Mutter kaum noch Zeit für sie hat. Nach der Trennung von Henriettas Papa, hat sie einen Job angenommen, für den sie sogar am Wochenende und spätabends arbeiten muss.
Wie schon in «Der rubinrote Mantel» (2014) gelingt es Katarina Genar auch in ihrem zweiten Buch, das auf Deutsch erscheint, den Alltag ihrer etwa elfjährigen Protagonistin kunstvoll mit einer geheimnisvollen Vergangenheit zu verknüpfen. Diese scheint die Bewohner des Hauses, in das Henrietta und ihre Mutter gezogen sind, zu verbinden. Dabei kommt einem kleinen Mädchen mit roter Mütze, das Henrietta mehrmals im Hof beobachtet, ohne ihr jemals direkt zu begegnen, eine ganz besondere Bedeutung zu.
Wer hat Henrietta geschrieben, sie soll nicht traurig sein, und ihr den Zettel in der grossen Pause heimlich auf ihr Pult gelegt? Warum sollen die beiden Schaukeln im Hof «eine gefährliche Sache» sein, wie der Vermieter es Henrietta eingeschärft hat? Und warum gehen Herr Wallgren aus der Wohnung unterm Dach und Ellen aus dem Erdgeschoss so seltsam miteinander um? Genars atmosphärisch dichte, magisch-realistische Erzählung nimmt einen bereits nach wenigen Sätzen gefangen. Feinfühlig gewährt die schwedische Autorin Einblick in das Seelenleben von Henrietta, für die im Moment «alles nur doof» ist. Da ist es gut, dass es den netten Herrn Wallgren gibt, bei dem Henrietta immer wieder mal unterschlüpfen kann. Und noch besser, dass dies auch dem alten Herrn hilft, lange Verdrängtes wieder an die Oberfläche kommen zu lassen, denn nur dann können alte Wunden vielleicht heilen …

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/16, S. 32

Sophie auf den Dächern
Katherine Rundell
Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2015, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58319-2
Schlagwörter: Abenteuer

In London, zu einer Zeit, als Automobile und Pferdefuhrwerke noch gleich­berechtigt durch die Strassen rollen, wächst das Findelkind Sophie unter aussergewöhnlichen Umständen heran: Sie darf auf Kleiderschränken schlafen, Eis mit dem Lineal löffeln und die Bibel als Tellerersatz nutzen. Ihr Vormund Charles lässt dem 13-jährigen Wildfang alle Freiheiten – bis eines Tages Miss Eliot von der «Staatlichen Behörde für das Kindeswohl» vor der Tür steht. Charles, der die kleine Sophie aus einem über den Ärmelkanal treibenden Cellokasten rettete, soll die Fürsorgepflicht entzogen werden. Das eigenwillige Gespann von Vater und Adoptivtochter muss sich schleunigst aus dem Staub machen. Ziel ihrer Reise ist Paris, wo Sophie auf «Mutter-Jagd» gehen will. Denn ihr Instinkt und ein Dauerohrwurm – eine in ihre Erinnerung gebrannte Cello­melodie – sagen ihr, dass ihre Mutter als Musikerin hier lebt.
Sophie merkt schnell, dass sie ihrer Maman mit Behördengängen keinen Zentimeter näher kommt. Also verlegt sie ihre Suche von den Strassen auf die Dächer von Paris: Hier leben Matteo und eine Handvoll anderer «Dachläufer», die die Stadt, ihre Menschen, Gespräche und Geräusche so gut kennen wie kein anderer. Ob es den Kindern mit vereinten Kräften, Talenten und mit Hilfe der Musik gelingt, Sophies Mutter aufzuspüren?
Obwohl es in «Sophie auf den Dächern» um ein existenzielles Thema, um kind­liche Verlustängste und Identitätssuche geht, hält Katherine Rundell ihre Geschichte schlank und fokussiert sich ganz auf das fantastische Abenteuer ihrer Heldin. Die grossen Gefühle – Un­sicher­heit, Wut, Hoffnung, Angst und sehr viel Liebe – stecken immer zwischen den Zeilen, in Nebensätzen und kleinen Gesten. Das macht die Lektüre angenehm und leicht.

Alice Werner
Buch&Maus 1/16, S. 33

Manchmal dreht das Leben einfach um
Kathrin Steinberger
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2015, Seiten: 278, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7026-5893-9

Ali, kurz für Almuth, lebt am Rand einer Siedlung am Rand einer Kleinstadt. Gross unter die Leute kommt sie da nicht. Und das passt der hochbegabten 17-jährigen Ich-Erzählerin gut ins Konzept: «Ich hab es nicht so mit Menschen.» Als der Ex-Skate-Profi Kevin ein Jahr nach seinem fatalen «Slam» ins Nachbarhaus zieht, genügt es ihr, ihn zu googeln und durch die Hecke auf der Halfpipe zu beobachten. Doch dann lernen sich die zwei Aussenseiter kennen, entdecken ihre gemeinsame Liebe für Bewegung, die an die Grenzen geht, vermessen sich mit Worten, dann auch mit Blicken. Sie erkennen, dass sich ihre Lebensspuren bei allen Abzwei­gungen vielfach kreuzen. Und dass sie abheben müssen, um die Richtung dieser Spuren zu bestimmen. Das rumst zuweilen gewaltig. Aber Kevins Lieblingswort lautet nicht umsonst: «Nochmal.»
Die Österreicherin Kathrin Steinberger erzählt eine Liebes- und Entwicklungsgeschichte, in der gar nicht viel passieren muss. Denn Alis reiches Innenleben ist ein Buch für sich, gespeist aus ungeheurer Beobachtungsgabe. Ihr Gehirn vergleicht sie mit einem «Computer mit vielen Verzeichnissen, aus denen immer wieder Pop-ups aufspringen»; es versorgt uns mit einer Fülle an Infos über Popkultur, Sport und Mythologie. Seine ungefilterten Daten zu sortieren wird zugleich Alis Lebensaufgabe. Kevin ist ein ebenso interessantes Gegenüber. Weiss wie die Piste, auf die sich die beiden zu Beginn ihrer Freundschaft wagen, liegt sein Innenleben da, um sich Seite für Seite mit Spuren zu füllen. Wir lernen die Biografien, Verletzungen und Sehnsüchte zweier Menschen kennen, die beim Erzählen in so natürlichen wie perfekt komponierten Dialogen aus dem Vollen schöpfen. Dass Steinberger sie in dia­­lektal gefärbtem Deutsch sprechen lässt und ihre Sexualität ebenso plastisch schildert wie ihre Sporterlebnisse, verleiht ihnen zusätzlich Kontur, macht sie zu Figuren mit starkem Eigenleben, die letztlich per Kickflip in die Zukunft tauchen.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/16, S. 33

Die Mutprobe
Alice Gabathuler
Verlag: SJW, Publiziert: 2015, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0670-2
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Medien | Aussenseiter:in/Mobbing

Preiswert, kompakt, mutig und zeit­ge­mäss: Entsprechend seines Stiftungsauftrags bringt der SJW-Verlag auch mit seinem aktuellen Programm spannende und eigenwillige Lesetexte – als Ergänzung zu den häufig konformen Serientiteln vieler Jugendbuchverlage – unter die LeserInnen.
«Die Mutprobe» der Schweizer Autorin Alice Gabathuler, die sich auf «erschreckend reale» Jugendkrimis und Thriller spezialisiert hat, ist eine auf nur 32 Seiten erzählte, dichte Geschichte über Vertrauen und Verantwortung, Identitätsfindung und Selbstinszenierung, Medienrezeption und Mobbing. Mit einer Meldung aus der Boulevardzeitung «24!» taucht man unmittelbar in die Handlung ein: Einem Reporter zufolge hat sich in einem stillgelegten Kieswerk eine Tragödie zwischen zwei Teenagern abgespielt, bei der ein 14-Jähriger beinahe tödlich verunglückt wäre. «Ein bisschen stimmt das schon», lässt uns Ich-Erzähler Yannik wissen, der als einer der Hauptfiguren
ins Geschehen involviert ist. «Aber es ist nicht alles, und es ist schon gar nicht die ganze Wahrheit. Die Wahrheit ist viel komplizierter.»
Weil sein Bruder Florian, «ein Draufgänger und Macker», von der Polizei der Tat beschuldigt und von der Presse verunglimpft wird, versucht Yannik den halsbrecherischen Vorfall im Kieswerk zu rekonstruieren. Hat Florian fahrlässig gehandelt? Ist er Täter oder Opfer? Auf
der Suche nach der Wahrheit erfährt Yannik, wie sich die Grenzen zwischen virtueller und realer Welt schleichend auflösen können – und wie aus (Facebook-) Freunden Verräter und Feinde werden.
Alice Gabathuler ist ganz nah dran an ihren Charakteren, an ihrer Sprache und ihren Themen. So ist ihr ein packender Kurzkrimi gelungen, der für die Gefahren von Mobbing sensibilisiert – ganz ohne pädagogische Belehrung.

Alice Werner
Buch&Maus 1/16, S. 34

Auf Umwegen
Andrew Smith
Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring
Verlag: Königskinder, Publiziert: 2015, Seiten: 331, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-56018-6
Schlagwörter: Behinderung

Finn misst die Zeit in Meilen, denn «mit zwanzig Meilen in der Sekunde», das weiss er, bewegt sich die Erde weiter. Eine Erde, die dem 17-Jährigen oft sehr fremd ist. Finn hat heterochromatische Augen wie der nach ihm benannte Alienjunge aus dem Roman seines Vaters. Seine Herkunft ist ihm ein Rätsel, fehlt ihm doch jede Erinnerung an die sieben Jahre, ehe ein Pferd aus dem Himmel gefallen ist, seine Mutter erschla­gen und seinen Rücken gebrochen hat. Geblieben sind epileptische Anfälle, in denen Finns «Atome auseinanderdriften, quasi aufhören, sich an der Hand zu halten», aber auch :I:-förmige Narben auf seinem Rücken, die in der Science Fiction-des Vaters zu Alien-Pforten werden.
Kein Wunder fühlt sich Finn dazu verdammt, einen vorgeschriebenen Weg zu beschreiten. Zum Glück ist da Cade, sein bester Freund. Die beiden haben «ungefähr sechs Milliarden Meilen miteinander zurückgelegt», und jeden Tag findet Cade ein passendes Bild für die Zeichen auf Finns Haut: Mal sieht er die Spuren eines Pferdes mit «irrsinnig gros­sem Ständer», mal «fickende Flun­dern». Es ist Cade, der Finn zusam­menhält, wenn seine Atome auseinanderdriften. Und Julia, die neue Nachbarin im Francisquito Canyon, der 1928 zum Schauplatz einer Tragödie wurde.
Zwischen Highschool, erster Liebe, Vergangenheitsbewältigung und dem drän­genden Wunsch, endlich aus dem Buch des Vaters auszubrechen, entdeckt Finn in diesem berührenden, urkomischen und voll­kommen respektlosen Coming-of-Age-Roman seinen ganz persönlichen (Um)Weg durchs Universum. Wir erfahren davon in Erlebnissen und Gedankenexperimenten, die fast assoziativ anein­andergereiht werden. Denn Finn erzählt nach den Regeln von Atomen, die sich abstossen und anziehen, zusammenballen und ausdehnen – mit zwanzig Meilen in der Sekunde.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/16, S. 35

Die Puppenspieler von Flore
Lilli Thal
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2015, Seiten: 476, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5801-1
Schlagwörter: Politik

«Am 25. März, meinem letzten Schultag, holten sie mich ab.» Lilli Thals Jugendroman, zwischen Fantasy und Dystopie angesiedelt, beginnt mitten im Leben des Ich-Erzählers Tamaso. In voller Intensität erleben wir mit, wie er entführt und in eine Art Lager gebracht wird, wie er verzweifelt an alles denkt, was er verloren hat; seine Familie, seine Zukunftsträume. So sehr wir emotional in Tamasos Leiden involviert sind, wissen wir zunächst – genau wie er – gar nichts über die Welt, in die uns seine Geschichte entführt, über Werte und Spielregeln, über das Men­schen­­bild und die Zwänge, denen Jugendliche dort unterworfen sind. Zusammen mit Tamaso erarbeiten wir uns einen Überblick über das Universum des Romans.
Tamaso stammt aus Parman, einem armen Land, dessen Bewohner oft keine andere Wahl haben, denn als Dienstboten in der finsteren, nordkoreanisch an­mu­tenden Militärdiktatur Flore zu arbei­ten. Corona, das Pendant zu den USA, plant eine geheime Mission, in der Tamaso eine entscheidende Rolle spielen wird: Er ist nämlich eins von zwanzig Kindern, die als Säuglinge aus Corona nach Parman gebracht wurden, um dereinst als Spione nach Flore eingeschleust zu werden. Doch schon die Ausbildung in einem Wüsten­camp macht ihm klar, dass Corona eiskalte Machtpolitik betreibt – wie es den Menschen geht, interessiert die Regierung ebensowenig wie den Diktator in Flore. Als Spion im Haus des grausamen Marschalls Utuk lernt Tamaso eine Truppe von Puppenspielern kennen, die mit ihren Marionetten eine subversive Version der Geschichte von Flore erzählen will. Wie Tamaso versucht, zwischen allen Fronten die richtigen Verbündeten zu finden, erzählt Lilli Thal in einem ruhigen, fast epi­schen Duktus. Corona, Flore und Parman mit ihren machtpolitischen Verwicklungen erscheinen als Spiegel, in dem die Konflikte unserer Welt verdichtet erkennbar werden.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/16, S. 36

Rabensommer
Elisabeth Steinkellner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2015, Seiten: 202, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-81200-1
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft | Liebe

Sie sind eine richtig gute Clique: Juli und Niels, August und Ronja, «so vertraut wie langjährige Freunde eben, und sogar noch ein bisschen enger und vertrauter». Es könnte alles so einfach sein; ist es aber nicht. Denn dieser Sommer ist ihr letzter gemeinsamer, «die letzten paar Wochen zu viert, bevor sich die Lebenslinie verästelt und zu vier unabhängigen Wegen wird». Bald zieht Juli zum Studium in eine andere Stadt, Ronja geht als Au-pair nach London, «was August macht, weiss keiner, auch nicht er selbst», nur Niels bleibt zurück, er muss die Abschlussklasse wiederholen.
Um wehmütig zu sein, ist es zu schwül, das Eis tropft schneller aufs Knie, als man es von den Fingern lecken kann. Angesichts der im Radio verkündeten Rekordtemperaturen müsste Juli einen kühlen Kopf bewahren. Doch der Ich-Erzählerin «schmilzt das Hirn davon», ihre Gedanken laufen heiss: Wie schüttelt man «den ganzen Kinderkram» ab? Wie fängt man ein neues Leben an? Und warum fühlen sich Niels Küsse plötzlich nicht mehr echt und richtig an?
Die österreichische Schriftstellerin Elisabeth Steinkellner hat sich alle Mühe gegeben, die ratlose Lebensphase zwischen dem Ende der Schulzeit und dem Eintritt in die Erwachsenenwelt authen­tisch zu beschreiben: Szenen und Dialoge überzeugen, hier stören keine fiktionalen Ambitionen. Steinkellners Stärke ist zugleich ihr Hauptproblem: «Ra­ben­sommer» hangelt sich an be­kann­ten Loslösungsprozessen und dem alterstypischen Liebestralala entlang, ohne aber je in die Tiefen der Selbstreflexion zu geraten. Zwar ist der zweite Teil des Romans, der den Weg aus der Krise der Heldin beschreibt, in fragmentierten Tagebuchstil verfasst. Leider wirkt der Mix aus Träumen, Songtexten und Einkaufslisten wie eine billige Notlösung.

Alice Werner
Buch&Maus 1/16, S. 36

Das Feuerzeichen
Francesca Haig
Aus dem Englischen von Kathrin Wolf und Sonja Rebernik-Heidegger
Verlag: Heyne, Publiziert: 2015, Seiten: 480, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-453-27013-8

Rebellion

Der Plot von «Das Feuerzeichen», dem ersten Band einer Trilogie, schürt viele Erwartungen. Angesiedelt in einer post­apokalyptischen Welt – Technik erscheint wie ein Wunder und ist nur einer kleinen Elite vorbehalten – werden nur noch Zwillinge geboren, die sich merklich unterscheiden: Auf der einen Seite stehen die perfekten Alphas, auf der anderen die körperlich versehrten Omegas, die bald von ihren perfekten Familien getrennt wer­den. Während die Regierung die Omegas zunehmend unterdrückt, bildet sich im Verborgenen Widerstand. Span­nend ist die Idee, die Zwillinge – trotz räumlicher Trennung – weiter­hin so eng miteinander verbunden sein zu lassen, dass der Tod des einen Zwillings den Tod des anderen mit sich bringt. Diesen Gedanken weiterspinnend zeigt Fran­cesca Haig anhand des Zwillingspaares Zach und Cassandra die Auswirkungen dieser Verbindung in politischen Kontexten. Zach gehört als «Reformer» zur Führungselite, während sich seine Schwester als Seherin mit dem von ihr geretteten Kip auf den Weg zu einer heilsversprechenden Insel macht, um dort Ruhe und Schutz zu finden. Dem gelungenen Gerüst für eine gute Story stehen leider langatmige Fluchtszenarien der Ich-Erzählerin und ausufernde Beschreibungen unwichtiger Details gegenüber. Partiell wirkt die Handlung daher konstruiert, so dass etwa der als Höhepunkt gedachte Tod Kips nicht wirklich überraschend daher kommt. Die Akteure überzeugen in ihrer Konzeption, können jedoch nicht dazu beitragen, die Spannung aufrechtzu­erhalten. Schlussendlich wird die Frage, was mit Cass passiert, auf die Folgebände verschoben und lässt einen mit einem unbefriedigten Leseeindruck zurück.

Sabine Planka
Buch&Maus 1/16, S. 37

Ein Känguru wie Du
Ulrich Hub
Verlag: Silberfisch, Publiziert: 2015, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86-742559-9
Schlagwörter: Tiere

Zwei Raubkatzen, die lieber baden würden, statt Kunststücke zu trai­nie­ren – obwohl doch jeder weiss, dass Katzen Angst vor Wasser haben. Ein Trainer, der schwul sein muss – warum sonst trägt er so enge Hosen, parfümiert sich mit Maiglöckchen und bürstet sich ständig die blonden Locken? Und ein boxendes Känguru, so cool und stark, dass es niemals eine Schwuchtel sein könnte! Wo kämen wir denn sonst hin?
«Ein Känguru wie du» haut den Hörer­Innen die Vorurteile nur so um die Ohren: Mädchen sind Heulsusen. Prinzessinnen hübsch und jung. Und nur die Formel Mami + Papi + Kind(er) ergibt «eine richtige Familie» Nicht zu vergessen, dass Homosexuelle einen schlechten Einfluss auf Kinder haben, weil Schwul-Sein beeinflussbar ist und man es sich dringen abgewöhnen sollte. Ulrich Hub trägt dick auf, schafft aber durch seine tierischen Protagonisten die nötige Verfremdung, um die lustvolle Unterwanderung von Kli­schees und Vorurteilen auch für junge Zu­­hörerInnen erkennbar zu machen.
Leider birgt die Hörspieladaption einige Mankos, die der Story Abbruch tun. Die spärliche Geräuschkulisse lässt die akustischen Räume zweidimensional wirken und erschwert die Orientierung. Auch wäre mehr Action, wie sie im Buch zumindest angelegt ist, und weniger philosophisches Geplänkel wünschenswert gewesen. Oft hat man das Gefühl, einem Lehrstück für mehr Toleranz und weniger Vorurteilen zu lauschen, statt einer Story über zwei junge Ausreisser, die lernen, sich ihre eigene Meinung zu bilden.
Schlussendlich kann sich die versteckte Ironie nicht wirklich gegenüber den lauten Vorurteilen behaupten. Die leise Erkenntnis aber, auf die die Geschichte hinaus will, bleibt: Nicht die Jungtiere sind es, die Vorurteile in die Welt setzen!

Berenice Geser
Buch&Maus 1/16, S. 37

Shackletons Reise
William Grill
Aus dem Englischen von Harald Stalder
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2015, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10311-7

Ernest Shackletons legendäre Expedition zur Durchquerung der Antarktis (1914-17) hat schon viele SchriftstellerInnen zu spannenden Jugendbüchern, Sach- und Fotobänden inspiriert. Der junge britische Illustrator William Grill legt nun mit «Shackletons Reise» ein Bilderbuch über die letzte grosse Expedition des Goldenen Zeitalters der Antarktisforschung vor.
Jede Doppelseite ist einem Thema unterstellt. Mal wird detailreich in kleinen Skizzen, mal in comicähnlich angelegten Strecken von der Finanzierung der Expedition, der Zusammenstellung der Crew oder der Beladung des Schiffs berichtet. Dann wieder dienen grossflächige Bilder als Hintergrund für kurze Textblöcke, die vom Vorstoss ins Weddellmeer oder dem entbehrungsreichen Leben an Bord erzäh­len. Andere, fast textfreie Illustrationen, die die endlose Weite der Eislandschaft oder die Gewalt eines Schnee­sturms eindrucksvoll einfangen, lassen fühlen, wie wenig der Mensch – eingeschlossen in meterdickes Packeis oder in einem winzigen Rettungsboot inmitten meterhoher Wellen sitzend – gegen die Urgewalten der Natur auszurichten vermag.
Shackletons Schiff wurde nach weni­gen Wochen im Packeis eingeschlossen. Danach ging es nur noch ums nackte Über­leben. Als der Forscher nach mehr als 16 Monaten auf See schliesslich in Chile landet, jubeln 30’000 Menschen ihm und seiner Crew zu. Allen Widrigkeiten zum Trotz war es ihm gelungen, die gefahrvolle Reise zu beenden, ohne ein einziges Besatzungsmitglied zu verlieren.
Grills Bilderbuch macht die abenteuer­liche Expedition bereits für Unterstufenkinder zugänglich. Dabei vermittelt er nicht nur Fakten, er fängt mit Farbstift­zeichnungen und reduziertem Text auch die Charaktere der Expeditionsmitglieder (inklusive Hunde) faszinierend ein.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/16, S. 37

Ununterbrochen schwimmt im Meer der Hinundhering hin und her
Herausgeber:in: Uwe-Michael Gutzschhahn, Illustration: Sabine Wilharm
Verlag: CBJ, Publiziert: 2015, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-15971-2
Schlagwörter: Humor/Komik | Nonsens

Das dicke Buch vom Nonsens-Reim

Gedichte sind Sprachförderung par excellence: Rhythmus, Melodie, Wortspiel und Kreativität – hier gibt’s das alles im Destillat. Vor allem aber machen gute Gedichte richtig gute Laune – je alberner, desto besser! Über 150 Nonsens-Reime hat Herausgeber Uwe-Michael Gutzsch­hahn in diesem dicken Buch versammelt, illustriert werden sie von Sabine Wilharm mit krausem Humor und vielen plakativen Bildern in Grün-Rot-Schwarz.
Welch eine wilde Mischung, grob in Kapitel eingeteilt: albern, frech, philo­sophisch und melancholisch, mit verquerem Sinn und viel Spass an Schabernack und Kinkerlitzchen! Mit dabei sind Gedichte der üblichen
Verdächtigen wie Ernst Jandl, Kurt Schwitters, Georg Kreisler, Heinz Erhardt, Robert Gernhardt, Hans Manz, Christian Morgenstern, Mascha Kaléko oder Erich Fried, aber auch vieler Kinderbuchautoren wie James Krüss, Paul Maar, Peter Maiwald oder Michael Roher. Dazu kommt noch ein Dutzend Unbekannte. Mal als knackiger Vierzeiler, mal in opulenten Strophen geht es hier um Kinder, Tiere, Flausen, Launen – es wird gereimt, gequirlt und umgestellt. Und manche Gedichte sind einfach nur traumschön, wie jene «Mondlandschaft» von Georg Kreisler: «Wache Molche suchen leise / nach dem Netz der Müdigkeit. / Weiche Dolche fluchen weise. / Eine Birke steht allein in ihrem Leid (…) / Eine Kuh und eine Hexe / warten bis der Acker stirbt. / Krähen machen weisse Kleckse. / Hört ihr, wie die mürbe Semmel zirpt?» – Wenn das nicht ganz grosse Lyrik ist! Eine Schatzkiste voll herrlich skurriler Blüten – und damit ein besonders vergnüglicher Einstieg in die Poesie.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/16, S. 31

Das Mädchen Wadjda
Hayfa Al Mansour
Aus dem Englischen von Catrin Frischer
Verlag: cbt Hardcover, Publiziert: 2015, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-16378-8

Bevor Hayfa al Mansours Film «Das Mädchen Wadjda» 2013 als erster in Saudi-Arabien gedrehter Film in die Kinos kam, gab es kaum Bilder vom Leben der Frauen und Mädchen im Königreich, abgesehen von verhüllten Gestalten in schwarzen Burkas. Im Film steht nun aber ein elf­­­jäh­­ri­ges Mädchen im Mittelpunkt, Wadjda («Wodsch­­da» ), das davon träumt, auf dem grünen Fahrrad, das sie im Spielzeugladen entdeckt hat, durch Riad zu fliegen. Frei, in Bewegung – und im Wettkampf mit ihrem Freund Abdullah. Was für Mädchen in Europa eine Selbstverständlichkeit ist, muss sich Wadjda hart erkämpfen in einem Land, in dem die Geschlechter streng getrennt sind und die Frauen kaum einen Schritt ohne die Er­laub­nis eines männlichen Verwandten tun, nicht Autofahren und sich nicht un­ver­hüllt in der Öffentlichkeit zeigen dürfen.
Die Geschichte von Wadjda und ihrem Traum erzählt al Mansour auch in ihrem Roman. Wie der Film lebt auch das Buch von der Sinnlichkeit der Bilder. Wir spüren die Lebenslust der Frauen und Mädchen, die sich nur in den eigenen vier Wänden artikulieren darf, und schwitzen mit Wadjda unter der Wüstensonne, wenn sie zu Fuss losgeht, um ihre Pläne ins Werk zu setzen. Sehr eindrücklich sind die Szenen, in denen ältere Frauen – die Mutter, die Schulleiterin – die Unterdrückung, die sie selbst erleiden, an die nächste Generation weitergeben. Dabei schwanken sie zwischen hämischem Sadismus und Mitgefühl, manchmal flackert sogar ein Hauch von Stolz und Freude über den Mut der jungen Mädchen auf. Den Männern geht es übrigens nicht sehr viel besser: Sie herrschen zwar über die Frauen, sind aber ebenfalls Gefangene eines rigiden, freudlosen Systems. Da kann man nur hoffen, dass in Zukunft viele Wadjdas und Abdullahs durch die Strassen dieser Welt radeln und sie etwas menschlicher machen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 2/16, S. 31

Schlaf wie ein Tiger
Mary Logue, Illustration: Pamela Zagarenski
Aus dem amerikanischen Englisch von Gundula Müller-Wallraf
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2014, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86873-683-0
Schlagwörter: Tiere | Schlaf/Einschlafen

Einschlafbücher gibt’s wie Sand am Meer, die meisten davon erzählen entlang be­kannter Rituale, selten ist das originell. Auch die Geschichte der amerikanischen Kinderbuchautorin Mary Logue ist eher Hausmannskost: Ein kleines Mädchen, das nicht müde werden will, eine Reihe von Schlafgewohnheiten aus dem Tier­reich und ein Schlummer-Happyend.
Doch welch umwerfenden Augenschmaus zau­bert Pamela Zagarenski auf opulenten Doppelseiten aus dieser Vorla­ge! Nos­tal­gisch wie ein aufwändiges Papiertheater leuchten Muster, Orna­mente und Farben und vielschichtig bearbeitete Flächen. Sie bieten die Kulisse für ein märchenhaftes Traumreich mit östlichem Zirkuseinschlag. So zart der Bildaufbau, so zart ist auch dieses Königspaar, das seinen Nachwuchs mit liebe­vol­ler Diplomatie ins Bett bugsiert. Aber erst mal geht’s auf grosse Reise, von Hund und Katz zu den gigantischen Walfischen, von dort zu den Schnecken und Bären bis zum Dschun­geltiger. Jedes dieser Tiere steuert Tricks bei, die das Kind am Ende ausprobiert: zusammen­kuscheln, einrollen, im Kopf weite Kreise ziehen und Kraft anschlafen… Grosse Bilderbuchkunst!
Auch David Polonskys surreale, ganz in blaues Nachtlicht getränkte Comic-Illustrationen in «Eine mondlose Nacht» sind traumschön in ihrem magischen Licht- und Schattenspiel. Die israelische Lyrike­rin Shira Geffen reimt dazu die Geschichte der kleinen Zohar, die im Dunkeln nicht einschlafen kann und sich auf die Suche nach dem verlorenen Mond macht. In einer Waldhütte findet sie ihn: barfuss auf dem Tisch tanzend.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/14, S.26

Eine mondlose Nacht
Shira Geffen, Etgar Keret, Illustration: David Polonsky
Aus dem Hebräischen von Barbara Linner
Verlag: Fischer KJB, Publiziert: 2014, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-596-85639-8
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen

Einschlafbücher gibt’s wie Sand am Meer, die meisten davon erzählen entlang be­kannter Rituale, selten ist das originell. Auch die Geschichte der amerikanischen Kinderbuchautorin Mary Logue ist eher Hausmannskost: Ein kleines Mädchen, das nicht müde werden will, eine Reihe von Schlafgewohnheiten aus dem Tier­reich und ein Schlummer-Happyend. Doch welch umwerfenden Augenschmaus zau­bert Pamela Zagarenski auf opulenten Doppelseiten aus dieser Vorla­ge! Nos­tal­gisch wie ein aufwändiges Papiertheater leuchten Muster, Orna­mente und Farben und vielschichtig bearbeitete Flächen. Sie bieten die Kulisse für ein märchenhaftes Traumreich mit östlichem Zirkuseinschlag. So zart der Bildaufbau, so zart ist auch dieses Königspaar, das seinen Nachwuchs mit liebe­vol­ler Diplomatie ins Bett bugsiert. Aber erst mal geht’s auf grosse Reise, von Hund und Katz zu den gigantischen Walfischen, von dort zu den Schnecken und Bären bis zum Dschun­geltiger. Jedes dieser Tiere steuert Tricks bei, die das Kind am Ende ausprobiert: zusammen­kuscheln, einrollen, im Kopf weite Kreise ziehen und Kraft anschlafen… Grosse Bilderbuchkunst!
Auch David Polonskys surreale, ganz in blaues Nachtlicht getränkte Comic-Illustrationen in «Eine mondlose Nacht» sind traumschön in ihrem magischen Licht- und Schattenspiel. Die israelische Lyrike­rin Shira Geffen reimt dazu die Geschichte der kleinen Zohar, die im Dunkeln nicht einschlafen kann und sich auf die Suche nach dem verlorenen Mond macht. In einer Waldhütte findet sie ihn: barfuss auf dem Tisch tanzend.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/14, S.26

Dunkel
Lemony Snicket, Illustration: Jon Klassen
Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Bodmer
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2014, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10211-0
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein

Wie viele Kinder hat Leo Angst vor der Dunkelheit, und doch zieht das Dunkel ihn mächtig an. Manchmal versteckt sich das Dunkel im Schrank. Manchmal sitzt es hinter dem Duschvorhang. In der Nacht kommt es hervor und verteilt sich überall; am Tag verzieht es sich in den Keller. Dort unten will Leo das Dunkel besuchen, da­mit es ihn nicht in seinem Zimmer besucht. Doch eines Nachts tut das Dunkel genau das und möchte Leo etwas zei­gen. Durch mehrere Räume führt der Weg mit der Taschenlampe – ausgerechnet in den dunkelsten Keller hinab! Dort überrascht das Dunkel Leo mit einem in einer Schu­blade versteckten kleinen Licht.
Gemeinsam mit Leo begeben wir uns hinein in diese emotional dichte Ge­schich­­te und sehen, wie er sich seiner Angst stellt und einen Umgang mit dem Dunkel findet. Lemony Snicket (Pseu­do­­nym von Da­ni­el Handler) hat ein grossar­tiges Gespür für die Einfachheit kind­­li­chen Erlebens und kind­licher Logik. Ein Gross­teil des Tex­tes ist in kurzen Dialogen zwischen Leo und dem Dunkel angelegt. Wir sind ganz nahe bei Leo, ohne dass die emotionale Situation je zuviel wird. Kompositorisch eindrücklich sind die Illustra­tionen von Jon Klassen. Die Bil­der sind re­duziert fläch­ig, nie aufdringlich, son­dern der Eindring­lich­keit der Geschichte ange­messen. Klassen arbeitet mit einem star­ken Hell-Dun­kel-Kontrast und grenzt die hel­len, war­men Lichtfelder konse­quent von tief­­­dunklen bis schwar­zen Bereichen ab. Durch verschiedene Perspek­tiven schafft er immer wieder neue Einblicke in die Räume. Die Kraft der Ty­­­po­graphie nutzt er, indem er den Text des Dunkels weiss auf schwarz setzt, den des Jungen in schwarz auf weiss. Dass am Ende der Jun­ge weiss auf schwarz spricht, ist ein si­che­res Zeichen: Seine Angst ist überwunden.

Barbara Jakob
Buch&Maus 1/14, S.26

Annas Himmel
Stian Hole
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Verlag: Hanser, Publiziert: 2014, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-24532-7
Schlagwörter: Tod/Trauer

Bilderbücher sind eine Kunstform, die es AutorInnen und IllustratorInnnen erlaubt, ihren Obsessionen mit einer Art phi­­lo­­­sophischem Kinderblick nachzu­spü­ren. Genau das ist in «Annas Himmel», dem neu­en Werk von Stian Hole, der Fall.
Darin müssen sich Vater und Tochter zur Beerdigung von Annas Mutter aufma­chen. Das steht nirgendwo, aber die Bilder sprechen eine un­miss­verständliche Symbolsprache: Eine Kir­che, ein Blumenstrauss, ein Frauenprofil, das sich sanft im Weiss des Himmels abzeichnet. Holes Bil­der verlangen einem eine ambivalente Position ab: Man muss sich zugleich auf die schmerzliche Leere und auf das quickle­ben­dige Mädchen konzentrieren, eben Anna, mit ihren elekt­risch­-wilden roten Haaren. Auf der ersten Dop­pelseite sieht man sie schaukeln. Der Himmel ist leer wie ein Blatt Papier und scheint doch das schaukelnde Mädchen zu tragen. Ist Anna vielleicht die Verbin­dung zwischen den Dingen und dem, was ihrem Vater als das Nichts erscheint? «Wenn ich die Augen schlies­se», sagt sie, «kann ich alles vor mir se­hen, was ich will.» Und wir sehen, was sie sieht: Ele­fanten, die von zartflügligen Elfen, schein­bar aus Stummfilmen entflohen, geritten werden, dazu fantastische Wesen aus Wasser und Luft, wie magisch angezogen von ihrem roten Haarschopf.
Anna setzt für ihren trauernden Vater die Dinge und die Geschichten zu einer kleinen Welt zusammen. Sie ist das Alter Ego des Künstlers. Ihr Verfahren der Welt­schöp­fung aus den Dingen der Aussenwelt und den Gedanken und Bildern in ihrem Kopf entspricht genau dem, was Stian Hole in seinen Bildern macht.
Am Ende treffen wir wieder auf das­selbe Bild wie am Anfang. Der Himmel ist im­mer noch leer wie ein Blatt Papier, doch die Welt darunter hängt wie­der zusam­men. Jetzt schaukelt Annas Va­ter, kopfun­ter, mit einem Lächeln auf dem Ge­sicht. Und Anna streichelt ihm die Wange.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/14, S.26

Hotte
Germano Zullo, Illustration: Albertine
Aus dem Französischen von Jacqueline Kersten
Verlag: Aladin, Publiziert: 2014, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0075-6
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere

Mit ihrem neuesten Bilderbuch «Hotte» (Originaltitel «Dada») hat das Westschweizer Bilderbuch-Duo Albertine und Germano Zullo wieder einmal den Sprung über die Sprachgrenze geschafft. The­ma­tisch und ein bisschen auch stilistisch schliesst Albertine damit an ihre frühen «Albums» an, jene mit Marta, der unter­nehmungslustigen Kuh.
Diesmal aber haben wir es mit Hotte zu tun, einem Pferd – einem höchst erfolgreichen Springpferd. Und beim Springrei­ten braucht es zum Erfolg immer zwei: Pferd und Reiter. Hotte und Robert Klep­per sind ein dermassen perfektes Team, dass man meinen könnte, es handle sich «um ein einziges Wesen». Wo fängt das Tier an, wo hört der Mensch auf? Doch dann, an einem wichtigen Turnier, versagt Hotte. Nur Hotte. Und er versagt nicht ein bisschen, sondern voll und ganz.
Der Text, zumindest in der deutschen Übersetzung, kommt in seiner Sperrigkeit dem Bilderlese-Vergnügen immer wieder ins Gehege. Eigentlich erzählt sich diese Geschichte auch ganz alleine in den Bil­dern, in welchen Albertine Mensch und Tier nicht nur witzig karikiert, sondern dabei auch höchst liebevoll in Szene setzt. Das Thema ist ernst, und doch dominiert auf den grossflächigen Farbseiten hu­mo­ris­tische Leichtigkeit. Wird uns doch das Schicksal des schwächelnden Rennpfer­des in allen menschlichen Facetten vor Augen geführt: Hotte wird nicht nur von Ärzten untersucht und in einen Com­pu­tertomographen geschoben, er liegt auch beim Psychiater auf der Couch und wird schliesslich als vermeintlicher Burn­out-Patient an die See geschickt.
Die Lösung des Problems aber ist am Ende ganz einfach und wird als eigen­t­liche Pointe über zwei Doppelseiten inszeniert – wobei der Text den dra­matur­gischen Effekt fast zunichte macht.

Gerda Wurzenberger
Buch&Maus 1/14, S.27

Wie Frau B. so böse wurde …
Sonja Bougaeva
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2014, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0677-6

und warum sie jetzt wieder nett ist

In nicht wenigen Mietshäusern wohnt ein Kinderschreck – mal ist es der cholerische Hausmeister, mal eine Wetterhexe wie Frau B. Geradezu furchterregend glotzt sie durch den Türspion: die buschigen Augenbrauen ein spitzes V, die Zähne gebleckt, der Blick überkritisch und genervt. Mit der ist nicht gut Kirschen essen! Doch kurz bevor sich das Feindbild des Haus­drachen manifestiert, nimmt die in St. Petersburg geborene Illustratorin Sonja Bougaeva ihre Bilderbuchgucker mit in die Vergan­genheit: in Tage, als Frau B. noch Katja hiess und ein nettes, zu klein gera­tenes Mädchen war, Spottobjekt der Spiel­kame­ra­dInnen und verloren in einem lieblosen Zuhause. Wie sie da so als vergessene Blinde Kuh im Dunkeln steht oder mutterseelenallein auf dem Sofa weint, das braucht nicht viele Worte, das rührt spon­tan ans Herz.
Dabei schafft Bougaeva mit ihren stäm­mi­gen, cartoonhaft überzeichneten ProtagonistInnen und braunabgetönten, fast monochromen Farbflächen zugleich eine eindringliche Atmosphäre und Ko­mik­­distanz. Und rückt damit wie schon in ihrem Vor­gänger «Wanda Walfisch» eine Aussenseiterin und Antiheldin ohne Weich­­zeichner in den Fokus. Nicht als moralisch-psychologisierende Integ­ra­ti­ons­­­lek­tion, son­dern mit viel Vertrauen in die Empathiefähigkeit ihrer LeserInnen. Mitgefühl ist es dann auch, das Frau B. am Ende doch noch Heilung und Verwandlung schenkt: Da trifft sie nämlich ein kleines Mädchen auf dem Spielplatz, das sie so sehr an sich selbst erinnert, dass ein Wunder passiert… Eine vielschichtige Geschichte, die viel Raum lässt zum Nachspüren und Drüberreden.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/14, S.27

Matze vor, tanz ein Tor!
Anne-Kathrin Behl
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2014, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0675-6
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Die Fussball-Weltmeisterschaft in Brasi­lien rückt näher – und auch die Kinderbuchverlage schicken jede Menge Geschichten ums runde Leder auf den Platz. Einen originellen Einwurf landet hier die 1983 geborene Illustratorin Anne-Kathrin Behl, die den Vorurteilen über langweilige Rentner letztes Jahr mit «Tobi und die Alten» spielerisch an den Kragen ging.
Dieses Mal tänzelt sie Geschlechtsste­reotype aus, indem sie Ballettfan Matze just im Entscheidungsspiel Rummelsdorfer Raufbolde gegen Klein­munz­hei­mer Kampfbolzer zum Überraschungs-Torkönig macht. Das hört sich ziemlich konstruiert an und ist für echte Kicker auch höchst unglaubwürdig. Trotzdem gelingt es Behl, zwei Bilderbuch-Welten gleichberechtigt und span­nend in Szene zu setzen: hier die tanz- und bastelbe­ge­isterten Mädchen, dort die wilden Sportplatzjungs. Und zwischendrin Matze. Der ist in diesem tierischen Kosmos zwar ein Esel, aber überhaupt kein Sonderling.
Den Beweis tritt die erste Doppelseite an: Auf den luftigen, mit weichem Strich konturierten Vignetten in Kaugummifarben sieht man Matze beim Roller­fahren, Auto- und Piratenspiel. Alles also ganz «nor­mal». Wenn da nicht diese Ballett-Leidenschaft wäre! Prompt wird die Kulisse rosarot: Gepünkteltes Teegeschirr, ein entzücktes, weibliches Kin­dergartenpublikum und Matze, der sich auf Zehenspitzen in eleganter Körperspannung präsentiert. Dass Pirouetten auch beim Fussballmatch helfen können, das erfahren wir in der zweiten Hälfte, als Matze für den verletzten Ole eingewech­selt wird – und Behl erzählt davon in actionreicher Sportreportermanier auf rasengrünen Wim­melbildern.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/14, S. 28

Die Regeln des Sommers
Shaun Tan
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
Verlag: Aladin, Publiziert: 2014, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-8489-0010-6

Regeln sind nicht nur dazu da, Ordnung ins Chaos zu bringen. Ohne Regeln gibt es auch kein Spiel. Wenn sich die beiden Jungen in Shaun Tans neuem Bilderbuch eine Regel ausdenken, hängt jedes Mal eine ganze Geschichte daran, die der Illustrator in malerischen Bildern mit grossen Stadt- und Landschaftsräumen insze­niert – Bildern von fast betörender Kraft, die vor allem atmosphärisch ihre Wirkung entfal­ten.
«Nie eine rote Socke an der Wäsche­leine hängen lassen», heisst die erste Re­gel. Und wir sehen: Angst. Die zwei Jungen, wahr­scheinlich Brüder, weil der eine kleiner und schutzbedürftiger ist als der andere, kuscheln sich ganz klein an der Wand der Dachterrasse zusammen, hinter der ein Riesenkaninchen mit einem unheimli­chen roten Auge vorbeigeht. «Nie auf eine Schnecke treten» ist eine Regel, die (wie so manche) der grosse Bruder aufstellt – so dass der Kleine, der die Schnecke übersehen hat, schuld ist an der Explosion am Horizont.
Jedes Bild hat seine eigenen Farbtöne, seine eigene Spielart von Einsamkeit, Bedrohlichkeit, Verspieltheit und Wärme. Kinderalltag, die Leere heisser Som­mer­tage überlagert sich mit der Fantasie­welt der Kinder. Und mit ihrer emotionalen Welt: Wenn die Brüder streiten, kann es auch mal mitten im Sommer eiskalt sein und voller Schnee. Dafür ist die Welt in goldenes Feuerlicht getaucht, wenn sie wieder versöhnt vor dem Fernseher Popcorn knabbern.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/14, S.28

Olivia ist doch keine Prinzessin!
Ian Falconer
Aus dem Englischen von Monika Osberghaus
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2014, Seiten: 38, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6529-8
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Endlich – eine neue Olivia! Diesmal präsentiert sich das eigenwillige Schwei­ne­mädchen in mint und pink. Ganz ungewöhnliche Farben für den amerikani­schen Bühnen- und Kostümbildner Ian Falconer, der Dr. Seuss-Fan ist, Madeline und Eloise liebt und dessen Bilderbuchfigur in den USA schon lange Kult ist. Das siebte Bilderbuch erscheint – wie immer in der Übersetzung von Monika Osberghaus – nun auch auf Deutsch.

Warum will eigentlich jedes Mädchen immer nur Prinzessin sein? Unerträglich findet Olivia das, und macht sich völlig deprimiert auf die Suche danach, was sie wirklich sein will – indem sie ganz verschiedene Kostüme und Rollen fürs Leben ausprobiert. Die Pointe sitzt, so wie auch die ganze Geschichte dramaturgisch perfekt daherkommt. Inspiriert durch seine damals dreijährige Nichte kam Falconer auf die originelle Hauptfigur. Zunächst entstanden die Bilder, und die funktio­nieren dank Olivias ausdrucksstarker Mimik und Gestik auch ohne den Text. Das zeigt sich schon auf dem umwerfenden Cover: Wie kritisch Olivia in den rosafarbenen Handspiegel blickt – einfach herrlich! Das Feenprinzessinnen-Outfit behagt ihr augenscheinlich überhaupt nicht.

Stets finden sich Zitate aus Kunst und Kultur – hier von Martha Graham, die mit ihrem Tanz «Lamentation» Inspiration für die Bildfolge ist, in der Olivia ihren «ganz eigenen, coolen Stil» finden will. Auf www.oliviathepiglet.com kann man alles rund um Olivia sehen und erfahren, und wen wundert es: Sogar einen eigenen Fanclub hat sie.

Antje Ehmann
Buch&Maus 1/14, S. 28

Das eigenwillige Schweinemädchen Olivia ist empört: Alle ihre Freundinnen wollen Prinzessinnen sein – dabei gibt es doch nichts Langweiligeres! Olivia jedenfalls hat grössere Pläne.

Der goldene Schlüssel
George MacDonald, Illustration: Maurice Sendak
Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Verlag: Aladin, Publiziert: 2014, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 3-8489-2029-8
Schlagwörter: Märchen/Fabel

J.R.R. Tolkien gilt zu Recht als Vater der Fan­tasy, und doch reichen die Wurzeln des Genres ins 19. Jahrhundert zurück. Die Kunstmärchen, die der schottische Pfar­rer und Schriftsteller George Mac­Do­nald (1824-1905) schrieb, weisen schon viele Merkmale auf, die später als ty­pisch für das Fantasy-Genre gelten soll­ten.
Die Kindergeschichte «Der goldene Schlüssel», die der Aladin-Verlag in einer geheimnisvoll altertümlich gestalteten Ausgabe mit Bildern des jungen Maurice Sendak neu aufgelegt hat, ist ein schönes Beispiel dafür. Die Erzählung beginnt mit einer klassischen Erzähl­­­situ­ation, wie sie das 19. Jahrhundert liebte: «Es war einmal ein Junge, der lauschte im Dämmerlicht gern den Erzählungen sei­ner Grosstante.» Sie erzählt vom Re­gen­­bogen und von ei­nem gol­denen Schlüs­sel, der am Fuss des­­­selben verbor­gen sei. Der Junge, Moosig, bricht auf, um den Schlüs­sel zu suchen.
Parallel erzählt Mac­Donald vom Mäd­chen Strub­bel, das in einem vernachläs­sigten Haus­­halt aufwächst, was den Elfen überhaupt nicht gefällt. Auch sie zieht los – und es kommt zu einer der merk­wür­dig­sten Lie­besge­schichten der Kinderlite­ra­tur. Moo­s­­ig und Strubbel gelangen in ein fremd­ar­tiges Mär­chen­land, in dem die Zeit sich an kei­ne Gesetz­e hält: Die Jahre zie­hen in Sieb­nerschritten ins Land, die Liebenden ver­lieren und finden sich, und irgendwann sind sie so alt, dass sie wieder jung sind.
Der Sog des Textes entsteht aus der zugleich präzisen und beschwö­renden Spra­che; und aus der Art, wie uns der Erzähler fest an der Hand nimmt im vermeintlich bekannten Märchenduktus, um dann mit den absonderlichsten Verrücktheiten aufzuwarten, die Mac­Do­nalds Freund Lewis Car­roll alle Ehre ma­chen würden: Fische, die durch die Luft fliegen und sich freuen, wenn sie gekocht werden, oder uralte Män­ner mit strahlend schönen Jünglingsgesichtern.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/14, S.30

Schwupp und weg
Philip Reeve, Illustration: Sarah McIntyre
Aus dem Englischen von Yvonne Hergane
Verlag: Dressler, Publiziert: 2014, Seiten: 200, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-1702-3
Schlagwörter: Abenteuer

Oliver ist schon zehn Jahre alt, hat aber noch nie eine richtige Schule besucht. Das liegt an seinen Eltern, die leiden­schaft­liche Forscher und Entdecker sind und die ganze Welt bereist haben: erst allein, dann als Paar und schliesslich mit Oliver im Schlepptau. Klar, dass er da schon allerhand erlebt hat. Als Baby wurde er von einem Adler entführt, er erlebte als Klein­kind einen Vulkanausbruch mit und einmal wurde er mit seinen Eltern in ein Gefängnis gesperrt.
Jetzt glauben die El­tern alles entdeckt zu haben und wollen sesshaft werden – und Oliver freut sich auf ein ruhigeres Leben und auf die Schule. Allerdings zu früh, denn als die Familie bei der Bucht ankommt, an der ihr Haus liegt, sind im Meer merk­würdige Inseln zu sehen. Olivers Eltern frohlocken und machen sich gleich ans Kartographieren, ohne zu ahnen, dass sie sich auf seltenen Schlenderinseln be­fin­den, die sich prompt mit ihren neuen Bewohnern in Bewegung setzen. Da muss Oliver wohl oder übel hinterher – und die Schule noch ein wenig warten.
Wer Philip Reeve kennt, weiss, dass dies ein Abenteuer der besonderen Art wird, skurril und fantastisch. Da gibt es sarkastische Algen, eine kurzsichtige Meerjungfrau und einen tyrannischen Blutfelsen, der sich gern zum König über alle Schlen­derinseln wählen lassen würde und zu diesem Zweck vor nichts zurückschreckt. Doch zehn Jahre Forschertum und Entdeckungen haben aus Oliver einen sou­veränen kleinen Abenteurer gemacht, der nicht nur reichlich mutig vorgeht, sondern auch blitzschnell die Lage erfasst und entsprechend handelt. Und so wird das mit der Schule letztlich doch noch was…
Ein wunderbar witziges Abenteuerbuch für Jungs und Mädchen ab acht Jahren aus der Feder des AutorInnenduos Philip Reeve und Sarah McIntyre, die auch die zahlreichen grossflächigen Illustrationen zum Buch geliefert hat.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/14, S.30

70 Tricks, um nicht baden zu gehen
Gideon Samson, Illustration: Anke Kuhl
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2014, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5704-3

Für den neun Jahre alten Gidd ist der Donnerstag der schlimmste Tag der Woche. «Am Dienstag habe ich (…) Klavierunterricht, und wenn ich dann nicht geübt habe, ist das auch sehr schlimm, aber nichts im Vergleich zu Donnerstag.» Da steht Schulschwimmen auf dem Plan. Und Gidd ist «die allerallerallergrösste Wassermemme, die es gibt». Sein einziger Trost ist der Mann, der auf einer Bank sitzt und Tauben füttert, wenn er mit dem Schulbus auf dem Weg zum Schwimmbad ist: «Der Mann mit den Tauben ist mein Retter. Mein Beschützer. Er weiss es selbst nicht, aber ich kann ohne ihn nicht sein.»
Wenn der alte Mann auf der Bank sitzt, weiss Gidd, dass er das Schulschwimmen irgendwie überleben wird; dass er nicht untergehen und ertrinken wird. Doch dann bleibt die Bank gleich drei Donnerstage hintereinander leer…
Mit feinem Witz lässt der Niederländer Gideon Samson den empfindsamen Gidd über seine Ängste erzählen. Dessen «be­wusst alleinerziehende» Mutter weiss zwar um die Nöte ihres Sohnes, versucht ihn auch mit dem Kauf einer neuen «behwotsch»-Badehose zu motivieren oder mit einem Termin bei einer Psycho­login zu helfen. Wirklich vorwärts bringt es Gidd jedoch erst, als er sich eines Nachmittags auf die Suche nach dem Mann mit den Tauben macht und dabei Menschen kennenlernt, die ihm zuhören, als er ihnen von seinen Problemen erzählt.
Ein Extra-Lob verdient die Gestaltung der deutschen Ausgabe von «70 Tricks, um nicht baden zu gehen», das 2012 auf der IBBY Honour List stand. Mit wasserblauem Text und Anke Kuhls pfiffigen Vignetten zu Beginn der Kapitel wird das Wasserthema auch visuell prima umgesetzt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/14, S.30

Die Wahrheit, wie Delly sie sieht
Katherine Hannigan
Aus dem Englischen von Susanne Hornfeck
Verlag: Hanser, Publiziert: 2014, Seiten: 280, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24513-8

Wo immer Delly auftaucht, gibt es Ärger. Oder anders gesagt: Sie selbst ist ein einziges Dauer-Schlamassel. Dabei ist das Mädchen keine typische Nervensäge, die mutwillig für Scherereien sorgt. Delly scheint Chaos, Krach und Aufregung einfach magisch anzuziehen. Das Leben, so ihre Erklärung, ist eben ein aufregendes ADellteuer (Ein Abenteuer der besten Art, in der Hauptrolle: Delly Pattinson. Zur Erklärung von Dellys fabulierender Sprachfreude gibt es ein eigenes Dellexikon). Und so tappt sie fröhlich in Pfützen und Fettnäpfchen und setzt jede ihrer elefan­tas­tischen Ideen stante pede in die Tat um.
Katherine Hannigan hat eine kleine Heldin geschaffen, wie Kinder sie lieben: unverdrossen, witzig, mutig und originell – eine Clownin mit klebrigen Fingern und Rotznase, die sich immer wieder am eige­nen Schopf aus dem Dreck ziehen muss. Eine wahre Schwester von Michel aus Lönneberga: Den Kopf voller Flausen, doch das Herz am rechten Fleck. Daher lässt sie auch das Schlechtfühlgefühl nicht mehr los, nachdem sie ihre Mutter eines Tages an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht hat. Sie findet sich nur noch schauderwärtig und beschliesst, ihre Abenteuerlust mit konstantem Zählen zu unterdrücken. Wäh­rend sie vor Lange­weile fast vergeht, schleicht sich unverhofft ein Rätsulosum in ihr Leben: in Form der neuen Klas­senkameradin Ferris, die mit Tieren sprechen kann, um andere Kin­der aber einen grossen Bogen macht. Zwischen den beiden Aussenseiterinnen bahnt sich eine erst zarte, dann stürmi­sche Freundschaft an – das beste Überraschenk, das Delly sich je erträumt hat.
Von dieser fantabelhaften Wendung der Geschichte lässt man sich nur allzu gern rühren: Hannigan kann wunderbar warmherzig erzählen. «Die Wahrheit, wie Delly sie sieht» ist aber auch ein ungeheurer Spass – für alle, die selbst manchmal Unsinn im Sinn haben.

Alice Werner
Buch&Maus 1/14, S.31

Schwarzweiss hat viele Farben
Kathryn Erskine
Aus dem amerikanischen Englisch von Ingrid Ickler
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2014, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-86873-665-4
Schlagwörter: Gefühle

«Zwischenmenschliche Fähigkeiten gehören nicht zu meinen Stärken», sagt die zehnjährige Caitlin über sich selbst. «Ich bin nicht gut in Gefühlen.» Caitlin hat das Asperger-Syndrom, eine spezielle Form von Autismus. Gefühle zu zeigen und Ge­sichts­ausdrücke zu deuten, fällt ihr schwer. In Caitlins Welt ist alles gut oder schlecht, schwarz oder weiss. «Es ist einfacher, wenn die Dinge schwarzweiss sind», sagt sie, weshalb sie beim Zeichnen auch nie Farben verwendet.
Caitlins wichtigste Bezugsperson ist ihr älterer Bruder Devon. Er hört ihr zu, versucht sie zu verstehen, beruhigt sie und hilft ihr, schwierige Situationen zu meis­tern. Als er bei einem Amoklauf an seiner Schule erschossen wird, bricht für Caitlin und ihren Vater (die Mutter ist an Krebs gestorben, als Caitlin zwei Jahre alt war) das ganze Leben auseinander.
Kathryn Erskine erzählt nicht nur von einem Mädchen mit Asperger-Syndrom, sondern auch vom Amoklauf an einer amerikanischen Highschool und den Spu­ren, die er in den Familien von Opfern und Attentäter, LehrerInnen und Mit­schüle­rInnen hinterlässt. Mit Hilfe der Schul­psychologin findet Caitlin einen Weg, mit dem Tod ihres Bruders abzu­schliessen. Mehr noch: Mit der gemeinsa­men Arbeit an einem unvollendeten Projekt ihres Bruders gelingt es ihr, auch den Vater aus der Starre zu befreien, die ihn seit dem Tod des Sohnes umfängt, ja, vie­len Betrof­fenen neue Perspektiven zu aufzuzeigen.
Als Mutter einer autistischen Tochter weiss die Autorin sehr genau, wovon sie schreibt. Verhaltens- und Reaktionswei­sen, wie sie sie in «Schwarzweiss hat viele Far­ben» schildert, entspringen persönlich Er­lebtem. Das merkt man dem Buch, das uns Caitlins Wahrnehmungen und Gedan­ken­­­gänge sehr nahebringt, auch gut an. Berührend, lehrreich und bei aller Ernst­haftigkeit voll Humor und Herzens­wär­­me.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/14, S.31

Das Geburtstagskind
Rose Lagercrantz, Illustration: Susanne Göhlich
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Moritz, Publiziert: 2014, Seiten: 62, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-280-6
Schlagwörter: Freundschaft | Gefühle

Wer Rose Lagercrantz gelesen hat, nimmt Kinderfreundschaften nie mehr auf die leichte Schulter. Wie kompliziert und ge­fühlsvoll sich Beziehungen und Freundschaften unter Sechs- und Siebenjährigen gestalten, das kann wohl nur sie so rührend und treffend wiedergeben. Nach Dunne, die wir aus «Mein glückliches Leben» und «Mein Herz hüpft und lacht» kennen, kommt jetzt Ninni.

Ninni wird erst sieben, aber im Vorfeld des Geburtstags ereignet sich so einiges, das ihre Seele belastet. Die Mutter lobt immer die kleine Schwester, obwohl doch Ninni das Lob gebührt. Und die be­wun­derte Klassen­kameradin Ebba, die sie endlich einmal besuchen darf, bezichtigt Ninni sogar vor der ganzen Klasse des Diebstahls. Das ist viel zu verdauen für Nin­ni, die ihren Platz immer noch sucht und in der Schule die einzige ist, die nicht sagen kann, was sie besonders gut kann. Aber an ihrem Geburtstagfest wird es klar: Sie kann besonders gut Kinder aus dem Bad locken, die sich dort eingeschlossen haben. Und gestohlen hat sie auch nicht. Da ist die Welt wieder in Ordnung. Sieben sein ist nämlich schön.

Rose Lagercrantz zeigt ein ganz tiefes Verständnis für das, was Schulanfänge­rInnen beschäftigt. Aber Kummer und Sorgen werden von verständnisvollen Eltern und LehrerInnen immer aufge­fan­gen, und am Schluss ist alles wieder gut. So darf das mit sieben ruhig noch sein.

Für ganz frische ErstleserInnen – die sich in Ninni vielleicht altersmässig am besten wiederfinden – ist das Buch trotz kurzen Sätzen und vielen Bildern noch etwas anspruchsvoll. Aber vorgelesen ist es zum Glück genau so schön.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/14

Leo und das ganze Glück
Synne Lea
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2014, Seiten: 191, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4180-1
Schlagwörter: Freundschaft

«‘Wir geben unserem Haus keinen Na­men’, sagt Leo (…). ‘Wenn wir ihm einen Namen geben, existiert es, und dann kön­nen wir gefunden werden. Aber es soll nur für uns hier sein’». Hoch oben im Baum und versteckt in einem verwilderten Garten, geborgen in seinem Baumhaus, fühlt sich Leo weit weg von seinem Vater. Der ist ein unberechenbarer Mann, manch­mal freundlich, oft jähzornig. Dann misshandelt er Leo und sperrt ihn im Keller ein. Mei hat sich zur Aufgabe ge­macht, Leo zu beschützen – und als ihr das nicht gelingt und Leo ins Krankenhaus kommt, verzweifelt sie fast vor Schuld­gefühlen, aber auch vor Sehnsucht nach dem Zusammensein.
Trotz des brisanten Themas Kindesmisshandlung ist «Leo und das ganze Glück» kein sozialkritischer Roman, son­dern die psychologische Studie einer Kinderfreundschaft. Auf Deutsch leider unter irreführendem Kitschtitel er­schie­nen, besticht der Text durch seine Bildsprache und die kompromisslose Erzähl­­haltung: Mei als Erzählerin spinnt sich und Leo geradezu in einen Kokon ein, die beiden sind das Zentrum ihrer Welt. Dennoch ist die Gefahr, der Leo ausgesetzt ist, stetig präsent, und Meis Blick für Details und Nuancen vermittelt Stim­mungen so subtil wie eindringlich.
Mei ist autark und vital, doch auch verletzlich und ängstlich. Und genauso wie Mei schwach ist, ist Leo stark. Sein verkürztes Bein, das irgendwann aufgehört hat zu wachsen, zeigt zwar Leos Schutzbedürftigkeit, doch neben diesem Bein hat Leo eben auch noch ein gesundes: Er allein hat das Baumhaus gebaut. Daher ist der manchmal plakativ wirkende Symbolgebrauch, wie er sich beispielsweise in der Hell-Dunkel-Metaphorik zeigt, oft gar nicht so eindeutig, sondern verbirgt eine Ambivalenz, die sich erst auf den zweiten Blick offenbart.

Ines Galling
Buch&Maus 1/14, S.32

Der Junge, der mit den Piranhas schwamm
David Almond, Illustration: Oliver Jeffers
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2014, Seiten: 245, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-36872-5
Schlagwörter: Abenteuer | Mut/Selbstbewusstsein

Von zu viel totem Fisch aus der Fischfabrik verdrängt, verlässt Stanley Botts Onkel und Tante und schliesst sich einem Jahrmarkt an, auf dem er viel eher sich selbst sein kann. Anstatt tagein, tagaus nur Konservenbüchsen zu verschliessen, schrubbt er nun Plastikenten, kümmert sich um die Goldfische und übernimmt kleine Boten­gänge für den Betreiber der Enten­bude. Doch schon nach kurzer Zeit wird der grösste Star des Jahrmarkts auf den Jun­gen aufmerksam: Pancho Pirelli, der mit den Piranhas schwimmt, will ihm bei­bringen, ebenfalls in das Becken mit den Piranhas zu steigen und mit den gefährlichen Fischen zu tanzen. Kann Stan­ley das schaffen, ohne sich in Lebensgefahr zu bringen?

David Almonds Kinderroman «Der Jun­ge, der mit den Piranhas schwamm» ist ein zauberhaftes Plädoyer dafür, unverzagt seinen Weg zu gehen. Stanley Potts lässt sich weder vom fischwütigen Verhalten seines verzweifelten Onkels unterkrie­gen, noch schreckt ihn das mürrische Gesicht der Tochter des Entenbudenbe­sitzers. In das Piranhabecken zu steigen bedeute, sich dem Piranha in seinem Innern zu stellen, sagt Pancho – und der Mut, mit dem Stanley dies tut, beeindruckt.

Die verrückt-versponnene Ge­schich­­te, in der auch heftig mit Sprache gespielt wird, erinnert mitunter an Roald Dahl; die beinahe ma­gi­schen Begeg­nun­gen auf dem Jahrmarkt rufen Asso­zia­tionen an Tim Burtons «Big Fish» wach. Und doch ist das Buch ein typi­scher Almond. In seiner Viel­schichtigkeit er­reicht es ganz unter­schied­liche Leser­schaften –­ kleine Abenteurer ebenso wie vorsichtige Philoso­phen, Sprachgewitzte und nicht zuletzt auch Menschen, die eine Prise Ermutigung gebrauchen können. Eine Hommage an die Macht der Vorstellungskraft und den Mut, sich seinen eigenen Ängsten zu stellen.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/14, S.32

Wie ich Johnny Depps Alien-Braut abschleppte
Gary Ghislain
Aus dem Englischen von Ann Lecker
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2014, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-411-81287-7

Stell dir vor, du bist 14 und lebst in Paris bei deiner stinkreichen Mutter. Dein Vater ist Psychiater auf dem Land und hat eine neue Patientin, die behauptet, von einem anderen Stern zu sein – und du bist unsterblich in sie verliebt. David – Schei­dungskind, etwas introvertiert und ein Marvel­-Comic-Fan – stört das Intergalak­tische nicht. Ihn beunruhigt vielmehr, dass dieses Mädchen, Zelda, nicht ihn auf dem Schirm hat, sondern Johnny Depp als ihren Seelenverwandten sieht. Ihn will sie auf den Planeten Vahalal entführen, auf dem Männer verboten sind und die Göttin Zook angebetet wird.
Die Handlung kommt in Fahrt, als Zelda sich aus dem Haus des Psychiaters befreit und mit David und seiner Halbschwester auf die Suche nach Johnny Depp begibt. Ein actionreiches Roadmovie beginnt (oder ist es ein als Roman getarnter Co­mic?), es tauchen weitere Space-Amazo­nen auf und die Polizei ist den Jugendlichen stets auf den Fersen. Johnny Depp hat in diesem Buch zwar keinen Auftritt, doch braucht es ihn auch nicht, denn zum Schluss gibt es eine überraschende Wen­dung …
Als Coming-of-Age-Geschichte wirft dieser temporeich erzählte Roman einen genretypischen kritischen Blick auf die Oberflächlichkeit und den Egozentrismus einer übersättigten Schicki-Micki-Gesellschaft. Mit seinen ausserirdischen Elementen schüttelt er seine Leserschaft ordentlich durch. Denn die weiss am Ende nicht mehr, was stimmt: Ist Zelda durchgeknallt oder David? Hat er sich alles ausgedacht oder ist sie tatsächlich von einem anderen Stern? Und ist das überhaupt so wichtig? Dieses Buch ist völlig abgedreht, und das ist auch gut so. Am Ende kann es sogar helfen, den Blick auf die Realität zu schärfen.

Ingrid Tomkowiak
Buch&Maus 1/14, S.32

Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen
Herausgeber:in: Alexandra Rak
Verlag: Fischer, Publiziert: 2014, Seiten: 315, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85644-2
Schlagwörter: Krieg

Erzählungen über den Ersten Weltkrieg

«Walter wollte sprechen, aber der Krieg hatte ihm keine Sprache gegeben.» Walter, der 19-jährige Soldat, lernt von seinem Kriegsdolmetscher fleissig russische und polnische Ausdrücke – aber es sind immer nur Fragen, immer nur Befehle, kein Wort für Freund, kein Wort für «Guten Tag». Er kann keine Worte finden für die Grausamkeiten dieses Krieges.
Wie Walter hatte auch die deutsche Jugendliteratur lange kaum eine Sprache für den Krieg, in den die jungen Männer 1914 noch freudig zogen – «Spätestens zu Weihnachten sind wir zurück!» – und der dann vier lange Jahre dauern sollte und von einer Grausamkeit war, die ihn zur grössten Menschenschlacht der neueren Geschichte machte. Jetzt, 100 Jahre später, besinnt man sich zurück. Und plötzlich sind sie hier, die Jugendbücher, die bisher gefehlt haben.
Der junge Walter entstammt einer Kurzgeschichte von Anja Tuckermann, die in der Anthologie «Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen» neben 14 anderen Texten von teils sehr renommierten Jugend­autorInnen erschienen ist. Beson­ders hervorzuheben ist an der sorgfältig gestalteten Sammlung die Geschichte «Briefe von Isabelle» von Karl Rühmann, die eine Schweizer Perspektive vertritt, und den «Fluch» der Neutralität zu fassen versucht. Viele verschiedene Milieus, Schau­plätze und Blickwinkel bietet die Anthologie und lässt so vor allem eines deutlich hervortreten: Dass der Krieg alle zu Opfern gemacht hat, sei es in den Schü­t­zengräben oder zu Hause, seien es Kinder oder Erwachsene, in Frankreich, England, Palästina, Estland oder Deutschland.
Walter fehlen die Worte und auch Paul, der Protagonist in Herbert Günthers Ro­man «Zeit der gros­sen Worte», sucht nach der richtigen Spra­che. Jener literarischen, schönen Sprache nämlich, für die ihn die Buchhändlerin der Kleinstadt zu begeis­tern versucht, wäh­rend die grossen Worte der Zeit Paul zum Kriegsdienst überreden wollen: Vaterland, Pflicht, Ehre. Paul verliert in diesem Krieg Vater und Bruder; der Alltag ist in den Händen starker Frauen, und diese machen ihm auch Eindruck: Sei es die alte Buchhändlerin, die eigenstän­dige Verlobte des grossen Bruders, oder das junge Hausmäd­chen, das ihn, der in diesen schwierigen Jahren auch noch erwachsen werden muss, die Liebe erkun­den lässt.
Auch Johnny in Iain Lawrences «Der Herr der Nussknacker» findet einen Zugang zu einer anderen Sprache. Sein Vater ist Spielzeugmacher. An der Front schnitzt er kleine Holzsoldaten und schickt sie Johnny mit seinen Briefen zu. Damit stellt Johnny die Kriegsverläufe nach und wird selbst zum Gott, der die Geschicke beeinflussen kann. Auf drei Ebenen – im rich­tigen Krieg an der Westfront, unter den Holzsoldaten in Tante Ivys Garten und in den Gesprächen mit dem Lehrer über die Willkür der griechischen Götter in der Illias, die die Welt als Spiel betrachten – wird hier ein Motiv vorgeführt: die Sinnlosigkeit des Krieges, bei dem die Men­schen nur Puppen sind, die nach dem Willen der Mächtigen herumgeschoben werden.
Somit sind alle drei Bücher auch 100 Jahre nach dem Attentat von Sarajewo vor allem eines: Plädoyers für den Frieden.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/14, S. 33

Zeit der grossen Worte
Herbert Günther
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2014, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5757-4
Schlagwörter: Krieg

«Walter wollte sprechen, aber der Krieg hatte ihm keine Sprache gegeben.» Walter, der 19-jährige Soldat, lernt von seinem Kriegsdolmetscher fleissig russische und polnische Ausdrücke – aber es sind immer nur Fragen, immer nur Befehle, kein Wort für Freund, kein Wort für «Guten Tag». Er kann keine Worte finden für die Grausamkeiten dieses Krieges.
Wie Walter hatte auch die deutsche Jugendliteratur lange kaum eine Sprache für den Krieg, in den die jungen Männer 1914 noch freudig zogen – «Spätestens zu Weihnachten sind wir zurück!» – und der dann vier lange Jahre dauern sollte und von einer Grausamkeit war, die ihn zur grössten Menschenschlacht der neueren Geschichte machte. Jetzt, 100 Jahre später, besinnt man sich zurück. Und plötzlich sind sie hier, die Jugendbücher, die bisher gefehlt haben.
Der junge Walter entstammt einer Kurzgeschichte von Anja Tuckermann, die in der Anthologie «Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen» neben 14 anderen Texten von teils sehr renommierten Jugend­autorInnen erschienen ist. Beson­ders hervorzuheben ist an der sorgfältig gestalteten Sammlung die Geschichte «Briefe von Isabelle» von Karl Rühmann, die eine Schweizer Perspektive vertritt, und den «Fluch» der Neutralität zu fassen versucht. Viele verschiedene Milieus, Schau­plätze und Blickwinkel bietet die Anthologie und lässt so vor allem eines deutlich hervortreten: Dass der Krieg alle zu Opfern gemacht hat, sei es in den Schü­t­zengräben oder zu Hause, seien es Kinder oder Erwachsene, in Frankreich, England, Palästina, Estland oder Deutschland.
Walter fehlen die Worte und auch Paul, der Protagonist in Herbert Günthers Ro­man «Zeit der gros­sen Worte», sucht nach der richtigen Spra­che. Jener literarischen, schönen Sprache nämlich, für die ihn die Buchhändlerin der Kleinstadt zu begeis­tern versucht, wäh­rend die grossen Worte der Zeit Paul zum Kriegsdienst überreden wollen: Vaterland, Pflicht, Ehre. Paul verliert in diesem Krieg Vater und Bruder; der Alltag ist in den Händen starker Frauen, und diese machen ihm auch Eindruck: Sei es die alte Buchhändlerin, die eigenstän­dige Verlobte des grossen Bruders, oder das junge Hausmäd­chen, das ihn, der in diesen schwierigen Jahren auch noch erwachsen werden muss, die Liebe erkun­den lässt.
Auch Johnny in Iain Lawrences «Der Herr der Nussknacker» findet einen Zugang zu einer anderen Sprache. Sein Vater ist Spielzeugmacher. An der Front schnitzt er kleine Holzsoldaten und schickt sie Johnny mit seinen Briefen zu. Damit stellt Johnny die Kriegsverläufe nach und wird selbst zum Gott, der die Geschicke beeinflussen kann. Auf drei Ebenen – im rich­tigen Krieg an der Westfront, unter den Holzsoldaten in Tante Ivys Garten und in den Gesprächen mit dem Lehrer über die Willkür der griechischen Götter in der Illias, die die Welt als Spiel betrachten – wird hier ein Motiv vorgeführt: die Sinnlosigkeit des Krieges, bei dem die Men­schen nur Puppen sind, die nach dem Willen der Mächtigen herumgeschoben werden.
Somit sind alle drei Bücher auch 100 Jahre nach dem Attentat von Sarajewo vor allem eines: Plädoyers für den Frieden.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/14, S. 33

Warum ist Rosa kein Wind?
Herausgeber:in: Christine Knödler, Illustration: Stefanie Harjes
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2014, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-40108-0

Wer mit Sprache arbeitet, träumt laut Durs Grünbein davon, dass die Worte «im rech­ten Moment aufperlen mögen / Wie die Bläschen im Mineralwasserglas». Und oft tun sie das auch in den Texten, die Chris­tine Knödler in der Anthologie «Wa­rum ist Rosa kein Wind?» vereint: «Alles Sonder­bare ballt sich vor den Türen zu Englischstunden», heisst es etwa, wenn die Erzählerin in Beate Teresa Hanikas Geschichte beim Schwän­zen das Le­ben neu und erstmals die Lippen von Alice kennen lernt.
Auch in den Gedichten von Jürg Schu­biger, Sarah Kirsch & Co. ist die Sprache bildhaft, aber offen; sie nimmt die Fanta­sie nicht an die Hand, sondern ent­lässt sie in die Wei­te. Vom Denken im Dazwi­schen ist die Rede, von Momentaufnah­men, die die Welt in einen neuen Blick­win­kel rücken; «wir erfinden uns zwi­schen den bahn­hö­fen», sagen Uljana Wolfs «reisen­de». «Tre­tet aus euren Schu­hen», fordert Marie Luise Kaschnitz, und in der anony­men «Anleitung zum guten Le­ben» heisst es frech: «Pflanze unmögliche Gärten.»
Sprache nimmt, so Durs Grünbein, sel­ten den direkten Weg: «Dafür lenkt sie uns ab, wo sie kann, führt uns / Den Irrweg entlang – überraschend ans Ziel.» Dass man dazu wie Hilde Domin «die Welt hochwer­fen» muss, auf «dass der Wind hindurchfährt», führen Stefanie Harjes’ kunstvolle Figuren vor: Es sind TraumtänzerInnen, skizzenhaft, unaufdringlich in ihrer Vorläufigkeit. Vielleicht stammen auch sie aus den «rissen des schlafes», von denen Jan Skácel schreibt. Auf jeden Fall tragen Tigerdame, Froschkönig und Hosenta­schen-Venus die Poetik dieser einzigarti­gen Sammlung auf ihren fragilen Körpern: Sie lässt erahnen, was so noch nie gesagt wurde, entwirft in übermütigen Skizzen, was jedeR für sich ausmalen darf.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/14, S. 33

Der Schmerz, die Zukunft, meine Irrtümer und ich
Jenny Jägerfeld
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2014, Seiten: 286, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24506-5

Gleich zu Beginn wird ein Daumen abgesägt. Da liegt Maja, die Ich-Erzählerin, in ihrem Blut auf dem Boden des Werkraums, die Stichsäge läuft noch immer weiter, und ein unsinniger Schmerz macht sich an dem Ort breit, wo früher mal eine Daumenspitze war. Äusserer Schmerz lässt sich mit Tabletten bekämpfen, und eigentlich passt so ein abgesägter Dau­men ganz gut zum Outfit von Maja, die sich auch gerne eine Schusswunde auf die Stirn malt. Mit dem inneren Schmerz ist es ein bisschen schwieriger. Dem Schmerz darüber zum Beispiel, dass Majas Mutter sie am Besuchswochenende einfach nicht vom Bahnhof abholt und ihr Haus verlassen und leer steht. Sogar die Milch ist schon seit zwei Tagen abgelaufen, obwohl Majas Mutter doch immer so akribisch genau handelt bei allem, was den Haus­halt und auch das Leben angeht.
Der Nachbar, Justin, der eigentlich gar nicht so heisst, bringt Maja auf andere, wenn auch nicht weniger verwirrende Gedanken. Trotzdem kehren diese immer wieder zu ihrer Mutter zurück, die sich immer schon so anders verhalten hat als andere Mütter. Die Maja nie von sich aus umarmt und dafür die Warum-Fragen der Dreijährigen so ernst genommen hat wie ihre Forschung an der Uni. Und irgendwann steht die Diagnose im Raum: Asperger. Was aber bleibt von Majas Mutter, wenn alles, was sie ausmachte, als Syndrom bezeichnet wird?
Ein glaubwürdiges psychologisches Por­trait ist Jenny Jägerfeld da gelungen. Gleichzeitig stattet sie die Erzählerin Maja mit soviel verbaler Kraft und trockenem Humor aus, dass das Lesen gleichzeitig komisch und berührend wird, und man Maja am Ende gerne noch ein bisschen weiter begleiten würde, nur schon, weil das Lesen so viel Spass macht.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/14, S. 34

In einem Boot
Charlotte Rogan
Aus dem amerikanischen Englisch von Alexandra Ernst
Verlag: Script5, Publiziert: 2014, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 3-8390-0150-1

Seit Tagen führen sie einen verzweifelten Kampf ums Überleben inmitten des endlosen Ozeans. In den nächsten Stunden werden sich die Naturgewalten zu einem mächtigen Sturm zusammenbrauen, ihr hoffnungslos überfülltes Rettungsboot wie einen Spielball über die Wellen jagen und schliesslich unter Wasser drücken. Dieses Szenario jedenfalls prophezeit John Hardie, der einzige Mann an Bord, der etwas vom Seefahren versteht. Er sieht nur eine einzige Chance: Ballast abwerfen, menschlichen Ballast. Die junge Grace, die auf dem gekenterten Schiff einem Leben als wohlhabende Ehefrau entgegensegel­te, ist ob dieser Grausamkeit entsetzt – bis auch bei ihr Todesangst über Mitgefühl triumphiert.
«In einem Boot» ist in seinem Re­alis­mus, dem unsentimentalen Hin­schauen in die Abgründe der menschlichen Psyche natürlich inspiriert von Hemingways «Der alte Mann und das Meer». Doch Charlotte Rogans Jugendroman liest sich wesentlich nüchterner als die Novelle, die Heming­way mit Mystik und Surrealismus auflud. Bei Rogan entsteht die Dichte der Handlung allein aus dem konzentrierten Beobachten der sich zuspitzenden zwi­schen­­­menschlichen Si­tu­­ation im Boot. Wie verhält sich eine sozial heterogene Gruppe im Angesicht des Untergangs?
Die drastischen Vorgänge auf See werden rückblickend von Grace erzählt, die sich nach ihrer Rettung als Angeklagte vor Gericht wiederfindet. Auf Anraten ihrer Anwälte schreibt sie ihre Sicht der Katastrophe nieder. Dieser drama­tur­gi­schen Krücke ist wohl die stoische Ruhe, der abgeklärte, analytische Ton des Ro­mans geschuldet – der aber genau rich­tig gewählt ist, denn dies ist keine Abenteuergeschichte, son­dern eine kluge Abhandlung über Moral und Macht im so­zial­dar­winistischen Kampf zwischen Stär­­keren und Schwächeren.

Alice Werner
Buch&Maus 1/14, S. 35

Letztendlich sind wir dem Universum egal
David Levithan
Aus dem amerikanischen Englisch von Martina Tichy
Verlag: Fischer FJB, Publiziert: 2014, Seiten: 399, ISBN/ISSN/EAN: 3-8414-2219-5
Schlagwörter: Identität/Individualität | Körper

«Jeden Tag bin ich jemand anders. Ich bin ich – so viel weiss ich – und zugleich je­mand anders. Das war schon immer so.» A hat sich damit abgefunden, «Treibgut» zu sein, von Körper zu Körper, von Leben zu Leben gespült zu werden. Immer nur ei­nen Tag zu verweilen in einem Freundeskreis, einer Beziehung, einer Familie, Thea­­­tergruppe, Schule. Und am nächsten Tag im Körper eines anderen Teenagers aufzu­wachen, neue Augen aufzu­schlagen, mit neuen Ohren zu hören, «wie die Welt klingt»: für den egoistischen Justin, den braven Nathan, die verliebte Margaret; für den dicken Finn, die depressive Kelsea, das illegale Haus­mädchen Valeria.
David Levithans Roman, der ein wahres Multiversum birgt und im Original den treffenden Titel «Every Day» trägt, beginnt mit dem 5994. Tag in A’s Existenz. Da steckt A im Leben von Justin und verliebt sich in dessen Freundin Rhiannon. Am nächsten Tag ist A Leslie Wong. A’s Ich-Gefühl bleibt erhalten durch den selbst gewählten Na­men, durch Erinnerungen und die anhal­tende Verliebtheit in Rhiannon; A’s Iden­ti­tät erschöpft sich aber nicht im Geist. Statt­dessen kreiert Levithan ein Ich, das eindringlich vorführt, was es heisst, ver­kör­pert zu sein. Gerade weil dieses Ich keine feste Hautfarbe, kein stabiles Geschlecht oder Begehren besitzt, erlebt es all die Spuren, die das Leben in einen Kör­per schreibt; es erfährt, wie sehr ein Kör­per Fremd-, Selbstbild und Identität steu­ert. Levithans ebenso sinnlicher wie philo­­so­phischer Roman lässt die LeserInnen spüren, wie wichtig das Verwurzelt-Sein im Moment, in anderen Menschen und im eigenen Körper ist, aber auch «wie willkürlich und individuell wir die Welt er­leben». «Dadurch, dass ich die Welt aus so vielen Blickwinkeln sehe, habe ich mehr Gespür für ihre Dimensionen», sagt A – und als LeserInnen dieses ausserge­wöhn­lich brillanten, sensiblen Romans bekom­men auch wir eine Ahnung davon.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/14, S. 35

Verdammt gute Nächte
Kathrin Schrocke
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2014, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 3-411-81239-7
Schlagwörter: Sexualität

Wie kann ihn der Anblick einer Frau, die sich mit einer Gurke befriedigt, bloss derart erregen? Jojo ist entsetzt über sich selbst, ist fasziniert und abgestossen zugleich, an­gefixt und verwirrt. Die Videos, die Mich­a­el ihm schickt und die er heim­lich anklickt, haben so gar nichts mit sei­nen Sehnsüchten nach Nähe, Zugehörigkeit und Zärtlichkeit zu tun. Oder etwa doch?
Im langen, heissen Sommer vor seinem 16. Geburtstag ist sich Jojo selber fremd, und die Menschen um sich herum betrachtet er wie Aliens; er spürt, halb be­wusst nur, den Antworten nach, die sie auf die Fragen des Lebens finden – oder auch nicht. Sein Kumpel Michael betrachtet Frauen als Huren, verlangt aber von der eigenen Freundin, eine Heilige zu sein. Mi­chaels fünfjährige Schwes­­ter Arielle liebt Jojo abgöttisch und schenkt ihm fürch­terliche Basteleien, die ihn ebenso nerven wie rühren, während sein engster Freund Sushi in qualvoller unerwiderter Liebe vergeht. Erst als Puma, eine Freundin seiner Mutter und doppelt so alt wie Jojo, nach einer hässlichen Trennung vorübergehend bei Jojos Familie einzieht und wäh­rend zwei langen Wo­chen mit ihm allein bleibt, finden seine Fragen und sein Begehren ein Ziel. Jojo verliebt sich in aller Heftigkeit – «ein Urknall der Synapsen in meinem Gehirn». Und entdeckt, dass es in der Liebe, im Sex, im Leben überhaupt keine einfachen Antworten, keine fixen Kategorien und schon gar keine «richtige» Form des Begehrens gibt.
Im Ton einfach und direkt, webt Kathrin Schrocke quer durch Jojos manchmal naive, immer aber ernsthafte Beobach­tungen und durch seinen temporeichen Bericht hindurch das Bild einer reichen Seelenlandschaft. Es ist eine Landschaft, die unter den verwirrenden Erlebnissen des Erwachsenwerdens zittert und flirrt und doch immer wieder zur Runde findet. Sie bei der Lektüre in all ihren Facetten zu entdecken, ist ein echtes Erlebnis.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/14, S. 36

Regenbogenasche
Anke Weber
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2014, Seiten: 253, ISBN/ISSN/EAN: 3-7641-7005-0

Anke Webers Jugendroman mit Schauplatz Namibia scheint, wie manch anderer Afrika-Roman, vor allem weibliche junge Leserinnen zu überzeugen. Eine dieser Leserinnen schreibt im Social Reading-Portal lovelybooks.de: «Es ist ein sehr sensibler, tiefgründiger und vielschich­tiger Jugendroman mit wunderschönen Gedanken­gängen (…). Man lernt viel über Namibia, wird aber nicht durch zu viele Details gelangweilt.»
Genauso von Afrika fasziniert ist die 14-jährige Rhina, die während ihrer Schulferien zusammen mit ihrer ersten Liebe in einem Hilfsprojekt in Namibia mitar­bei­tet. Rhina möchte das Land kennenlernen, das ihr verstorbener Vater so geliebt hat; gleichzeitig ist das aufge­weckte und tiefsinnige Mädchen auf einer Mission: Sie will die Asche des Verstor­benen nach Afrika bringen. Mit Hilfe ihres deutschen Freundes Uncas findet Rhina den Mut und die Überzeugung, sich auf dieses Unter­nehmen einzulassen und dabei auch mehr über die Vergangenheit ihres Vaters zu erfahren.
Eine erste Liebe, ein bisschen wohldosierte Spannung (die Totenruhe zu stö­ren, wäre eine Straftat), eine Prise «Exotik» und die Aufarbeitung des Todes des Vaters; das alles bildet eine vielversprechende Mischung, die auch überzeugt. Die Annä­he­rung an die fremde Umgebung geschieht langsam, und doch öffnet sich der Teenager: «Ich werde lange brauchen, dieses Land zu verstehen. Bunt und erdig wie es ist.» Klar, der Roman bewegt sich bisweilen sehr nahe am Romantik-, ja gar am Kitsch-Bereich, vor allem, als es zur Freisetzung der Asche kommt. Und doch wünscht man sich, in der weiten Steppe dabei zu sein bei einer Begegnung der speziellen Art. Offensichtlich ist, dass sich «Emotionen» und «Afrika» weiterhin gut verknüpfen und, nicht nur in der Unter­haltungslite­ratur für Erwachsene, sehr gut verkaufen lassen.

Roger Meyer
Buch&Maus 1/14, S. 36

Wie wir das Universum reparierten
Polly Horvath
Aus dem Englischen von Kathrin Behringer
Verlag: Bloomoon, Publiziert: 2014, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 3-8458-0199-9
Schlagwörter: Abenteuer

Die Bücher von Polly Horvath, der Expertin für kindliche Sehnsucht nach Liebe und schwarzen Humor, richten sich meist an ältere Kinder vor der Pubertät. Ihr neuer Roman «Wie wir das Universum reparier­ten» ist ein richtiges Jugendbuch: Die Cou­sinen Meline und Jocelyn sind alt genug, um nicht mehr so richtig betreut zu wer­den, aber noch zu jung, um allein zurechtzukommen. Das müssen sie aber, denn ihre Eltern sind bei einem Zugunglück um­gekommen. Ohne lang zu fackeln, bringt die Frau vom Sozialamt sie auf eine sturm­gepeitschte Insel, die nur mit dem Heli­kop­ter erreichbar ist. Ihr On­kel Mar­ten, der dort ein einsames Le­ben als Privatgelehrter führt, soll sich fortan um sie küm­mern. Weil er völlig überfordert ist und es ihm an Empathie fehlt, schwei­gen sich die drei Tag für Tag an. Irgendwann stellt Marten eine Köchin ein, und so gelangen immer mehr Menschen auf die Insel.
Polly Horvath erzählt aus vier Perspek­tiven, was ihr die Möglichkeit gibt, die Überlebensstrategien der Mädchen, des Onkels und der Köchin Frau Mendelbaum zu inszenieren, ohne die Figuren, die alle ein schweres Trauma erlebt haben, psychologisch fassen zu müssen. Horvaths Mittel, Schmerz, Einsamkeit und Angst fühlbar zu machen, sind Nonsense und Groteske. Das wunderbare an ihren Bü­chern ist aber der warmherzige Kern, der auch in diesem Roman pulsiert: «Wenn man liebt», sagt Frau Mendelbaum einmal, «schliesst man einen Pakt mit dem Universum, dass man eines Tages getrennt sein wird von dieser Person und dass man am Boden zerstört sein wird von diesem Verlust. Trotzdem ist man bereit, sich da­rauf einzulassen, denn man weiss, dass das der Preis ist für die Liebe.» Weil sie alle diese Erfahrung gemacht haben, das verstehen die InselbewohnerInnen nach und nach, gehören sie trotz allem zusammen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/14, S. 36

Ein Märchen
Blexbolex
Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2014, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 3-941787-38-1
Schlagwörter: Abenteuer

Das erste Märchen in Blexbolex’ Buch «Ein Märchen» könnte kürzer nicht sein, es verknappt den Nachhauseweg von der Schule auf drei Bilder: die Schule, der Weg, das Zuhause. Das zweite Kapitel erzählt nicht etwa die Fortsetzung, sondern dieselbe Geschichte, diesmal in fünf Bildern: Schu­le, Strasse, Weg, Wald, Zuhause. So geht das weiter; sieben Mal beschreibt Blex­bolex den Schulweg, jedes Mal wird der Weg länger, verschlungener, komplexer, abenteuerlicher, gefährlicher, fantas­ti­scher. Mal beobachten wir Staus, Ver­kehrsunfälle und wildgewordene Polizis­ten, mal reiten wir auf einer Karawane durch den dunklen Märchenwald. Dann wieder beobachten wir eine Panzerschlacht und versinkende Ozeanriesen, begegnen Hexen, Prinzessinnen, Drachen und wackeren Rittern oder heben in einer bunten Montgolfiere ab. Die letzte Geschichte ist 130 Zeichnungen lang und führt uns durch einen Zauberwald voll wilder Tiere, über steile Berge und an Lava speienden Vulkanen vorbei bis zu einer fürstlichen Burg, aus der wir eine Prin­zessin befreien oder entführen.
Ausgehend vom banalen Schulweg lässt der französische Zeichner Blexbolex seiner und unserer Fantasie freien Lauf und bürstet dabei viele Märchenklischees gegen den Strich. Die Bilder sind prächtig und einfach zugleich, reduziert auf das Wesentliche, auf Formen und Farben. Die­se leuchten verblasst, und der grob­körnige Druck gemahnt an alte Illustra­tionen. «Ein Märchen» ist Bilderbuch, Comic und Bildgeschichte in einem, es mutet simpel an und ist doch hochartifiziell und konzeptionell beeindruck­end; es ist Unterhal­tung und Avantgarde, und natürlich gefällt dieses Abenteuer den Eltern nicht weniger als den Kindern (ab etwa 6 Jahren).

Christian Gasser
Buch&Maus 1/14, S. 37

Das Loch
Øyvind Torseter
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2014, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5787-8
Schlagwörter: Wissenschaft | Philosophie

Ein leuchtend gelber Pappeinband und mittendrin ein fingernagelgrosses Loch – ausgestanzt von der ersten bis zur letzten Seite. Guckt man durch, erscheint die eigene Welt winzigklein und fremd. Ebenso befremdlich wie spannend ist auch die Geschichte, die der Norweger Øyvind Tor­seter hier im Cartoonstil mit schwarzen Konturlinien, wenig Farbe und noch viel weniger Worten erzählt.
Und das Loch ist immer mit dabei! Erst einmal sitzt es brav in einer Zimmerwand, während der schlak­sige Mann mit undefinierbarem Tierkopf seine Umzugkartons in die leere Wohnung schleppt. Doch wenig später erwacht das Zauberloch zum Leben, hüpft von der Wand in die Waschmaschine, wird zur Stolperfalle auf dem Boden und taucht dann plötzlich in der Türe auf. Bis der Mann es in einer Schachtel eingefangen und den Wissen­schaftlern im Labor über­geben hat, veranstaltet es auf der Strasse noch jede Menge Schabernack: Es wird zum Passantenauge, Luftballon und Na­senloch, verwandelt sich in Lampe, Autoreifen, Abfalleimeröffnung oder Mond …
Wie schon in seinem für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierten Vorgän­ger «Papas Arme sind ein Boot» schafft Torseter wieder mit reduzierten Mitteln eine fantastische, dreidimensionale Papierbühne. Das hat spielerischen Witz und öffnet in scheinbar banaler Alltäglichkeit einen Raum zum Entdecken und Philosophieren. Denn was ist ein Loch? Nur Leerstelle und Durchgang oder doch Mys­terium mit Eigenleben? Nach diesem Buch ist die Welt jedenfalls voller Löcher – ob die sich auch bewegen, wenn wir gerade nicht hinsehen?
Marion Klötzer

Buch&Maus 2/14, S. 22.

ABC der fantastischen Prinzen
Willy Puchner
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2014, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-10232-5
Schlagwörter: Sprachspiel | Tiere

Über ein Jahr ist es her, dass Prinz Willem im «ABC der fabelhaften Prinzessinnen» 26 Vogeldamen alphabetisch antreten liess, um unter ihnen eine Braut zu erwählen. Ein farbenfrohes Spiel mit Sprache, das nicht nur jüngere BuchbetrachterInnen vor manche Herausfor­derung stellte, denn jede Prinzessin verwendet einen anderen Buchstaben des Alphabets besonders gern. Offenbar ist es Willem bis heute nicht gelungen, sich für eine Braut zu entscheiden, und um es sich leichter und den Prinzessinnen angeneh­mer zu machen, lädt er im neuen Buch 25 weitere Prinzen ein, die sich den Damen vorstellen. Durchwegs aus amphibischen Fa­milien sind diese Prinzen nicht weniger farbenprächtig und wunderbar gestaltet. Und sie kommen noch wortgewandter daher, so dass es sich empfiehlt, ein Wörterbuch parat zu haben, wenn etwa Xaver von Xerogra­phi­en erzählt und sich eine eher xenophile als xenophobe X-Beliebige wünscht.

Es scheint so, als hätte Willy Puchner beim Verfassen ebenfalls ein Wörterbuch zur Hand gehabt, «sich zu jedem Buchstaben die kniffligsten Wörter ausgesucht und diese dann in eine interessante Reihenfolge gebracht» – das sagt die Erzählerin von Barry Jonsberg «Das Blubbern von Glück» (cbt) über Dickens und nicht über Puchner, aber besser könnte man die «Fan­tas­tischen Prinzen» nicht beschrei­ben! Die meisten Prinzen sind je­doch gut verständlich. Spätestens Schulkinder fangen sofort an, sich eigene Verse auszudenken, in denen möglichst viele Begriffe mit immer demselben Buchstaben anfangen. Wen Willem nun heiratet, bleibt offen. Ich vermute, er geht gänz­lich leer aus, der Ärmste. Denn entweder hat er sich in einen Frosch verwandelt (im ersten Buch war er ein Vogel), oder er hat einen ungeladenen Namensvetter, der ihn von seinem Platz verdrängt. Um das Rätsel zu lösen, ist gründliches Blättern erwünscht – gerne in beiden Büchern, die mich gleichermassen verzaubert haben.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/14 S. 22.

Da bist du ja!
Lorenz Pauli, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2014, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0690-5
Schlagwörter: Liebe

Die Liebe, der Anfang - allüberall

Das Grössere und das Kleinere sprechen über den Anfang. «Wie war das am Anfang?», fragt das Kleinere. Und das Grössere antwortet: «Plötzlich warst Du da. Und dann habe ich gesagt: ‚Nanu, da bist du ja endlich.’ Und du hast geschaut und… RUMMMMMS, kam diese Liebe. So gross, dass sie niemals Platz in mir hat.»
Lorenz Pauli und Kathrin Schärer haben gemeinsam schon viele wundervolle Bilderbücher verfasst. Spielerisch leicht scheinen bei ihnen inzwischen Illustrationen und Text zusammenzufinden. So auch in ihrem jüngsten Werk «Da bist du ja! – Die Liebe, der Anfang – allüberall».
Was sind das für zwei, die hier gleichermassen einfach wie hoch philosophisch über die Liebe, das Lieben und das Geliebtwerden sprechen? Über Anfang und Ende, Veränderungen, Zweifel, Blätter, Sterne und Kirschkerne? Das Grössere – eine Mischung aus Maulwurf, Hund, Dachs und Bär. Das tapsige, schutzbedürftige Kleinere mit weissen Socken an den Füssen, Schweinerüssel, Giraffenohren und Elefantenschwanz. Gleicher­massen undefinierbar und universell ist der Ort ihres Gesprächs. Mal scheinen die beiden im Weltraum zu schweben, mal im Wüstensand oder auf dem ewigen Eis zu sitzen, in der Krone eines blühenden Bau­mes oder in den Tiefen eines Ozeans.
Ein Bilderbuch, das mit grosser Empathie vom Liebhaben erzählt – und in vie­lerlei Hinsicht an Sam McBratneys und Anita Jerams Bestseller von 1994, «Weisst Du eigentlich, wie lieb ich Dich hab?», erinnert. Wem bei der Geschichte vom klei­nen und vom grossen Hasen, deren Liebe füreinander «bis zum Mond und wieder zurück» reicht, das Herz aufging, wird es mit «Da bist du ja!» nicht viel anders ergehen. Für alle Kleineren und Grösseren – allüberall.

Andrea Duphorn

Buch&Maus 2/14 S. 23.

Die Abenteuer von Lester und Bob
Ole Könnecke
Verlag: Aladin, Publiziert: 2014, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-8489-2050-1
Schlagwörter: Freundschaft | Humor/Komik | Tiere

«Vor ein paar Jahren habe ich einen Siebdruck gemacht, auf dem ein paar Vögel Jazz spielen. Am Klavier sitzt eine Art Ente, cooler Typ mit Hut, und in der Ecke steht vor einem Notenständer ein nicht so ganz cooler Bär mir einer Triangel. Das sind Lester und Bob, obwohl sie damals noch keine Namen hatten», erinnert sich Ole Könnecke. Nun haben die beiden Tiere einen Platz in seinem neuesten Werk ge­funden. Nach zwei erfolgreichen Pappbilderbüchern bei Hanser und vielen grandiosen Anton-Bänden ist jetzt also wieder ein Bär die Hauptfigur ­– wie auch schon in den Tiergeschichten von Thomas Winding, die Könnecke illustriert hat (z.B. «‘Puh’, sagt der kleine Bär»). Während es da aber um eine Bärenfamilie geht, entsteht die Spannung bei Lester&Bob durch die Gegensätzlichkeit der beiden Prota­gonisten. «Bou­vard und Pécuchet sind tot, Laurel und Hardy sind tot – ich hatte einfach Lust, das ‘Zwei-ungleiche-Freunde-Genre’ auszu­pro­bie­ren», erzählt der Hamburger Illustrator.
Mit einem kurzen Prolog in Text und Bild werden Lester&Bob vorgestellt. Dann erleben sie sechs komische und hintersinnige Abenteuer. Wer wissen will, wie man sich zur Nobelpreisverleihung anzieht, ob Luftballons wirklich gute Laune machen und ob man sich mit grüner Farbe in ein Krokodil verwandeln kann, findet in den pointiert gezeichneten Bildern und Texten die Antwort: reduziert auf wenige Farben, charakteristische Umrisslinien der Figuren und einige Details. «Der strenge Aufbau ist für mich sehr reizvoll, weil er mich dazu zwingt, die sechs Geschichten möglichst ökonomisch zu erzählen», ergänzt Könnecke. «Eine Geschichte, die man für fünf Doppelseiten angesetzt hat, dann doch auf drei Doppelseiten unterzubringen ist ein grosses Vergnügen!»

Antje Ehmann

Buch&Maus 2/14 S. 23.

Die Geschichte von Carl Mops, der verloren ging und wieder nach Hause fand
Lukas Weidenbach, Illustration: Joëlle Tourlonias
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2014, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-942787-34-5
Schlagwörter: Freundschaft | Mut/Selbstbewusstsein

Der kleine Mops Carl ist ein Handtaschenhündchen – eines, das zwischen Parfümfläschchen gesteckt und durch die Gegend getragen wird. Auf den Boden setzt ihn sein Frauchen erst, als sie in vor der Metzgerei anbinden muss – und dann vergisst sie ihn dort! Alarmiert durch einen Anruf rennt sie weg – ohne Carl. Und angebunden kann der ihr nicht einmal nachlaufen. Erst als es dunkel wird, kann Carl sich befreien und wagt sich allein in die finsteren Strassen. Dort begegnet er einer riesigen, struppigen Hündin, die ihm in den Schatten der Häuser zunächst Angst macht, sich dann aber als freundlich und hilfsbereit herausstellt. An der Seite von Paula findet Carl am nächsten Tag zurück nach Hause. Unzählige Suchplakate mit seinem Bild weisen den Weg. Überglücklich schliesst sein Frauchen ihn in die Arme. Von der struppigen Hündin will sie nichts wissen, aber Carl will Paula auf keinen Fall auf der Strasse zurücklassen …
Die Geschichte wird aus Carls Sicht in der Ich-Form und im Präsens erzählt und ist so einfach, dass schon kleine Kinder ihr mühelos folgen können. Angst vorm Alleinsein, Angst vor dem Fremden, die Erleichterung, wieder nach Hause zu finden und sich geliebt zu fühlen – emotional ganz viel für kleine LeserInnen. Ihren besonderen Charme gewinnt das Bilderbuch durch die Illustrationen von Joëlle Tour­lonias. Der auf dem Klappentext erwähnte Loriot wird dabei nicht nur durch den kleinen Protagonisten gewürdigt («ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos»), sondern auf einer textfreien Doppel­seite auch durch ein ganz besonderes Bade­wannenbild (und die Ente ist DRIN!). Vor- und Nachsatz rahmen Carls Abenteuer inhaltsbezogen ein und machen so das glückliche Ende besonders greifbar.

Maren Bonacker

Buch&Maus 2/14 S. 24.

Der Gast
Marie Dorléans
Aus dem Französischen von Anna Taube
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2014, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-944572-00-0
Schlagwörter: Gefühle

Na, das sieht wirklich nicht nach Frohsinn aus: Ein Mann sitzt ganz allein in einem riesigen, aufgeräumten Wohnzimmer, ihm gegenüber ein leerer Schaukelstuhl. Die junge Illustratorin Marie Dorléans setzt das in ihrem Bilderbuchdebüt so schlicht wie raffiniert in Szene: Filigran strichelt sie eine auf den ersten Blick reizarme Kulisse in Schwarz-Weiss, in deren luftiger Langeweile allerhand Kuri­o­sitäten versteckt sind. Wer genau guckt, sieht Kerzenständer mit Augen und Möbel mit Schnauzbärten und Tiergesichtern.
«Eines Morgens…», so der verheis­sungsvolle Text. Und richtig: Der Blick durchs Fenster zeigt Hügel, Bäume – und in der Ferne ein winziges, knallrotes Etwas. – Ein origineller Einstieg: Statt auf bunten Bil­derbuchtrubel setzt Dorléans auf Re­duktion und die Aufmerksamkeit ihrer LeserInnen. Was der Ich-Erzähler dann in knap­pen Sätzen zu berichten hat, wird von den Illustrationen mit viel Witz karikiert: Wie der Mann das rote Pferd kennenlernt, das so zutraulich und fröh­lich ist, dass es bald bei ihm einzieht. Wie es dann nicht nur den Briefträger am Schlafittchen packt, sondern auch Bücher verschlingt und sich wild auf dem gepflegten Teppich wälzt. Wie es immer lästiger, grösser und dreister wird, bis sein Rot die ganze Dop­pelseite füllt. Bis hin zur dringlichen Frage: Wie wird man solch einen Plagegeist wieder los? Die Antwort ist überraschend schlicht: Indem man einfach an was anderes denkt!
Das Pferd als Metapher für einen übermächtigen Gedanken – diese Kehrtwende mag für Dreijährige allzu abstrakt sein, älteren Kindern bietet sie exquisiten Stoff zum Philosophieren samt tollen Bildern.

Marion Klötzer

Buch&Maus 2/14, S. 24.

Schon wieder was!
Jürg Schubiger, Illustration: Wolf Erlbruch
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2014, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0486-3
Schlagwörter: Fantasie

Den beiden Altmeistern Jürg Schubiger und Wolf Erlbruch gelingt ein Balanceakt der spektakulären Art: Sie verbinden Kunst und Kindgerechtigkeit dergestalt, dass man denken könnte, Kinder seien ohnehin die idealen LeserInnen bezie­hungsweise BetrachterInnen für so ein anspruchsvolles Bilderbuch wie «Schon wieder was!», das vor allem von den Leerstellen und der Spannung zwischen Text und Bild lebt. Denn das Buch nimmt die Vorlesesituation als Ausgangspunkt und entwickelt ein Gespräch zwischen zwei Stimmen, die sich auf jeder Doppelseite ein anderes Bild anschauen. Ein völlig anderes Bild, denn die 15 Illustrationen haben keine Verbindung zueinander. Darüber hinaus hat Erlbruch jede von ihnen in einem eigenen Stil gehalten; mal geht er mit dem dicken Pinsel ans Werk, dann collagiert oder skizziert er. So wird das Buch auch zu einer Weltreise durch Erlbruchs Universum.
Ein so radikal erzähltes Buch findet man selten, weil der einzige rote Faden, der sich von A bis Z durchzieht, die Frage ist, die eine Stimme aus dem Off auf jeder Seite neu stellt. «Was ist denn das?», fragt sie, und wir sehen ein Bild mit einem grossen braunen Bären. Die zweite Stim­me, die auf die Frage antwortet, sieht etwas anderes: eine Fee. Dabei sitzt einfach eine blonde Frau da und liest. Doch kaum ist das Zauberwort ausgesprochen, macht sich die Sprache selbstständig: Auf Fee reimt sich Niniveh, und von dort kommt die Dame auch her; «sie wohnt im Wald mit einem Bär und badet nachts im Teich. Sie ist bleich, hat langes Haar, und wenn sie singt, tönt’s sonderbar.» Die Geschichte von der Fee löst eine neue Kaskade von Bildern aus, gleichzeitig reizt uns der Text durch seine Versponnenheit umso mehr, genau hinzuschauen. Und eigene Geschichten zu erfinden.

Christine Lötscher

Buch&Maus 2/14, S. 24

Weihnachtsspuren im Winterwald
Narisa Togo
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2014, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0676-9
Schlagwörter: Feste/Bräuche

Ein Spaziergang im Winterwald: Der Schnee verschluckt alle lauten Ge­räu­sche, die funkelnden Lichter der Weih­nachtsbeleuchtung sind weit weg. Ruhe und Stille und eine Konzentration auf das, was da vor den Augen wächst und zu den Füssen kriecht, macht sich breit. Narisa Togos Bilderbuch «Weih­nachtsspuren im Winterwald» hebt sich mit seiner Unaufgeregtheit und Schlichtheit wohltuend ab von all den Nikoläusen und Engelchen, von Neonlicht und La­metta. Die junge, in England wohnhafte Illustratorin lässt darin ein kleines Mäd­chen erzählen. Mit der Mutter spaziert es durch den Winterwald und im Dialog mit ihr entdeckt es die Weihnachtsspuren im Wald: Den Baumstamm, an dem der Hirsch sein Geweih geputzt hat, um sich für das Fest schön zu machen; das Blatt, unter dem sich die Marienkäfer wie kleine Geschenke zusammenkuscheln; und die Vögel, die als gefiederte Weihnachtskugeln im Tannenbaum sitzen.
Da kommt viel Schönes zusammen: Eine liebevolle Interaktion zwischen Erwachsenem und Kind, die in der Vorlesesituation fortgesetzt wird, die Liebe zur genauen Naturbeobachtung und der Respekt vor dem klein­s­ten Käfer, die Vorfreude auf ein grosses Fest, ganz ohne Tamtam, sondern still und leise. In vorsichtig kolorierten Linol­schnitten führt uns die Künstlerin durch den Wald, wechselt Perspektiven und zeigt uns auch das, was nur in der Fantasie des Klein­kindes geschieht: die Verwand­lung des Waldes in die Weihnachtsstube für die Waldtiere.
Ein schönes und besinnliches erstes Adventsbilderbuch ist da entstanden – zum Betrachten und Weiterfabulieren, um dann mit Mütze und Fäustlingen selbst im Winterwald auf Spurensuche durch den Schnee zu stapfen.

Elisabeth Eggenberger

Buch&Maus 2/14, S. 25.

Hilfe! Ich will hier raus
Salah Naoura
Verlag: Dressler, Publiziert: 2014, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-1429-1
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Henriks Familie ist eine wahre Bilderbuchfamilie. Harmonie pur. Bis es an einem Sonntagmorgen an der Haustür klingelt und Oma Cordula davor steht. Die hat ihr Pflegeheim angezündet und beschlossen, ab sofort bei ihrer Tochter zu wohnen. Dabei ist sie bei weitem nicht so verwirrt, wie sie alle immer glauben zu machen versucht, und sorgt mit ihren Sticheleien, kleinen und grossen Intrigen nach und nach dafür, dass das Leben von Familie Gruber völlig aus den Fugen gerät.
Wieder einmal besticht Salah Naoura durch seinen märchenhaft-fantastischen Erzählton, der von der ersten Seite an gefangen nimmt. So abgedreht die Geschichte um Henrik und seine Familie auch sein mag – es macht einfach einen Heidenspass, sich mehr und mehr in der zunehmend verrückteren Handlung zu verlieren. Diese gipfelt in einer gi­gantischen Schatzjagd, bei der eine ganze Stadt überall tiefe Löcher gräbt, um drei Goldbarren zu finden, die Henriks Ur-Opa vor langer Zeit vergraben haben soll.
Natürlich ist es Oma Cordula, die am Ende die Nase vorne hat und mit dem «Nachbarsjungen von früher, einem wundervollen Mann, einem echten Kava­lier, der mir netterweise beim Heben des Schatzes behilflich war» nach Neuseeland durchbrennt, während Henrik wohl immer noch in dem Loch sitzen würde, in das er beim nächtlichen Herumschleichen im Garten dummerweise gefallen ist, wäre da nicht Fundhund «Nase», mit dessen Hilfe er sich dann doch noch aus seiner misslichen Lage befreien kann.
Schräge Charaktere und skurrile Szenarien sorgen bis zur letzten Seite für beste Unterhaltung. Ein Buch, das gute Laune macht.

Andrea Duphorn

Buch&Maus 2/14 S. 26.

Hedvig!
Frida Nilsson, Illustration: Anke Kuhl
Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2014, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5755-7
Schlagwörter: Freundschaft | Schule

Die Prinzessin von Hardemo

Endlich bekommt das Dorf Hardemo eine Prinzessin – und dann entpuppt die sich noch vor Ende der ersten Schulstunde als Junge!
Da der Lehrer von Hedvig, die in die 3. Klasse geht, an einem Burnout leidet, fällt der Unterricht tagelang aus. Jetzt soll aber ein Stellvertreter, Herr Lamm, kommen: «Das Erste, was Hedvig auffällt, als sie an diesem Morgen in die Schule kommt, ist trotzdem nicht Bengt Lamm. Es ist ein Busch dunkler Locken.»
Hedvig ist gebannt vom Aussehen des Kindes, das neu in die Klasse tritt. Das muss zweifellos eine Prinzessin sein. Und welche Eh­­re:­­ Im Klassenzimmer ist kein Stuhl mehr frei, die Prinzessin darf auf Hedvigs Schoss sitzen! Doch der Moment, als die vermeintliche Prinzessin sich der Klasse vorstellt, fühlt sich für Hedvig an, als würde ihre «Haut fast vor Hitze platzen»: Auf ihrem Schoss sitzt ein Junge namens Olle! Das brüllende Gelächter der Klasse lässt nicht lange auf sich warten.
Hedvig ist ein starkes, einfühlsames Mädchen, das sich nicht von höhnischen Bemerkungen unterkriegen lässt. Sie fasziniert mit ihrer Art, achtsam im Gespräch das Gegenüber wahr- und ernstzu­neh­men, wobei sie aber auch nicht vergisst, sich für die eigene Person und ihre Ziele einzusetzen. Sie ist die wahre Prinzessin von Hardemo!
Von Hedvig erzählen bereits die zwei Bände «Hedvig! Das erste Schuljahr» und «Hedvig! Im Pferdefieber», die aber nicht nacheinander gelesen werden müssen. Die Geschichte ist feinfühlig erzählt und eignet sich gut zum Vorlesen auf der Unterstufe, da sie die Kinder in ihrem Schulalltag abholt.

Gabriele Billi

Buch&Maus 2/14 S. 26.

Ein Pflaster für den Zackenbarsch
Jens Rassmus
Verlag: Nilpferd in Residenz, Publiziert: 2014, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-7017-2140-8
Schlagwörter: Humor/Komik

Geschichten vom Doktorfisch

Warum muss es bei der Krakengrossfamilie auch ausgerechnet Raclette zu Silvester geben? Klar, schmeckt das lecker – aber nachdem all die Pfännchen und Schüsseln mit Algenkompott, Strudelwürmern, Quallensalat und Polypenchips kreuz und quer über den Tisch gereicht wurden, sind 96 Tentakeln zu einem un­lösbaren Knäuel verknotet. Da hilft nur noch der Doktorfisch! Was der als schwim­mende Ambulanz gemeinsam mit seinem Assistenten Kofferfisch alles so erlebt, erzählt Jens Rassmus voller Situationskomik in Wort und Bild.
Wie in jeder Praxis eines Allgemeinmediziners gibt es nämlich auch im Meer die ganze Bandbreite von Pa­tienten und Beschwerden: eingebildete Kranke, zerzwickte Zipperleins und echte Notfälle. Wie gut, dass der Doktorfisch keine Mühen und Wege scheut! So wagt er sich mutig in den Schlund des bauchwehkranken Wals, um dort zwei kickenden Strandkrabben Platzverweis zu erteilen, verschreibt dem verfressenen Hai rigoros Bewegung, weil der seine ganze Geburtstagsgesellschaft auf der Speisekarte hat, oder verpflastert den Zackenbarsch, der endlich auch eine interessante Krankheit haben will. Und wenn das Notfall-Muschelhandy mal kurz schweigt, hat Assistent Kofferfisch noch allerhand Philosophisches auf dem Herzen …
Eigenwillige Figuren, pointierter Dialogwitz und viel Fantasie, dazu prallbunte Bilder mit maritimem Charme – Rassmus hat hier ein lustiges Unterwassertheater entworfen. Geboten werden neun ori­ginelle Geschichten aus dem Notfallköfferchen eines vielbeschäftigten Arztes – zum Vorlesen und Selberlesen.

Marion Klötzer

Buch&Maus 2/14, S. 26.

Mein Opa und ich und ein Schwein namens Oma
Marjolijn Hof, Illustration: Susanne Göhlich
Aus dem Niederländischen von Meike Blatnik
Verlag: Aladin, Publiziert: 2014, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-8489-2036-5

Wenn man sich einen Opa wünschen könnte, dann würde man sich einen wie aus dieser Geschichte aussuchen: niemals vernünftig, immer liebevoll und für jedes noch so verrückte Abenteuer zu haben. In zwölf kurzen Anekdoten lässt die Niederländerin Marjolijn Hof die kleine Ich-Erzählerin von ihren Ferienerlebnissen beim Grossvater berichten.

Zum Beispiel vom rekordverdächtigen Pfannkuchenbacken, das Opa so exzessiv be­treibt, dass zur Restenvertilgung ein Schwein angeschafft werden muss. Oder von jenem Tag, an dem Opa auf den Dachfirst klettert und sich erst Stunden spä­ter wieder heruntertraut. An anderen Tagen suhlen sich alle drei – Opa, Enkelin und das auf den Namen Oma getaufte Schwein – im Dreck, hüpfen über eine Senke voller Ungeheuer, denken sich ge­mei­ne Aprilscherze aus, schlafen auf Stroh­­betten im Schweinestall und veran­stalten Wettbewerbe mit selbstgebastel­ten Helden-Medaillen. Denn so toll Opa auch ist: Er hat in seinem Leben noch keine einzige Auszeichnung erhalten, weder beim grossen Graben-Spring-Wettkampf, noch beim Schlittschuhrennen.

Mit wunderbar kauzigem Humor und beiläufiger Ernsthaftigkeit erzählt Hof eine Grossvater-Enkelin-Geschichte zum Vor- und ersten Selberlesen. Wertfrei stellt sie Kinder- und Erwachsenenperspektive ge­genüber, mischt die Erfahrungen zweier Generationen ebenso unbekümmert wie Traumsequenzen mit realen Erlebnisbe­richten und selbstreferenziellen Beobach­tungen. Ohne moralischen Eifer werden Themen wie Verantwortung, Streit, Tole­ranz und Einsamkeit gestreift – dabei ist der Ton des Buchs herrlich skurril und ausgesprochen herzlich. Perfekt dazu passen die luftigen Schwarz-Weiss-Illustrationen von Susanne Göhlich, die Opas idyllisches Bullerbü-Leben in pfiffigen Stric­h­zeich­nungen einfangen.

Alice Werner
Buch&Maus 2/14, S. 27

Kawasaki hält alle in Atem
Lena Hach, Illustration: Marie Geisler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2014, Seiten: 183, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-82054-9
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft

Dass ein junger, wilder Kerl das geordnete, aber langweilige Leben eines schrulligen Alten auf den Kopf stellt, ist ein beliebtes kinderliterarisches Motiv. Am popu­lärsten umgesetzt hat es wohl Paul Maar in seinen Sams-Abenteuern. Lena Hach stellt sich mit ihrer ersten Kinderge­schichte «Kawasaki hält alle in Atem» nicht nur mutig in diese Traditionslinie, man merkt dem Text sein Vorbild auch an. Ihr Herr Taschenbier heisst Hubertus Nuss­baum und ist ein höflicher, alleinstehender Mann mittleren Alters, der ein geruhsames Leben als Bibliothekar führt. Bei einem Besuch lässt ihm seine weit­gereiste Zwillingsschwester Sasa einen kleinen Koala da. Dessen Name – Ka­wasaki – spricht für sich. Doch Kawasaki ist nicht nur schnell, sondern auch – wie das Sams – ein neugieriger, verspielter, anschmiegsamer junger Wirbelwind. So bleibt in Hubertus Nussbaums Leben nichts wie es war. Wie Herr Taschenbier von Frau Rotkohl, wird auch er neugierig von seiner Nachbarin beäugt, einer ra­senden Repor­terin à la Karla Kolumna. Die ist immer dort, wo etwas los ist, und den beiden bald auf den Fersen, als Kawasaki zuerst in die Fänge von Zoowärtern gerät und dann ausgestopft werden soll. Mit Hilfe von Elli, einer Primarschülerin, wird eine grosse Befreiungsaktion gestartet, an deren Ende Hubertus Nussbaum nicht nur neue Freunde gewinnt, sondern auch Selbstvertrauen.
In solch traditionellen Geschichten ist alles genauso so, wie es aussieht. Verspielt und versponnen wird hier fabuliert mit Figuren, die als Typen altbekannt sind, ja: sein sollen. Handlungsreich geht es zu, turbulent und witzig. Hauptsache am En­de sind nicht nur alle happy, sondern auch ein bisschen klüger. Wie gut, dass es NachwuchsautorInnen gibt, die so fantasievoll und gekonnt auf der Klaviatur dieser erzählerischen Tradition zu spielen wissen und souverän genug sind, ihre Lehrmeister preiszugeben.

Ina Nefzer, Buch&Maus 2/14, S. 27

Wildhexe
Lene Kaaberbøl
Aus dem Dänischen von Gabriele Haefs
Verlag: Hanser, Publiziert: 2014, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24630-0
Schlagwörter: Tiere

Chimäras Rache

In den Büchern der Dänin Lene Kaaberbøl finden sich oft starke Mädchenfiguren und matriarchale Elemente. So auch in der Serie «Wildhexe», in deren Zentrum die 12-jährige Clara steht, ein anfangs schüch­­ternes, von MitschülerInnen verspottetes Mädchen. Als eines Morgens ein riesiger, schwarzer Kater Clara auf der Kellertreppe mitten ins Ge­sicht springt, än­dert sich ihr Leben aber schlagartig. Ihre alleinerziehende Mutter weiss sofort: Ihre Tochter trägt das Wildhexen-Gen in sich, so wie Claras Tante Isa. Isa ist denn auch die einzige, die Clara helfen kann. In ihrer abgelegenen Kate bringt sie ihrer Nichte das Hexenhandwerk bei. Das braucht sie, um sich gegen die böse ehemalige Wildhexe Chimära wehren zu können.
Von Claras neu entdeckten Kräften, ihren tierischen Freunden und Hexenvorbildern und von den Abenteuern, die sie zusammen mit ihrem Schulfreund Oscar aus der realen Welt – mit dem sie jedes Geheimnis teilt – in der Wildhexen-Welt zu bestehen hat, erzählen die ersten drei, nun auf Deutsch vorliegenden Bände der Serie («Die Feuerprobe» / «Die Botschaft des Falken» / «Chimäras Rache»).
Lene Kaaberbøl erfindet keinen neuen Fantasy-Kosmos, sie erwei­tert vertraute Motive lustvoll. So ist der schwarze Kater, der am Anfang von Claras Initiation in die Hexenwelt steht, ein wit­ziger Wiedergänger von Alices Cheshire Cat. Die mal philosophischen, mal spitz­fin­digen Dialoge, die er sich mit Clara lie­fert, gehören mit zu den unterhaltsams­ten Passagen dieser Reihe. Auf ihn ist ge­nau so Verlass wie auf alle anderen Tiere. Sie sind es, die Clara immer beistehen – auch weil Clara sie versteht und respek­tiert. Es ist die Schilderung dieses Mensch-Tier-Verhältnisses, es ist die direkte Spra­che, der Drive der Handlung, es sind die vielen schrägen Ideen, die humorvollen Vergleiche, die kurzen Kapitel, die diese Bü­cher zum Lesefutter und Vorlesestoff für Mädchen und Jungs auf der Mittelstufe machen.

Christine Tresch

Buch&Maus 2/14, S. 28

Hunde muss man gar nicht mögen
Martha Heesen, Illustration: Maja Bohn
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2014, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5733-5
Schlagwörter: Freundschaft

Nene und Coppe sind beste Freunde. Sooft es geht, sitzen sie zusammen in dem grossen Apfelbaum, der in Nenes Garten steht, futtern Kekse, spielen «Länder aufsagen» und Ritter und Prinzessin oder schmieden Pläne. Für ein richtiges Baumhaus zum Beispiel. Dann hat Coppe einen Unfall. Beim Versuch, spätabends ein Stück Wellblech als Dach für ihr Baumhaus zu besorgen, wird er von einem Motorrad erfasst und schwer verletzt.
Mit grosser Nähe zu ihrer Protagonistin Nene erzählt Martha Heesen von einer Kinderfreundschaft, die auf eine harte Probe gestellt wird. Denn als Coppe nach vielen Monaten im Krankenhaus endlich wieder nach Hause kommt, ist nichts mehr so wie früher. Nicht nur, dass er seit seinem Unfall irgendwie nicht mehr derselbe ist. Für Coppe dreht sich auch alles nur noch um sein «Spezialgeschenk»: einen jungen Hund namens Wolf. Dabei findet Nene Hunde doch unheimlich!
Einfühlend schildert die vielfach ausgezeichnete niederländische Autorin die Verletzt- und Zerrissenheit ihrer jungen Protagonistin, die schon bald das Gefühl hat, dass Wolf Coppe viel wichtiger ist als sie. Dennoch ist es Nene, die den jun­gen Hund rettet, als er an einem heissen Som­mertag von der Strömung im Fluss mit­gerissen wird und spurlos verschwindet …
Eine berührende Geschichte über Freund­­­schaft, Eifersucht, Angst und Vertrauen, die Maja Bohn mit ausdrucksstarken Schwarzweiss-Zeichnungen versehen hat, die die Gefühle der einzelnen Figuren wunderbar zum Ausdruck brin­gen.

Andrea Duphorn

Buch&Maus 2/14, S. 28

Das Blubbern von Glück
Barry Jonsberg
Aus dem Englischen von Ursula Höfker
Verlag: cbt Hardcover, Publiziert: 2014, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-16286-6
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Candice Phee ist ein besonderes Mädchen. Sie hat einen extremen Drang, Wahrheiten auszusprechen, kann mit fremden Menschen nur schriftlich kommunizieren und richtet ihre Farbstifte immer genau gleich aus. Was sie darüber hinaus noch besonders macht, ist ihre Art, die Welt zu sehen. Überlegungen, ob ihr Goldfisch sie vielleicht für eine Gottheit halte, sind schräg, irgendwie aber auch witzig. Dass sie hartnäckig Briefe an eine Brieffreundin in den USA schreibt, die nie antwortet, die Candice aber uner­schüt­terlich für ihre drittbeste Freundin in der Welt hält, ist ebenfalls schräg, aber ir­gendwie auch tragisch. So wie Candices Leben insgesamt von einem Hauch Tragik überschattet ist. Ihre Schwester ist als Baby an plötzlichem Kindstod verstorben, die Mutter verwindet den Verlust nicht und zieht sich mit Depressionen in ihr Schlafzimmer zurück, der Vater widmet seine ganze Zeit Computerprogrammen und dem Hass auf seinen Bruder, von dem er sich betrogen fühlt. Und dann ist da noch Candices zweitbester Freund (der beste Freund ist der Fisch), Douglas, der nach einem Sturz aus einem Baum glaubt, aus einer anderen Dimen­sion zu stam­men und so durch den Wind ist, dass Candice neben ihm beinahe normal wirkt.
Ein Buch voller verkorkster Menschen, möchte man meinen – alphabetisch erzählt, weil Candice in einer Hausaufgabe genau so ihre Autobiographie schreiben soll. Dass ein ganzes Buch daraus würde, hat ihre Lehrerin dabei nicht vermutet. Und dass ich beim Lesen gleich zweimal in Tränen ausbrechen würde, habe ich nicht vermutet. Denn dieser durch und durch merkwürdigen Candice gelingt es auf ihre spezielle Art, das Leben all dieser Men­schen zurechtzurücken. Das Ergebnis ist das titelgebende «Blubbern von Glück» – ein zauberhaftes Buch!

Maren Bonacker

Buch&Maus 2/14, S. 28

Der Anfang
Paula Carballeira, Illustration: Sonja Danowski
Aus dem Spanischen von Emilia Blasco Gärtner
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2014, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 3-855-81541-0
Schlagwörter: Krieg

Bereits zweimal ist Sonja Danowski auf dem deutschsprachigen Buchmarkt mit ihren grossartigen Figurenporträts und der atmosphärischen Dichte ihrer Illustrationen aufgefallen. 2012 in «Punkte, Baum & Faltertraum» und 2013 mit ihrer Neuinterpretation von «Das Geschenk der Weisen» von O. Henry – beide bei min­edition erschienen. Bei «Der Anfang» sorgt jetzt Bohem Press für eine hochwertige Ausstattung mit Leinenband. Zum Thema «Krieg» gibt es etliche interessante Neuerscheinungen: David McKees «Sechs Männer», «Akim rennt» von Claude K. Dubois oder «Ein roter Schuh» von Karin Gruss und Tobias Krejtschi. «Der Anfang» widmet sich den Folgen des Krie­ges: der Zerstörung, der Obdachlosigkeit und dem Neuanfang, der emotional auch von den Kindern ausgeht. Die Spanierin Paula Carballeira lässt einen ungefähr acht­jäh­rigen Jungen erzählen, dessen Zuhause fortan das Auto ist. Auch seine Eltern kommen zu Wort, und sie machen in be­eindruckender Weise das Beste aus der Situation.
Ähnlich einem Filmuntertitel steht der knappe Text am unteren Bild­rand. Sepiafarbene Gemälde füllen die Dop­pelseiten. «Mein Ziel war es, zeit- und ortsungebundene Bilder zu erschaf­fen, die real wirken, in der Realität aber so nie stattgefunden haben, eine Art von fik­ti­vem Realismus», sagt die Berliner Künstlerin Sonja Danowski dazu. «Ich lege die Motive als grossformatige, detaillierte Bleistift­zeich­nun­gen an, ko­loriere sie mit Tinte und Aquarellfarben und arbeitete anschlies­send das Licht he­raus». Das Ergebnis be­eindruckt tief und kann gene­ra­tionsübergreifend zu Gesprächen und Gedanken zum Thema inspirieren.

Antje Ehmann

Buch&Maus 2/14, S. 22

Glücksdrachenzeit
Katrin Zipse
Verlag: Magellan, Publiziert: 2014, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 3-7348-5004-5
Schlagwörter: Liebe

Als Nellies geliebter, grosser Bruder im Morgengrauen von Zuhause abhaut, bricht für die 15-Jährige eine Welt zusammen: Ohne Kolja gibt es keine Familie mehr, also muss sie ihren Bruder zurückholen! Wenig später steht Nellie mit ihrem Hund an der Autobahnauffahrt Richtung Süden, landet bei einem Widerling im Wagen und rettet sich in letzter Sekunde in den pfefferminzgrünen Oldtimer von Miss Wedlock, einer reizenden, alten Dame mit rasantem Fahrstil, bizarrem Federhut und jeder Menge Plastiktüten. Vor allem letztere haben es in sich: Nicht nur, weil Miss Wedlock die dort verstauten Damenschuhe wie ihren Augapfel hütet, sie bergen auch ein Geheim­nis, das die ehemalige Schauspielerin immer wieder in wilde Panikattacken und Verfolgungsfantasien katapultiert.
Jedenfalls ist Nellie heilfroh, als sie in Tramper Elias Unterstützung findet. Als die drei nach einem abenteuerlichen Trip durch die Berge wie geplant während des Theaterfestivals in Avignon ankommen, ist zwischen Nellie und Elias schon eine zarte Liebe gewachsen. Jetzt fehlt nur noch Kolja – doch der freut sich kein bisschen über die Ankunft seiner Schwester, ist er doch in kriminelle Geschäfte verstrickt und hat die Drogen-Mafia am Hals …
Familiendrama, Roadmovie, Liebesgeschichte und Krimi – fast zuviel packt Radio­­redakteurin Katrin Zipse in ihr Jugendbuch-Debüt. Doch dank Nellies quick­lebendiger Erzählerstimme, viel Si­tuationskomik und toller Kulissen wird daraus bestes Lesefutter, das trotz aber­wit­ziger Zickzackwendungen den Span­nungsbogen hält. Ein Sturm und Drang-Roman mit Herz und Tiefgang.
Marion Klötzer

Buch&Maus 2/14, S. 29.

Pirate Cinema
Cory Doctorow
Aus dem kanadischen Englisch von Oliver Plaschka
Verlag: Heyne, Publiziert: 2014, Seiten: 512, ISBN/ISSN/EAN: 3-453-26753-4
Schlagwörter: Politik | Medien

Cory Doctorow, Autor von Jugendromanen und Aktivist in Sachen (Internet-)Freiheit, widmet sich in seinem neuen Buch dem Thema Kunst und Kreativität. Dabei hält er sich an die bewährte Mischung aus mitreissend geschriebener Abenteuer­ge­schich­te und Polit-Seminar: Die Figuren holen in regelmässigen Abständen zu po­litischen Belehrungen aus, was, wenn auch nicht uninteressant, doch recht be­mühend wirkt. Doch die Atmosphäre und die Sprache halten einen bei der Stange.
«Pirate Cinema» ist im England der nahen Zukunft angesiedelt. Filmindustrie und Medienkonzerne kontrollieren die Politik. Sie haben drakonische Gesetze gegen Copyright-Verletzungen durch­ge­drückt. Im Fall des 16-jährigen Trent alias Cecil B. DeVille, einem Film-Enthusiasten, der aus Hunderten von Video-Schnipseln die irrwitzigsten Zusammenschnitte macht, führt das zum Ruin seiner ganzen Familie. Trent haut ab nach London – und erlebt dort ein märchenhaftes Abenteuer. Er trifft auf einen Jugendlichen, der weiss, wie man in den Nischen des Kapitalismus überlebt. Zusammen besetzen sie einen verwahrlosten Pub, und Trent beginnt wie­der Filme zu basteln, die zu riesigen Subkultur-Hits werden. Bald trifft er auch noch die schöne Aktivistin 26, die ihm die politisch-revolutionäre Di­men­sion seines Künstler­tums erschliesst. Es dauert nicht lange, und unsere Helden über­ziehen ganz London mit ihrem Piraten-Kino. Das ist ein faszinierender literarischer Stoff. Oder wäre es. Denn was die Freude daran trübt, ist Doctorows agitatorischer Furor, insbesondere seine dogmatische Definition von Kunst: Dass es auch legitime Gründe gibt, Urheberrechte schützen zu wollen, nämlich Künstler­Innen ein Auskommen zu ermöglichen, wird völlig unterschlagen – die Piraten sind die Guten, und alle, die es anders sehen, sind die tumben Sklaven der bösen Medienmultis.
Christine Lötscher

Buch&Maus 2/14, S. 29

Wo ein bisschen Zeit ist …
Emil Ostrovski
Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Gunkel
Verlag: Fischer FJB, Publiziert: 2014, Seiten: 303, ISBN/ISSN/EAN: 3-8414-2160-9
Schlagwörter: Philosophie

Jack Polovsky glaubt nicht so recht ans Schicksal, aber mit dem freien Willen hat er es schon gar nicht. Von der Macht sozialer Einflüsse hält der angehende Phi­lo­sophiestudent umso mehr. Und dass er am Tag der Geburt sei­nen neugeborenen Sohn entführt, hat weniger damit zu tun, dass der genau die gleiche Nase hat wie er: Jack mö­chte das Baby, das er auf den Namen Sok­rates tauft, einfach «nur ein klitzekleines bisschen prägen», ehe es zur Adoption frei­gegeben wird. «Ich hab den Kleinen nach einem toten Griechen benannt, in den ich mich verliebt hab, nachdem ich ihm auf einer imaginären Orgie einen geblasen habe», erklärt er seinem besten Freund Tommy, den er auf den völlig irren Roadtrip zu seiner dementen russischen Grossmutter mitnimmt. Sogar die wenig ältere Kindsmutter Jess, die Jack mit den Worten «Ich will dich und deinen kleinen Schwanz nicht mehr sehen» vor die Tür gesetzt hat­te, ist mit von der Partie. Alle vier machen sie sich auf die Flucht vor der Polizei und vor ihrem alten Leben; eine Flucht, in der es darum geht, den philo­sophischen, sexuellen und amourösen Dimensionen des Universums auf die Spur zu kommen.
Zugegeben, Emil Ostrovski ist (noch) kein Wolfgang Herrndorf der Road Novel. Und so kommen die Erlebnisse der vier ProtagonistInnen, ihre irrwitzigen Dialoge und Fantastereien zuweilen etwas holprig und bemüht daher. Dennoch hat der 23-jährige US-Amerikaner ein feines Gespür für die Komik von Beziehungen und für die Fragen junger Menschen kurz vor dem Erwachsenenleben. Seine Figuren sind noch offen in alle Himmelsrichtungen, und die Neugier, mit der sie sich auf ihrem Trip dem Leben stellen, macht «Wo ein bisschen Zeit ist …» nicht nur zu einer heiteren Lektüre; sie animiert auch dazu, vorgegebene Wege infrage zu stellen, immer mal wieder die Richtung zu ändern und vor allem nicht allzu früh sesshaft zu werden.
Manuela Kalbermatten

Buch&Maus 2/14, S. 29.

Der Geschmack von Wasser
Emmi Itäranta
Aus dem Finnischen von Anu Stohner
Verlag: dtv, Publiziert: 2014, Seiten: 338, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-65009-0

Finnland, einige hundert Jahre nach un­se­rer Zeit: Durch die Klimaerwärmung sind die Küstengebiete im Meer versunken. Die schrecklichen Kriege um die letzten Erdölreserven haben dazu geführt, dass weite Landstriche unbewohnbar und grosse Men­­gen Trinkwasser verseucht wor­den sind. Das noch verbliebene Wasser ist fest in den Händen der Armee, die «Was­serverbrecher» aufs Härteste bestraft.
Eine düstere Zukunftsaussicht – wenn auch nicht völlig aus der Luft gegriffen. In dieser Welt, in einer Gesellschaft, die stark von der chinesischen Kultur geprägt ist, lebt Noria und lernt von ihrem Vater die alten Riten der Teemeister, der Hüter des Wassers. Norias Vater hütet aber auch ein Geheimnis: Er kennt nämlich den Grund dafür, wieso sein Garten stets blüht, und das Wasser für seine Teezeremonien so viel besser schmeckt, als das gereinigte Salzwasser, von dem die Dorfbewohner ihre Rationen zugeteilt bekommen. Doch: «Ist der stille Raum um ein Geheimnis einmal beschädigt, kann er nicht mehr heil werden. Aus einem Riss werden viele, die länger werden und breiter und sich verzweigen wie das unterirdische Myzel eines Pilzes, bei dem auch niemand sagen kann, wo es anfängt und ob es überhaupt irgendwo endet.»
Für Noria wird das Leben gefährlich. Fliehen aber will sie nicht. Denn mit ihrer Freundin Sanja hat sie Hinter­las­sen­schaften aus der «Alten Welt» gefunden: Silberne Scheiben, die ins richtige Gerät gesteckt, die Wahrheit über das Ausbleiben des Wassers verraten …
Das Debüt, das Emmi Itäranta hier vorlegt, ist gewaltig. Mit ihrer Sprache malt sie poetische Bilder, die doch immer präzise bleiben, und ihr Erzählen vom Kampf ums Wasser hat eine solche Intensität, dass einem beim Lesen die Zunge vor Durst am Gaumen kleben bleibt.
Elisabeth Eggenberger

Buch&Maus 2/14, S. 30.

Geballte Wut
Petra Ivanov
Verlag: Appenzeller Verlag, Publiziert: 2014, Seiten: 216, ISBN/ISSN/EAN: 3-85882-678-7

Wir sitzen im Gerichtssaal, zusammen mit dem Ich-Erzähler Sebastian. Der 20-Jährige ist einer von den Jugendlichen, die immer wieder als Monster durch die Medien geistern, weil sie ohne besonderen Grund Unschuldige niederstechen. Die un­­­­­­kontrollierbare Wutanfälle haben, wenn man sie nicht «respektiert». Für Sebastian ist die Sache ernst: Er sitzt wegen vorsätzlicher Tötung zweier Jugendlicher auf der Anklagebank. Da sitzt er wäh­rend des ganzen Romans und rapportiert, was gerade passiert. Aber nicht nur das: Obwohl Sebastian das Gefühl hat, dass ihn die Worte des Richters nichts angehen, obwohl es ihm schwer fällt, wenn nicht gar unmöglich scheint, Kontakt zu seinen Gefühlen zu finden, löst die Gerichtsverhandlung doch einen Erinnerungsprozess aus in seinem Kopf. Die Fragen des Rich­ters, das Plädoyer seines Anwalts, die Bli­cke der Opfer und ihrer Angehörigen, die sensationsgierigen Journalisten im Saal, die Tatsache, dass alle zu wissen glauben, was er für einer ist – ein Monster, ein Freak, ein Niemand. Sebastian möchte am liebs­ten davonlaufen. Stattdessen geschieht das Gegenteil: Er durchlebt noch einmal seine ganze Geschichte. Sie fängt damit an, dass er es seinen reichen Goldküsten-Eltern nicht recht machen kann. Die Schule interessiert ihn nicht, und sonst eigentlich auch nichts. Nur Billard spielen kann er. Sein grösster Traum ist es, jemand zu sein. Koste es, was es wolle.
Wie alle (Jugend-) Krimis der Zürcherin Petra Ivanov ist auch «Geballte Wut» rasend spannend, minutiös recherchiert, ohne ein überflüssiges Wort geschrieben, und hochsensibel für soziale Spannungen und Zusammenhänge. Sebastian ist Täter und Opfer zugleich, doch vor allem muss er lernen, Verantwortung für seine Taten zu übernehmen. Der Roman erlaubt einen Blick in die grosse Leere hinein, die hinter Sebastians Wut gähnt.
Christine Lötscher

Buch&Maus 2/14, S. 30.

Keiner kommt davon
Sally Nicholls
Aus dem Englischen von Beate Schäfer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2014, Seiten: 278, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24511-2
Schlagwörter: Krankheit

Eine Geschichte vom Überleben

Erst ist die Pest nur ein Gerücht aus weit entfernten Ländern, eine Strafe Gottes für die dortigen Sünder. Doch plötzlich ist sie in London, dann in York und rückt dem Dorf Ingleforn, wo die 14-jährige Isabel mit ihrer Familie lebt, immer näher. Angst macht sich breit und mit den Flüchtlingsströmen ziehen auch Prediger und Quacksalber durchs Dorf. Steckt man sich wirklich mit der Pest an, wenn man einem Erkrankten in die Augen schaut? Schützt der Rauch von Rosmarin vor einer Ansteckung? Weil Isabels Familie zu den Leibeigenen gehört, kann sie nicht vor der Pest fliehen. In dieser bedrohlichen Situation versuchen Isabel und ihr Freund Robin, ihre Freundschaft zu bewahren und bald auch die Verantwortung für Isabels jün­gere Geschwister zu übernehmen.
Die britische Autorin Sally Nicholls beschreibt eindringlich, wie die Pest das Zusammenleben der Menschen zerrüttet. Jede und jeder schaut für sich und seine Familie, kaum jemand hilft den Kranken und ihren Angehörigen und selbst Kinder werden ihrem Schicksal überlassen. Nicholls stellt die erste Pestepidemie des 14. Jahrhunderts mit apokalyptischen Zügen dar. Das Mittelalter erscheint dabei als düstere Epoche, geprägt von Aberglauben und Ungerechtigkeit.
Im Schlussteil beschleunigt sich die Geschichte und nimmt mehrere überra­schende, dramatische Wendungen, denen man nicht so recht folgen mag. Das Buch endet mit einem zuversichtlichen Neuanfang: Isabel hat überlebt, ist eine freie Landbesitzerin und hat unter tragischen Umständen erkannt, was sie will und kann.
Silvia Hess

Buch&Maus 2/14, S. 30.

Der Sandengel
Lizzy Hollatko
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2014, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 3-7026-5860-1

Viele Romane für Jugendliche haben sich schon der Aufarbeitung der Apartheid gewidmet. Nur selten ist eine so ergreifende Geschichte entstanden, die dem Genre wirklich gerecht wird. Lizzy Hollatko wurde 1971 selbst in Südafrika geboren und verbrachte dort und in Österreich ihre Kindheit. Heute lebt und arbei­tet sie in Wien. Die Erfahrung aus verschiedenen Kulturräumen führt dazu, dass sie sehr einfühlsam und ohne gän­gige Schwarz-Weiss-Schablonen schrei­­ben kann. Ihre Figuren sind in erster Linie Menschen jeden Alters und werden unabhängig von ihrer Hautfarbe charakterisiert.
Südafrika, Anfang der 1980er-Jahre: Das Land ist geprägt von der gesetzlichen Rassentrennung. Die weissen Schwestern Rut, Liv, Fee und Emma leben mit ihrer Mutter am Rand einer südafrikanischen Grossstadt. Die Kinder müssen täglich erfahren, wie sich die Trennlinie zwischen den Rassen durch ihr Leben zieht. Räumlich ist es die Böschung der Bahn­geleise und der Zug, der den Schwarzen «vorbehalten» ist und vor den Augen der Kinder vorbeifährt. Wie im Jugendroman der Südafrikanerin Linzi Glass «Die Farben der Freundschaft» solidarisiert sich die weisse Mutter, die hier eine Malerin ist, mit der schwarzen Bevölkerung und versucht so, Gräben zu überwinden. Die Einstellung der Mutter prägt auch die Kinder und Rut sehnt sich nach der Auflösung der unsichtbaren Grenzen, denn sie be­wun­dert den schwarzen Jungen Jacob und wird sich ihrer eigenen Hautfarbe bewusst: «Zum ersten Mal wünschte ich mir schwarz oder wenigstens eine Coloured zu sein.» Ihre Schwester Liv ersehnt, was alle Kinder denken, träumen und suchen: Einen Ort ohne Trennung, Verbotsschilder und Hintereingänge! Ein Buch, das sich für den Einsatz in der Schule aufdrängt.
Roger Meyer

Buch&Maus 2/14, S. 31.

Alle Augen auf dich
Gina Mayer
Verlag: Script5, Publiziert: 2014, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 3-8390-0165-X
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Myriam Bellinger, Star der mässig erfolgreichen Internetserie «Missing», wird entführt. Auf der Fanpage erscheinen Videos, die ihren sich stetig verschlechternden Zustand zeigen.
Die Forderung: Das Lösegeld von 2 Mil­lionen Euro soll per Crowdfunding fi­nan­ziert werden. Innert weniger Tage türmen sich Spenden und Kommentare der aufgeregten Fans.
Die Verdächtigen: Mitbewohnerin Lily, die schon in der Schule durch aggressives Verhalten auffiel und eine Affäre mit Myriams Freund Jo hatte, einem erfolglo­sen Drehbuchautoren mit Suchtproblem. Serienproduzent Erik Holm, dessen Strea­mingzahlen und Einnahmen nach der Ent­­führung in schwindelerregende Hö­hen klettern. Dessen Partnerin, die von Eifersucht zerfressen wird. Und nicht zuletzt Myriams frömmlerische Familie.
Die Ermittlerin: Hauptkommissarin Amélie Fröhlich, anfang 30. Die voller Wut ist auf ihren misogynen Chef, der sie abkan­zelt, weil sie nicht in sein Frau­chen­schema passt. Die den Schwanger­schafts­test in ihrem Badezimmer nicht ansehen will, weil ihr davon noch schlech­ter wird. Die zwischen Klo und Verhören hin- und herhetzt, um hinter die Fassaden zu blicken. Und uns mitnimmt auf eine Reise durch höchst interessante Biografien.
Gina Mayer erzählt direkt, schnör­kellos, und ihr Roman hält das Verspre­chen, das die Anlage verheisst. «Alle Augen auf dich» ist ein Krimi für junge Erwachsene, der nicht nur bis zum Ende spannend bleibt: Er bietet auch eine inte­ressante Gesellschaftsanalyse, die we­niger mit dem vielleicht des­truktiven Potenzial neuer Reality-TV-Formate als mit den Ge­­­schle­chter­verhältnissen und -hierarchien zu tun hat, die unsere sozialen, ökonomischen und medialen Strukturen durchziehen. Und er porträtiert eine aussergewöhnliche Kommissarin, die gegen diese Strukturen kämpft und dabei nie auf ein bestimmtes Frauenbild reduziert wird.
Manuela Kalbermatten

Buch&Maus 2/14, S. 31.

Quantic Love
Sonia Fernández-Vidal
Verlag: Hanser, Publiziert: 2014, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24625-6
Schlagwörter: Wissenschaft | Liebe

Laila ist sehr klug und sehr brav. Und doch wagt die 18-Jährige den Sprung aus Sevilla nach Genf. Sie will in den Ferien am CERN – dem Europäischen Kernforschungszentrum jobben – als Kellnerin in der Cafe­teria. Alessio, ein Schweizer Jour­nalist zeigt ihr, wie ein guter Cappuccino entsteht und Brian, ein US-amerikanische Jung­forscher und Guide, wie der grösste Teil­chenbeschleuniger der Welt funk­tioniert.

Bei der offiziellen Führung durchs CERN trifft ein Kommentar ins Schwarze – Brian errötet: «‘Ich denke, eine Kraft haben Sie verges­sen’, unterbrach ihn die ältere Dame mit einem breiten Lächeln. ‘Die stärkste Kraft von allen haben Sie nämlich nicht genannt: die Liebe’». Diese Kraft bekommt Laila zu spüren, sie ist hin- und herge­rissen zwischen den anziehenden Polen Alessio und Brian. Nach der Arbeit mischt sie sich mit zunehmender Lust unter das bunte, internationale CERN-Völkchen. Physikalische Versuche mit der Mikro­welle von Zimmergenossin Angie, einer Sommerstudentin, sind ebenso angesagt wie wilde WG-Partys. Die Klassenbeste Laila ist mit ihrem Notizbüchlein dabei, aber auch mit dem Herzen. An wen wird sie es verlieren?

Präzise und unterhaltsam lässt die Autorin, die selbst wissenschaftlich am CERN arbeitet, Laila erzählen: vom CERN als Geburtsstätte des World Wide Web, neuesten Forschungen um superschnelle Neutrinos oder Motorrad-Spritztouren um den Genfer See. So wirken die vielen Anekdoten um WissenschaftlerInnen, Quanten und Kometen ebenso authentisch wie Lailas energiegeladene Gefühlswelt. Ein parallel angelegter Spannungsbogen lädt die Love-Story zusätzlich auf: Laila findet in Brians Mappe Berechnungen auf CIA-Papier. Woran forscht er wirklich? «Quantic Love» vermittelt leiden­schaft­lich, welche Kräfte bei der grossen Liebe frei werden können.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 2/14, S. 31.

Zertrennlich
Saskia Sarginson
Aus dem Englischen von Jessika Komina und Sandra Knuffinke
Verlag: Script5, Publiziert: 2014, Seiten: 416, ISBN/ISSN/EAN: 3-8390-0152-3

Die Autorin Saskia Sarginson hat ihre Kind­heit in Suffolk an der Ostküste Englands verbracht. Hier, zwischen Kieferngehölz und dem rauen Meer, lässt sie auch ihre Protagonistinnen, die Zwil­linge Viola und Isolte heran­wach­sen. Es ist eine wilde Jugend voller Sagenge­stal­ten und Abenteuer. Mit den Zwillings­brü­dern John und Michael bilden sie ein Vierer-Gespann, das wie Pech und Schwe­fel gegen den Rest der Welt zusam­men­hält. Denn so frei und ungezwungen ihre Tage auch sind: Glücklich sind sie nicht. Alle vier gelten in der Dorfschule als Aus­sen­seiter, Viola und Isolte wegen ihrer dem Alkohol und wech­seln­den Männern zuge­neigten Hippie-Mutter, die Jungs aufgrund ihres von häuslicher Gewalt gepräg­ten Hin­ter­grunds. Als ein unschuldiger Streich zu einer schrecklichen Katastrophe führt, zerbrechen sowohl die Freund­­schafts- als auch die Geschwisterbande.
Saskia Sarginson gelingt es in ihrem De­bütroman mühelos, ihre LeserInnen die schmale Grenze spüren zu lassen, auf der sich diese Pubertierenden bewe­gen: zwischen Elend und Würde, zwischen Hilflosigkeit und Prahlerei, zwischen Roh­heit und Liebeshunger. Sie erzählt auch, wie schwierig es ist, Einsamkeitsgefühle zu teilen, selbst mit der eigenen Zwillingsschwester. Fünfzehn Jahre nach dem düs­teren Zwischenfall, der gleichzeitig das Ende ihrer Kindheit markiert, sind Viola und Isolte einander fremd gewor­den. Die eine versucht, ihrer Vergan­genheit durch Rückzug und Magersucht zu entfliehen, die andere stürzt sich umso verbissener ins Berufsleben. Abwechselnd berichten sie nun ihre Geschichte und eröffnen da­bei zwei völlig unterschiedliche Perspek­tiven auf das Geschehene. Der Reiz dieser Erzählweise liegt darin, dass man nicht weiss, wem von beiden man glauben soll, und beginnt, seine eige­ne Version zu ent­werfen. Subtiler kann man kaum in eine Romanhandlung hineingezogen werden.
Alice Werner

Buch&Maus 2/14, S. 32.

Funny Girl
Anthony McCarten
Aus dem Englischen von Manfred und Gabriele Kempf-Allié
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2014, Seiten: 375, ISBN/ISSN/EAN: 3-257-06892-4

Anthony McCartens Bücher richten sich nicht gezielt an Jugendliche. Wohl aber schreibt der Neuseeländer über das Leben von Jugendlichen, und das mit einer zu allen Lesealtern sprechenden Scharfsinnigkeit, Sensibilität und Komik. Vom todkranken 14-jährigen Comiczeichner Donald, der sich in «Superhero» seinen MiracleMan schafft, über Tracy, die in «Englischer Harem» einen zweifach verheirateten Iraner ehelicht, bis zu den angeblich von Aliens geschwängerten Teenagern in «Liebe am Ende der Welt» arbeiten sich seine Figuren mit Energie, Kreativität und einer gesunden Wut am Leben ab; alle spre­chen nach der Lektüre über den Text hinaus in ihrem eigenen Ton weiter.
Azime, einfach nur Azime, wie sie sich auf der Bühne nennt, ist eine Königin dieser trotzigen Existenzen. Zwanzigjährig und Tochter kurdischer Einwanderer, lebt sie im Londoner Viertel Green Lanes, wo die Arbeitslosenquote bei 70% liegt. Dazu verdammt, im Möbelgeschäft ihres Vaters die Bücher zu führen und sich mit heiratswilligen Männern zu treffen, findet sie ihren eigenen Weg des Widerstands: Als erste muslimische Komikerin baut sie, verborgen unter einer Burka, eine Brücke zwischen den Kulturen.
«Ein guter Witz verwandelt uns aus dem Stand in eine Familie», sagt Azimes Comedy-Lehrerin Kirsten. Und die Idee, dass Lachen Gemeinschaft fördert, ohne Differenz zu negieren, liegt sowohl Azimes Erfolg als auch der Poetik des Roman zu Grunde. In einer gewagten Verbindung von Tragik und Hu­mor bringt er die alltägliche Gewalt an Frauen, den Fremdenhass unserer Zeit und die Anschläge auf die Londoner U-Bahn mit der Identitätssuche einer jungen Muslimin zusammen. Und fragt bei aller liebevollen Überzeichnung der Figuren unermüdlich, welche Mittel uns helfen können, als echte multi­kulturelle Ge­mein­schaft zu leben. Azimes Antwort ist das Lachen. Und das ist ansteckend und widerständig zugleich.
Manuela Kalbermatten

Buch&Maus 2/14, S. 32.

Nur 1 Tag
Martin Baltscheit
Verlag: Oetinger audio, Publiziert: 2014, ISBN/ISSN/EAN: 3-837-30764-6
Schlagwörter: Freundschaft | Tod/Trauer | Tiere

«Sie ist ja sooo süss!», hauchen sich der Fuchs und das Wildschwein zu, als sie die kleine, bezaubernde Eintagsfliege beim Schlüpfen beobachten. Eigentlich wollen sie lieber gleich abhauen, denn sie ahnen den Kummer, der ihre kurze Lebensdauer bereithält, schon voraus. Doch die kleine Fliege hat sie bereits entdeckt und erzählt ihnen bald freudig von ihren Plänen: einen Beruf ergreifen, heiraten, Sprachen ler­nen. Fuchs und Wildschwein bringen es nicht über das Herz, die Fliege über ihre begrenzten Aussichten aufzuklären.
Kurzentschlossen drehen sie den Spiess um und behaupten, der Fuchs sei es, der nur noch einen Tag zu leben habe. Ihr Plan geht auf: Die Eintagsfliege gibt sich ins Spiel und macht mit beim inszenierten Leben im Schnelldurchlauf: Schule, Hühner ja­gen, Geburtstag feiern, Kinder kriegen, alt werden – alles in wenigen Stunden. Denn wie die kleine Fliege fest entschlossen deklamiert: «Glück, das hat jedes Lebe­wesen verdient! Und wer nur einen Tag hat, der braucht das ganze Glück in 24 Stunden.»
So verlebt die Eintagsfliege den glücklichsten und zugleich einzigen Tag in ihrem Leben. Der Fuchs und das Wildschwein bleiben bei ihr und singen ihr auch noch das Gute-Nacht-Lied, als ihre Kräfte schwinden. Wer solche Freunde hat, der braucht den Tod nicht zu fürchten. Ein Carpe Diem in Reinkultur – nachdenklich und humorvoll.
Die kluge Geschichte vom Leben und Sterben, von echter Freundschaft, von Optimismus und dem Recht auf Glück war schon als Kindertheater überaus erfolgreich. Jetzt gibt es das Stück auch als Hörspiel, in dem Autor Martin Baltscheit neben der Regie auch eine Sprechstimme übernommen hat.
Elisabeth Eggenberger

Buch&Maus 2/14, S. 32.

Forschen, Bauen, Staunen von A bis Z
tinkerbrain
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2014, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-75370-0
Schlagwörter: Sprachspiel | Kreativität | Forschen

26 Forscherbücher zu 26 Themen – eine kleine Bibliothek für Neugierige und EntdeckerInnen hat das Künstlerinnen-Duo tinkerbrain (Anke M. Leitzgen und Gesine Grotrian) hier zusammengestellt. Klein­for­ma­tige Bände, die zum Basteln, Verstehen, Inszenieren und Spielen anregen und versuchen, komplexe Zusam­men­hän­ge greif­bar zu machen. Etwa im Band «W» wie «Wetter», wo gezeigt wird, wie man mittels einer PET-Flasche, Streichhölzern und Wasser eine Wolke erzeugen kann oder auf die Frage «Was haben Autos mit Treibhausgasen zu tun?» mit Ein­mach­gläsern, Thermometer, Essig und Backpulver dem Treibhausgas-Effekt auf die Spur kommt. Sinnliche Erfah­rungen und Erkenntnis hängen eng zusammen: Im Band «X» wie «XXL» lernt man, riesige Seifenblasen herzustellen, in Heft «D» wie «3D», wie mit Pflanzen Graffiti entstehen. Ganz den Sinnesorganen wid­met sich Heft «I» wie «Ich», unter anderem mit einer Anregung zum Verwöhnen des Geruchsinns.

Ob Experiment oder Spiel, jedes Kapitel beginnt mit einem kurzen, leicht ver­ständ­lichen Einführungstext, gefolgt von einer Erklärung zum Experiment oder zur Herstellung des Objekts. Wie’s geht, zeigt schliesslich eine Foto­sequenz mit klaren Erläuterungen. Die einfachen Anwei­sun­gen in einer eigens für diese Reihe entwor­fenen handschriftähnlichen Druckschrift ermöglichen schon Leseungeübten den Einstieg in die Lek­türe. Und dass alle Expe­rimente und Bastelarbeiten mit Ma­te­ri­alien umgesetzt wer­den, die in jedem Haushalt zu finden sind, fördert das Nachahmen. Dieses Konzept hat aber auch sei­nen Preis. Nicht jeder Sachverhalt kann präzise wiedergegeben werden, einfache Bilder verleiten zu falschen Vorstellungen. Das tut der Sache aber wenig Abbruch. «For­schen, Bauen und Staunen von A bis Z» ist ein kreatives Feuerwerk sondergleichen. Es wird auch Lehrpersonen vom Kindergarten bis zum Ende der Pri­mar­schule begeistern, die auf der Suche nach tollen Ideen für den Sachunterricht sind.

Christine Tresch
Buch&Maus 2/14, S. 33.

Jane, der Fuchs und ich
Fanny Britt, Illustration: Isabelle Arsenault
Aus dem Französischen von Ina Pfitzner
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2014, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 3-943143-91-1
Schlagwörter: Schule | Aussenseiter:in/Mobbing

Die Geschichte ist nicht neu: Ein Mädchen, Hélène, wird von den anderen als übergewichtig verspottet, die ganze Klasse mei­det sie, und je länger das andauert, desto mehr verinnerlicht das Mädchen den Spott und glaubt an ihr Übergewicht – ihr Elend ist gross. Und dann droht noch das Klassenlager, für Hélène der Inbegriff der Hölle. Sie flieht – in die Welt der Bücher und taucht in das Leben von Charlotte Brontës «Jane Eyre» ein, das sie ihrem eigenen Leben gegenüberstellt. Die Geschichte der kanadischen Schriftstellerin Fanny Britt ist weitgehend autobiographisch und wur­de von der Illustratorin Isabelle Ar­se­nault auf kongeniale Weise umgesetzt. Für beide war es der erste Comic – und sie wur­den dafür mit Preisen ge­radezu überhäuft.
Zu Recht, denn das alltägliche Drama vermittelt einen sehr direkten, geradezu schmerzhaften Einblick in die Gefühlswelt eines gemobbten Teenagers – und bleibt dabei immer in der Perspektive des Opfers, das übrigens, wie die Zeichnungen Isa­belle Arsenaults nahelegen, alles andere als dick ist. Die Aussage liegt denn auch hauptsächlich in den Bildern: Schmutzig sind sie, bräunlich, grau und schwarz, und die Körperhaltung Hélènes – der hän­gende Kopf und die hängenden Schultern – machen ihre Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit sichtbar. Im Kontrast dazu steht die Welt von «Jane Eyre»: Sie ist genau und sauber gezeichnet und von kräftigen, war­men Farben durchdrungen. Als sich Hélène dank einer neuen Freundschaft traut, den Teufelskreis von Zurückwei­sung und Rück­zug zu durchbrechen, kehren auch die Farben allmählich in ihren Alltag zurück.
Mobbing wurde in den letzten Jahren auch im Comic zum Thema, doch wurde es nie so einfühlsam, schonungslos und po­etisch zugleich verarbeitet wie in «Jane, der Fuchs und ich».
Christian Gasser

Buch&Maus 2/14, S. 33.

So weit oben
Susanne Strasser
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2014, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0498-7
Schlagwörter: Humor/Komik | Tiere

Ratlos steht der kleine Bär vor dem hohen Haus und erliegt der Verlockung des Kuchens, der so schrecklich weit oben im geöffneten Fenster steht – fast haben wir seinen frischen Duft in der Nase. Da kommt glücklicherweise das Schwein und springt – schwups – auf den Bären. Doch der Kuchen ist immer noch viel zu weit oben. Hund, Hase, Huhn und auch der Frosch helfen bei der sportlich-wackligen Kuchenräuberleiter. Aber noch immer befindet sich der feine Gugelhopf aus­ser Reichweite. Da taucht ein Kind auf – allerdings nicht bei den Tieren, sondern oben im Fenster – schnappt sich den Kuchen und schliesst das Fenster. Vor Schreck purzeln die Tiere alle auf den Boden. Umso schöner, wie auf der letzten Seite die Haustür aufgeht und das Kind den Kuchen allen anbietet.
Das überhohe Format des Pappbuches ist mitentscheidend für den Lesespass dieser einfachen Reihengeschichte von Susanne Strasser. Es macht buchstäblich erfassbar, wo das Problem liegt – an der Höhe des Hauses nämlich. Die Vertikalbewegung in den Illustrationen wird zusätzlich kontrastiert durch die Hori­zontal­bewegung eines kleinen Vogels, der über die feinen Stromleitungen von Seite zu Seite näher an das Haus heranrückt und so für eine kleine, witzige Überraschung am Ende sorgt. Durch die repe­titive, erwartbare Anlage der Geschichte und des Bildaufbaus kann man sich beim Betrachten ganz den Tieren, vor allem ihrer Mimik, ihren interessanten, auf jeder Seite variierten Verrenkungen beim Stapeln widmen. Staunen, Lachen und Überraschungen sind garantiert.

Barbara Jakob
Buch&Maus 3/14, S. 24.

Dirk und Birk und dazwischen das Meer
Maria Nilsson Thore
Aus dem Schwedischen von Andrea Lüthi
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2014, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-280-03479-8
Schlagwörter: Freundschaft

Zu den mutigen Helden der Meere, die sich gegen Piraten beweisen oder nach versunkenen Schätzen tauchen, können sich die beiden spitzohrigen Felltiere, oder besser Faultiere aus Maria Nilsson Thores Geschichte gewiss nicht zählen – für kühne Taten sind sie viel zu träge. So kommt es, dass Dirk und Birk auf zwei nur einen Steinwurf voneinander entfernten Inseln im Ozean sitzen, aber zu bequem sind, den schmalen Meerstreifen dazwischen zu überwinden. Dabei könnten sie mit ein bisschen Effort gemeinsam Federball spielen, Schlager singen und selbstgeangelte Fische braten. Zu zweit, das merken sie irgendwann, wäre ihnen auch nicht so traurig ums Herz. Also raffen sich Dirk und Birk eines Abends auf und laden sich per Post gegenseitig zu einem Besuch ein. Die Freude ist auf beiden Seiten gross. Doch Dirk denkt, dass Birk kommt, und Birk denkt, dass Dirk kommt. «Die Stunden vergehen. Aber keiner bewegt sich. Sie warten und warten – und bleiben allein.»
Die emotionalen Bilder der schwedischen Illustratorin machen das Dilem­ma der beiden Charaktere deutlich. Kurz vor der überraschenden Wendung, sehen wir die beiden Inseln noch einmal aus der Ferne, vom dunklen Meer umtost unter einem regenverhangenen Himmel. Links späht Birk sehnsüchtig aus der Luke seines Leuchtturms, rechts zeichnet sich Dirks Silhouette hinter dem erleuchteten Fenster seines Häuschens ab.
Alles geht gut aus: Plaudernd fläzen Dirk und Birk nun gemeinsam vor einem gemütlichen Feuer. Kleine BilderbuchleserInnen werden erleichtert sein, dass das Glück den beiden unter die Arme gegriffen hat. Im richtigen Leben, das lernen sie, muss man sich für Freundschaften auch ein wenig anstrengen.

Alice Werner
Buch&Maus 3/14, S. 24

Frieda tanzt
Birgitta Sif
Aus dem Englischen von Sophie Birkenstädt
Verlag: Aladin, Publiziert: 2014, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0084-8
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein

Bis zum vergnügten Tanzfest im Park, das wir auf der letzten Doppelseite sehen, war es ein langer Weg für die sensible und schüchterne Frieda. Das naturverbundene Mädchen steht im Zentrum von Birgitta Sifs neuem Bilderbuch. Die isländische Illus­tratorin und Autorin hat im letzten Jahr mit «Oliver» ein beachtenswertes Debüt vorgelegt.
Frieda liebt es zu tanzen, allerdings nur, wenn gerade keiner schaut. Doch eines Tages begegnet sie – dank einiger bunter Vögel – glücklicherweise einem anderen Mädchen, das ohne Hemmungen vor sich hin singt, obwohl Frieda in der Nähe ist. Nun hat sie ein Vorbild und traut sich endlich, vor allen zu tanzen!
Birgitta Sif nimmt sich bei ihrem wohltuenden Erzählen Zeit für die Gefühle und Empfindungen des kleinen Mädchens. Ähnlich feinfühlig wie die sehr diffe­renzierte und von aussergewöhnlich ge­nau­em Gespür zeugende Farbauswahl gelingt ihr auch die Präsentation ihrer sympathischen Hauptfigur. Vor allem überzeugen aber ihre Illustrationen und die abwechslungsreiche Seitenges­tal­tung. Birgitta Sif erstellt dafür zunächst kleine Skizzenbücher, später koloriert sie ihre fantasievollen Zeichnungen am Computer. Dabei beeindruckt die Leben­digkeit, der treffsichere Bleistiftstrich und kleinste, charmante Details, die vor allem auf den doppelseitigen Wimmelszenen mitunter erst beim zweiten Betrachten wahrgenommen werden. Die Figuren­zeichnungen sind ausdrucksstark – ganz gleich ob bei Tieren oder Menschen. Überzeugend ist auch die Botschaft des Bilderbuches: Steh zu deinen Leiden­schaften und Herzenswünschen und sei mutig!

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/2014, S. 24

Sechs Männer
David McKee
Aus dem Englischen von Thomas Bodmer
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2014, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10248-6
Schlagwörter: Krieg

Syrien, Russland, Nigeria, Iran, Afghanistan, … – Meldungen über kriegerische Auseinandersetzungen, Anschläge und nicht enden wollende Flüchtlingsströme sind ein ebenso fester wie trauriger Bestandteil der Nachrichten und somit auch des Alltags unserer Kinder. Wie entsteht Krieg? Mit «Sechs Männer» versucht David McKee diese Frage zu beantworten.
«Es waren einmal sechs Männer, die reisten durch die Welt auf der Suche nach einem Ort, wo sie in Frieden leben und arbeiten könnten», beginnt der 1935 geborene Illustrator seine parabelhafte Geschichte, an deren Ende wiederum «sechs Männer (…) auf jeder Seite» stehen, «die kehrten einander den Rücken zu und reisten durch die Welt auf der Suche nach einem Ort, wo sie in Frieden leben und arbeiten könnten …» Dazwischen rund vierzig Seiten, die von Aufschwung und wachsen­dem Wohlstand erzählen, aber auch von der Angst, die gewonnenen Reichtümer wieder zu verlieren, von Fremden geraubt zu bekommen. Von Soldaten, die das verhindern sollen. Von der Gier nach mehr und immer mehr. Dem berauschenden Gefühl von Macht. Einer immer grösseren Zahl von Soldaten. Und einer gigantischen Schlacht, die keiner überlebt. «Ausser sechs Männern auf jeder Seite, die kehrten einander den Rücken zu und reisten durch die Welt …»
Mit den Geschichten um den kunter­bunten Patchwork-Elefanten «Elmar» hat McKee Abertausende von Kinderherzen erobert. Der Kontrast könnte kaum grös­ser sein: In «Sechs Männer», das 1972 im Original erschien, zeichnet er ausnahmslos mit schwarzer Tusche auf weissem Hintergrund. In wenigen, einfachen Sätzen und kunstvoll reduzierten Zeich­nungen wird eine zeitlose, auch aufgrund ihrer Schlichtheit tief bewegende Geschichte darüber erzählt, wie Kriege entstehen. Ein beeindruckendes Bilderbuch mit Gesprächspotenzial.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/2014, S. 25

Mein Vater, der Pirat
Davide Calì
Aus dem Italienischen von Edmund Jacoby
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2014, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-942787-39-0

Während meiner Kindheit war mein Vater weit weg. Nur einmal im Jahr kam er nach Hause. Er roch nach Meer, mein Vater. Denn er war ein Pirat» – So spannend beginnt Davide Calìs Ich-Erzähler seine Geschichte und der preisgekrönte Illustrator Maurizio A.C. Quarello setzt die kind­lichen Abenteuerfantasien mit leichtem Farbstiftstrich in Szene: Schatz­karten, Palmeninseln, Schnappschüsse wie Filmplakate in Sonnenuntergangs-Orange, ein mächtiges Segelschiff, vor allem aber Porträts der wilden Piraten. Da ist der stumme Tätowierte, der Zieh­harmonika spielende Figaro, der kochende Tobacco – harte Kerle mit Ecken und Kanten, über die der Vater soviel zu berichten weiss.
Dann wird die Welt – und mit ihr die Illustrationen – plötzlich grau: Neun Jahre alt ist der Sohn, als er mit seiner Mutter übereilt gen Norden reist: Gab es ein Unglück auf hoher See? Ist Papa tot? Aber warum fahren sie nicht ans Meer, sondern ins platte Belgien? Eine gewaltige Enttäuschung: statt eines stolzen Dreimasters ein Bergwerk mit schäbigen Baracken, der Vater kein Pirat, sondern nur ein Bergmann. Alles Lüge! Die Bilder zoomen diese Momente nah heran, der Text kommentiert und reflektiert den Abschied von der Kindheit fast nüchtern.
Dass es trotzdem noch Versöhnung gibt, macht diese Vater-Sohn-Geschichte so vielschichtig wie berührend: Jahre später reist die Familie zur Zechenschliessung nochmals nach Belgien – und auf einmal ist alles da: Die Mannschaft, die sich jeden Tag mutig in Gefahr begab, ihre Solidarität und Hoffnung. Und damit auch wieder der Piratenvater, dessen Lüge das Geschenk eines Lebenstraumes war… Ein bewegendes Buch, grossartig illustriert.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/2014, S. 25

Der Bär, der nicht da war
Oren Lavie, Illustration: Wolf Erlbruch
Aus dem Englischen von Harry Rowohlt
Verlag: Kunstmann, Publiziert: 2014, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-88897-970-5

«Es war einmal ein Juckreiz.» Er kratzt sich an einem Baum und plötzlich steht da, wo einmal ein Juckreiz war, ein Bär. Ein liebenswürdiger Bär, den wir nun bei seiner Identitätssuche durch den Wald begleiten. Der Bär nämlich findet in seiner Tasche einen Zettel. «Bist du ich?», steht darauf. Drei Hinweise helfen ihm bei der Beantwortung dieser nicht ganz einfachen Frage: «1. Ich bin ein netter Bär. 2. Ich bin ein glücklicher Bär. 3. Ausserdem sehr hübsch.» So zieht er nun aus, zu erkunden, ob er dieser nette, glückliche und hübsche Bär sein könnte.
Mit einer feinen und subtilen Komik, die an seinen Artgenossen Winnie the Pooh erinnert, unterhält sich der Bär mit den Waldbewohnern und lernt sich selbst dabei kennen. Glücklich machen ihn beispielsweise die Blumen, die er lieber beschnuppert, als sie zu zählen, wie das der Vorletzte Vorzeige-Pinguin macht. Oder wie der Bär es gedanklich formuliert: «Blumen sind schöner als sie 38 sind.»
Und dann, nachdem das Schildkrötentaxi ihn immer geradeaus geführt hat (und sich dabei verirrt hat, aber das gehört dazu, wenn man nach geradeaus will), kommt der Bär zum Haus des Bären, der nicht da war und der er wohl selbst ist. «Und er trat leise ein, um sich nicht aufzuwecken.»
Was für eine herrlich skurrile Selbstfindungsgeschichte des Israeli Oren Lavie! Wolf Erlbruchs Illustrationen auf gelbem Papier machen den Bären gleich noch liebenswürdiger, denn sein breites mit festem roten Kreidestrich gemaltes Grinsen zeigt: Hier ist einer zufrieden mit sich selbst.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/2014, S. 25

Der kleine Fischer Tong
Chen Jianghong
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Verlag: Moritz, Publiziert: 2014, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-284-4
Schlagwörter: Freundschaft | Familie/Familienformen

Der chinesisch-französische Bilderbuchkünstler Chen Jianhong, der für «Der Tigerprinz» 2005 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wur­de, tut auch in seinem neuen Bilderbuch das, was er am besten kann: In Bildern von künstlerischer und emotionaler Wucht erzählt er eine hochdramatische Geschich­te, die uns zugleich fremd und nah erscheint.
Der kleine Fischer Tong lebt allein am Meer. Auf der ersten Doppelseite öffnet Chen einen Raum aus den zwei gegensätzlichen Zonen der globalisierten Welt: Im Vordergrund sehen wir eine Stadt aus Wolkenkratzern, im Hintergrund die einfache Fischerhütte. Tong ist zugleich ein altersloser Fischer und ein Kind, als er an einem stürmischen Tag mit seinem Boot ins Meer hinaussticht. Trotz des Sturms und den Wellen, die ihn umtosen, zieht er doch einen kapitalen Fang an Land: ein Skelett. Hier kippt der elementare Kampf zwischen Mensch und Natur in eine Horrorgeschichte, doch auch das nur für einen Moment. Das Skelett ist nicht gekommen, um Tong in Angst und Schrecken zu versetzen. Es ist gekommen, weil es eine Familie braucht.
Auf der ästhetischen Ebene schafft Chen Jianhong eine einzigartige Verbindung von traditioneller chinesischer Malerei und Comic-Verfahren – während die Wellen von der Kunst des perfekten Tuschestrichs zeugen, schaut uns Tong mit fast schon manga-artig grossen Augen an. Diese Brücke zwischen asiatischer und westlicher Kultur spiegelt sich in seiner spezifischen Verwendung mythischer Stoffe von existentieller Tiefe, die überall auf der Welt verständlich sind.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/2014, S. 26

Zubert
Charlie Sutcliffe
Aus dem Englischen von Susanne Koppe
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2014, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0500-6

Welch grandioses Bilderbuch-Debüt! Was der britische Illustrator Charlie Sutcliffe so versponnen wie versiert auf doppelseitige Wimmelbilder bannt, ist wirklich aussergewöhnlich: Bezaubernd, seine nostalgische Manga-Ästhetik, die Details mit schwarzen Konturen herausschält, opulente Räume mit Tiefenwirkung schafft und dabei immer wieder Bonbonfarbenes mit Knalligem oder Grau-in-Grau kontrastiert. Vor allem aber begeistert die überschäumende Fantasie: Seltsame Tierchen, Buchstaben auf Beinen, kleine Geschichten mit Sprechblasen, die filigran zwischen die Figuren gestrichelt werden, erweitern den eigent­lichen Erzählstrang um viele Nebenschauplätze und stiften zum Entdecken und Immer-wieder-Angucken an.
Verspielt ist hier nicht nur der Zeichenstil, auch die Story ist bester Tagtraumstoff. Denn während Zubert mal wieder seine Mutter beim Blumenausliefern ins Savoy begleitet, passiert Unglaubliches: Ein Schwirrschwarm gestreifter, geflügelter Zwingelzwangels braucht Zuberts Hilfe, weil die Hotelinspektoren im Anmarsch sind und überall das grosse Chaos herrscht. Und richtig: Eine Herde Blaubüffel trampelt durch das Foyer, eine Horde frecher Affen tobt in der Luxus-Suite, im Swimmingpool badet ein riesiger Krake und in der Küche veran­staltet ein Elefant Tohuwabohu. Gut, dass Zubert die rettenden Ideen hat und gut, dass die Zwingelzwangels ihm nicht nur ein Paar Super-Flügel anheften, sondern auch zaubern können. So ist im allerallerletzten Moment doch noch alles tipptopp… Als Leckerli gibt´s am Ende des Buches einen Setzkasten mit all den Fundsachen, die auf den Wimmelseiten versteckt sind. Rasantes und witziges Trickfilm-Buchkino!

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/2014, S. 26

Ritter Wüterich und Drache Borste büxen aus
Annette Langen
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2014, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10214-1
Schlagwörter: Freundschaft

In «Ritter Wüterich und Drache Borste» freundeten sich der kleine Ritter Wüte­rich und das Drachenkind Borste durch einen glücklichen Zufall an – jetzt wollen sie sich wiedersehen! Gar nicht so einfach, in einem von Angst vor Drachen geprägten Burghaushalt und der vor kampfes­lustigen Rittern zitternden Drachen­familie. Als die zwei Mütter – die holde Hilde und die feuerrote Drachen­mama – von der Freundschaft erfahren, setzen sie ihr unabhängig voneinander ein vorzeitiges Ende: Burgarrest für Wüterich und Ritterverbot für Borste! Aber da kennen sie ihre Söhne schlecht, denn «Ritter Wüterich und Drache Borste büxen aus»: So heisst das zweite, herrliche Abenteuer von Annette Langen mit den umwerfend komischen Illustra­tionen von Katja Gehrmann. Allein, wie die holde Hilde dem Ritterjungen beim Anziehen hilft, den Schrauben­zieher in der Hand und die Schrauben zwischen den Lippen … Voller Situationskomik ist auch der Ausbruch des kleinen Wüterich, der eher aus Versehen mit einer Kanone ein Loch in die Burgwand sprengt, durch das er zu Borste entwischen kann. Doch erst müssen die ungleichen Freunde eine Brücke über den Burggraben bauen. Ihr wildes Toben wird von den Burgzinnen und dem Wald aus beobachtet und gründlich missverstanden. Nur die holde Hilde behält den Überblick. Während ihr Hofmaler schon ein Siegesgemälde «Rit­ter bezwingt Drache» anfertigt, überquert sie kurzerhand die wackelige Brücke und lädt die Drachenmama zum Kaffee.
Ein Muss für kleine Drachen- und Ritterfans, das auf einer tieferen Ebene für mehr Toleranz und weniger Angst vor Fremden wirbt. Und der letzte Satz lässt hoffen, dass es bald ein drittes Abenteuer mit den zwei Freunden geben wird.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/2014, S. 26

Kommissar Ping und das Kaugummi-Geheimnis
Christian Seltmann, Illustration: Maria Karipidou
Verlag: Arena, Publiziert: 2014, Seiten: 46, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-70423-4

Lustige Detektivgeschichten

Skurril und vielversprechend sind sowohl das Cover als auch der Titel «Kommissar Ping und das Kaugummi-Geheimnis». Und das Erstlesebuch hält, was es verspricht. Die Story löst exakt den Fall, den der Titel vorstellt, zuzüglich lustiger Details – wie einer Bonbonpapier-Spur – und überraschendem Happy End: Der erst gesuchte und schliesslich gefundene Dieb ist der Zwillingspinguin des Detektivs. Was durch Austausch eines Buchstabens for­mal gespiegelt wird, indem dieser Pong statt Ping heisst. Sinnstrukturen so einfach ansichtig zu machen, dies setzt Christian Seltmann in seiner Geschichte gekonnt um. Im Unterschied zu vielen ErstleseautorInnen weiss er, was er tut und hat seine Zielgruppe – die allererste Lesestufe – gut im Blick. Das zeigen auch Erzählmuster, die in Dialogen und Aufzählungen wiederholt werden: «Er untersucht den Tatort. Die Kakteen glotzen. Die Steine staunen. Die Kamele sabbern.» Oder in der Namensgebung der Figuren: Ping heisst der Pinguin, Karl das Kamel. Was zusammengehört, hat denselben Anlaut. Und so kauen die Kamele Kaugummi und lutschen die Kakteen Karamell-Bonbons. Albern sein und einfach erzählen – das passt gut zusammen!
Das sieht auch die Illustratorin so, denn sie greift den Witz der Textvorlage auf und steckt etwa Detektiv Ping in baye­rische Lederhosen samt Hosenträgern. Einfach gut auch das Layout: viele Bilder, sinnbezogener Flattersatz und eine klare optische Abgrenzung der Ver­ständ­nisfrage zu jedem Kapitel. Die einzige Kritik geht ans Lektorat: «Detek­tiv» und «Kommissar» sind keine Syno­nyme, daher stimmt der Titel nicht. Das ist wohl dem Untertitel «Lustige Detektivgeschichten» geschuldet – man wollte eine Doppelung vermeiden. Gut gedacht, falsch gemacht!

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/2014, S. 27

Der erste Fall
Ulf Nilsson, Illustration: Gitte Spee
Aus dem Schwedischen von Ole Könnecke
Verlag: Moritz, Publiziert: 2014, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-288-2
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Im erzählenden Programm des Moritz Verlages sind schon etliche starke Titel erschienen – von Ulf Nilsson zuletzt «Herz Schmerz». Die Reihe um Kommissar Gordon ist ein neuer, grosser Wurf des grandiosen schwedischen Kinderbuchautors: eine Tiergeschichte, genauer ge­sagt ein Krimi, der im winterlich tief verschneiten Waldbezirk von Kommissar Gordon spielt. Dieser ist eine ältere, sehr erfahrene und etwas einsame Kröte, der es am liebsten ist, wenn gar nichts passiert und immer genug köstliche Muffins und heisser Tee zur Verfügung stehen. Doch ein neuer Fall steht an, und es ist der erste, bei dem Gordon glücklicherweise Verstärkung bekommt: Buffy, eine junge, ehrgeizige kleine Maus steht ihm als Polizeiassistentin zur Seite.
Aber was für eine kriminelle Tat gilt es überhaupt aufzuklären? Eines Abends erscheint ein völlig aufgelöstes Eichhörnchen auf der Wache und erklärt, dass von seinen insgesamt 15 704 im Herbst mühsam gesammelten Nüssen 204 fehlen. Diesen Fall müssen Gordon und Buffy schleunigst lösen!
Gitte Spee nimmt in ihren Illustra­tionen den weisen Gehalt von Nilssons Kriminalgeschichte auf, die für Kinder ab acht Jahren perfekt dosiert ist. Allein schon das Vorsatzpapier mit dem detail­genau gezeichneten Polizeibezirk ist eine extra Erwähnung wert. Inhaltlich begeistert der Text durch Intelligenz und Freundlichkeit und überzeugt sprachlich mit origineller Wortwahl, feinem, subtilem Humor und lebendigen Dialogen. Der zweite Fall von Kommissar Gordon wird, ebenfalls von Ole Könnecke übersetzt, bald auf Deutsch erscheinen.

Antje Ehmann
Buch&Maus 3/2014, S. 27

Lina und Fred
Alice Pantermüller, Illustration: Astrid Henn
Verlag: Arena, Publiziert: 2014, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-70544-6
Schlagwörter: Freundschaft

Ein Bär kennt kein Pardon

Wenn im Hotel zum Bären ein Bär einkehrt, der sprechen kann und ein Zimmer für die Ferien mietet, verwundert nicht, dass er sich kurz darauf mit der Tochter des Hauses anfreundet und die zwei allerlei Unfug anstellen. «Lina und Fred» – so heissen sie und so ist auch das Buch von Alice Pantermüller betitelt. Die Autorin hat für ihre Freundschaftsgeschichte, die genau einen Tag oder vier Streiche lang dauert, ein illustres Paar ausgewählt: hier das unternehmungslustige Kind als Iden­tifikationsfigur, dort der merk­würdige grosse Kerl, der gleich auf den ersten Blick sympathisch wirkt. Astrid Henn hat ihn mit kleinem Kopf, noch kleinerem Hut und riesenlangem Körper gezeichnet, aus dem kurze Bein­chen und winzige Füsse in Socken ragen. Wild, aber harmlos, und klein, aber oho – als Paar haben sie viele berühmte Vorbilder.
Die Geschichte entwickelt sich wie vermutet: Sie tanzen, machen Wettrennen, stibitzen ein Boot und sperren die «garstige Grossmutter» ein, bis Linas Papa den Bär in hohem Bogen aus dem Hotel wirft. Das Ende? Lina und Fred verabschieden sich und danken einander für den wunderbaren Tag. Alles passiert hier genauso, wie man es sich – ganz sen­timental – als LeserIn wünscht, egal, wie unrealistisch oder konstruiert. Dafür ist die Geschichte lustig erzählt und geht zu Herzen. Genau richtig für eine gemütliche Vorlesestunde auf dem Sofa. Dass die einfache Story trotzdem so ansprechend wirkt, liegt vor allem an der schönen Buchausstattung und den bunten Illustra­tionen. Astrid Henn, deren Stil dem von Pija Lindenbaum zum Verwechseln ähnlich ist, zeigt den Witz der Geschichte aus schrägen Perspektiven und gibt ihr so eine subversive Komik. Genau die Portion, die gefehlt hat.

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/2014, S. 28

Mein kleines dummes Herz
Xavier-Laurent Petit
Aus dem Französischen von Bernadette Ott
Verlag: Dressler, Publiziert: 2014, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-1614-1
Schlagwörter: Krankheit

«Mein Herz, mein dummes kleines Herz … Wegen dir kann ich nicht laufen. Wegen dir kann ich nicht laufen, nicht springen, nicht aus dem Haus gehen, nicht mit den anderen spielen, nichts … Wegen deiner dummen Krankheit.»
Sisanda ist anders als andere Kinder. Wenn ihre Freunde an der afrikanischen Dorfschule ausgelassen auf dem Pausen­hof toben, sitzt die Neunjährige ganz ruhig auf ihrem Stuhl im Klassenzimmer und wartet. Ihr Onkel trägt sie jeden Morgen auf dem Rücken zur Schule. Und wenn der trockene Sahara-Wind wieder einmal durch jede Ritze der winzigen Lehmhütte bläst, in der Sisanda mit ihrer Mutter, dem Onkel und der Grossmutter lebt, bekommt sie manchmal so wenig Luft, dass alle Angst haben, sie sterbe. Dann hat Sisanda das Gefühl, «älter zu sein, als meine Grossmutter». Sisanda hat ein schwaches Herz. Seit ihrer Geburt gerät es bei der kleinsten Aufregung oder Anstrengung aus dem Takt und droht stehen zu bleiben. Eine Opera­tion im Ausland könnte helfen. Doch die kostet Geld. Sehr viel Geld. Geld, das Sisandas Familie nicht hat. Da flattert ihrer Mutter, die kaum lesen und schreiben kann, eines Abends eine Zeitung vor die Füsse mit einem Artikel über eine kenianische Läuferin, die bei einem Marathon ein hohes Preisgeld gewonnen hat. Sisandas Mutter, die im Dorf nur Swala, die Antilope, genannt wird, weil sie stundenlang bei Wind und Wetter läuft, läuft und läuft, beschliesst, selbst beim nächsten Kamjuni-Marathon anzutreten. Für Sisanda. Und ihr Herz …
Atmosphärisch dicht, warmherzig und sehr packend erzählt Xavier-Laurent Petit von einem tapferen Mädchen und seiner Familie. Ein weiteres Kinderbuch des vielfach ausge­zeich­neten fran­zösischen Autors, das einen in eine fremde Kultur eintauchen lässt, das berührt und bewegt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/2014, S. 28

Die Schlacht am Morgarten
Annina Michel
Verlag: SJW, Publiziert: 2014, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0654-2
Schlagwörter: Schweiz

Geschichte und Mythos

Die Schlacht am Morgarten steht im Volksmund für den verwegenen Kampf der Eidgenossen gegen eine Habsburger Übermacht. Annina Michel, Leiterin des Bundesbriefmuseums in Schwyz, ergründet in einem grossformatigen, reich­haltig bebilderten SJW-Heft fachkundig die Legendenbildung um dieses Ren­contre vom 15. November 1315. Sie zeigt auf, wie wenig die Geschichtsschreibung wirklich über die Hintergründe der Schlacht und ihren Ausgang weiss: Als wahrscheinlichste Ursache für den Konflikt gilt heute ein Streit unter Adligen in der Region, nicht ausgeschlossen werden kann aber auch, dass einzig die Gier von Schwyzer Bauern und Söldnern nach Reichtum dazu geführt hatte.
Auf alle Fälle verlief der Überfall auf eine kleine Habsburger Heerschar aus dem Hinterhalt wider den Rittercodex der Zeit. Er wäre heute keinen Halbsatz in den Geschichtsbüchern mehr wert, hätte ihn Aegidius Tschudi nicht in seiner Schwei­zer Chronik von 1734 als tapfere Schlacht der Eidgenossen gegen ein Heer von über 9000 Habsburgern dramatisch inszeniert. Wider die dürftige Faktenlage legitimierte der Universalgelehrte so den Kampf gegen schlechte Herrscher, für Gerechtigkeit und Vaterland. Diese politisch fundierte My­tho­­logisierung wurde in der Folge immer wieder neu bemüht: im Sonderbundskrieg genau so wie im 1. und 2. Weltkrieg. Noch 1937 leuchtete Bundesrat Rudolf Minger Morgarten aus der Geschichte entgegen «wie die Morgensonne der Freiheit».
Annina Michel gelingt es, Schweizer Geschichte so anschaulich zu vermitteln, dass sie auch Geschichtsmuffel auf der Sekundarstufe packen wird und den Blick schärft auf das Morgarten-Jubiläum, das nächstes Jahr gross gefeiert wird.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/14, S. 33

Alle da!
Anja Tuckermann, Illustration: Tine Schulz
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2014, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-954701-04-9

Mit Kindern über die Vielfalt von Kulturen, Traditionen und Sprachen zu sprechen, kann ganz schön schwierig sein. Autorin Anja Tuckermann und Illustratorin Tine Schulz aber beweisen jetzt in ihrem grossartigen Bilderbuch «Alle da!», dass das auch ganz leicht geht! Ausgehend von einem kunterbunten Stamm­­baum der Menschheit, dem gut zu entnehmen ist, dass unsere Wurzeln alle irgendwo in Afrika zusammenlaufen, zei­gen sie auf einer Doppelseite zunächst die Gemeinsamkeit aller Menschen weltweit und durch alle Zeiten auf, bevor sie darauf kommen, dass es immer Menschen gibt, die von einem in ein anderes Land reisen – aus den unterschiedlichsten Gründen: Reiselust, Neugier und der Wunsch, seine Fähigkeiten anbieten zu können, stehen wertungsfrei Verfolgung und Armut gegen­über. Das in einer Bildergeschichte vorgestellte Beispiel von Samira aus Syrien zeigt, unter welch verstörenden Umständen manche Menschen in ein anderes Land kommen, und dass sie sich z.B. in Deutschland zwar sicher füh­len können, aber trotzdem unglücklich sind, weil sie ihre Freunde und Familien vermissen. Viel Raum gibt das Buch auch der Muttersprache und sensibilisiert damit vorbildlich für ein Thema, das in den letzten Jahren – zumindest in den Lehrplänen – immer mehr in den Vordergrund gerückt ist. Es erklärt leicht verständlich, wie Vorurteile entstehen, und welch zerstörerische Wirkung sie haben können – und wie einfach es sein kann, aufeinander zuzugehen. Dieses in seiner Art derzeit einzigartiges Buch begeistert. Man darf hoffen, dass es bald Eingang in alle Kindergärten und Schulen hält und dazu anregt, den abschlies­senden Fragebogen als Auslöser für kulturen­über­greifende, integ­ra­tive Projekte zu nutzen.

Maren Bonacker
Buch&Maus 3/14, S. 33

Nanas Liebe
Sonwasibo Ngcowa
Aus dem Englischen von Lutz van Dijk
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2014, Seiten: 188, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0499-5
Schlagwörter: Liebe

Sonwabiso Ngcowa ist ein Schützling des deutsch-niederländischen Schriftstellers Lutz van Dijk. Beide Autoren wohnen im Armenviertel Masiphumelele südlich von Kapstadt. Wie van Dijk, der sich mit The­men beschäftigt, die Südafrikas Alltag bestimmen – Armut, Gewalt oder HIV – greift der 30-jährige ausgebildete Bankkaufmann Ngcowa ein aktuelles, afrikanisches Tabuthema auf: Homophobie. Ende 2013 wurde im Parlament Ugandas ein diskriminierender Gesetzesentwurf verabschiedet, der vorsieht, Homosexu­alität unter Strafe zu stellen. Auch in Nigeria wurde erst kürzlich ein Gesetz verabschiedet, welches gleichgeschlechtliche Ehen verbietet, gleichzeitig wird auch «Geschlechtsverkehr gegen die natürliche Ordnung» im westafrikani­schen Staat mit bis zu 14 Jahren Haftstrafe geahndet. Obwohl die südafrikanische Verfassung sexuelle Minderheiten schützt, gehören Nachrichten über Diskriminierung, Angriffe, Vergewaltigungen (sogenannte «corrective rape»), sogar Morde auch im Land am Kap zum Alltag.
«Nanas Liebe» ist die Geschichte eines Mädchens, das vom Lande und der Grossmutter weg zu ihren Eltern nach Kapstadt, in die Township Masiphumelele zieht. Nana findet dort neue Freunde, ist ihrer Familie wieder nahe und verliebt sich in Agnes, ein Mädchen aus Simbabwe. Doch erst nach einem schrecklichen Ereignis wird das lesbische Liebespaar zumindest teilweise akzeptiert.
Das starke Debut von Newcomer Ngcowa, flüssig und schnörkellos erzählt, macht sich für eine tolerante Gesellschaft stark, die Liebe zwischen Menschen unabhängig deren Geschlechts respektiert. Trotz der eindringlichen Message ist der Roman sehr unterhaltsam und vermittelt vielfältige Aspekte Südafrikas.

Roger Meyer
Buch&Maus 3/14, S. 32

Die Federkette
Hannele Huovi
Aus dem Finnischen von Anu Stohner
Verlag: Hanser, Publiziert: 2014, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24628-2

Literatur aus Finnland ist zur Zeit in aller Munde. Zu Recht, denn in Büchern wie jenen von Hannele Huovi erkennt man die bei uns noch unbekannten Schätze dieser Region. In ihrer Heimat bereits renom­mierte Kinder- und Jugendbuchautorin, präsentiert Huovi in «Die Federkette» eine fantastische Geschichte mit poetischem Tiefgang.
Wir treffen auf Eleisa, die als Tochter reicher Eltern aus dem Reich der Menschen eine besondere Gabe besitzt: Sie versteht die Sprache der Vögel und hat die Macht, diese zu sich zu rufen. Eines Tages geschieht ein Unglück und der Falke, Sohn des Königs der Vögel, verletzt Eleisas Augen, so dass sie nichts mehr sehen kann. Die beiden werden vor dem Gericht der Vögel mithilfe einer ma­gischen Federkette aneinander gebunden. Nur eine magische Quelle kann den Zauber lösen. Durch Eleisa, die die Reise blind antreten muss, schildert Huovi die Wahrnehmungen anderer Sinne und malt so eindrückliche Bilder für die LeserInnen. Die Erzählung wechselt zwischen der Perspektive der meist sanftmütigen Eleisa und jener einer Närrin namens Doppel­gesicht, die zwischen den Welten wandelt und deren Wesen einen Spiegel vorhält, wenn sie es für nötig hält. Das Schicksal von Eleisa und dem hochmütigen Falken erregt ihr Mitleid und sie versucht, den beiden zu helfen.
Aber nicht nur diese sonderbare und abenteuerliche Reise ist Thema der Geschichte. Auch die merkwürdigen Dinge, die derweil im Menschenreich vor sich gehen, steigender Fremdenhass und Krieg kommen zur Sprache. Huovi schafft es, diese Themen subtil und einfühlsam zur Sprache zu bringen und sendet damit eine Botschaft: Das Leben ist ein ständiger Kampf – aber gerade dadurch lebenswert.

Leonie Staubli
Buch&Maus 3/14, S. 32.

Die Seiten der Welt
Kai Meyer
Verlag: Fischer FJB, Publiziert: 2014, Seiten: 556, ISBN/ISSN/EAN: 3-8414-2165-2
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Bei Cornelia Funke heissen sie Zauberzungen, die Menschen, die Bücher beim Vorlesen so lebendig machen können, dass Figuren aus den Seiten heraus in die Wirklichkeit springen – und umgekehrt. In Walter Moers «Die Stadt der Träumenden Bücher» kommen alle möglichen Spielarten von bücherverrückten Wesen vor; unter anderem die Buchlinge, einäugige Gnomen, die sich buchstäblich mit Leib und Seele dem Gesamtwerk eines Autors verschreiben. Am Ende sind sie wan­delnde Bücher.
Jetzt fügt Kai Meyer, einer der produktivsten deutschen Fantastik-Autoren der Gegenwart, der Zauberbuch-Fantasy ein neues Kapitel hinzu. «Die Seiten der Welt» heisst der Roman, der sich um eine junge Biliomantin namens Furia Sala­mandra Faerfax dreht. Bibli­o­mantInnen sind Menschen mit einem angeborenen Talent für Buchmagie; ihre Fantasie ist grenzenlos.
Das mystische Raunen rund um die Zauberkraft der Bücher kennen wir schon seit Michael Endes «Die unendliche Geschichte»; umso störender erscheint es bibliomantisch veranlagten LeserInnen (den Test «Steckt in dir ein Bibliomant?» kann man auf http://seiten-der-welt.de absolvieren), dass Meyers Bücher-Buch sprachlich und erzähltechnisch äusserst konventionell dahinplätschert. Die Dialoge und die Actionszenen sind zu wenig präzise, die Fantasy-Handlung zu vorhersehbar (es gilt, die Bücher zu retten), als dass man sich als Leserin wirklich in bibliomantische Extremzustände hineinsteigern könnte. Schön sind die Ideen rund um die Gestaltung der Bücherstadt Libropolis: zum Beispiel der Aufstand der sogenannten Exlibri, Figuren, die aus Büchern in die Wirklichkeit geraten sind und dort in Ghettos gesperrt werden.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/14, S. 32

Mein Dschinn
Lukas Hartmann
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2014, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-257-01172-2
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie

Dass Lukas Hartmanns «Mein Dschinn» zum klassischen Jugendbuchgenre der fantastischen Abenteuerromane gezählt werden will, illustriert das aparte Cover, auf dem grelles Licht die nachtblaue Silhouette eines körperlosen Wesens umkränzt. Was hier so geheimnisvoll strahlt, ist der titelgebende Dschinn, der dem elfjährigen Lars Zutritt zu einer fremden Welt gewährt – oder gewähren könnte, wenn Hartmann ihn lassen würde. Doch leider hält er seine Fantasie diesmal an sehr kurzen Zügeln und setzt auf ein wesentlich weniger preisverdächtiges Pferd: die moralische Belehrung.
Der Beginn ist verheissungsvoll: Lars haut aus einem Schweizer Kinderheim ab, um seine in Indien verschollene Mutter Tama zu suchen. Auf der Flucht gabelt ihn ein sonderbarer alter Mann auf, der die Geschichte des Jungen zu kennen scheint. Lars ist überzeugt: Der Greis muss ein guter Dämon sein. Tatsächlich dauert es nicht lange, bis der in indischer Heilkunst Kundige ein halluzinogenes Gebräu mischt, aus dessen Dampfschwaden Tama erscheint. Mit einem Flug durch Raum und Zeit, der Lars bis nach Rom trägt, will der vermeintliche Dschinn Mutter und Sohn wieder vereinen. Aus dem guten Vorsatz wird aber erst mal nichts, da Lars vom Autor nun eine Lektion Realität nach der anderen verordnet bekommt. Nacheinander werden polari­sierende Themen wie Drogenhandel, Kindsmissbrauch, Asylpolitik und die Probleme der Roma abgearbeitet. Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass Hartmann sich die eigentliche Erzählhandlung nur für seine aufklärerischen Botschaften von Empathie und gesellschaftlichem Bewusstsein ausgedacht hat. Es spricht nichts dagegen, jungen LeserInnen eine soziale Haltung und eine moralisch integre Iden­tifikationsfigur an die Hand zu geben, aber bitte verpackt in richtige Geschich­ten, ohne moralinsaure Besserwisserei.

Alice Werner
Buch&Maus 3/2014, S. 28

Lena und das Geheimnis der blauen Hirsche
Edward van de Vendel, Illustration: Mattias de Leeuw
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2014, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5767-0
Schlagwörter: Geschwister

Es ist ein ganz normaler Nachmittag, als Lena zum ersten Mal die dreizehn blauen Hirsche sieht: Winzigklein tummeln sie sich in der Blumenvase, trippeln mit klappernden Hufen über den Tisch, klettern auf ihre Schulter, verneigen sich und flüstern ihr nacheinander «Meisterin» ins Ohr. Ein magisches Erlebnis, zumal die Minihirsche danach im azurblauen Meer eines Inselposters verschwinden. Auf Nimmerwiedersehen? Ausgerechnet in ihrem hitzköpfigen und rabiaten Bruder Raff findet Lena einen Verbündeten: Auch er hatte mal ein Zaubertier, das ihn Meister nannte, doch er erzählte Papa davon und es kam nie wieder. Während Raff in den Folgemonaten immer wütender und trauriger wird, hütet Lena ihr Geheimnis wie einen Schatz. Bis Raffs Tier wieder auftaucht und sich eine furchtbare Szene abspielt: Sein Löwe ist so aggressiv, dass er sofort Jagd auf Lenas zerbrechliche Hirsche macht. Ein Blutvergiessen können nur der Meister und die Meisterin selbst verhindern …

Jeder Satz ist hier prägnant, steht in einer eigenen Zeile und steckt voller Poesie und Rhythmus. Ein bilder­mäch­tiges und spannendes Alltagsmärchen, das kindliche Seelenwelten mit der Totemidee verknüpft und so Metaphern für Stärke und Schwäche, Wille und Entwicklung findet. Dabei wird weder interpretiert noch pädagogisiert, vielmehr ist Edward van de Vendel nah an seinen ProtagonistInnen und eröffnet ihnen eine Zwischen­welt der Fantasie. Illustrator Matthias De Leeuw bebildert augenzwin­kernd und einfühlsam mit Tusche­zeich­nungen und leuchtenden Pastellkreiden. Ein beeindruckendes Buch, das zum Nachspüren, Träumen und Denken einlädt. Und mit dem der Gerstenberg Verlag wieder einmal eine Blüte der niederländischen Kinderliteratur präsentiert.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/2014, S. 29

Flora&Ulysses
Kate DiCamillo, Illustration: K. G. Campbell
Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Ludwig
Verlag: dtv, Publiziert: 2014, Seiten: 239, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-76103-1
Schlagwörter: Freundschaft

Die fabelhaften Abenteuer

Die zehnjährige Flora Belle Buckmann hält sich dank der Comic-Reihe «Die illustren Abenteuer des fantastischen Mister Blitz!» über Wasser. Insbesondere der Extraband «Was tun, wenn einem Schreckliches widerfährt?» tut gute Dienste. Ihre Mutter hat Flora ans Liebesromane-Schreiben verloren, der Vater ist ausge­zogen. Floras selbstlose Rettung eines Eichhörnchens aus dem Monsterstaubsauger der Nachbarin – sie folgt dabei Mister Blitz’ Ratschlägen und setzt Mund-zu-Mund-Beatmung ein – stellt nicht nur ihr Leben auf den Kopf: Das Eichhörnchen, Ulysses, verfügt nach dieser Nahtod-Erfahrung über Superkräfte und kann mit den Menschen kommunizieren, am liebs­ten über die Schreibmaschine von Floras Mutter. Diese will das Tier daher nicht nur aus Hygienegründen rasch wieder los­werden. Floras Vater, die Nachbarin und deren Neffe, William Spiver, ein ähnlich einsames Kind wie Flora, stellen sich hinter Flora und bieten der Mutter Paroli.
Die actionreiche Handlung um das Überleben von Ulysses ist der Teppich für eine Geschichte, in der es auch um die Sehnsucht aller Figuren geht, so angenommen zu werden, wie sie sind, um Liebe, Vertrauen – und um Sprache. Flora schützt sich mit träfen Sprüchen vor Enttäuschungen, William Spiver mit exis­tenz­philosophischen Betrachtungen, die Mutter flieht in ihre Kitschwelt und Ulysses‘ Geschreibsel erinnert an fernöstliche Meditationsliteratur.
Kate DiCamillo erzählt die urkomische Geschichte wechselweise aus Floras und Ulysses Perspektive; K.G. Campell setzt die Heldentaten des Eichhörnchens in ganzseitigen Comicpassagen kongenial in Szene. Auch eingefleischte Eichhörnchen-VerachterInnen werden beim Lesen Tränen lachen. Zum Vor- und Selberlesen für Mittelstufenkinder.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/2014, S. 29

Anders
Andreas Steinhöfel
Verlag: Königskinder, Publiziert: 2014, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-56006-3

Es fängt schon damit an, dass der titelgebende Protagonist von Andreas Stein­höfels neuem Jugendroman gar nicht so heisst, wie er heisst, sondern anders – aber eben nicht Anders, sondern Felix. Fast alles an dieser Geschichte ist anders, als man es erwartet, und genau das macht den Roman zu einer aufregenden Lektüre für ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Im Kern steckt ein drama­tischer Vorfall mit langwierigen Konsequenzen: An seinem elften Geburtstag fällt Felix Winter nach einem Unfall ins Koma. Neun Monate später erwacht er daraus und ist – anders. Sein Gedächtnis ist absolut blank, nur abstrakte Dinge wie Mathe oder die Bedienung eines Laptops sind in seiner Erinnerung noch gespeichert. Die Ärzte verlangen Geduld von seinem Umfeld, doch schon bald prasseln die Erwartungen von Elternhaus und Schule auf Felix ein.
Andreas Steinhöfel erzählt diese Geschichte auf eine Art und Weise, die einem regelrecht den Kopf verdreht. Der Erzähler wechselt immer wieder die Perspektive, so dass wir ein reiches Figurenarsenal ken­nen lernen: Es ist, also ob man das ganze Geflüster als Hintergrundrauschen hören könnte, das Felix’ merkwürdige Geschichte in der Kleinstadt auslöst. Weil wir immer nur häppchenweise erfahren, wer was wo und wie beobachtet hat und weil mit der Zeit klar wird, dass Felix, der sich nun Anders nennt, ein wahrscheinlich recht finsteres Geheimnis in den Tiefen seiner Hirnwindungen mit sich herumträgt, steigert sich die Spannung mit jedem Kapitel. Auch wenn auf keinen Fall verraten werden soll, worin das Geheimnis besteht – soviel darf gesagt sein: Steinhöfel zeigt, wie weit, verschlun­gen und gefährlich der Weg manchmal sein kann, der einen dazu führt, das Rich­tige zu tun. Und dass es dazu Vertrauen braucht: in die Men­schen und ins Erzählen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/2014, S. 29

Zwei oder drei Dinge, die ich dir nicht erzählt habe
Joyce Carol Oates
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Verlag: Hanser, Publiziert: 2014, Seiten: 269, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-24632-4
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft

Um es gleich vorab zu sagen: Joyce Carol Oates neuer Roman strotzt vor Klischees. Gemeinsam mit den Figurenstereotypen springen diese der Leserin so unverhüllt ins Gesicht, als wollten sie sich über sie lustig machen. Da ist die talentierte Me­rissa, die alles tut, um Daddy nicht zu enttäuschen, sich heimlich ritzt und die vom Ehemann betrogene Mutter verach­tet. Da ist der ehemalige Kinderstar Tink, die an der reichen Privatschule als eine Art Pippi Langstrumpf auftritt, zu Hause aber von ihrer Diven-Mutter dominiert wird und schliesslich Selbstmord begeht. Und da ist Nadia, die sich dick findet, Klein­mädchen­­haftigkeit vorschiebt und sich plötzlich den Ruf der Schlampe einhandelt.
Im ersten Teil vergällt die Perspektive die Lektüre zusätzlich: Die Mischform aus platt kommentierendem auktorialem Erzähler («Merissa sah aus wie die Perfektion in Reinform … Aber der Schein trog») und küchenpsychologisch anmu­tender personaler Erzählform («Sie wollte sich selbst bestrafen – denn sie verdiente, dass sie bestraft wurde») lässt weder Identifikation noch Distanz zu.
Und das von der «Grossmeisterin des psychologischen Jugendromans» (Klap­pen­­text)! Man liest, wundert, ja ärgert sich – und gerät, beiläufig fast, doch noch in den Sog der Story. In Teil zwei wird in einem anonymisierenden Plural Tinks Geschichte erzählt, die nach ihrem Tod wie ein Gespenst durch das Leben ihrer verstörten Freundinnen kreist und ihnen warnend ihre Fremdbestimmtheit vor Augen führt. Gerade durch diese Distanz dringt Berührendes: Wenn die Freundin­nen tragischerweise Tinks gefährliche Launen ignorieren und «sie einfach richtig gern haben». Oder wenn Nadias Hunger im Diätwahn der Schule durchdrückt. Plötz­lich werden Blicke hinter die Fassa­den erlaubt, die aus dem Text ein ambi­va­len­tes, aber intensives Erlebnis machen.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/2014, S. 30

Njunjul
Meme McDonald, Boori Monty Pryor
Aus dem austr. Englisch von Barbara Brennwald
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2014, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-905804-60-7

Mal ehrlich: Wer hat schon mal von australischen Kooris, Wonghi oder Murris gehört oder sogar jemanden von diesen australischen Urvölkern getroffen? Mit dieser Geschichte haben wir das Glück, einem Murri aus dem Osten Australiens zu begegnen. Sein Name: Njunjul – vielleicht 16 oder 17 Jahre alt. «Grosse Alienaugen, ein hoch aufgeschossener Junge mit schwarzem Lockenkopf», so der Ich-Erzähler über sich selbst. Über seine Heimat sagt er: «Im Happy Valley gehören Probleme zum Lebensstil». Das stimmt: Eines Abends wird er von den «Bulleymen» auf der Polizeiwache verprügelt. «Sie hatten sich vorgenommen, mir eine Lektion zu erteilen. Ich war an dem Tag einfach an der Reihe». Danach ist er wie gelähmt und die Familie legt zusammen, damit er zu Tante und Onkel reisen kann. Das alles erfahren wir, als er schon im Bus nach «Big Smoke» Sydney sitzt und beschliesst: «Ich bin für ein bisschen Glück jetzt gleich.» Njunjul stürzt sich ins Grossstadtleben, geniesst das Basketball-Training mit den Halbprofis, eine Affäre mit der nach Zitronen-Baiser duftenden Rhonda und das Rumhängen mit ihren „Bungys“ – also Freunden. Und als er die Aunty in Yoga-Position am Boden sieht, ist es ihm peinlich: «Vielleicht werde ich gerade Zeuge irgendeiner Frauensache?»
Typisch Teenager, oder? Genau. Aber Njunjul hat mit seinem Hintergrund auch ein spezielles Päckchen, das er nach und nach auspackt, so dass wir mehr über ihn, seine Leute, ihre Bräuche, Sprache und ihren Humor erfahren. Das macht die Geschichte nicht nur unterhaltsam, sondern auch unverwechselbar. Njunjul lernt auch die Schattenseiten der Grossstadt kennen, insbesondere die Anonymität. Dafür passiert ausgerechnet hier etwas, das ihn in positiven Kontakt mit sich selbst bringt. Ein gutes Werk des Autorenduos – inklusive Glossar und Australienkarte.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 3/2014, S. 30

Klippentanz
Laila el Omari
Verlag: Baumhaus, Publiziert: 2014, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8339-0263-5
Schlagwörter: Schule

So wie Elinor muss man sich wohl ungefähr die typische Leserin deutscher Jugendliteratur vorstellen. Als Protagonistin ist eine Jugendliche wie sie allerdings eher ungewöhnlich. Elinor besucht in Bonn das Gymnasium, stammt aus einem gutbürgerlichen Haushalt, hat eine liebende Familie – Vater und Mutter haben sich nach der Scheidung arrangiert und nehmen die Verantwortung gemeinsam wahr –, trifft sich mit ihren Freundinnen auf einen Kakao in der Innenstadt und muss eigentlich vor nichts Angst haben ausser vor der nächsten Matheprüfung.
In dieser sehr behüteten und von keinerlei sozialen Problemen bedrohten Welt sucht Elinor manchmal das Dunkle, Geheimnisvolle. Dann nimmt sie in aller Frühe die Bahn auf den Drachenfels und fotografiert die alte Ruine. Auf einmal aber dringt das Unheimliche auch in ihr Leben ein. Ein neuzugezogener Mitschüler weckt Elinors Interesse. Aber als sie sich mit Sebastian zu treffen beginnt, bekommt sie seltsame E-Mails, die sie vor ihm warnen und auf alte Zeitungsausschnitte verweisen: Sebastians letzte Freundin ist von einer Klippe gestürzt. Bis heute weiss man nicht, ob es sich um einen Unfall, Selbstmord oder Mord handelt – und was Sebastian damit zu tun hat. Als es zu einem weiteren Todesfall kommt, schlagen die Wellen an Elinors Gymnasium hoch und Elinor gerät in eine schwierige Situation zwischen Vertrauen, Angst, Liebe, Nerven­kitzel und Gruppendruck.
Diese Geschichte hätte alles für einen Thriller. Doch Laila El Omari schafft es, den Verlockungen von Action und überdrehter Spannung zu widerstehen, und sich in einer ruhigen Erzählweise den Gefühlen anzunähern, die sich bei Elinor, aber auch ihren Eltern und MitschülerInnen ausbreiten.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/2014, S. 30

Auf der richtigen Seite
William Sutcliffe
Aus dem Englischen von Christiane Steen
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2014, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-499-21231-4
Schlagwörter: Freundschaft

Schuld ist ein harmloser Fussball: Der fliegt über einen meterhohen Bretterzaun, der 13-jährige Joshua klettert hinterher und landet per geheimem Erdtunnel nicht im Wunderland wie Alice, sondern im palästinensischen Strassengewimmel. Eine obergefährliche Aktion, schliesslich spielt William Sutcliffes erster Jugendroman im Westjordanland und sein Ich-Erzähler wird bei diesem Spontanausflug ins Feindesland auch prompt als israelischer Siedlungsjunge enttarnt, gejagt und im letzten Moment von einem Mädchen versteckt. Glücklich wieder zuhause lässt ihn dieses Erlebnis nicht mehr los: Der Tunnel wird Joshuas Leben von Grund auf verändern …
Packend verdichtet der britische Autor den Alltag im Nahostkonflikt zu einem bildermächtigen Gleichnis, lässt historische und politische Hintergründe aber weitgehend aussen vor: Seine fiktive Re­tortenstadt Amarias könnte überall sein, wo sich eine schwerbewachte Mauer durch Länder und Köpfe zieht. Und doch bezieht Sutcliffe klar Stellung, indem er Joshuas Gefühle und Gedanken so eindringlich in Szene setzt. Denn seit der durch den Tunnel geklettert ist, sieht er seine Welt mit neuen Augen: den Checkpoint, die Soldaten, die Hassreden seines orthodoxen Stiefvaters, die fragile Normalität inmitten von Angst und Gewalt. Vor allem kann er seine Retterin Leila nicht vergessen und so kriecht er noch einmal auf die andere Seite. Es ist der Anfang von Hoffnung, Vertrauen und Versöhnung, trotz dra­ma­tischem Ausgang. Politisches Statement, sensibler Entwicklungsroman, spannende Abenteuer- und zarte Liebesgeschichte – ein starkes Buch, das noch lange nachwirkt.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/2014, S. 31

Mehr als das
Patrick Ness 
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
Verlag: cbt Hardcover, Publiziert: 2014, Seiten: 512, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-16273-6

Seth stirbt gleich auf den ersten drei Seiten: keine Hoffnung auf ein Happy End. «Hier ist der Junge. Er ertrinkt», beginnt der Erzähler und lässt dieses Ertrinken im Wintermeer enden, indem Seth gegen einen Felsen geschmettert wird, endgültig: «Keine Chance. Er stirbt.»
Als Seth zu sich kommt, glaubt er sich in seiner persönlichen Hölle. Er ist in dem Haus in England, das er mit seiner Familie vor acht Jahren nach einem Trauma in Richtung USA verlassen hatte. Es ist ein ausgebranntes, menschenleeres England, das Patrick Ness da beschreibt – so bildgewaltig, dass die Vision einer beklem­menden postapokalyptischen Seelenlandschaft entsteht. Hier ringt Seth erneut ums Überleben, psychisch wie physisch. Er wird von luziden Träumen gequält, die, kursiv und in Vergangenheitsform, seine Einsamkeit beschreiben, die Schuld am Schick­sal seines Bruders aus­leuch­ten und die kurze, glückliche Liebe zu seinem Freund Gudmund porträtieren, die am Unverständnis der Umgebung zerbricht.
Oder war alles ganz anders? War das Leben, an das Seth sich erinnert, überhaupt real? Oder nur eine Simulation, aus der er nach seinem Selbstmord erwacht ist? Regine und Tomasz, zwei Jugendliche, die Seth in der «Wüste des Realen» trifft, glauben an diese Erklärung. Seth aber spürt, dass es wichtigere Fragen gibt: dass er die Beziehung zu den Menschen, die er liebt, neu ausloten muss, um sich zu finden. Und dieser Prozess ist, trotz des streckenweise verworrenen Plots, psychologisch so überzeugend gezeichnet, dass der Roman tatsächlich hält, was sein Titel verspricht: Er macht sich auf die Suche nach dem «mehr» im Leben. Dem «mehr», das sein, werden, gewesen sein könnte, wenn man, wie Regine es ausdrückt, die Augen offen hält, sich erinnert, wer man ist, und in den Ring steigt.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/2014, S. 31

Jetzt spricht Dylan Mint und Mr. Dog hält die Klappe
Brian Conaghan
Aus dem Englischen von Michael Kellner
Verlag: Arche, Publiziert: 2014, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7160-2713-4
Schlagwörter: Krankheit

Mit Slang in Jugendbüchern ist es so eine Sache: Ob er bei Jugendlichen ankommt oder anbiedernd wirkt, ist schwer zu beurteilen. Und ob er ästhetisch funktioniert oder bloss nervt, ist nicht zuletzt auch Geschmacksache. Brian Conaghans Ich-­Erzähler Dylan Mint, der unter den Ticks und Fluchattacken seines Tourette-Syndroms leidet, schmeisst mit hippen Wör­tern und coolen Wendungen nur so um sich, und er beginnt damit gleich auf der ersten Seite, als er über die Wunder der Online-Welt philosophiert: «Das Internet ist irgendwie wow! Wie schaffen es diese Google-Leute, dass ihr Dingsda zisch um die Welt flitzt mit Mega-Swoosh und dann MIR, Dylan Mint, diese ganzen Infos schickt und mir die Augen übergehen?»
Als Erzähler und im Dialog mit seinem pakistanischen Freund Amir («völlig verwirrt-dot-com») oder seinem heimlichen Schwarm Michelle Malloy («Sex auf Beinen!») lässt es Dylan verbal also richtig krachen. Nun passt diese Sprache zwar zu Dylans Charakter; zum Status, den er im Leben und an der von ihm besuchten Sonderschule hat; und ganz besonders zum Zynismus, den er entwickelt, als er erfährt, dass ihm offenbar nur noch wenige Monate zu leben bleiben. Gedruckt wirkt das aber schnell überfrachtet, mehr noch: Es bremst die Handlung um die letzten Dinge, die Dylan tun und die Beziehungen, die er knüpfen will. In der Hörbuchlesung dagegen gibt der Sprecher Martin Baltscheit dem Plot und den Figuren ihren Drive, ihren Rhythmus zurück; ganz Schauspieler, findet er für jeden Charakter eine unvergessliche Stimme und damit fast einen Körper; er spielt sich in Dylans Wut, seine Verstörung, aber auch seinen Lebenshunger hinein mit einer Kraft, die diesen angeblich todgeweihten Jungen neu zum Leben erweckt – und sogar seine Sprache zu einem Slam-Poetry-Erlebnis macht.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/14, S.33

Jetzt spricht Dylan Mint und Mr. Dog hält die Klappe
Brian Conaghan
Aus dem Englischen von Michael Kellner
Verlag: Oetinger audio, Publiziert: 2014, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-83-730826-6
Schlagwörter: Krankheit

Mit Slang in Jugendbüchern ist es so eine Sache: Ob er bei Jugendlichen ankommt oder anbiedernd wirkt, ist schwer zu beurteilen. Und ob er ästhetisch funktioniert oder bloss nervt, ist nicht zuletzt auch Geschmacksache. Brian Conaghans Ich-­Erzähler Dylan Mint, der unter den Ticks und Fluchattacken seines Tourette-Syndroms leidet, schmeisst mit hippen Wör­tern und coolen Wendungen nur so um sich, und er beginnt damit gleich auf der ersten Seite, als er über die Wunder der Online-Welt philosophiert: «Das Internet ist irgendwie wow! Wie schaffen es diese Google-Leute, dass ihr Dingsda zisch um die Welt flitzt mit Mega-Swoosh und dann MIR, Dylan Mint, diese ganzen Infos schickt und mir die Augen übergehen?»
Als Erzähler und im Dialog mit seinem pakistanischen Freund Amir («völlig verwirrt-dot-com») oder seinem heimlichen Schwarm Michelle Malloy («Sex auf Beinen!») lässt es Dylan verbal also richtig krachen. Nun passt diese Sprache zwar zu Dylans Charakter; zum Status, den er im Leben und an der von ihm besuchten Sonderschule hat; und ganz besonders zum Zynismus, den er entwickelt, als er erfährt, dass ihm offenbar nur noch wenige Monate zu leben bleiben. Gedruckt wirkt das aber schnell überfrachtet, mehr noch: Es bremst die Handlung um die letzten Dinge, die Dylan tun und die Beziehungen, die er knüpfen will. In der Hörbuchlesung dagegen gibt der Sprecher Martin Baltscheit dem Plot und den Figuren ihren Drive, ihren Rhythmus zurück; ganz Schauspieler, findet er für jeden Charakter eine unvergessliche Stimme und damit fast einen Körper; er spielt sich in Dylans Wut, seine Verstörung, aber auch seinen Lebenshunger hinein mit einer Kraft, die diesen angeblich todgeweihten Jungen neu zum Leben erweckt – und sogar seine Sprache zu einem Slam-Poetry-Erlebnis macht.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/14, S. 33

Alles geschieht heute
Jesse Browner
Aus dem amerikanischen Englisch von Anne Brauner
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2014, Seiten: 249, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-77-252775-3

Ein Adoleszenzroman muss sich schnell den Vergleich mit «Der Fänger im Roggen» gefallen lassen. Jesse Browners «Alles geschieht heute» spielt gekonnt mit dieser Tradition – und lässt sich nicht nur darauf reduzieren.

«Alles geschieht heute» von Jesse Browner wurde bei seinem Erscheinen in den USA 2011 sofort mit J.D. Salingers Klassiker «Der Fänger im Roggen» von 1951 verglichen, ja sogar als «witziger, freund­licher und weiser» (Klappentext) als dieser gefeiert. Ein solcher Vergleich ist bei einem Coming-of-Age-Roman nicht gerade originell, schliesslich gilt Salingers Holden Caulfield in der modernen Jugendliteratur als der Prototyp des Jugendlichen auf Identitätssuche. Inzwischen ist der Adoleszenz- oder Coming-of-Age-Roman allerdings längst zu einem eigenen Genre der Jugendliteratur geworden und die Protagonisten haben mit Salingers Holden Caulfield meist nicht mehr gemein, als dass sie sich – wohl wie jeder Jugendliche in diesem Alter – etwas verloren fühlen und erste ­sexuelle Erfahrungen machen (oder, wie Holden, gerade nicht machen).
In «Alles geschieht heute» bestehen aber noch weitere Verbindungen zu «Der Fänger im Roggen»: Wes, der Protagonist, lebt wie Holden im Greenwich Village in New York, besucht wie dieser eine exquisite Privatschule und hat ebenfalls eine kleine Schwester, die er über alles liebt und die er vor allen bösen Einflüssen behüten möchte. Auch dass die Handlung sich genau über zwei Tage hinzieht, dürfte an Salinger an­gelehnt sein. Dieser deutliche Bezug auf ein literarisches Werk ist hier bewusster Teil der Komposition und des durchgän­gigen Themas des Romans. Er schreibt sich nicht einfach nur in die Tradition der Coming-of-Age-Romane ein, sondern reflek­tiert das Genre und das Literarische an sich. Denn Wes ist Holden gar nicht so ähnlich: Während dieser von der Privatschule flog, ist Wes ein begabter Schüler mit Englisch als Lieblingsfach. Am Wochenende, an dem die Romanhandlung spielt, soll er seine Facharbeit in «Europäischer Literatur» neu schreiben. Seine ihm ansonsten gut gesinnte Englischlehrerin sieht nämlich nicht ein, warum es sich bei der Bedienungsanleitung für ein Maschinengewehr um ein Stück Literatur handeln soll, auch wenn Wes sie als solche behandelt und literarisch analysiert. Ist eigentlich alles Literatur? Und ist Literatur alles? Wes vergleicht seine erste sexuelle Erfahrung mit den Geschichten, die er aus Coming-of-Age-Filmen kennt: «Wie viele Filme hatte er schon gesehen, in denen Nerds mit einem goldenen Herzen verzweifelt versuchten, ihr erstes Mal zu erleben? Und wenn es dann passierte – und es passierte natürlich am Ende immer –, war alles anders. Besser natürlich. Alle Leute, die er kannte, verliessen sich auf diese Filme – vorher geil und verpickelt, nach­­her männlich und diskret. Und das Traurigste an diesem ganzen Durcheinander war, dass er selbst an diese Initiationsnummer geglaubt hatte – als krassen Ausdruck von Selbstbewusstsein, eine Quelle angenehmer Erinnerungen aus dem ewig sprudelnden Brunnen der Jugend.»

Literatur als Lebenswissen

In Gedanken reiht sich Wes gern ein in die Reihe der lite­rarischen Männer zwischen den Polen zweier unter­schied­licher Frauen – die eine rein und erhaben, die andere so at­trak­tiv, dass man sich ihr nicht entziehen kann. Er stilisiert seine Angebetete Delia, der er körperlich nie nahezukommen vermag, zu einer Heiligen, und unterstellt sein Leben ihren moralischen Prinzipien, während er den Sex mit Lucy als Schwäche ansieht. Doch Wes muss erkennen, dass er nicht Fürst Andrej aus «Krieg und Frieden» ist, und sein literarisches Wissen nicht immer mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Lucys Vorwurf trifft ins Schwarze: «Anscheinend hast du ziemlich viele vorgefasste Meinungen über Menschen, als wüsstest du gar nicht, wie echte Menschen ticken, als hättest du alles, was du über sie weisst, nur aus Büchern gelernt.»
Für die LeserInnen tut sich hier eine weitere Ebene auf: Wes IST ja tatsächlich Romanfigur und nicht nur in seiner Ima­gination eine der vielen tragischen Figuren, die die Literatur über das Erwachsen­werden hervorgebracht hat. «Alles geschieht heute» ist eine Verflechtung von intertextuellen Bezügen und Spiegelungen. «Der Fänger im Roggen», ein Roman, den Wes sicher kennt, wird allerdings nie ausdrücklich genannt: Aber dafür sorgen ja die Kritiker mit ihren begeisterten Ausrufen im Klappentext.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 3/14, S. 16

Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums
Benjamin Alire Sáenz
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2014, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-20192-6

Coming Out war gestern: In ihren Adoleszenzromanen erzählen Andreas Steinhöfel, Nick Burd und Benjamin Alire Sáenz von der Suche nach einer eigenen Stimme im Chor der Geraden. Von Manuela Kalbermatten*

Dades Eltern sind bloss milde erstaunt, als er sich outet, nachdem er jahrelang nur dem Deckenventilator erzählt hat, dass er schwul ist. Aristoteles’ Eltern müssen ihm erst erklären, dass er seinen besten Freund Dante liebt. Und Phils Mutter outet ihren Sohn schon im Alter von neun Jahren liebevoll als «Tunte». Keiner der drei Jungs durchläuft also ein klassisches Coming Out. Herzstück dieser Adoleszenzromane ist auch nicht die Homosexualität, sondern die intensive Selbstfindung dreier Einzelgänger, die sich viel zu lange in sich zurückziehen.
«Ich sah, ich hörte, ich versuchte zu begreifen, und meine Träume schrieb ich auf», reflektiert Phil. Auch Aristoteles vertraut seine Sehnsucht dem Tagebuch an: nach dem inhaf­tier­ten Bruder, nach dem kriegstraumatisierten Vater und nach Dante, den er nie richtig fassen kann. Über dieses Erkunden ihrer Innenwelt hinaus lernen alle drei Jungs, für sich zu sprechen, statt sich definieren zu lassen. Dade, dem vorge­worfen wird, «meine Haare seien zu lang und ich würde sie mir wie ein Mädchen aus der Stirn werfen», wird dank seiner lesbischen Freundin Lucy klar, «wie viel von meinem Leben in meinem Kopf ablief, unsichtbar für alle anderen». Es geht um die überlebenswichtige Suche nach der eigenen Stimme – und dem Mut, sie erklingen zu lassen in einer Welt, die Jungs noch immer nach alten Männlichkeitsnormen misst und formt.

Alle Stimmen einsetzen

Dade ist zu Beginn von Nick Burds «Die Wonnen der Gewöhnlichkeit» (dtv 2011) fast völlig stumm: Alle paar Tage lässt er sich von Quarterback Pablo für raschen, heimlichen Sex herbeizitieren, drückt dabei den Kopf ins Kissen und folgt den Regeln, die Pablo aufstellt: keine Berührungen in der Öffentlichkeit. Die sind für Pablos Freundin reserviert, so wie die Küsse, nach denen Dade sich sehnt. Erst als er Alex trifft, einen jungen Haschdealer mit wilden Ideen, der ihn küsst, «langsam und vorsichtig wie Eis, das auf einem Küchentresen schmilzt», ändern sich die Dinge. Nick Burd zeichnet Dades Sommer vor dem College als Endphase einer antriebslosen Existenz, in der Dade lernt, all seine Stimmen einzusetzen – in Gedichten wie Berührungen. Worin der Preis des Schweigens liegt, wird an Pablo gezeigt, der auf tragische Weise den Kontakt zu sich verliert – und am Bild eines vermissten autis­tischen Mädchens, das die Kleinstadt heimsucht. Dade ist nicht glücklich beim Aufbruch ins College, aber näher bei sich selbst. Und die Liebe zu Alex, die der sexuellen Stummheit anderer Jugendromane eine Absage erteilt, wirkt lange nach.

Andreas Steinhöfels Phil ergeht es in «Die Mitte der Welt» (Piper 2011) mit dem unzugänglichen Nicholas wie Dade mit Pablo: «Wenn wir uns treffen, schlafen wir miteinander. Seine Küsse bleiben seltene, nur zögernd gegebene Geschenke. Ich frage ihn nie, ob er mich liebt.» Auch Phil sehnt sich nach Liebe, die nicht hinter verschlossener Tür stattfindet; auch hier sind verweigerte Küsse die Gradmesser der Zurückwei­sung. Wenn Phil im Epilog schreibt «Liebe ist ein Wort, das du nur mit blutroter Tinte schreiben solltest», wird eine Botschaft laut, die alle Texte durchwirkt: Sein Begehren zu verschweigen, ist eine tödliche Angelegenheit.
Kein Wunder träumt Ari in Benjamin Alire Sáenz «Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums» stets denselben Traum: Wenn er in seinem Pickup ein Mädchen küsst, überfährt er Dante – und das, obwohl er sich beide Beine gebrochen hat, als er Dante vor einem heranrasenden Auto rettete. Dantes offene Homosexualität und seine Gefühle für Ari lähmen und quälen ihn – umso mehr, als zwischen den Zeilen sein eigenes Begehren durchdrückt. «Dante (…) sah aus wie ein Engel. Ich verspürte den drin­gen­den Wunsch, ihm einen Faustschlag zu verpassen. Ich fand meine Grausamkeit unerträglich.» Nach einem Gespräch mit seinen Eltern über die Gespenster der Familie nimmt er Dante schliesslich mit in die Wüste und küsst ihn. «Er malte meinen Namen auf meinen Rücken. Ich malte seinen Namen auf seinen.» Auch das ist ein Weg, sich Identität zu er-schreiben.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/14, S. 19

USA in den 80er-Jahren: Ari und Dante sind zwar verschieden, doch sie verbindet eine ganz besondere Freundschaft. Die Gefühle zueinander können sie zu Beginn weder benennen noch zulassen. Doch sie lernen zu verstehen, dass sie nur gemeinsam die Geheimnisse der Welt ergründen können.

Der goldene Schlüssel Nr. 2
Käthi Bhend
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2014, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10252-3
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Zwei Bilderbücher, grundverschieden und doch frappant gleichwertig im Oeuvre der beiden Illustratorinnen: Eher eine Revue als eine zwingende Geschichte; ein Handlungskonzept, das erlaubt, die eigene Bilderwelt auf ureigenste Art auszugestalten.
Käthi Bhend entwickelt ihre Bildfolge ausgehend vom letzten Märchen in der Sammlung der Brüder Grimm «Der goldene Schlüssel», deshalb auch der Titel­zusatz «Nr. 2». Und deshalb schauen auch Jacob und Wilhelm Grimm aus den Säulenkapitelen auf das Geschehen. Mit Bedacht hat Bhend dieses Märchen gewählt, das im Kern das Geschichtenerfinden zum Thema hat. Es ist eine Geschichte, die uns hineinzieht und hinhält.
Bhend spricht von einer «kleinen, alten Frau» und porträtiert dabei sich selbst. Die Frau geht, begleitet von «ihrer grossen, grauen Katze», die Sonne suchen. So wie der Knabe im Grimmschen Märchen das Zauberkästchen nicht ganz öffnet und damit die Spannung hält, so gibt die Illustratorin nur einen flüchtigen Blick in ihre Fantasien frei – und zeigt uns trotz linearer Abfolge eine verästelte Erzählkulisse. Bhend selbst wird jedes Detail begründen und erklären können. Wir aber tappen durch den Nebel, kommen in herbstliche Kulissen, folgen der von Frau Flora jung gezauberten «kleinen Frau» und können, wenn wir den geheimnisvoll unbestimm­ten Bildtext einfach wirken lassen, Vexierbilder, versteckte Gesichter und magische Konstellationen geniessen. Eine Idee, und schon entwickelt sich die Geschichte aus sich heraus, lebt von der Belesenheit der Künstlerin und erzählt – de facto textfrei – auch dann viel, wenn man nicht jedes Symbol zu deuten weiss. Kaum zufällig für die Illustratorin, die sich immer wieder mit Robert Walser beschäftigte, kommt ihr Alter Ego aus dem Abseits und verschwindet zum Schluss dahin.
Auch Binette Schroeder mobilisiert Märchenelemente wie Rotkäppchen und Wolf. Und auch der Zauberlehrling hat, selbst wenn er auf seinem Besen durch die Lüfte surft statt fliegt, einen berühmten Vorfahren. Aber der alte Zauberer ist kein gestrenger Lehrmeister wie bei Goethe, sondern ein gütiger Opa, mit einem Auge zwinkernd und mit bequemen Turnschuhen an den alten Füssen. Dass Schroeder da eine Hommage an ihren «Apapa» malt, macht sie in der Widmung transparent. Auch sonst dient der unerlaubte Ausflug-Flug des Jungen dazu, das Können der Künstlerin zu entfalten. Metamorphosen gehören zu ihren bevorzugten Themen. Und seit ihr Froschkönig (1989) sich vor unseren Augen, Phase um Phase und doch im Nu verwandelte, hat sie nie mehr so verspielt inszenierte Bewegungs- und Verwandlungsabläufe gemalt. So alt­meis­terlich einzelne Bildelemente sind, so machen die Leichtigkeit und das visualisierte Tempo, die pastelligen Speedlines und die typographischen Eskapaden das Märchen doch zu einem medial modernen, ja postmodernen Bil­der­buch. Es verlässt sich aber auch darauf, dass das Wünschen hilft, und zeigt damit klar, aus welchem Fundus Schroeders Welt schöpft. Wenn zudem eine berstende Eierschale (hier ein Drachenei) ihren Auftritt hat, ist das nicht nur eine Reminiszenz aus der englischen Kinderliteratur, sondern auch ein Selbstzitat, denn Hump­ty Dumpty ist längst ein Leitmotiv der Künstlerin.
Zwei eigenwillige Panoramen also, von den Künstlerinnen erdacht, um Kunst und Können auszubreiten; zwei Bildwelten, in denen Kinder und KennerInnen nach eigener Lust herumspazieren und staunen mögen.

Hans ten Doornkaat
Buch&Maus 1/15, S. 26

Der Zauberling
Binette Schroeder
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2014, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10243-1
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Zwei Bilderbücher, grundverschieden und doch frappant gleichwertig im Oeuvre der beiden Illustratorinnen: Eher eine Revue als eine zwingende Geschichte; ein Handlungskonzept, das erlaubt, die eigene Bilderwelt auf ureigenste Art auszugestalten.
Käthi Bhend entwickelt ihre Bildfolge ausgehend vom letzten Märchen in der Sammlung der Brüder Grimm «Der goldene Schlüssel», deshalb auch der Titel­zusatz «Nr. 2». Und deshalb schauen auch Jacob und Wilhelm Grimm aus den Säulenkapitelen auf das Geschehen. Mit Bedacht hat Bhend dieses Märchen gewählt, das im Kern das Geschichtenerfinden zum Thema hat. Es ist eine Geschichte, die uns hineinzieht und hinhält.
Bhend spricht von einer «kleinen, alten Frau» und porträtiert dabei sich selbst. Die Frau geht, begleitet von «ihrer grossen, grauen Katze», die Sonne suchen. So wie der Knabe im Grimmschen Märchen das Zauberkästchen nicht ganz öffnet und damit die Spannung hält, so gibt die Illustratorin nur einen flüchtigen Blick in ihre Fantasien frei – und zeigt uns trotz linearer Abfolge eine verästelte Erzählkulisse. Bhend selbst wird jedes Detail begründen und erklären können. Wir aber tappen durch den Nebel, kommen in herbstliche Kulissen, folgen der von Frau Flora jung gezauberten «kleinen Frau» und können, wenn wir den geheimnisvoll unbestimm­ten Bildtext einfach wirken lassen, Vexierbilder, versteckte Gesichter und magische Konstellationen geniessen. Eine Idee, und schon entwickelt sich die Geschichte aus sich heraus, lebt von der Belesenheit der Künstlerin und erzählt – de facto textfrei – auch dann viel, wenn man nicht jedes Symbol zu deuten weiss. Kaum zufällig für die Illustratorin, die sich immer wieder mit Robert Walser beschäftigte, kommt ihr Alter Ego aus dem Abseits und verschwindet zum Schluss dahin.
Auch Binette Schroeder mobilisiert Märchenelemente wie Rotkäppchen und Wolf. Und auch der Zauberlehrling hat, selbst wenn er auf seinem Besen durch die Lüfte surft statt fliegt, einen berühmten Vorfahren. Aber der alte Zauberer ist kein gestrenger Lehrmeister wie bei Goethe, sondern ein gütiger Opa, mit einem Auge zwinkernd und mit bequemen Turnschuhen an den alten Füssen. Dass Schroeder da eine Hommage an ihren «Apapa» malt, macht sie in der Widmung transparent. Auch sonst dient der unerlaubte Ausflug-Flug des Jungen dazu, das Können der Künstlerin zu entfalten. Metamorphosen gehören zu ihren bevorzugten Themen. Und seit ihr Froschkönig (1989) sich vor unseren Augen, Phase um Phase und doch im Nu verwandelte, hat sie nie mehr so verspielt inszenierte Bewegungs- und Verwandlungsabläufe gemalt. So alt­meis­terlich einzelne Bildelemente sind, so machen die Leichtigkeit und das visualisierte Tempo, die pastelligen Speedlines und die typographischen Eskapaden das Märchen doch zu einem medial modernen, ja postmodernen Bil­der­buch. Es verlässt sich aber auch darauf, dass das Wünschen hilft, und zeigt damit klar, aus welchem Fundus Schroeders Welt schöpft. Wenn zudem eine berstende Eierschale (hier ein Drachenei) ihren Auftritt hat, ist das nicht nur eine Reminiszenz aus der englischen Kinderliteratur, sondern auch ein Selbstzitat, denn Hump­ty Dumpty ist längst ein Leitmotiv der Künstlerin.
Zwei eigenwillige Panoramen also, von den Künstlerinnen erdacht, um Kunst und Können auszubreiten; zwei Bildwelten, in denen Kinder und KennerInnen nach eigener Lust herumspazieren und staunen mögen.

Hans Ten Doornkaat
Buch&Maus 1/15, S. 26

Hilfe, dieses Buch hat meinen Hund gefressen!
Richard Bryne
Aus dem Englischen von Ulli und Herbert Günther
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2014, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-79584-7
Schlagwörter: Humor/Komik

«Gesucht: Nette Leser, die diesem frechen Buch zeigen, wer der Boss ist.» Mit dieser Suchmeldung bittet der englische Autor und Illustrator Richard Byrne auf seiner Internetseite um Mitarbeit. Das Problem: Sein neuestes Bilderbuch ist ausser Rand und Band geraten und hat nun unverschämten Spass daran, seine Prota­gonistInnen zu verschlingen. Happs, schluck, rülps. Hilfe, in was wird man hier hineingezogen? In ein völlig verrücktes Abenteuer, das tatkräftigen Körpereinsatz fordert.
Dabei fängt alles mit einem ge­­mütlichen Spaziergang über die erste Buchseite an: Bella und ihr langohriger, pummeliger Hund gehen gerade Gassi, als plötzlich Schnauze, Kopf und Vorderbeine des Vierbeiners im Buchfalz verschwin­den. Bellas Knopfäuglein weiten sich ungläubig – und schon ist ihr Hund komplett verschluckt! Da hilft kein Zerren und Ziehen an der roten Leine. Auch die herbeigeeilten HelferInnen – Bellas Freund Ben, der Hunderettungsdienst, die Feuer­wehr und die Polizei – können nichts mehr ausrichten: Sie alle verschwinden einer nach dem anderen im Falz. Und dann wird auch Bella geschluckt.
Kurz darauf taucht ein an die Leser­Innen adressierter Brief auf mit einer detaillierten Schüttel-Anleitung: Die kräf­tigen Rüttler sollen dem frechen Buch ein im wörtlichen Sinn mulmiges Unbehagen bereiten. Und tatsächlich: Der Ruckel-Trick zeigt Wirkung und alle Gefressenen purzeln heil aus dem Bücher-Magen heraus. Nur der Hund … – aber das darf man nicht verraten!
Dass Richard Byrne uns zu einer so unpädagogischen Tat anstiftet – Gewalt gegen Bücher! –, sei ihm sofort verziehen. Seinen zwei hinreissenden Hauptfiguren muss man einfach zu Hilfe eilen.

Alice Werner
Buch&Maus 1/15, S. 27

Gordon und Tapir
Sebastian Meschenmoser
Verlag: Esslinger, Publiziert: 2014, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-480-23189-8
Schlagwörter: Streit/Konflikt

Am Anfang steht eine kleine Bildergeschichte ohne Worte: Ein Königspinguin watschelt mit Zeitung unter dem Flügel Richtung Klo, an dessen Türe zwei Tierpiktogramme kleben. Als er wenig später tastend ins Leere fuchtelt, haben es aufmerksame LeserInnen längst entdeckt: Die Klopapierrolle ist braun – und das Papier also alle! Ein kleines Alltagsärgernis als Auftakt für ein grosses Thema: Wieviel Unterschiedlichkeit verträgt Freund­­schaft? Wann erschöpft sich Toleranz? Und ist dann alles vorbei?
Sebastian Meschenmoser setzt dazu zwei bezaubernde Helden in eine Wohngemeinschaft und erzählt ihre Geschichte mit leichtem Bleistiftstrich und pointiert gesetzter Farbe, mit wenig Text und sehr viel Herz: hier ein antarktischer Purist und Pedant, dort ein dionysischer Ober­schlam­per. Denn die leere Rolle führt Pinguin Gordon zielsicher ins Zimmer seines Mitbewohners Tapir, der ganz artgerecht in einem dschungeligen Chaos aus Klopapierlianen, Pflanzen, Vögeln und klebrigen Fressabfällen in einer Hänge­matte residiert. Damit nicht genug: Tapirs Nilpferdfreundin verstopft die Bade­wanne, sein Abwasch ist eine kippelige Geschirrpyramide und aus den Kühlschrankfächern quillt wildes Durcheinander, um das Gordons Fischreserven penibel in Reih und Glied geordnet sind. Für Bilderbuchgucker ein Wohnungsrundgang mit Wiedererkennungswert und lustigen Details, die allerdings zeigen, warum auch Tapir sich zu Recht über seinen steifen Mitbewohner nervt. Es kommt, wie’s kommen muss: Streit, Unglück und Lebewohl. Dass die beiden gerade durch Gordons Auszug wieder dicke Freunde werden, ist ein Happy End mit kluger Botschaft: Jede Nähe braucht auch Distanz. Ein fantastisch ge­zeich­netes Mutmachbuch nicht nur für Trennungskinder!

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/15, S. 27

Ojemine!
Iwona Chmielewska
Aus dem Polnischen von Adam Jaromir
Verlag: Gimpel, Publiziert: 2014, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-945359-01-3

Titel und Coverbild bringen uns auf die Spur dieses faszinierenden Bilderbuchs. Ausgesprochen wird nie, was eigentlich passiert ist, doch der Brandabbruck eines Bügeleisens ist eindeutig. Und dies ausgerechnet auf der Tischdecke von Grossmama, die Mama so viel bedeutet! Eine Katastrophe wie eine Rakete, die auf die Erde zusteuert. «Gegen so einen Unhold hat man keine Chance» – auch nicht mit Tipps aus dem Internet oder Fleckenentferner. So folgen wir von Seite zu Seite gebannt den konkreten Überlegungen des Kindes, wie es sein Miss­geschick ungeschehen machen könn­­te. Während diese Ge­danken links oben ganz schlicht auf den weissgrun­digen Seiten in Blau gesetzt sind, spielt sich auf der rechten Bildseite grosses Theater ab: Hauptdarsteller ist der verflixte, in warmem(!) Gelb gehaltene Brand­fleck. Immer neu wird er, passend zu den Gedanken des Kindes, mit blauem Farbstift ergänzt und erweitert. So wird er zum Körper des Unholds, dank Henkel und Deckel zur Fleckentfernerflasche oder zur Computermaus, die Rat aus dem Internet bringen soll. All diese Gedanken drehen sich bildlich um den Fleck, wir kreisen um ihn, wie wenn wir um die Tischdecke gehen würden. Manch­mal ergänzen wir den Text automatisch mit unserem Bildwissen oder das Bild erweitert den Text auf witzige Weise. Ein Ausweg aus der Not ist nicht in Sicht – im Bild wird der Fleck sinnigerweise zum Vogelkäfig ohne Tür ergänzt. Und gleich kommt Mama. Ob sie schimpfen wird? Da hilft nur die Wahrheit – und ­eine Mama mit einem Lächeln und einer tollen Idee!
Iwona Chmielewska erschafft in einer extrem reduzierten Bildwelt eine Leichtigkeit zugunsten der Fantasie und gibt zugleich Einblick in den Umgang dreier Generationen miteinander.

Barbara Jakob
Buch&Maus 1/15, S. 28

Wickie bei Häuptling Dicker Büffel
Rainer Wolke, Illustration: Luis-José Beltran
Verlag: Klett, Publiziert: 2014, Seiten: 42, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-12-949229-1

Gute Illustrationen bilden in Erstlese­büchern den Inhalt des Textes ab. Non­verbal erzählen sie, was erlesen werden soll oder bestätigen Gelesenes. Wer eine klare Erwartung hat, was auf der Seite steht, liest leichter. Sehr gute Illustra­tionen zeigen noch viel mehr. Sie malen die Einfachheit des Textes bunt und
ergänzen detailreich, was Sprache für ErstleserInnen nicht im Angebot hat:
Be­schrei­bun­gen, Schilderungen und Aus­schmückun­gen. So kann selbst eine Leseanfängergeschichte stimmungsvoll und atmosphärisch sein.
Comics als Illustrationen in Erstlesetexten bieten all das und noch mehr, weil Bild und Text in enger Abstimmung gemeinsam erzählen. So wird in Panels die Handlung übersichtlich Schritt für Schritt gezeigt. Zudem können Bilder auf einen Blick komplexe Geschehenszusam­men­hänge sichtbar machen. In Erstleser­comics sind damit auch schwierigere Situationen, schnell wechselnde Abläufe und überraschende Wendungen ohne Verständnisschwierigkeiten möglich. Hinzu kommt die deutlich reduzierte Textmenge. Man sieht sofort, dass es hier wenige Wörter, aber viele Bilder gibt – was besonders Jungs zum Lesen motiviert. Entsprechend finden sich Comics in Erstlesegeschichten, die traditionell männliche Themen bedienen.
So offeriert Klett «Lesespass mit Comics» zwar Leseanfängergeschichten für «Wickie», nicht aber für «Bibi Blocksberg». Beide knüpfen direkt an die populären Zeichentrickserien an. In
«Wickie bei Häuptling Dicker Büffel» lobt Halvar seinen Sohn stolz: «Wickie, du hast uns wieder einmal gerettet». Durch die medialen Vorerfahrungen wissen ErstleserInnen, dass alle Wickie-Geschichten so enden. Papa Halvar ist zwar Wikin­gerhäuptling und ganz schön stark, sein Sohn aber ist klug und findig. Die Abenteuergeschichten der beiden werden wechselweise mit Illustrationen bebildert, die etwa einen Drittel der Seiten einnehmen, sowie mit Comics, die ganzseitig die Geschichte an den besonders aufregenden Stellen weitererzählen. So weit so perfekt, doch es gibt einen Haken: Die Schriftgrösse in den Sprechblasen ist viel zu klein – eine grosse Herausforderung, wenn man noch aus einzelnen Buchstaben Wörter zusammensetzen muss.
Das ist bei zwei anderen Serien für die erste Lesestufe besser gelöst – allerdings mit dem Nachteil, dass Panels fehlen. In den Büchern um Tim und seinen Roboterfreund Beta, der in Roboland lebt, schafft Zapf – zugleich Autor und Illustrator – eine Bild-Text-Struktur, die stark an Comics erinnert: Visuelle und sprachliche Anteile wechseln bei häufig ganzseitigen Bildern mit Textfeldern oder Sprechblasen. Es ist gerade dieser hohe Bildanteil, der es ermöglicht, Erstleser­Innen von einer abenteuerlich fantas­tischen Welt zu erzählen. Auch sprachlich zeigt sich Zapf einfallsreich bei der Vereinfachung der Lektüre und setzt in der Robotersprache hinter jedes Wort einen Punkt.
«Coolman und ich», ein Comic-Roman deutscher Prägung, bietet neben einem Jungen als Identifikationsfigur einen Superhelden, der nur Quatsch im Kopf hat. In «Ab in den Zoo!» führt er den sechsjährigen Kai auf der Suche nach dem richtigen Haustier in den Zoo. Die Serie hat bereits im Kinderbuch so grossen Erfolg, dass es nun auch eine eigens konzipierte Erstleseserie gibt, in der Comic-Anteile jedoch nur vereinzelt in die Illustrationen eingebaut sind.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/15, S. 29

Notruf aus dem Roboland
Illustration: Zapf
Verlag: Loewe, Publiziert: 2014, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7855-7771-4

Gute Illustrationen bilden in Erstlese­büchern den Inhalt des Textes ab. Non­verbal erzählen sie, was erlesen werden soll oder bestätigen Gelesenes. Wer eine klare Erwartung hat, was auf der Seite steht, liest leichter. Sehr gute Illustra­tionen zeigen noch viel mehr. Sie malen die Einfachheit des Textes bunt und
ergänzen detailreich, was Sprache für ErstleserInnen nicht im Angebot hat:
Be­schrei­bun­gen, Schilderungen und Aus­schmückun­gen. So kann selbst eine Leseanfängergeschichte stimmungsvoll und atmosphärisch sein.
Comics als Illustrationen in Erstlesetexten bieten all das und noch mehr, weil Bild und Text in enger Abstimmung gemeinsam erzählen. So wird in Panels die Handlung übersichtlich Schritt für Schritt gezeigt. Zudem können Bilder auf einen Blick komplexe Geschehenszusam­men­hänge sichtbar machen. In Erstleser­comics sind damit auch schwierigere Situationen, schnell wechselnde Abläufe und überraschende Wendungen ohne Verständnisschwierigkeiten möglich. Hinzu kommt die deutlich reduzierte Textmenge. Man sieht sofort, dass es hier wenige Wörter, aber viele Bilder gibt – was besonders Jungs zum Lesen motiviert. Entsprechend finden sich Comics in Erstlesegeschichten, die traditionell männliche Themen bedienen.
So offeriert Klett «Lesespass mit Comics» zwar Leseanfängergeschichten für «Wickie», nicht aber für «Bibi Blocksberg». Beide knüpfen direkt an die populären Zeichentrickserien an. In
«Wickie bei Häuptling Dicker Büffel» lobt Halvar seinen Sohn stolz: «Wickie, du hast uns wieder einmal gerettet». Durch die medialen Vorerfahrungen wissen ErstleserInnen, dass alle Wickie-Geschichten so enden. Papa Halvar ist zwar Wikin­gerhäuptling und ganz schön stark, sein Sohn aber ist klug und findig. Die Abenteuergeschichten der beiden werden wechselweise mit Illustrationen bebildert, die etwa einen Drittel der Seiten einnehmen, sowie mit Comics, die ganzseitig die Geschichte an den besonders aufregenden Stellen weitererzählen. So weit so perfekt, doch es gibt einen Haken: Die Schriftgrösse in den Sprechblasen ist viel zu klein – eine grosse Herausforderung, wenn man noch aus einzelnen Buchstaben Wörter zusammensetzen muss.
Das ist bei zwei anderen Serien für die erste Lesestufe besser gelöst – allerdings mit dem Nachteil, dass Panels fehlen. In den Büchern um Tim und seinen Roboterfreund Beta, der in Roboland lebt, schafft Zapf – zugleich Autor und Illustrator – eine Bild-Text-Struktur, die stark an Comics erinnert: Visuelle und sprachliche Anteile wechseln bei häufig ganzseitigen Bildern mit Textfeldern oder Sprechblasen. Es ist gerade dieser hohe Bildanteil, der es ermöglicht, Erstleser­Innen von einer abenteuerlich fantas­tischen Welt zu erzählen. Auch sprachlich zeigt sich Zapf einfallsreich bei der Vereinfachung der Lektüre und setzt in der Robotersprache hinter jedes Wort einen Punkt.
«Coolman und ich», ein Comic-Roman deutscher Prägung, bietet neben einem Jungen als Identifikationsfigur einen Superhelden, der nur Quatsch im Kopf hat. In «Ab in den Zoo!» führt er den sechsjährigen Kai auf der Suche nach dem richtigen Haustier in den Zoo. Die Serie hat bereits im Kinderbuch so grossen Erfolg, dass es nun auch eine eigens konzipierte Erstleseserie gibt, in der Comic-Anteile jedoch nur vereinzelt in die Illustrationen eingebaut sind.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/15, S. 29

Coolman und ich
Rüdiger Bertram, Illustration: Heribert Schulmeyer
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2014, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-2376-4

Ab in den Zoo!

Gute Illustrationen bilden in Erstlese­büchern den Inhalt des Textes ab. Non­verbal erzählen sie, was erlesen werden soll oder bestätigen Gelesenes. Wer eine klare Erwartung hat, was auf der Seite steht, liest leichter. Sehr gute Illustra­tionen zeigen noch viel mehr. Sie malen die Einfachheit des Textes bunt und
ergänzen detailreich, was Sprache für ErstleserInnen nicht im Angebot hat:
Be­schrei­bun­gen, Schilderungen und Aus­schmückun­gen. So kann selbst eine Leseanfängergeschichte stimmungsvoll und atmosphärisch sein.
Comics als Illustrationen in Erstlesetexten bieten all das und noch mehr, weil Bild und Text in enger Abstimmung gemeinsam erzählen. So wird in Panels die Handlung übersichtlich Schritt für Schritt gezeigt. Zudem können Bilder auf einen Blick komplexe Geschehenszusam­men­hänge sichtbar machen. In Erstleser­comics sind damit auch schwierigere Situationen, schnell wechselnde Abläufe und überraschende Wendungen ohne Verständnisschwierigkeiten möglich. Hinzu kommt die deutlich reduzierte Textmenge. Man sieht sofort, dass es hier wenige Wörter, aber viele Bilder gibt – was besonders Jungs zum Lesen motiviert. Entsprechend finden sich Comics in Erstlesegeschichten, die traditionell männliche Themen bedienen.
So offeriert Klett «Lesespass mit Comics» zwar Leseanfängergeschichten für «Wickie», nicht aber für «Bibi Blocksberg». Beide knüpfen direkt an die populären Zeichentrickserien an. In
«Wickie bei Häuptling Dicker Büffel» lobt Halvar seinen Sohn stolz: «Wickie, du hast uns wieder einmal gerettet». Durch die medialen Vorerfahrungen wissen ErstleserInnen, dass alle Wickie-Geschichten so enden. Papa Halvar ist zwar Wikin­gerhäuptling und ganz schön stark, sein Sohn aber ist klug und findig. Die Abenteuergeschichten der beiden werden wechselweise mit Illustrationen bebildert, die etwa einen Drittel der Seiten einnehmen, sowie mit Comics, die ganzseitig die Geschichte an den besonders aufregenden Stellen weitererzählen. So weit so perfekt, doch es gibt einen Haken: Die Schriftgrösse in den Sprechblasen ist viel zu klein – eine grosse Herausforderung, wenn man noch aus einzelnen Buchstaben Wörter zusammensetzen muss.
Das ist bei zwei anderen Serien für die erste Lesestufe besser gelöst – allerdings mit dem Nachteil, dass Panels fehlen. In den Büchern um Tim und seinen Roboterfreund Beta, der in Roboland lebt, schafft Zapf – zugleich Autor und Illustrator – eine Bild-Text-Struktur, die stark an Comics erinnert: Visuelle und sprachliche Anteile wechseln bei häufig ganzseitigen Bildern mit Textfeldern oder Sprechblasen. Es ist gerade dieser hohe Bildanteil, der es ermöglicht, Erstleser­Innen von einer abenteuerlich fantas­tischen Welt zu erzählen. Auch sprachlich zeigt sich Zapf einfallsreich bei der Vereinfachung der Lektüre und setzt in der Robotersprache hinter jedes Wort einen Punkt.
«Coolman und ich», ein Comic-Roman deutscher Prägung, bietet neben einem Jungen als Identifikationsfigur einen Superhelden, der nur Quatsch im Kopf hat. In «Ab in den Zoo!» führt er den sechsjährigen Kai auf der Suche nach dem richtigen Haustier in den Zoo. Die Serie hat bereits im Kinderbuch so grossen Erfolg, dass es nun auch eine eigens konzipierte Erstleseserie gibt, in der Comic-Anteile jedoch nur vereinzelt in die Illustrationen eingebaut sind.

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/15, S. 29

Sockenschlacht und Löwenzahn
Katharina Tanner, Illustration: Laura Jurt
Verlag: Limmat, Publiziert: 2014, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85791-758-5
Schlagwörter: Schweiz

Mädchen und Buben in der Schweiz von früher

«Sockenschlacht und Löwenzahn» erzählt von Martha aus Zermatt, die im Hotel der Eltern beim Putzen der Bergschuhe helfen muss. Von Esther, dem Täuferkind aus Zofingen, die ihren Vater im Aktivdienst in Hospental besucht. Von Giordano, dem ita­­lie­nischen Bub aus Schaffhausen, dem nach seiner Kinderlähmung ein zweites Leben geschenkt wurde. Oder von Erwin aus Willisau, der wegen seiner Hilfe beim Nussen auf dem Hof der Eltern mit braunen Händen zur Schule muss.
Die spärlich kolorierten Bleistift-Vignetten von Laura Jurt, die die kurzen Erzählungen illustrieren, geben detailreiche Eindrücke von Gegenständen, Kleidung und Stadtbildern, die beinahe schon exotisch scheinen. Weit weg von der Lebensrealität heutiger Schweizer Kinder sind diese Porträts und doch sind die Zeit­zeugen, die davon erzählen können, noch immer am Leben. Und genau auf den Austausch mit ihnen zielt dieses liebevoll gemachte Buch ab. Es ist ein Gesprächsangebot zwischen Generationen – und zwar nicht nur zum gemeinsamen Lesen und Erzählen, sondern zum Ausprobieren: Kochrezepte, Spiele, Gedichte, sogar Fluchwörter aus der Zeit der Grosseltern und Urgrosseltern ergänzen die Geschichten. Automatisch hat man als LeserIn die Vorlesesituation vor Augen: Sieht, wie die Grossmutter oder der Urgrossonkel das Lied vorsingt, alte Fotos hervorholt, von den eigenen kratzenden Wollstrümpfen erzählt. Das ist auch die deutliche Intention des Buchprojekts und so spricht es wohl auch in erster Linie die ältere Generation an. Mit der richtigen Vermittlung ist es aber durchaus auch für Kinder interessant – ab Primarschulalter, denn das Bilderbuchformat darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Texte umfangreich und anspruchsvoll sind.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/15, S. 30

Morlot
Katharina Reschke, Illustration: Gerda Raidt
Verlag: Boje, Publiziert: 2014, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-414-82401-1
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Detektive schlafen nie

Jonathan Holms hat die Nase gestrichen voll von Privatdetektiv Morlot, der seit zwölf Jahren und zehn Bänden sein Leben beherrscht: Urlaub, Miete, Laune – alles hängt von dem abgehalfterten Roman­helden ab, dem seine Mutter als berühmte Krimiautorin jede Sekunde widmet. Doch ab morgen ist Morlot erst mal vergessen, denn die Flugtickets nach Bali liegen schon bereit. Umso entsetzter ist Jonathan, als seine Mutter wenige Stunden vor dem Flug spurlos verschwindet – ohne Handy, Ausweis und Portmonnaie. In seiner Verzweiflung durchforstet er ihr Manuskript- und Recherchematerial und kommt einer unglaublichen Sache auf die Spur: Nicht nur, dass das neueste Morlot-Abenteuer schon nach wenigen Seiten endet, seine Mutter scheint sich auch selbst in die Geschichte geschrieben zu haben. Nach Meinung des nüchternen Mathecrack Jonathan ist das reine Spinnerei, trotzdem landet er unter grösster Fantasiean­stren­gung in Morlots Welt, die an der nächsten Strassenecke beginnt: Ein Amerika des Film noir – grau, trist und brutal. Und es kommt noch
dicker: Seine Mutter wurde offen­sichtlich von zwei Bankräubern gekid­nappt, Morlot selbst ist aber ein zynischer Widerling und weigert sich, den Fall zu übernehmen.
Wie sich die beiden Welten immer stärker verweben und Jonathan als Grenzgänger zwischen Fiktion und Realität mutig versucht, seine Mutter zu retten – das ist ein komplexes, durchgefeiltes Konstrukt mit hochspannendem Plot. Dazu bedient sich die mehrfach ausgezeichnete Drehbuchautorin Katharina Reschke zweier Schrift­arten, puzzelt Indizien und Paral­lelen und demontiert auch noch augenzwinkernd den Mythos des coolen Einzelkämpfers à la Humphrey Bogart. Ein grandioser Kinderkrimi, stimmungsvoll mit Schwarz-Weiss-Zeichnungen in Manier alter Filmstills illustriert.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/15, S. 30

Der Yark
Bertrand Santini, Illustration: Laurent Gapaillard
Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2014, Seiten: 74, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-942787-36-9
Schlagwörter: Humor/Komik

Ob Kinder schwarzen Humor verstehen? Den französischen Autor Bertrand Santini braucht man dazu nicht lange zu befragen. Seine Antwort steht schon auf der ersten Seite seines brüllend komischen Kinderbuchs «Der Yark».
Der Yark, erfahren wir hier, sei eine seltene und wenig bekannte Monsterart, die sich durch ihre Leiden­schaft für Kinder auszeichne: «Nichts liebt er mehr, als ihre kleinen Knochen zwischen seinen Zähnen knacken zu hören oder ihre weichen Augen wie Karamellbonbons zu lut­schen.» Und weiter heisst es: «Als echter Gourmet schlürft er auch gern ihr Gehirn, das anscheinend wie Marsh­mallows schmeckt.»
Mit anderen Worten: Kinder sind das ideale Publikum für schwarzen Humor; vor allem dann, wenn er schön gruselig und grosszügig mit Unsinn gepfeffert ist.
Santinis Erzählung vom Yark, der mit einem aussergewöhnlich empfindlichen Magen zu kämpfen hat, mit einer lebensbedrohlichen Allergie auf unartige Kinder nämlich, lebt nicht nur von witzigen und drastischen Einfällen. Es ist auch die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft zwischen dem bravsten aller Mädchen und dem grässlichsten aller Monster – eine herzerwärmende Variante des Märchens von der Schönen und dem Biest. Der Yark lernt dabei zu lieben und beginnt, seine karnivoren Gelüste zu sublimieren – als begabter Maler. Laurent Gapaillards schwarz-weisse Zeichnungen, zwischen humoristischer und Gothic-Tradition, fangen das Schaurig-Schöne und das Ringen des Yarks mit seinen Trieben ein.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/15, S. 31

Der Junge und der Elefant
Rachel Campell-Johnston
Aus dem Englischen von Katharina Diestelmeier
Verlag: Aladin, Publiziert: 2014, Seiten: 416, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-2045-7

Elefanten sind ausserordentliche Tiere. Asiatische und Afrikanische Elefanten «sprechen» unter­schiedliche Sprachen, sie sind hilfsbereit und können auch um verstorbene Artgenossen trauern, ja dabei sogar Tränen vergiessen.
Der afrikanische Hirtenjunge Bat nimmt in seinem Dorf ein Elefantenkalb auf, dessen Mutter von Wilderern getötet wurde, und freundet sich mit ihm an. Zwischen Meya, so der Name des Elefan­tenmädchens, und dem Jungen entwickelt sich eine enge Beziehung, für die der Junge von allen respektiert wird. Das Tier vertraut dem Jungen und dieser wiederum kann sich auf dessen wertvolle Instinkte verlassen: So rettet der Elefant die Grossmutter vor einem tödlichen Schlan­genbiss, indem er sie nicht in die Hütte eintreten lässt.
Dann aber, kurz nachdem der Junge den Elefanten in die Freiheit entlassen muss, erfährt die Geschichte eine tragische Wende. Bat und seine Freundin Muka werden gewaltsam entführt und zu Kindersoldaten rekrutiert. Die zwei Handlungsstränge werden im dritten Teil zusammengeführt und der Elefant führt die beiden Kinder und ihren neuen Gefährten, die den Soldaten entkommen sind, zurück nach Hause.
Die Schottin Rachel Campbell-Johnston wurde durch eine Reise nach Uganda zu diesem Buch inspiriert. Man spürt, dass Tiere sie faszinieren, sie aber auch das Schicksal der Kinder stark beschäftigt. Sicherlich ist es keine einfache Aufgabe, beide Themen glaubwürdig in einem Jugendroman zusammenzubringen. Die Autorin hat dies auf überzeugende Art und Weise geschafft. Das Buch ist streckenweise sehr spannend, die Tierszenen sind berührend und ältere Kinder, die sich für Afrika interessieren, dürften daran Gefallen finden.

Roger Meyer
Buch&Maus 1/15, S. 31

Nightmares!
Jason Segel
Aus dem Englischen von Simone Wiemken
Verlag: Dressler, Publiziert: 2014, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-1908-1
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror

Die Schrecken der Nacht

Charlie ist mit seinem Vater ins Haus seiner neuen Stiefmutter gezogen, und seither vergeht keine Nacht, in der er nicht von Albträumen geplagt wird. Schlimmer noch: Charlie hat das ungute Gefühl, dass die schlimmsten Kreaturen seiner Träume ihn bis in die Realität hinein verfolgen. Liegt das an der merkwürdigen neuen Frau seines Vaters, die in Charlies Augen eher einer Hexe als einer Ersatzmutter gleicht? Oder ist ihr Haus einfach ein unguter Ort, der Ängste erzeugt? Mit seinen Freunden über seine Probleme zu sprechen, fällt Charlie sehr schwer, zumal die meisten seine Stiefmutter echt cool finden. Als er es endlich doch tut, findet er heraus, dass er nicht der Einzige ist, den Albträume plagen. Es scheint, als gebe es eine Parallelwelt voller Schrecken neben der wirklichen Welt – und als befände sich der Übergang in diese genau in Charlies neuem Zuhause!
«Nightmares» ist mit dem leuchtend kolorierten, mit gruseligen Scherenschnitten gestalteten Cover und dem grell orangefarbenen Schnitt ein echter Hingucker. Initiator und Co-Autor Jason Segel funktioniert ebenfalls als Käufermagnet – viele kennen ihn aus der Serie «How I met your mother».
Leider werden die hohen Erwartungen, die man aufgrund des Covers und des Klappentexts an das Buch hat, nicht erfüllt. Die Figuren bleiben so flach, dass man sich kaum für sie und ihre Ängste interessiert. Die pädagogische Absicht, hier ein Buch zu schreiben, das Kindern hilft, mit ihren Ängsten konstruktiv umzugehen, trieft überdeutlich aus jedem Kapitel und nervt irgendwann einfach nur noch. Schade, denn verhaltener und dafür mit intensiver gestalteten Figuren hätte dieses Buch wirklich Potenzial.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/15, S. 31

Die Anarchie der Buchstaben
Kate de Goldi, Illustration: Gregory O'Brien
Aus dem neuseeländischen Englisch von Ingo Herzke
Verlag: Königskinder, Publiziert: 2014, Seiten: 150, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-56003-2
Schlagwörter: Kreativität

Die neunjährige Perry ist ein vielbeschäftigtes Kind. Ihre Mutter glaubt fest daran, dass Kinder aktiviert werden müssen, und so hat Perry jeden Tag nach der Schule ein volles Programm: Klavier, Klarinette, Tanz. So richtig Spass macht ihr das alles nicht. Ganz im Gegensatz zu den allwöchentlichen Besuchen bei ihrer dementen Grossmutter im Altersheim, dem Santa Lucia. Dort findet sie eine absolute Gegenwelt vor: Nichts läuft nach Plan, dafür passieren jedes Mal, wenn sie dort ist, Dinge, die für Perry nur schon deswegen aufregend sind, weil sie keinen Zweck haben, dafür umso mehr Spass machen. Honora Lee, so heisst die Grossmutter, erkennt zwar weder ihren Sohn noch ihre Enkelin wieder, dafür ist sie ein wandelndes Lexikon, was Sprichwörter und Redensarten angeht.
Man kann sich daran stören, dass die vielfach preisgekrönte neuseeländische Kinderbuchautorin Kate de Goldi radikal gegensätzliche Welten aufbaut, die bei aller satirischen Zuspitzung doch deutlich das Klischee fantasieloser, funktiona­listischer Eltern bedient. Auf der anderen Seite braucht de Goldi diese Folie, um davor die poetischen Verrücktheiten tanzen zu lassen, zu denen die Oma ihre Enkelin inspiriert.
Am Ende des Buches haben wir ein zweites Buch wenn nicht in der Hand, so doch im Kopf: Perry schreibt und malt mit Hilfe der Bewohner des Altersheims ein anarchisches ABC-Buch, in dem alles vorkommt, was es im Santa Lucia gibt.
«Die Anarchie der Buchstaben» ist weniger ein Roman über Demenz und soziale (Dys)Funktionalität, sondern eine verspielte Annäherung an die Möglichkeiten der Sprache, wenn sie von ihrer Sinn- und Kommunikationsaufgabe befreit ist.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/15, S. 32

Zebrawald
Adina Rishe Gewirtz
Aus dem amerikanischen Englisch von Alexandra Ernst
Verlag: cbt Hardcover, Publiziert: 2014, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-16309-2

Solange Annie sich erinnern kann, lebt sie mit ihrem jüngeren Bruder Rew bei ihrer Grossmutter in einem heruntergekommenen Haus in der Nähe der Kleinstadt Sunshine. Die Mutter hat die Familie vor Jahren verlassen. Der Vater lebt nicht mehr. Als die Grossmutter sich immer mehr in ihre eigene Welt zurückzieht, ist es Annie, die neben der Schule einkauft und kocht, für saubere Kleidung sorgt und mit der Frau vom Jugendamt spricht. Da dringt eines Abends in den Sommerferien ein entflohener Häftling in ihr Haus ein. Mehrere Wochen sind Annie, Rew und die Grossmutter in der Gewalt des Fremden, der – wie sich schon bald zeigt – gar kein so Fremder ist, sondern der leibliche Vater der Geschwister…
Während Ich-Erzählerin Annie nach und nach eine Bindung zu ihrem Vater aufbaut, versinkt die Grossmutter in ihren Depressionen und der Konflikt zwischen Vater und Sohn spitzt sich dramatisch zu. Als Rew, der einen Verbrecher als Vater nicht akzeptieren kann, ein nächtliches Gewitter nutzt, um in den Wald zu fliehen, eskalieren die Ereignisse. Am Ende einer im doppelten Sinne stürmischen Nacht stellt sich der Vater schliesslich der Polizei, um eines Tages, wenn seine Haftstrafe vollständig verbüsst ist, zu seiner Familie zurückkehren zu können. Annie und Rew werden auf ihn warten.
«Zebrawald» ist Adina Rishe Gewirtz’ erster Roman und wurde bei seinem Erscheinen in den USA und England von Presse und LeserInnen euphorisch gefeiert. Ein Buch der leisen Töne, das eine besondere Familiengeschichte erzählt, von einer feinen Figurenzeichnung lebt und seine Spannung vor allem durch die inneren Konflikte der ProtagonistInnen bezieht. Ein Buch der leisen Töne. Eindringlich, atmosphärisch dicht und sehr berührend.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/15, S. 32

Das unsichtbare Mädchen
Charis Cotter
Aus dem Englischen von Catrin Frischer
Verlag: cbt Hardcover, Publiziert: 2014, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-16346-7

«Aussenseiter» – mit dieser schonungslosen Bezeichnung ist das er­ste Kapitel überschrieben. Und es stimmt ja auch: Die beiden Prota­go­nis­tin­nen, die die Kana­dierin Charis Cotter in ihrem fesselnden Jugendroman «Das un­sichtbare Mädchen» portraitiert, sind me­lan­cholisch und etwas versponnen – und gerade darum in der Lage, tiefere Wahrheiten zu entdecken.
Die pausbäckige Polly wächst in einer turbulenten Grossfamilie mit Pflegekin­dern auf. «Meine Eltern wollen die Welt retten», meint die 12-Jährige gleich zu Beginn augenrollend. Weil sie alles mit allen teilen muss, «bis nichts mehr für mich übrig bleibt», wünscht sie sich nur eins: Einzelkind zu sein. Zum Alleinsein und Lesen zieht sie sich auf den staubigen Dachboden zurück. Ihre Lieblingslektüre: Geistergeschichten.
Die zarte, blasse Rose erfährt nur kargen Beistand von ihren Eltern, die rund um die Uhr das Familienunternehmen managen. Das Essen knallt ihr eine mürrische Haus­hälterin auf den Tisch. Vor dieser un­lieb­sa­men Gesellschaft – und vor den Geis­tern, die ihr so häufig erscheinen – flüchtet Rose in ihr Geheimversteck auf den Speicher, wo sie schwermütige Lieder singt. Über einen Geheimgang finden die beiden einsamen Nachbarsmädchen zueinander. Fortan versuchen sie auszu­forschen, was es mit Roses geisterhaften Fähigkeiten auf sich hat. Zählen können sie dabei ausschliesslich auf Hoffnung, Liebe und Grips.
Die Geschichte, gespickt mit Gruseleffekten und Überraschungsmomenten, liest sich unglaublich spannend. Auch weil Cotter eine eindringliche Sprache findet für die Ängste und Liebesbedürftigkeit der Mädchen, die jungen LeserInnen nicht fremd sind. Warum die Handlung aller­dings in den 1960er-Jahren angesiedelt ist, bleibt unklar, zumal den Roman kein Zeitkolorit färbt – und Geister doch bestimmt auch heute noch spuken.

Alice Werner
Buch&Maus 1/15, S. 33

Das wilde Buch
Juan Villoro
Aus dem Spanischen von Birgitt Kollmann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2014, Seiten: 255, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-24639-3
Schlagwörter: Fantasie | Lesen

Lesen ist der Königsweg zur Beantwortung der Frage «Wer bin ich?». Das weiss der mexikanische Autor Juan Villoro. Und er kennt auch seinen Borges: Sein Jugendbuch über die Magie des Lesens und die abenteuerlichen Abgründe von Bibliotheken reiht sich unverkennbar in die Tradition der lateinamerikanischen Fantastik ein. Geschickt, wie er ist, lässt er den Roman «Das wilde Buch» im grauen Alltag beginnen, um seinen Ich-Erzähler Juan, der an der Trennung seiner Eltern leidet, erst allmählich in die Welt der Bücher einzuführen. Diese erscheint als ein Ort, an dem sich das Leben symbolisch verdichtet. Der Türhüter zur grossen Bibliothek ist Juans bibliophiler (und verfressener) Onkel; er kümmert sich um den Jungen, damit die von ihrer Ehekrise gebeutelte Mutter etwas zur Ruhe kommen kann.
Bücher, das lernt Juan bald von seinem kauzigen Onkel, «wollen nicht von irgend­wem gelesen werden – sie wün­schen sich die besten Leser, und deswegen suchen sie selbst nach ihnen.» Warum ausgerechnet Juan ein grosser Leser sein und mit dem Ehrentitel «lector princeps» bedacht werden soll, ist ihm zunächst so schleierhaft wie uns, den LeserInnen des Romans. Denn Juan ist ganz und gar kein Bücherwurm; er interessiert sich viel mehr für das Leben.
Villoro dreht in seinem verspielt und witzig geschriebenen Buch den Kult um Bibliotheken und Bücher ins Ironische. Und er wischt den von der bücherverliebten Fantastik gern beschworenen Gegensatz von Leben und Lesen ganz einfach vom Tisch, indem er Juan gleichzeitig seine erste Liebe und das Buch der Bücher finden lässt.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/15, S. 33

Der Sommer als Chad ging und Daisy kam
Jennifer Gooch Hummer
Aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Feldmann
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2014, Seiten: 351, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58317-8
Schlagwörter: Freundschaft | Krankheit

Apron kann Jesus zunächst nicht leiden. Nicht, weil der in Unterwäsche herumläuft und lange Haare hat, «die aussahen, als hätte er vergessen, die Spülung rauszuwaschen» – sondern weil er falsche Hoffnungen weckt. Die 13-Jährige hatte sich einen Jesus gewünscht, der ihre Mutter rettet oder zumindest verhindert, dass ihr Vater die ungeliebte M heiratet; keinen Hippie, der heuchlerisch von der Überwindung des Todes singt. Später verliebt sie sich dann doch ein bisschen in den Hauptdarsteller des «Jesus Christ Superstar»-Musicals. Denn Mike mit den Blaubeeraugen bringt dem einsamen Mädchen genau die freundschaftliche Anteilnahme entgegen, die es so dringend braucht. Im Blumenladen, den er mit seinem Lebensgefährten Chad führt, lernt Apron, dass ihre Kreativität mit dem Tod der Mutter nicht versiegt ist, vor allem aber, dass Liebe nicht immer zu viel kostet: nicht einmal dann, wenn sie mit zerbrochenen Schaufensterscheiben bestraft wird.
Männliche Homosexualität erlebt in der Jugendliteratur derzeit ein Comeback. Dabei erstaunt, dass die Anfeindungen, denen Schwule bis heute ausgesetzt sind, mit Vorliebe in den 1980er-Jahren situiert und in Zusammenhang mit der AIDS-Debatte gebracht werden. Auch Jennifer Gooch Hummer schildert in ihrem Debütroman die Homophobie, die Mike und Chad entgegenschlägt, ihre Scheu, sich öffentlich als Paar zu zeigen, und das Leid, das mit Chads Krankheit Einzug hält, aus der sicheren Distanz von 1985. Schade eigentlich. Denn während Aprons Familiensituation oft klischeehaft und überfrachtet wirkt, entfalten Mike und Chad, die Apron eng in ihren «Herzensraum» schliesst, ein erfrischendes Eigenleben. Und ihre Beziehung, die die sensible Teenagerin nicht vollkommen frei von Eifersucht beobachtet, berührt gerade in ihrer eigenwilligen Zärtlichkeit und Gegenwärtigkeit.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/15, S. 33

Zwischen zwei Fenstern
Dianne Touchell
Aus dem australischen Englisch von Birgit Schmitz
Verlag: Königskinder, Publiziert: 2014, Seiten: 253, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-56004-9
Schlagwörter: Liebe

Sprache, meint sie, die von ihm Maud genannt wird, hat nichts mit Romantik zu tun. Beinah zynisch beharrt sie auf der Unmöglichkeit von Verständigung und erteilt entsprechenden Sprachlügen eine Absage: «Niemand ist eine Insel. Klingt romantisch, stimmt aber nicht. Selbst wenn Inseln zusammenprallen, reiben sie sich nur ächzend aneinander, be­vor sie wieder wegdriften. Dass einer auf das Gebiet des anderen überwechselt, kommt nicht vor. Nicht mal für einen Besuch.»
Auch mit ihm, dem Nachbarsjungen, den sie Creepy nennt, kann sie, passend zur mitschwingenden Königskinder-Ballade, nicht zusammenkommen: Wäh­rend er über den «Raum zwischen zwei Fenstern» hinweg mit dem Fernrohr beob­achtet, wie sie sich die Haare ausreisst, bis ihre Kopfhaut blutet, hält sie ihn zwar im Umgang mit Büchern für «anmutig», ortet im Lesen aber keine läuternde Kraft: «Die Wörter tauchen in mich ein, und kurze Zeit später stossen sie mir sauer auf.» Einzig das Zeichnen hilft ihr, Linien in den «Morast» in ihrem Kopf zu schneiden.
Lange sieht es nicht so aus, als kämen die Jugendlichen, die abwechselnd aus der Ich-Perspektive erzählen, je aus ihrer abgeklärten Isolation heraus. Auch als über karge Fensterbotschaften eine zaghafte Nähe entsteht, bleibt vieles ungesagt, missverstanden. Und doch entsteht eine berauschende Energie aus dem Willen der Figuren, Sprache radikal ernst zu nehmen, lieber «blutige Fingerabdrücke» im Kopf des anderen zu hinterlassen, als sich den Euphemismen der Erwachsenen zu beu­gen. Das macht «Zwischen zwei Fenstern» zu einem schwierigen, düsteren, zuweilen absurden, nie gefälligen, aber gerade in seiner Kompromisslosigkeit auf­rüt­teln­den Buch – bei dem auch die Verpackung stimmt.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/15, S. 34

Das nachtblaue Kleid
Karen Foxlee
Aus dem australischen Englisch von Beatrice Howeg
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2014, Seiten: 333, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-81181-3
Schlagwörter: Tod/Trauer | Krimi/Thriller

Schicksal oder Zufall, dass der 15-jährigen Rose und ihrem Vater genau an jener Kreuzung der Sprit ausgeht, die sie auf einen schäbigen Campingplatz namens «Paradies» an der Pazifikküste führt? Die 1971 in Queensland geborene Karen Foxlee lässt darüber keinen Zweifel, setzt sie doch schon auf der ersten Seite ihres grossartigen Debütromans ein Zeichen, dass am Ende etwas Gewaltiges und Schlimmes passieren wird … Bleibt nur die Hoffnung, dass es nicht diese Rose trifft, die Foxlee mit soviel Empathie und vorurteilsfreiem Respekt zeichnet: Als scheue, stolze Wilde mit (schlecht) vernarbtem Herzen, die seit dem Tod der Mutter mit ihrem alkoholkranken Vater ziellos durch Australien irrt. Mager, verschlossen, mit schwarzgefärbten Haaren und Lippen läuft sie in der neuen Schule ein – und wird sofort von einem goldgelockten Sonnenschein namens Pearl umgarnt: Pearl, deren Freundlichkeit und Lebenslust Rose verzaubert und mitreisst in eine unbekannte Welt, in der Dinge wie ein schönes Kleid für das anstehende Zucker­rohrfest eine Rolle spie­len.

Und so landet Rose schliesslich bei der alten Schneiderin Edie in einem verwunschenen Hexenhaus, trennt alte Kleider auf, schneidet Muster zu, heftet und näht, während unablässig der Regen rauscht und die kauzige Alte Stich für Stich ihre Familiengeschichte erzählt. Das nachtblaue Kleid wird wunderschön – und auch Rose blüht auf und schöpft Hoffnung. Doch dann entwickeln sich die Dinge mit dramatischer Dynamik …

Raffiniert webt Foxlee Zeitebenen und Perspektiven, Charaktere und Geschich­ten ineinander, begleitet die Ermittlungen des Kommissars, streut Verdachtsmo­mente und Spuren, lässt aber auch tief eintauchen in eine magische Welt unbezähmbarer Natur und grosser Gefühle. Bildermächtiger, oberspannender Stoff für lange Lesenächte!

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/15, S. 35

Schneeriese
Susan Kreller
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2014, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58318-5
Schlagwörter: Körper

Liebeskummer kann die Hölle sein, umso mehr, wenn zwei seit dem Sandkasten wie siamesische Zwillinge zusammenhalten und quasi füreinander bestimmt sind. So jedenfalls sieht es der 14-jährige Adrian, für den Nachbarin Stella längst mehr ist als nur Spielkamerad und Seelenfreundin: Nur mit ihr macht alles Sinn und Spass, nur sie darf ihn liebevoll «Einsneunzig» nennen, obwohl er diese Marke schon gesprengt hat und seine Mutter auf Hormontherapie drängt. Dann aber zieht eine georgische Familie in das leerstehende Haus gegenüber, Stella verguckt sich in den schönäugigen Dato und verrät damit alles, was für Adrian je von Bedeutung war.

Susan Kreller erzählt in ihrem zweiten, für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierten Roman eine berührende Liebes­geschichte, die sich um Motive des Andersen-Märchens «Die Schneekönigin» rankt. Dabei blickt sie ihrem Helden tief ins Herz und findet schillernde und kluge Worte für all die Wut, Einsamkeit und Trauer. Denn wie Kay bei Andersen trägt Adrian nun den Splitter im Auge, der das Leben nur noch hässlich erscheinen lässt und ihn kalt macht gegen sich und andere. Wäre da nicht Stellas weise, eigen­willige Grossmutter, würde er wohl einfach im Schnee liegen bleiben: Als Schneeriese statt -engel, mit unbewegten Armen, für immer flügellos …

Wie den Schmerz überleben, ohne Hoffnung und Mitgefühl zu verlieren? – Ein grosses Thema, in das Kreller hier ganz ohne Pathos und Pubertätsplattitüden eintaucht: Ihre Innenschau ist viel­schich­tig, bilderreich und immer wie­der fes­selnd. Sie ermüdet aber zuweilen auch, erforscht Adrian doch seine Qual in allen Facetten bis zum ersten Wundschorf, während die Welt um ihn stillzustehen scheint. Leidensgenossen werden sich in dieser feinziselierten Gefühlswucht wie­der­finden, für andere ist es, wie der besten Freundin stundenlang beim Liebeskummer zuzuhören.

Marion Klötzer
Buch&Maus 1/15, S. 36

Galgenmädchen
Jean-Claude van Rijckeghem, Pat van Beirs
Aus dem Flämischen von Mirjam Pressler
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2014, Seiten: 496, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5463-1
Schlagwörter: Historisches

1582, Antwerpen: Gitte Niemandstochter schleicht sich durch die Menschenmenge auf dem Jahrmarkt. «Ich kann die Schnüre eines Beutels schnell wie ein Räuspern durchschneiden. Ich kann den Ring von einem dicken Priesterfinger ziehen, bevor Gott im Himmel etwas davon merkt. Ich sehe alles. Mir entgeht nichts. Ich bin die Rache der Armen. Und bevor Du es merkst, Dämchen mit dem Kamin und den drei Schornsteinen, bist du das dumme Mar­derfell los.» Natürlich geht es diesmal schief, die 14-jährige Gitte landet im Gefängnis und entkommt dem Galgen nur knapp.
Drei Monate später fährt Gitte auf einem Schiff nach Sevilla, wo sie ihren angeblichen Vater, einen spanischen Herzog, ausspionieren soll. So lautet der Preis ihrer Begnadigung. Gitte wird tatsächlich in die Familie des Herzogs aufgenommen. Als sie sich dort verliebt, ihre Auftraggeber sie aber zum Diebstahl einer geheimen Weltkarte drängen, kommt sie in einen Gewis­senskonflikt und muss sich entscheiden.
Das belgische Autorenduo Jean-Claude van Rijckeghem und Pat van Beirs – der erste schreibt, der zweite recherchiert – legt mit «Galgenmädchen» eine bildstark erzählte historische Abenteuergeschichte vor, die 2010 in Belgien ausgezeichnet wurde. Was bedeutet der wenig bekannte Krieg zwischen den Flamen und dem spanischen König für das Leben des belgischen Strassenmädchens Gitte? Die historischen Zusammenhänge sind konkret in ihre Geschichte eingebunden und werden etwa in der Bedeutung der geheimen Weltkarte verständlich. Rijcke­ghem und van Beirs lassen ein mutiges junges Mädchen in den Jahren um 1600 zweimal durch Europa reisen, lassen sie die Rollen wechseln und geben der Geschichte ein starkes und offenes Ende.

Silvia Hess
Buch&Maus 1/15, S. 36

So rot wie Blut
Salla Simukka
Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat
Verlag: Arena, Publiziert: 2014, Seiten: 281, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-60010-9
Schlagwörter: Krimi/Thriller

An toughen Mädchenfiguren mangelt es der aktuellen Jugendliteratur nicht, und im Thriller sind sie besonders verbreitet. Selbständig, stark und gebildet, stellen sie die kompetentesten Detektivinnen. Mit der 17-jährigen Lumikki, deren Name Schneewittchen bedeutet, bedient die junge finnische Autorin Salla Simukka auf den ersten Blick genau das Motiv der knallharten Ermittlerin. Der Protagonistin ihrer Trilogie, deren erste zwei Bände nun auf Deutsch vorliegen, gibt sie eine grosse Portion Wagemut und analytischen Verstand mit auf den Weg, lässt sie wild in alle Richtungen, scharf auf den Punkt und um die Ecke denken. Und völlig autonom agieren: Wie Stieg Larssons Lisbeth Salander vertraut Lumikki nur sich selbst, lebt allein und mischt sich nie in fremde Belange ein. Das ändert sich, als sie im Schul-Fotolabor über eine Unmenge blutiger Geldscheine stolpert.
Dass hinter Lumikkis Härte eine dunkle Geschichte steckt, davon raunt der Text in penetranten Märchenmetaphern. Noch weniger als das Spiel mit den Farben Schwarz, Weiss und Rot, die sich in starkem Kaffee, literweise Blut und alabasterweisser Winterkälte niederschla­gen, überzeugt die Krimihandlung mit ihren Russenmafia-Klischees. Fleisch am Knochen hat hier nur die Heldin – so viel davon allerdings, dass sich die Lektüre lohnt. Lumikkis facettenreicher Charakter bricht mit allen Schablonen: Wenn sie tonnenweise Musik auf ihr Handy lädt und durch Kunstgalerien schlendert etwa, scharfzüngig soziologische Studien betreibt oder ihrer ersten Liebe nachtrauert, bei der es sich um ein Mädchen handeln dürfte. Lumikki ist die Verkörperung einer weiblichen Ermäch­ti­gungsfantasie und doch aus dem Material des Alltags gemacht. Als Leserin möchte man sie wiedersehen. So schnell wie möglich.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/15, S. 37

Beinah begraben
Emile Bravo
Aus dem Französischen von Uli Pröfrock
Verlag: carlsen comics, Publiziert: 2014, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-73666-6
Schlagwörter: Abenteuer | Wissenschaft

Kaum sind sie in die Höhle eingestiegen, mutiert die Expedition zum Albtraum: Die falsche Ausrüstung, Wetterkapriolen, ein Steinschlag – und schon sind Paul, Janet, ein Höhlenforscher und Pauls nervender Bruder in der Tiefe eingesperrt. Und als aus einer Nebenhöhle unvermittelt ein wirrer Urzeitforscher auftaucht und von Höhlenmalereien und einem Monster faselt, gerät alles aus dem Lot …

«Beinah begraben» ist der dritte Band von «Pauls fantastische Abenteuer», einer flotten Comic-Serie für Kinder und Jugendliche. Émile Bravo verknüpft Span­nung und Witz mit wissen­schaftlichen oder philosophischen Fragen. Im ersten Band ging’s um die Möglichkeit von ausserirdischem Leben, der zweite inszenierte eine rasante Verwechslungsgeschichte um Klone, und in «Beinah begraben» rollt Bravo beiläufig, aber diffe­renziert die Entwicklungsgeschichte des Menschen auf und wie just diese Entwicklung womöglich zum Bruch mit der Natur führte. Denn die Höhle entpuppt sich als illegale Giftmülldeponie …

Émile Bravo ist ein klassischer Comic-Autor und -Zeichner. Ganz in der Tradition von «Tim und Struppi» pflegt er einen klaren Stil, seine Zeichnungen sind sauber, die Erzählweise schmissig und linear und die Dialoge glaubwürdig. Die Hauptfiguren Paul und Janet sind Jugendliche mit Stärken, Schwächen und Macken, echte Persönlichkeiten also, die sich von ihren Eltern (bieder im Fall von Paul, superkluge Wissenschaftler bei Janet) nicht wirklich verstanden fühlen. Dieses Setting, aber auch sein feiner, immer wieder überraschender Humor ermög­lichen es Bravo, ernsthafte Themen so zu vermitteln, dass man sich nie belehrt ­vorkommt, sondern immer bestens unterhalten fühlt.

Christian Gasser
Buch&Maus 1/15, S. 37

Tierweg 1
Matto Kämpf, Illustration: Yves Noyau
Verlag: Der gesunde Menschenversand, Publiziert: 2014, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-905825-89-3

Tiere im Bilderbuch funktionieren fan­tas­tisch als Projektionsfläche und Kari­katur menschlicher Eigenschaften. Der in Thun geborene Autor, Theater- und Filme­macher Matto Kämpf setzt noch einen drauf, indem er ein Stück Evolutions­­theorie als Nachbarschaftszoff in einem Mietshaus und herrlich schräge Satire erzählt. «Diese Geschichte beginnt mit den Repti­lien» steht da ganz harmlos, das folgende, doppelseitige Panoramabild von Illustrator Yves Noyau ist ein Knaller und so weit von der üblichen Bilderbuchästhetik entfernt wie ein Punkkonzert von einem Kinderlied: Im schmuddelig-pastos ge­mal­ten Wimmelchaos einer versifften Wohnzimmerhöhle fläzen Krokodil, Schildkröte, Schlan­ge und Chamäleon ge­müt­lich zwischen Essensresten und Heiz­strahlern, während im Flachbildschirm Jimi Hendrix grade seine Gitarre in Flammen aufgehen lässt. Rock ’n’ Roll live! Der schimmlig-feuchte Keller wird von der Amphibien-Sippe bewohnt, ein Stockwerk höher ziehen gerade die Säugetiere ein. Und damit fangen die Probleme an, denn die sind echte Spiesser: Staubsaugen akribisch um ihre Designer­möbel, mögen leisen Jazz und schlaue Bücher. So trifft Bildungsbürgertum auf Rabauken-WG, die dann auch sämtliche Versöhnungsversuche torpediert: Der Putz­-Pitbull wird ver­jagt, der Vermitt­lungs­kuh das Fell über die Ohren gezogen und den Hausbesitzer-Wolf hauen sie gleich in die Pfanne. Da bleibt den Säugetieren nur die Flucht in die Zivilisation – sprich familienfreundliche Vorortsiedlung …
Eine mit anarchischem Witz und viel Fantasie erzählte Fabel für die ganze Familie – nur die Kuh ohne Fell ist etwas krass. Aber selbst die verzeiht man den Reptilien- Rabauken spätestens nach dem überraschenden Cliffhanger.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/15, S. 27

Superhugo startet durch!
Salah Naoura, Illustration: SaBine Büchner
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2014, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-2377-1

Dass es mit dem «Preuschhof-Preis für Kinderliteratur» einen Preis gibt, der Erstlesebücher auszeichnet, ist eine tolle Sache. Er wird von der gleichnamigen Stiftung und vom FBW – dem Bildungsnetzwerk auf den Hamburger Elbinseln – verliehen. Prämiert wird jeweils das beste Buch des Vorjahres. Das Auswahlverfahren ist durchdacht: Eine sechsköpfige Fachjury wählt zehn Titel aus, das letzte Wort aber haben Kinder, die ihre ganz eigenen Kriterien mitbringen. So wählte Salomé den diesjährigen Siegertitel, «weil Hugo nie Sport machen will!» Die meisten Kinder aber heben an Salah Naouras «Superhugo startet durch!» den Superhelden hervor und dass es «so lustig ist, dass man es mehrmals lesen kann». Dennoch ist es beachtlich, dass er sich gegen die ebenfalls nominierten «Coolman und ich. Ab in den Zoo!» vom Duo Bertram/Schulmeyer und Paul Maars «Der Buchstabenzauberer» durchsetzen konnte. Paul Maar vermag es auf unnachahmliche Weise, die vorgegeben einfachen sprachlichen Möglichkeiten für seine inhaltliche wie lite­rarische Darstellung nutzbar zu machen. Sein Zauberer verzaubert einzelne Buchstaben in Wörtern, dass sie nicht nur eine andere Bedeutung bekommen, sondern sich auch gleich in das entsprechende Objekt verwandeln. Lustiger ist in der
alphabetischen Phase kaum das ABC eingeübt worden. Schade ist, dass SaBine Büchner, die beide Titel illustriert hat, nicht an dem mit 1000 € dotierten Preis beteiligt wird, denn es ist ein Autorenpreis. Dies, obwohl es bei Erstleseliteratur im Besonderen auf das gute Zusammenwirken von Bild und Text ankommt.
Ansonsten ist bei diesem Preis alles top: Die Nominierungsliste ist bester Ratgeber für Titelsuchende, die Begründung der Fachjury sehr lesenswert: «Als besonders geeignet empfand die Jury Bücher, die fantastische Mittel nutzen, um zwar einen Lebensweltbezug herzustellen, ohne aber zu sehr an konkrete Lebensumstände und -situationen anzu­knüpfen. Fantastische Figuren – wie z.B. Superhelden, sprechen­de Tiere, Monster und Vampire –
faszinieren Kinder im gesamten Grundschulalter und können trotz surrealer
Elemente vielfältige Anknüpfungspunkte an konkrete Alltagsthemen sowie Strategieentwicklungen zur Problem­lösung liefern». Das trifft allerdings nur bedingt auf Naouras Superhund zu, der glücklicherweise in Serie geht. Die neue Abenteuerstory «Superhugo fängt den Dieb!» spielt im Tiermilieu. Erzählt wird mit spleenigem Witz, der sich unter anderem daraus ergibt, dass Hugo, wenn er zuhause bei Oma Frieda ist, betagt und füllig aussieht, sobald er in Superheldenmissionen unterwegs ist, jung, cool und durchtrainiert wirkt und dergestalt von SaBine Büchner kongenial in Szene gesetzt wird. Das lädt zum Weiterlesen
ein – aber ein lebensweltlicher Bezug?
Fehlanzeige!
Den bietet dafür die gänzlich realis-tische erste Erstlesegeschichte des Autors für Erwachsene und Jugendliche Michael Wildenhain. In «Alle gegen Lukas» macht er einen gemobbten Jungen zum Helden im wirklichen Leben. Denn imaginäre Superheldenkräfte bringen Mobbingopfern wenig.
Eine Geschichte, die vorbildhaft zeigt, wie man sich selbst hilft, hingegen schon: indem man sich mit anderen «Opfern» zusammentut und Paroli bietet. Und sei es, dem Angreifer Hähnchenmatsch ins Gesicht zu schmieren!

Ina Nefzer
Buch&Maus 3/15, S. 29

Tredeschin / Traideschin
Gian Bundi, Illustration: Pia Valär
Verlag: Chasa Editura Rumantscha, Publiziert: 2014, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03845-025-2
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Schweiz

Die Frage des Türken „Tredeschin, leder fin, cura tuornast? / Tredeschin, wo läufst du hin? wann kommst du wieder?“ lässt bei Kindern im Engadin innere Bilder aufleben, in denen Tredeschin von einem Abenteuer ins nächste gerät und obige Frage mit „In ün an, in ün an, per mieu ütil, per tieu dan! / Nach Jahr und Tag / dir zur Plag!“ beantwortet. Das Märchen „Tredeschin“ wird erstmals vom Märchensammler, Verleger und Musik-kritiker Gian Bundi auf Puter, dem Idiom des Oberengadins, festgehalten und 1901 in den „Annalas“ ver-öffentlicht. 1974 wird „Tredeschin“ in dem von Giovanni Giacometti illustrierten Buch „Parevlas engiadinaisas“ (Engadiner Märchen) mit den die Comics antizipierenden Figuren im Band, das sich am oberen Rand der Seiten hinzieht, vom Verlag der Uniun dals Grischs heraus gegeben und 2005 erneut aufgelegt. In der vorliegenden Ausgabe der Chasa Editura Rumantscha (CER) von 2014 wird aus dem klassischen Märchen zum Vorlesen, ein Lesebuch für Schüler der Unterstufe, das sie selbständig erkunden und entschlüsseln können.

Das Märchen beginnt mit der Deutung des Namens von Tredeschin, der als letztes von dreizehn Kindern Drei-zehnter genannt wird, da seine Geschwister bereits auf alle Namen der Verwandten getauft worden sind. Er ist klein, feingliedrig, klug und witzig, liest Bücher und erzählt Geschichten, kann pfeifen, singen und Geige spielen. Als Tredeschin vom schönen Land Frankreich liest, macht er sich auf, um beim französischen König Ludwig als Stallbursche zu arbeiten. Der Aufbruch ins Unbekannte führt Tredeschin in ein Wirtshaus, zu den Wachen des Palastes bis zum Pferdestall des Königs. Mit seinem freundlichen, zuvorkommenden Wesen, mit pfeifen, singen und Geige spielen öffnet sich ihm sogar das Tor des Palastes und Tredeschin darf der Königsfamilie vorspielen. Der König, die Königin und die junge Prinzessin nehmen den bescheidenen Tredeschin im Palast auf und er wird zum zweiten Schreiber befördert. Als König Ludwig krank und launisch wird, weil er immer an den Grosstürken denken muss, der ihm im letzten Krieg den Schimmel gestohlen hat, verspricht er demjenigen, der ihm den Schimmel zurück bringt, seine Tochter oder die Hälfte seines Vermögens. Tredeschin geht in den Wald und bittet das „homin sulvadi / Waldmännlein“ um Rat. Nachdem Tredeschin ihm verspricht, in einem Jahr wieder vorbei zu kommen, erklärt ihm das Männlein, wie er den Schimmel aus dem Türkenland befreien kann. Mit List gelingt es Tredeschin nacheinander auch die Decke und den Papagei des Königs zurück zu holen. König Ludwig hat nun keinen offenen Wunsch mehr und Tredeschin und die Prinzessin laden zum grossen Hochzeitsfest.

Mit feinem, ironischem Strich führt die freischaffende Illustratorin Pia Valär (*1983) aus Zuoz, die im Edin-burgh College of Art studiert hat, durch das Märchen. Die zweiseitige Illustration am Anfang mit der in der Stube versammelten Familie, verleitet zum Zählen und das Kind wird feststellen, dass Tredeschin im Kreis der zwölf Geschwister und der Eltern aus einem Buch vorliest. Auf der letzten Doppelseite tanzt die ganze Familie auf der Hochzeit von Tredeschin und der Prinzessin. Bemerkenswert ist, dass jedes Familienmitglied seinen eigenen Charakter gezeichnet bekommt. Auf der Doppelseite 16/17 wird der Raub auf einem Schachbrett gezeigt: Der Türk auf dem Rappen holt sich den Schimmel und König Ludwig fällt zu Boden. Schachmatt.

Die Neufassung in Vallader (daher auch die Schreibweise „Traideschin“) und jene auf Deutsch stammen von Bettina Vital (*1981) aus Ardez. Sie hat Vergleichende Romanische Sprachwissenschaft an der Universität Zürich studiert und ist u. a. als Übersetzerin bei der Schweizerischen Bundeskanzlei in Bern tätig. Bettina Vital erzählt die Abenteuer des Traideschin in einer kindgerechten Sprache und umschreibt Begriffe wie “decret / Dekret“ mit „ün bel di ha‘l annunzchà /eines Tages liess er verlauten“, um den Lesefluss nicht zu unterbrechen. Mit der Wahl der Autorin Bettina Vital und der Illustratorin Pia Valär hat die CER einen Glückstreffer gelandet.

Maria Dosch

Wie man unsterblich wird
Sally Nicholls
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Verlag: dtv, Publiziert: 2013, Seiten: 200, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-62455-8
Schlagwörter: Freundschaft | Krankheit | Tod/Trauer

Ein tapferes Buch vom Sterben, das viel vom Leben weiss – und noch mehr darüber herausfinden möchte. Der elfjährige Protagonist Sam sammelt nämlich Fragen, Geschichten und „interessante Tatsachen“. Und da er an Leukämie erkrankt ist, befassen sich viele seiner Forschungsfragen mit dem Tod und dem Jenseits. „Woher weiss man, dass man gestorben ist?“ heisst eine, und „Wieso lässt Gott Kinder krank werden?“ eine andere, denn natürlich fällt es nicht nur ihm selber schwer, das langsame Dahinsterben anzunehmen. Auch seine Familie, die Ärzte, die Hauslehrerin kämpfen damit. Die noch sehr junge Autorin beschreibt das in ihrem erstaunlichen Erstling (der auch schon ausgezeichnet worden ist) mit sachlich liebevollem Engagement. Sie gibt Sam einen Freund und Leidensgenossen an die Seite, Felix den Ironiker, der ihm im Sterben voraus geht, und eine eigenwillige Phantasie, die ihn seine letzten Wünsche noch erfüllen lässt. Die hat Sam – genau so wie die Fragen und „Tatsachen“ – in Listen festgehalten; sie lassen Leserinnen und Leser (ab 12 Jahren) einem feinfühligen, reifen Jungen begegnen, der sich seinem Schicksal nicht vorschnell ergibt, und zeigen, wie Tod und Leben nicht nur zusammen gehören, sondern vielfach ineinander übergehen.
Verena Stössinger

Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers
Sherman Alexie
Aus dem amerikanischen Englisch von Katharina Orgass und Gerald Jung
Verlag: dtv, Publiziert: 2013, Seiten: 268, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-24742-8
Schlagwörter: Identität/Individualität | Rassismus

In seinem autobiografischen Roman erzählt Sherman Alexie seine Version des amerikanischen Traums – aus der Sicht des jungen Spokane-Indianers Arnold Spirit Junior. Arnold, oder Junior, wie er im Reservat genannt wird, hat eigentlich keine Chance: Er wird mit einem Hydrozephalus geboren und lernt früh, dass die Welt nicht auf ihn gewartet hat. Arbeitsplätze gibt es im Reservat kaum, die Träume seiner Eltern und aller Erwachsenen rundherum sind längst im Alkohol ertrunken, sein eigenes Leben scheint vorgespurt zu sein. Dennoch beschliesst Junior, das Reservat zu verlassen und eine Schule ausserhalb zu besuchen. Am Anfang ist das ein reiner Horrortrip, auch weil Juniors alte Freunde ihn als Verräter betrachten, doch mit der Zeit wird der intelligente Junge überall akzeptiert. In seinem Tagebuch räsoniert er mit handfestem Humor und in einem süffigen Ton über das Leben und die Welt, philosophiert über Gesellschaft und Identität und reichert den Text mit Comiczeichnungen an. Mit seinen ganzen Eigenheiten ist Junior ein so cooler Ich-Erzähler, dass ihm Jugendliche auch in die ganz dunklen Zonen folgen.
Christine Lötscher

Und ausserdem sind Borsten schön
Nadia Budde
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2013, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0433-2

Nadia Budde präsentiert in ihren Büchern immer wieder eine beeindruckende Mi­schung aus neuen Ideen und wiedererkennbarem Strich. Mit ihrem neusten Werk ist der Berliner Künstlerin ein eben­so kluger wie humorvoller Kommen­tar zu gesellschaftlich virulenten Themen wie Schönheitsideal, Schlankheitswahn und Schön­heitsoperationen gelungen. Ih­­re mar­kanten, meist mit einem heraus­for­dernden Blick und mit schwarzen Konturen ausgestatteten Figuren scheinen wie geschaffen für dieses Thema.
Gekonnt gereimt nimmt Budde die BetrachterInnen von Anfang an gefangen: «Leider hab ich von Natur eine komische Frisur», beginnt der Reigen, bei dem man jeder Menge Tieren und Menschen begeg­net. Es sind Porträts von Wesen, die sich allesamt Veränderungen wünschen: Sie wollen glattes statt krauses Haar, grösser sein, kleiner sein oder gar aussehen wie eine Elfe. Speziell zum Elfen-Thema hat Budde eine Doppelseite gestaltet, die man so schnell nicht vergisst. Überhaupt konzentriert sie sich durchgängig ganz auf die tierischen Persönlichkeiten, stellt sie vor unter­schiedlich farbigen Hintergrund und verzichtet auf unnötige Requisiten.
Die «Moral von der Geschicht» verkün­det Onkel Parzival mit erhobenem Zeige­finger: «Eins ist wichtig, wie Du bist, so bist Du richtig!» Er ruht dank Yoga in sich selbst, und ist so authentisch, dass selbst entschiedene GegnerInnen von Botschaf­ten einfach nur zustimmen können.
Antje Ehmann
Buch&Maus 1/2013, S. 23

Ich ging in Schuhen aus Gras
Heinz Janisch, Illustration: Hannes Binder
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2013, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0650-0
Schlagwörter: Traum

Hannes Binder ist als Illustrator ein Geschichtenerzähler. Und wenn er ein Ge­dicht als Grundlage für eine Bilderge­schich­te nimmt, gelingt es ihm, die Poesie der Sprache in der Hell-Dunkel-Welt sei­ner Schab­karton-Bilder wunderbar einzu­fan­­gen. Wie bereits im Falle von Mörikes «Um Mit­ternacht», das 2010 für den Deut­schen Ju­gend­lite­ra­tur­preis no­mi­­niert war, gibt er auch dem lyri­schen Ich aus Heinz Janischs Gedicht «Ich ging in Schuhen aus Gras» ein Gesicht und einen Körper. Zugleich weitet sich der Raum durch extreme Perspektiven ins Unendliche.
«Ich ging in Schuhen aus Gras / durch eine Stadt aus Stein. / Alles war fremd.» – Die Anfangszeilen von Janischs Gedicht eröffnen für den an Räu­men und architek­tonischen Fantasien in­teres­sier­ten Illustrator eine ganze Welt von Mög­lichkeiten, wobei er zwei unterschiedliche Fanta­sie­reisen verbindet. Das lyrische Ich, das sich durch frem­de Räume träumt, bis es wieder zu Hause bei den Eltern und der Katze ankommt, ist auch bei Binder ein Kind. Ein Kind, das im Schaukelstuhl am Fenster so heftig schau­kelt, bis ihm innere und äus­sere Welt verschmelzen.
Während die Schau­kel-Schmet­­­terlinge im Bauch heftig flat­tern, hebt es ab in an­de­re Wel­ten. Doch die, und da haben auch die erwachsenen Betrach­terInnen ihre Freu­de, sind nicht ein­fach luftige Fanta­sie­gebilde. Es sind die archi­tektonischen Träume des Barock-Archi­­tekten Giovanni Battista Pira­ne­si, der für seine in ihrer Monumentalität sich selbst transzendie­renden Bauwerke in die Geschichte eingegangen ist. Der Junge hat sich in ein Buch und seine Bilder hineingeträumt. Und ge­nau das können wir mit Janischs und Binders Buch eben­falls.
Christine Lötscher
Buch&Maus 1/2013, S. 23

Der arme Peter
Heinrich Heine, Illustration: Peter Schössow
Verlag: Hanser, Publiziert: 2013, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24021-7

Peter Schössow kann Gedichte kongenial ins Bild setzen, das hat er mit Tex­ten von Goethe und Morgenstern be­wiesen. Jetzt wagt er sich an Heinrich Heines «Der arme Peter» aus dessen «Buch der Lieder» von 1827. Nur: Wie um Him­mels Willen wird aus der Geschichte vom lie­bes­­­tollen Peter, der die angebetete Grete an Hans verliert und sich aus Liebeskum­mer ins Grab legt, ein Bil­der­buch, das Kin­der ab der Unterstufe interessieren könnte?
Indem Schössow dieses Liebesdrama als Theaterstück gibt. Er lässt die Betrach­tenden hinter die Kulissen des Ham­bur­ger Thalia Theaters blicken, zeigt, was auf der Bühne passiert und wie das Publi­kum rea­giert: ein grandioses Spiel im Spiel. Schös­sow übernimmt dabei Heines dreiteilige Ge­dichtform. Er rhythmisiert mit dop­pel­sei­ti­gen Illustrationen ohne und mit Text, und schwenkt zwischen jedem «Akt» auf einer Doppelseite ins Publikum. Sein Peter läuft mit Büchern unter den Armen und Schmetterlingen um den Kopf durch die Welt. Gegen den feschen Hans kommt er nicht an. Mitleid braucht man mit ihm aber nicht zu haben: Wer sich so im Leiden suhlt und nicht kurieren lassen will, dem ist nicht zu helfen. Das sah auch schon Heine so. Wäh­rend Hans und Grete im Gasthaus «Zum Fröhlichen Landmann» herumturteln, schleicht Peter tropfnass dem Friedhof entgegen…
Schössow erzählt mit schelmischer Freu­­­­de am Detail: Da sind die drei Schauspielerinnen, die mal als Blu­men­mäd­chen, mal als Non­nen, mal als Chor den Lei­den­den beglei­ten; da ist das Publikum, samt Ted­dy und Lego­­­figur, mitfühlend, be­gei­stert; und da ist noch das Liebesglück, das am Ende auf den Schauspieler, der Peter mimt, wartet. Amü­santer kann eine Gedichtinterpretation nicht sein.
Christine Tresch
Buch&Maus 1/2013, S. 23

Die Hugis
Oliver Jeffers
Aus dem Englischen von Katja Alves
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2013, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-10159-7

Der neue Pullover

Die Hugis sind Bürger einer wirklich ordentlichen Gesellschaft. Alle kommen in feinem Bleistiftlook daher, einer wie der andere in bester Kopffüsslertradition. Sie sind alle genau gleich, sie denken dassel­be und machen dieselben Dinge. Wenn sich da nicht eines Tages ein Hugi namens Ru­pert einfach einen Pulli gestrickt hät­te…
Denn nun kommt mit einem Schlag Leben bzw. orange Farbe samt schickem Zickzackmuster in die Gesellschaft. Ru­pert selbst ist stolz – die ande­ren Hugis aber sind irritiert bis entsetzt, denn ihr Gleichsein ist in Frage gestellt. Bis Gil das Anderssein langsam auch ganz interessant findet und sich eben­falls einen Pulli strickt. Von da an nimmt die Sache ihren Lauf: Mehr und mehr Hugis stricken sich orange Pullis. So sind bald alle – gleich – anders! Zumindest solange, bis Rupert beschliesst, einen Hut zu tragen. Damit verändert sich nochmals alles. Denn bei der Wahl eigener Kopfbede­ckungen wird Indi­vidualität erst richtig möglich.
Oliver Jeffers ist ein wandelbarer Illustrator-Autor: In der ersten seiner als Serie angelegten «Hugis»-Geschichten führt er uns eine liebenswerte Truppe vor und bringt deren Sozialkontrakt ins Wanken. Er zeigt in witziger Manier, wie schnell ein Trend zum Mas­senphänomen wer­den kann. So braucht es am Ende zwei Im­pul­se, damit echte Individualisierung mög­lich wird. Die Illustrationen unterstützen diesen Prozess in ihrer Einfach­heit: Bleistiftgrau auf weissem Grund, nur ganz wenig Schattenwurf, um die Figuren da­rauf zu erden. Zwischendurch eine Seite mit pastellfarbenem Hintergrund, wenige Sätze für die Geschichte und prägnante, direkt ins Bild gesetzte Einsilben­äusse­rungen der Hugis. Der langen Rede kurzer Sinn: Zu Anfang ist die Hugi-Welt ziemlich farblos, am Ende wirklich bunt.
Barbara Jakob
Buch&Maus 1/2013, S. 24

Versteckt! Entdeckt?
Susanne Koppe, Illustration: Antje Damm
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2013, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5460-5

«Paul hätt gern den Kopf voll Wolle… statt im Gesicht ’ne dicke Knolle», reimt es sich da neckisch zum Glatzkopf mit Tiefenbräune – auf dem nächsten Bild ist dann Pauls überdimensionierter Riechkolben ab­montiert und entlarvt sich als Kartoffel. – Tja, das Aussehen gibt so manchen Anlass für Vergleiche, und so kann man auf den 22 lustigen Porträts im neuen Pappbilderbuch von Antje Damm und Susanne Koppe auch jede Menge Alltagsgegenstän­de entdecken: Spaghettihaare etwa, oder Lakritzschnecken-Locken, Apfelbäckchen und Linsen-Sommersprossen. Der Witz daran: All diese Sachen wur­den wie schon in Damms Vorgänger «Was ist das?» abfotografiert und so pfiffig in die gezeichneten Konterfeis hineinmontiert, dass kleine Kinder schon genau gucken müssen, um sie in ihrem neuen Kontext zu erkennen. Eine Seite weiter folgt dann nicht nur der Rest des Rätsel­reims, son­dern als Auflösung auch das Ding in na­tura. Und damit der Beweis für jede Menge Analogien in Form, Farbe und Konsistenz: Stimmt ja, ein Knäuel Wolle sieht wirklich aus wie Omas Dutt, eine halbe Melone wie ein Hut und ein Pinsel ist einem Schnauzbart ganz schön ähnlich! Das ist mit unterschiedlichen Zeichenstilen, Materialien und Hintergründen nicht nur spannungsreich in Szene ge­setzt, sondern funktioniert auch als krea­tive Einladung, um Vertrautes mit neuen Augen zu sehen und um die Ecke zu den­ken. Und genau mit diesen beiden Fertigkeiten fängt Kunst im weitesten Sinne ja schon an… Susanne Koppe hat zu Damms Gesichtergalerie fantasievolle, eingängige Reime gemacht. Beides zusammen ergibt ein Pappbilderbuch de luxe!
Marion Klötzer
Buch&Maus 1/2013, S. 24

ABC der fabelhaften Prinzessinnen
Willy Puchner
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2013, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-10129-5
Schlagwörter: Sprachspiel | Tiere

Ein Prinz, der sich eine Frau auswählen soll, und Prinzessinnen aus der ganzen Welt, die sich bei ihm vorstellen und Geschenke mitbringen – das ist die klassi­sche Ausgangslage eines Märchens. Dass es genau 26 Brautanwärterinnen sind, ist kein Zufall, denn jede von ihnen repräsen­tiert einen Buchstaben des Alphabets. Ein ABC-Buch also?

Das «ABC der fabelhaften Prinzessin­nen» entzieht sich einer Kategorisie­rung. Der österreichische Fotograf und Zeichner Willy Puchner hat in erster Linie ein sehr künstlerisches Buch mit be­zau­bernden Illustrationen in unter­schied­­lichen Techniken geschaffen. So gekonnt er Farben und Formen zu Bildern komponiert, so virtuos spielt er mit Wörtern: Er erzählt von der coolen Prinzessin Coletta aus Caracas, die dem Prinzen ein Cello aus Chile mitbringt, von der sympathischen Solveig aus Schweden mit der schneeweissen Schneeeule bis zur ziemlich zufriedenen Zenobia aus Zürich, deren Prä­sent aus zweimal zwanzig Zeichenstiften besteht. Prinz Willem, der die Prinzessin­nenparade an sich vorbeiziehen lässt, ist übrigens ein Vogel, genau wie die Prinzessinnen. Jede Vogelfrau sieht anders aus, jede hat ein anderes Krönlein.

Der einfallsreiche Text ist vor allem für Erwachsene reizvoll. Doch auch Kinder kön­nen sich am Klang der schwierigen oder gar exotischen Wörter erfreuen, wenn ihnen die Episoden vorgelesen wer­den. Der Sprachrhythmus gehört ebenso zur Welt der Buchstaben wie das Schriftbild. Welchen Buchstaben beziehungswei­se welche Braut Prinz Willem letztlich auserwählt, bleibt offen. Der Autor spielt den Lesenden mit den Worten «Für wen wür­dest du dich eigentlich entscheiden?» den Ball zu. Also, zurückblättern und das Gan­ze noch einmal von vorne anschauen!

Katrin Fehr
Buch&Maus 1/2013, S. 25

Das Kind im Mond
Jürg Schubiger, Illustration: Aljoscha Blau
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2013, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0434-0
Schlagwörter: Traum | Familie/Familienformen

Ein Mann steht am Abgrund. Vor ihm nichts als das Nichts, ein tiefschwarzer Himmel mit ein paar weissen Farbkleck­sen: Sterne, aus denen sich keine Bilder lesen lassen. All das scheint den Mann nicht zur Verzweiflung zu bringen; er ist höchstens ein wenig melancholisch. In der Pose eines träumenden Dandys hält er sich an einem überdimensionalen Löwen­zahnstängel fest, während die Samen der Blume in die Schwärze der ewigen Nacht hinausdriften.
Aljoscha Blaus berückend poetische Bil­der entführen uns in eine völlig fremde, stille Welt, in der wir gerne staunend verweilen möchten, um auf kleine Wunder zu warten: Einmal fliegt ein Rabe vorbei, fast so schwarz wie der Himmel. Nur an den Feder-Enden schimmert er ein wenig blau.
Die Geschichte, die Jürg Schubiger erzählt, führt, und das gibt dem Buch seine Spannung, in eine andere Richtung. Wäh­rend Blaus Poesie im Abstrakten schwebt, kommt Schubigers Sprache sinn­­lich, fast handfest daher. Wir befin­den uns auf dem Mond, wo eine Familie lebt: der Mann, die Frau und das Kind im Mond. Ziemlich einsam ist es da. Und ziem­­lich langweilig, denn auf dem blassen Gestirn gibt es nichts zu tun. Ausser fern­sehen im wört­lichen Sinne, also, in die Fer­ne sehen und sich Geschichten erzäh­len: «Und während sie so blickten, erzählte die Frau vom Le­ben auf der Erde, von Kräutern und Früch­ten, von Würsten und von fri­schem Brot, dass allen das Was­ser im Mund zusam­menlief.» Eines Tages wird die Sehnsucht nach all den leben­di­gen, warmen, harten und weichen Dingen so gross, dass das Kind losfliegt, in Rich­tung blaue Erde.
Christine Lötscher
Buch&Maus 1/2013, S. 25

Apfelsinen für Mister Orange
Truus Matti
Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2013, Seiten: 174, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5457-5
Schlagwörter: Kunst

New York, September 1943: Linus’ ältester Bruder zieht in den Zweiten Weltkrieg, inspiriert von seinen Superman-Comics, in denen der Comic-Held den «Guten» zu leichten Siegen über die «Bösen» verhilft. Derweil übernimmt Linus die Aufgabe, mit einem Obst- und Gemüsekarren die Geschäftskunden der Eltern zu beliefern.
Mit Linus unterwegs wird Manhattan zum Quar­tier. Alle zwei Wochen liefert der Jun­ge eine Kiste Apfelsinen an den Maler mit dem komplizierten Namen, den Linus für sich «Mister Orange» nennt. Mister Oran­ge – Piet Mondrian – zeigt dem Lauf­burschen seine Farbversuche, mit denen er die Boo­gie-Woogie-Musik und seine Zukunftsvi­sionen darstellen will. Linus ist von Mondrians Atelierwohnung zwar fas­zi­niert – wie aber sollen Bilder die Zukunft beeinflus­sen? Als Linus heimlich einen Brief seines Bruders liest, wachsen seine Zweifel, dass Superman als fiktiver Gesprächspartner taugt.
Die holländische Autorin Truus Matti schreibt einen leisen Roman über grosse Themen. Vor dem Hintergrund des Zwei­ten Weltkriegs lässt sie einen New Yorker Laufburschen über Krieg und Helden, über (abstrakte) Kunst und Comics, Freund­schaft und Familie nachdenken. Der Ro­man liest sich leicht und ist dabei auf unspektakuläre Weise spannend. Die Absicht, den jungen LeserInnen den Maler Piet Mon­dri­an und abstrakte Kunst vorzustellen, fügt sich nahtlos in eine viel­schichtige Erzählung ein.
Die historischen Grundlagen des Ro­mans bilden die kriegsbegeisternden Su­per­man-Comics der 1940er Jahre sowie Piet Mondrians Aufenthalt in New York. Mon­drian starb dort 1944 an einer Lun­genentzündung und hinterliess sein Werk «Victory Boogie Woogie», dessen Ent­­ste­hung Linus mitverfolgt, unvollendet.
Silvia Hess
Buch&Maus 1/2013, S. 26

Gefährliche Kaninchen
Kirsten John
Verlag: Arena, Publiziert: 2013, Seiten: 150, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-06883-0
Schlagwörter: Freundschaft | Familie/Familienformen

Lakritz zum Frühstück

Als sich Max und Leonie zum ersten Mal begegnen, sind sie beide auf der Flucht. Er vor der übergrossen Stille bei ihm zu Hau­se, sie vor dem Trubel in dem viel zu klei­nen Reihenhaus ihrer Eltern, in dem sie mit weiteren fünf Geschwistern lebt. Klar, dass jeder den anderen beneidet. Davon, dass sie schon bald einen Plan schmieden, ihre Familien zu tauschen, und wohin das Ganze noch führen wird, erzählt Kirsten John in ihrem von urkomischen Verwicklungen beherr­sch­ten Kinderbuch «Ge­fähr­liche Kaninchen», zu dem sie mit «Lakritze zum Frühstück» auch eine Fortsetzung geschrieben hat.
Diese Fortsetzung handelt von der Ru­he, die Max’ Mama so dringend zum For­schen braucht, und vom Chaos, das Leo­nies Familie un­weigerlich mit sich bringt, als sie der For­scherin nach Dänemark folgt, nachdem diese sich den Knöchel vertreten hat. Dabei küm­mert sich vor Ort bereits je­mand um Max’ Mutter, und zwar ein wasch­ech­ter Troll: riesengross, behaart und aus­ge­sprochen geheimnisum­woben. Selbst wenn Max’ Papa nicht mehr zu Hau­se wohnt, kann es ihm doch nicht recht sein, wenn seine Frau sich neu verliebt, ganz gleich, ob in einen Troll oder nicht – oder?!
Im Zweifamilienkomplettur­laub, Dauerregen inbegriffen, ziehen Max und Leo­nie phantasievoll alle Register, um Max’ Mama vor dem vermeintlichen Unhold zu retten. Selten sind die Themen Patch­work­familie und anstehende Schei­dung so hinreissend komisch und her­zenswarm verarbeitet worden.
Maren Bonacker
Buch&Maus 1/2013, S. 26

Raubritter Rocko und die verflixte Flugstunde
Jochen Till, Illustration: Zapf
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2013, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-86429-119-4

In den 1980er-Jahren gegründet, feiern die ersten Verlagsprogramme für Lesean­fän­gerInnen schon runde Jubiläen. «Erstlese­geschichten» haben sich am Markt durchgesetzt als eine Sparte, die gute Umsätze beschert: Wenn es um ihren Nachwuchs geht, lassen sich Eltern und Grosseltern meist nicht lumpen. Ihnen stehen ab Frühjahr 2013 zwölf deutschsprachige Erstlese­programme zur Auswahl.
Doch trotz guter Umsätze haben besonders didaktische Lesestufenreihen ei­nen miserablen Ruf, werden sie doch von der Kritik ignoriert oder als Einheitsbrei verspottet. Ein Verlag, der neue Wege beschreitet, wie Tulipan mit seiner ABC-Reihe, wird hingegen in den Himmel gelobt. Hilfreich für KäuferInnen ist weder das eine noch das andere.
Texte, mit denen Kinder in Klasse 1 und 2 das Lesen erler­nen, unterliegen anderen Massgaben als diejenigen Texte, anhand derer in den Klassen 2 und 3 flüssiges Lesen in zunehmend grösseren Sinneinheiten eingeübt werden soll. Geschichten der ersten Kate­gorie, die von Erstlese­rIn­nen Wort für Wort buchstabiert werden müs­sen, sollten in Wortwahl, Satzbau und Layout unbedingt nach didaktischen Mass­­stäben erstellt und gestaltet werden, um die gewaltige Leselernanstrengung zu erleichtern und zu belohnen. Doch ein Blick auf das Angebot zeigt, dass wirklich einfache Erstlesegeschichten rar sind. Wer Buchstabe für Buchstabe liest, stolpert über Zeitensprünge, schwierige, ellenlan­ge und zusammengesetzte Wörter, Sub­stantivie­rungen oder Worttrennun­gen und braucht den sinnbetonten Flattersatz, um nicht aus der Zeile zu rutschen.
Bei Tulipan verzichtet man – leider schon ab Stufe A – auf solche Vereinfachungen. Dafür wird jedoch etwas ganz Besonderes geboten: Allerfeinst erzählte Geschichten, wie alle drei neu auf Stufe B erschienenen Titel beweisen. Unter ihnen zeigt «Raubritter Rocko und die verflixte Flugstunde» von Jochen Till und Zapf, wie hilfreich Illustrationen fürs Erlesen sind. Dann nämlich, wenn sie nicht nur Inhaltliches genau und konstant abbilden, son­dern auch den Sprachwitz in Slapstick, Situ­ationskomik und Gags ins Bild setzen. Fazit: Mit Tulipan-Geschichten kann man wunderbar Lesen üben, nicht aber aller­erste Lese-Schritte tun.
Wer für Erstklässler einkauft, sollte die Buchseiten – im Laden – auf Lesestolpersteine hin durchsehen. Und zu einfach­s­ten Textformen greifen, wie sie nur di­dak­tische Stufenmodelle bieten: etwa Vignet­tengeschichten, die Sub­stan­tive durch Bild­­symbole ersetzen.
Wer sucht, fin­det auch hier Gutes. Zum Beispiel eine erfahrene Autorin wie Frauke Nahrgang. Sie beweist in «Das klei­ne Schloss­gespenst lernt spuken», wie man mit einfachsten Wörtern zaubern kann, indem lustig übertrieben mit Kli­schees gespielt und – mittels Bildsymbolen – in bildhaften Redewendungen geschwelgt wird. Solch verspielte sprachliche Leichtigkeit tut ABC-Schwers­tarbei­terInnen gut.
Auch Geschichten mit wenig Text und viel Bildanteil pro Doppelseite eignen sich gut für LesebuchstabiererInnen. Die na­tür­­­lich motivierter (weiter)lesen, wenn es spannend zugeht wie in «Detektiv Paule und ein verflixt verzwickter Fall» vom ein­ge­spielten Team Bertram & Schul­meyer. Hier wird ein ganzer Kinderkrimi erzählt: ohne Kitsch oder thematische An­bie­de­rung, solide, sprachlich einfach und trotz­dem fesselnd. Genau darin liegt die Kunst!
Ina Nefzer
Buch&Maus 1/2013, S. 27

Das kleine Schlossgespenst lernt spuken
Frauke Nahrgang
Verlag: Arena, Publiziert: 2013, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-70212-2
Schlagwörter: Sprachspiel

In den 1980er-Jahren gegründet, feiern die ersten Verlagsprogramme für Lesean­fän­gerInnen schon runde Jubiläen. «Erstlese­geschichten» haben sich am Markt durchgesetzt als eine Sparte, die gute Umsätze beschert: Wenn es um ihren Nachwuchs geht, lassen sich Eltern und Grosseltern meist nicht lumpen. Ihnen stehen ab Frühjahr 2013 zwölf deutschsprachige Erstlese­programme zur Auswahl.

Doch trotz guter Umsätze haben besonders didaktische Lesestufenreihen ei­nen miserablen Ruf, werden sie doch von der Kritik ignoriert oder als Einheitsbrei verspottet. Ein Verlag, der neue Wege beschreitet, wie Tulipan mit seiner ABC-Reihe, wird hingegen in den Himmel gelobt. Hilfreich für KäuferInnen ist weder das eine noch das andere.

Texte, mit denen Kinder in Klasse 1 und 2 das Lesen erler­nen, unterliegen anderen Massgaben als diejenigen Texte, anhand derer in den Klassen 2 und 3 flüssiges Lesen in zunehmend grösseren Sinneinheiten eingeübt werden soll. Geschichten der ersten Kate­gorie, die von Erstlese­rIn­nen Wort für Wort buchstabiert werden müs­sen, sollten in Wortwahl, Satzbau und Layout unbedingt nach didaktischen Mass­­stäben erstellt und gestaltet werden, um die gewaltige Leselernanstrengung zu erleichtern und zu belohnen. Doch ein Blick auf das Angebot zeigt, dass wirklich einfache Erstlesegeschichten rar sind. Wer Buchstabe für Buchstabe liest, stolpert über Zeitensprünge, schwierige, ellenlan­ge und zusammengesetzte Wörter, Sub­stantivie­rungen oder Worttrennun­gen und braucht den sinnbetonten Flattersatz, um nicht aus der Zeile zu rutschen.

Bei Tulipan verzichtet man – leider schon ab Stufe A – auf solche Vereinfachungen. Dafür wird jedoch etwas ganz Besonderes geboten: Allerfeinst erzählte Geschichten, wie alle drei neu auf Stufe B erschienenen Titel beweisen. Unter ihnen zeigt «Raubritter Rocko und die verflixte Flugstunde» von Jochen Till und Zapf, wie hilfreich Illustrationen fürs Erlesen sind. Dann nämlich, wenn sie nicht nur Inhaltliches genau und konstant abbilden, son­dern auch den Sprachwitz in Slapstick, Situ­ationskomik und Gags ins Bild setzen. Fazit: Mit Tulipan-Geschichten kann man wunderbar Lesen üben, nicht aber aller­erste Lese-Schritte tun.

Wer für Erstklässler einkauft, sollte die Buchseiten – im Laden – auf Lesestolpersteine hin durchsehen. Und zu einfach­s­ten Textformen greifen, wie sie nur di­dak­tische Stufenmodelle bieten: etwa Vignet­tengeschichten, die Sub­stan­tive durch Bild­­symbole ersetzen.

Wer sucht, fin­det auch hier Gutes. Zum Beispiel eine erfahrene Autorin wie Frauke Nahrgang. Sie beweist in «Das klei­ne Schloss­gespenst lernt spuken», wie man mit einfachsten Wörtern zaubern kann, indem lustig übertrieben mit Kli­schees gespielt und – mittels Bildsymbolen – in bildhaften Redewendungen geschwelgt wird. Solch verspielte sprachliche Leichtigkeit tut ABC-Schwers­tarbei­terInnen gut.

Auch Geschichten mit wenig Text und viel Bildanteil pro Doppelseite eignen sich gut für LesebuchstabiererInnen. Die na­tür­­­lich motivierter (weiter)lesen, wenn es spannend zugeht wie in «Detektiv Paule und ein verflixt verzwickter Fall» vom ein­ge­spielten Team Bertram & Schul­meyer. Hier wird ein ganzer Kinderkrimi erzählt: ohne Kitsch oder thematische An­bie­de­rung, solide, sprachlich einfach und trotz­dem fesselnd. Genau darin liegt die Kunst!

Ina Nefzer
Buch&Maus 1/2013, S. 27

Detektiv Paule und ein verflixt verzwickter Fall
Rüdiger Bertram, Illustration: Heribert Schulmeyer
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2013, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-36299-9
Schlagwörter: Krimi/Thriller

In den 1980er-Jahren gegründet, feiern die ersten Verlagsprogramme für Lesean­fän­gerInnen schon runde Jubiläen. «Erstlese­geschichten» haben sich am Markt durchgesetzt als eine Sparte, die gute Umsätze beschert: Wenn es um ihren Nachwuchs geht, lassen sich Eltern und Grosseltern meist nicht lumpen. Ihnen stehen ab Frühjahr 2013 zwölf deutschsprachige Erstlese­programme zur Auswahl.
Doch trotz guter Umsätze haben besonders didaktische Lesestufenreihen ei­nen miserablen Ruf, werden sie doch von der Kritik ignoriert oder als Einheitsbrei verspottet. Ein Verlag, der neue Wege beschreitet, wie Tulipan mit seiner ABC-Reihe, wird hingegen in den Himmel gelobt. Hilfreich für KäuferInnen ist weder das eine noch das andere.
Texte, mit denen Kinder in Klasse 1 und 2 das Lesen erler­nen, unterliegen anderen Massgaben als diejenigen Texte, anhand derer in den Klassen 2 und 3 flüssiges Lesen in zunehmend grösseren Sinneinheiten eingeübt werden soll. Geschichten der ersten Kate­gorie, die von Erstlese­rIn­nen Wort für Wort buchstabiert werden müs­sen, sollten in Wortwahl, Satzbau und Layout unbedingt nach didaktischen Mass­­stäben erstellt und gestaltet werden, um die gewaltige Leselernanstrengung zu erleichtern und zu belohnen. Doch ein Blick auf das Angebot zeigt, dass wirklich einfache Erstlesegeschichten rar sind. Wer Buchstabe für Buchstabe liest, stolpert über Zeitensprünge, schwierige, ellenlan­ge und zusammengesetzte Wörter, Sub­stantivie­rungen oder Worttrennun­gen und braucht den sinnbetonten Flattersatz, um nicht aus der Zeile zu rutschen.
Bei Tulipan verzichtet man – leider schon ab Stufe A – auf solche Vereinfachungen. Dafür wird jedoch etwas ganz Besonderes geboten: Allerfeinst erzählte Geschichten, wie alle drei neu auf Stufe B erschienenen Titel beweisen. Unter ihnen zeigt «Raubritter Rocko und die verflixte Flugstunde» von Jochen Till und Zapf, wie hilfreich Illustrationen fürs Erlesen sind. Dann nämlich, wenn sie nicht nur Inhaltliches genau und konstant abbilden, son­dern auch den Sprachwitz in Slapstick, Situ­ationskomik und Gags ins Bild setzen. Fazit: Mit Tulipan-Geschichten kann man wunderbar Lesen üben, nicht aber aller­erste Lese-Schritte tun.
Wer für Erstklässler einkauft, sollte die Buchseiten – im Laden – auf Lesestolpersteine hin durchsehen. Und zu einfach­s­ten Textformen greifen, wie sie nur di­dak­tische Stufenmodelle bieten: etwa Vignet­tengeschichten, die Sub­stan­tive durch Bild­­symbole ersetzen.
Wer sucht, fin­det auch hier Gutes. Zum Beispiel eine erfahrene Autorin wie Frauke Nahrgang. Sie beweist in «Das klei­ne Schloss­gespenst lernt spuken», wie man mit einfachsten Wörtern zaubern kann, indem lustig übertrieben mit Kli­schees gespielt und – mittels Bildsymbolen – in bildhaften Redewendungen geschwelgt wird. Solch verspielte sprachliche Leichtigkeit tut ABC-Schwers­tarbei­terInnen gut.
Auch Geschichten mit wenig Text und viel Bildanteil pro Doppelseite eignen sich gut für LesebuchstabiererInnen. Die na­tür­­­lich motivierter (weiter)lesen, wenn es spannend zugeht wie in «Detektiv Paule und ein verflixt verzwickter Fall» vom ein­ge­spielten Team Bertram & Schul­meyer. Hier wird ein ganzer Kinderkrimi erzählt: ohne Kitsch oder thematische An­bie­de­rung, solide, sprachlich einfach und trotz­dem fesselnd. Genau darin liegt die Kunst!
Ina Nefzer
Buch&Maus 1/2013, S. 27

Mister Creecher 
Chris Priestley
Aus dem Englischen von Beatrice Howeg
Verlag: Bloomoon, Publiziert: 2013, Seiten: 410, ISBN/ISSN/EAN: 3-7607-9928-0
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft | Grusel/Spuk/Horror

Als Billy einem vermeintlich Toten seine Habseligkeiten aus den Taschen stehlen will, muss er entsetzt feststellen, dass sein Opfer noch lebt. Furchterregend gross und grauenerregend anzusehen, erhebt sich der Fremde und rettet dem von anderen Strassenjungen verfolgten Billy erst einmal das Leben. Doch die mysteriöse Krea­tur erwartet dafür eine Gegenleistung: Bil­ly soll zwei Reisende aus der Schweiz beobachten und über jeden ihrer Schritte Bericht erstatten. Weil das Leben eines heimat- und elternlosen Strassenjungen im London des frühen 19. Jahrhunderts voller Entbehrungen und Ge­fahren ist, geht Billy auf den Handel ein. Er lernt die Kreatur, die er Mr. Creecher nennt, in gewisser Weise schätzen, küm­mert sich der Fremde doch besser um ihn, als irgend jemand sonst in seinem Leben. Gleichzeitig begegnet er Mr. Creecher mit immer grösser werdendem Misstrauen – denn was dieser ihm über seine Herkunft erzählt, erfüllt Billy mit nie gekannter Abscheu. Gemeinsam heften sie sich an die Fersen des Wissenschaftlers Victor Fran­kenstein, der Creecher ein unglaubliches Versprechen gegeben haben soll. Und ausgerechnet Billy soll dafür sorgen, dass sich dieses Versprechen erfüllt.
Kein Geringerer als Gruselmeister Chris Priestley hat sich hier des berühmtesten Schauerromans der englischen Literaturgeschichte angenommen, um ihn aus an­derer Perspektive völlig neu zu erzählen. Durch die Augen eines an eine Dickens-Figur erinnernden Strassenjungen lernen die LeserInnen hier den letzten Teil von Mary Shelleys «Frankenstein» kennen. Rück­blenden und Erzählungen von Mr. Cree­cher lassen die ganze Handlung des Ori­gi­nals erahnen und machen neugierig darauf. «Mr. Creecher» ist eine grandi­ose Story um Abenteuer und Freundschaft, Grauen und unentrinnbares Schicksal.
Maren Bonacker
Buch&Maus 1/2013, S. 28

Melina und das Geheimnis aus Stein
Marlene Röder
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2013, Seiten: 210, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-36861-X
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

An besonderen Freunden, die Kinder wäh­rend existenzieller Krisen begleiten, um sie dann in eine selbstbestimmte Zukunft zu entlassen, mangelt es der Kinderlite­ra­tur nicht; unsichtbare Gefährten, muntere Kasperles und lila Nashörner drücken sich die Klinke in die Hand. Auch die Geschich­te von Melina, deren Mutter nach dem Tod des Baby-Bruders depressiv wird, hätte von dieser Art sein können – tröst­lich, witzig auch, und ohne Zweifel wichtig in ihrer psychologischen Dimension.
Marlene Rö­der aber stellt Melina mit der dauer­lächelnden rosa Playmobilfigur Pippa und dem Grabengel Will zwei recht schräge Kameraden an die Seite. Lebendig geworden unter Melinas Händen, die Un­belebtes aufwecken, als würden sie «in ei­nem dunklen Tümpel herumtasten» und die Dinge, die sich darin verbergen, «an die Oberfläche zie­hen», werden beide in ein ganz schön que(e)res Universum «gebo­ren». Nicht nur, dass Melina mit einer Tra­dition bricht, in der männliche Genies weib­liche Mar­morstatuen und Cy­borgs kre­i­eren: Ihre Ge­schöpfe emanzi­pieren sich, ohne aus ihrem Leben zu verschwin­den, und öffnen sie für neue Ideen und Fragen. So wun­dert sich Will, wa­rum es nur Mäd­chen und Jungen ge­ben soll, «nicht nur eine Sorte Men­schen oder drei», und er schlägt eine Brü­cke zu Nachbarin Jessie. Die schneidet ihren Bar­bies ver­­filzte Kurzhaarfrisuren und beschmiert ihre grazilen Kör­per mit Tarn-Schlamm.
Während Melinas familiäre Nöte und Wills Wunsch, ein Mensch zu werden, dem Kinderroman grosse Ernsthaftigkeit, bis­weilen Melancholie verleihen, bricht sich doch das Lachen immer wieder gewaltsam seinen Weg: wenn Wills Arm beim Fussball abbricht, etwa, und die toughe Jessie sich aufführt «wie eine Blondine in einem Horrorfilm».
Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/2013, S. 28

Die Sauerdropse
Jaap Robben, Illustration: Benjamin Leroy
Aus dem Niederländischen von Birgit Erdmann
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2013, Seiten: 168, ISBN/ISSN/EAN: 3-939435-72-4

Die Brüder Harry und Hubert Sauerdrops wohnen in der Selleriegasse 33. Wer genau hinschaut, erkennt das schon von Aussen: ein Garten voller Steinplatten, der Gehsteig gestaubsaugt, das spärliche Gras bis zu den Wurzeln geschoren, alles pico­bello sauber. Denn wie der Name schon sagt, sind die beiden solche Langweiler und Miesepeter, dass sogar die Blüm­chen­tapete regelmässig verwelkt.
Jeder Tag ist gleich – und das finden die Sauerdropse auch gut so: Zum Frühstück gibts immer saure Heringe und Bren­nes­sel-Tee mit Salzgurkenwasser, dann wer­den beim Rathaus Ordnungswidrigkeiten angezeigt und vor dem Ins-Bett-Gehen die Gebisse ordentlich in Essigwasser eingelegt. Daran ändert auch der donnerstägliche Streit oder der Urlaubstag in einem verrammelten Wohnwagen auf dem Cam­ping­platz Algenqual nichts. Und doch wit­tert der Leser schon hier ein dunkles Geheimnis: Warum sind die beiden so komisch? Schläft ihre Mutter wirklich die ganze Zeit und warum darf niemand das winzige Stück Rasen betreten?
Als eines Tages ein Brief in einem wi­derlich fröh­lichen Umschlag samt einer ebensolchen Rathaustelefonistin ins Haus flattert, könn­­te alles anders werden. Tut es aber nicht. Bis zum Showdown an Mutters 111. Geburtstag…
«Die Sauerdropse» ist eine schwarzhumorige Geschichte mit herrlich schrä­gen Details, ganzseitigen Kritzelzeichnun­gen und schrill kolo­rier­ten Collagen, die in ihrem Spagat zwischen Komödie und Tra­gö­die einen eigen­willigen Sound findet. Dass der Span­nungsbogen nicht so recht sitzt und das Ganze in seiner psycholo­gischen Komplexität allzu überladen ge­rät, tut dieser Originalität kaum Abbruch.
Marion Klötzer
Buch&Maus 1/2013, S. 29

Der beste Freund, den man sich denken kann
Matthew Dicks
Aus dem Englischen von Cornelia C. Walter
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2013, Seiten: 448, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-1140-X

Budo ist «nicht direkt ein Kind, aber auch nicht direkt erwachsen». Der altkluge Ich-Erzähler in Matthew Dicks wundervollem Roman ist ein imaginärer Freund und lebt entsprechend im Raum zwischen den Leu­ten. Seine Existenz verdankt er dem neun­jährigen Max, einem intelligenten, aber nicht ganz einfachen Jungen mit Asperger-Syndrom. Wenn Max schläft, unter­nimmt Budo kleine Streifzüge zur Tankstelle, trifft auf der Kinderstation des Spitals andere Fantasiegefährten oder setzt sich mit Max’ Eltern vor den Fern­seher, wenn diese nicht gerade darüber streiten, ob Max bloss ein Spätzünder sei oder vielleicht doch eine Therapie brauche.
Seit fast sechs Jahren sind Max und Bu­do ein eingespieltes Team. Und das könnte ewig so bleiben, wäre da nicht die Angst und die Gewissheit, dass Max eines Tages aufhören wird, an den imaginären Freund zu glauben. Budo hat es bei an­deren Fan­tasiegefährten mehrfach miterlebt: Wenn sie nicht mehr gebraucht werden, lösen sie sich langsam auf und sterben. Noch ist es aber nicht so weit, denn als Max entführt wird, ist Budo seine einzige Rettung. Der tapfere Fantasie­ge­fährte muss den gan­zen Mut und all seine Einbildungskraft mobili­sieren, um dem Menschfreund zu hel­fen. Denn Budo weiss zwar mehr als Max, kann durch Türen und Fenster gehen, aber er kann in der Men­schenwelt nichts anfas­sen oder bewe­gen.
Literarische Figuren sind fast so etwas wie imaginäre Freunde. Solange wir an sie glauben, existieren sie. In diesem Sinne brauchen wir uns um Budo keine Sorgen zu machen. Er wird sich in den Herzen und Köpfen junger wie erwachsener LeserInnen einen festen Platz erobern.
Daniel Ammann
Buch&Maus 1/2013, S. 29

Wunder
Raquel J. Palacio
Aus dem Englischen von André Mumat
Verlag: Hanser, Publiziert: 2013, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24175-2
Schlagwörter: Behinderung | Mut/Selbstbewusstsein

Weil sein Gesicht durch einen Gen-Defekt entstellt ist, hat der zehnjährige August kaum Kontakt zur Aussenwelt. Wer geht schon gern auf den Spielplatz, wenn an­dere Kinder dann schreiend davonlaufen? Doch wenn er «normal» sein will, findet seine Familie, dann muss August allmäh­lich daran denken, auch ganz normal auf eine Schule zu gehen, was bisher wegen seiner vielen Operationen nicht möglich gewesen ist.
August stellt sich der Herausforderung, und zunächst scheint alles gut. Zwar kommt nicht jeder mit seiner Gegenwart und seinem Aussehen zurecht, doch fin­det er Freunde, die sich schon bald nicht mehr an seinem Äusseren stören. Hallo­ween soll der Höhepunkt in Augusts ers­tem Schuljahr sein, denn an diesem einen Tag im Jahr, an dem die Kinder Masken tragen, sind wirklich alle gleich. Doch ausgerechnet an diesem Tag hört er, wie sein vermeintlich bester Freund über ihn sagt, dass er sich eher umbringen würde, als mit einem solchen Gesicht herumzulaufen…
Raquel J. Palacio erzählt aus verschie­denen Perspektiven eine ganz ausserge­wöhnliche Geschichte eines ganz und gar nicht normalen Jungen. Nicht der Gen-De­fekt aber ist es, der August so sehr von den anderen abhebt, sondern sein Lebensmut, sein ungebrochener Optimismus und sein Humor. Das Hörbuch setzt den Aufbau der Geschichte adäquat um: Acht SprecherInnen, darunter Andreas Steinhöfel und Nina Petri, versetzen sich in die Rollen von August, seiner Schwester, seinen Freun­den und auch den Menschen, deren Into­le­ranz kaum zu ertragen ist. Ein Buch voller Feingefühl, Wärme und Humor, das diese Welt ein bisschen besser macht.
Maren Bonacker
Buch&Maus 1/2013, S. 29

Bullet Boys
Ally Kennen
Aus dem Englischen von Heike Brandt
Verlag: dtv, Publiziert: 2013, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-71535-9
Schlagwörter: Freundschaft

Drei Freunde, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Da ist zum einen der Natur­bursche Alex, besonnen und nachdenklich, Sohn eines Wildhüters und an den ver­antwortungsvollen Um­gang mit der Na­­tur (und Waffen) gewöhnt. Dann der vor Kraft nur so strotzende, dafür umso sanftmütigere Levi, der nach der Schei­dung der Eltern bei seiner Mutter lebt und ihre Fixiertheit auf den Sohn mit be­wun­dernswerter Geduld erträgt. Und schlies­s­lich Max, «schwarzes Schaf» ei­ner wohlhabenden Familie, der in seiner Wut auf seine Eltern, die Schule und sein ganzes Leben schlicht­weg unberechenbar ist.
Das Unheil beginnt, als Alex und Levi beim Herumstöbern auf einem alten Bau­ern­hof, der auf militärischem Sperrgebiet liegt, ein illegales Waffenlager entdecken. Während Alex nicht sicher ist, wie er sich verhalten soll, hofft Levi auf «das schnelle Geld» und weiht Max ein. Ein Fehler…
Ally Kennen legt mit «Bullet Boys» einen packenden Thriller vor, der um die gefährliche Faszination von Waffen kreist. Resul­tiert die Spannung zu Beginn vornehmlich aus der Verschiedenheit der drei ju­gend­lichen Hauptpersonen sowie ei­nem Vorfall auf Max’ ehe­ma­li­ger Schule, ändert sich dies nach rund einem Drittel des Bu­ches mit der wach­senden Bedroh­ung, die von den Soldaten ausgeht. Als Max beim Versuch, die Waffen gemeinsam mit Levi zu bergen, einen Soldaten lebensgefährlich verletzt, beginnt eine gnaden­lose Hetzjagd durch das Moor, die die drei Ju­gend­lichen am Ende um ein Haar das Leben kostet. «Bullet Boys» ist ein Buch, das nicht nur spannend geschrieben ist und durch eine feinfühlige Charakter­zeichnung überzeugt, sondern auch noch reichlich Diskussionsstoff für so manche Unterrichtseinheit bietet.
Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/2013, S. 30

Paradiessucher
Rena Dumont
Verlag: Hanser, Publiziert: 2013, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24164-7
Schlagwörter: Migration

Das Jammern hat sich Lenka Hrózová gleich nach der Enttäuschung ihres Le­bens abgewöhnt, als sie am Konservatori­um abgelehnt wird, weil ihre Mutter kei­ne Beziehungen zur kommunistischen Partei pflegt: «Ich heulte wie am Spiess. Meine Mutter auch. Das fand ich unangebracht, also hörte ich augenblicklich damit auf. Sie nahm mir die Lust am Selbstmitleid.» Und so wandelt die 17-Jährige ihre Gefühle in die Energie um, die sie braucht, um der böhmischen Kleinstadt Prerov 1986 mit ihrer Mutter und einem Deutschland-Vi­sum den Rücken zu kehren.
Im bayerischen Königssee geniesst Lenka die zum Wunschtraum geronnene Fa-Seife und die Pasta, aber ihre zwischen Hysterie und Apathie taumelnde Mutter tritt in den Hungerstreik, und auch die Sprache, die Lenka im ghettoisierten Asy­lantenlager nicht vertrauter wird, stellt sie vor Probleme. Genau wie in Prerov macht Lenka auch hier die Erfahrung, dass Mann sich nicht für ihre Bedürfnisse interes­siert, sondern sich nach dem Rammel-Sex bloss zufrieden eine Zigarette anzündet – «schliesslich hat er gerade eine Sieb­zehn­jährige gefickt, die noch schön eng ist».
Die tschechisch-deutsche Schauspie­le­rin Rena Dumont verzichtet in ihrem stark autobiografischen Jugendroman «Para­dies­sucher» weitgehend auf Erklä­run­gen zum tschechischen Realso­zia­lis­mus; sie erläutert selten, verurteilt und idealisiert nicht, ist kaum parteiisch und nie nostal­gisch, sondern lässt ihre kratz­bürstige, abgeklärte Heldin Lenka einfach erzählen. Und die erzählt. Und erzählt. Und erzählt! Und ihr Ton, desillusioniert und verächtlich, oft auch grob, wird immer wütender, derber – endlich auch ironischer, milder. Dumont inszeniert Lenkas Flucht nicht als Geschichte über den Kontrast von Ost und West, sondern als schwierige Phase im Leben eines Mädchens, das auf die harte Tour lernt, für sich einzustehen.
Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/2013, S. 30

Warm Bodies
Verlag: Ascot Elite (Studio), Publiziert: 2013, ISBN/ISSN/EAN: 761-3-05-930835-0
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror

Kaum flaut der Vampir-Hype etwas ab, fällt die mediale Aufmerksamkeit auf ein anderes untotes Wesen, das zunehmend ein junges Publikum anspricht: den Zom­bie. Die wandelnden Untoten, die es zu bekämpfen gilt, präsentieren sich nicht einfach als grauenerweckende Monster, sondern immer wieder auch als personi­fizierte Auseinandersetzung mit dem Tod, dem Ende der Zivilisation und nicht zuletzt mit der Frage nach Menschlichkeit.
So auch in Jonathan Maberrys Roman «Lost Land – Die Erste Nacht»: Fast 14 Jahre ist es her, seit die Toten auferstanden sind und die Welt ins Chaos gestürzt wurde. Die wenigen Überlebenden der so genannten Ersten Nacht konnten sich in kleinen Gemeinden verschanzen und versuchen, mög­lichst viel von der «alten Welt» zu bewahren.
Lange hält der 15-jährige Ben­ny Imura die wandelnden Untoten im «Leichenland» jenseits des Stadtzauns für verab­scheuungswürdige Monster. Erst als er in Ermangelung einer Berufsalternative bei seinem grossen Bru­der Tom als Zom­bie-Kopfgeldjäger in die Lehre geht, er­kennt er, dass auch Zombies als einstige Men­schen einen gewissen Respekt verdie­nen. Ty­pisch für das Zombie-Genre, sind es oh­ne­hin menschliche «Monster» wie etwa «Rot­augen-Charlie» und der «Motor City Hammer», die viel mehr zu fürchten sind als die Zombies und getreu dem Motto: «Wenn nicht einmal mehr Tote wirklich tot sind, dann gilt auch kein anderes der alten Gesetze mehr» über Leichen gehen. Als die beiden Bennys Freundin Nix entführen, um sie im sogenannten «Gameland» zur Unterhaltung gegen Zombies kämpfen lassen, machen sich die Imura-Brüder ins «Leichenland» auf, um den skru­pellosen Verbrechern das Handwerk zu legen. Maberrys packende Mischung aus Horror, Western und Coming-of-Age-Story zeich­net eine düstere Zukunftsvisi­on und ist durch starke Figuren sowie philoso­phi­sche und oft sehr bewegende Passagen auch für Zombie-Unkundige absolut lesens­wert.
Voll auf Humor setzt dagegen der Film «Warm Bodies». Vielleicht hat sein Name einmal mit einem R angefangen, aber genau weiss er das nicht mehr: Als Zombie ohne Erinnerung an sein früheres Leben schlurft R nun wie unzählige Untote ziel­los durch die Ruinen der einstigen Zivili­sation – womit er sich, wie augenzwin­kernd gezeigt wird, kaum vom Smart-Phone-süchtigen Gegenwartsmenschen un­­­­ter­­scheidet. Die Begegnung mit der hüb­schen, lebenden Julie bringt sein totes Herz jedoch ganz plötzlich wieder zum Schlagen. Als er auch noch das Hirn ihres Freundes Kelvin isst und damit einen Teil von dessen Erinnerungen übernimmt, beschliesst R kurzerhand, Julie zu beschüt­zen und nimmt sie mit auf den verlas­se­nen Flughafen, den er sein Zuhause nennt. Trotz grosser Kommunikationsschwierigkeiten entwickelt sich bald eine Freundschaft zwischen ihnen, die nicht nur R zunehmend lebendiger werden lässt.
Zwar wurde der grossartige Roman von Isaac Marion (die deutsche Erstveröffentlichung trägt den völlig unpassen­den Titel «Mein fahler Freund») vom selben Filmstudio wie die «Twilight»-Filme produ­ziert, die Gemeinsamkeiten er­schöpfen sich jedoch bald. Freche Kommentare, tol­le Musik und ein hin­reis­send sympa­thischer Hauptdarsteller machen die roman­tische Zombie-Komö­die zum wun­derbaren Gruselspass, der sich nie zu ernst nimmt oder zu blutig wird.
Petra Schrackmann
Buch&Maus 1/2013, S. 31

Zwischenspiel
Robin Jarvis
Aus dem Englischen von Nadine Mannchen
Verlag: Script5, Publiziert: 2013, Seiten: 544, ISBN/ISSN/EAN: 3-8390-0135-8

Wenn jemand eine gute Idee hat, wird sie gleich von hundert anderen kopiert. Die Verlage setzen auf die Trägheit der LeserInnen und kalkulieren mit Erfolgen im Windschatten der grossen Blockbuster – etwa der «Twilight»-Saga und der «Tribute von Panem»-Trilogie. Umso schöner, wenn man einen dicken Schmöker aufschlägt, der nicht nur richtig gut geschrieben ist, sondern auch etwas Neues ausprobiert.
Robin Jarvis, der sich als Autor von Dark Fan­tasy für junge Erwachsene in Grossbri­tan­­nien schon länger einen Namen ge­macht hat, variiert das allgegenwärtige Motiv des Zauberbuchs, indem er eine dys­­­­­to­pisch grundierte Horror-Geschichte erzählt. Eines Tages taucht in England ein Märchenbuch auf, das von seinen LeserInnen Besitz ergreift. Ein richtig böses Buch, geschrieben von einem Okkultisten, dem nur ganz wenige Menschen widerstehen können. Im ersten Band wird erzählt, wie sich die Epidemie ausbreitet, wie das eine Exemplar des Buches neu aufgelegt und flächendeckend verkauft wird. Wer das Buch gelesen hat, identi­fiziert sich mit einer Figur und heftet sich eine entsprechende Spielkarte an die Brust. Im zweiten Band hat sich bereits ein totalitäres System entwickelt; wer nicht mitmacht, ist in Lebensgefahr.
Was es mit dem bösen Buch auf sich hat, bleibt auch im zweiten Band ein Rätsel: Wo­ran liegt es, dass nur 34 Menschen, und zwar Kinder und Jugendliche, immun ge­gen das Buch zu sein scheinen? Und was ist es, das eine normale, von kritischer Distanz geleitete Lektüre verhindert? Wer oder was hat die Vielfalt und Offenheit der Lesarten aus dem Buch verschwinden las­sen? Im Sommer erscheint der dritte Ro­man im englischen Original – man kann gespannt sein.
christine lötscher
Buch&Maus 1/2013, S. 32

Live Fast, Play Dirty, Get Naked
Kevin Brooks
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzsch­hahn
Verlag: dtv, Publiziert: 2013, Seiten: 478, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-24957-9
Schlagwörter: Musik

«Naked» spielen mit Vorliebe 3-Minuten-Songs – Kevin Brooks aber gönnt sich in seinem neuen Roman 478 Seiten, um von Aufstieg und Zerfall dieser fiktiven Punk-Band zu erzählen: von ihren kleinen und grossen Momenten im heis­sen Sommer 1976, als die Punk-Bewegung in London geboren wurde. In diesem lan­gen Lied, das Brooks da singt, bilden die Auftritte der Band den Refrain; jeder die­ser Auftritte ist fantastisch, ist atem­be­rau­bend toll, einfach unvergesslich, und we­der Brooks noch Übersetzer Uwe-Michael Gutzsch­hahn bemühen sich in der Abfolge der vielen Gigs um neues Vokabular. Trotzdem behält dieser Refrain seine Sogkraft. Wie­der und wieder stellen wir uns mit Ich-Erzählerin Lili auf die Büh­ne und fühlen, was sie fühlt: die Energie, das Chaos, die schie­re Kraft dieser Musik.
Dieses Erzählen von der Musik ist es auch, das die Strophen des Romans zusammenführt, wenn sie auseinanderdrif­ten. Denn wenn der Refrain von einer Band handelt, berichten die Strophen von den Jugendlichen selbst – von Lili vor allem, die 35 Jahre später sagt: «Es war der Som­mer von so vielem – Hitze und Gewalt, Träu­men und Albträumen, Himmel und Hölle –, und wenn ich heute zurückschaue, fällt es mir schwer, das Gute vom Schlech­ten zu unterscheiden.»
Und so erzählt das Buch von Lilis Klavierspiel und ihrer depressiven Mutter, von ihrem ersten Sex und ihrer schwie­ri­gen Beziehung mit Cur­tis Ray, dem Star der Band, von Lilis zag­hafter Liebe zum neu­en Gitarristen Willi­am Bonney, von der IRA, von Hass und Tod. Und von den Bläh­un­gen des Band-Chauffeurs. Das dauert sehr viel länger als drei Minuten, aber es lohnt sich, dranzubleiben an diesem Buch, das nicht Brooks’ bestes Werk ist, aber sicher eins seiner leiden­schaft­lichs­ten.
Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/2013, S. 32

Wie ein unsichtbares Band
Inès Garland
Aus dem argentinischen Spanisch von Ilse Layer
Verlag: Fischer KJB, Publiziert: 2013, Seiten: 249, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85489-X
Schlagwörter: Politik | Spiel

«Schere, Stein, Papier» lautet die Übersetzung des viel treffenderen Originaltitels des Romans. Auch der Klappentext der deutsch­sprachigen Ausgabe ist irre­füh­rend, erweckt er doch den Eindruck, dass es sich «nur» um eine Liebesge­schichte handelt. Doch ist dieses Buch viel mehr als eine Teenie-Roman­ze: Die Geschichte der heranwach­senden Al­ma erzählt vom Versuch, sich in einer Rea­lität zurechtzu­fin­den, deren Zu­sam­­men­hänge sie oft nicht wirklich versteht.
Mit ihren Eltern verbringt Alma jedes Wochenende auf einer Insel vor Buenos Ai­res, wo sie Car­men und Mari­to kennenlernt. Zwischen den Kindern – die sie zu diesem Zeitpunkt noch sind – entwickelt sich eine Freundschaft, die geprägt ist von der Natur, die sie umgibt. Probleme lösen sie mit dem Spiel «Schere, Stein, Papier» und Geheimnisse haben sie nicht vorein­ander. Solange, bis sie irgendwann keine Kinder mehr sind und Alma verwirrt feststellen muss, dass ihre Her­kunft plötz­lich eine Rolle spielt. Vor dem Hintergrund der aufkommenden Militär­diktatur in Ar­gen­tinien wird die kind­liche Selbstverständ­lichkeit einer Freundschaft grundlegend in Frage gestellt.
Inés Garland beschreibt die Erfahrungswelt des jungen Mädchens mit einer teils fast schmerz­haften Aufrichtigkeit. Almas selbstreflexive Aus­­sa­gen verdeutli­chen, dass sie ihre Geschichte mit dem Abstand der Jahre erzählt. Das befreit sie von kitschi­gen Erwar­tungen. Die melancholische Leich­tig­keit der Sprache lässt Raum für die eigene Fan­tasie und schafft eine vertraute Nähe zu den Prota­gonistInnen und ein tiefes Verständnis für ihre Empfindungen: «Es gab nur einen einzigen Ort, an dem ich mich ganz fühlte: die Insel.»
Kim Berenice Geser
Buch&Maus 1/2013, S. 32

Sommerschnee und Wurstmaschine
Sebastian Cichocki, Illustration: Daniel Mizieliński, Aleksandra Mizielińska
Aus dem Polnischen von Thomas Weiler
Verlag: Moritz, Publiziert: 2013, Seiten: 216, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-260-1
Schlagwörter: Kunst

Sehr moderne Kunst aus aller Welt

Da bringt einer mehrere hundert Men­schen in Lima dazu, eine riesige Sanddüne um zehn Zentimeter zu verschieben. «Wenn der Glaube Berge versetzt», nennt Francis Alÿs seine gefilmte Aktion. Wer noch mehr von dieser Art Performance und sehr moderner Kunst haben möchte, liegt mit dem überaus originellen und witzigen Sachbuch für Kinder, «Sommerschnee und Wurstma­schine», genau rich­tig. Der polnische Kurator für moderne Kunst, Sebastian Cichocki, präsentiert auf knappstem Raum 51 KünstlerInnen aus der gan­zen Welt, die in den letzten 95 Jah­ren «Kunst mit Köpfchen» gemacht ha­ben. Sie befragen die Welt und zeigen uns die Ein­malig­­keit der Natur, wie Richard Long, Andy Goldsworthy und Olafur Eliasson, oder verwandeln alltägliche Dinge in Poe­sie. So wie Simon Starling, der einen Holzschuppen umbaut und damit rheinab­wärts paddelt bis zum Museum in Basel, um den Schuppen dort in einer Aus­stel­lung wieder erstehen zu lassen. Oder Joan­na Rajkowska, die mit einer Pla­stik­palme auf der Jerusalemer Allee in Warschau für ein gastfreundliches Polen plädiert.

Aus Polen stammen auch die Illus­tra­torInnen Aleksandra Mizielińska und Da­ni­el Mizieliński, die bereits mit Büchern über ungewöhnliche Häuser und Design über­zeug­ten und diesmal eine wahre Ent­dec­kung sind. Sie inszenieren ihre farbi­gen Zeich­­nungen wie leben­dige Schnapp­­­schüsse, auf denen vergnüg­te Menschen jeden Alters zu sehen sind, welche die Kunstaktionen miterleben oder selbst zugreifen. Zur Lebendigkeit dieses Buches trägt ebenso der unterhaltsame Text bei, der auch in der Übersetzung von Thomas Wei­ler seinen Witz versprüht.

Claudia Kursawe
Buch&Maus 1/2013, S. 33

Hilda und der Mitternachtsriese
Luke Pearson
Aus dem Englischen von Matthias Wieland
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2013, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 3-943143-57-0
Schlagwörter: Natur

Es überrascht nicht, dass sich mehrere Film­produzenten um die Rechte an Luke Pearsons Serie «Hilda» reissen – schon lan­ge ist kein derart bezaubernder Comic für jedes Lesealter mehr erschienen. «Hil­da und der Mitternachtsriese» ist kindge­recht, ohne die Intelligenz erwachsener LeserInnen zu beleidigen, und gibt dank der Imagination des erst 25-jährigen Pear­son auch visuell viel her.
Hilda, ein resolutes Mädchen mit blau­em Haar, lebt mit ihrer Mutter in einer Berghütte, umgeben von Elfen, Trollen und anderen fantas­ti­schen Wesen wie dem Mitternachtsriesen, der seit Jahrhunder­ten auf der Suche nach seiner Geliebten durch die magische Bergwelt geistert. Man­­che dieser Wesen sind niedlich, an­dere furchterregend, die mei­s­ten sind Hil­das Freunde – mit Ausnahme der un­sicht­baren Elfen, die die Menschen mit nächtlichen Steinwürfen vertrei­ben wol­len. Hil­­­­da gegenüber machen sich die win­zi­gen Elfen sichtbar und erklären, warum die Blockhütte sie stört: Sie steht mitten in ihrem Tal. Hilda möchte aber bleiben und macht sich auf den lan­gen Irr­weg durch die elfische Bürokratie, um die Situation mit dem Elfenkönig zu klären.
Trotz des offensichtlich gesellschaft­li­chen Subtextes – Themen wie Integra­tion und Ausgrenzung – erzählt Pearson in er­s­ter Linie eine emoti­o­nale Ge­schichte, die bei allen fantastischen Ele­menten und vi­su­­eller Verspieltheit von einem melan­cho­­­li­schen Grundton durchzogen ist. Sei­ne Einflüsse – «Die Mumins», «Tim und Struppi», alte Trickfilme und heutige Man­ga – verar­bei­tet er zu einem eigenen, glei­cher­mas­sen modern wie nostalgisch wir­ken­den Stil. Wärme und Witz, Melancho­lie und Hoffnung, Rea­lität und Fantasie durchdringen sich dabei aufs Schönste und schaf­­­fen einen Kosmos mit grossem Potenzial.
Christian Gasser
Buch&Maus 1/2013, S. 33

Herman und Rosie
Gus Gordon
Aus dem australischen Englisch von Gundula Müller-Wallraff
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2013, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-86873-596-8
Schlagwörter: Musik | Liebe

Eine Geschichte über die Freundschaft

Im australischen Original lautet der Titel schlichtweg «Herman und Rosie», und das trifft den Kern der Geschichte auch besser als der deutsche Untertitel. Wenn schon, dann ist es eine Geschichte über die Liebe, aber das hätte sich dann wohl zu sehr nach einem Geschenkbuch für Erwachsene an­ge­hört. Dabei ist Gus Gordon eine echte Entdeckung für alle – gleich welchen Al­ters. Arbeitet er doch auch laut eigener Aussage auf seiner fantastisch gestal­te­teten Internetseite www.gusgordon.com «for small people and older people who like small people’s books».
Worum geht es? Die beiden Hauptfiguren leben in New York und haben trotz ihrer gegensätzlichen Gestalt (Herman ist ein Krokodil, Rosie ein Reh) auffällig viele Gemeinsamkeiten: Beide lieben Jazzmu­sik, Jacques-Coustaud-Filme und Hot­dogs, und beide fühlen sich manch­mal recht einsam. Doch bis Herman Schubert und Rosie Bloom sich endlich kennenlernen, vergeht einige Zeit.
Seit 15 Jahren illustriert Gus Gordon, und es erstaunt, dass er erst jetzt für den deut­schen Buchmarkt entdeckt wor­den ist, so lebendig, erfrischend und ausdruckstark sind seine abwechslungsreich ge­stal­teten Seiten. Seine Collagen entstehen aus Stadtplänen, Foto­grafien, Zei­tungs­ausschnitten etc. Mit schnellem, treff­­sicheren Strich fängt er Gestik und Mimik der beiden Tiere ein. Nicht zu vergessen den Witz, der auch in den traurigen Szenen durchschimmert, die Rolle, die Jazzmusik in diesem wunderbaren Bilderbuch spielt, und das Happy-End – da haben sich die beiden endlich gefunden!
Antje Ehmann,
Buch&Maus 2/2013, S. 23

Bumm
Leo Timmers
Verlag: Coppenrath Verlag, Publiziert: 2013, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-649-61164-3
Schlagwörter: Tiere

Lesen kann gefährlich sein

Achtung!!! Da kommt ein bebrillter Hirsch im gelben Auto angebraust, die Schnauze tief in einem Buch vergraben. Oje, das kann nicht gutgeh’n! Und richtig, macht es schon auf der nächsten Doppelseite in einer riesigen Comicblase «BUMM» und unser Lesehirsch ist auf eine Mülltonne gedonnert, in der sich nun all seine Bücher stapeln. Na ja, hätte schlimmer sein kön­nen… Aber stopp, gleich dahinter tuckert das Schwein im feuerroten Prit­schen­wagen voller Hühner, hupt zwar wie wild mit allen Tröten, kann aber nicht mehr bremsen – und «BUMM!». Wenigstens rettet sich die aufgescheuchte Hühner­schar auf den Hut des Hirsches…
Doch damit nicht genug, saust auch schon der nächste an: Eine Giraffe im orange­farbenen Sportflitzer, deren gesamter Klei­derschrank sich nun über den Hüh­ner­transporter ergiesst. Und hinter ihr quietscht das Krokodil – und dann macht´s «BUMM» – und wieder «BUMM» – und wieder «BUMM». Bis schliesslich alle Bruchpiloten in einem riesigen Tohu­wa­bohu auf einer grossen Aufklappseite versammelt sind, ihre Ladung über die ganze Autoschlange verstreut. Herrlich!
Eine genial-witzige Geschichte über eine kunterbunte Kettenreaktion, so dyna­misch und detailverliebt in Szene gesetzt, dass an ihrer turbulenten Vorhersehbarkeit nicht nur kleine Autofreaks ihre Freude haben werden. Denn nach jedem Unfall gibt es unzählige Veränderungen in punkto Farben, Fracht und Mitfahrer zu entdecken. Und die Moral von der Geschicht´? – Lesen kann gefährlich sein! Hier ist es aber vor allem lustig! Eine Massenkarambolage mit Zeug zum Lieblingsbuch.
Marion Klötzer,
Buch&Maus 2/2013, S. 23

Franziska versteckt sich
Pija Lindenbaum
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Moritz, Publiziert: 2013, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-263-6
Schlagwörter: Gefühle

Wenn sie nicht in der Kita ist, geht Franziska gern zu Almut, die im selben Haus wohnt. Ihre Sehnsucht aber gilt nicht der Gleichaltrigen, die doch nur Kinde­rei­en im Kopf hat – sondern Almuts Nanny, einem «grossen Mädchen» namens Puma, das neben Almut noch zwei Babys betreut. Puma weiss nicht nur, wie man die Spülmaschine anstellt und Musik vom Com­puter hört – sie hat auch viele Tattoos und malt Franziska Ameisen auf den Arm. Heute aber vertieft sie sich in ein Buch, während die Kleinen schlafen. Almut veranstaltet verbotenerweise ein Theater mit den Babys. Und ausgerechnet Franziska lässt eins von ihnen zu Boden fallen. «Was hast du getan!», schreit Puma, und «Franziskas Körper wird zu Eis». In Papas Rumpelkammer überlässt sie sich ihrer Angst, der Scham und der aufwühlenden Erinnerung an «Pumas wütende Augen».
Pija Lindenbaums viertes Franziska-Buch variiert das bewährte Muster: Das Mädchen, dessen Alltag konsequent aus kindlicher Perspektive geschildert wird und in den Bildern Tiefenschärfe erhält, verschwistert sich in einer seelischen Notlage mit allerhand Tieren. Diesmal haben die ihren Auftritt erst, als Fran­ziskas innere Not in der Dunkelheit laut aus dem kleinen Fleck ihres Gesichts herausschreit. Auf drei Doppelseiten spie­geln die Pelzwesen alle Gefühle, die aus dem Kind herauswollen. Und transfor­mieren sie. Als die vier von unten vor der Tür stehen, ist Franziska stark genug, sich ihnen zu stellen. Und sich von Puma, deren Augen alle Wut verloren haben, eine Schlange «tätowieren» zu lassen. Bei Lindenbaum funktioniert ein Muster auch noch beim vierten Mal – zumal die Emotionen ihrer Figuren so intensiv wie eh und je aus der Farbpalette herausleuchten.
Manuela Kalbermatten,
Buch&Maus 2/2013, S. 23

Das Gold des Hasen
Martin Baltscheit, Illustration: Christine Schwarz
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2013, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79524-6
Schlagwörter: Tiere

Wer ist nicht schon einmal als Angsthase bezeichnet worden? Viele werden auch den Kinderreim «Angsthase, Pfeffernase» kennen. «Der kleine Angsthase» von Elisabeth Shaw ist sicher zuerst präsent, wenn es um dieses Thema in der Kinderliteratur geht. Ein geflügeltes Wort also, mit dem sich in diesem Frühjahr gleich drei Neuerscheinungen beschäftigen.
Gudrun Likars «Prinz Hasenherz» und Nicolas d’Aujourdhuis «Frechdachs und Angsthase» greifen das Schimpfwort auf, und erfinden eine Geschichte dazu. Martin Baltscheit und Christine Schwarz haben in «Das Gold des Hasen» einen äusserst originellen Ansatz gefunden und verknüpfen den Tod des reichen Angsthasen geschickt mit Märchenelementen. Schon bei «Gold für den Pinguin» haben die beiden zusammengearbeitet. Nun geht es erneut um Gold – nämlich um vererbtes! Ein Anlass, bei dem es auch unter Erwachsenen oft genug Streitereien gibt. So sind sich auch die Tiere nicht einig, wie das entsprechende Testament zu verwal­ten sei. Fest steht nur eines: Der grösste Angsthase soll alles Gold bekommen. Auf einmal wollen alle Angsthasen sein. Eine Rolle, die normalerweise nicht gerade als Traumrolle gehandelt wird.
Die Dialoge sind ebenso lebendig und quirlig wie schon bei «Es waren einmal zwei wirklich dumme Gänse in einem brennendem Haus!». Mit der überrasch­en­den Wendung und dem offenen Ende hält Baltscheit die Diskussion offen: So kann ganz leicht ein Dialog zwischen kind­li­chem und erwachsenem Betrachter entstehen.
Alles stimmt zusammen bei diesem Bilderbuch. Perfekte Typografie, genaues Farbgefühl, starke Tierdarstellungen und eine fesselnde Geschichte kreieren ein Highlight dieses Frühjahrs!
Antje Ehmann,
Buch&Maus 2/2013, S. 24

Das platte Kaninchen
Bárður Oskarsson
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2013, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-941087-17-7
Schlagwörter: Tod/Trauer | Tiere

Der Tod ist längst im Bilderbuch angekommen – aber selten ist er dabei so zärt­lich und komisch zugleich wie in der Geschichte des preisgekrönten Fä­ringer Illustrators Bárður Oskarsson. Da­bei er­zählt er mit minimalistischen, gross­flächi­gen Cartoons in Pastellfarben im Grunde eine schreckliche Geschichte: Wie der Hund da so an kahlen Häuserwänden entlang trabt, etwas durch die Luft sausen sieht und ihm dann plötzlich das Kaninchen aus Nummer 34 vor die Füssen fällt. Und da kein bisschen niedlich-friedlich liegt: Platt wie eine Flunder, mit heraushängender Zunge zur Karikatur eingefroren, klebt das Tier mit ausgewalzten Löffeln auf dem Asphalt, ist ganz offensichtlich gestürzt oder selbst gesprun­gen.
Rat- und sprachlos starren Hund und Ratte auf das Drama: Tja, hier ist alles zu spät, aber so liegen lassen geht gar nicht. Doch wohin bringt man ein mausetotes Kaninchen, dass es nicht ausgegraben und gefressen wird? Was würde diesem Bruchpiloten gefallen? «Der Hund überlegte jetzt so doll, das es knackte» – und hat eine Idee. Nun wird es spannend – und ganz und gar poetisch…
Hilflosigkeit, Mitgefühl, Trauer, letzter Liebesdienst – all das ist den feinge­strichelten, ausdrucksstarken Prota­go­nis­ten eingeschrieben, bekommt viel Raum in luftigen Szenarien, die trotz ihrer san­ften Wässrigkeit geballtes Comic­potential entfalten. Und so ist diese Geschichte tröstlich und auch komisch, tra­gikomisch. Wie der Tod eben manch­mal so ist…
Dieses Buch bietet eine unverkrampfte, schnörkellose Annäherung und viel Stoff zum Philosophieren.
Marion Klötzer,
Buch&Maus 2/2013, S. 24

Die Fliegenden Bücher des Mister Morris Lessmore
William Joyce, Illustration: Joe Bluhm
Aus dem amerikanischen Englisch von Hardy Krüger Jr.
Verlag: Boje, Publiziert: 2013, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82344-6
Schlagwörter: Fantasie | Lesen

Magische Bücher gehören in der Kinder- und Jugendliteratur in der Regel auf die Seite der Guten und werden nur selten vom Teufel und seinen Handlangern missbraucht, um die Menschen zu manipu­lieren – wollen Autoren und Ver­lage doch naturgemäss tüchtig beim Projekt der Leseförderung mitarbeiten. Doch auch die traditionellere Variante des magischen Buches, das einem reines Leseglück beschert, bringt immer wieder schöne Geschichten hervor. Besonders in visuellen Medien wird das Buch mit seinen ra­schelnden Seiten, seinen altehrwür­di­gen Ledereinbänden und dem Dickicht der Buchstaben gern zum Hauptdarsteller.
William Joyces Geschichte von Mister Morris Lessmore und seinen fliegenden Büchern zum Beispiel ist gleich in dreierlei Gestalt erschienen: Als Kurzfilm, als Bil­derbuch und als App. Nicht die Geschichte ist das Entscheidende – der Bücherwurm Mister Morris gerät durch einen Wirbelsturm in eine Bücherwelt –, sondern die Lust der Illustratoren und Animatoren, die Bücher aus ihren Regalen herauszuholen und lebendig zu machen. Wenn sie im geöffneten Zustand schon aussehen wie Vögel am Horizont, warum sollte man sie nicht auch in Bildern und in Filmen fliegen lassen?
Joyce feiert in seinem multimedialen Buch über Bücher die Möglichkeiten des Buches, als Ding in visuellen Medien wei­terzuleben. Auch das ist eine Art des Gelesenwerdens.
Christine Lötscher,
Buch&Maus 2/2013, S. 25

App mit Ebook und Kurzfilm «The Fantastic Fly­ing Books of Mister Morris Lessmore» für iPhone/iPad, Fr. 1.–

Mission Unterhose
Sylvia Heinlein
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2013, Seiten: 137, ISBN/ISSN/EAN: 3-86429-113-5
Schlagwörter: Abenteuer

Leseratte Hannes ist erst gar nicht sonderlich begeistert, als ausgerechnet der durchgeknallte Kalli vor seinem Gar­tentor auftaucht und lautstark Einlass fordert. Hannes wollte in den Ferien vor allem eines: seine Ruhe. Kalli aber be­deu­tet Action, und das am laufenden Band. Kalli strotzt nur so vor Selbstbewusstsein und lädt den ruhigen Hannes zum DVD-Gucken, Pizza-Essen und Cola-Trinken ein. Das wahre Paradies für Hannes, des­sen Eltern nicht nur Psychologen, sondern auch Hardcore-Vegetarier sind. Richtig los geht das Abenteuer aber erst mit der titelgebenden «Mission Unterhose». Denn als sie nur mit je einer Unterhose bekleidet durch die Nachbarschaft schleichen, empfin­det Kalli das als das perfekte Agenten-Trai­ning. Denn nur halb unbekleidet, so ist er überzeugt, strenge man sich erst richtig an, um nicht gesehen zu werden. So begeht das Unterhosen-Team nicht nur unfreiwillig die eine oder andere gute Tat, es entdeckt auch ein echtes Geheimnis: Denn der Unbekannte, der in die Villa auf dem Hügel einzieht, will offenbar auf gar keinen Fall erkannt werden. Ist er also ein Spion? Oder gar ein Verbrecher? Hannes und Kalli legen sich auf die Lauer und geraten in ein purzelturbulentes Abenteuer.
Sylvia Heinlein lässt hier eine grandiose Freundschaft beginnen, obwohl die beiden Protagonisten unterschiedlicher nicht sein könnten. Voller Empathie gibt sie Einblicke in Hannes’ anfängliche Ängste, zeigt, wie er allmählich mutiger wird und gibt ihm schliesslich genau im richtigen Moment die gesunde Portion Selbstbewusstsein, die er braucht, um Kalli zu helfen. Genau das richtige Lesefutter für lesefreudige Jungs.
Maren Bonacker,
Buch&Maus 2/2013, S. 25

Die tollkühne Rückkehr von JanBenMax
Zoran Drvenkar
Verlag: CBJ, Publiziert: 2013, Seiten: 368, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-15390-8
Schlagwörter: Abenteuer

JanBenMax – acht, sechs und vier Jahre alt – wachsen liebevoll behütet, aber nicht über­betreut auf. Im Gegensatz zu den meisten Müttern in der zeitgenössischen Kinderliteratur ist ihre Mama weder depressiv noch krankhaft egomanisch, son­dern fröhlich und vergnügt. Vor allem Mittwochs, wenn sie sich an ihrem freien Nach­mittag aufmacht, in die Buchhandlung zu gehen und danach ein grosses Glas Cola zu trinken. Eine Nachbarin passt auf die kleinen Helden auf; das heisst, sie setzt sich im Wohnzimmer hin und verfällt in Tiefschlaf. Das ist der Moment für die drei Jungs, ihr wahres Gesicht zu zeigen: Als Geheimagenten werden sie auf haarsträu­bende Missionen ausgeschickt. Diese führten sie im ersten Band an alle Abenteuerorte wie den Mond, die Vergan­gen­heit oder den Mittelpunkt der Erde.
Im zweiten Band werden die Dinge kom­plizierter: Die Abenteuer führen näm­lich an Orte aus Geschichten, die der be­lesene Jan alle schon kennt. Seite an Seite mit Peter Pan wird hier gekämpft, es gilt, dem Baron von Münchhausen das Leben zu retten und aufzupassen, dass-im Land der Grimmschen Märchen nicht alles zu sehr durcheinandergerät.
JanBenMax’s Abenteuer leben von mitreissenden Dialogen, von Situationskomik und vom Charme der Figuren, die alle ihre Macken haben. Vor allem aber ist es – wie immer bei Drvenkar – die Poesie der Spra­che, die junge und auch ältere LeserInnen verführt. Denn eins ist klar: Drvenkar selbst ist ein Ureinwohner jenes Landes, das er in der «tollkühnen Rückkehr von JanBenMax» beschreibt: «Ein Land, das niemandem wirklich gehört und niemals jemandem wirklich gehören wird. Dieses Land ist das Urlaubsziel vieler Träumer, denn dort ist alles möglich und jeder Stein hat eine Geschichte und jeder Grashalm eine Frisur.»
Christine Lötscher,
Buch&Maus 2/2013, S. 26

Doktor Proktors Sammelsurium
Jo Nesbø, Illustration: Per Dybvig
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries und Günther Frauenlob
Verlag: Arena, Publiziert: 2013, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-06822-9
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror

Tiere, denen du nie begegnen möchtest

Ein alkoholkranker Hauptkommissar, bru­tale Morde und Spannung pur – so kennt man Jo Nesbø. Doch mit seinem 2008 beim Arena Verlag erschienenen Kinderbuch-Erstling «Doktor Proktors Pupspulver» hat der norwegische Bestsellerautor bewie­sen, dass er auch ober­al­ber­nes Schmö­kerfutter für junge Leser zu fabulieren weiss. Drei Bände um den kleingeratenen, pfiffigen Helden Bulle und seinen verrückten Erfinder-Nachbarn Doktor Proktor liegen mittlerweile vor, alle kongenial von Per Dybvig mit explosiv- schrägem Kritzelstrich illustriert.
Jetzt ist ein nicht minder skurriles Bändchen erschienen, das noch einmal die aberwitzige Flora von «Doktor Proktor verhindert den Weltuntergang. Oder auch nicht…» genauer unter die Lupe nimmt. Nesbø versammelt eine wahre Horrorgalerie gefährlicher und seltsamer Tie­re, fein säuberlich aufgelistet samt Infos zu Le­bens­raum und Verhalten. Da gibt es zum Beispiel den Nashornfrosch aus Venezuela, der seinen Feinden mit einem blitzschnellen Zungenschlag das Auge heraussaugt. Erstaunlich sind auch der schnell beleidigte Lemming Typ A, der bei Aufregung mit einem Riesenknall explo­diert oder die Riesenschwebqualle, die einmal im Jahr die Tiefsee verlässt und auf der Suche nach Transformatoren jede Menge Stromausfälle fabriziert. Ob Haus­tier­vertilgender Kastaniennager, pup­sender Ananus oder kettenrauchender tasmani­scher Rotrücken – Per Dybvig hat sie in gruseligen Fotocollagen und Zeich­nungen eingefangen, dazu gibts wichtig­tuerische Schreibmaschinentexte Marke krudes Seemannsgarn. Herrlich abgedreht!
Marion Klötzer,
Buch&Maus 2/2013, S. 27

Adrian, die Ausserirdischen und ich
Pascale Chadenat, Illustration: Susanne Göhlich
Aus dem Französischen von Ursula Bachhausen
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2013, Seiten: 109, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5469-9
Schlagwörter: Weltall

Nie zuvor ist Simon jemandem begegnet, der so viel Interessantes wusste. Dabei ist Adrian gleich alt wie er. Kurz erst teilen die beiden ein Zimmer im Internat, da beobachten sie schon nachts zusammen die Milchstrasse. Ein Erlebnis, das Simon verzaubert. Adrian erklärt, wa­rum die eigene Galaxie nur von innen ge­sehen werden kann: Es sei wie bei Vö­geln, die den Baum, auf dem sie sitzen, nur von ihrem Ast aus, dafür aber besonders gut sehen könnten.

Wie faszinierend Astronomie sein kann, wenn sie ein Experte mit schlichten Worten zu erklären vermag! Diese Erfahrung hat die französische Autorin Pascale Chadenat selbst gemacht und in der Figur des Adrian mitreissend übertra­gen, dass der Funke der Begeisterung auf so manchen Leser überspringen dürfte.

Adrian ist hochbegabt, ein «Weltraum-Genie», das mehr astronomische Geräte als Schulsachen besitzt. Ganz anders der bodenständige «Erdling» Simon, der gern zuhause bleibt und dem schlechte Noten «gleich das Ende der Welt» bedeuten. Aus beiden wird hier das ideale Freundespaar kreiert und auf originelle und hinreissend komische Weise inszeniert. Anfänglich über­nimmt Adrian die Führung im Superteam. Bald aber wird deutlich, dass er ein tief­trauriger, einsamer Junge ist. Er glaubt ernsthaft, sein geliebter Grossvater, der von einem Flugzeugeinsatz nicht zurückkehrte, sei von Ausserirdischen entführt worden und würde ihn bald holen kom­men. Simon begreift, dass Adrian den Bo­den unter den Füssen verloren hat, und schmie­det einen genialen Plan, um ihn auf die Erde zurückzuholen.

Überzeugend, wie leicht, spannend und zugleich tiefgründig hier eine warmher­zige Jungengeschichte allein aus dem Sprach­bildkosmos Himmel und Erde gesponnen wurde!

Ina Nefzer
Buch&Maus 2/2013, S. 27

Stuart Horten
Lissa Evans
Aus dem Englischen von Elisa Martins
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2013, Seiten: 296, ISBN/ISSN/EAN: 3-939435-53-8
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft | Rätsel

Acht Münzen und eine magische Werkstatt (1) / Sieben Rätsel und ein magischer Stern (2)

Drängt sich bei vielen Fortsetzungsbän­den die Frage auf, ob ein zweiter Teil tat­säch­lich notwendig wäre, er­­üb­rigt sie sich im Falle der Abenteuer von Stuart Horten, denn hier bringt erst der zweite Band die Geschichte richtig ins Rollen.
Der zehnjährige Stuart ist widerwillig mit seinen Eltern in ein kleines Kaff am Ende der Welt gezogen. Doch dank acht Three­penny-Münzen, die ihm den Weg zur magischen Trickwerkstatt des Zauber­künstlers und seines Grossonkels Kenny Horten weisen, erlebt Stuart diesen Som­mer das Abenteuer sei­nes Lebens: Er schlägt sich mit nervigen Drillingen rum (von denen eine gar nicht so nervig ist), trickst geldgierige Bürger­mei­sterinnen aus, während er gleich­zeitig den Hinwei­sen zur geheimnisvollen Werkstatt nachjagt. Als diese endlich gefunden ist, endet der erste Band mit einer unerwar­teten Demonstration echter Magie und lässt den Leser überrascht mit einem Haufen neuentdeckter Zaubertricks zurück.
Diese magische Reise geht im zweiten Band – und mit der Suche nach Onkel Hortens Testament – direkt weiter. Am Ende des darin geschilderten Sommers ist Stuart nicht nur um sieben zauberhafte Erlebnisse reicher, er hat mit April auch eine richtige beste Freundin gefunden. Selbst das klitzekleine Problem mit seiner Körpergrösse scheint irgendwie gelöst…
Die Horten-Bücher sind nicht die «ganz grosse Magie», doch hat man erst den hölzernen Anfang geschafft, entwickelt die Geschichte eine Dynamik, die einen das nächste Rätsel kaum erwarten lässt. Da verzeiht man der Autorin auch die bisweilen doch gar stereotyp gezeich­neten Figuren.
Kim Berenice Geser,
Buch&Maus 2/2013, S. 28

Die haarige Geschichte von Olga, Henrike und dem Austauschfranzosen
Kirsten Reinhardt
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2013, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58290-4
Schlagwörter: Pubertät | Humor/Komik | Grusel/Spuk/Horror

Eigentlich kann man fast nichts sagen über den neuen Roman der jungen Berliner Autorin Kirsten Reinhardt, ohne alles zu verraten. Man ahnt zwar gleich zu Beginn, dass etwas nicht ganz stimmt mit den beiden Schwestern Olga und Henrike. Eigenartig angezogen sind sie und voller Schrammen. Das Merwürdigste sind aber die vielen, animalisch anmutenden Haare in ihrem Gästebett. Sie haben vergessen, es neu zu beziehen für die Ankunft von Albert Xavier, einem wohlerzogenen jungen Mann aus Paris, den sie nur den Austauschfranzosen nennen.
Olga und Henrike haben ihre eigenen Pläne mit dem armen Albert Xavier, schliesslich sind sie unschwer als Werwesen zu erkennen. Doch alles kommt völlig anders: Der Austauschfranzose seinerseits ist in geheimer Mission unterwegs, denn seine heiss geliebte und sehr strenge Grossmutter gehört selbst zur Spezies der Gestaltwandler.
Kirsten Reinhardt, deren erster, 2012 erschienener Roman «Fennymores Reise» bereits eine Entdeckung war, spielt einfallsreich mit den guten alten Horror-Motiven. Sie erreicht ganz neue Töne der Schrägheit auf der Klaviatur der Kinderliteratur und füllt ihre Figuren mit so viel Leben, dass wir sie, verrückt wie sie sind, nach wenigen Kapitel persönlich zu kennen glauben. Dass «Die haarige Geschichte» ein reines Lesevergnügen ist, liegt auch an der Sprache, denn die hat ein Tempo, eine Präzision und einen Witz, wie man sie bei wenigen deutschsprachigen Jugendbuchautor­In­nen findet.
Christine Lötscher,
Buch&Maus 2/2013, S. 28

Bär im Boot
Dave Shelton
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2013, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55354-8
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft | Nonsens

«Willkommen an Bord», sagt der Bär, als der Junge in sein Boot namens «Harriet» steigt und «einfach rüber auf die andere Seite» möchte. Der namenlose Junge wird sein blindes Vertrauen bereuen: Die andere Seite kommt und kommt nicht näher. Die Karte, die der Bär zückt, um zu zeigen, dass sie sich keineswegs «mitten im Nirgendwo» befinden, weil sie dort «gestern ungefähr um die Mittagszeit vorbei gekommen» seien, ist vollkommen blau, die vermeintliche Insel ein Teefleck.
Ähnlich wenig erfahren wir LeserInnen von diesen seltsamen Gefährten und ihren Motiven. Die Kapitänsmütze des Bären signalisiert zwar Autorität; bei «unvorher­sehbaren Anomalien im Strömungs­verlauf» verpufft die aber schnell. Orientierungslos dümpeln wir auf dem Meer. Und erfreuen uns an skurrilen Episoden und Dialogen. «Eine langweilig sanfte Brise überlegte, ob sie wehen sollte, entschied sich aber letztlich dagegen», heisst es, und ähnlich ist es mit der Bewegung dieses liebevollen Buches für Kinder und Erwachsene: Wann immer Entwicklung, Freundschaft, Reise in vertraute Muster oder zielgerichtete Aktion zu münden scheinen, werden die zwei von Grössenwahn befallen und fangen ein Seeungeheuer, statt sich mit einem Fisch zu begnügen. Oder streiten, weil der Bär stinkt und die Sterne nicht zur Navigation nutzt, sondern bloss anschmachtet. Immerhin bringt sein letztes, schimmliges Sandwich das Seeungeheuer zum Platzen.
Eine Literaturwebsite hat «Bär im Boot» zum neuen «Kleinen Prinzen» erhoben. Auf mich wirkt das Werk eher wie beste Nonsense-Dichtung – Junge und Bär wä­ren dann mit Tooticki in den «Mumin»-Büchern verwandt, die gerade im Ungewissen Trost findet.
Manuela Kalbermatten,
Buch&Maus 2/2013, S. 28

Die Einzige
Jessica Khoury
Aus dem amerikanischen Englisch von Ursula Höfker
Verlag: Arena, Publiziert: 2013, Seiten: 435, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-06869-5
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Liebe

In deinen Augen die Unendlichkeit

Am Anfang ist der Vater. Und der sagt, dass sie gut sei: seine Tochter, sein Wunder. «Man erzählt mir, dass Onkel Paolo mich am Tag meiner Geburt an seinen weissen Laborkittel drückte und flüsterte: ‘Sie ist perfekt’», beginnt Pia, ein im Amazonaswald gentechnologisch erzeugtes, un­sterb­liches Mädchen, ihre «Schöpfungsgeschichte». Auf heimlichen Streifzügen ausserhalb des Wissenschaftscamps aber trifft sie alsbald auf den «Eingeborenen» Eio, der ganz anders spricht: «Du gehörst überall dazu und nirgendwo. Bist keine Wissenschaftlerin und keine Ai’oanerin. Ein wildes Mädchen.»
Tatsächlich präsentiert Jessica Khoury ihre Heldin zunächst als Hybridwesen, das die ideologischen Gegensätze von Mensch und Maschine, Natur und Kultur, Wis­sen­schaft und Forschungsobjekt auflösen könnte. Und das überdies das Schöpfer-Geschöpf-Verhältnis unterläuft, denn «der Gedanke, ich könnte absichtlich gegen ihre Regeln verstossen, ist für sie so abwegig wie die Vorstellung, dass ein Pantoffeltierchen ihnen unter dem Mikroskop mit der Faust droht und vom Objektträger marschiert (…)».
Doch wenn das Motiv der rebellischen Cyborg-Töchter heute oft zur kritischen Diskussion von Grenzziehungen dient, zementiert Khoury diese Grenzen alsbald mit dem Bulldozer: Der Traum von an­deren Lebensformen geht in einem Albtraum der Zerstörung unter, in dessen Fol­ge alles vernichtet wird, was sich keinem organischen Ganzen unterwerfen lässt. Schöpfervater Paolo stirbt den Hybris-Tod, die Eingeborenen und Labortiere werden freigelassen. Nur Pia darf sich durch ihre unschuldigen Gefühle für Eio als Dschun­gelprinzessin am Ende dem Idyll sterblicher, trauter Zweisamkeit hingeben.
Manuela Kalbermatten,
Buch&Maus 2/2013, S. 29

Die Scanner
Robert M. Sonntag
Verlag: Fischer KJB, Publiziert: 2013, Seiten: 190, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85537-3

In der Regel sind die aktuellen Romane dick wie Ziegelsteine, in denen es um eine finstere Zukunft in einer der totalen Kontrolle unterworfenen Gesellschaft geht. Robert M. Sonntags «Die Scanner» dagegen ist ein schlankes Bändchen; die Welt im Jahr 2035 wird nicht ausufernd, sondernd pointiert in einprägsamen Details erzählt. Wir sind auf Gedeih und Verderb dem Erleben des Ich-Erzählers Bob ausgesetzt: Er ist ein junger Mann, der nichts über die Vergangenheit weiss und der seine Aufgabe als Bücherjäger nicht hinterfragt. Damit schliesst der Roman an klassische Dystopien wie Aldous Huxleys «Schöne Neue Welt», George Orwells «1984» und vor allem Ray Bradburys «Fah­renheit 451» an. Denn Robert M. Sonntag, wie der Held wider Willen heisst, ist leicht als Verwandter des Bücher verbrennenden Feuerwehrmanns Guy Mon­tag aus Bradburys in Truffauts Filmadaption berühmt gewordenen Klassikers zu erkennen. Nur, dass die Gesellschaft, in der Sonntag lesende Menschen jagt, nicht offen zugibt, dass sie das kulturelle Gedächtnis und das Denken überhaupt zerstören will, sondern im Gegenteil behauptet, die Texte durchs Einscannen für alle zugänglich zu machen.
Hinter dem Pseudonym Robert M. Sonntag verbirgt sich der Autor und Journalist Martin Schäuble, der in seinen Büchern für Erwachsene und Jugendliche auf den Israel-Palästina-Konflikt sowie auf Islamismus spezialisiert ist; 2011 erschien «Black Box Dschihad», die Dop­pelbiografie zweier Dschihadisten (siehe Buch&Maus 2/2011). Auch «Die Scanner» ist im Grunde weniger ein Roman als eine Aufforderung, die neue Überwachungsgesellschaft zu hinterfragen. Durch die PRISMA-Enthüllungen des Ex-CIA-Agen­ten Edward Snowden gewinnt das Buch nochmals ungemütlich an Aktua­lität.
Christine Lötscher,
Buch&Maus 2/2013, S. 29

Im Pyjama um halb vier
Gabriella Engelmann, Jakob M. Leonhardt
Verlag: Arena, Publiziert: 2013, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-06793-1
Schlagwörter: Medien | Freundschaft

Lulu hat auf einer Party Ben ken­nen­gelernt und sucht ihn nun via Facebook. Mangels eines Profilfotos landet ihre Nachricht bei einem fremden Jungen gleichen Namens. Obwohl sich die beiden nicht kennen, fühlen sie sich vom ersten Mo­ment an verbunden und handeln einen Deal aus: Lulu soll ihm helfen, das «Mäd­chen-Rätsel», wie er es nennt, zu lösen, und er will für sie die Geheimnisse des «Jungs-Kosmos» lüften. So vertrauen sich die beiden 16 und 17 Jahre alten Teenager gegenseitig Dinge an, die sie nicht einmal ihren besten Freunden in der reellen Welt erzählen würden. Und mit der zunehmenden Intimität stellen sich unerwar­tete Gefühle ein und tauchen Fragen auf, die bis zum Schluss immer wieder für überraschende Wendungen sorgen…

Angelehnt an die Erzählform der Briefromane und passend zum Inhalt verfasste das Autorenpaar die Geschichte als Chatdialog. Durch die Anzeige des jeweiligen Chat-Icons ist immer klar, wer spricht, und durch den weitgehenden Verzicht auf die in Chats üblichen Emoticons und Abkürzungen ist der Text auch für Nicht-In­siderInnen flüssig zu lesen. Es erschlies­sen sich uns zwei durchaus authentische und lie­bens­würdige Persönlichkeiten, obwohl einzelne Überlegungen vielleicht etwas zu erwachsen daherkommen, und man sich fragen darf, wieso die beiden Protago­nisten erst gegen Ende des Buches den Wunsch verspüren, sich gegenseitig ein Foto zu schicken.

Im leicht und amüsant erzählten Handlungsstrang widerspiegelt der Roman ganz ohne Aufdringlichkeit die Grenzen der virtuellen Existenz, aber auch deren Wichtigkeit im Leben der jungen Gene­ration. Dass die beiden fiktiven Personen aus dem Buch auch ein Profil im wirkli­chen Facebook haben (Lulu Rakete und Ben Schumann), entspricht durchaus die­sem modernen virtuellen Vexierspiel.

Boris Uehlinger
Buch&Maus 2/2013, S. 30

Ich blogg dich weg!
Agnes Hammer
Verlag: Loewe, Publiziert: 2013, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 3-7855-7706-0

Einfach normal ist Julies Leben nur auf den ersten 38 Seiten: am idyllischen Waldsee mit ihrer besten Freundin, auf dem letzten Sommerfest des Jahres, als Sängerin der eigenen Band. Danach beginnt, was Autorin Agnes Hammer ihrem neuen Jugendroman gleich in den Titel geschrieben hat: Cyber-Mobbing.
Es fängt damit an, dass Julie von einem gewissen «Stüpp7» anonyme E-mails bekommt: «Du bist eine eingebildete Sumpfkuh. Das denken alle über dich!» Julie will sich zuerst auf keinen Fall einschüchtern lassen. Doch der Stachel der Verunsiche­rung sitzt bereits. Sie googelt «Stüpp» und erfährt, dass so in Legenden und Sagen ein Wer­wolf bezeich­net wird. Einer, der nicht fron­tal angreift, sondern sich am Rücken des Men­­schen festkrallt, bis dieser zusam­menbricht und stirbt.
Welches Gewaltpotenzial Cybermob­bing innewohnt, zeigt die Metaphernwahl der Autorin, die dem Angriff ein mythi­sches Antlitz verleiht, das von Julies Träu­men in ihren Alltag vordringt. Schon gibt es Schmierereien auf der Schul­­­­toilette und es taucht ein gefaktes Profil auf einer Plattform auf: Die Hatz ist eröffnet.
Diesen dynamischen Prozess des Alle-gegen-Eine, in den ganz schnell ganz viele verstrickt sind – gerade durch die Anonymität des Internets –, zeichnet Hammer klar nach. Auch die Möglichkei­ten, sich zu weh­ren, werden exemplarisch durch­ge­spielt. Richtig aufregend aber wird der Roman durch seine Erzählstruktur: Indem nicht nur das Opfer, sondern verschiedene Figuren aus dem Umfeld abwechselnd – leider sprachlich kaum differenziert – erzählen, wird das Drama anschaulich: Wie Julies Welt gleich einem Spiegel in zig Splitter auseinanderbricht.
Ina Nefzer,
Buch&Maus 2/2013, S. 30

Love Alice
Nataly Savina
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2013, Seiten: 157, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-81141-1

Die Geschichte beginnt damit, dass Alice, schlüssellos, vor der Haustür war­tet und vor ihren Augen eine Taube überfahren wird. Jahre später sitzt die 14-jährige Ich-Er­zählerin einmal mehr mit ihr­­er Mutter im Flugzeug und erinnert sich an die Tau­benschar, die sich um die tote Ge­nossin geschart hatte, ehe sie geschlos­­sen weiterflog. Alice selbst mag am Fliegen nur die Luftlöcher. Ihre Mutter, die Opernsängerin Hannah Blumberg, die «alle Ge­fühle unter dem Scheinwerfer­licht» verbraucht, hat kaum Nerven für die puber­tierende Toch­ter, deren einzige Freun­din und Zugvogel-Schwester sie ist. Stattdes­sen trägt sie ihr auf, Paul Celans Ge­dichte zu lesen und darin die Wortbilder zu sehen.
Und so lebt Alice ein recht einsames Leben, bis sie am neuen Spielort der Mutter die gleichaltrige Cherry kennenlernt. Und zum ersten Mal eine innige, wilde Beziehung aufbaut: Eine Beziehung, die zwischen Freundschaft, Hassliebe und sexuellem Verlangen oszilliert, sich mühsam gegen die (zu) enge Mutter-Tochter-Bindung behaupten muss – bis sie in der Katastrophe endet. Das aber geschieht nicht, ehe Cherry Alice das Fliegen beige­bracht hat. Gemeinsam rennen die beiden durch den Wald, legen sich auf die Gleise und kreischen die Bäuche der über sie hinwegrumpelnden Züge an. Durchleben all die Gefühle, über die Alice mit ihrer Mutter nie reden kann: Lust, Liebe, Erregung, Trauer, Todesangst.
Nataly Savina, die für ihr Manuskript mit dem Peter-Härtling-Preis ausge­zeich­net wurde, macht diese Gefühle in der Erzählstimme der verschro­be­nen, altklu­gen, lebens­hung­rigen Alice so plastisch, dass wir am Ende mit ihr die Wortbilder in Paul Celans Gedicht ertasten. Am Abschiedsgrat ste­hen. Und dann fliegen.
Manuela Kalbermatten,
Buch&Maus 2/2013, S. 30

Bo
Rainer Merkel
Verlag: Fischer, Publiziert: 2013, Seiten: 688, ISBN/ISSN/EAN: 3-100-48444-4

Der 13-jährige Benjamin fliegt in den Sommerferien nach Monrovia, die Hauptstadt Liberias, wo sein Vater arbeitet. In seinem Gepäck fünf grosse Flaschen Anti-Insekten-Spray und einen Abschiedsbrief seiner Mutter an seinen Vater. Doch dann kommt alles anders. Der Vater erscheint nicht am Flughafen und Benjamins Abenteuer kann beginnen.
Zunächst lernt Benjamin das exzen­trische Mädchen Brilliant Hope Gweni­gale-Johnson kennen. Sie ist gegen ihren Willen in Liberia. Ihr Onkel findet, sie solle das Land kennenlernen, in dem ihre Eltern im Bürgerkrieg erschossen wurden. Der blinde Junge Bo wird Benjamins bester Freund und begleitet ihn zusammen mit Brilliant auf seiner Suche. Bei dieser Suche geht es nicht etwa um Benjamins Vater, son­dern um das Geheimnis des Mädchens Flower, das aus einer psychiatrischen Anstalt zurück ins Dorf ihrer Eltern flüchtet. Benjamins Vater taucht erst am Ende des beinahe 700 Seiten starken Buches auf und fragt seinen Sohn nach seinem bisherigen Aufenthalt: «Jedenfalls hast du eine gute Zeit gehabt, oder?»
Trotz des bemerkenswerten Umfangs liest sich Rainer Merkels sehr flüssig. Viele differenziert entwickelte Charaktere bele­ben das Buch, das alles enthält: Freundschaft, erste Liebe, Spannung und Ner­venkitzel. Dabei erzählt Merkel abwech­selnd aus den Blickwinkeln der ju­­- gend­lichen Protagonisten. Der Ro­man, der sich an VielleserInnen richtet, vermit­telt eindrücklich, wie vielschichtig, farbig und faszinierend das aus den Me­dien als Bür­gerkriegsland bekannte Liberia und dessen Menschen sein können – vorausgesetzt man kommt so unvoreingenom­men und voller Neugier dort an wie Ben­jamin, der sein ganz persönliches afrikanisches Abenteuer erlebt.
Roger Meyer,
Buch&Maus 2/2013, S. 31

33 Cent um ein Leben zu retten
Louis Jensen
Aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler
Verlag: Hanser, Publiziert: 2013, Seiten: 155, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24177-9
Schlagwörter: Philosophie

Vom Schulpsychologen weiss der junge Ich-Erzähler, dass alles, was er fühlt, eigentlich etwas ganz anderes ist: dass alles verdrängt ist und er seine wahren Gefühle nicht versteht. Aber eigentlich hält er wenig von Psychoanalyse. Er weiss genau, was er fühlt und versucht es, anders als Eltern, Lehrer und Psychologen, auch nicht zu verdrängen. «Ich bin wütend», sagt er, wieder und wieder, «wütend, weil die sterben. Deshalb.» «Die», das sind die Kinder mit den viel zu grossen Köpfen und Augen und Bäuchen, mit den Fliegen in der Nase, die man mit 33 Cent pro Tag vor dem Verhungern retten könnte. Das hat dieser wütende, selbstgerechte und zwei­fle­ri­sche, dieser dünnhäutige, fanta­sie­volle Junge in der Schule gelernt, aus den Nachrichten. Nur ist niemand bereit, dem Hun­ger ins Gesicht zu sehen, zu rechnen, wie er es tut. Und so nimmt er das Gesetz in die eigene Hand.
Wie die Ich-Erzählerin in Janne Tellers grossem Wurf «Nichts» bleibt auch Jen­sens Ich-Erzähler recht gesichtslos: Wich­tiger als die Details, die sich in ihrer Sum­me zum Bild einer Person fügen, sind in beiden Gedankenexperimenten die philo­sophischen Fragen. Und hier findet Jensen seine ganz eigene Form: Sein Erzähler geht uns auf die Nerven. Er nervt mit seinen seitenlangen Rechnungen, mit seiner pein­lich genauen Auslegung von Bibel und Gesetzbuch. Und er nervt mit seiner Naivi­tät, die grösser ist als die der kleinen Schwester, die unermüdlich an einer Uto­pie aus rosa Legosteinen baut. Verstörend sind letztlich nicht die Zahlen, mit denen der Ich-Erzähler jongliert, sondern die Tat­sache, dass er uns damit auf die Nerven geht. «33 Cent» ist ein mehr als nur «unbequemes» Buch; es ist eine Serie von Ohrfeigen, die auch dann schmerzen, wenn die Geschichte ins Fantastische driftet.
Manuela Kalbermatten,
Buch&Maus 2/2013, S. 31

Die Askese
Osamu Tezuka
Aus dem Japanischen von John Schmidt-Weigand
Verlag: carlsen comics, Publiziert: 2013, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-76635-5
Schlagwörter: Biografie

Mit «Buddha» legte Osamu Tezuka (1928-1989), der bedeutendste japanische Man­ga­ka aller Zeiten, eines seiner Hauptwerke vor, das für alle Altersstufen geeinget ist. Zwischen 1972 und 1983 erzählte er in acht Bänden, beziehungsweise auf knapp 2500 Seiten, wie aus dem von der Welt abgeschirmt aufgewachsenen, kränklichen Königssohn Siddhartha Gautama Buddha wurde. Tezuka schildert Sid­d­hartas Lehr- und Wanderjahre allerdings nicht in Form einer esoterisch verklärten Abhandlung, sondern als ein süffiges Abenteuer, ein opulentes Epos mit Dut­zenden von Schauplätzen und zahl­losen Figuren. Dabei nahm sich Tezuka etliche Freiheiten. Die Hand­lung aber dient im­mer dazu, das Entstehen und die zentralen Aussagen der buddhistischen Lehre zu vermitteln und sie in ihrem historischen Kontext zu zei­gen.
Wenn der Königssohn rebelliert, das unmenschliche Kastensystem Indiens in Frage stellt oder sich während seiner Wanderjahre mit dem Alltag der mehrheitlich elenden Bevölkerung auseinandersetzt, dann findet das immer vor dem Hintergrund (politischer) Unruhen statt: Kriege, Aufstände, Hungersnöte und Seuchen. Gleichzeitig dient Buddhas Le­bens­geschichte Tezuka auch dazu, sein eigenes, humanistisches Welt- und Men­schen­bild zum Ausdruck zu bringen.
Im fünften Band mit dem Titel «Askese» ist Siddhartha ein junger Mann, der auf der Suche nach Wahrheit und Weisheit von einem Meister zum anderen zieht, aber von keiner Lehre befriedigt wird – jede Glaubensrichtung dünkt ihn unvollkommen und unvollständig, und er beginnt zu ahnen, dass er seinen eigenen Weg finden muss.
Christian Gasser,
Buch&Maus 2/2013, S. 32

Epic
Verlag: Blue Sky, Publiziert: 2013, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Natur | Fantastik/Fantasy

Verborgenes Königreich

Die 17-jährige Mary Katherine, genannt MK, kennt ihren Vater kaum, als sie nach dem Tod ihrer Mutter zu ihm aufs Land zieht. Der hat aber offenbar nicht mehr alle Tassen im Schrank, faselt er doch von winzigen Kriegern und einer fremden Welt, die irgendwo im nahegelegenen Wald verborgen sei. Doch dann stellt sich heraus, dass diese Welt tatsächlich exis­tiert: Als Königin Tara, Schutzgöttin des Waldes und Quelle allen Lebens, eine Blü­tenknospe als Nachfolgerin auswählt, grei­fen just in diesem Moment die bösen Boggans an und verletzen Tara tödlich. In ihrer Not schrumpft sie MK kurzerhand auf Käfergrösse und trägt ihr auf, die Knospe in Sicherheit zu bringen. Unterstützt von Ronin, dem Anführer der tap­fe­ren, auf Kolibris reitenden Leafmen, dem verwegenen Ex-Leafman Nod und zwei frechen Schnecken muss MK den Wald und alles Leben darin vor dem Verfall durch die dunklen Kräfte der Boggans bewahren.
Lose basierend auf einer Bilderbuchvorlage von William Joyce erzählt «Epic» eine halsbrecherische Abenteuerge­schich­te, die bekannte Fantasy- und Scie­nce-Fiction-Tropen mit einer ein wenig moralisierenden Ökobotschaft verbindet. Zwar ist das selten innovativ und die Slapstick-Szenen wollen nicht immer zu den teils recht düsteren, haifischartigen Bog­gans passen. Die atemberaubende Ani­mation und die Bildsprache wissen aber zu begeistern. Ganz nach dem Motto «Nur weil du etwas nicht siehst, heisst das nicht, dass es nicht da ist», wird die Natur jenseits des Gartenzauns zur fantas­ti­schen Anderswelt, so dass man unwillkürlich Lust bekommt, sich die Natur wie­der einmal etwas genauer anzuschauen.
Petra Schrackmann,
Buch&Maus 2/2013, S. 32

Mein Haus, der Rest der Welt und mehr
Judith Nab
Verlag: Nab Produktions, Publiziert: 2013, Seiten: 90, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Wissenschaft

Alles begann mit einer schlaflosen Nacht. Mira, die Tochter einer Freundin der niederländischen Künstlerin Judith Nab, hatte sich die ganze Nacht Sorgen um die Zukunft der Welt gemacht: «Ich bin jetzt 9 Jahre alt», notierte sie, «ich muss die Schule beenden, dann muss ich in eine andere Schule gehen, erst dann kann ich zur Universität und danach kann ich erst Ministerpräsidentin werden. Und dann ist es vielleicht zu spät!»
Als Judith Nab die Geschichte hörte, schlug sie Mira vor, zusammenzuarbeiten: Sie plante selbst ein Projekt mit dem Titel «The Rest of the World – and Beyond» , in dem sie Kindern das Universum und das Innere der Erde erforschen liess – in ihrer Vorstellung. Diese Ateliers setzten sich dann in Zürich fort, wo Kinder die tiefsten Tiefen des Ozeans ausloteten.
Nachhaltigkeit erlangt das Projekt durch die Publikation eines Buches, das einem gleich ins Auge fällt: Sein riesiges Format, seine grosszügige und inspirierte Gestaltung machen Lust, in die Texte und Bilder einzutauchen. Die Themen Universum, Erdinneres und Tiefsee strukturieren das Buch, das mit den Kreationen aus dem Atelier in Zürich entstanden ist und beim Festival «Blickfelder» im Frühling vorgestellt wurde.
Zunächst haben immer die Kinder das Wort. Sie sammeln Informationen, etwa zur Urknalltheorie oder zur Erdge­schichte, und arbeiten sie auf – was dabei herauskommt, sind verständliche Sätze und fan­ta­sievoll-assoziative Bilder. Die Fragen, die beim Forschen auftauchen, stellen sie Wis­sen­schaftlerInnen wie etwa dem Haiforscher Jürg Brunnschweiler oder Gretchen Ber­nasconi-Green, Professorin für Marine Geologie und Geochemie an der ETH Zürich. Diese Interviews sind eine wunderbare Lektüre für Erwachsene, die wenig Ahnung von Na­turwissenschaft haben und dankbar sind, wenn ihnen komplexe Zusammenhänge ebenso fachkundig wie verständlich erklärt werden. Was das Buch wirklich anregend macht, weit über ein gut gestaltetes Kindersachbuch hinaus, ist der Dialog, den Judith Nab zwischen Kindern und For­scherIn­nen in Gang bringt. Auf den imaginären Forschungsreisen tauchten nicht nur Fragen auf, sondern es wurden Entdeckungen gemacht und Visionen entwickelt, die mit den WissenschaftlerInnen diskutiert wurden. Sie wurden auch immer nach der Rolle von Kreativität und Fantasie in ihrer Arbeit gefragt. Konzentration und ein kühler Kopf seien wichtig, sagen die einen. Doch das zweitletzte Wort im Buch – das letzte gehört den Zürcher Kindern und natürlich Mira – hat der Meeresgeologe Helmut Weissert, der die Kinder ermutigt, ihrer Neugier zu folgen und sich die Kreativität zu bewahren: «Du musst diese‚ ‘ich weiss es nicht, aber lass uns schauen’ Haltung haben, bevor du weisst, wie man es macht. … Du schaust etwas von dieser Seite an und dann wechselst du und schaust von der anderen Seite. Wenn du darin wirklich gut bist, bewirkt das wahrscheinlich überraschende Fragen… und dann musst du Humor haben und Interesse für verschie­denste Dinge.»
Wenn die Kinder also die Augen schliessen und sich vorstellen, welche fantastischen Wesen auf dem tiefschwarzen Meeresgrund kreuchen und fleuchen, weit entfernt von jedem Lichtstrahl, leisten sie damit wichtige Vorarbeit für Forschung in der Realität: Denn was man sich nicht vorstellen kann, kann man auch nicht sehen.
Christine Lötscher,
Buch&Maus 2/2013, S. 14

Die Insel
Marije Tolman, Ronald Tolman
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2013, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 3-7607-9882-9

Erst ist da nur eine Wolke. Dann erscheint ein Bär mit einem feinen Lächeln im Ge­sicht, der sich via Strickleiter aus der Wol­k­e abseilt auf die erste Insel und so­gleich von einer Schar Papageientaucher um­ringt wird. So beginnt die wundersame Rei­se des weissen Bären, der nun von Seite zu Seite durchs Meer schwimmt, dabei ver­­schiedene Tiere aus Wasser-, Luft- und Erdreich antrifft und auf Inseln unter­schied­lichster Art Station macht. Ein Teil der Tiere begleitet ihn ein Stück des Weges, andere lassen ihn vorbeiziehen. Die Stim­mung ist von Ruhe und Gelassenheit, von Staunen und Entdecken geprägt. Auf der letzten Insel wartet ein Geige spielender Waschbär. Mit ihm zusammen kann der Bär, Arm in Arm, eine Sternschnuppe am Nachthimmel bestaunen. Er scheint angekommen.
Grosszügige Bildflächen bilden die Ba­sis für dieses Buch ganz ohne Worte. Wir müssen uns darauf einlassen wollen, uns wie der Bär ganz dem Staunen hingeben, um die intensiven Gefühlswelten dieser Reise zu erleben. Auf zarten Farbflächen entsteht in Kombination mit einem Krei­de­strich für die Inselwelten und einem filigranen Strich für die tierischen Prota­gonisten eine intensive Spannung. Diese zu entdecken und dabei nicht auf textlich vorgespurten Wegen gehen zu müssen, macht die Faszination aus. Von einem Le­bensbuch zu sprechen ist in diesem Fall vermutlich nicht zu hoch gegriffen.
Wer Gefallen daran findet, der sei auch auf «Das Baumhaus», ein anderes Werk des Tochter-Vater-Gespanns Tolman hin­ge­wiesen. Darin kann man in ähnlicher Weise zwei Bären durch die Jahreszeiten begleiten.
Barbara Jakob
Buch & Maus 3/2103, S. 28

Das Mädchen in Rot
Aaron Frisch , Illustration: Roberto Innocenti
Aus dem Englischen von Ulli und Herbert Günther
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2013, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5742-6
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Die Kinder im Prolog legen ihr Smart­pho­ne weg, um einem surrealen Grossmütter­chen zu lauschen. Von Rotkäppchen will es erzählen, und warnt: «Geschichten sind wie Wolken am Himmel. Sie können sich verändern, Regen bringen und euch ohne Mantel erwischen.» Regnen wird es, auch stürmen und wettern. Denn Roberto Inno­centi und Aaron Frisch tragen nicht nur Schrecken, sondern auch eine grosse Por­tion Sozialkritik in den Märchenwald.
Ihr Rotkäppchen kriegt ein Gesicht, ei­nen Namen, eine allein erziehende Mut­ter und ein Heim in der Peripherie eines fast fotorealistisch inszenierten städti­schen Molochs. Durch diesen Dschungel sucht sich Sophia ihren Weg zur Grossmutter, die im Wohnwagen unter der Au­to­bahn­brücke lebt. Wir gehen diesen Weg mit Staunen und Grauen, betrachten gi­gan­tische Rekla­men, Müllberge, Graf­fiti, star­ren an bröckeln­den Fassaden hoch. Aus Frosch- und Vogelperspektive, in Clo­se-Ups und Totale erschei­nen Obdach­lo­se, Stras­sen­musiker, Polizis­ten, Prostituierte. Und stets zähnefletschgrinst von den Wän­den der wohl bekannte Politiker, dem ihre Nöte herzlich egal sind.
Die Stadtwölfe, denen Sophia begegnet, als sie sich vom Einkaufszentrum verfüh­ren lässt, sind Schakale – richtig gruselig aber ist der Jäger, der sie mit dem Motorrad mitnimmt. Enkelin und Grossmutter wer­den die Nacht nicht überleben. Es sei denn, die Kinder im Epilog wählen das andere, das Märchen-Ende, das es hier auch noch gibt. Denn wenn «Das Mäd­chen in Rot» auch alle Altersgruppen mit der ganzen Brutalität einer betrogenen Nation konfrontiert, bleibt die Stadtszenerie doch vol­ler Faszination und Farbe. Und voller Menschen, die auf ihren Balkonen fern­se­hen, rauchen, schlafen, Saxophon spielen – und Blumen giessen.
Manuela Kalbermatten
Buch & Maus 3/2013, S. 28

Dieser Elch gehört mir
Oliver Jeffers
Aus dem Englischen von Anna Schaub
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2013, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-10172-4
Schlagwörter: Freundschaft

Mit Haustieren ist das so eine Sache: Die meisten haben einen ganz eigenen Kopf, der den Schmuse- und Dressurbedürfnis­sen ihrer selbst erklärten Besitzer diame­tral entgegen steht. Wenn das Haus­tier noch dazu im eigentlichen Sinne gar keins ist, sondern bei seinen Streif­zügen durch die Wildnis nur ab und zu bei einem Haustier-sehnsüchtigen Menschen vor­bei­­schaut, dann wird die Be­ziehung dop­pelt schwierig.
Der vielfach preisgekrönte irische Illustrator Oliver Jeffers bringt das in seinem Bilderbuch «Dieser Elch gehört mir» hin­reissend komisch auf den Punkt und eröffnet schon auf der ersten Seite die ganze paradoxe Situation. «Wilfred besass einen Elch», steht da staubtrocken unter dem Porträt eines seltsamen Paares: Winzig, aber mit stolzgeschwellter Brust präsen­tiert ein Junge einen riesenhaften Elch, der im Abstand von mehreren Metern unbeteiligt über den Knirps hinweg in die Ferne guckt. – Tja, so unterschiedlich definieren sich Zugehörigkeitsgefühle! «Wilfred folg­te Marcel auf Schritt und Tritt und brachte ihm Haustier-Regeln bei», geht es unverdrossen weiter. Auch das ist zum Wegschmeissen, denn natürlich ignoriert der Elch diese Regeln allesamt und verfolgt stoisch seine eigenen Pläne. Auf einem langen Ausflug passiert allerdings etwas Erstaunliches. Und unser Elchdompteur begreift, dass Freundschaft und Unab­hän­gigkeit irgendwie zusammengehören…
Ein wichtiges Thema, federleicht verpackt. Dazu comicartige Kritzel-Protago­nisten in altmeisterlichen Land­schafts­­panoramen, die soviel Weite at­men, dass man dem Elch die Freiheitsliebe nicht verdenken kann. Grandios!
Marion Klötzer
Buch & Maus 3/2013, S. 28

Im Garten der Pusteblume
Noelia Blanco, Illustration: Valeria Docampo
Aus dem Französischen von Anna Taube
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2013, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-939435-80-5
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Vor langer, langer Zeit lebten im Windmühlental Kinder, Frauen und Männer wie sonst überall auf der Welt. Dann kamen «die Perfekten Maschinen». «Man musste nur noch auf einen Knopf drücken, um den perfekten Moment zu er­leben, den perfek­ten Nachtisch zu essen, den perfekten Freund zu haben.» Und weil das so be­quem war, verlernten die Menschen zu träumen, vergassen die Mühlen und den Wind, der sie drehte. Nur die junge Schnei­derin des Dorfes, Anna, und der Riese Vogelmann hörten nicht auf, an ihre Wün­sche zu glauben.
In kraftvollen Bildern, die von innen heraus zu leuchten scheinen, und mit Wor­ten, die die märchenhafte Stimmung der kunstvollen Illustrationen weitertra­gen, erzählen Valeria Docampo und Noelia Blan­co davon, wie wichtig Wünsche und Sehnsüchte sind – und dass Perfektion nicht alles ist. Das leuchtend rote Haar der jungen Schneiderin etwa bildet einen auf­fälligen Kontrast zur blassen Welt der Perfekten Maschinen. Schon das Titelbild zeigt Anna im Garten der Pusteblumen, wo sie – die Augen fest geschlossen und in Gedanken ganz in ihren Herzenswunsch versunken – in eine Blüte pustet und ihren Wunsch mit den haarigen Flugschirmen auf Reisen schickt: «Ich möchte einen Fluganzug nähen.» – Es ist nur eines von vielen atmo­sphärischen Bildern, die einen beim Betrachten immer wieder aufs Neue verzaubern und neue Details entdecken lassen.
Andrea Duphorn
Buch & Maus 3/2013, S. 29

Jakob, das Krokodil
Georg Kohler, Illustration: Claudia de Weck
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2013, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0664-0
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Ein Krokodil in einer Zürcher Vierzimmerwohnung? Eine fantasievolle Bilderbuch­idee, könnte man glauben – aber «Jakob, das Krokodil» erzählt eine wah­re Geschichte. Jakob ist noch ganz klein und ungefährlich, als Willi, der Familienvater und Jazzmusiker, ihn von einer Südamerika-Tournee mitbringt. Doch Krokodile wach­sen das ganze Leben lang, und so werden das Terrarium und bald auch das Wohnzimmer zu klein für Jakob – und wer möchte schon ein Krokodil im Bett? In seinem eigenen Urwaldzimmer lebt das Krokodil hinter Panzerglas und erfreut 42 Jahre lang Schulklassen und natürlich seine Besitzerfamilie; es sei denn, er sorgt ge­rade wieder einmal für eine mittlere Katastrophe.
Wenn Jakob wegen der Spritze des Tierarzts in die Luft springt und die ganze Woh­nung verwüstet oder seine Zieh­mut­ter versehentlich in den Arm beisst, dann wird die ganze Kraft und Dynamik durch Claudia de Wecks Bilder wunderbar in Szene gesetzt. Die detailreichen Bilder sind oft sequenziell angeordnet und lockern so mit ihrer Nähe zum Comic den Text auf, dessen Wortschatz für ein jün­geres Publikum manchmal gar avanciert scheint.
Claudia de Weck und Georg Kohler wol­len aber nicht nur eine ausser­ge­wöhnliche und anrührende Geschichte erzählen: Ein Nachwort über Sinn und Unsinn exotischer Haustiere und ein infor­matives Krokodil-Alphabet runden das Buch ab, das somit auch Raum für Diskussionen und Anstoss für weitere Re­cherchen gibt.
Elisabeth Eggenberger
Buch & Maus 3/2013, S. 29

Die Katzen von Kopenhagen
James Joyce, Illustration: Wolf Erlbruch
Aus dem Englischen von Harry Rowohlt
Verlag: Hanser, Publiziert: 2013, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24159-0

Kopenhagen 1936: Eigentlich hatte James Joyce seinem Enkel Stephen ja eine mit Süssigkeiten gefüllte Katze aus Dänemark schicken wollen; zuhause in Irland seinerzeit ein beliebtes Geschenk. Weil sich das versprochene Mitbringsel jedoch «LEI­DER!» in ganz Kopenhagen nicht auftreiben lässt, denkt Joyce sich für den Vierjährigen stattdessen kurzerhand eine kleine, aber feine (Lügen-) Geschichte über «Die Katzen von Kopenhagen» aus.

«Jede Menge Fisch und Fahrräder» kom­men darin vor. Von dänischen Polizisten ist die Rede, die den ganzen Tag im Bett liegen, dicke dänische Zigarren rauchen und Buttermilch trinken. Und von rotge­klei­deten «jungen Jungens», die den Poli­zisten auf ihren Fahrrädern Telegramme, Briefe und Postkarten von alten Damen, Jungens und Mädchen brin­gen, um sich dann zum Dank von ihnen anbrüllen zu lassen.

Harry Rowohlt hat die amüsante Geschichte, von deren Existenz lange nie­mand wusste und die auf Englisch erst 2012 in einer exklusiven Kleinauflage ver­öf­­fentlicht wurde, fabelhaft ins Deutsche übertragen. Wolf Erlbruch hat sie mit dickem Farbstift-Strich und hintersin­ni­gem Humor kongenial illustriert. Und so ist ein Bilderbuch entstanden, das Kinder wie Erwachsene gleicher­massen unter­hält und deutlich spüren lässt, dass James Joyce Dänemark und seine BewohnerIn­nen wohl sehr gemocht hat.

Andrea Duphorn
Buch & Maus 3/2013, S. 29

Und irgendwo gibt es den Zoo
Nadia Budde
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2013, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0470-7

Diesen Frühling erst ist bei Jacoby&Stuart Nadia Buddes Kinderbuch «Grossstadttiere» erschienen, das in Wort und Bild ausge­sprochen launig anpassungsfähige Exi­lan­ten porträtiert, die vom Land in den urbanen Dschungel umgesiedelt sind. Nun treibt die Berliner Illustratorin ihre Tierstudien weiter, indem sie mit gewohnt frechem Strich den Analogien zwischen den Krea­turen nachspürt. Und das tut sie aus­ge­sprochen erfolgreich, wie man hier anhand unzähliger Vertreter der Gattung Mensch-Tier-Mixtur erkennen kann.
Denn Hand aufs Herz: Wer kennt sie nicht, die Artgenossen mit Pferdegebiss, Igelhaar und Schildkrötenhals? Und hat man nicht auch an sich selbst schon so einiges Tierisches entdeckt – sei’s die Lust, manch­mal einfach zuzubeissen, oder die faltigen Reptilienäugelchen am Morgen nach einer langen Nacht…
Der schnabelnasige Pinguin-Erzähler dieses witzigen Bilderbuches findet solch tierische Verwandtschaft jedenfalls geballt in seinem Umfeld: Kumpel Ronni ist wie ein Pony, Schwester Marlene hat Sau­rierzähne und Onkel Hans-Marcel wächst ein schwarzes Bärenfell. Am Ende sitzt die ganze Meute schmausend bei Soljanka-Eintopf. Wer braucht da noch in den Zoo zu gehen, wenn sich Hyäne, Schwein, Huhn und Motte um den eigenen Küchentisch scharen? Einfach Augen auf im Alltag, da watschelt, knurrt und schleicht genug Getier herum!
Ein neugierig-alberner Blick auf Alltagsphänomene; die Lust am Schrägen und am Unperfekten; dazu pointierte Comic-Zeichnungen, und das Ganze garniert mit fröhlichen Holterdiepolter-Reimen. «Und irgendwo gibt es den Zoo» ist ein echtes Budde-Buch.
Marion Klötzer

Buch & Maus 3/13, S. 30.

Hinter der Milchstrasse
Bart Moeyaert
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Hanser, Publiziert: 2013, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24305-4
Schlagwörter: Freundschaft

Die Sommerferien sind ein kinderliterari­scher Schauplatz par excellence; ein Übergangsort, ideal für Geschichten, die vom Nichtmehr der Kindheit und dem Nochnicht des Erwachsenseins erzählen. In den neuen Kinderromanen von Bart Moeyaert und Jutta Richter geht es um je eine Gruppe von Kindern, die in dieser kleinen Sommer-Ewigkeit prägende Erfahrungen machen.

Bei Moeyaert sind der Ich-Erzähler Os(kar), sein älterer Bruder Bossie und das Mädchen Geesje die ProtagonistInnen einer philosophischen Geschichte, die ih­ren Anfang und ihr Ende auf dem Flach­dach eines Industriegebäudes nimmt, unter dem die Milchstrasse durchführt – was für ein wundersamer und vielsa­gender Name für eine Strasse am Rand eines städtischen Wohngebiets. Es ist heiss und die drei langweilen sich. Sie schauen den Leuten zu, die unter ihnen durchlaufen, erfinden Geschichten über sie. Über eine alten Frau und ihren Dackel zum Beispiel, die sich durch die Strasse schleppen: «Es kostete den Hund alle Mühe, sein Hinterteil zu drehen, während sein Vorderteil bereits in der anderen Strasse stand.» Aus lauter Langeweile wetten die Kinder, wer zuerst stirbt, die alte Frau oder der Dackel: «Wer gewinnt, darf einen Tag lang alles bestimmen.» Kann man mit einer Wette den Tod eines Lebewesens befördern? Wann kommt Mama zurück, die eine Auszeit von der Familie brauchte? Warum passiert es, dass man jemanden, den man mag, blossstellt?

Wie in seinem berührenden Geschwisterroman «Brüder» erzählt Moe­yaert auch hier eine facettenreiche Brüder­geschich­te. Bossie ist Os zwar körperlich überlegen, aber Os ist derjenige, der die Dinge spürt und intuitiv das Richtige sagt und tut. Er ist ein feinfühliger Beobachter und auf seine ganz eigene Art sehr mutig. Am Ende die­ses Sommers, als fast alles wieder gut kommt, haben die drei Kinder Erfah­rungen gemacht, die sie das Leben und ihre Freundschaft anders wahrnehmen lassen.

Jutta Richter führt uns in «Helden» zurück in das Wohnquartier hinter dem Bahndamm, den Schauplatz in ihrem vor 13 Jahren erschienenen Buch «Der Tag, als ich lernte die Spinnen zu zähmen». Wie­der treffen wir auf miefiges Kleinbürger­milieu, klatschende Mütter, Ausgrenzun­gen, Angst. Und wieder steht eine Gruppe von Kindern im Mittelpunkt: Mia erzählt vom Sommer, in dem sie zehn war. In diesem heissen Sommer werden sie und ihre Freunde Felix und Corinna in der Zeitung als «kleine Helden vom Flussweg» gefeiert, die mutig ein Feuer am Bahn­damm bekämpft haben.

In Tat und Wahrheit sind die Kinder die Brandstifter. Sie haben sich aus dem Staub gemacht, nachdem es ihnen nicht gelun­gen war, das Feuer zu löschen. Felix müss­te wieder ins Heim, würde die Wahrheit ans Tageslicht gekommen. Also beschlies­sen sie, die Sache auszusitzen. Das schlechte Gewissen lässt sich aber nicht wegdenken. Und als Lukas, der sich wie eine Klette an sie hängt, Lunte riecht und sie erpresst und der Brand einem alten Mann in die Schuhe geschoben wird, müssen die Kinder handeln.

Jutta Richter und Bart Moeyaert besitzen, wie wenige andere sonst, die Fähigkeit, aus emotionalen Erfahrungen ihrer eigenen Kindheit heraus zu erzählen. Beide haben sie dafür eine je unverwechselbare, poetische Sprache gefun­den. Und beide bespielen sie die Sommerferien-Bühne mit Figuren und Geschich­ten, die viel Stoff zum Reden bieten. Entstanden sind zwei Bücher zum Vorlesen, Diskutieren und Stellungnehmen für Kinder ab dem Ende der Unterstufe.

Christine Tresch
Buch & Maus 3/2013, S. 30.

Helden
Jutta Richter
Verlag: Hanser, Publiziert: 2013, Seiten: 94, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24308-9
Schlagwörter: Freundschaft | Mut/Selbstbewusstsein

Die Sommerferien sind ein kinderliterari­scher Schauplatz par excellence; ein Übergangsort, ideal für Geschichten, die vom Nichtmehr der Kindheit und dem Nochnicht des Erwachsenseins erzählen. In den neuen Kinderromanen von Bart Moeyaert und Jutta Richter geht es um je eine Gruppe von Kindern, die in dieser kleinen Sommer-Ewigkeit prägende Erfahrungen machen.
Bei Moeyaert sind der Ich-Erzähler Os(kar), sein älterer Bruder Bossie und das Mädchen Geesje die ProtagonistInnen einer philosophischen Geschichte, die ih­ren Anfang und ihr Ende auf dem Flach­dach eines Industriegebäudes nimmt, unter dem die Milchstrasse durchführt – was für ein wundersamer und vielsa­gender Name für eine Strasse am Rand eines städtischen Wohngebiets. Es ist heiss und die drei langweilen sich. Sie schauen den Leuten zu, die unter ihnen durchlaufen, erfinden Geschichten über sie. Über eine alten Frau und ihren Dackel zum Beispiel, die sich durch die Strasse schleppen: «Es kostete den Hund alle Mühe, sein Hinterteil zu drehen, während sein Vorderteil bereits in der anderen Strasse stand.» Aus lauter Langeweile wetten die Kinder, wer zuerst stirbt, die alte Frau oder der Dackel: «Wer gewinnt, darf einen Tag lang alles bestimmen.» Kann man mit einer Wette den Tod eines Lebewesens befördern? Wann kommt Mama zurück, die eine Auszeit von der Familie brauchte? Warum passiert es, dass man jemanden, den man mag, blossstellt?
Wie in seinem berührenden Geschwisterroman «Brüder» erzählt Moe­yaert auch hier eine facettenreiche Brüder­geschich­te. Bossie ist Os zwar körperlich überlegen, aber Os ist derjenige, der die Dinge spürt und intuitiv das Richtige sagt und tut. Er ist ein feinfühliger Beobachter und auf seine ganz eigene Art sehr mutig. Am Ende die­ses Sommers, als fast alles wieder gut kommt, haben die drei Kinder Erfah­rungen gemacht, die sie das Leben und ihre Freundschaft anders wahrnehmen lassen.
Jutta Richter führt uns in «Helden» zurück in das Wohnquartier hinter dem Bahndamm, den Schauplatz in ihrem vor 13 Jahren erschienenen Buch «Der Tag, als ich lernte die Spinnen zu zähmen». Wie­der treffen wir auf miefiges Kleinbürger­milieu, klatschende Mütter, Ausgrenzun­gen, Angst. Und wieder steht eine Gruppe von Kindern im Mittelpunkt: Mia erzählt vom Sommer, in dem sie zehn war. In diesem heissen Sommer werden sie und ihre Freunde Felix und Corinna in der Zeitung als «kleine Helden vom Flussweg» gefeiert, die mutig ein Feuer am Bahn­damm bekämpft haben.
In Tat und Wahrheit sind die Kinder die Brandstifter. Sie haben sich aus dem Staub gemacht, nachdem es ihnen nicht gelun­gen war, das Feuer zu löschen. Felix müss­te wieder ins Heim, würde die Wahrheit ans Tageslicht gekommen. Also beschlies­sen sie, die Sache auszusitzen. Das schlechte Gewissen lässt sich aber nicht wegdenken. Und als Lukas, der sich wie eine Klette an sie hängt, Lunte riecht und sie erpresst und der Brand einem alten Mann in die Schuhe geschoben wird, müssen die Kinder handeln.
Jutta Richter und Bart Moeyaert besitzen, wie wenige andere sonst, die Fähigkeit, aus emotionalen Erfahrungen ihrer eigenen Kindheit heraus zu erzählen. Beide haben sie dafür eine je unverwechselbare, poetische Sprache gefun­den. Und beide bespielen sie die Sommerferien-Bühne mit Figuren und Geschich­ten, die viel Stoff zum Reden bieten. Entstanden sind zwei Bücher zum Vorlesen, Diskutieren und Stellungnehmen für Kinder ab dem Ende der Unterstufe.
Christine Tresch

Buch & Maus 3/2013, S. 30.

Chroniken der Unterwelt
Verlag: Constantin Film, Publiziert: 2013, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

City of Bones

Clary Fray glaubte stets, ein ganz normales New Yorker Mädchen zu sein. Doch als ihr immer häufiger ein seltsames Zeichen auffällt, ändert sich ihr Leben schlagartig: Besagtem Zeichen folgend, beobachtet sie inmitten einer Menschenmenge einen Mord, den jedoch niemand sonst bemerkt haben will. Erst vom mysteriösen Jace Waylander erfährt Clary, dass sie nicht ver­rückt und die Welt viel geheimnisvoller ist, als sie je ahnen konnte: «Die Geschich­ten, die du gehört hast über Mons­ter, Albträume, sie sind alle wahr.» Jace, in dessen Adern Engelsblut fliesst, ist ein soge­nannter Schattenjäger, ein Kämpfer ge­gen die für Normalsterbliche unsichtbaren Geschöpfe der Unterwelt – Dämo­nen, Vampire, Werwölfe. Doch seltsamerweise kann auch Clary diese Wesen sehen. Als auch noch ihre Mutter entführt wird, schliesst sich Clary Jace und seinen Freun­den an, um zu verhindern, dass der mysti­sche Kelch der Engel in die Hände des bösen Verbannten Valentine Morgenstern gerät.

Der erste Teil von Cassandra Clares Urban-Fantasy-Buchreihe findet actionreich und mit teils erstaunlich gruseligen Effekten seinen Weg auf die Leinwand. Obwohl sich Clare – die ursprünglich «Harry Potter»-Fanfiction schrieb – einiger Fanta­sy-Klischees bedient, kann sich die Verfilmung durchaus positiv von anderen Genreverfilmungen abheben. Schnell, aber nicht zu vereinfachend adaptiert, weiss der Film mit sympathischen Figuren und Humor zu überzeugen. Gerade weil die Liebesgeschichte die Handlung nicht vereinnahmt, bleibt der Schmalzfaktor angenehm gering und der Unterhaltungswert hoch.

Petra Schrackmann
Buch & Maus 3/2013, S. 37

Familie Grunz hat Ärger
Philip Ardagh, Illustration: Axel Scheffler
Aus dem Englischen von Harry Rowohlt
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2013, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-82032-1
Schlagwörter: Humor/Komik | Familie/Familienformen | Nonsens

Eltern sind so ungefähr das Selbstbezo­genste, was sich in der zeit­ge­nössischen Kinderliteratur so herumtreibt. Das ist auch bei Familie Grunz nicht anders. Die beiden Alten streiten sich die ganze Zeit, lieben einen mit Sägemehl gestopften Türstopper namens Ingwerkeks über alles und essen am liebsten überfahrene Eich­hörnchen zu Mittag. Ihr Sohn, lieblos Soh­nemann genannt, ist ihnen völlig egal.
«Familie Grunz hat Ärger» ist der Auftakt zu einer neuen Kinderbuchserie aus der Feder des grossartigen britischen Non­sense-Autors Philip Ardagh, hu­mo­ristisch ins Deutsche gebracht von Harry Rowohlt. Was Ardaghs Roman so mitreissend macht, ist zunächst einmal der brüllend komische Humor. Ardagh überrascht uns auf Schritt und Tritt, beherrscht die Register des Nonsense mit schlaf­wand­leri­scher Sicherheit. Wil­de Wortspielereien gehen in actionreiche Slapstickszenen über, und wenn man fast nicht mehr kann, folgt eine etwas ruhigere Sequenz.
Doch es ist nicht der Humor allein. Die Geschichte von Sohnemann, der sein gu­tes Herz und sein Gefühl für Gerechtigkeit und Güte trotz schrecklicher (Adoptiv-) Eltern nicht eingebüsst hat, ist im Grunde genommen todtraurig. Wenn Ardagh als eine Kreuzung zwischen Monty Python und Dickens bezeichnet wird, trifft das den Nagel auf den Kopf. Denn der ebenso absurde wie schwarze Humor erlaubt es, ganz tief in die Schmerzenszonen von Kindern hinabzusteigen, die von ihren Eltern nicht wahrgenommen werden, weil diese mit ihren Streitereien ausgelastet sind. Bei den Grunzens kann man über Wortgefechte lachen, die im richtigen Le­ben Angst und Einsamkeitsgefühle auslösen würden: «’Hohlkopf!’, sagte Herr Grunz. ‚Werkzeugtasche!’, sagte Frau Grunz. ‚Achselhöhle!’, sagte Herr Grunz. ‚Regenmantel!’, sagte Frau Grunz.»
Christine Lötscher

Buch & Maus 3/2013, S. 31.

Ketchup für die Königin
Rutu Modan
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Verlag: Kunstmann, Publiziert: 2013, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-88897-872-6

Für die kleine Nina ist jede Mahlzeit eine Qual: Ständig wird sie von ihren Eltern korrigiert und kritisiert. Sie soll nicht mit vollem Mund reden, sie soll nicht mit den Fingern essen, sie soll nicht mit dem Stuhl wackeln… Auf Ninas Frage, warum Tischmanieren notwendig seien, entgegen ihre Eltern wie so viele andere Eltern auf die­sem Planeten gebetsmühlenartig: «Was machst du, wenn die Königin von England dich zum Essen einlädt?»
Eine doofe Frage, findet Nina – bis eines Tages ein Bote der Königin an der Tür klingelt und Nina im königlichen Privatjet zum Dinner in den Buckingham Palast fliegt. Nach dem ersten Entsetzen über die schlech­ten Manieren des kleinen Mäd­chens mutiert das steife Dinner dann aber zur fröh­lichen Fressparty, die nicht nur den Adel beglückt, sondern auch die kleinen und grossen LeserInnen.
Die 1966 geborene israelische Comic-Autorin Rutu Modan ist vor allem für ihre Graphic Novels «Blutspuren» und «Das Erbe» bekannt, in denen sie auf komplexe und subtile Weise jüdische und israelische Themen wie den Nahostkonflikt und das Warschauer Getto verarbeitet. Mit «Ketch­up für die Königin» legt sie ihren ersten Comic für Kinder vor, der nicht nur durch die muntere Geschichte besticht, sondern auch durch die graphische Umsetzung. Modans Zeichenstil, geschult an der klas­sischen frankobelgischen Tradition eines Hergé, ist klar, elegant und zeitlos und nicht zuletzt auch genährt von einer inti­men Kenntnis der Comic-Geschichte. So haben die Königin, ihr Gefolge und ihr Palast weniger mit dem heute aus dem Boulevard bekannten Königshof gemein als mit den Palästen aus alten Comics wie «Little Nemo» und «Der kleine König». Das verleiht Ninas Reise bei aller Situationskomik eine zeitlos entrückte und traum­hafte Stimmung.
Christian Gasser
Buch & Maus 3/2013, S. 37

Pop-Up Ozean
Anouck Boisrobert, Louis Rigaud
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2013, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 3-941087-95-9
Schlagwörter: Spiel

Grosse Aufregung an Bord des Segelbootes Oceano: Heute sticht man in See, eine Expedition um die ganze Welt erwartet die Crew! Gemeinsam mit ihr erleben die Betrachtenden nicht nur, was sich oberhalb der Wasseroberfläche abspielt, son­dern erhalten tiefe Einblicke in die Welt unter dem roten Rumpf des Schiffes. So gibt es im Hafen nicht nur Fische, sondern auch viel Abfall. Weiter draussen fragt man sich nach Öffnen der Doppelseite, wem wohl die rie­sige Schwanzflosse, die aus dem Wasser ragt, gehört. Etwas weiter aufge­klappt, erblicken wir den Wal, der mit seinem Jungtier dem Fangboot entwischt ist. Im arktischen Meer entdecken wir den Kapitän auf einem Tauchkapselausflug hinab zu den Tiefen der Eisberge, halten den Atem an im Sturm (bei dem die Wasseroberfläche durch das Pop-Up zur wilden Zackenfläche wird) und ge­niessen die wieder erlangte Ruhe und Schönheit inmitten der Korallenriffe.
Das dritte Pop-Up-Buch des Gespanns Boisrobert/Rigaud ist eine faszinierende Seh-Reise, in der die Möglichkeiten der dreidimensionalen Papiertechnik optimal ausgeschöpft werden. Beim Aufklappen entfaltet sich buchstäblich zuerst die Welt oberhalb der Wasseroberfläche. Diese ist die Schei­de­wand, welche erst beim weiteren Öffnen den Blick für die Welt da­runter frei gibt. Beide Welten zusammen erschauen kann man wunderbar, wenn man das Buch vor sich aufstellt und den Blick zwischen oben und unten schweifen lässt. Die kurzen Texte erscheinen nicht zwingend not­wendig – zu spannend ist es, sich auf diese in Technik und Farbigkeit filigran ausgeführte Welt einzulassen. Das rote Segel­schiff funktioniert bestens als Begleiter durch die Wasserwelten, die zwischen tiefem Blau und dunklem oder ganz milchigem Türkis wechseln.
Barbara Jakob
Buch & Maus 3/2013, S. 36

Krümel und Pfefferminz
Delphine Bournay
Aus dem Französischen von Julia Süssbrich
Verlag: Hanser, Publiziert: 2013, Seiten: 110, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24198-1
Schlagwörter: Freundschaft

Berühmte Tierfreunde gibt es viele – besonders bekannt etwa sind Arnold Lobels «Frosch und Kröte». Vier Bände sind in den 1970ern in den USA erschienen und später von Tilde Michels ins Deutsche übertragen worden (z.B. dtv 2008). Die Rollen darin sind klar verteilt: Einer (Frosch) ist der vernünf­tigere, «Grosse», der andere (Krö­te) klein, lustbetont und unerfahren. Aus dieser Polarität entwickelt Lobel in seinen episodischen Fabeln die köstlichsten Dialoge, indem er die beiden elementarste Fragen bespre­chen und voll Humor und origi­nel­ler Ideen musterhaft durchspielen lässt: Ob Samen schneller wachsen, wenn man ihnen vorsingt, oder wie einem Ge­schich­ten besser einfallen – im Kopfstand etwa? Immer gut angezogen, zelebrieren die beiden ihr idyllisches Landleben auf – wie es schien – unnachahmliche Weise.
Nun aber gibt es würdige Nachfolger: Zwei, die ebenso innig befreundet sind und alles so offen wie ernsthaft be­quas­seln. Krümel und Pfefferminz heis­sen sie. Kaninchen (klein) und Frosch (lan­ger Lulatsch) sieht man direkt an, wer den erwachsenen und wer den eher naiven Part spielt. Die Französin Delphine Bournay hat ihre episodischen Bildergeschichten schlicht durch Rede und Gegenrede ergänzt – eingefärbt in die Farbe ihres je­weiligen Sprechers, mit oder ohne Sprechblasen und rund um die Bilder platziert. Auch diese sind reduziert: Vieles ist zeich­nerisch nur angedeutet, alles We­sentliche springt als ausgefüllte Farbfläche direkt ins Auge.
In bisher zweimal zwei Bänden üben Krümel und Pfefferminz für den Ernst des Lebens. Das lässt sich wunderbar vorlesen oder aus dem Stegreif vortragen, ist aber nichts für LeseanfängerInnen: viel zu klei­ne Schrift, Worttrennungen etc. Für sie ist Lobels Erstleseklassiker «Frosch und Krö­te» nach wie vor bestens geeignet.
Ina Nefzer

Buch & Maus 3/2013, S. 31.

Das Land Manglaubteskaum
Norman Messenger
Aus dem Englischen von Katharina Orgass und Gerald Jung
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2013, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5708-6
Schlagwörter: Fantasie

Küssende Muscheln, vielflügelige Papa­gei­en und Bäume, die sich einen Knoten in ihren Stamm machen, um sich selbst da­ran zu erinnern, dass sie auch Äste und Laub hervorbringen sollen – solch wun­der­same Dinge und viele mehr gibt es im sagenhaften Land ManGlaubtEsKaum. Nor­man Messenger, englischer Werbe­gra­fiker und Illustrator, hat als vielleicht einziger Mensch dieses fremdartige und da­bei gleichzeitig so faszinierende Land aufgesucht und viele seiner Eindrücke ge­zeichnet und beschrieben. Zu schade, dass das Land immer wieder seinen Ort wechselt – nach diesem wunderbaren Bericht würde ich doch zu gerne auch einmal dorthin reisen!
Messenger orientiert sich in der Gestaltung seines kunstvollen fiktiven Rei­se­führers an den Tagebüchern und Aufzeichnungen der Biologen und Geografen aus einer Zeit lange vor der Existenz von Kameras und Computern. Mit feinem Strich und unglaublich viel Liebe zum De­tail zeichnet er Flora und Fauna, wie sie fantasiereicher und fan­tastischer kaum sein könnten. Nach dem Entdecker grei­fende Totenhandbäume finden sich auf den grossformatigen, ausklappbaren Farb­tafeln ebenso wie langschnäbelige Flachzangen-Kormorane, kun­­ter­­bunte Alphabet-Bäume und eindrucksvolle Wan­del­tiere. Anstelle eines durchgängigen Erzähltextes sind die zau­ber­haften Aqua­relle mit kurzen Erklä­rungen versehen, die zusammenge­nommen das grosse Aben­teuer des Zeichners erahnen lassen – denn nicht alle Fleckchen im Land Man­Glaubt­EsKaum sind frei von Gefahr. Ein grandioses Kunstwerk, das Kinder wie Erwach­s­­ene dazu anregen wird, ihre eigenen Traumreisen ins Land ManGlaubt­Es­­Kaum in Wort und Bild festzuhalten.
Maren Bonacker
Buch & Maus 3/2013, S. 36

Warum wir Günter umbringen wollten
Hermann Schulz
Verlag: Aladin, Publiziert: 2013, Seiten: 156, ISBN/ISSN/EAN: 3-8489-2017-4
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing

Mit den Flüchtlingskindern kommt im Frühjahr 1947 Günter an Freddys Schu­le: Günter mit der ewigen Rotznase, der nicht ganz richtig im Kopf zu sein scheint und den Jungs furchtbar auf die Nerven geht, wenn er sich ihnen anschliesst. Um ihn loszuwerden, denkt sich Leonhard immer gemeinere Aktionen aus. Als sie Günter in die Hosentaschen pin­keln und ihn unter eine alte Lore sperren, die sie mit grossen Steinen be­wer­fen, weiss hinterher nie­mand mehr, ob sie das aus Lan­ge­weile oder Spass getan haben. Es hat sich einfach so ergeben. Der kriegstrau­matisierte Günter verschwin­det da­rauf­hin – aus ihrer Klasse, aus ihrem Leben. Doch Leonhard will nichts dem Zufall überlassen. Allen ist klar, dass ihnen eine furchtbare Strafe droht, sollte Günter sie verraten. Nur wenn sie ihn endgültig zum Schweigen bringen, können sie ihre Haut retten.
Leonhards Vorschlag ist so unge­heuer­lich, dass ihm spontan keiner zu widersprechen wagt. Aber Freddy will nicht hinnehmen, dass der Plan damit beschlos­sen sein soll. Zwischen Angst vor Strafe und schlechtem Gewissen hin- und herge­rissen, versucht er eine Lösung zu finden, die ihn nicht als Schwächling dastehen lässt. Dabei muss er erfahren, wie schwer es ist, gegen eine Übermacht anzutreten. Günters Schicksal scheint besiegelt…
Hermann Schulz erzählt aus Freddys Perspektive. Seine in einfachen, klaren Sätzen geschriebene, packende Novelle handelt nicht nur vom Gruppenzwang unter Jugendlichen, sondern ist ebenso als beklemmende Parabel auf den 2. Weltkrieg zu lesen. Die in unterschiedlichen Tech­niken angefertigten Bilder von Maria Luisa Witte spiegeln die Stimmung wun­derbar wider. Ein Buch, das man kaum aus der Hand legen kann.
Maren Bonacker

Buch & Maus 3/2013, S. 32.

Königin des Sprungturms
Martina Wildner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2013, Seiten: 216, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-40-774578-1
Schlagwörter: Sport

Seit Nadja und Karla im Alter von sechseinhalb Jahren mit dem Wasserspringen begonnen haben, sind sie unzertrennlich: «(…) wir machten alles zusammen, und obwohl (Karla) alles immer ein bisschen besser konnte als ich, hatte ich das Gefühl, dass sie mich brauchte und dass sie nur so gut war, weil ich da war.» Es ist die quirligere, extrovertiertere Nadja, die aus der Ich-Perspektive von ihrer Freundschaft zu Karla erzählt, und vom Sommer, der alles verändert: Denn als die schweigsame Kar­la, deren Vater vor vielen Jahren gestorben ist, dahinter kommt, dass ihre Mutter einen Freund hat, bringt sie das so aus dem Gleichgewicht, dass ihr kein Sprung mehr wirklich gut gelingen will. Dabei galt sie doch stets als das grösste Talent des Ve­reins, als «die Göttin des Sprungturms, ohne die jeder Sprung ins Wasser sinnlos war».
War für Karla bislang nichts wichtiger als der perfekte Sprung, beginnt sie nun das Training zu schwänzen, um den Mann zu verfolgen, mit dem sich ihre Mutter heim­lich trifft. Als sie nach einem Streit stundenlang verschwunden bleibt, findet Nadja sie im strömenden Regen auf dem Sprungturm im Freibad sitzend. Und als Karla wenig später schwer krank wird und wochenlang im Krankenhaus liegt, beginnt sie ihr ganzes Leben zu hinterfragen.
Es ist die Geschichte einer durch den Leistungssport bestimmten Mädchenfreundschaft, die Martina Wildner mit gros­ser Sachkenntnis und in einem ganz eigenen Ton erzählt. Für Nadja, die sechs Jahre lang im Schatten der Freundin stand, ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein, bedeutet Karlas Krise Veränderung, Befreiung und Weiterentwicklung – ein Stück Erwachsenwerden. Spannend und sehr einfühlsam erzählt.
Andrea Duphorn
Buch & Maus 3/2013, S. 36

Die besseren Wälder
Martin Baltscheit
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2013, Seiten: 250, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-82033-X
Schlagwörter: Natur

Da liegt die junge Frau in ihrem Blut, und das auf der ersten Seite! – «Wir laufen nicht davon. Wir gehen in die besseren Wälder», lautet das Motto gegenü­ber. Traum und Albtraum, Hoffnung auf ein besseres Leben und Überlebenskampf im bitteren Winter sind in diesem illustrier­ten Roman eng verknüpft, noch ehe die Geschichte beginnt. Nach dem Auftakt lesen wir im Polizeiprotokoll, dass der 17-jährige Ferdinand die 14-jährige Melanie «in der Nacht der heiligen Schur in Art und Weise der Bestien getö­tet» hat. Und im Prolog heisst es, dass Verzweiflung wie Hoffnung von weisser Farbe sind – weiss wie der tödliche Schnee, aber auch wie Papier, auf das jeder sein Bild malen kann.
Auf knapp vier Seiten legt Multitalent Martin Baltscheit die Zutaten seines All-Age-Romans aus: Er bedient sich bei Uto­pie und Dystopie, nutzt Tiermetaphern und Farben, um seine fiktive, allzu wahre Gesellschaft zu sezieren. Die gliedert sich in Schafe mit hübschen Wintergärten und Wölfe mit scharfen Fingernägeln, alles Menschentiere. Die Schafe bauen Zäune um ihre Siedlung, um die hungrigen Wölfe fernzuhalten, die sich ein Leben in den «besseren Wäldern» der Schafe ausmalen.
Dann fällt einem kinderlosen Schafpaar der kleine Ferdinand vor die Tür, des­sen Eltern beim Versuch, über den Zaun in ein besseres Leben zu fliehen, getötet wur­den. Wolf oder Schaf? Ferdinands spätere Tat scheint die These von der Natur, die mit Gewalt durch die Zivilisa­tion bricht, zu bestätigen. Aber gibt es für Ferdinand nicht doch ein Leben als Dazwischentier, das sich seinen eigenen Weg sucht?
«Die besseren Wälder» spricht von Krieg, Politik, Liebe und Identitätsfindung in anarchischen wie raf­finierten Bildern, durchkreuzt Erwar­tungen, schafft bei aller Düster­nis Raum für neue Lebbarkeiten und zeigt, dass weder Natur noch Kultur unmenschliches Verhalten legitimieren.
Manuela Kalbermatten
Buch & Maus 3/2013, S. 35

Arthur oder Wie ich lernte, den T-Bird zu fahren
Sarah N. Harvey
Aus dem kanadischen Englisch von Ulli und Herbert Günther
Verlag: dtv, Publiziert: 2013, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-65001-X

Für Royce ist es eigentlich nur ein Job: «90 Dollar pro Tag, fünf Tage die Woche. (…) So viel würde ich mit Burger-Verkaufen oder Benzinzapfen nie verdienen. Am Ende des Sommers würde ich mehr als genug ha­ben, um mir ein Auto kaufen und zurück nach Neuschottland fahren zu können.» Und das ist es, was der 17-Jährige vor allem anderen will: zurück zu seinen alten Freun­den, an seine alte Schule. Vor einigen Monaten ist er mit seiner Mutter vom einen Ende Kanadas ans andere gezogen, weil diese in der Nähe ihres zunehmend gebrechlichen Vaters sein wollte.
Erfahrungen aus der Zeit, als sie sich um ihren alten Vater kümmerte, haben Sarah N. Harvey zu diesem Buch inspiriert. Die kanadische Autorin zeichnet darin ein sehr realistisches Bild vom schwierigen Alltag mit pflegebedürftigen Menschen, und entwirft ihren Titelhelden Arthur als nur schwer zufriedenzustellenden Greis, der trotz fortschreitender Demenz und körperlichem Verfall noch viel Persönlichkeit besitzt. Dabei stehen – wie im «wah­ren» Leben – Situationen, die alle Beteilig­ten an die Grenzen der Belastbarkeit führen, neben solchen, die einer gewissen Komik nicht entbehren.
Obwohl Royce zu Beginn mit der Betreuung des Grossvaters kämpft («Was ich auch mache, es ist falsch»), entsteht mit der Zeit eine tiefe Bindung zwi­schen den beiden. Bei Streifzügen durch das Haus des 95-Jährigen entdeckt Royce Zeit­dokumen­te, die Aufschluss über das be­weg­te Leben des ehemals ge­feierten Cellisten geben und einen ganz anderen Ar­thur zeigen. Als sich dessen Gesundheitszustand nach mehreren Schlaganfällen stark verschlechtert, bittet er seinen Enkel um Hilfe: «Ich will sterben. Bitte töte mich.»
«Arthur» ist ein tief bewegender Roman, der Denkanstösse zu den Themen Lebensqualität im Alter und Sterbehilfe bietet.
Andrea Duphorn
Buch & Maus 3/2013, S. 35

Geheimsache Labskaus
Ina Rometsch, Martin Verg
Verlag: Nilpferd in Residenz, Publiziert: 2013, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 3-7017-2121-1
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Oskars Sommerferien beginnen dra­ma­tisch: Gerade eben noch hat er mit seinem Kumpel Zack den Stammbaum­pudel Raissa von Hoheluft-Schillings­bek gemüt­lich an der Alster spazieren geführt, da baumelt zwei Minuten später vor der Eis­diele nur noch die Leine traurig vom Ge­länder. Von Raissa keine Spur!
Richtig aberwitzig wird das Ganze aber auf der Polizeistation, als ein strohdoofer Beamter die beiden Jungs wegen Verdacht auf Hunderaub sofort in die Kinder­bes­serungs­anstalt abschiebt. Oskar kommt frei, Zack bleibt in Verwahrung und wird gleich zur ersten Frühschicht in der heimeigenen Labskausproduktion verdonnert. Einzige Chance, Zack wieder frei zu bekommen, ist es, Raissa zu finden. Zum Glück hat Oskar seine gewiefte Schwester Charlie zur Seite, und auch Zack findet in der Einbrecherkönigin Elektra tatkräftige Unterstützung.
Schon das allein wäre Stoff genug für einen klassischen Kinderkrimi, doch es kommt noch dicker – oder besser gesagt – bizarrer. Denn was die Heimleiterin mit dem Raub ihres eigenen Pudels zu tun hat, warum zwei verrückte Wissenschaftler mit mutierten Killeraalen in der Elbe herumexperimentieren und welche Rolle ein Geheimrezept samt anonymem Drohbrief spielt – all dem kommt das Schnüfflerteam in diesem ebenso rasanten wie durchgeknallten Krimi nach und nach auf die Spur. Dabei wirkt zwar manche Zickzackwendung mächtig am Pudelschwanz herbeigezogen; das tut dem Lesespass aber keinen Abbruch. Dafür gibt’s geballte Situationskomik mit viel Sprachwitz und pointierten Dialogen, vier ebenso quicklebendige wie eigenwillige Helden und jede Menge schräger Typen drum herum.

Marion Klötzer

Buch & Maus 3/2013, S. 32.

Wort sind nicht meine Sprache
Aidan Chambers
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2013, Seiten: 300, ISBN/ISSN/EAN: 3-86873-507-0
Schlagwörter: Liebe

Karl müsste sich verbiegen, um seine neue Freun­din Fiorella zufriedenzustellen. Die 17-jährige ist eine Leseratte mit schriftstellerischen Ambitionen und glaubt, dass man einen Menschen am besten kennen lernt, wenn man liest, was er schreibt. So möchte sie von Karl in Form von Briefen erfahren, was er unter Liebe versteht. Für den aufgeweckten Klempnerlehrling zäh­len Taten jedoch mehr als Worte. Das hat auch damit zu tun, dass er Legastheniker ist – was er Fiorella bisher verschwiegen hat.
Um eine kreative Lösung ist der Verliebte allerdings nicht verlegen. Kurzerhand sucht er jenen Schriftsteller auf, von dessen Jugendbüchern Fiorella stets geschwärmt hat. Vielleicht kann der ihm helfen, die richtigen Worte zu finden. Der ältere Autor, der seit dem Tod seiner Frau nichts mehr zu Papier gebracht hat, reagiert zuerst abweisend, freundet sich aber bald mit dem sensiblen jungen Mann an. Bei gemeinsamen Ausflügen und in zögerlichen Gesprächen findet das unglei­che Paar eine Sprache, in der die Lücken zwischen den Sätzen mehr offenbaren als wortreiche Erklärungen. Dass es mit dem Unternehmen Ghost­writing nicht klappen kann, wird bald klar. Als Fiorella hinter die arglose Täuschung kommt, fühlt sie sich hintergangen und setzt ihrerseits den Schriftsteller unter Druck.
Aidan Chambers – wie sein namenloser Ich-Erzähler weit über siebzig – schlägt mit seinem Jugendbuch eine Brücke zwischen Generationen und verwebt Dialoge, E-Mails und Textentwürfe zu einer stim­migen Geschichte über Rückzugsorte, Rituale und die Kunst des Lebens.
Daniel Ammann
Buch & Maus 3/2013, S. 35

Das verkaufte Glück
Manfred Mai
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2013, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-36869-5

Der lange Weg der Schwabenkinder.

Das Schicksal der Verdingkinder wird aktuell in der Schweiz und in Deutschland his­torisch und gesellschaftlich aufgear­bei­tet, nun auch in einem Kinderbuch. Bis in die 1950er-Jahre wurden 6- bis 14-jährige Kinder aus armen Tiroler und auch Bünd­ner Bergbauernfamilien als soge­nan­­nte Schwabenkinder, Schwaben­gän­ger oder Hütekinder für eine Sommersai­son auf oberschwäbischen Bauern­höfen verdingt. Manfred Mais Kinderbuch «Das verkaufte Glück» greift diese histori­schen Begebenheiten in einer fiktionalen Geschichte auf.
Die zwei Brüder Jakob und Kilian sind zum ersten Mal dabei, als der Messmer die hungrige und schlecht beschuhte Kinderschar in einem mehrtägigen Marsch über verschneite Berge aus dem Tiroler Bergdorf nach Ravensburg führt. Dort werden sie auf dem «Kindermarkt» an Bauern «ver­kauft». Die Geschichte wird aus der Sicht des älteren Jakob erzählt, der in den folgenden Monaten äusserst hart arbeitet und sich dabei gegen einen feindseligen Knecht und allgemeines Misstrauen weh­ren muss. Neben dem Heimweh treiben ihn bohrende Fragen um: Weshalb muss er in der Fremde arbeiten?
Manfred Mai erzählt die Geschichte der Schwabenkinder in einer anschaulichen, leicht verständlichen Sprache mit vielen Dialogen. Die Typographie und die Illustrationen sind auf junge LeserInnen aus­ge­richtet. Entsprechend schildert Mai Ausbeutung subtil, ohne sie grell auszumalen. In einem Nachwort macht der engagierte Autor darauf aufmerksam, dass auch heu­te Millionen von Kindern in Armut leben und arbeiten.
Silvia Hess

Buch & Maus 3/2013, S. 33.

Die Nacht gehört dem Drachen
Alexia Casale
Aus dem Englischen von Henning Ahrens
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2013, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58310-2
Schlagwörter: Gewalt

Gäbe es eine Rangliste der schwierigsten Bücher dieses Herbstprogramms – das vor schwierigen Büchern strotzt –, ganz oben müsste sie Alexia Casales Erstling an­füh­ren. Denn dieser Roman tut richtig weh. Wenn auch zunächst vielleicht nicht so sehr wie die abgebrochene Rippe in Evies Bauchhöhle: Bei jeder Bewegung bohrt die sich von innen in ihr Fleisch, bis sie sich nach Jahren endlich traut, ihren Adoptiveltern davon zu erzählen. Sogleich wird der abgesplitterte Knochen entfernt und der Weg wäre frei für eine Zukunft ohne Schmerzen, ohne Angst vor Missbrauch und Gewalt, wie Evie sie jahrelang erfah­ren hat. Wäre. Denn was so lange unter Verschluss bleibt und schmerzt, das lässt sich nicht so leicht entfernen; es entfaltet ein Eigenleben, und so ist das auch mit Evies Rippe. Mit Hilfe ihres sensiblen Onkels Ben schnitzt die 14-Jährige daraus einen Drachen, der nachts zum Leben erwacht.
Drachen haben bekanntlich thera­peu­tische Wirkung: Man denke nur an Daene­rys aus George R. R. Martins «A Game of Thrones» und die drei Drachen, die sich nach dem grossen Feuer auf ihren Schul­tern räkeln. Vom gemobbten, verkauften, vergewaltigten Opfer entwickelt sich Dae­ne­rys zur starken Drachenprinzessin (siehe S. 9). Alexia Casales Heldin hinge­gen bleibt zersplittert, gespalten; Evies Drache führt uns in ihre tiefsten Abgrün­de. Die subtile, auch literarisch bril­lante Mischung aus Psychogramm, Phant­astik und Thriller zeigt, dass Gewalt einen Men­schen für immer zerbrechen kann, selbst wenn er – wie Evie –, die besten Absichten und ein liebendes neues Umfeld hat. So wird Evie zwar stärker, Gewalt aber, die ihr angetan wurde, kann sie letztlich nur mit Gegengewalt begegnen: Weil die Nacht dem Drachen gehört. Auch Jugendliche sollten diese Nacht – lesend! – kennen lernen.
Manuela Kalbermatten
Buch & Maus 3/2013, S. 34

Zu Tisch!
Herausgeber:in: Birgit Lockheimer, Illustration: Sonja Bougaeva
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2013, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-2696-2
Schlagwörter: Essen

Das Hausbuch vom Essen und Trinken

Mittlerweile hat Gerstenberg eine beachtliche Auswahl an hervorragenden so genannten Hausbüchern im Programm. Al­len voran und bereits in der 8. Auflage steht das von Jutta Bauer illustrierte «Es war eine dunkle und stürmische Nacht», eine Sammlung von Vorleseklassikern.
Nun liegt ein solches Hausbuch auch zum Themenbereich Essen und Trinken vor. Wie immer hat der Verlag eine Illustra­torin gefunden, die aus den alten und neu­en Gedichten und Geschichten – von Theodor Storm, Theodor Fontane und Erich Kästner bis zu Josef Guggenmoos, Jürg Schubiger, Christine Nöstlinger und Ro­bert Gernhardt – mit ihren Bildideen etwas ganz Besonderes macht: Sonja Bouegaeva. Schon in einem ihrer ersten Bilderbücher, «Zwei Schwestern», ging es beiläufig um den Aspekt Ernäh­rung; in «Wanda Walfisch» ist die Hauptfigur ein Mädchen, das mit seinem Ge­wicht hadert. Und nun also die ganze Pa­lette rund um das, was Leib und Seele zusammenhält.
Sonja Bougaeva übertrifft sich diesmal selbst. Zuerst fällt das ori­ginelle Cover mit Eichhorn und Ameise am entzückend gedeckten Tisch auf (zu einer Geschichte von Toon Tellegen). Als nächstes die doppel­seitigen Einstim­mungen auf die Kapitel zu Themen wie: «Guten Appetit!», «Süss und sauer» oder «Satt und rund». Da ist etwa eine Sardine zu sehen, die bei hohem Wellen­gang mit stoischem Blick ihre Büch­se als Ruder­boot nutzt, oder ein Bär, der einen gros­sen Suppentopf auf seinem Roller transportiert. Dazwischen wird die gemischte Kost – von vierzeiligen Ge­dicht­en bis zu mehr­seitigen Geschichten – durch einen eben­so variantenreichen Bilder­schatz aufgelockert. Und eine Prise Surreales, Fan­tastisches ist auf den ma­le­rischen Acrylbildern meist auch mit dabei!
Antje Ehmann

Buch & Maus 3/2013, S. 33.

Latino King
Bibi Dumon Tak
Verlag: Bloomoon, Publiziert: 2013, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 3-7607-9915-9
Schlagwörter: Gewalt

Die niederländische Autorin Bibi Dumon Tak hat sich bei uns durch Kindersach­bücher einen Namen gemacht. Weniger bekannt ist, dass sie 2007 ein Buch über jugendliche Gefangene veröffentlich hat mit dem Titel «Rotjongens», zu deutsch etwa «Böse Jungs». Dabei lernte sie Castel kennen, einen Jungen, der im Alter von 18 Jahren am Flughafen von Santo Domingo mit eineinhalb Kilo Kokain verhaftet wur­de. Aus dieser Bekanntschaft entstand ein Buch über Castels Gefangenschaft in «La Victoria», einem der berüchtigsten Ge­fäng­­nisse der Welt, und seine gelungene Flucht.

Dumon Tak erzählt in der Ich-Perspek­tive und erzeugt bei den LeserInnen den Eindruck, dem erzählenden Jugendlichen gegenüberzusitzen. Gleich zu Beginn macht Castel klar, dass er anfangs keine Skrupel hatte, mit harten Drogen zu han­deln: «Man kann doch Herrn Heineken auch nicht für den Alkoholmissbrauch an­derer verantwortlich machen.» Das kari­bische Gefängnis, in dem er strandet, ist kein Paradies unter Palmen: 30 Männer teilen sich eine Zelle, die hygienischen Zustände sind mehr als ekelerregend, Misshandlungen, ja sogar Morde sind an der Tagesordnung. Der Blick Castels auf die Dominikanische Republik ist durch diese widrigen Umstände getrübt. Er pauscha­lisiert: «Was für ein krankes Land. Krank bis in die unscheinbarste Faser.» Ein kommentierendes Eingreifen der Autorin hin und wieder hätte solche Pauschali­sie­run­gen vielleicht relativieren können.

Durch die erzeugte Nähe zur Hauptfigur aber schafft Dumon Tak einen hohen Grad an Authentiziät (das Buch erinnert in die­ser Hinsicht an den Bestseller «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo»). Daraus könnten sich im Unterricht spannende Diskussionen über jugendliche Straftäter und die Härte der Bestrafung ergeben.

Roger Meyer
Buch & Maus 3/2013, S. 34

Lockwood&Co.
Jonathan Stroud
Aus dem Englischen von Gerald Jung und Katharina Orgass
Verlag: CBJ, Publiziert: 2013, Seiten: 432, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-15617-6
Schlagwörter: Zukunft | Fantastik/Fantasy

Die seufzende Wendeltreppe

Im Grossbritannien der Zukunft herrscht seit mehreren Jahrzehnten ein Geisterproblem: Nunmehr wissenschaftlich an­erkannt, sorgen die nächtlichen «Besu­cher» für die Gründung zahlreicher Agen­turen, die sich der Sache annehmen. Weil Erwachsene die Gaben des Geistersehens und -hörens verlieren, rekrutieren sie not­ge­drungen haupt­säch­­lich Kinder und Ju­gendliche.
Der Neuzugang der Agentur Lockwood &Co, Lucy Carlyle, erzählt die Ereignisse, die ihren Anfang nahmen, als sie und ihr Chef, der jugendliche Anthony Lockwood, die Situation bei einem Einsatz falsch einschätzten und nur durch das Zünden einer Leuchtbombe mit dem Leben davonka­men. Weil dabei auch das heimgesuchte Haus abbrannte, hat Lockwood&Co nun eine saftige Klage am Hals. Um die vermutlich einzige Agentur ohne erwach­se­nen «Berater» zu retten, müssen die Kids einen gut bezahlten, aber dubiosen Auftrag annehmen, der mit einem alten Mordfall verknüpft ist.
Stroud bedient sich des klassischen Repertoires an Geistermerkmalen (etwa Käl­te) und Geistergegenwehr (wie Eisen und Silber), verleiht aber der Geisterjagd eine einzigartige Note, da die Heimsuchungen in seiner Geschichte so weit verbreitet sind, dass sie einen massiven Einfluss auf das Alltagsleben haben. Zusätzlich profitiert die Erzählung von Lucys prägnan­ten und unpathetischen Schilderungen, die vor allem in ihren Kommentaren über Anthony und ihren Kollegen George mit trockenem Humor gewürzt sind. Fragen nach Lockwoods Familiengeschichte, oder danach, was die zuständige Behörde so alles vertuscht, oder warum das Geister-Problem überhaupt um sich greift, werden gestellt, bleiben aber unbeantwortet und bieten so auch Spielraum für noch fol­gen­de Bände.
Sonja Loidl

Buch & Maus 3/2013, S. 34.

Lob des Ungehorsams
Franz Fühmann
Verlag: Hinstorff, Publiziert: 2013, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-356-01605-5
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Die dramatische Geschichte von den sie­ben Geisslein ist bekannt. Aber hätte es auch ein Happy End gegeben, wenn sich nicht eines der Ziegenkitze in der Standuhr versteckt hätte? Sicher nicht! Also eine Rettung durch Zufall?
Der viel­­fach ausgezeichnete DDR-Schrift­steller Franz Füh­mann (1922-1984) geht in seinem 1962 veröffentlich­ten Ge­dicht noch einen Interpretationsschritt weiter und strickt aus dem Mär­chen­klassiker eine Fabel über die Berechtigung von Neugierde und Gesetzesbruch. Denn alles darf die Rassel­bande im gemütlichen Waldrandhaus: spie­len und basteln, toben und malen. Nur der Uhrenkasten, der ist tabu – Mama Geiss kann es nicht oft genug betonen. Sechs ihrer Kinder sind brav, eines ignoriert das Verbot und geht mit dem Schrau­benzieher eigene Wege. Prompt ist die Uhr kaputt, Mama Geiss sauer und der Schlin­gel zerknirscht – soweit, so Kinderalltag.
Dann kommt der Wolf: Erst eine haari­ge Rie­senpfote, dann ein schwar­­zer Mon­­ster­schatten, der wie ein Tsunami ins fröh­­liche Wohnzimmer­tohuwabohu bricht. Und unser ungehorsamer Held? Überlebt – ausge­rechnet im verbotenen Uhrenkasten: «Da war Mutter Geiss aber froh.»
Illustratorin Kristina Andres strichelt die Märchenstationen mit nostalgischem Charme auf luftigen, hellgelben Grund, reduziert ihre Szenarien auf das We­sen­tli­che und bewegt sich so ganz nah an Fühmanns minimalistischem Text: erst fröh­liche, detailreiche Idylle mit Pilzen, mit Blumen und kunterbuntem Spielzeug, dann abstrahierte Gefahr mit viel Schwarz und Braun. Ein aufmüpfiges und eindrückliches Bilderbuch über den Mut zur Rebellion, das zum Reden und Nachden­ken anregt.

Marion Klötzer
Buch&Maus 4/13, S. 23

Das ist nicht mein Hut
Jon Klassen
Aus dem Englischen von Thomas Bodmer
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2013, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10170-0
Schlagwörter: Humor/Komik

Über Nacht wurde «Wo ist mein Hut?», das erste Bilderbuch des jungen Illustrators Jon Klassen, zum Bestseller, und den Deut­schen Jugendbuchpreis in der Sparte Bil­der­buch bekam der in Los Angeles lebende Kanadier auch noch dazu. Jetzt liegt ein zweiter Band vor, ganz schwarz und querformatig, wo der erste im Hochformat daherkam und in einem Weisston, der wohl am ehesten mit Eierschale einzu­fangen ist. Einfangen lässt sich sonst aber gar nichts in den beiden Büchern. So einfach gemacht sie scheinen, so schlau und hintersinnig funktionieren sie.
Während im ersten Band ein Bär – ge­wis­sermassen das Opfer eines Verbre­chens – verzweifelt auf der Suche nach sei­nem Hut war, lernen wir in «Das ist nicht mein Hut» die Täterperspektive ken­nen. «Dieser Hut gehört nicht mir. Ich hab ihn einfach gestohlen», sagt der win­zig kleine Fisch selbstbewusst, und er ist auch sicher, dass er das perfekte Verbrechen begangen hat. Der kleine Fisch behauptet nämlich, der grosse Fisch – er ist so gross, dass man klau­s­tropho­bische Anwandlungen bekommt, wenn man sieht, wie prall er die Doppelseite füllt –, habe überhaupt nichts mit­bekommen von dem Diebstahl, er habe ja geschlafen. Doch halt: Wo hat denn der grosse, schlafende Fisch überhaupt sei­nen Hut? Man sucht und sucht auf der Fischhautfläche, aber nein, nichts. Blufft da viel­leicht jemand?
Bevor die Dinge einen geradezu drama­tischen Verlauf nehmen (dazu darf aber rein gar nichts verraten werden), drehen die Zahn­rädchen im BetrachterInnenge­hirn auf Hochtouren, denn wir sehen eine ganz andere Geschichte, als wir im Monolog des kleinen Fisches hören. Klar, wer ein schlech­tes Gewissen hat, versucht es zu überspielen, und wer sich vor grossen Fischen fürchtet, spielt sich als starker Mann auf – oder Fisch.

Christine Lötscher
Buch&Maus 4/13, S. 23

Kleiner Inuit
Davide Calì, Illustration: Maurizio A.C. Quarello
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2013, Seiten: 33, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0669-1
Schlagwörter: Zukunft | Philosophie

Wer Spaziergänge im Schnee liebt, kennt es: dieses ganz besondere Licht, das alles in ein märchenhaftes Blau taucht und die Welt zu verzaubern scheint. Illustrator Maurizio A.C. Quarello hat diese Stim­mung in seinen Bildern zu Davide Calis Geschichte eingefangen und die mär­chen­hafte Atmo­sphäre, die dem poeti­schen Text um Kleiner Inuit und den weisen Elch bereits innewohnt, so noch verstärkt.
Erzählt wird von einem Inuit-Jungen, den zwei Fragen nicht loslassen: «Werde ich eines Tages ein grosser Jäger sein? Und was ist wohl am anderen Ufer des grossen eisigen Sees?» Kleiner Inuit fragt den Ha­sen mit den grossen Ohren, den Fuchs mit der feinen Spürnase, die Schneeeule, das Walross. Niemand weiss seine Fragen zu beantworten.
Der Wal bringt ihn auf die Insel zwi­schen den Zeiten. Dort lebt der «Weise der Zeit»: ein riesiger weisser Elch, «der uns alle kennt». Er führt den Jungen auf die andere Seite der Insel, lässt ihn in die Zukunft schauen und erkennen, dass es min­destens zehn verschiedene Kleine Inuits gibt. «Du bestimmst den Weg. (…) Du kannst werden, was du willst.»
Ein fast schon philosophisches, optimistisch stimmendes Bilderbuch, das in sehr malerischen Illustrationen von der Kraft und den vielseitigen Talenten erzählt, die in jedem von uns stecken, und dazu ermuntert, ihnen offen und mutig zu begegnen. Die Welt gehört dir, kleiner Inuit.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 4/13, S. 23

Das rote Trikot
Sylvain Victor
Aus dem Französischen von Catherine Cornet
Verlag: Aladin, Publiziert: 2013, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8489-0009-1

In unserer globalisierten Welt bewegen sich nicht nur Menschen und Tiere auf ungeahnten Wegen, oft sind es auch Gegenstände, die die Erde umrunden. Mit der «Weltreise einer Fleeceweste» erklärte bereits 2008 ein Jugendsachbuch das Thema Globalisierung am Beispiel der Herstel­lung eines Kleidungsstückes. Nun geht ein Fussballtrikot mit der Nummer acht einen ganz anderen, nicht minder span­nenden Weg, diesmal aber im Bilderbuch
«Das rote Trikot» von Sylvain Victor erzählt dabei ohne Worte den Weg des Fussballshirts von dessen Produktion hin zu einem kleinen Jungen, dann in die Altklei­dersammlung, von dort nach Afrika und später in anderer Form zurück nach Euro­pa. Die Reise wird dabei nur ganz zu Beginn mit wenigen Worten eingeleitet, in der Folge erklären Bilder in comicartiger Manier den Weg. Dennoch setzt das Buch einiges an literaler Kompetenz und an Wis­sen voraus. Ganz junge LeserInnen dürf­ten hier noch überfordert sein.
Das Bilderbuch eignet sich aber hervorragend, um Zusammenhänge der Glo­bali­sierung zu diskutieren, und um zu zeigen, wie ökonomische Verbindungen zwi­schen den Kontinenten funkti­onieren. Es grenzt dabei an ein Wunder, wie Victor es schafft, ganz ohne Worte auszukommen und wie er sich wie selbstverständlich eigenwilliger Darstellungsfor­men bedient. Eine sich win­dende Strichellinie, die ein­zelne Szenen verbindet, weist den Weg, oder Pikto­gramme werden in mathema­tische Glei­chun­gen eingebunden. «Flug­zeug + Afrika = Touristen» steht da, und, einer uniformen Soldatenschar gleich, in Shorts und Hawaii-Hemd und mit umgehängter Kamera, überschwemmen auf dem Bild europäische Touristen den west­afrika­nischen Flug­hafen. Die Erzählweise plus leuchtende Far­ben plus eine einzigartige Geschichte ergeben ein erfrischen­des, unkon­ventio­nelles Bilderbuch für ältere Kinder.

Roger Meyer
Buch&Maus 4/13, S. 24

Leonce und Lena
Jürg Amann, Illustration: Lisbeth Zwerger
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2013, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-10181-6

Zum 200. Geburtstag von Georg Büchner sind etliche Novitäten erschienen, darun­ter auch zwei «Leonce und Lena»-Bearbeitungen – bereichert mit stilistisch ganz unterschiedlichen Illustrationen. Der erst kürzlich verstorbene Jürg Amann hat sich bereits mit dem «Märchen von der Welt» aus Büchners «Woyzeck» literarisch beschäftigt. Nun also die Verwechslungskomödie, bei der es nur auf den ersten Blick um den Prinzen von Popo und die Prinzessin von Pipi geht. Im Kern stecken grosse Themen wie Iden­ti­täts­suche und politische Kritik an der «Kleinstaaterei».
Lisbeth Zwerger arbeitet in dem für sie typischen zart-feinen Stil. Sie zeigt eine Familie, die sich das Stück im Theater anschaut, und verwendet für ihre Collagen handmarmoriertes Papier und histo­ri­sche, maschinell hergestellte Buntpapiere aus dem 19. Jahrhundert. Almut Kunert hingegen arbeitet mit Acrylfarben in gewohnt malerischer Manier und zeigt ge­naues Farbgespür. Sie überzeichnet und schält – mehr als Zwerger – die Aspekte der Politsatire heraus, stellt den König als Aufziehpuppe dar, zeigt mit Wegweisern und Zäunen augenscheinlich die Klein­staa­te­rei und bindet den ausgehungerten Statis­ten aus dem Volk dicke Kissen um. Barbara Kindermann erzählt dabei den Klassiker neu, und kennzeichnet Ori­ginal­zitate in Kursivschrift.
Beiden Bilderbüchern ist zu wünschen, dass sie neben den Reclamheften ihren Weg in Familien und Schulen finden. Dann könnte man etwa Büchners Original und die Bearbeitung vergleichen. Die Illustra­tionen bieten dabei Bühnenbild, Kostüme und Requi­siten – ohne, dass man dafür ins Theater gehen müsste.

Antje Ehmann
Buch&Maus 4/13, S. 24

Leonce und Lena
Georg Büchner, Illustration: Almud Kunert
Verlag: Kindermann, Publiziert: 2013, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-934029-60-6

Zum 200. Geburtstag von Georg Büchner sind etliche Novitäten erschienen, darun­ter auch zwei «Leonce und Lena»-Bearbeitungen – bereichert mit stilistisch ganz unterschiedlichen Illustrationen. Der erst kürzlich verstorbene Jürg Amann hat sich bereits mit dem «Märchen von der Welt» aus Büchners «Woyzeck» literarisch beschäftigt. Nun also die Verwechslungskomödie, bei der es nur auf den ersten Blick um den Prinzen von Popo und die Prinzessin von Pipi geht. Im Kern stecken grosse Themen wie Iden­ti­täts­suche und politische Kritik an der «Kleinstaaterei».
Lisbeth Zwerger arbeitet in dem für sie typischen zart-feinen Stil. Sie zeigt eine Familie, die sich das Stück im Theater anschaut, und verwendet für ihre Collagen handmarmoriertes Papier und histo­ri­sche, maschinell hergestellte Buntpapiere aus dem 19. Jahrhundert. Almut Kunert hingegen arbeitet mit Acrylfarben in gewohnt malerischer Manier und zeigt ge­naues Farbgespür. Sie überzeichnet und schält – mehr als Zwerger – die Aspekte der Politsatire heraus, stellt den König als Aufziehpuppe dar, zeigt mit Wegweisern und Zäunen augenscheinlich die Klein­staa­te­rei und bindet den ausgehungerten Statis­ten aus dem Volk dicke Kissen um. Barbara Kindermann erzählt dabei den Klassiker neu, und kennzeichnet Ori­ginal­zitate in Kursivschrift.
Beiden Bilderbüchern ist zu wünschen, dass sie neben den Reclamheften ihren Weg in Familien und Schulen finden. Dann könnte man etwa Büchners Original und die Bearbeitung vergleichen. Die Illustra­tionen bieten dabei Bühnenbild, Kostüme und Requi­siten – ohne, dass man dafür ins Theater gehen müsste.

Antje Ehmann
Buch&Maus 4/13, S. 24

Die Puppenkönigin
Holly Black
Aus dem amerikanischen Englisch von Anne Brauner
Verlag: CBJ, Publiziert: 2013, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-15643-8
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

Das Geheimnis eines Sommers

Zach, Poppy und Alice treffen sich regelmässig, um mit ihren Puppen und Actionfiguren eine Geschichte rund um Säbel-William an Bord der Neptunsperle im Reich einer mysteriösen Königin zu ins­zenieren. Als Zachs Vater aber dessen Figuren entsorgt, weil er der Meinung ist, sein Sohn wäre mit zwölf zu alt für solche Spiele, bringt Zach es nicht über sich, das den anderen zu gestehen. Stattdessen behauptet er, er hätte das Interesse verloren. Ahnungslos und gekränkt bietet Poppy an, eine wertvolle Porzel­lan­puppe für ein letz­tes Spiel mitzubringen, die sie trotz Verbot aus dem Glasschrank der Eltern ent­fernt. Dabei begegnet ihr der Geist von Eleanor, deren Asche sich in der Puppe befindet.
Poppy gelingt es, Zach und Alice von der Notwendigkeit zu überzeugen, die Puppe zum Grab des Mädchens (in eine mehrere Busstunden entfernte Stadt) zu bringen, um dem Zorn des Geistes zu entgehen. Die drei machen sich also auf den Weg in ihr eigenes Abenteuer und müssen beim Versuch, in die Fussstapfen ihrer Fantasy­helden zu treten, immer wieder improvisieren, weil kaum etwas so abläuft, wie sie es geplant hatten.
Erzählt wird aus Zachs Perspektive. Die personale Erzählhaltung bewirkt, dass sich Zweifel am Übernatürlichen mit (auch von anderen Figuren wahrgenommenen) Anzeichen dafür, dass es den Geist tat­sächlich gibt, abwechseln. Die so auf­recht­erhaltene Span­nung wird von Holly Black durch humor­volle Bezüge zu be­kannten fan­tastischen Texten und Reflexionen über das Geschichtenerzählen und über das Herauswachsen aus der Kindheit ergänzt.

Sonja Loidl
Buch&Maus 4/13, S. 26

5 Yetis suchen ein Zuhause
Eva Ibbotson
Aus dem Englischen von Peter Knecht
Verlag: dtv, Publiziert: 2013, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-76082-6
Schlagwörter: Humor/Komik

Nach dem Tod der britischen Kinderbuchautorin Eva Ibbotson 2010 fand sich in ihrem Nachlass das Manuskript zu einer herzerwärmenden und gleichzeitig wun­der­­voll komischen Geschichte, die jetzt auch auf Deutsch vorliegt. Wer je gedacht hat, es gäbe keine Yetis – oder sie sich gar als blutrünstige Monster vorgestellt hat –, der wird hier eines Besseren belehrt. «’schuldigung Gras», «’schul­digung Baum» klingt es über die Weiten des Bergtals im Himalaya, wenn die Yetis ihre grossen Bäuche füllen, denn diese Exemplare wur­den von der englischen Miss Agatha fast ein bisschen zu gut erzogen. Solange sie kein weiterer Mensch entdeckt, sind sie sicher. Doch der Himalaya verändert sich: Touristen zieht es in die hohen Berge und als dann auch noch Yetispuren gesichtet werden, ist es um die Ruhe geschehen.
Da kommen die Geschwister Con und Ellen wie gerufen, die sich bereit erklären, die Yetis nach England in das herrschaftliche Anwesen von Miss Agathas Familie zu bringen. Mit 5 herzensguten Yetis im Gefrierlaster durch Asien und Europa – da sind die Abenteuer vorprogrammiert. Doch am Ziel ist die Geschichte noch längst nicht zu Ende, denn obwohl die fünf Yetis keinem Käfer etwas zuleide tun würden, ziehen sie den Jagdtrieb der Menschen auf sich. Ellen und Con müssen alle Kräfte mobilisieren, um ihre Freunde zu retten.
Mit augenzwinkerndem Humor erzählt Eva Ibbotson und macht dabei ganz klar, was sie von Tierquälerei, Bürokratie oder Ausbeutung der Natur hält. Und auch wenn man dem Buch ankreiden könnte, dass es manchmal mit etwas gar vielen Klischees um sich schmeisst, ist es einfach viel zu gut, um sich davon stören zu lassen. Ein Vergnügen, dass sich übrigens auch Erwachsene nicht entgehen lassen sollten – «5 Yetis suchen ein Zuhause» ist ein perfektes längeres Vorlesebuch.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 4/13, S. 26

Das literarische Kaleidoskop
Regina Kehn
Verlag: Fischer KJB, Publiziert: 2013, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85618-3

Schon das Cover ist ein echter Hingucker: Kunterbunte Quadrate puzzeln sich aneinander, in jedem von ihnen eine kleine Illustration, die ausschnitthaft mal Mensch, mal Tier oder Architektur zeigt. Ein spannendes Puzzle auch der Inhalt: eine Anthologie mit dreizehn ganz unterschiedlichen Texten von Charms, Kafka, Ringelnatz, Storm oder Mayröcker. Diese wurden von Illustratorin Regina Kehn ausgewählt, zerlegt und Satz für Satz mehr assoziativ als bebildernd in Szene gesetzt. Aber nicht in einem Guss, wie das bei den meisten Gedichtsammlungen für Kinder der Fall ist, sondern in einem Kaleidoskop an Stilen, Materialien und Stimmungen, passend zur jeweiligen Poe­sie; mal in melancholischem Bleistift­zeichnungen, dann mit expressivem Pinselduktus, pfiffigen Comics, zarten Aqua­rellen oder detailverliebten Ornamenten. Und auch der Text selbst wird zum Bildelement, zieht sich wie ein riesiger Band­wurm in krakeligen Pinselschwüngen über die Seiten, hüpft in plakativen Stem­pellettern oder fliesst handschriftlich am Bildhorizont entlang.
Die Wirkung? Graphic Poetry vom Feinsten! Fasziniert taucht man ein in diese Miniatur-Theaterstücke, zieht mit Morgensterns Tintenklecks-Seufzer sehnsuchtsvolle Schlittschuhkreise, bestaunt Günter Eichs nervige Heringsschwärme, die sich samt Matrosen durch sein Küchenfenster drängeln, oder folgt Storm in seine wehmütig besungene graue Stadt am Meer. Mal schräg oder komisch, mal traurig, verwunschen oder philosophisch: «Das literarische Kaleidoskop» ist eine inspirierende Schatzkiste auch für kleine Leute, die erzählt, wie Sprache das Kopfkino zum Schnurren bringen kann.

Marion Klötzer
Buch&Maus 4/13, S. 26

Herz aus Eis
Anne Ursu
Aus dem Englischen von Maja von Vogel
Verlag: Aladin, Publiziert: 2013, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 3-8489-2005-0
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Die Freundschaft von Hazel und Jack ist legendär. Ihr Spiel ist bestimmt von den Büchern, die sie lesen: fantastisch, hel­den­haft, voller Hingabe. Doch als ein ma­gischer Spiegel bricht und Jack ein Splitter davon ins Auge gerät, verändert sich alles. Jack wird kühl und abgestumpft, ist für Hazel nicht mehr er­reich­bar. Schliesslich folgt er der geheim­nis­vollen Schneeköni­gin in den Wald, verlässt die depressive Mutter und sein trost­loses Zuhause in der Hoffnung auf Liebe von ande­rer Seite. Hazel will ihn zurückholen.
«Herz aus Eis» ist von Andersens Mär­chen «Die Schneekönigin» inspiriert, geht aber intertextuell darüber hinaus. Stär­ker als die Schneekönigin schimmert etwa die Weisse Königin aus den Narnia-Chroni­ken durch den Text. Andersens «Mädchen mit den Schwefelhölzern» taucht ebenso auf wie sein Märchen von den «Roten Schuhen». Und die Wölfe und Men­schen, denen Hazel im märchenhaft ge­wandel­ten Wald am Rand ihrer Siedlung begegnet, verweisen auf zahl­reiche weitere Märchen.
Doch trotz dieser vielen literarischen Bezüge und Hazels Schmerz bleibt «Herz aus Eis» merkwürdig leblos. Hazels Angst, ohne Jack völlig ausgegrenzt zu sein, trägt das erste Drittel des Romans und wird auch überzeugend vermittelt. Doch alles, was sie später im Wald erlebt, wird überlagert von den immer gleichen, irgendwann überzogen pathetisch wir­ken­den Reflexionen der Protagonistin. Ihre Verzagtheit überträgt sich nicht auf die LeserInnen, als wäre die dicke Eisschicht nicht nur um Jacks Herz, sondern auch um das Buch gezogen. So verfolgt man die Initia­tionsgeschichte zwar mit Interesse, nicht aber mit der Leidenschaft, die hier mög­lich ge­wesen wäre. Hazel gibt alles für ihre Freundschaft zu Jack – und gewinnt. Doch zugleich löst sie sich von ihm, wird offen für andere Freund­schaf­ten und Interes­sen. Insge­samt ein durchaus lesenswertes Buch zum Erwachsenwerden.

Maren Bonacker
Buch&Maus 4/13, S. 28

Star
Salah Naoura
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2013, Seiten: 200, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-82034-8

Auf der Toilette der Pferderennbahn wird Marko zufällig Zeuge der Unterhaltung zweier Mädchen, von denen eine einen «todsicheren Tipp» für das nächste Rennen hat. Er überredet seine Mutter, zehn Euro für ihn zu setzen – und ist plötzlich ein Star. Der «todsichere Tipp» hat ihm nämlich nicht nur 6000 Euro ein­gebracht, sondern auch den Ruf, über hellseherische Fähigkeiten zu verfügen. Als der Zwölfjährige dann auch noch das Finale von «Little Star» gewinnt, obwohl er bei der Beantwortung der Fragen doch eigentlich nur seinen gesunden Menschenverstand eingesetzt hat, kann er sich vor Fans und Autogrammjägern kaum noch retten.
Halb augenzwinkernd, halb ernst spielt Salah Naoura in seinem jüngsten Kinderbuch auf die heutige Medienlandschaft an und auf den Hype, den Casting-Shows wie «Deutschland sucht den Superstar» oder «Germany’s Next Topmodel» auslösen. Mar­ko wächst das Starsein trotz tatkräf­tiger Unterstützung seines besten Freun­des Greg jedenfalls schon bald über den Kopf. Seine Mutter, den von ihr engagier­ten Manager und die Fernseh­gesellschaft, die mit ihm noch einiges zu verdienen hofft, schert das jedoch wenig. So ist «Star» trotz gekonnt komisch überzeichneter Cha­rak­tere am Ende ein eher nachdenklich stimmendes Buch, dem im Vergleich mit dem 2012 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nom­inierten «Matti und Sami und die drei grössten Fehler des Universums» (Beltz&Gelberg 2011) der letzte Pfiff, die Wärme und der ganz eigene Erzählton leider fehlen.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 4/13, S. 27

Twinkel, die Weihnachtsmaus
Rusalka Reh
Verlag: CBJ, Publiziert: 2013, Seiten: 65, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-15726-1
Schlagwörter: Feste/Bräuche

Advent, Advent im Erstlesesegment: Die Vorweihnachtszeit wird gern mit thema­tischen Titeln bestückt. Doch die Winter-Weihnachtszeit kann durchaus künstlerisch anregend sein.
Eine solche Überraschung ist «Twinkel, die Weihnachtsmaus» von Rusalka Reh. Erschienen in der Reihe «Erst ich ein Stück, dann du», wechseln sich hier lange, komplexe Vorlesepassagen mit kurzen, sprach­­­­lich einfachen Abschnitten für Erst­­­leserInnen ab. Auffallend ist Rehs bilder­reicher Sprachstil, welcher der Geschichte Atmosphäre gibt und zugleich Vorstellungen model­liert, etwa wenn der «kalte Ostwind … pfiff und ächzte …, weil er ja schon seit Mil­lionen Jahren unter­wegs war» oder jener der richtige Freund ist, der – hörbar – eine schöne «Herzmelodie» hat. Erzählt wird von Twinkel, einer kleinen Hausmaus, die mit dem alten Mälzer glücklich in einer Pup­pen­stube zusammenwohnt, sich aber nach einem Freund sehnt. Da es gerade der 6. Dezember ist, rutscht kurze Zeit später die Erfüllung des Wunsches in Gestalt einer kleinen Fledermaus durch den Kamin. Dreimal versuchen die zwei Klei­nen, den Alten zu überzeugen, dass der Neue bleiben darf. «Fledder, die Fle­der­maus», so sein Name, zeigt, wie man mit variierten Sprachmustern – für Erstlese­rInnen erkennbar – ästhetisch gestalten und zugleich mit ihnen die richtige Aussprache üben kann. Auch die Vorlesegeschichte ist rhythmisch strukturiert und wartet mit überra­schenden Wendungen, originellen und lustigen Szenen und sogar Spannungsmomenten auf. Die kurzen Tex­te sind für Lese-AnfängerInnen leicht zu lesen, manchmal gereimt und an den genau richtigen Handlungsmomenten plat­ziert. Eine bilder­reiche Gestaltung tut ihr Übriges für ein gemeinsames genussvolles Vorlese- und Leseerlebnis.
Auf die Erkenntnis, dass Erstlesebücher vor allem in der Frühphase des Lesenler­nens hilfreich sein können, reagieren Verlage wie cbj mit innovativen Textmodellen oder Loewe mit einer zunehmenden Ausdifferenzierung des Stufen­modells. Das ist manchmal verwirrend, sieht Loewes 4. und letzte Lesestufe – «Lesepiraten» – inzwischen doch aus wie bei anderen Verla­gen Texte für die 1. oder 2. Stufe: grosse Schrift, kurze Zeilen, konsequent sinnbe­zo­gener Flattersatz und halbsei­tiger Bildanteil. Mit «Adventskri­mis» von THiLO bie­tet der Verlag in der Reihe «Lesepi­ra­ten» diesen Herbst soli­de Erstlesekost: span­nend und lustig die Handlung, einfach die Wortwahl, lese­freundlich das Layout.
Für die «2./3. Klasse» und damit bereits gefestigtere ErstleserInnen sind die «Kin­der-Bestseller» gedacht, die Oetinger he­rausgibt. Einzelne Episoden hauseigener Klassiker wie Astrid Lindgrens «Nur nicht knausern, sagte Michel aus Lönneberga», in der Michel für Unruhe beim weih­nacht­lichen Festschmaus sorgt, fül­len hier ein ganzes Buch, dessen Layout erst­lese­freundlicher ist als das Original. Die Lese­rätsel am Buchende ge­währen – mit rich­ti­gem Lösungswort – Zutritt zum Erstlese­portal www.lunaleseprofi.de, das die Ent­deckung ferner Welten durch das Lesen bildhaft umsetzt. Dort kann, so die Idee, der Lesenachwuchs auf verschie­dene Planeten reisen, Rätsel lö­sen, Spiele spielen – kurz: mir nichts dir nichts zum Leser werden. Lindgrens Texte selbst sind originalgetreu und keineswegs für ErstleserInnen geschrieben. Was man ihnen deut­lich anmerkt: lange, verschachtelte Sätze über mehrere Zeilen, ab und zu schwierige, ungebräuchliche Wör­ter, Lese­stolperstei­ne und Worttren­nungen. Wer das problemlos lesen kann, braucht eigentlich schon kein Erstlese­buch mehr.

Ina Nefzer
Buch&Maus 4/13, S. 27

Merkwürdige Mutproben
Regina Schwarz, Illustration: Julia Dürr
Verlag: Esslinger, Publiziert: 2013, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-480-23046-6
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein | Sprachspiel

Ein ABC für Wagemutige

Schon Mutprobe Eins hat es absolut in sich: «Applaudiert angelnden, angriffslustigen An­ti­­lo­pen auf angeseilten Affen­brot­bäu­men!» steht da als Alliterations- Bandwurmsatz zu Buchstabe A, während Illustratorin Julia Dürr dazu eine lustige Wimmelszene entwirft, in der es neben Auffahrunfall und Ameisenbär noch jede Menge weiterer Tiere, Sachen und Ereignisse zu entdecken gibt. Rasant und sprachwitzig geht es in diesem ABC-Bil­derbuch weiter: brüllende Bananen­biber, Chinchillas in cremefarbenem Cordsamt, drauf­gängerische Dachse – nichts, was es hier nicht gäbe. Gutgelaunt werfen sich die beiden Kinder-Prota­gonisten ins Aben­teuer: Frisieren freitags in der Früh furzenden Faultieren fantastisch freche Fönfrisuren oder gra­tulieren gefährlichen Gurgelgänsen mit Gummistiefeln grossmütig zum Geburtstag. Jede der 26 aberwitzigen Mutproben ist detailliert in Sze­ne gesetzt, jede garniert mit kleinen Nebenschauplätzen und frechen Sprechblasen-Sprüchen. Hier wird nicht in üblicher ABC-Manier von Amsel bis Zebra aufgezählt, sondern kreativ weiterge­sponnen und in ungewöhnliche Bezie­hungen gesetzt.

Dass Autorin Regina Schwarz weit über die erstbeste Assoziation hinausspinti­siert, neue Begriffe kreiert und den Wortschatz bis an seine exotischen Ränder erforscht, ist nur ein Grund für die Origi­nalität dieses Buches, das beherzt über seine Zielgruppe hinausprescht und so zeitlos inspirierenden Sprach- und Guckstoff bietet. Eine Hommage an die Fanta­sie und Sprachlust, herrlich albern in Szene gesetzt!

Marion Klötzer
Buch&Maus 4/13, S. 25

Hallo Monsieur Hulot
David Merveille
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2013, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-10173-2

In Jaques Tatis legendären «Monsieur Hu­lot»-Filmen, allen voran «Les Vacances de Monsieur Hulot» (1953), ist der Titelheld ein liebenswerter Anachronist – ein Schus­sel, der aus der Zeit fällt, die anderen Hotelgäste mit seinem tollpatschigen Betragen aus ihrer agreablen Façon bringt und sich Zeit nimmt für die kleinen Dinge des Lebens; einen Hund etwa, der seinem selbstgebastelten Knattergefährt den Weg versperrt.
Dass Tati und seine Figur damit der eigenen, hektischen Zeit einen Spiegel vorhalten, ist unter den Fans, zu denen auch Bilderbuchkünstler David Merveille zählt, bekannt. Und Hulots schlaksige Figur in Rin­gel­socken und zerknittertem Mantel ist auf jeden Fall Kult geblieben. Ebenso wie seine Pfeifenraucherei, die er sich – so gar nicht den pädagogischen Standards der Zeit entsprechend – auch in Merveilles Bilderbuch «Hallo Monsieur Hulot» nicht abgewöhnt. Soll Lucky Luke auf seinem Grashalm kauen! Hulot raucht genüsslich weiter. Wenn die Passagiere des Busses, in dem er in der Bildergeschichte «Hulot als Nichtraucher» unterwegs ist, erbost auf das Verbotsschild zeigen, tun sie ihm aber Unrecht. Galant weist Hulot auf die Pariser Szenerie, die sich draussen ausbreitet, und in der Menschen und Dinge Blasen – nicht Rauchwolken – werfen: Sprechblasen, Champagnerbläs­chen. Selbst die Strassenlaterne zeigt sich kugelblasig.
Merveilles Paris ist ein Paris auf Papier, ein nostalgisches Paris, das aus Träumen gemacht ist und das auch deutlich sagt – und gerade so die schönsten Dinge des Le­bens im liebevollen Detailreichtum feiert. Wer könnte in dieses, ach, Paris, bes­ser passen als der zeitlose Hulot! In 22 wortlosen Bildergeschichten fördert er die versteckten Schönheiten und Absur­ditäten des Lebens in der Stadt zutage. Kinder und Erwachsene können sich in den kleinen, comicartigen und vor allem in den jeweils anschliessenden grossen Traum- und Wimmelbildern verlieren oh­ne Ende.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 4/13, S. 25

Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt
Finn-Ole Heinrich, Illustration: Rán Flygenring
Verlag: Hanser, Publiziert: 2013, Seiten: 166, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24304-6
Schlagwörter: Humor/Komik

Mein kaputtes Königreich

Früher, da hatte Maulina alles. Sie war die Prinzessin von Mauldawien und dieses Königreich bestand aus Pfannkuchen zum Frühstück, vierundachtzig Topfpflanzen, einer Maulhöhle im Garten und Kritzel­zeichnungen an den Wänden, speckigen Lichtschaltern und drei Menschen, die ganz fest zusammengehörten. Doch: «Wenn das, was wir hatten, ein Pfanne­kuchen war, ist davon nur ein fettiger Abdruck auf dem leeren Teller geblieben und ein Rest von Geschmack auf der Zunge.» Denn jetzt lebt Paulina, die Maulina genannt wird, weil sie die Kunst des Maulens perfektioniert hat, mit ihrer Mutter in Plastikhausen. Hier gibt es nur omastrumpfhosengelbe Häuschen mit seltsamen Griffen an der Wand und eine doofe neue Schule. Klar, dass Maulina mault. Zum Glück lernt sie Paul kennen, der einzige in der Klasse, der ganz in Ordnung ist. Und dann ist da auch noch Maulinas Grossvater, der schrullige General, mit dem Maulina regelmässige Bienenstich-Verabredungen hat, um alle Probleme zu besprechen.
Die Trennung der Eltern und das Einleben in eine neue Klasse: Die Problematik, die hier ausgelegt wird, ist nicht neu. Doch das Duo Finn Ole Heinrich und Rán Flygenring («Frerk, du Zwerg») machen durch ihren unverkennbaren, kreativen Stil aus dem problemorien­tierten Kinderbuch eine freche, witzige Lektüre. Originell sind die Illustrationen, die zwischendurch auch mal ein Kuchenrezept oder einen Bastelbogen einschieben und dem Notizbuch der Ich-Erzählerin zu entspringen scheinen. Da präsentieren sich selbst die schwierigsten Themen – denn Maulina wird erfahren, dass ihre Mutter bald im Rollstuhl sitzen wird – ganz leicht, ohne deswegen ba­gatellisiert zu werden. Eine tolle Heldin, diese Maulina Schmitt, und man darf sich auf die versprochenen zwei Folgebände freuen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 4/13, S. 25

Sieben kleine Verdächtige
Christian Frascella
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt, Publiziert: 2013, Seiten: 318, ISBN/ISSN/EAN: 3-627-00198-2
Schlagwörter: Armut

Es gibt einiges, was gegen dieses Buch spricht: Passen doch Cover, Protagonisten und Zielgruppe so gar nicht zusammen. Wer sich aber trotzdem darauf einlässt, den erwartet eine spannende Geschichte, die im Spagat zwischen «Die kleinen Strolche» und Gangsterparodien auch noch jede Menge Gesellschafts- und Mi­lieu­­studien zu bieten hat.
Schauplatz von Christian Frascellas zwei­tem Jugendroman ist eine mittelitalienische Kleinstadt in den 80er-Jahren, hinter deren pittoresker Fassade viel Ar­mut, Gewalt und Leid wohnen. Zuviel von alledem – und deswegen kommt eine Bande von aufgeweckten Zwölfjährigen auch auf die Schnapsidee, die Bank von Roccella auszurauben. Schon bald laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren: Wer macht «Speckbacke» in sich verliebt, die den Wachmännern jeden Nachmittag ihren Espresso bringt? Wer schiesst das Geld für die Spielzeugwaffen aus Österreich vor? Was als Sturmhauben nehmen und wohin mit dem Zaster? Blöd nur, dass jeder der sieben auch vollauf mit seinem eigenen, komplizierten Leben beschäftigt ist: mit kriminellen Brüdern, fiesen Leh­rern, kranken Vätern, betrügerischen Fuss­­ballcoaches und getürkten Box­käm­pfen. Doppelt blöd, dass die Pläne der klei­nen Ganoven von den richtig schlim­men Gangstern nicht unbemerkt bleiben…
Leichtfüssig switcht Frascella zwischen unterschiedlichen Erzählperspektiven hin und her, erzählt mit viel Ironie und gros­sem Herz bis zum furiosen Showdown. Dazu gibt’s quicklebendige Dialoge, handfeste Schlägereien, Wortwitz und Situa­tions­ko­mik. So ist es trotz einiger Längen am Ende ein tolles Buch, kongenial übersetzt.

Marion Klötzer
Buch&Maus 4/13, S. 28

Nachtschatten
Isabel Kreitz
Verlag: Aladin, Publiziert: 2013, Seiten: 315, ISBN/ISSN/EAN: 3-8489-2018-2

Die dunkle Jahreszeit eignet sich wie keine andere zum Lesen von gruseligen und unheimlichen Geschichten. Nachdem Chris Priestley das Augenmerk wieder verstärkt auf die Schauererzählung gelenkt hat, bringt jetzt Isabel Kreitz ein kleines Schatzkästlein mit wahrhaft grausigen Klassikern heraus. Manche von ihnen, wie etwa Edgar Allan Poes «Die Flaschenpost», mögen vielleicht aus anderen Textsammlungen bekannt sein, doch den Grossteil der hier versammelten Erzählungen habe ich schon lange nicht mehr in moderneren Editionen gesehen.
Isabel Kreitz, selbst passionierte Lese­rin von Schauerge­schichten, hat für die­sen Band ihre 13 Lieblingstitel ausgewählt und sie mit herrlich un­heimli­chen Zeich­nungen und Vig­netten ausstaf­fiert. Da machen ge­sichts­lose Seefahrer ein uraltes Wrack wieder startklar, erschrecken Latein­schüler ungewollt ihren beliebten Lehrer bis ins Mark und begegnen Reisen­de in Amerika einer selt­samen Erschei­nung, die von einer blutigen Begebenheit erzählt. Die Verfasser der Geschichten sind keine ge­ringeren als H.P. Lovecraft, Meister des unheimlichen Erzählens, Ambrose Bierce, M.R. James oder Alexej Tolstoi. Doch auch weniger bekannte Na­men wie Helmuth Backhaus, Richard B. Middleton oder A.J. Alan finden sich unter ihnen. Keine der Erzählungen ist gezielt für Jugendliche verfasst worden, und doch können junge LeserInnen sich unbescha­det von ihnen gruseln lassen. Einzig «Bulemanns Haus» von Theodor Storm vermag möglicherweise nicht uneingeschränkt zu fesseln – im Verhältnis baut sich diese Erzählung viel langsamer auf und endet weniger spektakulär, als es Freunde von Lovecraft, Poe & Co vielleicht gewohnt sind.
Ein Kleinod für Jugendliche und Er­wach­­­sene, das eine wichtige Brücke zwi­schen oft und gern gelesenen Schauerge­schichten und klassischer Literatur schlägt und (hoffentlich!) neugierig auf wei­tere literarische Spukgeschichten macht.

Maren Bonacker
Buch&Maus 4/13, S. 28

Kein Empfang
Marian de Smet
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2013, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5705-1

Holterdiepolter – so lernen wir den Helden aus Paris kennen: Schon in der ersten Szene stürzt der 18-jährige Leo auf Gipfelwanderung in eine Höhle; der Fuss ist gebrochen, das Handy meldet «kein Empfang». Keine Chance, seinen Freund David auf dem Zeltplatz anzurufen, die erste einsame kalte Nacht steht bevor. Wird das so eine Survival-Story? Ja, aber was für eine! Denn schon bald meldet sich die Heldin: Nanou. Und sie hat ganz andere Sorgen: «Menschen sind gefährlich» erfahren wir. «Mutter weiss, dass ich vorsichtig bin und mich nie zeige. Ich bin scheu wie ein Bergmurmeltier, mich erwischen sie nicht.» Die 16-Jährige entdeckt Leo, bringt ihm Essen, versorgt seinen Fuss – holt aber keine Hilfe. Warum nur?
Aus drei Erzählperspektiven – Leos, Davids und Nanous – entwickelt sich der originelle Thriller. Dabei bekommt jede Stimme ein persönliches Gesicht und Tiefe. Mit vielen Dialogen, inneren Monologen und geschickten Anspielungen baut sich ein grossartiger Spannungsbogen auf vom verletzten Leo über den verzweifelt suchenden David bis hin zur irgendwie unheimlich wirkenden Nanou, die ihr schreckliches Familiengeheimnis aufspürt. Zerrissen zwischen dem Drang zu helfen und der Loyalität gegenüber der Mutter, die sie vor der Welt versteckt, wird ihr plötzlich die eigene (Nicht-)Existenz bewusst. So auch Leo, der sich in ihrer Obhut – oder Gewalt? – befindet. Weitere Charaktere wie Rettungshelfer, Jour­nalis­ten, Nanous seltsamer Vertrauter, Leos Eltern und die Familie eines Mädchens, das hier vor Jahren spurlos verschwunden ist, laden die Handlung zusätzlich auf. Mit «Kein Empfang» ist der gebürtigen Belgi­e­rin Marian de Smet ein dramatischer Jugend-Thriller gelungen, den auch Eltern lesen wollen.

Ursula Thomas-Stein
Buch&Maus 4/13, S. 29

Alles – worum es geht
Janne Teller
Aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler und Brigitt Kollmann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2013, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24317-8
Schlagwörter: Rassismus

Die erschütternde Parabel «Nichts. Was im Leben wichtig ist» (Hanser 2010) der dänischen Autorin Janne Teller schlug bei ihrem Erscheinen hohe Wellen. Auch die kürzere Prosa, die in «Alles. Worum es geht» zusammengefasst ist, ist so weit weg von einer Feel-good-Lektüre, wie man wohl kommen kann. In dieser Anthologie, die exklusiv auf Deutsch erschienen ist, werden Schlag auf Schlag Themen wie Jugendgewalt, Rassismus, Trafficking, To­des­strafe oder geistige Behinderung in kürzerer Prosa angesprochen. Dabei er­zielt die Erzählerin durch überraschend ungewöhnliche Perspektiven Verfrem­dungs­effekte. Wenn beispielsweise das «Andere» nicht in einer fremden Nationalität oder Religion besteht, sondern in der Art zu gehen («sich so in den Hüften wiegend und die Augen zu Boden gerichtet»), dann greifen die wohlbekannten, bequemen Argumente nicht mehr und man muss sich den ganz grundsätzlichen Fragen stellen. Und wenn Teller auf gran­dios einfühlsame Weise das Denken eines geistig Behinderten abbildet, ist man sich plötzlich unsicher, was eigentlich normal ist.
Die Geschichten «kommen zunächst als Frage, zu der ich die Antwort nicht kenne», schreibt Janne Teller im Essay «Alles – was ich erzählen kann», worin sie ihre Arbeit als Schriftstellerin thematisiert. Und so kommen die Fragen durch die Geschichten auch zu den LeserInnen, wühlen auf, geben keine Antworten, aber laden ein, ja zwingen zum Nachdenken, Meinungen Revidieren und Diskutieren. Ein Muss für den Unterricht, doch wohl eher erst in Sekundarstufe II – der Umgang mit dieser Literatur erfordert ein hohes Mass an Reflek­tionsvermögen.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 4/13, S. 29

Wasserstadt
Franco Supino
Verlag: kwasi, Publiziert: 2013, Seiten: 317, ISBN/ISSN/EAN: 3-906183-11-4
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Schweiz

Träume, Geld und Wirklichkeit

Es gibt wenige Jugendromane, die aus dem Schweizer Alltag erzählen. Franco Supinos «Wasserstadt» ist einer davon. Drei Ju­gendliche, die sich auf ganz unter­schied­liche Weise mit den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens herumschlagen, wer­den Zeugen davon, wie in ihrer Stadt – leicht als Solothurn zu erkennen – eine neue Siedlung, ein künstliches Venedig, gebaut werden soll; ein Spekulationsobjekt erster Güte, in das die Eltern der drei sich abwechselnden Ich-Erzähle­rInnen in unterschiedlicher Weise verwickelt sind.
Die drei Jugendlichen kom­men aus entgegengesetzten Ecken der Gesellschaft: Ani ist das arme reiche Mädchen, dessen Eltern sich trennen wol­len; Elson ist ein Metzgerlehrling mit brasilianischen Wur­zeln und Züsi die früh selbstständige Tochter eines Aussteigers, der mit ihr auf der Mülldeponie haust, auf der die neue Überbauung geplant ist. Wie die drei zusammenfinden, ist ein bisschen wie im Märchen und gibt dem ansonsten bodenständigen Roman den Hauch eines ma­gischen Drives.
Supino versucht eine ungewöhnliche Kombination: Er lässt die in ihrer Sprache um Di­rektheit und Authentizität be­müh­ten Stim­­men der Jugendlichen mit einem Sit­tenbild der spätkapitalistischen Kon­sum­­gesellschaft in der Tradition Gotthelfs (auf den er sich auch explizit bezieht) zusam­menfliessen. Das gelingt ihm streckenweise wunderbar, manch­mal ge­raten ihm gewissen Passagen aber etwas gar intentional; vor allem dann, wenn er versucht, möglichst viel an ak­tu­el­len Problemen (zum Beispiel die Verführungen, die im Internet lauern) in seinen Roman reinzupacken.

Christine Lötscher
Buch&Maus 4/13, S. 29

Die Sprache des Wassers
Sarah Crossan
Aus dem Englischen von Cordula Setsman
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2013, Seiten: 228, ISBN/ISSN/EAN: 3-939435-84-8
Schlagwörter: Armut | Aussenseiter:in/Mobbing

Selbst schwere Körper verlieren im Wasser scheinbar ihr Gewicht. Und was davon übrig bleibt, das lässt sich leicht(er) tragen – bis es von selber schwebt über den blauen Kacheln. Diese Erfahrung macht Kasienka, die ihren Körper als Belastung erlebt; nicht, weil sie dick wäre, sondern weil sie als Polin zu weiss – «Osteuropaweiss, Polnisch-Winterweiss, Vampirweiss» – ist für die neue Schule in Coventry, England. Weil sie als fast 13-Jährige mit spriessenden Brüsten und hoher mathematischer Begabung zu den Elfjährigen gesteckt wird. Und nach Kohl riecht, die Haare zu kurz und die falschen Kleider trägt, sofern man der Mitschülerin Clair glaubt, die Kasienka mit ihrer Mobbingkampagne verfolgt.
Mindestens so schwer wie das Mobbing und das elemen­tare Fremdsein wiegt die Situation zu Hause: Die Mutter ist dem abtrünnigen Va­ter, Tata, nach England gefolgt, um ihn zurückzuholen. Dass er das nicht will und die Tochter unter der rast­losen Suche elend leidet, entgeht ihr in ihrer Verzweiflung.
Sarah Crossan bürdet ihrer Protagonis­tin Untragbares auf. Aber sie packt diese Bürde in zarte Verse, die aus Kopf, Herz und Mund ihrer Ich-Erzählerin strömen und dann so ruhig daliegen wie das Wasser im Schwimmbad, in dem Kasienka ihre Bahnen zieht. Diese Spra­che des Wassers beherrscht Kasienka fliessend, in ihr kann sie sich spüren, «in die Kraft jedes Körperteils» Vertrauen fassen: «Wenn ich in Schwimmzügen spreche, bin ich wunderschön.» Mobbing, Ausschluss, Verlassenwerden, aber auch Freundschaft und erste Liebe: Nichts davon verliert in dieser Poesie tatsächlich an Gewicht. Die Worte ziehen Kreise, sinken auf den Grund, aber sie steigen auch auf zur Wasseroberfläche, wo ein Mädchen schwimmt, das lernt, sich selbst zu trauen. Bis es, auf dem Startblock stehend, sagt:
«Ich stehe für mich allein, / und das / hat sich noch nie so gut angefühlt.»

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 4/13, S. 30

Nanking Road
Anne C. Voorhoeve
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2013, Seiten: 480, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-40102-1
Schlagwörter: Nationalsozialismus

Kleinste Zufälle vermögen einen Lebenslauf zu ändern, ja sie können Leben retten oder ihr Verderben bedeuten. Im Vorgän­gerbuch «Liverpool Street» (2008) floh die elfjährige Ziska Mangold mit einem Kin­­dertransport aus dem nati­o­nal­sozi­a­listi­schen Deutschland nach England; eine Ausreise der ganzen Familie nach China war an einem feindseligen Beamten gescheitert. In «Nanking Road» klappt dieser Plan: Die evangelische Fa­milie jüdischer Herkunft verlässt Deutsch­land gemeinsam und reist per Ozeandampfer ins chi­ne­sische Shanghai, das den Flüchtlingen noch ohne Visum offensteht.
In Shanghai ist Familie Mangold vorerst nicht mehr bedroht, doch mittellos und fremd. Ziska, ein nachdenkliches Mäd­chen, das nirgends dazugehört, lernt Schul-Englisch und Strassen-Pidgin, schliesst zögerlich erste Freundschaften und beobachtet entsetzt, wie die chine­sische Bevölkerung von den japanischen Besatzern schikaniert wird. «Nanking Road» erzählt ungefähr zehn Jahre aus dem Leben von Ziska. Die Rückkehr der Familie Mangold 1947 ins zerbombte Ber­lin und eine Reise nach London schliessen die ungewöhnliche Geschichte ab.
Anne C. Voorhoeve hat mit «Nanking Road» eine «Was-wäre-gewesen-wenn»- Fassung zu «Liverpool Street» geschrie­ben, die sich aber auch als eigenständiger Roman lesen lässt. Die grossartige Erzählerin nimmt die Leserinnen und Leser auf eine ereignisreiche Zeit- und Weltreise mit. Gelegentlich erläutert sie dabei zu viel – die Bilder im Kopf der Leserin entstünden mit einem Anteil Ungesagtem genauso stark.

Silvia Hess
Buch&Maus 4/13, S. 30

Wen der Rabe ruft
Maggie Stiefvater
Aus dem amerikanischen Englisch von Jessika Komina und Sandra Knuffinke
Verlag: Script5, Publiziert: 2013, Seiten: 461, ISBN/ISSN/EAN: 3-8390-0153-6
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Aufgewachsen in einem Haus voller hellseherisch begabter Frauen, wurde der 16-jährigen Blue Sargent schon früh prophezeit, dass sie ihrer grossen Liebe einst durch einen Kuss den Tod bringen werde. Also beschliesst sie, sich überhaupt nicht mit Jungs abzugeben. Natürlich kommt alles anders: In der Nacht vor dem Markustag, in der sich die Geister jener zeigen, die im kommenden Jahr sterben werden, sieht sie erstmals auch einen Geist. Für Blue, die keine übersinnlichen Fähigkeiten hat, durch ihre Anwesenheit aber die Fähigkeiten anderer vergrössert, ist klar: Der Junge, Gansey, stirbt entweder durch ihre Schuld oder ist – was dasselbe bedeutet – ihre grosse Liebe.
Als sie dem lebenden Gansey begegnet, weiss Blue, dass sie sich von ihm fernhalten sollte. Doch sie ist fasziniert von seiner einnehmenden Person, seinen drei Freunden und seiner fast schon obses­siven Suche nach dem sagenumwo­benen walisischen König Owen Glen­dower, der sich Blue bald anschliesst.
Aus wechselnden Perspektiven erzählt, führt der Auftakt von Stiefvaters neuster Fantasy-Trilogie in eine Welt, in der sich magische Schlupfwinkel in der Realität auftun und Magie, Sage, Liebesgeschichte und Krimi vermischt werden. Zwar scheint das interessante Magie-Konzept (noch) nicht ausgeschöpft und die Suche nach Glendower ist mehr Mittel zum Zweck; jedoch können die Figuren überzeugen, die in teils wunderschönen Phra­sen ihren Ängsten und Sehnsüchten nach­hängen. Besonders die fein ge­zeich­nete Freundschaft der vier Jungen gleicht die Vorhersehbarkeit von Stiefvaters Lieb­l­ingsthema – die grossen Liebe ­ ­– aus und macht Lust auf mehr.

Petra Schrackmann
Buch&Maus 4/13, S. 30

Anna und Anna
Charlotte Inden
Verlag: Hanser, Publiziert: 2013, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24172-8

Hand aufs Herz: Wie lange ist es her, dass Sie zuletzt einen «richtigen Brief» geschrieben haben? Keinen Geschäftsbrief, keine E-Mail, kein WhatsApp oder SMS, sondern einen «richtigen» Brief. Handschriftlich! Und mit Kugelschreiber, Füller oder Bleistift auf Papier. Drei Monate? Ein Jahr? Noch viel länger…? In «Anna und Anna» schreiben sich zwei wie verrückt: 176 Seiten Briefe. Längere und ganz kurze (manchmal sind es nur zwei Sätze), trau­rige, fröhliche, nachdenklich stim­mende, begeisterte, wütende …
Anna Nummer eins ist alt, lebt nach dem Tod ihres Mannes allein in einem klei­nen Haus und hat vor kurzem (vermutlich aufgrund von Altersdiabetes) ihr «liebes linkes Bein» verloren. Anna Nummer zwei ist ihre Enkelin, elf Jahre und zum ersten Mal verliebt – in Jan, den Nachbarsjungen, der nach der Trennung der Eltern nun mit seiner Mutter weit weg in Amsterdam lebt.
Vier Jahre lang begleiten wir als LeserInnen Anna und Anna. Wir erfahren von den Briefen, die Oma Bloom seit vielen Jahren ihrer Jugendliebe Henri schreibt, ohne sie je abzuschicken. Sie wird dabei eines Tages von der «kleinen Anna» er­wischt und dazu überredet, doch endlich einmal einen zur Post zu bringen. Im Gegenzug muss Anna dafür ihrem Jan schreiben. Und so beginnen sich in Brie­fen, die hin und her geschrieben werden, parallel gleich zwei Liebesgeschichten zu entwickeln. Die von Oma Bloom und Henri endet mit einer gemeinsamen Weltreise. Die von Anna und Jan nicht ganz so glücklich – oder doch…?
Charlotte Inden legt mit «Anna und Anna» einen hervorragenden Briefroman vor. Leicht lesen sie sich, die Briefe von Anna an Anna, Anna an Henri und Anna an Jan, Jan an Anna, Henri an Anna – und berühren dabei doch tief. Ein wunder­vol­les Plädoyer dafür, mehr Briefe zu schrei­ben.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 4/13, S. 31

Crazy Dogs
Brigitte Werner
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2013, Seiten: 478, ISBN/ISSN/EAN: 3-7725-2648-9

Mit 13 schreibt Mirjam ihr erstes Gedicht, Thema: Rotkohl. Mit 14 entdeckt sie ihren Haar- und Kleidungsstil; findet mit 15 einen Freund fürs Leben, fasst den Entschluss, Fotogra­fin zu werden und grün­det eine Band; wird mit 16 sexuell genötigt und rächt sich , und macht mit 17 eine fundamentale Lebenskrise durch, in der letztlich ihre Bezie­hun­gen zu anderen und ihre Kreativität reifen. Durch­wirkt sind diese Lebensstationen von einer kom­ple­xen El­tern-Kind-Beziehung, in der eine schweig­same Hippiemutter und ein Vater, der «durch­geknallt» ist «wie ein geschlechts­rei­fes Erdmännchen», im Ruhrpott der 1980er-Jahre zusammenleben, sich strei­ten und immer wieder zueinanderfinden.
Der Klappentext auf Brigitte Werners «Crazy Dogs» verspricht uns «den unge­wöhn­lichen Entwicklungsweg von Mirj­am». Ungewöhnlich ist diese Entwicklung aber gerade in ihrer Gewöhn­lich­keit: Hier wird kein Lada geklaut, kein Berg der Be­deu­tung errich­tet, kein dysto­pisches Regi­me gestürzt. Und doch nimmt sich Brigitte Werner fast 500 Seiten Raum, um von dieser Ich-Fin­dung über fünf Jahre hinweg zu erzählen, rückblickend und aus der Per­spek­tive von Mirjam, die all ihre alten Noti­zen – genannt «Mirjams gesam­melte Augenblicke» – zu einer einzi­gen langen Erzählung verbindet. Das liest sich passa­genweise wie Bullerbü für Teenager, denn es ist eine extrem freiheit­liche Identitätsfindung, die Mirjam durchmacht; von al­len Seiten wird das scheue, unauffällige Mädchen er­mun­tert, ihre Kräfte zu entde­cken und auszuleben. Dass der Roman trotz mini­maler Handlung ei­nen intensi­ven Sog entwi­ckelt, ist nicht zuletzt der Sprache geschuldet, die Mirj­am für sich findet. «(…) ich bin eine einzige dicke, grü̈ne platzende Knos­pe einer noch nicht erforschten Pflanze», schreibt sie einmal. Und es ist wunderbar, ihr beim Forschen und beim Platzen zuzuschauen.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 4/13, S. 31

Verdammt heiss
Åsa Anderberg Strollo
Aus dem Schwedischen von Katrin Frey
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2013, Seiten: 253, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3043-5
Schlagwörter: Sexualität | Liebe

Was muss man als junge Frau heute alles sein! Sozialkompetent, kom­munikativ, fä­hig, sein Motorrad zu reparieren, intel­lektuell und doch nicht zu verkopft, frühzeitig um die (Aus-) Bil­dung besorgt. Und nun sollte frau auch noch ihren eigenen Sex entwickeln, gut ausgereift in die (ers­te) Beziehung brin­­gen und dort gewinnbringend einsetzen. Primär für sich selbst, so viel zumindest versteht sich von selbst.

Liest man sich durch zwei neuere Eroti­ka für Jugendliche, entsteht der Eindruck, die Mädchen kämen fast alle sexuell leistungsstark in die mittlere Pubertät, damit sie den Jungs gleich bei­bringen können, wie man «es» richtig macht. Sina in Jochen Tills «Abgefüllt» aus dem Band «Lust, Liebe, Sex. 16 Stories» (Beltz & Gelberg 2010) etwa kann das sogar im angetrun­kenen Zustand. Für den verwirrten Simon, der bloss «endlich ficken» will und gran­dios scheitert, hat sie Trost, sensible Erklä­rungen und gar eine zweite Runde übrig.

Stories wie Brinx/Kömmerlings «Be­rühr­te Haut», in der Becky und ihr Cousin nach der Beerdigung der Oma im Bett der Verstorbenen absolut lustvoll mitein­ander schlafen, machen aber wirklich Spass – umso mehr, als beide wissen, was sie wollen und wie sie es kriegen. Oder Jenny Jägerfelds «Paris Surprise» aus «Verdammt heiss»: Hier geniesst die Ich-Erzählerin tollen Sex mit einem Freund, nachdem sie für ihre Bedürfnisse immer schräg angeschaut wurde: «Aber was kann ich dafür, dass es mir gefällt, wenn nicht alles nur nach Blümchen duftet, wenn es nicht so wahnsinnig (…) pastellfarben und peacig ist, so regenbogenmässig knuffig und My Little Pony? Kann ich was dafür, dass ich es etwas härter brauche?» Jugendliche haben erotische Literatur verdient, die interessiert und erregt. Fehl am Platz ist es, ihnen das Gefühl zu geben, die Mädchen seien für den «eigenen» wie gemeinsamen Sex und damit auch für die Beziehungsarbeit allein zuständig.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 4/13, S. 32

Glückwunsch, du bist ein Mädchen
Sonja Eismann, Chris Köver, Illustration: Daniela Burger
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2013, Seiten: 152, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75368-7

«Mein Herz, meine Kehle schreien es raus, ich sag’s nochmal erneut, repeate gerne wieder: Wir nehmen diese Scheisse nicht mehr in Kauf!», rotzt die queer-feminis­tische Rapperin Sookee in ihrem Song «Bitches, Butches, Dykes and Divas» – und es ist eine Abrechnung. Eine Abrechnung mit allen, die zuschreiben, (ver)urteilen, stigmatisieren und bewerten, weil sie zu wissen glauben, wie die «richtige Frau» zu sein hat: ruhig und sanft zum Beispiel; heterosexuell (selbstverständlich), nied­lich und entweder knapp oder dann züchtig bekleidet. Hört man den Song als Frau auf der Strasse, im Gehen, beschleunigt sich der Schritt. Frau wächst zehn Zentimeter und weigert sich, jedem Mann aus dem Weg zu gehen, der da breit daherkommt. «Wir formen die Sprache, wir formen die Werte, wir formen die Kämpfe und die Form des Begehrens», rappt Sookee, «wir nehmen zurück was euch niemals zustand.»
Sonja Eismann, Chris Köver und Daniela Burger, drei Redakteurinnen des feministischen «Missy-Magazins», wissen um die ermächtigende Kraft dieses Songs, seinen aufwiegelnden Rhythmus, sein politisches Programm. Zusammen mit Songs wie Alicia Keyes «Superwoman» und Lady Gagas «Born This Way» legen sie ihn allen jungen Frauen ans Herz, die sich täglich damit auseinandersetzen, «was Mädchensein auf ganz viele verschiedene Weisen bedeuten kann». Die Hitliste ist nur eine von vielen konkreten Tipps in ihrer «Anleitung zum Klarkommen», in der sich, so viel sei verraten, weder Schmink- noch Flirttips finden. Zwar sind Aufklärungsbücher und Lebensratgeber für Jugendliche, die thematisieren, was sexuelle Identität alles heissen kann und könnte, für den oder die Einzelne(n) und für eine Gesellschaft, zum Glück keine Seltenheit mehr. Viele von ihnen versu­chen ausserdem mit sehr viel Engage­ment, auch Leidenschaft, die Suche nach einer von eingrenzenden Geschlechterkonventionen möglichst be­freiten Sexualität und Identität zu ermutigen.
Ein Buch wie «Glückwunsch, du bist ein Mädchen» hat bisher aber noch schmerz­lich gefehlt: Weil es in der Frage nach dem Verhältnis von Identität, Geschlecht, Macht und Begehren eine andere Wahrheit sprechen lässt als die der Gene, Hormone und X- und Y-Chromosome. Hier wird Mädchen nicht erklärt, dass sie auf ihre etwas andere Weise ganz genauso toll sind wie Jungs, wenn nicht noch ein bisschen besser. Hier wird gezeigt, wie sie überhaupt erst zu Mädchen geworden sind: Wie sie das Mädchensein gelernt ha­ben wie eine Rolle, die man Tag für Tag aufführt, manchmal, ohne es zu bemer­ken. Ohne die Komplexität feministischer Geschlechter- und Iden­titäts­theorien je zu vernachlässigen, schaf­fen die Autorinnen spielerisch den Bezug zum Lebensalltag junger Mädchen und ermutigen sie dazu, über Feminismus nachzudenken, Geschlechter- und Rassenstereotypen mit der angemessenen Wut und mit selbstbewussten Gegenentwürfen entgegenzu­treten und vor allem: mit Vorstellungen vom Mädchensein zu spielen, sich nicht von ihnen einschränken zu lassen, sich «ein eigenes Mädchensein zu basteln», auch gegen Widerstände.
Dass das eine höchst poli­tische Angelegenheit ist, die der engagier­ten indivi­duellen und gesellschaftlichen Arbeit bedarf, zeigen die Autorinnen mit ihren Texten, Fotos und Portraits von Queer-Aktivistinnen, PerformancekünstlerInnen und Sportlerinnen. Das macht dieses gross­artige Buch nicht nur zu einem durch und durch ermächtigenden Text, sondern zu einem politischen Manifest.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 4/13, S. 32

Alle Welt
Daniel Mizieliński, Illustration: Aleksandra Mizielińska
Aus dem Polnischen von Thomas Weiler
Verlag: Moritz, Publiziert: 2013, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-270-9

Soviel gibt es auf der Welt zu sehen, soviel zu entdecken und soviel davon haben Alek­sandra und Daniel Mizieliński in ih­rem Landkartenbuch zusammenge­tra­gen! Im Stil frühneuzeitlicher Seefahrer­karten werden in «Alle Welt» über fünfzig Länder und Kontinente porträtiert, bestückt mit vielen hundert Miniaturen, die nicht einfach nur landestypische Tiere und ein paar herausragende Bauwerke zeigen, worauf sich Kinderatlanten sonst gerne beschränken. Hier werden auch Essgewohnheiten, Pflanzen, berühmte Wis­sen­schaftlerinnen und Schriftsteller, häufige Namen für Kinder, beliebte Freizeitbeschäftigungen, wich­tige Industrien, Kunst und Kultur dargestellt und meist mit einem kurzen Satz erläutert. So er­fährt man etwa, dass man in der Schweiz gerne eingeschnittene Cervelats über dem Feuer brät, mit welchen Instrumenten in Jordanien musiziert wird, wo im Golf von Mexiko Erdöl gefördert wird, wie das Parlamentsgebäude von Tansania aussieht und dass die Verfasserin der Mumin-Bücher aus Finnland kommt. Dabei sind die detail­reichen Bilder in matten Farben auf Papier mit einem leicht vergilbten Ton gehalten, so dass der Kitzel nach den Abenteuern der alten Weltentdecker auf die Betrachtenden überspringt.
Stundenlang lässt sich in diesem grossformatigen Buch stöbern und in Gedanken auf Reisen gehen, denn hier hat sich je­mand wirklich Mühe gemacht, genau zu recherchieren und die Informationen auch noch ästhetisch hochstehend umzu­setzen – sogar die Schriften hat das Duo eigens kreiert. Das Ergebnis ist ein Kinderatlas auf dem besten Weg zum Klassiker, eine Freude für die Augen und das Herz.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 4/13, S. 33

43 Gründe, warum es aus ist
Daniel Handler
Aus dem amerikanischen Englisch von Birgitt Kollmann
Verlag: Silberfisch, Publiziert: 2013, ISBN/ISSN/EAN: 3-86742-159-5
Schlagwörter: Liebe

Min möchte Filmregisseurin werden. Regisseurin ihres eigenen Lebens aber ist die 16-Jährige bereits, und das ist der Grund, warum es vorbei ist mit Ed, dem Star des Basketballteams, der in ihr Leben einfach nicht so recht ge­passt hat. «Du weisst, dass ich Regisseurin werden möchte, aber all die Filme in mei­nem Kopf konntest du nie wirklich sehen, und das ist der Grund, Ed, warum es aus ist mit uns», schreibt sie ihm in einem langen Brief, nachdem die kurze, intensive Beziehung zerbrochen ist.
Zusammen mit all den Dingen, die sich in dieser Zeit angesammelt haben – vom Koch­buch über ein Kinoticket bis zur Kon­dom­verpackung – wird sie ihm diesen Brief vor die Tür knallen, «mit der grossen Geste einer Desperada». Schreibt sie. Und findet, im Schreiben, Gefallen daran, sich zu inszenieren, so, wie Pubertierende das tun. Und doch ganz anders. Denn wenn Min zu jeder Szene ihrer Liebe eine Filmstelle rezitiert – alle aus fiktiven Filmen –, schlägt das sofort um in eine greifbare Leidenschaft für das Kino, das Erzählen überhaupt; eine Leidenschaft, in der Min zu sich selbst findet. Ed dagegen sucht noch nach seiner Identität, und obwohl er Min am Ende mit seiner Ex betrügt, mögen wir diesen Trampel, der sich redlich be­müht, mit seiner allzu reifen Freundin aber einfach nicht mithalten kann. Das macht Daniel Handlers erstes Jugendbuch trotz schwa­chem Ende zu einer authen­tischen Geschichte über eine erste Liebe, die ihre Filmvorbilder hat und an den Ecken und Kanten des Lebens scheitert. Min wird wieder aufstehen, und dafür lieben wir sie noch mehr. Ganz besonders, wenn die grossartige Laura Maire ihr im Hörbuch ihre Stimme leiht und Traurigkeit, Wut, Liebeskummer, Eifer und Passion in einer Weise gestaltet, dass man sich, auch ohne Bild, im Kino glaubt. Min würde das gefallen.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 4/13, S. 33

Catching Fire
Verlag: Lionsgate, Publiziert: 2013, ISBN/ISSN/EAN:

Zu Beginn von «Catching Fire», der Adaption des zweiten Bandes von Suzanne Collins’ Besteller-Trilogie «The Hunger Games» («Die Tribute von Panem»), sind Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) und Peeta Mellark (Josh Hutcherson) Superstars: Sie haben die tödlichen Spiele in der Arena als Liebespaar überlebt («The Hunger Games», USA 2012). Eigentlich darf nur einer oder eine von 24 Jugendlichen lebendig aus der blutigen TV-Reality-Show hervorgehen, mit der die Diktatur von Panem ihre Einwohner in Angst und Schrecken hält. Doch der Sieg der beiden Jugendlichen sorgt nur für neue Probleme, denn die Revolution regt sich nun in den vom Zentrum unterdrückten Distrikten: Im zweiten Teil versucht der diktatorische Präsident Coriolanus Snow Katniss für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Als sie sich verweigert, schickt er alle Sieger der bisherigen Spiele noch einmal in die Arena.

Atemlos rutscht man auf dem Kinosessel hin und her bei diesem Film. Nicht nur, weil Spannung und Action in fast zweieinhalb Stunden kaum je nachlassen. Es liegt auch daran, dass man, genau wie Katniss und Peeta, nie genau weiss, was man eigentlich sieht, welcher Figur man glauben soll und wer im Hintergrund die Fäden zieht. Regisseur Francis Lawrence gelingt ein richtiger Paranoia-Film, der die Perspektive von Katniss, der Revolutionsheldin wider Willen, auf intelligente Weise in den Mittelpunkt rückt.

Christine Lötscher
Buch&Maus 4/13, S. 33

Lisbeth, die kleine Hexe
Sébastian Perez, Illustration: Benjamin Lacombe
Aus dem Französischen von Stefanie Schäfer
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2013, Seiten: 38, ISBN/ISSN/EAN: 3-942787-10-5

Weil Lisbeths Eltern zu Weihnachten keine Zeit für sie haben, schicken sie das Mädchen alljährlich aufs Land zu ihrer Grossmutter. Dort wird Lisbeth geliebt und angenommen, wie sie ist. Zusammen mit ihrem Freund Edward bastelt sie an einem Herbarium. Nur die Christrose fehlt ihnen noch dafür – doch dann verschwindet Edward. Weil Lisbeth vor Sorge nicht schlafen kann, blättert sie in einem Buch der Grossmutter, das ihr ein unvorstellbares Geheimnis verrät: Lisbeth ist die jüngste in einer langen Ahnenreihe von Hexen. Die Erkenntnis erschreckt sie, beruhigt sie aber auch. Denn als Hexe hat sie ganz eigene Wege, um den verschwun­denen besten Freund zu finden…
Es ist fraglich, ob die Geschichte von Sébastien Perez ohne Bilder überzeugen wür­de. Das eher handlungsarme Gesche­hen wird ohne übermässige Emo­tionen erzählt. Ein Junge verschwindet und ein Mädchen erfährt ein grandioses Geheim­nis, aber nichts davon berührt einen als LeserIn wirklich. Ganz anders die Bilder. Ben­jamin Lacombe setzt den Text in gross­formatige Gemälde um, die viel mehr Gefühl vermitteln als die Worte. Die Um­armung der Grossmutter ist so innig, die Bildkompo­sition ein solch starker Aus­­druck von Fürsorge und Nähe, dass man darin versinken kann. Geschickt wird auch mit der Haarfarbe der Prota­gonistin gespielt. Scheint der Farbton anfangs noch ein warmes Braun, verändert er sich mit Lisbeths Wissen, dass sie eine Hexe ist, zu flam­mendem Rot.
Das Geschehen wird aus wechselnden Perspektiven dargestellt, zeigt Lisbeth mal aus der Vogelperspektive mädchen­klein, mal aus der Frosch­perspektive da­menhaft gross. So gibt Lacombe dem Text zusätzliche Nuancen, die das Werk zu einem immer wieder zu betrachtenden Bilderbuchschatz ma­chen.

Maren Bonacker
Buch&Maus 4/13, S. 24

Adventskrimis
Thilo
Verlag: Loewe, Publiziert: 2013, Seiten: 60, ISBN/ISSN/EAN: 3-7855-7450-9
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Feste/Bräuche

Advent, Advent im Erstlesesegment: Die Vorweihnachtszeit wird gern mit thema­tischen Titeln bestückt. Doch die Winter-Weihnachtszeit kann durchaus künstlerisch anregend sein.
Eine solche Überraschung ist «Twinkel, die Weihnachtsmaus» von Rusalka Reh. Erschienen in der Reihe «Erst ich ein Stück, dann du», wechseln sich hier lange, komplexe Vorlesepassagen mit kurzen, sprach­­­­lich einfachen Abschnitten für Erst­­­leserInnen ab. Auffallend ist Rehs bilder­reicher Sprachstil, welcher der Geschichte Atmosphäre gibt und zugleich Vorstellungen model­liert, etwa wenn der «kalte Ostwind … pfiff und ächzte …, weil er ja schon seit Mil­lionen Jahren unter­wegs war» oder jener der richtige Freund ist, der – hörbar – eine schöne «Herzmelodie» hat. Erzählt wird von Twinkel, einer kleinen Hausmaus, die mit dem alten Mälzer glücklich in einer Pup­pen­stube zusammenwohnt, sich aber nach einem Freund sehnt. Da es gerade der 6. Dezember ist, rutscht kurze Zeit später die Erfüllung des Wunsches in Gestalt einer kleinen Fledermaus durch den Kamin. Dreimal versuchen die zwei Klei­nen, den Alten zu überzeugen, dass der Neue bleiben darf. «Fledder, die Fle­der­maus», so sein Name, zeigt, wie man mit variierten Sprachmustern – für Erstlese­rInnen erkennbar – ästhetisch gestalten und zugleich mit ihnen die richtige Aussprache üben kann. Auch die Vorlesegeschichte ist rhythmisch strukturiert und wartet mit überra­schenden Wendungen, originellen und lustigen Szenen und sogar Spannungsmomenten auf. Die kurzen Tex­te sind für Lese-AnfängerInnen leicht zu lesen, manchmal gereimt und an den genau richtigen Handlungsmomenten plat­ziert. Eine bilder­reiche Gestaltung tut ihr Übriges für ein gemeinsames genussvolles Vorlese- und Leseerlebnis.
Auf die Erkenntnis, dass Erstlesebücher vor allem in der Frühphase des Lesenler­nens hilfreich sein können, reagieren Verlage wie cbj mit innovativen Textmodellen oder Loewe mit einer zunehmenden Ausdifferenzierung des Stufen­modells. Das ist manchmal verwirrend, sieht Loewes 4. und letzte Lesestufe – «Lesepiraten» – inzwischen doch aus wie bei anderen Verla­gen Texte für die 1. oder 2. Stufe: grosse Schrift, kurze Zeilen, konsequent sinnbe­zo­gener Flattersatz und halbsei­tiger Bildanteil. Mit «Adventskri­mis» von THiLO bie­tet der Verlag in der Reihe «Lesepi­ra­ten» diesen Herbst soli­de Erstlesekost: span­nend und lustig die Handlung, einfach die Wortwahl, lese­freundlich das Layout.
Für die «2./3. Klasse» und damit bereits gefestigtere ErstleserInnen sind die «Kin­der-Bestseller» gedacht, die Oetinger he­rausgibt. Einzelne Episoden hauseigener Klassiker wie Astrid Lindgrens «Nur nicht knausern, sagte Michel aus Lönneberga», in der Michel für Unruhe beim weih­nacht­lichen Festschmaus sorgt, fül­len hier ein ganzes Buch, dessen Layout erst­lese­freundlicher ist als das Original. Die Lese­rätsel am Buchende ge­währen – mit rich­ti­gem Lösungswort – Zutritt zum Erstlese­portal www.lunaleseprofi.de, das die Ent­deckung ferner Welten durch das Lesen bildhaft umsetzt. Dort kann, so die Idee, der Lesenachwuchs auf verschie­dene Planeten reisen, Rätsel lö­sen, Spiele spielen – kurz: mir nichts dir nichts zum Leser werden. Lindgrens Texte selbst sind originalgetreu und keineswegs für ErstleserInnen geschrieben. Was man ihnen deut­lich anmerkt: lange, verschachtelte Sätze über mehrere Zeilen, ab und zu schwierige, ungebräuchliche Wör­ter, Lese­stolperstei­ne und Worttren­nungen. Wer das problemlos lesen kann, braucht eigentlich schon kein Erstlese­buch mehr.

Ina Nefzer
Buch&Maus 4/13, S. 27

Nur nicht knausern, sagte Michel aus Lönneberga
Astrid Lindgren
Aus dem Schwedischen von Anne-Liese Kornitzki
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2013, Seiten: 60, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-0761-1
Schlagwörter: Feste/Bräuche

Advent, Advent im Erstlesesegment: Die Vorweihnachtszeit wird gern mit thema­tischen Titeln bestückt. Doch die Winter-Weihnachtszeit kann durchaus künstlerisch anregend sein.
Eine solche Überraschung ist «Twinkel, die Weihnachtsmaus» von Rusalka Reh. Erschienen in der Reihe «Erst ich ein Stück, dann du», wechseln sich hier lange, komplexe Vorlesepassagen mit kurzen, sprach­­­­lich einfachen Abschnitten für Erst­­­leserInnen ab. Auffallend ist Rehs bilder­reicher Sprachstil, welcher der Geschichte Atmosphäre gibt und zugleich Vorstellungen model­liert, etwa wenn der «kalte Ostwind … pfiff und ächzte …, weil er ja schon seit Mil­lionen Jahren unter­wegs war» oder jener der richtige Freund ist, der – hörbar – eine schöne «Herzmelodie» hat. Erzählt wird von Twinkel, einer kleinen Hausmaus, die mit dem alten Mälzer glücklich in einer Pup­pen­stube zusammenwohnt, sich aber nach einem Freund sehnt. Da es gerade der 6. Dezember ist, rutscht kurze Zeit später die Erfüllung des Wunsches in Gestalt einer kleinen Fledermaus durch den Kamin. Dreimal versuchen die zwei Klei­nen, den Alten zu überzeugen, dass der Neue bleiben darf. «Fledder, die Fle­der­maus», so sein Name, zeigt, wie man mit variierten Sprachmustern – für Erstlese­rInnen erkennbar – ästhetisch gestalten und zugleich mit ihnen die richtige Aussprache üben kann. Auch die Vorlesegeschichte ist rhythmisch strukturiert und wartet mit überra­schenden Wendungen, originellen und lustigen Szenen und sogar Spannungsmomenten auf. Die kurzen Tex­te sind für Lese-AnfängerInnen leicht zu lesen, manchmal gereimt und an den genau richtigen Handlungsmomenten plat­ziert. Eine bilder­reiche Gestaltung tut ihr Übriges für ein gemeinsames genussvolles Vorlese- und Leseerlebnis.
Auf die Erkenntnis, dass Erstlesebücher vor allem in der Frühphase des Lesenler­nens hilfreich sein können, reagieren Verlage wie cbj mit innovativen Textmodellen oder Loewe mit einer zunehmenden Ausdifferenzierung des Stufen­modells. Das ist manchmal verwirrend, sieht Loewes 4. und letzte Lesestufe – «Lesepiraten» – inzwischen doch aus wie bei anderen Verla­gen Texte für die 1. oder 2. Stufe: grosse Schrift, kurze Zeilen, konsequent sinnbe­zo­gener Flattersatz und halbsei­tiger Bildanteil. Mit «Adventskri­mis» von THiLO bie­tet der Verlag in der Reihe «Lesepi­ra­ten» diesen Herbst soli­de Erstlesekost: span­nend und lustig die Handlung, einfach die Wortwahl, lese­freundlich das Layout.
Für die «2./3. Klasse» und damit bereits gefestigtere ErstleserInnen sind die «Kin­der-Bestseller» gedacht, die Oetinger he­rausgibt. Einzelne Episoden hauseigener Klassiker wie Astrid Lindgrens «Nur nicht knausern, sagte Michel aus Lönneberga», in der Michel für Unruhe beim weih­nacht­lichen Festschmaus sorgt, fül­len hier ein ganzes Buch, dessen Layout erst­lese­freundlicher ist als das Original. Die Lese­rätsel am Buchende ge­währen – mit rich­ti­gem Lösungswort – Zutritt zum Erstlese­portal www.lunaleseprofi.de, das die Ent­deckung ferner Welten durch das Lesen bildhaft umsetzt. Dort kann, so die Idee, der Lesenachwuchs auf verschie­dene Planeten reisen, Rätsel lö­sen, Spiele spielen – kurz: mir nichts dir nichts zum Leser werden. Lindgrens Texte selbst sind originalgetreu und keineswegs für ErstleserInnen geschrieben. Was man ihnen deut­lich anmerkt: lange, verschachtelte Sätze über mehrere Zeilen, ab und zu schwierige, ungebräuchliche Wör­ter, Lese­stolperstei­ne und Worttren­nungen. Wer das problemlos lesen kann, braucht eigentlich schon kein Erstlese­buch mehr.

Ina Nefzer
Buch&Maus 4/13, S. 27

Rosie und Moussa
Michael de Cock, Illustration: Judith Vanistendael
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2013, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82024-2
Schlagwörter: Freundschaft

Rosie zieht mit ihrer Mutter in ein Hochhaus am anderen Ende der Stadt. Sie ist wenig begeistert, denn alles kommt ihr fremd, abweisend und kalt vor und Rosie macht sich Sorgen, dass es ewig dauern wird, bis sie neue Freunde findet. Doch schon am ersten Tag lernt sie Moussa kennen. Moussa nimmt Rosie mit auf das Dach des Hochhauses, obwohl das eigentlich streng verboten ist. Vom Dach aus kann man die ganze Stadt sehen, die Welt liegt einem zu Füssen. Es ist einfach wunderschön dort oben. Bis die beiden vom griesgrämigen Hausmeister Herr Tak ausgesperrt werden und auf dem Dach festsitzen.
Jetzt ist guter Rat teuer. Auf eine alte Zeitung schreiben sie Hilferufe. Einer der Zettel flattert auf den Balkon der freundlichen Frau Himmelreich. Sie befreit die Kinder aus ihrer misslichen Lage, ohne sie beim Hausmeister zu verraten.

„Rosie und Moussa“ ist eine warmherzig erzählte Freundschaftsgeschichte, in der verschiedene weitere kleine Geschichten anklingen. Es ist aber auch eine Erzählung über das Ankommen an einem neuen Ort und ein Plädoyer für ein freundliches Miteinander.
Nebst der lebensnahen Geschichte machen die grosse Schrift sowie die einfache und klare Sprache diesen kurzen, eindrücklichen Roman zur empfehlenswerten Lektüre für weniger geübte Leserinnen und Leser ab der vierten Klasse. Die sympathischen Hauptfiguren wirken authentisch und haben hohes Identifikationspotential. Ihre Ängste und Sorgen dürften vielen Kindern vertraut sein. Dank des feinen Humors, der sich durch die Geschichte zieht, kippt die Stimmung auch in melancholischen Momenten nie in Traurigkeit um.
Die Illustrationen von Judith Vanistendael unterstützen das Textverständnis und bereichern das Buch mit entdeckenswerten Details.
Auf dem Online-Portal „Antolin“ gibt es Quizfragen zum Titel.

Klassenstufe: 4

Anna Eisblume
Kristina Dunker
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2013, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-78869-6

„Anna Orchidee“ nennt Vater Lessmann seine Tochter. „Orchidee“, weil sie für ihn etwas ganz Besonderes ist. Doch heute hat Annas Vater ihren Zweitnamen vergessen. Er leidet an der Alzheimer-Krankheit. Anna schämt sich und erzählt niemandem von den Problemen zu Hause. In der Schule zirkulieren Gerüchte, die Anna treffen, darum sinnt sie auf Rache. Sie schmuggelt heimlich ihre Kornnatter in die Schule und setzt sie in Valeries Käfig mit den Rennmäusen; Valerie war es, die Anna wegen ihres Vaters beleidigte.
Der Verdacht fällt schnell auf Anna, weil alle wissen, dass Anna Schlangen züchtet. Allerdings hat nur Kollo, der in beide Ohren in Anna verliebt ist, gesehen, wie Anna die Schlange in den Käfig gelegt hat. Kollo hat Anna den Übernamen „Anna, die Eisblume“ gegeben, weil sie sich so cool gibt. Als Rechtsradikale die Schule und den Park unsicher machen, wehren sich Anna und Kollo gemeinsam. In dieser riskanten Situation kommen sich die beiden näher und es zeigt sich, dass Anna längst nicht so abgebrüht ist, wie sie es vorgibt.

Die Geschichte wird aus der Sicht von Anna erzählt. Man kann ihren Gedanken sehr gut folgen. Trotz der schweren Themen wie „Alzheimer“, „Schamgefühle“ oder „Rechtsradikalismus“ enthält das Buch auch sehr humorvolle Passagen.
„Anna Eisblume“ ist auch als E-Book erhältlich. Der Verlag bietet Unterrichtsmaterialien zum Titel an.

Klassenstufen: 9,10

Mein kleiner Horrortrip
Herausgeber:in: Susan Rich
Aus dem amerikanischen Englisch von Karsten Singelmann
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2013, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-81091-5
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror

Die kürzesten Schockgeschichten aller Zeiten

„Mein kleiner Horrortrip“ ist eine Sammlung von 71 Minigeschichten, Gedichten und Comics zum Gruseln. Die Bandbreite reicht von Geschichten über klassische Spukhäuser, böse Clowns und Monster unter dem Bett bis hin zu Erzählungen über mörderische Haustiere, unheimliche Kindermädchen und angreifende Schnurrbärte. Die Texte sind pointenreich und oftmals überraschend. In den Geschichten ist viel schwarzer Humor zu finden, manchmal bleibt einem das Lachen aber auch im Hals stecken. Der Verlag konnte renommierte Autorinnen und Autoren für das Projekt gewinnen, denen es bestens gelingt, auf minimalem Raum Gänsehaut zu erzeugen.

Das Buch eignet sich gut, um kleinere Portionen zu lesen, die das Kopfkino von den ersten Zeilen an in Gang bringen. Es sind auch einige bildunterstützte Geschichten dabei. „Mein kleiner Horrortrip“ ist aber, wie der Titel bereits verrät, nichts für schwache Nerven.
Die Geschichtensammlung ist auch als Hörbuch erhältlich.

Klassenstufen: 7,8,9,10

Dork diaries
Rachel Renée Russell
Aus dem Englischen von Ann Lecker-Chewiwi
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2013, Seiten: 289, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-31208-2
Schlagwörter: Humor/Komik | Schule

Nikkis (nicht ganz so) fabelhafte Welt

Die vierzehnjährige Nikki ist neu an der Schule und hat bisher noch keine Freunde gefunden. Sie kleidet sich nicht nach den aktuellsten Trends und ihr Handy ist uralt. Dass Nikkis Vater Kammerjäger ist und mit einer riesigen Plastikkakerlake auf seinem Autodach herumfährt, erhöht ihren Coolness-Faktor auch nicht gerade. Und dann hat sie auch noch ihren Spind ausgerechnet neben MacKenzie, dem beliebtesten Mädchen der ganzen achten Klasse. In MacKenzies Welt dreht sich alles um Lipgloss, Glitzerlidschatten und Designer-Flipflops. Da kann Nikki, die sich vor allem fürs Zeichnen begeistert, nicht mithalten.
Als Nikkis Mutter ihr ein Tagbuch schenkt, ist sie alles andere als begeistert, vor allem weil sie sich eigentlich ein neues Handy gewünscht hat. Wer schreibt schon im Zeitalter von Blogs seine intimsten Gedanken in ein sentimentales Tagebuch? Allerdings wird Nikki bewusst, dass sie gar keine Freunde hat, die ihren Blog lesen würden. Deshalb beginnt sie trotz ihrer Vorbehalte Tagebuch zu schreiben und lässt die Leserinnen in ihren Aufzeichnungen an ihrem pannenreichen Alltag zwischen Prüfungen, Kunstwettbewerb und Familienleben teilhaben.

Die Autorin setzt in diesem amüsanten Roman schon bei der Wahl des Titels (Dork = Depp, Idiot, Trottel) ganz auf die Karte der Antiheldin. Die Aufmachung im Stil von Gregs Tagebuch erinnert an ein Schulheft. Comicartige Zeichnungen ergänzen den Text. Nikki berichtet in lockeren, manchmal saloppem Ton von den kleinen Katastrophen und Peinlichkeiten des Alltags. Ihre Schilderungen sind meist oberflächlich und überzogen. Dank kurzer Abschnitte und gut lesbarer Schreibschrift ist „Dork diaries“ eine gute Wahl für weniger geübte Leserinnen und Leser ab der sechsten Klasse. Die Aufmachung dürfte vor allem Mädchen ansprechen.
Der Titel ist auch als Hörbuch erhältlich und mittlerweile sind fünf weitere Bände von Nikki auf Deutsch erschienen. Auf dem Online-Portal „Antolin“ können Quizfragen zum Buch beantwortet werden.

Klassenstufen: 6,7,8

Und plötzlich bist du jemand anders
Christian Tielmann
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2013, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-52489-1
Schlagwörter: Freundschaft

Sten und sein bester Freund Theo verbringen ihre ganze Freizeit mit Proben für die Schülerband „Behind the darkness“. Ein wichtiger Bandwettbewerb steht kurz bevor.
Doch auf einmal beginnt Theo, dem die Band bisher alles bedeutet hat, Proben zu schwänzen. Sten und die anderen Bandmitglieder glauben zuerst, Theo sei frisch verliebt. Aber es geht um mehr. Theo will sein Leben von Grund auf ändern. Er ist auf der Suche nach Sinn und Wahrheit. Bei seiner Suche sollen ihm Meditationskurse bei einem Meister im „Haus der Erkenntnis“ helfen. Die Kurse gehen allerdings ganz schön ins Geld. Theo will sich deshalb von Sten Geld leihen. Als Sten sich weigert, ihm auszuhelfen, klaut Theo ihm während der Turnstunde Geld aus seinem Portemonnaie.
Für Sten ist die Gruppierung nichts anderes als eine Sekte und es fällt ihm schwer zu glauben, dass Theo freiwillig dorthin geht. Er will Theo zurückgewinnen und schreibt einen Song über ihn. Der Song kommt zwar beim Publikum gut an und bringt der Band auch den Sieg beim Wettbewerb, doch bei Theo stösst Stens Aktion auf Ablehnung.
Durch Zufall trifft Sten Yola, die früher auch Mitglied beim „Haus der Erkenntnis“ war. Yola rät ihm den Kontakt zu Theo aufrecht zu erhalten, ansonsten aber einfach abzuwarten, bis Theo von allein bereit ist, auszusteigen und irgendwann vielleicht wieder zur Band zurückkehrt.

Die Reihe „short & easy“ ist speziell für Jugendliche mit Leseschwierigkeiten konzipiert. Die Texte sind in angemessener Schriftgrösse verfasst und in Sinnschritte gegliedert. Sie zeichnen sich zudem durch eine einfache Sprache und einen simplen Satzbau sowie durch eine Themenwahl aus der jugendlichen Lebenswelt aus.
Der Roman „Und plötzlich bist du jemand anders“ geht auf die ambivalente Wahrnehmung von sektenähnlichen Gruppierungen ein, ohne Lösungsansätze aufzuzeigen. Durch den offenen Schluss regt das Buch vor allem zur weiteren Diskussion der Thematik an.
Der Titel ist auch als E-Book erhältlich und es können Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“ beantwortet werden.

Klassenstufen: 7,8, L

Guinness World Records 2014
Verlag: Bibliographisches Institut, Publiziert: 2013, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-411-81320-9

Die jährlich erscheinende Sammlung umfasst von naturwissenschaftlichen Phänomenen und imposanten Bauwerken über sportliche Extremleistungen bis hin zu skurrilen Gruppenaktivitäten verblüffende Rekorde aller Art.
Klassische Sparten wie der grösste oder älteste Mensch der Welt werden jeweils durch absurde Kategorien wie den meisten Seilsprüngen in Schwimmflossen in fünf Minuten, oder der schnellsten Befreiung aus Handschellen ergänzt. Auch der Stratosphärensprung von Felix Baumgartner und weitere moderne Pionierleistungen sind in der Sammlung zu finden. Es sind zudem Rubriken aus dem Bereich der sozialen Medien, wie die meisten Facebook User in einem Land oder die meist verbreitete Twitternachricht hinzugekommen. Die Vielfältigkeit der Themen trägt viel zur Beliebtheit dieses Klassikers bei. Ungewöhnliche Fotos ergänzen die kurzen Texte.

Die Schrift ist teilweise recht klein, es werden einige Fachausdrücke verwendet und insbesondere die Orts- und Personennamen sind nicht immer einfach zu lesen. Das Guinness Buch der Rekorde ist aber dank des ansprechenden Layouts und der abwechslungsreichen Themen ein Buch, in dem man gerne blättert und gut auch nur einzelne Abschnitte lesen kann.
Zum Buch ist auch eine 3-D-App erhältlich.

Klassenstufen: 4,5,6,7,8

Planeten und Sterne
Brigitte Hoffmann
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2013, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-25081-0

Dieses schmale Sachbuch überzeugt durch einen unkonventionellen Zugang zu einem komplexen Thema. So findet sich beispielsweise ein fiktives Interview mit der Raumsonde Voyager 1 neben einem seriösen Interview mit einer Astrophysikerin, die sich der Erforschung von Galaxien verschrieben hat. Die Leserinnen und Leser erfahren, was ein Planetensystem ist, was die Farbe eines Sterns über ihn aussagt und weshalb die Schwerkraft von grosser Bedeutung für die Ordnung im Weltall ist. Unterhaltsam ist das Gedankenexperiment, weshalb ein Astronaut nach vielen Jahren im Weltall dennoch jung zurückkehren würde. Und auch die drängende Frage nach der Existenz von ausserirdischen Lebensformen wird behandelt. In kurzen, historischen Exkursen werden zudem wichtige Persönlichkeiten in der Geschichte der Weltraumforschung wie Nikolaus Kopernikus, Galileo Galilei und Albert Einstein vorgestellt. Ein Glossar erklärt die wichtigsten „Weltall-Wörter“.
Allzu sehr kann der Stoff auf 32 Seiten natürlich nicht vertieft werden, das Buch bietet aber einen abwechslungsreichen Einstieg in die Beschäftigung mit unserem Universum.

Eine angenehm grosse Schrift sowie zahlreiche Fotografien und Illustrationen erleichtern den Einstieg ins Thema. Kleine, optisch hervorgehobene Kästchen vermitteln in kompakter Form zusätzliche Informationen. Die abwechslungsreiche und bunte Seitengestaltung dürfte auch weniger geübte Leserinnen und Leser ansprechen. Auf dem Online-Portal „Antolin“ können Fragen zum Titel beantwortet werden. In der gleichen Reihe sind weitere Sachbücher zu den unterschiedlichsten Themen erschienen.

Klassenstufen: 4,5,6

Detektiv Conan
Aoyama Gosho
Verlag: Egmont Ehapa, Publiziert: 2013, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89885-382-8

Shinichi Kudo ist 16 Jahre alt und ein grosser Sherlock Holmes-Fan. Trotz seines jugendlichen Alters ist er bereits ein talentierter Detektiv und hilft der japanischen Polizei so manches Verbrechen aufzuklären. Bei der Spurensuche wird er eines Tages von Verbrechern überwältigt. Sie verabreichen ihm ein mysteriöses Gift. Shinichi überlebt die Attacke, das Gift zeigt allerdings eine sonderbare Wirkung: Er verwandelt sich in ein Kind zurück. Der Meisterdetektiv schwört Rache. Unter dem neuen Namen Conan Edogawa nimmt er die Ermittlungen auf. Seine wichtigsten Ziele lauten: die alte Grösse wiedererlangen und alle Bösewichte bekämpfen.
Mit der Grösse und Kraft eines Grundschuljungen Verbrecher zu jagen, ist keine einfache Sache. Zum Glück ist sein Scharfsinn geblieben. Shinichi verheimlicht seine wahre Identität und zieht bei der hübschen Ran Mori ein, deren Vater Privatdetektiv ist. Heimlich löst er dessen Fälle und hofft an die Täter ranzukommen, die ihm das Gift verabreicht haben. Dabei wird er vom genialen Wissenschaftler Professor Agasa unterstützt, der ihn mit allerlei nützlichen Gadgets versorgt.

Die Mystery-Manga-Reihe„Detektiv Conan“ erzählt in lose zusammenhängenden Kurzgeschichten von Shinichis Abenteuern und ist irgendwo zwischen Krimi und Komödie einzuordnen. Wer auf den Geschmack gekommen ist, kann auf eine grosse Auswahl an weiteren Fällen zurückgreifen. Bisher sind 76 Bände auf Deutsch erschienen. Es gibt zudem eine Anime-Filmreihe mit einzelnen Episoden des Hobby-Detektivs.
Wer mit dem Medium Manga noch nicht vertraut ist, braucht etwas Zeit, um sich an die ungewöhnliche Leserichtung und Erzählweise zu gewöhnen. Eine kurze Anleitung informiert darüber, in welcher Reihenfolge die einzelnen Panels zu lesen sind.

Klassenstufen: 4,5,6,7,8

Ein kleiner Esel wie du und ich
Emmanuel Guibert, Illustration: Marc Boutavant
Aus dem Französischen von Annette von der Weppen
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2013, Seiten: 124, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-943143-55-3
Schlagwörter: Alltag | Schule

Ariol ist ein kleiner blauer Esel im schulpflichtigen Alter. Er lebt mit seinen Eltern am Stadtrand. Es fällt ihm schwer, morgens aufzustehen, wenn er aber auf erst mal auf Touren kommt, hat er eine blühende Fantasie. Ariol ist ein grosser Bewunderer des Superhelden Hengst Heldenhuf und manchmal möchte er auch lieber ein Pferd als ein Esel sein. Sein bester Freund ist das Schwein Ramono. Ausserdem ist Ariol ein kleines bisschen in Petula, die schönste Kuh der Klasse, verliebt. Viel mehr gibt es über Ariol nicht zu sagen, er ist einfach ein Typ wie du und ich.

Die kurzweiligen Geschichten von Ariol erzählen vom Schul- und Familienalltag, von unterschiedlichen Charakteren und ihren jeweiligen Macken. Sie sind auch als charmanter Aufruf zu einem toleranten Umgang miteinander zu lesen. Dank der grossen Schrift und der überschaubaren Anzahl Panels ermöglicht dieser Comic einen leichten Einstieg ins Medium und ist für weniger geübte Leserinnen und Leser etwa ab der vierten Klasse zu empfehlen.
Es ist ein weiterer Band mit Ariols Abenteuern erhältlich.

Klassenstufen: 4,5,6

Madame Albertine
Peyo
Verlag: Splitter, Publiziert: 2013, Seiten: 62, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86869-933-3

Benni Bärenstark ist ein kleiner, unscheinbarer Junge mit Superkräften. Er kann die stärksten Männer umhauen, höher als ein Haus springen und ganze Busse hochheben. Da es ihm im Alltag schwerfällt, seine Kräfte zu dosieren, wollen die anderen Kinder nicht mit ihm spielen. Er macht einfach viel zu viele Spielsachen kaputt.
Wie alle Superhelden hat auch Benni Bärenstark eine Schwachstelle: Wenn er sich einen Erkältung einfängt, schwinden seine Kräfte und er wird wieder zu einem braven, kleinen Jungen. Benni legt grossen Wert auf Hilfsbereitschaft und gutes Benehmen. Verbrechen aller Art verabscheut er, deshalb hat er sich dem Kampf gegen das Böse verschrieben. Die Erwachsenen nehmen ihn dabei oftmals nicht ernst, weil er eben noch ein kleiner Junge ist. Trotzdem haben die Schurken in Piepenhausen nichts zu lachen, solange Benni keinen Schnupfen hat.
In diesem Band hilft Benni bei der Aufklärung einer Serie von Banküberfällen, bei denen die Täterin eine gebrechlich wirkende alte Dame namens Madame Albertine sein soll. Sie sieht der Täterin zum Verwechseln ähnlich. Benni verhilft ihr zur Flucht aus dem Gefängnis und überführt die wahre Täterin.

Peyo, der Erfinder der bekannten „Schlümpfe“ entwickelte die Reihe um den kleinen Benni mit den Superkräften bereits in den 1960er Jahren. Nach Peyos Tod führte sein Sohn die Serie fort. Die zeitlosen Episoden haben nichts von ihrem Charme und Witz eingebüsst. Die Abenteuer von Benni Bärenstark sind inhaltlich gut verständlich und dank der chronologischen Handlung auch für weniger geübte Leserinnen und Leser problemlos nachvollziehbar. Zurzeit sind noch sieben weitere Bände von Benni Bärenstark erhältlich.

Klassenstufen: 4,5,6

Klar zum entern!!
Laurent Verron
Verlag: Eckart Schott, Publiziert: 2013, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89908-485-6
Schlagwörter: Freundschaft | Humor/Komik

Boule und Bill ist eine Familienserie um den Jungen Boule und seinen Hund Bill. Auf je einer Seite wird eine lustige Kurzgeschichte aus dem Alltag der beiden erzählt. Mit von der Partie ist auch noch die Schildkröte Fräulein Klara, die beste Freundin von Cocker Spaniel Bill. Bill ist sehr verfressen und hat eine ausgeprägte Vorliebe für Knochen. Baden hingegen verabscheut er zutiefst, die Prozedur erfordert meist den vollen Körpereinsatz der ganzen Familie. Viele Pointen spielen auf die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Gepflogenheiten von Menschen und Tieren an. In diesem Band ziehen sich Piratenspiele im Garten als roter Faden durch die Geschichten.

Das erste Abenteuer von „Boule und Bill“ erschien bereits 1959 als Beilage im belgischen Comicmagazin „Spirou“. In Deutschland wurden „Boule und Bill“ in den 1960er Jahren unter dem Titel „Schnieff und Schnuff“ in der Zeitschrift „Fix und Foxi“ bekannt. 2003 hat der Erfinder Jean Roba seine Serie an seinen Assistenten Laurent Verron übergeben, der sie im gleichen Stil weiterführt. Zurzeit sind 11 weitere Bände erhältlich. Auf Französisch liegen auch ein Film und eine Fernsehserie vor.

Leseungebübten Kindern und Jugendlichen kommt bei der Lektüre von „Boule und Bill“ entgegen, dass die kurzen Geschichten in sich geschlossen sind und unabhängig voneinander in kleineren Portionen gelesen werden können.

Klassenstufe: 4,5,6,7,8

Wie Monde so silbern
Marissa Meyer
Aus dem Englischen von Astrid Becker
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2013, Seiten: 383, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58286-6
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Schon bei den Grimms ist Aschenputtel eine souveräne Heldin. Statt darauf zu war­ten, von einem Prinzen geehelicht und in eine höhere soziale Position gehoben zu werden, führt sie den royalen Kandidaten ganz schön an der Nase herum: Wer hier wen erwählt, verläuft quer zum üblichen Geschlechterparadigma. Das ist bei Maris­sa Meyer nicht anders. Die Hauptfiguren ihrer auf vier Bände angelegten Lunar-Chroniken sind autonome, toughe jun­ge Frauen, denen nichts geschenkt wird.
Cinder in «Wie Monde so silbern» ist eine talentierte Mechanikerin und arbei­tet auf Geheiss ihrer gierigen Stiefmutter fast rund um die Uhr auf dem Markt des futuristischen Neu-Peking. Die Aschen­puttel-Parallelen sind nicht nur dank der den Kapiteln vorangestellten Grimm-Zi­ta­te offensichtlich: Gleich zu Beginn tritt Prinz Kaito an Cinders Stand und verliebt sich, ungeachtet der Standesunterschie­de. Wer nun glaubt, Meyer transferiere lediglich das Märchen in den Future Fic­tion-Trend, liegt aber falsch. Denn Cinder verfügt nicht nur über eine verblüffende Biografie, sondern über einen künstlichen Fuss, eine Audio-Schnittstelle und ein Netzhaut-Display. Sie ist eine Cyborg, und damit eine Grenzfigur im Kampf darum, wer als Mensch gelten und die entspre­chen­den Rechte beanspruchen darf. Mey­er hebt die einsame Tugend­heldin so bei aller märchenhaften Leichtigkeit auf eine neue Ebene. Und lässt sie in Band 2 «Wie Blut so rot» auf die Raumschiffpilotin Scarlet treffen, die so unerschrocken ist wie ihr «Vorbild» Rotkäppchen. Und sich trotz der erotischen Gefühle für den Streetfighter Wolf nicht von ihrer Mission ablenken lässt, die entführte Grossmutter zu retten. Was entsteht, ist eine Utopie weiblicher Solidarität – die hoffentlich wächst, wenn im dritten Band die in einem Satelliten gefangene Hackerin Cress (Ra­pun­zel) zum Team stösst.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/14, S. 34

Es gibt Dinge, die kann man nicht erzählen
Kirsten Boie
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2013, Seiten: 111, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-2019-7

Afrika wird in der Literatur und den Massenmedien oft als «HIV-Kontinent» dar­gestellt, entsprechend behandeln viele Bücher für Jugendliche die Themen «Aids» und «Afrika» gleichzeitig. Doch nicht alle tun das auf die gleiche Weise: Der in Südafrika beheimatete Lutz van Dijk begleitet «seine» Kinder im von ihm gegründeten Heim für Aids-Waisen nahe Kapstadt im Jugendsachbuch «African Kids» (2012). Of­fen und ehrlich erzählen darin die Kin­der selbst ihre oft traurigen Schicksale und gleichzeitig erklärt der Autor Begriffe wie HIV und Aids in einfachen Worten. Auf Fotos sind Kinder zu sehen, die trotz allem positiv in die Zukunft sehen.
Die in Kirsten Boies Büchlein vereinten Geschichten über Kinder aus Swasiland hingegen sind nicht nur traurig, sie überfordern bisweilen sogar den erwachsenen Lesenden. Es ist schwierig, etwas zu fin­den, was Hoffnung zulässt. Ein Mädchen zum Beispiel muss sich prostituieren, um ihrer Schwester Schuhe für die Schule zu kaufen. Sie weiss, dass sie sich damit unter Umständen mit «der Krankheit» ansteckt. Das Buch, in der gepflegten, poetischen Sprache Boies geschrieben, erzählt aus Sicht der Kinder in der dritten Person. Diese Erzählperspek­tive wird durch eine übertriebene Fokus­sie­rung auf die Unwis­senheit der Kinder verstärkt. Das wirkt oft unglaubwürdig, etwa wenn von «weissen Tou­ris­ten, die kleine Kästen, mit denen sie aus den fahrenden Busfenster klicken, tragen» die Rede ist .
Die Art, mit der die renommierte deut­sche Autorin, die sich in Swasiland mit Projekten engagiert, den von Aids betrof­fe­nen Kin­dern eine Stimme gibt, löst beim Lesen zwangsläufig Mitleid mit den «ar­men afri­ka­ni­schen Kindern» aus – und Abscheu für das Versagen eines ganzes Kontinents. Letztlich schafft dies Distanz. Den Kin­dern bei van Dijk fühlt man sich näher.

Roger Meyer
Buch&Maus 1/14, S. 34

Emma
Jutta Bauer
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2012, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Alltag | Spiel

In der App «Emma isst» wird jede Doppelseite aus dem gleichnamigen Pappbuch zu einer von sieben Spielwiesen erweitert. Die kurzen, gereimten Texte werden von einer Kinderstimme vorgelesen. Die Bilder enthalten einfache, abwechslungsreiche, kleine Interaktionsangebote. Animiert durch schöne Soundeffekte lässt sich so viel entdecken und wer denselben Gegenstand wiederholt antippt, wird auch mal überrascht! Die Kapitel können nacheinander oder direkt über das Menü in Deutsch oder Englisch abgespielt werden. Das drollige Bärchen Emma erlebt in der Pappbuchreihe von Jutta Bauer viele weitere Alltagsgeschichten. So kann das gemeinsame Entdecken auch ohne Strom weitergehen.

Der Rauhe Berg
Einar Turkowski
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0625-7
Schlagwörter: Natur

Einar Turkowskis Bilderbücher sind Wun­derwerke im Ausloten der Nuancen zwi­schen Schwarz und Weiss. Der Illustrator und Autor aus Kiel arbeitet fast ausschliesslich mit Bleistiftminen des Härte­grads HB; für sein erstes Bilderbuch «Es war finster und merkwürdig still» (Atlantis 2005) brauchte er 400 Stück davon. Auch in seinem neuen, schmal hochfor­ma­tigen Bilderbuch «Der Rauhe Berg» tau­chen die skurrilen Hybridwesen, halb Tier, halb Maschine, aus seinen früheren Wer­ken wieder auf, doch diesmal ist es, da verspricht der Titel nicht zu viel, der Berg mit seinen Mikro- und Makrostrukturen, aus denen sich Formen und Zeichen entwi­ckeln, geschrieben in einer Schrift, die noch entziffert werden muss.
«Sieh, wenn du kannst», fordert ein Schild den Mann auf, der es wagt, sich in die unheimlichen Zonen des sagenum­wo­be­nen Rauhen Bergs hineinzube­wegen. An die Aussicht – die Horizonte, die sich vom Gipfel ausweiten könnten – denkt er gar nicht, und genau das ist wohl das Geheimnis: All die furchterre­genden Geschichten, die sich die Men­schen über den Berg erzählen, lässt er hinter sich, um Schritt für Schritt mit eigenen Augen zu schauen. Zum Beispiel die «undurchdringliche Schwärze». Zwielichtige Gestalten, mun­kelt man, würden in den dunklen Spal­ten lauern. Doch unser Mann schaut hin, in die Dunkelheit, die Turkowski wie kaum ein anderer zum Leuchten zu brin­gen versteht, und entdeckt Lichter, Later­nen, die «den Pfad immer nur so weit beleuchteten, wie es notwendig war, einen weiteren Schritt zu tun».
«Der Rauhe Berg» erzählt nicht nur von dieser Entdeckungsreise, er lässt sie die BetrachterInnen auch nachvollziehen. So lässt sich das Bilderbuch, All Age im besten Sinne, als Schule des Sehens und als Para­bel auf die Suche von KünstlerInnen lesen.
Christine Lötscher, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 28

Was macht die Katze in der Nacht?
Katrin Wiehle
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-79453-6

Die Illustratorin Katrin Wiehle hat bereits im letzten Jahr mit ihrem gelungenen Debüt von sich reden gemacht. «Professor Pfeffers tierische Abenteuer» hat den Nach­­­wuchspreis 2011 der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur in Volkach bekommen und wurde von der Stiftung Buchkunst prämiert. Die Begrün­dung, sie «hat mit ihrer besonderen digi­talen Technik und mit der durchgehend in Erdfarben gehaltenen Tönung ein Bilderbuch von aussergewöhnlicher ästheti­scher Qualität geschaffen», passt so auch auf ihr neuestes Werk.
Wiederum fällt als erstes die originelle Gesamtgestaltung auf. Auf dem Cover sind in unterschiedlichen Farben und Typografien die Gedanken des Jungen Lud­wig in einer weissen Sprechblase zu lesen: «Was macht die Katze in der Nacht?» Die Illustratorin versucht aus Sicht eines Kin­des die Frage zu stellen, was die Nacht über so alles passieren mag.
Das Besondere an diesem Bilderbuch ist, wie der nächtliche Streifzug des Tieres auf den Doppelseiten umgesetzt wird: Aneinandergereiht sind die Häuser der Stras­se von Nummer 1 bis 15c. Am unteren Bildrand verläuft die schmale, in Paar­reimen gehaltene Textspur, und auf den Bildern gibt es jede Menge Nächtliches zu sehen – die Katzenparty auf dem Dach, in den Fens­tern eine Krankenschwester, die zur Arbeit geht, oder ein Imbiss, der noch bis 24 Uhr geöffnet hat. Zu ihrer Technik erklärt Katrin Wiehle: «Alle Bilder sind zuerst komplett als Bleistiftzeichnung entstanden, die dann digital koloriert wurde. Dabei ist mir wichtig, dass der handge­machte Duktus erhalten bleibt.» Auf die weiteren Bilder­bücher darf man gespannt sein, und ein Blick auf die Website lohnt sich: www.katrinwiehle.de.
Antje Ehmann, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 28

Rita
Heinz Janisch, Illustration: Ingrid Godon
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8270-5501-9
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein

Das Mädchen mit der roten Badekappe

Heinz Janisch und Ingrid Godon sind für ihre Bilderbücher schon mit vielen Auszeichnungen bedacht worden. Mit «Rita» legen der in Wien lebende Autor und die Illustratorin aus dem belgischen Lier nun ihr erstes Gemeinschaftswerk vor. Es erzählt eine mehr oder weniger alltägliche Geschichte: Ein kleines Mädchen steht auf dem Drei-Meter-Brett. Lange schaut es auf das Wasser unter sich. Dann klettert es die Leiter wieder hinunter. Wenig später auf dem Ein-Meter-Brett das gleiche Spiel: «Sie schaute lange aufs Wasser. Dann nahm sie die Leiter.»
Als das Mädchen kurz darauf vom Beckenrand ins Wasser gleitet, ruft ein Junge ihr laut «Feigling!» hinterher. Das Mäd­chen schaut ihn an, antwortet ganz ruhig: «Fische springen nicht von Türmen» – und beeindruckt damit nachhaltig. Nicht nur den Jungen am Beckrand. Auch den Ich-Erzähler. Und uns LeserInnen.
Manchmal beweist es mehr Mut und Stärke, etwas NICHT zu tun, als den Erwartungen, die an einen gestellt werden, zu entsprechen. So lautet die Botschaft dieses stimmungsvollen Bilderbuches. Go­dons in (Chlorwasser-)Grün-, Braun- und Grautönen kolorierte Kreidezeich­nun­gen – Ritas leuchtend rote Badekappe hebt sich auffällig ab und lenkt den Blick auf das ausdrucksstarke Gesicht des Mäd­chens – haftet etwas Collageartiges an. Ebenso wie Janischs Text sind sie auf das Wesentliche reduziert und wirken dadurch umso intensiver.
«Rita» ist ein Buch, das man nicht müde wird anzuschauen: Weil es berührt und zum Gespräch auffordert. Ist es mutig, Dinge zu tun, vor denen man Angst hat? Oder nur dumm? Und worin liegt der Unter­schied?
Andrea Duphorn, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 28

Kunterbunt von Kopf bis Fuss 
Seung-Eoun Moon, Illustration: Suzy Lee
Aus dem Koreanischen von Andreas Schirmer
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2012, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5408-2
Schlagwörter: Spiel

Mama ruft. Mira und Dongsu sollen ein Bad nehmen. Doch die beiden Kinder haben Besseres vor, denn soeben haben sie in einer Truhe einige Farbtöpfchen und Pinsel gefunden. Neugierig probieren sie beides aus, so wird Mira mit ein paar Pinselstrichen zur Katze, Dongsu zum Indianer. Das fröhliche Spiel kann beginnen. Aus den Kleidern geschlüpft, die sollen ja nicht dreckig werden! Schon sind die Farben in alle Richtungen gekleckst. Eine Geschichtenwelt mit Bootsfahrt und Lan­dung auf einer Dschungelinsel ist die Fol­ge ihres Farbenspiels – bis Mamas zweite Aufforderung die Kinder aus dem Fanta­siespiel zurück in die nun von ihrem Farbabenteuer gezeichnete Realwelt holt.

Ma­ma wartet schon im Badezimmer und macht grosse Augen, als sie ihre bei­den prächtig verkleckerten Sprösslinge sieht. Sichtlich amüsiert lässt sie sich vom Spiel der beiden anstecken, und zusam­men geniessen sie ein fröhliches Bad.

Die Geschichte ähnelt vom Aufbau her stark Suzy Lees «Schatten» (B&M 2/2011), steht doch die kindliche Fabulierlust wie­der ganz im Zentrum. Die neue Geschichte ist allerdings einfacher zu erfassen. Der rahmende Ruf der Mutter erinnert an Sendaks «Wo die wilden Kerle wohnen». Die Illustration ist so einfach wie genial: In die reine Schwarzweisszeichnung zu Beginn fliesst durch wilden Pinselstrich und Collage immer mehr Farbe, sichtbar glei­ten die Kinder von der Realwelt in ihre Fantasiewelt über. Gleichzeitig nehmen die Elemente des Kinderzimmers immer weiter ab, bis die Geschichte in einer gänz­lich textlosen Dschungel­welt kulminiert. Nur um auf der nächsten Seite, ausgelöst durch Mamas Rufe, wieder in die – nicht mehr vollständig zum Schwarzweiss zurückgekehrte – Realwelt überzugehen.

Barbara Jakob
Buch & Maus 1/2012, S. 29

Ein Mammut im Kühlschrank
Michaël Escoffier, Illustration: Matthieu Maudet
Aus dem Französischen von Anja Bauseneick
Verlag: Boje, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-414-82318-2
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Fantastik/Fantasy

Was verbirgt sich eigentlich hinter Kin­derzimmertüren, auf denen ein de­zen­­tes Hinweisschild den Zutritt verbietet?

Doch von vorn: Als Lukas eines Morgens im Kühlschrank ein Mammut entdeckt, will ihm zuerst niemand glauben. Dann aber kommt Leben in die Familie: Papa hält die Kühlschranktür zu, Mama zückt das Handy, die Feuerwehr muss herbei und das Mammut fangen. Das stürmt in Panik aus der Wohnung und mit herrli­chem «kataklop, kataklop» die Strasse ent­lang und auf den nächsten Baum. Soll man es da jetzt runterholen? Die Feuerwehr fühlt sich nicht zustän­dig und zieht ab, um einen Brand zu lö­schen. Und Papa findet auch, dass das Mammut jetzt eigentlich nicht mehr sein Problem sei. So kommt die Nacht – und mit der hereinbrechenden Dunkelheit auch eine kleine Person, der man bis dahin im ganzen Buch kaum Beachtung geschenkt hat: Lukas’ kleine Schwester Lena. Erst auf den letzten Seiten stellt sich heraus, dass sie von Anfang an eine Antwort auf die vielen unausgesprochenen Fragen hatte: Wie kam das Mammut in den Kühlschrank? War es allein? Wo kam es her? Was wollte es dort?

Matthieu Maudet hat Michaël Escof­fiers witzige Bilderbuchgeschichte sparsam illustriert. Aus den überwiegend in Blau- und Gelbtönen gehaltenen Bildern sticht die knallrote Doppelseite, auf der das Mammut die Flucht ergreift und dabei die Feuerwehrmänner in ihrem eigenen Netz fängt, heraus. Der eigent­liche Clou dieser fantastischen Gutenachtgeschichte zum Träumen und Weiterspinnen kommt leise und unauffällig daher, macht aber grossen und kleinen Bilderbuchbetrach­terInnen irrsinnigen Spass!

Maren Bonacker
Buch & Maus 1/2012, S. 29

Steht im Wald ein kleines Haus
Jutta Bauer
Verlag: Moritz, Publiziert: 2012, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-247-9

Hase, Fuchs und Jäger – ein traditionsrei­ches Trio in der Kinderliteratur, das mit Tricks und Kniffen immer wieder das Thema Fressen und Gefressenwerden il­lus­triert. In Jutta Bauers neuem Pappbil­der­­buch wird der Reigen noch um ein ebenso mutiges wie grossherziges Reh er­wei­­tert. So wird das Fabelhafte nicht nur gegen den Strich gebürstet, sondern auch zur überraschenden Friedensutopie ausgeweitet. Grundlage ist das Kinderlied «Steht im Wald ein kleines Haus», das die vielfach ausgezeichnete Illustratorin hier durch zwei pfiffige Verse ergänzt. Weil Hauptprotagonist Reh nämlich nicht nur stolzer Besitzer eines eigenen Häuschens ist, son­dern auch ausgesprochen hilfsbereit, bie­tet es nacheinander Hase und Fuchs Asyl, die beide in Todesangst vor dem Jäger flie­hen. Köstlich, wie das Häschen vor Bam­mel schnattert, als es dem Fuchs seine Zitter­pfote reichen soll. Zu köstlich, wie die drei auf dem nächsten Bild Karten spielen und unser Hasenfuss schon wie­der quietschvergnügt die Klap­pe aufreisst…
Sind schon Hase und Fuchs äusserst widersprüchliche Tischgenossen, so setzt Jutta Bauer im dritten Vers noch einen drauf: Wieder klopft es an der Tür, und dieses Mal steht der Jäger selbst davor. «Hilfe, Hilfe, grosse Not, sind vor Hunger schon halb tot!», jault er auf Knien. Tja, da ist guter Rat teuer. Doch wer, wie das Reh, ein echter Friedensaktivist ist, der kriegt das mit gewaltfreier Kommuni­ka­tion und einem leckeren Gugelhupf locker hin. Eingängige Reime, stimmungsvolle Sze­­­­na­rien in leuchtenden Farben und eine Story, die es in sich hat – so rund kann eine Friede-Freude-Eierkuchenge­schichte für kleine Leute sein! Und das ganz ohne pä­dagogische Zeigefingerei.
Marion Klötzer, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 30

Ida, Paul und die fiesen Riesen aus der Dritten
Mikael Engström, Illustration: Helena Willis
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2012, Seiten: 121, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-23890-9
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Mikael Engström ist kein zimperlicher Autor. Seine Jugendromane erzählen von Jugendlichen, die in prekären sozialen Verhältnissen aufwachsen und sich mit gewalttätigen Eltern und MitschülerInnen sowie einem rigiden Sozialstaat auseinandersetzen müssen. Ida und Paul, die HeldInnen seines ersten Kinderbuches, sind in dieser Hinsicht besser dran: Die beiden Sechsjährigen leben «ganz nor­mal» mit Mama und Papa, Bruder (Ida) und Schildkröte (Paul). Wobei «ganz normal» bei Engström erwartungsgemäss seine Tücken hat: Idas Eltern streiten viel und überlassen Ida die Verantwortung für den hyperaktiven Bruder. Pauls Eltern leben ein Familienmodell, das herkömmliche Rollenmuster über den Haufen wirft. Zuerst findet Ida das beknackt, doch dann geniesst sie die Zimtschnecken, die Pauls Papa in rosa Schürze bäckt. Auch Pauls rosa Turnschuhe findet Ida nicht uncool, doch, pragmatisch wie sie ist, sieht sie den Ärger kommen.
Engström erzählt für jüngere Kinder ge­nauso witzig wie für Jugendliche – und genauso unzimperlich. King und Kong, die «fiesen Riesen», die Paul wegen seiner rosa Turnschuhe verprügeln, kennen keine Gnade – hier schont der Autor seine Leser­Innen nicht. Er mutet ihnen sogar zu, über die Gründe nachzudenken. Dafür zeigt er originelle Lösungen auf. Gerade, weil er die Verhältnisse auf dem Schulhof nicht verharmlost, nimmt Engström die Ängste der Kinder ernst. Und begegnet ihnen mit dunkelschwarzem Humor, der befrei­ende Lachanfälle provoziert.
Christine Lötscher, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 30

1000 Gründe, warum ich unmöglich nach Portugal kann
Katja Alves
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2012, Seiten: 174, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-82012-9
Schlagwörter: Freundschaft | Familie/Familienformen | Kulturen

Filipas besondere Überraschung zum elften Geburtstag stellt sich mitten wäh­rend der Feier als absolute Katas­trophe heraus: Sie bekommt zwar den Hund, den sie sich über alles gewünscht hat – aber sie bekommt ihn in Portugal. Ihr Vater hat kurzerhand beschlossen, in seine Heimat zurückzukehren und will überhaupt nicht verstehen, dass dieses «zurück» auf seine in der Schweiz aufgewachsene Tochter ganz und gar nicht zutrifft. Für Filipa bedeutet es, aus ihrem gewohnten Kul­turkreis herausgerissen zu werden, ihre besten Freundinnen und ihre Lieblingslehrerin zurücklassen zu müs­sen. Zusam­men mit ihrer Freundin Nele heckt sie nun einen Plan nach dem anderen aus, um den drohen­den Umzug abzuwenden. Papa mit der Lehrerin verkuppeln, damit er aus Liebe in Neustadt bleibt? Die Nachmieter vergraulen? Oder einfach abhauen?
In «1000 Gründe, warum ich unmöglich nach Portugal kann» erzählt Katja Alves mit der gerade richtigen Prise Humor und allem nötigen Ernst von einer unabwendbaren Situation, zwei verzweifelten Mäd­chen und ihren überaus einfallsreichen Versuchen, ihr Leben zu retten. Dabei über­zeichnet sie liebevoll den sardinengrillenden portugiesischen Vater und seine übereifrige Schwester, und gibt klei­ne Einblicke in portugiesische Besonder­heiten. Obwohl Filipa den Umzug nicht verhindern kann, führt die Autorin diese authen­tische, lesens- und liebenswerte Fami­lien- und Freundschaftsgeschichte zu einem überzeugenden Happy End, das zeigt, wie sich Probleme lösen lassen kön­nen, wenn Kindersorgen ernst genommen werden.
Maren Bonacker; Buch & Maus Heft 1/2012, S. 31

Waldo und die geheimnisvolle Kusine
Catharina Valckx
Aus dem Französischen von Julia Süssbrich
Verlag: Moritz, Publiziert: 2012, Seiten: 86, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-244-8

Ein Buch für Erstleser, davon ist Moritz-Verleger Markus Weber überzeugt, dürfe kein bisschen weniger spannend, witzig und lebendig sein als ein Roman für Erwachsene. Höchstens noch besser, könnte man ergänzen, denn wer gerade Lesen gelernt hat und nur auf den Knopf zu drücken braucht, um Geschichten im Film oder Hörbuch erzählt zu bekommen, benötigt einen guten Grund, um die Strapaze des Lesens auf sich zu nehmen. Das neue Buch von Catharina Valckx aus der Erstlesereihe im Moritz-Verlag erfüllt diese Kriterien bravourös und ist erst noch ein Must für alle Erwachsenen, die Non­sense lieben.
Für Waldo, den Bären, wäre es Zeit für den Winterschlaf. Doch lieber als Ruhe möchte er Aufregung. Ein Glück, dass sein Freund Rudi, der Hase, einen Brief von Kusine Jenny bekommt. Sie ist eine Muschel und wohnt am Meer, wo Waldo schon immer einmal hinwollte. Dort erfährt er, warum ein Hase eine Muschel zur Kusine haben, warum ein Tisch böse und ein Prinz ein Wildschwein sein kann, und dort bringt er alles wieder ins Lot.
Der Humor steckt in der Sprache und in den Bildern, etwa wenn Jenny, von einer bösen Hexe verzaubert, mit ihren schönen Muschelaugen zu Waldo aufschaut und sagt: «Die Vorstellung, den Rest meines Lebens an einem Felsen zu kleben, bringt mich zur Verzweiflung. Ich habe eine Kanin­chenseele, verstehst du, ich will herum­hoppeln.»
Bei all den Verrücktheiten finden sich junge LeserInnen bestens zurecht, weil sie die Märchenstruktur kennen, mit der Catharina Valckx ihr freches und virtuoses Spiel treibt: Auf so skurrile Weise wurde noch nie eine Prinzessin erlöst.
Christine Lötscher, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 31

Das Herz der Puppe
Rafik Schami
Verlag: Hanser, Publiziert: 2012, Seiten: 184, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-23896-1

Als Nina die alte Puppe auf dem Flohmarkt entdeckt, weiss sie sofort, dass die genau das ist, wonach sie schon lange gesucht hat. Seit die Neunjährige mit ihren Eltern umgezogen ist und die Schule gewechselt hat, fühlt sie sich oft einsam.
Widu ist eine ganz besondere Puppe. Das Beste an ihr ist, dass man in ihrer Gegenwart jegliche Angst verliert. Denn sie ernährt sich von Angst, saugt sie einfach genüsslich weg. Ganz besonders ist auch die Beziehung zwischen Widu und Nina: So besonders, dass Widu sich am Ende sogar ein Herz wünscht, um Nina, die mit einer Lungenentzündung im Kran­ken­haus liegt, das Leben retten zu können. Dabei ist ein Herz doch das gefährlichste, das sich eine Puppe wünschen kann! «Eine Puppe mit Herz? Nein, das kam überhaupt nicht in Frage! Dann würde sie ja älter werden müssen und am Ende noch ster­ben.»
Mit «Das Herz der Puppe» begibt sich Rafik Schami auf ungewohntes Terrain: das der bestens zum Vorlesen geeigneten Kurz-Kurz-Geschichte(n). Episoden­haft reiht er sie aneinander, 39 Szenen, manch­mal auch nur Momentaufnahmen aus dem Alltag eines Mädchens, die von der Sehn­sucht nach Freunden, dem Besuch beim Zahnarzt oder Missverständnissen erzählen, manchmal aber auch vom Tod, dem «klaren Glück an einem trüben Tag», von Träumen oder dem Zwiespalt zwi­schen Erwachsenwerden und Kindblei­ben.
Fans des grossen «Erzählers der Nacht» mag die knappe Erzählform enttäuschen. Dem Zauber von Schamis bildreicher, poe­tischer Sprache werden sich dennoch die wenigsten entziehen können. Ebenso­we­nig wie Kathrin Schärers wunder­bar stim­mungsvollen Bleistift­zeichnungen .
Andrea Duphorn, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 32

Gutenachtgeschichten am Telefon
Gianni Rodari
Aus dem Italienischen von Ulrike Schimming
Verlag: Fischer, Publiziert: 2012, Seiten: 204, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-596-85481-3
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen | Fantastik/Fantasy

«Nichts ist so gut wie das Lachen geeignet, dem Kind zu helfen, aus dem Gefängnis beunruhigender Eindrücke und neuro­ti­scher Grübeleien auszubrechen», schrieb Gianni Rodari 1973. Mit seinem berühm­testen Buch «Favole al telefono» (1962) reihte sich Rodari nicht nur in eine italienische Tradition fantastischer Erzähler ein, er wurde auch zu einem Fürsprecher für die antiautoritäre Pädagogik dieser Zeit, die dem Kind seine archaischen Ge­lüste und Freuden zugestand. Und er wur­de zum Kinderbuchautor. Der Band «Gute­nacht­geschichten am Telefon» ent­hält ge­gen 80 kurze Geschichten, die ein Vater seiner kleinen Tochter von unter­wegs übers Telefon erzählt, damit diese ein­schla­fen kann – so die Rahmen­fiktion.

Der Klassiker ist nun ungekürzt, in neuer Übersetzung und illustriert von Anke Kuhl wieder erhältlich. Gelegenheit, die Geschichten vom «furch­t­bar zerstreu­ten Giovanni», der von einem Spa­ziergang mit nur einem Bein und ohne Arme und Ohren zurückkommt, wiederzulesen, oder jene von den Kindern einer Stadt, die ihre Zerstörungswut am «Kaputtmachhaus» auslassen und damit die Freude am Kaputtmachen auch bei den Honoratioren der Stadt wecken. Es han­delt sich um lustige, absurde oder traurig­komische Ideen (oft auch mit einer eindeutigen Moral), die rasch in eine Form gegossen wurden, um den Zauber des Spontanen einzu­fangen. Und das gelingt zumeist. Für Kinder bieten manche dieser Geschichten wahre Lustorgien: Da werden Strassen aus Schokolade und Häuser aus Eiscreme aufgegessen, da wird dem König ganz un­ge­niert an die Nase gefasst, mit dem Liegestuhl in der Luft geschwebt und mit einem Fahrstuhl auf den Mond geflogen. Einfach so.

Gerda Wurzenberger
Buch & Maus 1/2012, S. 32

Ich, Jonas, genannt Pille, und die Sache mit der Liebe
Brigitte Werner
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2012, Seiten: 308, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-2470-7
Schlagwörter: Liebe | Familie/Familienformen

Weshalb Papa plötzlich weg ist, kann sich Pille nicht erklären: «Und ich darf auf keinen Fall Mama danach fragen, denn dann klappt sie alle Fenster in ihrem Gesicht zu und sämtliche Türen gleich mit.» Ausserdem leidet der Elfjährige unter Asthma, vermisst Oma im Himmel und ist wütend, dass Opa in ein Altersheim gesteckt wird.
Als Pille Lilli – das geheimnisvolle Elfen­mädchen vom Fahrradzusammenstoss – wiedertrifft, hat er derartige Angst, von ihr blöd gefunden zu werden, dass seine Stim­me barsch wird, obwohl er liebe Worte sagen möchte. Da taucht die Stimme von Oma in ihm auf: Pille, sei wie du bist! Und das tut Pille. Schliesslich tanzt er mit Lilli sogar durch das einst vor Emotionslosigkeit erstarrte Altersheim. Doch Papa lässt sich Zeit mit dem Zurückkommen. So lange, bis Pille seiner Wut Luft macht, statt geduldig um Familienzu­sam­menhalt zu bitten. Zu kämpfen, aber den unveränderbaren Dingen ihren Lauf zu lassen, das hat ihn sein geliebter Opa gelehrt – den Pille schliesslich für immer loslassen muss.
Themen wie Enttäuschung, Verlassenheitsgefühl und Sterben lässt die Autorin ihre Figuren auf optimistische Weise anpacken. Humorvolle, manchmal philoso­phische Gespräche eröffnen eine Welt kreativer Denkweisen. Zum Beispiel wenn es um die richtige Schuhwahl geht: Für das Leben kannst du zu grosse Schuhe tragen, worin du stolperst, oder zu kleine, die drücken, «oder du trägst sie einem anderen zuliebe und gewöhnst dich so sehr an sie, dass du gar nicht mehr weisst, welche du dir selber ausgesucht hättest». So ist die Liebes- und Familiengeschichte auch ein Plädoyer dafür, eigene Stärken zu entdecken und auszukosten.
Anna Wyss, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 32

Herzsteine
Hanna Jansen
Verlag: Hammer, Publiziert: 2012, Seiten: 206, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0374-3
Schlagwörter: Kulturen

Weltweite Vernetzung – und somit das «Näherrücken» verschiedener Konti­nen­te, Menschen und deren Kulturen stehen im Mittelpunk der beiden Jugendromane «Schöne Khadija» und «Herzsteine», die Lebensentwürfe in und zwischen Europa und Afrika darstellen. Gillian Cross, Autorin des ersterwähnten Werks, meint dazu im Vorwort: «Durch E-Mail, Telefon und das grosse Spinnennetz der Medien, das die ganze Welt umspannt, sind wir alle miteinander verbunden. Und genau dort spielt diese Geschichte auch: auf der ganzen Welt.» Der Originaltitel «Where I belong» formuliert, was die zwei Bücher verbindet: Wohin gehöre ich?
Zwischen den Kulturen und Ländern stehen beispielsweise Khadija, Abdi und Freya, aus deren Perspektiven in «Schöne Khadija» abwechselnd erzählt wird: Die 13-jährige Khadija ist ein bildschönes so­malisches Mädchen. Um Geld zu verdie­nen, wird sie von ihrem Vater nach London zu einer Familie geschickt. Der 14-jährige Abdi, somalischer Abstam­mung und in London lebend, ist Teil der Familie der berühmten Modeschöpferin Sandy Dex­ter, die Khadija aufnimmt. Im Verlaufe des Romans begleitet Abdis Familie (der Vater war einst als Kriegsfotograf in Ruanda und Somalia unterwegs) die schöne Khadija nach Somalia, wo sie als Modell über einen improvisierten Laufsteg stol­zie­ren soll. Zur gleichen Zeit wird Kha­dijas Bruder in Somalia entführt und ihre Fa­milie erpresst.
In «Herzsteine» erzählt Hanna Jansen von Sam, einem 16-jährigen deutschen Jungen, dessen Mutter aus Ruanda stammt, Zeugin der unerhörten Geschehnisse des ruandischen Völkermords von 1994 wurde und nun zurückgezogen und schweigsam lebt. Doch auch um die Ehe der Eltern scheint es nicht zum Besten bestellt zu sein. In eingeschobenen Se­quen­zen bricht die Mutter Nkulikiyinka ihr Schweigen und erzählt aus ihrem Le­ben, so dass die LeserInnen schon bald mehr über Sams Mutter wissen als Sam selber. Überstürzt beschliesst Nkulikiyinka eines Tages, nach Ruanda zu reisen – Sohn und Ehe­mann folgen ihr. Sam lernt dabei die Heimat seiner Mutter kennen und begibt sich mit ihr nach Gisozi, zur Gedenkstätte für die Opfer des Völkermordes, unter de­nen sich auch Nkulikiyinkas Familie be­findet. Hin- und her­ge­rissen fühlt sich Sam, besonders, als er erfährt, dass sich seine Eltern trennen und seine Mutter beschliesst, vorläufig in Ruanda zu bleiben, um ihre Vergangenheit zu verarbeiten.
In beiden Romanen finden sich Aspekte der Hybridisierung, wie sie zum postko­lonialen Diskurs gehören: Wel­ten treffen aufeinander und ver­schmel­zen. Zweifel­los präsentieren sich die zwei Jugendromane als handlungs-, detail- und gar actionreiche Stories. Leider verfallen aber die erzählenden Protagonisten ab und zu in künstlich naive Schilderungen: zum Beispiel, wenn Sam im ruandischen Fern­se­hen eine Gruppe traditioneller Tänzer betrachtet, die «mit Speeren herumfuch­teln und sich aufführen, als ob sie mitten in einem wilden Kampfgetümmel steck­ten». Oder wenn Khadija bei der Rückkehr in ihre Heimat am liebsten «den heissen Sand unter ihren Füssen gespürt hätte» und der Vater von Freya das «richtige Afrika riecht».
Dann steigt den LeserInnen eher ein Hauch verklärter Folklore in die Nase, der den weltoffenen Blick auf das «Näherrücken» verschie­dener Konti­nen­te, Men­schen und deren Kulturen etwas zu trüben scheint.
Roger Meyer, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 33

Der Raub des Bücherschatzes
Katja Behrens
Verlag: Hanser, Publiziert: 2012, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-23887-9
Schlagwörter: Historisches | Religion

Jacobe hat Glück im Unglück: Ihre ganze Familie wurde von der Pest dahingerafft, sie aber wächst beim Bibliotheksdiener der berühmten Palatina in Heidelberg auf und darf Lesen und Schreiben lernen, Latein und Griechisch. Bis Graf Tilly, Heerführer der katholischen Liga, 1622 die protestantische Stadt erobert: Jacobe wird vergewaltigt. Von diesem Tag an verkleidet sie sich als Junge, um Arbeit zu finden. Ihre Bildung öffnet ihr viele Türen, und so dient sie schon bald dem jesuitischen Gelehrten Leone Allacci, der die wertvolle Bibliothek im Auftrag des Papstes nach Rom schaffen soll. Mit einer Karawane von 200 Maul­tieren überquerte der historisch verbürgte Allacci die Alpen. Seine Abhandlung «De graecorum hodie quorundam opina­tio­ni­bus» gehört zu den ersten Studien über Vampire und Vampirismus überhaupt.
Katja Behrens, bekannt für ihre Jugend­bü­cher, die sich mit jüdischer Geschichte auseinandersetzen, stellt Allacci ins Zentrum ihres neuen Romans, und erzählt die Geschichte des Bücher­trans­ports als ge­nau und kompe­tent recher­chier­ten historischen Roman. Vampire, Zau­berer und Kräuter­hexen galten in der frühen Neuzeit höchstens gelehrten Protestanten als fan­tastische Figuren; für Jacobe und Allaci sind Vampir­bisse so real wie Stigmata und die Wun­der­kraft der Reli­quien.
«Der Raub des Bücherschatzes» ist ein ebenso lehrreiches wie religionskritisches Buch. Dass es manchmal, wenn es um Jacobes Liebes- und Lebensträume geht, etwas rührselig anmutet und dass die vielen Shakespeare-Zitate oft mehr Pathos verströmen als zum Verständnis der frühneuzeitlichen Geistesgeschichte bei­zutragen, verzeiht man dem packenden Roman mit etwas Zähneknirschen.
Christine Lötscher, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 34

Unsere goldene Zukunft
Benny Lindelauf
Aus dem Niederländischen von Bettina Bach
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2012, Seiten: 464, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8270-5480-7
Schlagwörter: Alltag

Eine goldene Zukunft leuchtet der holländischen Finn entgegen, da sie nicht wie andere Mädchen in der Fabrik arbeiten, sondern Lehrerin werden soll. Doch plötz­lich steht Liesl da: Dem frem­den Mädchen aus Deutschland soll Finn eine Freundin sein, was sich als unlösbare Herausfor­derung entpuppt. Und dann taucht Liesl nicht mehr auf, dafür die Frage: Ist es wirklich eine Ratte, die Grossmutter Omm Maij im Keller versteckt hält?
Ein Städtchen in Holland um 1940: Deutsche Soldaten marschieren durch die Strasse und am Rathaus hängt die Fahne mit dem Hakenkreuz. «Wenn man die Au­gen ein wenig zukneift, kann man einfach so am Krieg vorbeischauen, dachte ich.» Doch als ihre Brüder festge­nommen wer­den, Lebensmittelmarken ausgehen und ihr Freund für die Schwarz­mäntel Zei­tun­gen austrägt, nimmt Finns Kindheit ein Ende: «In einer Welt, in der alte Nieh­züüg-Verkäufer zusammengeschla­gen wur­­­­den, (…) und in der angeblich be­freundete Län­der unsere Städte bombar­dierten, war kein Platz mehr für Hausgeister.»
Nach dem ersten Teil der Familiensaga «Das Gegenteil von Sorgen» (2007) erzählt Benny Lindelauf in «Eine goldene Zukunft» auf berührende Weise die Geschichte eines Mädchens im Holland des Zweiten Weltkriegs. Von Zukunftsträu­men bis zur ersten Verliebtheit identi­fi­zieren sich die LeserInnen mit Finns Ge­danken und Gefühlen – um sich schliesslich mit ihr von den Auswir­kun­gen des Krieges überrascht, überfordert und bald verzweifelt wiederzu­finden. Und sich am Ende von Finns Durch­haltevermö­gen die Augen ordentlich öffnen zu lassen.
Anna Wyss, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 34

Pampa Blues
Rolf Lappert
Verlag: Hanser, Publiziert: 2012, Seiten: 251, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-23895-4
Schlagwörter: Pubertät

Bens Leben liest sich wie das Pendant zu einem öden Sonntagnachmittag – zäh und verkatert, fade gewürzt mit Schuld­gefüh­len und von na­gender Sehn­sucht nach Farbe und Bewegung überlagert. Nach dem frühen Tod seines Vaters und der aufblühenden Blues-Karri­ere sei­ner Mutter sitzt der 16-Jährige mit dem demenz­kran­ken Grossvater Karl in einem gottverlas­senen Nest in der deutschen Pampa fest, dessen Ortsname Wingroden mit wenig Fantasie in «Nir­gend­wo» übersetzt wer­den kann – ein nahe­zu märchenhaft zeit­loses Dorf, in dem, wie Ich-Erzähler Ben feststellt, «sogar die Hunde saufen».
Der Schweizer Schriftsteller Rolf Lappert lässt sich in seinem ersten Ju­gend­­roman viel Zeit, ehe er Bewegung ins triste, von zu viel Verantwortung und zu wenig Perspektiven geprägte Leben seines Protagonisten kommen lässt. Wenn die so surreale wie bitterernste Geschichte um ein zum Touristenfang gebautes falsches Ufo, einen überfälligen Todesfall und eine im Kaff gestrandete Fremde aber ihren Lauf nimmt, dann ist längst passiert, wovor Ben sich so ver­zweifelt schützen wollte: Die nur auf den ersten Blick in Ritualen erstarrten Dorfbewohner sind uns – und ihm ­– ans Herz gewachsen.
Der auf seine Art sehr vitale Grossvater Karl, der krankhaft optimistische Visionär und Garagenbe­sitzer Maslow oder der nach Liebesfilmen süchtige Jojo – sie alle können Ben, der trotz seiner Desillusio­nierung über eine kraftvolle Erzählstim­me verfügt, nicht zeigen, «wie die Welt da draussen funktioniert und wie sich ein nacktes Mädchen anfühlt». Aber sie sind ganz und gar da und zur Stelle, wenn das zeit- und ortlose Wingroden und mit ihm Ben – oder ist es umgekehrt? – aus dem Dornröschenschlaf erwacht.
Manuela Kalbermatten, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 34

Die Flucht
Ally Condie
Aus dem amerikanischen Englisch von Stefanie Schäfer
Verlag: Fischer FJB, Publiziert: 2012, Seiten: 458, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8414-2144-9
Schlagwörter: Krieg | Liebe

Nach dem Paarungsdesaster im ersten Band («Die Auswahl») finden sich Ally Condies TitelheldInnen Cassia und Ky in der Fortsetzung in Arbeitslagern wieder. Cassia soll nach verbüsster Strafe wieder in die Gesellschaft integriert werden und Xander heiraten. Ky wird zusammen mit anderen «Aberrationen» (wie Delin­quen­ten und Dissidenten genannt werden) in die Äusseren Provinzen geschickt, wo sie in potemkinschen Dörfern ländliches Le­ben vortäuschen und als Lockvögel für feindliche Angriffe dienen. Cassias Entschluss, Ky wiederzufinden, wächst, als sie auf die Spur einer geheimen Widerstandsbewegung stösst. Sie schmug­gelt sich an Bord eines Luftschiffes und gelangt ebenfalls ins Kampfgebiet.
Während «Die Auswahl» den Überwachungsstaat mit Gedan­ken­polizei à la Orwells «1984» und Vergan­genheitsver­nichtung im Stil von Brad­burys «Fahren­heit 451» he­rauf­­be­schwör­te, bleibt die Han­d­lung im zweiten Band kraftlos. Cassia und Ky können zwar flie­hen und finden vorübergehend zusam­men, aber während sie mit Gleichgesinnten durch trostlose Canyons irren und nach Resten der Prä-Gesellschaftszeit suchen, kommt die Geschichte nur schlep­pend voran. Obwohl Condie kapitelweise Cassia und Ky zu Wort kommen lässt, um für dramati­sche Spannung zu sorgen, sind die beiden Erzählstimmen kaum zu unterscheiden. Trotz Tennyson- und Dickinson-Gedich­ten fehlt die Poesie, und bei aller Geheimnistuerei und aufgesetzter Symbolik wirkt die Sprache forciert und farblos. Bleibt zu hoffen, dass die Trilogie doch noch mit einem fulminanten Finale aufwartet.
Daniel Ammann, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 35

Halo
Zizou Corder
Aus dem Englischen von Karlheinz Dürr und Cornelia Stoll
Verlag: Hanser, Publiziert: 2012, Seiten: 399, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-23889-3
Schlagwörter: Identität/Individualität | Historisches | Fantastik/Fantasy

Tochter der Freiheit

Das Findelkind Halo wächst bei einer liebevollen Zentaurenfamilie auf der griechischen Insel Zakynthos auf. Erst als Fischer die 12-Jährige entführen, lernt sie Men­schen und deren ungerechte Weltordnung kennen. Ein Mädchen, das zu keinem Vater und damit auch zu keinem Stadtstaat gehört, ist das Eigentum seines Fin­ders und darf als Sklavin verkauft wer­den. Halo flieht, gibt sich als Knabe aus und lernt unterwegs den jungen Spar­taner Leonidas kennen, in dessen Heimatstadt sie in einer Kampfschule landet.

Halo will zurück zu den Zentauren, zugleich lassen sie die nun einmal gestellten Fragen nicht mehr los: Wer sind meine Eltern? Wer bin ich? Wohin gehöre ich? Eine rätselhafte Tätowierung auf ihrer Stirn und eine kleine goldene Eule an ei­nem Halsband sind die einzigen Hinweise auf ihre Herkunft. Das Orakel von Delphi führt sie ins blühende Athen, das kurz da­rauf von Sparta angegriffen und von der Pest heimgesucht wird.

Das Autorenduo Zizou Corder (die englische Historikerin Louisa Young und ihre 18-jährige Tochter Isabel), hat einen pa­cken­­den Abenteuerroman geschrieben. Spar­taner, Athener, Skythen, Sklaven, Göt­ter, Zentauren, Amazonen – mit Halos Au­gen reisen die LeserInnen durch ein historisch-fantastisches Griechen­land. Das Zusam­menspiel von Fan­ta­­sy und Histo­rien­roman funktio­niert (aus­­ser im misslungenen Schluss­kapi­tel): In der Erzähl­logik ist «Ha­lo» mehr histori­scher Aben­teuerro­man; der Fantasy ent­­sprin­gen die Zentau­ren und Kampfszenarien. Nur: Müssen literarische Findelkinder im Fan­tasy-Genre stets berühmte oder blaublü­ti­ge Eltern ha­ben?

Halo ist den­noch eine starke Figur, die ihre Zugehörigkeiten und Zukunftswün­sche eigenstän­dig erkennt und behauptet.

Silvia Hess
Buch&Maus 1/2012, S. 35

Zwei, die sich lieben
Jürg Schubiger, Illustration: Wolf Erlbruch
Verlag: Hammer, Publiziert: 2012, Seiten: 43, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0371-2
Schlagwörter: Tiere

Wolf Erlbruchs Kalenderblätter über Tiere, die sich herzen, küssen und selten auch strei­ten, sind in Jürg Schubigers Dichterseele gesprungen und haben ihr leichtfüs­sig versponnene, hintersinnige Ge­dich­te entlockt. So ist «Zwei, die sich lieben» entstanden.
Schubiger versetzt sich in Erlbruchs Tiercharaktere, in die eloquente Eule und den wortkargen Elch, ein den Sternen­himmel anschmachtendes Schaf, einen glückseligen Frosch. Er nimmt die Be­we­gungen der Tiere auf: «Mein Herz hüpft, / es ist wie der Schluckauf / der Liebe», heisst es da zu einem Bild, auf dem Feldhase und Heuschrecke verliebt hintereinander herhüpfen. Und er spinnt die Liebesfäden weiter, die Erlbruch in seinen Bildern ausgelegt hat.
Da ist zum Beispiel die resolute Ziege auf der Titelblattzeihnung, die sich den zögerlichen Geliebten, einen etwas tollpatschigen Hund, am Halstuch zum Kuss heranholt. Schubiger kommentiert: «Eine Dame ohne Zaudern / lockt unmissverständlich einen Herrn. / Dieser folgt dem Zug mit Schaudern, / aber ziemlich gern.» Dass auch der Mann nicht ganz ohne Kal­kül küsst, offenbaren die letzten zwei Zei­len: Jetzt, denkt der Hund, könnte er je­manden gefunden haben, der für ihn wäscht und bügelt. Ans Herz geht auch die Figurenrede eines Goldfisch-Mädchens, das von einem Dackel umworben wird und weiss, dass es doch in seiner Glaskugel wird bleiben müssen.
Schubigers Texte umschmiegen die Bild­vorlagen. Gemeinsam bereichern die­se mit feiner Ironie durchsetzten Kabi­nett­stücke das Genre «Liebesgedicht». Ein Büchlein zum Anschauen, Vorlesen und Selber-Geniessen und Verschenken.
Christine Tresch, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 36

Augenblickmal
Joke van Leeuwen
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2012, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-83-695347-4

Was wir sehen, wenn wir sehen, und warum

Was haben die Barbiepuppe und das Parthenon in Athen gemeinsam? Sie folgen in ihren Proportionen dem Schönheitsideal des Goldenen Schnitts. Wer die zwei Seiten dazu im Sachbuch «Augenblickmal» von Joke van Leeuwen liest sowie die Bilder und geometrischen Zeichnungen dazu betrachtet, wird den «Goldenen Schnitt» sofort verstehen. Mehr noch, man bekommt richtig Lust, selbst einmal aus einem Quadrat und einem Viertelkreis mit Hilfe des Zirkels die perfekte Harmonie entstehen zu lassen.
Und wer hätte gedacht, dass auch die Natur sich danach richtet! Vielleicht ge­fällt uns ja deshalb die Schneckenschale eines Nautilus so gut? Viele dieser Aha-Erlebnisse kitzelt Joke van Leeuwen aus uns heraus. In dreizehn Kapiteln weiht sie uns mit Text und Bildern in ihre Erkenntnisse ein, die auf gründlicher Recherche aufbauen. So lautet die Überschrift zu einem Kapitel: «Vom Trick mit der Perspektive oder wie wir in Nahem Ferne sehen können». Ihre eigenwillige Bildauswahl: kurze Comics, eigene Illustrationen, nie­der­ländische und französische Histo­rien­malerei, Höhlenmalerei, Magritte, Alltagsfotos und Bilder von virtuellen Welten stehen direkt nebeneinander. Verbunden sind sie mit kurzen, Kindern ab zehn Jah­ren gut verständlichen Erklä­rungen zu Farben, Licht, Perspektive und Symbolen. Leeuwen weist uns stets auf die Wirkung des Sehens hin und bringt uns so auf weiterführende Gedanken. Die Lek­türe ist viel mehr als nur eine unterhaltsame Ein­füh­rung in die Welt der Optik. Der Behauptung des Verlages, hier handle es sich um «Eine Schule des Sehens», stimmt man gerne zu.
Claudia Kursawe, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 36

Die Sputnik-Jahre
Baru
Aus dem Französischen von Martin Budde
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2012, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-943143-10-2

1957 ist im französischen Industriekaff Sainte Claire die Welt noch in Ordnung: Die Minen und Stahlwerke brummen, die Proletarier (Franzosen und Immigranten aus Italien, Polen und Nordafrika) schie­ben 14-Stunden-Schichten, die Müt­ter herrschen über die Familie, und die kommunistische Partei nutzt den ersten Sput­nikflug zum Leidwesen des katholischen Priesters für eine Inszenie­rung der Überlegenheit des Kommunismus. Der zwölf­jährige Igor möchte Chef der Kinder­bande der «von obenauf» wer­den, die ständig in Scharmützel mit der Bande von denen «da unten» verwickelt wird. Und natürlich träumt Igor davon, wahlweise unsterb­licher Held, Fussballer und Kos­mo­naut zu werden und die Liebe der wilden Leila zu gewinnen – nicht zuletzt mit dem Bau einer «Tim und Struppi auf dem Mond» nachempfunde­nen Rakete.
Bekannt ist der 1947 als Sohn italienischer Einwanderer in Lothringen geborene Comic-Zeichner Baru vor allem wegen seiner Auseinandersetzung mit poli­­tischen und gesellschaftlichen The­men. Das ist in «Die Sputnik-Jahre» (deren Ein­zelbände nun integral erschienen sind) nicht anders: Am Schluss etwa verzahnt sich der Bandenkrieg der Söhne äussert unglücklich mit dem Streik der Väter, der das Stahlwerk stilllegt. In erster Linie erzählt Baru jedoch konsequent aus der Pers­pek­tive Igors eine süffige Kinderge­schich­­te voller wahrhafti­ger Emotionen, die er auch zeich­ne­risch packend um­setzt: Baru treibt die Expressivität von Mienen­spiel und Gestik bis hart an die Grenze zur Karikatur und verleiht so dem Geschehen auf dem Papier einen mitreissenden Schwung.
Christian Gasser, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 37

Eisbär, Elch und Eule
Bibi Dumon Tak
Aus dem Niederländischen von Maike Blatnik
Verlag: Oetinger audio, Publiziert: 2012, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8373-0597-5
Schlagwörter: Tiere | Sprachspiel

Von Schnee- und Eisbewohnern 

Die Brillanz von Bibi Dumon Taks Tiergeschichten – nach «Kuckuck, Krake, Ka­ker­lake» nimmt sie nun die Nord- und Südpolbewohner unter die Lupe – lässt sich unmöglich steigern. Allein schon ihre Vergleiche sind intelligent und humorvoll, die Bilder dem menschlichen Alltag ent­nom­men, aber so passgenau, dass jedes Tier mit einer Art Urknall Gestalt an­nimmt: Der Moschusochse ist ein «zerzauster Tannenwald auf Hufen», der Backenbart des Luchses «gebürstet, als stün­de er Tag und Nacht für einen Besuch bei der Königin parat». Jedem Tier schneidert die Autorin sein Kleid aus Schuppen, Fell oder Federn, vor allem aber aus Literatur: Es ist die Sprache, die diese Überlebenskünstler zum Leben erweckt. Entworfen wird ein Kuriositätenkabinett voller Ori­ginale, die, wenn auch mit Bildern unserer Erfah­rungswelt ge­deutet, nie als Modelle für menschliches Verhalten herhalten müs­­sen.

Nachdem «Kuckuck, Krake, Kakerlake» mit dem Deutschen Hörbuchpreis belohnt wurde, baut Oetinger Audio nun den Schnee­bewohnern eine Bühne. Wo Du­mon Tak kleine Sprachkunstwerke entwirft, lässt ein Staraufgebot deutscher SprecherInnen ihre Worte schillern. Spra­che, Inhalt, Musik und Stimme gehen eine Symbiose ein, die jener des Narwals mit dem Wintermeer gleicht, in das wir mit Katharina Thalbach bereitwillig abtau­chen: «Er liebt Eis. Er liebt halb gefrorenes Wasser, das ständig an seiner Speckschicht nagt. Und im Sommer, wenn alle denken ‘endlich Sonne!’, folgt der Narwal dem sich zurückziehenden Eis – als wären sie miteinander verheiratet, der Narwal und der Winter.»

Manuela Kalbermatten
Buch & Maus 1/2012, S. 37

Der rote Baum
Shaun Tan
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51778-9
Schlagwörter: Traum

Ein riesiger Fisch mit schwarzem Schlund, das Auge tot, schiebt sich durch die Häu­serblocks, über die düstere Stras­se, auf der ein kleines Mädchen geht, den Kopf ge­senkt. Es ist ein monumentales, monströ­ses Bild, ist materialisierte Finsternis, die der Australier Shaun Tan da aufs Papier bringt – ein albtraumhafter Ausdruck exis­tenzieller Einsamkeit und Verzweiflung in Öl und Acryl. In kleinen, engen, dann wie­der grossflächi­gen Wort-Bild-Col­la­gen eröffnet das Bilderbuch den Gefühlsraum eines Kin­des, dessen Tag «ohne die Aussicht auf et­was Schönes» beginnt und mit den Stun­den nicht besser wird, im Ge­gen­teil. Melancholie, Orientierungslosigkeit, Isolation und tiefe Depression: Durch all diese Gefühle, Zustände muss die kleine Rothaarige hindurch, und für jeden Zustand findet «Der rote Baum» eine meta­phern­reiche Bildsprache, die zuweilen an die Grenzen des Erträglichen geht. Weil sie das oft beschworene Wunderland Kind­heit imagi­niert als eine Landschaft, die von Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit ebenso geprägt ist wie von lichten Träu­men. Und weil sie Kinder wie Erwach­sene auffor­dert, in den Bildern zu versin­ken und ihre Echoräume aus­zuloten, wenn das auch weh tun mag.
2001 als «The Red Tree» erschienen und mit dem Astrid Lindgren Memorial Award ausgezeichnet, liegt Shaun Tans wuchti­ges Buch nun erstmals auch auf deutsch vor. Es ist ein Geschenk, das sich niemand entgehen lassen sollte; auch deshalb, weil es mit einem Ende aufwartet, das nicht süss ist, den dunklen Bildern nicht die Spit­ze nimmt, aber dem hartnäckigen Glücks­anspruch der Protagonistin doch auf wundersame Weise Rechnung trägt.
Manuela Kalbermatten, Buch&Maus 2/2012, S. 23

Die Taube, die sich nicht traute
Edward van de Vendel, Illustration: Alain Verster
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5419-2
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein

Dies ist ein in jeglicher Hinsicht einzigartiges Bilderbuch. Edward van de Vendel ist ein versierter Autor, und Alain Verster ein vielversprechender Debütant, der hier seine Studienabschlussarbeit vorlegt. Bei­den zusammen gelingt ein Spannungsverhältnis zwischen Text und Bild, das seinesgleichen sucht.

Worum geht es? Tauben spielen die Haupt­rolle in der einerseits zeitlos, ande­rerseits historisch anmutenden Geschich­te. Der junge Telemark muss wie alle anderen Tauben die Sturzflugprüfung absolvieren: sich vom Turm herunterfallen lassen, einen Krümel vom Tisch schnap­pen, und wieder hoch zu den anderen. Doch es ist ihm vor lauter Versagens­ängs­ten ganz und gar unmöglich, an diesem Wettbewerb teilzunehmen.

Der Autor wechselt in seiner Erzählung effektvoll ab zwischen Beschreibung der Startmanöver und Bewertung des Sturzfluges der sieben Tauben, die vor Telemark an der Reihe sind, und – in kleinerer Schrift gedruckt – allen Zweifeln, Gedanken, Träumen und Erinnerungen des Protago­nisten. Alain Verster arbeitet mit alten Fotos, die er auf Papier abdruckt. Der Leim des Malerbandes, das der Künstler darauf klebt, nimmt die Tinte der Fotos auf. Diese Reproduktion bearbeitet er dann weiter mit Acryl, Ölfarbe und Bleistift. Ganz de­zent wirken die vielen beigen, rosa und hellblauen Farbnuancen auf den perfekt komponierten Seiten. Manch klitzeklei­nes Detail sieht man erst auf den zweiten Blick. Während der bravouröse Text sofort gefangen nimmt, muss man sich für die aussergewöhnlichen Illustrationen mehr Zeit nehmen. Aber sie sind es wert!

Antje Ehmann
Buch&Maus 2/2012, S. 23

Oh nein, Paul!
Chris Haughton
Aus dem Englischen von Stephanie Menge
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-411-80980-9

Was für ein hinreissender Held: Schlapp­ohren, Spitzschnauze, Kulleraugen – und brav will er auch noch sein! Das verspricht er jedenfalls hoch und heilig, als sich sein Herrchen verabschiedet und Paul alleine in der Wohnung lässt. Doch so ein Hund hat nun mal furchtbar viele Hobbys, und Buddeln, Katze jagen und Kuchen fressen gehören unbedingt dazu. Am Ende hat der gute Paul ein ziemliches Chaos produziert und gelobt zerknirscht Besserung. Ob er sich beim folgenden Spaziergang zusam­menreissen und allen herrlichen Versu­chungen widerstehen kann? Erst klappt alles bestens, dann aber sticht Paul just das in die Nase, was er auf der Welt am allerliebsten mag: ein gut gefüllter Mülleimer…
Auch das zweite Bilderbuch des 1978 in Dublin geborenen Zeichners Chris Haugh­ton strotzt vor Situationskomik und Herz, spricht es doch allen Knirpsen in ihrem täglichen Kampf ums Bravsein mitten aus der Seele. Mit wenig Worten und doppel­seitigen, am Computer gestalteten Illustrationen setzt Haughton die Geschich­te stimmungsvoll in Szene: Monochrome, leuchtendfarbige und klar konturierte Flä­chen puzzeln sich zu plakativen Schau­plätzen zusammen, in denen die im Co­mic­stil gezeichneten Protagonisten umwerfend komisch und bei aller Reduktion auch sehr ausdruckstark agieren.
Dabei steckt der Witz meist zwischen den Seiten, punktgenau im Moment zwi­schen Absehbarkeit und Überraschung: Wenn Paul ganz brav und übergross auf der Seite sitzt, während ihm das wilde Leben schon wie­der aus den Augen blitzt, dann erübrigt sich die Frage «Was wird Paul tun?» fast von selbst. Aber eben nur fast!
Marion Klötzer, Buch&Maus 2/2012, S. 23

Otto, der Bücherbär
Katie Cleminson
Aus dem Englischen von Stephanie Menge
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-411-80981-7

Otto ist ein Bücherbär – er lebt als Figur in einem Bilderbuch und ist glücklich, wenn dieses aus dem Regal geholt wird und Kin­der darin herumblättern. Otto kann aber ein bisschen mehr, als man Bil­derbuch­figuren so zutraut: In unbeo­bachteten Mo­menten verlässt er sein Buch. Dann liest er in seinen Lieb­lings­bü­chern und schreibt gar selbst Geschichten.

Als die Familie eines Tages umzieht, bleibt ausgerechnet Ottos Buch unter dem Regal im verlassenen Kinderzimmer lie­gen, und plötzlich ist er ganz allein in dem grossen, leeren Haus. Fort sind die lesen­den Kinder, fort alle seine Lieblingsbücher. Da beschliesst Otto, seine beson­dere Gabe zu nutzen und sich auf den Weg zu ma­chen, um ein neues Abenteuer zu suchen. Winzig klein läuft er durch die Strassen der Stadt, wo ihn keiner der Menschen bemerkt. Alles ist kalt und ungemütlich: bis er ein Haus voller Bücher entdeckt, das warm und freundlich aussieht. Dort findet Otto nicht nur Bücherregale ohne Zahl, sondern er trifft auch andere, die sind wie er: Bären, Drachen, Hexen und Mäuse. Sie alle können aus ihren Büchern steigen, wenn niemand hinsieht. So findet Otto in der wunderbaren Welt der Bücherei ein neues Zuhause, wo er spannende Dinge (wie Ausleihstempel) ausprobieren kann. Das Schönste aber ist, dass viele Kinder hier­herkommen, die sich die Bücher ansehen.

Katie Cleminson hat eine zauberhafte kleine Hommage auf die Bibliotheken dieser Welt geschaffen. In klaren, einfach strukturierten und auf das Wesentliche konzentrierten Bildern und mit nur we­nigen Worten baut sie schon für jüngere Kinder grosse Spannung auf, die sich erst in Ottos neuem, warmem und warmherzigem Zuhause wieder löst. Eine herrliche Liebeserklärung an das Buch und an Orte, an denen man Bücher findet!

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/2012, S. 24

Wunderland, selbstgemalt
Herausgeber:in: Maria Linsmann, Illustration: Axel Scheffler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2012, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-73028-4

Ausstellungskatalog

Der deutsch-britische Illustrator Axel Scheff­­ler bedient weder das Kindchen-Sche­ma noch den Wunsch nach oberflächlichen Idyllen – und doch hat er allein von seinem «Grüffelo» weltweit über 5 Millionen Exemplare verkauft. Maria Linsmann, wel­­che die Ausstellung mit Schefflers Bil­dern im Bilderbuchmuseum Troisdorf ku­ra­tiert hat, betont im Katalog, dass Schef­fler schon vor seiner sensationellen Zusam­menarbeit mit Julia Donaldson er­folgrei­che Inszenierungen schuf: etwa mit «He Duda», dem Hasen, den Scheffler – bei al­ler Reduktion der Form – als zugleich hilflos naiv und eigenständig zeigt.

Ambivalente Wesenszüge in einer Gestalt und ein breites Spektrum von Gefüh­len in jeder Geschichte zeichnen Schefflers Figuren und damit seine Bücher aus; Vignetten und freigestellte Bilder liegen ihm mehr als Vollbilder. Deshalb ist dieser Katalog, der nebst Buchbildern auch Skiz­zen, Scribbles und Einzelblätter aller Art zeigt, eine wirkliche Fundgrube. Ja, es sollte mehr Möglichkeiten geben, die beiläufigen Geniestreiche, die nie ganze Bü­cher füllen, sichtbar zu machen – so wie in dieser Publikation. Um mehr als einfach ein Album zu präsentieren, erzählt Kate Wilson, Schefflers englische Lektorin, von der Arbeit am «Grüffelo», und seine deut­schen LektorInnen Barbara Gelberg und Hans-Joachim Gelberg benennen je aus ihrer Sicht Privates und Grundsätzliches ihrer Zusammenarbeit.

Allen Beiträgen gemeinsam ist der Respekt vor Schefflers Bemühen zum Errei­chen des scheinbar Mühelosen. Dass das Illustrieren sein Ding ist, spürte er schon als Siebenjähriger. Damals malte er sei­nem Vater eine Zeichnung mit vielen Fabelwesen (ohne Kulisse!) und schrieb darüber: «Wunderland selbstgemalt».

Hans ten Doornkaat
Buch&Maus 2/2012, S. 24

Wenn ein lila Nashorn kommt
Anna Kemp, Illustration: Sara Ogilvie
Aus dem Englischen von Leena Flegler
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5415-X
Schlagwörter: Fantasie | Freundschaft

Das ist doch wieder mal typisch: Immer wenn man den Erwachsenen etwas Ober­wichtiges und Superspannendes mitzu­teilen hat, hören sie einem nicht zu…

Da­von weiss auch Daisy in diesem herrlich versponnenen Bilderbuch ein Kla­ge­lied zu singen. Je beschäftigter ihre Eltern sind, umso einsamer fühlt sie sich. Und so sind Daisys Erzeuger natürlich auch mit ihren Gedanken wieder mal ganz wo­an­ders, als eines Morgens ein leib­haftiges, riesiges und pflaumenfarbenes Nas­horn durch die Küche trabt. Selber Schuld! Dann bleibt der ungebetene Gast eben einfach da, bei Daisy. So sieht man die beiden neuen Freunde bald beim Quatschen und Quatsch ma­chen, beim Pizzabacken, Wip­pen und Kitzeln. Und nach und nach wird Daisy klar, dass ihr Nashorn nicht nur ein prima Kumpel ist, sondern auch ein Seelenverwandter: Denn auch seine Familie ist weit, weit weg…

Illustratorin Sara Ogilvie erzählt Daisys Nashorn-Abenteuer in Bildern voller Si­tuationskomik und spielt dabei leichtfüs­sig mit Konturen und kolorierten Flä­chen. Wie Daisy es doch noch schafft, ihre Eltern von der Existenz des Dickhäuters zu überzeugen, diesen vor dem Zoo zu bewahren und in den Flieger Richtung Heimat zu setzen, das ist nicht nur eine zauberhafte Freundschaftsgeschichte mit Happy End, sondern hat auch Symbolgehalt und Tief­gang. Schliesslich geht es hier um das weit ­verbreitete Phänomen der unsichtbaren Gefährten, die nicht nur einsame Kinder oft jahrelang begleiten. Dass die sich nicht wegdiskutieren oder einsperren lassen, weiss dieses Buch augenzwin­kernd klarzustellen. Vor allem aber packt es die Erwachsenen mächtig bei den Löffeln: Denn was bitte kann wichtiger sein, als mit seinen Kindern Freuden und Sorgen im Hier und Jetzt zu teilen?

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/2012, S. 24

Mein extragrosser Wimmelbuch-Spass
Guido Wandrey
Verlag: Esslinger, Publiziert: 2012, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 3-480-22965-4
Schlagwörter: Wimmelbuch

Folge der Spur ... durch die Stadt ... durch den Zoo ... durch das Schiff

Wimmelbilderbücher sind die idealen Me­dien, um Kommunikation und genaues Schauen zu fördern. Das Angebot ist viel­fältig; es bedient populäre Themen und verarbeitet sie zu Trendtiteln wie «Wo sind die Erdmännchen?» (Baumhaus), «Wo ist Hello Kitty?» (Egmont Balloon) und «Mein grosses KiKaninchen-Wimmelbuch» (ars­Edi­tion). Daraus eine Auswahl zu erstel­len, fällt schwer! Und doch: Drei Titel sind bei der Sichtung besonders aufgefallen.

«Mein extragrosser Wimmelbuch-Spass» versammelt drei bereits erschie­nene, sehr erfolgreiche Ausgaben von Gui­do Wandrey: «Folge der Spur …durch die Stadt …durch den Zoo …durch das Schiff». 72 grossformatige, verstärkte Seiten laden zum wahren Detektivspiel ein: Da jagt in der Stadt der Hund Schnuffel hinter einer Katze her, zwei Kinder hintendrein; im Zoo ist das Äffchen entwischt und auf dem Schiff ein grüner Papagei. Klar, dass eine Verfolgungsjagd viel Trubel bringt, und so gibt es auch schon für kleine Kinder ab drei Jahren viel zu entdecken. Allein oder in kleinen Gruppen – das grosse Format macht’s möglich – können sich kleine BuchbetrachterInnen hier richtig lange be­schäftigen. Ideal für zu Hause oder den Kindergarten.

Ein ganz ungewohntes Format bietet Bernd Lehmanns «Von Oben nach Unten Wimmelbuch» (Bild): Man muss das Buch nicht nur quer halten und aufblättern (der «Laptop-Effekt» fasziniert Kinder!), auch die Perspektive ist völlig anders. Hier wird eine fantastische Reise gezeichnet, die wahrlich «Oben» – auf dem Mond nämlich – beginnt und sich durch alle Seiten immer weiter nach unten fortsetzt, bis sie im tie­fen Graben einer bunten Unterwasserwelt endet.

Auf der Rückseite vorgestellte Figu­ren bringen Struktur ins Schauen: Wer findet den Spezialagenten? Wessen Pullo­ver trennt sich hier auf? Und wo stecken eigentlich die kleinen Ausserirdischen? Geschickt lässt der Autor Zitate aus der Kunstgeschichte mit einfliessen, bringt bekannte historische Bauwerke in einen neuen Kontext und zeichnet seitenübergreifend mit so viel Fantasie, dass auch erfahrene BilderbuchbetrachterInnen voll auf ihre Kosten kommen. Dass Lehmann noch dazu die Vogelperspektive wählt, macht die Sache umso interessanter.

Spannend wird es auch im dritten Band von «Such Professor M». Nach einer «Reise durch die Welt» und einer «Reise durch die Zeit» machen sich die vier coolen Freunde in «Die verschwundenen Kinder» erneut auf die Suche nach dem schurkischen Professor und seinen Helfershelfern. Die co­micartigen Bilder bieten dabei unendlich viele Verstecke – und ganz nebenbei einen Überblick über verschiedene Berufe und Arbeitsbereiche. Jede der wimmeligen Dop­pelseiten wird von einem kleinen Text begleitet, der die Abenteuer der vier Kin­deragentenIn­nen erzählend begleitet und ausserdem die Le­se­rInnen als externe Agen­tInnen mit einbezieht: Hier werden anspruchsvolle Such­aufgaben gestellt, die wirklich ein geschultes Auge vorausset­zen. Für Kinder unter fünf Jahren ist dieses Wimmelbuch deshalb weniger geeignet, dafür haben auch viel ältere LeserInnen mit Liebe zum Detail ihren Spass daran.

Bereits diese drei Beispiele zeigen, dass sich Wimmelbücher wunderbar dazu eig­nen, Sehvermögen und Konzentration zu schulen. Damit sind sie nicht nur als Privatspass, sondern auch in der pädago­gischen Arbeit absolut zu empfehlen.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/2012, S. 25

Such Professor M.
Søren Tomas, Illustration: Karsten Mungo Madsen
Verlag: Lappan, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-8303-1185-0
Schlagwörter: Abenteuer | Wimmelbuch

Die verschwundenen Kinder

Wimmelbilderbücher sind die idealen Me­dien, um Kommunikation und genaues Schauen zu fördern. Das Angebot ist viel­fältig; es bedient populäre Themen und verarbeitet sie zu Trendtiteln wie «Wo sind die Erdmännchen?» (Baumhaus), «Wo ist Hello Kitty?» (Egmont Balloon) und «Mein grosses KiKaninchen-Wimmelbuch» (ars­Edi­tion). Daraus eine Auswahl zu erstel­len, fällt schwer! Und doch: Drei Titel sind bei der Sichtung besonders aufgefallen.

«Mein extragrosser Wimmelbuch-Spass» versammelt drei bereits erschie­nene, sehr erfolgreiche Ausgaben von Gui­do Wandrey: «Folge der Spur …durch die Stadt …durch den Zoo …durch das Schiff». 72 grossformatige, verstärkte Seiten laden zum wahren Detektivspiel ein: Da jagt in der Stadt der Hund Schnuffel hinter einer Katze her, zwei Kinder hintendrein; im Zoo ist das Äffchen entwischt und auf dem Schiff ein grüner Papagei. Klar, dass eine Verfolgungsjagd viel Trubel bringt, und so gibt es auch schon für kleine Kinder ab drei Jahren viel zu entdecken. Allein oder in kleinen Gruppen – das grosse Format macht’s möglich – können sich kleine BuchbetrachterInnen hier richtig lange be­schäftigen. Ideal für zu Hause oder den Kindergarten.

Ein ganz ungewohntes Format bietet Bernd Lehmanns «Von Oben nach Unten Wimmelbuch» (Bild): Man muss das Buch nicht nur quer halten und aufblättern (der «Laptop-Effekt» fasziniert Kinder!), auch die Perspektive ist völlig anders. Hier wird eine fantastische Reise gezeichnet, die wahrlich «Oben» – auf dem Mond nämlich – beginnt und sich durch alle Seiten immer weiter nach unten fortsetzt, bis sie im tie­fen Graben einer bunten Unterwasserwelt endet.

Auf der Rückseite vorgestellte Figu­ren bringen Struktur ins Schauen: Wer findet den Spezialagenten? Wessen Pullo­ver trennt sich hier auf? Und wo stecken eigentlich die kleinen Ausserirdischen? Geschickt lässt der Autor Zitate aus der Kunstgeschichte mit einfliessen, bringt bekannte historische Bauwerke in einen neuen Kontext und zeichnet seitenübergreifend mit so viel Fantasie, dass auch erfahrene BilderbuchbetrachterInnen voll auf ihre Kosten kommen. Dass Lehmann noch dazu die Vogelperspektive wählt, macht die Sache umso interessanter.

Spannend wird es auch im dritten Band von «Such Professor M». Nach einer «Reise durch die Welt» und einer «Reise durch die Zeit» machen sich die vier coolen Freunde in «Die verschwundenen Kinder» erneut auf die Suche nach dem schurkischen Professor und seinen Helfershelfern. Die co­micartigen Bilder bieten dabei unendlich viele Verstecke – und ganz nebenbei einen Überblick über verschiedene Berufe und Arbeitsbereiche. Jede der wimmeligen Dop­pelseiten wird von einem kleinen Text begleitet, der die Abenteuer der vier Kin­deragentenIn­nen erzählend begleitet und ausserdem die Le­se­rInnen als externe Agen­tInnen mit einbezieht: Hier werden anspruchsvolle Such­aufgaben gestellt, die wirklich ein geschultes Auge vorausset­zen. Für Kinder unter fünf Jahren ist dieses Wimmelbuch deshalb weniger geeignet, dafür haben auch viel ältere LeserInnen mit Liebe zum Detail ihren Spass daran.

Bereits diese drei Beispiele zeigen, dass sich Wimmelbücher wunderbar dazu eig­nen, Sehvermögen und Konzentration zu schulen. Damit sind sie nicht nur als Privatspass, sondern auch in der pädago­gischen Arbeit absolut zu empfehlen.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/2012, S. 25

Der fliegende Jakob
Philip Waechter
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2012, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79449-5

Auf dem Titelbild schwebt ein Junge in gelb-rot gestreiftem T-Shirt, schwarzen Ber­­­muda-Shorts und einem etwas altmodisch anmutenden Rucksack über einer Wie­se. Er scheint einen Vogel, der vor ihm flattert, mit dem Zeigefinger zu kitzeln. Auf der nächsten Seite ist derselbe Junge (diesmal ohne Rucksack) über der Krone eines sattgrünen Laubbaumes zu sehen – seinen kleinen, gefiederten Freund im Schlepptau. Noch einmal Umblättern, und er hängt hoch über den Dächern einer grossen Stadt in der Luft. Es sind fröhliche, leichte Bilder, die einen auf Anhieb in eine beschwingte Stimmung versetzen, die Fan­tasie beflügeln. Bilder, die neugierig machen auf die Geschichte, die nun folgt: In kurzen, knackigen Sätzen erzählt Philip Waechter auf seine unvergleichliche Art von Jakob, der anders ist als andere Kinder. Denn Jakob kann fliegen. «Zunächst wa­ren seine Eltern sehr besorgt, denn solch ein Kind war schon etwas seltsam. Doch schon bald hatten sie sich an die tägliche Fliegerei gewöhnt und sagten sich: ‘Es ist wie es ist, er ist unser Sohn und er ist genau richtig so!’»

Als Jakob etwas älter ist, wollen die El­tern mit ihm Urlaub am Meer machen. Klar, dass er sich nicht mit ihnen in ein Flugzeug setzt, sondern lieber selbst fliegt. Auf seiner Reise lernt er 15 Kühe, 31 Eichhörnchen und 83 Vögel kennen (bitte nachzählen!). Mit letzteren reist er eine Weile gemeinsam. Als der kleine Hubertus dabei einem Vogelfänger ins Netz geht, hat Jakob die zündende Idee zu einer spekta­kulären Rettungsaktion.

Seitenfüllende Illustrationen wechseln mit Zeichnungen ab, die an Cartoons erinnern. Beiden ist gemein, dass auf und in ihnen immer ein bisschen mehr zu entdecken ist, als der Text verrät: kleine Geschichten innerhalb der Geschichte, die voller liebenswerter Details stecken. «Der fliegende Jakob» ist ein weiteres Waech­ter-Buch, dessen Charme man sich nicht verschliessen kann.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 2/2012, S. 26

Das tollste ABC der Welt
Tom Schamp
Aus dem Französischen von Harry Rowohlt
Verlag: Hanser, Publiziert: 2012, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23897-2
Schlagwörter: Sprachspiel

Von einem Bus angeschubst, saust ein «Big Burger» auf einem Skateboard über die Buchseiten und fliegt durch das O eines Feuerreifs ins Buchstaben-Uni­versum. Die­sen Trailer zum neusten Buch von Tom Schamp, «Das tollste ABC der Welt», findet man auf YouTube oder auf der Homepage des Hanser-Verlages. Doch auch ohne Ani­mation ist hier buchstäblich etwas los: Ein Paar, das sich mit den Nasen berührt, sieht aus wie ein H, kleine wie grosse Affen verbiegen sich zu einem G, einem X oder ei­nem N. Schuhe, Stifte und Schirme leihen ihre Gestalt einem Buchstaben und fügen sich zu einer far­benfrohen Welt von A-Z – im unverwech­selbaren Stil des belgischen Grafikers, von dem auf Deutsch bereits «Otto fährt Auto» erschienen ist.

Unterlegt sind die Illustrationen mit recht skurrilen Texten. Den Sprachwitz hat Harry Rowohlt adäquat ins Deutsche übertragen und dabei noch eins drauf­ge­setzt: «Eine Big Band braucht ei­nen ban­nigen Batzen bizarres Brimbo­rium, bevor sie bräsig brutal losbratzen kann.» Zum Le­senlernen eignen sich solche Sätze na­türlich nicht. Die Buchstabenbilder sind zu­dem meist keine Lautdarstellun­gen: Wenn die Banane ein C bildet oder ein Stie­fel als L daherkommt, kann der Laut nicht vom Bild abgeleitet werden. Das ist aber auch nicht die Intention des Buches. Im Zentrum steht der Spass – und die Fra­ge: Wo sind im Alltag überall Buchstaben versteckt? Leselust beginnt bereits vor dem Alphabetisie­rungs­prozess mit der spiele­rischen Freu­de an der Schrift und den Geschichten, die dahinter warten. Dass dem Autor diese Unverkrampftheit auch im Er­wachsenenal­ter nicht abhanden ge­kom­­men ist, be­weisen seine Bü­cher. Bleibt die Frage: Wie kommt der Riesenbur­ger aufs Skateboard?

Katrin Fehr
Buch&Maus 2/2012, S. 26

Der Junge mit dem Herz aus Holz
John Boyne
Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2012, Seiten: 242, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85477-6

Mit «Der Junge im gestreiften Pyjama» (deutsch 2007) ist John Boyne berühmt ge­worden. Die aus konsequent naiver Kin­der­perspektive erzählte Geschichte eines Jungen, der als Sohn des Lagerkommandanten von Auschwitz Zeuge des Holo­caust wird, kam 2009 auch in die Kinos. In seinem neuen Kinderbuch bleibt Boyne zwar dem naiven Grundton treu, mit sei­nem entschlossenen Bemühen um eine Doppelcodierung (die Kinder und Erwach­sene auf je unterschiedliche Art anspricht) verliert er sich jedoch in schwerfälligen Details.
Es dauert entsprechend eine ganze Wei­le, bis man beim Lesen merkt, worum es in «Der Junge mit dem Herz aus Holz» eigentlich geht. Alles beginnt damit, dass der achtjährige Noah von zu Hause wegläuft, weil er «in seinem Leben noch nichts Grosses geleistet hat» (deshalb auch der Originaltitel «Noah Barleywater runs away»). Von diesem Moment an wird die Sache fantastisch, gerät Noah doch in seltsame Dörfer, wo Apfelbäume reden und weglaufen können und wo er ausführliche Gespräche mit einem Dackel und einem Esel führt. Noahs Reise endet in einem verwunschenen Spielzeugladen, wo ein alter Mann Spielzeug aus Holz schnitzt. Mit Geschichten aus seiner eigenen Kindheit ver­führt der Alte Noah dazu, von zu Hause zu erzählen und sich damit auch den wahren Grund für seine Flucht einzugestehen: Noahs Mutter ist schwer krank und wird bald sterben.
Boyne verwebt diese Kern-Geschichte in ein Geflecht von literarischen Motiven und Anspielungen, sodass sie darin fast verloren geht. Und wer die eigentliche Pointe am Ende immer noch nicht verstanden hat, dem wird sie in einer Art Epilog erklärt: Der Holzspielzeugmacher ist Pinocchio als alter Mann. Und seine Lebensgeschichte ähnelt verdächtig jener von «Forrest Gump».
Gerda Wurzenberger, Buch&Maus 2/2012, S. 26

Letzten Donnerstag habe ich die Welt gerettet
Antje Herden
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2012, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-939944-82-3

Hand aufs Herz: Der kleingeratene Com­puter-Nerd Kurt ist alles andere als ein Weltenretter – und auch die rosarot be­rüschte Tilda mit dem Ordnungstick und der hyperaktive Sandro zählen nicht eben zu den Siegertypen. Doch diese exzentrischen ProtagonistInnen machen unbedingt den Reiz von Antje Herdens neuem Roman aus, schliesslich liebt die Kinderliteratur Aussenseiter auf gefährlicher Mis­sion: je schrulliger, desto besser. Doch was die Autorin hier aus einem bekannten Setting entwickelt, ist nicht nur eine ra­sante Gruselfilmparodie, sondern auch herrlich albern, sprachwitzig und oberspannend.

Dabei beginnt alles völlig harmlos, mit vergessenen Pausenbroten, ungekämm­ten Kinderhaaren und Erwachsenen, die keine Lust mehr haben, sich um ihren Nachwuchs zu kümmern. Während ihre Erziehungsberechtigten nach und nach spurlos verschwinden, feiern die Sprösslinge fröhliche Anarchie: Sie rotten sich in Horden zusammen, bauen kunterbunte Hüttendörfer – und haben Hausaufgaben und Bettgehzeiten längst vergessen. Kurz: Das Ganze wäre das Paradies – wenn es nicht so seltsam wäre. Als dann noch ein mysteriöser Rattenmann auftaucht und an die zunehmend lethargische Kinderschar leckeres Mittagessen verteilt, hat unser Schnüffeltrio natürlich längst Lunte gerochen. Die Spur führt in die Kanali­sation. Und dort erwarten die drei Freun­dInnen nicht nur schleimige Riesenlur­che, son­dern auch ein durchgeknallter Professor, der mittels einer Wunderdroge – na, was wohl will? Die Weltherrschaft an sich reissen, natürlich! – Bestes Lesefutter für alle, denen es gar nicht aufregend genug sein kann.

Marion Klötzer
Buch&Maus 2/2012, S. 27

Tommy Mütze
Jenny Robson
Aus dem südafrikanischen Englisch von Barbara Brennwald 
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2012, Seiten: 88, ISBN/ISSN/EAN: 3-905804-39-5
Schlagwörter: Schule

Von der südafrikanischen Autorin Jenny Robson wurden bereits das Kinderbuch «Da musst du durch, Lurch» (1996) und das anspruchsvolle Jugenddrama «All for Lo­ve» (2007) auf Deutsch übersetzt – mit «Tommy Mütze» erscheint nun ihr dritter Text bei Baobab Books.
Hob sich schon Robsons Erstling mit sei­nem witzigen Ton­fall und den vom Jun­gen mit den Chamä­leon-Augen selbst ge­dichteten, situations­ko­mischen Rei­men («Locker vom Hocker, Zocker») von der Masse ab, so überzeugt auch die Übersetzung von «Balaclava Boy» durch ihre läs­sig-lockere, direkte Sprache, die des öfte­ren auch dem Lesenden ein Lächeln auf die Lippen zaubert. «Balaclava» ist übri­gens das englische Wort für eine Wollmüt­ze, die ganz über den Kopf gezogen wird und bei der nur die Augen frei bleiben. Der froschgrüne Buchdeckel zieht auch schon deswegen viel Aufmerksamkeit auf sich, weil dort aus einer Schar von schema­ti­sierten Kindergesichtern diese rot-orange Wollmütze samt Inhalt hervorsticht.
Tommy Mütze kommt neu in die Klasse 4SV und trägt dabei ständig das Ding über seinem Kopf. Kein Wunder, dass es die MitschülerInnen, allen voran die Doo-Dudes Dumi­sani und Doogal, brennend interessiert, welches Geheimnis Tommys Mütze verbirgt. Um das zu erfahren, lässt sich die Klasse alles Mögliche einfallen – und wird, genau wie die LeserInnen, von der Enthüllung am Ende überrascht.
«Tommy Mütze» ist ein einfühlsames, zeitloses Buch, das in jeder Schule der Welt spielen könnte und zweifelsohne auch je­den, der einmal eine Schule besucht hat, interessieren kann. Gleichzeitig ist der Text ein Plädoyer für Anderssein und Tole­ranz in einer multikulturellen Gesellschaft. Prädikat: Unbedingt lesenswert.
Roger Meyer, Buch&Maus 2/2012, S. 27

Die wilden Piroggenpiraten
Maris Putninš
Aus dem Lettischen von Matthias Knoll
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2012, Seiten: 656, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85452-0
Schlagwörter: Fantasie | Essen

Eigentlich ist Maris Putninš Drehbuchau­tor, Filmproduzent, Illustrator und sonst alles Mögliche. Doch als seine Tochter klein war, wollte sie Geschichten erzählt bekommen, das heisst, am liebsten eine lan­ge Geschichte, die überhaupt nicht mehr aufhört. Also hat Putninš ange­fan­gen, die Abenteuer von Mohnschnecke auf­zuschreiben, einem abenteuerlustigen Mädchen aus der Hafenstadt Murseille – auf Lettisch in mehreren Bänden.
Was im behäbigen Märchenton beginnt – «Dereinst vor langer, langer Zeit herrsch­ten in der fernen Südsee die wilden Pi­roggenpiraten» – schlägt bald alle Rekorde an verrückten und abgedrehten Einfällen. Denn Mohnschnecke heisst nicht nur wie ein Gebäck, sie ist auch eins, genau wie alle anderen Figuren, die einander auf hoher See oder im sicheren Hafen bekämpfen oder umwerben: Schuld daran, dass Mohn­schnecke von den Piroggen auf ih­rem Piratenschiff, der «Speckkugel», entführt wird, ist Eclair, der eine verbotene Bootsfahrt mit der gesprenkelten Schö­nen unternommen hat. Ihr anderer Vereh­rer ist Hörnchen, bleich und etwas hasen­füssig, und wenn gekämpft wird, fliesst kein Blut – nur Füllungen aller Arten quellen aus den Wunden im Teig heraus und trockenere Gebäcke bröseln arg vor sich hin.
Weil Putniņš weiss, wie man einen spannenden Plot erzählt, eignet sich das dicke Buch wunderbar als Vorlesestoff für alle, die einen Hang zum Skurrilen, zu Slapstick und Blödelei haben; Kinder und Erwachsene gleichermassen.
Christine Lötscher, Buch&Maus 2/2012, S. 27

Wunderlicht
Brian Selznick
Aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: CBJ, Publiziert: 2012, Seiten: 640, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-15458-0

Nach dem Tod seiner Mutter findet der 12-jährige Ben ein Buch, das einst seinem Vater gehört hat. Bisher kannte Ben nicht einmal dessen Namen, und nun hat er sogar eine Adresse. Doch beim Versuch, den Vater telefonisch zu erreichen, schlägt der Blitz ins Haus ein, geht durch die Telefonleitung und verletzt Ben. Von Geburt an auf einem Ohr taub, verliert er nun auch das Gehör in seinem guten Ohr. Trotzdem lässt er sich nicht von seiner Idee abbringen: Er schleicht sich aus dem Krankenhaus und reist auf eigene Faust nach New York, um seinen Vater zu finden. Dort verschlägt es ihn schliesslich ins American Museum of Natural History.

Durch die Hallen des Museums wandert auch die gleichaltrige Rose. Das von Geburt an gehörlose Mädchen fühlt sich vom strengen Vater und der meist abwesenden Mutter, einer berühmten Schau­spielerin, unverstanden und flüchtet sich in die kuriose Welt des Museums. Rose und Ben begegnen sich und erkennen, dass ihre Leben untrennbar miteinander verknüpft sind. Aber halt, so einfach ist das Ganze nicht. Zwischen den beiden Erzählsträn­gen in Brian Selznicks neustem illustrier­ten Roman liegen ganze 50 Jahre: Roses Geschichte spielt 1927, Bens im Jahr 1977.

Erneut erzählt Autor und Illustrator Brian Selznick eine Geschichte über Einsamkeit, Freundschaft und den Wunsch dazuzugehören. Wie in «Die Entdeckung des Hugo Cabret» verbindet er Wort und Bild auf innovative Weise, indem Roses Geschichte ausnahmslos in Bildern ver­mit­telt wird. So entsteht zwischen Text und Illustrationen eine eindrückliche Welt ohne Geräusche, einfühlsam erzählt und bewe­gend.

Petra Schrackmann
Buch&Maus 2/2012, S. 28

Das Geheimnis von Ashton Place
Maryrose Wood
Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Plorin
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2012, Seiten: 284, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-18296-0
Schlagwörter: Historisches

Aller Anfang ist wild

Erst 15 Jahre alt ist Miss Penelope Lumley, als sie ihre erste Stelle als Gouvernante in einem herrschaftlichen englischen Adelshaus antreten soll. Ihre Schützlinge sind drei Kinder, so viel geht aus der Anzeige hervor. Aber was für Kinder! Es stellt sich heraus, dass Lord und Lady Ashton die drei in einer Höhle auf ihrem Anwesen gefun­den haben, wo die Kinder offenbar von Wölfen aufgezogen worden waren.

Beherzt, mit viel Liebe, Lob und Leckerli, macht sich Miss Lumley nun daran, aus den drei «Wilden» präsentable kleine Engländer zu machen. Viel Zeit räumen ihr die Ashtons für diese anspruchsvolle Aufgabe nicht ein: Schon zum Weihnachtsball sol­len die drei angeblich Unerziehbaren den Gästen vorgeführt werden. Von lateini­scher Grammatik, Philosophie und Alge­bra sind sie dann sicher noch weit entfernt – doch vorerst bereiten Miss Lumley die wilden Ausbrüche ihrer Zöglinge beim Anblick von Eichhörnchen noch die grössten Sor­gen.

Weihnachten naht, und einige mys­teriöse Zwischenfälle nähren den Verdacht, dass irgendjemand im Haus Miss Lumleys Bemühungen sabotiert. Wer aber könnte ein Interesse daran haben, die Er­ziehung der Kinder zu verhindern? Wer weiss womöglich Näheres über die wahre Identität der drei? Und auf welche Lebe­wesen beabsichtigt die grosse, zu Weihnachten geladene Jagdgesellschaft tat­sächlich Jagd zu machen? In Miss Lumley wächst ein grauenvoller Verdacht…

«Das Geheimnis von Ashton Place. Aller Anfang ist wild» ist der ausgesprochen vielversprechende Auftaktroman einer mehrbändigen Serie, die gerade in Amerika grandiose Erfolge feiert – mysteriös, warmherzig und voller Geheimnisse.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/2012, S. 28

Vielleicht sogar wir alle
Marie-Aude Murail
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2012, Seiten: 360, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85444-X
Schlagwörter: Humor/Komik | Familie/Familienformen

Der neueste Roman von Marie-Aude Mu­rail, einer der bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen Frankreichs, beginnt fulminant: Ein ganz normaler Mor­gen der Familie Doinel, der hektisch wie ein Wirbelsturm an uns vorüberzieht, macht uns blitzartig klar, dass hier alle Probleme haben. Tochter Charlie lebt halb in der Manga-Welt und ist mit ihrem Unisex-Styling und dem Jungennamen in der achten Klasse zunehmend zur Aussen­seiterin gestempelt. Der jüngere Bruder Esteban ist zu klein für sein Alter und dazu noch viel zu hochbegabt, um Freunde zu haben. Mutter Nadine verzweifelt als Lei­terin eines Früh-Kindergartens (Drei­jäh­rige gehen in Frankreich ja bereits in die Ecole Maternelle) zunehmend an den star­ren didaktischen Vorgaben ihres Be­rufs; Vater Marc ist als Filialleiter einer Spe­dition mit neoka­pi­talistischen Re­struk­­turierungs­mass­nah­men konfron­tiert.
Das alles hat Drive und Tiefgang und sprüht dabei nur so vor Witz. Allein die Morgenszene im Kindergarten, die im Stil einer schnell geschnittenen Live-Repor­tage verfasst ist, ist umwerfend komisch – und führt uns gleichzeitig schonungslos die Auswirkungen der Leistungsgesellschaft auf die ganz Kleinen vor Augen.
Dass Murail diesen Schwung nicht durchhalten kann, liegt auch daran, dass sie das Buch als All Age-Geschichte konzipiert hat und konsequent abwechselnd aus Kinder-, Jugend- und Erwachsenenperspektive erzählt. Dabei scheint sie den einen oder anderen Kompromiss eingegangen zu sein. So verschwinden die bei­den Kinder zunehmend aus dem Blickfeld, während die Rebellion der Eltern gegen Wirtschaftsliberalismus und Bildungszentralismus am Ende doch etwas unbefriedigend ausfällt.
Gerda Wurzenberger, Buch&Maus 2/2012, S. 28

Die Bestimmung
Veronica Roth
Aus dem amerikanischen Englisch von Petra Koob-Pawis
Verlag: cbt Hardcover, Publiziert: 2012, Seiten: 478, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-16131-5
Schlagwörter: Identität/Individualität | Gewalt

In den Verlagsprogrammen boomt das Genre des dystopischen Zukunftsromans – «für alle Fans der ‚Tribute von Panem». Auch «Die Bestimmung», der Erstling der 23-jährigen Veronica Roth, und Julianna Baggots «Memento – Die Überlebenden» erhalten diesen Stempel. Mit Suzanne Collins «Tributen» haben die Romane der zwei Amerikanerinnen zwar wenig zu tun; dennoch ragen sie aus der mittlerweile massenhaft produzierten Gattung heraus.

In «Die Bestimmung» fokussiert Roth anstatt auf Klimakatastrophen und Überwachungsstaat auf die totale Spezialisie­rung der Gesellschaft. Im Chicago der Zukunft muss sich jeder Teenager mit 16 für eine von fünf Fraktionen entscheiden, in der er fortan eine einzige Tugend verkör­pern wird. Seine Wahl bestimmt auch, ob er seine Herkunft über sich entscheiden lässt – oder einen neuen Lebensstil wählt.

Beatrice wächst in Altruan auf, der Fraktion der Selbstlosen, fühlt sich aber den Ferox, den Furchtlosen, verwandt. Beim Eignungstest zeigt sich, dass sie eine «Unbestimmte» ist (im original «divergent», abweichend, auseinandergehend) und mehrere «Anlagen» vereint – die der Altruan, der Ferox und der Ken, der Intel­lektuellen. Nachdem klar ist, dass sie Kopf, Herz und Hand besitzt, kann ihre Initia­tion in die Reihen der Ferox entgegen den Totalitätsansprüchen einzelner Lebensweisen nur nach dem Muster des Entwicklungsromans zur Ganzwerdung verlau­fen. Dabei lässt Roth mit grosser Bildkraft einen schweren Kampf in Beatrice toben, die sich ihrer Herkunft zwar verpflichtet fühlt, sich aber fortan Tris nennt und ihren Körper mit Kampfspuren, Tattoos und küh­nen Erfahrungen neu be-schreibt. Das liest sich spannend, birgt aber Fallstricke. Obwohl das Lustvolle am Ausleben einer selbst gestalteten Identität zele­briert wird, erhält diese ihre Legitimation letztlich nur über den Einsatz zum Gemeinwohl. Mut und Konfliktbereitschaft wer­den nur in Ver­bindung mit Herz und Hirn begrüsst. Dass der Text oft und de­tail­liert bei Kampf und Gewalt verweilt, wirkt hier widersprüchlich – ebenso wie die plötz­liche Ablösung des Prinzips «Wahlverwandtschaft» am Ende des Buches durch ein Lob auf die klassi­sche Kernfamilie. Ein Page­tur­­ner ist «Die Bestimmung» trotzdem.

Ganz aus dunklen Worten gewebt ist der atemberaubende Auftakt von Julianne Baggots «Memento»-Serie, «Die Überle­benden». In einer Welt, die eine nukleare Katastrophe neun Jahre zuvor in ein unwirtliches Trümmerfeld verwandelt hat, leben einem Albtraum entsprungene Men­schen: Bei der unge­heuren Explosion sind sie verschmolzen mit Gegenständen, Tie­ren, Bäumen, Pflan­zen und anderen Men­schen und käm­pfen seither täglich um ihr Leben. Aber auch die elitären «Reinen», die vor der Katastrophe in die Kuppel des «Kapitols» geflüchtet sind, um einst auf der regene­rierten Erde eine neue Spezies zu gründen, sind hybride Figuren: Neuco­die­rungen sollen Körper und Geist fit machen für eine bessere Zukunft.

Verkörpert sind die beiden Seiten in zwei Teenagern, die im Überlebenskampf zusammentreffen: Partridge ist aus dem Capitol geflohen auf der Suche nach sei­ner Mutter, die verhindert hat, dass die Verhaltenscodierungen ihn völlig verän­dern. Pressia, das versehrte Mädchen mit dem Puppenkopf anstelle einer Hand, ist auf der Flucht vor dem Militärregime, das Terror und Schrecken verbreitet. Beide müssen sich von den Geschichten lösen, in die sie von ihren Angehörigen und ihrer Gesellschaft gewebt wurden. Trotz der düsteren Endzeitatmosphäre, die Baggott meisterhaft und bis ins Detail ausmalt, erzählt ihr Roman so vor allem eine wuch­tige Coming-of-Age-Geschich­te, in der Teenager, ganz in der Tradition komplexer Science Fiction, nach dem suchen, was hinter den grossen Geschichten steckt.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/2012, S. 29

Memento
Julianna Baggott
Aus dem amerikanischen Englisch von Axel Merz
Verlag: Baumhaus, Publiziert: 2012, Seiten: 461, ISBN/ISSN/EAN: 3-8339-0113-6

Die Überlebenden

In den Verlagsprogrammen boomt das Genre des dystopischen Zukunftsromans – «für alle Fans der ‚Tribute von Panem». Auch «Die Bestimmung», der Erstling der 23-jährigen Veronica Roth, und Julianna Baggots «Memento – Die Überlebenden» erhalten diesen Stempel. Mit Suzanne Collins «Tributen» haben die Romane der zwei Amerikanerinnen zwar wenig zu tun; dennoch ragen sie aus der mittlerweile massenhaft produzierten Gattung heraus.
In «Die Bestimmung» fokussiert Roth anstatt auf Klimakatastrophen und Überwachungsstaat auf die totale Spezialisie­rung der Gesellschaft. Im Chicago der Zukunft muss sich jeder Teenager mit 16 für eine von fünf Fraktionen entscheiden, in der er fortan eine einzige Tugend verkör­pern wird. Seine Wahl bestimmt auch, ob er seine Herkunft über sich entscheiden lässt – oder einen neuen Lebensstil wählt.
Beatrice wächst in Altruan auf, der Fraktion der Selbstlosen, fühlt sich aber den Ferox, den Furchtlosen, verwandt. Beim Eignungstest zeigt sich, dass sie eine «Unbestimmte» ist (im original «divergent», abweichend, auseinandergehend) und mehrere «Anlagen» vereint – die der Altruan, der Ferox und der Ken, der Intel­lektuellen. Nachdem klar ist, dass sie Kopf, Herz und Hand besitzt, kann ihre Initia­tion in die Reihen der Ferox entgegen den Totalitätsansprüchen einzelner Lebensweisen nur nach dem Muster des Entwicklungsromans zur Ganzwerdung verlau­fen. Dabei lässt Roth mit grosser Bildkraft einen schweren Kampf in Beatrice toben, die sich ihrer Herkunft zwar verpflichtet fühlt, sich aber fortan Tris nennt und ihren Körper mit Kampfspuren, Tattoos und küh­nen Erfahrungen neu be-schreibt. Das liest sich spannend, birgt aber Fallstricke. Obwohl das Lustvolle am Ausleben einer selbst gestalteten Identität zele­briert wird, erhält diese ihre Legitimation letztlich nur über den Einsatz zum Gemeinwohl. Mut und Konfliktbereitschaft wer­den nur in Ver­bindung mit Herz und Hirn begrüsst. Dass der Text oft und de­tail­liert bei Kampf und Gewalt verweilt, wirkt hier widersprüchlich – ebenso wie die plötz­liche Ablösung des Prinzips «Wahlverwandtschaft» am Ende des Buches durch ein Lob auf die klassi­sche Kernfamilie. Ein Page­tur­­ner ist «Die Bestimmung» trotzdem.
Ganz aus dunklen Worten gewebt ist der atemberaubende Auftakt von Julianne Baggots «Memento»-Serie, «Die Überle­benden». In einer Welt, die eine nukleare Katastrophe neun Jahre zuvor in ein unwirtliches Trümmerfeld verwandelt hat, leben einem Albtraum entsprungene Men­schen: Bei der unge­heuren Explosion sind sie verschmolzen mit Gegenständen, Tie­ren, Bäumen, Pflan­zen und anderen Men­schen und käm­pfen seither täglich um ihr Leben. Aber auch die elitären «Reinen», die vor der Katastrophe in die Kuppel des «Kapitols» geflüchtet sind, um einst auf der regene­rierten Erde eine neue Spezies zu gründen, sind hybride Figuren: Neuco­die­rungen sollen Körper und Geist fit machen für eine bessere Zukunft.
Verkörpert sind die beiden Seiten in zwei Teenagern, die im Überlebenskampf zusammentreffen: Partridge ist aus dem Capitol geflohen auf der Suche nach sei­ner Mutter, die verhindert hat, dass die Verhaltenscodierungen ihn völlig verän­dern. Pressia, das versehrte Mädchen mit dem Puppenkopf anstelle einer Hand, ist auf der Flucht vor dem Militärregime, das Terror und Schrecken verbreitet. Beide müssen sich von den Geschichten lösen, in die sie von ihren Angehörigen und ihrer Gesellschaft gewebt wurden. Trotz der düsteren Endzeitatmosphäre, die Baggott meisterhaft und bis ins Detail ausmalt, erzählt ihr Roman so vor allem eine wuch­tige Coming-of-Age-Geschich­te, in der Teenager, ganz in der Tradition komplexer Science Fiction, nach dem suchen, was hinter den grossen Geschichten steckt.
Manuela Kalbermatten, Buch&Maus 2/2012, S. 29

Allein unter Schildkröten
Marit Kaldhol
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2012, Seiten: 134, ISBN/ISSN/EAN: 3-939435-47-3

Als Mikke sich mit 19 Jahren das Leben nimmt, dann nicht, weil er nicht sehen kann, wie schön es ist: Fast schmerzhaft nimmt der Junge die filigrane Anmut, die Schönheit der Welt wahr, aber auch und vor allem ihre Verletzlichkeit. In seinem Tagebuch – die Mutter findet es nach Mikkes Selbstmord – beschreibt er die Verbundenheit, die er fühlt: mit einem win­zigen, fast durchsichtigen blinden Fisch, der Jahrmillionen in der Tiefseefinsternis überlebt hat; mit einem Igel, der trotz dicker Sta­cheln nicht durch den Winter kommt, und mit einer grünen Meeresschildkröte, die aussieht wie ein kleines Kind mit dicken Armen, und nach der Mik­ke eine tiefe Sehnsucht verspürt.
Mikkes Tagebuch ist pure Poesie, die traurigste, die man sich vorstellen kann. «Ich sitze in meinem abgedunkelten Zimmer und habe plötzlich das Gefühl, mit einem Fisch ohne Meer verwandt zu sein», schreibt er, und immer wieder quält ihn die Angst, greifbar fast nur zwischen den Zeilen seiner meist unsentimentalen Einträge, keine Beziehungen aufbauen zu kön­nen zu den Menschen. Mehr und mehr lesen sich seine Sätze wie ein Abschiedsbrief an die Welt, eine Welt, die ihn nicht halten kann – warum, das wissen wir als LeserInnen nicht, das wissen auch Mikkes Eltern nicht, seine Freunde, seine Freun­din. Marit Kaldhols Portrait eines zutiefst traurigen Jungen, das sich aus Mikkes Tagebucheinträgen und aus den Briefen der von Schmerz und Schock verstörten Zurückgebliebenen zusammensetzt, gibt keine Antworten, nennt keine Gründe, keine Verantwortlichen. Das dünne Büch­lein aber erzählt, auch in Form der eingeflochtenen Liebesbeziehung von Mikkes Eltern und ihrem Scheitern, von der Ju­gend als einer ungeheuer intensiven Lebensphase; einer Zeit, in der Verlangen, Lust, Angst und Schmerz manchmal einfach zu nahe beieinander liegen.
Manuela Kalbermatten, Buch&Maus 2/2012, S. 30

Die Farben der Freundschaft
Linzi Glass
Verlag: Hanser, Publiziert: 2012, Seiten: 222, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23891-3
Schlagwörter: Freundschaft | Mut/Selbstbewusstsein

Südafrika, 1976: Die 17-jährige Schülerin Ruby lebt in einem Weissenviertel von Johannesburg. Die Apartheidpolitik unterdrückt die schwarze Bevölkerungsmehrheit und verbietet den Kontakt zwischen Weissen und Schwarzen. Doch Rubys Eltern nehmen den jungen schwarzen Künstler Julian aus den Townships von Soweto heimlich in ihr Haus auf. Zwischen Ruby und Julian beginnt eine Freundschaft, als sie über seine Bilder sprechen, die das Elend in den Townships vor Augen führen. In der Schule spielt Ruby weiterhin das ahnungslose, reiche und fleissige Mädchen. Doch dann lernt sie den afrikaans sprechenden Buren Johann kennen und verliebt sich in ihn. Damit übertritt sie eine weitere politische Grenze, die sie zur Aussenseiterin macht und ihre Freundschaft mit Julian auf die Probe stellt. Als der Schüleraufstand von Soweto ausbricht, wird Rubys Spagat zwischen den Fronten immer schwieriger.
Die in Südafrika geborene Linzi Glass hat bereits in ihrem ersten Roman «Im Jahr des Honigkuckucks» die Apartheid in Südafrika aus der Perspektive eines weis­sen Mädchens thematisiert, das die Rassengesetze in Frage stellt. Im Gegensatz zur Protagonistin des Erstlingsromans lebt Ruby aber vorerst in einer kleinen, heilen Welt. Die politische Korrekt­heit ih­rer El­tern – einer mutigen Galeristin und eines sozial engagierten Anwalts – ist et­was dick aufgetragen und hat ausserdem blinde Flecken: So bleibt unklar, wo die perfekte Familie ihr Vermögen her hat.
Über Rubys Versuch, Freundschaften über Rassentrennung und soziale Gren­zen hinweg zu schliessen, schwebt von Beginn an Unheil – was den Roman span­nend macht, aber ab und zu pathetisch wirkt. Daneben ist es Linzi Glass wichtig, die Rolle der Kunst für den persönlichen und den gesellschaftlichen Wandel zu beto­nen.
Silvia Hess, Buch&Maus 2/2012, S. 30

Elefanten sieht man nicht
Susan Kreller
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2012, Seiten: 203, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58246-7

Mascha verbringt ihre Sommerferien bei ihren Grosseltern. Erst als sie die Geschwister Max und Julia kennenlernt, scheint die trostlose Einsamkeit ein Ende zu nehmen. Doch das Benehmen der bei­den Kinder wirft Fragen auf: Weshalb schlägt der siebenjährige Junge ständig um sich, und wieso scheint seine ältere Schwester die Mutterrolle übernommen zu haben? Und vor allem, woher kommen die vielen Flecken und klaffenden Wun­den an den kleinen Körpern?
Erst als Mascha Schreie aus dem geöffneten Fenster der Familie Brandner vernimmt, versteht sie und bekommt zum ersten Mal in ihrem Leben keine Luft. Sie sucht Hilfe bei ihren Grosseltern und im Umfeld, aber die Erwachsenen weigern sich vehement, sich in heikle Familienverhältnisse einzumischen. Statt­des­sen re­den sie dem Mädchen und sich selber ein, die Brandners seien vorbildliche und an­ge­sehene BewohnerInnen der Stadt. In einer Kurzschlussreaktion nimmt Mascha die Sache selbst in die Hand und verliert bald die Kontrolle über ihre Hilfsaktion.
Die Redewendung «The elephant in the room» steht für ein Problem, über das alle Beteiligten Bescheid wissen, das aber nie­mand ansprechen möchte. Susan Kreller hat den Ausdruck für den Titel ihrer Geschichte dekonstruiert, die Bedeutung für deren Inhalt jedoch beibehalten. Feinfühlig und authentisch versetzt sie sich in die Gefühle und Beobachtungen eines heranwachsenden Mädchens, das die Reaktio­nen der Erwachsenen (noch) nicht versteht und akzeptiert.
Sandra Tomljenović, Buch&Maus 2/2012, S. 30

Seidenweg
Aygen-Sibel Çelik
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2012, Seiten: 143, ISBN/ISSN/EAN: 3-8000-5667-X
Schlagwörter: Identität/Individualität | Migration

Sinems Entscheidung

Sinem versteht die Welt nicht mehr. Ist ihr sonst so verständnisvoller Vater etwa zu einem türkischen Klischee-Patriarchen mu­tiert? Unbekannte Jungs sollen für Sinem nämlich tabu sein. Sie verabredet sich deshalb heimlich mit dem coolen Be­la, muss aber bald feststellen, dass sie sich in ihm getäuscht hat. Hätte sie auf den Vater hören sollen? In der Schule ist sie den permanenten Anfeindungen des neuen Deutschlehrers ausgeliefert: Herr Brink hält nicht viel von türkischen Mäd­chen und gibt der sonst sehr erfolgreichen Schülerin nur noch schlechte Noten.
Si­nem beschliesst, für ihr Recht zu käm­pfen und Herrn Brink durch mehr Ehrgeiz von sich zu überzeugen. Sie bereitet ein Abschlussreferat mit dem Titel «Sei­denweg» vor, in dem sie für Austausch und gegenseitige Akzeptanz der Kulturen plä­diert. Unerwartet setzt sich ihre beste Freundin Meli gemeinsam mit anderen Lehrern für sie ein. Dennoch brodelt es in Sinem. Über die Medien wird sie ständig mit stereotypen Diskussionen über Mus­lime, Türken und Integration konfrontiert. Sollte Sinem es ihrer Freundin Halime gleichtun und ihr Glück in der Türkei versuchen? Nach einer Türkeireise wird ihr klar, dass sie sich – jeweils auf eigene Weise – beiden Welten verbunden fühlt.
Aygen-Sibel Çeliks Erzählweise stellt die Gefühle und Gedanken Sinems sowie ihres Vaters, dem eigene Kapitel eingeräumt werden, in den Vordergrund. Aus beiden spricht tiefe Verletztheit: Die Fa­milie lebt nun bereits in der dritten Gene­ration in Deutschland und muss dennoch weiterhin um Respekt und Anerkennung kämpfen! Ist Integration eine Frage von Zeit? Das Buch bietet trotz platt kons­truierter Handlung Diskussionsstoff. Ein Glossar für türkische Begriffe wäre aller­dings hilfreich gewesen.
Ebru Wittreck, Buch&Maus 2/2012, S. 31

Was vom Sommer übrig ist
Tamara Bach
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2012, Seiten: 137, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58242-4
Schlagwörter: Zukunft

Wenn Louise, Louischen, Loulou, Herzchen, wenn also diese Louise denkt, und wenn sie uns an ihrem Leben teilhaben lässt, dann tut sie das gern ein bisschen schnoddrig, ein bisschen gar abgeklärt. Sie sei siebzehn, erklärt sie, kein Kind mehr; sie habe sich damit abgefunden, dass sie neben Krankenhaus und Friedhof wohnt, ihre Eltern Schichteltern sind, Hornhaut auf Augen und Ohren haben und längst nicht mehr aufschrecken, «wenn die Sire­ne an unserem Haus vorbeijault, wenn die Glocken jemandem den Weg ins Jenseits bimmeln». Tamara Bach konfrontiert uns in ihrem neuen Roman mit einer Ich-Erzählerin, die auf ganz alltägliche Weise brutal vernachlässigt wird und ihre Verletztheit mehr schlecht als recht kaschiert. Vor allem aber ist Louise eine so wütende wie sensible und klarsichtige junge Frau, die uns ihre Sicht auf die Welt in Gestus, Stil und Rhythmus einer Slam-Poetin entgegenschleudert. Literarisch durchkomponiert und sprachlich so atemlos wie eindringlich wird die Geschichte eines langen, heis­sen Som­­mers erzählt, in dem Louise durch die Fahrprü­fung fällt, drei Jobs ge­winnt und wieder verliert und eine zarte Freundschaft aufbaut zur 13-jähri­gen Ja­na, deren Bruder im Koma liegt und deren Eltern sie völlig vergessen haben.

Louise und Jana sind «traurigwütend­saueralles», weil sie vom Leben nicht krie­gen, was ihnen zusteht. Und doch begin­nen sie, vergessen von allen anderen, mit dem immer lustvolleren Anprobieren verschiedenster Rollen und Identitäten. «Und wenn du Lust hast, dann nenn dich anders, gib dir einen anderen Namen, nenn dich nicht mehr Louise, nenn dich nicht Lou, Loulou, Louischen, du kannst eine Indianerin sein, die Häuptlingstochter», denkt, hofft, singt Louise, die sich ihre Zuversicht in den Sommer bewahrt hat: «Der Sommer hat tausend und eine Tür. Und die stehen auf Durchzug, weil es heiss ist.»

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/2012, S. 31

Wie man mit einem Bindfaden die Welt verändert
Tim Cooke
Aus dem Englischen von André Mumot
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2012, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5498-2
Schlagwörter: Historisches | Forschen

Besondere Zufälle und andere Dinge, die Geschichte machten

Glaubt man Tim Cooke, so wimmelt es in der Weltgeschichte nur so von kuriosen Ereignissen und Zufällen, die alles mit ei­nem Schlag verändert haben: James Watt beobachtet seinen Teekessel, schon ist die Dampfmaschine entdeckt. «Onkel Toms Hütte» wird veröffentlicht, da bricht auch schon der Kampf um die Ab­schaf­fung der Sklaverei los. Endlich trifft sich ein eng­lischer Kö­nig mit rebellie­ren­den Baro­nen im Sumpf – und muss die «Mag­na Charta» für mehr Demokratie unterschreiben.

Die Kapitel tra­gen originelle Titel wie «Gründe eine Demokratie mit nassen Füs­sen» oder «Bekämpfe die Sklaverei mit einem Buch». Das sind spannende «Aufmacher», unter­malt von poppig-bunten Illustrationen. Und schon hängt man an Cookes Angel­haken und will mehr wissen. Der Londo­ner zeigt uns die Weltgeschich­te von der Antike über Mittelalter, Neuzeit und Industriezeitalter bis zur Moderne – ganz aus seiner Sicht. Diese Reise wirkt erfri­schend, auch im Kontrast zu eurozen­tri­schen Geschichtsbüchern. Am liebsten prä­sentiert Tim Cooke dabei Wendepunk­te der englischen und amerikanischen Geschichte. Er verknüpft dabei Überra­schen­des und schlägt in prägnanten Sätzen den Bogen vom Ausbruch der Pest zum Ende des Feudalsys­tems und dem Bereiche­rungs­feldzug der Kirche.

Regelmässiger Anlass zur Erheiterung sind die Kästchen, die nach dem Muster «Geschichtsstunde» (mit Zeit­tabelle) oder «Die Besetzung» (Auflistung der Akteure) funktionieren. Iro­nisch sind aber auch Coo­kes Experi­mentier-Ideen: Geübte Le­se­r­Innen kön­nen – wenn davon auch ab­geraten wird – ihr Haustier wie die Ägypter einbalsamieren oder Pfeile rück­wärtsge­wandt schiessen wie die Mongo­len.

Claudia Kursawe
Buch&Maus 2/2012, S. 32

Unglaubliche Geschichten von ausgestorbenen Tieren
Hélène Rajcak, Illustration: Damien Laverdunt
Aus dem Französischen von Sarah Pasquay
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2012, Seiten: 77, ISBN/ISSN/EAN: 3-941787-64-0

Von einem Dodo (vor über 300 Jahren ausgestorben) mag der eine oder die andere ja schon gehört haben. Was aber ist – war – eine Stellersche Seekuh, ein Haast-Adler oder ein Langschnabel-Ameisen­igel, ein Glyptodon oder ein Kilopilopitsofy?
Hélène Rajcak und Damien Laverdunt erzählen in «Unglaubliche Geschichten von ausgestor­benen Tieren» von ihnen. Jeder der 27 Arten ist eine Doppelseite ge­widmet. Über einer fast seitenfül­lenden Farbzeichnung stellt ein kurzer, sachlicher Text das Tier vor. Auf dem Pikto­gramm daneben sind Grösse und Gewicht aufge­führt, der Ort, an dem die Art heimisch war und wann sie ausgestorben ist. Auf den linken Buchseiten finden sich in Form hu­mor­voller Comicstrips die unglaublichen Geschichten über Pouakai & Co. Über den Dodo etwa heisst es, dass sein Verschwin­den um ein Haar das Ausster­ben des Calvariabaums nach sich ge­zogen hät­te. «Der Vogel ernährte sich näm­lich von den Sa­men des Baumes und befreite diese beim Verdauen von ihrer sehr harten und dicken Schale. Und so konnten die Samen keimen und neue Bäume hervorbringen.»
Nach Kontinenten und dem Zeitpunkt ihres Aussterbens sortiert, wird hier auf beeindruckende Weise ausgestorbener Ar­ten gedacht. Eine Weltkarte, auf der ihre einstigen Lebensräume in Amerika, Afri­ka, Eurasien und Ozeanien markiert sind, ein Glossar, das wiederkehrende, zen­trale Begriffe erklärt, und eine Zeittafel komplettieren das ebenso aufwändig wie lie­bevoll gestaltete Sachbilderbuch, das vor allem naturwissenschaftlich interessierte Mädchen und Jungen ab zehn Jahre lieben werden – auch oder gerade, weil es zum Gespräch he­rausfordert: über die Rolle des Menschen etwa, und seine Verantwortung für den Artenschutz.
Andrea Duphorn, Buch&Maus 2/2012, S. 32

Packeis
Simon Schwartz
Verlag: avant, Publiziert: 2012, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-939080-52-7
Schlagwörter: Abenteuer

Ob der amerikanische Polarforscher Ro­bert Edwin Peary im April 1909 den Nordpol als erster Mensch tatsächlich erreich­t hat, ist höchst umstritten. Doch das tut der Faszination keinen Abbruch, die seine drei Nordpol-Expeditionen bis heute ausüben – und letztlich legt der Comic-Autor Simon Schwartz in «Packeis» den Fokus gar nicht auf das Rennen zum Nordpol, sondern auf die Figur des Matthew Henson, der Peary seit 1887 auf dessen Forschungsreisen begleitete und auch beim angeblichen Errei­chen des Nordpols an seiner Seite stand. Während Peary mit Ruhm und Ehre überhäuft wurde, verdingte sich der bald vergessene Henson 30 Jahre lang als Lauf­bursche bei der New Yorker Zollverwal­tung. Sein Makel: Er war schwarz.
Mit «drüben!», seinem viel beachteten Debüt über die DDR-Flucht seiner Eltern, erlebte Simon Schwartz seinen Durchbruch. In «Packeis» geht es ihm neben der Faszination für die riskanten, mehrjähri­gen Polarexpeditionen auch um den alltäglichen Rassismus unterwegs: um den Umgang zwischen Weissen und Schwar­zen, zwischen Polarreisenden und Inuit und um deren skandalöse Ausbeu­tung. Nicht zuletzt räumt Schwartz der Mytho­logie der Inuit in prächtigen, symbolisch aufgeladenen Bildtafeln viel Platz ein.
Die sauberen und klaren, schwarz-grau-weissen Zeichnungen werden um po­larmässig kühle Blautöne ergänzt; die Hintergründe sind realistisch, die Figuren komisch überzeichnet. Während sich der Künst­ler ästhetisch noch nicht von allen Einflüssen (Chris Ware, David B.) gelöst hat, ist er als Erzähler zu grosser Eigenständigkeit gereift. «Packeis» ist raffiniert verschachtelt, nicht chronologisch, aber immer bestens lesbar und mit Verve erzählt, kurz: eine vielschichtige Mi­schung aus Abenteuer, Geschichtslektion und Visi­onen.
Christian Gasser, Buch&Maus 2/2012, S. 33

Die Tribute von Panem
Verlag: Lionsgate, Publiziert: 2012, ISBN/ISSN/EAN: 400-6-68-006166-5

The Hunger Games

Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) ist eine von 24 Jugendlichen aus zwölf unter­wor­fenen Distrikten, die vom Capitol jährlich zur Teilnahme an den Hungerspielen, der grausamsten TV-Show aller Zeiten, gezwungen werden. Zögernd schaut sie sich vor den Spielen eine Aufnahme der letzten Show an, schaut, wie da einer zum Sieger wird – nicht weil er gut singt oder aussieht, wie wir das aus aktuellen Reality-Shows kennen, sondern weil er dem letzten Konkurrenten den Kopf einschlägt. Katniss wendet sich schaudernd ab; wir dagegen bleiben dran und sehen uns mit den un­terhaltungssüchtigen Capitolbürgern die 74. Hungerspiele an, in denen Katniss selbst bald um ihr Überleben kämpft.

In seiner Verfilmung des ersten Bandes von Suzanne Collins’ «Tribute von Pa­nem»-Trilogie vermittelt Gary Ross immer wieder die Sicht der Betroffenen in der Arena. So fangen Wackelkameras Katniss’ Panik ein oder imitieren ihren von Hallu­zinationen getrübten Blick. Während aber Collins den dystopischen Zukunftsstaat Panem ganz aus der Sicht ih­rer tödlich bedrohten Ich-Erzählerin schildert, rückt Ross Katniss’ Überlebenskampf im­mer wieder in die Distanz eines Bild­schirms – und wir sehen den Spiele­machern dabei zu, wenn sie für jeden Tribut ein attrak­tives Persönlichkeitsprofil und eine indi­viduelle Hölle schaffen, um sein Lei­den medientauglicher zu gestalten.

In­dem der Film eine Aussen- und eine In­nensicht erzeugt, übersetzt er ohnehin nicht trennbare private und politische Kon­flikte geschickt fürs Kino. Schade, dass im letzten Drittel schlicht die Zeit fehlt, die Geschichte präzise zu Ende zu erzählen. Selbst wenn Szenen nackter Gewalt begrenzt wurden, geht der Horror dieser Gewalt zu glatt in Katniss’ und Peetas Sieg auf – einem Sieg, der, das hat die Aufnah­me zu Beginn gezeigt, nie einer sein kann.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 2/2012, S. 33

Der Karneval der Tiere
Verlag: cstools, Publiziert: 2012, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Musik | Tiere

Auf Basis der musikalischen Suite «Der Karneval der Tiere» des französischen Kom­ponisten Camille Saint-Saëns von 1886 exploriert das digitale Kinderbuch die medialen Möglichkeiten des iPads. Die BetrachterInnen werden durch eine line­are Geschichte geführt: Dem Löwen ist es langweilig, und er bittet die anderen Tiere, mit ihm zusammen ein Fest zu organi­sie­ren.

Von Anfang an wird man zur experi­mentellen Interaktion motiviert. Über das Antippen des mehrsprachigen Textes, aber auch der Tiere und ihrer Instrumente werden LeserInnen ab sieben Jahren zu postmodernen KomponistInnen: Durch Multitouch können die Töne gleichzeitig aktiviert werden. Via taktil-akustischer Scratch-Spuren sind Musik und Texte so­gar in variabler Geschwindigkeit oder rückwärts abspielbar. Das künstlerische Projekt, das eine Fortführung des gleich­namigen Bilderbuchs mit CD-ROM (2007) darstellt, wurde unter anderem von Professoren der Fachhochschule Nordwestschweiz entwickelt. Das Basler Festivalorchester spielte die Musik ein, die auf dem Bildschirm dank des kleinen Diri­gentenkäfers in ganzer Länge und ohne Unterbruch genossen werden kann.

Die Texte (nicht nur in den Schweizer Landessprachen, sondern u.a. auch auf Englisch, Katalanisch, Finnisch) sind einfach geschrieben, so dass sie bereits für Erst- und Zweitklässler verständlich sind. Überzeugend sind auch die bunte, aber reduzierte Bildsprache sowie der gezielte Einsatz der Animationen; lediglich die Navigation ist etwas gewöhnungsbedürf­tig. Das iPad-App eröffnet insgesamt eine äusserst viel­schich­tige Rezeption: vom klassischen Bücher­lesen und Musikhören bis zur individu­ellen Collage von Text-, Bild- und Tonfragmenten.

Mela Kocher
Buch&Maus 2/2012, S. 33

Die Königliche
Kristin Cashore
Aus dem amerikanischen Englisch von Katharina Diestelmeier
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2012, Seiten: 567, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58268-8

Mit 18 Jahren steht Bitterblue an der Spitze eines Reiches, das sich noch nicht von der Tyrannei ihres Vaters erholt hat: Nach dem Tod des sa­di­stischen Leck, der mit Hilfe seiner ma­gischen Gabe die Menschen ma­ni­­pu­liert und zu gewalttätigen Gräuel­ta­ten angestiftet hat, geht der Wie­der­auf­bau Monseas nur schleppend voran. Die junge Königin ist hin- und her­gerissen zwi­schen dem Wunsch, sich vorwärts zu orien­tie­ren, und der Notwendigkeit, das Vergan­gene aufzuarbeiten. Von ihren Ratge­bern fühlt sie sich diesbezüglich im Stich ge­lassen. Nach Tagen, an denen man sie mit bürokratischen Pflichten stillgestellt hat, beginnt Bitterblue, sich nachts verkleidet aus dem Schloss zu stehlen, um «ihre» Stadt besser kennen zu lernen. Dabei stellt sie fest, dass viele Verbrechen verübt werden, um die Vergangenheit unter den Tisch zu kehren.
Wie bereits in den beiden Vorgän­ger­bänden «Die Beschenkte» und «Die Flam­mende» kreiert die Autorin ein­drucks­voll aus scheinbar unbedeutenden Ereignis­sen einen vielschichtigen Plot. Dabei verliert sich die Erzählung phasenweise in der Vielzahl angerissener Handlungsstränge – was aber die Desorien­tie­rung der Hauptfigur durchaus ange­messen spie­gelt. Romantik tritt in diesem dritten und letzten geplanten Band deutlich hinter poli­tischen und gesellschaftlichen Fragen zurück, die leider nicht immer elegant integriert sind. Wer die vorherigen Bände kennt, begegnet einigen bereits bekann­ten Figuren, muss sich aber teils mit kurzen Gastauftritten derselben begnü­gen. Nichtsdestotrotz gibt es für Eingeweihte durchaus reizvolle Aspekte – wie etwa ein Blick auf die gealterte Fire (vgl. «Die Flammende») oder eine Aussensicht auf die Beziehung von Katsa und Bo (vgl. «Die Beschenkte»).
Sonja Loidl
Buch&Maus 3/2012, S. 30

Wie die Vögel
Germano Zullo, Illustration: Albertine
Aus dem Französischen von Ingrun Wimmer
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2012, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51766-5
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere

2009 wurde Albertine mit dem Schweizer Kinder- und Jugendme­dien­preis ausge­zeichnet, 2011 war ihr Mann Germano Zul­lo für denselben Preis nominiert. Gemeinsam haben die beiden Genfer im Genfer Verlag La Joie de Lire bereits mehr als 20 «albums» publiziert. Nur wenige dieser Bil­der­bücher aber konnten bisher die Hür­de der Sprachgrenze überwinden. Zu fran­zösisch scheint ihre verspielte Ästhe­tik, zu wenig deutsch die augenzwin­kern­de poetische Leichtigkeit. Umso er­freu­licher, dass «Les Oiseaux» (2010) über den Umweg nach Hamburg (und den Carl­sen-Verlag) nun auch in Deutschschweizer Buchhandlungen gelandet sind.
Mit kindlichem Ernst werden in «Wie die Vögel» existentielle Fragen aufge­wor­fen, die aus der Zeit und aus dem Rahmen fallen. Davon künden bereits die wenigen Textzeilen, die in der Originalausgabe die Bilder in unregel­mässigem Rhyth­mus begleiten und die in der deutschen Ausgabe als Gedicht vorangestellt sind: «Nichts Gros­­ses. Eher etwas Kleines. Et­was sehr Klei­nes. Man bemerkt es kaum.»
Eine sattgelbe, leere Sonnenlandschaft mit einer leeren Strasse, die sich auf den Horizont zuschlängelt. Von da an blättert man sich durch das Buch wie durch einen Film: Ein roter Lieferwagen taucht auf, bleibt an einem Abgrund ste­­hen. Ein Mann in Arbeitshose steigt aus, öffnet die Hecktüre und heraus flie­gen… Vögel in allen Grössen und Far­ben, und entschwinden. Eine hüb­sche kleine Episode – die eigent­liche Geschichte aber hat noch gar nicht begonnen. Denn beim Schliessen der Türe bemerkt der Mann etwas Kleines: zwei ängstliche Augen im Dunkel des Fahrzeugs. Es ist ein junger Vogel, der noch nicht fliegen kann. Was tun? Hier sei nur soviel verraten: Fliegen kann man lernen – auch wenn man kein Vogel ist.
Gerda Wurzenberger
Buch&Maus 3/2012, S. 21

Harold und die Zauberkreide
Crockett Johnson
Aus dem Englischen von Anu Stohner
Verlag: Hanser, Publiziert: 2012, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24013-6
Schlagwörter: Abenteuer

Eines Abends beschliesst der kleine Ha­rold, im Mond­schein spazieren zu gehen. Nichts einfacher als das – auch wenn ihm dafür ausser einer lila Kreide nichts weiter zur Verfügung steht. Doch diese Kreide hat es in sich. Was Harold damit malt, ist auch wirklich da. Schritt für Schritt zeichnet er sich in sein abendliches Abenteuer hinein: ein Mond, eine Strasse ­– und schon geht es ab in den Wald.
Mutig wie Klein-Harold mit seinen gros­sen Augen und seinem gemütlichen Ganzkörperschlafanzug ist, gibt es in die­sem Wald sogar einen gefährlichen Dra­chen. Und wenns wirklich brenzlig wird, zeichnet sich Harold mit seiner Zauberkreide einfach wieder hinaus. Wenn er rück­lings ins Wasser plumpst – eine zit­trige Zeichenlinie –, erschafft er sich das rettende Segelboot, und der Sturz von einem hohen Berg wird mit einem Heissluftballon aufgefangen. So findet und er­fin­det Harold, angetrieben von Fantasie, Abenteuerlust und kindlicher Zuversicht, seine eigene Gutenachtgeschichte, und, als er langsam müde wird, auch sein Bettchen und den wohlverdienten Schlaf.
Nach Crockett Johnsons Buch «Zauberstrand» (2007) legt der Hanser Verlag nun dessen Klas­siker aus dem Jahre 1955 vor. Stau­nend folgt man Harold von der ersten bis zur letzten Seite. Kein Wunder war Maurice Sendak ein grosser Liebhaber von John­sons Werk und von dessen Fähigkeit, die Welt wirklich und unwirklich zugleich zu zeigen.
Die Basis dafür sind einfachste zeich­nerische Mittel: ein bräunlicher Strich für Harold, ein lila Strich für die erschaffene Welt und die konse­quen­te Orientierung von links nach rechts. Das schafft die Ruhe und Sicher­heit, die es schon kleinen Kin­dern erlaubt, mit den Spannungsmo­men­­ten mitzu­gehen. «Harold und die Zauberkreide» ist ein wunderbares Plädoyer für die Kraft der kindliche Fantasie.
Barbara Jakob
Buch&Maus 3/2012, S. 21

Wo ist mein Hut
Jon Klassen
Aus dem Englischen von Thomas Bodmer
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2012, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-10117-1

Bär liebt seinen roten Hut. Er liebt seinen roten Hut über alles – wirklich über alles. Um ihn zurückzukriegen, würde Bär alles tun – wirklich alles. Und nicht nur Kaninchen, das den Hut geklaut hat, ist am Ende platt. Wirklich platt.
Wenn Tiere, ohnehin oft stark vermen­schlicht, im Bilderbuch aneinander gera­ten, dann werden sie zu guter Letzt fast immer Freunde. Füchse verzichten darauf, kleine Enten aufzufressen und adoptieren sie stattdessen; manchmal lassen sie sich von schlauen Mäusen auch zu kultivierten Lesern erziehen. Grosser Wolf und kleiner Wolf teilen sich brüderlich ihr Abendbrot, und wie grosszügig und pädagogisch nach­haltig hat doch einst und vermutlich bis in alle Ewigkeit der Regenbogenfisch seine glänzenden Schuppen mit sämtli­chen Meerbewohnern geteilt!
Jon Klassen macht Schluss mit dem tie­rischen Gutmenschentum: Sein Bär hält nichts vom Teilen. Höflich fragt er sich zwar zu Beginn durch eine in simpler, aber prägnant-reizvoller Grafik gestaltete Tierwelt, doch als niemand helfen kann, wird er sichtlich depressiv. Bis Hirsch die rich­tige Frage stellt. Und da sieht Bär rot: Wenn geklaut und gelogen wird, hört für ihn alle Brüderlichkeit auf. Hier wird Auge um Au­ge, Zahn um Zahn abgerechnet. Und dann gelogen, dass sich die Balken biegen. Zugegeben: kein Buch für den simplen Ethikunterricht; kein Werk, das «Fragen aufwirft» oder «zum Nachdenken anregt». Klassen schenkt uns keine wohltuende Botschaft, aber ein kleines Mei­ster­werk, das mit wunderbaren Figu­ren und mit einer brillanten Pointe aufwartet. Und da­bei auf einen ganz einzigartigen, erfri­schend schwarzen Humor setzt.
Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/2012, S. 21

Mein erstes Schweizbuch
Heribert Stragholz
Verlag: Emons, Publiziert: 2012, Seiten: 20, ISBN/ISSN/EAN: 3-89705-973-8
Schlagwörter: Schweiz

«Die Schweiz darf aufatmen: Jetzt gibt es auch für die kleinsten Eidgenossen ein Buch, das aus ihnen frühzeitig waschech­te Schweizer macht.»
Mit diesen Worten preist der deutsche Emons Verlag in seiner Verlagsinfor­ma­tion «Mein erstes Schweiz­buch» des deut­schen Illustrators Heribert Stragholz an, ein Pappbilderbuch mit 19 bunten Pastellzeichnungen. Quadratisch, handlich und stabil ist das Buch, doch muss man schon dazu sagen, dass es tatsächlich erst 2012 erschienen ist. Von den Motiven her passt es eher in die Zeit der Geistigen Landesverteidigung, die Anmutung der Bilder entspricht der Ästhetik der 1950er-Jahre.
Der Illustrator sucht «das typisch Schweizerische»: Taschenuhr und Uhrmacherwerkzeug, alter Mann in Tracht, Steinbock, Dampflokomotive, Mädchen mit Toblerone vor Matterhorn, Fasnachtsmaske, Kuh auf der Alm, Emmentaler Kä­se, Engadiner Haus, Bergkulisse mit Alp­hornbläser, Bernhardiner Rettungshund, antiquierter Postbus, lächelnder Tell-Sohn mit Apfel auf dem Kopf, Schau­felrad­dampfer, Victorinox-Sack­mes­ser, Schwei­zer Flagge mit länd­lich gekleidetem Kin­derpaar. Die einzigen Ausnahmen dieses nostalgischen Bildprogramms sind ein Skiläufer und ein Klet­terer in zeitge­nös­sischem Outfit.
Darf die Schweiz wirklich aufatmen, wenn hier hemmungslos Klischees be­dient werden, die der Alltagswirklichkeit in keiner Weise entsprechen und schon zu Heidis Zeiten falsch waren? Es gibt in die­sem Buch weder eine Stadt noch ein Auto, von anderen Dingen, denen nicht nur Schweizer Kinder tagtäglich in ihrer Umwelt begegnen, ganz zu schweigen. Dieses Buch hilft niemandem, ein rea­lis­tisches Bild von der Schweiz zu entwi­ckeln. Und ein deutscher Verlag sollte es unterlassen, «waschechte Schweizer» ma­­­­chen zu wol­len. Das sage ich als Deut­sche.
Ingrid Tomkowiak
Buch&Maus 3/2012, S. 22

Supermann im Supermarkt
Arne Rautenberg, Illustration: Eva Muggenthaler
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0414-6

Ein Supermann im Supermarkt? Nicht eben das typische Betätigungsfeld für einen Profihelden, der normalerweise krei­­schende Schönheiten aus brennen­den Hochhäusern rettet. Doch wenn die Katze kein Futter mehr hat, dafür aber Haare auf den Zähnen, muss selbst ein Triumphator mal zum Einkaufen…

Welch unglaubliches Tohuwabohu er dort zwischen Theken, Regalen und Do­sen­­türmen anrichtet, das wird in diesem sprachwitzigem Gedicht über zwölf Dop­pel­seiten und in den Bildern aufs Köst­lichs­te erzählt: Da skatet der Muskelmann mit wehendem Cape auf fünfzig Einkaufswagen, lässt bestgelaunt ganze Chipstü­ten-Berge platzen und jongliert so wild mit jauchzenden Kassiererinnen, dass die Gesundheitsschlappen fröhlich durch die Lüfte sausen. Alles mit maximaler Cha­os­wirkung und ein Riesenspass auch für Superman – wenn er nur am Ende nicht das Katzenfutter vergessen würde! Und so ist dieser Supermann letztlich halt auch nur ein Mensch ohne Einkaufszettel…

Ein herrlich anarchisches Bilderbuch, gänzlich frei von pädagogischer Zeige­fin­gerei, dafür so dynamisch, kreativ und kunterbunt in Szene gesetzt, dass einem beim Betrachten der knallige Discounter-Wahnsinn frischfröhlich um die Ohren fliegt. Denn Eva Muggenthaler montiert in ihre wild gestrichelten Wimmelbilder nicht nur Fotos und Werbe-Elemente, son­dern auch witzige Details, die viele kleine Nebengeschichten erzählen: Was bitte treiben Pirat, Hexe und Pinguin da in den vollgestopften Gängen? Mit wem verab­redet sich die Blondine? Und warum ha­ben Ananas und Überraschungs-Ei hier Beine und schieben munter winzige Einkaufswagen?

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/2012, S. 22

Garmans Geheimnis
Stian Hole
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Verlag: Hanser, Publiziert: 2012, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24012-8

Vor einiger Zeit, im Sommer vor seiner Einschulung, fürchtete sich Garman noch vor den Zwilligen Hanne und Johanne. Im ersten Band von Stian Holes Bilderbuch-Reihe («Garmans Sommer», 2009) hatten die beiden schon ihre zweiten Zähne und sahen gefährlich aus damit. Jetzt, im drit­ten Band, schaut er die Mädchen genauer an und sieht, wie unterschiedlich sie sind. Eines Tages will ihm Johanne ein Geheim­nis zeigen und führt ihn in den Wald.
Stian Hole inszeniert die zarte Liebesgeschichte zwischen den Kindern in surrealen, magischen Bildern. Der Wald ist Paradies und Märchenlandschaft, mit einem Licht, das aus einer fan­tas­tischen Parallelwelt zu kommen scheint. Die gemeinsamen Abenteuer wer­den überlagert durch die halb kind­lichen, halb erotischen Fantasien Gar­mans, was Hole auf berückende Weise in seinen Illustrationen umsetzt. So fliegen die beiden auf den Spuren von Juri Gagarin, dem ersten Kosmonauten, durch den Weltraum, und wenn sie in den nächtlichen Himmel schauen, erscheinen alle Sternbilder und ihre Namen als kosmisches Palimpsest.
In allen Garman-Büchern geht es um die Angst vor dem, was kommt. In «Gar­mans Geheimnis» gelingt es Hole, die Zeit unmittelbar vor der Pubertät als einen grossen, schwerelosen Raum aus Möglichkeiten zu zeigen, der gerade durch die erste Liebe in alle Himmelsrichtungen aufgeht.
Christine Lötscher
Buch&Maus 3/2012, S. 22

Die Piraten von nebenan
Jonny Duddle
Aus dem Englischen von Linde Zwerg
Verlag: Loewe, Publiziert: 2012, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-7855-7510-6
Schlagwörter: Freundschaft

Jonny Duddles zweites Bilderbuch «Die Piraten von nebenan» erscheint in glei­cher Ausstattung wie sein Erstling «Lecker Piraten!» – also inklusive aus­klapp­­baren Seiten für den Handlungshöhepunkt. Obwohl wieder ein «Piratenbuch», bietet Dud­dle nun eine ganz andere Geschichte. Von der hohen See wechselt der Schauplatz in die Gegenwart, zum verschla­fenen Küstenort «Schnarch am Deich», wo sich der Wunsch der kleinen Matilda nach einem Spielgefährten erfüllt – und wie!
Auf dem Nachbargrundstück ankert näm­­lich die Piratenfamilie der Jolley-Ro­gers, um ihr Schiff zu überholen. Matilda schliesst mit Piratenjunge Jim sofort Freundschaft, und auch Dorfkatze und Pira­tenhund können sich gut riechen. Die Erwachsenen des Dorfes dagegen se­hen nur Probleme, denn die Familie passt so gar nicht in die dörfliche Eintönigkeit: «Die VERSUCHEN ja nicht mal, den Rasen kurz zu halten», empört sich eine Nachbarin. Der Klatsch steigert sich bis zur Anti-Pira­ten-Demo. Dennoch hinterlas­sen die Pira­ten allen Nachbarn bei ihrer Abreise eine Überraschung…
Mit den Piraten in der Rolle der Fremden und der (vergnüglichen) Inszenierung von Klischees – dörfliche Biederkeit versus lebensfrohe Eindringlinge – ist die Geschichte im Grunde bekannt, doch wird sie in Wort und Bild äusserst liebenswert erzählt. So sprechen die Piraten in beschwingt übersetzten Reimen. Die farbenfrohen, dynamischen und detailfreudigen Bilder laden zum wiederholten Anschau­en ein, findet man doch immer wieder ergötzliche Details – und aufmerksame Augen entdecken sogar Anspielungen auf Dudd­les Erstling.
Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 3/2012, S. 23

1001 Schafe
Kerso
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2012, Seiten: 200, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5446-X
Schlagwörter: Humor/Komik

In ihrer französischen Heimat hat Kerso schon einige Kinderbücher illustriert. Mit «1001 Schafe» gibt die im Burgund lebende Künstlerin nun ihr Debüt im deutschen Sprachraum.
«Autorin und Verlag versichern, dass in und auf diesem Buch genau 1001 Schafe abgebildet sind», ist auf dem Vorsatzblatt zu lesen. Womit sich der Text des sonst ohne Worte auskommenden Buches dann auch schon fast vollständig erschöpft. Auf rund 100 kleinformatigen Doppelseiten (!) hat Kerso mit feinem Humor und filigra­nem Strich in der Tat exakt 1001 Schafe aufs Papier gebannt. Da sind Schafe im Steinzeitlook, die einen Elefanten in die Höhe stemmen, wilde Partys feiern oder vor einem wütenden Dinosaurier fliehen. Es gibt Schafe in prächtigen Roko­ko-Klei­dern, die sich von edlen Herren galant den Hof machen oder von Barbaren entführen lassen. Und da sind Schafe, die in einer Rakete zum Mond fliegen, Hippie-Schafe, campende oder trampende Scha­fe, und Schafe, die verliebt auf einer Schau­kel kuscheln. Und, und, und…
Weil sich auf so einer Doppelseite mitunter 40 Schafe und mehr tummeln und es gar nicht so leicht ist, dabei den Überblick nicht zu verlieren, zeigt ein Zähler auf jedem Bild den aktuellen Schafe-Stand an. Wer beim Nachzählen verzweifelt, rufe sich die Anleitung am Anfang in Erinne­rung, denn es zählen auch «Schafskulp­turen sowie Schafe auf Gemälden, Skizzen und Stickereien. Auch wenn nur ein Ohr zu sehen ist, zählt das Schaf mit. Unter einer Pferdehaut können zwei Schafe stecken, genauso wie in einem Wolfspelz.»
«1001 Schafe» ist ein ausgefallenes Bil­derbuch für Schäf­chenfans und -zähler jeden Alters, mit dem sich nicht nur auf spielerische Weise das Zählen lernen und üben, sondern auch immer wieder viel Neues entdecken lässt.
Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/2012, S. 23

Ein Hase auf Reisen
Willy Puchner
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2012, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5521-0
Schlagwörter: Traum

Der österreichische Fotograf und Zeichner Willy Puchner ist ohne Frage eine Ausnahmeerscheinung in der Welt der illustrierten Bücher. Wenn er, wie in «Tagebuch der Natur» (Nilpferd 2001) und «Willy Puchners Welt der Farben» (Nilpferd im Residenz 2011) das Neben- und Nachein­an­der sinnlicher Wahrnehmung auf Dop­pelseiten einzufangen versucht, dann ist das Ergebnis berauschend: Fülle und Viel­falt an Bildelementen fügen sich mit geschriebenen Notizen zu einer Reihe the­ma­tischer Tableaus, mit deren Hilfe man die Welt neu entdeckt. Diese Welt ist zwar farbig, aber nicht bunt, die matten Farbtöne sind ebenso aufeinander abgestimmt wie die Bildelemente präzise zueinander in Beziehung gesetzt sind. Doch bei aller philosophischen Durchdrungenheit sind diese beiden Bücher als ein in seinem Wesen kindliches Spiel gestaltet, das entsprechend auch von Kindern mit Genuss gespielt werden kann.
Anders das jüngste als Kinderbuch präsentierte Werk Puchners: In «Ein Hase auf Reisen» erzählt uns der Illustrator über 18 gerahmte Bildseiten hinweg ei­nen Traum – den Traum eines Kindes? Das jedenfalls suggerieren die ersten Sätze und Bilder. Für einmal sind es nicht mit etwas praktischer Welterfahrung erkennbare Materialien und Details, die Puchner verarbeitet, sondern Assoziationen und kunsthistorische Anspielungen: Gemeinsam mit einem hageren roten Hasen schwankt man beim Blättern durch die surrealen Träume einer kaum sicht- und absolut nicht spürbaren Anna, die wohl doch eher eine erwachsene Anna ist. Annas Träume fristen auf einer klar begrenzten Guckkastenbühne ein ebenso be­deutungsschweres wie erstarrtes Da­sein voll symbol- und schattenhafter Gestalten und steinerner Gäste.
Wieder ist es ein Spiel, das uns Puchner hier anbietet, ein kindliches Spiel aber ist es ganz sicher nicht.
Gerda Wurzenberger
Buch&Maus 3/2012, S. 23

Zorgamazoo
Robert Paul Weston
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2012, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 3-941087-98-3
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft | Fabelwesen

Die Empfehlung des Erzählers, sich vor der Lektüre in eine warme Decke einzuwi­ckeln und es sich mit einer Tasse Kakao bequem zu machen, ist Gold wert: Denn lässt man sich erst auf das Abenteuer mit der fantasiebegabten Katrina Katrell und dem eigentlich wenig unternehmungslustigen Zorgel Mortimer «Morty» Yorgel ein, taucht man ab in eine Untergrundwelt voller seltsamer Kreaturen, hinein in eine Geschichte, bei der man hinter jeder Ecke auf alles gefasst sein muss. Auf der Flucht vor Katrinas bösartigem Vormund Mrs. Krabone alias «Old Krabby» trifft man auf durchgeknallte Ärzte, fiese Schlägertrup­pen und weinerliche Monster. Gemeinsam mit Katrina Katrell und Morty macht man sich auf die Suche nach den verschwun­denen Zorgeln aus Zorgamazoo und wird am Ende gar von einem grauen Alien in den Weltraum entführt. Auf dieser unglaublichen Reise wird gelacht und geweint, es gibt Angsthasen, mutige Helden und solche, die es noch werden. Und man erfährt – dies wenig überraschend –, dass Fan­tasie der weitaus bessere Energie­liefe­rant ist als Langeweile.
Dass der ganze Text in Versform gehal­ten ist, tut der temporeichen Geschichte keinen Abbruch. Das lyrische For­mat schafft im Gegenteil einen Rah­men, in dem die teilweise auffallend herbe Spra­che von Robert Paul Weston in ihrer Interpretation durch Uwe-Michael Gutzsch­hahn überraschend gut aufgehoben ist.
Víctor Rivas Schwarz-Weiss-Illustra­ti­o­nen vermögen die ausserirdische Be­dro­hung ebenso eindrücklich darzu­stellen wie den Witz und die spiele­rische Ironie des Textes. Kombiniert mit der ein­falls­reichen Typographie, die mit Schrift­­arten und -grössen und diversen Darstellungsmöglichkeiten spielt, entsteht so ein Buch, das einen auf eine fantastische Reise mitnimmt.
Kim Berenice Geser
Buch&Maus 3/2012, S. 24

Das Schiff im Baum
Jutta Richter
Verlag: Hanser, Publiziert: 2012, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24018-7

Ein Sommerabenteuer

Wenn die Mutter eine Auszeit benötigt, ist das für ihre Kinder sehr bedrohlich. Wenn diese dann die Sommerferien bei Grosstante und Grossonkel in der Pampa verbringen müssen, kann es eigentlich nicht mehr schlimmer kommen: kein Handy­netz, kein Fernseher – nur ein Löschteich statt eines Schwimmbads, ein Hahn namens John Long Silver (R. L. Stevensens «Schatzinsel» lässt grüssen) und ein Hund, der Freitag heisst. Kurz: eine apo­kalyp­tische Urlaubsvorstellung für Grossstadtkinder wie den neunjährigen Ole und die elfjährige Katharina.
Tante Pauline und Onkel Fiete, der an Alzheimer leidet, sind zwar ururalt, aber die befürchtete Land-Langeweile verkehrt sich im Handumdrehen in Glück. Im weitläufigen Garten lässt sich endlich das Baum­schiff bauen, von dem Ole schon lange geträumt hat. Und Onkel Fiete versorgt die Kinder sogar mit Flagge und Proviant. Und er erzählt ihnen an guten Tagen Seefahrergeschichten von seiner Zeit auf der Pequod, dem Schiff aus Hermann Mel­villes Roman «Moby Dick» .«Du bist der krasseste Typ, dem ich je begegnet bin», kommentiert Ole Fietes Geschichten. Er hat dem Grossonkel längstens verziehen, dass der ihn nur «Ho­sen­schisser» nennt.
Wie alle erfüllten Sommerferien gehen auch diese viel zu rasch zu Ende. Aber Ole und Katharina werden wiederkommen, schliesslich wol­len sie erfahren, wie der Freitag zu seinem Namen gekommen ist.
Jutta Richters neues Kinderbuch beschwört mit intensiven Bildern den ostfriesischen Landsommer, Seemannsgarn und den Freiraum von Freundschaften über Generationen hinweg. Für Ole und Katharina steht die Zeit in diesem Som­mer still. Und für uns LeserInnen auch.
Christine Tresch
Buch&Maus 3/2012, S. 24

2.01 Donnerschlag
Joachim Masannek
Verlag: Baumhaus, Publiziert: 2012, Seiten: 207, ISBN/ISSN/EAN: 3-8339-0082-2
Schlagwörter: Sport

Das Motto «Alles wird gut, solange du wild bist!» gilt noch immer: Seit 2002 reisst die Erfolgswelle, auf der die Kinderbuchserie «Die Wilden Fussballkerle» von Joachim Masannek reitet, nicht ab. Im Frühjahr ist Band 14 erschienen, auf diversen TV-Ka­nälen läuft die Animationsreihe und bereits sind fünf Spielfilme abgedreht.
Im Band «2.01 Donnerschlag» – der Vorgängerband der Reihe «Die wilden Kerle Level 2.0» liegt mittlerweile vier Jahre zurück – sind die Kerle zunächst aber er­staun­­lich zahm. Sie schwelgen in Erinne­rungen. Nur der Ich-Erzähler, der achtjährige Nerv, grösster Fan der WFK, ist noch hungrig nach Erfolgen und Abenteuern.
Nach dem erprobten Erfolgsschema tritt dann aber doch wieder eine Heraus­for­derer-Mannschaft auf den Plan, und zwar die «Wölfe von Ragnarök»: Rasta-Locken und Tattoo, Helme in Form von Tier­schädeln. An dieser Stelle wird klar, was hier passiert: Football goes Fantasy!
Nach­dem Trainer Willy die Kerle eines sei­ner gefürchteten Spezialtrai­nings hat absolvieren lassen, sind sie bereit für das Spiel der Spiele gegen die Wöl­fe. «Donnerschlag» ist der Name des sagenumwobe­nen Ortes, an dem entschieden wird, ob die WFK an der Champions-Lea­gue der besten acht Stras­sen­fussball-Mann­schaf­ten teilneh­men dür­­fen. Dort findet dann auch das schicksalhafte Spiel statt, das in einer dritten Dimension gespielt und «3D-Fussball» genannt wird und sich als Höhepunkt des Buches über 30 nervenaufrei­bende Seiten erstreckt.
Masannek versteht wie kein anderer, Spannung zu erzeugen – auch wenn seine Bücher zugegebenermassen keine lite­ra­ri­schen Meisterwerke sind. Eingeflei­schte Fans, nicht nur solche, denen Fussball etwas bedeutet, werden das Buch dennoch lesen, hören oder sich die Geschichte spätes­tens in der Film-Adaption ansehen.
Roger Meyer
Buch&Maus 3/2012, S. 24

Kiki
Antje Damm
Verlag: Hanser, Publiziert: 2012, Seiten: 78, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-24006-3
Schlagwörter: Abschied | Freundschaft

Als Antje mit ihren Eltern und den beiden kleinen Brüdern aufs Land zieht, ist sie zunächst alles andere als begeistert. Ihr neu­es Zimmer im eigenen Haus ist kleiner als das in der alten Wohnung, und ausserdem vermisst sie ihre Freundinnen. Doch neue sind schnell gefunden: Da gibt es Bärbel, neben der Antje in der neuen Schule sitzt, und die einen ganzen Schatz an frisierten und unfrisierten Barbiepuppen besitzt.
Und dann ist da Kiki, die so ganz anders ist. In Kikis Haus werden immer neue Bil­der aufgehängt; bei ihr erleben die beiden Mäd­chen grenzenlosen Bastelspass. Die Freund­schaft zu Kiki ist etwas Beson­deres, das weiss Antje auf den ersten Blick. Dafür hätte es des Freundschaftszaubertranks, den die Mädchen bei ihrem ersten Treffen einvernehmlich brau­en, vermut­lich gar nicht bedurft.
Einen wunderbaren Sommer verbrin­gen Antje und Kiki zu zweit, man­chmal zu dritt. Sie behaupten sich gegen Antjes Brü­der und finden Wege, um ihrer hilflosen Wut Ausdruck zu verleihen, als sie herausfinden, dass der Bauer vier Katzen­babys einfach so getötet hat.
Doch für das, was dann pas­siert, sind die Gefühle offenbar zu stark, um in Worte gefasst zu werden. Seltsam distanziert erzählt Antje das Kapitel «Kiki­ende». Aus dem erlebenden Mädchen wird eine Berichterstatterin, und es sind gerade die Nüch­ternheit und Klarheit ihrer Erzäh­lung, die den Leser ahnen lässt, welch ungeheurer Schmerz sich dahinter verbirgt.
«Kiki» ist ein wunderbares kleines Buch von Freundschaft und Abschiednehmen – und eines, das zeigt, dass etwas bleibt, auch wenn alles zu Ende scheint. Ein Buch, das auch erwachsene LeserInnen nach der Lektüre noch lange tief berührt.
Maren Bonacker
Buch&Maus 3/2012, S. 25

Irgendwas stimmt nicht
Martina Wildner
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2012, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5510-5
Schlagwörter: Humor/Komik

Im für den Jugendliteraturpreis 2012 no­mi­nierten Roman «Das schaurige Haus» hat sich Martina Wildner als Mei­sterin unheimlicher Stimmungen und men­sch­licher Konflikte bewiesen; die eigent­liche Story weist aber Schwächen auf. Nicht so Wildners neuster Streich: «Irgend­was stimmt nicht» strotzt vor humor­vol­len Dialogen und kombiniert perfekt Motive aus Sci­ence Fiction, Lausbubengeschichte und Detektivabenteuer.
Gregor ist zwölf und ihm wird ständig vorge­wor­fen, zu viel zu träumen, statt in der Schule aufzupassen. Heimlich ist er überzeugt, dass es in seinem Leben einen Gully gibt, in dem seine Sachen und mas­senhaft Englischvokabeln verschwin­den: «Was ich bräu­chte, wäre ein Deckel, einen su­per­supersuper­dichten Deckel», stellt er frustriert fest. Und den Deckel kriegt er dann auch: von Karoline, einem seltsam altmodischen Mädchen, das wie aus dem Nichts auf dem Spielplatz auftaucht, auf dem Gregor seine kleine Schwester hütet.
Karoline, Tochter des Wissenschaftlers von Damme (ein herrlicher Mad Scientist) schenkt Gregor einen «Mind Lid», mit dem sich gelernte Vokabeln sicher speichern lassen. Weit ge­wich­tiger aber ist Gregors verwirrende wie befriedigende Erfahrung, dass die eigenen Worte, auf die bisher so wenig Verlass war, plötzlich weltverän­dernde Kraft entfal­ten. Denn Gregor er­kennt, dass er auf an­dere Wirklichkeitsdimensionen zugreifen und sie nutzbar machen kann. Als er aber Menschen verschwinden lässt, kriegt er kalte Füsse: Wie soll er seine seltsame Gabe im Zaum hal­ten? Und: Will er auf ein Talent verzichten, das ihm zum ersten Mal im Leben das Gefühl gibt, kein kompletter Versager zu sein? Gregors Dilemma öffnet unverse­hens einen Raum für ethische Fragen, ohne diesem atem­beraubend komischen Buch die Leichtigkeit zu nehmen.
Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/2012, S. 25

5 Hunde im Gepäck
Eva Ibbotson
Aus dem Englischen von Sabine Ludwig
Verlag: dtv, Publiziert: 2012, Seiten: 300, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-76063-X
Schlagwörter: Humor/Komik

Solange Henry sich erinnern kann, träumt er von einem eigenen Hund. Und ebenso lange ist seine Mutter dagegen. Henry wohnt «in einem grossen, modernen Haus (…) mit Teppi­chen, die so dick waren, dass die Füsse darin versanken». Ein Hund würde da nur stören.
Als sein Vater ihm seinen Herzenswunsch zu seinem zehnten Geburtstag erfüllt, kann Henry sein Glück zunächst kaum fassen. Es ist Liebe auf den ersten Blick, als er Fleck bei «Rent-a-Dog» entdeckt. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er rundum glücklich. Doch das ist nicht von langer Dauer, denn sein Hund ist nur ge­mietet. Montagmorgen um elf muss er zu­rück, sonst muss sein Vater «für einen weiteren Tag zahlen». Das Schicksal aber will es, dass Henry und Fleck wenig später wie­der aufeinander treffen. Henry begreift, dass Fleck ihn ebenso vermisst, wie er ihn – und beschliesst, ihn zu entführen und zu sei­nen Grosseltern ans Meer zu fahren. Dass er auf seiner Reise plötzlich «5 Hunde im Gepäck» hat, macht die Sache kompliziert. Doch mit tatkräftiger Unterstützung der pfiffigen, uner­schrockenen Pippa, die auf die rest­li­chen Vierbeiner eigentlich hätte aufpassen sollen, wächst Henry über sich hinaus.
Eva Ibbotson hat ihr posthum erschie­nenes Kinderbuch «drei sehr bedeu­ten­den Hunden» gewidmet. Es ist die altbe­kannte Geschichte vom Leben im golde­nen Käfig, das nicht glücklich macht, wenn es an Herzenswärme und Gebor­gen­heit fehlt, die die Autorin voller (Mit-)Ge­fühl für ihre menschlichen wie tierischen Hel­den erzählt. Mit Henry stellt sie einen empfindsamen Jungen in den Mittelpunkt, der mutig für seinen Traum eintritt und nicht müde wird, dafür zu kämpfen.
Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/2012, S. 26

Tom Sawyers abenteuerliche Ballonfahrt
Mark Twain
Aus dem Englischen von Andreas Nohl
Verlag: Hanser, Publiziert: 2012, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23916-2
Schlagwörter: Abenteuer

Nach der Neuübersetzung von Mark Twains «Tom Sawyer als Detektiv» («Tom Sawyer, Detective», 1896) legt Hanser nun den Folgeroman «Tom Sawyers abenteu­er­liche Ballonfahrt» («Tom Sawyer abroad», 1894) vor. Da «Nigger» Jim mit von der Partie ist, wird einem das süsse Leseabenteuer aber gehörig versalzen.
Auf der Suche nach neuen Abenteuern, mit denen Tom Sawyer den alten Nat Par­son ausstechen möchte, erkunden Huck, Jim und Tom ein riesiges Luftschiff, das nach Europa fliegen soll. Der verrückte Professor, der das Schiff konstruiert hat, fliegt aber los, bevor die drei Freunde wie­der von Bord gegangen sind. Damit beginnt eine unfreiwillige, waghalsige Reise, die sie über den Atlantik und die Sahara bis zu den Pyramiden führt: Man entkommt wil­den Tieren, trifft auf Karawa­nen und gerät in einen Sandsturm, und stets weiss Tom alles besser. So weit, so gut – wäre da nicht das «Jim-Problem»: Ein erwachsener, ehe­maliger Skla­ve reist mit zwei Buben und übernimmt doch niemals die Verantwortung. Jim ist im Gegenteil der Ängstlichste der drei, und es bleibt ihm nur die Rolle des läp­pischen Clowns.
Zweifelsfrei war der grosse Mark Twain ein Mann seiner Zeit und damit ein Teil des Rassen-Diskurses der damaligen USA. Sol­che gesellschaft­lich dominanten Diskurse waren aber, wie die Literaturprofessorin Clare Bradford klarstellt, keine Zwangsjacken, die dem Au­tor keine an­dere Wahl liessen – etwa beim Entscheid, einen erwachsenen Afro-Ameri­ka­ner als unwis­sen­des, clowneskes Kind zu beschreiben. Ohne historische Aufarbeitung ist das Buch deswegen nicht geniessbar.
Roger Meyer
Buch&Maus 3/2012, S. 26

Die Vogelinsel
Werner Heickmann
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2012, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5528-8
Schlagwörter: Abschied | Familie/Familienformen

«Mir geht es gut. Vater.» Fünf Worte. Mehr steht nicht auf der Postkarte, die Hinnerk von seinem Vater erhält. Seit dem vergangenen Sommer ist der fort; mit sei­nem Kanu einfach davon gepaddelt. Während Hinnerks Mutter sich langsam mit ihrem neuen Leben arrangiert, sich zu Hinnerks Entsetzen sogar mit einem anderen Mann zu treffen beginnt, hofft der Elfjährige noch immer auf die Rückkehr seines Vaters. Er versucht herauszufinden, wo sich das Haus befin­den könnte, das auf besagter Postkarte ab­gebildet ist. Vieles deu­tet auf «die Vogelinsel» hin, die rund 20 Kilometer fluss­­ab­wärts liegt. Zusammen mit seinem neuen Freund Paul, dessen Vater ebenfalls weggegangen ist, zusammen mit einer anderen Frau, macht Hinnerk sich auf den Weg: mit dem Kanu den Fluss hinab, genau wie sein Vater.
Werner Heickmann erzählt atmos­phä­risch dicht und sehr nah an den Empfin­dungen und Gedanken des jungen Ich-­Erzählers von zwei vaterlosen, tief ver­­letz­ten und verunsicherten Jungen auf der Suche nach Neuorientierung; von ei­ner noch zerbrechlichen Freundschaft, von Prü­fung, Abschied und Neuanfang. Hinnerks Vater finden die Jungs auf der Vogelinsel zwar nicht; wohl aber das auf der Post­karte abgebildete, inzwischen ver­fal­le­­ne weisse Haus und einen Falkner, der ei­nen Jungvogel abrichtet. Die Fahrt mit dem Kanu und die Tage auf der Insel stel­len die beiden Buben immer wieder vor neue Herausforderungen.
«Die Vogelinsel» ist ein unspektakulä­res, ruhiges Buch vol­ler stimmungsvoller Momente und Fra­gen, auf welche die LeserInnen letztlich selbst Ant­wor­ten finden müssen: «‚Meinst du, dass man einen Vater braucht? Dass ein Vater et­­was Wich­tiges ist?’ In mir zuckt etwas. Es tut weh. Ich schaue Paul an. ‚Wir sollten da anklopfen’, sage ich statt einer Antwort.»
Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/2012, S. 26

Minous Geschichte
Mette Jakobsen
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2012, Seiten: 216, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5499-0
Schlagwörter: Philosophie

Gross ist sie nicht, die Inselgesellschaft, in der Minou lebt. An Impulsen und Lebensweisheiten aber mangelt es der 12-Jähri­gen nicht, tragen doch die Inselbe­wohner ihre jeweiligen Lebensphiloso­phien und Ideale an sie heran. Der Erste, ein Fischer und Minous Vater, ist überzeugt, ein Abkömmling Descartes' zu sein. Er lehrt Minou die Liebe zur Philosophie, zum logi­schen Argumentieren und gedan­ken­schwe­­­ren Spazieren – aber kann Minou Descartes’ Weg trauen, wenn der doch sei­ne Familie dafür verlassen hat? Ein Pries­ter, der Gott im Gebet wie im Brezelbacken findet, will Minou vom Glauben überzeu­gen, ist aber ausserstande, ihr Vertrauen auf die Rückkehr ihrer Mutter zu verste­hen. Der Zauberer Kisten­mann schliesslich weckt in Minou die Begei­sterung für das Spiel mit den Illusionen – aber hat nicht am Ende seine Zauberkunst Minous Mutter verschwinden lassen?
Allein im Dachzimmer ihres Leuchtturms prüft Minou all diese Wahrheiten, begleitet von der Erinnerung an ihre Mut­ter, einen Paradies­vo­gel voller Sehn­sucht nach fernen Län­dern und überzeugt da­von, dass die Fantasie allein den Men­schen heilt. Doch es ist am Ende ein an den Strand gespülter toter Junge, der Minou inspiriert, auf die Suche nach ihrem eigenen kreativen Potential zu gehen.
«Minous Geschichte» ist ein leises, poe­tisch-philosophisches Buch. Minous LehrmeisterInnen mögen archetypische Figu­ren und Träger zeitloser menschlicher Eigenschaften sein, aber sie sind zugleich viel­schichtige Persönlichkei­ten, sind des­illu­sio­niert und lebenshungrig zugleich. Genau wie Minou selbst, die in den LeserInnen den Wunsch wecken könn­te, den eigenen Fragen nachzuspüren – mit Verstand und Fantasie, mit Vertrauen, aber auch mit einer gesunden Portion Skepsis.
Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/2012, S. 27

Online Date
Caja Cazemier
Aus dem Niederländischen von Sonja Fiedler-Tresp
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2012, Seiten: 156, ISBN/ISSN/EAN: 3-8415-0176-1

Jade ist 15 Jahre alt und chattet gerne. Zusammen mit ihrer Freundin Malini macht sie sexy Fotos von sich und stellt sie unter ihrem Nickname «Edelstein» ins Internet. Jade freut sich über die bewundernden Reaktionen. Besonders über diejenigen von «Supersound», dessen richtigen Namen Yoram sie dann im Laufe der Zeit erfährt. Seine Komplimente schmeicheln ihr und geben ihr das Gefühl, begehrenswert zu sein. Die sich entwickelnde Vertrautheit geniesst Jade. Sie zweifelt nicht an der Aufrichtigkeit Yorams. So verrät sie ihm in ih­rer Verliebtheit ihren richtigen Namen und ihre Mailadresse. Auch als er wünscht, dass sie vor der Webcam das Shirt auszieht, findet sie das zuerst aufregend. Erst als sie sich weigert, wei­ter auf seine Wün­sche einzugehen und ihrerseits Forde­run­gen stellt, offenbart sich ihr die Wahrheit…
Auf den ersten Blick mag die me­dien­pädagogische Frage, wie viel Vertrauen man virtuellen Bekanntschaften entge­genbringen darf, etwas verbraucht erscheinen. Cazemier schafft es aber, mit Chat-Sprache Authentizität zu erzeugen und den Weg der Protagonistin glaubhaft und subtil aufzuzeigen. So wird Jade zwar von ihren Eltern vor den Gefahren des Internets gewarnt. Doch die Gefühle sind stär­ker als die gelernten Verhaltensregeln. Und das ist durchaus noch aktuell: Viele Cyberbullying-Fälle sind darauf zurückzu­führen, dass Logindaten des Face­book-Profils preisgegeben werden.
Darüber hinaus weist das Buch einen zu­sätzlichen päda­gogi­schen Ansatz auf: So besinnt sich Jade, die sich mit der Auflösung des Falls direkt an die LeserInnen wendet, am Ende auf ihre «realen» Freun­dInnen. Zudem stellt der Verlag via Web­site umfangreiche Unterrichtsmateri­alien für die 7. bis 10. Klasse zur Verfügung, mit deren Hilfe die Thematik vertieft und das Buch für Lehrpersonen als Klassen­lektüre attraktiv gemacht werden soll.
Boris Uehlinger
Buch&Maus 3/2012, S. 27

Prison Island
Hilde K. Kvalvaag
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2012, Seiten: 141, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5477-X
Schlagwörter: Pubertät

Idun ist tough. Idun ist ehrgeizig. «Streber-Idun» wird sie von den MitschülerInnen genannt; aber Idun hat noch nie zu der Sor­te Mädchen gehört, die ihr Selbstbild auf die Meinung der anderen gründet. Topnoten und ein Rekord im Mittelstreckenlauf – das sind die Ziele, die sie sich gesetzt hat; den Trainer will sie erobern, ihre Konkurrentin Ane Mo schlagen und vor allem: nicht länger Zweite sein. Im Sommer ihres 16. Geburtstages ist Idun auf dem besten Weg, all das zu erreichen, als ihre Cousine Mai unerwartet in ihr Leben tritt: Mai, die immer am Abgrund balanciert, für die es keinen Unterschied macht, «ob sie mit jemandem schlief oder nur Hallo sagte», die sagt: «Man kann doch nicht leben, ohne zwischendurch daran zu denken, sich umzubringen.»
In Iduns Zimmer bauen sich die beiden Mädchen ein U-Boot, mit dem sie in unbekannte Gewässer aufbrechen – Gewässer, die Mai am Ende verschlingen werden. Nach ihrem Verschwin­den lässt Idun den gemeinsamen Sommer am Fjord Revue passieren: jenen Sommer, in dem sie zwei­mal mit einem Sträfling geschlafen und alle Extreme durchlebt hat, die Verlangen, Leiden­schaft, Aggressi­vi­tät, Neu­gier und Verwirrung mit sich bringen.
Die dänische Autorin Hilde K. Kvalvaag legt mit «Prison Island» auf knapp 140 Sei­ten ein Wunderwerk an atmos­phäri­scher Dichte, intelligenter Figuren­zeich­nung und tiefgründiger Spannung vor. Erschö­pfung, Schmerz, Lust, Begeh­ren und To­des­sehnsucht – all diese Emotionen wer­den ausgestaltet in einer Weise, die nicht nur an gängigen Tabus der Jugendliteratur kratzt: In ihrer Intensität lassen sie sich direkt miterleben als lustvoll-erregend, als abgründig und existenziell, beklem­mend und erlösend. Besser, schärfer und vor allem wuchtiger ist über körperlich-seelische Grenzsituationen lange nicht geschrieben worden.
Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/2012, S. 28

Nach Norden, zum Mond
Polly Horvath
Aus dem Englischen von Christiane Buchner
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2012, Seiten: 221, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5461-3

Wer die Bücher der kanadischen Autorin Polly Horvath liebt, kennt die Protago­nis­tInnen ihres neuen Romans bereits: Jane, Maya, Max und Hershel, die vier Kinder, und ihre traumverloren dem Le­ben vertrauende Mutter. In «Unser Haus am Meer» (2011) verliebt die sich in den abenteuer­lustigen Ned, der mit der ganzen Familie nach Kanada zieht, in die Prärie. Dort bekommt er die erste feste Anstellung seines Lebens, als Französischlehrer.
Der neue Roman «Nach Norden, zum Mond» beginnt mit einem Eklat, wie ihn sich nur Polly Horvath ausdenken kann: Nach einem Jahr fliegt auf, dass Ned gar kein Französisch kann. Ned versteht nicht so recht, was das Theater soll, schliesslich war er in Sachen Motivation unschlagbar. Doch das hilft nichts, die Familie muss weiterziehen. Zunächst zu den kanadi­schen UreinwohnerInnen, dann nach Ne­vada, auf die Ranch von Neds Mutter.
Kindheit ist für Jane und ihre Geschwister eine ständige Grenzerfahrung; und Horvath verschweigt bei aller Lust an der Skurrilität des Lebens einer nomadi­sierenden Patchwork-Familie nicht, dass das bedrückend und schwierig sein kann. Besonders, als Jane auch noch in die Pu­bertät kommt und das kumpelhafte Verhältnis zu Ned komplizierter wird: Warum musste er auch allen erzählen, dass sie in den muskulösen Stallburschen Ben verliebt ist?
Die Kunst, Texte zu schreiben, die zugleich zum Lachen und zum Weinen sind, hat Horvath in diesem Buch auf die Spitze getrieben. Die Melancholie, die wie ein zäher schwarzer Fluss unter all der Le­bens­freude und der Lust am Nonsens fliesst, kommt aus dem Wissen um die Zerbrechlichkeit des Lebens, dem die Figu­ren mit einer beinah grotesken Hin­gabe an die Gegenwart tapfer entgegentreten.
Christine Lötscher
Buch&Maus 3/2012, S. 28

Nicht jetzt, niemals
Ursula Dubosarsky
Aus dem Englischen von Silvia Schröer
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2012, Seiten: 143, ISBN/ISSN/EAN: 3-8000-5676-3
Schlagwörter: Tod/Trauer | Historisches | Gewalt

Australien 1967: Eine Schulklasse von nur elf Mädchen an einem kleinen Ort an der Küste. Über diesem scheinbar idyllischen Bild liegt ein dunkler Schatten: Seit der Hinrichtung eines Häftlings zieht sich das Thema Tod wie ein roter Faden durch den Schulalltag und nagt bald an der Psyche der Schülerinnen. Unterstrichen wird die trügerische Stille des gottesfürchtigen Or­tes durch die Nachrichten aus der Aussenwelt, vom Krieg in Vietnam und den Unru­hen in den USA und in Europa.

An einem Sommertag führt die Lehre­rin Miss Ren­shaw ihre Schülerinnen in eine Parkanla­ge, um mit ihnen über den Tod nachzudenken. Dieser seltsame Ausflug wie­der­holt sich in den folgenden Wo­chen, und stets ist er begleitet vom Gärtner und Dichter Morgan. Die Mädchen werden skeptisch, auch, weil der männliche Begleiter von der poesiebegeisterten Lehre­rin in hohen Tönen gelobt, ja sogar ange­himmelt wird. Bald nimmt sie ihnen auch noch das Versprechen ab, mit nie­manden darüber zu sprechen: «Ich weiss, ich kann euch Mädchen vertrauen. Es ist unser kleines Geheimnis.»

Aufgrund der Thematik bietet sich das Buch als Klassenlektüre an: Was fügt eine Vertrauensperson ihren Schützlingen zu, wenn sie ihre Autorität ausspielt und ihre Macht missbraucht? Es ist nicht die Handlung, die die Geschichte zum Leben erweckt, sondern Dubosarskys düstere Erzählweise. Das und sich allzu aufdringlich wiederholende Formulierungen wie «die kleinen Mädchen» und «nicht jetzt, nie­mals» machen einem die Lektüre aber zuweilen auch schwer.

Sandra Tomljenović
Buch&Maus 3/2012, S. 28

Zirkel
Sara B. Elfgren, Mats Strandberg
Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger
Verlag: Dressler, Publiziert: 2012, Seiten: 607, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-2854-8

Was tun, wenn anstelle eines einzigen gleich sieben Auserwählte die Welt retten sollen? Und wenn noch dazu einer von ih­nen tot in einer Schultoilette aufge­funden wird, noch ehe sich der titelgebende (Hexen-)Zirkel zum ersten Tref­fen versammeln kann?
Sara B. Elfgren und Mats Strandberg reservieren im ersten Teil ihrer «Zirkel»-Trilogie viel Raum für das Kennenlernen der ungewöhnlich grossen Anzahl gleichgestellter Protagonistinnen, die aus unter­schiedlichsten Milieus kom­men. Ein auk­torialer Erzähler nimmt in rascher Folge abwechselnd den Standpunkt von fünf der verbleibenden sechs Hauptfiguren Anna-Karin, Ida, Linnéa, Minoo, Rebecca und Va­nessa ein. Den Kern der Handlung bilden die Versuche des Zirkels, einzeln sowie gemeinsam ihre besonderen Kräfte zu entwickeln. Aber erst als ein zweiter Mord geschieht, beginnen die Mädchen damit, zusammenzuhalten und ernsthaft nach dem Täter zu suchen. Die Detektion rückt somit ins Zentrum des Geschehens, wobei die übergeordnete Bedrohung völlig in den Hintergrund rückt.
Potenzial der Erzählung bleibt unter anderem auch ungenutzt, weil das AutorInnenduo darauf verzichtet, alle sechs Mädchen tatsächlich zu charakterisieren: Die überhebliche, mob­bende Ida wird ausschliesslich durch die Augen der anderen geschildert. Gemäss den Genretraditio­nen werden über Me­dien­grenzen hinweg Elemente übernom­men und neu kombi­niert: So kennt man den zwielichtigen Rat und die Schule als Ort des Bösen etwa aus «Buffy im Bann der Dämonen»; magische Rituale erinnern an «Charmed», und das magische Buch als Helfer – ein beliebtes Motiv der phantas­ti­schen Ju­gend­literatur – fehlt ebenfalls nicht. «Der Zirkel ist die Antwort», heisst es – aber zuerst einmal müsste die richtige Frage gestellt werden.
Sonja Loidl
Buch&Maus 3/2012, S. 29

Funkensommer
Michaela Holzinger
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2012, Seiten: 254, ISBN/ISSN/EAN: 3-7725-2621-7
Schlagwörter: Liebe

Hannah ist sechzehn und lebt auf einem Bauernhof in Österreich. Es ist Sommer und die Stadt und die Schule scheinen in weiter Ferne. Dafür steht Arbeit an: Schwei­nefüttern, Misten, Jauche ausfah­ren, Mais ernten. Seit Hannahs älterer Bruder, der eigentlich den Hof überneh­men soll, an einer plötzlichen Allergie lei­det, muss Hannah für ihn einspringen. Alles hat sich verändert: Der Bruder ist verschlossen und aggressiv und in den Augen der Mutter liegt eine Härte, die Hannah ver­stummen lässt. Überhaupt wird kaum noch gesprochen zuhause. Doch auch Han­nah hat sich verändert, seit sie Finn kennen gelernt hat. Während ihre beste Freundin Jelly von Finn bereits als von «dei­nem Lover» spricht, ist Hannah unsi­cher. Darf sie sich in Finn verlieben? Was erwarten die Eltern von ihr? Was ist, wenn der Bruder nie mehr auf dem Hof arbeiten kann? Und was will sie selber? «Mensch, Hannah. Setz dich endlich bei deinen El­tern durch!», drängt Jelly. Doch das ist leichter gesagt als getan…
Im Nachwort ihres Roman-Erstlings schreibt Michaela Holzinger, dass sie schon etwas Ermutigung nötig hatte, um ein Jugendbuch zu schreiben, das im landwirtschaftlichen Milieu angesiedelt ist. In der Tat ist das ungewöhnlich. Und so erinnert «Funkensommer» anfangs durchaus an Jugendbücher aus einer ganz an­deren Zeit. Dass es der Autorin gelingt, rund um eine einfache Liebesgeschichte auf dem Land eine richtig spannende Story zu entwickeln, in der Drogen, ein vertusch­ter Selbstmord, ein verwunschener Fel­sen an einem Moorsee und IKEA eine tragende Rolle spielen, ist schon bemer­kenswert. Und da ist es dann auch nicht weiter schlimm, wenn am Ende doch ein bisschen dick aufgetragen wird – inklusive Super-Happy-End.
Gerda Wurzenberger
Buch&Maus 3/2012, S. 29

Blutsverdacht
Marie-Aude Murail
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Verlag: Fischer, Publiziert: 2012, Seiten: 254, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85451-2

Viel schlimmer, müsste man denken, kann es für Ruth nicht kommen, seit ihre Mutter vor ein paar Jahren gestorben ist. Bis zu dem langweiligen Regennachmittag, an dem ihre Freundin Rebecca auf die Idee kommt, ein Foto von Ruths Mutter sehen zu wollen. Als ihr Blick auf das Klassenfoto fällt, das Ruth ihr zeigt, fällt der Freundin als Aussenstehender sofort etwas auf: etwas, das innerhalb der Fa­milie so geheim gehalten wird, dass Ruth dafür völlig blind war, obwohl es doch ganz offensichtlich zu sein scheint: Auf dem Klassenfoto hält Ruths Vater nicht seine spätere Frau im Arm, sondern deren Zwillingsschwester – die bald darauf ermordet wurde…
Die für ihre liebevollen und ebenso gut gemeinten wie gut erzählten – ein Kunststück, das ihr einmal einer nachmachen muss! – Sozialstudien bekannte franzö­sische Autorin schlägt in «Blutsverdacht» gleich das richtige Tempo für einen guten Thriller an. Nur zwi­schendurch bemüht sie sich etwas zu sehr um eine kritische Haltung gegenüber dem Internet – da wird es arg didaktisch und der Suspense lässt nach. Denn die Mädchen fackeln nicht lan­ge, stellen das Foto im Internet auf die Seite aus-den-augen-verloren.com und tun so, als seien sie Ruths Vater auf der Suche nach seinen alten Schulkamera­dInnen.
Sofort sind die Geister aus der Vergangenheit wieder da, und der Boden un­ter Ruths Füssen beginnt gewaltig zu wackeln. Kann es sein, dass ihr Vater ein Mör­der ist? Alle Indizien weisen darauf hin, auch wenn Ruths Gefühl ihr klar und deutlich sagt, dass er nichts zu verbergen hat. Da nimmt die Geschichte richtig Fahrt auf.
Christine Lötscher
Buch&Maus 3/2012, S. 30

I don’t have a gun
Marcel Feige
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2012, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-81087-3
Schlagwörter: Musik | Biografie

Die Lebensgeschichte des Kurt Cobain

Brian Jones, Janis Joplin, Jim Morrison und Amy Winehouse waren geniale MusikerInnen, deren bewegtes wie selbstzerstö­re­­­risches Leben im Alter von 27 Jahren endete. Auch Kurt Cobain (1967–1994), mit «Nirvana» ein richtungweisender Mu­­si­ker der 1990er-Jahre, gehört dem «Club 27» an. Am 8. April 1994 wurde er tot über der Garage seines Anwe­sens entdeckt. Drei Tage zu­vor hatte er sich eine dreifache Überdosis Heroin gespritzt und mit der Schrot­flinte in den Kopf geschossen.
«I hate myself and I want to die»: So ist eines der letzten Kapitel von Marcel Feiges Biografie über Cobain überschrieben. Wie verzweifelt, traurig, zerrissen muss ein Mensch sein, um so etwas von sich zu sagen? Feiges Buch gibt Aufschluss da­rü­ber. Von seiner Geburt über die ersten Er­folge bis hin zum Durchbruch mit Nir­vana zeichnet der Berliner Autor Cobains be­weg­tes Leben nach: Seine durch die Schei­dung der Eltern, Verlust­ängste und grosse Einsamkeit geprägte Kindheit, wiederkehrende Rückschläge, Alko­­hol- und Dro­genex­zesse und wiederholte Selbstmordversuche. Ein Le­ben, in dem es letztlich nur eine Konstante gab: Musik. «Ungestümer Rock. Wilder Punk. (…) wütende, ehrliche, gute Musik.»
Sechs Monate lang hat Feige an «I don’t have a gun» gearbeitet. Drei Wochen ist er auf Cobains Spuren die Westküste der USA hinabgereist. Er hat dessen Geburtsstadt Hoquiam besucht; Aberdeen, wo Cobain aufgewachsen ist; San Diego, Los Angeles und Seattle, wo er mit «Nirvana» seine gröss­ten Erfolge feierte. Feiges Biografie gelingt es, den Menschen hinter der öffen­t­­lichen Person greifbar zu machen, die mit ihrer Musik zum Sprachrohr einer ganze n Generation wurde: jenen Menschen, der an dieser Rolle zerbrach. Das Ergebnis ist fesselnd, in­for­mativ und tief berührend. Nicht nur für Cobain-/«Nirvana»-Fans.
Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/2012, S. 30

Jo Raketen-Po
Pinkus Tulim
Verlag: cbj Audio, Publiziert: 2012, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8371-1096-8
Schlagwörter: Abenteuer | Humor/Komik

Der Furz an sich ist für Dreikäsehochs ein attraktives Thema, verknüpft sich hier doch das Geheimnis der Körperaus­schei­dung wunderbar mit dem Tabu­bruch. Wie aber ausgerechnet ein Flatu­lenz-gebeu­telter, schüchterner Junge zum Helden eines ebenso spannenden wie lustigen Abenteuers werden kann, liest und erzählt Schauspieler Christoph Maria Herbst in der Hörbuchfassung von Pinkus Tulims «Jo Raketen-Po» geradezu umwerfend sprach- und stimmgewaltig.

Dabei stehen die Zeichen anfangs so gar nicht auf Happy-End: Denn schon als klei­ner Pupser donnert Jonathan den Leuten so gewaltige Winde um die Ohren, dass sein Vater seinen Job als Kanalisationsbeauftragter des idyllischen Luft­kurorts Blähingen verliert. Wenig später wird der Familie sogar das Amt für Seuchen, Pilz­befall und Faulgase auf den Hals gehetzt. Und auch in der Schule wird der Junge geplagt und kann seine Tornado-Koliken nur dank der Wundermedizin von Doktor Bumm im Zaun halten. Letzterer liefert denn auch die erlösende Diagnose: Weil Jonathan hochgradig allergisch ge­gen jede Form von Klugscheisserei ist, verwandelt sein Organismus diese flugs in heisse Luft.

Zum Glück lernt Jonathan die kesse Charlotte kennen – die ist in Sachen Blähattacken zwar eine Leidensgenossin, dafür aber frech wie Oskar. Ihr neuester Plan ist verwegen: Sie will unbedingt Pupskunstmeisterin beim Maharadscha von Popolonien werden… Also nichts wie los und an den Heissluftballon des Weltreisenden Wendelinus Sprüngli ange­dockt!

Dieses Audiobuch ist albern, fantasie­voll, voller Tempo, Sprachwitz und Situa­tionskomik: bestes Gacker-Hörfutter!

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/2012, S. 31

Rosa Winkel
Michel Dufranne, Illustration: Milorad Vicanovic
Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2012, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-941787-79-9
Schlagwörter: Nationalsozialismus

Andreas entspricht ganz dem Klischee des Homosexuellen: Er ist jung, attraktiv, he­do­nistisch und apolitisch. Auf die Machtergreifung der Nazis reagiert er mit einem Achselzucken. Und als Werbegrafiker gestaltet er weiterhin Plakate für die NSDAP. Erst nach dem Röhmputsch von 1934, als der schwule Erich Röhm ermordet und seine SA aufgelöst wird, geraten die Ho­mo­sexuellen ins Visier der Nazis. Um die 15000 werden verschleppt, ein grosser Teil stirbt in den Konzentrationslagern.
In «Rosa Winkel» erzählen Michel Du­franne und Milorad Vicanovic Andreas’ Geschichte: Er wird denunziert, von Polizei und Gestapo bedrängt, ins Gefängnis gesteckt und trotz einer Scheinehe mit einer lesbischen Freundin schliesslich ins KZ Sachsenhausen verfrachtet. Nach dem Krieg ist er ein gebrochener Mann, doch sein Leidensweg geht weiter: In der Bun­desrepublik gilt Homosexualität weiter­hin als Verbrechen, so dass die Schwulen für das erlittene Unrecht nicht entschä­digt werden. Schliesslich wandern Andreas und seine Frau nach Frankreich aus.
Andreas’ Lebensgeschichte ist in eine Rahmenhandlung eingebettet: Für einen Vortrag über das «Dritte Reich» wollen sein Urenkel und ein paar Schulkameraden ihn als Zeitzeugen befragen. Andreas aber schweigt; sein Leben rollt nur vor seinem inneren Auge ab. Dieser Rahmen wirkt zu aufgesetzt, um zu überzeu­gen.
Über­zeugend ist dafür die Bildspra­che dieser aufklärerisch interessanten Geschichte: Der Stil ist klassisch-realistisch, doch die Farbgebung durch Christian Lerolle, der mit immer dunkler werdenden Braun-, Grau- und Schwarztönen arbeitet, erzeugt einen eindringlichen Sog, der ei­nen tief in das Grauen der Schwulenverfolgung hineinzieht.
Christian Gasser
Buch&Maus 3/2012, S. 31

Botanicula
Jára Plachý, Anamita Design
Verlag: Euro Video, Publiziert: 2012, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Abenteuer

Als berückend schön und clever dazu erweist sich das neue Point-and-clickAdventure der kleinen tschechi­schen Spiele­firma Amanita Design. Die hand­gezeich­nete Grafik verschafft den Eindruck einer unwirklichen, sphärischen Pflanzen- und Tierwelt. Mit spärlichen, aber gezielt ein­gesetzten Animationen wird die Geschichte ganz ohne Worte, leise und zugleich eindringlich, erzählt: Die Lebenskraft der Bäume ist in Gefahr, von schwar­zen Wesen aufgesaugt zu werden und im Nichts zu verschwinden. Ein Pilz, eine Buchecker, ein Zapfen, eine Feder und eine Stabheuschrecke machen sich zusammen auf die Reise, um in diesem fünfstündigen Abenteuer-Epos die Ordnung der Dinge wieder herzustellen.
Mit viel Herz, Humor und einer Prise Surrealismus sind die Rätsel gestaltet, die gelöst werden wollen. Beobachtungsgabe und beharrliches Explorieren lohnen sich, und hinter manchen Würmern und Blät­tern verstecken sich Überraschungen und skurrile Figuren, die erst durch mehrma­liges Klicken zum Vorschein kommen. Zeitweilig wirken die Rätsellösungen et­was willkürlich-absurd, auch fällt die räum­liche Orientierung in diesem weitläufigen Universum nicht immer leicht. Doch die spontane musikalische Dar­bie­tung eines Fabelchors oder die Entde­ckung einer neuen Kreatur, die flugs der virtuellen Kartensammlung beigefügt wird, lässt das SpielerInnenherz wieder höher schlagen.
Die am Independent Ga­mes Festival ausgzeichnete musi­­ka­lische Kulisse ist einzigartig: Meditativ zwischert und summt es verhalten, kreucht und fleucht es lautmalerisch; dazwischen schie­ben sich freche Gitarrenklänge und das Aca­pella-Brummen un­sicht­barer Käfer. Und nicht nur in dieser Form interaktiver Poesie, sondern auch in Wirklichkeit setzt sich Amanita Design für den Schutz der Artenvielfalt ein: siehe http://amanita-design.net.
Mela Kocher
Buch&Maus 3/2012, S. 32

Der Lorax
Verlag: Universal Pictures, Publiziert: 2012, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Humor/Komik

Die Stadt Thneedville bietet ihren luxusverwöhnten BewohnerInnen zwar jede Menge Un­ter­haltung – die Natur ist jedoch längst verschwunden. Die Luft ist verdreckt, und (Plastik-)Bäume kauft man vom Fliessband, da deren lebende Vorbil­der vor Jah­ren abgeholzt wurden. Als der Schüler Ted hört, dass sich seine Nachba­rin Audrey nichts sehnli­cher wünscht als einen echten Baum, sieht er seine Chance gekommen, um ihr Herz zu ge­winnen: Noch in derselben Nacht schleicht er sich aus der Stadt, um den geheimnisvollen Once-ler zu finden. Der weiss als Einziger, was mit den Bäu­men geschehen ist – weil er sie nämlich einst selbst abgeholzt hat.

Nach «Horton Hears A Who» findet mit «The Lorax» ein weiteres Buch des amerikanischen Kult-Kinderbuchautors Dr. Seuss den (animierten) Weg auf die Leinwand. Die Inszenierung ist vor allem visu­ell gelungen: Die kunterbunten Truffalo-Bäume und die WaldbewohnerInnen sind gross­ar­tig animiert. Letztere steuern auch Hu­­mor und einen enormen Niedlichkeitsfaktor bei. Die Handlung des Bilderbuches wurde um die auf Spannung ausgelegte Rah­­mengeschichte Teds erweitert.
Neben der Geschichte vom Once-ler und dem naturbewahrenden Lorax (in verschiedenen Sprachversionen, auch in der deut­schen, von Danny DeVito gespro­chen), verliert sich der Film aber etwas in Verfolgungsjagden, Ge­sangs­einlagen und Slapstick. Die Umweltbotschaft kann so nicht ganz überzeugen, denn die Schuld für die Zerstörung der Natur wird grundsätzlich anderen gegeben (z. B. Firmen und geldgierigen Managern). Optionen, wie jede/r Einzelne einer solchen Entwicklung entgegenwirken kann, bleibt der Film hingegen schuldig.

Petra Schrackmann
Buch&Maus 3/2012, S. 32

Der schwarze Hund
Levi Pinfold
Aus dem Englischen von Nicola T. Stuart
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-941787-86-5
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein | Familie/Familienformen

Ein zuckerwatterosa Schloss steht tief im nebligen Winterwald; ein bisschen schief im Wind, der voller Schneeflocken hängt. Familie Hoop, die im Origi­nal «Hope» heisst, hat sich ihr Haus direkt im Mär­chenland gebaut: Und von der fried­lichen Koexistenz von Wun­derbarem und Alltäglichem spre­chen auch die verwinkelten, skurrilen und leicht nostalgi­schen Räume, in denen die ganz normale Familie lebt. Es sind Räume, die überquel­len vor Leben, bis zum Bers­ten gefüllt mit Zeich­nungen von Rit­tern und Rake­ten, Burgen und Modell­flug­­zeugen. Alt und jung, gross und klein, Katz und Maus und Playmobil: einfach alles hat ein Eigenleben in Levi Pin­folds wunderbaren, herrlich detaillier­ten Bil­dern und seinen winzi­gen Sepia-Skiz­zen – und alles hat Platz nebeneinander.
Zumindest muss es so gewesen sein; inzwischen aber haben sich die Hoops ein­gerichtet in ihrer beschaulichen Idylle hinter den Fenstern, die zwar gross sind, aber nicht länger durchlässig für die Welt da draus­sen. Für den schwarzen Hund jedenfalls, der eines Tages vor der Türe steht, wird das Schloss zur Festung; der Hund wiederum für die Familie zum alb­traum­haften Ande­ren, das die Gemein­schaft bedroht. Im­mer monströse­re Züge nimmt er an, wird gross wie ein Elefant, ein T-Rex, ein Sweetums (auch wenn kei­ner weiss, was das ist, nur, dass es schrecklich ist). Kalte Angst herrscht, wenn sich die lie­bevoll gezeich­neten Figu­ren immer vehementer verschanzen. Bis das jüngste Familienmitglied, «Klein (wie kurz)» entschlossen aus dem Haus marschiert und die Dinge in die rich­tige Perspektive rückt. Dieses fantastische Kind bringt hier für einmal die dringend nötige Entzau­be­rung, die das Wunderland aus seiner Erstarrung reisst – und es wieder Utopie sein lässt.
Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 4/2012, S. 23

Gloria nach Adam Riese
Michael Stavarič, Illustration: Dorothee Schwab
Verlag: Luftschacht, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-902844-15-6
Schlagwörter: Nonsens

Man könnte glauben, der Jabberwocky (das Ungeheuer aus dem berühmtesten Nonsense-Gedicht aller Zeiten, nachzule­sen in Lewis Carrolls «Alice im Wunderland») hätte ein paar Dracheneier gelegt, die fast hundertfünfzig Jahre lang im Dorn­röschenschlaf lagen. Bis sie endlich entdeckt und ausgebrütet wurden – vom österreichisch-tschechischen Autor Mi­cha­el Stavarič, der sich in den letzten Jahren als der König des Nonsense im Kinderbuch etabliert hat.
Denn wie bei Lewis Carroll trifft einen die Klangevidenz seiner Wortspiele mit­ten ins Lachnerven­zentrum, und obwohl der Sinn in den tausend Spielarten des Reims und der Assonanzen liegt, die er aus den Wörtern und Wortverbindungen he­rauskitzelt, wird Zeile für Zeile eine Geschichte erzählt. «Ein Clan Cellophan, Marzipan im Ozean», oder «ein Schwarm Kaiserschmarrn, etwas lahm (allerdings zahm)» – Geschichten, die man selbst weiterspinnen kann, wenn man sich nicht gerade von den Fantasmagorien mitreis­sen lässt. Manchmal bleibt den Assozia­tionen nur noch, müde hinteher zu hinken, wenn es im gestreckten Galopp losgeht: «Ein Batzen Katzen, Tatzen, Glatzen mit Spatzen, ein Schwall Weltall, Pferdestall (mit Nachtigall)».
Im neuen Bilderbuch «Gloria nach Adam Riese» wachsen all die Sprachgespinste aus einem Schaumbad, in dem Gloria und ihr Bruder Adam sich vergnü­gen. Am Ende verschwindet der ganze Zauber wieder durch den Abfluss – ein Glück, dass Gloria, die kleine Zauberin, alles aufgeschrieben hat.
In Dorothee Schwabs Bildern ist vieles angedeutet, das sich ebenfalls weiter­denken lässt – und das bei den Kindern die Lust an der überreichen Welt des Non­sense weckt.
Christine Lötscher
Buch&Maus 4/2012, S. 23

Der fürchterliche Hermann
Oliver Scherz, Illustration: Ulf K.
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2012, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0417-7
Schlagwörter: Humor/Komik | Mut/Selbstbewusstsein

Ein Hund namens Hermann – da hat man sofort ein cholerisches Kraftpaket samt ohrenbetäubendem Gebell und messer­scharfem Gebiss im Kopf. Und genau so einer ist Hermann auch. Aber eben nur auf den ersten Blick. Denn als Stig mutig sein Fahrrad direkt vor dessen Gartenzaun abstellt und den Wüterich in eine Diskussion über Sinn und Zweck seines Radaus verwickelt, da ist der Schreihals plötzlich sprachlos: Als knallharter Wachhund ist Denken und Reden nicht so sein Ding. Doch nach und nach kommt dank Stigs gutem Zuspruch heraus, dass auch so ein Hermann flügelzarte Träume hat. Tänzer werden zum Beispiel. Und so staunen die zurückgekehrten Vögel bald über einen gar nicht mehr fürchterlichen Hermann, der mit rosafarbenen Ballettschläppchen über die Wiese tänzelt und mit elegantem Hundevollspagat zu Boden geht…

«Der fürchterliche Hermann» ist eine hin­reissende Verwandlungsgeschichte über den Mut zum weichen Kern hinter harter Schale, der Normen und Erwar­tungs­haltungen im wahrsten Sinne zum Tanzen bringt. Und natürlich eine aufmunternde Lektüre für alle, die auf ihrem täglichen Nachhauseweg an einem fürch­ter­lichen Hermann vorbei müssen. Wer weiss, vielleicht lohnt sich ja ein persön­liches Gespräch, und auch in dieser Bestie steckt ein verkannter Tänzer, ein Akrobat oder gar verspielter Schmuser?

Comiczeichner Ulf K. setzt die Geschichte mit scharfkonturierten, schema­tischen Illustrationen voller Situationskomik kongenial in Szene: Wie sein kan­tiger Held mit den kleinen Knicköhrchen im Traum auf Zehenspitzen über eine Märchenbühne schwebt, das ist wirklich herzerwärmend komisch.

Marion Klötzer
Buch&Maus 4/2012, S. 23

Das Zebulon und sein Ballon
Alice Brière-Haquet, Illustration: Oliver Philipponneau
Aus dem Französischen von Ursel Scheffler
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-44577-6
Schlagwörter: Freundschaft

«Das Traumfresserchen» und «Wo die wilden Kerle wohnen» sind aus dem Gute-Nacht-Ritual nicht mehr wegzudenken – «Gute Nacht, Gorilla» ist auf dem besten Weg dazu. Ob das auch diese beiden Bil­derbücher schaffen werden, ist ungewiss. Auf jeden Fall aber zeigen sie anschau­lich, wie breit das Spektrum an neuen Geschichten für die Nacht derzeit ist.

Das französische Gespann Brière-Ha­quet und Philipponneau legt eine be­ruhi­gende Geschichte vor: Das kleine, kuller­augige Zebulon verliert eines Nachts seinen geliebten knallroten Ballon und ist entsprechend verängstigt. Schon entdeckt es zwei rote Punkte im Dunkel und wähnt dahinter seinen Ballon. Doch weit gefehlt: Es sind die Augen der Eule, die den Wald bewacht. Sie bietet dem Zebulon Hilfe bei der Suche an, die nun als Reihengeschich­te weitergeht; immer neue rote Punkte tauchen auf, entpuppen sich aber nie als Ballon, sondern als Pfingstrosen, Erdbeeren etc. Bei jedem dieser roten Objekte finden sich neue Tiere, die Zebulons Suche unterstützen: «Das Zebulon hört auf zu weinen. Zehn Freunde statt einen! Es tanzt mit ihnen, singt und lacht, hat keine Angst mehr in der Nacht. Flieg nur davon, huiiijt, du runder, roter Luftballon!»

Mit diesen versöhnlichen Zeilen endet die Geschichte, in der auch die Versform Halt gibt (selbst wenn die Übersetzung nicht immer ganz geglückt erscheint). Die Illustrationen, ja die ganze Aufmachung des Buches ist eigenwillig. Ein dicker Karton mit offener Leinenbindung suggeriert ein Pappbuch, doch innen befindet sich normales Papier. Die Illustrationen sind zweifarbige, typisch sche­ma­tisierende Holzschnitte: Schwarz für den nächtlichen Hintergrund, Schwarz­weiss für die Akteure sowie Rot, das dem Ballon bzw. den aufgefundenen Objekten in der Nacht vorbehalten ist. Das Buch ermöglicht viel Freiraum für eigene Fan­ta­sien, ohne dabei den Pfad des ruhigen Hineingleitens in die Nacht zu verlassen.

Diametral anders erscheint der Weg des Teams Saudo/di Giacomo. Zu Anfang deu­tet nichts auf Tur­bulenzen hin in die­sem Buch: Der Papa erscheint gross und stark im Titel und auf dem Coverbild. Doch dann steht das leidige Zubettgehen auf dem Programm, und jemand sperrt sich ganz offensichtlich dagegen. Alsbald realisie­ren wir, dass es sich dabei nicht um den kleinen Jungen handelt, sondern der Papa sich davor drücken will. In einer überdrehten Umkehrsituation versucht es der Junge mit allen Mitteln: erst mit Freund­lich­keit, dann mit Strenge, mit Vor­le­s­en oder mit Papa­­-zu-sich-ins-Bett-las­sen. Doch weil Papa im Dunkeln ein ganz klei­nes bisschen Angst hat, klappt es erst, als der Junge das Licht im Flur brennen lässt. Da ist man sogar als LeserIn am Ende erschöpft und ein bisschen bettreif!

Text und Bild verschmelzen in den gross­zügigen Bildern zu einer Gesamtheit. Die Dynamik im Bildraum ist gross, nicht zuletzt durch typographische Elemente, die die sich steigernde Situation visua­li­sieren. Obwohl ganz in warmen, beruhi­genden Erdtönen gehalten, kommt doch mittels Perspektive und überstei­ger­ten Grössenverhältnissen die Verdreht­heit der Geschichte so richtig ins Bild. Dank kleiner Details erhält man einen Eindruck von der verstrichenen Zeit in die­sem genüsslichen Kampf um die Nacht, bei dem sich Papa bis zum Schluss nicht von seinem geliebten Hut trennen muss. Sicher ein Erzählspass für Kinder, die sich lieber kugeln vor Lachen, anstatt sich ganz ruhig an jemanden anzuschmiegen; wenn sie denn schon ins Bett müssen!

Barbara Jakob
Buch&Maus 4/2012, S. 24

Mein Papa, der ist gross und stark, aber …
Coralie Saudo, Illustration: Kris Di Giacomo
Aus dem Französischen von Jacqueline Kersten
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-51784-5
Schlagwörter: Humor/Komik

«Das Traumfresserchen» und «Wo die wilden Kerle wohnen» sind aus dem Gute-Nacht-Ritual nicht mehr wegzudenken – «Gute Nacht, Gorilla» ist auf dem besten Weg dazu. Ob das auch diese beiden Bil­derbücher schaffen werden, ist ungewiss. Auf jeden Fall aber zeigen sie anschau­lich, wie breit das Spektrum an neuen Geschichten für die Nacht derzeit ist.

Das französische Gespann Brière-Ha­quet und Philipponneau legt eine be­ruhi­gende Geschichte vor: Das kleine, kuller­augige Zebulon verliert eines Nachts seinen geliebten knallroten Ballon und ist entsprechend verängstigt. Schon entdeckt es zwei rote Punkte im Dunkel und wähnt dahinter seinen Ballon. Doch weit gefehlt: Es sind die Augen der Eule, die den Wald bewacht. Sie bietet dem Zebulon Hilfe bei der Suche an, die nun als Reihengeschich­te weitergeht; immer neue rote Punkte tauchen auf, entpuppen sich aber nie als Ballon, sondern als Pfingstrosen, Erdbeeren etc. Bei jedem dieser roten Objekte finden sich neue Tiere, die Zebulons Suche unterstützen: «Das Zebulon hört auf zu weinen. Zehn Freunde statt einen! Es tanzt mit ihnen, singt und lacht, hat keine Angst mehr in der Nacht. Flieg nur davon, huiiijt, du runder, roter Luftballon!»

Mit diesen versöhnlichen Zeilen endet die Geschichte, in der auch die Versform Halt gibt (selbst wenn die Übersetzung nicht immer ganz geglückt erscheint). Die Illustrationen, ja die ganze Aufmachung des Buches ist eigenwillig. Ein dicker Karton mit offener Leinenbindung suggeriert ein Pappbuch, doch innen befindet sich normales Papier. Die Illustrationen sind zweifarbige, typisch sche­ma­tisierende Holzschnitte: Schwarz für den nächtlichen Hintergrund, Schwarz­weiss für die Akteure sowie Rot, das dem Ballon bzw. den aufgefundenen Objekten in der Nacht vorbehalten ist. Das Buch ermöglicht viel Freiraum für eigene Fan­ta­sien, ohne dabei den Pfad des ruhigen Hineingleitens in die Nacht zu verlassen.

Diametral anders erscheint der Weg des Teams Saudo/di Giacomo. Zu Anfang deu­tet nichts auf Tur­bulenzen hin in die­sem Buch: Der Papa erscheint gross und stark im Titel und auf dem Coverbild. Doch dann steht das leidige Zubettgehen auf dem Programm, und jemand sperrt sich ganz offensichtlich dagegen. Alsbald realisie­ren wir, dass es sich dabei nicht um den kleinen Jungen handelt, sondern der Papa sich davor drücken will. In einer überdrehten Umkehrsituation versucht es der Junge mit allen Mitteln: erst mit Freund­lich­keit, dann mit Strenge, mit Vor­le­s­en oder mit Papa­­-zu-sich-ins-Bett-las­sen. Doch weil Papa im Dunkeln ein ganz klei­nes bisschen Angst hat, klappt es erst, als der Junge das Licht im Flur brennen lässt. Da ist man sogar als LeserIn am Ende erschöpft und ein bisschen bettreif!

Text und Bild verschmelzen in den gross­zügigen Bildern zu einer Gesamtheit. Die Dynamik im Bildraum ist gross, nicht zuletzt durch typographische Elemente, die die sich steigernde Situation visua­li­sieren. Obwohl ganz in warmen, beruhi­genden Erdtönen gehalten, kommt doch mittels Perspektive und überstei­ger­ten Grössenverhältnissen die Verdreht­heit der Geschichte so richtig ins Bild. Dank kleiner Details erhält man einen Eindruck von der verstrichenen Zeit in die­sem genüsslichen Kampf um die Nacht, bei dem sich Papa bis zum Schluss nicht von seinem geliebten Hut trennen muss. Sicher ein Erzählspass für Kinder, die sich lieber kugeln vor Lachen, anstatt sich ganz ruhig an jemanden anzuschmiegen; wenn sie denn schon ins Bett müssen!

Barbara Jakob
Buch&Maus 4/2012, S. 24

Nalle liebt Oma
Stina Wirsén
Aus dem Schwedischen von Maike Dörries
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5405-1
Schlagwörter: Eifersucht/Neid | Familie/Familienformen

Am liebsten hat Nalle seine Oma ganz für sich alleine. Aber diesmal klappt das nicht. Die manchmal ganz fürchterlich dumme Cousine kommt dazu, und schon scheint die Welt aus den Fugen.

Die schwedische Illustratorin Stina Wir­sén erschafft mit ihrer «Nalle»-Reihe eine fesselnde Bilderbuchwelt: Mühelos identifiziert man sich mit den Figuren, mit Nalles Familie sowie den Freunden Vogel, Kaninchen und Kater, und durchlebt ge­fühls­intensive Situationen. In «Nalle liebt Oma» sind es die Eifersucht und die missliche Lage, in der sich die Cousine befindet. Die anderen drei «Nalle»-Bände, alle von Maike Dörries ins Deutsche übersetzt, drehen sich ums Alleinsein, um das gemeinsame Aushandeln von Grenzen und das Ausprobieren von Neuem, kurz: ums Überwinden kniffeliger Situationen.

Von Stina Wirsén gibt es noch viel mehr Geschichten, die in Schweden auch auf der Kinoleinwand zu sehen sind. Sie sind stets kunst­voll verdichtet, im Alltag geerdet und dramaturgisch perfekt umgesetzt. Wenige Requisiten genügen, und kurze Sätze bzw. Dialoge vermitteln anschaulich und prägnant, worum es geht.

Im Buch sieht man auf weissem Hintergrund die originellen Figuren mit aus­drucks­­starker Mimik und Gestik agie­ren. Ihre farbigen, schwungvoll aufs Papier gebrachten Kringel malt Wirsén mit Mar­kern. «Her drawings as well as the stories are inspired by kids», betont der schwedische Verlag. Und sowohl Bilder wie Geschichten sind ein grosses Geschenk für alle LeserInnen und BetrachterInnen, ganz gleich welchen Alters.

Antje Ehmann
Buch&Maus 4/2012, S. 24

Nur wir alle
Lorenz Pauli, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0642-4
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere

Weil der Hirsch sich langweilt, beobachtet er die Maus, die hurtig einen Ast entlang turnt und so den Fluss überquert – immer wieder. Da würde er gern mitspielen, doch die Maus erklärt: «Ich spiele nicht! Ich ma­che meine Geschicklichkeitsübun­gen.» Al­so «übt» der Hirsch mit, so gut es eben geht, denn balancieren auf dem dünnen Ast kann er natürlich nicht. Er springt über den Bach, ohne sich die Hufe nass zu machen. Das sieht der Fisch, der auch gerne mitspielen würde. Kann er aber nicht. Denn zum einen hat er keine Füsse, die trocken bleiben könnten, und zum anderen «spielen» Hirsch und Maus ja gar nicht. Ist klar. Und wenn sie eine Expedition ans Ende des Flusses machen würden? Die Idee des Fisches wird gern aufgegriffen, und sie ziehen los. «Nur wir drei», sagt der Hirsch. Doch es dauert nicht lange, bis wieder jemand zu ihnen stösst, der eine neue Idee mitbringt…
Wie leicht man Freunde finden und spie­len kann, zeigen Lorenz Pauli und Kathrin Schärer in ihrem neuen Bilderbuch. Da finden sich Maus und Hirsch und Fisch, Erdmännchen und Bär; da verbinden sich lauter einzelne, kleine Leben zu einer einzigen grossen, gemeinsamen Geschichte, in der (titelgebend) «nur wir alle» zusam­men spielen. Die gewohnt sparsamen Illustrationen von Kathrin Schärer konzentrieren sich auf die handelnden Tiere, die hier mit einer umwerfenden Mimik und Dynamik versehen sind und so dazu beitragen, den untergründigen Humor der Geschichte zu verdeutlichen – einer Geschichte, die zeigt, wie aus Fremden Freunde werden, und die eine stimmige Parabel ist für den Alltag von Kindern.
Maren Bonacker
Buch&Maus 4/2012, S. 25

Babyalarm
Kim Fupz Aakeson, Illustration: Eva Eriksson
Aus dem Dänischen von Maike Dörries
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2012, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5472-3

«Vielleicht kriegst du ja einen Platz im Kinderheim, wenn das Baby da ist.» Willy ist kein besonders guter Trostspender, aber er ist ja auch nur Jonas’ schlechtester Freund. Jonas muss sich also fast ganz allein mit den Folgen auseinandersetzen, welche die bevorstehende Geburt seines Ge­­schwi­sterchens mit sich brin­gen könn­te. Denn Babys duften so gut, darum liebt man sie ja so, und Jonas riecht best­en­falls ein wenig nach Gras. Das macht ihm Sor­gen. Und während er im Kopf – schrei­ben kann er nämlich noch nicht – Listen über Dinge macht, die er kann und nicht kann, versucht er herauszufinden, was es mit der Liebe auf sich hat. Ob es geht, dass man jemanden erst lieben und dann nicht mehr lieben kann. Oder ob man vergessen kann, dass man jemanden eigentlich liebt.

Eine Woche begleitet man Jonas durch den Alltag, der trotz des dicken Bauches seiner Mutter eigentlich seinen gewohn­ten Gang geht. In diesem Zusammenspiel von bekannter Routine und plötzlicher Ungewissheit liegt denn auch der Reiz der Geschichte: In einem umfassenden Text und in einfachen Bildern wird die Auseinandersetzung des kleinen Jungen mit der aktuellen Situation gezeigt. Aus die­sem Grund hat es das Buch auch nicht nötig, Dinge schönzureden. Willy darf «Kackpapa» sagen und Jonas’ Vater seinen Sohn liebevoll «hässliche Rotzgöre» nen­nen. Die schnörkellose Sprache und die direkten Fragen schaffen so eine Natür­lich­keit, die es sich nicht zum Ziel setzt, Antworten zu geben, sondern auch Raum lässt für Unsicherheit. Und vielleicht be­hält Jonas’ Oma Recht und die Liebe verdoppelt sich, wenn man sie teilt.

Kim Berenice Geser
Buch&Maus 4/2012, S. 25

Herr Lavendel
Michael Roher
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2012, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-905871-30-2
Schlagwörter: Philosophie

Michael Roher schafft es einfach immer wieder, seinen künstlerischen Stil zu vari­ieren. Im letzten Frühjahr ist neben «Zugvögel» ein weiteres wunderbares Bilderbuch von ihm erschienen, das den Titel seiner Hauptfigur trägt: «Herr Lavendel». Herr Lavendel ruht in sich selbst, geniesst sein Leben, und erlebt immer wieder fantastische Begegnungen. Er hat die An­ge­wohnheit, Erinnerungen in Form von Bildern, Stoffhasen oder einem Schuh an eine Wäscheleine zu hängen. So muss sich Herr Lavendel nur anschauen, was an den Wäscheklammern hängt, und schon fühlt er sich wohl.

Äusserlich mutet das hochästhetisch gestaltete und hochwertig ausgestattete Buch wie ein altes Schulheft im DIN A5-Format an. Auf jeder Doppelseite kombiniert Roher eine Erfahrung oder eine kleine Szene aus dem Leben von Herrn Lavendel – etwa eine Begegnung mit der Hummel, dem Tod oder dem Nachbarn – mit einer Frage, die sich direkt an die ZuhörerInnen richtet: «Was würdest du gern können?», «Wie stellst du dir den Himmel vor?» oder «Wer sind deine Nachbarn?». Es sind Denkanstösse, mit deren Hilfe man mühelos in einen Dialog treten kann.

Diese zweite Erzählebene lädt dazu ein, in Kindergruppen den eigenen Erfah­run­gen, Träumen und Ideen Gesicht zu verleihen, frei nach dem Motto: «Was würdest du heute an deine Erinnerungswäsche­leine hängen?» Michael Roher hat ein feines Gespür für Farben, und arbeitet hier in Collagetechnik – einzig die Haupfigur gestaltet er mit Hilfe der Monotypie, einer Art Drucktechnik. Auf weitere Bilder­bücher des jungen Künstlers darf man gespannt sein.

Antje Ehmann
Buch&Maus 4/2012, S. 26

Guter Drache & Böser Drache
Christine Nöstlinger, Illustration: Jens Rassmus
Verlag: Nilpferd in Residenz, Publiziert: 2012, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7017-2112-2

Florian ist in ständiger Begleitung seiner beiden Freunde: eines guten, seifenbla­senspuckenden, und eines bösen, feuerspeienden Drachens. Das Beste an ihnen ist, dass sie sich immer genau so gross machen können, wie es notwendig ist, um bei Florian zu sein, den sie beschützen (böser Drache) und für den sie Menschenfreunde finden (guter Drache). Draussen im Park sind sie gross, im Haus ganz klein (aber persönlich ist ihnen die grosse Variante lieber). Was ausserdem toll ist: Keiner ausser Florian kann sie sehen!

Wobei letzteres manchmal auch zu Problemen führen kann. Zum Beispiel, wenn Florians Mama gerne ans Meer fahren möchte, die Drachen aber krank sind und Florian sie pflegen muss. So sehr sorgt sich Florian, dass er mitten in der Nacht in den Park läuft, um sich um seine Freunde zu kümmern. Seine Mama bekommt einen Riesenschrecken, als Florian am kommenden Morgen vom Parkwächter nach Hause gebracht wird. Statt Tadel aber gibt’s Verständnis: Da werden unsichtbare Schwimmflügel bestellt, so dass die gene­sen­den Drachen mit ans Meer fahren können. Und damit es ihnen im Auto nicht zu eng wird, dürfen sie auf dem Dach sitzen. Drachen können das!

In gewohnter Nöstlinger-Manier wird hier eine kindliche Herzensangelegenheit von den Erwachsenen nicht belächelt, son­dern ernst genommen, die imaginären Freunde nicht als Unsinn abgetan, son­dern ins Familienleben integriert. Darin liegt ein wunderbares, von Jens Rassmus pfiffig illustriertes Plädoyer für einen lie­be- und respektvollen Umgang mit Kin­dern – und deren geheimen Freunden.

Maren Bonacker
Buch&Maus 4/2012, S. 26

Billy und der Büffel
Catharina Valckx
Aus dem Französischen von Julia Süssbrich
Verlag: Moritz, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-253-0
Schlagwörter: Abenteuer | Humor/Komik | Tiere

Ein niedlicher, kleiner Hamster, der im Wilden Westen wohnt, Billy heisst und Cowboy werden will – schon das hat Charme. Verscheuchte jener flauschige Nachwuchsheld im ersten Band «Pfoten hoch!» mit Zorro-Maske und Knarre noch den Fuchs, so lässt ihn die holländisch-französische Autorin und Illustratorin Catharina Valckx dieses Mal gleich einen leibhaftigen Büffel bezwingen. Ein gera­de­zu grotesker Plan für einen kurzbeini­gen Nager!

«Ich fresse meinen Hut, wenn ein Hams­ter es schafft, einen Büffel mit dem Lasso zu fangen», orakelt dann auch Cowboy-Hamsterpapa, aber so was spornt unseren Billy natürlich nur noch mehr an. Wie er mit Köpfchen, Regenwurm Hans-Peter, Wüstenspringmaus Josefine und der Aussicht auf geröstete Haselnüsse am Ende wirklich einen riesigen Büffel mit nach Hause bringt, das setzt Valckx hier mit viel Si­tuationskomik und turbulenten, car­toon­­haften Buntstift-Illustrationen in son­­niger Prärie-Weite in Szene. Und na­tür­lich wird zum Happy End auch noch Papas Hut gefressen.

«Billy und der Büffel» ist ein Bilderbuch, das das Zeug hat, vor allem kleine Jungs bei ihren Interessen abzuholen und den­noch das Geschlechterstereotyp vom har­ten Kerl auf spielerisches Dreikäsehoch-Ni­veau herunter- und aufzubrechen. Dazu mixt Valckx Süsses mit Coolem, Spannung mit Slapstick und schwarzen Cowboyhut mit viel Rosa. Und so zeigt sich hier alles etwas anders als erwartet: Der Büffel ist nett, der Papa ein begnadeter Koch, und selbst der Rodeo-Sturz wird dank einer leuchtendgelben Kaktusblüte zum Spass. Einziger Wehrmutstropfen: Billys zweites Abenteuer ist dem ersten allzu ähnlich…

Marion Klötzer
Buch&Maus 4/2012, S. 26

Detektiv Heinz Schlapp
Marion Klötzer, Illustration: Hansjörg Palm
Verlag: Jos Fritz Verlag, Publiziert: 2012, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-928013-66-6

Wer hat sich nicht schon einmal ausgemalt, was Alltagsgegenstände erleben würden, hätten sie ein Eigenleben? In Marion Klötzers originellem Erstling sind es Schuhe, die einen eigenständigen Charakter erhalten. Der Treter Heinz Schlapp sieht zwar etwas ausgelatscht aus, ist aber Superdetektiv für die heis­ses­ten Fälle (glaubt er jedenfalls). Gerade als er die Lan­geweile im Schuh­schrank gründ­lich satt hat, erteilt ihm Chefin Hilde, ein Stöckelschuh, einen drin­genden Auftrag: Dem Maharadscha von Prunk und Protz wurde ein goldener Schuhbändel gestoh­len! Gut nur, dass De­tek­tiv Schlapp sofort weiss, wer dahinter steckt – Mei­ster­diebin Lotti Langfinger. Doch die Femme fatale in Flossenform ist ihm immer einen Schritt voraus, und so erleidet Schlapp erst mehr Schlappen als Erfolge.

Notfalls aber ist auf die Wilde Hilde als deus, äh, Stöckelschuh ex machina Verlass. Und wenn Heinz doch mal kurz vor dem Aufgeben ist, stacheln ihn Lottis Dreis­tigkeiten an, sich weiter durchs Aben­teuer zu wursteln. Die eher beschau­liche Beschattung der Verdächtigen mün­det in einer actionreichen Sequenz, in der Diebin und Detektiv in vier Mutproben bzw. Wettrennen gegeneinander antreten, passend montiert in Filmstreifen und fachgerecht von einem Sportreporter-Turn­schuh kommentiert.

In den Rollen von Sportreporter und unerschrockenem Detektiv kann man sich als VorleserIn austoben. Die unge­wöhn­li­chen Fotos und farbenfrohen Foto-Col­la­gen von Hansjörg Palm (weiter bearbeit von Andrea Breitner) erschaffen dazu eine skurril-aberwitzige Schuhwelt mit Pfiff und Vintage-Charme, in der ein Schuh schon mal eine Gurkenmaske er­hält. Fortsetzung und Hörspiel sind in Arbeit.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 4/2012, S. 27

Dilip und der Urknall und was danach bei uns geschah
Salah Naoura
Verlag: Dressler, Publiziert: 2012, Seiten: 168, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-1428-4
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Dass sein indischer Adoptivbruder anders tickt, hat der neunjährige Anton zwar geahnt; die Tragweite ihrer Differenz geht ihm aber erst auf, als es ums Lesen geht. In der Bücherei legt er seine üblichen Favo­riten auf den Tisch: «zwei­mal Olchis, einmal Sams und drei­mal Märchen». Dilip wählt «drei dicke Riesenbücher», von de­nen An­ton kaum die Titel versteht: «Die kosmi­sche Energielücke», «Der Urknall» und «Die sonder­bare Welt der Quan­ten».

Und damit ist die Landkarte von Salah Naouras neuem Kinderroman abgesteckt: Der hoch­begabte Dilip zeigt An­ton die Ma­gie der Natur­wissen­schaf­ten, Anton führt Di­lip durch eine Mär­chen­welt, der er in seinen «Be­rich­tigungen» die nö­ti­ge Lo­gik verpasst. Doch noch wäh­rend es den bei­den fast mühelos gelingt, vermeintlich Gegensätzliches in einer tiefen, so lie­be­voll wie unsenti­men­­tal skizzierten Be­zie­hung zu vereinen, bahnt sich Unheil an.

In dessen Zentrum steht der Vater, der eigentli­che, tragikomische Held der Ge­schich­te: Verzwei­felt hält er an einem Männ­lichkeitsbild fest, an dem er und die Familie zu zerbre­chen drohen. Fällt über Anton her, der «megaschlecht» Fussball spielt und «megaschlecht» rech­net und sperrt sich gegen den Wunsch sei­ner Frau, wie­der in ih­ren Beruf einzustei­gen. Dilip, der ihm intellek­tuell überlegen ist, bringt den Stein dann endgültig ins Rollen – und die Rollen in Bewegung.

Kriselnde Männlichkeit ist im Kinderbuch seit den 1970ern Thema. Doch wo Klassiker wie Christine Nöst­lin­gers «Wir pfeifen auf den Gurken­könig» den Vater als autoritären, zu überwin­den­den Patri­archen zeigen, schildert Salah Naoura das «Fami­lienoberhaupt» als tief verunsicher­ten Menschen. Gut, dass Di­lip so viel von Evolution, Anton von emotionalen Kri­sen und Mama von Männern ver­steht. Und dass sich Kinderbuchväter heute än­dern können; wie ihre Frauen und Kinder auch.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 4/2012, S. 27

Als mein Vater ein Busch wurde – und ich meinen Namen verlor
Joke van Leeuwen
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2012, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5467-9
Schlagwörter: Krieg

Ob es wohl weniger Kriege gäbe, wenn dieses Kinderbuch zur Pflichtlektüre für Poli­tiker, Funktionäre und Militärs erho­ben würde? «Als mein Vater ein Busch wurde und ich meinen Namen verlor» erzählt von Toda, deren Vater eines Tages nicht mehr backen darf, sondern Soldat werden muss, «um die einen gegen die anderen zu verteidigen». Als der Krieg Todas Stadt erreicht, setzt ihre Oma sie in einen Bus. Sie soll über die Grenze, zu ihrer Mutter, die die Familie verlassen hat, «weil ihr alles zuviel wurde». Auf der Flucht begeg­net Toda aufgesetzter Hilfsbereit­schaft, geld­gierigen Schleppern und einem seltsamen General im Ruhestand. Sie geht kurz vor der Grenze verloren, trifft einen Deserteur und verbringt die Nacht und einen langen Tag allein im Wald, ehe sie es doch noch über die Grenze schafft.
Van Leeuwen lässt ihre junge Ich-Erzählerin in ganz einfacher Sprache berichten – mit vielen Fragezeichen, Irgend­wies und Irgendwos. Ganz so, wie Kinder erzählen, wenn sie von Dingen berichten, deren Tragweite sie (noch) nicht voll er­fassen können. Auch wenn das Thema ein trauriges ist, das Buch ist es nicht. Und das Ende ist ein hoffnungsvolles: «Jetzt wohne ich bei meiner Mutter», heisst es da. «Und ich bleibe hier, bis die einen und die anderen aufgehört haben, gegenein­ander zu kämpfen. Ich bleibe hier, bis mein Vater kein Busch mehr zu sein braucht.»
Ein Buch über den Krieg, das zum Gespräch über das Warum-Weshalb-und-Wieso kriegerischer Auseinandersetzun­gen auffordert und dem man deshalb auch viele erwachsene Leser wünscht – über­­all dort, wo «die einen gegen die anderen» kämpfen und Todas Geschichte sich täglich wiederholt. Irgendwie.
Andrea Duphorn
Buch&Maus 4/2012, S. 27

Mary, Tansey und die Reise in die Nacht
Roddy Doyle
Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel
Verlag: CBJ, Publiziert: 2012, Seiten: 236, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-15471-7
Schlagwörter: Tod/Trauer | Generationen | Abschied

Roddy Doyle liebt Familiengeschichten, in denen die Generationen abwechselnd zu Wort kommen. Und zwar nicht nur in Ro­manen für Erwach­sene. Auch in seinen Jugendbüchern geht der irische Au­tor kei­ne Kompromisse ein. In «Mary, Tan­sey und die Reise in die Nacht» sind es gleich vier Frauen­figuren, in deren Haut wir schlü­pfen. Und als wäre der ständige Perspekti­venwech­sel nicht genug, hüpft Doy­le auch noch grosszügig im Jahrhun­dert herum.

Zunächst befinden wir uns in der Ge­genwart und erleben vier Tage im Leben der 13-jährigen Mary O’ Hara mit, die eine tolle Hel­din ist: widerspenstig, altklug und nie um eine vor­lau­te Bemerkung verlegen. Dicht unter ihrer Spitzzüngigkeit aber bro­deln Trauer und Angst, liegt doch Grossmutter Emer im Sterben. Als LeserInnen tau­chen wir sogleich ein in die Ängste der alten Emer und erleben im Rückblick den Tag vor 80 Jahren mit, an dem sie als Drei­jährige zum letzten Mal auf dem Schoss ihrer Mutter Tansey sitzt. Die ist heute ein Geist und will ihrer Tochter das Ster­ben erleichtern – zunächst aber lesen wir, wie sie als 25-jährige Bäu­erin an der Grippe stirbt. Und wie sich Marys Mutter Scarlett als 14-Jährige fühlt, erfahren wir auch…

Klingt kompliziert? Ist es. Und si­cher nur für geübte LeserInnen ge­niess­bar. Wer sich aber an der verwickel­ten Erzählstruk­tur abarbei­tet, wird mit einer zarten Ge­schich­te um Abschied, Trauer und um star­ke Beziehun­gen zwischen Frauen aller Generationen belohnt. Doyles Roman ist geradezu eine Liebeser­klä­rung an die Frau­en. Das wird deutlich, wenn Mary, Scarlett, Emer und die – geis­ter­haft flackernde – Tan­sey in einer irren nächtli­chen Reise eine Kuh tref­fen, der Mary über die Nüstern streicht. «‘Der ist irgendwie ganz weich.’ ‘Sie’, sagte Tansey. ‘Dieses Biest ist ein Weibchen.’ ‘Oh, das sind die besten Biester doch im­mer’, sagte Emer.»

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 4/2012, S. 28

Wer hat Angst vor Jasper Jones?
Craig Silvey
Aus dem Englischen von Bettina Münch
Verlag: Rowohlt, Publiziert: 2012, Seiten: 406, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-499-21613-8
Schlagwörter: Rassismus

Das Leben des 13-jährigen Charlie ist be­hü­tet. Er liest gern, versteckt einen Koffer mit vollgekritzelten Notizbüchern unter seinem Bett und erlebt ausser gele­gent­lichen Massregelungen durch seine Mut­ter nichts, das ihn in seiner Ruhe stören könnte. Das ändert sich schlagartig, als ihn eines Nachts Jasper Jones um Hilfe bittet, der Aussenseiter der kleinen Stadt Corrigan, der als sogenanntes «Misch­blut» von den weis­sen Bürgern gleich­zeitig verachtet und heimlich be­wundert wird. Von Abenteuer­lust gepackt, folgt Charlie Jas­per durch den australi­schen Busch bis zum Rand einer male­rischen Lichtung, wo die grausam misshandelte Leiche eines Mädchens hängt.

Weil Jasper befürchtet, für einen Mord angeklagt zu werden, den er nicht began­gen hat, bittet er Charlie, die Leiche so lange zu verstecken, bis der wahre Täter gefasst ist. Doch anstatt diesen wie versprochen, zu suchen, verschwindet Jasper spurlos. Charlie kommen Zweifel: Hat er wirklich dem Richtigen geholfen?

Craig Silvey beschreibt den drückend heissen australischen Sommer des Jahres 1965, der für Charlie eine Zeit der falschen Verdächtigungen, Fragen, aber auch der ersten Liebe ist. Er legt damit einen pa­ckend geschrie­benen Adoleszenzro­man vor, der von Freundschaft handelt und vom Mut, den Vorurteilen der Erwach­se­nen mit einer eigenen Meinung zu begeg­nen. Sind auch die Textpassagen, die Charlies Alltag zeigen, eher heiter gehal­ten, schim­mern doch immer wieder The­men wie Rassismus und soziale Ausgren­zung durch. So bietet «Wer hat Angst vor Jasper Jones» neben der Spannung eines Krimis und der flimmernden Atmos­phäre eines Coming-of-Age-Romans viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren; eine brisante Mischung, die Jugendlichen, aber auch Erwachsenen sehr zu empfehlen ist.

Maren Bonacker
Buch&Maus 4/2012, S. 28

Rot wie das Meer
Maggie Stiefvater
Aus dem amerikanischen Englisch von Sandra Knuffinke und Jessika Komina
Verlag: Script5, Publiziert: 2012, Seiten: 432, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8390-0147-9
Schlagwörter: Fabelwesen

Mit ihrer «Nach dem Sommer»-Trilogie hat Maggie Stiefvater die Herzen einer ganzen Teenager-Generation erobert. Auch ihr jüngstes Buch «Rot wie das Meer» erzählt von einer ersten Liebe vor dem Hintergrund eines Mythos – wenn auch nicht mit der Intensität und Tiefe wie die Geschichte von Grace und Sam.

Jedes Jahr im Herbst entsteigen vor der Insel Thisby fabelhafte Wesen dem Meer: Capaille Uisce, Wasserpferde, die gefan­gen werden, um auf ihnen das legen­däre Scorpio-Rennen zu bestreiten. Bereits wäh­rend der Trainingswochen mit den eben­so schönen wie blutrünstigen Tieren kommen viele Menschen ums Leben. Und auch während des Rennens am 1. No­vem­ber färbt sich das Meer regelmässig rot…
Erzählt wird aus wechselnden Ich-Perspektiven: Da ist zum einen Kate «Puck» Connolly, die das Rennen als erste Frau und auf einem normalen Pferd bestreiten will, um mit dem Gewinn den elterlichen Hof von den Schulden zu befreien. Und da ist Sean Kendrick, vierfacher Scorpio-Ge­win­ner und wie Puck eine Waise. Er scheint auf ganz besondere Art mit den rassigen Pferden verbunden zu sein.

«Ich hatte schon ewig eine Geschichte über Wasserpferde schreiben wollen», be­kennt Stiefvater im Nachwort. Wiederholt hat sie das auch versucht und ist ein ums andere Mal gescheitert. Leider merkt man ihrem Buch das verzweifelte Ringen mit dem Stoff immer noch an. Die Geschichte nimmt nur langsam Fahrt auf. Beschrei­bungen und Details wiederholen sich, und doch wird nicht wirklich klar, was es mit besagtem Capaille Uisce-Mythos auf sich hat. Ein packendes Finish, überzeugende Charaktere und viel Atmosphäre sorgen dennoch für eine fesselnde Lektüre.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 4/2012, S. 28

Anders als sie
Lauren Strasnick
Aus dem amerikanischen Englisch von Christina Neuhaus
Verlag: Baumhaus, Publiziert: 2012, Seiten: 174, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8339-0129-4
Schlagwörter: Freundschaft | Identität/Individualität | Sexualität

Vor nicht allzu langer Zeit hat Holly mit ihrer Mutter noch Muscheln gesammelt; es war am selben Strand an der Küste von Malibu, an dem sie nun mit Paul schläft. Für Holly ist es das erste Mal, und es erscheint ihr als gutes Omen – neues Glück soll die Trauer wettmachen, die ihr Leben überschattet, seit die Mut­ter vor sechs Monaten an Brustkrebs ge­storben ist.

Leider funktioniert es so nicht, das Glück, und eigentlich ist Holly auch viel zu klug, um ernsthaft daran zu glauben, dass Paul sich von seiner hinreissenden Freun­din Saskia trennen wird, um mit ihr, Holly, zusammen zu sein. Deshalb erzählt sie niemandem von der Affäre mit Paul; nicht Saskia, mit der sie sich anfreundet; nicht Nils, ihrem Jugendfreund, mit dem sie eine Hütte und die Musiksammlung ihrer Mut­ter teilt, und nicht ihrem Vater, um den sie sich nach dem Tod der Mutter kümmert, anstatt sich selber trösten zu lassen.

Stattdessen macht Holly alles mit sich alleine aus, und sie ist herzzerreisend, die Geschichte dieser Identitätsfindung, die diese traurige, wilde, starke 17-Jährige da durchläuft. Bitterschön die An­näherung an die tote Mutter, deren frühere Liebesbe­ziehungen Holly studiert, um ihre eigene Entwicklung bes­ser zu verstehen; tieftrau­rig die Hetzjagd, die Hollys Affäre nach sich zieht. Denn auf einmal ist sie nicht mehr «Holly Holy» wie im Lied von Neil Diamond, das sie so liebt und aus dem sie ihren Namen hat, son­dern «Hure Holly», eine Betrügerin und Ausgeschlossene.

Jungs und Mädchen werden, was ihre Sexualität betrifft, noch immer mit zwei Ellen gemes­sen, das macht Lauren Stras­nick deutlich. Zum Glück entwirft sie ihre Ich-Erzählerin als Figur, die man als Lese­rIn bedingungslos liebt und auf deren Seite man steht, egal, ob sie nun als «Hure» oder als «Heilige» gilt.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 4/2012, S. 29

Die Verratenen
Ursula Poznanski
Verlag: Loewe, Publiziert: 2012, Seiten: 461, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7855-7546-8

Am Ende des 21. Jahrhunderts liegt die Welt in Trümmern. Nach einer Klimakata­strophe rüstet sich die Menschheit in Mit­tel­europa für einen Neubeginn. Im Schutz riesiger Kuppeln haben die Sphären­be­woh­ner eine fortschrittliche Zivilisation gegründet und züchten mit Hightech und akademischem Training per­fekte Men­schen heran.

Ausserhalb dieser schönen neuen Welt aber leben die ge­fürchteten «Prims», die sich zu rivali­sie­ren­den Clans und Stäm­men zusammen­raufen und im frostigen Ödland ums Überleben kämpfen. Obwohl der Sphärenbund diese Aussenbewohner respektiert und mit Hilfsgütern versorgt, kommt es immer wieder zu gewaltsamen Übergriffen. Ria, die 18-jährige Ich-Erzählerin, wächst als Vitro wohl behü­tet in einer der Sphären auf. In der Borwin-Akademie geniesst sie eine hervorragende Aus­bildung und darf dereinst mit einer Position in der Füh­rungs­elite rechnen. Aber alles ändert sich schlagartig, als sie Zeugin eines vertrau­lichen Gesprächs wird, in dem man sie und fünf weitere Studenten der Verschwörung bezichtigt und ihren Tod beschliesst.

In der Jugendliteratur sind düstere Zukunftsgeschichten derzeit im Schwange. Auch «Die Verratenen» ist der Auftakt einer dystopischen Trilogie und arbeitet mit genretypischen Erzählmitteln, gesellschaftskritischen Verfremdungen und be­währten Rätselmotiven. Ursula Poznanski lässt es zwar ruhig angehen und gibt der Erzählerin viel Raum für Reflexion. Aber nach und nach entfaltet die Geschichte um Macht und Intrige dennoch ihren eigenen Sog. Wer vom ersten Band schon Antwor­ten erwartet, muss sich jedoch ge­dulden. Was es mit «Jordans Chronik» auf sich hat und wer Ria auf der Flucht Kurzmitteilungen schickt, bleibt vorerst geheim.

Daniel Ammann
Buch&Maus 4/2012, S. 29

Oh. Mein. Gott.
Meg Rosoff
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2012, Seiten: 141, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-10-066070-1
Schlagwörter: Liebe

Grössenwahn ist, wenn man den Entwicklungspsychologen glaubt, eine ganz nor­male Nebenwirkung der Adoleszenz. Denn in dieser Lebensphase öffnet sich das unbewusste Wunschreservoir noch einmal weit, bevor sich das Realitätsprin­zip durchsetzt. Wenn Meg Rosoff, die in ihren Jugendromanen gern expe­rimen­tiert und an die Grenze geht, in ihrem neuen Roman Gott einen Jungen im Tee­nage-Alter sein lässt, ist das also nicht Blasphemie, sondern Fantastik. Dass sich Jugendliche besonders gut in der Figu­ration des ebenso triebgesteuerten wie sehnsüchtigen Vampirs fassen lassen oder als Werwölfe, die ihren Aggressionen wehrlos ausgesetzt sind, ist bekannt und auch vorwärts und rückwärts durchge­spielt worden in der Jugendliteratur der letzten Jahre.

Doch Meg Rosoff erzählt im Stil des psychologischen Jugendromans. Sie wechselt zwischen zwei Schauplätzen und mehre­ren Perspektiven; ein kluger erzähleri­scher Schachzug, denn damit versetzt sie ihre LeserInnen selbst in eine Position, in der sie kreativ sein müssen. So kreativ wie Bob, der Protagonist des Romans. Er ist in der schwierigen Lage, Gott sein zu müs­sen. Dabei fehlt ihm auch nur das geringste Verantwortungsgefühl und jegli­ches Mass. Wenn er sich verliebt, ist das jedes Mal eine Katastrophe. Auch, als ihm die sinnliche, aber unschuldige Tierpfle­gerin Lucy ins Auge sticht.

Rosoff erzählt, wechselnd zwischen Bobs Perspektive und der seiner Angebe­teten Lucy, eine tragikomische Liebesgeschichte, die, anders als bei den meisten interkulturellen Vampir- und Werwolf-Paaren der Romantic Fantasy, nicht gut gehen kann. Denn Liebe und Grössen­wahn passen schlecht zusammen. Eine Art Happy End gibt es trotzdem – oder gerade deswegen.

Christine Lötscher
Buch&Maus 4/2012, S. 29

DAS machen?
Lilly Axster, Illustration: Christine Aebi
Verlag: DEA Panoptikum, Publiziert: 2012, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-901867-36-1
Schlagwörter: Sexualität

Projektwoche Sexualerziehung in der Klasse 4c

Aufklärung ist ein schwieriges Thema für die Kinder- und Jugendliteratur. Vor allem dann, wenn das Zielpublikum Kinder vor der Pubertät sind. Was soll man ihnen über Sexualität erzählen, ohne sie zu überfor­dern? Die meisten Bücher halten sich strikt an die Fakten, die biologischen; nur, dass sie statt wie früher von den Bienen zu berichten, menschliche Körper abbilden, mit Penis und Vagina und allem, was dazugehört.

Das Bilderbuch-Team Lili Axster und Christine Aebi störte sich an der hierarchischen Art, wie Erwachsene mit Kindern über Sexualität reden, und beschloss, ein ganz anderes Aufklärungsbuch in Angriff zu nehmen. Das ist ihnen mit «DAS ma­chen?» gelungen. Und zwar deshalb, weil sie von (realen) Fragen der Kinder ausgehen. Sie lassen eine Ich-Erzählerin von einer fiktiven Projektwoche Sexualerzie­hung in einer vierten Klasse berichten, in aller Subjektivität, in der zunächst einmal gesammelt wird, was Kinder über Sexualität wissen. «Carol dachte», erzählt das Mädchen, «Sexualität bedeutet, zwei Verliebte schauen Videos». Auf der grossformatigen Doppelseite des Bilderbuches sehen wir eine Reihe von Monitoren mit Teddybären beim Liebesspiel, in verschie­denen Stellungen. Das sieht zunächst ganz harmlos aus – doch je mehr jemand weiss, umso mehr kann er oder sie sich darunter vorstellen.

Diese zarte und doch offene Herangehensweise macht die grosse Qualität des Buches aus – in genauer Abstimmung zwischen Text und Bild. Und die selbstverständliche Voraussetzung, dass Sexualität etwas mit Identität zu tun hat. Mit dem Prozess des Sich selbst Kennenlernens, des Herausfindens, wer man eigentlich ist. Und das fängt lange vor der Pubertät an.

Christine Lötscher
Buch&Maus 4/2012, S. 30

Entdecke, was dir schmeckt
Anke M. Leitzgen, Lisa Rienermann
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2012, Seiten: 151, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75362-5

Kinder erobern die Küche

Als Kind mochte Lisa Rienermann Rosen­kohl und Aubergine überhaupt nicht, heu­te isst sie Aubergine supergern. Und auch Anke M. Leitzgen dachte früher, kochen sei zu schwer, das können nur Grosse, bis sie nach einem Teller Spaghetti mit Ket­chup entdeckte: Nichts schmeckt so lecker wie das, was man selber kocht. Nun zeigen beide in ihrem Buch, das mehr als ein gewöhnliches Kochbuch ist, wie sich die Lust am Geschmack entdecken lässt: Sie machen die Küche zum Spielplatz. «Probiert aus!» ist das Rezept. Und ganz spie­lerisch sind hier die Ideen, zum Beispiel: «Koche etwas Pilziges – ohne Pilze.» Oder: «Backe jemanden glücklich!»
Natürlich gibt es hier 44 ausformulierte Rezepte, von Tomatensauce mit Nudeln und Apfelmus über Pizza und Hühnersuppe bis zu Milchreis und Pflaumenmus. Alles ist, so scheint es, in dieser Küche kin­derleicht, auch mit den Fotos, die zei­gen, wie’s geht. Die einzige Warnung ist: Vorsicht, superheiss (da sollte sich ein Kind helfen lassen), sonst aber stehen alle Wege für eigene Entdeckungen offen. Auch Tipps zum Weiterspielen werden ge­geben. Zu den Pommes Frites im Ofen heisst es: «Kartoffeln durch Süsskartoffeln, Ka­rot­ten- oder Kürbisstücke ersetzen, Parme­san drüberhobeln – hmmm.»
Denn vor allem ist das Buch eine kleine Geschmacksschule. Was ist umami? Wie schmeckt wohl Banane mit einer Prise Pfeffer? Und was passiert, wenn ich noch ein paar Tropfen Zitronensaft dazu gebe? Gespielt wird mit den Gegensätzen: weich auf hart, scharf auf mild, cremig auf knus­prig. Und da sind wir schon im kleinen Küchenlabor, Kochen ist ange­wandte Che­mie. Nur wer weiss, was wie schmeckt, kann mit Karotte, Kartoffel, Ei und Co. experimentieren. Alles schön und gut. Nur Rosenkohl mag Lisa immer noch nicht.
Stefan Busz
Buch&Maus 4/2012, S. 30

African Kids
Herausgeber:in: Lutz Van Dijk
Verlag: Peter Hammer, Publiziert: 2012, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0423-8
Schlagwörter: Alltag | Krankheit | Armut | Kulturen

Eine südafrikanische Township-Tour

Immer wieder vernimmt man Negatives über Townships, und es ist wohltuend, dass auch einmal deren BewohnerInnen selber zu Wort kommen: «Stimmt, dass es bei uns viele arme Leute gibt. Ganz viele Eltern haben keine Arbeit, ganz viele Kin­der gehen abends hungrig schlafen. Aber deshalb überfallen unsere Eltern doch keine Touristen!» – so Sive Maholwana, der in einer der Siedlungen wohnt, die in der Zeit der Apartheid für die schwarze Be­völ­ke­­rung errichtet wurden. Sive ist ein Zwölf­jähriger, der uns durch die Siedlung Masiphumelele im Süden Kapstadts führt und uns im Laufe des Buches mit seiner Welt, seinen wichtigsten Bezugspersonen und Freunden bekannt macht.

Beispielsweise erfahren wir aus dem an ein Fotoalbum erinnernden Band, dass Sive für den Rest seines Lebens zweimal täglich eine Handvoll Pillen nehmen muss, um das HI-Virus in seinem Blut zu kontrollieren – die so genannte Antiretro­viral-Therapie. Er kommentiert die Tat­sache unaufgeregt: «Ich nehme immer alle auf einmal und dann einen grossen Schluck Wasser. Weg sind sie!» Seiner alkoholabhängigen Mutter begegnet Sive selten. Er hat nun eine neue grosse Fami­lie, denn er wohnt mit seinen Freunden im Kinderheim HOKISA, das vom deutsch-nie­derländischen Schriftsteller Lutz van Dijk vor zehn Jahren mitbegründet wurde.

Obwohl die Schicksale auch traurig sind, zeigt das Buch viele lachende Ge­sichter, schildert den Alltag der Kinder und Jugendlichen sachlich und lässt südafrikanische Kinder selber zu Wort kom­men. So ist man beim Lesen den Kids näher als ein durch die Townships fah­render Tourist. Sive, Panana, Ayakha, Zimi, Xolelwa, Mbu und die anderen werden zu Kindern aus der Nachbar­schaft. Ein Weih­nachtsgeschenk mit tol­len Fotos für an Afrika interessierte Kinder!

Roger Meyer
Buch&Maus 4/2012, S. 30

Die Geschichte der Skelette oder warum alle mit allen verwandt sind
Jean-Baptiste de Panafieu, Illustration: Patrick Gries
Aus dem Französischen von Werner Damson
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2012, Seiten: 34, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86873-522-2

Fast glaubt man sich beim ersten Aufschlagen in einem Gru­selfilm: Tierskelette und ein Men­schen­schädel strahlen uns auf der rechten, schwarzen Buchseite grossformatig entgegen. Doch die leuchtenden Farben der gegenüberliegenden Seiten, mit dem Schat­­tenriss der Körper und Sprechbla­sen, signalisieren sofort: Nicht alles todernst nehmen! Ein Krokodil und ein Schwert­­wal streiten sich da beispielsweise, wer sein Gebiss im Laufe der Evo­lution besser entwickelt habe. Auf der rechten Informationsseite erfährt man, dass die Zähne des Krokodils so schon bei Kriech­tie­ren vor 300 Millionen Jahre vorkamen. Tatsächlich steckt der Witz des Tex­tes von Jean-Baptiste de Panafieu die LeserInnen sofort an.

Mit der wissenschaftlichen Neugierde eines Tierforschers stellt man schon bald Vergleiche an: Der Kopf des kleinen Wol­l­affen sieht dem eines Kleinkindes über­raschend ähnlich. Unter einem Schild­krö­tenbild steht in einen orangen Schnör­kel­rahmen eingefasst: «Lebt die Schild­kröte wirklich im Innern eines Gehäuses»? Wer die Klappe jetzt hochhebt, erhält die verblüffende Antwort. Mit leichter Hand führt uns der Autor durch seine vier Themen: Bauformen, Geschichte der Tierfamilien, Leben und Überleben sowie Evo­lution. Die gestochen scharfen Skelett-Fotografien von Patrick Gries wirken trotz der vielen Knochen sehr lebendig. Noch nie hat man die filigrane Bauart einer Maus und die robuste eines Flusspferdes so gut verglei­chen können. Und wenn das Flusspferd zur Maus sagt: »Ihr verbringt eure ganze Zeit mit Fressen! Ich kann grosse Happen verschlingen und mich dann aufs Ohr le­gen», wird es gar ein wenig philosophisch.

Claudia Kursawe
Buch&Maus 4/2012, S. 31

Mein Leben mit Mr. Dangerous
Paul Hornschemeier
Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Pröfrock
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2012, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-78970-9

Amy ist Mitte zwanzig, wirkt unscheinbar, steckt mitten in einer schmerzhaften Tren­nung, arbeitet als Verkäuferin im sel­ben Kaufhaus wie ihre Mutter und verbringt ihre Freizeit mit ihrer Katze und ih­rer liebsten Trickfilmserie «Mr. Dange­rous». Die einzigen Lichtblicke sind die Telefongespräche mit ihrem Freund Mi­chael, der jedoch auf der anderen Seite des Kontinents lebt.

Diese existentielle Sackgasse ist der Ausgangspunkt für «Mein Leben mit Mr. Dangerous». Auf 160 Seiten vertieft sich der amerikanische Autor und Zeichner Paul Hornschemeier in die Gefühlswelten und Gefühlslagen seiner Protagonistin, er schildert ihren tristen Alltag, lässt sie hin und wieder in kleine Tagträume ausbrechen oder blättert in ihren Erinne­rungen an verflossene Liebschaften und flüchtige Affären zurück, in denen sie sich immer auf die falschen Typen einliess.

Diese Lebenskrise und Identitätssuche setzt Hornschemeier in klaren, realisti­schen Zeichnungen um, deren Kühlheit die trüben, braun- und grünstichtigen Farben noch verstärken, und deren Sau­berkeit in einem interessanten Kontrast steht zum diffusen, verwirrten Innenleben der Protagonistin. Auch die Erzählweise ist klar, Hornschemeier erzählt lakonisch, vie­les bleibt nur angedeutet, und oft schwingt eine Prise trockenen Humors mit. So gelingt Hornschemeier eine emotionale Schilderung des Schwebezustands zwischen Adoleszenz und Erwachsensein.

Problematisch ist jedoch, dass er oft auf Klischees zurückgreift und die Entwicklung des Plots immer voraussehbar ist. Das macht seine Geschichte zwar problemlos nachvollziehbar – ist aber für LeserInnen nicht befriedigend, insbesondere wenn am Schluss genau das eintrifft, was sie schon früh kommen sahen.

Christian Gasser
Buch&Maus 4/2012, S. 31

Ritter Rost und die Zauberfee
Jörg Hilbert
Verlag: Terzio, Publiziert: 2012, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-27042-9
Schlagwörter: Fantasie | Humor/Komik

Bilderbuch mit CD

Weil alle hundert Jahre mal ausgemistet werden muss und das Burgfräulein Bö auch dem eher faulen Ritter Rost gegenüber kein Pardon kennt, findet dieser hin­ter einem Schrank im Keller die seit Jahren dort eingeklemmte Zauberfee Löckchen. Genial!, denkt er, muss sie ihm doch drei Wünsche erfüllen, wenn er sie (nicht ganz ohne Hintergedanken) befreit.

So erstrahlt der Ritter alsbald gülden, und einen Duka­ten kackenden Elefanten (!) bekommt er auch noch dazu. Da sein dritter Wunsch lautet, dass er endlos Wünsche erfüllt bekommen möchte, hält sich der Ritter Rost für ganz besonders schlau. Das Burgfräulein Bö hingegen fin­det ihn ganz besonders peinlich – selbst wenn der Ritter bei seinen Wünschen auch an andere denkt und dem Drachen Koks den lang ersehnten Lavasee zum Schwimmen in 3000°C verschafft. Tat­säch­­lich aber führt das endlose (und unbescheidene) Wünschen zu einem Totalausfall der erschöpften Fee. So steht Ritter Rost vor einer schweren Ent­scheidung: Er muss alle Wünsche wieder ungeschehen machen, um die Fee zu retten.

Auf CD ist das Zaubermusical aus dem Fabelwesenwald schon seit gut einem Jahr im Umlauf – jetzt gibt es diese bisher viel­leicht schönste Geschichte der «Ritter Rost»-Reihe auch als bunt bebildertes und mit Noten versehenes Buch, CD inklusive. Mit Jazz, Swing und Samba, Country und pompöser Musical-Musik à la Andrew Lloyd Webber ist «Ritter Rost und die Zauberfee» ein absoluter Hörgenuss. Dass Ju­dith Holofernes von der Band «Wir sind Hel­den» in die Rolle der Zauberfee schlüpft, ist dabei das Tüpfelchen auf dem i. Absolut empfehlenswert für kleine Hö­rerInnen ab vier Jahren – durch alle Altersstufen hinweg.

Maren Bonacker
Buch&Maus 4/2012, S. 32

Nicht Drücken!
Gernot Gricksch
Verlag: Igel-Records, Publiziert: 2012, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89353-420-3
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Mädchen sind eitel, fleissig und zickig, Jungs prügeln sich gerne und mögen alles, was schnell, stark und laut ist. Klar wie Klossbrühe, oder? – Über Geschlechter­stereotype und wie man diese radikal ge­gen den Strich bürstetb weiss der mehrfach ausgezeichnete Hamburger Buch- und Dreh­buchautor Gernot Gricksch («Die Paulis ausser Rand & Band», «Im Tal der Buchstabennudeln») eine unglaubliche Geschichte zu berichten, die hier von Katharina Thalbach in unnachahmlich zart-­ schnoddrigem Sound erzählt wird.

Alles beginnt damit, dass die fussballbegeisterte Siri und der heimliche Gla­mour-Soap-Fan Ole von ebenso myste­riö­sen wie durchgeknallten Kimono-Dril­lingen zwei Schachteln mit der Aufschrift «Nicht Drücken» bekommen. So richtig verdreht zwischen Männern und Frauen aber wird es, als Siris tollkühner Freundin Ivana die Schachteln in die Finger geraten. Denn Siri drückt – und tags drauf steht die ganze Stadt Kopf: Frauen pinkeln an die Bäume, Männer stürmen Schuhläden, die obercoolen Klassenchefs tragen Justus-Otter-Shirts und Tante Petra verwandelt den Beauty-Salon in ein rauchge­schwärz­tes Tattoo-Studio. Und sogar der oberaggressive Rottweiler Rufus schnurrt jetzt wie ein Kätzchen!

Das hat zwar durchaus Witz, nimmt aber bald so groteske Formen an, dass Siri und Ole ein richtig schlechtes Gewissen bekommen. Ausgerechnet ein Fussballspiel «Tussitypen gegen Mackergirlies» kann die verkehrte Welt wieder gerade rücken… Eine intelligente und turbulente Parodie auf die immer aktuelle brennende Frage, was denn nun typisch Mädchen und typisch Junge sei. Fazit: Alles ist möglich – denn was «typisch» ist, ist am Ende doch nur eine Frage der Perspektive…

Marion Klötzer
Buch&Maus 4/2012, S. 32

Erwin, der König der Wüste
Ian Whybrow
Verlag: Sauerländer Audio, Publiziert: 2012, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-411-81148-9
Schlagwörter: Abenteuer | Tiere

Ein Erdmännchen-Abenteuer

Erdmännchen sind derzeit in: Ihr Leben in Grossfamilien und ihre Putzigkeit machen sie zu idealen Projektionsflächen für men­schliche Verhaltenswei­sen. Schon in sei­nen «Wölfchen Wolf»-Bü­chern hat der englische Kinderbuchautor Ian Whybrow gezeigt, wie man Geschich­ten über Tierkinder schreiben kann, ohne eine Tierart völlig zu vereinnahmen. In seiner neuen Reihe um eine kleine Erd­männchen­fami­lie, bestehend aus drei Jun­­­gen und ihrem Onkel, gelingt Whybrow dieses Kunststück einmal mehr, indem er den Alltag der Erdmännchen im südlichen Afrika, ihre Nahrungssuche, natürli­chen Fein­de und die «Blah-Blahs», die auf Safari mit schweren «Brumm-Brumms» durch Erd­männchen-Land streifen, konsequent aus Erdmännchen-Perspek­tive schildert.

Onkel Erwin, ein in Ungnade gefallener König aus dem Clan der Scharfaugen, ist ein begnadeter Geschich­tenerzähler. So richtig kaufen ihm die klei­nen Neffen seine Heldentaten aber nicht ab. Bis sie über Tag auf einen rosa Elefan­ten auf Rä­dern stossen, in dem sich rätsel­hafte Objekte be­finden: Play­mo­­bil, Cola­dosen, ein quiet­schen­des Krokodil und ein tickendes Ei. In letzterem muss sich ein Blah-Blah-Kind befinden, das bald schlü­pfen wird und des­halb den «Blah-Blahs» zurückge­bracht werden muss. So beginnt eine aben­teu­erliche Reise durch die Wüs­te. Am Ende besteht kein Zwei­fel mehr: Onkel Erwin ist König des Blah-Blah­-Stamms der Klick-Klicks – ei­nes Ka­me­­ra­teams, das einen Film über Erdmänn­­chen dreht.

Mechthild Gross­mann liest diese witzi­ge Geschichte mit ihrer rauchig tiefen Stimme varianten­reich und verspielt: eine gran­diose Interpretation, die nicht nur Un­terstufenkin­der begeistern wird. Mit «Er­win und die wilden Drei» ist bereits das nächs­te Abenteuerbuch im Handel, zwei weitere Bände warten auf die Übersetzung. Wir dürfen uns also auf weitere tolle Vorlesegeschichten freuen.

Christine Tresch
Buch&Maus 4/2012, S. 32

Schrödinger, Dr. Linda und eine Leiche im Kühlhaus
Jan de Leeuw
Verlag: Oetinger audio, Publiziert: 2012, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8373-0604-0
Schlagwörter: Tod/Trauer

Szenische Lesung

Die Geschichte von Jonas, der eines Mor­gens seine Mutter tot in ihrem Schlafzimmer findet und anschliessend versucht, ihren Selbstmord zu vertuschen und einfach «ganz normal» weiterzu­le­ben, wurde an dieser Stelle vor zwei Jahren schon einmal rezensiert. Damals kam Jan de Leeuws Buch auf Deutsch heraus und wurde prompt für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Nun, zwei Jahre später, kommt die Hörbuchfassung auf den Markt, und es lohnt sich, sie zu hören. Nicht nur, weil die Story immer noch durch ihren skurrilen Witz besticht – die eigene Mutter im Kühlhaus zu lagern, bis man seine Gedanken und ein bisschen auch sein Leben geordnet hat, mag doch bizarr anmuten – sondern auch, weil das Medium Hörbuch neue Möglichkeiten bietet, den Stoff aufzuarbeiten: als szenische Lesung mit drei Stimmen.

Die Erzählerstimme trägt der emotio­nalen Distanz der Hauptfigur zum Ge­scheh­en Rechnung, indem sie sehr textnah vorträgt. Für die ZuhörerInnen wird so eine Ruhe generiert, die es ermög­licht, sich ganz auf das Erzählte zu konzentrieren. Und so hört man auch die leisen Zwi­schen­töne heraus und er­kennt, dass Jonas doch nicht so distan­ziert ist, wie er sich gibt. Seiner Figur eine eigene Stimme zu geben heisst in diesem Fall auch, seinem Seelenleben in dieser absonderli­chen Tra­gikomödie Platz einzuräumen. Genau­so wie die Erinnerung an die Mutter in der Lesung deutlicher nachhallt als im Buch – weil sie selbst zu Wort kommt.

Mit wenigen, sorgfältig gewählten Mit­teln wird so ein Einblick in das seelische Tohuwabohu eines Jugendlichen gegeben, der sich mit Verantwortung, Trauerarbeit, ein bisschen Liebe und der wirren Welt der Erwachsenen konfrontiert sieht. Und es macht Spass, ihm dabei zuzuhören.

Kim Berenice Geser
Buch&Maus 4/2012, S. 33

The Perks of Being a Wallflower
Verlag: Summit Entertainment, Publiziert: 2012, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Liebe

Einen Sommer lang hat Charlie mit nie­man­dem ausserhalb seiner Familie gesprochen. Nun steht das erste High-School-Jahr an, das endlich die Wende für den 15-Jährigen bringen soll. Dazugehören, Freundschaften schliessen, die Erlebnisse der letzten Monate überwinden – keinesfalls Dinge, die dem introvertierten, hochintelligenten Jungen leicht fallen. Erst als er Patrick, der sein Schwulsein ganz offen lebt, und dessen hübsche Stief­schwes­ter Sam trifft, wendet sich das Blatt. Er wird Teil der kleinen Aussen­­sei­terclique vom «Stand mit den Män­gel­exem­­plaren», geht auf Partys, nimmt Dro­gen und verliebt sich zum ersten Mal. Was wirklich in ihm vorgeht, vertraut er aller­dings nur den Briefen an, die er ano­nym an einen unbekannten Empfänger schickt.

Mit der Adaption seines eigenen Briefromans aus den späten Neunzigern (auf Deutsch auch unter «Das also ist mein Leben» erschienen) hat Regisseur Stephen Chbosky einen wunderbar berührenden Film auf die Leinwand gezaubert. Ohne sich sklavisch an die Vorlage zu halten, fängt er die Freuden und Leiden des Jungseins mit grosser Sensibilität ein.

Chbosky wirft einen nostalgisch-ironischen Blick zurück auf die frühen Neun­ziger – damals, als man seine Gefühle noch mit Mixtapes ausdrückte –, balanciert geschickt Humor und Drama, Teen-Roman­ze und Tragik, und er spricht neben typischen Teenager­interessen wie Musik, Sex und Drogen auch ernstere Themen wie Homophobie, Suizid oder Kindsmissbrauch an. Beson­ders dank des grossartigen Haupt­darstel­lers Logan Lerman trifft der Film mitten ins Herz, das sich in dieser Form bestimmt nicht nur Jugendliche gerne brechen lassen.

Petra Schrackmann
Buch&Maus 4/2012, S. 33

Die Geheimnisse von Harris Burdick
Chris van Allsburg
Aus dem amerikanischen Englisch von Henning Ahrens
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2012, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51783-5

Dieses Buch hat eine Vorgeschichte, die sich Mitte der 1950-er Jahre in Amerika zugetragen hat: Im Büro von Peter Wenders erscheint ein Mann, der sich als Harris Bur­­dick vorstellt und erklärt, er habe 14 Geschichten mit zahl­reichen Illustratio­nen kreiert. Um dem Verleger einen ersten Eindruck zu verschaffen, hat er zunächst nur je­weils eine Zeichnung zu jeder Ge­schich­te mitgebracht. Wenders ist von den at­mos­phä­rischen Schwarzweiss-Bildern so faszi­niert, dass er Burdick bittet, die Texte dazu so bald wie möglich nachzu­reichen. Bur­dick verspricht, sie am folgen­den Tag vorbeizubringen, geht – und verschwindet spurlos. Alle Versuche, ihn ausfindig zu machen, verlaufen im Sand.
30 Jahre später gelangen die mit Titeln und Untertiteln versehenen Zeichnungen in die Hände von Verleger Chris Van Allsburg. Auch ihn ziehen die Bilder auf An­hieb in ihren Bann. Er beschliesst, sie zu veröffentlichen: magische Bilder, magi­sche Geschichten, ein magisches Bil­der­buch. 1984 in den Vereinigten Staaten erstveröffentlicht, haben Burdicks Illustratio­nen bis heute nichts von ihrem Zauber eingebüsst. In Kombination mit Titeln und Unter­titeln lösen sie bei jedem Betrach­ter, jeder Betrachterin unter­schiedliche Asso­zia­tionen aus, erzählen nicht eine, son­dern viele Geschichten: Was ist das für ein Buch, über dem das im Bett liegende Kind eingeschlafen zu sein scheint und aus dem eine Pflanze zu wuchern beginnt? Was beginnt in besagtem «Schlafzimmer im dritten Stock», als «jemand vergass, das Fenster zu schlies­sen»? Und was macht Archie Smith, den wir auf dem ersten Bild schla­fend in seinem Bett se­hen, zu einem «Wunderkind»? Jedes noch so kleine De­tail scheint wichtig – und genau darin liegt der Zauber, der in Burdicks Bildern wohnt.
Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/2013, S. 24

Die Sonne Afrikas
Antoine Guilloppé
Aus dem Französi­schen von Ana María Montfort
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2012, Seiten: 38, ISBN/ISSN/EAN: 3-86873-508-9
Schlagwörter: Natur

Nach dem Licht des Mondes in «Bei Vollmond» (Original «Pleine lune», 2010) ist es nun die gleissende Sonne («Plein so­leil», 2011), die die Steppe beleuchtet und die Kulisse für die schwarz-weiss gestanzten, an Scherenschnitte erinnernden Illustra­tio­nen des französischen Illustrators An­toi­ne Guilloppé bildet. Ein Meister seiner Kunst, führt uns Guilloppé behutsam, aber unbeirrt durch das morgendliche Aufwa­chen der Tiere, begleitet von einem jun­gen, stolzen Massai irgendwo in Afrika. Es ist eine Safari zu Fuss, bei der immerhin drei der «Big Five» bewundert werden kön­nen und ein Spiel der bildlichen Feinhei­ten und Kontraste Kinder und Erwachsene zum Staunen bringt. Das Gold, das die Son­ne in diesem Band symbolisiert, lässt die heisser und heisser scheinende afrikanische Sonne erahnen.
Den Lesenden, Staunenden und Erzäh­len­den wird bald klar, dass es unglaublich harmonische, paradiesische Bilder sind, die hier präsentiert werden. Gleichzeitig ha­ben wir über Generationen dieses «Afri­ka» – als Gegensatz zum Afrika der Kriege und Hungersnöte – kennen und lieben ge­lernt, obwohl oder gerade weil es so ro­man­tisiert daher kommt. Durch seine prä­zise Darstellung der in Szene gesetzten Tierprotagonisten vermag das Bilderbuch trotzdem zu begeistern – und die Sehn­sucht zu nähren nach eben dem Afrika der Tiere und der unberührten Landstriche, aber auch nach dem stolzen Ureinwohner ausserhalb aller westlichen Einflüsse. «Die Sonne Afrikas» ist ein Buch, das weni­ger den realen afrikanischen Alltag darstellt als vielmehr ein Spiegelbild des europäischen Verlan­gens nach einem ganz bestimmten Afrika liefert – von dessen goldener Sonne wir uns aber nichtsdestotrotz gerne blenden lassen.
Roger Meyer
Buch&Maus 1/2013, S. 25

Der Leuchtturm unter den Sternen
Per Thor, Annika Thor
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2012, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58249-1
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Historisches | Familie/Familienformen

Göteborg, zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Sieben Jahre ist es her, dass der Vater von Blenda (13) und Erik (10) die Familie verlassen hat, um in Amerika Gold zu schür­fen. Während die Geschwister noch im­mer hoffen, dass er eines Tages zurückkehren wird, glaubt die Mutter nicht mehr daran. In der Hoffnung, ihren Kin­dern ein besseres Leben zu ermöglichen, gibt sie dem Werben von Leuchtturm­wärter Nordsten nach, kündigt Wohnung und Stellung in einer Wäscherei und zieht mit Blenda und Erik auf die Leuchtturminsel. Doch das Zusammenleben mit dem strengen, wenig einfühlsamen und zudem chole­risch veranlagten neuen Mann gestaltet sich schwieriger als erwartet. Vor allem Blenda leidet unter seinem unberechenbaren Verhalten.

Annika Thor zählt zu den bekanntesten Autorinnen Schwedens. Für ihren Roman «Eine Insel im Meer» wurde sie 1999 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. In ihrem neuen Buch «Der Leuchtturm unter den Sternen», das sie gemeinsam mit ihrem Mann geschrieben hat, zeichnet sie das Gesellschaftsbild einer Zeit, in der es alles an­dere als selbstverständlich war, zur Schu­le zu gehen oder einen Beruf zu erlernen. Schon gar nicht für Mädchen. Der Roman erzählt aber auch von einer Frau, die stark genug ist, sich und ihre Kinder alleine durchzu­bringen – und die die Kraft hat, den neuen Mann wieder zu verlassen, als sie erkennt, dass der Preis für die vermeint­liche soziale Absicherung zu hoch ist. Entstanden ist ein Buch, das viel über die Rolle und das Leben von Frauen und Mädchen vor rund 100 Jahren erzählt und mit einer feinfühligen Figurenzeichnung, wechselnden Erzählperspektiven sowie überraschenden Wendungen bis zuletzt spannend bleibt.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 1/2013, S. 26

Die Maskierte Makrone auf der Jagd nach dem Feuerteufel
Frida Nilsson
Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2012, Seiten: 173, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5473-7

Wunder, heisst es in der «Maskierten Ma­kro­ne», geschehen nur höchst selten, und «zwei Wunder an ein und demselben Ort in ein und demselben Jahr» sind die absolute Ausnahme. Und doch ereignen sich – zunächst unbemerkt – gleich zwei Unglücke mit fantastischen Folgen in Bro­burg, wo ein rätselhafter und unfassbarer Brandstifter sein Unwesen treibt.
Klar, dass da rasch Broburgs erste Superheldin vonnöten ist: Nach einem kapital misslungenen Backversuch hat Hun­de­dame Harriet – die zwar eine Konditorei mit Backautomat besitzt, aber eine lausige Bä­ckerin ist – zwei wundersame Flügel aus Croissantteig. Als «maskierte Makrone» wird sie zur Retterin der Stadt und muss prompt erst noch klarstellen, dass der um­jubelte Held eine Sie ist.
Die schüch­terne Harriet wird mit kor­rupten Poli­zis­ten­kröten und anderen Kriminellen, da­run­ter die jugendlichen, unterernähr­ten Wieselgeschwister Tunis und Otto, konfrontiert. Während sie versucht, dem Feu­er­teufel das Handwerk zu legen, eman­zipiert sich Harriet von ihrer Un­sicherheit und entdeckt, dass einige ihrer Kunden gar nicht sind, was sie scheinen.
Dass die ProtagonistInnen allesamt Tiere mit menschlichen Verhaltensweisen sind, verleiht der oft liebevoll spöttisch erzähl­ten Geschichte einen eigenen Char­me. Die leicht absurden Nuancen machen dabei die comichaften Illustrationen an­schau­lich. Da die Story etablierten Super­hel­den­motiven folgt (wie etwa der «Origin Story», also der Herkunftsgeschichte, der Doppel­identität, oder auch der stereoty­pen medialen Wankelmütigkeit), ist der Plot für Genre­bewanderte etwas vorhersehbar. Darum sei die zugleich gemütliche und spannende Lektüre eher Noch-Nicht-Superhelden-Fans empfohlen.
Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 1/2013, S. 28

Die Bekenntnisse der Sullivan-Schwestern
Nathalie Standiford
Aus dem Englischen von Claudia Max
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2012, Seiten: 366, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58274-2
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Das Weihnachtsfest der Sullivans beginnt in diesem Jahr mit einem Schock: Die Grossmutter eröffnet, dass sie die Familie komplett aus ihrem Testament gestrichen habe. Sie sagt weder, was genau der Anlass ihrer Kränkung ist noch welches Familienmitglied sie so erzürnt hat, doch sie gibt der Familie die Chance, die Sa­che mit einem schriftlichen Geständnis zu regeln.
So verbringen nun die drei älteren Sulli­van-Mäd­chen ihre Weihnachtsferien mit dem Aufschreiben ihrer vermeintlichen Sünden. Die 17-jährige Norrie gesteht, sich in einen acht Jahre älteren Studenten verliebt und deshalb ihren von der Familie so sehr geschätzten Verehrer gekränkt zu haben; die 16-jährige Jane gibt zu, auf myevilfamily.com ihre Vorfahren respekt­los diffamiert zu haben. Das Geständnis der 15-jährigen Sassy hat eine tragische Dimension: Weil Sassy zwei Unfälle nahe­zu unverletzt überlebt hat, hält sie sich für unsterblich und testet ihre vermeintliche Unsterblichkeit bewusst aus. Den plötz­lichen Tod ihres Grossvaters hält sie für ihre Schuld, denn sie führt den Herzanfall, an dem er gestorben ist, auf diese ihre Leichtfertigkeit zurück.
Obwohl auch die Eltern der sechs Sulli­van-Kinder davon überzeugt sind, dass ihre Töchter etwas mit der erschrecken­den Testamentsänderung der Grossmut­ter zu tun haben müssen, kommt das entscheidende Geständnis über­raschen­der­weise von ganz anderer Seite…
Natalie Standifords «Bekenntnisse der Sullivan-Schwestern» ist eine vergnüglich zu lesende Familiengeschichte, die entfernt an den Klassiker «Betty und ihre Schwestern» von Louisa May Alcott erinnert. Es ist trotz kleiner Familienstreitigkeiten ins­gesamt eine ziemlich heile Welt – auch wenn das recht plötzliche Ende nicht jedem gefallen dürfte.
Maren Bonacker
Buch&Maus 1/2013, S. 30

Die erste Nacht
Jonathan Maberry
Aus dem amerikanischen Englisch von Franca Fritz und Heinrich Koop
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2012, Seiten: 528, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-20151-5
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror

Kaum flaut der Vampir-Hype etwas ab, fällt die mediale Aufmerksamkeit auf ein anderes untotes Wesen, das zunehmend ein junges Publikum anspricht: den Zom­bie. Die wandelnden Untoten, die es zu bekämpfen gilt, präsentieren sich nicht einfach als grauenerweckende Monster, sondern immer wieder auch als personi­fizierte Auseinandersetzung mit dem Tod, dem Ende der Zivilisation und nicht zuletzt mit der Frage nach Menschlichkeit.
So auch in Jonathan Maberrys Roman «Lost Land – Die Erste Nacht»: Fast 14 Jahre ist es her, seit die Toten auferstanden sind und die Welt ins Chaos gestürzt wurde. Die wenigen Überlebenden der so genannten Ersten Nacht konnten sich in kleinen Gemeinden verschanzen und versuchen, mög­lichst viel von der «alten Welt» zu bewahren.
Lange hält der 15-jährige Ben­ny Imura die wandelnden Untoten im «Leichenland» jenseits des Stadtzauns für verab­scheuungswürdige Monster. Erst als er in Ermangelung einer Berufsalternative bei seinem grossen Bru­der Tom als Zom­bie-Kopfgeldjäger in die Lehre geht, er­kennt er, dass auch Zombies als einstige Men­schen einen gewissen Respekt verdie­nen. Ty­pisch für das Zombie-Genre, sind es oh­ne­hin menschliche «Monster» wie etwa «Rot­augen-Charlie» und der «Motor City Hammer», die viel mehr zu fürchten sind als die Zombies und getreu dem Motto: «Wenn nicht einmal mehr Tote wirklich tot sind, dann gilt auch kein anderes der alten Gesetze mehr» über Leichen gehen. Als die beiden Bennys Freundin Nix entführen, um sie im sogenannten «Gameland» zur Unterhaltung gegen Zombies kämpfen lassen, machen sich die Imura-Brüder ins «Leichenland» auf, um den skru­pellosen Verbrechern das Handwerk zu legen. Maberrys packende Mischung aus Horror, Western und Coming-of-Age-Story zeich­net eine düstere Zukunftsvisi­on und ist durch starke Figuren sowie philoso­phi­sche und oft sehr bewegende Passagen auch für Zombie-Unkundige absolut lesens­wert.
Voll auf Humor setzt dagegen der Film «Warm Bodies». Vielleicht hat sein Name einmal mit einem R angefangen, aber genau weiss er das nicht mehr: Als Zombie ohne Erinnerung an sein früheres Leben schlurft R nun wie unzählige Untote ziel­los durch die Ruinen der einstigen Zivili­sation – womit er sich, wie augenzwin­kernd gezeigt wird, kaum vom Smart-Phone-süchtigen Gegenwartsmenschen un­­­­ter­­scheidet. Die Begegnung mit der hüb­schen, lebenden Julie bringt sein totes Herz jedoch ganz plötzlich wieder zum Schlagen. Als er auch noch das Hirn ihres Freundes Kelvin isst und damit einen Teil von dessen Erinnerungen übernimmt, beschliesst R kurzerhand, Julie zu beschüt­zen und nimmt sie mit auf den verlas­se­nen Flughafen, den er sein Zuhause nennt. Trotz grosser Kommunikationsschwierigkeiten entwickelt sich bald eine Freundschaft zwischen ihnen, die nicht nur R zunehmend lebendiger werden lässt.
Zwar wurde der grossartige Roman von Isaac Marion (die deutsche Erstveröffentlichung trägt den völlig unpassen­den Titel «Mein fahler Freund») vom selben Filmstudio wie die «Twilight»-Filme produ­ziert, die Gemeinsamkeiten er­schöpfen sich jedoch bald. Freche Kommentare, tol­le Musik und ein hin­reis­send sympa­thischer Hauptdarsteller machen die roman­tische Zombie-Komö­die zum wun­derbaren Gruselspass, der sich nie zu ernst nimmt oder zu blutig wird.
Petra Schrackmann
Buch&Maus 1/2013, S. 31

Auftakt
Robin Jarvis
Aus dem Englischen von Nadine Mannchen
Verlag: Script5, Publiziert: 2012, Seiten: 542, ISBN/ISSN/EAN: 3-8390-0134-X

Wenn jemand eine gute Idee hat, wird sie gleich von hundert anderen kopiert. Die Verlage setzen auf die Trägheit der LeserInnen und kalkulieren mit Erfolgen im Windschatten der grossen Blockbuster – etwa der «Twilight»-Saga und der «Tribute von Panem»-Trilogie. Umso schöner, wenn man einen dicken Schmöker aufschlägt, der nicht nur richtig gut geschrieben ist, sondern auch etwas Neues ausprobiert.
Robin Jarvis, der sich als Autor von Dark Fan­tasy für junge Erwachsene in Grossbri­tan­­nien schon länger einen Namen ge­macht hat, variiert das allgegenwärtige Motiv des Zauberbuchs, indem er eine dys­­­­­to­pisch grundierte Horror-Geschichte erzählt. Eines Tages taucht in England ein Märchenbuch auf, das von seinen LeserInnen Besitz ergreift. Ein richtig böses Buch, geschrieben von einem Okkultisten, dem nur ganz wenige Menschen widerstehen können. Im ersten Band wird erzählt, wie sich die Epidemie ausbreitet, wie das eine Exemplar des Buches neu aufgelegt und flächendeckend verkauft wird. Wer das Buch gelesen hat, identi­fiziert sich mit einer Figur und heftet sich eine entsprechende Spielkarte an die Brust. Im zweiten Band hat sich bereits ein totalitäres System entwickelt; wer nicht mitmacht, ist in Lebensgefahr.
Was es mit dem bösen Buch auf sich hat, bleibt auch im zweiten Band ein Rätsel: Wo­ran liegt es, dass nur 34 Menschen, und zwar Kinder und Jugendliche, immun ge­gen das Buch zu sein scheinen? Und was ist es, das eine normale, von kritischer Distanz geleitete Lektüre verhindert? Wer oder was hat die Vielfalt und Offenheit der Lesarten aus dem Buch verschwinden las­sen? Im Sommer erscheint der dritte Ro­man im englischen Original – man kann gespannt sein.
Christine Lötscher
Buch&Maus 1/2013, S. 32

Kleiner Fuchs Kinderlieder
goodbeans
Verlag: Shape Minds and Moving Images, Publiziert: 2012, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Spiel

Dass nicht immer bei vollem Getöse und animiertem Klimbim gespielt werden will, haben Heidi Wittlinger und die «goodbeans» verstanden. Bereits «Schlaf gut», das interaktive Gute-Nacht-Buch fürs iPad, entzückte mit seinen spärlichen, aber wohlplatzierten Animationen und dem klaren Interaktionsangebot an die Kin­der. Im selben eigenständigen Grafikstil, der Texturen und Materialien so de­tail­lierte Aufmerksamkeit schenkt, ist «Klei­ner Fuchs Kinderlieder».
Im Liedermodus dieses Spiels hat man die Wahl zwischen «Londons Brücke», den ersten drei Strophen von «Der Mond ist aufgegangen» und «Old MacDonald». Die Lieder werden sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch und teilweise von Kin­dern vorgesungen. Zu jedem Lied findet man eine thematisch passende Situation visuell inszeniert, mit der man inter­agie­ren kann. So rollt die Oma dank eines «quer­­gelegten» englischen Gentlemans über das Brückenloch, auf MacDonalds Farm fahren Esel Schlittschuh, oder es verbergen sich lesende Bären im mondbe­schienenen Berg: Die Animationen sind witzig, rührend und besinnlich.
Im Kreativbereich, dem Foxstudio, sit­zen bereits Frösche und Vögel erwar­tungs­voll auf den Zweigen, Pfannen klap­pern (noch) lautlos vor sich hin, und Spin­nen kullern leise mit den Augen. Lustvoll gibt man sich der (A-)Rhythmik hin, lässt hier etwas scheppern, dort etwas erklin­gen, und erfreut sich an Lauten, denen man schon lan­ge keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt hat: zum Beispiel am Ton, den eine sich davonstehlende Raupe macht…
Aber das Schönste sind die Ladezeiten: Da sieht man einfach den kleinen Fuchs, in der nächtlichen Dunkelheit auf einem Baumstumpf sitzend, mit einer dam­pfen­den Tasse in der Pfote. Die wohltuende Stille teilt man gern mit ihm.
Mela Kocher
Buch&Maus 1/2013, S. 33

Suppe, satt, es war einmal
Kristina Andres
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2012, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5494-X
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Tiere

Der böse Wolf ist der Topos an und für sich, wenn es ums Thema des Fressens und Ge­fressen­werdens geht. Entsprechend sind in den vergangenen Jahrzehnten eine Reihe orgineller Bilderbuchbearbeitungen und Variationen rund um die beliebte Mär­chen­figur entstanden, in welchen es im­mer wieder darum ging, den hungrigen Wolf zu überlisten (man denke etwa an Anais Vaugelades «Steinsuppe», das 2001 für den Deutschen Jugendbuchpreis nominiert war).
In diese Tradition reiht sich auch Kristina Andres «Suppe, satt, es war einmal» ein. Der nicht unbedingt sehr eingängige Titel deutet es schon an: Der Text ist nicht die Stärke dieses Buches. Die Geschichte vom kleinen Mädchen, das von der Mutter ermahnt wird, in ihrer Abwesenheit ja keinen Wolf einzulassen, liest sich ein wenig holprig. Dafür aber erzählen die Bilder umso vieldeutiger (man würde das Buch auch ohne Text problem­los verstehen): Das winterliche Set­ting versetzt einen in längst vergan­gene Zei­ten, ir­gend­wo zwischen Mumin-Land und russischer Taiga. Und mittendrin ein klei­nes, be­zopftes Ding, das Mitleid hat mit den hungrigen Wölfen und ihnen Abend für Abend eine kräftige Sup­pe kocht: Satt werden die wilden Tiere zu netten Haus­genossen, die gebannt den Geschich­ten des Mädchens lauschen.
In den filigranen Zeichungen verbergen sich – wimmelbuchartig – noch jede Men­ge weitere Geschichten: Die Stube, in welcher Mathilda mit Ziegen, Hühnern und anderem Getier wohnt, wird zu einem regelrechten Kosmos, der sich von der alt­modischen Kinderstube zum eigent­lichen Abenteuerspielplatz weitet.
Gerda Wurzenberger,
Buch&Maus 2/2013, S. 24

Kommt ein Boot …
Heinz Janisch
Verlag: Nilpferd in Residenz, Publiziert: 2012, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 3-7017-2115-7
Schlagwörter: Mehrsprachigkeit

Ein Gedicht in 11 Bildern und vielen Sprachen

«Kommt ein Boot durch die Luft geflogen, Boot aus Papier, aus Gras, aus Vorgestern.» So beginnt das Gedicht, das in neun Zeilen vorführt, was entstehen kann, wenn je­mand seinen Gedanken und Träumen freien Lauf lässt. Die Offenheit des lyri­schen Textes soll darin in ganz eigenen Bildwelten zur Darstellung kommen.
Diese bestechende Idee ist im Rahmen des Grazer Kinder- und Jugend­buch­festi­vals Bookolino entstanden. Heinz Janisch hat den kleinen Text beigesteuert und elf österreichische Illustra­to­rinnen von Hel­ga Bansch über Michael Roher und Willy Puchner bis Renate Habinger und Maria Blazejovsky haben in ihren je eigenen Stilen dazu gezeichnet und gemalt.
Entstanden sind elf ganz unterschied­liche Doppelseiten mit und zu dem Ge­dicht. Eindrücklich ist zu sehen, welche Elemente aus dem Gedicht die Illustra­torInnen aufnehmen und gewichten, und wie verspielt sie damit umgehen. Das Gedicht selbst erscheint auf jeder Doppel-seite in einer jeweils anderen Sprache gemeinsam mit fünf ins Bild gesetzten Schlüsselwörtern in weiteren Sprachen. «Kommt ein Boot…» möchte ein Buch sein, das «die Vielsprachigkeit der Welt luftig und verspielt darstellt und auf diese Weise Lust macht, den Bildern und Klängen unter­schiedlicher Sprachen nach­­­zu­­spü­ren», heisst es im Nachwort. Dem ist nichts hinzuzufügen! Sogar an eine leere Doppelseite zum selbst Erfinden und Erweitern von Geschichten- oder Bildideen sowie die Faltanleitung für ein Papierschiffchen wurde gedacht.
Barbara Jakob,
Buch&Maus 2/2013, S. 25

Oma, Huhn und Kümmelfritz
Michael Roher
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2012, Seiten: 103, ISBN/ISSN/EAN: 3-7026-5843-2
Schlagwörter: Nonsens | Sprachspiel

Der Kümmelfritz wird vom Huhn geweckt, das sich würdevoll in den übergrossen Bademantel der Woniafka Oma eingewickelt hat und obendrein mit einer Schwimmflosse ausgerüstet ist. Zaubern ist angesagt. Zu diesem Zweck wird der Kümmelfritz mit einer alten Unterhose als Zauberhut versehen und los geht’s – dies unter der höchst kompetenten Leitung des gütigen, edlen und weisen Huhns, das nie darum verlegen ist, sich selbst über den Klee zu loben.
Es ist eine heitere, kunstvolle Sprache, in welcher Michael Roher uns diese Geschichte erzählt, und seinen Blick für das Bunte im Leben beweist der Autor auch in den einfallsreichen Illustrationen samt viel Sinn fürs amüsante Detail.
Erzählt wird von Kümmelfritz’ Kindertagen, und davon, wie er sich zusammen mit seiner sportlichen Oma und seinem besten Freund, dem überaus beschei­de­nen Huhn, und neuerdings auch mit der sommersprossigen Maya, den grossen und kleinen Abenteuern des Lebens stellt. Dazu gehören: eine fiese schleimige Sa­la­migrippe, die grausame Entführung durch die Karneval-Outfits oder eine Unter­zuckerung, die beinahe zum plötz­lichen Huhnstod führt.
Roher thematisiert auf liebevolle, fanta­sievolle und zuweilen ironische Weise Freundschaft in einer fan­tas­tischen Kinderwelt. Er spielt dabei lustvoll mit dem österreichischen Dialekt (wenn man die Wörter Golatsche, Hendl, Klum­pert und Rotzpippe nicht kennt, hilft das Glossar am Ende des Buches weiter), was die Figuren so herzerwärmend authen­tisch macht, dass man sich an die glücklichen Momente der eigenen Kindheit erinnert.
Bettina Peterli,
Buch&Maus 2/2013, S. 26

Notlandung in der Milchstrasse 17a
Christian Tielmann
Verlag: dtv, Publiziert: 2012, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-76066-4
Schlagwörter: Freundschaft | Humor/Komik

Als Linus eines Morgens aus dem Fenster schaut, traut er seinen Augen kaum: «Zwischen dem Reihenhaus, in dem er mit seinen Eltern wohnte, und dem Nachbarhaus, in dem bis gestern Abend Hanna gewohnt hatte, war über Nacht ein neues Reihenhaus entstanden. Mit einem neuen Garten. Und für dieses Haus hatte jemand Linus’ Haus über Nacht um sechs Meter nach rechts verrückt.» Was Linus nicht weiss (im Laufe der Zeit aber herausfin­det), ist: dass es sich bei dem neuen Haus um eine getarnte Raumkapsel han­delt und die neuen Nachbarn in Wahrheit zwei ausserirdische Teenager sind. Diesen ist auf der Flucht vor ihrer Lehrerin der Sprit ausge­gangen, sodass sie auf «dem däm-lich­sten Planeten des Universums» notlanden mussten: der Erde. Doch so un­ter­schiedlich Linus und der ausserirdische Winston auch sein mögen: Schon sehr bald sind sie die dicksten Freunde…
Mit viel Humor und einem amüsierten Blick auf irdische Gepflogenheiten erzählt Christian Tielmann die Geschichte von Win­ston und seinem älteren Bruder Ibu, die vor den restriktiven Erziehungsmassnahmen ihrer Lehrerin Tietsch 3.0 Reiss­aus genommen haben. Schwer zu sagen, was witziger ist: Linus’ Blick auf die seltsamen Neuankömmlinge oder die Ver­wun­derung, mit der die beiden Extraterrestrischen ihr neues Zuhause wahrnehmen: «Ein Tisch ist eine Art doppelter Boden, den Menschen lieben. Hier stapeln sie alles. Der Tisch verhindert, dass das, was darauf steht, auf dem Boden landet». Schwarzweiss-Zeichnungen von Markus Spang, deren Format von Vignetten bis hin zu Seiten füllenden Comicstrips mit Sachbuchcharakter reichen, sorgen für weitere Belustigung. Eine im wahrsten Sinne des Wortes «ausserirdisch» witzige Freundschaftsgeschichte für alle, die auch einmal über sich selbst lachen können.
Andrea Duphorn,
Buch&Maus 2/2013, S. 26

Billionen Boy
David Walliams, Illustration: Tony Ross
Aus dem Englischen von Dorothee Haentjes
Verlag: Aufbau, Publiziert: 2012, Seiten: 245, ISBN/ISSN/EAN: 3-351-04170-5
Schlagwörter: Humor/Komik

Joe Spud könnte der glücklichste Junge der Welt sein – wenn denn Geld glücklich machen würde. Denn an Geld mangelt es dem Sohn eines durch Klopapier zu uner­messlichem Reichtum gelangten Billio­närs kaum, ebensowenig wie an exoti­schen Haustieren, einem kleinen Rennauto, mehreren Kilometern Carrerabahn und einer eigenen Achterbahn im Garten. Was aber fehlt, ist ein echter Freund. Denn die reichen Kinder aus Joes Eliteschule sind meist von Adel und wollen mit ihm nichts zu tun haben. Und an andere Kinder kommt er nicht heran. Deshalb wünscht er sich zum zwölften Geburtstag – neben seinem Geburtstagsgeld von einer Million Pfund – eine ganz normale Schule besu­chen zu dürfen, als ganz normaler Junge. Ein Wunsch, den ihm sein Vater gern gewährt. Aber ganz so einfach ist das mit dem Unerkannt-Bleiben nicht, stellt Joe bald fest. Er ist durch und durch daran gewöhnt, Probleme mit Geld zu lösen. Das aber kommt bei seinem neuen Freund Bob gar nicht gut an.
David Walliams, bekannt als Autor und Schauspieler der Fernsehserie «Little Britain» hat mit «Billionen Boy» ein zum Lautloslachen komisches, zu Herzen gehendes und auch ein bisschen nachdenklich machendes Kinderbuch verfasst, das in Stil und Witz in direkter Tradition von Roald Dahl steht – was durch die Illustrationen von Tony Ross noch unterstrichen wird. Das Buch übertreibt lustvoll und ist gewürzt mit einer Prise Nonsense (die absolut schauderhaften Mahlzeiten in der Schulmensa!). Nur hin und wieder kommt es ein wenig derb daher, zeigt dabei aber klar den Wert von echter Freundschaft. Kurz: Ein echter Glücksgriff!
Maren Bonacker,
Buch&Maus 2/2013, S. 29

Der Zauber der Wirklichkeit
Richard Dawkins, Illustration: Sebastian Vogel
Aus dem Englischen von Sebastian Vogel
Verlag: Ullstein, Publiziert: 2012, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 3-550-08850-7

Die faszinierende Wahrheit hinter den Rätseln der Natur

Eltern, deren Gottesbild die Evolutionstheorie nicht zulässt, werden kein Buch dieses Autors kaufen. Und Erwachsenen, die nur Darwins Weltsicht vermitteln wollen, ist dieser Band nur bedingt zu empfehlen. Natürlich erzählt der Zoologe Richard Dawkins in seiner Reise durch die Naturwissenschaften auch von der Evo­lution. Auch macht er Schlenker, in denen er den Glauben an den Glauben hinterfragt, oder sagen wir besser: mit aner­kannten Beweisen ausleuchtet. Gleich zum Einstieg relativiert er die «Wirklichkeit», indem er zeigt, wie konzeptuell unsere Konzepte sind. Ähnlich hinterfragt er auch Vorstellungen von den ersten Menschen, zeigt die Willkür der Trennlinie der Arten und sinniert über den Zweck der Artenvielfalt. Urknall ist hier nicht einfach ein Stichwort mit Erklärungen. Optische Wellen werden als Informationsträger erläutert und, wenn sie von aussergala­ktischen Sternen kommen, als Daten zu Vergangenheit und Zukunft.
Aber warum eigentlich orientieren wir uns mit Augen? Die Evolution hat an zwei Orten der Welt – unabhängig von einander – zu elektrischen Sensoren geführt (als Leseprobe empfohlen Seite 196-200). Kurzum, Dawkins bringt alte Erklärungsmuster ins Spiel, betrachtet Mythen und schaut sie wie spätere Theorien genau an. So ist sein Buch vor allem eine attraktive Einführung in naturwissenschaftliches Denken, mal frech und mal instruktiv illustriert, und so leicht (oder so schwierig) zu lesen wie viele der textlastigen Jugendsachbücher.
Hans ten Doornkaat,
Buch&Maus 2/2013, S. 32

Zauberhafte Miss Wiss
Terence Blacker
Aus dem Englischen von Anu Stohner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2012, Seiten: 75, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-78979-2
Schlagwörter: Humor/Komik | Schule

Die dritte Klasse der St.-Barnabas-Schule gilt als Problemklasse. Als die Klasse eine neue Lehrerin bekommt, sind sich die Schülerinnen und Schüler einig: So eine hatten sie bis jetzt noch nie! Sie trägt Jeans und hat schwarz lackierte Fingernägel. Die „zauberhafte Miss Wiss“ scheint tatsächlich zaubern zu können, und ausserdem tritt sie in Begleitung auf: Sybille, eine Porzellankatze, Archimedes, eine Mathematikeule, und Herbert, eine zahme Ratte, wirken im Unterricht mit.
Genauso zauberhaft wie Miss Wiss ist ihr Unterricht, und die dritte Klasse geht auf einmal ganz begeistert in die Schule. Die Eltern jedoch halten nichts von Miss Wiss’ Unterrichtsmethoden, die anderen Lehrerinnen sind eifersüchtig und der Direktor ist besorgt. Soll er Miss Wiss entlassen, obwohl alle ihre Schülerinnen und Schüler dieses Jahr auf dem Abschlussfest Preise entgegennehmen werden?
Ein Buch, das von wundersamen Ereignissen rund um die Schule erzählt und davon, wie eine Klasse den Unterricht in vollen Zügen geniesst.

Die überdurchschnittlich grosse Schrift ist auch für Leserinnen und Leser geeignet, die Respekt vor dicht bedruckten Seiten haben. „Zauberhafte Miss Wiss“ ist als Hörbuch und als Klassensatz bei Bibliomedia Schweiz erhältlich. Ausserdem liegt von Marlies Koenen ein Arbeitsheft zum Thema „Eigene Stärken erkennen und nutzen“ vor. Auf dem Online-Portal „Antolin“ können Quizfragen gelöst werden. Auf dem Markt finden sich weitere, in sich geschlossene Bände mit Miss-Wiss-Abenteuern.

Klassenstufen: 4,5,6

Zu schnell
John Boyne
Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2012, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-596-81127-4
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Die Sommerferien haben gerade erst begonnen, als Dannys Mutter eines Abends von zwei Polizisten nach Hause gebracht wird. Sie hat mit ihrem Auto einen kleinen Jungen angefahren, der nun im Koma liegt. Der schreckliche Unfall bringt das Leben von Dannys Familie komplett durcheinander. Dannys Mutter macht sich grosse Vorwürfe und sie muss die ganze Zeit an den verletzten Jungen denken. Sie kann nicht mehr zur Arbeit zu gehen und ist auch nicht mehr in der Lage, sich um ihren eigenen Sohn zu kümmern. Sie vergisst sogar Dannys Geburtstag.
Auch Sarah, die Schwester des verletzten Andy, plagen Gewissensbisse wegen des Unfalls. Andy ist aufgrund einer Mutprobe ohne nach links oder rechts zu schauen über die Strasse gerannt. Sarah sucht gezielt Kontakt zu Danny und nimmt ihn mit zu ihrem Bruder ins Krankenhaus. Doch auf diesen Besuch reagieren beide Familien mit Entsetzen und Unverständnis.
Danny ist mit der Situation zunehmend überfordert und beschliesst abzuhauen. Nach drei Tagen findet ihn sein älterer Bruder Pete und bringt ihn heil wieder nach Hause zurück.
Als der kleine Andy schliesslich ohne bleibende Schäden aus dem Koma aufwacht, erholt sich auch Dannys Mutter wieder, so dass die ganze Familie langsam in ihr altes Leben zurückfindet.

John Boyne erzählt das Geschehen in der Ich-Perspektive aus der Sicht des zwölfjährigen Danny. Nebst der Schuldfrage spielen in diesem leicht zu lesenden Roman auch die Themen Identitätsfindung, Freundschaft und Umgang mit Konflikten eine Rolle.
Dank der klaren Rollenzuschreibungen der Charaktere und des geringen Umfangs eignet sich der Text gut für weniger geübte Leserinnen und Leser. „Zu schnell“ ist auch als E-Book erhältlich. Der Verlag stellt Unterrichtsmaterialien zur Verfügung, zudem gibt es auf dem Online-Portal „Antolin“ Quizfragen zum Titel.

Klassenstufen: 7,8

Türkisch für Anfänger
Detlef Dresslein
Verlag: Kiepenheuer & Witsch, Publiziert: 2012, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-462-04430-0
Schlagwörter: Ferien | Kulturen

Lena hat soeben ihr Abitur bestanden. Zur Feier darf sie ohne ihren kleinen Bruder allein mit ihrer Mutter in die Ferien nach Thailand fliegen. Lena ist skeptisch, denn ihre berufsjugendliche Mutter und sie haben unterschiedliche Vorstellungen vom Leben. Ihre Mutter ist der Meinung Lena sei verkrampft, Lena wiederum findet ihre Mutter oft peinlich, insbesondere da diese sich gerade mitten in ihrer Midlife-Crisis befindet. Zum gemeinsamen Stranderlebnis kommt es gar nicht, denn das Flugzeug stürzt ab. Die meisten Passagiere, darunter auch Lenas Mutter, werden bald darauf gerettet. Lena hingegen findet sich mit dem türkischen Macho Cem, dessen gläubiger Schwester Yagmur und dem stotternden Costa auf einer einsamen Insel im indischen Ozean wieder. Schwerer als die kulturellen Unterschiede wiegen allerdings die unvereinbaren Egos der Beteiligten. Schlimmer kann es kaum noch werden, bis die vier Robinsons wider Willen merken, dass die Insel nicht unbewohnt ist.
Am Ende findet Lena die erste grosse Liebe dort, wo sie sie am wenigsten erwartet hat.

Im Roman zum gleichnamigen Film wimmelt es nur so von überzeichneten Figuren. Einige Klischees werden bisweilen arg strapaziert. Spätestens als Kannibalen ins Spiel kommen, hat Detlef Dresslein etwas zu dick aufgetragen. Wer davon unbeeindruckt bleibt, der findet mit „Türkisch für Anfänger“ eine vergnügliche Sommerlektüre für Leserinnen und Leser ab der 7. Klasse . Der Ton ist umgangssprachlich bis salopp. Der Schriftgrad ist etwas klein. Auflockerung bringen die Bilder aus dem Film, die in der Mitte enthalten des Buches abgedruckt sind.
Der Film ist eine Kinoadaption der Fernsehserie „Türkisch für Anfänger“, die sich auf humorvolle Weise mit kulturellen Unterschieden zwischen Familien mit deutschem und Familien mit türkischem Hintergrund auseinandersetzt.

Klassenstufen: 7,8,9,10

Ben liebt Anna
Peter Härtling
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2012, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-74099-1

Ben liebt Anna, das Aussiedlermädchen, das neu in die Klasse kommt. Anna wird in der Schule gemieden und wegen ihrer altmodischen Kleider ausgelacht. Ben setzt sich für sie ein. Das Fremde an ihr zieht ihn an, er entwickelt starke Gefühle für sie, hat aber Angst, sie vor der Klasse zu zeigen. Auch Anna verliebt sich in Ben. Doch im Gegensatz zu Ben zeigt Anna ihre Gefühle, auch vor den anderen, und bringt Ben dadurch in Verlegenheit. Ben durchlebt alle Höhen und Tiefen einer ersten Liebe – Freude, Enttäuschung, Eifersucht und Streit mit Freunden. Eltern und Lehrpersonen verhalten sich verständnisvoll. Am Ende der Geschichte zieht Anna weg, da ihr Vater an einem anderen Ort Arbeit findet.
Eine wunderschöne, leise Liebesgeschichte, erzählt aus der Sicht von Ben.

Auch Kinder lieben – und nicht nur innerhalb der Familie. „Ben liebt Anna“ gilt als Klassiker und kann auch von Jugendlichen und Erwachsenen mit Gewinn gelesen werden. Zu diesem Titel sind ein Hörbuch und Unterrichtsmaterialien erhältlich. Der Titel liegt auch auf Türkisch vor. „Ben liebt Anna“ ist als Klassensatz bei Bibliomedia Schweiz erhältlich. Es gibt ein Lesequiz und und Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“.

Klassenstufen 4,5,6

Wie belämmert ist das denn?
Alice Pantermüller
Verlag: Arena, Publiziert: 2012, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-06771-1
Schlagwörter: Humor/Komik

Im zweiten Band von Lottas Tagebuchaufzeichnungen dreht sich alles um das Thema Freundschaft. In Lottas Klasse gibt es eine neue Mädchen-Clique, die „Glamour Girls“, die Lotta aber spöttisch nur die „Lämmer-Girls“ nennt. Fast alle Mädchen gehören dazu, nur Lotta und ihre beste Freundin Cheyenne nicht. So gründet Lotta halt zusammen mit Cheyenne und Paul ihre eigene Bande, die „Wilden Kaninchen“. Pauls Baumhaus wird sogleich zum Banden-Hauptquartier erklärt. Aber entgegen ihrer Erwartungen ist das Banden-Leben ganz schön anstrengend, denn nebst den „Glamour-Girls“ sind da auch noch die „Rocker“, eine Jungs-Bande, die Lotta und ihrer Bande das Leben schwer machen.
Wie schon im ersten Band lassen Lotta und Cheyenne keine Gelegenheit aus, um ins Fettnäpfchen zu treten. Eine Übernachtungsparty mit Karaoke-Wettbewerb, die Schulorchesterprobe und die Bundesjugendspiele sind Schauplätze für allerlei Missgeschicke.

Lottas chaotische Tagebuchaufzeichnungen eignen sich für weniger geübte Leserinnen und Leser der vierten und fünften Klasse. Die witzigen Episoden sind von der Textmenge her gut zu bewältigen. Comicartige Illustrationen lockern den Text zusätzlich auf. Der umgangssprachliche Stil und die überzeichneten Figuren sorgen für kurzweilige Leseunterhaltung.
In der gleichen Reihe sind vier weitere Bände erschienen. Der Titel ist auch als Hörbuch erhältlich und auf dem Online-Portal „Antolin“ gibt es Quizfragen dazu.

Klassenstufen 4,5

Steppenwind und Adlerflügel
Xavier-Laurent Petit
Verlag: Cornelsen, Publiziert: 2012, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-464-61079-4

Ein Leseprojekt nach dem gleichnamigen Roman von Xavier-Laurent Petit

Galshan ist zwölf Jahre alt und lebt mit ihren Eltern in einer kleinen Stadt in der Mongolei. Galshans Vater ist als Lastwagenfahrer oft längere Zeit abwesend. Als die Mutter wieder schwanger wird und es zu Komplikationen kommt, schicken ihre Eltern Galshan bis zur Geburt des Babys zu ihrem Grossvater. Dieser führt als Hirte ein sehr ursprüngliches und zurückgezogenes Leben. Er bewohnt eine traditionelle Jurte in der Steppe.
Zu Beginn gestaltet sich die Beziehung zwischen Galshan und ihrem wortkargen Grossvater Bayar schwierig. Nach und nach gelingt es Galshan aber, sein Herz zu erobern und seinen Respekt zu gewinnen. Bayar lehrt Galshan alles, was man zum Überleben in der rauen Wildnis braucht, insbesondere auch den Umgang mit Tieren. Entgegen der Tradition zeigt er seiner Enkelin sogar, wie man einen Adler zähmt. Diese Kunst ist eigentlich den Jungen vorbehalten. Im Gegenzug bringt Galshan ihrem Grossvater das Lesen bei.
Im Winter tobt ein heftiger Schneesturm und Galshan und ihr Grossvater werden von der Aussenwelt abgeschnitten. In dieser Extremsituation muss Galshan beweisen, dass sie eine richtige Nomadin geworden ist, denn nicht nur ihr Leben sondern auch das ihres Grossvaters hängt von ihren Entscheidungen ab.

Der Roman "Steppenwind und Adlerflügel" ist zum einen eine intensive Abenteuergeschichte mit einem dramatischen Höhepunkt, zum andern auch eine Generationengeschichte, die von der zögerlichen Annäherung zwischen Galshan und ihrem Grossvater erzählt. Galshan entwickelt sich im Laufe der Geschichte zu einem starken, verantwortungsbewussten Mädchen.
Die ganze Erzählung lebt von den Kontrasten zwischen Galshans gewohntem Leben in einer kleinen Stadtwohnung und den Herausforderungen, die das Leben als Nomadin in der mongolischen Steppe für sie bereithält. Darüber hinaus überzeugt das Buch durch schöne Naturbeschreibungen und liebevoll gezeichnete Charaktere.
"Steppenwind und Adlerflügel" ist insbesondere ein Lesetipp für kalte Winterabende.
In der Reihe „einfach lesen!“ des Cornelsen Verlags werden bekannte Jugendbücher so gekürzt und vereinfacht, dass sie auch von weniger geübten Leserinnen und Lesern bewältigt werden können. Zur Unterstützung des Textverständnisses beginnt jedes der kurzen Kapitel mit einer Illustration. Als optische Lesehilfe sind die Texte zudem mit Zeilenzählern versehen. Verschiedene Aufgaben am Kapitelende dienen der Überprüfung des Textverständnisses. Ein Lösungsheft liegt bei.
Falls der Roman als Klassenlektüre eingesetzt wird, bietet es sich an, die weniger geübten Schülerinnen und Schüler das vereinfachte Leseprojekt und die fortgeschrittenen Leserinnen und Leser die Originalausgabe lesen zu lassen. Das kollektive Leseerlebnis bleibt somit trotz unterschiedlicher Leseniveaus erhalten.
Die Volltextausgabe liegt bei Bibliomedia Schweiz als Klassensatz vor. Zudem können ein Lesequiz sowie Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“ gelöst werden.

Klassenstufen: 7,8 L

Die Abenteuer der «schwarzen hand»
Hans Jürgen Press
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2012, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-54403
Schlagwörter: Rätsel

Rätselhafte Detektivgeschichten zum Mitraten

Die fünf Detektive von der „schwarzen hand“ treffen sich regelmässig nach der Schule im Haus an der Kanalstrasse 49. Felix, der Chef mit der Trompete, die schlaue Adele, Rollo mit seinem Ringelpulli, Kiki m. E. (m. E. steht für „mit Eichhörnchen“) und sein Begleiter, das Eichhörnchen. Die jungen Detektive verfolgen die Spuren von Gaunern und Räubern. Bei ihrer abenteuerlichen Verbrecherjagd können auch die Leserinnen und Lesern mitmachen. Zum Lösen der Fälle müssen auf den Bildern wichtige Hinweise gesucht werden.

Diese interaktiven Krimigeschichten erschienen bereits in den 1960er Jahren erstmals in Buchform und gelten mittlerweile als Klassiker ihres Genres. Dennoch entsprechen sie auch heutigen Lesegewohnheiten. „Die Abenteuer der schwarzen hand“ sind auch als Hörbuch erhältlich. Auf dem Onlineportal „Antolin“ können im Anschluss an die Lektüre Fragen beantwortet werden.

Klassenstufen: 5,6

Sagt Ulf zu Gnulf …
Imke Stotz
Verlag: dtv, Publiziert: 2012, Seiten: 180, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-71466-2
Schlagwörter: Humor/Komik

Die 500 besten Kinderwitze

Die Dialoge zwischen den beiden mässig schlauen, irren Monster Ulf und Gnulf bilden den Kern dieser Witzsammlung. Darüber hinaus vereint das Buch einige Klassiker des Genres wie Arzt-, Kannibalen- und Schottenwitze. Ergänzend kommen Scherzfragen hinzu wie: „Was ist weiss und geht den Berg hinauf? – Eine Lawine mit Heimweh!“. Einige gezeichnete Cartoons, Lustiges aus dem Tierreich sowie Anekdoten aus dem den Themenkreisen Familie und Sport runden diese humorvolle Sammlung ab.

Die grosse, gut lesbare Schrift und die knappen Sinneinheiten machen „Sagt Ulf zu Gnulf…“ auch für weniger geübte Leserinnen und Leser zu einer unterhaltsamen Lektüre für zwischendurch. Der Titel ist auch als E-Book erhältlich.

Klassenstufen: 4,5

Game It!
Bettina Domzalski
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2012, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-74368-8
Schlagwörter: Spiel

888 mal alles oder nichts

„Welche Erfindung hättest du gerne gemacht?“ „Stelle den Begriff ‚Pferdeflüsterer’ pantomimisch dar.“ „Könntest du einen Monat ohne dein Handy leben?“ „Umschreibe den Begriff ‚Autogrammstunde’ ohne die Worte ‚Unterschrift’ und ‚Stars’ zu verwenden.“ „Game It!“ ist ein Quiz- und Partybuch mit über 888 Fragen und Aufgaben im obigen Stil. Die Fragen stammen aus neun verschiedenen Wissensbereichen: von Kunst & Kultur über Natur & Umwelt bis hin zu Kult & Körper. Nebst Wissensfragen warten auch Aufgaben auf die Teams bei denen man einen Begriff beschreiben, einen Ausdruck pantomimisch darstellen oder ein Wort malen muss. Auch das bekannte Partyspiel „Wahrheit oder Pflicht“ wurde in den Fragekatalog integriert.
Für „Game It!“ braucht man mindestens vier Spielerinnen und Spieler, aufgeteilt in zwei Gruppen. Entweder gibt es eine ständige Spielleitung, die die Fragen und Aufgaben vorliest und die Punkte notiert, oder die Spielleitung wechselt reihum.
Für die Aufgaben erhalten die Spielerinnen und Spieler jeweils eine Minute Zeit. Die Gruppe bekommt pro gelöste Aufgabe einen Punkt, wer die meisten Punkte hat, hat natürlich gewonnen.

Zum einen kann während des Spiels das Vorlesen von Fragen geübt werden, zum andern bietet „Game IT!“ die Möglichkeit, sich in ungezwungenem Rahmen mit Sprache zu beschäftigen. Für einige Aufgaben ist ziemlich viel Vorstellungskraft notwendig, Spass bringt vor allem das gemeinsame Raten in der Gruppe.

Klassenstufen: 7,8,9,10

Was ist passiert?
Boni Koller
Verlag: Paranoia City, Publiziert: 2012, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907-52220-2
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Rätsel | Spiel

Das Buch der Mysteries

„Auf einer Parkbank liegt ein Toter, der einen Rucksack trägt. Was ist passiert?“ So und ähnlich lautet die Ausgangslage in allen kniffligen Rätselgeschichten dieser Sammlung. Viele davon sind aus „urban legends“ hervorgegangen, andere hat der Autor selber verfasst. Die Geschichten können entweder einfach zur Unterhaltung gelesen werden oder man sucht sich zwei oder mehr Mitspielerinnen und Mitspieler und löst die Rätsel gemeinsam. Am besten liest eine Person die Ausgangssituation vor und die anderen dürfen Fragen stellen, die mit „ja“ oder „nein“ zu beantworten sind.
Je mehr Übung man hat, desto einfacher wird es, da viele Rätsel vom Gedankengang her ähnlich funktionieren. Bei einigen Rätseln wird man absichtlich in die Irre geführt, an andere muss man mit Logik herangehen. Eine grosse Portion schwarzer Humor ist eine gute Basis, um sich mit diesen Rätseln zu vergnügen, denn der Tod lauert an jeder Ecke.

Die düsteren Knacknüsse bieten eine unterhaltsame Gelegenheit, das Leseverständnis zu trainieren, allerdings ist der Schriftgrad recht klein. Für weniger geübte Leserinnen und Leser empfiehlt es sich, die Kurzversion der Rätsel zu wählen.

Klassenstufen: 7,8,9,10

Die gefährlichsten Berufe der Welt
Petra Bachmann
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2012, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7607-8683-4

Die Berufe, die hier vorgestellt werden, sind alles andere als langweilig. Die Leserinnen und Lesern erhalten interessante Einblicke in risikoreiche Tätigkeiten und die häufigsten Unglücksursachen bei der Arbeit. Bei einigen Jobs, wie zum Beispiel dem des Bodyguard, ist von vornherein klar, dass sie mit Gefahren verbunden sind, bei anderen Tätigkeiten können Naturereignisse, Wetterumschwünge oder Unachtsamkeiten plötzlich brenzlige Situationen hervorrufen. Der generell risikoreichste Beruf ist erstaunlicherweise Fensterputzer, aber auch Astronautinnen, Dachdecker, Taucherinnen, Holzfäller, und Taxifahrerinnen sind während ihrer Arbeit ständig Gefahren ausgesetzt.
Jeder Beruf wird auf einer Gefahren-Skala von 1 (mit Restrisiko) bis 4 (lebensgefährlich) eingeordnet.
Obwohl das Buch nicht wirklich als Inspiration für die Berufswahl gedacht ist, enthält es auch Angaben zum jeweiligen Ausbildungsweg

Das auffallend bunte Layout ist ansprechend, die Schrift gut lesbar. Der Text wird zudem durch grafische Elemente aufgelockert. Das Buch eignet sich auch gut, um selektiv einzelne Abschnitte oder Infoboxen zu lesen.

Klassenstufen: 4,5,6,7

Star Wars
Simon Beecroft
Aus dem Englischen von Anke Wellner-Kempf
Verlag: Dorling Kindersley, Publiziert: 2012, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8310-2061-4
Schlagwörter: Weltall

Galaxis in Gefahr und andere spannende Geschichten

Das Buch enthält verschiedene kurze Geschichten, die unabhängig voneinander gelesen werden können. Die Geschichten sind eine Mischung aus Hintergrundinformationen und Nacherzählungen der Handlungen der „Star Wars“ Filme I-VI. Einzelne Seiten können aber auch wie ein Sachbuchtext gelesen werden.
Hauptdarsteller sind natürlich die Jedi-Ritter und ihre düsteren Gegenspieler die Sith-Lords, die zunehmend an Macht gewinnen. Die Leserinnen und Leser erhalten Hintergrundinformationen über die Ausbildung der Jedi und ihren Kodex, zudem werden die verschiedenen Raumschiffe und ihre Besonderheiten vorgestellt. Darüber hinaus werden die entscheidenden Duelle bei „Star Wars“ und die dabei eingesetzten Waffen und Kampftechniken ausführlich beschrieben.

Die zahlreichen Filmbilder tragen zur Attraktivität dieses Buches bei. Info-Boxen liefern Hintergrundwissen zu einzelnen Figuren, Raumschiffen und Ereignissen.
Die extra grosse Schrift ist gut lesbar, allerdings werden recht viele technische Ausdrücke verwendet. Am Ende jedes Kapitels werden zumindest die wichtigsten Begriffe in einem Glossar erklärt.
Die Geschichtensammlung eignet sich besonders für eingefleischte „Star Wars“-Fans. Aus der gleichen Reihe sind noch weitere Bände erhältlich. Auf dem Online-Portal „Antolin“ gibt es zudem Quizfragen zum Titel.

Klassenstufen: 4,5,6,7

Was macht der U-Bahn-Fahrer, wenn er auf Toilette muss?
Jürgen Brater
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2012, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-75364-9
Schlagwörter: Alltag

66 blitzgescheite Fragen rund um Alltag, Menschen und Tiere

„Wird man bei Regen weniger nass, wenn man schneller läuft?“ „Wenn alle Menschen gleichzeitig hochspringen, gibt es dann ein Erdbeben?“ „Wird es Glühwürmchen beim Glühen warm?“ „Können Fische seekrank werden?“ „Warum ist die Leberwurst beleidigt?“ und „Wie heisst Barbie mit Nachnamen?“
Der Mediziner Jürgen Brater hat 66 Fragen zusammengetragen, die ihm Kinder so gestellt haben. Einige davon hat man sich bestimmt auch schon mal gestellt, andere sind überraschend, manche skurril. Der Fragenkatalog ist eine spannende Mischung aus Alltäglichem, naturwissenschaftlichen Phänomenen und populären Themen. Auch einige kuriose Redewendungen werden genauer unter die Lupe genommen.

Die teilweise erstaunlichen Antworten sind gut verständlich und unterhaltsam zu lesen. Die grossformatigen Fotos, eine angenehm grosse Schrift, und das farbenfrohe Layout dürften trotz ausgiebigerer Texteinheiten auch weniger geübte Leserinnen und Leser ab der fünften Klasse ansprechen.

Klassenstufen: 5,6,7

Die 100 furchterregendsten Dinge der Welt
Anna Claybourne
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2012, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7607-7931-7

Gebündelte Informationen zu angsteinflössenden Tieren, zerstörerischen Naturgewalten, gruseligen Orten, furchterregenden Wesen, ungeklärten Phänomenen sowie zu gefährlichen Stunts und Extremsportarten – und das alles in einem Buch!
Die furchterregenden Dinge werden auf einer Angst-Faktor-Skala von 1-5 taxiert. Die Einleitung macht die Leserinnen und Leser darauf aufmerksam, dass es verschiedene Arten von Angst gibt: von panischer Angst, die einen krank machen kann bis hin zu lustvoll erlebter Angst, wie wir sie beim Achterbahn fahren oder beim Horrorfilm schauen empfinden. Zudem wird auch auf die nützliche Funktion von Angst in bedrohlichen Situationen eingegangen.

Die Aufmachung des Buches ist poppig, die Texte sind kurz und von zahlreichen Fotos begleitet. Die Leserinnen und Leser werden in der Du-Form direkt angesprochen.
Das Buch ist aufgrund des gruseligen Themas und der kurzen Textportionen ein guter Tipp für Jugendliche mit geringer Lesemotivation.
Aus der gleichen Serie sind weitere Titel erhältlich: Die 100 unglaublichsten / tödlichsten / ekligsten / gefährlichsten Dinge der Welt

Klassenstufen: 4,5,6,7

100 Menschen, die die Welt verändert haben
Ben Gilliland
Aus dem Englischen von Karin Fellner
Verlag: Dorling Kindersley, Publiziert: 2012, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8310-2173-4
Schlagwörter: Biografie | Historisches

In kurzen Porträts stellt der Autor 100 Menschen vor, die unsere Welt geprägt haben.

Die Sammlung umfasst Entdeckerinnen, Erfinder, Denkerinnen, politische Anführer und auch einige kreative Köpfe wie William Shakespeare, Frida Kahlo, Elvis Presley oder Walt Disney.

Unter den ausgewählten Persönlichkeiten sind auch einige hierzulande weniger bekannte Leute zu finden, wie die britische Fossilienforscherin Mary Anning, die aus Jamaika stammende Krankenpflegerin Mary Seacole oder McDonald’s-Gründer Ray Kroc. Das Buch bietet also auch eine gute Gelegenheit, neue Wegbereiterinnen und Wegbereiter zu entdecken, die auf Ihren jeweiligen Gebieten Pionierarbeit geleistet haben. Es ist denn auch vor allem die Vielfalt an Themengebieten, die diese Zusammenstellung von Biografien besonders macht.

Die kurzen Texte informieren über die wichtigsten Leistungen und Verdienste der Porträtierten, in einer Sprechblase geben die Personen jeweils ein zusätzliches wissenswertes Detail über sich preis.

Das attraktive Layout, die witzigen Illustrationen und die gute Gliederung der Texte in mehrere kurze Abschnitte motivieren zum lesen, auch wenn das Vokabular nicht durchgängig einfach ist. Die kompakten Porträts wecken die Neugier und können Anstoss zu weiteren Nachforschungen geben.

Klassenstufen: 4,5,6

Kinder dieser Welt
Aus dem Englischen von Cornelia Panzacchi
Verlag: Dorling Kindersley, Publiziert: 2012, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8310-2098-0

Das Buch vermittelt einen Eindruck davon, wie Kinder in allen Teilen der Welt leben. Es geht der Frage nach, was Kinder zum Überleben überhaupt brauchen und welche Grundrechte sie haben. Diese werden unter den Stichwörtern „Wasser“, „Nahrung“, „ein Zuhause“ und „Gesundheit“ erläutert. Unter dem Stichwort „Wasser“ wird beispielsweise erklärt, weshalb Wasser kein selbstverständliches Gut ist und wie die Wasserversorgung in einigen Ländern funktioniert. Weitere Kapitel sind „Entwicklung“, „Schutz“ und „Beteiligung“. Am Ende eines Kapitels wird jeweils ein Kind vorgestellt, das von seinen Erfahrungen berichtet. „Kinder dieser Welt“ zeigt Kinder aus unterschiedlichsten Kulturen.

Auch wenn die aufgegriffenen Themen ernst sind, ist „Kinder dieser Welt“ keineswegs ein bedrückendes Buch. Immer wieder kommen die Kinder selbst zu Wort, was die Lektüre besonders lebendig macht. Neben den Bildern stehen kurze Texte und Zitate der Kinder. Das Sachbuch öffnet die Augen für Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Kulturen. „Kinder dieser Welt“ weckt das Interesse an fremden Völkern und Lebensweisen. Auf dem Online-Portal „Antolin“ können Fragen zum Buch beantwortet werden.

Klassenstufen: 4,5,6

Lass die Lanze ganz, Lancelot!
Volker Präkelt
Verlag: Arena, Publiziert: 2012, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-06836-7

Von rüstigen Rittern, lästigen Läusen und warum die Drachen frei erfunden sind

Wie lebte es sich im Mittelalter? Der Schüler Leander befragt seinen Lehrer Wolfherr von Greifenstolz zu verschiedenen Themen. So erfahren die Leserinnen und Leser allerlei Wissenswertes über die alten Epen wie das Nibelungenlied, das Rolandslied und die Artus-Sage. Die Bedeutung von protzigen Burgen für das Ansehen Adliger und die Gesellschaftsordnung im Mittelalter werden erklärt, und es findet sich auch ein kurzer Exkurs zu den bekannten Ritterturnieren als frühe Form des sportlichen Wettkampfs.
Der Drache Spucki und die Ratte Fidibus führen durch das Buch und kommentieren jede Seite. Als weitere Auflockerung zu den Fakten werden in kurzen Comics zusätzliche kleine Geschichten erzählt. Zwischendurch können Quizfragen gelöst werden. Am Schluss des Buches wartet noch ein Knappentest und der Drache Spucki empfiehlt Ausflugsziele in die Welt der Burgen.

Dieses witzig gestaltete Sachbuch zeigt, dass historische Stoffe überhaupt nicht trocken vermittelt werden müssen. Dank umgangssprachlichem Ton, einfacher Sprache und grosser, leicht lesbarer Schrift können sich auch weniger geübte Leserinnen und Leser ab der vierten Klasse auf Zeitreise begeben. Zahlreiche Fotos und witzige Illustrationen tragen zu dieser lebendigen Darstellung des Lebens im Mittelalter bei.
„Lass die Lanze ganz, Lancelot!“ gibt es auch als Hörbuch, auf dem Online-Portal „Antolin“ sind zudem Quizfragen verfügbar. In derselben Reihe sind weitere Sachbücher erhältlich.

Klassenstufen: 4,5,6

Sport
Aus dem Englischen von Brigitte Rüssmann und Wolfgang Beuchelt
Verlag: Dorling Kindersley, Publiziert: 2012, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8310-2149-9
Schlagwörter: Sport

Lexikon für Kids

Es muss nicht immer Fussball sein. Dieses Lexikon bietet einen Einblick in mehr als 100 Sportarten aus aller Welt. Es werden auch weniger bekannte Sportarten wie Kricket, Netball, Pelota, Drag Racing und Extremsportarten wie Ultramarathon oder Fallschirmspringen vorgestellt. Zu jeder Sportart gibt es eine kurze Einführung in Regeln und Techniken sowie Hinweise zur benötigten Ausrüstung. Die wichtigsten Ziele jeder Sportart werden kompakt präsentiert. Grafiken erklären zudem Grösse und Aufbau von Spielfeldern oder Streckenverläufe. Zahlreiche Farbfotos zeigen die Sportlerinnen und Sportler in Aktion. Ein Anhang zu den Olympischen Spielen und ein Glossar ergänzen die Übersicht.

Einige der jungen Leserinnen und Leser finden hier womöglich Inspiration für ein neues Hobby. Andere werden einfach so in die faszinierende Welt des Sports reinschnuppern.
Die eindrücklichen Fotos ergänzen die Texte optimal und machen Lust auf Bewegung.

Klassenstufen: 5,6,7,8

Hunde
Claudia Toll
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2012, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5577-5

Herkunft, Haltung, Rassen, Erziehung

Der Hund gehört zu den beliebtesten Haustieren und viele Kinder wünschen sich einen eigenen Hund. Für alle, die über die Anschaffung eines Hundes nachdenken, enthält dieses Sachbuch in kompakter Form viele hilfreiche Tipps und Hintergrundwissen.
Zu Beginn erfährt man, wie der Hund überhaupt zum Menschen kam. Im Weiteren geht die Autorin auf die verschiedenen Rassen ein und gibt Antwort auf wichtige Fragen des Zusammenlebens von Mensch und Hund.
Praktischer Natur sind vor allem die Ratschläge, wie die Körpersprache und das Verhalten von Hunden zu deuten sind. Es finden sich auch konkrete Tipps für alltägliche Situationen, zum Beispiel wie man sich verhalten sollte, wenn ein nicht angeleinter, fremder Hund auf einen zukommt.
Das letzte Kapitel gibt einen Einblick in Bereiche, in denen Hunde professionell eingesetzt werden: als Herdenhunde, Spürhunde, Therapiebegleithunde oder Lebensretter.
Ein Glossar, nützliche Adressen, sowie Film- und Buchtipps runden diesen umfassenden Ratgeber für Hundeliebhaberinnen und Hundeliebhaber ab.

Die Seitengestaltung ist übersichtlich, zahlreiche Fotos und Illustrationen ergänzen den Text. Zum Titel gibt es Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“.

Klassenstufen: 4,5,6

Pling
Lena Ullrich
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2012, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-8499-4
Schlagwörter: Alltag

Erfindungen, die das Leben erleichtern

Lena Ullrich erzählt in 52 kurzweiligen Geschichten von all den praktischen Errungenschaften, die unser alltägliches Leben vereinfachen. Jedes Kapitel enthält auf einer Doppelseite eine Anekdote mit ganzseitiger Illustration in schwarz-weiss.
Alle Kapitel sind ähnlich aufgebaut: In ironischem Ton spannt die Autorin einen Bogen von den früheren Unannehmlichkeiten bis hin zu den fortschrittlichen Erfindungen der Moderne. So sollen zum Beispiel die Cowboys das Kaffeepulver einfach in ihre Socken gestopft und in einer Kanne über dem Lagerfeuer aufgebrüht haben, bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Hausfrau Melitta Benz aus Dresden den Kaffeefilter erfand.
Ein Buch für alle, die wissen wollen, was Hühner und Klopapier verbindet und was der Staubsauger mit dem Haarföhn gemeinsam hat.

Das Buch ist eine gelungene Verknüpfung von humorvollen Anekdoten und informativem Alltagswissen. Der Schriftgrad ist zwar etwas klein, trotzdem eignen sich die kurzen, bildunterstützten Leseeinheiten auch gut für weniger geübte Leserinnen und Leser ab der fünften Klasse.
„Pling“ ist auch als E-Book erhältlich und auf dem Online-Portal „Antolin“ gibt es Quizfragen zum Titel.

Klassenstufen: 5,6,7

Eroberer der Lüfte
Hardesty
Aus dem amerikanischen Englisch von Kai Kilian
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2012, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-8490-1
Schlagwörter: Abenteuer

Die grössten Abenteuer der Luftfahrt

Das Buch stellt fünf spektakuläre Luftfahrtabenteuer der Weltgeschichte vor. Darunter historische Meilensteine wie die Atlantiküberquerung von Charles Lindbergh in der “Spirit of St. Louis”, die Mondlandung der Apollo 11 und den ersten Alleinflug einer weiblichen Pilotin von England nach Australien. Aber auch moderne Pioniertaten wie der Rekordflug der Voyager und die Umrundung der Erde in einem Ballon durch Bertrand Piccard und Brian Jones im Jahr 1999 werden eindrücklich beschrieben.
Dank der Aufklappseiten können die Leserinnen und Leser auf grossflächigen Karten die Flugrouten nachvollziehen. Fotos und Originaldokumente geben Einblick in die waghalsigen Unternehmungen der mutigen Abenteurer, die alle den Traum vom Fliegen lebten.

Die einleitenden Texte zu Beginn jedes Kapitels sind packend und gut verständlich. Bei einigen Bildunterschriften wurde der Schriftgrad allerdings sehr klein gewählt.
Am Ende des Buches finden sich eine Übersicht über weitere berühmte Flüge und ein Glossar. Zum Titel gibt es auf dem Internet-Portal „Antolin” Quizfragen.
In der gleichen Reihe sind noch weitere Abenteuerbücher erschienen.

Klassenstufen: 4,5,6

Die Abenteuer von Blake und Mortimer
Edgar-Pierre Jacobs
Verlag: carlsen comics, Publiziert: 2012, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-01981-3

Das Geheimnis der grossen Pyramiden

Die franko-belgische Comicserie rund um den Atom-Physiker und Hobbyarchäologen Professor Philip Mortimer und seinen Freund Captain Francis Blake, den Chef des britischen Geheimdienstes M.I.5, gehört zu den Klassikern der europäischen Comic-Kultur. Die Reihe zeichnet sich durch atmosphärische Dichte und einen klaren Zeichenstil aus. Die spannenden Abenteuer erinnern von der Handlung her oft an Kriminalgeschichten.
Im zweiteiligen Abenteuer „Das Geheimnis der grossen Pyramide“ dreht sich alles um wertvolle Schätze aus der Vergangenheit. Professor Mortimer soll in Ägypten an der Entzifferung von rätselhaften Papyri mitarbeiten, die Hinweise auf die geheimnisvolle Kammer des Horus enthalten. Doch auch Professor Mortimers Gegenspieler, der skrupellose Verbrecher Colonel Olrik hat es auf den Schatz abgesehen. Als Mortimer seinen Freund Blake um Hilfe bittet, verschwindet dieser auf dem Flug von London nach Kairo spurlos …

Der belgische Comiczeichner E.P. Jacobs zeichnete die Serie von 1946 bis 1970. Die zeitgeschichtlichen Ereignisse jener Jahre haben Jacobs Schilderungen geprägt. Dies zeigt sich bei der Lektüre beispielsweise im Verhältnis der Figuren zu ihren Angestellten und in den Charakterisierungen der Bösewichte.
Die Comicserie dürfte Jugendliche in erster Linie wegen der spannenden Handlung ansprechen. Darüber hinaus sind die Zeichnungen sehr detailreich. Jacobs recherchierte Schauplätze äusserst genau und seine Darstellungen sind sehr realistisch.
Er arbeitete auch einige Zeit eng mit dem bekannten Cartoonisten Hergé zusammen.
Im zweiten Teil dieses Abenteuers „Die Kammer des Horus“ kommt es zum Showdown in den Kammern der grossen Pyramide. Von Blake und Mortimer sind weitere Bände erhältlich.

Klassenstufen: 6,7,8

In 80 Tagen um die Welt
Jules Verne
Verlag: wissenmedia, Publiziert: 2012, Seiten: 58, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-577-07436-0
Schlagwörter: Abenteuer

Der reiche und kauzige englische Gentleman Phileas Fogg verbringt seine Zeit mit Schlafen, Zeitunglesen und dem Kartenspiel Whist und er legt äusserst grossen Wert auf Pünktlichkeit: Von der täglichen Rasur bis zum Servieren des Tees, Alles hat sich zu genau festgelegten Zeiten abzuspielen.
Eines Tages wettet Fogg mit den Mitgliedern seines Londoner Clubs, dass es dank des technischen Fortschritts möglich sei, die Erde in 80 Tagen zu umrunden. Seine Ehre als pünktlich-korrekter Gentleman und sein ganzes Vermögen stehen auf dem Spiel.
Jean Passepartout, sein französischer Diener, begleitet Fogg auf die abenteuerliche Reise. Fortan jagen die beiden mit Schiff, Eisenbahn, Schlitten und Elefanten – einfach mit jedem sich bietenden Transportmittel – um die Erde, mit dem Ziel, in genau 80 Tagen wieder in London anzukommen. Aufgrund seines überstürzten Aufbruchs wird Fogg fälschlicherweise für einen Dieb gehalten und vom ehrgeizigen Detektiv Fix verfolgt. Das ist aber bei weitem nicht das einzige Hindernis, das unterwegs auf Fogg und Passepartout wartet. Sie meistern aber mittels kreativer Einfälle und etwas Glück alle schwierigen Situationen, und Fogg findet unterwegs sogar noch die grosse Liebe.

„In 80 Tagen um die Welt“ erscheint in der Reihe „Brockhaus Literaturcomics“. In dieser Reihe werden Klassiker der Weltliteratur im Comicformat aufbereitet. Sie möchte Jugendliche an das Lesen von Meisterwerken heranführen und so auch Einstiege in Originallektüren ermöglichen. Im Anhang finden sich jeweils zusätzliche Informationen zum Werk und zum Autor.
Der fantastische Reisebericht Jules Vernes aus dem Jahr 1872 thematisiert den rasanten Fortschritt im Transport- und Kommunikationswesen des 19. Jahrhunderts. Die Entstehungszeit des Romans kommt an einigen Stellen, wie etwa bei der Beschreibung des geplanten Menschenopfers in Indien oder bei der Schilderung des Überfalls der Indianer auf die Eisenbahn in Amerika, deutlich zum Ausdruck. Dennoch hat diese abenteuerliche Geschichte mit ihren vielen, überraschenden Wendungen bis heute nichts von ihrer Faszination verloren.
Im Anhang finden sich Zusatzinformationen über den Autor, sein Werk und das Zeitalter der industriellen Revolution.
In der gleichen Reihe sind weitere Literaturcomics erschienen.

Klassenstufen: 5,6,7,8

Wer hat den Mond gestohlen?
Helen Stratton, Illustration: Vlad Gerasimov
In Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und zwölf weiteren Sprachen
Verlag: WindyPress, Publiziert: 2012, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Traum | Weltall

Die App gefällt, weil man sie inverschiedenen Sprachen lesen und hören und spielend zwischen den Sprachen hin und her wechseln kann. Für Kinder ab Kindergarten.
Der Junge Berti Braun liegt in seinem Bett und kann eines Abends den Mond am Himmel nicht sehen. Er macht sich mit Hilfe der Nachttiere auf die Suche. Die weise Eule kann ihm weiterhelfen. Die Auseinandersetzung mit dem Mond und der Nacht weckt in Berti den Wunsch, Astronaut zu werden. Die Geschichte "läuft durch". Auf jeder Seite können verschiedene Animationen angetippt werden. Diese sind vielfältig und zum Teil auch überraschend. Sie unterstützen die Geschichte nicht direkt, stehen aber im Zusammenhang mit der Erzählung. Spiele, wie zum Beispiel Puzzles und Memorys werden über die Startseite direkt angewählt. Verschiedene Schwierigkeitsgrade bieten für alle Altersstufen eine passende Herausforderung. Speziell ist, dass es für musigbegeisterte Kinder 8 Lieder gibt, die in der Geschichte eingebaut sind oder separat ausgewählt werden können.

Hervé Tullet: Un Jeu
In Französisch
Verlag: Bayard Presse, Publiziert: 2011, ISBN/ISSN/EAN:

Hervé Tullets Bilderbuchkunst lebt vom Spiel mit Formen und Farben, zudem sucht er immer wieder Möglichkeiten der Interaktion. Da ist es nicht erstaunlich, dass er die Idee seines «Mitmach-Buches» in einer App aufnimmt und die Imagination von jüngeren Kindern auch mit digitalen Möglichkeiten anregt. Dass die App «Spiel» heisst und nicht den «Buch»-Titel übernimmt, ist zentral. Neugierige Spielende können ganz ohne Anleitung in 15 mit schönen Klangelementen unterlegten Spielangeboten erkunden, was sich mit roten, gelben und blauen Punkten so alles anstellen lässt. Da werden durch Antippen oder Streichen aus kleinen Punkten grosse Kugeln, mal lassen sie sich verbinden oder zu einem wilden Feuerwerk entfachen. Das Resultat ist ein fröhliches Probieren und Staunen im eigenen Tempo und eine Anregung für komplett eigenständige Geschichtenüberlegungen.

Die Unsterblichen (Bd. 1) / Der blaue Mond (Bd. 2)
Alyson Noël
Aus dem amerikanischen Englisch von Marie-Luise Bezzenberger (Bd. 1) / Ariane Böckler (Bd. 2)
Verlag: Page&Turner, Publiziert: 2011, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-44-247379-3
Schlagwörter: Pubertät | Liebe | Fantastik/Fantasy

Unsterbliche Liebe muss kein unerreichbarer Traum sein, zumindest in der Literatur – von dieser Idee lassen sich ganz nüchterne Fantasy-LeserInnen anstecken, seit Stephenie Meyer mit “Twilight” die Bestsellerlisten belagert. Sogar Ever, die Protagonistin von Alyson Noëls auf fünf Teile angelegter Serie “Evermore”, deren erster Band es ebenfalls auf die Spiegel-Beststellerliste geschafft hat, scheint “Twilight” gelesen zu haben. Denn als sie sich in den überirdisch schönen Damen verliebt, denkt sie dasselbe wie die LeserInnen ihrer Geschichte: Damen muss ein Vampir sein, das kennen wir doch schon!

Doch alles ist anders, als man denkt. Alyson Noël erzählt zwar auch von im wahrsten Sinne des Wortes ewiger Liebe, doch sie überrascht in den ersten beiden Bänden mit unerwarteten Plot-Wendungen. Action steht eher im Hintergrund, denn die Spannung entzündet sich an den Hindernissen, die sich den Liebenden in den Weg stellen. Seit einer Nahtod-Erfahrung ist Ever mit übersinnlichen Fähigkeiten begabt, was sie zunächst als Qual empfindet. Dank Damens Unterstützung lernt sie allmählich, damit umzugehen.

Die Autorin scheint von Psychologie, auch esoterisch angehauchter, fasziniert zu sein. Doch auch wer nicht viel mit Chakren und Auren anfangen kann, muss zugeben, dass sie daraus eine bunte und überraschende fantastische Welt macht. Obwohl das Cover nach All Age-Roman aussieht, spricht das Buch vor allem Mädchen ab etwa 14 Jahren an. Denn all die Übergänge zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen innerer und äusserer Realität, die in Evers Geschichte durchlässig werden, symbolisieren letztlich die Transformationen der Pubertät.

Christine Lötscher

Als der Tod zu uns kam
Jürg Schubiger, Illustration: Rotraut Susanne Berner
Verlag: Hammer, Publiziert: 2011, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0312-3
Schlagwörter: Tod/Trauer | Philosophie

In «Aller Anfang», den Schöpfungsge­schichten, die im Hin und Her zwischen Jürg Schubiger und Franz Hohler entstan­den, blieb der Tod aus dem Spiel. Jetzt trägt Jürg Schubiger die Geschichte nach, wie das Ungeheuerliche ins Leben der Men­schen kam und was es mit ihnen gemacht hat. Rotraut Susanne Berner erdet den phi­losophischen Text, der ein Thema aufgreift, das in der Kinderliteratur wie ein rohes Ei behandelt wird, mit ihren Bildern, ohne ihm seine Offenheit zu nehmen. Sie zeigt die Menschen am Anfang als Einzelwesen zwischen einem Streifen Himmel und Erde. Sie sind ohne Beziehung zu- und ohne Ge­fühle füreinander.
Da kommt der Tod daher, ein Fremder mit kantigem, aschfahlem Gesicht, ein Stolperer. Er fällt über eine Schnecke, aus sei­ner Tasche purzeln Sargnägel, Zigaret­ten, Nadel, Faden und Heftpflaster. Die Leu­te äffen sein Fallen nach, er verarztet sie und erhält ein Nachtlager. Weil er raucht, zündet er Haus und Hof an, ein Kind stirbt. Berner unterbricht den Bilderzählstrang mit einer Doppelseite, in der das Schwarz der Nacht und des Todes und das grelle Licht des Feuers wie ein Chlapf wirken. Der Tod hat dieses Unglück nicht gesucht, es ist ihm passiert. Er weint mit den Menschen und hilft, den Sarg zu zimmern. Dann zieht er weiter, die Leute win­ken ihm nach, zur Gemeinschaft zusam­mengerückt. Mit dem Tod und der Trauer ist auch die Zeit bei ihnen angekommen: Das Jahr vergeht, die Heckenrose trägt Knos­pen, die Menschen sorgen vor mit ei­nem Spitalbau und vergitterten Fenstern.
Diese Geschichte verneint nicht das Grauen und die Frage nach der Sinnhaftigkeit jedes einzelnen Todes, aber sie bettet den Tod in den grossen Lebensbogen ein. Das macht sie zutiefst menschlich. Ein Buch, das bester Beleg dafür ist, wie Text und Bild im Bilderbuch ihre eigenen Fäden spinnen und dennoch am gleichen, fili­granen Gewebe arbeiten.
Christine Tresch
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 23

Ein kluger Fisch
Chris Wormell
Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel
Verlag: Moritz, Publiziert: 2011, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-226-4
Schlagwörter: Kreativität

«Lange bevor es dich gab und bevor es mich gab», da lebte im Ozean ein ganz besonderer Fisch. Dabei schien er auf den ersten Blick eher unscheinbar. Er war weder so bunt noch so aussergewöhnlich, so riesig oder winzig klein wie die anderen Fische. Dafür aber war er sehr klug: So klug, dass ihn die anderen Fische anstaunten und gespannt verfolgten, was er machte. Schach spielen mit kleinen Einsiedlerkrebsen, zum Beispiel. MIT den Krebschen, wohlgemerkt, nicht GEGEN sie – das Bild dazu macht den Satz deutlich. Ausserdem hatte er einen Traum: Er wollte gerne an Land gehen. Deshalb erfand er eines Tages Füsse, die er sich (wie wir heute Gummistiefel) über die Flossen stülpte und mit ihnen aus dem Meer spazierte. Doch weil es damals noch gar kein Leben an Land gab (schon gar keines mit Füssen), wurde ihm bald langweilig, und er sprang zurück ins Meer. Erst Jahrmillionen später robbten die nächsten Fische an Land – auf ihren Flossen. Und es sollte lange dauern, bis es nach der wundersamen Erfindung des klugen Fisches wieder Füsse geben sollte.
Fast wie ein Märchen fängt Chris Wormell in «Ein kluger Fisch» seine augenzwinkernd erzählte Geschichte der Evolution an, die etwas anders verläuft, als manche LeserInnen erwarten dürften. Sicher kein Buch für KreationistInnen, aber hundertprozentig eines für alle kleinen LeserInnen, die wissen wollen, wie das denn gewesen ist mit dem ersten Leben an Land. Wormell illustriert seine Unterwasserwelt mit leuchtenden Aquarellen und lädt damit auch die grossen BilderbuchbetrachterInnen zu immer neuem Anschauen ein. Gemeinsam mit den Kleinen können sie sich am wunderbaren Minenspiel der weniger klugen, dafür aber anderweitig besonderen Fische freuen.
Maren Bonacker,
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 23

Die Gans im Gegenteil
Wolf Haas, Illustration: Theresa Präauer
Verlag: Hoffmann und Campe, Publiziert: 2011, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-455-40286-5
Schlagwörter: Tiere | Sprachspiel

Es ist verblüffend, wie viele Fuchs-und-Gans-Geschichten es gibt: In allen Kulturen sind die beiden Tiere ein eingeschworenes Paar, in Volksliedern und Fabeln ebenso wie in der grossen Dichtung eines Aesop, La Fontaine oder Goethe. Meistens ist es der Fuchs, der durch eine gewitzte Rede die Gans zu seinem Vorteil überlistet. In Wilhelm Buschs Versen besäuselt der Fuchs die Gans so lange mit Galanterien, bis diese ihm einen Tanz gönnt. Das Paar walzt die ganze Nacht, «es trippeln ihre Füsse und wippeln ihre Schwänze», bis am andern Morgen nur noch das Federkleid und ein Ei der Dame übrig geblieben sind. Das ist pessimistische Komik. Sie lebt von Andeutungen und Doppeldeutigkeiten. Kinder haben ein helles Vergnügen daran.
«Die Gans im Gegenteil», das Kinderbuch mit Versen des Österreichers Wolf Haas und Zeichnungen von Teresa Präauer, ist eine moderne Fabel, vom pädagogischen Zuschnitt ganz wie die eines Wilhelm Busch.
Wolf Haas ist unlogisch. Wer ihn kennt, weiss das. Sein Fuchs läuft zu schnell, drum wachsen ihm die Haare in die falsche Richtung. Er schämt sich und will sterben. Das kommt der Gans zu Ohren. Sie macht den Fuchs wieder heil, denn sie ist die Gans im Gegenteil.
Die Pädagogik steckt denn auch im Poetischen: «Diese Gans ist sehr böse. / ‚Im Gegenteil, ich bin Frisöse!’ / Ich bin ein Föhn, mein Herr, gleich sind Sie wieder schön, mein Herr. / Von einer Glückssträhne beglückt wird eine Glücksträne verdrückt.» – Solche Sätze wecken in einem Kind die Spracherotik. Und die Sequenz von Bildern – mit vielen Haaren, vielen Schnäbeln und Schwänzen – zeigt ein dazu passendes Stück erzieherischer Kreativität.
Karin Schneuwly,
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 24

Juri fliegt zu den Sternen
Susanne Göhlich
Verlag: Moritz, Publiziert: 2011, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-230-1
Schlagwörter: Abenteuer | Technik | Weltall

Im Gegensatz zum 40. Jahrestag der Mondlandung, die auf dem Kinder- und Jugendbuchmarkt eine Schwemme von Sachbüchern und Weltraum-Romanen nach sich zog, bleibt es eigenartig still um ein für die Technikgeschichte ebenso einschneidendes Ereignis, das sich dieses Jahr zum 50. Mal jährt: Am 12. April 1961 flog Juri Gagarin als erster Mensch in den Weltraum. 108 Minuten dauerte seine Erdumrundung in der Raumkapsel Wostok 1.
Nach seiner Landung wurde Gagarin nicht nur der einzige sowjetische Popstar; sein lächelndes Gesicht wurde zum Symbol für eine mögliche Verständigung zwischen Ost und West im Kalten Krieg. Ein wunderbarer Stoff, auch für Kinder und Jugendliche – und doch bleibt der deutschsprachige Markt nahezu unberührt davon. Walter Famler, Herausgeber der Zeitschrift «Wespennest» und Kommandant der Bewegung Kosmos/Gruppe Gagarin, die sich von Wien aus dem Andenken des ersten Kosmonauten widmet, wundert sich nicht über die fehlende Resonanz: «Die Hegemonie des Westens verhindert bis heute die unvoreingenommene Beschäftigung mit einer die üblichen Sowjetmythen bei weitem überstrahlenden Heldenfigur.»
Immerhin hat sich der Moritz-Verlag durch Juri Gagarin zu einem Bilderbuch über den Weltraum inspirieren lassen: «Juri fliegt zu den Sternen» erzählt von den Weltraumabenteuern eines Jungen, der denselben Vornamen trägt wie der erste Kosmonaut. Und auch sein Reisebegleiter, Dackel Laika, und die Kennung seiner Rakete sind Referenzen an die Pionierzeit der sowjetischen Raumfahrt. Susanne Göhlich beschwört in Text und Bild fantasievoll die Faszination der Technik und die Magie der Schwerelosigkeit herauf. Und zwar so, dass auch Mädchen im Kindergartenalter begeistert mit Juri zu den Sternen aufbrechen.
Christine Lötscher,
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 24

Es war einmal ein Igel
Franz Hohler, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2011, Seiten: 57, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-23662-2
Schlagwörter: Humor/Komik | Tiere | Sprachspiel

Es war einmal ein Stern, ein Mann, ein Berg, ein Aff, ein Wiener – vierzig Kurzgedichte mit gleichem Auftakt, aufbauend auf gereimten Zweizeilern, legt Franz Hohler in seinem neuen Buch vor. Vierzig launische, versponnene Texte, Sprachspiele mit Krallen. Franz Hohler, der Grossmeister der Kurz- und Kürzestformen at his best. Wer «Es war einmal ein Igel» in die Hand nimmt, hört nicht zu lesen auf, liest der Umgebung vor, Skurriles und Deftiges, wie zum Schluss des Buches: «Es war einmal ein Furz / Der lebte nur ganz kurz. // Er stank noch drei Sekunden / Und dann war er verschwunden.»
Die ersten Zeilen der Texte funktionieren als Schwungräder, sie setzen eine Geschichtenmechanik in Gang, als Schmiermittel dienen verführerisch glatte, dann wieder kratzbürstige Reime. Zum Beispiel in diesem Gedicht: «Es war einmal ein Fuchs / Der machte keinen Mucks. // Er lag so still im Gras / Dass sich ein dummer Has // Zum Ausruhn auf ihn setzte. / Das war dann auch das Letzte.»
Die Basler Illustratorin Kathrin Schärer stellt den Gedichten, in denen es oft um all zu Tierisches geht, malerische Bilder gegenüber. Sie bittet das Personal aus ihren Bilderbüchern herbei, erweitert ihr Tierrepertoire und setzt es aus unterschiedlichsten Perspektiven in Szene. Dabei spricht die Mimik ihrer Protagonisten Bände. Besagter Fuchs etwa schnalzt mit der Zunge und schielt auf den Hasen, der mit voll geschlagenem Bauch auf seiner Nase döst. Oder Johanna, die Johanna aus dem Bilderbuch «Johanna im Zug», pupst uns am Ende genüsslich an.
Franz Hohler und Kathrin Schärer sind eben von einer Schweizer Jury für den Hans Christian Andersen-Preis 2012, die wichtigste internationale Auszeichnung für ein Gesamtwerk, nominiert worden. «Es war einmal ein Igel» hat sie ein erstes Mal zusammengeführt. Eine Fortsetzung folgt, hoffentlich.
Christine Tresch,
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 24

Das Geheimnis der vermissten Dinge
Tricia Springstubb
Aus dem amerikanischen Englisch von Siggi Seuss
Verlag: Dressler, Publiziert: 2011, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-1920-3
Schlagwörter: Freundschaft | Familie/Familienformen | Abschied

Mo Wren denkt viel zu viel: Finden alle anderen. Aber wer sonst soll das Denken übernehmen in einer Kleinfamilie, in der der Tod der Mutter ein Loch hinterlassen hat? Ein Loch, das zu gross ist, als dass der verträumte, liebevolle, aber völlig überforderte Vater oder die fünfjährige Dottie (was für ein herrliches Triebwesen!) es füllen könnten? Fragt sich Mo: Und denkt für alle, das ganze turbulente «Wreneinander». Trotzdem muss sie zusehen, wie ihre geliebte Strasse – eine verstaubte Sackgasse, in der aber jeder Flecken noch die Anwesenheit ihrer Mutter atmet – vor die Hunde zu gehen droht. Sie wird von skrupellosen Immobilienmaklern belagert, während der Vater sich bereits begeistert in einer anderen Welt umsieht. Noch glaubt Mo, alles halten zu können, wenn sie nur genug denkt – aber die Geschichten der Fox Street und ihrer BewohnerInnen nehmen ihren eigenen Lauf, die Dinge gleiten Mo aus den Händen.
In diesem Sommer erfährt Mo, dass sie nicht immer stark genug ist, dass «das notwendige Übel» manchmal überhand nimmt. Von Dottie lernt sie aber auch, «das nicht notwendige Schöne» im Blick zu behalten. Und erkennt, dass sie gut daran tut, immer mal wieder ihren Dickschädel durchzusetzen, auch gegen Widerstände.
Melancholisch, poetisch und mit zartem Humor erzählt Tricia Springstubb von einem Mädchen, das zu zerbrechen droht unter der Last der Verantwortung, die es sich auferlegt. Sie schwimmt damit zwar auf der aktuellen Welle der Kinder- und Jugendbücher, in denen Kinder von depressiven oder unfähigen Eltern für die Familie sorgen müssen. «Das Geheimnis der vermissten Dinge» findet dafür aber eine eigene Sprache; stets der Perspektive der grübelnden Mo verpflichtet, erweckt die Geschichte fast nebenbei eine Strasse mit all ihren eigensinnigen, angepassten, exzentrischen, tragischen, immer zutiefst menschlichen Charakteren zum Leben.
Manuela Kalbermatten,
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 25

Tom Sawyer als Detektiv
Mark Twain, Herausgeber:in: Andreas Nohl, Illustration: Jan Reiser
Übersetzt von Andreas Nohl
Verlag: Hanser, Publiziert: 2011, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-23668-4
Schlagwörter: Abenteuer

Mark Twains Klassiker «Tom Sawyer» (1876) und «Huckleberry Finn» (1884) sind weltbekannt. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass Twain zwei weitere Werke über die Mississippi-Lausbuben geschrieben hat: «Tom Sawyer abroad» (1894) sowie die Kurzgeschichte «Tom Sawyer, Detective» (1896). Letztere ist nun in neuer Übersetzung von Andreas Nohl erschienen. Es handelt sich um die erste Erzählung überhaupt, in der Jungen als Detektive auftreten und einen Kriminalfall lösen. Im Gegensatz zu den ersten beiden Bänden, die vor allem auch auf Grund ihrer Mehrfachadressiertheit so erolgreich wurden, war «Tom Sawyer als Detektiv» in erster Linie für ein junges Lesepublikum bestimmt.
Huck Finn, der Erzähler, reist mit Tom zu Tante Sally und Onkel Silas. Auf der Reise begegnen sie einem Totgeglaubten, der sich als Diamanten-Dieb auf der Flucht vor seinen Gefährten entpuppt. Kaum in Arkansas angekommen, wird der Zwillingsbruder des Kriminellen umgebracht. Handelt es sich um eine Verwechslung? Als plötzlich Onkel Silas den Mord gesteht und vor Gericht gestellt wird, werden Tom und Huck aktiv. Die Geschichte mündet in einem grandiosen Gerichtsprozess, in dem Tom Sawyer den komplexen Fall in seiner unnachahmlichen Art aufklärt.
Twain hat sich von einem wahren dänischen Kriminalfall inspirieren lassen und dann seine beiden Protagonisten mit in die Geschichte eingeflochten. Die Rollenverteilung ist klar: Huck Finn ist der bewundernde Erzähler, Dr. Watson, und Tom Sawyer entpuppt sich als wahrer Sherlock Holmes.
Eine spannende Geschichte, flüssig erzählt, die den Mississippi-Groove Mark Twains heraufbeschwört, zudem grossartig übersetzt. Einziger Wermutstropfen: Das Unwort «Nigger» wird – wie in vielen Übersetzungen – weiter verwendet.
Roger Meyer,
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 25

Achtung, Superheld!
Matthew Cody
Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Klein
Verlag: Dressler, Publiziert: 2011, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-2736-9
Schlagwörter: Identität/Individualität

Verglichen mit bekannten Superheldencomics geht Matthew Codys Erstling ungewöhnlich vor. Protagonist ist statt eines Superhelden der «kräftelose» Daniel Corrigan, der mit seiner Familie neu nach Noble’s Green gezogen ist. Die Bemühung um eine originelle Herangehensweise an den Stoff postuliert bereits der Prolog: Nicht vom Kräfte-Erhalt («Origin Story») wird erzählt, sondern wie Daniel an seinem 13. Geburtstag aufwacht und seine Superkraft (Fliegen) sowie alle Erinnerungen daran verloren hat. Die Superkids – eine örtliche Besonderheit – weihen Daniel rasch in ihr Geheimnis ein, von dem die Erwachsenen nichts wissen dürfen. Mit Speedstergirl Mollie und Rohan versucht Daniel wie sein Idol Sherlock Holmes herauszufinden, was den Kindern die Kräfte nimmt. Ohne Kräfte hat er nichts zu verlieren, daher ist Daniel als Einziger der Clique handlungsfähig. Zugleich muss er den Tod seiner Oma verarbeiten, in deren Nachlass er das entscheidende Indiz für die Identität des geheimnisvollen Superschurken und die unbekannte Herkunft der Kräfte findet.
Nachdem der Superschurke etabliert ist, folgt die Geschichte stärker dem gängigen Verlauf von Superheldenstorys. Ein finaler Showdown fehlt ebenso wenig wie die Verführungsszene, in der der Superschurke den «wahren» Helden Daniel auf seine Seite zu ziehen versucht. Dass die Auflösung des Rätsels für Genre-Bewanderte letzlich wenig spektakulär ist, lässt sich bei der spannenden Lektüre leicht verschmerzen, zumal die Anknüpfungspunkte für eine Fortsetzung gesetzt sind.
Aleta-Amirée von Holzen,
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 26

Grossvater und die Schmuggler
Per Olov Enquist, Illustration: Leonard Erlbruch
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt
Verlag: Hanser, Publiziert: 2011, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-23659-2
Schlagwörter: Abenteuer | Krimi/Thriller | Natur | Sprachspiel | Generationen | Familie/Familienformen

Marcus, Enquist-LeserInnen erinnern sich, ist der Junge, der in «Grossvater und die Wölfe» mit dem Fahrrad auf eine Tanne fahren will. Dafür wird er von seiner grossen Schwester streng für seine verrückten Ideen beschimpft. Zum Glück hat er einen Grossvater, der ihn versteht, weil er selbst eine Dichternatur ist. Er fordert ihn auf, zu argumentieren. Und es hilft. In «Grossvater und die Schmuggler», der Fortsetzung des ersten Buches, denkt Marcus immer noch bestechend unlogisch – aber argumentieren, das kann er. Ausserdem hat er unterdessen verbotenerweise Stanley Kubricks Horrorfilm «The Shining» gesehen und übt sich im «Shining», also in Gedankenübertragung, mit Grossvaters neuem Hund Pelle. Er wird seine Gaben, übersinnliche und andere, gut gebrauchen können. Denn das Abenteuer, das den Grossvater und seine Enkel diesmal am Dreihöhlenberg erwartet, ist ungleich gefährlicher als bei der ersten Expedition in «Grossvater und die Wölfe».

Enquists zweites Kinderbuch richtet sich an etwas ältere Kinder; wer zehn und älter ist, hat mehr von den Sprachspielen, selbstironischen Grossvatersprüchen und erzählerischen Finessen. Und es ist ein richtiger Thriller, der einen der eigenartigsten Spagate schafft, die in neuerer Kinderliteratur zu beobachten sind. Einerseits steht Enquists Roman ganz in der Tradition des romantischen Kindheits- und Naturbildes – Kinder und Tiere verstehen sich über einen siebten Sinn, sie haben ein natürliches Flair für das Spiel mit Sprache, während die Erwachsenen nichts anderes im Sinn haben, als all dies zwecks Profit zu zerstören. Neu ist dagegen die Art, wie Enquist seine kleinen Männer zu Helden werden lässt. Gabriel, sieben Jahre alt, jagt die Gangster mit einer Kalaschnikow davon.

Christine Lötscher
Buch&Maus 1/2011, S. 27

Am dunklen Fluss
Kathi Appelt, Illustration: David Small
Aus dem amerikanischen Englisch von Mirjam Pressler
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2011, Seiten: 345, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-36805-1
Schlagwörter: Tiere | Liebe | Gewalt

Manche Titel rufen bestimmte Assoziationen hervor. So auch Kathi Appelts Roman «Am dunken Fluss». So wird hier eine mythische Tiergeschichte erzählt und der Titel ruft Richard Adams’ «Unten am Fluss» ins Gedächtnis. Dabei haben die Bücher wenig gemeinsam. Schon die hier sehr dominante Erzählerstimme trägt dazu bei, dass sich der Text anders liest. In kurzen, oft mit Wiederholungen und poetischen Einschüben arbeitenden Kapiteln, die manch einer als kitschig empfinden mag, werden aus der Sicht eines allwissenden Erzählers drei Erzählstränge zu einer Einheit verwoben. Da ist die Geschichte der ausgesetzten Katze, die bei einem misshandelten Hund Unterschlupf findet. Ferner die des mitleidlosen Hundebesitzers, der nicht davor zurückschreckt, schwächere Tiere aus Spass zu töten. Und dann noch die tausendjährige Sage von Grossmutter Mokassin, einer gestaltwandelnden Schlange, die aus egoistischer Gier nach Liebe das Glück ihrer einzigen Tochter zerstört. Viel Grausames passiert in diesem oft berührenden Roman, und nicht jeder wird seine Kinder mit der geschilderten Brutalität konfrontieren wollen. Doch über der düsteren Grundstimmung liegen die Liebe und der Lebensmut zweier Katzenkinder, die dem alten Hund bis zuletzt beistehen und Licht und Hoffnung in die dunklen Wälder am Fluss bringen.
An die langsam voranschreitende Geschichte mit den vielen Wiederholungen muss man sich gewöhnen. Doch entwickelt Appelts Roman einen Sog, dem man sich gern hingibt. Das Buch sollte eher gemeinsam als allein gelesen werden, denn viele der unkommentiert bleibenden, düsteren Szenen sind für jüngere LeserInnen vielleicht nicht ohne weiteres zu verarbeiten.
Maren Bonacker,
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 27

Und der Himmel rot
Gabi Kreslehner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2011, Seiten: 140, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-81080-9
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Gefühle

Mit «Charlottes Traum» (2009) legte die österreichische Autorin Gabi Kreslehner eins der überzeugendsten Jugendbuchdebüts der letzten Jahre vor. Inzwischen hat sie zwei Romane für Erwachsene geschrieben und jetzt endlich wieder eins für – ältere – Jugendliche. Diesmal ist es ein junger Mann, der 17-jährige Oliver mit dem zum Spott einladenden Nach- und Rufnamen Darm, um den sich alles dreht. Und es dreht sich wirklich: Seit Darms Schwester Irina verschwunden ist und seine Mutter sich kurz darauf das Leben genommen hat, ist sein Leben ein unkontrollierbar chaotisches Auf- und Abwallen von Gefühlen rund um ein Epizentrum aus stummem Schmerz. Auch wenn einem die familiäre Tragik etwas gar drastisch und damit konstruiert – wie für eine Versuchsanordnung – vorkommen mag, überzeugt Gabi Kreslehners Sprache doch so vollkommen, dass man sämtliche Vorbehalte spätestens in der Mitte des Romans vergisst.
Wie in «Charlottes Traum» gelingt es der Autorin, die Emotionalität ihrer jugendlichen Figuren einzufangen. Zärtlichkeit und brachiale Aggression gehen nahtlos ineinander über, beim Reden und beim Handeln; die Jugendlichen haben wilde Seelen, die noch nicht in Scheiben geschnitten in Schubladen ruhen oder im Alkohol ertränkt werden wie bei den Erwachsenen. Doch «Der Himmel rot» ist nicht nur ein Roman übers Jungsein und Erwachsenwerden, über die Angst und die Liebe, sondern auch eine Geschichte über ein Trauma und seine Bewältigung. Darm erlebt alles noch viel dramatischer als andere Adoleszente, weil er seit dem Unfalltod seiner Schwester, an dem er sich mitschuldig fühlt, wie ein Insekt in Bernstein erstarrt ist. Zum Glück gibt es Jana mit ihren intensiven Gefühlen, die ihn gegen alle Vernunft liebt – und nicht locker lässt, bis die Worte fliessen.
Christine Lötscher
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 28

Das Mädchen
Stephen King
Aus dem amerikanischen Englisch von Wulf Bergner
Verlag: Pan, Publiziert: 2011, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-426-28356-1
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror

Was Stephen Kings Figuren verbindet, ist das Wissen um das Andere im Leben, das Grauen an den Rändern, das Böse, das «unterschwellig Wahrnehmbare». Es hat weder Ort noch Herkunft, ist in der Zivilisation und der wilden Natur, wuchert im Einzelnen wie in der Gemeinschaft, in Rausch wie Ratio, liegt in kleinen, fiesen Gesten und Gedanken, aber auch in Gestalten von bizarrer Ungeheuerlichkeit. Es ist persönlich, sozial, politisch, fantastisch: eine Gegenwelt, die ihre eigene Logik und Kraft, manchmal auch Schönheit hat. Immer aber nimmt der «Meister des Grauens», wie King oft genannt wird, die Angst ernst, lotet sie aus, bringt sie auf den Punkt.
Im Roman «Das Mädchen», erstmals 1999 erschienen und nun in atmosphärischer Aufmachung als All-Age-Roman publiziert, ist es Trisha, die entdeckt, «dass die Welt Zähne hat» – und damit zubeisst. Auf einem Ausflug verläuft sich die Neunjährige in den Wäldern Maines: «Sie war irgendwie ins Aus geraten, hatte das Spielfeld verlassen und befand sich jetzt an einem Ort, an dem die gewohnten Spielregeln nicht mehr galten.» Zwar ist Trisha in Fühlen und Handeln ganz Kind, denkt aber wie eine Erwachsene. Wie alle Kingschen Hauptfiguren ist sie psychologisch präzise gezeichnet, ein Individuum, das aber im Angesicht der Angst das allgemein Menschliche verkörpert. Geschickt spielt King mit den Perspektiven: Er lässt die LeserInnen so tief in das von Panik benebelte Gehirn der zerstochenen, kranken, hungernden Trisha tauchen, dass sie mit ihr zu atmen, rennen, sterben glauben – und zoomt dann weg, um die Ohnmächtige und die Mücken, die sich auf ihren Lidern niederlassen, von oben in den Blick zu fassen. Obwohl der Autor seiner Heldin wenig erspart, ist «Das Mädchen» sicher sein unblutigstes, versöhnlichstes Buch. Es eignet sich gut für Jugendliche, die dem Grauen in der Literatur begegnen wollen.
Manuela Kalbermatten
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 28

Abends um 10
Kate de Goldi
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2011, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58243-0
Schlagwörter: Freundschaft | Mut/Selbstbewusstsein

In Frankies Leben hat alles seine feste Ordnung. Mit seinem Freund Gigs trabt er jeden Morgen gemeinsam zur Bushaltestelle. Auf dem Zickzackkurs den Berg hinunter wird Mrs Rowans Katze gestreichelt, ein offen stehender Briefkastendeckel mit lautem Knall zugeschlagen und ein stets übellauniger Dackel erschreckt. Jeden Dienstag kommen seine drei dicken Tanten zum Abendessen vorbei. Und jeden Abend gegen zehn sitzt er im Schlafzimmer seiner Mutter, die das Haus seit Jahren nicht verlassen hat, um mit ihr über Sorgen und Ängste zu sprechen, die ihn oft nicht schlafen lassen. Bis Sydney eines Tages in den Schulbus steigt, sich neben Frankie setzt und ihn «auf einmal unerklärlich fröhlich macht».
Sydney trägt Dread Locks, spielt besser Kricket als die meisten Jungs und ist auch sonst anders als andere Mädchen. Unberechenbar, wild, direkt, hört sie einfach nie auf, Fragen zu stellen, und lässt Frankies Leben damit mehr und mehr aus den Fugen geraten.
Es ist keine Liebesgeschichte, die die neuseeländische Autorin Kate de Goldi hier erzählt, sondern eine wunderbar einfühlsame Geschichte über Freundschaft und die Verantwortung anderen, aber auch sich selbst gegenüber. De Goldis Roman zählt zweifellos zu den Höhepunkten der Frühjahrsproduktion. In Neuseeland stand «Abends um 10» monatelang auf der Bestsellerliste, wurde mit den wichtigsten Preisen ausgezeichnet. Es ist ein wundervolles Buch voller liebenswerter Episoden, Spleens und Zwischentöne, dem eine Kurzbesprechung nie gerecht werden kann. Bleibt also nur: selber lesen! Über Frankie schmunzeln, mit ihm lächeln, Herzklopfen haben, lachen, wütend sein, den Mut finden, sich zu öffnen und über seine Ängste zu sprechen, sich auf Veränderungen einzulassen.
Andrea Duphorn
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 28

Du musst die Wahrheit sagen
Mats Wahl
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Hanser, Publiziert: 2011, Seiten: 233, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-23669-1
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing

Kaum sind Tom, seine beiden Halbgeschwister und seine Mutter im Haus am See eingezogen, wird eine Katze, die neugierig übers Grundstück streift, von einer Kreuzotter gebissen. Panik bricht aus, als die Schlange im Haus verschwindet. Die Katze bricht nach dem Angriff zusammen und legt sich in eine Ecke; ihre Pfote schwillt an. Tagelang bleibt sie liegen.
Tom, der sensible Ich-Erzähler im neuen Roman von Mats Wahl, ist der einzige, der das Leiden der Katze zur Kenntnis nimmt. Wie eine Warnlampe leuchtet in den Beobachtungen der leidenden Kreatur sein eigener Schmerz auf, während der Rest der Familie völlig mit sich selbst beschäftigt ist.
Mats Wahl legt die Gedankenwelt seines Ich-Erzählers offen vor den Lesenden aus. Tom ist voller Empathie für andere, doch er leidet unter der Sprachlosigkeit in seiner Familie. Niemand merkt, wie viel Energie er braucht, um die ständigen Angriffe seines Bruders auszuhalten; weil die Mutter nicht weiss, wie sie den Terror stoppen kann, ignoriert sie ihn einfach. Als Tom in der neuen Schule erlebt, wie andere gemobbt werden, dreht er durch. Sofort ist allen klar: Er ist ein aggressiver Schläger. Auch hier interessiert sich niemand für seine Sicht der Dinge, was ihn immer mehr zu gewalttätigem Verhalten treibt.
Oft ist im Zusammenhang mit Jugendliteratur von aufrüttelnden und erschütternden Büchern die Rede, aber dieses hier haut einen wirklich um. Weil es eine ganz andere Sicht auf die Hintergründe der vieldiskutierten sogenannten Jugendgewalt bietet. Und weil es eine Gesellschaft, die aggressive Jugendliche unbesehen kriminalisiert, ohne nach den Ursachen zu fragen, schonungslos entlarvt.
Christine Lötscher
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 29

Die Flammende
Kristin Cashore
Aus dem amerikanischen Englisch von Katharina Diestelmeier
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2011, Seiten: 509, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58211-9
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Was macht ein Monster aus? Im Gegensatz zur üblichen Assoziation von Monsterhaftigkeit mit furchteinflössendem Äusseren entfaltet Kristin Cashore ihre Erzählung um eine verführerische, farbenprächtige Art von Kreatur: Denn in den Dells gibt es von jedem Lebewesen auch eine Monster-Version mit leuchtend-buntem Fell, Federkleid oder Panzer und mit der Jagdtechnik, den Geist all jener zu beeinflussen, die sie betrachten.
Die 18-jährige Fire ist das letzte Menschenmonster; Sie wird, dagegen kann sie nichts machen, als schön und magisch anziehend empfunden. Da manche Menschen ihrer Wirkung aber auch mit Aggression begegnen, wagt Fire oft nicht, das Haus zu verlassen. Ihre mentalen Fähigkeiten – selbst nur zur Verteidigung genutzt – sind ihr zuwider.
Aus diesem Grundkonzept heraus wird in personaler Erzählhaltung der Werdegang einer Figur gezeichnet, die langsam ihre Furcht vor sich selbst überwindet.
Faszinierend an diesem Prequel zu Cashores «Die Beschenkte» (Carlsen 2010) ist auch, dass mehrere Geheimnisse parallel auf Auflösung warten: Wieso verfolgt Fire der Selbstmord ihres Vaters jede Nacht in ihren Träumen? Was hat es mit dem Bogenschützen auf sich, dessen Kopf mit Nebel gefüllt zu sein scheint anstatt mit Gedanken? Welche Strategie verfolgen die Lords Mydogg und Gentian in ihrem Krieg gegen den König?
Manches müssen die LeserInnen entwirren, manches auch die Protagonistin selbst. Kapitel um Kapitel entfaltet sich dabei ein komplexes Erzählgebilde, das bis zum Ende spannend bleibt.
Sonja Loidl
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 30

Weisser Fluch
Holly Black
Aus dem amerikanischen Englisch von Anne Brauner
Verlag: CBJ, Publiziert: 2011, Seiten: 279, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-16107-4
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Fantastik/Fantasy

«Mit vierzehn habe ich ein Mädchen getötet. Sie hiess Lila, sie war meine beste Freundin und ich habe sie geliebt.» Den Grund für die Tat kennt der inzwischen 17-jährige Cassel Sharpe aber nicht. Er entstammt einer Familie von Betrügern, allesamt Fluchmagier, die durch Berührungen Glück, Erinnerungen, Gefühle oder sogar den Tod beeinflussen können. Da Magie jedoch seit Jahrzehnten verboten ist, gehören die meisten Fluchwerker dem organisierten Verbrechen an. Als Einziger aus seiner Familie hat Cassel keine magischen Kräfte. Als er schlafwandelt und wiederholt von einer weissen Katze träumt, die ihm etwas Wichtiges mitteilen will, beginnt er zu ahnen, dass er vielleicht doch nicht die ganze Wahrheit über den angeblichen Mord an seiner besten Freundin kennt.
Holly Black, bekannt durch die «Spiderwick Geheimnisse», präsentiert mit dem Auftakt einer neuen Urban-Fantasy-Reihe für Jugendliche eine bis ins letzte Detail durchdachte Alternativversion unserer Welt, in der zur Zeit der Prohibition nicht Alkohol, sondern Magie verboten wurde. Die auf den ersten Blick seltsame Kombination von Fantasy und Mafia funktioniert erstaunlich gut und schafft mit Spannung und einem Schuss Romantik eine beeindruckende Atmosphäre.
Neben der unverblümten Sprache, dem sympathischen Protagonisten und dem originellen Weltentwurf überzeugen der schwarze Humor und das präzise Porträt der schrägen Gaunerfamilie Sharpe. Etwas abstrus ist hingegen die Bezeichnung «Thriller» auf der Titelseite; eine solche Pseudoveredelung hat ein derart faszinierender Fantasyroman nun wirklich nicht nötig.
Petra Schrackmann
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 30

Wo geht’s lang?
Heekyoug King, Illustration: Krystyna Lipka-Sztarballo
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2011, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5352-8
Schlagwörter: Philosophie | Geografie | Historisches

Karten erklären die Welt

Karten und kartenähnlichen Darstellungen begegnet man im Alltag auf Schritt und Tritt: Übersichtsplänen in Museen, dem Linienplan einer U-Bahn oder der einzigen sprechenden Karte, dem Navigationsgerät im Auto. Auch in der Vergangenheit war die Vielfalt der Karten gross: Sogenannte Stabkarten, Seekarten der Ureinwohner der pazifischen Marshall-Inseln, wurden aus Kokosblattrippen, die Meeresströmungen symbolisierten, sowie Muscheln und Korallenstücken, die Inseln und Atolle darstellten, gebildet. Die bekanntesten Karten des Altertums sind die sogenannten T-Karten: Die ersten Weltkarten, die im Mittelalter von Mönchen gezeichnet wurden, zeigen die Gewässer Mittelmeer, Nil und Don, die zusammen die Form des Buchstabens «T» bilden. Die damals bekannte Welt wurde so in die drei Kontinente Europa, Afrika und Asien aufgeteilt: Asien «steht» dabei über dem T, Europa links und Afrika rechts der vertikalen Linie, die das Mittelmeer kennzeichnet. Die älteste kartografische Abbildung ist gar eine Höhlenmalerei, die auf 6200 v. Chr. datiert wird.

Das Kindersachbuch «Wo geht’s lang?» zeigt diese Vielfalt in 18 verschiedenen Karten und kartenähnlichen Abbildungen auf. Sie ist aus der Zusammenarbeit der koreanischen Autorin Kim Heekyoung und der polnischen Illustratorin Krystyna Lipka-Sztarballo entstanden. Der einfache, aber faktenreiche Text wird durch Illustrationen sowie durch die Karten selber ergänzt. Wer mag, kann im Anhang noch weitere Informationen zu den vorgestellten Karten finden. Neben der Erklärung der Karten wird auch aufgezeigt, wie im Lauf der Zeit die Karten das jeweilige Weltbild einer Gesellschaft widerspiegelten. Das kann manchmal philosophisch anmuten. So heisst es beispielsweise über eine Karte Koreas, die 1861 angefertigt wurde: «Die Gebirge sind die Knochen, die Flüsse die Blutgefässe eines Landes.»

Roger Meyer
Buch&Maus 1/2011, S. 32

Karlsson vom Dach
Astrid Lindgren
Verlag: Oetinger audio, Publiziert: 2011, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8373-0561-6
Schlagwörter: Humor/Komik | Streit/Konflikt | Spiel

Schwer ins Zeug gelegt haben sich die «Promis» des diesjährigen RTL-Dschungelcamps: Kakerlaken haben sie gegessen, Liebesaffären inszeniert und sich mit Ratten begraben lassen. Gebracht hat es wenig, denn als Star in Erinnerung bleibt wie jedes Jahr nur einer: Dirk Bach, wie Karlsson vom Dach ein «schöner und grundgescheiter und gerade richtig dicker Mann in seinen besten Jahren» – etwa dann, wenn er, rund und bunt, in rosa Safarianzug mit Plüschkoalas auf dem Hut unter die langweilig schlanken Models und Boy-Band-Sänger tritt.

Fliegen kann Dirk Bach zwar nur auf dem Cover des Oetinger-Hörbuchs, einer ungekürzten Lesung des Kinderbuchs von 1955. Ansonsten aber verkörpert er die perfekte Stimme für Karlssons «üppig spöttische Persönlichkeit», wie die Lindgren-Forscherin Vivi Edström deren ungemütlichste Figur bezeichnet hat. Bachs Talent zur Überzeichnung, zum genüsslichen Hohngelächter, zur ironisch-selbstverliebten Inszenierung der eigenen Omnipotenz findet im kleinen dicken Mann mit dem Propeller idealen Ausdruck.

Im Lindgren-Kinderfiguren-Universum ist Karlsson einzigartig. Mit Pippi teilt er zwar Egozentrik, Chaos und Lebenslust – doch wo sie selbstbewusst, kreativ und grosszügig sein kann, bleibt er selbstzufrieden, destruktiv, gierig und egoistisch. Wie Ronja ist Karlsson Ichbezogen und vital – von ihrer Entwicklungs- und Liebesfähigkeit zeigt er aber keine Spur. Und wo Lausejunge Michels Faxen kindlich und ungeplant wirken, sind Karlssons Streiche meist berechnend, und die Folgen lässt er andere ausbaden mit den Worten: «Das stört keinen grossen Geist.» Trotzdem liebt ihn der kleine Lillebror, dessen etwas einsamen Alltag als Jüngster einer «ganz normalen Familie» Karlsson gewaltig aufmöbelt. Und wir lieben ihn auch: nicht nur, weil man einen solchen Ausbund an Unart einfach mögen muss, sondern weil er Dirk Bach einmal mehr die Chance zu einem urkomischen Spektakel gibt.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 1/2011, S. 33

Sass ein Ungeheuer auf dem Dach
Dorothea Lachner, Illustration: Stefanie Harjes
Verlag: Residenz, Publiziert: 2011, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7017-2080-0
Schlagwörter: Freundschaft | Streit/Konflikt

Die Geschichte ist einfach: Hund und Ka­t­ze sind Freunde. Nur leider streiten sie sich wegen allem und jedem. Der Streit beherrscht alles: So sehr, dass er eines Tages als leibhaftiges Ungeheuer auf dem Dach sitzt. Anstatt mit vereinten Kräften gegen den zerstörerischen Dritten vorzugehen, geraten sich die beiden noch ärger in die Haare, beschimpfen und beschuldigen sich. Erst als sich Katze verletzt und Hund sich liebevoll um sie kümmert, verschwin­det das Unge­heuer spurlos.
Die Illustrationen von Stefanie Harjes reissen einen weiten Erzähl- und Assozia­tionsraum rund um die doch recht moralische (wenn auch nicht unwahre) Fabel herum auf. Mit ihrer Collage-Technik und dem grosszügigen Einsatz von Weissraum widerspricht sie der Eindeu­tigkeit des Tex­tes und gibt den BetrachterInnen Rätsel auf. Sie inszeniert die Freund-Feindschaft zwischen Hund und Katze als grosse Oper: Die Katze als Diva, der Hund als böser Wolf drücken sich mit hochtheatralischer Mi­mik aus, werfen sich in Pose und auf den Boden, wenn es sein muss. Da können die Kinder einsteigen in die vielschichtigen Illustra­tionen.
Hund und Katze – das können zwei Kinder sein, zwei Staaten im Konflikt, oder, klassisch, ein Paar, vor dem die Liebe am liebsten davonlaufen möchte. Diese universelle Konstellation sowie die komplexe und (detail)reiche Bildsprache von Stefa­nie Harjes machen dieses Buch zu einem Abenteuer für Erwachsene und Kin­der. Wenn die letzte Seite umgeblättert ist, kann man sich gegenseitig berichten, was man erlebt hat und welche Asso­ziationen geweckt wurden.
Christine Lötscher,
Buch&Maus Heft 2/2011, S. 24

Schatten
Suzy Lee
Verlag: Baumhaus, Publiziert: 2011, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-8339-0428-3
Schlagwörter: Spiel

Erinnern Sie sich an Ihre Kindheitsausflüge auf dunkle Dachböden? Die Kore­anerin Suzy Lee treibt einen solchen Ausflug illustrativ auf die Spitze. Sie braucht für die ausdrucksstarke Inszenierung die­ser Fantasiereise nur die Farben Schwarz und Weiss – und Gelb für das Licht. Das Buch ist als Querformat gehalten, bei dem wir die Seiten jeweils nach oben klappen müssen.

Ein kleines Mädchen hat soeben den Dach­boden erklommen; eben noch ge­nüss­lich einen Apfel essend, zieht es an einer Lichtschnur. Sofort beginnt ein gran­dioses Schauspiel: Die Kleine entdeckt erst ihren eigenen Schatten und beginnt dann mit ihm zu spielen. Aus ihren klei­nen Händen wird ein Schatten-Vogel, gleich­zeitig scheint sich der Besen in eine Riesenblume zu verwandeln. Der Buchfalz bildet dabei die Grenze: oberhalb sehen wir die reale, fein gezeichnete Dachbodenwelt, in der unteren Hälfte breitet sich die flächig schwarze Welt der Schatten aus. Die Gegenstände entwickeln von Seite zu Seite ihr eigenes Leben – in der Schattenwelt der kindlichen Vorstellungskraft.

Tiefer und tiefer taucht das Mädchen in eine turbulente Geschichte ein. Das Kind erobert die untere Bildhälfte, die Schattenfiguren drin­gen in die obere vor, die Szenerie kulminiert in einem fan­tas­ti­schen Tanz aller Beteiligten über die gesamte Bildfläche. Da ertönt ganz lapidar der Ruf: «Essen ist fertig!» Die Wirklichkeit hat das Mädchen wieder. Etwas erstaunt, aber sicht­­lich zufrieden steht es inmitten des Durcheinanders, das es bei der Fanta­sie­reise angerichtet hat. Die letzten Dop­pel­seiten dieses zugleich einfachen wie kom­plexen Bildspektakels lassen vermu­ten, dass die Kleine – und mit ihr möglichst viele BetrachterInnen – ihre erstaunliche Reise bald wieder aufnehmen wird.

Barbara Jakob
Buch&Maus 2/2011, S. 24

Grosser Wolf und Kleiner Wolf
Nadine Brun-Cosme, Illustration: Olivier Tallec
Aus dem Französischen von Bernadette Ott
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2011, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5378-1

Vom Glück, zu zweit zu sein

Der grosse Wolf hat schon immer alleine gelebt. Darum ist er misstrauisch, als am Horizont ein kleiner Punkt auftaucht, der sich beim Näherkommen als ein weiterer Wolf herausstellt. Zwar ist dieser um einiges kleiner, aber damit ist noch nicht klar, ob er nicht doch eine Bedrohung darstellen könnte. Nur zögerlich lässt der Grosse den Klei­­nen in seine Welt, nach und nach gibt er ihm etwas ab: einen Zipfel von der Bettdecke, ein wenig Obst. Keiner spricht, und seinen Spa­­­ziergang macht der grosse Wolf allein. Erst als er bei seiner Rückkehr den kleinen Wolf nicht mehr vorfindet, merkt er, dass ihm etwas fehlt.
«Vom Glück, zu zweit zu sein» erzählt die Vorgeschichte des bereits bekannten Bilderbuchs «Das Glück, das nicht vom Baum fallen wollte» von Nadine Brun-Cosme und Olivier Tallec. Wer aus diesem die innige Verbundenheit der beiden Wöl­fe kennt, wundert sich über das hier vermittelte ablehnende Gebaren des grossen Wolfs. Geschildert wird eine sehr langsame An­näherung. Erst in der wieder ge­won­ne­nen Einsamkeit nimmt der grosse Wolf die Lücke wahr, die der klei­ne Wolf hinterlassen hat – und spürt, dass auch etwas ganz Kleines im Herzen einen gros­sen Raum einnehmen kann. Lange wartet der grosse Wolf und überlegt, was er besser machen könnte. Bis am Horizont ein klei­ner Punkt auftaucht…
In diesem zweiten «Grosser-Wolf-und-Kleiner-Wolf»-Band dominieren warme, sonnige Farben, die auf den positiven Schluss verweisen, der grossen und klei­nen LeserInnen ein kleines Glücksgefühl über die Haut rieseln lässt. Ein Buch vom und zum Liebhaben!
Maren Bonacker,
Buch&Maus Heft 2/2011, S. 24

Ode an einen Stern
Pablo Neruda, Illustration: Elena Odriozola
Aus dem Spanischen von Fritz Rudolf Fries
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2011, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-905871-21-1
Schlagwörter: Fantasie

Wenn man als Erwachsene wieder einmal die Bilderbücher durchblättert, die man in der Kindheit geliebt hat, erinnert man sich augenblicklich an viele, scheinbar belanglose Einzelheiten. An eine rote Schnecke auf dem Kopf eines Mädchens zum Beis­piel, die in Wirklichkeit keine Schnecke, sondern ein Hut war. Oder an die uner­klär­lichen schwarzen Punkte vor dem Mund eines Mannes, während man die zwei Kü­he an seiner Seite völlig vergessen hat. Als Kind hat man offenbar lange über solche Kleinigkeiten nachgedacht – wie sonst ist es zu erklären, dass sie einen auch beim erneuten Betrachten wieder in andere Sphären versetzen können?
In den Bildern von Elena Odriozola, die das zarte Gedicht «Ode an einen Stern»
des spanischen Nobelpreisträgers Pablo Neruda illustriert hat, gibt es mehrere solche De­tails: Sie sind so wunderbar rätselhaft, dass sie für Kinder eine magi­sche Energie ausstrahlen können. Schon auf der ersten Seite werden junge Augen lange beobachtend verharren und sich fra­gen: Was ist das rote Ding, das zuoberst auf einem Wolkenkratzer in die schwarze Nacht hinausragt und von einem glän­zenden weissen Nebel umhüllt wird? Was führen der runde Hut des Protagonisten und der kleine Hund in der Geschichte für ein Leben? Und wenn das Kind bereits le­sen kann, wird es sich über das folgende poetische Satzgebilde Nerudas wundern: «Ach, wie schwer wurden mir meine ganz privaten Angelegenheiten.» Als Kind lebt man noch nicht mit festen Kategorien und Begriffen. Und es tut gut, sich auch als Erwachsene ab und zu daran zu erinnern.
Karin Schneuwly,
Buch&Maus Heft 2/2011, S. 25

Mia schläft woanders
Pija Lindenbaum
Aus dem Schwedischen von Kerstin Behnken
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2011, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-7546-3

«Ich will von starken Mädchen schreiben», hat Pija Lindenbaum einmal in einem In­ter­­view erklärt. Mit ihren «Franziska»-Büchern (2000-2005) hat die schwedische Illustratorin den deutschsprachigen Buch­­­markt gewissermassen über Nacht im Sturm erobert. In «Mia schläft woanders» stellt sie uns nun eine weitere starke Hel­din vor: Mia, die zum ersten Mal bei ihrer neuen besten Freundin übernach­ten darf.
Bei Cerisia ist vieles anders – und man­ches sogar richtig gruselig. Im Flur riecht es nach Ziege, Cerisias Mama hat defini­tiv zu viel Parfüm aufgelegt, und die alte Frau, die mit Hut und Handtasche am Esstisch sitzt und nur ins Leere starrt, ist Mia un­heimlich. Cerisias Hund findet sie eklig und das Abendessen mehr als seltsam.
In Pija Lindenbaums expressiven Bil­dern gehen Wirklichkeit und Traum, kind­liche Wahrnehmung und Vorstel­lungs­­kraft ineinan­der über. Als Mia nicht schla­fen kann und durch die fremde Woh­nung streift, wech­selt der Hintergrund der Ton-in-Ton gehaltenen Aqua­relle von ei­nem dunklen Grau über ein dum­p­fes Purpur zu einem grellen Rosa. Dann entdeckt Mia ihre Freun­­din auf der Toilette. Mit Kissen ma­chen es sich die beiden im Schrank unter der Spüle be­quem, wo Mias Papa und Ce­risias Mama sie am Mor­gen fin­den. Mias erste Nacht «woanders» ist vor­bei. «So supertoll war es nicht», findet sie.
Pija Lindenbaums Bilderbuch werden vor allem Mädchen in Mias Alter sofort lie­ben: Fängt es die Alltags- und Erlebniswelt von Kindern doch in Wort und Bild nahezu eins zu eins ein, und lässt sich viel aus dem eigenen Familienleben oder demjenigen von Freun­den wieder erkennen – und dabei noch viel Neues entdecken.
Andrea Duphorn,
Buch&Maus Heft 2/2011, S. 25

Jungs sind eben so!
Jean-François Dumont
Aus dem Französischen von Anna Matschke
Verlag: Baumhaus, Publiziert: 2011, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 3-8339-0382-1
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Das Titelbild verrät es bereits: Es geht um Geschlechterkampf. Die voneinander ab­ge­wandten Beinpaare gehören jeweils zu einem Mädchen und zu einem Jungen – das ist am getupften Kleid auf der einen und den Jeans und Turnschuhen auf der anderen Seite klar erkennbar.
Diese Perspektive wird beibehalten. Durchs ganze Buch hindurch sehen wir nur die Füsse und Beine der Hauptfiguren: Dazu gehört neben Thomas die namen­lose weibliche Erzählerin. Doch die­se erzählt eigentlich gar nicht, sondern beschreibt die «Gattung Junge», die ihrer Meinung nach ausser Fussballspielen und Mädchen-Anrempeln wenig kann.
Das An­rempeln lässt sich das Tupfenmädchen aber nicht gefallen. Fix wird mit dem Schnallenschühchen gegen Thomas’ Wa­de getreten. Die anschliessende Verfol­gungsjagd führt zu einem Sturz des Mäd­chens. Thomas ergreift die Möglichkeit, sein Image etwas aufzubessern. Die Reaktion des Mädchens darauf wirkt dann allerdings etwas konstruiert.
Jean François Dumont malt mit schwun­g­­vollem schwarzem Strich und pastosem Farbauftrag in klaren Farben. Die Umgebung spielt keine Rolle, der Hintergrund ist braunes Packpapier. Das Bil­derbuch kommt mit wenig Text aus. In der Handschrift eines Erwachsenen steht pro Doppelseite ein Satz hingeschrieben, die zweite Hälfte des kleinformatigen Bu­ches kommt völlig ohne Text aus.
«Jungs sind eben so» bietet Erzähl- und Diskussionsstoff für Kinder ab vier Jah­ren – kann aber auch noch Neun-jährige dazu herausfordern, über Rollenbilder und Konflikt­muster zu debattieren, gerade weil es mit Klischees spielt. Die Verengung der Perspektive auf die untere Körperhälf­te regt zu Gesprächen übers Bilderlesen an: Was passiert «oben»? Wie füllen wir beim Lesen Zwischenräume? Und aufgrund wel­­cher Informationen vervollstän­digen wir die Bilder?
Francesca Micelli,
Buch&Maus, Heft 2/2011, S. 25

Mina
David Almond
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2011, Seiten: 255, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-36820-2
Schlagwörter: Philosophie | Identität/Individualität | Kreativität

Mina ist ein aussergewöhnliches Mäd­chen. Obwohl sie noch sehr kindlich ist und es liebt, stundenlang versteckt auf einem Baum zu sitzen, wirkt sie gleichzei­tig merkwürdig erwachsen. In der Schule eckt sie an, wenn sie voller Eifer einen gan­zen Aufsatz in einer Fantasiesprache ver­fasst. Freunde hat sie kaum. Als klar wird, dass die Schule Mina nur einengt, muss eine Lösung gefunden werden.

Was in der kurzen Beschreibung nach problembelastetem Roman klingen mag, ist tatsächlich ein federleichtes Buch vol­ler Wärme und wunderbarer Ideen. Erzählt wird Minas Geschichte von dem Mädchen selbst – doch anders als in vielen Büchern, die ebenfalls eine Kinderpers­pektive einnehmen: Mina schreibt Tagebuch. Darin notiert sie mitunter das, was passiert ist, aber sie erfindet auch, sie philosophiert, sie dichtet und gibt ihren Ideen Raum. Manchmal müssen die LeserInnen selbst herausfinden, was sich zugetragen hat und wie Mina sich fühlt. Was sie schreibt, berührt Kinder wie Erwach­se­ne gleichermassen. Und dabei passiert gar nicht viel: Die Vögel im Baum bauen ein Nest. Ein Nachbar stirbt, sein Haus steht leer, neue Nachbarn ziehen ein. Doch in Minas Vorstellung verdichten sich diese alltäglichen Begebenheiten und entfalten eine regel­rechte Sogwirkung. So verlässt man Mina und ihre Welt sehnsuchtsvoll und mit dem aufrichtigen Bedauern, nicht noch mehr von ihnen lesen zu können.

Einzig störend für Buchästheten ist die Entscheidung, Minas wichtigste Gedan­ken in fette, kantige Textblöcke zu setzen. Das durchbricht die Illusion des im Baum verfassten Tagebuchs und scheint bei der sonst sorgfältigen Gestaltung (wun­­der­schönes Cover von Violet Harris) merk­wür­dig lieblos und unpassend.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/2011, S. 26

Die Wippe
Timo Parvela, Illustration: Virpi Talvitie
Aus dem Finnischen von Anu und Nina Stohner
Verlag: Hanser, Publiziert: 2011, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 3-85197-630-4
Schlagwörter: Freundschaft | Philosophie

Eine Geschichte von Bären und Freunden

«An einem Ende der Wippe sass niemand. Es zeigte auf den Wipfel einer einsamen Tanne und in den Himmel. Am anderen Ende sass Pi. Er sass und wartete darauf, dass jemand mit ihm wippte. Aber heute kam wieder keiner.»
Mit diesen Worten beginnt Pis intensive Suche nach Freundschaft. Der kleine Bär (Junge) wünscht sich nichts sehnlicher als ein Gegenüber zum Wippen. Auf seiner Suche begegnet er den unter­schiedlich­s­ten Gestalten, doch keine von ihnen scheint Zeit für ihn zu haben. In seinem Notizbuch verewigt Pi in knappen Sätzen seine jeweiligen Erkenntnisse. Schliesslich kommt es zu einer An­nähe­rung an den unfreundlichen Nachbar-Bären (Jun­gen). Gefangen in einer Bärengrube, in einen Käfig verfrachtet, in dessen Mitte eine Wippe steht, überwinden die beiden ihre Ängste, und eine wunderbare (Wipp-)
Freundschaft kann beginnen. Gemeinsam stossen sie die Tür zur Aussenwelt auf: Die Jungs schlüpfen aus ihren Bären­fellen und rennen zu den anderen Kindern.
Timo Parvela, bekannt von den «Ella»-Bänden, ist mit «Die Wippe» ein berüh­rendes Kinderbuch gelungen. Der Autor findet einfache Worte für existentielle Fra­gen: Wer bin ich? Was brauche ich zum Leben? Wie können wir zusammen­leben, ohne uns selbst aufzugeben? Mit Hilfe des Bärenjungen und seinen als Notiz­zettel ein­geschobenen Gedanken nimmt uns Par­vela mit auf diese Reise. Die technisch eigenwilligen, farbigen Illustrationen sind ein wichtiges Element, um die Verknü­pfung von philosophischer und kind­licher Welt zu sichern. Dieses Buch ent­puppt sich als Schatz, dessen Geschichten sich wunderbar auch zum Vorlesen eignen.
Barbara Jakob,
Buch&Maus Heft 2/2011, S. 26

Ellika Tomson und ihre Entdeckungen im blauen Haus
Asa Lind, Illustration: Philip Waechter
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2011, Seiten: 133, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79983-7

Non scholae sed vitae discimus, nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir: Was manche Lateinlehrer nachdrücklich predigen, während ihre SchülerInnen unregelmässige Verben büffeln, haben offensichtlich noch längst nicht alle Lehrpersonen begriffen. Zumindest in den Kin­derbüchern nicht.
Ellika Tomson sollte für die Schule zwei Seiten über Christoph Kolumbus schrei­ben, den «grossen Entdecker». Frustriert er­zählt sie ihrem Nachbarn Karlsson da­von, einem alten Mann, der lang- und aufmerksam durchs Leben geht. Er versteht sofort, was Ellikas Problem ist. Nicht zwei Seiten, sondern ein Buch sollte sie schrei­ben, meint er, und nicht über Kolumbus – sondern über Ellika Tomson.
Mit dem klei­nen schwarzen Notizbuch und dem Bleistift, die er ihr schenkt, macht sich Ellika auf Entdeckungsreise in ihrem Haus. Schreibt alles auf, was sie bei den Nachbarn sieht und erfährt. Tatsächlich ist es eine ganze Menge und reicht am Ende für ein Buch.
Die schwedische Autorin Åsa Lind wur­de mit ihren philosophischen Geschich­ten um das Mädchen Zackari­na be­kannt. Jetzt führt sie dasselbe Projekt wei­ter, nur ist es diesmal eher ein so­zio­­logisches als ein philosophisches. Ellika ist auch schon etwas älter als Zackarina und interessiert sich nicht mehr so bren­nend für die gros­sen Fragen – woher kom­men wir, wohin gehen wird – wie wohl noch im Kindergar­tenalter, sondern für die Menschen. Was, für grosse und für klei­ne LeserInnen, ge­nauso spannend ist. Auch, weil Lind es versteht, die Figuren durch die Geschich­ten, die sie der kleinen Ellika erzählen, lebendig werden zu las­sen.
Christine Lötscher,
Buch&Maus Heft 2/2011, S. 27

Ein kleines Stück Himmel
Brenda A. Ferber
Aus dem amerikanischen Englisch von Elisa Marie Dettlof
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2011, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5233-5
Schlagwörter: Tod/Trauer

Cara ist ein Mädchen, das sich viele Sorgen macht: Etwa darüber, was ihren Eltern alles zustossen könnte, wenn sie zu einer Hochzeitsfeier fliegen: «Ich stellte mir vor, ich wäre Gottes Helferin. Ich machte mir Sorgen und er schoss vom Himmel herab und kümmerte sich um alles.» Als Cara eine Nacht bei ihrer besten Freundin verbringt, macht sie sich keine Sorgen. Und genau dann passiert es: Zuhause bricht ein Brand aus, Caras Mutter und die jün­gere Schwes­ter Janie kommen in den Flam­men um. Ihr Vater überlebt, zieht sich in seiner Trauer aber so in sich zurück, dass Cara sich noch verlassener fühlt.
Als Cara viele Wochen später die Keksrezepte der Mutter findet, die das Feuer in einer Blechdose unbeschadet über­­stan­den haben, ist sie hin- und herge­rissen: Soll sie «Julias Küche» wieder aufleben lassen? Eigentlich hat sie sich geschwo­ren, nie wie­der etwas Süsses zu es­sen. Doch beim Backen fühlt sie sich der toten Mutter nah. «Mit einem Mal spürte ich im ganzen Kör­per ein Kribbeln. Es war verrückt, aber ich hatte das Gefühl, als ob Mom bei mir in der Küche war. Nein, nicht nur in der Küche, sie war in mir und half mir bei jedem Schritt.»
Brenda A. Ferbers Geschichte erzählt von einem schweren Verlust, von tiefer Trauer, Hilflosigkeit, Ohnmacht und Wut. Aber auch von einem Neuanfang: davon, dass Caras Leben irgendwann weitergeht, Vater und Tochter sich einander doch wie­der öffnen und gegenseitig Trost geben kön­­nen. Ein trauriges, bewegendes, letztlich aber doch auch lebensbejahendes Buch, das zudem viel über jüdische Tradi­tionen zu vermitteln weiss. Und Lust macht, Kekse zu backen.
Andrea Duphorn,
Buch&Maus Heft 2/2011

Michi, Papa und ein Haus voller Träume
Britta Nonnast, Illustration: Heike Herold
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2011, Seiten: 138, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79981-0

Vorlesegeschichten

«Chips gibt es nur an Feiertagen», sagt Mi­chis Papa. Als Tante Röschen stirbt und ihm ihre «Casa Rosa» hinterlässt, ist in sei­nen Augen ein solcher Tag gekommen. Noch am selben Abend beschliessen Vater und Sohn, in das kleine Häuschen im Grü­nen umzuziehen. Michis anfängliche Begeisterung über sein neues Zuhause ebbt etwas ab, als er erkennt, wie weit dieses von seinem Kindergarten entfernt liegt und er befürchtet, seinen besten Freund nicht mehr so oft sehen zu können. Diese Angst kann ihm sein (Bilderbuch-)Papa aber ebenso rasch neh­men, wie er sich auch sonst mit viel Verständnis, Geduld, Einfühlungsvermögen und Fanta­sie den Sorgen seines Sohnes annimmt. Und dann gibt es ja auch noch Emilio, den lustigen Obst- und Gemüse­händler, der jeder­zeit mit Rat und Tat, frischen Früch­ten und Eis zur Seite steht.
Mit ihrem ersten Kinderbuch legt Britta Nonnast zehn in sich abgeschlossene Geschichten vor, die sich vortrefflich zum Vorlesen eignen. Es sind zehn warmher­zige Vater-und-Sohn-Geschichten, die aus dem Alltag der beiden erzählen.
Wie viele Kinder verarbeitet Michi das, was er tagsüber erlebt, nachts in seinen Träumen: Fester Bestandteil jeder Ge­schich­­te ist eine Traumsequenz, die mit weisser Schrift auf grauem Hintergrund gut kenntlich gemacht ist. Darin schlägt Michi mal ein Krokodil in die Flucht, mal vertreibt er zusammen mit seinem Papa drei zottelige Barbaren aus dem Haus oder entführt mit ihm einen kleinen Schim­pan­sen aus dem Zoo.
Heike Herolds Illustrationen im Retro-Stil harmonieren wunderbar mit den Mut­mach-Geschichten, und der Drei-Farben-Druck bildet eine perfekte Einheit mit dem strahlend gelben Cover.
Andrea Duphorn,
Buch&Maus, Heft 2/2011, S. 28

All die verschwundenen Dinge
Lukas Hartmann, Illustration: Tatjana Hauptmann
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2011, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 3-257-01151-2

Es ist ärgerlich, wenn man etwas verliert – und es ist traurig. Ermahnungen machen die Sache auch nicht besser. Das jedenfalls findet Karl. Er steht vor einem Rätsel: Dau­ernd verliert er etwas, obwohl er sich doch so viel Mühe gibt. Schon vier Mützen sind verschwunden, sogar die neue mit dem Schirm, den man hochklappen kann. Und auch der linke Torhüterhandschuh und schliesslich sein geliebter Kasper – alle sind sie wie vom Erdboden verschluckt.
Bis hierhin verläuft die Geschichte rea­lis­tisch, und wohl die meisten Kinder erkennen sich im schusseligen Karl wieder. Nun aber läuft der kleine Junge mitten in der Nacht von zu Hause weg in den Stadtpark – nicht gerade das, was Eltern sich wünschen. Von dort begibt er sich auf eine fantastische Reise in eine geheime Welt, an den Ort nämlich, an dem sich alle verschwundenen Gegenstände aufhalten. Das gefährliche Abenteuer – es ist rasant erzählt und gespickt mit witzigen Details – stellt Karl auf eine harte Probe. Doch nicht nur die Eltern sind froh, als er schmutzig, aber wohlbehalten wie­der im Park auftaucht: Auch Karl hat etwas gelernt. Er hat erfahren, dass man Gelieb­tes manchmal loslassen muss.
Wenn Dinge verschwinden, mag dies für den einen oder anderen Erwachsenen der Beweis für die Existenz von Paralleluniversen sein. Für Kinder ist der Gedanke an eine Welt, in der sich Verschwundenes versammelt, mit Sicherheit ein sehr tröst­licher: Die verlorenen Dinge sind nicht wirklich verloren. Sie sind wohlbehalten an einem Ort, an dem sie es lustig haben und an dem es ihnen so gut geht, dass sie dort gar nicht mehr weg wollen. Schön, dass Lukas Hartmann Kindern eine solche Vorstellung ermöglicht.
Katrin Fehr,
Buch&Maus Heft 2/2011, S. 28

Die Poison Diaries
Maryrose Wood
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Verlag: Fischer FJB, Publiziert: 2011, Seiten: 266, ISBN/ISSN/EAN: 3-8414-2124-5
Schlagwörter: Liebe

Liebe ist unheilbar

So ziemlich alles, könnte man denken, ist im Lauf der letzten Jahre ausprobiert worden an Kombinationen von Schauerroman und Romantasy. Eine unerwartete Überraschung aber ist Maryrose Woods Trilogie «Die Poison Diaries», deren erster Band nun auf Deutsch vorliegt. Die Autorin greift, in bester britischer Tradition, die Leidenschaft des Gärtnerns auf und lässt die sonnige Tätigkeit durch die Gift- und Heilpflanzenkunde ihre Schatten werfen.
Jessamine lebt mit ihrem Vater in den Ruinen einer Abtei, die vor der Refor­ma­tion in England ein Hort des Wissens und der Weisheit war. Dieses nun geheime und weitgehend vergessene Wissen zu rekon­stru­ieren, aufzuschreiben und mit seiner Hilfe kran­­­­ke Menschen zu heilen ist die Mission von Jessamines Vater. Sie unterstützt ihn nach Kräften und lernt alles über die Pflege und die Eigenschaften der Heil­pflan­zen. Nur der Giftgarten ist hinter hohen Mauern verborgen und für sie tabu.
Maryrose Wood erzählt ebenso geheimnisvoll wie sachkundig von der Welt der Heilpflanzen, die weit enger mit der Men­schen­­­welt verwachsen ist, als aufgeklärte Wissenschaftler wie Jessamines Vater wahr­haben möchten. Sie fängt das Span­nungsfeld zwischen Aufklärung und Ro­mantik mit einem Hell-Dunkel-Effekt im Erzählen auf. Ein Junge namens Weed mit einem wundersamen Gespür für die Pflan­zenwelt taucht auf, und es bahnt sich eine unheimliche Liebesgeschichte an, als Jessamine todkrank wird – offen­sichtlich vergiftet. Weed setzt alle seine Kräfte ein, um sie zu retten.
Eine kluge, wenn auch reichlich pathe­tische Auseinandersetzung mit Fragen rund um Romantik und Aufklärung sowie die Verführung durch Wissen und Macht.
Christine Lötscher

Bleeding Violet
Dia Reeves
Aus dem amerikanischen Englisch von Zoë Beck
Verlag: Baumhaus, Publiziert: 2011, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 3-8339-3845-5
Schlagwörter: Humor/Komik | Grusel/Spuk/Horror

Niemals war Wahnsinn so verführerisch

Seit dem Tod ihres Vaters trägt die 16-jährige Hanna nur noch Lila und hält es für normal, sich weiterhin mit ihrem «Poppa» zu unterhalten. Als Tante Ulla das manisch-depressive Mädchen in die Klapsmühle stecken will, haut die ihr prompt ein Nudelholz über den Kopf und trampt zu ihrer Mutter Rosalee in die Kleinstadt Portero in East Texas. Rosalee, die ihre Toch­ter nicht mehr gesehen hat, seit diese ein Baby war, legt zwar keinen Wert da­rauf, plötzlich einen Teenager am Hals zu haben, nimmt sie aber widerwillig auf. Schon bald erkennt Hanna, dass Portero ein äusserst gefährlicher Ort ist, in dem viele Menschen verschwinden und überall versteckte Türen lauern, durch die gefährliche Monster und Geister in die Stadt gelangen können.
Dia Reeves Debütroman führt die LeserInnen in eine albtraumhafte Kleinstadt, in der sich die psychisch angeschlagene Hauptfigur zum einen mit typischen Teenager-Problemen auseinandersetzen muss: mit der Liebe, dem Gefühl, eine Aussen­seiterin zu sein, der Sehnsucht nach elter­licher Liebe. Andererseits muss sich Han­na mit reichlich Surrealem herumschla­gen, etwa wenn ihre Halluzinationen real werden und der Geist ihres Vaters ihr stän­diger Begleiter wird.
Was genau real ist und was Fantasie, wie die Magie Porteros funktioniert und ob es über­haupt Magie gibt, wird nie genau erklärt. Das Buch wie auch die Protagonis­tin sind durch diese Unbestimmbarkeit nicht immer leicht zugänglich, bleiben so aber auch stets interessant. Ein schräger Ro­man mit Horrorelementen, der fast den Eindruck erweckt, als würde man einen Spaziergang durch den Kopf eines verrückten Mädchens wagen.
Petra Schrackmann,
Buch&Maus, Heft 2/2011

Cassia & Ky 01
Ally Condie
Aus dem amerikanischen Englisch von Stefanie Schäfer
Verlag: Fischer FJB, Publiziert: 2011, Seiten: 456, ISBN/ISSN/EAN: 3-8398-4009-0
Schlagwörter: Liebe

Die Auswahl

Wie alle BürgerInnen der «Gesellschaft» stirbt Cassias Grossvater am 80. Geburtstag nach einem heiteren Ab­schieds­ban­kett. Schwer aber wiegt das Ver­mächtnis, das er seiner Enkelin hinterlässt: Die Paarung mit dem idealen Partner, von der «Ge­sell­schaft» nach eugenischen Krite­rien ausgewählt, um eine gesunde Nach­kommen­schaft zu garantieren, kriti­siert er. Den Abschiedsbrief, den Cassia mit dem Brief­­erstellungs­programm zusam­men­kopiert hat, lehnt er ab. Dann fordert er die 17-Jährige in Kant’scher Manier auf, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen – und übergibt ihr ein Gedicht. Dylan Thomas’ Verse «Geh nicht gelassen in die gute Nacht» werden für Cassia Programm.
Beim Entwurf ihrer «schönen, neuen Welt» lehnt sich Ally Condie eng an Huxley an: Reproduktion und Geburt, Arbeit, Freizeit und Gesundheit, selbst der (verordnete) Tod werden von Funktionären geregelt. Die «Gesellschaft» bietet Sicherheit und Wohlbefinden zum Preis von Kunst, Wissen und Individualität. Anders als Hux­ley spricht Condie ihren HeldInnen aber revo­lu­tio­näres Potential zu. Ein Pap­pel­samen steht für die Kraft zum Widerstand und verweist auf die Rolle der Natur: Cassia liest das verbotene Gedicht im Wald und lernt dort Ky lieben – Ky aus den «äusseren Provinzen», wo das Leben noch nicht künstlich geregelt ist. Er lehrt Cassia das Schreiben (von Hand), das, einer lan­gen geistgesgeschichtlichen Tradition fol­gend, das Denken erst ermöglicht.
Neben einem reiz­vollen Plot bietet «Die Auswahl» eine raffinierte Kompilation der Ideen und kulturkritischen Motive dystopischer Weltliteratur. Schade, dass Con­die die ökono­mi­schen Bedingungen kaum reflek­tiert. Worauf die «Gesellschaft» letzt­lich basiert, bleibt unscharf – es ist zu hoffen, dass der zweite Teil da präzisiert.
Manuela Kalbermatten,
Buch&Maus Heft 2/2011, S. 29

Rein ins Paradies, Baby
Brinx Thomas, Anja Kömmerling
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2011, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-20122-1
Schlagwörter: Liebe

Wenn Eva zu Adam in den Laster steigt, kann das Paradies nicht fern sein. Der Weg dorthin aber führt über den Sündenfall: Schliesslich will «Rein ins Paradies, Baby» vom Ausbruch aus der Ordnung erzählen, vom Überschreiten von Grenzen – und vom Suchen eines eigenen Wegs. Mehrere Road-Novels dieses Frühlings inszenieren die Autoreise als Metapher für die Suche nach Identität. Wie andere ihrer Co-Heldinnen lernt Eva dabei, sich aus ihrem selbst gebauten Gefängnis zu befreien.

Die Unternehmensberaterin in spe erwacht nach einer durchzechten Nacht in Adams Lkw und macht sich spontan auf die Suche nach der im Stich gelassenen Kindheitsfreundin Jule: eine Reise, die vom kalten Deutschland ins warme Spa­nien führt. Unterwegs erfährt die gesundheitsbewusste, auf Bücher fixierte und an Blümchensex ge­wöh­nte 16-Jährige, dass Wurst besser schmeckt als Rohgemüse, dass das Leben selbst der wahre Lehrmeister ist und dass explosiver Spontan-Sex mit Adam den gut geplanten Akt mit Freund Gregor weit übertrifft.

Obwohl die Episoden mit viel Witz erzählt werden, irritieren die konservative Struktur und die sozialen Klischees. Wäh­rend Eva die gebildete, kultivierte, kon­sum­freudige weibliche Oberschicht ver­körpert, steht Adam für die ärmliche, aber vitale männliche Arbeiterklasse – beide erziehen sich gegenseitig zur Ganzheit. Bohème Jule, die von Emotionen und ihrer Sexualität gesteuert und einem Dealer hö­rig wird, verstärkt als Kontrastfigur noch das Ideal der klugen Eva, bei der sich nach dem Reifeprozess Verstand und Gefühl die Wage halten. Nach der Adoption eines ausgesetzten Hundes und Jules Befreiung erteilt Eva ihrem alten Leben eine Absage: Sie tauscht das karrierefördernde Prakti­kum in London gegen Mann und Kind (Adam ist Vater) und den Blazer gegen ein Schalke-Shirt.

Manuela Kalbermatten,
Buch&Maus Heft 2/2011, S. 30

Ein Tag ohne Zufall
Mary E. Pearson
Aus dem amerikanischen Englisch von Gerald Jung und Katharina Orgass
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2011, Seiten: 314, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85407-5
Schlagwörter: Freundschaft | Märchen/Fabel

Schon das blassrosa Luxuscabriolet, mit dem sich Destiny in «Ein Tag ohne Zufall» auf die Reise begibt, kündigt von der ganz speziellen Poetik dieses Road Novels. Die Reise der verschlossenen, von ihren Eltern seit ihrem siebten Lebensjahr in immer neue Internate abgeschobenen 17-Jähri­gen oszilliert zwischen magischem Rea­lis­mus, Märchen und Adoleszenzro­man. Destiny – ihr Name ist Programm – wünscht sich, «dass einen Tag lang ausnahmsweise das Gute siegt», dass «einen Tag lang alles ist, wie es sein soll». Als Mär­chenfee erscheint der seltsame Mr. Nestor, Gastlehrer für Integralrechnung, als ma­gisches Requi­sit die Limousine, die mit laufendem Mo­tor vor der Schule steht. Des­tiny, die Zahlen und Daten als schicksalhaft betrachtet, tritt aus der Ordnung und entführt ihre KameradInnen Seth, Mi­ra und Aidan zu einer fantas­tischen Tour.
Mary E. Pearson spielt dabei mit Mo­tiven, Namen, Zahlen und Symbolen aus unter­schied­lichsten literari­schen Quel­len (zu denen sogar die Bibel zählt). Vor allem aber erinnert die Geschichte ihrer Heldin an L. Frank Baums «Zauberer von Oz»: Wie Dorothy und ihre drei Gefährten brechen auch Destiny & Co. aus einer Mangel­situ­ation auf. Seth, Mira und Aidan erkennen unterwegs, dass ihre vermeintlichen Män­gel Potential zum Neubeginn bergen. Und Destiny lernt, sich der eigenen Geschichte zu stellen – die ganz anders ist, als die LeserInnen und sogar Destiny selbst geglaubt haben. Die Reise, die in die Welt zielte, führt am Ende nach Hause, doch dieses Nachhausekommen ist der erste Schritt zu einem Leben, in dem Destiny selber Regie führt.
Manuela Kalbermatten,
Buch&Maus Heft 2/2011, S. 30

Gwen, der Lehrling des Heilers
François Place
Aus dem Französischen von Bernadette Ott
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2011, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5366-8
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Gwen ist ein Sonderling: Mit 14 steht er als ewig hustender Lehrling des Heilers Braz am Rande der Dorfgesellschaft. In seiner Heimat, der Bretagne, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts «finis terrae» genannt wird, leben die Bewohner in Angst vor dem An­kou, der als personifizierter Tod jederzeit unter sie treten kann. Und sie verachten den Heiler, dessen Künste sie bedürfen. Als 1914 die Generalmobil­machung einsetzt, reisst sich das ganze Dorf darum, im grossen Kampf mitzutun. Der Illustrator François Place braucht in seinem ersten Ro­man nur wenige Seiten, um eine Vorkriegsgesellschaft zu entwer­fen, in der die «Torheit der Menschen» (Zi­tat des alten Braz) den Einzelnen in Verzweiflung und Isolation treibt. Diese Isolation wird greifbar als zentrales Motiv des Romans, als bestimmende Kraft in Gwens Leben, und als Stilelement, indem jeder Satz als vollkommenes kleines Kunstwerk für sich steht.
Der Tod des alten Braz bedeutet für Gwen den endgültigen sozialen Tod. Da wird er vom Ankou in ein seltsames Land am Meer entführt: eine halb historische, halb fantastische Welt, auf keiner Landkarte zu finden und doch Spiegel der Welt, die Gwen verlassen hat. Die Gestalten, de­nen er begegnet, die ihn ausbeuten oder be­schüt­zen, ihn weiterbringen als Heiler und als Mensch, haben ihre Doppel­gänger in Gwens Heimat. Und die Torhei­ten, die sie begehen, spiegeln die grossen Torhei­ten des Kriegs in der realen Welt.
«Gwen, der Lehrling des Hei­lers» schil­­dert keine Heldenreise; der Protagonist bleibt ein Aussenseiter, auch als er in der «an­deren» Welt ein eigenes Leben aufzubauen beginnt: ein karges, un­sicheres Le­ben, gewiss, aber eines, in dem er über sich selbst bestimmt. Seine Geschichte strahlt trotz aller Düsternis ei­nen zarten Opti­mismus aus, erzählt von der Lernfähigkeit des Men­schen, auch ange­sichts der Tor­heit der Welt.
Manuela Kalbermatten,
Buch&Maus Heft 2/2011, S. 31

Der Schrei des Löwen
Ortwin Ramadan
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2011, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-31017-3
Schlagwörter: Armut

Die Schweiz ist überbevölkert, grosse Ar­mut herrscht, die Arbeitslosigkeits- und AIDS­-Raten sind hoch. Ein 16-jähriger Jun­ge lebt mit seinem autistischen jün­ge­ren Bruder auf der Strasse. Es reicht knapp für eine kleine Mahlzeit täglich. Manch­mal le­gen sie sich mit leerem Magen schla­fen, auf ein Stück Karton oder Schaum­­­­stoff, das in ei­nem dreckigen Hinterhof auf dem Boden ausgebreitet wird. Wenn sie nur genug Geld besässen! Dann könnten sie zu ihrem Onkel nach Nigeria fahren… ins Paradies. Die Reise ginge zunächst nach Si­zilien, dann in einem Holzboot übers Mit­telmeer nach Lybien. Und, falls sie überlebten, würde eine Lastwa­genfahrt durch die Sahara folgen. Die Jun­gen gäben ihr letztes Geld aus und wüss­ten doch nicht, ob sie es je­mals ins Land ihrer Träume schaffen würden.
Natürlich führt die in Ortwin Rama­dans Jugendroman geschilderte Reise in die um­­­­ge­kehrte Richtung, natür­lich ist der 16-jäh­rige Erzähler Yoba Afrikaner, und na­tür­lich möchte er mit sei­nem Bruder zu seinem Onkel nach Deutschland. Aber die Geschichte erlaubt es nicht, zu den Prota­gonisten auf Distanz zu gehen – deshalb liegt es nahe, sich alles einmal unter vertauschten Voraussetzungen vorzustellen. «Der Schrei des Löwen» schildert detail­reich, wie eine Odys­see afrikani­scher Flücht­linge heute aussehen kann. Ein zwei­­­ter Erzählstrang beschreibt die Sichtweise des jungen Deut­schen Julian, der bei einem Tauch­gang im Mittelmeer eine schreckliche Entdeckung macht und zugleich das Tagebuch findet, das Yobas und Chiokes mühevolle Reise beschreibt: eine Reise ohne Happy End.
Der Roman erhebt gewiss keine litera­rischen Ansprüche, aber er schildert einfühlsam erschüt­tern­de Schicksale und Zusam­men­hänge, die jugendlichen LeserInnen Hintergründe zum afrikani­schen Flüchtlingsdrama aufzeigen.
Roger Meyer,
Buch&Maus Heft 2/2011, S. 31

Pioniere der Lüfte
Maja Nielsen
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2011, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-4850-8
Schlagwörter: Abenteuer | Technik

Der Traum vom Fliegen

Maja Nielsens neuster Titel ihrer «Abenteuer!»-Reihe zieht uns direkt hi­nein in eines der grössten Abenteuer der Menschheit: dem wahr gewordenen Traum vom Fliegen. In «Pioniere der Lüfte» spannt sie den Bogen von den Anfängen der Luftfahrt und den ersten Flugversuchen der Brüder Wilbur und Orville Wright zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis hin zum grössten, sparsamsten und leisesten Passagierflug­zeug heutiger Tage, dem Airbus 380. Der Schwerpunkt liegt dabei eindeutig auf der (Lebens-)Geschichte der amerikani­schen Brüder, ihren ersten Berührungen mit der Fliegerei und den Jahren der Planung und Entwicklung bis hin zu ihrem gefeierten Triumph 1908 in Le Mans.
Historische Fotos, technische Zeich­nun­gen und stimmungsvolle Illustratio­nen runden das ebenso spannende wie kompetente Sachbilderbuch ab. In Info­kästen werden Begriffe wie Höhen- oder Seitenruder, Auftrieb und Tragflügel anschaulich erläutert; ausserdem erhalten weitere Pio­niere der Luftfahrt wie Leonar­do da Vinci oder Otto Lilienthal dort einen Auftritt. Wieder setzt die Autorin auf ein Team von fachlichen Beratern: Auf Richard Car­cail­let, der den A 380 mitkonstruiert hat, und den Schweizer Bertrand Piccard, Entwickler eines Solar-Flugzeu­ges, das 2012 ganz ohne Treibstoff allein durch die Ener­gie der Sonne in mehreren Etappen rund um die Welt fliegen soll.
Eine umfangreiche Chronik, Veranstal­tungs-, Literatur-, Hörbuch- und Filmtipps runden den inzwischen 17. «Abenteuer!»-Band ab. Nicht nur kleine Technik-Freaks werden daran ihre helle Freude haben, sondern alle, denen es immer wieder wie ein «kleines Wunder» erscheint, wenn ein 560000-Kilogramm-Koloss wie der A380 von der Landebahn abhebt und fliegt.
Andrea Duphorn,
Buch&Maus Heft 2/2011, S. 32

Farbe Form Orangensaft
Ewa Solarz, Illustration: Daniel Mizieliński, Aleksandra Mizielińska
Verlag: Moritz, Publiziert: 2011, Seiten: 168, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-229-6

Verrücktes Design aus aller Welt

Man muss nicht unbedingt König sein, um auf einem Designer-Möbelstück Platz neh­­men zu dürfen. Aber für den spani­schen König wurde 1929 sogar extra ein Sessel entworfen. Mies van der Rohe dach­te sich für ihn den «Barcelona Sessel» aus. Im ideenreichen Sachbuch «Farbe Form Orangensaft» heisst dieser Sessel «das Geschenk des Pharao», da er dem alter­tüm­lichen Thron der Pharaonen nachempfun­den ist. Eine bequeme Rückenlehne hat der Designer noch hinzugefügt. Gutes De­sign ist also nicht nur schön, sondern kann auch sehr praktisch und bequem sein – so lautet das Credo von Autorin Ewa Solarz, die eine überzeu­gende und lustvolle Sammlung von 69 Objekten vor uns ausbreitet: von Möbeln über Leuchten bis zu Gebrauchsgegenständen des Alltags.

Wie bereits im preisgekrönten Buch «Treppe Fenster Klo» lassen die polni­schen IllustratorInnen Aleksandra Mizie­lins­ka und Daniel Mizielinski ihre einzigartige, knallbunte und witzige Bilderwelt sprechen: Eine Frau räkelt sich auf einem Sessel, der aussieht wie eine Wiese voller Grasbüschel, und Kinder spielen Indianer auf dem «unzerstörbaren Sofa». Darüber hinaus kann man den Designern bei der Arbeit zusehen: Um den Kugel­sessel zu entwerfen, hockte sich 1966 der Finne Eero Aarnio auf den Boden und liess die Um­risse seines Körpers mit einem Kreidestrich auf die Wand dahinter zeich­nen. Die Autorin nennt den Kugel­sessel «das Zim­mer im Zimmer» und hat sich auch für andere Designobjekte tref­fende neue Na­men ausgedacht. Originalname sowie Entstehungsjahr, Material, Name und Her­kunft des Designers und des aktuellen Her­stellers stehen immer daneben.

Da bekommt man grosse Lust, selbst ein Designerstück zu besitzen. Doch Schön­heit hat eben ihren Preis.

Claudia Kursawe
Buch&Maus Heft 2/2011, S. 32

Black Box Dschihad
Martin Schäuble
Verlag: Hanser, Publiziert: 2011, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23665-1
Schlagwörter: Identität/Individualität | Extremismus/Terrorismus

Daniel und Sa’ed auf ihrem Weg ins Paradies

Neunkirchen im süddeutschen Saarland und die palästinensische Stadt Nablus lie­gen rund 3000 Kilometer voneinander ent­fernt. Den heute 25-jährigen Daniel, in einer wohlhabenden Familie im rei­chen Deutschland aufgewachsen, und Sa’ed, der letzten Februar 26 Jahre alt geworden wäre, verbindet dennoch et­was, das man nicht erwarten würde: Beide sind Dschi­hadisten, Selbstmor­d­attentäter, die den Mär­tyrertod sterben wollten.

Dem palästinensischen Jungen aus dem Westjordanland ist dies gelun­gen: Er sprengte sich in Jerusalem in die Luft, riss sechs Israeli mit in den Tod und wurde damit in seiner Heimat und seiner Familie zu einem gefeierten Helden. Dani­el, der zum Islam konvertierte Deutsche, wurde dagegen 2007 festgenommen. Er war Mitglied einer islamis­tischen Terror­zelle, die Anschläge auf ame­ri­kanische Militäreinrichtungen in Deutschland plan­­te. Er wur­de in der Presse als der «Sauerland-Bom­ber» be­kannt und zu einer zwölfjährigen Haftstrafe verurteilt. Seine Familie will nicht über ihn sprechen.

Martin Schäuble stellt in seinem Buch die Lebensgeschichten der zwei jungen Män­ner gegenüber, zeigt ihre Entwicklun­gen auf und geht der Frage nach, warum sie zu «Gotteskriegern» wurden. Er sprach dazu mit Schul­kame­raden und Freun­den von Daniel und traf die Familie von Sa’ed mit Hilfe von Mitgliedern der Aqsa-Märty­rer-Brigaden. Angesprochen auf die Gemeinsamkeiten der beiden Lebensläufe meint Schäub­le in ei­nem Interview: «Der Dschi­hadismus gibt einfache Antworten auf komplizierte Fra­gen – das sehe ich bei Sa’ed und Daniel als Parallele.» Das Buch ist informativ, spannend zu lesen und kann als Einstieg ins Thema «Is­la­mismus» und seine radikalen Aspek­te benutzt wer­den. Es zeigt aber auch gene­rell, wie das Umfeld Jugendliche bestimmen kann. Der Autor verzichtet dabei auf Wertungen, Klischees und Pauschalerklärungen.

Roger Meyer,
Buch&Maus 2/2011, S. 33

Beastly
Alex Flinn
Aus dem amerikani­schen Englisch von Sonja Häussler
Verlag: Baumhaus, Publiziert: 2011, ISBN/ISSN/EAN: 3-8339-5227-X
Schlagwörter: Liebe

Der 16-jährige Kyle Kingsbury ist der Kö­nig seiner New Yorker Privatschule: be­liebt, reich, attraktiv. Charakterlich ist er aber ein ziemlicher Kotzbrocken. Als er ei­ner unattraktiven Mitschülerin einen bö­sen Streich spielt, stellt sich die als waschechte Hexe heraus und bestraft sein fieses, oberflächliches Verhalten mit einem Fluch: Er soll so schrecklich aussehen, wie er es in seinem Innern bereits ist. Kyle wird zum Biest. Sein normales Aussehen kann er nur wieder erlangen, wenn er sich innerhalb von zwei Jahren verliebt und diese Liebe auch erwidert wird.
Sein Vater, ein berühmter Nachrichtensprecher, verbirgt den hässlichen Sohn kurzerhand in einem eingezäunten Haus in Brooklyn, wo Kyle von einem blinden Privatlehrer unterrichtet wird. Ohne Hoffnung auf Erlösung nennt sich Kyle von nun an Adrian, vergräbt sich in Büchern und der Gartenarbeit. Eines Nachts erwischt er einen Einbrecher, der ihm als Preis für seine Freiheit seine Tochter Lindy als Gefangene anbietet. Adrian wittert seine letzte grosse Chance auf die wahre Liebe.
Ein Schulball, Myspace und Drogen­süchtige sind moderne Ingredienzien in Alex Flinns Neubearbeitung des Märchens «Die Schöne und das Biest». Im heutigen New York erzählt das Biest in der Ich-Form, wie es vom arroganten Schnösel zum reu­mütigen, liebenswerten Romantiker wird. Hörbuchsprecher Simon Jäger (Synchronstimme von Matt Damon und Heath Led­ger) schafft es dabei meisterhaft, in zahl­reiche Rollen zu schlüpfen und mit seiner sympathisch-vielseitigen Stimme viel Witz, Romantik und Spannung aufleben zu lassen. Für Märchenfans und Roman­tiker ein wahrer Hörgenuss!
Petra Schrackmann,
Buch&Maus Heft 2/2011, S. 33

Pippilothek???
Lorenz Pauli, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2011, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0620-9
Schlagwörter: Lesen | Tiere

Eine Bibliothek wirkt Wunder

Endlich – ein Bilderbuch, das sich der Bibli­o­thek widmet und deren faszinierende Seiten zeigt, ohne in erster Linie didak­tisierend zu sein! Lorenz Pauli und Kathrin Schärer haben ihr neues Buch in Zu­sam­menar­beit mit der schweize­ri­schen Ar­beit­s­­ge­meinschaft für allgemei­ne öf­fent­liche Bi­blio­theken (SAB) entwickelt – herausgekommen ist ein broschiertes Büch­­lein, das Bibli­otheken ihren Kun­d­In­nen abgeben kön­nen. Zugleich erscheint die Geschichte auch als grossformatiges Bilderbuch.
Zu Beginn schiesst der gierige Fuchs hin­ter der Maus her ins Bild und gelangt erstmals in eine Bibliothek. Um ihn von sich abzulenken, schleppt die Maus ein Bilderbuch an. Der Fuchs vertieft sich, ist begeistert. For­tan jagt er Hühner. In den folgenden Näch­ten kehrt er wieder, wild auf Geschichten. Ein Huhn kann sich aus seinen Zähnen retten, indem es ihm aus dem Lexikon vorliest. Die beiden lesen bis in den Schlaf hi­nein und sehen sich am Morgen einem Mann gegenüber, der ein Hühner-Kochbuch ausleihen will. Nun zeigt sich, was echte Freundschaft ist: Die Flucht ge­lingt, Fuchs und Huhn verlassen mit rie­sigen Bücherstapeln die Bibliothek. Dass die Ausleihe beschränkt ist, geht im Jubel unter…
«Pippilothek???» porträtiert humor­voll die magische Anziehungskraft ei­ner Bibli­o­thek. Zwar dürfte der Text, vor allem in Bezug auf die Bibliotheksinformationen, etwas fre­cher sein – hier ist die Auftragsarbeit zu spüren. Überzeugend aber sind die Illus­tratio­nen. Das Bibliotheksam­bien­­te bleibt in bläu­lichem Farbton im Hintergrund. Da­vor erzeugen Akteure wie die pfiffige Maus in verschie­densten Pers­pek­tiven auf star­ken Farbflächen eine tol­le Dy­­namik. Wohltuend dann am Schluss das Bild der Tiere, die sich – auf der Erd­kugel sitzend – ein Universum erle­sen.
Barbara Jakob,
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 23

Wenn ich gross bin, werde ich Seehund
Nikolaus Heidelbach
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2011, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79443-6
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Mythologie/Sage | Tiere

«Schwimmen habe ich nie gelernt, ich konnte es schon immer», erklärt der Ich-Erzähler im wundersamen und an­genehm unheimlichen neuen Bilderbuch von Nikolaus Heidelbach. Der Junge verbringt seine Zeit am liebsten im Meer, auf dem der Vater als Fischer herumschippert, während die Mutter sich um Haus und Garten kümmert – und Geschichten erzählt. So tauchen wir schon bald ein in eine bunte Unterwasserwelt voller fantas­tischer Wesen. Es sind kleine Kunstwerke aus Wort und Bild: Küsserschlangen, Pa­last­lurche, Plumeauok­to­pen und Seeponys, um nur ein paar zu nen­nen. Der Junge wundert sich, woher seine Mutter so ge­nau Bescheid weiss über das Unterwassergetier, denn ins Wasser geht sie nie.

Bevor sich die geheimnisvolle Herkunft der Mutter am Ende der Geschichte aufklärt, beschleicht die – kleinen und gros­sen – LeserInnen eine Ahnung. Warum sehen die Haare der Mutter so stromlinienförmig-glatt aus, nass beinahe – wenn sie das Meer doch meidet? Und was soll das Motto des Sagen-Sammlers David Thomson: «An Land bin ich ein Mensch, im Meer bin ich ein Selchie»?

In der Myth­ologie Irlands, Schottlands und den Küstenregionen Englands ist ein Selchie ein gestaltwandelnder Seehund. Die Sagen aus dem kelti­schen Sprach­raum erzählen von den geheimnisvollen Verbindungen der Seehun­de, ge­nau­er ge­sagt der Kegelrobben, zu den atlantischen Küstenbewohnern: Sie be­rich­­ten von Män­nern, die Seehundfrauen hei­­raten. Zu diesen gehört auch der Vater des Ich-Erzählers. Irgendwann, vielleicht, wenn der Junge alle Geschich­ten gehört hat, wird die Mutter ihr Seehundfell wie­der anziehen und ins Meer zurückkehren.

Christine Lötscher
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 23

Garmans Strasse
Stian Hole
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Verlag: Hanser, Publiziert: 2011, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23787-9

Es gibt sie in jedem Kinderleben: den Mann, der kleinen Mädchen auflauert, um sie mit dem im Mantel verborgenen Mes­ser zu meucheln; die Frau, die Bonbons ver­teilt, weil sie Sklaven braucht; oder eben den alten Postboten aus Garmans Strasse, von dem das Ge­rücht geht, er sei böse, bringe Kätzchen um, ertränke sie nachts in der Bucht. Gar­man ist skeptisch. Er geht jetzt zur Schule und weiss um die Grausamkeiten des Le­bens – etwa, wenn er als letz­ter in die Mannschaft gewählt wird. Gut, der «Brief­marken­mann» ist wun­­derlich. Unsor­tiert hortet er Fundstü­cke und Ge­danken. Aber auch in Garmans Kopf wirbeln viele Erwachse­nen­weis­hei­ten und Zahlen, die Blumen aus seinem Her­ba­­ri­um und die Namen fer­ner Länder durcheinander. Ein Brand im Rasen des al­ten Postboten, zu dem Garman angestiftet wird, bedroht seine Kind­heit mit wü­ten­den Flammen. Der alte Mann aber ist klar­sichtig, und so holen er und Garman mit Geschichten, Briefmar­ken und Blu­men die Welt in den Garten, in dem der Herbst die Spuren des Brandes tilgt.
Während «Garmans Sommer» den Abschied eines Jungen vom schulfreien Gar­ten seiner Kindheit schil­dert, lässt Stian Hole im Folgeband einen rauen Wind durch diese Kindheitslandschaft wehen: Auf die ganze Strasse dehnt sie sich nun aus und konfrontiert Garman mit Schwie­rigkeiten wie Wun­dern des sozialen Miteinanders. Wieder packt Hole die Ge­fühle des Kindes in dichte Colla­gen, die durchwirkt sind von den lauten und leisen Tö­nen menschli­cher Beziehun­gen und Kon­flikte. 200000 Menschen begegne man im Leben, sagt der Brief­markenmann. Und so spaziert ein gereifter Garman durch einen Regen aus Menschen: träumend von den Begeg­nun­gen, die das Leben bereithält.
Manuela Kalbermatten
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 23

Sachen machen lachen
Gilbert Legrand
Verlag: Boje, Publiziert: 2011, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82311-X
Schlagwörter: Humor/Komik | Alltag | Kreativität

Hups – was hüpft und wuselt denn da aus dem Schrank? Lauter seltsame Wesen: die Leiber aus Holz oder Metall, die Haare aus Nägeln, die Beine aus Draht. Wer genau hinschaut, kann noch Korkenzieher, Ta­schen­messer und Flügelschrauben entdecken, während die komische Prozession vorbeistolziert…

Nach diesem Prinzip geht es dann weiter: Grandios montiert und bemalt der französische Illustrator Le­grand Alltagsgegenstände, inszeniert und fotografiert sie in nur angedeuteten Ku­lissen und haucht ihnen so ein bezau­bern­des Eigenleben ein. Da bleibt viel Raum für die eigene Fantasie – und der schei­nen keine Grenzen gesetzt. So tum­meln sich in diesem opulenten Bilderbuch fliegende Eierkarton-Gespenster, coole Sonnenbril­len-Männer, sabbernde Säge­hunde, Gar­ten­schlauch–Schlangen und Klei­der­bü­gel­pfer­de.

Das strotzt vor Komik, Fantasie und Kre­ativität und entwickelt wie nebenbei kleine Geschichten in Küche oder Zirkus. Und doch scheint manches fast zu perfekt und damit ein bisschen zu glatt: So akri­bisch bearbeitet Legrand seine Skul­ptu­ren aus Spülbürsten, Zapfhähnen, Kneif­zan­gen oder Kochlöffeln, dass ihre eigentliche Materialität fast dahinter verschwindet und der Ursprungs-Gegenstand kaum noch zu erkennen ist. Das verblüfft und beeindruckt, ist aber auch ein bisschen scha­de, verpasst diese Insze­nierung doch ge­rade durch ihre Vollkommenheit die Chance, junge LeserInnen zum Selber­ma­chen zu inspirieren. Trotz­dem bleibt das Buch ein ungewöhn­liches Sehvergnügen, das nicht nur zum Entdecken einlädt, sondern auch den Blick schärft für die Geheimnisse der Dingwelt.

Marion Klötzer
Buch&Maus 3/2011, S. 24

Armin
Rotraut Susanne Berner
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2011, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5272-6
Schlagwörter: Fantasie

Wer denkt, Pappbücher seien nur für Ba­bys, liegt falsch. Ein Paradebeispiel für glei­chermassen kreative wie anspruchsvolle Exemplare dieser Gattung liefert Illustratorin Ro­traut Susanne Berner: In der Reihe «Wimm­lin­ger Geschichten» zoomt sie jeweils nahe an eine Figur aus ihren Jahreszeiten-Wimmelbüchern heran.
Nach Katzen, Kindern und Hunden steht diesmal der Buchhändler Armin im Zentrum der Geschichte. Zum ersten Mal betreten wir das Innere seines Ladens und sehen so auch tiefer in Armins Leben hi­nein: Der Arme räumt täglich auf, wird aber jeden Morgen von einem Durchei­nander erwartet. Petra, die Lese­ratte aus einem anderen Band der «Wim­m­linger Ge­schichten», weiss um den Grund. In der Nacht erwachen die Bücher zum Leben, und ihre Figuren tummeln sich im ge­müt­lichen Bücherladen: «Hot­zenplotz und Don Quichotte/ Pinocchio und Doppel-Lotte,/ Zwerge, Elfen, Birkenschwein/ tref­fen sich bei Mondenschein.»
Grosse wie kleine LeserInnen stecken alsbald mittendrin in dem Treiben und haben Gelegenheit, ihre Lektüre-Erin­ne­run­gen aufzufrischen: Wie heisst sie noch mal, die kleine grüne Raupe? Aus welcher Geschichte hat sich das Stockmännchen davongeschlichen? Hat der Maulwurf nun end­lich herausgefunden, wer ihm auf den Kopf gemacht hat? Und wovor versteckt sich der Junge im Weidenkorb im Original?
Die «Wimm­lin­ger Geschichten» – auch ei­ne kluge Geschäftsidee – mögen «von Pap­pe sein»; die in eingängigen Reimen erzählte Geschichte und die Illustrationen voller Schalk sind es nicht. Sie bieten in­tel­lektu­elle Herausfor­derung – ein Ratespiel, das allen, die Kinderliteratur kennen und lieben, Spass macht, egal wie alt sie sind.
Francesca Micelli
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 24

Kleeorg und Kleeopatra
Werner Holzwarth, Illustration: Henning Löhlein
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2011, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-905871-24-6
Schlagwörter: Natur | Humor/Komik

Eine Geschichte vom Glück

Nun trumpfen also auch noch Kleeblätter als Hauptfiguren eines Bilderbuchs auf! Doch Illustrator Henning Löhlein hat sie so treffend gezeichnet, dass man sofort wissen will, was mit ihnen passiert. Ker­zen­gerade stehen Kleeorg und Kleeopatra da, mit kleinen Mündern und Kulleraugen, schön saftig grün und gar nicht kit­schig. Sie sind gerade stolze Eltern eines vierblättrigen Kleeblatts geworden. Aber Kleeberhard, der Miesepeter, meckert: «Klee ist Klee! Ein Blättchen mehr haben die. Sonst gar nichts. Vierblättrige sind nur Ange­ber!»

Die Idylle hat jedoch ein jähes Ende. Ein schwarzer Schatten fällt auf die Wiese: Kuh Liesel trabt heran. Sofort entdeckt sie das Vierblättrige, denn es hat sich nicht wie die anderen, erfahrenen Kolle­gen vor der Gefahr geduckt. Sanft berührt Liesel den Neuankömmling mit ihrer gros­sen, roten, rauen Zunge – und frisst dann «das dicke, fette dreiblättrige Kleeblatt direkt neben ihm». Die Kuh zieht satt und zugleich sehr glücklich weiter. Von Kleeberhard aber bleibt nur der Stängel übrig.

In Sonnengelb und allen Grüntönen lässt Henning Löhlein die Natur leuch­ten, die Linien sind klar umrissen. Selbst die Schrift ist dunkelgrün und sieht wie handgedruckt aus dem Setzkasten aus.

Mit sei­nem kurzen und knappen Text trifft Bilderbuchprofi Werner Holzwarth («Vom klei­nen Maulwurf, der wissen woll­te wer ihm auf den Kopf gemacht hat») ausser­dem genau den richtigen Ton. So wird die Geschichte vom klei­nen Glück nicht sentimental, sondern bekommt eine ordentliche Prise schwarzen Humor mit fre­chem Augenzwinkern.

Claudia Kursawe
Buch&Maus 3/2011, S. 24

Der Besuch vom Kleinen Tod
Kitty Crowther
Aus dem Französischen von Maja von Vogel
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2011, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51758-4
Schlagwörter: Tod/Trauer

Was für ein niedlicher Fratz! Trotz unheilschwangerer Sichel und schwarzer Kutte sieht er aus wie eine nette Nonne – gefühl­te Lichtjahre von den skelettierten Schrecken eines Gevatter Heins entfernt. Und auch seinen schwierigen Job erledigt die­ser «Kleine Tod» ausgesprochen gut, wie die belgische Kinderbuchillustratorin und Astrid-Lindgren-Preisträgerin Kitty Crow­ther in ihren cartoonartigen, luftig gestrichelten Buntstift-Szenen zeigt: Behutsam, ja geradezu schüchtern klopft er bei den Sterbenden an, freundlich reicht er ihnen das Knochenhändchen und geleitet sie sanft in eine andere Welt. Und am Ende entzündet er sogar ein Kamin­feuer, damit die Toten nicht so frieren. Und doch: kein Dank, kein Lächeln – nur Angst und Zäh­ne­klappern. So ist das nun mal, denn wer will schon sterben?
Doch mit Elisewin wird alles anders: «Da bist du ja endlich!», grüsst sie fröhlich, erleichtert, Krankheit und Schmer­zen endlich los zu sein. Man versteht sich auf Anhieb, und so zeigt Crowther Mädchen und Tod beim Versteckspielen, Handstand-Üben und He­rumalbern – bis Elise­win weiterziehen muss. Nun bleibt der Tod zurück, erfährt sein Wirken erstmals am eigenen Leib, versinkt in Verlust und Trau­rigkeit. Doch nicht lange, da kehrt seine Freundin als Engel zurück, und nun holen die zwei die Sterbenden Hand in Hand.
«Der Besuch vom Kleinen Tod» ist eine fast schelmische und vogelleichte Parabel, da­bei aber weder flach noch verharmlo­send, bietet sie doch eine radikale, weil rundum positive Sichtweise: Denn auch so kann Sterben sein – angstfrei, sanft und erlö­send. Ob es trotzdem auch einen Grossen Tod gibt?
Marion Klötzer
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 25

Eine Kreuzung
Franz Kafka, Illustration: Anna Sommer
Verlag: SJW, Publiziert: 2011, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0587-3
Schlagwörter: Tiere | Gefühle

«Ich habe ein eigentümliches Tier, halb Kätzchen, halb Lamm. Es ist ein Erbstück aus meines Vaters Besitz.» Mit diesen Sät­zen, ebenso eigentümlich wie das Tier, von dem die Rede ist, beginnt Franz Kafkas Erzählung «Eine Kreuzung». Das lebendige Erbstück, so stellt sich in dem kurzen Text heraus, ist ein Seelentier. Als der Ich-Erzähler einmal vor lauter Sorgen keinen Ausweg mehr weiss, entdeckt er Tränen in den Augen des Tieres. «Waren es meine, waren es seine?», fragt er sich, ohne sich der existentiellen Verbindung mit dem Kätz­chen-Lamm ganz bewusst zu werden. Und ohne zu merken, dass das Bedürfnis des Tieres, aus seiner hybriden, unentschlossenen Haut zu fahren, ein zutiefst menschliches ist.

Die Träne war es, an der Margrit Schmid, Leiterin des SJW, beim Lesen von Kafkas Erzählung hängen blieb. Diese Träne, die der Ich-Erzähler selbst nicht weinen kann, macht in ihrer Durchsichtigkeit seine blin­de Erstarrung sichtbar. Und sie ist der Verbindungspunkt, an dem sich das Kafka-Heft ins neue SJW-Programm einfügt, bei dem sich alles um Wasser, Regen, Schnee, um Wind und Wetter und das nasse Element dreht.

«Eine Kreuzung» ist ein bedrückender, ein unheimlicher Text, bei dem manche zö­gern würden, ihn Kindern zum Lesen zu geben. Doch das SJW-Format mit grossem Gestaltungsraum für die Illustrationen macht es möglich, auch schwierige Texte zu vermitteln. Anna Sommers Bilder las­sen der Erzählung ihre eigenartige An­mutung. Das hybride Tier bleibt etwas un­heimlich, auch wenn es liebenswürdig aussieht.

Christine Lötscher
Buch&Maus 3/2011, S. 25

Mein Leben als Fee
Herbert Günther
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2011, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5348-X
Schlagwörter: Familie/Familienformen

«Mein Leben als Fee begann an einem ganz gewöhnlichen Donnerstag im Frühling. Rein äusserlich war kaum etwas zu sehen. (…) Die eigentliche Verwandlung (…) kam von innen. Eine warme Welle, die immer höher schwappte, bis sie mich mit Haut und Haar überspült hatte. Ich war eine Fee. Fee Anna-Lena Möller, Mozartstrasse 17, Klasse 4b.»
Es ist der (Liebes-)Brief eines Klas­sen­kameraden, der diese Verwandlung in An­na-Lena auslöst. Geschrieben kurz be­vor Moritz in den Flieger nach Brasilien steigt, wo er nun mit seinen Eltern lebt. «Schreib mir nicht wieder. Versuch auch nicht, mei­ne Adresse rauszukriegen. Ich muss jetzt Portugiesisch lernen und in Brasilien ist bestimmt alles ganz anders.»
So schön und märchenhaft Anna-Lena sich ihr «Leben als Fee» vorgestellt hat, so schief läuft von diesem Moment an eigentlich alles. Ihre Eltern trennen sich, der Va­ter zieht aus, die Mutter beginnt wieder als Lehrerin zu arbeiten. Und mit Anna-Lena redet niemand richtig. Als ihre Mut­ter sich neu verliebt – und ihr Vater gleich mit – lügen die beiden sie sogar an. Denkt Anna-Lena zumindest. Denn eigen­tlich ist alles ganz anders. Aber das erfährt sie erst ganz zum Schluss – nach­dem sie vor lauter aufgestauter Wut die Geburtstagsparty der besten Freundin ruiniert hat.
Herbert Günthers Kinderbuch wirkt über weite Strecken bemüht und vorhersehbar, die Dialoge muten steif und konstruiert an. Dennoch wird sich so manches Kind, das sich in einer ähnlichen Situation wie Anna-Lena befindet, in vielen Szenen wie­derfinden, sich mit ihren Empfin­dun­gen, ihrer Ohnmacht, Wut und Traurigkeit iden­tifizieren können. Und vielleicht auch die eine oder andere Frage beantwortet bekommen, die es den Erwachsenen nicht zu stellen wagt. «Liebe kann man nicht festhalten (…). Die Zeiten ändern sich. Men­schen ändern sich, machen Erfah­rungen, nicht nur schöne. Und wenn man nicht aufpasst…»
Andrea Duphorn
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 25

Regenwurmtage
Antje Damm
Verlag: Moritz, Publiziert: 2011, Seiten: 52, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-233-4
Schlagwörter: Freundschaft | Schule

Der Schulanfang ist für die meisten Kinder eine schöne, eine spannende und erwar­tungsfrohe Zeit. So auch für Ida, die nach ihrer Einschulung zum ersten Mal al­leine in die Schule geht. Das Klassenzimmer findet sie ganz selbständig, die Leh­rerin erkennt sie an den roten Haaren und an ihrem Geruch, nur an den Namen erinnert sie sich nicht. Aber das macht nichts, Frau Bender stellt sich zum Glück noch einmal vor.
Weniger froh ist Ida je­doch, als kurz darauf ein Junge neben sie gesetzt wird: «Dahin, wo viel besser ein anderes Mäd­chen hingepasst hätte und auf gar keinen Fall ein Junge. Auf gar kei­nen Fall!» Ihn findet sie erst richtig nett, als er sich we­nige Tage später als Einziger mit ihr freut, weil sie auf dem Weg zur Schule Regen­würmer rettet. Frau Bender hinge­gen freut sich nicht: Frau Bender schreibt Ida einen Eintrag ins Heft, weil sie zu spät zur Schule gekommen ist. Zum Glück inte­ressiert sich Idas Mama mehr für die Regen­würmer als für den Eintrag. Zusam­men finden sie heraus, dass der Regen­wurm zum «wirbellosen Tier des Jahres» er­nannt worden ist. Und so lernt Ida aus ihrer Rettungsaktion einiges – über Wür­mer und über Freundschaft. Und darüber, dass man auch mal zu spät in den Unterricht kommen darf, wenn man einen trif­tigen Grund hat.
Antje Damms erste Erzählung für Kin­der ist ein kleines Stück Autobiographie. Die Regenwürmerrettungsaktion hat es wirklich gegeben, den Eintrag auch. Den hat die studierte Architektin und renom­mierte Illustratorin auch prompt eingescannt und auf der letzten Buchseite abgedruckt. «Regenwurmtage» ist aber auch ein kleines Stück Trotz – und eine starke Botschaft an junge Menschen, für ihre Über­zeugung einzutreten und sich die Freu­de an der Schule weder von lachen­den MitschülerInnen noch von stren­gen Lehrpersonen verderben zu lassen.
Maren Bonacker
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 26

Wer ist hier der Chef?
Bart Moeyaert, Illustration: Katrien Matthys
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Hanser, Publiziert: 2011, Seiten: 60, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23789-5
Schlagwörter: Gefühle

«Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden», hat Rosa Luxemburg einmal geschrieben. In Bart Moeyaerts neuem Kin­derbuch würde die Protagonistin, eine Katze, den Satz wohl abwandeln in «Unfreiheit ist immer die Unfreiheit der an­deren». Von vorne: Katzen verschwin­den manchmal für Tage. Wenn sie zerzaust heimkommen, tragen sie das Geheimnis ihres Wegseins mit sich. Moeyaert erzählt die Geschichte eines Ausflugs in die Kat­zenfreiheit. Seine Katze ist kein an­geneh­mer Zeitgenosse: vorlaut und hochnäsig. Sie erinnert an die Grinse­katze in «Alice im Wunderland». Auf offenem Feld trifft sie einen Hund, der angebunden auf sei­nen Herrn wartet. Je­der Tag ohne Mei­ster erscheint ihm sinnlos. Das übersteigt das Verstän­dnis der Katze als freies We­sen. Nach welchen Ma­ximen leben die anderen Wald- und Wie­sen­bewohner wie Eule, Fuchs, Leuchtkäfer, Huhn und Hahn?

Die Antworten, die die Katze auf ihren Streifzügen erhält, sind unter keinen Hut zu bringen: keine konsistente Wahrneh­mung von Welt unter diesem Himmel. In 14 Kurzgeschichten erkundet Moeyaert Fra­gen von Gleichheit und An­derssein. Illustratorin Katrien Matthys spielt mit den Ge­gensätzen. Ihre sche­ren­schnittartigen Bil­der kehren die Ge­fühls­welten der Tiere nach aussen. Durch fluoreszierende Hintergrundfarbe wird das Betrachten des Bu­ches – wenn es zuvor lang genug dem Licht ausge­setzt war – zum nächtli­chen Spekta­kel. Grandi­os die aufklappbare Doppel­seite, in der Leuchtkäfer durch die Nacht tanzen. Die Katze kehrt am Ende zu ihrer Herrin, ei­nem Mädchen, zurück. Auch ihre absolute Freiheit kennt Grenzen.
«Wer ist hier der Chef?» ist ein Augenschmaus schon für kleinere Kinder und ein Buch zum Vorlesen und Philoso­phie­ren für alle anderen.

Christine Tresch
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 26

Der Mond zu Gast
Ando Mikie
Aus dem Japanischen von Ko­ya­ma Yoko und Peter Siebert
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2011, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 3-905804-34-4
Schlagwörter: Gefühle | Tiere

«Weil dieser Kaulquappenjunge in der Form eines Fragezeichens aus dem Ei sprang, wurde er Hä genannt.» Hä ist nur eins von hundert Geschwistern, aber er ist anders als die anderen, die stets so eng zusammen schwimmen, dass sie oft «sel­ber nicht wussten, welcher Kopf und welcher Schwanz der eigene war oder wer welchen Gedanken hatte». Stattdessen stellt er tau­send Fra­gen über Sinn und Unsinn von Na­men und das Wesen seiner Identität; nie will er werden wie sein Froschvater, im­mer ein autonomes Indi­vi­duum, König sei­­­­ner Welt bleiben. Aber auch ihn ereilt die Metamorphose.
Ein Rabe dagegen will sich mit einer Silberreihe­rin anfreun­den. Weil aus sei­nem Schna­bel nur Belei­di­gun­gen kom­men, sucht er im Flug nach neuen Worten – und kommt doch nicht aus sei­ner Haut (bzw. seinen Federn) he­raus. Die Silberreiherin mag ihn trotzdem.
Die Tiere in den sieben Kurzgeschichten der Japanerin Ando Mikie muten fremd an in ihrem Denken und Fühlen – sie unter­scheiden sich in ihrer rätselhaften «Tier­haf­tig­keit» vom vermenschlichten Perso­nal klassi­scher Fabeln. Zwar werden Bär und Rabe, Kaulquappe und Schlange von men­schli­chen Gefühls­re­gungen über­fal­len, gera­ten über ihre «Natur» ins Grü­beln und werden sich selber fremd: So weint der Tiger vor schlechtem Gewissen, weil er den Fuchs gefressen hat. Doch lie­gen Tränen und Speichel nahe beieinan­der…
Die reizvollen Figuren dieses Baobab-Ju­wels lassen sich schwer greifen und schon gar nicht auf eine Moral oder ihre Natur reduzieren. Stattdessen verfü­gen sie über eine ebenso schwe­bende wie hand­­feste Gegenwärtigkeit, die dazu verführt, die klei­nen Geschichten immer wie­der zu lesen, um den Klängen und Bedeu­tungsschichten der Worte nachzuspüren.
Manuela Kalbermatten
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 26

Ich bin hier bloss der Hund
Hanna Johansen, Illustration: Hildegard Müller
Verlag: Hanser, Publiziert: 2011, Seiten: 124, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23792-5
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Es gibt bekanntlich Katzenmenschen und Hundemenschen. Nach Hanna Johansen («Ich bin hier bloss die Katze») outet sich auch Jutta Richter in der gleichen Reihe des gleichen Verlags: In «Ich bin hier bloss der Hund» lässt sie den aus einem un­ga­rischen Hütehundgeschlecht stam­men­den Anton davon erzählen, wie es sich so in einer deutschen Kleinfamilie lebt.
Wie von einer derart sprachsicheren und mit leisen Tönen vertrauten Autorin nicht anders zu erwarten, liest sich dieses Hundeleben leicht, ja fast schwerelos. An­ton spricht so einige Themen an, welche die Verhaltensweisen der Men­schen in Fra­ge stellen: zum Beispiel unse­re Vorstellung, dass Hunde sich diesen völlig unterwerfen müssten.
Ausserdem ist Anton ein Hund mit Charakter und Vergangenheit. Er träumt von den Weiten der ungarischen Puszta samt Herden von Zackelschafen, und seine Lo­gik stimmt selten mit jener der Menschen überein. So ist ihm keineswegs klar, wa­rum er manchmal ausgeschimpft und ein anderes Mal gelobt wird; wo er doch im­mer einfach nur tut, was ein ungarischer Hütehund tun muss. Diese konsequent hündische Sichtweise generiert Komik der feinen Art – die sich auch in den Vignetten von Hildegard Müller wiederfindet.
In der kleinen Lili, die wie Anton «meist auf dem Boden» lebt, findet er eine Verbündete. Dieses Kind versteht ihn. Sie weiss, wie man ihn kraulen muss und «kann stampfen wie ein Stier und blöken wie ein Zackelschaf». So lohnt es sich für Anton durchaus, die Mühen auf sich zu nehmen, um mit dieser Familie halbwegs klarzukommen. Denn wie heisst es so schön am Ende jedes Kapitels: «Nicht dass ich mich beschweren will. Im grossen Ganzen habe ich es gut getroffen.»
Ein ideales Vorlesebuch, das für die kindliche und die erwachsene Perspektive lustvolle Ein- und Aussichten eröffnet.
Gerda Wurzenberger
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 27

Brombeeren für Mr Mister
Marianne Freidig, Illustration: Annika Leese
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2011, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-939435-34-1
Schlagwörter: Fantasie

In der Stadt, in der Noah und seine Mama wohnen, ist alles grau: die Häuser, die Kleidung der Leute, die Wiesen, sogar in der Schule geht es nur um Tiere wie Mäuse, Wale, Elefanten oder Esel. Wie willkom­men sind da die leckeren violetten Brombeeren, die Noahs Mutter in der Küche bereitgestellt hat! Doch plötzlich sind sie weg: Ein unsichtbares Ding, kühl und schwammig und glibberig, mit Saug­nä­pfen und einem unbändigen Hunger nach Brombeeren, hat sich ins Haus geschli­chen und die ganze Schüssel leergefuttert. Sogar Noahs Mutter, die das Wesen zwar sehen, aber nicht wie er auch hören kann, ist das nicht geheuer. Noah nennt das Brombeergeruch-verströmende Geschöpf kurzerhand Mr Mister – «weil ein Mis­ter die Manieren kennt». Und die er­wartet der Junge selbst von einem un­sicht­baren Schleim­saugnapfdings. Trotz mulmigem Gefühl lässt sich Noah von ihm in den nahen Wald locken. Dort werden Mr Mister und sein Kleines – Mis­ter­chen genannt – nämlich vom «Feind», dem Nichts, bedroht. Nur Noahs besondere Gabe kann den beiden noch helfen.
Für die neu lancierte Buchreihe «Dra­ma­tiker erzählen für Kinder» hat Marian­ne Freidig ein seltsam-liebenswertes Verwirrspiel der Sinne verfasst. Es ist ein mo­dernes Märchen, das erfreulicherweise da­rauf ver­zichtet, jede Wendung vollends aufzulösen und Mut zur erzählerischen Offenheit zeigt. Das wird durch die in Schwarz sowie Grau- und Blautönen gehaltenen Illustrationen von Annika Leese ideal ergänzt, indem etwa die drol­ligen unsichtbaren Fabelwesen als diffuses Gekrakel gezeigt werden. Kurz­wei­­lig, poe­tisch und bezaubernd illustriert, lädt das Büchlein zur Mehrfach­lektüre ein.
Petra Schrackmann
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 27

Nie ist ganz schön lang
Marjolijn Hof
Aus dem Niederländischen von Meike Blatnik
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2011, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5492-3

Die niederländische Autorin Marjolijn Hof versteht sich auf widerspenstige Mäd­chen­­seelen mit starken analytischen Fähigkeiten, was ihr soziales Umfeld angeht. Auch Meta, Ich-Erzählerin im Ro­man «Nie ist ganz schön lang», ist eins dieser Mädchen: «Meine Mutter passte nicht so gut zu jemand anderem. Auch wenn sie es noch so oft versuchte», hält sie fest.
Als wieder einmal ein neuer Freund namens Bjarni Einar Steinarsson am Tisch sitzt und dann schon bald über Nacht bleibt, ist Meta deshalb skeptisch. Auch vom gemeinsamen Urlaub in Island, wo Bjar­ni herkommt, verspricht sie sich nicht besonders viel. Doch dann gefallen ihr die leeren Landschaften, die schwarzen Glet­scher und schlafenden Vulkane. Und ihr ge­fallen die Geschichten, die isländischen Sagas, die Bjarni erzählt. Während sie Bjarni und Island tastend, zögernd zu mö­gen beginnt, wird die Luft zwischen den Erwachsenen immer dicker. Bald wird klar, dass Bjarni nicht der Richtige ist für Metas Mutter – sie möchte das Projekt Aben­teuerurlaub abbrechen.
Marjolijn Hof untersucht das Liebesle­ben einer Single-Mutter radikal aus der Perspektive der Tochter. Nicht, dass Meta unbedingt einen Mann im Haus bräuchte, sie kennt schliesslich nur ein Leben ohne Vater. Doch jetzt, in der Pubertät, wo Meta einen scharfen Blick für die Eigenheiten und Schwächen der Mutter entwickelt, tut es ihr gut, mit einem coolen und tiefsin­nigen Naturburschen wie Bjarni durch die Vulkanlandschaften zu wandern und Geschichten von wilden Männern zuzu­hö­ren, von Grettir zum Beispiel, dem stärk­­s­ten Mann Islands. Dank Bjarni und Grettir hat Meta am Ende gelernt, wie man eine Geschichte erzählt – und ein wenig auch, dass die Mutter ebenfalls ihre Ge­schich­­te hat; eine Geschichte, die sie selbst nicht versteht.
Christine Lötscher
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 28

Das schaurige Haus
Martina Wildner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2011, Seiten: 206, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79995-0
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Als Hendriks Familie in ein kleines Haus in den Allgäu umzieht, bekommt es der elf­jährige Ich-Erzähler nicht nur mit Mob­bing zu tun, sondern auch mit einer Reihe von unheimlichen Ereignis­sen. So wächst etwa das Interesse seines kleinen Bruders an jeglicher Art von Schnecken eklatant. Dies lässt ihn auch nachts nicht zur Ruhe kommen: Mit star­rem Gesichtsausdruck malt der fünfjährige Eddi riesige Nacktschnecken an die Wand. Die Mutter ist vom Verhalten ihres Jüngsten verängstigt und will sein Zim­mer renovieren. Doch un­ter der Blüm­chen­tapete kommt ein mit Blut ge­maltes Kreuz zum Vorschein. Hen­d­rik er­fährt, dass im Haus ein furchtbarer Doppelmord stattgefunden hat. Eine Mut­ter soll ihre beiden Söhne vergiftet haben, als diese in Hendrik und Eddis Alter waren. Liegt ein Fluch auf dem alten Haus? Und wenn ja – sind Hendrik und sein Bruder nun nicht in Gefahr?
Der Autorin Martina Wildner gelingt es, bereits in den ersten Sätzen eine unheim­liche Atmosphäre zu erzeu­gen, die selbst harmlose Ereignisse in ei­nem bedroh­li­chen Licht erscheinen lässt: die schrill klin­gende Glocke der kleinen Friedhofska­pelle zum Einzug, die zerborstenen Kin­der­­skulpturen, die wie eine düstere Voran­kündigung erscheinen, und die gleicher­massen kindlich-nai­ve und beängstigend wir­­kende Begeisterung des kleinen Eddi für Schnecken, die an Kurzgeschichten von Patricia Highsmith erinnert. Hinzu kommen die abweisenden DorfbewohnerInnen und die offene Feindschaft, der sich Hendrik ausgesetzt sieht. All das trägt dazu bei, dass die LeserInnen «Das schaurige Haus» von Anfang an kaum mehr aus der Hand legen mögen.
Ein meisterhaft geschrie­benes Kleinod unter den Schauergeschichten für LeserInnen ab zehn, bei dem auch Erwachsene noch eine Gänsehaut bekommen dürften.
Maren Bonacker
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 28

Die Mädchen aus der Villa Sorrento
Bodil Bredsdorff
Aus dem Dänischen von Patrick Zöller
Verlag: Urachhaus, Publiziert: 2011, Seiten: 111, ISBN/ISSN/EAN: 3-8251-7746-7
Schlagwörter: Tod/Trauer

Es gibt Verlusterfahrungen, die so eleme­n­tar sind, dass sich nur zwischen den Zei­len von ihnen erzählen lässt. Aber auch die kleinen, leichten Momente des Glücks verlangen in der Literatur nach Leerstellen, in denen erst ihre ganze Dimension aufzu­scheinen vermag. «Elinor drehte sich vor mir auf dem Teppich um sich selbst, das Kaleidoskop vor dem Auge», erinnert sich Bella. «Sie war vollständig darin versun­ken. Als eine Amsel einen Zweig der Blutbuche knickte, drang der Sonnenschein zu mir durch und strich mir über die Wange, und plötzlich fühlte ich mich fürchterlich glücklich.»
Mehr Worte benötigt die dänische Autorin Bodil Breds­dorff nicht, um vom Glück eines Mädchens zu erzählen, das die Mut­ter verloren hat, und in der neuen Frau des Vaters eine liebevolle Stiefmutter sowie eine enge Verbündete in deren Tochter Elinor findet. Es sind federleichte Worte mit Gewicht: wie die Körper der wun­der­baren Figuren, die tanzend in die Höhe steigen und schwer in die Tiefe stürzen. Auf dem Eis des Fjords dreht Elinor vor den Augen Bellas ihre Pirouetten. Und stürzt ins Was­ser. «Leid ist keine Wunde, die die Zeit heilen kann» – das erfährt Bella nun am eige­nen Leib und an ihrer Familie, die, kaum vereint, am Kum­mer zu zerbrechen droht. «Leid ist grösser, schwär­zer, schwe­rer… ein Strandstein aus dem dunkelsten Gra­nit, der im Meer langsam sinkt und den Grund nie erreicht.»
«Die Mädchen aus der Villa Sorrento» ist eine Geschichte über die Lücken, die Men­schen reissen, wenn sie sterben, fortgehen oder in sich selbst versinken: eine Geschichte, die diese Lücken nicht mit Wor­ten füllt, sondern dem Schweigen Raum lässt. In der Weite der Fjord­fej-Landschaft aber, in den hellen Räumen der Villa Sor­rento und im Tanz, den Bella wie­der aufnimmt, trotz allem, atmet das Le­ben wei­ter. Und das Glück.
Manuela Kalbermatten
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 28

Vango. Zwischen Himmel und Erde
Timothée de Fombelle
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel  und Sabrina Grebing
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2011, Seiten: 390, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5365-X
Schlagwörter: Reisen

«Wie viele Königreiche kennen uns nicht» ist auf das Taschentuch gestickt, das Van­gos einziger Hinweis auf seine Her­kunft ist. Als Kleinkind strandet er 1918 zusam­men mit seiner scheinbar amnesiegeplag­ten Amme auf einer sizilianischen Insel. Von seinem Vorbild Pater Zefiro im Alter von 13 Jahren dazu aufgefordert, Lebenserfahrung zu sammeln, verschlägt es den Protagonisten zuerst nach Deutschland. Als Teil der Besatzung des Luftschiffs Graf Zeppelin beginnt er verschiedene euro­päische Städte zu bereisen, wobei zunehmender Verfolgungswahn seinen Weg begleitet – der sich mit fortschreitender Handlung allerdings als gerechtfertigt erweist.
Wie in historischen Romanen üblich, wird in Timothée de Fombelles Erzählung «Vango» Geschichte personalisiert. Aller­dings hält sich der Autor nicht vorwiegend an seine Hauptfigur, sondern spinnt in auktorialer Perspektive ein Netz aus einer Vielzahl von Akteuren quer durch Europa; bei mehreren handelt es sich um bekannte Persönlichkeiten, wie bei Luftschiffpio­nier Hu­go Eckener oder aber Stalin.
Mit Hilfe dieser Bandbreite werden verschiedene poli­tische Kräfte im Mittel­europa der 1930er-Jahre und die drohende Ge­fahr des Zweiten Weltkrieges eingefan­gen. Viele kulturgeschichtliche De­­tails fin­­den en passant Eingang in die Hand­lung und verleihen der historischen Sze­ne­rie zusätzliche Tiefe. Ein Verknü­pfen der Fä­den der bislang neun Handlungssträn­ge beginnt allerdings erst spät und scheint grossteils für den Folgeband vorgesehen zu sein. Es bleibt abzuwarten, ob in diesem zweiten Band das begonnene Puzzle schlüs­sig und befriedigend zusam­men­gefügt werden kann.
Sonja Loidl
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 29

Melvin, mein Hund und die russischen Gurken
Marlene Röder
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2011, Seiten: 126, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-40067-X
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Identität/Individualität | Gefühle

Ein Rollstuhlfahrer in der Halfpipe, ein teurer toter Fisch im Meer, der Versuch, ein Klavier unauffällig loszu­werden… Oder: das dicke Mädchen auf dem Sprungbrett, die Erkenntnis, dass man geheimste Geheimnisse wirklich mit niemandem teilen darf, und die Zer­rissenheit, wenn man zwischen zwei Freundinnen wählen soll, die unter­schiedlicher nicht sein könnten und die man beide nicht verlieren will.
Die Situa­tionen, die Marlene Röder in den 18 Erzählungen ihres Bandes «Mel­vin, mein Hund und die russischen Gur­ken» beschreibt, faszinieren. Jede der Geschichten ist so gestaltet, dass man ei­nen Teil von sich darin entdecken kann, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so erscheint. Die kurzen Texte haben un­terschiedliche Ich-Erzählerstimmen. Dass es Überschnei­dungen gibt, fällt erst auf, wenn sich Namen wiederholen.
Der Grundtenor der Geschichten ist ähnlich: Es geht um junge Menschen, die an der Schwelle zum Erwachsensein ste­hen. Zwei von ihnen schaffen es nicht. Von ihrem viel zu frühen Tod berichten andere, zum Teil fast beiläufig, weil sie die Toten zu Lebzeiten kaum gekannt haben. Für die LeserInnen, die bereits Einblick in die Ge­dankenwelt dieser Figuren hatten, ist ihr Tod dadurch umso berührender.
Trotz gewisser Ähnlichkeiten ist jede Geschichte einzigartig, unterscheidet sich sogar stilistisch von den ande­ren; ganz so, wie 18 unterschiedliche Menschen auch sehr unterschiedlich erzählen wür­den. Das macht die Texte – Mo­ment­auf­nahmen voller Liebe, Zuversicht, Traurigkeit, Verzweiflung oder Angst – so authen­tisch. Man möchte sie immer wie­der lesen, um den verborgenen Verbin­dungen zwi­schen den ErzählerInnen auf die Spur zu kommen. Und um jedes Detail zu entde­cken, das dazu beiträgt, die einzel­nen Ge­schich­ten als grosses Ganzes zu erkennen.
Maren Bonacker
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 29

Der Schwur des Piraten
Matteo Mazzuca
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2011, Seiten: 274, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-36824-5
Schlagwörter: Abenteuer

Matteo Mazzucas Erstling beginnt, wie Stevensons «Schatzinsel», in einer schäbi­gen Spelunke. Diese wird aber gründlich zerstört, als üble Piraten das Dorf überfallen; nur der 14-jährige Dieb Spinn überlebt. Bei Kapitän Yellowbeard lernt er nun, die Gefahren des blutigen Piratenlebens zu meistern: Vom Krähen­nest über Marinesoldaten bis zu Monsterpiraten begeg­net er Herausforderungen, die un­zim­per­liche Kamp­f­esmühe erfordern. Dabei hofft Spinn, seinen verschollenen Bruder zu fin­den. Stattdessen entdeckt er, dass ein mysteriöser «Schwarzer» mit seiner Ar­mee untoter Piraten nebst der Weltherrschaft auch seinen Tod will. Nur gut, dass die «richtigen» Piraten noch ein paar Asse im Ärmel haben, etwa ein unterirdisches Tortuga samt Drache als High-Fantasy-gerechte Schlachtstätte.
Grosse Inspiration für «Der Schwur des Piraten» (von dem Mazzuca mit 16 Jah­ren einen ersten Entwurf schrieb) dürfte der erste «Pirates of the Caribbean»-Film ge­wesen sein. Ob Mazzuccas zombieartiges Pira­tenheer oder Justin Sompers «Vampi­raten»: Seit der populären Filmreihe schicken Jugendbücher Piraten mit unlau­te­ren Absichten gern als ins Irreale entho­bene Gruselgestalten zur See. Davon he­ben sich die «guten» Piraten umso stär­ker ab. Der Pirat als populäre Figur allerdings wird letztlich eher verwässert.
In den 58 Kapiteln des reizvoll düster gestalteten Buches – inklusive schwarz gefärb­tem Schnitt – wechselt der Fokus zwischen den Figuren. Die Geschichte wird vor allem Jungen in der «Monsterphase» gefallen, müssen die Helden doch mehrmals das «faulige Fleisch des Fein­des» durchboh­ren. Am Ende ist zwar die erste Schlacht, nicht aber der Krieg gewon­nen. Eine Fortsetzung, in der Jungpirat Spinn wohl die Chance bekommen wird, sein Schicksal, seinen Bru­der und seinen Gegner zu finden, ist deshalb zu erwarten.
Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 30

Die Worte der weissen Königin
Antonia Michaelis
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2011, Seiten: 268, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4291-3

Auch wenn der zehnjährige Lion auf vieles verzichten muss, lebt er glücklich mit sei­nem Vater. Erst als der Junge mithört, wie eine alte Dame – in Gedanken nennt er sie «weisse Königin» – Kindern vorliest, merkt er, was ihm gefehlt hat: Geschich­ten. Bald soll er noch mehr vermissen. Sein Vater wird arbeitslos und fängt an zu trin­ken. Immer gewalttätiger werden sei­ne Attacken gegen den Sohn, kaum etwas erin­nert an den liebevollen Vater von früher. An seine Stelle schleicht sich der «schwar­ze König», der Lion körperlich und seelisch verwundet: Er schlägt ihn mit Stricken und Flaschen und sperrt ihn im Kel­ler ein. Nur die Hoffnung, die Geschichten wie­der zu hören, gibt Lion Halt. Er erinnert sich an Wortfetzen, Ausschnit­te aus Tex­ten, die er sich immer wie­der vorsagt und wie einen schützen­den Man­tel um sich legt.
Als Lion nicht mehr wei­terweiss, macht er sich auf die Suche nach der weissen Kö­nigin. Begleitet wird er von seinem einzigen Freund, dem Seeadler, und einem merkwürdigen Mädchen aus dem Wald, das behauptet, seine Schwester zu sein. Den ganzen Sommer verbringen sie in der Natur. Als der Herbst kommt, sieht Lion ein, dass die Su­che nach der weissen Königin aussichtslos ist und er seinem Vater ein weiteres Mal begegnen muss.
Antonia Michaelis schildert den verzweifelten Kampf eines misshandelten Kin­des ums Überleben. In der Tradition der romantischen Fantastik stellt sie dem Ich-Erzähler ein fremdes Kind zur Seite, des­sen Existenz zwar für Lion selbst Rea­lität ist, von den LeserInnen aber als ima­ginäre Freundin erkannt wird. Oft zitiert Michaelis Textstellen von Astrid Lindgren, deren Worte in diesem Zusam­menhang Hoffnung ausdrücken. «Die Worte der weissen Königin», für mich bis­her Micha­elis’ kraftvollstes Buch, ist eine anrüh­ren­de, sehr feinfühlig geschrie­bene Geschich­te über Trauma­tisie­rung und Heilung. Und eine wunderbare Hom­mage an Astrid Lindgren.
Maren Bonacker
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 30

iBoy
Kevin Brooks
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzsch­hahn
Verlag: dtv, Publiziert: 2011, Seiten: 300, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-40831-6
Schlagwörter: Gewalt | Liebe | Medien | Zukunft

Der 16-jährige Tom Harvey ist auf dem Heimweg, als jemand aus dem 30. Stock seinen Namen ruft und ein Han­dy nach ihm wirft. Das herabstürzende iPhone zertrümmert seinen Schädel und schickt ihn für 17 Tage ins Koma. Von nun an ist es für Tom mit der Normalität vorbei: Er wird zu iBoy. Die in seinem Kopf verbliebenen Bruch­stücke des elektronischen Gerätes ver­leihen ihm über­men­sch­liche Kräfte und lassen die Wirklichkeit zur «aug­men­ted reality» werden. Toms iHirn kann sich ins Internet einloggen, Handys scannen und Videobotschaften verschicken. Seine elektrisch aufladbare iHaut hält Angriffe ab und lässt ihn Stromstösse austeilen. Mit den Fähigkeiten eines Cyborg nimmt Tom den Kampf gegen jene Gang-Kids auf, die seine Nachbarsfreundin Lucy am Tag des Unfalls vergewaltigt und ihren Bruder zusammengeschlagen haben.

Kevin Brooks serviert uns keine krude Superheldengeschichte mit techno­magi­schen Spezialeffekten. Vielmehr entführt er die LeserInnen wie in seinen früheren Romanen ins trostlose Milieu eines sensi­blen Ich-Erzählers. Tom findet zwar Halt und Geborgenheit bei der alleinerzie­henden Grossmutter, aber Gewalt, Drogen und rivalisierende Gangs machen ihm das Leben in der Wohnsiedlung eines Londo­ner Aussenbezirks zur Hölle. Um Lucy zu beschützen, legt sich iBoy schliesslich so­gar mit dem Erzschurken «Hell-Man» an; aber um ihr Herz zu gewinnen, muss er wieder Tom werden und das «Cyber-Sur­fing/iBoy-Zeug» vergessen. Neben Action und Thrill schlägt Brooks immer wieder leise Töne an, etwa wenn Tom Lucy mit einem Picknick auf dem Dach des Hochhauses überrascht oder die beiden sich auf MySpace als aGirl und iBoy schreiben.

Daniel Ammann
Buch&Maus 3/2011, S. 30

Niemand wird mich töten
Mbu Maloni
Aus dem Englischen von Lutz van Dijk
Verlag: Hammer, Publiziert: 2011, Seiten: 153, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0356-5
Schlagwörter: Gewalt

Der deutsch-niederländische Schriftstel­ler Lutz van Dijk hat sich bereits mit verschiedenen Afrika-Jugendro­ma­nen einen Namen gemacht: zuletzt mit dem Liebes- und Flüchtlingsdrama «Ro­meo und Jabu­lile» oder auch mit einem empfehlenswer­ten Sachbuch für Jugendliche über die Geschichte Afrikas.
Der Autorenname Mbu Maloni war hingegen bis jetzt noch nie auf der Titel­seite eines Ju­gendbuchs zu lesen. «Nie­mand wird mich töten» ist kein fiktiver Roman, son­dern zeich­net das Leben des heute 18-jährigen Maloni auf, der die Oberschule im Township Ma­siphumelele bei Kapstadt be­sucht. Seine Erinnerungen hat er – nach dem gewaltsamen Tod seines Freun­des – mit Unterstützung des Schriftstellers van Dijk niederge­schrie­ben.
Entstanden ist ein ergreifender Bericht. Sätze wie «Meine Kindheit endete kurz nach meinem fünften Geburtstag» oder «Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich nicht wusste, ob ich überhaupt weitermachen sollte», ge­ben zu verste­hen, dass Malonis Kindheit und Jugend in den Townships Südafrikas nicht unbeschwert, sondern von alltäglichem Hun­ger und grosser Armut bestimmt waren.
Das Buch ist ein Zeugnis, das erschüt­tert, aber auch Mut gibt, unter ande­rem deshalb, weil der jugendliche Autor den Wert der Schulbildung selber erkennt. Wie es in der Danksagung heisst, ist er aus eigener Initiative mit der Bitte an van Dijk he­ran­getre­ten, ihm beim Aufschreiben sei­­­ner Geschichte zu helfen.
Wie häufig in afrikanischen Jugendbü­chern stehen Hunger, Gewalt, Armut und fehlende Liebe im Zentrum. Das Authen­tische der Geschichte macht das Buch wertvoll und eigenständig und hebt es von Werken etwa von van Dijk selbst ab. Die Einnahmen aus dem Buchverkauf sollen übri­gens zur Finanzierung von Ausbil­dung und Studium des jungen Autors ein­gesetzt werden.
Roger Meyer
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 31

Das zweite Leben des Cassiel Roadnight
Jenny Valentine
Aus dem Englischen von Klaus Fritz
Verlag: dtv, Publiziert: 2011, Seiten: 238, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-24883-1
Schlagwörter: Identität/Individualität

So lange er sich zurückerinnern kann, hat Chap sich nichts sehnlicher gewünscht als eine Familie. Als sich dem auf der Strasse lebenden Jugendlichen aus dem Nichts die Chance bietet, eine neue Identität anzu­nehmen, zögert er nicht lange. Die Beam­ten, die ihn aufgegriffen haben, glauben in ihm einen Jugendlichen zu erkennen, der vor zwei Jahren spurlos verschwunden ist. Und so wird aus Chap Cassiel. Seiner neuen Identität inklusive sind Schwester, Mutter und grosser Bruder – und ein Hau­fen Schwierigkeiten «on top». So erfül­lend, wie Cassiel alias Chap sich seine Zukunft vorgestellt hat, ist das Leben in der Familie Roadnight dann nämlich doch nicht. Im Gegenteil: Am Ende muss Cassiel sogar um sein Leben fürchten.
Ein weiteres Mal gelingt es Jenny Valen­tine («Wer ist Violet Park?», «Kaputte Sup­pe», «Ameisenkolonie»), ihre LeserInnen vom ersten Satz an zu fesseln. Nur nach und nach gibt die englische Autorin etwas über das Leben ihres Protagonisten vor dem Rollentausch preis. Die Rede ist von einem Grossvater, bei dem Chap aufge­wachsen ist, einem «Unfall», der die bei­den voneinander getrennt hat und allerlei Ungereimtheiten mehr, die eher verwir­ren, als dass sie der Klärung der Geschehnisse und der Offenbarung von Chaps Iden­­tität zuträglich wären – was die Span­nung aber immer nur weiter steigert. Wie es dazu kommt, dass Chap auf der Strasse gelandet ist, bleibt jedenfalls lange ein Geheim­nis. Und auch sonst hält Valentine für die LeserInnen so manche Überraschung bereit.
«Das zweite Leben des Cassiel Road­night» ist ein packender Thriller zum The­ma Identität und Selbstfindung, an dessen Ende ein dramatischer Show-Down steht. Spannender und authentischer zugleich kann man Familiengeschichte(n) wohl nicht verpacken.
Andrea Duphorn
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 31

Im Land der verlorenen Erinnerung
Carl Norac, Illustration: Stéphane Poulin
Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2011, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-941787-49-7
Schlagwörter: Krieg | Fantastik/Fantasy

Ein bandagierter Kopf mit braunen Tieraugen, der unscharfe Blick auf ein lichtüberflutetes Krankenhausbett – erst im Aus­schnitt, dann in der Totalen. Schon die ersten Seiten dieses meisterhaft gezei­ch­neten Comics entwickeln einen magi­schen Sog, in dessen Zentrum ein Ich-Erzähler ohne Gedächtnis steht: Mehr als vage Erinnerungen an einen Anschlag mit Explosion und Toten können auch die Hunde-Polizisten nicht in ihm wecken. So wird er entlassen, mit nichts als einem schwarzen Loch im Kopf. Atemlos begleiten die LeserInnen den Protagonisten auf seiner Odyssee durch eine albtraum­hafte Grossstadt, die in ihrer sepiafar­benen Patina an das Berlin des Naziregi­mes ebenso erinnert wie an die Zeit des Mauerbaus: Auf den düsteren Strassen herrscht Krieg zwischen Hunden und Kat­zen, es gibt Grenzposten und Hecken­schützen, und an jeder Ecke dominieren Elend, Angst und Gewalt. Doch dann – in all dem Grau – ein Einhorn, das den verzwei­felten Erzähler sanft berührt. Sollte ausgerechnet der Mann ohne Gedächtnis und Identität ein Retter sein?
In kongenialer Verzahnung von Text und Bild entwickelt sich hier eine eindringliche Parabel um Terror, Hoffnung und Widerstand, deren Puzzleteile so sym­bolträchtig wie zeitlos bleiben. Dabei setzt der frankokanadische Künstler Sté­phane Poulin die von Carl Norac aufgeschriebene Geschichte in atmos­phä­risch dichte Illustrationen um: Seitenlang reihen sich einzelne Panels des Comics wie Filmstills wortlos aneinander, dann wieder flankieren Panoramabilder den weissen Text auf schwarzem Grund. Fünf Jahre lang hat Poulin an seinem Werk gearbeitet. He­raus­gekommen ist fantas­ti­sches, bil­der­mächtiges Kopfkino.
Marion Klötzer
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 31

Kiwi, Kürbis, Kokosnuss
Virginie Aladjidi, Illustration: Emmanuelle Tchoukriel
Aus dem Französischen von Cornelia Panzacchi
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2011, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5364-1
Schlagwörter: Essen

100x Obst und Gemüse

Das Papier leicht vergilbt, die Illustra­tio­nen im Stil alter botanischer Schulwandbilder und die Seiten als «Tafeln» be­zeich­net – aus der Flut hochglanzbebildeter Kindersachbücher sticht diese auf alt ge­machte Neuerscheinung sofort heraus.
«Kiwi, Kürbis, Kokosnuss» ist eine besondere Sammlung von einheimischen und exoti­schen essbaren Pflanzen: Sie sind weder nach alphabetischen noch nach botanischen Krite­rien zusammengestellt, sondern nach Far­ben geordnet.
In hellem Orange präsentiert Emma­nu­elle Tchoukriel detailge­treu eine Ho­nig­melone im Querschnitt und eine Ka­rotte, die vom Kaninchen beschnuppert wird. Von Seite zu Seite wer­den die Zei­ch­nun­gen dunkler: eine tieforange Süsskartof­fel, dann, knallrot, die Paprika. Der Farb­ton wechselt über Purpur (Passionsfrucht), Vio­lett (Aubergine) und Blau (Hei­delbeere) bis hin zu Gelb, Weiss, und Beige. Die Tafeln enden in Braun – mit den Pilzen: «Sie zä­h­len weder zum Tierreich noch zum Pflan­zenreich, sondern bilden ein eigenes Pilz­reich.» Textblöcke neben den Illustra­tio­nen vermitteln kurzweilige his­­to­rische oder botanische Besonderheiten und Hin­wei­se darauf, wie die Pflanze angebaut und zubereitet wird und wie sie schmeckt.
Man stösst sich nicht daran, dass so un­terschiedliche Gewächse wie die Kir­sche und die Chili nebeneinander stehen. Was sie verbindet, ist die Farbe. Mit einem herkömmlichen Nach­schlagewerk haben es die BetrachterInnen deshalb nicht zu tun, auch wenn im Anhang ein alphabe­tisches Register aufgeführt ist. Das Buch lebt von der Farbpalette, die man sich beim Blättern zu Gemüte führt, und vom naturnahen Zeichenstil: Fast fühlt es sich an, als würde man in die appetitlichen Früchte und das knackige Gemüse hineinbeissen. Dass ein sinnlicher roter Faden durch ein Sachbuch führt, ist eine gelungene Idee.
Katrin Fehr
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 32

Was siehst du, wenn du aus dem Fenster schaust?
Beatrix Schnippenkoetter, Illustration: Antje Damm
Verlag: Campus, Publiziert: 2011, Seiten: 246, ISBN/ISSN/EAN: 3-593-39236-4
Schlagwörter: Kulturen

«In wen würdest du dich gerne für einen Tag verwandeln?» Die Kinder, die Beatrix Schnippen­koetter fragte, hatten sofort ih­re Antwort parat: Als Elfe wollten sie die Welt verän­dern, das Leben als Del­fin ge­nies­sen oder sich, wie die 13-jährige Devi­na, gar in eine Ter­ror­istin verwan­deln, um zu verste­hen, «wie sie denken und warum sie Krieg füh­ren».
So originell und abwechs­lungs­reich, wie die Kinder zwischen 7 und 13 Jahren auf die Fragen der Politologin und Künstlerin Beatrice Schnippenkoetter antwor­ten, liest sich die daraus ent­stan­dene Fra­ge­bogen-Sam­mlung. Speziell ist die bunte Mischung. Während fünf Jahren befragte Schnippenkoetter 99 Kin­der, die zwar alle in Berlin, aber in unterschie­dlichen sozia­len Kontexten le­ben, aus verschiedenen Kul­turen stam­men und zu Hause oft meh­rere Spra­chen sprechen. Doch haben sie ähnli­che Wün­sche, wenn es um ihre Fami­lie geht: Sie suchen Geborgenheit, Liebe und Aner­ken­nung. Fragen wie: «Was macht dich glü­ck­lich?», «Wovor fürchtest du dich?» oder «Wenn du Gott eine Frage stel­len könn­test, wel­che wäre das?» wer­den auf erfrischende Weise beantwortet. «Die Kinder ha­ben ein Gespür für grosse philo­so­phi­sche Fragen und immer eine Mei­nung, die sie ungefiltert sagen», stellt Schnip­­­penkoetter im Rückblick fest.
Stich­­­­worte aus den Antworten hat sie aufgegriffen und dazu hervorragende In­fo­texte geschrieben. Kind­ge­recht formu­liert kommen so nicht nur Themen wie Ta­schen­­­geld, Heimweh und Mobbing zur Spra­­­­­che, sondern auch Ter­ror­­ismus, Wirklichkeit, Sterben, Fan­tasie und Freundschaft. Wer will, kann im Selbst­test als Erwachsene/r den Frage­bo­gen ausprobieren und die Reise in die eigene Kind­heit antre­ten. Der Ap­pell am En­­de lau­tet, das Leben zu nut­zen – auch, wenn es kein Pippi-Langstrumpf-Leben nach dem Mot­to «Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt» ist.
Claudia Kursawe
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 32

Von Schatzinseln und weissen Walen
Peter Braun
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2011, Seiten: 200, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5426-5
Schlagwörter: Abenteuer

Eine kleine literarische Weltreise

«Ein Griff, ein Buch, und das Abenteuer beginnt» – im Vorwort zur «kleinen lite­rari­schen Weltreise» scheut Peter Braun keine Gemeinplätze. Vom romantisch-enthu­sias­tischen Appell – «Lesen heisst das Zauberwort» – über die Metapher des Le­sens als Reise bis zum Stevenson-Zitat («dann sei’s, fangt an!») zieht er alle griffi­gen Register, um zur Lektüre von Klassi­kern der Weltliteratur zu verführen. Ganz schön viel Pathos auf vier Seiten. Und doch: Ein Jammer wär’s, liessen sich die LeserInnen davon abschrecken. «Dieses Buch ist ein Reiseführer», heisst es: «Das Reisen selbst ersetzt er nicht.» Tatsächlich aber lesen sich die Texte zu Defoe und Melville, Orwell, Conrad und Mary Shelley oft ebenso abenteuerlich wie «Robinson Crusoe», «Moby Dick» oder «Die Schatzinsel». Und nicht selten kurzweiliger.
Braun setzt auf ein einfaches Muster: Den Inhalt jedes Klassiker interpretiert er knapp und präzis und streut ihn an geeigneter Stelle ein in die als grosse Abenteuer inszenierten Schriftstellerbio­gra­fien. Er schildert Defoes Vita als «abenteuerliches Leben in Stichworten», ortet Hemingways Motto als «gefährlich leben, um über das Leben zu schreiben» und attestiert Conrad, dass sein Schreiben se­hend mache, «weil er selbst gesehen hat. Auch das Grauen». Das klingt zuwei­len emphatisch, doch waren die Portraitierten nicht allein Dichter, son­dern auch Seemänner, Erfinder, Grosswildjäger, Goldschürfer, Spione, Pfarrer, Stier­käm­pfer oder Kriegs­berichterstatter.
Geschickt erläutert Braun, was eine Sa­tire ist; er kommentiert Praktiken des Literaturbetriebs («Gekürzt? Bloss nicht! Fin­ger weg von diesen Büchern!») und entwirft knappe historische Skizzen. Vor al­lem aber erzählt er Geschichten, die von der existentiellen Notwendigkeit erzäh­len, sich immer wieder neu zu erfin­den. Nicht nur in der Literatur.
Manuela Kalbermatten
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 32

Der Panamakanal
Robert Steudtner
Verlag: headroom sound production, Publiziert: 2011, ISBN/ISSN/EAN: 3-942175-10-X
Schlagwörter: Politik | Technik

Ader zwischen Atlantik und Pazifik

Beinahe fünf Jahrhunderte hat es ge­dau­ert von der Entdeckung der mittelamerikanischen Meerenge zwischen Pazi­fik und Atlantik über die Idee von Kaiser Karl V., diese Ozeane mit einer Wasserstrasse zu verbin­den, bis zur Fertigstel­lung des Panamakanals. Das Hör­fea­tu­re zeichnet die lange, leidvolle, von Idea­li­sten, Machtpolitikern, Tech­nikern und Vi­sio­nären geprägte Geschich­te nach. Es tut dies detail­reich, mit den not­wendigen Sei­tenblicken auf euro­päische und nordamerikanische Macht­­zen­tren, die wirtschaft­liche und geo­politische Interessen über diesen Bau gesichert ha­ben wollten.
Einer der Protagonisten des Projekts war der Erbauer des Suezkanals, Ferdi­nand de Lesseps. Er scheiterte mit seinen Bauplänen in Panama – wie zahlreiche an­dere vor und nach ihm – und bugsierte mit dem Ruin seiner Kanalgesellschaft den fran­zösischen Staat in eine Wirtschaftskrise. Erst die Einsicht des amerika­ni­schen Ingenieurs John Stevens, dass der Kanal nicht ohne Schleusen gebaut wer­den kann, brachte das Projekt 1904 auf die richtige Bahn. Im Frühjahr 1914 durchfuhr endlich das erste Schiff die 81,6 km lange Wasserstrasse. Fast 30000 Menschen, mehr­­heitlich Schwarze, hatten für das Pres­­tigeprojekt ihr Leben lassen müssen.
«Der Panamakanal» zeichnet sich, wie alle Produktionen in der Reihe «Rätsel der Erde», durch stimmungsvolle Atmosphäre und sorgfältige Insze­nierung aus. Die mu­si­kalischen Untermalungen geraten zum Teil etwas üppig, aber die beiden einnehmenden Erzählerstimmen und die authentisch wirkenden sze­nischen Einsprengsel wirken dem Pa­thos entge­gen.
Schade bloss, dass die Ka­nal­geschichte nicht bis in die Gegenwart weitererzählt wird. An brisanten The­men rund um die aktuellen Ausbaupläne würde es jeden­falls nicht fehlen.
Christine Tresch
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 33

Vor meinen Augen
Alice Kuipers
Aus dem Englischen von Angelika Eisold Viebig
Verlag: Fischer FJB, Publiziert: 2011, Seiten: 223, ISBN/ISSN/EAN: 3-8414-2121-0
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Religion | Extremismus/Terrorismus

Alice Kuipers konzentriert sich in ihrem neuen Roman ganz auf den Schmerz eines Mädchens, das seine Schwes­ter bei einem Terroranschlag verloren hat.

Als am 7. Juli 2005 vier Bomben in der Londoner U-Bahn explodierten, waren die Schwestern Emily und Sophie in einem der betroffenen Züge unterwegs. Sophie überlebte, Emily starb vor ihren Augen. Der Roman, in dem Kuipers von Sophies Trauer und ihrer langsamen Rückkehr ins Leben erzählt, setzt ein halbes Jahr später ein. Sophie will nur eins: vergessen. Doch immerhin schreibt sie in ihr Notizbuch.
Kuipers’ Roman ist keine Auseinandersetzung mit den Fol­gen der Anschläge in London – und ist es doch. Sie überlässt der Ich-Erzählerin das Wort, und so erfahren wir erst allmählich, was passiert ist. Sophie und ihre Mutter sind allein mit ihrem Schmerz; ihre Verlorenheit spürt man beim Lesen wie einen dunklen Sog hinter den Buch­staben. Das soziale Umfeld ist überfordert; manche fühlen sich von den so völlig mit sich selbst beschäftigten Menschen zurückgewiesen und ziehen sich zurück. Trauer ist ein komplizierter Prozess, und letztlich immer ein einsamer.
«Vor meinen Augen» ist ein subtiles Psychogramm einer Jugendlichen in der Krise, aber nicht nur. Sophie, langsam aufwachend aus ihrer Betäubung, nimmt die Zeit des Erwach­senwerdens mit äusserster Intensität wahr: Liebe, Freundschaft, unübersichtliche Gefühle – und dass trotz allem immer wieder etwas Neues kommt. Der Terroranschlag rückt in den Hintergrund – und gerade darin artikuliert sich die politische Botschaft des Romans. Schuldzuweisungen, Hass gegen Muslime, all das, was die Parteien für ihre Propa­ganda nutzen, hilft den Angehörigen der Opfer nicht. Im Gegenteil. Ein einziges Mal erfahren wir explizit, dass Sophie als Angehörige eines Opfers nicht instrumentalisiert werden will im so genannten «Krieg gegen den Terror». Eines Tages kommt sie an einer Demonstration gegen den Irakkrieg vorbei und notiert: «Manche sagen, der Krieg mache Dinge besser. Für wen? Nicht für mich. All diese Leute, die getötet werden, und wofür? Für die Religion? (…) Menschen sind wütend, Menschen sind verwirrt oder haben vielleicht auch Angst, aber doch nicht wegen der Religion.» Schmerz und Trauma, so Alice Kuipers’ Standpunkt, müs­sen nicht zu Hass, Rachegefühlen und Gewalt führen. Gerade weil Sophie weiss, was es heisst, einen gelieb­ten Men­schen zu verlieren, wird sie zur Pazifistin.
Christine Lötscher
Buch&Maus 3/2011, S. 18

Der Nine Eleven Junge
Catherine Bruton
Aus dem Englischen von Dietmar Schmidt
Verlag: Baumhaus, Publiziert: 2011, Seiten: 395, ISBN/ISSN/EAN: 3-8339-0032-6
Schlagwörter: Rassismus | Extremismus/Terrorismus

«Die Leute mögen Muslime nicht besonders», sagt Priti. «Und ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass dein Nine-Eleven da besonders hilfreich war.» Ben ist verblüfft: Noch nie hat jemand so mit ihm über 9/11 gesprochen. Darf man das überhaupt? Catherine Brutons Roman «Der Nine Eleven Jun­ge» zeigt: Man darf. Und soll.

Der 12-jährige Ben hat seinen Vater vor zehn Jahren bei den Anschlägen auf das World Trade Center verloren – und nun kommt diese Priti daher und wagt es, daran zu zweifeln. «Ich meine, du siehst nicht gerade aus wie jemand, dessen Vater von Terroristen umgebracht wur­de, oder?», sagt sie und be­zeichnet Bens Geschichte auch noch als «dein Hirngespinst von den Twin Towers». Auch später scheut die Elfjährige keine Diskussionen über Terrorismus, Islam und Rassismus. Das ist neu für Ben: Obwohl alle erwarten, dass er um einen Vater trau­ert, an den er sich nicht erinnert, will niemand über Ursa­chen, Hin­ter­gründe und Folgen des Attentats reden. Ebenso irritiert ist Ben aber vom offenen Rassis­mus Onkel Ians und von den diffusen Ängsten seines Opas vor den «Orientalen» in seinem Quartier.
Ben, der wegen der psychischen Krankheit seiner Mutter den Sommer bei seinen Grosseltern am Stadtrand verbringt, ist froh, als er das Nachbarsmädchen Priti Muhammed trifft. Diese wird als postmoder­ne, multikultu­relle Pippi Langstrumpf eingeführt, wenn «die Tür des Ori­entalenhauses (das hat auch Opa gesagt) sich öff­net und das merk­würdigste Mädchen herauskommt, das ich je gesehen habe». Priti ist wie Pip­pi ein «fremdes Kind», das den ernsthaften Ben aus seinem in­neren Gefängnis befreit. Als pakistanische Muslimin, die einen Hin­du-Namen trägt und in England aufwächst, macht sie sich «die Welt, wie es ihr gefällt» – und pickt sich aus jeder Kultur heraus, was ihr zusagt. Sie mag schrille Mode, auch wenn es sich ihrer Mutter zufolge dabei um «ein feministisches Problem» handelt, und führt das psy­cho­analytische Vokabular ihrer Mutter spa­zie­ren. Bens Man­ga­-Zeichnerei hält sie für «Flucht aus deiner sor­gen­beladenen Existenz», und um seinen «uneingestan­de­nen Schmerz» zum Sprechen zu bringen, bastelt sie mit ihm eine Gedenkschach­tel für seinen Vater. Ben findet so einen heilsamen Zugang zum «Phantom» seiner Kindheit –und zum Schmerz seiner Angehörigen.
Die Islam-Phobie von Bens Cou­sin Jed fasziniert und inspiriert Priti. Eifrig bestätigt sie Jeds krude Vorurteile, prahlt mit dem Ehrenmord, der ihrer Schwester drohe: «‘Shakeel kommt dir viel­leicht wie der nette gros­se Bruder vor, aber er steht voll auf Tra­di­tion und das ganze Zeug. Wenn mei­ne Schwester Schan­de über die Familie bringt, dann…’ Sie fährt sich mit der Hand in einer Schneide­bewe­gung über die Kehle.» Als Jed Shakeel wegen seiner Radio­bas­telei als Selbst­mord­attentäter verdäch­tigt, gründen Ben, Priti und Jed eine Anti-Terror­abwehr­einheit – und lösen eine «Rassen­un­ruhe» aus, die den fragi­len Frieden im Quartier erschüttert.
Die englische Lehrerin und Journalistin Catherine Bruton legt mit «Der Nine Eleven Junge» einen All-Age-Ro­man vor, der nicht vom 11. September handelt, sondern so sensibel wie hu­morvoll zeigt, wie sich gesellschaftliche Weltbilder und ein west­licher Islamismus-Diskurs in Gesprä­chen und Spielen von Kindern spiegeln – ob sie wie Ben einen Verlust erlitten haben, wie Pritis Familie Islamfeindlichkeit erleben oder wie Jed lernen, das «Fremde» zu verach­ten. Priti, Ben und Jed reden, wie die Gros­sen, ständig über Dinge, von denen sie wenig verste­hen: Terror­ismus, Geschlechterrollen, Sex. Nie­mals didaktisch, verklärend oder verurteilend werden Rassis­mus, Fundamentalismus und Frau­en­feind­lich­keit als Auswüchse derselben Mecha­nis­men gezeigt: Vorurteile und Angst vor allem, was die eigene Identi­tät schein­bar bedroht. Priti, Ben und Jed aber sind lernfähig – vorausgesetzt, dass sich ihre Bezugspersonen nicht vor gewissen Themen drücken. So kriti­siert Priti gewohnt altklug die Scheu der Lehrer vor «ethnisch heiklen» Themen: «Ich persönlich finde, das ist eine Schande, weil eine fundierte Diskussion eine wertvol­le Grund­lage in der Ausbildung darstellt, aber was soll man machen?»
Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 3/2011, S. 19

Gugus? Dada! 
Claudia de Weck
Verlag: Aracari, Publiziert: 2011, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 3-905945-20-7
Schlagwörter: Spiel | Tiere

Der von der Wiederkehr des Immerglei­chen geprägte Pappbilderbuchmarkt bekommt mit Claudia de Wecks erstem Buch für Kleinkinder einen sehenswerten Zuwachs. Die Illustratorin nimmt das von Knirpsen meist mit sehr viel Ausdauer gespielte Versteck- und Auffind-Spiel «Gu­gus? Dada!» (anderswo als «Guck-Guck-Spiel» bekannt – so auch die hochdeutsche Ausgabe) zum Anlass für ein interaktiv angelegtes Buch.
Die graue Katze auf dem knal­lig grünen Cover linst fröhlich hinter ihren Pfoten hervor, auf der Cover-Innen­seite fordert sie die Betrachter dann zum Mitspielen, hier also auch zum Spre­chen auf. Mühelos lässt man sich darauf ein: Von nun an se­hen wir auf der rechten Seite immer ein originell verstecktes Tier, begleitet von der Frage «Gugus?» Nach dem Blättern strahlt uns auf dem gleichen, satt­farbigen Hintergrund das eben noch fast vollständig verborgene Tier mit einem strahlenden «Dada!» in voller Grösse entgegen.
Wir lernen so beim Raten spielend verschiedene Tiere anhand einer witzigen Ver­bindung zum Kleinkinderalltag ken­nen: einen Elefanten in der Babywanne, einen bauklotzspielenden Igel oder einen Eisbären im Kühlschrank. An zwei Stellen gelingt es der Illustratorin, das betrach­tende Kind noch pointierter einzu­be­zie­hen. Zuerst verblüfft ein gemalter Spiegel (anstelle eines weiteren Tieres), der dann beim Umblättern durch einen Spiegel mit Folie ersetzt wird, in dem sich das Kind beim Betrachten selbst entdeckt. Hier zeigt sich deutlich, wie die im Pappseg­ment so inflationär verwendeten Spielelemente durchaus sinnvoll eingesetzt wer­den können. Den Abschluss macht ein die Doppel­sei­te füllender Stubenwagen: Da­rin schläft ein kleines Kind selig zwischen all den vorher im Buch entdeckten (Stoff)­Tieren. Damit gelingt de Weck der Sprung auf die Meta-Ebene der Geschichte dieses vielseitigen, eigenwilligen und keineswegs nur fürs Einschlaf­ritual geeigneten Büchleins.
Barbara Jakob
Buch & Maus 4/2011, S. 23

Die grosse Rallye
Jochen Stuhrmann
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2011, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-905871-28-9
Schlagwörter: Tiere

Zehn Fahrzeuge stehen startbereit, bevor die grosse Tierrallye rund um die Welt beginnt. Der Radioreporter Karlo Kandinsky hält alle auf dem Laufenden, und er hat tatsächlich Erstaunliches zu berichten: Ein Teilnehmer nach dem anderen muss das spannende Rennen abbrechen. Die bei­den Nashörner Nepomuk und Nero Neu­meyer landen mit ihrem Jeep mitten in einem Hafenbecken, das Walross Wal­de­mar Wullenwelle bleibt im Schlamm stecken und die Cousinen von Sir Henry Hanover verlieren ihre Hüte. Ohne die kann der Hund – als echter Gentleman – keinesfalls weiterfahren.
Schon einmal hat Jochen Stuhrmann ein Bilderbuch bei Bajazzo veröffentlicht. Das war kurz nach seinem Diplom. Mitt­ler­weile sind fast zehn Jahre vergangen. Im September hat der Illustrator für «Ni­ko­demus und das Mäusewunder» auf der Biennale der Illustration in Bratislava die BIB-Plakette erhalten. Kein Wunder: Seine Arbeiten haben eine ungemeine Anzie­hungskraft. Das liegt zum einen an der dreidimensionalen Wirkung, die etwa durch das Aufeinanderschachteln von deckenden und transparenten Farbflä­chen erreicht wird, zum anderen an der perfekten Darstellung bis ins kleinste Detail und der gekonnten Stilisierung der Tierfiguren.
Diesmal ist Jochen Stuhrmann auch für den Text verantwortlich. Er hat den leicht atemlosen, mündlichen Erzählduktus des Radioreporters gewählt. Den zu imitieren macht beim Vorlesen besonders Spass, und an den Illustrationen kann man sich sowieso nicht satt sehen. Ein bravouröses Bilderbuch – nicht nur für Jungs.
Antje Ehmann
Buch & Maus 4/2011, S. 23

Alle Kinder
Martin Schmitz-Kuhl , Illustration: Anke Kuhl
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2011, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-941411-42-X
Schlagwörter: Humor/Komik | Sprachspiel

Ein ABC der Schadenfreude

«Alle Kinder laufen ins Haus. Ausser Fritz – den trifft der Blitz», – so reimt es sich knochentrocken unter dem Buchstaben F in diesem «ABC der Schadenfreude», während sich auf der Seite gegenüber ein wahres Horrorszenario abspielt: Da steht ein kleiner Junge mit weit aufgerissenen Augen wie schockgefrostet in schwarzer Nacht, und um ihn herum züngelt der weisszackige Blitz. Wie gemein! Noch so ein netter Zweizeiler gefällig? Sozusagen ein Klassiker? Voilà: «Alle Kinder fahren mit dem Bus. Ausser Gunther – der liegt drunter.»

Was Illustratorin Anke Kuhl zu den Versen gezeichnet hat, trifft kongenial deren Ton aus Albernheit und Schrecken, scheinen ihre kugeläugigen Figuren doch vor allem verblüfft von so viel Schicksalswucht. Und genau an der wird sich hier auch abgearbeitet. Denn wer kennt sie nicht, diese oberfiesen Verse, an deren En­de einer der Angeschmierte ist? Die sich in immer neuen Variationen wie ein Lauf­feuer über die Schulhöfe verbreiten und je boshafter umso begeisterter bekichert wer­­den – und das seit Generationen. Da sol­len sich moralisch angesäuerte Er­wach­­­­sene doch erst einmal an die eigene Kindernase fassen… Insoweit war dieses Buch längst überfällig, zerrt es doch lust­voll ein Stück subversive Kinderkultur ans Licht und versammelt dazu 26 – teils bekannte, teils ganz neue – Unglücksfälle. Dabei geht es hier nicht nur um die allzeit verbotene Schadenfreude, sondern um die Gefährlichkeit des Lebens überhaupt. Und die Angst davor bannt man am besten mit rotzfrechem, tabu­losem Spott. Das ist Stand-up-Comedy per Bilderbuch für kecke Gören!

Marion Klötzer
Buch & Maus 4/2011, S. 23

Jonah & Piet …
Martina Bürger
Verlag: Aracari, Publiziert: 2011, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 3-905945-26-6

wir sind ganz anders

Wie schwierig es sein kann, aus einem guten Thema und gekonnten Illustra­tio­nen ein wirklich überzeugendes Bilderbuch zu machen, zeigt der Erstling der jun­gen Illustratorin Martina Bürger, «Jonah & Piet». Die beiden Hauptfiguren haben ein Problem, das uns allen bestens vertraut ist: In einer Familie, einer Peer-Group oder einer Schulklasse bekommt jeder und jede über kurz oder lang seinen festen Platz, seine Rolle – und damit das Bild, das man sich selber von sich macht. Jonah ist ein Klotz, ein Trampeltier. Was er anfasst, geht kaputt. Und Piet ist klein, dünn und pie­p­sig. Ein Windstoss kann ihn umbla­sen. Jedenfalls denken das Jonas und Piet von sich selber, während sie im Schwimmbad nebeneinander in je ei­ner Umklei­de­kabi­ne sitzen und sich nicht hinaustrau­en. Einer sieht vom anderen nur die Füsse.
Die beiden kommen ins Gespräch, erzählen sich von ihren Ängsten – so muss man jedenfalls annehmen, denn der Text verfällt an dieser Stelle in einen etwas hol­prigen Erzählton, welcher der Unmit­tel­bar­keit des Dialogs widerspricht. Auch die Erzählebene der – zu einem guten Teil aus­drucks­starken – Illustrationen ist unein­hei­tlich und wenig durchdacht. Da sitzen die beiden schon zu Beginn nebenei­nan­der, ohne Trennwand: dunkles Rie­sen­tram­­peltier und hel­le piepsige Maus. Die­ses ungleiche Grös­sen­ver­häl­t­nis, das die Grundlage der ei­gen­tli­chen Pointe bildet (denn natürlich sind sie am Ende ungefähr gleich gross und gleich dick bzw. dünn), geht beim Weiterblättern mehr und mehr verloren. Das liegt auch an der Mi­schung aus grosszü­gigen, vollflä­chi­gen Dop­pel­seiten, die tat­sächlich Er­zähl­­cha­ra­kter besitzen (wie et­wa jene, in der sich der kleine Piet in den Weiten des Schwimm­beckens wie in einem Ozean verliert), und einer Reihe fast willkürlich ne­ben­ei­nander gestellter ein­sei­tiger Bil­der, de­ren wildes Eigenleben be­liebig bleibt.
Gerda Wurzenberger
Buch & Maus 4/2011, S. 24

Luftabong und Popapier
Charlotte Habersack, Illustration: Jutta Bauer
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2011, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 3-941411-40-3
Schlagwörter: Sprachspiel

Ein wunderwitziger Kinder-Wort-Schatz

Man hört sie dauernd, diese wunderbaren Wortkombinationen, die entstehen, wenn Kinder das Sprechen lernen und dabei unverhofft zu Wort-ErfinderInnen werden. Ihre Kreationen verblüffen, geben Rätsel auf und machen vor allem unendlich viel Spass. «Popapier» gehört noch zu den einfacheren Modellen, das Klopapier ist fast offensichtlich; «Fotopirat» und «Lufta­bong» sind vielleicht schon etwas kniffliger, und «Kotzprobe» oder «Fussfinger» gar ziemlich rätselhaft. Doch damit nicht genug: der ganze Spass entsteht durch das Zusammenspiel mit den Bildern von Jutta Bauer. Die Illustratorin lässt sich von den Wortkreationen leiten, nimmt die Kreatio­nen der Kinder ernst und damit wört­lich. So entstehen Doppelseiten, die quer durch die Generationen vom Schmun­­zeln bis zum schallenden Gelächter alles auszu­lösen vermögen. Da haben wir beispielsweise links den genannten «Fotopirat» und rechts einen einbeinigen Fotoapparat mit schwarzer Augenbinde. Sehr hübsch ist auch der «Umschubsengel», der auf dem Bild gar nicht unschuldig einen Mann zu Fall bringt. «Frau Sör» mutiert dafür im Bild zu einer wirklich fantastisch fri­sier­ten Dame. Die «Gehirnverschüttung» hingegen lässt im Bild noch viel Freiraum für eigene Überlegungen.
Bei diesem Buch können wirklich alle mitmachen; die Jüngeren steuern viel­leicht unfreiwillig etwas bei, den Älteren werden sofort die Kreationen ihrer eige­nen Kinder und Enkelkinder wieder prä­sent. Das Büchlein ist so einfach wie genial: Eigentlich erstaunlich, dass noch niemand auf diese Idee gekommen ist. Und toll, dass am Ende nicht nur eine Seite für eigene Sprachstolpereien zur Verfü­gung steht, sondern auch eine Liste mit den Ursprungswörtern, die sich spätes­tens beim «Kolibri» tatsächlich als äus­serst hilfreich erweist.
Barbara Jakob
Buch & Maus 4/2011, S. 24

Ichmagnicht
Marjaleena Lembcke, Illustration: Julia Neuhaus
Verlag: Hinstorff, Publiziert: 2011, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-356-01416-1

… oder wie der Mann Envälitä auf die Katze kam

Ein Gesicht wie ein Klotz, Vollbart und blutunterlaufene Augen; etwas abstos­send, fast grotesk und erstarrt in Ableh­nung. Envälitä, dessen finnischer Na­me auf Deutsch «Ich mag nicht» bedeutet, ist ein Menschenfeind. Allein sitzt er im pein­lich ordentlichen Büro, umringt von Wer­ken wie «Kritik der reinen Vernunft» oder «Vom Irrsinn». In dieser Gesellschaft tippt er wütend an einem Buch, in dem er erzählt, warum er nichts und niemanden leiden kann. Als sich eine junge Katze in sein Haus schleicht und nach Nähe sucht, wirft er sie hinaus, immer und immer wie­der. Bis sie wegbleibt und Envälitä erkennt, dass das Tier sich längst eingeschrie­ben hat in sein Leben, während ihm nun die Worte fehlen für sein misanthropi­sches Werk. In seiner kettenrauchenden Trauer wird er menschlich und sucht, widerwillig, den Kontakt zu den Menschen im Dorf.
Marjaleena Lembckes Bilderbücher fo­kus­sie­ren oft auf Aussenseiter, die sich am Ende anfreunden mit der Gesellschaft, von der sie sich zurückgezogen haben. Abseits zu stehen macht auf Dauer unzu­frieden, versperrt den Blick auf Indi­viduen und Widerspenstigkeiten, die sich auch im Strom der ver­meintlich Ange­passten fin­den, wenn man ge­nau hin­schaut. Das tut Envälitä dank der Katze, die mit Rucksack und Wanderstab hineinreist in sein Leben und ihn zwingt, Fenster, Tür und Augen zu öffnen. Dies setzt Julia Neuhaus in ihren eigenwilligen Collagen um – mit viel Gespür für das, was Menschen und Tiere einzigartig, was Dinge erlebbar macht. Um sich aus seiner düs­teren In­nenwelt zu lö­sen, muss En­välitä kein An­gepasster wer­­den oder sein einsames Häu­schen aufgeben – gele­gen­tliche Spa­ziergänge in den Dorfladen tun es auch, und eine scheue Lie­be zu Dingen, Men­schen und Tieren, die auf der Zunge zergehen, im Gespräch lä­cheln oder sich übers Fell streichen las­sen.
Manuela Kalbermatten
Buch & Maus 4/2011, S. 24

Schneewittchen
Jakob Grimm, Wilhelm Grimm, Illustration: Benjamin Lacombe
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2011, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-941787-39-X
Schlagwörter: Märchen/Fabel

«Schneewittchen» ist vermutlich das be­kann­teste Märchen der Brüder Grimm – und sicher eines der belieb­testen, geht man von der Anzahl der Illustra­tionen aus, die dazu existie­ren. Kaum ein Illustrator aber fängt in so faszi­nie­render Wei­se die düstere Seite des Texts ein wie Benjamin Lacombe. Der Franzose, der auch die Erzählun­gen von Ed­gar Allan Poe meis­terhaft in Szene gesetzt hat, verharmlost das düs­tere Ge­sche­hen um Eifer­sucht und Mordlust nicht, son­dern unterstreicht es mit zum Teil albtraum­haften Bildern: Die böse Königin ist von Schlangen umzün­gelt wie Medusa, ihr gelb­grüner Neid ma­ni­­festiert sich im Kleid eines eitlen Pfaus – die grossformatigen Ge­mälde in einer Mischtechnik aus Öl, Kreide und Gouache hinterlassen tiefen Eindruck. Die Zeich­nun­gen nicht minder: Drohend ragt der Schat­ten des Jägers über dem verängstig­ten Schnee­wittchen auf, achtlos fegt die­ses später die war­nenden Worte der Zwerge aus dem Haus.

Illustration und Schriftsatz gehen Hand in Hand. Da Lacombe viel in war­men Grau­grüntönen arbeitet, sticht das kräftige Rot von Schneewittchens Lippen und das des vergifteten Apfels umso stärker heraus. Rot leuchten aber auch die Augen der Gei­er, die auf einer Doppelseite gross im Vor­der­grund verharren und inte­ressiert beobachten, was die Zwerge mit dem toten Mädchen anfangen. La­combe fügt den Sze­nen so immer wieder seine eigenen Bil­der bei und genehmigt sich dabei auch ei­nen ironischen Blick auf die Disney-Vari­­ante, wenn er die harm­losen Tiere des Waldes, die um Schneewittchen trau­ern, mit deu­tlichen Attri­bu­ten des niedli­chen Kindchensche­mas ausstaffiert.

Die­ses «Schnee­wittchen» ist ein gran­dioses Kunst­werk voll finsterer Bildmagie, das einen noch lange verfolgt.

Maren Bonacker
Buch & Maus 4/2011, S. 25

Von dem Fischer und seiner Frau
Philipp Otto Runge  
Verlag: Hinstorff, Publiziert: 2011, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-356-01418-8
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Es ist ein klassisches Märchen aus dem Norden, plattdeutsch aufgeschrieben von Philipp Otto Runge, nacherzählt von Uwe Johnson: Auf den ersten Blick aber sind es die Bilder der Hamburger Illustratorin Ka­tja Gehrmann und ihre wilden Farbmelan­gen, die «Von dem Fischer und seiner Frau» wieder zu etwas Be­­sonderem ma­chen. Das Meer ist darin violett und dun­kelblau und grau und schlam­mig oder mil­chig grün und gelb und aufge­wühlt. Man kennt die Meeresbilder aus Gehrmanns Büchern wie «Gans der Bär» oder «Die Geschichte vom Lastkran, der eine Schiffssirene sein wollte», und taucht bereitwillig in sie ein. Sie wirken nicht bloss optisch, sie ha­ben auch akustische Quali­täten: Man hört das Möwen­geschrei über dem Kopf des Fischers, wenn er an der Küs­te den Plattfisch für einen Wunsch zu sich ruft. Man hört, wie im Sturm die Wel­len, hoch wie Kirchtürme, sich am Ufer bre­chen, wie der Fischer schreiend sein eige­nes Wort nicht mehr versteht. Und wenn Fischer und Frau im Bett liegen und sich eine gelb­weis­se Federde­cke sanft über die hal­be Dop­pel­seite legt, hat man das Nachrauschen des Meeres im Ohr.
Auf den zweiten Blick entdeckt man auch den sprachlichen Schatz, der in die­sem Märchen liegt: Ohne päda­gogi­sches Brimborium vermittelt es humanistische Werte und die Erfahrung der Sprach­­mäch­tigkeit, die ein Kind stark machen für die Begegnung mit einer aufregenden Welt. «Willst du nicht König sein, so will ich Kö­nig sein. Geh zum Plattfisch, ich will König sein», singt in John­sons Refrain des Fischers gierige Frau. Solch ein Rhythmus macht lebendig! Und im Ungestrählten die­ser Sätze nimmt man auch die Verwandtschaft zwi­schen den Autoren und der Illustratorin wahr.
Karin Schneuwly
Buch & Maus 4/2011, S. 25

Ein Schwein gibt Gas
Christian Oster, Illustration: Dorothée de Monfreid
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Verlag: Moritz, Publiziert: 2011, Seiten: 53, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-240-7
Schlagwörter: Märchen/Fabel

«Es war einmal ein junges Schwein, das liebte die Geschwindigkeit.» Ein ganz und gar unverfänglicher erster Satz, denkt man sich, und Dorothée de Monfreids vorbeiflitzendes Bild des glücklichen Grunze­viechs unterstützt diesen Gedankengang. Als die Spritztour dann an ein jähes Ende kommt – Panne – und das Schwein trotz Nacht und Nebel einen freundlichen Tankwart findet, der es zu Fuss (das Pannen­fahrzeug hat eine Panne) zum kaputten Cabrio begleitet, ist man immer noch wild entschlossen, sich über eine verrückte Geschichte zu amüsieren.

Erst als sich he­raus­stellt, dass der Tankwart zwar durch­aus dabei ist, aber im Bauch des verkleideten Wolfes, der seine Gier an­ge­­sichts des leckeren Schweine­specks kaum mehr unterdrücken kann, leuchten die Signale auf: Das Buch beginnt doch mit «es war einmal», fällt einem ein. Und wenn man noch einmal von vorne zu lesen beginnt, wimmelt es nur so von Anspielungen auf Märchen.

Was Christian Oster da macht, so ganz en passant, rasant und in einfachsten Sät­zen, die für schon etwas routinierte LeseanfängerInnen gut zu bewältigen sind, ist eine Kunst. Er zeigt mit dem kleinen Buch, wie Literatur aus Texten entsteht und wie sie sich von den Vorbildern lösen und sie gleichzeitig miterzählen kann.

Christine Lötscher
Buch & Maus 4/2011, S. 26

Der Aufstand der Kinder
Susanne Fischer
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2011, Seiten: 302, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85424-5
Schlagwörter: Abenteuer

Wenn auch die einzelnen Handlungsfä­den der Bücher meiner Kindheit vergessen sind: Geblieben sind die Farben, in denen diese Geschichten für mich gemalt waren. Kurt Helds Roman «Die rote Zora und ihre Bande» ist ein Kunstwerk aus Rot, Grün und Blau: Rot wie die Haare des starken Mädchens, das eine Ban­de heimatloser Kin­der im Fischerstädtchen Senj anführt; Grün wie die Wälder, in denen die Bande sich heimisch fühlt, und Blau wie das Meer in der Fischerbucht des alten Gorian, bei dem die Kinder ein Zuhause finden.
Susanne Fischers erster Kinderroman «Der Aufstand der Kinder» saugt die Far­ben aus bekannten Büchern und mischt sie zu einer kräftigen neuen Palette. Als der zehnjährigen Lila unter mysteriösen Umständen die Mutter abhanden kommt und sie bei der kuriosen Tante Bella auf dem Land strandet, atmet die Geschichte das düstere Grau und, im Kontrast dazu, die grellen Farben von Neil Gaimans Gru­selroman «Coraline». Bis hin zum roten Kater, mit dem Lila auf seltsame Art kommunizieren kann, scheint sich Fischer erfrischend kreativ aus Gaimans bildstar­kem Fundus zu bedienen.
Später trifft Lila weitere Kinder, de­ren Eltern verschwunden sind, und schliesst sich einer Bande um die charismatische, rothaarige Cobra an, die am Stadtrand, im benachteiligten «Feuerland», ein halb kri­minelles Dasein fristet. Wenn aber Feuerland noch funkelt, verblassen die Farben alsbald: Leuchten tut dieser Roman, solange Fischer fröhlich Vertrautes mischt. Die zweite Hälfte, in der die Kinder einer Verschwörung auf die Spur kommen, entwickelt sich zu einer langatmigen und zusehends graueren Detek­tiv­story. Das Ende legt eine Fortsetzung nahe; hoffentlich gewinnt sie die zu Beginn überzeugend aufgetragenen Farben zurück.
Manuela Kalbermatten
Buch & Maus 4/2011, S. 26

Rico, Oskar und der Diebstahlstein
Andreas Steinhöfel, Illustration: Peter Schössow
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2011, Seiten: 327, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55572-9
Schlagwörter: Freundschaft | Krimi/Thriller

Band 1 der Freundschaftsge­schichte zwi­schen dem tiefbegabten Rico und dem hochbegabten Oskar begann damit, dass der kauzige Fitzke Ricos «Fundnudel» verschlang. Im dritten und letzten Band nun finden Rico und Oskar diesen Fitzke tot im Treppenhaus der Dieffe 93 liegen. Der Alte hat Rico seine Steine-Sammlung vererbt. Noch bevor Oskar sie aber an sich nehmen kann, verschwin­det daraus der vermeint­lich wertvollste Stein. Die Suche nach den Dieben führt Rico und Oskar bis an die Ostsee; sie bringt sie an den Rand ihrer Kräfte und stellt ihre Freundschaft auf die Probe. Zum Glück verbringen auch einige Mitbewohner der Jungs das Wochenende am Meer und unterstützen die zwei. Zurück in Berlin kommt es zum Showdown.
Nit «Rico, Oskar und der Diebstahlstein» erzählt Andreas Steinhöfel einmal mehr humorvoll, komisch und rasant von heiteren und ernsten Dingen: von Lie­be und Sehnsüch­ten der Kinder und Erwach­senen, von Freundschaftskrisen und Eifer­sucht. Komische Situa­tio­nen wie die Er­fah­rungen an einem FKK-Strand ste­hen neben nachdenklichen. So kann Os­kars Vater endlich eingestehen, dass ihn die Hochbegabung des Soh­nes überfor­dert. Der altkluge Schnell­den­ker und der sensi­ble Erzähler Rico ha­ben sich über die drei Bände entwickelt. Oskar ist offener gewor­den; Rico traut sich mehr zu, auch wenn die Bingokugeln in seinem Kopf oft zünftig rotieren. Und beide werden von Glückssuchern endgültig zu Glücksfindern.
Steinhöfel weiss, dass eine Erzählfigur wie Rico – naiv, überwach und voller Wortwitz – ihre Grenzen hat. Ein Fortschreiben von Ricos Geschichte in die Pubertät hi­nein würde nicht funktionieren. Darum ist hier Schluss. Wer noch nicht genug hat vom ungleichen Freundespaar, kann sich das Hörbuch anhö­ren, vom Autor phäno­menal stilsicher gelesen.
Christine Tresch
Buch & Maus 4/2011, S. 26

Geisterritter
Cornelia Funke
Verlag: Dressler, Publiziert: 2011, Seiten: 253, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-0479-7

Es spukt in der Kinder- und Jugendlite­ra­tur. Um das festzustellen, braucht man kein Geisterjägerdiplom. Aus allen Buchdeckeln quellen die Geister hervor und trei­­ben ihr Spiel mit arglosen Prota­go­nis­tInnen – und dem Fundus der Gruselliteratur. So macht es auch Cornelia Funke in ihrem neuen Kinderroman. Während sie sich in der Trilogie «Reckless» (Band 1, 2010) im­mer wieder etwas einfallen lässt, reiht sie in «Geis­territter» lauter Klischees zu einer Handlung anei­nander, die selbst so blass ist wie ein Schloss­gespenst: Ein Junge, Jon, wird ins Internat gesteckt, weil er gegen den angehenden Stiefvater oppo­niert. Die­­ses Internat befindet sich auf histori­schem Ter­rain in England, nämlich in Sa­lis­bury, wo der sagenumwobene Ritter Willi­am Longspee begraben liegt.
Jon hat bald grös­sere Sorgen als den Vollbart (so nennt er den Liebhaber der Mutter), denn er wird von einer Horde blutrünstiger Geister ge­jagt. Seine Recher­chen ergeben, dass es sich um einen alten Fluch handelt: Der finstere Lord Staunton wurde anno 1557 von ei­nem Vorfahren Jons gehängt – und Rache stirbt nie. Zum Glück gelingt es Jon, den Geist von Longspee aus dem Grab zu ho­len, der als Deus ex Machina jedes Problem für ihn löst. Für die LeserInnen ist diese Fü­gung weniger glücklich als vorhersehbar. Überhaupt macht Fun­ke wenig aus dem Stoff, den sie, wie sie im Nachwort verrät, vor Ort gesammelt hat: historische Fakten und die Geisterge­schichten, die sich darum ran­ken. Ritter und Spuk bleiben schau­rig-schöne Ku­­lissen für eine harm­lose Aben­teuer­ge­schichte. Dabei hät­te man so gerne mehr über die toten Ritter erfahren. Und darü­ber, was sie dazu treibt, immer wieder aus ihren Gräbern zu steigen und sich unter die Lebenden zu mischen – J.K. Rowling hat mit ihren herzergreifend melancholi­schen Geistern in Hogwarts vorgemacht, wie das gehen könnte.
Christine Lötscher
Buch & Maus 4/2011, S. 27

Wo kommen die Worte her?
Herausgeber:in: Hans-Joachim Gelberg
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2011, Seiten: 262, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79986-1

Neue Gedichte für Kinder und Erwachsene

Hans-Joachim Gelberg, ehemaliger Verle­ger von Beltz&Gelberg, ist heuer 80 gewor­den. Mit seiner neuen Lyrik­anthologie «Wo kommen die Worte her?» macht er sich und uns ein verspätetes Geburtstagsgeschenk: Er hat AutorIn­nen um Gedichte gebeten und diese mit klassischen Texten von Wilhelm Busch und Bertolt Brecht über Kurt Schwitters bis zu Josef Guggen­mos ergänzt. Sein Ehrgeiz: Keiner der hier abgedruckten Texte soll bereits in einer seiner bisherigen Anthologien stehen.

Natürlich finden sich in dieser Sammlung wiederum Texte all derer, die Gelberg entdeckt hat – Janosch, Peter Härt­ling, Christine Nöstlinger oder Mirjam Pressler. Er fördert aber auch kaum be­kannte Lyri­ker wie Heinz Brand oder Peter Jespen. Nicht fehlen darf die Schweiz-Connec­tion: Zu Gedichten von Franz Hoh­ler, Han­na Johansen, Hans Manz und Jürg Schu­biger gesellen sich Texte von Jürg Amann, Brigitte Schär, Kurt Marti und – Friedrich Dürrenmatt. Das ist mehr als ein «Who is who» der (Kinder-)Lyrik. Warum mit Jan Koneffke und Arne Rautenberg gleich zwei der innovativsten deutschs­prachigen Kin­derlyriker fehlen, bleibt aber ein Rätsel.

Gelbergs Stärke ist auch seine Schwä­­che: Er sammelt lieber, als dass er Akzente setzt und das wirkt – zusammen mit den ebenfalls sehr heterogenen Illustrationen von zahlreichen KünstlerInnen – zuwei­len beliebig. Bis auf wenige Ausnahmen merkt man der Auswahl auch nicht an, dass sie elf Jahre nach dem Wurf «Grosser Ozean» erschienen ist. Kin­derlyrik, könn­te man aus der Lektüre schliessen, ist ein träges Genre. Auf die Erfahrungswelt heu­tiger Kinder reagiert sie kaum. Dennoch findet man auch in diesem Band Char­man­tes und Scharf­züniges, Warmherzi­ges und Hintersinni­ges zu Hauf, wie die­sen Vierzeiler von Frantz Wittkamp: «Der Mann, der mit den Tieren spricht, / spricht heute mit der Kuh. / Die Kuh versteht ihn leider nicht. / Sie hört ihm aber zu.»

Christine Tresch
Buch&Maus 4/2011, S. 27

Sieben Minuten nach Mitternacht 
Patrick Ness 
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell
Verlag: CBJ, Publiziert: 2011, Seiten: 215, ISBN/ISSN/EAN: 3-442-31280-9
Schlagwörter: Tod/Trauer | Familie/Familienformen | Krankheit | Abschied

Seit Conors Mutter krank geworden ist, plagt ihn der immer gleiche Albtraum – da­mit verglichen ist das Monster, das um sieben Minuten nach Mitternacht an sein Bett tritt, harmlos, mag es noch so ur­gewal­tig, riesenhaft und be­droh­lich aussehen. Nacht für Nacht erzählt es Conor Geschichten, die der nicht hören will, weil sie sein Verständnis von Gerechtigkeit, von Gut und Böse in der Welt durchei­nan­der bringen. So empfin­det Conor seine Gross­mutter als Bedro­hung – in Wahr­heit aber ist es nicht das Leben mit ihr, das er fürchtet, sondern das ohne seine Mut­ter.

Wie für die LeserInnen schon auf den ersten Seiten klar wird, dass hier keine Geschichte mit glücklichem Ende erzählt wird, weiss auch Conor genau, dass die qual­vollen The­rapien der Mutter nicht wie verhofft verlaufen, und dass er eigentlich nur darauf wartet, bis alles vorbei ist. Sich das einzugestehen würde jedoch bedeu­ten, die Mutter aufzugeben, sie nicht wirklich ret­ten zu wollen. Das glaubt Conor jedenfalls und zerbricht fast am über­mäch­­tigen Gefühl der Schuld. Das kann ihm das Monster zwar nicht neh­men, da­für bewir­ken seine Besuche etwas ande­res: Sie vermögen zu heilen. Nicht die furchtbare Krank­heit, aber Conors Seele.

Patrick Ness hat ein von der an Krebs verstorbenen Autorin Siobhan Dowd in­spi­riertes, bewegendes psycho­logisches Mär­chen für Kinder, Jugendliche und Er­wach­sene geschrieben, in dem es um die Über­windung der Angst geht, ei­nen ge­lieb­­ten Menschen loszulassen. Er eröff­net damit We­ge, das Unbegreifbare zu ak­zeptieren und trägt dazu bei, einen Selbst­hei­lungs­prozess anzustossen. Ein zeit­loses, durch die Bilder von Jim Kay aus­­drucks­stark gestaltetes und poe­tisches Buch.

Maren Bonacker
Buch & Maus 4/2011, S. 28

Die Wonnen der Gewöhnlichkeit
Nick Burd
Aus dem Englischen von Wolfram Ströle
Verlag: dtv premium, Publiziert: 2011, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-24880-7

Der letzte Sommer in Cedarville, dann wird Dade der spiessigen Provinzstadt in Iowa den Rücken kehren und studieren. Der 18-Jährige kann es kaum erwarten, wegzukommen und am College ganz neu anzufangen. Denn er ist schwul; auch wenn das bis auf den Deckenventilator, die Seifenschale und ein blaues Trinkglas bis jetzt niemand weiss.
In der Schule hat Dade nur wenig Freun­de. «Ich war das fünfte Rad am Wa­gen, mit dem man nur sprach, wenn man die Algebrahausaufgaben abschrei­ben mus­ste oder einen Dollar für den Geträn­keauto­maten brauchte.» Von Zeit zu Zeit ruft Pablo ihn an, Held des Footballteams und offiziell mit einem Mädchen liiert. Sie verbringen ein paar intime Stunden miteinander, dann tut Pablo wieder, als kenne er Dade nicht. Auf einer Party trifft Dade schliesslich Alex – und verliebt sich auf den ersten Blick in den gutausse­henden Typen, der seinen nicht gerade üp­pigen Lohn als Küchen­helfer einer Imbiss-Bude mit dem Verkauf von Party-Drogen an Jugendliche der Upperclass aufbessert.
Es ist die Geschichte eines Coming-Out, die Nick Burd in «Die Wonnen der Ge­wöhn­lichkeit» erzählt – und mehr. Mit Hilfe einer Vielzahl faszinierender und feinfühlig gezeichneter Nebenfiguren ge­lingt es dem in den USA gefeierten Autor aus Brooklyn/New York, das Lebensgefühl einer ganzen Generation einzufangen.
An der Seite von Alex und Lucy, die – ein bisschen verrückt, lesbisch und damit sehr glücklich – den Sommer in Cedarville verbringt, weil ihre Eltern hoffen, die Toch­ter so wieder «zur Vernunft» zu kriegen, lernt Dade, offen zu seinem Schwul­sein zu stehen. Aus dem orien­tierungslosen, Sinn suchenden Jugendlichen wird ein junger, glücklicher(er) Mann, der seine Unsicher­heit ablegt und sich selbst findet. «Die Won­nen der Ge­wöhn­lichkeit» ist ein pa­ckendes Debüt, das Burds nächstes Buch mit Spannung erwarten lässt.
Andrea Duphorn
Buch & Maus 4/2011, S. 28

0.4
Mike Lancaster
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2011, Seiten: 271, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4120-8
Schlagwörter: Identität/Individualität | Technik

Eine perfekte neue Welt

Update anstatt Evolution: Während Kyle Straker an einem Hypnoseexperiment teil­nimmt, wird die menschliche Gehirn­software einem Update unterzogen. Von nun an entwickeln Menschen eine gän­z­lich andere Technologie, neue Verhal­tens­weisen, und sie können sich mittels Faserkabel untereinander (und auch mit Gegenständen) vernetzen.
Kyle und andere, die aus unter­schie­d­lichen Gründen während des Updates nicht «auf Empfang» waren, bleiben auf Stufe 0.4 stehen. Alle anderen Menschen weltweit sind nun 1.0er, bei denen alle 0.4er in Vergessenheit geraten, ja für sie sogar gänzlich unsichtbar werden. Die Fra­gen, wer die menschliche Software entwickelt bzw. updatet und auch welche Art von User die Speicherkapazität des Gehirns mitnutzt (weshalb Menschen nur begrenzt über ihre eigene geistige Kapa­zität verfügen können) werden zwar an­gerissen, bleiben aber in der Schwebe – und lassen Raum für eine Fortsetzung.
Der Text operiert auf zwei Ebenen. Da ist zum einen der Haupttext, bestehend aus dem Transkript von Tonbandkassetten, die der Protagonist in Ich-Form bespro­chen hat. Zum anderen finden sich An­merkungen des fiktiven Herausgebers: In ihnen werden Kyles Ausführungen aus der Warte eines 1.0er mit archäologischem Interesse kommentiert. Auf diesem Weg wird Alltagskultur humorvoll verfremdet, was innerhalb der wirkungsvoll inszenier­ten, paradoxen Vision gewaltloser Exis­tenz­auslöschung befreiend wirkt. Und genau diese Mischung aus Suspense und Comic relief macht «0.4 Eine perfekte neue Welt» zu einer aussergewöhnlichen und empfehlenswerten Erzählung.
Sonja Loidl
Buch & Maus 4/2011, S. 28

Prinsengracht 263
Sharon Dogar
Aus dem Englischen von Elisabeth Spang
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2011, Seiten: 365, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-20124-8

Die bewegende Geschichte des Jungen, der Anne Frank liebte

«Das Tagebuch der Anne Frank» hat Ge­nerationen bewegt. Nun erzählt die bri­ti­sche Autorin Sharon Dogar die Geschi­chte um zwei jüdische Familien und einen Zah­narzt, die sich von Juli 1942 bis August 1944 im Anbau eines Hinterhauses vor den Natio­nal­sozialisten ver­steckt halten, aus an­derer Perspektive: der des 15-jährigen Pe­ter van Pels (in Anne Franks Tage­buch heisst die Familie van Daan).
Die Geschichte beginnt im Mai 1945: Im Konzentrationslager Mauthausen ringt ein junger Mann mit dem Tod. Zwischen Wachen und Sterben lässt der gerade einmal 18-jährige Peter die jüngste Vergan­genheit Revue passieren: Zwei Jahre und einen Monat hat er mit seinen Eltern, Anne Frank und ihrer Familie auf engstem Raum gelebt. Dann wurden sie verraten und von der Gestapo abgeholt. «Prin­sen­gracht 263» erzählt also die sel­be Geschich­te wie Annes Tagebuch – und doch eine andere, denn die Anne aus Pe­ters Perspektive unter­schei­det sich vom Mädchen, das wir aus dem Tagebuch ken­nen. Für Peter ist sie zu Beginn spöt­tisch und überheblich. Als er sich in sie verliebt, erscheint sie einfühlsam und wissbegie­rig: «Wir verbringen all unsere freie Zeit auf dem Dachboden. Hal­ten einander im Arm. Reden und reden und reden. Ich wuss­te gar nicht, dass ich so viele Worte in mir habe. So viele Gedan­ken. Anne ist erstaunlich.»
Am meisten beeindruckt Dogars Buch jedoch in den kursiv gesetzten Passagen, die die Erzählung im Tagebuchstil unterbrechen. In ihnen schildert der sterbende Peter, was ihm und den übrigen Untergetauchten nach der Entdeckung wider­fah­ren ist, die menschenverachtenden Trans­porte, das tägliche Grauen in den Todeslagern selbst. «Alle, die dort waren sind tot – auch wenn sie noch herumlaufen…» «Prinsengracht 263» ist ein tief bewe­gen­des Buch gegen das Vergessen.
Andrea Duphorn
Buch & Maus 4/2011, S. 29

Das gefrorene Lachen
Susanne Gerdom
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2011, Seiten: 413, ISBN/ISSN/EAN: 3-8000-5636-4

Ausgerechnet am Tag der offiziellen Einsetzung des Thronfolgers bricht Unglück über das Königreich Almay herein. Bestürzt erfährt Philippa Saffronia, Tochter und Lehrling des Hofzauberers Laurentio, dass ihr bester Freund Prinz Augustin eine andere heiraten wird. Laurentio aber muss zunächst zum Zauberduell gegen den mys­­teriösen Magier Ostwind antreten, des­sen Dschinn das Schloss mitsamt sei­nen Bewohnern verschwinden lässt. So beginnt das harte Regime von Ostwind: Un­ter­haltung, Zauberwesen und Magie sind streng verboten. Wer nicht spurt, wird zum Tick-Tack gemacht – zu einer mechanischen Marionette des Tyrannen.
Szenenwechsel: Während sich Maestro Spinellis Fliegendes Theater auf den Weg zu einem seltenen Gastspiel in Almay begibt, beschleicht die junge Pippa zunehmend das Gefühl, dass Bühnenzauberer Lorenzo nicht ihr Vater ist. Besonders wenn sie die Glückskeks-Gedichte des stummen Kraftmenschen Zarter Blüten­zauber liest, glaubt sie sich an etwas Vergessenes erinnern zu können. «Es kratzt mich im Kopf. Es juckt in meinen Augen. Es kribbelt unter meiner Haut. Ich sehe es und sehe es doch nicht!»
Auf der Suche nach der Wahrheit ist die Leserschaft mit ihrem Wissen um die Ereignisse im Königreich Aray Pippa stets ein paar Schritte voraus; trotzdem vermag Susanne Gerdoms neuster, in poetisch-schnörkeliger Sprache verfass­ter Roman eine faszinierende Welt zu spin­nen. Geschickt jongliert die Autorin mit liebenswerten Figuren, märchen­haf­ten Wendun­gen und so mancher Shake­­s­peare-Anspie­lung. Überzeugender noch als die detailreich beschriebenen Kulissen ist aber die starke und sympathische Prota­gonistin, mit der man nur zu gerne bis zum Happy-End mitfiebert.
Petra Schrackmann
Buch & Maus 4/2011, S. 29

Outback
Phillip Gwynne
Aus dem australischen Englisch von Kai Kilian
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2011, Seiten: 205, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-7092-X

Wer je unterwegs war im Outback von Australien, der weiss um die eigenartige Wir­kung, die diese staubige Ödnis entfal­tet im Zerrinnen der Zeit und der Kilometer auf der Strasse. Überfordert von so viel Leere, so viel ungefülltem Himmel, produziert das Gehirn am Laufmeter Ge­dan­ken, Ide­en, Zweifel auch und Fragen. Bis es träger, lee­rer wird und den Reisen­den offener macht für alles, was ihm nach so viel Einsamkeit begegnen mag .
«Ich würde gern rausfinden, ob’s mir ge­lingt, meinen Enkel weniger wie ein Mitglied der jungen Liberalen und mehr wie einen Teenager aussehen zu lassen», sagt Poppy, Hippie-Grossvater des 16-jährigen Hugh: Kurzerhand nötigt er den altklugen Cellisten dazu, ihn von Sidney quer durchs Outback zu chauf­fie­ren, weil er vor seinem Tod noch den Ayers Rock se­hen will. Und die gewünsch­te Wir­kung lässt nicht auf sich war­ten: Was Elvis-Songs und Poppys Joints (gegen Arthritis!) nicht erreichen, erledigt das Land – das Bett im Freien etwa, das «Eine-Mil­lion-Sterne-Hotel». Oder die Men­schen auf der Strecke: Verfilzte Backpacker, Klein­­kriminelle und Trucker, gescheiterte Existen­zen im Nir­gend­wo, die für kurze Zeit ins Leben der beiden treten. Und die Gespräche der zwei so unter­schied­lichen Män­ner, die neben ein paar Genen vor allem eine un­heilbare Liebe für grosse, schnelle Au­tos teilen.
So wird aus Hugh ein Junge mit etwas weniger star­­ken Prinzi­pien, et­was offe­ne­ren Augen für die Nöte an­de­rer. Kit­schig ist das nie: Weil Philip Gwynne seine Hel­den viel zu unsentimen­tal auf die Nase fal­len lässt. Weil er sie ernst, aber nicht so wich­tig nimmt. Und weil er sie endlos ih­rer Passion für Autoren­nen frönen lässt. Der Mus­cle-Car, mit dem die zwei unter­wegs sind – ein 1969er Hol­den HT Monaro GTS 350 V8, um genau zu sein – ist ein würdiger Nachfolger des klapp­rigen Lada, mit dem die Jungs in Wolf­gang Herrn­­dorffs «Tschick» alle Herzen erobert haben. Ein würdiger Nachfolger – mit sehr viel mehr PS.
Manuela Kalbermatten
Buch & Maus 4/2011, S. 29

Ketzerschwestern
Arnulf Zitelmann
Verlag: Gabriel, Publiziert: 2011, Seiten: 335, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-30266-4
Schlagwörter: Historisches

Kathie und Ina, verwaiste Zwillings­schwes­tern, leben in einer Beginenge­mein­schaft bei Regensburg im 13. Jahr­hun­dert. Äusserlich zum Verwechseln ähn­­lich, sind ihre Persönlichkeiten sehr ver­­schieden. Die arglose Ich-Erzählerin Kathie liebt den Geruch von Gartenerde, die gebildete Ina kopiert derweil in der Schreib­stube ein deutschsprachiges Evangelium.
Das Unheil bricht in den ersten Zeilen herein. Eine Begine stirbt ohne letzte Bei­chte. Kurz darauf tauchen Domi­ni­kaner auf, die Ketzer suchen und die Bü­cher der verdächtig autonomen Frau­en­ge­mein­schaft konfiszieren. Doch am mei­sten Sorge bereitet Kathie, dass Ina heim­lich ein Büchlein mit ketzerischen Sprü­chen abschreibt und ein Kind er­wartet.
Zitelmanns «Ketzerschwestern» füh­ren in ein farbiges Mittelalter, in dem die religiöse Landschaft unerwartet viel­fältig ist. Es gibt nicht nur «die» Kirche, sondern Bettelorden, Mystikerinnen, Freigeister und gelübdefreie Gemeinschaften von Beginen, die mit Krankenpflege Busse tun. Der Scheiterhaufen – beliebteste Schreck­figur in Mittelalterromanen – droht ihnen allen. Das Motiv der Aufleh­nung gegen religiöse Dogmen ist kombi­niert mit der Beschreibung einer Schwes­tern­bezie­hung auf Prüfstand. Kathie ent­wi­ckelt sich vom naiven Mäd­chen zur ei­gen­­stän­digen Frau. Die un­deutlicher dar­­ge­stel­lte Ina steht für eine ebenso rück­sichtslose wie kritisch-rationale Hal­tung.
Ab und zu fehlt der Schwung, aber der Roman erzählt anschaulich von Arbeitsschritten im Gartenjahr, von Hand­schrif­ten auf Pergament und ge­fährlichen Glau­bensfragen in Zeiten der Inquisition. Im Nachwort greift der Autor die These auf, die Beginen seien die erste vormo­derne Frauenbewegung gewesen. Die euro­pä­ische Frauen­eman­zi­pation sei weltweit ein­malig, argu­men­tiert er und zi­tiert dazu Reiseberichte arabischer Män­ner aus der Frühen Neuzeit – eine kontroverse Bei­gabe zum sorgfältig recher­chierten Ro­man.
Silvia Hess
Buch & Maus 4/2011, S. 30

Das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tiddler
Marie-Aude Murail
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Verlag: Fischer, Publiziert: 2011, Seiten: 571, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85443-1
Schlagwörter: Historisches

Charity Tiddler wächst im ausgehenden 19. Jahrhundert in einer streng viktorianischen Familie auf. Sie ist ein einsames Kind, hat wenig Kontakt zu ihren – sich Vergnügungen hingebenden – Cousinen oder zu anderen Kindern. Die engste Be­ziehung entwickelt sie zu dem halb wahnsinnigen Kindermädchen Tabi­tha, das ihr grauenvolle Geschichten erzählt, Charity aber in ihrer extensiven Lie­be zu allerlei Getier tapfer zur Seite steht. So bevölkern bald Mäuse, Igel, Hasen und Würmer das Zimmer des knapp sechsjährigen Mäd­chens. Je älter (und erfahrener) Charity wird, desto mehr steigt auch die Lebenserwartung ihrer di­ver­sen Haus­tie­re, des­sen wohl berühm­testes der Hase Peter ist.
Mit der französischen Gouvernante Blanche erhält die Heranwachsende endlich eine Gefährtin, mit der sie sich ange­messen unterhalten kann und die sie in der Kunst des Aquarellierens unterweist. Die Liebe zu Tieren bleibt, und bringt Cha­rity immer wieder in kompromittierende Situationen – so kriecht sie gerade dann auf allen Vieren durchs Un­ter­holz, wenn der attraktive Ken­neth auftaucht …
Marie-Aude Murails Roman ist die hin­reissende, fiktive und humorvolle Auto­bio­graphie der englischen Illustratorin und Autorin Beatrix Potter – romantisch, ironisch, humorvoll und federleicht geschrieben, angesiedelt zwi­schen dem französischen Kinderbuchklassiker «Les malheurs de Sophie» der Comtesse de Ségur und den englischen Romanen von Jane Austen. Aus der Perspektive der Protagonistin erfahren die LeserInnen viel über den viktorianischen Zeitgeist; sie erhalten einen lebendigen Einblick in das Leben junger Mädchen zu einer Zeit, in der diesen so gut wie keine Freiheiten gewährt wurden. Und sie erleben am Beispiel von Charity, wie eine junge Frau sich den strengen Konventionen nicht vollständig beugt und sich so erfolgreich emanzipiert.
Maren Bonacker
Buch & Maus 4/2011, S. 30

Die Wildnis in mir
Gina Mayer
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2011, Seiten: 330, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-20074-8
Schlagwörter: Liebe

Elefanten unter einer Schirmakazie, die unendliche Weite der Steppe im Licht der untergehenden Sonne, im Vordergrund ei­ne sitzende junge Frau: Kein Zweifel, der Umschlag dieses Buches soll den Leser­Innen den Weg ins geheimnisvolle Afrika weisen. Das romantische Cover aber ist ir­reführend und passt nicht zum Inhalt – auch wenn der Text in anderer Hinsicht voller Stereotypen steckt.
Erzählt wird von Jette, die 1900 mit ihrer Mutter das heimische Wuppertal verlässt, um nach Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) auszuwandern. Der Missionar, den die Mutter dort heiratet, ist alles andere als ein Menschenfreund, und nach dem Tod der Mutter flieht die junge Frau aus der Missionsstation. Dass sie sich auf der Flucht dem jungen Afrikaner Petrus anvertraut und sich in ihn verliebt, treibt die Story voran. Die Aufstände der Nama-Bevölkerung gegen die deutsche Schutzmacht werden hingegen zur blossen Rahmenhandlung degradiert.
Die schwarz-weisse «unmögliche» Lie­besbeziehung steht im Vordergrund und könnte Mädchen-Herzen höher schlagen lassen, wären da nicht einige Wermutstro­pfen: Petrus als einziger afrikanischer Protagonist, der wirklich zu Wort kommt, ist weder Sympa­thie­träger noch weist er kla­re Konturen auf. Die Nama, bei denen Jet­te sich für einige Zeit aufhält, werden auf längst überholte, aber immer noch gän­gige Ste­reotypen reduziert (sie sind «tan­zen­de, springende, stampfende vom Teu­fel besessene» «Hottentotten», so der frü­here, abwertende deutsche Terminus). So sind es vor allem die deutschen Chara­k­te­re, die Jette und die LeserInnen beglei­ten.
DieUmsetzung der guten Absicht, der heutigen Jugend ein Stück deutsche Kolonialgeschichte zu erklären, scheitert damit völlig. Ein Sachbuch mit Fakten (etwa zum Völkermord an den Hereros und Namas in Deutsch-Südwestafrika 1904/05) wäre wohl sinnvoller gewesen.
Roger Meyer
Buch & Maus 4/2011, S. 30

Mission Clockwork
Arthur Slade
Aus dem Englischen von Eva Plorin
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2011, Seiten: 342, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-20131-0

Die Wurzeln des literarischen Genres «Steampunk» gehen zurück auf Jules Ver­ne oder H.G. Wells – und während diese Klas­si­ker bis heute faszinieren, finden neue fu­tu­ristische Retro-Romane, die im vik­to­rianischen Zeitalter spielen, den Weg ins Jugendbuch-Regal.
Die auf vier Bände angelegte Steam­punk­-Reihe «Mission Clockwork» des ka­na­­dischen Autors Arthur Slade bietet mit «Gefahr für das britische Empire» einen action-geladenen Auftakt, der uns ins Lon­don von 1860 versetzt. Mo­do, ein missgestalteter, buckliger Wai­sen­junge, verfügt über eine wundersame Fä­hig­keit: Er kann sein Äusseres ändern und sich in jede beliebige Person verwandeln. Mr. So­cra­­tes, Mitglied der ewi­­­gen Allianz, bildet ihn zu einem Top­agen­ten der Queen aus – sein erster Auf­trag hat kein gerin­ge­res Ziel, als das vor ei­ner un­heimlichen Er­fin­dung des Dr. Hyde bedrohte British Em­pire zu retten. Auf die­ser Mission ins Zentrum Londons gewinnt Modo als Ge­fährtin die hübsche Agentin Miss Octa­via Milk­weed.
«Mission Clockwork» bietet kurzweili­ge, raffinierte Unterhaltung, die immer wie­­der an bekannte Vorlagen erinnert – zuerst natürlich an den legen­dären Agen­ten seiner Majestät, James Bond. Es finden sich aber auch Referenzen auf «The Ele­phant Man» von David Lynch, Spielbergs «Indiana Jones und der Tempel des Todes», H.G. Wells «The Time Machine» oder Victor Hugos «Glöckner von Notre-Dame». Und nicht zuletzt lässt der Angriff auf das Herz der britischen Metropole an 9/11 denken. Spannung ist garantiert, und wer sich da­rauf einlässt, wird das Buch erst aus den Händen legen, wenn klar ist, ob Modo und Miss Milkweed die Waisenkinder und das Parlamentsgebäude in London vor dem roboterähnlichen, rie­si­gen Monstrum des Dr. Hyde retten kön­nen. Auch die Fortsetzung lässt nicht lange auf sich warten: Der Folgeband auf deutsch ist für Februar 2012 angekündigt.
Roger Meyer
Buch & Maus 4/2011, S. 31

Der Brandstifter
Alois Prinz
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2011, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-81098-9
Schlagwörter: Historisches | Nationalsozialismus | Biografie

Die Lebensgeschichte des Joseph Goebbels

Eine der grausigsten Szenen im Film «Der Untergang» von Oliver Hirschbiegel (2004) ist die Vergiftung der schlafenden Goeb­bels-Kinder. Nachdem der «Führer» seine Zyankalikapsel bereits geschluckt hat, beschliessen Joseph und Magda Goebbels, ihre fünf Kinder mit in den Tod zu nehmen. Die Frage, ob es für sie nicht auch ein Leben nach dem «Dritten Reich» geben könnte, stellte sich den fanatischen Natio­nal­sozia­listen nicht einmal.

Mit dieser emo­tional und ethisch höchst aufge­ladenen Szene beginnt und endet die Goeb­bels-Biografie von Alois Prinz. Die Auseinandersetzung mit der Entwicklung von Hitlers Propagandachef, die sich in den Tage­bü­chern und in seiner NS-Kar­riere nachvollziehen lässt, kann die Frage nach dem Woher und Warum nicht erklären. «Gut und Böse waren nicht mehr so leicht unterscheidbar», schreibt der Bio­graf über die frühen 1930er-Jahre in Deutschland, «aber was genau hatte sich verändert? Was herrschte da für ein neuer Geist?» Eine mögliche Antwort findet er bei Peter Slo­terdijk und seiner «Kritik der zyni­schen Vernunft». Sloterdijk für Jugendli­che? Ge­nau, denn das ist es gerade, was Prinz so gut kann: Komplexe Sachverhalte verständ­lich erklären, ohne sie auf einfache Erklärungsmuster zu reduzieren.

Wie das System funktionierte, lässt sich aber sehr wohl erklären. «Hitler, das war al­les, woran Goebbels glaubte», resümiert er. Dessen Propaganda habe den «Führer» zu einem Übermenschen gemacht, über al­le Zweifel erhaben: ein Bild, das sich völlig von der Wirklichkeit löste und die Men­schen, nicht zuletzt auch Goebbels selbst, dazu brachte, diesem Ideal zu folgen. Men­schenrechte waren in diesem Sys­tem nur Hindernisse auf dem Weg zu Hö­herem. Für Jugendliche, die Politik und Geschichte in­teressiert, bietet dieses Buch mehr als eine Biografie, nämlich die Analyse eines totalitären (Wahn-)Systems.

Christine Lötscher
Buch&Maus 4/2011, S. 31

Bagger, Traktor, Mauersegler
Ulf Nilsson, Illustration: Sarah Shepphard
Verlag: Moritz, Publiziert: 2011, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-237-7
Schlagwörter: Technik

Fahrzeuge und Tiere in der Stadt

Natürlich darf bei diesem Autobuch der Leichenwagen nicht fehlen: Schliesslich hatte der Autor Ulf Nilsson 2006 mit «Die bes­ten Beerdigungen der Welt» gros­sen Er­­folg. Wieso aber beschäftigt sich ein Schrift­steller, der das Thema Tod so feder­leicht erfassen kann, nun mit Blech? Liest man den Begleittext zum Lei­chen­wagen, erkennt man darin sofort Nils­­sons Handschrift wieder. «Vielleicht ist ein Opa gestorben, der alt und müde war. (…) Man kann die Mütze abnehmen und dem Opa, der jetzt zum letzten Mal Au­to fährt, ‚Tschüss‘ sagen», ist da zu lesen.
Ansonsten aber geht es in «Bagger, Traktor, Mauersegler» vor allem um Aufbau und Erneuerung. Die bunten, plaka­tiven Bilder von Sarah Sheppard verbrei­ten gute Laune und erinnern an einen Spiel­t­eppich von Ikea. Mit jeder neuen Dop­­pelseite lernt man weitere Fahrzeuge kennen, je nachdem, ob es um Strassenreinigung, Häuserbau, Trans­port, Müllbeseitigung, Freizeit oder Rettung vor Ge­fahren geht.
Zu dieser Autowelt gesellen sich überraschend, aber ganz selbstverständlich: Menschen, Tiere und Natur. Fast auf jeder Seite wird eine neue Vogelart vorgestellt, oder der Vergleich zwischen einer Ameise und einem Laster hergestellt. Das funktioniert ausgezeichnet, denn erzählt wird auf vier Ebenen. Eine Geschichte berichtet, was gerade passiert. Drei Kinder und ihre Erzieherin gehen auf dem Weg zur Bibliothek durch die Stadt und kommentieren in Sprechblasen, was sie sehen. In kleinen Käst­chen sind präzise Sachinformationen zu Tieren und Autos nachzulesen. Und schliesslich sprechen auch noch die ereignisreichen Bilder für sich. Die Hummel aus dem Beerdigungsbuch ist hier übrigens noch quietschvergnügt. Sie eröffnet und beschliesst die anregende Reise. Es bleibt die Frage: Warum braucht der Mensch für seinen Wohlstand so viel Technik? Vögel jedenfalls können alles ganz von allein.
Claudia Kursawe
Buch & Maus 4/2011, S. 32

Mit Pinsel und Palette
Silke Vry, Illustration: Hans Balzer
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2011, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5406-0
Schlagwörter: Kunst

Grosse Maler und ihr Werk

Links die Abbildung eines weltberühmten Gemäldes plus Bildbeschreibung und Interpretation; rechts eine Porträtzeichnung des Künstlers mit ein paar einleitenden Sätzen. Dann folgen sechs unterhaltsame Seiten, die den Menschen hinter dem Ge­mälde in den Mittelpunkt rücken. 20 gros­se Maler aus sechs Epochen vereint das Buch von Autorin Silke Vry und Illustrator Hans Baltzer – von Giotto und der Re­naissance bis Wassilij Kandinsky und der Moderne spannt sich der Bogen. Warum löste Michelangelos «Pietà» einen wahren Sturm der Entrüstung aus, und was macht seinen «David» so einzigartig? Was war so anders an Raffaels Bildern, und warum musste Rembrandt sich immer wieder Neues einfallen lassen, um seine Modelle zu erschrecken? Wäre Picasso bereits als Säugling erstickt, hätte sein Onkel ihm im entscheidenden Moment nicht den Qualm seiner Zigarre ins Gesicht gepustet?
Locker, fesselnd und fachkundig erzählt Kunsthistorikerin Vry aus dem Le­ben der Maler, stellt das Einzigar­tige ihrer Werke und ihre Bedeutung für die jewei­lige Epoche heraus. Ausgangspunkt jedes Porträts ist eine persönliche Episode des Küns­tlers. Welche Ziele, Träu­me und Hoff­nun­gen trieben Albrecht Dü­rer, Caspar David Frie­drich, Vincent van Gogh, Frida Kahlo oder Andy Warhol an? Welche Schick­salsschlä­ge hatten sie zu verarbeiten – oder zerbrachen daran?
Alphabetisch geordnete Kurzbio­grafien im Anhang fassen die wich­tigsten Infor­mationen noch einmal zusammen und verweisen auf Museen, Kunst­hallen, Kir­chen und andere Orte, an denen Werke der vorgestellten Künstler im Original zu se­hen sind. Im Stile eines Hausbuches führt «Mit Pinsel & Palette» so in die Welt der Malerei ein und macht Kunst­inte­ressier­ten egal welchen Alters Lust, sich eingehender damit zu beschäf­tigen.
Andrea Duphorn
Buch & Maus 4/2011, S. 32

Was ist schon normal?
Wolfgang Korn, Illustration: Christoph Mett
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2011, Seiten: 168, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5467-2

Warum alle Menschen gleich und doch verschieden sind

Ist es normal, anders zu sein? Dieser Frage geht Wolfgang Korn in seinem neuen Sach­­buch nach. Locker, in unterhaltsamer Sprache, führt er die Lesenden von Island über Tibet nach Australien durch verschie­dene Kulturen, zeigt, wie unter­schie­dlich Wertvorstellungen, Speisepl­ä­ne und Regeln des Zusammenlebens sein kön­nen.
Wer ist schön? Dicke Frauen oder dün­ne? Was schmeckt lecker – eine Brat­wurst oder gegrillte Vogelspinnen? Gesten sind ein häufiger Auslöser für kulturelle Missverständnisse. Auf der ganzen Welt be­nützt man beim Reden Finger, Hände oder Arme. Aber nicht überall be­deu­tet diesel­be Geste das Gleiche. Was in ei­ner Kultur als höflich gilt, kann in ei­ner an­deren die Menschen vor den Kopf stossen.
In kurzen Kapiteln gibt der Autor Einblicke in Lebensweisen und erklärt neben­bei, wie EthnologInnen forschen. Der Text wird durch Illustrationen von Chris­toph Mett ergänzt. Gerade beim Kapitel «Wie wir mit den Händen reden» wären jedoch auch Abbildungen zu den Gebärden hilfreich gewesen. Manch­mal kommt auch der Wunsch nach Fotos auf: Wie sieht eine chi­nesische Dai-Frau aus, die sich die Zäh­ne schwarz gefärbt hat? Und wie eine Heuschrecke im Schoko­mantel?
Wolfgang Korn hat bereits die Zusam­men­hänge der Globalisierung im Buch «Die Weltreise einer Fleece-Weste» aufge­zeigt. Nun beschreibt er, wie trotz Globa­li­sierung ein grosser Reichtum an verschie­denen Kul­turen existiert – und dass der westliche Über­legen­heits­gedan­ke defini­tiv fehl am Platz ist. Mit anderen Worten: Es funktioniert nicht, zu sagen: «Ich bin normal, die anderen sind komisch!» Und weil ja nicht nur Kinder in diesem Denkmuster gefangen sind, ist das Buch auch für Erwachsene sehr zu empfehlen. Es ist zum Schmökern ge­dacht, öffnet Horizon­te und zeigt: Es ist ganz normal, anders zu sein.
Katrin Fehr
Buch & Maus 4/2011, S. 32

Die Brüder Löwenherz
Astrid Lindgren
Verlag: Oetinger audio, Publiziert: 2011, ISBN/ISSN/EAN: 3-8373-0484-1
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein | Fantastik/Fantasy

Kleiner Krümel Löwenherz! Sein unglaubliches Abenteuer in Nangijala hat sich in die Herzen von Generationen eingeschrie­ben: Wer hätte nicht auch gern so einen grossen Bruder wie diesen mutigen und liebevollen Jonathan? So ein schönes Pferd wie Fjalar? Und ein so aufregendes Leben im Land der Lagerfeuer, Sagen und Mär­chen? – Dabei, so aufregend müsste es gar nicht sein, packt Astrid Lindgren doch nicht nur einen grausamen Tyrannen in ihren 1973 erschienenen, preisgekrönten Roman, sondern auch noch ein schreckliches Urzeitmonster namens Katla.

Lindgrens eigenwilligen Spagat zwi­schen Traum und Albtraum, Poesie und Ac­tion, kleinem Glück und grossen Schick­­salsfragen weiss das neu insze­nier­te WDR-Hörspiel wunderbar einzufangen. Das liegt nicht zuletzt an der authen­tischen Stimme des jungen Erzählers, gesprochen von Oskar Krüger, der seine Geschichte so zeitlos wie lebendig zu berichten weiss. Unterbrochen wird er von aufwändigen Hörspielszenen mit tollen Sprechern, Geräuschen und Musik, die den eigenen Kopffilm so­fort zum Laufen bringen, wenn sie auch einige Anforde­rungen an die Konzentrationsfähigkeit stellen.

Wie Jonathan seinen kranken Bru­der aus dem bren­nenden Haus rettet, die bei­den sich im Kirsch­tal-Paradies wiedertreffen, auf ge­fährlicher Mission gegen Tengil und seine Schergen kämpfen und der ängstliche Krümel dabei mächtig über sich hinauswächst, all das transportiert sich hier so spannend wie eindrücklich. Ein Abenteuer voller Licht und Schatten, das von Mut, Widerstand und Vertrauen im An­gesicht des Todes handelt. Mal zum Heu­len schön, mal rasant wie ein Thriller, auf jeden Fall aber immer noch ganz gros­se Kinderliteratur.

Marion Klötzer
Buch & Maus 4/2011, S. 33

Puzzle Agent 2
Verlag: Telltale Games, Publiziert: 2011, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Rätsel

Scoggins, Minnesota, Heimat der Radiergummi-Fabrik, die das Weisse Haus in Washington D.C. beliefert: Das ist der fik­tive Schauplatz eines ebenso skurilen wie unterhaltsamen Abenteuerspiels. Agent Tethers der Puzzle-Forschungsab­teilung des FBI macht im tiefsten Winter Urlaub, um in Scoggins einen ungelösten Fall aufzurollen. Vor Monaten schon hatte er den als vermisst gemeldeten Fabrik-Vorarbei­ter Davner erfolgreich aufge­spürt. Am Schluss jedoch konnte er nur hilflos zusehen, wie die mysteriösen «Hidden Peo­ple», spitzhütige rotge­wan­dete Trolle, ihm einen Strich durch die Rechnung mach­ten.

Diese Vorfälle bilden die Vorgeschichte, die sich im ersten Teil von «Puzzle Agent» (2010) ereignet, aber auch ohne deren Kenntnis lässt sich die Fortsetzung problemlos spielen und ge­niessen. Diesmal helfen die SpielerInnen dem eigenbrötlerischen Agenten, knifflige Logikrätsel zu lösen und Schwung in die Ermittlung zu bringen, die aufgrund der Intrigen des widerständigen Bürger­mei­sters und der nordisch angehauchten Bruderschaft ins Stocken geraten ist. Sind die flüsternden Trolle real? Und was hat ihr Erscheinen in Scoggins mit den Verschwörungen des Brorskap-Kults und dem Astronauten-Anzug im Wald zu tun?

Die putzige Strichmännchen-Grafik kon­­­­tras­tiert mit der wehmütigen Klaviermusik, dem ironischen Unterton und den manchmal durchaus unheimlich anmu­tenden Szenen. Aufgrund der gelegen­tli­chen «mild bad language» (die Sprache des Spiels ist Englisch) wird dieses Spiel in der Schweiz offiziell ab 12 Jahren empfohlen.

Mela Kocher
Buch&Maus 4/2011, S. 33

Die Abenteuer von Tim und Struppi
Verlag: Columbia / Paramount, Publiziert: 2011, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Das Geheimnis der «Einhorn»

«Tim und Struppi», die gerade wegen Her­gés flächiger «ligne claire» geliebte Kindheitslektüre, im 3D-Kino? Kann das gut gehen? Nach einem skeptischen Kinobesuch sind die Zweifel weggefegt: Das (erneute) Projekt, dem Reporter Tim, sei­nem mutigen Hund Struppi und ihren Gefährten filmischen Glanz zu verleihen, ist gelungen.

Handlungsbasis ist «Das Geheimnis der ‚Einhorn’» (Bd. 8), verflochten und aufge­peppt vor allem mit Teilen aus «Die Krabbe mit den goldenen Scheren» (Bd. 10). Ein antikes Schiffsmodell vom Flohmarkt stürzt Tim und Struppi ins Abenteuer, denn es enthält einen Hinweis auf den Schatz der im Piratengefecht gesunkenen Korvette «Einhorn». Dem Gehei­mnis auf der Spur, wird Tim entführt – auf den Frachter Karaboudjan. Im versof­fenen Kapitän Haddock findet er einen lebenslangen Freund und den letzten Nachfah­ren des Kapitäns der «Einhorn». Eine rasante Jagd beginnt, die quer durch die Wüste und die Stadt Bagghar führt.

Die Verfilmung hält gekonnt die Balance zwischen auch visuell «wörtlichen» Übernahmen aus der Vorlage (wobei die pittoresken Landschaften die Motion-Capture-Figuren übertreffen) und einer erfrischenden, spannenden Inszenierung mit eigenen Akzenten, wozu viele Spiegel-Kameraeffekte zählen. Durch die Sti­lisie­rung der Handlung zur Familienfehde erhalten die Antagonisten mehr Profil als in der Vorlage, andererseits hatte Tim im Comic eine «Hollywood-Lebensweisheit» nie nötig…

Fazit: Für Tim-und-Struppi-Liebhabe­rInnen herzerwärmend, für alle anderen beschwingte Unter­haltung. Auf eine Fortsetzung mit Professor Bienlein und sei­nem Hai-U-Boot darf man sich freuen.

Aleta-Amirée von Holzen
Buch&Maus 4/2011, S. 33

Das Labyrinth der träumenden Bücher
Walter Moers
Verlag: Knaus Verlag, Publiziert: 2011, Seiten: 432, ISBN/ISSN/EAN: 3-641-05673-X
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Fantastik/Fantasy

Die Zeit der Bäume ist vorbei

Leben und Lesen, ohnehin nur durch einen Buchstaben zu unterscheiden, war im ersten Buchhaim-Band eins. Im zweiten Band ist die Stadt der träumenden Bücher vom Medienwandel erfasst worden. Wie perfekt, fragt sich dessen Autor Walter Moers, in den Chor des deutschen Feuilletons einstimmend, kann Simulation sein?

Der Geist und die Materie sind zweierlei Paar Schuhe; so will es die abendländische Denktradition. Das Buch als Träger­medi­um für Texte, die aus Zeichen, aus Buchstaben gemacht sind, ist vielleicht das einzige Objekt, das Materie und Geist eins werden lässt. Zumindest metaphorisch. «Bücher sind le­ben­dige Wesen», schnauzen Eltern ihre Kleinkinder an, die ihre eigenen Vorstellungen von der Art, wie ein Buch zu bearbeiten ist, ausleben. Und sowohl Bibliophile als auch Biblio­manen, bei denen die Bücher noch im hintersten Küchen­schrank wohnen, sind der lebende Beweis dafür.

In seinem grossen Wurf «Die Stadt der träumenden Bü­cher» liess Walter Moers Körper und Geist in Gestalt von Büchern verschmelzen, nicht nur metaphorisch. Buch­haim ist der Ort, «wo alte Bücher Träume träumen / Von Zeiten, als sie Bäume waren». Was da raunend als Motto geschrieben steht, ist ein wichtiger Hinweis auf die Materialität des Buches. Es ist aus etwas Lebendigem gemacht, und der Verarbeitungsprozess vom Holz zum Papier ist nach Moers’scher Logik kein Tod, sondern eine Verwandlung. Wenn einer mit Büchern spricht, ist das deshalb wörtlich gemeint: Hildegunst von My­the­nmetz verbringt eine lange und anregende Zeit bei den Buchlingen, notorischen Lesern, «die ihr Leben komplett der Lektüre ge­wid­met haben». Moers realisiert mit seinem Bü­cher­univer­sum Buchhaim die Utopie der Verschmelzung von Lesen und Leben, von der die deutsche Romantik träumte. Zugleich, das ist das Raffiniert-Teuflische daran, erzählt er von der Medialität der Welt und davon, dass Men­schen und Medi­en so untrennbar zusammengehören wie Körper und Geist beim Buch.

Ein Hohepriester der Buchkultur im Multimedia-Schock

Im neuen Buchhaim-Band «Das Labyrinth der träumenden Bücher» trifft Mythenmetz nun aber auf eine moderne Stadt, die nicht mehr in zahllosen Anti­qua­riaten romantische Träu­me realisiert, sondern eher an die Frankfurter Buchmesse im 21. Jahrhundert erinnert. Nur wird in Buchhaim nicht das E-Book angepriesen, sondern eine Vielzahl von ebenso fantas­tischen wie sinnlosen Varianten davon. Ein Buchhändler namens Blasius Fistulator zum Beispiel verkauft ausschliesslich Unbücher in seinem Geschäft und belehrt den Dichter: «Die klassische Form des Buches ist dem Untergang geweiht. […] Wir vertreiben die Avantgarde in der Buchge­stal­tung. Wir führen Rundbücher, die man auffächern kann! Ich bin der Exklusivhändler der Akkordeonbücher von Ligo­retto Loyola!» Mythenmetz nimmt die Position des kultur­kritischen Grossschriftstellers ein und denkt Gedanken, die von Alberto Manguel, dem Hohepriester der untergehenden Buchkultur, stam­men könnten: «Der Kerl tat mir eigentlich leid. Es war, als würde er das Rad in viereckiger Form anbieten. Oder Schrau­ben ohne Gewinde und Kerzen ohne Docht.»

Ja, Buchhaim hat sich dem Kommerz verschrieben. Was vor zweihundert Jahren noch lebendig war, ist entweder erstarrt, wie die versteinerten Bücher, aus denen ganze Strassenzüge der Stadt erbaut sind, oder liegt als leblose, wenn auch lebensechte Kopie für Touristen zum Kauf aus. In einem Schaufens­ter sieht Mythenmetz ein lebendes Buch, das gerade im Begriff ist, «eine Ratte mit seinem Lesebändchen zu verschlingen». Das neue Buchhaim ist nicht mehr ein Ort der Durchdringung von Körper und Geist. Eine Art mediale Revolution, in der die industrielle Revolution und der Medienwandel des 20. und 21. Jahrhunderts zusammenfallen, hat eine Kultur der Simulation entstehen lassen. Ganz Buchhaim frönt dem Puppe­tismus, strömt ins Puppentheater und lässt sich dort begeis­tert die Sinne kitzeln. Das Multimedia-Erlebnis geht so weit, dass eine olfaktorische Orgel die Szenerie mit dem Duft von frischem Brot oder dampfendem Kaffee einnebelt. Doch eben, es ist ei­ne Orgel, und wenn sich die doremifasolatischen Mu­sik­pup­pen aus Dudelstadt selbst bespielen, ist das nur eine Frage der Programmierung. Dabei lässt Moers es bewenden.

Und so landen wir am Ende von «Das Labyrinth der träu­men­den Bücher» halt nur da, wo wir ohnehin schon sind, wenn wir die Zeitungen lesen – im kultur­kri­ti­schen Jam­mer­tal, wo die alten gegen die neuen Medien ausgespielt werden.

Christine Lötscher
Buch&Maus 4/2011, S. 15

Statt Orm-Rausch Eine An­leitung zur Lanzenpflege

Kinder lieben seine Zwergpiraten, Klabautergeister und Rettungssaurier; Jugendliche begeben sich mit auf die blutige Queste seines Helden Rumo. Und Erwachsene bewundern seine Parodien und Satiren. Schade, dass Walter Moers sie im neuen Zamonien-Roman allesamt verschaukelt.

Wir treffen den angehenden Dichter Hildegunst von Mythen­metz auf der Lindwurmfeste, versunken in ein mys­teriöses Manuskript. Es wird das Leben des noch blutjungen Sau­riers nachhaltig verändern: weil es einen Rausch auslöst, der nie wieder ganz verfliegt. Wir sehen Hildegunst enthusi­astisch auf und ab stolzieren, hören ihn wild dekla­mieren, hys­terisch lachen, hemmungslos schluch­zen, japsen und fiep­sen. Kurz: Wir erleben den prägenden Moment einer Lesebio­grafie mit, in dem ein Leser erstmals einem Text begegnet, der sein ganzes Innen­leben in Schwingung versetzt: «Gedanken, funkensprü­hend wie Sternschnuppen, hagelten auf mich he­rab und verglühten zischend auf meiner Hirnrinde.»

In «Die Stadt der träumenden Bücher» (Piper 2004) hat Wal­ter Moers ein Universum kreiert, in dem ausfabuliert wird, was Literatur mit Lesenden und Lesende mit Literatur zu tun imstande sind, wenn alles stimmt. Und wie mit dem Manus­kript, das am Beginn von Mythenmetz’ Reise in die Literaturstadt Buchhaim steht, hat auch mit Moers’ Zamo­nien-Roma­nen bis­her alles gestimmt: Man kann leben von ihnen, wie die Buchlinge, die sich lesend von Büchern ernähren, von klein auf. Moers’ Welt ist reich an skurrilen Details, bizarren Geschöpfen und brillanten Biographien; dazu kommt die respektlose Art, mit der Kulturgeschichte verfremdet, belebt und aufs Korn ge­nommen wird. Fast nebenbei entwirft Moers noch eine Philosophie des Lesens, der Literatur überhaupt. Und er fin­det eine Sprache, findet Bilder, die allen gehören können – wie alt, wie belesen auch immer. Für Kinder gibt’s Bun­tes ohne päda­gogischen Unterton: So lässt eine Schifffahrt mit «Käpt’n Blaubär» und den Zwerg­pira­ten «Jim Knopf» alt aussehen, und wer sich mit den Fhernha­chenzwerg­kindern «Ensel und Krete» im Gros­sen Wald verirrt hat, wird Grimms Märchen nur noch ein müdes Lächeln abringen. Jugendliche, von Goethes «Wilhelm Meister» gequält, entdecken mit der «Stadt der träumenden Bücher» den Bil­dungsroman neu. Oder sie treten mit der Abenteuerparodie «Rumo» eine Reise an, auf der das Blut spritzt (und das Hirn). Dass Moers seine Satiren, Parodien und Literaturtheorien in gute Storys packt, schätzen alle, die genug haben vom selbst- und sprachverliebten Duk­tus eines guten Teils der Gegenwartsliteratur. Nie würde Moers wie Gryphius von Odenhobler ein Werk mit «hundert Seiten Anleitung zur Lanzenpflege» beginnen. Niemals! Oder?

«Was zählt, ist das verkaufte Papier»

Leider ist Mythenmetz, Erzähler der «Stadt der träu­men­den Bücher», in der Fortsetzung «Das Labyrinth der träu­men­den Bücher» alt geworden. Erfolgreich. Und selbst­zu­frie­den. Das Orm, sagenhafte Inspiration der Dichtkunst, hat er längst verloren: Stattdessen schwelgt er in Fanbriefen und den eigenen Werken. Letzteres tut auch Walter Moers. Seine Ideen sind zuweilen geistreich wie immer, seine Darstellung des zur Kom­merz- und Eventkultur verkomme­nen Buchhai­mer Literaturbetriebs recht köstlich. Der ganze Text aber wirkt zugleich selbstzufrieden, ja elitär: An die Stelle von neuen Bil­dern setzt Moers Vertrautes aus der «Stadt der träumenden Bücher», anstelle einer neuen Geschichte lässt er ein Puppentheater auf nicht weniger als 55 Seiten (!) die Story des Vorgängerbandes nachspielen, und sein 28-seitiger Exkurs über Formen des Puppetismus nimmt es an gepflegter Fad­heit mit besagter «An­leitung zur Lanzenpfle­ge» auf. Das Spiel mit Ana­grammen treibt er so exzessiv wie nie – geht dabei aber über ein blos­ses Aufzählen nicht hinaus. Ein neues Publikum gewinnt Moers damit sicher nicht, geschweige denn ein jun­ges. Und wenn er das lahme Werk nach 427 Seiten mit den Worten «Hier fängt die Geschichte an» als blosse Einleitung zu Band 3 deklariert, treibt er ein heikles Spiel mit den Fans.

«Um Geld zu verdienen brauchen wir keine grandiose, makel­lose Literatur», sagt Impresario Phistomephel Smeik in der «Stadt der träumenden Bücher». «Was wir brauchen ist Mittelmass. (…) Immer dickere, nichtssagendere Bücher. Was zählt, ist das verkaufte Papier.» Ist Moers’ Orm-loses Buch letztlich als konsequente Realsatire auf jene Marktmechanis­men zu lesen, die er so gern kriti­siert? Doch selbst wenn, der Preis für diesen Scherz wäre zu gross: Weil er auf Kosten der LeserInnen geht. Denen hat Mythenmetz Folgen­des verspro­chen: «Von nun an wollen wir wieder alles teilen, Freude und Leid, Gefahren und Geheimnisse, Abenteuer und Abendbrot. Wir sind wieder eine verschworene Gemein­schaft.» Walter Moers täte gut daran, das im dritten Band zu beherzigen.

Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 4/2011, S. 14

Eine Blattlaus wandert aus
Marjaleena Lembcke, Illustration: Stefanie Harjes
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2011, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-939944-72-0
Schlagwörter: Abenteuer

Wer glaubt, dass Blattläuse am liebsten eng auf eng in Kolonien leben, der irrt. Da gibt es nämlich eine, die sich Camilla Rosa Kapriziosa nennt und – nomen est omen – keine Lust auf das Gemampfe im ewigen Gedrängel hat. Vielmehr glaubt diese Diva unter den grünen Pflanzensaugern, dass zur Selbstentfaltung unbedingt das gepflegte Alleinsein und damit ein eigenes Ein-Zimmer-Blatt-Appartement gehört.
Solche Ansprüche kommen beim Clan nicht gar gut an, und so schickt man Ca­milla mit einem schnöden «Wander’ doch aus, wenn´s dir nicht passt», dahin, wo der Pfeffer wächst. Das lässt sich die Widerspenstige nicht zweimal sagen: Beherzt schifft sie sich über den Rosenstrauss einer Opernsängerin nach Amerika ein, landet auf der Müllhalde, in einem kalifornischen Mohnfeld – und mitten in einer Meute fiesgrinsender Marienkäfer…
Stefanie Harjes’ Illustrationen zu dieser Aben­teuerodyssee sind voller Überra­­schu­n­gen und strotzen vor Kreativität und Witz. Grandios, wie sie Papierschnipsel, Muster und Schrift in ihren dynamischen Bildern puzzelt und daraus opulente Such­bilder kreiert.
Ganz anders die Geschichte: Die steuert nach ein wenig Fernweh gleich wieder kreuzbrav Rich­tung heimatlichen Blattsalat. «Danke» flüstert unsere reumütige Heimkehrerin bescheiden, als man ihr am Ende ein winziges Millimeter-Plätzchen zugesteht. So geht´s den Nimmer­satten im Kinderbuch seit eh und je: erst dicke Lippe, dann Läuterung und kleines Glück. Schade! War diese Camilla mit hochhacki­gen Pumps und Rotweinglas doch durchaus Hoffnungsträgerin in bezug auf den wimmel­läusigen Anpassungsdruck. Aber wer weiss, vielleicht zieht sie ja noch einmal los…
Marion Klötzer, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 29

Grünes Ei mit Speck
Dr. Seuss
Aus dem amerikanischen Englisch von Felicitas Hoppe
Verlag: Fischer, Publiziert: 2011, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-596-85441-7
Schlagwörter: Sprachspiel

Das Allerbeste von Dr. Seuss

Drei der erfolgreichsten amerikanischen Kinderbücher erstmals auf Deutsch in einem Buch versammelt, das ist ein Highlight! Theodor Seuss Geisel (1904-1991) – alias Dr. Seuss – zählt zu den erfolgreich­s­ten Kinder­buch­auto­ren überhaupt. Seine Bücher sind aber nur zögerlich ins Deut­sche übersetzt worden. Für die Übertra­gung Seuss’scher Sprachspiele und Neo­­logismen braucht es schon eine be­gna­­dete Wortkünstlerin und -verdrehe­rin wie die deutsche Schriftstellerin Felicitas Hoppe. Ein Bravourstück, denn die Texte bestehen fast nur aus einsilbigen Wör­tern!
Seuss wollte «beginners books» für «beginning beginners» schrei­ben; Erst­lese­­tex­te, die Kinder mit ihren farbintensiven und sugges­tiven Illustra­tio­nen ins Buch­­­lesen ein­führen. So die Titelge­schich­te «Grünes Ei mit Speck», die aus nur fünfzig Wörtern besteht und mit dem ameri­ka­­nischen Nationalgericht «ham and eggs» Schaber­nack treibt. Erzählt wird von «Jetzt kommt Jack» (auf Englisch «Sam-I-am») und ei­nem Ich, das sich von Jack nicht überzeugen lassen will, dass grüne Eier mit Speck köstlich schmecken. Jack jagt den Kostverweigerer, bis dieser, erschöpft und entnervt, endlich einwilligt, die grünen Eier zu probieren. Und siehe da: «Ach! / Mir schmeckt Grünei mit Speck! / Ich mag es wirklich, Jetzt-kommt-Jack! / Ich esse es in jedem Boot. / Mit jedem Bock … / Im Regen und bei Nacht im Schacht. / Im Zug, in Fahrt, auf Baum und Ast. / Wie gut das schmeckt. / Wie gut das passt.»
Comicspezialist Andreas Platthaus hat zu diesem kleinen Seuss-Reader ein infor­ma­tives Nachwort verfasst. Grünes Ei mit Speck schmeckt formidabel, wirklich.
Christine Tresch, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 30

Schöne Khadija
Gillian Cross
Aus dem Englischen von Tanja Ohlsen
Verlag: Boje, Publiziert: 2011, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-414-82296-3
Schlagwörter: Kulturen

Weltweite Vernetzung – und somit das «Näherrücken» verschiedener Konti­nen­te, Menschen und deren Kulturen stehen im Mittelpunk der beiden Jugendromane «Schöne Khadija» und «Herzsteine», die Lebensentwürfe in und zwischen Europa und Afrika darstellen. Gillian Cross, Autorin des ersterwähnten Werks, meint dazu im Vorwort: «Durch E-Mail, Telefon und das grosse Spinnennetz der Medien, das die ganze Welt umspannt, sind wir alle miteinander verbunden. Und genau dort spielt diese Geschichte auch: auf der ganzen Welt.» Der Originaltitel «Where I belong» formuliert, was die zwei Bücher verbindet: Wohin gehöre ich?
Zwischen den Kulturen und Ländern stehen beispielsweise Khadija, Abdi und Freya, aus deren Perspektiven in «Schöne Khadija» abwechselnd erzählt wird: Die 13-jährige Khadija ist ein bildschönes so­malisches Mädchen. Um Geld zu verdie­nen, wird sie von ihrem Vater nach London zu einer Familie geschickt. Der 14-jährige Abdi, somalischer Abstam­mung und in London lebend, ist Teil der Familie der berühmten Modeschöpferin Sandy Dex­ter, die Khadija aufnimmt. Im Verlaufe des Romans begleitet Abdis Familie (der Vater war einst als Kriegsfotograf in Ruanda und Somalia unterwegs) die schöne Khadija nach Somalia, wo sie als Modell über einen improvisierten Laufsteg stol­zie­ren soll. Zur gleichen Zeit wird Kha­dijas Bruder in Somalia entführt und ihre Fa­milie erpresst.
In «Herzsteine» erzählt Hanna Jansen von Sam, einem 16-jährigen deutschen Jungen, dessen Mutter aus Ruanda stammt, Zeugin der unerhörten Geschehnisse des ruandischen Völkermords von 1994 wurde und nun zurückgezogen und schweigsam lebt. Doch auch um die Ehe der Eltern scheint es nicht zum Besten bestellt zu sein. In eingeschobenen Se­quen­zen bricht die Mutter Nkulikiyinka ihr Schweigen und erzählt aus ihrem Le­ben, so dass die LeserInnen schon bald mehr über Sams Mutter wissen als Sam selber. Überstürzt beschliesst Nkulikiyinka eines Tages, nach Ruanda zu reisen – Sohn und Ehe­mann folgen ihr. Sam lernt dabei die Heimat seiner Mutter kennen und begibt sich mit ihr nach Gisozi, zur Gedenkstätte für die Opfer des Völkermordes, unter de­nen sich auch Nkulikiyinkas Familie be­findet. Hin- und her­ge­rissen fühlt sich Sam, besonders, als er erfährt, dass sich seine Eltern trennen und seine Mutter beschliesst, vorläufig in Ruanda zu bleiben, um ihre Vergangenheit zu verarbeiten.
In beiden Romanen finden sich Aspekte der Hybridisierung, wie sie zum postko­lonialen Diskurs gehören: Wel­ten treffen aufeinander und ver­schmel­zen. Zweifel­los präsentieren sich die zwei Jugendromane als handlungs-, detail- und gar actionreiche Stories. Leider verfallen aber die erzählenden Protagonisten ab und zu in künstlich naive Schilderungen: zum Beispiel, wenn Sam im ruandischen Fern­se­hen eine Gruppe traditioneller Tänzer betrachtet, die «mit Speeren herumfuch­teln und sich aufführen, als ob sie mitten in einem wilden Kampfgetümmel steck­ten». Oder wenn Khadija bei der Rückkehr in ihre Heimat am liebsten «den heissen Sand unter ihren Füssen gespürt hätte» und der Vater von Freya das «richtige Afrika riecht».
Dann steigt den LeserInnen eher ein Hauch verklärter Folklore in die Nase, der den weltoffenen Blick auf das «Näherrücken» verschie­dener Konti­nen­te, Men­schen und deren Kulturen etwas zu trüben scheint.
Roger Meyer, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 33

Cyberanthropology
Alexander Knorr
Verlag: Hammer, Publiziert: 2011, Seiten: 189, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0359-0
Schlagwörter: Alltag | Technik

Wie gehen Menschen mit neuen technischen Entwicklungen um? Werden die­se als Bedrohung erlebt und abgelehnt? Wie werden sie allenfalls akzeptiert und in den Alltag aufgenommen? Entstehen dadurch neue Formen sozialer Interaktion? Alexander Knorr ist Ethnologe und geht diesen Fragen nach. Dabei verknüpft er die Lehre vom Menschen (Anthropologie) mit dem altgriechischen Präfix «cyber» (das soviel heisst wie «navigieren, steuern»). «Cyber» wird in einem Mitte des letzten Jahrhunderts veröffentlichten Buch über Kyber­netik (die Steuerung und Regelung von Maschinen) im Zusammenhang mit Infor­matik und Compu­ter benutzt.
Der Autor zeigt, wie der heutige Alltag und unsere Vorstellungen geprägt sind von den Grundsätzen der Kybernetik. Beim Lesen erkennen wir, wie wir Teil haben an uns oft unbewussten – und trotzdem unser Denken und Handeln beeinflussenden – Entwicklungen. Ausführlich beschreibt Knorr auch die Kommunikationsformen übers Internet und deren Einfluss auf die sozialen Kontakte. So erfahren wir, wie die TeilnehmerInnen einer Moddergemeinde, welche nur übers Internet kommuniziert, den Wunsch verspüren, sich auch persönlich kennenzulernen – und schliesslich auch heiraten. Oder er beschreibt, wie sich die Inuit von Igloolik dem Einfluss der GPS-Navi­gation stellen und diese neue Technologie mit ihren alten, überlieferten Orientie­rungs­methoden kombinieren.
Auch wenn das Lesen eher überdurchschnittliche Sprachkompetenz erfordert, bietet Knorrs Sachbuch für interessierte Ju­gend­liche und Erwachsene anregenden Lese- und Diskussionsstoff.
Boris Uehlinger, Buch & Maus Heft 1/2012, S. 36

Die Füchse von Andorra
Marjaleena Lembcke
Verlag: Der Audio Verlag, Publiziert: 2011, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86231-086-9
Schlagwörter: Familie/Familienformen

54 Minuten pures Zuhörglück

Warum produzieren Rundfunkanstalten in der Regel qualitativ hochstehende Hörbücher und Hörspiele? Wann ist ein Hörspiel mehr als Supplement zum Buch? Und wieso erhält «Die Füchse von Andorra» zu Recht den Deutschen Hörbuchpreis 2012 in der Sparte «Bestes Kinderhörbuch»? Gedanken über ein florierendes Gen­re von Christine Tresch*

Der Hörbuch- und Hörspielmarkt boomt, auch für das Zielpu­blikum Kinder und Jugendliche. Kommerziell unabhängige Qua­litätskontrollen aber fehlen, und im Unterschied zu Kin­der- und Jugendbüchern werden Hörbücher- und Hörspiele nur spärlich rezensiert. Wenn doch, fehlt es an verbindlichen Bewertungskriterien. Hinzu kommt, dass wir als Hörerinnen und Hörer intuitiv auf Gehörtes reagieren und dazu neigen, gefühlsmässig zu entscheiden, warum uns ein Hörbuch oder ein Hörspiel gefällt oder nicht. Es braucht einiges an Erfah­rung und auch Zeit, um die unterschiedlichen Ebenen von Hör­spielen erfassen und einordnen zu können.
Wo also soll man sich orientieren? Da sind zum einen die Stiftung Zuhören und das Institut für angewandte Kinderme­dienforschung der Hochschule der Medien in Stuttgart (IfaK). Mit der «CD des Monats» stellen sie qualitativ hochstehende Hör­bücher und -spiele vor, die sich auch für die pädago­gi­sche Arbeit eignen. Der Hessische Rundfunk präsentiert mo­natlich eine Hörbuch-Bestenliste, auf der sich immer auch Pro­duktio­nen für Kinder und Jugendliche finden. Und auf der unabhän­gigen Web-Plattform Auditorix werden die Beurteilungskri­te­rien für Hörproduktionen publik gemacht und he­raus­ragende Medien mit dem Auditorix-Hörbuchsiegel versehen.
Schliesslich gibt es den Deutschen Hörbuchpreis, für den dieses Jahr zum ersten Mal eine unabhängige Kinderjury aus drei Hörbüchern das «Beste Kinderhörbuch 2012» ausgewählt hat. Die Wahl fiel auf das Hörspiel «Die Füchse von Andorra», produziert vom Westdeutschen Rundfunk Köln und vom Südwestrundfunk nach dem gleichnamigen Roman von Ma­rja­leena Lembcke.
Nicht zufällig hat eine Rundfunkproduktion diesen Preis ge­wonnen, denn fast immer kann man davon ausgehen, dass ein von einer Radiostation produziertes Hörspiel gute Qualität bietet. Rundfunkanstalten verfügen über jahrzehntelanges Know-how im Hörspielbereich, über viel technische Erfahrung und (wenn auch immer weniger) über die notwendigen Res­sourcen für aufwändige Hörspielproduktionen. Diese Mittel stehen Hörbuch-Verlagen oft nicht zur Verfügung.

Feines Gespür für die Zwischentöne

Judith Ruyters nimmt in ihrer Hörspielbearbeitung von «Die Füchse von Andorra» alle zentralen Momente der Geschichte von Marjaleena Lembcke auf, vermittelt deren Werte und Intentionen, ohne der Vorlage sklavisch zu verfallen. Sie bleibt bei der erwachsenen Erzählerin Sophie, die Rückschau hält auf den Sommer, als sie und ihre drei Vierlings-Geschwister zehn Jahre alt wurden, ihre Familie durch die Depressionen der Mutter ganz nahe zusammenrückte, sie die mutige und gleichzeitig Geheimnis-umwobene Alice zur Freundin gewin­nen konnte und mit ihren Geschwistern den Füchsen von Andorra auf die Spur kam. Erzählende Passagen führen übergangslos in Szenen aus diesem vergangenen Sommer über. Als Hörerin verliert man dabei nie die Orientierung, wird getragen von den Stimmungen und dem warmen Humor, der trotz der schwierigen Zeit die Familie zusammenschweisst.
Das ist das Verdienst von Regisseurin Annette Kurth, die mit Alexandra Henkel eine Erzählerin eingesetzt hat, deren zurückhaltende Stimme wunderbar zur erwachsenen wie zur kind­­li­­chen Sophie passt. Auch in der Besetzung aller anderen Er­wach­senen- und Kinderrollen zeigt sie feines Gespür. Die Über­gän­ge von erzählenden zu szenischen Passagen sind sorgfäl­tig gestaltet, Musik und Geräusche helfen, Gefühlsla­gen nach­zu­vollziehen und Schauplätze zu erkennen, sind nie ohne Funktion und verleiten auch nicht zu falschem Pathos.
Das Hörspiel «Die Füchse von Andorra» ist viel mehr als ein Bonus zum gleichnamigen Buch. Es eröffnet neue Asso­­zia­ti­ons­räume und weitet die Lektüre-Eindrücke. 54 Mi­nu­ten Zuhörglück für Kinder, die nicht nur Action lieben, sondern auch feine Zwischentöne – und für Erwachsene.

Buch & Maus Heft 1/2012, S. 17

Look Twice
Thomas Hermann, Daniel Lienhard, Rudolf Isler
Verlag: Pestalozzianum, Publiziert: 2011, Seiten: 88, ISBN/ISSN/EAN: 3-037-55112-7
Schlagwörter: Rassismus | Gewalt

Sensibilisieren gegen Ausgrenzung, Gewalt und Rassismus

Eine blitzblanke rote Parkbank nur für Schweizer Bürger? Eine Secondo-Bar, die nur Ausländer und Doppelbürger einlässt? Daniel Lienhards harmlos-ironische bis sarkastisch-provokative Fotomontagen geben zu denken und zu reden. Diskriminierung, Fremdenhass, verbale und körperliche Gewalt gegen Andersdenkende sind keine leichte Kost, aber die Schule muss sich auch solch unliebsamen Themen stellen. Das Lehrmittel «Look Twice» beschreitet hier neue Wege. Solide Einführungstexte und didaktische Hinweise laden ein, sich im Unterricht mit typischen Erscheinungsmerkmalen, Vorurteilen, ausgrenzendem und aggressivem Verhalten oder den verheerenden Folgen rassistischer und nationalistischer Politik zu beschäftigen. Für einmal stellen die Bildmotive nicht Täter und Opfer zur Schau, sondern setzen auf sinnfällige Analogie und überspitzte Metaphorik: Kampfsäue und Angsthasen, blonde Hunde und schräge Vögel, rechte Springerstiefel und linke Halbschuhe. So werden auch im Kapitel «Antisemitismus und Holocaust» nicht gängige Vorstellungen reproduziert, sondern direkte Verbindungen zur Lebenswelt heutiger Schülerinnen und Schüler hergestellt. An der Garderobe vor dem Klassenzimmer hängen moderne Kinderjacken – aber eine davon mit aufgenähtem Davidstern.

Daniel Ammann,
ph akzente Heft 1/2011, S. 39.

Von Oben nach Unten Wimmelbuch
Bernd Lehmann
Verlag: Wimmelbuchverlag, Publiziert: 2011, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 3-942491-02-8
Schlagwörter: Wimmelbuch

Wimmelbilderbücher sind die idealen Me­dien, um Kommunikation und genaues Schauen zu fördern. Das Angebot ist viel­fältig; es bedient populäre Themen und verarbeitet sie zu Trendtiteln wie «Wo sind die Erdmännchen?» (Baumhaus), «Wo ist Hello Kitty?» (Egmont Balloon) und «Mein grosses KiKaninchen-Wimmelbuch» (ars­Edi­tion). Daraus eine Auswahl zu erstel­len, fällt schwer! Und doch: Drei Titel sind bei der Sichtung besonders aufgefallen.

«Mein extragrosser Wimmelbuch-Spass» versammelt drei bereits erschie­nene, sehr erfolgreiche Ausgaben von Gui­do Wandrey: «Folge der Spur …durch die Stadt …durch den Zoo …durch das Schiff». 72 grossformatige, verstärkte Seiten laden zum wahren Detektivspiel ein: Da jagt in der Stadt der Hund Schnuffel hinter einer Katze her, zwei Kinder hintendrein; im Zoo ist das Äffchen entwischt und auf dem Schiff ein grüner Papagei. Klar, dass eine Verfolgungsjagd viel Trubel bringt, und so gibt es auch schon für kleine Kinder ab drei Jahren viel zu entdecken. Allein oder in kleinen Gruppen – das grosse Format macht’s möglich – können sich kleine BuchbetrachterInnen hier richtig lange be­schäftigen. Ideal für zu Hause oder den Kindergarten.

Ein ganz ungewohntes Format bietet Bernd Lehmanns «Von Oben nach Unten Wimmelbuch» (Bild): Man muss das Buch nicht nur quer halten und aufblättern (der «Laptop-Effekt» fasziniert Kinder!), auch die Perspektive ist völlig anders. Hier wird eine fantastische Reise gezeichnet, die wahrlich «Oben» – auf dem Mond nämlich – beginnt und sich durch alle Seiten immer weiter nach unten fortsetzt, bis sie im tie­fen Graben einer bunten Unterwasserwelt endet.

Auf der Rückseite vorgestellte Figu­ren bringen Struktur ins Schauen: Wer findet den Spezialagenten? Wessen Pullo­ver trennt sich hier auf? Und wo stecken eigentlich die kleinen Ausserirdischen? Geschickt lässt der Autor Zitate aus der Kunstgeschichte mit einfliessen, bringt bekannte historische Bauwerke in einen neuen Kontext und zeichnet seitenübergreifend mit so viel Fantasie, dass auch erfahrene BilderbuchbetrachterInnen voll auf ihre Kosten kommen. Dass Lehmann noch dazu die Vogelperspektive wählt, macht die Sache umso interessanter.

Spannend wird es auch im dritten Band von «Such Professor M». Nach einer «Reise durch die Welt» und einer «Reise durch die Zeit» machen sich die vier coolen Freunde in «Die verschwundenen Kinder» erneut auf die Suche nach dem schurkischen Professor und seinen Helfershelfern. Die co­micartigen Bilder bieten dabei unendlich viele Verstecke – und ganz nebenbei einen Überblick über verschiedene Berufe und Arbeitsbereiche. Jede der wimmeligen Dop­pelseiten wird von einem kleinen Text begleitet, der die Abenteuer der vier Kin­deragentenIn­nen erzählend begleitet und ausserdem die Le­se­rInnen als externe Agen­tInnen mit einbezieht: Hier werden anspruchsvolle Such­aufgaben gestellt, die wirklich ein geschultes Auge vorausset­zen. Für Kinder unter fünf Jahren ist dieses Wimmelbuch deshalb weniger geeignet, dafür haben auch viel ältere LeserInnen mit Liebe zum Detail ihren Spass daran.

Bereits diese drei Beispiele zeigen, dass sich Wimmelbücher wunderbar dazu eig­nen, Sehvermögen und Konzentration zu schulen. Damit sind sie nicht nur als Privatspass, sondern auch in der pädago­gischen Arbeit absolut zu empfehlen.

Maren Bonacker
Buch&Maus 2/2012, S. 25

Kimba, der weisse Löwe
Osamu Tezuka
Aus dem Japanischen von Jürgen Seebeck und Junko Iwamoto
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2011, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-72627-2
Schlagwörter: Freundschaft

Als 1994 Disneys «Der König der Löwen» auf die Leinwände kam, entbrannte eine heftige Polemik – viele sahen darin ein Pla­giat der japanischen Anime-Serie «Kimba, der weisse Löwe» von Osamu Tezuka. Tatsächlich weisen die Plots um die Lö­wenjungen Kimba und Simba Ähnlichkeiten auf: Beide sind Waisen, beide müs­sen sich ihren Platz in der harten Welt des Dschungels erkämpfen und einen dunkel­felligen Usurpator vom väterlichen Thron stürzen. Davon einmal abgesehen, sind die zwei Geschichten aber sehr unter­schiedlich.
In «Kimba, der weisse Löwe», das der bis heute als «Gott des Manga» verehrte Osa­mu Tezuka in den 1950er-Jahren zeichne­te, wächst der kleine Löwe nach dem Tod seiner Eltern unter Menschen auf. Er schliesst Freundschaft mit dem kleinen Kenichi und kehrt mit ihm und der Ratte Jacques in den Dschungel zurück. Dort drängen ihn die anderen Tiere, den despo­tischen Bubu vom Thron zu stossen.
Die Handlung ist etwas wirr; zu viele (menschliche) Nebenfiguren und Subplots um Edelsteinschürfer und Grosswildjäger lenken vom reizvollen Kern ab, nämlich Kimbas Entwicklung im Spannungsfeld zwischen Zivilisation und Dschungel, Men­schen- und Tierwelt. Das Leben mit den Menschen hat Kimba den harten Ge­setzen des Dschungels entfremdet – trotz­dem möchte er so stark sein wie sein Vater. Während er sich wünscht, alle Tiere mö­gen friedlich und respektvoll miteinander leben, muss er sich zugleich mit seinen eigenen erstarkenden wilden Instinkten auseinandersetzen.
Diese Konflikte schil­dert der Humanist Tezuka auch zeichne­risch mit viel Char­me, Eleganz, Humor – und einer guten Portion Kitsch und Nied­lichkeit.
Christian Gasser, Buch&Maus 2/2012, S. 32

I Wish
Hirozaku Kore-Eda
Verlag: Magnolia Pictures, Publiziert: 2011, ISBN/ISSN/EAN:

Der Regisseur Hirokazu Kore-Eda ist fasziniert von schwierigen und kaputten Fami­lien. Davon erzählt sein grossartiger Film «Nobody Knows» (2004), in dem eine Mutter ihre Kinder in der Wohnung zurück- und ihrem Schicksal überlässt. Kore-Edas neuestes Werk «I Wish» hingegen ist auch ein Film für Kinder. Denn hier wer­den sie mit ihren Ängsten und Nöten, Sorgen und Wün­schen ernst genommen wie sonst kaum im (Kinder-)Kino.
Ganz aus der Sicht der beiden Brüder Koichi (Koki Maeda) und Ryunosuke (Ohshi­ro Maeda) erzählt Kore-Eda, wie sich eine Familie nach der Trennung neu zusammenraufen muss: Der Vater lebt mit dem jüngeren Sohn im Norden der japanischen Insel Kyushu, die Mutter ist mit dem älteren Sohn in den Sü­den gezogen, nach Kagoshima, wo der aktive Vulkan Sakurajima wie ein schla­fen­der Drache Rauchwolken ausstösst. Koichis grösster Wunsch ist es, dass die Fa­mi­lie wieder zusammenkommt; sei­ne grösste Angst, dass der Vulkan ausbricht. Als er erfährt, dass sich die beiden neuen Hochgeschwindigkeitszüge – einer von Nord nach Süd, der andere von Süd nach Nord – zum ersten Mal kreuzen, weiss er, was er tun muss, damit alles gut wird: Zeuge sein beim Spektakel.
Kore-Eda nimmt sich Zeit. Wunder geschehen bei ihm keine, doch der Aufbruch der beiden Brüder in Richtung Kreuzungspunkt der Züge lässt den Film abheben. Die Kinder bestimmen den Rhythmus, ihre Interessen steuern den Blick der Ka­me­ra, und plötzlich zeigt sich die Welt der Erwachsenen als eine Möglichkeit von vie­len. Alles könnte auch ganz anders sein unter dem rumpelnden Vulkan.
Christine Lötscher
Buch&Maus 3/2012, S. 32

Icon Poet
Gebrüder Frei
Verlag: Hermann Schmidt, Publiziert: 2011, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-87439-817-6
Schlagwörter: Spiel

«Ich bin kein Opfer, sagte sich die Leiche und zog sich die Büroklammer aus dem Herzen. Totsein war so langweilig wie ein Regentag mit Schirm. Ein Glück, dass der Sarg voller Jugendthriller war, in de­nen Aufziehmäuse zum Gegenangriff über­gin­gen. Sie zog ihre Schuhe aus, brach­te den Absatz in Anschlag und schlich ganz leise zum Hörsaal, aus dem sanfte Schnarch­töne drangen.» Jetzt fra­gen Sie sich sicher, was das für eine Geschichte sein soll. Ganz einfach: So oder ähnlich kommt es heraus, wenn man «Icon Poet» spielt, ein Würfelspiel für Schreiblustige.

Das Spiel kommt daher wie ein Buch, und zwar ein geradezu magisches: Eins, in dem alle Geschichten der Welt enthalten sind. Ist das nicht ein Traum? Die Brüder Frei – Ueli, Andreas und Lukas – haben ihn umgesetzt, indem sie die Fantasie in den Köpfen zum Kochen bringen. Das Herzstück von «Icon Poet» sind 32 Würfel mit Bildern, also total 192 Bilder, und vier Würfel mit zusätzlichen Informatio­nen und Regeln. 180 Sekunden haben die Spie­lerInnen Zeit, aus fünf Bildern, die sich beim Würfeln ergeben, eine Geschichte, ein Gedicht, einen Liebesbrief – je nach Spielvariante – zu schrei­ben. Der Text, mit dem diese Rezension beginnt, basiert auf fol­genden Vorgaben: Ein Krimi, in dem Büroklammer, Schirm, Sarg, Aufziehmaus und Stöckelschuh vorkommen müssen.

Wenn man noch zu klein ist, um schon schreiben zu können: Sich ausdenken! Es ist erstaunlich, welche originellen und witzigen Geschichten Kinder zustande bringen – gerade weil sie kaum Angst ha­ben, etwas falsch zu machen. Und «Icon Poet» eignet sich auch wunderbar zum Warmlaufen im Schreibunterricht. Hier eine Kostprobe zum selbst Ausprobieren. Die Würfel sind gefallen: Bitte ein Krimi, in dem eine Kerze, ein Messer, ein Puzzle, ein Gehirn und eine Unterhose vorkommen müssen. 180 Sekunden!

Christine Lötscher
Buch&Maus 4/2012, S. 33

Ein Fall für Kwiatowski
Jürgen Banscherus
Verlag: Arena, Publiziert: 2011, Seiten: 93, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-09902-7
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Tore, Tricks und schräge Typen

Kwiatowski ist ein erfolgreicher Detektiv. Er schwärmt für Carpenter’s Chewing Gum, seinen Lieblingskaugummi, den er regelmässig am Kiosk von Olga bezieht. Bis vor kurzem war für Kwiatowski Fussball mindestens so langweilig wie ein Spaziergang am Sonntagnachmittag. Doch das ändert sich als Jana, die beste Fussballspielerin der ganzen Schule, ihm den Auftrag erteilt, den Torhüter Oliver zu beobachten. Wie kommt es, dass Oliver im Training jeweils umwerfend spielt, bei Turnieren aber jedes Mal versagt? Das riecht nach Erpressung und Kwiatowski hat einen dringenden Verdacht. Um diesen zu bestätigen, muss sich der Detektiv selbst das Torwarttrikot überziehen.
Eine humorvolle Krimigeschichte mit originellem Detektiv.

Die grosse Schrift und die zahlreichen Illustrationen erleichtern das Lesen. In den Geschichten steckt viel Humor.
Diese Buch ist, wie viele andere der Reihe, auch als Hörbuch erhältlich. Auf dem Online-Portal „Antolin“ können Fragen dazu gelöst werden. Der Kwiatowski-Krimi „Die Kaugummiverschwörung“ ist bei Bibliomedia Schweiz als Klassensatz erhältlich.

Klassenstufen: 4,5,6

Alles ohne Lena
Stefan Boonen
Aus dem Flämischen von Kristina Kreuzer
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2011, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8415-0124-0
Schlagwörter: Geschwister | Familie/Familienformen | Tod/Trauer

An einem Frühlingsmorgen nimmt Lena sich das Leben. Ihr jüngerer Bruder Bas bleibt allein mit seinen Eltern zurück. Sein Verhältnis zu Lena war nicht immer einfach: Manchmal war Lena schnell reizbar und trotzig, dann wieder still und unnahbar. Doch das gemeinsame Interesse an Musik hat die beiden verbunden. Und hin und wieder hat Lena sogar ein Geheimnis mit Bas geteilt.

Nach ihrem plötzlichen Tod durchlebt Bas die unterschiedlichsten Empfindungen: eine grosse Leere, Unverständnis, Wut auf Lena, aber auch Mitleid mit seinen Eltern, die intensiv nach den Motiven für Lenas Entscheidung suchen. Bas versucht weiterzumachen wie bisher, doch Lena fehlt. Er fragt sich immer wieder, wann das mit dem Vermissen endlich aufhören wird.
Ein wenig Trost findet er auf Spaziergängen mit dem Nachbarshund Mozart, der anders als die Menschen in seinem Umfeld, keine Erwartungen an ihn stellt. Dem Hund vertraut Bas seine Gefühle und Zweifel an. Auch die Gespräche mit dem alten Herr Sim und mit seinem Freund Tristan tun ihm gut.

Von aussen gesehen ist nach einiger Zeit alles wieder normal, doch dann stehen die ersten Sommerferien ohne Lena vor der Tür. Als Bas allein auf dem Rücksitz im Auto sitzt wird ihm bewusst, dass seine Schwester nie mehr zurückkommen wird. Gleichzeitig fasst er aber auch Mut weiterzumachen, ohne Lena dabei zu vergessen.

„Alles ohne Lena“ ist von der Thematik her keine leichte Lektüre, die einfache und direkte Sprache ermöglicht jedoch einen schnellen Einstieg in die Geschichte.

Die Frage nach den Gründen für Lenas Suizid steht nicht im Zentrum dieses Romans, sie bleibt offen. Der Autor erzählt vielmehr auf sehr berührende Weise vom Umgang mit dem Verlust eines geliebten Menschen und es gelingt ihm auf wenigen Seiten aufzuzeigen, wie viele unterschiedliche Facetten Trauer haben kann.

Der Verlag stellt für Lehrpersonen Unterrichtsmaterialien zum Titel zur Verfügung.

Klassenstufen: 7,8,9,10

Gecastet
Elisabeth Erl, Petra Bartoli y Eckert
Verlag: Verlag an der Ruhr (K.L.A.R.), Publiziert: 2011, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8346-0798-0
Schlagwörter: Musik

Ein autobiografischer Jugendroman

Elisabeth „Elli“ Erl hat 2004 die Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) gewonnen. In ihrem autobiografischen Roman beschreibt sie, wie die Teilnahme an der Show ihr Leben grundlegend verändert hat. Sie erzählt von ihren Zweifeln beim ersten Casting, von den Erfolgen in den Liveshows und vom Gewinn des grossen Finales. Dabei lässt sie auch die Schattenseiten nicht aus. Elli muss rasch feststellen, dass viele Konzertveranstalter Vorbehalte gegenüber Castingshow-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern haben, und dass einem die Aufmerksamkeit der Medien nur für kurze Zeit garantiert ist. Nachdem sie sich von ihrem Produzenten Dieter Bohlen trennt, vergeht der Rummel um ihre Person schnell.

Heute arbeitet Ellie als Lehrerin für Musik und Sport an einer Realschule, macht aber in ihrer Freizeit immer noch leidenschaftlich gern Musik.

Die autobiografischen Geschichten der Reihe „K.L.A.R. reality“ werden von Jugendlichen für Jugendliche geschrieben. Sie zeichnen sich durch einen einfachen Aufbau, kurze Kapitel, ein leicht verständliches Vokabular und eine alltagsnahe Sprache aus.

Der Roman „Gecastet“ bietet Jugendlichen aus erster Hand einen Einblick in das harte Musikgeschäft. Zudem zeigt die Geschichte auf, dass man seine Träume auf unterschiedliche Weise leben kann und dass es immer empfehlenswert ist, einen Plan B zu haben.

Beim Verlag sind Unterrichtsmaterialien zum Titel erhältlich.

Klassenstufen: 7,8,9,10 L

Fehltritt  –  Sport-Krimi
Andreas Schlüter, Irene Margil
Verlag: dtv, Publiziert: 2011, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-71322-1
Schlagwörter: Freundschaft | Krimi/Thriller | Sport

Mit einem Daumenkino von Karoline Kehr

Die fünf Asse, das sind Ilka, Linh, Lennart, Jabali und Michael. Die jugendlichen Hobbydetektive und besten Freunde besuchen dieselbe Klasse einer Gesamtschule mit Schwerpunkt Sport. Während einer Klassenreise trainieren die Schülerinnen und Schüler das Klettern an einem echten Felsen im freien Gelände. Jabali unternimmt anstelle der Kletterübung lieber einen Berglauf. Unterwegs entdeckt er eine Tasche mit gestohlenen Digitalkameras und MP3-Playern. Er nimmt sie an sich und hat bald schon die Diebe am Hals, die das Diebesgut um jeden Preis wiederhaben wollen. Die Diebe nehmen Jabali gefangen. Der einzige Fluchtweg führt senkrecht eine Steilwand hinunter. Seine Freunde kommen ihm zu Hilfe, aber mit Jabalis Rettung ist das Abenteuer noch lange nicht zu Ende…

Die „Fünf Asse“-Reihe kennzeichnet Spannung, Sport und Freundschaft. Werte wie Fairness und Teamgeist sind zentral. Die Detektivgeschichte ist simpel, dafür werden die sportlichen Aktivitäten ausführlich beschrieben.

Die kurzen Sätze und vielen Dialoge machen „Fehltritt“ zu einem empfehlenswerten Lesetipp für Sportbegeisterte. In weiteren Bänden der Reihe stehen andere Sportarten (Leichtathletik, Judo, Tischtennis, Schwimmen, Radfahren, Basketball) im Vordergrund.

„Fehltritt“ liegt bei Bibliomedia Schweiz als Klassensatz vor und ist auch als E-Book erhältlich. Zum Titel existieren ein Lesequiz sowie Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“. Der Verlag stellt auf dem Portal für Lehrer Unterrichtsmaterialien zur Verfügung.

Klassenstufen: 5,6

Und das nennt ihr Mut
Inge Meyer-Dietrich
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2011, Seiten: 118, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-52237-8
Schlagwörter: Freundschaft | Familie/Familienformen

Zuhause herrscht ständig Streit und in der Schule findet Andi kaum Freunde. Um bei den Sharks, einer Gang, mitzumachen, ist Andi bereit, einiges zu riskieren: Eine der Mutproben besteht im Stehlen von Walkmen. Andi besteht die Probe – zwar mit klopfendem Herzen und schlechtem Gewissen. Doch statt ihn aufzunehmen, beginnen die Gangmitglieder, ihn zu verprügeln und zu erpressen. Bald steckt Andi so tief in Schwierigkeiten wie noch nie. Da kommt Henner neu in die Klasse, und die beiden Jungen freunden sich an. Henners Freundschaft verleiht Andi Mut, und schliesslich spricht sich Andi bei Henner aus.

„Und das nennt ihr Mut“ ist eine realistische Geschichte über Freundschaft und Mut aus der Reihe „short & easy“. Die Geschichte zeigt auf, wie es möglich ist, sich aus einer scheinbar ausweglosen Situation zu befreien.
Die Lektüre-Reihe „Short & easy“ behandelt Themen, die aus dem Umfeld der Jugendlichen stammen und so ihr Leseinteresse wecken können. Die Texte sind in grosser, leicht lesbarer Schrift und in Flattersatz gesetzt. Der Satzbau ist einfach gehalten, die vielen Dialoge verleihen den Texten Tempo. Die Texte sind vom Umfang her auch für weniger geübte Leserinnen und Leser gut zu bewältigen.
Im Anschluss an die Lektüre können auf dem Online-Portal „Antolin“ Quizfragen zum Titel beantwortet werden. Der Verlag bietet zudem Unterrichtsmaterialien an.

Klassenstufen: 7,8,9,10 L

Chatroom-Falle
Helen Vreeswijk
Verlag: Cornelsen, Publiziert: 2011, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-464-60784-8

Ein Leseprojekt nach dem Roman von Helen Vreeswijk

Floor und Marcia sind erst 15, geben sich aber gerne als ein wenig älter aus, wenn sie im Internet surfen und auf Flirtseiten chatten. Die Mädchen verbringen einen Grossteil ihrer Freizeit in Chatrooms, denn solange sie online sind, können sie ihre alltäglichen Sorgen vergessen. Die schüchterne Floor hofft, im Internet endlich den Richtigen zu finden, Marcia nimmt die Internet-Bekanntschaften eher locker und zieht aus Spass auch schon mal den Pullover vor der Webcam aus. Schliesslich bleibt man im Chat ja anonym.
Als eine vermeintlich seriöse Modelagentur Floor kontaktiert, sind die Freundinnen gleich Feuer und Flamme. Marcia träumt ohnehin schon lange davon, Model zu werden. Das Fotoshooting verläuft leider völlig anders als Flora und Marcia es sich vorgestellt haben. Sie sollen in Unterwäsche posieren und der Fotograf verabreicht den beiden sogar ein Betäubungsmittel. Schliesslich werden die Mädchen von einem älteren Ehepaar benommen und verstört neben einer Bushaltestelle aufgefunden. Die Polizei nimmt die Ermittlungen auf.

Während der erste Teil des Buches die Ereignisse bis zum verhängnisvollen Fotoshooting schildert, steht im zweiten Teil die Aufklärung des Verbrechens durch das Team um Inspektor Van Buren im Zentrum. Die Autorin Helen Vreeswijk war vor ihrer Karriere als Schriftstellerin selbst Beamtin bei der niederländischen Kriminalpolizei. Ihre Romane beruhen auf echten Fällen. Sie schildert eindrücklich die Gefahren des Internets und beleuchtet sowohl die Seite der Opfer als auch die der Täter. Es gelingt ihr zudem aufzuzeigen, dass die virtuellen Aktivitäten durchaus auch das reale Leben beeinflussen können.
In der Reihe „einfach lesen!“ des Cornelsen Verlags werden bekannte Jugendbücher so gekürzt und vereinfacht, dass sie auch von weniger geübten Leserinnen und Lesern bewältigt werden können. Zur Unterstützung des Textverständnisses beginnt jedes der kurzen Kapitel mit einer Illustration. Als optische Lesehilfe sind die Texte zudem mit Zeilenzählern versehen. Verschiedene Aufgaben am Kapitelende dienen der Überprüfung des Textverständnisses. Ein Lösungsheft liegt bei.
Falls der Roman als Klassenlektüre eingesetzt wird, bietet es sich an, die weniger geübten Schülerinnen und Schüler das vereinfachte Leseprojekt und die fortgeschrittenen Leserinnen und Leser die Originalausgabe lesen zu lassen. Das kollektive Leseerlebnis bleibt somit trotz unterschiedlicher Leseniveaus erhalten.
Zur Originalausgabe des Titels können Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“ gelöst werden.

Klassenstufen: 8,9,10 L

Wie man aus 92 Elementen ein ganzes Universum macht
Adrian Dingle
Aus dem Englischen von André Mumot
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2011, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8270-5463-0

Woraus besteht eigentlich die Welt? Der amerikanische Chemielehrer Adrian Dingle erklärt diese komplexe Frage anschaulich. In seinem Buch widmet er sich den 92 Elementen, aus denen sich das ganze Universum zusammensetzt. Nach einer kurzen Einführung in die Fragen, was überhaupt ein Element ist und wie das Periodensystem aufgebaut ist, werden einzelne, häufig vorkommende Elemente und deren Verwendung näher betrachtet. Der Autor zeigt auf, wie sich die chemischen Elemente miteinander verbinden und wie sie dabei jede Menge neue Dinge bilden. Die Leserinnen und Leser werden zudem darauf sensibilisiert, wo sie im Alltag überall auf chemische Elemente stossen. Man erfährt woraus Sand, Steine oder Kometen bestehen und wie sich eine Glühbirne zusammensetzt. Für alle, die es noch genauer wissen wollen, vermitteln mit „Expertenwissen“ betitelte Kästchen zusätzliche Informationen.
Besonders attraktiv sind die Anleitungen für kleinere Versuche, um zuhause selber aktiv über die Elemente zu forschen. So kann man beispielsweise einen Tisch-Vulkan, eine Kork-Rakete und einen Magneten bauen oder seine eigene Elefanten-Zahnpasta herstellen.

Dieses grafisch sehr bunt und ansprechend gestaltete Entdeckerbuch ist ein guter Lesetipp für naturwissenschaftlich interessierte Jugendliche. Es bietet eine beachtliche Fülle an Informationen aus der Welt der Chemie. Ein Glossar mit Erklärungen zu den wichtigsten Fachbegriffen und weiterführende Buchtipps runden dieses aussergewöhnliche Sachbuch ab.
Auf dem Online-Portal „Antolin“ können Quizfragen zum Titel beantwortet werden.

Klassenstufen: 7,8,9,10

Scott und Amundsen
Maja Nielsen
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2011, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-4873-9
Schlagwörter: Abenteuer

Das Rennen zum Südpol 

Wir schreiben das Jahr 1911. Es gibt nur noch einen einzigen Flecken Erde, zu dem noch nie ein Mensch vorgedrungen ist: die Antarktis.
Lebensfeindliche Bedingungen mit Temperaturen bis zu Minus 90 Grad, Schneestürme und die gefürchtete Krankheit Skorbut haben bisher alle, die versucht haben zum Südpol zu gelangen, kläglich scheitern lassen. Wem es gelingen sollte, dem sind Ruhm und Heldenstatus sicher.
Diese Aussicht veranlasst zwei Männer dazu, sich mit ihren Expeditionsteams einen erbitterten Wettkampf im ewigen Eis zu liefern. Der Engländer Robert Falcon Scott, Offizier der britischen Armee, verlässt sich auf die Disziplin seiner Truppe und auf Ponys, die sein Gepäck tragen sollen. Als Trumpf hat er neu entwickelte Motorschlitten dabei.
Der Norweger Roald Amundsen verbringt zur Vorbereitung einige Zeit bei Eskimos. Er ist zudem erfahren im Umgang mit Hundeschlitten. Amundsen ist es schliesslich auch, der den Südpol mit seinem Team als erster erreicht und bei seiner Rückkehr als Held gefeiert wird, obwohl er sich nicht immer wie ein Gentleman verhalten hat.
Für Scott und seine Männer, die die Niederlage eingestehen müssen, verwandelt sich der Wettlauf in einen Wettlauf gegen den Tod.
Scotts Tagebücher zeugen von den dramatischen Ereignissen, die dazu führen, dass keiner der Männer aus dem Expeditionsteam den Rückweg überlebt.

Maja Nielsen berichtet vom historischen Wettkampf der beiden Abenteurer, der auch eine politische Krise zwischen England und Norwegen auslöste.
Fachliche Unterstützung erhält die Autorin dabei von Arved Fuchs. Der bekannte Abenteurer und Polarfahrer ist selbst zu Fuss zum Südpol vorgedrungen. Er schildert die enormen körperlichen und psychischen Belastungen, die Expeditionen in die Polargebiete mit sich bringen und beurteilt die unterschiedlichen Herangehensweisen von Scott und Amundsen aus heutiger Perspektive. Parallel dazu wird seine eigene Expedition zum Südpol zusammen mit der Bergsteiger-Legende Reinhold Messner beleuchtet.
Zahlreiche Originalfotos und Dokumente sowie Infoboxen vermitteln spannende Zusatzinformationen und erklären Phänomene wie zum Beispiel den Wind-Chill-Faktor.
Zum Titel ist ein sehr empfehlenswertes, packend erzähltes Hörspiel erhältlich. Auf dem Online-Portal „Antolin“ gibt es Quizfragen zum Text.

Klassenstufen: 6,7,8,9,10

Dinosaurier
Ina Rometsch
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2011, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-24003-3

Von sanften Riesen und hungrigen Killern

Ina Rometschs Begeisterung für Dinosaurier führte sie schon um die ganze Welt. In diesem bunten Sachbuch bringt die Autorin einem die Lebensweise der Dinosaurier näher. Man erfährt, wann und wo sie gelebt haben, welche Fressgewohnheiten sie hatten und mit welchen Strategien sie sich gegen Feinde zur Wehr setzten. Auch die Frage, weshalb die Echsen ausgestorben sind und welche Spuren sie hinterlassen haben, wird behandelt. Ein weiteres Kapitel ist den Dinosaurier-Forschern und ihrer Suche nach Fossilien gewidmet.
Im zweiten Teil des Buches werden die einzelnen Dinosaurierarten zunächst steckbriefartig vorgestellt, anschliessend wird auf die Besonderheiten der einzelnen Arten eingegangen. So erfährt man beispielsweise, dass der Stegosaurus nur sehr langsam vorwärtskam und sein Gehirn gerade mal die Grösse einer Walnuss hatte. Dafür war er mit einem Schwanz mit tödlichen Stacheln ausgestattet, um sich gegen Feinde verteidigen zu können.
Ganz zum Schluss gibt die Autorin noch einen Ausblick auf die noch ungeklärten Bereiche der Saurierforschung.

Die Texte sind in grosser Schrift und unterhaltsam geschrieben und werden von den detaillierten, farbigen Illustrationen und den Karten auf jeder Seite gut ergänzt. Zum Titel gibt es Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“.

Klassenstufen: 4,5,6

Mein Pferd und ich
Elisa von Aaken
Verlag: CBJ, Publiziert: 2011, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-13738-3

Das grosse Buch der Pferde und Ponys

Bei diesem Pferdebuch wird grossen Wert darauf gelegt, die jungen Leserinnen und Leser für die Bedeutung des Wohlbefindens des Pferdes zu sensibilisieren. In Kapiteln wie „So möchten Pferde beim Menschen leben“, „Verständigung Pferd-Mensch“ und „Wellness für Pferde“ wird Grundwissen vermittelt, um optimale Lebensbedingungen für Pferde zu schaffen. Nebst den klassischen Abhandlungen zur Geschichte und Entwicklung der Pferde und der Beschreibung der verschiedenen Rassen, enthält das Buch viele praktische Tipps zur Haltung und Pflege von Pferden. Ein längeres Kapitel widmet sich dem Thema Reiten lernen und behandelt auch die Frage, woran man eine gute Reitschule erkennt.
Sollte der Wunsch nach einem eigenen Pferd aktuell sein, finden sich einige wichtige Hinweise, was vor dem Kauf zu beachten ist. Zudem werden Alternativen zum Pferdekauf, wie zum Beispiel Reitbeteiligungen oder das Betreuen eines Pflegepferdes, aufgezeigt. Zum Schluss werden noch einige Berufsmöglichkeiten für Pferdefans vorgestellt.

Dank der angenehm grossen Schrift sind auch die Seiten mit umfangreicheren Textmengen gut zu bewältigen. Auf dem Online-Portal „Antolin“ gibt es Quizfragen zum Titel.

Klassenstufen: 4,5,6,7

77 x Trick 77 
Krispin Zimmermann
Verlag: Küng, Publiziert: 2011, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-906009-26-1
Schlagwörter: Alltag

Die beliebtesten Hörertipps aus der Sendung „Espresso“ von DRS 1

Gewusst wie! Egal ob kalte Füsse, unangenehmer Fonduegeruch in der Wohnung, nervige Fruchtfliegen oder stinkende Abfalleimer, für jedes Haushaltsproblem weiss dieses Büchlein Rat. Ein praktischer Begleiter für den Alltag und auch ohne akutes Problem aufschlussreich und kurzweilig zu lesen.
Das Buch umfasst eine Sammlung der besten Tipps und Tricks, zusammengetragen aus Anregungen von Hörerinnen und Hörern des Konsumentenmagazins „Espresso“ von Schweizer Radio DRS1. Für jedes Problem wird in wenigen Sätzen eine Lösung vorgeschlagen.

Die Gestaltung ist sehr übersichtlich, auf einigen Seiten ergänzen Skizzen den Text. Wer seine Eltern mal mit praktischem Alltagswissen verblüffen will, erhält hier wertvolle Inputs.
Es ist noch ein zweiter Band mit 55 weiteren Tricks und Tipps erhältlich.

Klassenstufen: 5,6,7,8

Kleiner Spaziergang
Chih-Yuan Chen
Aus dem Chinesischen von Johannes Fiederling
Verlag: NordSüd Reihe Baobab, Publiziert: 2010, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-01757-X

Ein Bilderbuch aus Taiwan

Das Mädchen Hsiao-Yü oder “Kleiner Fisch” möchte raus zum Spielen. Dabei soll sie für ihren Papa gleich Eier holen gehen. Der kleine Spaziergang wird zum kindlichen Abenteuerweg. Da läuft sie auf dem Schatten des Hausdachs der Schattenkatze hinterher, entdeckt eine katzenblaue Murmel und eine alte Brille. Beide bringen ihr neue Einsichten in ihre Umgebung. Gewissenhaft macht sie ihren Einkauf und geniesst auch auf dem Rückweg ihre Entdeckungen und Begegnungen.
Diese Geschichte ist ein liebevolles Kleinod. Sie kondensiert auf poetische Art und Weise die Entdeckerfreude kleiner Kinder, ihre Fähigkeit, sich an noch so kleinen Dingen zu erfreuen und sich dabei vertrauensvoll ihre Umgebung anzueignen. Hsiao-Yü lebt in Taiwan und doch könnte oder sollte sie überall zu Hause sein. Die schematisierenden Illustrationen nehmen in zahlreichen hellen Braun- und Grautönen die zarte Stimmung auf und greifen dabei auf eine Mischung von Zeichnerischem und Collagenstil zurück.
Der Text ist zweisprachig, Deutsch-Chinesisch gedruckt und in einem Nachwort des Übersetzers finden sich spannende Informationen zu den Schriftzeichen, die Kinder mit Sicherheit dazu anregen, das eine oder andere selbst auszuprobieren.
Barbara Jakob

Das Zebra ist das Zebra
Max Huwyler, Illustration: Jürg Obrist
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2010, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0581-4
Schlagwörter: Identität/Individualität | Philosophie

Warum haben Zebras Streifen? Eine Kinderfrage. Eine Frage, die die Zoologie heute noch beschäftigt. Und eine Frage für PhänomenologInnen. In Max Huwylers Geschichte gibt sich ein junges Zebra nicht mit der Antwort der Alten zufrieden, die lakonisch meinen: “Das Zebra ist das Zebra.” Es hinterfragt den Kurzschluss. Hat es schwarze Streifen auf weissem Fell oder umgekehrt? Warum sieht es so aus und nicht anders? Die existenzielle Not verfolgt das Zebra bis in die Träume. Das Wegwünschen der weissen Streifen verschafft ihm kein neues Zugehörigkeitsgefühl. Und auch als Zebra-Schimmel bleibt es ein Aussenseiter. Da beschliesst es, sich wieder in ein Zebra zurückzuverwandeln.

Jürg Obrists bunte Collagen erden Max Huwylers philosophische Geschichte. Sie zeigen eine urbane Zebragesellschaft. Man fährt Auto, geht ins Kino und mag, angesichts der globalisierten Welt, nicht darüber nachdenken, wer man ist. Obrist stellt das kleine Zebra zum Nachdenken in den Stadtwald, dort fällt sein Streifenkleid hinter dicht stehenden Bäumen nicht auf, oder setzt es – Ausdruck seiner totalen Entfremdung – in ein kleines, windschiefes Häuschen mit blau-weiss karriertem Boden und orange gepunkteten Wänden. Als Zebra-Schimmel zieht es wie ein kleines Gespenst mit seinem Fahrrad nächtliche Runden; am Tag nimmt die geschäftige Zebragesellschaft keine Notiz von ihm. Sie ist aber auch nicht nachtragend, als es wieder zurückkehrt. “Da bist du ja wieder”, wird es begrüsst: Ein Zebra unter vielen, aber mit eigenem Strichcode.

Ein hintersinnige Geschichte über den Wunsch, den Dingen auf den Grund zu gehen, und das Glück, einen Ort zu haben, wo man hingehört – zum Vorlesen ab vier Jahren.

Christine Tresch

Der Wechstabenverbuchsler
Mathias Jeschke, Illustration: Karsten Teich
Verlag: Boje, Publiziert: 2010, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82234-2
Schlagwörter: Freundschaft | Sprachspiel

Haben wir es nicht schon längst gewusst: Drehtüren sind gemeingefährlich! Der schlaksige Herr Beckermann verheddert sich eines Tages darin. Als er endlich wieder herauskommt, purzeln beim Sprechen in seinem Kopf die Buchstaben durcheinander. Fortan ist er nur mit Mühe zu verstehen. Wenn er einkauft, verlangt er “Rozzamella und Matoten”. Und als er überfallen wird, kann er nur noch “Biede! Biede! Hu Zilfe!”, rufen. Das ist natürlich etwas lästig. Doch seine Laune lässt er sich dadurch nicht verderben. Schliesslich lernt er das Mädchen Nina kennen, die uns nun seine Geschichte erzählt. Sie hat einen kuriosen Einfall, wie sie Herrn Beckermann helfen kann.

Gleich auf den ersten Blick schliesst man Nina und Herrn Beckermann ins Herz. Das Mädchen blickt smart aus grossen Kulleraugen. Der Buchstabenverwechsler hat ellenlange Beine, trägt einen viel zu kurzen Pulli und einen kessen Strohhut. Die Handschrift des wunderbaren Illustrators Karsten Teich ist unverkennbar. Seine schwungvollen, witzigen Zeichnungen in leuchtenden Farben erwecken die Figuren zu einem quirligen Eigenleben. Sie springen, rennen, torkeln, tanzen über die ganze Buchseite, als wären sie in einem Film. Auch der Text von Mathias Jeschke funkelt voller Ideen und Sprachwitz. Seine Buchstabenspiele sind originell. Schon Kinder ab 8 Jahren haben Spass daran, den Code der Buchstabenverwechslung zu knacken. In diesem Buch waren eindeutig zwei begabte Nielerspaturen am Werk.

Claudia Kursawe

Die Antwort auf alles
Yvan Pommaux
Aus dem Französischen von Bettina Wegenast
Verlag: Moritz, Publiziert: 2010, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89-565216-5
Schlagwörter: Freundschaft | Kreativität

Der mehr als schusslige Tollpatsch lebt in seinem von vielen Ungeschicktheiten gezeichneten Haus. Doch seine Begeisterung und Fantasie beim Reparieren können die neue Nachbarin Lola, bei deren Anblick Tollpatsch immer ganz kribblig wird, gar nicht begeistern. Als sie droht, wegen seines Bastelkrempels wegzuziehen, ist Tollpatsch schrecklich traurig und er beschliesst, mit Hilfe eines neu gekauften Bildes, auf dem ein sehr erhabener japanischer Mann namens Takarobou Fudiwara dargestellt ist, ruhig zu werden. Doch schon beim Versuch, das Bild aufzuhängen passiert es: der 800-jährige Geist Fudiwaras wird befreit – und wie der Geist aus der Flasche bedroht er in seiner Riesengestalt den kleinen Tollpatsch massiv. Gut, dass Lola zu Stelle ist und den Geist mit ihrem Staubsauger unschädlich macht. Ende gut, alles gut, denn Lola bleibt Tollpatsch nicht nur erhalten, sondern dieser mutiert nun zum eigentlichen Künstler à la Tinguely.

Der Umschlag mit seinem knalligen Rosa stellt gleich zu Beginn klar, dass bei Tollpatsch Alarmstufe Rosa herrscht. In zahl- und variantenreichen Panels mit dazwischen gesetztem Text und typografischen Bildelementen verschafft uns der Illustrator Einblick in das Leben seines Protagonisten. In klarem Strich und Farbigkeit läuft vor dem Betrachter die filmreife Geschichte ab, Liebes- und Gruselfaktor inklusive. Pommaux schafft dabei den Übergang von der Realität ins Fantastische mit Leichtigkeit.

Barbara Jakob

Harzig Kipplig Fälltum
Lorenz Pauli, Illustration: Miriam Zedelius
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2010, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-5205-0
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Falls sich jemand beim Lesen dieses Buchtitels an ein nicht explizit erwähntes Möbelhaus erinnert fühlt, liegt er oder sie goldrichtig. Dass man an eigene Einkaufstouren denkt, ist ebenso folgerichtig. Mit gutem Gespür für die Freuden und Leiden von Familien-“Ausflügen” in Konsumwelten erzählt Lorenz Pauli die Geschichte vom kleinen Leo, der mit seinen Eltern statt ans Meer ins Kaufhaus fährt. Er will nicht ins Kinderparadies, sondern beim Möbelkauf dabei sein. Selbstverständlich hat er nicht so viel Geduld wie seine Eltern bei der Auswahl geeigneter Stücke und beschäftigt sich mit Bürostühlen auf Rollen oder spielt Verstecken in der Plüschtierkiste. Immer wieder erntet er dafür unfreundliche Worte seiner Eltern. Glücklich zu Hause angekommen, stellt er seine Kreativität in den Dienst des Möbelaufbaus, auch um seine sichtlich gestressten Eltern zu entlasten. Dass dabei nicht die vorgesehenen Möbelstücke, sondern ohne grosses Sägen ein richtiges Flugzeug entsteht, führt die kleine Familie am Schluss wieder zusammen. Schön, dass sich dieser kleine Junge nicht so schnell durcheinanderbringen lässt.

Lorenz Pauli verbindet in der turbulenten Geschichte, die er schon vor einiger Zeit auf der Bühne zum Besten gab, auf sympathische Art ganz reale Nöte mit Fantasieelementen und schafft es damit, einer klassisch unangenehmen Situation eine wunderbare Leichtigkeit mit einem Schuss Ironie zu verschaffen. Die Illustrationen von Miriam Zedelius veranschaulichen in vielen Details und fröhlich-warmen Farben die humorvolle Ebene des Textes.

Barbara Jakob

Der Wind hat Geburtstag
Jürg Schubiger, Illustration: Wiebke Oeser
Verlag: Hammer, Publiziert: 2010, Seiten: 45, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0282-8
Schlagwörter: Humor/Komik | Philosophie

“Es taut, es taut, / das Wetter ist heut laut. / Es rauscht, es rauscht, / auch ich bin wie vertauscht.” – Was einem besonders im April durch Mark und Bein geht, bringt Jürg Schubiger in seinem neuen Gedichtband mit dem wundersamen Titel “Der Wind hat Geburtstag” auf den Punkt. Aber nicht nur Wind und Wetter und wie sie sich auf die menschliche Befindlichkeit auswirken, beschäftigt ihn in seinen mal rhythmisch-musikalischen, mal denkverspielten Gedichten. In einem ganz kurzen Gedicht mit dem Titel “Wunsch” trifft er die existentielle Einsamkeit, die wahllos Kinder und Erwachsene ergreift, ins Herz – ganz unsentimental und mit einem wilden Humor, der bei ihm immer wieder durchdrückt: “Ich armes Schwein! / O wär ich doch zwei Schweine, / dann könnt ich miteinander spielen, / wär nicht mehr so allein.”

Armes Schwein? In seinen Texten, egal, ob sie sich an Kinder oder an Erwachsene richten, meidet Jürg Schubiger normalerweise vorgefertigte Redewendungen wie der Teufel das Weihwasser. Denn er weiss, dass die Gedanken davonrennen, wenn die Sprache zu leicht fliesst. Doch bei den Gedichten funktioniert das Spiel mit festen Formen, mit Reimen und bekannten Kinderversen (“Es war einmal ein Mann…” oder “Es rägelet, es rägelet”) anders. Dem armen Schwein kann der Dichter die paradoxe Idee vom Doppelschwein hinterherschicken und philosophisch-poetische Funken aus dem kleinen Dreh schlagen. Ein Buch, das sich zum Vorlesen und zum gemeinsamen Philosophieren eignet – oder zum Weiterdichten.

Christine Lötscher

«Was braucht’s für ein Gedicht? / Ein Wort, das reimt, mehr nicht. / Der Reim ist das, was leimt. / So gibt sich Schicht um Schicht. / Als Schlusswort wäre Specht nicht schlecht. / Viel schöner aber ist Habicht.» «Rezeptur» heisst dieses Gedicht von Jürg Schubiger. Leichtfüssig kommt es daher und hat doch feine Krallen, wie alle Gedichte in diesem ganz besonderen Lyrikband. Autor und Illustratorin schaffen es, gewichtigen Themen ein luftiges Kleid zu verpassen.

Wenn ich ein Vöglein wär
Hanna Johansen, Illustration: Hildegard Müller
Verlag: Hanser, Publiziert: 2010, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23471-3

Jetzt singen sie wieder von den Dächern und Baumwipfeln hinunter, noch ehe der Tag richtig anbricht, die Amselhähne. Und wer genau hinhört, so wissen die LeserInnen nach der Lektüre von Hanna Johansens neuem Buch, kann ihre Lieder unterscheiden.
Einmal mehr erzählt Johansen eine Tiergeschichte. Und einmal mehr so, dass wir ganz nah an dem dran sind, was den Amselhahn und seine Frau beschäftigt. Wir erfahren Genaues über das Leben dieser Vogelart in unseren Gefilden, ohne zu merken, dass uns da auch Sachwissen vermittelt wird.
Amselhahn Mario, so hat ihn Nana getauft, das Mädchen, in dessen Garten die Amsel das dritte Jahr den Sommer zu verbringen gedenkt – Amselhahn Mario ist ein ehrgeiziger Sänger. Er gibt sich nicht zufrieden mit dem Reviergesang, den alle anstimmen, sein Lied soll etwas Besonderes sein. Und weil Amseln auf den Gesang ihrer Kontrahenten reagieren, ist es naheliegend, dass Mario Nanas Blockflötenspiel aufnimmt. Sie übt “Wenn ich ein Vöglein wär” und Mario trillert das Lied in jeder freien Minute nach. Dazwischen muss er seine Brut füttern und den Kater im Auge behalten, der das Leben in Nanas Garten nicht nur angenehm macht. Seine Frau amüsiert sich über Mario, wenn er singt “und auch zwei Flügel hätt” – hat der eine Meise? –, aber andere Amseldamen auf der Suche nach einem Bräutigam finden Marios Versuche durchaus attraktiv. Auch die Amseljungen haben gut zugehört. Sie werden das Volkslied in ihr Repertoire aufnehmen.
Hildegard Müllers detailgetreue Zeichnungen, mal seitenfüllend, mal als Vignetten, untermalen die verspielte Geschichte, die selber wie ein Liedtext daherkommt. Ein Buch zum Vorlesen und Selberlesen für schon etwas geübtere LeserInnen.
Christine Tresch

Gutenachtgeschichte
Ulrich Plenzdorf, Illustration: Stefanie Harjes
Verlag: Hinstorff, Publiziert: 2010, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-356-01345-9
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen

Was ist eigentlich eine Gutenachtgeschichte, fragt der Erzähler sein fiktives Publikum und kommt zur Antwort: “Eine Gutenachtgeschichte ist eine Geschichte, mit der die Erwachsenen ihre Kinder erpressen, früher ins Bett zu gehen, damit sie selbst ungestört fernsehen können.” Ulrich Plenzdorfs erstmals 1980 in der DDR erschienene “Gutenachtgeschichte” ist natürlich keine Erpressergeschichte dieser Art – obwohl der Autor die Aufmerksamkeit immer wieder spielerisch auf das zentrale Thema der Autorität in Alltag und Literatur lenkt. “Gutenachtgeschichte” ist ein Plädoyer für kindliche Selbstbestimmung, eine Hommage an die Fantasie, die sich ihre eigenen Pfade durch Worte und Bilder sucht, ohne sich eine Lesart aufzwingen zu lassen. Sie übt aber auch Kritik an den Einschränkungen, denen kindliche Imagination in einer autoritären Umwelt ausgesetzt ist.

Ausdruck des selbstbestimmten, aktiven Generierens von Geschichten ist diese Geschichte, die sich nicht linear, sondern in einer langen Reihe von Assoziativketten entwickelt und ein Nachdenken übers Geschichtenerzählen und den Literaturbetrieb selbst ist. Diese Assoziativketten gehen mit Stefanie Harjes fantastisch-wilden Illustrationen eine Metamorphose ein: Stärker als die satirischen, aber relativ gegenständlichen Zeichnungen des ersten Illustrators Rolf Köhler spinnen Harjes’ fragmentarische Collagen die in der Erzählung angeknüpften Fäden ins Unendliche weiter. Ausdruck der Fantasie, die sich ihren Weg bahnt, ist ein Einradfahrendes Fabeltier: Mit seiner seiltänzerischen Fahrt führt es die LeserInnen durch den rauschhaften Traum hindurch. Der Text legt den schöpferischen Akt in die Hände der LeserInnen selbst. Das aber macht nicht müde, sondern – bei aller Traumhaftigkeit des Werks – sehr wach.

Manuela Kalbermatten

Die wilde Farm
Silke Lambeck, Illustration: Karsten Teich
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2010, Seiten: 170, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5384-6
Schlagwörter: Humor/Komik

Man nehme einen Jungen aus der Stadt, ein Mädchen vom Land, einen verlassenen Bauernhof, reichlich Tiere und einen ungeklärten Juwelendiebstahl. Das Ganze an der heissen Sonne gehen lassen und mit einer Prise poetischer Naturbeschreibung verfeinern. Heraus kommt “Die wilde Farm”, ein Roman nach einem Rezept von Silke Lambeck. Und tatsächlich, was auf den ersten Blick so banal klingt, macht richtig Appetit aufs Lesen.
Das liegt zum einen am witzigen Sound des Textes, zum anderen an den wechselnden Perspektiven, aus denen erzählt wird. Selbst die Tiere kommen zu Wort, ohne dass es kitschig wirkt. Das klingt dann beispielsweise so: “Der Kater lag unter dem Tisch und beobachtete die Menschen. Jetzt, wo er satt war, konnten sie ruhig wieder gehen.” Mit Menschen meint er die zehnjährigen Kinder David und Marie. Sie kümmern sich um die zurückgelassenen Tiere auf einem Hof, dessen alter Bauer unerwartet ins Krankenhaus musste. Noch viel mehr wollen die Kinder das auf dem Hof angeblich versteckte Diebesgut aufspüren. Doch sie sind nicht die Einzigen, die sich dafür interessieren, und ein spannender Wettlauf beginnt. Währenddessen haben die Bauernhoftiere ihre eigenen Abenteuer zu bestehen, denn die Tiere der angrenzenden Wildnis kommen immer näher. Kämpfe sind angesagt. Die Szenen wechseln temporeich zwischen Menschen- und Tierwelt, um im spannenden Finale wieder zusammenzukommen.
Kleine, witzige Tierzeichnungen von Karsten Teich sind in den Text eingestreut. Silke Lambeck ist mit “Die wilde Farm” eine spritzige und originelle “Bio-Detektivgeschichte” geglückt.
Claudia Kursawe

Herr Urxl und das Glitzerdings
Philip Ardagh
Verlag: Oetinger audio, Publiziert: 2010, ISBN/ISSN/EAN: 3-8373-0499-X
Schlagwörter: Humor/Komik | Nonsens

Geschichten aus Bad Dreckskaff

Eine Warnung vorab: Man sollte sich dieses Hörbuch nicht beim Kochen – und noch weniger während des Essens – anhören. Denn vor dem Hintergrund der skurrilen Geschichten um das exzentrische Dorf Bad Dreckskaff steht die detaillierte Schilderung von Ekelhaftigkeiten im Zentrum von Philip Ardaghs neuem Roman “Herr Urxl und das Glitzerdings”, der von einem zu Höchstform auflaufenden Harry Rowohlt in einer exklusiven Lesefassung präsentiert wird.
Das Ekelerregende übt, wie etwa die Zuschauerquoten der RTL-Dschungelcamp-Ekelserien belegen, bekanntlich einen eigenen, durchaus starken Reiz aus. Mit dieser Lust am Ekel, die häufig mit der freudschen These vom Ekelgefühl als einem invertierten, infantilen Lustgefühl erklärt wird, spielen auch Ardagh und Rowohlt. In ihrem Fall ist das Ekelerregende an die Person von Manuell Urxl geknüpft: einen Zeitgenossen, dessen ungepflegtes Äusseres oder “fetid-repulsive Gesamtkonstellation” selbst den ansonsten unzimperlichen Bad-Dreckskäfflern so sehr zusetzt, dass Urxls Ausschaffung beschlossen wird.
Philip Ardagh widmet einen beträchtlichen Teil des kurzen Romans der Darstellung von Herrn Urxls fettigem Haar (oder eher: “haarigem Fett”), seinem frei fliessenden Ohrschmalz oder der differenzierten Charakterisierung von Gerüchen, die mit seinen Rülpsern verbunden sind. Harry Rowohlt wiederum suhlt sich mit solcher Wonne in den – letztlich trotz allem relativ harmlosen – Ekelhaftigkeiten, dass eine für Kinder wie Erwachsene gleichermassen vergnügliche kleine Parodie auf die literarische Inszenierung des Ekelhaften entsteht.
Manuela Kalbermatten

Anton ich mag dich
Peter Pohl
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2010, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23472-1
Schlagwörter: Freundschaft | Identität/Individualität

Nach mehr als sieben Jahren endlich ein neues Kinderbuch von Peter Pohl auf Deutsch: “Anton, ich mag dich” erinnert in vielem an den Erstling “Jan, mein Freund”, für das der schwedische Autor 1990 auf Anhieb den Deutschen Jugendliteraturpreis erhielt. Einfühlend und warmherzig erzählt Pohl von der Freundschaft zwischen Jojo und Anton, deren Charme und Liebenswürdigkeit sich so schnell niemand entziehen kann. Nachdem Jojo in den Fussballverein eingetreten ist, in dem auch Anton spielt, verbringen die beiden viel Zeit miteinander. Dabei tun sich allerdings immer mehr Ungereimtheiten um Antons Person auf: Wie kommt es, dass der Zehnjährige ständig neue Handys hat? Dass er nie von seinem Vater oder seiner Mutter vom Training abgeholt wird und sich auch sonst niemand bei ihm zu Hause dafür zu interessieren scheint, was der Junge tagein, tagaus so treibt? Und dann die ganzen Geschichten, die Anton über seine Eltern erzählt und bei denen er sich immer häufiger in Widersprüchlichkeiten verstrickt… Irgendwann muss selbst Jojo zugeben, dass Anton lügt. Immer wieder. Nicht schlimm und oft völlig unnötig – ein Vertrauensbruch ist es aber trotzdem. Als Anton nach einem Streit Wochen lang in der Schule fehlt, sucht Jojo ihn zu Hause auf und lüftet dabei sein wohlgehütetes und sehr trauriges Geheimnis.
Ein Buch, das fesselt und berührt. Dass Jojo eigentlich Josefine heisst und ein Mädchen ist, wird dabei erst auf der letzten Seite offenbar. Ein ums andere Mal weiss Pohl das Geschlecht seiner Ich-Erzählerin geschickt zu verbergen, was nicht nur Jungs den Zugang enorm erleichtert, sondern dem Ganzen – buchstäblich in letzter Minute – noch eine unerwartete Wendung gibt. Danach möchte man das Buch am liebsten gleich noch einmal lesen, mit anderen Augen.
Andrea Duphorn

Wildnis
Roddy Doyle
Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel
Verlag: CBJ, Publiziert: 2010, Seiten: 205, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-13553-5
Schlagwörter: Identität/Individualität | Natur

Der Ire Roddy Doyle, der als Autor für Erwachsene zu den ganz Grossen gehört, beweist mit seinem neuen Jugendroman “Wildnis”, dass man für Kinder und Jugendliche ab etwa 12 Jahren hochkomplexe Geschichten in ganz einfacher Sprache erzählen kann. Die Ausgangslage der Patchworkfamilie, in der Tom und Johnny aufwachsen, scheint hoffnungslos. Von einem Tag auf den anderen verweigert Grainne, die 18-jährige Stiefschwester, jede Kommunikation. Besonders ihre neue Mutter Sandra, die sich jahrelang liebevoll um das Mädchen gekümmert hat, ist des Teufels, und der Vater ist so überfordert mit der Situation, dass er der wütenden Teenagerin nichts entgegensetzen kann. In der Verzweiflung beschliesst Sandra, mit den beiden Jungen für drei Wochen nach Lappland zu fahren, in einen Abenteuerurlaub mit Schlittenhunden. Das soll die drei auf andere Gedanken bringen. Wie existenziell das Abenteuer an der Grenze der Zivilisation werden wird, konnten sie sich in den wildesten Träumen nicht vorstellen.
Die Begegnung mit den elementaren Kräften im nordischen Winter, die Kommunikation mit Tieren, die nur ihrem Instikt und ihrem Leithund gehorchen, löst bei Tom und Johnny eine Entwicklung aus, die oberflächlich nichts mit der schwierigen Familiensituation zu tun hat. Und doch spiegelt sich in dieser Grenzerfahrung die elementare Kraft der Gefühle, mit der Grainne gleichzeitig zurechtzukommen versucht. Die Hunde, die ihre Brüder im äusseren Leben verstehen lernen, hat sie in sich drin.
Am Ende kehren zwar alle lebend nach Hause zurück, doch es hätte auch anders ausgehen können.
Christine Lötscher

Schrödinger, Dr. Linda und eine Leiche im Kühlhaus
Jan de Leeuw
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2010, Seiten: 126, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5303-X
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Jan de Leeuws neuer Roman erinnert in vielen Zügen an Ian McEwans “Der Zementgarten” (1978): Nach dem Tod der Eltern bleiben die Kinder allein zurück und verbergen die Lage, indem sie die Leiche der Mutter einbetonieren oder im Kühlhaus verstecken. Die Hauptfigur, in beiden Fällen ein Junge im Teenageralter, der den LeserInnen kaum Einblick in seine Gefühlswelt erlaubt, versucht, die verwirrende Lage zu meistern. Er verstrickt sich immer tiefer in Lügen und Verhüllungsakte, die durch den distanziert-sachlichen Erzählstil umso grotesker hervortreten. Beide Romane schildern die Absurdität und Isolation der Adoleszenz in einer verwirrenden, bisweilen unbewohnbaren Welt. Was de Leeuws Roman zu einem eigenständigen kleinen Meisterwerk macht, ist die Wärme, die hinter den beiläufig-kühl erzählten Tragödien spürbar wird. Jonas setzt sich immer wieder selbst als Erzähler einer Geschichte in Szene, deren Fäden er durch kühle narrative Logik zusammenhält – genau wie sein Leben, das völlig aus den Fugen geraten ist. Die Briefe aber, die er anstelle seiner Mutter – der Briefkastenkummertante Dr. Linda – für alle Verzweifelten beantwortet, spiegeln sein verwirrtes Innenleben. Und die junge Heleen, die wissen will, was es mit den Gefühlen auf sich hat, drückt das Problem aus, das auch Jonas umtreibt: “Die Welt liegt hier und ich reiche nicht an sie heran. Sie ist ein einziges grosses Fest und ich kann zwar meine Nase von aussen gegen die Fensterscheibe drücken und die lachenden und tanzenden Leute beobachten, aber ich selbst habe keinen Zutritt!” Selten werden in einem Jugendbuch so viele Empfindungen einer Lebensphase präzise und ohne Sentimentalität oder Pathos, dafür verknüpft mit einer rasanten Story, in und zwischen den Zeilen aufs Papier gebracht.
Manuela Kalbermatten

Margos Spuren
John Green
Aus dem amerikanischen Englisch von Sophie Zeitz
Verlag: Hanser, Publiziert: 2010, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23477-2
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Krimi/Thriller | Liebe

Solange Quentin sich erinnern kann, schwärmt er für Margo: Margo Roth Spiegelmann, das gut aussehende, coole, impulsive und abgedrehte, mutige und entschlossene Mädchen aus dem Nachbarhaus. Und solange er weiss, spielt er im Leben des Mädchens, mit dem er im Alter von neun Jahren im Park einen toten Mann unter einem Baum entdeckt hat, keine besondere Rolle. Bis Margo eines Abends plötzlich wieder in seinem Zimmer steht und ihn für einen besonderen Rachefeldzug um Hilfe bittet. Quentin erlebt die verrückteste Nacht seines Lebens, und am nächsten Morgen ist Margo verschwunden. Wieder einmal von zu Hause abgehauen. Doch sie hat Spuren hinterlassen. Unter anderem ein 80 Seiten langes Gedicht, das Quentin zu ihr führen soll.
Ähnlich wie in seinem Debüt “Eine wie Alaska” (2005/dt. 2007) stellt der US-amerikanische Autor John Green eine junge, rätselhaft-charismatische Frau, die plötzlich verschwindet, in den Mittelpunkt des Geschehens. Wieder wählt er einen etwas abseits stehenden Jungen und dessen schräge Freunde als Protagonisten. Und wieder dient der Alltag an einer US-amerikanischen Schule als Kulisse eines Buches, das mit aussergewöhnlichen Charakteren, witzigen Dialogen und unerwarteten Wendungen von der ersten bis zur letzten Seite zu fesseln vermag.
“Margos Spuren” bietet jedoch mehr. Gekonnt verbindet Green Freundschafts-, Schul-, Kriminal- und Detektiv- sowie sanfte Liebesgeschichte zu einem Coming-of-Age-Roman, der zu guter Letzt auch noch als Roadmovie endet: In einem klapprigen Transporter rasen Quentin und seine Freunde Tausende von Kilometer durch die Staaten, um Margo zu finden.
Andrea Duphorn

Jason und PhoenixBird
Nora Raleigh Baskin
Aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2010, Seiten: 189, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5289-0
Schlagwörter: Behinderung | Identität/Individualität

Bennu, der unproportionale Kleinwüchsige aus Jasons Geschichte, entscheidet sich am Ende gegen die Operation, die ihn hätte gross, “normal” machen sollen. Er entscheidet sich zu bleiben, wie er ist, was er ist. Jason, Schöpfer der Figur, zwölfjährig und dichterisch begabt, hat seinem Protagonisten die eigenen Probleme auf den Leib geschrieben: Die Unmöglichkeit, nicht am Rand zu stehen in einer Welt von “typisch neurotypischen” Menschen; den Wunsch, gehört und die Angst davor, gesehen zu werden. Genau wie Bennu ist Jason anders; er ist Autist, besitzt ein reiches Fantasie- und Innenleben, aber keine Möglichkeit, es im direkten Kontakt zu kommunizieren. Und keine Chance, seinen widerspenstig gegen ihn arbeitenden Körper zu kontrollieren.
Jason hat eine Lösung für dieses Problem entwickelt: “Wenn ich schreibe, kann man mich hören. Und kennenlernen. Aber niemand muss mich ansehen.” Wie Bennu wird Jason vor eine Entscheidung gestellt: Soll und kann er der bleiben, der er ist? Existiert überhaupt die Möglichkeit, sein Problem “zurechtzubeugen” – wie seine Mutter es sich wünscht? Und: Wird PhoenixBird, Jasons Internet-Freundin, ihn auch im “richtigen” Leben mögen?
Nora Raleigh Baskins Roman erzählt die Geschichte eines autistischen Jungen, der die Welt aus anderen Augen betrachtet. Er erzählt aber auch die Geschichte einer “neurotypischen” Welt, die Jugend als Krankheit wahrnimmt und zu zivilisieren bestrebt ist – und dabei unweigerlich auf die eigenen Schwächen stösst. Dass der Roman selbst niemanden pathologisiert, sondern – wie der Ich-Erzähler – in einem beobachtenden Modus die Schwierigkeit authentischer Identität und sozialer Zugehörigkeit beleuchtet, macht ihn zu einem lange nachwirkenden Leseerlebnis.
Manuela Kalbermatten

Über kurz oder lang
Marie-Aude Murail
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2010, Seiten: 223, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85390-7
Schlagwörter: Geschlechterbilder

“Ein Praktikum!”, ruft der ehrwürdige und sehr wichtige Monsieur Feyrières, ein erfolgreicher Chirurg und mässig erfolgreicher Vater zweier halbwüchsiger Kinder. “Die Kinder können keine drei korrekten Sätze aneinanderreihen, aber sie müssen ein Praktikum machen.” Dabei ist die Aussicht auf praktische Arbeit für seinen Sohn Louis ein Lichtblick. Louis geht nicht gern zur Schule, er wartet nur auf den Tag, an dem er sein Leben in die Hand nehmen kann. Dieser Tag kommt unverhofft, als er durch die Vermittlung seiner weitsichtigen Grossmutter als Praktikant den Coiffeursalon Marilou betritt – und sich als absolutes Naturtalent im Haareschneiden und Frisieren, aber auch im Umsorgen der Kundinnen erweist.
In ihrem gewohnt leichten, witzigen und warmherzigen Ton erzählt Marie-Aude Murail Louis’ Entwicklungsgeschichte mit Widerständen als Märchen. Am Ende sehen alle Beteiligten ein, dass der Junge einfach Coiffeur werden muss, auch wenn der Vater mit seinem Standesdünkel schwer damit umgehen kann. Vielleicht erscheint die Idylle zuletzt in allzu rosigen Pastelltönen, doch es tut gut, einmal eine Coming-of-Age-Geschichte zu lesen, in der die Schönheiten des Handwerklichen gepriesen werden – in einer Welt, in der Kinder nicht mehr einfach so spielen dürfen, sondern immer und überall Förderung erfahren. Ausserdem erschafft Murail in Louis eine Figur, die sich mit Charme über Geschlechterzuschreibungen hinwegsetzt. Coiffeur ist der richtige Beruf für Louis, egal, welche Klischees daran kleben mögen.
Dieses Buch ist so gut und lebendig geschrieben, dass man es in einem Zug verschlingt. Die Figuren im Salon Marilou sind skurril und menschlich, die Dialoge frisch und geistreich.
Christine Lötscher

Das Heidi-Kochbuch
Dorothea Binder, Illustration: Hannes Binder
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2010, Seiten: 76, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00987-1
Schlagwörter: Essen | Anleitung

Schweizer Rezepte

Die Kinder, die gerne mithelfen beim Kochen, wissen genau, wann es ernst wird in der Küche. Etwa, wenn die Erwachsenen nervös herumhantieren, weil der Gugelhupf in der Form kleben bleibt oder die Omelette beim Wenden statt in der Pfanne im Maul des Hundes landet. Und die Erwachsenen wissen, dass sie eigentlich die Kinder machen lassen sollten, aber irgendwie fehlen immer die Nerven dazu. Dorothea Binders Kochbuch für Kinder bietet Eltern und Kindern eine Bühne, auf der sie ihr gemeinsames Kochtheater aufführen können.

Schauplatz ist die Alp ob Maienfeld, die Figuren sind Heidi, der Geissenpeter und der Grossvater. Das Kochbuch kombiniert einfache Anweisungen mit dem Alltag der drei hungrigen Alpbewohner. Wir erfahren, dass der Grossvater nicht so gern Rüeblisuppe mag, doch er kocht sie trotzdem für Heidi, und bei jedem der währschaften Schweizer Rezepte (zwischen Fotzelschnitten, Älpler-Polenta und Chäshörnli mit Brösmeli muss man, wenn Heuen und Holzhacken nicht drin liegt, wenigstens ein bisschen Herumrennen oder Toben) erfahren wir, wer es kocht und wer es besonders gerne isst. Das Buch ist nicht nur liebevoll, witzig und schön gemacht (mit Illustrationen von Hannes Binder), sondern es bewährt sich auch in der Praxis. Die Anleitungen sind so geschrieben, dass man sie den Kindern erzählen kann, zum Beispiel bei den schwierigen Capuns: „Und jetzt wirds spannend: Heidi, Geissenpeter und Grossvater sitzen an den Küchentisch. Sie breiten die Lattich-/Mangoldblätter aus und geben auf jedes Blatt einen Teelöffel Füllung. Dann machen sie vorsichtig Päckli daraus. Was für eine Niffeliarbeit!“

Christine Lötscher

Oups!
Jean-Luc Fromental, Illustration: Joëlle Jolivet
Aus dem Französischen von Leonie Jacobson
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2010, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51733-9
Schlagwörter: Abenteuer | Reisen | Ferien

Dass ein Ferienstart nicht immer ganz reibungslos verläuft, werden die meisten LeserInnen bestätigen können. Um die Familie mit zwei Kindern und Hund, die eigentlich nur zum Flughafen will, spielt sich allerdings eine nicht zu überbietende Kettenreaktion ab. Das Geschehen nimmt seinen Lauf, als die Seife von Tante Roberta aus dem Fenster fliegt. Sie zwingt einen Fahrradfahrer zu einem brüsken Schlen­ker, was wiederum dazu führt, dass das Taxi mit der Familie drin in einem Elektroschaltkasten landet. Anschliessend entfliehen Bären, weil der Wärter einem in ei­nem Baum notlandenden Helikopter zuschaut. Später landet ein Zirkuselefant per Rollbrett auf dem Dach der Präsiden­tenlimousine – und so weiter und so fort. Und dies alles nur wegen einer kleinen Seife! Ob die Familie am Schluss noch wie geplant in Tunesien Ferien machen kann, soll an dieser Stelle nicht verraten werden; zu viel Spass macht diese komplexe Bil­der­reise.

Das Team Fromental/Jolivet legt nach “365 Pinguine” wiederum ein absolut eigenwilliges Bilderbuch vor. Flächig-schablonenhaft und in satten Farben die Illustrationen, kurz und knapp der Text, ist dieses grossformatige Buch eine Heraus­­for­derung für nicht ganz kleine Kinder, eine exzellente Sehschulung und ein wil­des Abenteuer sowieso. Für erschöpfte BetrachterInnen gibt es zuhinterst eine Ausklappseite, die sämtliche unglückseligen Verkettungen aufzeigt.

Barbara Jakob

Die Fliege-Ziege
Heidemarie Brosche, Illustration: Anna Anastasova
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2010, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0600-4

Die Fliege-Ziege kann etwas, das die an­deren Ziegen nicht können: Sie kann flie­gen und sie liebt es. Dies stösst in der Her­de und bei der Mutter der kleinen Ziege keineswegs auf Begeisterung. Die anderen Ziegen halten sie für eine Angeberin, die Mutter ist besorgt und schämt sich für ihr Kind. Die Fliege-Ziege beschliesst, das Flie­gen zu lassen, doch lange kann sie sich nicht zurückhalten. Auf einem Nachtflug rettet sie die Ziegenherde vor dem Nachtvogel, und die kleine Ziege ist stolz auf sich. Die Herde erfährt zwar nichts davon, doch der Fliege-Ziege ist nun klar, dass sie das Fliegen nie wieder aufgeben wird. Und die anderen Ziegen gewöhnen sich daran, “dass die Fliege-Ziege anders war”.
“Die Fliege-Ziege” reiht sich unter die zahl­reichen Bilderbücher zum Thema “An­ders­sein” ein: Es soll Kinder dazu er­mu­tigen, “ihr Selbst zu achten” und ihre be­son­deren Fähigkeiten, mögen sie auch nicht als solche anerkannt sein, anzuneh­men. Das Buch beschönigt nichts und löst die Schwierigkeiten von Selbstbehaup­tung, Abweichung, Anerkennung und Ak­zeptanz nicht einfach im gemeinsamen Glück auf: Der Stolz, den die Fliege-Ziege auf sich und ihre Fähigkeit zu entwickeln vermag, ist an die Rettung der Ziegen-Gemeinschaft gebunden. Auch bleibt das Un­be­hagen der Mutter bestehen. Sie findet das Fliegen weiterhin schrecklich, sieht jedoch ein, dass ihr Kind nicht darauf verzichten kann und freut sich, dass es ihm wieder gut geht. So bleibt zum Schluss –obwohl die Fliege-Ziege nun glücklich durch die Luft wirbelt – ein kleines bisschen Wehmut zurück.
Eine zurückhaltend erzählte Geschich­te von Heidemarie Brosche, getragen von eben­so unaufdringlich-schönen Zeich­nun­­­gen von Anna Anastasova.
Lou Heer

Wenn ein Müllmann zaubert
Marjaleena Lembcke, Illustration: Sylvia Graupner
Verlag: Boje, Publiziert: 2010, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82236-9
Schlagwörter: Alltag

Ob Tiefseetaucherin, Sprengmeister, Zau­be­rer, Astronautin oder Bundesrätin: In ihren Berufswünschen lassen Kinder ihre schönsten Grössenphantasien spielen. Auch der Wunsch des kleinen Hermann, später als Zirkusdirektor in der Manege zu stehen, fällt in diesen Bereich kindlicher Zukunftsträumerei, der den späteren ge­sell­schaftlichen Anforde­run­gen oft nicht Stand hält.
Anders als die meisten Heranwach­sen­den beharrt Hermann, aus dem im Bilderbuch allzu schnell Herr Pullmann wird, noch als Erwachsener auf seiner Kind­heits­­fanta­sie. Anders als das Kind erntet der Erwach­sene dafür wenig Verständnis; auf der Arbeitsvermittlung empfiehlt man ihm den Beruf des Müllmanns. Voilà das Drama: “So wurde aus Hermann Herr Pullmann und aus Herrn Pullmann ein Müllmann.”
Treffend und ganz ohne Pathos erzählt das Buch in Lembckes knap­per und doch warmer Sprache und in Syl­via Graupners faszinierender Bilderwelt mit vielen Nebenfiguren und -geschichten von der Desillusionierung, die das Er­wach­senen­leben bringen kann. Selbst Herr Pullmanns Entschluss, die Zirkusmagie in sein Alltagsleben als Müllmann einzubet­ten – “Nicht nur sauber machen – Zauber machen” – hilft nur für kurze Zeit weiter. Zum Glück, denn die (zu) oft gehörte Botschaft, im Alltag das Abenteuer zu sehen und sich damit zufrieden zu ge­ben, wäre schlicht unerträglich ge­we­sen. Dass sich am Ende, (fast) ohne Schön­färberei, der Zir­­kuszauber doch wie­der in Herrn Pullmanns Leben schleicht, ist ei­nem kleinen Jungen zu verdanken, der – man ahnt es –unbedingt Zirkusdirektor werden will.
Manuela Kalbermatten

Akkuratus2
Martin Baltscheit, Illustration: Ulf K.
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2010, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 3-941411-19-5

Bauklotz und Luftballon

Blauer Körper, zwei gelb geringelte Arme und Beine und eine Miniantenne mit ro­tem Sensor – fertig ist ein absolut liebenswerter Roboter. Akkuratus2 ist zwei Jahre alt und kommt jeden Tag in seiner Rakete auf die Erde, um seine Entdeckungen zu machen. Am Abend fliegt er nach Hause und schläft sich aus, er muss ja am nächs­ten Tag wieder fit sein. Im ersten Band dieser als Reihe konzipierten Geschichte macht Akkuratus2 seine Erfahrungen mit Bauklötzen: Essen kann man die nicht, spre­chen tun sie auch nicht, fliegen kön­nen sie dafür bestens, und Akkuratus fin­det sogar heraus, dass man die Dinger sta­peln kann! Noch während des Spiels kün­digt sich im Bild die zweite Ge­schich­te an, in der Akkuratus die Tücken eines Luftballons kennen lernt. Gut, dass er mit ei­nem Teleskoparm ausgerüstet ist und sich den Ballon vom Baum zurückholen kann. Sichtlich zufrieden mit seinem Tag, kehrt er mitsamt Ballon und Bauklötzen per Ra­ke­te ins All zurück.
Was das Team Martin Baltscheit / Ulf K. hier vorlegt, verdient aus mehreren Grün­den Aufmerksamkeit. Erstens gibt es nur wenige Bilderbücher für das erste Erzähl­alter (“Bobo Siebenschläfer” ist ja nicht mehr ganz neu), zweitens wird hier Zwei­jährigen ein Nicht-Pappbuch zugetraut, und drittens ist dieser Roboter mit seiner Neugier ein entwicklungspsychologisch akkurater Zweijähriger. Viertens haben die Illustrationen mit Bildpanelen und knappen Sätzen einen klaren Aufbau, und fünftens hat der Verlag mit diesen Büch­lein (erhältlich ist auch schon “Schaukel und Schnuller”) einen Foto-Wettbewerb für vorlesende Väter verbunden.
Barbara Jakob

Wanda Walfisch
Davide Calì, Illustration: Sonja Bougaeva
Aus dem Französischen von Claudia Steinitz
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2010, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0605-5
Schlagwörter: Körper

Dass es im Leben nicht immer Qualifika­tion und Erfahrung, Fleiss oder Ehrgeiz sind, die über das Gelingen oder Nichtge­lingen von Plänen und Projekten entschei­den, sondern viel häufiger die innere Einstellung und der Glaube an sich selbst, ist kein neuer Gedanke. Davide Calì und Illustratorin Sonja Bougaeva erzählen in ihrem ersten gemeinsamen Bilderbuch auf eindrucksvolle Weise davon.

Die Bilder der in Russland geborenen Künst­lerin zeigen, was der Text (zunächst) nur zwischen den Zeilen vermittelt: Wan­da ist dick und alles andere als selbstbe­wusst. Mit gesenktem Kopf betritt sie das Hallenbad, in dem der Schwim­m­unter­richt stattfindet. Sie fürch­­­tet sich vor den Hänseleien der ande­ren Kinder, die sie “Wan­da Walfisch” rufen. Im Badeanzug und mit der Chlorbrille auf der Nase steht sie mit dem Rücken zu den BetrachterInnen im Gang zur Schwimm­halle und wirkt beim Blick auf das grosse Becken, das vor ihr liegt, ent­setzlich klein und verletzlich. Doch dann erklärt der Schwimmlehrer: “Wir sind das, was wir denken.” Und Wan­da stellt fest: “Es klappt! Der Trick ist gut.” In der Turnstun­de denkt sie “Kän­guru” und springt höher als je. Und als sie das nächs­­te Mal ins Wasser springt, denkt sie “Ra­kete” und taucht ein, ohne zu spritzen. “Wanda denkt Feder. Sie denkt Sar­di­ne, Aal, Pfeil­hecht, Hai” – und schwimmt den anderen davon.

Bougaevas fantasievoll-verspielte Bil­der dokumentieren Wandas Wandlung vom traurigen pummeligen Kind zum furcht­­­­losen Mädchen, das mit einem “Superwal!”-Schrei vom hohen Turm springt. Ein Buch, das Kinder ermuntern will, an sich zu glauben – und ein Sehgenuss.

Andrea Duphorn

Geschichte von der Auferstehung des Papageis
Eduardo Galeano, Illustration: Antonio Santos
Aus dem Spanischen von Carina von Enzenberg
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2010, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-905871-12-2
Schlagwörter: Kunst | Tod/Trauer

Dieses Bilderbuch fasziniert, die aus­drucks­starken Augen der Holzfigur auf der Titelseite ziehen an. Der erste Satz führt den Sog weiter: “Der Papagei fiel in den dampfenden Topf.” Er ertrinkt in der Sup­pe, seine Freundin weint und eine eindrückliche Kette der Trauer nimmt ihren Lauf bis zum Menschen, der nicht mehr zu sprechen vermag.
Doch der Töpfer von Cearà will alles wissen. Und als der Mensch die Sprache wieder gefunden hat, erzählt er von der langen Trauer. “Da nahm der Töpfer alle Trauer zusammen. Und mit all diesen Din­gen konnten seine Hände den Toten wie­der zum Leben erwecken.” So schwingt sich ein wunderschöner Papagei, erschaf­fen aus den Farben und Fähigkeiten der Trauernden, auf der letzten Doppelseite aus dem Buch.
Der 70-jährige Autor aus Uruguay, Edu­ardo Galeano, ist eine wichtige Stimme Lateinamerikas. Gemeinsam mit dem spa­­­­­ni­schen Bildhauer Antonio Santos hat er ein Bilderbuch geschaffen, das aus der Reihe tanzt. Auf der Basis einer brasilianischen Legende gelingt es den beiden Künstlern, die bedrückende Geschichte eines Todes und des Umgangs mit Leid mit Hilfe der stark in der lateinamerikani­schen Kunst verhafteten, intensiv farbi­gen Holzskulpturen in eine Geschichte grosser Zuversicht und Kraft zu verwan­deln. Die Holzskulpturen, einmal ganz nah, dann in der Totale, wirken vor weis­sem Grund hochinszeniert und lösen durch ihre Reduziertheit eine Flut von in­ne­ren Bildern aus. Kinder und Erwach­sene, die sich auf eine vielleicht fremde Bildwelt einlassen, werden an diesem klei­nen Gesamtkunstwerk grosse Freude haben.
Barbara Jakob

Es waren einmal zwei wirklich dumme Gänse in einem brennenden Haus!
Martin Baltscheit
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2010, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-939944-45-9
Schlagwörter: Humor/Komik

“Es waren einmal zwei wirklich dumme Gän­­se”: Titel und Eingangssatz von Martin Baltscheits auch druckgrafisch höchst ori­ginellem Bil­der­buch sind Programm. Herrlich, wie hier gelästert wird! Nicht nur, dass der Autor die Heldinnen – “herrje, die­se blöden Gän­se” – in ihrem brennenden Haus über mög­liche Retter ausgiebig Vorurteile verbrei­ten lässt. Er selbst ist, entge­gen sei­ner Funktion als Warner vor ähn­­­­li­cher Tor­­­heit, ein Prototyp der Bor­niert­­heit, wenn er drauflos pau­­­scha­­lisiert: “Die Gän­se taten, was Gänse immer tun. Sie schna­t­ter­ten unsinniges Zeug, das weiss jeder.”
Beim Versuch, die eigenen Eier zu bra­ten, stecken sie ihr Haus in Brand. Und als die zu Unrecht als inkompetent, faul oder egoistisch abgestempelten Tiere der Um­ge­bung beim Anblick des Qualms zu Hilfe eilen, liegt das Haus bereits in Schutt und Asche. Nicht das Spiel mit dem Feuer, das Heinrich Hoffmanns Paulinchen aus dem “Struwwelpeter” das Leben kostet, wird ih­nen zum Verhängnis, sondern ihre Über­heblichkeit. Ihr Feuertod erntet denn auch kein Mitleid: “Adios mucha­chos. Zwei Freunde kehren nicht wieder. C’est la vie.” Doch der Elefant, das “alte Tram­pel­tier”, die Kuh (“lätschig, wie Kühe sind”), der “hinterhältige Strick” von Schlan­ge oder der Hund, “die alte Penn­tüte”, sind kei­nen Deut besser: “Ty­pisch Gänse!”
Das Beharren auf Vorurteilen ist in Baltscheits schräger Story nicht nur Indiz für Blöd­heit. Zu genüsslich werden Spott und Verleumdung in Wort und Bild ausge­walzt, zu farbig ist die auf dem Fundament dieser Vorurteile insze­nierte Welt aus schablo­nenhaften Figu­ren. “Kinder! Seid nicht so dumm wie die Gän­se!”, warnt der Feu­er­wehrmann; zu­vor aber kämpfen sich die Gänse aus dem feu­er­festen Keller ans Tageslicht. Und se­hen sich prompt in ih­rem Urteil bestätigt. Was uns hu­morvoll vor Au­gen führt, wie feuerfest un­sere Vorurteile sein können.
Manuela Kalbermatten

Die Räuber
Barbara Kindermann, Illustration: Klaus Ensikat
Verlag: Kindermann, Publiziert: 2010, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 3-934029-36-1

“Ich wähnte, die Welt durch Gräuel zu verschönern, nannte es Rache und Recht – oh eitle Kinderei!” So enden Räuberlaufbahn und bald auch Leben des genialischen Karl von Moor, dieses Robin Hood des deut­schen Sturm und Drang. Barbara Kindermanns Nacherzählung des Schillerschen Dramas “Die Räuber” rückt den Stoff an die Gegenwart heran, lässt aber, wie immer in der Reihe “Weltliteratur für Kinder”, die Schlüsselsätze im Original in ihren Text ein­­­fliessen. Geflügelte Worte gehören eben­­­­­­­so dazu wie die wunderbar mit Patina belegten Kraftausdrücke, die das spezifische Aroma der Sturm und Drang-Lite­ratur ausmachen: “Hölle und Teufel”, “oh ich blöder, blöder, blöder Tor”, “Schwe­renot”, “oh ewiges Chaos”!

Klaus Ensikats Illustrationen vermit­teln die Energie des Geniekults, die sich in der jungen Räuberschar bündelt, und sie geben dem rasenden Chaos, das sich aus dem Kampf zwischen absolu­tistischem Establishment und re­voltie­ren­der Jugend in Schillers Stück er­gibt, eine Gestalt. Die grossen Leidenschaften füllen die Illustrationen mit ihrer Dynamik: Hass und Eifersucht, Liebe und Freiheitsdrang. Text und Bild verorten das Stück zwar ganz klar in seiner Entstehungszeit, kristallisieren aber die zeitlose Aktualität auch für ju­gendliche LeserInnen ab etwa zwölf Jah­ren heraus. Schillers “Räuber” (1781), schreibt die Kulturwissenschaftlerin Alei­da Assman, inszenieren zum ers­ten Mal in der Geschichte den Konflikt zwi­schen den Generationen, der sich seit Ende des 18. Jahrhunderts an jeder Ge­ne­rationen­schwel­le wiederholt. Genau das kommt in der Version von Kindermann und Klaus mit schillerwürdiger Frische und Leiden­schaft zum Ausdruck.

Christine Lötscher

Das Animalarium von Professor Revillod
Miguel Murugarren, Illustration: Javier  Saez Castan
Aus dem Spanischen von Karl Rühmann
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2010, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 3-905871-15-7
Schlagwörter: Spiel | Fabelwesen

Kennen Sie das Gargurereros? Nicht? Oder wissen Sie, was ein Quasumel ist? Auch nicht? Sie benötigen ganz dringend das Animalarium von Professor Revillod, den wundersamen Almanach der Fauna. Un­be­kannte Länder, Meere, Berggipfel und Kon­tinente hat Professor Revillod bereist und erforscht, und nur seiner Beharrlichkeit, seinem Mut und Fachwissen verdan­ken wir die Sammlung dieser wunderba­ren “souvenirs zoologiques”.
Der Almanach verrät uns, dass es sich beim Gargurereros um einen kleinen Krebs mit starken Beinen aus der Savanne handelt und dass das Quasumel ein ural­ter Fisch mit schwarzen Federn ist, der in der Wüste Gobi lebt. Letzteres ist eine aber­witzige Kreation, die sich aus dem Kopf des Quastenflossers, dem Rumpf ei­nes Kasuars und dem Hinterteil eines Kamels zusammensetzt.
Die Idee ist so einfach wie unterhaltsam: Das Animalarium ist ein dreiteiliges Klappbuch mit 21 Zeichnungen von vertrauten Tieren, die sich zu 4096 wundersamen, fantastischen, nie gesehenen Geschöpfen kombinieren lassen. Die Kom­­mentare von Miguel Murugarren und die im Stile alter Drucke gehaltenen Illustra­tionen von Javier Sáez Castán paro­dieren das naturwissenschaftliche Entde­cker­fieber und -selbstverständnis des 18. und 19. Jahrhunderts liebevoll und entfa­chen zugleich die eigene Abenteuer- und For­schungslust: Der scheue Renibri, Qua­sel­tier und Co. warten nur darauf, entdeckt zu werden. Das Animalarium ist nicht bloss ein “bibliografisches Kleinod der moder­nen Tierkunde”, es ist ein bibliografisches Kleinod schlechthin. Vom Verlag für lange Bahn- und Autofahr­ten empfohlen und von mir zum Ver­schen­ken – nicht nur für Kinder.
Lou Heer

Das ABC Spielebuch
Rotraut Susanne Berner
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2010, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-941087-86-X
Schlagwörter: Sprachspiel

Die schwarze Katze auf dem Buchum­schlag weist verheissungsvoll ins Buch­in­nere. Unsere Neugier wird dann nicht enttäuscht: Rotraut Susanne Berner legt nach der 2009 erschienenen Wort-Schatz-Kiste “Einfach alles!” ein äusserst handlungsorientiertes ABC-Buch vor. Das Vorwort ist programmatisch: “Was ist das: Es fängt mit A an und endet mit Z? Es ist die ganze Welt. Denn alles, was je erzählt und ge­schrie­ben wurde, ist im Alphabet enthal­ten.”

In 26 Bildern jeweils auf der rechten Sei­te zeigt Berner teils offensichtlich, teils ziem­lich vertrackt zum jeweiligen Buch­sta­ben passende Objekte. Diese sind nicht wahllos, sondern passend zum auf der ge­genüberliegenden Seite gesetzten Sprichwort ausgewählt. Über diesen Sprich­wörtern sind zudem schablonenartige, lie­bevolle Illustrationen mit Buchstaben-Katze und einer kleinen Maus abgebildet. Durch diese verschiedenen Ebenen (einfache Objektbenennung, Metaebene der Sprichwörter in Kombination mit dem Such­bild bzw. der Buchstabenkatze) ist ein Anknüpfen in verschiedenen Schwierigkeitsgraden mög­lich.

Doch Berner wäre nicht Berner, wenn ihr Anspruch an ein ABC-Spielebuch da­mit schon befriedigt wäre. In einem zwei­ten Buchteil folgt eine stattliche Sammlung bekannter und weniger bekannter Sprech- und Schreibspiele: Buchstaben-Memory, versteckte Wörter, Galgenmännchen und Co. regen an, sich mit Sprache lustvoll auseinander zu setzen, mit Wör­tern zu turnen und ihnen vielleicht auch sinnlose Bedeutungen abzuringen. Span­nend für alle, mit Sicherheit nicht nur für den Unterstufenunterricht.

Barbara Jakob

Du Gruselgorilla! Du Schmusegorilla!
Heinz Janisch, Illustration: Isabel Pin
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2010, Seiten: 78, ISBN/ISSN/EAN: 3-905871-13-0
Schlagwörter: Fantasie | Sprachspiel

Ein Liebes- und Schimpfwörterbuch

Du Strandpolizist! Du Pfützentaucher! Du Sandkisteneroberer! Heinz Janisch lädt uns zum Schimpfen ein. Doch wir sollen nicht einfach kopflos drauflos schimpfen. “Du Gruselgorilla!” regt zu einem kreati­ven Umgang mit starken Emotionen an und zeigt, wie sich diese lustvoll und spie­le­risch in Sprache fassen lassen. Schim­pfen ist wichtig, denn “[s]chimpfen tut gut! Schimpfen lindert die Wut!”

Doch es handelt sich nicht nur um ein Schimpfwörterbuch, sondern – sprich­wört­­lich von der anderen Seite betrachtet – auch um ein Liebeswörterbuch: Das Buch umdrehen, und der Gruselgorilla wird zum Schmusegorilla. Lieben und Loben ist ebenso wichtig wie Schimpfen. Du mein Va­nilleregen, du mein Perlentaucher – ob Tiere, Speisen oder die Natur, dieses Büch­lein zeigt, dass sich jedes Themengebiet eignen kann, um – gute und schlechte –Em­pfindungen gegenüber anderen Men­schen auszudrücken. Und es zeigt: Auf ab­gelutschte Schimpf- und Liebeswörter zurückzugreifen macht nur halb so viel Spass. Neben den wundervollen Wortkre­a­tionen tragen auch die witzig-schönen Illustrationen von Isabel Pin zum (Vor)lesevergnügen bei.

Das Büchlein ist aber nicht nur ein Reservoir von Liebes- und Schimpfwörtern, das man alleine oder gemeinsam durchforsten kann. Zusätzlich warten leere Seiten darauf, mit eigenen Worterfindun­gen ge­füllt zu werden: So ist “Du Grusel­gorilla! Du Schmusegorilla!” gleichzeitig auch ein Album für eigene, neue Schimpf- und Lie­bes­wörter. Und damit hat nun endlich auch das originellste Schimpfwort, das mir je an den Kopf geworfen wurde, seinen Platz gefunden: Du Fudi-Pfanne! (zu Deutsch: Du Popo-Pfanne!)

Lou Heer

Du bist da, du bist fort
Bart Moeyaert, Illustration: Rotraut Susanne Berner
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Hanser, Publiziert: 2010, Seiten: 106, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23469-1
Schlagwörter: Abschied

1994 erschien Bart Moeyaerts Geschichte “Für immer, immer” erstmals auf Deutsch. Sie erzählt von einem Mädchen, das sich zu einer Frau hingezogen fühlt, die am zugefrorenen See sitzt und seltsame Lieder singt. Die Leute reden über die Frau, sie sei verrückt, aber das Mädchen lässt sich nicht davon abhalten, ihr Geheimnis zu erfahren. Damals hiess es Laura. Jetzt macht diese leise, wie auf Watte gebettete Geschichte über die Trauer um ein verlorenes Kind und den Mut, das Leben mit all seinen Schattierungen anzugehen, den Auftakt zu Moeyerst neuem Geschich­tenband – und Laura heisst nun Nanne.

Das Thema “Abschied” bildet die Klam­mer um die drei Erzählungen dieses Bu­ches, die wie schon bei “Mut für drei” von Rotraut Susanne Berner mit in rot-schwarz gehaltenen Vignetten versehen sind; Zeichnungen, die mit wenigen Stri­chen das Innere der Figuren nach aus­sen kehren und den stillen Humor der Geschichten wunderbar einfangen.

Moeyaerts Protagonistinnen sind klei­ne Denkerinnen. Sie brauchen Raum und wollen alleine klar kommen mit dem, was sie umtreibt: dass der trinkende Vater für eine Weile ausgezogen ist (“Wirklich weg ist nicht so weit”) oder dass der Nachbarsjunge mit der Engelsstimme einem beim Quartierfest die Show stiehlt und man sich ihn wegwünscht (“Unsere Gasse”).

Moeyaert ist ein Meister der Nuancen. Sei­ne Prosa ist Poesie. Er führt die Le­sen­den ganz nah an die Figuren heran, rahmt mit wenigen Sätzen Stimmungen ein. Aber was zwischen den Sätzen passiert, ist genau so wichtig wie das Explizite. Das macht den unverwechselba­ren Moeyaert-Ton aus. Ein Buch für Kinder, die sich gern in andere einfühlen und über das Erstlese­alter hinaus sind, und für alle, die Texte mögen, über die mit der Angabe der Handlung eigentlich noch nichts gesagt ist.

Christine Tresch

Als Opa alles auf den Kopf stellte
Marianne Musgrove
Aus dem australischen Englisch von Gabriele Haefs
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2010, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-79971-5

“Thalia sagte, wir dürfen es niemandem erzählen. Nie im Leben.” Ein Buch, das mit einem so geheimen Geheimnis anfängt, hat seine LeserInnen sofort im Griff. Diese Spannung lockert sich auch auf den nächs­ten gut 130 Seiten nie, denn die au­stra­lische Autorin Marianne Musgrove versteht es, mit Leichtigkeit und Humor von den ganz schweren Dingen im Leben zu erzählen. Die beiden Schwestern Kenzie und Tha­lia leben seit dem Tod ihrer Eltern beim Piraten, ihrem Grossvater. Die Vorstellung, dass er seiner Aufgabe eines Tages nicht mehr gewachsen sein würde, haben sie er­folgreich verdrängt. Dass der alte Herr ein wenig vergesslich ist, stört sie nicht, im Gegenteil: Die beiden Mädchen haben Frei­räume, von denen Gleichaltrige nur träu­men können.
Musgrove schreibt aus der Ich-Perspek­tive Kenzies – aber so, dass den LeserInnen sofort klar wird: Mit dem Grossvater stimmt etwas nicht. Die Diagnose könnte leich­­ter nicht sein: Demenz. Thalia und Kenzie hoffen immer noch, dass es vorbeigeht, dass Opa irgendwann wieder durchschläft und nur noch vernünftige Dinge tut. Sie vertrauen auf das magische Den­ken, das sie sich seit dem Tod ihrer Eltern wie einen Geheimcode aufgebaut haben. Mit grosser Sensibilität gelingt Musgro­ve ein eindringliches und beklemmendes Por­trät einer nicht alltäglichen Familie. Fi­gu­ren und Situationen sind karikatur­haft überzeichnet, um dem Text etwas von sei­ner Schwere zu nehmen, der Blick auf die Figuren ist äusserst liebevoll. Am Ende leis­ten die Mäd­chen Übermenschliches, anstatt sich hel­fen zu lassen – doch zum Glück wenden sich die Dinge zum Guten.
Christine Lötscher

Sirenengesang und Schweinezauber
Rolf-Bernhard Essig
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2010, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 3-941411-16-0

Geschichten aus der Odyssee

Was die Nach- und Neuerzählungen der “Odyssee” angeht, gibt es beinahe so viele KritikerInnenmeinungen wie Textbear­bei­­tun­gen. Den kin­der­literarischen Bereich do­mi­nierte lan­ge Dimiter Inkiow mit seinen witzig-frechen Nacherzählungen, die auch erwachsenen LeserInnen noch gros­se Lust aufs Ori­ginal machen. Nun gibt es eine ernst zu nehmende Alter­native: In “Sire­nen­sang und Schwei­ne­zauber” stellt Rolf-Bern­hard Essig zwar nur eine kleine Auswahl der Abenteuer von Odysseus zusammen, diese aber be­­ste­­chen durch ihre Nähe zum altgriechischen Ori­ginal. Wird das Polyphem-Aben­­teuer gern verharm­lost, dürfen sich LeserInnen (mit stärkeren Ner­ven) hier darüber freuen, dass der Zyklop ungeschönt Schä­del zerschmettert und zur kleinen Milch­mahl­zeit ganze Men­schen frisst. Empfind­lichen Eltern sei ge­sagt, dass Kinder das meist besser vertra­gen als sie selbst…
Hier wird zwar eine in der Länge adaptierte “Odyssee” geboten, die unge­übteren LeserInnen entgegen kommt, aber kein über­­mässig gezähmter Inhalt. Die mitun­ter gruselige Faszination, die Homer seit Jahrtausenden auf seine LeserInnen ausübt, bleibt dankenswerterweise erhalten.
Nicht nur der Textteil besticht durch hohe erzählerische Qualität, auch die Illustrationen von Anke Kuhl fallen positiv aus dem Rahmen. Neben Vignetten an den Kapitelanfängen fügt sie grosse Farbtafeln bei, die in einem kurio­sen Mix aus stilge­treuer altgriechischer Vasenmalerei und humorvollem Comic neugierig auf den bebilderten Text ma­chen. Für Sechsjährige, an die sich die übrigen Titel der Reihe “Auf den Schultern von Riesen” richten, würde ich das Buch noch nicht empfehlen – dazu scheint es doch zu dras­tisch. Kindern ab acht ist dieser Zugang zu Homer aber sehr zu wün­schen.
Maren Bonacker

Hexenwald und Zaubersocken
Jutta Richter
Verlag: Hanser, Publiziert: 2010, Seiten: 88, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23517-5
Schlagwörter: Liebe

Woran erkennt man, dass man sich wirklich verliebt hat, “auf die haltbare Art, die lange glücklich macht”? Die Antwort steht in Jutta Richters zauberhaftem neuem Kinderbuch: Man erkennt es daran, dass man sich niemals miteinander langweilt, weil man sich Geschichten erzählt. Dies wiederum steht auf Seite 55 von Hermine Schlotts Zauberbuch, in dem alles über Zaubertränke, Hexenkräuter und die Magie ohne Hilfsmittel nachzulesen ist. Hermine Schlott ist nämlich eine Hexe, eine gutartige, die ein wenig nach­hilft, wo die Menschen ihrem eige­nen Glück im Weg stehen.
Zum Beispiel beim Kohlenträger Ro­bert. Längst hätte er seinen Beruf an den Na­gel hängen sollen, denn der Kohlen­händler Klawuttke beutet ihn auf un­mensch­liche Weise aus. Einzig die Ge­schich­ten, die ihm seine Lieblingskundin Hermi­ne Schlott erzählt, halten ihn am Leben. Und ein paar rote Socken führen ihn zu Karla, der schönen jungen Hexe, die ganz allein im Wald lebt.
Die Liebe und das Erzählen gehören in der Literatur seit Scheherazade und den 1001 Nächten zusammen. Jutta Richter hätte auch eine 1001seitige philosphische Abhandlung über das Glück und wie es mit dem Lieben und dem Erzählen zusam­men­­hängt, schreiben können, doch sie ver­fügt souverän über die magischen Mittel des Erzählens für Kinder. So reichen ihr 88 Seiten. Die Liebe und das Erzählen verwandeln sich unter ihrer Hand in Le­bens­elixiere von der Art, wie nur schrei­bende Zau­berhexen sie zusammenbrauen können.
Christine Lötscher

Die schönsten Theaterklassiker
Silvia Schopf 
Verlag: Herder, Publiziert: 2010, Seiten: 124, ISBN/ISSN/EAN: 3-451-70427-7

“O Romeo, warum denn Romeo?”, ruft Ju­lia. Nur wenige Worte, und schon beginnt das Schauspiel vor dem inneren Auge: Bal­kon, Nachtigall, Gift und Dolch. Und damit eng verknüpft: die sehnsuchtsvolle Liebe und die schreckliche Verzweiflung. Sylvia Schopf schafft es ganz ohne Bühne, diese inneren Bilder entstehen zu lassen. Sie hat neun wichtige Theaterklassiker aus dem 16. bis Anfang des 20. Jahrhunderts von Shakespeare über Lessing und Goethe bis Hofmannsthal für Kinder und Jugendliche nacherzählt.
Wahrscheinlich ist dies der Journalistin deshalb so gut gelungen, weil sie selbst auch schauspielert und eine eigene Theatergruppe leitet. Die charakteristische Atmosphäre der jeweiligen Komödien oder Dramen ist mit wenigen Worten genau getroffen. Dialog und Gestik, die auf der Büh­ne das Geschehen vorantreiben, sind in Schlüs­selsätze und Handlung geschickt umgewandelt. Komplizierte Sprache, wie zum Beispiel bei Schillers “Räubern”, ist verständlich wiedergegeben, ohne ihren Eigenklang zu verlieren. Bei Kleists “Zerbrochenem Krug” verrät Sylvia Schopf die geheimen Hintergedanken des gemeinen Richters. In Goethes “Faust” sind Gret­chens Gefühle mit den Worten “blind vor Liebe” vielleicht etwas zu einfach darge­stellt. Dafür erzählt die Autorin Shakespeares Gefühlskapriolen wunderbar le­ben­dig nach.
Die Illustrationen von Marc-Alexander Schulze hätten etwas weniger starr ausfallen können. Doch das exzellente Glos­sar im Anhang entschädigt dafür. Hier er­fährt man nicht nur Biographisches über die Dichter, sondern auch, welche Ge­schich­ten sie zu ihren Theaterstücken inspirierten.
Claudia Kursawe

Ich bin Bird
Sophie Laguna
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2010, Seiten: 173, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55542-7
Schlagwörter: Freundschaft

Eigentlich heisst er James Burdell. Doch der Zwölfjährige wird von seinem besten Freund Sugar nur “Bird” genannt – als ob dieser sein Geheimnis wüsste. Denn Bird liebt Vögel, zeichnet Vögel, ist fasziniert von ihrer Leichtigkeit und ihrem Orientie­rungsvermögen. Beides fehlt ihm. Seit sei­ne Mutter “durchgebrannt” ist, als er noch klein war, und ihn mit seinem Vater allein gelassen hat, ist er auf der Suche. Meist auf der Suche nach Antworten: Wa­rum ist sie gegangen? Hat sie ihn nicht geliebt? Trägt er die Schuld? Und warum verbindet er den Geruch von nasser Wolle mit seiner Mutter? Es ist die einzige Erinnerung, die er an sie hat.
Obwohl sein Vater ihn zweifellos liebt, scheint er wenig Verständnis zu haben. Selbst ein Baum von einem Mann, der so­gar ein Auto hochzuheben vermag, kann er das Interesse seines Sohnes an kleinem Federvieh nicht nachvollziehen. Ein altes Buch über Vögel ist Birds grösster Schatz, der Autor A.P. Davies ihm nach Sugar der engste Freund – und das, obwohl er ihn noch nie gesehen hat. Birds Welt gerät ins Wanken, als Sugar ans andere Ende Austra­liens ziehen soll: 4000 Kilometer weit weg. Das Bewusstsein, erneut verlassen zu werden, belastet ihn so sehr, dass er nur ei­nen Ausweg sieht: Er muss A.P. Davies finden! Bird reisst aus.
“Ich bin Bird” ist ein bewegender Roman über Freundschaft und Verlust, der am En­de nicht die strahlende Lösung bietet, aber doch einen kleinen Hoffnungsschim­mer. Freundschaften können auch über grosse Distanzen bestehen, neue Freundschaf­ten entstehen. Und Väter können ei­nen lieben, auch wenn sie das nicht dau­ernd sagen. Ein Kinderroman mit Tiefgang.
Maren Bonacker

Anton taucht ab
Milena Baisch
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2010, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79966-7
Schlagwörter: Humor/Komik

Als Anton erfährt, dass es auf dem Cam­ping­platz, auf dem er mit den Grosseltern die Sommerferien verbringt, kei­nen Swi­m­mingpool gibt, ist er erst mal belei­digt: “Den Rest des Abends sprach ich kein Wort mehr mit den beiden Verrätern.” An­ton ekelt sich vor Seewasser: “Wider­lich. Schon von weitem konnte ich sie sehen: die Schlingpflanzen und den gan­zen Horror. (…) Glipschige Fische, die von allen Sei­ten angeschossen kommen und den Menschen an die Beine glipschen. (…) Und die Quallen erst!” Keine zehn Pferde bringen ihn in “die dunkle Brühe”. Da können die anderen Kinder am Steg noch so viel Spass mit Arschbomben und Kopfsprüngen haben. Anton zieht lieber allein mit seinem ferngesteuerten Geländewa­gen durchs Gebüsch.
Wie es dazu kommt, dass Anton-alias-Starflashman am Morgen seines letzten Fe­rientages dann doch noch im See landet und das so spannend findet, dass er völlig die Zeit vergisst und Stunden im und unter Wasser verbringt, erzählt Milena Baisch mit viel Humor und Einfühlungsvermö­gen. Ihr Ich-Erzähler ist ein etwas schrä­ger, deshalb aber umso liebenswerterer Jun­­ge, der sich mit seinen Ängsten und Be­findlichkeiten oft selbst im Weg steht. Eine wundervolle Identifikationsfigur, die ihre Gedanken und Empfindungen so erfri­schend offen mitteilt, dass man sie einfach ins Herz schliessen muss: DAS Kin­derbuch für einen Campingurlaub am See. Von Elke Kusche mit pfiffigen Vignetten illustriert. Frosch-Daumenkino am unteren Seitenrand inklusive.
Andrea Duphorn

Zeit der Geheimnisse
Sally Nicholls
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2010, Seiten: 200, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23476-4
Schlagwörter: Tod/Trauer | Mythologie/Sage

Seit dem Tod ihrer Mutter steht Mollys Welt Kopf: Ihr Vater fühlt sich, am Rand der Depression, unfähig, sich um seine Kinder zu kümmern und schickt sie zu seinen El­tern aufs Land. Eigentlich würde es Molly dort ganz gut gefallen, und den Grossvater mag sie gern. Auch mit der handfesten Grossmutter wäre es auszuhalten, wenn Hannah, Mollys ältere Schwester, nicht al­les radikal verweigern und die alten Leute an den Rand ihrer Kräfte bringen würde.
Molly zieht sich zurück und liest. Ihr fehlt die sensible Mutter, die in der Familie fürs Reden und für die Le­bens­freude zuständig war. Als sie im Wald einen geheimnisvollen Mann kennen lernt, der Pflanzen aus seinen Händen wach­­sen lassen kann, findet sie niemanden, der ihre Geschichte ernst nimmt: Alles nur Einbildung, sagen alle. Und doch ist der Grüne Mann für Molly real. Mit der Zeit findet sie heraus, dass es sich um den Eichenkönig handelt, eine Fi­gur aus der keltischen Mythologie. Im­mer zur Wintersonnenwende wird der Ei­chen­könig der für die fruchtbare Zeit im Jahr steht, vom Stechpalmenkönig besiegt und stirbt – um zu Lichtmess wieder le­ben­dig zu werden und seinerseits den Win­­­ter in Gestalt des Stechpalmenkönigs zu vertrei­ben. Mollys Sorge um den ster­ben­den Ei­chen­könig, die einen grossen Teil des Ro­mans einnimmt, überlagert ih­re Trauer um die Mutter und hilft ihr, den Verlust zu verarbeiten. Als der Frühling kommt, begreift sie, dass es einen Kreislauf von Le­ben und Tod gibt – und dass das Leben weitergeht.
Sally Nicholls, die sich bereits in ihrem von der Kritik gefeierten Erstling “Wie man unsterblich wird” als eine Autorin von grosser Sensibilität er­wie­sen hat, schreibt auch in ihrem zwei­ten Roman über den Tod. Sie ope­riert mit Motiven aus der Mythologie, um die Trauer als einen Zustand des Übergangs und der Entgrenzung zu beschrei­ben.
Christine Lötscher

Wild
David Jones
Aus dem Englischen von Frank Böhmert
Verlag: Chicken House, Publiziert: 2010, Seiten: 203, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-52006-2
Schlagwörter: Natur

“Erst als er in sein eigenes Gesicht sah, begriff Gerry, dass er nicht den Verstand verloren hatte, sondern den Körper.” Gerry ist ein 14-Jähriger aus London, der sei­ne El­tern bei ihrer Feldforschung zu einer Grup­pe Paviane nach Ostafrika begleitet. Doch nach einem Flugzeugabsturz in der Steppe von Tansania erwacht Gerry selbst als Pa­vian. Er muss schnell lernen, in der Pavian-Gruppe zurecht zu kommen, denn ohne sie kann er nicht überleben. Sein menschlicher Verstand kommt ihm dabei zu Gute, doch er scheint ihn zunehmend zu verlie­ren. Mit Schrecken stellt er fest, dass er nach wenigen Wochen beim Zäh­len nicht mehr über 23 herauskommt. Auch regen sich neuartige, erschreckende Instinkte in ihm, die ihm zwar das Überleben als Pa­vian erleichtern, ihn aber immer mehr von seinem Mensch­sein entfernen. Gleichzei­tig erscheint ihm die Affenherde wie die Schule: Nie hat man seine Ruhe, und es gilt, die Hackordnung zu beachten.
David Jones erzählt eine spannende Geschichte mit witzigen Ideen, etwa wenn Ger­­ry dank einer Tierdoku über Schim­pan­­­­sen weiss, dass sich Termiten mit Gras­­­­­halmen besser essen lassen, während sich seine Paviangefährten die Ameisen mühselig von Hand in den Mund stopfen. Die Spannung beschränkt sich allerdings hauptsächlich auf die Frage, ob Gerry wie­der in seinen Menschenkörper zurück­keh­ren kann. Wer einen kritisch anregen­den Input zur hochaktuellen Thematik der Mensch/Tier-Grenze sucht, wird enttäuscht. Zu stark verbleibt der Autor auf einer unterhaltenden Oberfläche. Am En­de bleibt nur die Resignation vor der Er­kenntnis, dass es sich ohne Gruppe – seien es Menschen oder Paviane – nicht leben lässt: “Irgendwie muss man einen Weg finden, dazuzugehören.”
Lou Heer

Dornrose
Jane Yolen
Aus dem Englischen von Ulrike Nolte
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2010, Seiten: 282, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5305-6
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Die Geschichte meiner Grossmutter

Solange Rebecca sich erinnern kann, erzählte Gemma ihren Enkelinnen das Mär­chen von Prinzessin Dornrose. Dass mit Gem­mas “Dornröschen”-Version etwas nicht stimmt, merken Rebecca und ihre Schwestern erst, als sie längst erwachsen sind. In der Erzählung ihrer Grossmutter sind die Dornen spitz wie Lagerdraht, die böse Fee trägt silberne Adler auf dem Hut und Prinzessin Dornrose erwacht als Ein­zi­ge im Schloss aus dem 100-jährigen Schlaf. Auf dem Totenbett gesteht Gemma, dass sie Dornröschen sei. Ihren letzten Wunsch richtet sie an Rebecca: Sie soll das Schloss im Dornenwald suchen.
Rebeccas Verwirrung steigert sich noch, als die Familie eine Truhe mit unbekann­ten Dokumenten und Fotos findet. Es wird klar, dass niemand weiss, wo Gemma herkommt oder wie sie mit richtigem Namen hiess. Sicher scheint nur, dass sie 1944 in die USA flüchtete. Rebecca macht sich auf die Suche nach der Vergangenheit ihrer Gross­mutter. Die Reise führt sie nach Po­len. Im Vernichtungslager Chelmo wurden die Gefangenen in einem alten Schloss un­tergebracht. Doch niemand ist je lebend aus Chelmo herausgekommen.
Jane Yolen ist mit “Dornrose” – erstmals 1992 unter dem Titel “Briar Rose” in New York erschienen – ein berührender und äus­serst lesenswerter Jugendroman über den Holocaust gelungen. Mit dem Mär­chen “Dornröschen” spinnt sie den roten Faden durch die Geschichte, in der Rebec­ca die Vergangenheit ihrer Grossmutter sucht. Der Spannungsaufbau macht es fast unmöglich, das Buch wegzulegen. Re­bec­cas Reise nach Polen bringt Unerwar­tetes zutage. Man bleibt erschüttert zurück.
Helene Mühlestein

Chilischarfes Teufelszeug
Rebecca Promitzer
Aus dem Englischen von Katharina Diestelmeier
Verlag: Chicken House, Publiziert: 2010, Seiten: 491, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-52002-X
Schlagwörter: Freundschaft | Krimi/Thriller

Wer in Elbow lebt, sehnt die Sommerferien weniger stark herbei als andere Kinder. Denn ein Sommer in Elbow verspricht kei­ne unbeschwerten Sonnentage, son­dern wo­chenlangen Dauerregen. Immer. Wer kann, verlässt die Stadt. Die übrigen wer­den dazu verdonnert, ihre Zeit miteinan­der zu verbringen. Auf Sympathien wird dabei keine Rücksicht genommen. Bea, die fast zwölfjährige Ich-Erzählerin aus “Chilischarfes Teufelszeug”, wür­de ihre Zeit am liebsten allein mit der Kamera ihres ver­storbenen Vaters verbringen. Oder mit Sam, dem Jungen aus dem “nicht gesellschaftsfähigen” Elternhaus. Am allerlieb­sten aber würde sie nach Flo­rida fah­ren, und ein verheissungsvoller Fo­to­wettbe­werb lässt diesen Wunsch in greif­bare Nä­he rücken. Doch dann foto­gra­fiert sie anstatt glücklicher Familienszenen einen To­ten. Das ist der Beginn der un­­­heim­­lichsten Som­mer­ferien, die Bea (mit schim­meln­den Zehen) im Dauerregen von Elbow je erlebt hat.
Rebecca Promitzer nimmt kein Kinder schonendes Blatt vor den Mund, wenn sie in ihrer fast 500 Seiten langen Feriener­zählung menschliches Gedärm in Plastik­tüten verstaut, katzengrosse Ratten Kin­der anfressen lässt oder Menschen unter dem Müll einer ganzen, nassen Stadt an­sie­delt. Doch Erwachsene dürften damit weit grössere Probleme haben als Kinder, deren Ekel- und Hygienegrenze erfah­rungs­­gemäss deutlich höher angelegt ist. Neben einem wirklich abgedrehten Krimi ist Promitzers Buch auch eine Horror-Sto­ry mit Geistern und einem Augapfel im Tiefkühlschrank. Vor allem aber ist es eine besondere Freundschaftsgeschichte, die vom Zusammenrücken sehr unterschied­licher Kinder erzählt, die sich anfangs nicht mal sonderlich mochten. Vollkom­men abstrus – aber irgendwie gut!
Maren Bonacker

Liebe für Anfänger
Nava Semel
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2010, Seiten: 113, ISBN/ISSN/EAN: 3-941087-82-7
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Sieben Geschichten

Nava Semel erzählt sieben Geschichten von der ersten Liebe. Mal steht ein Fünftklässler im Mittelpunkt, der unbedingt die Rolle des Esels in Shakespeares “Sommernachtstraum” spielen will, um das Mäd­chen, in das er seit der ersten Klasse verliebt ist, endlich küssen zu können; mal ein junger Student, der sich seiner Grossmutter anvertraut, um mit ihrer Hilfe an ei­nen anderen jungen Mann seinen ersten Liebesbrief zu schreiben. Der 17-jährigen Ta­mara wiederum fällt die erste Liebe in Gestalt eines feindlichen Fallschirmsprin­gers im wahrsten Sinne des Wortes vom Himmel vor die Füsse.
So verschieden die ProtagonistInnen sind, so sehr ähneln sich ihre Lebensum­stände (fast alle Ge­schich­­ten spielen im heutigen Tel Aviv) und die Ge­fühle, denen sie ausgeliefert sind: Verwirrung und Un­sicherheit, Selbst­­­­zwei­fel, Zerrissenheit und Sprachlosigkeit, mal vol­ler Hoffnung, dann wieder voller Angst: “Ich warnte mich davor, mit der Liebe anzufangen. Schliesslich wusste ich bereits, wie es en­dete.”
Ein kleines, auf den ersten Blick fast unscheinbares Buch, das in jede Jacken­ta­sche passt. Und so reich an Empfin­dun­gen ist, dass sich LeserInnen jeden Alters darin wieder finden können. Wie war es mit acht, zehn, 13, 17, 25, zum ersten Mal verliebt zu sein? Einfühlsam, mit einer gewis­sen Melancholie und voller Zärtlichkeit für ihre Figuren erzählt die israelische Schrift­­stellerin vom vielleicht schönsten, oft aber auch so komplizierten Gefühl. Geschichten, die Jugendliche ebenso berüh­ren wie Erwachsene, die sich in jene Zeiten zurück versetzt fühlen, in denen sie selbst AnfängerInnen in Sachen Liebe waren. Von Ger­da Raidt mit stimmungsvollen Schwarzweiss-Zeichnungen illustriert.
Andrea Duphorn

Kaputte Suppe
Jenny Valentine
Aus dem Englischen von Klaus Fritz
Verlag: dtv premium, Publiziert: 2010, Seiten: 199, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-24778-9
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Ganz schlimm dran ist Rowan im Roman “Kaputte Suppe” von Jenny Valentine – einem der eindrücklichsten, aber auch fin­s­­tersten Jugendbücher der letzten Zeit. Raffiniert erzählt Valentine aus der Per­spek­tive des Mädchens, das seinen Alltag meistert, als ob es völlig selbstverständ­lich wäre, als 15-Jährige auf die kleine Schwes­­ter aufzupassen, einzukaufen, zu kochen und die schwer depressive Mutter zum Psychiater zu schleppen. Damit sie we­nigstens ihre Medikamente bekommt. Sie findet nicht aus der Trauer über den Tod ihres Sohnes Jack heraus und schafft es nicht mehr, sich um ihre zwei weiteren Kinder zu kümmern. Doch bis die Leser­In­nen das alles wissen, dauert es. Rowans Fas­­sa­de gerät erst ins Wanken, als sie sich in Harper verliebt und das Bedürfnis hat, jenseits der Verpflichtungen Zeit für sich selbst zu haben.
Doch alles fängt mit einem Fotonegativ an, einem Medium, das buchstäblich aus der Vergangenheit stammt. Es wird sich als Speicher der erinnerten Gefühle Ro­wans erweisen, und es wird ihr helfen, sich von den erstarrten Erinnerungen, wel­che die ganze Familie im Bann halten, zu lösen. Das Negativ fällt einem Mädchen aus der Tasche, das Rowan zum Verwech­seln ähnlich sieht – so dass der Junge, der das Ne­gativ aufliest, es dem falschen Mäd­chen zu­rückgibt. Oder gerade dem richti­gen: Denn das Negativ zeigt Rowans verstor­ben­en Bruder Jack, es ist eins der schön­sten Fotos, die je von ihm gemacht wur­den.
Im Lauf des Romans zeigt sich, dass die Dinge alle zusammenhängen – doch was die Qualität von Jenny Valentines Roman ausmacht, ist ihre Fähigkeit, das Schwei­gen zu Wort kommen zu lassen, vor allem in den Zwischenräumen der Dialoge, die sie ihren Figuren kunstvoll und lebendig in den Mund legt.
Christine Lötscher

Fame Junkies
Morton Rhue
Aus dem amerikanischen Englisch von Katarina Ganslandt
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2010, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-35319-1

Er ist der Mann, der weiss, was Schulen lie­ben: Der amerikanische Jugendbuchautor Todd Strasser, der sich seinerzeit das Pseu­donym Morton Rhue zulegte, weil er selbst für den kurzlebigen Buchmarkt einfach zu viele Romane schrieb, hat einen Sinn für unterrichtsrelevante Themen. Bestes Beispiel dafür ist “Die Welle”, sein Bestseller zum Stichwort “totalitäre Systeme”, das 2008 in Deutschland auch verfilmt wurde.
Das Thema von Morton Rhues jüngstem ins Deutsche übertragenen Roman ist di­rekt aus dem Leben heutiger Jugendlicher gegriffen. In “Fame Junkies” geht es, wie der Titel schon andeutet, um die Faszina­tion des Berühmtseins. Oder, wie Rhue es der Leserschaft ganz unverblümt über die Stim­me eines am Rande beteiligten Detec­tives der Polizei ausrichten lässt, darum, dass heute vier von fünf Kindern von sich sagen, sie wollten später einmal reich und berühmt werden. Und es geht um die kritische Frage: “Seit wann ist das denn ein Beruf?”
Dafür lässt Rhue Jamie, die 15-jährige Haupt­figur, zur jüngsten Paparazza New Yorks werden und davon träumen, in Nullkommanichts zur Starfotografin aufzu­stei­gen – im Sinne von: Teenie-Fotografin fotografiert Teenie-Stars. Viel Mühe gibt Rhue sich mit dieser Story nicht (Vorbilder à la Britney Spears gibt es ja genug), und so gerät sie ihm derart seicht und unglaub­würdig, dass er sie mit zwei weiteren aufpeppen muss, um etwas Spannung aufzu­bauen. Doch auch die Geschichten über ei­nen gewaltbereiten Stalker und einen Jung­schauspieler, der an der Monstrosität Hollywoods zerbricht, bleiben – auch sprach­lich – auf dem Niveau einschlägiger Star-Magazine.
Gerda Wurzenberger

Treppe, Fenster, Klo
Aleksandra Machowiak
Aus dem Polnischen von Dorota Stroinska
Verlag: Moritz, Publiziert: 2010, Seiten: 155, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-217-2
Schlagwörter: Kunst

Die ungewöhnlichsten Häuser der Welt 

“Das Wichtigste ist immer eine gute Idee”, heisst es in diesem besonderen Architek­turbuch. Und so bekommt auch der Töpfer mit dem wenigen Geld dank kreativer Ar­chitekten seinen Traum vom “Raupenhaus” erfüllt.

Ein Feuerwerk an 35 einzigartigen, tat­sächlich gebauten Häusern ha­ben die jun­gen polnischen Grafikde­sig­nerInnen in “Tre­p­pe Fenster Klo” zusammengetragen. Da gibt es ein Schildkrötenhaus mit gebo­genen Holzwänden. Im Sommer zieht man es in voller Länge aus. Das Vorhanghaus, bei dem es keine Aussenmauern, son­dern nur Stoffbahnen gibt, engt zwar nicht ein, ist aber eher unpraktisch. Zu ger­­ne würde man dafür selbst in das si­chelför­mige Mondhaus einziehen.

Eine ganz andere Art zu wohnen und zu leben offenbart sich beim Betrachten die­ser Häuser. Auch ihre Präsen­tation ist einzigartig. Aleksandra Macho­wiak und Da­niel Mizielinski haben auf Fo­tografien verzichtet und stattdessen ei­ne eigene knall­bunte, witzige Bilderwelt er­dacht. Aus­sen- und Innenansichten der Häu­­ser sind zugleich fantasievoll und über­sicht­­lich gezeichnet. Kleine Bilder als Sym­bole informieren über Baujahr, Baustoff, Stand­ort und Raumnutzung. Die Ar­chi­tektInnen tauchen als Charakterköpfe mit Namen auf. Selbst die BewohnerInnen und einige landestypische Tiere wuseln in den Bildern herum und laden zur Entde­ckungsreise ein. So wird man selbst zum Mit­spieler oder zur Mitspielerin und er­lebt, wie individuelle Gestaltung das Le­ben bereichert.

Claudia Kursawe

Die fantastischen 6
Herausgeber:in: Charlotte Kerner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2010, Seiten: 269, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-81070-9
Schlagwörter: Biografie | Grusel/Spuk/Horror | Fantastik/Fantasy

Die Lebensgeschichten von Mary Shelley, Bram Stoker, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Philip K. Dick, Stephen King

In seinem Märchen “Der gol­dene Topf” for­dert E.T.A. Hoffmann den “ge­neigten Le­ser” zu zwei Dingen auf: Zur Erkenntnis des Wunderbaren, “das wie ei­ne spuk­hafte Erscheinung das alltägliche Leben ganz ge­wöhnlicher Menschen ins Blaue hinaus rückt”, und zum Wiederer­kennen des Alltäglichen im Reich der Fan­tasie. Diese Poe­tik klingt auch in der von Char­lot­te Ker­ner herausgegebenen Anthologie “Die Fantas­tischen 6” immer wie­der an. Zum einen, weil sie popu­läre AutorInnen aus Horror, Sci­ence-Fiction und Fan­ta­sy vorstellt, die es verstanden haben, das Alltägliche ins Blaue zu rücken und im Fan­tas­tischen das Vertraute neu zu zeich­­­nen. Zum an­deren, weil die AutorInnen der Bio­gra­fien in den Lebensge­schichten das Fan­tasti­sche und in den fantas­tischen Wer­ken das alltäglich Be­we­gende hervorhe­ben.

Die Einführungen in Leben und Schrei­ben von Mary Shelley, Bram Stoker, J.R.R. Tolkien, Stanislaw Lem, Philip K. Dick und Stephen King sind dichte, atmos­phä­rische Portraits, die die Neugier auf die Wer­ke der Portrai­tierten wecken, die Faszination am Fan­tastischen nähren, stim­mige Epo­chen­­­portraits und Rezeptionsge­schichten enthalten. So bietet etwa Jür­gen Sei­dels Sto­ker-Portrait Lese­genuss und Informa­tion auf hohem Ni­veau. Scha­de, dass einige der AutorInnen zuweilen der Versu­chung er­lie­­gen, die Werke zu simpel biographisch erklären zu wollen. (“Der Autor glaubte an und lebte in Mittelerde.”) Darü­ber hinaus aber ist die Anthologie eine Fundgrube an Infor­ma­tionen. Und eine Lie­beser­klärung an die populäre Literatur und ihre Rezeption, was auch in einem Zi­tat Ste­phen Kings anklingt: “Meine Bücher sind das literarische Äqui­valent eines Big Mac mit einer grossen Portion Pommes.”

Manuela Kalbermatten

Rita das Raubschaf
Martin Klein
Verlag: Sauerländer Audio, Publiziert: 2010, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-8505-6
Schlagwörter: Abenteuer | Humor/Komik

Während die anderen Schafe kauen und schauen, wie Schafe immer schauen, hat Rita keine Lust, von einem Grasbüschel zum nächsten zu trotten, wiederzukäuen und Schafsköttel ins Gras plumpsen zu lassen. “Schau gefälligst wie ein Schaf!”, blökt Hammelvater Kurt-Georg, aber Rita hat wieder ihren Raubtierblick, mit dem sie in Richtung Karibik schaut: ins Para­dies der Freibeuter.

Wie gut, dass das wi­derspenstige Schaf mit seiner Respekt­losigkeit gegenüber Au­to­ritäten in Rose­t­ten­meerschwein Ruth eine See­­len­ver­wandte findet. So wie Rita von einem Zaun- und Schäfer­hund­losen Piraten­leben in Australien träumt, sehnt sich Ruth nach einem knutschfreien Südamerika, in dem sie weder süss sein noch sich dauernd begrapschen lassen muss. Wie Ritas Eltern wundert sich der kleine Johann über das Verhalten seines Haus­tiers: “Normalerweise fiepen und glu­­ckern Meerschweinchen possierlich. Sein Meerschwein dagegen klingt, als wür­­de es üben, zu fauchen und zu knu­­r­ren.”

Martin Kleins Geschichte über zwei aufsässige Tiermädchen, die aus ihren Rollenmustern in ein autonomes Leben auf­bre­chen, lebt neben der humorvollen Ins­ze­­nierung des Themas Anderssein und Aufbruch vor allem vom Reiz der zwei Hel­din­nen. Ihnen gibt Mecht­hild Grossmann ei­ne einmalige, so raue wie zärtliche Stim­me – eine Stimme, die das Motiv des Aufbegehrens in allen Facetten inszeniert. Grossmanns Leistung und die mitreissen­de Musik entschädigen auch für einige Längen und vorhersehbare Wiederholun­gen, wenn Ruth und Rita in Weide, Wald und Streichelzoo vergeblich versuchen, die spiessbürgerliche Tierwelt als Freibeu­termannschaft zu rekrutieren. So verei­nen sich Spra­che und Musik zu einem Hörspass, der im Klang den Geschmack von Meer und Abenteuer trägt.

Manuela Kalbermatten

Das grosse Lesebuch der Weltliteratur
Herausgeber:in: Manfred Mai
Verlag: Igel-Records, Publiziert: 2010, ISBN/ISSN/EAN: 3-89353-321-4

Von den Anfängen bis zur Moderne

“Lesend und hörend erfahren wir etwas über andere Menschen”, heisst es in Manfred Mais Vorwort zu seinem nun als Hörbuch erschienenen Klassiker-Streifzug. “Mit ihnen denken und fühlen, kämpfen, lieben und leiden kann ungeheuer span­nend und bereichernd sein.” Die ersten zwei der vier CDs haben ihren Schwerpunkt im Drittgenannten: dem Kampf. Zu hören ist vom Ringen um Frauen zwischen Trojanern und Griechen und vom Zwei­kampf zwischen Paris und Menelaus in der “Illias”. Chrétiens Erec wird vom peit­schenschwingenden Zwerg misshandelt, um dann einen blutigen Kampf gegen Ritter Iders zu bestehen – die dazwischen lie­­gende, entscheidende Begegnung mit Eni­de, die den Artusroman bereits an die­ser Stelle als Paarroman kennzeichnet, ent­­fällt kommentarlos. Dass Defoes Ro­bin­­son sofort auf die Menschen verzeh­ren­den Kannibalen stösst – ohne dass in der Kurzeinführung auf die kolonia­lis­ti­sche Prägung des Romans eingegangen wird – verstärkt den Eindruck einer stark aktionsorientierten Textauswahl.

Mais Versuch, einen “Eindruck von der Vielfalt der Weltliteratur” und ein Werk zu schaffen, das unabhängig von Alter und Vorwissen rezipierbar ist, ist ein ehrgeizi­ges Unterfangen – und das Ergebnis nicht rundum überzeugend. Einige Textauszüge werden nur unzulänglich in den Kon­text des Werks eingeordnet; die Informationen zu Autor und Zeitge­schich­te wirken bis­wei­len zu vereinfachend. Das ist schade, denn vor allem die Texte der dritten und vierten CD – von Twains “Tom Sawyer” bis Wells “Zeitmaschine” – sind thematisch viel­seitig und originell ausgewählt, von den verschiedenen InterpretInnen bri­l­­lant gelesen, und sie vermitteln tat­säch­lich einen Eindruck von der Mannig­fal­tig­keit der Literatur, die übers Kämpfen, Lie­ben und Leiden weit hinausgeht. Doch um junge HörerInnen zum Weiterlesen zu ani­mieren, wären weniger, dafür längere und ausführlicher eingeführte Textstellen vielleicht mehr gewesen.

Manuela Kalbermatten

Mitternachtszirkus
Verlag: Universal Pictures, Publiziert: 2010, ISBN/ISSN/EAN:

Regisseur Paul Weitz ist fast gleichzeitig wie sein Bruder Chris (Regisseur von “Twi­light: New Moon”) auf den Vampir gekom­men. “Mitternachtszirkus” fasst (stark ab­geändert) die ersten drei Bände aus Darren Shans zwölfteiliger Jugendbuchreihe zusammen. Grusel fehlt im Film zwar weitgehend, die unblutige Portion Selbstironie schmeckt dafür umso besser.

Anfangs ist Darren Shan ein normaler Jun­ge: gute Noten, liebevolle, aber strenge El­tern, eine rosige Zukunft. Das ändert sich, als er dem Vampir Larten Crepsley be­geg­net und dessen exotische Spinne Ma­dam Octa klaut. Diese beisst nämlich sei­nen bes­ten Freund Steve, der selber gerne ein Vampir wäre. Darren kann ihn nur ret­ten, weil er sich von Crepsley zum Halbvampir machen lässt und als dessen Assistent dem “Cirque du Freak” beitritt.

Vampirsein, Freaksein bedeutet aber auch Freiheit und Ausbruch aus der Spies­sig­keit. Darrens Entwicklung spiegelt sich in seiner Kleiderfarbe: Das anfängliche, un­schuldige Weiss wird zu Schwarz, bis er nicht mehr mit seinem Vampirsein hadert und rotgewandet (wie alle VertreterInnen des Guten) seinem Schicksal entgegen tritt. Und das hat, in Form des mysteriösen Mr. (Des) Tiny, Grosses mit ihm vor; am Ende muss Darren gegen Ste­ve kämpfen, der sich auf die Seite der bösen (violetten) Vampyrer geschlagen hat.

Ein frischer, selbstironischer Wind weht durchs Blutsaugergenre. Vampirklischees werden demontiert, Fantasy-Epos und Hu­mor gekonnt vermischt – eine willkommene Abwechslung zu Kitsch und Blutorgien.

Petra Schrackmann

Die grosse Wörterfabrik
Agnes de Lestrade, Illustration: Valeria Docampo
Aus dem Französischen von Anna Taube
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2010, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-939435-26-0
Schlagwörter: Liebe

Manchmal ist es schwierig, die richtigen Worte zu finden. Im vorliegenden Buch ist das sogar wörtlich zu verstehen, denn be­vor man im Land der grossen Wörterfabrik etwas sagen kann, müssen die Wörter erst gekauft werden.
Düster, fast bedrohlich wirken die Bil­der der ersten paar Seiten. Wie von Kerzen beleuchtet sind sie, in Brauntönen gehal­ten, mit wenigen roten Akzenten. Man sieht die Wortproduktion in der Fabrik und Men­schen, die Wörter kaufen, um sie anschliessend zu schlucken. Nur so ist näm­lich das Sprechen möglich.
In diesem Land läuft man nicht Gefahr, den Mund zu voll zu nehmen: Achtsam geht man mit den Worten um, denn Reden ist teuer. Da kann es schon vorkommen, dass jemand den Müll nach weggeworfe­nen Wörtern durchsucht. Manchmal flie­gen aber Vokabeln durch die Luft, und wer Glück hat, kann sie mit dem Schmetter­lingsnetz einfangen. Auch Paul hat drei Wörter in seinem Netz aufgehoben. Diese möchte er der angebeteten Marie zum Geburtstag schenken. Doch sein Feind Oskar hat viel mehr davon auf Lager; seine Eltern sind reich. Ob er Maries Herz gewinnen wird? Von leuchtendem Rot durchdrun­gen sind die Buchseiten plötzlich, wäh­rend Paul behutsam seine drei Wörter ausspricht: «Kir­sche, Staub, Stuhl.»
Wenn diese Liebeserklärung in der deut­schen Übersetzung auch lange nicht so melodiös klingt wie im französischen Original, verstehen grosse und kleine Kin­der dennoch: Wahre Aussagen erschlies­sen sich nicht nur aus den Buchstaben, sondern aus den Gefühlen, die durch sie zum Ausdruck kommen. Mit dieser Botschaft bietet das poetische «Sinn-Bilder-Buch» eine ideale Ausgangssituation für philosophische Gespräche über Herkunft und Gebrauch von Sprache.
Katrin Fehr

Lenni mag Blau
Ann Cathrin Raab
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2010, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-43674-1
Schlagwörter: Kreativität

Lenni ist eine fröhliche kleine Maus. Er liebt Blau über alles: Sein Fahrrad ist blau, ebenso der Zaun vor dem Haus, und auch an die Bienchen und Schmetterlinge verteilt er grosszügig sein Lieblingsblau. Im­mer stär­ker nimmt das Blau überhand, Lenni strahlt: Schön! Doch nun sieht ja alles gleich aus, vor lauter Blau kann Lenni nichts mehr sehen, und erstmals zeigen die Mundwinkel der Maus nach unten. Da stösst er auf der komplett blauen Doppel­seite gegen ein Ding. Eine Kiste! Heraus pur­zeln jede Menge Farben und bunte Fi­gu­ren. Im ersten Moment ist Lenni verblüfft, doch dann geniesst auch er die schöne bunte Welt in vollen Zügen. Ge­mütlich sitzt er am Ende auf einem blauen Klecks, und das Buch schliesst mit der Frage: «Und welche Farbe magst du?»
Ann Cathrin Raabs Zeichenstil ist so eigenwillig wie liebevoll. Mit Rohrfeder und farbiger Tinte kreiert sie auch in ihrem dritten Buch sehr reduzierte, krakelige Fi­guren und ergänzt diese mit wenigen farbigen Tupfern. Das Ganze belässt sie auf weissem Grund, so dass die wenigen Bildelemente mit voller Kraft wirken können. Lennis kindlicher Farbenrausch faszi­niert, seine Freude am «immer mehr» ist wohl den meisten BetrachterInnen vertraut.
Seite für Seite nimmt das Blau überhand, und es erfordert genaues Hinsehen, um die vorher noch bunten Figuren nun als einheitlich blaue Schattenrisse wieder zu finden. Die Umkehr von Blau zu Bunt geschieht gut erkennbar auf einer Doppel­seite, so dass schon kleine Kinder nachvollziehen können, was geschieht. Gespräche darüber, wie viel von etwas denn nun gut ist oder allenfalls auch einmal zu viel, könnten hier spielerisch entstehen.
Barbara Jakob

Das Märchen von der Welt
Jürg Amann, Illustration: Käthi Bhend
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2010, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-01519-4
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Philosophie

In einem wundersamen neuen Bilderbuch mit Bildern von Käthi Bhend erzählt Jürg Amann die berühmte Geschichte vom armen Kind aus Georg Büchners Dramenfragment «Woyzeck» neu. Sein Universum ist, genau wie das Büchnersche, faul und morsch und verrottet. Und doch ist es schön: Was Büchner skizziert hat, malt Amann aus, mit lauter finsteren Farben, die an der Oberfläche funkeln und aus der Tiefe glühen. Auch wenn das Kind am Ende hoffnungslos allein bleibt, so blüht und funkelt doch die Sprache vor sich hin.
Die Illustratorin Käthi Bhend folgt Jürg Amann in sein dunkel-poetisches Universum und erzählt dabei eine eigene Geschichte. Zu Beginn sehen wir ein verzwei­feltes Kind, umgeben von Spiel­sa­chen. Doch kaum beschliesst es aufzubrechen, ist es voller Energie. Das verrät die Körpersprache des geschlechtslosen kleinen We­sens. Die Energie kommt aus einem Wollknäuel, der sich langsam aufrollt. So ge­sichert, startet das Kind in die Weite des Weltraums. Schön ist es dort und geheimnisvoll; im Mond sitzt ein stolzer Vogel aus dem Paradies, in der Sonne schläft ein Löwe, in den Planeten träumen Dichter und Denker. Am Ende landet es wohlbehalten in seinem Kinderzimmer – und plötzlich gehen überall Türen auf: Vater, Mutter, Geschwister, Hund und Katze schauen herein. So deutet Käthi Bhend Amanns radikal philoso­phisch angelegte Geschichte psycholo­gisch: Verzweiflung als inneren Zustand, der wieder vorbeigeht.
Hier zeigt sich, wozu ein gutes Bilderbuch imstande ist: Es bezieht seine Span­nung aus zwei widersprüchlichen Ebenen, die sich zu einer offenen Vielstimmigkeit zusammen­fü­gen.
Christine Lötscher

Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor
Martin Baltscheit
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2010, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5397-8
Schlagwörter: Identität/Individualität

Im Frühling hat uns Martin Baltscheit mit seinem verrückten Bilderbuch «Es waren einmal zwei wirklich dumme Gänse in ei­nem brennenden Haus!» überrascht, einer heiteren Fabel von der Lust am Vorurteil in knallig-grellen Farben, einer frechen klei­nen Spielerei in Dur. Nun ist es Herbst, und der Meister des druckgrafischen Kunstwerks zeigt, dass er auch die Molltonart, die zarteren Töne, die dunkleren Farben beherrscht.
Ohne seine charakteristische Leichtigkeit zu verlieren, berichtet Baltscheit von einem Leben, das gross und raumgreifend beginnt und mit dem Rückzug in die eigene Innerlichkeit endet. Erzählt wird eine Geschichte von der Brüchigkeit der Identi­tät: die Geschichte einer Demenz.
Der Fuchs ist ein Lebemann, «rot und schnell und immer hungrig»; einer, der Bescheid weiss über die Welt, der von den jungen Füchsen bewundert wird für sein Know-How, seine Tricks. Bunt ziehen die Bilder seines Lebens vorbei. Baltscheit braucht dann nur wenige Worte, um das Vergessen darzustellen, das im Leben des alternden Abenteurers Einzug hält. Umso sprechen­der sind die Bilder fortschrei­ten­der Isolation, Verunsicherung und Entfremdung; liebevoll und mit viel Humor entworfen, verbildlichen sie doch stets die ganze Tragik dieses Selbstverlustes, der endet, wie er enden muss: «Der Fuchs hatte vergessen, dass er ein Fuchs war.»
Doch statt am verwirrenden Aussen zerbrechen lässt Baltscheit seinen Helden in seiner inneren Welt versinken: einer Welt, die sich aus den Bildern eines Lebens speist, das nicht länger von der Bestäti­gung anderer abhängt. Am Ende steht ein alter Fuchs, ohne Verstand oder Verständ­nis für die Welt um ihn herum. Aber mit dem Gefühl, aufgehoben zu sein in sich selbst.
Manuela Kalbermatten

Als die Fische spazieren gingen
Eva Muggenthaler
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2010, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-939435-24-4
Schlagwörter: Kreativität | Spiel

Doppelseitige Bilder, keine durchgehende Geschichte, und anstelle eines ganzen Textes nur thematische Bildunterschrif­ten: Das Konzept von Eva Muggenthaler lädt ein, tief in ihre Bilder einzutauchen. Angeregt von den in den zwölf Bildunterschriften angesprochenen The­menwelten aus dem kindlichen Alltag (wie: stark sein – sich helfen lassen; übermütig sein – vernünftig handeln; sich geborgen füh­len – fremd sein) sollen die Betrachter­Innen Einzelheiten entdecken, sich ihre Entde­ckungen gegenseitig kundtun, gemeinsam Geschichten entwickeln. Schon im Vorwort wird betont, dass es eindeutige Erklärungen zu den Bildern nicht gibt; Fa­bulierlust und Austausch stehen im Vordergrund.

Die einzelnen Bilder zu entdecken ist äusserst spannend. Im Selbstversuch (mit Kindern) zeigt sich, dass die Bildunterschriften eine Hilfe sein können, dass sie die Aufmerksamkeit lenken, dass es aber auch ohne geht. Die Bildwelten führen auf die richtige Spur, ohne jemals eingleisig zu sein. Darin liegt eine grosse Stärke dieser Bilder. Farblich in warmen Tönen gehal­ten, bevölkert von den verschiedens­ten, sehr individualisierten Tieren, spielen sie mit Assoziationen und erreichen glei­cher­massen kleine wie grosse BetrachterIn­nen. Das Nachwort der Kinderphiloso­phin Kristina Calvert hebt die Bedeutung des Sehens noch vor dem Sprechen hervor. Zu Gesehenem kommt in der Betrachtung der Begriff, das Verstehen.

Diesem Buch wünscht man ein grosses Publikum in privatem Rahmen wie im Un­terricht; einfacher und gleichzeitig sinnlicher kann man kaum mitei­nander ins Gespräch kommen. Für genaue Hinschau­erInnen gibt es einen Gegenstand, der auf allen Doppelseiten erscheint – vielleicht gerade WEIL er eine Sehhilfe ist…

Barbara Jakob

Fridolin Franse frisiert
Michael Roher
Verlag: Picus, Publiziert: 2010, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-85452-152-9
Schlagwörter: Fantasie | Kreativität | Wimmelbuch

Es ist ein echtes Erlebnis, Fridolin Franse zu besuchen: Der Coiffeur mit der karier­ten Hose und dem kuriosen Kopfschmuck ist auf «Frisuren mit Fantasie» speziali­siert. Eine Dame mit ellenlangen Haaren hat soeben bei ihm Platz genom­men.
In zehn Schritten (darunter Färben, Eindrehen, Föhnen) erlebt man nicht etwa die Umwandlung zu einer ganz neuen Frisur. Vielmehr bewohnen allerlei lustige Gestalten wie Piraten, Kühe, Mäuse, Krake, Elefant und Seejungfrau die Haarpracht. Je nachdem, was Fridolin gerade unter­nimmt, erleben sie irrwitzige Abenteuer. Mona Lisa wartet strickend auf das Einwirken der Farbe, umgeben von geschmol­zenen Uhren. Christo hat sich mal wieder selbst übertroffen: Er geistert als Mumie durch die haarige Landschaft. Beim Eindrehen der Lockenwickler taucht ein skur­riler Zirkus auf, bei dem Schnecken durch brennende Reifen springen. Alles, was sich dreht – wie Karussell, Grammophon, Einrad und Riesenrad – wird von den Figu­ren gut gelaunt ausprobiert. Während Fri­dolin föhnt, nutzen Heissluftballon und Hexe den Aufwind. Der schiefe Turm von Pisa hat die Windböe wohl schon hinter sich.
Michael Roher hat diese Welt erfunden und mit detailreichen Tuschbildern ge­zeich­net. Er lässt seinen Assoziationen freien Lauf. Als Sozialpädagoge, der mit Kindern und Jugendlichen im Zirkus arbeitet, hat er einen direkten Draht zur Fan­tasie. Seine Art, mit Bildern zu spielen, mag zwar manchen Erwachsenen überfordern. Kinder amüsieren sich mit die­sem Wimmelbuch aber königlich.
Claudia Kursawe

Oma – Emma – Mama / 3 freche Mäuse
Lorenz Pauli, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2010, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0607-1
Schlagwörter: Kreativität | Generationen

Lorenz Pauli und Kathrin Schärer sind ein bewährtes Team, das diesen Herbst gleich zwei Bilderbücher vorlegt: «Oma, Emma, Mama» erzählt von drei (die Puppe mitgerechnet: vier) Chamäleon­ge­nerationen und der Kunst, jedem Freiraum und Ent­wicklungs­mö­glichkeiten zu lassen.

Chamäleonkind Emma glaubt mehr zu kön­nen, als Mama und Oma ihr zutrauen, und Oma ist sicher, auch ohne allzuviel Hil­fe von Mama klarzukommen. Indem die bei­den Brille und Puppe tau­schen und Mama beides überreichen, versetzen sie sich in die jeweils andere hi­nein. Ein gelungenes, unaufdrin­gliches Plädoyer für Verständnis und Geduld im Mehrgenera­tio­nen-Mite­inan­der, das in ein zauberhaf­tes Versteckspiel ein­gebun­den ist. Klar, dass das die kleinen LeserInnen vor He­rausforderun­gen stellt. Cha­mäleons sind bekanntlich Meister im Verschwinden …

Drei kleine Mäuse sind die Helden des zweiten Werks, erschienen als SJW-Heft. Mit lustigen Flecken gekennzeichnet, wer­den sie – der Form ihrer Flecken gemäss – N-Maus, I-Maus und E-Maus genannt. Wie sie aus Most Mist machen, aus Pilzen Pelze und aus Haus Hans, erzählt «3 fre­che Mäu­se». Besonders schön der Schluss: Da tun sich alle drei Nager zusammen und än­dern ein fieses Verbotsschild für Kinder in «Spielen und Schreien NIE ver­bo­ten!» Ein herrlicher Spass um das Spiel mit Buchstaben, das zur Entdeckungsreise anregt: Wo könnten die Mäuse noch etwas verwandeln – und was könnten ihre O-, M- und A-Geschwisterchen bewirken? Ideal für LeseanfängerInnen mit Spass am Buchstabenspiel.

Maren Bonacker

Die Dummköpfe
Paul Fleischman
Aus dem Englischen von Salah Naoura
Verlag: Dressler, Publiziert: 2010, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 3-791-52915-3
Schlagwörter: Schule

Wutanfälle sind bei Lehrerin Brüll normal. Für sie sind ihre Schüler «ein Haufen zap­peliger, brabbeliger, Zeit vergeudender, Mitleid erregender, dösiger, daddeliger, dusseliger Dummköpfe». Wenn sie ein Kind zum Weinen gebracht hat, belohnt sie sich mit einem Stern. Massiv wie ein Fels, mit grimmigem Adlerblick und feuer­rotem Designerhaarschnitt, bläht sie sich vor den verängstigten SchülerInnen auf. Doch eines Tages geht sie mit ihrer Gemeinheit zu weit. «Die Dummköpfe», zehn Kinder aus ihrer Klasse, tun sich zusam­men und wehren sich.

Dieses skurrile, fantasievolle Buch ist ein Geniestreich. Die Geschichte ist in Wort und Bild rundum gelungen. Paul Fleischman lässt einen sommerspros­si­gen Jungen namens Einstein erzählen, wie er und seine neun FreundInnen in die schaurige Villa der fiesen Frau Brüll einbrechen. Sie holen eine besonders kostba­re Katzenfigur zurück. Dabei kann jedes Kind endlich seine Talente voll entfalten. Ihre Spitznamen verraten schon einiges. Der Junge namens «Spinne» ist natürlich für den artistischen Teil des Einbruchs zuständig; «Spucki» legt die Überwachungskamera lahm und «Stif­tina» hat einen ausführlichen Lageplan der Zimmer gezeich­net. Besonders nütz­lich ist die schicke «Hollywood»: Sie weiss aufgrund ihrer dramaturgischen Film­kenntnisse genau, wann Gefahr droht.

Witz und Originalität der Geschichte setzen sich in den farbigen Zeichnungen von David Roberts wunderbar fort. Mit viel Charme erwecken seine Bilder die einzigartigen Kinder zum Leben. Und die smarte Bande springt einem vor Vitalität fast aus dem Buch entgegen.

Claudia Kursawe

Rund & eckig
Didier Cornille
Aus dem Französischen von Konstanze Frei
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2010, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-836-95326-9

Das Buch der Gegensätze

Nur kleine 12×15 cm gross, hat es dieses Büchlein in sich: Der Erstling des 1951 geborenen Lampen-Designers Didier Cornil­le ist sehenswert. Der Illustrator foutiert sich um die in diesem Segment übliche Pappausstattung und spricht alle Alter an. Garantiert ist, dass es einiges zu entde­cken gibt – das Büchlein baut nicht auf die immer gleichen Gegensatzpaare.

Mit filigranem Strich und der Konzentration auf wenige klare Formen und Far­ben schafft der Illustrator stark reduzierte, dafür äusserst spielerische Bilder. Meist nutzt er das Doppelseitenprinzip: links ein Fahrradfahrer, der einen Berg hinauf fährt, beschriftet mit «schwer», rechts der­selbe Fahrer auf dem Weg hi­nunter, beschriftet mit «leicht». An weni­gen Stellen wird der Gegensatz erst durch das Aufklappen von gefaltetem Papier sichtbar: Aus einem «kleinen» Auto wird auf diese Weise eine irre «grosse» Stretch­limousine, aus einem «Haus» ein «Hochhaus».

Bevölkert werden die Bildeinheiten von liebevollen Figuren: von Men­schen wie von Tieren und Gegenständen, jedes für sich ein Hingucker, manch­mal für sich allein witzig, manchmal über mehrere Gegensatzpaare verschränkt. Fast jede Doppelseite birgt so einen Überrasch­ungseffekt – kein Sche­ma, sondern die pure Freude am Gestalten prägt die Bilder. So auch das letzte Beispiel: der quergestreifte «Räuber» und der längsge­streifte «Bankdirektor». Ob es sich dabei wirklich um einen Gegensatz oder eher ein Synonym handelt, sei dahinge­stellt… Mit Sicherheit ist es ein gutes Beispiel für die Fähigkeit Cornilles, das Buch auf verschiedenen Verständnisebe­nen zugleich wirken zu lassen.

Im selben Format ist vom selben Illustrator das Buch «Hier&da. Das Buch der Zahlen, Formen und Farben» erhältlich.

Barbara Jakob

De Strubbelpeter
Heinrich Hoffmann
Verlag: elfundzehn, Publiziert: 2010, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-905-76920-4

«Manche familiären Nöte mit Kindern scheinen sich in den letzten 160 Jahren nicht wesentlich verändert zu haben», stellt Jürg Schubiger fest, im Nachwort zu seiner Mundart-Übersetzung von Hein­rich Hoffmanns «Struwwelpeter». «Tue nöd zoisle», «tue nöd gaagele» – genau so reden die Eltern auch heute noch mit ihren Kindern. Und sie drohen zwecks Abschreckung mit grauenhaften Folgen.
Die Faszination, der die Kinder seit 1845 erliegen, hat ihre Gründe in der Mehrdeu­tigkeit der Bilder, vor allem des Titelbildes: Selbstbewusst und unzähmbar steht er da, der Junge mit den wilden Haaren. Jürg Schubiger hat noch eine weitere Erklä­rung: «Was sonst der kindlichen, unbestimmt wuchernden Vorstellung überlas­sen bleibt, ist hier bedenkenlos und dras­tisch aufs Papier gebracht. Zum Glück sind solche detaillierten Darstellungen eher geeignet, kindliche Ängste zu bannen als zu wecken.» Die Geschichte, klar begrenzt durch einen Anfang und ein Ende, gibt dem Kind die Möglichkeit, zum mitfüh­lenden Betrachter zu werden.
Schubigers Dialektversion schlägt ei­nen ganz anderen Ton an als Hoffmann. Er baut den Blick des Übersetzers ein, der den Originalerzähler auch mal korrigiert und kommentiert. Das klingt so frisch, dass man den Klassiker lustvoll neu entdecken kann. Gerade die Verwendung von leicht antiquierten zürichdeutschen Wörtern fügt dem schwarzen Humor des Originals neue Farben hinzu: «Lass stehn, sonst brennst du lichterloh!», wird Paulinchen gewarnt. In der Mundartversion heisst es handfest: «Wer zoislet, dä wird gsotte!» Schubiger arbeitet mit dem reichen Repertoire an Metaphern und Redewendungen, die im Dialekt verwendet werden. Und so ist die «Strubelpeter»-Lektüre so lustvoll-schauerlich, dass es «am Tüüfel gruuset».
Christine Lötscher

Cowboy Klaus und die harten Hühner
Eva Muszynski, Illustration: Karsten Teich
Verlag: Tulipan ABC, Publiziert: 2010, Seiten: 38, ISBN/ISSN/EAN: 3-939-94457-2
Schlagwörter: Abenteuer | Krimi/Thriller

Cowboy zu sein ist gar nicht einfach. Besonders, wenn man nicht nur am Lager­feuer herumlungert und danach lässig dem Sonnenaufgang entgegen reitet.
Cowboy Klaus lebt stattdessen mit Kuh Rosi und Schwein Lisa auf der Farm «Klei­nes Glück». Den LeserInnen ist er bekannt, da sie bereits drei verrückte Abenteuer mit ihm durchgestanden haben. Diesmal wird er von einer Bande schräger Hühner heim­gesucht: Sie finden bei ihm Zuflucht vor dem hungrigen Kojoten. Mit im Gepäck haben sie ein grosses, grünes Ei. Sie zap­peln und gackern und wollen auch noch unbedingt mit dem Kochgeschirr Musik machen! Schliesslich müssten sie für ih­ren Auftritt proben. «Wie kann man die nur wieder loswerden?», rätselt der ge­nervte Cowboy und hat einen fatalen Einfall. Doch das Happy End ist garantiert.
Lustvoll kann man diesem Kurzkrimi folgen. Der Text spielt mit Sprichwörtern und dem Sprachfehler der Hühner auf die Silbe «Ga» (so zum Beispiel bei «Ga–Ga–Ga­nove»). Lautmalerische Wörter, aus Co­mics bekannt, begleiten die Geschichte und lockern sie auf.
Unverwechselbar ist die witzige und schwungvoll gezeichnete Bildwelt von Karsten Teich, die diesmal besonders farbig leuchtet. Einmal erzählen sogar viele kleine Bilder nebeneinander, Schnappschüssen gleich, wie die Hühner das grüne Ei gerettet haben. Das Zusam­menspiel von Bild und Text funktioniert hervorra­gend. Beide ergänzen sich gegenseitig und steigern die Spannung. Als endlich «Mari-Hatschi» auftaucht, der Chef der Hühner­bande, sind die Lacher garantiert.
Claudia Kursawe

Reckless
Cornelia Funke
Verlag: Dressler, Publiziert: 2010, Seiten: 347, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-0485-1
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Fantastik/Fantasy

Steinernes Fleisch

Mit einer gross angelegten Marketing- und Medienkampagne wurde die neue Fantasy-Serie «Reckless» von Cornelia Funke lanciert. Dennoch bietet das Buch vieles, was man sich von guter Fantasy-Literatur wünschen kann.
Gerade neu ist es nicht, das Motiv vom Spiegel als Tor zu einer anderen Welt. Doch dass Cornelia Funke, Bestseller-Autorin und Spezialistin für die Vermarktung ihrer Bücher im Medienverbund, ihre neue Fantasy-Serie nicht allein konzipiert hat, sondern in Zusammenarbeit mit dem Film-Produzenten Lio­nel Wigram, ist neu. Die Idee, den Protagonisten Jacob Reckless, genauso waghalsig und unbekümmert, wie sein Nachname suggeriert, durch einen Spiegel in eine andere Welt ge­langen zu lassen, in der die Grimmschen Märchen Realität sind, stammt von Wigram – ein buntes fantastisches Szenario, das geradezu auf die Leinwand drängt. Am Lebkuchenhaus der Hexe aus «Hänsel und Gretel» kann geknabbert werden, und auf Schritt und Tritt begegnet man Feen und Zwergen, Menschenfressern und Wassermännern. Dornröschen schläft ungeküsst hinter Rosenranken vor sich hin, die Haut vergilbt und wie Pergament.
Auf den ersten Blick ist der erste «Reckless»-Band – vier sollen es insgesamt werden, mindestens – Funke pur. Die Sprache ist unscharf und schwanger mit grossen Gefühlen, die fantas­ti­schen Figuren sind mit viel Fantasie und Liebe zum Detail ge­zeichnet. Ungewohnt stringent ist der Plot, ohne lose Fäden, Widersprüche und unlogische Wendungen. Und ohne die nicht enden wollenden Beschreibungen von Landschaften, unübersichtlichen Kämpfen und Gewändern. Die Zusammenarbeit mit Wigram zielt zwar auf die leichtere Verwertbarkeit des Buches im Medienverbund, und doch tut der schlanke, über­sichtliche Plot Funke gut. Ihre teilweise zauberhaften Einfälle kommen besser zur Geltung als in ihrem letzten Fantasy-Epos, der «Tintenwelt»-Trilogie.
Jacob Reckless sucht zunächst seinen verschwundenen Va­ter. Doch bald wird er zum Grenzgänger zwischen den Welten. Hinter dem Spiegel kommt er besser zurecht als in seiner Herkunftswelt, wo er sich mit dem Leid seiner Mutter und der Angst seines kleinen Bruders herumschlagen muss. In der Märchenwelt wird er zum geschäftstüchtigen Schatzjäger. Denn die romantische Welt ist aus ihrer Selbstvergessenheit erwacht und erlebt die Industrialisierung; die Eisenbahn macht den Pferden Konkurrenz, Gewehre nehmen es mit den guten alten Flüchen und Zaubermitteln auf. Wie jede hochdynamische Gesellschaft beginnt auch die Welt hinter dem Spiegel, die eigene Tradition ins Museum zu stellen. Die Kaiserin sammelt alles, was sie an magischen Gegenständen bekommen kann – und Jacob Reckless ist der furchtlose Held, der sich jeder Gefahr stellt, wenn es darum geht, an den goldenen Ball aus dem Märchen vom Froschkönig, ein Tischleindeckdich oder an Siebenmeilenstiefel heranzukommen.
Das alles gehört im Roman eher zum Hintergrund, vor dem Jacob zum ersten Mal ein Abenteuer auf Leben und Tod bestehen muss: Sein Bruder Will ist ihm durch den Spiegel gefolgt und verwandelt sich nun in einen Goyl, in ein menschenähliches Wesen aus Stein. Funke gelingt es, die Handlung mit viel Action voranzutreiben und dabei die Entwicklung der Märchenwelt zwischen Romantik und aufgeklärtem Fortschritt als ebenso wichtige Ebene ins Licht zu rücken.
Funke versucht, die vormoderne Märchenwelt nicht zu idealisieren. Nicht alles Magische ist gut, Gewalt ist allgegenwärtig, Demokratie ein Fremdwort. Doch die Leidenschaft, mit der sie die Schönheit und Poesie der (noch) verzauberten Welt beschreibt, spricht für sich. Dabei bleiben die BewohnerInnen der Welt hinter dem Spiegel autark. Die Figuren, die ihnen die Kultur von aussen bringen, sind Abenteurer und Händler, keine Eroberer. Sie finden Handlungsräume in der anderen Welt, wo ihre eigene nur die Sackgasse Resignation anbietet. So gesehen ist Jacob ein junger Mann mit Migrationshintergrund, der in der Welt hinter dem Spiegel ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten entdeckt. Zwischen den Welten und ihren BewohnerInnen könnte sich so etwas wie Transkultu­ralität abzeichnen. Man kann gespannt sein, wie es in den nächsten drei Bänden weitergeht.
Christine Lötscher

Reckless.Steinernes Fleisch
Cornelia Funke
Verlag: Oetinger audio, Publiziert: 2010, ISBN/ISSN/EAN: 3-8373-0518-X
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Fantastik/Fantasy

Cornelia Funkes Roman um eine märchenhafte Welt hinter dem Spiegel überzeugt mit reizvollem Plot, starken Figuren und kraftvollen Motiven. Schade, dass die Autorin der Geschichte mit einer bemüht poetischen Sprache im Weg steht.
«Die Nacht atmete in der Wohnung wie ein dunkles Tier.» Was für ein Satz – was für ein schönes Bild, um einzusteigen in eine neue Geschichte! Eine Nacht, die atmet wie ein dunkles Tier, die verspricht Abenteuer, verheisst Geheimnis.
Wenn man sie denn weiteratmen lässt. Das aber gelingt Cornelia Funke zu Beginn ihres neuen Romans nicht: Über­eifrig um eine poetische Sprache bemüht, erstickt sie ihre Nacht bereits in den nächsten Sätzen in schwülstigen Vergleichen. Die Dunkelheit ist hier «wie ein Versprechen auf der Haut», und dann gleich auch noch «wie ein Mantel, der aus Freiheit und Gefahr gewebt war».
Er ist Programm, dieser erste Absatz aus «Reckless – Stei­nernes Fleisch», dem lang angekündigten Auftakt zu Funkes neu­er Fantasy-Serie. Immer wieder erzeugt die Erzählerin kraftvolle Bilder – um sie dann unter Metaphern und Vergleichen untergehen zu lassen. Gaslicht und hölzerne Kutsch­räder; ein Fotograf, der steife Hüte und berüschte Röcke auf Platten aus Silber bannt; Frauen in lan­gen Röcken, die Säume nass vom Regen: Nur wenige Sätze sind nötig, um Schwanstein, der kleinen Stadt in der (noch) mär­chenhaften Welt hinter dem Spiegel, ein Profil zu geben. Aber warum in aller Welt muss das Laternenlicht «die Strassen von Schwanstein wie verlaufene Milch» füllen? Wa­rum ein Verliebter den Na­men sei­ner Freundin aussprechen, «als hätte er Perlen auf der Zun­ge»? Oder Macht immer gleich «berau­schend wie Wein» sein?
Um es klarzustellen: Die Geschichte um eine Welt hinter dem Spiegel, in welcher der sanfte, anschmiegsame Will zum Goyl mit steinernem Fleisch und Abscheu für alles Menschliche mutiert, während sein einzelgängerischer älterer Bruder, der rastlose Abenteurer Jacob Reckless, seine (mit)fühlende Seite entdeckt, gehört zum Besten, das die Autorin in den letzten Jahren geschrieben hat. Die stringente, flott erzählte Handlung, die Schauplätze einer verzauberten Welt, die an der Schwelle zur Moderne steht, und vor allem die vielfältigen Metamorphosen, die die Figuren hinter dem Spiegel durchmachen, sind in Origi­nalität, Dichte und Symbolkraft eigensinnig und reizvoll. Keine Spur von der kaum erträglichen Lang­atmigkeit und den verklärenden Landschaftsmalereien, die die «Tintenwelt»-Trilogie streckenweise zur Tortur ma­chen. Auch Funkes Spiel mit den Märchentraditionen ist in «Reckless» raffinierter und stimmiger als in der Vorgänger-Se­rie. «Reckless» vereint im Prinzip alle Zutaten, die nötig sind, um aus dem schon seit Monaten angekündigten Megaseller das perfekte fantastische Lesevergnügen zu machen.
Schade, dass die Sprache der Geschichte immer wieder im Weg steht, dass die Autorin ihren ProtagonistInnen, die leben­dig sind und eigenwillig, immer wieder den Raum zum Atmen nimmt. Anstatt es dabei zu belassen, den Brüdern Jacob und Will in Dialogen und Handlungen ein starkes Eigenleben zu verleihen, was ihr immer wieder meisterhaft gelingt, lässt die Autorin vor allem Jacob dauernd in der zweiten Person mit sich sprechen, sich laufend selbst psychologisieren. «Unge­duld, Jacob. Nenne es beim Namen. Eine deiner hervorste­chendsten Eigenschaften», lässt sie ihn mit sich selber rech­ten. Und setzt gar ein lautstark dozierendes Gewissen ein, das nicht nur Jacob, sondern auch die LeserInnen mit regel­mäs­sigen Vorträgen auf die Palme bringt: «Hättest du besser aufgepasst, Jacob. Wärst du mit ihm nur nicht so weit nach Osten geritten. Wärst. Hättest.» (Dass Rainer Strecker in seiner Hörbuch-Le­sung sämtliche dieser unzähligen inneren Figurenreden flüs­ternd vorträgt, ist dann einfach nur noch nervtö­tend). Bei aller Originalität der Geschichte entsteht so immer wieder der Eindruck, dass Funke ihren eigenen Schöpfungen, vor allem aber der Fantasie ihrer LeserInnen letztlich nicht allzu weit über den Weg traut.
Dabei zeigt die Autorin immer wieder, welch trefflichen Charak­tere sie eigentlich entwerfen kann: Da ist Fuchs, die junge Gestaltwandlerin, der das Fell viel lieber ist als die Men­schenhaut – eine starke Figur, die für sich selber spricht und han­delt und der ihre Geheimnisse (noch) weitgehend gelas­sen wer­den. Oder Vali­ant, der geldgierige Zwerg (ein wan­deln­des Zwergenklischee), dessen ruppige Art man lieb ge­winnt, ohne sich das so recht erklären zu können. Ihnen möchte man wieder begegnen – ihnen und den anderen Ge­stalten, die die Fantasie anregen, ohne dass jede ihrer Hand­lungen zu Tode motiviert und erklärt werden muss.
Manuela Kalbermatten

Der Ritter ohne Socken
Christian Oster
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Verlag: Moritz, Publiziert: 2010, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-225-3
Schlagwörter: Humor/Komik

Der Ritter hat einige Aufgaben vor sich: Den Drachen töten, die Prinzessin befrei­en und noch ein paar Dinge, die man nicht gut planen kann. Doch genau mit den ungeplanten Dingen geht es los: Seine Socken sind verschwunden, und ohne Socken kann er nicht in seine harten Eisenstiefel. Ohne Stiefel kann er vielleicht noch den Drachen besiegen, aber keines­falls die Prinzessin befreien, denn wo hät­te man je gehört, dass ein Ritter ohne Stie­fel vor eine Prinzessin treten darf? Soll er also erst den Drachen töten und DANN seine Socken suchen? Oder erst die Socken? Und dann den Drachen befreien? Und am Schluss die Prinzessin töten? Nein – alles falsch, nochmal von vorn!
Je mehr der Ritter darüber nachgrü­belt, in welcher Reihenfolge er seine Aufgaben am besten erledigen soll, desto mehr Unvorhergesehenes passiert. Da schwimmt eine Ente mit einer der Socken im Schna­bel vorbei, und ein Heinzelmann trägt die zweite als Mütze. Die Höhle des erschla­genen Drachen (eine Aufgabe erledigt!) wird von einem neuen Drachen bezogen, der es sehr praktisch findet, dass schon eine Prinzessin drinnen sitzt – ach, es ist zum Haareraufen!
Wie der Ritter doch noch zur Prinzessin kommt und wie diese die lange Wartezeit genutzt hat, das erzählt die urkomische, fast surreal erscheinende Ge­schichte «Der Ritter ohne Socken», die zum Auftaktangebot des neuen Kinderbuch­segments im Moritz-Verlag gehört. Sie richtet sich an Kinder, die schon selbst lesen können, durchaus aber auch noch an die vorlesen­den Eltern, die an die­sem verwirrten Ritter und seinen Abenteuern ebenso viel Spass haben werden wie die eigentlichen Adres­satIn­nen.
Maren Bonacker

Beste Freundin dringend gesucht!
Katja Alves
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2010, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79967-5
Schlagwörter: Freundschaft | Familie/Familienformen

«Ich heisse Elfriede Schnarrberger, bin zehn Jahre alt, einen Meter vierzig gross und habe eine nervige Schwester.» Mal ehrlich: Wenn sich jemand so charmant vorstellt, fällt es doch ziemlich schwer, nicht weiter zu lesen, oder? In ein kleines rotes Notizbuch, das sie von ihrem Vater geschenkt bekommen hat, notiert besagte Elfriede alles, was sie so schnell wie mög­lich in die Tat umsetzen will: «Omas Gold suchen! Im Altersheim. Bei Frau Schmidt», steht da zum Beispiel. «Papas Gitarren so­fort verkaufen!», oder «Nie mehr mit Hu­bert reden! (wegen des Gitarren-Verrats)». Und weil Elfriede ziemlich spontan sein kann und über mehr Fantasie verfügt, als ihr hinterher oft lieb ist, gerät sie dabei – zum grossen Vergnügen der LeserInnen –reichlich oft in Schwierigkeiten.
Mit «Beste Freundin dringend gesucht!» ist der in Zürich lebenden Autorin Katja Alves ein zauberhaftes Kinderbuchdebüt gelungen. Neben dem ganz eigenen, entwaffnenden Ton, in dem sie die Ich-Erzählerin von ihren Bemühungen, endlich eine beste Freundin zu finden, berichten lässt, überzeugt eine Vielzahl leicht überzeich­neter und gerade deshalb liebenswerter Charaktere wie Elfriedes Freund Hubert, der keinen Schritt ohne seinen geliebten Hamster Dieter macht, oder seine esote­risch angehauchte Mutter Dede.
«Keine Romane in der Schublade – aber manche Idee im Kopf», verrät Alves auf ihrer Website. Es darf also auf eine baldige Fortsetzung der amüsanten Elfriede-Geschichte gehofft werden. Das Potenzial da­zu besitzt diese umwerfend komische, eigenwillige Heldin allemal.
Andrea Duphorn

Der lächelnde Odd und die Reise nach Asgard
Neil Gaiman
Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Steinhöfel
Verlag: Arena, Publiziert: 2010, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-06553-X
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

So sind sie nun mal, die Götter: unsterblich, aber fehlbar wie die Menschen auch; lieben den Wein, ergehen sich in Prahlerei­en, lassen sich von weiblicher Schönheit leicht verführen und vergessen dabei ihre Verantwortung für die Sterblichen. Ob die griechisch-römi­schen oder, wie in Neil Gaimans neuem Ju­wel, die nordischen Götter Thor, Odin und Loki: Sie lernen nicht aus Feh­lern, denn «andernfalls», so die weise Fre­ya, «wären sie keine Götter».

Ausbaden müssen ihre Fehltritte die ohnehin schon geplagten Menschen. Als der lüsterne Loki dem Charme einer Schö­nen erliegt und sein Land Asgard, «Heimstatt der Mächtigen», so an die Eis­riesen verrät, zieht ewiger Winter ein im Wikin­gerland Midgard. Hier lebt Odd, zwölf­jäh­riger Halbwaise mit «nervtötendem Lä­cheln» und verkrüppeltem Bein, als verachteter Aussenseiter. Doch ausge­rechnet er, dessen Name «Spitze ei­ner Klinge» be­deutet, weit mehr aber auf sein Anderssein verweist, besitzt etwas, das dem in Tiergestalt gebannten Göt­tertrio fehlt: Er kann wachsen am Leben und seinen He­rausforderungen. Dazu hat ihm sein Vater mit der Schnitzerei die Fähigkeit mitgege­ben, in den Dingen ihre Bestim­mung zu sehen – und sie ans Tageslicht zu bringen.

Am Ende einer mystisch-bizarren Reise durch eine karge Winterlandschaft schafft es Odd, den Eisriesen aus Asgard heimzu­schicken. Wie ihm das gelungen sei, fragen die Götter. Mit Magie, meint Odd: «Wenn Magie bedeutet, dass man jenen Dingen ihren Lauf lässt, den sie sowieso nehmen wollten, oder sie werden lässt, was sie so­wieso werden wollten…» Augenzwin­kernd erzählt Gaiman eine Geschichte von der Schönheit und dem, was sie aus Göt­tern wie Menschen macht: Narren, die der Oberfläche verfallen. Oder Weise, die aus den Dingen und aus sich selbst herausholen, was im Inneren verborgen ist.

Manuela Kalbermatten

Shorty
Andrea Hensgen
Verlag: Hammer, Publiziert: 2010, Seiten: 110, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0295-X

Der Professor und der kleine Affe

Wenn der Affe spielt, freut sich der Mensch. Doch was passiert, wenn sich ein Affe in freier Wildbahn wie ein Clown aufführt? Der Verhaltensforscher Bob Nelly beobachtet auf einer menschenleeren ja­panischen Insel eine Makaken-Affenhor­de. Ein kleiner Affe sticht besonders he­raus. Mit Gekreische stürzt sich der Son­derling in Riesenwellen, gibt Konzerte auf Kokosnussschalen und bewundert den Sonnenuntergang.

Der Forscher gibt ihm den Namen Shor­ty. Er belächelt mitleidig den Aussenseiter, der in der Hierarchie der Gruppe ganz un­ten steht. In Briefen, die die Handlung ergänzen, vertraut Bob Nelly seinem Sohn David seine Gedanken und Gefühle an. «Anders zu sein als die anderen, macht einem das Leben bloss schwer», schreibt er warnend. Er selbst habe deshalb als Junge sein Interesse an Tieren verborgen. Stattdessen lernte er Boxen, um bei Käm­pfen mithalten zu können. Denn nur wer ent­weder stark, mutig oder geschickt sei, set­ze sich durch. Trotzdem oder gerade deshalb schliesst der Professor den eigen­wil­ligen Shorty ins Herz. Wider alle Vernunft fängt er den Affen ein, um ihn sei­nem Sohn als Haustier zu schenken. Die Handlung spitzt sich dramatisch zu, und das Zusammentreffen von Mensch und wil­dem Tier ist äusserst realistisch darge­stellt. Plötzlich entpuppt sich der Wis­sen­schaftler als jähzornig und impulsiv, was ihm zum Verhängnis wird. Die Affen­horde ist entschlossen, Shorty zu befreien.

Andrea Hensgen ist ein vielschichtiger, spannender Abenteuer- und Entwick­lungsroman gelungen, der zum Nachden­ken und Diskutieren anregt.

Claudia Kursawe

Felix Wonder
Peter van Gestel
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2010, Seiten: 191, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79976-4
Schlagwörter: Migration

In seinem unter anderem für den Deut­schen Jugendliteraturpreis 2009 nomi­nierten Jugendroman «Wintereis» hat Pe­ter van Gestel schon einmal von Kindheit und Jugend kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Amsterdam erzählt. In seinem jüngsten Buch greift der niederländische Autor das Thema nun noch einmal für et­was jüngere LeserInnen auf.
Die Geschichte um Felix Wonder, der mit seinen Eltern in einem abbruchreifen Haus lebt, beginnt an dessen zehntem Geburtstag im Jahr 1951, wenige Wochen, be­vor Felix’ Cousine und heimliche erste Lie­be Veertje mit ihren Eltern nach Australien auswandert. Sie endet zwei Jahre später, als diese wieder nach Amsterdam zurückkehrt. Dazwischen liegen ein Umzug, Fe­lix’ elfter Geburtstag und ein paar sehr harte Wochen im Kinderheim «Haus Freu­denvoll», die Felix’ Leben nachhaltig prä­gen. Dort wird er untergebracht, wäh­rend seine Eltern auf eine Kreuzfahrt ge­hen, auf der der Vater, von Beruf Jongleur, ein Engagement gefunden hat.
Wieder ist es ein auf leise Art besonde­rer Junge, der im Mittelpunkt der Handlung steht und eine sehr be­son­dere Stim­mung, die das Buch trägt. Zwi­schen Reali­s­mus und Surrealismus schwe­bend, wird von einer Zeit erzählt, in der Kinder aus er­zieherischen Massnahmen noch in Kis­ten gesperrt wurden oder stun­denlang in der Ecke eines Raumes die Wand anstar­ren mussten. Van Gestels ebenso gefühl­voller wie unerschütterlich optimisti­scher jun­ger Held, der seine täglichen Erlebnisse und Erfahrungen erfri­schend offenherzig kommentiert, wächst einem dabei schnell ans Herz. Gerda Raidt hat die Erzählung mit stimmungsvollen Schwarzweiss-Zeich­nun­gen illustriert, die Felix’ verträumtes Wesen hervorheben und zugleich an Kin­derbücher jener Zeit erinnern.
Andrea Duphorn

Edwards Augen
Patricia Maclachlan
Aus dem amerikanischen Englisch von Birgitt Kollmann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2010, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23589-2
Schlagwörter: Tod/Trauer

Vom ersten Moment an fühlt Jake, dass sein drei Jahre jüngerer Bruder Edward etwas Besonderes ist. Vor allem seine gesprenkelten, dunkelblauen Augen schei­nen alles zu sehen. So erklärt sich die Nähe der beiden Brüder, die zusammen in einer mehrköpfigen Familie aufwachsen, die später um Baby Sabine erweitert wird. Doch der Prolog lässt ahnen, dass die Idylle aus gemeinsamen Baseballspielen und Picknicks am See nicht erhalten bleibt. Als Edward eines Tages auf seinem Fahrrad mit den fehlerhaften Bremsen nur mal schnell in den Ort fahren will, beschleicht den Leser eine ungute Vorahnung.
Der Bruch ist drastisch. Nicht Edward kommt zurück, sondern die Polizei. Mit ernsten Gesichtern, betreten. Jeder im Ort kennt Edward und liebt ihn für seine son­nige Art, seine pfiffigen Ideen und sein besonderes Baseballtalent. Jeder weiss, was für einen Verlust sein tragischer Unfalltod für die Familie bedeutet. Doch es geht in Patricia MacLachlans Novelle «Edwards Augen» nicht nur um den Verlust eines ge­liebten Kindes und Bruders, sondern auch um die mutige Entscheidung der Eltern, seine Organe zu spenden, um anderen Menschen das Leben zu schenken. Dass sie sogar seine wunderbaren, einzigarti­gen Augen geben, erschüttert den elfjährigen Jake zutiefst. Erst als die Familie ei­nen ganz besonderen Brief erhält, kann er diese Entscheidung akzeptieren: Edwards Augen haben ausgerechnet einen Base­ballspieler vor dem Erblinden bewahrt.
Es ist nicht die Todesthematik, die diese recht kurze, einfach, aber doch ungemein kraftvoll erzählte Geschichte ausmacht, sondern die Liebe: die beispielgebende Liebe einer Familie, die trotz des unfassbaren Schicksalsschlages zusammenhält und sich ohne Vorwürfe oder Verbitterung an Edward erinnert. Sie rührt zu Tränen und macht das Buch zu einem Kleinod.
Maren Bonacker

Trix Solier
Sergej Lukianenko
Aus dem Russischen von Christiane Pöhlmann
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2010, Seiten: 584, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-81074-1
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Zauberlehrling voller Fehl und Adel

Wie es sich gehört im Fantasy-Roman, schwärmt der junge Held – hier: Herzogssohn Trix Solier – für Bücher; vor allem für die «zarten, vergilbten Seiten der alten Chroniken». Die aber haben, auch das ein häufiger Topos, wenig gemein mit dem «ech­ten» Leben. Trix lernt das schmerz­lich, nachdem er durch einen Putsch El­tern und Erbe verloren hat. Nun führt sein Entwicklungsweg vom verstos­senen Adligen zum Knappen, vom Zau­berlehrling zum Meister und endlich zum gerechten Herrscher; ein Weg, wie er im Artusroman vorge­zeichnet ist, durch des­sen sinnlich-der­be Welt uns Lukianenko führt.
Natürlich behält in dieser Welt auch die Sprache Gewicht; doch nicht die Rhetorik verstaubter Annalen oder die schwülsti­gen Lieder der Hofbarden, sondern die schöpferisch-blumigen Worte der Magie lassen Trix Kämpfe mit dunklen Ma­giern, Untoten, intrigan­ten Herrschern und verliebten, rauschbenebelten Blu­menfeen bestehen. «Wenn du die rich­tigen Worte findest und überzeugend aussprichst, wird die Welt dir glauben. Und sich än­dern», lehrt Zaubermeister Radion Sau­er­ampfer (der den Schüler anders als Dumbledore, Gandalf und Co. weniger für hö­here Zwecke als in der Küche einsetzt).
Lustvoll parodiert Lukianenko die Welt aus Fantasy, Artusepos, Mär­chen und Historiendrama und verwan­delt sie, indem er sie kräftig mit Elementen aus Lifestyle und multimedia­ler Populär­kultur würzt. Da wird das ro­mantische Zau­berbuch zum «Eipott» und Fürstentochter Tiana, Heldin in Männerkleidern, zum Be­ziehungs­rat­geber im Stil der 1990­er; der kapitalis­tische Hofkoch Domac bringt mit der «Schnellen Kartoffel» Mac­Donalds in die Mittelalterwelt. «Trix So­lier» ist ein leichtfüssiger Streifzug durch die Genres, dem es nie an Einfällen und Komik mangelt.
Manuela Kalbermatten

Darkside
Tom Becker
Aus dem Englischen von Siegling Ingrid Thannheiser
Verlag: Boje, Publiziert: 2010, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82143-5
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror

Die Gilde der Diebe

Mittlerweile ist schon das fünfte «Darksi­de»-Abenteuer auf Englisch erhältlich, und die jungen LeserInnen geben sich auf der offiziellen «Darkside»-Homepage en­thu­siastisch: «It has spine chilling charac­ters und stomach turning action», schreibt ei­ne 13-Jährige. Wer könnte da den Geschichten des jungen Londoner Prota­go­nisten Jonathan, seines Zeichens Halbdarksider, und Wermensch-Body­guard Carnegie widerstehen?

Darkside ist eine Schattenwelt unter den Strassen Londons. In dieser brutalen Welt, die vor Blut nur so trieft, begegnet man Vampiren, Werwölfen und anderen dunklen Wesen, man begibt sich zur Un­terhaltung in einen Zoo mit Horror-Kre­aturen oder trifft sich in Blutspielban­ken. Der regierende Clan Darksides besteht aus Abkömmlingen des Massenmör­ders Jack the Ripper.

Der Autor Tom Becker, der in Oxford stu­dierte und von der universitären Parallelwelt fasziniert war, schrieb 2005 den ers­ten «Darkside»-Band. Im dritten Teil, im Original unter dem Titel «Nighttrap» er­schienen, dreht sich alles um einen legen­dären Purpur-Stein, der mit dem Blut des Rippers getränkt sein und seinem Besitzer unglaubliche Macht verleihen soll. Das Objekt, hinter dem sämtliche Darksider von Rang und Namen her sind, wird in Lightside (London) versteigert, und Jona­than soll nun den Stein klauen. Zum Showdown kommt es, als sich der Böse­wicht Xavier in eine überdimensionierte Spinne verwandelt und Jonathan aus deren haarigen Beinen sowohl den Stein als auch Freundin Raquella befreien muss.

Wie seine Vorgänger verspricht auch dieser Band Nervenkitzel pur. Für Lightsider, die sich amüsieren und gruseln wol­len und die Blut sehen können (wollen), empfiehlt sich ein Leseab­stecher (oder ein Hörabenteuer mit Rufus Beck) nach Dark­side unbedingt.

Roger Meyer

Erzähl mir von der Liebe
Beate Teresa Hanika
Verlag: Fischer FJB, Publiziert: 2010, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-86253-1

Im Blitzlichtgewitter der FotografInnen auf den Laufstegen in Rom, Paris, London oder Mailand stehen: Davon träumen viele jun­ge Frauen. Beate Teresa Hanika, deren De­büt «Rotkäppchen muss weinen» für den Deutschen Jugendliteraturpeis 2010 no­miniert wurde, hat Ende der 1990er-Jahre selbst international als Model gearbeitet. Die Erfahrungen jener Zeit hat die 1976 gebo­rene Autorin in «Erzähl mir von der Liebe einfliessen» lassen. Von entwürdigenden Jobs auf dekadenten Partys wird hier erzählt. Vom erbitterten Konkurrenzkampf junger Frauen, die sich – fast noch Kinder – beim Versuch, nach oben zu kommen und von einer der grossen, nam­haften Agen­turen entdeckt zu werden, für keinen noch so fragwürdigen Job zu scha­de sind. Und davon, «wie schnell man aus dem Ram­penlicht gestossen wird, weil jemand an­deres kommt».
Der Roman erzählt von drei jungen Frauen, die den selben Traum träumen. Geträumt haben. Denn Hannah (Ende 20), Kennedy (23) und Ich-Erzählerin Leni (20) ahnen bereits, dass es mit der grossen Modelkarriere wohl nichts mehr wird. In einer Berliner WG treffen sie aufeinander und schliessen – in ihrer Welt mehr als selten – Freundschaft.
Auf meh­reren Erzählebenen und in Rückblenden, die kunstvoll ineinander greifen, erzählt Hanika aus der Vergan­genheit der Frauen. Sie gewährt – sprachlich dicht und inten­siv – Einblick in Fa­milienverhältnisse, Träume, Hoffnun­gen und Beweggründe. Ernüchternd, desillu­sionierend, aber auch voller Hoffnung. Denn zumindest Leni, die nicht nur auf ih­ren Durchbruch als Model hofft, sondern vor allem auf «die grosse Liebe (…) mit allem Drum und Dran», scheint am Ende einen neuen Traum leben zu können.
Andrea Duphorn

Malice
Chris Wooding
Aus dem Englischen von Katarina Ganslandt
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2010, Seiten: 432, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-35329-9
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror | Fantastik/Fantasy

Du entkommst ihm nicht!

Der Versuchung, die beschwörende Juju-Formel sechsmal zu murmeln, können nicht alle widerstehen. Unter zusätzlicher Verwendung von Vogelfedern, Katzen- und Eigenhaaren, eines Zweiges und einer Träne – gut gerührt und ange­zündet – wird man von Tall Jake in eine apokalyptische Comic-Welt gebeamt: Malice. Doch es reicht nicht, dort vor den metallenen Horror-Fieslingen zu fliehen, gegen sie zu kämpfen oder einen grausi­gen Tod zu fin­den – zusätzlich werden diese Stories durch die neuesten «Malice»-Hefte auch in die reale Welt transportiert und von Ju­gendlichen gelesen. So entdecken Kady und Seth plötzlich ihren vermissten Freund Luke in einem dieser Hefte.
Diese hochspannende Ausgangslage verwendet der britische SF- und Fantasy-Autor Chris Wooding, der mit 16 Jahren seinen ersten Roman schrieb. Brilliant assistiert wird er vom Illustrator Dan Cher­nett, der die Horrorwelt erst richtig zum Leben erweckt. Im Buch wechseln sich Text- und Graphic-Novel-Teile ab. Die Co­mic-Sequenzen bilden ei­nen integralen Bestandteil der Geschich­te. Es entsteht ein Hin und Her zwi­schen Text und Bild. Eben­so switchen die ProtagonistInnen, wenn sie den Dreh raushaben, zwischen realer Welt und Malice.
Die unerträgliche Span­nung provo­ziert beim Lesenden ein nervöses Kribbeln; der Gruselroman verspricht einen Horrortrip ers­ter Güte, den man vorzugsweise leib­haftig erfährt. «Komm und hol mich, Tall Jake!» – und Schwupps findet man sich selbst in Malice wieder, hetzt in einem dunklen Labyrinth aus Drahtgitter und Wellblech davon – gejagt von einem vielarmigen, einäugigen, Entsetzen erre­gen­den Wesen mit messerscharfen ten­tak­ligen Klauen. «Rrraarrrr! Kraaaah!» dröhnt es in den Ohren. Und das Blut stockt.
Roger Meyer

Nichts
Janne Teller
Aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler
Verlag: Hanser, Publiziert: 2010, Seiten: 140, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23596-5
Schlagwörter: Philosophie | Gewalt

Was im Leben wichtig ist

«Aus uns sollte etwas werden. Etwas wer­den bedeutete jemand werden, aber das wurde nicht laut gesagt. Es wurde auch nicht leise gesagt.» Die SchülerInnen der Klasse 7A haben sich eingerichtet in der Vorstadttristesse von Tæring, in der die Spielregeln der auf Erfolg getrimmten Ge­sellschaft nicht zur Diskussion stehen. Nur Hippiesohn und Existentia­list Pierre Anthon wird plötzlich laut, verlässt die Schu­le, spricht in abgehobe­nem Nihilis­mus über die Leere der Welt, palavert von ei­nem Baum herab über die Bedeutungs­lo­sigkeit des Lebens. Weil die Mitschüler­In­nen ihn weder mit Worten noch Gewalt bekehren können, tra­gen sie in ei­nem al­ten Sägewerk einen «Berg der Be­deutung» zusammen, zu dem jeder beitra­gen muss, was ihm am teuers­ten ist.
Gegenstände wie die grünen Sandalen der Ich-Erzählerin bilden den Anfang, doch immer krassere Forderun­gen folgen, die den Verlust der Indi­vi­du­alität (Marie-Ursulas blaue Zöpfe, Lis Adoptionsurkun­de) oder Ausschluss aus der Gemein­schaft (Husseins Gebetstep­pich) bedeuten. Mit Sophies Unschuld und Jan-Jo­hans Finger geht das Experi­ment an die Grenzen der Menschlichkeit – und darüber hinaus.
In knapper, emotionsloser Sprache und düsteren Bildern von teils schockie­render Grausamkeit erzählt die Dänin Janne Tel­ler eine Geschichte davon, was der Mensch zu bezahlen bereit ist, um sei­ne Zweifel am Sinn seines Han­delns und seiner Exis­tenz zu bekämpfen. Der Ro­man, in Däne­mark schon 2000 er­schie­nen und heftig skandalisiert, entfal­tet, mal zwischen den Zeilen, mal in Wor­ten, einen Schrecken von unwiderstehlicher Sogkraft. Aus der dis­tanz­ierten Sicht der profillosen Ich-Erzählerin geschildert, schei­nen die Ju­gend­li­chen weder speziell grausam noch lie­benswert, nicht mal realis­tisch: Sie sind keine Identifikations-, sondern Spielfigu­ren in einem albtraum­haften, aber bril­lanten Parabelstück, das lange nachwirkt.
Manuela Kalbermatten

Tage wie diese
Maureen Johnson, Lauren Myracle, John Green
Aus dem amerikanischen Englisch von Barbara Abedi
Verlag: Arena, Publiziert: 2010, Seiten: 400, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-06544-0
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Liebe

Auch wenn es schwer vorstellbar ist: Jubilee (benannt nach einem leuchtenden Weihnachtsdorf-Gebäude aus Porzellan) verbringt den Weihnachtsabend mit ei­nem wildfremden Jungen neben sich und einer Plastiktüte auf dem Kopf durch meterhohen Schnee stapfend – auf der Flucht vor einer Horde Cheerleadern. Als wäre diese Situation an sich nicht kompliziert ge­nug, muss sich Jubilee auch noch eingestehen, dass ihre bis vor kurzem für so gross geglaubte Liebe das vielleicht doch nicht ist.

Während sie die Protagonistin aus der ersten Geschichte zur Flucht veranlassen, ziehen sie Tobin aus der zweiten Geschich­te geradezu magisch an: die Cheerleader, die im Waffelhaus Zuflucht vor Kälte und Schnee gesucht haben. Herzog, der ein so guter Freund ist, dass To­bin oft vergisst, dass «er» eigentlich ein Mädchen ist, begleitet ihn auf dem Weg durch Schnee und Eis. Und Tobin erkennt erst da, dass seine Liebe nicht im Waffelhaus zu finden ist.

Während Tobin sich verliebt, versucht sich Addie aus der dritten Geschichte zu entlieben, was ihr so gar nicht gelingen will. Während sie gegen ihre Gefühle ankämpft, serviert sie der Starbucks-Kundschaft Himbeerkaffee und Caramel­muf­fins – bis sich die drei Geschichten endlich zusammenfügen und die Hauptfiguren in einem schillernden Schlussbouquet aufeinander treffen.

Manchmal etwas krampfhaft komisch erzählt, sind die Geschichten insgesamt eine unterhaltsame Lektüre: gerade rich­tig für die kommenden Winterabende. Am besten während eines Schneesturms le­sen.

Patricia Morganti

Fillory
Lev Grossman
Aus dem amerikanischen Englisch von Stefanie Schäfer
Verlag: Fischer FJB, Publiziert: 2010, Seiten: 624, ISBN/ISSN/EAN: 3-8414-2100-8
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Lesen | Grusel/Spuk/Horror

Die Zauberer

Quentin hat alles versucht, hat «akribisch alle Ingredienzen des Glücks zusammengetragen». Und doch verweigert sich dem hochbegabten 17-Jährigen dieses Glück; gefangen in einem «falschen Instantle­ben» flüchtet er sich stattdessen in die ma­gische, Narniaeske Welt seiner heiss ge­liebten «Fillory»-Bücher. Doch hinter der Fassade der kruden Realität verbirgt sich eine fantastische Welt, in der Zauberei real und für talentierte Menschen lernbar ist: Wie Harry Potter bricht Quentin auf, um an der Magierschu­le Bra­kebills das Handwerk der Zauberei zu ler­nen.
Doch Brakebills ist nicht Hogwarts und Quentin nicht Harry. Und obwohl Lev Grossman nicht an – mal liebe­vollen, mal bitterbösen – Reminiszenzen auf Rowlings Welt spart, bleibt seinem Protagonisten auch in der magischen, so atmosphärisch wie komisch und skurril geschilderten Welt der Zauberei der Sinn vorenthalten, den er sucht. Anstatt dem Bildungsweg ei­nes Zauberlehrlings folgen die LeserInnen dieses bril­lanten Coming-of-Age-Romans der verzweifelten Odyssee eines Jungens aus der No-Sense-Generation: Wie Louis aus Anne Rices 1970er-Jahre-Epos «Inter­view mit ei­nem Vampir» hetzt Quentin als Getrie­bener und ewig Ruheloser von ei­nem Vergnügen, einer magischen Welt in die andere, immer darauf wartend, «dass ihn irgendein grosses Abenteuer fand».
Magie, so begreift er bald, ist nicht nur Knochenarbeit, nicht nur gefährlich und schwer zu kontrollieren, nicht nur intel­lektuell und triebhaft zugleich, sie ist da­rüber hinaus kein Heilmittel. «Ich denke, Sie sind Zauberer, weil Sie unglücklich sind», sagt der Dekan von Brakebills. «Ein Zau­berer ist stark, weil er Schmerz fühlt. Er spürt den Unterschied zwischen der Welt, wie sie ist, und dem, was er daraus machen würde.» Gemeinsam mit seinen ebenso orientie­rungslosen FreundInnen entdeckt Quen­tin nach dem Schulab­schluss einen Weg nach Fillory. Doch auch die Welt sei­ner Kindheitsfantasie ist kei­ne, die Trost und Abenteuer birgt, wie es die unangemessen fröhlich-bunte Fan­ta­sy-Karte in der Jugendbuchausgabe sug­ge­riert. Quen­tin, seine brillante Freundin Alice und ihre GefährtInnen erwartet stattdessen eine chaotische, archaische, extrem gewalttä­tige und vor allem vollkommen sinnentleerte Welt. Statt der ersehnten Queste erwartet jeden der hoch­komplex­en Charaktere die persönliche Apoka­lypse.
Junge MagierInnen, die sich in Polar­füch­se verwandeln und hemmungslos ko­pulieren; Magie, die ausser Kontrolle gerät und den Menschen verzehrt, der sie he­raufbeschworen hat; ein Junge, der nicht erwachsen werden will und zum kannibalischen Monster mutiert: «Fillory – Die Zauberer» ist ein Mix aus und zugleich Pa­rodie auf Urban Fantasy, Horror, Adoleszenz- und (Anti)­Bildungsroman, der die grossen Fragen nach Leben, Liebe, Sinn und Tod stellt, von der Faszination des Le­sens und der Gefahr, aber auch der Lebensnotwendigkeit des Träumens han­delt.
Die Publikation des in den USA unter dem Titel «The Magicians» erschie­nenen New-York-Times-Bestsellers als Ju­gend­buch ist indes schwer nachvollziehbar. Denn die im Hinblick auf das neue Ziel­pu­blikum abgeänderte Umschlagillustra­tion (aus dem alterslosen männli­chen Umriss wird erkennbar ein Teenager), der völlig irreführende Buchtrailer mit den fröhli­chen jungen MagierInnen, der wohl an die Hogwarts-Welt anknüpfen sol­l, und die teilweise verharmlosend wirkende Wortwahl der Übersetzung («Ungeheuer» für «Beast»; «Such­mich-Tier» für «Ques­ting Beast») we­cken fal­sche Erwar­tungen. Für starke LeserIn­nen ab 16 Jahren aber bietet der Roman ein so schaurig-böses wie hei­te­res, nicht ro­mantisch-ma­gi­sches, aber in jeder Hin­sicht fantas­ti­sches Leseer­lebnis auf ho­hem litera­rischem Ni­veau.
Manuela Kalbermatten

It’s my turn!
Sefi Atta
Aus dem Englischen von Eva Plorin
Verlag: Hammer, Publiziert: 2010, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0296-8

Im Mittelpunkt dieses Romans für ältere Ju­gendliche stehen die beiden Freundin­nen Tolani und Rose. Das Überleben in der ni­gerianischen Metropole Lagos ist ein tä­g­licher Kampf, und als Rose gefeuert wird, erhält Tolani beim schmierigen Mr. Salako deren Sekretärinnen-Job. Als dieser auch sie bedrängt, wehrt sich Tolani und wird suspendiert. Überhaupt kämpft die starke Protago­nistin an allen Fronten; auch ihr Freund, dem sie Geld gibt, enttäuscht sie. Über ei­nen gemeinsamen Bekannten ler­nen die jungen Frauen OC, einen Drogen­händler, kennen. Rose lässt sich mit OC ein und ist dem brutalen Dealer bald hörig. Sie soll Ko­kain nach London schmuggeln. To­lani will zunächst auch Drogen schmug­geln, besinnt sich aber letztlich eines besseren.
«It’s my turn!» ist ein Buch mit starken Frauenfiguren, die sich nicht von der grausamen nigerianischen Männerwelt einschüchtern lassen wollen. In der «Sackgasse der afrikanischen Existenz», wie Ro­se einmal meint, wird Tolanis Wut zur be­freienden Kraft, sich selbst zu fin­den. Ge­nau wie vor Jahren ihre Mutter, die pa­rallel ihre Geschichte erzählt, geht auch sie ihren eigenen, mit Hindernissen ge­spick­ten Weg. Zum Schluss kommen Mut­ter und Tochter zusammen, versöh­nen sich und lernen, sich zu verstehen.
Das Buch zeichnet das bevölkerungsreichste Land Afrikas, das in der Hoffnungslosigkeit zu versinken droht und dessen EinwohnerInnen, wollen sie nicht mit untergehen, ihr Glück entweder in der Flucht suchen oder in Resignation erstar­ren. Sefi Atta schreibt nach «Sag allen es wird gut» (2008) ihr zweites, noch politi­scheres Buch in einer schnörkellosen, di­rekten Sprache und im Namen eines von einer unfähigen Regierung, habgierigen Eliten und rücksichtslosen Militärs geschundenen 150-Millionen-Volkes.
Roger Meyer

Marie Curie
Maja Nielsen
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2010, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-4848-6
Schlagwörter: Biografie

Die Entdeckung der Radioaktivität

n einem ungemütlichen, engen Schup­pen – einer Kreuzung zwischen Kartoffelkeller und Stall, wie Kollegen witzeln – verbringt sie täglich bis zu elf Stunden in har­ter Arbeit, entschlossen, als erste Frau eine Doktorarbeit im Fach Physik zu schreiben: Marie Curie.
1867 in Warschau geboren, wächst Ma­rie unter schwierigsten Bedingungen auf. Obwohl kaum Geld da ist, findet sie als junge Frau einen Weg, in Frankreich an der Sorbonne zu studieren. Als ei­ne der Besten ihres Jahrganges schliesst sie die Fächer Physik und Mathematik ab und beginnt ihr eigentliches Lebenswerk: die Erforschung der Radioaktivität.
Gemeinsam mit ihrem Mann verarbei­tet sie über Jahre hinweg tonnenweise Ge­steinsproben auf der Suche nach den strahlen­den, noch unerforschten Elemen­ten. Mit­tels Experimenten, bei denen uns heute die Haare zu Berge stehen (so legen sie sich radioaktives Material während zehn Stunden auf die Haut und staunen über die kaum mehr heilenden Verbren­nun­gen), und dank eisernem Willen schaf­fen es die zwei schliesslich, die radioak­tiven Elemente Radium und Polonium nachzu­weisen. Und legen einen Meilenstein – für die Physiker wie für die gesamte Menschheit. 1903 erhalten die Curies für ihre Arbeit den Nobelpreis – Marie als erste Frau in der Geschichte.
Maja Nielsen zeigt in ihrem Buch nicht nur eine Wissenschaftlerin, die, gnaden­los mit sich selbst, schier Unmögliches vollbringt, sondern auch eine selbstlose Frau, die bereit ist, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um anderen zu helfen.So ist das Buch nicht nur ein höchst span­nendes Sachbuch aus der Reihe «Abenteuer& Wissen», sondern auch und vor al­lem eine einfühlsame, ehrlich anmutende Biogra­fie für Kinder ab zehn Jahren.
Patricia Morganti

Ich bin ein Geschichtenerzähler
Otfried Preussler
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2010, Seiten: 269, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-20095-0

Wir kennen Otfried Preussler als viel­sei­tigen Schöpfer unvergesslicher Figu­ren. Die Abenteuer der kleinen Hexe, «Der Räu­ber Hotzenplotz» oder die düstere Geschichte um den Zauberlehrling Krabat haben unzählige Lesebiografien geprägt. Die Erzählungen werden von Eltern und Lehrpersonen an die nächste Generation weitergereicht und erleben Neuauflagen sowie Adaptionen als Bühnenfassungen, Hörbücher, Verfilmungen und sogar als interaktive Spielgeschichten für den Com­puter.
Nach dem 85. Geburtstag des Autors kam bei den beiden Töchtern die Idee auf, eine Auswahl seiner biografischen Texte, Essays und Vorträge in Buchform herauszubringen. In 38 Beiträgen aus den Jahren 1972 bis 2009 und zahlreichen Fotografien aus dem Familienarchiv kommt uns der Ge­schichtenerzähler persönlich näher und gibt Einblick in sein Leben und Schaf­fen. Erinnerungen an unbeschwerte Kin­dertage in Böhmen und den unermessli­chen Geschichtenfundus des Vaters und der Grossmutter gehören ebenso dazu wie die beschwerlichen Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft und der Neuanfang in der bayrischen Wahlheimat.
Preussler erzählt von literarischen Vorbildern, von der Liebe zum Theaterspiel, von seinen Erfahrungen als Schulmeister und den Anfängen als Autor für den Rundfunk. Man merkt bald: Hier schreibt einer, dem das Fabulieren und Erzählen Spass macht und der sein Handwerk mit gröss­ter Hingabe und Sorgfalt betreibt. Kinder sind für ihn «das beste und aufge­schlos­senste Publikum, das ein Autor sich wün­schen kann». Da lohnt sich die Mühe, für jede Figur den richtigen Na­men zu finden, bevor man ihre Geschichte erzählen kann, oder einen Stoff wie «Kra­bat» zehn Jahre zu bearbeiten. Denn: «Was nach aussen hin zählt und gilt: es ist das Ergebnis allein, der fertige Text und bas­ta.»
Daniel Ammann

Extrasolare Planeten
Didier Queloz
Aus dem Französischen von Reto Gustin
Verlag: SJW, Publiziert: 2010, Seiten: 52, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Wissenschaft | Weltall

Der Genfer Professor Didier Queloz war noch nie im Weltraum. Dennoch ist er nicht nur Astrophysiker, sondern auch Entdecker: Zusammen mit seinem Dok­torvater Michel Mayor gelang ihm der Nach­weis des ersten extrasolaren Plane­ten. Extrasolare Planeten sind nichts an­de­res als Planeten, die um einen anderen Stern kreisen als um unsere Sonne.
Queloz erzählt zunächst, wie die Men­schen über Jahrtausende die Bewegung der Himmelskörper beobachteten. Dank Newton und Einstein konnten die Umlaufbahnen der Planeten um die Sonne berechnet werden. Dass es Welten ausserhalb unseres Sonnensystems gibt, ist ebenfalls nicht neu. Giordano Bruno wur­de im 16. Jahrhundert auf dem Scheiter­haufen verbrannt, weil er behauptet hatte, es gebe «unendlich viele Erden, unendlich viele Sonnen und einen unendlichen Äther». Aber er sollte Recht behalten. In einer durch und durch vermessenen Welt, argumentiert Queloz, sind die extrasola­ren Sonnensysteme ein Forschungsfeld, in dem noch ganz neue Erkenntnisse und Einsichten gewonnen werden können.
Eine Raumsonde braucht buchstäblich eine Ewigkeit, um unser Sonnensystem zu verlassen. Deshalb sind besondere Instrumente nötig, um die im Vergleich zu ihren Son­nen sehr schwach leuchtenden Plane­ten zu beobachten: Spektrografen. Die Er­for­schung anderer Sonnensysteme dient aber auch zum besseren Verständnis des eigenen «Zuhause». Seit Queloz und Ma­yor am 6. Oktober 1995 einen Planeten in der Umlaufbahn des Sterns «51 Pegasi» entdeckt haben, weiss man, dass sich Son­nensysteme auch auf andere Arten bilden können als bisher angenommen. Viel­leicht führt die Erforschung der Exopla­neten sogar dazu, dass irgendwo im Universum Leben entdeckt wird. Queloz je­denfalls schliesst es nicht aus.
Christine Lötscher

Die Konferenz der Tiere
Verlag: Constantin Film, Publiziert: 2010, ISBN/ISSN/EAN:

Als kein Wasser mehr in die Kalahari-Wüste fliesst, gehen Erdmännchen Billy und Vegetarier-Löwe Sokrates auf Erkun­dungstour. Unterwegs treffen sie auf an­dere Tiere: die Eisbärin Sushi, die Riesen­schildkröten Winston und Winifred, den gallischen Hahn Charles sowie das Kän­guru Toby und den Tasmanischen Teufel Smiley. Alle haben durch Umweltverschmutzung und Klimawandel ihren Le­bensraum verloren und sind in einer Bade­wanne nach Afrika gereist. Gemeinsam macht man sich nun auf die Suche nach dem verschwundenen Wasser.

Wie sich herausstellt, haben die Men­schen dieses gestaut – wegen eines neuen Luxushotels, in dem gerade eine Klimakonferenz der Menschen stattfindet. Um das Wasser wieder fliessen zu lassen, versammeln sich die Tiere zu einer grossen Konferenz. Unter der Leitung von Elefan­tendame Angie beschliesst man, den Men­schen die Stirn zu bieten.

Im ersten, technisch überzeugenden 3D-Animationsfilm aus Deutschland wird Erich Kästners Erzählung von 1949 der heutigen Zeit angepasst. Nicht mehr Krie­ge und ihre Folgen werden behandelt, son­dern Umweltzerstörung und Klima­wan­del. Die Thematik wird auf verständ­liche Weise vermittelt. In den Tierfi­guren sind zudem verschiedene Po­litikerInnen er­kennbar. Gerade zu den teils sehr erns­ten Szenen wollen die vielen Slapstick-Einla­gen aber nicht ganz passen. Der Film bietet zwar gute Unterhaltung, vereinfacht das Thema aber deutlich. Statt Lö­sungen zum Klimawandel zeigt er: Kinder und Tiere sind einfach die besseren Men­schen.

Petra Schrackmann

Kérity, la maison des conte
Verlag: Gaumont-Alphanim, Publiziert: 2010, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Lesen

Der siebenjährige Natanaël hat von seiner verstorbenen Tante Eleonore eine ganze Bibliothek geerbt. Leider kann er noch gar nicht lesen. Erst als er seinen Eltern bereits erlaubt hat, die Bücher zu verkaufen, merkt er, dass es sich bei den Büchern um Erstausgaben handelt, aus denen Figuren wie Peter Pan, Pinocchio, Rotkäppchen oder Dornröschen lebendig werden kön­nen. Natanaël muss nun alles daran set­zen, um die Sammlung wieder zu bekom­men und endlich lesen zu lernen – denn schafft er es nicht, bis Mittag einen Zau­berspruch vorzulesen, verschwinden die Buchfiguren und geraten weltweit in Vergessenheit.

Mit Alice aus dem Wunderland, dem weissen Kaninchen und einem hungrigen Oger als Begleitung hat Natanaël viele Hürden zu meistern, die umso span­nen­der inszeniert sind, weil der Junge von der bösen Fee Carabos auf Spielzeuggrösse geschrumpft worden ist. So muss er nicht nur das Abenteuer des Lesenlernens meistern, sondern wortwörtlich über sich selber hinauswachsen.

Die detailreich, in runden Formen und wundervollen Farben inszenierte Geschichte überzeugt visuell wie inhaltlich. Der Film kombiniert ein Plädoyer für das Lesen mit hohem Unterhaltungswert; die Freude an Geschichten, am Erzählen und Fantasieren springt dabei förmlich von der Leinwand. Wenn Natanaël sein Bestes gibt, um die grossen Namen in der Kinderliteratur zu retten, dürften wohl auch Le­semuffel Freude daran haben, in dieses Filmmärchen einzutauchen. Ein Augenschmaus für Gross und Klein!

Petra Schrackmann

Schnipselgestrüpp
Christian Duda, Illustration: Julia Friese
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2010, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 3-905871-16-5
Schlagwörter: Fantasie | Kreativität | Familie/Familienformen

Die Fantasie bringt die Menschen zusam­men, heisst es: Aber in der tristen Woh­nung der namenlosen Sozialhilfefamilie, in die der namenlose kleine Junge nach der Schule zurückkehrt, scheint sie nicht zu wohnen. Die plumpe Mutter, der hohl­wan­gige Vater haben das Sprechen verlernt, das Schweigen dröhnt über den Lärm des Fernsehers. Und doch schafft sich der Jun­ge in sei­nem kleinen Zimmer eine Welt. Dieser Raum erscheint in Frie­ses Bil­dern, die karg sind und von ganz viel Leere erzäh­len, neben dem öden Zim­mer der schwei­gen­den Eltern. Und wächst mit je­der Seite, wenn der Jun­ge sich aus Zei­tun­gen, die als Teppich dienen – weil die Fa­milie keinen «Geldscheisser» hat – seine Welt bastelt: «Schnipp. Die Welt ist voller Abenteuer.»

Eine surreale Welt entsteht an den grau­en Wänden, besiedelt von Flugzeugen und Kriegsnachrichten, Dino­sauriern und Ballerinas. Wie sei­ne Schöpferin Julia Friese wird der Junge zum Meister der Col­lage. Und genau in der Hälfte des Bilderbuchs geht mit ihm eine Verwandlung vor, die Zitat ist und zugleich radikale Um­deu­tung: Der Junge taucht ein in eine Zei­tungswelt, die von faszinierenden Insek­ten erzählt, und wird Gottesan­beterin, sein Bett Wiese, das Zimmer Dschungel aus Schnipselgestrüpp. Aber anders als Kafkas Gregor Samsa, der zum Käfer mu­tiert und isoliert stirbt, gelingt es der Got­tesanbeterin, eine Brücke zu bau­en: zum Vater, der hineinkriecht in den Dschungel und Frosch wird. Und zur Mutter gar, die in ihrem Zimmer Wurzeln schlägt, aber doch für einen Mo­ment mit wachem Blick in den Urwald blinzelt, der hineinwuchert in ihre Isola­tion. Friese und Duda inszenie­ren in die­sem brutal realen und traumhaft surrea­len Bilderbuch die Fanta­sie nicht als Universallösung: Sie wird zu­rückkehren, die triste Welt, und den Urwald vertreiben. Aber für einen Augenblick ist Begegnung möglich. Und der Junge wird neue Welten suchen, schnei­den, kleben.

Manuela Kalbermatten

Pfennigfuchser
SaBine Büchner
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2010, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51739-8
Schlagwörter: Sprachspiel

Fast lieblich muten die zarten Pastellfar­ben, die feinen Linien, die Illustrationen an. Doch Achtung, dieses Bilderbuch hat es in sich. Schon auf dem Vorsatzblatt kün­digt sich der Zeitungsente Kern an: «Pfen­nigfuchser wirft Perlen vor die Sau! – Knal­lerei nach Mitternacht», prangt da auf der Frontseite des Emmentaler Käseblatts. Die Neugier von Gucki, der Ente, ist geweckt, dem herumballernden Ganoven will sie das Handwerk legen. Sie fällt bei ihrem besten Freund Esso bildlich mit der Tür ins Haus; gemeinsam holen sie sich erst Ver­stär­kung bei ihren Kumpels. Im ersten Stock des Wirtshauses «Zur Schwarzen Sau» löst sich schliesslich das Riesendurcheinander, ein Fall wie im Bilderbuch quasi: Dr. Pfennig, der Fuchs, hat wohl et­was heftig gefeiert und die Korken knallen lassen! Bei soviel sprachlichem Witz ist es ganz gut, wenn Gucki am Ende nochmals die Fakten prüft, denn manchmal muss man wirklich jedes Wort auf die Goldwaage legen.

SaBine Büchner mutet in ihrem neues­ten Werk den Kindern einiges an Sprichwort-Wissen zu. Die Idee, sich der Sprache einmal in dieser verwirrenden Art und Weise zu nähern und die humoristischen Elemente daran hervorzuheben, ist keine schlechte. Büchners sprachliche Anspielungen bewegen sich auf verschiedensten Niveaus, über Freund Karatte und die Pol­Ente bis hin zu «mit jemandem (bildlich) unter der Decke stecken». Und als ob das nicht genug wäre, verpackt sie in die Bilder noch richtige und eigene Verkehrsschilder und schliesst im hinteren Vorsatz mit ei­ner Rätselseite, die mit eher weniger als mehr Bezug zum Buchgeschehen ein Ge­fühl der Wahllosigkeit hinterlässt. Kaum ein Bilderbuch für die Jüngsten, dafür ei­nes, das dank Sprachaffinität und De­tek­tivanlage auch noch Mittelstufen­schü­le­rInnen Spass machen könnte.

Barbara Jakob

Als ich Maria war
Jutta Richter, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Hanser, Publiziert: 2010, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23591-4
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Aussenseiter:in/Mobbing

An Weihnachten, erzählt man den Kin­dern Jahr für Jahr, fallen alle Grenzen. So­gar die Tiere können reden, Ochs und Esel und die Schafe, die das Jesuskind in der Krippe mit ihrem Atem wärmen. Weihnachten als Fest der Liebe, der Empathie und der Verständigung würde sich als Thema für ein Bilderbuch geradezu aufdrängen. Dennoch findet man im glitzern­den Berg aus pummeligen Weihnachtsmännern und geschäftigen Engelchen viel zu selten Geschichten wie die von Jutta Rich­ter und Jacky Gleich in Text und Bild erzählte.

Weihnachten naht, Zeit fürs Krippenspiel. Von Besinnlichkeit ist in der Schulklasse keine Spur, denn die Rollenverteilung zementiert den Status der Kinder in der Klasse, schlägt Wunden und verleiht der Häme Auftrieb: «Alle haben gelacht, als Lehrer Hanke mich zum Schaf mach­te.» Die Ich-Erzählerin würde auch gern Maria spielen. Doch der Lehrer hält sich strikt an die Hackordnung der Kinder; wenn das Mädchen in der Pause als Ziel­scheibe für die Schneeballschlacht her­halten muss, beisst er in sein Butterbrot und sieht weg.

Wir sehen die Welt durch die Augen der Ich-Erzählerin, im Text, und wir sehen sie auf Jacky Gleichs malerischen Bildern wie durch eine Kamera, die sich scheinbar un­beteiligt heran- und wieder wegzoomt. Doch sowohl die Ich-Perspektive als auch die Kamera zeigen uns über weite Strecken des Buches nicht, dass das Mädchen schwarz ist und deshalb ausgelacht wird. Die BetrachterInnen sind an diesem Punkt schon so stark mit dem Mädchen als universell menschlichem Wesen identifiziert, dass sie nicht mehr unbeteiligt zuschauen können.

Am Ende gibt es dann doch noch ein richtiges Weihnachtsfest für die Ich-Er­zäh­lerin: Sie darf als Maria einspringen, weil die erste Besetzung krank ist.

Christine Lötscher

Unheimliche Begegnungen auf Quittenquart
Nadia Budde
Verlag: Hammer, Publiziert: 2010, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0294-1

Drei schräge Ausserirdische vom Planeten Quittenquart wissen, dass sie nicht allein sind im Weltall. Weil sie so selten Besuch bekommen, ziehen sie los, um anderen zu begegnen – oft verlaufen diese Begegnun­gen aber anders als erwartet. Was aussieht wie eine Horde gefährlicher Weltraummonster, erweist sich als freundliche Ku­sch­eltruppe; was herrlich bunt ist, hinterlässt schmerz­hafte blaue Flecken. Man­che der Begeg­nungen verlaufen im Nichts, weil die an­deren we­der etwas zu hören noch zu se­hen schei­nen; andere sind frustrierend, weil die Besuchten sich so lautstark freu­en, dass die Quitten­quar­ter erschrocken das Weite suchen. Schnell wan­delt sich hier Freude in Enttäuschung.
Auf dieser sprachlich stark verknap­p­ten Reise durch das All sieht man zunächst, wie verschie­den Wesen unter­schiedlicher Herkunft sein können. Erst die letzte Begegnung mit drei Menschen in dicken Raumanzügen zeigt, wie ähnlich man sich trotz aller Differenzen ist. «Die sehen ja to­tal gleich aus», rief mein Drei­jähriger, als sich grün-schwarze Quitten­quarter und weiss­ge­wandete Erd­linge treffen: Es ist ein «Gleich­sein», das sich erst auf den zweiten Blick erschliesst, aber dann so offen­sichtlich ist, dass Kin­der es mit Vergnügen entdecken. Auch die an­deren We­sen sind sich zumindest in einer Hin­sicht ähnlich: Sie hel­fen den Erdlin­gen, ihr verunfalltes Raum­schiff wieder flott zu kriegen. Dabei arbei­ten alle zusammen: die Lauten, Unheimlichen, Bun­ten, Verwirrenden und Unbequemen.
Die distanzierte Sprache (alles wird mit «man» verallgemeinert, kein persönlicher Bezug hergestellt) ist gewöhnungsbe­dürf­tig. Doch die schrägen Bilder, die unheim­lichen Begegnungen und das herzerwärmende Ende helfen problemlos über diese Hürde hin­weg. «Unheimliche Begeg­nun­gen auf Quittenquart» ist ein fantas­tischer Beitrag zum Umgang mit Vorur­teilen.
Maren Bonacker

Das grosse Buch der Bilder und Wörter
Ole Könnecke
Verlag: Hanser, Publiziert: 2010, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23588-4

Ein bisschen Enttäuschung wollte schon aufkommen beim ersten Blättern: Da hat­te man – nach der Ankündigung des Verlags, mit dem Hamburger Illustrator Ole Könnecke ein Wörterbuch für Knirpse he­rauszubringen – gespannt auf das Produkt gewartet. Und dann das: weissgrun­diges Hochformat, thematische Seiten, ein Ein­zelgegenstand oder Lebewesen neben dem anderen, schön akkurat unterschrie­ben mit Artikel und Nomen. Doch halt, da war doch was!? Ein Versuch etwa, dem ewig gleichen Wörterbuchmuster zu entwischen? Eine eigene Note?

Bei genauem Hinsehen wird sichtbar, dass sich Könnecke schon auf der ersten Doppelseite vom rein Lexikalischen verabschiedet: Er setzt in die Bildmitte ein Bett (schön angeschrieben als solches) mit Bettinhalt in Form eines nicht weiter bezeichneten Elefanten-Elternteils, das so gerne noch etwas schlafen würde. Rings­um agieren fröhliche kleine Elefanten mit netten Krachmachern wie Kochtopf und Kochlöffel – letztere wiederum fein säu­berlich angeschrieben. Und schon gibt es nicht nur was zum Benennen, sondern gleich eine kleine Geschichte zum Erzäh­len. Derartige Geschichten finden wir auf allen Seiten. So viel Schmunzeln und auch mal Stirnrunzeln hat selten ein Wörterbuch ausgelöst. Da gelingt es Könnecke sogar, beim Thema Fahrzeuge die ganze Lebensgeschichte eines Vogels vom Kin­derwagen über Laufrad und Fahrrad, Auto und Gehhilfe bis hin zum Rollstuhl unter­zubringen. Beim Thema Zahlen und Alphabet wird klar, dass Könnecke mit sei­nem Konzept nicht nur ganz kleine LeserInnen ansprechen will, sondern den Anspruch hat und auch einlöst, dass sein Lexikon auch eine Ebene für Grössere ha­ben darf. Beachtenswert sind nicht zuletzt seine liebevoll schematisierten Figuren.

Barbara Jakob

Weisst du, wer ich bin?
Francesco Pittau, Bernadette Gervais
Verlag: CBJ, Publiziert: 2010, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-13943-3
Schlagwörter: Rätsel

Das grosse Vogel-Entdeckerbuch

Erwartet man ein herkömmliches Kindersachbuch, wird man gleich auf der ersten Seite eines Besseren belehrt: Riesige Di­mensionen nimmt das grossformatige Buch an, wenn die ausklappbare Doppel­seite – die sich zusätzlich nach oben und unten umbiegen lässt – offen liegt. «Weisst du, wer ich bin?», lauten Titel wie Frage die­ses Vogel-Entdeckerbuches. Es gilt, mithilfe von Schattenrissen, anhand des Fe­dernkleides oder der Eier diverse Vögel zu erkennen. Die Lösung – Kai­serpinguin, Rotkehlchen oder Huhn – findet man hin­ter den Klappen. Dabei ist das Tiereraten nicht nur für das eigentliche Zielpublikum von Pop-up-Büchern span­nend. Auch die Neu­gier älterer Kinder wird geweckt, da es gar nicht immer so leicht ersichtlich ist, um welches Tier es sich handelt.

Die bunten, naturgetreu gezeichneten Bilder sprechen für sich; lediglich die Na­men der Vögel sind zu erfahren. Am schönsten ist es deshalb, dieses Buch zusammen mit Erwach­senen zu betrachten, die ergänzende In­formationen zu einzel­nen Vögeln beisteuern können. Wozu braucht der Pelikan einen so riesigen Schnabel? Weshalb sind die männlichen Vögel bunter als die Weib­chen, und wie verhält sich eine Elster, wenn etwas glit­zert? Solche Anschlussfragen ergeben sich zwangsläufig beim neugierigen Auf-, Um- und Zuklappen der vielen Fenster.

Ist das letzte Teil wieder ordentlich zurückgelegt, möchte man gleich noch­mals von vorn beginnen. Denn wer weiss, viel­leicht erkennt man ja diesmal auch ein paar weniger bekannte Vögel, den Zebra­fink etwa, den Bienenfresser oder die Trot­tellumme. Ein grossartiges, immer wieder neu zu «ent-deckendes» Buch – im wahrs­ten Sinne des Wortes.

Katrin Fehr

Wie siehst du denn aus?
Isol
Aus dem argentinischen Spanisch von René Blum
Verlag: Aufbau, Publiziert: 2010, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-351-04120-9
Schlagwörter: Fantasie | Alltag

«Die Eltern sind in Wirklichkeit Monster!», dachten wir früher. Und mit einem Blick durchs Schlüsselloch würde alles endlich herauskommen. An dieses Gefühl scheint sich die argentinische Illustratorin und Autorin ISOL erinnert zu haben. Ihr wun­derbares Buch «Wie siehst du denn aus?» handelt von einer solchen Geschichte. Ein Mädchen erzählt, wie sie bereits um 6 Uhr morgens aufwacht. Als sie in die Küche geht, begegnet ihr dort eine Gestalt mit langen, furchtbar borstig abstehenden Haaren. Es ist niemand anderes als ihre Mutter. Entsetzt kombiniert das Mädchen sofort: «Meine Mutter ist in Wahrheit ein Stachelschwein!» Tagsüber tarnt sie sich mit einer perfekt sitzenden Hochsteckfrisur. Viel Arbeit und Spezialcremes braucht sie dafür.
Voller Panik fragt sich das Mädchen, ob es sich eines Tages auch in ein Stachelschwein verwandeln wird. Der morgend­liche Blick in den Spiegel bestätigt ihre Sorgen. Ihre Haare biegen sich bereits verdächtig nach oben. In Alarmbereitschaft versetzt, kann sie kaum noch schlafen. Und was wird erst ihre stets wohlfrisierte, lockige Freundin Elisa dazu sagen? «Feine Dame» mit ihr spielen wird nun zur He­rausforderung. Eines Tages beschliesst das Mädchen, bei Elisa zu übernachten. Als sie aber dort am frühen Morgen die Küche betritt, macht sie eine Entdeckung…
ISOLS Zeichnungen sind schwungvoll mit Kohle gezeichnet und mit sanftem Blau, Gelb und Apricot koloriert. Ihre Fi­guren haben grosse, ausdrucksvolle Ge­sichter. Besonders dem Mädchen hat die Künstlerin eine breite Palette an Emo­tio­nen verliehen. BetrachterInnen können das Wechselbad der kindlichen Gefühle intensiv mitverfolgen.
Claudia Kursawe

Erik
Catherine Rayner
Aus dem britischen Englisch von Nikolaus Chabroh
Verlag: Boje, Publiziert: 2010, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82247-4
Schlagwörter: Identität/Individualität | Kreativität

Erik, der mächtige Elch, lächelt uns auf dem Titelbild noch zuversichtlich entge­gen. Doch seine Grösse wird ihm zum Verhängnis – ihretwegen passt er nicht ins Buch. Doch so leicht lässt er sich nicht ent­mutigen; er schiebt und strampelt, presst und quetscht sich auf die Doppelseiten, unterstützt von seinem winzigen Freund Streifenhörnchen. Doch al­le Verrenkun­gen sind zwecklos: Entweder erblicken wir den Rumpf oder die Extremitäten; Erik in gesamter Pracht ist nicht zu sehen. Zum Glück fällt dem Strei­fenhörchen etwas ein, das es dem ent­täuschten Elch ins Ohr flüstert. Uns bleiben nur Vermutungen: Was soll das Klebeband, das der Winzling heranrollt, und warum spiesst der Elch Papier­fetzen aufs Geweih?
Catherine Rayner gestaltet mit grosszügigem schwarzem Strich und sanften, durchscheinend aufgetragenen Farben. Das Elchfell erhält eine fellartige Mase­rung, da sie die Farbe mit den Fingern verstreicht. Das zierliche Streifenhörnchen scheint durch die Bilder zu fliessen, in die der Elch sich stemmt. Die Brauntöne der Tiere stehen vor zart kariertem Grün, das an das Millimeterpapier der PlanerIn­nen erin­nert; die wenigen Sätze sind in Schreib­ma­schi­nenschrift verfasst und drängen sich dort, wo der massige Elch­kör­per Platz lässt. Je grös­ser dessen Mühe, desto grösser die Schrift. So wird der Kampf um Raum im Layout spürbar. Anschaulich lädt Rayner die Betrach­terInnen dazu ein, Überlegungen zu Ge­set­zen der Darstellung anzustellen. Meta­kog­nition heisst der Fachbegriff fürs Nachdenken über das eigene Wis­sen. Bereits Vorschulkinder merken, dass die Autorin verschiedene Kategorien der Darstel­lung in Wort und Bild durcheinan­der wirbelt. Das regt dazu an, die eigene Kre­ativität zu nutzen, um den Rahmen zu sprengen.
Francesca Micelli

Mein erstes Auto war rot
Peter Schössow
Verlag: Hanser, Publiziert: 2010, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23593-0
Schlagwörter: Abenteuer

Eine Initiation ins Autofahren? Eine autobiografische Reminiszenz? Eine Entwicklungsgeschichte? Peter Schössows neues Bilderbuch ist das alles und noch viel mehr. Der Hamburger Künstler versteht es, am Computer Bildwel­ten zu entwerfen, bei deren Be­trachten man das Gefühl hat, in einen Zei­chen­trickfilm geraten zu sein. Einen Trickfilm über einen Jungen, der von seinem Opa ein altes Tretauto geschenkt bekommt, es mit ihm zusammen in Stand setzt, die Tretautofahrschule besucht und schliesslich mit dem kleinen Bru­der, der gerade mal Einwortsätze beherrscht, eine erste Ausfahrt unter­nimmt.

Natürlich läuft nicht alles rund: Die zwei überfahren ein Wespennest und wer­den die Biester nicht mehr los; sie bret­tern über Felder, durch einen Schweinekoben und lichte norddeutsche Wälder und lan­den schlies­slich, Kopf voran, im Bach­bett. Das hält die an­gehen­den Formel 1-Pi­lo­ten nicht davon ab, abends im Bett die nächste Ausfahrt zu planen …

Schössow spielt mit Text und Illustra­tion. Der Grossvater gerät nie ins Bild, aufgrund der Plakate in seiner Werkstatt er­hält man aber eine ziemliche ge­naue Vor­stellung von ihm: Er ist FC St. Pauli-Fan, mag Hitchcocks «Vertigo» und «Help» von den Beatles und ist bestimmt kein Ver­äch­ter von schnellen, roten Autos. Die rasante Fahrt auf dem Heinrich Hei­ne-Wan­der­weg, dessen achte Kurve für das Tretauto zu eng wird, bringt die grossen BetrachterInnen zum Schmun­zeln; Maul­wurf Grabowski und der Wolf und das Rot­käppchen, Wegelagerer an der Strecke, sind eines von vielen Zückerchen für die Kleinen.

Die Hintersinnigkeit von «Mein erstes Auto war rot» erschliesst sich nicht beim ersten Ansehen. Wer ihr aber auf die Spur kommt, egal ob gross oder klein, wird när­risch darob.

Christine Tresch

Ein Engel auf unserem Dach
Heather Dyer
Aus dem Englischen von Bernadette Ott
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2010, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5257-2
Schlagwörter: Alltag

Himmlische Wesen, die den Alltag «nor­mal Sterblicher» durcheinander bringen, sind in der Kinder- und Jugendliteratur eine wiederkehrende Grösse. In «Ein Engel auf unserem Dach» poltert Heather Dyers Schutzengel Hilary fast wie Andreas Steinhöfels berühmter Weih­nachtselch Mr Moose in das Leben von Amanda und James. Im Flug von einer Windböe erfasst und gegen den Kamin geschleudert, hat sie sich bei ihrer Bruchlan­dung den linken Flügel gebrochen und be­lagert von da an die Couch im Dachzim­mer der Zwillinge.
Heather Dyers gestrandeter Engel ent­puppt sich als wilde Mischung aus Sams und Pippi Langstrumpf. Mit allerlei verrückten Ideen sorgt Hilary immer wieder für jede Menge Aufregung und Ärger. Sei es, weil sie beim Picknick mit der ganzen Familie einfach nicht mehr zu weinen aufhören kann, nachdem eine traurige Geschichte erzählt wurde. Oder weil sie bei einem Klassenausflug zur Kathedrale in York mit einer furchterregenden Sturzflug-Demonstration für Unruhe sorgt oder bei der Premiere des Weihnachtsstückes in der Schule spontan die Rolle von Erz­engel Gabriel übernimmt. Vor allem Ja­mes, der eigentlich nicht an Engel glaubt, wäre froh, wenn das Mädchen mit dem langen weissen Hemd und den grossen Flügeln schnell wieder aus seinem Leben verschwinden würde. Doch Hilary zeigt von Tag zu Tag mehr Spass am irdischen Dasein. Als sie am Weihnachtsmorgen – ganz anders, als es sonst ihre Art ist – heimlich und leise verschwindet, muss sogar James zugeben, dass er Hilary ir­gendwie vermissen wird. Zum Glück war es wohl kein Abschied für immer.
Eine heitere Schutzengel-Geschichte, die sich mit episodenhaft aneinander ge­reihten, nicht allzu langen Kapiteln auch wunderbar zum Vorlesen eignet. Und das nicht nur zur Vorweihnachtszeit.
Andrea Duphorn

Kicker im Kleid
David Walliams, Illustration: Quentin Blake
Aus dem Englischen von Dorothee Haentjes
Verlag: Aufbau, Publiziert: 2010, Seiten: 238, ISBN/ISSN/EAN: 3-351-04124-1
Schlagwörter: Identität/Individualität

Figuren, die breit akzeptierte Gendernor­men allzu offensiv übertreten, finden sich im Kinderbuch selten. Der Brite David Wal­liams geht das The­ma Cross-Dressing und Identität humorvoll an. Dazu entwirft er um den 12-jährigen Dennis, der Modehef­te ebenso liebt wie Fussball, ein Panop­ti­kum skurriler Fi­guren verschiede­ner ethnischer Zuge­hörigkeit, sexueller Ori­entie­rung und Weltanschauung. Ne­ben Freund Darvesh mit seiner Patka, dessen fana­tisch-fussballverrück­ter Mut­ter und einer Französischleh­rerin, die bei Kritik an ih­rem Akzent in ihr Boeuf Bour­gignon heult, wird Dennis’ Leidenschaft für Frauenklei­der zunächst «nur» als eine von vielen Ar­ten des aus der Reihe Tanzens insze­niert. «Warum muss man sich denn immer an irgendwelche Regeln hal­ten?» fragt Freun­din Lisa program­ma­tisch, als sie Dennis in Kleider und Pumps hilft. «Du kannst dich doch selbst ganz neu erfin­den, Den­nis!»
Doch die freie Gestaltung der Identität bleibt eine Utopie im geschützten Raum von Lisas Zimmer. Als Dennis in Mädchenkleidern die Schule betritt, wird die Grausamkeit starrer Zweigeschlechtlichkeit deutlich. Leider verfängt sich auch Walli­ams in den Fallstricken, gegen die er anschreibt: Ausge­rechnet beim Fussball enthüllt sich Den­nis’ «wahres» Geschlecht, wenn er auf hochhackigen Schu­hen zu Fall kommt und die Perücke verliert. Und beim Fussball wird der in der Folge Ausgegrenz­te re-integriert, als die ganze Mannschaft aus Solidarität Frauenkleider anzieht. So irritie­rend dies ist: «Kicker im Kleid» verweist letztlich auch darauf, dass es heute zwar bis zu einem gewissen Grad möglich ist, sich queer zu verhalten – nicht aber, es zu sein. Dies erkennt auch Dennis: «Es gibt nur noch ein einziges Problem. Jetzt ist es nichts Besonders mehr. Aber diesen Ge­danken behielt er für sich.»
Manuela Kalbermatten

Die Füchse von Andorra
Marjaleena Lembcke
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2010, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00990-1
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Sophie, Felix, Jonathan und Frederike sind Vierlinge und grundverschieden. Sophie hat, wie viele älteste Geschwister, das Au­ge fürs Ganze. Sie erzählt die Geschichte. Felix ist vor allem mit Essen beschäftigt, Jonathan ein kluger Kopf und Frederike das Nesthäkchen. Der Vater der Vierlinge arbeitet als Taxifahrer und ist, das trifft man in Marjaleena Lembckes Büchern im­mer wieder an, ein Träumer und Geschich­tenerzähler. Die Mutter gibt Nachhilfestunden und schaut, dass der Familienalltag nicht aus dem Ruder läuft.
Im Sommer, von dem dieses Buch auch erzählt, sind die Vierlinge zehn Jahre alt. Sophie beschäftigt, wie sie ihre Klassen­kameradin Alice als Freundin gewinnen kann. Darum merkt sie lange nicht, dass die Mutter Dinge im Haushalt unerledigt lässt, Schüler vergisst, sich immer häu­figer ins Schlafzimmer zurückzieht. Die Kinder haben Angst, Mutters eigenartiges Benehmen hänge mit ihnen zusammen. Oder hat ihr Zustand etwas mit den Füchsen von Andorra zu tun, über die sich Vater mit einem Freund unterhalten hat?
Marialeena Lembcke erzählt diese Geschichte einer Familie, die durch die Depression der Mutter aus ihrem harmonischen Alltag gerissen wird, unaufgeregt und mit viel Gespür dafür, die LeserInnen in den Prozess miteinzubeziehen, den die Geschwister durchmachen. Sophie kann ihre Ängste, ihre Verunsicherung und ihre Scham über die Krankheit artikulieren, auch der Mutter gegenüber. Und vor Alice muss sie sich nicht verstecken; deren Va­ter wird nach einer Hirnverletzung in der­selben Klinik behandelt wie ihre Mutter. Aus der Büchse der Pandora – davon haben die Erwachsenen gesprochen – entwich nach allem Übel zuletzt die Hoffnung. Heitere und traurige Dinge gehören im Leben zusammen, davon erzählt dieses feinfühlige Buch. Das Familienglück lässt sich dadurch aber nicht zerstören.
Christine Tresch

Ich, Gorilla und der Affenstern
Frida Nilsson, Illustration: Ulf K.
Aus dem Schwedischen von Friederike Buchinger
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2010, Seiten: 168, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5322-6

Als Jonna von Gorilla adoptiert wird, rech­net sie mit dem Schlimmsten. Besonders, weil man ihr erzählt hat, dass Gorillas klei­ne Kinder fressen. Es dauert eine Weile, bis das Mädchen seine Angst vor der riesigen, haarigen Menschenäffin verliert. Sie lässt sich auf das Abenteuer «ausser­ge­wöhn­liche Familie» und das Leben auf dem Schrottplatz ein – denn da lebt und arbeitet Gorilla. Als gerade alles gut zu werden scheint, tauchen Probleme auf. Der Bür­germeister will den Schrottplatz aus Bau­gründen kaufen und erpresst Go­rilla aufs niederträchtigste, als diese sich nicht da­von trennen will: Ein Gorilla als Mutter geht nicht! Entweder sie fügt sich, oder Jonna muss zurück ins Heim.
Da zeigt Gorilla Jonna an einem beson­deren Ort im Wald den Affenstern und erzählt dem Mädchen ihre ganz eigene Geschichte. Eine, die man als LeserIn sofort versteht, für die Jonna aber noch ein Weil­chen braucht. Und die letztlich – allen Schwierigkeiten zum Trotz – zu einem gu­ten Ende führt.
Frida Nilsson hat mit Gorilla zweifellos eine aussergewöhnliche Adoptivmutter geschaffen, aber die Ängste, die Jonna zu Beginn ihrer wundervollen Beziehung hat, sind sehr realistisch und nur zu gut nachvollziehbar. Das allmähliche Sich-Annä­hern wird so sensibel und dabei gleichzei­tig so humorvoll geschildert, dass sich die LeserInnen ohne weiteres auf die skur­rile Ausgangssituation einlassen und bei der drohenden Trennung von Gorilla und Jon­na mitfiebern und -bangen. Eine ganz besondere Parabel für Kinder und Erwach­sene und ganz besonders für Menschen in Patchworkfamilien.
Maren Bonacker

Die Reise zu den Kugelinseln
Verena Stössinger, Illustration: Hannes Binder
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2010, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 3-905871-18-1

Die zwölf Kugelinseln bilden die wohl letzten weissen Flecken auf dem Glo­bus. Tante Ursula – sie ist Jour­na­listin – hat sich aufgemacht, sie zu erkunden, und die zehnjährige Jonna darf mit, weil ihr alleinerziehender Vater so­wie­so keine Zeit für Ferien hat.
Die beiden finden die Hauptinsel ohne Probleme, aber niemand erwartet sie, obwohl die Hotelbuchung per Fax «durchging», wie die Tante beteuert. Die InselbewohnerInnen leben in Steinhaufenhäu­sern, sprechen eine eigenartige Sprache, und die Kinder laufen auf Stelzen herum. Und dann ist da noch eine Horde von Inselschafen, die die «Zweibeiner» mög­lichst schnell wieder loswerden wollen. Ein­kaufs­­möglichkeiten gibt es an diesem surrealen Ort keine, das Handynetz ist tot. Jonna hat sich den Trip anders vorgestellt.
In ihrem ersten Kinderbuch erzählt die Basler Autorin Verena Stössinger von ei­ner verstörenden, nasskalten Welt, die sich der Tante mit ihrem aufgeklärten For­schungsdrang verschliesst. Das Wichtige ist nicht immer das Offen­sichtliche, und Kin­der, das zeigt die Geschichte eindringlich, suchen nicht für je­des Phäno­men eine Erklärung. Auf alle Fälle lässt Jon­na die Rätsel Rätsel sein und fin­det darum eine Freundin, während die Tan­te jedes Gefühl von Fremd­heit verdrängt.
Verena Stössingers Sprache ist genau und unaufgeregt, und die Schabkarton­zeich­nungen von Hannes Binder erwei­tern die Leerstellen im Text auf eine un­heim­liche Weise. Jonna und ihre Tante wer­den nach ihrer Rettung von der Kugelinsel ihre Expedition als Abenteuerge­schichte verarbeiten. Und die LeserIn­nen? Haben eine Begegnung mit dem Ande­ren hinter sich, wie sie nicht einmal in der Fantasy-Literatur anzutreffen ist. Ein Buch zum Philosophieren mit engagierten Mit­telstufenkindern und zum Selberlesen für neugierige, erfahrenere LeserInnen.
Christine Tresch

Town
James Roy
Aus dem australischen Englisch von Stefanie Schaeffler
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2010, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5296-3
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft

Irgendwo in Australien

Veronica Bennet treibt’s mit allen, heisst es. Die Realität sieht zwar anders aus; doch wenn es das ist, was die Leute von ihr denken und erwarten, spielt sie diese Rol­le, denkt sich Veronica. Daher wissen auch nur sie und Waldo, dass im Bus gar nichts passiert ist. Hattie dagegen hat den Tod ihrer Schwes­ter zu verkraften, fühlt sich damit aber allein ge­las­sen: Ihre Eltern scheinen vergessen zu ha­ben, dass sie noch eine lebende Tochter haben. Weder Mutter noch Vater, so ihr Eindruck, neh­men sie als trauern­de Person ernst. Da fasst Hattie plötzlich einen Entschluss. Und Marty schliesslich gibt vor der Neuen an der Schule den coolen Macker – bis sich zeigt, dass sie die neue Lehrerin ist …
Sie kennen sich alle, Veronica, Hattie, Marty und die anderen Jugendlichen aus dem kleinen Ort irgendwo in Australien. Doch die Sorgen und Ängste der jeweils anderen bleiben ihnen nur all­zu oft verborgen. Den LeserInnen dagegen offenbart sich ein be­rührender Blick hin­ter die Fassaden der coolen Teenager, die in den dreizehn Kurzgeschichten abwech­selnd aus ihrem Le­ben berichten – immer aus ihrem ganz persönlichen Blickwinkel, der durch die unter­schied­lichen Sprachstile und -register weiter individualisiert wird.
Die Bandbreite der Themen ist gross: Sie reicht von Freundschaft, Liebe, Familie und Tod bis zum Erwartungsdruck, mit dem all diese Jugendlichen kämpfen. Mal sind die Geschichten lustig, mal ernst, im­mer aber packend und sprachlich erfri­schend, stark, gefühlvoll und sehr nah am Zielpu­blikum erzählt: Ideal für alle, die die Welt einmal mit den Augen eines anderen sehen wollten. Denn die vielfältigen Perspektiven sind es, die James Roy beson­ders interessieren. Ihnen gibt er mit sei­nen Figuren treffliche Gesichter.
Kathrin Hubli

Tage & Nächte
Sigrid Zeevaert
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2010, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-20086-1
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Liebe

Zwei treffen sich in Paris, verlieben sich, entdecken gemeinsam die Schön­heit die­ser Stadt. Was nach einem einfach gestrickten Liebesroman klingt, entpuppt sich schnell als facettenreiche Geschichte: die Geschichte von Jana und Jul, zwei Ju­gendlichen aus Deutschland, die aus diametral verschiedenen Gründen in der Stadt der Liebe landen. Und die Liebe dort auch finden – Paris hält für beide aber noch ganz andere Erfahrungen bereit.

Jana reist nach Paris, um Abstand von ihrer Mutter zu bekommen, von der sie sich entfremdet hat, seit der Vater wegge­zogen ist und eine neue Familie gegründet hat. Jul kommt mit seinem Vater nach Pa­ris, um seine todkranke Mutter noch einmal zu sehen, welche die Familie verlas­sen hatte, als er noch ein Kind war.

Diese Tage und Nächte, in denen Jul mit seinen Gefühlen für die sterbende Mutter kämpft und in die Vergangenheit seiner Familie gezogen wird; in denen Jana Frei­heit und Einsamkeit gleichermassen ken­nenlernt; in denen Jana und Jul sich verlieben und sich mit ihren El­tern und der deutsch-jüdischen Ver­gan­genheit ausei­nander setzen, erzählt Sigrid Zeevaert in einer jugendlich knappen und doch poeti­schen Sprache. Sie lässt die LeserInnen abwechselnd die Perspektiven von Ja­na und Jul einnehmen und schafft es, einen Ju­gendroman zu schreiben, der sowohl leichtfüssig als auch mit Tiefgang da­her kommt. Der einen mitreisst durch atmos­phärische Dichte und Tempo, dann aber auch wieder innehalten und in eigene Gedanken fallen lässt.

Julia Nipkow

Ist das Leben eine Abfolge einzelner Punkte?
Martín Blasco
Aus dem Spanischen von Katharina Diestelmeier
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2010, Seiten: 94, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58226-2
Schlagwörter: Musik

Nach nichts Geringerem als nach dem Sinn des Lebens fragt dieser Roman. Und der Autor Martín Blasco wählt dafür einen sehr poetischen, typisch argentinischen Weg. Melancholisch, aber leicht und hu­morvoll zugleich, wie die Musik von Piaz­zolla, klingt der Ton seiner Geschichte, de­ren voller Titel lautet: «Ist das Leben eine Abfolge einzelner Punkte? Oder gibt es eine geheimnisvolle gerade Linie, die mei­nen Vater mit der Musik, dem Kung-Fu, dem Zug der guten Laune, dem Regen, der sich ankündigt, und allen ande­ren Dingen im Universum verbindet?»
Der 16-jährige Damián verliert seinen Vater und gleichzeitig seine Liebe zur Mu­sik. Alle Gefühle, die sie ihm früher offenbart hat, erscheinen ihm plötzlich kitschig und falsch. Die Realität fordert jetzt von ihm vernünftiges Handeln: Er muss die Verantwortung für seinen kleinen, plötz­lich gewalttätigen Bruder und seine geis­tesabwesende Mutter übernehmen. Deshalb arbeitet er heimlich, da er noch die Schule besucht, als «Witzfigur». Zusam­men mit einer Schauspielertruppe verbreitet er, als «Rosaroter Panther» verklei­det, gute Laune. Erzählt wird aus der Sicht Damiáns, mit ironischer Distanz zu sich selbst, ganz ohne jammerndes Selbstmitleid. Im Gegenteil; der junge Mann beo­bachtet die Menschen um sich herum sehr genau. Er spürt ihre Träume und Sorgen. Und stellt fest, dass im wirklichen Leben mehr zählt, als gebildet zu sein. Ein Mäd­chen aus der Schauspielertruppe interessiert ihn besonders. Erstaunt stellt er fest: «Ich glaube, ich bin dabei, mich zu verlie­ben.» Endlich spürt er wieder die Musik. Jetzt ist er bereit für seine dringendste Frage: die nach dem inneren Zusammenhang der Ereignisse seines Lebens.
Claudia Kursawe

Mütter mit Messern sind gefährlich
Do van Ranst
Aus dem Niederländischen von Andrea Khuitmann
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2010, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58053-7
Schlagwörter: Geschwister | Alltag

Der zwölfjährige Jef, der mit seiner schwer behinderten Schwester Iene in einer trost­losen Hochhaussied­lung wohnt, hat einen Beweis für die Behauptung im Titel des Buches: Seine Mut­ter hat seinen Vater er­stochen – kurz vor oder nach seiner Ge­burt. Der Blutfleck auf dem Wohnzimmer­teppich zeugt davon. Die Mutter aber mag nicht davon erzählen. Überhaupt wird in Jefs Familie nicht viel gere­det. Nur Harry, der neue Freund der Mutter, ist anders. Über den aber will Jef erst recht nicht re­den. Lichtblicke im eher tris­ten Alltag sind die Ausflüge mit Iene aufs «Glasflaschenfeld», wo Flaschen über klei­ne Birnen gestülpt wer­den, um sie direkt in die Fla­sche des Bir­nenbrannt­wein­herstellers wach­sen zu las­sen. Mutter Bekka erholt sich derweil an den Treffen ihres Messerklubs beim Fachsimpeln. Bis Jef mit einer ma­kabren Insze­nierung versucht, Har­ry in die Flucht zu schlagen.

Dramatisch startet Do van Ranst den Roman durch die Schilderung des Vatermords aus Sicht des pubertierenden Ich-Erzählers. Mit kurzen Sätzen und alltagsnahen, knappen Dialogen erzählt er vom hilflosen Hel­den, der die Familie vor Ein­drin­glingen schützen möchte. Denn nicht von den Messern der Mutter geht die Ge­fahr aus: Sie liegt in ihren Bedürfnissen nach einer Partnerschaft und den Verän­de­rungen, die ein neues Familienmitglied bringt. Jef verwandelt seine Angst in Abweisung, schmerzhaft einsa­mes Hel­den­tum. Bekka und ihr Freund versuchen hilflos, die Provokationen auszuhalten, dem Verängstig­ten trotz ihrer eigenen Verletz­lichkeit einen Gegenpart zu bieten.

Tristesse und Spannung halten sich die Waage in diesem Buch für Eltern von Pu­ber­tie­renden und für Jugendliche ab 12 Jahren. Trotz packendem Anfang und Ende löst die Schilderung des grauen Alltags den Sog der Geschichte zuweilen auf. Gut ist sie trotzdem – auch zum Vorlesen.

Francesca Micelli

Unheimliche Geschichten
Edgar Allan Poe, Illustration: Benjamin Lacombe
Aus dem amerikanischen Englisch von Arno Schmidt und Hans Wollschläger
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2010, Seiten: 152, ISBN/ISSN/EAN: 3-941787-03-9

Seit Edgar Allan Poe im frühen 19. Jahrhundert mit dem Schreiben begann, ist er als «Meister des Grauens» nicht mehr aus der fantastischen Literatur wegzuden­ken. Dabei erfuhr der jung verstorbene Schriftsteller zu Lebzeiten kaum Anerkennung. Sein Ruhm gründete sich erst später, als er in Frankreich von Autoren wie Baudelaire und Mallarmé hoch gelobt wurde.
Jetzt zieht wieder ein Franzose die Aufmerksamkeit auf den amerikanischen Dichter: Benjamin Lacombe hat sie­ben der verstörend-grauenvollen Geschichten in einem hochwertigen Halbleinenband mit einprägsamen Bil­dern versehen. Neben oft abgedruckten Texten wie «Der Fall des Hauses Ascher» finden sich auch weniger bekannte Erzählungen wie «Das Eiland und die Fee». Die düster illustrierten Texte zie­hen zum Teil auf schwar­zen Seiten in ihren Bann. Sie lassen den Verfall des kla­ren Denkens miterleben, der schlimm­s­ten­falls in mör­derischer Raserei endet. La­combe fasst das wachsende Grauen in grossartige, dunkle Bilder, die teils an Ju­gendstil­gemälde, teils an Fo­tografien aus dem frü­hen 20. Jahrhun­dert erinnern, oft auch «typisch La­com­be» sind. Menschen mit übergrossen man­delför­migen Au­gen und starren Gesich­tern spie­geln die Verlo­ren­heit der Seelen, die Poe beschreibt.
Die Ausgabe folgt den Übersetzungen von Arno Schmidt und Hans Wollschläger und wurde nicht überarbeitet. Das macht sie für junge LeserInnen schwierig zu le­sen, aber die Eleganz der Spra­che regt dazu an, sich der Herausforderung zu stel­len. Im Glossar finden sich Angaben zu den Geschichten und Erläuterungen zu un­ge­bräu­chli­chen oder fremdsprachigen Ausdrücken. Ein zeitlo­ses Kleinod für (zukünftige) Poe-KennerInnen.
Maren Bonacker

Die stummen Schreie
Elisabeth Combres
Aus dem Französischen von Bernadette Ott
Verlag: Boje, Publiziert: 2010, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82119-2
Schlagwörter: Tod/Trauer | Biografie | Historisches

In seinem aufwühlenden Roman «Hun­dert Tage» schreibt der Schweizer Lukas Bärfuss über den Völkermord in Ruanda im Jahre aus der Perspektive eines Schwei­zer Entwicklungshelfers, der nach dem Flugzeugabsturz des damaligen ruandischen Präsidenten in Kigali eintrifft. Zugleich beginnt ein hundert Tage wäh­ren­des Massaker, bei dem zwischen April und Juli fast eine Million Menschen den Tod finden (Wallstein 2008).

Elisabeth Combres Jugendroman «Die stummen Schreie» schildert im Unter­schied zu Bärfuss’ Roman das Schicksal und die Innenwelt eines Opfers nach der unfassbaren Tragödie. Das junge Tutsi-Mädchen Emma musste – hinter einem Sessel versteckt – miterleben, wie ihre Mutter zuhause in der Hütte auf schreckliche Weise ermordet wurde. Die eigent­liche Handlung setzt neun Jahre später ein: Emma hat bei der alten Hutu-Frau Mu­ke­curu Zuflucht gefunden und freundet sich mit dem ebenfalls traumatisierten Jungen Ndoli an. Ein weiterer Überleben­der, ein alter Mann, hilft Emma auf ihrem schwie­rigen Weg, der sie letztlich in die verfallene Hütte ihrer Fa­milie führt. Dort findet sie ein Foto ihrer Mutter, kann sich endlich wieder an deren Gesicht erinnern und versuchen, die schrecklichen Ereignisse zu verarbeiten.

«Die stummen Schreie» ist ein anspruchsvolles Buch, das in knappen Sätzen die Vergangenheitsbe­wältigung des trau­matisierten Mäd­chens schildert. Gewiss findet das Buch LeserIn­nen, die sich für das Thema interessieren oder sich etwa im Unterricht mit dem Thema Geno­zid beschäftigen. Auf jeden Fall aber ist es ein be­wegendes Zeugnis aus der Sicht ei­nes jun­gen Menschen vor dem Hintergrund einer der grossen menschlichen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Und nicht zuletzt kann das Buch auch zur Sen­sibilisierung Jugendlicher im Kontext der aktuellen Asyl- und Ausschaffungspolitik beitragen.

Roger Meyer

So nah und doch so fern
Herausgeber:in: Christine Knödler
Verlag: Planet Girl im Thienemann Verlag, Publiziert: 2010, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-50129-2

Geschichten von Vätern und Töchtern

Väter bestimmen das Leben ihrer Kinder nachdrücklich. Manchmal sogar weit über ihren Tod hinaus. Dabei ist es gleichgültig, ob sie stets präsent sind, nur ab und zu in Erscheinung treten, irgendwann ganz verschwinden oder schlichtweg nie existent waren.

Christine Knödler lässt in ihrer Anthologie «So nah und doch so fern» zehn Autorinnen Geschichten von Vätern und Töchtern erzählen. Immer sind es die Töchter, aus deren Perspektive erzählt wird. Von einem Vater, der panisch wird, als die ersten Jungs im Leben der Tochter auftauchen und dann für eine peinliche Aktion nach der anderen sorgt. Oder ei­nem, der darauf wunderbar gelassen rea­giert, cool und relaxed. Von Vätern, die nie da waren, schmerzlich vermisst oder ide­alisiert wurden, wird hier erzählt. Und von solchen, die nach längerer «Auszeit» genau dann auftauchen, wenn man sie dringend braucht und zum Beispiel wie Saskia gerade auf der Polizeiwache sitzt, weil man ziemlichen Mist gebaut hat.

Die Rede ist auch von Vätern, die immer da, aber viel mehr am einzigen Sohn als den vier Töchtern interessiert sind – bis beim alljährlichen Vatertagstrip an die holländische Küste eine davon ihrem Kummer endlich einmal Luft macht und damit eine kleine, aber sehr heilsame Familienkrise auslöst.

«So nah und doch so fern» ist ein abwechslungsreiches Lesebuch, in dem sich Väter und Töchter wiederfinden können, das manchmal vielleicht ein bisschen nachdenklich oder gar traurig stimmt, aber auch viel Stoff zum Schmunzeln bietet, und das zum Gespräch zwischen den Ge­nerationen, zwischen Vätern und Töchtern anregen kann.

Andrea Duphorn

Rebellische Söhne
Alois Prinz
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2010, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-81076-8
Schlagwörter: Generationen | Biografie | Historisches | Familie/Familienformen

Die Lebensgeschichten von Hermann Hesse, Bernd Vesper, Franz von Assisi, Martin Luther, Franz Kafka, Thomas Mann, Michael Ende und ihren Vätern 

Alois Prinz nimmt sich mit «Rebellische Söhne» der Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen an. Der für seine Biografien über Hannah Arendt, Franz Kafka, Hermann Hesse und Ulrike Meinhof vielfach ausgezeichnete Autor erzählt in seinem jüngsten Werk «die Lebensgeschichten von mehr oder weniger berühmten Söhnen und Vätern. (…) Ich habe sie ausgewählt, weil sie oft auf sehr drastische Weise die Höhen und Tiefen der Gefühle zwischen Söhnen und Vätern deutlich machen», so Prinz in seiner Vorbemerkung.

Von hohen Erwartungen, dem Bemü­hen, sich vom übermächtigen, strengen Vater abzugrenzen, wachsen­dem Druck ist hier immer wieder die Rede. Von Entfremdung und lebenslan­gem Kampf ge­gen despotische Väter, de­nen die Söhne immer fremd bleiben, weil sie anders sind. Einem Kampf, der für die sensiblen Söhne nicht selten mit dem Freitod endete.

Fundiert und in bewährt sachlichem Ton erzählt Prinz von sieben Söhnen und ihren Vätern und legt damit ein Buch vor, das unter die Haut geht. Er füllt die Lebensgeschichten von Bernward Vesper, Her­mann Hesse, Klaus Mann, Franz Kafka, Martin Luther, Franz von Assisi und Mi­chael Ende und ihren Vätern mit Leben, indem er viele spannende Geschichten in die Portraits einfliessen lässt; Details, die zuweilen schlichtweg den Atem stocken lassen.

Prinz stellt die einzelnen Vater-Sohn-Biografien in Relation zueinander, zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf, lässt Zeitgeschichtliches einfliessen und weckt so fast nebenbei das Verlangen, mehr über jeden einzelnen zu erfahren – über die «rebellischen Söhne» ebenso wie über ihre Väter.

Andrea Duphorn

Menschen und andere Tiere
Georg Rüschemeyer, Illustration: Nora Coenenberg
Verlag: Fischer, Publiziert: 2010, Seiten: 180, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85422-9

Vom Wunsch, einander zu verstehen

Als Kind, heisst es in der Autor-Kurzbio­grafie, wollte Georg Rüschemeyer Gi­raffe werden. Dass das nicht geht, hat er rechtzeitig festgestellt, er blieb Mensch und wurde Biologe. Durch seinen frühen Wunsch, zum Tier zu werden, entwickelte er eine besondere Empathie für die Frage, die sei­nem originellen Sachbuch «Men­schen und andere Tiere» zugrunde liegt: Was fasziniert die Menschen so sehr an den Tie­ren, dass sie in manchen Fällen am liebs­ten selbst ein Wolf oder ein Affe sein möchten?

Die Affinität zwischen Mensch und Tier ist nicht nur ein Thema für BiologInnen, sondern auch eines für AnthropologInnen und KulturwissenschaftlerInnen. Davon zeugen die vielen Werwölfe und anderen Gestaltwandler in der fantastischen Lite­ratur, aber auch die populären Mythen über Kinder, die von Wölfinnen aufgezo­gen worden sein wollen, die als wahre Geschichten die Runde machen. Rüsche­mey­er erklärt auf verständliche Weise, dass diese Geschichten ebenso ins Reich der Fiktion gehören wie die Werwolf-Sa­gen. Er erklärt, wie Wölfe – oder auch Affen – leben, dass letztere zwar sehr wohl Menschen in ihrer Umgebung tolerieren, wenn sie sich so unauffällig verhalten wie die Gorillaforscherin Jane Goodall, doch dass es einem Menschen, ob Kind oder Erwachsener, unmöglich ist, als vollwertiges Mitglied aufgenommen zu werden.

Rüschemeyer versteht sich aufs Geschichtenerzählen und darauf, Informa­tionen über verschiedene Tierarten und deren Kommunikationsformen verständ­lich zu vermitteln. Nebenbei erfährt man viel über den Menschen – und über seine Beweggründe, Tiere als Projektionsfläche für seine Träume und Wünsche zu nutzen.

Christine Lötscher

… und morgen ein Star!
Wolfgang Korn
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2010, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5389-7

Eine kleine Geschichte über die grosse Medienwelt

Über Nacht ein Star: Davon träumen viele Jugendliche, die Woche für Woche den zahllosen Castingshows am Bildschirm folgen. «DSDS» oder «Popstars» suchen allerdings nicht nur Gesangstalente und bühnenreife Bandmitglieder. Die Sendun­gen erzählen Geschichten, stellen anrüh­rende Schicksale zur Schau und sorgen mit unzimperlichen Jurorenkommenta­ren für Emotionen und Einschaltquoten. Spätestens mit Heidi Hassenmüllers «Su­perstar – Intrigen backstage» (Klopp 2008) ist das Thema auch in der Jugendliteratur angekommen und bietet Stoff für zeitnahen Unterricht.
In einer Mischung aus kaschiertem Ro­man und Sachbuch nimmt Wolfgang Korn Mechanismen und Machenschaften des er­folgreichen Fernsehformats unter die Lupe. In der fiktiven Castingshow «Morgen ein Star» hat es Kandidat Karsten-Kevin K. bereits in die zweite Entscheidungsrunde geschafft, als er jäh zu Fall kommt. Sein Freund Eddy wittert eine Verschwörung, aber K.K.K. bleibt nach dem Zusam­men­bruch hinter der Bühne unauffindbar. Ein erfahrener Redaktor der Lokalzeitung un­terstützt Eddy bei seinen Recherchen.
Korn spult die Handlung im «Echtzeit­modus» ab und packt mit SMS-Nachrich­ten, Forenbeiträgen oder Verweisen auf YouTube und Onlinespiele jede Menge Ju­gend- und Medienkultur in die Geschich­te. Der Plot will trotzdem nicht richtig grei­fen. Die Figuren bleiben zu klischeehaft. Dafür erfährt man viel über Entste­hung und Hintergründe der Castingshows. 18 Textkästen liefern kompakte Informa­ti­onen zur Medienlandschaft, er­läutern Produktionsbedingungen beim Privatfernsehen, journalistische Darstel­lungs­formen und die Bedeutung der Netzwerkarbeit. Für einmal ist das Unterrichtsma­terial schon im Text enthalten. Fehlen nur die Quellen und weiterführende Literatur.
Daniel Ammann

Gon
Masashi Tanaka
Übersetzt von Jonas Blaumann
Verlag: Carlsen Manga, Publiziert: 2010, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-75603-1

Wie es den kleinen Tyrannosaurus Gon in die Gegenwart verschlug und warum er sich so verbissen mit der heutigen Fauna anlegt, wird nie erklärt. Diese Fragen drän­gen sich, ist man erst mal eingetaucht in Gons erstes Abenteuer – ein­en Zweikampf mit einer riesen­haften Bä­rin – auch gar nicht mehr auf, denn die kurzen, wortlosen Geschichten sind zu köstlich und atemlos. Man ak­zeptiert, dass Gon da ist, ein kräftiger Wicht mit be­eindru­cken­dem Zahnwerk und gierigem Schlund, im­mer hungrig, durch und durch egoistisch, nur auf sein eigenes Wohl und Überleben be­dacht – und seinen Platz unter Bären, Adlern, Luchsen und Löwen be­haup­tend.
In Masashi Tanakas modernem Manga-Klassiker «Gon» sind die Tiere weder äus­serlich noch psychologisch anthropomor­phe Karikaturen, sondern – für Man­ga­verhältnisse – realistisch und de­tail­genau gezeichnete wilde Tiere: Es geht ums Fres­sen und Gefressen­werden. Wer hier nach einer Botschaft oder Moral sucht, sucht vergebens. Und wer hofft, der junge Tyran­nosaurus würde dank seiner Erfah­rungen zum verantwor­tungsbewussten Erwach­senen reifen und der Grausamkeit abschwören, hofft um­sonst. Gon bleibt Gon, egozentrisch, gierig und rachsüchtig. Und genau das macht seine Abenteuer so erfri­schend – wenn auch nicht geeignet für allzu junge LeserInnen, da Tanaka die Inszenierung der tieri­schen Zweikämpfe geniesst. Mit der Bärin balgt sich Gon bis aufs Blut, anderswo imitiert er Biber und baut einen so grossen Damm, dass er den halben Wald unter Wasser setzt und viele Tie­re des Lebensraums beraubt. In der afrikanischen Sa­vanne springt Gon auf einen müden alten Löwen, krallt sich in seiner Nackenhaut fest und treibt ihn kraft dieser Schmerzen zu einer letzten Höchstleistung als Jäger – am Ende teilen sich der Löwe und Gon das erlegte Gnu.
Christian Gasser

Ein Zoo im Winter
Jiro Taniguchi
Aus dem Japanischen von John Schmitt-Weigand
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2010, Seiten: 248, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-75284-2

Mit seinen vielfach preisgekrönten Co­mic-Romanen «Vertraute Fremde» und «Die Sicht der Dinge» hat sich der japani­sche Autor und Zeichner Jiro Taniguchi auch im deutschen Sprachraum durchge­setzt als einer der begnadetsten, subtils­ten Comic-Erzähler der Gegenwart. Fern von Hektik und Hysterie der meisten hierzulande veröffentlichten Mangas aus Ja­pan erzählt Taniguchi behutsame, komplexe Geschichten, die sich dank kla­rer Ge­staltungs- und Erzählweise auch an Ju­gen­dliche wenden. Diesen Anspruch löst auch «Ein Zoo im Winter» ein.
Im Mittelpunkt steht der 18-jährige Mitsuo Hamaguchi, das, wie die LeserInnen bald gewahr werden, Alter Ego Taniguchis. Mitsuo verlässt seine Stelle in einer Textilfabrik in der Provinz und zieht nach Tokio, um Mangazeichner zu werden. Zunächst ver­dingt er sich als Assistent eines be­rühm­ten Mangaka und arbeitet in seiner kargen Freizeit an sei­nem ersten eigenen Comic. Damit ge­währt uns Taniguchi ei­nen aufschlussrei­chen Blick in den Alltag eines streng hie­rar­chisch or­ganisierten Manga-Studios, an dessen Spitze der ehrfürchtig «sensei» (Meister) genannte Kon­do steht – und auf dessen unterster Stufe Mitsuo die Figuren austuschen und Speedlines einfügen darf. Das Comic-Stu­dio bildet den Rahmen für die Entwicklungsgeschichte ei­nes schüch­ternen Provinzjungen, der in der Grossstadt Selbstbewusstsein gewinnt, sich auf Ausflügen ins Nachtle­ben beim Aktzeichnen dem anderen Geschlecht annähert und endlich, bewegt von der Liebe zur kran­ken Ma­riko, zum Künstler reift und seinen ersten eigenen Comic zeichnet.
Diese unspektakuläre Geschichte erzählt Taniguchi zeichnerisch wie erzähle­risch mit berührender Sensibilität, unauf­geregt, aber tiefenscharf und präzise, und stellt so seine Meisterschaft im Erzählen kleiner, aber in jedem Bild wahrhaftig klingender Geschichten unter Be­weis.
Christian Gasser

Der kleine Weihnachtsmann
Anu Stohner
Verlag: Igel-Records, Publiziert: 2010, ISBN/ISSN/EAN: 3-89353-325-7
Schlagwörter: Tiere

Der kleine Weihnachtsmann wird von den anderen Weihnachtsmännern immer gehänselt: Er sei zu klein, um zu den Men­schen zu reisen und ihnen Geschenke zu bringen. Darum wird er zum Weihnachtsmann der Tiere. Erst als die grossen Weih­nachtsmänner ausgerechnet zu den Feiertagen mit roten Pusteln im Bett bleiben müssen, darf der kleine Weihnachtsmann in die Menschenwelt – und die Tiere helfen ihm. Eine grosse Tat, die im jetzt neu er­schienenen vierten Buch (Hanser Verlag) Anerkennung findet, indem der kleine Held feierlich zum Oberweihnachtsmann ernannt wird.
Die warmherzigen Weihnachtsmanngeschichten von Anu Stohner mit den farbintensiven und stimmungsvollen grossformatigen Acrylbildern von Henrike Wilson zählen schon zu den Klassikern unter den Weihnachtsbüchern. Pünktlich zur Neuerscheinung von «Der kleine Weihnachtsmann ganz gross» erscheinen sie bei Igel Records als Hörbuch. Claus Die­ter Clausnitzer hat genau die passende Stimme und das richtige Erzähltempo, um die anrührenden Abenteuer des kleinen Weihnachtsmannes zu lesen. Begleitet wird er von vielen anderen, so dass die Hörbuchfassung als szenische Lesung zum Hörgenuss für Grosse und Kleine wird. Jeweils am Anfang einer Geschichte und fast durchgehend auch in den Übergängen von Seite zu Seite untermalen stimmungsvolle Kompositionen von Rudi Mika das Geschehen. Kleinen BilderbuchfreundInnen wird es so ermöglicht, pa­ra­l­lel zur CD auch die textlich minimal veränderten Bilderbücher anzuschauen.
Ein sehr empfehlenswertes Hörbuch, mit dem sich schon Dreijährige das War­ten auf Weihnachten verkürzen können – und das den Eltern ein bisschen Zeit fürs heim­liche Geschenkeplanen gibt.
Maren Bonacker

Eine Weihnachtsgeschichte
Charles Dickens
Verlag: Oetinger audio, Publiziert: 2010, ISBN/ISSN/EAN: 3-8373-0531-7
Schlagwörter: Feste/Bräuche

Alle Jahre wieder kommen sie, uns heimzusuchen, die Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weih­nacht: Seit Dickens «Weihnachtsge­schichte» («A Christmas Carol») 1843 erstmals in Druck ging, müssen wir, Advent für Advent, le­sen, hören, sehen, wie aus Misanthrop Ebenezer Scrooge ein Gutmensch wird. Wer sich die Besserungs­ge­schich­te oder eine ihrer vielen Adaptio­nen wie­derholt zu Gemüte führt, tut es kaum ob der weihnachtlichen Botschaft. Scroo­ge selbst in seiner aus jeder Pore drin­genden Bos­haf­tigkeit ist der Quell, aus der die Erzäh­lung ihren zeitlosen Reiz zieht: «Ebenezer Scrooge war ein wahrer Blut­sauger, ein habgieriger Raffzahn, ein er­presse­ri­scher, geiziger alter Sünder, hart und scharf wie ein Feuerstein, aus dem kein Stahl je einen warmen Funken geschlagen hatte, selbstsüchtig, eigenbrötlerisch und verschlos­sen wie eine Auster.» Ist dieser Charakter, in Worthäufungen bis zur Kli­max genüsslich überzeichnet, nicht zu schade für die Besserung? Seine Kratz­bürstigkeit zu er­fri­schend, um in Selbstzerfleischung und Güte aufzu­ge­hen?
Genau aus die­sem Grund lohnt sich das neue Hörbuch. Felix von Man­teuffel lässt Scrooge in seiner Lesung in aller Schärfe hervortreten. Er blafft und belfert, grollt und geifert, höhnt und ha­dert, knurrt und keift, schilt und schimpft und schmäht und spottet, dass die Weih­nachts-Hass­tirade zum Fest wird: «Wenn es nach mir ginge, müsste jeder Idiot, der mit einem Fröhliche Weihnach­ten auf den Lippen he­rumläuft, zusam­men mit sei­nem Pud­ding gekocht und mit einem Stechpal­men­zweig durchs Herz begraben werden.»
Manteuffel rettet das Sperrige, Eckige, das Widerspenstige und Eigensin­nige des Charakters über die Be­kehrung hinaus. Wenn das weihnachtli­che London in Jan-Peter Pflugs atmos­phä­rischer Mu­sik aufgeht, löst sich Scrooge dank die­ser einzigartigen Stimme nicht auf im allge­meinen Glück, sondern bleibt, wenn auch besse­ren Herzens, ein schrulliger Eigenbrötler.
Manuela Kalbermatten

Mitmachbuch
Hervé Tullet
Verlag: Velber, Publiziert: 2010, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8411-0016-0

Ein blauer, ein gelber und ein roter Punkt empfangen uns auf dem Cover. Nix ungewöhnliches also. Im Vorsatz folgen ganz viele Punkte in den Grundfarben, auch nix Spezielles. Doch dann folgt kein Titelblatt, sondern ein einziger gelber Punkt. Nach einmal Blättern ist es noch derselbe einsame Punkt, jetzt begleitet von der Aufforderung, auf den Punkt zu drücken und dann zu blättern. Hoppala, nun sind es zwei gelbe Punkte. Schön! Und jetzt nochmal auf den gelben Punkt gedrückt. Prima, drei gelbe Punkte! Keine Angst, ich werde Ihnen nicht alles verraten, denn die Aufforderungen und Effekte, die Tullet für die BetrachterInnen bereit hält, sind es wert, Sie noch ein bisschen zappeln zu lassen. So viel sei verraten: Das Buch bringt uns mit Klopfen, Schütteln und Pusten mächtig in Fahrt und dabei immer zum Staunen.
Ein paar wenige Punkte und Farben, mit dickem Pinselstrich aufgetragen, reichen dem Autor-Illustrator aus, um ganz verschiedene Dinge buchstäblich auf den Punkt zu bringen: Bücher sind beste Kommunikation, mit Büchern soll man spielen und einfachste grafische Mittel können ganze Geschichten erzählen. Schade eigentlich, dass der deutsche Verlag sich beim Titel nicht an das französische Original «Un livre!» zu halten traute. Das Mitmachen im deutschen Titel ist überflüssig. Das Buch ist eine Wohltat, weil es Ausdruck dessen ist, was möglich ist ohne Klappen, Spielteile und Co. Einen nicht ganz so eindrücklichen, aber auch sehenswerten Versuch hat die Künstlergemeinschaft «Krickelkrakels», die wir von den Weitermalbüchern kennen, mit «Das bewegte Buch» bei Oetinger herausgegeben. Das Ganze geht hier viel figuraler zu und her, das Prinzip der Aufforderungen ist ein ähnliches, was vom Verlag mit dem Cover-Kleber «Das andere Mitmach-Buch» zusätzlich betont wird.
Barbara Jakob,
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 23

Was ist – ist was
Max Huwyler
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2010, Seiten: 285, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-280-04064-5
Schlagwörter: Sprachspiel | Mehrsprachigkeit

Geschichten, Gedichte, Szenen. Deutsch und Übersetzungen in sieben Sprachen

Max Huwyler hat einen veritablen Schatz verfasst: 34 kleine Texte, Geschichten, Gedichte, Dialoge. Soll ich als Beispiel die kurze Geschichte von der Zwiebel erzählen? Der schönen runden mit der roten Haut? Oder wird es mir dabei so ergehen wie dem Erzähler in Huwylers Textsammlung, brennen meine Augen bei der Beschreibung der saftigen, weissen Schichten? Beginnen sie zu tränen, so dass ich euch weiter erzählen lassen muss?
In allen Texten spielt der hintersinnige Schweizer Autor mit der Sprache, mit ihrer Mehrdeutigkeit und mit ihrem Klang. Die Texte finden sich im selben Buch auch in Albanisch, Englisch, Portugiesisch, Serbisch, Spanisch, Tamilisch und Türkisch. So werden Einbezug der Erstsprache und ihre Wertschätzung ein Kinderspiel. Nur stellt sich die Frage, warum Italienisch nicht aufgenommen wurde.
Die verspielten Texte laden zum laut Lesen, zum Weitererzählen, zum Nachspielen und zum Nachdichten in verschiedene Sprachen ein. Grosse und kleine SprachforscherInnen können sich beim Vergleich von Original und Übersetzung Gedanken zur Übertragung von Bedeutungen und Sprachbildern machen. Die Gestaltung ist schlicht, stellt die Bilder und Kraft der Sprache in den Mittelpunkt. Ein etwas grosszügigerer Schriftgrad käme LeserInnen mit wenig Leseroutine entgegen. Eine CD, auf der Huwyler die deutschen Texte liest, ist bereits erschienen, und dieses Jahr soll ein Begleitband für Lehrpersonen folgen.
Liebe Lehrkräfte, besonders ihr, die ihr Deutsch als Zweitsprache unterrichtet: Macht euch auf, die kreativen Lücken in eurer Sprache zu entdecken, und erforscht mit den SchülerInnen, wie es den Texten in ihrer Erstsprache ergeht. Das macht Spass und schärft erst noch das Bewusstsein für die Sprache.
Francesca Micelli,
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 26

Polinas Geheimnis
Nina Blazon, Illustration: Franziska Harvey
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2010, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-36806-8

Mit ihren Streichen haben Erik und Joanna schon so manches Au-pair-Mädchen in die Flucht geschlagen – was es für ihre alleinerziehende Mutter nicht gerade leicht macht, immer wieder für Ersatz zu sorgen. Als Polina ins Haus kommt, wird vieles anders. Die junge Frau mit dem unaussprechlichen Nachnamen, den glatten, dunkelbraunen Haaren und «Augen wie durchsichtige, grüne Glasmurmeln» umgibt von Anfang an ein Geheimnis. Polina fürchtet sich vor Staubsaugern und weiss nicht, wie man eine Waschmaschine bedient. Sie trocknet Geschirr auch mit dem Fön, hat lediglich einen Bikini im Gepäck, schliesst binnen Sekunden Freundschaft mit Goldfisch Elvis und verhält sich auch sonst reichlich sonderbar.

Weil die Neue sich nicht gerade viel um sie schert, beginnen Erik und Joanna schon bald, sich ihre Pausenbrote selbst zu schmieren, einzukaufen, zu kochen, zu waschen und zu putzen. Was nicht heisst, dass sie nicht versuchen würden, auch Polina den einen oder anderen Streich zu spielen. Allerdings ziehen sie dabei meist den Kürzeren, denn das unerschrockene Au-pair weiss auf einfallsreiche Weise zurückzuschlagen. So überraschend sie aufgetaucht ist, so plötzlich verschwindet Polina eines Tages auch wieder. Bei einem Besuch im Freibad taucht sie nach einem gekonnten Sprung vom 10-Meter-Turm einfach nicht wieder auf.

Nina Blazon legt mit «Polinas Geheimnis» eine bezaubernde Mischung aus Meerjungfrauen-Geschichte und zeitgenössischer Mary-Poppins-Variante vor. Ein fröhlich-freches Kinderbuch voller Charme und Fantasie, das Franziska Harvey mit witzigen Schwarzweiss-Zeichnungen entsprechend illustriert hat.

Andrea Duphorn,
Buch&Maus 1/2011, S. 26

Blood and Chocolate
Annette Curtis Klause
Aus dem amerikanischen Englisch von Ute Brammertz
Verlag: Heyne, Publiziert: 2010, Seiten: 335, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-453-26691-9
Schlagwörter: Natur | Fabelwesen

Auch ein Jahr, nachdem ihr Vater in einem grässlichen Feuer umkam und ihre Familie vor rachsüchtigen Menschen fliehen musste, hat sich die 16-jährige Vivian Gandillon noch nicht ganz mit ihren neuen Lebensumständen abgefunden. Ihre Mutter flirtet – wie peinlich! – hemmungslos mit viel jüngeren Männern, die üblen Scherze der Fünf, ihrer einst besten Freunde, werden ihr zunehmend unheimlich, und auch in der Schule bleibt sie Aussenseiterin. Allein die Liebe zum Zeichnen und ihre nächtlichen Streifzüge durch die Wildnis bereiten ihr noch Freude.

Niemand ausserhalb des Rudels weiss, dass Vivian ein homo lupus, ein Werwolf, ist. Umso erstaunter ist sie daher, als ein Gedicht in der Schülerzeitung genau beschreibt, wie sie sich bei der Verwandlung in einen Wolf fühlt. Als sie den Verfasser Aiden kennenlernt, verlieben sich die beiden prompt. Doch die Liebe zu einem Menschenjungen ist Vivian streng verboten. Ausserdem wäre da noch Gabriel, der neue Anführer des Rudels, der ihr unmissverständlich den Hof macht.

Als erstes von Annette Curtis Klauses Büchern wird ihr Zweitling – im Englischen bereits 1997 erschienen – nun endlich auch in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Zwar wirkt das viel betonte gute Aussehen der Hauptfiguren etwas arg klischiert, Romantik, Spannung und die süffige Sprache machen dieses Manko aber locker wieder wett. Dass für einmal die weibliche Hauptfigur kein schwaches Dämchen, sondern das fantastische Wesen ist und sich selber verteidigen kann, ist eine willkommene Abwechslung im Fantasy-Einheitsbrei. Ein toller Schmachtschmöker mit Gruselbeilage!

Petra Schrackmann
Buch&Maus 1/2011, S. 29

Mein Herz so wild
Jane Eagland
Aus dem Englischen von Ingrid Weixelbaumer
Verlag: dtv premium, Publiziert: 2010, Seiten: 447, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-24839-6
Schlagwörter: Historisches

Die wenig angepasste Louisa Cosgrove träumt von einer Karriere als Ärztin – gesellschaftlich unmöglich im streng viktorianischen England. Ihr Vater hält als einziger zu ihr, doch nach seinem Tod wandelt sich ihr Traum in einen Albtraum. Unter dem Vorwand, seine Schwester bei Freunden unterbringen zu wollen, schickt Louisas Bruder die junge Frau aufs Land. Doch statt auf dem Anwesen der Freunde findet sich Louisa unter dem Namen Lucy Childs in einer Heilanstalt für Geisteskranke wieder. All ihre Beteuerungen, zu Unrecht dort untergebracht worden zu sein, werden als weitere Bestätigung ihrer Geisteskrankheit gewertet. Als sich Louisa in ihrer Verzweiflung über die offensichtliche Ausweglosigkeit ihrer Lage körperlich wehrt, wird sie als aggressiv eingestuft und auf die geschlossene Abteilung fünf verlegt.
Jeglicher Privilegien enthoben, ohne die Möglichkeit, sich zu waschen, anständig zu ernähren oder gar geistig zu beschäftigen, droht sie tatsächlich dem Wahnsinn zu verfallen. Eine einzige Aufseherin hält zu ihr und versucht herauszufinden, wer hinter der Einweisung steckt. Was sie dabei herausfindet, ist so ungeheuerlich, dass Louisas alter Kampfgeist wieder geweckt wird: Sie muss es schaffen, aus der Anstalt zu fliehen und die Verantwortlichen zur Rede stellen.
In ihrem Debütroman zeichnet Jane Eagland das verstörende Bild einer sittenstrengen Zeit, in der Männer davon überzeugt sind, zu viel Lesen würde bei Frauen über kurz oder lang zu einer Entzündung des Gehirns mit schlimmsten Folgen für ihren Geisteszustand führen. Gleichzeitig wurden in London die ersten Studiengänge für Frauen eingerichtet. Spannend, beklemmend und atmosphärisch dicht erzählt die Autorin die unglaubliche und doch so glaubhafte Geschichte ihrer Protagonistin, die ein überraschendes Ende nimmt.
Maren Bonacker
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 30

Freak City
Kathrin Schrocke
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2010, Seiten: 184, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7941-7081-4

Nach der unerwarteten Trennung von seiner Freundin Sandra muss der 15-jährige Mika erst wieder Fuss fassen. Alles hatte so gut gepasst, und jetzt stehen die Sommerferien vor der Tür, und es bleiben nur schmerzhafte Erinnerungen, geplatzte Zukunftsträume und ein greller Graffito an der Zimmerwand mit den Worten «Sandra & Mika forever!». Erst als der Ich-Erzähler im alternativen Jugendtreff «Freak City» die gehörlose Lea kennenlernt, beginnt sich der Horizont zu lichten. Kurzerhand lässt sich Mika von der Gebärdendolmetscherin Biene zu einem Intensivkurs überreden.
Aber der Schritt in die Welt der Gehörlosen bringt Ängste und Reibungen mit sich. Mikas Familie reagiert verhalten bis abweisend; er wagt es nicht, seinen Kumpels etwas zu erzählen, und Sandras neuerliche Annäherungsversuche, gepaart mit herablassenden Bemerkungen über «dieses taube Mädchen», sorgen für reichlich Gefühlschaos. Selbst wenn Lea schreiben und von den Lippen ablesen kann, spricht sie doch eine andere Sprache und gehört einer Kultur an, die Mika noch völlig fremd ist. So kann er kaum begreifen, dass sich Gehörlose in ihrer Haut wohl fühlen und sich sogar gehörlose Kinder wünschen. Aber es gibt auch Momente des Glücks, in denen sich die beiden nahe kommen, etwa bei einem Konzert des gehörlosen finnischen Rappers Signmark oder an einem Filmabend mit Untertiteln.
Kathrin Schrocke erzählt diese ungewöhnliche Liebesgeschichte mit feinem Gespür und zartem Humor. Durch Mikas Augen lässt sie uns einen Blick in die lautlose Welt der Gehörlosen werfen und räumt nebenher mit Vorurteilen auf.
Daniel Ammann
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 31

Finsterherz
Jeremy de Quidt
Aus dem Englischen von Ursula Höfker
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2010, Seiten: 285, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-35328-6
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Mathias war bis anhin nicht gerade vom Glück gesegnet. Zusammen mit seinem Grossvater fristet er ein trostloses Dasein in einem höchstens mittelmässigen Wanderzirkus, in dem die Artisten wie Sklaven gehalten werden. Was niemand weiss: Mathias’ Grossvater hütet ein Geheimnis, und irgendwann wird er es Mathias erzählen. Leider stirbt der Grossvater, bevor es dazu kommt. Zufällig gelingt es Mathias jedoch, eine geheimnisvolle Papierrolle an sich zu nehmen, für die sich aber der böse Dr. Häller sehr interessiert. Das Geheimnis, das er noch nicht einmal wirklich kennt, entwickelt sich über Nacht zu einem Fluch – und Mathias wird zum Gejagten. Die Dienstmagd Katta begleitet ihn als treue Freundin auf seinem Abenteuer. Zusammen lüften sie ein schauriges Geheimnis und entdecken eine Welt, in der Feinde zu Freunden werden und Freunde zu Feinden. Nichts ist, wie es scheint, und der erste Eindruck täuscht oft.
Finsterherz ist ein packender, zeitweise auch gruseliger Fantasy-Roman, der von Anfang bis Schluss spannend bleibt. Das Erzähltempo ist hoch, ein Ereignis reiht sich an das andere. Durch die fesselnde Erzählweise werden die LeserInnen zu WeggefährtInnen des Protagonisten und lösen das Rätsel gemeinsam mit ihm. Die unerwarteten Wendungen machen es schwer, das Buch wieder wegzulegen – doch die Geschichte lebt von zahlreichen blutigen Szenen und ist daher nichts für LeserInnen mit schwachen Nerven.
Kathrin Hubli
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 31

Das geheime Leben der Bücher vor dem Erscheinen
Ron Heussen, Anne Mikos, Farid Rivas Michel
Verlag: Hermann Schmidt, Publiziert: 2010, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-87439-764-3

Dieses Buch ist eine wahre Trouvaille! Schon die Umschlagseite bringt den Titel ins Spiel: Der abgebildete Autor – umfasst von den warmen Händen der LeserInnen, so dass sich langsam etwas aus dem schwarzen Hintergrund herauslöst – wird alsbald flankiert von den Menschen, die das Erscheinen seines Buches erst ermöglichen. Nach kommentiertem Vorsatz und Schmutztitel meldet sich gleich der erste Beteiligte, der Verleger, zu Wort und wendet sich direkt an die kindlichen LeserInnen. Diese Perspektive bzw. Schreibweise zieht sich durchs gesamte Buch und läuft dabei nie Gefahr, anbiedernd zu wirken. Es entsteht eine spannende Mischung von sachlichen Erklärungen und ganz persönlichen Macken der sich selbst vorstellenden Buch-BeruflerInnen.

Die Autorin erzählt so vom Schwangergehen mit Ideen, der aufs Bild fixierte Illustrator stellt zu Beginn frech die Frage, ob der Leser seinen Beitrag freiwillig lese, und mockiert sich über die Überbewertung des Lesens. Der Typograf ist leider kein Graf, aber dennoch ein toller Typ, der sehr anschaulich über die Verwendung von Schriften und die Abläufe beim Seitengestalten berichtet. Herstellerin und Drucker beschliessen so auch mitten im Buch(prozess), dass ein anderes Papier sinnvoller ist – so dass die LeserInnen gleich erfühlen können, was der Unterschied zwischen ungestrichenem und gestrichenem Papier ist. Abgerundet wird das Buch durch eine Hommage an BuchhändlerInnen und BibliothekarInnen, welche die Bücher unter die Leute bringen.

Das Buch besticht auch auf der Illustrationsebene durch Eigenwilligkeit. Es wird – bei Sachbüchern ja eher selten – komplett auf Fotos verzichtet und alles in ein einheitliches grafisches Konzept verpackt, das zartfarbig und feingliedrig sowie mit einem relativ hohen Abstraktionsgrad daherkommt.

Barbara Jakob
Buch&Maus 1/2011, S. 32

Auswärtslesen
Burkhard Spinnen
Verlag: Residenz, Publiziert: 2010, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7017-1548-0
Schlagwörter: Schule

Eine Litanei

Lesungen in Literaturhäusern sind in der Regel lockere Heimspiele für einen Autoren, Schullesungen gleichen eher Auswärtsspielen auf unsicherem Gelände. Dieser Herausforderung hat Burkhard Spinnen sich seit Erscheinen seines Jugendbuchs «Belgische Riesen» vielfach gestellt und nun seine Reflexionen dazu veröffentlicht. Die knapp hundert, äusserst empfehlenswerten Seiten geben seine Gedanken vom navigationsgestützten Ankommen in einer Schule über das Ambiente verschiedenster Schularchitektur, die höchst unterschiedliche Aufnahme bei LehrerInnen bis hin zur eigentlichen Lesung wieder.
Zwei Kapitel widmet er der Kernfrage «Was tue ich eigentlich hier?». Er definiert sich als Lesender im möglichen Spektrum zwischen Unterhaltungsdienstleistung, Event- oder einfacher Lesung eindeutig als Anhänger letzterer. Immer deutlicher wird, welche Wichtigkeit das Vorlesen, das Lautlesen für ihn als Schreibenden hat. Er stellt sich in die Tradition Friedrich Nietzsches, für den Schreiben eine Nachahmung gesprochener Sprache war, weil in der Beziehung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit eine Probe für die Authentizität eines Textes stecke. Genau hier kommt die Lesung ins Spiel. In ihr wird die schriftliche Nachahmung von gesprochener Sprache quasi rückübersetzt in lebendige Sprache. Die jugendlichen ZuhörerInnen müssen erleben, dass ein Text mit der Nähe des Autors körperlich wird, ansonsten schafft es der Autor im Medienzeitalter in der Wahrnehmung Jugendlicher wohl kaum über die 3-D-Variante einer Hör-CD hinaus. Spinnen sucht deshalb in seinen Lesungen ganz bewusst die Nähe zu den Zuhörenden; also keine Bühne, sondern ein Autor, der hör- und fassbar ist. Spinnen legt sich mächtig ins Zeug für die Schule als wichtigem Ort der literarischen Kultur und schreckt auch nicht davor zurück, mit den Jugendlichen über seinen Besuch zu philosophieren, wo seine ZuhörerInnen doch eigentlich selbst lesen können.
Barbara Jakob
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 32

Meine Beschneidung
Riad Sattouf
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2010, Seiten: 100, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-941099-60-9
Schlagwörter: Religion | Humor/Komik

Als Riad Sattouf achtjährig war, lebte seine Familie in Syrien, im Dorf des Vaters. Seine Mutter ist Französin, deshalb hat er eine unarabisch helle Haut, und beim Wettpinkeln fällt seinen Cousins auf, dass sein Pimmelchen eher aussieht wie ein Rüssel und nicht wie ihre Champignons. Wenig später kündigt ihm sein Vater an, er, Riad, werde in drei Monaten beschnitten.
Drei Monate sind eine lange Zeit, vor allem, wenn man keine Ahnung hat, was eine Beschneidung ist. Man kann sie sich in den bedrohlichsten Farben vorstellen. Man kann vom japanischen Riesenroboter träumen, dessen Kauf man dem Vater gegenüber zur Bedingung gemacht hat. Man kann sich darauf freuen, endlich so zu sein wie die Cousins.
Seine Kindheit verbrachte Riad Sattouf in Syrien. Erst nach der Scheidung seiner Eltern kehrte er, fünfzehnjährig, nach Frankreich zurück. Heute gehört er zu den erfolgreichsten Humoristen der Comic-Szene. In «Meine Beschneidung», konsequent aus der Perspektive des achtjährigen Jungen erzählt, liefert der schmerzhafte Schnitt den Rahmen für ein satirisches Sittengemälde der autoritären Männergesellschaft im ländlichen Syrien, in der die Jungen antisemitisch indoktriniert, durch Prügel gedrillt werden und möglichst unaufgeklärt zu «kleinen Barbaren» (Conan-Fan Sattouf) heranwachsen. Gleichzeitig ist «Meine Beschneidung» überaus komisch – der Humor ist aber bissig, er macht Sattoufs Erinnerungen an eine traumatische Erfahrung erträglich, ohne je versöhnlich zu werden.
Der Comic, ursprünglich in der Jugendbuch-Reihe Bréal Jeunesse erschienen, war bisher sowohl bei Jugendlichen wie auch Erwachsenen erfolgreich. Allerdings müssen die jugendlichen LeserInnen in der Lage sein, die unreflektierte Haltung des achtjährigen Erzählers als solche zu identifizieren und etwa die antisemitischen Äusserungen in diesem Kontext zu verstehen.
Christian Gasser
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 33

Das Leben von Anne Frank
Sid Jacobson, Illustration: Ernie Colón
Aus dem amerikanischen Englisch von Kai Wilksen
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2010, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-79185-6

Eine grafische Biografie

Das Leben Anne Franks als Comic, oder als «Grafische Biografie» darstellen – darf man das? Ohne das vielschichtige Thema zu vereinfachen? Ja, sagten sich die beiden Amerikaner Sid Jacobsen und Ernie Colòn. Und der Direktor des Anne Frank Hauses, Hans Westra, wusste: «Mit einer Graphic Novel werden wir mehr Jugendliche erreichen.» Zudem wurde jedes Bild und jede Textzeile von Experten scharf unter die Lupe genommen.
Die Biografie beginnt bereits mit der Heirat von Anne Franks Eltern. Der historische Hintergrund wird ebenfalls durch Bilder visualisiert. Alltagsszenen aus dem Leben der Franks stehen unmittelbar neben politischen Ereignissen, wie dem Aufstieg der Nationalsozialisten, dem Aufbau des Terrorsystems und der Judenverfolgung. Nicht immer ist das leicht zu ertragen und verlangt konzentriertes Lesen und Betrachten.
Trotzdem ist ein überaus lebendiges und authentisches Buch gelungen. Dass dies so ist, verdanken die Macher Anne Frank. Was sie in ihrem Tagebuch aufgeschrieben hat, ist immer noch einzigartig. Mit Talent zum Schreiben erzählt Anne von ihrem Alltag im Versteck, charakterisiert die ebenfalls untergetauchten Mitbewohner, reflektiert über sich selbst, ihre Angst und ihren Lebensmut, ihre Sehnsucht nach Freiheit und Glück. Hier liegt das Herzstück dieser «Grafischen Biografie». Sid Jacobsen wählte mit Bedacht die Schlüsselsätze aus. Illustrator Ernie Colòn schuf mit viel Gespür die passende Bilderwelt. Wenn Anne Frank glücklich verkündet: «Ich weiss, dass ich schreiben kann», und gleich darauf einsam auf dem Dachboden steht und erklärt, warum sie schreibt: «Ich will fortleben, auch nach meinem Tod», fangen die Autoren in nur zwei Bildern die fröhliche als auch die nachdenkliche Seite der Anne Frank ein.
Claudia Kursawe
Buch&Maus Heft 1/2011, S. 33

Rutzlibutz bei den Krokodilen
Robert Camenzind, Illustration: Vanessa Riecke
Verlag: Monster Salat, Publiziert: 2010, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-033-02500-5
Schlagwörter: Abenteuer | Humor/Komik

Vor fliegenden Krokodilen sollte man sich in Acht nehmen: «Sie fliegen zum einen Fenster herein, zum anderen Fenster hin­aus», warnen die Leute von Polumba. «Und zwischendrin fressen sie unsere Kühlschränke leer.» Besorgt blicken uns die
Po­­lum­ber entgegen: runde, eckige, lustige Maskenmännchen auf kur­zen Beinen, be­waffnet mit Löffel, Ho­nigheber und Rühr­besen. Wo sind wir da nur hingeraten?
Ganz einfach: Mitten in die Geschichte von der Hexe Rutzlibutz und den Kindern Vreneli und Ernstli. Die haben hitzefrei und wollen was erleben. Also drehen sie mal eben ein paar Loopings auf den Kro­kodilen von Polumba. Die Kroko­dile bekommen schicke Gurte mit Decken umgeschnallt, bezahlt wird mit einem Schnitzel vom Vortag. Die Mäuse sind das Bodenpersonal, Chamäleon und Waschbär übernehmen das Screening. So verrückt und doch in sich logisch geht es in «Rutzlibutz bei den Krokodilen» zu.
Er­funden hat die Geschichte Robert Ca­menzind, als er sie in den Sommerferien 1974 seinen vier Kindern erzählte. Nun hat sein Sohn, Stefan Camenzind, der ein Architekturbüro in Zürich führt, zusam­men mit Vanessa Riecke daraus ein Buch gemacht.
Mit farbenprächtigen Illustrationen in raffinierter Collagetechnik findet Vanessa Riecke eine eigene Bildsprache. Die Lust am Erfinden wird so auf mehreren Ebenen vorgeführt. Die Charaktere der Hauptfi­gu­ren, wie die steinalte, aber verspielte und smarte Hexe Rutzlibutz, rekonstru­ierte He­rausgeber Stefan Camenzind zusam­men mit seinen drei Schwestern. Dabei stellten sie fest, dass sich ihre Erinne­run­gen in der Bilderwelt von Vanessa Riecke bestens widerspiegeln.
Claudia Kursawe,
Buch&Maus Heft 2/2011, S. 26

Erebos
Ursula Poznanski
Verlag: Loewe, Publiziert: 2010, Seiten: 487, ISBN/ISSN/EAN: 3-7855-7361-8
Schlagwörter: Spiel | Medien | Krimi/Thriller

An Nicks Schule macht etwas Geheimnisvolles die Runde. Immer häufiger bleiben Schüler dem Unterricht fern, wirken übernächtigt oder gereizt. Nick stellt Fragen, aber niemand will darüber sprechen. So­gar sein bester Freund Colin gibt sich mit einem Mal verschlossen, ignoriert Nicks Anrufe und schwänzt das Basket­ball-Trai­ning. Erst als eine Mitschülerin Nick eine kopierte DVD mit der Aufschrift «Erebos» zusteckt, bietet sich die Gele­gen­heit, dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Aber auch Nick muss versprechen, keine Informatio­nen preiszugeben.

Nick installiert das Computerspiel und gerät bald selbst in den Bann von «Erebos». Wie bei anderen Fantasy-Rollenspielen nimmt er an Quests und Raubzügen teil, muss sich in Kämpfen bewähren und erhält Belohnungen und höhere Levels. Aber «Erebos» erweist sich doch als völlig anders. Vergleichbar mit einem «Alternate Reality Game» beginnen die Grenzen zwi­schen fiktiver Spielwelt und Alltagswirklichkeit zu verschwimmen. Ein unheim­licher Bote mit gelben Augen prüft Nick mit Fragen und erteilt ihm Aufträge, die er nicht in der virtuellen Realität, sondern in der Wirklichkeit erfüllen muss. Nur wer sich den Regeln bedin­gungs­los unterwirft, wird es als Krieger des Inneren Kreises zum grossen Gefecht gegen Ortolan schaf­fen. Als es um Men­schenleben geht, bekommt Nick es mit der Angst zu tun. Gemeinsam mit Emily, für die er schon lange schwärmt, macht er sich daran, das dun­kle Geheimnis hinter «Erebos» zu lüften.

Ursula Poznanski gelingt es auf überzeugende Weise, Faszinationskraft und Suchtpotenzial eines Adventure-Games mit der alltäglichen Lebenswelt eines 16-Jährigen zu verknüpfen und die LeserInnen in die Parallelwelt ihrer Geschichte hinüberzuziehen.

Daniel Ammann
Buch & Maus 2/2011, S. 29

Tschick
Wolfgang Herrndorf
Verlag: Rowohlt, Publiziert: 2010, Seiten: 254, ISBN/ISSN/EAN: 3-87134-710-8

Eine Geruchsmischung von Blut und Kaffee empfängt die LeserInnen zu Beginn dieses Romans. Wir befinden uns irgend­wo mittendrin und auf jeden Fall in einer Krisensituation. Es dauert aber nicht lange und braucht nicht viel Geduld, bis klar ist: Ein Ich-Erzähler namens Maik Klingenberg sitzt mit einem schwer verletzten Fuss bei der Autobahnpolizei und überlegt sich, ob er nun wohl gefoltert wird. Und dass das alles nicht «der ganz grosse Bringer» ist, erfahren wir auch.
Die um jeden Preis auf cool gepolte Teenager-Perspektive und die slangige Art zu reden, die Wolfgang Herrndorf für sei­nen Helden erfindet, überzeugt so sehr, dass man Maik Klingenberg einfach blind auf seinen Irrwegen folgt, auch wenn es weh­tut: Denn es bedeutet, mit einem dau­er­alkoholisierten Freund – Tschick – und einem geklauten Lada durch Deutschlands Osten zu fahren (selbstverständlich ohne Führerschein) und dabei merk­wür­dige Abenteuer mit Benzinkanistern und Feuerlöschern zu erleben.
«Tschick» ist im besten Sinne das, was man einen All-Age-Roman nennt. Herrndorf jongliert mit Anspielungen auf Bücher und Filme aus dem Road-Movie- und Abenteuer-Lausbuben-Genre, und bezieht zur Freude der erwachsenen LeserInnen eine Metaebene ein, indem er Christopher Voglers Heldenreise – die Bibel des Holly­wood-Erzählschemas – parodiert und ins Leere laufen lässt. Das alles braucht man nicht zu verstehen, um sich an der rasend witzi­gen und auf kluge Weise spannenden Sto­ry zu erfreuen. Kein Wunder, dass der Roman in allen grossen Feuilletons besprochen und für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde.
Christine Lötscher,
Buch&Maus Heft 2/2011

Getrickst & Abgedreht
Thomas Binotto
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2010, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5350-1

Filmgeschichten für Kinofans

Mit einem guten Rezept lässt sich mehrmals kochen. Das muss sich auch Thomas Binotto gesagt haben. Nach dem Erfolg seines Jugendsachbuchs «Mach’s noch einmal, Charlie!» serviert uns der Kinokenner eine reichhaltige Fortsetzung weiterer Film-Leckerbissen. In zehn Kapiteln wendet er sich Genres wie dem Monumentalfilm, dem Western, der Gaunerkomödie, dem Musik- und Liebesfilm oder den Sparten Science-Fiction und Horror zu.
Binotto garniert seine Leinwandgeschichten wiederum mit viel Hintergrundwissen und würzigen Anekdoten. Kreuz und quer lässt er uns durch die bewegte Filmgeschichte reisen und steuert mal einen Klassiker, mal einen Blockbuster an. Ganz nebenbei erfahren wir dabei, was es mit Merchandising, Remake, Splitscreen oder dem Vertigo-Effekt auf sich hat. Das macht fast so viel Spass wie richtiges Kino und animiert dazu, sich in der Bibliothek die passenden DVDs zu besorgen.
Daniel Ammann,
ph akzente 4/2010, S. 41

Multidingsda
Claudio Nodari, Sabina Wittwer, Walter J. Bucher, Mike Kronenberg
Verlag: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich, Publiziert: 2010, ISBN/ISSN/EAN: 3-037-13400-3
Schlagwörter: Mehrsprachigkeit

Lernsoftware zur Förderung des Grundwortschatzes

Kinder lernen neue Wörter am besten eingebettet in einen Kontext, der sie interessiert. Die Lernsoftware «Multidingsda», welche sich an die Altersgruppe Kindergarten bis 4. Schuljahr richtet, gibt Kindern die Möglichkeit, aus einer Übersicht mit 40 Bildern ein Thema zu wählen. Angeboten werden Themen wie «Die Kleider», «Familie», «Lernen in der Schule», «Farben und Formen» oder «im Märchenland». Nachdem ein Kind ein Thema gewählt hat, erscheint auf dem Bildschirm ein Wimmelbild und das Kind hört eine Reihe von Wörtern, während entsprechende Bildausschnitte hervorgehoben werden. Die Wörter werden sowohl eingebettet in Sätze als auch isoliert präsentiert.
In den folgenden Übungsphasen muss das Kind auf Begriffe und Formulierungen, die es hört, mit verschiedenen Aktivitäten am Bildschirm reagieren. Wurde das Kind bei der Anmeldung auf der CD-ROM als bereits alphabetisiert eingetragen, werden auch Übungen angeboten, in denen Wörter auf Wortkarten gelesen werden müssen.

Die Lernsoftware passt Tempo und Schwierigkeit automatisch dem individuellen Leistungsvermögen an. «Multidingsda» ist wie eine Lernkartei aufgebaut: Richtig bearbeitete Wörter kommen in die nächste Übungsstufe, falsch bearbeitete Wörter müssen nochmals in der gleichen Übungsstufe geübt werden. Als Bestätigung für die erfolgreich bearbeiteten Übungen kann sich das Kind zum Abschluss ein «Diplom» ausdrucken.

«Multidingsda» richtet sich insbesondere an Kinder, die Deutsch als Zweitsprache lernen. Sie können mit der Lernsoftware rund 600 Wörter in der Zielsprache Deutsch lernen und sie auch in ihrer Erstsprache festigen. Von den 14 Übungen, die bei jedem Thema durchlaufen werden, bearbeiten die Kinder drei in ihrer Erstsprache. Es stehen vierzehn Migrationssprachen zur Auswahl: Albanisch, Arabisch, Bosnisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Kroatisch, Mazedonisch, Portugiesisch, Russisch, Serbisch, Spanisch, Tamil und Türkisch.

Die ansprechenden Wimmelbilder von Jürg Obrist aus der Lernsoftware sind demnächst auch in Buchform erhältlich. Ein erzählender Text begleitet jedes Bild. Das Bilderbuch eignet sich zum Vorlesen und für das Erkunden der Illustrationen. Die Erzähltexte können auch ab der beiliegenden Audio-CD gehört werden.

Claudia Neugebauer
ph akzente 3/2010, S. 40.

Mehrsprachigkeitsprojekte: Konkrete Beispiele für die Praxis
Basil Schrader, Dominik Roost
Verlag: Schulverlag plus, Publiziert: 2010, ISBN/ISSN/EAN: 3-292-00620-1
Schlagwörter: Mehrsprachigkeit

Ein Unterrichtsfilm der Pädagogischen Hochschule Zürich

Mehrsprachige Klassen sind im Schulalltag längst von der Ausnahme zur Regel geworden. Leider wird jedoch das grosse Potenzial, das dieser Mix aus verschiedenen Erstsprachen, unterschiedlichen Dialekten und schulischen Fremdsprachen für die Entwicklung des sprachlichen und kulturellen Bewusstseins der Kinder und Jugendlichen bietet, bislang nur wenig ausgeschöpft.

Ziel der vorliegenden DVD ist es, auf anschauliche Weise zu illustrieren, wie die sprachliche Vielfalt einer Klasse gewinnbringend genutzt werden kann. Der Untertitel «Konkrete Beispiele für die Praxis» kommt dabei nicht von ungefähr. Nicht weniger als 13 bewährte Praxisbeispiele sollen Lehrpersonen vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe I dazu ermuntern, die verschiedenen Erstsprachen ihrer Schülerinnen und Schüler vermehrt einzubeziehen und zu nutzen. Die Ideenpalette reicht von kurzen Unterrichtseinheiten bis hin zu eigenständigen und umfangreichen Mehrsprachigkeitsprojekten.

Lassen Sie sich anstecken von der Freude, mit der die Kindergärtler/innen per Flüstertelefon Sätze in ihrer Muttersprache weitersagen oder die Drittklässler/innen sich mit Hilfe von Kamuffeln ihre Fantasiewelten in der Erstsprache erklären. – Sie wissen nicht, was ein Kamuffel ist? Dann schauen Sie sich die DVD an. Es lohnt sich!

Stefanie Schild,
ph akzente 1/2011, S. 39

Professor Layton und die verlorene Zukunft
Level 5
Verlag: Nintendo DS, Publiziert: 2010, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Wissenschaft | Spiel

Mit der dritten Folge der «Professor Lay­ton»-Reihe ist der Spieleschmiede Level 5 wieder ein grosser Wurf gelungen. Über 165 Rätsel gilt es während des Abenteuers zu lösen, das SpielerInnen ab zehn Jahren zusammen mit Professor Layton und sei­nem Lehrling Luke erleben. Gleich zu Beginn wird man Zeuge eines misslungenen wissenschaftlichen Experiments, aufgrund dessen der Premierminister Lon­dons und einige Wissenschaftler spur­los verschwinden. Sind sie im London der Zukunft gelandet? Professor Layton und Kon­sorten machen sich auf die Suche nach der Zeitmaschine und versuchen zu klä­ren, weshalb der professorale Zylinder alle Einwohner des futuristischen London in Angst und Schrecken versetzt.

In der skurrilen Geschichte, die nicht mit Überraschungen und dramatischen Wendungen geizt, ist vor allem eines klar: Die BewohnerInnen Londons sind knobel­fanatisch. Jeder Hinweis auf die mysteriö­se Geschichte will mit der Lösung eines Rätsels erkauft werden. Die Denk­aufga­ben sind dabei so vielfältig und fan­tasie­voll, dass man nur zu gern seine grauen Zellen bemüht und den charmanten Fi­gu­ren zur Seite steht.

Bei den Schie­be­puzz­les, Logikaufgaben, mathe­ma­ti­schen Gleichungen und weite­ren Rätseln sind Scharfsinn und ge­nau­es Lesen der Aufgaben gefragt. Ein ausge­klügeltes Hil­fe­system trägt dazu bei, dass trotz des hohen Schwierigkeitsgrades kei­ne Frustra­tion aufkommt. Die Dialoge mit den Figuren sind zudem mit Witz und Herz geschrieben, sodass dem Spielspass wirklich nichts im Wege steht.

Mela Kocher
Buch&Maus 3/2011, S. 33

Ynth
Verlag: krabl.com, Publiziert: 2010, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Spiel | Tiere

Das Prinzip dieses Geschicklichkeitsspiels für iPhone oder iPad ist schnell erklärt: Durch das Kippen von Holzkisten hilft die Spielerin dem in der Kiste sit­zenden Käferchen Kribl, sich den Weg durch einen Sumpf zu bahnen. Aber Ach­tung! Es gilt, Kribl vor fallenden Giftfrüch­ten zu schüt­zen und darauf zu achten, dass er seine Beinchen nicht direkt auf den Sumpf setzt und versinkt. Der Käfer findet zwar in der Kiste Schutz vor beidem, aber da alle Kisten Verwinklungen und Öffnun­gen haben, muss ihre Rotation präzise aus­geführt werden, so dass Kribl nicht hin­ausfällt und die Früchte nicht hineingeraten. Dies verlangt einiges an Geschick, Timing und stra­tegischem Denken von SpielerInnen ab etwa neun Jahren.

«Ynth» – von der in Zürich ansäs­sigen Spielfirma krabl.com gestaltet – überzeugt durch seinen konse­quent minimalis­ti­schen Stil. Visuell ist die handgezeichnete Spielumgebung einfach gehalten, wirkt durch die grün-bräunliche Farbgebung aber nicht überzeichnet kind­lich. Ebenso schlicht fällt die akustische Gestaltung aus, die auf spannungsge­ladene Hintergrundmusik verzichtet: Das Knacken und Blubbern von im Sumpf versinkenden Gift­früchtchen, das Trippeln des Käfers und das Ächzen der fallenden Holzkiste bilden den durchaus ästhe­tischen, rhythmischen Klangteppich in diesem Spielerlebnis. So haftet gerade der Stille des Kä­fers etwas Herzerwärmendes an.

Auch wenn das Spiel keine elaborierte Geschichte aufweist, erscheint gerade der «einfache» Auftrag, dem kleinen stum­men Käfer zu helfen, als eine von vielen Rückschlägen geprägte Heldentat.

Mela Kocher
Buch&Maus Heft 3/2011, S. 33

Der neue Pinocchio
Christine Nöstlinger, Illustration: Antonio Saura
Verlag: Hatje Cantz, Publiziert: 2010, Seiten: 300, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7757-2709-9
Schlagwörter: Abenteuer

Der 1998 verstorbene spanische Maler und Kunstgrafiker Antonio Saura, in seiner Hei­­mat einst politisch engagiert im Widerstand ge­gen das Franco-Regime, hat sich mit Car­lo Collodis «Pinocchio» eines Wer­kes an­genommen, das sich mit den Tücken der zur Zeit seiner Entstehung noch jun­gen nationalen Identität Italiens aus­ei­n­an­dersetzt. Die für emanzipatori­sche Kin­derfiguren bekannte österreichische Au­torin Christine Nöst­linger hingegen in­teressierte sich im Rahmen ihrer als «Der neue Pinocchio» 1988 erschienenen Bearbeitung des Textes für Pinocchio als Prototyp des vormodernen Kindes. Und just diese Version hat Saura – anstelle von Collodis Original – gewählt, um den Klassi­ker so zu illustrieren, dass er «von den Kindern angenommen und verstanden werden» kann, wie er in seinem Nachwort schreibt.
Der 1994 nur in Spanien publizierte Band – dort zum «Kunstbuch des Jahres» gekürt – ist nun auch auf deutsch und englisch erschienen, nachdem die nach dem Tod Sauras verstreuten Illustrationen von den «Archives Antonio Saura» in Genf gesammelt und restauriert worden waren. In Umfang und Format präsentiert sich die­ser «Pinocchio» tatsächlich wie ein Kunstbuch. Doch es macht eine erstaunliche Metamorphose durch: Die an die typi­schen Kopffüsser von Kinderzeichnungen erinnernden Illustrationen verdichten sich manchmal zu fast figürlicher Klar­heit, um sich auch wieder in der orna­mentalen Buntheit einer Doppelseite zu verlieren, die fast schon an Pop-Art erinnert. Hier geht es allein ums empha­tische Erleben, um das sehr persönliche Nach­spüren einer Geschichte, die dank Sauras Bildern ihre düstere Bedrohlichkeit zu­gunsten einer hellen Klarheit preisgibt – und damit eine völlig neue Qualität ge­winnt. Gut vorstellbar, dass kleine Kinder dieses Kunstbuch fast intuitiv verstehen.
Gerda Wurzenberger
Buch & Maus 4/2011, S. 25

Skinned / Crashed / Wired (Trilogie)
Robin Wasserman
Aus dem amerikanischen Englisch von Claudia Max
Verlag: Script5, Publiziert: 2010, Seiten: 375, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8390-0106-6
Schlagwörter: Identität/Individualität | Technik

Von der Vorstellung, eine unantastbare Iden­tität zu besitzen, hat Lia Kahn sich längst gelöst: Nach ei­nem Unfall wird die Gehirnstruk­tur der 18-Jährigen mit der neu­en «Down­load»-Technologie zwar er­folgreich in einen künst­lichen Körper verfrachtet, doch das, was Lia für ihre genuine Identität hält – Erinnerungen, Ge­fühle, frei­er Wille – wird von Freunden wie Fa­mi­lie ständig angezweifelt: Niemand glau­bt, dass im künstlichen Kör­per ein «ech­ter Mensch» oder gar die «alte» Lia steckt.
Im fulminanten Auftaktband «Skin­ned» stellt Robin Wasserman Fragen nach dem Spezifischen des Mensch­­lichen: den Grundlagen von Identität, Sinn oder Unsinn einer Trennung von Natur und Kultur und der Bedeutung von Kör­pern. Dagegen konzentrieren sich «Cra­shed» und «Wi­red» mehr auf so­ziale Konflikte zwischen «Mensch»­/«Maschi­n» oder «Org»­/«Mech», die die post­apoka­lyp­tische Gesellschaft vollends zu spalten dro­hen. Die Mechs verkörpern darin das fundamental «Ande­re», Begehrens- wie Has­senswerte, das ausgegrenzt, gejagt und getötet wird.
Eine zusätzliche Kabale der Mäch­ti­gen aus Biotechnologie, Reli­gion und sozi­aler Elite drängt den Stoff stark Rich­tung Technothriller; dafür bricht die Hand­lung aus Lias ehemaliger Welt der Rei­chen aus und zeigt das Leben der Fliess­­band­arbei­ter, die verseuchten Städte der Allerärms­ten. Da­bei wird klar, dass es nicht die Technologie ist, die Iden­tität und Hu­ma­nität gefährdet. Ange­pran­gert werden gesellschaftliche Machtmechanis­men, die auf Ausschluss, Entmündigung und Ins­trumen­talisierung be­ru­hen und mit Kate­gorien wie «Rasse», sozi­­alem/­öko­no­­mi­schem Sta­tus und Kör­per legi­timiert wer­den. In dieser Welt sind Men­schen deshalb in ihren Kör­pern gefangen. Und eben das Gefangen­sein in Kör­­pern, die durch Macht-, Wis­­­sens- und Ausschlussmechanismen genormt und ge­formt werden, ist das wahre dysto­pische Moment dieser All-Age-Trilogie.
Manuela Kalbermatten
Buch & Maus 4/2011, S. 31

Mutig, mutig
Lorenz Pauli, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Der Audio Verlag, Publiziert: 2010, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86231-003-6
Schlagwörter: Tiere | Mut/Selbstbewusstsein

Wenn der Mut zur Stille Fehlt

Ein Hörspiel ist ein Gesamtkunstwerk aus vielen verflochtenen Ebenen – wie ein Bilderbuch, das Text und Bild vereint. Was aber geschieht beim Medienwechsel? Regula Stibi* und Manu­ela Kalbermatten haben sich die Bilderbuch-Vertonung «Mutig, mutig» angehört.

Der Körper der Maus ist angespannt bis in die Schwanzspitze. Fest zusammengekniffen hat sie die Augen, während sie rasch durch den Teich krault. Die blaugrüne Unterwasserwelt, viel­gestal­tig und unheimlich, dürfte ih­re Bil­der trotzdem vor ihr inneres Auge werfen: den riesigen Fisch, der sie von unten be­glotzt durch grünen Schlick, oder das namenlose Insekt mit den Kneifern. Je tiefer wir uns in diesem Bild einer kolos­salen, kolossal einsa­men Mutprobe ver­lieren, desto intensiver erscheint das Erleb­nis der Maus. Wortlos, mit nur einem Bild auf voller Dop­pelseite, hat Kathrin Schärer ihre Erfah­rung in «Mu­tig, mutig» (Atlantis 2006) ausgestaltet. Danach wird die Maus an Land gezogen: ein feuchtes Häufchen Fell. Aber sie strahlt. «Mu­tig, mutig!», sagt der Frosch. Wir wissen, was das heisst.
Im Hörspiel des Bayerischen Rundfunks dauert der Tauch­gang der Maus kurze 35 Sekunden. Wir hören, wie sie Luft holt und springt. Wie Frosch, Schnecke und Spatz den Atem anhalten. Und wie die Maus wieder auftaucht. Von ihrem Erleb­nis unter Wasser erfahren wir nichts – trotz atmosphärisch passend hinterlegter Musik. Leider erhält diese keine Zeit, Bil­der zu erzeugen. Anstatt die für das Bilderbuch zentrale Mutprobe auszugestalten, inszeniert das Hörspiel einen Mo­ment der Angstüberwindung: In einem eigens komponierten «Mut­lied» beschwört die Maus alle Gefahren ihres Mäuse­leben he­rauf. Der Sprung ins Wasser ist danach ein Klacks.
Diese Verschiebung des Schwerpunkts illustriert, was beim Medienwechsel pas­siert: Die Bedingungen des neuen Medi­ums wir­ken auf In­halt und Atmosphäre der Geschichte ein, transfor­mieren sie – zur Freude oder zum Ärger der Fans einer Vorlage. In «Mutig, mutig» sind es Schärers Bilder der Tie­re und ihrer aus Lan­geweile verübten Mutproben, die die Handlung vorantreiben, Stimmungen generieren und Figu­ren cha­rak­teri­sieren. Im Hörspiel übernehmen Erzähltext, Dialoge, Musik und Geräu­sche all diese Funktionen – mit unter­schied­licher Wirkung. Die sorgfältige, abwechslungsreiche Instrumentierung und die Komplexität der Lieder – sie sind schnell und am Text orientiert, wenn auch alles andere als eingängig – generieren witzige Portraits von Frosch, Spatz, Schnecke und Maus. Auf der Strecke aber bleibt die Handlung, die durch die Lie­der ge­bremst und dann jeweils schnell ab­ge­spult wird.
Statt Stil­­le auszuhalten und Pausen gezielt einzusetzen, um Span­nung und Dramatik zu erzeugen, füllt eine persön­liche Erzählerin diese Momente mit wenig aussa­gekräftigen Kom­men­taren. Lo­renz Paulis dramatisch-knapper Text wird aus­­ge­­dehnt und verliert so an Prägnanz. Geschwätzig prä­sen­tie­ren sich die Fi­guren, wo sie im Bilderbuch schweigen und stau­­nen; beson­ders in der Schlusspointe, wenn der Spatz sei­ne Mutprobe ablegt und die Bombe platzen lässt: «… ich mach nicht mit.» Peng, das sitzt. Frosch, Maus und Schnecke glotzen im Grossformat. Ohne Worte. Ihr Star­ren ist bedrän­gend und macht jeden Kommen­tar überflüssig. Die Stille ist im Bild greifbar. Die im Hörspiel sogleich fol­genden Ausrufe der ande­ren («ho!» «Er macht nicht mit?» «Ha! Der traut sich was!» «Wow! Mutig, mutig!») dagegen stellen sich in den Dienst einer Botschaft, die dem Kind genau erklärt wird. Dazu wird gar ein Lied nach­gesch­o­ben, das die Verweige­rung als einzige Tugend feiert und den ande­ren Tie­ren das Be­kennt­nis abringt, fortan im eigenen Element zu blei­ben («Ich mach nur, was ich kann und will»). Diese Interpretation steht quer zur indivi­duellen Angstlust der vier Bilderbuch-Mutproben.
«Originaltreue» darf kein Kriterium zur Beurteilung ei­ner Adaption sein – überzeugen muss sie durch innere Stim­mig­keit. Die aber wird hier strapaziert. Wenn die Tiere mit dem Vertrauten so glücklich sind, wie es das letzte Lied sugge­riert – wa­rum langweilen sie sich zu Beginn dann fast zu Tode? Es bleibt der Eindruck, dass das Bilderbuch schlicht als Anlass für eine Musik-CD dien­te. Tatsächlich machen die Lieder Spass, ebenso die Tierfiguren und die Ge­räusch­kulis­se. Lei­der verlie­ren sich diese Qualitäten in der ste­re­oty­pen Abfolge der Sze­nen und Lieder. Dem aufwändig produ­zier­ten Hör­spiel­ fehlt es nicht an originellen Ideen. Aber an Genauigkeit im Um­gang mit Sprache, Handlung, Span­nung. Und am Mut zur Stille.

Buch & Maus Heft 1/2012, S. 16

Geil, das peinliche Foto stellen wir online!
Florian Buschendorff
Verlag: Verlag an der Ruhr (K.L.A.R.), Publiziert: 2010, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8346-0729-4
Schlagwörter: Schule | Gewalt

Josi besucht erst seit kurzem die Klasse 9.2. Ihre neuen Mitschüler lassen keine Gelegenheit aus, ihr zu zeigen, dass sie nicht willkommen ist. Sie bekommt nachts Drohanrufe auf ihr Mobiltelefon, es werden falsche Profile von ihr auf Social Media Plattformen erstellt und es kursieren peinliche Fotos von Josi im Internet.
Josis Eltern nehmen ihre Sorgen lange nicht ernst und meinen, sie müsse endlich lernen, sich zu wehren. Auch der Klassenlehrer verkennt die Tragweite des Problems.
Die einzigen, die Josi mit ein wenig Verständnis begegnen, sind ihre Kollegin Antonia und der Mitschüler Till. Als Till selbst seinen Nebenjob verliert, weil ein peinliches Foto von ihm anonym an seinen Arbeitgeber geschickt wurde, beschliessen Antonia und er nicht weiter tatenlos zuzusehen, wie Josi fertig gemacht wird.
Josis Vater erstattet Anzeige gegen unbekannt und die Polizei erscheint in der Schule. Endlich werden Josis Probleme ernst genommen und es wird allen in Josis Klasse klargemacht, dass Cybermobbing keine Bagatelle ist.

Der Jugendroman beschreibt die psychische Gewalt, die durch Cybermobbing ausgeübt wird. Der Autor geht auch auf den Reiz der vermeintlichen Anonymität in Internetforen und auf Gruppendynamiken innerhalb einer Schulklasse ein.
„Geil, das peinliche Foto stellen wir online!“ liegt bei Bibliomedia Schweiz als Klassensatz vor. Zum Titel gibt es ein Lesequiz und Unterrichtsmaterialien. Auf dem Online-Portal „Antolin“ können weitere Quizfragen beantwortet werden.

Klassenstufen: 7,8,9,10 L

Wenn ich will, hör ich auf
Werner Färber
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2010, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-52430-3
Schlagwörter: Liebe | Sucht

Kai wacht im Krankenhaus auf. Er wurde verprügelt. Er weiss, wer die Täter sind, getraut sich aber nicht, sie der Polizei zu melden. Wie es dazu kam, wird in Rückblenden abwechslungsweise aus der Sicht von Kai, seiner Freundin Mela und Melas jüngerem Bruder Sven erzählt.

Kai kifft täglich und er verkauft auch Gras an andere Schüler. Er verspricht Mela damit aufzuhören, doch er hält sich nicht an sein Versprechen. Das Aufhören fällt ihm deutlich schwerer als gedacht. Mela beendet daraufhin die Beziehung.

Nach einer Razzia an der Schule bricht das Geschäft ein und Kai bleibt auf seinem Stoff sitzen. Deshalb kann er seine Schulden bei den Dealern nicht bezahlen und diese geben ihm deutlich zu verstehen, dass sie auch bereit sind, Gewalt anzuwenden, um ihre Forderungen durchzusetzen.

Nach seinem Krankenhausaufenthalt will Kai endlich mit dem Kiffen aufhören. Mela unterstützt ihn dabei. Zum Schluss erfährt man, dass die drei Jugendlichen ihre Geschichte auf Anraten der Drogenberatungsstelle aufgeschrieben haben.

Diese Geschichte aus der Reihe „short & easy“ zum Thema Suchtverhalten hebt sich durch die unterschiedlichen Erzählperspektiven von ähnlichen Erzählungen ab. Dank der Absatzüberschriften ist dennoch jederzeit klar ersichtlich, wer gerade erzählt.

Das Buch eignet sich als Einstiegslektüre in die Thematik, die Komplexität von Suchtphänomenen wird aber nicht ausführlich behandelt, weshalb der Titel insbesondere als Klassenlektüre zu empfehlen ist.

„Wenn ich will, hör ich auf.“ ist als Klassensatz bei Bibliomedia Schweiz erhältlich, begleitend dazu gibt es ein Lesequiz und Unterrichtsmaterialien.

Klassenstufen: 7,8,9,10 L

Was denkt die Maus am Donnerstag?
Josef Guggenmos
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2010, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-79788-9
Schlagwörter: Sprachspiel

Gedichte für Kinder

„Was denkt die Maus am Donnerstag? – Dasselbe wie an jedem Tag.“ Das bekannte Gedicht, das von den Tagträumen einer kleinen Maus erzählt, gehört zu den Klassikern der Kinderlyrik. Der gleichnamigen Band enthält 121 pfiffige und lebensnahe Gedichte für Kinder und Erwachsene. Viele Gedichte handeln von Tieren, so etwa „Sieben kecke Schnirkelschnecken“, „Der Eisbär“ oder „Der Sperling Roderich“, andere behandeln ganz alltägliche Themen wie das Wetter. Die Natur nimmt im in der ganzen Sammlung einen grossen Stellenwert ein.

Die Gedichtsammlung „Was denkt die Maus am Donnerstag?“ regt zu einem spielerischen Umgang mit Sprache an und eignet sich zum Selberlesen ebenso wie zum gegenseitigen Vorlesen. Die schwarz-weissen Vignetten von Rotraut Susanne Berner ergänzen die kurzen Anekdoten stimmig.
Auf dem Online-Portal „Antolin“ können Fragen zu den einzelnen Gedichten beantwortet werden.

Klassenstufen: 4,5,6

Als die Steine noch Vögel waren
Marjaleena Lembcke
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2010, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-596-80804-5
Schlagwörter: Geschwister | Behinderung | Natur | Familie/Familienformen

Leena und ihr Bruder Pekka wachsen mit vier weiteren Geschwistern in einem finnischen Dorf auf. Pekka ist anders als andere Kinder. Er hat seit seiner Geburt leichte Verwachsungen, und seine Entwicklung scheint verzögert. Pekka lernt zwar sprechen, doch oft versteht man den Sinn seiner Worte nicht. Seine Formulierung „Ich liebe …“ steht für Wohlbehagen, für Glück und für alles Angenehme schlechthin. Und Pekka liebt alles: die Birken, die Tannen, das Gras und die Mützen, die die Leute auf den Köpfen tragen. Eines Tages erkrankt Pekka an Leukämie. Der Plan der Eltern, nach Kanada auszuwandern, um ein besseres Auskommen zu finden, fällt ins Wasser. Stattdessen zieht die Familie auf einen Bauernhof, wo sie Schweine, Hühner und eine Kuh hält. Pekkas unerschütterlicher Glaube, dass Steine früher Vögel waren und auch wieder zu Vögel werden, begleitet ihn leitmotivisch. Als er an einer 1. Mai Feier von einem Stein am Kopf getroffen wird, erklärt er: „Ich habe ja immer gesagt, dass Steine Vögel werden können.“
Pekka ist einfach anders, ja sonderbar, aber Leena erkennt, wie glücklich er alle mit seinen eigenwilligen Gedanken macht. Sie weiss, dass man ihn einfach lieb haben muss. Ein poetisches und berührendes Buch.

„Als die Steine noch Vögel waren“ ist auch als Hörbuch erhältlich. Auf dem Online-Portal „Antolin“ können im Anschluss an die Lektüre Quizfragen beantwortet werden.

Klassenstufen: 7,8,9,10

David Tage, Mona Nächte
Anja Tuckermann, Andreas Steinhöfel
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2010, Seiten: 155, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-35106-7

David (15) und Mona (17) begegnen sich an einem Fest in Berlin. David möchte Mona gerne wieder sehen, aber sie will, dass sie sich zuerst über Briefe näher kennenlernen. David ist am Anfang skeptisch, mit der Zeit wird ihm das Schreiben aber immer lieber. Beide wollen nicht mehr auf das besondere Gefühl verzichten, einen Brief des anderen im Briefkasten vorzufinden. Obwohl David merkt, dass Mona ihm etwas Wichtiges verschweigt. In einem späteren Brief gesteht sie ihm, dass sie mit einem anderen Jungen geschlafen hat.

Die Autorin Anja Tuckermann hat Monas Briefe geschrieben, der Autor Andreas Steinhöfel die von David. Das verleiht diesem Briefroman über die erste Liebe grosse Authentizität.

Das Buch kann gut in kleinen Portionen gelesen werden, das kommt weniger geübten Leserinnen und Lesern entgegen. Es ist auch als E-Book erhältlich. Auf dem Online-Portal „Antolin“ können Quizfragen zum Text beantwortet werden.

Klassenstufen: 8,9,10

Abgemixt
Annette Weber, Hasan Tas
Verlag: Verlag an der Ruhr (K.L.A.R.), Publiziert: 2010, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8346-0731-7
Schlagwörter: Sucht | Musik | Gewalt

Ein autobiografischer Jugendroman

Hasan interessiert sich überhaupt nicht für die Schule, seine grosse Leidenschaft ist Rap.

Bereits mit 13 Jahren ist er der „Herr im Haus“ und kann sich alle Freiheiten herausnehmen. Hasan fühlt sich vom Hip-Hop-Lifestyle angesprochen, er beginnt Drogen zu konsumieren und gerät immer wieder in Schlägereien. Aufgrund seiner Gewalttätigkeit fliegt er schliesslich von der Realschule.

Das Geld, das seine alleinerziehende Mutter in einem Schnellrestaurant verdient, reicht nicht für den Lebensunterhalt. Die ständigen Geldsorgen belasten die ganze Familie. Als ihm eines Tages entfernte Verwandte anbieten, für sie als Drogenkurier zu arbeiten, nimmt Hasan das Angebot an. Das ist der Beginn einer Karriere jenseits der Legalität. Von nun an verdient Hasan sein Geld mit Dealen, Autoknacken, Einbrüchen und Überfällen.

Gleichzeitig nimmt er mit Freunden zusammen seine ersten eigenen Rapsongs auf. In seinen Texten verarbeitet er all die Dinge, die er bei seinen illegalen Aktivitäten erlebt. Dass seine Texte nicht frei erfunden sind, ahnen die wenigsten Leute in seinem Umfeld.

Eines Tages bekommt die Polizei einen Tipp von einem Informanten und Hasan und seine Freunde werden erwischt. Da er bereits auf Bewährung ist, kommt er ins Gefängnis.

Während seiner Haftzeit schreibt Hasan intensiv an seinen Rapsongs. Auch der vorliegende Roman ist im Gefängnis entstanden. Hasan versucht, sich eine neue Perspektive zu schaffen, indem er seinen Hauptschulabschluss nachholt. Ob ihm der Schritt in ein neues Leben wirklich glückt, bleibt am Ende offen.

Die autobiografischen Geschichten der Reihe „K.L.A.R. reality“ werden von Jugendlichen für Jugendliche geschrieben. Sie zeichnen sich durch einen einfachen Aufbau, kurze Kapitel, ein leicht verständliches Vokabular und eine alltagsnahe Sprache aus. „Abgemixt“ erzählt davon wie ein Jugendlicher, angetrieben vom Wunsch nach einem besseren Leben, in die Illegalität abrutscht. Der Roman ist aber auch eine Liebeserklärung an die Musik. Zum Titel sind Unterrichtsmaterialien erhältlich.

Klassenstufen: 7,8,9,10 L

Die 50 ultimativen schwarzen Rätsel
Holger Bösch, Illustration: Bernhard Skopnik
Verlag: Moses, Publiziert: 2010, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89777-328-8
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Rätsel | Spiel

Hier sind Fantasie und schwarzer Humor gefragt! Black stories sind rabenschwarze, knifflige Rätselgeschichten, die man am besten in einer kleinen Gruppe zu ergründen versucht. Ein solches Rätsel könnte zum Beispiel lauten: „Ein Mann starb, weil er einen anderen überraschen wollte. – Warum wohl?“ Die Lösung steht auf der Rückseite der Karte. Um das Rätsel zu knacken, dürfen der jeweiligen Spielleiterin oder dem jeweiligen Spielleiter ausschliesslich Fragen gestellt werden, die mit „ja“ oder „nein“ beantwortet werden können.

Die knapp formulierten Denksportaufgaben trainieren das Textverständnis auf spielerische Art, die Illustrationen auf jeder Rätselkarte erleichtern das Verstehen.
Vom Leseschwierigkeitsgrad könnten die black stories allenfalls auch schon in der Mittelstufe eingesetzt werden, allerdings sind einzelne Geschichten wirklich makaber. Deshalb empfiehlt es sich in diesem Fall, die schwärzesten Rätsel vorher auszusortieren.
Zu den black stories gibt es auch ein App. Es sind mittlerweile 9 verschiedene klassische black stories und diverse Sonderausgaben erschienen.

Klassenstufen: 7,8,9,10

Neon Unnützes Wissen
Michael Ebert, Timm Klotzeck
Verlag: Heyne, Publiziert: 2010, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-453-60177-2
Schlagwörter: Alltag

Weitere 1374 skurrile Fakten, die man nie mehr vergisst

Wie der Titel schon sagt, enthält dieses Buch eine Unmenge an Fakten, die man nicht wissen muss. Auch wenn die gesammelten Informationen nicht überlebenswichtig sind, so sind sie trotzdem interessant und äusserst unterhaltsam: „Beim Tyrannosaurus Rex waren die Nasennebenhöhlen grösser als das Gehirn.“ „Katzen können auf Menschen allergisch sein.“ „Der US-Präsident hat eine eigene Postleitzahl.“ „Heisses Wasser löscht Feuer besser als Kaltes.“ Einige der 1374 enthaltenen Statements erzählen auch kleine Geschichten.

Unlängst hat ein Kandidat in der populären TV-Quiz-Sendung „Wer wird Millionär?“ die Millionenfrage geknackt und dann erklärt, er hätte die Antwort in einem Buch über unnützes Wissen gelesen. Es kann sich bisweilen also durchaus lohnen, vermeintlich unnützes Wissen zu speichern.

„Unnützes Wissen“ versammelt Texte aus der gleichnamigen Rubrik in der Jugendzeitschrift „Neon“. Es ist ein Buch für alle, die sich für skurrile Fakten begeistern können und regt zum schmunzeln, aber auch zum nachdenken an. Der hier vorgestellte zweite Band ist von der grafischen Gestaltung her noch etwas abwechslungsreicher als sein Vorgänger und dank optischen Hervorhebungen auch übersichtlicher.

Zum Titel gibt es eine App, die zusätzlich zu den Fakten auch Quizfragen bereithält.

Klassenstufen: 9,10

Zuckerpass und Blutgrätsche
Christian Eichler
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2010, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-941411-25-8
Schlagwörter: Sport

„Zuckerpass und Blutgrätsche“ ist das etwas andere Fussballbuch, denn hier stehen für einmal nicht Technik, Taktik und Tore im Vordergrund. Der Sportjournalist Christian Eichler erzählt in kurzen Kapiteln verschiedene Geschichten aus der Welt des Fussballs, die sich alle wirklich so ereignet haben sollen. Er beleuchtet historische Momente wie das Wunder von Bern, bei dem die Glocken der Solothurner St.Ursen-Kathedrale eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben, oder die Ereignissen rund um das Wembley-Tor von 1966, das als berühmtestes (Nicht-)Tor aller Zeiten gilt.

Zwei Kapitel erzählen von den Ausnahmefussballern Garrincha und Messi, die es trotz ungünstiger Startbedingungen bis ganz nach oben geschafft haben. Heute würde wohl keiner mehr die Aussage eines argentinischen Profiscouts zu wiederholen wagen, dass der kleine Lionel Messi höchstens fürs Tischfussball zu gebrauchen ist.

Eindrücklich sind auch die Schilderungen über den wohl einsamsten Moment für Fussballspieler: wenn der Spieler zum Elfmeterschiessen antreten und Nervenstärke beweisen muss. Auch peinliche Ereignisse auf und neben dem Platz und die fiesesten Fouls haben Eingang in die Sammlung gefunden.

Wer sich nicht nur für sportliche Erfolge, sondern auch für Hintergründe und Anekdoten interessiert, erfährt hier neue, amüsante Details aus der Welt des Fussballs.

Farbenfrohe Illustrationen lockern den Text auf, die grosse Schrift ist gut lesbar. Auf dem Online-Portal „Antolin“ können im Anschluss an die Lektüre Quizfragen gelöst werden.

Klassenstufen: 4,5,6,7

Die musst du kennen
Knut Krüger
Verlag: CBJ, Publiziert: 2010, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-13889-2
Schlagwörter: Sport

Die besten Fussballspiele(r) aller Zeiten

Der Fussballexperte Knut Krüger hat eine unterhaltsame Sammlung von Kurzporträts der besten Spieler, Mannschaften und Matches aller Zeiten zusammengestellt. Zu jedem Spieler bietet ein kurzer Steckbrief einen Überblick über die wichtigsten Stationen und grössten Erfolge seiner Karriere. Historische Leistungen, witzige Anekdoten, kuriose Ereignisse und Originalzitate sind eine gute Grundlage, um sich auch einmal abseits des Platzes mit Fussball zu beschäftigen. Dass der Autor seine Auswahl nicht begründet, bietet viel Stoff für Diskussionen, wer nun wirklich der Beste ist. Und wenn man schon mal dabei ist, kann man sich auch gleich noch der Frage widmen, wer denn die beste Fussballspielerin aller Zeiten ist, denn dass es auch tolle Fussballerinnen gibt, hat Knut Krüger leider ganz ausgeblendet.

„Die musst du kennen“ ist vom Vokabular her etwas anspruchsvoller zu lesen. Es ist aber ein kurzweiliges Buch zum schmökern und die Leserinnen und Leser können sich auch selektiv mit den Zitaten befassen oder die Steckbriefe miteinander vergleichen.
Auf dem Online-Portal „Antolin“ können Quizfragen zum Titel beantwortet werden.

Klassenstufen: 5,6,7,8,9,10

Scott Pilgrim
Brian Lee O'Malley
Verlag: Panini Manga und Comic, Publiziert: 2010, Seiten: 172, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86607-981-6
Schlagwörter: Alltag | Humor/Komik | Musik

Das Leben rockt!

Scott Pilgrim ist 23 Jahre alt, arbeitslos und spielt in einer Rockband. Er lebt mit seinem homosexuellen Mitbewohner Wallace in einer kleinen Einzimmerwohnung in Toronto und hat eine Vorliebe fürs Nichtstun und für Videospiele. Die meiste Zeit ist es für ihn schon Anstrengung genug, sein Leben einigermassen auf die Reihe zu kriegen.
Als Scott die hübsche und mysteriöse Rollerblade-Kurierin Ramona Flowers trifft, ist er hin und weg. Alles könnte so schön sein, wären da nur nicht Ramonas sieben teuflische Ex-Freunde. Wenn Scott Ramonas Herz erobern will, muss er zuerst die sieben fiesen Typen besiegen. Diese versuchen unter Einsatz ihrer Superkräfte alles, um die Romanze zu verhindern.

Die Geschichte um den Teilzeitrocker Scott ist mit vielen witzigen Dialogen gespickt und wurde bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Scotts Welt ist in schlichtem schwarz-weiss gehalten. Ironie und drastische Übertreibungen prägen den Comic.
Scotts Unvermögen seine Gefühle auszudrücken, macht den sympathischen Teilzeitrocker zu einer Identifikationsfigur für jugendliche Leserinnen und Leser.
Die Auseinandersetzung mit den bösen Ex-Freunden bildet die Rahmenhandlung der Reihe und zieht sich über alle bisher erschienen Bände hin. Zurzeit sind 5 weitere Bände der Serie erhältlich. Zudem gibt es eine Verfilmung aus dem Jahr 2010.

Klassenstufen: 8,9,10

Sommergig
Robert Habeck, Andrea Paluch
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2009, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-71913-1
Schlagwörter: Freundschaft | Musik

Als Tom die Tür zu Raum Nr. 2012 öffnet, findet er sich nicht, wie erwartet, vor seiner neuen Klasse, sondern vor vier Hallelujah singenden Mädchen wieder. “Penny or Dime”, die Schülerinnen-Rockband, zu welcher Tom von diesem Tag an irgendwie dazugehört. Dass er sich in die Sängerin Penny verliebt, ist ebenso naheliegend wie kompliziert, denn Penny hat einen Freund. Eierkalle. Toms Freund. Und auch sonst ist Toms Platz zwischen den Mädchen nicht klar, mal ist er ihr Glücksbringer, mal Blitzableiter. Als die vier Mädchen an einen Musikwettbewerb in Kopenhagen eingeladen werden, machen sie ihm schöne Augen – sie brauchen einen Fahrer. Doch schon auf dem Weg nach Dänemark nehmen die Ereignisse ihren eigenen Lauf, und zwar in eine ganz andere Richtung als sich die fünf vorgestellt haben. Die Stimmung wird drückend wie die Sommerhitze und Tom spürt die Katastrophe so deutlich kommen, wie er ihr hilflos gegenüber steht. Als inmitten von Konzerten, viel Bier, tanzenden Leuten und schwüler Hitze plötzlich der Iraker Jalal auftaucht und ihre Hilfe braucht, steht “Penny or Dime” vor ihrer härtesten Probe.

Mal philosophisch, mal selbstironisch sind die Sätze des Ich-Erzählers. Er bringt die Dinge wunderbar auf den Punkt ohne Angst, selbst nicht gut wegzukommen. Dass im ersten Teil des Buches manchmal Verwirrung aufkommt, weil die Erzähler gewisse Ereignisse vorwegnehmen und auf andere später zurückkommen, macht nichts, denn Sommergig ist brillant erzählt, hat Tiefgang ohne Sentimentalitäten und die Geschichte nimmt mehr als einmal eine unerwartete Wendung. Und die Songs von Penny or Dime können unter www.penny-or-dime.de angehört werden. Denn die Band gibt es wirklich; die Sängerin ist Andrea Paluch selbst.

Patricia Morganti

Das Graveyard-Buch
Neil Gaiman
Aus dem Englischen von Reinhard Tiffert
Verlag: Arena, Publiziert: 2009, Seiten: 310, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-06356-1
Schlagwörter: Tod/Trauer

Die Urban Fantasy etabliert sich auch im deutschen Buchmarkt als Alternative zur traditionellen Fantasy. Kennzeichnend sind weniger spezifische Motive als neue Genremischungen und eine zeitgenössische Situierung. Neil Gaiman machts vor.

Vampire, Werwölfe, Geister, Hexen und Feenwesen schleichen wieder vermehrt durch Werke der fantastischen Literatur. Auffallend ist, dass viele der illustren Figuren, die früher vor allem in Gruselgeschichten oder Horrorfilmen vorkamen, nun auch “entgruselt” auftreten. Oft werden sie sogar zu HeldInnen oder zumindest zu SympathieträgerInnen der jeweiligen Geschichten, sodass man sie nicht mehr einwandfrei dem Horrorgenre zurechnen kann.

Als Genrebezeichnung setzt sich allmählich der Begriff der Urban Fantasy durch, der ein Sammelsurium an Werken einschliesst, die sich nicht klar bisherigen Genres zuteilen lassen. Neben der Verwendung fantastischer Figuren aus unterschiedlichen Erzähltraditionen bietet die Genrebezeichnung vor allem eine Alternative zur Fantasy in der Tradition J. R. R. Tolkiens, die in einer geschlossenen fantastischen Welt stattfindet, mit unserer Welt jedoch keinen Kontakt hat. Der Name ist dabei durchaus Programm, spielt die Urban Fantasy doch vorrangig in zeitgenössischer, städtischer Umgebung, die ohne weiteres der Welt der LeserInnen entsprechen könnte. Nicht selten wird sogar behauptet, es handle sich um unsere Welt, in der fantastische Elemente – seien dies Magie, Monster oder übernatürliche Ereignisse – nur einen Wimpernschlag entfernt existieren.

Der britische Autor Neil Gaiman gilt als wichtiger Vertreter der Urban Fantasy, hat er doch mit seinen Romanen “Niemalsland” und “American Gods” genreprägende Werke geschaffen, die gekonnt mit der Topografie Londons bzw. US-Amerikas spielen und sich damit die Urbanität förmlich einverleiben. Auch sein “Graveyard-Buch” spielt in einer (vor-)städtischen Umgebung und zeigt – ganz typisch für Urban Fantasy – eine fantastische Welt innerhalb unserer normalen Realität: Als der kleine Nobody “Bod” Owens auf einen verwilderten Friedhof krabbelt, gelangt er in eine Art Nebenwelt, wo er von Geistern, einem Vampir und einer Werwölfin grossgezogen wird. Gleichzeitig bleibt er aber Teil der normalen Welt, da der Friedhof für jeden Menschen zugänglich ist.

Wer jedoch nicht wie Bod Ehrenbürger des Friedhofs ist, kann die Geister nicht sehen. Die magisch-fantastische Ebene der Urban Fantasy existiert zwar innerhalb unserer Welt, ein Übertritt von der einen in die andere setzt aber – ähnlich wie in Texten der Romantik – das konkrete Wissen darüber voraus. Für Nichteingeweihte sind die fantastischen Wesen und Ereignisse lediglich Motive aus Mythen, Sagen und Märchen, an die längst nicht mehr geglaubt wird. Eingeweihten tun sich dafür fantastische Welten auf, die es gemeinsam mit den Lesenden zu erkunden gilt. Im Spannungsfeld von Vertrautem und Unerhörtem, von Realem und Fantastischem liegt der besondere Reiz der Urban Fantasy. Bekannte literarische und filmische Stoffe werden mit Neuem zu einem bunten Flickenteppich verwoben, in dem sich Realismus und Fantasie schaurig-schön verbinden lassen.

Petra Schrackmann

Fantastische Literatur braucht Grenzen, damit sie ihr Spiel mit Genres und Motiven auskosten und immer wieder neu erfinden kann. Grenzen, die man überschreiten kann, aber auch solche, an denen nicht zu rütteln ist. Das Subgenre der Urban Fantasy nimmt kleine Verschiebungen vor.

Der Tod ist die Grenze. Dort hört alles auf, dort kommt die Magie jeder fantastischen Welt an ein Ende. Selbst Albus Dumbledore, der gelehrteste, erfahrenste unter den Weisen im “Harry Potter”-Universum, ist mit seinem Hogwarts-Latein am Ende, wenn es ums Sterben geht, und er kann es nicht genug betonen: Sterben muss jeder. In der fantastischen Kinder- und Jugendliteratur geht es zwar um Übergänge von einer bekannten in eine oder viele unbekannte Welten, doch die Grenzen zwischen Lebenden und Toten scheinen tabu zu sein. Ausflüge ins Totenreich gehören zwar dazu, doch wie in der griechischen Mythologie ist es Harry Potter oder Lyra (aus Philip Pullmans Trilogie “His Dark Materials”) wohl möglich, im Jenseits an geheimes Wissen zu kommen, doch was tot ist, bleibt tot, unwiederbringlich.

Für das neue Subgenre der Urban Fantasy sind solche Tabus willkommene Herausforderungen, um neue Zonen des Erzählens auszuloten. In seinem “Graveyard-Buch” beschreibt der britische Kultautor Neil Gaiman, dessen Kinderbücher hierzulande noch zu entdecken sind, einen Friedhof als fantastische Parallelwelt – unter den toten BewohnerInnen geht es fast genauso zu wie in der “Realität”. Es gibt ehrenwerte BürgerInnen und AussenseiterInnen, doch alles in allem hält man im Totendorf zusammen.

Als eines Nachts ein zweijähriges Kleinkind, dessen Familie von einem kaltblütigen Mörder umgebracht worden war, zufällig und in lebendigem Zustand auf den Friedhof gelangt, beschliessen die Toten, dem Kleinen Schutz zu gewähren und ihn aufzuziehen – getreu dem afrikanischen Sprichwort, dass es ein ganzes Dorf brauche, um ein Kind zu erziehen. Ein seit über zweihundert Jahren glücklich verheiratetes Paar nimmt den Jungen in seiner Gruft auf und umsorgt den Jungen, Nobody Owen, kurz Bod, mit Namen, liebevoll.

“Da”, heisst es in der deutschen Übersetzung, als uns der Erzähler zum ersten Mal auf den Friedhof und in die Parallelwelt der Toten führt; ein Zeichen dafür, dass es von diesem Moment an nicht mehr nur die beiden Sichtweisen der Lebenden und der Toten gibt, sondern eine dritte. Im Englischen Original – “look” – verstehen wir gleich, dass es sich um eine Frage der Perspektive, des Blicks handelt. Die Toten sehen kann nur, wer nicht eindeutig den Lebenden zugeordnet ist, also Untote (die gibt es auch, es sind Vampire, Werwölfe und Anverwandte), Ehrenbürger des Friedhofs – und kluge LeserInnen.

Als Ehrenbürger kann Bod die Toten nicht nur sehen, mit ihnen reden, von ihnen lernen (die alten Dorfschulmeister sind froh, ihr Wissen endlich wieder ans Kind bringen zu können), sondern er eignet sich gewisse Fähigkeiten der Geister an. Unsichtbar machen kann er sich, was sich als grosser Vorteil erweisen wird, wenn es darum geht, Abenteuer zu bestehen. Denn die verhandelbare Zone zwischen Leben und Tod, die Bod betritt, wird, wie alles Magische und Mächtige in der fantastischen Literatur, von einer ganz dem Bösen geweihten geheimen Bruderschaft missbraucht. Sie verfügt, im Gegensatz zur offiziellen westlichen Kultur, schon seit dem Altertum über geheimes Wissen, “eine ganz besondere Magie, eine Magie, die sich dem Tod verdankt”. Die Grenzen müssen deshalb im Interesse der Menschheit verteidigt werden; die Ambivalenz wird zugunsten der Eindeutigkeit unterschlagen. Hier biegt der abenteuerlustige Neil Gaiman wieder ein in die Tradition der fantastischen Kinder- und Jugendliteratur; Bods untoter Mentor Silas ist ganz Dumbledores Meinung, was die Jenseitsdisziplin betrifft. Am Ende der Adoleszenz verliert Bod, auch hier ganz traditionsgetreu, die magischen Fähigkeiten des kindlichen Schwellenwesens. Entwickeln kann sich nur, wer die Schwelle überschreitet und sich für eine Welt, eindimensional, wie sie ist, entscheidet.

Auf der Ebene der Motive und der Erzählung bringt Gaimans Spiel mit Übergängen neuen Wind ins fantastische Genre – doch die Entwicklung des heranwachsenden Helden bleibt dem Schema des Bildungsromans verpflichtet. Denn was Bod am meisten vermisst auf seinem Friedhof, sind Begegnungen mit dem Anderen – und Bücher, Bücher, Bücher.

Christine Lötscher

Garmans Sommer
Stian Hole
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Verlag: Hanser, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23314-8
Schlagwörter: Schule | Abschied

Die erste Doppelseite im Buch ist himmelblau mit einem einzigen Wölkchen. Sie mag für Garmans Sorge stehen, denn es ist sein letzter Sommer, bevor die Schule anfängt. Und die Ungewissheit macht ihm zu schaffen. Er befragt seine alten Tanten, die wie jedes Jahr zu Besuch kommen, und die haben tatsächlich auch ihre Ängste (ausser die demente Tante Augusta, denn wer alles vergisst, denkt sich Garman, hat auch vor nichts Angst!). Sogar seine Eltern haben Angst: Papa vor seinen Konzertauftritten und Mama vor dem Zahnarzt sowie davor, dass Garman auf dem Schulweg die grosse Strasse überqueren muss. Die letzte Doppelseite ist auch himmelblau, aber jetzt stark bewölkt. Tatsächlich konnten seine Nachforschungen und überhaupt der ganze Sommer Garman die Angst nicht nehmen. Schliesslich hat er immer noch keinen Wackelzahn und weiss immer noch nichts von dem, was ihn erwartet. Im Gegensatz zu den blöden Nachbarszwillingen, die breite Zahnlücken haben und schon ganz schwierige Wörter schreiben können.
Das faszinierende Bilderbuch ist konsequent aus kindlicher Sicht geschrieben und illustriert. Garman versteht die Erwachsenen nicht, die Welt ist ihm zu gross, er ist allein. Und dennoch entlässt uns das Buch mit dem guten Gefühl, dass er gut auf die Schule vorbereitet ist – er weiss es nur noch nicht.
Stian Hole, norwegischer Artdesigner, montiert Fotos und Grafiken zur stark verfremdeten (Gedanken )Welt des kleinen Garman. Er entwickelt dabei seinen eigenen Kunterbunt-Stil, indem er verschiedene Kunst- und Designströmungen zitiert, wunderbar übertreibt und als oberstes Prinzip Humor einsetzt, der auch und gerade im Zusammenspiel von Bild und lakonisch knappem Text brilliert.
Bruno Blume

Jumbojet
Heinz Janisch, Illustration: Søren Jessen
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-905871-02-5
Schlagwörter: Fantasie

Zwei Jungs sitzen, begleitet von ihrem Hund, auf einer Bank. Der Erzähler sagt „Mega-Zug“, beide halten sich die Ohren zu, denn schon rast ein Hightechzug an ihnen vorbei. Theo sagt „Piraten mit Totenkopf“ und eine kahlschädelige Bande von Piraten mit furchterregend breiten Schultern samt Papagei defiliert vor ihnen. Nach dem Stichwort „Ein Cowboy“ verstecken sich die beiden hinter der Sitzbank vor dem Lassowurf eines grimmigen Sherifs. „Eine Turboschnecke mit Düsenantrieb“ reisst sie beinahe von ihrem Aussichtspunkt weg. „Ein blauer Elefant“ stellt sich über die Knaben und zerrt einen Kirchturm aus dem Boden. So bleibt die Zeit stehen. Es ist ein „Luftwal“, der die Jungs schliesslich doch in die Realität zurückbringt. Er lässt den Himmel ergrauen. Es ist die graue Arbeitswelt, aus der die Eltern nach Hause kommen. Aber die Jungs wissen, morgen schon werden sie wieder auf ihrer (Er)finderbank auf der saftig grünen Wiese sitzen und sich ihre eigene fantastische Welt erfinden.

Heinz Janisch erzählt mit wenigen Sätzen von der Kraft der Fantasie, die jedes Computergamen in den Schatten stellt und Søren Jessen inszeniert Janischs Steilpassvorlagen in grossflächigen, malerischen Bildern. Mal steht die Bank, von der aus die Knaben ihr Spiel spielen, mitten im Strassengewirr, mal auf einer Insel. Immer wird klar, hier werden Türen aufgestossen zu Räumen, die allein der kindlichen Fantasie geschuldet sind. Die suggestiven Bilder laden auch kleinere Betrachterinnen und Betrachter zum Verweilen ein und werden Kindergartenkinder anregen, das Spiel der beiden Jungs auf ihre Art weiterzutreiben.

Christine Tresch

ABC 3D
Marion Bataille
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2009, Seiten: 38, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51710-X
Schlagwörter: Sprachspiel

Das A entfaltet sich und wird zum dreidimensionalen Blickfang. Das B nimmt Gestalt an, indem sich beim Wenden der Buchseite zwei Halbkreise aus einer Senkrechten schieben, während sich das C beim Umblättern dank eines raffinierten Klappmechanismus in ein D verwandelt. Seite um Seite formen sich die 26 Buchstaben.

“ABC 3D” – der nüchterne Titel und die schlichte Aufmachung mögen auf den ersten Blick täuschen. Sobald man aber das kleine Pop-up-Buch öffnet, entfaltet sich buchstäblich eine neue Welt. Dank Zug- und Schubeffekten, geschickten Faltungen und verschiedenen Mechanismen entsteht das Alphabet. Hier wurde gestanzt, gefaltet, geklebt und geschnitten. Es gibt Scheiben, die sich drehen, sowie eine transparente Seite, und das U wirkt wie ein architektonisches Modell für ein filigranes Bauwerk. Dank einer Spiegelfolie wird gleich jedem klar, dass das W eigentlich ein Doppel-V ist – “double-v” wie es eben auf Französisch, der Muttersprache der Künstlerin Marion Bataille, genannt wird.

Der Grafikerin ist mit diesem handlichen Büchlein ein kleines Kunstwerk gelungen. Durch die reduzierte, aber kontrastreiche Farbgebung in Weiss, Rot, Schwarz lenkt sie den Blick der Betrachtenden ganz auf die Formen. Ob ABC-Schützen, ältere Kinder oder kunstinteressierte Erwachsene: Gespannt werden die Seiten gewendet, denn man weiss nie, auf welche Weise einem der nächste Buchstabe entgegenspringt. Überraschend, von A bis Z.

Katrin Ruchti-Fehr

Rate, wer ich bin!
Francesco Pittau, Bernadette Gervais
Verlag: CBJ, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-13623-X
Schlagwörter: Tiere

Das grosse Tier-Entdeckerbuch

Warnung: Dieses Buch könnte Sie erschlagen! Diese 28x38x1,5 cm sind nicht von Pappe, aber doch aus weissem Halbkarton und haben ein so spannendes Innenleben, dass man nicht nur über Gewicht und Grösse staunt, sondern sich auch vom Inhalt überwältigen lässt. Das Autor/Illustratorin-Team verlässt sich auf die Kombination einfacher grosser Klappen mit dahinter versteckten Tierbildern. Der Weg zum jedem Tier erfolgt in fünf Varianten: Zu Beginn sind es Scherenschnitte, dann folgen Fellzeichnungen bzw. Augen und Schwänze und schliesslich Tierspuren, die das Ratespiel auslösen.
Das Buch macht nie den Versuch, sich strikte an Sachlichkeit zu halten, darum ist es ja, wie vom Verlag richtig ausgewiesen, ein Tier-Entdecker- und kein Tier-Sachbuch. Das eigenwillige Buch verzichtet völlig auf Glitzer- oder Streicheleffekte, Grössenverhältnisse der Tiere sind auch nicht wichtig – was für jüngere Kinder eine kleine Hürde sein dürfte beim Raten –, eine Beschränkung auf einen Lebensraum schon gar nicht. Doch dieses Buch schafft, was vielen anderen misslingt: Es schärft beim Betrachter den Blick für ein Detail (Augen, Fellstruktur), macht Lust, die eigenen Hirnzellen in Bewegung zu setzen, und entlockt uns dabei so manches Ah und Oh. Das Riesenformat sollte man als Aufforderung verstehen, das Buch am Boden liegend mit Kindern zu betrachten und die Dimensionen beim Ausklappen wirklich zu geniessen… und dabei nur noch im übertragenen Sinn erschlagen zu werden.
Barbara Jakob

Zebra, Zecke, Zauberwort
Jürg Schubiger, Illustration: Isabel Pin
Verlag: Hammer, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0226-7
Schlagwörter: Humor/Komik | Sprachspiel

In der modernen Kinderliteratur ist das Genre des ABC-Buches zum Spielfeld geworden von findungsreichen AutorInnen und nicht minder innovativen IllustratorInnen. Jürg Schubiger und Isabel Pin stellen sich mit “Zebra, Zecke, Zauberwort” in diese Traditionsreihe. Und sie tun es auf fabelhafte Weise. Da sind Jürg Schubigers Zweizeiler – zu jedem Buchstaben einer –, die das unterste Viertel der Seiten für sich beanspruchen. Und da sind Isabel Pins Bilder, die den Rest der Doppelseiten ausfüllen und das Kunststück vollbringen, Verspaare miteinander zu verbinden, die nichts miteinander zu tun haben. So steht “Elfen sind sehr wohlgestaltet, / Echsen irgendwie veraltet.” neben “Friede, Freude lasst herein, / Frust und Furz dagegen: nein.”

Pin zeichnet eine Waldlandschaft, in der auf der einen Seite eine rothaarige Elfe auf dem Schwanz einer strickenden Echse in den Bäumen schaukelt und auf der anderen Seite ein Waldhaus, in dem eine Geburtstagsparty gefeiert wird und der griesgrämige Fuchs und das pupsende Schwein (vorläufig) noch keinen Einlass erhalten.

Schubigers rhythmische Verse werden angetrieben von Stab- und Endreimen. Er schafft es auf zwei Zeilen ganze Denkbilder entstehen zu lassen. Etwa, wenn es unter “I” heisst: “Indien liegt so fern von hier / in der Tat, nah sind nur wir.” und Isabel Pin das Fernweh konterkariert mit drei fliegenden indischen Elefanten. Nonsens und Philosophie, Abstraktion und Symbolhaftigkeit, Reduktion und und Farbigkeit in Text und Bild. Jede Seite ein Spiel, jeder Vers ein Herzwärmer, auch der vom Wal: “Wale suchen in den Meeren / wie verrückt nach Heidelbeeren.” Wohl bekomms.

Christine Tresch

3 Katzen
Helga Bansch
Verlag: Residenz, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7017-2049-5
Schlagwörter: Alltag | Humor/Komik | Familie/Familienformen

“An einem eiskalten Wintertag standen sie plötzlich vor unserer Tür. Abgemagert und verlaust, mit struppigem Fell, zitternd, leise maunzend und sehr arm.” Die Geschwister bitten und betteln. “Wir wollten sie behalten – unbedingt!” Papa ist dagegen. Aber Mama meint, “versuchen wir es!” Und so dürfen die drei Findelkinder bleiben.

Den “3 Katzen” steht schon auf dem Titelbild der Schalk in die Gesichter geschrieben. Und so halten sie ihre neuen BesitzerInnen mit ihren Launen, jeder Menge Unfug, blinder Zerstörungswut und wilden Verfolgungsjagden auch schon bald reichlich auf Trab. In Wort und Bild hat Helga Bansch den turbulenten Alltag einer vierköpfigen Familie eingefangen. Die drei Katzen werden liebevoll aufgepäppelt, gehätschelt und verwöhnt. Doch als sie den Tanten beim Kaffeeklatsch nicht nur die Feinstrumpfhosen zerreissen, sondern ihre spitzen Krallen auch noch in deren kunstvoll frisierte Köpfe bohren, reicht es Mama: “So habe ich mir das nicht vorgestellt. Diese Katzen sind eine richtige Plage! Vielleicht sollten wir doch einen neuen Platz für sie suchen.” Zu spät. Denn die drei Stubentiger haben sich einen festen Platz im Herzen aller erobert. Selbst Papa, der inzwischen sogar ein T-Shirt mit Fotos der drei Katzen trägt, will sie nicht mehr hergeben.

Dem Charme der doppelseitigen Illustrationen – mit viel Schwung und Dynamik gezeichnet und in Pastelltönen behutsam koloriert – kann man sich nicht entziehen. Situationskomik schwingt mit und stets auch, wie sehr die drei Katzen allen ans Herz gewachsen sind. Ein warmherziges Bilderbuch, in dem es viel aus dem eigenen Familienleben mit Tier(en) wieder zu entdecken gibt und das nur zu verständlich macht, warum auf so manche Plagegeister einfach nicht mehr verzichtet werden kann.

Andrea Duphorn

Das schwarze Buch der Farben
Menena Cottin, Illustration: Rosana Faría
Aus dem Spanischen von Helga Preugschat
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2009, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85305-2
Schlagwörter: Fantasie

Seinem Titel macht das Buch alle Ehre: Es ist schwarz von vorne bis hinten. Die Schrift ist in Grau gehalten und im Streiflicht werden auf der unteren Seitenhälfte des Titelblatts Strukturen sichtbar, die zum Tasten einladen. Beim Öffnen des Buches bleibt die schwarze Seitenfarbe allgegenwärtig, Braille-Punkte gesellen sich zum metallic-grauen Text und jede Doppelseite präsentiert ein „Fühlbild“. Auf den schwarzen Seiten werden Farben erzählt durch Assoziieren mit Gerüchen, Geräuschen und Tastempfindungen: Rot ist süss und saftig, das Fühlbild zeigt eine Erdbeerstaude.

Die Idee ist faszinierend – mit einer Geschichte Farben nichtvisuell erklären und daraus ein Buch machen, das sowohl sehende, sehbehinderte und blinde Menschen lesen können. Für eine sehbehinderte Person ist das Buch allerdings wenig ansprechend, denn die schwarz auf schwarz aufgespritzten Fühlbilder wirken blass und reizlos. Unter den Fingern ist es klebrig und riecht unangenehm nach Chemie. Der metallic-grau auf schwarzem Grund gedruckte Text hat einen angenehmen Kontrast, ist aber in der vorliegenden Schriftgrösse nur mit Lupe lesbar.

Die geprägten Braille-Zeichen haben zu flache Punkte. Schade, denn für LeseanfängerInnen ist eine gute Druckqualität wichtig. Das Braille-Alphabet am Ende des Buches ist eine gute Idee – jedoch sind bei der Gegenüberstellung von Schwarzschrift und Braille-Zeichen Verschiebungen nicht korrigiert worden. Trotz den verbesserungsfähigen Aspekten in der Umsetzung erzählt das Buch eine inspirierende Geschichte und fördert das individuelle Erleben von Synästhesie.

Susanne Wagner / Maja Hoffmann, Medienverlag der Schweizerischen Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte, Zürich

Der Bär mit dem Schwert
Davide Calì, Illustration: Gianluca Folì
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0578-4

So wie dieser Bär möchten doch viele Knaben sein: riesig gross, stark, autark und stolz auf das eigene, tolle Schwert, mit dem man alles zerschlagen kann. Sogar einen ganzen Wald kann der Bär damit in Stücke hauen. Und als ein Dammbruch sein eigenes Haus zerstört, stellt er seine richterliche Befähigung keinen Moment in Frage und nimmt sich vor, den Schuldigen mit seinem Schwert zweizuteilen. Donnernd zieht er über die Waldtiere her, die dem Schwert nur entkommen, indem sie die vorgeworfene Schuld in der Ereigniskette weitergeben: Die Biber haben den Damm nicht kontrolliert, weil ein Babirusa sie erschreckt hat, das aber von den Pfeilen des Fuchses getroffen wurde, der alterskurzsichtig die Vögel schiessen wollte, die sein Obst frassen. Die Vögel aber waren nur so aufgeregt, weil jemand – WUMM und BUMM – alle Bäume umgehauen hat. Der Bär erkennt den Wald und hört die Vögel: "Suche den, der das gemacht hat."
Dass der Bär nur sich selbst bestrafen kann, sehen er und die Kinder ein. Und dass der Bär nun allen Tieren hilft, neue Bäume aussät und schliesslich mit seinem Schwert aus den Baumstämmen Bretter haut, um damit ein Haus zu bauen für sich und die Vögel, ist ein guter Ansatz – vor allem die positive Nutzung des Schwertes. Aber damit ist weder der Schaden behoben noch seine Irreparabilität betont.
Der Bär wird am Schluss als echter Held gefeiert. Das könnte vielen Knaben den Zugang zur eigentlich positiven Aussage des Buches verbauen, denn am meisten Hallo ruft die zerteilte Sonne hervor, die nur so im Bild vorkommt. Auch sonst schiesst die an sich spannende Illustration etwas übers Ziel hinaus und lässt den Kindern zu wenig Raum für eigene Interpretation und Erkenntnis.
Bruno Blume

Guten Tag, danke und auf Wiedersehen
Andrej Usatschow, Illustration: Pierre Thomé
Aus dem Russischen von Simone Peil
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-01610-7

Sonja möchte ein wohlerzogenes Hündchen sein und alles richtig machen. Fröhlich und mit Schleife auf dem Kopf hüpft sie die Treppe runter direkt auf einen betagten Dackel zu. Der nimmt sie auch schon ins Visier: “Alle wohlerzogenen Hündchen grüssen, wenn sie jemandem begegnen!” – “Guten Tag!”, ruft Sonja fröhlich, wedelt mit ihrem Schwänzchen und läuft weiter. “Alle wohlerzogenen Hündchen sagen Danke, wenn sie einen guten Rat bekommen!”, tönt des alten Dackels strenge Stimme nochmals. “Danke!”, ruft Sonja dem langen Dackelrücken entlang. Und wie sie gerade den Schwanz des alten Dackelherrn passieren will, bellt dieser: “Alle wohlerzogenen Hündchen sagen auf Wiedersehen!” “Auf Wiedersehen!”, ruft Sonja laut in Richtung Dackelkopf. Glücklich darüber, dass sie jetzt die Regeln des guten Tons kennt, lässt Sonja keine Gelegenheit mehr aus, höflich zu sein: “Guten Tag, danke und auf Wiedersehen!” sagt sie allen Hunden, denen sie begegnet. Dumm nur, dass diese zu kurz sind und Sonja schon an ihnen vorbei ist, ehe sie es schafft, alles zu sagen.
Die penetrante Höflichkeit des kleinen Dackelmädchens kann einem als LeserIn etwas auf die Nerven gehen. Es sei denn, man kann sich darüber freuen, dass das Hundemädchen naiv genug ist, sich von der altklugen Erziehungsmanier des Dackels nicht kränken zu lassen. Gelingt das, wird man über die Geschichte wie über die perfekt passenden Bilder (über-)eifriger Hunde schmunzeln können. Gelingt das nicht, wird man das Buch genauso schnell vergessen haben, wie man es gelesen hat. Es sei denn, man hat eine Schwäche für kleine naive Hündchen.
Patricia Morganti

Charlie zieht aus! / Charlie steckt fest!
Hilary McKay
Aus dem Englischen von Sabine Ludwig
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2009, Seiten: 76, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-59-685345-8
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Ein Riesenspass ist es, davon zu lesen, was dem siebenjährigen Charlie und seinem Freund Henry alles einfällt! Und Verbote bringen die beiden erst recht auf Ideen. Die CD aus der Cornflakes-Packung landet in Vaters Computer, der Katze bekommt einen Fallschirm und die Nacht, die Henry bei Charlie verbringen darf, wird für eine chipsselige „Pyjamaparty“ und einen Ausflug in den taufeuchten Garten genutzt, der allerdings kläglich endet: Charlie bleibt beim Zurückkriechen ins Haus in der Katzentür stecken …
Es sind nicht „Streiche“, die schadenfroh inszeniert werden, sondern die „prima Ideen“ von zwei Buben, die nicht verstehen können, weshalb die Erwachsenen sich ständig aufregen, so dass Charlie sich schliesslich zum Ausziehen gezwungen sieht. Mit Spardose, Flohpulver, Playstation und Fernseher macht er sich auf, kommt aber nur bis hinter den Schuppen; und als es zu regnen beginnt, schleicht er weiter zu Henry und versteckt sich in dessen Zimmer. Doch die „steinalten“ Eltern zeigen sich der Situation gewachsen. Sie haben trotz der ständigen Katastrophen den Humor noch nicht verloren und die Klugheit, ihn zu nutzen – das erdet die konsequent aus Kindersicht erzählten turbulenten Episoden liebevoll.
Verena Stössinger

Rita das Raubschaf
Martin Klein, Illustration: Ute Krause
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2009, Seiten: 88, ISBN/ISSN/EAN: 3-939944-24-6
Schlagwörter: Freundschaft

Rita ist anders. Sie sieht zwar aus wie ein Schaf, doch das Leben auf der Weide ist ihr viel zu langweilig; sie träumt von einem Leben als Freibeuterin auf den Ozeanen dieser Welt. Leider gibt es kein anderes Schaf, mit dem sie über ihre Pläne reden könnte, also geht sie allein ans Werk. Dass nicht weit entfernt, in einer Stadt, ein Meerschweinchen namens Ruth lebt, das sich durch die Sachbuchlektüre seines Besitzers weiterbildet in Fragen der Freibeuterei, wagt Rita noch gar nicht zu träumen.
Bald begegnen sich die beiden, das Schaf mit dem Raubtierblick und das gefährlich knurrende Meerschwein, und gemeinsam brechen sie aus den vorgegebenen Rollenmustern aus. Schon bald wird ihr Piratinnenleben sehr gefährlich, denn sie müssen sich gegen eine Band von Hunden behaupten. Was sie nicht erwartet hätten, ist dass die Hunde ein Kamerateam auf der Suche nach HauptdarstellerInnen sind – für einen Piratenfilm. Gefährlicher als mit Ruth und Rita könnten die Hauptrollen nicht besetzt werden … Und Ute Krause findet witzige Bilder für Martin Kleins Geschichte der beiden wilden Mädchen, die Grenzen und Zäune verwegen hinter sich lassen. So gefährlich wie die beiden, denken sich die kleinen ZuhörerInnen oder LeserInnen, bin ich bestimmt auch.
Christine Lötscher

Müller hoch Drei
Burkhard Spinnen
Verlag: Schöffling, Publiziert: 2009, Seiten: 292, ISBN/ISSN/EAN: 3-89561-043-7
Schlagwörter: Humor/Komik

Kinderbücher, das wissen wir nicht erst seit “Pippi Langstrumpf”, kommen erst richtig in Fahrt, wenn die Eltern aus dem Weg sind. In seinem neuen Roman für Kinder spielt Burkhard Spinnen das alte Schema mit neuen Vorzeichen durch: Pauls Eltern trennen sich – und zwar von ihm. Sie verschwinden auf eine Weltreise und überlassen den unselbstständigen 14-Jährigen sich selbst und einem Haus voll gelber Zettel. Die liest Paul allerdings nur nachlässig in seiner Verzweiflung. Sonst hätte er gleich erfahren, dass seine Eltern einen kleinen Scherz mit ihm getrieben haben. Stattdessen stürzt er sich als ernster Held ins Abenteuer, beziehungsweise, das Abenteuer sucht sich ihn ganz von selbst. Zunächst in Form eines durch und durch rosa gekleideten Mädchens, das nicht nur Paula heisst, sondern auch noch behauptet, Pauls Zwillingsschwester zu sein. Bald stellt sich heraus, dass sie recht hat, Tante Elke weiss sogar noch mehr: “Ihr wart nicht zu zweit, sondern zu dritt. Du und zwei Mädchen. Deine Mutter hat euch nach der Geburt etwa drei Minuten lang angeschaut und sich dann entschieden geweigert.” Also geht die Suche nach der Dritten im Bunde los, die, man ahnt es, Pauline heisst.
So originell und verrückt Burkhard Spinnens Ideen auch sein mögen in diesem Buch: es gelingt ihm nicht, daraus eine Geschichte zu machen, die trägt und eine Dynamik entwickelt, die über das Anekdotische hinaus einen Sog entwickeln würde. Der Ton ist zwar schön ironisch, aber zu distanziert, als dass man Pauls Nöte wirklich ernst nehmen könnte – und das müsste man zumindest teilweise, denn Humor muss auch ein bisschen weh tun.
Christine Lötscher

Die fantastischen Abenteuer des Pan Tau
Ota Hofman, Jindrich Polak
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2009, Seiten: 280, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-34746-9
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Pan Tau ist ein verschwiegener Verbündeter, der mit tänzerischer Geste auf seiner Melone einen Weg aus verfahrenen Situationen findet. Er ist der Held einer tschechischen Kinderserie, die in den 1970er-Jahren im Fernsehen lief. Ota Hofman und Jindrich Polak haben sich die Geschichten um die Figur ausgedacht, die mal als kleines Püppchen auf ihrem Flugmobil herbeischwebt, mal als grosser Mann mit Regenschirm auftaucht, wenn Kinder daran leiden, dass die Umwelt nicht ihren Bedürfnissen entspricht.

Mit der charakteristischen Geste an seiner Melone zaubert der gütige Stumme eine für Schlitten geeignete Schneelandschaft an die Stelle eines grauen, städtischen Hinterhofs. Dem gemeinen Hundefänger zahlt er es heim, indem er ihm sämtliche Würste vom Teller in die Hundezwinger zaubert und die daraus entstehende Verwirrung nutzt, um die Hunde zu befreien.

Die einzelnen Kapitel lassen sich als witzige, in sich geschlossene Episoden geniessen. Verfolgt man den Helden durch alle Kapitel, steigt die Spannung, da er in die Hände eines ruchlosen Pfandleihers gerät, der mit Pan Taus Melone nur eigennützige Ziele verfolgt.

Folke Tegetthoff, ein Märchenerzähler mit viel Erfahrung, erzählt die Geschichte nach. Er nimmt die LeserInnen an der Hand, geht von der heutigen Erfahrungswelt mit Spaceshuttle und Astronautendress aus und führt zum Mann im schwarzen Anzug auf seinem altertümlichen Flugschiff aus der Welt der grenzenlosen Fantasie. Deshalb funktioniert das Buch als Vorlesebuch. Offen bleibt, ob Kinder, die das Buch selbst lesen möchten, der mäandernden Erzählweise und den zahlreichen ungewohnten Ausdrücken folgen können.

Francesca Micelli

Hexenheim Horizont
Marjaleena Lembcke, Illustration: Stefanie Harjes
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2009, Seiten: 123, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00984-7

Auch Hexen werden alt – und dann ist es fertig mit Hexen und auf dem Besen durch die Gegend fliegen. Die Bewohnerinnen von Haus “Horizont” haben das 850ste Lebensjahr überschritten. Sie schwelgen in Erinnerungen, hegen alte Freund- und Feindschaften. Eine kunterbunte Gesellschaft ist das: Hexe “Gala Gebiss” freundete sich in jüngeren Tagen mit Vampiren an und besucht diese immer noch regelmässig; Hexe Omena benimmt sich zuweilen ganz unhexisch und weint; Hexe Hanna Herrlich hatte einst einen Schönheitswettbewerb gewonnen und zehrt noch heute von diesem Erfolg. Als eines Tages die beiden Junghexen Feenlili und Bumbumel Rumbumel, die regelmässig zum Vorlesen ins Haus “Horizont” kamen, vermisst werden, ist es zu Ende mit der Idylle. Was hat es mit dem Verschwinden der beiden Mädchen auf sich? Ja, wer waren sie? Und warum brennt Haus “Horizont” bis auf die Grundmauern nieder?

Marjaleena Lembcke erzählt diese Geschichte aus der Hexengegenwelt, die viel Berührungspunkte mit der unsrigen hat, mit grossem Augenzwinkern. Allzumenschliches – Liebe, Eifersucht oder Trauer – liegt den Hexen nicht unfern und auch der Reiz, mit den Zauberkräften ein bisschen in der “Muggle”-Welt rumzubluffen, muss man ihnen nachsehen. Dass die Menschenkinder ihnen für die kleinen Tricks, die sie ihnen zeigen, nicht ewig dankbar sind und ihre Leidenschaft für die Hexerei rasch einem anderen Hobby weichen kann, damit haben die Althexen allerdings nicht gerechnet.

Stefanie Harjes Schwarzweisszeichnungen zeigen die Althexen als äusserst skurrile, aber eigentlich ganz sympathische Wesen, vor denen man keine Angst zu haben braucht. Zum Selberlesen für schon geübte Leserinnnen und zum Vorlesen ab der 1. Klasse.

Christine Tresch

Alles Glück dieser Welt
Hilary McKay
Aus dem Englischen von Irmela Brender
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2009, Seiten: 220, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4262-X

Wer die bisherigen vier Romane um die ungewöhnliche Familie Casson gelesen hat, wird auch das jüngst erschienene Buch mit Vergnügen lesen. Zwar werden die Handlungsstränge zum Schluss etwas weniger dramatisch geschürzt als bisher. Aber die Liebe der Geschwister Maggy, Indigo, Saffran und Rosa zueinander, ihre Fürsorge gegenüber Eve, der Mutter, und David, Indigos Freund, und die leichtfüssige Erzählweise vor dem Hintergrund einer kalten Welt lassen auch diesen Roman aus den Neuerscheinungen herausragen.
Rosa, die Jüngste mit dem grossen Zeichentalent, steht im Mittelpunkt. Aus ihrer Sicht wird erzählt, was sich zwischen dem 29. November und dem 31. Dezember zuträgt. Rosa ist auf sich selbst zurückgeworfen. Eve, durch die vielen fristgerecht abzuliefernden Auftragsarbeiten überfordert, zieht sich krank ins Gartenhaus zurück; Maggy jagt durch ganz Europa ihrem Liebsten Michael nach; Saffran lernt Spanisch und Indigo macht im Musikladen sauber, um die Gitarrenstunden zu bezahlen.
Rosa hat mehrere Sorgen gleichzeitig: die Weihnachtsvorbereitungen in der Schule werden abgesagt, Freundin Molly hat einen beunruhigenden Plan ausgeheckt, David quartiert sich und sein Schlagzeug bei den Cassons ein, und Tom, den Rosa mehr liebt als irgendwen sonst, ist im fernen New York. Wie soll unter diesen Umständen ein Weihnachtsfest zustande kommen, das alle, die Rosa nahestehen, vereint und glücklich macht? Aber Rosa, unwiderstehliche, herzallerliebste Rosa, versteht es, die Geschicke so zu lenken, dass die Katastrophen abgewendet werden und Sterne im Himmel über den Cassons leuchten.
Christine Holliger

Ein Apfel ist ein komischer Pfirsich
Cynthia Lord
Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Krutz-Arnold
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2009, Seiten: 164, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-8087-9
Schlagwörter: Geschwister | Behinderung | Freundschaft

„Mund zu beim Kauen.“ – „Die Hosen immer anbehalten! Nur dann ausziehen, wenn Mom, Dad oder der Arzt dir sagen, dass du sie ausziehen sollst.“ – „Es ist okay, Mom zu umarmen, aber nicht den Verkäufer im Videoladen.“ Auf den hinteren Seiten ihres Skizzenbuches, das notiert die zwölfjährige Catherine Regeln, die ihrem autistischen Bruder helfen sollen, sich im Alltag besser zu recht zu finden. Auch für sich selbst hat Catherine die eine oder andere Regel aufgestellt. „Tanzen nur, wenn ich allein in meinem Zimmer bin oder wenn es stockfinster ist“ zum Beispiel. Und tut am Ende genau das Gegenteil: Auf einem Ball, „mitten auf der Tanzfläche, vor allen Leuten“, tanzt sie mit dem etwas älteren Jason, der im Rollstuhl sitzt, schwer behindert ist und sich nur mit Hilfe eines Kommunikationsbuches verständigen kann, weil er nicht sprechen kann.
Einfühlend erzählt Cynthia Lord in ihrem ersten Jugendbuch von einer ganz besonderen Freundschaft und vermittelt dabei auch ein sehr eindrückliches Bild davon, wie schwierig und belastend das Leben neben einem behinderten Bruder oder einer behinderten Schwester sein kann. So ist es Catherines sehnlichster Wunsch, mit den Fingern durch die Schädeldecke ihres Bruders greifen zu können, „die kaputten Stellen in seinem Gehirn finden und an Knöpfen drehen und auf Schalter drücken“ zu können. „Und schon ist sein Autismus ausgelöscht.“ Ein „Apfel ist ein komischer Pfirsich“ zeigt aber auch, wie wertvoll die Freundschaft zu einem behinderten Menschen sein kann, wenn man offen genug dafür ist. Ich-Erzählerin Catherine jedenfalls findet mit Jason einen Menschen, den sie schon bald nicht mehr missen möchte. Ein beeindruckendes Debüt, das bei aller Ernsthaftigkeit des Themas alles andere als bedrückend daher kommt und sich durch einen offenen, sehr warmherzigen und von sanftem Humor gezeichneten Erzählton auszeichnet.
Andrea Duphorn

Ein wunderbarer Vater
Gudrun Pausewang
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2009, Seiten: 200, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-8092-5
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Als der 15 Jahre alte Milan im Geschichtsunterricht die Aufgabe erhält, eine Ahnentafel seiner Familie zu erstellen, scheint ihm das zunächst ein Leichtes. Von seinem Vater, den er kaum kennt, weil die Eltern bei seiner Geburt bereits getrennt waren, hat er einmal einen Stammbaum geschenkt bekommen, der zum Teil bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Und was die Vorfahren mütterlicherseits betrifft, baut er fest auf seine Grosstante. Schliesslich erzählt Erika, die in der Wohnung unter Milan und seiner Mutter wohnt, nur zu gerne von früher. Diesmal rutscht ihr allerdings eine Bemerkung heraus, die Milans Neugier weckt. Irgendetwas scheint da nicht zu stimmen …
Es dauert, ehe Gudrun Pausewangs Geschichte in Schwung kommt. Spannend wird es erst, als Milan auf eigene Faust nachzuforschen beginnt, nie abgeschickte Briefe seiner Grossmutter an ihren Mann in russischer Gefangenschaft findet und so nach und nach immer mehr über seinen Grossvater erfährt. Auch, was Erika am liebsten für immer verschwiegen hätte: Seine Urgrossmutter wurde kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges von einem russischen Soldaten “geschändet”. Sein Grossvater ist also das Ergebnis einer Vergewaltigung.
“Jeder sollte hören, was damals geschah (…) Egal, ob jung oder alt. Das, was Tausenden von Frauen im Krieg angetan wurde!”, lässt Pausewang eine Figur erklären. Das Anliegen der Autorin, die bereits einige Bücher zum Thema Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg und Nachkriegszeit verfasst hat, Jugendlichen das Leben in Deutschland während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg näherzubringen, ist offensichtlich. Manchmal vielleicht zu offensichtlich. Historisch interessierte Jugendliche wird das aber wohl ebenso wenig abschrecken wie der manchmal etwas belehrende Erzählton.
Andrea Duphorn

Mach’s noch einmal, Charlie
Thomas Binotto
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2009, Seiten: 364, ISBN/ISSN/EAN: 3-8333-5029-6

100 Filme für Kinofans (und alle die es werden wollen)

Der passionierte Kinogänger und Filmjournalist Thomas Binotto legt mit seinen «100 Filmen» keinen neuen Kanon vor, sondern erzählt für Leser/innen ab 12 Jahren locker und leicht von seiner Leidenschaft für Leinwandgeschichten. Kurzweilig, mit Witz und gespickt mit zahlreichen Anekdoten gibt er sein breites Filmwissen an Kinofans und künftige Cineasten weiter.
In zehn Kapiteln wendet sich die Tour d'Horizon verschiedenen Genres und Themen des Spielfilms zu und streift dabei alte Klassiker ebenso wie jüngste Kassenknüller – angefangen beim Stummfilm über Trickfilm, Krimi, Komödie und Abenteuerfilm bis hin zu Filmen, die sich mit dem Erwachsenwerden oder dem Kino selbst beschäftigen. Wichtige Filmbegriffe wie Anschlussfehler, Cliffhanger, McGuffin oder Montage werden im Text anschaulich erklärt und mit Beispielen illustriert. Als Kurzinformation zu jedem Streifen werden nebst einer Zusammenfassung des Plots «in einem Satz» auch knappe Filmdaten sowie Altersfreigabe und DVD-Vertrieb aufgeführt. Für den Fall, dass ein Filmtipp nicht genügt, liefert der Autor jeweils gleich noch zwei zusätzliche Empfehlungen. Da diese filmischen Leckerbissen inzwischen fast ausnahmslos auf DVD erhältlich sind, kann man die im Kino verpasste Filmgeschichte jetzt also auf dem Bildschirm nachholen. So wird der unterhaltsame Kinoschmöker zum Filmführer für die ganze Familie. In Ergänzung zum Titelregister stellt der Autor unter www.binotto.ch/thomas/buecher zudem Listen nach Originaltitel, Regie und Stichworten zur Verfügung.
Schade nur, dass die nuacenreiche Darstellung des Bildmediums Film in den düsteren Abbildungen des Buches keine gebührende Entsprechung findet. In vielen Schwarzweissfotos herrschen dunkle Töne vor und verschlucken so manches Detail.
Daniel Ammann,
merz | medien + erziehung 4/2007, S. 86.

Flieg, Vogel, flieg
Bob Graham
Übersetzt von Sophie Birkenstädt
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2009, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-51718-0
Schlagwörter: Tiere

In der Grossstadt ist alles Grau in Grau. Nur Flos Jacke leuchtet rot und nur Flo sieht, woran alle vorbeieilen: Eine Taube liegt mit gebrochenem Flügel auf dem Strassenpflaster. Er kann seine Mutter überzeugen, den Vogel nach Hause mitzunehmen und ihn gesund zu pflegen. Das dauert lange, bis so ein Flügel verheilt ist und die Taube muss gefüttert werden. Aber es kann gelingen.
Bob Graham (vgl. "Jupp Springinsfeld") erzählt diese Geschichte mit nur zehn Sätzen, dafür in umso mehr Bildern, teils doppelseitig, teils in kleinteiligen Bildfolgen über mehrere Seiten wie in einem Comic. Er entgeht weitgehend dem Kitsch und der Heroisierung, zeigt schlicht kindliche Tierliebe und den impulsiven Glauben an das Gute. Die Eltern unterstützen ihren Sohn, kümmern sich beide einen Monat lang um den verletzen Vogel und teilen Flos Sorge – obwohl es nur eine von Taube ist, gegen deren Artgenossen in jeder Stadt vorgegangen wird. Aber dieses Erfolgs- und Gemeinschaftserlebnis wird den Jungen mehr stärken als so viele Schulstunden oder Kirchenbesuche. Bob Graham zeigt sich immer mehr als Anwalt der kleinen kindlichen Gefühle. Mit Flo schenkt er Knaben eine feine, alternative Identifikationsfigur.
Bruno Blume

Mein Papa kann fliegen
David Almond, Illustration: Polly Dunbar
Aus dem Englischen von Ulli und Herbert Günther
Verlag: Hanser, Publiziert: 2009, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-23304-1
Schlagwörter: Fantasie

Lissies Vater träumt davon, wie ein Vogel fliegen zu können. Deshalb ernährt er sich auch nur noch von Insekten und Würmern und läuft Flügel schlagend und laut krähend durch Haus und Garten. “Krah-krah! Krah-krah!” Als in der Stadt ein “Menschenvogel-Flug-Wettbewerb” ausgerufen wird, gibt es für ihn – sehr zum Entsetzen von Tante Doreen – kein Halten mehr.
Er verfolgt die Idee vom Vogelmannsein mit einer Konsequenz, wie man sie sonst nur von Kindern kennt, die in die Rolle eines Tiers schlüpfen. Und genau das macht David Almonds Kinderbuch “Mein Papa kann fliegen” so liebenswert. Es ist die Tochter, die den Vater daran erinnern muss, dass er sich anziehen, waschen, die Zähne putzen soll; die sich um ihn sorgt, wie das sonst ein Erwachsener um sein Kind tut. Denn seit dem Tod seiner Frau ist der Vater noch seltsamer, verträumter, zerstreuter geworden. Dem Enthusiasmus und der kindlichen Freude, mit der er seine Idee verfolgt, kann sich auf Dauer aber niemand entziehen. Und so nimmt am Ende nicht nur Lissie gemeinsam mit dem Vater am Wettbewerb teil, sondern auch noch ihr Lehrer, Herr Minz. Und sogar Tante Doreen, für die das alles doch immer nur Unfug war, fiebert mit.
Wie Elastik-Eddie, Hansi Hüpfer, Wirbel-Winnie und Hüpfball-Betty gelingt es auch Lissie und ihrem Vater nicht zu fliegen. Wie alle anderen landen sie im Fluss. Schlimm ist das nicht: “Ob wir fliegen oder ob wir runterfallen. Wir haben uns. Wir machen es zusammen. Darauf kommt es an.” Ein heiteres, fantasievolles, zugleich aber auch tiefsinniges Buch, das sich gut zum Vor- (ab sechs) wie zum Selbstlesen (ab acht) eignet.
Andrea Duphorn

Einfach Nur Grace
Charise Mericle Harper
Aus dem amerikanischen Englisch von Yvonne Hergane-Magholder
Verlag: Dressler, Publiziert: 2009, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-0826-1
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Grace weiss genau, was „Jungs-“ beziehungsweise eindeutig „Mädchensachen“ sind und was ihr bisher versagt blieb – ein „tanzender Maikolben“ zu sein in der Aufführung zum Erntedankfest etwa, oder Mister Magics Assistentin. Und auch den Namen mag sie nicht, den sie in der Klasse verpasst bekommt. Da es gleich vier Mädchen gibt, die Grace heissen, wird sie zu „Einfach Nur Grace“, und das ist der blödeste Name „vielleicht sogar in der ganzen Welt“, findet sie. Sie flüchtet sich in „Jungssachen“ und Superfrau-Phantasien: will zusammen mit ihrer Freundin Mimi „in Not geratenen Menschen“ helfen, zum Beispiel Mrs. Luther, der barschen Nachbarin. Aber wie bringt man deren Kater dazu, seine Herrin wieder zu mögen? Die Aktivitäten der beiden Mädchen sind witzig und einfallsreich, und doch machen sie alles nur noch komplizierter … Der mit Graces Zeichnungen, Merklisten und Comicstrips durchsetzte Text erzählt von einer Neunjährigen, die zwischen Rollen und Idolen nach ihrem Platz und ihrer Identität sucht, und er zeigt, dass Hilfe dabei gelegentlich von ganz unerwarteter Seite kommt; vom „ekligen“ Klassenkameraden Sammy zum Beispiel, der den üblichen Erwartungen noch weit weniger entspricht als Grace.
Verena Stössinger

Emma-Jean und das Geheimnis des Glücks
Lauren Tarshis
Aus dem amerikanischen Englisch von Ulla Höfker
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2009, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-34968-5
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Freundschaft | Schule

Sie ist überzeugt, dass „selbst die schwierigsten Aufgaben durch kreatives Nachdenken gelöst werden konnten“, die zwölfjährige Emma-Jean. Ihr Vater hat sie zum nüchternen Denken angeleitet. Sie ist Einzelgängerin und reichlich „seltsam“, wie die Schulkameraden meinen. Ihr selbst ist aber egal, was man von ihr denkt. Wie anders dagegen ist Colleen! Sie ist immer ängstlich darauf bedacht, alles richtig zu machen und adrett auszusehen, und doch wird sie von der launischen und egoistischen Laura geplagt. Emma-Jean beschliesst, Colleen zu helfen, und entwirft einen Plan, um Laura eine Lehre zu erteilen; auch weiss sie genau, wer die perfekte Ehefrau für den Untermieter in ihrem Haus ist und wie sie den Naturwissenschaftslehrer davon abbringen kann, einen Schüler ständig zu demütigen – und obwohl manches gelingt, ändert sich erst wirklich etwas, als Emma-Jean ihre Schale aufbrechen muss, Gefühle zulässt und merkt, dass das Zusammensein mit anderen durchaus auch Spass machen kann. Das Buch (das 2007 in den USA zum „Kinderbuch des Jahres“ gewählt wurde) zeigt diese Entwicklung klar und nachvollziehbar, wenn auch etwas einfach und linear; junge Leserinnen werden sich in den Figuren und ihren Problemen jedoch gerne wiedererkennen.
Verena Stössinger

Der Schneewittchen-Club
Lily Archer
Aus dem amerikanischen Englisch von Sophie Zeitz
Verlag: Hanser, Publiziert: 2009, Seiten: 300, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-23324-9

Familien können von einem Tag auf den anderen kaputtgehen. Schuld daran, das ist für die drei Teenager Alice, Reena und Molly völlig klar, sind einzig und allein ihre Stiefmütter. Mit ihrer Eifersucht auf die Töchter ihrer neuen Männer machen sie den Mädchen das Leben zur Hölle. Alice und Reena werden kurzerhand ins Internat entsorgt, Molly flüchtet freiwillig vor Babysitterpflichten für ihre Stiefgeschwister. Als sich die drei Leidensgenossinnen dort kennenlernen und sich zum Schneewittchen-Club zusammenschliessen – zwecks Rache an den bösen Hexen – sehen sie die Dinge einzig und allein aus ihrer Sicht. Die Autorin Liliy Archer zeichnet ihre Figuren mit viel Humor und lässt schon bald durchblicken, dass sie auch nicht perfekt sind. In jeder steckt auch entweder ein eitles, verwöhntes Chick oder eine überhebliche Besserwisserin – sie sind liebenswert und arrogant, mitfühlend und selbstbezogen zugleich.
Anders als im Märchen tanzen die drei bösen Stiefmütter am Ende nicht in glühenden Pantoffeln. Die geplanten Rachefeldzüge verlaufen im Sand, weil die drei Mädchen plötzlich hinter die Fassade der Frauen sehen, die sich genau wie sie in einer Patchwork-Familie behaupten müssen. Dabei erkennen sie, dass auch Erwachsene ihre Sorgen und Nöte und alle Konflikte zwei Seiten haben.
Christine Lötscher

Die Tür
Michel Van Zeveren
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2009, Seiten: 61, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-51720-3
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Körper

"Die Tür", ruft das Schweinemädchen entnervt aus dem Bad, nachdem es schon die ganze Zeit mit umgewickeltem Tuch gewartet hat, bis der Rest der Familie endlich aus eben diesem Bad verschwindet. Mehr Text braucht es in diesem Bilderbuch nicht, um von der Verschämtheit des Mädchens zu erzählen, das einfach nur in Ruhe duschen möchte, dessen Bedürfnis aber nacheinander von der Mutter mit Baby, den Radaubrüdern und dem sich gemütlich rasierenden Vater übergangen wird. Als der dann die Tür doch noch schliesst, kann die Kleine endlich ihr Prozedere durchführen, wobei sie das umgewickelte Tuch und ihr Höschen auch bei geschlossener Tür erst ablegt, als sie blicksicher hinter dem zugezogenen Duschvorhang steht …
Obwohl an sich textlos, bietet die Geschichte leicht drei Lesarten: Während Eltern seufzend oder lächelnd ihre eigene Familiensituation erkennen und kleine Geschwister darüber lachen werden, wie sich das Mädchen anstellt (wie das auch die Schweinebrüder tun würden, wenn sie überhaupt bemerkten, dass ihre Schwester im Bad ist), ist es für Betroffene tröstlich zu sehen, dass es dem Schweinemädchen nicht besser geht als ihnen. Dass es sich schliesslich mit einem Kraftakt doch noch durchsetzt, ist gut – ebenso die sanfte Parodie auf die (pubertäre) Scham.
Witzig und filmisch gezeichnet könnte das Büchlein allerdings noch unmittelbarer wirken, zeigte es statt Schweine – einfach Menschen.
Bruno Blume

Lieber Leo – Dein Stargirl
Jerry Spinelli
Aus dem amerikanischen Englisch von Astrid Muschkowski und Andreas Steinhöfel
Verlag: Dressler, Publiziert: 2009, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-1965-4
Schlagwörter: Erwachsenwerden

2001 ist Jerry Spinellis Jugendroman „Stargirl“ auf Deutsch erschienen. Mit „Lieber Leo – Dein Stargirl“ liegt nun die Fortsetzung der Geschichte um die erste grosse Liebe des angepassten Highschool-Schülers Leo und der von vielen als sonderbare Exotin belächelten Stargirl vor. Ein Jahr ist vergangen. Stargirl lebt inzwischen in Pennsylvania, aber sie kann Leo nicht vergessen und beginnt ihm einen tagebuchähnlichen Brief zu schreiben. Ein Jahr lang setzt sie sich immer wieder hin, um ihm zu schreiben, ihn an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben zu lassen. „Jeder Tag bringt eine neue Erinnerung an das, was wir vor einem Jahr zusammen erlebt haben. Eine Parade unglücklicher Jahrestage.“
War es im ersten Buch Leo, der als Ich-Erzähler fungierte, ist es diesmal Stargirl, der diese Rolle zufällt. Spinelli lässt die nun 16-Jährige auf die Zeit mit ihrer ersten grossen Liebe zurückblicken und sie schöne und schmerzhafte Momente erinnern. Und während sie Leo dabei auch aus ihrem aktuellen Leben erzählt, beginnt sie Verletzungen zu überwinden und Abschied von ihm nehmen.
Wie immer erzählt Spinelli warmherzig, poetisch und mit viel Sympathie für seine Figuren. Dabei bleibt der vielfach ausgezeichnete Autor einer seiner Vorlieben treu und schart jede Menge liebenswerter Aussenseiter um seine Protagonistin: Stargirls beste Freundin Dootsie ist eine ebenso quirlige wie empfindsam-verrückte Sechsjährige. Betty Lou, deren Nachbarin, leidet an Agoraphobie und hat ihr Haus deshalb seit neun Jahren nicht mehr verlassen. Der alte Charlie sitzt seit dem Tod seiner Frau Tag für Tag auf einem Stuhl an deren Grab und Perry, Kratzbürste und Zitronendieb mit stechend blauen Augen … – könnte, irgendwann einmal Leos Nachfolge antreten.
Andrea Duphorn

Gedisst
Daniel Höra
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2009, Seiten: 220, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8270-5361-9

Alex ist 14 und lebt mit seinem arbeitslosen, alkoholkranken Vater und der älteren Schwester Nora in einer heruntergekommenen Plattenbausiedlung in Ostdeutschland. Arbeits- und Perspektivlosigkeit, Langeweile, Gewalt und Kriminalität bestimmen den Alltag der Menschen in Schwedt, einer Kleinstadt unweit von Berlin. Auch für Alex und seine Freunde sieht eigentlich jeder Tag gleich aus. Bis in der Nachbarschaft eine alte Frau in ihrer Wohnung überfallen wird und kurz darauf stirbt. Jetzt steht Alex unter Mordverdacht.
Laut Internet-Enzyklopädie Wikipedia leitet sich das hauptsächlich von Jugendlichen verwendete umgangssprachliche Verb „dissen“ vom englischen „disrespect“ oder „discriminate“ ab. Es steht für „jemanden schlecht machen“, ihn „schräg anmachen“, „respektlos behandeln“ oder „schmähen“. Genau das ist es, was Daniel Höras Protagonist in „Gedisst“ widerfährt. Denn obwohl Alex immer wieder seine Unschuld beteuert, von der Justiz, „Freunden“, Schulkameraden, Lehrern und der Nachbarschaft wird er behandelt, als habe er der alten Frau den Schädel eingeschlagen um an ihr Erspartes und den Familienschmuck zu gelangen.
Höras Debüt beeindruckt durch eine zuweilen fast schon beängstigend realistische Figurenzeichnung sowie die atmosphärisch dichte Schilderung des Milieus. Eindringlich und fesselnd lässt der Autor, der selbst in einer Hochhaussiedlung am Stadtrand von Hannover gross geworden ist und Erfahrungen mit Polizei und Justiz gesammelt hat, seinen jungen Ich-Erzähler vom Spiessroutenlauf berichten, dem dieser von einem Moment auf den anderen ausgesetzt ist. Von denselben Jungs, mit denen Alex gestern noch die Zeit tot geschlagen hat, wird er nun geschnitten, beleidigt und angefeindet, schikaniert oder sogar brutal zusammengeschlagen. Allein Debbie und Fetcher halten weiterhin zu ihm, unterstützen ihn schliesslich auch bei der Suche nach dem wahren Täter. Höras Roman öffnet den Blick für Ursachen und Mechanismen jugendlicher Aggressivität, Gewalt und Kriminalität, kritisiert aber auch vorschnelles Verurteilen – etwa von Seiten der Medien, Polizei und Justiz.
Andrea Duphorn

Wo ist Violet Park?
Jenny Valentine
Aus dem Englischen von Klaus Fritz
Verlag: dtv, Publiziert: 2009, Seiten: 200, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-62392-6

„Ging es mich wirklich etwas an, wo ein Haufen Asche landete? Hatte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank gehabt, in der Nacht, in der ich mein Herz daran hängte, sie zu retten?“ – Es gibt Momente, die können das Leben eines Menschen nachhaltig verändern. Als der 16 Jahre alte Lucas Swain nach einer durchfeierten Nacht frühmorgens in einer Taxizentrale eine verstaubte Urne im Regal entdeckt, ist das so ein Moment. Der Gedanke an die sterblichen Überreste einer im gänzlich unbekannten Frau, die ein Fahrgast vor Jahren auf dem Rücksitz eines Taxis vergessen hat, lässt ihn nicht mehr los. Zusammen mit seiner Grossmutter heckt er einen Plan aus, um die Urne in seinen Besitz zu bringen. Nach und nach erfährt er immer mehr darüber, wer die Tote war, die im selben Jahr gestorben ist, in dem auch sein Vater, ein erfolgreicher, smarter Journalist, spurlos verschwunden ist. Je besser er Violet Park „kennenlernt“, umso fremder wird ihm sein Vater, bzw. das Bild, das er sich von ihm gemacht hat.
Kunstvoll verknüpft die englische Autorin Lucas’ Spurensuche zu einer spannenden Mischung aus Detektivgeschichte und Entwicklungsroman. Dabei lässt sie nachdenkliche Momente neben urkomischen stehen, erzählt witzig und unterhaltsam, zuweilen auch makaber, aber stets charmant und originell. Und am Ende weiss ihr Ich-Erzähler nicht nur viel über die tote tasmanische Konzertpianistin Violet Park, sondern auch über seine Grosseltern, die Freunde der Familie, über sich selbst – und den Verbleib seines Vaters. Doch „Violet sei Dank ist das verdammt viel weniger wichtig als früher…“
Andrea Duphorn

Charlottes Traum
Gabi Kreslehner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2009, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-81054-0
Schlagwörter: Freundschaft

„Charlotte macht das schon“, heisst es, seit Charlottes Vater mit seiner Sekretärin druchgebrannt und die Mutter mit drei Kindern bei der Oma eingezogen ist. Wie es Charlotte geht, interessiert niemanden – denkt Charlotte. Auf die Trennung ihrer Eltern reagiert sie mit Wut auf die ganze Welt, und so ist es nur konsequent, dass die Österreicherin Gabi Kreslehner ihren ersten Jugendroman wie eine Schimpftirade beginnen lässt. „Scheisse“, heisst es schon im zweiten Satz, und auch sonst nimmt Charlotte kein Blatt vor den Mund. Dass wir als LeserInnen das Gefühl haben, ganz nah bei Charlotte zu sein, hängt denn auch mit der Sprache zusammen, die Kreslehner der jungen Ich-Erzählerin gibt. Das ist kein zufällig aufgeschnappter Jugendslang, sondern eine sorgfältig gestaltete Kunstsprache, in der Emotionen viel Raum haben.

Allmählich beginnt sich das Raubein Charlotte ein wenig zu öffnen, freundet sich mit anderen Raubeinen an, etwa mit dem gefürchteten Sulzer und Carlo, die, wenn man näher hinschaut, genauso sensible Seelen haben wie sie selbst. Am Ende dieses psychologisch fein gestimmten Romans sieht Charlotte überall Brüche, überall Schmerz – und überall die Möglichkeit, trotzdem glücklich zu sein. Oder gerade deswegen.

Christine Lötscher

Tote Mädchen lügen nicht
Jay Asher
Aus dem amerikanischen Englisch von Knut Krüger
Verlag: CBJ, Publiziert: 2009, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-16020-3

Hannah, die – tote – Protagonistin in Jay Ashers Roman, weckt nicht nur Mitleid. Ihr Gebaren als Opfer, das allen anderen die Schuld an seinem Freitod in die Schuhe schiebt, macht manche LeserInnen stinksauer. Es fordert zum Widerspruch, aber letztlich doch auch zum Nachdenken heraus.
Da bist du nun also tot, Hannah Baker, und hast dich vorher mit diesen Tonbändern noch mal so richtig ausgetobt. Die Tonbänder, auf denen du 13 Personen ansprichst, die irgendwie mit deinem Selbstmord zu tun haben. Oder vielleicht auch nicht – aber jedenfalls lässt du sie zunächst einmal in dem Glauben, dass sie dich auf dem Gewissen haben.
Jeder von ihnen soll sich deine Geschichte anhören und dann die Bänder weiterleiten. Eine halbe Tonbandseite hast du jedem “Schuldigen” reserviert. Eine halbe Seite, auf dem du ihm oder ihr erklärst, inwiefern sie dich in deinem Entschluss bestärkt haben – und du freust dich wohl aus dem Jenseits darüber, dass dus allen so richtig gezeigt hast. Nur, dass es jetzt zu spät ist, dafür irgendeine Anerkennung zu ernten. Und mal ehrlich: Von mir würdest du auch keine bekommen. Ich finde nicht eine deiner kleinen Geschichtchen so schlimm, dass sie deinen Entschluss rechtfertigen. Du hast dich an der Schule ausgegrenzt gefühlt? Über dich ist geredet worden? Ein Junge hat dir an den Po gefasst? Dir fehlte positiver Zuspruch? Meine Liebe, zeig mir doch mal den Schüler oder die Schülerin, die nicht irgendwann mit eben diesen Situationen konfrontiert werden, ohne dass sie alles gleich so dramatisieren und ihrem Leben ein Ende bereiten. Hast du auch nur eine Sekunde daran gedacht, was dein Tun in denjenigen anrichtet, die du hier so von oben herab behandelst und beschuldigst? Du wusstest, dass wenigstens einer auf deiner Liste dich liebte – hat es dich auch nur annähernd interessiert, dass du mit deinem Tod nicht nur dein eigenes Leben, sondern auch seins zerstörst? Du wirfst den anderen Gedankenlosigkeit vor – aber mal ehrlich: Bist du auch nur einen Deut besser?! Nein! Du bist mit Abstand das egoistischste, zickigste und bescheuertste Gör, das mir seit langem untergekommen ist!
Warum ich mich so sehr über dich ärgere? Weil du eine feige Socke bist! Und weil du – und das finde ich noch unverzeihlicher! – nicht aus akuter Verzweiflung heraus gehandelt hast, sondern eiskalt und kalkuliert. Dein Freitod ist nicht etwa die Reaktion auf einen nicht gehörten Hilfeschrei, auch wenn du das so darzustellen versuchst. Nein, er ist eine hartherzige Abrechnung mit Menschen, die sich nicht deinen Wünschen entsprechend verhalten haben. Und dein Handeln ist für mich deshalb so unverzeihlich, weil du keinem, auch nicht denen, die dich mochten oder gar liebten, die Chance gegeben hast, dich von deinem Entschluss abzubringen. Du bist fein raus, Hannah Baker, denn du bist tot. Aber alle anderen, auch die, die nicht auf deinen Tonbändern auftauchen, die leben noch. Mit ihrer Schuld an deinem Tod, mit ihren Fragen und ihren Selbstvorwürfen.
Und doch ist deine Geschichte, wie Jay Asher sie in “Tote Mädchen lügen nicht” erzählt, eine der spannendsten, die ich im vergangenen Jahr gelesen habe. Aus Clays Sicht lernen wir dich kennen, hören deine Aufzeichnungen mit seinen Ohren und leiden mit ihm, wenn ihm die wahren Gründe für deinen Freitod bewusst werden. An Clays Seite lernen wir relevante Stationen deines Lebens kennen, erfahren von Gemeinheiten, die du erdulden musstest, und hören von den Momenten, in denen du wenigstens ein bisschen versucht hast, andere darauf aufmerksam zu machen, was mit dir los ist. Und wenn ich auch unendlich wütend auf dich bin, hat mich dieser fast durchgängig in der zweiten Person geschriebene Roman doch zum Nachdenken gebracht. Er hat mich sensibler für Veränderungen meiner Mitmenschen gemacht und gibt mir Mut, einfach mal nachzufragen, wenn mir etwas merkwürdig erscheint. Ich kann mir gut vorstellen, dass es etlichen anderen LeserInnen ebenso geht – und wenn jeder sich auch nur ein einziges Mal das Herz nimmt, einem Impuls folgend auf einen anderen Menschen zuzugehen, dann hat dieses aussergewöhnliche Buch unglaublich viel bewirkt.
Maren Bonacker

Franz, der Junge, der ein Murmeltier sein wollte
Hans Traxler
Verlag: Hanser, Publiziert: 2009, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23328-8
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere

Hans Traxler erzählt die warmherzige Geschichte von Franz, der sich im Laufe eines Sommers mit dem Murmeltier Albert anfreundet. Als der erste Schnee fällt und Albert wie vom Erdboden verschluckt ist, macht der Lehrersohn sich Sorgen. Das sei ganz normal bei Murmeltieren, versucht sein Vater ihn zu beruhigen. Die hielten doch jetzt Winterschlaf. “Wenn’s weiter nichts ist, das kann ich auch”, denkt Franz und zieht in die alte Klavierkiste auf dem Speicher. Doch an Schlaf ist nicht zu denken. Und was, wenn sein Vater sich irrt? Die Vorstellung, dass sein Freund unter den Schneemassen in seinem Bau zu ersticken oder zu verhungern droht, treibt Franz in die eisige Nacht hinaus. Mit einer Schaufel macht er sich auf den Weg zur Murmeltierwiese um den Freund zu befreien – und erfriert dabei um ein Haar.
Traxlers klare, an Cartoons erinnernde Buntstiftzeichnungen ergänzen die Geschichte einer ganz besonderen Freundschaft vortrefflich. Gleichermassen einfach wie bezaubernd, wie der Autor und Zeichner, der am 21. Mai achtzig Jahre alt wurde, die wachsende Vertrautheit zwischen Menschenkind und Murmeltier in Szene gesetzt hat: mit vier schmalen Panoramabildern, die auf einer Seite untereinander angeordnet sind und Franz und Albert mit dem Rücken zu den Betrachtenden und Blick auf eine Bergkette auf einer Wiese sitzend zeigen. Im Juni noch respektvoll Abstand wahrend, sind sie sich einen Monat später schon etwas nähergekommen, im August noch etwas mehr – bis sie im September schliesslich in trauter Zweisamkeit ganz nah beieinandersitzen.
Andrea Duphorn

Emma isst
Jutta Bauer
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2009, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-16741-9
Schlagwörter: Alltag

Fast war es zu erwarten: Nun liefert auch Jutta Bauer einen Beitrag zum schnell wachsenden Pappbilderbuchsegment für die Kleinsten. Mit dem Bärenmädchen Emma erfindet sie eine überaus liebenswerte Identifikationsfigur für allererste Lesereisen. Auf handlichen 15x15cm er–leben wir Emma in den vier Bänden in verschiedenen Lebenssituationen: Lachen und Weinen, Wohnen und Essen geben sich ein spannendes Stelldichein. Wir können mit Emma spüren, wie sich freudige und traurige Situationen anfühlen, welche Dinge es beim Essen zu entdecken gibt oder welche Reiche es in einer Wohnung aus Kinderoptik zu erobern gilt.

Der Illustratorin gelingt es, durch geschickte Kombination von Illustrationen und einem gereimten Zweizeiler weit über die meist sehr platten Pappbücher für die Kleinsten hinauszugehen. Mit klarem Strich und eher zarten Farben baut sie dabei auf eine einfache ganzseitige Illustration, bei der eine Aktivität von Emma im Zentrum steht. Auf der linken Seite erhält dieses Bild mittels eines Reimes einen Kommentar bzw. eine inhaltliche Stossrichtung. Grossartig ist dann, wie die Illustratorin Witz und Dynamik in das Geschehen bringt, indem sie mit einem einzelnen Gegenstand unter dem Zweizeiler das grosse Bild zeitlich erweitert und so Raum gibt für Fragen und Gespräche unter den Betrachtenden. So wird Emmas leicht latschiges Blümchen, das sie für Mama gepflückt hat, zum wunderbar duftenden Geschenk, an dem Mama genussvoll riecht. Oder die kleine hellleuchtende Lampe wird zur potenziellen Helferin beim Aufwachen mitten in der Nacht. Jutta Bauer rückt so ganz nahe, humorvoll, tröstend und entdeckerfreudig an das nicht immer einfache Kleinkinderleben heran. Keineswegs nur für Mädchen!

Barbara Jakob

Keine Angst vor gar nichts
Gudrun Likar, Illustration: Manuela Olten
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-939-94426-2

Gustav ist ein mutiger kleiner Junge, der sich eigentlich vor gar nichts fürchtet. Er traut sich bei Dunkelheit in den Keller, stellt sich vor aufsässige Jungs, die kleine Kinder piesacken, nimmt es mit jedem Monster auf, das sich unter seinem Bett herumwälzt, und benimmt sich nach ein paar Beissattacken sogar gegenüber dem Zahnarzt anständig. Da gibt es nur ein einziges, klitzekleines Problem: Hunde! Die jagen ihm mit ihrem lauten Gebell Angstschauer über den Rücken, sie reissen das Maul gefährlich weit auf und lassen ihre scharfen Zähne blitzen. Wenn er auch nur von weitem einen Köter sieht, nimmt er Reissaus.
Auch kleine Hunde wie Herr Schnuff, mit einem Piratenfleck über dem Auge, gehen mutig durchs Leben. Riesige Hunde werden angebellt, Baden in der Wanne lässt er stoisch über sich ergehen, der Briefträger und (andere) Einbrecher werden mit lautem Gekläff verjagt und viele weitere gefährliche Situationen lassen in – beinahe – kalt. Da gibt es nur ein einziges, klitzekleines Problem: kleine Jungs! Die machen so viel Radau, dass sich ihm die Nackenhaare sträuben. Sie ziehen ihn am Schwanz, bis er abreisst. Wenn er nur von weitem einen kleinen Rotzbengel sieht, nimmt er Reissaus. Doch siehe da, plötzlich geschieht das Unerwartete. Gustav und Herr Schnuff begegnen sich in der Mitte des Buches und merken: Dieses andere unbekannte Wesen ist nur halb so gefährlich wie bisher angenommen. Es braucht nur ein klein wenig Mut, Neugier, Verständnis und Überwindung, um aufeinander zuzugehen. Die humorvollen Texte und Zeichnungen mit liebevollen Details und sanften Farben, die nuanciert die Stimmung wiedergeben, werden auch die ängstlichsten Kinder davon überzeugen, dass hysterische Angst vor dem unbekannten Wesen Hund unbegründet ist.
GIOVANNA RIOLO

Otto fährt Auto
Tom Schamp
Verlag: Hanser, Publiziert: 2009, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23316-4
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Technik | Reisen

Wenn der Vater mit dem Sohne einmal ausfährt, dann kann der kleine Otto was erleben. Gemeinsam tuckern die beiden in ihrem grauen Otto-Auto durch das bunte Verkehrswirrwar einer Stadt. Gemeinsam mit Otto staunen wir über die unterschiedlichen Fahrzeuge samt FahrerInnen und Ausstattung. Immer schön der Strasse entlang lernen wir so Müllwagen, Geldtransporter, Traktor samt Anhänger oder Baufahrzeuge kennen und schmunzeln gleichzeitig über den Bananenflitzer von Herrn Affe, den Haifischtankwagen oder die fahrende Telefonkabine.

Der junge belgische Grafiker Otto Schamp geht mit diesem Pappbilderbuch einen ganz neuen Weg für kleine Autofans: zum einen verfällt er nicht dem häufig langweillig-pseudorealistischen Zeichenstrich von Sachbilderbüchern, sondern nutzt seine eigenwillige Acryltechnik für fantasievolle, fröhliche Bilder, die mit vielen witzigen Details immer neue Erzählfenster öffnen. Zum anderen entsteht durch die Autofahrt von Vater und Sohn eine Reihengeschichte, in der von Doppelseite zu Doppelseite der facettenreiche Verkehr einer Stadt vorbeizieht. Ganz kurze, auf die Strassen geschriebene Feststellungen oder Fragen lenken dabei die Aufmerksamkeit von kleinen und grossen BetrachterInnen. Der Clou an der grafischen Anlage ist, dass die beiden Protagonisten auf der Buchrückseite eine scharfe Linkskurve vollziehen und wir selbst das Buch drehen müssen. So machen wir uns mit Otto, seinem Vater und viel Schwung auf den Heimweg durch das nun auf dem Kopf stehende Buch und fahren zurück in die heimische Garage. Bis zur nächsten Ausfahrt!

Barbara Jakob

Viele, viele Findedinge
Erna Kuik
Aus dem Niederländischen von Monika Götze
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-715-20580-6
Schlagwörter: Freundschaft | Kreativität

Am liebsten geht Amos mit seinem kleinen Bruder Tom am Fluss entlang. Da gibts so viele schöne Dinge zu finden und letztes Mal war das Wasser so hoch und –Tom? Tooom! Plötzlich ist Tom nicht mehr da. Amos ruft seine Freunde Pip und Bastian, und gemeinsam suchen sie den kleinen Tom. Tom sucht auch; bunte, leuchtende Gegenstände, die der Fluss angespült hat. Er findet einen Stern, der herrlich glitzert in der Sonne. Und dann findet er Rose. Er staunt über die vielen Findedinge, die Rose in ihrer Tasche gesammelt hat. Und über ihre guten Ideen. Bald hat Tom seine eigene Findedinge-Sternenkette gebastelt. Doch dann muss er an Amos denken, vielleicht hat er sich ja verirrt. Rose nimmt Tom mit auf ihren Turm, denn von da oben sieht man alles – bestimmt auch Amos. Tatsächlich! Bloss – Amos schaut überall hin, nur nicht zum Turm. Als schliesslich viele bunte Lichter auf dem Turm leuchten, blickt auch Amos hoch und ist glücklich, seinen kleinen Bruder zu sehen. Dann feiern alle zusammen ein Fest, bei dem Toms Sternenkette mit den Sternen am Himmel um die Wette funkeln.

Erna Kuik hat aus einer Mischung aus Aquarellen, Collagen und Zeichnungen sehr schöne Bilder gestaltet. In einer einfachen Sprache erzählt sie die Geschichte, welche fast schon eine Hommage an viele kleine Findedinge ist – an die wertlosen Dinge eben, die sich beim Finden plötzlich in leuchtende Sterne verwandeln. Für Kinder ab etwa vier Jahren, die man nach dem Erzählen am besten gleich an der Hand nimmt, um gemeinsam Dinge zu finden.

Patricia Morganti

Ein richtig schöner Geburtstag
Bruno Blume, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-939-94425-4
Schlagwörter: Alltag | Familie/Familienformen

Vor acht Jahren war es “Ein richtig schöner Tag” (Carlsen 2001), den Bruno Blume und Jacky Gleich in ihrem Bilderbuch geschildert haben. Nun ist es “Ein richtig schöner Geburtstag”, von dem das Duo – im realen Leben selbst ein Paar und Eltern von insgesamt vier Kindern – erzählt. Leonie feiert morgen Geburtstag. Leonie ist überzeugt, den schönsten Geburtstag ihres Lebens vor sich zu haben. “Aber nur, wenn wir nicht streiten.” Leichter gesagt als getan, denn Leonie und ihr kleiner Bruder geraten ziemlich oft aneinander. Am Ende sind es die gestressten Erwachsenen, die schon am Abend vorher zu streiten beginnen, denn Oma und Opa haben viel zu viele Geschenke mitgebracht. “Wir hatten doch ausgemacht, dass es EIN Geschenk gibt! Eins für Leonie!”, schimpft Mama. Zum Glück bleiben die Grosseltern ruhig und nach einer Weile ist auch der Ärger von Mama und Papa wieder verraucht. Am Ende wird es also doch ein (fast…) perfekter Geburtstag.

Wieder einmal gelingt es Blume und Gleich den turbulenten Alltag einer Familie mit viel Sinn für Humor liebevoll einzufangen. Dabei schreibt das Bilderbuch-Duo indirekt die Geschichte jener Familie fort, die sie 2001 vorgestellt hat. Vater und Mutter, Leonie und ihr kleiner Bruder Jakob sind älter geworden – aber eindeutig als dieselben wiedererkennbar. Sogar die schwarze Baskenmütze, die Leonie trägt, ist dieselbe, und auch die getigerte Miezekatze ist wieder mit dabei. Und wie immer gibt es auf Gleichs schwungvollen, vor Leben und jeder Menge liebevoller Details nur so strotzenden Illustrationen noch ein paar Geschichten neben der eigentlichen Geschichte zu entdecken. Ein Bilderbuchspass für die ganze Familie.

Andrea Duphorn

Rede des Bären
Julio Cortazar, Illustration: Emilio Urberuaga
Übersetzt von Wolfgang Promies
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-905-87107-6
Schlagwörter: Alltag | Tiere

“Ich bin der Bär aus den Leitungsrohren im Haus, zu stiller Stunde klettere ich durch die Rohre…”. Tag für Tag und Nacht für Nacht streicht der rote Bär durch die Rohre, kennt dabei kein grösseres Vergnügen, als durch die Stockwerke zu rutschen oder auf dem Dach in der Zisterne ein gemütliches Bad zu nehmen. Auf seinem Weg beobachtet er die BewohnerInnen, konstatiert ihren Missmut über die hellhörigen Leitungen, erlaubt sich kleine Spässchen mit ihnen oder empfindet Mitleid, weil sie einsam sind.

Der bald fünfzig Jahre alte, hochpoetische Text des Argentiniers Julio Cortazar nimmt in Kombination mit den Bildern des Spaniers Emilio Urberuaga eine magische Dimension an. Wie gerne hätte ich als Kind dieses Bilderbuch in jenen Nächten im Tessin in Händen gehalten, als ich vor lauter Siebenschläfern zwischen den Wänden nicht schlagen konnte! In der Figur des fröhlichroten Bären manifestiert sich auch eine Selbstverständlichkeit für die Existenz des Irrealen. Während die erwachsenen MietshausbewohnerInnen nur die Realität, das Erklärbare sehen können, begleiten eine schwarz-weisse Katze und eine winzigkleine Maus den Bären bei seinen Gängen durch die Rohre und werden so kindliche Zeugen oder vielmehr Komplizen jenes Lebens hinter dem Offensichtlichen. Die Illustrationen Urberuagas verstärken die verschiedenen Ebenen: Sie akzentuieren stark mit malerischen Flächen und feinem Strich und setzen Spannungsbogen zwischen der dumpfen Farbigkeit der Nacht und leuchtenden, hellen Tönen. Ein Bilderbuch, dem man viele kleine und grosse Philosophenaugen wünscht.

Barbara Jakob

In finsterschwarzer Nacht
Dorothée de Monfreid
Verlag: Moritz, Publiziert: 2009, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-895-65200-8
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein | Natur

Es ist Nacht. Finsterschwarze Nacht. Und Frieder ist im Wald. Ganz allein. Besser gesagt: fast ganz allein. Denn plötzlich – HUUHUU-HUUHUU! – kommt etwas. Frieder versteckt sich zitternd in einem hohlen Baum. Ein Wolf. Und dann – GRRRRRRR! – naht ein wilder Tiger. Und dann – RRROOOAACH! – taucht ein riesiges Krokodil auf. Frieder in seinem Baum hat vor Angst ganz weiche Knie. Wer weiss, ob er sich ohne den geheimnisvollen Türgriff, den er plötzlich in seinem Rücken spürt, überhaupt je wieder aus seinem Versteck hervorgewagt und nach Hause gefunden hätte. Eine Treppe führt Frieder in eine kleine Küche hinunter. Der Hase, der hier wohnt, ist nicht wenig erstaunt, den bibbernden Frieder in seiner Küche zu finden. Aufmerksam hört er dem Kleinen zu und weiss Rat für sein Problem. Und so kommt es, dass bald – GRROOAAAHHUU! – ein schreckliches Ungeheuer durch den finsteren Wald zu Frieders Haus stapft und Wolf, Tiger und Krokodil, vor Angst ganz klein geworden, entsetzt die Flucht ergreifen.

Welches Kind kennt sie nicht, die Angst vor den Monstern, die im Dunkeln lauern. Eines der besten Gegenmittel ist wohl nach wie vor das gemeinsame Paktieren und das lustvolle Entwerfen von Gegenmonstern, wie es Frieder und Hase in Dorothée de Monfreids Bilderbuch tun. Der knopfäugige Frieder, der wohl nicht ohne Hintergedanken ganz in Rot gekleidet ist, die drei freundlichwilden Gesellen, die schliesslich voller Panik Reissaus nehmen, sowie die überschaubare Szenerie bilden die ideale Ausgangslage, um die verschiedensten Kinderzimmer- und Kellermonster in ihre Schranken zu weisen.

Ursula Kahi

Lieselotte sucht einen Schatz
Alexander Steffensmeier
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-794-15213-1
Schlagwörter: Abenteuer | Humor/Komik | Natur | Tiere

Die neugierige Kuh Lieselotte findet das abgerissene Etikett eines Weinkartons und hält die merkwürdigen Zeichen darauf – ganz klar – für eine Schatzkarte. Alle Bauernhoftiere sind eifrig dabei und wollen ihr helfen, den Schatz zu finden. Zu dumm nur, dass sich dieser ausgerechnet im wohlgehüteten Gemüsebeet der Bäuerin zu befinden scheint …

“Lieselotte sucht einen Schatz”, Alexander Steffensmeiers drittes Lieselotte-Abenteuer, knüpft mit seinem treffsicheren Humor nahtlos an die vorhergegangenen an. Die in warmen Farbtönen gehaltenen Aquarelle zeigen eine heile Bauernhofwelt mit faulen Schweinen, einer gefrässigen Ziege und eifrigen Hennen, die nur zu bereit sind, nach dem vermeintlichen Schatz zu graben. Vor allem die sprechende Mimik der Tiere macht dabei kleinen und grossen BuchbetrachterInnen Spass. Viele Details in den unterschiedlich formatierten Bildern la–den darüber hinaus zum immer neuen Betrachten und gemeinsamen Suchen von witzigen Szenen einer im Text nicht berücksichtigten Nebenhandlung ein – wer findet etwa den winzigen Elefanten im Gemüsebeet? Was frisst die Ziege in jeder neuen Szene? Was verbirgt sich alles im chaotischen Werkzeugschuppen der Bäuerin? Ein wenig erinnern die wimmeligen Illustrationen an die Welt von Pettersson und Findus. Steffensmeier als deutschen Sven Nordqvist zu bezeichnen, hiesse jedoch, dem gebürtigen Ostwestfalen die Originalität abzusprechen. Die kürzeren Textsequenzen bedienen die Aufmerksamkeitsspanne jüngerer Kinder – und Lieselotte selbst ist bei Jung und Alt längst eine Kultfigur.

Maren Bonacker

Was macht man, wenn …
Peter Turrini, Illustration: Verena Ballhaus
Verlag: Betz, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-219-11402-4

Ratschläge für den kleinen Mann

Was macht man, wenn… einem am Zebrastreifen plötzlich ein Löwe Auge in Auge gegenübersteht? Wenn Soldaten das Hausdach besetzt haben oder die Nachbarstochter einem über den Zaun hinweg ihr schönstes Lächeln zuwirft? Drei von insgesamt neun Fragen, die der österreichische Dramatiker Peter Turrini in seinem ersten Text für Kinder herrlich unkonventionell beantwortet. Geschickt nutzt er dabei jede “Was macht man, wenn…”-Frage, um eine amüsante Episode um die Ausgangssituation herum zu stricken, die kleinen und grossen Männern gleichermassen zeigen, wie Zurückweisungen oder vermeintliche Niederlagen mit ein wenig Cleverness sogar in kleine Siege umgewandelt werden können. So kann es Turrini zufolge durchaus auch einmal Vorteile haben, beim Fussballspielen ausgeschlossen zu werden. Vorausgesetzt, man zieht nicht schmollend von dannen, sondern nutzt die Gelegenheit, um das weitere Geschehen auf dem Platz in Sportreporter-Manier zu kommentieren und sich den Respekt und die wachsende Sympathie der weiblichen Zaungäste zu sichern. Wer sich unerwarteten Situationen so gelassen-galant stellt, muss sich so auch nicht länger davor fürchten, dem grössten Haudegen der Schule zu begegnen. Mit Fantasie, Schlagfertigkeit und Sprachwitz lässt sich eben so manche brenzlige Situation ins Gegenteil verkehren, lautet die Botschaft.
Verena Ballhaus hat für ihre hintersinnigen Illustrationen einzelne Elemente der Geschichten aufgegriffen und zu kunstvollen Bildern verarbeitet, die über die Textebene hinausgehen und so weitere Akzente setzen.
Andrea Duphorn

Die ganze Welt von A bis Zelt
Kateryna Yerokhina
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85356-7
Schlagwörter: Sprachspiel

Ein Alphabet in Bildern

Wenn der Gorilla auf den Gangster, die Nixe auf das Nilpferd und der Papst auf die Puppe trifft, dann kann es sich eigentlich nur um die ProtagonistInnen eines ABC-Buches handeln. Wo sonst berühren sich solch unterschiedliche Welten?

Wie eine Bühne wirken die Seiten dieses Buches, von denen jede einzelne einem Buchstaben gewidmet ist. Auf einem Holz-, Fliesen- oder Erdboden sind Miniaturszenen abgebildet – ein scheinbar willkürliches Sammelsurium von Gegenständen, Tieren und Figuren, die nur eines gemeinsam haben: den Anfangsbuchstaben. So steht etwa der Weihnachtsmann winkend neben Windrädern, während eine Welle einen Würfel ans Ufer schleudert und dabei beinahe eine Wachtel trifft. Eine Weinrebe rankt sich um den mit Wappen geschmückten Buchstaben W, der auf einer Waage steht und einen Wal zu wiegen scheint. Dazwischen schweben einzelne Lettern in verschiedenen Ausführungen und Schrifttypen durch den Raum.

Zum eigentlichen Lesenlernen ist dieses Buch weniger geeignet, die fantasievollen Buchstaben sind für (noch) Leseunkundige zu wenig klar und eindeutig in der Form. Ausserdem geht die Auswahl einiger Objekte – mit Wörtern wie Amphore, Pagode, Torso und Zyklop – über den Alltagswortschatz eines Vorschulkindes hinaus.

Um die Laute beim Benennen der Abbildungen akustisch zu erfahren sowie als Ergänzung zu einer Fibel, ist dieses “Alphabet in Bildern” aber eine wahre Fundgrube. Selbst Erwachsene werden in den Szenen jedem Objekt das richtige Wort zuordnen wollen.

Katrin Ruchti-Fehr

Das grosse Buch
Franz Hohler, Illustration: Nikolaus Heidelbach
Verlag: Hanser, Publiziert: 2009, Seiten: 316, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23312-1
Schlagwörter: Alltag | Humor/Komik | Fantastik/Fantasy

Ein Knabe mit einer Frisur wie ein aufgeschlagenes Buch wartet mit gezücktem Besteck gelassen auf den Inhalt des Buches, auf Lesefutter im Wortsinn. Dieses verheissungsvolle Bild zu Beginn ist Programm und Versprechen zugleich – wer könnte den Hunger nach Geschichten besser stillen als Franz Hohler? Und wer kann solche Geschichten besser umsetzen als der Meisterzeichner des Absurden, Nikolaus Heidelbach? Obwohl die meisten der 91 hier versammelten Geschichten bereits in früheren Anthologien veröffentlicht wurden, wirken sie immer überzeugend und verspielt.

Während einzelne Geschichten bereits zu Klassikern geworden sind – “Made in Hongkong” –, hat Hohler andere leicht modernisiert. Aus dem “Walkmandieb” zum Beispiel wurde der “Handydieb”. Besonders erfreulich ist das Wiederlesen von “Weihnachten – wie es wirklich war” – obwohl gerade hier eine Liveperformance des Dichters unschlagbar ist. Doch darüber tröstet das grimmige Jesuskind, die Arme verschränkt, nackt neben der Krippe stehend, perfekt hinweg. Der Anfangstext “Die Kreide und der Schwamm” findet seine befreiende Fortsetzung am Ende : “‘Das Wichtigste im Leben ist – die Freude’, schrieb die Kreide und setzte noch ein Ausrufezeichen dahinter. Und noch eins, und noch eins, und noch eins!”

Grossartig, dass diese zum Teil vergriffenen Geschichten wieder nachzulesen sind, dass das Ganze in einem unübersehbaren gelben Umschlag steckt und hoffentlich in ganz vielen Familien ein so selbstverständlicher und vielbenutzter Alltagsgegenstand wird wie die “fleissige Tiefkühltruhe” aus Hohlers gleichnamiger Geschichte.

Maja Mores

Lola rast und andere schreckliche Geschichten
Wilfried von Bredow, Illustration: Anke Kuhl
Verlag: Klett Kinderbuch, Publiziert: 2009, Seiten: 29, ISBN/ISSN/EAN: 3-941-41101-2
Schlagwörter: Humor/Komik

Sieben Geschichten – und eine endet schrecklicher als die andere. Da ist mal Lola, die mit ihrem Laufrad die Strasse runtersaust, feine Damen über den Haufen fährt, in Mülltonnen donnert und weder vor Kellnern noch Gemüseverkäufern haltmacht. Und weil Lola keine Lust hat, dem Rat der Mutter nachzukommen, kümmert sie auch das Rotlicht an der Kreuzung nicht. Sie wird, so ist das eben, von einem Laster plattgewalzt. Tja, rot gleich tot, die Mutter hat es ja gesagt. Den Kindern der nächsten beiden Geschichten ergeht es nicht viel besser – Lukas wird, er kann das Fernsehen einfach nicht lassen, von der Flimmerkiste verschlungen und die schöne Anna-Lena, die sich nur bewegt, um neue Rüschenkleider, Ringelsöckchen und Glitzerschmuck zu kaufen, wird allmählich zur Puppe.

Immerhin, ein paar Kinder überleben, und der kleine Konstantin in der letzten Geschichte hat sogar Aussicht auf ein Happy End. Der Titel gibt uns zwar einen Vorgeschmack. Doch was, so fragt man sich beim Lesen, wollen von Bredow und Kuhl den LeserInnen mit ihren Geschichten sagen? Irgendwo im Hinterkopf meldet sich der Struwwelpeter, an den man lieber nicht erinnert werden möchte. Doch grausames Erziehungsbuch will “Lola rast” kaum sein. Der tiefschwarze Humor mag amüsant sein für Erwachsene. Kinder, besonders kleinere, dürfte er restlos überfordern, ihnen sogar Angst machen, denn der Realitätsbezug zur Erlebniswelt der Kinder ist zu direkt. Da werden Märchen, welche auf eine magische Ebene wechseln, den Kindern gerechter.

Patricia Morganti

Hilfe! Ich bin ein Werwolf
Gunnel Linde
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2009, Seiten: 157, ISBN/ISSN/EAN: 3-836-95243-2
Schlagwörter: Pubertät | Gewalt | Gefühle

Es wird ganz still, als Ulf tut, was er noch nie getan hat: brüllen und seinem Kameraden links und rechts eine runterhauen. Nicht nur die Kollegen erschrecken ob Ulfs Ausbruch, sondern vor allem auch Ulf selbst. Denn nun ist es gewiss: Er, der bis auf die zusammengewachsenen Augenbrauen noch aussieht wie immer – dusselig, ängstlich und kein bisschen stark –, verwandelt sich in einen Werwolf. Schuld daran ist der Alte an der Ecke. Ein Werwolf, ohne Zweifel. Welcher “normale” Mensch beisst schon einen Jungen, den er beim Apfelklauen in seinem Garten erwischt hat? Seit dem Biss wird Ulf immer wieder Opfer des Werwolfwahnsinns. Plötzlich kommt er über ihn und lässt ihn ganz und gar un-Ulf-mässige Dinge sagen, denken und tun. Seinen Turnlehrer angreifen zum Beispiel. Oder das Kätzchen seiner Schwester entführen. Anfangs hat das Werwolfdasein für Ulf seinen Reiz. Wütend zu werden und die Zähne zu zeigen, ist schliesslich nur gut. Allerdings sind da auch die anderen Momente, wo die Werwolfraserei überhaupt nicht passt. Einen Monat und Millionen von Sorgen später steht für Ulf deshalb fest: Er will sich nicht mehr in einen Werwolf verwandeln. Doch wie lässt sich das verhindern? Ein Maulkorb und eine Leine müssen her!

Kaum zu glauben, dass die schwedische Autorin Gunnel Linde diesen Roman vor beinahe vierzig Jahren geschrieben hat, so frisch, witzig und rasant kommt er daher. Und berührend. Wie der bis anhin ewig liebe Ulf mit den plötzlich auftretenden Gefühls- und Stimmungsschwankungen umzugehen versucht und dabei das Befreiende des “Böseseins” entdeckt, lässt wohl niemanden kalt. Die Werwolfmetapher generell passt genau auf die geschilderte Lebensphase. Zugleich ist sie ideal, um auch den muffeligsten Lesemuffel zu packen.

Ursula Kahi

Pudding-Pauli rührt um
Christine Nöstlinger
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2009, Seiten: 156, ISBN/ISSN/EAN: 3-8000-5471-X
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Freundschaft | Krimi/Thriller

Eigentlich heisst er Paul Pistulka, aber seine Freunde nennen ihn einfach Pudding Pauli. Denn der 11-Jährige kann etwas besonders gut, und das ist Kochen. Aber er hat nicht nur in der Küche einen ausgezeichneten Riecher, sondern auch dann, wenn es darum geht, herauszufinden, wer seiner Klassenkollegin Lea ein goldiges Herz gestohlen hat. Bei der Lösung dieses Falls und auch sonst im Leben steht ihm seine Freundin Rosi tatkräftig zur Seite. Die beide haben ein Abkommen: Pauli versorgt Rosi mit Pausenbroten und einem warmen Mittagessen, dafür löst Rosi Paulis Matheaufgaben. Nach einem exquisiten Mittagessen, auf leeren Magen lässt sich schliesslich nicht gut arbeiten, machen sie sich daran, den Diebstahl aufzuklären.
Auch in ihrem neusten Buch erzählt Christine Nöstlinger mit viel Humor und Wiener Schmäh (Worterklärungen finden sich im Anhang) aus einem nicht immer ganz leichten Kinderalltag. Schliesslich sind Pauli und Rosi tagsüber auf sich alleine gestellt. Auch stossen sie bei der Aufklärung des Falls auf unschöne Verdächtigungen und Ausschlussgeschichten in der Schule. Trotzdem: Die Mischung aus Krimi und Kochbuch – Pauli kocht zum Beispiel Pizzaschnecken und Tiramisu – funktioniert hervorragend. Der Krimi macht Lust auf mehr –und die Rezepte sind so einfach, dass sie auch junge LeserInnen leicht nachkochen können.
Christine Tresch

Die Quigleys
Simon Mason
Aus dem Englischen von Gabriele Haefs
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2009, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55560-5
Schlagwörter: Alltag | Humor/Komik | Familie/Familienformen | Generationen

Lucy möchte lieber im Bienenkostüm als im Brautjungfernkleid zur Hochzeit (was heisst da möchte – sie hat es sich in den Kopf gesetzt und wird es auch tun), ihr Bruder Will lässt sich nur schwer überreden, die Fussballhandschuhe wieder auszuziehen, und Mama gibt sich die allergrösste Mühe, die Kinder samt Papa rechtzeitig aus dem Haus zu bugsieren. Normal bei den Quigleys. Denn auch wenn keine Hochzeit ins Haus steht, ist der Alltag der vierköpfigen Familie – milde ausgedrückt – chaotisch. Und nein, die Katze gehört nicht zu den Quigleys, sie gehört den Nachbarn und macht nur gern Pipi in den Quigley-Garten, deshalb der Katzenpipigeruch vor dem Haus. Doch die Quigleys sind nicht nur laut, chaotisch und eigenwillig, sondern – und gerade deswegen – auch liebenswert. Sie pflegen, wenn sie nicht gerade streiten, einen durchaus liebevollen Umgang miteinander; so ist Lucy gerne bereit, ihrem Papa Geld zu leihen, und Will wird zum allerliebsten Kind in der Hoffnung, sich so den heiss ersehnten Würgadler zu verdienen.

“Die Quigleys” ist ein Buch, welches sich bestens zum Vorlesen eignet. Während sich die kleinen ZuhörerInnen heimlich mit Will und Lucy verschwören, dürfen sich die vorlesenden Erwachsenen über so manche, eigens für sie eingeschleuste, Pointe amüsieren. Die wunderbar passenden Illustrationen dürften sowohl Kindern als auch Erwachsenen gefallen. Und wenn man sich manchmal wünscht, es möge ein bisschen weniger chaotisch zugehen und auch mal einen ruhigen Moment geben, sei man daran erinnert –schlimmer als bei den Quigleys kann es nicht sein.

Patricia Morganti

Grossvater und ich
Karla Schneider
Verlag: dtv, Publiziert: 2009, Seiten: 140, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-62366-7
Schlagwörter: Alltag

Karla Schneider erzählt in “Grossvater und ich” von einer Zeit, die für viele Kinder und Jugendliche ganz weit
zurückzuliegen scheint, von den Nachkriegsjahren in Deutschland. Nahrungsmittel gab es damals nur über
Lebensmittelkarten oder per Tauschgeschäft. Onkel, Tanten und Cousins, Mutter, Grossmutter und Grossvater
lebten mit den Enkelkindern unter einem Dach, die Toiletten waren ungeheizte Plumpsklos im Treppenhaus
zwischen zwei Stockwerken. Und an Weihnachten lagen keine tollen Geschenke aus dem Warenhaus unter dem
Christbaum, sondern Selbstgenähtes und aus Abfall Gebasteltes. Die neunjährige Ewelina und ihre Cousins
stört das wenig. Sie lassen ihre Fantasie walten und machen aus Nichts ein Spiel. Die Erwachsenen haben ja
auch keine Zeit für sie. Nur Ewelinas Grossvater ist anders. Er nimmt die Enkelin mit ins Museum und
schleicht mit ihr auf Geheimwegen nach Hause, er holt für sie – im Tausch gegen hausgemachten Essig – ein
Märchenbuch aus dem Antiquariat und zeigt den Kindern, wo im vornehmen Garten von Ewelinas Freundin die Zwerge wohnen.
Karla Schneider, Jahrgang 1938, erzählt in diesem autobiografisch gefärbten Buch in warmem Ton aus ihrer Kindheit und zeigt auf, was Kindsein auch ausmacht, damals wie heute: Spielräume, Freundschaften und
Geborgenheit.
Christine Tresch

Lee Raven
Zizou Corder
Aus dem Englischen von Sophie Zeitz
Verlag: Hanser, Publiziert: 2009, Seiten: 300, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23307-5
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Historisches | Lesen

Hinter dem Pseudonym Zizou Corder versteckt sich ein britisches Schreibteam, bestehend aus Mutter und Tochter. Louisa Young und ihre Tochter Isabel feierten bereits einen grossen Verkaufserfolg mit der Lionboy-Trilogie, die packend und manchmal lustig geschrieben war, nicht mehr und nicht weniger. Was sie jedoch im neuen Roman mit dem nichtssagenden Titel “Lee Raven” zustande bringen, lässt nicht nur Fantasy-Fans einen Freudentanz aufführen, sondern auch alle, die mit Leseförderung und Literaturvermittlung für Kinder und Jugendliche zu tun haben. Zu Wort kommen nämlich – unter anderen – die beiden, zwei, die sonst so schwer zueinanderfinden: ein Junge und ein Buch. Nicht irgendein Buch: Das Buch der Bücher ist es, das der Analphabet und Meisterdieb Lee Raven mit sicherer Hand klaut. Nach einigen Komplikationen findet Lee in der Londoner Kanalisation endlich Ruhe, um sich das Buch genauer anzuschauen. Er stellt fest, dass es sich ständig wandelt – was als Garfield-Comic daherkam, ist plötzlich ein bibliophil anmutendes Pergamentbuch. Nur blöd, dass er es nicht lesen kann.

Da beginnt das Buch selber zu erzählen. Alle Geschichten der Welt sind in ihm aufgehoben, und seine eigene gehört zu den spannendsten: Es verwandelte sich von einer babylonischen Steintafel in eine Papyrusrolle und dann in Pergament und muss sich jetzt auf die neue Situation in einer multimedialen Welt einstellen.

Die Autorinnen finden mit dem sprechenden Buch eine wunderbare Metapher für die Überlebensfähigkeit des Erzählens, das sich immer wieder neue Medien und Kanäle sucht, um zu den Menschen zu gelangen. Und gleichzeitig wecken sie das Interesse der junge LeserInnen für die abenteuerliche Geschichte der Schrift und des Lesens.

Christine Lötscher

Aftershock
Tamar Verete-Zehavi
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Verlag: CBJ, Publiziert: 2009, Seiten: 205, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-16008-4
Schlagwörter: Extremismus/Terrorismus | Abschied

“Wie konnte es sein, dass Menschen, die sich gar nicht kannten, zu Feinden wurden und sich gegenseitig das Schlimmste antaten, was in ihrer Macht liegt?” Um diese Frage dreht sich der Jugendroman der isrealischen Autorin und Pädagogikprofessorin Tamar Verete-Zehavi. Ella war immer ein fröhliches, unbeschwertes Mädchen, das den Hass zwischen Juden und Arabern nicht verstehen konnte. Bis die Katastrophe passiert: In einem Supermarkt mitten in Jerusalem möchte Ella ihre Freundin Jerus treffen. Doch ein greller Lichtblitz mit schrecklichen Folgen trennt die Mädchen für immer voneinander. Im Krankenhaus erfährt Ella, dass sie ein Selbstmordattentat überlebt hat, das von einem palästinensischen Mädchen verübt wurde. Und dass Jerus dabei getötet wurde. Jerus’ plötzliche Abwesenheit hinterlässt in der Ich-Erzählerin neben verzweifelten Fragen nach dem Warum das Gefühl, nie wieder ein fröhliches Mädchen sein zu können. Auf sensible und direkte Art schildert die Autorin, die Gespräche zwischen israelischen und arabischen Jugendlichen organisiert und moderiert, Ellas Weg aus dem Trauma heraus. Damit gelingt ihr ein meisterhaftes Plädoyer für Menschlichkeit, vorurteilsfreie Toleranz und für bedingungslose Liebe.
“Wie eine Schlange, die eine grosse Ratte verdaut, die sie mit Haut und Haar verschlungen hat…” – Mit dieser Metapher wird Ellas Gefühlslage nach dem Schock umschrieben. Auch den LeserInnen kann diese Lektüre keine leichte,aber eine umso reichhaltigere Kost bieten, falls sie einen persönlichen Blick jenseits der Fronten auf das Leben von Menschen in Israel-Palästina nicht scheuen.
Anna Wyss

Zebraland
Marlene Röder
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2009, Seiten: 221, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-35301-9
Schlagwörter: Freundschaft | Tod/Trauer | Schule

Was als schöner, entspannter Sommerabend anfing, endet in einer Katastrophe, als Anouk auf dem Heimweg in regennasser Dunkelheit die Mopedfahrerin übersieht. Nur kurz steigen die drei übrigen Jugendlichen aus dem Auto, um sich davon zu überzeugen, dass ihre türkische Mitschülerin Yasmin tot ist. Einzig Judith ist dafür, die Polizei zu rufen. Philipp will seine Freundin schützen und schlägt Fahrerflucht vor, Ziggy, der eigentlich gar nicht zu der Gruppe gehört, sondern nur mitgefahren ist, bietet an, den Wagen in der Werkstatt seines Cousins zu reparieren. Anouk steht unter Schock und erhebt keinen Einspruch, als Philipp wie selbstverständlich die Rolle des Anführers übernimmt. Erst am nächsten Morgen erfahren die Jugendlichen, dass Yasmin vielleicht hätte gerettet werden können, wenn sie rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht worden wäre. Die Schuld an ihrem Tod betrifft somit nicht Anouk allein, sondern alle vier. Obwohl es scheinbar keine Zeugen für den Unfall gegeben hat und die Polizei völlig im Dunkeln tappt, tauchen plötzlich Erpresserbriefe auf. Zuerst steht nichts weiter als die Nummer des Unfallwagens darin, dann beginnen die Forderungen: Jedes Gruppenmitglied soll beweisen, dass Yasmins Tod auch das eigene Leben für immer verändert hat. Der Verzicht auf das, was ihnen wichtig ist, steht dabei im Vordergrund. Mit immer beängstigender werdenden Klarheit trifft der Erpresser stets den wundesten Punkt – bis sich alle zu fragen beginnen, woher er sie so gut kennt.

Zebraland ist ein spannend konstruiertes Psychogramm, das jugendliche und erwachsene LeserInnen von Anfang an mitfiebern lässt. Wie würde man sich selbst in einer vergleichbaren Situation verhalten? Wie lange Philipps Druck standhalten? Und wie weit gehen, um seine Fehler zu verbergen – bis zu einem Mord?

Damals, das Meer
Meg Rosoff
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2009, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58196-7
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Noch im Alter von hundert Jahren erinnert sich der Ich-Erzähler an die Ereignisse des Jahres 1962, noch immer und immer wieder von den Emotionen von damals erfüllt. Dieses Jahr, in dem er die Liebe entdeckte. Er ist sechzehn und als Schüler im Internat St. Oswald verstaut, das, trostlos und berühmt für seine Anspruchslosigkeit, auf dem äussersten Fleck von Englands Küste sitzt. Danach kommen nur noch Dünen, dann das Meer. Nur eine Hütte steht noch dazwischen, im Niemandsland und bei Flut vom Festland abgeschnitten: Finns Hütte. Von der ersten Begegnung an ist der Ich-Erzähler ebenso fasziniert wie verwirrt, sein Leben gerät aus den Fugen. Wann immer möglich findet er Zeit und Wege, Finn zu besuchen. Finn, der eigenartige Junge, der allein in der alten Fischerhütte lebt, der kaum spricht und für den andere Gesetze zu gelten scheinen als für den Rest der Menschheit. Finns undurchschaubares Wesen bringt den Ich-Erzähler immer wieder an seine persönlichen Grenzen. Und doch ist da dieses Zarte, Sanfte. In Finns warme, rauchige Decken eingewickelt, erlebt er Geborgenheit und so heftige Gefühle, wie der Himmel weit und das Meer tief ist. Natürlich weiss er noch nicht, dass es Liebe ist.
Eigentlich passiert nicht viel in dieser Geschichte. Doch Meg Rosoff gelingt es, Gefühle und Stimmungen so zu beschreiben, dass es ist, als würde man sie selber erleben. Eine anspruchsvolle Lektüre für Jugendliche ab vierzehn Jahren.
Patricia Morganti

Panther
Carl Hiaasen
Aus dem amerikanischen Englisch von Birgitt Kollmann
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2009, Seiten: 381, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-81052-0
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Umweltschutz/Klima

Eigentlich sollte es nur ein Schulausflug zur Erweiterung der Biologiekenntnisse werden, doch dann bricht in genau diesem Teil der Everglades ein Feuer aus – und die von allen gehasste Lehrerin kommt nicht mehr aus dem dicht bewachsenen Waldgebiet zurück. Besonders ein Schüler gerät schnell ins Kreuzfeuer der Ermittlungen. Er hat schon mehrmals gezündelt und ist am Tag vor dem Ausflug mit der Lehrerin in Streit geraten. Doch reicht ein Streit als Mordmotiv? Ist überhaupt ein Mord geschehen? Immer wieder tauchen Nachrichten auf, die von der Vermissten zu stammen scheinen. Ihr Auto wird gesehen und ihre Post abgeholt. Nick und Marta wollen mehr über den Verbleib der “Hexe” herausfinden und machen sich auf den Weg zu ihrem Haus. Auf das, was sie dort finden, sind sie nicht vorbereitet – die Zimmer sind voller ausgestopfter Tiere. Sie alle stammen aus den Sümpfen Floridas, und alle zählen zu den besonders gefährdeten Arten…
Carl Hiaasens Roman “Panther” führt die LeserInnen mitten in die schwüle Atmosphäre der Everglades hinein. Obwohl er wie ein Krimi beginnt, zählt er nicht zu den klassischen “whodunnits”. Dazu werden die Antworten auf die oben gestellten Fragen zu schnell gegeben. Stattdessen tritt die Frage nach dem Kommen-die-damit-durch in den Vordergrund – und die ist in diesem Fall nicht minder spannend. Illegal nach Öl bohrende Geschäftsleute kommen ins Spiel, eine Art amerikanischer Robin Hood und ein seltenes Panther-Baby, das zweifellos stirbt, wenn seine Mutter nicht rechtzeitig gefunden wird.
Spannender Lesestoff für LeserInnen ab zwölf, der für die allgegenwärtige Ausbeutung der Natur sensibilisiert und dazu anregt, sich selbst zu engagieren.
Maren Bonacker

Stilles Gift
Severin Schwendener
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2009, Seiten: 205, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-74118-9
Schlagwörter: Freundschaft | Krimi/Thriller | Umweltschutz/Klima | Schweiz

Etwas ist faul mit Pascals Nachbar Germann. Eine riesige Villa am Zürichsee, ein Bootshaus inklusive privaten Anlegestegs, ein Boot, das mit ausgeschalteten Positionslichtern nachts auf den See hinausfährt, sowie alle paar Nächte ein merkwürdiger Geruch nach Chemikalien: Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen! Pascal, der 16-jährige Kongolese aus Lausanne, der erst vor kurzem nach Zürich gezogen ist, will der Sache auf den Grund gehen – und verschwindet spurlos. Pascals neue Freunde, Franziska und Urs, sowie Reto, Franziskas grossspuriger Freund, machen sich auf die Suche nach dem Vermissten. Schon bald sind die drei davon überzeugt, dass Germann hinter Pascals Verschwinden steckt. Bis die Teenager Pascal jedoch befreien und Germanns Machenschaften aufdecken können, müssen sie noch manch brenzlige Situation überstehen.

Der Umweltkrimi des jungen ETH-Forschers Severin Schwendener liest sich leicht und hält die LeserInnen auf Trab. Was macht es da schon, wenn das Glück der Helden insgesamt arg strapaziert wird und die Anzahl der in letzter Sekunde entdeckten Fluchtwege nicht wirklich glaubhaft sind, von der mehr als Spiderman würdigen Klettertour in schwindelerregender Höhe ganz zu schweigen.

Die Kriminalgeschichte steht zwar eindeutig im Vordergrund, eine wichtige Rolle spielen aber auch die Beziehungen der Jugendlichen untereinander. Hier hätte man sich eine etwas ausgefeiltere Figurenzeichnung gewünscht. Insbesondere Reto wirkt bisweilen überzeichnet. Insgesamt jedoch bietet “Stilles Gift” einige kurzweilige Lesestunden und dürfte auch als Klassenlektüre auf der Sekundarstufe gut ankommen.

Ursula Kahi

Ich, Adrian Mayfield
Floortje Zwigtman
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2009, Seiten: 505, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5200-9
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Historisches | Identität/Individualität | LGBTQ* | Kunst

London, 1894. Der Rausschmiss ist für Adrian zwar ein Desaster, doch er hätte es nicht eine Minute länger bei dem geizigen griechischen Herrenschneider ausgehalten. Auf die Strasse gesetzt und ohne Geld, findet er Unterschlupf bei Trops, einem schrillen Kunstmaler, und beginnt für ihn Modell zu sitzen. Allmählich eröffnet sich Adrian Mayfield eine Welt, von der er nur geträumt hatte: In den illustren Kreisen der englischen Gesellschaft begegnet er den berühmtesten Künstlern um die Jahrhundertwende, allen voran dem Autor Oscar Wilde. Fasziniert vom Witz, der Intelligenz und dem Savoir-vivre dieser Männer, findet Adrian Gefallen an der Welt der Dekadenz, des Glamours und des Scheins, schliesst aber auch Bekanntschaft mit zwielichtigen Gestalten, die ihn die Schattenseiten dieses Lebens erfahren lassen.

Dass er darüberhinaus noch Männer liebt, macht es für ihn, den Ostlondoner Aufsteiger, nicht einfacher. Trotz wilden Festen im Café Royal, vermisst er wirkliche Freunde und allmählich auch Liebe. Erst als er dem scheuen Künstler Vincent wirklich begegnet, öffnet sich auch die Tür zu seinem wahren Ich. Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2009, zeigt sich der Roman der niederländischen Kultautorin als impressionistisches Meisterwerk. Ein Bild-Text-Konglomerat, welches die Seelenzustände eines Siebzehnjährigen wiederzugeben vermag und die LeserInnen mit den Selbsteinsichten des Protagonisten immer wieder überraschende Wendungen erleben lässt. Es ist ein Märchen, ein Geschichtsbuch, eine Biografie, in welcher die Suche nach sich selbst im Zentrum steht. Ein Wälzer, der für ältere Jugendliche und Erwachsene das Zeug zu einem Klassiker hat.

Petra Bäni

Phaenomen
Eric L'homme
Aus dem Französischen von Stefanie Schäfer
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2009, Seiten: 527, ISBN/ISSN/EAN: 3-941087-39-8
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Violaine, Claire, Arthur und Nicolas verhalten sich äusserst seltsam. In der Klinik am See stehen sie deshalb unter psychiatrischer Aufsicht. Bis eines Tages die Männer aus dem schwarzen Wagen Doktor Barthélemy entführen und die Jugendlichen in ein Abenteuer verstrickt werden, im Zuge dessen sie unerhörte Geheimnisse erfahren, von Geheimdiensten und Geheimgesellschaften durch die ganze Welt verfolgt werden – und schliesslich sogar an die Grenzen dieser Welt gelangen.
“Ganz schön kompliziert”, entfährt es Nicolas gegen Ende des Romans. Und die LeserInnen werden ihm zustimmen. Mit der Mischung aus Fantasy, Science-Fiction, Verfolgungsthriller und Verschwörungstheorien hat Eric L’Homme tatsächlich eine Art “Da Vinci Code” für Jugendliche geschrieben, der mitunter ähnlich hanebüchen, aber eben stellenweise auch ähnlich spannend ist. Wie das Vorbild arbeitet auch L’Homme mit einer multiperspektivischen Darstellung der Handlung, was sehr interessant ist, weil so auch die Häscher eine Geschichte und charakterliche Tiefe erhalten. Auch die vielen Spannungsbögen und vor allem das problematische Verhältnis der Heldinnen und Helden zu ihren besonderen Fähigkeiten, die nicht nur entdeckt, sondern auch als solche akzeptiert werden wollen, machen die Geschichte insgesamt zu einem kurzweiligen Leseerlebnis – auch wenn die grosse Auflösung der Geschichte tatsächlich etwas kompliziert ist.
Christian Kölzer

Die nächste GENeration
Charlotte Kerner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2009, Seiten: 253, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-75346-2
Schlagwörter: Zukunft | Wissenschaft

Science + Fiction

Molekularbiologisch betrachtet sind Backhefe und Mensch enge Verwandte – einige Dutzend Gene sehen sich ähnlich, manche haben sogar die genau gleiche Funktion. Da ist es doch nicht verwunderlich, dass der Alterungsprozess von Hefe, Fadenwurm oder Maus Rückschlüsse auf das Altern von Menschen zulässt. Und mit ein bisschen Genmanipulation, noch mehr Wissen und Ausprobieren, gibt es vielleicht schon bald die Pille gegen das Altern. Oder doch nicht? Sicher ist, dass der Junge, welcher, eingesponnen in einem Kokon, eine Metamorphose durchmacht (das Pendant zur Pubertät wahrscheinlich) und mit Flügeln wieder ausschlüpft, Fiktion ist.

Das Buch beschäftigt sich mit ein paar ganz grossen Fragen rund um die Gentechnik – und ihre Zukunft. Sind die Grenzen zwischen (noch) Fiktion und (schon) Realität verwischt, ist das nicht Schuld der Autorinnen; das Buch ist klar strukturiert und alles, was unter die Rubrik Fiction geht, mit einem farbigen Titel gekennzeichnet. Jedes der sechs Kapitel enthält einen Sachtext zum aktuellen Stand der Genforschung, ein Interview mit WissenschaftlerInnen sowie Science-Fiction-Geschichten und Kommentare aus der Zukunft. Die Sachtexte sind gut verständlich, die erfundenen Geschichten aus der Zukunft zu Beginn spannend, mit der Zeit aber langweilig. Die Idee, sowohl den Stand der heutigen Forschung als auch mögliche Zukunftsszenarien zu berücksichtigen, ist gut. Leider werden Denkanstösse durch kurze Antworten von interviewten Personen eher im Keim erstickt denn gefördert. So fehlt dem Buch die wirkliche Diskussion zum Thema.

Patricia Morganti

Alabama Moon
Watt Key
Aus dem amerikanischen Englisch von Jacqueline Csuss
Verlag: Oetinger audio, Publiziert: 2009, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 3-8373-0452-3
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing | Natur

Nach Alaska will der zehnjährige Moon. Dort würde es andere Leute geben, die so leben wie sie, hat ihm sein Vater auf dem Sterbelager gesagt. Moon hat ihn neben der Mutter beerdigt. Jetzt sitzt er in der Erdhöhle, die in den letzten Jahren ihr Zuhause gewesen war, und weiss nicht, wie sein Leben weitergehen soll. Moon kennt nur die Gesetze des Waldes, er kann jagen und sich von Pflanzen und Kräutern ernähren; ausser einem Ladenbesitzer, den sein Vater und er ab und zu aufsuchten, kennt er keine Menschen. Warum seine Eltern die Wildnis der Zivilisation vorzogen, erfährt der Junge erst im Laufe des langen Weges, der ihn zu sich selber und zu einer neuen Familie führen wird.

Zuerst aber wird Moon von der Zivilisation entdeckt, er soll domestiziert werden, reisst aber immer wieder aus. Die Medien und ein ruchloser Polizist stilisieren ihn zum gefährlichen Wilden. Er erfährt Verrat, vor allem aber findet er gleichaltrige Freunde und erkennt nach und nach, dass ihm diese sein Vater immer vorenthalten hätte.

Watt Keys Debütroman ist die äusserst gelungene Neuinterpretation der Geschichte vom gutherzigen Waisenjungen, der von der Gesellschaft ausgestossen, sich den Weg zu sich selber und zu einem Leben in der Gemeinschaft erkämpfen muss – und dabei zum Glück Menschen kennenlernt, die nicht nur schwarzweiss denken.

Jens Wawrczeck verleiht dem Ich-Erzähler Moon in der Hörbuchfassung eine starke Stimme. Er zieht die HörerInnen hinein in Moons Gefühlswelt, in seine instinktiven Reaktionen und das allmählich reflektiertere Vorgehen. Weniger überzeugend ist die Ausgestaltung der anderen Figuren. Sie erscheinen zu forciert. Und warum die Erzählerstimme weinend tönt, wenn im Text steht, dass jemand weinte, ist nicht einsichtig. Das Hörbuch lebt aber wie das Buch vor allem von der starken Abenteuerhandlung. Sie packt hörende und lesende Kinder ab zehn Jahren.

Christine Tresch

Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen
Jean Regnaud, Illustration: Emile Bravo
Verlag: carlsen comics, Publiziert: 2009, Seiten: 124, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-77790-X
Schlagwörter: Tod/Trauer | Generationen | Familie/Familienformen

Der Vater ist Fabrikdirektor und hat wenig Zeit für seine Söhne. Zu Hause herrscht Fernsehverbot, in der Schule regiert eine ältliche Jungfer, während der Ferien langweilen sich Jean und Paul bei den Grosseltern. Eine normale Kindheit in den 1970er-Jahren also, stünde nicht Jeans grosse Frage im Raum: Wo ist Mama? Dass sie auf Reisen ist, wie die Erwachsenen behaupten, um den Kindern ihren Tod zu verheimlichen, glaubt Jean je länger, je weniger.

“Meine Mutter ist in Amerika und hat Buffalo Bill getroffen” hat nicht nur einen ausgesprochen schönen Titel, es steckt auch voll bezaubernder Momente: Wenn etwa die Nachbarstochter Michèle dem kleinen Jean Postkarten vorliest, die seine Mutter von ihren Reisen in Spanien oder Amerika geschickt habe. Dennoch gelingt es dem Autor Jean Regnaud nicht, uns die Verletzungen, die die Lügen um den Tod seiner Mutter bewirkt haben, glaubhaft zu vermitteln. Dazu ist er zu unentschlossen: Zum einen zeigt er, wie der kleine Jean an die Lüge glaubt, ohne sie zu hinterfragen; zum anderen spielt er auf Zweifel an, die den Jungen quälen. Die Wahl einer kindlichen Perspektive verhindert jedoch die notwendige Vertiefung. Der Schluss ist zwar hübsch und witzig, aber doch eher fragwürdig. Reicht es, einfach nicht mehr an die Mutter zu glauben (wie an den Weihnachtsmann), um “gross” zu werden und die Probleme zum Verschwinden zu bringen?

Wunderbar sind allerdings Emile Bravos Zeichnungen, die Leichtigkeit, Melancholie, kleine Glücksmomente und wehmütige Sehnsüchte zu einer bezaubernden, aber nie süsslichen Mischung aus Bilderbuch und Comic verschmelzen.

Christian Gasser

Gans der Bär
Katja Gehrmann
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51713-4

Wenn der Eierdieb in Gestalt des Fuchses nicht so gierig gewesen wäre, dann müsste der grosse Bär sich jetzt nicht mit so schwierigen Fragen herumschlagen. Aber das gehört wohl zu einem Bärenleben. Der Fuchs verliert zu Beginn ein gestohlenes Gänseei und der Bär hält dieses just in dem Moment in seinen Pfoten, als das kleine Küken schlüpft. Ganz selbstverständlich piepst das Gänsekind dem Bären ein begeistertes “Mama!” entgegen. Der verdutzte Bär bemüht sich redlich und fantasievoll, dem Tierchen den Irrtum verständlich zu machen. Er muss aber feststellen, dass das kleine Tier ihm seine Liebe hartnäckig bekundet und es sowohl klettern wie rennen und sogar schwimmen kann. Gerade als der Bär die eigenwilligen verwandtschaftlichen Verhältnisse akzeptiert und die beiden gemütlich im Fluss treiben, greift der Fuchs nochmals ins Geschehen ein und wird auf höchst erstaunliche Art und Weise vom Gänseknirps ausser Gefecht gesetzt. Da hätte sich der Fuchs eben vorher überlegen müssen, ob er sich mit einem Bären anlegt, der noch klein ist und einen Schnabel hat!

Nach Julia Frieses auf demselben Irrtum beruhenden Bilderbuch “Alle seine Entlein” (Bajazzo 2007) legt nun Katja Gehrmann ihre Version der Mutterbindung auf den ersten Blick vor. Die Geschichte ist dramaturgisch äusserst geschickt angelegt, indem sie mit den Erwartungen der Lesenden spielt. Sie zeigt hintergründig und lustvoll, wie sich etwas hinterfragen lässt, sogar wenn nicht alles so ist, wie es zu sein scheint. Die expressionistisch anmutenden, grosszügig gemalten Hintergrundlandschaften kombiniert die Illustratorin mit krakeligen AkteurInnen und witzigen Details im Vordergrund. So ist die humoreske Geschichte voller Dynamik und löst das wunderbare Wortspiel im Buchtitel bestens ein.

Barbara Jakob

Das Gänseküken hält ausgerechnet den grossen Bären für seine Mama. Dieser versucht, den Irrtum aufzuklären, doch das Gänschen rennt, schwimmt und klettert zu seinem Erstaunen ebenso gut wie ein kleiner Bär. Da ist es nicht mehr so wichtig, wer hier eigentlich Bär oder Gans ist …

Johanna im Zug
Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0582-2
Schlagwörter: Identität/Individualität | Reisen | Tiere | Intertextualität

Wann ist eine Geschichte eine Geschichte? Dass ein Zug fährt, ist wohl noch keine. Auch nicht, wenn ein Schwein darin sitzt. Aber das ist schon mal ein guter Anfang. – Die erfolgreiche Schweizer Illustratorin Kathrin Schärer spielt mit der Erzählebene des Illustrierens, zeichnet ihren Schreibtisch und wie sie selbst Bilder für eine neue Geschichte malt. Das gezeichnete Schwein – noch namenlos und nackt – kommuniziert mit der Illustratorin, wünscht sich ein Hemd, das sie auch bekommt, sucht sich selbst einen Namen und findet ihn bei der Ziege im Nebenabteil. Zwischendurch verlangt Johanna, dass die Illustratorin zurückblättert, um die Abfahrt eines Zuges, in dem fälschlicherweise ein Eisbärkind allein sitzt, rückgängig zu machen. Als Johanna aber Jonathan findet, braucht sie die Illustratorin nicht mehr, meint, allein zurechtzukommen. Auf einem neuen Blatt entsteht dann ein Containerschiff …

Das lustvolle Spiel mit dem Motiv vom Buch im Buch macht Spass und regt zum Hin- und Herblättern und Weitererzählen ein. Schärer gelingt es, alle Ebenen unter einen Hut zu bringen, ein selbstbewusstes Schweinemädchen zu entwickeln und ausserdem viele versteckte Hinweise auf andere Bilderbücher (etwa von Jörg Müller) unterzubringen. Die Schweine selbst können als Verweis auf das ähnlich erzählte, preisgekrönte Bilderbuch „Die drei Schweine“ von David Wiesner (2002) gelesen werden.

Bruno Blume

Es fährt ein Bus durchs ABC
Karsten Teich
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2009, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-939944-32-7
Schlagwörter: Sprachspiel

Wenn sich Kinder das ABC aneignen wollen, geht das nicht ohne Anstrengung. Der Weg führt bisweilen durch unwegsames Gelände. Wie der Bus, der auf einer abenteuerlichen Fahrt durchs Buchstabenland braust. Der Fahrer klappert mit den Zähnen, als er an abschüssiger Stelle anhalten muss. Doch die Haltestelle F will bedient sein, die neuen Passagiere warten bereits: ein Flanell tragender Frosch und ein Fuchs, der sein Fell föhnt.

Aber nicht nur Gefahren, auch fröhliche Momente hält die Fahrt in Reimen durchs Alphabet bereit, das unterstreichen die witzigen Illustrationen von Karsten Teich. Seine abwechslungsreich komponierten Bilder laden zum Entdecken ein. An den Haltestellen – sie tragen die Namen eines oder mehrerer Buchstaben – stehen entsprechende Figuren und Gegenstände. Und während der Chauffeur seinen Bus von A nach Z lenkt, steigen immer mehr wunderliche Fahrgäste zu: Eine Elefantengruppe mit einem Eimer Erbsensuppe, ein Greis mit einer grünen Gummi-Geiss oder der Troll aus dem tiefen Teich. Schliesslich gipfelt die turbulente Reise an der Endstation Z in einem grossartigen Zirkusfest.

Schön – und für LeseanfängerInnen auch logisch – wäre es gewesen, wenn jeder Buchstabe eine eigene Haltestelle bekommen hätte. Trotzdem lässt sich das Buch gut im Schulunterricht verwenden. Die Übergangsverse – sie beschreiben die Busfahrt zwischen den Haltestellen und enden mit der Frage, wer wohl als Nächstes einsteigt – können auch losgelöst vom restlichen Text vorgelesen werden. So müssen die Kinder die zusteigenden Passagiere selber erraten.

Dass die Reime ab und zu etwas gesucht wirken, verzeiht man gerne. Denn, ob beim Betrachten der Seiten oder beim blossen Zuhören, es kommt kein Moment Langeweile auf. Das ist ja die Botschaft des Buches: Lesen(lernen) ist aufregend!

Katrin Ruchti-Fehr

Der kleine Polarforscher
Sonja Bougaeva
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0567-9
Schlagwörter: Freundschaft

Es kann ganz schön unheimlich sein, wenn man so allein am Nordpol ist, um dort das Wetter zu beobachten. Vor allem, wenn man das Gefühl hat, dabei nicht wirklich allein zu sein…
Der kleine Polarforscher, erdacht und illustriert von Sonja Bougaeva, wird immer nervöser. Seine kurzen Tagebucheintragungen spiegeln Zweifel und Ängste wieder, als er glaubt, ein lautes Schnaufen gehört zu haben und Spuren im Schnee zu finden, die doch eigentlich gar nicht da sein können. Doch lautes Schmatzen mitten in der Nacht und deutlich schwindende Nahrungsmittelvorräte lassen schon am vierten Tag keinen Zweifel mehr zu: Da ist noch jemand! Doch erst am achten Tag gelingt es dem Polarforscher, seinen ungebetenen Gast zu überraschen – und damit auch sich selbst in höchstes Erstaunen zu versetzen. Der Dieb ist ein ehemaliger Zirkus-Eisbär, der seiner Sehnsucht nach Eis und Schnee und verwandten Eisbären gefolgt war und erst am Nordpol erkannte, dass dieses Leben nichts für ihn ist. Jetzt sitzt er hier fest, hat alle Kekse des Polarforschers gefressen und muss nun den Menschen vorm Verhungern retten, indem er ihm das Angeln im See beibringt. Nicht für immer, nur bis der Helikopter wiederkommt und ihn mit zurück zum Zirkus nimmt…
Die Geschichte hilft wohl in erster Linie, Kindern zu erklären, wie glücklich ein Eisbär im Zirkus (oder vielleicht auch im Zoo) sein kann, wenn er an das harte Nordpolleben nicht gewöhnt ist. Wunderschön sind dabei die teils halb-, teils doppelseitigen Illustrationen, die besonders mit der kontrastiven Darstellung von warmen und kalten Tönen arbeiten, um diese warmherzige, skurrile Geschichte in Bildern zu erzählen. Für Eisbärenfreunde!
Maren Bonacker

Sim, das Wolfsjunge
Stella East
Verlag: Hanser, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23378-4

Sim, das Wolfsjunge, wird in einem Zoo geboren. Es kennt nichts anderes als die Stäbe des Geheges und die Menschen, die davor stehen und schauen. Seine Mutter aber, die wunderschöne Wölfin Una, hat ein anderes Leben gekannt. Sie erzählt Sim von riesigen Wäldern, Flüssen und tiefen Seen. Sie erzählt vom Leben in der Freiheit, von der Jagd und von Hungersnöten und vom Spiel der Jungtiere. Und davon, wie es ist, wenn man frei dahinjagen kann, ohne jemals einen Zaun zu sehen. Sims Augen beginnen dann zu leuchten, und staunend fragt er: “Ist das wirklich wahr?” – “Ja”, sagt Una dann, “das ist wirklich wahr.”
Doch Una erinnert sich auch an den Tag, an welchem das schreckliche Motorengeräusch die Luft erfüllte und an dessen Ende sie sich im Zoo wiederfand. Mutter Wolf erzählt, bis es dunkel wird, und in der Nacht träumt Sim, dass er in die Welt draussen zurückkehrt, dorthin, wo die Wölfe eigentlich zu Hause sind.
Stella East lässt in diesem Bilderbuch eine Wölfin sprechen. Sie tut dies voller Zärtlichkeit und Feingefühl; ein Ruf voller Sehnsucht nach einem Leben in Freiheit – und ohne ein Pauschalurteil über Zoos zu fällen.
Die Wölfe in diesem Buch hat die Autorin mit vielen Pinselstrichen detailgetreu und wunderschön gemalt und in Landschaften gesetzt, die eine fast mythische Ausstrahlung haben.
Nach der Geschichte gibt es vier Seiten Fakten über Wölfe zu lesen, die nicht nur spannend sind, sondern zusammen mit der Geschichte auch zur kritischen Diskussion einladen.
Geschrieben und gemalt wurde dieses Buch für Kinder ab 4 Jahren – gewidmet ist es einer Wölfin.
Patricia Morganti

Als wir allein auf der Welt waren
Ulf Nilsson, Illustration: Eva Eriksson
Aus dem Schwedischen von Ole Könnecke
Verlag: Moritz, Publiziert: 2009, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-212-1
Schlagwörter: Geschwister

Der kleine Ulf, noch nicht mal in der Schule, muss sich ganz allein um sich und seinen kleinen Bruder kümmern. Mama und Papa sind von einem blöden roten Laster überfahren worden – müssen sie sein, denn sie haben ihn nicht vom Kindergarten abgeholt um drei Uhr, wie sonst immer. Er weiss es genau, denn sie haben die Uhrzeit gelernt: neun Uhr, zehn Uhr, ein Uhr, zwei Uhr. So traurig der Kleine ist, er darf sich vor dem kleinen Bruder nichts anmerken lassen. Also versucht er, Normalität zu bewahren, was heisst: nach dem Kindergarten zu Hause ein bisschen Fernsehen, auf dem Teppich sitzend und Keks knabbernd. Das Problem ist: Sie haben keinen Fernseher, keinen Teppich, keinen Keks – und kein Zuhause mehr! Also bauen die zwei Kerlchen ein Haus im Garten, Laub soll den Teppich ersetzen, ein Fernseher ist schnell aus einer Kartonkiste gebaut und für die Kekse gehen sie zum Nachbarn. Aber als das Fernsehprogramm zu anstrengend wird, der Keksteig Bauchschmerzen macht und die Trauer über den Zustand als Waisenkinder doch obsiegt, gerade da hören sie Stimmen …

Das erfolgreiche schwedische Duo Nilsson-Eriksson spielt diese schrecklich-faszinierende Kinderfantasie behutsam, witzig und konsequent durch. Mitleid, Nervenkitzel und Zuversicht halten sich die Waage. Und der kleine Ich-Erzähler ist eine prima Identifikationsfigur: verantwortungsbewusst, empathisch, hilfsbereit, emotional, erfinderisch, geschickt, klug – aber nicht ohne Fehler. Ein kleiner Held für den Alltags.

Bruno Blume

Tauschtag
Nele Palmtag
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0588-1
Schlagwörter: Alltag | Familie/Familienformen | Geschlechterbilder

“Ich gehe nie mehr in den Kindergarten!”, verkündet Anatol. Verständlich, denn sein Gschpänli Kai hat ein Brot mit Tigerkopf und er, Anatol, bloss ein langweiliges Normalbrot. Anatols Schwester Franzi hat Bauchweh und auch schon beschlossen, heute nicht zur Schule zu gehen. Da kommt Papa auf die Idee, zu tauschen: Er geht für Anatol in den Kindergarten, Anatol für ihn ins Büro, Mama geht in die Schule und Franzi ins Atelier. Und so macht Papa die Erfahrung, wie es ist, kein Tigerkopfbrot zu haben (gar nicht so schlimm, wenn man sich zu helfen weiss), während sein Sohn mit der Redaktorin telefoniert und gewichtige Entscheidungen über Ameisenfilme fällt. Franzi bemalt unterdessen Mamas Atelier und kauft im Supermarkt Jägerwurst und Schweinskopfsülze. Derweil versucht Mama mittels Gummitwisthüpfen einen uralten Schatz zurückzuerobern. Beim Abendessen, es gibt Wurst und Schweinskopfsülze, verkündet Anatol: “Morgen gehe ich wieder in den Kindergarten! Und vor der Pause beiss ich mein Brot so ab, dass es aussieht wie ein Hai!”

Das Thema Rollentausch fasziniert Kinder. Dass in diesem Buch die Erlebnisse von gleich vier Personen erzählt werden, könnte zwar spannend sein, macht die Geschichte aber unübersichtlich. Beim Erzählen stolpert man mehr als einmal auf Ausdrücke, die eine Erklärung fordern, und bei gewissen Sätzen ist erst beim zweiten Lesen ein Zusammenhang erkennbar. Nele Palmtag hat ihre Geschichte mit witzigen, bunten und mit vielen Details bestückten Bildern illustriert.

Ganz hinten im Buch finden sich die wunderbarsten, in verschiedene Tiergestalten gebissenen Brote. Wirklich inspirierend – bitte nachmachen!

Patricia Morganti

Quark??!
Peter Schössow
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-939944-23-8
Schlagwörter: Humor/Komik

In der Reihe “Mahlzeit” von Peter Schössow kommt jetzt ein drittes quadratisch-kleines Buch auf den Markt. Der Titel: “Quark??!” Der Held: Ein Enterich, der in seiner maritimen Gewandung (oben Hemd und unten ohne) ganz entfernt an einen berühmten Erpel-Kollegen aus Amerika erinnert. Seine Mission: Quark!

Die Geschichte beginnt bereits auf dem Vorsatzpapier, doch wird hier lediglich der Prolog erzählt. Die Ente schläft. Der Schlummer ist aber nur von kurzer Dauer – irgendetwas weckt den Erpel, der noch mit halb geschlossenen Augen ein suchendes “Quark??!” von sich gibt. Ein Blick aus dem Fenster zeigt Sterne über Sterne, die Augen sind noch immer nicht ganz offen, das “Quark??!” verhallt in der Nacht. Es ist der Beginn einer Odyssee durch nächtliche Räume, die – wenn man nach den Fenstern geht – zu ein und demselben Gebäude gehören, das allerdings recht kurios zu sein scheint. Musikzimmer, grosser Ausstellungssaal, Bühne, Bibliothek und Bildergalerie werden “quarkend” durchquert, bis der Weg in den Keller führt. Hinter einer halb geöffneten Tür – Licht! Ein Kühlschrank… und endlich wird aus dem suchenden “Quark??!” ein zufriedenes, das sich im Fehlen der Fragezeichen und dem Hinzufügen eines weiteren Ausrufezeichens manifestiert. Und erst die letzte Seite macht klar, was der schmunzelnde Leser schon seit Seiten vermutet …

Peter Schössows “Quark??!” ist nicht nur eine lautmalerische Hommage an die Sprache der Enten, sondern auch ein Hoch auf Milchprodukte. Herrlich zum Vorlesen und ausserdem ein wunderbares Geschenk für diejenigen, die des Nachts schon mal hungrig durchs Haus pilgern. Nicht zuletzt ein Muss für alle, die sich immer schon gefragt haben, warum Enten eigentlich dauernd “Quark” sagen …

Maren Bonacker

Matildes Katzen
Jan Lööf
Verlag: Moritz, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-203-2
Schlagwörter: Alltag | Traum

Knut und Gustav heissen sie, Mathildas Katzen. Gustav ist gelb und Knut gestreift. Und beide sind sie lieb. Sagt Mathilda. Und niedlich. Und das, obwohl sie einfach gigantisch sind. Sitzt Gustav auf dem Boden, ist er immer noch grösser als Mathilda, die auf einem Hocker steht. Und Knuts Zähne sind so riesig, dass eine gewöhnliche Zahnbürste bei weitem nicht ausreicht, um sie zu putzen. Kein Wunder, haben Knut und Gustav auch einen wahrhaft gigantischen Appetit: Zwanzig Liter Eintopf mit Speck kocht Mathilda jeden Tag für sie. Sagt Mathilda. Kein Wunder auch, dass die Leute auf der Strasse sich vor Knut und Gustav fürchten. Immerhin handelt es sich bei den beiden um zwei ausgewachsene Raubtiere. Sagen die Bilder. Und obgleich Mathilda alles andere als schüchtern und zerbrechlich wirkt, sondern im Gegenteil selbstbewusst und robust, sehen Löwe Knut und Tiger Gustav neben dem Mädchen schon sehr beeindruckend aus. Dass so grosse (Raub-)Katzen bisweilen richtig anstrengend sind, glaubt man Mathilda da aufs Wort. Umso mehr, als Gustav nachts schrecklich schnarcht, und Knut das halbe Bett unter seinem mächtigen Kopf und seiner Pranke begräbt.
Aber zum Glück ist da noch Mathildas Mutter. Mit ihrem “Aufstehzeit… Deine Katzen maunzen und haben Hunger”, lässt sie Knut und Gustav wieder zu pflegeleichteren Stubentigern schrumpfen. So kann Mathilda die beiden auch mal zum Angeln mitnehmen, ohne ihre Umwelt in Angst und Schrecken zu versetzen.
“Mathildas Katzen” ist ein spektakulär unspektakuläres Bilderbuch. Unspektakulär, wie es das Leben auf den ersten Blick oft ist; spektakulär, wie das, was sich mit dem richtigen Blick daraus machen lässt.
Ursula Kahi

Die Mondblume
Einar Turkowski
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0579-2
Schlagwörter: Natur

Auf einer Insel steht ein Steinhaus. Hinter dem Haus erstreckt sich ein Garten, ein Dschungel fast schon: Da gibt es die wundervollsten Blumen, blühende Büsche, Bäume voller Früchte. Verschlungene Pfade führen durch düstere Durchgänge aus hohen Bäumen, über Bäche und verlieren sich irgendwo in einem Blütenmeer. Nach jeder Kurve birgt die Natur ein neues Geheimnis. Selbst das Licht scheint an diesem Ort anders zu sein als sonst wo. Herr Ribblestone, stolzer Bewohner dieses Landes, ist denn auch überaus zufrieden. Er liebt es, in seinem Garten zu wandeln, grüsst die Bäume und Büsche und sorgt sich um die Blumen. Gut möglich, dass er gerade eine Tasse Kräutertee trinkt und einen Toast mit Himbeermarmelade isst, als er es sieht: An seinem Lieblingsplatz keimt eine Pflanze, die Herr Ribblestone noch nie zuvor gesehen hat.
Von nun an gilt dem geheimnisvollen Sprössling seine ganze Aufmerksamkeit; er hegt und pflegt ihn, wässert, düngt und beschützt, ja, er liest ihm gar Geschichten vor. Auf dass die wundersame Knospe sich bald öffnen möge. Doch nichts geschieht. Bis zu jener lauen Vollmondnacht…
Die Mondblume verzaubert. Sowohl der Text (mit den wunderbaren Klammerbemerkungen) als auch die bis tief ins Detail ausgearbeiteten Bilder umgeben die Leser- bzw. BetrachterInnen ganz mit der Magie der Geschichte. Die Zeichnungen zeugen nicht nur von einem fantasievollen Künstler, sie scheinen auch irgendwie zu leuchten. Und das, obwohl Turkowski ausschliesslich mit Bleistift gearbeitet hat. Dieses Buch ist ein Kunstwerk – eines, welches Kinder ebenso wie Erwachsene in seinen Bann zieht.
Patricia Morganti

Die Paulis ausser Rand & Band
Gernot Gricksch
Verlag: Dressler, Publiziert: 2009, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-0722-2
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Humor/Komik | Familie/Familienformen

Momente, in denen man eine Stecknadel fallen hören kann, sind bei den Paulis äusserst selten. Dafür herrscht in dem kleinen Häuschen in der Brahmsgasse 12 einfach immer viel zu viel Jubel, Trubel, Heiterkeit – Chaos inklusive. Mutter Iris nimmts gelassen. Bei drei sehr lebendigen Kindern bleibt das eben nicht aus, findet sie, und bringt ja auch viel Spass.
Als die allein erziehende Ökologin “Hochgeschwindigkeitskind” Flummi (8), “Juniorkünstlerin” Lea (10) und Fantasy-Computerspiele-Freak Dennis (12) eines Abends erklärt, dass sie drei Monate am Nordpol arbeiten muss und Tante Heidrun in dieser Zeit bei ihnen wohnen wird, herrscht allerdings tatsächlich einmal für Sekunden Totenstille. Die strenge, meist übellaunige Tante, die so gar keinen Spass versteht, ist für die drei Kids nämlich der Supergau.
Als Flummi in einem merkwürdigen, kleinen Buchladen ein noch viel merkwürdigeres Hypnose-Buch entdeckt, wird es aber doch noch ganz lustig. Wider Erwarten gelingt es dem jüngsten Pauli-Spross nämlich, die superkorrekte Tante zu hypnotisieren. Heraus kommt: Pippi Langstrumpf. Und die hält die drei Geschwister mit ihren verrückten Ideen ganz schön auf Trab. Nur dumm, dass es mit dem Ent-hypnotisieren so gar nicht klappen will, als es dem Pauli-Nachwuchs allmählich zu viel wird…
Mit “Die Paulis ausser Rand&Band” legt Gernot Gricksch sein erstes Kinderbuch vor: Eine heitere und überaus kurzweilige Familiengeschichte, die mit Esprit und einer liebevollen Figurenzeichnung überzeugt.
Andrea Duphorn

Seeräuber-Moses
Kirsten Boie
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2009, Seiten: 309, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3180-6
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft

Nach “Der kleine Ritter Trenk” hat Kirsten Boie mit “Seeräuber-Moses” ein weiteres süffiges Buch geschrieben. Ein Buch, das zum Vorlesehit in der Unterstufe werden dürfte und für dessen Hörbuchversion der Erfolg garantiert ist.
Die Ingredienzien: Die Seeräuber der “Wüsten Walli” unter Käptn Klaas und die von der “Süssen Suse” unter Olle Holzbein sind Erzfeinde. Beide suchen sie den “Blutroten Blutrubin des Verderbens”, den grössten aller denkbaren Schätze. Wenns ums Räubern geht, stehen sie sich um nichts nach, aber als die Besatzung der “Wüsten Walli” nach einem Sturm einen Waschzuber auf hoher See sichtet, in dem sie Golddukaten vermutet, aber ein in ein edles Nachthemd gewickeltes Baby findet, wird fast alles anders. Jetzt kehren die Piraten ihre weiche Seite nach aussen. Moses, so wird der vermeintliche Knabe getauft, “lütt Moses”, wird ihr Einundalles. Aber bei einem verbotenen Landausflug wird dieser Wonnepfropfen ausgerechnet von Olle Holzbeins Leuten “schangheit”, also gekidnappt.
Jetzt glaubt Olle Holzbein leichtes Spiel zu haben mit der “Wüsten Walli” und dem “Blutroten Blutrubin des Verderbens”. Aber er hat die Rechnung ohne Moses und ihren neuen Freund Dohlenhannes gemacht. Ihnen gelingt die Flucht von der “Süssen Suse”. Nach zahlreichen weiteren haarsträubenden Abenteuern sind alle Geheimnisse gelüftet, die Piraten versöhnen sich und Moses findet ihre richtigen Eltern.
Eine rasante Nordsee-Piratengeschichte mit viel Seemannskolorit. Süffig und nie wirklich gefährlich.
Christine Tresch

Wie weit ist es nach Babylon?
Paula Fox
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Verlag: Boje, Publiziert: 2009, Seiten: 123, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82157-5
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Identität/Individualität

Seit zwei Jahren kann man sich jeden Sommer auf ein neues Buch der amerikanischen Autorin Paula Fox freuen, “Ein Bild von Ivan” (2007), “Ein Dorf am Meer” (2008) und jetzt “Wie weit ist es nach Babylon?” Die Texte wurden im Original bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren publiziert, haben aber keinerlei Patina angesetzt. Im Gegenteil, die direkte und glasklare Sprache von Paula Fox wirkt frischer als manche zeitgenössischen Texte. Und vor allem sind die Texte frei von Stereotypen.

Der neue Roman erzählt die Geschichte eines afroamerikanischen Jungen, James Douglas, der ohne Eltern in einer Grossstadt aufwächst, betreut von drei eigenartigen, aber liebevoll besorgten Tanten. Der Vater hat die Familie verlassen, die Mutter liegt im Krankenhaus. Weil James nichts mehr von ihr hört, stellt er sich vor, sie sei in Afrika. Das Leben zwischen den beiden Versionen der Geschichte ist anstrengend: „Es war, als würden seine Arme in verschiedene Richtungen gerissen.“ Doch anstatt seine Fantasien in allen Farben auszumalen, beschreibt Fox, wie sich der Junge seine Gegenwelt inmitten der Stadt erschafft: Er zieht sich so oft wie möglich in ein verlassenes Haus zurück, wo die Geschichten zusammenpassen.

Eines Tages wird James beim Träumen überrascht. Eine Kinderbande zwingt ihn, Hunde zu entführen, die dann gegen Finderlohn zurückgebracht werden sollen. Anders als in vielen anderen Kinderbüchern kann James auf keine Helferfigur zählen: Er ist auf sich allein gestellt. Aber er schafft es, sich zu befreien, wie so viele andere Kinder in Paula Fox’ Geschichten.

Christine Lötscher

Bitte umsteigen!
Truus Matti
Verlag: Dressler, Publiziert: 2009, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-1271-4
Schlagwörter: Identität/Individualität

Alles hat seine Zeit: Freude, Trauer und auch Briefe wie dieser: “Wenn du nicht zu meinem Geburtstag kommst, bist du der BEKNACKTESTE Vater, den ich kenne… DANN BLEIB RUHIG DORT!” Was aber, wenn der Vater tatsächlich “dort” bleibt, für immer, weil er ertrinkt? Wie soll die 12-jährige Briefschreiberin mit diesem Verlust und ihren Schuldgefühlen umgehen? Schuldgefühle deshalb, weil sie glaubt, durch ihren “bösen” Brief den Tod des Vaters herbeigeführt zu haben. Davon handelt der Roman der Niederländerin Truus Matti. Davon und von Maus, die in einem heruntergekommenen Hotel strandet und zunächst weder weiss, woher sie kommt, noch was sie dort sucht und wer sie eigentlich ist. Die beiden Geschichten werden alternierend erzählt. Rätselhaft und surreal jene von Maus, wo zwei sprechende Tiere und ein weiteres Mädchen eine tragende Rolle spielen.
Etwas einfacher und berührend jene der Zwölfjährigen, die von ihrer Familie, dem Tod des Vaters und der Zeit danach berichtet. Man merkt bald, dass die beiden Geschichten zusammenhängen. Doch wie genau erschliesst sich einem erst im Verlauf der Lektüre. Genauer: im Verlauf der zweiten Lektüre. Denn ist man am Ende des Buches angelangt, kann man fast nicht anders, als sich nochmals auf die Lesereise zu machen, die Figuren ein weiteres Mal auf ihrer Identitätssuche und Lebensbewältigung zu begleiten und so immer mehr Querbezüge zu entschlüsseln. Alles hat seine Zeit. So auch dieses besondere Buch, das neben einer gewissen Leseerfahrung auch die Bereitschaft voraussetzt, Rätselhaftes zu ertragen und sich auf eine Handlung jenseits einer plakativen Knalleffekt-Action einzulassen.
Ursula Kahi

Der Tontsch
Brigitte Jünger
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2009, Seiten: 107, ISBN/ISSN/EAN: 3-7026-5812-2

Anton, der Tontsch, fühlt sich als Aussenseiter. Nicht nur, weil er lieber träumt, als Fussball zu spielen, sondern weil er gar kein Waisenkind ist wie die anderen. Er hat ja noch eine Mutter, die ihm sogar Briefe schreibt; er kann bloss nicht bei ihr wohnen, weil sie sich einer schweren Operation unterziehen musste. Eines Tages holt sie ihn jedoch ab und bringt ihn zurück in die Stadt – die Probleme aber hören damit nicht auf. Denn auch in der neuen Klasse ist er ein Aussenseiter: Er trägt die falschen Kleider, hat eine altmodisch lächerliche Schultasche, gilt mit seinem fehlerlosen Diktat als Streber und die Mutter ist auch kaum zu Hause, weil sie Geld verdienen muss. Wenn Kapitän Bratfogel nicht wäre, der Sonderling aus dem zweiten Stock, hätte der Siebenjährige niemanden, mit dem er tagsüber reden kann. Und der ihn suchen geht, als er eines Nachmittags nicht aus der Schule zurück kommt… Das Buch erzählt in kräftigen Episoden von einem tapferen Kind, das lernen muss, sich zu behaupten, wobei ihm allerdings das Schicksal freundlich zu Hilfe kommt: Die Mutter kann ihr Pensum in der Fabrik reduzieren, der böse Lehrer wird versetzt und der Tontsch bekommt Besuch aus dem Waisenhaus.
Verena Stössinger

Felix und Lea
Robert Habeck, Andrea Paluch
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2009, Seiten: 116, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-6134-3
Schlagwörter: Abenteuer | Pubertät | Familie/Familienformen

Der Turm ohne Türen

Es gibt sie wirklich – die Bücher, wo drin ist, was draufsteht. Häufiger allerdings bewegen sich Cover, Klappentext und Verlagswerbung im Reich der Halbwahrheiten. Oft führt dies zu langen Gesichtern, mitunter aber auch zu unerwarteten Lesefreuden. “Felix und Lea. Der Turm ohne Türen” ist für beides gut. Eher enttäuscht dürfte sein, wer aufgrund des Drumherums eine packende Abenteuerzählung für Zehnjährige erwartet. Ein Abenteuer wird zwar geboten – altes Gemäuer plus Rettungsaktion inklusive –, doch beschränkt sich dieses primär auf die letzten fünfzehn Seiten des Buches und ist zum Teil so hanebüchen, dass man besser nicht darüber nachdenkt, wie realistisch das Geschilderte wohl ist. Überhaupt geht das Autorenpaar mit den Details seiner Geschichte manchmal etwas locker um.

Entschieden mehr Freude an der Lektüre hat, wer “Felix und Lea” als Pubertäts- und Liebesgeschichte für Zwölfjährige liest. Die Einblicke, die Felix in seinen Schul-, Familien- und Gefühlsalltag gewährt, sind echt vergnüglich. Wer kennt nicht die Väter, die immer so gedankenverloren tun, dabei aber alles mithören und einen erst noch geschickt aushorchen? Clever auch Felix’ Trick zum Taschengeldaufbessern (weiss der Teufel, warum er nicht funktioniert) sowie seine Methode, die nervige kleine Schwester ruhigzustellen. Und eine Liebeserklärung wie “ich habe gedacht, dass du manche Dinge schön siehst. Dass du Sachen besonders machst. Und dass manches dadurch erst eine Bedeutung kriegt”, liest man schliesslich auch nicht alle Tage.

Ursula Kahi

Platons Höhle
Tim Krohn, Illustration: Lika Nüssli
Verlag: SJW, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0551-4
Schlagwörter: Philosophie

Margrit Schmid, die den SJW-Verlag 2006 in einem kritischen Zustand übernommen hat, ist mit ihrem neuen, auf Bewährtem aufbauenden Konzept gut auf Kurs. Im diesjährigen Programm drückt ihre Handschrift deutlich durch. Viele der Hefte sind auf ihre Anregung entstanden; Hefte, in denen es um die lustvolle Vermittlung von kulturellem Wissen geht. Zum Beispiel “Lulu zaubert” von Lorenz Pauli und Kathrin Schärer, das ErstleserInnen bei der Lust am Spiel mit Buchstaben packen soll, Anita Siegfrieds „Parzival“-Nacherzählung oder Eleonore Freys Bearbeitung ihres Romans “Siebzehn Dinge” für Jugendliche, die unter dem Titel “Nina” erscheint.

Tim Krohn erzählt Platons Höhlengleichnis neu, indem er gleich einen Bezug zur Vorstellungswelt von Kindern und Jugendlichen schafft. Konsequenterweise wählt er den Dialog als Erzählform. Dabei setzt er genau dort an, wo die Probleme mit klassischen Texten, sei es literarischen oder philosophischen, gelagert sind: Elisa, das Mädchen, das Krohns LeserInnen schon aus seinen Schöpfungsgeschichten (“Die Erfindung der Welt”) kennen, kommt schimpfend aus der Schule nach Hause: Sie soll das Höhlengleichnis lesen, versteht aber kein Wort. Schon beim Titel fängt es an: Was ist das überhaupt, ein Gleichnis? Jon, Tim Krohns ebenfalls bewährtes Alter Ego, entwickelt im Dialog mit Elisa eine Geschichte, die weder schwierig noch kompliziert ist, weil man mitfiebern kann. Ganz automatisch stellt sich das Philosophieren ein und damit die Erkenntnis, dass Kinder und Philosophen sich für die gleichen, nämlich für die letzten, Fragen interessieren.

Christine Lötscher

Galaktisch
Frank Cottrell Boyce
Aus dem Englischen von Salah Naoura
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2009, Seiten: 301, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55192-8
Schlagwörter: Identität/Individualität | Humor/Komik

Kinder mit magischen Talenten oder Superkräften trifft man in der Kinder- und Jugendliteratur dauernd an. Eher seltener sind Kinder, die aussehen wie Erwachsene und auch fraglos für solche gehalten werden. Liam in Frank Cottrell Boyces neuem Roman ist so ein Fall. Mit seinen elf Jahren überragt er die meisten Erwachsenen an Körpergrösse, es wächst ihm ein Bart, und wenn er mit seiner Freundin Florida unterwegs ist, wird er für den Vater des gleichaltrigen Mädchens gehalten. Das hat durchaus seine Vorteile. Welcher Elfjährige könnte von sich behaupten, um ein Haar eine Probefahrt mit einem Porsche unternommen zu haben?
Das Leben auf dem Pausenhof dagegen ist nicht besonders angenehm, dauernd muss sich Liam mit “Sir”, “Riese” oder “Werwolf” titulieren lassen. Deshalb verbringt Liam seine Zeit lieber als Vierziger-Level Elf im Online-Game “World of Warcraft”, denn, so erklärt er seinem besorgten Vater, “es ist toll mitzumachen, weil die anderen einen für das akzeptieren, was man ist.”
Seine Gamer-Erfahrungen lassen sich, so sieht es zumindest Liam selbst, bestens auf das wirkliche Leben übertragen. Immerhin gelangt er so ins Weltall (und, das ist das grössere Wunder) wieder zurück.
Liams Kommentare, die sich aus Spieler-Weisheiten und, in Sachen Humor ebenso ergiebig, aus dem Ratgeber “Gespräche mit Teenagern” nähren, geben dem Buch einen Drive, der einen über weite Strecken vergessen lässt, dass die Storyline etwas dünn ist. Obwohl es Liam in seiner Funktion als Vater bis ins Weltall schafft – und wundersamerweise wieder zurück. Vielleicht sind die Anekdoten eher für die erwachsenen LeserInnen und die galaktischen Abenteuer für LeserInnen ab etwa elf Jahren.
Christine Lötscher

Ihr kriegt mich nicht!
Mikael Engström
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2009, Seiten: 267, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23379-2
Schlagwörter: Identität/Individualität

Dass Mikael Engström auch für seinen neuen, dritten Roman in Schweden schon ausgezeichnet worden ist, versteht man gut, und man möchte das Buch nicht nur vielen Jugendlichen in die Hand drücken. Es ist beklemmend, berührend und spannend, Sozialdrama und Abenteuerstory zugleich. Im Zentrum steht Mik, ein zäher Zwölfjähriger, der längst kein Kind mehr ist. Sein Vater ist Alkoholiker und der ältere Bruder macht sich aus dem Staub – von einer Mutter ist nicht mehr die Rede –; Mik baut Mist, fällt auf und das Sozialamt platziert ihn auf dem Land bei einer groben Pflegefamilie, die ihn jedoch nur ausnutzt und demütigt. Da haut er zu seiner Tante in Nordschweden ab, wo er sich wohl fühlt, obwohl das abgelegene Dorf voller schrulliger Leute ist und Mik „völlig unmögliche Kleider“ bekommt. Doch da die allein lebende Tante für die Behörden „nicht gut genug“ ist als Pflegemutter, soll er da auf Dauer nicht bleiben dürfen. Miks Flucht vor Behörden und Polizei, erst mit dem Floss über die Stromschnellen und dann aufs brüchige Eis des Sees hinaus, ist spektakulär, aber sie ist auch überlebensnotwendig. Denn Mik will nicht zurück in den Zwang und die soziale Kälte, und er will die Freunde, die er im Dorf inzwischen gefunden hat, nicht auch schon wieder verlieren.
Verena Stössinger

Der Tag, an dem ich starb
Anthony McGowan
Aus dem Englischen von Katarina Ganslandt
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2009, Seiten: 250, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-35309-4
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing

Pauls Schule ist alles andere als ein Ort, an dem man sich wohlfühlen kann. Mobbing durch die LehrerInnen auf der einen, Terror durch MitschülerInnen auf der anderen Seite. Besonders der grobschlächtige Roth fällt durch gewalttätiges Verhalten und sadistische Züge auf. Für ihn gibt es nur Typen, die sich auf seine Seite stellen – und den Rest: Opfer. Der Einzelgänger Paul erlebt, wie es ist, von der einen auf die andere Seite zu rutschen. Einen kurzen Moment lang zeigte er sich furchtlos, und nun sieht ihn Roth als neuen Kumpel, Kurier und Mitläufer. Dabei hat er gerade so etwas wie Freunde gefunden: Shane und seine Clique, die man bestenfalls noch als “Emos” bezeichnen kann, nehmen ihn in ihre Runde auf – wenn er es denn schafft, Roth eine klare Absage zu erteilen. Doch Roth ist keiner, gegen den man sich mal eben so auflehnt. Schon gar nicht, wenn eine grosse Prügelei gegen die schlimmsten Schläger der Nachbarschule ansteht.
Paul stirbt. In “Der Tag, an dem ich starb” erzählt er aus der Ich-Perspektive, wie es dazu gekommen ist. Eingeschoben wer–den die zu quälender Langsamkeit gedehnten letzten Sekunden eines Lebens, das kurz davor ist, durch ein Messer beendet zu werden. Paul stirbt, doch stirbt er einen ganz anderen Tod, als man über fast 250 Seiten erwartet. Zurück bleiben LeserInnen mit einem unbehaglichen Gefühl der Hilflosigkeit und dem Bewusstsein, dass hier etwas ganz und gar verquer gelaufen ist. Anthony McGowan zeichnet ein düsteres Bild von Gewalt und Ungerechtigkeit aus der Sicht eines Täters, der nie einer sein wollte. Sehr packend!
Maren Bonacker

Die langen Nächte der Stille
Edward van de Vendel
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2009, Seiten: 395, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58183-5
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft | Identität/Individualität

Edward Van de Vendel ist einer der vielseitigsten Kinder- und Jugendbuchautoren der Niederlande. Eins seiner bekanntesten Bücher ist “Spring, wenn du dich traust”, das 2008 unter dem Titel “Die Tage der Bluegrass Liebe” neu aufgelegt wurde. Es handelt von der Liebe zweier 15-jähriger Jungen, die sich in einem amerikanischen Jungendcamp kennen lernen, ihre Beziehung aber (noch) nicht leben können. “Die langen Nächte der Stille” erzählt nun, wie die Geschichte von Oliver und Tycho weitergeht. Genauer: die von Tycho, der als Ich-Erzähler fungiert.

Nach seinem Coming-out und dem Sommer bei Oliver in Norwegen hat sich der inzwischen 17-jährige Tycho an einer Schreibakademie in Rotterdam eingeschrieben. Schon bald verbindet Tycho und seine Mitbewohnerin Vonda eine tiefe Freundschaft. Als kurz darauf noch der (gleichfalls schwule) Tänzer Moritz zur WG stösst, scheint alles perfekt. Und dann steht das Trio auch schon beim niederländischen Entscheid zum Eurovision Song Contest auf der Bühne – und gewinnt. Plötzlich jagt ein Interviewtermin den nächsten. Proben, Auftritte, Promotionstermine: Ein Leben, von dem viele junge Menschen träumen. Gäbe es da nicht noch die langen Nächte der Stille, in denen Tycho allein vor dem Laptop sitzt und schreibt. Gedichte und Songtexte, vor allem aber E-Mails an Oliver oder Vonda, in denen er versucht, die gescheiterte Beziehung aufzuarbeiten und einen neuen Anfang zu finden. E-Mails, die er nie abschicken wird.

Erneut ist Van de Vendel ein eindrucksvolles, dichtes Jugendbuch gelungen, das seine innere Spannung vor allem über die Gefühlswelt der Protagonisten bezieht. Es erzählt die Geschichte von Tycho und Oliver weiter, aber auch die Geschichte von drei jungen Menschen auf der Suche nach sich selbst.

Andrea Duphorn

Unser allerbestes Jahr
David Gilmour
Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel
Verlag: Fischer, Publiziert: 2009, Seiten: 254, ISBN/ISSN/EAN: 3-100-27819-4

In seinem Roman “Unser allerbestes Jahr” blickt der kanadische Autor und Fernsehjournalist David Gilmour auf drei bewegende Jahre seines Lebens zurück. Als Sohn Jesse mit fünfzehn miserable Noten einfährt, dem Unterricht fernbleibt und seine Hausaufgaben vernachlässigt, stellt der Vater ihm frei, die Schule aufzugeben und zu Hause zu bleiben. Jesse muss über dieses verlockende Angebot nicht lange nachdenken. Aber die Abmachung ist an zwei Bedingungen geknüpft. Erstens: keine Drogen. Zweitens: Die beiden schauen sich jede Woche gemeinsam drei Filme an, die der Vater auswählt.
Von der Nouvelle Vague (auch Truffaut hatte die Schule geschmissen) über Hollywood bis zu trashigen Horrorstreifen und anderen Geschmacksverirrungen arbeiten sich Vater und Sohn querbeet durch die Filmgeschichte. Das blaue Sofa, auf dem sie unzählige Nachmittage vor dem Bildschirm verbringen und über Filme und das Leben plaudern, wird zum intimen Bildungsort. Die prägnanten Einführungen des Vaters und kurzweilige Anekdoten aus der Kinowelt sind überaus erfrischend. Weit mehr geht es in dieser persönlichen Geschichte jedoch um Erziehungsfragen, Vertrauen, Liebe und Freundschaft.
Gilmour erzählt mit anrührender Offenheit, viel Selbstironie und Humor. Die Lektüre mit Happy End weckt Lust, sich den ungewöhnlichen Kanon selbst vorzunehmen, mehr noch: sich den einen oder anderen der 120 Filme mit einem Teenager anzuschauen und Vertrautes aus einer neuen Perspektive kennen zu lernen.
Daniel Ammann

Unland
Antje Wagner
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2009, Seiten: 300, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5339-0

Ein Ort so entlegen, wie man es sich nur denken kann – und ein Haus, in dem Menschen mit den unterschiedlichsten Schicksalen zusammengewürfelt werden. So beginnt Antje Wagners fantastischer Thriller “Unland”, in dem die 14-jährige Franka von ihrem Umzug ins Haus Eulenruh erzählt, in dem neben ihr noch sechs weitere Heimkinder unterschiedlichen Alters untergebracht sind. Von den Einwohnern des allzu idyllischen Waldburgen wird das Wohnprojekt misstrauisch beäugt, doch die Kinder und Jugendlichen stehen dem malerischen Ort nicht viel aufgeschlossener gegenüber. Irgendetwas ist merkwürdig an den Nachbarn, die jede Woche voller Eifer Lebensmittel für Obdachlose sammeln, die es in der Gegend aber offensichtlich gar nicht gibt. Und was hat es mit dem abgesperrten Ruinengrundstück auf sich, das in den Karten als “Unland” verzeichnet ist und das sicher ein Geheimnis birgt? Und warum geraten die Dorfbewohner in Panik, wenn, wie so oft, der Strom ausfällt…?
Antje Wagner schreibt einen psychologisch dichten, atmosphärisch wunderbar lebendigen Roman, der fast wie ein Film vor dem inneren Auge der LeserInnen abläuft. Die Charakterisierung der Heimkinder allein ist schon so spannend, dass man den Roman nicht gern aus der Hand legt. Hinzu kommt mit dem Geheimnis von Unland (recht spät) ein fantastisches Element, das einem beim Lesen schaudern lässt. Das Romanende kommt schneller als erwartet und lässt einen zwiespältig zurück. Ein mutiges, offenes Ende, das bewusst das Grauen verstärken will? Oder ein allzu abruptes, das mit zu vielen offenen Fragen einfach unfertig wirkt? Insgesamt ein grandios geschriebener Roman.
Maren Bonacker

Im Schatten des Zitronenbaums
Kagiso Lesego Molope
Aus dem Englischen von Salah Naoura
Verlag: NordSüd Reihe Baobab, Publiziert: 2009, Seiten: 190, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-01708-1
Schlagwörter: Emanzipation | Rassismus

Südafrika, Anfang 1990. Nelson Mandela wird aus dem Gefängnis entlassen. Eine Zeit der Veränderung und der Hoffnung bricht an. Wenige Wochen zuvor ändert sich auch das Leben der 13-jährigen Tshidiso radikal, als ihre zwei Tanten und ihre Mutter beschliessen, das Mädchen in eine gemischtrassige Schule ausserhalb ihres Townships zu schicken. Tshidiso fällt die Umstellung schwer: Nicht nur die Tatsache, dass die Unterrichtssprache Englisch ist und sie sich für ihren Setswana-Akzent schämt, macht ihr zu schaffen.
Als Einzelkind aufgewachsen im “Ko Baloing”, im Haus der Hexen, war sie schon in der gewohnten Umgebung eine Aussenseiterin ohne FreundInnen. Der Zitronenbaum vor dem mütterlichen Haus, Tshidisos regelmässiger Zufluchtsort, ist aber in der neuen Umgebung nicht vorhanden. “Am liebsten hätte ich einen Zitronenbaum gehabt, um hochzuklettern und mich dort zu verstecken”, verkriecht sich Tshidiso in ihren Gedanken, und manchmal ist dem schüchternen Mädchen zumute, “als stünde die ganze Welt still und warte darauf, dass ich etwas sagte.” Doch schneller, als ihr lieb ist, kommt der Zeitpunkt, an dem Tshidiso reden soll. Während des Sportunterrichts wird sie von einem weissen Mädchen rassistisch beschimpft, und nur sie und ein weiteres schwarzes Mädchen sind Zeuginnen. Es kommt zur internen Schuluntersuchung und letztlich zum grossen Medienrummel, mit Tshidiso als Kronzeugin.
Eine eindrückliche Geschichte, in der sich ein schüchternes Mädchen in einer neuen Welt behaupten muss und in der gleichzeitig die vielfältigen Probleme der südafrikanischen Gesellschaft im Wandel illustriert werden.
Roger Meyer

ZweiundDieselbe
Mary E. Pearson
Aus dem amerikanischen Englisch von Gerald Jung und Katharina Orgass
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2009, Seiten: 334, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85337-0
Schlagwörter: Identität/Individualität | Körper | Zukunft | Wissenschaft

Wie viel von mir bin ich?

“Wieso erinnere ich mich an alle möglichen Einzelheiten über die Französische Revolution, aber nicht mehr daran, ob ich einmal eine beste Freundin hatte?” – Fragen, die sich die 17-jährige Ich-Erzählerin in Mary E. Pearsons neuem Jugendbuch stellt, nachdem sie nach einem Autounfall eineinhalb Jahre im Koma gelegen hat. Mühsam muss Jenna sich die simpelsten Dinge wieder erarbeiten: Sie hat nicht nur die Bedeutung von Wörtern wie “neugierig”, oder “menschlich” vergessen, sie weiss auch nicht mehr, wie man lächelt, Wut oder Traurigkeit zeigt.

Für Jenna tun sich auf der Suche nach sich selbst mehr und mehr Unstimmigkeiten auf – bis sie eines Tages eine schaurige Entdeckung macht, die erklärt, warum ihr eigener Körper ihr die ganze Zeit so fremd erscheint: Bis auf zehn Prozent ihres Gehirns ist an ihr nämlich nichts mehr “echt”. Arme, Beine, Finger, Zehen – alles aufwendig rekonstruiert und mithilfe eines genetischen Gels, das ihr Vater mitentwickelt hat, zu einem neuen Körper modelliert, der weder Innereien noch ein Herz besitzt. Bei dem Unfall bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, hätten die Ärzte Jenna eigentlich sterben lassen müssen. Doch weil ihr Vater als erfolgreicher Wissenschaftler und Geschäftsmann die entsprechenden Verbindungen besass, durfte Jenna weiterleben.

Auf einmal erlangt Jennas Suche nach sich selbst eine völlig neue Dramatik. “Wie fühlt sich eine Seele an?”, fragt sie sich und “Wie viel von mir bin noch ich?” Am Ende ist der Roman vor allem eines: Plädoyer für einen verantwortungsvollen Umgang mit den Möglichkeiten des Fortschritts. Ein Buch, das – gerade in Zeiten zunehmender Schönheits-OPs und dem Traum von immerwährender Jugend – jede Menge Diskussionsstoff bietet.

Andrea Duphorn

Achtung, fertig, Baustelle!
Rolf Toyka, Ferenc B. Regös, Heike Ossenkop
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5226-2
Schlagwörter: Arbeit | Technik

Wie ein Haus geplant und gebaut wird

Nicht nur kleine Jungs verlangsamen wie von Geisterhand ihren Schritt, wenn sie in die Nähe einer Baustelle kommen. Das langsame Herauswachsen eines Gebäudes aus einem tiefen Erdloch übt für viele von uns eine grosse Faszination aus. Prima also, dass Tims Eltern ein Haus bauen. Da sein Onkel Hannes der Architekt ist, darf Tim regelmässig auf der Baustelle dabei sein. So kann der Junge die notwendigen Arbeitsschritte für den Hausbau hautnah verfolgen – vom Abbruch über den Aushub, Wand- und Deckenbau bis zum Decken des Dachs und zum Innenausbau. Nach monatelanger Arbeit zieht Tim mit seiner Familie (und dem Betrachter) in das neue Haus ein.

Wenn ein echter Architekt von seiner Arbeit berichtet, dann muss nicht zwingend ein echt gutes Buch dabei herauskommen. In diesem Fall ist es aber wirklich gelungen. Rolf Toyka zeigt anhand einer realen Baustelle, wie ein Haus geplant wird und was hinter den geheimnisvollen Bauzäunen alles passiert. Detaillierte (wenn auch nicht an die Qualität von Jörg Müllers Illustrationen heranreichende) rechtsseitige Bilder geben Einblick in verschiedene Bauphasen. Linksseitig werden die Bilder zum einen begleitet von einem an die Perspektive des Kindes angelehnten Erzähltext, zum anderen verstecken sich unter halbseitigen Klappen spannende Abbildungen von konkreten Bauplänen, hilfreiche Skizzen und kurze Sachtexte. Hinzu kommen knappe Erklärungen auf den Klappen, die anhand von kleinen Markierungen die Verbindung ins grosse Baustellenbild herstellen. Gerade die konkreten Bezüge zur Arbeitswelt eines Architekten, versteckt unter den Klappen, heben dieses Sachbilderbuch aus der Masse von Baubüchern hervor.

Barbara Jakob

Der grosse Bär im Sternenmeer
H. A. Rey
Aus dem Englischen von Ebi Naumann
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2009, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-8451-9
Schlagwörter: Weltall

Sternbilder sehen und verstehen

Sagen Ihnen die Namen Beteigeuze, Aldebaran oder Fomalhaut etwas? Spätestens nach der Lektüre dieses Buches werden Sie nicht nur wissen, dass es Namen von Sternen sind, sondern auch noch in der Lage sein, sie am Himmel zu erkennen. Doch nicht nur einzelne Sterne werden Sie sehen, sondern ganze Sternbilder mit so wundersamen Namen wie Bärenhüter, Andromeda oder Wega. Dabei wird Ihnen Stern um Stern erklärt, und Sternenkarten helfen dabei, sie zu finden – zuerst im Buch, später am Nachthimmel.
Spannende Geschichten und Mythen zu einzelnen Sternbildern machen die Sache noch spannender. Ausserdem erklärt das Buch, was Lichtjahre sind, wie das Sonnensystem funktioniert und wann wo welcher Planet am Himmel steht – mit einer Planetenkarte, die bis ins Jahr 2015 reicht.
Das Buch ist klar strukturiert und so aufgebaut, dass es bereits für jüngere Kinder verständlich ist. Die Sprache ist kindgerecht, die Texte werden immer wieder durch Quizfragen und Kommentare von kleinen Begleitfigürchen durchbrochen. So gelingt es dem Autor bzw. den ÜberarbeiterInnen des bereits 1954 erschienenen Buches, ein höchst komplexes Thema so einfach und spannend, liebe- und humorvoll zu erklären, dass es Freude macht, sich die Sternbilder einzuprägen – und Lust, am nächtlichen Himmel nach ihnen zu suchen.
Seit dem erstmaligen Erscheinen hat das Buch den Blick in den Sternenhimmel für viele Kinder auf wunderbare Weise verändert – und wird es hoffentlich wieder und noch lange tun.
Patricia Morganti

Der Papagei, die Mamagei und andere komische Tiere
Mascha Kaléko, Illustration: Verena Ballhaus
Verlag: Boje, Publiziert: 2009, Seiten: 74, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-414-82154-6
Schlagwörter: Humor/Komik | Fabelwesen

Wenn “ein schwerverliebter Kaka-du, hat sein erstes Rendez-vous, mit einer grünen Kaka-duse”, nennt er sie eine “Pampelmuse”. Doch der Esel ist “ein Thema ohne Variation” und der Storch, den “gibt es nicht! …Dran glauben – tun die Pärchen”.
Unter den fast sechzig Tieren, welche dieses Büchlein bevölkern, tummeln sich nebst bekannten Artgenossen auch ganz neue Gattungen. So ist etwa die Rede von “Klavia-Tieren”, “Brillen-Eulen” oder gar von einer “Wassernixe”. Die Lyrikerin Mascha Kaléko hat das Tierreich nicht nur besungen, sondern auch mit einigen speziellen Arten ergänzt .
Was hier als “Gedichte für neugierige Kinder” angepriesen wird, ist die Neuauflage eines Buches, das 1961 erschienen ist und damals “verspielten Kindern sämtlicher Jahrgänge” gewidmet war. Auch heute noch hat das Büchlein nichts von dieser Verspieltheit mit Worten und Reimen verloren. Vielmehr hat es durch die schönen gelb-schwarz-weissen Illustrationen von Verena Ballhaus an Bildreichtum gewonnen. Somit ist dieser Gedichtband keineswegs nur ein Sammelsurium an kuriosen Tieren, sondern ein Lesegenuss für kleine und grosse LeserInnen.
Petra Bäni

Das Ravensburger Kochbuch für Kinder
Monika Arndt, Illustration: Karl Newedel
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2009, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-55644-0
Schlagwörter: Essen

Schon kleine Kinder lieben es, in der Küche mitzuhelfen. Schnipseln, kneten, rühren und mixen. Doch den Erwachsenen fehlt oft die Inspiration, um mit den jungen Küchenfeen und -wichteln fantasie- und genussvoll zu kochen. Hier kommt dieses Abenteuer-Kochbuch wie gerufen. Es ist in fünf farbige Kapitel gegliedert, die sich einerseits verschiedenen Zeitabschnitten wie Piraterie oder dem Mittelalter widmen oder einzelne Themen wie Gruseln mit Geistern, Bauernhof oder ganz einfach moderne, gesunde Ernährung mit Fleisch & Co. behandeln.
Mit packenden Geschichten kombiniert, die lecker fotografierten Speisen mit witzigen Zeichnungen ergänzt (man erinnert sich an Ali Mitgutschs Wimmelbücher), werden die Kochrezepte schrittweise vorgestellt. Da ist etwas für jeden Geschmack dabei: Fruchttrunk für durstige Ritter, Pfannkuchen für kleine Sportskanonen, abenteuerliche Schatzkarten-Pizzas. Ganze Menüs können kinderleicht nachgemacht werden, Hinweise zur Einkaufsliste, auf besondere Schwierigkeiten bei der Vorarbeit oder Informationen zu den benötigten Lebensmitteln machen’s möglich. Besonders hilfreich ist auch die detaillierte Übersicht der benötigten Küchengeräte.
Grössere, kocherprobte Kinder können sich ohne weiteres alleine an die Umsetzung der Rezepte wagen. Ali Mitgutsch gelingt es auch nach über vierzig Jahren noch, Kinder wie auch Erwachsene mit seinen detailreichen Zeichnungen zu faszinieren.
Giovanna Riolo

Der Junge, der sein Brot mit der Schere schnitt
Annemarie van Haeringen
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2009, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-2140-9
Schlagwörter: Fantasie | Kreativität

Das Buch mit diesem wunderschönen Titel erzählt eine kindliche Schöpfungsgeschichte. Jan spielt am liebsten mit seiner Schere, schneidet sich alles zurecht: die Rinde weg vom Brot, das Fell der Nachbarhunde, die langweiligen Autos und Hochhäuser. Und als er plötzlich vor seiner eigenen Erfindung, einem Riesenmonster, erschrickt, kann er es gleich wieder zerschneiden. Die Schnipsel verteilen sich über den Himmel und funkeln fortan zwischen Sonne und Mond. So kommt Jan in umgekehrter Schöpfungsreihenfolge vom Kleinen zum Grossen, erfindet ausgestorbene Tiere und erfüllt sich zum Schluss seinen grössten Wunsch: eine Freundin.
Die reduzierten Zeichnungen der holländischen Bilderbuchkünstlerin deuten vieles nur an, die Geschichte erzählt keine durchdachte Weltschöpfung. Viel mehr nimmt Annemarie van Haeringen ganz auf Augenhöhe der Kinder deren kreative Machtfantasie auf, hüpft assoziativ von Idee zu Idee, erfindet grosse Dinge ganz nebenbei, legt Unbewusstes frei und kommt so zur Essenz des Lebens: zur Freundschaft. Dass Jan mit seiner Schere alle Wünsche seiner Freundin erfüllen kann, ist schön, besonders aber, dass er auch ihr die Schere überlässt. Nur schade, dass wir ihre Kreationen nicht zu sehen bekommen. Denn der Junge hätte ebenso gut ein Mädchen sein können.
Bruno Blume

Herr Kratochwil kommt (fast) zu spät
Heinz Janisch, Illustration: Heide Stöllinger
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2009, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 3-7026-5811-4
Schlagwörter: Fantasie | Schule

Ausreden sind in der Schule ein wichtiges Thema. Hier sucht und findet sie der Lehrer! Denn Herr Kratochwil kommt jeden Tag zu spät, oder gerade noch mit dem Glockenschlag. Und jeden Tag hat er eine andere Geschichte von seinem Schulweg zu erzählen, obwohl er nur ein paar Strassen weiter wohnt. Das Seltsame ist, dass er seine Ausreden immer belegen kann: mit Fundgegenständen, einer geretteten Katze oder komplett nassem Anzug. Und das Schöne ist, dass seine SchülerInnen längst alle immer rechtzeitig kommen, um nur ja keine Ausrede ihres Lehrers zu verpassen.

Wie schon oft erzählt der Österreicher Heinz Janisch eine so ungewöhnliche wie überzeugende Kürzestgeschichte – und stellt damit die Illustratorin vor eine schwierige Aufgabe. Seine Landsfrau Heide Stöllinger hat sie aber wieder einmal mit Bravour gelöst. Trotz des gleich bleibenden Schauplatzes Klassenzimmer, passiver SchülerInnen und immer wiederkehrenden Ablaufs der Binnenhandlung wird es hier nie langweilig, denn die Spannung und der Spass unter den SchülerInnen, von denen jedeR ein Charakterkopf ist, knistert förmlich und mit der Technik des weiss bemalten gelben Untergrundes entsteht eine fast filmische Dynamik.

Schule wird hier als Ort der Gemeinschaft gezeigt und mit dem sonderbaren Lehrer ein Sympathieträger geschaffen, der Jungs und Mädchen als (kreatives) Vorbild dienen kann.

Bruno Blume

Zloty
Tomi Ungerer
Aus dem Englischen von Anna Cramer-Klett
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-257-01144-9
Schlagwörter: Mythologie/Sage

Rotkäppchen hiess vielleicht Lotti und 's Lotti wird hier zu Zloty, die keck mit dem Motorroller durch den Wald zur Grossmutter fährt. Bevor sie den Wolf trifft (sprich überfährt), schliesst sie Freundschaft mit Samowar, dem grossen Zwerg, und Kopek, dem kleinen Zwerg. Alle sind gleich gross – es lebe der Kommunismus: die Kalaschnikow zwischen Räucherwurst und Stalin-Porträt an der Wand in Grossmutters Hütte. Aber keine Angst: Diese Attribute sind Doppelbödigkeiten für die mitlesenden Erwachsenen, für die Kinder stehen die positiven Kräfte des Kommunismus' im Vordergrund: Zusammengehen von Arbeitern (Riesen) und Intellektuellen (Zwerge), kreativer Umgang mit fehlenden Ressourcen (Reparatur des Motorrollers) und unbürokratische Nachbarschaftshilfe, nachdem in Zlotys Stadt der Vulkan ausbricht und die heile Konsumwelt zerstört. Bis die offiziellen Rettungskräfte eintreffen, haben Zlotys FreundInnen bereits unkonventionell und effektiv gerettet, verpflegt und aufgeräumt. Aus der Katastrophe heraus entstehen in der Vereinigung von Ost und West neue Formen des Zusammenlebens sowie kreative Lösungsansätze für Umweltprobleme und Dankbarkeit gegenüber Mutter Erde.
Lebensdrall, mit sprühendem Witz und voller Überraschungen – ein echter "Ungerer". Spielend hält der Elsässer Altmeister das Gleichgewicht zwischen einfacher Aussage und überbordender Erzähllust, starker Heldin und Karikatur, Nonsens und Ernsthaftigkeit. Es tut richtig gut, zwischen all den biederen Neuerscheinungen dieses Fest für Kopf und Gemüt, Intellekt und Zwerchfell feiern zu können.
Bruno Blume

Lisbeth und das Erbe der Hexen
Sébastian Perez
Aus dem Französischen von Stefanie Schäfer
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2009, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-941087-58-3
Schlagwörter: Identität/Individualität

Lisbeth weiss noch nichts von ihrer Besonderheit. Dass sie Sätze anderer Menschen vollenden kann, nervt und bringt ihr ausser Edward, dem Nachbarjungen ihrer Grossmutter Olga, keine anderen Freunde. Bei Olga verbringt Lisbeth wie immer die Feiertage. Doch als sie den geheimen Hexenalmanach entdeckt und Edward in der Winternacht verloren geht, klärt Olga ihre Enkelin auf: Sie beide sind Hexen und stehen in der langen Reihe besonderer und weltberühmter Frauen. Dass Lisbeth dann Edward durch Kaffeesatzlesen findet und ihn mit ihrem ersten Kuss aufwärmt, führt zum Happy-End.
Im zweiten Band werden 13 Hexen fiktiv-historisch porträtiert, neben Lisbeth und Olga (die die Titanic versenkt hat) etwa Medusa, die Kinderfresserin Gretchen (die später von Hänsel und Gretel besiegt wird), Lisa (die von da Vinci porträtiert wurde), Johanna (genannt Jeanne d'Arc) und die siamesichen Zwillinge und Piratinnen Mary&Anny. Es geht hier also nicht mehr um hellsehende kleine Mädchen, sondern um starke und kompromisslose Frauen, die in der Weltgeschichte ihre teils blutigen Spuren hinterlassen haben. "Flieh, so schnell du kannst!", lautet die Warnung auf dem Buchrücken des Hexenalmanachs und verweist auf die Schwierigkeit der Adressierung: Während sich das Bilderbuch an Unterstufenkinder richtet (mit dem unglücklich gewählten Titel vermeintlich an noch jüngere), ist der aufwändig gestaltete Almanach für Kinder und Jugendliche ab 11 Jahren spannend, informativ und schön gruslig.
Bruno Blume

Mutter Nummer Null
Marjolijn Hof
Übersetzt von Meike Blatnik
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2009, Seiten: 140, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-82-705382-4
Schlagwörter: Freundschaft

„Bei uns zu Hause sieht niemand dem anderen ähnlich“, konstatiert Fejzo, der meist Fee genannt wird, auch wenn das wie ein Mädchenname klingt. Und der Sechstklässler weiss natürlich, woran das liegt: seine Schwester und er sind Adoptivkinder. Die drei Jahre ältere An Bing Wa stammt aus China, und Fees Mutter, eine Bosnierin, ist vor dem Krieg in ihrer Heimat nach Holland geflohen. Fee kann gut mit diesem Wissen leben, denn er fühlt sich in seiner Familie wohl und zuhause, bis Maud, die Neue in der Klasse, ihn drängt, seine „Mutter Nummer Null“ zu suchen. Vielleicht ist sie eine grosse Künstlerin, wo er doch so gut Tiere zeichnen kann? Fee lässt sich drängen, ist neugierig, verunsichert und schliesslich erleichtert, als er erfährt, dass seine Mutter ihn nicht treffen will. Noch nicht. Sie hat noch immer den „Kopf voll mit Krieg“ – was Fee die Möglichkeit gibt, seinen Kopf wieder frei zu haben für sich und seinen eigenen, nicht unkomplizierten Alltag.
Ein unsentimentaler, verständnisvoller Text über einen sensiblen Jungen an der Schwelle zur Pubertät, der merkt, dass seine Identität von weit mehr abhängt als vom Wiedersehen mit seiner biologischen Mutter. Und der das annehmen kann.
Verena Stössinger

Zweimal Marie
Nina Petrick
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2009, Seiten: 140, ISBN/ISSN/EAN: 3-939944-34-3

Die Autorin, die 1997 mit dem Peter-Härtling-Preis der Stadt Weinheim ausgezeichnet wurde, versetzt in ihrem neuen Buch Erich Kästners „Doppeltes Lottchen“ in die nahe Gegenwart. Bei ihr treffen sich im September 1989 am ungarischen Plattensee zwei Schulklassen, eine aus Hamburg und eine aus Ostberlin – und die westdeutsche Anne Bergmann und die ostdeutsche Marie Roemer trauen ihren Augen nicht: Sie sehen einander nämlich ähnlich wie eineiige Zwillinge. Was sie auch sind, wie sich bald herausstellt. Sie wurden in Ostberlin geboren und von den Eltern bald schon getrennt, als die Mutter, die als Journalistin Berufsverbot bekam, in den Westen ging, der Schauspieler-Vater aber in der DDR verblieb. Petricks Version folgt der Vorlage auch in den Nebenrollen und bis ins Happy End, das die zwei ‚halben’ Familien im wiedervereinigten Berlin zusammenführt; das geschieht (anders als bei Kästner) ziemlich leicht und relativ problemlos, ist auch weniger schön und berührend erzählt, doch das Anliegen des Textes ist auch ein anderes. Ein historisches und pädagogisches. Es erzählt aus dem subjektiven Blickwinkel seiner Figuren von der politischen Wende von 1989, zügig, informativ und lehrreich.
Verena Stössinger

1:0 für die Idioten
Karlijn Stoffels
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2009, Seiten: 164, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-81057-1
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Familie/Familienformen

Karlijn Stoffels widmet sich in ihren Büchern vorzugsweise schwierigeren Themen jenseits des Mainstreams. In „Mojsche und Rejsele“ (1998) war es die schwierige erste Liebe eines jungen jüdischen Pärchens während des NS-Regimes in Polen. In „Rattenfänger“ (2003) sexuelle Belästigung und Missbrauch einer 14-jährigen mit einer psychisch labilen Mutter. In „Marokko am See“ (2006) Leben und erste Liebe zwischen mehreren Kulturen. In „1:0 für die Idioten“ – in den Niederlanden bereits 2003 veröffentlicht – erzählt die 1947 geborene Autorin nun die Geschichte der 15-jährigen Luisa, die nach einem Selbstmordversuch in der geschlossenen Abteilung der „Villa Strandlust“ landet, einer Einrichtung für Jugendliche mit den unterschiedlichsten psychischen Störungen.
Von der Einlieferung in der Notaufnahme bis zu ihrer Entlassung lässt Luisa die LeserInnen am Alltag in einer Abteilung der Jugendpsychiatrie teilhaben, erzählt von nächtlichen Albträumen und Schlaflosigkeit, Wut und Hilflosigkeit, Gruppen- und Einzeltherapie, kleinen Siegen und grossen Rückschlägen; erzählt, wie sie Schritt für Schritt Verletzungen zuzugeben und aufzuarbeiten lernt, mit Vergangenem abschliesst, wieder Vertrauen zu anderen Menschen aufbaut.
Warum die junge Ich-Erzählerin irgendwann keinen anderen Weg mehr gesehen hat, als ins Meer zu gehen, erfährt man nach und nach. Der selbstironische, häufig sogar bissig-sarkastische Ton, mit dem Stoffels ihre junge Protagonistin erzählen lässt, nimmt dem Erzählten dabei die Schwere, sorgt für komische Momente und lässt beim Lesen immer wieder Schmunzeln. Dennoch ist „1:0 für die Idioten“ kein Buch, dass die Probleme von Jugendlichen klein zu machen versucht, sondern eines, das sie in ihrer vollen Tragweite erfassen lässt, nachdenklich stimmt und lange nachwirkt. Denn das Spektrum von „Kontaktgestörten mit Symptomen aus dem autistischen Bereich“, von denen hier erzählt wird, ist gross: Hassan versteckt sich in einem viel zu grossen Kapuzen-Pullover vor der Welt. Zebbie ritzt. Rayela verharrt Stunden lang auf einer Stelle, unfähig einen Schritt vor oder zurück zu tun. Carmen leidet unter einem Waschzwang. Bartje spult Fahrpläne herunter, wie andere allenfalls ihr eigenes Geburtsdatum.
Am Ende steht kein wirkliches Happy End. Luisa hat noch immer Angst und weiss, dass sie noch einen langen Weg vor sich hat. Aber sie hat neuen Mut geschöpft und sie ist bereit ihn zu gehen.
Andrea Duphorn

Anfang und Ende allen Kummers ist dieser Ort
Siobhan Dowd
Übersetzt von Salah Naoura
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2009, Seiten: 368, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58208-4
Schlagwörter: Politik

Sommer 1981: In Nordirland herrscht Bürgerkrieg. Um bei den britischen Behörden die Anerkennung eines Sonderstatus als politische Häftlinge zu erreichen, treten Mitglieder der provisorischen IRA sowie der Irischen Nationalen Befreiungsarmee im Gefängnis Long Kesh in den Hungerstreik. Vor diesem Hintergrund entwickelt die irische Autorin Siobhan Dowd die fiktive und beeindruckend vielschichtige Geschichte um den 18 Jahre alten Fergus, der gerade mitten in den Abschlussprüfungen steckt und darauf hofft, seinem Heimatort Drumleash und damit auch einem Alltag voller Gewalt schon bald den Rücken kehren zu können. „Drei Zweien, und du hast einen Studienplatz für Medizin, Fergus McCann. Ein ganz neues Leben.“
Das dritte Buch der 2007 verstorbenen Autorin, das auf Deutsch erscheint, ist politischer Roman und Familiengeschichte, Kriminal-, Adoleszenz- und Zeitreiseroman, zarte Liebesgeschichte – alles in einem. Und dazu so fesselnd geschrieben, dass man es eigentlich gar nicht mehr aus der Hand legen mag. Dabei treibt Dowd die Handlung auf zwei Erzählebenen voran. Denn nachdem Fergus eines Morgens beim Torfstechen mit seinem Onkel die Leiche eines kleinen Mädchens im Moor entdeckt hat, das – wie sich herausstellt – 2000 Jahre zuvor einer rituellen Hinrichtung zum Opfer fiel, träumt er wiederholt von „Mel“. In diesen Träumen erlebt Fergus hautnah mit, was zur Hinrichtung der kleinwüchsigen Frau geführt hat und wie ihre letzten Tage aussahen. Parallel dazu erzählt Dowd vom Alltag in Fergus’ Familie, der von dem unbegreiflichen Hass zwischen katholischen Republikanern und protestantischen Unionisten ebenso bestimmt wird, wie von der Sorge um den älteren Sohn Joe, der sich im Gefängnis am Hungerstreik beteiligt, von Fergus’ Abschlussprüfungen, seinen morgendlichen Joggingtouren, auf denen er auch kleine Päckchen für den irischen Untergrund transportiert und sich mit einem Grenzsoldaten anfreundet. Und: wie er sich in die Tochter der Pathologin verliebt, die die Untersuchungen um die Moorleiche leitet.
Wie alle Romane der irischen Autorin lebt auch „Anfang und Ende allen Kummers ist dieser Ort“ von einer ganz besonderen, inneren Spannung. Dabei berührt die Schilderung des von Unruhen und IRA-Bombenterror bestimmten Bürgerkriegalltags ebenso wie Mels Schicksal, die Dowd kunstvoll miteinander verwoben hat. Ein sorgfältig komponierter, berührender Roman, über einen jungen Mann auf der Schwelle zum Erwachsensein, der entscheiden muss, was ihm wichtig ist im Leben, wer und wie er sein will.
Andrea Duphorn

Wolkenbrot
Baek Hee Na, Illustration: Kim Hyang Soo
Aus dem Koreanischen von Christina Youn-Arnoldi
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2009, Seiten: 42, ISBN/ISSN/EAN: 3-939435-19-8
Schlagwörter: Fantasie

Welch poetischer Gedanke: Zwei Katzenkinder wagen sich aus dem warmen Bett in den grauen Regentag, entdecken in einer Astgabel eine kleine Wolke und tragen sie nach Hause. Die Mutter backt daraus Wolkenbrötchen, und die Katzenkinder schweben nach dem Genuss dieser Brötchen federleicht in die Luft und, wie Peter Pan, aus dem Fenster. Nun soll der Papa aus dem morgendlichen Verkehrschaos gerettet werden. Nach dieser inhaltlich etwas banalen Aktion mit ihren traditionellen Rollenbildern – Papa ist ein Bürohai, Mama sitzt in Kochschürze zu Hause – ist der Himmel frei für neue Abenteuer.
Der Gedanke, dass Kinder den Alltag mit anderen Augen sehen, dass sie als einzige erkennen, welche Wunder hinter seinen Banalitäten stecken, ist ein Grundthema der Literatur, das in diesem Bilderbuch bezaubernd inszeniert wird. Die Poetik spiegelt sich allerdings weniger im Inhalt als in den aussergewöhnlichen Bildcollagen, die den Grossteil der Geschichte ohne Hilfe des Texts erzählen. Zeichnungen, Stoffe, Requisiten, Glas, Wasser und Licht sind detailreich zu Bühnenbildern und Figuren gestaltet und aus diversen Perspektiven fotografiert. Baek Hee Na schafft so mit ihren Bildern eine fantastisch-dynamische Welt, die im Alltäglichen besonders und im Vertrauten neu ist. So, wie die Katzenkinder intuitiv ahnen, “dass heute etwas ganz Besonderes passieren würde”, gibt das Buch dem Betrachter das Gefühl, dass auch an regnerischen Tagen hinter jeder Ecke ein Abenteuer warten könnte.
“Wolkenbrot” dürfte dem dreijährigen Kind so zugänglich sein wie dem Erwachsenen, der sich Zeit nimmt, in die Bilder einzutauchen – und mit ihnen abzuheben.
Manuela Kalbermatten

Bibs
Hans Magnus Enzensberger, Illustration: Rotraut Susanne Berner
Verlag: Hanser, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23380-6
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Bibs hat sich tief im Wäschekorb verkrochen. Sein Fahrrad ist weg, die Schule blöd, der grosse Bruder mühsam. Über dem Wunsch nach einem Kaugummi bemerkt er, dass seine Wünsche sich erfüllen. Traurig und doch zielstrebig formuliert er darauf: Hau ab, ganze Welt. Jetzt geht alles rasend schnell, er fällt und fällt, die Luft wird dünn, er muss sie sich rasch wieder zurückwünschen. Von Seite zu Seite staunen wir nun mit Bibs, wie kraft seiner Sprache die Welt langsam wieder Einzug in sein Leben hält. Sein Zuhause, sein Bett, sein Fahrrad erscheinen wieder auf der Bildfläche. Zum Schluss schläft er ein, um kurz darauf im Wäschekorb wieder aufzuwachen und in den Kreis seiner Familie aufgenommen zu werden. Es ist vorbei, und doch ist einiges anders – auch dass Bibs wieder lachen kann.

Enzensbergers Text erzählt in einfachen Worten von Frust und Einsamkeit und wie sie die Tore weit aufmachen für kindlich fantasievolle Lösungen. Rotraut Susanne Berner hat ihr gutes Gespür für Zwischenwelten schon mit den Illustrationen zu Franz Hohlers “Wenn ich mir etwas wünschen könnte” bewiesen. Diesmal nutzt sie eine doppelte Spur: In den rechten, ganzen Bildseiten begleiten wir Bibs auf seiner Reise, auf den Textseiten findet sich unten links zusätzlich eine farbige Vignette. Hier taucht das Weggewünschte wieder auf: Der Baum, das Fahrrad, die ganze Familie erscheinen, bis sich schliesslich die beiden gegenläufigen Erzählstränge treffen und Realität sowie Traumwelt zusammengeführt werden.

Ein Buch zum Wieder-und-wieder-Lesen und Entdecken, gerade weil es zwischen allen Welten zuhause ist.

Barbara Jakob

Der wunderbare Baum
John Kilaka
Verlag: NordSüd Reihe Baobab, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-01692-1
Schlagwörter: Tiere

Ntungulu Mengenye – können Sie sich das merken? Nein? Und wenn es um Tod und Leben geht? Die bunt gemischte und leuchtend gekleidete Dorfgemeinschaft der Tiere, die John Kilakas LeserInnen schon aus seinen früheren Bilderbüchern kennen, leidet Not: Der Regen ist ausgeblieben, der Boden vertrocknet und die Tiere haben nicht mehr genug zu essen. Ein grosser Baum mit wunderbaren Früchten wäre zwar da, doch die Früchte lassen sich nicht ernten. Zum Glück kommt die Häsin im rosa Prinzessinnengewand auf die Idee, die weise Schildkröte zu befragen, was zu tun sei. Die grossen Tiere wollen die wichtige Mission nicht der kleinen Hasenfrau überlassen und schicken den Elefanten und die Büffelfrau los. Kein Problem, die Schildkröte, entspannt in ihrem Liegestuhl, verrät ihnen das Zauberwort: “Ntungulu Mengenye”, und die Früchte fallen vom Baum.
Elefant, Büffel, Nashorn, Zebra, Giraffe, Löwe und Leopard, sie alle pilgern zur Schildkröte, aber keiner kann sich das Zauberwort merken. Endlich lassen sie die Häsin gehen – Ntungulu Mengenye, die Hungersnot ist vorbei.
John Kilaka hat diese witzig-ernsthafte Geschichte über Verantwortungsbewusstsein und Vertrauen in einer Gemeinschaft in einem Dorf im Südwesten Tansanias aufgenommen und sie mit seiner dynamischen Bildsprache illustriert. Er verbindet traditionelle Elemente mit der Sprache des Comic und lässt den Pinsel sprechen, um jedem Tier durch Mimik, Haltung und Kleider einen eigenen Charakter zu verleihen.
Christine Lötscher

Nichts und wieder nichts
Antje Damm
Verlag: Moritz, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-211-3
Schlagwörter: Philosophie

Anlässe um miteinander über NICHTS nachzudenken

Die Illustratorin und Autorin Antje Damm hat viele Fragen an ihre und unsere Welt. An dieser Auseinandersetzung lässt sie uns in Buchform teilhaben. Sie hat eine ganz persönliche Form gefunden, aus Alltag und Geschichte Bilder zu sammeln, eigene zu malen und mit Fotos zu kombinieren. Diese visuellen Impulse ergänzt oder kontrastiert sie mit Zitaten von Berühmtheiten oder mit einfachen Kindersätzen.

Auf der ersten Doppelseite konstatiert Damm ganz lapidar: “Über vieles wissen wir nichts”, kombiniert mit einer Illustration mit Blick ins Weltall. Dann geht es über eine wirklich teuflische Frage weiter (die wird hier nicht verraten!) zur Überlegung, ob in einem leeren Glas wirklich nichts ist. Da kommt man als BetrachterIn ganz schön ins Grübeln. Wunderbare Kinderaussagen wie “Das Nichts ist in unserem Kühlschrank, wenn keiner eingekauft hat.” Nachdenklich machen Bezüge, wie “manche haben nichts…”, dazu ein auf blossem Boden schlafendes, verwahrlostes Kind, “…oder stehen plötzlich vor dem Nichts”, ergänzt mit dem Foto eines Mannes vor einer zerstörten Hütte.

Das Spektrum ist breit, doch immer überraschend (bis hin zu John Cages stummem Musikstück “4’33”). Zuweilen sind die Ideen unbändig witzig, dann wieder aufrüttelnd, viele sind um die Ecke gedacht oder öffnen den BetrachterInnen die Augen für sehr grundsätzliche Fragen. Damm fabuliert auf ihren Text-Bild-Doppelseiten mit einer ansteckenden Lust, so dass die eigene Auseinandersetzung mit Nichts sich nahtlos fortsetzt. Seit diesem Buch ist wirklich nichts mehr vor Fragen sicher.

Barbara Jakob

Die schönsten Geschichten von Willi Wiberg
Gunilla Bergström
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch und Silke Hacht
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2009, Seiten: 109, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6348-1
Schlagwörter: Alltag | Humor/Komik | Familie/Familienformen

1972 erschien der erste „Willi Wiberg“. Mittlerweile sind Gunilla Bergströms Bilderbücher um Willi und seinen zerstreuten Vater, die irgendwo auf der Welt in einem modernen Vorort wohnen, längst zum Klassiker geworden. Es gibt mehr als zwanzig Bücher von ihnen, übersetzt wurden sie in 25 Sprachen. Dass man Willi nicht anmerkt, dass er schon in die Jahre gekommen ist, liegt zum einen an den Alltagsgeschichten, die die schwedische Autorin erzählt, vor allem aber auch an ihrer Art, diese zu illustrieren. Ihre Zeichnungen und Collagen, zusammengesetzt aus Stoff, Papier, Garn, sind einfach und klar, sie kommen ohne Zeitgeistmotive aus und wirken darum zeitlos aktuell. Das belegt der Sammelband „Die schönsten Geschichten von Willi Wiberg“, der vier der älteren, vergriffenen Wiberg-Titel versammelt: In „Pass auf, Willi Wiberg“ hat Papa keine Lust, mit Willi zu spielen, will einfach nur Zeitung lesen. Da macht sich Willi an den eigentlich verbotenen Werkzeugkasten heran und beginnt, wild darauf loszubauen, bis er nicht mehr aus seinem Konstrukt heraus findet und ihn Papa retten muss. In ganz „Ganz schön schlau, Willi Wiberg“ verschafft sich der Junge auf seine ganz eigene Weise Respekt. „Willi und sein heimlicher Freund“ berichtet von Alfons, dem heimlichen Freund, der immer da ist, wenn Willi nicht allein sein will. Und in „Gute Nacht, Willi Wiberg“ zehrt Willi an den Nerven des Vaters, weil er vor dem Einschlafen immer noch eine weitere Idee hat, was er machen könnte.

Willi ist nicht besonders gross und nicht besonders stark. Er prügelt sich nicht gerne. Er kann wütend und eifersüchtig sein – und er hat Angst vor Gespenster. Willi ist ganz gewöhnlich. Jedes Kind kann sich in ihm wiedererkennen. Das ist das Geheimnis seines Erfolgs. Die „Willi Wiberg“-Bücher gehören in jedes Kinderzimmer, in jede Kindertagesstätte und jeden Kindergarten.

Christine Tresch

Pieps
Tino Bussalb, Illustration: Susanne Strasser
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2009, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-905871-10-6
Schlagwörter: Humor/Komik | Tiere

Eins steht fest: Pieps, die kleine Maus, ist die Grösste. Alle Tiere, die durchs Buch Jagd auf sie gemacht haben, balanciert sie auf dem Cover, Brust geschwellt, auf einer Hand. Und das kam so: Leonie wünscht sich nichts sehnlicher als ein “echtes”, lebendiges Tier. Eine Maus muss es sein. Eifrig zeichnet sie ihre Wunschmaus mit Namen “Pieps”. Und siehe da, eines Tages ist sie da, die Maus, die sich das kleine Mädchen erträumt hat. Die Eltern – und mit ihnen alle eifersüchtigen Plüschtiere von Leonie – verwerfen die Hände, die Maus muss aus dem Haus!

Sie schicken die schwarze Katze auf die Jagd und Pieps macht sich verängstigt aus dem Staub. An ihrer Stelle bleibt nun die fette Katze, die sich auf dem bequemen Sessel im Wohnzimmer breitmacht und die Familie drangsaliert. Das darf nicht sein, ein bulliger Hund soll sie verjagen! Aber auch der entpuppt sich nach getaner Arbeit als Tyrann. Das Muster von Gejagtem und Jäger wiederholt sich daraufhin mit Tiger und Elefant. Aber bekanntlich fürchten sich Elefanten vor Mäusen, und so ist nicht nur Leonie froh, dass Pieps zurückkommt. Die kleine Maus hat von nun an als Retterin der Familie Wohnrecht auf Lebenszeit.

Der Handlungsaufbau, untermalt mit witzigen, grossflächigen Illustrationen in knallbunter Collagetechnik, erinnert anfänglich an den Klassiker “Joggeli söll ga Birli schüttle!” von Lisa Wenger. Auch dort wird eine Figur nach der anderen verjagt. Bei TINO und Susanne Strasser gehts jedoch bedeutend weniger starr zu und her. Die Bilder sind so geschickt konzipiert, dass sie das Geschehen mit wenig Text klar vermitteln und dabei Gross und Klein auffordern, Details zu entdecken. Ein Riesenspass für die ganze Familie.

Giovanna Riolo

Morgens früh um sechs …
Jens Sparschuh, Illustration: Julia Neuhaus
Verlag: Hinstorff, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-356-01327-0
Schlagwörter: Humor/Komik

Die Geschichte von der kleinen Hexe und dem dicken Heinz

Dass sich hinter dem traditionellen Vers von der kleinen Hexe noch viel mehr verbergen könnte, habe ich als Kind insgeheim immer gehofft. Im vorliegenden Bilderbuch hat mir Jens Sparschuh diesen Wunsch nun endlich erfüllt. Nach dem üblichen Ende “Hurtig, Kinder kommt zu Tisch!” – den geneigten LeserInnen ist aufgefallen, dass erst die Buchmitte erreicht ist – geht es schwungvoll weiter: “Pünktlich um halb eins, kommt der dicke Heinz. Heinzchen frisst für zwei. Das dauert bis um Drei.” Ist ja eigentlich logisch, der Tag ist ja auch erst zur Hälfte rum! Zusammen gehen die kleine Hexe und Heinz, das Schwein, durch einen umwerfend komischen Tag, bis auch die Fortsetzung endet: “Hexchen fliegt zur Geisterstunde noch eine letzte Runde auf dem Besenstiel ums Haus. Dann ist alles aus!”
Dazwischen lesen wir in den Vierzeilern von eigentlich alltäglichen Dingen wie Schularbeiten, Fernsehzeit und Abendritualen. Mit dem Erwartbaren war auf Illustrationsebene allerdings schon auf dem Cover Schluss: Julia Neuhaus setzt in ihren bunten Collagen auf handfeste Drastik und Einbindung moderner Technik. Die schrille, kleine Hexe fährt mit dem Mottorrad einkaufen, schabt ihre gelben Rüben mit einer währschaften Kettensäge und werkelt in einer Küche, an der selbst Jean Tinguely seine wahre Freude gehabt hätte. Kein Wunder also, dass Heinz da nicht hintanstehen möchte und wir BetrachterInnen beim Essen, Klavierspielen und Zähneputzen in den Genuss wahrer Schweinereien kommen. Ihre Bilder leben von vielen Details und Anspielungen. Sie treiben die Dynamik der Geschichte an und veranlassen zum Innehalten, zum Sichwundern oder einfach zum Geniessen.
Barbara Jakob

Um Mitternacht
Eduard Mörike, Illustration: Hannes Binder
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2009, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 3-905871-06-8
Schlagwörter: Natur

Man nennt ihn auch den “schwarzen Binder”. Denn Hannes Binders Bilder entstehen aus der Schwärze, auf mit schwarzer Farbe beschichtetem Karton, aus dem der Zürcher Künstler mit Nadel und Feder Illustrationen hervorkratzt. Binder ist ein urbaner Nachtromantiker. In vielen seiner Bücher ist die Nacht gewichtige Akteurin, etwa im Kinderbuch “Flug in die Nacht” (Text: Anita Siegfried) oder in seiner Fassung der “Schwarzen Brüder”. Wenn er nun mit “Um Mitternacht” ein Gedicht des von ihm verehrten Eduard Mörike illustriert, scheint das nur folgerichtig.

In Mörikes zweistrophigem, in Paarreimen gehaltenem Gedicht steigt die Nacht als mythisches Wesen an Land. Sie schaut dem Werden und Vergehen mit stoischer Gelassenheit zu und ruht gegen Mitternacht in sich wie das Himmelszelt über ihr. Ihre Gegenspieler sind die Quellen, die weiterrauschen, ja jetzt noch viel deutlicher zu hören sind. Sie erzählen vom vergangenen Tag, vom Einmaligen und Schicksalshaften, das im Traum nachwirkt. Nacht und Quellen – aus dem Wasser kommend und dem Wasser zuströmend – zwei Seiten derselben Medaille.

Wie diese 1827 entstandenen Zeilen illustrieren? Hannes Binder schöpft aus dem ureigenen Bildquellenarchiv. Er gibt auf 14 Bildtafeln den Blick frei auf durch den Vollmond ausgeleuchtete nächtliche Stadtlandschaften, Niemandsland und Verkehrszenen (die nächtlichen Quellen der Gegenwart), eine Salongesellschaft geborgen zwischen schweren Vorhängen und der Nacht. Er lässt Musikanten vor einer (Tessiner?) Dorfbeiz aufspielen und überlässt zum Schluss der ins Wasser zurückweichenden Nacht die Szenerie, setzt die physische Macht der Gezeiten ins Bild und den Aufbruch in einen neuen Tag auf hoher See.

Hier kommt die Nacht ins Bilderbuch. Aber diese Dunkelheit leuchtet – und sie lebt. Das macht “Um Mitternacht” zu einem Buch für alle, die sich in Bilder versenken und warten können, bis diese zu reden beginnen.

Christine Tresch

Die Sache mit den Superhelden
Sylvia Heinlein, Illustration: Sabine Wiemers
Verlag: Tulipan ABC, Publiziert: 2009, Seiten: 39, ISBN/ISSN/EAN: 3-939944-37-8

Ein grimmiger Comicladenbesitzer, der – für sich allein!? – drei Pizzen bestellt, und ein vom Grimmigen mit Argusaugen bewachtes Hinterzimmer, wo sich jemand verbirgt. Was denken sich schlaue LeserInnen dabei? Genau: Der Grimmige ist gar nicht so grimmig, wie er tut.

Wolle, Micki und Jonny sind beste Freunde. Darum haben sie einen Klub gegründet, “die Besten”, mit allem, was dazugehört: Klublokal, geheime Zugangsparole und natürlich Geheimaktivitäten. Geheimaktivität Nummer eins ist Comics lesen, vor allem jene mit Superhelden. Darum ist für Wolle, Micki und Jonny die Sache mit dem Hinterzimmer sofort glasklar: Dort verbergen sich die SuperheldInnen Gigaman, Starman und Geckogirl höchstpersönlich. “Nun kommt mal wieder auf die Erde zurück, Jungs”, möchten realistische LeserInnen schon gönnerhaft rufen. Doch zu spät, Wolle, Micki und Jonny sitzen bereits mit den drei Superhelden an einem Tisch.

Früher war sicher nicht alles schlechter als heute, die Texte für ErstleserInnen aber waren es bestimmt. Vorbei die Zeit, als man sich durch so öde Sätze wie “Fritzli ist brav. Susi spielt gern mit dem kleinen Schwesterlein” quälte. Heute schliessen die Jungs mit Superhelden einen Pakt – und dies in einer so frischen Sprache und von so herrlich frechen Illustrationen untermalt, dass man als ProfileserIn das Lesen gleich noch einmal lernen möchte.

Ursula Kahi

Latte Igel und der Schwarze Schatten
Sebastian Lybeck, Illustration: Daniel Napp
Aus dem Schwedischen von Maike Dörries
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2009, Seiten: 175, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-18052-6
Schlagwörter: Freundschaft | Mut/Selbstbewusstsein | Tiere

„Mit den Abenteuern ist es nun vorbei, dachte er. Ich habe viel erlebt und eine Menge gelernt. Jetzt kommt der gemütliche Teil.“ So denkt sich das Latte Igel und freut sich auf seine tägliche Routine: ein Morgenbad, dann ein wenig in der Sonne liegen und den jungen Igeln zuhören, wenn sie von ihren Träumen erzählen. Doch wie das so geht mit bewährten Abenteuerhelden – als junger Igel war Latte in den 1950er- und 1960er-Jahren bereits Protagonist in Lybecks Kinderbüchern –, bricht eine neue Herausforderung über den älteren Herrn herein. Eines Morgens wird Latte buchstäblich vom Erdboden verschluckt und fällt in eine Parallelwelt, die von Schwarzer Schatten, einem finsteren Kobold, regiert wird. Weil er seine Untertanen gegeneinander ausspielt, herrscht ein viel kälteres Klima als in der äusserst sozialen Welt, aus der Latte kommt. Ein Wettkampf, zu dem Schwarzer Schatten aufruft, verstärkt das Intrigantentum noch. Doch Latte mit seiner freundlichen und kommunikativen Art gewinnt schnell Freunde – und so ist es für ihn ein Kinderspiel, an den magischen Handschuh heranzukommen.
Sebastian Lybeck spielt augenzwinkernd mit den Erzählmustern der fantastischen Literatur und zeigt, dass Helden keine Superkräfte brauchen, um für das Gute auf der Welt zu kämpfen – viel besser sind Klugheit, Mut und Sozialkompetenz.

Christine Lötscher

Grenzland
Martina Wildner
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2009, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85376-1
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft | Sucht

Gruppendruck, Suchtverhalten sowie die Verwischung der Grenzen zwischen Realität und Fiktion im Spiel: Martina Wildner verhandelt in ihrem neuen Roman viele Themen, die für Jugendliche aktuell und wichtig sind. Und die Erwachsenen auf den Magen liegen.

Über einen Fernsehkanal lockt eine dreiäugige, verführerische Frau Jugendliche in ein Spiel hinein. Der Eintritt ins Spiel, als fantastische Anderswelt gestaltet, vollzieht sich durch eine kleine – körperliche und psychische – Grenzüberschreitung, die den individuellen Selbstzerstörungsfantasien der jeweiligen Jugendlichen entgegenkommt. Die Protagonistin Agnes zum Beispiel gelangt ins Spiel, indem sie sich mit einem kleinen Messer in die Unterarme schneidet.

Das Spiel wird zur Sucht, und das ausschliesslich aus Gründen, die mit der Realität ausserhalb zu tun haben. Da sind die kontrollierende, ewig gestresste Mutter und die nervtötende Schwester Jenni. Und da ist Jana, seit Jahren Agnes’ beste Freundin, die sich von ihr zurückgezogen hat und nur noch mit coolen Darkmetal-Typen herumhängt. Einer davon, Matti, hat es auch Agnes angetan – und ausgerechnet ihn findet sie im Spiel wieder. Mit jeder Begegnung im Spiel kommt er ihr auch in der Realität etwas näher.

So raffiniert die Verlockungen des Spiels auch beschrieben sein mögen, bei Agnes’ Ausstieg und der Rettung Janas – die Vernunft zieht sehr plötzlich ein – geht es doch etwas gar schnell. Wildner, hat man den Eindruck, konnte sich nicht so recht zwischen spannendem, originellem Plot und pädagogischem Ratgeber entscheiden. Auf dieser Ebene liest sich der Roman zu sehr wie eine Ansammlung von Stereotypen über die Gefahren der Spielsucht im Jugendalter.

Christine Lötscher

Long-Lost Friend
Sara Zarr
Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Riekert
Verlag: dtv, Publiziert: 2009, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-71369-6
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Liebe | Identität/Individualität | Gewalt

Acht Jahre lang hat Jenna geglaubt, der einzige wirkliche Freund, den sie je hatte, sei tot. Für immer verloren. Dann findet sie an ihrem 17. Geburtstag eine Karte in ihrem Briefkasten: „Einen schönen Geburtstag, Jennifer. Ich bin wieder da. Liebe Grüsse, Cameron Quick.“

Das plötzliche Wiederauftauchen des Freundes aus Kindertagen wirft Jenna völlig aus der Bahn. Jahre lang hat sie darum gekämpft, eine andere zu werden. Aus der lispelnden Heulsuse Jennifer Harris ist Jenna Vaughn geworden: hübsch, schlank, sportlich und beliebt, eine gute Schülerin, mit einem Freund, um den sie viele Mädchen beneiden. Und dann steht Cameron plötzlich wieder vor ihr, besucht dieselbe Schule. Längst vergessen Geglaubtes, Verdrängtes kommt hoch. Camerons Nähe reisst alte Wunden auf, weckt Gefühle, die Jenna nicht einordnen kann und sie dazu nötigen, sich der Vergangenheit zu stellen.

In einem fesselnden Wechsel aus Alltagsituationen der 17-Jährigen und Rückblenden ins Kindesalter steuert Sara Zarrs Roman auf jenes Ereignis zu, dass Jennas Leben nachhaltig beeinflusst hat: An ihrem neunten Geburtstag hat Camerons Vater versucht, die beiden Kinder zu seltsamen „Doktorspielen“ zu ermutigen. Dank Jennas Geistesgegenwärtigkeit und Mut können beiden entkommen, ehe Schlimmeres passiert. Wie es Cameron später ergangen sein mag, lässt sich nur ahnen. Kurz darauf kommt er nicht mehr zur Schule. Er sei weggezogen, hiess es. Und Jenna konnte es nicht fassen, dass er gegangen war, ohne sich von ihr zu verabschieden. Wenig später erzählen ihr Klassenkameraden aus purer Böswilligkeit, Cameron sei tot.

„Long-Lost Friend“ erzählt von der Suche nach einem Menschen, mit dem man Schönes und Schreckliches teilen kann, dem man sich auf besondere Weise verbunden fühlt, wie keinem anderen vertraut. Einfühlend, fast poetisch und dabei psychologisch-analytisch, zeigt die US-amerikanische Autorin ihre beiden Hauptfiguren als Teil eines schicksalhaften Ganzen. So plötzlich Cameron wieder in Jennas Leben aufgetaucht ist, so schnell verschwindet er wieder, um seinen jüngeren Geschwistern beizustehen. Was bleibt, sind Briefe und E-Mails. Und das Wissen um eine ganz besondere, innere Verbundenheit. Ob aus beiden je ein (Liebes-)Paar wird, bleibt offen. Doch das Wiedersehen hat Jenna die Chance gegeben zu verarbeiten, wovor sie Jahre lange geflüchtet ist, herauszufinden, wer sie wirklich ist, was – und wer – ihr wichtig ist, ihren Weg zu gehen.

Andrea Duphorn

Never alone
Ute Wegmann
Verlag: dtv, Publiziert: 2009, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-62379-7
Schlagwörter: Sexualität

„You’ll never walk alone…“ Die legendäre Fussballhymne ist für Johann, Marc, Nick und Florian gewissermassen Programm. Seit fast zehn Jahren sind sie beste Freunde, teilen alles miteinander. Doch irgendwie wird alles schwieriger mit dem Erwachsenwerden. Auch das Freund sein.
Als Johanns Freundin Schluss macht, rastet er aus, schlägt ein fremdes Mädchen mit einer Bierflasche nieder und wird dafür vor Gericht zu drei Monaten sozialer Arbeit in einem Altenheim verurteilt. Zudem lässt er sich auf ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau ein und erkennt erst spät, dass das nichts mit Liebe zu tun hat und ihn nur stresst. Florian kommt mit der Trennung seiner Eltern nicht klar, vor allem, weil der Vater fast jedes Treffen mit dem Sohn kurzfristig wieder absagt und auch sonst kein all zu grosses Interesse mehr an ihm zu haben scheint. Nick – von den anderen oft um das schmucke Häuschen mit Pool beneidet, in dem der Arztsohn mit Mama, Papa und Schwester Sarah lebt – muss den Unfalltod seines Vaters verarbeiten. Und Marc, der sich in den Osterferien in die verrückte Franky aus Amsterdam verliebt, gibt für seine kleinen Zwillingsschwestern den Ersatzpapa, so lange der echte auf Montage ist. Jeder der vier hat sein Päckchen zu tragen. Darüber hinaus beschäftigt sie natürlich vor allem ein Thema: Mädchen und das berühmt-berüchtigte „erste Mal“. Die Vier schliessen eine Wette ab: „Bis zum Ende der Sommerferien hat jeder von uns irgendeine Erfahrung gemacht. Irgendeine! Egal welche! Aber richtig mit Sex! Der Letzte, der übrig bleibt, wird von den anderen eingeladen. Der darf zum Trost trinken bis zum Geht-nicht-mehr…“
Ute Wegmann Roman erzählt von Jungenfreundschaften in den unterschiedlichsten Facetten, vom Verhältnis zu abwesenden oder nur noch auf dem Papier vorhandenen Vätern und überbesorgten Müttern, vom ersten Date, der ersten Liebe, dem ersten Sex, dem ersten Urlaub ohne Eltern. Schule, Sport, Musik, Computer, DVDs, Kino, Bier und Fussball. Dabei treten mal die Erlebnisse, Gedanken und Gefühle, Interessen, Wünsche und Träume des einen, mal die eines anderen der vier Freunde in den Vordergrund. Keiner der vier Protagonisten – so unterschiedlich sie vom Wesen her sind – ist „wichtiger“ als die anderen.
Es gibt nur wenige Bücher, die Jungen-Alltag in einer so geballten Form abbilden wie „Never alone“. Wegmann zeichnet – inhaltlich wie sprachlich –ein sehr authentisches Bild jener Jungenjahre zwischen nicht-mehr-ganz-Kind und noch-nicht-ganz-erwachsen.
Andrea Duphorn

Mauerblümchen
Holly-Jane Rahlens
Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Ludwig
Verlag: Rowohlt, Publiziert: 2009, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-499-21498-1

Eigentlich ist die 16 Jahre alte Molly – Deutsch-Amerikanerin jüdischer Abstammung, 1,86 Meter gross, Schuhgrösse 44 und Typ „Mauerblümchen“ – schon auf ihrer Abschiedstour durch Berlin, als sie in der S-Bahn auf den 19 Jahre alten Schauspielstudenten Mick aus dem Osten der Stadt trifft. Mit ihrem Vater, einem Chemiker, der für ein Jahr als Gastprofessor an der Berliner Universität unterrichtet, ist sie vor einigen Monaten nach West-Berlin gekommen, hat aber nie Anschluss gefunden und fühlt sich total unwohl. Jetzt will sie nur noch eins: zurück nach Amerika. In zwei Tagen geht es nach New York, wo Molly mit ihrer älteren Schwester zusammen wohnen wird. Vorher will sie in Berlin aber noch eine letzte Mission erfüllen: Sie möchte – der Mauerfall macht’s möglich – das Haus sehen, in dem ihre vor einigen Jahren an Krebs gestorbene Mutter bis zu ihrer Flucht nach Amerika im Zweiten Weltkrieg gelebt hat.
Wieder hat Holly-Jane Rahlens sehr genau recherchiert und vergangene Zeiten lebendig werden lassen. Nach „Mein kleines grosses Leben“ (2008), in dem sie ihre LeserInnen in das New York Anfang der 1960-er Jahre zurückversetzte, ist es diesmal das Berlin kurz nach Öffnung der deutsch-deutschen Grenze. Zwei Wochen nach dem Mauerfall, am 23. November 1989, sind Holly und Mick dort vier Stunden lang mit U- und S-Bahnen unterwegs. Vier Stunden, in denen Molly – und mit ihr die LeserInnen – viel über das Leben in einer geteilten Stadt, einem geteilten Land erfährt: von schmierseifengrünen Kacheln in den U-Bahnunterführungen im Osten über Kettwürste, Geisterbahnhöfe, an Schmirgelpapier erinnerndes Toilettenpapier und Intershops bis hin zum Übelkeit erregenden Geruch der Desinfektionsmitteln und sonderbaren Grenzformalitäten. Verpackt in die Geschichte einer Liebe auf den ersten Blick erzählt Rahlens in „Mauerblümchen“ – wie immer mit besonderem Charme, kaum zu übertreffendem Humor und Ironie – ein Kapitel deutsch-deutscher Geschichte. Eine kurzweilige, abenteuerliche, aber auch sehr romantische Reise in die jüngere deutsche Vergangenheit, die zeigt, dass man die Liebe auch dort finden kann, wo man sie am wenigsten erwartet: in einer S-Bahn nach Ost-Berlin zum Beispiel.
Andrea Duphorn

Flieger am Himmel
Annette Herzog
Verlag: Hammer, Publiziert: 2009, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0274-6
Schlagwörter: Geschwister | Krieg | Tod/Trauer | Migration | Abschied

Ein Mädchen erzählt von einem wunderschönen Garten mit blühenden Bäumen und duftender Erde, von ihrer Freundin Sanaj, ihrem gemeinsamen Puppenspiel, dem Suppenkochen aus Grassalat und Beerensaft. Das war einmal. Bevor die Flieger kamen und „Steine“ über dem Garten abwarfen und Sanja nicht mehr aufstand. Das war, bevor das Mädchen mit seiner Familie wegzog, in ein anderes Land. Jetzt steht es auf dem winzigen Balkon der neuen Wohnung, auf dem gerade mal zwei Blumenkisten Platz haben. Die verstörende Erinnerung an Sanja werden überlagert durch die Bilder, die es draussen, in einem anderen Garten sieht. Da spielen andere Mädchen dieselben Spiele, die es mit Sanja spielte. Weil sich das Mädchen nicht nach draussen traut, hat sein Bruder eine Idee: Er bastelt Papierflieger und schreibt darauf, wie seine Schwester heisst und wo sie wohnt und an welcher Tür sie klingeln sollen, wenn sie mit ihr spielen möchten. Ein Papierflieger segelt bis zu den Kindern im fremden Garten hinunter. Ob sie das Mädchen auf dem Balkon zum Spielen holen kommen, bleibt offen.
Annette Herzog erzählt eine stille Geschichte über ein Mädchen, dessen Kindheitsidylle durch den Krieg zerstört wurde. Nachts träumt es von seiner Freundin, wird die Bilder von damals ncht los. Am neuen Ort muss es versuchen, wieder vertrauen zum Leben zu fassen. Sein Bruder hilft ihm dabei. Katrine Clantes Illustrationen zeigen die Innenwelt dieses Mädchens, seine Verzweiflung und Einsamkeit. Sie zeigen aber auch, wie die Hoffnung keimt, dass neue Freundschaften möglich sind.
Christine Tresch

Als Otto das Herz zum ersten Mal brach
Axel Schulss, Illustration: Daniela Bunge
Verlag: Boje, Publiziert: 2009, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-414-82217-8
Schlagwörter: Tod/Trauer | Liebe

Als Otto erwacht, steht seine Mama am Bett und weint. Sie erzählt ihm, dass seine beste Freundin Annie tot ist, Annie stürzte am Vorabend die Kellertreppe hinunter. Das kann Otto nicht begreifen. Er will unbedingt in die Schule, sehen, ob Annie da ist. Mama kann ihn nicht zurückhalten. Erst auf dem Weg in die Schule wird ihm klar, was Mama erzählt hat. Jetzt mag Otto nicht mehr ins Schulhaus reingehen, er sucht stattdessen die Orte auf, die er mit Annie geteilt hat, denkt über Annie nach: Wie sie immer und immer wieder Geld in einen Automaten gesteckt haben, bis endlich der gleiche Ring rauskam, den Annie schon hatte. Wie sie heimlich geheiratet haben, mit Kerzenlicht und Käsekuchen. Wie sie Annie und ihre Mutter beistanden, als Annies Vater starb. Aber das zählt jetzt alles nicht mehr. Zu trösten vermag Otto, dass die KlassenkollegInnen am nächsten Tag nicht nur auf Annies Platz eine Rose hingelegt haben, sondern auch auf seinen. Und dass ihm Annies Mutter erzählt, Annie würde seinen Ring immer noch tragen. Und dass er weiss: „Ich bin Otto, der Mann von Annie, und ich bin Witwer.“

Der Autor Axel Schulss, er starb noch vor der Veröffentlichung dieses Buches mit 57 Jahren an Multipler Sklerose, bleibt ganz nah dran bei Otto und seinen Gedanken. Und er stellt ihm Erwachsene zur Seite, die ihre eigene Verzweiflung nicht verstecken und seine Gefühle respektieren. Daniela Bunges Zeichungen unterstützen den Text stimmungsvoll und lassen den LeserInnen viel Raum für eigene Interpretationen.

Christine Tresch

Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt
Rolf-Bernhard Essig
Verlag: Hanser, Publiziert: 2009, Seiten: 140, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23381-4
Schlagwörter: Sprachspiel | Intertextualität

Die lustigen Geschichten hinter unseren Redensarten

Redensarten machen die Sprache lebendig, und sie verbinden unser zeitgenössisches Reden mit der Geschichte unserer Kultur. Auch wenn allen klar ist, dass es nichts Gutes bedeutet, wenn etwas auf keine Kuhhaut geht, gehört das Wissen um die Kuhhaut als übergrosses pergamentenes Sündenregister schon lange nicht mehr zum Allgemeingut. Für den Autor und Literaturkritiker Rolf-Bernhard Essig ist das eine Einladung zum Spiel, das sich in seinem neuen Geschichtenband “Da wird doch der Hund in der Pfanne verrückt” niedergeschlagen hat. Da, wo der ursprüngliche Sinn von Redensarten vergessen gegangen ist, steckt ein Potenzial für die Fantasie, das Essig in seinen kurzen Texten auslotet.

Er zündet die Sprengkapseln, die im Teufel stecken, den man an die Wand malt, oder im Zahn, den man zulegen muss. Was dabei herauskommt, sind witzige Geschichten, in denen Fakten und Fiktion verwoben sind. Sprachgeschichtlich hat das alles Hand und Fuss. “Einen Zahn zulegen” zum Beispiel führt er faktentreu auf die Zahnstangen der Lokomotiven zurück, packt diese Information aber in den Alltag von Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer. So knüpft er an die bereits in den Kinderköpfen vorhandenen Geschichten und Bilder an. Wie viel Redensarten mit dem Erzählen zu tun haben, macht Essig deutlich, indem er Andersens Märchen von der Prinzessin auf der Erbse nacherzählt (“Eine Prinzessin auf der Erbse sein”) oder Fontanes Roman “Unterm Birnbaum” beim Stichwort “eine Leiche im Keller haben”.

Christine Lötscher

Das Geheimnis von der Kehle der Nachtigall
Peter Verhelst, Illustration: Carll Cneut
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Boje, Publiziert: 2009, Seiten: 61, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82218-0
Schlagwörter: Natur | Märchen/Fabel | Kunst

Es war einmal ein Kaiser, der Kaiser von China. Sein Leben war beneidenswert einfach: Schnippte er mit dem Finger, verneigten sich seine Untertanen; runzelte er eine Augenbraue, knieten seine Untertanen erschrocken nieder; lächelte er, begannen sie zu lachen. Jeden Tag las der Kämmerer dem Kaiser aus dem Buch des Gartens der Gärten vor. Eines Tages stand dort etwas ganz Unglaubliches: “Der Garten ist himmelich schejn / Aber schejner als das al / Ist der Gesang der Nagtegal.” Damit war das einfache Leben des Kaisers jäh beendet; dass etwas im Reich schöner als sein Garten war und er nichts davon wusste, war ein Skandal. Die geheimnisvolle Nagtegal wurde bald als Nachtigall erkannt und zum Kaiser gebracht, den ihr Gesang zu Tränen rührte. Eines Tages liess der Kaiser eine goldene Nachtigall konstruieren. Sie war so schön und sang so perfekt, dass er die echte Nachtigall darob vergass. Als er sich ihrer wieder erinnerte, war sie längst davongeflogen. Aus Zorn darüber verbannte der Kaiser alle Nachtigallen aus seinem Reich. Da legte sich die Traurigkeit wie ein schwarzer Schatten über das Land, und es drohte alles darin zu ersticken.
Andersens Kunstmärchen vom Sieg der Natur über die Kunst ist auch in der erweiterten Neudichtung von Peter Verhelst mehr als nur lesenswert. Allerdings ist es schade, dass die Nachtigall bei Verhelst ihre Eigeninitiative verloren hat und nicht mehr aus eigenem Antrieb zum kranken Kaiser kommt. Insgesamt ist “Das Geheimnis der Kehle der Nachtigall” jedoch eine wunderbare Geschichte, die der Boje-Verlag in einer wirklich schönen Ausgabe vorlegt.
Ursula Kahi

Grosse Bibel für kleine Leute
Vreni Merz, Illustration: Anita Kreituse
Verlag: Kösel, Publiziert: 2009, Seiten: 319, ISBN/ISSN/EAN: 3-466-36844-8

Mit grossen Augen schauen Tier und Mensch aus dieser Kinderbibel. Mitunter blicken die Kulleraugen von Schaf und Tiger etwas gar zu lieb in die Welt, die auch hier nicht heil ist. Gerade die HeldInnen der Bibel tun nicht immer das, was Gott von ihnen erwartet.
Rund 80 biblische Geschichten hat Autorin Vreni Merz klug ausgewählt und so kurz nacherzählt, dass sie verständlich und doch nahe am Bibeltext bleiben. Das ist zu bewundern. Jedem Abschnitt stellt sie kleine Erklärungen voraus, die aber nicht überinterpretieren. Die Autorin gibt darin keine Glaubensvorschriften, sondern beschreibt Jesus nach dem, was und wie er wirkte. Auch Kindern macht sie klar: Die Bibel fiel nicht vom Himmel.
Am Ende jeder Geschichte ermuntern didaktische Zeilen wie: “Strecke Dich aus, so weit Du kannst, bis auf die Zehenspitzen! Doch der Turm (zu Babel) war noch viel, viel grösser.” Diese Ansprachen an die kleinen LeserInnen sind manchmal nett, manchmal schmecken sie nach Arbeit: “Was sagte Gott auf dem Berg? Berichte, was Mose gehört hat!” Solche Lernzielüberprüfungen könnten die sinnliche Freude am bunten Bibelbuch trüben. Die frisch farbigen Illustrationen von Anita Kreituse regen die Fantasie nämlich von selbst an. Sie hat einen eigenen Stil entwickelt: orientalisch angehauchte Gewänder und Gesichter, die mitunter eben gar zu herzig dreinblicken. Dieses Buch will lieb gehabt werden und auf keinen Fall Angst machen, so die Botschaft, und auch darin unterscheidet sich diese Kinderbibel wohltuend von vielen Vorläuferinnen.
Judith Wipfler

Black Rabbit Summer
Kevin Brooks
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzhahn
Verlag: dtv, Publiziert: 2009, Seiten: 527, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-24775-4
Schlagwörter: Freundschaft

Der britische Autor Kevin Brooks versteht sich darauf, rasend spannende Thriller zu schreiben, die ohne Umschweife in die dunkelsten Zonen der menschlichen Existenz eindringen. Dabei geht er hart zur Sache. Gewalt unter Jugendlichen wird nicht beschönigt, und die Figuren handeln meistens nicht besonders klug. Pete, der Protagonist von “Black Rabbit Summer”, dämmert in einem Übergangszustand vor sich hin. Er hat die Highschool abgeschlossen und wird nach den Sommerferien aufs College wechseln. Auf dem Bett liegend ist er “in gedankenlose Gedanken versunken”. Bis irgendwann das Telefon in seine Lethargie hinein klingelt. Nicole, eine Freundin von früher, will feiern. Pete ist unentschlossen; seit Jahren hat sich die ehemals verschworene Clique nun schon aus den Augen verloren. Pauly, einer der Jungen, hängt jetzt mit einer Bande von brutalen Schlägern ab. Pete ist bange: Wie würde er mit seinem besten Freund Raymond umgehen, der als Aussenseiter mit eigenartigen Gewohnheiten ohnehin gemobbt wird?
Es kommt an dem Abend noch viel schlimmer, als Pete es sich in den finstersten Horrorfantasien vorstellen kann. Ein Mädchen wird ermordet, Raymond ist verschwunden – und Pete ist der Einzige, der einen differenzierten Blick auf das Geflecht aus Lügen und Geheimnissen besitzt. Er beginnt auf eigene Faust Detektiv zu spielen, während sein Vater, ein Polizist, ihn vergebens aus der Sache herauszuhalten versucht. So bringt Brooks ganz nebenbei eine psychologisch genau erzählte Vater-Sohn-Geschichte ins Spiel.
Kevin Brooks zeigt mit seinen Jugendbüchern, dass es möglich ist, mit Fernseh-Ästhetik und visuellen Erzählverfahren zu operieren und dafür eine überzeugende Sprache zu finden. Die Sätze sind kurz, die Dialoge schnell; da ist kein Wort zu viel.
Christine Lötscher

Verfolgt
Ally Kennen
Aus dem Englischen von Katharina Orgass und Gerald Jung
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2009, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5242-4
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Lexis Leben ist gerade alles andere als einfach. Schuld an den Stimmungsschwankungen der 16-jährigen Ich-Erzählerin sind aber nicht nur ihre “Teenagerhormone”: Der Vater sitzt im Knast, der Bruder gerät auf die schiefe Bahn, und Lexi landet im “öden Kaff” Bewlea bei ihrer Mutter, mit der sie sich nicht versteht. Zu allem Überfluss wird sie von deren Freund auch noch belästigt. Doch dann verirrt Lexi sich im Wald und wird von dem rätselhaften, im Wald lebenden Jungen Kos aus Lebensgefahr gerettet. Die beiden freunden sich an, und Lexi kommt einem lange verschwiegenen Asyl-Drama auf die Spur.
Es ist ganz schön viel, was Ally Kennen der Protagonistin ihres dritten Jugendthrillers aufbürdet. Umso erfreulicher, dass “Verfolgt” bei so viel kumuliertem sozialem Elend nicht in die Sparte des überbefrachteten Problembuchs rutscht. Das liegt in erster Linie an der gelungenen Charakterzeichnung: Lexi ist eine unkonventionelle, emanzipierte Heldin, die das Geschehen psychologisch stimmig und in lakonischem Ton kommentiert. So begleitet sie, das Stadtkind – “Ich bin nicht so ein Öko-Freak, der gern auf Bäume klettert und sich aus Löwenzahn Kaffee braut” –, ihr erstes positives Naturerleben ironisch mit “Gleich fange ich noch an, Blätter zu sammeln, und lege mir ein Pflanzenalbum an.” Soweit kommt es nicht. Dafür lernt Lexi, Verantwortung zu übernehmen, über sich hinauszuwachsen, ohne an Realismus zu verlieren – “Ich will nicht leiden. Ich will keine tote Heldin sein” –, und sogar auf ihre Mutter zuzugehen.
“Verfolgt” ist ein temporeich erzählter, gut geschriebener Jugendthriller, der Elemente des Krimis und des Sozialdramas mit einer Adoleszenzgeschichte verknüpft und dank der liebenswerten Protagonistin vergessen macht, dass die Autorin etwas viel in ihre Geschichte hineinzupacken versucht hat.
Manuela Kalbermatten

Der kleine Mausche aus Dessau
Katja Behrens
Verlag: Hanser, Publiziert: 2009, Seiten: 204, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23305-9
Schlagwörter: Historisches | Biografie

“Judd Judas!”, rufen die Kinder und bewerfen ihn mit Steinen. Denn der kleine bucklige und stotternde Junge ist ein Bar Jisroel, ein Sohn Israels, ein Jude. Doch dann fliegt seinen Peinigern ein Hammer entgegen, und ein grosser, hinkender Kerl brüllt den weglaufenden Kindern hinterher: “Saubande! Uffhere!” Unerwartet erhält der kleine Mausche Hilfe von “Hannes aus Wissbade”. So beginnt die Reise des 14-jährigen Moses Mendelssohn, als er sich im Herbst 1743 auf den Weg nach Berlin macht, um dort in die Lehre von Oberrabbiner David Fränkle zu gehen.
Katja Behrens erzählt in ihrem Jugendroman aber nicht nur von einer aussergewöhnlichen Freundschaft zwischen einem Nauzri, einem Christen, und einem Juden, sondern sie veranschaulicht die prekären Lebensbedingungen eines Juden im 18. Jahrhundert. Die Autorin erklärt dabei Eigenheiten und Hintergründe des Judentums und lässt die Konfrontation zwischen Juden und Christen immer wieder aufblitzen. Dabei kommen wechselseitige Vorurteile zum Vorschein, und das Thema der Fremdheit tritt immer wieder in den Mittelpunkt. Durch heitere Einschübe, in denen etwa Verständigungsschwierigkeiten zwischen den Freunden thematisiert werden, kann man trotz des ernsthaften Themas immer wieder aufatmen .
Der Autorin ist es gelungen, einen Abschnitt aus dem Leben Moses Mendelssohns mit viel Gespür und Liebe zum Detail zu beleben, so dass die Reise des kleinen Mausche für Jung und Alt gleichermassen zu einem Erlebnis wird.
Tanja Lindauer

Abspringen
Tobias Elsässer
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2009, Seiten: 270, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-8091-7
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Sexualität

Was würden Sie tun, wenn Sie Ihren ersten Orgasmus zuoberst auf der Kletterstange erlebten? Der 14-jährige Paul lässt los. Nur so, denkt er, wird der verräterische feuchte Fleck in seiner Turnhose übersehen werden. Sein Plan geht auf.
Da er für seinen Sportunfall keine plausible Erklärung liefert, schleppt ihn seine Mutter zum Psychiater. Paul ist das recht. Er sucht Erleichterung. Ständig von erotischen Fantasien heimgesucht zu werden, isoliert ihn. Und beim Internet-Sexsurfen und Masturbieren von der resoluten älteren Schwester überrascht zu werden, ist keine angenehme Erfahrung. Dank Recherchen im Internet weiss er, dass Sexsüchtigen dieselben Medikamente verschrieben werden wie Menschen, die am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) leiden. ADS-Symptome vorzuspielen, fällt dem intelligenten Jugendlichen nicht schwer.
Tobias Elsässer treibt seinen Protagonisten von einem peinlichen Höhepunkt zum nächsten. Das wirkt oft lustig, manchmal atemlos und etwas beliebig. Die Psyche des Helden wirkt trotz des komplizierten Innenlebens eindimensional: Paul ist ein guter Junge, der es allen recht machen will. Ausserdem ist die Bühne mit zu vielen Nebengeschichten verstellt. Die Nöte des sexuell Erwachenden gehen zuweilen unter im Reigen der ebenfalls von ihrer Libido getriebenen Figuren seines Umfelds.
Doch zwei Dinge muss man Elsässer zugutehalten: Erstens nimmt er das wichtigste Thema der Adoleszenz mit viel Witz und Fabulierfreude auf. Zweitens entspricht diese Erzählweise, welche die äusseren Verwicklungen lebhafter abbildet als die innere Zerrissenheit, den Vorlieben der actionorientierten LeserInnen. Denn der Schlusssatz trifft ins Schwarze, bis dahin sollte er sie bei der Stange halten.
Francesca Micelli

Cirrus Flux
Matthew Skelton
Aus dem Englischen von Ulli und Herbert Günther
Verlag: Hanser, Publiziert: 2009, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23386-5
Schlagwörter: Historisches | Fantastik/Fantasy

War es in “Endymion Spring” die Ära Gutenbergs, in die Matthew Skelton seine LeserInnen eintauchen liess, widmet er sich in “Cirrus Flux” erneut einer historischen Epoche: Nun ist es die Zeit der Aufklärung, der Naturphilosophen und Elektrifizierungskünstler, Hypnotiseure und Magnetiseure, in die die Geschichte um den 12-jährigen Waisenjungen Cirrus Flux eingebettet ist. Cirrus wächst um 1780 in einem Londoner Waisenhaus auf. Wie sein Freund Bottle Top und die ebenfalls im Findelhaus lebende Pandora wird er zum Spielball ihm fremder Mächte. Als er auf eine kleine, silberne Weltkugel stösst, die sein Vater ihm hinterlassen hat, überschlagen sich die Ereignisse: Ein geheimnisvoller Fremder mit einem Feuervogel verfolgt Cirrus. Aber auch der skrupellose Elektrifizierungskünstler Mr. Leechcraft, die machtgierige Madame Orrery und andere Naturphilosophen sind hinter der Kugel her. Sie soll im Eismeer der Arktis den Atem Gottes aufgenommen haben.
“Cirrus Flux” vermag trotz origineller Grundidee und einigen liebenswerten Charakteren – allen voran die tatkräftige, unzimperliche Heldin Pandora – nicht zu überzeugen. Naturphilosophie und Magnetismus dienen als exotische Kulisse, ohne für die jungen LeserInnen in ihrem historischen Kontext begreifbar zu werden. Der Plot ist verworren und unübersichtlich. Wenn die Konfrontation zwischen vertrauter Realität und Geheimnisvollem zunächst noch auf faszinierende Weise inszeniert wird, artet das Spiel bald in eine Art umweltphilosophisch-religiösen Utopismus aus, woraufhin die Handlungsfäden endgültig auseinanderfallen. Es bleibt keine Zeit, sich darüber zu wundern, denn die Geschichte endet abrupt und ohne Antworten – als hätte der Autor das verwirrende Gespinst so schnell wie möglich loswerden wollen.
Manuela Kalbermatten

Tochter der Krokodile
Marie-Florence Ehret
Aus dem Französischen von Stefanie Schäfer
Verlag: Hammer, Publiziert: 2009, Seiten: 157, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0227-5
Schlagwörter: Alltag

Fremd, aber hautnah ist die Welt, in der wir uns befinden: Dieser Jugendroman spielt in Burkina Faso. Die elfjährige Fanta lebt in dieser beschaulichen, aber keinesfalls heilen Welt. Ihre Mutter ist weit weg in Paris, um die Familie über die Runden zu bringen. Fanta lebt mit der Grossmutter, kurz Mâ genannt. Im Dorf herrscht Unruhe. Es kündigt sich der Besuch einer Beschneiderin an; sie soll die Mädchen “reinigen”. Doch wie schon ihre Mutter und ihre Schwester entgeht Fanta – dank der Courage von Mâ – diesem grässlichen Schicksal. Doch dies ist nur ein Aspekt von Fantas Alltag.

Die Geschichte erzählt auch von dem Jungen, der sich dafür entscheidet, das Dorf entgegen der Tradition zu verlassen, um in der Stadt eine weiterführende Schule zu besuchen und Lehrer zu werden. Sie beschreibt, wie Fantas Onkel überfallen und sein Moped, das einzige Verkehrsmittel, geklaut wird und wie eine defekte Wasserpumpe dafür sorgt, dass die Frauen und Mädchen jeden Tag mehrmals kilometerweit zum Fluss gehen müssen, um Wasser zu holen. Hilfe kommt aus Paris, und plötzlich ist auch Fantas Mutter selber da.

Marie-Florence Ehret hat ein poetisches, authentisches Buch über den westafrikanischen Dorfalltag geschrieben. Es bietet jugendlichen und erwachsenen LeserInnen einen Zugang zu Fantas Welt, und nicht zuletzt lässt sich der Sonnenuntergang am Äquator miterleben: “Rosafarbener Dunst lässt die Konturen der Bäume und Häuser verschwimmen. Das sanfte Licht verhüllt alles, worauf es fällt. Sogar die Geräusche klingen gedämpft. Die Erde scheint nach der Backofenhitze des Tages einen langen, müden Seufzer auszustossen. In einigen Minuten wird es Nacht sein. Der Moment davor dauert eine Ewigkeit.”

Roger Meyer

Der dunkle Wächter
Carlos Ruiz Zafon
Aus dem Spanischen von Lisa Grüneisen
Verlag: Fischer FJB, Publiziert: 2009, Seiten: 334, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85388-5
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror

Bevor Carlos Ruiz Zafón mit seinem Roman “Der Schatten des Windes” zu internationalem Erfolg kam, war er in Spanien schon seit Jahren als beliebter Autor von Schauerromanen für Jugendliche bekannt. Der Fischer-Verlag legt mit “Der dunkle Wächter” nun einen Roman aus dem Jahr 1995 vor. Damals war die Fantasy-Welle noch ganz am Anfang. Ruiz Zafóns Referenzsystem ist also ein erfrischend anderes als bei den Romanen, die sich alle auf J.K. Rowling, Philip Pullman oder Cornelia Funke beziehen. Er versucht, dem Schauerroman des 19. Jahrhunderts neues Leben einzuhauchen. Da gehört das ganze Arsenal der schwarzen Romantik dazu: Heerscharen von Automaten, ausserdem Doppelgänger und ein Mann ohne Schatten, der sein Herz dem Teufel verkauft hat. Und beim dunkel aufgeregten Pathos der Sprache stehen Edgar Allan Poe und E.T.A. Hoffmann Pate. Lebendig, spannend und schaurig ist sie durchaus, die Geschichte von Irene und Ismael, die dem Spuk rund um das unheimliche Anwesen des Spielzeugfabrikanten Lazarus Jann an den Klippen der Normandie durch die Aufklärung der furchterregenden Geschehnisse ein Ende machen. Schliesslich erfährt der vom Teufel Besessene Läuterung in einem Flammeninferno. Ruiz Zafón geht es, anders als in seinen Erwachsenenromanen, weniger darum, dem Schauerroman die drängenden Fragen der heutigen Zeit einzuschreiben, als einfach eine schaurig-schöne Geschichte zu erzählen. Für sensible LeserInnen mit starken Nerven, bei denen sich die Neugier auf die romantischen Vorbilder wecken lässt.
Christine Lötscher

Die Hebammen von London
Edith Beleites
Verlag: Rowohlt, Publiziert: 2009, Seiten: 380, ISBN/ISSN/EAN: 3-499-21483-0
Schlagwörter: Historisches

Im Rahmen ihrer Ausbildung zur Hebamme geht die junge Lilly auf Anraten der für sie verantwortlichen Gräfin nach London in die Lehre der berühmten Mrs. Hill. Doch die Grossstadt bietet nicht nur die Wärme und Herzlichkeit der Familie Hill, die sie von Anfang an wie ein Familienmitglied aufnimmt, sondern auch die Schrecknisse der eben ins Leben gerufenen Geburtshäuser. Hier versuchen sich männliche Geburtshelfer an den Frauen der untersten Gesellschaftsschichten, und nicht selten enden die oft zu früh eingeleiteten oder mit medizinischen Gerätschaften vorangetriebenen Geburten mit dem Tod des Kindes oder der wehrlosen Mutter.
Um mehr über die berüchtigten Geburtsmethoden des Dr. Smollett zu erfahren, schleicht sich Lilly als Medizinstudent verkleidet in seine Vorlesungen. Was sie dort erlebt, ist mehr, als ihr lebensbejahender Geist ertragen kann. Nur in Jonathan, einem Studenten aus Cambridge, findet sie einen Seelenfreund. Nur: Ob er ihr helfen kann, wenn ihre Tarnung auffliegt, ist mehr als fraglich.
Edith Beleites, die schon mehrere historische Romane um die Hebammentätigkeit geschrieben hat, legt hier ihr erstes Jugendbuch vor. Das Thema ist fraglos spannend und wird vor allem junge Mädchen und Frauen ansprechen. Die Umsetzung indes überzeugt nicht vollends, bedient sich die Autorin doch etlicher Versatzstücke romantischer Trivialliteratur. Zu viele indirekte Beschreibungen verleihen dem Text nicht die Lebendigkeit, die anders möglich gewesen wäre. Wen das nicht stört, der findet in “Die Hebammen von London” einen packenden Roman mit einer mutigen Protagonistin, die sich im England des frühen 18. Jahrhunderts zu behaupten weiss.
Maren Bonacker

Die siebte Prüfung
Joan Lennon
Aus dem Englischen von Gerold Anrich und Marina Instinsky-Anrich
Verlag: CBJ, Publiziert: 2009, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-13674-4
Schlagwörter: Humor/Komik | Fantastik/Fantasy

Eo ist ein junger Gestaltwandler im Universum der G, der lieber in den blauen Himmel träumt, als dem Frettchen-Professor Pinkerton Hurple zu lauschen. Die rebellische Jay lebt im 24. Jahrhundert in der Unterwasserstadt Greater Glasgow und hat Mühe, den Eltern die schlechten Noten auf ihrer Zeugnisdisk zu erklären. Und Adom, ein junger Novize aus dem 6. Jahrhundert, besitzt zwar handwerkliches Geschick, kann aber “die Buchstaben nicht dazu bringen, ihm etwas zu sagen”. Alle leben in einer Schwellenregion mit fliessenden Übergängen zwischen Zeiten und Universen. Und alle teilen das Geschick, das jungen HeldInnen der fantastischen Literatur so oft eigen ist: Sie werden gering geschätzt und belächelt – bis sich ihnen die Chance bietet, ihre wahren Qualitäten zu beweisen.
Diese Chance kommt, als Eo in die Fänge der seelenfressenden Kelpies fällt und die Zerstörung seiner Welt nur mit einer Wette verhindern kann: Auf einer Reise durch sechs Epochen der Weltgeschichte soll er sich Gaben erringen, die ihm bei der Bewältigung der siebten Prüfung helfen. Nun beginnt eine Zeitreise, in deren Verlauf Eo nicht nur keine Helden, sondern neben Jay und Adom auch noch höchst zweifelhafte Gaben erringt. Doch nicht immer ist das brillanteste Gehirn, der stärkste Arm oder der furchtloseste Sinn gefragt. Und so entdecken die drei Jugendlichen bald ihre individuellen Stärken. “Die siebte Prüfung” ist ein Jugendbuch mit originellen Charakteren, viel Humor, innovativen Erzählmitteln und skurrilen Details. Der Roman entzieht sich jeder Einordnung: Er spielt witzig und frech mit Motiven von Fantasy-, Abenteuer- und Schauerroman, Mythologie und Science-Fiction, liefert amüsante Perspektiven auf die Erdgeschichte und ironisiert Erzählpraktiken – ein absolut ungewöhnliches Leseerlebnis, auch für Erwachsene.
Manuela Kalbermatten

Heldenspiel
Paro Anand
Aus dem indischen Englisch von Günter Ohnemus
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2009, Seiten: 223, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85354-0
Schlagwörter: Identität/Individualität | Extremismus/Terrorismus

Kindern und Jugendlichen historische Themen zu vermitteln, ohne Stereotypen zu reproduzieren, ist schon anspruchsvoll genug. Umso schwieriger ist es, aktuelle Stoffe von politischer Brisanz zu erzählen, die durch medial konstruierte Bilder in den Köpfen festgefahren sind. Doch was steckt hinter den Geschichten von Menschen, die als Selbstmordattentäter Unschuldige mit sich in den Tod reissen? Ein Jugendbuch aus Indien versucht, auf diese Frage eine Antwort zu finden.
Paro Anand erzählt die Geschichte von Aftab, einem muslimischen Jugendlichen in Kaschmir, der kaum eine Ahnung von politischen Zusammenhängen hat. Sein Vater ist Lehrer und glaubt an das friedliche Zusammenleben von Hindus, Sikhs und Muslimen, und er erzieht seine Kinder in diesem Geist. Dennoch gerät Aftab in den Sog einer Terrororganisation, die ein Extremist aus Pakistan oder Afghanistan aufbaut. Seine genaue Herkunft erfahren wir nicht, nur dass er in Al-Quaida-Camps ausgebildet wurde. Der Mann fasziniert die Jugendlichen durch seine Heldenbiografie und seine Unabhängigkeit.
Anand findet für ihren Stoff eine lakonische, knappe Sprache, mit der sie ihre Figuren und ihre Beweggründe heranzoomt. Das geht unter die Haut. Vor allem leuchtet die Verbindung von pubertären Heldenfantasien und Identitätsangebot in einer militanten Gruppe ein. Ein Protest, der sich aus der Sicht der für politische Zwecke missbrauchten Jugendlichen gegen eine Gesellschaft richtet, die ihnen keinen Raum zubilligt und in der sie, wegen Armut und politischer Unruhen, kaum eine Zukunft haben.
Christine Lötscher

Nie wieder lonely
Per Nilsson
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2009, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4328-6
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Liebe

Wenn dies keine Liebesgeschichte ist! Ein schwacher Duft nach Zitrone weht durch den Bus und er fühlt sich auf einen Schlag um ein Jahr zurückversetzt, zu dem Moment, als alles anfing.
Ann-Katrin war seine erste grosse Liebe. Sie haben eine Nacht zusammen verbracht, bevor er für ein Jahr in die USA flog. Bei seiner Rückkehr ist dann ein anderer bei ihr eingezogen, was ihn vorerst furchtbar schmerzt. Als er sie wieder trifft, ist sie eine andere, und auch er ist im Begriff, sich zu verändern. Die schöne Amina könnte Ann-Katrin den Platz streitig machen, wenn da nur nicht all diese Gedanken wären, die es erst einmal zu ordnen gilt.
Die Fortsetzung von Per Nilssons Roman “So lonely” beginnt im Hier und Jetzt. Der 17-jährige Ich-Erzähler berichtet einem Du, was er in den letzten zwölf Tagen durchgemacht hat, ein Initiationsritual, aus dem er als beinahe Erwachsener hervorgeht. Seine Erlebnisse reichen von der Begegnung mit seiner ersten grossen Liebe über die Absichten, mit dem besten Freund Interrailferien zu machen bis zu der Wichtigkeit, seinem Herzen zu folgen. Wer das Du ist und wem die Geschichte wirklich erzählt wird, soll hier nicht verraten werden.
Ein Buch, das sich sowohl jugendlichen LeserInnen als auch Erwachsenen erst nach der gesamten Lektüre in seiner Tiefe offenbart. Klug, witzig und anrührend.
Petra Bäni

Seit wann ist die Erde rund?
Guillaume Duprat
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2009, Seiten: 61, ISBN/ISSN/EAN: 3-868-73135-0
Schlagwörter: Geografie

Wie sich die Völker unseren Planeten vorstellen

Wir wissen, dass die Erde eine Kugel ist und sich im Laufe des Jahres ein Mal um die Sonne dreht. Doch sehen das alle Menschen so? In mehrjähriger Arbeit hat der französische Illustrator Guillaume Duprat nach Weltbildern geforscht, sie gesammelt und sie uns in diesem aufwendig gestalteten Buch zugänglich gemacht. Man staunt: Unser Bild der Erde ist noch gar nicht so alt, und es gibt Völker, die sich ihre eigene Vorstellung bis heute erhalten haben. Die Wayapi-Indianer im Grenzgebiet zwischen Französisch-Guyana und Brasilien, zum Beispiel, stellen sich die Erde als eine Scheibe vor, die auf drei riesigen Pfosten ruht. Und wenn der böse Geist Tembetsi an einem der Pfosten rüttelt, bebt die Erde.
Dutzende von Beispielen sind in diesem Buch zusammengetragen. Die kurzen Texte erzählen von den Sagen und Vorstellungen der Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Zeitepochen. Ergänzt werden die Erklärungen durch aquarellartige Illustrationen, die manchmal an alte Landkarten erinnern.
Auch wenn die Kapitel die Inhalte einigermassen chronologisch ordnen, so stehen Gestalt und Form der Erde im Vordergrund. Da wird von Insel- und Gebirgswelten berichtet, von eckigen, ovalen und gewölbten Welten, und natürlich auch von der Erde als Kugel. Geschickt werden Sagen und Legenden, Mutmassungen und wissenschaftliche Erkenntnisse nebeneinandergestellt.
Viele Abbildungen sind teilweise durch Klapptafeln verdeckt, welche die Lesenden einladen, selber Vermutungen anzustellen. Beim Aufklappen werden die imaginären Welten frei und die Weltbilder vervollständigt. Das Buch regt auf unterhaltsame Art zum Philosophieren an und ist auch für Erwachsene eine Fundgrube. Es macht das Urbedürfnis der Menschen deutlich, die Welt erklären zu können.
Katrin Fehr

Das grosse Buch vom Körper
David Macaulay
Aus dem Englischen von Wolfgang Hensel
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2009, Seiten: 335, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-55247-X
Schlagwörter: Körper

r amerikanische Illustrator und Kunsthistoriker David Macaulay wurde 1975 für seinen Erstling “Sie bauten eine Kathedrale” gleich mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Seither hat er seine Fähigkeit, komplexe Vorgänge und Zusammenhänge verständlich, klar strukturiert und genussvoll aufzubereiten, immer wieder unter Beweis gestellt. Ging es in seinen bisherigen Werken primär um Architektur und Technik, widmet sich Macaulay nun dem vertrautesten und unbekanntesten Kunstwerk überhaupt: unserem Körper.
Wer seine fünf Sinne beisammen hat, weiss nach der Lektüre dieses Buches nicht nur, wie diese funktionieren, sondern kennt seinen Körper zudem vom kleinsten Baustein bis hin zu den grossen Systemen Atmung, Verdauung, Nervensystem, Abwehr, Bewegung und Fortpflanzung. Die Altersschwelle ist vom Verlag mit acht Jahren tief angesetzt. Natürlich kann bereits ein achtjähriges (oder ein noch jüngeres) Kind die Illustrationen betrachten. Aber es wird sie oder den Begleittext kaum wirklich verstehen. Der Autor nennt die Dinge nämlich stets beim Namen, und der ist in der Regel ganz schön kompliziert. Bei einer konzentrierten Lektüre ist das, wie gesagt, kein Problem. Und hat man doch einmal vergessen, was zum Teufel ein B-Lymphozyt schon wieder ist und wozu es dient, gibt es immer noch die Worterklärungen und das Sachregister im Anhang. Ein tolles Buch.
Ursula Kahi

Und wenn es stürmt
Debi Gliori
Aus dem Englischen von Beatrice Howeg
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2009, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5373-0
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Schlaf/Einschlafen

Als der kleine Fuchs am Abend ins Bett gehen soll, erzählt ihm seine Mama (oder sein Papa – die Illustration lässt erfreulicherweise beide Deutungen zu), dass jetzt alle anderen Tiere auf der Welt ebenfalls schlafen gehen. Und wenn es stürmt oder Kälte, Nässe, unheimliche Geräusche und Dunkelheit die Kinder vom Schlafen abzuhalten drohen, so ist doch immer jemand für sie da, der sie in den Arm nimmt und vor allen Übeln beschützt.

Debi Gliori reimt und malt eine Hommage an das abendliche Vorlesen, das Kindern eine nicht zu unterschätzende Schonraumsituation bietet: Angekuschelt an Mama oder Papa, in einem gemütlichen Nest aus Decken und Kissen wird es leicht, die Gefahren zu vergessen, die Sturm, Eis und Finsternis mit sich bringen können. Doppelseitige, in leuchtenden Farben gemalte Szenen zeigen ein Tierkind zunächst jeweils allein und erst in einer zweiten Situation in der sicheren Umarmung eines Elternteils. So wiederholen sich im Wechsel die Furcht und die unmittelbar darauf folgende Botschaft des Beschützt- und Behütetwerdens. Schliesslich beruhigt sich der kleine Fuchs (bzw. das Kind) und ist bereit zum Einschlafen.

Leider stolpert man als VorleserIn über das nicht einheitliche Versmass. Zwar ist es innerhalb eines Paarreims stimmig, doch wechselt der Rhythmus auf das gesamte Buch bezogen mehrmals. Schön ist die Ich-Erzählsituation, die es Eltern und Kindern leicht macht, sich mit Familie Fuchs zu identifizieren und das abgebildete Kuscheln nachzuahmen.

Eine leichte Gutenachtgeschichte schon für Kinder ab zwei Jahren.

Maren Bonacker

Als die Tiger noch Pfeife rauchten
Willi Glasauer
Verlag: Aufbau, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-351-04103-9
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Humor/Komik | Nonsens

Es war einmal ein Drache … Nein, ungleich interessanter klingt der Einstieg in Willi Glasauers Erzählung doch mit der koreanischen Formel. Als die Tiger noch Pfeife rauchten – die dann prompt auch zum Titel des skurril-modernen Drachenmärchens avancierte. Also: “Als die Tiger noch Pfeife rauchten, da lebte auch ein Drache.” Und dieser herrschte in gar fürchterlicher Weise über sein Land und bestrafte jeden, dessen Tun und Handeln ihm gerade nicht passte. Nur sein Töchterlein wagte es eines Tages, sich ihm zu widersetzen – aus Liebe zu einem Rocksongs schreibenden Pinguin, den der Drache ins Verlies hatte sperren lassen. Sie bat eine Hexe, einen Zauberkuchen zu backen, der den Drachen schrumpfen liess, befreite den Pinguin und lebte fortan glücklich …

Willi Glasauer erzählt mit grosser Lust ein beinahe unsinniges Märchen, in dem die Hexe per Computer schon mal den Code der Gefängnisverwaltung knackt und dafür sorgt, dass gemeingefährliche Roboter dergestalt umprogrammiert werden, dass sie fortan Kängurusocken stricken. Die Anachronismen finden sich auch in den doppelseitigen Aquarellen – traditionelles Märchenpersonal steht Seite an Seite mit hochmodernen Figuren und der Drache ist, was ein Drache heute noch zu sein vermag: ein gigantisches (und später ganz kleines) Chamäleon.

Das von Glasauer selbst getextete und illustrierte Märchen ist vielleicht kein Bilderbuch, das den Geschmack der breiten Masse trifft, aber eines, das fantasievollen Kindern ab fünf Jahren mit Spass an Nonsense-Geschichten grosses Vergnügen machen wird. Und vielleicht sogar dazu anregt, selbst eine Geschichte zu erfinden, die in der verheissungsvollen Zeit beginnt, als die Tiger noch Pfeife rauchten.

Maren Bonacker

Dinosaurier im Mond
Brigitte Schär, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2009, Seiten: 101, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-6147-5
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Reisen

Verrückte Geschichten

Vater, Mutter, die kecke Ich-Erzählerin und ihre zwei Brüder, sie sind eine konventionelle “tolle” Familie, aber weit entfernt von jeglichem Klischee, wie sich’s gehört für ein von Schär und Gleich kongenial geschaffenes Universum. Denn “bei uns weiss man nie mit Sicherheit, wer wer und wer was genau ist”. Das Herkömmliche wird also auf eine Metaebene verschoben – dank dem abendlichen Geschichtenerzählen, bei dem “Ver-rücktes” direkt aus der Familienrealität des elterlichen Arbeits- und kindlichen Schulalltags entsteht.

Die Grenze zwischen Dichtung und Wahrheit ist zwar in allen 11 Geschichten klar definiert, zugleich aber verschmelzen Reales und Fantastisches zu psychisch verdichteten Erfahrungen, schwerpunktartig in ausdrucksvollen Schwarzweissbildern inszeniert, in denen ihre Fantasie Luzi hilft, Sehnsucht, Angst und Frustration schöpferisch zu bewältigen.

Ob die am Geburtstag fehlende Mutter im Drachenbauch beim Kuchenbacken gefunden oder Luzis Lehrerin in ein Rhinozeros verwandelt wird; ob der Sonntagsausflug auf den Meeresgrund führt, die Familie den im Maul eines Mond-Dinosauriers zappelnden Vater retten muss oder Luzi ihre vierjährige Oma auf dem Trapez bewundert: Immer gelingt es den beiden Künstlerinnen, mit skurrilem Humor zwischenmenschliche Spannungen in einer lebendigen und offenen Familiendynamik zu thematisieren und gleichzeitig herrlich zu unterhalten. An uns LeserInnen, alten und jungen, ist es, die psychische Tragweite der Erfahrungen bald schmunzelnd, bald nachdenklich auszuloten.

Denise von Stockar

Pu der Bär. Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald
David Benedictus, Illustration: Mark Burgess
Aus dem Englischen von Harry Rowohlt
Verlag: Dressler, Publiziert: 2009, Seiten: 207, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-2679-0
Schlagwörter: Sprachspiel | Tiere

Achtzig Jahre ist es her, seit Christopher Robin den Wald verliess. Jetzt kehrt er zurück – und ist erfreulich faltenfrei. Auch der liebenswerte Bär Pu und seine Freunde sind alles andere als eingestaubt, so dass neuen Abenteuern eigentlich nichts mehr im Wege steht. Ausser skeptischen LeserInnen. Sollte es wirklich möglich sein, an A.A. Milnes einzigartige Bärenlogik anzuknüpfen und die anrührenden und humorvollen Geschichten fortzuschreiben?

David Benedictus hatte zumindest den Mut, sich dieser Aufgabe zu stellen. Das Ergebnis ist ein wunderhübsch gestalteter Band mit netten, durchaus lesenswerten Geschichten. Vor allem begeistern die stilgetreuen Bilder von Mark Burgess, der sich so an den Zeichnungen von Ernest H. Shepard orientierte, dass man meinen könnte, ein verschollen geglaubtes Original in Händen zu halten. Dem Text gelingt die Adaption nicht ganz so gut. Zwar merkt man Benedictus die Liebe zu den Figuren an – besonders Ferkel gerät immer mehr zum stillen Helden –, doch fehlt den Geschichten die tiefere Ebene, die Milnes Texte unsterblich gemacht haben. Pu ist nicht länger der weise, geradezu philosophische Bär, wie Milne ihn schuf, sondern der honigliebende Trottelbär.

Doch was in erster Linie fehlt, ist der kindliche Adressat. Mit von Kaninchen durchgeführten Volkszählungen, einem Buchstabierwettbewerb oder einer langatmigen Kricket-Parodie sind die Themen zu erwachsen. Das mag in der Natur der Dinge liegen – schliesslich ist Christopher Robin jetzt ein Schulkind. Aber trotzdem richtet sich die Pastiche eher an die damaligen LeserInnen der Pu-Geschichten, als dass sie heutige kindliche LeserInnen fesseln könnte.

Maren Bonacker

Momo
Michael Ende, Illustration: Friedrich Hechelmann
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2009, Seiten: 254, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-20070-5

Wäre Michael Ende noch am Leben gewesen, er hätte sich bestimmt über das ganz besondere Geburtstagsgeschenk gefreut, das ihm der Thienemann-Verlag bereiten liess: Der zeitlose, allegorische Roman “Momo” erschien in einer grossformatigen Neuauflage mit über 30 in Mischtechnik entstandenen, zum Teil doppelseitigen Illustrationen und zahlreichen kleineren Vignetten des Künstlers Friedrich Hechelmann. Die Geschichte um ein kleines, zerzaustes Mädchen, das allein an der Seite einer uralten Schildkröte den Kampf gegen die Zeit raubenden grauen Herren antreten muss, wird so zu einem atemberaubenden Bildband, der alte und junge Leser gleichermassen in seinen Bann zieht.

Analog zu der Entwicklung des fantastischen Romans nehmen die Illustrationen Hechelmanns einen zunehmend bedrohlichen Charakter an. Das Spiel mit Licht und Schatten ist dabei das durchgängige Faszinosum. Hechelmann gestaltet seine Bilder so, dass sie von hinten her zu leuchten scheinen. Schatten werden in verschiedenen Schichten als Überlagerungen über die Szenen gelegt. Kalte Blau- und Grautöne inszenieren den Mangel an Wärme, den die Menschen in Gegenwart der grauen Herren empfinden. Warme Farbtöne sind den Szenen mit Meister Hora und der Schildkröte Kassiopeia vorbehalten. Hechelmanns Illustrationen sind (Alb-)Traumbilder, die sich mitunter leicht von den Textvorgaben lösen und den eigenen Vorstellungen des Künstlers genügend Raum geben.

Insgesamt ist diese Neuausgabe ein grossartiges Kunstwerk, das dazu einlädt, den bereits 1973 entstandenen Text, der bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüsst hat, neu zu entdecken.

Maren Bonacker

Das Leben mit Supermom, Superpop und der australischen Baumkröte Urps
Hilke Rosenboom, Illustration: Eva Schöffmann-Davidov
Verlag: Boje, Publiziert: 2009, Seiten: 59, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82095-1
Schlagwörter: Humor/Komik | Familie/Familienformen | Fantastik/Fantasy

In Rosinas Familie geht alles nach altbewährten Regelsätzen. Und Rosinas Eltern sind Supermom und Superpop – sie dürfen alles, können alles, wissen alles. Nur was das für ein komisches Tier ist, das sich da plötzlich in ihre ehemals schneeweisse Tischdecke eingerollt hat, das wissen sie nicht. Sie vermuten, dass es sich um eine australische Baumkröte handelt und dass der von ihr geäusserte, verdächtig an einen Rülpser erinnernde Laut “Urps” wohl ihr Name ist. Von nun an läuft alles etwas anders. Es ist längst nicht mehr so ordentlich im Haus und von den vielen Grundsätzen scheint nur noch einer zu gelten: “zu Gästen ist man höflich” – auch wenn diese in der Tomatensuppe baden, Mamas Gedichte fressen oder sich in ihre Handtasche übergeben.

Obwohl Urps in der Familie viel Gutes bewirkt und unter anderem dafür sorgt, dass Rosina plötzlich viele Freunde hat, wird dem Mädchen der ganze Trubel irgendwann zu viel. Doch wohin mit einer australischen Baumkröte? Urps löst die Situation auf seine Weise: Er wandert gemächlich zum Haus der Nachbarn weiter.

In den Grundzügen erinnert Urps an Christine Nöstlingers Gurkenkönig, nur dass die australische Baumkröte trotz kleiner Hygiene-Malheurchen sehr viel sympathischer daherkommt.

Hilke Rosenboom hat die Kapitel so gestaltet, dass man sie auch ohne den Kontext mal als kurze Geschichte vorlesen kann, die farbenfrohen Illustrationen von Eva Schöffmann-Davidov verlocken zum Blättern. Das Hörbuch (gesprochen von Katharina Thalbach) eignet sich besonders für Momente, in denen es zu Hause gerade richtig chaotisch zugeht. Ein bisschen Urps tut uns allen ganz gut.

Maren Bonacker

An Grossvaters Hand
Chen Jianghong
Aus dem Chinesischen von Tobias Scheffel
Verlag: Moritz, Publiziert: 2009, Seiten: 77, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-210-5

Ist dieses Buch eine Zumutung? Auf den ersten Blick ja, denn der Autor und Illustrator Chen Jianghong erzählt darin von seiner Kindheit zur Zeit der Kulturrevolution in China. Im Original heisst daher auch der Titel: “Mao et moi” und entstand im Pariser Exil des Künstlers. Der deutsche Verlag hat sich für “An Grossvaters Hand” entschieden. Beide Titel umspannen die gesamte Bandbreite dieses einzigartigen Buches, das berührt und nachdenklich macht.
Ein Junge berichtet unsentimental von seinem Leben in einer chinesischen Grossstadt zwischen 1966 und 1976. Auch wenn seine Familie in bescheidenen Verhältnissen lebt, fühlt er sich in den Ritualen des Alltags geborgen. Zusammen mit seinem Grossvater entdeckt er die Umgebung. Die grossflächigen, kolorierten Tuschebilder mit ihrer kräftigen, ausdrucksstarken Linienführung ziehen den Betrachter in ihren Bann. Bildsequenzen erinnern an die Dynamik von Comics.
Das Leben des Kindes ändert sich schlagartig mit Maos Aufruf zur Kulturrevolution. Der Text schildert kommentarlos, wie die Menschen unter dem diktatorischen Regime leiden. Die Bilder dagegen sprechen von dem, was das Kind tatsächlich fühlt. Die fanatischen Gesichtszüge der Rotgardisten erzeugen Angst, die Ratlosigkeit des Jungen wächst. Sein Vater wird für viele Jahre zur Umerziehung fortgeschickt. In seiner Einsamkeit sucht der Sohn nachts in den Rissen der Wand nach der Gestalt seines Vaters, denkt sich Tiere, Landschaften und Menschen aus. Er beginnt mit Kreide auf dem Boden zu malen und entdeckt sein Talent als Zeichner. Vierzig Jahre später wird er den Mut finden, seine Kindheitserinnerungen weiterzugeben.
Claudia Kursawe

Louis am Strand
Guy Delisle
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2009, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-941099-19-1
Schlagwörter: Alltag

Kaum blinzeln die ersten Sonnenstrahlen durch das Fenster, springt der achtjährige Louis auf, stürmt ins Zimmer seines Vaters, entreisst ihn seinem Schlummer und macht ihm klar, dass er ans Meer will. Heute. Jetzt. Kaum sind Vater und Sohn am Strand angekommen, legt sich der Vater unter den Sonnenschirm und döst weiter. Die wiederum interessieren den kleinen Louis kaum – er will mit anderen Kindern herumtollen, spielen, baden, Sandburgen bauen, Eis schlecken, andere Badegäste ärgern. So ungefährlich ist die Nähe zum Meer indes nicht, wenn der Vater seine elterliche Sorgepflicht zu nachlässig wahrnimmt und den Sohnemann sich selber überlässt. Denn schon rollt der Ball ins Wasser, Louis hüpft ihm nach, die Flut kommt – und er taucht ein in ein fantastisches Unterwasserabenteuer, in dem er Riesenfischen und mysteriösen U-Booten begegnet und immer weiter ins offene Meer abtreibt.
Entgegen ihrem Ruf, Kinderkram zu sein, sind Comics für Kinder im Vorschulalter denkbar selten. Mit “Louis am Strand” schafft der Frankokanadier Guy Delisle, der hauptsächlich für seine Reportagen und Tagebücher aus “Shenzhen”, “Pjöngjang” und “Birma” bekannt ist, diesem Missstand Abhilfe. Die alltäglichen Abenteuer eines mit viel Imagination begabten Kinds, in denen sich Realität und Fantasie frei vermischen, erzählt er aus einer konsequent kindlichen Perspektive in grösstenteils kleinen, einfach und klar gezeichneten Bildern und verzichtet auf jeglichen Text. Und doch ist die – zugegeben einfach gestrickte – Geschichte stets nachvollziehbar und verständlich. Besonders reizend ist, wie der kleine Louis von seinem treuen Stoffhund aus allen misslichen Situationen gerettet und aus seinen kühnen Fantasien zurück in die Realität geholt wird.
Christian Gasser

Chatroom-Falle
Helen Vreeswijk
Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
Verlag: Loewe, Publiziert: 2009, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 3-7855-6619-0
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Gewalt

Die Freundinnen Marcia und Floor sind zwar erst 15, aber im Internet ist es durchaus üblich, sich etwas älter zu ma­chen. Marcia hat da schon reichlich Erfah­rung und über MSN ihre Liebe ge­funden. Nun will sie auch der schüch­ter­nen Floor etwas auf die Sprünge helfen. Das Profil auf einer Flirtsite ist rasch erstellt, und dank Photoshop und aufgepolstertem BH melden sich schon bald die ersten Interessenten. Floor bleibt skep­tisch. Manche wol­len sich im Chat zu ei­nem Sexdate verabreden oder erwarten, dass sie sich vor der Webcam auszieht. Marcia sieht das al­les nicht so eng, denn schliesslich bleibt man ja ano­nym. “Du lernst jede Menge Leute kennen, und wenn dir einer nicht passt, klickst du ihn einfach weg.”
Als dann das Angebot einer seriösen Mo­delagentur in Floors Mailbox landet, wit­tern die beiden ihre Chance; der Zoff zu Hause und der Zickenkrieg in der Schule sind beinahe vergessen. Doch das Treffen zum Fotoshooting endet in der Katastro­phe. Die beiden Mädchen werden be­wusst­los hinter einer Bushaltestelle auf­ge­funden. Wie es dazu kam, erzählt die er­s­te Hälfte des Buches mehrheitlich aus Sicht der Protagonistinnen. Die zweite Hälf­­te des Romans schwenkt um und wid­met sich ganz der Ermittlungsstory. Die Auf­klärung des Verbrechens durch In­spek­tor van Burens Team liest sich span­nend wie ein Krimi. Hier kann die Autorin auf einschlägige Erfahrungen zurückgrei­fen: Helen Vreeswijk war selbst Kriminalbeamtin und kennt ähnliche Fälle aus ih­rer Polizeiarbeit. Als Autorin gelingt es ihr, Täter wie Opfer auszuleuchten und die Ge­­fah­ren des Internets mit menschlichen Schicksalen zu verknüpfen.
Daniel Ammann

Star Wars
Simon Beecroft
Aus dem Englischen von Marc Winter
Verlag: Dorling Kindersley, Publiziert: 2009, Seiten: 95, ISBN/ISSN/EAN: 3-8310-1555-4
Schlagwörter: Spiel

Lexikon der Figuren, Raumschiffe und Droiden

Das Buch präsentiert eine sehr spezielle Welt: Die Lego-Sets zu den “Star Wars”-Fil­men. Zu Beginn wird die Ki­no-Saga anhand von Figu­ren, Kampfma­schinen und Transportmit­teln vorgestellt. Jede zentra­le Figur oder Ma­schine wird auf einer Dop­pel­seite mit Fotos und kurzen Tex­ten porträtiert. Dank farbiger Unterti­telbalken ist die Glie­derung der voll gestopften Seiten durchschaubar. Kleine In­fo­­kästen geben an, in wel­chem Set die Tei­le enthalten sind, welche Teile es umfasst und in wel­chem Film die Vorbilder zu sehen sind. Kapitel 3 stellt spezielle Sets vor. Einen Blick hinter die Kulissen ermög­licht Kapitel 4 über ein Interview mit einem Set-Entwickler. Anhand konkreter Beispiele wird der Begriff “Merchandising” fassbar, und wir werden über die Aktivitäten von Fans in­formiert.
Der Wortschatz ist für “Star Wars”-Fans mit Vorwissen verständlich – trotz vieler Fachbegriffe. Der Satzbau der Texte ist einfach. Eine hübsche Spielerei ist die Vignet­te in den unteren Seitenecken. So kann man einen Helden in Form eines Daumenkinos sein Schwert schwin­gen lassen.
Weil das alles eine mir sehr fremde Welt zeigt, testete ich das Buch in einem Schulzimmer voller Zehnjähriger. Die Mädchen blätter­ten es zügig durch und wand­ten sich bald wieder ab. Kna­ben vertieften sich in das Buch, verglichen die Bil­der mit einmal besessenen Sets und fach­sim­­pel­ten über die Vorzüge der dargestell­ten Tech­­nik­wun­der. Kurz gesagt: Sie be­trie­ben Anschlusskommunikation vom Fein­s­­ten.
Die­ses Buch holt “Star Wars”– und Le­go-Fans ab Sieben bei ihren Interessen ab und lässt auch we­nig routinierte LeserInnen im Ju­gendalter nicht im Regen stehen.
Francesca Micelli

Opa, was macht ein Bauschinör?
Heinz Günter Schmidt
Verlag: Ernst W. & Sohn Verlag, Publiziert: 2009, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-433-02946-6
Schlagwörter: Technik | Arbeit

Die Geschichte von einer alten Brücke

Zugegeben, dieses Buch ist nicht neu. Aber dieses Buch ist einmalig! Kein Kinderbuchprogramm hat je etwas Vergleichba­res geschafft. Da musste schon ein Bau­fachverlag ans Werk, beziehungsweise ein echter «Bauschinör». Ein Grossvater, der mit seinem Enkel eine Baustelle beobach­tet, ist eine bessere Informationsquelle als die beste Bau-Webcam. Heinz Günter Schmidt bildet die bewährte Lern­situation ab, indem er tagebuchartig erzählt, wie eine marode Brücke über eine mehrspu­rige Bahnlinie ersetzt wird. Er illustriert Abläufe und Techniken mit klei­nen Fotos und Handskizzen; unspek­takulär, aber mit dem Wissen für Details und Funktionen.
Bereits die Anfangskapitel, in denen wir Kon­struktion und Material der alten Brü­cke verstehen lernen, ist ungemein in­s­truk­tiv. Und so geht es weiter über 13 Kapitel. Kinder mögen vom Lärm und Dreck einer Baustelle fasziniert sein, und sicher auch von den Maschinen. Letztlich aber dürfte das sichtbare Entstehen eines Bauwerks der Anziehungspunkt sein.
«Das ist Beton. Der wird dort zwischen die Bretter gegossen.» Solche Erklärungen werden wohl einige Erwachsene abschrecken. Aber was ist Stahlbeton? Was genau meint «Spannbeton» und was «Schalplan»? Letzterer dient dem Auslegen und Einpassen der Schalbretter für den Beton­guss. Der Fachmann spart also nicht mit Fachausdrücken. Doch er erklärt sie im Zusammenhang, und wer ihm folgt, kann beim nächsten Blick auf das Kabel- und Kieswirrwar den Zweck jedes Arbeitsschritts durchschauen. Zuletzt wird die «Übergangskonstruktion» angebracht, die den Spalt deckt, der die Materialaus­deh­nung im Sommer erlaubt. Die Brücke trägt, das Buch auch! Innig empfohlen für Kin­der und Baukommissionen.
Hans ten Doornkaat,
Buch&Maus Heft 2/2011, S. 32

Spuk in Rocky Beach
Ulf Blank
Verlag: Kosmos, Publiziert: 2009, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-440-12010-1
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Alles beginnt mit einem Ausgussrohr, aus dem seltsame Geräusche dringen. Als dann noch blutrotes Wasser aus dem Brunnen auf den Marktplatz strömt und kurz darauf grosse Kreise und Spiralen auf einem Kornfeld entdeckt werden, steht eines fest: Das ist ein Fall für die drei ??? Kids – ein Fall für die Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. In Rocky Beach bricht Panik aus: Ausserirdische suchen den Kontakt zur Erde! Susan Sanders, die junge Reporterin vom „LA Today“, ist bei jedem Ereignis dabei: Noch nie hatte der Sender so hohe Einschaltquoten. Sie sieht, wie blauer Rauch aus dem alten Kino aufsteigt, und beobachtet zwei sonderbare Gestalten mit Wünschelruten, die grosses Unheil prophezeien. Doch Reste einer Verpackung und ein Loch im Kornfeld lassen die Detektive an der Theorie mit den Ausserirdischen zweifeln. Wer steckt hinter den Vorkommnissen, wer profitiert von diesen Tumulten? Allmählich kommen die drei Detektive den Tätern auf die Spur.
Ein von den ersten Seiten an spannender Krimi, der dazu animiert, weitere Abenteuer der drei ??? Kids zu lesen.

Das Vokabular ist nicht ganz einfach, aber die spannende Handlung motiviert zum Weiterlesen. Im Anschluss an die Lektüre können auf dem Online-Portal „Antolin“ Quizfragen zum Titel beantwortet werden. „Spuk in Rocky Beach“ ist auch als Hörbuch und als MP3 Download erhältlich.
Von den ???Kids liegen weitere Bände vor. Der Titel „Invasion der Fliegen“ aus der gleichen Reihe ist bei Bibliomedia Schweiz als Klassensatz erhältlich.

Klassenstufen: 5,6

Die Vampirschwestern
Franziska Gnehm
Verlag: Cornelsen, Publiziert: 2009, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-464-80088-1
Schlagwörter: Freundschaft

Eine Freundin zum Anbeissen

Die Schwestern Daka und Silvania sind gerade erst mit ihren Eltern aus dem kleinen rumänischen Dorf Bistrien in Transsilvanien, in eine gutbürgerliche deutsche Reihenhaussiedlung umgezogen. Hier ist alles anders als in der Heimat: Die Schule findet tagsüber statt, die Menschen können nicht fliegen und niemand hält sich Blutegel als Haustiere. Damit die beiden Halbvampir-Mädchen unter ihren menschlichen Kolleginnen und Kollegen nicht unangenehm auffallen, erstellt ihnen ihre Mutter einen strengen Sieben-Punkte-Plan. Trotz aller Vorkehrungen verläuft der erste Schultag katastrophal und auch sonst hält der Alltag für die Mädchen so manche Herausforderung bereit.
Einziger Lichtblick ist ihre Mitschülerin Helene, die vielleicht sogar als beste Freundin in Fragen kommen könnte. Doch sollen die Vampir-Schwestern es wirklich wagen, Helene in ihr Geheimnis einzuweihen?
Die zwei sehr unterschiedlichen Schwestern sind die Hauptpersonen in diesem unterhaltsamen Vampir-Roman. Franziska Gnehm beschreibt anschaulich die Phase der Pubertät, in der Jugendliche vor allem in Ruhe gelassen werden und bloss nicht auffallen möchten. Für humorvolle Momente sorgen all die Situationen, in denen die Familie Tepes versucht, ihre Anpassungsfähigkeit zu beweisen, insbesondere wenn ihr Verhalten mal wieder das Misstrauen ihres Nachbars und Vampirjägers Dirk van Kombast weckt.

In der Reihe „einfach lesen!“ des Cornelsen Verlags werden bekannte Jugendbücher so gekürzt und vereinfacht, dass sie auch von weniger geübten Leserinnen und Lesern bewältigt werden können. Zur Unterstützung des Textverständnisses beginnt jedes der kurzen Kapitel mit einer Illustration. Als optische Lesehilfe sind die Texte zudem mit Zeilenzählern versehen. Verschiedene Aufgaben am Kapitelende dienen der Überprüfung des Textverständnisses. Ein Lösungsheft liegt bei.
Falls der Roman als Klassenlektüre eingesetzt wird, bietet es sich an, die weniger geübten Schülerinnen und Schüler das vereinfachte Leseprojekt und die fortgeschrittenen Leserinnen und Leser die Originalausgabe lesen zu lassen. Das kollektive Leseerlebnis bleibt somit trotz unterschiedlicher Leseniveaus erhalten.
Die Originalausgabe des Titels ist auch als Hörbuch erhältlich. Auf dem Online-Portal „Antolin“ können Quizfragen zum Buch beantwortet werden. Im Herbst 2013 erscheint bereits der zehnte Band der beliebten Reihe rund um die beiden Vampir-Schwestern.
Der Stoff der ersten vier Bände diente auch als Grundlage für eine Verfilmung aus dem Jahr 2012. Begleitend zum Film ist auch ein Hörspiel erschienen.

Klassenstufe: 4,5,6 L

Jagd auf die Juwelendiebe
Renée Holler
Verlag: Loewe, Publiziert: 2009, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7855-6801-9
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Rätsel | Kulturen

Ein Ratekrimi aus Indien

Der Ratekrimi "Jagd auf die Juwelendiebe" spielt in Indien. Das beliebteste Fest des Jahres, das Lichterfest Diwali, steht unmittelbar vor der Tür. Alle Bewohner Delhis befinden sich mitten in den Vorbereitungen für das grosse Fest, als ein Juwelier im Juwelenbasar der Altstadt ausgeraubt wird. Durch Zufall findet der Schüler Arun das Notizbuch des zuständigen Inspektors. Arun und sein Freund Ravi beginnen sogleich auf eigene Faust nach den gestohlenen Juwelen zu suchen. Bald finden sie heraus, dass die gleichen Täter einen viel grösseren Raub planen: die berühmten Harindra-Juwelen aus dem Nationalmuseum sind in Gefahr. Doch die Diebe haben die Rechnung ohne die beiden aufgeweckten Jungen gemacht.

Die Ratekrimi-Reihe „Tatort Erde“ zeichnet sich durch Zusatzinformationen über Sitten und Gebräuche ferner Länder aus. In diesem Band werden den Leserinnen und Leser beispielsweise das Ritual des Milchteetrinkens näher gebracht und Hintergrundwissen zum Lichterfest Diwali vermittelt. Ein Glossar erklärt die indischen Begriffe, welche im Buch vorkommen, wie beispielsweise Maharadscha. Wer mit allen Sinnen in die Geschichte eintauchen möchte, kann das Lassi-Rezept im Anhang ausprobieren.
Jede Doppelseite enthält eine Vignette, die den Zugang zum Text erleichtert. Die Lektüre wird zudem durch verschiedene Aufgabenstellungen zum Textverstehen ergänzt. Die Beantwortung der Rätselfragen setzt allerdings aufmerksames oder mehrmaliges Lesen einzelner Textstellen voraus.
„Jagd auf die Juwelendiebe“ ist als Klassensatz bei Bibliomedia Schweiz erhältlich, ergänzend gibt es ein Lesequiz, Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“, Unterrichtsmaterialien und ein Hörbuch. In der gleichen Reihe sind noch weitere Bände erschienen.

Klassenstufen: 5,6

Löcher
Louis Sachar
Verlag: Cornelsen, Publiziert: 2009, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-464-60156-3
Schlagwörter: Freundschaft

Die Geheimnisse von Green Lake - Ein Leseprojekt nach dem Roman von Louis Sachar

Den Yelnats klebt seit Generationen Pech an den Füssen. Auch der jüngste Spross, Stanley, ist nicht frei davon. Er hat keine Freunde und kommt in der Schule ständig an die Kasse, weil er übergewichtig ist. Als ihm eines Tages ein Paar stinkige Turnschuhe auf den Kopf fallen, hält man natürlich ihn für den Dieb dieser Turnschuhe. Wirklich dumm, dass sie einem Basketballstar gehörten, der sie einem Kinderheim zur Versteigerung geschenkt hat. Stanley kommt vor Gericht und wird in die Besserungsanstalt Camp Green Lake in Texas eingewiesen. Dort muss er jeden Tag tiefe Löcher in den Wüstenboden graben. Was als erzieherische Massnahme getarnt wird, hat einen geheimen Zweck: Einst war Green Lake wirklich ein See – und auf seinem ausgetrockneten Grund harrt ein grosses Geheimnis. Stanley kommt der Sache auf die Spur, zusammen mit Zero, einem Strassenjungen, mit dem er sich angefreundet hat. Und es gelingt ihm, den Fluch, den sein Ururgrossvater über die Familie gebracht hat, zu bannen. – «Löcher» ist ein wunderbar schräges Buch über einen Jungen, der widerwillig zum Helden wird, über die Freundschaft zwischen zwei ungleichen Buben und über die Präsenz von Vergangenem in der Gegenwart. Herausragend erzählt, voller Spannung und witziger Dialoge.
Christine Tresch

Quatsch-Frosch (rot)
Eva Hierteis, Ulrike Rogler, Simone Veenstra
Verlag: mixtvision, Publiziert: 2009, ISBN/ISSN/EAN: 4-280000-131034
Schlagwörter: Rätsel | Spiel

33 schräge Rätselgeschichten

Bei Quatsch-Frosch gilt es auf Spielkarten gedruckte Rätselgeschichten zu lösen. Im Stil von: „Auf einem Hügel liegt eine tote Taube im Rasen. Neben ihr steht eine Fahne. Was ist geschehen?“ Es braucht zwei oder mehr Mitspielerinnen und Mitspieler. Um sich der Lösung anzunähern, dürfen der jeweiligen Spielleiterin oder dem Spielleiter ausschliesslich Fragen gestellt werden, die mit „ja“ oder „nein“ beantwortet werden können. Sollte das Rätsel zu knifflig sein, kann die Spielleitung zwei Tipps geben.

Die Texte der fantasievollen und oftmals absurden Rätsel sind sehr knapp gehalten. Illustrationen unterstützen das Textverständnis zusätzlich.

Die Denksportaufgaben trainieren das Textverständnis auf spielerische Art. Wer Spielleiterin oder Spielleiter ist, kann sich zudem im Vorlesen üben.

In der gleichen Reihe sind noch weitere Ausgaben (grün, blau, orange) erschienen.

Klassenstufen: 4,5

Die Geschichte der Titanic
Eric Kentley
Aus dem Englischen von Anne Braun
Verlag: Dorling Kindersley, Publiziert: 2009, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8310-1481-1

Der Luxusdampfer Titanic hat traurige Berühmtheit erlangt. Fast 1500 Menschen kamen beim Untergang des Schiffs 1912 ums Leben. Zu Beginn des Buches werden der Kapitän, Edward John Smith, und einige Mitreisende vorgestellt, darunter die Modeschöpferin Lady Duff Gordon. Dann wird vom Bau des Luxusdampfers berichtet; der Bau wird auf einer Doppelseite illustriert. Einzelne Teile des gigantischen Schiffkörpers sind beschriftet. Auf den folgenden Seiten werden weitere Längsschnitte des Schiffs gezeigt. Man sieht die Einrichtung, erfährt wie die Vorräte an Bord gebracht werden, und schliesslich sieht man die einsteigenden Passagiere. Die Überfahrt beginnt. Eine Abbildung veranschaulicht, wie ein Tag an Bord ausgesehen haben mag: Einige Passagiere trinken Tee, andere turnen im Gymnastikraum, wieder andere unterhalten sich im Empfangssalon oder flanieren auf dem Promenadendeck; abends wird nach Klassen getrennt gespeist. Die ahnungslosen Passagiere schlafen, als das Schiff auf die Katastrophe zusteuert. Panik bricht aus, als das Schiff auf den Eisberg aufläuft, und nur wenige können sich in den Rettungsbooten über Wasser halten. Doch damit ist das Buch nicht zu Ende. Man erfährt auch, wie die Überlebenden in Sicherheit gebracht werden und was aus den zu Beginn vorgestellten Personen geworden ist. Auch die Frage nach der Schuld wird aufgeworfen, und schliesslich wird berichtet, wie die Suche nach dem Wrack in Angriff genommen wurde.
Ein spannendes Sachbuch über ein tragisches Ereignis.

Die Leserinnen und Leser erhalten Einblick in die Lebenswelt der Jahrhundertwende sowie in den Bau und die technische Ausrüstung des Dampfers. Die Doppelseiten zeigen anschaulich verschiedene Aspekte der Titanic. Einzelne Personen, Zimmer und Schiffsteile sind beschriftet. Am Rand findet man zusätzliche Informationen. Kleine Suchbilder motivieren, ein Bild jeweils genau anzuschauen.

Klassenstufen: 4,5,6,7

Yakari und Langohr
Job, Derib
Aus dem Französischen von Marcel Le Comte
Verlag: Eckart Schott, Publiziert: 2009, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89908-315-6
Schlagwörter: Abenteuer

Der Indianerjunge Yakari verfügt über eine ganz besondere Fähigkeit: Er kann mit den Tieren sprechen. Deshalb sind auch alle Tiere seine Freunde und helfen ihm, wenn er in Not gerät. Gemeinsam mit seinem Pony „Kleiner Donner“ bestreitet er so manches Abenteuer, und in jedem stellt er seinen Scharfsinn und seinen Mut unter Beweis.
Im vorliegenden Band machen sich Yakari und Kleiner Donner auf die Suche nach Kleiner Dachs, der sich bei der Verfolgung eines komischen Vogels in den wilden Schluchten des Grand Canyons verirrt hat. Auf der Suche nach dem vermissten Freund erhalten die beiden unerwartete Hilfe…
Eine spannende und liebevoll erzählte Comicserie für Kinder.

Die Geschichte greift da und dort auf indianische Mythen zurück. Yakari lebt in Einklang mit der Natur, seine Naturverbundenheit vermag das Verhältnis der Leserinnen und Leser zur Natur zu sensibilisieren. Inzwischen liegen bereits zahlreiche Geschichten über Yakari vor. Einige Bände wurden auch verfilmt oder als Hörspiel umgesetzt. Die Yakari-Bände eignen sich dank ihrer grossen Schrift auch gut für weniger geübte (Comic-)Leserinnen und Leser.

Klassenstufen: 4,5,6

Clara und der Mann im grossen Haus
María Teresa Andruetto, Illustration: Martina Trach
Aus dem Spanischen von Jochen Weber
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2009, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-905804-97-3
Schlagwörter: Freundschaft | Mut/Selbstbewusstsein

In Claras Dorf nennen sie ihn nur «den Señor im grossen Haus». Seit Jahren hat der Mann, von dem es heisst, er fürchte das Tageslicht, sein Haus nicht verlassen. Clara bringt ihm regelmässig die Wäsche, die ihre Mutter für ihn wäscht, und nimmt das Geld mit, das der Señor unter die Türmatte legt. Im Nachwort erzählt die Autorin María Teresa Andruetto die Geschichte dahinter: Das Mädchen war ihre Mutter. Und die Erinnerungen an Juan – so hiess der Mann – hätten die Augen ihrer Mutter selbst dann noch zum Leuchten gebracht, als diese «ihr Gedächtnis verloren und beinahe alles vergessen hatte».

Clara und Juan werden Freunde. Es beginnt mit neugierigen Blicken durch das Fenster, mit vorsichtigen Fragen, der gemeinsamen Freude an Geschichten. Irgendwann findet Clara neben den Münzen auch ein Buch auf der Stufe vor der Haustür. Es werden viele, die der Mann ihr im Laufe der Zeit leiht. In seinem Haus sind überall Bücher. Eines Tages erzählt Juan Clara auch seine Geschichte. Clara lernt, was «Courage haben» bedeutet. Als sie dann eilig aufbricht und dabei ihr Buch liegen lässt, läuft Juan ihr rufend hinterher: hinaus vor die Tür seines grossen Hauses.

Das alles wird mit wenigen Sätzen und viel Raum für die in sanften, erdigen Farben und mit viel Sepia colorierten Bildern erzählt. In ihnen gelingt es Martina Trach vortrefflich, Erzähl- und Gedankenebenen nebeneinander sichtbar werden zu lassen. Dabei bleibt die Welt des Señors zunächst blass und grau-braun. Juan selbst wirkt wie eine leere Hülle und gewinnt für Clara und die LeserInnen erst nach und nach an Gestalt.

«Clara und der Mann im grossen Haus» ist ein leises, berührendes Bilderbuch aus Argentinien, das viel vom einfachen Leben vergangener Tage in der Pampa erzählt – aber auch von Vorurteilen, gegenseitigem Respekt, innerer Freiheit und einem selbstbestimmten Leben.

Andrea Duphorn
Buch&Maus 3/19, S. 27

Die Bücherdiebin
Markus Zusak
Aus dem australischen Englisch von Alexandra Ernst
Verlag: CBJ, Publiziert: 2008, Seiten: 586, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-13274-9

Damit die Schoah für die heutige Generation von Kindern und Jugendlichen nicht zu einem historischen Ereignis unter vielen anderen wird, muss die Nazi-Zeit immer wieder neu erzählt werden. Ein gutes Beispiel, wie es funktionieren kann, ist Markus Zusaks Roman “Die Bücherdiebin”.
75 Jahre ist es her, seit Adolf Hitler durch Hindenburg zum Reichskanzler ernannt wurde und Deutschland allmählich auf einen bis heute nicht verwundenen Schrecken hinsteuerte. In deutschen Schulen ist die Zeit nach der Weimarer Republik ein immer wiederkehrendes Thema – und doch kann der Geschichtsunterricht das ganze Grauen offenbar nicht wirklich vermitteln. Nicht umsonst empörten sich jüngst Berichterstattungen über gleichmütige SchülerInnen, die ihr Pausenbrot während der KZ-Besichtigung ausgerechnet in den Gaskammern auspackten. Obwohl noch keine drei Generationen zwischen den unaussprechlichen Ereignissen des Dritten Reiches und der heutigen Zeit liegen, verblassen die Schicksale der ermordeten und überlebenden Juden, geraten die traumatischen Erinnerungen heutiger Gross- und Urgrosseltern in eine traurige Vergessenheit.
Der Australier Markus Zusak, selbst erst knapp dreissig Jahre alt, hörte genau zu, als seine deutschen Grosseltern ihm vom Krieg erzählten. Für ihn sind die historischen Fakten ebenso wenig vergessen wie einzelne Schicksale. Obwohl er am anderen Ende der Welt aufwuchs, ist ihm die deutsche Vergangenheit näher als manchem Jugendlichen in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. In seinem packenden Roman “Die Bücherdiebin” fasst er die Erzählungen seiner Familie zusammen und gibt so wenigstens ein paar wenigen der geschätzten 55 Millionen Opfer des Zweiten Weltkrieges ein Gesicht. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Liesel. Liesel, die Bücherdiebin.
Sie ist gerade zehn Jahre alt, als ihre Mutter sie in den Süden zur Familie Hubermann bringt, die ihr fortan Mama und Papa ersetzen soll. Den Grund kann Liesel nicht verstehen – das Wort “Kommunist”, das immer wieder fällt, ist ihr fremd. Sie versteht auch nicht, warum ihr sechsjähriger Bruder auf dem Weg in ihr neues Zuhause sterben musste. Die einzige Erinnerung, die ihr an ihre “alte” Familie bleibt, ist das Handbuch des Totengräbers, der ihren Bruder auf einem eingeschneiten Friedhof bestattete. Er verlor es, sie steckte es ein. Eine Verbindung zu ihrem bisherigen Leben, ein Motor, der ihr helfen wird, voranzukommen. Lesen zu lernen. Zu denken. Sie akzeptiert Hans Hubermann als neuen Vater, erkennt schliesslich auch im rauen Verhalten seiner Frau so etwas wie Liebe. Sie schweigt, als eines Nachts ein Jude, der junge Max, in ihrem neuen Zuhause auftaucht, obwohl er sie zunächst ängstigt. Instinktiv begreift sie, was gut und böse ist, auf wessen Seite man sich stellen sollte, wenn man seine Würde nicht verlieren will.
Interessanterweise ist es nicht Liesel selbst, die in Zusaks Buch zu Wort kommt. Es ist der Tod, der die Geschichte der Bücherdiebin erzählt, weil er bei ihrem Anblick weich geworden ist. Durch ihn kann Zusak ohne allzugrosses Pathos erzählen. Der Tod steht über den Ereignissen. Er ist in Stalingrad, an der französischen Küste, in den “Duschen” der Konzentrationslager und in den ausgebombten Strassen gleichzeitig und damit der ideale “allwissende Erzähler”. Die Zärtlichkeit, mit der er die abertausend Seelen empfängt, sie von Ängsten und Qualen befreit, ist dabei ebenso anrührend wie seine unvernünftige Zuneigung zu Liesel.
Trotz seiner fast sechshundert Seiten streift der Jugendroman “Die Bücherdiebin” die Geschichte des Zweiten Weltkrieges nur gerade so eben. Ein Mädchen. Ein Junge. Ein Jude. Ein Nazi. Ein paar, die sich nicht unterwerfen wollen und sich dem Führer mal mit mehr, mal mit weniger Geschick entziehen. Gleichzeitig holt das Buch Vergangenes hautnah heran, macht das wieder lebendig, was sich Jugendliche heute kaum mehr vorstellen können. Was ihnen jedoch hilft, Geschichte zu fühlen, zu begreifen. Und was sie vielleicht davon abhalten wird, Brötchen kauend durch Gaskammern zu spazieren.
Maren Bonacker

Picknick mit Torte
Verlag: Moritz, Publiziert: 2008, ISBN/ISSN/EAN: 3-895-65192-3
Schlagwörter: Essen | Rätsel | Tiere

Nach “Die Torte ist weg” – das Bilderbuch des in den Niederlanden lebenden Künstlers Thé Tjong-Khing wurde letztes Jahr für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert – geht es in “Picknick mit Torte” wiederum um leckere Kuchen, die stibitzt werden. Wieder wird ohne Worte erzählt, wieder entfalten sich auf den Doppelseiten die Geschichten mehrerer Tiere. Zum Beispiel die von der eleganten Katzendame im bordeauxroten Kleid, die sich nicht entscheiden kann, mit welchem Mann sie sich vergnügen will, und am Schluss, als die anderen Tiere doch noch zu ihrem verdienten Tortenschmaus kommen, abseits eine Liebesgeschichte liest. Oder die vom Krankenschwester-Schwein, das nicht zum Helfen kommt, weil es selber immer wieder in Unfälle verwickelt wird.

Eine bunte Tiergesellschaft macht sich auf den Weg zum Picknickplatz auf einem Hügel. Erst dort entdecken die Tiere, dass die Kuchen weg sind. Jetzt gehts, den vermeintlichen Dieben nach, wieder zurück Richtung Dorf. Entsprechend verläuft die Bewegung in den Bildern: zuerst von links nach rechts und dann von rechts nach links. Das verleiht dem Buch eine eigene Dynamik und zieht die LeserInnen hinein in eine verbissene Verfolgungsjagd.

Thé Tjong-Khing lässt den ProtagonistInnen viel Raum, das erleichtert es, ihr Schicksal mitzuverfolgen, und er versteht es, über Körperhaltungen, Kleider und Gesten die comicartig gezeichneten Tiere zu Individuen zu machen.

Der Ausflug wird doch noch zum Erfolg. Man ist sich näher gekommen und geniesst, wieder zu Hause, endlich den Kuchen. Derweil läuft den an einen Baum gefesselten Dieben das Wasser im Munde zusammen. Ein Buch zum Schauen, Rätseln und dazu Geschichtenerfinden ab drei Jahren.

Christine Tresch

Zwei lange, lange Ohren
Erna Kuik
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-715-20553-9
Schlagwörter: Fantasie | Freundschaft | Kunst | Kreativität

Der Hase Bastian ist ein Leser, ein Eigenbrötler und er wird zum Künstler. Er hat FreundInnen, die ihn immer wieder besuchen, obwohl er oft nicht zuhört, wenn sie etwas sagen oder fragen, sondern seinen Gedanken nachhängt und seine Ideen umsetzt. Am Ende springt aber für die FreundInnen ein wunderschönes Geschenk heraus.
Es ist eine kleine Geschichte, die viel über der Entstehung von Kunst erzählt: Vom eigensinnigen Künstler, von Zufällen, Weiterentwicklungen und der Rezeption als Teil der Reproduktion. Und wie Kunst das Einzigartige (das manchmal stört) zum Besonderen erheben kann. So werden die beim Versteckenspielen verräterischen Hasenohren zur Inspiration und zum Träger neuartig modischer Hüte.
Wie die Gedanken des jungen Künstlers ist der Text nicht so gradlinig erzählt, wie im Bilderbuch erwartet. Er springt und verharrt bisweilen, mal reiht er Dialoge, mal ist er ganz Innensicht. Und die Illustrationen sind natürlich wie Bastians Kunst eine Mischung aus allem: gemalt und übermalt, ausgeschnitten und am Computer arrangiert, vollgepackt und bunt.
Bruno Blume

Hast du meine Schwester gesehen?
Joke van Leeuwen
Aus dem Niederländischen von Birgit Göckritz
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2008, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 3-836-95180-0
Schlagwörter: Geschwister

“Hast du meine Schwester gesehn?”, fragt der kleine Junge alle, die ihm begegnen. Das sind nicht gerade wenige, und die meisten von ihnen stehen hinter einer halbhohen Wand und sehen auf den ersten Blick sehr merkwürdig aus. Doch der vermeintlich gefragte Dinosaurier entpuppt sich als übergrosses Kissen, das grinsende Sockenmonster als abstrakter Hut. Bizarr sind irgendwie alle, denen der kleine Junge begegnet: Die Frau mit den vielen Jackentaschen, der lockige Schäfer und die tierische Gruppe, die sich unter einer gelben Mütze versteckt. Jede Figur ähnelt der gesuchten Schwester in einem Punkt: Eine hat blaue Augen, eine andere trägt Schuhe mit Schnürsenkeln – doch keine hat die Schwester gesehen. Bis die Letzte vorschlägt, doch mal um die Ecke zu gucken: Da stehen gleich vier Mädchen – mal mit Locken, mal mit gelber Mütze, mal mit Schnürsenkel…Doch nur eins, ein einziges hat all das, was der Junge auf den bisherigen Seiten beschrieben hat. Und es ist an aufmerksamen BildbetrachterInnen, dieses Mädchen herauszufinden.
Joke van Leeuwens Bilderbuch “Hast du meine Schwester gesehn?” verlockt mit halbseitigen Klappen, die zunächst jede Szene verfremden. Nicht immer aber ist das, was sich hinter ihnen verbirgt, “normaler” als das, was man auf den ersten Blick erkennt. Und manchmal muss man ganz genau hinschauen und auf die Worte achten, um den versteckten Witz wahrzunehmen. Ein ausgefallenes Bilderbuch, das die BetrachterInnen auf mehreren Ebenen erreicht und so für alle etwas bietet. Und eines, das auch nach häufigem Ansehen noch eine kleine Überraschung parat hat.
Maren Bonacker

Der liebste Wolf der Welt
Agnes de Lestrade, Illustration: Constanza Bravo
Verlag: Hanser, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20979-4

“Heute gehe ich und fresse ein Kind”, findet der Wolf eines Morgens und macht sich auf in die Stadt. Ein Mädchen zum Fressen findet er rasch, nur – dieses hält nichts von Wolfs bösen Plänen. Zu viele tierische Eiweisse würde er da zu sich nehmen und Magenbrennen bekommen. Überhaupt, eine ganz und gar ungesunde Mahlzeit würde es abgeben, meint das Mädchen. Der Wolf ist ob so viel kühnen Realitätssinns verwirrt und lässt sich vom Mädchen mit zur Grossmutter nehmen. “Dort gibt es Gemüse!”, sagt das Mädchen. “Dort gibt es eine Grossmutter!”, denkt der Wolf. Doch so einfach ist das nicht; das Mädchen ist ziemlich hartnäckig und der Wolf kommt ums Gemüseessen nicht herum.
Das Vegetarierdasein bekommt ihm allerdings nicht, und so müssen Kaninchen, Hühner und schliesslich der Bauer samt Ziege dran glauben. Dann will er auch noch das Mädchen fressen. Aber da hat er die Rechnung ohne dessen Cleverness gemacht. Verraten sei nur so viel: dem lieben bösen Wolf vergeht jeglicher Appetit auf Fleisch – es sei denn… nun ja, vielleicht zum Dessert.
Die Geschichte spielt mit der altbekannten Mär vom bösen Wolf und macht dabei einige unvorhersehbare Kehrtwendungen. Der Wolf schafft es einfach nicht, sich selber untreu zu werden, und gerade das macht ihn sympathisch. Die Illustrationen sind witzig und passen in ihrer skurrilen Art gut zum Text. Ob sie die Kinderherzen zu erobern vermögen, ist allerdings fraglich – doch hat das Buch insgesamt Erwachsenen mehr zu bieten als Kindern.
PATRICIA MORGANTI

Karl und Kumpel
Thomas Lindenmuth, Illustration: Patrick Lenz
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-715-20554-7
Schlagwörter: Fantasie | Freundschaft | Ferien

Das ganze Jahr hat Karl sich auf die Ferien mit Hund Kumpel gefreut – und dann? “Richtung Süden 20 Kilometer Stau.” Am Strand Handtuch an Handtuch, und kaum stellt sich abends auf dem Balkon etwas Urlaubsstimmung ein, macht laute Musik von nebenan sie auch schon wieder zunichte. “Der Mond, denkt Karl, so gross, schön und leer…Nächstes Jahr fahren wir zum Mond in die Ferien.”

Gedacht, getan. Wieder daheim, setzt Karl alles daran, seine Idee in die Tat umzusetzen – von Patrick Lenz auf einer Doppelseite wundervoll ins Bild gerückt: elf Szenen, die ineinander übergehen und so zu einem Bild verschmelzen, zeigen wie Karl die Bibliothek mit einem Stapel Bücher verlässt, am Schreibtisch über Konstruktionszeichnungen brütet und mit Hammer und Nägeln, Säge, Akku-Schrauber oder Schweissbrenner agiert. Kleine Abreiss-Kalenderblätter dokumentieren anschaulich den Fortgang des Jahres. Am 7. Juli ist Karls Mondrakete fertig, “pünktlich zu den grossen Ferien”.

Mit der Landung auf dem Mond könnte Thomas Lindemuths Geschichte nun auch zu Ende sein, aber “wenig später landet eine Rakete nach der anderen und lädt Feriengäste aus”. Und schon gleicht das Bild dem vom vergangenen Jahr am überfüllten Strand auffällig. “Karl und Kumpel” wollen heim, aber ihr Benzin ist ausgelaufen und kein Geld für neues da. Deshalb beginnen sie Hot Dogs zu verkaufen – und haben immer mehr Spass dabei…

Mit verschiedenen Bildformaten, die mal als Such- und Wimmelbild daherkommen, mal Details herausgreifen, sorgt Patrick Lenz auch auf der Bildebene für viel Abwechslung. Zudem setzen seine farbenfrohen Zeichnungen nicht nur den Text um, sondern erzählen darüber hinaus eigene Geschichten.

Andrea Duphorn

Seid ihr schon wach?
Michel Gay
Verlag: Moritz, Publiziert: 2008, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 3-895-65193-1
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Zoë Zebra hat gelernt, dass sie am Morgen erst zu ihren Eltern ins Bett schlüpfen darf, wenn diese wach sind. Dummerweise dauert das immer viel zu lange! Da Zoë ein im wahrsten Sinne des Wortes aufgewecktes kleines Mädchen ist, weiss sie auch, dass Kaffee bei Erwachsenen morgendliche Wunder vollbringen kann. Feinsäuberlich braut sie zwei richtig grosse Tassen und lässt sich auch nicht von ihrem Weg abbringen, als sie mit dem Tablett stolpert und nun nur noch einen klitzekleinen Rest von der braunen Wunderbrühe zu verteilen hat. Im Puppengeschirr bringt sie es schliesslich ans Bett und erklärt sich gerne bereit, den Eltern beim Trinken aus den Minitassen zu helfen. Selbstverständlich zwischen den beiden im Bett sitzend, so dass sie schon mal am richtigen Ort ist, um zwischen den Eltern liegend noch eine Runde weiterzuschlafen. Denn für die Eltern ist so ein kleines Frühstück eine feine Sache, aber richtig wach wird man davon nicht. Umso schöner, dass am Ende dennoch alle drei mehr als selig sind.
Die Tatsache, dass das kleine Pappbilderbuch bereits vor knapp zehn Jahren bei Moritz erschienen ist, macht das Lesevergnügen keineswegs geringer. Die Situation ist wohl allen Eltern mehr als vertraut, und Michel Gays überraschende Lösung spricht für seinen humorvollen Umgang mit der eigentlich unangenehmen Frage. Der Illustrator beschränkt sich auf dem flächig weissen Hintergrund fast vollständig auf Familie Zebra und akzentuiert seine schwungvollen Strichzeichnungen damit, dass er die Strichfarbe zwischen zurückhaltendem Hellgrau und in den Vordergrund rückendem Schwarz variiert. Zoës kindliche Ausdrucksweise in Mimik und Gestik ziehen die BetrachterInnen sofort in Bann und werden vielen Familien zu vergnüglichen Lesestunden im Bett verhelfen.
BARBARA JAKOB

Mut für drei
Bart Moeyaert, Illustration: Rotraut Susanne Berner
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Hanser, Publiziert: 2008, Seiten: 66, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20896-8
Schlagwörter: Fantasie | Mut/Selbstbewusstsein | Aussenseiter:in/Mobbing | Familie/Familienformen

Es braucht Mut, einen Fehler einzugestehen; Mut sich gegen die Mutter durchzusetzen, die überfordert ist; und Mut, gegen eine ältere Schulkollegin anzutreten, ohne selber handfest zu werden. Bart Moeyaert erzählt drei Geschichten vom Mutigsein zum Vorlesen und fürs erste Selberlesen. Da ist Rosie, die es sich nicht verkneifen kann, einen Brief, der auf einer Türschwelle liegt, mitlaufen zu lassen. Er ist „An mein Herz“ gerichtet und kommt „Vom Mann deines Lebens“. Die Neugier lässt das Mädchen nicht mehr los. Wer ist dieses „Herz“ und was hat der „Mann deines Lebens“ seiner Liebe zu berichten? Rosies Gwunder wird von der Mutter gestoppt. Sie muss den Brief persönlich beim Adressanten abliefern und sich entschuldigen.

In der zweiten Erzählung gräbt Tom in einem Wäldchen ein Loch. Mama hat ihn weggeschickt, weil er zuerst das Salatbeet als Ort für sein Erdhaus auserkoren hatte. Jetzt will er nichts mehr von ihr wissen und schickt sie, als sie ihn suchen kommt, mit ihren Worten nach Hause: Er will auch mal Ruhe haben. Dass er beim Graben mit Bas einen anderen Jungen kennen lernt, der einen Rückzugsort braucht, macht das Neinsagen noch leichter. Die Schlussgeschichte schliesslich erzählt von Marta, die mit Köpfchen der fiesen Mona, die sie und ihre Freundinnen terrorisiert, das Handwerk legt.

Mutigsein kann man auf ganz unterschiedliche Weisen. Davon berichten die drei Erzählungen in einfachen Sätzen. Rotraut Susanne Berners Vignetten setzen die Konflikte der Kinder so ins Bild, das kleine LeserInnen sich sofort mit den Figuren identifizieren können.

Christine Tresch

Der kleine Hund, der unbedingt ein Mädchen haben wollte
Sari Peltoniemi, Illustration: Liisa Kaallio
Aus dem Finnischen von Anu Pyykönen-Stohner
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2008, Seiten: 95, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00981-2

Klein, schwarz und fröhlich ist Lenka, das Hundemädchen, welches sich jahrelang nichts sehnlicher gewünscht hat, als einen Spielkameraden für sich allein zu haben. Doch nicht irgendeinen. Ein Menschenmädchen soll es sein. Sie bettelt bei ihren Hundeeltern so lange, bis endlich am Morgen ihres Geburtstags ein grosser Karton neben ihrem Korb steht. Wie sie den Deckel abhob, sitzt ein süsses, dunkelhaariges Mädchen drin: Marie.
Lenka findet ihr Mädchen niedlich, nur lange spielen will es nicht. Marie will auch kein Wasser aus dem Hundenapf trinken, mag kein Extralecker-Trockenfutter essen und geht beim Spazieren nicht immer folgsam an Lenkas rechter Seite. Mit einem kleinen Mädchen ist es gar nicht so einfach! Was kann Lenka da nur tun? Im Menschen-Ratgeber von Paula Pudel liest sie Folgendes: “Wenn du einen Menschen erziehen willst, musst du immer daran denken, dass er anders ist als ein Hund. Für den Umgang mit ihm kommt es drauf an, ihn zu verstehen.” Durch die Lektüre beginnt Lenka zu begreifen, welche Fehler sie bisher begangen hat.
Durch die Rollenumkehrung von Mensch und Hund ist es Sari Peltoniemi vortrefflich gelungen, das Thema Haustier und seine möglichen Tücken in eine subtile, feinfühlige und nicht zuletzt sehr amüsante Geschichte zu verpacken. Was für Hundekinder gilt, zählt genauso für Menschenkinder, die einen Hund haben möchten. – Ein Buch für alle grossen und kleinen Hunde- und Menschenliebhaber.
PETRA BÄNI

Iwein Löwenritter
Felicitas Hoppe
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2008, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85259-5

Hartmann von Aues Geschichte von Iwein, dem Ritter aus König Artus’ Tafelrunde, der vor lauter Kampfeslust Ehre, Liebe und Verstand verliert und viele Abenteuer lang zusammen mit einem Löwen, den er sich zum Freund gemacht hat, Busse tun muss, bis er seiner Liebsten wieder unter die Augen treten kann, ist der berührendste von allen Artusromanen. Dieser Demuts- und Liebesgeschichte, diesem Abenteuerepos mit Kämpfen gegen wilde Tiere, mutigste Ritter, fürchterliche Riesen und raffgierige Burgfrauen ist auch die deutsche Schriftstellerin Felicitas Hoppe verfallen.
Sie setzt in ihrem ersten Kinderbuch einen Erzähler ein, der bei Iweins Abenteuern dabei gewesen sein will. Er bringt uns Artus als König näher, der ohne Geschichten nicht einschlafen kann. Und weil sich die Ritter vor seinem Geschichtenhunger fürchten, erfinden sie auch welche: “Aber das merkt der König sofort, denn der König sehnt sich nach wahren Geschichten.” Iwein ist einer, der wahre Geschichten sucht, und auch darum der Liebling am Artushof.
Hoppe bleibt nah am Original. Sie findet einen erfrischenden, humorvollen Ton, entwirft quirlige Dialoge und versteht es, die Themen, ohne die es den höfischen Roman nicht gäbe – das Missachten von Regeln und die Wiedergutmachung in einem kreisförmigen, aber nicht planbaren Prozess –, so einzubinden, dass sie zeitlos erscheinen. Dieser “Iwein” ist mehr als “nur” eine Rittergeschichte für Knaben. All die heldenhaften Kämpfe gäbe es nicht ohne die unsterbliche Liebe, die Iwein und seine Herzensdame auch in den schwierigsten Zeiten verbindet. Das rührt auch Mädchen.
Christine Tresch

Urgum der Barbar
Kjartan Poskitt
Aus dem Englischen von Vanessa Walder
Verlag: CBJ, Publiziert: 2008, Seiten: 432, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-13382-6
Schlagwörter: Humor/Komik

Urgum ist der letzte noch lebende, echte Barbar. Unerschrocken und ungewaschen ist er der Schrecken der Verlorenen Wüste – und der Götter. Die stecken in einem Dilemma: Stirbt der draufgängerische Urgum den geplanten Heldentod, wird er auf ewig an der Göttertafel sitzen und speisen dürfen – woran die Götter nicht interessiert sind. Doch ihn bei all seiner todesmutigen Tapferkeit immer und immer wieder am Leben zu halten, erweist sich auf die Dauer auch als zu anstrengend. Deswegen ersinnen die Götter einen Plan: Wenn es kein Monster, keine Armee und kein Steuereintreiber schafft, Urgum zu unterwerfen, dann wird das nur ein einziger Mensch vermögen. So drehen sie an den Weltzeituhren, spielen ein wenig herum – und statten den grässlichsten aller Schlächter und Axtkämpfer mit einer aufgeweckten, zehnjährigen Tochter aus.
Sie hatten erwartet, dass Urgum von nun an verantwortungsvoller und vorsichtiger mit seinem kostbaren Leben umgehen würde, aber nicht bedacht, dass er aus Liebe zu seiner Tochter Molly in mancherlei Situation noch wagemutiger werden könnte. Daran ändert auch das Blumenkettchen nichts, das er von Stund an um den Hals trägt …
Kjartan Poskitt hat mit “Urgum, der Barbar” ein liebevolles, wahnsinnig witziges und mitunter recht blutrünstiges Kinderbuch geschrieben, das draufgängerischen Jungs und Mädchen einen “barbarischen” Spass bereiten wird. Die treffenden Illustrationen von Philip Reeve tragen dazu bei, dass man Urgums ganze chaotische Familie, den schrecklichen Olk und natürlich auch die Götter nicht mehr missen will – und sich schon auf die Fortsetzung freut.
MAREN BONACKER

Meine total wahren und überhaupt nicht peinlichen Memoiren mit genau Elfeinhalb
Friedrich Ani
Verlag: Hanser, Publiziert: 2008, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20982-4
Schlagwörter: Liebe

Simon steht im Schwimmbad. Vor ihm, am Schwimmbeckenrand: Das gelbe Mädchen! Als sie geht, muss er hinterher. “Tausend Meter lagen vor mir…Wie auf der Aschenbahn zog ich den Kopf ein…und sprang fast beim Laufen. Ich lief volle Hütte gegen die geschlossene Glastür.” Das ist der Auftakt zur Odyssee von Simon durch die Unwägbarkeiten der ersten Liebe. Warum kann er nicht mehr sprechen? Warum benimmt er sich wie ein Idiot? Warum kann er nicht mehr denken? “An diesem Abend hatte ich Gedanken wie Seifenblasen. Sie schwebten durch meinen Kopf und zerplatzten…Das ging unaufhörlich so weiter.” Einzig Opa Ferdi, der im Krankenhaus liegt, scheint Simon zu verstehen. “Ein Herzkasperl im Kopf ist das Schönste, was dir passieren kann.” Was alles passiert und warum wir das alles erfahren, verdanken wir einer Deutschhausaufgabe, in der Simon sein aufregendstes Erlebnis aufschreiben soll – weswegen wir auch Memoiren lesen und kein normales Buch. Vorwort und Nachwort garantiert.

Damit sind wir ganz dicht an Simon dran, erleben mit ihm sein Scheitern, seine Ängste, sein Leiden. “Ich schaute das graue Telefon an. Ich schaute es an, als wäre es ein Gesicht…Ich legte das Telefon aufs Bett, es tutete weiter. Ich legte mich neben das Telefon, das Tuten ging weiter. Ich fing an zu heulen, das Tuten ging weiter.” So ist das doch mit der Liebe. Nicht nur mit genau elfeinhalb. Wer schon über das Thema erhaben ist, darf sich bei Ani über eine kleine Lektion in griechischer Mythologie freuen.

ANNE-KATHRIN BLEICH

Twice oder cooler als Eis
Edward van de Vendel
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2008, Seiten: 168, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55346-7

In seinem neuen Kinderbuch „Twice oder cooler als Eis“ packt Edward van de Vendel das Thema schwierige Jungen, die den Unterricht stören und die Erwachsenen mit ihrer Coolness, ihren Baseball-Caps und Schlabberhosen in Angst und Schrecken versetzen, von einer anderen Seite an als der mediale Diskurs, der sich meist unreflektiert an die Klischees hält. Schliesslich ist alles eine Frage der Perspektive. Die Zwillingsbrüder Gus und Cal – „ein verdoppelter Einling“ – sind eigentlich ganz friedlich, wenn man sie lässt. „Wir sind anders“ ist ihr Motto: anstelle von „Wörtern mit Sch- und K- sagen sie elegant „sütt“; Sprachbewusstsein gehört zu ihrem Selbstverständnis, schliesslich sind sie eine Rap-Band. Cal macht die Rhythmen und Gus, der Ich-Erzähler des Romans, die Texte. Die klingen so: „Merkt euch das, es gibt Rippen und Rappen, /Merkt euch das, es gibt Zippen und Zappen, /Merkt euch das, wir sind cooler als Eis, / Merkt euch das, wir sind Twins, wir sind Twice.“ Twice in seiner Zweieinigkeit platz fast vor Energie, was van de Vendels rasante Sprache überzeugend ausdrückt, immer nah am Rap. Deshalb können die Brüder die diktatorische, humorlose Art der Aushilfslehrerin Frau Breedwisch – aus der Sicht der ebenso sensiblen wie coolen zwölfjährigen massive Übergriffe – nicht auf sich sitzen lassen und rebellieren – zuletzt mit einer Demonstration vor ihrem Haus, wo sie sich ihre Wut aus der Seele rappen. In den Augen der Erwachsenen ist das nun der grosse Übergriff, Gus und Cal kriegen Hausarrest und müssen sich etwas zur Wiedergutmachung einfallen lassen. Die Kommunikations- und Verständnisblockade ist total, bis Levineke, das neue Nachbarsmädchen, auftaucht und ihnen hilft, den Konflikt auch von einer anderen Seite zu sehen. Jetzt fällt ihnen die ideale Lösung ein; natürlich ein Rap auf die Lehrerin, aber diesmal ein versöhnlicher.

Christine Lötscher

Die Entdeckung des Hugo Cabret
Brian Selznick
Aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: CBJ, Publiziert: 2008, Seiten: 544, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-13300-1
Schlagwörter: Technik

Bahnhofsuhren, Stummfilme, mechanische Spielsachen und ein künstlicher Mensch – das sind die Ingredienzien des eigenwilligen Filmromans oder Romanfilms, den der amerikanische Comicautor Brian Selznick erzählt. Wie alles zusammenhängt, erfährt man erst ganz am Ende; klar ist zunächst nur, dass man nicht nur in einem Buch steckt, sondern auch in einem Film, in einem schwarzweissen Stummfilm aus der frühen Zeit des Kinos. Gekonnt wechselt der Autor und Zeichner zwischen Film- und Textsequenzen; je nachdem, was die Hauptfigur, der Waisenjunge Hugo Cabret, gerade erlebt.
Seit dem Tod seines Onkels, der die Uhren am Pariser Bahnhof Montparnasse betreute, versucht er sich ohne Geld durchzuschlagen, zieht die Uhren auf und sucht fieberhaft nach Ersatzteilen für einen mechanischen Menschen, den sein Onkel in der Uhrenwärterwohnung versteckt hielt. Die Spur führt, so viel darf verraten werden, zu George Méliès, dem französischen Pionier des Stummfilms, der – und das ist historisch verbürgt – nach dem Einbruch des Filmgeschäfts mechanisches Spielzeug verkauft. Die Geschichte von Hugo Cabret ist durchaus packend, doch interessanter noch ist Selznicks Auseinandersetzung mit dem Medium Film anhand von so traditionellen Mitteln wie Zeichnung und Text und sein Versuch, Text und Bild als Möglichkeiten des Erzählens nicht ineinander, sondern nebeneinander laufen zu lassen. Ein Film, bei dem man die Seiten umblättern muss, langsamer oder schneller, nimmt der Geschichte keineswegs die Spannung und ist doch immer auch eine Analyse der Kamera und ihrer Einstellungen.
Christine Lötscher

Nach dem Unglück schwang ich mich auf, breitete meine Flügel aus und flog davon
Joyce Carol Oates
Aus dem amerikanischen Englisch von Birgitt Kollmann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2008, Seiten: 270, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20986-7
Schlagwörter: Tod/Trauer | Sucht

Vor dem Unfall war Jenna eine beliebte, sportliche Schülerin, hatte viele Freunde, Spass in der Schule – und am Leben. Doch „vor dem Unfall, das war mein altes, verlorenes Leben (…), das war die andere Seite der Brücke“. Nach dem Unfall sind für Jenna die meisten Dinge nämlich „nur noch ein Witz“. Im Leichtathletikteam ihrer Schule Rennen laufen zum Beispiel. Oder jemanden mögen. Nie wieder! „Wieso? Weil sie davonfliegen und dich allein zurücklassen. Zu riskant…“
Jenna will auch nicht mehr geliebt werden. Weder von ihrem Vater, dem sie nicht verzeihen kann, die Mutter vor längerer Zeit verlassen zu haben, um mit einer jüngeren Frau eine neue Familie zu gründen. Noch von ihrer Tante, deren Mann und den beiden Kindern, die Jenna nach der Entlassung aus der Reha-Klinik ein neues Zuhause zu geben versuchen. „Am Ende wirst du doch nur verletzt.“
„Nach dem Unglück schwang ich mich auf, breitete meine Flügel aus und flog davon“ erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, das nach einem Verkehrsunfall, bei dem ihre Mutter ums Leben kommt, nur schwer ins Leben zurückfindet. Auch wenn Jenna sich nicht mehr an den Unfallhergang erinnern kann, sie glaubt daran Schuld zu sein, dass der Wagen ihrer Mutter ins Schleudern kam und gegen einen Lkw prallte.
Joyce Carol Oates lässt ihre LeserInnen unmittelbar an den widersprüchlichen Gedanken und Gefühlen ihrer 15jährigen Ich-Erzählerin teilhaben. Jennas widersprüchlichsten Empfindungen prasslen nahezu ungefiltert auf die LeserInnen nieder: Schmerzen und Verzweiflung, Wut, Verwirrtheit, Aggressivität, Verletzlichkeit, Sehnsucht nach Nähe, aber auch grosse Angst davor.
Erst als ihre einzige Freundin an der neuen Schule während einer Party beinahe von einer Horde betrunkener Halbstarker vergewaltigt und zu Tode geprügelt wird, erwacht Jenna aus ihrer Erstarrung. Die Mauern zu durchbrechen, die sie seit dem Unglück um sich aufgebaut hat, vermag jedoch nur der etwas ältere Crow, ein Schüler der Abschlussklasse. Der charismatische junge Mann hilft Jenna schliesslich auch, ihre Ängste und Schuldgefühle zu überwinden, ein Leben nach dem Unfall überhaupt zuzulassen – und wieder glücklich zu sein. Auch wenn aus den beiden kein Paar wird.
Die berührende, zuweilen auch beklemmende, fesselnd und einfühlsam geschriebene Geschichte einer äusseren und inneren Heilung.
Andrea Duphorn

Tief da unten
Ruth White
Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Riekert
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2008, Seiten: 218, ISBN/ISSN/EAN: 3-772-52139-8
Schlagwörter: Identität/Individualität

Die kleine Ruby scheint aus dem Nichts auf die Treppen des Gerichtsgebäudes von Tief-da-unten, West Virgina gekommen zu sein. Das war an einem Junimorgen im Jahr 1944. Aber die StadtbewohnerInnen wundern sich gar nicht über das Findelkind. Wer so etwas Wundervolles wie ein Kind einfach verliert, denken sie sich, ist selber schuld. So wächst Ruby in Tief-da-unten auf, wohl behütet von Miss Arbutus Ward, der Besitzerin der Pension „Zuflucht“ und von der ganzen Stadt geliebt. Nur manchmal nachts fragt sich das Mädchen, wo es wohl hergekommen sein mag.
Als sie zwölf Jahre alt wird, zieht eine Familie ins Städtchen, mit der die Frage nach Rubys Herkunft an Aktualität gewinnt. Ruby lernt ihren Onkel kennen und reist zu ihrer Grossmutter, die auf dem Papier immer noch das Sorgerecht für sie hat, weil ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Sie erfährt, wer sie wirklich ist und wie sie nach Tief-da-unten gekommen ist. Sie erkennt aber auch, dass ihr einziges Zuhause in der „Zuflucht“ ist. Da wird sie geliebt.
Ruth Whites neues Jugendbuch ist eine Geschichte wie ein Märchen. Sie erzählt vom wunderbaren Zusammenhalt in diesem Städtchen weit ab vom aktuellen Weltgeschehen, von Zuneigung, Fürsorge und Freundschaft. Und sie hat mit Ruby eine Protagonistin, die man einfach ins Herz schliessen muss. So direkt, selbstständig und offenherzig ist dieses Mädchen.
Christine Tresch

Nennt mich nicht Ismael!
Michael Gerard Bauer
Aus dem australischen Englisch von Ute Mihr
Verlag: Hanser, Publiziert: 2008, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23037-8
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing

Seit Ismael auf die höhere Schule geht, lässt Barry Bagsley keine Gelegenheit aus, ihn zu schikanieren. Vor allem sein Vorname, den Ismael der Begeisterung seiner Eltern für Melvilles Roman “Moby Dick” verdankt, bietet immer wieder Anlass zu Hänseleien. “Ismael wurde zu Piss-mael verdreht. Piss-mael zu Küss-mal verballhornt und Küss-mal zu Fischmehl zermatscht.” Wie sein Jugendbuchdebüt “Running Man” stellt auch das zweite Buch des Australiers Michael Gerard Bauer einen liebenswerten, etwas abseits stehenden Jungen in den Mittelpunkt. Dabei sieht es zunächst so aus, als folge der Autor einem altbewährten Schema: Mit Hilfe einer neuen, jungen Lehrerin, die “Barry ‘Rambo’ Bagsley” ebenso geistreich wie charmant in die Schranken weist, und einem neuen Mitschüler, James, der auf den ersten Blick zwar das geborene Barry- Bagsley-Opfer zu sein scheint, sich aber rasch als sein erbittertster Widersacher entpuppt, scheint sich alles zum Guten zu wenden. Als James nach den Ferien nicht wieder an die Schule zurückkehrt, ist Ismael allerdings wieder auf sich allein gestellt, Doch in den Wochen mit James ist auch er ein anderer geworden. Er will Barry Bagsleys Gemeinheiten nicht länger hinnehmen.
Neben dem Erzählton sind es vor allem die von Bauer geschaffenen Charaktere, die seinen Roman so unwiderstehlich machen. Mag sein, dass sich Ismaels Probleme im realen Leben nicht so leicht lösen liessen. Doch was zählt, ist die positive Stimmung, in der der Roman einen am Ende zurücklässt. Und dann ist da ja auch noch die Geschichte mit Kelly Faulkner, die Ismaels Herz wie Softeis in der Mikrowelle schmelzen lässt und ihn am Ende zur ersten Party seines Lebens einlädt…
Andrea Duphorn

Der Mann auf dem roten Felsen
Marjaleena Lembcke
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2008, Seiten: 184, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00980-4
Schlagwörter: Identität/Individualität | Krimi/Thriller | Liebe

In Mikas Familie ist alles bestens – wenn man einmal davon absieht, dass der Vater in der Nacht an einem mysteriösen Manuskript schreibt und sich die Kommunikation mit seinen Kindern auf Rätsel (für Mika) und Gedichtzeilen (für dessen Zwillingsschwester Lina) beschränkt, die jeden Morgen auf dem Frühstückstisch liegen. In ihrem neuen Roman trägt Marjaleena Lembcke Schicht für Schicht ab, um schliesslich in die geheimsten und tiefsten Ängste ihrer Figuren einzudringen; denn hinter der Oberfläche der fröhlichen, schlagfertigen und vielleicht etwas schrägen Familie verbirgt sich eine beklemmende Sprachlosigkeit.
So vielschichtig wie ihre Figuren ist auch die Geschichte, die Lembcke erzählt. Die Ereignisse der grossen Welt spiegeln sich in Mikas kleinen Welt; nach den Anschlägen vom 11. September 2001 vermischt sich die Angst vor einem instabilen politischen Umfeld mit den diffusen Ängsten eines Pubertierenden. Der Angelpunkt für seine Unsicherheiten hält raffinierterweise auch den spannenden Plot des Buches zusammen: Auf dem Felsen vor dem Haus von Mikas Familie steht eines Morgens ein Mann mit einem Fernglas, der in den folgenden Tagen immer wieder auftaucht. Gleichzeitig verschwindet das Manuskript des Vaters aus seinem Arbeitszimmer – ob es da einen Zusammenhang gibt? Die Krimi-Geschichte spitzt sich zu und löst sich am Ende unerwartet auf, während das Leben nichts von seiner Rätselhaftigkeit verliert.
Christine Lötscher

Meine geordnete Welt oder Der Tag, an dem alles auf den Kopf gestellt wurde
Suzanne Crowley
Aus dem amerikanischen Englisch von Knut Krüger
Verlag: CBJ, Publiziert: 2008, Seiten: 268, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-13259-5

Merilee Monroe ist dreizehn Jahre alt und – abgesehen von ihrem Namen – nur ein wenig sonderbar. Sie lebt in einer perfekt geplanten und eingehaltenen kleinen Routine, ihrem “SGD” (sehr geregelten Dasein) und träumt sich zeichnend in eine Welt voller Märchendrachen. Dass sie an einer leichten Form von Autismus leidet, ist in dem Tausendseelendorf in der texanischen Provinz bekannt. Trotzdem behandeln nicht alle das Mädchen mit der gleichen Rücksicht. Der Spott, den sie in der Schule ertragen muss, ist jedem Kind ein Begriff, das ein wenig “anders” ist.
Merilees Routine wird empfindlich gestört, als der drei Jahre jüngere Biswick mit seinem Vater in die Stadt zieht. Auch er ist “anders” – und er weigert sich, auf ihr SGD Rücksicht zu nehmen. So ist Merilee gezwungen, sich immer wieder neu zu orientieren, was ihr allmählich die Augen für Dinge öffnet, die sie vorher nie wahrnehmen konnte. Das Leiden anderer – und die Liebe eines besonderen Menschen.
Die Verlagswerbung und der Vergleich mit Mark Haddons “Christopher Boone” führen in die Irre. Die einzige Parallele zwischen Haddons Erfolgsbuch und dem Buch von Crowley liegt in der autistischen Hauptfigur, die gleichzeitig als Erzähler fungiert. Liest sich “Christopher Boone” wie ein Krimi, so bleibt Suzanne Crowleys “Meine geordnete Welt” über weite Strecken ein sorgsam beobachtetes Sozialporträt, das den LeserInnen von Anfang an versteckte Hinweise über die wahre Beschaffenheit der BewohnerInnen von Jumbo gibt. Das bringt humorvolle wie auch beklemmende Szenen mit sich, die allesamt in der Gleichmut eines Kindes erzählt werden, das nicht weinen, nicht fühlen kann. Ein verhaltenes, sensibles Buch, das aufmerksam gelesen werden will und einen noch lange begleitet.
MAREN BONACKER

Der salzige Kuss
Gerda van Erkel
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2008, Seiten: 330, ISBN/ISSN/EAN: 3-499-21426-1
Schlagwörter: Krankheit | Tod/Trauer | Liebe

Anstatt im Englischunterricht zu sitzen, würde Kobe lieber den Sand von Nienkes Zehen küssen und ihr die Nägel mit dem rötesten Rot lackieren, das es gibt. Denn später im Himmel, so denkt Kobe, braucht sie bestimmt kein Englisch, nur schöne Erinnerungen. Und viel Zeit, um solche zu sammeln, bleibt nicht mehr. Die siebzehnjährige Nienke ist unheilbar krank, sie leidet an Mukoviszidose, einer genetisch bedingten Stoffwechselerkrankung. Der Alltag im Sanatorium, in welchem Kobe gegen sein Übergewicht kämpft und Nienke um ihr Leben, ist geprägt von der verzweifelten Hoffnung auf eine Zukunft. Doch trotz der Schwere gibt es Momente des Glücks, in welchen nur ihre Liebe zu Nienke wichtig ist – und die ist stark genug, um die schönsten Seiten des Lebens gemeinsam zu entdecken. Und manchmal ist das Leben selbst im Angesicht des Todes so leicht wie Löwenzahn.
Die Geschichte ist aus der Perspektive von Nienke, Kobe und Steffi – die soll nach Nienkes Tod deren Teddy bekommen – erzählt: Sie schreiben über ihre Ängste, ihre Wut auf das Schicksal, über die Gefühle der Liebe. Manchmal wird auch geschimpft, dann wieder liebevoll getröstet, Leid geteilt. Diese Offenheit berührt. In einer einfachen Sprache, welche die Texte authentisch wirken lässt, setzen sich die Jugendlichen mit dem eigenen wie dem fremden Schicksal auseinander. Ein schönes Buch für mutige junge Menschen.
Patricia Morganti

Minas Lied
An Na
Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Krutz-Arnold
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2008, Seiten: 187, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-8067-4
Schlagwörter: Migration

Für Mina und Suna stellt sich nie die Frage, was sie in ihrer Freitzeit machen sollen; entweder wird für die Schule gebüffelt oder im Reinigungsgeschäft der Eltern geholfen. Im Leben der beiden Mädchen ist das Verhältnis zwischen Verantwortung und Freiheit genau umgekehrt wie bei den meisten Jugendlichen; doch dieses Schicksal teilen sie mit vielen anderen Kindern koreanischer Einwanderer in den USA. An Na, die bereits in ihrem ersten Jugendroman “Im Himmel spricht man Englisch” ein düsteres Bild des Migrantenlebens gezeichnet hat, evoziert auch in “Minas Lied” eine Atmosphäre des Unglücks und der enttäuschten Hoffnungen.
Die Jugendlichen haben sehr unterschiedliche Strategien, damit umzugehen. Jonathon zum Beispiel kennt die Schuldgefühle nicht, die Mina erdrücken. Gegen aussen spielt er den perfekten Sohn und treibt heimlich ein riskantes Geschäft mit gefälschten Zeugnissen. Auch Mina hilft er dabei, ihren Eltern die Musterschülerin vorzuspielen, und verlangt im Gegenzug Zärtlichkeit. Mina gerät immer mehr in Bedrängnis; sie weiss, dass für ihre Mutter eine Welt zusammenbrechen würde, wenn sie es nicht an eine Elite-Uni schafft, und gleichzeitig erstickt sie fast an ihren Lügen. Bis sie einen jungen Mexikaner kennenlernt und sich in ihn verliebt – jetzt lässt sich die Fassade aus Lügen nicht mehr länger aufrechterhalten. Die Gnadenlosigkeit und Härte, mit der Mina ihre Eltern, die zwanghaft disziplinierte Mutter und den zerfallenden Vater, betrachtet, ist erschreckend – spiegelt ihre Verzweiflung jedoch überzeugend. Wer so wenig über die eigenen Gefühle und Wünsche weiss, kann auch kein Verständnis für die der Eltern aufbringen.
CHRISTINE LÖTSCHER

Verkauft
Patricia McCormick
Aus dem amerikanischen Englisch von Alexandra Ernst
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2008, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85243-9

Die 13-jährige Lakshmi lebt mit der Mutter, dem Stiefvater und dem kleinen Bruder im Bergland Nepals. Die wirtschaftliche Not ist gross, der Überlebenskampf hart. Der Dorf- und Familienalltag lehrt das Mädchen, dass eine Frau sich dem Mann unterzuordnen hat, dass Söhne alles gelten und Töchter nichts. Die taxierenden Blicke des Stiefvaters verraten ihr, dass er sie den Gurken auf dem Feld gleichsetzt, die hoffentlich einmal einen guten Preis erzielen werden. Offenbar sind 800 nepalesische Rupien (etwa 21 Franken) gut genug. So viel nämlich erhält er von der Fremden aus der Stadt für seine Stieftochter. Lakshmi verlässt ihre Familie im Glauben, Dienstmädchen einer reichen Städterin zu werden. Tatsächlich aber landet sie in einem indischen Bordell, wo sie unter anderem mit Schlägen und Drogen gefügig gemacht wird.
Patricia McCormick beschreibt das Geschehen aus der Perspektive Lakshmis. Nicht nur das Erzählte als solches berührt, sondern auch die schnörkellose Sprache und die erschreckende Sachlichkeit der Schilderungen und Reflexionen des Mädchens. Nur die Szenen, wo Lakshmi in einer aufgesetzt wirkenden Naivität ihr bisher unbekannte Dinge, ein Mobiltelefon zum Beispiel, beschreibt, überzeugen nicht wirklich. Geschickt baut McCormick Informationen zum Leben in Nepal und zum Problem des Mädchenhandels in den Text ein. Bisweilen aber lässt sie Lakshmi mehr erklären und kommentieren, als es ein in der nepalesischen Kultur verwurzelter Mensch wohl tatsächlich tun würde. Dennoch ist “Verkauft” ein glaubhafter, aufrüttelnder und einfühlsamer Roman über die körperliche und seelische Ausbeutung der als Sexarbeiterinnen missbrauchten Frauen und Mädchen.
URSULA KAHI

Schuhaus Pallas
Amelie Fried
Verlag: Hanser, Publiziert: 2008, Seiten: 185, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20983-2
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Pallas Athene, griechische Göttin der Klugheit, ist die Namenspatronin des Schuhgeschäfts der Frieds in Ulm. Der ursprüngliche Name, Schuh-Palast, war der Konkurrenz schon bei der Gründung 1914 ein Dorn im Auge. Franz Fried, der Grossvater der Autorin, löst das Problem, indem er listig zwei Buchstaben ändert. Fried, ein Österreicher jüdischer Abstammung, ist zwar zum Christentum konvertiert und mit einer deutschen Arierin verheiratet, aber dennoch attaktieren ihn die Nazis ab 1933 immer perfider. Den Boykott der jüdischen Geschäfte versuchen die Frieds zu umgehen, indem sie den Laden auf die Ehefrau umschreiben und sich am Ende sogar pro forma scheiden lassen. Der couragierte Franz Fried wehrt sich zwar heldenhaft, wird am Ende aber doch ins Konzentrationslager gebracht und überlebt nur durch einen Zufall. Viele andere Verwandte kommen in den Lagern um, andere bauen auf fernen Kontinenten neue Existenzen auf.
Auf diese erschütternde Familiengeschichte stösst die bekannte TV-Moderatorin und Autorin Amelie Fried erst Jahre später. Ihr Grossvater und auch ihr Vater weigerten sich zeitlebens, darüber zu sprechen. So macht sich Amelie Fried auf eine akribische Spurensuche, spricht mit den letzten Überlebenden, sucht in Archiven und Gedenkstätten nach Hinweisen über ihre Verwandten. Das Resultat ist ein eindrückliches Zeugnis deutscher Geschichte. Ein ganz wichtiges Buch, das bereits ab 12 Jahren und natürlich auch im Unterricht gelesen werden kann. Amelie Fried schreibt zum Schluss: “Bald gibt es für die Jahre zwischen 1933 und 1945 niemanden mehr, der uns erzählen könnte, wie es damals war. Ich wollte fragen, solange mir noch jemand Antwort geben konnte. Und ich möchte andere, die Fragen haben, ermutigen, sie zu stellen.”
Maja Mores

Die Schwalbenchristine
Fred Rodrian, Illustration: Werner Klemke
Verlag: Der Kinderbuch Verlag, Publiziert: 2008, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 3-358-03066-0
Schlagwörter: Freundschaft

„Es wohnen doch junge Schwalben in der Ruinenwand. Wenn ihr die Ruine sprengt, müssen sie sterben.“ Mit diesem Schrei des Entsetzens ist die explosive Dramatik in diesem Klassiker richtig lanciert. Und sie steigert sich weiter, als der kleine Bobby, der die Sprengarbeiten ins Stocken gebracht hat, die etwas grössere Christine von ihren Strafschularbeiten wegholt und sie zusammen alles unternehmen, um die Schwalben zu retten. Aber die Feuerwehr ist schon mit allen Spritzwagen zu Bränden unterwegs, die Greifschaufel des Baukrans ist nicht filigran genug … Die Zeit bis zum letztmöglichen Sprengtermin verrinnt unaufhörlich. Zusammen mit Bobbys Opa und dem jungen Bauarbeiter Willi schaffen es Bobby und Christine dann doch, einen Hubschrauber zu mobilisieren. Der Opa holt über eine Strickleiter das Nest ein und bringt die Vögel zu den Tierparkärzten. Jetzt kann gesprengt werden. Und Christine wird künftig bei ihren Spaziergängen im Park von Schwalben umflogen.
Es klingt ein wenig nach Utopie, dass drei Generationen in Zusammenarbeit mit der Bauleitung und der Armee ein Schwalbennest bergen. Aber wichtiger ist der ganz reale Ansatz, dass jede und jeder von uns helfen kann, die Umwelt zu schützen. So hat dieses so spannende wie liebevoll gemachte Buch schon Generationen ein eindrückliches Vorbild angeboten. Die Neuausgabe erinnert aber auch an die herausragende Bilderbuchkunst der DDR. Ein wehmütiges Gefühl angesichts der heutigen Menge von belanglosen Büchern.
Bruno Blume

Guten Morgen!
Heinz Janisch, Illustration: Heide Stöllinger
Verlag: Picus, Publiziert: 2008, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 3-85452-899-X
Schlagwörter: Identität/Individualität | Alltag | Gefühle | Familie/Familienformen | Körper

Draussen stürmt es, der Wind fegt grosse Blätter ums Haus, aber der Junge spürt von allem nichts, träumt selig: “War ich heut Nacht nicht ein richtiger Graf?”. Jetzt heisst es “Aufstehn!”, raus aus der Bettwärme ins harte Licht des Badezimmers, Anziehen, Frühstücken und ab in die Schule. In der Zwischenzeit ist es hell geworden. Der Freund wartet schon vor der Türe.

Heinz Janischs Gedicht “Guten Morgen” erzählt vom zähen Erwachen an dunklen Spätherbstmorgen, vom Drängen der Eltern, vorwärts zumachen und einem wortkargen Frühstück, zu dem man genötigt wird, weil es gesund ist – von einem neuen Tag also, von dem man nicht richtig weiss ob man ihn annehmen soll oder nicht.

Die Illustratorin Heide Stöllinger nimmt den Vers “noch ist der Schlaf ein warmes Fell” wörtlich und gesellt dem Jungen einen grossen roten Kater bei. Einen feissen Kerl, der fast die ganze Bettdecke für sich beansprucht, sich reckt und streckt wie der Junge, genau so verträumt und widerspenstig den Tag angeht, Katzenwäsche macht, nach dem Müesli giert und schon wieder schläft, als der Knabe aus dem Haus geht.

Eine Familiengeschichte mit Katze, gehalten in warmen Braun- und Rottönen, die nicht mehr und nicht weniger will als Kinder, die nur mühsam aus den Federn kommen, Trost spenden: Es gibt noch andere, denen das Aufstehen schwer fällt. Und einmal in Schwung gekommen, verspricht der Tag eigentlich ganz gut zu werden.

Christine Tresch

Alleingelassen
Thomas Fuchs
Verlag: Arena, Publiziert: 2008, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-02739-5
Schlagwörter: Armut | Erwachsenwerden

„Es war wirklich geil, endlich ganz normal zu leben“, sagt John. „Wer Gerichtsvollzieher, Kinderheim, Zwangsräumung, nächtliche Polizeidurchsuchungen kannte, der stand auf Langeweile. (…) Das fühlte sich so gut an. Wenn man morgens aufwachte und es sass kein Problem neben einem am Bett…“ Deshalb setzt der 13jährige Ich-Erzähler in Thomas Fuchs’ Jugendbuch auch alles daran, das nie wieder erleben zu müssen.
Immer wieder mussten John und seine beiden jüngeren Geschwistern Carmen (10) und Maik (7) in den vergangenen Jahren umziehen. Weil die allein erziehende Mutter wieder einmal ihren Job verloren hatte, kein Geld für die Miete mehr da war. Oder ein neuer „Vater“ mit Haus und Garten, der dann plötzlich doch wieder weg war. Mit der neuen Wohnung soll nun alles anders werden. John ist sich ganz sicher: „Diesmal würde es klappen. Diesmal musste es klappen. Schliesslich waren wir genau deshalb umgezogen. Hatten neu angefangen.“
Ehrgeizig treibt er seine Pläne voran. In der Schule gehört er zu den Besten, mausert sich mit Hilfe von Internet, Schul- und Kirchenbasaren zu einem wahren Meister im Organisieren von Kleidung und allem, was man sonst noch so braucht, nimmt seiner Mutter nicht nur Behördengänge und Gespräche mit Lehrerinnen und Lehrern ab, sondern genau genommen auch die Erziehung der beiden jüngeren Geschwister, kocht, wäscht, putzt und kauft ein. Dass „Familie Mertens“ kein Geld hat, darf keiner mitbekommen. Selbst Miriam nicht, in die John sich irgendwann verliebt.
Eine Weile klappt alles prima. Doch dann lernt Johns Mutter wieder einen neuen Mann kennen, wird schwanger, kündigt ihre Arbeitsstelle – und lässt ihre Kinder immer öfter und länger allein …
In seinem Jugendbuch greift Thomas Fuchs das Thema Kinderarmut auf. Eindringlich schildert er Johns verzweifelten Kampf gegen den (Wieder-) Abstieg. Neben der authentischen Sprache sind es die genau recherchierten Lebensumstände, die der Autor behutsam einfliessen lässt und seinen Figuren so nach und nach Profil gibt, ohne den Roman zu überfrachten. Johns wachsende Anspannung und Verzweiflung, seine Angst erneut abzurutschen springen auf die Lesenden über. Ein Buch das nachdenklich stimmt, berührt – und viele Dinge in ein anderes Licht rückt.
Andrea Duphorn

Jupp Springinsfeld
Bob Graham
Aus dem Englischen von Sophie Birkenstädt
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-51699-2
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Jule zeigt wie ein Seismograf die Bedürfnisse ihrer Familie an. Im Vorläuferband „Wir brauchen einen Hund“ (2001) führte das dazu, dass sie ihre Familie dazu brachte, zwei Hunde, Jupp und Rosie, zuzulegen. Nun setzt sich Jule erfolgreich gegen eine autoritäre Erziehung durch. Jupp ist nämlich ein richtiger Springinsfeld, kümmert sich nicht um freundlich erklärte Regeln, springt Gästen auf den Schoss und frisst von ihren Tellern. Aber der Oberst, der von der Tierschule kommt, sich sogleich mit einem gebrüllten „Nein!“ und einer Kettenleine an seine Aufgabe macht, schüchtert den kleinen Hund (sowie die Familie) so sehr ein, dass Jupp ganz kleinlaut wird. Jule traut sich auch, dem gestandenen Mann zu erklären, „dass Brüllen Jupps Gefühle ver-letzt und wir zu unseren Hunden immer höflich sein sollten.“ In der darauf eintretenden Stille reagiert Jupp und springt dem Oberst direkt ins Herz. Nun kümmert sich die Familie wieder selbst um den kleinen Hund – aber mehr um seine Bedürfnisse, als um seine Erziehung …
Der Bilderbuchkünstler Bob Graham erzählt die Ge-schichte mit liebevollen Details zur coolsten Bilderbuchfamilie im Bilderbuch.
Bruno Blume

Sohntage
Philip Waechter
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2008, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-79369-0
Schlagwörter: Emanzipation

Dass Philip Waechter ein Fussballnarr ist, wissen wir seit seinen grandiosen Bilderbüchern “Heimspiel” (Ellermann-Verlag 1998) und “Sehr berühmt” (Beltz & Gelberg 2006). Dass auch sein Sohn zu einem solchen werden wird, liegt auf der Hand nach der Lektüre von “Sohntage”. Hier verfolgt ein leidenschaftlicher Vater beim Rumtollen mit seinem Sohn auf dem Sofa und beim Samstagsspaziergang die Spiele seiner Fussballmannschaft am Radio und lässt den Spross mit einem aufblasbaren Ball schon mal die ersten Freistösse trainieren …

Daneben sieht sich selbstverständlich auch dieser Vater dem ganz normalen Alltag mit einem Kleinkind ausgesetzt. Da gibt es gute und eher mühsame Tage, Diskussionen um Ernährungsfragen, schlaflose Nächte und genervte Nachbarn und immer wieder das Staunen über dieses Wesen, das die Welt mit allen Sinnen erfährt und die ersten Spracherfahrungen macht. Seite um Seite reihen sich so Vatererfahrungen, manchmal mit einem launischen Kommentar ergänzt. Unterbrochen wird dieses zeichnerische Tagebuch von Doppelseiten, in denen Waechter in Fingerkinomanier Vater-Sohn-Interaktionen karikiert: Durch die Entspannungsübungen auf einem roten Gymnastikball zum Beispiel, wo die beiden die wildesten Kunststücke vollführen, immer müder werden und am Schluss friedlich nebeneinander am Boden ein Nickerchen halten.

“Sohntage” ist mehr als nur ein Geschenkbuch für werdende Väter. Kleine Kinder werden sich darin wieder erkennen. Und die Mütter? Sie sollten nicht neidisch sein auf diese Liebeserklärung. “Ich hab ihn geboren”, sagt die Frau zu ihrem Mann, “das hast du noch lange nicht abgearbeitet!” Recht hat sie.

Christine Tresch

Leo mittendrin
Sharon Creech
Aus dem amerikanischen Englisch von Adelheid Zöfel
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2008, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-596-85294-9
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Der zwölfjährige Leo steckt wirklich „mittendrin“: in einer Familie mit nervösen und überforder-ten Eltern, sich ständig streitenden Verwandten und umgeben von Geschwistern, die lautstark ihre Position markieren – da weiss er manchmal gar nicht mehr, wo überhaupt noch Platz bleibt für ihn. Er fühlt sich übersehen und flieht in Tagträume, die immer märchenhaft gut ausgehen und ihn als Helden zeigen; erst, als in seiner Klasse ein Theaterstück eingeübt und aufgeführt wird, wo er eine alte Frau spielen muss, merkt er, wo seine Stärke liegt und eine Chance zur Selbstbehauptung: Es ist seine Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen, und der Mut und die Zähigkeit, Fragen zu stellen, die keiner sonst stellt. So kommt er einem dunklen Kapitel in der Familiengeschichte auf den Grund. Und als er Vaters „Autobiographie, verfasst mit dreizehn“ auf dem Dachboden findet, lernt er, dass Erwachsenwerden auch bedeutet, die eigenen Träume zu-nehmend der Wirklichkeit auszusetzen und zu relativieren. Der Text begleitet Leo bei diesem Prozess einfühlsam und humorvoll; und das Theater(spielen) ist dabei nicht nur ein wichtiges strukturelles und inhaltliches Element, sondern geradezu das Grundmotiv.
Verena Stössinger

Lola auf der Erbse
Annette Mierswa
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2008, Seiten: 200, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-939944-10-2
Schlagwörter: Freundschaft

Was doch alles in einer einzigen August-Woche Platz hat! Und wie viel Neues sie bringen kann! Das hätte Lola nie für möglich gehalten – und dabei fing sie noch ganz ungut an. Mit der Tatsa-che nämlich, dass ihre Mutter auf einmal einen Freund hat, Kurt, den Tierarzt mit dem verrückten „Donnervogel“-Auto. Dabei denkt die Neujährige noch so oft an ihren Vater, der vor drei Jahren verschwunden ist! Sie ist entschlossen, Kurt nicht zu mögen. Dann aber erfährt sie, dass Pelle, der stille Schulkollege, eigentlich Rêbin heisst, Kurde ist und sich illegal im Land aufhält; das darf sie nicht verraten, weil sie ihn und seine Eltern sonst in Gefahr bringt. Obwohl Rêbins Mut-ter krank ist und dringend einen Arzt bräuchte… Vielleicht könnte Kurt helfen? Obwohl er Tier-arzt ist? Lola riskiert es, ihn einzuweihen, und er erweist sich als verlässlich und hilfreich – und als am Ende der Woche Lolas Geburtstag gefeiert wird, lädt sie ihn doch noch dazu ein. Und Rêbin auch, ihren neuen Freund. Sie wäscht sich sogar vorher den Hals, auch die Stelle, wo ihr Vater sie zum letzten Mal geküsst hat und die schon ganz dunkel war, die Zeichnungen von Ste-fanie Harjies zeigen es genau. Sie liefern auf witzige Art ein Art durchgängigen Kommentar zum Text und nehmen ihm so jeden Ansatz zum Sentimentalen.

Verena Stössinger

Frankie unsichtbar
Zoran Drvenkar, Illustration: Martin Baltscheit
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2008, Seiten: 43, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-939944-13-3
Schlagwörter: Fantasie

Frankie ist ein Junge, der an die Macht der Worte glaubt und merkt, dass man mit ihnen vieles falsch machen kann. Zuerst sind es die Worte seiner Schulkollegin Klara, die vorausgesagt hat, dass der nächste Regen unsichtbar machen wird. Darum will Frankie nicht nach draussen. Er muss trotzdem mit der Mutter zur Oma, drückt sich unter den Regenschirm, wird ein bisschen nass, ohne dass etwas passiert … noch nicht. Kaum scheint er diese Sorge los, erinnert er sich daran, dass er der Mutter endlich sagen müsste, dass seine Sporttasche nicht geklaut wurde, sondern dass er sie im Bus liegen gelassen hat. Er wartet immer noch auf den richtigen Augenblick für dieses Geständnis.

Frankie wird an diesem Tag doch noch unsichtbar, geht ohne Eintritt ins Kino, fährt achtzehnmal gratis Karussell und macht bei den Löwen im Zoo ein Nickerchen. Abends aber, bei Oma zu Hause im Bett, wünscht er sich nichts sehnlicher, als wieder sichtbar zu sein. Und er nimmt sich vor, nie wieder zu lügen. Das wirkt.

Schwindel oder Lüge, Wirklichkeit oder Fantasie? Die Löwenlocke, die Frankie aus dem Hosen-sack zieht, um seine Mutter davon zu überzeugen, dass er dieses Mal nicht lügt, ist auf alle Fälle ein starkes Stück.

Drvenkars Erzählung öffnet Fantasieräume und bietet viel Identifikationspotenzial. Die Sache mit dem Lügen beschäftigt Kinder. Sie passiert manchmal einfach, und sie einzugestehen, fordert Courage. Hier wird Kinderliteratur ernst genommen in ihrer poetischen Funktion, in der Möglichkeit, Assozisationsräume zu öffnen, und in ihrer Chance, Probleme zu thematisieren, über die das Reden vielleicht schwer fällt. Die comicartigen, flächigen Bilder von Martin Baltscheit bilden einen eigenständigen Erzählstrang und drücken Frankies Gefühlslage in kräftigen Farbtönen aus.

Christine Tresch

Schliess die Augen und sag mir, was du siehst
Lieneke Dijkzeul
Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer
Verlag: Arena, Publiziert: 2008, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-02731-9
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Krankheit

„Uhr lesen, Rad fahren, Geld ziehen, Bahnhofsschilder lesen.“ Alles Dinge, die Raaf nicht mehr tun kann. Oder schon bald nicht mehr tun können wird. Der Zwölfjährige leidet an MD. Makula-degeneration. Eine erblich bedingte Krankheit, die eine nachhaltige Schädigung und Rückbildung der Netzhaut mit sich bringt. Schon jetzt strengt ihn das Lesen eines Buches so an, dass er es nach zwei Seiten meist müde zur Seite legt, ohne zu wissen, was er eigentlich gelesen hat. Die Buchstaben auf der Tafel im Klassenzimmer treiben nur noch fröhlich umher, fliessen immer mehr ineinander. Schon bald wird sein eigenes Spiegelbild nicht mehr erkennen können. Also versucht Raaf alles, was er nicht vergessen will, abzuspeichern: Die Farbe des Meeres rund um die Insel, auf der er lebt. Klick. Seine Fussspuren im Sand. Klick. Die Wolken. Klick. Das Licht. Klick. Klick. Klick. Aber „gab es eigentlich genug Platz im Gehirn, um alles zu speichern, was man sah?“

Nach den Sommerferien soll er auf eine Spezialschule für Sehbehinderte auf dem Festland wechseln. Doch Raaf weigert sich die Insel, die er wie seine Westentasche kennt, zu verlassen. Er will nicht „für einen Blinden gehalten werden“, nicht „zu den Schwächlingen gehören“. Noch nicht.

Wie fühlt man, wenn man langsam aber unaufhaltsam erblindet? Einfühlsam und sehr berührend lässt die niederländische Autorin ihre LeserInnen an jenen Wochen teilhaben, in denen Raaf beginnt, seine Krankheit langsam anzunehmen statt sich weiterhin dagegen zu wehren und wütend und hilflos zugleich um sich zu schlagen. Die zufällige Begegnung mit einer Gruppe blinder Jugendlicher, die ein paar Tage auf der Insel verbringt, hilft ihm dabei.

Am Ende blickt Raaf in den Spiegel und nickt „dem jungen in der blauen Jacke zu. ‚Tschüss, Raaf.’ Es klang wie ein Abschied, aber vielleicht war es das gar nicht. Vielleicht war es ein Anfang.“ Ein Roman, der sensibilisiert und Denkprozesse anstösst.

Andrea Duphorn

Mariechen frass nen Hasen auf
Bill Grossman, Illustration: Dorota Wünsch
Deutsche Verse von Ebi Naumann
Verlag: Hammer, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0175-9
Schlagwörter: Humor/Komik | Essen

“Mariechen frass nen Hasen auf, da nimmt die Sache ihren Lauf…” Was schon der Buchumschlag ankündet, führt von der ersten bis zur letzten Seite zu einer sehr speziellen Speisefolge. Nacheinander verputzt Mariechen – gekleidet in eine praktisch weite Trägerhose, eine harmlos rosa Herzchenbluse und eine frech rote Brille – schön in Reime verpackt, erstmal besagten Hasen, dann zwei Schlangen, drei Ameisen und vier Piratten. Das ist nicht etwa falsch geschrieben: Sie trugen an den Füssen Stiefel und waren offensichtlich mit Piraten verwandt. Mariechens Hunger ist noch lange nicht gestillt und weiteres Getier muss dran glauben. Die Reime enden ja schliesslich bei jedem Tier mit: “Jetzt wird sie kotzen, dachten wir. Tat sie aber nicht.” Nicht ganz unerwartet ändert sich ausgerechnet bei den zehn runden Erbsen zum einen Mariechens kraftvolle Körperhaltung, zum anderen auch ihre Gesichtsfarbe: “Ich kann nicht mehr, hört man sie motzen.” Der Rest ist unserer Fantasie überlassen.

Was uns Autor und Illustratorin servieren, ist eine Reihengeschichte, die von unbändiger Lust am Essen und Faszination am Ekelhaftem nur so strotzt. Die Verse legen den Grundstein für den grossen Spass, so richtig dick tragen allerdings die Bilder auf. Dorota Wünsch macht aus dem kleinen Mädchen eine zielstrebige Köchin, deren Dynamik im Bild raumgreifend ist und die BetrachterInnen sofort hineinzieht. Dabei gelingt es der Illustratorin sogar, die Objekte der Begierde in individuelle Dialoge mit Mariechen zu bringen: mal frech, mal eher ängstlich, sogar gelangweilt schauen sie ihrem Schicksal entgegen und werden den lachgeplagten BetrachterInnen am Schluss erstaunlich zufrieden präsentiert.

Barbara Jakob

Eine Kiste für Opa
Marie-Thérèse Schins, Illustration: Birte Müller
Verlag: Aufbau, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-351-04088-1
Schlagwörter: Tod/Trauer

Der Tod von Oma oder Opa, ein überfahrener Igel auf der Strasse, das eingeschläferte oder von einem Tag auf den anderen spurlos verschwundene Haustier lösen bereits bei den Allerjüngsten Fragen nach dem Jenseits aus. Mit dem Tod endet das Leben – doch die Vorstellungen davon, was dem Leben folgt, unterscheiden sich von Kultur zu Kultur mindestens ebenso sehr wie die Art der Bestattungen. Marie-Thérèse Schins erzählt in ihrem Bilderbuch “Eine Kiste für Opa” von einem afrikanischen Jungen, dessen Grossvater sich “auf die grosse Reise” vorbereitet. “Das ist ganz weit weg und alle gehen dorthin, irgendwann, in einer Kiste”, erklärt Kofi und bringt Mädchen und Jungen ab vier Jahren nach und nach näher, wie sich die Menschen im westafrikanischen Ghana auf den Tod vorbereiten.

Abgesehen von den fröhlichen Farben unterscheiden sich die Illustrationen, mit denen Birte Müller die Geschichte einfängt, von allem, was sie bislang vorgelegt hat: Mit wenigen Motiven zeigt sie, wie Grossvater und Enkel gemeinsam herauszufinden versuchen, wie die Kiste aussehen soll, in der Opa Mensah seine Reise antreten wird. Wie eine Cola-Flasche? Wie ein fetter Fisch, ein riesengrosser Krebs oder Gemüse? Ein Elefant oder ein Löwe?

Die leuchtenden Gelb- und Orange-, Rot-, Blau- und Türkistöne, mit denen Müller arbeitet, fangen die herzliche Atmosphäre zwischen Grossvater und Enkel ein. Letzterer entscheidet sich am Ende für eine Kiste, die wie eine Rakete aussieht. “Die soll Paa Joe mir bauen. Und wenn sie fertig ist, dann legen wir uns beide vor meiner grossen Reise ganz oft zusammen in meine Rakete. Wir erzählen über früher und jetzt und über das, was kommen kann. Und trinken Cola und Bier.”

Ein aussergewöhnliches Bilderbuch, das von einer anderen Art der Bestattung und einem anderen Umgang mit dem Tod erzählt und ihm damit viel von seinem Schrecken nimmt.

Andrea Duphorn

Auch die Götter lieben Fussball
Heinz Janisch, Illustration: Artem
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-93-2
Schlagwörter: Spiel | Mythologie/Sage

“Die Fussballgötter waren nicht auf unserer Seite.” Wie mancher Trainer hat eine Niederlage schon so begründet und nicht gewusst, wie recht er mit dem Ausspruch hatte. Heinz Janisch und Artem erklären in “Auch die Götter lieben Fussball”, warum. Auch die Götter liebten das Spiel mit dem Ball. Der Gott der Umwege trat gegen die Göttin der Ungeduld an, der Gott des richtigen Augenblicks umdribbelte den Gott des Fluges und drang vors Tor vor. Die Regeln waren ein bisschen anders, als wir sie kennen – den Kräften der Götter angemessen wurde der Ball mal mit Wind und Sturm, mal mit gewaltigen Wasserwellen ins Tor getrieben. Doch eines gab es auch in der von Heinz Janisch erfundenen Mythologie bereits: Enttäuschung und Zorn über ein verlorenes Spiel. So trat der Gott der Götter den Ball eines Tages weit ins All hinaus. Als das Rund sich nur noch leise drehte, entstand Leben auf ihm, Pflanzen, Tiere wuchsen, Menschen tauchten auf und erfanden eines Tages, wie könnte es anders sein? – den Fussball. Ein grandioses Spiel, für das sich die Götter noch heute heimlich ins Publikum schleichen und mitjubeln.

Janischs Text wird von Artem flächig illustriert. Fussballbegeisterte Altphilologen (ja, es gibt sie) erkennen an Details und kleinen Attributen grinsend, welche griechischen Götter sich hinter den Namen verbergen, und ziehen so ihr eigenes Vergnügen aus dem Buch. Frauen jedoch kommen viel zu kurz – zwar erfindet ein Steinzeitmädchen mit einem Apfel die neue Sportart, doch sind es die Burschen, die ihn an sich reissen. Und Artem lässt Mutti den Boden wischen, während Vater und Sohn vorm Fernseher jubeln. Diese Details verleihen dem witzigen Bilderbuch einen Hauch von Rückständigkeit, der nicht nötig wäre.

Maren Bonacker

Wimmlinger Geschichten
Rotraut Susanne Berner
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2008, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5189-4
Schlagwörter: Alltag | Wimmelbuch

Monika und Mingus - Oskar - Peter und Struppi - Ina

Die Jahreszeiten-Wimmelbücher von Rotraut Susanne Berner sind eine Fundgrube für Entdeckungsreisen. Jetzt präsentiert der Verlag nach Memory, Leporello, Kalender und Puzzle dieses Frühjahr ein neues Produkt im Wimmel-Shop. In vier kleinformatigen Pappbilderbüchern konzentriert sich die Illustratorin auf jeweils eine vertraute Figur oder Figurengruppe. Wer einfach eine Bilderauskopplung aus den grossen Wimmelbüchern erwartet, wird sich wundern, denn Berner folgt zwar dem Jahreszeitenmuster und auch der für die jeweilige Figur festgelegten Grundgeschichte, doch sie zeichnet alle Bilder neu. Zum einen isoliert sie die Figur und setzt sie vignettenhaft auf hellen Grund, zum anderen fügt sie jedem Bild einen Ein- oder Zweizeiler hinzu. Die einfachen Reime erzählen gemeinsam mit dem Bild zum Beispiel davon, wie “Oskar” zu seiner Gans kam. Und von “Ina” erfährt man, was sie an Aussenaktivitäten im Verlauf eines Jahres unternimmt. “Monika und Mingus” berichtet von einer Katzenliebesgeschichte und “Peter und Struppi” macht den Blick frei auf die nicht ganz konfliktfreien Unternehmungen von Hund und Herrchen.

Die vorliegenden Pappbilderbücher bieten sich bestens zum Verfolgen der eigenen Lieblingsfigur an. Rotraut Susanne Berner schafft es, eigenständige kleine Geschichten zu entwickeln, die auch ohne die Original-Wimmelbücher bestehen. Besonderen Spass macht es, zwischen den Büchern hin und her zu wechseln und sich gegenseitig kleine Suchaufgaben zu stellen. Oder wissen Sie noch, woher Ina das aufblasbare Riesenkrokodil hat, mit dem sie am Schluss in der Badewanne sitzt?

Barbara Jakob

BieBu
Michael Stavarič, Illustration: Renate Habinger
Verlag: Residenz, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7017-2034-7
Schlagwörter: Natur

Meion Bienen- und Blümchenbuch oder Ameisen haben vom Blütenbestäuben wirklich keine Ahnung!

Die Bienen sind krank. Die Bienen sind krank! Ohne die Arbeit der Bienen gibt es bald keinen Apfel mehr, keine Traube, keinen Kürbis, keine Nüsse, keine Mandarine mehr, gibt es überhaupt bald gar keine Pflanzen mehr. Die Tiere staunen. Dann jammern sie. Dann ruft die Libelle Labella zum Handeln auf: Wenn die Bienen keine Blumen mehr bestäuben können, dann müssen eben die anderen, die da noch kreuchen und fleuchen, diese Aufgabe übernehmen. Alle helfen sie mit, von der Schnecke über die Ameisen (wobei die ja wirklich keine Ahnung haben) bis zur Spinne, ja selbst der Frosch tut, was er kann. Mit viel Ach und Krach und mit vereinten Kräften gelingt es den Tieren schliesslich, das Werk des Bestäubens zu vollbringen. Trotzdem sind sie alle froh, dass die Bienen am Genesen sind…
Das “BieBu” hat es in sich: Die Thematik ist ebenso einfach wie essentiell, die eigentliche Geschichte ist auch für kleine Kinder nachvollziehbar. Die Bilder verlangen von den BetrachterInnen zwar, dass sie sich auf Unkonventionelles einlassen, doch es lohnt sich auf alle Fälle, sie ganz genau zu betrachten – da steckt so manches Rätselhafte (was um alles in der Welt hat denn der Australische Beutelteufel hier zu suchen?) und viel Witz drin. Ausserdem lernt man eine ganze Menge über Bienen, Hummeln und sonstige Bestäuber.
Patricia Morganti

Die vier Glückssucher
Maren Kiepsel, Illustration: Barbara Rzepa-Leichsenring
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0552-0
Schlagwörter: Behinderung | Freundschaft

Ein Handicap haben sie alle und entsprechend allein sind sie: die langsame Schildkröte, der stachlige Igel, der blinde Maulwurf, der ungeschickte Hase – vier traurige Gestalten, den Bremer Stadtmusikanten verwandt, die sich trotz allem (oder gerade deswegen) auf den Weg machen. Erklärtes Ziel: ihr Glück zu suchen, besser, es zu machen. Ein Wunsch, der in Erfüllung geht. Die vier werden tatsächlich fündig. Zwar nicht da, wo sie das Glück vermuten (die Kiste im dunklen Wald als Hort der Sehnsucht ist leer), nein, viel früher schon: Wenn Glück heisst, zusammen weniger allein zu sein und in vermeintlichen Schwächen das Eigene (darum: Geglückte) zu entdecken; wenn Glück etwas sehr Einfaches ist. Und dabei etwas sehr Grosses.
Überraschend ist das alles nicht. Dass der Weg das Ziel ist und aus Einzelgängern Freunde werden, liegt von der ersten Seite an auf der Hand. Aber gerade in der Schlichtheit, in der durchkomponierten Reduziertheit und dadurch Vorhersehbarkeit des Erzählens (es handelt sich um Maren Kiepsels Debüt) wie in der malerischen Ruhe, Grossflächigkeit und Klarheit der vornehmlich dunkel gehaltenen Bilder in Wachskreidenoptik (von Barbara Rzepa-Leichsenring), in denen Farbeffekte ganz besonders intensiv leuchten, liegen stiller Zauber wie archaische Kraft eines Bilderbuches, das nicht vorgibt, mehr zu sein, als es ist: Eine stille, bewährte, oft genug vergessene Anleitung zum Glück, der zu folgen sich immer lohnt. Erst recht in diesen lärmigen Zeiten.
Christine Knödler

Krawinkel & Eckstein: Die Erfindung
Wouter van Reek
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-5190-9
Schlagwörter: Fantasie | Freundschaft

Viele Kinder kennen Krawinkel und Eckstein von der “Sendung mit der Maus”. Bereits zum zweiten Mal machen die beiden Antihelden nun auch als Bilderbuchfiguren eine mehr als gute Figur. Der kreative Vogel Krawinkel darf in diesem Band seinem Erfindungsdrang freien Lauf lassen. Erklärtes Ziel: eine Pflückmaschine für zu hoch hängende Holunderbeeren. Voller Hingabe legt er los, füllt ganze Wände mit seinen Planskizzen, während sein wie immer zögerlicher Freund Eckstein mit der raumfüllenden Leere des weissen Papiers kämpft. Und Krawinkel übertrifft sich selbst: Seine Maschine verselbstständigt sich auf nicht ganz ungefährliche Art und Weise, er wird verschluckt und wieder ausgespuckt. Dankbar kommt Krawinkel anschliessend auf Ecksteins genial-einfache Lösung zurück und probiert diese mit seinem Freund auch gleich aus.
Dem Illustrator gelingt es mühelos, die ursprünglich animierten Bildfolgen für das Bilderbuchformat zu adaptieren und die filmischen Mittel zwischen Zoom und Totale spannungsvoll einzusetzen. Eine zusätzliche Ebene bringen kleine Stempel, die zuweilen in die Bildecken gesetzt sind und Einblick in die Gedankenwelt der beiden Protagonisten geben. Ein Meisterstück bildnerischer Umsetzung von grösster emotionaler Dichte ist jener Moment, in welchem sich Krawinkel von seiner die ganze Wand ausfüllenden Idee lösen muss. Der Illustrator zeigt den willensstarken Vogel dabei, wie er seine Planskizze einem zerknüllten Netz gleich von der Wand löst und sich anschliessend ohne Zögern der Skizze von Eckstein zuwendet. Allein dieses Bild macht das Buch unvergesslich.
Barbara Jakob

Das ganz, ganz kleine Schwein mit dem ganz, ganz grossen Hunger
Martin Auer, Illustration: Manuela Olten
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79367-7
Schlagwörter: Essen

Wer kennt es nicht: Dieses unlustige Gesicht von Sohn oder Tochter, wenn sie gerade entdeckt haben, was im Topf vor sich hinblubbert – Spinat! Mehr als dieses Bild von Tim, mit hängenden Augenlidern und rausgestreckter Zunge, braucht es nicht, um in die Geschichte einzuführen, die Martin Auer und Manuela Olten erzählen, besser gesagt: Sie lassen Timm erzählen, nämlich die Geschichte vom ganz, ganz kleinen Schwein mit dem ganz, ganz grossen Hunger. Er muss sie jetzt gleich erzählen, erklärt er seiner Mutter, weil sie eben in seinem Kopf angekommen ist und sofort weiterwill. Mit für Manuela Olten typisch “grossmäuliger” Illustration und einem “Also” mit acht “a” am Wortanfang gehts los: Das ganz, ganz kleine Schwein frisst nach und nach alles, alles auf, um seinen ganz, ganz grossen Hunger zu stillen: von Cornflakes über Kinderdreiräder und Supermärkte, bis hin zu Bergen und Vulkanen. Den Gegensatz zwischen dem ganz, ganz kleinen Schwein (obwohl das irgendwann ganz schön gross ist) und seinem ganz, ganz grossen Hunger behält Tim dabei bis zum Ende bei – bis die Geschichte aus ist und er (mit Blick auf den Spinatteller) seine Mama fragt, ob es denn schlimm sei, dass er nur einen ganz, ganz kleinen Hunger habe…
Eine herrlich aufgebaute, ganz, ganz lange Geschichte, welche die LeserInnen ungeduldig auf die Pointe warten lässt – und sie schliesslich auch präsentiert. Die durchgehend vollständig farbig ausgefüllten Doppelseiten untermalen Tims Geschichte und fügen noch etliche humorvolle Details hinzu, die der Text nicht preisgibt. So gibt es für alle viel zu entdecken – auch für Kinder, die Spinat lieben.
Maren Bonacker

Kein Platz im Haus für eine Maus
Kyle Mewburn, Illustration: Freya Blackwood
Aus dem australischen Englisch von Michael Stehle
Verlag: Urachhaus, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-8251-7610-X
Schlagwörter: Fantasie | Familie/Familienformen

Das Haus ist viel zu gross für Christopher, seine Mutter und seine Maus. Vor allem: viel zu leer. Doch die Mutter, pflichtbewusst und zerstreut, hat nie Zeit, sich um irgendwas zu kümmern – schliesslich ist sie mit den wirklich wichtigen Dingen des Lebens beschäftigt, an oberster Stelle ihrer to-do-Liste: ihre to-do-Liste. Also füllt der Junge die verwaisten Räume auf eigene Faust. Ins Sonnenzimmer kommt Frau Büglund, die Mistels ziehen ins Spiegelzimmer, das Bamboni-Orchester ins Turmzimmer, ein Zirkus bevölkert, treppauf, treppab, Küche und Flur. Sie alle hat Christopher zuvor von der Strasse aufgelesen. Nach dem Motto “Für einen war immer noch genug Platz” finden sie ein neues Zuhause. So entsteht bald eine veritable Villa Kunterbunt. Jeder packt mit an, am Ende ist das Haus voll und die to-do-Liste leer – bis auf eine Zeile: “Geniess das Leben!” steht da in Grossbuchstaben.
Den modernen Zeiten hält Kyle Mewburn seine so skurrile wie liebevolle Pflücke-den-Tag-Geschichte vor (von Michael Stehle wortwitzig übersetzt): gegen Alleinsein und am Leben-Vorbeileben, für mehr Zeit und Füreinander-Dasein. Von Freya Blackwood pastellig-leicht und in Wimmelbild-Manier in Szene gesetzt, laden die Bilder zum Weitererzählen ein, gerade da, wo die poetisch-schräge Antwort auf Erwachsenensorgen aus Kindersicht spielerisch leicht ausfällt: Fülle das Haus! Mit allem, was das (Kinder-)Herz begehrt. Und mach dir deine Welt, wie sie dir gefällt.
Christine Knödler

Im Traum kann ich fliegen
Eveline Hasler, Illustration: Käthi Bhend
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-01598-4
Schlagwörter: Freundschaft | Natur | Traum

Die Würmer Schnurps und Knurps, der Käfer Rottolo, ein Engerling und Ria, die Raupe, verbringen die kalten Wintermonate unter der Erde. Durch die unterirdischen Gänge besuchen sie sich gegenseitig. Schnurps und Knurps zeigen ihr Erdloch, in dem sie merkwürdige Häppchen in Blättern und Nussschalen aufbewahren, und Rottolo verrät, dass er seine Leckerbissen unter dem Bett versteckt. Etwas widerwillig führt auch Ria die Freunde in ihre von seltsamen Fäden durchzogene Wohnung. Staunend stehen sie da und suchen die Vorräte. “Ich brauche nichts zu essen, ich brauche nur Träume”, erklärt die Raupe. Da bekennt der Engerling, dass auch er jede Nacht träume: “Im Traum kann ich fliegen! Das ist wunderbar!” Und schliesslich offenbart er, dass er in einer verriegelten Kammer einen Vorrat angelegt hat, den sie gemeinsam essen wollen, wenn alles andere aufgezehrt sei.
Ob das so ist und was es mit dem geheimnisvollen Traum auf sich hat, erfährt man im weiteren Verlauf dieser märchenhaften Geschichte. Der präzise Text verbleibt ganz auf der Kinderebene, in welcher Freundschaft, Trauer, Trost, aber eben auch Träume – erfüllte und (noch) nicht erfüllte – eine Rolle spielen. Die Autorin überlässt es den erwachsenen ErzählerInnen, die Kinder über die realen Wunder der Natur aufzuklären.
Ganz besonders hervorzuheben sind die meisterhaften, filigran gezeichneten detailreichen Illustrationen von Käthi Bhend. Hier gibt es eigene kleine Geschichten zu entdecken, immer liebevoll und oft mit viel Witz.
Das Buch ist bereits 1988 im Ravensburger Verlag erschienen. Für die Neuausgabe bei NordSüd hat die Künstlerin die Zeichnungen überarbeitet. Die Farbgebung ist dezenter geworden, das Layout schlichter – die zauberhafte Ausstrahlung aber ist geblieben.
Katrin Ruchti-Fehr

Ich mach dich platt!
Pernilla Stalfelt
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Moritz, Publiziert: 2008, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-194-X
Schlagwörter: Streit/Konflikt | Gewalt

Die Ampel steht auf Rot, Tommy kommt mit seinen Kindern im Geländewagen angebraust, bremst zu spät, und – peng! – der Auffahrunfall ist perfekt. Dann gehts richtig rund: Poff – zack – stöhn – Idiot! Dann sind nicht nur die Autos kaputt, sondern auch die Fahrer, die Kinder sind verstört, und die LeserInnen bereits auf dem Vorsatzpapier mitten im Thema. Nach den Haaren, der Kacke, dem Tod und der Liebe und widmet sich die Schwedin Pernilla Stalfelt nun dem äusserst aktuellen Thema Gewalt.
“Das Kinderbuch von der Gewalt” spricht Kindern und Erwachsenen gleichermassen aus der Seele. Den Kindern, weil es ihnen eine ideale Möglichkeit bietet, über Ängste zu reden, den Erwachsenen, weil es ein geeignetes Hilfsmittel zur Gewaltprävention bei Kindern darstellt. Pernilla Stalfelts comicartige Illustrationen und ihre kurzen Texte greifen unglaublich viele Facetten von Gewalt auf. Sie beschönigen nichts und fordern die Diskussion heraus. Die Botschaft des Buches ist klar und kommt an: Bei Gewalt hört der Spass auf. Gewalt ist schrecklich und ihre Folgen sind meist irreversibel. Schön, wenn Klein und Gross noch vor dem Lesen der zweitletzten Sprechblase von allein den Vorsatz fassen würde: “Also ich will ab jetzt niemanden mehr verhauen.”
Ursula Kahi

Der kleine Herr Jaromir findet das Glück
Martin Ebbertz
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2008, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-6101-7
Schlagwörter: Freundschaft | Philosophie

Im Grunde ist “Der kleine Herr Jaromir” von Anfang an ein Glückskind. Einer, der sich in der Not selbst Witze erzählt. Auch, wenn er sie kennt. Und trotzdem lacht. Einer, der von sich sagt: “Ich bin der einzige Herr Jaromir, den ich kenne.” Einer, der sich Mut anpfeift, und der, wenn er sich verirrt hat, die nächste Strasse entlanggeht, bis er wieder irgendwo ankommt. Jetzt ist er zurück, um im zweiten Band das Glück zu finden.
Zunächst jedoch findet “Der kleine Herr Jaromir” den dicken Herrn Fuchs, der gar nicht so dick ist, aber glücklicherweise ein Tagschläfer, und noch dazu ein Bücherfreund – schon beginnt ein Abenteuer à la Jaromir, das sich dadurch auszeichnet, dass nicht viel und ganz viel gleichzeitig passiert. Denn Martin Ebbertz gelingt es auch im zweiten Buch von Herrn Jaromir, Poesie, leisen Witz und Weisheit zu verbinden und in Miniaturen das Wesentliche zu sagen. Das alles mit einem Helden, der, dem Kleinen Prinzen verwandt, Worte beim Wort nimmt und Dinge einfach geschehen lässt; der aus dem Staunen nicht herauskommt und darum erst im Kleinen das Grosse entdecken kann. Zum Beispiel, dass bei einem “Weinfest” wider Erwarten keine Tränen fliessen und manchmal etwas hundertmal schiefgehen muss, damit es beim nächsten Versuch endlich gelingt. Radfahren etwa. Oder als sehr kleiner Mann beim Bäcker Brot zu erstehen. Oder das Glück zu finden. Und noch mehr Glück. In Geschichten wie diesen, die so sind wie der, von dem sie erzählen: jaromirsch-einzigartig.
Christine Knödler

Rico, Oskar und die Tieferschatten
Andreas Steinhöfel
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2008, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55551-6
Schlagwörter: Krimi/Thriller

„Eigentlich müsste ich an dieser Stelle wohl erklären, dass ich Rico heisse und ein tiefbegabtes Kind bin. Das bedeutet, ich kann zwar sehr viel denken, aber das dauert meistens etwas länger als bei anderen Leuten.“ So stellt sich Rico seinen LeserInnen vor. Er hat nämlich von Lehrer Wehmeyer die Aufgabe bekommen, über die Ferien Tagebuch zu schreiben: „’Deine Rechtschreibung zieht einem zwar die Schuhe aus, Rico’, sagte er. ‚Aber wie du schreibst, das hat schon was.“
Der Zufall will es, dass Rico über das stolpert, was mancher Berufsautor lange sucht: einen guten Stoff. Berlin wird nämlich gerade von einem Entführer, „Mister 2000“ unsicher gemacht: Er schnappt sich ein Kind und gibt es gegen nur 2000 Euro Lösegeld wieder unversehrt an die Eltern zurück. Rico macht sich Sorgen: ob seine Mutter 2000 Euro locker machen könnte? Doch dann begegnet er Oskar, der sich noch viel grössere Sorgen macht, so grosse, dass er nur mit Helm durch die Stadt geht. Oskar ist hochbegabt, und das, muss Rico bald einsehen, ist auch kein Vergnügen.
In seinem tiefsinnigen Roman spürt Andreas Steinhöfel der Wahrnehmung der beiden Kinder bis tief in die Sprache nach. Dabei lässt er weder Humor noch Spannung zu kurz kommen – er erzählt nicht nur die Geschichte einer sonderbaren Freundschaft, sondern auch einen richtig flotten Kinderkrimi, den Rico und Oskar gerade deshalb lösen, weil ihre Hirnwindungen auf jeweils ganz eigene Weise funktionieren.
Christine Lötscher

Lina mit dem Katzenauge
Sabine Neuffer
Verlag: Dressler, Publiziert: 2008, Seiten: 239, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-1413-X
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Als ob eine Katzenpupille nicht schon genug Katzenähnlichkeit wäre: Genau an ihrem zehnten Geburtstag entdeckt Lina, dass sie anderen Menschen beim Denken zuhören kann. Anfangs glaubt sie begeistert, in Zukunft jede mündliche Prüfung spielend meistern zu können, doch dann muss sie feststellen, dass Gedanken mitzuhören, nicht immer so aufregend ist. Lina bemerkt, wie ihre Mutter zwar das eine sagt, aber etwas anderes denkt. Irgendetwas scheint sie zu bedrücken, und auch die Gedanken ihres Vaters sind undeutlich und wirr. Der Kloss in Linas Hals wird immer dicker, denn wer ist Verena und weshalb zerbricht sich ihr Papa so oft den Kopf über ein Baby?
Das neue Kinderbuch von Sabine Neuffer beschreibt den Prozess der Trennung der Eltern aus der Sicht der kleinen, aber kecken Lina. Sie gibt sich selbst die Schuld an den Problemen ihrer Eltern und meint, ihr Papa möge sie nicht mehr. Doch mit der Zeit verfliegt die Wut und Lina lernt schnell, mit der neuen und ungewohnten Situation umzugehen. Dabei hilft ihr auch ihre neue Freundin Ruth, die ein Katzenherz hat, das alles ganz aus der Nähe fühlt.
Der Wandel Linas vom enttäuschten und wütenden Mädchen zum vernünftigen und verständnisvollen Scheidungskind spielt sich etwas allzu schnell ab und auch die Freundschaft zu Ruth wirkt harmonisierend idyllisch. Trotz alldem ist “Lina mit dem Katzenauge” ein Buch mit vielen einfühlsam beschriebenen Charakteren.
SIBYLLE GERBER

Von Idioten umzingelt
Jeff Kinney
Aus dem Englischen von Collin McMahon
Verlag: Baumhaus, Publiziert: 2008, Seiten: 218, ISBN/ISSN/EAN: 3-8339-3632-0

Kinderbücher, in denen SchülerInnen in ironisch-heiterem bis schnodderig-flapsigem Erzählton aus der Ich-Perspektive von ihrem Schul- und Familienalltag berichten, sind nichts Besonderes mehr. “Gregs Tagebuch. Von Idioten umzingelt” reiht sich da ein und ist trotzdem eine Ausnahme: Zehn Wochen lang hat der Comic-Roman von Jeff Kinney (der genau genommen eigentlich gar kein Comic-Roman ist, sondern allenfalls ein mit comichaften Strichzeichnungen illustriertes Kinderbuch) Verlagsinformationen zufolge auf Platz eins der “New York Times”-Bestsellerliste gestanden. Inzwischen hat das Filmstudio Fox 2000 die Filmrechte erworben, die auf fünf Bände angelegte Reihe soll demnächst auch als realistischer Film ins Kino kommen.
Sonderlich viel Tiefgang besitzt das, was der 13-jährige Ich-Erzähler aus seinem ersten Junior-Highschool-Jahr zu berichten hat, aber nicht. So witzig und amüsant sich Gregs episodenhaft aneinandergereihte Erlebnisse zunächst auch anlassen – was er von seinen beiden lästigen Brüdern, seinem trotteligen Freund Rupert, diesem und jenem mehr erzählt, beginnt aber rasch zu langweilen.
Trotzdem: Der Text, der so gesetzt wurde, dass er wie in Druckbuchstaben mit der Hand in ein liniertes Schulheft geschrieben wirkt, spricht vor allem weniger lesegeübte und -hungrige Jungen an. Die Strichzeichnungen und Sprechblasen, mit denen Greg seine Aufzeichnungen ergänzt, helfen dabei beim Lesen.
Der zweite Band der Reihe erscheint in diesem Oktober. Sein Arbeitstitel: “Gregs Tagebuch 2 – ich darf das!”
Andrea Duphorn

Rabenhaar
Do van Ranst
Aus dem Niederländischen von Andrea Khuitmann
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2008, Seiten: 127, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55446-3
Schlagwörter: Freundschaft

Sie heissen Dorien, Stan, Ben, Victor, Mies und Bram, der Ich-Erzähler, sind zwischen 13 und 14 Jahre alt und wissen, dass die Zeit der gemeinsamen Spiele bald vorbei ist. Ein letztes Mal wollen sie noch ein Gruppenspiel in Angriff nehmen, „etwas Grosses, Anderes und Besseres“ soll es werden. Aber sie haben keine Idee. Bis Rabenhaar in der Tür steht – das Mädchen mit dem Kopftuch, das aus Marokko stammt – und vorschlägt, Hochzeit zu spielen. Bram soll der Bräutigam sein, Rabenhaar die Braut. Das Ja-Wort wird, weil Rabenhaar es in einem Film so gesehen hat, auf einer Wiese gegeben, dann machen sich alle an die Vorbereitungen zum Fest.

Do van Ranst erzählt von der Zuneigung Brams zu Rabenhaar, die er nicht richtig zeigen darf, weil er sich vor seinen Kollegen schämt; sie erzählt von Rabenhaar, die einen strengen Vater hat, der ihr das Zusammensein mit der Clique verbietet und sie mit einem fremden Mann verheiraten will; und sie erzählt vom Abschied aus der Kindheit, den die Jugendlichen bei ihrem Hochzeitsspiel auf Schritt und Tritt spüren. Nichts mehr wird so unbefangen und locker sein wie früher. Aber Rabenhaar weiss am Schluss der Geschichte mit Sicherheit, dass sie ihren eigenen Weg gehen wird – und Bram will sie begleiten.

Christine Tresch

Herr Grinberg & Co.
Gila Lustiger
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2008, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5299-8
Schlagwörter: Alltag | Philosophie

Eine Geschichte vom Glück

Wie fängt sie an – eine Geschichte vom Glück? Mit ziemlich viel Unglück. Oder was sollte ein Glück sein daran, dass Pauls geliebte Grossmutter stirbt? Dass er nicht weiss, wohin mit seiner Verzweiflung? Was sollte ein Glück sein daran, dass die dicke Tina von allen gehänselt wird, dass sie das Leben satt hat – und zwar gründlich? Und was, bitte, sollte das Glück sein daran, dass Herr Grinberg, dieser wunderliche alte Herr, nicht nur seine Perle im Haus, Mirabella, geflissentlich übersieht, sondern auch die Kinder vor seiner Nase – allen voran Paul, der ihn so dringend bräuchte?
Und doch sind diese Fragen und erheblichen Unglücksfälle der Anfang einer Geschichte vom Glück; eine, wie es sie in dieser Form, in dieser Leichtigkeit und Tiefe lange nicht zu lesen gab. Das liegt nicht nur an Herrn Grinberg & Co. an Mathilda etwa, die gerne mal Schicksal spielt und dazu keinen Geringeren anruft als den, nein, die “Rabbijesusmariaallahbuddhagott!” Gila Lustiger erzählt vom Leben. Und um die Wette. Mit schier unbändiger Fabulierlust und so viel Herz wie Witz; voller Glaubenssätze, Erfahrungsschätze, Lebensweisheiten, poesiealbumreif; mit Fussnoten, Gedanken-, Perspektivsprüngen und, nicht zuletzt, einem Buch-im-Buch, in dem Kinder seit Generationen ihren Kummer loswerden. Bis ein trauriger Junge mit seiner Trauer nicht mehr alleine ist, ein alter Herr endlich seiner Mirabella schöne Augen macht. Und eine Geschichte vom Glück ausgesprochen glücklich endet.
Christine Knödler

Seidenraupen für Jin Ling
Beijia Huang
Aus dem Chinesischen von Barbara Wang und Hwang Yi-Chun
Verlag: NordSüd Reihe Baobab, Publiziert: 2008, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-01568-2
Schlagwörter: Schule

Jin Ling ist ein Mädchen, das alle mögen – sie ist elf Jahre alt, hat ein kugelrundes Gesicht, lacht gern und ist auch ein bisschen träumerisch. Aber Jin Ling hat es nicht leicht. Für Ihre Eltern gibt es nichts Wichtigeres als die Aufnahmeprüfung in die Mittelschule. Denn nur wer die Prüfung besteht, hat Aussichten auf eine gute schulische Laufbahn. Und das heisst für Jin Ling, dass sich ihr ganzes Leben um Noten und um Hausaufgaben dreht. Besonders Mathematik ist ein Problem: Wenn die Aufgaben Dezimalzahlen oder Bruchrechnungen enthalten, bekommt Jin Ling Kopfschmerzen, noch bevor sie zu rechnen begonnen hat. Da hilft auch nichts, dass Mutter und Vater stundenlang mit ihr rechnen, die Grossmutter mit Fisch und Garnelen Jin Lings Hirn zu stärken versucht und ein Nachhilfelehrer sich mit ihr abmüht, denn eigentlich glaubt Jin Ling selbst nicht, dass sie rechnen kann. Doch mit einem Mal ändert sich alles. Den Seidenraupen, die Jin Ling aufzieht, geht eines Tages das Futter aus. Die Maulbeerblätter, die sie fressen, sind nirgends aufzutreiben, und Jin Ling ist schon ganz verzweifelt. Da entdeckt sie nach langem Suchen in einem fremden Garten einen Maulbeerbaum, steigt über das Gartentor und trifft dort auf die uralte Frau Sun, eine ehemalige Lehrerin. Grossmutter Sun, wie sie Jin Ling nennt, trifft mit ihr eine Verbeinbarung: zehn Maulbeerblätter gegen eine halbe Stunde Mathematik – und plötzlich verbessern sich Jin Lings Noten … Ein Buch über die Schulnöte eines aufgeweckten Mädchens in China, das keineswegs so weit weg und so fremd ist, wie man denken möchte.
Christine Holliger

Träume für Verrückte
Faïza Guène
Aus dem Französischen von Anja Nattefort
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2008, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58186-X

“Die schönsten Geschichten sind die, die schlecht anfangen”, findet Ahlème. Gründe, zu hoffen, dass alles eines Tages einfacher wird, hat sie genug: Ihr Vater ist seit einem Unfall geistig verwirrt, der jüngere Bruder verbringt seine Freizeit mit Kleinkriminellen und die Mutter ist schon lange tot – umgebracht worden in Algerien, damals, als Ahlème noch ein kleines Mädchen war. Jetzt ist sie vierundzwanzig, lebt in einem tristen Pariser Vorort und schlägt sich mit immer wieder neuen Gelegenheitsjobs durch. Ansonsten trifft sie sich mit ihren Freundinnen, schreibt ab und zu eine kleine Geschichte, schimpft über Jobvermittlungsangestellte und Behörden, geht gerne ins Café – Ahlèmes Alltag. Sie meistert ihn mit einer gehörigen Portion Sarkasmus; und dass sie im Austeilen ebenso hart ist wie im Nehmen, ist wohl pure Überlebenstaktik.
Zum Glück ist da noch Tantie, Nachbarin und Ersatzmutter, die immer einen weisen Rat auf Lager hat und mit der Ahlème selbst über die fiesesten Ränke des Schicksals lachen kann. Denn dass sie sich ausgerechnet in den Jugo mit dem Silberzahn verliebt, macht ihr Leben auch nicht einfacher.
Sehr direkt und unzimperlich ist die Erzählweise von Faïza Guène, die Geschichte liest sich leicht und ist unterhaltsam. Doch irgendwie bleibt am Ende des Buches nicht viel übrig, man hat es gern gelesen und wahrscheinlich auch bald wieder vergessen.
Patricia Morganti

Wolkenauge
Ricardo Gómez
Aus dem Spanischen von Katharina Diestelmeier
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2008, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-34720-5
Schlagwörter: Behinderung | Kulturen

Als Wolkenauge nach fünfzehn Tagen zum ersten Mal die Augen öffnet, sind fast alle Mitglieder des Crow-Stammes geschockt: Seine Augen sind so weiss, “als hätten sich der Schnee oder die Wolken hinter seinen Lidern verfangen”. Das Crow-Baby ist blind. Und “ein blinder Crow war eine Last für den Stamm (…) Deshalb verurteilte unter den Crow auch niemand den Vater, der ein blindes Kind aussetzte.” Doch Blühende Tanne weigert sich, ihren Sohn auszusetzen, stattdessen verspricht sie: “Ich werde seine Augen sein.” Die junge Mutter widmet ihrem Sohn viel Zeit. Immer wieder erzählt sie Wolkenauge die Sagen und Geschichten seines Stammes, versucht ihm die Welt um ihn herum so genau wie möglich zu beschreiben, ihn für Geräusche und Gerüche zu sensibilisieren. Schon bald zeigt sich, dass Wolkenauge ein ganz besonderes Kind ist, er kann besser “sehen” als die meisten Sehenden. Als Jahre später weisse Jäger ins Territorium der Indianer eindringen und ein Bison-Massaker nach dem anderen anrichten, bewahrt Wolkenauge den Stamm vor Schlimmerem. Zumindest fürs Erste…

Mal ganz in der blumigen Sprache der Crow-Indianer, dann wieder einfach und beinahe nüchtern erzählt der spanische Autor Ricardo Gómez aus dem Leben eines Indianerstammes in Montana, dessen Alltag im 19. Jahrhundert weitgehend von den Jahreszeiten bestimmt wurde. “Wolkenauge” gewährt einen faszinierenden Einblick in die Lebenswelt der Crow, ihre Bräuche und Traditionen, ihr Bemühen, im Gleichklang mit der Natur zu leben. Jesús Gabán hat das 2006 mit dem spanischen Kinderbuchpreis “Barco de Vapor” ausgezeichnete Buch mit atmosphärischen Schwarz-Weiss-Zeichnungen versehen, die nicht minder verzaubern.

Andrea Duphorn

Tobie Lolness
Timothée de Fombelle
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel und Sabine Grebing
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2008, Seiten: 378, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5149-5
Schlagwörter: Natur | Fantastik/Fantasy

“Tobie war anderhalb Millimeter gross, nicht viel für sein Alter. Nur seine Fussspitzen ragten aus dem Rindenloch. Er rührte sich nicht. Die Nacht hatte sich über ihn gestülpt wie ein Wassereimer.”
Auch wenn man sich die Nacht schwerlich als einen Wassereimer vorstellen kann, der erste Satz zieht in Bann, der Köder ist ausgelegt – und man schluckt ihn, erst zögerlich, dann zunehmend fasziniert. Timothée de Fombelle entwirft ein mikroskopisch kleines Universum, angesiedelt auf einer Eiche.
Der winzig kleine Dreizehnjährige befindet sich als (Baum-)Staatsfeind auf der Flucht vor dem grausamen Rüsselkäferzüchter Jo Mitch und dessen Schergen. In Rückblenden erfährt man mehr von seinem vorherigen harmonischen Leben mit den Eltern in der Krone des Baumes. Tobies Vater, ein Wissenschaftler und Philosoph, will seine neue geniale Erfindung nicht herausrücken und fällt bei den Baumbewohnern in Ungnade. Die Familie muss in die unwirtlichen Niederen Äste flüchten und schlägt sich, fern der Heimat, mehr schlecht als recht durch. Jo Mitchs grössenwahnsinniges Gebaren wird mehr und mehr zur Gefahr für das Ökosystem des Baumes. Schliesslich lässt er Tobies Eltern, seine ewigen Widersacher, verhaften und zum Tode verurteilen. Ob Tobie sie retten kann? Der zweite Band wird es zeigen…
Mit einem ausgeprägten Sinn für Dramatik, aber auch Romantik, und einer Detailversessenheit sondergleichen jagt der Autor seine LeserInnen durch die Äste des Baumuniversums, kongenial unterstützt durch die zahlreichen Winzigbilder des Illustrators François Place. Der französische Theaterautor hat mit seinem ersten Roman ein ganz neues Genre erfunden: den Öko-Action-Mikro-Fantasy-Roman für junge LeserInnen – ein prächtiges Lesevergnügen für alle ab zwölf Jahren.
Maja Mores

Cosmo Hill
Eoin Colfer
Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet
Verlag: List, Publiziert: 2008, Seiten: 287, ISBN/ISSN/EAN: 3-471-77281-2
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Satellite City, die Stadt der Zukunft, ist ein Moloch. Giftiger Smog und Metall prägen die Szenerie, Bandenkriege sind an der Tagesordnung, und wer keinen Sponsor hat, steht mit einem Bein im Sarg. Wie Cosmo Hill, der in einem finsteren Waisenhaus seine Tage fristet. Doch dann gelingt ihm die Flucht, und er schliesst sich den Supernaturalisten an. Mit ihnen macht er Jagd auf geisterartige Parasiten, welche den Menschen scheinbar ihre Lebensenergie aussaugen. Plötzlich gleicht sein Leben einer Achterbahn – ohne Sicherheitsgurt.
Eoin Colfer, der Erfinder von “Artemis Fowl”, ist ein genialer Erzähler. Mit grosser Liebe zum Detail entwirft er eine düstere Zukunftswelt, die in vielen Aspekten den logisch nächsten Schritt zu unserer eigenen darstellt. Dabei wirkt die Erzählung jedoch nie bemüht pädagogisch oder verkrampft durchgeplant, sondern zieht die LeserInnen mit dem Sog einer guten Story einfach in die Welt von Cosmo Hill hinein. Die Geschichte, die sich dann entwickelt, enthält genau die richtige Mischung aus Tiefsinn, Romantik, Technoaction, überraschenden Wendungen und griffiger Spannung, um das Lesen zum ausgesprochenen Genuss zu machen. Die deutsche Übersetzung von Karl-Heinz Ebnet wird Colfers oftmals frech-frischen Sprache dabei wirklich gerecht. Wir brauchen mehr “Cosmo Hills”! Wir brauchen mehr Eoin Colfers!
Christian Kölzer

Der Tag, als Johnny Kellock starb
Hadley Dyer
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2008, Seiten: 164, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58187-8
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Es gibt Geschichten, die sofort Assoziationen heraufbeschwören, Erinnerungen an andere Bücher oder Filme. Hadley Dyers “Der Tag, als Johnny Kellock starb” ist so eine. Die Hitze, der Sommer 1959, die kanadische Kleinstadt – der Roman beschreibt eine ähnliche Atmosphäre wie Stephen Kings später unter dem Titel “Stand by me” verfilmte Novelle “Die Leiche”. Die zwölfjährige Rosalie erzählt aus der Retrospektive von diesem besonderen August im Jahr 1959, in dem ihr Cousin plötzlich von der Bildfläche verschwand. Gemeinsam mit dem “Totengräber”, einem mutterlosen Jungen aus der Nachbarschaft, der sich ein Zubrot als Friedhofsgärtner verdient, macht sie sich auf die Suche nach Johnny – wobei ihre kriminalistischen Fähigkeiten zu wünschen übrig lassen. Ihr Nachbar ist es, der ihr immer wieder entscheidende Hinweise gibt und ihr dabei hilft, nicht nur über Johnny etwas herauszufinden, sondern über ihre ganze Familie. Ganz allmählich erschliesst sich dabei auch den LeserInnen, dass es gar nicht primär um einen Ausreisser geht, sondern um Alkoholismus, Misshandlung und einen ganz besonderen Familienzusammenhalt.
Hadley Dyers erstes Kinderbuch ist recht anspruchsvoll. Nicht immer erschliessen sich den LeserInnen die Hinweise über eine Welt, die von der Lebenswirklichkeit heutiger Jugendlicher doch sehr weit entfernt ist. Man muss bereit sein, sich auf eine langsam voranschreitende Handlung einzulassen und die oft leise eingeflochtene Komik und Tragik aufzunehmen, um den wahren Wert dieses Romans ganz zu erkennen. Zweifelsfrei ein Buch, das auch Erwachsene ansprechen wird.
MAREN BONACKER

Murus
Martina Wildner
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2008, Seiten: 413, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5300-5
Schlagwörter: Politik | Fantastik/Fantasy

Jojos Welt wird von einer grossen Mauer geteilt. Niemand weiss genau, wie hoch sie ist, doch alle sagen, dass sich hinter ihr das Nichts befindet. Als Jojo und seine Mutter jedoch eines Nachts auf der Strasse die bewusstlose Lotte finden, beginnt eine Geschichte, die sein eigenes Schicksal mit dem von Lotte und mit dem der Mauer verbindet. Denn es wäre möglich, dass Lotte von der anderen Seite der Mauer stammt…
So sehr Martina Wildners Roman über Trennung und Wiedervereinigung ein nach wie vor bedeutsames Thema behandelt: Ihre Erzählung ist schlicht zu wirr, um einen fantastischen Weg über die Mauern im Denken und Leben aufzeigen zu können. Die Geschichte wirkt wie die Ausformulierung des Wortfeldes zum Begriff “Mauer”, wobei die vielen Elemente in oftmals willkürlich anmutender Weise miteinander verknüpft sind. Spannung kann so kaum entstehen.
Die Idee, die Story von zwei gegenüberliegenden Seiten her zu erzählen (der zweite Grossabschnitt des Romans wartet mit einem Perspektivenwechsel auf), ist zwar gut, kann aber aufgrund der Langatmigkeit eben jenes zweiten Teils nicht begeistern. Insgesamt bleibt die Geschichte ärgerlich unentschlossen, sowohl, was ihre vielfältigen Anspielungen auf die islamische Kultur angeht, als auch hinsichtlich der Bedeutung und Zukunft der Mauer. Falls dies auf eine Fortsetzung hindeuten sollte, so wäre dort viel Erklärungsarbeit zu leisten.
Christian Kölzer

Der Mann, der barfuss lief
Paul Rambali
Aus dem Englischen von Birgit Schmitz
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2008, Seiten: 400, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58172-X
Schlagwörter: Sport

Die Geschichte des Abebe Bikila

Die Geschichte des Abebe Bikila beginnt in einem Krankenhaus, und Paul Rambali, der in Paris lebende Autor und Musikjournalist, erzählt sie so packend, dass man die vierhundert Seiten am liebsten in einem Rutsch durchlesen würde. Nach einem Autounfall ist der äthiopische Marathonläufer Bikila – nach zwei Olympiasiegen in Folge zum Volkshelden geworden – querschnittgelähmt ans Bett gefesselt. Als liesse er sein Leben noch einmal Revue passieren, führt Rambali seine LeserInnen in die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zurück, als Abebe, Sohn eines Ziegenhirtes, dreizehn Jahre alt war und sich nach Addis Abeba durchschlug, um Soldat zu werden.
Abebe Bikila hat Glück. Er wird in die Kaiserliche Leibgarde aufgenommen, die Elitetruppe der äthiopischen Armee. Und trifft auf Onni Niskanen, den finnischen Major, der für die körperliche Fitness der Kadetten verantwortlich zeichnet und das Talent des jungen Mannes schon bald erkennt und ihn fördert.
“Der Mann, der barfuss lief” ist mehr als ein biografischer Roman. Er führt in die Pionierzeiten der afrikanischen Leichtathletik zurück, erzählt ein Stück Sport- und Olympiageschichte, von der Ära des äthiopischen Kaisers Haile Selassie I, dem zähen Ringen Afrikas um die Anerkennung durch die westliche Welt, mehr Unabhängigkeit – nicht nur auf dem Gebiet der Leichtathletik…
Ein aufwendig recherchiertes und prächtig aufgebautes Buch, das die Zusammenhänge zwischen Sport und Politik, Geschichte und aktuellem Weltgeschehen aufzeigt und dabei doch so lebendig vom Alltag der afrikanischen Läufer und Trainer erzählt, dass man sie auf ihren täglichen Trainingsläufen zuweilen beinahe wie bei einer Liveübertragung vor sich zu sehen glaubt.
ANDREA DUPHORN

Jane Goodall & Dian Fossey
Maja Nielsen
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2008, Seiten: 62, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-4842-7

Unter wilden Menschenaffen

Zwei Frauen widmen ihr Leben den Affen. Jane Goodall erforschte in den Sechziger jahren des letzten Jahrhunderts am Tanganjikasee das Leben der Schimpansen und fand unter anderem heraus, dass sie Fleischfresser sind und Werkzeuge benutzen, um an ihre Nahrung heranzukommen. Goodalls Erkenntnisse revolutionierten die Evolutionsforschung. Die Schimpansen, erkannte sie aber auch, sind den Menschen nicht nur im Gebrauch von Werkzeugen sehr ähnlich, sondern auch in der Art und Weise, wie sie territoriale Ansprüche verteidigen.
Dian Fossey, war fast gleichzeitig wie Goodall im Grenzland von Kongo, Uganda und Ruanda dem Leben der Berggorillas auf der Spur. Sie erforschte ihren Lebensraum, ihr Sozialverhalten, ihren Sinn für Familie.
Beide Frauen bauten Forschungsstationen auf. Goodall musste ihr Forschungszentrum nach Ausbruch des Bürgerkriegs in Ruanda verlassen. Dian Fossey kämpfte weiter einen erbitterten Kampf gegen die drohende Ausrottung der Berggorillas. Im Dezember 1986 wurde sie in ihrer Hütte ermordert, wahrscheinlich von aufgebrachten Viehhirten oder Wilderern. Aber ihr Lebenswerk war nicht umsonst: Die Zahl der Berggorillas ist heute grösser als vor zwanzig Jahren und die Tiere sind heute, wie Nielsen schreibt, eine Art Glücksbringer für die ruandische Bevölkerung.
Auch in diesem Band der Reihe “Abenteuer & Wissen” versteht es die Autorin, Lebensgeschichte(n) und Wissen zu einer dichten, lebendigen Erzählung zu verknüpfen. Und das Hörbuch, das gehört zum Konzept der Reihe, wartet mit zusätzlichem Material auf: So erzählt Jane Goodall selber, wie sie zu ihrer Passion gekommen ist. Buch und Hörbuch sind ein Muss für Affenfans ab zehn Jahren.
Christine Tresch

Ohne Musik ist alles nichts
Rudolf Herfurtner
Verlag: Hanser, Publiziert: 2008, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20981-6
Schlagwörter: Musik

Musik ist Herzenssache, gerade da, wo Worte aufhören; seit Menschengedenken ein weites Feld auf der Suche nach Ausdruck in allen Tonlagen; und längst immenses Wissensgebiet. Wie also sich ihr nähern? Rudolf Herfurtner folgt einem bekennend subjektiven Ansatz: seiner eigenen Verbundenheit zur Musik, mit dem, was er am besten kann – Geschichten erzählen.
Von den Anfängen bis heute schlägt er den Bogen chronologisch, erzählt, wie die Musik in die Welt kam, wie Noten, Notenschrift, Instrumente entstanden (weil ein ungezogener Götterbub die Leier erfand), zitiert Mythen und Legenden (die des Sängerkriegs etwa, die später im “Tannhäuser” Operngeschichte machen wird), skizziert durch die Epochen die Entwicklung neuer Formen und Gattungen, setzt virtuos Schwer- und Kontrapunkte, zeigt anhand von (Lebens-)Geschichten grosser Musiker und Werke, was Musik ausmacht, und hat dabei immer auch deren Wirkung im Blick: ihre Funktion, zuweilen Zwänge, vor allem Möglichkeiten. Denn ob Bachs Oratorien, Beethovens Sinfonien, Wagners Opern, Presleys Hits oder Cages Stille, ob Erfolgsgeschichte oder eine vom Scheitern: Ohne Musik ist alles nichts. Das ist das Credo einer Musikgeschichte-in-Geschichten, die auch Kulturgeschichte ist. Fundiert, reich an Anekdoten und Fakten, mit ausgesuchten (Hör-)Beispielen auf CD, ohne jede Fachsimpelei eine mitreissende Ouvertüre mit unverkennbarem Tenor: lesend, hörend, musizierend das weite Feld der Musik selbst weiter zu erkunden.
Christine Knödler

Junge Dichter und Denker
Martin Beyer
Verlag: edelkids, Publiziert: 2008, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-89855-712-X

Rap trifft Goethe & Co.

Jahrelang quälen sich unzählige Kinder durch langweilige Deutschstunden mit Gedichten, die sich zwar hübsch anhören, aber kaum verständlich sind, geschweige denn “einfahren”. Werke von alten Dichtern, die zudem mausetot sind. Da kommt ein aufgewecktes Mädchen auf die Idee, Gedichte in Sprechform zu singen, um sie sich besser einzubläuen, und stellt mit Erstaunen fest, wie viel Spass das macht. Andere Kinder tun es ihr begeistert nach: Der Club der Jungen Dichter ist geboren. Die Gruppe rappt sich fortan durch die deutschen Klassiker, die sich, so aufgemöbelt, weder verstaubt noch langweilig präsentieren. Denn in den Geschichten der alten Meister ist was los. Da gruselt, kracht und knallt es, der Funke springt über. Aber auch Poesie in sanfter Form hat durchaus Platz und rührt ans jugendliche Gemüt.
Als 2005 der deutsche Starrapper Thomas D. seine Mitarbeit zusagt, kommt Schwung (und Musikbegleitung) in das Projekt, das sich rasant entwickelt und auch die letzten Lyrik-Muffel mitreisst. Das hätte sich wohl keiner der alten Meister wie Goethe, Schiller, Heine, Fontane, und weitere bekannte Grössen je gedacht, dass Kinder sich auf solche Weise an ihren Werken vergreifen! Gefreut über die Wertschätzung hätten sie sich aber bestimmt alle, und ein Umdrehen im Grab bleibt ihnen garantiert erspart.
Der Autor stellt jedoch nicht nur die Junge-Dichter- und Denker-Gruppe, ihr Repertoire und die Dichter vor, auch Mitläuferaktivitäten wie Poetry-Slam, Breakdance, Hip-Hop, B-Boying und Graffiti werden kompetent unter die Lupe genommen. Bedeutende Rapper – die heutigen Dichter der Welt der Jungen – werden vorgestellt. Abgerundet wird das dichte Werk mit poppigen Illustrationen, mit einer Audio-CD und ganz wichtig: einem Register mit ausführlichen Angaben zu allen erwähnten Aktivitäten: das ultimative Musik-Sprachbuch für aufgestellte Schulstunden.
GIOVANNA RIOLO

Klee
Christophe Badoux
Verlag: Edition Moderne, Publiziert: 2008, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 2-882-58458-X
Schlagwörter: Kunst

Das Zentrum Paul Klee versteht sich als ein interdisziplinäres Kulturzentrum, dem auch die Kunstvermittlung an Kinder ein grosses Anliegen ist. Daher hat es den Zürcher Comic-Zeichner Christophe Badoux damit beauftragt, Paul Klees Leben und Schaffen in einem Comic für Kinder und Jugendliche zu erzählen.
In seinem klassischen, an “Tim und Struppi” geschulten “ligne claire”-Stil zeichnet der Zürcher Comic-Zeichner und Illustrator Christophe Badoux die wichtigsten Stationen von Paul Klees Biografie nach: Die Jugend in Bern, die Studienzeit in München, die grosse Liebe zu seiner späteren Frau Lily, die Bekanntschaft mit Kandinsky, die zum Engagement in der Gruppe “Der blaue Reiter” führte, Klees Tunisreise, der Erste Weltkrieg, die Jahre am Bauhaus in Weimar und später in Dessau, die Flucht aus Nazideutschland und Klees Aufnahme in die legendäre Ausstellung “Entartete Kunst”, Picassos Besuch – und schliesslich die Jahre der Krankheit, als Klee noch einen wahren Schaffensrausch erlebte.
Die geschickte Mischung aus informativen Off-Texten, Dialogen und den präzisen, stimmigen und doch angenehm zurückhaltenden Zeichnungen vermittelt ein gutes Bild von Klee, seiner Kunst und nicht zuletzt auch dem künstlerischen und gesellschaftlichen Kontext seiner Zeit. Über Klees Privatleben und Kunst hinaus vermittelt Badoux’ Comic auf anschauliche Weise einiges auch über die politischen Wirren dieser Zeit, über die mörderischen Kriege in Europa, über die künstlerischen Avantgarden und auch die Aufbruchsstimmung in der Wissenschaft. Diese erfreulicherweise nie pedantische Vielschichtigkeit macht aus “Klee” eine auch für Erwachsene angenehme Lektüre.
Christian Gasser

Drachenmonat
Åke Edwardson
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2008, Seiten: 333, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55539-7
Schlagwörter: Geschwister | Freundschaft | Krankheit

Kenny ist ein Samurai; dafür hat er seinen Namen – eigentlich heisst der dreizehnjährige Junge Tommy – und sein alten Leben abgelegt. Jetzt prügelt er nicht mehr, sondern hat die Kontrolle über sich, genau wie die Samurai. Seine Lebenssituation hat sich allerdings so zugespitzt, dass er trotz allem keinen Ausweg mehr sieht: seine Mutter, mit der er allein lebt und um die er sich auch in den besseren Zeiten kümmern muss, fällt in eine tiefe Depression und wird in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Nicht besser geht es seiner Freundin Kerstin: Seit ihr Vater verschwunden ist, trinkt ihre Mutter so stark, dass das Jugendamt Kerstins jüngeren Bruder bei einer Pflegefamilie untergebracht hat.
„Drachenmonat“ ist die Fortsetzung von „Samuraisommer“, einem sozialkritischen Roman mit Thrillerelementen, in dem Edwardson die Verhältnisse in einem Sommercamp für sozial benachteiligte Kinder anprangert. Jetzt ist es die Angst vor dem Jugendamt, das Kenny und Kerstin zu einer unüberlegten Aktion treibt: Sie hauen ab. Lakonisch und ganz nahe an der Wahrnehmnung seiner jugendlichen ProtagonistInnen erzählt der Autor, wie es den beiden auf der Strasse ergeht – und wie sie am Ende nur noch eins wollen: nach Hause.
Christine Lötscher

Die erste Liebe nach 19 vergeblichen Versuchen
John Green
Aus dem amerikanischen Englisch von Sophie Zeitz
Verlag: Hanser, Publiziert: 2008, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-23091-0
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft | Liebe | Identität/Individualität

„Am Morgen nachdem das anerkannte Wunderkind Colin Singleton seinenHighschool-Abschluss gemacht hatte und ihn zum neunzehnten Mal in seinem Leben ein Mädchen namens Katherine sitzen liess, legte er sich in die Badewanne.“ Der amerikanische Autor John Green beginnt seinen Roman an dem Punkt, der für Colin das Ende zu bedeuten scheint. Zwra kommt er irgendwann wieder aus der Badewanne raus und zieht, dank der Hartnäckigkeit seines Freundes Hassan, sogar auf Abenteuerfahrt. In Gutshot, Tennessee, werden die beiden von der Fabrikantin Hollis Wells und ihrer Tochter Lindsey Lee herzlich aufgenommen und auch gleich mit einem Oral-History-Auftrag betraut; sie sollen über die Sommerferien alle aktiven und ehemaligen Fabrikarbeiter interviewen. Während die Vergangenheit von Gutshot dokumentiert wird, versucht Colin, sein eigenes Leben überschaubar und berechenbar zu machen, mit Hilfe der Mathematik. Er arbeitet an einer Formel, die voraussagen soll, wer von zwei Verliebten die Beziehung beenden wird und wann. Schlimmer, als verlassen zu werden, ist für ihn aber die Angst davor, aus dem Wunderkinddasein herauszuwachsen, ohne ein Genie geworden zu sein. Die ganzen Bücher, die er gelesen hat, die ganzen Fakten, die er auswendig kann, helfen ihm nicht weiter, was John Green mit viel Humor und noch mehr Fussnoten deutlich macht. Doch in Gutshot, dem Kaff am Ende der Welt, überschlagen sich die Ereignisse. Und Colin lernt das, was ihm immer gefehlt hat: Erzählen – sich selbst immer neu erfinden, die eigene Geschichte immer wieder umschreiben.

Christine Lötscher

Mistik Lake
Martha Brooks
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Verlag: dtv, Publiziert: 2008, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-62350-6
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Auch wenn in Odellas Familie nicht gerade eitel Sonnenschein herrscht – als die depressive, alkoholabhängige Mutter eines Tages ihre Koffer packt, den Vater verlässt und mit einem anderen Mann nach Island auswandert, bricht für die 15-Jährige und ihre beiden jüngeren Schwestern eine Welt zusammen. Die Mutter verunglückt kurz darauf bei einer Klettertour tödlich, jetzt haben die drei Schwestern keine Chance mehr, sich mit ihr auszusöhnen. Vor allem Odella, die rasch in die Rolle einer Ersatzmutter gedrängt wird, trifft das hart. Ist sie mit der Mutter doch im Streit auseinandergegangen. Mit ein Grund, warum sie wenig später beschliesst, ihre Ferien in Mistik Lake zu verbringen. Jenem Ort, in dem die Mutter aufgewachsen ist und als Jugendliche als Einzige einen tragischen Unfall überlebte. Die Begegnung mit Menschen, denen sie als hübsche und lebenslustige junge Frau in Erinnerung geblieben ist, – und ihre erste grosse Liebe – helfen Odella, Frieden und einen neuen Anfang zu finden.
In einem Interview hat Martha Brooks einmal gesagt, dass sie jedes Buch an Orte führe, von denen sie niemals erwartet hätte, sie zu erreichen: „Ich konstruiere keine Handlung. Die ganze Energie steckt im Innenleben der Charaktere und ihrer Umgebung. Das gilt auch für „Mistik Lake“. Dabei lässt die Autorin nicht nur Odella zu Wort kommen, die aus der Ich-Perspektive erzählt. Mit deren Grosstante Gloria und Jimmy, in den Odella sich verliebt, setzt sie zwei weitere Protagonisten kapitelweise als Erzähler ein. Da die Autorin dabei keinem starren Schema folgt und auch zeitlich vor und zurück springt, ist es – gerade zu Beginn – nicht immer einfach, das Erzählte einzuordnen. Einem Puzzle gleich fügt sich aber mit fortschreitender Lektüre die mehrere Generationen umfassende Geschichte von Odellas Familie Stück für Stück zusammen.
Eine ebenso vielschichtige wie stimmungsvolle Lektüre, die am Ende mit einer überraschenden Wende aufwartet und so fesselnd erzählt ist, dass man sich ihr auch beim zweiten oder dritten Lesen nicht zu entziehen vermag.
Andrea Duphorn

Eine Schwester aus heiterem Himmel
Guido Bottinga, Illustration: Marije Tolman
Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
Verlag: Dressler, Publiziert: 2008, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-2675-1
Schlagwörter: Identität/Individualität | Familie/Familienformen

Der holländische Autor schafft schon in seinem ersten Kindertext, was Erwachsenen so schwer fällt: die Welt aus der Perspektive eines Erstklässlers zu sehen, dem sich Halbwissen, Phantasie und Wunschvorstellungen noch ganz selbstverständlich mit der Wirklichkeit vermischen. Glaubhaft und aus nächster Nähe erleben wir mit, wie Tjebbe buchstäblich „aus heiterem Himmel“ eine kleine Schwester bekommt: Sie kommt nämlich mit dem Flugzeug aus China und „hat keine El-tern, die sich um sie kümmern“. Tjebbe versteht, dass seine Eltern sie aufnehmen, damit sie „wieder Eltern“ hat „und ausserdem einen grossen Bruder“, und ist stolz. So, wie die kleine Yu-Lin gleich liebevoll eingebettet wird in ihre neue Familie – ohne dass die Schwierigkeiten der Eingewöhnung und die gelegentlich unschönen Reaktionen der Umgebung verschwiegen werden –, ist auch diese grosse Veränderung in Tjebbes Leben eingebettet in seinen Alltag, in dem es Spielkameraden gibt und Nachbarn, Ausflüge und Schulstunden, das festliche Weihnachtsspiel, das neue Meerschweinchen und erste Fussballtrainings. Und schliesslich das Erlebnis der eigenen Identität: Tjebbes wunderbare Entdeckung, „Ich bin ich“ sagen zu können und zu spüren, wie gut das tut.
Verena Stössinger

Adams gesammelte Katastrophen
Torun Lian
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Verlag: Dressler, Publiziert: 2008, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-1189-4
Schlagwörter: Freundschaft | Aussenseiter:in/Mobbing

„Hart im Nehmen“ sei er und „schwer zu knacken“, meint die Mutter, weil er so wenig redet und sich nie wehrt, selbst wenn er angegriffen, manipuliert oder gedemütigt wird – dabei versucht Adam doch nur, niemanden zu reizen und möglichst unsichtbar zu sein. Dass er ein Mobbing-Opfer ist, wie „Monster-Eva“, die Neue in der Klasse, behauptet, findet er nicht: Eva ist es doch, die von den anderen geplagt und übersehen wird! Und ausserdem muss sie ständig zur Psycholo-gin, weil sie eine Krankheit hat, die „Fehlanpassung und Aggressionshemmung“ heisst …
Torun Lian erzählt, wie sich zwischen Adam und Eva – trotz ihrer Namen, dieser „totalen Katast-rophe“, und obwohl er erst panische Angst vor ihr hat – langsam eine Freundschaft entwickelt und Adam seinen Gefühlspanzer ein wenig lockert, sich für sich selber zu wehren beginnt. Daneben aber hält der Text auch den Erwachsenen einen Spiegel vor und zeigt Eltern, die ihre Probleme den Kindern aufladen, wie Adams Mutter, die immer gleich „Ausschläge“ bekommt, wenn sie sich aufregen muss, und Lehrpersonen und Psychologen, die mit Diagnosen schnell zur Hand sind, den Kämpfen, Listen und Übergriffen der SchülerInnen aber wenig entgegen zu set-zen haben, ja, sie am liebsten ignorieren.
Verena Stössinger

Mayas Handtäschchen
Franz Hohler, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2008, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7941-5201-8
Schlagwörter: Freundschaft | Märchen/Fabel

Hadbiakaprjanoschwilibaitalgarianz. So heisst die Dame. Mit Vornamen Maya. Frau Hadb…, also Maya, betritt eines ganz normalen Alltages ein Brockenhaus auf der Suche nach einem orientalischen Kochbuch, kauft stattdessen ein Handtäschchen, abgenutzt und mit einem verrosteten Schloss. Wie Maya das Täschchen öffnet, enthüllt es ihr einen unbekannten Duft – Kamelhaar? Dattelblüten? – sowie einen Spiegel, aus dem ihr das Gesicht Sumayas entgegenlächelt. Sumaya? Die fremde Frau hilft Maya nicht nur beim Kochen, über sie findet sie auch noch das zweite und das dritte Handtäschchen, welches sie durch einen Duft aus Zedernholz – oder war es Myrrhe? – direkt in ein Land aus flimmernder Hitze und goldenen Hügeln führt. Dank den Koch- und anderen Künsten, die Maya gelernt hat, schafft sie es bis zum schlafenden Prinzen im Palast auf dem Hügel, kommt am bösen Zauberer vorbei und, wie es sich gehört für ein Märchen, denn in ein solches hat sich Maya längst verstrickt, endet die Geschichte mit – nein, nicht einer, sondern gleich zwei Hochzeiten. Und der Prinz heisst von nun an, ähm – Hadbiakaprjanoschwilibaitalgarianz.
Franz Hohler erzählt uns eine betörende Geschichte und hat den Mut, ganz und gar märchenhafte Wunder geschehen zu lassen. Die Bilder von Jacky Gleich sind schlicht schön, sie strahlen fast ein bisschen nach – Anmut? Ein Märchen für Kinder und Erwachsene, das (wieder) an Wunder glauben lässt. Und manchmal bedarf es nur eines Hauchs Leidenschaft, um solche zu erleben.
Patricia Morganti

Paul und die Puppen
Pija Lindenbaum
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-79373-7
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Sport | Identität/Individualität

Pija Lindenbaum erzählt und zeichnet nie aus der Perspektive ihres inneren Kindes. Sie beobachtet die Kinder, wie sie im richtigen Leben herumwuseln. Zum Beispiel in einer Kindertagesstätte. Auf der ersten Seite sehen wir den zarten Paul und seinen muskulösen Papa, beide im Army-Look, wie sie sich bereit machen für den Tag. Eine Doppelseite reicht, damit Lindenbaum Gender-Stereotypen aufbauen und gleich wieder demontieren kann, Letzteres mit einem einzigen Satz. “Paul trifft immer ins Tor. Er ist ein echt guter Fussballer. ‘Paul, pass ihn zu mir!’, rufen die Jungs. Pauls Papa findet Fussball auch gut.” Und dann kommt es: “Das nervt langsam.”

Paul möchte lieber mit seiner Barbie spielen, doch das vorherrschende Weltbild mit seiner bipolaren Aufteilung in Fussballspieler und Puppenmütter lässt das nicht zu. Wir sehen, wie die Welt buchstäblich kopfsteht, wenn die Jungen die Tagesstätte unsicher machen und Paul sich am liebsten verkriechen würde – Lindenbaum zeichnet, wie wenn sie eine Handkamera durch den Raum bewegen würde. Irgendwann versucht Paul, sich den Mädchen anzunähern – er will endlich mit seiner Barbie spielen. Gerade gewaltlos geht es aber auch da nicht zu: Zuerst hat eine Barbie einen Unfall, dann erfrieren alle zusammen im Tiefkühlfach, gebären Fleischbällchen und bekämpfen im Urwald ein gefährliches Monster. Dank Pauls Intervention akzeptieren die Mädchen, dass das Monster im Grunde sanftmütig ist – endlich wird es, wird er verstanden. Am Ende spielen alle zusammen Fussball, Mädchen und Jungen: in Prinzessinnenkleidern.

“Paul und die Puppen” ist frei von nostalgischer Verklärung, stattdessen ist es wohltuend frech und zwischendurch ganz schön böse. Die Kinder lieben das.

Christine Lötscher

Mrs. Marlowes Mäuse
Frank Asch, Illustration: Devin Asch
Aus dem Englischen von Nicola T. Stuart
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-941087-04-0
Schlagwörter: Freundschaft

Das Notfallprozedere ist minuziös einstudiert und sitzt perfekt: Sobald es an der Tür der Witwe Eleanor Marlowe klopft, verschwinden zwei Dutzend Mäuse in ihren Verstecken. Dass sie dann regungslos in Schubladen und Vasen, zwischen Wollknäuel und Besenborsten ausharren, davon hängt nicht nur ihr eigenes Leben ab, sondern auch das der Katze Mrs. Marlowe. Denn sie versteckt die Mäusegrossfamilie in ihrer Wohnung gegen das Verbot der Katzland-Polizei. Von der Nachbarin denunziert muss die Witwe eine rigorose Durchsuchung über sich ergehen lassen, die sie aber mit Charme und Schlagfertigkeit übersteht. Doch im allerletzten Moment, als die beiden Wachtmeister gerade die Wohnung verlassen, fällt ein Mäuschen aus seinem Versteck – und wird entdeckt. Kaltblütig schützt die Katze sich selbst und ihre kleinen Freundinnen, indem sie die eine Maus opfert und sie auffrisst. Die Mäusefamilie wertet dies nach der überstandenen Gefahr als Verrat und will ihre Freundschaft aufkündigen – da springt die kleine Maus quietschlebendig aus dem Maul der schauspielerisch begabten Mäusefreundin.
Eleanor Marlowe setzt sich als vermeintlich schwache Frau im patriarchalen Unterdrückerstaat mit Köpfchen durch. Leider wird nichts über die Entstehung der ungewöhnlichen Freundschaft erzählt. Die vermenschlichten Tiere sind sehr rollenklischiert gemalt und charakterisiert. Dabei könnte gerade die Andersartigkeit der Mäuse durch emanzipierte Rollenverteilung ausgedrückt werden.
Bruno Blume

Vincent, 17, Vater
Christine Fehér
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2008, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7941-7072-2

„‚Ein neuer Mensch’, sagt Vincent mit rauer, leiser Stimme. ‚Eben waren wir noch zu zweit, und jetzt ist er da, Nina, schau nur. Unser Sohn ist da’, und mit diesem Satz fühlt er sich auf einmal riesengross, unbesiegbar, ihm kann nichts mehr passieren, solange er lebt, denn er ist Vater, er hat einen Sohn.“ – Junge, ungewollte Väter zählen in der Jugendliteratur fast ausnahmslos zu den Randfiguren. In der Regel sind es die Mädchen, die in Büchern zum Thema ungewollte Schwangerschaft im Vordergrund stehen. Anders in Christine Fehérs Jugendroman „Vincent, 17, Vater“, der die Gefühle und Gedanken eines sehr jungen werdenden Vaters in den Mittelpunkt rückt.
Erzählt wird die Geschichte von Vincent, dessen Freundin Carolin vor wenigen Monaten ungewollt schwanger war und abgetrieben hat, weil sie sich der Mutterrolle noch nicht gewachsen fühlte. Seit der Abtreibung kriselt es zwischen den beiden. Während Vincent das Erlebte nur schlecht verarbeiten kann und mit Schuldgefühlen kämpft, stürzt Carolin sich von einer Aktivität in die nächste. Für Vincent, der sich ihr durch die schwierige Zeit, die hinter ihnen liegt, eigentlich noch stärker verbunden fühlt, hat sie kaum noch Zeit, weicht ihm aus, lässt ihn nicht mehr an sich heran. Auch körperlich.
Da trifft Vincent seine Ex-Freundin Nina wieder. Die beiden verlieben sich wieder ineinander, schlafen miteinander und obwohl sie ein Kondom benutzen, ist Nina kurz darauf schwanger. Im Gegensatz zu Carolin will Nina das Kind unbedingt bekommen – und erzählt Vincent erst von der Schwangerschaft, als es für eine bereits Abtreibung zu spät ist. Vincent ist geschockt. Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit sieht er sich mit einer ungewollten Schwangerschaft konfrontiert. Und diesmal gibt es kein zurück mehr: Er wird Vater. Dabei fühlt er sich weder für die Vaterrolle noch für eine dauerhafte Bindung reif genug.
Christine Fehér gelingt es sehr gut zu vermitteln, was in ihrem Protagonisten in den ersten Monaten der Schwangerschaft, kurz vor, während und nach der Entbindung vor sich geht. Vincent wird als sensibler, nachdenklicher junger Mann charakterisiert, der sich seiner Verantwortung nicht entziehen, sondern stellen will und viel auf sich nimmt, um selbst für seinen Sohn aufzukommen. Trotzdem hat er auch Schwierigkeiten, sich in sein neues Leben als (Teilzeit-)Vater einzufinden. Schule, Nebenjob, Baby, Freundin und Familie, das alles verlangt dem jungen Mann, der sich schon bald überfordert fühlt, sehr viel ab. Zumal dieser von seinen Eltern nur wenig Unterstützung erhält.
Leider überfrachtet die Autorin die Handlung im zweiten Teil oft mit Sachinformationen, die Vincents Eindrücke mehr und mehr in den Hintergrund treten lassen. Spannend bleibt die männliche Perspektive dennoch.
Andrea Duphorn

Heidi
Peter Stamm, Illustration: Hannes Binder
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2008, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00982-0

Hannes Binder schlägt mit seiner Neuillustration des “Heidi” neue Wege ein – sich selbst bleibt er dabei treu.

Noch kein Illustrator hat den Schweizer Klassiker mit einem solchen Blick in die Landschaft eröffnet. Im Werk von Hannes Binder hingegen ist das Panorama ein bewährter Einstieg und Ausdruck filmischer Sehgewohnheiten. Der Berner Rudolf Münger begann mit engerem Blickwinkel, jedoch ebenso ortskundig (Perthes-Verlag um 1916). Das “Heidi-Hüsli”, heute Heidi-Museum in Oberrofels, bildet den Hintergrund des ersten Bildes. Und Martha Pfannenschmid (Silva-Verlag 1944) konnte in den winzigen Klebebildchen diese Weite nicht einbringen, dafür ist in ihren Vignetten, vor allem bei Gerätschaften und Pflanzen, die dokumentarische Zuverlässigkeit unübersehbar. Tomi Ungerer schliesslich hat die Figuren typisiert und karikiert; alle ausser Heidi, die allerdings auch auffallend keck herumspringt (Diogenes 1978). Die Kulisse aber ist dem renommiertesten Heidi-Illustrator stereotyp geraten, ,ein peinliches Hollywood-Tirol.

Binders Eröffnungspanorama zeigt das Rheintal, den Blick von Pfäffers Richtung Maienfeld, dahinter Luzisteig und Falknis. Damit bietet er die Landschaft an, in der wir Detes und Heidis Weg von Ragaz hinauf zur Alp folgen können. Und damit ist auch das Gesamtkonzept etabliert: weite, breite Ansichten für die Bergwelt, vertikal orientierte Bildräume für Frankfurt, die zudem in Panels unterteilt sind. Oder anders ausgedrückt: Trotz Geissengewusel und Kinderjohlen eine in sich ruhende Beständigkeit der “Natur”, im Gegensatz zu den bewegteren, schnellere Handlung suggerierenden Sequenzen der Stadt.

Schon einmal hat Binder die Land-Stadt-Polarität umgesetzt und darin das Schweizer Heimweh visualisiert: In Mailänder Kaminen träumt Giorgio von den Bergen seiner Kindheit. Analog verwandelt die Sonne in Heidis Wahrnehmung die städtischen Fassaden in gleissende Gipfel. Im Bildroman “Die Schwarzen Brüder” sind diese Visionen komplexe Haluzinationen, und weil Binder von einem älteren Zielpublikum ausgehen kann, Traumbilder mit symbolischen Konfigurationen auf mehreren Anspielungsebenen. Anders die Vorhangfalten im Hause Sesemann, die quasi eindimensional übergehen in die geschwungenen Äste einer Bergtanne. Offensichtlich hat Binder, die für ihn bezeichnende Komplexität der Bildräume für das Kinderbuch reduziert.

Ganz der eigenen Linie verpflichtet ist Binders Auffassung des Dokumentarischen: Das gilt auch für die Figurenzeichnung, für die er reale Vorbilder sucht, um den Weg zwischen typisierten und zu stereotypen Charakteren zu finden. Dass Binder in der Gestalt des Alpöhis einen Freund porträtiert, der Heimleiter ist, können Wissende als leise Ironie werten. Dass dessen Bart wohlfrisiert anmutet und sein Hemd eher an ein T-Shirt erinnert, irritiert mit Blick auf Spyris Text und die entsprechende Bildtradition. Illustrationsgeschichtlich interessant ist dafür, dass Binder sich als Dokumentarist nicht nur an “lebenden” Vorlagen orientiert, sondern dass er auch ältere Illustrationen als allgemein präsentes Bildermaterial einbezieht, also bewusst Münger und Pfannenschmid zitiert – Figuren, Requisiten und Szenen als Zitat einbaut. Zugleich aber setzt er individuelle Akzente: Während die runde Luke im Giebel der Alphütte stets als Blick in den Himmel dargestellt wurde, während Illustrierende also Heidis Perspektive inszenierten, zeigt Binder den Blick durch das markante Rund auf das Kind, das im Heubett Geborgenheit findet. Diese Blickrichtung lässt die metaphysische Ebene aussen vor und entspricht so dem Text von Peter Stamm, der die erbaulichen Anteile meidet. Der Blick erlaubt jedoch auch einen “Seitenblick” auf den Alpöhi und erfüllt so klug den Auftrag der zusammenfassenden Nacherzählung.

Hans ten Doornkaat

Gut gebrüllt, Lilli!
Claudia de Weck
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-715-20566-0
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein

Lilli ist ein dünner, kleiner Hund, der nicht gerade durch besonderen Mut besticht. Frauchen Anna ist es egal, wenn andere ihren Hund auslachen – sie liebt ihre Lilli, wie sie ist. Doch als Lilli allein ist und es draussen knallt, erschreckt sie sich so sehr, dass sie auf und davon läuft – und nicht mehr nach Hause findet. Hunger, Nacht und Einsamkeit machen ihr solche Angst, dass sie in den Zoo flieht. Hier drehen sich die Vorzeichen um: Jedes Tier fürchtet das unbekannte, struppige Wesen. Als Lilli das merkt, fühlt sie sich zum ersten Mal richtig gross!

Mag man vielleicht bemängeln, dass der Zufall in dieser Mutmachgeschichte eine so grosse Rolle spielt und dass der Text nicht wirklich aus einem Guss ist, doch die humorvollen Illustrationen sprechen eine ganz eigene Sprache. Das fängt schon auf der ersten Doppelseite an, die eine spottende Meute von Leuten zeigt, von denen kaum einer der Norm entspricht. Schweinsnasig und -ohrig, mit idiotischen Mützen auf dem Kopf oder dem Schnuller in der Nase kann man diese Spötter nicht wirklich ernst nehmen. Die dünne Lilli grämt sich trotzdem – ein Gefühl, das kleine LeserInnen sicher gut kennen. Gut nachvollziehbar ist auch die wimmelige Doppelseite gleich nach Lillis Flucht: Unübersichtlich und mitunter gefährlich, wie die Stadt auf den Hund wirken muss, erleben wir sie durch eine detailreiche Seite, die wir auf uns wirken lassen müssen, um überhaupt alles zu entdecken. Feine Ironie beweist Claudia de Weck, als sie Lilli ausgerechnet vor dem (vor Lachen) weit aufgerissenen Löwenmaul bewusst werden lässt, dass ihre Angst wie weggeblasen ist. Ein Buch, das genau betrachtet werden will, um alle Feinheiten preiszugeben.

Maren Bonacker

Die Geschichte vom kleinen Loch
Isabel Pin
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-96-7
Schlagwörter: Rätsel

Nach Isabel Pins Geniestreich “Ein Regentag im Zoo” (Bajazzo 2006) durfte man gespannt sein auf das neue Pappbilderbuch der innovativen Illustratorin. Wiederum als Reihengeschichte angelegt, nimmt Pin die BetrachterInnen mit auf eine Entdeckungsreise, die bereits auf dem Umschlag beginnt. Da stehen vier Tiere und ein Kind am Rande eines Lochs und schauen hinein. Winzig klein und etliche Pappschichten tiefer schauen sie auf einen kleinen Punkt. Oder ist es wohl eher ein Loch? Diesem kleinen Etwas werden wir im Laufe der Geschichte buchstäblich auf den Grund gehen. “Es ist nicht so gross wie der Krater eines Vulkans” und “Es ist nicht das Loch in der Wiese, wo die kleinen Tiere krabbeln”. So blättern wir von Doppelseite zu Doppelseite und staunen über die verschiedenen Löcher, die es auf der rechten Seite jeweils zu entdecken gilt. Dabei wissen wir erst auf der allerletzten Seite um das Rätsel dieses verflixten kleinen Etwas vom Anfang.
Neugierige kleine BetrachterInnen werden so ein paar unerwartete, in der Abfolge der Pappstanzung immer kleiner werdende Löcher entdecken. Diese Rätselreise macht kleinen Kindern auf jeden Fall Spass, ihr Triumph unwissenden Erwachsenen gegenüber, das Rätsel schon zu kennen, ist genauso gewiss wie die Entdeckung zusätzlicher Löcher in ihrer Umgebung. Die Illustrationen sind nicht ganz so eigenwillig wie in anderen Büchern von Isabel Pin. Auch dass nicht alle Löcher in der Realität kreisrund wie die Stanzung sein können, sei der Illustratorin verziehen, das Buch sticht allemal aus dem schier unendlichen Allerlei auf dem Pappbilderbuchmarkt heraus.
Barbara Jakob

Zehn Blätter fliegen davon
Anne Möller
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-71-520563-2
Schlagwörter: Natur

Zehn Blätter hängen noch am Zweig einer Weide. Weil es Herbst geworden ist, sitzen sie schon ganz lose; da braucht nur ein heftiger Wind zu kommen und sie mit sich zu reissen. Der Wind kommt, zerrt an den Blättern und trägt sie schliesslich fort, lässt sie durch die Luft fliegen – mitsamt einem kleinen, überraschten Käfer. Ein Blatt fällt, ganz sanft, in einen nahen Teich und rettet als schwimmende Insel einer ertrinkenden Heuschrecke das Leben. Das nächste wird von einem fleissigen Eichhörnchen aufgesammelt und ins Nest getragen, die anderen Blätter werden von Kindern gefunden, auf Lampione geklebt, in Fischchen verwandelt oder als Segel für ein kleines Nussschalenbötchen gebraucht. Das zehnte Blatt aber wird von einem Regenwurm unter die Erde gezerrt, verspeist und verdaut – und kommt schliesslich wieder aus dem Regenwurm heraus als frischer Dünger für die Erde. Die Wurzeln der Weide werden im nächsten Frühjahr den Dünger brauchen und, frisch gestärkt, dafür sorgen, dass an ihren Ästen bald zehn neue, grüne Blätter wachsen. Käfer, du kannst wieder kommen!
Anne Möller erzählt in einer einfachen Geschichte vom Schicksal der zehn Blätter, vom Kreislauf der Natur, vom Vergehen und Wiederwachsen. Die liebevoll gemalten Bilder werden schon in den Kleinsten die Naturfreundin, den Naturfreund wachkitzeln – und ihnen vielleicht Lust zum Blättersammeln machen: Im Buch gibt es nämlich eine Anleitung zum Bauen von Walnussschalenbooten.
PATRICIA MORGANTI

Fünf Hunde erben 1 Million
Hans Traxler
Verlag: edition buntehunde, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-934941-50-8
Schlagwörter: Freundschaft | Humor/Komik

“Der frühere Schosshund der US-Milliardärin Leona Helmsley muss per Gerichtsbeschluss auf den Grossteil seines Erbes von zwölf Millionen Dollar verzichten.” – Was im Juni diesen Jahres noch als witzige Meldung durch die Medien kursierte, hat der Satiriker und Illustrator Hans Traxler bereits 1979 in seinem allerersten Bilderbuch thematisiert. Doch weil er wohl schon damals ein richtig grosses Herz für Hunde hatte, nimmt die jetzt neu aufgelegte Geschichte einen etwas anderen Gang als die schnöde Realität.
Nach dem Tod von Miss Lilly vermissen ihre fünf treuen Hunde ihr Frauchen so sehr, dass sie zuerst völlig hilflos im Haus ausharren. Der sprichwörtliche Geist von Miss Lilly holt sie aus ihrer Lethargie. Grosses Erstaunen herrscht dann in der Runde, als sie erfahren, dass sie, und nicht etwa die treulosen Neffen Ewald und Oswald, Lillys gesamtes Vermögen erben. Dass sich die Neffen das vermeintliche Erbe nicht einfach so entgehen lassen wollen, bringt die wilde Geschichte erst richtig in Gang. Nachdem es ihnen gelungen ist, einen der Hunde zu entführen, setzen die restlichen Tiere in einer beeindruckenden Gemeinschaftsaktion alle erdenklichen Mittel ein, um ihren Freund zu befreien und die Neffen aus der Villa zu vertreiben.
Hans Traxlers Illustrationen treten uns in bester Frische entgegen. Im schwungvollen Wechsel zwischen Grossformat, kleinen Tableaus und comicartigen Sequenzen sind sie ein wunderbarer Spiegel der temperamentvollen Geschichte; farblich wirken sie durch die meist zarten Pastelltöne fast schon gegen den Strich gebürstet.
BARBARA JAKOB

Kopf hoch, Fledermaus!
Jeanne Willis, Illustration: Tony Ross
Aus dem Englischen von Stephanie Menge
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-79-415200-1

Die spinnt, denken die anderen Tiere, als sie mit der kopfüber an einem Baum hängenden Fledermaus ins Gespräch kommen. Einen Regenschirm braucht sie für ihre Füsse und nicht für den Kopf. Sie meint, der Himmel sei unten und nicht oben – was doch jedes Kind weiss. Total plemplem, diese Fledermaus. Die zu Hilfe gerufene weise Eule unterzieht die Fledermaus einem “Intelligenztest” und merkt sehr schnell, wo das eigentliche Problem liegt: “Habt ihr jemals versucht, die Dinge so zu betrachten, wie die Fledermaus sie sieht?” Und siehe da – alles ist eine Frage der Sichtweise. Von diesem Moment an wechselt auch das Bilderbuch die Perspektive, je nach Situation. Ein ständiges Hin-und-her-Drehen des Buches beginnt, bis am Schluss nicht mehr klar ist, wo nun eigentlich oben ist und unten …
Das Bilderbuch von Jeanne Willis und Tony Ross ist ein im wahrsten Sinne anschauliches Plädoyer für soziale Kompetenz und für das Einfühlen in andere Weltanschauungen. Es macht Lust darauf, die Welt kopfüber und mit ganz anderen Augen zu betrachten, und ist ein perfekter und lustvoller Einstieg in eine tolerante Weltanschauung. Die konsequente Umsetzung beginnt bereits beim Umschlag, wo die Namen des Verlags sowie des Illustrators und der Autorin auf dem Kopf stehen – weshalb, erschliesst sich erst mit der Lektüre des Bilderbuches. Treffend dazu die Bilder des Altmeisters Tony Ross, der dieses Jahr siebzig wird, aber mit seinem sparsamem Strich immer noch Schalk und Witz versprüht wie kaum ein Zweiter. Grosse Empfehlung nicht nur für Kinder im Bilderbuchalter, sondern durchaus auch als Parabel für die Grossen.
Maja Mores

Der Panther im Paradies
Martin Karau, Illustration: Katja Wehner
Verlag: Aufbau, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-351-04091-1
Schlagwörter: Humor/Komik | Tiere | Natur | Identität/Individualität

Ein Panther kommt ins Paradies, ein Raucher-freier Ort, der von zwei Doggen bewacht wird und von einer hohen Mauer umgeben ist. Dahinter: das pralle Leben, rosa Hasen, Riesenerdbeeren und wuchernde Blütenmeere. Gut, denkt der Panther und ist bald enttäuscht, dass man sich im Paradies nicht gegenseitig fressen darf – jedenfalls sagt das der Löwe am Swimmingpool beim Relaxen. Der Panther kommt damit nicht klar und futtert in rascher Folge ein Eichhörnchen, einen Hasen, ein Zebra und einen Elefanten. Nach jeder Missetat nimmt er charakteristische Merkmale seines Opfers an und die Tiere trauen ihm bald nicht mehr. Als er den Zoodirektor auffrisst, wird dem Panther klar, dass er nun dessen Rolle einnehmen muss, das heisst arbeiten gehen, am Schreibtisch sitzen und Strassenbahn fahren. Der Schock sitzt und er kauft sich ein Ticket zurück nach Hause und spuckt ausserdem die ganze Bagage wieder aus.

Eine wunderbare Parabel auf das Leben. Ob nun das Paradies das Abbild der idealen Gesellschaft ist oder der Türkeiurlaub, man bleibt immer man selbst. Anpassung geht nur in Massen und das Ich mag trotz paradiesischer Umstände immer Ich bleiben, deshalb braucht der Panther auch keinen Rausschmiss aus dem Paradies – er geht als Einziger von allen in die Wildnis zurück und tut, was er am liebsten tut: lauern. Und das ist wirklich paradiesisch. Bis dahin allerdings benimmt er sich. – Auch für Erwachsene geeignet!

Anne-Kathrin Bleich

Der kleine Gedanke
Monika Feth, Illustration: Angela Kehlenbeck
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82088-9
Schlagwörter: Fantasie | Kreativität | Philosophie

Hat sich eigentlich mal irgendwer Gedanken darüber gemacht, woher die Gedanken kommen? Wie sie in die Köpfe der Menschen finden? Und von dort womöglich aufs Papier? Ob sie freiwillig in Hirnen nisten oder sich eingesperrt fühlen? Wie man sie einfangen oder zumindest doch einladen kann? Wie sie aussehen? Wie sie heissen? Monika Feth tut genau das. Ausgehend von einer ausgesprochen realistischen Mir-fällt-nichts-ein-Situation, schafft sie die Bühne für einen kleinen Gedanken, der, jung und unerfahren, in bester Pubertätsmanier die Welt erkunden will. Sie ruft Grenzen der Einbildungskraft wie die Freiheit der Gedanken auf den Plan, erzählt in Gedanken über Gedanken, über Ideen, Einfallslosigkeit und Einfallsreichtum, übers Schreiben und von der Macht der Fantasie, welche die Welt verändern kann. Wenn etwa ein Kater von Sahneseen träumt oder ein kleiner Gedanke im Kopf eines kleinen Kindes das Schimpfen der Mutter stoppt.

Gedanken, Gedankensprünge: Angelika Kehlenbeck hat sie farbenfroh in Szene gesetzt und weitererzählt. Bei ihr trägt der Frosch im Sahnesee eine Krone, der kleine Gedanke lässt einen Papierflieger steigen, den der Frosch wiederum umfaltet, um ihn als Schiff zu Wasser zu lassen – auf zu neuen Ufern. Das Buch liest sich als vielseitige Einladung in Wort und Bild zum Nach- und Weiterdenken: über kleine Gedanken hin zu ganzen Geschichten, weil Erzählen ohne Gedanken nicht denkbar ist. Eine zarte Ode an die Kreativität – zur Nachahmung empfohlen.

Christine Knödler

Der Gänsegeneral
Marjaleena Lembcke, Illustration: Heike Ellermann
Verlag: Hinstorff, Publiziert: 2008, Seiten: 34, ISBN/ISSN/EAN: 3-356-01239-8
Schlagwörter: Krieg

Einst war er ein strammer General, der Kriege führte, weil sie geführt werden mussten. In Friedenszeiten bereitete er sich auf die nächste Auseinandersetzung vor. Bis er einen Schlaganfall erlitt. Von da an war ins seinem Leben nichts mehr wie früher: “Ich habe Hunger”, sagte er als erstes, als er wieder zu sich kam und darauf: “Feuer einstellen, alle Soldaten nach Hause beordern.” Fortan interessiert sich der General nicht mehr fürs Kriegshandwerk, verabschiedete sich aus dem Dienst und legte sich Kanarienvögel zu, die er aber bald wieder frei liess, weil ihn ihr Käfigdasein beelendete. Erst als ihm seine Frau Gänse schenkte, die zu seinem Akkordeonspiel marschierten wie früher die Soldaten, fand er wieder zu sich.

Marialeena Lembcke berichtet in einer bildhaften Sprache davon, wie ein mächtiger Mensch durch Krankheit zum Aussteiger contre coeur wird. Sie erzählt von der schmerzhaften Veränderung in seinem Leben, von seiner Einsamkeit und Zerrissenheit. Sie macht sich weder über seine Essgelüste noch über die Gänseparade, die er anführt, lustig. Man hätte Mitleid mit ihm, wären da nicht Heike Ellermanns Collagen. Sie lassen keine Identifikation mit dem General zu. Er ist ein Schemen, hineingesetzt in doppelseitige, fragmentarische Bilder. Die Soldaten, sind Stempelfiguren auf Landkarten und Fotografien, Papierschiffchen und -flieger auf Luftaufnahmen stehen für alte und neue Strategiespiele.

Marialeena Lembcke und Heike Ellermann sind beide 1945 geboren. Ihr “Gänsegeneral” ist nicht nur eine Auseinandersetzung von Nachgeborenen mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen, das Buch stellt jede Form von Herrschaft und Machtanspruch in Frage. Ein Buch zum Diskutieren mit SchülerInnen aller Altersstufen.

Christine Tresch

Robo und Hund
Sara Varon
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2008, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-47-334740-7
Schlagwörter: Freundschaft

Hund ist einsam. Deshalb bestellt er sich einen Roboterbausatz. Das Zusammenbauen gelingt und bald stürzen sich Robo und Hund in freundschaftliche Aktivitäten. Das gemeinsame Planschen im Meer allerdings legt den Metallfreund lahm. Dem verzweifelten Hund bleibt nichts anderes übrig, als seinen Vertrauten am Strand liegen zu lassen. Doch loslassen ist nicht leicht. Immer wieder träumen die beiden voneinander. Aber der Reparaturversuch des Hundes wird durch die winterliche Strandschliessung vereitelt. Das Leben geht weiter. Neue Freunde kreuzen ihre Wege, Hund zeigt, dass er aus seinen Erfahrung gelernt hat, aber die Sehnsucht nach dem vertrauten alten Freund bleibt und verschafft sich am Schluss auf unerwartete Weise eine Bahn.
Sara Varon erzählt diese Geschichte vom Scheitern einer Freundschaft ausschliesslich in Bildern und ohne Schuldzuweisungen. Die gedämpften, angegrauten Farben widerspiegeln die Melancholie der Erzählung. Liebevoll gezeichne-
te Einzelheiten lockern das Traurige auf und lassen die BetrachterInnen lächeln. Das Lesen der Bilder aktiviert eine Haltung des Beobachtens, und der offene Schluss wirft die LeserInnen zurück auf eigene Erfahrungen: Wie war das eigentlich, als eine Freundschaft entstand. Warum zerbrach eine andere? Das Thema beschäftigt Menschen jedes Alters – und das Buch ist etwas für alle, die bereit sind, sich auf ein Bilderbuch von zweihundert Seiten beziehungsweise einen Comic ohne Sprechblasen einzulassen.
Francesca Micelli

Hannah und ich
Bettina Wegenast, Illustration: Kerstin Meyer
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-794-15196-8
Schlagwörter: Freundschaft | Tod/Trauer

Darf man an einem Grab das Lied vom Koch singen, der den Mops erschlägt, der ihm ein Ei geklaut hat? Und sich auf die Kränze setzen, Chips essen und Saft trinken? Man darf nicht nur – man muss. Denn „wenn ich das nicht mache, dann macht das niemand“, weiss die Icherzählerin. Diese Rituale gehörten nämlich zum Begräbnisspiel, das Hannah und sie spielten, wenn jeweils ein Tier zu beerdigen war. Dicke „beste Freundinnen“ sind sie gewesen, aber jetzt ist die eine weg. Hannah. Ist plötzlich tot, „ein Laster ist voll in sie reingedonnert“, und wir erleben mit, wie ihre Freundin mit der Trauer und dem Verlust umgehen lernt. Einfach, einfühlsam, aber ganz unsentimental und gelegentlich sogar witzig ist das gezeichnet und erzählt, wobei sich bei dem kurzen Text (Tagebuch-)Schreibschrift mit Druckschrift abwechseln. Dieser Wechsel zwischen ‚authentischem’ und sachlich distanziertem Erzählen macht das traurige Geschehen für kleine Leser wohl erträglicher, und weil in der Rückschau erzählt wird, erscheint es von Anfang an auch ‚überlebbar’. Das ist der Trost, den das Buch zu bieten hat; denn „eine beste Freundin vermisst man sein Leben lang“, auch wenn man „wieder mit anderen spielt“.

Verena Stössinger

Jonathan und die Zwerge aus dem All
Jostein Gaarder, Illustration: Peter Schössow
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Verlag: Hanser, Publiziert: 2008, Seiten: 46, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23089-0
Schlagwörter: Rätsel

Als Jonathan nach Hause kommt, ist er ganz allein – auf der Welt! Denn die gelben Zwerge vom Planeten Sykk haben alle übrigen BewohnerInnen der Erde in ihr Raumschiff entführt, weil sie von nun an auf der Erde wohnen und deshalb mit den Menschen einfach die Planeten tauschen wollen. Es scheint jedoch ein seltsamer Zusammenhang zwischen den Zwergen und den Chancen des Würfelspiels zu bestehen. Und so kann Jonathan die Erde retten, wenn er mit einem sechsseitigen Würfel eine Sieben wirft.

Wenn ein Autor so berühmt ist, dass es keine Rolle mehr spielt, was er schreibt, kann das zu einem Buch wie diesem führen. Gaarder, der philosophische Zauberkünstler, der für seine tiefgründigen und kopfmotivierenden Erzählungen bekannt ist, verdingt sich hier als banaler Taschentrickspieler. Seine Geschichte basiert auf einer einfachen logischen Knobelei und hat entsprechend wenig Tiefe. Die ganze Story bleibt mit ihrem gleichgültigen Ende letztlich ungereimt und ist somit wenig anregend. Zwar sind Peter Schössows Illustrationen mit ihrer comicinspirierten Direktheit und versteckter Parodie interessant, aber das ist keine Entschädigung für den Inhalt der Erzählung, der wie eine schriftstellerische Verlegenheitsdudelei wirkt. Das kann Gaarder besser.

Christian Kölzer

Ottoline und die gelbe Katze
Chris Riddell
Aus dem Englischen von Thomas A. Merk und Claudia Gliemann
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2008, Seiten: 175, ISBN/ISSN/EAN: 3-794-16123-8
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Humor/Komik | Nonsens

Ottoline führt ein für ein kleines Mädchen recht ungewöhnliches Leben: Ihre Eltern sind häufig auf Forschungsreisen unterwegs und erziehen ihre Tochter quasi nur per Postkarte, ein Heer von Dienstboten versorgt die Wohnung – und dann gibt es da noch diesen merkwürdigen, haarigen Mitbewohner namens Mr. Monroe …
“Ottoline und die gelbe Katze” beginnt mit einer Serie von Einbrüchen. Stets sind die Bestohlenen reiche Besitzer niedlicher Schosshündchen, in jedem Fall kommt neben den Wertgegenständen auch der Hund abhanden – und immer, so heisst es in der Zeitung, stehe die Polizei vor einem Rätsel. Den LeserInnen freilich fallen die Parallelen auf (inklusive der so herrlich parodierten Zeitungsartikel), und auch Ottoline vermutet sofort, dass die niedlichen Schosshündchen nicht rein zufällig in den Häusern weilten. Zusammen mit einem sehr geduldigen Mr. Monroe kommt sie einer dubiosen Schosshundvermittlung auf die Spur.
Sie suchen nach einem Vorlesebuch? Dann ist Ottoline nichts für Sie! Ottoline muss man selbst erleben, gründlich lesen und anschauen, denn ein Grossteil der witzig-absurden Geschichte funktioniert über die detailreichen Illustrationen des Autors. Während nur ein kleiner Teil der Geschichte in Worten erzählt wird, sind die 175 Seiten voller Bilder – doppelseitigen Illustrationen sowie skurrilen Einzelobjekten. Und in diesen verstecken sich zahllose Hinweise auf den Fall, auf Ottolines Leben und die wahre Identität von Mr. Monroe. Ein wundervolles Buch, das auch leseschwächere Kinder ohne grosse Anstrengung bewältigen können – und das schon neugierig auf die Fortsetzung macht.
Maren Bonacker

Ein Dorf am Meer
Paula Fox
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Verlag: Boje, Publiziert: 2008, Seiten: 127, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82158-3

Die Texte der Andersen-Preisträgerin Paula Fox zeichnen sich aus durch eine ungewöhnlich sensible Figurenzeichnung nicht nur der kindlichen ProtagonistInnen, sondern auch der Erwachsenen, mit denen sie konfrontiert werden. In diesem Buch, das in den USA schon vor zwanzig Jahren erschienen ist, steht die sehr vernünftige zehnjährige Emma im Zentrum. Weil ihr Vater am Herzen operiert werden muss und die Mutter berufstätig ist, verbringt sie zwei Wochen bei Onkel Crispin und Tante Bea am Meer – zwei alten, unglücklichen Menschen, deren Leben aus lauter undurchschaubaren Ritualen besteht. Besonders die Tante ist schwierig: hart, missgünstig und unberechenbar. „Geh ihr einfach aus dem Weg, so oft du kannst“, hat ihr der Vater geraten, und obwohl Emma das versucht, bedrückt sie die Atmosphäre in dem finsteren Haus. Wenn die gleichaltrige Bertie nicht wäre, die im Nachbarhaus wohnt und mit der zusammen sie aus Strandgut ein Miniatur-„Dorf am Meer“ bauen kann, würden ihr die Tage noch länger. Aber obwohl die Tante sie piesackt und das Werk der Kinder zuletzt sogar kaputt macht, kehrt Emma nicht nur erleichtert wieder nach Hause zurück. Sie hat auch erlebt, wie stark sie ist und wie schwach und hilflos manche Erwachsenen.
Verena Stössinger

Die tollkühnen Abenteuer von JanBenMax
Zoran Drvenkar
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2008, Seiten: 169, ISBN/ISSN/EAN: 3-827-05304-8
Schlagwörter: Alltag

Jeden Mittwoch nimmt sich die Mutter von Jan (8), Ben (6) und Max (4) eine kurze Auszeit. Sie geht zum Friseur, einkaufen, etwas in der Reinigung abholen – oder auch in ein Café, um “heimlich” ein Stück Torte oder ein grosses Glas kalte Cola zu bestellen. Während Mama unterwegs ist, passt Frau Metzler von oben auf die drei Brüder auf. “Frau Metzler ist nicht nur uralt, sie trinkt am Tag auch sieben Kannen Kaffee und ist dennoch immer müde.” Deshalb schläft sie auch ein, sobald sie es sich im Sessel gemütlich gemacht hat. Und dann klingelt auch schon Jans Minitelefon. Jan drückt sich den Zeigefinger ans Ohr, um aus der Geheimzentrale einen neuen Auftrag entgegenzunehmen, und der Mittwoch ist endlich so, wie er sein sollte: Ein neues Abenteuer beginnt.
Wer Zoran Drvenkars Bücher kennt, weiss, dass der nahe Berlin lebende Autor in nullkommanix mit Worten Fantasiewelten zu erschaffen vermag. Die tollkühnen Abenteuer von JanBenMax ist in Zusammenarbeit mit seinen drei Patenkindern Jan, Ben und Max entstanden. Sechsmal gehen die drei Brüder im Buch auf eine fantastische Reise. Sie machen sich in einem selbst gebauten Raumschiff “auf den Weg zum Mond”, werden “in der Vergangenheit” von einem Flugsaurier entführt oder bergen nach einem beherzten Sprung ins Klo “auf dem Grund des Ozeans” einen verloren gegangenen Schatz.
Sechs im doppelten Sinne fantastische Geschichten, die sich, von Christine Schwarz mit pfiffigen Farbillustrationen versehen, prima zum Vorlesen eignen, die Spass machen und – wie Drvenkar zum Schluss verspricht – “natürlich” fortgesetzt werden. Gelesen von Martin Baltscheit sind sie auch als Hörbuch erhältlich.
Andrea Duphorn

Tote Maus für Papas Leben
Marjolijn Hof
Aus dem Niederländischen von Meike Blatnik
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2008, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 3-827-05323-4
Schlagwörter: Tod/Trauer | Familie/Familienformen

„Wie viele Kinder haben einen toten Vater und einen toten Hund und eine tote Maus?“ fragt Kiki ihre Mutter. Sehr sehr wenige; und deshalb verfällt die vielleicht Zehnjährige auf die Idee, eine kranke Maus und den dicken Hund, den ihre Mutter aufgenommen hat, sterben zu lassen, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass ihr Vater überlebt. Er hat sich als Arzt in ein Kriegsgebiet schicken lassen; und obwohl natürlich „ein Unfall überall passieren“ kann, fordert er die Gefahr geradezu heraus, wie die Oma wütend sagt. Kiki, ihre Mutter und die Oma versuchen, jede auf ihre Art mit ihrer Angst fertig zu werden – zum Glück aber wird das Kind noch vor der Umsetzung ihrer Risikoverminderungs-Strategie bewahrt. Und der Vater kehrt zurück; er ist zwar von einer Mine verletzt worden und hat ein Bein verloren, ist aber noch immer lebensmutig und überzeugt davon, dass sich „die Welt niemals ändern“ wird, „wenn jeder zuhause bleibt“. Der Text (mit dem leider ziemlich plumpen deutschen Titel) ist ein starkes, nachdenklich stimmendes Plädoyer für Empfindsamkeit und politische Courage; er umkreist die Frage, wie viel ‚Realität’ ein Kind verkraftet, und zeigt, wie es sich selbst vor psychischer Überforderung schützt.
Verena Stössinger

Superguppy
Edward van de Vendel, Illustration: Fleur van der Weel
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Boje, Publiziert: 2008, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-41-482152-2
Schlagwörter: Alltag

Wenn Eltern wie schlappe Pflanzen am Strand liegen, müssen sie gewässert werden, ob es ihnen passt oder nicht; Teller sind wunderbare Steuerräder – sie beim Abtrocken zum Autofahren zu benutzen, kann aber mit Problemen verbunden sein; ein kaputtes Brillengestell ist wie ein gebrochenes Bein und braucht dementsprechende Pflege.

In gut fünfzig einseitigen Gedichten berichtet der niederländische Autor Edward van de Vendel von Alltagserfahrungen ganz aus dem Blickwinkel von Kindern heraus: Vom Durch-Pfützen-Laufen, vom Wachliegen, wenn die Eltern Besuch haben und man nicht mehr auf sein darf oder von einem Pflaster auf dem Knie, das weggerissen werden muss. Van de Vendel tut dies nicht mit geschliffenen Satzkonstruktionen, er sucht nicht um jeden Preis Endreime oder Metaphern. Da wird assoziiert und scharf beobachtet, zum Beispiel im Gedicht “Fisch”: “Fisch der will was sagen, / Fisch der schaut mich an. / Fisch der spitzt die Lippen: / Weiss nicht, was er / meinen kann. // Nie und nimmer kann ich hören, / was mein Fisch mir sagen will: / Ich bin wasserwortetaub, / Fisch ist menschenstimmenstill.”
Das sind Verse mit feinem Humor, die auch vom Kinderglück erzählen, noch nicht Stellung beziehen zu müssen. Etwa, wenn die Mutter das Kind an der Hand an einem Penner vorbeizieht: “Ich bin zum Glück / noch nicht zu gross / für Taschengeld-Geschenke.”

“Supperguppy” macht den Auftakt einer neuen Gedichtreihe im Boje-Verlag. Fleur van der Weel hat den Band grossartig illustriert. Ihr kindliches “Ich” entstammt der Ecke der superfindigen Kuscheltiere. Ein Vieh, wie man es sich jedem Kind zum Kumpel wünscht.

Christine Tresch

Die Nacht der Trommler
Hans Hagen, Illustration: Tobias Krejtschi
Aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer
Verlag: Hammer, Publiziert: 2008, Seiten: 108, ISBN/ISSN/EAN: 3-779-50207-0
Schlagwörter: Musik

Der alte Meistertrommler Dudu Addi ist schwer krank, das wissen alle in seinem Dorf. Doch eines Abends ist er wieder da, mit sechs Trommeln, die von bunten Tüchern verdeckt sind. Sidi, Lissa, Ten-Ten, Fatush, Hina und Oboo nähern sich neugierig dem alten Mann, der sagt: “Unter den Tüchern warten sechs neue Trommeln. Überlegt euch genau, welche davon euch gehören könnte. Aber rührt sie nicht an!” Denn wer die falsche Trommel wählt, kann nie ein Trommler werden. Die Kinder müssen allein auf die richtige Farbe kommen – in einer Art Initiationsritual, das sie dazu bringt, ihre eigene Geschichte oder die Geschichte ihrer Familie zu erzählen und sich damit zu verbinden – so schaffen sie die Voraussetzung, dass ihre Hände auf dem Fell der Trommel ihrerseits Geschichten erzählen können.

Der niederländische Autor Hans Hagen, der für “Die Nacht der Trommler” mit dem renommierten “Goldenen Griffel” ausgezeichnet wurde, stiess auf einer Reise durch Ghana auf die Idee für sein Buch, doch die Geschichten, welche die sechs Kinder erzählen, haben ihren Ursprung in der oralen Tradition verschiedener afrikanischer Länder, die sich mit Motiven aus Mexiko und Sri Lanka verbinden; zum Teil sind es Märchen, zum Teil moderne Mythen, die Hagen unterwegs unter verschiedensten Umständen erzählt wurden.

“Die Nacht der Trommler” ist ihrerseits eine Parabel, in der es weniger um die Darstellung einer anderen Kultur als um die universelle Erfahrung geht, dass man seine Stimme nur finden kann, wenn man seine Geschichte erzählen kann. Ein in seiner einfachen, dialogreichen Sprache poetisches und vielschichtiges Buch, das sich auch zum Vorlesen eignet, am besten in der Nacht.

Christine Lötscher

Der letzte Elf
Silvana de Mari
Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner
Verlag: CBJ, Publiziert: 2008, Seiten: 365, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-57-013478-8
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Ein ungewöhnlicher Fantasy-Titel kommt in diesem Herbst ins cbj-Programm. Ungewöhnlich, weil er so ganz ohne Gewalt und Kämpfe auskommt und damit vielleicht gerade denjenigen Fantasy-Zweiflern, denen das immer gleiche Schlachtengetümmel spitzohriger oder dunkelbefellter Kreaturen auf die Nerven geht, die Grundlage entzieht.
Zwar ist auch hier nicht alles heitere Einigkeit, wie etwa das Misstrauen der Menschen gegenüber den fantastischen Wesen zeigt. Doch gibt es Mutige, die sich über herrschende Gesetze hinwegsetzen und sich trotz der Androhung von Strafe eines kleinen verwaisten Elfenjungen annehmen. So wird Yorschkrunsquarkljolnerstrink (kurz: Yorsch), der Ebenerstgeborene, wider jedes Erwarten gerettet – zum Wohl der Menschen, wie sich bald herausstellt. Eine alte Prophezeiung besagt, dass die Welt nur dann aus dem anhaltenden Regen und der Kälte geführt werden könne, wenn der letzte Elf auf den letzten Drachen träfe.
Der Roman, der wie eine Saga über mehrere Generationen läuft und das Schicksal von Yorsch, einem griesgrämigen Bibliotheksdrachen und zwei mutigen Menschen und ihren Nachfahren erzählt, besticht durch seinen märchenhaften Charakter und einen charmanten, unbeholfen-naiven Protagonisten. An diesen müssen sich geübte Fantasy-Fans vielleicht erst gewöhnen, bevor sie hinter seiner kindlichen (und mitunter etwas nervigen) Art den ganzen Charme seiner unwiderstehlichen Unschuld entdecken. Bei aller Doppeltadressiertheit, die derzeit den Markt beherrscht, ist Silvana de Maris gefühl- und humorvoller Roman “Der letzte Elf” eher ein Titel für Kinder und sensible Erwachsene als einer, der den Geschmack der breiten Masse bedient –etwas Besonderes eben.
Maren Bonacker

Verrat in Skogland
Kirsten Boie
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2008, Seiten: 447, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-78-913174-5
Schlagwörter: Politik | Krimi/Thriller

Wie die Mechanismen von Diktatur, Staatsterror und Unterdrückung funktionieren, könnte kein Sachbuch besser erklären als Kirsten Boie es in ihrem neuen Roman “Verrat in Skogland” tut, dem zweiten Buch über Jarven, die Prinzessin wider Willen. Am Ende des ersten Skogland-Romans war alles gut in der Insel-Monarchie; die reichen Südler waren bereit, ihren Wohlstand mit den bisher ausgebeuteten Nordlern zu teilen, und mit König Magnus war ein gerechter Mann an der Macht. Hinter den Kulissen allerdings wurden von frustrierten Südlern üble Intrigen gesponnen; mit dem Ziel, den König zu stürzen und die alten Verhältnisse wiederherzustellen.

In einer actionreichen Geschichte mit einem Cliffhanger an praktisch jedem Kapitelende erfahren wir, wie die Massenmedien und damit das ganze Volk durch eine Gruppe von Putschisten manipuliert werden können – aber auch, wie das Volk selbst sich seine Freiheit wieder zurückerobern kann; Boie beschreibt Szenen, die Bilder der Wende von 1989 evozieren und für die jüngere Generation anschaulich machen, welche Euphorie damals Europa erfasst hat. Damit leistet sie einen Beitrag zur deutschen Ost-West-Diskussion und zur Verständigung; ohne Zeigefinger.

Die Stärken des zweiten Bandes sind die gleichen wie die des ersten, was allerdings auch für die Schwächen gilt. Die Absicht, klug und spannend zu schreiben, und das auch für weniger lesegeübte Jugendliche, schlägt sich zwar in einer gut verständlichen Sprache nieder; doch beim Plot könnte sie den LeserInnen – einer durchs Fernsehen äusserst geübten Generation, was das Verstehen von komplexen Thrillerstrukturen angeht – einiges mehr zutrauen. Immer wieder erklärt sie die Zusammenhänge der Handlung und langweilt ihre LeserInnen dadurch unnötig.

Christine Lötscher

Wintereis
Peter van Gestel
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2008, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-81040-7
Schlagwörter: Freundschaft

„Schnee von früher, der nicht schmelzen will“ steht als Motto über dem neuen Jugendbuch des holländischen Autors Peter van Gestel. Es führt uns ins Amsterdam nach dem Zweiten Weltkrieg, in den Winter 1946/47. Auf den Grachten liegt dickes Eis. Die Erwachsenen sind mit mit der Bewältigung der Kriegstraumata beschäftigt, mit dem Besorgen von Nahrung, dem Auftreiben von Kohle und mit Gelegenheitsarbeiten. Und die Kinder müssen selber schauen, wie sie zu Rande kommen. Auch Thomas, Zwaan und Bet. Thomas’ Mutter ist vor einem Jahr an Typhus gestorben, der Junge lebt mit seinem Vater allein. Dieser schreibt in der Nacht und versucht tagsüber Geld zu verdienen, damit sie überleben können.
Zwaan kommt aus einer jüdischen Familie, Bet ist Halbjüdin. Zwaans Eltern und Bets Vater und ganz viele ihrer Verwandten sind von den Nazis ermordet worden, Zwaan überlebte, auf einem Dachboden versteckt. Diese drei Kinder freunden sich an und beginnen zaghaft darüber zu reden, was gewesen ist: Thomas spricht über seine tote Mutter, Zwaan über seine Eltern: »Sie sind ermordet worden, weil sie mehr als zwei jüdische Grosseltern hatten.« Und Bet zeigt Bilder von fröhlich lachenden Menschen, die alle tot sind.
Mit dem Einsetzen von Tauwetter geht dieses kleine Glück zu Ende. Zwan wandert zu seinem Onkel in die USA aus, Thomas zieht für einige Monate mit seinem Vater aufs Land, Bet wird erwachsen. Was nach dem Wintereis bleibt, ist die Erinnerung.
Peter van Gestel lässt Thomas diese Freudschaftsgeschichte aus eisigen Tagen erzählen. Thomas ist altklug, witzig und direkt – und er scheut keine Kraftausdrücke. Er hinterfragt das Verhalten seiner Freunde und der Erwachsenen nicht, er beschreibt es einfach. Das ist eine der ganz grossen Stärken dieses Buches. Man muss diese Drei einfach gern bekommen, in ihrem Versuch, etwas Kindheit zu leben, obwohl sie schon viel mehr wissen, als die Erwachsenen wahrhaben wollen.
Wenn Bet eines von Thomas Ohren berührt, schielt dieser „wie ein Otter vor lauter Glückseligkeit“ – und das Herz der Lesenden wird warm.
Christine Tresch

Sehen wir uns morgen?
Alice Kuipers
Aus dem Englischen von Anna und Christine Strüh
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2008, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85273-0
Schlagwörter: Krankheit | Tod/Trauer

Die kanadische Autorin Alice Kuipers wählt für ihren Erstling eine Form, die einen als LeserIn sofort packt: Claire und ihre Mutter, die beiden leben allein, sehen sich praktisch nie, deshalb packen sie alles, was sie zu sagen haben, in kurze Notizen an der Kühlschranktür. Alles Praktische wird so geregelt – „Hab Spaghetti Bolognese für uns gekocht“. Und auch die ganzen Emotionen, die zwischen Mutter und pubertierender Tochter hin und hergehen, müssen Platz in den wenigen Zeilen finden. Claire kommt mit ihrer Selbstständigkeit wohl gut zurecht, doch manchmal würde sie die Mutter, die als Gynäkologin praktisch rund um die Uhr im Dienst ist, unbedingt brauchen: „Hab auf dich gewartet, aber dann dachte ich, du kommst wahrscheinlich NIE MEHR nach Hause … Emma muss NIE für ihre Mutter kochen.“
Gerade weil die Seiten dieses Mutter-Tochter-Romans so leer sind, lassen sie Raum für alles, was unausgesprochen bleibt. Dass die Mutter krank wird und schliesslich an Krebs stirbt, müsste nicht auch noch ins Buch verpackt sein – die Ausgangslage an sich umfasst viele Geschichten.
Christine Lötscher

Die Sache mit Zwille
Jan Koneffke
Verlag: Hanser, Publiziert: 2008, Seiten: 205, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23094-7
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Gewalt

Mit seinem geschiedenen Vater und zwei von drei älteren Schwestern wohnt Florian in einem Hotel am Bodensee. Die Mutter, die auf der anderen Seeseite lebt, sieht der 12-Jährige nur selten. Freunde hat er keine „richtigen“. „Wenn mich meine Schulkameraden besuchten – Franz, der im Klassensaal neben mir sass, oder Gregor, der Automechanikersohn mit der schwachen Blase –, langweilte ich mich zu Tode.“
Florians Vater ist Hotelier aus Leidenschaft – „Floh“ soll in seine Fussstapfen treten und die „Greifenburg“ eines Tages übernehmen. Ob er will oder nicht. Da trifft er eines Nachmittags im Steinbruch – wo er Geld versteckt hat, dass er seinem Vater seit geraumer Zeit regelmässig aus der Hotelkasse stiehlt, um eines Tages abzuhauen – Zwille. Die beiden Jungen kommen sich nach und nach näher.
Von Zwille sagen die Erwachsenen, er sei verkommen und verwahrlost, ein Anarchist und Terrorist, ein Gammler, Mistkerl und Rebell. Florian würde auch gerne so sein: frei und furchtlos, stark und wild, unangepasst – und doch voller Fürsorge und Zärtlichkeit, wenn er sich um seine schwerkranke Mutter kümmert. Als Zwille in Verdacht gerät, im Hafen einen Ausflugsdampfer angezündet zu haben, hält Florian, vorbehaltlos zu ihm. Kurz darauf verlieben sich beide in dasselbe Mädchen, das stellt ihre Freundschaft auf eine harte Probe.
„Die Sache mit Zwille“ ist Jan Koneffkes erstes Jugendbuch. In einer klaren, sachlichen Sprache und doch mit viel Sinn für Situationskomik, erzählt der für seine Erwachsenenbücher vielfach ausgezeichnete Autor darin von zwei Jungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und dennoch Freunde werden.
Er berichtet aber auch vom Ende einer Kindheit. In den 60-er Jahren angesiedelt, atmet der Text die Atmosphäre vergangener Jahrzehnte. Die Umgebung und die Figurenzeichnung erinnern an Heimatfilme aus dieser Zeit. Dennoch können sich auch heutige Jugendliche in diesem Buch wiederfinden, denn der Autor beschreibt mit konzentriertem Blick das Innenleben seines Ich-Erzählers, das Lebensgefühl zwischen Kindheit und Jugend und er wirbt auf leise, unaufdringliche Weise für ethische Werte wie Vertrauen und Freundschaft, (Zivil-)Courage und Nächstenliebe. Zeitlos schön.
Andrea Duphorn

Der Junge, der sich in Luft auflöste
Siobhan Dowd
Aus dem Englischen von Salah Naoura
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2008, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58188-6
Schlagwörter: Behinderung | Familie/Familienformen

Ted ist zwölf – und anders als andere Jugendliche in diesem Alter. „Ich weiss, dass ich ein Spinner bin“, sagt er über sich selbst. Und: „Mein Gehirn funktioniert mit einem anderen Betriebssystem als bei anderen Leuten.“ Nur widerwillig erträgt der leicht autistische Junge Berührungen oder Zuneigungsbekundungen jeglicher Art. Neben dem Wetter in all seinen Erscheinungsformen beschäftigt er sich am liebsten mit Nachdenken. Wenn Ted sich aufregt, nervös oder müde ist, beginnt seine Hand zu schlackern, sein Kopf kippt zur Seite und er bekommt selten mehr als ein „Hmpf“ über die Lippen. Seit sein 13 Jahre alter Cousin Salim verschwunden ist, ist das ziemlich häufig der Fall. Am 24. Mai um 11.32 Uhr ist dieser in eine Gondel des Londoner Riesenrades gestiegen und spurlos verschwunden. Jedenfalls ist er nicht wieder unten angekommen. „Kinder lösen sich nicht einfach so in Luft auf“, erklärt der Polizeibeamte, der die Vermisstenmeldung aufnimmt, doch in Salims Fall scheint das anders zu sein, denn der bleibt auch nach Tagen wie vom Erdboden verschluckt. Zusammen mit Kat versucht Ted das Geheimnis zu lüften.
Dass auch die LeserInnen bis zum Schluss nicht wissen, ob Salim abgehauen oder verunglückt ist, ob er entführt wurde oder sich tatsächlich in einer Zeitschleife verfangen hat (eine von vielen Theorien des cleveren Ted), macht einen grossen Teil der Spannung von „Der Junge, der sich in Luft auflöste“ aus. Schlichtweg unwiderstehlich ist die Art und Weise, wie Ted erzählt: Da er an einem nicht näher bezeichneten Syndrom (Asperger?) leidet, nimmt er nicht nur alles wörtlich. Auch seine staubtrockene, sachlich-naive Art, was er hört und sieht zu kommentieren, sorgt für Komik. Man muss ihn einfach gern haben.
Siobhan Dowd, im August 2007 an Krebs gestorben, hat für ihr zweites Jugendbuch einen ganz besonderen Ich-Erzähler gewählt. Mit dem Blick eines in vielerlei Hinsicht aussergewöhnlichem Jungen wird hier ebenso fesselnd wie humorvoll und herzerwärmend von der Suche nach einem verschwundenen Jugendlichen erzählt. Dabei werden allerlei Themen gestreift, die um die Verschiedenheit menschlicher Bindungen, Sehnsüchte, Wünsche und Bedürfnisse kreisen.
Andrea Duphorn

Mücke im März
Veronika Rotfuss
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2008, Seiten: 190, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-55-158195-2
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Krankheit | Familie/Familienformen

„Wie können das ultimative Glück und der Weltuntergang so eng beieinanderliegen?“, fragt sich Mücke am Ende eines Tages, an dem ein erster Kuss und eine familiäre Katastrophe sich fast gleichzeitig ereignen. Mücke, so wird die 15jährige Protagonistin im Erstlingsroman von Veronika Rotfuss genannt, gehört zu den zurzeit weit verbreiteten Figuren in Jugendbüchern, denen eine Verantwortung aufgebürdet wird, die eigentlich die Erwachsenen tragen müssten. Veronika Rotfuss macht den Druck spürbar, unter welchem Heranwachsende zwischen Schule, Identitätssuche und schwierigen Familienverhältnissen stehen, lässt aber auch ihre Ressourcen zum Tragen kommen. Und sie erzählt von der tiefen Sprachlosigkeit, in welche die Alzheimer-Krankheit der Mutter die ganze Familie stürzt – der Vater taucht ab in seine Arbeit, eine Haushälterin kümmert sich ums Alltägliche, während die Kinder mit ihren Sorgen allein gelassen werden. Um ihre LeserInnen von Mückes Überforderung zu überzeugen, lädt Veronika Rotfuss der Geschichte zu viele Probleme auf einmal auf – doch eine derart differenzierte, in ihrer ganzen Komplexität erfasste Liebesgeschichte, wie sie Mücke erlebt, liest man selten in einem Jugendbuch.
Christine Lötscher

Mouse Guard
David Petersen
Aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Pannor
Verlag: Cross-Cult, Publiziert: 2008, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 3-936-48055-9
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Herbst 1152

Die Karriere der Mäuse in Comics und Trickfilmen ist beeindruckend: Ob Micky Maus, Bernhard und Bianca oder die jüdischen Mäuse in Art Spiegelmans Holocaust-Comic “Maus” – die kleinen Nagetiere besetzen und verwalten in vielen Genres der populären Kultur erfolgreiche Nischen. Nun erobern sie auch das Reich der Fantasy: In “Mouse Guard” von David Petersen sind nicht stattliche Recken hoch zu Ross die Helden, und nicht Elfen oder Magier mit wallenden Bärten, sondern niedliche Mäuse. Dennoch erzählt “Mouse Guard”, dessen erster Band “Herbst 1152” nun auf Deutsch vorliegt, eine Fantasy-Geschichte von echtem Schrot und Korn. Im Mittelpunkt steht eine mittelalterliche Mäusezivilisation, die ihre Städte in hohlen Bäumen und in Geröllhalden baut und sich gegen Gefahren wie Schlangen, Wölfe und Krabben wehren muss. Die grösste Gefahr kommt aber von innen – ein intriganter Mäuserich will die Mäusewache schachmatt setzen, um sich an die Macht zu putschen und andere Mäusestädte zu knechten. Soweit ist David Petersens Geschichte klassischer Fantasystoff um das Gute und das Böse, um Macht und Machtmissbrauch, um Verräter und opferwillige Helden. Die Idee aber, diesen hehren Stoff auf die Dimension kleiner, niedlicher Nagetiere herunterzukochen, ist charmant, und die Zeichnungen sind bezaubernd: David Petersens Mäuse sind durchaus niedlich, aber eher realistisch und nicht übertrieben anthropomorph gestaltet. Der Geschichte entsprechend, die der Verlag für Leser ab acht Jahren empfiehlt, sind die Zeichnungen allerdings nicht immer niedlich, sondern auch rau und düster – schliesslich werden in “Mouse Guard” auch harte Schwert- und andere Kämpfe ausgefochten und manch eine Maus lässt dabei ihr Leben.
Christian Gasser

Die Weltreise einer Fleeceweste
Wolfgang Korn
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2008, Seiten: 168, ISBN/ISSN/EAN: 3-827-05292-0
Schlagwörter: Arbeit

Eine kleine Geschichte über die grosse Globalisierung

Es war einmal ein Journalist und Buchautor, dem war kalt in seinem Arbeitszimmer in Hannover. Also kaufte er sich eine warme Fleece-Weste, knallrot, im Sonderangebot für acht Euro. Das Leben des synthetischen Kleidungsstücks begann aber schon viel früher. Am Anfang war die Bestellung der deutschen Warenhauskette. Dann führt der Weg nach Dubai, wo das Öl gefördert wird, aus dem man unter anderem Polyethylen gewinnen kann. In Bangladesh werden die Polyethylenfäden gewoben und schliesslich zur roten Fleece-Weste verarbeitet, die sich auf einem Containerschiff auf den Weg über die Weltmeere macht. Wolfgang Korn beschreibt die ökonomischen Zusammenhänge äusserst anschaulich und nachvollziehbar und geht auf die sozialen Bedingungen der ArbeiterInnen ein, die an den globalisierten Produktionsprozessen beteiligt sind.
Taslima, die unter unmenschlichen Bedingungen und zu einem Hungerlohn in einer Textilfabrik in Dhaka arbeitet, lässt er von einem Mikrokredit träumen. So zeigt er Alternativen auf – und wenn er am Ende des Buches seine LeserInnen dazu auffordert, als kritische KonsumentInnen auf die Herkunft und die Produktionsbedingungen von Kleidung und Nahrungsmitteln zu achten, hat man die Zusammenhänge bereits verstanden.
Wolfgang Korn erzählt klug und engagiert; doch wenn es um kulturelle Fragen geht, gerät ihm seine ansonsten bewundernswerte Fähigkeit zum pointierten Ausdruck auch einmal zum Klischee: “Männer wollen häufig vor den anderen Männern angeben und geben das Geld gleich wieder für sinnlose Dinge aus.” Dennoch, diese exemplarische Geschichte über die Globalisierung sollte möglichst viele LeserInnen finden – auch erwachsene.
CHRISTINE LÖTSCHER

Schmeckt’s?
Hermann Schulz, Sabine Jaeger
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2008, Seiten: 138, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-79-417071-5

Alles übers Essen

Hätten Sie Lust auf eine lange, zähe Fäden ziehende, grasgrüne Suppe, die aussieht wie eine Speise aus Gummimasse? Nein? Aber möchten Sie hören, wo man so etwas isst und weshalb? Und gleich mit erfahren, wieso der berühmte Kapitän James Cook tonnenweise Sauerkraut und Zitronen auf seine Schiffe lud? Ja, es hat etwas mit Vitaminen, Ballaststoffen, Mineralien und was sonst noch für gesundes Zeugs in manchen Nahrungsmitteln steckt, zu tun. Doch “Schmeckt’s?”, ein neues Sachbuch übers Essen, verrät uns nicht nur, welche Lebensmittel was zu bieten haben und weshalb Gummibärchen nicht so gesund sind wie die erwähnte grüne Schleimsuppe; es geht um weit mehr, denn: Was wir essen, steht in einem globalen Zusammenhang. Es macht einen Unterschied, nicht nur für unsere eigene Gesundheit, ob wir uns von Fast Food ernähren oder in eine Biogurke beissen.
Dieses Buch ist mit so viel ehrlichem Engagement, Humor und Kreativität geschrieben, dass es Lust auf mehr macht: mehr Salat, mehr Bio, mehr Geschichten – und noch mehr wissen wollen! Dass ein Sachbuch so spannend sein kann, ist nicht nur ein Genuss, es ist vor allem auch ein wertvolles Geschenk: Wenn es gelingt, uns und unseren Kindern die globalen Zusammenhänge rund um die Ernährung bewusst zu machen, wird es allen zugute kommen – auch jenen Kindern, die nie die Chance haben werden, ein solches Buch in den Händen zu halten. Also: Unbedingt vorlesen, mitlesen, lesen lassen – mit allen Sinnen. Ach, übrigens: Gewisse Ameisenarten schmecken süss-sauer!
Patricia Morganti

Gecko
Verlag: Rathje, Eibel, Wiedemann GbR, Publiziert: 2008, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-940-67504-0

Lesespass für Gross und Klein

Füchsin Rosa schaut uns auf dem Cover der aktuellen Ausgabe von “Gecko” offenäugig entgegen. Sie entstammt einer der drei Bildergeschichten, die in jeder Nummer dieser Kinderzeitschrift nachzulesen sind. Zweitausend LeserInnen hat das Heft im ersten Jahr seines Bestehens gefunden – das sind viel und zu wenige zugleich für eine Publikation, die wirklich aus dem Rahmen fällt. Denn seit der Beltz&Gelberg-Verlag diesen Sommer nach 27 Jahren die Zeitschrift “Den bunten Hund” einstellte, gibt es ausser “Gecko” keine Kinderzeitschrift mehr, die literarische und ästhetische hochhält.

“Gecko” wartet alle zwei Monate mit Vorlesegeschichten für Kinder zwischen drei und sieben Jahren auf sowie mit tollen Rubriken wie der Bastel- oder Kochidee – die Salami aus Weizenpops (“Gecko” Nr. 6) ist ein garantierter Hit an Kindergeburtstagen –, einer Sprachspielseite, einem Comic von Martin Baltscheit und Ulf K. oder mit “Alphabet querbeet”, dem etwas anderen ABC von Daniela Kulot.

Die Herausgeberinnen liessen sich von französischen Kinderzeitschriften zum verlegerischen Hochseilakt inspirieren. “Gecko” ist aufwendig gestaltet, auf festem Papier gedruckt, die Farbe der Bilder erreicht fast Bilderbuchqualität, und das Heft kommt ohne Werbung daher. Namhafte AutorInnen und IllustratorInnen gehören genau so zu den Beitragenden wie aufstrebende KünstlerInnen.

Dieser “Gecko” ist noch jung, will er gedeihen, braucht er ein grösseres Publikum. Dann wird er vielleicht auch ein bisschen mutiger werden, was die Geschichten betrifft. Die Illustrationen aber zeigen schon, wo es langgehen könnte.

Christine Tresch

Die Welle
Morton Rhue
Verlag: Jumbo, Publiziert: 2008, ISBN/ISSN/EAN: 3-8337-2143-X
Schlagwörter: Nationalsozialismus | Gewalt

Morton Rhues Roman “Die Welle”, 1981 im amerikanischen Original erschienen, ist als Schullektüre international so verbreitet wie das “Tagebuch der Anne Frank”. Es ist der Versuch einer Antwort auf die Frage, die SchülerInnen im Zusammenhang mit Nazideutschland immer wieder stellen: Warum haben alle mitgemacht? Das Buch hat einen realen Hintergrund; das “Experiment” des Geschichtslehrers Ron Jones, der seine SchülerInnen am eigenen Leib erfahren liess, wie eine Diktatur entsteht. Das Resultat war schockierend: Nach wenigen Tagen schon folgten die Jugendlichen ihrem Lehrer bedingungslos, grenzten Andersdenkende aus, auch mit Gewalt.
Unterdessen ist ein ganzer Medienverbund rund um “Die Welle” entstanden. Stefani Kampmanns Graphic Novel hält sich an Rhues Vorlage und bringt viel Dynamik in den eher trocken und didaktisch erzählten Stoff. Der Film des deutschen Regisseurs Dennis Gansel spitzt die Dramatik noch zu. Er verlegt den Schauplatz nach Deutschland und zeigt zunächst, wie das Gemeinschaftsgefühl der Gruppierung, die sich “die Welle” nennt, für viele Jugendliche wie eine Befreiung aus den Zwängen von Konkurrenz und Leistungsdenken wirkt; Selbstverantwortung und eigenes Denken geben sie nach und nach auf, ohne es zu merken.

Anders als bei Rhue geht die Sache für den deutschen Lehrer im Film und im Hörspiel nicht gut aus: Tim, der Loser, der im faschistischen System erstmals eine Rolle spielt, erschiesst sich, der Lehrer wird von der Polizei abgeführt. In der Dramaturgie des Films ist das nur konsequent. Ebenso im Hörspiel, das die Geschichte basierend auf den Filmdialogen erzählt.

CHRISTINE LÖTSCHER

Jan und Josh oder wie man Regenwürmer zähmt
Sigrid Zeevaert
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2008, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5218-7
Schlagwörter: Krankheit | Gewalt

Das Rekordbuch der Rekorde. Das Buch über Vogelspinnen. Sein neues Asterixheft. Die Dose mit dem Gerippe einer Dohle. Den kleinen Kompass. Und ein Marmeladenglas, in dem ab und zu ein Molch aus dem Teich schwimmt. Das ist es so ungefähr, was Jan in seiner Tasche mit sich herumschleppt. Alles wichtige Dinge, auch wenn Jans Mutter das anders sieht. Sie findet, Jan sollte nicht so schwer tragen. Weil sein Herz nicht so gut funktioniert. Doch Jan weiss, was sein Herz schafft. Die Stunden am Bach und das eiskalte Wasser schafft es ja auch. Zum Glück, denn da ist Jan am liebsten. Zusammen mit Josh. Josh, der immer eine Gummischlange oder ein zerquetschtes Bonbon hervorzaubert und es Jan schenkt. Josh, der sehr mutig ist und dessen Mama manchmal einfach verschwindet – in geheimer Mission. Josh, Jans Freund. Einfach so weitergehen dürfte es, das Leben; doch eines Tages findet Josh ein Messer im Bach und schenkt es Jan. So ganz wohl ist Jan dabei nicht und plötzlich überstürzen sich die Ereignisse. Und ausgerechnet jetzt, wo Josh ihn so sehr brauchte, muss Jan ins Krankenhaus…
Sigrid Zeevaert erzählt uns in einfacher, schöner Sprache eine ergreifende Geschichte über Freundschaft. So richtig spannend wird es nicht, auch wenn es durchaus dramatische Ereignisse gibt. Das macht aber nichts – der wahre Schatz dieses Buches liegt darin, dass wir ein Stück heile Welt erfahren dürfen. Und zwar in dem Sinne, dass mit Problemen auf eine wohltuende, menschliche Art umgegangen wird.
Patricia Morganti

Die Nackten
Iva Prochazkova
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2008, Seiten: 264, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7941-8081-3
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Identität/Individualität

In ihrem neuen Roman „Die Nackten“ arbeitet Iva Procházková auf äusserst überzeugende Art heraus, dass Jugendliche in ihrem pubertären Schwellenzustand wohl in der gleichen Welt leben wie die Erwachsenen, aber eine fundamental andere Sprache sprechen – Verständigung ist nicht möglich, weil das System der Erwachsenen das suchende Denken, das Gefühl einer nackten Existenz, das die Jugendlichen brauchen, nicht zulassen will. Fünf ganz unterschiedliche Wege ins Erwachsen- und Unabhängigsein beschreibt sie anhand von fünf Jugendlichen, deren Geschichten sie zum Teil nebeneinander, zum Teil sich überschneidend erzählt; und nicht immer steht am Ende eine gelungene Sozialisation. Ein Mädchen stirbt an einer Überdosis Heroin, ein anderes, die starke und geheimnisvolle Sylva, verweigert mit zunehmender Konsequenz die Rollenangebote, die ihr die Gesellschaft zur Verfügung stellt. Ihr Protest entzündet sich an den Forderungen der Schule, die sie mit ihren eigenen Interessen und Wünschen nicht verbinden kann: „Hinge es allein von Sylva ab, würde sie gar nicht mehr in die Schule gehen. Was dort gelehrt wurde, konnte man woanders viel spannender erfahren.“ Bei aller Kritik, auch am Schulsystem und an der Idee, Bildung und Wissen führe automatisch zu Glück, Erfolg und Anerkennung, geht es Procházková nicht um ein normatives Bild von Jugendlichen. Ob es den eigenen Weg, den sie suchen, wirklich gibt, bleibt offen. Wer weiss, ob Sylvas Vater am Ende doch noch Recht behält: „Dank seiner Lebenserfahrung kam er zur Überzeugung, dass Freiheit möglich, aber auf keinen Fall umsonst ist.“
Christine Lötscher

Der Punkt
Peter H. Reynolds
Aus dem amerikanischen Englisch von Julia Waltke
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5202-6
Schlagwörter: Kunst | Schule

Kunst kann jeder

Das Leben ist nicht vorhersehbar, aber im Rückblick gibt es manchmal einen klaren Punkt, an dem sich Entscheidendes ereignet hat. Bei Ina ist es der Moment, als nach dem Unterricht ihr Blatt immer noch leer ist, weil sie genau weiss, dass sie nicht malen kann. Die Kunstlehrerin bleibt freundlich, fordert sie auf, irgendetwas zu malen. Voller Wut schmettert Ina einen Punkt auf das Blatt, worauf die Lehrerin Ina bittet, dieses interessante Bild zu signieren. Und eine Woche später hängt ihr Punkt gerahmt über dem Platz der Lehrerin. Das verblüfft, ärgert und stachelt Ina gleichermassen an, und sie macht sich an die Arbeit, um zu zeigen, dass sie noch viel schönere Punkte malen kann. Bis sich daraus eine ganze Ausstellung mit lauter Punkten ergibt.
Natürlich lässt sich dieses kleine Geschenkbuch mit den einfachen, an Quentin Blake erinnernden Illustrationen auch in Hinsicht auf den didaktischen Kern interpretieren: Du musst dich nur trauen; in jeder und jedem steckt eine KünstlerIn; höre auf deine LehrerIn und du findest zu dir. Aber das Buch zeigt auch, dass eine FreundIn (zum Beispiel eine LehrerIn) zum richtigen Zeitpunkt das eigene Leben entscheidend prägen kann. Und Ina kann diese Erfahrung auf der Ausstellung einem kleineren Jungen weitergeben.
Bruno Blume

Lala und Luca
Malika Fouchier
Aus dem Französischen
Verlag: Jacoby & Stuart, Publiziert: 2008, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-941087-03-3
Schlagwörter: Freundschaft | Alltag

Lala ist ein ganz normales Mädchen, das morgens lieber ausschlafen würde, aber auch gern zur Schule geht. Sie liebt ihren Schulweg, spielt gern und denkt sich Geschichten aus, am liebsten aber ist sie mit Luca zusammen. Luca ist "sehr schwierig", jährzornig und ein Problemschüler, aber Lala kennt auch seine guten Seiten, seine Fantasie und Ausdauer, seine besondere Beziehung zu Tieren. Und er sagt nicht, dass Kevin lügt, als der behauptet, Luca sei in Lala verliebt.
Mit einfachen Sätzen und kurzen Geschichten lädt das an Comic-stil und -aufbau orientierte Buch auch grössere und leseschwache Kinder zur Lektüre ein, obwohl diese alles andere als simpel ist. Konsequent aus Kindersicht erzählt es viel zwischen den Zeilen und im Bild-Text-Kontrast: von eigenständigen Kindern und vertrauter Freundschaft, in der typisches Rollenverhalten akzeptiert und Grenzüberschreitung selbstverständlich ist. Hier findet Lala zu sich selbst und Luca Vertrauen, dank dem er sein Schwierigsein ablegen kann.
Bruno Blume

Mäusecken Wackelohr
Hans Fallada, Illustration: Willi Glasauer
Verlag: Aufbau, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-351-04092-5
Schlagwörter: Tiere | Gewalt | Mut/Selbstbewusstsein

Mehrfacher versuchter Mord, Totschlag, Verrat, Nötigung, Körperverletzung – die Liste der Verbrechen in diesem Bilderbuch ist lang. Trotzdem ist alles erträglich, da es sich „nur“ um kleine Tiere wie Ameisen und Mäuse handelt, vor allem aber weil die Geschichte sehr gerecht ausgeht. Zu Beginn ist Mäusecken Wackelohr ganz allein, denn die Katze hat ihre ganze Familie gefressen. Die kluge Ameise aber weiss einen Weg zum Mäuserich im Nachbarhaus – will für den Rat aber das Bonbon vom Nachttisch der Hausfrau. Obwohl es der Maus unter Einsatz ihres Lebens gelingt, das Bonbon zu beschaffen, verrät die Ameise die Maus für etwas süsse Milch an die Hauskatze. Ob solcher Gefühlskälte bleibt einem beim Lesen der Atem stocken, aber nur kurz: Der Hausherr tritt die Ameise kurze Zeit später versehentlich platt. Und auch mit der Katze nimmt es kein gutes Ende. Sie stürzt beim gierigen Versuch, die Maus doch noch zu kriegen, aus dem fünften Stock. So schafft es die Maus am Ende doch, ins Nachbarhaus zu gelangen und mit dem hübschen Mäuserich eine Familie zu gründen.

Die Geschichte vom mutigen Mäusemädchen, das sich im patriarchal-martialen Haushalt kraft ihrer Unbescholtenheit durchsetzt, ist so spannungsreich und konsequent erzählt, dass ihr vorlesende Erwachsene genauso gebannt folgen wie Kinder. Dies auch dank der Bilder. Sie mögen auf den ersten Blick harmlos erscheinen, inszenieren tatsächlich aber sehr geschickt Grössenverhältnisse, halten Höhepunkte fest und machen Gefühle greifbar.

Bruno Blume

Leute, ich fühle mich leicht
Alexa Hennig von Lange
Verlag: cbt Hardcover, Publiziert: 2008, Seiten: 268, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-16003-9
Schlagwörter: Pubertät | Familie/Familienformen

„Leute, ich fühle mich leicht“ ist der Auftakt einer neuen Mädchenbuchreihe, in der Alexa Hennig von Lange nach und nach alle Themen aufgreifen will, die junge Mädchen in der schwierigen Umbruchphase der Pubertät bewegen: von Magersucht und Liebeskummer, über Selbstfindung und Ablösung bis hin zu Liebe und Verlust. Mit Lelle steht dabei eine bekannte Heldin im Mittelpunkt. Denn die 15-jährige fungierte bereits in Henning von Langes mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Roman „Ich habe einfach Glück“ als Ich-Erzählerin.
Viel hat sich seither in Lelles Leben nicht verändert: Während die Mutter weiterhin hauptsächlich damit beschäftigt ist, sich um sämtliche Familienmitglieder und die beste Freundin zu sorgen, sitzt der Vater tagein tagaus im Büro und verschwindet immer dann, wenn’s brenzlig wird zum Schuhe putzen in den Keller. Und Schwester Cotsch baggert weiterhin ohne Rücksicht auf Verluste jedes männliche Wesen an, das ihr über den Weg läuft – egal wie alt es auch sein mag.
Im Gegensatz zu vielen anderen Büchern zum Thema Esstörungen, steht Lelles Krankheit beinahe im Hintergrund. Die LeserInnen erfahren zwar, dass sie seit geraumer Zeit immer weniger isst und vor lauter Entkräftung auch immer wieder mal in Ohnmacht fällt. In Verbindung mit dem frechen Ton, in dem Lelle von ihrem Alltag erzählt, sorgen solche Episoden aber eher für Belustigung als für drückende Stimmung.
Nein, das klassische „Abschreckungsbuch“ in Sachen Schlankheitswahn ist „Leute, ich fühle mich leicht“ nicht. Und gerade deshalb ist es empfehlenswert. Der Autorin gelingt es, verschiedene Formen von Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie zu thematisieren, ohne den pädagogischen Zeigefinger zu erheben. Schnodderig-frech, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen und mit jeder Menge schwarzem Humor erzählt die durchaus lebensfrohe und sehr patente Lelle wieder vom ganz alltäglichen Familienwahnsinn und davon, wie sie Johannes kennen lernt, mit dem – nicht von jetzt auf gleich, aber vielleicht nach und nach – vieles anders werden kann.
Andrea Duphorn

Vielleicht Amerika
Tobias Elsässer
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2008, Seiten: 152, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7941-8079-0
Schlagwörter: Identität/Individualität | Musik

Für Julie ist Singen wie Medizin. „Es linderte meine Angst, in dieser chaotischen Welt ganz auf mich selbst gestellt zu sein und irgendwann von ihr verschluckt zu werden.“ Ihre Leidenschaft für die Musik reicht sogar soweit, dass sie bei dem etwas älteren Nils heimlich Gesangsunterricht nimmt, statt mit ihm Mathe zu pauken. Von ihrem Vater weiss Julie eigentlich nur, dass er ein erfolgreicher Schlagersänger war und vor elf Jahren bei einem Segelunfall ums Leben gekommen ist. Denn ihre Mutter, die seit dem Tod ihres Mannes an starken Depressionen leidet, weigert sich beharrlich, mehr zu erzählen. Als Julie in dem Dachbodenzimmer, in dem sie nahezu jede freie Minute mit dem Hören alter Schallplatten verbringt, einen Koffer mit alten Fotos, Zeitungsartikeln und ein Buch mit persönlichen Aufzeichnungen ihres Vaters findet, bietet sich ihr die Gelegenheit, mehr zu erfahren. Bei ihren Nachforschungen stösst sie allerdings auch auf so allerlei, das weitere Fragen aufwirft, Neues anstösst und Altes in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt.
„Vielleicht Amerika“ erzählt von einer gefühlvollen, ernsten jungen Frau, die nach ihren Wurzeln zu suchen beginnt. Wie alle Jugendbücher von Tobias Elsässer („Die Boygroup“, „Ab ins Paradies“) – der Autor ist selbst Musiker, Songwriter und Gesangslehrer – steckt auch dieses voller Musik: Jedes der 23 Kapitel ist mit dem Titel von Welterfolgen wie „This Masquerade“ (Kenny Rogers) , „Like the Way I do“ (Melissa Etheridge) oder „Somebody“ (Depeche Mode) überschrieben und auch für die 13-jährige Ich-Erzählerin drücken sich Gedanken und Gefühlen vor allem in der Musik aus.
Packend und einfühlend zugleich erzählt Elsässer von Julies Liebe zur Musik, die diese aus Rücksicht auf ihre psychisch-labile Mutter nicht frei ausleben kann, ihrem Traum von drei unbeschwerten Wochen bei einem Schüleraustausch in New York, ihren zarten Gefühle für Nils und den vielschichtigen Geheimnissen um ihren Vater und schafft so eine Heldin, die sich mit Fragen auseinandersetzt, die sich über kurz oder lang fast jede junge Frau stellt: Was fange ich mit meinem Leben an? Was ist mir wichtig und wie kann ich das erreichen? Wer bin ich und wo will ich hin?
Andrea Duphorn

Zeckengeflüster
Ann Cathrin Raab
Verlag: Hinstorff, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-356-01292-4
Schlagwörter: Fantasie | Humor/Komik | Tiere

Die muntere Zeckenschar, die auf dem Buchumschlag in die Geschichte hineinspaziert, ist auf dem Weg zu ihrem zweiten Frühstück beim Kanarienvogel. Dann kommt über die fuchsteufelswilde Oma auch noch eine schusselige Katze bzw. ein benachbartes Trampeltier ins Spiel. Trotz aller Erwartung findet sich immer Zeit für die nächsten Klatschgeschichten aus dem Unterholz. Und glauben Sie mir, die Zecken haben von allerhand schrägen Dingen zu berichten! Am Ende ist der Kanarienvogel seine Gästeschar wieder los – die haben etwas von Katzenzungen bei der Oma gehört – und er geht ins Bett, denn Kanarienvögel brauchen viel Schlaf.
Was am Ende ausschaut wie eine wunderbar friedliche Gutenachtgeschichte, ist in Wahrheit ein fulminantes Feuerwerk der Fantasie. Der Text sprüht vor fröhlich-leichtem Umgang mit Sprache: Wer freut sich nicht über geräuschempfindliche Trampeltiere im Mietshaus, eine Katze, die dackelt, oder die Schnecke um die Ecke, die wieder nicht den Rasen gemäht hat!
Die Autorin zeichnet auch für die Bilder verantwortlich. Was sich in den letzten dreissig Jahren alles getan hat im Bereich der Illustration, zeigt sich an diesem Erstling. Ann Cathrin Raab hat bei Rüdiger Stoye (siehe der “Wal im Wasserturm”, S. 26) und Bernd Mölck in Hamburg Illustration studiert und überrascht mit ihrem kritzligen Zeichenstil und der mindestens ebenso eigenwilligen Zusammenstellung der ProtagonistInnen. Geschickt baut sie auf die schwarze Linie, unterschiedliche Strichstärken in Kombination mit schwarzen Flächen. Akzente setzt sie durch vereinzelte satte Farbflächen und eine spannungsvolle Komposition auf der Bildfläche.
Barbara Jakob

Olivia feiert Weihnachten
Ian Falconer
Aus dem Englischen von Monika Osberghaus
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-789-16517-4
Schlagwörter: Feste/Bräuche

Wenn Olivia etwas will, setzt sie sich gewöhnlich durch – das hat das temperamentvolle, aufgeweckte Schweinemädchen mit dem gesunden Selbstbewusstsein schon in vier früheren Bilderbüchern bewiesen. Im neuesten Band feiert sie mit ihrer Familie Weihnachten, aber zuerst strapaziert Olivia die Nerven ihrer Mutter mit ihrer Ungeduld und mit sicher gut gemeinter, aber eher anstrengender Hilfe bei der Vorbereitung.
Nach einer unruhigen Nacht ist es am Morgen endlich so weit: Schnee funkelt in der Sonne und der Weihnachtsmann hat nach amerikanischem Brauch nachts die Geschenke gebracht. Olivia und ihre kleineren Geschwister stürzen sich darauf: Auf einer ausfaltbaren Seite wird die hemmungslose Begeisterung beim Auspacken grandios in Szene gesetzt.
Nach einem rundum gelungenenTag sinkt Olivia in einen traumlosen Schlaf – oder ist er doch nicht so harmonisch? Das Traumbild auf der letzten Doppelseite zeigt Olivia als Primaballerina im Ballett “Nussknacker”, ein Verweis sowohl auf die früheren Bände als auch auf Falconers Tätigkeit als Bühnenbildner für das New York City Ballett.
Als dramatische Inszenierung erzählt Falconer denn auch Olivias Weihnachtsfest abwechselnd im Blick auf die ganze Bühne und als Ablauf einzelner Bewegungen, mit sicherem Strich, der die Stimmungen und Aktionen der liebenswerten Heldin präzise zum Ausdruck bringt.
Verena Rutschmann

Der Hühnerdieb
Béatrice Rodriguez
Verlag: Hammer, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0202-X
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere

Thé Tjong-Khing erzählt in seinen Bilderbüchern ohne Worte “Picknick mit Torte” und “Die Torte ist weg” (beide im Moritz-Verlag erschienen) Verfolgungsjagden um eine Torte, beim “Hühnerdieb” von Béatrice Rodriguez finden wir uns in einer wortlosen Verfolgungshatz aus Freundschaft wieder. Ein Fuchs stört die heimische Idylle von Bär, Hase, Huhn und Hahn. Er klaut vor den Augen der Freunde das weisse Huhn und macht sich aus dem Staub. Bär, Hase und Hahn setzen dem Dieb unverzüglich nach. Sie verfolgen ihn über Stock und Stein, durch Tag und Nacht, über der Erde und in Erdlöcher hinein. Was nur wir BetrachterInnen wissen: Das gestohlene Huhn fühlt sich schon bald nicht mehr unwohl in den Fängen des Fuchses, ruhig schläft es nachts in seinen Armen; mit grossen Augen und ohne Gegacker schaut es zurück auf seine Freunde, die ihm und dem Fuchs auf den Fersen sind. Nach einer abenteuerlichen Fahrt übers Meer stellen die Freunde den Hühnerdieb endlich. Er sitzt zusammen mit dem Huhn bei einer Tasse Tee am Kaminfeuer in seinem Baumhaus und das Huhn gesteht den alten Kumpanen, dass es den Fuchs nicht mehr verlassen will. Den Schock über die unerwartete Wende müssen die Freunde zuerst verdauen. Aber selbstverständlich stehen sie dem Glück des Huhns nicht im Weg …
Béatrice Rodriguez setzt diese Geschichte über Verzweiflung und Leidenschaft äusserst dynamisch ins Bild. Das Querformat ermöglicht es der französischen Illustratorin, den BetrachterInnen das Schicksal von Verfolger und Verfolgten auf jeder Doppelseite gleichzeitig zu zeigen. Die Körperhaltung der Tiere und ihre Mimik machen dabei Worte völlig überflüssig. Ein köstliches Bilderbuch – zum Mutmassen und Mitleiden für Kinder ab drei Jahren.
Christine Tresch

Stockmann
Julia Donaldson, Illustration: Axel Scheffler
Aus dem Englischen von Wiglaf Droste und Stefan Maelck
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79375-8
Schlagwörter: Abenteuer | Reisen

Stockmann lebt mit seiner Familie im Astloch eines Baumes. Doch eines Tages beginnt für ihn unversehens eine abenteuerliche Reise. Zuerst benutzt ihn ein Hund. Dann wird er von ein paar Kindern zum schwimmenden Rennboot im Fluss umfunktioniert. Vom Schwan entdeckt, verbringt er einige Zeit als einer von etlichen Ästen verbaut im Nest. Während das Abenteuer von Station zu Station weitergeht, ziehen die Jahreszeiten an uns vorbei. Als man sich schon darauf gefasst machen muss, dass der beinahe erfrorene, nun schlafende Stockmann als Brennholz im Chemineé endet, wird er vom lauten Radau des, … ja, des im Kamin feststeckenden Weihnachtsmanns geweckt. Es gelingt dem kleinen Stockmann, den opulenten Herrn zu befreien. Dafür darf er den Weihnachtsmann auf seiner Fahrt mit dem standesgemässen Rentierschlitten begleiten; das Ziel ist Stockmanns Zuhause.

Das Abenteuer des kleinen Aststücks überzeugt durch die kindlich konsequente Vorstellungsgabe der beiden Bilderbuchmacher, die hier in allen Dingen etwas Spiel- und Brauchbares zu sehen vermögen. Wie immer im Team Scheffler/Donaldson kommt die Geschichte in Versen daher. Den beiden Übersetzern ist es zu verdanken, dass die Reime dieses Mal kaum holpern. In den Illustrationen greift Julia Donaldson zu ihrer bewährten Mischung von ganzen Seiten und kleinen Vignetten, für Spannungselemente ist damit auch auf Bildebene gesorgt. Einziger Wermutstropfen muss wohl die Tatsache bleiben, dass der nordisch-amerikanische Weihnachtsmann in ein paar Jahren das Christkind komplett verdrängt haben wird, und das nicht nur im Bilderbuch.

Barbara Jakob

Geschichte ohne Ende und Anfang
Andrej Usatschow, Illustration: Alexandra Junge
Aus dem Russischen von Simone Peil
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-01582-8
Schlagwörter: Natur | Tiere

Eine Ameise steht da, klein, wie sie ist, am Strand, und blickt auf die Unendlichkeit des Meeres. Und wie sie da schaut und wie die Wellen kommen, eine nach der anderen, wird sie ganz traurig. Denn, denkt sich die kleine Ameise, nie wird sie das Ende des Meeres sehen können. Wo sie ja so klein ist und das Meer so gross. Und weil sie traurig ist, setzt sich die Ameise unter eine Palme und weint. Bis schliesslich ein Elefant kommt, sich um die Ameise sorgt und für sie Ausschau hält nach dem Ende des Meeres. Der Elefant schaut ganz fest, stellt sich sogar auf die Zehen – doch das Ende sieht auch er nicht. Es hilft auch nichts, dass sich die Ameise auf den Elefanten drauf und der Elefant sich dazu noch auf die Palme stellt. Da – was bleibt auch anderes übrig – weinen sie gemeinsam. Irgendwann kommt ein Thunfisch angeschwommen: “So heult doch nicht so! Das hier ist doch das Ende des Meeres!” Ganz einfach ist das, und Ameise und Elefant freuen sich erst mal. Doch – wenn das hier das Ende ist, wo ist dann der Anfang?

Ein Strand, eine Ameise, ein Elefant, ein Thunfisch und ein Meer – mehr braucht es nicht, um eine ganz grosse Frage zu stellen. Das Bilderbuch von Andrej Usatschow und Alexandra Junge ist ergreifend in seiner Einfachkeit. Am Anfang, als die Ameise ganz elend dran ist, wird man mit ihr traurig, dann wieder darf man sich mit ihr freuen wie ein Kind. Für Kinder, aber nicht nur, ist dieses Buch. Einfach so – oder zum Nachdenken.

Patricia Morgant

Die Geschichte vom Grösserwerden
Ruth Krauss, Illustration: Helen Oxenbury
Aus dem Englischen von Sophie Birkenstädt
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51701-0
Schlagwörter: Natur

Der Text von Ruth Krauss ist schon älter, die Illustrationen von Helen Oxenbury sind neu: Bereits 1947 erschien der Bilderbuchtext in der amerikanischen Originalausgabe, damals illustriert von Phyllis Rowand. Doch die Geschichte vom kleinen Jungen, der wissen will, ob er wächst, ist zeitlos. Den Wunsch, grösser zu werden, und die Frage, wie und weshalb man grösser wird, obwohl man nichts spürt, kennen alle Kinder. Das Bilderbuch beantwortet sie mit dem Kreislauf der Natur. Im Frühling sieht der Junge das Gras, die Blumen, die Küken und das Hundebaby – sie alle wachsen. “Wachse ich auch?”, fragt der Junge die Mutter. “Aber natürlich”, sagt die Mutter. Der Mais wächst, die Obstbäume blühen. Es wird warm, die Mutter mottet die Wollsachen des Jungen ein. Inzwischen ist der Mais mannshoch, und die Obstbäume tragen kleine, unreife Früchte. “… nur ich fühle mich nicht grösser. Wachse ich auch?”, fragt der Junge die Mutter. “Aber natürlich”, sagt die Mutter. Der Sommer geht in den Herbst über: Die Küken sind zu Hühnern geworden, das Hundebaby zum Hund, die reifen Birnen fallen zu Boden. Es wird kühler, Zeit, die Wollsachen des Jungen hervorzuholen – und, siehe da, die Hosenbeine sind zu kurz und die Jacke zu eng, der kleine Junge ist auch gewachsen! Helen Oxenburys Illustrationen vollziehen die Entwicklung mit: Flora und Fauna ändern sich mit dem Wechsel der Jahreszeiten, und auch der Junge wandelt sich vom Kleinkind mit grossem Kopf auf der ersten zum kleinen Jungen mit veränderten Körperproportionen auf der letzten Seite. Die Illustrationen sind etwas zu niedlich geraten, doch insgesamt ist dieses Bilderbuch eine schöne Lektüre für Kinder ab vier Jahren.
Christine Holliger

Zum Elefanten immer geradeaus
Constanze Spengler
Verlag: Hinstorff, Publiziert: 2008, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 3-356-01291-6
Schlagwörter: Tiere

Eine Ziege auf leuchtend orangerotem Hintergrund einer afrikanischen Steppenlandschaft – so leuchtet einem das Cover entgegen. Mit Schlange, Nashorn, Löwe, Zebra, Krokodil und Gnu sind die Tiere zu erkennen, denen die Ziege im Laufe der Geschichte begegnen wird.
Das erste Bilderbuch, zu dem Constanze Spengler auch den Text geschrieben hat, erzählt die Geschichte einer Ziege aus dem hohen Norden, die den grauen, kalten Wintermonaten in den Bergen gerne entfliehen will. Sie sucht nach einer neuen Herausforderung – und findet sie auch, in der Tageszeitung: “Postbotin gesucht. Das Postamt Afrika-Mitte braucht Sie! Gutes Geld. Nette Kollegen. Hübsche Uniform”, steht da und schon am nächsten Morgen macht sich die Ziege ans Schreiben ihrer Bewerbung.
Drei Wochen später tritt sie die neue Stellung in der afrikanischen Savanne an. Sieben Sendungen hat sie dort an ihrem ersten Tag zuzustellen: drei Postkarten, drei Rechnungen, ein Päckchen, eine Büchersendung sowie eine Zeitschrift. Und: “Ein eiliger Eilbrief für den Elefanten.” Letzteren beschliesst die frischgebackene Postziege zuerst auszutragen. Leichter gesagt als getan, wenn man gar nicht weiss, wie so ein Elefant aussieht…
Constanze Spengler begleitet die Suche ihrer Protagonistin mit wunderbar farbintensiven Illustrationen, auf denen es bei genauerem Hinsehen viele liebenswerte Details zu entdecken gibt. Dabei wechseln ganzseitige Bilder, die nicht nur den Chef vom Postamt Afrika-Mitte (ein imposanter Gorilla in Uniform), sondern auch die Empfänger der einzelnen Postsendungen in einer ganz eigenen Mischung aus Porträt und Stillleben zeigen, mit kleinen kolorierten Skizzen, die auf den Textseiten für zusätzliche Auflockerung sorgen. Ein rundum erfrischendes Bilderbuch, das in den Kinderzimmern sicher schnell in die Kategorie “noch mal vorlesen, bitte” aufsteigen wird.
Andrea Duphorn

Der Weihnachtsmannkomplott
Ute Krause
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-827-05328-5
Schlagwörter: Ferien | Feste/Bräuche

Die Weihnachtsmänner sind entsetzt, als sie in der Zeitung lesen, dass es sie angeblich gar nicht gibt. Und mehr noch, als sie merken, dass die Menschen dieser Schlagzeile tatsächlich glauben. Kein einziger Wunschzettel wird an den Nordpol geschickt und für den Heiligen Abend haben die Weihnachtsmänner rein gar nichts zu tun. Die anfängliche Panik weicht praktischen Überlegungen: Endlich haben sie Zeit, mal in den Urlaub zu fahren. Und so wäre Weihnachten sicherlich ausgefallen, wenn nicht ein kleiner Junge namens Rupert ganz fest an die Existenz der Weihnachtsmänner geglaubt hätte – und wenn er im Postamt seines Vaters nicht zufällig auf eine ganz besondere Urlaubskarte gestossen wäre.
Ute Krauses “Weihnachtsmannkomplott” erinnert an Raymond Briggs Idee vom urlaubsreifen Weihnachtsmann (“Was macht der Weihnachtsmann im Juli”), erhält jedoch durch die charakteristischen Illustrationen und durch einen ganzen Pulk von in der Sonne röstenden Weihnachtsmännern in Badehosen, mit bunten Sonnenbrillen und hüftlangen Weihnachtsmannbärten eine ganz eigene Note. Ruperts Weihnachtsmannsuche gerät zum Südseeabenteuer, und schliesslich gelingt es ihm, die Weihnachtsmänner dazu zu überreden, doch noch Geschenke zu verteilen – eine Aufgabe für sich. Mit Säcken voller Karibik-Souvenirs (Wunschzettel gab es ja ohnehin nicht) kehren die Weihnachtsmänner gerade noch rechtzeitig zurück, um den Glauben wieder herzustellen. Und für Rupert ist klar: Er will später auch mal Weihnachtsmann werden. Vielleicht kein besonders hervorzuhebendes, aber auf jeden Fall ein humorvoll illustriertes Bilderbuch um die bange Kinderfrage: Kann Weihnachten auch mal ausfallen?
Maren Bonacker

Der Wal im Wasserturm
Rüdiger Stoye
Verlag: Moritz, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-895-65198-2
Schlagwörter: Fantasie | Wissenschaft

Vor knapp vierzig Jahren hat Rüdiger Stoye, langjähriger Professor für Illustration an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg, mit dem “Wal im Wasserturm” ein weltweit erfolgreiches Bilderbuch veröffentlicht. Die Neuauflage zum 70. Geburtstag des Künstlers ermöglicht nicht nur Bildreisen in die eigene Kindheit, sondern vor allem die Begegnung mit einer verwegen fantastischen Geschichte.
Die Geschichte erzählt von Jan, dem Sohn des Wasserturmwärters von Hamburg, der aus einem kleinen Nebenfluss der Elbe einige kleine Fische angelt. Einen schönen dunkelblauen setzt er in die Badewanne und bestaunt gemeinsam mit seinem Vater dessen beträchtliches Wachstum. Der Fisch wird grösser und grösser, kein Wissenschaftler weiss Rat, und schon muss das Tier von der Badewanne ins grosse Becken unterm Wasserturmdach umziehen. Die fantastische Geschichte nimmt ihren Lauf: Die Leute stehen mit ihren Zahnbürsten hilflos im Bad, als der Wal die gesamte Wasserversorgung verstopft, schliesslich droht der ganze Turm zu bersten. Der kleine Jan hat die rettende Idee. Mit Hilfe eines Hubschraubers gelingt es ihm, eine gute Wendung für den Wal und die Hamburger Bevölkerung herbeizuführen.
Während man der Geschichte in Dynamik und Fantastik ihr Alter nicht ansieht, sind die ganzseitigen Bilder zwischen malerischen Flächen und filigraner Pinselführung deutlich von ihrer Zeit geprägt. Zur Intensität des Buches trägt die konsequente Trennung von Text- und Bildseiten bei: Kinder können so beim Vorlesen in der rechten Buchhälfte in den ganzseitigen Bildern abtauchen. Spannend ist auch, dass für das Buchcover nicht der Wal im Turmbecken, sondern der bereits vom Hubschrauber befreite Wal gewählt wurde.
Barbara Jakob

Ein neuer Stern
Marjaleena Lembcke, Illustration: Susanne Strasser
Verlag: Residenz, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-701-72040-1
Schlagwörter: Tiere | Feste/Bräuche | Religion

Die Maus hat es von den drei Königen erfahren: Ein Stern am Himmel wird die Geburt eines Kindes verkünden, das die Menschheit “aus der Falle befreit”. Die Eule verzichtet für einmal auf ihre Abendmahlzeit – “Zeit zu fressen, Zeit zu schauen” – und korrigiert die Maus: Das Jesuskind werde die Menschen von den Sünden befreien. Gemeinsam warten sie auf den Stern. Viele andere Tiere gesellen sich dazu und begraben für die Zeit des Wartens ihre Fehden. Bald schon entbrennt ein heftiger Streit darüber, wer denn dem Jesuskind die Ehre erweisen darf. Ein Tier, das fliegt – sie selbst –, ein Tier, das läuft, die Maus – und ein Tier, das kriecht – die Schlange –, schlägt die Eule vor. Ausgerechnet die Schlange, wirft die Ziege ein, da sei doch die alte Sache mit dem Paradies. Weil viele Tiere nicht wissen, was damals geschehen war, erzählt die Eule ihnen die Geschichte von der Vertreibung der Menschen aus dem Paradies. Auch die Schlange ist von der Idee nicht begeistert. Sie fürchtet, sich beim Jesuskind für ihre Vorfahren entschuldigen zu müssen.

Endlich erscheint der Stern am Himmel und die drei Tiere brechen auf. Unterwegs üben sie ihre Begrüssungsworte, bringen aber, beim Jesuskind angelangt, keinen vernünftigen Ton heraus.

Mit viel Hintersinn erzählt Marjaleena Lembcke diese Weihnachtsgeschichte. Ihre Tiergesellschaft ist nicht besser als wir Menschen, wenn es um Vorurteile, Nachsicht und Gemeinsinn geht. Susanne Strassers Bilder, in einer Mischtechnik aus Collage und Kreidezeichnungen gehalten, geben die Gemütsverfassungen der Protagonisten genau wieder. Sogar der Mond wartet mit den Tieren. Und die leichtfüssigen Paradiesbilder kontrastieren eindrücklich mit der kalten Winternacht. Ein ganz besonderes Weihnachtsbuch zum Erzählen für die ganze Familie.

Christine Tresch

Prinzessin Knöpfchen
Sybille Hein
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2008, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51712-6
Schlagwörter: Abenteuer | Märchen/Fabel

Mit Musik-CD

Knöpfchen ist eine mutige und selbstbewusste Königstochter. Mit Zwille in der Hand und Abenteuerlust im Herzen, fliegt sie auf einem Sofakissen aus dem königlichen Schloss, als dort alles heftig wackelt. Ein Monster im Keller? Ein Erdbeben? Ausserdem ist das Schloss von einem undurchdringlichen Urwald umgeben. Dieses Geheimnis zu ergründen, scheint ihr noch dringlicher, und so setzt sie mit ihrem Sofakissen zur Landung an. Ein ängstlicher Drache mit verknotetem Hals, ein melancholisches Werwölfchen und eine garstige Hexe, die beim Zaubern schrumpft, kreuzen bald darauf ihren Weg, ebenso wie eine diskutierende Räuberbande und ein merkwürdiger, einsamer… Naja, man will ja in einer Rezension nicht alles verraten.

Die aus der Ich-Perspektive der Prinzessin erzählte Geschichte ist frech und pfiffig, denn Knöpfchen kann es sogar mit dem dreisten Räuberjungen Warzenjohnny mühelos aufnehmen. Irgendwie raufen sich die ungleichen Weggefährten zusammen und tragen dazu bei, jemanden glücklich zu machen, der bisher der Allerunglücklichste der Welt gewesen ist.

Sybille Hein schreibt dieses Märchenabenteuer mit Musical-Charakter – 13 Lieder ergänzen den Text – frisch und munter von der Leber weg für kleine und grosse Kinder. Skurril, voller Fantasie und mit liebenswerten, nicht ganz glatten Charakteren erzählt sich das Märchen von “Prinzessin Knöpfchen” scheinbar von allein in die Herzen der (Vor-)LeserInnen und ZuhörerInnen. Die CD mit den von Falk Effenberger vertonten Liedern gehört unbedingt dazu und spiegelt den Charakter des Bilderbuchs – aussergewöhnlich, leicht verrückt und ungemein spassig.

Maren Bonacker

Finns Land
Heinz Janisch, Illustration: Linda Wolfsgruber
Verlag: Hanser, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23092-0
Schlagwörter: Traum

Von einem Namen geht ein ganz besonderer Zauber aus. Vor allen Dingen vom eigenen Namen. So jedenfalls ergeht es Finn, als er Finnland auf der Landkarte entdeckt. Finn-Land! Das ist Finns Land. Finn will nur noch nach Finnland. In Finnland gibts Brot mit Erdbeergeschmack, in Finnland verbeugen sich die Bäume, wenn ein Bär vorbeigeht, in Finnland fährt der Bürgermeister mit Schlittschuhen durchs Dorf. Finn hat an Finnland den Narren gefressen, Finnland ist das Land seiner Träume!

Traumartig sind auch Linda Wolfsgrubers Collagen, die den Text nicht nur illustrieren, sondern mit witzigen Einfällen surreal erweitern: losgelöst von den Gesetzen der Schwerkraft schweben Figuren und Gegenstände in ungewohnten Proportionen und Zusammenhängen über die Seiten.

Heinz Janischs schräger Text besticht unmittelbar. Denn wer kennt das nicht: eine Sehnsucht, die das Alltagsleben solange bestimmt, bis sie gestillt wird … oder sich die nächste verrückte Idee ungefragt im Kopf festsetzt? Eine anregende und humorvolle Lektüre für Kinder ab fünf Jahren.

Christine Holliger

Als Oma seltsam wurde
Ulf Nilsson, Illustration: Eva Eriksson
Aus dem Schwedischen von Ole Könnecke
Verlag: Moritz, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-895-65196-6

Was ist denn heute nur mit Oma los? Statt wie bei jedem Besuch ihres sechsjährigen Enkels Brot und Kekse zu kaufen, tut sie so, als wenn sie ihn auf einmal nicht mehr kennen würde. Sie schleppt ihren Enkel ins Dorf und lässt sich auf der Bank ihr ganzes Geld auszahlen. Mit dem Einkaufsbeutel voller Geld, das ihr am Bankschalter widerwillig ausgehändigt wird, geht es wieder zurück nach Hause – gut, dass der Junge, den Oma nun gar mit dem Namen seines Vaters anspricht, Pfeil und Bogen bei sich hat. Zurück im Haus, versteckt Oma das Geld bündelweise an den unmöglichsten Orten und “John” soll sich gefälligst an die Verstecke erinnern. Ein bisschen viel für den Sechsjährigen: Oma, die schon wieder schläft, soll er bewachen, dazu das Haus und das viele Geld, sich an die Verstecke erinnern… Nachdem die Oma etwas Medizin erhalten hat, benimmt sie sich dann wieder wie früher und auch das Geld kommt wieder auf die Bank – für dieses Mal ist ja noch alles gut gegangen.

Dass Grosseltern dement werden, ist für Kinder verwirrend. Nahestehende Erwachsene, die plötzlich anders reagieren als gewohnt, sie nicht erkennen und Rituale durcheinanderbringen, das ist schwer einzuordnen.

Obwohl es im Buch noch einmal glimpflich abgelaufen ist, ist allen klar, dass Oma wieder seltsam werden kann. “Aber die Krankheit kam zurück, immer mehr und mehr. Und dann half keine Medizin mehr”, schreibt Ulf Nilsson, der diese Geschichte als kleiner Junge selbst erlebte. Folgerichtig ist die Handlung auch ganz aus der Sicht des kleinen Jungen erzählt und es mangelt nicht an Szenen, bei denen man laut lachen darf. Dazu tragen natürlich auch Eva Erikssons Bilder bei, welche der Geschichte eine zusätzliche Dimension verleihen.

Maja Mores

Opa Meume und ich
Maggie Schneider, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2008, Seiten: 66, ISBN/ISSN/EAN: 3-939-94416-5
Schlagwörter: Freundschaft | Tod/Trauer

Die Meumes wohnen ein Stockwerk über Emma. Die Neunjährige geht bei den Meumes ein und aus, weil ihre Eltern berufstätig sind. Bis Oma Meume stirbt und alles anders wird. Jetzt verlässt Opa Meume die Wohnung nicht mehr, er trägt immer dieselben Kleider und schaut nicht mehr richtig zu sich. Wenn Emma ihn besucht, sitzt er wortlos und mit dumpfen Augen da. Das kann Emma nicht mit ansehen. Sie kümmert sich um den alten Mann, versucht ihn aufzuheitern, zum Erzählen zu bringen und schenkt ihm ein Kuscheltier gegen seine Einsamkeit – ist also ganz schön hartnäckig. Während der Sommerferien bietet sie sogar ihre FreundInnen zum “Opa-Betreuungsprogramm” auf. Auch in seinen letzten Tagen im Spital lässt Emma Opa Meume nicht im Stich. Nach seinem Tod ist sie nicht mehr so traurig wie beim Tod von Oma Meume. Jetzt wird er wieder mit Oma Meume den Sonntagswalzer tanzen können, denkt sie. Und aus den Gesprächen mit Opa Meume weiss sie, dass das “unsichtbare Innendrin” der Menschen weiterlebt, auch wenn sie gestorben sind.
Diese ergreifende Geschichte über die Freundschaft zwischen einem Mädchen und einem alten Mann, über das Altwerden und den Tod, über Verantwortung und die Macht der Erinnerungen ist Maggie Schneiders erstes Kinderbuch. Emma ist eine selbstständige, willensstarke Protagonistin, die gar nicht nach ihren Eltern kommt, die sich auf nichts einlassen wollen.
Jacky Gleichs ganzseitige Illustrationen sind in warmen Herbsttönen gehalten. Sie erzählen die Lebensgeschichte von Opa Meume nach wie auf einer Bühne oder im Fotoalbum. Jedes Bild erschliesst einen weiten Raum, einen Lebensabschnitt, braucht eigentlich keine Worte.
Zum Vorlesen und Selberlesen ab neun Jahren.
Christine Tresch

Henry und die Sache mit dem Bären
Angelika Glitz
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2008, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85309-5
Schlagwörter: Freundschaft

Eigentlich gefällt es Henry in der neuen Schule auf dem Land ganz gut. Doch dass er seit seinem Umzug nicht mehr hat Fussball spielen können, grenzt an eine Katastrophe; schliesslich ist Fussball die grosse Leidenschaft des Neunjährigen. Zwar gibt es auch in der neuen Klasse zwei Fussballmannschaften. Die “Kuhfladen” aber dünken Henry alles andere als attraktiv, und die “Heroes” behandeln ihn wie Luft. Ausgerechnet im Sachkundeunterricht spricht der Kapitän der “Heroes” Henry dann zum ersten Mal an. Scheinbar unverfänglich und doch überaus perfide. Denn was kann jemand, dessen Vater eine Tierhaarallergie hat, auf die Frage “und was für ein Haustier hast du?” schon antworten? Eben. Und darum macht Henry sich kurzerhand zum Besitzer eines Bären. Logisch, dass die ganze Klasse das ungewöhnliche Haustier sehen will. Logisch auch, dass für Henry damit die Probleme erst richtig beginnen. Bärenkacke lässt sich ja noch relativ einfach beschaffen. Aber ein Bär? Und das erst noch innerhalb von drei Tagen? Dann nämlich wollen Henrys Kameraden das Tier sehen. Obwohl Henry wirklich alle Register zieht, kann er am Tag X nur noch ergeben darauf warten, dass das Schicksal zuschlägt. Das tut es auch, allerdings ganz anders, als Henry es erwartet hat. Eine liebenswerte, fantasievolle Freundschaftsgeschichte für Mädchen und Jungen, die nicht immer nur von Drachen, Hexen und Zauberern lesen wollen.
Ursula Kahi

Der faule Kater Josef
Franziska Biermann
Verlag: Residenz, Publiziert: 2008, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-701-72039-8
Schlagwörter: Humor/Komik | Tiere

Nichtstun ist seine Lebensmaxime, der Tagesablauf genau geregelt, jede Bewegung ökonomisiert, Störungen durch die Aussenwelt verhasst. Das Leben des faulen Katers Josef ist ganz und gar asozial, bis er eines Tages auf dem Weg zum stillen Örtchen mit dem Fussball spielenden Nachbarhund Rudi zusammenstösst. Das Rencontre stellt Josefs Leben auf den Kopf. Denn Rudi hat ihm einen Floh angehängt – und der muss möglichst rasch wieder weg. Dafür braucht es Körperkontakt. Josef lässt nichts unversucht: Er frisiert ein Meerschwein, befreit eine Kuh von lästigen Fliegen, schwitzt mit Rudi auf dem Fussballfeld, dient sich einem Mädchen als Schmusekater an – alle Mühe ist vergebens, der Floh bleibt auf ihm sitzen. Erst die abendliche Gesangsstunde, die Josef einer Katzendame gibt und die in einem romantischen Duett endet, befreit ihn von der Plage. Zurück auf seiner Couch, die vom täglichen Rumliegen schon eine tiefe Delle hat, will sich allerdings das alte Wonnegefühl nicht mehr einstellen … der faule Kater Josef muss seinen Floh zurückhaben.
Text, Illustrationen und Typografie spielen perfekt zusammen in dieser witzigen Geschichte über den selbstverliebten und egoistischen Kater, dem das Leben wieder auf die Sprünge hilft. Die Hamburger Autorin und Illustratorin Franziska Biermann überzeichnet ihre Figuren und sie lässt ihnen und den Dingen, die sie umgeben, viel Freiraum. Die Hervorhebungen im Text sind Lesehilfe und dramatisieren das Geschehen zugleich.
Allerdings ist das Vokabular der Geschichte relativ anspruchsvoll und die Sätze zuweilen recht lang. Darum eignet sich das Buch zum Selberlesen erst für geübtere LeserInnen. Nacherzählen kann man es aber schon ab dem Kindergartenalter.
Christine Tresch

Jack Perdu und das Reich der Schatten
Katherine Marsh
Aus dem Englischen von Gerald Jung
Verlag: Boje, Publiziert: 2008, Seiten: 251, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82084-6
Schlagwörter: Tod/Trauer | Mythologie/Sage

Beinahe wäre für Jack Perdu sein Name Programm geworden, als er, die Nase tief in Ovids Nacherzählung antiker Mythen, von einem Auto angefahren wird. Danach ist nichts mehr, wie es war. Denn plötzlich kann Jack Geister sehen. Und so macht er sich mit dem Gespenstermädchen Euri auf in die New Yorker Unterwelt, um seine verstorbene Mutter zu suchen. Doch wie für seinen Vorgänger Orpheus ist diese Reise nicht ungefährlich, und Zerberus, der dreiköpfige Hund, der die Unterwelt bewacht, hat sich bereits an seine Fersen geheftet.
Gute Bücher eröffnen ihren LeserInnen neue Welten. Das gilt für Katherine Marshs Roman gleich in dreierlei Hinsicht. Da ist nicht nur die fantastische Unterwelt der Geister, die es zu erkunden gilt, sondern auch das Überirdische an New York, dessen Sehenswürdigkeiten die Kulisse für viele spannende und lustige Szenen aus der Geisterperspektive abgeben. Auf einer dritten Ebene ist Marshs Erzählung im Wortsinn eine Vergegenwärtigung der antiken Sage von Orpheus und Eurydike und der darin vermittelten Gedanken über den Verlust geliebter Menschen und die radikale Endlichkeit des Menschen. Damit bejaht die Autorin implizit auch die Frage, ob uns die alten Mythen heute überhaupt noch etwas sagen können. Weil sie all dies obendrein in einer abwechselnd spannenden, lustigen und anrührenden Geschichte vollbringt, ist das Buch wärmstens zu empfehlen und lässt auf eine Fortsetzung hoffen.
Christian Kölzer

Geschichten aus der Vorstadt des Universums
Shaun Tan
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2008, Seiten: 92, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58198-3
Schlagwörter: Fantasie

Was sieht der Hund, der in die Ferne starrt? Warum flimmert der nicht am Strom angeschlossene Fernseher? Schon das Titelbild von Shaun Tans “Geschichten aus der Vorstadt des Universums” weckt Fragen. Schlägt man das Buch auf, verfangen sich die Augen in unzähligen Miniaturen auf dem Vorsatz. Weiter geht es mit einem in warmen Sepiatönen gehaltenen pastös gemalten Titelbild, das die schläfrige Stimmung in einem Vorstadtquartier heraufbeschwört. “Wohin schwebt die Frau im blauen Ruderboot?” träumen wir gemeinsam mit dem den Rasen sprengenden Mann am unteren Bildrand. Der australische Künstler Shaun Tan erzählt in jedem Bild unzählige Geschichten.
Genauso vieldeutig sind die Texte. Sie erzählen vom schweigsamen Wasserbüffel, der bei drängenden Fragen mit seinem Huf in die Richtung weist, wo sich überraschenderweise eine Antwort findet. Nie geben diese Geschichten alle Geheimnisse preis.
Das Inhaltsverzeichnis zieren diverse Briefmarken. Sie versprechen “Die Nacht der geretteten Schildkröten”, “Opas Geschichte” oder “Machen Sie sich Ihr eigenes Haustier”.
Durch die Details in Illustrationen und Text werden wir sofort in den Bann gezogen. Tan versteht es in seinen Geschichten, Skizzen, Bildern und Collagen, die Fremdheit in der uns vertrauten Umgebung hervorzuheben. In den Zwischenräumen, die sich dadurch öffnen, ist Platz für unsere eigenen Geschichten. Dieses Buch ist eine Spielwiese für Bild- und TextleserInnen jeden Alters, immer und immer wieder.
Francesca Micelli

Wer ist Libby Skibner?
Daan Remmerts de Vries
Aus dem Niederländischen von Andrea Khuitmann
Verlag: Dressler, Publiziert: 2008, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 3-791-51674-4
Schlagwörter: Identität/Individualität

Liesbeth lebt ein ruhiges und vor allem angepasstes Leben. Im Haus der Eltern darf sie aus Rücksicht auf den komponierenden Vater keinen Mucks von sich geben. Stimmungsschwankungen der Eltern nimmt sie mit feinsten Antennen wahr. In der Schule ist Lies unsichtbar – bis Suzan sich mit ihr anfreundet und Farbe in ihr Leben bringt. Eine neue Bluse, Schmuck und Kosmetika helfen der vierzehnjährigen Lies dabei, sich zu verwandeln – in Libby, ein Mädchen, das lacht und redet und herumalbert wie die anderen. Was sie dabei dennoch von den MitschülerInnen unterscheidet, ist ihre Fähigkeit, zu beobachten. Wie im Elternhaus nimmt sie auch auf dem Schulhof mit grosser Sensibilität Stimmungen auf und erfährt dabei mehr über ihre KlassenkameradInnen und LehrerInnen, als diese selbst preisgeben würden.
Eine Weile geniesst sie das parallele Dasein als angepasste Lies zu Hause und fröhliche, selbstbewusste Libby in der Schule. Doch dann schnürt ihr die Atmosphäre im Elternhaus im wahrsten Sinne des Wortes die Luft ab: Nach einem Streit mit der Mutter kollabiert Libby in der Schule und rastet total aus. Unter dem Vorwand, hellsehen zu können, konfrontiert sie jeden mit der ungeschönten Wahrheit über sein Leben – und manövriert sich damit selbst ins Aus.
Obwohl streng genommen nicht viel passiert in diesem Jugendroman, liest sich Libbys Geschichte ungemein spannend. Erzählt wird von der Selbstfindung eines Mädchens, das sich einerseits ihre Individualität bewahren und gleichzeitig dazugehören möchte. Erzählt wird, wie Libby erfährt, dass man manchmal alles zerstören muss, um etwas Neues aufbauen zu können.
Maren Bonacker

Ein Querkopf kommt selten allein
Rupa Gulab
Aus dem indischen Englisch von Cornelia Krutz-Arnold
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2008, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-01623-9
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Pubertät | Familie/Familienformen

Die 13-jährige Priya lebt mit ihrer Mutter und ihrer Tante in Neu-Delhi, liebt Schokoladeeis und verehrt ihre Englischlehrerin Ms Basu. Geschichten ausdenken und Schreiben findet sie toll, die Erwachsenen komisch und Jungs ziemlich doof. Darin ist sie sich mit ihrer Freundin Aruna einig, auch wenn sich die beiden Mädchen sonst gerne mal über den Schluss einer selbst geschriebenen Geschichte streiten. Ansonsten fehlt es Priya bis anhin an gar nichts.
Als sie jedoch eines Tages plötzlich vom Auftauchen ihres tot geglaubten Vaters erfährt, gerät das bis anhin “ganz normale” Familienleben ziemlich aus den Fugen. Dad the Bad will sie und ihre Mutter unbedingt wieder erobern, muss sich aber vorerst einigen Hindernissen stellen, bevor er zu seinem Ziel gelangt. An der Tatsache, dass sich die widerspenstige Tochter in der Zeit doch noch ein bisschen verliebt, ist er nicht ganz unschuldig.
Rupa Gulabs erstes Jugendbuch ist von der ersten Seite an voller Wortwitz, geprägt von einem hohen Tempo und Farbenreichtum. Sie beschreibt, ohne zu problematisieren, den Alltag einer alleinerziehenden Mutter im modernen Indien. Dabei zeigt sie die Sicht eines Mädchens in der Pubertät auf die Erwachsenenwelt und spricht damit Jugendlichen aus dem Herzen, während sie die Erwachsenen immer wieder zum Lachen bringt. Eine witzige Geschichte mit vielen Komplikationen und einem Happy End, wie es sonst nur Hollywood-Bollywood bietet.
Petra Bäni

Six
Martina Wildner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2008, Seiten: 268, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-81038-5

In den Umzugskisten ihrer älteren Schwester macht die 16-jährige Luzie eine folgenschwere Entdeckung: Sie findet ein Manga mit dem Titel “Six”. Je mehr sie sich in das Manga vertieft, in dem das Mädchen Nana vom Planeten Roku, das auf der Erde eine wichtige Mission zu erfüllen hat, desto mehr verwischen sich Realität und Fiktion. Eine neue Mitschülerin weckt mit ihrer japanischen Schuluniform und ihrem bizzaren Verhalten Luzies Neugierde – und ihr Misstrauen. Ist Nelli eine Ausserirdische? Oder ist sie die japanische Freundin ihrer Schwester Almut, die als Rockmusikerin in Berlin lebt? Luzie verstrickt sich immer mehr in Verschwörungstheorien, vermutet hinter jedem und jeder potenzielle Weltzerstörer und / oder Aliens. Dazu kommt, dass Luzie mit ihrer Familie gar nicht mehr klarkommt. Als Almut in dem bayrischen Dorf, wo Luzie wohnt, ein Rockkonzert gibt, spitzt sich die Situation zu: Könnte Nelli gar die abgewiesene Liebhaberin ihrer Schwester sein, die sich nun rächen will? Luzie beschliesst, ihrer Schwester zu helfen.
Nicht zum ersten Mal bei dieser Autorin (“Michelles Fehler”, “Jede Menge Sternschnuppen”) vermischen sich Fantasie und Wirklichkeit zusehends. Dass die LeserInnen da den Faden zuweilen verlieren, ist legitim und vielleicht sogar beabsichtigt. Am Ende bleibt alles offen und frei interpretierbar. Haben wir eine drastische Entwicklungsgeschichte gelesen? Eine Liebesgeschichte im Internatsmilieu? Einen Manga oder Sciencefiction-Roman? Ja, von allem ein wenig, und gerade deshalb ein sehr eigenständiges und eigenwilliges Buch. Auch die Mangabilder, die von der Autorin stammen, die ursprünglich Grafikerin ist, zeugen von grossem Talent und wären schon allein eine Veröffentlichung wert.
Maja Mores

Eragon
Christopher Paolini
Aus dem amerikanischen Englisch von Joannis Stefanidis
Verlag: CBJ, Publiziert: 2008, Seiten: 860, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12805-9
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

Die Weisheit des Feuers

Von den Fans sehnsüchtig erwartet ist jetzt endlich der dritte und vermeintlich letzte Band der “Eragon”-Trilogie erschienen – die zu einer “Trilogie in vier Teilen” mutiert. Christopher Paolini fehlt jedoch die Selbstironie eines Douglas Adams, der seiner “Per Anhalter durch die Galaxis”-Tetralogie fröhlich auch noch eine fünfte Fortsetzung bescherte. Paolini meint es bitter ernst, wenn er in seiner Danksagung erklärt, warum es nun vier statt drei Bücher gibt. Im Internet gibt es gar eine Videobotschaft an die LeserInnen, in denen er sich für sein Vorgehen rechtfertigt. Das Gros seiner Fans überzeugt er nicht wirklich mit seinen Argumenten.
Eragon und Roran sind aufgebrochen, um Katrina zu befreien, und geraten bald zwischen die Fronten eines unabwendbaren Krieges. So sind es die Schlachten zwischen Galbatorix und seiner Armee auf der einen und Varden, Elfen und Zwergen auf der anderen Seite, die das Geschehen von “Die Weisheit des Feuers” bestimmen.
Wechselnde Erzählperspektiven geben dabei Einblicke in die Gedanken und Gefühle verschiedener Figuren. Diese sind gut konstruiert. Paolini kennt seine Helden und schafft so überzeugende Charaktere. Doch fehlt ihm der Mut zur Lücke – nicht alles hätte bis ins Detail erzählt werden müssen, um insgesamt ein schlüssiges Werk zu präsentieren. Der Autor verliert sich mitunter zu sehr in Nebensträngen, die zu weit von der eigentlichen Erzählung abweichen. Schön für den, der endlose Sagas liebt, denn Paolini “spricht” eine gute Fantasy-Sprache. Ermüdend jedoch für LeserInnen, die in erster Linie Eragons Schicksal interessiert. Denn diese kommen in “Die Weisheit des Feuers” nicht wirklich voran.
Maren Bonacker

Mein kleines grosses Leben
Holly-Jane Rahlens
Aus dem amerikanischen Englisch von Kattrin Stier
Verlag: Rowohlt, Publiziert: 2008, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 3-499-21446-6
Schlagwörter: Pubertät | Liebe | Freundschaft | Historisches

New York, Anfang der 1960er-Jahre. Die Zeit von Petticoats und Steghosen, kunstvollen Bienenkorb-Frisuren und Pomadentollen, selbst gebastelten Lockenwicklern, Transistorradios und Schwarzweissfernsehen, den “Beach Boys”, “Crystals” und “Drifters”. Susie B. “die Strahlende” Scheinwald und ihre Freundinnen Becky “die Verwegene” Beckstein, Judy “die Gläubige” O’Reilly und Elaine “die Vorsichtige” Silverman leben im Stadtteil Queens und verbringen fast jede freie Minute miteinander. “Ich war mal ein hübsches Kind”, erzählt Susie über sich, “aber jetzt spielen meine Haare verrückt, meine Hüften wachsen schneller als mein Busen, auf meiner Stirn spriessen Pickel …” Doch damit nicht genug, muss sie wegen eines leichten Gehfehlers auch noch die hässlichsten orthopädischen Schuhe tragen, die sich eine Dreizehnjährige nur vorstellen kann. Das ist alles andere als hilfreich, wenn man wie die meisten Mädchen der Schule für Mark “Lover Boy” Lieberman schwärmt und alles für ein Date mit dem gut aussehenden Kapitän des Basketballteams geben würde.

“Es war eine magische Zeit, und wir standen alle unter ihrem Bann”, lässt die seit fast fünf Jahrzehnten in Berlin lebende Autorin ihre Protagonistin in einem fiktiven Nachwort “vier Jahrzehnte und fünf Jahre später” zusammenfassen. Ein bisschen ist es auch ihre eigene Jugend, die Rahlens mit Ironie, einem unverwechselbaren, das Leben bejahenden Humor und grosser Nähe zu den Figuren wieder aufleben lässt, indem sie von besten Freundinnen, der ersten Liebe und Problemen mit den Eltern erzählt. Ein Buch, das einen voll und ganz in eine vergangene Zeit eintauchen lässt und dabei Generationen verbindet – in Susie kann sich die heute Gleichaltrige ebenso wiedererkennen wie deren Mutter oder Grossmutter.

Andrea Duphorn

Mano
Anja Tuckermann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2008, Seiten: 300, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-23099-8
Schlagwörter: Identität/Individualität

Der Junge, der nicht wusste, wo er war

Bei den Recherchen zu ihrem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichneten Buch “Denk nicht, wir bleiben hier! Die Lebensgeschichte des Sinto Hugo Höllenreiner” stiess Anja Tuckermann noch auf andere Lebensgeschichten, die erzählt werden müssen. Zum Beispiel das Schicksal von Mano Höllenreiner, für den die Not mit dem Ende des Krieges noch nicht vorbei war. Der 1933 geborene Sinto überlebte die Konzentrationslager Ravensbrück und Auschwitz; nach der Befreiung wird er von heimkehrenden französischen Kriegsgefangenen gerettet. Plötzlich ist er in Frankreich, schwer traumatisiert und verstört. Dass er ein Sinto ist, darf er niemandem sagen, deswegen wurde er ja deportiert; ebensosehr fürchtet er sich davor, dass die Franzosen ihn als Deutschen erkennen – “sales boches!”, rufen sie überall – und deswegen in Lager stecken. Er wird bei einer liebevollen Pflegefamilie aufgenommen, behält seine Identität aber für sich. Die Sehnsucht nach seiner Familie allerdings wird immer grösser; er weiss, dass er vergessen muss, um ein “richtiger Franzose” zu werden, will sich aber an sein früheres Leben erinnern, um seine Identität wiederzufinden.
Anja Tuckermann gelingt es auch in diesem Roman, Geschichte exemplarisch zu vermitteln, nah bei den Fakten und Dokumenten und mit grosser Empathie für den jugendlichen Protagonisten. Sie lässt die LeserInnen ganz an Manos äusserem und innerem Leben teilhaben, wir sehen, wie er auf seine BetreuerInnen wirken muss, verstehen aber auch seine Ängste.
Viele Jugendbücher erzählen vom Krieg, doch nur wenige befassen sich mit der Nachkriegszeit. Wie schwierig auch die Jahre nach 1945 waren, vergegenwärtigt Anja Tuckermann in diesem Buch eindrücklich – zum Glück mit einem historisch verbürgten Happy End.
Christine Lötscher

Himmel und Hölle
Malorie Blackman
Aus dem Englischen von Christa Prummer-Lehmair und Sonja Schumacher
Verlag: Boje, Publiziert: 2008, Seiten: 509, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82086-2
Schlagwörter: Rassismus | Liebe | Gewalt

Callum ist 16 Jahre alt. Seit seiner Kindheit ist er mit der 17 Monate jüngeren Sephy befreundet. Sehen können sich die beiden allerdings nur heimlich. Denn Callum ist weiss, ein Zero also, und damit ein Mensch zweiter Klasse, Sephy hingegen ist schwarz, Tochter des Vizepremierministers und als Alpha Mitglied der herrschenden Rasse. Unter dem Druck liberaler Kräfte werden die Ungleichheiten zwischen Alphas und Zeros de jure nach und nach beseitigt, de facto aber verunmöglichen die Alphas den Zeros nach wie vor jeglichen gesellschaftlichen und politischen Aufstieg. Die Widerstandsbewegung der Zeros, der sich Callums Bruder und sein Vater anschliessen, will dies mit Waffengewalt ändern. Nach einem Bombenanschlag wird der Vater verhaftet und zum Tod verurteilt. Dieses Ereignis lässt auch Callum dem Widerstand beitreten. Sein Ende am Galgen ist damit nurmehr eine Frage der Zeit.
Callum und Sephy erzählen die Ereignisse abwechselnd in kurzen Kapiteln und einfacher Sprache. Das Thema Rassismus interessiert und bewegt. Die Handlung packt auch ungeübte LeserInnen. Und doch: Wirklich glücklich macht die Lektüre nicht. Zu platt sind die Hauptcharaktere (ihre angeblich tiefen Gefühle füreinander werden nicht nachvollziehbar), zu viele Ungereimtheiten finden sich in der Handlung. Vor allem aber ist die Idee, dass der Zweck die Mittel heiligt, stets präsent, ohne wirklich hinterfragt zu werden. Er sterbe seiner selbstverschuldeten Dummheit wegen, sagt Callum kurz vor seiner Hinrichtung und meint damit, dass er es als Zero gewagt hat, eine Alpha zu lieben. Sein Palmarès mit Entführung, Totschlag und schwerer Körperverletzung geht dabei elegant vergessen. Gewalt als Antwort auf Diskriminierung und Unterdrückung? Das kann nicht die Lösung sein.
Ursula Kahi

Paranoid Park
Blake Nelson
Aus dem amerikanischen Englisch von Heike Brandt
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2008, Seiten: 179, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-81039-3

Einmal erst war er dort – im Paranoid Park. Irgendwie cool, diese illegale Skateranlage, in Portland, Oregon. Etwas unheimlich auch, zugegeben. Ein Ort für harte Jungs, für Strassenkids, die alles kennen und nichts zu fürchten scheinen. Er geht ein zweites Mal hin, schliesslich ist er dabei, ein wirklich guter Skater zu werden. Gut genug für den Paranoid Park ist eh keiner. Sagt sein Freund Jared. Und erst mal läuft ja alles ganz gut. Doch dann… Plötzlich geht alles rasend schnell, Todesangst, Notwehr – ein Unfall? Vor seinen Augen wird ein Mann vom Zug überrollt… Panik, die Gedanken überschlagen sich, Übelkeit und der überstarke Drang, davonzulaufen. Weg, nur weg von hier. Der Gedanke an die Wahrheit wird auf grausame Weise von erdrückenden Schuldgefühlen erstickt.
Wir kennen den Namen des Ich-Erzählers nicht, doch gewährt er uns einen so eindringlichen wie ehrlichen Einblick in seine Gedanken- und Gefühlswelt, in sein Hoffen und Bangen, in die zermürbenden Seelenqualen im Versuch, auszuhalten, dass wir als LeserInnen mitleiden und mitfühlen wie selten in einem Buch; dass wir mitschreien wollen – ein Schrei nach Gerechtigkeit in die Welt hinaus.
Blake Nelson hat einen grossartigen Roman geschrieben, einfühlsam, glaubwürdig und spannend. Unaufdringlich, ja fast unbemerkt und doch konsequent kritisiert er gesellschaftliche Strukturen und wagt es, mit grosser Konsequenz die Frage nach Schuld und Unschuld, nach Recht und Gerechtigkeit zu stellen.
Patricia Morganti

Wilde Hunde
Markus Zusak
Aus dem australischen Englischen von Ulrich Plenzdorf und Alexandra Ernst
Verlag: CBJ, Publiziert: 2008, Seiten: 368, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-13612-4
Schlagwörter: Armut

Die Brüder Ruben und Cameron Wolfe verbindet etwas ganz Besonderes. Was immer der stille, sensible Cameron auch gerade denken mag – sein älterer Bruder Ruben, ein “netter Typ”, dem die Herzen nur so zufliegen, gut aussehend, schlagfertig und charmant, spricht es aus. Mit den Eltern – der Vater findet nach einem schweren Arbeitsunfall keine Aufträge als Klempner mehr, also putzt die Mutter Tag und Nacht, um die Familie über Wasser zu halten – und den Geschwistern Sarah und Steve leben sie in einem der ärmsten Stadtteile am Rande von Sydney. “Keiner von uns, Steve ausgenommen, gehört zu den Gewinnern. Wir sind Überlebenskünstler. Wir sind Wölfe, wilde Hunde, und das ist unser Platz in der Stadt.” Und ums Überleben geht es für Cameron und Ruben auch, als Perry Cole, einer dieser “harten Typen”, sie eines Tages anspricht, um sie für illegale Boxkämpfe anzuheuern.
Mit “Ruben Wolfe”, dem ersten Teil des Doppelbandes “Wilde Hunde”, legt der cbj-Verlag Markus Zusaks Debüt “Vorstadtfighter” aus dem Jahr 2005 neu auf. Der zweite Teil, “Cameron Wolfe”, in Australien 2001 unter dem Titel “When Dogs Cry” erschienen, erzählt die Geschichte der beiden Brüder weiter – und mehr.
Cameron, der sich im ersten Teil neben Überbruder Ruben meist unscheinbar, blass und unzulänglich vorkommt, findet im zweiten zu sich selbst. Dabei ist es vor allem die Liebe zu Octavia, die Cam Selbstvertrauen gewinnen lässt und ihn ermutigt, zu sich und seinen Gefühlen, vor allem aber zu seinen Worten zu stehen.
In kurzen, kraftvollen Sätzen, fast spröde und doch sehr berührend, erzählt Zusak von einer tiefen Bruderliebe, vom Gewinnen und Verlieren; “Wilde Hunde” ist Entwicklungsroman, Familien-, Milieu- und Liebesgeschichte in einem. Ein Stück (australische) Jugend. Atmosphärisch dicht, intensiv und packend.
Andrea Duphorn

Der Traum vom Fliegen
Susanna Partsch, Illustration: Rosemarie Zacher
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2008, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 3-827-05297-1
Schlagwörter: Technik | Wissenschaft | Forschen

Wie Leonardo & Co. sich und anderen Flugapparate bauten

Der Traum vom Fliegen – wer hat ihn nicht schon geträumt? Es gibt viele Sagen und Geschichten über Menschen, die geflogen sein sollen – ohne Flugzeug versteht sich, nur mit Muskelkraft. Sicher ist, dass sich die Menschen schon oft vorgestellt haben, wie es wohl wäre, zu fliegen. Sei es nun aus eigener Kraft oder mithilfe von Maschinen und wundersamen Geräten. Einer der ganz grossen Erfinder des Mittelalters – Leonardo da Vinci – hat sich verschiedene Flugobjekte ausgedacht (bzw. der Natur abgeschaut), berechnet, gezeichnet, gebaut: einen bizarren Fallschirm, eine Luftschraube, liegende und wippende Flieger – und andere Geräte.

Sehr detailliert wird im Buch aus der Reihe “Kunst kennen – Kunst können” beschrieben, wie die einzelnen Flugobjekte funktionier(t)en (oder auch nicht), es wird erklärt, was Luftwiderstand ist oder weshalb Ballone manchmal fliegen und manchmal nicht. Wir erfahren etwas über das Leben da Vincis, also auch über Kunstwerke, die nichts mit Fliegen zu tun haben, und über Menschen, die zwar nicht da Vinci sind, aber trotzdem Flugobjekte bauten.

Die Bemühungen der Autorinnen, Funktionsweisen der Flugobjekte sehr genau und in einfachen Worten zu erklären, sind zwar bemerkenswert, doch wirkt das Ganze verkrampft. Das Wesentliche, die Freude am Entdecken und Tüfteln und Selbstherausfinden, bleibt auf der Strecke, weil es nur um Abläufe und Erklärungen zu gehen scheint. Dafür sind die Bastelanleitungen erfrischend und machen wirklich Lust zum Ausprobieren, Spielen und Erfahren.

Patricia Morganti

Ideenbuch Landart
Marc Pouyet
Verlag: AT Verlag, Publiziert: 2008, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 3-038-00357-3
Schlagwörter: Natur | Kunst

50 Inspirationen für Naturgestaltungen rund ums Jahr

Landart ist eine Ende der 60er-Jahre entstandene Kunstströmung der bildenden Kunst, die noch heute vor allem in der Landschaftsarchitektur gegenwärtig ist. Man spricht von Landart, wenn in der Natur mit Hilfsmitteln aus der Natur ein Kunstwerk entsteht.
Das Schau- und Ideenbuch des vor allem in Frankreich bekannten Gartenkünstlers, Autors und Illustrators von Kinderbüchern, Marc Pouyet, spricht kleine und grosse NaturkünstlerInnen an. Beim Anblick der faszinierenden, fotografisch perfekt eingefangenen Kunstwerke ist man versucht, sogleich nach draussen zu eilen und sich selber künstlerisch zu betätigen. ¨
“Bastelmaterial” ist in der Natur in Hülle und Fülle vorhanden, es muss von nur wahrgenommen und wirkungsvoll eingesetzt werden. Die einfachen bis spektakulären Ideen, die uns Pouyet bietet, inspirieren umso mehr, als sie zur Verwirklichung ganz gewöhnliche Materialien wie Steine, Gräser, Sand, Schnee oder Holz benötigen und leicht umzusetzen sind. Ob eine wundersame Blumenkette einen Felshang schmückt, Herbstblätter in Reih und Glied sachte den Bach hinuntergleiten, dekorative Muster in den Sand gezeichnet werden oder Ornamente aus Gras und Zweigen die knorrige Rinde eines Baumes verzieren, die Faszination, selber “verschönernd” in die Natur einzugreifen, packt Kinder wie Erwachsene. Hunderte von wunderschönen Farbfotos, mit wenig Text ergänzt, setzen beim Betrachten ungeahntes Potenzial an schöpferischer Eigeninitiative frei.
Das einzigartige Kunstbuch fordert uns förmlich dazu auf, die Natur neu zu betrachten, ihre vielseitige Schönheit und Farbenpracht zu entdecken und spielerisch kreativ zu werden.
Giovanna Riolo

Brücken für Babylon
Petra Hauke, Herausgeber:in: Rolf Busch
Verlag: Bock+Herchen, Publiziert: 2008, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 3-883-47261-1

Interkulturelle Bibliotheksarbeit - Grundlagen, Konzepte, Erfahrungen

Über interkulturelle Leseförderung und Chancengleichheit in der Bildung wird viel debattiert. Unbestritten ist die Erkenntnis, dass eine enge Bindung an die Muttersprache einen Schlüssel im Integrationsprozess ist und die Fähigkeit, eine Zweitsprache zu erlernen, erheblich begünstigt.
Die öffentlichen Bibliotheken können in diesem Prozess eine wichtige Rolle übernehmen; das Stichwort dazu lautet “Interkulturelle Bibliotheksarbeit”. Die Bibliothek für ein fremdsprachiges Publikum zu öffnen und attraktiv zu machen, bedeutet aber ein grundlegendes Umdenken in Bezug auf die Rolle und die Aufgabe der BibliothekarInnen. In der Schweiz hat das Bundesamt für Migration von 2004 bis 2008 für das Pilotprojekt “Mondomedia – Offene Bibliotheken” eine Anschubfinanzierung geleistet. So konnte eine Plattform geschaffen werden, die den BibliothekarInnen Fachwissen und Beratung auf diesem Gebiet anbietet.
Nun liegt mit “Brücken für Babylon” zudem ein Reader vor, der über zwanzig Beiträge versammelt, die den Begriff der interkulturellen Kompetenz erläutern, über bestehende Netzwerke und Angebote informieren und praktische Erfahrungen vermitteln.
Herausragend ist der Beitrag von Jeffrey Garrett, der die Rolle der Kinder- und Jugendliteratur in der interkulturellen Erziehung ausleuchtet. Einige Beiträge sind deutlich weniger eloquent verfasst, und insgesamt wäre ein strengeres Lektorat wünschenswert gewesen. Trotzdem bietet der Band eine ermutigende und praktische Grundlage für BibliothekarInnen, die in ihrer Bibliothek etwas verändern und damit – auch mit wenig Mitteln – eine aktive Rolle im Veränderungsprozess unserer Gesellschaft übernehmen möchten.
Sonja Matheson

Pass auf, Greta Gans!
Petr Horácek
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-5198-4
Schlagwörter: Abenteuer

Als Greta Gans das Geschnatter der anderen Gänse zu laut wird, geht sie in den nahen Wald, weil es dort so schön ruhig aussieht. Doch ganz so allein, wie Greta sich wähnt, ist sie in Wirklichkeit nicht. Kaum hat sie die Lichtung verlassen, schleicht schon auf leisen Pfoten ein Fuchs hinter ihr her und wittert in ihr sein Abendessen. Dem Fuchs folgt ein hungriger Wolf, dem sich wiederum ein grosser Bär an die Fersen geheftet hat – und jeder freut sich auf ein besonderes Festmahl, das im Fall des Bären aus Wolf, Fuchs und Gans zusammen besteht. Die ahnungslose Greta indes seufzt vor lauter Glück und Waldesruh laut auf, was eine Eule aufscheucht, vor der Bär und Wolf und Fuchs sich so erschrecken, dass sie davonlaufen. Greta merkt von alledem nichts und watschelt zufrieden nach Hause, wo die anderen Gänse längst eingeschlafen und damit ganz ruhig sind.
Vorgemalt und ausgeschnitten zeichnen sich Gans, Fuchs, Wolf und Bär collagenartig vor einem in groben Pinselstrichen stilisierten Hintergrund ab, der die düstere Bedrohlichkeit des Waldes erahnen lässt. Wird es besonders spannend, arbeitet der Illustrator mit blutig roten Farbtönen, die den LeserInnen Gretas mögliches grausiges Schicksal suggerieren. Umso grösser ist die Erleichterung, als alles gut ausgeht.
“Pass auf, Greta Gans!” eignet sich sehr zum Vorlesen, denn das “watsch, watsch” der Gans, das leise “tipp, tipp” des Fuchses, das lautere “tapp, tapp” des Wolfs und das Trapsen des Bären lassen sich lautmalerisch wunderbar umsetzen und machen die Geschichte lebendig. Liest man den Text mit mehreren Kindern, kann man den Spaziergang durch den Wald auch nachspielen. Erst laut, dann leise – und auf jeden Fall sehr spannend.
Maren Bonacker

Adelbert lernt spuken
Jacques Duquennoy
Deutsche Fassung von Nikolaus Chabroh
Verlag: Boje, Publiziert: 2008, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82168-0
Schlagwörter: Humor/Komik

Als der kleine Geist Adelbert beim Grossputz ein altes Gemälde abstaubt, wacht daraus mit einem Niesen der zauberkundige Glorius aus tiefem Schlaf. Nach kurzer Begrüssung und gegenseitigem Händeschütteln bietet dieser dem jüngeren Gespenst an, ihm das Zaubern beizubringen. Adelbert soll alles lernen, was ein echter Geist wissen muss: durch Mauern gehen, schweben, sich unsichtbar machen und – das schwerste von allem – Glorius so richtig erschrecken. Adelbert, mit roter Schirmmütze, roten Turnschuhen und Umhängetasche versehen, lernt alles im Nu. Nur was das Erschrecken angeht, verläuft der Unterricht anders als geplant, was auch erwachsenen VorleserInnen ein breites Grinsen entlocken dürfte.
Die freundlichen Geistlein von Jacques Duquennoy haben eine grosse Fangemeinde und zweifellos Kultstatus. “Adelbert lernt spuken” ist darüber hinaus mehr als nur ein liebenswertes und humorvolles Bilderbuch für Kinder ab drei Jahren – es ist ein Bilderbuch, das zum Spielen und Entdecken einlädt. Adelbert geht wahrhaftig durch die Mauer, pardon: Buchseite, denn als kleine Einsteckfigur kann er von Kinderhänden durch einen breiten Spalt geschoben werden. Wie von Geisterhand schwebt er neben Glorius, weil hier ein in der Seite verborgener Magnet die beweglichen Figuren am Herunterfallen hindert. Ein Schiebemechanismus lässt beide Gespenster unsichtbar werden, und die letzte Aufgabe mündet nicht nur im überfluteten Keller des Spukschlosses, sondern auch in einer herrlich komischen Überraschung für die LeserInnen.
Maren Bonacker

Die Märchen von Beedle dem Barden
Joanne K. Rowling
Aus den ursprünglichen Runen von Hermine Granger und aus dem Englischen übersetzt von Klaus Fritz
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2008, Seiten: 106, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-59999-8
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Fantastik/Fantasy | Mythologie/Sage

Joanne Rowling ist eine Autorin, die ihr Handwerk sehr ernst nimmt. “Die Märchen von Beedle dem Barden” sind deshalb alles andere als ein blosser Marketinggag, um die hungrigen Potter-Fans bei Laune zu halten, bis die Verfilmung des sechsten Bandes diesen Sommer ins Kino kommt. Die kleine Geschichtensammlung gibt Einblick ins Wertsystem der Zaubererwelt – das bei den Geschichten, die Eltern ihren Kindern erzählen, am deutlichsten zum Ausdruck kommt und das die Autorin in der Einleitung wie folgt zusammenfasst: “Die HeldInnen, die in Beedles Geschichten den Sieg davontragen, sind nicht die mit den stärksten magischen Kräften, sondern eher diejenigen, die besonders viel Güte, gesunden Menschenverstand und Einfallsreichtum an den Tag legen.”
Wir erfahren aber auch etwas über Rowlings Arbeitsprozess. Die Welt von Hogwarts ist nur deshalb so lebendig, weil Rowling der Zaubererwelt eine eigene Mythologie und eine eigene Geschichte erfunden hat. Da gehören Kulturkämpfe dazu und gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen, die immer mit unserer realen Geschichte verbunden sind, etwa die Folgen der Hexenverfolgung – auch davon erzählt Beedle in seinen Märchen. Zum Lesevergnügen tragen ausserdem die Kommentare des verstorbenen Hogwarts-Schulleiters Albus Dumbledore bei, die, wie Rowling in der Einleitung meint, nicht ganz beim Wort zu nehmen sind; schliesslich ist und bleibt er Pädagoge.
Christine Lötscher

Nathan und seine Kinder
Mirjam Pressler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2008, Seiten: 264, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-81049-6
Schlagwörter: Religion

“Sind Christ und Jude eher Christ und Jude als Mensch?” – Lessings Ideendrama “Nathan der Weise” zählt zu den meistgespielten Stücken auf deutschsprachigen Bühnen. Mirjam Pressler legt nun mit ihrer modernen Prosabearbeitung einen packenden, atmosphärisch dichten und nachhaltig beeindruckenden Roman vor, der auch Jugendliche neugierig macht auf das rund 230 Jahre alte Original.
Pressler folgt Lessings Leitideen von kritischer Bildung, Barmherzigkeit und religiöser Toleranz als Grundlagen eines friedlichen Miteinanders sowie in weiten Teilen auch der Handlung der klassischen Vorlage. Die Tochter des reichen jüdischen Kaufmanns Nathan wird von einem christlichen Tempelritter vor dem sicheren Feuertod gerettet, und die beiden verlieben sich ineinander. Auch die viel gerühmte Ringparabel, mit der Nathan die Frage nach dem “wahren” Glauben beantwortet, findet Eingang. Im Gegensatz zu Lessing, bei dem Sultan, Tempelritter und Kaufmannstochter und damit Angehörige dreier Religionen am Ende miteinander verwandt sind, verzichtet Pressler jedoch auf einen versöhnlichen Ausgang. Ihr Nathan wird heimtückisch ermordet. Seiner (Zieh-)Tochter Recha kommt eine zentralere Rolle zu.
Pressler gelingt es, das mittelalterliche Jerusalem so lebendig werden zu lassen, dass man sich beim Lesen mitunter fast selbst in den engen, lauten Gassen der Stadt oder ihrem friedlichen Umland wähnt. Und: dadurch, dass sie die Handlung kapitelweise wechselnd aus acht verschiedenen Ich-Perspektiven vorantreibt, schenkt sie allen ihren Figuren auch eine eigene Vergangenheit. Wobei sich die Suche nach der eigenen Identität wie ein roter Faden durch den Roman zieht. Sicher einer der beeindruckendsten Titel dieses Bücherfrühlings.
Andrea Duphorn

Merhaba, Papa
Ulrike Kuckero
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2008, Seiten: 171, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-18093-3
Schlagwörter: Freundschaft | Pubertät

Alles beginnt mit einem leeren Briefumschlag aus der Türkei, den Hanna eines Tages in einer blumigen Pappschachtel findet, die sie mit ihrer Freundin Merle auf dem Flohmarkt verkaufen will. Hanna weiss genau, wer den Brief geschrieben hat. Nur weiss ihre Freundin nichts davon. Der Gedanke an den Absender macht sie vor allem wütend und traurig. Weshalb hat er sie verlassen? Doch Merle lüftet Hannas Geheimnis: “Der Brief ist von deinem Papa, stimmts?” Das stimmt und nun will Hanna ihren Vater finden. Gemeinsam mit Merle und ihren Freunden Peter und Songül schreibt sie einen Brief auf Türkisch. Dass dieser Brief einen grossen Umweg machen wird und Hanna ihrem Vater schon viel näher ist, als sie ahnt, davon erzählt diese wunderbare Geschichte.
Doch auch davon, wie die Freunde einen quengelnden Bruder in Überraschung versetzen, heimlich zum Reitunterricht fahren und Peters Vater einen Streich spielen. Das Allerwichtigste ist jedoch, dass Hanna lernt, wie man türkischen Tee kocht und “guten Tag” auf Türkisch sagt, für den Tag, an dem sie ihrem Vater findet: Merhaba.
Mit “Merhaba, Papa” ist Ulrike Kuckero ein äusserst feinfühliges und witziges Buch gelungen, in dem sie die Themen Freundschaft, Pubertät und abwesender Vater sorgfältig behandelt. Ein Lesegenuss, besonders für schon etwas geübtere Leseratten, die manchmal nervige Mütter haben, fest an die Freundschaft und das Gute im Leben glauben und erst noch etwas Türkisch lernen möchten.
Petra Bäni

Tom Scatterhorn und der Saphir des Maharadscha
Henry Chancellor
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit und Sabine Schmidt
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2008, Seiten: 521, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55535-4
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

Da seine Abenteurermutter auf der Suche nach seinem Abenteurervater in die Mongolei reist, wohnt der elfjährige Tom Scatterhorn bei seiner Tante und seinem Onkel, die das alte Scatterhornmuseum voller ausgestopfter Tiere hüten. Doch was zunächst nur nach etwas skurrilen Ferien aussieht, entpuppt sich für Tom schnell als bombastisches Abenteuer, im Zuge dessen er gleich mehrfach bedroht wird – in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft.
Henry Chancellors Roman hat alles, was sich Abenteuerfans wünschen: magische Tinkturen, Zeitreisen, menschenfressende Tiger, Horrorkäfer, Verfolgungsjagden, Liebestragödien und vieles mehr. Und alles wird mit einer gehörigen Portion Spannung erzählt. Warum nervt die Geschichte letztlich trotzdem? Weil Chancellor mit diesem Überangebot nicht umgehen kann und er es – im Gegensatz zu August Catcher, dem Tierpräparator – nicht schafft, Elemente aus ganz unterschiedlichen Genres zu einem kohärenten Ganzen zu machen. Zweihundert Seiten vor dem eigentlichen Schluss endet der Spannungsbogen der Haupterzählung. Die restlichen Seiten verwendet Chancellor darauf, eine abstruse Rahmenstory aufzubauen, die es ihm – wie dem offensichtlichen Vorbild Rowling – ermöglichen soll, in Serie zu gehen. Ein Band hätte gereicht.
Christian Kölzer

Mumins lange Reise
Tove Jansson
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2008, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 3-941099-04-3

Tove Janssons Mumin-Bücher sind zeitlose Kinderbuchklassiker. Hierzulande ist jedoch wenig bekannt, dass Tove Jansson in den 1950er-Jahren auch einen erfolgreichen Comicstrip um die Trolle aus Mumintal zeichnete, der nicht weniger fantasievoll, bizarr, fröhlich, melancholisch, kurz: bezaubernd war. Der Reprodukt-Verlag legt nun die erste deutschsprachige Gesamtausgabe des Comicstrip vor.
In einem ihrer ersten Abenteuer entfliehen die Mumins dem harschen Klima Finnlands und segeln an die Côte d’Azur, wo sie dem Jetset-Leben frönen und dabei kein Fettnäpfchen auslassen. Dieses Ausschweifen in die Ferne ist jedoch die Ausnahme: Meist bildet das romantische Muminhaus den Mittelpunkt ihrer Abenteuer. Manchmal suchen fiese Banditen das idyllische Mumintal heim, Mumins Freund Schnüferl braut bizarre Elixiere mit unvorhersehbaren Nebenwirkungen, der pfeifenschmauchende und schlapphuttragende Schnupferich scheint alles zu wissen, will aber wenig sagen, Mumin liebt das Snorkfräulein, dieses erwidert seine Liebe, macht aber auch anderen männlichen Wesen schöne Augen, der grummelige Muminpapa träumt von einem Leben als Künstler oder Abenteurer und zieht immer wieder aus zu grandios scheiternden Expeditionen.
Auch in ihren Comics entwirft Tove Jansson eine zauberhafte Welt, die Kinder ebenso wie Erwachsene anspricht. Die Figuren sind überaus originell, selbst die unwesentlichsten Nebendarsteller sind liebevoll ausgearbeitet, die Geschichten überraschen mit verblüffenden Pirouetten, und Janssons charmante Zeichnungen, deren Stil seit den 1950er-Jahren kein bisschen gealtert ist, stecken voller Details.
Christian Gasser

Tintenherz
Cornelia Funke
Verlag: Tivola, Publiziert: 2008, ISBN/ISSN/EAN: 403-6-47300029-8
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

In der Fiktion ist es ohne Weiteres möglich, von einer Welt in die andere zu wechseln. In der Wirklichkeit schaffen wir bis anhin nur den mentalen und emotionalen Transfer. So sorgen spannende Abenteuer für intensiven Lese- oder Filmgenuss und lassen Leser/innen wie Zuschauer/innen in eine Geschichte eintauchen und das Hier und Jetzt für eine Weile vergessen. Solche Immersionserlebnisse faszinieren besonders in virtuellen Umgebungen und Computerspielen. Die Möglichkeit, Figuren und Handlung einer Geschichte direkt zu beeinflussen oder selbst in Gestalt eines Avatars auf der anderen Seite des Bildschirms durch imaginäre Welten zu wandeln, erweitert den herkömmlichen Rezeptionsprozess um aktive und kreative Komponenten.
In der Tintenwelt-Trilogie von Cornelia Funke dreht sich fast alles um das Phänomen des Wirklichkeitstransfers. Das Eintauchen in die Welt der Fiktion wird in ihrer Geschichte sogar Realität. Buchbinder Mo und seine Tochter Meggie verfügen nämlich über die aussergewöhnliche Gabe, Charaktere oder Gegenstände aus Büchern «herauszulesen» und anwesende Personen in der düsteren Tintenwelt verschwinden zu lassen. In der Folge gerät in beiden Welten einiges durcheinander. Bösewichte aus einem mittelalterlich anmutenden Fantasy-Reich treiben plötzlich in unserer modernen Wirklichkeit ihr Unwesen und trachten danach, hier ebenfalls die Herrschaft zu übernehmen. Da neben einem begnadeten Vorleser auch das Buch «Tintenherz» als Fahrkarte vonnöten ist, wird der Roman im Roman für beide Lager zum begehrten Objekt.
Das Konsolenspiel für den Nintendo DS basiert vorwiegend auf der Verfilmung des Romans und besticht durch eine hervorragende Grafik. In der Hand der Spielerinnen und Spieler verwandelt sich die Konsole gleichsam selbst in ein elektronisches Buch. Auf dem linken Bildschirm erscheinen jeweils Texte und Figurenporträts, während man rechts auf dem Touchscreen die Handlung steuert, Dialogzeilen auswählt und in die Rolle verschiedener Figuren schlüpft. Beispielsweise muss man sich durch eine rasante Schlittenfahrt in Sicherheit bringen, in verschiedenen Räumen nach Büchern oder hilfreichen Gegenständen suchen, Rätsel lösen und sich schliesslich in Capricorns Dorflabyrinth an gefährlichen Wachtposten vorbeischleichen und im Wettlauf mit der Zeit Brandherde legen, um die Schwarzmäntel abzulenken. Die bewältigten Minispiele erscheinen anschliessend in einer Spielekiste und können unabhängig vom Abenteuer gespielt werden. Neben Geschicklichkeit und Reaktionsvermögen sind auch immer wieder Einfallsreichtum und Kombinationsgabe gefragt. In den Dialogen mit verschiedenen Figuren erhält man Lösungshinweise und kann das kleine Action-Adventure mit Ausdauer und Geduld nach mehreren Spielstunden zu einem glücklichen Ende führen. Vorerst wenigstens, denn mit den Romanen «Tintenblut» und «Tintentod» geht die Geschichte ja weiter … vermutlich auch als Fortsetzung auf der Kinoleinwand und mit neuen digitalen Spielen im Medienverbund.
Daniel Ammann,
merz | medien + erziehung 2/2009, S. 80

Ikkyu
Hisashi Sakaguchi
Aus dem Japanischen von Josef Shanel und Matthias Wissnet (Bd. 1) und Jürgen Sebeck (Bd. 2-4)
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2008, Seiten: 308, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-55-178061-4
Schlagwörter: Religion | Biografie

4 Bände

Bis heute ist der exzentrische und spirituell bedeutende Zen-Meister Ikkyu (1394-1481) in Japan eine Art Volksheld, hat er sich doch mit seinem ungewöhnlichen Lebenswandel, seiner erotischen Lyrik, seinem scharfsinnigen Humor und seiner Neigung zu Wein, Weib und Gesang immer wieder mit der politischen und religiösen Obrigkeit seiner Zeit angelegt. Ikkyu kam 1394 zur Welt und wurde von seiner Mutter in ein buddhistisches Kloser geschickt. Als Novize im Kloster wurde er von älteren Schülern und Mönchen gedemütigt und sexuell missbraucht, doch setzte er sich dank seiner Intelligenz und seiner bis heute legendären Schlagfertigkeit durch.

Hisashi Sakaguchi zeichnet im vierbändigen “Ikkyu” die Lebensgeschichte dieses aussergewöhnlichen Mönchs chronologisch nach. Der Comic geht allerdings weit über die klassische Biografie hinaus: “Ikkyu” ist auch eine überaus differenzierte Einführung in die Lehren des Zen-Buddhismus, und nicht zuletzt entpuppt sich das Werk als ein facettenreiches historisches Gemälde einer Welt im Umbruch: Im Leben Ikkyus spiegelt sich ein für die Entwicklung Japans wichtiges, von vielen Wirren und Naturkatastrophen geprägtes Jahrhundert, in dem die alten Gewissheiten sich auflösten, das Elend der Landbevölkerung neben der Dekadenz der Höflinge stand und Politik und Religion eine unheilige Allianz eingingen. In diesem Kontext ging Ikkyu seinen Weg, ohne einem Konflikt auszuweichen; er wurde zwar von Selbstzweifeln und den Widersprüchen des Mönchslebens gequält, doch überwand er alle Unbill dank seines Humors, der auch – gepaart mit einer Spur Erotik und Obszönität – diesem Comic die notwendige Leichtigkeit verleiht.

Der Ernsthaftigkeit von Sakaguchis Ansatz entspricht auch sein Stil: Weitgehend realistisch, zwischendurch auch von stilisierten Pinselstrichen geprägt, verzichtet er auf die Übertreibungen, an die uns die meisten Mangas gewöhnt haben.

Christian Gasser

Der Club der schlauen Köpfe 
Cornelia Funke
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2008, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-83-738051-4

Rechtzeitig zum Start des dritten (und letzten) Kinoabenteuers mit Cornelia Funkes Wilden Hühnern erscheint nicht nur Thomas Schmids Roman mit Filmbildern oder eine CD mit poppigen Bandenhits, auch die Website wildehuehner.de präsentiert sich in frischem Gewand und mit aktuellen Angeboten. Ausserdem legt Oetinger eine neue Wilde-Hühner-CD-ROM mit 16 Denk- und Geschicklichkeitsspielen vor.

«Der Club der schlauen Köpfe» bietet nicht nur preiswerten Spielspass im Medienverbund, sondern trainiert – ganz im Stil von «Dr. Kawashimas Gehirn-Jogging» – die geistige Fitness in verschiedenen Disziplinen. Gefragt sind logisches Denken, Reaktionsvermögen, Kurzzeitgedächtnis, Sprachverständnis und Mathematik. Jede Spielaufgabe kennt drei Schwierigkeitsstufen und bringt das Huhn auf der Spielübersicht mit jedem erreichten Level der Ziellinie ein Stück näher. Über einen Menüpunkt kann sogar der «Trainingsfortschritt» in Form einer Verlaufsgrafik angezeigt werden. Passend zum Thema gibt es ein Bild-Sudoku mit Kleidungsstücken aus Melanies Garderobe oder eine Tetris-Variante mit bunten Perlen aus ihrem Schmuckkästchen. Codeknacker versuchen Sprotte und Freds geheime Liebesbotschaften zu entschlüsseln oder machen sich am ausgeklügelten Drehmechanismus zu schaffen, der das Baumhaus der Pygmäen vor unliebsamen Eindringlingen schützt. Ein entlaufenes Huhn soll mit geschickter Mausführung zurück in Oma Slättbergs Hof bugsiert, ein anderes durch strategische Spielzüge mit möglichst vielen Körner aufgefüttert werden. Auch Zahlenjongleure kommen auf ihre Rechnung, beispielsweise wenn es darum geht, bei einem Kauf auf dem Flohmarkt möglichst rasch das korrekte Wechselgeld zu bestimmen oder in einer Rechenaufgabe fehlende Ziffern und Operationszeichen zu ergänzen.

Im Gegensatz zur CD-ROM «Gestohlene Geheimnisse» (2004) oder dem Nintendo-DS-Spiel «Die Wilden Hühner und die Jagd nach dem Rubinherz» (2008) sind die einzelnen Spielaufgaben hier nicht durch eine spannende Rahmenhandlung zu einem Abenteuer verknüpft, sondern stehen im virtuellen Spielmagazin von Anfang an zur Verfügung. Einzig das vierte Spiel jeder Kategorie wird erst freigeschaltet, wenn die ersten drei Aufgaben wenigstens angespielt wurden.

Im «Club der schlauen Köpfe» gibt es zwar keinen Multiplayer-Modus, in dem Spieler/innen direkt gegeneinander antreten können, aber es besteht doch die Möglichkeit, seinen persönlichen Punktstand laufend zu verbessern und sich dank individueller Logins mit anderen zu messen. Auf jeden Fall brauchen Spielerinnen und Spieler ab zehn Jahren viel Geschick, Konzentration und Ausdauer, wenn sie alle Einzelspiele über drei Level meistern wollen. Anders als bei der ersten Wilde-Hühner-CD-ROM, wo als Belohnung eine Urkunde und ein Zugangscode für eine geheime Website winkte, muss man sich diesmal am Schluss jedoch mit einem einfachen Glückwünsch zufrieden geben.

Daniel Ammann
merz | medien + erziehung 1/2009, S. 83.

… und die Jagd nach dem Rubinherz
Cornelia Funke
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2008, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-83-738049-1

Neu gibt es die Wilden Hühner (nach den Romanen von Cornelia Funke) auch für den Nintendo DS. Die erste Game-Boy-Produktion aus dem Verlag Oetinger eröffnet gleich mit einem schwungvollen Abenteuerspiel und reiht sich in die breite Palette von Medienverbundangeboten aus Büchern, Filmen, Tonträgern und Computerspielen mit den Wilden Hühnern ein.
Wie bei Spielgeschichten für den Multimedia-PC haben die Heldinnen eine wichtige Mission zu erfüllen und laden Spielerinnen und Spieler ab acht Jahren ein, ihnen bei der Lösung anspruchsvoller Aufgaben zu helfen. Benutzeroberfläche und Bedienung der Handheld-Konsole setzen dabei mehr an Multitasking-Fertigkeiten voraus, als dies bei vergleichbaren Spielen auf CD-ROM der Fall ist. Neben dem Steuerkreuz, Aktionsknöpfen und zwei Tasten an der Rückseite des Geräts kommt auf dem unteren (berührungssensitiven) Bildschirm regelmässig der Touchpen zum Einsatz und in einem der Minigames muss man sogar ins Mikrofon pusten.
Bevor die eigentliche Handlung der Geschichte losgeht, müssen die Wilden Hühner zuerst das fehlende Geld für die bevorstehende Klassenfahrt auftreiben. An zündenden Ideen fehlt es den vielseitigen Mitgliedern der bekannten Mädchenbande keineswegs. Melanie möchte sich die Preissumme in einem Tanzwettbewerb holen, Wilma einen Kochwettbewerb in der Schule gewinnen und Frieda nimmt an einem Pferderennen teil. Oberhuhn Sprotte versucht derweil die Bandenkasse mit Taxifahren aufzubessern. Da sich ihre Mutter den Arm gebrochen hat, hilft sie ihr beim Einlegen der Gänge. Für die Spieler/innen keine ganz einfache Angelegenheit. Sie müssen das Taxi nämlich durch die Strassen zu den ungeduldigen Kunden steuern, gleichzeitig Gas, Bremse und Gangschaltung bedienen und darüber hinaus noch auf den Verkehr und die Ampeln achten. Fährt man längere Zeit zu hochtourig oder stösst gar mit einem anderen Wagen zusammen, gehen sämtliche Einkünfte verloren und die Kosten für den verursachten Schaden sind aus der Reisekasse zu begleichen.
Die insgesamt sieben Minigames setzen vor allem Konzentration, Geschick und Geduld voraus. Meist muss man beide Bildschirme im Auge behalten und schnell reagieren. Aber zwischendurch ist auch gute Merkfähigkeit gefragt, etwa bei der Zubereitung verschiedener Menüs im Kochwettbewerb, denn jedes Nachschlagen im Rezept wird mit Minuspunkten bestraft.
Zwischen den Aufgaben treffen sich die Wilden Hühner immer wieder im Wohnwagen, der ihnen als Bandenquartier dient, und tauschen sich über Erlebnisse und Fortschritte aus. Kaum haben sie jedoch das Geld für den Ausflug beisammen, geht es mit weiteren Herausforderungen weiter und die Geschichte nimmt eine unerwartete Wendung. Nach ihrer Rückkehr herrscht im Wohnwagen grosse Unordnung und nicht nur ein wertvoller Brief, sondern auch Oma Slättberg ist verschwunden. Erst wenn die Entführer mit Unterstützung der Jungenbande gefasst sind, wird am Ende das Geheimnis um das kostbare Rubinherz gelüftet – und selbst Sprotte und Fred entdecken, dass sie ein Herz füreinander haben.
Das kurzweilige Abenteuer für den NintendoDS kann drei unterschiedliche Spielstände speichern und lässt sich wahlweise auf Deutsch, Englisch oder Schwedisch spielen. Da Dialoge und Anweisungen – im Gegensatz zu Spielgeschichten am PC – nicht akustisch ausgegeben werden, kommt auch das Lesen nicht zu kurz. Über 5000 Wörter werden im Verlauf des Spiels verarbeitet, was etwa dreissig Seiten eines Wilde-Hühner-Romans gleichkommt. Selbst wenn die Story eher Nebensache ist, sorgen die abwechslungsreichen Minigames und zahlreiche neue Levels, die nach bestandenem Abenteuer freigeschaltet werden, für anhaltenden Spielspass.
Daniel Ammann,
merz | medien + erziehung 4/2008, S. 84–85

Das doppelte Lottchen
Erich Kästner
Verlag: Klett, Publiziert: 2008, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-12-675695-2
Schlagwörter: Humor/Komik

Erich Kästners Kinderbücher sind weltberühmt, viele wurden verfilmt. Eines davon, der Kinderklassiker „Das doppelte Lottchen“, liegt in einer vereinfachten Fassung vor. Die Geschichte von den getrennt aufwachsenden Zwillingen, die sich zufällig treffen und mit List und Entschlossenheit ihre Eltern wieder zusammenbringen, hat bis heute nichts von ihrem Reiz verloren. Erich Kästner erzählt mit viel Humor ein modernes Märchen.

Diese bearbeitete und gekürzte Fassung ist in übersichtliche Kapitel gegliedert und mit Zeilenzählern versehen. Zahlreiche Wörter werden erklärt. Fragen zum Text erlauben die Überprüfung des Textverständnisses. Die Ausgabe enthält zudem vier kurze Sprachübungen. Die vorliegende Fassung eignet sich als Lektüre für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache. Die ungekürzten Fassung des Buchs ist auch als E-Book erschienen. Es sind DVDs, Hörbücher und Hörspiele sowie Unterrichtsmaterialien zum Titel erhältlich. Auf dem Online-Portal „Antolin“ stehen Quizfragen bereit.

Klassenstufen: 5,6 L

Das Meer der 1000 Gefahren
Fabian Lenk
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2008, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-52345-0
Schlagwörter: Abenteuer

Die Leserinnen und Leser versetzen sich in die Rolle eines begeisterten Hobbytauchers, der das Great-Barrier-Reef vor der australischen Küste erforschen will. Eine Radiomeldung berichtet von einem U-Boot, das vor der Küste auf Grund gelaufen ist. Der Ort der Unglücksstelle wird vom Militär streng geheim gehalten. Das weckt sogleich die Neugier des passionierten Tauchers.
Hier steht für die Lesenden auch schon die erste Entscheidung an: Macht man sich gemeinsam mit einem anderen Taucher auf die Suche nach dem U-Boot oder will man lieber auf Nummer sicher gehen und sich an Land erst mal weitere Informationen beschaffen?
Egal wie man sich entscheidet, es wimmelt nur so von unangenehmen Überraschungen. Man begegnet dubiosen Typen, trifft auf korrupte Geheimdienst-Agenten und bekommt es mit Schmugglern zu tun. Wale und giftige Muränen lauern auf den Taucher und sogar ein Geist, der seinen Schatz bewacht, kann einem zum Verhängnis werden.

In der „1000 Gefahren“-Reihe sind die Leserinnen und Leser die Hauptfiguren. Sie entscheiden selbst, wie die Geschichte weitergeht und beeinflussen damit auch ihren Ausgang. Dank der verschiedenen Wahlmöglichkeiten enthält dieses Buch mehrere kurze Geschichten mit jeweils anderen Enden. Dadurch bieten sich gute Gelegenheiten zum gegenseitigen Austausch.
Leider ist die Schrift recht klein gesetzt, der interaktive Charakter des Buches gleicht dieses Manko aber aus.
„Das Meer der 1000 Gefahren“ liegt als Klassensatz bei Bibliomedia Schweiz vor und es gibt ein Lesequiz zum Titel. In der Reihe sind noch weitere Bände erschienen, vom selben Autor ist „Das Fussballspiel der 1000 Gefahren“ bei Bibliomedia Schweiz ebenfalls als Klassensatz erhältlich.

Klassenstufen: 4,5,6

Die heisse Spur
Hans Jürgen Press
Verlag: CBJ, Publiziert: 2008, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-21857-0
Schlagwörter: Rätsel

Über 50 Ratekrimis und Rätselbilder

Plötzlich geht im Hotel Royal das Licht aus. Nach 20 Sekunden ist der Spuk vorbei und die Frau am Nebentisch ist leichenblass. Eben wurde ihr die Diamantbrosche gestohlen. Welche Beobachtung hilft der Pavianbande den Täter zu stellen?

Förster Grünkorn ist einem steckbrieflich gesuchten Dieb auf der Spur. Aber der Dieb kann seinen Verfolger blitzschnell abschütteln. Wie kann der Förster seine Fährte wieder aufnehmen?

Düstere Typen stehen vor dem Hotel, in das Professor Löwenzahn und seine Crew einchecken wollen. Der Wirt steht grinsend auf der Treppe und winkt ab. Was haben diese Leute zu verbergen?

Das Buch enthält über 50 Ratekrimis und Rätselgeschichten. Auf jeder Seite steht ein Krimi oder eine Geschichte, und die Lösung dazu findet sich im Bild auf der gegenüberliegenden Seite. Ein scharfes Auge, Beobachtungsgabe und Spürsinn sind gefragt, um auf den detailreichen Bildern die entscheidenden Hinweisen zu entdecken. Die Ratekrimis ermöglichen ein interaktives Leseerlebnis und bieten spannende Unterhaltung.

Klassenstufen: 4,5,6

Krabat
Otfried Preussler
Verlag: dtv, Publiziert: 2008, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-25281-2
Schlagwörter: Freundschaft | Märchen/Fabel | Liebe

Der vierzehnjährige Waisenjunge Krabat kommt als Lehrling nach Schwarzkollm in die Mühle. Bald schon stellt sich heraus, dass der Meister seine zwölf Mühlknappen nicht nur im Müllern, sondern auch in der schwarzen Kunst unterrichtet. Zu Beginn ist Krabat fasziniert von der neu gewonnen Macht, doch als zwei Jahre nacheinander am Silvesterabend einer der Jungen auf mysteriöse Weise zu Tode kommt, wird ihm bewusst, dass er Teil eines grausamen Spiels geworden ist. Der Meister opfert immer denjenigen Jungen, der am meisten gelernt hat und der für ihn zur Konkurrenz werden könnte. Der talentierte Krabat ist als nächster dran.
Es gibt eine Möglichkeit den Meister zu besiegen: Ein Mädchen muss sich in einen Jungen aus der Mühle verlieben und in der Silvesternacht um die Freiheit des Jungen bitten. Dann gilt es eine Prüfung auf Leben und Tod zu bestehen. Gelingt auch dies, so sind alle Jungen frei und der Meister stirbt.
Krabats Liebste, ein Mädchen aus dem nächsten Dorf, stellt sich mutig der Herausforderung und es gelingt ihr tatsächlich den Bann zu brechen und die Jungen zu retten.

Otfried Preusslers packende Geschichte basiert auf einer sorbischen Volkssage und nimmt das Motiv des Kampfes zwischen dem Zauberlehrling und seinem Meister auf. Die Faszination für die Macht des Bösen, Freundschaft und die Kraft der Liebe sind weitere zentrale Themen.
Die unheilvolle Grundstimmung zieht die Leserinnen und Leser von Anfang an in ihren Bann und die Geschichte bleibt spannend bis zum Schluss.
Die Taschenbuchausgabe ist bei Bibliomedia Schweiz als Klassensatz vorhanden. Für weniger geübte Leserinnen und Leser empfiehlt sich aber insbesondere die Grossdruckausgabe.
Zum Titel gibt es ein Lesequiz, Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“, Unterrichtsmaterialien, ein Hörbuch und eine Verfilmung aus dem Jahr 2008. Zudem ist „Krabat“ auch als Schulausgabe und als E-Book erhältlich.

Klassenstufen: 7,8,9,10

Zerbrochene Träume
Ralf Thenior
Verlag: Schroedel, Publiziert: 2008, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-507-47056-9
Schlagwörter: Rassismus | Liebe

Die siebzehnjährige Lisa ist von ihrem Aushilfsjob im Supermarkt gelangweilt und mit ihren Eltern versteht sie sich gerade auch nicht so gut. Als sie den Jamaikaner John kennen lernt, spielt das alles keine Rolle mehr. Es ist Liebe auf den ersten Blick zwischen den beiden. Allerdings kann Lisa John nicht mit zu sich nach Hause nehmen, weil ihre Eltern einen Freund mit dunkler Hautfarbe nicht akzeptieren würden. Zu einer Begegnung zwischen John und ihren Eltern kann es auch nicht kommen, weil John von rechtsradikalen Jugendlichen angegriffen und so schwer verletzt wird, dass er von nun an im Rollstuhl sitzen muss. Der Traum von einem glücklichen Leben auf Jamaika rückt für Lisa und John in weite Ferne.

Die Bücher für Kurzstreckenleser in der Reihe „Texte.Medien“ richten sich in erster Linie an Schülerinnen und Schüler, die wenig und /oder nicht gern lesen und an Jugendliche, für die Lesen aufgrund von Sprachbarrieren eine besondere Herausforderung darstellt. Sie zeichnen sich durch lebensnahe Figuren, eine grosse, leicht lesbare Schrift und Anregungen zur Auseinandersetzung mit dem Gelesenen aus.
„Zerbrochene Träume“ beruht auf einer wahren Begebenheit. Zeitungsartikel im Anhang geben einen Einblick in die Geschehnisse, die den Autoren zum Verfassen dieses Buches angeregt haben. Die Geschichte wird grösstenteils aus der Sicht von Lisa in Form von Tagebucheinträgen erzählt.
Die Lektüre bietet eine gute Diskussionsgrundlage zu den Themen Rassismus und rechtsextrem motivierte Gewalt.

Klassenstufen: 9,10 L

Findet mich das Glück?
Peter Fischli, David Weiss
Verlag: Walther König, Publiziert: 2008, Seiten: 168, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-88375-630-1
Schlagwörter: Kunst | Philosophie

Im Buch des Künstlerduos Peter Fischli und David Weiss sind Fragen, von denen manche alltäglich, einige philosophisch und wieder andere absurd klingen: Gibt es zuviel des Guten? Spürt sie es? Bin ich privat ein anderer Mensch? Driftet alles auseinander? Braucht es mich? Das Künstlerduo führte eine Zeit lang Karteikarten mit sich, auf denen es Fragen notierte. Das Ergebnis sind Fragen, die unbeantwortet bleiben müssen, überraschende Fragen, solche, die zum Nachdenken anregen oder die Leserinnen und Leser auch zum Schmunzeln bringen.

Dieses kleine, schwarze Büchlein kann man immer wieder hervor nehmen und sich von den simplen, aber doch tiefgründigen Gedanken inspirieren lassen. Die Fragen können sowohl zum Spass als auch als Diskussionsgrundlage verwendet werden.

Klassenstufen: 7,8,9,10

Jane Goodall und Dian Fossey
Maja Nielsen
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2008, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-4842-5
Schlagwörter: Biografie

Unter wilden Menschenaffen
Glück mit Sosse
Sharon Creech
Verlag: Schroedel, Publiziert: 2008, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-507-47091-0
Schlagwörter: Freundschaft | Generationen

Die zwölfjährigen Rosie und Bailey sind Freunde, seit sie denken können. Sie wohnen nebeneinander, verbringen die Freizeit gemeinsam, kochen zusammen. Nur in der Schule sehen sie sich nicht, denn Bailey ist blind und geht in eine Schule für blinde Kinder. Aber jetzt versteht Rosie Bailey nicht mehr. Warum tut er so rotzig, sagt ihr, sie soll sich nicht aufspielen, bloss weil sie heimlich die Blindenschrift lesen gelernt hat?
Granny Torrelli weiss, wie Rosie zu helfen ist: Mit einer „Zuppa“. Die beiden machen sich ans Werk, rüsten und hacken. Nach und nach rückt Rosie damit heraus, warum sie so wütend ist und Granny Torreli erzählt von einer Freundschaft aus Kindertagen im südlichen Italien, die sie ähnlich verletzbar gemacht hatte. Im zweiten Teil des Buches wird noch einmal gekocht, diesmal hilft Bailey bei der Vorbereitung einer Pasta Party mit. Auch jetzt kommen die wichtigen kleinen Dinge des Lebens beim Kochen zur Sprache, hört die Grossmutter die feinen Misstöne zwischen den Kindern und vermittelt mit ihrer klugen, zurückhaltenden Art. Wenn alles für das Pasta-Fest bereitsteht, haben Rosie und Bailey realisiert, dass in ihrer Freundschaft viel mehr Platz hat, als sie geglaubt haben. „Tutto va bene!“, meint Granny Torrelli. Rotraut Susanne Berner hat die Geschichte mit lustigen Vignetten ergänzt. Und auch die Rezepte von Granny Torrelli bleiben den LeserInnen nicht vorenthalten.
Eine Geschichte über das Grösserwerden, die wichtige Rolle von Grosseltern und lustvolles Kochen. Beim Lesen läuft einem das Wasser im Mund zusammen und das Herz wird warm.
Christine Tresch

Der weisse und der schwarze Bär
Jürg Schubiger, Illustration: Eva Muggenthaler
Verlag: Hammer, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0078-0
Schlagwörter: Fantasie | Schlaf/Einschlafen

Das Mädchen erzählt der Mutter vom weissen Bären, der nachts immer an ihrem Bett sitzt und in der Nacht schimmert. Und vom schwarzen Bären, der jede Nacht bei ihr ist, seit der weisse Bär nicht mehr kommt – denn der ist nur erfunden, verrät sie der Mutter.

Wie viel in dieser feinen, episodenhaften Geschichte steckt, zeigt die ausgezeichnete Illustratorin, von der damit nach „Der Schäfer Raul“ endlich das zweite Bilderbuch vorliegt. Eva Muggenthaler hat ein wahres Schauereignis geschaffen, das gleichzeitig neugierig macht und verwirrt, zum Staunen bringt und die Vielschichtigkeit der Geschichte sicht- und verdaubar macht. Es wird klar, wie nah Fantasie und erlebte Realität beieinander liegen, denn der schwarze Bär ist die Nacht selbst, die Dunkelheit, die sich sanft um das Mädchen legt und vor der nur Diebe und Einbrecher Angst haben, aber nicht die Kinder: Das selbstbewusste Mädchen reitet auf ihm und zeichnet ihn als Kehrseite des weissen Bären. Der Weisse ist zwar unterhaltsamer, er stört damit aber auch, nimmt zu viel Raum ein.

Muggenthaler spielt so genial mit dem Motiv von Licht und Dunkel, dass es auch beim wiederholten Anschauen immer wieder Zusammenhänge zwischen den Bären und der Welt des selbstständig handelnden Mädchens zu entdecken gibt. Ein wunderbares Zusammenspiel von Schlichtheit, Schönheit und Geborgenheit. Mitten darin agiert das Mädchen fast autark, braucht die Mutter nur, um ihr von den Bären zu erzählen und sich dabei ihrer eigenen Befindlichkeit klar zu werden.

Bruno Blume

Strandgut
David Wiesner
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-51693-0
Schlagwörter: Ferien

Er schaut. Er staunt. Die Kunst des Schauens und Staunens zeichnen den Jungen am Strand aus. Den ganzen Tag sammelt er Strandgut und betrachtet es mit grossen Augen. An diesem Tag bekommt er aber absolut Unerwartetes zu sehen. Eine uralte Unterwasserkamera wird an den Strand gespült. Schnell lässt er den Film entwickeln, worauf er von den Fotos in eine bizarre, wundervolle Unterwasserwelt entführt wird: Da haben es sich Kraken gemütlich gemacht auf den Sofas aus einem versunkenen Möbelwagen, da tragen Meeresschildkröten bewohnte Muschelstädte auf ihren Panzern, Inseln entpuppen sich als Riesen-Seesterne und Ausserirdische unternehmen eine Meeresgrund-Fotosafari. Unter den Fotos ist aber auch das Porträt eines Mädchens, das in der Hand ein Foto eines Jungen hält, ebenfalls mit Foto in der Hand. Mit der Lupe und schliesslich unter dem Mikroskop kann der Junge die Reihe immer weiter zurückverfolgen, bis ihm ein Junge vom Beginn des 19. Jh. zuwinkt. Offensichtlich hat jedes der Kinder die Kamera nach der Aufnahme von sich selbst wieder ins Meer geworfen. Und genau so macht es auch der Junge, nachdem er einen neuen Film eingelegt hat, so dass die Kamera – befördert und ausgelöst von der Willkür der Wellen, Strömung, Seepferdchen und eines Pelikans – neue Bilder aufnehmen kann, bis sie an einem entfernten Strand angespült wird.
Der Blick in die Vergangenheit bis zu den Anfängen der Fotografie ist genauso faszinierend wie die Erzählkraft der Bilder und Bildfolgen, das Spiel mit Perspektive und Bildausschnitt. Denn das Buch kommt völlig ohne Text aus! Es zeigt, welche Erzählkraft gute Bilder in sich haben. Sie sprechen LeserInnen und Leseunkundige unmittelbar an und ziehen sie in ihren Bann. Ein wahrhaft weltumspannendes Buch, das offene und neugierige Kinder rund um den Globus, Knaben und Mädchen, zusammenbringt.
Bruno Blume

Schatten
Heinz Janisch, Illustration: Artem
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907588-80-2
Schlagwörter: Fantasie | Spiel

Es ist friedlich und still im Garten, der unter der heissen Mittagssonne ruht. Alles schläft: die Eltern, die Katze, das Haus, der Zaun, die Bäume, die Liegestühle. Ob sich Sven wohl ein kleinbisschen langweilt? Jedenfalls beschliesst er, “eine kleine Runde” zu drehen. Gerade will er aufbrechen, als ihm etwas auffällt: Die Schatten, stellt Sven verwundert fest, die Schatten treiben es ganz schön bunt. Sie scheinen ganz und gar nicht zu schlafen. Und dann bummelt der Kleine los: zum Hafen, zum Leuchtturm, in den Zoo und zurück nach Hause; vorbei an einem alten Mann, einem Hund, einer Katze, einem Fahrrad fahrenden Mädchen; vorbei an einem – künftigen? – Pärchen, an Fischern, ZoobesucherInnen und Zootieren. Ein ganz gewöhnlicher Stadtrundgang eben, wären da nicht die Illustrationen von Artem mit ihren Schatten.

Geahnt haben wir es ja schon immer: Schatten haben ein Eigenleben, eine Seele. Vielleicht sind sie aber auch bloss Abbild unserer Seele. Jedenfalls enthüllen sie so manchen Wunschtraum derer, die sie werfen. Und so erzählen Artems Bilder nicht nur von Svens äusseren Begegnungen, sondern lassen ein Stück weit auch ins Innere der Menschen, Tiere und Dinge blicken. Die Illustrationen sind frech und unbeschwert. Es gibt Szenen, die sehr berühren. Zum Beispiel jene, die einen alten Mann zeigt, der lächelnd auf einer Bank schläft, während sein Schatten fröhlich einem Vogel nachjagt. Es macht Spass, über die Dinge und ihre Schatten nachzudenken und ihnen eine Geschichte zu geben. Nicht minder anregend ist der Versuch, den Schattenwurf zu rekonstruieren. Ein rundum gelungenes Bilderbuch, das die Schatten für einmal von ihrer hellen Seite zeigt.

Ursula Kahi

Mama?
Manuela Olten
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-51692-3

Mama werden ist nicht schwer, Mama sein dagegen sehr… Das neue Bilderbuch von Manuela Olten hilft verzweifelten Müttern, ihr Schicksal anzunehmen – zeigt es doch in humorvoller Weise, dass sie mit ihren Alltagsproblemen nicht alleine sind. Da sind zum einen die Beschreibungen der lieben Kleinen, die alles bedeuten können, oder aber auch wieder gar nichts. Das Buch dreht sich fast ausschliesslich um das schwierige Erraten des vom Kind geäusserten Rätsels “Mama, wie heisst noch mal das Gelbe? […] Das Gelbe mit dem Braun”. Geduldig zählt Mami alles auf, was “gelb mit braun” ist, und erträgt dabei geduldig die Wutausbrüche des sich zunehmend unverstanden fühlenden Kindes. Als sie nach langer Raterei endlich auf das Gewünschte (na? Wissen Sie’s?) kommt, hat das ungnädige Kind vergessen, was es eigentlich erzählen wollte. Doch da gibts ja noch das Geschwisterchen, das die beiden gerade von der Geburtstagsfeier abholen und das seine Erzählung auch gleich mit einer Frage beginnt: “Wir haben das Spiel gespielt. Mama, wie heisst das noch mal?” Wie könnten sich vorlesende Mamas verstandener fühlen als im letzten Bild, in dem sich die Rollen von Gross und Klein auf wunderbare Weise vertauscht zu haben scheinen? Mit weit aufgerissenem Mund brüllt Mama (klein im Hintergrund) alle ihr bekannten Geburtstagsspiele herunter, während die Kinder diesem Ausbruch grinsend und verlegen in einiger Entfernung vorne im Bild beiwohnen.

Maren Bonacker

Jetzt hol ich mir eine neue Mama
Brigitte Raab, Illustration: Manuela Olten
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-7074-4
Schlagwörter: Familie/Familienformen

In Brigitte Raabs “Jetzt hol ich mir eine neue Mama”, illustriert von Manuela Olten, geht es ums Unverstandensein. Weil Mama keine Zeit zum Spielen hat, holt sich die zornbebende kleine Protagonistin kurzerhand eine neue Mama: die Frau von der Kasse im Supermarkt. Mit der lässt sich wunderbar Kaufladen spielen, den ganzen Tag. Auch der Bruder ist nicht so, wie ihn sich die stupsnasige Ich-Erzählerin wünscht, deshalb holt sie sich den Sohn vom Bäcker, um mit ihm Sandkuchen zu backen. So nach und nach tauscht sie auf diese Weise ihre ganze Familie aus, um am Ende festzustellen, dass Dauerspass nach ihren Wünschen ganz schön anstrengend sein kann. Dann doch lieber die alte Familie – und wenn die sich mal nicht kümmern kann, bleibt Zeit, in Ruhe ein schönes Bild zu malen. Manuela Oltens charakteristische Bilder leben von der ausdrucksstarken Mimik der Figuren, die den Text humorvoll untermalen.

Maren Bonacker

Meine Mama kann zaubern
Carl Norac, Illustration: Ingrid Godon
Aus dem Englischen von Sophie Birkenstädt
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-51683-1

Carl Noracs “Meine Mama kann zaubern” ist endlich eine Mama-Hymne, in der alle mütterlichen Qualitäten wie trösten, Monster vertreiben und vieles mehr gebührend gewürdigt werden. Und am wichtigsten von allen ist, dass Mama ihr Kind liebt. Ingrid Godon fasst alle Situationen in flächige, klare Bilder voller Harmonie und lässt das abgebildete Kind mal eher einem Mädchen, mal einem Jungen ähneln, sodass sich alle kleinen LeserInnen mit dem erzählenden Ich identifizieren können.
Maren Bonacker

Mercy Watson Wunderschwein
Kate DiCamillo, Illustration: Chris Van Dusen
Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Ludwig
Verlag: Dressler, Publiziert: 2007, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-2803-8
Schlagwörter: Humor/Komik

Mit zauberhaften Kinderbuch-Charakteren wie Winn-Dixie, Despereaux oder dem Porzellanhasen Edward Tulane hat Kate DiCamillo sich in den letzten Jahren Fans auf der ganzen Welt geschaffen. Mit “Mercy Watson Wunderschwein” legt die US-amerikanische Autorin nun ein Buch vor, das sich an jüngere LeserInnen richtet. In zwei Geschichten werden die Abenteuer von Mercy WatsonWunderschwein, eines vorwitzigen Schweinemädchens mit einer Schwäche für heissen, gebutterten Toast, erzählt. Mit kurzen Kapiteln, grosser, weit gesetzter Schrift und den knallbunten Illustrationen von Chris Van Dusen, die zum Teil wie Standbilder aus einem Zeichentrickfilm wirken, eignen sie sich ebensogut zum Vor- wie zum Selberlesen für Kinder ab sechs Jahren.

Mercy beschliesst eines Nachts, nicht länger allein in ihrem Bett zu schlafen, sondern sich zwischen Mr und Mrs Watson zu kuscheln – was dazu führt, dass deren Bett durch den Boden des Schlafzimmers zu brechen droht. Doch zum Glück hat Mercy sich nach einem wunderbaren Buttertoast-Traum gerade heisshungrig auf den Weg in die Küche gemacht. In “Mercy Watson macht einen Ausflug” gelingt es der ungestümen Heldin dann endlich einmal, das Steuer von Mr Watsons geliebtem rosaroten Cabrio zu übernehmen – was natürlich gleichfalls nicht ohne Folgen bleibt…

Schrullige Nebenfiguren wie die betagten Schwestern Eugenia und Baby Lincoln aus dem Nachbarhaus, vor allem aber Van Dusens Bilder, die einzelne Szenen lebendig werden und wie in einem Animationsfilm vor einem ablaufen lassen, machen Mercy Watsons Abenteuer zu einem absoluten Lesevergnügen. Bleibt zu hoffen, dass DiCamillo die Ideen zu weiteren Episoden nicht so rasch ausgehen.

Andrea Duphorn

Super-Ulf
Ulf Stark, Illustration: Markus Majaluoma
Aus dem Schwedischen von Brigitta Kicherer
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2007, Seiten: 45, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55470-3
Schlagwörter: Abenteuer

Der sechsjährige Ulf möchte mit seinem grossen Bruder Jan ans Radrennen gehen. Aber Jan und seine Freunde können kein Bubi gebrauchen. Auf den Sonntagsspaziergang mit den Eltern will Ulf aber auch nicht – trotz versprochenem Eis. So bleibt er zu Hause und geniesst den Freiraum: Zunächst übt er in der Zahnarztpraxis seines Vaters das Bohren, dann holt er die Comic seines Bruders hervor und ist bald selber Superman, der in seinem engen roten Schlafanzug auch draussen auf dem Fahrrad rumflitzt. Schon ist Ulf auf der Strasse, holt das Rennfahrerfeld ein und rast beflügelt davon bis über die Wolken. Aber irgendwann wird auch der grösste Held müde. Und jetzt weiss Ulf wie schon so oft nicht mehr, wo er Zuhause ist. Und weil Papa ihm eingebläut hat, dass er mit keinem Fremden sprechen darf, dauert es ein bisschen, bis das freundliche Ehepaar, das sich um ihn sorgt, seine Eltern benachrichtigen kann. Der Vater holt ihn mit dem Fahrrad ab und auf der Rückfahrt hat Ulf schon wieder so viel Energie, dass er ihn im Schlussspurt besiegt.

Ulf Stark erzählt diese (autobiografische?) Geschichte über Gehorsam und Ungehorsam ganz aus der Perspektive des kleinen Ulf und ohne moralischen Zeigefinger. Die comicartigen Illustrationen von Markus Majaluoma fangen den Humor und die Ironie, die in diesem Abenteuer aufgehoben sind, mit grossem Augenzwinkern ein. Seine Erwachsenen stehen wie alte Bäume in der Landschaft und Ulf legt sich so übers Fahrrad, wie es die Rennfahrer tun, nur ist sein Schlafanzug dafür etwas zu kurz und der Po kuckt hervor.

Christine Tresch

Paula und die Leichtigkeit des Seins
Zoran Drvenkar, Illustration: Peter Schössow
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2007, Seiten: 88, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8270-5196-7
Schlagwörter: Freundschaft | Körper

Was für ein schönes Bild: Pummelige Mädchen und Jungs, die mit geschlossenen Augen wie Luftballons am Himmel schweben… Damit endet Zoran Drvenkars Geschichte um “Paula und die Leichtigkeit des Seins”. “Es ist ein wenig wie die Luft anhalten. Es ist ein wenig wie die Augen schliessen und sich ein Bild merken: Paula und ein gesprenkeltes Sternendach voller Jungen und Mädchen.”

Drvenkar erzählt die (Leidens-)Geschichte eines kleinen dicken Mädchens: Bis sie sechs war, war Paula ganz normal. Erst mit sieben hat sie angefangen dicker und dicker zu werden. Jetzt ist sie acht, und niemand wirft sie mehr spontan in die Luft. Paula ist zu schwer. “Zu schwer für die Schaukel. Zu schwer für das Fahrrad. Und manchmal sogar zu schwer für Stühle.” Und dann kommt Onkel Hiram aus Australien zu Besuch, Paulas Patenonkel. Auf seinem Arm wiegt Paula immer noch fast nichts. “Wer ist hier zu dick?”, fragt er und wirft Paula wie früher in die Luft. Und Paula kommt nicht mehr runter.

Peter Schössow hat zu Zoran Drvenkars berührender Geschichte Bilder geschaffen, die Erinnerungen an Astrid Lindgrens Geschichten von “Karlsson vom Dach” wecken und die Stimmungen des poetischen Textes wunderbar einfangen. Sie zeigen Paulas Verletztheit, ihre Traurigkeit, Einsamkeit und Isolation, aber auch die Freude an der überraschend gewonnenen Freiheit und die Erleichterung darüber, nicht länger allein zu sein. Denn eines Tages steht Gunnar unten im Garten und sagt “Ich will auch…” Wie die Strophen eines Gedichtes gesetzt, hat “Paula” fast mehr von einem Bilder- als von einem Kinderbuch. Aber vielleicht lässt sich die warmherzig, sensibel und humorvoll erzählte Geschichte ohnehin am besten an erwachsenene VorleserInnen gekuschelt erfahren. Solche wie Patenonkel Hiram zum Beispiel.

Andrea Duphorn

Ein himmlischer Platz
Guus Kuijer
Aus dem Niederländischen von Silke Hachmeister
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2007, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-4029-7
Schlagwörter: Philosophie

„Wir schlüsseln, aber wir gabeln uns nicht“: Der zehnjährige Florian redet sicherheitshalber in seiner persönlichen Geheimsprache, denn er möchte die Eltern mit seiner Erkenntnis nicht erschrecken: „Wir reden, aber wir verstehen uns nicht“, denkt der philosophisch begabte Junge in Guus Kuijers neuem Roman. Und er denkt noch viel mehr, so viel, wie eigentlich unmöglich Platz haben kann auf so wenigen Buchseiten. Noch nie war der niederländische Autor so dicht, so vielschichtig und genau in der Wahrnehmung und Beschreibung der kindlichen Vorstellungswelt wie in diesem (auch für erwachsene LeserInnen) wunderbaren Buch, das, so leicht und so tiefsinnig, mit einem Spatz auf Florians feuerrotem Kopf beginnt. Vorsichtig tastend und mit einem Gehirn, das auf Hochtouren läuft, entschlüsselt Florian die Welt, die sich ihm in einem unzusammenhängenden Chaos präsentiert. Er sammelt die Sätze, die er hört, und versucht, sie zu verstehen, sie in seine inneren Schubladen einzuordnen; er organisiert das Wissen in seinem Kopf auf seine Art und findet originelle, poetische Antworten auf die meisten Fragen. Und doch kann er nicht verhindern, dass die Dinge ausser Kontrolle geraten: Kaum hat er den Spatz auf dem Kopf, verliebt sich auch schon die grosse Katja in ihn und will ihn schon bald küssen, dann finden sie die verwirrte Frau Raaphorst, die sich aus ihrem Haus ausgeschlossen hat und helfen ihr beim Sich-Erinnern. Als ihm alles ein wenig zu viel wird, lernt Florian, wie man sich mit dem richtigen Satz vor den Zumutungen des Lebens retten kann. „Ich bin noch nicht so weit“, heisst er in seinem Fall.
Christine Lötscher

Ein Gefühl wie beim Fliegen
Hilary McKay
Aus dem Englischen von Irmela Brender
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2007, Seiten: 189, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-4215-4
Schlagwörter: Geschwister | Liebe | Familie/Familienformen

Ein nachtschwarzer Himmel mit tausend Silberdiamanten als Sterne wölbt sich im vierten Band über das turbulente Leben der eigenwilligen Familie Casson. Rosa, die Jüngste mit dem Künstlertalent, hat den Himmel aus schwarz bemalten Pappestücken gefertigt und mit Ballonfetzen beklebt. Darunter agieren gleichsam die Figuren des Romans, und alles dreht sich um die Liebe: Rosa verschickt selbst gemalte Valentinskarten, die alle dem Gitarrenspieler Tom zugedacht sind; ihr Bruder Indigo versucht Sarah, Safrans an den Rollstuhl gefesselte Freundin, in die Valentinsdisco zu bekommen und Maggy, die Älteste, landet tatsächlich vor dem Traualtar. Allerdings hat sich Maggy nicht für Michael entschieden, sondern für Alex, den “wahrscheinlich Richtigen”. Aber Rosa hat Michael versprochen, aufzupassen, dass Maggy keinen anderen heiratet, während er weg ist. Rosa nimmt daher ihr Herz in beide Hände und greift ins Geschehen ein, bis die Sterne am Himmel zu guter letzt für alle funkeln…
Hilary McKays viertes Buch über die Cassons ist ein grosses Lesevergnügen, reicht aber nicht ganz an die bisherigen Bände heran. Die episodenhafte Erzählweise lässt das Geschehen in ungleichgewichtige Teile zerfallen, und die verschiedenen Erzählstimmen unterscheiden sich kaum voneinander. Die Über-
setzung trifft zwar den frischen Ton des Originals, unterschlägt aber auf Seite 47 ein kleines Stück Dialog, setzt den “vicar” mit einem Vikar gleich und lässt aus dem englischen Rosy Pose ein deutsches Heckenröschen werden, das man sich als Kosenamen nicht recht vorstellen kann. Dennoch: In der Liebe der Figuren zueinander und in deren feinem Zusammenspiel ragt Hilary McKays Roman allemal weit aus dem Mainstream heraus.
CHRISTINE HOLLIGER

Prinzessin Rosenblüte
Kirsten Boie
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2007, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-3164-6
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Humor/Komik

Wach geküsst!

Als Emma die vertraute Stimme der Fee aus dem Lautsprecher der U-Bahn säuseln hört, ergreift sie spontan die Flucht. Nur zu gut erinnert sie sich an ihr letztes Märchenabenteuer, das ihr mit Prinzessin Rosenblüte eine überaus zickige Prinzessin bescherte, für deren Erlösung und Heimkehr ins Reich der Schwäne Emma die Verantwortung übernehmen sollte. Und auch jetzt wieder versucht die Fee, Emma für ihre Belange einzuspannen: Durch ein dummes Missgeschick ist die Prinzessin in einen hundertjährigen Schlaf gesunken und Emma soll sie wieder aufwecken.
Dabei wäre doch Ludwig aus ihrer Klasse dafür viel geeigneter, konnte doch jeder sehen, dass er sich in Rosenblüte verliebt hat… Gemeinsam folgen sie dem Ruf der Fee und finden sich plötzlich im Rosengarten von “Rosis” königlichen Eltern wieder. Von dort aus müssen sie einmal quer durchs Märchenland reisen, was sich als recht anstrengend erweist – besonders, weil sie ständig irgendwelchen Märchenfiguren beistehen müssen. Schneewittchen lässt sich ja noch erlösen – aber wer kann ahnen, dass sich das Rumpelstilzchen ausgerechnet in Eberhard Schulze umgetauft hat? Und selbst wenn Ludwig “seine” Rosenblüte wach küssen kann, wird er sie dann wirklich heiraten dürfen? Oder müssen? Oder was?
Kirsten Boies zweiter “Rosenblüte-Roman” spielt in gewohnt humorvoller Manier mit Märchenmotiven und Klischees, die den LeserInnen durch Emmas Augen in authentischer Ich-Erzählung präsentiert werden. In ihrer praktischen Art verhelfen Emma und Ludwig fast allen Märchenfiguren zu ihrem Glück – und den LeserInnen zu einer ausgesprochen vergnüglichen Lektüre. Zum Selberlesen, Vorlesen oder als witzige Ergänzung im Unterricht zum Thema Märchen wunderbar geeignet.
Maren Bonacker

Das verschluckte Lachen
Anja Tuckermann
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2007, Seiten: 111, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7941-6091-4
Schlagwörter: Freundschaft | Identität/Individualität

Sascha nervt die ganze Klasse, weil er keinen Augenblick stillsitzen kann. Als er nach den Ferien die Schule wechseln muss, sind alle froh – ausser Elli. Sie mag Sascha, weil er sie immer auf gute Ideen bringt; zusammen unternehmen sie kleine Abenteuer, und Elli nimmt alle Geräusche, die ihnen unterwegs begegnen, mit ihrem Tonbandgerät auf. Zu Hause macht sie, inspiriert von Sascha mit seinen tausend Ideen, Hörspiele daraus. Das Problem ist nur, dass sich Sascha mit seiner impulsiven Art immer Ärger einhandelt und in der Schule nicht auf einen grünen Zweig kommt, bis das Jugendamt eingreift. Bald ist die Diagnose gestellt: ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit- und Hyperaktivitäts-Störung). Er bekommt Medikamente und wird still, angepasst und fantasielos – findet Elli.

Anja Tuckermann, die für ihre Geschichte des Sinto Hugo Höllenreiner (“Denk nicht, wir bleiben hier”, Hanser 2005) mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, erklärt nichts über ADHS; sie erzählt die Geschichte ganz aus der Perspektive des Mädchens, das hilflos zusieht, wie sich ihr bester Freund verändert. Auch in diesem Buch engagiert sie sich für Menschen, die anders sind, und plädiert dafür, deren gute Seiten anzuerkennen, anstatt sie auszugrenzen und zu zähmen. Das kann man nur unterstützen – und doch bleibt man etwas ratlos zurück. So schön “Das verschluckte Lachen” als Geschichte einer Kinderfreundschaft auch ist: Wenn es um kontroverse Themen wie ADHS geht, wäre eine differenzierte Auseinandersetzung fruchtbarer als der einseitige und nur vermeintlich unvoreingenommene Kinderblick, der am Ende eine schwarzweisse Welt von “guten” Kindern gegen “böse”, das heisst lieblose, egoistische und überforderte Erwachsene erstehen lässt.

CHRISTINE LÖTSCHER

Hitlers Kanarienvogel
Sandi Toksvig
Aus dem Englischen von Tanja Ohlsen
Verlag: Boje, Publiziert: 2007, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-414-82029-7

Eine starke, berührende Geschichte, die auf historischen Fakten beruht und auf Erzählungen aus der Familie der Autorin und die man geradezu als Schullektüre empfehlen kann. Erzählt wird von Bamse, der 1940, als Dänemark von den Nazis besetzt wurde, zehn Jahre alt ist, und seiner Familie: dem älteren Bruder, der im Widerstand aktiv ist, seiner Schwester, die sich in einen schüchternen deutschen Soldaten verliebt, seinen Freund Anton, der Jude ist, und dessen Eltern, die schon aus Deutschland geflohen sind und nun erneut verfolgt werden. Wir erfahren von Angst und Bedrohung, von abenteuerlichen Hilfsaktionen und listiger Gegenwehr, doch da in der Rückschau und in der Ichperspektive erzählt wird, steht das Überleben des kindlichen Helden glücklicherweise nie in Frage. Und obwohl der Text nicht schematischen Freund-Feind-Zuordnungen verfällt, sondern durchgehend differenziert bleibt, ist die ermutigende aufklärerische Haltung der Autorin stets präsent. Und sie schafft es, neben aller Bedrohung und Tragik auch Wärme, Optimismus und Witz zu zeigen – bei Bamses Mutter etwa, einer Schauspielerin, die ständig in Zitaten spricht und die Besetzer mit ihrer theatralischen Verstellungskunst zu täuschen weiss.

Verena Stössinger

Ein Schwein rettet die Welt
Paul Shipton
Aus dem Englischen von Stephanie Menge
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2007, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-312-00970-1
Schlagwörter: Abenteuer | Humor/Komik | Fantastik/Fantasy | Mythologie/Sage

Gryllus, der in ein sprechendes Schwein verzauberte junge Mann, sieht endlich seine Chance gekommen, wieder zu seiner wahren Gestalt zurückzufinden. Zusammen mit dem pickligen Jungdichter Homer und der Nachwuchsprophetin Sibylle, die über eine Hotline zu den Göttern verfügt, landen sie wieder auf der Insel der Halbgöttin Kirke. Doch seltsam: Auf der Insel scheint ausser einer Heuschrecke niemand mehr zu leben. Als Sibylle eine rätselhafte Prophezeiung empfängt, wird schnell klar: Auf Gryllus lastet eine zentnerschwere Verantwortung – einmal mehr muss er die Welt retten. Doch genau darauf hat er nun wirklich keinen Bock mehr: Ein Geschäft mit Kuchen und Pasteten zu eröffnen, wäre mehr nach dem Gusto des faulen und gefrässigen Borstentiers. Doch Sibylle und den weltfremden Poeten Homer einfach im Stich zu lassen, bringt Gryllus nun doch nicht übers Herz, auch weil er Unterstützung durch die unvergleichliche Sangeskunst von Orpheus erhält.
Wer das Vergnügen hatte, Gryllus bereits aus dem ersten Band “Schwein gehabt, Zeus” zu kennen, wird unweigerlich zu diesem Folgeband greifen. Und umgekehrt: Man kann “Ein Schwein rettet die Welt” durchaus ohne Kenntnisse des ersten Bandes lesen, wird sich aber – da bin ich hundertprozentig überzeugt – umgehend auf den ersten Band stürzen. Denn wo sonst wird man so witzig und spannend unterhalten, während man gleichzeitig auf augenzwinkernde Weise seine Bildung bezüglich der alten Griechen vervollkommnen kann? Und wer weiss: Vielleicht werden die erst kürzlich aufgefundenen Schriftrollen eines gewissen Schweins in Zukunft gar zur Schullektüre erklärt? Verdient wärs.
Maja Mores

Eine wie Alaska
John Green
Aus dem amerikanischen Englisch von Sophie Zeitz
Verlag: Hanser, Publiziert: 2007, Seiten: 281, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-20853-7
Schlagwörter: Freundschaft | Tod/Trauer

Spannung und Abenteuer, Herzschmerz und Philosophie – der amerikanische Autor John Green zeigt in seinem ersten Roman für Jugendliche, dass alles zusammen zwischen zwei Buchdeckel passt. Nah an der Sprache und der Lebenswelt der Jugendlichen erzählt er von Träumen und existentiellen Fragen, die aus der Pubertät eine gefährliche Zeit machen können: Der Ich-Erzähler Miles, Sammler von letzten Worten berühmter Persönlichkeiten, verlässt seine Eltern und wechselt in ein Internat auf der Suche „nach dem grossen Vielleicht“ (Rabelais’ letzte Worte). Die Geschichte seines Aufbruchs beginnt „136 Tage davor“ und endet, streng symmetrisch, „136 Tage danach“. Dazwischen ereignet sich ein tragischer Unfall – wenn es denn ein Unfall war – bei dem Miles’ Freundin Alaska ums Leben kommt. Um Alaska dreht sich nämlich alles in Miles’ Leben, vor und nach ihrem Tod: Im ersten Teil des Romans versucht er, die Liebe des schillernden Mädchens zu gewinnen, das verbotenerweise Auto fährt und Wein trinkt, leidenschaftlich Bücher liest und gern tiefsinnige Gespräche führt. Die mysteriösen Andeutungen über Schuld und Leiden, die melodramatischen Anwandlungen aus heiterem Himmel machen sie für ihre Freunde zu einer Diva, die vergöttert werden muss. John Green zeigt eine Gruppe von Jugendlichen, die ihren eigenen Weg suchen und dabei ständig auf einer Achterbahn fahren, obwohl sie immer wissen, dass eigentlich nichts passieren kann. Alaskas Tod bringt alles durcheinander, und es dauert noch einmal 136 Tage, bis Miles und seine Freunde akzeptieren können, dass sie nicht mehr da ist.
Christine Lötscher

Jamies Glück
Sarah Weeks
Aus dem amerikanischen Englisch von Birgitt Kollmann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2007, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-20863-6
Schlagwörter: Freundschaft

Im Leben des elf Jahre alten Jamie läuft gerade so einiges ganz anders als es sollte: Nicht genug damit, dass seine über alles geliebte Katze „Mister“ überfahren wird und der Vater mit einer „MicroMart“-Kassiererin durchbrennt. Als seine Tante Sapphy einen schweren Arbeitssunfall hat, bei dem sie ihr Erinnerungsvermögen nahezu völlig einbüsst und jeden Tag aufs Neue erklärt bekommen muss, warum sie nicht mehr so lebt wie früher, ziehen Jamie und seine Mutter zu ihr in die Wohnwagensiedlung. Jamie muss die Schule wechseln und tut sich dort sehr schwer. Und dann ist da noch „die Sache, die an Heiligabend im Büro vom alten Gray passiert war…“
Einiges in diesem Buch erinnert an Sarah Weeks 2005 auf Deutsch erschienenen Roman „So B. It“, der 2006 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde: Die Grundkonstellation mit kranken oder geistig behinderten Bezugspersonen, die sensiblen Ich-Erzählerin, der ganz besondere, behutsam-humorvolle Erzählton, der ernste Themen warmherzig und einfühlsam zu vermitteln vermag. Allenfalls das Ende der Geschichte fällt diesmal vielleicht ein wenig zu rosig aus: In Audrey, seiner reichlich schrägen Mitschülerin mit einer viel zu grossen, seltsamen Brille ohne Gläser und allerlei überraschenden Fähigkeiten, findet er eine Freundin, und beim Besuch eines Schriftstellers an seiner Schule einen Erwachsenen, der ihn dazu ermutigt, seine Beobachtungen und Verletzungen zu schreiben, damit sie an Schrecken verlieren. Im Glauben Sapphy habe am nächsten Morgen ohnehin wieder alles vergessen, vertraut Jamie ihr eines nachts seinen grössten Kummer an – und findet dabei für einen Augenblick nicht nur selbst zur Ruhe, sondern gleichzeitig auch den lang ersehnten „magischen Schlüssel“ zu deren Heilung.
Andrea Duphorn

Wir treffen uns, wenn alle weg sind
Iva Prochazkova
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2007, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7941-8055-4

Was für eine eigenartige Geschichte, die uns Iva Procházková in ihrem neuen Science-Fiction-Roman erzählt, der einen von der ersten bis zur letzten Seite gefangen nimmt. Der junge Roma Mojmir Demeter ist in einem Waisenhaus in Prag aufgewachsen und steht kurz vor dem Abschluss seiner Lehre als Koch; seine besondere Spezialität sind Saucen, und er interessiert sich vor allem für Menschen. Computerspiele und Internet sind ihm hingegen genau so egal wie die Frage, ob er cool ist oder nicht. Deshalb fährt er auch, als sie schwer krank wird, zur alten Frau Kalomova, die in einem einsamen Haus im Isergebirge wohnt. Während Jahrzehnten hatte sie Kinder aus dem Heim für die Ferien bei sich aufgenommen, und jetzt kümmert sich Mojmir liebevoll um sie, damit sie zu Hause sterben kann. Dass in Prag eine schreckliche Epidemie wütet, hat er gar nicht mitbekommen; erst als viele seiner Freunde schon tot sind und sogenannte Hygieniker die Menschen terrorisieren, informiert er sich und erfährt, dass die Seuche EBS heisst und dazu führt, dass sich die Angesteckten buchstäblich in Luft auflösen. Es gibt Theorien, nach denen EBS eine mentale Krankheit sein soll, die Strafe sozusagen für das kollektive Aufgehen in einer medial-virtuellen Welt – dochProcházková lässt diese Frage offen. Es geht ihr nicht um Moral, sondern darum, den Ängsten, die in den Köpfen herumspuken, eine Gestalt zu geben, in Form einer Geschichte. Das Faszinierende an dem Buch ist, dass die Atmosphäre trotz Science-Fiction-Fantasien fast altmodisch daherkommt; Procházkováschreibt einen ausgesprochen sinnlichen Realismus – und doch schwimmt alles in einem Licht, aus dem die Albträume sind.
Christine Lötscher

Liverpool Street
Anne C. Voorhoeve
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2007, Seiten: 480, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-35264-7

Aus den Romanen, die den Stoff aus dem Fundus des Zweiten Weltkriegs beziehen und die von der Nachkriegsgeneration verfasst wurden, sticht “Liverpool Street” heraus: Er beleuchtet die nur selten behandelten Kindertransporte. Ziska Mangold ist zehn Jahre alt, als sie von ihrer Mutter im Winter 1939 in den Zug von Berlin nach London gesetzt wird. Ziskas Eltern sind jüdischstämmig und haben schon alles für die Ausreise nach Shanghai vorbereitet, als Ziskas Vater mitten in der Nacht abgeholt und ins Konzentrationslager nach Sachsenhausen gebracht wird. Ziska hat Glück – ihre Freundin Bekka beispielsweise bekommt keinen Platz mehr auf dem Transport und wird in Lettland umkommen. Und sie hat noch einmal Glück, als sie von der jüdisch-orthodoxen Familie Shepard aufgenommen wird. Die Shepards kümmern sich vorbildlich um Ziska; zu ihrer Ersatzmutter entwickelt sie ein inniges Verhältnis.
Dass ihr Leben als Flüchtlingskind ganz anders hätte verlaufen können, wird den Lesenden vorgeführt, als Ziska mit 250 anderen Kindern zum Schutz vor Bombenangriffen aus London evakuiert wird. Zwar wirkt der Roman durch diese Anlage konstruiert, und die Informationen, etwa über das Leben in einer orthodoxen Familie, schieben sich manchmal belehrend zwischen das Romangeschehen – zum Beispiel fällt es schwer zu glauben, dass Ziska, von der Mutter Ziskele genannt, nicht weiss, was Jiddisch ist. Die Herausforderung, das Innenleben eines derart ausgesetzten Kindes psychologisch stimmig zu beschreiben, meistert Voorhoeve mal besser, mal weniger gut. Aber Ziska löst sich dennoch vom Papier und wird zur starken Mädchenfigur im plastischen Bild einer düsteren Zeit.
Christine Holliger

Simpel
Marie-Aude Murail
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2007, Seiten: 300, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-596-85207-9
Schlagwörter: Geschwister | Behinderung | Humor/Komik

Simpel, 22 Jahre alt, spielt mit Playmobil und spricht mit seinem Stofftier Monsieur Hasehase. Gut, dass sich Colbert, sein 17-jähriger Bruder, um ihn kümmert. Die Brüder ziehen nach Paris und werden in eine Studenten-WG aufgenommen. Simpels geistige Behinderung, seine Abhängigkeit von Colbert sowie die Unarten von Hasehase sind eine grosse Herausforderung für alle. Dennoch darf Simpel bleiben und wird nicht in ein Heim eingewiesen.
“Ein lebenskluges, warmherziges und humorvolles Buch, das einfach glücklich macht”, verspricht der Klappentext. Dass die dargestellte Entwicklung nicht ganz realistisch ist, wird nicht erwähnt. Es tauchen zu viele Ungereimtheiten auf: Die Haltung des Vaters und der bisherigen Aufsichtspersonen, der Schulwechsel und die Selbstverantwortlichkeit von Simpels Bruder oder die Zustände im Heim. Simpels Streiche, seine direkte Art oder unkontrollierbare Sturheit dienen vor allem zur Ausschmückung für Situationskomik . Die Botschaft “Wenn alle sich ein wenig in die Aufsicht teilen, tolerant sind und die Menschen so annehmen, wie sie sind, dann ist ein Zusammenleben möglich” ist doch etwas – simpel. Dieses idealistische Denken ist zwar wünschenswert und entspricht vielen jungen Menschen, ist aber wohl kaum in aller Konsequenz durchführbar.
Als Lektüre aber hat das Buch Erfolg. Es wurde mit dem “Prix des Licéens allemands” ausgezeichnet, wird in der Originalsprache also offensichtlich gern gelesen. Die Geschichte birgt viele spassige Einfälle, gut verständliche Szenen, jugendliche Alltagsfragen und idealistisches Lebensgefühl. Es sei Jugendlichen deshalb gerne als (französische) Sprachübung oder zur Unterhaltung empfohlen.
Beatrix Ochsenbein

Dann tu’s doch
Andreas Schendel
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2007, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00969-3
Schlagwörter: Armut | Liebe

Wohnblöcke aus Beton, Perspektivenlosigkeit, Verwahrlosung. Das ist die Welt, in der der vierzehnjährige Zoltán mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder Peti lebt. Sein Vater ist tot. Als auch noch Peti verschwindet, um in Deutschland “gutes Geld” zu machen, steht Zoltán mit seinen Gedanken und Gefühlen alleine da. Bis die zwei Jahre ältere Aranka in den Wohnblock zieht.
Andreas Schendels Roman zeichnet in verstörender und unromantischer Weise die Situation von sozial gefährdeten Familien in Budapest. Hier ist nichts von der Glorie der Gangsta-Rapper zu sehen, die sich auf MTV mit dem Milieu der gesellschaftlich Benachteiligten schmücken und die in ihren Videos mit dicken Autos durch heruntergekommene Wohnviertel fahren. Zoltáns Welt ist echt. Glück ist immer nur ein Moment und oft durch Alkohol oder Tabletten herbeigeführt. Aranka erscheint ihm in dieser Situation wie etwas Engelhaftes, Unwirkliches, ein Hoffnungsschimmer in der dunklen Trostlosigkeit. LeserInnen kennen auch Arankas Perspektive, die Schendel mit eingestreuten Tagebucheinträgen vermittelt. Aranka will weg aus der Stadt und von ihrer nierenkranken Mutter. Ihre Liebe zu Bob Dylan zeugt von einer wilden Sehnsucht nach Freiheit und Leben. Diese Sehnsucht, das wird einem langsam klar, wird der noch halb kindliche Zoltán nicht stillen können, so sehr er es sich auch wünscht. Damit bekommt die gesamte Geschichte etwas Verzweifeltes, Hoffnungsloses und lässt einem mit diesem Gefühl zurück. Ein Roman, der unter die Haut geht.
Christian Kölzer

Tschipo
Franz Hohler
Verlag: Zytglogge, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7296-4486-1
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie | Reisen

Franz Hohler weiss, was er seinem Publikum schuldig ist. Wenn er seine Texte erzählt, wie hier den ersten “Tschipo”-Band auf Mundart, hat man das Gefühl, das Hörbuch sei noch besser als das Buch, obwohl das fast nicht sein kann. Gebannt verfolgt man die Abenteuer des achtjährigen Tschipo und seines Fliegerfreundes Tschako durch die Südsee oder das Reich der Fantasie. Die beiden unbändigen Träumer verschlägt es von Snircirora über Snurcurora nach Snarcarora. Jede der Inseln ist mit einem geheimnisvollen Zauber belegt. Da gibt es versteinerte Menschen, ein zu Gold gewordenes Eiland, fliegende Fische und Schubladen, die alles klauen, tauchende Vögel und schwimmende Schuhe. Dank Tschipos Träumen löst sich das Durcheinander nach vielen Abenteuern zu Wasser und zu Lande schliesslich in Minne auf, und die Freunde finden nach Hause. Franz Hohler liest die leicht gekürzte Mundartfassung mit hörbarem Spass und grosser Freude an dialektalen Wendungen. Immer wieder bezieht er die HörerInnen mit ein, fragt nach, ob wir etwas richtig verstanden haben. So werden wir zu KomplizInnen des Erzählers durch diese aufregende Fantasiereise.
Christine Tresch

Opageschichten vom Franz
Christine Nöstlinger
Verlag: Oetinger audio, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-0287-5
Schlagwörter: Freundschaft

Christine Nöstlinger liest ihre “Opageschichten vom Franz”, die vor sechs Jahren in Buchform erschienen sind. Mit den “Geschichten vom Franz” trifft die Wiener Autorin die Gefühlswelt von Kindern. In den einzelnen Bänden der Serie lernen wir die Familie von Franz kennen, seine Oma, den Lehrer Zickzack, der eigentlich Swoboda heisst, die manchmal etwas zickige Freundin Gabi und viele andere Schulkollegen von Franz. In "Opageschichten vom Franz" beginnt das Unglück in der Schule. Da setzt der Zickzack den neuen Schüler Joschka Schnur, einen Aufschneider par excellence, just neben Franz. Als Joschka Franz damit aufzieht, dass dieser keinen Opa mehr hat, behauptet der das Gegenteil. Die ganze Klasse stellt sich auf seine Seite, denn Franz, sagen seine Freunde, Franz lügt nie. Auch sie mögen den Joschka nicht und wetten mit ihm, dass Franz sehr wohl einen Opa hat. “Fixi foxi fertig” ist Franz da, weil er seine Freunde nicht enttäuschen will, aber auch nicht weiss, woher er auf der Stelle einen Opa herholen soll. Oma weiss Rat. Sie erinnert sich an die zweite Frau von Franzens Grossvater mütterlicherseits und daran, dass diese nach dem Tod des Opas ein zweites Mal heiratete. Und Opa bleibt Opa, auch wenn die familiäre Bande etwas komplizierter ist. Dass der unbekannte Opa ganz in der Nähe wohnt und erst noch einen Bonbonladen führt, trifft sich wunderbar und lässt Franz über dessen Ohren so gross wie Kaffeeuntertassen und seinen Namen, Kuno Krautwaschel, hinwegsehen. “Piff paff” kommt also die Familie von Franz, die ausser Franz keinen Familiensinn hat, zu einem Opa, und Franz gewinnt die Wette.
Christine Nöstlinger liest ihre Geschichte mit viel Wiener Schmäh. Sie muss gar nicht viel machen, dass ihre eh schon sehr mündliche Sprache zu leben beginnt und wir mit der Erzählerin zu schmunzeln beginnen über die Irrungen und Wirrungen dieser Opasuche.
Christine Tresch

Das Mädchen unter dem Dohlenbaum
Riitta Jalonen, Illustration: Kristiina Louhi
Aus dem Finnischen von Anu Pyykönen-Stohner
Verlag: Hanser, Publiziert: 2007, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-446-20854-4
Schlagwörter: Tod/Trauer | Tiere

Bilderbücher über den Tod gibt es viele, es ist das Trendthema der letzten Jahre. Dennoch ist es höchst selten, dass wie hier die Situation nach dem Tod eines Elternteils beschrieben wird. Und das so einfühlsam und ergreifend, dass tatsächlich nicht der Tod des Vaters im Mittelpunkt steht, sondern das Zurückbleiben von Mutter und Tochter. Der Dohlenbaum aus dem Titel des Buches steht am Bahnhof und das Mädchen als Ich-Erzählerin darunter. Sie sieht die Dohlen wegfliegen und versteht die vermissende Sehnsucht des Baumes. Sie erzählt (sich selbst) assoziativ und teilreflexiv von den Veränderungen, vom Schmerz, den sie beim Baum und bei ihrer Mutter feststellt und der natürlich ihr eigener ist. Sie stellt Vergleiche an, bekennt ihre Trauer und dass es ihr manchmal so vorkommt, als sei der Vater gar nicht gestorben. Aber die Mutter steht am Fahrkartenschalter an, um Fahrscheine in eine neue Zukunft zu kaufen. Das Mädchen nimmt eine Menge Erinnerungen auf die Reise mit: nicht nur an den Vater, sondern auch an die Bäume, die alte Frau in der Wohnung unter ihnen, an ihre Schule.

Riita Jalonen schreibt so poetisch, dass das Lesen dem Schwimmen in Bildern und Gefühlen gleicht. Und dennoch sind die Gedanken des Mädchens so konkret in ihrem ungewissen Sein verwurzelt, dass wir teilhaben können an ihrem Trauern und Hoffen. So bleibt die Zuversicht zurück, dass Mutter und Tochter den Neustart irgendwie schaffen werden. Damit eignet sich das Buch, auch dank der Bilder, die den Fokus durch intensive Farben und schlichte Gestaltung ebenfalls auf das Mädchen und ihre Geschichten richten, als Trostspender für Betroffene wie auch als Annäherung für andere.

Bruno Blume

Was für ein Tag!
Iris van der Heide, Illustration: Marijke ten Cate
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-51695-4
Schlagwörter: Humor/Komik

Als (holländische) Idylle wird dieses Bilderbuch eröffnet, aber dann gerät alles durcheinander, ausgelöst durch eine stürmische Bise, die dem Briefträger einen Brief aus der Hand reisst und solange vor ihm her-, auf einen Baum und in einen Teich treibt, bis der Verfolger völlig ausser Puste und von den Socken ist. Aber das wird nur in den Bildern erzählt, der Text handelt von etwas ganz anderem: Jaap ist masslos enttäuscht, dass er nicht im Malwettbewerb gewonnen hat. Nicht mal eine Absage hat er erhalten. Übellaunig geht er eine Runde durchs Dorf, so sehr in seine schwarzen Gedanken versunken, dass er nicht merkt, was um ihn herum geschieht. Erst als er wieder zurückkehrt, werden die Erzählstränge zusammengeführt: Eine Menge Menschen erwarten Jaap, um ihm zu danken, denn auf seinem Weg hat er unwissentlich eine Menge (Sturm-)Schaden abgewendet. Nur den aufopfernden Kampf des Briefträgers um seinen Brief bemerkt niemand, der bleibt uns LeserInnen zu unserem Vergnügen vorbehalten. Jaap findet den Brief dann im Briefkasten, weiss jetzt, dass er den Malwettbewerb gewonnen hat.

So gut glückt das Experiment von zuwiderlaufendem Text und Bild selten. Bis auf die Rahmenhandlung erzählt der Text fast nur von Jaaps Innensicht, während der in den Bildern einen wegrollenden Kinderwagen stoppt, einen Ball vor dem Einschlag in eine Scheibe ab- und ein Vogelnest mit Ei auffängt. Dabei fällt auf, dass die Erwachsenen zwar ziemlich stereotype Rollen einnehmen, die Kinder aber diese Muster überwinden. Sie spielen zusammen Fussball und Jaap kann mit seinem sensiblen Verhalten Vorbildfunktion übernehmen. Der Schluss ist erfreulich unkompliziert: Jaap versteht nicht viel vom Geschehenen, er freut sich einfach über diesen Tag.

Bruno Blume

Greta will baden
Katerina Janouch, Illustration: Mervi Lindman
Aus dem Schwedischen von Kerstin Behnken
Verlag: Ellermann, Publiziert: 2007, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7707-5021-4
Schlagwörter: Körper

Greta ist schmutzig, nachdem sie draussen gespielt hat. Am Schluss ist sie wieder sauber, denn sie hat gebadet. Das kann sie schon ganz allein und es ist natürlich ein grosses Abenteuer. Kopf unter die Dusche, Schaumblasen produzieren, Schaumberg auf dem Kopf. Dazwischen auch eine Überseefahrt mit allem Gummigetier, Tauchen nach Seekatze und Wasserhund und natürlich Plantschen bis das Badezimmer unter Wasser steht. Dann raus und trocken rubbeln, Haare föhnen, Zähne putzen, Nägel schneiden, Schlafanzug an, fertig. Aber sauber bleiben ist bei einem Mädchen wie Greta gar nicht das Ziel – sie will ja wieder baden!
Die kleine Geschichte für kleine Bademuffel und Badefans ist fetzig erzählt und trotzdem ein beruhigendes Gute-Nacht-Buch. Das liegt vor allem an den herzlich lustigen Bildern der finnischen Illustratorin Mervi Lindman. Sie ist bei uns noch viel zu wenig bekannt, obwohl bereits fünf Bilderbücher von ihr auf Deutsch erschienen sind, darunter der Vorgänger-Band „Greta will ganz viele Pflaster“. Kennzeichen ihres unverkennbaren Stils sind die leichte Nostalgie und das typische Kindchenschema (grosser, runder Kopf, grosse Augen), das aber dank der Härte des Federstrichs nie kitschig, sondern einfach lieb wirkt. Mit Greta haben die beiden Finninnen eine eigenwillige und eigenständige Vorbildfigur schon für kleine Mädchen (und Jungen) geschaffen.
Bruno Blume

Chicken Boy
Frances O'Roark Dowell
Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Krutz-Arnold
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2007, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-79-416071-6

McCauley. In dem kleinen Städtchen im Mittleren Westen der USA, in dem der zwölfjährige Tobin zu Hause ist, steht dieser Familienname in erster Linie für katastrophale Familienverhältnisse, Verwahrlosung und Chaos. Mit seiner abgedrehten Grossmutter, einem ganzen Haufen aufmüpfiger Geschwister und einem überforderten Vater, der nur stumpf in den Fernseher starrt, fristet der Held von Frances O’Roark Dowells Jugendbuch nach dem Tod der Mutter vor fünf Jahren ein trauriges Dasein – und versucht dabei vor allem eines: so wenig wie möglich aufzufallen. Das funktioniert so lange gut, bis eine neue Lehrerin an Tobins Schule kommt, die ihm sein cooles Auftreten nicht abnimmt, und mit Henry ein neuer Mitschüler auf der Bildfläche erscheint, der ihn spontan zum Freund ernennt. Als leidenschaftlicher Hühnerzüchter träumt Henry davon, eines Tages ein wahres Hühnerfarm-Imperium aufzubauen. “Wenn du etwas über Hühner lernst, dann lernst du auch etwas über das Leben”, erklärt er. Bald hat er Tobin mit seiner Leidenschaft fürs Federvieh infiziert und krempelt sein ganzes Leben um.
Mit einer ordentlichen Portion Selbstironie und viel Tempo lässt die US-amerikanische Autorin ihren tragikomischen Helden aus der Ich-Perspektive in witzig-frechem Jugendjargon erzählen. Absoluter Höhepunkt: Tobins Generalprobe für seinen Vortrag über die Seele des Huhns, den er – wie sollte es auch anders sein – seinen gefiederten Schützlingen präsentiert.
Ein etwas anderer Entwicklungsroman, der mit witzigen Dialogen, urkomischen Szenen und beeindruckenden Milieuschilderungen von der Häutung eines ängstlichen Aussenseiters zu einem jungen, selbstbewussten Mann erzählt und – trotz ernstem Hintergrund und Tiefgang – bestens zu unterhalten weiss.
Andrea Duphorn

Der beste Samstag der Welt
Anna Lyrevik, Thomas Lyrevik, Illustration: Anke Kuhl
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2007, Seiten: 107, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55444-4
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft | Tod/Trauer | Generationen

Jeden zweiten Samstag darf Niki bestimmen, wie Mama und Bruder Abbas den Tag verbringen. Aber dann muss Mama trotzdem ins Pflegeheim, weil da zu wenige Leute sind und Mama einspringen soll. Und weil Abbas plötzlich so komische rote Punkte auf dem Bauch hat und nicht auf Niki aufpassen kann, muss Niki mit ins Pflegeheim. Ausgerechnet! Dabei feiert der Vergnügungspark Jubiläum und alles ist umsonst. “Im Pflegeheim sind alle so alt und langweilig”, jammert Niki, “das Leben ist schrecklich!” Doch dann begegnet Niki Frau Möller.

Frau Möller ist tatsächlich uralt und auch ein bisschen verwirrt. Sie zeigt Niki ihr Gebiss, muss dauernd aufs Klo und will nach Sorrent, wo sie ihren verstorbenen Mann kennen gelernt hat – das hat sie ihm versprochen. Da beschliesst Niki, mit Frau Möller einen Ausflug zu machen, denn im Vergnügungspark gibt es ein Restaurant “Sorrent”. Klar, dass dieser Ausflug nicht ohne Turbulenzen abgeht, und das liegt nicht nur an der Achterbahn. Aber was ist anderes zu erwarten, wenn ein pfiffiges kleines Mädchen und eine abenteuerlustige alte Frau plötzlich den Spass am Leben wieder entdecken? Ein vergnügliches Buch für Kinder ab neun Jahren, das unangestrengt starke Themen miteinander verknüpft.

Christine Holliger

Seidenhaar
Aygen-Sibel Çelik
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8000-5288-2
Schlagwörter: Freundschaft | Religion | Identität/Individualität

„Kopftuch in der Schule. Pro und Kontra.“ Bei einer Diskussion im Gesellschaftslehre-Unterricht geraten die türkisch-stämmigen Mädchen Canan und Sinem heftig aneinander. Während Canan seit ein paar Jahren aus persönlicher Überzeugung ein Kopftuch trägt, besteht die islamische Religion für Sinem nur noch aus unnützen Zwängen. Wie die meisten ihrer MitschülerInnen kann sie nicht verstehen, dass Canan ihren Schleier freiwillig trägt und nicht, weil ihre Eltern das vielleicht so wollen. Wenig später plagt Sinem zwar ein schlechtes Gewissen, doch die Wut auf das Kopftuch als Symbol für die Unterdrückung der Frau ist grösser. Das ändert sich, als sie erfährt, dass Canan spurlos verschwunden ist. In der Hoffnung die frühere Sandkasten-Gespielin rasch zu finden, beteiligt Sinem sich an der Suche nach Canan, besucht deren Familie – und die Koranschule.

Aygen-Sibel Celik lässt Sinem aus der Ich-Perspektive erzählen, von Zeit zu Zeit unterbrochen durch ein Kapitel, in dem auch Canans Gedanken und Gefühle vermittelt werden. So gelingt es der 1969 in Istanbul geborenen und seit ihrem zweiten Lebensjahr im Raum Frankfurt am Main lebenden Autorin das Innenleben beider Protagonistinnen sehr persönlich und zugleich differenziert zu vermitteln. Geschickt bindet sie die unterschiedlichsten Rituale gläubiger Muslime in die Handlung ein, ohne dabei gängigen Klischees zu verfallen. Ein spannend zu lesendes Buch, das zu mehr Toleranz in Glaubensfragen aufruft und kein bisschen belehrend daher kommt – auch wenn es darin (nicht zuletzt dank des umfangreichen Glossars) sehr viel Interessantes über den islamischen Glauben zu erfahren gibt.

Andrea Duphorn

Big
Mireille Geus
Aus dem Niederländischen von Monica Barendrecht und Thomas Charpey
Verlag: Urachhaus, Publiziert: 2007, Seiten: 107, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8251-7561-0
Schlagwörter: Freundschaft | Gewalt | Aussenseiter:in/Mobbing

Für ihr erstes Buch, “Virenzo und Ich”, hat Mireille Geus 2004 den begehrten niederländischen Jugendbuchpreis “Flagge und Wimpel” erhalten. “Big” wurde 2006 mit dem “Goldenen Griffel”, dem wichtigsten Jugendbuch-Preis der Niederlande, ausgezeichnet. Das Buch erzählt von Lizzy, die “ein bisschen anders” ist, eine Sonderschule besucht und von allen im Dorf Dizzy genannt wird, weil ihr so oft schwindelig wird. Und von ihrer Freundschaft zu Big, die eigentlich Abigail heisst und eines Tages an der Laterne auf der anderen Strassenseite steht: “Ein dickes Mädchen mit blonden Locken.”

Die Autorin lässt ihre Ich-Erzählerin von der Zeit mit Big berichten, die schön und schrecklich zugleich war. Schön, weil Dizzy mit Big zum ersten Mal so etwas wie eine Freundin hat. Schrecklich, weil sie diese Freundschaft immer mehr belastet. Denn Big beginnt Dizzy auf subtile Weise zu unterdrücken, zu manipulieren und für ihre Zwecke zu benutzen. Als sie den Jungs aus dem Dorf einen “kleinen Denkzettel” verpassen will, bahnt sich eine Katastrophe an. Und obwohl Dizzy sehr genau spürt, dass das alles irgendwie nicht richtig ist, weiss sich das geistig und körperlich zurückgebliebene Mädchen doch auch nicht dagegen zu wehren.

Erzählt wird rückblickend aus der Perspektive von Dizzy und auf zwei Zeitebenen, zwischen denen oft sprunghaft hin- und hergewechselt wird. Plus Rahmenhandlung. Das macht es nicht einfach, einen Zugang zu der beklemmenden Geschichte zu finden, deren Zusammenhänge sich erst nach und nach erschliessen. Doch genau das macht “Big” auch sehr authentisch und letztlich besonders. Wer erst einmal einen Draht zu der psychologisch feinsinnigen Geschichte gefunden hat, den lässt sie jedenfalls auch so schnell nicht wieder los.

Andrea Duphorn

Vinni in Venedig
Petter Lidbeck
Aus dem Schwedischen von Kathrin Hägele
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2007, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-596-85237-6
Schlagwörter: Identität/Individualität | Reisen | Familie/Familienformen

Vinni hat ein Riesenglück: Sie darf nicht nur mit ihrem Papa, dem Journalisten, nach Venedig fliegen, wo er eine berühmte Schriftstellerin interviewen muss – sie darf im Flugzeug sogar ins Cockpit und bei der Landung mithelfen, weil der Pilot ein alter Schulfreund von Papa ist. Und in Venedig darf sie mit zu Papas Pressetermin und erlebt, wie die Schriftstellerin ihren Papa von allen Journalisten am liebsten mag. Sie lädt Papa und Vinni zum Abendessen ein, gibt Papa auf einer „schwarzglänzenden Gondel mit roten Samtsitzen“ ein Exklusivinterview und sucht ihn danach sogar im Hotel auf … Was Vinni auf der Venedigreise erlebt, kommt nicht nur ihr fast märchenhaft vor, sondern auch uns, den LeserInnen: PetterLidbeck nimmt uns nämlich mit in eine Geschichte hinein, die lauter schöne Zufälle und viel Wunderbares bereit hält gegen die alltagsschwere Not einer Neunjährigen. Ihre Eltern leben zwar „seit vielen Jahren“ getrennt, der weiche, unsichere Vater hängt aber noch sehr an seiner früheren Frau und zieht Vinni hinein in philosophische Gedankenspielereien über Realität und Identität, um seinem Schmerz und der Enttäuschung zu entkommen. Zuletzt jedoch, nach der Rückkehr aus Venedig, zeichnet sich aber vielleicht auch hier ein Wunder ab?

Verena Stössinger

Alles Lüge oder Wer liest schon fremde Tagebücher
Heidi Linde
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Verlag: Dressler, Publiziert: 2007, Seiten: 175, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-1208-2
Schlagwörter: Eifersucht/Neid | Familie/Familienformen

Dass Mama einen Freund hat, findet Annika vielleicht nicht ganz wunderbar, aber doch noch irgendwie erträglich – wenn sich Mama seinetwegen nur nicht so fremd und gekünstelt benehmen würde. Wenn da nur nicht Erle wäre, Fredriks eingebildete, sonnengebräunte, superblonde Tochter, zwei Jahre älter als die elfjährige Annika und der neuen Familiensituation gegenüber alles andere als aufgeschlossen. Jetzt sind Sommerferien und Annikas Mama und Erles Papa planen einen richtigen Familienurlaub in Fredriks Ferienhaus – das sich als wahrer Landsitz herausstellt. Ein bisschen zu protzig, findet Annika, die am liebsten allein mit ihrer Mama im winzigen Wohnwagen losgezogen wäre, so wie sonst auch immer. Doch Mama scheint alles an ihrem alten Leben nicht mehr gut zu finden, freundet sich viel zu vertraulich mit Erle an und kocht plötzlich Dinge, deren Namen Annika vorher nicht mal kannte. Dabei lässt Erle doch keine Gelegenheit aus, Annika spüren zu lassen, wie blöd und uninteressant sie sie findet. Nicht einmal vor Annikas Tagebuch hat sie Respekt. Als diese das herausfindet, plant sie bittere Rache. Sie vertraut dem Tagebuch die verlogensten Dinge an – dass Mama einen Tumor habe, nur hinter Fredriks Geld her sei und der Junge, in den Erle verliebt ist, eine Freundin habe. Lügen aus Notwehr, quasi, doch bald stellt sich heraus, dass Annika nicht die Einzige ist, die es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt.

Heidi Linde schreibt mit “Alles Lüge” einen (trotz der Lügen) etwas braven Patchworkfamilien-Roman, in dem sich nach einem Eclat an Erles Geburtstag schnell alles zum Guten wendet und alle Beteiligten erkennen, dass sie miteinander doch besser dran sind als allein. Für geübte LeserInnen vielleicht ein bisschen zu zahm und vorhersehbar.

Maren Bonacker

Die wilden Strolche
David Melling
Aus dem Englischen von Mirjam Pressler
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-6868-0
Schlagwörter: Humor/Komik | Tiere

Nachdem die wilden Strolche, ein strubbelig-ungepflegtes Wolfsrudel ohne jegliche Manieren, den schön arrangierten Fototermin der anderen Tiere gesprengt haben, wollen diese endgültig nichts mehr von ihnen wissen. Die Wölfe stinken, sie schmeissen mit Essen und sie verderben alles, nein, es reicht ein für alle Mal! Den wilden Strolchen ist das anfangs noch egal, aber dann wollen sie doch gern wieder eingeladen werden und beschliessen, sich zu bessern.

Die Situationen werden humorvoll und turbulent umgesetzt: Biber, Bären, Gänse und Schweine grinsen auf den ersten Seiten Zähne zeigend in die Kamera, bevor sie beim rüpelhaften Auftreten der wilden Strolche durch die Luft wirbeln und verpflastert werden müssen. Besonderen Spass machen den BetrachterInnen die “Spionageseiten”, auf denen die Wölfe versuchen, bei den Tieren gutes Benehmen abzugucken. Sie verstecken sich und beobachten unbemerkt Schweine, den Elch und die Bärenfamilie beim Bügeln, Teetrinken und Zähneputzen. Es ist harte Arbeit, aber endlich trauen sich die Wölfe wieder unter die Leute, pardon: Tiere, um ihr gutes Benehmen zu zeigen. So gut ist es geworden, dass sie den anderen mit ihrer besserwisserischen Art gewaltig auf die Nerven gehen. Bis der Mond durch die Wolken bricht und den Wölfen ein wildes Jaulen abverlangt, das eben doch stärker ist als jeder Knigge. Zum Glück, finden die Tiere – denn die alten Strolche sind ihnen eigentlich doch am liebsten.

Mellings Aquarelle sind mit viel Komik und Liebe zum Detail gemalt und lassen auch beim wiederholten Betrachten immer Neues entdecken. Ein herrlicher Bilderbuchspass für die ganze Familie.

Maren Bonacker

Zum Strand!
Patricia Lakin, Illustration: Sabine Wilharm
Aus dem Englischen von Sabine Wilharm
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-51668-8
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere

“Heiss!”, sagt Lutz. “Schweiss!”, sagt Butz. “Schwül!”, sagt Mats. “Schwimmen?”, fragt Fratz. – “Zum Strand!”: Das ist der Geistesblitz der drei grossen Frösche und ihres kecken kleinen Kompagnons. Doch erst braucht es die passende Ausrüstung, dann geht es ab per Tandem (für vier Frösche) Richtung Strand. Stationen der Reise sind ein Park (“Spielen!”), eine Konfusion (“Verirrt!”), ein Imbiss (“Rülps!”), ein Nickerchen sowie eine Bergtour (“Treten!”). Endlich erreichen die vier das Meer, nur ist inzwischen die Sonne längst untergegangen. Dafür ist der Strand wunderbar entvölkert, und auch das Schwimmen im Mondenschein hat seine Qualitäten.

Erfrischend wie ein sommerlicher Badetag ist dieses Bilderbuch, dessen freche, repetitive Reime bereits Kleinste begeistern. Sich treiben lassen, sich ablenken lassen, sich nicht in ein Korsett zwängen lassen – sind das nicht genau die Dinge, die sich an heissen Ferientagen empfehlen? Genau so verspielt wie die preisgekrönte Kürzestgeschichte der Amerikanerin Patricia Lakin wirken die Bilder der Illustratorin Sabine Wilharm. Überall wuseln surreale Fische, kecke Möwen und verdutzte Kuscheltiere herum, auch der Text und das Layout passen sich dem Laisser-faire der Frösche lustvoll an. Die Künstlerin ist gleichzeitig auch die Übersetzerin des spritzigen Textes. Ein gelungenes Bilderbuch zum Einschlafen, für die Ferien, zum Nachspielen – für überall!

Maja Mores

Wenn mein Papa weg ist
Isabel Pin
Aus dem Französischen von Thomas Minssen
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2007, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907588-81-9
Schlagwörter: Fantasie | Alltag | Arbeit

Mit ebenso fantasie- wie kunstvollen Illustrationen und warmherzigen Geschichten, in denen sich der Kinderalltag widerspiegelt, hat Isabel Pin sich von Bilderbuch zu Bilderbuch eine wachsende Zahl von AnhängerInnen gesichert. Ihr jüngstes Werk erzählt von einem kleinen Jungen, der überlegt, was sein Vater wohl so alles erlebt, wenn er zur Arbeit geht.
“Jeden Morgen steht Papa früh auf, gibt Mama ein Küsschen, sagt: ‘Tschüss, Romeo!’…, macht die Tür auf und geht weg, arbeiten…”, lässt die in Berlin lebende Französin ihren jungen Ich-Erzähler beginnen. Auf den folgenden Doppelseiten, die stets von einer anderen Hintergrundfarbe bestimmt werden, lässt Romeo seinen Papa dann mal in den Weltraum fliegen, mal als Feuerwehrmann Menschenleben retten oder als Fussballstar ein Tor nach dem anderen schiessen. Dabei beginnt jede der acht Episoden mit den Worten “Wenn mein Papa weg ist…” und fordert die BetrachterInnen so förmlich dazu auf, Romeos Spiel im Anschluss an die Lektüre fortzusetzen und sich selbst einmal Gedanken darüber zu machen, wie sich der Arbeitstag von Papa (oder Mama) gestalten könnte: Arbeitet er (oder sie) in einem Büro? Fährt er Taxi? Reist er um die ganze Welt? Oder entdeckt neue Erdteile? Und was erlebt er (oder sie) dabei so alles?
Ein buntes, dabei nie überfrachtetes Bilderbuch, das mit leichten, feinfühligen Illustrationen, einer spannenden Bildkomposition, perfekt abgestimmter Farbigkeit und vielen liebevollen Details voller Anreize zum Schauen, Weiterträumen und -fantasieren steckt. Und wie schon “Papa Sumo” (2005) eine kleine Liebeserklärung an all die Papas birgt, denen es wichtig ist, Zeit mit dem Nachwuchs zu verbringen. Denn “wenn (Papa) fertig ist mit seiner Arbeit, kommt er zu mir, weil er weiss: Ich warte schon auf ihn!”
Andrea Duphorn

Alle einsteigen!
Barbara Nascimbeni
Verlag: Hammer, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0079-7
Schlagwörter: Reisen

Ganz so ordentlich wie an einer britischen Bushaltestelle geht es in Barbara Nascimbenis neuem Bilderbuch nicht zu und her. Dafür ist das Warten auch viel spannender. Erst ist da nur ein Pferd, doch schon stossen zwei Vögel dazu. Ein kleiner Hund, ein Nashorn und ein Elefant lassen auch nicht lange auf sich warten. Zwei Schweine, ein Krokodil, ein Löwe und etwas Handgepäck machen die fröhliche tierische Truppe komplett, die pünktlich an der Bushaltestelle zusammentrifft und spielt. Als der schicke Gänse-Chauffeur samt knallrotem Bus ankommt, finden alle ein Plätzchen – bis auf das Pferd. Nett, wie es ist, war es gerade dabei, den orangefarbenen Ball des Nashorns aufzuheben, als der Bus losfährt. Bevor das Pferd richtig sauer werden und dabei überlegen kann, ob es sich das nächste Mal wohl wieder um das Zeugs anderer Fahrgäste kümmern sollte, kommt eine freundliche Zebradame auf ihrem Trottinett angebraust. Die gemeinsame Weiterfahrt macht den beiden sichtlich Spass und führt schwungvoll ins nächste Abenteuer.

Dass wir die Fahrgäste auf dem Buchumschlag schon von hinten betrachten können, macht diese wortlose Reihengeschichte schon für ganz kleine Bücherwürmer (und für solche, die es werden wollen) zu einem schönen Leseerlebnis. So lässt sich gemeinsam vorausschauen, wer da wohl noch kommen könnte. Die Zeichnungen der Tiere sind mit wenigen Strichen sehr bewegt, wenige Farbakzente heben die einzelnen Tiere voneinander ab. Das spielerische Hin und Her an der Bushaltestelle kontrastiert mit der starken Links-rechts-Dynamik des dominant roten Busses und der rasanten Trottinettfahrt. Ein Buch, das Kinder nicht nur einmal, sondern etliche Male betrachten wollen.

Barbara Jakob

Olivia haut auf die Pauke
Ian Falconer
Übersetzt von Monika Osberghaus
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-6512-2
Schlagwörter: Musik

Schweine bringen nicht nur Glück, sie bringen auch Schwung in die Kinderbuchszene. Ganz besonders gilt dies für das aufgeweckte Schweinemädchen Olivia, das unbekümmert und resolut seine Ideen zu verwirklichen weiss. Olivia haut auf die Pauke, oder jedenfalls auf ein Ding, das einer Pauke ähnlich sieht. Sie hat das Instrument selbst gebastelt, weil sie eine Band sein möchte. Dass eine Band eigentlich aus mehreren Leuten besteht, kümmert sie nicht im Geringsten. Olivia ist ein temperamentvolles Mädchen und weiss, was sie will. Dies hat sie schon in den ersten drei bisher erschienenen Olivia-Bilderbüchern bewiesen. Diesmal soll die ganze Familie ein Feuerwerk besuchen. Nur fehlt da leider die Musik, findet Olivia.
Die Geschichte kommt ohne viele Worte aus, die Bilder – reich an Situationskomik – sprechen ihre eigene Sprache und führen dabei weit über den Text hinaus. Der Illustrator und Erzähler Ian Falconer arbeitet mit einer reduzierten Farbpalette. Die eingestreuten roten Elemente erzielen so eine starke Wirkung und verkörpern die Energie, die von Olivia ausgeht.
Wenn sie sich nun musikalisch betätigt und als One-Woman-Band auf ihre Topfdeckel schlägt, ist Olivia an Lautstärke fast nicht mehr zu überbieten. Offensichtlich hat die Mutter Recht, wenn sie sagt, die Kleine mache Lärm für fünf. Aber auch Olivias Einfälle sind kaum zu übertreffen, obwohl sie im Grunde doch irgendwie alltäglich sind. So alltäglich, dass sich jedes Kind sofort mit dem charmanten Schwein identifiziert. Auch Eltern werden sich in so mancher der glänzend dargestellten Begebenheiten wiederfinden. Am Schluss des Buches ist es nämlich die Mutter, die den grössten Krach macht: Im Dunkeln fällt sie über das herumliegende “Schlagzeug”, während Olivia bereits tief und fest schläft.
Katrin Ruchti-Fehr

Feodora hat was vor!
Franziska Biermann
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8270-5220-9

Schweine bringen nicht nur Glück, sie bringen auch Schwung in die Kinderbuchszene. Ganz besonders gilt dies für das aufgeweckte Schweinemädchen Feodora, das unbekümmert und resolut seine Ideen zu verwirklichen weiss. In der Geschichte um Feodora ist die Mutter nicht präsent. Dafür die Oma. Sie hat Geburtstag, und Feodora will sie besuchen. Doch nichts läuft nach Plan: Das getupfte Kleid hat einen Kakaofleck, das Portemonnaie ist im dümmsten Moment leer, und Feodora vergisst, an der richtigen Haltestelle aus dem Bus zu steigen. Jedes Mal stampft sie zuerst wütend mit dem Fuss auf, weiss sich dann aber schnell zu helfen. Feodora findet für alles eine unkomplizierte Lösung, und die vermeintliche Panne gibt der Geschichte eine neue Wendung.
Mit eigenwilligen Perspektiven erzeugt Franziska Biermann einen kindlichen Blickwinkel. Feodoras Wut stellt sie mit einer gekritzelten Rauchwolke dar, die immer dann auftaucht, wenn wieder etwas schiefgeht. Am Ende, glücklich bei Oma angelangt, erscheinen die roten Zorn-Kringel als himmelblaue Wölkchen. Alles hat wieder seine Ordnung. Sowohl Feodora als auch Olivia erreichen mit Fantasie und Hartnäckigkeit ihre Ziele – wenn auch nicht auf direktem Weg.
Katrin Ruchti-Fehr

Mike O’Hara und die Alligatoren von New York
Jürg Federspiel, Illustration: Petra Rappo
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-01475-8

Wie wir hierzulande die Legende von der Spinne in der Yukka-Palme kennen, gibt es in New York das Gerücht, dass in der Kanalisation unter der Stadt Alligatoren hausen. Schon manch einer soll sich den Besuch der amerikanischen Grossstadt verkniffen haben, weil er fürchtete, diesen Schreckensechsen zu begegnen.
Der kürzlich verstorbene Basler Autor Jürg Federspiel greift das Thema in seiner Bilderbuchgeschichte auf und spinnt es in ganz eigener Weise weiter. Es sind nicht nur Alligatoren, die sich in den Gewässern unter der Stadt tummeln, sondern auch fantastische Wesen, die sich aus Abfall zusammensetzen, wie Ballaballoon, Paperprint, Dishwash und Ruggers. All diesen Wesen begegnet Mike O’Hara, als er durch einen dummen Zufall in einen Abfallkorb ohne Boden fällt und tief in die Unterwelt stürzt. Angst muss er keine haben. Die Plunderwesen sind freundlich und zeigen Mike die Unterwelt mit ihren Augen. Da wird dem Jungen schnell klar, dass die Alligatoren nicht gefährlich, sondern vielmehr hilfsbedürftig sind: Sie wären nämlich viel lieber in ihrer eigentlichen Heimat, den Sümpfen von Florida. Und nur ein mutiger Mensch kann sie dorthin bringen …
Petra Rappo illustriert das fantastische Kanalisationsabenteuer mit leuchtenden Farben vor blaugrauem Hintergrund und unterstützt damit die aus dem Text herauszulesende Botschaft, dass man seine Ängste überwinden kann, wenn man bereit ist, sie mit anderen Augen zu sehen. Das glückliche Ende ist ein schöner Beweis dafür.
Maren Bonacker

Ein Baum geht durch das Jahr
Iela Mari
Verlag: Moritz, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-182-3
Schlagwörter: Natur

Sechzehnmal derselbe Baum, kraftvoll, mächtig, mit einer so ausladenden Krone, dass sie den vorgegebenen Satzspiegel bei weitem sprengt und grösstenteils nur in der Vorstellung der BetrachterInnen Platz findet. Sechzehnmal dieselbe Eiche, jedes Mal an exakt derselben Stelle auf der rechten Doppelseitenhälfte platziert, leicht zum Mittelfalz hin verschoben. Sechzehnmal derselbe Landschaftsausschnitt, aus einer immer gleichen Perspektive dargestellt, jedoch bei unterschiedlichen Witterungsbedingungen, in verschiedenen Jahreszeiten, teilweise auch als Schnitt den Blick auf das Wurzelgeflecht des Baumes und das Geschehen unter der Erdoberfläche freigebend. Sechzehn Doppelseiten, wortlos und ohne Effekthascherei, von einem Baum und seinen Bewohnern im Jahreslauf erzählend, vom Werden und Vergehen – aber auch vom Bestehen – in der Zeit.

Kann ein ganz und gar textfreies Bilderbuch, das vor mehr als dreissig Jahren zum ersten Mal erschienen ist, die Kinder heute noch in seinen Bann ziehen? Immerhin haben sich unsere Sehgewohnheiten unter dem Einfluss der modernen Medien stark verändert. Es kann! Vor allem, wenn es so meisterhaft komponiert ist wie Iela Maris Bilderbuchklassiker. Maris Illustrationen bieten mit ihrem klaren Bildaufbau und ihrer Mischung von Veränderung und Beständigkeit einen willkommenen Gegenpol zu unserer reizüberfluteten Alltags- und Medienwelt. Sie laden ein zum genauen Schauen, Vergleichen, Diskutieren, Naturbücherwälzen und Staunen: Selten wirkte der Schneefall dynamischer und der Nebel geheimnisvoller.

Ursula Kahi

Ab heute sind wir cool
Susann Opel-Götz
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-6955-7
Schlagwörter: Humor/Komik | Geschwister | Geschlechterbilder

“Ab heute sind wir cool”, erklärt Leo seinem jüngeren Bruder Mug. Da muss man eine dunkle Sonnenbrille tragen (damit man sich den ganzen Tag freuen darf, wie dunkel es bereits ist und man immer noch nicht ins Bett muss), man muss Gruselfilme anschauen (damit einem die Haare cool zu Berge stehen), man geht mit dem Rucksack statt mit dem Schulranzen zur Schule (damit alle denken, es ist Wandertag). Coole müssen sich auch Freunde suchen, die Phantom, Messer-Matze oder Laser-Lars heissen (zum Glück ist Mug die Abkürzung von Monster-unterm-Gästebett); und beim Essen muss man rülpsen, pupsen und die Füsse auf den Tisch legen (damit – damit es cool ist!). Ja, Coolsein kann ganz schön anstrengend werden. Da kriegt man keinen Nachtisch, mit der Sonnenbrille sieht man nichts und der neue Schulranzen mit den Delfinen ist doch eigentlich ganz schön. Da bauen sich die Brüder lieber zuerst noch ein cooles Baumhaus, okay Alter?

Kleine Kerle werden sich in diesem Buch ganz klar wiedererkennen. Ältere Jungs nachzumachen und die coole Männerrolle zu üben – das sind doch wesentliche Entwicklungsschritte im Leben der Kinder. Genau dies wird spritzig überzeichnet und mit gekonntem Strich in Szene gesetzt. Äusserst ausdrucksstarke Figuren mit köstlicher Mimik, welche die Ambivalenz der Brüder bestens aufzeigt, und viele humorvolle Details prägen die grossflächigen, farbigen Illustrationen.

Dieses Bilderbuch sollte allen Jungen vorgelesen werden (natürlich von den Vätern).

Beatrix Ochsenbein

Schaf, Kindchen, Schaf!
Papan, Illustration: Gerhard Glück
Verlag: Lappan, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8303-1118-8
Schlagwörter: Humor/Komik | Schlaf/Einschlafen | Tiere

Tines Papa liebt Schafe. Er liebt sie so sehr, dass er am liebsten eins als Haustier hätte – und eines Tages bittet er einen Schäfer, ihm doch eines seiner Tiere zu schenken. Das tut der Schäfer auch – leihweise, wie er dabei betont. Seinem Schaf soll es schliesslich gut gehen, und fühlt es sich in Tines Familie nicht wohl, dann will der Schäfer es wiederhaben.

Doch da kennt er Tines Papa schlecht. Denn der tut einfach alles, um sein Schaf glücklich zu machen – angefangen mit der Erweiterung der kleinen Herde auf zehn Schafe, damit keines einsam ist. Im Sommer ist noch alles unkompliziert. Doch dann wird es kalt, und den Schafen wächst eine Schneemütze auf den wolligen Rücken. Kurzerhand holt Tines Papa sie deshalb ins Haus – wozu haben sie schliesslich ein Gästezimmer? Die Schafe finden das wunderbar, spielen “Schaf ärgere dich nicht”, lesen Comics und stellen in Abwesenheit der Familie die Wohnung auf den Kopf. So gehts nicht weiter – Beschäftigung muss her …

Als Einschlafschafe macht die kleine Herde von Tines Papa schliesslich so etwas wie Karriere: Sie laufen so lange im Kreis um Tines Bett und hüpfen über ihre Decke, bis sie schlafen kann. Auch über die Betten anderer Kinder hüpfen sie, und sind sie nach der Hüpferei zu müde, nehmen sie sich auch schon mal ein Taxi nach Hause. Und wenn sie selbst nicht schlafen können, ja, dann wickeln sich Tines Eltern in zwei Teppiche und hüpfen für die Schafe. Papans “Schaf, Kindchen, Schaf!” ist eine liebevolle Hommage an Schafe und mit den farbkräftigen Illustrationen von Gerhard Glück eine verrückte Einschlafgeschichte für grosse und kleine Sch(l)afliebhaberInnen.

Maren Bonacker

Treppauf, treppab, dem Drachen nach
Hilary McKay, Illustration: Christiane Hansen
Aus dem Englischen von Irmela Brender
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-6865-9
Schlagwörter: Fabelwesen

Alle Kinder haben irgendwann mal Angst vor Gespenstern oder anderen unheimlichen Wesen, und je nach Temperament gehen sie unterschiedlich um mit dieser Angst. Sophie zum Beispiel hört nachts einen Drachen – ganz deutlich. Da können Mama und Papa lange erklären, es sei keiner da. Sophie ist sich ganz sicher. Und weil sie ein fantasievolles und mutiges Mädchen ist, bekämpft sie ihn auf ihre Weise: Sie schleicht mitten in der Nacht durchs Haus, um den Drachen zu vertreiben.

Der deutsche Buchtitel suggeriert fälschlicherweise eine Verfolgungsjagd. Im englischen Original (“There’s a Dragon Downstairs”) spiegelt sich hingegen sehr schön Sophies heldenmütiger Gang die Treppe hinunter auf der Suche nach dem Drachen, eine witzige Inszenierung der Angst, die sich Nacht für Nacht und in wechselnder Verkleidung wiederholt.

Die Illustratorin spielt mit den Schatten von harmlosen Gegenständen – oft die Ursache kindlicher Ängste –, die sich auf verschiedenen Flächen in wunderliche (Drachen-)Gestalten verwandeln. Ausserdem wimmeln die farbenfrohen Bilder nur so von kleinen und grossen Drachen, auf der Müeslipackung, auf Buchumschlägen oder auf der Bettwäsche. Einer grinst gar frech aus der Kloschüssel. Ähneln sie nicht alle ein wenig einer Katze?

Sophie findet schliesslich selbstständig aus ihrer Angst. Ein Happy End also, das Mut macht, und eine Geschichte, die unerschrockenen Kindern beim Erfinden eigener Drachenbekämpfungs-Strategien als Anregung dienen kann.

Katrin Ruchti-Fehr

Der Lesemuffel
Saskia Hula
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2007, Seiten: 63, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7941-6090-7
Schlagwörter: Lesen

Muffel kann gut Tore schiessen. Auch sonst ist er ein ganz patentes Kerlchen. Nur eines kann Muffel nicht so gut, und das ist Lesen. Es macht ihn müde, und zudem findet er es auch nicht wichtig. Seine Lehrerin sieht das allerdings ganz anders, und dabei kann die nicht mal Fussball spielen. Und dann hat sie auch noch Mama auf ihrer Seite. Mama hat nämlich ein Preisausschreiben im Treppenhaus aufgehängt: Wer Muffel dazu bringt, ein Buch zu lesen, gewinnt ein Mittagessen. Und schon fliegen die gut gemeinten Buchtipps und Ratschläge der Nachbarn um Muffels Ohren. Vor lauter Frust übersieht er zunächst eine Kartonschachtel. Ausgerechnet sie beziehungsweise deren Inhalt liefert schliesslich den richtigen Leseanreiz für Muffel.
Im ersten Moment kommt dieses Büchlein wie eine überdrehte, literarisierte Version verschiedenster Leseförderungstipps für die Primarschule daher. Es wirkt etwas konstruiert, damit alles drin Platz hat, und dennoch bleibt ein Schmunzeln zurück. Es ist leicht zu lesen, wird von zahlreichen farbigen Zeichnungen begleitet und Kinder werden sich sofort mit Muffel anfreunden. Alle wollen für Muffel nur das Beste, doch keiner setzt sich wirklich mit den Bedürfnissen des Jungen auseinander. Schon dies müsste einiges an Gesprächsstoff liefern. Denn es gibt beim besten Willen kein bestes Buch, sondern nur das bestimmte Buch für eine bestimmte LeserIn zu einem bestimmten Zeitpunkt. Dies findet die kleine Nachbarin Sophie für Muffel; genauso wie es Ulla in Nikolaus Heidelbachs genialem “Buch für Bruno” findet – Ulla, die seit dem Erscheinen des Buches vor elf Jahren, die Leseförderin par excellence darstellt.
Barbara Jakob

Ich, Petka und der Esel zuletzt
Daniil Charms, Illustration: Willi Glasauer
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Verlag: Aufbau, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-351-04076-5
Schlagwörter: Nonsens

Daniil Charms’ Geschichte “Ich, Petka und der Esel zuletzt” könnte ihrer seriellen Form wegen als lyrische Prosa durchgehen. Über zehn Stationen begleiten wir den heiteren Ich-Erzähler auf einem Spaziergang. Nach und nach schliessen sich ihm der singende Petka an, ein Mann nicht grösser als ein Eimer, ein Riese mit Schnauz in Galauniform und ein Esel. Die vergnügte Schar hat nur ein Problem: Das Wandertempo ist sehr unterschiedlich und nicht jedes Fortbewegungsmittel bietet allen Platz. Nach vielen Wirrungen finden sich aber ein Elefant und ein Hund, die mit dem Esel die lustigen Gesellen tragen. “Wir ritten zur Stadt hinaus und immer weiter, doch wohin und was wir dort erlebten, davon erzählen wir euch ein nächstes Mal.”

Die kolorierten Tuschzeichnungen von Willi Glasauer verleihen der Geschichte einen ungeheuren Vorwärtsdrang. Sogar wenn die Vagabunden schlafen, liegen ihre Köpfe in Marschrichtung. Immer weiter zieht der johlende Haufen, aus dem Buch hinaus in die Welt. Und wahrscheinlich sind sie immer noch unterwegs.

Christine Tresch

Und was denkt die Maus am Donnerstag?
Josef Guggenmos, Illustration: Sophie Schmid
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907588-79-6
Schlagwörter: Nonsens

“Und was denkt die Maus am Donnerstag?” von Josef Guggenmos ist ein Klassiker. Das Gedicht erzählt von den Tagträumen einer Maus: Dank viel Wurst und Schinken gross und tapfer werden. “Das wäre herrlich, / das wäre recht – / und der Katze, / der Katze / ginge es schlecht!” Die Umkehrfantasie wird von der Illustratorin Sophie Schmid äusserst sinnlich ins Bild gesetzt. Zuerst sitzt die Katze auf einem Wursthaufen, unerreichbar für die Maus. Auf dem nächsten Bild liegt die Maus auf einem achtlagigen Wurstbrot. Den ultimativen Tagtraum der Maus zeigt uns Schmid ohne Worte: Die Maus als tragendes Element einer maroden Eisenbahnbrücke, über die gerade ein Dampflok-Koloss fegt. Die in saftigem Rosa und dezentem Mausbeige gehaltenen filigranen Zeichnungen sind voller Humor, und der Schalk in den Augen der Maus nimmt uns vom ersten Augenblick für sie ein.

Christine Tresch

Wenn die Möpse Schnäpse trinken
James Krüss, Illustration: Alexandra Junge
Verlag: Aufbau, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-351-04075-8
Schlagwörter: Nonsens

Sechs angeheiterte Möpse mit lockeren Krawatten bilden am Bühnenrand eine Mops-Pyramide und singen lauthals ins Publikum. “Wenn die Möpse Schnäpse trinken” beginnt James Krüss’ Nonsens-Klassiker – und wir sind versucht weiterzudichten, “und charmant ins Publikum winken”. Aber die nächste Seite offenbart Igelballerinas, die für die Aufführung von “Ziegensee” üben. Ja, “wenn vorm Spiegel Igel stehn …” Seite für Seite treffen wir in der Folge auf Aussergewöhnliches: Bären beim (Alters-)Ausflug, Ochsen beim Boxen, eine Vogelhochzeit, Läuse wiegende Mäuse, Schlangen, die sich um Strassenlampen kringeln, einen fieberkranken Biber … Am Ende der Show zitiert ein Maulwurf vor dem Theatervorhang mit erhobenem Zeigefinger aus einem Gedichtband: “Dann entsteht zwar ein Gedicht”. Das ebenfalls tierische Publikum scheint ziemlich ratlos: “Aber sinnvoll ist es nicht!”, tönt es aus dem Off.

Alexandra Junge eröffnet mit jedem Blättern eine neue skurrile Szene. Sie nutzt den Freiraum, den die Gedichtzeilen bieten, auf kongeniale Weise und inszeniert in malerischen, detailreichen Bildern ihr eigenes absurdes Theater. Ein Buch, das Tür und Tor öffnet zum Weiterspielen und Versespinnen.

Christine Tresch

Einmal Erde und zurück
Charles Lewinsky
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2007, Seiten: 159, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0527-4
Schlagwörter: Philosophie | Nonsens | Weltall | Generationen

Der Besuch des alten Kindes

Vielleicht haben Sie sich in einer ruhigen Minute auch schon gefragt, wie die Welt in den Augen eines Ausserirdischen wohl aussehen mag. Absurd wahrscheinlich, und vollkommen unlogisch? Genau. Detailliert nachzulesen ist das im ersten Kinderbuch des Zürcher Schriftstellers (“Melnitz”) und Drehbuchautors Charles Lewinsky. Ein Ausserirdischer fällt mit der Tür ins Haus, buchstäblich, und ebenso wortgetreu gibt er dem verdatterten Schriftsteller (der Illustrator Chrigel Farner zeichnet ihn als freundliche Lewinsky-Karikatur), in dessen Klause er einbricht, auch noch die Hand, er schraubt sie einfach ab. So geht es weiter mit dem aussergewöhnlich neugierigen, frechen und gelehrigen Wesen, einem Kind von 499 Jahren übrigens, das bald einmal auf den (geschlechtsneutralen) Namen Michell hören wird. Auf seinem Planeten kommt man als Erwachsener zur Welt und wird mit den Jahren immer jünger; Michell ist nun Schüler und reist für seine Abschlussarbeit in Völkerkunde durchs Weltall, um Feldforschung bei einem primitiven Stamm zu betreiben.

Das Prinzip verkehrte Welt zieht sich konsequent durch, und von der ersten bis zur letzten Seite jagen sich die Sprachspielereien und der Schabernack. Wundersamerweise erwischt Lewinsky sowohl den Humor der Kinder als auch der Erwachsenen, die Sinn für philosophische Blödelei haben. Auch das pädagogisch Wertvolle kommt nicht zu kurz, sprich die Leseförderung, denn eins ist für Michell klar: “…Bücher mit Geschichten waren, nach seiner Meinung, die aller-, aller-, allerbeste Erfindung unseres Planeten.”

Christine Lötscher

Henrietta
Martine Murray
Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2007, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-596-85220-8
Schlagwörter: Familie/Familienformen

“Ich kenne die Sterne und ich will nicht ins Bett … Aber ich süsse Schnecke hab Honig im Bauch. Ich hüpf wie ‘ne Hüpfmaus…” – Und dann hüpft sie los, Henrietta, wiegt sich in den Hüften, rudert mit den Armen und weil es so lustig ist, erzählt sie den LeserInnen gleich alles, was ihr in den Sinn kommt. “Ich kann auf dem Stuhl nach Afrika reiten… Stuhlgitarre spielen und … alle Türen im Haus zuknallen”. Wer in dem Büchlein von Martine Murray nach einer konkreten Handlung sucht, hat Pech. Es geht um Henrietta, was sie denkt, fühlt und wie sie ihre Zeit vertreibt. Und sie lässt uns an allem teilhaben, an ihrem kleinen Bruder Albert, an Hund Matsch, an Mama, die immer “keine Erbsen in die Nase stecken” sagt, und Papa, der beim Fussball das Sofakissen knüllt.
Wunderbar die spontanen Erkenntnisse: “Papa ist wie mein Hund” oder “Was ich mal werden will. Kein König.” Genie vielleicht? Das kann sie sich vorstellen, aber nur zwischendurch, “die Welt soll nicht darauf angewiesen sein, dass ich in einer Krise was erfinde”. Es verwundert nicht, dass Henriettas Mutter zwischendurch Atemübungen machen muss.
Ein Buch wie eine Stunde im Leben eines kleinen Mädchens, mal verrückt, mal ernst. So wild wie Henriettas Gedankensprünge springen die Illustrationen in Anthrazit/Weiss und Rot durch den Text, der mal gross, mal klein, mal weiss auf schwarz, mal im Zickzack oder in Krakelschrift über die Seiten läuft. Zwingende Lektüre für Eltern von kleinen Mädchen.
Anne-Kathrin Bleich

Pauline und der Prinz im Wind
James Krüss, Illustration: Renate Habinger
Verlag: Boje, Publiziert: 2007, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-414-82035-8
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Kreativität

Pauline erzählt dem Herrn Krüss Geschichten, die sie erlebt hat. Gegen Süssigkeiten, versteht sich. Denn “umsonst ist nur der Tod”, wie ihr Freund, der Spatz Sepp, zu sagen pflegt. Geschichten über Reisen in Seifenblasen und Montagsmenschen, die fast immer Pech haben, über einen Ausflug an die Adria auf einem fliegenden Sessel und das Treffen der Monate des Jahres. Vor allem aber sind es Geschichten über Pauline selbst, die die Welt mit Märchenaugen sieht.

Diese Neuauflage bringt den Text von Krüss aus dem Jahr 1964 zusammen mit den modern-eigenwilligen Illustrationen von Renate Habinger. Dass diese Kombination harmoniert, liegt an den ebenfalls eigenwilligen Geschichtchen, die an Märchen aus alten Fibeln erinnern, dabei aber keineswegs angestaubt sind. So kurz und einfach Krüss Paulines Erlebnisse auch schildert, sie alle enthalten eine Idee oder eine Weisheit, die nachhallt. Selbst wenn die Textfarbe schon längst angekündigt hat, dass man sich in der Zwischengeschichte befindet, in welcher der Autor berichtet, wie er zu der folgenden Geschichte kam…

Ein Buch wie eine kleine, aber kostbare Kiste voll köstlicher Bonbons mit Füllung – ganz wie die, aus welcher Herr Krüss die kleine Pauline für ihre Geschichten entlohnt.

Christian Kölzer

Salmiak und Spocke
Moni Nilsson
Aus dem Schwedischen voin Christel Hildebrandt
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2007, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8067-5144-4
Schlagwörter: Freundschaft | Familie/Familienformen

Das Leben ist nicht auszuhalten, wenn man sieben Jahre alt ist, den Namen Salmiak trägt und in einem kleinen Dorf hoch oben im Norden Schwedens wohnt, wo die Sonne im Winter drei Monate lang nicht scheint. Und wenn man eine Mutter hat, die Mamamia heisst (nach einem Hit von Abba aus den Siebzigerjahren) und ob des Lichtmangels verrückt wird. Gegen die Hänseleien der Kinder kann sich Salmiak wappnen, nicht aber gegen die Traurigkeit seiner Mutter. Die Eltern streiten sich nur noch und Salmiaks Versuche, Mamamia aufzuheitern, gelingen nicht mehr. Sie kehrt nach Stockholm zurück. Salmiak bleibt bei seinem Vater und der umsorgenden Grossmutter – zumindest bis zum nächsten Sommer – und bei Spocke, einem Kobold, der ihm auf der Suche nach seinen Eltern eines Tages über den Weg läuft. Spocke ist kein pflegeleichter Freund, aber ein wunderbarer Helfer, wenn es darum geht, sich Streiche auszudenken, um den Fieslingen im Dorf Paroli zu bieten. Als Salmiak in die Schule kommt, findet er in Clint-Clint-Henrik einen richtigen Freund, der auch nicht strotzt vor Selbstvertrauen. Aber gemeinsam sieht die Welt plötzlich anders aus. Zwar stellt die neue Freundschaft die Beziehung zum eifersüchtigen Spocke arg auf die Probe, am Ende aber findet ein versöhnter Spocke mittels Sprung durch ein Knopfloch zu seiner Familie zurück und Salmiak zieht mit seinem Vater nach Stockholm. Oma und Clint-Clint-Henrik versichtert er: „Wenn Spocke durch ein Knopfloch springen kann, dann kann ich zu euch zurückkommen. Das ist klar wie Klossbrühe.“

Moni Nilsson erzählt eine heiter-traurige Geschichte über die Alltagssorgen eines Jungen, über seine Wünsche und Ängste. Seine Phantasiewelt und die Kraft der Freundschaft, helfen ihm über die Tristesse des Lebens und die Kleinkariertheit der Leute in diesem Kaff im Norden Schwedens hinweg.

Christine Tresch

Ein Hund fürs Leben
L. S. Matthews
Aus dem Englischen von Gerda Bean
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2007, Seiten: 187, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55492-5
Schlagwörter: Abenteuer | Krankheit

Dass der Hund des Menschen treuster Freund ist, bewahrheitet sich einmal mehr und besonders eindrücklich in dieser abenteuerlichen Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht. Der beste Kumpel der beiden zehn- und zwölfjährigen Brüder Tom und John ist Mouse, der Mischlingshund, der immer spürt, was die beiden bewegt, und sich ihnen – und anderen Tierfreunden – auch beredt mitteilt. Doch dann wird Tom bedrohlich krank und der Hund soll ins Hundeheim abgeschoben werden, denn Tiere sind für den Jungen mit seinem labilen Immunsystem gefährlich. Nur Tom weiss von Johns heimlichem Plan, sich mit Mouse auf die beschwerliche und lange Reise von hoch oben im Norden Englands bis ganz unten in den Süden zu machen, um den Hund in Sicherheit zu ihrem unbekannten Onkel David zu bringen.
Mit viel Geschick und Mut schaffen es die beiden Ausreisser immer wieder, gefährliche Situationen zu meistern, sich mit den richtigen Leuten anzufreunden und sich vor den andern in Acht zu nehmen. Nach zahlreichen turbulenten Abenteuern gelangen sie erschöpft, aber glücklich ans Ziel.
Die Autorin lässt den Protagonisten seine Erlebnisse pointiert und mit echt englischem Sprachwitz erzählen, hin und wieder aufgelockert von philosophischen Zwischenbemerkungen und Ratschlägen des aussergewöhnlichen Hundes. So schafft sie eine knisternde Atmosphäre und dank ausgewogenem Mix von gefährlichen bis harmlosen Ereignissen einen Spannungsbogen, der kaum je unterbrochen wird. Eine rührende, aber nie rührselige Geschichte mit der genau richtigen Dosis von Abenteuer, die jüngere, lesegewandte Kinder in ihren Bann zieht.
GIOVANNA RIOLO

Herr Röslein
Silke Lambeck
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2007, Seiten: 119, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8270-519
Schlagwörter: Freundschaft | Aussenseiter:in/Mobbing

Der kleine Moritz hat eine Menge Probleme. Da ist der blöde Klassenbully, der ihn in der Schule ärgert, und weil der Chef seiner Mutter immer wütend ist, hat seine Mutter viel Stress und streitet sich mit seinem Vater. Aber da lernt Moritz Herrn Röslein kennen, mit dem er nicht nur viele verrückte Sachen erlebt, sondern der auf wundersame Weise dafür sorgt, dass sich Moritz’ Probleme in Luft auflösen.

Fantasie kann helfen, die Dinge in einem anderen Licht zu sehen. Sie bricht sich im Alltagsgrau Bahn wie ein Regenbogen am trüben Himmel. Und sie macht stark, so stark, dass man seinen Problemen entgegentreten kann.

Herr Röslein aber kann das nicht. Silke Lambeck hat eine Art Schutzengel erfunden, der einfach nur mit dem magischen Salzstreuer fuchteln muss, und alles wird gut. So ein Deus ex Machina kann aber niemanden dazu befähigen, sich selbstständig in dieser Welt zurechtzufinden. Wer vor einem Problem steht und, anstatt sich mit ihm auseinanderzusetzen, lieber auf einen Herrn Röslein wartet, hat den Beipackzettel bei seiner Dosis Fantasie nicht gelesen. Dort steht: “DU kannst gewinnen.”

Lambecks Ideen selbst sind nett, und Karsten Teichs Illustrationen sind entzückend. Aber während Kästner am 35. Mai gezeigt hat, was man auf einer verrückten Reise alles über diese Welt und das Leben darin lernen kann, bleibt einem nach der Lektüre von Lambecks Geschichte nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass man auch in Rösleins Aufgabenbuch steht.

Christian Kölzer

Tiefseepiraten
Eric Linklater
Aus dem Englischen von Gabriele Haefs
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2007, Seiten: 361, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-62304-9
Schlagwörter: Abenteuer

Der neunjährige Hew und der elfjährige Timothy müssen das Abenteuer ihres Lebens bestehen, als sie zufällig Zeugen einer gigantischen Unterwasserrebellion werden: Zwei schurkische Piraten wollen die Knoten der Längen- und Breitengrade kappen, mit denen die Welt gehalten wird. Weil sowohl Kanonier Boles als auch der singende Oktopus Cully ihren Posten nicht verlassen können, um den König der Unterwasserwelt zu warnen, schicken sie die beiden Jungs auf gefährliche Mission. Vorher müssen sie natürlich ozeanfest gemacht werden und sich von einer Muschel das Geheimnis verraten lassen, wie man unter Wasser atmet…
Wer sich an Hollywoods Piraten der Karibik erinnert fühlt und hier billige Nachmache wittert, dem sei gesagt, dass Eric Linklaters “Tiefseepiraten” schon viel älter sind. Vor sechzig Jahren geisterten sie zum ersten Mal über den Meeresgrund und entführten ihre LeserInnen in zauberhafte – und gefährliche – Korallenriffe und Tangwälder, die unter anderem von Reithaien und singenden Oktopoden bewohnt werden. Dass die Geschichte älter ist, merken empfindliche LeserInnen wohl am veralteten Frauenbild und der Begeisterung der beiden Jungs für sämtliche Helden der englischen Seefahrt.
Ansonsten bieten die “Tiefseepiraten” alles, was auch ein modernes Abenteurerherz begehrt: sympathische Helden, finstere Bösewichter, nicht allzu übertriebene Dramatik und eine fantastische Reise über den Meeresgrund. Eric Linklater schreibt humorvoll für Jung und Alt; sein Roman ist eine kleine nostalgische Zeitreise in die Kindheit heutiger Grosseltern und damit nicht nur ein schöner Schmöker, sondern (wenn man denn die Namen der Oktopoden aussprechen kann) auch ein wunderbares Vorlesebuch für die ganze Familie.
Maren Bonacker

Die Reise zum Kaiser
Ylva Karlsson
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2007, Seiten: 516, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20856-9
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

Der Kaiser ist verstummt. Ohne seine Weisungen jedoch droht die Welt im Chaos zu versinken. Deshalb machen sich vier sehr ungleiche Charaktere auf den Weg, um ihn zu suchen. Und obwohl sie alle zum gleichen Ort unterwegs sind, haben sie ganz unterschiedliche Ziele. Alle vier werden etwas finden, von dem sie nicht wussten, dass sie es gesucht haben: eine Lebensperspektive.
Ylva Karlsson ist sich deutlich bewusst, in welcher Tradition sie steht. Immer wieder werden in ihrem Roman die Werke ihrer Vorgänger – Astrid Lindgren, C.S. Lewis, Frank L. Baum – angeführt. Gleichzeitig möchte sie aber offensichtlich so gerne etwas Neues, Anderes machen. Und so versucht sie mehrere grosse Spagate: zwischen epischer Erzählweise und profanen Alltagsproblemen, zwischen Fantasyerzählung und metafiktionalem Spiel mit deren Gattungskonventionen, und zwischen mythischer Sinngebung und naturwissenschaftlichem Atheismus. Anders als bei einer olympischen Bodenturnerin merkt man dem Roman jedoch die Anstrengung an. Und da die LeserInnen förmlich zum Vergleich mit den “Grossen” gezwungen werden, darf man auch feststellen: Jene wollten etwas Eigenes schaffen, nicht nur etwas Bestehendes demontieren. Und deshalb haben jene Geschichten auch die autarke Tiefe, die Karlssons Roman fehlt, welcher sich in erster Linie über seinen Bruch mit den Konventionen zu definieren scheint. Fantasy ist jedoch mehr als eine Gattung, Religion mehr als Tradition.
Christian Kölzer

Schwarzer Vogel, süsse Mango
Kashmira Sheth
Aus dem amerikanischen Englisch von Birgitt Kollmann
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2007, Seiten: 227, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-80994-0

Jeeta ist sechzehnjährig und kann das Gerede über Ehemänner und Hochzeiten nicht mehr hören. Während ihre älteren Schwestern Mohini und Nimita ständig gus-pus, Heimlichkeiten, austauschen, weil sie bald verheiratet werden sollen, muss sich Jeeta von ihrer Mutter anhören, dass sie zu stur, zu dickköpfig und zu scharfzüngig sei, um einen guten Ehemann zu bekommen. Zudem sei ihre Haut, die so dunkel ist wie ein Koyal-Vogel, einer angehenden Braut nicht zuträglich.
Doch Jeeta macht sich nichts aus dem Geschwätz und hat vorerst anderes im Sinn als Heiraten. Während sie sich von ihren Schwestern ausgeschlossen fühlt, sich keineswegs gerne um den Haushalt und die kleinen Brüder kümmert, mag sie eines sehr: die Schule.
Mit ihrer neuen Mitschülerin Sarina, welche schon in den USA war und deren Eltern – im Gegensatz zu ihren eigenen – studiert haben, lernt Jeeta im letzten Schuljahr für die Abschlussprüfungen, und sie gewinnt in ihr eine gute Freundin. Und dann verliebt sie sich in Jeetas Cousin Neel, den Jungen mit den Mitternachtsaugen, und steht infolgedessen vor ihrer Familie für ihre eigenen Wünsche und Ziele ein.
Kashmira Sheth hat eine bunte, lärmige, würzig-warme Mädchengeschichte geschrieben, die nachhaltigen Eindruck zu Familientraditionen und zum Frausein in Indien hinterlässt.
Eine leichte Lektüre, besonders für junge Frauen (interessierte Jungen nicht ausgeschlossen), die gerne mit allen Sinnen in eine fremde Kultur eintauchen.
Petra Bäni

Mein Bruder Charlie
Michael Morpurgo
Aus dem Englischen von Klaus Fritz
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2007, Seiten: 188, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58134-1
Schlagwörter: Krieg

Während einer durchwachten Nacht erinnert sich Tommo an seinen älteren Bruder Charlie. Er schildert die Kindheit und Jugendzeit in einem kleinen englischen Dorf. Damit die Familie auch nach dem frühen Unfalltod des Vaters auf dem Grundstück des Gutsbesitzers wohnen darf, muss die Mutter als Pflegerin im Herrenhaus arbeiten. Die Kinder werden durch die strenge Grossmutter beaufsichtigt. Dennoch sind Tommos Erinnerungen durchwirkt von Sonnenschein, Entdeckerlust und liebevoller Fürsorge – vor allem von Charlie, seinem Bruder, Freund, Beschützer und Vorbild. Als Charlie in die Armee eingezogen wird, meldet sich Tommo freiwillig und folgt ihm in die belgischen Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Auch hier scheint das Leben vorerst ein spannendes Abenteuer zu sein. Dann stellen sich zunehmend bittere Erfahrungen ein. Weil sich Charlie weigert, einem unsinnigen Befehl Folge zu leisten, wird er vor Kriegstribunal gestellt und soll am Morgen erschossen werden.
Was wie eine stimmungsvolle Kindheitsgeschichte zu Beginn des letzten Jahrhunderts, wie eine Beziehungsstudie zweier Brüder in einer vom Schicksal gebeutelten Familie beginnt, kippt allmählich in historisch dokumentiertes Kriegsgeschehen. Anschaulich wird die Ausbildung der Soldaten, werden deren Alltag in den Schützengräben, das Warten, die Blitzaktionen, die Anspannung, die Angst und das Ungewisse geschildert. Immer wieder erfahren wir von Menschlichkeit, Kameradschaft und Zusammengehörigkeit unter den Männern allgemein, unter den beiden Brüdern im Besonderen.
Hinter der Fotografie in Sepia auf dem Titelbild, auf der lachende und rennende Jungen zu sehen sind, versteckt sich ein überraschendes Buch, das einen nicht so bald wieder loslässt.
Beatrix Ochsenbein

Die Siebte Sage
Christa Ludwig
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2007, Seiten: 504, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-2177-5
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie

Zwölf Jahre lang können Dshirah und ihre Familie verheimlichen, dass Dshirah Trägerin des Zeichens ist und damit das von allen erwartete Dshinnu sein könnte. Eines Tages aber wird das Mädchen als Gezeichnete erkannt und zusammen mit der Familie in den Palast des Kalifen gebracht. Dort soll sie sieben Nächte in einem Schwebebett über der goldenen Wiege schlafen und dabei die verlorene Siebte Sage träumen. Kann Dshirah nach Ablauf der sieben Nächte die Siebte Sage nicht erzählen, werden sie und ihre Familie den Löwen vorgeworfen. Dshirah selbst glaubt nicht daran, das verheissene Dshinnu zu sein und träumend ihr Leben und dasjenige ihrer Familie retten zu können. Eine zufällige Entdeckung weckt in ihr jedoch die Hoffnung, die Siebte Sage im Innern des Palastes zu finden. Gemeinsam mit ihrem Bruder macht sich das Mädchen auf die Suche.
“Die Siebte Sage” ist kein Roman für Schnell-LeserInnen mit einer Vorliebe für leicht Verdauliches. Dazu sind Erzählton und Themen zu ernst. Zudem muss man es bei der Lektüre aushalten, nicht alles bis ins Detail ausgedeutet zu erhalten und sich in einer Welt voller Grautöne zu bewegen, die eine strikte Unterteilung in Gut und Böse nicht erlaubt. Die Handlung ist zwar in einem fiktiven Reich angesiedelt, nicht aber in einer Anderswelt. Obwohl die Geschichte als Ganze ein Fantasieprodukt der Autorin ist, sind unzählige Einzelmotive – die menschenfressenden Löwen, das Gastmahl, bei dem die Eingeladenen vergiftet werden, oder die Orgel, in deren Pfeifen lebende, nach Miau-Höhen geordnete Katzen hängen – aus der Realität geschöpft. Dieser Umstand gibt einem zu denken.
Ursula Kahi

Tiere
Aus dem Englischen von Helmut Ross und Susanne Lötscher
Verlag: CBJ, Publiziert: 2007, Seiten: 608, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-13239-5
Schlagwörter: Tiere

Die grosse visuelle Enzyklopädie

Lauernd verfolgt ein Tiger seine Beute. Er greift an, packt das Tier am Hals und erstickt es durch einen Biss in die Kehle. Wer unter “Fleischfressern” kurz etwas nachschauen will, wird nach dieser Bildfolge weiterblättern, zu den Wölfen und Bären, sich festschauen und die Zeit vergessen. Diese visuelle Enzyklopädie bietet alles fürs Auge: Stimmungsvolle Panoramaseiten, detailgetreue Illustrationen, einen klaren Seitenaufbau und ein Farbleitsystem zur besseren Orientierung, immerhin stecken in dem Buch 6000 Tiere. Viele Zusatzinformationen wie Kopfformen von Hammerhaien, Kiefer von Fleischfressern im Vergleich zu Pflanzenfressern oder ein Jahr im Leben der Sturmtaucher machen aus dem Sachbuch einen regelrechten Schmöker, wenn man ein Minimum an Interesse für Tiere mitbringt. Jeder Tierklasse ist ein einleitendes Kapitel mit den wichtigsten Merkmalen vorangestellt und eine Evolutionssystematik, die sich bei den einzelnen Tierordnungen und -familien detaillierter wiederholen und in denen man sich leicht mal vergaloppieren kann.

Für Freaks gibt es eine extra Portion Dinosaurier. Und angehenden BiologInnen und solchen, die es mit der Tierterminologie ganz genau nehmen, wird die umfangreiche Systematik mit den waschechten lateinischen Begrifflichkeiten bis hin zum letzten Hufeisenwurm (Phoronida, nämlich) besonders gefallen. Auch Fragen wie “Mama, was ist ein grünes Heupferd?” lassen sich dank Register fortan gut beantworten: nachschlagen, anschauen, fertig. Auch für Erwachsene gut geeignet.

Anne-Kathrin Bleich

David Livingstone
Maja Nielsen
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8067-4839-0
Schlagwörter: Abenteuer

Das Geheimnis der Nilquellen

Nach jahrelanger Suche fand der Journalist Stanley am 28. Oktober 1871 am Ufer des Sambesi den Forscher Livingstone und begrüsste ihn mit den legendären Worten “Doctor Livingstone, I presume”. Den Expeditionen der beiden Engländer werden drei heutige Abenteurer entgegengestellt, die sich ebenfalls aufmachen, die wahre, bis heute unentdeckte Quelle des Nils zu suchen. Ausgerüstet mit modernsten Geräten, müssen sie nach einem Rebellenhinterhalt zunächst aufgeben, um dann vier Monate später doch noch zum Ziel zu gelangen. Die Mischung aus historischen Berichten, immer wieder aufgelockert durch Sachinformationen zu afrikaspezifischen Themen, überzeugt.
Auch das Rennen zum Südpol erhält ein attraktives Pendant aus der Gegenwart: Polarfahrer Arved Fuchs und der Tausendsassa Reinhold Messner werden die Antarktis zu Fuss durchqueren. Wie ihre Vorbilder könnten auch die neuen Helden gegensätzlicher nicht sein. Spannungen bleiben nicht aus, doch wenigstens endet das Abenteuer nicht in einer Katastrophe wie bei Scott.
Dass historische Tatsachenberichte allein heute keinen Jugendlichen mehr von der Playstation wegbewegen, ist unbestritten. Da müssen zeitgemässe Helden und ein Bezug zur Gegenwart her. Maja Nielsen hat eine erfolgreiche Hörbuch-Reihe mit diesem Konzept kreiert, die nun auch als Buchreihe vorliegt. Spannendes, lehrreiches Infotainment mit viel tollem Bildmaterial. Der Band “Mount Everest” übrigens wurde mit einer Nomination für den Deutschen Jugendliteraturpreis geehrt.
Maja Mores

Auf den Spuren von Tim & Struppi
Michael Farr
Aus dem Französischen von Dirk Naguschewski und Marcel Le Compte
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2007, Seiten: 205, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-77110-0

Michael Farrs “Auf den Spuren von Tim und Struppi” bietet eine gute Einführung in das Leben und Werk des Comic-Autors Hergé, der auch 24 Jahre nach seinem Tod die überragende Figur der frankobelgischen Comic-Kultur und dank weltweit über 160 Millionen verkaufter Bücher der Inbegriff der klassischen Comic-Unterhaltung ist. Chronologisch von Album zu Album macht Farr Hergés Entwicklung als Zeichner und Erzähler nachvollziehbar, von den inhaltlich wie formal ungelenken Anfängen (“Tim im Lande der Sowjets”) über Meisterwerke wie “Der blaue Lotos”, “Die sieben Kristallkugeln”, “Kohle an Bord” und “Tim in Tibet” bis zum unvollendeten “Die Alphakunst”. Farr verschweigt zwar den kolonialistischen Rassimus in Hergés Frühwerk nicht, doch handelt er die andere dunkle Stelle in Hergés Vita zu gefällig ab: Seine opportunistische Haltung während der deutschen Besatzung Belgiens, als er “Tim” in der von den Nazis als Propagandaorgan missbrauchten Tageszeitung “Le Soir” veröffentlichte. Farrs grosse Leistung ist, dass er uns einen tiefen Einblick in Hergés Bildarchiv erlaubt. Hergé war ein akribischer Rechercheur, der zeit seines Lebens Fotos, Zeitungsartikel, Objekte etc. sammelte, um mit ihrer Hilfe die Schauplätze möglichst akkurat wiederzugeben. Schweizer LeserInnen werden diese Exaktheit mit Vergnügen anhand von “Der Fall Bienlein” verifizieren können, der zum Teil in Genf und Nyon spielt. Das Hotel Cornavin in Genf, das Bahnhofsperron mit den touristischen Werbeplakaten, und selbst die Uniform des Schweizer Soldaten auf dem Quai – alles stimmte genaustens. Nur das “Zimmer 122, vierte Etage”, in welchem Bienlein übernachtete, gabs im Hotel Cornavin nicht.
Christian Gasser

Dieser Hase gehört Kathi Braun
Cressida Cowell, Illustration: Neal Layton
Aus dem Englischen von Manuel Thannheiser
Verlag: Boje, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-414-82022-8
Schlagwörter: Abenteuer

Wenn in der Kindheit auf etwas wirklich Verlass ist – dann auf das Lieblingskuscheltier. Niemand sonst ist immer für das Kind da, schimpft nie und versteht alles. Klar, dass Kathi Braun ihren Hasen Frederick nie hergeben wird. Auch nicht, als die Königin immer wieder Diener und Soldaten schickt, um sich Frederick mit teuren Ersatzgeschenken zu erkaufen. Kathi lehnt höflich, aber bestimmt ab und unternimmt weiter mit Frederick ihre (fantasierten) Abenteuer als Forscherin, Taucherin und Motorradfahrerin, im Weltall, in der Wüste und im Regenwald. Doch dann wird Frederick von der königlichen Armee entführt. Also muss Kathi mal ein Wörtchen mit der „dummen, ungezogenen Königin“ sprechen …
So abgenutzt und schmuddelig dieser Hase auch sein mag, er ist unbezahlbar und unersetzlich. Das merkt auch die reiche Königin. Kathi ist aber so nachsichtig, dass sie der Königin verrät, wie ein neues Kuscheltier zum Liebling wird.
Kathi Braun ist eine Vorzeige-Heldin, selbstständig und selbstbewusst, energisch und liebevoll, und sie geht ihren Weg ganz selbstverständlich emanzipiert. Solche Bilderbuch-Mädchen gibt es leider noch viel zu wenig: weder stilisiert, heroisiert noch konstruiert wirkend, sondern einfach von einer stereotypenfreien Fantasie geleitet.
Bruno Blume

Luzie Libero und der süsse Onkel
Pija Lindenbaum
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2007, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-79361-4
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Identität/Individualität | LGBTQ*

Luzie Libero mag Schlangen, Fussball, Leute beobachten und ihren Onkel Tommy, der mit ihr alles Mögliche und Unmögliche unternimmt. Nur dass bei ihren gemeinsamen Unternehmungen neuerdings immer auch dieser Günther dabei ist, passt Luzie überhaupt nicht. Aber weder Schmollen noch Sabotieren hilft, den widerlichen Angeber loszuwerden, der sogar bei Tommy zu wohnen scheint. Erst als ihr Onkel mit Grippe im Bett liegt, arrangiert sich Luzie mit Günther und merkt, dass er ja auch Vorteile hat – denn im Gegensatz zu Tommy spielt er echt gut Fussball.

Von der schwulen Beziehung des Onkels erzählt Pija Lindenbaum ganz aus der Sicht der kleinen Luzie, also ohne sie zu benennen oder ihr ein Übergewicht zu geben. Es sind einfach zwei Männer, die zusammengefunden haben. Damit kann das Buch viel dazu beitragen, homosexuelle Lebensformen als integrierten Teil unserer Gesellschaft wahrzunehmen. Realistischerweise ist Luzie auch viel zu sehr mit der Abwehr des Eindringlings beschäftigt, als dass sie reflektieren könnte, was eigentlich los ist und welche Vorteile ihr das bringen könnte. Im Vergleich zu Lindenbaums Franziska-Bänden (u. a. „Franziska und die Wölfe“) ist die Erzählweise in Text und Bild zwar weniger ausgefeilt, aber immer noch äusserst frech, frisch und witzig.

Bruno Blume

Die quirlige Luzie verbringt die Ferien mit ihrem schrägen Lieblingsonkel Tommy. Dass dessen neuer Lebenspartner Günther ihre Unternehmungen begleitet, weckt ihre Eifersucht. Sie versucht, den Eindringling zu sabotieren. Doch dann merkt sie, dass Günther eigentlich ganz in Ordnung ist.

was wäre wenn
Meg Rosoff
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2007, Seiten: 255, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58139-6
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Der 15jährige David Case wird das Bild seines einjährigen Bruders Charlie, der auf dem Fensterbrett stand und wegfliegen wollte, nicht mehr los. Er hat den Kleinen zwar noch festhalten können, nur: „was wäre wenn …?“. Einmal hat es das Schicksal gut gemeint mit ihm, aber wird es auch ein weiteres Mal auf seiner Seite stehen? David beschliesst, ein anderer zu werden, damit ihn das Schicksal nicht mehr findet. Er nennt sich fortan Justin, kleidet sich in Schwarz, legt sich einen unsichtbaren Windhund zu und beginnt zu rennen. Agnes, eine junge Fotografin, die er kennen lernt, sieht in ihm den Inbegriff der „verlorenen Jugend“. Nur ihr und seinem Freund Peter erzählt er von seinen wahren Gefühlen. Bis Agnes ihn nicht mehr aushält und Justin endgültig zum Steppenwolf wird und ins reale Unglück stürzt.
Meg Rosoff erzählt ihre schwarze Geschichte mit scharfem Blick auf die männliche Adoleszenz und viel Zynismus. David/Justin ist eine starke Figur. Sie hält die LeserInnen am Gängelband: Mal fühlt man sich ihr sehr nahe, mal hält sie einen auf Distanz. „Was wäre wenn“ ist ein existenzielles Buch, das Widerspruch provoziert und zu Diskussionen anregt. Und es entlässt die LeserInnen am Ende mit der Hoffnung, dass Justin /David trotz allem, was passiert ist, endlich sich selber werden kann.
Christine Tresch

Kissing the Rain
Kevin Brooks
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutschahn
Verlag: dtv, Publiziert: 2007, Seiten: 413, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-71211-8
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Mut/Selbstbewusstsein | Aussenseiter:in/Mobbing

Der fünfzehnjährige Moo Nelson wird in der Schule gemobbt, weil er übergewichtig ist. Auch Zuhause ist es nicht gerade angenehm. Die Eltern hocken nur vor der Glotze und essen ungesund. Seine einzige Freude: Autobahn-Spotting. Von einer Autobahnbrücke aus schaut er dem ruhigen Fluss des Verkehrs zu. So kann Moo alles vergessen, was um ihn herum geschieht. Bis er eines Tages Zeuge eines Mordes wird und die Polizei ihn befragt. Diese hat aber eine andere Sicht auf den Tathergang als Moo und setzt ihn genau so unter Druck wie der Verteidiger des mutmasslichen Täters: Die Polizei droht ihm, wenn er seine Aussage nicht zurückzieht, seinen Vater hochgehen zu lassen, der unter falschem Namen eine Invalidenrente bezieht; der Angeklagte besticht ihn und warnt ihn davor, seine Meinung zu ändern. Jetzt wird Moo in der Schule geachtet, weil er als Zeuge vor Gericht auftreten muss, aber niemand ahnt, in welchem Gewissenskonflikt der Junge steckt. .
In haarscharfen, rasanten Monologen analysiert Moo, was mit und um ihn geschieht. Er redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, direkt, atemlos, unverwechselbar. Der englische Autor Kevin Brooks versteht es einem Mal mehr einem jungendlichen Protagonisten eine authentische Stimme zu verleihen und uns in einen Thriller hineinzuziehen, in dem es um Wahrheit und Lüge, Annerkennung und Verachtung geht und darum, bei sich selber zu bleiben.
Christine Tresch

“Er…schlägt mir freundlich gegen den Bauch…einen von diesen FREUNDLICHEN Schlägen – hart genug, dass sie echt wehtun…Einen von diesen Schlägen, die Fettwänsten egal sind, denn sie haben ja keine Gefühle.” – Mo gehört nicht dazu, er wird gemobbt, weil er fett ist. Er nennt es “Regen”. Um ihn loszuwerden, steht er jeden Tag auf der Autobahnbrücke und schaut runter, in die Strömung, bis er den Regen los ist. Eines Abends beobachtet er eine Schlägerei, bei der ein Mann stirbt. Als Zeuge soll Mo nun für Keith Vine aussagen, einen Mafioso, der an jenem Abend dabei war, aber den Mord nicht beging. Plötzlich hört der Regen auf und es erwischt fortan Brady. “…klatsch, auf Arme, Knie und Oberschenkel…und es TRIFFT mich auch n bisschen, kapierste, es TRIFFT MICH…weil er so klein und ARMSELIG wirkt…wie so n 15-jähriger Embüro…” Mo weiss nicht, was er tun soll: Sagt er die Wahrheit, hilft sie Keith. Sagt er sie nicht, tut er genau das, was die Ermittler von ihm wollen. Muss man also manchmal etwas Falsches tun, damit das Ergebnis stimmt? Mo entscheidet sich, den “Regen zu küssen”, die Sache zu seinen Gunsten zu drehen.
Schrittweise durchdenkt er, was neun Monate zuvor begann, erzählt, bis wir mit ihm in der Gegenwart vor seinem zweiten Prozesstermin herauskommen. Danach zieht er in sein High Noon mit Vine, und wir, die LeserInnen, die in Mos jugendsprachlicher Welt mitlebten und für “so einen wie ihn” Sympathie aufbrachten, bleiben in Sorge zurück. Spannung mit minimaler Distanz zu den LeserInnen.
Anne-Kathrin Bleich

Hauptsache es wird kein Hund
Martin Baltscheit, Illustration: Katja Kamm
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2007, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907588-86-4
Schlagwörter: Geschwister | Humor/Komik | Familie/Familienformen

Warum ein Geschwisterchen bekommen? Die Ich-Erzählerin findet das völlig überflüssig. Schliesslich haben die Eltern ja sie – und das reicht. Und dann werweisen erst noch alle, was es werden wird. “Gesund” soll das Kind werden, sagt Mama. Und Papa meint: “Hauptsache, es wird kein Hund!” Ein Hund fände das Mädchen aber ganz in Ordnung, mit dem könnte man rumtollen. Oder eine Katze? Aber da gibt es immer mehrere Junge aufs Mal, und das würde eng im Bett der Erzählerin. Vielleicht wäre ein Riesenpapagei besser oder ein Faultier oder ein Pferd oder ein Krokodil? Für alle Tiere gibt es Gründe dafür und dagegen. Würde die Mutter zum Beispiel einen Drachen gebären, müssten sie keine Angst mehr haben von Einbrechern, aber Feuer speien ist gefährlich. Als es dann so weit ist, spielt die Ich-Erzählerin noch einmal alle Varianten durch, und wünscht sich … ein Mädchen.

Katja Kamm setzt Martin Baltscheits Geschichte um die Ängste eines Kindes vor den Veränderungen, die ein Geschwister mit sich bringen wird, schwungvoll und bunt in Szene. Jedes Tier bekommt eine Doppelseite und einen eigenen farbigen Hintergrund. Das Pferd fährt die Erzählerin auf einer Harley Davidson in die Schule. Das Krokodil – es trägt einen schicken Bikini mit Blumenmuster – hat alles Wasser aus dem Schwimmbad verspritzt und die anderen Kinder vertrieben, damit es mit dem Mädchen Wasserball spielen kann. Das Drachenbaby, mit Löckchen auf dem Kopf, spielt mit Bauklötzen, im Hintergrund stehen riesige Feuerlöscher bereit – auch kleine Drachen können Unfug treiben. Die flächigen, karrikierenden Illustrationen spielen gekonnt mit dem Geschichtenrahmen. Ja, und was wird es denn wirlich? Kinder, die genau schauen, werden es erahnen. Zum Vorlesen ab vier Jahren.

Christine Tresch

Grossvater, Kleinvater
Edward van de Vendel, Illustration: Ingrid Godon
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2007, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-51696-1
Schlagwörter: Tod/Trauer

Die Beziehungen zwischen Grosseltern und Enkeln sind oft ganz besondere. Auch der Opa des Ich-Erzählers in Edward van de Vendels und Ingrid Godons jüngstem Bilderbuch ist immer für seinen Enkel da. Der wiederum schaut vertrauensvoll zu ihm auf, ist dieser für ihn doch weit mehr als “nur” der Vater seines Vaters. “Mein
Opa ist der Vater der Eichhörnchen”, sagt der kleine Junge, der Vater vom alten Dachs, der Füchse und der Hühner. Er kann mit den Spechten sprechen, den Wind bändigen, Dame spielen. Und wenn sein Fussballteam ein wichtiges Spiel hat, “hören wir nicht auf unsere Väter, sondern auf ihn”.

Die tiefe Zuneigung, die den alten Mann und den Knaben verbindet, spricht auch aus den Illustrationen von Ingrid Godon. Mit wenigen Kohlestrichen hat sie die Stimmungen der Charaktere eingefangen, zeigt – in gedeckten, erdigen Rot- und Braun- und Grüntönen koloriert – Grossvater und Enkel in Momenten grosser Nähe: Wenn sie sich beim Schlittschuhlaufen an beiden Händen halten, beim Vorlesen der Gutenachtgeschichte eng aneinander geschmiegt im Bett liegen, wenn der alte Mann seine Arme schützend um das Kind legt, wenn Mama und Papa miteinander streiten. Unterschwellig klingt das Ende der poetischen Geschichte bereits an: Denn die Beziehung von Grossvater und Enkel ist ambivalent. “Wenn Opa an Oma denkt”, die vor einiger Zeit gestorben ist, und der alte Mann darüber ganz traurig wird, ist es der Junge, der seine Nähe sucht, sich tröstend an ihn schmiegt. “Ich warte, bis er meinen Namen sagt. Und wenn er meinen Namen sagt, stehe ich auf. Und dann…dann bin ich mal sein Vater.”

Andrea Duphorn

Chaos im Kinderzimmer
Matthias Sodke, Illustration: Steffen Butz
Verlag: Lappan, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8303-1125-6

Logisches Argumentieren nimmt im Bilderbuch normalerweise nur geringen Raum ein. Matthias Sodtke, der Erfinder von Nulli & Priesemut, und der Cartoonist Steffen Butz widmen ihm eine ganze Geschichte. Es ist der kleine Ole Brumm, der seinen Vater verblüfft, als er ihm – statt seiner brummig-autoritären Aufforderung folgend, das Zimmer aufzuräumen –die Stirn bietet: Ob Papa vielleicht schon mal einen aufgeräumten Dinosaurier-Urwald gesehen habe? Und das doppelseitige Bild zeigt einen Dino-Müllmann, Palmen gesäumte Alleen mit Rechtsvortritt, ordentlich geschnittene Bäume, symmetrisch rauchende Vulkane und in Formation fliegende Flugdinos. Papa nimmt die Herausforderung an und stellt die Gegenfrage: Stelle sich der Sohn mal unaufgeräumte Bücher vor! Buchstaben, Textblöcke und Bilder wild durcheinander gewirbelt. Ole denkt nach und kontert mit einem aufgeräumten Sternenhimmel, Papa hält mit einem unaufgeräumten Einkaufsladen dagegen: Socken zwischen den Chips, Eier auf dem Boden kullernd, Bürsten und Käse im Gemüseregal, die Kasse als Brotauslage … Als Anerkennung für herausragende intellektuelle Leistung bietet Papa Ole seine Hilfe beim Aufräumen an – und das geht zu zweit ganz schön fix. Aber Ole hat noch ein As im Ärmel: Wenn Ordnung das halbe Leben ist, muss doch die andere Hälfte Unordnung sein – worauf die beiden das zu aufgeräumte Zimmer mit einer Party wieder gemütlich machen und das amüsant-alternative Erziehungsbuch zu einem für beide Seiten zufrieden stellenden Ende bringt.
Bruno Blume

Ein Geburtstag
Doris Meissner-Johannknecht, Illustration: Melanie Kemmler
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907588-89-5
Schlagwörter: Geschwister | Behinderung

Wie fühlt sich derjenige der Zwillinge, der nicht behindert ist? So vieles haben sie gemeinsam und doch ist alles grundsätzlich verschieden für die ungleichen Brüder. Der Nichtbehinderte erzählt hier von seinen Vorbereitungen für den gemeinsamen Geburtstag; es dürfte etwa der zehnte sein. Der Text ist kurz, es sind Gedanken und Erinnerungen, kleine Momentaufnahmen in losem Zusammenhang. Die besondere Konstellation erschliesst sich dabei erst nach und nach und muss von Erwachsenen vermittelt werden. Weder das Wort Zwilling noch Behinderung fällt, es ist nur von „Ich“ und „Wir“ die Rede und dass der Bruder nicht mit in der Vorstadtsiedlung wohnt. Gründe werden nicht genannt und so bleiben viele Fragen offen, nebst der Frage, die der Bruder sich in seiner Wohlstandsumgebung selbst stellt: „Warum er und nicht ich?“

Dazu Bilder zu finden, ist schwierig. Melanie Kemmler hat die Aufgabe inhaltlich sehr gut gelöst, bietet konkrete Anhaltspunkte ebenso wie Stimmungen und Symbolhaftes. Die kühlen, gedeckten Farben und die Distanziertheit, die durch grosse, menschenleere Räume entsteht, passen sich dem Text an, der mehr auf Intellekt, denn auf Emotionen setzt. Insgesamt entsteht so ein leichtes Befremden, eine seelische Beklemmung, die auch im Gespräch nicht einfach zu lösen ist, etwa bei der drängenden Frage: Warum lebt der behinderte Junge nicht zu Hause?

Bruno Blume

Elsie Piddock springt und springt
Elsie Piddock, Illustration: Charlotte Voake
Aus dem Englischen von Cornelia Krutz-Arnold
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2007, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7725-2071-6
Schlagwörter: Sport

Mit drei Jahren fängt Elsie mit Seilspringen an und mit fünf schlägt sie alle anderen Mädchen. Dabei lebt sie in einer Gegend, in der alle Mädchen seilspringen, um jeden Monat auf dem Hausberg, dem Caburn, den Neumond zu begrüssen. Als die Elfen von Elsies Künsten hören, bringen sie ihr ganz besondere Sprünge bei, etwa den Sprung, der in der Luft verharrt, oder den Sprung, der Ärger bannt. Doch auch Elsie wird erwachsen und hört mit dem Springen auf. Sie wird zur Legende und später vergessen. Erst als nach Jahren ein Lord auf dem Caburn Fabriken bauen will, taucht sie als verwelktes Mütterchen auf und bringt den Lord dazu, auf eine Bedingung einzugehen: Er darf bauen, wenn alle, die jemals auf dem Caburn gesprungen sind, noch einmal springen dürfen, so lange sie können. Der Lord stimmt lachend zu. Nachdem jedes Mädchen, jede Frau und sogar manche Oma noch einmal gesprungen ist, meldet sich die 109-jährige Elsie Piddock. – Und sie springt, ohne je wieder aufzuhören. Der Lord, der sie packen will, verschwindet schliesslich im Loch, das durch Elsies Springen, von dem die Erde bebt, entsteht.

Der sehr lange Text ist teilweise etwas umständlich geschrieben, entwickelt aber eine ganz eigene, elfenartige Atmosphäre, die von den zarten, an Quentin Blake erinnernden Illustrationen unterstützt wird. Am Schluss steht ein furioses und richtig schönes Happy-End mit der Heldin Elsie Piddock, die unfreiwillig zur gewaltfreien Kämpferin geworden ist und ihr Dorf und die ganze Gegend vor der Vereinnahmung durch einen sozial und ökologisch verheerenden Kapitalismus erlöst.

Bruno Blume

Mit Oma ist jetzt alles anders
Sibylle Rieckhoff, Illustration: Jürgen Rieckhoff
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-43555-0
Schlagwörter: Krankheit | Generationen | Familie/Familienformen

Könnte Pauli sich eine Oma aussuchen, sie würde keine andere wählen, denn ihre Oma ist die beste. Die beiden verbringen viel Zeit zusammen, Oma hilft, macht Quatsch mit, zeigt Pauli die schönen Dinge und beschützt sie vor den schlimmen. Doch plötzlich wird alles anders: Oma kommt nach einem Herzinfarkt (der nicht benannt wird) ins Krankenhaus, kann nicht mehr sprechen und nicht mehr gehen. Nach dem Schock, dass Oma sie nicht mal mehr erkennt, erwacht in Pauli ein Trotz, den sie positiv umsetzen kann: Niemand und nichts soll ihr die Oma klauen. Sie arrangiert sich mit der Situation und tauscht in diesem Frauenhaushalt die Rollen. Jetzt liest Pauli vor, nimmt Oma im Rollstuhl zum Spaziergang oder ins Eiscafé mit und zeigt ihr die schönen Dinge. Auch wenn alles anders ist, verändert sich die Beziehung zwischen den beiden nicht wirklich: Sie halten zusammen und sind füreinander da. Und Pauli findet immer noch: Auch wenn sie könnte, sie würde ihre Oma gegen keine andere eintauschen.

Das flott erzählte und gestaltete Bilderbuch mag auf den ersten Blick die Frage aufwerfen, ob ein solch harter Bruch im Leben nicht zu oberflächlich abgehandelt wird. Aber aus Kindersicht ist das nur konsequent: Es sind die Erwachsenen, nicht die Kinder, die mit solchen Situationen nicht oder nur schwer umgehen können. Kinder machen, wenn sie nicht durch Ermahnungen abgehalten werden, meist das Beste draus, und das ist in diesem Fall: Die gute und lustige Beziehung mit der Oma erhalten.

Bruno Blume

Wieder Nix!
Kirsten Boie, Illustration: Stefanie Scharnberg
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2007, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-3167-7
Schlagwörter: Freundschaft | Alltag | Mut/Selbstbewusstsein

Der Nix ist „bestimmt nicht grösser als eine Thermoskanne“, grün, zottelig, feucht und frech – ein „Wasserjungmann“, der in Reimen spricht und nur sichtbar ist, wenn Wasser läuft. Auch sein zweites Auftauchen – das Buch ist die Fortsetzung von „Verflixt! – Ein Nix!“ – stiftet Verwirrung: Auf der Suche nach frischem Fisch bricht der Pumuckl-artige Wicht in Wohnungen und Geschäfte ein, und auf der Suche nach einer Geliebten stört er die Dreharbeiten zu einem Film, was ihn sogar in die Zeitung bringt. Wissenschaftler und Ordnungshüter zerbrechen sich den Kopf über ihn; nur Jonathan weiss, dass Nix wirklich existiert und wie man ihn einfangen kann. Und dass er am besten so schnell wie möglich zurück in die Ostsee gebracht werden muss … Zusammen mit seiner patenten Freundin Leo besteht Jonathan einige Turbulenzen, bis er Nix wieder da hat, wo er hingehört. Eine turbulente Freundschaftsgeschichte, die unter lauter vernünftigen und netten Menschen spielt, die so gewöhnliche Dinge tun wie Fische verkaufen oder heiraten und die nur ungern etwas glauben, was nicht in ihr Weltbild passt. Und eine unterhaltsame Lektüre für Kinder, die freche Spässe zwar mögen, sie aber doch lieber an Stellvertreter delegieren, die mutiger sind.

Verena Stössinger

Ein Bild von Ivan
Paula Fox
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Verlag: Boje, Publiziert: 2007, Seiten: 122, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-414-82059-4
Schlagwörter: Identität/Individualität | Kunst | Familie/Familienformen

Man kann für Kinder genauso literarisch schreiben wie für Erwachsene, wenn man die Kunst, mit wenigen Worten viel zu sagen, so souverän beherrscht wie Paula Fox. Schon die erste Seite ist reine Magie: nichts wird erklärt, Fox lässt die Figuren auftreten und ein paar Sätze sagen, und schon kennt man sie, den verschlossenen, melancholischen Jungen Ivan, den spontanen und einfühlsamen Maler Matt und die kuriose alte Miss Manderby, die ganz in ihren Büchern lebt. Die drei begegnen sich, weil Ivans Vater bei Matt ein Porträt seines Sohnes in Auftrag gegeben hat. Ivan lernt dabei, dass die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen: “Wie ich auf den Fotos aussehe, weiss ich…aber irgendwie weiss ich nie, wie ich wirklich aussehe.”

Die drei philosophieren aber nicht nur miteinander, sie erleben auch etwas. Die Fahrt in einem alten Rolls-Royce nach Florida zum Beispiel, mit Katze und Büchern (alles für Miss Manderby) reiht sich sofort bei den unvergesslichen Szenen der Kinderliteratur ein.

Sich selbst kennen heisst auch, sich die eigene Geschichte zu erzählen, die mit Erinnerungen beginnt, die ihren Ursprung lange vor der eigenen Geburt haben, in der Familiengeschichte. Ivans Mutter ist schon lange tot, und weil er allein mit seinem wortkargen Vater lebt, schweben nur unbestimmte Skizzen in seinem Kopf herum. Wie seine Mutter mit drei Jahren Russland verlassen musste, wie sie, mit Mutter, Grossmutter und Bruder, die Grenze im tiefen Schnee überquert hat, ist ihm geblieben. Matt zeichnet die Szene für den Jungen und gibt den Menschen im Schlitten vertraute Gesichter, Ivans Gesicht, Matts Gesicht, jenes von Miss Manderby – Erinnerung und Gegenwart verschmelzen im Bild miteinander.

Christine Lötscher

Frieda und ihre Brüder
Beate Kirchhof, Illustration: Katja Bandlow
Verlag: Picus, Publiziert: 2007, Seiten: 106, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-85452-896-8
Schlagwörter: Geschwister | Identität/Individualität | Alltag

Frieda ist sieben und das „Zwischenkind“ – kleiner als Bruder Lenny, der ins Gymnasium geht, und grösser als der vierjährige Prünchen. Da kann sie sich manchmal schwer behaupten, und das macht sie hilflos und gelegentlich wütend. Doch die drei Kinder haben doch ein fröhliches Leben, in dem das Schwimmenlernen und das Reden übers „Sexen“ zu den grössten Herausforderungen gehört und der Schutz der Frösche im Gartenteich vor den angeblich Froschschenkel essenden französischen Nachbarn zu den aufregendsten Abenteuern. In einzelnen Episoden wird dieser Alltag vor uns ausgebreitet. Die Aussenwelt wird nur angedeutet, repräsentiert etwa durch zwei sehr unterschiedliche Omas. Die eine hat einen Direktor-Mann und die andere „wohnt auf einer Insel ganz im Norden alleine und räumt nie auf“. Die Eltern aber sind ein Team, liebevoll und präsent, und sie lassen den Kindern viel Freiraum.

Der witzig illustrierte Text erzählt diese Geschwistergeschichte für Leseanfänger leicht nachvollziehbar, auch wenn einem Frieda, die es auch als Figur neben dem ausserordentlich präsenten Prünchen nicht leicht hat, gelegentlich etwas steif und frühreif vorkommt, etwa, wenn sie über Identität nachdenkt oder das Glück des Augenblicks.

Verena Stössinger

Elses Geschichte
Michail Krausnick, Illustration: Lukas Ruegenberg
Verlag: Patmos, Publiziert: 2007, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7941-6114-0
Schlagwörter: Identität/Individualität | Krieg | Nationalsozialismus | Historisches

Ein Mädchen überlebt Auschwitz

Eine wahre Geschichte ist es, eine sehr traurige, „doch auch traurige Geschichten wollen erzählt sein“. Sie handelt von Else, einer Primarschülerin, die nicht weiss, dass sie nicht das „richtige“ Kind ihrer Eltern ist, und es dann brutal erfährt. Sie ist nämlich „Viertelzigeunerin“ und bloss das Pflegekind der Familie Matulat, und eines Nachts wird sie abgeholt von „Ledermantelmännern“, zu „Z10540“ gebrandmarkt und an einen Ort gebracht, in dem Hunger, Tod und Grausamkeit herrschen. Sechs Monate verbringt sie in Konzentrationslagern, sieht viel, versteht wenig und leidet, weint, träumt und hofft, wird hart und stumm. Eine Weile kümmert sich eine „Aufpasserin“ um sie und bewahrt sie vor dem „Tor zum Himmel“-Schornstein, und Vater Matulat versucht alles, um Else heraus zu holen – was ihm schliesslich glückt. Heutige LeserInnen erfahren, über historische Tatsachen hinaus, wie willkürlich und blind Gewalt ist, was Feigheit und Courage bedeuten und wie lange erlittenes Leid nachwirkt: Elses weiteres, seelisch und körperlich versehrtes Leben, wird nämlich in sachlichen Einschüben referiert. Die Lektüre ist trotz Lukas Ruegenbergs stiller Bilder hart; zum Glück schreibt der Untertitel Elses Überleben von Anfang an fest.

Verena Stössinger

Das Tier in der Nacht
Uri Orlev
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2007, Seiten: 107, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-79922-7
Schlagwörter: Krieg

Ein Buch in grosser Schrift, mit grossen Themen. Erzählt wird von einem Jungen, der mit dem Leben umgehen lernt – das heisst, er erzählt uns selbst davon. Er hat viel Angst, die vom „Schattentier“ verkörpert wird, das sich nachts in seinem Zimmer breit macht und ihm auflauert. Er „dressiert“ es, indem er es in eine Dose sperrt und ihm alles erzählt: Die Träume vom „bösen Araber“ etwa (denen die Mutter Träume von Araberkindern vom „bösen Juden“ entgegenstellt) und die Tatsache, dass Krieg ist und sein Vater dabei umkommt – die Geschichte spielt in den Siebzigerjahren in Israel. Oder auch, dass seine Mutter, die Offizierin, ein Baby bekommt und einen neuen Partner findet. Der Text flimmert dabei zwischen psychologischer Lebenshilfe, genau lokalisierbarem Zeitbild, kindlicher Philosophie (im Universum des Jungen gibt es auch mächtige „Lichttiere“) und simpler Abenteuergeschichte: Das Tier verrät ihm auch Zukünftiges und hilft, drei Bankräuber zu überführen. Ein vielschichtiger „Roman für Kinder“, der getragen wird von seiner poetischen Zuversicht: Die Angst wird handhabbar, und auch der tote Vater bleibt über das „Schattentier“ für das Kind erreichbar.

Verena Stössinger

Annika und die geheimnisvollen Freunde
Annette Pehnt, Illustration: SaBine Büchner
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2007, Seiten: 108, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55497-0
Schlagwörter: Alltag | Fabelwesen

Annika ist krank. Während Tante Billa im Garten die ersten Himbeeren erntet und ihre Freundinnen Carli und Samu am Baumhaus werkeln, liegt sie mit Halsschmerzen und Fieber im Bett, langweilt sich und bekommt immer schlechtere Laune. Da sieht sie plötzlich in ein “kleines rundes Gesicht mit glänzenden grünen Augen”. Das wundersame Geschöpf, das sich als Gartenfreund vorstellt, nimmt Annika an die Hand und zeigt ihr den schönsten Garten, den sie jemals gesehen hat. Der drollige Kerl bleibt nicht das einzige wundersame Wesen, das Annika im Laufe eines Jahres meist dann besucht, wenn es ihr einmal nicht so gut geht. Es gibt noch andere, die Annika mit einem ganz besonderen Ausflug auf andere Gedanken bringen. So macht sie in Begleitung des Fliegefreundes die Bekanntschaft einer freundlichen Wolke und mit Hilfe des Farbenfreundes wird aus einem verregneten grauen Nachmittag ein unvergesslich bunter Streifzug durch die Nachbarschaft, bei dem sie sich auch noch mit ihrer besten Freundin aussprechen kann.

Wie in “Rabea und Marili” (2006) gelingt es Annette Pehnt auch in ihrem zweiten Kinderbuch Kinderalltag warmherzig in sechs Geschichten einzubinden, die alle einem ähnlichen Aufbau folgen und in sich abgeschlossen sind, sich aber auch als Fortsetzungsgeschichte lesen lassen.

Mit SaBine Büchner hat sich zudem eine Illustratorin gefunden, die Annika und ihren geheimnisvollen Freunden witzig und fantasievoll Gestalt verliehen und das gesamte Buch mit Vignetten und Kleinstillustrationen liebevoll gestaltet hat. Sechs wundervolle (Vorlese-)Geschichten, an denen ZuhörerInnen ab fünf Jahren ebensoviel Freude haben werden wie ErstleserInnen ab sieben.

Andrea Duphorn

Als Papa mir das Weltall zeigte
Ulf Stark, Illustration: Eva Eriksson
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2007, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55538-0
Schlagwörter: Abenteuer | Humor/Komik | Familie/Familienformen

Das Bilderbuch ist zwar bereits 1999, im schöneren grösseren Format erschienen, aber die Neuauflage von 2007 ist allemal eine Anzeige wert. Heute hat Papa etwas Wichtiges vor. Er will dem kleinen Ulf das Weltall zeigen. Daher zieht er nach Arbeitsschluss seinen Zahnarztkittel aus, beide packen sich warm ein und machen sich auf den Weg. Es ist kalt draussen, auf Eva Erikssons ausdrucksvollen Bildern sieht man den weissen Atem. Der Weg führt durchs Dorf, vorbei an den Geschäften, hinaus auf die Wiese, wo die Leute ihre Hunde spazieren führen. Inzwischen ist es dunkel geworden. Jetzt kann man das Weltall sehen. Ulf sieht eine Schnecke, einen Grashalm und eine Distel. Er ist beeindruckt. Das alles ist das Universum. “Du musst nach oben schauen”, sagt Papa, als er merkt, dass Ulf gar nicht begriffen hat, worum es geht. Am Himmel funkeln Tausende von Sternen, und Papa erklärt Ulf die Sternbilder. Die Geschichte endet mit einer für den Autor typischen Pointe, mit der Stark allzu Bewegendem durch eine ironische Wendung das Sentimentale nimmt. Im Mittelpunkt aber steht die Zweisamkeit von Vater und Sohn, das vertraute Gespräch, das gemeinsame Erlebnis, das unter einem alles überspannenden Himmel einen neuen Fokus erhält. Der Ausflug wird beiden, Papa und Ulf, im Gedächtnis bleiben.

Christine Holliger

Flunkerfisch
Julia Donaldson, Illustration: Axel Scheffler
Aus dem Englischen von Martin Auer
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-79363-8
Schlagwörter: Abenteuer | Schule | Natur

Wenn Flori Flunkerfisch zu spät in die Schule kommt, hat er immer ganz atemberaubende Geschichten parat, mit denen er seine Verspätung erklärt. Mal ist es der Fund einer geheimnisvollen Schatztruhe, mal war er in einen Kampf gegen einen Riesenkraken verwickelt. Während die meisten Fische die Ausreden nicht mehr hören wollen, gibt es einen, der die Geschichten vom Flunkerfisch sehr liebt und sie deshalb immer zu Hause erzählt. Von dort verbreiten sie sich weiter und durchqueren die Weiten des Meers. Und dann kommt der Tag, an dem der Flunkerfisch nicht nur ein bisschen zu spät kommt. Er kommt ganz gewaltig zu spät! Fast scheint es, als würde er gar nicht mehr auftauchen. Dass das, was die anderen Fische für eine neuerliche Ausrede halten, die reine Wahrheit ist, wissen die LeserInnen. Denn sie werden Zeuge, wie Flori Flunkerfisch in ein Fischernetz gerät und weit von zu Hause fortgebracht wird, bis ihn die Fischer entdecken und zurück ins Meer werfen. Nach Hause findet er nur, weil er irgendwo im Vorbeischwimmen eine seiner Flunkergeschichten hört. Die Sardellen erzählen, was sie von der Garnele wissen, die es vom Wal gehört hat, der sichs von den Heringen berichten liess … Und so verfolgt der kleine Flunkerfisch seine Geschichte durchs Meer zurück, bis er endlich wieder nach Hause findet – wo er prompt seine neueste Geschichte erzählt.

Auch das neueste Buch des bewährten Duos Axel Scheffler und Julia Donaldson ist wieder in Reimen geschrieben, liest sich insgesamt aber weniger gefällig als etwa “Der Grüffelo” oder “Die Schnecke und der Buckelwal”. Dennoch ein wunderschönes Bilderbuch für die ganze Familie.

Maren Bonacker

Wann kommt Mama?
Lee Tae-Jun, Illustration: Kim Dong-Seong
Aus dem Koreanischen von Andreas Schirmer
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-01535-9

Die erste und letzte Doppelseite dieses Bilderbuchs zeigen eine Gruppe von Holzhäusern. Telefonleitungen sind über die Dächer gespannt, in den Höfen stehen Lagerfässer, die Bäume tragen keine Blätter mehr. Der Auftakt ist in Brauntönen gehalten, auf dem Schlussbild dringt die Sonne durch, erhellt eine in warmes Grün getauchte, verschneite Szenerie. In der Mitte des Bildes ist klein eine Frau zu sehen, sie spricht mit einem Kind, das an ihrer Hand geht und einen roten Schleckstängel hält. Dieses Kind haben wir durch das Buch begleitet. Von seiner Mutter wissen wir nicht mehr, als dass sie endlich nach Hause gekommen ist. Eine endlos scheinende Zeit lang hat das Kind in der Kälte und bei einsetzendem Schneefall an einer Strassenbahn-Haltestelle auf sie gewartet. Trambahnen sind gekommen und weggefahren, Leute ein- und ausgestiegen, aber das Kind liess durch nichts in seinem Warten beirren.
Der koreanische Illustrator Kim Dong-Seong belässt die Geschichte von Lee Tae-Jun im Jahr ihrer Entstehung 1938. Auf den Strassen der Stadt verkehren noch keine Autos, die Leute tragen traditionelle Kleider, keine Leuchtreklamen dominieren die Häuserzeilen. Viele seiner Bilder fokussieren ganz auf das wartende Kind, der Rest der Welt ist in ein helles Graugelb getaucht. Die Strassenbahn scheint aus dem Nichts zu kommen und ins Nichts zu fahren. Nur einmal weitet sich der Blick auf eine betriebsame Strasse. Die Bilder antworten auf den spärlichen Text, der in koreanischer Schrift und auf Deutsch unter ihnen steht. Es ist diese Kunst der Aussparung und dezenten Farbsetzung, verbunden mit einem universellen Thema, die “Wann kommt Mama?” zu einem berührenden Buch macht.
Christine Tresch

Der unglaubliche Bücherfresser
Oliver Jeffers
Aus dem Englischen von Sarah Haag
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-6702-7
Schlagwörter: Lesen | Essen

Henry entdeckt eines Nachmittags zufällig, dass er Appetit auf Bücher hat – im wahrsten Sinne des Wortes. Zuerst isst er vorsichtig ein Wort, dann einen Satz, später eine ganze Seite, und bald verschlingt er Buch um Buch. Dabei ist er gar nicht wählerisch. Mit dem Ziel, der gescheiteste Mensch der Welt zu werden, verspeist er Mathebücher, Erzählungen und Atlanten. Die Bücher füllen nämlich nicht nur seinen Magen, sondern auch sein Gehirn, wie auf einer Illustration mit Einblick in Henrys Innenleben zu erkennen ist. Bald kann der Junge die Kreuzworträtsel seines Vaters lösen und ist sogar klüger als seine Lehrer. Doch auf die Dauer bekommt ihm das gierige Bücherfressen nicht. Es muss noch einen anderen Weg geben, sich Wissen einzuverleiben.
Auch Autor und Illustrator Oliver Jeffers ist offensichtlich Buchliebhaber, denn er hat als Hintergrund für die Bilder alte Buchseiten gewählt. Die etwas miefige Atmosphäre, die von den vergilbten und verfleckten Seiten ausgeht, steht dabei in auffälligem Gegensatz zu den darübergelegten Zeichnungen. Diese sind cartoonartig, fröhlich, die Menschen sind mit wenigen Strichen gezeichnet, die Köpfe riesig. Henrys Mund ist so gross, dass das Halszäpfchen zu sehen ist, wenn er gerade mal wieder ein Buch verschluckt.
Glücklicherweise lernt der Unersättliche dann doch noch, die Literatur zu geniessen, ohne dazu seinen Mund zu gebrauchen. Und dank Sprachwitz und Humor wirkt die pädagogische (Leseförderungs-)Botschaft nicht moralisierend.
Ein köstliches Buch. Dennoch, und trotz der Biss-Stanze im Cover: Bitte nicht essen, nur lesen!
Katrin Ruchti-Fehr

Nein, nein, nein!
Bernard Friot, Illustration: Catherine Louis
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-01534-2

Pappbücher für die Kleinsten sind in Mode. Kein Wunder also, dass auch NordSüd von diesem Kuchen ein Stück ergattern möchte. Mit der neu lancierten Reihe “Der kleine Clown” wagt der Verlag einen vielversprechenden Versuch. Der kleine Protagonist ist ein lebensechter kleiner Trotzkopf, der den Weg durchs Leben auf eigene Faust finden will. Seine kindlichen Ausbruchsversuche führen ihn in emotional angespannte Situationen, in denen er staunend Neues erfährt und am Schluss in eine sichere Situation zurückfindet.
Mama Clown ist bei beiden Reihentiteln die auslösende Kraft, gegen die sich der kleine Clown zur Wehr setzen muss. In “Nein, nein, nein!” nutzt er das kleine Wort so kraftvoll und mechanisch, dass er erst gar nicht merkt, dass ihm eben ein “Ja!” rausgerutscht ist und dieses eine gar nicht so schlechte Wirkung auslöst. In “Willst du meine Mama sein?” macht sich der kleine Clown auf die Suche nach einer neuen Mama, einer Mama, die ihn nicht immer ans Zimmeraufräumen erinnert.
Der französische Autor Bernard Friot schafft in knappen Sätzen die Grundlage für einen sympathischen kleinen Helden. Die Illustratorin Catherine Louis ist es dann aber, die in ihren holzschnittartigen Bildern und einer guten Portion Schmunzeln die notwendige Wärme für die Eskapaden des kindlichen Helden im Clownskostüm erzeugt. Sie konzentriert sich insgesamt aufs Wesentliche, verzichtet auf ablenkende Details und setzt die alles umrahmende, geduldige Mutter ins Bild.
Barbara Jakob

Die schlaue Mama Sambona
Hermann Schulz, Illustration: Tobias Krejtschi
Verlag: Hammer, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7795-0149-7
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Tod/Trauer

“Auf der Insel Ukerewe im grossen Ukerewe-See in Afrika ist alles schön geordnet. Sogar der Tod muss sich an bestimmte Regeln halten. Er darf zum Beispiel nur dreimal bei einem Menschen anklopfen, wenn er ihn zu den Ahnen holen will. Trifft er diesen Menschen nicht an, oder hat er sich in der Adresse geirrt, muss der Tod jahrelang warten, bevor er wieder kommen darf…” Afrika-Kenner Hermann Schulz erzählt eine etwas andere Geschichte zum Thema Tod. Denn Inselkönigin Mama Sambona hat viel zu viel zu tun, als der Knochenmann eines Tages vor ihrer Hütte steht, um sie zu holen. Zweimal vertröstet sie ihn, weil sie ihre Nichte versorgen muss. Und “wenn jemand gerade ein Kind betreut oder sonst etwas Gutes für Kinder tut, ist der Tod machtlos.” Beim dritten Mal überrascht die lebensfrohe Regentin den Tod mit einem rauschenden Fest, das ihn schlichtweg vergessen lässt, warum er eigentlich gekommen ist.

Schwarzer Designer-Anzug, weisses Hemd, dunkle Krawatte, kleiner schwarzer Hut – Tobias Krejtschi, Gewinner des Illustrationswettbewerbs, den der Peter-Hammer-Verlag 2006 anlässlich seines 40-jährigen Bestehens ausgeschrieben hatte und bei dem 360 Künstler Entwürfe zu Schulzes Afrikageschichte einreichten, präsentiert den Tod als verwegene Mischung aus Buchhalter, Mafioso und Musikmanager. Eines seiner schönsten Bilder ist jenes, auf dem die schlaue Mama Sambona in ihrem strahlend roten Kleid und wie immer Pfeife rauchend mit dem Tod eine kesse Sohle aufs Parkett legt. Ein vielversprechendes Debüt für den 1980 in Dresden geborenen Illustrator. Und ein wirklich aussergewöhnliches Bilderbuch zum Thema Tod.

Andrea Duphorn

Zarah
Zoran Drvenkar, Illustration: Martin Baltscheit
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8270-5249-0

Zarah ist die Freundin “dazu”, das fünfte Rad am Wagen. Das bekommt sie von ihren Freundinnen auch auf einem Ausflug in den Wald zu spüren, wo ihr das Fürchten beigebracht werden soll. Der Wald ist schrecklich dunkel und modrig und unendlich tief. Die vier Freundinnen singen laut “Lalala”, um dem Unheimlichen etwas entgegenzuhalten, sie “schütteln sich vor Grauen”, wenn sie Zarah schaurige Geschichten erzählen vom Räuberhauptmann Raddek, der gehängt wurde und noch immer irgendwo an einem Ast baumelt. Vom Lindwurm Raskoff, der fünf Köpfe hat und zwanzig Beine und alles frisst, was atmet. Oder vom Erdteufel Lappowick, der Leute zu unterirdischer Hausarbeit entführt. Zarah bleibt ganz cool. Ein “Ach” ist alles, was man von ihr hört, und dann guckt sie sich neugierig um. Als die Vampirin Kattinka um die Köpfe der Freundinnen flitzt, rennen sie aufgeschreckt davon. Zarah geht nach Hause, wo in der freundlichen Stube ausser Raddek all die Monster auf sie warten, die ihre Freundinnen im Wald heraufbeschworen haben.

Martin Baltscheits Bilder ziehen die Betrachtenden mit in den Wald hinein. Der Wechsel zwischen textlosen Doppelseiten, die zum Verweilen und Monstersuchen (oder sind die Monster einfach nur Bäume, die im Dunkel des Waldes zu Ungeheuern werden?) einladen, und Textseiten, auf denen die Akteurinnen comicartig und mit viel Farbe ins Bild gesetzt sind, verleiht dem Buch viel Dynamik. Am Schluss sitzt Zarah mit einem Lachen auf den Stockzähnen am Tisch und isst Eierkuchen (mit richtigen Ostereiern darauf). Sie denkt an den Räuberhauptmann Raddek. Vielleicht hat er ihre Begleiterinnen abgepasst.

Eine Geschichte über falsche Freundschaft und ein souveränes Mädchen, das seine Monsterfreunde im Rücken weiss, sie aber nicht ins Spiel bringen muss. Zum Vorlesen für Kinder ab dem Kindergarten.

Christine Tresch

Happs, das Computermonster
Bettina Wegenast
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2007, Seiten: 63, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7941-6102-7
Schlagwörter: Geschwister | Abenteuer | Medien | Spiel

Anja und ihr Bruder David lieben knifflige Computerspiele. Doch als das gefrässige Monster aus Anjas Lieblingsspiel plötzlich mitten im Wohnzimmer steht, kommen die beiden arg ins Schleudern. Zuerst wird David, dann auch Anja mit einem Happs verschluckt – genauso wie es im Spiel die Aufgabe des Monsters ist. Ein Glück, dass das Mädchen Lulu, welches im Spiel auch immer verschluckt wird, den beiden Kindern mit seinen Erfahrungen weiterhelfen kann. Anja schafft schliesslich den Weg vom Monsterbauch über Hals und Mund hinaus, bis sie das Computerkabel ausziehen kann. Die Erleichterung ist gross, als feststeht, dass sich durch das Kappen der Stromzufuhr das Monster Pixel für Pixel auflöst und im Gegenzug David wieder zum Vorschein kommt.

Bettina Wegenasts Abenteuer für “angehende Leseprofis” wirkt durch die im Reihentitel begründete Kürze des Textes zwar etwas konstruiert, es lädt die kleinen LeserInnen aber zu einer konsequenten und spannenden Reise zwischen den Welten ein. Geschickt führt die Autorin Spiel- und Alltagswelt zusammen und lässt die Kinder die Gefahrensituation mit Hilfe ihres realen Computerwissens lösen. Dass die Geschichte dabei nie richtig bedrohlich wirkt, liegt zum einen an den Allmachtsfantasien, die Kindern in diesem Alter eigen sind, zum andern sicher auch an den zahlreichen eher fröhlich-leichten denn gruseligen Farbillustrationen.

Parallel zum Buch hat die Autorin mit der Schauspielerin Sasha Mazzotti das Theaterstück “Lulu im Klassenzimmer” entwickelt, das sieben- bis zehnjährige Kinder animiert, sich mit ihren Erfahrungen rund um virtuelle Wirklichkeiten auseinanderzusetzen.

Barbara Jakob

Der karierte Käfer
Jens Rassmus
Verlag: Residenz, Publiziert: 2007, Seiten: 60, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7017-2026-2
Schlagwörter: Humor/Komik

14 3/3 Geschichten

14 3/3 Geschichten machen nach Adam Riese 15 Geschichten, wobei eine davon eben aus drei Teilen besteht. So augenzwinkernd der Autor den Titel zu dieser kleinen Sammlung von ein- bis maximal dreiseitigen Texten setzt, so untergründig fröhlich geht es in ihnen auch zu. Dem Biber, der sich beim Hausbau selbst eingemauert hat, hilft eine tierische Kettenreaktion aus der misslichen Lage. Das entscheidungsschwache Bärenkind kann wider Erwarten seine hungrige Familie mit einem Glas Gurken glücklich machen. Der König der Löwen gibt seine Krone zugunsten eines Picknicks ab und der Elefant ist in einer Geschichte masslos unzufrieden mit seiner Grösse, in einer anderen genauso masslos selbstverliebt.
So unterschiedlich die Charaktere der Tiere, so eng hält der Autor seine Protagonisten zusammen durch seinen lapidar-liebevollen Erzählstil, der in den kurzen Sequenzen ein deutliches Bild von den Tieren zeichnet. Dass dies so überzeugend gelingt, hängt auch an den Illustrationen, die vom Autor selbst stammen und deren charmante Art zu überzeichnen schon in so manchem Bilderbuch überzeugt hat. Rassmus-Viecher muss man einfach gern haben! Die Geschichten wirken dabei wie auf der Bettkante erfundene Gutenachtgeschichten, die sich sowohl für diese Vorlesesituaton als auch fürs morgendliche Ritual in der Schule (mit Zeigen des dazugehörenden Bildes) eignen. Zu hoffen bleibt, dass Jens Rassmus bald wieder als Autor-Illustrator in Erscheinung treten und den Schluss seiner letzten Geschichte wörtlich nehmen wird: “Die Geschichte ist noch nicht zu Ende.”
Barbara Jakob

Das verborgene Königreich
Jane Johnson
Aus dem Englischen von Gerald Jung und Katharina Orgass
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2007, Seiten: 334, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-34710-0
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy | Fabelwesen

Der Prinz von Eidolon

Eigentlich hat Ben sein ganzes Taschengeld für die beiden prachtvollen mongolischen Kampffische in dem kleinen Zoogeschäft gespart – doch als er sie kaufen will, spricht ihn plötzlich diese Katze von der Seite an. Ignatius Sorvo Coromandel führt Kaufargumente an, die Ben keine andere Wahl lassen, und prompt ist er nicht nur der Besitzer einer wortgewandten Katze, sondern steckt auch mitten in einem fantastischen Abenteuer. Dieses hat eigentlich schon viel früher begonnen. Genauer gesagt: mit Bens Geburt. Er ist (ohne es zu ahnen) der Prinz eines magischen Landes. Dieses verliert jetzt rapide von seinem Zauber, so, wie Bens Mutter auf unerklärliche Weise immer schwächer wird. Der Grund sind skrupellose Bewohner, die Eidolons Fabelwesen als kuriose Haustiere in die Menschenwelt verscherbeln. Immer mehr Elfen, sprechende Katzen und sogar ein Drache tauchen in Bens Heimatort auf und hoffen auf seine Hilfe. Schliesslich bleibt Ben nur der Weg nach Eidolon, wenn er den Tierhändlern endgültig Einhalt gebieten will. Auf die Gefahren, die ihn dort erwarten, ist er nicht wirklich vorbereitet…
Jane Johnsons Kinderbuchdebüt “Das verborgene Königreich” zeichnet sich durch liebevoll gezeichnete Charaktere, Spannung und Wortwitz aus. Darüber hinaus machen die Vignetten und durchgehenden Textumrahmungen von Eva Schöffmann-Davidov sowie das ins Auge fallende Cover das Buch zu einem wahren Schatz, der sich seinen Platz auf dem Regal mit Lieblingsbüchern redlich verdient hat. Auf die Fortsetzung der Geschichte darf man mit Ungeduld warten.
Maren Bonacker

Running Man
Michael Gerard Bauer
Aus dem australischen Englisch von Birgitt Kollmann
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2007, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-312-00975-6
Schlagwörter: Freundschaft | Kunst

Es gibt Situationen, da lässt einen das Leben Dinge tun, die man kurz zuvor noch für völlig unmöglich hielt. Als der 14 Jahre alte Protagonist in Michael Gerard Bauers Roman seiner Mutter mitteilt, dass er sich dazu entschlossen hat, der Bitte der netten Nachbarin nachzukommen und deren Bruder für ein Kunstprojekt zu zeichnen, ist so ein Moment. Und als er nach der ersten, alles andere als ermutigenden Sitzung mit dem ehemaligen Lehrer und Vietnam-Veteranen, der sein Haus seit 30 Jahren nicht mehr verlassen hat, nicht so schnell wie möglich den Heimweg antritt, sondern dessen Zimmer betritt, um ihm gebannt beim Versorgen seiner Seidenraupen zuzuschauen, auch. “Im Rückblick wurde Joseph klar, dass dies der Moment war, in dem er endgültig aus Tom Leytons Leben hätte heraustreten können. Stattdessen war es der Augenblick, in dem eine Kette von Ereignissen in Gang gesetzt wurde, die erst in der Judaskirche endeten, vor einem hellen Sarg, der Tod und Geheimnisse barg, und neben seiner schwarz gekleideten Mutter.”
Dass sehr lange offen bleibt, wessen Bestattung den Ausgangspunkt dieses bewegenden Romans bildet, ist nur eine von vielen Kleinigkeiten, die Bauers Jugendbuchdebüt so spannend machen. Ruhig, einfühlend, beinahe zärtlich zeichnet der australische Autor seine Figuren, erzählt so fesselnd und eindringlich von der vorsichtigen Annäherung des introvertierten, künstlerisch begabten Teenagers, der in seinen Träumen immer wieder vom Running Man verfolgt wird, und dem gebrochenen Mann, der die Bilder eines schrecklichen Krieges nicht vergessen kann, ihrem wachsenden Verständnis füreinander, dass die Lektüre noch sehr, sehr lange nachwirkt.
Andrea Duphorn

Jetzt ist hier
Tamara Bach
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2007, Seiten: 351, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-3169-1
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft | Musik

In ihrem dritten Roman ist die junge deutsche Autorin Tamara Bach ganz nah am Puls der Grossstadtjugend. Sie begleitet vier Jugendliche, die kurz vor dem Abitur stehen, durch die erste Woche eines neuen Jahres. Da ist Zanker, der Schönling, auf den die Frauen fliegen, den das aber wenig kümmert. Zu Hause hat er Stress mit dem Vater, der mehr Disziplin von ihm fordert und in ihm einen Weichling sieht. Da ist Mono, dessen Eltern sich nur mit ihrer Firma beschäftigen und der darum auf seine kleine Schwester aufpassen muss. Da ist Bowie, dessen Mutter vor einem Jahr an Krebs gestorben ist und der sich weigert, sich auf die neue Freundin des Vaters einzulassen. Und da ist Fienchen, die einzige Frau in der Clique, der gute Kumpel. Aber Fienchen gibt sich nur burschikos, sie ist in Zanker verliebt und will nicht aus seinem Kreis verbannt werden. Alles, was die vier denken, tun, erfahren wir aus ihrer Perspektive. Bach schneidet die Sichtweise der vier Freunde ineinander. Alles, was sie denken, tun, erfahren wir aus ihrer Perspektive: ihre Sehnsüchte und Querelen, ihre Auseinandersetzungen mit dem Alltag, dem Erwachsenwerden. Das sind Pubertätsschilderungen, die unter die Haut gehen. Und wie das Wetter in dieser Neujahrswoche, einmal bissig kalt, dann wieder lau, so sind die Befindlichkeiten der vier. Sie sind unfähig, miteinander zu reden, dabei brodelt es in jedem von ihnen. Die einzige Sprache, die sie verstehen, ist die der Musik. Und Tamara Bach gelingt es, so aus dem Leben der vier zu erzählen, dass wir meinen, ihre Musik, ihr Reden zu hören. Das wirkt absolut authentisch. Ein Buch am Puls der Zeit. Unmittelbar und aufwühlend.
Christine Tresch

Die Abenteuer des Barons von Krähenschreck
Philip Pullman
Aus dem Englischen von Wolfram Ströle
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2007, Seiten: 204, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55414-7
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

In einer Gewitternacht wird die Vogelscheuche des Herrn Pandolfo vom Blitz getroffen und erwacht zum Leben. Sogleich macht sie sich mit dem jungen Jack als Diener auf die Reise, um ihr Glück und den Weg zurück ins Frühlingstal zu suchen. Doch bis dahin stolpern die beiden durch so manche Verwicklungen und werden von dem aalglatten Anwalt der Buffalonis verfolgt, der ihnen ihr Glück streitig machen will.
Es wäre unfair, jedes neue Buch von Philip Pullman an dessen Geniestreich “His Dark Materials” zu messen. Aber ein schlechtes Buch bleibt ein schlechtes Buch, auch wenn sein Verfasser ein gefeierter Autor ist. Das Konzept hinter Pullmans Geschichte ist klar, aber nicht gerade neu. Da die Vogelscheuche aufgrund ihrer recht einseitigen früheren Tätigkeit (Vögel scheuchen) sehr weltfremd ist, durchwandert sie nun als Don Quijote die Welt, wobei die selbstverständlichsten Dinge mit ihrer beschränkten “Vogelperspektive” entlarvend-naiv neu beschrieben werden. Das soll Komik erzeugen, zum Beispiel, als die Vogelscheuche als Bühnenrequisit etwas Geld verdienen will und während der Aufführung einfach nicht still halten kann (haha). Auch die Dialoge mit dem Sancho Pansa des Duos, dem immerhin etwas welterfahrenen Sidekick Jack, und die hier und dort eingestreuten Slapstickeinlagen sollen witzig sein. Um es kurz zu machen: Nichts von all dem funktioniert. Die Handlung der Geschichte ist willkürlich-banal, weil alles jederzeit geschehen kann, und es gibt keinerlei Tiefgründigkeit, was die ganze Geschichte zu einem einzigen faden Brei macht. Die Mechanik der Komik ist so alt, dass sie wirklich langweilt. Zudem holpert die Übersetzung. Einzig die Illustrationen von Einar Turkowski zu den Kapitelüberschriften sind jedes Mal filigrane Kunstwerke. Aber gute Bilder machen noch kein gutes Buch.
Christian Kölzer

American Youth
Phil LaMarche
Aus dem amerikanischen Englisch von Malte Krutzsch
Verlag: Kunstmann, Publiziert: 2007, Seiten: 238, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-88897-481-6

Es ist Sommer. Doch nicht nur die Hitze drückt schwer auf die Stimmung in der US-amerikanischen Kleinstadt. Wirtschaftlich läuft es schlecht, die Väter finden keine Arbeit mehr. Auch Teds Vater arbeitet weit enfernt von zu Hause. Eines Nachmittags hängt Ted mit zwei weiteren Jugendlichen herum. Als einer blafft, hier gehe ja gar nichts ab, prahlt Ted mit seinem Gewehr und lässt sich dazu überreden, das Ding zu laden. Er dreht sich für einen Moment weg, und schon liegt einer der Brüder tot auf dem Fussboden.
Das geschieht auf den ersten Seiten. Im Zentrum des Buches steht die Zeit danach, wie die Mutter vertuschen will, dass ihr Sohn die Waffe geladen hat, wie der Vater die Tür zu Teds Hölle aus Einsamkeit und Schuldgefühlen mit der Autorität des Schusswaffenfans schliesst: “Wir sagen kein Wort dazu. Wenn jemand fragt, geh einfach drüber weg. Tu so, als wäre überhaupt nichts passiert.” Und vor allem geht es um Ted und wie er unter diesen Bedingungen weiter zu leben versucht. Mit dem Feuerzeug brennt er sich Wunden ins Fleisch, um über dem oberflächlichen Schmerz den inneren zu vergessen. Schmerzhaft genau und unerbittlich ist auch LaMarches Erzählton.
Doch der Unfall hat in einem Land, in dem das Recht des freien Bürgers auf Waffenbesitz ein Politikum erster Güte ist, nicht nur psychische Folgen für Ted. Eine Gruppe rechtsextremer Jugendlicher, die sich “American Youth” nennt, wirbt ihn als neues Mitglied an. Als er sich wieder zurückziehen will, wird es gefährlich.
LaMarche zeichnet ein beklemmendes Porträt einer Gesellschaft, die von den Menschen maximale Flexibilität verlangt, ohne ihnen mehr zu bieten als Überlebenskampf.
Christine Lötscher

Was geschah in Echo Falls?
Peter Abrahams
Aus dem amerikanischen Englisch von Anne Wilsberg
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2007, Seiten: 350, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8270-5172-1
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Sie spielt leidenschaftlich gern Theater und verehrt Sherlock Holmes. Ansonsten ist die 13-jährige Protagonistin aus Peter Abrahams Kriminalroman eigentlich eher durchschnittlich: So lala in Mathe, mittelgut in Sport (ausser im Laufen – da ist sie spitze), aus einer eher “normalen” Familie stammend und mit einer Landplage von älterem Bruder gesegnet. Dass sie mitten in die Ermittlungen rund um die Ermordung von Müll-Katie gerät, verdankt sie einem dummen Zufall: Ingrid ist die allseits gesuchte (unbekannte) Zeugin, die das Opfer als Letzte lebend gesehen hat. Weil sie nicht gern im Mittelpunkt steht, versucht sie, diese Tatsache vor der Polizei geheim zu halten, und bricht sogar ins Haus der Toten ein, als ihr klar wird, dass sie ihre Fussballschuhe dort vergessen hat. Da laut Polizei nur der Täter ein Interesse daran gehabt haben kann, den Tatort zu verändern, gerät Ingrid unfreiwillig zur Verdächtigen Nummer eins. Damit beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit – sie muss den Täter finden, bevor der Polizei aufgeht, dass sie die Besitzerin der verschwundenen Schuhe ist. Dass sich ausgerechnet der Sohn des Inspektors in sie verliebt, macht die Sache dabei nicht gerade leichter.
“Was geschah in Echo Falls”? ist eine spannende und dabei locker-flockig geschriebene Kriminalgeschichte, die weit mehr Geheimnisse birgt, als nur den eigentlichen Fall – was den Lesegenuss für aufmerksame LeserInnen noch erhöht und die Frage aufwirft, ob Peter Abrahams wohl in einem zweiten Fall an die offen bleibenden Handlungsstränge anknüpfen wird. Zu wünschen wäre es.
Maren Bonacker

Superhero
Anthony McCarten
Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2007, Seiten: 303, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-257-06575-6
Schlagwörter: Krankheit | Kunst

Ist das nicht klassisch: Ein junger Mann, todgeweiht, findet sich ins Unvermeidliche, hinterlässt aber ein grosses, ein geniales Werk. Der neuseeländische (Drehbuch-)Autor Anthony McCarten nimmt diesen Topos auf und kleidet ihn ganz neu ein. Donald Delpe, 14 Jahre alt, ist an Leukämie erkrankt, was ihn aber nicht daran hindert, so richtig pubertär drauf zu sein, im Gegenteil. Er redet kein Wort, stöpselt sich die Ohren zu und driftet ab in seine eigene Welt. Die Eltern sind verzweifelt: Der Junge sollte doch kämpfen, anstatt sich so gehen zu lassen. Doch wir LeserInnen sehen nicht nur das, sondern auch den Film, der parallel dazu in Donalds Kopf abläuft, und wir lesen den Comic, den er zeichnet und schreibt, um seiner Situation nicht nur ohnmächtig ausgeliefert zu sein. Denn er hat noch andere Probleme als die Krankheit: “Sein grösstes Problem? Sex im Kopf, wie immer, seit ein-zwei Jahren schon. Ein Acidtrip, nur mit Testosteron, scheisseinsam, jeder zweite Gedanke nicht jugendfrei.” Donald lebt in der Popkultur, doch er ist kein Produkt davon. Als kritischer Geist durchschaut er deren Mechanismen – und rechnet in seinem Comic mit dem Mythos vom unsterblichen Superhelden ab.
Es ist ein kleines Wunder, wie souverän McCarten mit Jugendsprache und Popkultur arbeitet, aus Film und Comic und Songs einen Text macht, einen höchst literarischen, der einen zum Lachen und zum Weinen bringt.
Christine Lötscher

Zeigt her eure Füsse!
Ingo Arndt
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2007, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7941-9106-2
Schlagwörter: Tiere | Körper

Das Foto-Bilderbuch der Pfoten, Krallen und Flossen

Gibt es etwas Wunderbareres als einen Fuss? Seltsame Frage. Ein Fuss ist ein Fuss. Man kann damit gehen, stehen oder jemandem einen Tritt versetzen. Und nach langen Wanderungen schmerzt er und riecht eher streng. Diese Vorstellung ist zwar nicht falsch, sie greift aber entschieden zu kurz. Zu diesem Schluss kommt man sofort, wenn man im “Foto-Bilderbuch der Pfoten, Krallen und Flossen” blättert. Der Wildlife-Fotograf Ingo Arndt zeigt darin faszinierende Aufnahmen verschiedener Tierfüsse. Vor dem Schwarz des Hintergrundes springen einem die porträtierten Füsse mit ihren leuchtenden Farben und klaren Formen förmlich entgegen. Die Bilder sind grosszügig auf die knapp dreissig Buchseiten verteilt, ohne durch viel Text eingeengt zu werden. Dennoch sind die BetrachterInnen nicht auf sich allein gestellt.

In ihrer Kürze erstaunlich informative Bildlegenden nennen sowohl den Besitzer als auch Besonderheiten bzw. Funktionen des jeweiligen Fusses. Denn Füsse werden im Tierreich bei weitem nicht nur zum Gehen gebraucht. Da wird gegraben, geklettert, gesprungen, gelaufen oder geschwommen. Unerwartet knifflig ist es, die Fussbesitzer zu erraten, ohne nach der Bildlegende zu schielen. Endgültig ins Schwitzen aber bringen einen die Kinder mit ihren durch die Fotos inspirierten Fragen: Haben Schnecken wirklich einen Fuss? Sind die Saugnäpfe des Oktopus dessen Füsse? Was ist ein Bockkäfer… “Zeigt her eure Füsse!” will nicht wissenschaftliches Kompendium sein, sondern uns zum Schauen und Staunen anregen. Diesem Anspruch wird das Buch mehr als nur gerecht.

Ursula Kahi

Sprache oder was den Mensch zum Menschen macht
Nikolaus Nützel
Verlag: CBJ, Publiziert: 2007, Seiten: 218, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-570-13027-8

“Was unterscheidet d’Mönsche vom Schimpans / S’isch nid die glatti Hut, dr fählend Schwanz / Nid dass mir schlächter d’Böim ufchöme, nei / Dass mir Hemmige hei”, singt Mani Matter – und dass wir sprechen, betont Nikolaus Nützel in seinem Sachbuch zu all dem, was Sprache ausmacht. Er berichtet von den zahlreichen Versuchen der Schimpansologie-Forschung, zu belegen, dass die Affensprache der Menschensprache nahe kommt, und hält fest: “Es fehlt der Nachweis, dass Gorillas oder Schimpansen eine echte Vorstellung von Grammatik haben. Aber die Möglichkeit, durch unterschiedliche Satzstellungen völlig unterschiedliche Ideen zu transportieren, ist die wichtigste Eigenschaft der menschlichen Sprache.”
Nützel erklärt, dass die Menschen vor etwa 200 000 Jahren zu sprechen anfingen, weil sie mehr Fleisch assen und die eiweissreichere Nahrung zur Vergrösserung der Hirne führte. Die Sprache verschaffte ihnen einen Vorteil im Kampf ums Überleben und half ihnen, ihre Lebensumstände zu verbessern.
Ein Kapitel widmet sich der Suche nach der Ursprache, die durch die Erkenntnisse des Engländers Sir William Jones Ende des 18. Jahrhunderts eine entscheidende Wende nahm. Jones fand heraus, dass “alle Sprachen aus einer gemeinsamen Quelle stammen müssen”, dem Indoeuropäischen, das vor 6000 Jahren gesprochen wurde und auf das über 140 Sprachen in Europa und Asien zurückgehen. Jeder Abschnitt des Buches endet mit Links, die die Lesenden animieren, ein Thema noch gründlicher zu erforschen. Am Schluss des Kapitels über aussterbende Sprachen findet sich zum Beispiel ein Link zu einer Datenbank, in der alle lebenden Sprachen der Welt verzeichnet sind (www.ethnologue.com). Natürlich darf auch ein Kapitel über Geheimschriften nicht fehlen. Ein Buch, das sprachinteressierten Kindern ab der Mittelstufe reichhaltiges Material bietet und eigentlich in jede Klassenzimmerbibliothek gehört.
Christine Tresch

Das Spielplatzbuch
Toni Anderfuhren
Verlag: AT Verlag, Publiziert: 2007, Seiten: 143, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03800-282-6
Schlagwörter: Natur | Spiel | Kreativität

Wege zu Trauminseln der Kindheit

Längst ist bekannt: Damit Kinder sich optimal entwickeln und zu eigenständigen, selbstsicheren Menschen heranwachsen, trägt nicht nur Schule und Elternhaus, sondern ganz besonders eine sinn- und freudvolle Freizeitbetätigung bei. Folglich muss ein Spielraum her, der es in sich hat. Von der obligaten Schaukel, Rutschbahn bis zum Sandkasten darf nichts fehlen… Wer so denkt, sind die Erwachsenen, und solche sterilen Spielplätze kreieren bestimmt keine Kinder! Fragen wir deshalb sie, wie sie ihren Freiraum sehen, und wir bekommen ganz anderes zu hören: Abenteuerlich und wild soll er sein, auf keinen Fall von A bis Z durchgestylt, sondern nach Lust und Laune veränderbar.

Da kommt “Das Spielplatzbuch” sehr gelegen. Flüsse stauen, sich als Tarzan durch den Dschungel hangeln, in Kiesgruben den Abhang hinunterrutschen – nichts ist dem Autor fremd. Dass die Kinder das Sagen haben, wird mit den zahlreichen kindlichen Skizzen inmitten der reichhaltigen, farbenprächtigen Fotoauswahl (ohne die der Text kaum auskommen würde) witzig demonstriert. Wichtige Voraussetzung für ein gutes Gelingen, bei dem einerseits die Abenteuerlust der Kinder, andererseits die Sicherheit berücksichtigt wird, ist und bleibt die Gesamtplanung unter Einbezug der Benützer. Aber Achtung: erst, wenn die nötigen finanziellen Mittel vorhanden sind, denn eine mehrjährige Planungsphase dauert jedem Kind zu lange. Eine Tabelle dokumentiert die Praxis und zeigt, wie verschiedene Ideen und Schritte in einen mehrstufigen Raster eingebaut werden. Hinweise zu Zusatzliteratur, Adressen und Links vervollständigen dieses Standardwerk und machen es dank der Fülle aussergewöhnlicher Tipps und konkreter Anleitungen zum idealen Handbuch für SpielplatzerträumerInnen und ArchitektInnen kreativer Spielräume.

GIOVANNA RIOLO

Das Leben der Kinder im Mittelalter
Danièle Alexandre-Bidon, Pierre Riché
Aus dem Französischen von Hannelore Leck-Frommknecht
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2007, Seiten: 45, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89660-432-3
Schlagwörter: Alltag

Nach dem Leben der Kinder im alten Ägypten, im alten Rom und bei den Indianern erscheint nun in der Reihe “Weltgeschichte für junge Leser” der Mittelalter-Band. Was bedeutete damals Familie, wie veränderte sie sich bis zum Anfang der Neuzeit? Geburt, Taufe, Kindsein, Schule, Spielen. Die Autorin greift Themenkreise auf, die Kinder auch heute beschäftigen. Woran glaubten die Kinder? Gab es den Nikolaus? Welche Geschichten erzählte man sich? So erfährt man, dass das Rotkäppchen schon damals herhalten durfte, übrigens als Freundin vom Wolf. Oder dass Babys mit einem Sicherheitsgurt im Bettchen angeschnallt wurden – nette Details, die das Buch lesenswert machen. Interessant sind die für die Weltgeschichte-Reihe typischen Fallbeispiele: Da gibt es den Jungen, der Jagdmeister werden will, den Novizen oder die Äbtissin.

Der Text brilliert oft mit Details, um anderenorts unnötig vage zu bleiben. “Aber nicht jeder musste lesen und schreiben lernen”, erfährt man, “Bauern zum Beispiel lernten es nicht.” Eine Frage des Müssens oder Dürfens? Oder man liest, dass einer Schwangeren jede körperliche Anstrengung untersagt war. Gilt das für alle? Viele Fragen bleiben offen. Besonders lebendig wird das Buch durch seine 46 historischen Bildausschnitte. Leider erfährt man nichts über ihre mittelalterlichen Quellen beziehungsweise aus welchem Zusammenhang sie entnommen wurden oder wie die Autorin zu den Bildinterpretationen kam. Gerne hätte man ihr über die Schulter geschaut. Alles in allem ein schönes Buch.

Anne-Kathrin Bleich

Wir Klimakiller
Tim Flannery
Aus dem Englischen von Birgit Brandau
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2007, Seiten: 303, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-596-85248-2
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima | Tiere | Zukunft

Wie wir die Erde retten können

Klimawandel – Klimakatastrophe – Treibhausklima. Kaum ist die Vogelgrippe aus den Medien verschwunden, sorgt die globale Klimaentwicklung für Schlagzeilen. Der Sachverhalt ist komplex, entsprechend kontrovers wird er in Wissenschaftskreisen und in der Öffentlichkeit diskutiert. Als Laie dabei die Übersicht zu behalten und besorgte (Kinder-)Fragen sachgerecht zu beantworten, ist kaum möglich. Wie gut, dass es Bücher zum Thema gibt. Zum Beispiel jenes des australischen Paläontologen Tim Flannery. Der Klappentext verspricht “genaue Fakten und Analysen” zu Ursachen und Folgen des Klimawandels sowie Aussagen darüber, “was jeder selbst gegen den Klimawandel tun kann”. Fakten und Analysen enthält das Buch reichlich. Ein gewisses naturwissenschaftliches Verständnis ist für die Lektüre von Vorteil.
“Wir Klimakiller” ist aber auch sonst keine leichte Kost. Zu lesen, welche Auswirkungen die Treibhausgase, die heute in der Atmosphäre sind, auf das Klima des Jahres 2050 haben werden, schlägt auf den Magen; die Berichte über das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten infolge des aktuellen Klimawandels bedrücken. Wer Beruhigung sucht, ist mit “Wir Klimakiller” schlecht bedient. Die Lektüre wühlt auf. Nicht zuletzt, weil Flannerys auf wenige Seiten komprimiertes Massnahmenpaket zur Klimastabilisierung das Gefühl der eigenen Machtlosigkeit nicht tilgt. Andererseits geht man nach der Lektüre mit dem Autor einig – übertriebene Emphase und erhobener Zeigefinger hin oder her: Jeder muss “jetzt etwas gegen den Klimawandel tun: Auch nur ein Jahrzehnt länger zu zögern, wäre viel zu viel.”
Ursula Kahi

Peanuts Werkausgabe
Charles M. Schulz
Verlag: carlsen comics, Publiziert: 2007, Seiten: 668, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-78841-2
Schlagwörter: Humor/Komik

Der erste “Peanuts”-Strip erschien am
2.Oktober 1950 in gerade mal sieben Zeitungen, und nichts liess den späteren Erfolg dieser Serie erahnen, wirkte sie doch damals wie eine echte Anomalie. Mitten im Konsumrausch der Nachkriegszeit schlich sich dieser sehr persönliche Comic-Strip über Verlierer in immer mehr Herzen, ein Strip, der behutsam und doch treffsicher auf die Neurosen, Schattenseiten und Abgründe wies, die unter der strahlenden Oberfläche des amerikanischen Traums lauerten. 50 Jahre später, vor dem Tod des “Peanuts”-Schöpfers Charles M. Schulz, erschien der Strip in 2600 Zeitungen in 75 Ländern und machte Schulz mit täglich 355 Millionen Lesern zum meistgelesenen Comic-Autor aller Zeiten.
Der gutmütige, aber verhasste und einsame Verlierer Charlie Brown, die selbstgerechte Tyrannin Lucy, das neurotische Genie Linus, das pianistische Wunderkind Schröder und natürlich Snoopy, der Hund, der wahlweise davon träumt, Kampfpilot, Bestsellerautor oder der Welt schnellster Supermarktkassierer zu sein, wenn er nicht über Gott und Hund philosophiert … – Der Humor der meisten Strips ist zwar grausam und düster, und doch schaffte es Schulz, mit Humanismus, Liebenswürdigkeit, Skeptizismus und Zukunftsvertrauen einen Mikrokosmos zu schaffen, in welchem sich LeserInnen aller Altersgruppen, Gesellschaftsschichten und Kulturen wiedererkennen. Damit schuf er eines der bedeutendsten künstlerischen Werke des 20. Jahrhunderts. Längst fällig war dehalb die lückenlose und chronologische Werkausgabe dieses Klassikers, dessen erste sechs Jahregänge nun in drei Hardcoverbänden vorliegen.
Christian Gasser

Blaue Pille
Frederik Peeters
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2007, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-938511-62-6
Schlagwörter: Tod/Trauer | Liebe

Im autobiografischen Comic “Blaue Pillen” schildert Frederik Peeters, einer der wichtigsten Vertreter der neuen Genfer Comic-Szene, das erste Jahr seiner Beziehung mit der HIV-positiven Cati und ihrem ebenfalls infizierten Sohn. Eine Geschichte, die ihm im französischsprachigen Raum den Durchbruch brachte.
Auf zweihundert Seiten beschreibt Peeters den Alltag einer von HIV und Aids gezeichneten Liebe, er beschreibt die ständige Bedrohung und die Schuldgefühle Catis, und er erzählt von vielerlei Ängsten: Der Angst vor dem Ausbruch von Aids, der Angst um den kränklichen Sohn, der Angst vor dem Tod, und natürlich geht es auch um die Sexualität und die Furcht vor der Ansteckung. In erster Linie aber erzählt er vom Glück einer Beziehung, die diese Schwierigkeiten und Ängste zu überwinden versteht.
Peeters Schwarz-Weiss-Zeichnungen stehen zwischen Realismus und leichter Karikierung, sie wirken skizzenhaft und brüchig, doch sind sie von grosser Lebendigkeit und bringen die Emotionen der Protagonisten spürbar zum Ausdruck. Damit macht Peeters die Gratwanderung zwischen Unmittelbarkeit und Distanz, Emotion und Reflexion sichtbar, die “Blaue Pillen” durchzieht: Er erzählt mit viel Emotion, aber ohne Pathos und Rührseligkeit. Er zeichnet die Komplikationen des Beziehungsalltags lakonisch und mit manchmal schrägem, manchmal schwarzem Humor, er beschreibt, wie der gesundheitliche Ausnahmezustand zur Normalität wird, er scheut sich aber nicht davor, zugunsten der Authentizität seiner Geschichte in gewissen Szenen der offiziellen Aids-Aufklärung der Behörden zu widersprechen, und er schafft es, HIV und Aids zwar nicht zu verharmlosen, aber doch zu entdramatisieren.
Christian Gasser

Alle seine Entlein
Christian Duda
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907588-85-7
Schlagwörter: Freundschaft | Identität/Individualität

Am Anfang war ein Wald mit einem namenlosen Ei unter einer Ente und ein einsamer, hungriger Fuchs namens Konrad. Eigentlich will er die Entenmama kennenlernen, doch diese lässt vor Schreck ihr Ei zurück und Konrad setzt alle Hoffnung aufs Rühreibraten. Als das Küken schlüpft und beim Geräusch von Konrads knurrendem Magen glücklich “MuttiMutti” sagt, antwortet Konrad ganz aufgeregt mit “Nein! Papa!” anstatt mit “Ich fress dich!” Von diesem Moment an entwickelt sich eine eigenwillige Beziehung zwischen den beiden. Konrad schwankt zwischen verständlichem Bedürfnis nach Nahrung und väterlicher Fürsorge für das Entenküken. Das Küken mit seiner entwaffnenden Art bekommt alsbald einen Namen und kurz darauf auch eine Entenfreundin, Emma. So wird Konrad zum fürsorglichen Geburtshelfer für die ersten fünf Entenkinder von Emma und Lorenz. Am Ende lebt Konrad inmitten seiner grossen Entenkinderschar, bis er eines Tages die Augen schliesst und glücklich im Kreise seiner grossen Familie stirbt.

Beinahe wie die Entenmama zu Beginn des Buches hätte ich dieses Bilderbuch vor lauter Schreck beiseite gelegt und dabei ein Seh- und Lesevergnügen erster Güte verpasst. Wenn der kräftig rote Fuchs die Entenmama mit offenem Maul und gefährlich grossen Zähnen knapp verfehlt, kommt man als BetrachterIn kurz ins Stocken. Wer aber weiter liest und die aufkeimende Freundschaft des ungleichen Paars in den lapidaren und komischen Sätzen verfolgt, erfährt, welche Kraft echte Freundschaft haben kann und wie sehr es lohnt, auch einen zweiten Blick zu riskieren. Die Illustratorin Julia Friese findet in einer Kombination verschiedener Zeichen- und Collagetechniken eindrückliche Bilder, wobei vor allem die Gesichter enorm ausdrucksstark sind.

Barbara Jakob

Eigentlich will der Fuchs Konrad die Ente ja fressen. Als diese jedoch entwischt und ein Ei zurücklässt, aus dem ein Entenküken schlüpft, wird er plötzlich Vater eines Vögelchens. In dieser unerwarteten Rolle muss sich Konrad erst zurecht finden.

Der blaue Tiger
Nicolas Robel
Aus dem Französischen von Katharina Traunitz
Verlag: SJW, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0523-1
Schlagwörter: Identität/Individualität | Spiel

Der Comic „Le Tigre bleu“ erhielt im Jahr 2003 den Schweizer Kinder- und Jugendmedienpreises. Jetzt endlich ist er auch auf Deutsch nachzulesen, nicht in einem gestandenen Bilderbuchverlag, sondern als SJW-Heft. So kommt “Der blaue Tiger” zwar in kleinerem Format daher als im Original, die Geschichte vom kleinen Paul, der sich oft einsam fühlt, weil seine allein erziehende Mutter arbeiten gehen muss und er dann seine Ängste und Sorgen mit seinen Stofftieren und Fingerpuppen teilen muss, verliert dadurch aber nichts von ihrer Dichte und Sinnlichkeit. Robel ist ganz nah bei seinem ProtagonistInnen, zeigt seine Macht- und Ohnmacht mit Perspektivwechseln und Veränderungen der Hintergrundfarben, lässt uns nachvollziehen, wie Paul auf seine Puppen-Freunde baut und was für ein grosser Schritt es für ihn ist, das Nachbarsmädchen Katja an seinen Spielen teilhaben zu lassen. Dass Pauls Mutter ihren Sohn in diesem Reifeprozess stützt, sein Puppen-Theater durchschaut und ihn trotzdem ernst nimmt, ist eine weitere Stärke dieses Bandes. Es gibt wenig überzeugende Comic für Kinder bis acht Jahre, “Der blaue Tiger“ gehört dazu.

Christine Tresch

Wenn seine alleinerziehende Mutter zur Arbeit muss, fühlt sich Paul oft einsam, nur seine Fingerpuppen stehen ihm in seiner Fantasie bei. Doch dann findet Paul mithilfe des Nachbarsmädchens Zugang zur realen Welt. Ein feinfühliger Comic über den Reifeprozess eines Jungen im Unterstufenalter.

Der silberne Jaguar
Hermann Schulz
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2007, Seiten: 181, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-58176
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Rufus steht zwei Jahre vor dem Abitur und lebt mit fest gefassten Meinungen. So fordert er einen Beinamputierten auf, der an der Tankstelle, wo Rufus jobbt, das Behinderten-WC benützen will, zuerst seinen Behindertenausweis zu zeigen. Kann sein, der Mann ist ein Schmarotzer. Pech für Rufus, dass dieser Behinderte der neue Rektor an der Schule ist und ihn nach dem Vorfall zu einer Art zivildienstlicher Wiedergutmachung verknurrt. Rufus muss für seine Tante, die ebenfalls an der Schule unterrichtet, einen alten Rollstuhl auf Vordermann bringen und diesen mit der Tante, die Tschernobyl-Opfer in Weissrussland unterstützt, nach Svetlagorsk bringen. Rufus revidiert den Rollstuhl mit einem Kollegen und macht ein Prunkstück aus ihm: einen silbernen Jaguar eben. Aber schon in der ersten Nacht, die Tante und Neffe in Svetlagorsk verbringen, wird der Rollstuhl aus einem Lastwagen vor dem Hotel geklaut.
Auf der Suche nach “Jaguar” lernt Rufus eine Gruppe von GermanistikstudentInnen kennen und verliebt sich in Jana. Die jungen Leute führen einen erfindungsreichen und listigen Kampf gegen Resignation und für ihre Utopien. Das sind ganz andere Lebensentwürfe als die, denen Rufus bis anhin begegnet ist.
“Der silberne Jaguar” ist auch ein Buch über das Erwachsenwerden unter unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen. Und wie fast immer erzählt Hermann Schulz auch hier beiläufig eine Geschichte über Unterdrückung und Widerstand, über das Verhältnis zwischen den Generationen, Verantwortung und erste wirkliche Liebe.
Christine Tresch

Die Sache mit Finn
Tom Kelly
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2007, Seiten: 223, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-55499
Schlagwörter: Freundschaft

Weil er es nicht länger ertragen konnte, wie seine Eltern und die jüngere, gehörlose Schwester “es eine Sekunde lang vergessen haben und dann sofort wieder dran erinnert wurden, wenn sie mich gesehen haben, immer und immer wieder”, ist Danny von zu Hause weggelaufen. Sechs Wochen lang hat er kein Wort gesprochen. An jenem Montag nun, an dem seine Geschichte beginnt, steigt er nicht mit den anderen Kindern aus dem Schulbus, sondern fährt weiter. Irgendwohin. “Hauptsache raus aus meinem normalen Montagmorgenkram…”
“Die Sache mit Finn” ist das erste Kinderbuch des englischen Autors Tom Kelly. Und es ist ein ganz besonderes. Es erzählt von einem zehnjährigen Jungen, der mit dem Unfalltod seines (eineiigen) Zwillingsbruders fertig werden muss. Doch das erfahren wir genau genommen erst auf Seite 193. Dass “Die Sache mit Finn” etwas so erschreckend Schlimmes ist, dass man nicht darüber sprechen kann, ist jedoch von Anfang an spürbar. Denn so unbekümmert Danny auch von seiner Familie und den Menschen, die er auf seiner Reise trifft, erzählen mag – die tiefe Traurigkeit, die ihn umfängt, bleibt.
Dass Kellys Debüt dennoch kein schwermütiges Buch ist, liegt vor allem daran, dass es ihm gelingt, konsequent aus der Perspektive seines jungen Helden zu erzählen: ein wenig sprunghaft, vom Hundertsten ins Tausendste kommend, vorsichtig, dabei aber auch erfrischend ehrlich und berührend offen – und an der Vielzahl witziger Fussnoten, mit denen Danny das von ihm Erzählte oft selbst noch einmal kommentiert.
Ein aussergewöhnliches Buch: Sensibel, bewegend, witzig und traurig zugleich, das zu guter Letzt noch mit einem Ende aufwartet, das einen die Geschichte am liebsten noch einmal lesen lassen möchte.
Andrea Duphorn

Unter dem Gully liegt das Meer
Robert Habeck, Andrea Paluch
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2007, Seiten: 168, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7941-8071-4
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Umweltschutz/Klima | Politik | Gewalt

Eigentlich könnte alles so einfach sein: Die 19-jährige Edda lebt auf der Nordseeinsel Föhr. Dort hat sie alles, was sie liebt: das Meer mit Wind und Wellen zum Surfen – und Jasper. Doch Edda gehört nicht zu den Menschen, die es sich einfach machen. Kurz vor den Abiturprüfungen packt sie ihre Sachen und haut ab. Sie trampt nach Berlin. Ohne Jasper und mitten hinein in die linke Szene, die sich gegen Globalisierung, soziale Ungerechtigkeiten und den geplanten G8-Gipfel engagiert. Wenn es sein muss, auch mit Gewalt.

Eddas neue Freunde haben eine Bombe gebastelt, die sie in einem Gully verstecken und beim Eintreffen der Staatsoberhäupter in Bad Doberan zünden wollen. Die Lage droht jedoch bereits vorher zu eskalieren, als während einer Demonstration ein Mädchen von einer Polizeikugel tödlich getroffen wird. Da steht Jasper plötzlich vor Edda. Ein halbes Jahr lang haben sie sich nicht gesehen…

„Was mache ich als 18-Jähriger mit meinem Leben, welche Verantwortung habe ich für die Gesellschaft, für die Welt, für die Umstände, in der die Menschen leben, in welcher Form von Protest kann ich für ein freies Leben kämpfen?“, hat Robert Habeck, seit 2004 Landesvorsitzender der Grünen in Schleswig-Holstein, in einem Interview zu beschreiben versucht, was ihn und seine Frau Andrea Paluch beim Schreiben beschäftigt hat. Das erfolgreiche Autorenduo – ihr zuvor erschienenes Jugendbuch „Zwei Wege in den Sommer“(Sauerländer 2006) wurde von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2007 nominiert – lässt zunächst die unkonventionelle, nach Antworten suchende Edda aus der Ich-Perspektive erzählen, später dann den misstrauischen, freiheitsliebenden Jasper, der auf Autoritäten geradezu allergisch reagiert. So fängt es das Lebensgefühl einer ganzen Generation sehr authentisch und mit all seinen Widersprüchen ein, die Zerrissenheit zwischen der Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen und dem Wunsch nach Freiheit und Individualität.

„Unter dem Gully liegt das Meer“ ist politischer Roman und zartbittere Liebesgeschichte in einem. Im Mai 2007, kurz vor dem Weltwirtschaftsgipfel in Heiligendamm erschienen, dokumentiert es das Erwachen eines neuen, politischen Engagements unter Jugendlichen. Ein anspruchsvolles Buch für politisch interessierte Heranwachsende, die – wie Edda und Jasper – auf der Suche nach sich selbst sind. Polarisierend, intensiv, zuweilen sogar drastisch, vor allem aber sehr, sehr spannend.

Andrea Duphorn

Fäuste
Pietro Grossi
Aus dem Italienischen von Olaf Roth
Verlag: List, Publiziert: 2007, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-54-868077-4
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Abschied | Identität/Individualität | Geschlechterbilder

Er war der perfekte Sohn: „fleissig, langweilig, ohne irgendwelche Flausen im Kopf, gehorsam; ich ging zeitig ins Bett, und wenn’s sein musste, sagte ich auch noch brav ein Gebet auf. (…) Ich war der disziplinierteste Sohn der Welt. Ich war so diszipliniert, dass ich mich beinahe schon in Luft auflöste.“ Bis der schlaksige Musterknabe das Boxen für sich entdeckt und revoltiert. Eine Woche lang spricht er kein Wort, lernt nicht, setzt sich nicht mehr ans Klavier… Dann hat er es geschafft. Er darf boxen – vorausgesetzt, er tritt zu keinem Wettkampf an. „Sechs Monate später tanzte ich schon im Ring wie eine Ballerina (…). Es war nicht zu leugnen: Obwohl ich absolut nicht den Körper eines Boxers hatte, schien ich dafür geboren zu sein (…) Und seit ich trainierte, spielte ich auch besser Klavier. Sogar Beethoven, der alte Sack, fing an, mit zu gefallen.“

In Italien hat das literarische Debüt von Pietro Grossis eine wahre Euphorie ausgelöst. Von Lesern und Kritik gleichermassen gefeiert, wurde „Fäuste“ sogar für den begehrtesten Literaturpreis des Landes, den Premio Strega, nominiert. Das Buch enthält drei völlig unabhängige Erzählungen um sechs junge Männer, die lediglich die grundlegende Thematik von Freundschaft und Erwachsenwerden verbindet und von Situationen erzählen, in denen sich für die Protagonisten – Rivalen im Ring, ungleiche Brüder, Freunde aus Kindertagen – Weichen für die Zukunft gestellt haben.

In „Boxen“, der ersten Erzählung, der das Buch des jungen Florentiners wohl auch seinen Titel verdankt, ist dies der entscheidende Kampf zwischen zwei überaus talentierten Sportlern. In „Pferde“ bekommen zwei ungleiche Brüder von ihrem Vater jeweils ein Pferd geschenkt. „Es war sofort allen klar, dass die Pferde die beiden Jungen an unterschiedliche Orte bringen würden. Wir können uns noch so sehr einreden, wir seien alle gleich, jeder biegt sich die Welt zu seinen Gunsten zurecht, um schliesslich dort anzukommen, wo es ihm vorherbestimmt ist.“ Während Daniel schon bald ein zweites Pferd im Stall stehen hat, zieht es Nathan immer häufiger in die nahe gelegene Grossstadt. „Der Affe“ schliesslich erzählt von einem jungen Mann, der seinen ehemals besten Freund besucht, weil dieser sich seit einiger Zeit für einen Affen hält. „Er grunzt so komisch und schlägt sich mit der Hand auf die Stirn. Ausserdem kauert er am Boden und spielt mit Pistazienschalen.“ Am Ende dreht Nico sich um und fährt in die Stadt zurück, in der er jetzt lebt, lässt das Dorf, in dem er aufgewachsen ist – und damit auch seine Kindheit endgültig hinter sich, ohne den (geistes)kranken Freund ein zweites Mal besucht zu haben.

Drei poetische Erzählungen, die in einer beeindruckend klaren, einfachen Sprache vom Beginn neuer Lebensphasen erzählen und dem Aufbruch in ein erwachsen(er)es, eigenverantwortlicheres Leben.

Andrea Duphorn

Ab ins Paradies
Tobias Elsässer
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2007, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7941-8066-0
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Abschied | Liebe

„Es gibt kein Unterrichtsfach, in dem man darauf vorbereitet wird, wie es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren.“ Als Tobias’ Grossvater an einem Herzinfarkt stirbt, haut das den 16-Jährigen im wahrsten Sinne des Wortes um: „Ich weiss nicht mehr genau, was ich dann getan habe (…) Ich weiss nur, dass mir plötzlich ungeheuer schlecht wurde. Mein Magen krampfte und noch ehe ich auf die Idee kam, das Klo anzusteuern, kotzte ich den kompletten Flur voll. (…) Mir wurde schwarz vor Augen und ich sank auf den Boden.“ Wenig später buddelt er die Urne mit den sterblichen Überresten seines geliebten Opas auf dem Friedhof wieder aus, um die Asche im Meer zu verstreuen. „Jeder Mensch hat es verdient, dass sein letzter Wille akzeptiert wird“, findet Tobias. Und Opa Wilhelm hat sich nun einmal gewünscht, dass seine Asche vor Sylt in die Nordsee gestreut werden soll, wo er einst seine grosse Vorkriegsliebe kennen gelernt hat. Tobias macht sich auf den Weg. Beim Trampen trifft er auf die 17-jährige Alice, die mit einem gestohlenen Auto, ohne Führerschein – und dem Vorsatz, sich das Leben zu nehmen, unterwegs ist.
Wilde Politiker-Tochter trifft braven Arbeitersohn. „Ab ins Paradies“, der zweite Roman von Tobias Elässer („Die Boygroup“), lebt auch von den Gegensätzen der beiden Hauptfiguren: Dem sanften und nachdenklichen, stark selbstreflektierenden Ich-Erzähler Tobias, der alles in Frage stellt. Und der unkonventionellen, spontanen, zuweilen auch recht aggressiven Alice, die fürchtet von ihren Eltern nicht wirklich geliebt zu werden.
„Ich glaube, dass jeder Mensch lernen muss, er selbst zu sein. Und dazu gehört auch, sein eigenes Ding zu machen. Selbst die Verantwortung zu übernehmen und nicht anderen die Schuld zu geben.“ Spannend und stimmungsvoll erzählt der Autor von zwei jungen, empfindsamen Menschen, ihren Ängsten, Zweifeln, Träumen und Hoffnungen – und einer ungewöhnlichen Reise an die Nordsee und irgendwie auch zu sich selbst. Dabei hat er für seinen jungen Ich-Erzähler eine sehr authentische Sprache gefunden, die jugendliche LeserInnen direkt anspricht und ein hohes Identifikationspotenzial besitzt.
Ein literarisches Roadmovie, das einfühlend und mit viel Humor vom Abschied nehmen und neu anfangen erzählt, vom füreinander da sein und lieben, vor allem aber von der Suche nach dem eigenen Weg, kurz: vom Erwachsenwerden.
Andrea Duphorn

Chandas Krieg
Alan Stratton
Aus dem Englischen von Heike Brandt
Verlag: dtv, Publiziert: 2007, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-78204-3
Schlagwörter: Krieg | Gewalt | Geschwister

In seinem vielfach ausgezeichneten Jugendbuch „Worüber keiner spricht“ stellt der kanadische Autor Allan Stratton die Geschichte des afrikanischen Mädchens Chanda ins Zentrum, deren Mutter an Aids stirbt. „Chandas Krieg“ erzählt die Geschichte der jungen Frau weiter, lässt sich aber auch völlig unabhängig davon lesen.

Um sich mit ihren Verwandten auszusöhnen, reist die 17-jährige Chanda mit ihren beiden jüngeren Geschwistern nach Tiro. Alles scheint sich zum Guten zu wenden, da werden Iris und Soly bei einem grausamen Überfall von Rebellen aus dem Nachbarstaat verschleppt. Zusammen mit Nelson, einem hervorragenden Fährtenleser, folgt Chanda den Soldaten, die eine blutige Spur hinter sich lassen, scheinbar ohne Sinn und Zweck morden und plündern. Mit Nelson kämpft Chanda sich durch den Busch, über Felsen und Flüsse, bis sie das Lager der Truppen des brutalen General Mandiki erreicht.

„Ich träumte von Chanda, und in diesem Traum sah ich Kindersoldaten“, erzählt Stratton in einem Vor-Vorwort. „Völlig elektrisiert wachte ich auf. Was wäre, wenn Chanda und ihre Geschwister zum Dorf der Verwandten fahren würden, um dort den Familienstreit zu beenden? Was wäre, wenn sich der Krieg im Nachbarland inzwischen über die Grenze ausgebreitet hätte? Was wäre, wenn Chanda ihr Leben riskieren müsste, um Bruder und Schwester zu retten?“

Figuren, Orte, Länder und Handlung von „Chandas Krieg“ sind frei erfunden. Doch die geschilderten Gräueltaten entsprechen der Realität. Rund 250 000 Kinder und Jugendliche werden nach Schätzungen der Welthilfsorganisation „terre des hommes“ weltweit zum Kriegsdienst gezwungen. Mit „Chandas Krieg“ bringt Allan Stratton ihr trauriges Schicksal vielen Menschen nahe. Wieder ist er hierfür nach Afrika gereist, hat sich mit Betroffenen unterhalten. Mit Menschen, die Kindersoldaten gewesen sind, und ihren Opfern. Mit Sozialarbeitern, Armeeoffizieren, Geisterheilern, einem Dorfvorsteher und vielen, vielen anderen. Eine traurige, erschütternde und sehr nachdenklich stimmende Geschichte von schmerzlicher Aktualität.

Andrea Duphorn

Kira-Kira
Cynthia Kadohata
Aus dem amerikanischen Englisch von Uwe Michael Gutschhahn
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2007, Seiten: 221, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-5140-1
Schlagwörter: Geschwister | Krankheit | Arbeit | Familie/Familienformen

Katie und Lynn würden staunen, wenn sie heute all die Sushi essenden und Manga lesenden Westler sähen. Denn in den 1950er- und 1960er-Jahren, als die beiden japanischstämmigen Schwestern in Georgia aufwuchsen, war das Leben für die Japaner im Land der unbegrenzten Möglichkeiten unvorstellbar hart und einsam. Unter menschenverachtenden Bedingungen arbeiteten Mutter und Vater in einem Geflügelzuchtbetrieb; die beiden Mädchen wurden in der Schule einfach ignoriert – sogar Lynn, die eine ausgezeichnete Schülerin war.

Davon erzählt Cynthia Kadohata in ihrem sensiblen, witzigen, manchmal fast skurrilen Roman eher beiläufig, und doch entsteht ein eindrückliches Bild der US-amerikanischen Südstaatengesellschaft zu jener Zeit.

Der schon fast betörende Zauber dieses Buches geht aber von der Art aus, wie Kadohata die Beziehung der Schwestern beschreibt. Zwischen den Kulturen ganz auf sich gestellt, erfinden sich Katie und Lynn ihre eigene Welt. Man muss nur die Dinge, die “kira-kira”, glänzend, sind, entdecken – das bringt die kluge Lynn der kleinen Schwester bei; ein Wissen, das Katie gebrauchen kann, als Lynn krank wird und nach einer langen Leidenszeit stirbt. Jetzt ist es Katies Aufgabe zu sehen, wo das Leben, trotz allem, “kira-kira” ist. Als humorvolle Geschichtenerzählerin tritt Katie am Ende aus dem Schatten ihrer brillanten Schwester heraus, bewahrt ihr Andenken und gibt der in Trauer aufgelösten Familie neue Hoffnung.

Christine Lötscher

Tom und der Vogel
Patrick Lenz
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-715-20537-7
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere

Auf dem Gang über den Markt entdeckt der kleine Tom einen violetten Vogel in einem Käfig. Er bestürmt seinen Grossvater, ihm diesen Vogel doch zu kaufen – und trägt dann den Vogelkäfig stolz nach Hause. Trotz der engen Beziehung, die sich zwischen dem Vogel und dem Jungen entwickelt, und trotz der liebevollen Pflege, die er seinem gefiederten Freund angedeihen lässt, wird der Junge bald gewahr, dass der Vogel im Käfig nicht glücklich ist.

Was der Atlantis-Verlag etwas vollmundig als einen “Bilderbuch-Film” anpreist, ist in Wahrheit nichts anderes als ein Pantomimen-Comic, ein Comic ohne Worte: Der Zürcher Illustrator Patrick Lenz erzählt seine Geschichte in einer Abfolge von verschieden grossen Bildern, wie ein klassischer Comic also, ohne aber ein einziges Wort zu verwenden. Sein Strich ist klar und sauber, die Zeichnungen sind tiefenscharf und stecken voller Details, auch die Farbgebung trägt zum Verständnis der Geschichte bei, und Lenz wechselt sicher zwischen Wimmelbildern vom Markt und vom Kinderzimmer und Nahaufnahmen von Toms Gesicht ab, zwischen der Vogel- und der Kinderperspektive. So schafft es Lenz, seine subtile Geschichte mitsamt allen Zwischentönen auch ohne Text sehr klar zu vermitteln. Und letztlich ist es egal, ob es sich bei “Tom und der Vogel” um ein Bilderbuch, einen Comic oder einen “Bilderbuch-Film” handelt – es ist schlicht eine bezaubernde und bezaubernd umgesetzte Geschichte.

Christian Gasser

Paulas Reise
Paul Maar, Illustration: Eva Muggenthaler
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-9399-4404-1
Schlagwörter: Reisen | Identität/Individualität

Wo auch immer Paula nachts in ihren Träumen hinkommt, sei es ins “bunte Land der Kreise”, ins “Land der tausend Ecken”, ins “Land der roten Töne” oder ins “kleine Land Kopfunter” – überall will man sie vereinnahmen, gleich machen und ihr die Regeln der jeweiligen Gegend eintrichtern. So ist im Land der Kreise Schokolade verboten, im Land der Ecken sind Melonen verpönt und im Land der roten Töne “Grünkohl, Dill und Gurken”. Aber Paula ist ein resolutes Mädchen und lässt sich nicht einpassen. Schwups, rettet sie sich mit einem kühnen Sprung, einer klugen Idee aus der Umgarnung, fällt und klettert ins nächste Land. Das letzte ist das schönste: das Bettenland. Hier schreibt ihr niemand vor, wie sie sich kuscheln soll, im Gegenteil: Was erlaubt ist und was nicht, bringt sich Paula in weiche Kissen gebettet selber bei. Mit solchem Nachtgepäck lässt es sich am anderen Morgen beschwingt zur Schule gehen.

Eva Muggenthaler illustriert Paul Maars süffige Nachtballade, die 1996 mit dem Titel “Lisas Reise” schon einmal veröffentlicht worden war, mit viel Dramatik, Schwung, Fantasie und Gespür für Maars Reime. Den Kehrreim “Paula fällt und fällt und fällt …” setzt sie auf eine in Schwarzweiss gehaltene, nur mit wenigen Vignetten bestückte Doppelseite. Mit Paula zieht es die BetrachterInnen von da förmlich ins nächste Land hinein. Zu viel vom Gleichen, merken wir rasch, auch wenn das Rot warm ist, ein Dreieck für sich allein ganz sympathisch und einmal im Kopfunter-Land Leben durchaus attraktiv: Zu viel vom Gleichen ist ungesund. Ein Buch zum Vorlesen und Weiterspinnen für Kinder ab 5 Jahren.

Christine Tresch

Das ist kein Karton!
Antoinette Portis
Verlag: Hanser, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-4462-0909-3
Schlagwörter: Fantasie | Spiel

Schon auf dem Buchcover erwarten einen die beiden Protagonisten dieses ästhetisch so auffälligen wie witzigen Bilderbuches. Ein kleiner Hase lugt mit Knopfäuglein, überlangen Ohren und in die Hüfte gestemmten Armen unternehmungslustig in die Welt. Er wird flankiert vom heimlichen Hauptakteur der Geschichte: Eine auf ein einfaches Rechteck reduzierte Kartonkiste ist das alles auslösende Objekt für den kleinen Hasen, der voll Tatendrang und gegen die Fantasielosigkeit einer aus dem Off fragenden Person zahlreiche Aktionsmöglichkeiten mit der Schachtel auslotet. Während der kleine Hase die erste Frage “Warum sitzt du in einem Karton?” noch seelenruhig hinnimmt und konstatiert, dass dies eben kein Karton sei, werden seine Antworten auf die Fragen – die immer auf der Realitätsebene bleiben – je länger, je heftiger. Erst als sich die fragende Person bemüht herauszufinden, worum es sich handeln könnte, schmettert ihm der Hase die erlösende Antwort entgegen: “Das ist mein Kein-Karton!” und verabschiedet sich mittels Kartonkisten-Rakete ins Weltall.
Die amerikanische Illustratorin Antoinette Portis findet für die (hoffentlich nicht nur) bei Kleinkindern grosse Gabe, hinter die reine Objekthaftigkeit von Dingen zu schauen, eine grafisch überzeugende Umsetzung. Sie beschränkt sich zum einen auf einfachste Strichzeichnungen, zum anderen ordnet sie den beiden Sichtweisen je eine Farbe zu: Schwarz ist das, was auch fantasielose BetrachterInnen sehen, also eine Kartonkiste und einen Hasen. Rot steht für die Fantasiewelten. Dass das Buch als einfache Reihengeschichte aufgebaut ist, macht es schon für ganz kleine Pappkarton-SitzerInnen zu einem grossen Lese- und Spielspass. Ein tolles Geschenk auch, bei dem die Verpackung in einem vermeintlich langweiligen braunen Karton Ehrensache ist.
Barbara Jakob

19 Mädchen und ich
Darcy Pattison, Illustration: Steven Salerno
Aus dem Englischen von Uli Blume
Verlag: Boje, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82021-8
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Abenteuer | Freundschaft | Kreativität

Auf dem Cover sind 19 fröhliche Mädchen und ein ziemlich ratlos blickender Junge zu sehen. Dieser Sachverhalt führt geradewegs zum Thema des Buches: Hennings Dilemma zwischen dem traditionellen Heldenmuster – sprich: Mädchen sind doof – und der Erkenntnis, dass es sich auch mit Vertreterinnen des anderen Geschlechts wunderbar spielen lässt.

Der erste Schultag ist für Henning eine grosse Enttäuschung. Seine Klasse besteht nämlich aus 19 Mädchen – und ihm, kein anderer Junge weit und breit. Ein gefundenes Fressen für Hennings grossen Bruder. Dieser prophezeit, die Mädchen würden ein Weichei aus Henning machen. Er aber entgegnet: “Oh, nein, ich werde harte Burschen aus ihnen machen.”

Der Unterricht bei Lehrerin Frau Strahlemann wird in der Geschichte nicht ausgeführt, und das Schulhaus erscheint auf den Bildern grau in grau. Die Pausen sind jedoch bunt dargestellt, dort spielt sich das Wesentliche ab. Das Erklimmen einer Leiter zum Beispiel, sie führt die Kinder direkt auf den Mount Everest; der Wasserschlauch wird zum Amazonas, und mit einer Schaufel graben die Kleinen bis nach China. Jedes Mal ist ein Objekt Auslöser für ein weiteres Abenteuer, und fast unmerklich vollzieht sich im Laufe der Woche eine Wandlung. Die “jungen Damen” setzen weibliche Akzente.

Die Quintessenz dieser ersten Schulwoche: Mädchen sind nicht zwangsläufig Schwächlinge, das sieht am Ende sogar Hennings grosser Bruder ein. Was zählt, ist das gemeinsame selbstvergessene Spielen zwischen Abenteuer und Kreativität und die daraus entstandene Freundschaft. Das kommt in diesem Buch – schwungvoll illustriert von Steven Salerno – sehr schön zum Ausdruck.

Katrin Ruchti-Fehr

Das grosse Gähnen
Monika Spang, Illustration: Sonja Bougaeva
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0530-X
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen

Gähnen ist ansteckend. Kaum sitzt einem jemand gegenüber, der es herzergreifend tut, überkommt es einen selbst. Dass dieses Phänomen nicht nur bei Menschen zu beobachten ist, davon erzählen Monika Spang und Sonja Bougaeva in ihrer heiteren Zoo- und Gute-Nacht-Geschichte “Das grosse Gähnen”.

Genau handelt das erste gemeinsame Bilderbuch des Duos von exakt 30 Minuten und einem aussergewöhnlichen Streifzug durch einen Tierpark. “Punkt acht beim Tiger” gehts los, und dann leitet Monika Spang in fantasievollen Paarreimen mit Schwung und Humor von einer Station zur nächsten: Um 8.02 Uhr sind die Schwäne dran. Schweine (8.03 Uhr), Krokodil (8.04 Uhr), Hyänen (8.07 Uhr), Giraffen (8.08 Uhr), Esel (8.09 Uhr), Löwen (8.10 Uhr) folgen gewissermassen im Minutentakt. “Am Ende ist es acht Uhr dreissig. / Was kreucht und fleucht, / das gähnt jetzt fleissig. / Das Lama gähnt, das Känguru, / der Bär, das Zebra und das Gnu. / Das Faultier denkt sich, das ist fein, / zum Glück kehrt endlich Stille ein!”

Mit Witz und Fantasie bildet Sonja Bougaeva die amüsante Kettenreaktion in stimmungsvollen Illustrationen ab. Ob die 1975 in Sankt Petersburg geborene, inzwischen in Hamburg lebende Trickfilmzeichnerin nun Giraffen, Esel oder Löwen herzhaft gähnend oder bei der ausgiebigen Nachttoilette zeigt – es gelingt ihr jedesmal eindrucksvoll und mit einem Augenzwinkern, Assoziationen an allabendliche Zeremonien in den Familien zu wecken, die einen aus dem Schmunzeln nicht mehr herauskommen lassen.

Eine wundervolle Vorlese-Geschichte, welche die Herzen von Jung und Alt mit eingängigen Versen und detailreichen Bildern nicht nur im Sturm erobern, sondern künftig wohl auch so manches Kind ein bisschen leichter unter die Bettdecke schlüpfen lassen wird.

Andrea Duphorn

Vom Leben in der Erde
Anne Möller
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-9127-7
Schlagwörter: Tiere

Dass es auf der Erde kreucht und fleucht, beobachten schon die Allerkleinsten Tag für Tag. Dass sich auch in beziehungsweise unter der Erde allerhand tut, wissen Bücherwürmer im Vorschulalter spätestens, nachdem sie sich durch die festen Kartonseiten von Anne Möllers Sachbilderbuch gewühlt beziehungsweise geklappt haben. Obwohl Klappfenster im Segment Kindersachbilderbuch gegenwärtig fast inflationär eingesetzt werden, haben Kinder nach wie vor Spass daran. Und der Autorin bieten sie die Möglichkeit, ausgewählte Details zu vertiefen, ohne die Buchseiten dabei optisch zu überfrachten.
Anne Möller behandelt den Lebensraum Erdboden auf den wenigen Seiten, die ihr zur Verfügung stehen, erstaunlich vielfältig. Von Doppelseite zu Doppelseite wechselt sie sowohl den Zoomfaktor, mit dem sie in die Erde und auf deren Bewohner und Geheimnisse blickt, als auch den thematischen Schwerpunkt. Einmal stehen Samen und Nüsse im Vordergrund, ein anderes Mal die Regenwürmer und ihr Beitrag zur Verbesserung der Bodenqualität oder die Steine und ihre unterschiedliche Herkunft. Dabei liegt Möllers Stärke eindeutig in der Darstellung der Insekten und Würmer; ihre Säugetiere und Menschen hingegen erinnern verdächtig an lieblich-süsse Kaufhausbilderbuchwelten. Auch handelt es sich bei den dargestellten Szenen um konstruierte Wirklichkeitsausschnitte. Gut möglich, dass es bei der nächsten Grabung im Waldboden enttäuschte Kindergesichter gibt, wird nicht auch ein Dinosaurierskelett, eine prähistorische Feuerstelle inklusive Tonscherben, eine Fuchs- sowie eine Dachsfamilie entdeckt.
URSULA KAHI

Die Mauer
Peter Sis
Aus dem Englischen von Michael Krüger
Verlag: Hanser, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-4462-0892-5

Peter Sís, einer der interessantesten zeitgenössischen (Sachbuch-)Illustratoren und ein Meister des vielschichtigen Erzählens in Bildern, wurde 1949 in Prag geboren – ein Jahr, nachdem die Sowjets die Tschechoslowakei besetzten. In seinem neuen Buch erzählt er die Geschichte seiner Jugend zwischen Repression und Hoffnung auf Freiheit – eine Freiheit, die er nach der Niederschlagung des Prager Frühlings aufzugeben müssen glaubte. 1984 emigrierte er in die USA, wo er heute noch lebt.
“Die Mauer” erzählt vor allem in Bildern vom Leben hinter dem Eisernen Vorhang; dabei geht es um das individuelle Schicksal des jungen Peter, dessen Herz für die Malerei und für Rockmusik aus dem Westen schlägt, wie auch um das kollektive Lebensgefühl in einer Diktatur; zwei Ebenen, die durch den Einsatz verschiedener Bild- und Textelemente zustande kommen. In fein ziseliertem Schwarzweiss und in strenger Anordnung versammeln sich die Menschen nicht nur zur Feldarbeit und zu Paraden, sondern sie sitzen ebenso angespannt in ihren Wohnzimmern – der Feind hört mit, die Kinder werden in der Schule dazu angestiftet, ihre Eltern zu verraten. Farbe gibt es in dieser Welt des Argwohns nur in Form der roten Flagge – und auf den Zeichnungen des kleinen Peter.
“Manchmal werden Träume wahr”, heisst es auf der letzten Doppelseite, “am 9. November fiel die Mauer.” Das Bild dazu ist düster, die Morgenröte am Horizont zeigt sich in kühlem Rosa. Die kleinen Figuren, die mit Pickeln auf die Mauer einhämmern, haben noch viel Arbeit vor sich.
Christine Lötscher

Ungeheuer!
Morten Ramsland, Illustration: Vitali Konstantinov
Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
Verlag: Boje, Publiziert: 2007, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82031-5
Schlagwörter: Gewalt | Fabelwesen

Zwischen Peters Eltern fliegen nicht nur die Fetzen, da wird mit Tellern, Messer, Gabeln, Aschenbechern, durchgekauten Kaugummiklumpen und Bratensauce nach dem Partner geworfen. Und vor allem auch mit verletzenden Worten. Warum das Paar überhaupt zusammenlebt, ist ein Rätsel. Besonders für Peter. Der Junge leidet unendlich unter der Situation und träumt von einem Familienleben in Rosatönen: Eltern, die Händchen halten; Kinder, die auf dem Schoss der Erwachsenen sitzen; Nachmittage voller Süssigkeiten, Witzen und Mau Mau. Stattdessen ist sein Alltag geprägt von Bauchschmerzen, abgekauten Fingernägeln und dem Halbdunkel des Schranks unter der Spüle.

Peters Situation berührt. Dass sie einen nicht zu sehr beklemmt, ist den kartoffelähnlichen Ungeheuerchen zu verdanken, die nach und nach das Haus bevölkern, sowie den Illustrationen von Vitali Konstantinov. Die Ungeheuerchen, ein Ausdruck der Angst und inneren Not Peters, werden mit der Zeit zu ausgewachsenen Ungeheuern. Sie stehen dem Jungen zur Seite, trösten ihn und helfen, Peters rosarotes Familienbild schliesslich nahezu Wirklichkeit werden zu lassen. Vitali Konstantinov findet für das Bedrohliche des elterlichen Streites eine Bildsprache, die Raum für Komisches lässt, ohne zu verharmlosen. Andererseits relativieren sie die im Text geschilderte Familienidylle. Noch ist nicht alles rosarot – trotz rosa Tapete, Bonbons und Mau Mau. Noch liegen Scherben auf dem Fussboden, bleiben die Monster in Petto, sitzt Peter allein am Tisch.

Ursula Kahi

Mia mit dem Hut
Karin Koch, Illustration: André Rösler
Verlag: Hammer, Publiziert: 2007, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0150-3
Schlagwörter: Freundschaft | Rassismus | Mut/Selbstbewusstsein

Mia ist begeistert von ihrem neuen Klassenkameraden: “Er hat schwarze Haut und schöne Haare, und in seinen Augen ist ein Glitzern wie von tausend Sternen”, schwärmt sie und würde am liebsten genauso aussehen wie Abadi. “Ich will auch schwarz sein”, erklärt sie ihrem Vater. “Dann glänzt meine Haut und meine Augen leuchten.” Aber obwohl Mia und Abadi viel Spass zusammen haben, steht sie in der Not nicht zu ihrem Freund und schweigt, anstatt der Lehrerin zu erzählen, warum Abadi sich mit Tim geprügelt hat. Abadi ist enttäuscht und will von Mia nichts mehr wissen. Trotzdem hilft er ihr, als die Lehrerin in ihrem Heft kurz darauf den Satz “Ausländer raus!” entdeckt und Mia zur Rede stellt. Als Tim und seine Freunde ihn dann das nächste Mal hänseln, als “Stinker” und “Piffe-Paffe, schwarzer Affe!” beschimpfen, fällt es Mia nicht mehr schwer, zu sagen, dass Abadi ihr Freund ist. Jetzt kann sie der Lehrerin erklären, was wirklich passiert ist.

“Mia mit dem Hut” ist nach “Kannst du brüllen?” (2003) und “Emil wird sieben” (2005) das dritte Erstlesebuch von Karin Koch und André Rösler. Es vermittelt nicht nur sehr überzeugend, dass es nicht immer leicht ist, ein guter Freund oder eine gute Freundin zu sein, sondern regt auch auf zurückhaltende, sanfte Weise zu Gesprächen über Themen wie Fremdenhass, Mut und Zivilcourage an, ohne dabei zu moralisieren. Eindringlich unterstützen Röslers ausdrucksstarke Bilder die einfühlsam erzählte Geschichte, die nachdenklich und doch optimistisch stimmt – schliesslich sind es am Ende “zwei mit Hut”, die jeden Tag zusammen zur Schule gehen. Mia, weil der Hut sie an ihren Uropa erinnert. Und Abadi, weil er jetzt Mias Freund ist.

Andrea Duphorn

Gufidaun
Bruno Blume, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2007, Seiten: 58, ISBN/ISSN/EAN: 3-9399-4403-3
Schlagwörter: Freundschaft | Weltall

Erstlesetexte schreiben ist eine Kunst: AutorInnen müssen sich an strenge Vorgaben halten, was Länge und Anzahl der Sätze und den Umgang mit schwierigen Wörtern betrifft. Nur wenige, Kirsten Boie etwa oder Christine Nöstlinger, beherrschen die Kunst, mit einfachen sprachlichen Mitteln spannungsreiche Geschichten zu schreiben. Zu neuen Ufern in Sachen Erstlesereihe bricht der Berliner Tulipan-Verlag mit seinem ersten Programm auf. Die Idee: Bekannte KinderbuchautorInnen schreiben für LeseanfängerInnen, illustriert werden die Bücher von ebenso renommierten KollegInnen.

“Tulipan ABC” bietet Lesetexte für ErsteleserInnen, Fortgeschrittene und Profis. Bruno Blumes und Jacky Gleichs “Gufidaun. Martin und der Ausserirdische” macht den Auftakt für die Profis: Der Drittklässler Martin begegnet nach dem Eishockeytraining einem eigenartig aussehenden Wesen. “Bin ganz alleinig. Heisse Gufidaun und komme von oben”, stellt es sich vor. Martin nimmt Gufidaun mit nach Hause. Er will versuchen, dessen Schaumschiff zu flicken und ihm so die Rückkehr ins All zu ermöglichen. Nach einer turbulenten Nacht und einem stressigen Tag gelingt es Martin, zusammen mit der Klassenkameradin Sara den sympathischen, aber hilflosen Ausserirdischen auf die Heimreise zu schicken. Die Geschichte lebt von Slapsticksituationen, Gufidauns Naivität und der Spannung – denn selbstverständlich darf Martins Mama nichts vom ungewöhnlichen Gast erfahren. Jacky Gleichs Illustrationen, mal ganzseitig, dann wieder als Vignetten, begleiten den Text mit viel Sinn für Zwischentöne.

Neben dem Tandem Blume/Gleich machen Martin Baltscheit und Ulf K. mit “Felline, Professor Paul und der Chemiekasten” und Eva Muszynski und Karsten Teich mit “Cowboy Klaus und sein Schwein Lisa” den vielversprechenden Auftakt in dieser Erstlesereihe.

Christine Tresch

Das schiefe Buch
Peter Newell
Aus dem Englischen von Roger Willemsen
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2007, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-88-6

“Das schiefe Buch” hält auf den ersten Blick, was sein Titel verspricht: Es ist unverkennbar schief. Es hat aber nicht nur eine aussergewöhnliche Form, es weist auch aussergewöhnlich dicke Buchdeckel aus Pappe auf. Zudem ist das Nachwort – auch das ungewöhnlich – eigentlich ein Beiwort, liegt es doch dem Buch als Separatdruck bei. Aufgrund des schrägen Seitenzuschnitts ist nicht nur das Buch als Ganzes schief, sondern es neigen sich auch die darin enthaltenen Texte und Illustrationen. Schlicht genial im Zusammenhang mit einer Geschichte, die eine wilde Talfahrt beschreibt. Eines Tages nämlich entgleitet der Magd auf der abschüssigen Strasse der Kinderwagen mit Bobby darin. Sehr zur Freude des Kleinen rast der Wagen in der Folge den Abhang hinunter, aus der Stadt hinaus und durch deren Umland. Man hört den Kleinen geradezu jauchzen und in die Hände klatschen, während der Kinderwagen rücksichtslos alles über den Haufen fährt, was seine Bahn kreuzt. Ob Mensch, Tier oder Ding, Polizist, Dogge oder Pauke, nichts ist vor Bobby und seinem Kinderwagen sicher. Während die gereimten Verse Bobbys tollkühne Fahrt mal besorgt, mal tadelnd beschreiben und kommentieren, liegt der Fokus der blau-, rot- oder grünstichigen Illustrationen auf Bobbys (Schaden-)Freude sowie auf dem Schrecken und dem Zorn seiner Opfer.
“Das schiefe Buch” ist erstmals 1910 in den USA erschienen. Und obgleich die Geschichte unverkennbar etwas vom Duft einer amerikanischen Kleinstadt um die Jahrhundertwende verbreitet, wirkt sie witzig und fidel. Eine echte jung gebliebene Alte eben.
Ursula Kahi

Lilli und die verzauberten Drachen
Carina Rozenfeld, Illustration: Aljoscha Blau
Aus dem Französischen von Sophia Sonntag
Verlag: Tulipan, Publiziert: 2007, Seiten: 267, ISBN/ISSN/EAN: 3-9399-4407-6
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft | Fantastik/Fantasy | Aussenseiter:in/Mobbing

Lilli ist wegen ihrer grossen Fantasie in der Schule eher eine Aussenseiterin. Besonders die draufgängerische Franka macht ihr zu schaffen. Dabei kann Lilli gar nicht verstehen, wie man nicht an Drachen, Elfen oder Einhörner glauben kann – schliesslich gibt es genug Bücher über sie. Lilli ahnt nicht, dass sie selbst bald mitten in einem fantastischen Abenteuer stecken wird. Im Drachenland verschwinden die Drachen – und in ihrer Not wenden sie sich an Lilli. Also zieht das schüchterne Mädchen in den Kampf gegen die böse Zauberin Camilla und verliert dabei zunehmend ihre Unsicherheit. Schliesslich überwindet sie sogar ihre grösste Angst: Sie bittet ausgerechnet Franka um Hilfe. Denn es scheint so, als wäre ihr gemeinsamer Schuldirektor in Wahrheit der böse Zauberer Vindini …

“Lilli und die verzauberten Drachen” ist ein nettes Fantasy-Abenteuer für Mädchen ab acht Jahren, das neben vergleichbaren fantastischen Erzählungen leider ein wenig altbacken wirkt. Auflockerung erfährt die Geschichte auch nicht durch die überaus düsteren Illustrationen von Aljoscha Blau. Es wird viel zu viel erklärt, was sich den jungen LeserInnen eigentlich von selbst erschliessen müsste; die pädagogische Aussage, dass man leichter Freunde findet, wenn man seine Schüchternheit zu überwinden lernt, ist überdeutlich. Schön ist allerdings der Schluss – der gibt nur einen leisen Hinweis darauf, warum die Drachen ausgerechnet Lilli um Hilfe baten. Und das verleiht der Geschichte einen kleinen Zauber. Ein Märchenabenteuer für alle, die es nicht zu wild mögen und in denen ein bisschen Lilli steckt.

Maren Bonacker

Ella in der Schule
Timo Parvela, Illustration: Sabine Wilharm
Aus dem Finnischen von Anu und Nina Stohner
Verlag: Hanser, Publiziert: 2007, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-4462-0893-3
Schlagwörter: Humor/Komik | Schule

Ella geht in die erste Klasse. Sie geht gerne zur Schule und findet ihren Lehrer nett. Doch seit einiger Zeit benimmt er sich eigenartig. Er vergisst Hausaufgaben zu geben, sagt zur Tafel Stuhl und erhält zudem anonyme Briefe: Dieser Sache muss man nachgehen.

Zusammen mit ihren Klassenkameraden – mit Timo, der alles weiss, mit Mika, der Heulsuse, mit Tiina und Hanna und mit Pekka, der nie etwas versteht – klärt Ella diese mysteriöse Geschichte auf. Dabei handelt es sich gar nicht, wie anfänglich vermutet, um Erpresser-, sondern um Liebesbriefe. Und im grünen Koffer, den der Lehrer in der Nacht in den Park bringt, befindet sich auch kein Lösegeld. Der Lehrer will sich nämlich mit seiner Verlobten treffen, um auf Hochzeitsreise zu fahren. Doch dies erfahren die Schulkinder erst, nachdem sie schon die Polizei alarmiert haben, um den Erpresser zu stellen und stattdessen den Lehrer beim Rendezvous ertappen. Das ist nur eine Episode aus einer Reihe von lustigen Streichen und Erlebnissen, von denen die Ich-Erzählerin Ella berichtet.

“Ella in der Schule” erfrischt die LeserInnen mit viel Humor und witzigen Zeichnungen – von Sabine Wilharm. Wenn auch die Streiche zeitweise etwas unglaubwürdig wirken, ist das Buch doch ein garantierter Lesespass für Gross und Klein, geeignet zum Vorlesen und ersten Selberlesen.

Petra Bäni

Peter und die Schattendiebe
Dave Barry, Ridley Pearson
Aus dem amerikanischen Englisch von Gerda Bean
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2007, Seiten: 506, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3166-0
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

Obwohl sie die Insel “Niemalsland” noch nicht lange gemeinsam bewohnen, hat der Kampf zwischen den verlorenen Jungen und den Piraten beinahe schon Tradition – jedenfalls, wenn es nach Peter geht, dem Jungen, der nie älter wird und der wie ein Vogel durch die Luft fliegen kann. Doch diese nicht immer harmlosen Streitereien geraten in den Hintergrund, als eine düstere Bedrohung auftaucht: Eine merkwürdige, finstere und Kälte verströmende Gestalt ist auf der Suche nach der Truhe mit dem Sternenstaub, die Peter so tapfer für Lord Aster und dessen Tochter Molly verteidigt hatte. Nun wird dieser gefährliche Lord Ombra nach London aufbrechen, um die Truhe wenn nötig mit Gewalt an sich zu bringen. Allein Peter kann Molly und ihren Vater warnen. Als blinder Passagier reist er mit Ombras Schiff in seine alte Heimat zurück – voller Angst, dass es ihm diesmal nicht gelingen könnte, seine Freundin zu retten.

Obwohl ja eigentlich die Vorgeschichte von James Matthew Barries “Peter Pan” erzählt wird, schreibt das amerikanische Autorenduo Barry und Pearson in herrlichster Stevenson-Manier: Spannung, Seefahrer, finstere Piraten und anderes Gelichter erinnern an Romane in der direkten Erbfolge der “Schatzinsel”. Hinzu kommen fantastische Figuren wie das Vogelmädchen Tinker Bell und der Schatten aufsaugende Lord Ombra – fertig ist ein erstklassiger Abenteuerroman, dem Jungen und Mädchen gleichermassen kaum widerstehen können. Mit kurzen Kapiteln und vielen kleinen Spannungsbögen trotz des grossen Umfangs auch von leseschwächeren Kindern zu bewältigen – und wunderbar zum Vorlesen geeignet. Nur sollte man den (nicht minder empfehlenswerten) Vorgängerband, “Peter und die Sternenfänger”, gelesen haben, um der Handlung mühelos folgen zu können.

Maren Bonacker

Die Rache
Mats Wahl
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Hanser, Publiziert: 2007, Seiten: 283, ISBN/ISSN/EAN: 3-4462-0906-9
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Rassismus | Gewalt

Im jüngsten Krimi des schwedischen Bestsellerautors Mats Wahl sinnen gleich mehrere Figuren auf Rache: Tove, die Enkelin von Pastorin Aina Stare, will den Mord an ihrem Vater rächen, der von neonazistischen Tätern zu Tode getrampelt wurde, und die Söhne von Achilles Seferis, dem Restaurantbesitzer, wollen sich an den Tätern rächen, die Seferis eines Abends überfallen und so schwer verletzen, dass er im Spital um sein Leben kämpfen muss. Im Mittelpunkt des Geschehens jedoch steht Anneli Tullgren, die Wahl-Fans bereits in “Der Unsichtbare” (2001), dem ersten Roman der Serie, kennengelernt haben. Anneli Tullgren war damals eine pubertierende Jugendliche aus zerrüttetem Milieu und mit rechtsextremen Ansichten. In “Die Rache” ist sie eine etablierte Politikerin, die kurz vor den Wahlen in öffentlichen Auftritten den Ausländerhass schürt. Auch ihr Leben ist bedroht. Rachegedanken sind menschlich, selbst Harald Fors, der die Ermittlungen leitet, ist nicht davor gefeit: Jedes Mal, wenn sein früherer Kollege Rutger Schyberg auf seine Flugangst anspielt, stiehlt ihm Fors einen teuren Kugelschreiber und wirft ihn zum Beispiel in den nächsten Papierkorb. Was aber bringt die einen dazu, den Rachegedanken auszuführen, und die anderen, im letzten Moment innezuhalten? Bei Mats Wahl, dem ehemaligen Lehrer für Schwererziehbare, ist die Welt nicht schwarzweiss, auch die Polizei hat ihre fragwürdigen Seiten. In seinem spannenden, temporeichen Krimi zeigt Wahl auf, dass Mord und Gewalt gesellschaftliche Ursachen haben, und regt zum Nachdenken an.

Christine Holliger

Weisse Finsternis
Geraldine McCaughrean
Aus dem Englischen von Petra Koob-Pawis
Verlag: CBJ, Publiziert: 2007, Seiten: 334, ISBN/ISSN/EAN: 3-5701-3270-6
Schlagwörter: Reisen | Natur

Die 14-jährige Symone kann ihr Glück kaum fassen, als ihr Onkel Victor ihr eröffnet, dass er sie zu einer Expedition ins arktische Eis mitnehmen wird. Seit ihrer Kindheit ist es ihr grösster Traum, an den Südpol zu reisen – ihr ganzes Bücherregal steht voller Reiseberichte und Sachbücher über die faszinierende Welt aus Eis, ihre heimliche Liebe ist der vor neunzig Jahren bei einer Polarexpedition ums Leben gekommene Titus Oates.

In die Vorfreude mischt sich ein ungutes Gefühl. So will Victor mit aller Macht verhindern, dass Symone ihrer Mutter das Ziel der Reise nennt. Ein Reisepass verschwindet, ein Telefon wird zerstört – plötzlich ist der Südpol nicht länger ein Traumziel, sondern eine eisige Falle, aus der keinerlei Kontakt zur Aussenwelt mehr möglich ist. Jetzt erst erfährt Symone Victors wahren Reisegrund: Er will am Pol den umstrittenen Einstieg in eine Welt finden, die sich unterhalb der Erdkruste befindet. Um dieses Ziel zu erreichen, ist er bereit, alles zu opfern. Auch Menschenleben…

Immer deutlicher wird Victors Wahn, immer beklemmender und bedrohlicher Symones Lage. Ihren einzigen Verbündeten hat sie in ihrem imaginären Freund Titus Oates. Die gedankliche Zwiesprache mit ihm hält ihren Überlebenswillen wach, die Erinnerung an seine Erlebnisse im ewigen Eis, die sie aus seiner Biografie in- und auswendig kennt, rettet ihr Leben. Dabei verschwimmen die Eindrücke zunehmend – hat Symone wirklich alles gelesen, was sie in den stummen Dialogen erfährt? Oder ist es Titus’ Geist, der sie am Leben hält? “Weisse Finsternis” ist ein atemberaubender Thriller mit einem fantastischen Einschlag, der einen nicht nur wegen des frostigen Handlungsortes schaudern lässt.

Maren Bonacker

Lehmann oder Die Versuchung
David Almond
Aus dem Englischen von Ulli und Herbert Günther
Verlag: Hanser, Publiziert: 2007, Seiten: 237, ISBN/ISSN/EAN: 3-4462-0904-2
Schlagwörter: Religion | Grusel/Spuk/Horror | Freundschaft

Geordie und Davie leben in dem kleinen Ort Felling an der englischen Ostküste. Sonntags sind sie die Ministranten im Gottesdienst ihrer Ortsgemeinde, ansonsten tun aber auch sie das, was gelangweilte Teenager eben so tun. Dann kommt ein fremder Junge in Felling an. Stephen ist etwa genauso alt wie die beiden Freunde, aber es ist etwas Seltsames an ihm, etwas, das vor allem auf Davie zugleich faszinierend und beängstigend wirkt. Scheinbar unaufhaltsam und hypnotisch wird er in Stephens Pläne hineingezogen, die bald albtraumhafte Züge annehmen. Und Stephen soll wegen Geisterbeschwörung und dunkler Messen von der Schule geflogen sein… David Almond bedient sich in seinem neuen Roman bekannter Formate und Stoffe und gestaltet seine Erzählung als klassischen Schauerroman, der sich inhaltlich deutlich an Mary Shelleys “Frankenstein” anlehnt. Auch hier wird gezeigt, was geschieht, wenn der Mensch sich aus dem Wunsch heraus, wie Gott zu sein, mit Mächten einlässt, die er nicht kontrollieren kann. Almond ist mutig, wenn er diese bekannten Versatzstücke erneut auf den Plan bringt. Aber er kann auf sein erzählerisches Talent vertrauen, welches die Geschichte nicht als Abklatsch erscheinen lässt. Düstere Vorahnungen von dräuendem Unheil und die Spannung zwischen natürlicher und übernatürlicher Erklärung der Geschehnisse sorgen vielmehr für eine dichte Atmosphäre, welche die LeserInnen frisch und unweigerlich in ihren Bann schlägt.

Christian Kölzer

All for Love
Jenny Robson
Aus dem Englischen von Jutta Himmelreich
Verlag: Hammer, Publiziert: 2007, Seiten: 167, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0152-X
Schlagwörter: Gewalt | Krankheit | Geschlechterbilder

Überall, wo die 16-jährige Gaone auf viele Leute trifft, beginnt sie sie zu zählen. An der Bushaltestelle, in der Aula des Gymnasiums am Welt-Aids-Tag. In der Provinz Südafrikas, wo Gaone lebt, sind elf Prozent der Menschen mit dem HI-Virus infiziert. In der Aula müssen das ungefähr zweihundert Leute sein, überschlägt sie. Aber die Anwesenden scheint das Thema nichts anzugehen: “In Meriting taten die meisten Leute so, als käme Aids nur anderswo vor, weit weg, in den Grossstädten, wo die Leute keine Moral haben und nicht in die Kirche gehen.” Gaone kennt die Verlogenheit der Leute und sie liest alles, was ihr über Aids in die Finger kommt. Seit ihre Mutter an Aids starb, lebt sie mit ihrer kleineren Schwester bei einer Tante, die das Wort “Aids” nicht in den Mund nimmt. Ganz anders Gaones Englischlehrerin Miss Dike. Sie tritt am Welt-Aids-Tag unaufgefordert ans Mikrofon und spricht zu Eltern und SchülerInnen darüber, wie man angesteckt werden kann und welche Verantwortung jeder und jede Einzelne trägt. Am nächsten Morgen wird sie erschlagen aufgefunden.

In Rückblenden lässt die südafrikanische Autorin Jenny Robson Gaone von den Gemeinheiten berichten, die Miss Dike nachgesagt werden, und von ihren verzweifelten Versuchen, ihre Schwester vom Frauenheld der Schule fernzuhalten. Von den Vermutungen aber auch, die die junge Frau über die Mörderin hat. Die lebendige Sprache und der Krimiplot machen “All for Love” zu mehr als einem Aufklärungsbuch über Aids in Südafrika – zu einer berührenden Lektüre über eine junge schwarze Frau in Südafrika, die ihr Leben in die Hände nimmt und gegen kollektive Verdrängungsmechanismen ankämpft. Ein Buch, das sich auch gut eignet als Vorleselektüre zum Thema Aids auf der Oberstufe.

Christine Tresch

Marcolini oder Wie man Günstling wird
Karla Schneider
Verlag: Hanser, Publiziert: 2007, Seiten: 415, ISBN/ISSN/EAN: 3-4462-0905-0
Schlagwörter: Historisches | Freundschaft

Am kurfürstlichen Hof in Dresden gibt es eine Art Puppentheater aus Silber, Gold und Email. Es ist ein Palasthof en miniature, der “Hofstaat zu Delhi am Geburtstag des Grossmoguls Aureng-Zeb”, das Prunkstück der königlichen Schatzkammer. Marcolini, Kammerpage am kurfürstlichen Hof, ist fasziniert davon – und so wie er in diese märchenhaft exotische Szene versinkt, so geht es uns LeserInnen bei der Lektüre von Karla Schneiders neuem historischem Jugendroman. Die Handlung spielt im Dresden des Jahres 1763, kurz nach dem Siebenjährigen Krieg. Aus der Perspektive von Camillo Marcolini, dem verarmten Spross einer italienischen Adelsfamilie, der als Page nach Sachsen gekommen ist, erleben wir die korrupte Pracht des Hofes und die Kargheit des städtischen Alltags, die rauen Sitten der frühneuzeitlichen Gesellschaft und die Poesie des Rokokos.

Wir lesen aber auch die Geschichte einer sich erst spät entwickelnden, zurückhaltenden Freundschaft zwischen Marcolini und dem Kronprinzen Friedrich August, welche erst so richtig aufblüht, als die beiden Jungen mehrere Wochen im Sommerschlösschen Pillnitz verbringen. Der Page ermutigt den Prinzen, sich physisch und mental frei zu bewegen – und stärkt damit das angeschlagene Selbstwertgefühl des Prinzen mit Erfolg.

Karla Schneiders Roman ist eine oft poetisch geschriebene, ruhige und doch packende Erzählung und es gelingt der Autrin, ohne belehrenden Unterton viel über die Mentalität der damaligen Menschen zu vermitteln. Vieles bleibt am Ende offen, wie es auch keinen eigentlichen Anfang gibt. Das ist auf den ersten Blick etwas enttäuschend, weil man nicht weiss, wohin das Leben Marcolini und seinen Prinzen bringen wird. Und doch ist es stimmig, gibt uns das Gefühl, für ein paar Wochen ins Dresden des Spätbarocks gereist zu sein, als vorübergehender Gast.

Julia Steiger

Seebarsch und Süsskartoffeln
Pensri Kiengsiri
Aus dem Englischen von Mayela Gerhardt
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 2007, Seiten: 134, ISBN/ISSN/EAN: 3-3140-1549-6
Schlagwörter: Liebe | Geschlechterbilder | Kulturen

Unweit der Sukhumvit-Strasse liegt der Thonglor-Markt mit seinen chinesischen und thailändischen Fleischern, Fisch- und Gemüsehändlern und seinem sympathischen Durcheinander. Die Fischverkäuferin Kim-Huai glaubt, dass der thailändische Gemüsehändler Paramet ein armer Schlucker ist und daher nicht zu ihrer Tochter Kim-Lang passt. In ihrer Sorge um eine gute Partie fädelt sie ein Arrangement mit dem Fleischverkäufer ein, der wie sie chinesischer Abstammung ist. Chaturong soll also Kim-Lang den Hof machen. Alle Versuche Paramets, vor Kim-Huai gut dazustehen, schlagen indessen fehl. Kim-Lang hingegen mag den jungen Mann, geht aber nur langsam auf seine Annäherungsversuche ein. Was anfänglich ausweglos erscheint, löst sich in einem Happy End auf: Fleischersohn Chaturong heiratet Kim-Langs Schwester, und Paramet fängt vor den Augen seiner Schwiegermutter in spe einen Dieb. Geld ist nicht alles, erkennt diese und einer weiteren Hochzeit steht nichts mehr im Wege.

Der Roman wurde aus dem Thailändischen ins Englische und aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Leider merkt man dies manchen Stellen an, wobei sich zudem die Frage stellt, wie viel spezifisch Thailändisches, sei es Wortwitz oder soziokulturelle Anspielungen, überhaupt im Deutschen noch ankommen konnten. Da heiratet eine Chinesin einen Thailänder – möglicherweise war das der Hingucker, als der Roman in den Achtzigern verfilmt wurde. Heute jedoch und dem kulturellen Kontext entrissen, läuft die Erzählweise Gefahr, eher hölzern denn ansprechend zu wirken.

Anne-Kathrin Bleich

Die Minute der Wahrheit
Bjørn Sortland
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Verlag: Hanser, Publiziert: 2007, Seiten: 424, ISBN/ISSN/EAN: 3-4462-0902-6
Schlagwörter: Kunst | Liebe

Als Frida sich kurz entschlossen am Osloer Bahnhof ein Interrailticket kauft und den Zug nach Florenz besteigt, will sie eigentlich nur flüchten vor der Ehekrise ihrer Eltern, vor ihrer eigenen Einsamkeit. Ihre grösste Angst kann sie jedoch nicht hinter sich lassen: die Angst um ihr Augenlicht, das sie vielleicht verlieren wird. Da ist es schon fast ironisch, dass Jakob, den sie in Florenz trifft, ausgerechnet ein Kunststudent ist. Gemeinsam lernen sie Europa, die Geschichte der Malerei und sich gegenseitig kennen. Was nicht ohne Schwierigkeiten ist. Denn Jakob hat eine Freundin, und auf Frida wartet eine Augenoperation.

Die Idee, jungen LeserInnen mit einem Roman die Welt der Malerei näher zu bringen, ist gut, und in Sortlands Erzählung sind sogar die erwähnten Gemälde als Bildteil abgedruckt. Trotzdem kann das Buch nicht begeistern. Das liegt an der Hauptfigur und Ich-Erzählerin Frida, die mit ihren pessimistischen Gedanken und ihrer gelangweilten Ignoranz gerade nicht die Vermittlerin für die kunstbezogenen Inhalte der Erzählung sein kann. Ihre Ich-zentrierten Grübeleien und ihre Lügen, mit denen sie sich interessant machen will, nerven von Beginn an. Und eigentlich – so wird den LeserInnen bald klar – hat sie viel mehr Interesse an Jakob als an seinen Ausführungen. Doch auch richtige Romantik kommt hier kaum auf. Und der Zauber der Malerei bleibt auf der Strecke.

Christian Kölzer

Train Man
Hitori Nakano
Aus dem Japanischen von Antje Bockel
Verlag: Hanser, Publiziert: 2007, Seiten: 427, ISBN/ISSN/EAN: 3-5515-8173-8
Schlagwörter: Liebe | Medien

Otakus, wie leidenschaftliche Fans von Manga, Computerspielen oder Pop-Idolen in Japan genannt werden, haben mit Freundschaft oder Liebe, mit sozialen Kontakten überhaupt, nicht viel am Hut – es sei denn, sie finden im Internet statt. Ihr Bildschirm ist ihre Welt – dort spielen sie Games, chatten und surfen. Der anonyme Protagonist des E-Mail-Romans “Train Man” wird aus seiner virtuellen Welt herausgerissen, als er auf einer Zugfahrt eine junge Frau vor einem randalierenden Betrunkenen beschützt und sich in sie verliebt. Doch dass er sich traut, sie zum Essen einzuladen, hat er den Usern seines Chat-Forums zu verdanken, die ihn mit guten Ratschlägen eindecken. Während er zum ersten Mal mit “Hermes”, wie die Geliebte heisst, telefoniert, schickt er Hilferufe ins Forum: “Essen, wo?” Nach jedem Date berichtet er ausführlich und mit umwerfender Ehrlichkeit, was er erlebt hat, und die anderen User kommentieren fleissig. Sie schlafen auch nicht, wenn er mit “Hermes” unterwegs ist; umso aufgeregter tauschen sie ihre Fantasien über das aus, was sich zwischen “Train” und “Hermes” abspielen könnte. Die Romanze dient ihnen als Projektionsfläche für ihre eigenen unerfüllten Wünsche. Die Geschichte von “Train Man” ist ein modernes Märchen, und es ist die Spannung zwischen reduzierter, codierter Chat-Sprache und der romantischen Liebesgeschichte, welche die Faszination des Buches ausmacht. Das zeigt sich auch darin, dass die Otakus zunächst glauben, beim Daten von Frauen käme es vor allem auf den richtigen Style an – bis “Hermes” sie lehrt, dass nur das Herz zählt.

Der Roman beruht auf einem realen Chat, und der Name des Autors ist ein bis heute nicht aufgeklärtes Pseudonym. In Japan scheint “Train Man” einen Nerv getroffen zu haben, rund um den Bestseller ist ein Medienverbund mit Film und Manga (Deutsch: Carlsen Comic) entstanden.

Christine Lötscher

affenheiss und schweinekalt
Nicola Davies, Illustration: Neal Layton
Aus dem Englischen von Monika Lange
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2007, Seiten: 61, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-5172-0
Schlagwörter: Natur | Humor/Komik | Tiere

Sie haben ein achtjähriges Kind zu Hause und Sie werden an einem heiligen Sonntag um zwanzig nach acht mit der Frage konfrontiert, warum die Pinguine nicht am Boden festfrieren oder warum der Grönlandwal im Arktischen Ozean nicht erfriert, wo es doch so kalt ist? Tatsächlich? Dann besorgen Sie sich dieses Buch. Es liest sich nicht nur unterhaltsam, sondern man findet auch Antworten auf Fragen, die einen nie interessiert haben: Hätten Sie gewusst, dass der Salto schlagende Schnellkäfer an seinem Kopf bis zu 2000 g (g = Einheit für Fallbeschleunigung) ausgesetzt sein kann und dass er trotzdem nicht ohnmächtig wird?
Worum geht es hier also? Um Lebewesen, die nicht so empfindlich sind wie der Mensch, um den Rennkuckuck, der sich an den Sonnenstrahlen aufwärmt, um das Kamel in der Wüste, um Spinnen, die 18 Monate ohne Futter aushalten. Es geht um die kleinen und grossen Rekorde im (Über-)Leben, um Bakterien, die Schwefel und Eisen fressen, und um Tiere, die unter Bedingungen, die einen Menschen umbringen würden, auf dem Grund des Ozeans leben. Denn: “Überall auf der Welt gibt es Tiere (und Pflanzen), die Lebensbedingungen klasse finden, die einen Menschen schneller umbringen würden, als du ‘Sargnagel’ sagen kannst.”
Witzig vermitteltes Wissen mit frechen Bildergeschichten, ungemein ernst zu nehmenden Diagrammen, im Comicstil, und vielen erstaunlichen Ideen, seien es Fotocollagen oder die dynamische Nutzung des Querformates, womit wir wieder beim Schnellkäfer wären.
Anne-Kathrin Bleich

Pole Packeis Pinguine
Karoline Stürmer
Verlag: dtv, Publiziert: 2007, Seiten: 300, ISBN/ISSN/EAN: 3-4236-2322-5
Schlagwörter: Tiere | Natur | Forschen

Die Pole sind im Trend, auch im Sachbuch für Kinder- und Jugendliche. Viele Titel greifen einzelne Phänomene heraus und verblüffen mit tollen Landschafts- und Tierbildern. Karoline Stürmers “Pole Packeis Pinguine” bietet mehr: Hier sind die Bilder von Walen, Pinguinen und Eisbären nie Selbstzweck, sondern eingebettet in ein Ganzes. Die Autorin stellt die Lebenswelt an den Polen in ihrer Ganzheit dar: Von den ForscherInnen, die in Einsamkeit und Kälte versuchen, Zusammenhänge zu verstehen, über die Tiere und Pflanzenwelt an Land und unter Wasser bis zur Geschichte und Funktion von Gletschern. Zahlreiche Interviews – mit einem Robbenspezialisten zum Beispiel, oder einem Krill- oder Eisbergforscher – vermitteln hautnah, welches die Fragestellungen in der Auseinandersetzung mit der Arktis und Antarktis heute sind.

Stürmer hat Forschungsstationen besucht, zum Beispiel die Neumayer-Station in der Antarktis, in der ForscherInnen ein Jahr lang unter der Schneedecke in zwei neunzig Meter langen Metallröhren wohnen. Sie erzählt davon, was es heisst, an der nördlichsten Uni auf Spitzbergen zu studieren, und wie man sich am besten für die Arbeit in der Kälte anzieht.

Die Kapitel über Tiere und Pflanzen bieten weit mehr als Durchschnittsinformation. Warum Eisbären keine kalten Füsse bekommen, Walrosse Rechtshänder sind und Krill-Krebse ein äusserst wichtiges Glied in der Nahrungskette – solche und viele andere Fragen werden auf lustvolle Weise und in einer Sprache beantwortet, die schon interessierte Zehnjährige verstehen können. Wer nach der Lektüre noch nicht genug hat: Im Naturhistorischen Museum Basel ist noch bis zum 13. April 2008 eine Ausstellung zum Thema “Tiefsee” zu sehen, die Aspekte von “Pole Packeis Pinguine” aufgreift.

Christine Tresch

Der erste Christ
Alois Prinz
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2007, Seiten: 248, ISBN/ISSN/EAN: 3-4078-1020-2
Schlagwörter: Religion | Historisches

Das neue Buch des preisgekrönten Jugendbuchautors Alois Prinz hat gleich nach Erscheinen eine kleine Fangemeinde um sich geschart. Wiederum sind viele Erwachsene darunter. Nach Ulrike Meinhof, Hannah Ahrendt und Franz Kafka hat sich Prinz nun mit Paulus eine vergleichsweise schwierige Person ausgesucht, begrenzt sich doch die Quellenlage im Wesentlichen auf das Neue Testament. Die Sekundärliteratur hingegen ist unermesslich und unglaublich widersprüchlich. Dies macht Prinz zwar transparent, schliesst sich dann aber doch der überholten Deutung an, wonach Paulus ein zu Christus bekehrter eifernder Jude gewesen sei, dem die jüdische Tradition fortan nichts mehr bedeutete. Kein Wort verliert Prinz über die Endzeiterwartung der Jesusanhänger, aus der heraus manch apodiktischer Apostelausspruch ganz anders gedeutet werden muss. Als hätte es vierzig Jahre Trendwende in der Paulusforschung nicht gegeben, in der auch eine Heimholung des Paulus ins Judentum stattgefunden hat, wiederholt Prinz jenes völlig verquere Bild vom Judentum als “Leistungsreligion”. Die ignorante Haltung gegenüber jüdischer Tradition und neuester Paulusforschung durchzieht das ganze Buch. So wird der Autor auch der multikulturellen Wirklichkeit der Antike nicht gerecht: Im 1. Jahrhundert hat es nämlich ein Gegensatzpaar “Juden – Christen” so nicht gegeben!

Alois Prinz zeigt Paulus als nachahmungswürdigen Reisenden auf der Suche nach wahrer Gotteserfahrung. Das entspricht unserem Zeitgeist, aber nicht dem, was historisch aufgeklärt über Paulus zu sagen wäre.

Judith Wipfler

Hippokrates, Dr. Röntgen & Co.
Christian Weymayr
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2007, Seiten: 287, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5169-X
Schlagwörter: Wissenschaft | Körper

Wer hat eigentlich die Impfung erfunden? Seit wann gibt es Kanalisationen, und warum wäscht man sich im Spital die Hände? Dies und noch viel mehr – Röntgenstrahlen, die Kenntnis des Herz-Kreislauf-Systems und der Nerven, der Einsatz von Antibiotika und In-vitro-Fertilisation – sind heute Selbstverständlichkeiten. Sie alle mussten aber irgendwann entdeckt werden. Der Wissenschaftsjournalist Christian Weymayr zeigt nicht nur Meilensteine der Medizingeschichte auf, sondern bringt jugendlichen LeserInnen deren Protagonisten auch als Menschen näher. Er zeigt, wie eng der Erfolg einer medizinischen Erfindung mit dem Charakter des Erfinders gekoppelt ist und mit seiner Art, dieser zu Bekanntheit und Akzeptanz zu verhelfen. Louis Pasteur – einem weitsichtigen, äusserst kreativen Menschen – gelang es, dank seinem Gespür für medienwirksame Auftritte seine Erkenntnisse über Keime und Infektionskrankheiten rasch zu verbreiten und als Held gefeiert zu werden. Ignaz Semmelweis dagegen war radikal, frustriert, beleidigt und ungeschickt in seiner Vermarktung, so dass seine so wichtigen Ideen zur Hygiene zu seiner Zeit keinen Anklang fanden.

Die 20 Kapitel zu je einem Pionier der Medizingeschichte sind spannend aufgebaut und sehr informativ. Von Hippokrates bis French Anderson werden die Menschen im historischen Zusammenhang dargestellt und der Weg ihrer Erfindungen und ihrer Irrtümer beschrieben. Dem Autor gelingt es dabei, LeserInnen ab etwa 12 Jahren Wissen über medizinische Grundlagen, aber auch über aktuelle wissenschaftliche Standards, verständlich und packend zu vermitteln.

Katharina Lötscher Koenig

Warum Schabbat schon am Freitag beginnt
Eli Bar-Chen, Heike Specht
Verlag: DVA, Publiziert: 2007, Seiten: 190, ISBN/ISSN/EAN: 3-4210-5948-9
Schlagwörter: Religion | Historisches

Die Kinder-Uni reist in die Welt des Judentums

Lilli und Jakob verschlägt es an einem regnerischen Sonntag ins Berliner Jüdische Museum. Hier treffen sie einen geheimnisvollen, älteren Mann, der ihnen alle Fragen zum Judentum beantworten kann. Er nimmt sie mit auf zauberhafte Zeitreisen in die jüdische Bücherwelt. Sonntag für Sonntag springen Lilli und Jakob mit dem alten Mann in jüdische Bücher und Epochen: In der biblischen Antike begegnen sie Sara und Jakob. Sie erleben die Zerstörung des Tempels von Jerusalem hautnah mit, lernen jüdische Persönlichkeiten aller Jahrhunderte kennen. Die Begegnung mit Anne Frank im Versteck beschreibt das dunkelste Kapitel jüdischer Geschichte, den Holocaust. Der hat aber zum Glück auch in diesem Buch nicht das letzte Wort.

Die lange jüdische Geschichte auf nur 190 Seiten erzählt: Trotz präziser Sachkenntnis und gutem Erzählgeschick ist das zu viel des Guten und schwer verdaulich. Ein Drittel des Buches bestreitet der Illustrator Bernd Wiedemann. Seine Zeichnungen sind ansprechend, rücken das Judentum aber allzu sehr ins Reich der Fantasie. Der erzählerische Kunstgriff, die Kinder durch die Zeiten reisen zu lassen, mag zusätzlich verwirren: Was ist hier nun wahre Geschichte, was erfunden? In welcher Zeit befinden wir uns gerade?

Um das Judentum mehr ins Heute zu rücken, tritt Lillis jüdischer Schulkamerad Juri auf: Juri ist ein russisch-jüdischer Zuwanderer und soll den typischen Juden in Deutschland heute repräsentieren. In der Schweiz gibt es allerdings kaum solche Juris. Der deutsche Kontext ist für Schweizer LeserInnen also auch keine Hilfe. Dafür kann das Autorenteam, beide ganz ausgezeichnet informiert und erzählkompetent, freilich nichts.

Judith Wipfler

Fünf Songs
Gipi
Aus dem Italienischen von Giovanni Peduto
Verlag: avant, Publiziert: 2007, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-939080-18-7
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Pubertät | Alltag

Sie habens nicht leicht, die vier Jungs: Die Pubertät, verständnislose Eltern, düstere Zukunftsaussichten. Wenn da nicht ihre Band wäre und die Garage voll Gerümpel, in der sie ihren Übungsraum einrichten dürfen. Dahin ziehen sie sich zurück, arbeiten, allerdings nicht gerade diszipliniert, an ihren Songs und träumen vom Leben als Popstars. Mit “Fünf Songs” ist Gipi eine berührende Ballade aus dem Teenager-Alltag gelungen. Der 1963 in Pisa geborene Gipi, die grosse Entdeckung der letzten Jahre, ist ein stilsicherer Zeichner und ein begnadeter Erzähler, dessen realistische Geschichten um triste Verlierer von tiefem Einfühlungsvermögen zeugen. Auch in diesem Fall: Gipi geht es nicht in erster Linie um die launige Schilderung der typischen Karriere einer provinziellen Schülerband – im Schicksal der Band, die schliesslich wegen eines dummen Diebstahls (nur ein Dummkopf kommt auf die Idee, ausgerechnet die Anlage einer Death-Metal-Band zu klauen) auseinanderbricht, spiegelt sich die Situation und die Entwicklung der vier Heranwachsenden. Sie hadern mit ihren Zweifeln und Lebensängsten und ringen mehr oder weniger erfolgreich um die Abnabelung von ihren Eltern, die ihren Problemen und Träumen nicht immer mit Verständnis begegnen. Eine subtile Geschichte voller Zwischentöne, ganz in gebrochenen Moll-Harmonien vorgetragen.
Christian Gasser

Das Gegenteil von Sorgen
Benny Lindelauf
Aus dem Niederländischen von Bettina Bach
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2007, Seiten: 268, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5214-9

Die Schwestern Fing, Müllche und Ness, ihre vier Brüder, die Grossmutter Omm Maij und der Vater, Papp genannt, ziehen schon wieder um. Es ist das Jahr 1937 und Papp glaubt einmal mehr, “das Gegenteil von Sorgen” gefunden zu haben: Zigarren herstellen und damit für seine Grossfamilie zu sorgen. Die finanziellen Nöte stehen aber nicht im Zentrum dieses originellen Jugendbuch des niederländischen Autors Benny Lindelauf. Vielmehr geht es um das Haus, in welches die Familie zieht. Denn dort scheint etwas nicht mit rechten Dingen zuzugehen, das merken die drei Schwestern schon beim Einzug. Die Eingangstür des alten Hauses an der “Schlammbams Sahara” fängt erst auf Kniehöhe an und liegt auch noch an der falschen Seite, der Friedhof ist gleich nebenan und das Haus knarrt und ächzt. Grund genug für Müllche, die mittlere und frechste der drei Schwestern, dahinter eine “tragische Tragödie” zu wittern.
Und tatsächlich: Auch Omm Maij verhält sich so komisch. Als sie wieder ihr “Krokodil”, den Geschichten-Koffer, auspackt und von “Niimelefiimel va Buusse de Mure” erzählt, ist Fing, der Ich-Erzählerin, klar, dass diese Geschichte mehr ist, als nur eine Erzählung von früher. Die Mädchen entdecken immer rätselhaftere Dinge und reimen sich mit ihrer unbegrenzten Fantasie allmählich die ganze Wahrheit zusammen.
Lindelauf gelingt es, trotz oder vielleicht dank der schnellen und fantasievollen Sprache eine starke Spannung zu erzeugen, die bis zum Schluss anhält. Man begleitet die drei Schwestern durch ihren ereignisreichen, aber nicht nur heiteren Alltag und kann förmlich hören, wie der Wind um das Haus weht.
SIBYLLE GERBER

Im Fluss
Marlene Röder
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2007, Seiten: 252, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-35277-2
Schlagwörter: Liebe

Mia zieht mit ihren Eltern in einen kleinen Ort, der zwar malerisch an einem Fluss liegt, in dem aber der Hund begraben ist. Um vor Langeweile nicht zu vergehen, beobachtet sie die Nachbarsfamilie – eine alte Dame, zwei Jungs etwa in Mias Alter und deren Vater. Gegen ihren Willen fühlt sie sich bald zu dem Älteren der beiden Brüder hingezogen. Doch auch Jan, der Jüngere, rührt sie in seiner zurückgezogenen, leicht versponnenen Art. Er ist mit Alina befreundet, einem merkwürdigen Mädchen, das Mia nie zu sehen bekommt. Schnell wird klar, dass Alina ihre Freunde nicht gerne teilt.
Bald fallen Mia die Spuren kleiner, nasser Füsse ums Haus der Nachbarn auf. Dann liegen tote Fische im Garten. Als ein Fischkadaver in ihrem Zimmer auftaucht, wirken die Funde erst richtig bedrohlich. Mia beginnt Fragen zu stellen, die unter anderem auch die fehlende Mutter der beiden Nachbarsjungen betreffen. Ist sie tatsächlich als Fotografin überall auf der Welt unterwegs? Wer ist Alina wirklich – und warum ist ihr niemand ausser Jan jemals begegnet? Je mehr Puzzlesteinchen Mia sammelt, desto unheimlicher wird die vermeintliche Idylle.
Die Struktur ihres Romans entlehnt Marlene Schröder einer Komposition, welche in Intro und Intermezzi gegliedert ist und genau ein Jahr schildert, unterteilt in die vier Hauptteile Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Mia, Jan und Alex erzählen abwechslungsweise aus ihrer Perspektive und beschreiben das Jahr, welches nicht nur Liebe mit sich bringt, sondern auch Tod. Ungemein fesselnd geschrieben – und im wahrsten Sinne des Wortes fantastisch.
MAREN BONACKER

Die Teeprinzessin
Hilke Rosenboom
Verlag: CBJ, Publiziert: 2007, Seiten: 445, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-13089-4
Schlagwörter: Historisches | Reisen

An einem Maitag im Jahre 1858 fällt Betty Henningson beim Belauschen eines Gesprächs durch die Decke ins Kontor eines Teehandelshauses, direkt in die Arme eines jungen Kaufmanns. Wegen des Sturzes fällt die 14jährige Tochter des Silberschmieds in der eigenen Heimatstadt Emden in Ungnade. Als Dienstmädchen auch noch als Diebin bezichtigt zu werden, lässt ihr keine andere Wahl, als auf den Pakt mit ihrem früheren Jugendfreund einzugehen: Anstelle von Anton begibt sich Betty, als Junge verkleidet, auf eine abenteuerliche Seefahrt nach Indien, um Tee einzukaufen. Dank ihrer scharfen Zunge und der guten “Tee-Nase” trifft sie sicher in Darjeeling ein, wo sie dem Kaufmann mit der weichen, samtenen Stimme wieder begegnet. Doch als sie John Francis Jocelyn in der Umarmung eines anderen Mädchens sieht, reist sie hastig mit zwanzig Kisten Tee ab. Auf der gefährlichen Reise durch Asien und die Neue Welt gelangt sie in die Fänge der Teemafia. Nur durch viele glückliche Zufälle – ob die kostbare Haarspange von Francis wohl mit eine Rolle spielt? – legt sie im Mai 1861 sicher im Hafen von Hamburg an.
Hilke Rosenboom erzeugt durch ein hohes Erzähltempo eine ungeheure Spannung, die bis zum Ende des Buches anhält. Förmlich mit allen Sinnen nimmt die Autorin die LeserInnen mit auf eine Reise – durch intensive fremdländische Gerüche, Farben und Bewegungen. Ein pures Lesevergnügen für junge AbenteurerInnen.
PETRA BÄNI

Die Französische Revolution
Hans-Ulrich Thamer, Illustration: Michael Welpy
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-4868-3

Fast gleichzeitig sind zwei Sachbücher über die Französische Revolution erschienen, das eine von einem französischen Jugendbuchautor verfasst, das andere von einem deutschen Historiker. Die beiden Bücher unterscheiden sich in mehrerer Hinsicht: Bernard Solet erklärt Kindern ab neun Jahren die Lebensumstände zur Zeit der Revolution, immer wieder auch am Beispiel von Kindern. Sein Interesse gilt der Sozialgeschichte. Hans-Ulrich Thamer dagegen informiert Jugendliche vor allem über die politische Geschichte, die vorrevolutionären Auseinandersetzungen um die Verfassung, die Machtkämpfe unter den Revolutionären. Solets Darstellung ist einer Erzählung näher, ruhiger, während Thamer seine Informationen in kleinen Textabschnitten gibt, die die zahlreichen Illustrationen begleiten. Beide Autoren verwenden interessantes zeitgenössisches Bildmaterial, Thamers Texte werden zusätzlich von neuen, erklärenden Illustrationen begleitet.
Wichtiger als diese formalen, zum Teil durch das Zielpublikum bedingten Unterschiede ist jedoch die Deutung der Geschichte: Solet sieht die Französische Revolution als Grundlage zu einer besseren Zukunft der Menschen nicht nur in Frankreich. Thamer hingegen zeigt die Französische Revolution als erste einer Reihe von Revolutionen, in denen hehre Ziele immer wieder fragwürdigen Interessen unterlagen. Beide Bücher machen einmal mehr klar, dass Geschichte immer im Hinblick auf die Deutung der Gegenwart erzählt wird.
Verena Rutschmann

Die Französische Revolution
Bernard Solet
Aus dem Französischen von Regina Enderle
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 3-89660-468-6
Schlagwörter: Historisches

Fast gleichzeitig sind zwei Sachbücher über die Französische Revolution erschienen, das eine von einem französischen Jugendbuchautor verfasst, das andere von einem deutschen Historiker. Die beiden Bücher unterscheiden sich in mehrerer Hinsicht: Bernard Solet erklärt Kindern ab neun Jahren die Lebensumstände zur Zeit der Revolution, immer wieder auch am Beispiel von Kindern. Sein Interesse gilt der Sozialgeschichte. Hans-Ulrich Thamer dagegen informiert Jugendliche vor allem über die politische Geschichte, die vorrevolutionären Auseinandersetzungen um die Verfassung, die Machtkämpfe unter den Revolutionären. Solets Darstellung ist einer Erzählung näher, ruhiger, während Thamer seine Informationen in kleinen Textabschnitten gibt, die die zahlreichen Illustrationen begleiten. Beide Autoren verwenden interessantes zeitgenössisches Bildmaterial, Thamers Texte werden zusätzlich von neuen, erklärenden Illustrationen begleitet.

Wichtiger als diese formalen, zum Teil durch das Zielpublikum bedingten Unterschiede ist jedoch die Deutung der Geschichte: Solet sieht die Französische Revolution als Grundlage zu einer besseren Zukunft der Menschen nicht nur in Frankreich. Thamer hingegen zeigt die Französische Revolution als erste einer Reihe von Revolutionen, in denen hehre Ziele immer wieder fragwürdigen Interessen unterlagen. Beide Bücher machen einmal mehr klar, dass Geschichte immer im Hinblick auf die Deutung der Gegenwart erzählt wird.

Verena Rutschmann

Frauen in biblischer Zeit
Miriam Feinberg Vamosh
Verlag: Patmos, Publiziert: 2007, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 3-491-79764-0

Eine Meile in den Sandalen der biblischen Frauen gehen – das nimmt sich Miriam Feinberg Vamosh für ihr neues Sachbuch vor. Und so schauen die LeserInnen der biblischen Magd direkt über die Schulter, wie sie drei bis vier Stunden täglich der Brotherstellung widmet, denn Brot und Getreidebrei waren damals die Hauptnahrungsmittel: Das Reiben des Mahlsteins sei schon im Morgengrauen zu hören gewesen, weiss das Neue Testament, und der Talmud sieht die Frauen noch im Mondschein Garn spinnen. Tatsächlich bearbeitete die antike Hausfrau allerlei Rohstoffe. Spinnen, Weben, Kleidung nähen, Töpfern, Körbeflechten, Backen gehörte dazu und zur Not ging sie auch selbst aufs Feld. Eine leistungsstarke Ehefrau war überlebenswichtig für Ehemann, Grossfamilie und deren Gesinde. Der tatkräftigen Ökonomin widmen Bibel und Talmud darum auch wunderbare Verse, die bei Feinberg ebenso zur Sprache kommen wie die Alltagsrealien.
Weniger angestrengt lebte freilich die Dame der antiken Oberschicht: Je mehr Sklavinnen sie hatte, desto mehr Zeit blieb ihr für Schönheit, Mode und Bildung. Auch dieses exklusive Frauenleben beschreibt Feinberg kenntnisreich. Bibelstellen dienen ihr ebenso wie nichtbiblische Quellen, Fotos archäologischer Funde illustrieren das antike Milieu. Ganzseitige Porträts über biblische Prominente von Sara bis Maria Magdalena runden die Darstellung ab.
Es ist der Autorin gelungen, die Ergebnisse der Frauen- und Sozialforschung der letzten 30 Jahre anschaulich auf gut hundert Seiten zu bannen. Schade nur, dass sie keine Literaturangaben macht. Zudem hätte ein flotteres Layout dem Inhalt durchaus gut getan. Was aber nichts an der Tatsache ändert, dass dieses Sachbuch einigen Staub von biblischen Sandalen zu wischen vermag.
JUDITH WIPFLER

Der Fuchs und das Mädchen
Luc Jacquet
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2007, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-8369-5194-0
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere

Das Buch zum Film

Ein Mädchen sieht einen jagenden Fuchs. Das wilde, aber auch scheue Tier fasziniert sie so sehr, dass sie seine Freundschaft sucht. Doch hier soll nicht ihre Annäherung im Zentrum stehen, sondern “Das Buch zum Film”. Denke ich an den Kinofilm “Nils Holgersson” von 1962, so weiss ich, wie glücklich ich als Schüler war, später in der Bibliothek das Buch mit vielen Filmfotos zu finden. Es gab damals weder Video noch DVD, der Bildband war die einzige Möglichkeit für die Wiederholung zu Hause. Auf diesen Mehrwert zielt auch der Verlag, wenn er verspricht, dass “… dieses Buch die Erinnerung an das aussergewöhnliche Kinoerlebnis wach” hält. Aber das ist heute zu wenig.
Während etwa der Band zu “Nomaden der Lüfte” (Gerstenberg 2002) noch Informationen über Drehbuch und Aufnahmetechniken anbot, ist “Der Fuchs und das Mädchen” in jeder Hinsicht ein dünnes Buch und zudem unsorgfältig gemacht. Datendichte und Bildgrösse passen nicht immer, so dass einige Fotos aufgeblasen und grob gepixelt dastehen. Vor allem aber fehlt das, was heute jede DVD bietet: das Bonusmaterial. Doch vielleicht liegt genau da die Erklärung. Das Buch zum Film darf noch nicht anbieten, was in der nächsten Verwertungsstufe das Plus zum Film sein muss. So haben wir 48 Seiten vor uns, die zwar die schwärmerisch soften Stimmungen wiedergeben und die zudem mit geschmäcklerischer Grafik garniert sind, weil schon die Layouter der französischen Originalausgabe den Standbildern nicht vertrauten. Ein Buch, das den LeserInnen aber vorenthält, wie man für diese Art Natur-Spielfilme Tiere dressiert. Das hätte Kinder auch interessiert.
HANS TEN DOORNKAAT

Tiergeschichten
Verlag: Electronic Arts, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Tiere | Spiel

Seit Jahren gehören das Lebenssimulationsspiel «Die Sims» und sein Nachfolger «Die Sims 2» mit zahlreichen thematischen Erweiterungspacks und diversen Accessoires zu den erfolgreichsten Computerspielen. Für 2009 steht mit «Die Sims 3» bereits eine weitere Fortsetzung ins Haus. Ergänzt wird die Angebotspalette inzwischen durch die eigenständige Produktereihe «Die Sims Geschichten» mit speziell Laptop-freundlichen Spielen auf DVD. Erschienen sind bisher Versionen zu den Themen «Lebensgeschichten», «Tiergeschichten» sowie «Inselgeschichten» (www.diesimsgeschichten.de).

Neben einem freien Spielmodus, bei dem – wie in bisherigen Sims-Spielen – die Nachbarschaft mit eigenen Figuren bevölkert oder sogar Hunde und Katzen mit Persönlichkeitsprofil erstellt werden können, bieten die neuen Standalone-Produkte auch einen ausgereiften Storymodus an. «Die Sims Tiergeschichten», das auf dem Haustiere-Erweiterungspack für «Die Sims 2» basiert, erzählt zwei Episoden mit unterschiedlichen Herausforderungen. In der Geschichte mit Alice und ihrem Dalmatiner geht es darum, genug Geld aufzutreiben, um das Haus zu bezahlen. So kann man der Künstlerin zum Beispiel dabei helfen, einen passenden Job zu finden oder durch den Verkauf von Bildern etwas dazuzuverdienen. Eine willkommene Gelegenheit ergibt sich anlässlich einer lokalen Hundeshow. Wenn es Alice nämlich gelingt, ihren temperamentvollen Hund innert zwei Wochen auf den bevorstehenden Wettbewerb vorzubereiten, hat sie gute Chancen, sich das ansehnliche Preisgeld zu holen. Im Mittelpunkt der zweiten Tiergeschichte steht Küchenchef Stefan, der sich während der Hochzeitsreise seiner Cousine um deren verwöhnte Katze Diva kümmern muss. Ausserdem hat er sich vorgenommen, endlich die Partnerin fürs Leben zu finden. Sofern die Spielerinnen und Spieler sich an den Wünschen und Zielen der Hauptfiguren orientieren, diese bei der Erziehung und Pflege ihrer Vierbeiner unterstützen und anstehende Aufgaben meistern, können sie nicht nur nützliche Gegenstände für das Inventar gewinnen, sondern Kapitel für Kapitel zum beruflichen und privaten Erfolg ihrer Sims beitragen.

Für Sims-Einsteiger/innen führt ein umfangreiches Tutorial schrittweise in die Bedienung des Spiels ein und gibt Tipps, worauf es im Umgang mit den virtuellen Menschen und ihren Schützlingen ankommt. Das Spiel ist zwar ohne Altersbeschränkung freigegeben, setzt jedoch ausreichende Lesekompetenz voraus und dürfte sich aufgrund der sozialen Thematik und der komplexen Steuerung erst ab etwa zwölf Jahren eignen.

Daniel Ammann
merz | medien + erziehung 3/2008, S. 81–82

Lotta kann fast alles
Astrid Lindgren, Illustration: Ilon Wikland
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 3-8373-5001-0

2 Bilderbuch-Filme

Das bewährte Bilderbuch hat im modernen Medienzeitalter noch lange nicht ausgedient. Dank digitaler Technik findet es jedoch – sei es als interaktive Spielgeschichte oder auf DVD – zu neuen Vermittlungsformen. Nach dem Tivola Verlag, der 2005 in Anlehnung an erste Produkte der Hamburger Firma Schirmbuch Bilderbuch-DVDs ins Programm aufnahm, bringt seit Herbst 2007 auch der Kinder- und Jugendbuchverlag Oetinger ausgewählte Bilderbuchgeschichten als DVD-Filme auf den Bildschirm. Das gemeinsame Betrachten und Vorlesen eines Bilderbuches soll und kann dadurch natürlich nicht ersetzt werden. Die sorgfältig abgefilmten Bilderbücher sind vielmehr als Ergänzung gedacht und stellen innerhalb eines reichhaltigen Medienensembles eine sinnvolle Alternative zum Fernsehangebot dar. Wie bei Hörbüchern wird das Erzählen der Geschichte von professionellen Sprecherinnen oder Sprechern besorgt. Die als Ganzes oder auch nur in einem kleinen Ausschnitt gezeigten Bildtafeln erscheinen ohne Schrift, werden aber oft durch Geräusche oder Musik unterlegt. Bilderbuch-Filme können zu Hause am Fernseher oder auf dem Computer betrachtet werden und lassen sich für grössere Gruppen auch als Bilderbuchkino vorführen.
In den neuen Bilderbuchfilmen von Oetinger sind die ursprünglichen Buchillustrationen mit Hilfe der Legetricktechnik liebevoll teilanimiert und sanfte Überblendungen, ruhige Zoom- oder Schwenkbewegungen nehmen auf die kindliche Wahrnehmung Rücksicht. Dies schafft zusätzliche Anreize, führt sanft an die Bildsprache des Fernsehens heran und setzt doch einen bewussten Kontrast zu den meist rasanten Trickfilmangeboten im Kinderprogramm.
Lotta kann fast alles – findet sie zumindest. Immerhin ist Astrid Lindgrens kleine Heldin schon fünf Jahre alt. Sie kann Rad fahren oder auf Skiern Slalom laufen und geht selbstverständlich schon zur Schule – wenn auch nur «im Geheimen», wie sie gerne sagt. Im Alltag wird das gesunde Selbstbewusstsein des willensstarken (und zuweilen etwas mürrischen) Mädchens aber immer wieder auf eine harte Probe gestellt. Die älteren Geschwister Mia-Maria und Jonas ziehen sie bei jeder Gelegenheit damit auf, dass sie für dies oder jenes eben noch zu klein sei. Davon lässt sich Lotta nicht entmutigen, im Gegenteil: Sie will sich und der Welt beweisen, dass sie schon fast alles kann. Die beiden Bilderbuchfilme auf der liebevoll gestalteten DVD erzählen in Bild und Ton, wie sich Lotta ein Fahrrad ‹borgt›, weil das wichtigste Geburtstagsgeschenk ausgeblieben ist, oder wie sie das Weihnachtsfest rettet, indem sie für die Bescherung gerade noch rechtzeitig einen Tannenbaum auftreibt.
Dank einer zweiten Tonspur kann man sich die beiden Geschichten mit Lotta aus der Krachmacherstrasse auch auf Englisch anhören. Ein einfaches interaktives Wörterbuch mit 28 Flashcards und die Vokabelliste im Booklet regen vielleicht dazu an, sich spielerisch auf die neue Sprache einzulassen.
Daniel Ammann,
merz | medien + erziehung 2/2008, S. 73–74.

Charlie Brown
Charles M. Schulz
Verlag: Tivola, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89-887169-3
Schlagwörter: Freundschaft

Das grosse Finale

Für viele sind die Peanuts Kult. Die Comicstrips mit Episoden aus dem Leben von Charlie Brown und seiner denkwürdigen Clique gibt es bereits seit 1950. Ab 1965 schuf Autor und Zeichner Charles M. Schulz (1922–2000) auch Zeichentrickfilme fürs Fernsehen, die mittlerweile auf diversen DVDs erhältlich sind. Nach «Linus in Not!» (Tivola 2002) dreht sich auf der zweiten, etwas einfacher gestrickten Spielgeschichte mit den Peanuts alles um Baseball. Die zweisprachige CD-ROM für Kinder ab sechs Jahren kann als Sportsimulation genutzt oder als Geschichte mit verschiedenen Aufgaben und Baseballübungen durchgespielt werden. Nach erfüllter Mission können die fünf Denk- und Geschicklichkeitsspiele sowie vier Trainingslektionen über eine Spielkiste direkt angewählt und in jeweils drei Schwierigkeitsgraden beliebig wiederholt werden.
Kurz vor Eröffnung der Baseball-Saison steht Charlie Brown noch ohne Mannschaft da. Snoopy, Shermy und Frieda haben zwar schon zugesagt, aber nun gilt es, noch fünf weitere Mitspielerinnen oder Mitspieler zu gewinnen. Charlie zieht von Haus zu Haus und versucht seine Freunde zur Teilnahme in seinem Team zu überreden. Das ist nicht immer ganz einfach. Die sportliche Patty beispielsweise möchte erst zusagen, wenn bereits ein paar gute Spieler mit von der Partie sind. Schroeder findet das Klavierspiel wichtiger als Baseball, und Pig-Pen ist gerade so verliebt, dass er gar nicht an Baseball denken mag. Unter Mithilfe der Spielerinnen und Spieler vor dem Bildschirm muss sich Charlie Brown deshalb jedesmal etwas einfallen lassen. Mal soll eine Nervensäge weggelockt werden, mal heisst es, Unterstützung von einer Freundin anzufordern. Bevor die frisch angeworbenen Mannschaftsmitglieder jedoch endgültig Ja sagen, muss noch die eine oder andere Aufgabe gelöst werden. Bei Schroeder soll Charlie sein musikalisches Können unter Beweis stellen, indem er auf dem Klavier mehrere Tonfolgen richtig nachspielt. Pig-Pen benötigt Hilfe bei der Reparatur seines Weckers. Dabei müssen verschiedene Zahnräder ins Uhrwerk eingesetzt werden, damit dieses wieder zum Laufen kommt. Lucy stellt den Teamleiter in einem psychologischen Baseball-Manager-Test auf die Probe. In acht Multiple-Choice-Fragen kann Charlie beweisen, wie gut er seine Freunde kennt und ob er seiner verantwortungsvollen Rolle auch wirklich gewachsen ist. Mit jedem neuen Team-Mitglied wird sogleich eine spezielle Übungslektion absolviert. So lernt man nicht nur die verschiedenen Wurfarten kennen, sondern kann das Schlagen und Fangen der Bälle oder das Laufen von Base zu Base schon mal einzeln trainieren.
Wer nicht gleich die Geduld verliert und sich die Lektionen zu Herzen nimmt, darf das Team am Schluss vielleicht sogar zum ersten Sieg führen und hat nebenher erst noch die nicht ganz einfachen Regeln des Baseballspiels gelernt.
Daniel Ammann,
merz | medien + erziehung 1/2008, S. 83–84.

Apselut Spunk!
Astrid Lindgren
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2007, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-83-738047-7

Die grosse Astrid-Lindgren-CD-ROM

Anlässlich des 100. Geburtstages von Astrid Lindgren am 14. November 2007 hat der Oetinger Verlag unter anderem eine bunte Sammlung mit digitalen Spielen rund um Figuren aus dem Geschichtenuniversum der vielseitigen schwedischen Autorin herausgebracht. «Apselut Spunk!» stellt eine eher ungewohnte Form des Medienverbunds dar. Im Gegensatz zu den üblichen Bildschirmspielen vereinigt diese grosse Astrid-Lindgren-CD-ROM nämlich gleich sechs beliebte Charaktere auf einer Scheibe und greift Handlungselemente aus unterschiedlichen Werken auf.

Bevor es interaktiv losgeht, werden die Autorin und ihre Familie in einem kurzen Intro vorgestellt. Auf einer grossen Übersichtskarte erscheinen dann nach und nach die Villa Kunterbunt, der Hof Katthult oder das Stockholmer Vasaviertel. An diesen berühmten Schauplätzen laden Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga, Madita, Lotta aus der Krachmacherstrasse, Nils Karlsson-Däumling und Karlsson vom Dach Kinder ab etwa 5 Jahren zum Spielen ein. Jedes der über zwanzig Denk- und Geschicklichkeitsspiele erscheint anschliessend als animiertes Bildmotiv auf der Landkarte und kann fortan direkt angewählt werden. Wer möchte nicht auch mal mit Michel lustige Streiche aushecken, mit Madita in finsterer Nacht nach Münzen graben oder mit Pippi die Polizisten zum Narren halten und in der Schule die Frau Lehrerin mit verrückten Wortkreationen auf den Arm nehmen?

Ausser den vier Spielen bei Karlsson vom Dach, die von der gleichnamigen CD-ROM aus dem Jahre 2005 übernommen werden und hier keinesfalls fehlen dürfen, handelt es sich um neue und durchweg originelle Spielideen, die auch Kindern bis zehn Jahre und darüber noch Spass bereiten. Einen besonderen Reiz bieten auch auf dieser CD-ROM die Multiplayer-Spiele. Im Autorennen bei Nils Karlsson-Däumling oder beim Brennball mit Madita können jeweils zwei Kinder gleichzeitig teilnehmen und im Wettbewerb verschiedene Figuren oder Teams steuern.

Trotz kleiner Erzähleinschübe und amüsanter Dialogszenen bilden die Geschichten aus den zahlreichen Lindgren-Büchern nur den Hintergrund. Das digitale Spielemagazin bietet vor allem Gelegenheit, sich im Medienverbund auch am Computer mit den lieb gewonnenen Figuren zu beschäftigen und durch einen magischen Mausklick in die fiktionale Welt seiner Medienfreunde und Fantasiegefährten einzutauchen. Man braucht – wie Bertil – nur «Killevipps» zu sagen … und schon schrumpft man auf Bildschirmgrösse und darf als virtueller Däumling mitspielen.

Daniel Ammann,
merz | medien + erziehung 5/2007, S. 82

Der beste Hund der Welt
Sharon Creech
Aus dem amerikanischen Englisch von Adelheid Zöfel
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2007, Seiten: 92, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-596-80513-6

Jack besucht seit Kurzem den Literaturkurs bei Miss Stretchberry. Dabei ist er der festen Überzeugung: Jungs schreiben keine Gedichte. Das tun bloss Mädchen. Doch seine Lehrerin lässt nicht locker. Die Gedichte, die Miss Stretchberry der Klasse zu lesen gibt, versteht Jack nicht immer, und trotzdem läst er sich nach anfänglichem Widerstand zunehmend auf die ungewohnten Texte ein. Schliesslich verfasst er sogar sein erstes eigenes Gedicht. Zu Beginn will er auf keinen Fall, dass seine Lehrerin seine Gedichte aufhängt, und wenn, dann wenigstens ohne seinen Namen darauf zu schreiben. Mit der Zeit fühlt er sich in der Welt der Worte zunehmend geborgen und entdeckt, dass er beim Schreiben seine Gefühle ausdrücken kann. Jack erzählt in seinen Gedichten von seinem geliebten Hund Sky, „dem besten Hund der Welt“. Die Leserinnen und Leser erhalten einen direkten Einblick in Jacks Gedanken- und Gefühlswelt und erfahren Wort für Wort mehr über die besondere Freundschaft zwischen Jack und Sky.

Diese berührende Geschichte basiert auf datierten Eintragungen von Jack. Sie unterscheidet sich aber von anderen Romanen im Tagebuchstil dadurch, dass die Einträge zum Teil an Jacks Lehrerin gerichtet sind. Die Perspektive von Miss Stretchberry fliesst so indirekt auch in die Geschichte ein. Dazwischen sind Gedichte bekannter Autorinnen und Autoren eingestreut, die Jack inspiriert haben.
Sharon Creech erzählt in einer ausgesprochen dichten und zugleich reduzieren Sprache. Die Illustrationen Rotraut Susanne Berners unterstreichen die stilistische Reduktion des Textes zusätzlich.
„Der beste Hund der Welt“ ist eine stimmige Erzählung über die Kraft der Poesie. Sie kann auch als Einstieg in die Beschäftigung mit Lyrik verwendet werden.
Auf dem Online-Portal „Antolin“ stehen Quizfragen zum Titel zur Verfügung.

Klassenstufen: 4,5,6

Jaguar und Neinguar
Paul Maar
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2007, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-4260
Schlagwörter: Humor/Komik | Sprachspiel

Gedichte

„Fliegen Schweine um den Turm, herrscht draussen meist ein Wirbelsturm.“
Von absurden Zweizeilern über witzige Sonette bis hin zu mehrseitigen Gedichten – ein Buch voller Paul Maar-Verse. Ihr Grundton ist überwiegend heiter, einzelne Gedichte sind aber auch melancholisch und stimmen nachdenklich. Oftmals erfahren die Leserinnen und Leser Ungewöhnliches aus der Tierreich-Phantastik, zum Beispiel über die Gepflogenheiten unter Drachen; es sind immer wieder die alltäglichen Dinge, die Paul Maar genau beobachtet und treffend beschreibt.
Neben Wortspielereien und Schüttelreimen enthält das Buch auch ein paar Rätselfragen. Auch alle, die Paul Maar vor allem als Schöpfer des Sams kennen, kommen auf ihre Kosten, sind doch einige Verse der beliebten Figur gewidmet.
Ute Krause bringt in ihren Illustrationen den feinen Humor, der in den Gedichten zum Ausdruck kommt, mit wenigen Strichen auf den Punkt.

Die Gedichtsammlung ist eine Mischung aus Realistischem und Fantastischem für Kinder ab der 4. Klasse. Ausgewählte Verse aus„Jaguar und Neinguar“ wurden vertont und sind als abwechslungsreiches Hörbuch mit 13 verschiedenen Sprechern erhältlich. Auf dem Online-Portal „Antolin“ können Quizfragen zum Buch beantwortet werden.

Klassenstufen: 4,5,6

Sams Wal
Katherine Scholes
Aus dem Englischen von Ulli und Herbert Günther
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2007, Seiten: 62, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-52039-8
Schlagwörter: Freundschaft

Unten am Meer findet Sam einen gestrandeten Zwergpottwal. Der Wal ist in der Nacht an Land gespült worden. Sam hat zwar schon öfter tote Wale am Strand liegen sehen, doch dieser hier lebt. Das merkt Sam, als er sich gegen den grossen Körper lehnt und den Herzschlag spürt. Sam will „seinem Wal“ helfen. Er deckt ihn liebevoll mit feuchtem Seetang zu und baut ihm ein Schatten spendendes Dach. Um ihn zu retten, bedarf es der Hilfe des befreundeten Wissenschafters Angus. Während Sam auf ihn wartet, tauchen die Higgs-Brüder auf, die die Zähne des Wals gern in ihre Sammlung aufgenommen hätten. Doch Angus kommt gerade im rechten Augenblick: Die Brüder stecken ihre Buschmesser ein und verziehen sich. Als die Flut steigt, gelingt es Sam und Angus mit vereinten Kräften, den Wal ins Meer zu rollen.

„Sams Wal“ erzählt von einer ungewöhnlichen Freundschaft.
Die Vorbemerkung der Autorin enthält Informationen über Wale. Zum Buch sind Unterrichtsmaterialien erschienen. „Sams Wal“ liegt bei Bibliomedia Schweiz als Klassensatz vor. Zum Titel gibt es ein Lesequiz sowie Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“.

Klassenstufen: 6,7,8

Zwei dicke Freundinnen
Kathrin Schärer
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-5090-2
Schlagwörter: Abenteuer

Die Lehrerin verabschiedet sich von Magda und Lisa, den beiden (Schweinchen-)
Freundinnen. Auf dem Nachhauseweg lutschen sie, Knie an Knie, Bauch an Bauch, am selben Schleckstängel. Wenig später schmollt Magda, weil Lisa zuerst bei der Schaukel ist. Aber wer sich mag, versöhnt sich schnell, zumal die vier Schweinebuben ihnen einmal mehr den Weg verstellen und gemeinsames Handeln angesagt ist. Angriff ist die beste Verteidigung, das wissen die beiden Freundinnen, und ziehen sich mit Mut und List und etwas Glück aus der Affäre.
Die Basler Illustratorin Kathrin Schärer erzählt in ihrem neuen Bilderbuch die Geschichte einer wirklich dicken Freundschaft und der Kraft, die einem diese verleihen kann. Sie tut dies, indem sie die jungen Schweinedamen grossflächig ins Bild setzt und ihren wechselnden Gefühlen über starke Gesten und eine sehr menschliche Mimik lebhaftesten Ausdruck verleiht. Einzig eine Doppelseite, die aus der Vogelperspektive die geglückte Finte von Magda und Lisa zeigt, fällt aus dem Rahmen.
Als Magda und Lisa endlich zu Hause ankommen, warten Lisas Vater – mit Kochschürze und Pfanne in der Hand – und Magdas Mutter, umgeben von einer Schar von kleinen Brüderchen und Schwesterchen, schon auf die beiden. Nach dem Mittagessen, das sieht man ihnen an, werden sie sich wieder treffen müssen. So ausschliesslich und erfüllend kann eine Kinderfreundschaft sein.
Christine Tresch

Josefine wünscht sich einen Hund
Tove Appelgren, Illustration: Salla Savolainen
Übersetzt von Dagmar Brunow
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6274-4

Im dritten “Josefine”-Abenteuer dreht sich diesmal alles um den Hund, genauer gesagt sogar um zwei Hunde. Denn ehe Josefine ihren eigenen Welpen auf dem Arm halten darf, gibts erst mal einen Hund auf Probe, um zu schauen, wie das denn alles so klappt. Kaum ist Schnuffel dann im Haus und alle gerade so richtig glücklich, wird Papa krank. Er hustet und niest und bekommt ganz rote Augen. Als Josefine dann von der Vorschule nach Hause kommt und sich darauf freut, zum ersten Mal allein mit Schnuffel Gassi zu gehen, sitzen Eltern und Geschwister ganz traurig um den Küchentisch herum. Papa hat eine Tierhaarallergie. Und das heisst: Schnuffel muss wieder weg.
Wie es dann doch noch kommt, dass Schnuffel – wenigstens ein kleines bisschen – auch Josefines Hund bleibt, sie ihn ganz oft sehen, mit ihm Gassi gehen, spielen und kuscheln kann, erzählen Tove Appelgren (Text) und Salla Savolainen (Illustration) in gewohnt warmherziger Manier: Mit viel Humor und fröhlichen, herrlich wimmeligen Bildern, die den turbulenten Alltag kinderreicher Familien mit comicartigem Strich und vielen liebevollen Details so treffend einfangen, dass man nicht müde wird, sie wieder und immer wieder anzuschauen.
Andrea Duphorn

Rosa Weiss
Roberto Innocenti
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-5124-0
Schlagwörter: Krieg

Der Titel ist verspielt: zwei Farben als Vor- und Nachname eines Mädchens. Er bedeutet aber auch, dass Rosa etwas weiss. Und darauf kommt es an, denn spielerisch ist dieses Buch ganz und gar nicht. Es erzählt kompromisslos vom Krieg, von Nazigräueln im KZ. Rosa lebt in diesem Krieg, nimmt ihn aber nicht als solchen wahr. Sie erlebt die Euphorie des Kriegsbeginns und bemerkt auch den Stimmungswandel, versteht aber nicht. Offensichtlich redet niemand mit ihr darüber. Auch der Text benutzt die Wörter Krieg, Nationalsozialismus oder Konzentrationslager nicht. Er erzählt von dem, was das Mädchen erlebt: von Soldaten und Panzern, vom kalten Winter, von misstrauischen Blicken und den hinter Stacheldraht immer dünner werdenden Kindern mit dem gelben Stern, denen Rosa jeden Tag nach der Schule Essen bringt – ohne etwas zu verstehen. Die detailreich ausgearbeiteten, hyperrealistischen Bilder zeigen die Sieg-Parolen an den Mauern der bürgerlichen Stadt, Rosas Verlorenheit im Heil-Jubel wie in der Endzeit-Panik und alle Arten von Soldaten: patriotische und kriegsmüde, winkende und hinkende, dann auch Kindersoldaten und schliesslich, bei Rosas letztem Gang zum Stacheldraht, die Soldaten der Gegenseite, die im Nebel auf alles schiessen, was sich bewegt …

Mit neu von Mirjam Pressler nacherzähltem Text ist dieses wichtige Buch endlich wieder lieferbar. Für Kinder verständlich, weil bildlich und emotional erfassbar, wird hier vom Elend des Krieges erzählt und von der richtigen Handelsweise, die in den Tod führen kann.

Bruno Blume

Zathura
Chris van Allsburg
Aus dem Englischen von Ebi Naumann
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51663-4
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie

Was machen zwei Brüder im besten Alter? Natürlich streiten. Das ist auch Walter und Dennys Lieblingsbeschäftigung: Der jüngere Denny macht die Sachen von Walter kaputt, der sich an ihm dann körperlich auslässt. Am besten geht das, wenn die Eltern wie an diesem Tag weg sind. Doch dann finden sie im Park ein Weltraum-Brettspiel, das sie zusammenschweisst, denn aus dem Spiel wird sogleich Realität: Ein Meteoritenhagel zerstört das Haus, die Schwerkraft wird erst aufgehoben, dann verstärkt, ein Roboter und ein Zorgone greifen an – die Situation für die Kinder ist hoffnungslos, das Ende des Spiels nicht in Sicht. Da zieht Walter die Karte: „Du bist in ein schwarzes Loch geraten. Geh eine Stunde pro gewürfelten Punkt zurück in der Zeit.“ Darauf wird er von dem schwarzen Loch verschluckt und verschwindet.
Die schwarzweissen, handwerklich grossartigen und konsequent durchgezogenen Illustrationen schaffen eine eindrückliche Stimmung, die das Fassungslose sehr gut transportieren und das Buch zu einem Leckerbissen für Weltraum-Fans machen. Für die Brüder ist es das ersehnte Abenteuer, das sie aber überhaupt nicht bestehen können. Zum Happy-End kommt es nur dank der kleinen Zeitreise im schwarzen Loch: Walter landet wieder im Park und hindert Danny daran, das Spiel mitzunehmen. Stattdessen legt er – wohl zum ersten Mal – seinem Bruder den Arm um die Schulter und schlägt vor, zusammen zu spielen. Eine Wandlung, die selten so stimmig begründet war!
Bruno Blume

Zwei Papas für Tango
Edith Schreiber-Wicke, Illustration: Carola Holland
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-43528-1

„Zwei Papas für Tango“ erzählt ein Ereignis aus dem New Yorker Zoo nach, wo zwei männliche Pinguine ihre Kinderfreundschaft beibehalten, sich nicht für Weibchen interessieren und schliesslich – gegen die anfänglichen Störungsversuche der Pfleger – sogar ein Nest bauen und einen Stein in Eiform bebrüten. Da zufällig ein anderes Pinguinpaar sein Ei im Stich lässt, schieben die Pfleger das den beiden Männchen unter, worauf ein kleiner Pinguin schlüpft, den die beiden als Kind annehmen und aufziehen.
Der Autorin ist daran gelegen, die Geschichte, die sie mit sicherer Distanz erzählt, als real darzustellen. Sie drängt darauf, dass das der Lauf der Welt sei: So ist es geschehen, also kann es nicht verkehrt sein. Nur am Ende verlässt sie ihren Weg und impliziert, dass das geschlüpfte Pinguinbaby Tango die Normabweichung bemerkt habe: Er „betrachtete verdutzt seine beiden hüpfenden Väter.“ Leider überzeichnet die Illustratorin die Pinguine derart vermenschlicht, dass sie Schuhe und Frack tragen, rote Wangen haben und durchgehend grinsen. Wer sich daran nicht stört, kann das Buch vor allem dort gut einsetzen, wo mit realistischerer Darstellung oder dem benennen von Homosexualität mehr Widerstände gegen diese Lebensform im Bilderbuch zu erwarten wären.
Bruno Blume

Was ist dir lieber…
John Burningham
Aus dem Englischen von Rolf Inhauser
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-5094-5
Schlagwörter: Humor/Komik | Spiel

Es fängt alles ganz harmlos an, wenn das Kind mit dem Hund aus der Haustür tritt. Was darfs denn sein? Ein köstliches Spin-nenschnitzel, gerollte Schneckenknödel, dickflüssigen Würmerbrei oder giftgrü-nen Schlangensaft hätte es im Angebot. Das Kind kann auf 32 Seiten aus vielen weiteren ausgefallenen und gruseligen Angeboten auswählen. Ein riesiger Elefant könnte zum Beispiel sein Badewasser austrinken, ein furchterregender Raubvogel sein Mittagessen stehlen oder – oh Graus! – der Vater vor allen Kindern in der Schulklasse herumtanzen! Alle möglichen und unmöglichsten Situationen werden vor den staunenden Kinderaugen zur Auswahl ausgebreitet. Bei solch absurdem Angebot fällt es nicht leicht, sich zu entscheiden, und die Spannung hält an, bis zur letzten Seite, wo sich das Kind, müde von all den aufregenden Entscheidungen, wohlig ins eigene Bett kuschelt.
Mit wunderbar fein gezeichneten grossflächigen Bildern und kurzer Textbegleitung (in Fibelschrift) wird hier skurriler englischer Humor vom Feinsten dargeboten. Schon kleine Kinder spüren den heiteren Ton, sind von den erfrischend frechen Situationen magisch angezogen und können nicht genug davon bekommen. Da zeigt einer eine kunterbunte Welt, wie man sie sich in den kühnsten Träumen kaum vorstellen kann oder gar darf. Die Ideen weiterspinnen, der Fantasie freien Lauf lassen und darüber diskutieren ist angesagt. John Burninghams Werke sind seit Jahrzehnten eine echte Bereicherung der Bilderbuchszene. Ohne Zweifel ist “Was ist dir lieber …” eines seiner besten, und es verwundert auch nicht, dass dieses herrlich schräge Bilderbuch ein echter Klassiker wurde. Es lebe die Neuauflage!
GIOVANNA RIOLO

Der Zauberer, der Hässliche und das schamrote Buch
Pablo Bernasconi
Aus dem Englischen von Monika Schmalz
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5099-5

Das ist schön ungerecht! Da verhilft der Zauberer Leitmeritz einem jeden zur Erfüllung seiner Wünsche – nur seinem Gehilfen Chancery, dem hilft er nicht. Dabei könnte dieser einen erfüllten Wunsch gut gebrauchen – er ist nämlich von einer geradezu grotesk anmutenden Hässlichkeit. Blau und unförmig, mit schiefen Zähnen und struppigen Haaren wird er von den DorfbewohnerInnen immer nur “Der Hässliche” genannt, und das stimmt ihn gar traurig.
Als der Zauberer eines Tages nicht im Haus ist, hält Chancery sein Unglück nicht länger aus und nähert sich heimlich dem Roten Zauberbuch. Dass dies nicht gut gehen kann, wissen erfahrene LeserInnen spätestens seit Goethes Zauberlehrling, und so kommt es natürlich auch hier zur Katastrophe: Als Chancery seinen Wunsch, ein schöner Mann zu werden, ausspricht, fallen alle Buchstaben und Zeichen aus dem Zauberbuch heraus. Zwar klebt Chancery – noch immer hässlich – sie sorgfältig wieder ein, doch gelingt dem Zauberer seither kein einziger Zauberspruch mehr. Nun ist guter Rat teuer.
Pablo Bernasconi erzählt die Geschichte von der Schönheit, die letztlich doch ganz ohne Zauberei von innen kommt, mit einem künstlerisch aufwändigen und sehr aus dem Rahmen fallenden Bilderbuch. Mit multimedialen Collagen rahmt er – floralen Verzierungen alter Märchenbücher folgend – Textpassagen ein und bleibt mit seinen ganzseitigen Bildern nur selten im Bildrahmen, so dass Text und Bild als künstlerisches Gesamtwerk verschmelzen. Jedes Detail verdient hier Beachtung, denn neben verschiedensten Textilien hat Bernasconi auch Mohrrüben, Stacheldraht, Türklingeln und Weihnachtskugeln medial verfremdet. Sehr ausgefallen und ein Muss für alle BilderbuchsammlerInnen!
Maren Bonacker

Die Torte ist weg!
Thé Tjong-Khing
Verlag: Moritz, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-173-7
Schlagwörter: Wimmelbuch

Sprachlos sind Herr und Frau Hund, als ihnen die frechen Ratten mir nichts, dir nichts die schöne Torte stibitzen. Sprachlos – oder besser gesagt ohne Worte – ist auch das ganze Bilderbuch, in dem Thé Tjong-Khing die Geschichte einer spannenden Verfolgungsjagd erzählt. Denn die Ratten sind weiss Gott nicht die einzigen Diebe. Die frechen Affen klauen nacheinander der Katze den Hut, Familie Schwein den Sonnenschirm und schliesslich noch dem Storch die Schwanzfedern. Derweil weint das kleine Hasenkind, weil es seine Puppe verloren hat, und trotz intensivem Suchen findet Mama Hase sie nicht wieder. Die Spannung erreicht ihren Höhepunkt, als das kleine Schweinekind von der hohen Klippe fällt und alle, die vorher noch mit Weglaufen, Hinterherrennen und Suchen beschäftigt waren, in ihrer Bewegung erstarren und entsetzt den Sturz verfolgen. Dennoch kommt die Geschichte noch zu einem guten Ende – bei Torte und einer leeren Weinflasche.
Einmal angucken reicht nicht: Selbst geübte BilderbuchbetrachterInnen entdecken beim Durchblättern dieses vollkommen textfreien Buchs immer wieder neue Details – etwa diese mysteriöse Feder, bei der man bis zum Schluss nicht weiss, zu wem sie gehört. Und das elfte Entenküken taucht auf der letzten Seite auch wieder auf. Immer wieder kann man die grossformatigen Doppelseiten auf der Suche nach einzelnen, durchgängigen Geschichten ansehen. Damit ist dieses in Holland bereits mehrfach ausgezeichnete Buch zur frühen Sprachförderung bestens geeignet. Gerade in Einrichtungen für kleinere Kinder, oder aber in solchen, wo der Anteil an Migrantenkindern recht hoch ist, sollte dieses Bilderbuch auf keinen Fall fehlen – und in den Familien wird diese spannende Verfolgungsjagd sowieso bald eines der Lieblingsbücher sein.
Maren Bonacker

Ernesto
Jochen Stuhrmann
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-69-X
Schlagwörter: Freundschaft | Reisen

Eine lange Reise auf kurzen Beinen

Ein bisschen Mut braucht es manchmal schon, Gewohntes hinter sich zu lassen. Erst recht, wenn man in seinem Leben bislang eigentlich nichts vermisst hat. So wie Hund Ernesto, dem der Sinn nie nach weiten Reisen stand – bis eine Postkarte durch den Briefschlitz seiner Wohnungstür fällt. Weil er die Sprache nicht kennt, in der der Text darauf verfasst ist, beginnt er nach dem Absender zu suchen. Er findet ihn auf den Fidschi-Inseln – und erfährt, dass die Karte gar nicht für ihn bestimmt war. “Wahrscheinlich hat sich die Brief-taube verflogen…” Allzu traurig macht Ernesto das aber nicht. Dafür hat er einfach zu viel Schönes erlebt und Freunde gefunden, die ihn selbst im weit entfernten Zuhause noch zu überraschen wissen…
Auf Jochen Stuhrmanns Illustrationen scheint fast immer die Sonne. Zu den Fenstern des Postamtes oder in das Cockpit des Flugzeuges hinein, mit dem Er-nesto einen Teil seiner Reise zurücklegt. Auf den Fidschi-Inseln sowieso, und wäh-rend der Heimfahrt mit dem Zug. Mit warmen Rot- und Brauntönen, strahlendem Gelb, Grün und Blau taucht der Hamburger Illustrator die Dächer von Ernestos Heimatstadt ebenso in das verzaubernde Licht sommerlicher Sonnenuntergänge wie dessen Wohnzimmer oder den Fidschi-Strand. Zudem bildet er seine tierischen Protagonisten – vom Känguru in Uniform über das Walross mit Ganzkörper-Tattoo, Leguane in Fussballtrikots bis hin zu Ernesto in Hausanzug und (vier!) Pantoffeln aus dem gleichen Stoff wie sein Lieblingssessel – so menschlich ab, dass man aus dem Schmunzeln nicht mehr herauskommt. Fantasievolle Details wie die Pfotenabdrücke, die Ernesto auf Lei-tern, Treppen und Dächern hinterlässt, nachdem er durch weisse Farbe getappt ist, winzige Maulwürfe, Mäuse, Hasen und Frösche lassen fast jede Seite zu einem kunstvollen Suchbild werden. Einfach Klasse!
Andrea Duphorn

Das Buch von allen Dingen
Guus Kuijer
Aus dem Niederländischen von Sylke Hachmeister
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2006, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4022-8
Schlagwörter: Religion

Nach den Geschichten von Polleke, die inzwischen in die Pubertät gekommen ist, erzählt Guus Kuijer uns von Thomas, der in den Fünfzigerjahren in einer streng religiösen Familie aufwächst. Das heisst: Der Vater ist sowohl streng als auch tief religiös, und mit seinen gnadenlosen und lebensfeindlichen Überzeugungen regiert er über die Mutter, Schwester Margot und den neunjährigen Thomas; notfalls mit handfester Gewalt. Thomas unterhält sich zwar auch mit (seinem) Jesus und nimmt die „ägyptischen Plagen“ der Bibel sehr wörtlich, doch einen Weg aus Geboten und Ängsten findet er erst durch Frau von Amersfoort, obwohl die entweder eine Hexe ist, eine Kommunistin, oder sogar beides. Sie bestärkt ihn, leiht ihm fröhliche weltliche Bücher und spielt ihm Beethoven vor – doch das, was sich in Thomas langsam als Widerstand gegen Vaters Übermacht formiert, bekommt erst Lebendigkeit und Kraft, als sich alle gemeinsam zu wehren wagen: Thomas, Margot und die Mutter. So phantasievoll sie das tun, so schön ist das zu lesen. Der Konflikt ist damit natürlich noch längst nicht gelöst – so fair und loyal ist der Autor auch seinen weniger sympathischen Figuren gegenüber. Aber er wird klar und damit endlich austragbar. Und das macht Mut.
Verena Stössinger

Ich, Coriander
Sally Gardner
Aus dem Englischen von Anne Braun
Verlag: CBJ, Publiziert: 2006, Seiten: 312, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-13104-1
Schlagwörter: Historisches | Religion | Fantastik/Fantasy

Manche Geschichten schweben so zauberleicht zwischen Realität und Fantastik, dass man wieder an das Magische in der Welt zu glauben beginnt. So in Sally Gardners Debütroman “Ich, Coriander”. In sieben Teilen erzählt die Ich-Erzählerin ihre Lebensgeschichte – ein Märchen im von Puritanern freudlos gehaltenen England des 17. Jahrhunderts.
Corianders glückliche Kindheit endet abrupt mit dem Tod ihrer Mutter. Aus politischen Gründen sieht sich ihr Vater gezwungen, erneut zu heiraten – doch die gläubige Frau an seiner Seite ist eine sadistische Frömmlerin, deren Ziel es zu sein scheint, das Leben ihrer neuen Familie zu zerstören. Ihre Strafen würden Corianders Tod bedeuten, stünde diese nicht unter besonderem Schutz: Silberne Schuhe öffnen ihr die Welt der Elfen und Feen. Doch auch in dieser magischen Welt herrscht ein Kampf zwischen Gut und Böse. Kann Coriander den zauberischen Schatten ihrer Mutter finden und der finsteren Herrschaft ein Ende bereiten? Und in welcher Welt ist sie tatsächlich zu Hause?
Die Elemente aus Märchen und Fantasy wirken im Kontext des historisch genau beschriebenen Englands unter der Herrschaft Oliver Cromwells bei all ihrer Vertrautheit neu. Trotz der klassischen Übergangssituation von der hiesigen Welt in eine andere, durchdringen sich Magie und Realität gegenseitig, so dass man die Welten als ineinander existierend begreift. Die Feenwelt mit der unrechtmässigen Herrscherin spiegelt in eindrucksvoller Weise die historische Situation Englands wider, so dass man zwei ausgesprochen spannende Geschichten liest, mit deren Protagonistin Coriander man sich allzu gern identifiziert. Ein aussergewöhnliches Buch.
Maren Bonacker

Ein fetter Fang im langweiligsten Kaff der Welt
Phillip Gwynne
Aus dem australischen Englisch von Ilse Rothfuss
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2006, Seiten: 279, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-8027-5
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Pubertät | Abschied

Wie alle Angler ist der 13jährige Hunter aus Dogleg Bay, Australien, aufs Warten spezialisiert. Er träumt davon, einen Mulloway zu fangen, einen Riesenfisch von mythischer Ausstrahlung, der die Augen der Fischer zum Leuchten und ihre Fantasie in Fahrt bringt. Der australische Autor Phillip Gwynne, seinerseits ein Spezialist für die Übergangsriten der Pubertät, verpackt den entscheidenden Ausschnitt aus Hunters Leben in ein Märchen rund um den Traum vom Mulloway und lässt Hunter selbst erzählen; sein Talent für zugespitzte Formulierungen, sein Witz und seine Selbstironie allein wären Grund genug, das Buch gleich zweimal zu lesen. Hinter der bunten Welt voll schräger Figuren auf dem Campingplatz, den Hunters Mutter führt, verbirgt sich eine traurige Geschichte: Vor fünf Jahren verschwand Hunters Vater von den Klippen, bei einem waghalsigen Angelabenteuer. Solange der Junge auf die Rückkehr des Vaters wartet, ist er blockiert und immer schlechter Laune. Zum Glück entdeckt er eines Tages die Qualitäten der „Fotokopien“, wie er die Zwillingsschwestern Jasmine und Storm nennt, und zum Glück gibt es den Mulloway…
Christine Lötscher

Ein kleines Stück Freiheit
Elizabeth Laird, Sonja Nimr
Aus dem Englischen von Mareike Weber
Verlag: Arena, Publiziert: 2006, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-02720-4
Schlagwörter: Freundschaft

Eine Kindheit in Ramallah

Der Palästinenser-Junge Karim lebt mit seiner Familie in Ramallah, der seit Jahrzehnten von den Israelis besetzten Stadt. Soldaten mit Maschinenpistolen, Panzer und Strassensperren, Schüsse und Explosionen gehören für ihn ebenso zum Alltag wie wochenlange Ausgangsverbote, während der die Menschen ihre Wohnungen weder tagsüber noch nachts verlassen dürfen. „Mamnou’a al tajwwol! (…) Draussen sein ist verboten!“ Umso mehr geniesst Karim es, wenn er ins Freie darf und Fussball spielen kann: „Wichtiger als alles andere, war der Fussball, (…) die Magie in jeder seiner Bewegungen, die Energie, die ihn durchströmte, und die Geschicklichkeit, die er bewies.“

Dass Karim tatsächlich einmal „der beste Fussballer der Welt“ wird, wie er es auf seiner Liste der „zehn wichtigsten Dinge, die ich in meinem Leben tun (oder sein) will“ zuoberst steht, ist unwahrscheinlich. Doch der kleine Platz, den er unweit des Flüchtlingslagers mit seinen Freunden Joni und Hopper von Steinen und Müll befreit, um dort mit anderen Jungen Fussball spielen zu können, steht auch für die Hoffnung auf ein freieres Leben. Als die Jugendlichen eines Abends von den zurückkehrenden israelischen Panzern überrascht werden, kostet das Karim um ein Haar das Leben. Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich in einem alten Autowrack am Spielfeldrand zu verstecken und darauf zu warten, dass die verhassten Besatzer wieder abziehen …

Elizabeth Laird und Sonia Nimr ist ein spannendes Jugendbuch über den Alltag eines Jungen in einem Krisengebiet gelungen, aus dem uns fast jeden Tag neue Schreckensmeldungen erreichen. Mit einem engagierten Nachwort ausgestattet, das die Geschichte des Nahostkonflikts prägnant zusammenfasst, empfiehlt sich dieses Taschenbuch auch sehr für den Einsatz im Schulunterricht.

Andrea Duphorn

Ein Traum vom Fussball
Lieneke Dijkzeul
Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer und Stefan Härir
Verlag: Arena, Publiziert: 2006, Seiten: 264, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-05889-4
Schlagwörter: Sport | Identität/Individualität

Ein fussballbegeisterter Jugendlicher aus ärmsten Verhältnissen wird von Talentspähern entdeckt, an die Nachwuchsförderung eines namhaften Vereins vermittelt und bekommt schliesslich die Chance, bei einem Top-Klubs in Europa unter Vertrag genommen zu werden. Es ist die Geschichte vieler internationaler Stars, die Lieneke Dijkzeul in „Ein Traum vom Fussball“ erzählt: Rahmane und seine Freunde Tigani und Henri leben in einem armen Dorf in Südafrika. Fussballspielen ist ihr Ein und Alles. Begeistert jagen sie in jeder freien Minute einem alten Ball hinterher. Und sie sind gut. Das erkennt auch der Talentscout, der eines Tages auf Einladung ihres Trainers auftaucht, ihr Spiel eine Weile beobachtet und die drei schliesslich zu einem Auswahltraining in die zwei Tage mit dem Bus entfernte Grossstadt einlädt.

Rahmane und Tigani schaffen es. Sie dürfen das Internat des ansässigen Klubs besuchen, Fussballspielen und lernen. Während Rahmane emsig trainiert, erliegt sein abenteuerlustiger Freund aber schon bald den Versuchungen der Grossstadt. Abend für Abend zieht es Tigani ins Zentrum, wo er für Geld auf der Strasse kickt und in schlechte Gesellschaft gerät. Im Training zeigt er nur noch mässige Leistungen – und wird eines Tages wieder nachhause geschickt. Rahmane dagegen fliegt kurz darauf zu einem mehrwöchigen Auswahltrainingslager eines bekannten Vereins in den Niederlanden. Der Beginn einer grossen Fussballkarriere?

Der Roman der niederländischen Autorin erzählt nicht nur von der Fussballbegeisterung afrikanischer Jugendlicher, sondern auch sehr eindrucksvoll von den Lebensbedingungen in einer der ärmsten Regionen der Welt. Was sie ernährt, müssen die Menschen der Erde mühsam abringen. Die Arbeit auf den Feldern ist hart, Wasser kostbar, medizinische Versorgung so gut wie nicht vorhanden, ein Paar Schuhe, „richtige“ Hosen oder eine bunte Plastiktüte sind bereits Zeichen von Wohlstand.

Es geht in diesem Buch aber auch darum, dass ein Junge lernt, sich selber zu bleiben, trotz der Ansprüche der Fussballwelt und der Erwartungen, die seine Familie und sein Dorf an ihn haben.

Andrea Duphorn

Paradiesische Aussichten
Faïza Guène
Aus dem Französischen von Anja Nattefort
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2006, Seiten: 141, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58154-1
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Familie/Familienformen | Rassismus

Doria, ein 15-jähriges Mädchen algerischer Herkunft, lebt mit der Mutter in einem Sozialbau in der Pariser Banlieue. Der Vater ist vor wenigen Monaten nach Marokko zurückgekehrt, um eine andere Frau zu heiraten, die ihm den ersehnten Sohn gebären soll. Die seelischen Wunden, die Doria durch die väterliche Ablehnung erlitten hat, sind tief, entsprechend bitter fallen ihre Kommentare aus. Faïza Guène, die wie ihre Protagonistin algerische Wurzeln hat, lässt Doria aber nicht nur über die Beziehung zum Vater monologisieren. In einer Folge von assoziativ verknüpften Bewusstseinsinhalten werden (milieuspezifische) Reizthemen wie Rassismus, Drogensucht, Kriminalität oder die Perspektivlosigkeit der Jugend ebenso angesprochen wie Dorias pubertätsbedingtes Gefühlschaos, ihr Umgang mit der sozialen Abhängigkeit oder die aufgezwungene, verhasste Ausbildung zur Friseuse. Doria erzählt humorvoll, sarkastisch oder auch naiv, in einer Mischung aus Slang, Jugend- und Umgangssprache. Die Erzählung wechselt zwischen Ereignis- und Gefühlsschilderung, Erinnerung und Reflexion. Auffällig sind die zahlreichen Verweise auf die französische Populär- bzw. TV-Kultur. Offensichtlich ist das Fernsehen die wichtigste kulturelle Quelle der Banlieue-Bewohner; Dorias Gedankenwelt und ihr Verhalten sind denn auch wesentlich davon inspiriert. Dass die Übersetzung des Romans aufgrund dieser sprachlichen Gegebenheiten schwierig war, liegt auf der Hand. Gerade deshalb böte sich das Buch für eine Diskussion typischer Übersetzungsprobleme an; zum Beispiel die Übersetzung von “Allah”, die Wiedergabe von Xeno- beziehungsweise Ethnolekt oder die Übertragung von Eigennamen.

Ursula Kahi

Schwester
Jon Fosse, Illustration: Aljoscha Blau
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2006, Seiten: 50, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-70-3
Schlagwörter: Geschwister

„Warum schimpft Mutter jetzt so, er hat doch nichts Böses getan“, denkt der Junge: Er ist doch nur morgens, als alle noch schliefen, an den Fjord hinunter gegangen und hat sich zwischen die hohen Gräser gelegt und in den Himmel geschaut. Er sieht bloss, wie erschrocken die Erwachse-nen sind, nachdem sie ihn im Schlafanzug zwischen den Gräsern fanden, und trotzdem muss er bei nächster Gelegenheit wieder „wohin gehen“, in den Wald, ins Boot oder durch das Glas in der verschlossenen Tür, und die kleine Schwester nimmt er manchmal mit. Er versteht nicht, was die Erwachsenen immer wollen, er ist ja erst vier und seine Schwester drei. Jon Fosse, der grosse norwegische Autor, erzählt uns über diesen Jungen von innen, als seien wir ebenso klein wie er, und doch in der dritten Person, also von aussen: Dadurch ist keine Anbiederung möglich an das unzugänglich autonome Innere dieses Kindes. Wir hören ihm bloss bei seinen Gedanken zu, die noch nichts wissen von Gefahr und Gehorsam, richtig und falsch. Der Text berührt tief, weil er uns ein Kind verstehen lernt, indem wir lernen, dass wir es nicht verstehen können. Ein wunder-barer Text über Kinder, sehr weise und sehr poetisch (wenn auch eher hölzern illustriert).
Verena Stössinger

Der Murr oder Die Entdeckung des Honigs
Toon Tellegen, Illustration: Verena Ballhaus
Aus dem Niederländischen von Jens Eschmann, Hendrik Neukäter, Georg Verwejen und Peter Wessels
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2006, Seiten: 95, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-6053-3
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie | Freundschaft

Eine solche Lust, geradezu einen Heisshunger auf „etwas Leckeres“ hat der Murr, als er aufwacht, „aber er wusste, dass er nichts im Haus hatte“. Zwar sucht er noch mal gründlich, dann aber macht er sich auf den Weg, etwas Süsses zu finden: Und auf diese Reise nimmt der in seiner Heimat renommierte Autor uns mit. Es ist eine fantastische Entdeckungsreise – denn der Spatz in der Waldschule weiss, dass „alles von etwas“ kommt und „alles, was lecker ist, kommt von dem Honig“. Der Honig muss also bloss noch entdeckt werden, denkt der Murr und geht los, geht durch den Wald, durch die Wüste und bis übers Meer. Er trifft dabei zwar den Igel, der fliegen kann, den Baumkletter-Elefanten, eine Helmkrabbe und die Scheinratte, aber nur uralte abgestürzte Torten und einen gähnend leeren Honig-Laden. Und er merkt, müde zurückgekehrt, dass das Gesuchte im Grunde ganz nahe war … Ein Text zum Verlieben, wunderschön illustriert und ausgestaltet von Verena Ballhaus: Abenteuerbericht und Welterfindung in einem, liebevoll, überraschend und sanft poetisch; eine Geschichte vom Wünschen und Träumen, voll Mut, Zähigkeit, Ehrlichkeit und Humor, die in einer Welt spielt, in der Hierarchien keine Macht haben und wo jedes Wesen nur sich selbst genügen muss.
Verena Stössinger

Ein Regentag im Zoo
Isabel Pin
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2006, Seiten: 22, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-68-1
Schlagwörter: Tiere

Ein Zoobesuch macht nur bei schönem Wetter Spass? – Von wegen! Isabel Pin zeigt, wie spannend ein Regentag im Zoo sein kann. Und wie faszinierend das Spiel mit Formen und Konturen. Anne und ihr Papa gehen in den Zoo. “Sie wollen sich Tiere angucken.” Als sie vor dem Eingang stehen, fängt es an zu regnen. Fast alle Tiere ziehen sich in ihre Häuser zurück. So viel zur nicht besonders ausgefallenen Rahmenhandlung. Der eigentliche Zauber dieses liebevoll gestalteten Pappbilderbuches offenbart sich nämlich erst auf den folgenden Doppelseiten: Neunmal kann geraten werden, welches Tier sich in welchem Gebäude verbirgt. Wer etwa könnte in dem mit dem schmalen, hohen Turm wohnen? Oder in dem wild verschachtelten, das mitten im Wasser steht? Erst wer seinen Tipp abgegeben hat, darf die Klappe öffnen, hinter denen die einzelnen Bewohner abgebildet sind.
Mit Sätzen oder Fragen, die auf der linken Seiten auf weissem Grund platziert sind, leitet Pin von Bild zu Bild. Dass so ausgefallene Tierhäuser in Zoologischen Gärten (leider!) ebenso wenig zu finden sind wie die Pflanzen und Blumen, die die Illustratorin so gefühlvoll um die Gebäude arrangiert hat, stört nicht. Dazu sind die in leuchtenden Blau- und Grün-, warmen Rot- und Brauntönen gemalten Bilder, die in ihrer Zartheit und Farbgebung an kunstvolle Dekostoffe erinnern, einfach zu schön anzuschauen.
Ein originelles, kunstvoll gestaltetes Pappbilderbuch, das die Vorstellungskraft spielerisch anregt und die Feinmotorik fördert, denn es braucht schon ein wenig Fingerspitzengefühl, die zuweilen doch recht widerspenstigen Klappen zu öffnen. Schön: Schon auf den ersten Dopelseiten kann gesucht werden, denn wer Anna und ihren Papa entdecken will, muss schon sehr genau hinschauen.
Andrea Duphorn

Das langgestreckte Wunder
Thomas Rosenlöcher, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Hinstorff, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-356-01130-8
Schlagwörter: Fantasie

“Der geteilte Himmel”, der Titel einer Erzählung von Christa Wolf, ist zur Metapher geworden für das Leben diesseits und jenseits der Mauer, die bis 1989 die beiden Deutschland trennte. In der Geschichte “Das langgestreckte Wunder”, die Thomas Rosenlöcher erzählt, auch er ist in der DDR aufgewachsen, gibt es zwar danieden noch viele Grenzzäune, Verbote und Regeln, aber der Himmel darüber ist riesig und ungeteilt. Beim Anblick dieses weiten Himmels bekommt ein Mann, der in seinem kleinen Garten liegt, das Ziehen in den Beinen. Die Beine wachsen über den Nachbarsgarten hinweg in ein Schulzimmer hinein, wo sie vom Lehrer gemassregelt werden. Das hindert sie nicht daran, ihren Weg über Stock und Stein fortzusetzen, Verkehr, Fussballspiele und Staatsgrenzen zu missachten, hinwegzuwachsen über Länder und Ozeane, bis sie am Schluss nach ihre Reise rund um den Erdball zurück in den Garten kommen und der Mann, der immer noch daliegt, sie mit den Händen packen kann. Kaum sind sie zur Ruhe gekommen, spürt der Mann ein schmerzliches Ziehen im Hals …
Rosenlöchers ironische Geschichte über ein paar Füsse, die sich nicht um Staatsgrenzen und Eigentumsverhältnisse scheren, wird von Jacky Gleich kongenial umgesetzt. Die Illustratorin wählt dafür nicht die Form eines konventionellen Bilderbuchs, sondern ein Leporello von einer Länge von 2,54 Metern. So macht sie den Vorwärtsdrang der in schwarzen Hosen mit weissen Streifen steckenden Beine und der nackten grossen Füsse auf jedem Faltblatt erlebbar. Eine Schnecke macht die Erdumrundung als blinder Passagier auf den Füssen mit. Das ist nur eines von vielen Details, mit denen Jacky Gleich der Geschichte ihre eigene Note verleiht. Und dass sie auf der Rückseite des Leporellos die weltumspannende Reise gleich nochmals nacherzählt, ohne Worte dieses Mal, dafür mit plakativen Bildern, bringt doppelten Seh- und Erzählspass. Ein Buch für jedes Lebensalter.
Christine Tresch

Königin Gisela
Nikolaus Heidelbach
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79906-3
Schlagwörter: Abenteuer | Tiere

Ein Mädchen fährt mit seinem Vater für ein paar Tage ans Meer, der Rest der Familie, Mutter und vier Geschwister, bleiben zu Hause. Jeden Abend bekommt das Mädchen während des Urlaubs die Geschichte von „Königin Gisela“ erzählt, einer reichen, verwöhnten Jugendlichen, die Schiffbruch erleidet und auf eine einsame Insel verschlagen wird. Dort kümmern sich Erdmännchen um die Gestrandete, bringen ihr zu essen, bauen ihr ein Obdach, unterhalten sie. Mit jedem Tag, den Gisela auf der Insel verbringt, steigen ihre Ansprüche, bis sie zu letzt von den Erdmännchen fordert, dass sie ihr ein Bikini aus Erdmännchenfell nähen und sie feierlich in ihr Amt als Königin der Insel einsetzen. Da reicht es den freundlichen, klugen Tieren, sie lassen den Thron samt Königin auf einem Floss ins Meer rollen und verfluchen das Mädchen dazu, ewig übers Meer zu segeln.

Wie in allen anderen Büchern des Künstlers zeigt sich auch hier Heidelbachs grosse Freude am Detail, am Gestalten von Ornamentalem. Und wiederum findet er, wie in seinen Illustrationen der Grimm- oder Andersen-Märchen, ganz eigenständige Formen und Verbindungen von Text und Bild.

„Königin Gisela“ enthält zwei Geschichten in einer. Die von Gisela, die man als Abenteuer-, aber auch als Kolonisationsgeschichte lesen kann, und die des Mädchens, das die Geschichte zu hören bekommt. Von ihm dürfen wir vermuten, dass es ähnlich herrschsüchtig ist wie die imaginierte Königin und der Vater ihm deshalb eine moralische Beispielgeschichte erzählt. Ein Buch mit viel Diskussionsstoff für grössere Kinder.

Christine Tresch

Die Mausefalle
Christian Morgenstern, Illustration: Peter Schössow
Verlag: Hanser, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20695-7
Schlagwörter: Freundschaft | Humor/Komik

“Palmström hat nicht Speck im Haus – dahingegen … eine Maus!” Da sich Mensch und Maus auf Dauer in einem Haus nicht vertragen, wird nach einer Lösung gesucht, wie der Nager entfernt werden kann. In seinem hinreissenden (und sehr mäusefreundlichen!) Gedicht “Die Mausefalle” hat Christian Morgenstern schon vor vielen Jahren eine gewitzte Kammerjägergeschichte der anderen Art geschrieben: Palmströms Freund Korf baut ein grosses Gitterhaus, in das sich Palmström gleich mit hineinsetzen soll. Des Nachts locken sie nun mit Geigenmusik die Maus aus dem Haus und transportieren nach geglückter Fallenschliessung alles zusammen in den Wald. Dort findet die Jagd ein glückliches Ende: Die Maus liebt ihr neues, grünes Zuhause, und Palmström kann beruhigt mit Freund Korf wieder nach Hause fahren.
Liest sich schon Morgensterns Gedicht für Mäusefreunde herzerwärmend, so fügt Peter Schössow mit seinen Illustrationen in dem für ihn so charakteristischen Malstil optisch noch einen zusätzlichen Genuss hinzu: Die Maus, mit weissem Blüschen und rotem Rock, rennt bei Korfs Besuch geschäftig hin und her und transportiert – noch ehe Korf und Palmström reagieren können – die mitgebrachten Pralinen zu ihrem Fernsehsessel, wo sie hingerissen zu schmausen beginnt. Der im Gedicht beschriebene “mittelgrosse Möbelwagen”, der den grossen Palmström- und Mausekäfig mit Pferdehilfe in den Wald ziehen soll, ist hier motorisiert – das grinsende Pferd sitzt am Steuer.
Peter Schössows querformatige Assoziationen zu Morgensterns Gedicht wecken die Fantasie: Was steht nicht explizit im Text, lässt sich aber gedanklich wunderbar hinzufügen? Ob Kinder Morgenstern hier neu oder Erwachsene ihn wiederentdecken – “Die Mausefalle” ist ein illustratorisches Kleinod.
Maren Bonacker

Barnie
Sonja Bougaeva
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0515-6
Schlagwörter: Emanzipation

“Barnie! Schämst du dich nicht? … Mach doch nicht so einen Lärm! … Was trödelst du?” So tönt es den lieben langen Tag. Da behaupte noch einer, das Leben eines Hundes sei ein Zuckerlecken! Der gescholtene Barnie jedenfalls hat am Abend die Schnauze gestrichen voll und sucht, ein beinahe schon diabolisches Grinsen im Gesicht, auf eher unhündische Art und Weise das Weite.
Wie schon Sonja Bougaevas Erstling “Zwei Schwestern bekommen Besuch” kann auch “Barnie” als Metapher für das Gefühl des (kindlichen) Ausgeliefertseins an äussere (elterliche) Zwänge gelesen werden. Barnie muss selbst aktiv werden und einen Weg finden, um mit seiner Frustration umzugehen. Sein Ausreissen mit Herrchens Auto ist dabei eine gelungene Synthese der Ohnmachts- und Rachegefühle, die Kinder in ähnlichen Situationen wohl verspüren. Während die Bilder Momentaufnahmen eines beschaulichen Hundealltags sowie einen unermüdlich an seinem Auto herumwerkelnden, zunehmend genervten Mann zeigen, erzählt der Text von einem Hund, der von seinem Herrchen wegen allem und jedem gerügt wird. Ein Kind, das sich ungerecht ausgeschimpft fühlt, und ein gestresster Elternteil, dessen Alltagsfrust sich am Kind entlädt – welche Familie kennt dieses Szenarium nicht? Nicht immer aber sind Herrchens Ermahnungen reine Schikane; selbstvergessen auf die Strasse laufen ist ja tatsächlich gefährlich; hier böte sich eine ideale Einstiegsmöglichkeit in das gemeinsame Gespräch. Wirklich wichtig wäre ein Gespräch im Zusammenhang mit dem Ende der Geschichte. Barnie fährt weg – und jetzt? Diese spekulative Offenheit ist für (kleinere) Kinder eher schwierig und unbefriedigend.
Ursula Kahi

Anna Maria Sofia und der kleine Wim
Edward van de Vendel, Illustration: Ingrid Godon
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51655-3
Schlagwörter: Freundschaft | Tod/Trauer

Der kleine Wim und die alte Anna Maria Sofia sind ein prima Team. Regelmässig machen die beiden einen Rundgang durch die nahe Umgebung. Ganz selbstverständlich verbindet der Junge dabei die einfachen Bemerkungen der alten Frau mit der Realität: Was Anna an die Keksdose zu Hause erinnert, ist in Wirklichkeit der Bauch einer Schwangeren, der vermeintliche Fernseher ist das gemalte Fussballtor auf einer Hauswand. Auch das geflüsterte “Schuh-Schuh-Schuh” beim Anblick der spielenden Kinder weiss Wim zu deuten. Die Schühchen stehen daheim auf dem Fernseher als Erinnerung an Annas Kind, das – wie die letzte Station des Spaziergangs auf dem Friedhof erzählt – schon früh gestorben ist. Am Ende des Spaziergangs bringt Wim die Frau nach Hause zu ihrem Mann, der einen liebevollen Umgang mit den beiden pflegt.

Das Bilderbuch von Edward van de Vendel und Ingrid Godon ist emotional dicht, doch nie erdrückend. Es stösst vieles an und lässt dabei genügend Raum für Fragen. In erster Linie ist es ein wunderbares Buch über eine Freundschaft zwischen den Generationen. Beeindruckend ist der selbstverständliche Umgang des kleinen Jungen mit der offensichtlich dementen Frau. In ihrer regelmässigen Begegnung wird Wim zum Wegweiser durch das Leben von Anna Maria Sofia. Typisch (nicht nur) für demenzkranke Menschen ist dabei, dass speziell jene Ereignisse eines Lebens, die emotional am tiefsten gegangen sind, bis zuletzt präsent bleiben. Annas abgrundtiefe Trauer, die der Verlust ihres Kindes bedeutet, wird so zum Leitfaden für die gesamte Geschichte. Dem Autor gelingt aber auch eine kindgerechte Annäherung ans Thema Demenz. Die Illustrationen unterstützen die Atmosphäre der Geschichte und runden diese ernsthafte, nie pädagogisierende Auseinandersetzung mit gleich zwei wichtigen Themen ab.

Barbara Jakob

Edward van de Vendel ist eine der neuen ganz grossen Stimmen der Kinder- und Jugendliteratur. Er schreibt Jugend-, Kinder- und Bilderbücher und alle kehren so subtil das Verborgene hervor, erzählen von Outings, Verdrängtem und Verlorenem. Hier fängt alles mit einem harmlos harmonischen Spaziergang von Oma und Enkel an. Anna Maria Sofia ist mit Wim unterwegs und langsam bemerken grosse wie kleine LeserInnen, dass etwas nicht stimmt. Die Oma versteht nicht, was sie sieht. Wim muss ihr erklären, was kickende Jungs sind, was ein küssendes Liebespaar ist, was eine schwangere Frau. Erst am Ende lässt sich kombinieren, dass Anna Maria Sofia keine Oma ist, sondern vor Jahren ihr Kind verloren hat und seither in ihrer eigenen Welt gefangen ist. Es ist Wim, der die alte Frau führt, offensichtliche jeden Tag mit ihr spazieren geht.

Leider sind die Illustrationen matschig und dumpf in den Farben, sowie – durch den Versuch, die Isolierung Anna Maria Sofias bildlich durch Rahmen festzuhalten – unübersichtlich gestaltet. Trotzdem ist „Anna Maria Sofia und der kleine Wim“ ein berührendes und wichtiges Bilderbuch, mit einem sehr selten aufgegriffenen Thema.

Bruno Blume

Rabea und Marili
Annette Pehnt, Illustration: Jutta Bauer
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2006, Seiten: 105, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55412-9
Schlagwörter: Fantasie | Alltag | Familie/Familienformen

Wenn ein kleines Mädchen herzzerreissend weint, weil es so gerne eine Wolke zum Hineinkuscheln und Schlafen hätte, ist guter Rat teuer. Zumindest, wenn keine Miniatur-Fee zur Stelle ist, die “zaubert, so fest sie kann, bis endlich ein kleines weisses Wölkchen vor ihr schwebt…”
Die Literaturkritikerin und preisgekrönte Autorin Annette Pehnt (“Ich muss los”, 2001) hat ihr erstes Kinderbuch geschrieben: “Rabea und Marili” erzählt in 22 Episoden über das Abenteuer, eine grosse – oder kleine – Schwester zu sein. “Streit”, “Bummeln”, “Abschied”, “Erfinden”, “Krank”, “Verlaufen” – für fast jede Alltagssituation findet sich hier die passende Geschichte: drei bis maximal vier Seiten oder fünf Vorleseminuten kurz und fast alle mit einem versöhnlich stimmendem Ende, eignen sie sich wunderbar als Gutenachtlektüre oder für besonders innige Momente zwischen Alt und Jung, denn sie treffen geradewegs ins Herz: Weil sie mit viel Wärme und grosser Zärtlichkeit erfrischend ehrlich von kindlichen Sichtweisen und Bedürfnissen erzählen, ohne zu verniedlichen. Weil die Gedanken und Gefühle der fünf Jahre alten Rabea gleichwertig neben denen der zwei Jahre jüngeren Marili stehen. Weil die Schwestern stets von einer schutzengelsgleichen Zwergfee umflattert werden, die die Erwachsenen nicht sehen können. Einer Fee, die sich von “Luft und Musik” ernährt (“aber Gummibärchen mag sie trotzdem”), die (fast) immer Rat weiss, tröstet und erklärt. Und weil Jutta Bauer das Ganze so zauberhaft illustriert hat, dass man beim Anblick ihrer colorierten Zeichnungen unweigerlich lächeln muss. So etwa, wenn Marili versucht, ein Stück aus der Sonne herauszubeissen, oder Rabea die kleine Schwester auf einer Wiese wie einen Drachen steigen lassen will.
Andrea Duphorn

So ein Glück!
Eva Lindström
Aus dem Schwedischen von Brigitta Kicherer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2006, Seiten: 119, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20697-3
Schlagwörter: Alltag

Gleich auf der ersten Seite beginnt das Glück: In Rojs Strasse zieht ein neuer Junge. Rasch freundet sich Roj mit Mats an, und für Langeweile ist von nun an kein Platz mehr. Denn Mats weiss etwas von einer Familie zu berichten, die unter ihrem Haus wohnt. Oder die beiden entführen einen Einkaufswagen beim Laden, bugsieren diesen auf eine Eisscholle und belauschen am Morgen danach zwei alte Damen, die sich über diesen seltsamen Aufenthaltsort für einen Einkaufswagen wundern. Ein besonderes Glück ist die Episode mit dem Stein aus dem Weltraum: Ein kleiner Stein, der im Gegensatz zu allen anderen Gegenständen nach dem Hinaufwerfen nicht gleich wieder vom Himmel purzelt, sondern weiter, immer weiter fliegt und am nächsten Tag exakt neben ihnen wieder zu Boden fällt. Da kann man nun wirklich von Glück reden! Mats und Roj geniessen jeden Tag zusammen. Sie entdecken dabei die Erstaunlichkeiten dieser Welt und das immer wieder merkwürdige Verhalten der Erwachsenen. So merken sie doch tatsächlich nicht, dass Mats und Roj die Kleider getauscht haben und das richtig komisch finden.
Wunderbar lakonisch im Duktus und sprachlich schnörkellos kommen die Geschichten von Mats und Roj daher. Die Autorin schildert in zehn kurzen Episoden kindlich-fantasievolle Entdeckungsreisen und Versuche, diese Welt zu verstehen. Mats ist dabei meist die treibende Kraft, zuweilen sogar ein kleiner Besserwisser. Roj ist etwas vorsichtiger, aber auch er steuert immer mal wieder den Verlauf der Geschichten. Die Kraft, die in dieser Kinderfreundschaft steckt, zieht kleine und grosse LeserInnen genauso in ihren Bann und macht dieses Büchlein zu einem idealen Vorlesestoff.
Barbara Jakob

Die wundersame Reise von Edward Tulane
Kate DiCamillo
Aus dem amerikanischen Englisch von Siggi Seuss
Verlag: Dressler, Publiziert: 2006, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-2802-5
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Gefühle

Edward Tulane ist ein kostbares Spielzeug – ein Hase aus Porzellan, mit eigener Garderobe und goldener Taschenuhr. Doch er ist nicht vollkommen: Er kann nicht lieben. Die ganze Zärtlichkeit, mit der ihn die zehnjährige Abilene überschüttet, nimmt er in gelassener Duldsamkeit hin – nur die Grossmutter des Mädchens scheint seine Gefühllosigkeit zu bemerken. Bevor die Familie zu einer Reise aufbricht, erzählt sie Abilene – oder eigentlich Edward – ein Märchen mit schrecklichem Ausgang. Eine Geschichte ohne Liebe, sagt sie, kann nie zu einem guten Ende führen. Mit dieser Geschichte beginnt Edwards Leidensweg: Er geht verloren und versinkt für ein Jahr auf den Grund des Meeres, bevor er einem Fischer ins Netz gerät. Auch der Fischer und seine Frau lieben den Hasen (den sie, was er entwürdigend findet, Susanna nennen und in ein gerüschtes Kleid stecken), auch ihnen wird er wieder entrissen. Es ist die Kaltherzigkeit mancher Menschen, durch die Edward immer wieder von denjenigen getrennt wird, die ihn lieben – und immer schmerzlicher wird ihm bewusst, was es heisst, auch selbst geliebt zu haben.
Kate DiCamillos Edward ist Spielzeug, das nur denken und fühlen, nicht aber aus eigenem Antrieb handeln kann. Seine mit immer neuem Schmerz und Nahtoderfahrungen verbundene Reise erinnert an eine Adoleszenzgeschichte – und wenn auch Edward (anders etwa als Pinocchio) am Ende nicht in ein Lebewesen aus Fleisch und Blut verwandelt wird, kehrt er doch nach Hause zurück. .
Lebendig und eindrucksvoll liest Stefan Kurt die Hörfassung – wer jedoch in den Genuss der zauberhaften Illustrationen von Bagram Ibatoulline kommen möchte, sollte nicht auf das Buch verzichten.
Maren Bonacker

Rissi
Joke van Leeuwen
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2006, Seiten: 159, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5102-1
Schlagwörter: Medien

Das Kind, das alles wusste

Welches Kind hat sich nicht schon gewünscht, einen unsichtbaren Vorsager zu haben? Einen, der bei Prüfungen auf jede Frage die richtige Antwort kennt? Auch Rissi findet es vorerst ganz praktisch, als in ihrem Leben ein merkwürdiges Männchen auftaucht: Es kann sich zusammenfalten, hat deshalb überall Platz und sagt ihr in der Schule heimlich vor – ein Spickzettel in Menschengestalt. Doch Rissi, ein gewöhnliches Mädchen mit gewöhnlichem Wissen, gerät in eine unheilvolle Abhängigkeit. Das Männchen entpuppt sich als alter Mann, der als Souffleur in einem Theater arbeitete, das von Rissis Vater – er ist “Demonteur” von Beruf – abgerissen worden war. Rissi kann ihren ahnungslosen Vater nur dadurch retten, dass sie den Vorsager bei Laune hält.
Die Eltern, die ein recht banales Leben führen, wundern sich über Rissis scheinbar phänomenales Gedächtnis und melden sie als Kandidatin für die TV-Quizshow “Match oder Millionen” an. Die Aussicht auf Berühmtheit und auf das grosse Geld macht sie blind für die Zwangslage ihres Kindes.
Wie Rissi mit dem elterlichen Erwartungsdruck, der Angst um den Vater und mit der ambivalenten Haltung ihrem Souffleur gegenüber umgeht, erzählt die Autorin sowohl mit Ernst als auch mit unaufdringlichem Sprachwitz. Diesem philosophischen Buch wünscht man nicht nur junge, sondern auch viele erwachsene Lesende, denn es hält ehrgeizigen Eltern einen Spiegel vor, die unrealistische Hoffnungen in ihre Kinder setzen und von ihnen Wunder erwarten. Ausserdem zeigt die Geschichte, die auch als Parodie auf die Glamourwelt der Medien gelesen werden kann, dass berühmt sein nicht alles ist, dass hinter (TV-)Kulissen oft eine verlogene Show steckt – und schliesslich, dass es auch Fragen ohne Antworten gibt.
Katrin Ruchti-Fehr

Der Sommer, in dem meine Sonnenblume gekillt wurde
Betty Hicks
Übersetzt von Sylke Hachmeister
Verlag: Dressler, Publiziert: 2006, Seiten: 189, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-0811-3
Schlagwörter: Identität/Individualität

“Der Mörder ist immer der Gärtner”, wusste schon Reinhard Mey. Auch für Lily, ihren jüngeren Bruder Parker, ihren grossen Stiefbruder Eric sowie Mom und Frank steht fest: Lilys ältere Stiefschwester Vanessa, genannt V, ist der Sonnenblumen-Schlächter. Schliesslich lehnt die Mordwaffe, Vs Zikadenharke, noch an der Blumenleiche. Lilys Gegenschlag lässt nicht lange auf sich warten.
Wer nun glaubt, ein Geschwisterkrieg sei entflammt, irrt. “Der Mörder war nämlich der Butler, man lernt eben täglich dazu”, sang Reinhard Mey. Auch die vier Geschwister verstehen, dass die Dinge nicht immer so sind, wie sie zu sein scheinen, dass die Motive hinter dem Verhalten der anderen oft andere sind, als auf den ersten Blick vermutet. Mit der Heirat zwischen Lilys und Parkers Mutter und Erics und Vs Vater hat für die Kinder mehr geändert, als nur die Zahl der Geschwister. So stellt Lily eines Tage fest: “… ich fange an darüber nachzudenken, wer ich bin. Die Erstgeborene. Anführertyp. Erfindungsreich … Dann trifft es mich plötzlich wie ein Hammer. Ich bin nicht die Erstgeborene! Oder? Ich meine, ich wurde als Erste geboren. Aber jetzt bin ich die Drittälteste. Oder die Zweitjüngste … Mir war immer klar, dass wir neu gemischt worden sind, aber wer hätte gedacht, dass das auch unsere Persönlichkeiten durcheinander gewirbelt hat?”
Nicht schon wieder ein Patchwork-Familien-Buch, seufzt man spontan beim Lesen des Klappentextes von Betty Hicks’ Roman. Doch! Aber eines, das witzig ist und die Hintergründe für das Persönlichkeitschaos der Einzelnen und das konfliktreiche Ringen um ein neues Familiengefüge verständlich werden lässt. Mit dem etwas gar harmonischen Ende muss man sich halt arrangieren.
Ursula Kahi

Gregor und der Schlüssel zur Macht
Suzanne Collins
Aus dem amerikanischen Englisch von Sylke Hachmeister
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2006, Seiten: 301, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3211-X
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

Die Schrecknisse der ersten Reise in das merkwürdige Unterland stecken Gregor noch in den Knochen, da muss er schon zum zweiten Mal zu einem waghalsigen Abenteuer aufbrechen. Die Prophezeiung der Unterländer besagt, dass er, der Krieger, gegen den “Fluch” antreten muss, um den Frieden im Land zu bewahren. In dem rätselhaften Text heisst es jedoch auch, dass dem Krieger das Wichtigste genommen wird, wenn “ein Junges” stirbt. Ob mit diesem Begriff aus der Sprache der Ratten seine kleine Schwester Boots gemeint ist, die spurlos verschwunden ist? Obwohl er nie wieder etwas mit den violettäugigen BewohnerInnen Regalias, den Riesenfledermäusen, sprechenden Kakerlaken und verfeindeten Ratten zu tun haben wollte, tritt Gregor die Reise an.
Suzanne Collins’ zweiter Gregor-Band steht dem ersten an Spannung in nichts nach – die LeserInnen sollten jedoch mit dem ersten Band vertraut sein, um sich in der fremdartigen, lichtlosen Welt zurechtzufinden. Und man sollte starke Nerven mitbringen, bevor man sich auf das zweite Unterland-Abenteuer einlässt, das mit giftigen Tintenfischen, fleischfressenden Mücken und riesigen, augenlosen Wasserschlangen mehr als aufwühlend ist. Wieder birgt der kryptische Text der Prophezeiung manche Überraschung, und wieder zeigt sich, dass es in kritischen Situationen am besten ist, auf das eigene Herz zu hören – denn der “Fluch” ist etwas, womit niemand hat rechnen können!
Liess Band eins noch die Möglichkeit, das Buch als in sich abgeschlossenen Fantasy-Text zu lesen, schreit Band zwei nach einer möglichst schnellen Fortsetzung: Nicht alle der den LeserInnen ans Herz gewachsenen Helden befinden sich nämlich nach dreihundert Seiten atemberaubender Ereignisse wieder in Sicherheit …
Maren Bonacker

Mein Leben als Superheld
Martine Leavitt
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2006, Seiten: 155, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00963-4

"Frage: Wie rettet man eine Mom aus der Hyperzeit? Antwort: Man muss ein Superheld sein." Das ist die Überlebensstrategie des dreizehnjährigen Heck, der dafür sorgt, dass er nicht von seiner Mutter getrennt wird, obwohl diese mit dem Alltag kaum zu recht kommt. Als sie die Miete wieder einmal nicht bezahlen kann und abtaucht, bleibt Heck ohne Geld vor der versperrten Wohnung zurück. Einmal mehr glaubt er, sich selber helfen zu müssen und sucht die Mutter tagelang in der Stadt. Den Freunden gegenüber wahrt er die Fassade eines normalen Familienlebens. Aber die Superheld-Strategie, mit der er die Rückkehr seiner Mutter erzwingen will, hilft dieses Mal nicht weiter: Heck beklaut den besten Freund, verliert das Vertrauen seines Zeichnungslehrers, der an sein Talent glaubt, hat Zahnschmerzen, nimmt Drogen gegen die Schmerzen und gerät in den Einflussbereich eines Jungen, dem jeglicher Wirklichkeitsbezug fehlt.
Die LeserInnen werden immer weiter hineingezogen in eine Geschichte, bei der man sich wünscht, dass endlich jemand die totale Überforderung von Heck erkennt, ihn in die Arme nimmt und ihm hilft. Stattdessen ist es ein Zufall, der Heck das Leben rettet und die Mutter zurückbringt. Der Roman überzeugt nicht nur dank seiner atemlosen Geschichte; die vielen Reminiszenzen an US-amerikanische Comics, die sich Superheld Heck einverleibt hat, verleihen ihm eine fast komische Dimension.
“Mein Leben als Superheld“ erzählt davon, was es heisst, Verantwortung zu übernehmen, und von der Kraft des Faktischen und der Funktion von Parallelwelten für Jugendliche, wenn das reale Leben wenig Licht bietet.
Christine Tresch

Bis(s) zum Morgengrauen
Stephenie Meyer
Aus dem amerikanischen Englisch von Karsten Kredel
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2006, Seiten: 511, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58149-5
Schlagwörter: Liebe

Die Entscheidung, zu ihrem Vater nach Forks zu ziehen, fällt Bella alles andere als leicht. Dennoch scheint das neue Leben weit weniger schrecklich als angenommen. Bisher immer nur Durchschnittsmädchen an einer riesigen High School, findet sie sich in Forks schnell von den beliebtesten Jungs der Schule umschwärmt. Doch deren Aufmerksamkeit berührt sie kaum. Sie fühlt sich auf unerklärliche Weise zu einem Jungen hingezogen, der trotz seines guten Aussehens ein Aussenseiter ist – und der sie schon nach einer ersten kurzen Begegnung aus unbegreiflichen Gründen zutiefst zu verabscheuen scheint.
Edwards Verhalten über die nächsten Wochen verwirrt Bella zunehmend. Seine anfängliche Ablehnung schlägt in Interesse um – doch immer wieder zerstören seine plötzlichen Wutausbrüche die aufkeimende Freundschaft. Erst durch die von Aberglauben geprägten Erzählungen der ReservatsbewohnerInnen bekommt Bella einen entscheidenden, wenn auch völlig unglaubwürdigen Hinweis: Edward Cullen und seine Familie sollen Vampire sein, die seit Jahrhunderten die Gegend bewohnen …
Nach blutrünstigem Horror sucht man in “Bis(s) zum Morgengrauen” vergeblich. Die Spannung, mit der Stephenie Meyer ihre LeserInnen von Anfang an in ihren Bann zieht, entsteht eher durch die Liebesgeschichte zweier sehr ungleicher Jugendlicher – und dadurch, dass Bella mehr als einmal in höchste Lebensgefahr gerät. – Ein fantastisch zu lesender Roman (nicht nur für Jugendliche), an dessen Fortsetzung die Autorin zur grossen Freude einer wachsenden Fan-Gemeinde bereits arbeitet.
Maren Bonacker

Herznah
Sharon Creech
Aus dem amerikanischen Englisch von Adelheid Zöfel
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2006, Seiten: 199, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85174-2
Schlagwörter: Generationen | Abschied

Wenn Annie (12) barfuss kilometerweit läuft, hat sie wunderbar Zeit, um ihren Gedanken nachzuhängen und zu philosophieren. Sie denkt an das Baby, das in Mamas Bauch heranwächst, an ihren alternden, zunehmend vergesslichen Opa, von dem sie die Leidenschaft fürs Laufen geerbt hat, an ihren Freund Max, der sie überreden will, in einer Leichtathletikgruppe zu trainieren. Annie jedoch will nicht an Wettkämpfen teilnehmen und schon gar nicht gegen die Uhr laufen. Sie läuft einzig und allein zu ihrem Vergnügen und weil es ihr gut tut. – Der Text ist in Versform (ohne Reim) geschrieben, was das Lesen sehr speziell macht. Annies Gedanken und Stimmungen sind unmittelbar spürbar, oft auch zwischen den Zeilen zu erahnen: schnörkellos, leichtfüssig und in fliessenden Bewegungen verfasst – genau Annies Laufstil und -rhythmus nachempfunden. Ein anrührendes Buch, empfohlen für feinfühlige Leserinnen.
Madeleine Steiner

Meisterwerk
Frank Cottrell Boyce
Aus dem Englischen von Salah Naoura
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2006, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58145-2
Schlagwörter: Kunst

In dem kleinen walisischen Örtchen Manod geschieht eigentlich nie etwas Aufregendes, findet Dylan, so sehr er es liebt, hier zu leben. Gerade ist auch noch sein letzter Fussballpartner mit den Eltern nach London gezogen, und Dylan ist jetzt offiziell “Der einsamste Junge von Wales”. Doch dann wird Manod als Zwischenlagerungsort für wertvolle Gemälde aus der Londoner Nationalgalerie ausgesucht – und der Zauber der Kunst tut seine Wirkung.
Das Buch ist einfach gut. Hier geht es nicht um weltbewegende Dinge – oder vielleicht doch: Aber es ist eine kleine, eine einfache Welt, die hier bewegt wird. Die Kunst tritt auf als sie selbst: ein Stein des Anstosses, der Menschliches ins Rollen bringt. Und wie die grossen Maler zeigt auch Cottrell Boyce ein sensibles Gespür für die Details, die den Erwachsenen oft entgehen, die aber sein sympathischer Erzähler Dylan akribisch verzeichnet. Vielleicht gerade, weil auch er einfach ist, aber mit seinem nichtwissenden Beschreiben und Fragen das aufdecken kann, was sich unter der Oberfläche der Floskeln und Fassaden abspielt. Die Geschichte zeigt aber auch, dass man nicht aufgeben muss, solange man mit geliebten Menschen zusammenhält. Und dass die Kunst nicht nur im Leben von Museumsdirektoren ihren kreativen Einfluss entfalten und Neues schaffen kann. Van Gogh möge verzeihen: Das Buch ist eine Sonnenblume unter den Jugendbüchern.
Christian Kölzer

Die Geschwister Apraksin
Karla Schneider
Verlag: Hanser, Publiziert: 2006, Seiten: 590, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20703-1
Schlagwörter: Geschwister | Abenteuer | Historisches

Karla Schneider hat einen historischen Roman geschrieben, von dem man bisher nur träumen konnte. Hier stimmt alles: Die Figuren sind zum Anfassen lebendig, man erfährt eine Menge über die Oktoberrevolution und die Geburtswehen der Sowjetunion, das Buch hat Spannung und Liebe zum Detail – und vor allem ist die Sprache wunderschön: Die perfekte Einstiegslektüre, um nicht zu sagen -droge, für spätere Tolstoi- und Tschechow-LeserInnen.
Im Mittelpunkt des Romans steht die Familie Apraksin, oder das, was von ihr geblieben ist, nämlich die fünf Kinder Klascha, Polly, Ossja, Fedja und Dillotschka. Die Mutter starb nach der Geburt des letzten Kindes, der Vater ist verschollen – höchstwahrscheinlich wurde er, ein grossbürgerlicher Kaufmann, Opfer der Tscheka. Es dauert nicht lange, und das Haus der Waisenkinder wird beschlagnahmt, die Kinder sollen auf verschiedene Kinderheime verteilt werden, die Karla Schneider mit gogolscher Drastik beschreibt. Sie beschliessen zu fliehen, doch zuvor verabschieden sie sich von ihrem Zuhause und all den lieb gewordenen Dingen – eine Szene, die von einem warmen Licht durchtränkt ist, wie man es aus Nabokovs Kindheitserinnerungen kennt. Für die fünf Kinder, und für die LeserInnen, beginnt damit eine lange Reise voller Abenteuer und Poesie.
CHRISTINE LÖTSCHER

Worüber keiner spricht
Alan Stratton
Aus dem Englischen von Heike Brandt
Verlag: dtv, Publiziert: 2006, Seiten: 270, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-78204-8

Die 16-jährige Chanda lebt mit ihrer Mutter und den drei Geschwistern im südlichen Afrika in einem Armenviertel der fiktiven Stadt Bonang. Der Vater und die älteren Brüder sind bei einem Grubenunglück gestorben. Vom ersten Stiefvater wird Chanda missbraucht, der zweite stirbt nach einem Schlaganfall und der gegenwärtige Partner der Mutter ist Alkoholiker. In Chandas Umgebung ist der Tod allgegenwärtig. Die Menschen sterben angeblich an Krebs, Lungenentzündung oder TBC. Doch Chanda ahnt die wahre Todesursache: Aids. Als die Krankheit auch in ihrer Familie und in derjenigen ihrer Freundin auftritt, beginnt sie, gegen die Tabuisierung von Aids und die Stigmatisierung der Betroffenen zu kämpfen.
Das positive Feedback für Allan Strattons Roman über Aids in Schwarzafrika ist riesig. Doch ob “Worüber keiner spricht” wirklich mehr ist als ein aus ehrlicher Erschütterung geschriebenes Betroffenheitsbuch, ist fraglich. Der Text plädiert für die Enttabuisierung von Aids und für einen menschenwürdigen Umgang mit HIV-Infizierten. Gerade jene aber, die Informationen über Aids am dringendsten brauchten, dürfte das Buch kaum erreichen. In Afrika zum Beispiel sind Bücher für die DurchschnittsleserInnen zu teuer. Und dadurch, dass der Roman ausschliesslich in Afrika verortet ist und nie den Bezug zur Situation in Europa oder Amerika herstellt, fällt es den LeserInnen dieser Kontinente leicht, Aids als eine Krankheit der anderen – der AfrikanerInnen – zu sehen. Statt Vorurteile abzubauen, wird damit ein weiteres zementiert. Auch die Tatsache, dass der Roman in einem fiktiven Land spielt, verhindert die Einsicht, dass die Art und Weise, wie in Afrika mit Aids umgegangen wird, stark ortsabhängig ist.
Ursula Kahi

Eine Nacht
Margaret Wild
Aus dem australischen Englisch von Sophie Zeitz
Verlag: Hanser, Publiziert: 2006, Seiten: 238, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20705-8
Schlagwörter: Liebe

Was den Figuren bei Margaret Wild widerfährt, ist oft so schrecklich, dass es einem das Herz umdreht. Jugendliche, die sich das Leben nehmen. Mütter, die um ihren toten Mann weinen und ihr Baby im Heim deponieren, was diesem wiederum das Herz bricht. Hinter dem Schmerz, den sich die Jugendlichen gegenseitig (und selbst) zufügen, stecken andere Verletzungen, alte und neue, mehr oder weniger verheilt, die in einem kausalen, aber dennoch nicht leicht zu durchschauenden Zusammenhang stehen mit dem, was sie tun. Auch bei Helen und Gabe ist es so: Als Helen nach einer gemeinsamen Nacht schwanger wird, will Gabe nichts mehr von ihr wissen. Helen entscheidet sich, das Kind allein aufzuziehen, auch ohne die Unterstützung ihrer Eltern.
Die Australierin Margaret Wild, die als Kinderbuchautorin mit allen Preisen des Kontinents ausgezeichnet wurde, hat erst kürzlich für ältere Jugendliche zu schreiben begonnen. Ihr erster Roman “Jinx” stiess auf begeistertes Echo, international, wurde für den deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. “Eine Nacht” ist nach demselben Muster gestrickt: je stärker die Gefühle, umso sparsamer die Worte. Auch die Geschichte von Helen und Gabe, dem ungleichen Teenager-Paar, das am Ende überraschend doch zusammenfindet, wird in einer Folge von bildhaften Prosagedichten erzählt, und auch diesmal funktioniert es; die Geschichte geht unter die Haut. Auch wenn das Happy End zu plötzlich kommt, und wie aus dem Märchen.
Christine Lötscher

Boot Camp
Morton Rhue
Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Schmitz
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2006, Seiten: 253, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-35258-6
Schlagwörter: Gewalt

„Ich komme mir vor wie in einer Geschichte von Kafka. Nur dass ich nicht eines Morgens als Riesenkäfer aufgewacht bin, sondern in einer sibirischen Strafkolonie.“ Connor ist 17, überdurchschnittlich intelligent, selbstbewusst, kritisch bis eigenwillig – und in seine zehn Jahre ältere Lehrerin verliebt. Für seine Eltern ist diese Beziehung untragbar. Deshalb greifen sie zu einer drastischen Massnahme, als Connor sich beharrlich weigert, sich von Sabrina zu trennen: Sie lassen den Sohn von so genannten „Transporteuren“ entführen und nach Lake Harmony bringen, einem Umerziehungslager für aufsässige Teenager.
Wie schon in „Ich knall euch ab“ und in „Asphalt Tribe“ hat sich Morten Rhue auch in seinem jüngsten realistischen Jugendroman von einem hochaktuellen Thema inspirieren lassen. Denn was auf den ersten Blick wie eine düstere George Orwell-Utopie daher kommt, ist in den USA seit einiger Zeit erschreckende Wirklichkeit: Zwischen 50 und 100 solcher Boot Camps wie Lake Harmony soll es dort bereits geben. Dunkelziffer unbekannt.
Auf rund 250 Seiten lässt Rhue seine LeserInnen an den Erlebnissen seines jungen Icherzählers teilhaben, konfrontiert uns mit den fragwürdigen Methoden, mit denen versucht wird, Connor in den (angepassten) Sohn zu verwandeln, den die Eltern sich wünschen. Connor wird schikaniert und gedemütigt, beschimpft, bis zur totalen Erschöpfung gedrillt, psychisch und physisch gequält. Er versucht Widerstand zu leisten, seinen BewacherInnen das vorzuspielen, was sie sehen wollen, wird überführt – und weiter gequält. Mit zwei anderen Jugendlichen gelingt ihm schliesslich die Flucht, doch er wird wieder aufgegriffen. Dass Connors Geschichte kein Happy End findet, ist nur konsequent. Dennoch macht das letzte Kapitel betroffen. Vor allem der Schlusssatz, der Connors gebrochene Persönlichkeit auf traurige Weise dokumentiert: „…ich habe es verdient, Sir“.
Ein beklemmender Roman, der zuweilen an Ken Keseys „Einer flog über das Kuckucksnest“ erinnert. Ein Roman, der berührt, aufrüttelt, nachdenklich stimmt und so packend geschrieben ist, dass man ihn gar nicht mehr aus der Hand legen mag. Auch als Klassenlektüre wärmstens zu empfehlen.
Andrea Duphorn

Das Herkules-Projekt
Marcus Hammerschmitt
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2006, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-7043-1
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Zukunft | Medien

Wer kann sich das noch vorstellen: Vor zehn Jahren war noch praktisch niemand mit dem Handy unterwegs, und auch E-Mail verbreitete sich erst allmählich. Es könnte also durchaus sein, dass die Menschen in 25 Jahren ihre Zellen durch die Injektion von Nanomaterial in winzige Computer verwandeln werden. Ebenso gut kann die Zukunft ganz anders aussehen, doch darum geht es nicht in Marcus Hammerschmitts erstem Science-Fiction-Roman für Jugendliche – bisher hat er SF für Erwachsene geschrieben. Was ihn an Science Fiction interessiert, ist nämlich nicht das Technische an sich, sondern die Möglichkeit, der Gegenwart einen Zerrspiegel vorzuhalten; SF ist für ihn ein eminent politisches Genre. Er extrapoliert die Ängste der heutigen Menschen, spitzt sie satirisch zu und denkt dabei über die Zukunft der Demokratie und der sozialen Gerechtigkeit nach. Um diese ist es nämlich nicht gut bestellt im Berlin der Zukunft; ein unsichtbarer Machtapparat kontrolliert die digitalisierten Untertanen durch ein dichtes Polizeinetz. Ein anarchisch-subversiver Untergrund von Datenpiraten ist die Antwort darauf, und mit drei dieser Datenpiraten fiebern die LeserInnen mit. Der Roman ist auf eine kalte Weise unheimlich, weil die Distanz der zukünftigen Menschen zueinander und zu ihren eigenen Emotionen keinerlei Gemütlichkeit aufkommen lässt. Ein anspruchsvolles Buch für leseerfahrene Jugendliche – und auf jeden Fall ein Buch für Erwachsene.

CHRISTINE LÖTSCHER

Samuraisommer
Åke Edwardson
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2006, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55441-2

Kennys Mutter verbringt den Sommer in einer psychiatrischen Klinik, also muss er ins „Gefängnis“ – in ein Sommercamp für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche, in dem es zugeht wie im schlimmsten Alptraum: Die Kinder werden geschlagen, bestohlen, sexuell missbraucht. Der erfolgreiche schwedische Krimiautor Åke Edwardson baut sein erstes Buch für Jugendliche als spannenden Thriller auf; die Atmosphäre zieht sich zu einer schwarzen Gewitterwolke zusammen, bei deren Entladung man gleichzeitig aufschreien und aufatmen möchte.
Was das Buch besonders lesenswert macht, ist eine zweite Ebene; ein Entwicklungsroman, der erzählt, wie der agressive Kenny, der manchmal grundlos zuschlägt, aus eigener Kraft (und mit Hilfe der unerschrockenen Kerstin, in die er sich verliebt) seinem Ideal des gelassenen und mental starken Samurai näher kommt. Edwardson zeichnet ein differenziertes Bild eines Jungen auf der Suche nach einer männlichen Identität, in der es sowohl für traditionelle Werte als auch für Einfühlungsvermögen und Hilfsbereitschaft Platz hat.
Christine Lötscher

Sigmund Freud
Christian Moser
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2006, Seiten: 143, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-78195-8
Schlagwörter: Biografie

Die ganze Wahrheit

Diese gar nicht todernste Biografie darf man ruhig ernst nehmen. Sie erläutert humorvoll alle Stationen im Leben des Begründers der Psychoanalyse. Erzählt wird durch den wichtigsten Weggefährten des Professors, seine Couch nämlich, welche Wandlungen und Erkenntnisse im Ordinationszimmer gewonnen wurden. Dabei kommt der Held gar nicht immer gut weg, man bekommt den Eindruck, der selbst neurotische Freud sei vor allem deshalb Seelenarzt geworden, damit er einen kurzen Weg zum Therapeuten habe. Das Büchlein liest sich leicht, ist es doch recht unbeschwert von theoretischem Fachwissen, dafür aber manchmal allzu menschlich nah. Gelegentlich splittert der Koryphäe etwas Lack ab, so dass der Leser sich öfters glücklich schätzen darf, nicht auf der Couch habe liegen müssen. Der Autor ist Comiczeichner; seine farbigen Illustrationen sind meisterhaft in Gestaltung und Aussage und machen mit ihrem Humor die Lektüre zum Genuss.
Siegfried Hold

Wo ist Bullerbü?
Sabine Schwieder, Wolfram Schwieder
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2006, Seiten: 246, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4723-0
Schlagwörter: Biografie

Auf den Spuren von Astrid Lindgren durch Schweden

Rechtzeitig zur Urlaubssaison ist beim Oetinger-Verlag ein Reiseführer der ungewöhnlichen Art erschienen: ein Wegweiser zu fiktiven Orten. Denn fiktiv sind die Orte in Astrid Lindgrens Büchern allemal, aber viele von ihnen lehnen sich an reale Vorbilder an, inspirierten Lindgren zu Büchern oder sind Schauplätze von Verfilmungen.

Sabine und Wolfram Schwieder, die Autoren dieses sorgfältig und kenntnisreich aufbereiteten literarischen Reiseführers, sind mit ihren beiden Kindern im Alter von drei und sechs Jahren den Spuren von Astrid Lindgren durch Schweden gefolgt. Sie haben Michels Katthult besucht, das eigentlich Gibberyd heisst, auf amtlichen topografischen Karten aber inzwischen als Katthult verzeichnet ist, sie haben das Grabkreuz der Brüder Phalén gesehen, das Astrid Lindgren zur Geschichte über die Brüder Löwenherz inspirierte, sie sind in Pippis Villa Kunterbunt gewesen, die heute in Kneippbyn steht, einem Vergnügungspark in der Nähe von Visby auf der Insel Gotland, sie waren im Tegnérpark in Stockholm, in dem Astrid Lindgren eines Tages einen traurigen kleinen Jungen auf einer Bank sitzen sah, der ihr die Idee zu “Mio, mein Mio” gab, und natürlich waren sie in Bullerbü, das richtig Sevedstorp heisst, wo drei ochsenblutrote Höfe nebeneinander stehen und wo die Bullerbü-Kinder von morgens bis abends spielten und auf Bäume kletterten. Wer von Astrid Lindgren nur “Pippi Langstrumpf” kennt, wird sich mit dem Reiseführer schwer tun, denn die Kapitel sind nach Werken geordnet und setzen Vorwissen um Figuren und Handlungen voraus. Er enthält aber auch Informationen, die in der gängigen Lindgren-Literatur nicht ohne weiteres greifbar sind, ironischerweise etwa das Bemühen Astrid Lindgrens, die Vermarktung ihres Werkes zu kontrollieren.

Das Buch richtet sich an Erwachsene, auch wenn es als “Reiseführer für die ganze Familie” überschrieben ist; denn inwieweit Kinder an touristischem Sightseeing interessiert sind, ist fraglich, für sie ist das reiche Angebot im Freizeitpark “Astrid Lindgrens Värld” in Vimmerby oder im Kindermuseum “Junibacken” in Stockholm gedacht. Jedem Kapitel sind Hinweise zur Anfahrt, zu Öffnungszeiten von Museen und Freizeitparks, zu Eintrittspreisen und Übernachtungsmöglichkeiten beigefügt; dennoch empfiehlt es sich, für die Reise nach Schweden auch einen konventionellen Reiseführer zu konsultieren.

Jenseits von Bullerbü
Maren Gottschalk
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2006, Seiten: 212, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80970-0
Schlagwörter: Biografie

Die Lebensgeschichte der Astrid Lindgren

Wer sich auf Astrid Lindgrens Schweden optimal vorbereiten will und ihre Werke kennt, ist mit der Lektüre von Maren Gottschalks Biografie gut beraten. Gottschalk stützt sich darin auf autobiografische Texte und Aussagen der Autorin sowie auf bereits existierende Biografien etwa der grossen Lindgren-Forscherinnen Margareta Strömstedt und Vivi Edström, ergänzt um Interviews mit Personen, die Lindgren umgaben, vorab die Tochter Karin Nyman.

Astrid Lindgren suchte zeitlebens ihr Privatleben so weit als möglich zu schützen, und auch nach ihrem Tod erfährt man nur wenig, was nicht schon vermutet werden konnte oder nach wie vor allzu privat ist. Der Vorzug von Gottschalks Biografie liegt in der Konzentration auf das Wesentliche, im flüssigen Schreibstil und im handlichen Format.

Christine Holliger

Sammelsurium für Kinder
Philip Kiefer
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2006, Seiten: 127, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-55113-9
Schlagwörter: Sprachspiel

Das Augenzwinkern per Hologramm auf knallgelbem Cover warnt vor und ein kurzer Blick ins Inhaltsverzeichnis genügt, um sich ein Bild davon zu machen, was uns bei dieser Lektüre blüht, nämlich schräge Unterhaltung mit nützlichem (nI) bis unsinnigem (uI) Informationswert. Picken wir aufs Geratewohl einige Titel heraus: Wie sagt man “Ich liebe dich in …?” “Ai shite imasu” in Japanisch tönt zwar faszinierend. Wie man das ausspricht, bleibt jedoch schleierhaft: Keine fonetischen Hinweise klären uns auf. Der Erfolg, mit einer japanischen (oder in einer der anderen angeführten Sprachen) Liebeserklärung zum Ziel zu kommen, ist darum wohl eher gering (= uI).
Der Eintrag “Bösewichte in der Mythologie” mit kompaktem Wortschatz von “Sirenen” bis “Die Büchse der Pandora” wird vor allem Fantasybelesene begeistern (nI). Genauso interessant sind “Palindrome”, Wörter oder Sätze, die vorwärts und rückwärts gelesen einen Sinn ergeben. Wie wärs mit “Trug Tim eine so helle Hose nie mit Gurt?” Eine geniale Idee für Sprachspielereien (nI)!
Fazit: Das Stöbern in dieser Fundgrube voller faszinierender Fakten ist ein Erlebnis, das einesteils hohen Unterhaltungswert bietet, andererseits lehrreiche Details liefert, die in keinem Lexikon stehen. Was ein richtiges Sammelsurium ist, setzt jedoch ein Quäntchen Pfadfindergeist voraus, um gewünschte Informationen zu finden, da sie weder alphabetisch noch sinn- oder themengemäss geordnet sind und auch ein Stichwortverzeichnis fehlt. Wer Bücher mit Überraschungseffekt mag oder gar als erklärter Lesemuffel gilt, ist mit dieser aussergewöhnlichen Informationssammlung, von comicartigen Vignetten aufgelockert, bestens bedient und darf sich auf ein paar vergnügliche Lesestunden freuen.
Giovanna Riolo

Warum die Menschen keinen Frieden halten
Gerhard Staguhn
Verlag: Hanser, Publiziert: 2006, Seiten: 255, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20706-6
Schlagwörter: Krieg

In seinem neuen Buch geht Staguhn der schlimmsten und tödlichsten Seuche der Menschheitsgeschichte nach: dem Krieg. Und wie bei der Untersuchung einer Krankheit fragt er nach den Ursachen, den einzelnen Symptomen und nach Heilungschancen für die Patienten. Seine Darstellung ist zielgerichtet und deutlich, ohne polemisch zu sein – vielmehr setzt sich Staguhn auch mit der Frage auseinander, ob Krieg nicht doch naturbedingt und nötig und deshalb in der Welt der Menschen der Normalzustand ist. Dass er am Ende seiner wissenschaftlich fundierten und zwischen philosophischer Abstraktion und konkreter Geschichtsforschung pendelnden Erörterung zu dem Schluss kommt, dass dem nicht so ist, macht sein Buch zu einem wichtigen Beitrag zur Friedenserziehung: Nur, wenn der Kranke weiss, dass die Krankheit nicht das Eigentliche ist, kann er die nötigen Kräfte zur Genesung mobilisieren.
Jugendliche, die sich mit Staguhns Friedensbuch auseinander gesetzt haben, können dem leider allzu oft stumpf durchexerzierten Pragmatismus aktueller politischer Auseinandersetzung über das Für und Wider von Kriegseinsätzen und der stupiden Selbstgefälligkeit moderner “Sozialdarwinisten” nicht nur ihr Herz, sondern auch ihren Verstand entgegenhalten. Und wenn der Krieg auch eine chronische Krankheit ist, wie Staguhn nahe legt, können sie – so auch der abschliessende Aufruf des Buches – bewusst in ihrem Alltag dagegen anleben.
Christian Kölzer

Das grosse Buch der Tiere
Henning Wiesner, Illustration: Günter Mattei
Verlag: Hanser, Publiziert: 2006, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20738-4
Schlagwörter: Tiere

Zoologische Gärten sind heute Orte der Arterhaltung und äusserst wichtige Biotope geworden. Sie können dem Besucher Werte, Zusammenhänge und Erkenntnisse zu unserer Mitwelt vermitteln. Der Münchener Zoo Hellabrunn hat dies vor zwanzig Jahren in Form schön gestalteter Bild- und Texttafeln getan. Sie bilden nun den „Grundstock“ dieses Buches, das in sieben Kapitel gegliedert ist. Z. B. Überlebensraum Zoo; Warum kann ein Vogel fliegen? Wo kommt denn die Ziege her? Warum sind wir anders? Da werden unzählige spannende Geheimnisse aufgedeckt, Neugier geweckt und Fragen beantwortet. Besonders beachtenswert finde ich das Kapitel über die Evolution am Schluss des Buches. Trotz der gerafften Darstellung gehen die Informationen in die Tiefe. – Auffallend ist die Gestaltung in Siebdrucktechnik. Sie verleiht dem Buch einen künstlerischen Wert. Die Farben sind dezent, das gelbliche Papier wirkt edel – ein wirklich schönes Buch. Ob es in dieser Aufmachung junge Leser anspricht?

Ulrich Zwahlen

Milli-Metha
Verlag: Tivola, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-89887-089-8
Schlagwörter: Essen | Körper

Ernährung

Selbst wenn Eltern wissen, wie man sich ausgewogen und gut ernährt, ist es im Alltag nicht immer einfach, den Kindern die Gründe nahe zu bringen und dem Verlangen nach Junkfood und Süssigkeiten Grenzen zu setzen. Auf dieser einfachen Lernspiel-CD-ROM werden die wichtigsten Informationen rund um das Thema Ernährung in verständlicher und verdaulicher Form präsentiert. Die Figur Milli-Metha zeigt, was im Körper eigentlich passiert, wenn wir einen Apfel essen, oder erklärt, was es mit der berühmten Ernährungspyramide auf sich hat. Welche Nahrungsmittel wir brauchen und wie sie sich auf unser Befinden auswirken, lässt sich in einem lustigen Spiel mit Hermann gleich interaktiv ausprobieren: Wie ein Tamagotchi soll der Sportler so gefüttert werden, dass er einen ganzen Tag (im Zeitraffer) fit bleibt und am Ende noch einen anständigen Weitsprung schafft. Mit dem richtigen Hintergrundwissen und etwas Übung lassen sich immer wieder neue Rekorde aufstellen. Damit man die Verpflegung auf Anhieb erkennt, dürften die Darstellungen hier ruhig etwas realistischer ausfallen.

Im Pausenbrotgenerator haben die SpielerInnen dann Gelegenheit, ihre virtuelle Snack-Box für jeden Wochentag gesund und abwechslungsreich zu füllen und einen richtigen Einkaufszettel auszudrucken. Kinder im Lesealter können sich anhand des umfangreichen Lexikonteils in der Menüleiste selbstständig über Lebensmittel, Vitamine, Haltbarkeit und Aufbewahrung von Speisen sowie populäre Irrtümer kundig machen. In einem Quiz in zwei Schwierigkeitsstufen kann man sein Wissen schliesslich an richtigen und falschen Aussagen überprüfen und sich im Wettkampf auf Zeit sogar mit einer MitspielerIn messen. – Schade, dass die appetitliche Scheibe nicht auch vom Mac gefressen wird.

Daniel Ammann

total verrückt
Jean-Paul Nozière
Aus dem Französischen von Maren Partzsch
Verlag: Altberliner, Publiziert: 2006, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-86637-660-X
Schlagwörter: Geschwister | Rassismus | Identität/Individualität

Aïcha ist vierzehn Jahre alt und verbringt ihre Tage damit, ihren “total verrückten” Bruder Mouloud in Schach zu halten. Fast jeden Tag wechselt er seine Identität, einmal ist er Oliver Kahn, dann Makelele oder ein lokaler Fussballspieler des FC Dijon. Der französische Autor Jean-Paul Nozière, der es in seinen Büchern versteht, eine überzeugende literarische Form für politische Themen zu finden, lässt die Verrücktheiten des Jungen von Anfang an auch als subversive Statements zur Überanpassung seiner Eltern an die französische Gesellschaft erscheinen.

Zur Schule geht Mouloud nicht, und auch Aïcha ist wegen epileptischer Anfälle vom Schulbesuch dispensiert. Stattdessen büffelt sie zu Hause aufs Abitur, das sie bereits mit vierzehn machen will. Das wäre schon ungewöhnlich genug, doch weil Zohra, die Mutter der beiden Jugendlichen, ausgerechnet als Hausmeisterin in einem Collège arbeitet und dort auch wohnt, ist die Familie den argwöhnischen Blicken der SchülerInnen und Eltern ausgesetzt. Die sensible und hochintelligente Aïcha spürt die Ablehnung, die den “Arabern” – ihre Familie stammt aus Algerien – entgegenschlägt, ganz genau; nicht erst, als im Mai 2002 dreissig Prozent der Bevölkerung ihrer Kleinstadt Front National wählt.

Umso unerträglicher ist für Aïcha, dass ihre Mutter nicht über die Umstände ihrer Flucht aus Algerien spricht. Erst mit der Zeit gelingt es Aïchas Hartnäckigkeit, ihre Mutter Stück für Stück die Geschichte erzählen zu lassen, die endlich auch eine Erklärung für Moulouds Geisteszustand und Aïchas epileptische Anfälle bringt.

In seinem vielschichtigen und differenzierten Buch ist es Nozière gelungen, die Unterströmungen des Rassismus zu enthüllen – auch indem er lebendige und originelle Figuren schafft.

CHRISTINE LÖTSCHER

Ein Sommer mit Percy und Buffalo Bill
Ulf Stark
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2006, Seiten: 238, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55425-0
Schlagwörter: Ferien | Freundschaft | Liebe | Generationen | Familie/Familienformen

Percy hat es dick hinter den Ohren. Vor den Sommerferien schliesst er noch rasch Blutsbruderschaft mit Ulf – in dem man unschwer die Person des Autors erkennen kann – und lädt sich für die Ferien ins Sommerhaus von Ulfs Familie in den Schären ein, im Wissen darum, dass man einem Blutsbruder keinen Wunsch abschlagen kann. Ulf verdrängt Percys Ankunft. Zum einen hat er Angst davor, was sein grantiger Grossvater zu einem Feriengast mehr sagen wird, zum andern will er seine Ferienfreundschaften, vor allem seine zarten Gefühle für Pia, nicht mit Percy teilen. Dass Percys Direktheit dem Grossvater gefallen wird, kann Ulf genau so wenig voraussehen wie die Tatsache, dass sich Pia nur noch für seinen Freund interessiert. Als Percy abends dem Grossvater sogar aus den Geschichten von Buffalo Bill vorlesen darf, dem grossen Vorbild von Grossvater, ist Ulfs Eifersucht nicht mehr abzuwenden.

Ulf Stark erzählt eine liebevolle und amüsante Sommergeschichte, in der es darum geht, was wahre (Jungen-)Freundschaft bedeutet und wie die Liebe zwischen den Grosseltern erstmals wirklich aufblüht, nachdem der Grossvater einen Schwächeanfall erlitten und dank Percy eine neue Seite an Buffalo Bill entdeckt hat.

Christine Tresch

Pikko, die Hexe
Toon Tellegen, Illustration: Marit Törnqvist
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2006, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-5139-9
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Mit Happy End zwar, aber bitterböse ist diese Geschichte von der Hexe Pikko. Sie ist so staubkornklein, dass sie in die Gedanken eines Hundes, eines Tanzbären und eines kleinen Jungen fliegen kann. Dort übernimmt sie die Macht über die Gedanken und macht ihre Objekte so gnadenlos mächtig, dass sich alle Rituale umkehren: Der Hund straft seinen Meister, der Bär bringt alle zum Tanzen und der Junge zwingt sogar den bösen Kaiser in die Knie. Und schliesslich räumt Pikko auch noch bei den Hexen gründlich auf, so dass seither niemand mehr eine gesehen hat. Aber so gut es im Grossen ausgeht – eins vermag die Hexe nicht zu kippen: die Rituale der Bestrafung bleiben: Der Hund wird geprügelt und erhält drei Tage nichts zu fressen, der Bär wird ausgepeitscht, der Kaiser muss sein Leben lang auf der Erde kriechen – und der kleine Junge wird von seiner Mutter, die er in der Stadt verloren hatte, erst umarmt, dann setzt es eine Tracht Prügel.
Ebenso vielschichtig wie der Text sind die Illustrationen, drastisch in der Aussage, symbolträchtig im Arrangement, an altflämische Malerei erinnernde Gemälde, dann wieder stilistisch reduziert wie Kinderzeichnungen. Ein aussergewöhnlich fesselndes, beunruhigendes Buch für jedes Alter.
Bruno Blume

Der Spiegel der Königin
Nina Blazon
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2006, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-35257-8
Schlagwörter: Historisches

Das erste Aufeinandertreffen ist heftig, aber schicksalsweisend. Zumindest für Elin. Auf dem Landsitz von Königin Kristina von Schweden in Uppsala rennt die 15 Jahre alte Scheuermagd die Regentin im Winter des Jahres 1647 im wahrsten Sinne des Wortes über den Haufen. Und beeindruckt sie in dem Gespräch, das sich daraufhin zwischen beiden entwickelt, mit ihrer aufrichtigen Art so, dass die Herrscherin beschliesst sie mit auf ihr Stockholmer Schloss Tre Konor zu nehmen.
Nina Blazon, für ihr literarisches Debüt „Im Bann des Fluchträgers“ 2003 mit dem Wolfgang Hohlbein-Preis ausgezeichnet, legt mit „Der Spiegel der Königin“ einen fesselnden historischen Roman um eine aussergewöhnliche Frauenfreundschaft im Schweden des 17. Jahrhunderts vor. Mit Kristina von Schweden (1626-89) steht dabei eine ungemein schillernde Frauengestalt jener Zeit im Mittelpunkt, liebt die unkonventionelle Königin doch nicht nur die Jagd und reitet wie ein Mann, sondern verweigert sich auch beharrlich der Ehe, gibt sich selbstbewusst, mutig, unangepasst, rebellisch und freiheitsliebend – und verzichtet schliesslich sogar auf den Thron.
Zweieinhalb Jahre lebt Elin, die bei einer Tante aufgewachsen ist und alles versucht um mehr über das Schicksal ihrer leiblichen Eltern zu erfahren, am Hof der schwedischen Barockkönigin, wird inmitten politischer Intrigen zu einer ihrer engsten Vertrauten. Aus dem störrischen, intelligenten „Hurenkind“, das zu Beginn des Romans das mysteriöse Verschwinden eines wertvollen Medaillons aufklären kann, wird in dieser Zeit eine gebildete, eigenwillige Frau, die lesen und schreiben lernt, von Gelehrten und Wissenschaftlern unterrichtet wird, mehrere Sprachen spricht, mit Philosophen wie Descartes über Astronomie und Politik diskutiert und sich schliesslich auch aus der Bevormundung ihrer adeligen Förderin lösen kann um ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Vor dem Hintergrund des 30-jährigen Krieges entwickelt Nina Blazon einen packenden Roman um die geheimnisumwitterte Barockkönigin, der zugleich von einer beeindruckenden weiblichen Emanzipation erzählt.
Andrea Duphorn

Hoffentlich schreibst Du recht bald
Hermann Vinke
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2006, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-35253-5
Schlagwörter: Nationalsozialismus

Ihr Schicksal lässt ihn nicht los. Vor mehr als 25 Jahren hat Hermann Vinke schon einmal ein Sachbuch über das Leben einer der bekanntesten deutschen Widerstandkämpferinnen verfasst. „Das kurze Leben der Sophie Scholl“ wurde 1981 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Mit „Hoffentlich schreibst Du recht bald“ hat der langjährige ARD-Korrespondent nun ein weiteres Jugendbuch vorgelegt, das sich mit der beeindruckenden Persönlichkeit jener jungen Frau auseinandersetzt, deren Leben am 1. Februar 1943 durch das nationalsozialistische Regime mit dem Tod durch die Guillotine beendet wurde. Im Vordergrund steht diesmal allerdings nicht Sophie Scholls Engagement für die Widerstandsgruppe „Weisse Rose“, sondern ihre Freundschaft zu Fritz Hartnagel, einem jungen deutschen Offizier, den sie 1937 im Alter von 16 Jahren beim Tanz kennen lernte.
Aus Tagebuchaufzeichnungen, Briefen an Eltern, Geschwister und Freunde, vor allem aber aus der intensiven Korrespondenz mit dem Jugendfreund, rekonstruiert Vinke auf rund 300 Textseiten die innige Beziehung zwischen zwei jungen, hochintelligenten Menschen, die sich in ihren Briefen nicht nur all ihre Unsicherheiten offenbaren und sich intensiv mit ihren Gedanken und Gefühlen füreinander auseinandersetzen, sondern auch mit dem aktuellen Zeitgeschehen. Indem Vinke dazu weitgehend wertungsfrei Hintergrundinformationen zu Wirtschaft und Politik, Kunst und Kultur, Naturwissenschaften und Religion liefert, verknüpft er eine tragisch endende Liebesgeschichte mit dem damaligen Weltgeschehen. Dass „Hoffentlich schreibst Du recht bald“ aber nicht nur die aussergewöhnliche Dokumentation einer besonderen, durch Missverständnisse und die Zeichen der Zeit sehr häufig schwierigen Ersten Liebe ist, sondern auch viel über den Alltag junger Mädchen in den Kriegsjahren 1937-43 erzählt, ist der einfühlsamen Auswahl der Briefe zu verdanken, die den Schwerpunkt vor allem auf die Empfindungen und Gedanken von Sophie Scholl legt.
Andrea Duphorn

Vladin Drachenheld
Doris Lecher
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-75-4
Schlagwörter: Freundschaft | Aussenseiter:in/Mobbing

Vladin Drachenheld ist nicht etwa die Hauptfigur eines russischen Volksmärchens. Und Moppel, Zonks, Borp und Tinke sind auch keine klingonischen Krieger aus dem Star-Trek-Universum. Nein, es handelt sich hier um gewöhnliche Fledermäuse. Nun ist es mit dem “gewöhnlich” ja so eine Sache. Während sie in natura hochsoziale Tiere sind, verhalten sich die Lecherschen Fledermäuse weniger sozial als menschlich. Es wird schikaniert, ausgelacht und vor Angst ins Pelzchen gemacht. Und von wegen keine Hackordnung. “Alle mögen Moppel, denn Moppel ist der Stärkste. Keiner mag Vladin, denn Moppel mag Vladin nicht.”
Vladin wäre wohl bis ans Ende seiner kümmerlichen Tage der “Stinker” der Gruppe geblieben, hätte ihn Moppel nicht eines Morgens unsanft in die Welt hinausgeschubst. Nach seinem unfreiwilligen Auszug wächst Vladin (scheinbar) über sich hinaus, rettet Moppel vor dem (scheinbar) sicheren Tod und steigt zum gefeierten Superhelden der Kolonie auf. Dass seine Heldentat in Wahrheit nur ein abgekartetes Spiel war, brauchen Moppel und Co. ja nicht zu erfahren.
Aussenseiter wird zum Superhelden – neu ist dieses Handlungsschema nicht. Doch die Konfliktlösungsstrategie ist realitätsfremd. Ausgrenzung ist zwar ein wichtiges Thema im Leben eines Kindes; einen Konflikt dadurch lösen zu wollen, dass man sich zum Superhelden aufschwingt, ist aber nicht der richtige Weg.
Doris Lechers Illustrationen hingegen überzeugen; sie zeigen Fledermäuse, die ein bisschen an Maurice Sendaks “Wilde Kerle” erinnern. Vor allem den Part der Katze Toto setzen sie grossartig in Szene.
Ursula Kahi

Herbst im Kopf
Dagmar H. Mueller, Illustration: Verena Ballhaus
Verlag: Betz, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-219-11260-9
Schlagwörter: Krankheit

Dass ältere Menschen zuweilen etwas seltsam werden können, ist nichts Neues. Dass Kinder damit weitaus weniger Probleme haben als viele Erwachsene ebenso. Was aber, wenn hinter dem merkwürdigen Verhalten von Oma oder Opa mehr steckt? Dagmar H. Mueller und Verena Ballhaus haben mit “Herbst im Kopf” ein erzählendes Sachbilderbuch vorgelegt, das nicht nur einfühlend von den Symptomen jener Krankheit erzählt, die den Betroffenenen nach und nach jegliche Erinnerungen raubt, sondern auch eines, das den Unterschied zu Krankheiten zu erklären versucht, mit denen Kinder im Bilderbuchalter sonst so vertraut sind. Im Mittelpunkt steht Paula, die aus der Ich-Perspektive vom Zusammenleben mit ihrer an Alzheimer erkrankten Oma Anni erzählt. Eindrücklich ist das Bild, das die Autorin gefunden hat, um die komplexe Krankheit bereits Kindergartenkindern begreiflich zu machen: Das Leben von Paulas Oma wird als Baum beschrieben, dessen Blätter für die Erinnerungen an Ereignisse und Menschen stehen, die in ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt haben. “Bei Oma Anni ist jetzt Herbst im Kopf”, sagt Paulas Mama. “Von ihrem Lebensbaum fallen die Blätter ab.”
Verena Ballhaus fängt in ihren fantasievollen Illustrationen nicht nur den Familienalltag ein, der sich durch ein liebevolles Miteinander auszeichnet. Es ist ihr auch gelungen, eindrucksvolle Bilder für die Gedankenwelten von Oma und Enkelin zu finden, die durch das Spiel mit Perspektive und Grössenverhältnissen auch die Gefühle der alten Frau zum Ausdruck bringen: ihre Ängste, die zunehmende Verwirrt- und Verlorenheit.
Andrea Duphorn

Wie ein Baum im Herbst die Blätter nach und nach verliert, so verliert die Oma von Paula nach und nach die Erinnerungen, die jüngsten zuerst. Denn die Oma hat Alzheimer und Paula „finde[t] es gut, dass Herr Alzheimer diese Krankheit entdeckt hat.“ Das ist denn auch die grosse Schwäche dieses Buches, die kindertümelnde und Paulas Alter völlig unangemessene Sprache. Inhaltlich hingegen zeigt „Herbst im Kopf“ sehr genau auf, wie der manchmal schwierige Zugang zu dementen Alten gelingen kann und dass gerade sie oft besondere Fähigekeiten im Umgang mit Kindern: Erzählfreude, Geduld, Humor und Dankbarkeit für kleine Aufmerksamkeiten. Auch die Kehrseite wird nicht verschwiegen, die Stimmungsschwankungen, die Zerstreutheit und die schwer nachvollziehbaren Handlungen (nur die zunehmende Aggressivität mancher Dementer fehlt). Leider sind die handelnden Figuren thementypisch weiblich, der Vater kommt praktisch nicht vor.
Besonders gelungen sind die Illustrationen, die auch die verqueren Gedanken der Oma und sogar ihre seelischen Zustände andeuten, wenn sie sich etwa durch das Bewusstwerden ihrer Vergesslichkeit sehr verloren fühlt. – Ein wichtiges Buch zu einer weit verbreiteten, aber oft nicht früh genug erkannten Krankheit.
Bruno Blume

Julias Wunsch
Elle van Lieshout, Erik van Os, Illustration: Paula Gerritsen
Aus dem Niederländischen von Monika Götze
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0522-9
Schlagwörter: Natur

Julia lebt allein hoch oben auf einer Bergspitze und bestellt jahrein, jahraus ihre Felder. Im Winter zehrt sie von ihren Vorräten. Als sogar das Apfelmus ausgeht, hat Julia Hunger. In einer sternenklaren Nacht sieht sie eine Sternschnuppe und wünscht sich etwas. Der Sack Mehl, der am nächsten Morgen vor dem Haus liegt, reicht eine ganze Woche. Von nun an wünscht sich Julia bei jeder Sternschnuppe einen neuen Sack Mehl. Nicht im Traum denkt sie daran, sich einen prallen Tisch mit ihren Lieblingsspeisen, teure Kleider oder Gold zu wünschen. Nur zu ihrem Geburtstag macht sie eine Ausnahme: Sie wünscht sich zwei Kirschtörtchen und jenen rot-metallic farbenen Traktor herbei, der auf den Bildern immer wieder auftaucht. Dass zum Traktor auch der Chauffeur gehört, macht Julias Geburtstag zu einem offensichtlich glücklichen Tag.

Ich kann mich nicht erinnern, je eine gleichzeitig so einfache wie sinnliche Geschichte über Bescheidenheit und Sehnsucht in Händen gehalten zu haben. Schon kleinen Kindern dürfte sie im positivsten Sinn unter die Haut gehen und ein Gefühl davon vermitteln, was ein wirklich grosser Wunsch bedeuten kann. Die doppelseitigen warmen Illustrationen veranschaulichen und erweitern den kurzen Text vor allem im emotionalen Bereich. Es sind mehrheitlich dynamische, meist grossflächige Landschaftsbilder, die mit wenigen, für den Verlauf der Geschichte aber umso prägnanteren Details – dem Traktor zum Beispiel – auskommen.

Barbara Jakob

Wundermeerschwein rettet die Welt
Udo Weigelt, Illustration: Nina Spranger
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-5099-6
Schlagwörter: Freundschaft | Medien

Wer kennt ihn nicht, den Traum vom Superhelden, der uns in jeder Lebenslage beisteht? Für Meerschwein Burito ist der titelgebende Fernsehheld aus “Wundermeerschwein rettet die Welt” das grosse Idol. Er glaubt fest daran, Wundermeerschwein allein durch die Kraft der Gedanken in sein Wohnzimmer wünschen zu können – und ist ein wenig gekränkt, als ihn seine Mitbewohner deswegen auslachen. Doch wie sehr staunen Kanarienvogel von Perlewitz, Jagdhündin Frieda und Goldfisch Artur, als wenig später kein geringerer als Wundermeerschwein in die Wohnung stürmt. Freilich erinnert der Held verdächtig an einen verkleideten Burito – und als er sich ächzend und schnaufend an der Wasserlilie entlang aufs Bücherregal hangelt, wirkt er wenig heldenhaft. Gar nicht superheldengleich fällt Burito kurz darauf mitsamt Augenklappe und Umhang in Arturs Goldfischglas – spätestens jetzt müsste doch das echte Wundermeerschwein herbeieilen und ihn aus seiner misslichen Lage befreien: “Doch Wundermeerschwein musste wohl gerade wieder irgendwo die Welt retten und hatte keine Zeit.” Schliesslich sorgt Frieda dafür, dass es mit Burito kein schlechtes Ende nimmt, und Burito erkennt, wer seine wahren Freunde sind.
Nina Spranger setzt Udo Weigelts Geschichte um falsche Heldenverehrung mit humorvollen Illustrationen in Szene. Dabei legt sie den Akzent auf die vier Protagonisten, deren ausdrucksstarke Mimik sehr zum Vergnügen beiträgt (wie auch Buritos rosa Zehen auf der letzten Doppelseite) – wenige Hintergrunddetails lenken von den verschmitzten Hauptfiguren ab. Zum immer wieder Vorlesen und Anschauen – “Wundermeerschwein” hat das Potenzial zum neuen Lieblingsbilderbuch.
Maren Bonacker

Keine Lust. Auf nichts!
Lydia Zeller, Illustration: Marion Goedelt
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-77-0
Schlagwörter: Alltag

Etwas käsig liegt Mäxchen in seinem Bett, die Bettdecke bis zur Nasenspitze hochgezogen. Kein Wunder, dass Mama glaubt, Mäxchen sei krank. Um den Kleinen aufzuheitern, möchte sie ihm Tee bringen oder ihm die Füsse massieren oder ihm etwas vorlesen oder mit ihm zusammen ein Lied singen. Mäxchen aber mag nichts von alledem. Allerdings ist Mäxchen auch nicht krank. Er möchte einfach nur seine Ruhe haben. Mama ist klug genug, Mäxchens Wunsch zu respektieren. Und so sitzt der Kleine bald versunken in seinem Bett, wackelt mit den Zehen, hört den Regentropfen zu, denkt über die Gedankenwelt der Vögel nach und lässt hinter seinen geschlossenen Augenlidern tanzende Farbkreise entstehen. Und plötzlich mag Mäxchen wieder – am liebsten ein grosses Stück von Mamas Apfelkuchen.

“Keine Lust. Auf nichts!” ist ein poetisches Bilderbuch über den Wert unverplanter Zeitoasen im Alltag. Ein Muss für alle Erziehungsberechtigten, die dem Irrglauben verfallen sind, Kinder müssten rund um die Uhr unterhalten werden. Dabei lieben und brauchen Kinder unverplante Zeit – zum Alleinsein, Nachdenken, Experimentieren. Vielen Kindern dürfte Mäxchen mit seinem Bedürfnis nach Ruhe aus dem Herzen sprechen. Die Qualität des Bilderbuches erschöpft sich aber nicht in der Tatsache, dass es einen realistischen Ausschnitt kindlicher Erfahrungswelt darstellt. Vielmehr überzeugt auch das Zusammenspiel von Text und Bild. So wirkt Zellers rhythmische Sprache mit ihren kurzen, parataktischen Sätzen und ihren repetitiven Elementen streng und leicht zugleich, ähnlich wie Goedelts helle, pastellfarbene Bilder mit ihren klar begrenzten Flächen und den verspielten Details. Die sparsam ausgefüllten Seiten vermitteln einen ruhigen Gesamteindruck, was dem Thema entspricht. Das übersichtliche Layout kommt auch ErstleserInnen entgegen; absolute LeseanfängerInnen aber stossen wohl an ihre Grenzen. Macht nichts! Zuhören ist ja mindestens so schön wie selber lesen.

Ursula Kahi

Heute ist alles blöd, Mama!
Birte Müller
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-01441-4

Auch der kleine Timm in Birte Müllers Bilderbuch “Heute ist alles blöd, Mama!” hat keine Lust auf nichts. Im Gegensatz zu Mäxchen findet Timm aber wirklich alles blöd: aufstehen, liegen bleiben, Brot mit seiner Lieblingsmarmelade essen, in den Kindergarten gehen, mit seinem Freund Hannes spielen, ja sogar Papa beim Vorlesen zuhören. Allerdings ist Timm in seiner Rolle als muffelnder Alles-ist-blöd-Finder alles andere als glücklich. Wie sehr er leidet, wie sehr er sich in seinem Innersten wohl wünscht, seine selbst gewählte Isolation aufgeben zu können, wird spätestens ab der vierten Doppelseite klar. Von seinem Freund Hannes abgewendet steht der Junge da, das personifizierte Unglück, und drückt sein rotes Spielzeugauto fest an sich, als müsste er sich an ihm festhalten. Mit seinem Kummer füllt Timm dabei gut die halbe Buchseite aus. Auf der nächsten rechten Doppelseitenhälfte dann sitzt der Junge, klein und verloren wie ein Häufchen Elend, in der fast leeren Zimmerecke. Die Buntheit der linken Seite voller Spielzeug kontrastiert dabei die eisblau-graue Kargheit der rechten Seite und betont Timms Verlorenheit noch. Und so schleppt sich der Kleine weiter durch den Tag, mal klein und verloren, mal riesengross und zornig brüllend. Timms innere Not schneidet einem wirklich ins Herz, so sehr, dass man sich irgendwann zu fragen beginnt, wo denn die Erwachsenen in diesem Buch eigentlich ihre Augen haben. Nur gut, wird Timm wenigstens von seinem Teddy nicht im Stich gelassen. Und dann, abends im Bett, kommt sie doch noch, die alles erlösende Frage: “‘Timm, was ist bloss los mit dir heute? Hast du deinen schlechten Tag?’ Timm nickt nur und muss anfangen zu weinen. Da nimmt Mama ihn ganz fest in die Arme.” Na endlich!
Ursula Kahi

Mein trauriges Buch
Michael Rosen, Illustration: Quentin Blake
Aus dem Englischen von Richard Rosenstein
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7725-2060-X

Ein Buch über das Traurigsein, das mit einem lachenden Gesicht beginnt: “Das bin ich: sehr traurig. Vielleicht meinst du, ich sehe hier glücklich aus. Aber ich bin wirklich traurig. Ich tue nur so, als ob ich glücklich wäre. Denn ich glaube, die Leute mögen mich nicht, wenn ich traurig aussehe.” – “Mein trauriges Buch” ist ein sehr persönlicher Titel, erzählt er doch von einem sehr persönlichen, grossen Kummer, der Autor Michael Rosen tagein, tagaus begleitet und – mal mehr, mal weniger – traurig stimmt: den Tod seines Sohnes Eddie, der mit 18 Jahren starb.
Quentin Blake hat den einfühlsamen Text, der viele Facetten jenes dunklen Gefühls mit Bildern versehen, welche die unterschiedlichen Stimmungen beeindruckend genau einfangen. Da finden sich Grau-in-Grau-Illustrationen für jene düsteren Momente, in denen die Traurigkeit um den Ich-Erzähler “sehr gross” ist. Und wenn es ihm – zum Beispiel mit Hilfe schöner Erinnerungen – gelingt, etwas von den Glücksgefühlen vergangener Zeiten aufleben zu lassen, solche, in denen sich zu den Grautönen ein helles Gelb, ein warmes Rot, ein frisches Grün oder auch ein zartes Blau gesellt. Von Traurigkeit, die manchmal plötzlich da ist “wie eine Wolke, die herankommt und mich einhüllt” wird da erzählt. Von Traurigkeit, die einen Grund hat, über den man mit anderen Menschen sprechen möchte. Und von solcher, mit der man allein sein will. Von Traurigkeit, die einen unter der Dusche laut schreien lässt, mit dem Löffel auf den Tisch schlagen, die Backen aufblasen und “huuuh, puuuh, huuuh” pusten oder auch mal böse und gemein sein lässt.
Ein besonderes Buch über ein Gefühl, das jeder kennt und trotzdem für jeden immer irgendwie ein bisschen anders ist.
Andrea Duphorn

Polnisch für Anfänger
Birgit Schlieper
Verlag: CBJ, Publiziert: 2006, Seiten: 189, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-30291-1
Schlagwörter: Gewalt

Wenn von Gewalt die Rede ist, sind als Täter in der Regel Männer im Visier. Doch es gibt auch Frauen und Mädchen, die ausrasten – und allmählich tauchen sie auch in der Jugendliteratur auf. Zum Beispiel im Roman der deutschen Autorin und Journalistin Birgit Schlieper. Sie stürzt ihre LeserInnen gleich im ersten Satz in eine blutige Gewaltszene: Ein Mädchen tritt einem Jungen ins Gesicht, bis er sich nicht mehr rührt. Warum, fragen sich alle; natürlich ist Mari eine ungehobelte, aggressive Göre, es ist ihr sichtlich unwohl in ihrer (weiblichen) Haut. Doch so auszurasten – da muss doch etwas dahinterstecken. Weil Mari schweigt – gegenüber ihren Eltern, vor Gericht – wird ihr Angriff auf den behinderten polnischen Jungen Marius als rassistischer Akt verstanden. Mari soll bei einem betreuten Auslandaufenthalt in Polen Selbstverantwortung und Toleranz lernen.
Während sie gegen aussen schweigt, begleiten die LeserInnen die Entwicklung der Ich-Erzählerin von einem fluchenden Bündel aus Zorn und Unsicherheit zu einer jungen Frau, die sich allmählich öffnet – ihr Rassismus, das zeigt sich schon von Anfang an, kommt aus einem Hass gegen sich selbst: „Ich wollte ihm nicht wehtun. Ich wollte es auch nicht vermeiden. Ich wollte einfach nur, dass er nicht mehr ist.“ Birgit Schlieper meistert die Gratwanderung zwischen Verstehen und Verzeihen geschickt, indem sie Mari schimpfen lässt – so zeigt sie ihre Not, ohne dass man sich als LeserIn mit ihr identifizieren könnte.
Christine Lötscher

Einer, der bleibt
Annette Herzog, Illustration: Gretje Witt
Verlag: Hammer, Publiziert: 2006, Seiten: 62, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0054-X
Schlagwörter: Freundschaft | Krieg | Tiere

Das kleine Mädchen Nora bleibt irgendwo auf der Welt einsam und verlassen zurück, in Kriegsruinen und von Bomben zerstörter Natur. Instinktiv versteckt sie sich in einer Höhle unter einem zusammengebrochenen Haus in der grauen Stille, die nur von einem singenden Vogel und farbigen Erinnerungen an glücklichere Zeiten durchbrochen wird. Der Hunger treibt sie nach langem Zögern zum Mandarinenhain. Keine Menschen weit und breit, doch unverhofft gesellt sich ein grosser, schwarzer Hund zu ihr. Mit seiner langen roten Zunge und den spitzen Zähnen wirkt er bedrohlich, doch Nora bemerkt, dass auch das Tier Hunger hat und zudem verletzt ist. Ohne Worte, die sind ihr nach den schrecklichen Erlebnissen verloren gegangen, fängt sie an, sich um den Hund zu kümmern. Er erwidert ihre Aufmerksamkeit mit beständiger Zuneigung und wird ihr treuer Begleiter – der einzige, der bleibt. Die Freundschaft hat Bestand, auch als Nora später von einer Rettungsmannschaft an einen sicheren Ort gebracht wird.

Die Schrecken des Kriegsgeschehens werden in «Einer, der bleibt» auf ein kleines, verlassenes Mädchen fokussiert, das zurückbleibt, als der feuerspeiende Drache sein zerstörerisches Werk hinterlässt. Die Autorin versteht es, die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft, geprägt von Tapferkeit und Hoffnung, einfühlsam und ohne falsches Pathos zu erzählen. Geglückt sind auch die Schwarzweissillustrationen zum kurzen Text, der die Botschaft auf das Wesentliche reduziert. Ein Kleinod im Dschungel der Neuerscheinungen.

Giovanna Riolo

Brüder
Bart Moeyaert
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Hanser, Publiziert: 2006, Seiten: 166, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20790-2
Schlagwörter: Identität/Individualität

Brüder, und dann auch noch sieben an der Zahl – das klingt ein wenig wie im Märchen. Tatsächlich kommen die Geschichten, die Bart Moeyaert in seinem neuen Buch versammelt, aus einer anderen Welt. Bohnerwachs, dicke Wollstrumpfhosen, der Zwiebelgeruch, der an den Händen der Mutter hängt, oder der Vorgarten, der sich bei Regen in Schlamm verwandelt – Moeyaert zeichnet eine Art flämisches Bullerbü in hell-dunkeln Tönen; schräg und melancholisch, wie es sich für seine Texte gehört.
Schon seit einiger Zeit liest der 1964 geborene Moeyaert an seinen Lesungen Texte aus dem Brüder-Buch, das lange auf eine deutsche Ausgabe warten musste, und gerne erzählt er auch, wie prägend das Aufwachsen als siebter und jüngster Bruder für ihn war. Das Buch ist in dem Sinne autobiografisch, dass es zwischen den Zeilen der kleinen, witzigen Episoden und Anekdoten berichtet, wie aus dem kleinsten Bruder, der (noch) nichts begriff und nichts konnte, ein Schriftsteller werden musste. Im Windschatten der Grossen lernte er, dass Fantasie und Beredsamkeit besser sind als schiere Körpergrösse und Muskeln. Weil er von vielen Kämpfen und Streichen ausgeschlossen war, verlegte er sich aufs Beobachten, Formulieren und Erzählen, originell und pointensicher: ”Wir hatten auch schon herausgefunden, wie seltsam Gedanken herumspringen konnten, aber es ging über unseren Verstand, dass unsere Mutter das Rauchen unseres Vaters Studieren nannte.”
CHRISTINE LÖTSCHER

Bom dia camaradas
Ondjaki
Aus dem Portugiesischen von Claudia Stein
Verlag: atlantis, Reihe Baobab, Publiziert: 2006, Seiten: 147, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-01514-3
Schlagwörter: Identität/Individualität | Schule | Krieg

Von 1975 bis 2002 steckte das westafrikanische Land Angola in einem erbitterten Bürgerkrieg, der eine halbe Million Menschenleben forderte und fast so viele Menschen ins Exil trieb. Der angolanische Autor Ondjaki, mit richtigem Namen Ndalu de Almeide, ist während des Bürgerkriegs in der angolanischen Hauptstadt Luanda aufgewachsen. In “Bom dia camaradas” erzählt er in lockeren Episoden aus seiner Kindheit in den Achtzigerjahren. Ein korruptes Einparteiensystem ist an der Macht, Nahrungsmittel erhält man nur mit Lebensmittelkarten, in der Schule unterrichten kubanische LehrerInnen und morgens muss die Nationalhymne gesungen werden.

Der Icherzähler Ndalu wächst in einer intakten Mittelklassfamilie auf. Den Bürgerkrieg erfährt er indirekt: Auf den Verkehrsachsen gibt es viel Militär, ab und zu sind Gewehrsalven zu hören. Das Mitmachen an der 1.-Mai-Parade ist für ihn und seine Klasse so selbstverständlich wie die Tatsache, dass sie am Anschluss daran die versprochenen Naschereien nicht erhalten, weil die Partei wieder kein Geld dafür hat. Wie instabil die Lage ist, zeigen die vielen Gerüchte, die kursieren. Ndalu und seine Freunde fürchten sich vor einer Bande, die Schulen überfallen soll. Ein Auto, das in einer Staubwolke auf den Schulhof fährt, reicht aus, damit die ganze Schule Reissaus nimmt, weil sie glaubt, jetzt schlage die Bande auch hier zu. Dabei fährt bloss der Schulinspektor vor.

Ndalu begegnet den Mühen des Alltags mit Ironie und Schlauheit. Gleichzeitig weiss er, dass die unbeschwerten Kindertage zu Ende gehen. Nach den Schulferien werden einige Freunde fehlen, weil sie mit ihren Familien ins Exil gegangen sind. Und der Tod des alten Antonio, dem er viele Fragen stellen konnte, wird auch das Leben zu Hause verändern.

Christine Tresch

Die Katze
Jutta Richter, Illustration: Rotraut Susanne Berner
Verlag: Hanser, Publiziert: 2006, Seiten: 65, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20793-7
Schlagwörter: Fantasie

In Jutta Richters Büchern ist der Abschied von der Kindheit ein immer wiederkehrendes Thema. Auch “Die Katze” erzählt in überaus komprimierter Form davon: Auf dem Weg zur Schule trifft die achtjährige Christine jeden Tag auf eine alte, weisse Katze: “Sie wohnte in der Sonne auf der Mauer gleich neben dem Gartentor, durch das mein Schulweg führte.” Die Katze verwickelt Christine jedes Mal in ein Gespräch – über mutwillige Mädchen, Fisch, den abergläubischen Briefträger Waldemar Buck oder Christines ausgegrenzten Mitschüler Ferdinand, genannt Mopsel. So kommt sie jeden Morgen zu spät zur Schule. Dass es die Katze ist, die daran Schuld ist, interessiert die Erwachsenen nicht.
Ob besagte Katze wirklich spricht oder ob sich die Gespräche zwischen dem Mädchen und dem Tier nur in Christines Gedanken abspielen, bleibt offen. Es ist auch nicht weiter wichtig. Wichtig ist vielmehr, was die Zwiegespräche mit der stets auf den eigenen Vorteil bedachten Katze bei der Ich-Erzählerin bewirken, werden in ihnen indirekt doch Werte wie Menschlichkeit, Mitgefühl oder Verantwortungsbewusstsein diskutiert. Am Ende der beeindruckenden, poetisch und ruhig erzählten Parabel, die Rotraut Susanne Berner mit zweifarbigen Illustrationen versehen hat und die das Symbolhafte der Handlung betonen, steht Christines Abschied von der Katze: “Um mich herum sirrte der Sommer und trotzdem wurde mir kalt, denn ich wusste genau, jetzt hatte die Ewigkeit aufgehört. Und mit der Katze würde ich nie wieder sprechen. Die Katze war böse. Sie kannte kein Mitleid, sie kannte nur sich und die Mäuse.” Christine braucht die Katze nicht mehr. Niemanden, der ihr sagt, was sie denken und tun soll. Was gut und richtig ist, kann sie nun selbst entscheiden. Und sie wirkt stark genug, dafür auch einzutreten.
Andrea Duphorn

Die besten Beerdigungen der Welt
Ulf Nilsson, Illustration: Eva Eriksson
Aus dem Schwedischen von Ole Könnecke
Verlag: Moritz, Publiziert: 2006, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-174-5
Schlagwörter: Identität/Individualität

Angefangen hat alles mit einer toten Hummel. Und mit der Idee, dass tote Tiere auch eine stilvolle Beerdigung verdienen. Die einsame Lichtung im Wald ist geradezu prädestiniert für einen Tierfriedhof. Dann braucht es noch einen Koffer mit Beerdigungsutensilien und – tote Tiere, und die Beerdigungen AG ist gegründet! Also: Tiere suchen (Maus, Hamster, Hahn, Hering…), Grab schaufeln, Abschiedsvers dichten, weinen. Doch wie ist das eigentlich genau, wenn man tot ist? – Drei Kinder, ein Mädchen und zwei kleinere Jungs, beschäftigen sich einen Sommertag lang mit dem Tod. Sie spielen und lernen dabei das Wesentliche, unbelastet, weil es sie ja nicht wirklich betrifft. Wichtige Fragen können da gestellt und auch auf kindgerechte Art beantwortet werden. Ein wohltuend trauriger Spass um eine ernste Angelegenheit, mit heiteren zartfarbenen Bildern. Sehr geeignet für eine unbeschwerte Annäherung ans Thema Tod.
Claudia Hubacher

Riese nachKalypso
Melanie Bächer
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2006, Seiten: 107, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-6055-X
Schlagwörter: Fantasie | Humor/Komik

“Einmal…”, so beginnen alle zwanzig der kleinen Geschichten von Melanie Bächer. Zusammengehalten werden sie von einem Ich-Erzähler, den es zu begleiten lohnt bei seinen Alltagssituationen jenseits des Alltäglichen. So berichtet die Titelgeschichte von den Widrigkeiten auf der Suche nach dem Ort seiner Träume. Der rothosige “Samstag” führt auf witzige Art und Weise die typischen Merkmale der Wochentage vor Augen, und im Zug begegnet das Ich einem Mann, dessen Beschäftigung ganz selbstverständlich darin liegt, jeden Tag nach Kassel und zurück zu fahren. Auch aus der in einer Zeitungsnotiz angekündigten Aufhebung der Schwerkraft zwischen 12 und 13 Uhr baut die Autorin eine absurd-logische kleine Erzählung.
Dass die Autorin diese (und auch andere) Geschichten ursprünglich für die SWR Sendereihe “Abendgeschichten” verfasst hat, erstaunt nicht. Allen zwanzig Geschichten gemeinsam ist die beneidenswerte Fähigkeit der Autorin, sich buchstäblich mit einem Satz in eine fantastische Situation zu katapultieren und auf wenigen Seiten sprachlich dichte Erzählsituationen zu schaffen. Sie spielt variantenreich mit verschiedenen Erzählebenen, verlässt sich auf ihren Wortwitz und geht dabei immer von einer alltäglichen Situation aus. Die Kombination aus kindlicher Logik und einer gehörigen Portion Fantasie geben dann den meisten Geschichten einen meist humorvollen, aber auch einmal melancholischen Dreh. Die schwarzweissen Zeichnungen von Verena Ballhaus tragen zur Leichtigkeit der einzelnen Geschichten bei und erweitern den Text um fantasievolle Momentaufnahmen. Kinder ab etwa acht Jahren und Erwachsene sind eingeladen zum stillen Geniessen genauso wie zum Vorlesen.
Barbara Jakob

Die schönsten Shakespeare-Geschichten
Andrew Matthews, Illustration: Angela Barrett
Aus dem Englischen von Mirjam Pressler
Verlag: Kerle, Publiziert: 2006, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-451-70713-6

Die Idee, eine Auswahl von Shakespeares schönsten Theaterstücken in gut lesbare Prosatexte umzuwandeln, ist nicht ganz neu – schon Mary und Charles Lamb vereinfachten im beginnenden 19. Jahrhundert zwanzig Stücke und machten sie somit einem breiten Lesepublikum zugänglich. Dennoch sind “Die schönsten Shakespeare-Geschichten” fraglos etwas ganz Besonderes. Dies liegt zum einen an Andrew Matthews’ Auswahl der Geschichten, die Komödie, Tragödie und Historiendrama gleichermassen berücksichtigt, zum anderen aber auch an den märchenhaften Farbillustrationen von Angela Barrett, die sich in unterschiedlichen Formaten auf jeder Doppelseite finden und das Buch somit schon bei einem ersten Durchblättern als Trouvaille erkennen lassen. “Romeo und Julia”, “Ein Sommernachtstraum” und “Hamlet” werden hier erzählerisch und illustratorisch ebenso in Szene gesetzt wie “König Heinrich”, “Antonius und Cleopatra” und “Macbeth”. Insgesamt acht Stücke hat Andrew Matthews ausgesucht, um junge und ältere LeserInnen mit Englands meistgespieltem Theaterautor vertraut zu machen. Allzu komplizierte Handlungen oder Nebenstränge hat er dabei verkürzt oder ausgelassen. Im Kern jedoch wurden die Stücke beibehalten, sodass sie einen guten Einstieg in Shakespeares Theaterwelt bieten. Auch das von Matthews verfasste Vor- und Nachwort hilft den LeserInnen, den Bezug zum Theater (insbesondere zum elisabethanischen) nicht zu verlieren. Durch die aufwändige Aufmachung der durchgehend farbig illustrierten, grossformatigen Hardcover-Ausgabe werden die “Shakespeare-Geschichten” zu einem wertvollen Hausbuch, das immer wieder zum Lesen, Vorlesen und Betrachten einlädt.
Maren Bonacker

Heul nicht, kleiner Seehund
Lukas Hartmann
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2006, Seiten: 100, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-74-6
Schlagwörter: Tiere

Nora ist eine Träumerin. Eigentlich wollte sie auf dem Nachhauseweg nur einen Geburtstagsstrauss für die Mutter pflücken. Doch da sitzt auf der Wiese ein kleiner Seehund und heult herzerweichend. Er hat beschlossen, dass Nora seine Mama ist. Mit dieser Ausgangslage und weil Nora die Sprache der Tiere versteht und (im Notfall) sogar zaubern kann, entwickelt sich eine ziemlich verrückte Geschichte, die Nora und ihren Kuller bis zu einer Seehundaufzuchtstation bei Hamburg führen wird.
Eigentlich hätte Nora das Tier ja gleich beim Zoo abgeben wollen, doch die Erwachsenen glauben ihr die Geschichte mit dem Seehund auf der Wiese partout nicht. Da macht sie sich mit Kuller kurz entschlossen auf die (Zug-)Reise nach Hamburg. Äusserst selbstständig führt sie alles zu einem guten Ende: Kuller kann unter anderen Seehunden gross werden, und Noras getrennt lebende Eltern holen ihr Kind gemeinsam in Hamburg ab.
Die Selbstverständlichkeit, mit der Hartmann in seinen Geschichten immer wieder die Grenze zwischen Realität, Tagtraum und Fantastik verwischt, ist für Kinder meist attraktiv. Denn sie fragen nicht nach der für Erwachsene häufig so wichtigen Logik der Sachverhalte. Sie werden Kuller und seine kleine Beschützerin mögen und sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob der Autor die realen Fähigkeiten eines etwa achtjährigen Kindes richtig einschätzt.
Zu jedem Kapitel hat die junge Illustratorin Julia Friese eine kleine Schwarzweissvignette gezeichnet und eine farbige Doppelseite gestaltet. Für LeseanfängerInnen bietet diese Gestaltungsart eine Leseerleichterung, da sie Verschnaufpausen ermöglicht und zusammen mit dem luftigen Zeilendurchschuss zur Attraktivität für kleine TräumerInnen und TierliebhaberInnen beiträgt.
Barbara Jakob

Der kleine Ritter Trenk
Kirsten Boie
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2006, Seiten: 275, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3163-6
Schlagwörter: Abenteuer | Historisches

Gefährliche Drachen, edle Ritter, rauschende Turniere und marodierende Räuberbanden – kein Zweifel: Kirsten Boies neustes Buch spielt im tiefsten Mittelalter. Doch während die meisten Kinderbücher vornehm schweigen, wenn es um das harte Los der Bauern und Leibeigenen in dieser Zeit geht, ist hier ein kleiner Junge vom niederen Volk die Haupt- und Identifikationsfigur. Trenk ist ausser sich vor Wut, dass sich sein Vater, Haug von Tausendschlag, beim hinterhältigen Ritter Wertold dem Wüterich seine Tracht Prügel abholen muss, nur weil er den geforderten Obolus nicht abliefern konnte. Trenk will nicht an den Spruch: “Leibeigen geboren, leibeigen gestorben, leibeigen ein Leben lang” glauben und reisst, mit seinem Ferkelchen am Strick, von zu Hause aus, um in der Stadt sein Glück zu machen. Dank seiner Unerschrockenheit und ausgestattet mit einer falschen Identität, gelangt er am Ende gar auf die Burg des netten Ritters Hans und dessen Tochter Thekla. Es gelingt ihm, Feinde in die Flucht zu schlagen, eine Räuberbande zu resozialisieren und – mit Hilfe seiner Freunde – ein Ritterturnier zu gewinnen. Als er gar einen Drachen besiegt, kann er es sich leisten, seine wahre Herkunft preiszugeben, und von Wertold dem Wüterich die Freilassung der Leibeigenen erwirken.
Geschichte von unten, in einem direkten, persönlichen Erzählstil wiedergegeben, mit Erklärungen und Vergleichen versehen, als würde sich die Autorin in einer intimen Vorlesesituation mit den LeserInnen befinden – das alles ergibt ein richtig tolles Leseabenteuer. Auch Witz und Schalk kommen dabei nicht zu kurz.
“Der kleine Ritter Trenk” ist ein pralles Familien-Vorlesebuch. Zu hoffen bleibt, dass auch LehrerInnen darauf aufmerksam werden und damit die Geschichts- und Vorlesestunden zu unvergesslichen Erlebnissen werden lassen.
MAJA MORES

Einbrecher sind schneller als Fussballer
Martin von Aesch
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2006, Seiten: 188, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0523-7
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Familie/Familienformen

Kuku, elf Jahre alt, ist ein Möchtegernfussballstar mit schriftstellerischen Ambitionen und allen Allüren, die zur angestrebten Karriere gehören. Grossspurig, mit ausufernder Fantasie, nimmt er sich schon seit er zehn ist (beim ersten Fall 2001) der verschiedensten Probleme im und ums Haus an, tritt mit seinen Schnellschussplänen von einem Fettnäpfchen ins andere und präsentiert sich als vorwitziger, aber liebenswerter Chaot. Bei seinem fünften Fall läuft denn auch wieder so einiges schief. Er und seine jüngere Schwester Lala sind sich sicher, dass sich Papa in letzter Zeit merkwürdig verhält, und schon macht sich der eifrige Junge daran, die vermeintlichen Familienprobleme nach unkonventioneller Manier zu lösen. Zur selben Zeit geht in der näheren Umgebung der Torgasse ein gefährlicher Einbrecher um, den zu stellen sich Kuku auch gleich vornimmt. Nichts leichter als das, denkt er sich, da er schliesslich mit einem Hirn ausgestattet ist, das “tipptopp arbeitet”. Dass bei seinen unzimperlichen Aufklärungsmethoden so ziemlich alles aus den Schienen läuft, stört ihn überhaupt nicht, denn wer löst am Ende die Fälle? Klar doch, Kuku wars … oder doch beinahe. Punkt.
Kukus unbändige Vorstellungskraft – frei nach TV verbildet, wie er sich selber ausdrückt – macht aus den harmlosesten Begebenheiten die spannendsten Fälle, bei denen gleichaltrige Kinder von der ersten bis allerletzten Seite mitfiebern. Dass der selbst ernannte Detektiv eine schweizerdeutsch gefärbte Sprache spricht – und ihm der Genitiv völlig unbekannt ist –, tut dem Lesegenuss keinen Abbruch. Auch Kukus fünfter Fall bietet wie die ersten vier Bände fantasievolle Unterhaltung vom Besten.
Giovanna Riolo

Steppenwind und Adlerflügel
Xavier-Laurent Petit
Aus dem Französischen von Anja Malich
Verlag: Dressler, Publiziert: 2006, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-1602-7

Die 12-jährige Galshan lebt mit ihren Eltern in einer winzigen Einzimmerwohnung im Vorort einer Grossstadt in der Mongolei. Weil es ihrer schwangerer Mutter nicht gut geht und sie bis zur Geburt liegen soll, der Vater als Fernfahrer aber viel unterwegs ist, beschliessen die Eltern, sie zu ihrem Grossvater aufs Land zu schicken. “Fünf Monate! … Einhundertdreiundfünzig Tage bei einem verrückten Alten, der allein mit seinen Pferden und Schafen lebte!”
So schwierig sich die Beziehung zwischen Grossvater und Enkelin zunächst auch anlässt, Galshan gelingt es, den Respekt – und das Herz – des störrischen Alten zu gewinnen. Baytar lehrt sie alles, was man zum Überleben in rauer Wildnis braucht. Und bricht schliesslich sogar mit der Tradition, indem er einem Mädchen zeigt, wie man einen Adler fängt, zähmt und abrichtet. Denn Galshan besitzt wie er die Gabe “mit den Adlern (zu) fliegen”.
“Steppenwind und Adlerflügel”, in Frankreich mit dem Prix Saint-Exupéry 2003 ausgezeichnet, bietet alles, was man braucht, um für ein paar Stunden die Welt um sich herum zu vergessen: Eine fesselnde Geschichte, die Einblick in eine fremde Kultur gewährt, liebevoll gezeichnete Charaktere und einen klugen Aufbau samt dramatischem Höhepunkt.
Xavier-Laurent Petit versteht es, mit wenigen Worten eine Atmosphäre zu schaffen, die gefangen nimmt. Ob es nun Galshans Alltag in der Grossstadt ist oder das von alten Traditionen geprägte Leben in der kleinen Jurte mitten in der mongolischen Steppe, um die mit “Davkhar Djout”, dem weissen Tod, nicht nur bald ein heftiger Schnee- und Eissturm zu toben beginnt, sondern auch ein hungriger Schneeleopard seine Kreise zieht…
Andrea Duphorn

Nijura
Jenny-Mai Nuyen
Verlag: CBJ, Publiziert: 2006, Seiten: 511, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-13058-4
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

Das Erbe der Elfenkrone

Nach dem bahnbrechenden Erfolg, den Christopher Paolini mit seinen Eragon-Romanen gefeiert hat, setzt der Bertelsmann-Verlag abermals auf ein junges Schreibtalent im Fantasy-Bereich: Die siebzehnjährige Jenny-Mai Nuyen legt mit “Nijura” einen faszinierenden Roman vor, dessen erzählerischer Leichtigkeit man das Alter der Autorin nicht anmerkt.
Scapa ist ein jugendlicher Meisterdieb, der in den unwirtlichen Gassen von Kesselstadt aufwächst, wo er eines Tages Arane begegnet – einem Mädchen unbekannter Herkunft, das von nun an nicht mehr von seiner Seite weicht. Mit der Machtübernahme des Grauen Königs jedoch verschwindet Arane von einem Tag auf den anderen, und Scapa macht sich auf den Weg, um sie zu finden und – wenn er muss – den Grauen König zu töten. Etwa zur gleichen Zeit begibt sich auch Nill auf eine Reise, die sie in das Land des Grauen Königs führen soll. Das im Wald aufgewachsene Mädchen, das wegen seines unreinen Blutes weder zu den Menschen noch zu den Elfen gehört und sich ständigen Anfeindungen der Dorfbewohner gegenüber sieht, soll dem selbst ernannten König das steinerne Messer der Elfen übergeben. Als sich Scapas und Nills Wege kreuzen, wissen sie nicht, ob sie einander vertrauen können. Ebensowenig können sie ahnen, dass sie Teil eines viel grösseren Plans sind, der den Tod des Grauen Königs bedeuten soll. Doch auf dessen Thron sitzt längst eine neue Herrscherin: Arane …
Geschickt webt Jenny-Mai Nuyen mehrere Spannungsbögen ineinander, sodass man sich gleich nach dem Eintauchen in die Geschichte nicht mehr von ihr lösen kann. Durch einen kleinen Wissensvorspung, den die Autorin ihren LeserInnen mitgibt, ahnt man eine sich anbahnende Katastrophe voraus und fiebert förmlich dem Ende des Romans entgegen. Fesselnde Fantasy einer talentierten jungen Erzählerin, von der wir hoffentlich bald mehr zu lesen bekommen.
Maren Bonacker

Einfach Bindy
Alyssa Brugman
Aus dem australischen Englisch von Ulli und Herbert Günther
Verlag: Hanser, Publiziert: 2006, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20786-4
Schlagwörter: Pubertät

“Ich… kann das, was du gerne machst, nicht ausstehen. Schon seit einer Ewigkeit nicht … Ich finde das öde und bescheuert.” Peng, das sitzt! Und Bindy ist – wen wunderts – nach dem unverblümten Statement ihrer besten Freundin Janey am Boden zerstört. Es kommt, wie Janey in ihrer neuen Geheimsprache sagen würde, noch dicker. Bindy sei langweilig, unreif, primitiv, ihre Trickfilme und Elfentänze sind für Janey “out”, die zickige Hannah, Kleider und Jungs “in”. Doch damit nicht genug: Weil Bindy während der Yogastunde laut pupst, wird sie auf dem Schulhof tagelang gehänselt. Kurz: Bei Bindy und Co. ist die Pubertät ausgebrochen.
Für Bindy verkompliziert sich alles noch durch ihre Familienverhältnisse: Dad und Mum leben getrennt; Dad beginnt ausgerechnet mit Janeys Mutter eine Beziehung; von der karriereorientierten Mum fühlt sich Bindy ungeliebt; und ihr Bruder Kyle interessiert sich scheinbar nur für PC-Games. Erst als Bindy akzeptiert, dass Beziehungen sich ändern können und man manchmal um sie kämpfen muss, dass auch Eltern ein Privatleben haben, dass auch eine nicht plätzchenbackende Mutter eine liebende Mutter sein kann, vor allem aber: dass sie selbst einfach Bindy sein muss, wird alles anders. Die Wandlung vom unsicheren Mädchen zum selbstbewussten Teenager vollzieht sich bei Alyssa Brugman aber etwas schnell und überzeugt nicht wirklich. Gelungen hingegen ist die Zeichnung der Eltern, die sich wohltuend von vielen Klischee-Eltern abhebt. Umwerfend erfrischend dagegen ist die pragmatische Einstellung des Highschoolschülers James in Sachen Beziehungen: Warum sich lange den Kopf über Gemeinsamkeiten zerbrechen? “Wenn wir uns küssen, brauchen wir nicht zu reden.”
Ursula Kahi

Sexy
Joyce Carol Oates
Aus dem amerikanischen Englisch von Birgit Kollmann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2006, Seiten: 204, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20792-9
Schlagwörter: Pubertät | Gewalt | Aussenseiter:in/Mobbing

Darren, der gut aussehende und beliebte Schwimmer des Schulteams gerät ins Spannungsfeld einer miesen Intrige gegen den unbeliebten und strengen Deutschlehrer. Darrens Kumpel beschuldigen den Lehrer des sexuellen Missbrauchs an jüngeren Schülern. Einerseits ist Mr. Tracy Darren wirklich einmal fast zu nahe getreten, andererseits könnte Darren auf Grund seiner Beliebtheit durch das Aufdecken des Komplotts Schlimmes verhindern. Doch das kann er nicht. – Der Autorin gelingt es grossartig, den Entwicklungsstand des Jugendlichen darzustellen: Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und dessen Wirkung auf die Mitmenschen (männlich und weiblich), seine Zweifel bezüglich der Loyalität zu den Kollegen, seine Unsicherheit, Überforderung und Schuldgefühle. Ebenso präzise und ohne Larmoyanz wird gezeigt, wie aus spontaner Laune heraus entstandene Verrücktheit eine äusserst gefährliche und unaufhaltsame Eigendynamik annimmt. Ein aktueller Roman, der berührt und zum Nachdenken auffordert.
Beatrix Ochsenbein

Ein reiner Schrei
Siobhan Dowd
Aus dem Englischen von Salah Naoura
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2006, Seiten: 300, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58158-4
Schlagwörter: Armut | Sexualität

Irland, 1984: Shell (Michelle) trägt mit ihren knapp 16 Jahren bereits (zu) grosse Verantwortung, denn seit dem Tod der Mutter kümmert sie sich um die beiden jüngeren Geschwister, besorgt den Haushalt und geht zur Schule. Der arbeitslose Vater ist ihr keine echte Hilfe. Als Shell schwanger ist und der Vater des Kindes nach Amerika auswandert, kann sie sich niemandem anvertrauen und fühlt sich völlig allein, obwohl mehrere Personen ahnen, was mit ihr los ist. Aber alle hüllen sich in Schweigen oder verbreiten allenfalls Gerüchte. Immer wieder wird Shell schmerzlich bewusst, wie sehr ihr die Mutter fehlt. Als das Kind unter Mithilfe ihrer Geschwister in der Küche schliesslich tot zur Welt kommt, beginnen die Probleme erst recht. – Das in düsteren Farben gehaltene Titelbild gibt Shells Lebenssituation treffend wieder: Allein schreitet sie ziellos über die menschenleere Dorfstrasse. Shells Schicksal wird eindrücklich beschrieben und geht unter die Haut. Dass sie an ihrer Situation nicht zerbricht, spricht für ihre Stärke. Der Schluss lässt hoffen, dass nun endlich Licht in Shells Leben kommt.
Madeleine Steiner

Zwei Wege in den Sommer
Robert Habeck, Andrea Paluch
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2006, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-8046-1
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Reisen | Tod/Trauer

Andrea Paluch und Robert Habeck sind verheiratet, haben vier Söhne, wohnen an der deutsch-dänischen Grenze in der Einsamkeit und schreiben Bücher – für Erwachsene, Kinder und für Jugendliche. Sie versuchen sich in immer neuen Genres und verfügen souverän über den Aufbau des Plots und die verschiedenen Erzählebenen; das ist auch in „Zwei Wege in den Sommer“ so. Die Geschichte des 17jährigen Max, der seit dem Tod seiner Zwillingsschwester nicht mehr auf die Beine kommt, erzählen sie raffiniert wie einen Krimi – bis zum Schluss weiss man nicht, ob es nun Selbstmord, Mord oder ein Unfall war. Ausserdem wird man ohnehin nie erfahren, was die Wahrheit ist: Als Ich-Erzähler ist Max äusserst unzuverlässig, gerne brennt auch die Fantasie einmal mit ihm durch.

Die LeserInnen lernen Max als eitlen Klugscheisser kennen, der sich viel auf seine philosophischen Kenntnisse einbildet. Als einsamer Odysseus kauft er sich ein Segelboot und macht sich allein auf nach Tornio, einem Grenzort zwischen Finnland und Schweden; als Krönung des Selbstfindungstrip trifft er sich dort mit seinen Freunden Ole und Svenja. Dass er sich am Ende des Sommer das Leben nehmen will, wie seine Zwillingsschwester, nimmt man ihm nicht ganz ab – und das ist vielleicht die Schwäche des Buches. Auf der anderen Seite zeigen Paluch und Habeck die pubertäre Verwirrung der Gefühle mit schonungsloser Härte – die erst gemildert wird, als Max durch die Erlebnisse und Begegnungen auf seiner Fahrt nach Norden tatsächlich zu sich selber kommt.

CHRISTINE LÖTSCHER

Wie kleine Igel gross werden
Friederun Reichenstetter
Verlag: Arena, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-08969-2
Schlagwörter: Tiere

Sie schnaufen, sie schmatzen und sie pieksen – und doch stehen sie bei Kindern hoch im Kurs: Igel nehmen auf vielen Listen mit Lieblingstieren einen Platz im vorderen Bereich ein, dabei wissen viele gar nicht so viel über die stacheligen Kerle.
In der Edition Bücherbär erscheint jetzt ein grossformatiges Igel-Jahrbuch, mit dem schon jüngste LeserInnen (bzw. BilderbuchbetrachterInnen) den Igel vom Erwachen im Frühjahr bis zum gemütlichen Winterschlafeinmummeln nach dem ersten Schnee begleiten können.
Auf insgesamt 13 Doppelseiten wird darüber informiert, was Igel fressen, wie sie leben, wann Igelbabies zur Welt kommen und wie wunderbar winzig sie kurz nach ihrer Geburt noch sind. Wir erfahren, dass sich der Igel mit seinen Stacheln gegen einen Fuchs wehren kann, dass aber Autos für ihn eine tödliche Gefahr darstellen. Durch den chronologischen Aufbau des Texts und die Geschichte der Igel-Protagonistin, die Friederum Reichenstetter immer wieder einbezieht, hat das liebevoll illustrierte Bilderbuch neben einer reinen Sachbuchfunktion auch erzählenden Charakter. Mit Spannung liest man von der ersten Strassenüberquerung der jungen Igel und bangt mit dem kleinsten Igelkind, das beim ersten Schneefall noch viel zu dünn ist, um Winterschlaf halten zu können.
Die dem Buch beigefügte CD unterstreicht den erzählenden Charakter. Sprecher Markus Grimm lässt genug Pausen, in denen man das Gehörte in Ruhe auf den Bildern entdecken kann. Untermalt wird der Text durch Geräusche aus der Natur – Vogelstimmen ebenso wie lautes Igelschmatzen – so dass das Schauen und Hören zu einem schönen, runden Igelerlebnis wird. Leider gibt der Verlag nicht die offizielle Website von Pro Igel (www.pro-igel.ch) an, sondern die Telefonnummer einer sich bei Pro Igel engagierenden Privat-Familie. Dennoch ist das Buch für Kindergarten und Primarschule ebenso zu empfehlen wie für den Hausgebrauch.
Maren Bonacker

Wenn sich Berge zu Tal stürzen
Margrit Rosa Schmid
Verlag: SJW, Publiziert: 2006, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-7269-0521-9
Schlagwörter: Natur

Im September 1806 stürzte ob Goldau im Kanton Schwyz rund 50 Millionen Kubikmeter Fels ins Tal, deckte die Dörfer am Fuss des Rossbergs zu und löste eine riesige Flutwelle im Lauerzersee aus. 457 Menschen fanden den Tod.
Die Gegend um Goldau blieb nach der Katastrophe lange dünn besiedelt, bis in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts die Gotthard-Eisenbahn durch den Schutthügel gebaut wurde und viele Bauarbeiter am Kreuzungspunkt der Bahnlinien nach Zürich und Basel eine neue Heimat fanden.

Nessie, Yeti & Co.
Jens Schumacher, Corinna Harder, Illustration: Bernhard Speh
Verlag: Patmos, Publiziert: 2006, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-491-42045-8
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Tiere

Ein bisschen Naturforscher steckt in jedem von uns – ganz besonders wenn es darum geht, Tiere zu erforschen, die lange ausgestorben sind oder deren Existenz nie eindeutig nachgewiesen wurde. Davon zeugt die seit Jahren ungebrochene Beliebtheit von Dinosaurierbüchern oder der grosse Erfolg der „Expedition in die geheime Welt der Drachen“ (arsEdition 2004). Mit legendären Wesen ganz anderer Art beschäftigen sich Corinna Harder und Jens Schumacher in ihrem von Bernhard Speh illustrierten Sachbuch „Nessie, Yeti & Co.“ Sie begeben sich auf die Spur geheimnisumwitterter Arten, von denen Augenzeugen zwar immer wieder berichten, für deren tatsächliche Existenz jedoch nie Beweise erbracht wurden. Mit Hominoiden (etwa Big Foot und dem Yeti), Seeungeheuern (wie dem Ungeheuer von Loch Ness) und Bestien (wie Manticor oder Mottenmann) werden drei grosse Kategorien der Kryptozoologie abgedeckt. Nach je einer einleitenden Doppelseite werden die mysteriösen Lebewesen auf jeweils einer Seite vorgestellt, wobei neben dem vermuteten Lebensraum und der angenommenen Grösse auch mögliche Hintergründe für das Entstehen der Legende gegeben werden. So erhalten schon junge LeserInnen ab zirka 9 Jahren einen guten und sehr übersichtlichen Einblick in die Arbeit der Kryptozoologie, den sie bei Interesse mit umfangreicheren Werken (wie etwa Lothar Frenz‘ „Riesenkraken und Tigerwölfe“, erhältlich als rororo-Taschenbuch) vertiefen können.

„Nessie, Yeti & Co“ ist jedoch noch aus einem anderen Grund besonders zu empfehlen: Neben dem spannenden Sujet erleichtern die klare Sprache und die immer wieder einfliessende direkte Leseranrede auch wenig lesebegeisterten Kindern den Zugang zu diesem Buch. Ein abschliessendes Quiz motiviert dazu, sich die einzelnen Kapitel genau durchzulesen. Ideal für jede Klassenbibliothek – und ein tolles Geschenk für zu Hause.

Maren Bonacker

Der 35. Mai als Comic
Erich Kästner, Isabel Kreitz
Verlag: Dressler, Publiziert: 2006, Seiten: 100, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-1161-0
Schlagwörter: Abenteuer

Am 35. Mai muss der Mensch aufs Äusserste gefasst sein, ahnt der Apotheker Ringelhuth, als er seinen Neffen Konrad von der Schule abholt. Die erste merkwürdige Begegnung machen Onkel und Neffe auf dem Nachhauseweg: Ein schwarzes Pferd bittet sie höflich um ein Stück Zucker. Trotzdem bleibt Konrad bedrückt. Er muss einen Aufsatz über die Südsee schreiben. Als der Rappe, ein ausgemustertes Zirkuspferd mit dem Namen Kaballo, wenig später in Ringelhuths Wohnung auftaucht, fasst dieser einen kühnen Entschluss: Um seinem Neffen Anschauungsmaterial zu geben, reisen sie auf Kaballos Rücken kurzerhand in die Südsee.
"Der 35. Mai", Erich Kästners wunderbare Abenteuergeschichte, erschien 1932 und wurde nun von Isabel Kreitz, einer der professionellsten Comic-Autorinnen Deutschlands, zu einem Comic verarbeitet. Da Kästners Kinderbücher untrennbar verknüpft sind mit den Zeichnungen von Walter Trier, hat Kreitz aus ihrem "35. Mai" auch eine Hommage an den grossen Illustrator gemacht. Bis hin zur Kolorierung strahlen Kreitz' Zeichnungen eine angenehme nostalgische Wärme aus.
Auf ihrer rasanten Odyssee besuchen Onkel Ringelhuth, Neffe Konrad und Kaballo unter anderem das Schlaraffenland, die Zukunftsstadt Elektropolis, eine Schule, in der Eltern, die ihre Kinder misshandeln, gezüchtigt werden, ehe sie in der Südsee ankommen. Dort verliebt sich Konrad in die Häuptlingstochter Petersilie, deren Haut wie ein Schachbrett schwarzweiss gemustert ist – weil ihre Mutter ein Tippfräulein aus Holland war. Am Schluss dieses wilden Ritts um die Welt fragt sich der Leser verwundert, warum Erich Kästners Romane bisher immer nur verfilmt, aber nie in Comics umgesetzt wurden.
Christian Gasser

Insekt
Sascha Hommer
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2006, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-938511-28-2
Schlagwörter: Pubertät | Grusel/Spuk/Horror

Nichts weist darauf hin, dass Pascal anders ist als seine Freunde. Er ist beliebt, er wird zum Klassensprecher gewählt, mit seinen Kumpels spielt er am Computer, und dass gewisse Mädchen auf ihn stehen, verunsichert ihn. Ein ganz normaler Junge also mit den Problemen, die jeder kurz vor der Pubertät hat. Nur die Stadt, in der er lebt, ist ungewöhnlich: Dichter Rauch hüllt Strassen und Menschen ein. Und doch sind die Bewohner glücklich, hier zu leben – vor der Stadt beginne, so wird gewarnt, die Wildnis, in der die hässlichen und blutrünstigen Insekten herrschen. Fasziniert von diesen Horrorfabeln quengelt Pascal, bis seine Mutter ihn für einen Besuch bei Verwandten aufs Land mitnimmt. Dort entdeckt er eine andere Welt: Mit seinem Cousin Sven rennt er über weite Felder, er lässt Drachen in den offenen Himmel steigen und liest coole "Insektmann"-Comics. Vielleicht ahnt er da, dass auch er ein Insekt ist, doch noch will er es nicht wahrhaben. Bis eines Tages ein einsamer Lichtstrahl auf sein Insektengesicht fällt – seine entsetzten Mitschüler machen sein Leben fortan zur Hölle.
"Insekt" des 1979 geborenen Deutschen Sascha Hommer ist das beachtliche Debüt eines begabten Comic-Erzählers. Seine Parabel auf Intoleranz, Anderssein, Aussenseitertum und Ausgrenzung hat nur eine Schwäche: Ihre Aussage ist vielleicht eine Spur zu plakativ und zu didaktisch – und das Ende etwas naiv. Wettgemacht werden diese Mängel durch die hohe zeichnerische Qualität: Sascha Hommer verschmilzt so unterschiedliche, ja widersprüchliche Einflüsse wie Charles M. Schulz ("Peanuts"), Horrorcomics und gewisse Manga-Elemente zu einer genauen und dichten Bildsprache, die die Stimmungen und Gefühle – die kleinen Glücksmomente wie den Horror des Ausgestossenseins – adäquat wiedergibt.
Christian Gasser

Licht aus!
Arthur Geisert
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5136-6
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen

Was macht das kleine Schwein, wenn ihm beim Lichterlöschen unvorstellbar bange wird, weil die Dunkelheit bis zum Einschlafen nicht auszuhalten ist? Die Vorgabe der Eltern ist kurz und klar: “Um acht Uhr wird das Licht gelöscht, gegen deine Angst musst du dir selber was einfallen lassen!” Und ob ihm da was einfällt. Haufenweise stapeln sich Baupläne, Werkzeug und Bastelmaterial rund um sein Bett. Eine Verzögerungsablöschmaschine muss her, die nichts dem Zufall überlässt und garantiert funktioniert. Dem kleinen Tüftler gelingt Unglaubliches; vom Hausdach über die Regenrinne, raus in den Garten bis hinunter in den Keller und wieder hinauf in den Estrich klappt seine geniale Erfindung, basierend auf einer verrückten Kettenreaktion. Haargenau bewegt sich das Geschehen nach dem Ziehen an der Lampenschnur auf das definitive Lichterlöschen hin. Dem kleinen Schwein bleibt genügend Zeit, sich zu entspannen und selig einzuschlafen, bis die Lampe ausgeknipst wird.
Arthur Geisert hat ein fantastisches Bilderbuch kreiert, das garantiert alle Einschlafmuffel und Möchtegernerfinder zu eigenen Ideen inspiriert. Ein knapper Text am Anfang, nämlich das Votum der Eltern, genügt, um auf den folgenden dreissig Seiten die genialen Konstruktionen zu begreifen. Die humorvollen farbigen Strichzeichnungen benötigen keine weiteren Erklärungen, deren Aussage ist schrittweise nachvollziehbar, und sie bieten kleinen wie grossen Kindern eine fantasievolle, abenteuerliche Augenreise. Aber Vorsicht, Müdigkeit kommt dabei kaum auf, dieses Buch ist deshalb nicht als Bettlektüre zu empfehlen.
GIOVANNA RIOLO

Mutig, mutig
Lorenz Pauli, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0518-0
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere | Mut/Selbstbewusstsein

Vier bunt zusammengewürfelte Tiere veranstalten aus purer Langeweile eine Mutprobe. Dabei gibt es allerhand Diskussionsstoff, denn so verschieden die Tiere sind, so verschieden ist für alle das Normale und das Aussergewöhnliche. Die Maus schwimmt durch den Teich (was der Frosch erst nicht als mutig verstehen kann), der Frosch frisst eine Seerose (womit die Schnecke erst Mühe hat), die Schnecke verlässt ihr Haus und der Spatz, tja, der weiss nicht, womit er vor den anderen bestehen könnte. Oder zaudert er, weil er nichts von Mutproben hält? Schliesslich weiss er es: Er macht nicht mit. Das zu begreifen, dauert für die anderen eine lange Weile, aber dann jubeln alle „Ja, das ist Mut!“
Für Kinder ist diese Buch eine gute Übung in Empathie und Demokratieverständnis (Konsensfindung, Debattieren, Gleichberechtigung). Um allerdings die Verweigerungshaltung als vorbildlich zu sehen braucht es für die Kleinen Vermittlertätigkeit, vor allem weil nirgends klar wird, warum der Spatz nicht mitmacht. vielleicht doch, weil er feige ist?
Kathrin Schärer hat die vier Freunde wie in einem Kammerspiel arrangiert. Eindrücklich sind die wenig vermenschlichten Frosch und Schnecke gezeichnet, die Maus ist niedlich, nur der Spatz fällt etwas plüschig aus dem Rahmen (auch im Grössenverhältnis). Ein schönes Bilderbuch, das Kinder ernst nimmt und Werte mit Spass vermittelt.
Bruno Blume

Junger Adler
Chen Jianghong
Aus dem Französischen von Erika und Karl A. Klewer
Verlag: Moritz, Publiziert: 2006, Seiten: 38, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-175-3
Schlagwörter: Krieg

Für sein Bilderbuch “Der Tigerprinz” hat der in Paris lebende chinesische Illustrator Chen Jianhong letztes Jahr den Deutschen Jungendliterturpreis erhalten. Schade, ist man versucht zu sagen, denn “Junger Adler”, das neue Buch des Künstlers hätte diese hohe Auszeichnung ebenfalls verdient. Auch in diesem Bilderbuch greift Chen weit zurück in die chinesische Geschichte; in die Zeit, als der chinesische Kaiser die Grosse Mauer verstärken wollte und ein äusserst brutaler General alle Leute tötete, die nicht bereit waren, an diesem Bauwerk zu arbeiten, auch die Eltern eines kleinen Jungen. Dieser findet bei Meister Yang Obdach. Eines nachts entdeckt der Junge, wie der Meister vor die Bewegungen des Adlers nachahmt und macht es ihm heimlich nach. Als der Meister realisiert, was der Junge alles gelernt hat, nimmt er ihn als Schüler an, gibt ihm den Namen “Junger Adler” und weiht ihn in die Geheimnisse des Adler-Boxens ein, eine Kung-Fu-Art, bis “Junger Adler” dem Meister in Nichts mehr nachsteht. Beim Angriff der Soldaten des Kaisers, die hinter das Mysterium dieser Kampfkunst kommen wollen, stirbt der Meister und Junger Adler tritt sein Erbe an .
Rot, Gelb und Blau sind die Grundfarben, mit denen Chen Jianghong diese Parabel mit und Wasserfarben auf Reispapier umsetzt. Er zeigt die Lehrzeit des Jungen in mächtigen, dynamischen Bildern und rafft Zeit und Bewegung in einer Art, die an Ang Lees Film “Crouching Tiger, Hidden Dragon” erinnert. Chen Jianghong hat einen Erzählstil gefunden, der die Mittel klassischer chinesischer Malerei mit modernen Comictechniken verbindet. Er erzählt alte Geschichten so, dass sie BetrachterInnen jeden Alters berühren
Christine Tresch

Matti macht sich Sorgen
Anthony Browne
Aus dem Englischen von Peter Baumann
Verlag: Lappan, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-8303-1110-9
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen

Quietschbuntes Gelb und Rosa leuchten auf, wenn man das Buch aufgeschlägt, und munter wechseln die Farbhintergründe weiter durch das ganze Buch. Das ist den guatemaltekischen Sorgenpüppchen geschuldet, die in diesen typischen Farben und Mustern gefertigt sind. Matti macht sich jeden Abend im Bett so viele Sorgen – über zu viel Regen oder über Schuhe –, dass er nicht einschlafen kann. Bis er sich seiner Oma anvertraut, die ihm eben diese Püppchen schenkt, denen Matti seine Sorgen erzählt und darauf sorglos einschläft. Schon bald aber plagen Matti neue Sorgen – um die armen Sorgenpüppchen, denen er all die Last aufgeladen hat. Doch da lässt er sich etwas Geniales einfallen: Er bastelt für jedes Sorgenpüppchen ein eigenes Sorgenpüppchen!
Anthony Browne ist nicht nur mit seinen Themen, Ideen und Pointen ganz auf Kinderaugenhöhe, sondern auch mit seinen Bildern – was natürlich nicht heisst, dass er oberflächlich so genannt kindgerecht ist. Er nimmt die Kinder und ihre Ängste Ernst, spricht sie über Perspektiven und Mimik sowie Proportionen der Figuren emotional an und entwirft ausserdem psychologisch wirksame Konstellationen. Ein besonderes Buch für alle.
Bruno Blume

Ein Hochbett für Hein
Sylvia Heinlein, Illustration: Sabine Wiemers
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79353-7
Schlagwörter: Identität/Individualität

Hein möchte ein Hochbett haben. Die Mutter entwirft einen Plan, dann baut nacheinander jedes Familienmitglied das Bett gerade so weiter, wie es ihm einfällt. So wird aus dem Hochbett eine Schlafrakete mit maritimen und ägyptischen Elementen! Eine nette Geschichte, die durch die Illustrationen zu einem witzigen, überraschungsreichen Bilderbuch wird. Sabine Wiemers legt die Abfolge der kommenden und gehenden Familienmitglieder als Suchspiel an zaubert passend zu jeder Bauphase eine neue Tapete an die Kinderzimmerwand, erfindet kleine Nebenschauplätze, die beim wiederholten Betrachten entdeckt werden können, und lässt das den konstruiert wirkenden Textes hinter einem wirklich tollen Hochbett verblassen. Im Vergleich zu ihren früheren Bilderbüchern hat Wiemers ihre Collagetechnik perfektioniert, die Farben leuchten viel stärker, die Figuren sind weniger verzerrt und die Bilder insgesamt nicht mehr überladen. So ist ihr bisher wohl schönstes Buch entstanden.
Spannend ist die Genderthematik. Im Text korrekt angelegt mit je zwei Frauen, Männern, Mädchen und Knaben sowie aufgeteilter handwerklicher Begabung und aktiver Tätigkeit, schillern die Figuren durch die Illustrationen in einem Spannungsfeld von weiblichen und männlichen Attributen. Ein Buch, das sich gut zum Diskutieren eignet. Bruno Blume

Leon Pirat
Christine Nöstlinger, Illustration: Thomas M. Müller
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79352-9

Lustig ist das Piratenleben, möchte man singen, sobald man “Leon Pirat” in den Händen hält: so farbenfroh und dynamisch hat Thomas M. Müller die Geschichte ins Bild gesetzt. Christine Nöstlinger (siehe auch Standpunkt S. 16/17) erzählt ebenso frisch und froh vom kleinen Leon, der leidenschaftlich gerne Koch werden möchte, aber eines Tages, so will es die Familientradition, in die Fussstapfen seines Vaters treten muss. Der ist Piratenkapitän, wenn auch mehr oder weniger ausser Dienst: Anstatt Schiffe auszurauben, sucht er nach einem Wrack mit Goldschatz. Und seine Frau lebt lieber auf einer Insel, “weil ihr kotzübel wurde, wenn ein Schiff auf den Wellen schaukelte”. Wir haben es schliesslich doch mit einer Familie aus dem 21. Jahrhundert zu tun, insofern ist “Leon Pirat” eine typische Nöstlinger-Geschichte, die Witz und Fantasie mit sozialem Bewusstsein verbindet.

Leon hat zwar mehr Glück als Verstand, als er am Ende von Vater hochoffiziell zum Koch erklärt wird – ”Du wirst der erste Koch im Kapitänsrang!” Mit im Spiel ist eine Welle, die den Koch über Bord spült (keine Angst, er treibt auf eine Insel und heiratet dort), und die himmelschreiende Unfähigkeit der zwei weiteren Matrosen, ein anständiges Essen auf den Tisch zu bringen – der Illustrator Thomas M. Müller inszeniert Pleiten, Pech und Pannen in spannungsgeladenen Bildern, indem er, wie in einem überdimensionalen Comic, mit Bewegung und Perspektivenwechsel arbeitet – bis wir am Ende selbst beinahe im hungrigen Rachen des Piratenkapitäns verschwinden, sozusagen als Beilage zu Leons Gesellenstück, einer Piratenomelette mit Zwiebelringen und Salzgurken.

Christine Lötscher

Fiessein für Anfänger
Ian Whybrow, Illustration: Tony Ross
Aus dem Englischen von Charlotte Biedermann
Verlag: Boje, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82006-4

Was Wölfe angeht, sind Ian Whybrow und Tony Ross in der Kinderbuchszene ein gut eingespieltes Team – und echte Kenner. So wundert es nicht, dass sie mit “Fiessein für Anfänger” einen kleinen Einblick in den wölfischen Erziehungsalltag geben – und der unterscheidet sich deutlich von dem der Menschen. Nicht Bravsein und gutes Benehmen wird im Hause Wolf gepredigt, sondern all das, vor dem sich echte Menscheneltern gruseln: Frech sollen sie sein, die kleinen Wölfe, niemals Danke sagen (dafür gibt es sogar ein eigenes Erziehungslied), mit vollem Mund sprechen und möglichst laut rülpsen. Kurz: Sie sollen so werden wie ihre Eltern, möglichst fies und gemein. Bei einem kleinen Ausflug in die Stadt dürfen sie zeigen, was sie gelernt haben, und auch wenn dem kleinen Wolfi das Fiessein nicht so recht gelingen will, richtet die Familie im Café doch ein heilloses Durcheinander an. Richtig glücklich ist Wolfi dabei nicht – hat man doch sein Zunge-Rausstrecken als Zeichen von Durst fehlverstanden und fand sein grimmiges Knurren eher niedlich als Furcht einflössend. Dass der Tag doch noch ein “gutes” Ende findet, dafür sorgt die fiese Familie gemeinsam: Auf dem Heimweg stolpert Mama Wolf über Wolfis eigentlich harmlosen Matschkuchen auf der Strasse und schubst dabei Papa Wolf in das Loch, das Stinker mittags in die Brücke gehauen hat – ein tolles Erfolgserlebnis für Wolfi. Nur komisch, dass Mama und Papa plötzlich gar nicht mehr so begeistert vom Fiessein sind …
“Fiessein für Anfänger” ist ein wunderbar respektloses Antierziehungsbuch, das mit den turbulenten Aquarell-Illustrationen von Tony Ross zum immer neuen Schauen und Lesen verlockt. Darf in Kindergärten und geordneten Familien auf keinen Fall fehlen!
Maren Bonacker

Der kleine Weihnachtsmann reist um die Welt
Anu Stohner, Illustration: Henrike Wilson
Verlag: Hanser, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20785-6
Schlagwörter: Feste/Bräuche

Einmal mehr beweist der kleine Weihnachtsmann, dass Grosses in ihm steckt. Er, der eigentlich für die Bescherung der Waldtiere zuständig ist, springt für die krank darniederliegende Weihnachtsmannschaft ein und rettet die Weihnachtsmännerzunft vor einem Fiasko. Nur der altersmüde Oberweihnachtsmann geht ihm und seiner kurzerhand zusammengetrommelten Tierschar zur Hand. Rechtzeitig schaffen sie es, die Geschenke zu den Kindern auf der ganzen (westlichen) Welt zu bringen. Dies alles geschieht in sanfter Stille, einzig die Schar aus dem Weihnachtswald ist zu sehen. Nur ein kleiner Junge hat das Geschehen heimlich beobachtet und schwört seither steif und fest, dass der Weihnachtsmann von hinten wie ein Elch aussieht.
Die grossflächigen, eindrucksvollen Bilder in satten Farben, die meist mit Schneegestöber sanft aufgelockert werden, zeigen ausschnittweise bekannte Ziele wie Paris, New York, Venedig oder London. Es braucht wenig Worte, um das Geschehen zu erklären, denn ein kleiner Weihnachtsmann als Gondoliere weist unweigerlich auf Venedig hin, und dass auch dort die Kinder in der Weihnachtszeit auf Geschenke warten, ist allen klar. Die Botschaft “gemeinsam sind wir stark” kommt in dieser dritten Wintergeschichte des talentierten Teams überzeugend an. Dass auch kleine Leute Grosses leisten können, steht bald einmal fest, und es ist nicht verwunderlich, wenn diesem kleinen Tausendsassa das Buch in Riesenformat gewidmet ist.
GIOVANNA RIOLO

Die Bremer Stadtmusikanten
Jakob Grimm, Wilhelm Grimm, Illustration: Lisbeth Zwerger
Verlag: Minedition, Publiziert: 2006, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 3-86566-042-8
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Tiere

“… etwas Besseres als den Tod findest du überall”, heisst es in einem “Kapitel” des weltweit meistgelesenen und meistverbreiteten Buches der deutschen Kulturgeschichte. Der da spricht, ist nicht etwa Goethes Faust, sondern der grimmsche Esel der “Bremer Stadtmusikanten”. Mit seinen Worten fordert der Esel den Hahn auf, sich ihm und seinen Gefährten auf ihrem Weg nach Bremen anzuschliessen. Tatsächlich finden die Musikanten in spe statt des Todes, der ihnen von ihren Meistern der nachgelassenen Leistungsfähigkeit wegen angedroht worden ist, etwas Besseres: ein Haus voller Räuber. “Der Esel, als der grösste, näherte sich dem Fenster und schaute hinein. ‘Was siehst du, Grauschimmel?’ … ‘Was ich sehe? … einen gedeckten Tisch mit schönem Essen und Trinken, und Räuber sitzen daran und lassen es sich wohl sein.’”

Und was sehen wir? Eine feuchtfröhliche Männerrunde an einem Tisch voller Weinflecken, das Essen karg, die Weinflasche leer, ein Glas umgestossen, eine Gestalt – im Rausch? – am Tisch zusammengesunken. Um Räuber handle es sich, so der Esel. Doch die Illustration enthält keines der gängigen Räuberklischees wie Hakennase, Vollbart oder Pistole. Klischees nein, Symbolik, ja: Die Grundfarbe der betreffenden Doppelseite – und nur dieser einen – ist dunkelstes Schwarz.

Grossartig, wie subtil Lisbeth Zwerger mit dieser Illustration zudem eine Erklärung für das Gelingen der Räubervertreibung liefert, schlicht gekonnt, wie sie in ihren Bildern die Wechsel der Erzählperspektive künstlerisch umsetzt oder mit wenigen Strichen auf einer einzigen Seite die Tragik eines ganzen Tierlebens erzählt.

Ursula Kahi

Krawinkel & Eckstein
Wouter van Reek
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Patmos, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-5121-6
Schlagwörter: Freundschaft

Die Rettungsaktion

In einem Haus mitten in der Einöde sind der Vogel Krawinkel und sein Hund Eckstein zu Hause. Krawinkel ist die liebevolle Version eines schrägen Selfmadetypen. Wenn er sich etwas in seinen erfinderischen Kopf gesetzt hat, dann führt er es auch zu Ende – auf seine Art wohlverstanden. Eckstein dagegen ist eher vorsichtig. Beide zusammen sind ein wunderbares Gespann, das eine wahre Freundschaft mit gegenseitigem Respekt lebt. Heute hat Krawinkel Eckstein allerdings in ein schreckliches Sauwetter zum Brennholzholen geschickt. Als es dann selbst für Krawinkel zu lange dauert, bis sein Freund wiederkehrt, macht er sich auf den Weg für eine Rettungsaktion – mit anderen Worten, er zieht beinahe den halben Haushalt hinaus in den regnerischen Wald. Schliesslich trifft er Eckstein, der ihm seelenruhig einen (!) Ast präsentiert und meint, Krawinkel hätte kein Vertrauen in seine Holzsammelqualitäten. Aber Krawinkel versteht es meisterhaft, ihm diese Angst zu nehmen, und die zwei veranstalten eine gemütliche Teestunde.
Wer sich von diesen sympathischen Antihelden begeistern lässt, hat seit zwei Jahren jede Woche die Möglichkeit, ihnen zu begegnen. Seitdem läuft die erfolgreiche niederländische Zeichentrickserie über Krawinkel und Eckstein in der “Sendung mit der Maus”. Es erstaunt nicht, dass eine der Geschichten nun als Printversion vorliegt, eignen sich die computeranimierten Zeichnungen doch bestens dafür. Den Machern gelingt es mit Hilfe ganz unterschiedlicher Bildformate und Sequenzierungen, die filmischen Mittel ins Printmedium zu überführen, und die Betrachtenden profitieren von den Möglichkeiten des Hin-und-her-Blätterns, um zum Beispiel den Weg einzelner Gegenstände zu verfolgen.
Barbara Jakob

Fledolin verkehrtherum
Antje Damm
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5130-7

Fledermäuse hängen mit dem Kopf nach unten. Nur Fledolin nicht, er steht fröhlich auf Ästen und Mauerkanten wie ein Vögelein. Niemand kann ihm erklären, warum das so ist, oft aber bringt es ihm Vorteile, zum Beispiel als Amselbabysitter (während sich die Geschwister allzu sehr zusammenkrümmen müssen, um die Neugeschlüpften mit Würmern zu füttern), beim Jojospielen (wenn die Schwerkraft richtig herum aufs Spielzeug wirkt) oder wenn er sich beim Schlafen vor der Höhle zusammenkuschelt, weshalb ihn der gefährliche Fuchs gar nicht als Fledermaus erkennt. Und beim Fliegen und Sich-den-Bauch-Vollschlagen gibt es sowieso keinen Unterschied zwischen richtig herum und verkehrt herum.
Das Bilderbuch über ein für Kinder ständig aktuelles Thema (und immer wieder von Bilderbuchmachern aufgegriffen) überzeugt durch die witzige Umsetzung und den falschen Blickwinkel (verkehrt herum): Die BetrachterInnen sehen nämlich Bäume, Häuser oder Telefonstangen aus der Sicht der hängenden Feldermäuse, und der Erdboden ist am oberen Bildrand zu erahnen. Und das soll ja normal sein (?) – ein wunderbarer wertefreier Einstieg in die Frage, was “normal” ist. Wie beruhigend ist es doch, das Buch zwischendurch umzudrehen und sich in Fledolins Sichtweise zu erholen – der Unnormalen notabene! Und dass sich Fledolin trotz seiner Andersartigkeit immer integriert fühlt, ist ein weiterer Pluspunkt, ebenso wie der Bildwitz in Figuren, Gestik, und Bilddetails oder der kurze und sorgfältig verdichtete Text. Dieses Buch ist für jede Familie eine Bereicherung – und im Unterricht auf jeden Fall.
Beatrix Ochsenbein

Mannis Kühe machen Mühe
Suzy Becker
Aus dem Englischen von Uli Blume
Verlag: Boje, Publiziert: 2006, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-414-82005-6
Schlagwörter: Ferien | Tiere | Humor/Komik

Mami findet, dass der letzte Schultag immer der schlimmste ist. Denn am letzten Schultag dürfen alle erzählen, was sie in den Ferien Tolles machen – Manni hingegen muss sich immer zu Hause um die Kühe kümmern, und so unterscheiden sich die Illustrationen seiner “Ferienerlebnisse” (Manni melkend …) nur in der Farbe seiner Kleidung, den Herbstblättern im Stall oder der Schneemütze auf dem Rücken der Kuh. Doch als Mannis Lehrerin vorschlägt, die Kühe doch einfach mitzunehmen, entwickelt Manni einen grandiosen Plan: Er bestellt Busse in ausreichender Zahl und lädt alle seine 500 Kühe zu einem Ausflug an die Niagarafälle ein. Zwar haben die Kühe zuerst wenig Lust – und noch weniger Ahnung, was denn ihr Reiseziel eigentlich ist, doch lassen sie sich immer mehr begeistern. Besonders den Andenkenladen lieben sie. Jetzt hat Manni ein echtes Problem – er hat nämlich gar kein Geld dabei. Ob ihm die Kühe aus der Patsche helfen können?

Suzy Becker hat sich ein herrlich skurriles Bilderbuch ausgedacht, in dem das Unmögliche möglich wird (inklusive der schicken Limousinen, in denen die Kühe schliesslich wieder nach Hause fahren). Doch nicht nur die Idee begeistert – auch die Umsetzung macht grossen Spass. Neben der eigentlichen Geschichte werden in separaten Text-Kästen immer wieder Fakten über Kühe eingestreut, die erahnen lassen, was für Schwierigkeiten es zu meistern gilt. So trinken etwa Kühe 135 Liter (540 Gläser) Wasser pro Tag – klar, dass da alle Pipi machen müssen, als sie die Niagarafälle rauschen hören. “Mannis Kühe machen Mühe” ist fast ein Wimmelbilderbuch – und auf jeden Fall ein Buch voller Situationskomik, in dem es viel zu entdecken gibt.

Maren Bonacker

Das Hausbuch der Narren und Schelme
Herausgeber:in: Birgit Göckritz, Edmund Jacoby
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2006, Seiten: 207, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5090-4
Schlagwörter: Humor/Komik

Mit ihrer bunten Zusammenstellung von Erzählungen über die vielen Narren und Schelme, die in der Geschichte und in der Literatur ihren Zeitgenossen den sprichwörtlichen Narrenspiegel vorgehalten haben, wollen die Herausgeber erklärtermassen auf drei Dinge aufmerksam machen: Erstens ist, wer weiss, dass er nichts weiss, oftmals viel klüger als der, der glaubt, viel zu wissen. Zweitens können wir uns in der Auseinandersetzung mit den diversen Narren, Schelmen und Lügenbaronen darin üben, nicht immer alles zu glauben, was uns aufgetischt wird. Und drittens sind es immer wieder nicht die ach so gebildeten Erwachsenen, sondern die Kinder, die das Schelmenstück durchschauen, weil ihre Augen noch nicht durch Obrigkeitshörigkeit und falsche Höflichkeit getrübt sind.

Drei fabelhafte Gründe, Kinder mit den klassischen, aber keinesfalls verstaubten Stoffen über Schildbürger, Münchhausen, Grimmelshausens Simplicissimus, Don Quichotte und ihre Kollegen aus Italien, Russland und der Türkei vertraut zu machen. Denn das ist eine weitere Chance einer solchen Sammlung: den Blick über den heimischen Literaturtellerrand zu ermöglichen und zu zeigen, dass auch andere Länder mit gewitzten Schelmen und guten Geschichten über sie aufwarten können. Bei den deutschen Erzählungen wurden dabei wenn möglich die originalen, immer aber gut (vor)lesbaren Textfassungen gewählt, und gemeinsam mit Axel Schefflers grossartigen Farbzeichnungen ist so ein Buch entstanden, das in keinem Regal fehlen sollte.

Christian Kölzer

Vinni im Winter
Petter Lidbeck
Aus dem Schwedischen von Kathrin Hägele
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2006, Seiten: 180, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85223-4

Nach “Vinni macht Ferien” liegt nun mit “Vinni im Winter” auch der zweite Band rund um das neunjährige Mädchen aus Stockholm vor. Beim Schulanfang erhalten alle Kinder einen geheimen Freund, per Zufall gezogen auf einem Zettel mit allen KlassenkameradInnen. Dumm nur, dass Vinni ihren eigenen Namen zieht und die Lehrerin wie so häufig nicht auf Vinnis Anliegen eingeht. Auch nicht gerade einfach ist die Tatsache, dass Vinni zum ersten Mal Schmetterlinge im Bauch spürt und nicht so genau weiss, wie sie sich nun verhalten soll. Da ist es doch richtig gut, dass ihr getrennt lebender Papa nach einem Armbruch der Mutter wieder bei ihnen einzieht und ihr ein aufrichtiger und humorvoller Gesprächspartner ist. Dabei stellt Vinni ganz lapidar fest, dass Erwachsene gerade in Sachen Liebe nicht immer leicht zu verstehen sind. Mutig lässt sie sich dann auf ihre eigenen Erfahrungen ein. Dabei beobachtet sie genau, fragt nach und findet immer eine Lösung, wie sie nur Kinder finden können.
Die Qualität der Vinni-Geschichten besteht zum einen in ihrer auch typografischen Lockerheit, zum anderen in der konsequent kindlichen Optik. Die Icherzählerin treibt mit ihrer Neugier und ihrem unbändigen Willen, diese Welt und ihre BewohnerInnen zu verstehen , die Geschichte voran. Meist geschieht dies sehr humorvoll, manchmal vielleicht eine Spur zu schlau für eine Neunjährige, aber immer sehr sympathisch. Versiertere LeseanfängerInnen werden die bebilderten und zudem stark dialogisch aufgebauten Geschichten an adventlich-winterlichen Abenden mit Sicherheit geniessen und die Frage des Pupsens, wenn man verliebt ist, wird noch in mancher Familie zu interessanten Gesprächen führen.
Barbara Jakob

Lucia und das Drachenhalsband
Rudolf Herfurtner, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Hanser, Publiziert: 2006, Seiten: 126, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20801-1
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein

Verdrehte Augen, Herzrasen, Atemnot – der Fall ist klar: Lucia hat den Schrecken gesehen. Nicht nur gesehen: auf ihrem Schwanz gestanden hat er. Nur dem beherzten Eingreifen Orlandos ist es zu verdanken, dass das neugierige Mäusemädchen seinen Ausflug in die Welt nicht mit dem Leben bezahlt. Gegen eine Begegnung mit dem Schrecken kennt das Mäusevolk ein einziges Mittel: die Zeremonie. Und so lauschen bald alle zusammen der Erzählung einer der Heldentaten Gils, auch Gil Gamáus der Grosse genannt. Ob Basilisk, Minotaurus oder Chimäre, alle wurden sie von Gil, der tapfersten aller Mäuse, besiegt.

Zeremonie folgt auf Zeremonie, denn die Begegnungen mit den Mäuse fressenden Schrecken häufen sich. Dies wäre wohl so weitergegangen, bis auch die letzte Maus als Katzenfutter geendet hätte, hätte nicht Orlando eines Tages rebelliert und zum Handeln aufgerufen.

Das Buch erzählt von der Notwendigkeit des Glaubens und Handelns, von der Macht der Worte und dem Unterschied zwischen Wirklichkeit und Wahrheit. Die Binnenerzählungen der Heldentaten Gils sind ein Panoptikum mythologischer Schreckgestalten, und Rudolf Herfurtner rückt darin die bekannten Mythen jeweils etwas zurecht, was den Glanz altbekannter Helden wie Ödipus oder Theseus ein wenig verblassen lässt.

Der Roman als Ganzes wirkt stellenweise etwas holprig, nicht wirklich aus einem Guss. Zugleich ist seine Botschaft nicht ganz einfach zu erfassen. Mäuse-, Monster- und Mythen liebende Kinder dürften sich bei der Lektüre dennoch gut unterhalten. Mit Sicherheit lieben werden sie die frechen, schaurig-schönen Illustrationen von Jacky Gleich.

Ursula Kahi

Östlich der Sonne und westlich vom Mond
Herausgeber:in: Paul Maar
Verlag: Aufbau, Publiziert: 2006, Seiten: 416, ISBN/ISSN/EAN: 3-351-04070-9
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Die schönsten Kindergeschichten

“Kinder brauchen Geschichten so nötig wie Vitamine oder Mineralstoffe”, schreibt Paul Maar in seinem “Nachwort für erwachsene Vorleser”. Über hundert Erzählungen von mehr als 80 AutorInnen aus mehreren Jahrhunderten, die sich vom Kleinkind bis zum Erwachsenen an alle Altersklassen richten, sind in der Anthologie “Östlich der Sonne und westlich vom Mond” versammelt.

In 13 Kapiteln, nach ähnlichen Themen und Motiven oder auch literarisch verwandten Formen geordnet, präsentiert Maars Hausbuch alte und neue Märchen sowie “Märchen-Verwirrungen” aus aller Welt, wahre Geschichten von wirklichen Tieren und solche von fabel-, zauber- und flegelhaften Kreaturen, Alltagsgeschichten aus alter und neuer Zeit – und: Texte, die ursprünglich für Erwachsene geschrieben wurden, von Kindern aber gerne gelesen werden. Etwa die Auszüge aus den Autobiografien von Marcel Pagnol, Louis Armstrong oder Rafik Schami.

Von Aesops “Der Fuchs und der Storch” (600 v. Chr.) bis hin zu unveröffentlichten Texten von Klaus Kordon, Karla Schneider oder Paul Maar selbst reicht die bunte Auswahl, die Philip Waechter nicht minder farbig, pfiffig und fantasievoll illustriert hat. Ein wertvoller Geschichtenschatz, der zugleich die Tradition des Geschichtenerzählens und -vorlesens würdigt, finden sich neben Texten gängiger AutorInnen doch auch fast schon in Vergessenheit geratene Geschichten wie die über Till Eulenspiegel, die Schildbürger oder Baron Münchhausen darin. Ein Hausbuch, das zum Wieder- und Neuentdecken, Blättern, Schauen und Sichfestlesen einlädt und wirklich in keiner Bibliothek fehlen sollte.

Andrea Duphorn

Bärenpolka und Zauberflöte
Marjaleena Lembcke, Illustration: Kristina Andres
Verlag: Residenz, Publiziert: 2006, Seiten: 108, ISBN/ISSN/EAN: 3-7017-2010-X

Vaters wundersame Tiergeschichten

Heimweh kann ein wunderbares Triebmittel für Geschichten sein. Das erfährt die achtjährige Hillevi. Seit sechs Jahren lebt sie mit ihren Eltern in Deutschland. Die Erzählungen ihres Vaters aber führen in die Zeit, als der Vater noch jung war und es liebte, durch die finnischen Wälder zu streifen, draussen zu schlafen und sich vom Fischfang zu ernähren. Was er als Junge erlebte, ist ihm zu Geschichten geworden, die er Hillevi und seiner Frau immer wieder erzählen muss. Wenn er mit langen Schritten durchs Wohnzimmer geht und seufzt, ist es so weit: Dann muss er die Geschichte vom Vielfrass loswerden, dem er das Leben rettete und der sich anschliessend auf seine Weise bei ihm bedankte; oder die Geschichte vom Elch, den er aus dem Eis gezogen hat; oder die Geschichte von der Schlange, die sich in seinem Beerenkorb eingenistet hatte. Hillevi schämt sich manchmal ein bisschen für ihren geschichtenverrückten Vater, der seinen Erzähldrang nicht beherrschen kann, auch nicht, wenn ihre Freundin zu Besuch ist. Aber irgendwie ist sie auch stolz auf ihn und erzählt seine Abenteuer weiter.

Wer eine Geschichte erzählt bekommt, wird reich beschenkt. So geht es Hillevi und ihrer Mutter und so geht es uns LeserInnen bei diesem Buch. Wir schmunzeln mit über diesen liebenswerten, geschichtentriefenden Vater und hoffen mit der Familie, dass der nächste Urlaub, der erstmals seit dem Wegzug von Finnland wieder zurück in die Heimat führen wird, den Geschichtenfundus erweitern wird. So kommen wir vielleicht bald wieder in den Genuss weiterer verrückter Tiergeschichten. Ein Buch zum Selberlesen ab neun Jahren und zum Vorlesen in fast jeder Lebenslage.

Christine Tresch

Geschichten für uns Kinder
Herausgeber:in: Rufus Beck, Illustration: Wolf Erlbruch
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2006, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 3-87134-554-7
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Rufus Beck ist den meisten als Schauspieler oder Sprecher und Regisseur zahlreicher Hörbücher bekannt. Mit “Geschichten für uns Kinder” hat er jetzt eine Anthologie herausgegeben, die Märchen, Gedichte und Kurzgeschichten von 26 zeitgenössischen AutorInnen vereint, die Beck gebeten hat, Texte zu schreiben, die sie selbst gern als Kind gelesen hätten.

Georg Klein erzählt von einem fantastischen Nachmittag, bei dem für Zwillingsbruder und -schwester beim Spiel mit einem “mechanischen Hund” plötzlich die Zeit still steht. Judith Kuckart gewährt Einblick in das “Hundetagebuch” von Lucky, “ziemlich gross, schwarz, gelb und weiss gescheckt”, mit sehr schönen Ohren und noch schöneren Augen, der mit seiner Familie seit zwei Jahren in Kalifornien lebt – “aber belle auf Deutsch und schreibe linkspfotig”. Kirsten Fuchs erzählt von “Prinzessin Schmutzbrillchen”, Christian Ankowitsch von zwei kleinen Jungen, die unter der Trennung der Eltern leiden, Durs Grünbein, Jens Sparschuh und Jan Böttcher in ihren Gedichten von einem müden Vater, der kleinen Hexe, die Besuch vom dicken Heinz bekommt oder dem “Bösgut”.

Bewegende, kuriose, heiter, nachdenklich, manchmal fast traurig stimmende – auf alle Fälle immer ausgefallene Geschichten, die man gerne wieder liest. Und weil Beck sich Beiträge gewünscht hat, die “nicht nur für das lesende Auge, sondern auch für das Ohr geschrieben sind”, auch wunderbar zum Vorlesen geeignet. Von Altmeister Wolf Erlbruch mit elf kunstvollen Illustrationen nebst Titelbild versehen, fürwahr “ein literarisches Schatzkästchen, eine Wundertüte, in der man nach dem Zufalls- und Lustprinzip herumstöbern darf”, wie Beck schreibt.

Andrea Duphorn

Marokko am See
Karlijn Stoffels
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2006, Seiten: 155, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80979-4
Schlagwörter: Identität/Individualität

“In der Schule lernte man viel und zu Hause lernte man wieder ganz andere Sachen, aber niemand lehrte einen, wie man von der einen Welt in die andere und wieder zurückkommen konnte,” denkt Issa. Er ist ein marokkanischer Junge, der in Amsterdam lebt und oft kluge Dinge denkt – nur ausdrücken kann er sich nicht. Ständig geraten ihm die Sprachen durcheinander: Marokkanisch, die Sprache der Familie, Arabisch, die Sprache des Korans und das Niederländische, das ihm die Schule zur Qual macht. Und doch ist er im Grunde seines Wesens ein Erzähler aus Tausendundeiner Nacht. Eins kann er immerhin: Witze erzählen, doch das macht den verzweifelten Schuldirektor nur noch wütender.
Seine Eltern können nicht helfen; sie leben unter Marokkanern im “Seeviertel”, das auch “Marokko am See” genannt wird. Also wird Issa auf eine Sonderschule mit Tieren geschickt – und das erweist sich als Glücksfall. Er trifft dort auf lauter Kinder mit Schwierigkeiten, darunter auch Niederländer – die hatte er bisher nur von den regelmässigen Schlägereien, die sich die Jungs bandenweise liefern, gekannt.
Karlijn Stoffels versteht es auch in diesem Roman, sich mit Sensibilität und Humor in eine Figur hineinzudenken und dabei einprägsame Bilder für deren Befindlichkeit zu finden: Den Pommesschneider zum Beispiel als Symbol für die Abklärung von Issas Fähigkeiten in der Schule – aus einer Kartoffel werden neun gleichförmige Stäbchen. Issas Geschichte lässt sich äusserlich ruhig an, läuft aber auf ein dramatisches Ereignis zu, das den Jungen schliesslich zwingt, seine Sprache zu finden. Am Ende traut er sich sogar, seinen Vater zu kritisieren, und verlangt, dass wenigstens der kleine Bruder die Welt kennenlernen darf, in der er lebt.
Christine Lötscher

Die Herrin der Worte
Frances Hardinge
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Verlag: CBJ, Publiziert: 2006, Seiten: 479, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-13140-8
Schlagwörter: Historisches | Fantastik/Fantasy

Mosca ist zwölf, als sie in den Bann eines Wortmeisters gerät – eines Geschichtenerzählers und Wortverdrehers, wie man sich erfindungsreicher keinen vorstellen könnte. Da Bücher in Moscas Welt verboten sind und das Erzählen von Geschichten allein den Wortmeistern vorbehalten ist, flieht Mosca aus der Mühle ihres Onkels, um sich dem alten Clent anzuschliessen, denn Geschichten sind ihre ganze Leidenschaft …
Doch hat Mosca sich vorgestellt, ein gutes Leben an der Seite des Wortmeisters verbringen zu können, so hat sie sich getäuscht. Viel zu sehr ist der egozentrische Mann darauf bedacht, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen – ein Mädchen kann er da nicht gebrauchen. Und obwohl er in Moscas Schuld steht, weil diese ihn nicht nur vom Pranger befreit hat, sondern ihm noch so manches Mal die Haut rettet, sinnt er ständig nach neuen Mitteln, sich heimlich davonzustehlen. Er hat nicht damit gerechnet, dass ihm Mosca in ihrem Einfallsreichtum ebenbürtig ist, und so beginnt ein für die LeserInnen äusserst vergnügliches Katz-und-Maus-Spiel, aus dem keiner als Gewinner oder Verlierer hervorgeht.
Doch Frances Hardinge macht in ihrem Debüt-Roman mehr, als nur die Geschichte zweier Partner wider Willen zu erzählen. Sie schafft ein alternatives, sehr wortfeindliches England des 18. Jahrhunderts, das einen perfekten Rahmen für Intrigen und Verschwörungen liefert. Mosca und Meister Clent geraten mitten hinein und stehen schliesslich sogar unter Mordverdacht. Jetzt ist freilich grosse Fabulierkunst gefragt, wenn sie ihr Leben retten wollen… Ein turbulenter, abenteuerlicher und sehr humorvoller Roman, den man nur schwerlich wieder aus der Hand legt.
Maren Bonacker

Michelles Fehler
Martina Wildner
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2006, Seiten: 282, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5167-3
Schlagwörter: Pubertät

Weshalb läuft an diesem 15. März alles schief? Als ob Michelle nicht auch ohne Pechsträhne völlig aus der Reihe tanzte: Sie ist klein und dick und gilt als Streberin. Eine neue Mitschülerin schikaniert Michelle, wo sie nur kann. Zu Hause ist ebenfalls keine Hilfe zu erwarten: Die Eltern haben sich getrennt, die Mutter ist als viel beschäftigte Oberärztin kaum zu Hause, der Vater wohnt jetzt in Hamburg und hat eine Freundin.
Doch am 15. März ist alles noch viel schlimmer. Was Michelle nicht weiss: Dahinter stecken höhere Kräfte, nämlich ihr persönlicher Schutzengel-Sachbearbeiter Herr Schmidt vom Fehlerberechnungsamt. Er, der sich bisher um alte Leute ohne grosses Fehlerpotenzial gekümmert hat, soll sich plötzlich mit einer Pubertierenden herumschlagen? Er setzt alles daran, Michelles Fehler in einer für sie tödlichen Katastrophe enden zu lassen. Doch es kommt noch bunter: Die Leiterin der Schutzengel-Revisionsstelle übernimmt Michelles Fall und kann noch mal alles zum Guten wenden.
Die Geschichte in der Geschichte nervt. Sie unterbricht den spannenden Handlungsablauf, denn Michelles Story wäre für sich allein eine richtige Screwball Comedy mit (tod-)ernstem Hintergrund. Das genaue Protokollieren eines einzigen Tages mit den witzigen “Tatbeständen”, den Rückblenden und den immer wiederkehrenden kauzigen Figuren ist ein tolles Buch für sich. Wie hat es die elfjährige Ricarda im Internet doch ausgedrückt: “Ich finde das Buch nicht gut, weil auf jeden Fall der Anfang langweilig ist. Deshalb habe ich es auch nicht zu Ende gelesen.” Ricarda, du warst zu jung: dreizehnjährig sollte man schon etwa sein, um das Buch zu schätzen und sich durch Herrn Schmidts Universum durchzubeissen. Am Ende lohnt es sich aber, bestimmt.
MAJA MORES

Tanglewreck
Jeanette Winterson
Aus dem Englischen von Monika Schmalz
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2006, Seiten: 335, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5174-6
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima | Fantastik/Fantasy

“Abel Darkwater wusste, dass jede Zeit allzeit gegenwärtig ist, aber schichtweise unter dem begraben liegt, was man Jetzt nennt.” Die Idee von der Gleichzeitigkeit alles Gewesenen ist nicht neu, doch Jeanette Winterson schöpft in ihrem ersten Jugendroman “Tangelwreck” die Möglichkeiten, aber auch die Risiken und Nebenwirkungen des Spiels mit der Zeit lustvoll aus. Der erwähnte Abel Darkwater zum Beispiel versucht sich über die Kontrolle der Zeit zum Weltherrscher aufzuschwingen, während seine Widersacherin Regalia Manson die noch teuflischere, weil zeitgemässere Idee, die Zeit zu vermarkten, entwickelt hat. Gegen die beiden Zeit-Alchemisten tritt Silver, ein elfjähriges Mädchen an; wie es sich für einen Fantasy-roman gehört, ist sie Waise und lebt unter der Fuchtel einer bösartigen Aufpasserin. Diese Mrs Rokabye trägt, wie man auf www.jeanettewinterson.com nachlesen kann, auch die Handschrift von Wintersons beiden Mitschreiberinnen, ihren Patenkindern Eleanor und Cara Shearer.
Im Grossen und Ganzen ist das Buch aber doch ein richtiger Winterson-Roman; so frei wie die Autorin fabuliert und mit Motiven und Sprache experimentiert, so klar vertritt sie auch ihre ethischen Anliegen. Die Zeit als bedrohte Ressource ist in “Tanglewreck” auch eine Metapher für die Umweltproblematik, und die Fantasmagorie von Zeittransfusionen – Arme dienen als Zeitspender für Reiche – verzerrt Themen wie Organspende und Gentechnologie zur horrorfilmreifen Kenntlichkeit.
Auch wenn die Geschichte sich irgendwann in ihren eigenen Wirrungen und Sackgassen zu verlaufen droht – Wintersons Jugendroman ist genau die poetische Vitaminspritze, die das Fantasygenre im Moment so dringend gebrauchen kann.
CHRISTINE LÖTSCHER

Candy
Kevin Brooks
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: dtv, Publiziert: 2006, Seiten: 427, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-71189-2
Schlagwörter: Liebe

Plötzlich steht sie vor ihm: Candy. Und für Joe, den Sohn eines Arztes, ist es Liebe auf den ersten Blick. Doch Candy ist eine jugendliche Prostituierte und zudem heroinsüchtig. Und ihr Zuhälter schreckt vor nichts zurück. Joe will Candy so gerne helfen und sie aus diesem Leben befreien, doch ihre Welt ist nicht die seine. Und Joe hat genügend eigene Probleme, mit denen er fertig werden muss, seine getrennt lebenden Eltern, die Schule, seine Band. Ist dies eine der Geschichten, in der die Liebe alle Schwierigkeiten überwindet? Oder ist Joe eben doch nur ein naiver Jugendlicher, der bei dem Versuch, ein Roadmovie zu leben, scheitern muss?
Kevin Brooks’ Icherzähler bringt seine Gedanken und Gefühle zu jeder Zeit mit einer solchen Eindringlichkeit auf den oftmals schmerzenden Punkt, dass sich niemand dem Sog dieser packenden Geschichte – und dem Sog, der von Candy ausgeht – entziehen kann. So folgt man Joe, ob man will oder nicht, auf Schritt und Tritt durch die blauäugigen Höhenflüge seiner Liebe zu dem Mädchen und durch die albtraumhaften Abgründe ihrer schier aussichtslosen Situation. Man spürt die Wärme der Zuneigung tief in Joes Innerem ebenso klar und intensiv wie den harten Tritt in seinen Bauch, seine kalte Angst, jeden blauen Fleck auf Candys Haut. Natürlich kann kein Roman die krude Lebenswirklichkeit des Londoner Prostituiertenmilieus wirklich in die behaglichen Wohnzimmer der LeserInnen tragen, natürlich ist die Wirklichkeit zu hart und unromantisch, um sich zwischen zwei Buchdeckeln einfangen zu lassen. Aber für einen Jugendroman ist Brooks verflixt nahe dran.
Christian Kölzer

Liebeslinien
Marjaleena Lembcke
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2006, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00966-9
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Sexualität

Eine kleine Stadt in der finnischen Provinz war bisher Schauplatz in allen Jugendbüchern Marjaleena Lembckes; sie ist ein wichtiger Teil von Lembckes Universum geworden. Im neuen Buch “Liebeslinien” überschreitet die Protagonistin Aulikki gleich mehrere Grenzen: vom Land in die Stadt, von der Kindheit zum Erwachsensein, vom Schweigen zur Sprache. Sie verlässt ihre Heimatstadt und lässt sich in Helsinki nieder, wo sie durch eine Reihe von Liebesbeziehungen die Menschen und das Leben in seiner ganzen Vielfalt kennenlernt – es ist das Jahr 1968, und es herrscht Aufbruchstimmung. Es ist beinahe aufregend zu sehen, was unter Lembckes Augen aus einer Grossstadt wird. Tatsächlich lernt man die Autorin, die durch die Verbindung von Sensibilität, einem Blick für die leiseren und stilleren Menschen, Wärme und Humor eigenständig in der deutschsprachigen Jugendliteraturlandschaft steht, von einer neuen Seite kennen und ist als treue LeserIn doch ganz zu Hause. Etwa, wenn man einen Satz liest wie diesen: “Aulikki war wie die Alten, sie wunderte sich auch über alles. Wenn sie über das Leben nachdachte, verwirrten sie sogar ihre eigenen Gedanken.”
Aulikki probiert alles aus auf ihrer Suche nach einem Mann, mit dem sie glücklich sein kann, nach einer Tätigkeit, die sie erfüllt. Das kann sie, weil sie gleichzeitig neugierig ist und schüchtern, und im Grunde doch ganz bei sich selbst. Sie sehnt sich danach, sich ganz zu öffnen, doch als sie sich in Sauli verliebt und er sie verlässt, kann sie den Schmerz nicht ertragen und schluckt Schlaftabletten. Doch das Leben geht weiter, und alles ist offen wie zuvor.
“Liebeslinien” ist zwar in der Kategorie Jugendbuch erschienen, ist aber eigentlich ein Buch für alle, die sich ein Leben lang mit dem Erwachsenwerden herumschlagen.
Christine Lötscher

Ich sehe was, was du nicht siehst
Joan Steiner
Aus dem amerikanischen Englisch von Nina Schindler
Verlag: Esslinger, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-480-22217-X
Schlagwörter: Wimmelbuch

… im Winter

Auch der dritte Band “Ich sehe was, was du nicht siehst” der US-amerikanischen Installationskünstlerin Joan Steiner ist ein Augenschmaus. Ein Wimmelbuch der besonderen Art. Auf jeweils einer Doppelseite entwickelt sie ihre winterlichen Bühnenbilder. Auf den ersten Blick erscheinen diese als kitschige Landschaften und Interieurs. Im Nu aber verliert sich das Auge in den Details, sieht in einer Winterlandschaft, dass ein Fachwerkhaus nicht aus Lebkuchen gefertigt ist, sondern ein Dach aus einem Schreibblock hat und Radiergummis als Kamine, entdeckt, dass die verschneiten Bäume aus Blumenkohl sind und der Schlitten, den ein fantastisches Tier mit einem Erdnusskörper über einen Hüttenkäse-Weg zieht, aus einem Babyschuh gefertigt ist. Die Bergspitzen derselben Szenerie sind aus einem Büstenhalter, aus weissen Handschuhen, Socken, Schuhen und sogar aus Zwiebeln geformt. Ob wir auf eine Szene aus der Nussknackersuite schauen, auf eine Spielzeugeisenbahn, in einen Krämerladen hinein oder in Grossmutters Küche: Jedes Panorama entpuppt sich beim genauer Betrachtung als dreidimensionale Collage aus allen denkbaren Alltagsgegenständen.
Joan Steiner hat ein Auge für die andere Seite der Gegenstände. Warum aus einer WC-Papierrolle keinen Güterwaggon herstellen, und ist eine Schuhsohle nicht auch als Verkehrsinsel brauchbar? “Ich sehe was, was du nicht siehst” ist Spielbuch, Wimmelbuch, Bastelanleitung in einem und wer ihn in die Hand nimmt, ist vor keinem Schwindel sicher.
Christine Tresch

Reihe Abenteuer&Wissen
Maja Nielsen
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2006, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-4836-5
Schlagwörter: Abenteuer

Seit zwei Jahren bringt Maja Nielsen mit ihrer im Headroom-Verlag erschienenen Hörbuchreihe “Abenteuer & Wissen” Kindern ab zehn Jahren die grössten Abenteuer der Menschheit nahe. Dabei beschreibt sie nicht nur das jeweilige historische Ereignis, wie den Wettlauf um das Erreichen des Südpols, die Erstbesteigung des Mount Everest oder den ersten Flug zum Mond. Indem sie sich einen Abenteurer oder Forscher sucht, der vor kurzem Ähnliches erlebt hat, versucht sie, die Geschichte neu und aus mehreren Perspektiven zu erzählen.
In Zusammenarbeit mit dem Gerstenberg-Verlag sind in diesem Herbst nun erstmals auch vier Sachbücher erschienen, die eine geniale Ergänzung zu den 2005 für den Deutschen Hörbuchpreis nominierten Tonträgern bilden. Aus der Hörbuchreihe “Abenteuer & Wissen” ist eine faszinierende Hör- und Sachbuchreihe geworden, die nicht so leicht zu toppen ist. Daten und Fakten, die in den spannenden Hörbüchern manchmal vielleicht ein bisschen zu schnell an einem vorbeirauschen, können in den Büchern nun noch einmal nachgelesen, das Erfahrene mit Hilfe von Grafiken, Landkarten, Originalfotos, Steckbriefen und mehr sogar noch vertieft werden. Oder umgekehrt. Chroniken am Ende der Bücher fassen die wichtigsten historischen Daten noch einmal zusammen, zudem werden Buch-, Film-, Internet- und weitere Tipps zur Vertiefung der Themen gegeben. Einfach perfekt – wenn auch leider nicht ganz billig …
Andrea Duphorn

Allah heisst Gott
Stefan Weidner
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2006, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85212-9
Schlagwörter: Religion

Warum das Kopftuch? Warum ist Osama Bin Laden Terrorist? Verträgt sich Islam mit Demokratie? Der Islamwissenschaftler Stefan Weidner geht keiner unbequemen Frage an den Islam und die arabische Welt aus dem Weg. Er beantwortet sie einfach, aber differenzierend. Er greift die Schlagwörter auf, die Menschen bei uns verunsichern: Ehrenmord, Hasspredigten oder Heiliger Krieg. Ja, sagt er, all das gibt es in islamisch geprägten Gesellschaften, aber es gibt auch noch ganz anderes: Es gibt die Toleranzgeschichte, die Gastfreundschaft, Wissenschaft und Poesie. Trotzdem ist “Allah heisst Gott” kein harmonisierendes Sachbuch, zum Glück!
Der “Islam” ist so unterschiedlich wie seine Lebenswelten: von Saudi-Arabien über Nordafrika bis zu uns. Stefan Weidner beschreibt das Dilemma arabischer Staaten zwischen Reichtum und Armut, zwischen Diktatur und Öl. Er macht klar, wie und warum islamistische Botschaften in Armutsvierteln auf fruchtbaren Boden fallen können, auch wenn dies mit dem Islam selber nicht zu rechtfertigen ist.
Weidner stellt uns seine muslimischen FreundInnen vor: den politischen Flüchtling Hussain aus dem Irak, die ägyptische Reiseleiterin Hafsa. So bekommt der Islam (viele) Gesichter. Erst dann widmet er sich der historischen Darstellung, von den Kreuzzügen bis zum Irakkrieg. Ihm gelingt es sogar, den Palästina-Israel-Konflikt auf wenigen Seiten fair und verständlich darzustellen. Dieses Buch unterscheidet sich von anderen Erklärbüchern dadurch, dass der Autor nicht simplifiziert, den Charme der islamischen Kultur genauso wunderbar beschreibt, wie er die Schattenseiten benennt. Und es gibt den Lesenden Vorstellungen in die Hand, die im medialen Overkill über Islamismus und Terror wichtige und gerechte Gegenbilder sind. Etwa diesen Satz des Propheten: “Die Wege zu Gott sind so zahlreich wie die Atemzüge des Menschen.”
Judith Wipfler

Durch dick und dünn
Susanna Heimgartner, Illustration: Karin Schneider
Verlag: Schulverlag Bern, Publiziert: 2006, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-292-00398-9
Schlagwörter: Schule | Körper

Comic und Schule sind längst keine unvereinbaren Gegensätze mehr. Ob Mathematik, Migration oder Depression – die Themenbreite der Unterrichtsmaterialien in Comicform ist beachtlich. Auch Susanna Heimgartner und Karin Schneider setzen für ihre Schülerunterlage auf das Medium Comic. Am Beispiel der Teenager Eva und Sarah greifen die beiden Autorinnen typische Symptome und Folgen einer Magersucht sowie die gängigsten Therapiemassnahmen auf. Das zwanghafte Verhalten der Betroffenen wird realistisch wiedergegeben, und die Bildsprache des Comics macht Aspekte wie die verzerrte Körperwahrnehmung, eines der klassischen Magersuchtssymptome, deutlich. Die ungeschönte zeichnerische Darstellung der abgemagerten Protagonistinnen und deren Ringen um eine Rückkehr ins normale Leben lassen die Ernsthaftigkeit der Krankheit erahnen. Eine Magersucht ist nicht einfach eine übertriebene Diät und kann darum auch nicht durch blosses “Mehr Essen” geheilt werden. Genau dies wird aber anhand von Sarahs Geschichte ansatzweise suggeriert. Eine Magersucht gründet vielmehr in tiefen psychischen Problemen der Betroffenen und ist unbedingt (psychotherapeutisch) zu behandeln. Diese Sichtweise der Problematik wird zwar anhand von Evas Schicksal ebenfalls skizziert, doch setzt das Buch durch das Schlusspanel mit der verhärmten, schwer depressiv aussehenden Eva voller Zukunftsängste im Gegensatz zum Bild der optimistischen, “geheilten” Sarah falsche Zeichen. Zudem ist es angesichts einer Sterblichkeitsrate von 15 bis 20 Prozent und Folgen wie Muskelschwund, Osteoporose, Unfruchtbarkeit oder Schädigungen des Herzmuskels geradezu zynisch, im Anhang von der “Modekrankheit Magersucht” zu sprechen.
Ursula Kahi

Aya
Marguerite Abouet, Illustration: Clément Oubrerie
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2006, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-73711-8
Schlagwörter: Freundschaft | Pubertät

“Aya” ist ein wahrhaft wohltuender Comic, da er uns einen anderen Blick auf Afrika erlaubt: Nicht Bürgerkriege, Hunger, Völkermord, Flüchtlinge, Aids und andere Katastrophen stehen im Mittelpunkt, sondern der Alltag von drei Freundinnen im Djibouti der späten Siebzigerjahre. Aya ist seriös und strebsam und möchte gegen den Widerstand ihres Vaters Ärztin werden, das leichtlebige Partygirl Bintou würde sich am liebsten einen reichen Mann angeln, und Adjoua weiss nicht so recht, was sie will.
Die Autorin Marguerite Abouet weiss, wovon sie erzählt: Sie kam 1971 in der Elfenbeinküste zur Welt, und auch wenn sie als erst zwölfjähriges Mädchen zum Studieren nach Frankreich geschickt wurde und seither dort lebt, pflegt sie eine enge Beziehung zur Heimat. Ihr Comic-Debüt ist ein bezaubernder, bis zu einem gewissen Grad vielleicht nostalgisch verbrämter Rückblick auf das Afrika ihrer Kindheit. Unterstützt vom Kinderbuchzeichner Clément Oubrerie und seinen bunten Bildern voll sinnlicher Wärme schafft sie es bestens, viel Lokal- und Zeitkolorit zu vermitteln und dabei auch viele Probleme Afrikas – Armut, Perspektivlosigkeit, Korruption, Ungerechtigkeit, die Unterdrückung der Frauen – unterschwellig mitschwingen zu lassen.
In erster Linie erzählt Abouet jedoch die Geschichte der drei Mädchen, und das macht sie mit viel Sensibilität, Humor, Leichtigkeit und Schwung – und erstaunt stellen wir fest, dass die Nöte und Sorgen afrikanischer Teenager sich nicht grundlegend von denen hiesiger Jugendlicher unterscheiden: strenge Eltern, der Zwang zu Notlügen, Schulstress, Zukunftsängste, unkontrollierbare Hormonschübe und Rivalitäten selbst unter den besten Freundinnen.
Christian Gasser

Finding Alex
Kathrin Schrocke
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2006, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4731-1
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Liebe | LGBTQ*

Tobias (15) ist fasziniert von der neuen Mitschülerin Ira, die so anders ist als der Durchschnitt. Weshalb sie sich ausgerechnet mit ihm anfreundet, ist ihm ein Rätsel. Doch der Schlag trifft ihn erst recht, als er ihrem Zwillingsbruder begegnet. Das im schwarzen Kimono Cello spielende Mädchen mit Pferdeschwanz ist Iras Bruder! Die Verwirrung ist gross. Ist Alex schwul? Oder ein Transvestit wie der Typ, den seine Mutter im Kosmetikstudio abends zur Frau schminkt? Die junge Assistentin seiner Mutter bringt Tobias dann zur Erkenntnis: Alex ist transsexuell veranlagt. – Die Autorin beschreibt einen bunten Jugendalltag mit Schule, ein bisschen Scheidungsthematik, Alk und Gras, Partys und sexuellen Annäherungen. Was (erwachsene) LeserInnen schon auf den ersten Seiten ahnen, kommt dabei erst gegen Schluss auf den Punkt. Das Thema Transsexualität wird damit nur angerissen und bleibt auf der Oberfläche. Stärke des Buchs ist die jugendnahe, angriffsslustige Sprache.

Claudia Hubacher

Desmodus
Joann Sfar
Verlag: avant, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-939080-07-1
Schlagwörter: Schule

Es ist nicht leicht, ein Vampir zu sein. Vor allem ein kleiner Vampir. Und besonders schwierig ist es, ein kleiner Vampir zu sein, der zur Schule gehen möchte, um nicht immer nur mit Monstern, sondern auch mit normalen Kindern befreundet zu sein. Das merkt der kleine Desmodus, als er sich zur Schule aufmacht und ein leeres Klassenzimmer antrifft. Denn Vampire leben nun mal in der Nacht, und die Menschenkinder drücken die Schulbank tagsüber. Und doch schafft es Desmodus, mit Michael Douffon in Kontakt zu treten. Der Vampir löst die Matheaufgaben des nachlässigen Schülers, im Schulheft entspinnt sich ein Briefwechsel zwischen den beiden – und eines Nachts kommt es zur Begegnung. In diesem Moment kippt Joann Sfars Geschichte: Nicht der kleine Vampir ist die eigentliche Hauptfigur, sondern Michael, Sfars Alter Ego, der vom Vampir und seiner Monstersippe in die nächtliche Welt der Geister, Gespenster und Legenden eingeführt wird.
Neben der Erfolgsreihe “Die Katze des Rabbiners” ist “Desmodus” die feinste Serie des überaus produktiven Franzosen Joann Sfar. Er erfindet bezaubernde Geschichten zwischen Grusel und Niedlichkeit, die nächtliche Düsternis der Zeichnungen wird von der bunten Liebenswürdigkeit der Monster aufgelockert, und nicht zuletzt vermittelt er am Rande seiner Fabeln einiges über die Legenden und die Folklore des osteuropäischen Judentums. Aber nicht nur: Im zweiten Band, “Der Vampir macht Kung Fu”, erlernt Michael asiatische Kampftechniken, um sich gegen den fiesen Schulhofschläger Gottfried zu wehren und Sandrina zu beeindrucken – einen Golem zu schaffen, um Gottfried zu verprügeln, das wäre, findet selbst Desmodus’ monströse Familie, dann doch des Guten zu viel.
Christian Gasser

Wir retten Leben, sagt mein Vater
Do van Ranst
Aus dem Niederländischen von Werner Andrea Kluitmann
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2006, Seiten: 142, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58156-8
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Pubertät | Familie/Familienformen | Identität/Individualität

Do von Ranst’ Icherzählerin lebt an einem seltsamen Ort: Das Haus, das sie mit Eltern und Grossmutter bewohnt, steht unweit einer Brücke, die nie fertig gebaut wurde und wie Mahnmal nur halb über den Fluss reicht. „Alles hört dort auf, sagt meine Mutter.“ Das Haus steht in einer Kurve, mit der niemand rechnet, und die so eng ist, dass Autos dort immer wieder von der Strasse abkommen und ungebremst in den Wohnraum der Familie rasen: „Seitdem nutzen wir (…) die ersten drei Meter nicht mehr. (…) Diesen Teil des Hauses nennen wir die Risikozone.“

Es sind so skurrile Details wie dieses, die die dichte Atmosphäre in van Ranst’ Roman bestimmen, der in Belgien 2004 mit dem renommierten Knokke-Heist-Preis für das beste Jugendbuch ausgezeichnet wurde. Lakonisch und mit viel Humor erzählt der junge belgische Autor in „Wir retten Leben, sagt mein Vater“ eine tragikomische Geschichte über das Erwachsenwerden. Über erste sexuelle Erfahrungen, die Suche nach Nähe und Liebe, seinen Platz im Leben, über unerfüllte Sehnsüchte… Gerade letztere finden sich in dem kleinen Haus in der Kurve zuhauf. Sei es bei der sensiblen Grossmutter, die seit dem Tod ihres Mannes nicht mehr spricht, sei es bei Mutter und Vater, die irgendwann aufgehört haben einander zu lieben, sei es bei der besten Freundin, die bekennende Lesbe ist – oder bei der Icherzählerin selbst, die nicht aufhört, von einem Märchenprinzen zu träumen, der eines Tages mit dem Auto in ihrem Wohnzimmer landet: „Der Junge heisst Benjamin, Bernie oder Brad, weil mir Namen mit B am besten gefallen.“

Es ist schliesslich ein Zack, der sich auf Seite 58 mit seinem Gefährt in das Haus bohrt, von Mutter und Tochter gesund gepflegt und von letzterer verführt wird – und so Bewegung in deren Leben bringt. Wenn auch etwas anders als erwartet … Ein sehr einfühlend erzählter Adoleszenzroman, originell und authentisch zugleich.

Andrea Duphorn

Das Gold des Columbus
Christa-Maria Zimmermann
Verlag: CBJ, Publiziert: 2006, Seiten: 350, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-13103-3

1502 startet Columbus mit seiner Flotte zur 4. Fahrt über den Atlantik mit dem Ziel, endlich die Durchfahrt nach Indien und zugleich das legendäre Goldland der Indios zu finden. Mit Pablo (13) dem Schiffsjungen, erleben wir das grosse Seeaben-teuer, die Stürme und Flauten, die oftmals mörderischen Streitigkeiten der Besatzung, die Notlagen bei Proviant- und Wassermangel. Anschaulich wird das Leben in einer spanischen Hafenstadt wie auch das mit doppelseitigem Kulturschock verbundene Eintreffen in unbekanntem Land geschildert. Weil ein Teil der Seeleute schon die früheren Fahrten mitgemacht hat, erfahren wir durch sie von den damaligen Erlebnissen, ein sehr gelungener Einfall. Eine Zeittafel und das Nachwort geben Aufschluss über den geschichtlichen Kontext und die Biografie von Colon, 2 Karten zeigen die Reiserouten. Zudem lässt die Schilderung der Abenteuer auch Raum zu kritischen Überlegungen über die christliche Seefahrt.
Siegfried Hold

Columbus
Waltraut Lewin
Verlag: CBJ, Publiziert: 2006, Seiten: 282, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-30320-9

Wer war Columbus wirklich? Waltraut Lewin versucht in diesem Roman dem geheimnisumwobenen Seefahrer auf die Spur zu kommen. Aus den spärlichen gesicherten Überlieferungen über seine Herkunft, sein Liebesleben, seine Pläne und seine Erlebnisse setzt sie eine mögliche Lebensgeschichte zusammen. Wir erfahren, wie lange Columbus kämpfen musste, bis er endlich Richtung Westen lossegeln konnte, wer seine heimliche grosse Liebe war und warum er trotz seiner erfolg-reichen Entdeckungen unglücklich und unbeachtet starb. – Die Lebensgeschichte von Columbus liest sich süffig wie ein Roman. Die Autorin lässt aber so viele geschichtliche Hintergrundinformationen einfliessen, dass man gleichzeitig ein reiches Wissen über die Zeitepoche mitgeliefert bekommt. Das Buch eignet sich z.B. zur persönlichen Vertiefung des Unterrichtsstoffes über die Entdecker.
Monika Gurtner

Lena Liste
Francine Oomen
Aus dem Niederländischen von Sonja Fiedler-Tresp
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2006, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85194-7
Schlagwörter: Alltag | Familie/Familienformen

Lena (11) mag Abkürzungen und Listen. Diese helfen ihr z.B. zu entscheiden, was sie anziehen soll oder um Möglichkeiten zu sammeln, wie man sich das Nägelkauen abgewöhnen könnte. Als sich ihr Papa in die Frau vom Indonesisch-Kochkurs verliebt, hilft Lenas Liste mit den Gegenmassnahmen leider nichts. Auch wenn er nicht gleich zu der neuen Frau und ihren Kindern zieht, sondern erst mal allein wohnt, fühlt sie sich im Stich gelassen. Da begegnet Lena im Park dem Stadtstreicher. Der kennt sich mit dem Leben aus. Vielleicht wird doch alles gut, wenn auch anders? – Eine liebenswerte, eigenständige Hauptperson mit vielen Flausen (Listen!), einfallsreiche, lustige Zeichnungen und Verzierungen der Autorin und ein offener, ehrlicher Umgang mit Gefühlen zeichnen diese Familiengeschichte aus, die eine verbreitete Lebenssituation einfühlend beschreibt und die Alltagserlebnisse einer Elfjährigen dabei nicht vernachlässigt. Mehr davon!
Claudia Hubacher

Veganerin, siebzehn, Jungfrau, sucht …
Carolyn Mackler
Aus dem Englischen von Martina Tichy
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2006, Seiten: 235, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58135-5
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Liebe

Mara ist alles andere als begeistert, als ihre wenig jüngere Nichte zu ihrer Familie zieht und die gleiche Schule besucht. Die wohlbehütete Mara ist mit ihren guten schulischen Leistungen und ihrer Strebsamkeit das exakte Gegenteil von Viv. Diese versucht durch negatives Verhalten aufzufallen. Viv schmust schon am ersten Tag mit Maras Exfreund. Mara platzt der Kragen. Seit dem Ende dieser Beziehung ist Mara Veganerin, um sich selber abzulenken vom Frust. Dann wollen ihre Eltern aus Viv eine gute Schülerin machen und sehen ihre andere Seite nicht. Und schliesslich verliebt Mara sich in James, in den ihre Kollegin schon lange verliebt ist. Sie kommt sich so schlecht wie Viv vor und plötzlich trennen nicht mehr unüberwindbare Mauern die beiden jungen Frauen. – Wieder lässt Carolyn Mackler ihre Heldinnen offen, ehrlich, direkt und selbstkritisch auf ihrem Weg zum eigenen Ich berichten. Erfrischend geschrieben regt diese Geschichte an, eigenes Verhalten zu überdenken. Sehr empfehlenswert.

Karin Schmid

Was ist das?
Antje Damm
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5127-7
Schlagwörter: Tiere

Was ist das? steht auf der linken Seite geschrieben mit Karottenrädchen. Rechts sehen wir zwei Karotten auf grauem Steingrund, die sich beim Wenden der Seite als Ohren eines mit Kreide gezeichneten Hasen entpuppen. Oder die Frage ist links in einen Untergrund aus Mehl eingeritzt und steht einer Scheibe Schwarzbrot gegenüber, die sich auf dem Küchentuch-Hintergrund in eine mit Gurken, Radieschen und Schnittlauch verzierte Maus verwandelt. – Die vielseitig angeordneten „Was ist das“-Fragen verwandeln sich jeweils überraschend in ein bekanntes Tier. Die Arrangements wurden sehr sorgfältig ausgewählt und zusammengestellt und stehen immer in direktem Bezug zueinander. So können sich beim genauen Betrachten ganz unterschiedliche und spannende Gespräche ergeben. Ein weiteres hübsches kleines Bilderbuch für die Vorschule und die Unterstufe, das vielseitig einzusetzen ist.

Beatrix Ochsenbein

Die Krähe, die nicht bis 5 zählen konnte
Eirik Newth
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Verlag: Hanser, Publiziert: 2006, Seiten: 62, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20446-6
Schlagwörter: Wissenschaft

Wenn Kinder eine Tüte Gummibärchen untereinander aufteilen, der französische Bäcker Claude Lorrain den Blätterteig erfindet oder Comicfiguren mit vier Fingern zählen, dann ist das Mathematik! Wenn einer am gedeckten Tisch sitzt, hat er die berühmteste Zahl der Welt vor sich liegen. Und wer sich mit diesem tollen, spannenden und witzig illustrierten Buch beschäftigt, merkt, dass Mathematik überall vorkommt, in der Natur, im Alltag, im Leben…! – Anhand plausibler Geschichten werden mathematische Vorgänge erklärt und veranschaulicht (Teiler, Primzahlen, Geheimschriften-Codes, Dimensionen, Potenzieren, Wahrscheinlichkeit, andere Zahlensysteme etc.). Wer Lust hat, kann die sieben Rechenaufgaben der Krähe austüfteln und die Lösungen hinten nachschlagen. Und wer dann immer noch Angst vor Mathematik hat, ist selbst schuld. Ein aussergewöhnliches Sachbuch, das sich auf verschiedenen Stufen einsetzen lässt und Spass macht.

Claudia Hubacher

Warum muss ich das?
Brigitte Raab, Illustration: Manuela Olten
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-7073-9
Schlagwörter: Alltag

Vom Aufräumen bis zum Zähneputzen gibt es viele Regeln, welche Kinder einhalten müssen. Zu jeder der im Buch genannten Regeln gibt es zuerst eine lustige Begründung. Marie muss ihr Zimmer beispielsweise aufräumen, weil sie sonst nur auf Stelzen durchkommt. Anschliessend werden reale und einleuchtende Begründungen abgegeben. – Im Bilderbuch werden Grundregeln, welche zum sozialen Zusammenleben sehr wichtig sind, für Kinder gut verständlich dargestellt. Es wird nicht einfach eine moralische Erklärung gegeben, sondern einleuchtende Begründungen werden gesucht. Die Illustrationen sind klar, witzig und detailliert ausgeführt, so dass die Hauptaussage des Buches auch ohne Text verständlich ist. Das Bilderbuch kann Anlass für Gespräche sein, warum gewisse Regeln einfach notwendig sind.

Kathrin Heiniger

Das Schweigen der Eulen
Jan de Leeuw
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2006, Seiten: 254, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5107-2
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Historisches | Krieg

Arnoud muss mit seinem Vater den Haushalt der verstorbenen Grossmutter im kleinen belgischen Dorf Deemstervelde auflösen. Beide hatten nie ein sonderlich gutes Verhältnis zur Verstorbenen, so dass Beerdigung und Räumung des Hauses eher eine Pflichtübung sind. Auch das Testament enthält nichts Besonderes – bis auf den Vermerk, der Neffe solle die Bilder und den Nähkasten erben. Darin findet A. einen langen Brief, der die ganze Familiengeschichte und Lebenstragik der Grossmutter enthält. Die Ereignisse reichen in den 2. Weltkrieg zurück. Stück für Stück und aus verschiedenen „Erzählwinkeln“ kommt Licht in die Ereignisse des Jahres 1942, als in eben diesem Dorf ein ganzer Lastwagen mit deutscher „Raubkunst“ verschwand und als Vergeltung 10 Männer erschossen wurden, unter ihnen Arnouds Grossvater. – Eine ganz besondere Art, Familien- und Dorfgeschichte aufzuarbeiten! Jeder kennt ein Stück der Wahrheit, aber erst alle Stücke zusammen ergeben die vergangene Wirklichkeit. Geschickt verwebt der Autor Gegenwart und Vergangenheit, lässt weit Zurückliegendes plötzlich in der Gegenwart wirksam werden und zeichnet so ein spannendes Detail aus einer vergangenen Zeit.

Ulrich Zwahlen

Frag doch mal … die Maus
Roland Rosenstock
Verlag: CBJ, Publiziert: 2006, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-13132-7
Schlagwörter: Religion

Fragen zu Gott, der Welt und den grossen Religionen

Wie sieht Gott aus? Wer hat die Bibel geschrieben? Was steht im Koran? Woran glauben die Chinesen? Warum werden im Namen Gottes Kriege geführt? Solche einfachen Kinderfragen sind schwierig zu beantworten. Wenn es um Glaubensdinge geht, muss viel Sachwissen vermittelt, aber auch Philosophisches angesprochen werden. Der „Maus“ gelingt das hier auf eine gute Art, wobei die optische Aufmachung den Zugang erleichtert. Antje von Stemms heitere Bilder, die Frage-, Ausrufzeichen und Pfeile, die farbig hervorgehobenen Begriffe und die überschaubaren Abschnitte gestalten das Buch lesefreundlich. Immer wieder werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede nebeneinander gestellt. Dadurch wird Verständnis für Andersgläubige geweckt. Ein Nachschlagebuch für wissbegierige Kinder (und ihre Eltern!), das sicher nicht linear gelesen, sondern punktuell genutzt wird. Bloss schade, dass das Cover ein zu kindliches Publikum anspricht.

Claudia Hubacher

Veilchen, Mohn und Gänseblümchen
Charlotte Voake
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2006, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5106-4
Schlagwörter: Natur

Pflanzen bestimmen mit Kindern

104 Wildblumen, nach Farben geordnet, mit feinen Strichen naturgetreu gezeichnet und zart aquarelliert, sind mit den wichtigsten Merkmalen beschrieben (Formen, Verwendungen, Vorkommen, Blütezeiten und Geniessbarkeit). Zu Beginn des Buchs wird das Augenmerk auf Blüten- und Blattformen gerichtet. Kleine Tiere und Persönchen geben auf den Bestimmungsseiten in Sprechblasen nützliche Hinweise zu den sachlichen Angaben. So kann vieles entdeckt und gelesen werden! Im Pflanzenregister sind zusätzlich die lateinischen Bezeichnungen aufgeführt. Das Buch animiert zum Beobachten, Bestimmen und Selberzeichnen.

Claudia Hubacher

Mamas liebster Junge
Zeruya Shalev, Illustration: Julia Kaergel
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79345-6
Schlagwörter: Liebe | Familie/Familienformen

Immer wieder hört David von seiner Mutter, dass er das liebste, schönste, klügste, stärkste und grösste Kind der Welt sei. Doch im Kindergarten ist Itamar stärker, Dafna klüger und Nora grösser als David. Ob Mama wohl lügt? – Für jede Mutter ist das eigene Kind das wunderbarste. Das kann bei Kindern mitunter zu ausgesprochenen Missverständnissen führen, die sich zum Glück aber aufklären lassen. Hauptsache, man wird geliebt, denn dann fühlt man sich stark wie sonst niemand auf der Welt. Die warmen und weichen Illustr. passen gut zur Geschichte übers Geliebtwerden und Geborgenfühlen.

Monika Enderli Signer

Das Gold des Alchemisten
Avi
Aus dem Englischen von Anne Blankenburg
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2006, Seiten: 266, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80968-9
Schlagwörter: Historisches | Fantastik/Fantasy

Der alte Meister Thorston ist daran, die Steine des Lebens herzustellen, die ihn wieder jung machen sollen. Für die Zutaten des Gemischs hat er mit falschem Gold bezahlt. So ist ihm der Stadtvogt auf der Spur, der glaubt, Thorston stelle echtes Gold her. Auch seine Magd Sybil und sein Diener, der Rabe Odo glauben das. Als Thorston in tiefen Schlaf fällt, nachdem er den ersten Stein geschluckt hat, wollen die beiden herausfinden, wie man Gold herstellt. Doch in dem seltsamen Buch ohne Worte steht nichts. Und dann taucht der Mönch Bruder Wilfrid auf, der die Steine und das Buch ohne Worte zurückfordert und Odo und Sybil erklärt, dass sie in höchster Gefahr schweben. – Hinter einer schönen, passenden Covergestaltung verbirgt sich eine etwas düstere Geschichte. Sie ist gekonnt umgesetzt und lässt am Schluss einige Fragen offen. Eher für ältere Mittelstufenkinder geeignet.

Karin Schmid

Die Ameisensiedlung
Mirijam Günter
Verlag: dtv, Publiziert: 2006, Seiten: 268, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-78212-9
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Sucht | Aussenseiter:in/Mobbing

Mir ihrem Debütroman „Heim“ erschütterte und polarisierte die junge deutsche Autorin Mirjam Günter die Jugendbuchkritik. Nicht, weil es hart zu und her geht unter den Jugendlichen, aus deren Perspektive sie Begriffe wie „Sozialstaat“ und „Chancengleichheit“ schonungslos demontiert, sondern weil ihre Protagonistin einfach nichts lernen will. Bis zum bitteren Ende bleibt sie in ihrem Sumpf hocken und ruiniert sich jede Chance auf ein besseres Leben. Genauso ist auch Conny, die 15jährige Ich-Erzählerin in Günters neuem Roman. Sie ist die Tochter einer Alkoholikerin, die bereits in der „Ameisensiedlung“ aufgewachsen ist und nichts anderes kennt als Arbeitslosigkeit, Sucht, Gewalt und Sozialhilfe. Die Tochter hängt in einer Clique herum, die ständig vom besseren Leben träumt, aber, wenn es einmal eine Chance auf Integration in die Arbeitswelt gibt, versagt. Warum das so ist, warum der Wechsel von der einen Welt in die andere mit unüberwindbaren Schwierigkeiten verbunden sein kann, beschreibt Mirijam Günter eindrücklich und mit einem genauen Blick für – auch latente – Vorurteile und soziale Unterschiede.

Christine Lötscher

Die Meute
Gudrun Pausewang
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2006, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-473-34478-9
Schlagwörter: Nationalsozialismus | Generationen | Familie/Familienformen | Geschlechterbilder

Liebe macht blind, auch die Liebe eines vaterlosen Jungen zu seinem Grossvater. Obwohl der 14jährige Paul in der Schule alles über Hitler, die Schoah und den Nationalsozialismus gelernt hat, erkennt er die Zeichen nicht, wenn sie überdeutlich an der Wand stehen: Seine Grosseltern missbrauchen einen Ferienaufenthalt ihres Enkels, um ihn auf die Nazi-Ideologie einzuschwören; echte „Kameradschaft“ soll in einer Jugendgruppe mit eigenem Lokal gelebt werden. Bald aber kippt die Hirnwäsche in rohe Gewalt und Paul realisiert, dass Opas schöne Jugendgruppe nichts anderes ist als eine militante Bande von Neonazis. Als LeserIn weiss man schon nach wenigen Seiten, was es mit dem „Deutschtum“ des lieben Opas auf sich hat. Dennoch ist es eindrücklich, wie Pausewang die schmerzhaft fein gestimmten Machtmechanismen, die zwischen Grossvater und Enkel, aber auch innerhalb der Jugendgruppe spielen, beschreibt, wie sie Pauls Nöte zwischen Loyalität und Widerspruch schildert. Man fragt sich: Wie hätte ich in Pauls Situation gehandelt? Das geht unter die Haut.

Christine Lötscher

Romane für Kinder
Christine Nöstlinger
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2006, Seiten: 517, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79917-9
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Emanzipation

Wir pfeifen auf den Gurkenkönig. Der Hund kommt! Der Zwerg

Familie Hogelmann wird am Ostermorgen vom einem gurkenförmigen Wesen überrascht. Es drückt sich im Pluralis majestatis aus, trägt eine Krone, hat rot lackierte Zehen und ist seines Zeichens ein Kellerkönig. Sein Name: Kumi-Ori. Kumi-Ori wurde von seinen Untertanen, die aus dem Hogelmannschen Keller verjagt und bitte über der Erde um politisches Asyl. Die Anwesenheit des selbstherrlichen Königs spaltet die Familie in zwei Lager und führt zu einer Ehekrise. Der Vater will dem König helfen, wieder ans Ruder zu kommen, der Rest der Familie will ihn so schnell als möglich unschädlich machen. Wolfgang, der ältere Sohn, er erzählt auch Geschichte, freundet sich mit den Untertanen des Kumi-Ori an und hilft ihnen beim Aufstand. Dem Fiesling wird das Handwerk gelegt und der Vater wieder in die Familie aufgenommen.

Christine Nöstlinger erzählt in ihrem urkomischen Kinderbuch „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“, 1972 erstmals veröffentlicht, vom Emanzipationsprozess einer Familie. Die Krise des Vaters stärkt die Rolle der Mutter, die Kinder übernehmen Verantwortung und lassen sich vom autoritären Vater nicht mehr herumkommandieren. Das Buch steht in der Tradition der innovativen Literatur für Kinder nach 1968, wirkt aber auch heute noch ungeheuer frisch. Zusammen mit zwei weiteren frühen Kinderbüchern von Christine Nöstlinger ist „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ zum 70. Geburtstag der Autorin im Herbst 2006 neu aufgelegt worden. Ein riesen Lesespass.

Christine Tresch

Glück mit Sosse
Sharon Creech
Aus dem amerikanischen Englisch Englisch von Adelheid Zöfel
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2006, Seiten: 141, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85175-0
Schlagwörter: Behinderung | Eifersucht/Neid | Freundschaft | Generationen | Familie/Familienformen | Essen

Wenn Rosies Eltern viel zu tun haben, kommt ihre Grossmutter und passt auf sie auf. Wobei Grossmutter das falsche Wort ist, um Granny Torelli zu beschreiben. Wie der Name schon sagt, ist sie halb Granny, halb Nonna, oder vielleicht doch fast zu neunzig Prozent das, was man sich unter einer richtigen italienischen Nonna vorstellt. Mit 16 Jahren ist sie ganz allein nach Amerika ausgewandert; ihre Familie in Süditalien hat sie seither nie wieder gesehen. Sie ist eine praktische Frau, deshalb spricht sie nicht viel von der Vergangenheit. Nur wenn Granny Torelli kocht, werden ihre Jugenderinnerungen wieder wach, während die Zutaten ihre Eigenschaften in ihrer ganzen Sinnlichkeit entfalten, so dass sie Nase und Gaumen, aber auch die Seele glücklich machen. Dabei erzählt Granny Torelli im richtigen Moment die richtigen Geschichten. Wenn Rosie traurig ist, weil sie sich mit ihrem besten Freund Bailey gestritten hat, oder eifersüchtig, weil er das neu zugezogene Mädchen so nett findet, schneidet Granny Torelli Gemüse klein, lässt die Enkelin Pastateig kneten und erzählt, wie es damals bei ihr war. Und plötzlich versteht Rosie sich selbst und die anderen viel besser.

Eine warmherzige, aber gar nicht sentimentale Geschichte, bei der einem ständig das Wasser im Mund zusammenläuft. Zum Glück werden Granny Torellis Zuppa- und Pasta-Rezepte im Buch mitgeliefert.

CHRISTINE LÖTSCHER

Wir Kühe
Catherine Gilbert Murdock
Aus dem Englischen von Gerda Bean
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2006, Seiten: 271, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58155-X
Schlagwörter: Freundschaft

Seit ihr Vater sich die Hüfte gebrochen hat, besorgt die 15-jährige DJ fast alle Arbeiten auf dem Bauernhof. Deshalb gibt es für sie nichts anderes als Arbeit und Schule. Das ist ok und normal für DJ. Da taucht eines Tages Brian auf, der Footballstar aus dem Nachbardorf. Sein Trainer hat ihn geschickt. Er will, dass der eingebildete Spieler richtig arbeiten lernt. Nur so lässt er Brian von der Ersatzbank wieder aufs Spielfeld. Aus anfänglicher Feindschaft zwischen Brian und DJ wächst Vertrauen. Brian öffnet DJ die Augen, was ihr Dasein als Arbeitstier auf dem elterlichen Hof anbelangt. Dann hat der Trainer die Idee, dass DJ, die aus einer erfolgreichen Footballfamilie kommt, Brian trainieren könnte. Und in DJ wird eine Seite geweckt, die lange geschlummert hat. – Die junge Frau DJ führt die Leser als aufgeweckte, selbstkritische Erzählerin durch ihre Geschichte und ihr Leben in einer Familie, in der über Probleme nicht gesprochen wird. In der Freundschaft mit Brian findet DJ zu sich selbst. Mit viel Gespür für die Gefühle und Gedanken der jungen Hauptperson erzählt.
Karin Schmid

Luna
Julie Anne Peters
Aus dem amerikanischen Englisch von Catrin Frischer
Verlag: dtv, Publiziert: 2006, Seiten: 334, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-71179-5
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Familie/Familienformen

Regan (16) kennt als Einzige das Geheimnis ihres älteren Bruders: Liam wird nachts zu Luna, schminkt sich, zieht Mädchenkleider an und fühlt sich nur so "richtig". Nur sie weiss um die Nöte und Sehnsüchte ihres Bruders, der im falschen Körper geboren ist und unendlich leidet. Ihre Fürsorge und Hilfe geht meist so weit, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche einfach übergeht. Doch dann begegnet ihr Chris. Regan erkennt, dass sie die Abhängigkeit von Liam loslassen und an sich selbst denken muss. – Mit grosser Glaubwürdigkeit und Nähe tastet sich die Autorin an das heikle Tabu-Thema heran. Dass sie dabei aus der Perspektive der Schwester und nicht aus jener des eigentlichen Protagonisten heraus schreibt, ist ein cleverer Griff. Diese Distanz ermöglicht eine aushaltbare und breitere Auseinandersetzung mit der schwierigen Problematik. Die Geschichte endet offen, aber hoffnungsvoll und lässt Diskussionen Raum. Ein berührendes, intensives Jugendbuch, das hoffentlich auch von Jungen gelesen wird.
Claudia Hubacher

Der weisse Bär
Nicola Davies, Illustration: Gary Blythe
Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2006, Seiten: 29, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-5119-4
Schlagwörter: Natur | Tiere

Ein Eisbär, von den Inuit Nanuk genannt, wiegt so viel wie zehn Männer, ein Junges gerade mal 600 Gramm (wie ein Meerschweinchen)! Der Abdruck seiner Tatze füllt eine ganze Seite des Bilderbuchs. Er ist ein starker Jäger, aber auch ein sanftmütiger Spielkamerad. Selbst eine Temperatur von minus 40 Grad Celsius kann ihm nichts anhaben. Er kann hundertfünfzig Kilometer am Stück schwimmen. Und er zeigt den Inuit, wie man in der Artiks leben, überleben und sie sogar lieben kann. – Wunderschöne, leuchtende Bilder vermitteln den Zauber einer aussergwöhnlichen Landschaft und ihrer Bewohner, der Eisbären. Der Sachtext liest sich wie eine Geschichte, weitere Informationen sind mit geschwungenen Zeilen in die Bilder eingewoben. Ein kleines Wörterverzeichnis am Ende hilft beim Nachschlagen einzelner Begriffe. Beeindruckend, lehrreich, wunderschön.
Claudia Hubacher

Das Riesenmädchen und die Minipopps
Julia Donaldson, Illustration: Axel Scheffler
Aus dem Englischen von Mirjam Pressler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2006, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79910-1
Schlagwörter: Humor/Komik | Fabelwesen | Abenteuer

Megalili aus dem Riesenland klettert auf die Erde und entführt drei Minipopps, drei Kinder nach Magrolonien. Die Riesin bestückt ihr Puppenhaus mit den Menschenkindern und findet das Spiel mit echten Figürchen natürlich toll. Doch die Kinder wollen auf keinen Fall lebendiges Spielzeug sein. Bevor ihnen aber die Flucht nach Hause gelingt, haben sie so manches Abenteuer und viele gefährliche Situationen zu meistern. – Da die Riesin die verbotene Grenze überschreitet, ist das Buch bereits zu Beginn spannend. Der Alltag der drei Entführten in der Riesenwelt gestaltet sich aufregend, die ungewohnte Perspektive aus der Sicht als Zwerg lässt selbstverständliche Sachen zu ernsthaften Hindernissen anwachsen. Mit magrolonischem Wörterbuch, das zu herrlichen Sprachspielen verführt. Meisterhaft erzählt und witzig illustriert!

Iris Boldt

Tim und das Geheimnis von Captain Crow
Eoin Colfer
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2006, Seiten: 95, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-79916-6
Schlagwörter: Ferien

Tim (9), zweitältester von fünf Brüdern und einigen vielleicht schon bekannt vom Geheimnis der Knolle Murphy, hat es schwer mit seinen Brüdern. Der 5-Jährige spricht nur noch in Babysprache, während der Älteste vor dem Einschlafen Gruselgeschichten erzählt. Die Geschichte vom Captain Crow, dem "grausamsten, fiesesten und stinkendsten" Piraten aller Zeiten hat es ganz besonders in sich, denn sein Geist spukt noch heute über der Landzunge vor Tims Dorf. Ein 9-jähriger Schiffsjunge hatte ihm vor über 300 Jahren eine Axt in den Kopf gerammt. Und streift heute ein 9-jähriger Junge spätnachts über die Felsen, so kommt der grausame Geisterpirat und holt ihn sich. Kurze Zeit später bleibt es Tim nicht erspart, nachts allein über die Felsen den Nachhauseweg anzutreten. Und daran ist natürlich sein grosser Bruder schuld. – Eine kurze, spannende und auch lustige Geschichte, die lesefaule Jungs genau so gerne lesen werden wie lesebegeisterte Mädchen. Hoffentlich gibt's bald noch mehr von Tim zu lesen!
Christine Lischer

Kiki Strike
Kirsten Miller
Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Löcher-Lawrence
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2006, Seiten: 399, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8270-5170-7
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Die Schattenstadt

Das glamouröse New York hat tief im Boden eine Art Gegenpol – die Schattenstadt. Sie wurde einst von zwielichtigen Gestalten für ihre ebensolchen Geschäfte geschaffen. Fast niemand mehr weiss um diese Unterwelt. Eine der wenigen ist Kiki Strike, eine geheimnisvolle junge Frau. Sie wirbt fünf Mädchen mit je ganz besonderen Fähigkeiten an und zusammen vermessen und kartieren sie die noch existierenden Zu- und Ausgänge der Schattenstadt. Aber wozu? Das ist Kikis Geheimnis. Ein gefährlicher Zwischenfall bringt die "Ungebetenen" vorerst auseinander. Schliesslich aber eint Prinzessin Sidonia Galatzina von Prokovia mit ihren schurkenhaften Plänen die Truppe erneut. Diesmal schlagen die Mädchen endgültig zu und Kiki kann ihr Geheimnis lüften. – Eine herrliche Story! Spannend, voller Überraschungen, ein bisschen Soap, ein Wechsel zwischen Schein und Sein, zwischen Glamour und wirklichem Leben. Und als starke Figuren sechs Girls, die alle männlichen Helden in den Schatten stellen!
Ulrich Zwahlen

Marie und der Himmel auf Erden
Martha Heesen
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2006, Seiten: 125, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-6062-2
Schlagwörter: Eifersucht/Neid

Da ihre allein erziehende Mutter arbeitet, verbringt die 10-jährige Marie ihre Freizeit oft beim heiss geliebten Opa. Nichts ist schöner, als mit ihm in seiner Scheune zu sitzen und seine selbst kreierten Wunder-Maschinen zu begutachten. Doch eines Tages ist alles anders. In Opas Stube sitzt eine fremde Frau namens Greet, die Anspruch auf Opa und auch auf seine Erfindungen zu haben scheint. Nichts ist mehr wie vorher. Ihr Grossvater ist wie ausgewechselt und widmet seinen Basteleien kaum mehr Zeit. Auch um sie kümmert er sich nicht mehr mit der gleichen Aufmerksamkeit. Marie probt mit Erfolg den Aufstand, um ihn wieder zurückzugewinnen. – Marie wirkt sehr selbständig und doch verletzlich. Sie besitzt viel Fantasie und Familiensinn. Die Angst um den sich anbahnenden Verlust der vertrauten Geborgenheit und die herzhaften Versuche, dies zu verhindern, lassen die grosse Verbundenheit zwischen Opa und Enkelin spürbar werden.
Therese Stooss

Das Papa-Projekt
Sabine Neuffer
Verlag: Dressler, Publiziert: 2006, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-1410-5
Schlagwörter: Freundschaft

Nele trifft auf Timmi, einen niedlichen kleinen Jungen aus der Nachbarschaft. Sie setzt nun alles daran, dass Timmi und sein Papa mit Nele und Mama eine Familie sein könnten. Parallel zu diesem Papa-Projekt wollen Nele und ihre Freundin Sara der verzweifelten Jessica helfen und die Ausreisserin eine Weile verstecken. – Die turbulente Geschichte um die drei Freundinnen und um Neles Familiensituation ist äusserst reizvoll zu lesen und nimmt schliesslich ein vorläufig gutes und realistisches Ende. Viele kindgerechte Themen sind angesprochen und werden glaubwürdig dargestellt: Wunsch nach vollständiger Familie, verborgene Schuldgefühle, spannende Abenteuer mit Freundinnen, Kinderwelt vs. Erwachsenenvorstellungen… Die Menschen wirken lebendig und unparteiisch und überzeugen durch geschickte Handlung und ernsthafte Dialoge. Überraschungen und unvorhergesehene Wendung lassen den Spannungsbogen auch zum Schluss hin nicht abflachen. Solide Lektüre.
Beatrix Ochsenbein

Tamara und die Teufel
Bruno Blume
Verlag: Altberliner, Publiziert: 2006, Seiten: 135, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-86637-073-9
Schlagwörter: Religion | Ferien | Familie/Familienformen

Im Unterricht wird über Weihnacht, Ostern gesprochen, und da tauchen Gedanken über Unerklärliches auf, wie Gott und Teufel, Engel oder allenfalls Gespenster. Tamara (8-10) darf mit Tom und seiner Mutter die Ferien auf einem Bauernhof verbringen, wo sie auf weitere Kinder treffen. Sie erleben allerlei Unterhaltsames, wie Tiere betreuen und reiten. Vor allem interessiert sie aber ein angeblich verwunschenes Schloss mit einem umgehenden Gespenst, ist dies wohl der Teufel? Das Abenteuer des Nachforschens packt alle Beteiligten bis das Rätsel auf sehr einfach natürliche Weise gelöst wird. Dass die allein erziehende Mutter aber offenbar wichtige Arbeiten beim geschiedenen Bauern ausführt, erfüllt die Kinder mit Sorge. – Die Ereignisse werden unterhaltsam erzählt, die Leser könnten sich derartige Abenteuer ohne weiteres vorstellen. Auf kindliche Art werden aber auch ethische Fragen aus Religion und Zusammenleben angetönt.

Siegfried Hold

Wenn er kommt, dann laufen wir
David Klass
Verlag: Arena, Publiziert: 2006, Seiten: 325, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-05898-3
Schlagwörter: Aussenseiter:in/Mobbing

In das geregelte Leben einer unauffälligen, gesellschaftlich akzeptierten Normalfamilie bricht das Unheil einer unbewältigten Vergangenheit ein: Vor über fünf Jahren hat der ältere Sohn einen Schulkameraden mit dem Messer umgebracht und ist dafür, obwohl erst 16, zu lebenslänglich Zuchthaus verurteilt worden. Deswegen hat die Familie einen Wohnsitz in einem anderen Staat (USA) gesucht. Jetzt wird der Jüngling wegen seinerzeitiger Fehlbeurteilung freigesprochen und kommt nach Hause. Die Gerüchte beginnen sich zu jagen, besonders als ein Schüler spurlos verschwindet. Zu leiden hat besonders der jüngere Bruder Jeff (16), der in der Schule gemobbt wird und aller Beziehungen verlustig geht. Er allein ist überzeugt von der seinem Bruder immanenten Bosheit. Schwere Konflikte sind programmiert. – In unzähligen Diskussionen wird über Gut und Böse diskutiert, fundamentalistisch religiöse Grundsätze stehen harter Realität gegenüber. Die Spannung wird bis zuletzt hochgehalten.
Siegfried Hold

Für immer mein Opa
Sverre Henmo
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2006, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55337-8
Schlagwörter: Tod/Trauer | Familie/Familienformen

Wie erklärt man einem Kind, wie das ist, wenn man gestorben ist, mit dem Körper und der Seele, mit dem Vergrabensein in der Erde bei den Würmern oder mit dem Verbranntwerden? Und dass Dinosaurier wohl in einem eigenen Himmel sind und Opa nicht gefährlich werden können? Martin hat mehrere Gesprächspartner, die mit ihm über Opas Tod sprechen. Omi und Opi, und auch seine Eltern, doch die sind auch noch mit der Ankunft des Babys beschäftigt. Ob Opa sein kleines Geschwisterchen unterwegs antrifft? Jedenfalls muss Martin ganz oft an ihn denken, und als er für seinen kleinen Bruder den Namen aussuchen darf, weiss er auch schon welchen. – Martins Familienalltag mit Tod und Geburt wird liebevoll und warmherzig beschrieben. Zu den bunten Bildern im Verlauf der Geschichte gesellen sich an den Kapitelanfängen – jeweils zum Kapitelinhalt passend – lustige Vignetten, auf denen Opa auf einer Wolke zu sehen ist. Viel Wesentliches über Leben und Sterben ist in dieser nachdenklich-heiteren Familiengeschichte zu finden.
Claudia Hubacher

Die Traumkarten
Nathalie Marrer
Verlag: Cosmos, Publiziert: 2006, Seiten: 205, ISBN/ISSN/EAN: 3-305-00333-2
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Geschwister

Die 13-jährige Laura findet sich plötzlich in einem Traumland wieder. Dort fasst sie gleich den bedeutenden Auftrag, zwei Schwerter zu finden, welche die Menschheit vor der Macht des bösen Karan schützen sollen. Karan, der unsere Träume zu Albträumen werden lässt, muss besiegt werden. Auf dem gefährlichen Weg durchs Traumland begegnet Laura ihrem Ebenbild namens Kara. Sie erfährt, dass diese ihre Zwillingsschwester ist, die kurz nach ihrer Geburt in Karans Hände geraten war und bei ihm aufgewachsen ist. Kann Laura hinter dem harten Blick ihrer Schwester so etwas wie Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe spüren? – Das Erstlingswerk einer Vierzehnjährigen beeindruckt durch fliessendes Erzählen und der speziellen Erzählperspektive, die jeweils wechselt zwischen der Sicht der beiden Zwillingsschwestern. So wirkt der Text lebendig, wenn auch sprachlich noch nicht ganz ausgereift. Wir sind gespannt auf ein weiteres Fantasy-Abenteuer der Jungautorin.

Katja Hänggi

Bill et und Fabienne
Lorenz Pauli, Illustration: Kathrin Schärer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0524-5
Schlagwörter: Mehrsprachigkeit | Natur | Forschen

Auf der Suche nach dem grossen Glück will Bill, die Wasserratte, bis ans Meer wandern. Doch schon bald trifft er auf Fabienne, die ihm von seinem Vorhaben abrät. Zusammen erforschen sie die Umgebung und erleben einige Abenteuer. Was Bill für eine Kirche hält, ist in Wirklichkeit ein Kraftwerk. Fabienne erklärt, wie Strom hergestellt wird. Nach einem aufregenden Tag sitzen die beiden Wasserratten am Fluss und beobachten den Sternenhimmel. Bill weiss nun, dass er das grosse Glück gefunden hat und nicht mehr danach zu suchen braucht. – Auf jeder Seite findet sich der Text jeweils zuerst in Deutsch und darunter in Französisch. Die Geschichte ist mit farbigen Bildern reich illustriert. Im zweiten Teil des Buches finden sich Experimentiervorschläge und Bastelanleitungen zu den Themen Wasser- und Windenergie sowie ein Rezept für Kraftstängel. Alles wird anschaulich in Wort und Bild (s/w Zeichnungen und Fotos) erklärt. Ein in mehrfacher Hinsicht gelungenes (Sach-) Bilderbuch, das sich in Kindergarten und Unterstufe vielseitig einsetzen lässt. Aus Anlass der Revision des Kleinwasserkraftwerks in der Taubenlochschlucht/Biel entstanden (mit Ausflugstipps).

Madeleine Steiner

Lius Reise
Catherine Louis
Aus dem Französischen von Cornelia Hausherr
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-314-01491-8

Eines Nachts träumt Liu von ihrem Grossvater. Seine Lippen formen ihren Namen, scheinen sie zu rufen. Da Liu den Grossvater gerne wiedersehen möchte, bricht sie sofort auf, um ihn zu besuchen. Ein Stern weist ihr den Weg, dann ein Kind, der Fluss, die im Wind murmelnden Baumwipfel, ein Stöckchen, ein Mann, eine Feder. Wohlbehalten langt Liu schliesslich jenseits der schneebedeckten Berge beim Grossvater an. Der alte Mann erwartet sie bereits. Nun soll sie ihm von ihrer Reise erzählen – nicht in Worten, sondern mit dem Pinsel. Und so setzt sich das Mädchen hin, um seine Zeichnungen für sich sprechen zu lassen.
Die schlichte Erzählung der welschen Illustratorin Catherine Louis ist mehr als die blosse Umsetzung des Topos von der Malerei als schweigender Dichtung. “Lius Reise” ist ein Bilderbuch über die Zeichenhaftigkeit der Sprache generell und eine erste Annäherung an das Chinesische im Besonderen. Pro Doppelseite werden ein bis drei Wörter aus dem Erzähltext herausgegriffen und als Bild, als altes sowie als modernes chinesisches Schriftzeichen dargestellt. Wer eigene Geschichten auf Chinesisch “erzählen” will, kann die insgesamt dreissig im Buch vorgestellten Zeichen aus einem Poster ausschneiden, oder – als angehende Kalligrafin – die Anleitungen zur Herstellung von Schriftrolle, Borstenpinsel, Zeichenkohle und Geheimtinte umsetzen. Bestechend ist zudem die Einheit von Inhalt und Form des Buches. Die Kombination von Linoldruck und gerissenem Buntpapier der Illustrationen erinnert nicht nur an chinesische Malerei, sondern harmonisiert ideal mit dem Charakter der Erzählung und korrespondiert aufs Beste mit dem Thema der Kalligrafie.
Ursula Kahi

Gute Nacht, Gorilla
Peggy Rathmann
Verlag: Moritz, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89565-177-9
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen

Wie jeden Abend dreht der Zoowärter nach der Arbeit eine letzte Runde bei den Tieren und wünscht ihnen eine gute Nacht. Anschliessend legt er sich zu Hause neben seiner Frau schlafen. Völlig entgangen ist ihm, dass ihm der gewitzte Gorilla schon ganz zu Beginn seines Rundgangs den Schlüsselbund für die Käfige entwendet und darauf Elefant, Löwe, Giraffe, Hyäne und Gürteltier Tür und Tor geöffnet hat. Die Tiere, einschliesslich einer eine Banane schleppenden Maus, ziehen erst in einer langen Reihe hinter dem Wärter her und legen sich dann im Schlafzimmer des Wärterehepaares auf dem Boden, der Gorilla sogar im Bett, zur Ruhe. Der in völliger Dunkelheit ausgesprochene, freundliche Gute-Nacht-Wunsch seitens der Frau, löst einen ebensolchen der Tiere aus. Dieser wiederum führt auf Seiten der Frau zu – sagen wir mal – grösserem Erstaunen. Die Selbstverständlichkeit aber mit welcher die Frau des Zoowärters den nächtlichen BesucherInnen begegnet, wird nicht wenige BetrachterInnen dieses humorvollen Pappbilderbuches an eigene nächtliche Wanderschaften und (versuchte) Rückführungsaktionen von Kleinkindern erinnern.
Auf dem Titelblatt des Buches kündigt sich die lustige Aktion des Gorillas bereits an. Schon ganz kleine Kinder werden diese humorvolle Reihengeschichte mit grösster Neugier und dem Stolz des Vorauswissens verfolgen. Die Kehrtwende, die die Illustratorin nach mehr als zehn zartbunten Doppelseiten in der nur von den Sprechblasen mit den Gute-Nacht-Wünschen durchbrochenen rabenschwarzen Doppelseite herbeiführt, ist genauso mutig wie zeichnerisch konsequent, da sie das allseitige Erstaunen erfahrbar macht. Ein rundum geglücktes Bilderbuch für kleine und grosse NachtwanderInnen.
Barbara Jakob

Fast alles
Joëlle Jolivet
Aus dem Französischen von Violeta Topalova
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-51661-9

Dieses attraktive Riesenstöberbuch verspricht eine abenteuerliche Entdeckungsreise. Einmal Umblättern genügt, und schon taucht man ein in eine faszinierende Welt. Dreizehn Themen stehen zur Auswahl: Bäume und Blumen, Obst und Gemüse, Tiere, der menschliche Körper, historische Kostüme, Volkstrachten, Häuser, Werkzeuge, Baumaschinen, Fahrzeuge, Schiffe, Flugzeuge und Hubschrauber – und Musikinstrumente. Auf unzählige Kinderfragen gibts die passende Antwort: Wie lange es wohl dauert, bis die eben gegessene Speise wieder verdaut und ausgeschieden wird (nach zirka zehn Stunden und einer Reise durch acht Meter langes Gedärm), oder ob Höhlenmenschen ihre Behausung mit einem Besen gereinigt haben (jawohl, haben sie). Kleinste Details werden hervorgehoben, und dauernd gibt es Neues zu entdecken, denn beim Durchblättern des Registers wird klar, dass man einiges übersehen hat. Die kindgerecht vereinfachten Darstellungen sind mit energischem, schwarzem Strich vorgezeichnet und mit klaren, leuchtenden Farben ausgemalt.
Dieses Sammelsurium bietet zusätzlich zu breiter Information auch Lese- und Bilderspass vom Feinsten und eignet sich ideal für neugierige Kinder zum Schmökern oder zum Diskutieren mit Erwachsenen. Mit seiner überragenden Grösse (45 cm hoch) kann es in keinem Kinder- oder Klassenzimmer übersehen werden; immer griffbereit lockt es mit überraschendem Unterhaltungs- und Lerneffekt.
GIOVANNA RIOLO

Hör zu, was ich erzähle, Willi Wiberg!
Gunilla Bergström
Aus dem Schwedischen von Dagmar Brunow
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-6317-3
Schlagwörter: Krieg | Freundschaft

Der Papa von Willi Wibergs Freund Hamdi ist ein Superfussballer und ein Held. Er baut mit den Jungs ein Fussballtor, und früher war er sogar ein richtiger Soldat in einem richtigen Krieg. Leider will er nicht darüber reden. Die beiden Freunde kennen den Krieg auch, von Computerspielen und Filmen. Diese sind furchtbar spannend und toll. Oft spielen sie selber Krieg, einen Spass-Krieg, und sie wünschen sich Panzer und Pistolen zu Weihnachten, Spiel-Zeug.

Endlich erzählt Hamdis Vater seine Geschichte. Da begreifen die Buben, dass Krieg etwas Trauriges ist, voller Ernst und nicht wie im Spiel, wo immer die Guten siegen. Dass es Menschen gibt, die wegbomben, aber auch solche, die aufbauen. Der Vater berichtet von einem verlassenen Dorf in den Bergen und von einem Flugzeugangriff. Er schildert seine grosse Angst: Wie er am Boden liegt und eine Ameise beobachtet, die während der Erschütterungen nur kurz innehält und danach ruhig und unbeugsam wieder ihre Last aufnimmt. – Als später jemand das Fussballtor zerstört, bauen sie es gemeinsam wieder auf.

Dieses erstaunliche und überzeugende Anti-Kriegs-Bilderbuch holt die Jungs und Möchtegernhelden in ihrem Alltag ab und anerkennt ganz selbstverständlich ihre Faszination durch Krieg und Heldentum. Allerdings wird bald einmal klargestellt, wo die Unterschiede liegen. Die Geschichte kommt gänzlich ohne reisserische Schreckensbilder aus, polarisiert nicht zwischen Freund und Feind und vermittelt eine hoffnungsvolle Vision einer Überlebensstrategie. Das neue Bilderbuch mit der sympathischen Identifikationsfigur Willi Wiberg ist äusserst aktuell und kann sehr empfohlen werden.

Beatrix Ochsenbein

Die Prinzessin auf der Erbse
Lauren Child
Übersetzt von Sophie Birkenstädt
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-51669-5
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Hans Christian Andersens Märchen ist hinlänglich bekannt: Ein Prinz sucht sich eine adäquate Lebensgefährtin. Als Test benutzt seine schlaue Mutter, die Königin, den unschlagbaren Erbse-unter-vielen-Matratzen-Trick – und voilà, die passende Braut ist erkoren. Nun hat sich die englische Bilderbuchkünstlerin Lauren Child (für “Nein! Tomaten ess ich nicht!” wurde sie mit der Kate-Greenaway-Medaille ausgezeichnet) dieser oft bebilderten Vorlage angenommen. Herausgekommen ist dabei Spektakuläres. Die Bilder sind fotografierte Innenräume, die Lauren Child aus Cornflakes-Packungen und dünnem Karton ausschnitt und perfekt einrichtete mit richtigen Puppenstubenmöbeln. Wo sie nichts Passendes fand, machte sich die Künstlerin gleich selbst ans Basteln, so beim pochierten Ei auf dem Frühstückstisch. Oder sie vergab spezifische Aufträge an Spezialisten, etwa für den Kristalllüster im Prinzessinnen-Schlafgemach, der sich sogar anknipsen lässt. Dazwischen agieren die Papierfiguren, gekleidet in passende Stoffe und umkränzt von echten Bäumen und Zweigen, und lassen die Geschichte auf fast dreidimensionale Weise lebendig werden. Polly Borland, international renommierte Porträtfotografin, hat alles mit ihrer Kamera eingefangen. Das Ergebnis ist ein freches, unbekümmertes, genau durchkomponiertes Meisterwerk, bei dem sich auch nach mehrmaligem Betrachten immer wieder Neues entdecken lässt. Dazu passt der witzig adaptierte Text, der in Layout und Farbgebung genau so verspielt und originell daherkommt wie das ganze Buch.

Allen, die noch mehr in Lauren Childs Welt eintauchen wollen, ist ihre Website zu empfehlen: www.milkmonitor.com. Achtung: Suchtgefahr!

Maja Mores

Feenzauber und Schweineglück
Sophie Schmid
Verlag: Terzio, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89835-850-7
Schlagwörter: Humor/Komik | Märchen/Fabel | Tiere | Fabelwesen

Im Feenland herrschen unhaltbare Zustände. So öde wie bisher kann es unmöglich weitergehen, findet die Zauberfee. Andauernd wird nur Blödsinn gewünscht, Jungs wollen Computerspiele in Massen und Mädchen Puppen, Kleider und anderen Firlefanz. Eines schönen Tages sträubt sie sich, all den Quatsch herzuzaubern und will nie mehr als gute Fee arbeiten. Die Berufsberaterin unterbreitet ihr ausgefallene Vorschläge, von lieblichem Schutzengel bis fiese Dämonin reicht das Angebot. Die Fee wird fündig: Eine verwunschene Prinzessin will sie werden! Alsbald wird sie in ein Schwein verwandelt und soll auf den Prinzen warten, der sie küssen und somit erlösen wird. Doch es kommt alles ganz anders, und die Fee suhlt sich lieber glücklich mit Eber Toni im Schlammbad, als sich von einem dahergelaufenen Prinzen erlösend küssen zu lassen.

Dass einem die immer gleichen Wünsche zur Verzweiflung bringen, kann jedes Kind nachfühlen. Wenn dann aber die Fee, die alles andere als feenhaft dargestellt ist, als Schwein ihr Glück findet, sind doch ein paar Gedankenschritte mehr gefordert, die den Kleinen bewusst machen, dass sich wahres Glück an ungeahnten Orten verstecken kann. Die pfiffigen, bunten Bildsequenzen auf graubraunem Packpapier sind bestens geeignet, der witzig-skurrilen Geschichte zu folgen und sich mit dieser Botschaft auseinanderzusetzen. Die erfolgreiche Illustratorin Sophie Schmid hat ein freches Märchen kreiert, das sture Verhaltensweisen mit viel Humor und spritziger Sprache hinterfragt. Ein Bilderbuchleckerbissen für Kinder – und Erwachsene, die es im Herzen geblieben sind.

Giovanna Riolo

Ab in die Kiste
Anouk Bloch-Henry, Illustration: Pronto
Verlag: Kinderbuchverlag Wolff, Publiziert: 2006, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-938766-13-1
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen | Tiere | Familie/Familienformen

“Du, Wolf, brauchst dich gar nicht zu beschweren.” Mit diesem Satz beginnt die Geschichte einer gründlichen Wolfsaustreibung – und damit der Angstüberwindung. Der kleine Erzähler von “Ab in die Kiste” versucht seine Angst vor dem bösen Wolf zunächst mit Hilfe seines Papas zu vertreiben. Doch kaum schläft dieser am Bett seines Sohnes ein, kriecht schon der Wolf darunter hervor. Da hilft nur die Wolfskiste: Alles, was irgendwie an Wölfe erinnert, wird Stück für Stück in diese stabile Holzkiste gepackt – vom Tier-ABC bis zur “Peter und der Wolf”-Kassette. Zum Schluss ein stabiles Vorhängeschloss davor, die Kiste im Keller aufs höchste Regal gestellt und den Schlüssel in ein Geheimversteck gepackt – jetzt endlich ist die Angst besiegt.

Der Wolf ist eines der Lieblingstiere französischer BilderbuchautorInnen – doch selten hat er so wenig zu sagen wie in Anouk Bloch-Henrys psychologisch hilfreichem Bilderbuch. Illustrator Pronto setzt mit flächigen Acryl-Illustrationen um, was der Text suggeriert: Der Wolf ist ein schwarzer Schatten, der im Dunkeln lauert. Er erscheint, sobald das Licht verschwindet. Weil es keine dauerhafte Lösung sein kann, den Papa bei eingeschaltetem Licht am Bett sitzen zu lassen, müssen Vater und Sohn sich etwas anderes ausdenken.

Die ungewöhnliche Erzählperspektive, in der nicht die LeserInnen, sondern der Wolf direkt angesprochen wird, bietet ängstlichen Kindern eine ideale Möglichkeit, sich selbst ihren Ängsten zu stellen: Sie anzusprechen, sie einzupacken, sie zu überwinden. Und sich vielleicht später wieder mit ihnen auseinanderzusetzen – so wie vielleicht auch der Wolf eines Tages wieder aus seiner Kiste befreit wird.

Maren Bonacker

Schach für Siegertypen
Verlag: Terzio, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89835-391-5
Schlagwörter: Spiel

Wer die ersten beiden Folgen von «Fritz und Fertig» erfolgreich bestanden hat, kann die Hände noch lange nicht in den Schoss legen. Das königliche Brettturnier hält auch für erprobte Spielerinnen und Spieler noch zahlreiche Finessen bereit. «Schach für Siegertypen» von Björn Lengwenus und Jörg Hilbert bietet Kindern ab 8 Jahren wiederum humorvoll verpackte Trainingsmöglichkeiten und führt in neue Varianten und raffinierte Winkelzüge ein. Da können selbst Erwachsene noch einiges dazulernen.

Natürlich ist der durchtriebene König Schwarz wieder mit von der Partie. Diesmal treibt er auf dem Bärenthaler Dorfrummel sein Unwesen und sinnt nach seiner letzten Schlappe erneut auf Rache.

In König Bunts Spezialitätenimbiss treffen Fritz und Bianca sechzehn verzweifelte Könige an. Durch eine hinterlistige Wette hat ihnen König Schwarz all die gewonnenen Kuscheltiere abgeluchst. Gemeinsam mit ihrem alten Schachcoach Fred Fertig ziehen Fritz und Bianca gleich los, um an den verschiedenen Jahrmarktbuden neue Kuscheltiere zu holen. Wie zu erwarten, geht es im Flohzirkus, beim Dosenwerfen, auf dem Riesenrad, in der Geisterbahn oder an der Losbude ausschliesslich um knifflige Schachaufgaben. Die Macher der gelungenen Lernsoftware haben sich hierzu wieder einiges einfallen lassen und führen didaktisch überzeugend und in gewohnt lockerer Weise durchs Programm.

Wie immer steht den Spielerinnen und Spielern Biancas Tagebuch als hilfreiches Nachschlagewerk zur Verfügung und auf der Verlagsseite finden sich unter www.terzio.de/tipps/ weitere Hinweise zu den einzelnen Stationen.

Schafft man es in den Spielen auf die Highscoreliste oder löst die Aufgaben zur Zufriedenheit der Budenbesitzer, winkt jeweils ein Kuscheltier als Belohnung. Mal wird auf Zeit gespielt und schnelle Reaktion ist gefordert, mal müssen die Züge in weiser Voraussicht geplant und für den Sieg sogar wertvolle Figuren geopfert werden. Bei der Wahrsagerin lernt man mit einem Gedankenfahrplan brenzlige Situationen zu erkennen, verschiedene Handlungsmöglichkeiten sorgfältig abzuwägen und erst nach reiflicher Überlegung die geeigneten Schritte einzuleiten. Beim Autoscooter wird das Hinlenken und Anlocken gegnerischer Figuren geübt, und in der Westernbude gilt es, die Revolverkugel reaktionsschnell so lange im Spiel zu halten, bis alle Ballone getroffen sind. Für spannende Abwechslung sorgt auch das Räuberschach. Bei dieser Variante müssen für einmal möglichst viele Figuren verloren werden. Die Übersichtsseite zeigt jeweils an, welche Schauplätze man schon besucht hat, und erlaubt den direkten Zugriff auf bereits absolvierte Spiele.
Hat man sich schliesslich mit Fritz und Bianca an allen Buden bewährt, kann man König Schwarz erneut zum Duell fordern und in einem Entscheidungsspiel die erspielten Prämien gegen die gestohlenen Kuscheltiere setzen.

Daniel Ammann

Der kleine Medicus
Verlag: Cornelsen Software, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-464-90012-3
Schlagwörter: Körper

In einer Mischung aus Science-Fiction-Abenteuer und Krimi erzählt der Arzt Dietrich Grönemeyer in seinem Sachbuchroman «Der kleine Medicus» (Rowohlt 2005) die Geschichte des zwölfjährigen Nanolino, der als winziger «Korponaut» eine Reise durch den Körper erlebt (vgl. «Buch & Maus» 1/2006, S. 18–19). Die gleichnamige Multimedia-CD-ROM für Kinder ab neun Jahren adaptiert die Handlung für einmal nicht als Spielgeschichte, sondern präsentiert sich als rasantes Wissensquiz mit einem umfangreichen interaktiven Nachschlageteil.

Wie in einer richtigen Fernsehshow müssen im Spielmodus Fragen rund um den menschlichen Körper und aus der ganzheitlichen Medizin in Echtzeit beantwortet werden. Micro Minitec, die Assistentin von Professor X aus dem Roman, führt quasselnd durchs Programm, erklärt das Vorgehen und prüft das Wissen der Quizteilnehmer mit unterschiedlichen Fragetypen. Beim «Belastungs-EKG» beispielsweise müssen während 60 Sekunden so viele Fragen wie möglich beantwortet werden, beim «Sehtest» gilt es ein unscharfes Bild zu erkennen, oder man spielt auf Risiko und darf den Spieleinsatz selbst bestimmen.

Im interaktiven Lexikon werden auf 184 Bildschirmseiten Krankheiten und Behandlungsmethoden, menschliche Anatomie und medizinische Technik verständlich erklärt und teilweise mit animierten 3-D-Grafiken illustriert. Die Rubrik Wissenswertes informiert über Ernährung, Bewegung oder das richtige Verhalten bei einem Notfall, und in Grossmutters Rezepten findet man Tipps für die Zubereitung von Tees oder zur Anwendung von Heil- und Duftölen. In zahlreichen Videoeinspielungen meldet sich Prof. Grönemeyer zudem selber zu Wort und äussert sich zu Themen wie Akupunktur, Bauchweh, Fieber, Hypnose, Rauchen, seelisches Ungleichgewicht oder Kernspin- und Computertomografie. Dank alphabetischem Index, der Möglichkeit zu blättern und einer Suchfunktion eignet sich die Wissensebene hervorragend zum Stöbern und bereitet die neugierigen Spielerinnen und Spieler aufs Quiz vor.

Hier können die Kandidaten sogar zu zweit gegeneinander antreten, sei es am gleichen Computer oder über vernetzte Geräte. Der oder die Schnellere reserviert sich zuerst die Frage und hat dann zehn Sekunden Zeit, die richtige Antwort einzugeben. Liegt man allerdings falsch, werden wertvolle Punkte abgezogen und die Frage geht automatisch an den Gegner. Wie es sich für ein interaktives Quiz gehört, können natürlich auch Joker eingesetzt werden. So lässt der Minus-1-Joker zum Beispiel eine der falschen Antworten verschwinden und der Recherche-Joker räumt einem eine Minute Zeit ein, um in der Wissensebene nach der Lösung zu suchen.

Da stets auf Zeit gespielt wird, müssen die Prüflinge blitzschnell reagieren und durch Eingabe der entsprechenden Zahl die zutreffende Antwort wählen. Eine Spielübersicht zeigt anschliessend mit grafischen Balken an, wie erfolgreich man in den verschiedenen Themengebieten war. Hat man sich in allen Wissensbereichen bewährt, winkt am Ende ein Diplom zum Ausdrucken.

Daniel Ammann

Der total verrückte Tüftelspass
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-8044-6
Schlagwörter: Technik | Forschen

Crazy Machines für die ganze Familie

Im Labor des Professors warten auf geduldige Tüftlerinnen und Tüftler rund hundert physikalisch-technische Experimente in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden. Anfangs müssen nur ein paar Bälle mittels geschickt platzierter Bretter ins Ziel befördert werden. Aber bald schon kommen weitere Elemente wie Dominosteine, Federn, Katapulte, kleine Roboter oder Magnete, Springfrösche, Dampfmaschinen und Zeppeline ins Spiel. Jedesmal gilt es, die zur Verfügung stehenden Objekte aus der Elementleiste am rechten Bildrand an der passenden Stelle in die Versuchsanordnung einzufügen und mittels Kontextmenü allenfalls noch in die richtige Position zu drehen. Das fordert schon einiges an Vorstellungsvermögen, aber über die Schalttafel kann das Experiment jederzeit versuchsweise in Gang gesetzt werden und so Hinweise liefern, warum es noch nicht klappt. Vielleicht dreht sich noch ein Zahnrad in die falsche Richtung oder ein Gewicht reicht nicht aus, um den Hebel einer Falltür oder eines Ventils zu betätigen.

Ist die Aufgabe schliesslich gelöst, folgt sogleich die nächte Herausforderung. Jedesmal gibt der Professor eine kurze Erklärung ab, die auch in einem Textfeld nachgelesen werden kann, und bittet die Spieler um ihre Hilfe. Und will es einmal gar nicht klappen, befindet sich auf der CD-ROM eine PDF-Datei mit Komplettlösung.

Falls die Crazy Machines wie angepriesen die ganze Familie unterhalten sollen, muss hier auch im Team gearbeitet werden. Einige Aufgaben sind für Sechsjährige eher zu komplex und bestimmte Funktionen der Navigation und Bedienung erschliessen sich teilweise erst durch Versuch und Irrtum. Leider ist es nicht möglich, mehrere Spielstände individuell abzuspeichern. Klickt man auf ein «neues Spiel», muss man die Ausbildung zum Professor wieder ganz von vorne beginnen.

Neben diesen Nachteilen überzeugt das kostengünstige Spiel dafür durch witzige Aufgabenstellungen, realistische Bewegungssimulation und vor allem durch ein weiteres Labor, in dem man eigene Experimente erstellen, als Aufgaben samt Begleittext und Punktezahl konfigurieren und für andere Spieler exportieren kann. Wenn man die vier Prüfungen des Professors bestanden und seine Diplome gemacht hat, kann der Tüftelspass hier also endlos weitergehen.

Daniel Ammann

Max fährt Bus, Bahn und Schiff
Verlag: Tivola, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89887-130-3
Schlagwörter: Abenteuer | Alltag | Spiel

«Endlich der neue Max», steht auf der Hülle der CD-ROM. Das Warten hat sich durchaus gelohnt. Die siebte Spielgeschichte in Barbara Landbecks Reihe mit dem kleinen «Schweinehund» Max präsentiert sich als frische und abwechslungsreiche Fortsetzung.

Während Max und sein erfinderischer Onkel Pong gemütlich zu Hause sitzen, erreicht sie ein Hilferuf des kranken Leuchtturmwärters. Vor Einbruch der Dunkelheit muss unbedingt die kaputte Glühbirne des Leuchtturms ersetzt werden. Mit Hilfe der Spielerinnen und Spieler macht sich Max gleich auf den Weg. Auf seiner Einkaufsliste stehen nebst Glühbirne auch eine Zeitung, etwas Obst und ein Blumenstrauss für den kranken Freund. Ausserdem gilt es, an den verschiedenen Schauplätzen sechs Spielfiguren zu finden, die für das von Pong entwickelte Mensch-ärgere-dich-nicht benötigt werden.

Max fährt mit dem Bus in die Stadt, besucht das Lampengeschäft, nimmt am Bahnhof nach weiteren Einkäufen den Zug zum Hafen und gelangt – sofern er alles auf seiner Liste besorgt hat – in einem heiklen Lenkspiel per Boot zum Leuchtturm.

Das im Wesentlichen als Suchspiel angelegte Alltagsabenteuer mutet Kindern ab vier Jahren bereits etwas Orientierungssinn und Selbständigkeit zu. So muss man an der richtigen Haltestelle aussteigen und sein Geld für die nötigen Einkäufe und zum Lösen von Fahrkahrten einteilen. Mit Musikdarbietungen auf dem zusammenklappbaren E-Piano können zwischendurch allerdings auch wieder ein paar Hundetaler dazuverdient werden.

Eine kindgerechte Navigation, ansprechende Illustrationen nach handgemalten Vorlagen, kleine Lieder zum Mitsingen und witzige Effekte machen die Klick-Geschichte zu einem kurzweiligen Lernspiel. Vereinzelte Texttafeln sowie die Möglichkeit, Erzählung und Dialoge jederzeit auf Englisch umzustellen, vermitteln beiläufige Leseanreize und ermöglichen eine spielerische Begegnung mit der Fremdsprache.

Daniel Ammann

Science Mission
Verlag: Terzio, Publiziert: 2006, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89835-124-9
Schlagwörter: Abenteuer | Spiel

Eine Insel in Gefahr / Eine Stadt spielt verrückt

Unter dem Titel «Science Mission» legt der Terzio Verlag gleich zwei neu aufgelegte Wissensabenteuer im Doppelpack vor. Die Spiele mit 3-D-Grafik laden Kinder ab 8 Jahren ein, in die Rolle des jungen Topagenten Benjy zu schlüpfen und mit ihm zwei spannende Fälle zu lösen. Der clevere Held soll eine geheimnisvolle Insel vor der drohenden Klimakatastrophe bewahren und in einer verlassenen Stadt nach den Ursachen eines Umweltskandals fahnden. Dank tragbarem Minicomputer können sich die Spieler/innen mit GPS orientieren und haben auf ihrer Mission jederzeit Zugriff auf E-Mails, Internet und eine Wissensdatenbank mit hilfreichen Sachinformationen und anschaulichen Lehrfilmen.

Daniel Ammann

Was sagt das Stachelschwein zum Kaktus?
Erhard Dietl
Verlag: Arena, Publiziert: 2006, Seiten: 152, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-02295-6
Schlagwörter: Humor/Komik

Die witzigsten Scherzfragen aller Zeiten

Der Autor Erhard Dietl hat für diese Sammlung Scherzfragen für jede Lebenslage zusammengetragen und mit kleinen Illustrationen in schwarz-weiss ergänzt. Die Fragen stammen aus so unterschiedlichen Themengebieten wie: „Andere Völker – andere Sitten“, „Früher war alles besser“, „Hund, Katze, Maus“, „Jetzt wird es sportlich“, „Schule kann auch spassig sein“ oder „Technik, die begeistert!“. Darunter sind auch einige lustige Sprüche wie „Es ringelt sich dem Schwein der Schwanz, vor Freude wenn es Tango tanzt.“ Überraschende Pointen halten vor allem die Auflösungen der Bilderrätsel, der sogenannten Drudel, bereit.

Die Scherzfragen sind eine nette Pausenunterhaltung und können gut in kleinen Portionen zwischendurch gelesen werden.

Klassenstufen: 4,5

Archimedes und der Hebel der Welt
Luca Novelli
Aus dem Italienischen von Anne Brau
Verlag: Arena, Publiziert: 2006, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-401-05744-6
Schlagwörter: Biografie | Wissenschaft | Historisches

Die Biografie „Archimedes und der Hebel der Welt“ erzählt aus der Ich-Perspektive aus dem Leben von Archimedes. Der berühmte Physiker, Mathematiker und Erfinder, der 287 v. Chr. in Griechenland geboren wurde, schuf die Grundlagen der modernen Naturwissenschaften. In dieser Biografie kommt Archimedes selbst zu Wort! In Tagebuchform erzählt er von seinen zahlreichen Erfindungen und von den Problemen und Streitigkeiten seiner Zeit. Die Leserinnen und Leser erfahren von seinen Beobachtungen und seiner Skepsis gegenüber dem gegenüber, was Eltern und Vorfahren erzählen. Eine der berühmtesten Entdeckungen von Archimedes ist das Hebelgesetz. Auch sein Einfallsreichtum im Bereich Kriegsmaschinen wird beschrieben. Ausserdem wird erzählt, wie es zum weltberühmten Ausruf „Heureka“ kam. Am Ende eines Kapitels folgt jeweils auf einer Seite eine Zusammenfassung mit Fakten zu den Erkenntnissen von Archimedes zusammen mit Fotos archäologischer und antiker Gegenstände. Die aus der Sicht von Archimedes geschriebenen Texte werden durch witzige Cartoons aufgelockert.

In der Reihe „Lebendige Biographien“ sind neben „Archimedes und der Hebel der Welt“ noch weitere Bände erschienen. Die Bücher aus der Reihe sind alle in der Ich-Form geschrieben und bringen den Leserinnen und Lesern Persönlichkeiten der Weltgeschichte auf unterhaltsame Weise nahe. Am Ende des Buches befindet sich ein Wörterbuch, das Begriffe erklärt und Zeitgenossen von Archimedes vorstellt. Das Buch ist auch als Hörbuch erhältlich. Auf dem Online-Portal „Antolin“ können Fragen zum Titel beantwortet werden.

Klassenstufen: 5,6,7,8

Alle meine Knochen – einer gebrochen
Hans Ulrich Osterwalder
Aus dem Französischen von Hans ten Doornkaat und Tobias Scheffel
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2006, Seiten: 46, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7152-0520-5
Schlagwörter: Körper

Dieses ansprechend gestaltete Kindersachbuch erzählt die Geschichte von Viktor, der die Treppe hinunterfällt und sich ein Bein bricht. Der Krankenwagen wird gerufen und die Sanitäter bringen Viktor ins Krankenhaus. Viktor hat Glück im Unglück gehabt, denn die Röntgenbilder zeigen einen einfachen, geschlossenen Bruch ohne Verschiebung, und sein Bein wird in sechs bis acht Wochen geheilt sein. Was aber geschieht beim Röntgen, beim Fixieren des Knochens im Gipszimmer? Und was genau geschieht im Knochen? Wie wächst ein verletzter Knochen zusammen?

Einfach und verständlich schildert das Buch die Untersuchungen im Krankenhaus und das Geschehen im Knochen. Für Kinder, die alles noch genauer wissen wollen, liefert ein Anhang detaillierte Informationen. Im Anschluss an die Lektüre können Fragen auf dem Online-Portal „Antolin“ beantwortet werden.

Klassenstufen: 4,5,6

Der Mann, der nicht sterben wollte
Josè L. Munuera, Jean David Morvan
Aus dem Französischen von Marcel Le Comte
Verlag: carlsen comics, Publiziert: 2006, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-77456-9
Schlagwörter: Abenteuer | Humor/Komik

Fantasio und sein Cousin Zantafio staunen nicht schlecht, als ihr tot geglaubter Onkel Tanzafio plötzlich in seinem alten Haus auftaucht. Er erzählt den beiden von einem magischen Wasser, das jeden, der es trinkt, verjüngt. Mit seiner inszenierten Beerdigung hat Tanzafio seine Verwandtschaft an der Nase herumgeführt. Nun ist ihm der Tod aber wirklich auf den Fersen, und er muss unbedingt in den Urwald von Guaracha zurück, um neues Wasser zu holen. Leider hat auch der habgierige Cousin Zantafio Blut gerochen und sich das Notizbuch mit der Wegbeschreibung dorthin geschnappt. Eine wilde Verfolgungsjagd beginnt, bei der sich Spirou, Fantasio und Tanzafio gegen Zantafio zur Wehr setzen müssen. Als sie es geschafft haben und vor dem magischen See stehen, zeigt Onkel Tanzafio seinen ganzen Grossmut: Er lässt einem schwer verletzten Paar den Vortritt, im Wissen, dass der See durch ihr Bad seine heilende und verjüngende Wirkung verliert.

Spirou, der Draufgänger, und Fantasio, der Reporter, erleben zusammen mit Pips, dem Eichhörnchen, in jedem der bisher 51erschienenen Bände ein rasantes Abenteuer. Die Reihe gehört zu den erfolgreichsten humoristischen Comics in Europa. Es gibt auch eine TV-Serie zu Spirou und Fantasio. Die humorvollen Geschichten sind vor allem wegen der vielen Dialoge auch für weniger geübte Comicfans eine empfehlenswerte Lektüre.

Klassenstufen: 4,5,6,7,8,9,10

Wir wandern aus!
Bill Watterson
Verlag: carlsen comics, Publiziert: 2006, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-78613-5
Schlagwörter: Freundschaft | Alltag

Calvin ist sechs Jahre alt und lebt mit seinen Eltern in einem idyllischen Vorort einer amerikanischen Stadt. Sein bester Freund ist Hobbes, ein (Stoff-) Tiger. Für seine Umwelt ist Hobbes ein ganz gewöhnliches Stofftier, doch für Calvin ist er lebendig, Die beiden gehen durch dick und dünn, streiten und versöhnen sich. Und nebenbei philosophieren sie über die Ungerechtigkeiten des alltäglichen Lebens, in dem die Erwachsenen alles bestimmen dürfen.

Calvin fühlt sich oft missverstanden und sieht sich selbst als eine Art verkanntes Genie. Er wäre gern ein Held und erlebt als sein Alter Ego Raumfahrer Spiff gefährliche Abenteuer.

Die kurzen Episoden schildern Szenen, die in vielen Familien so passieren könnten: Zum Beispiel Campingausflüge mit Dauerregen, bei denen alle Beteiligten irgendwann die gute Laune verlieren oder die täglichen Diskussionen um nervige Hausaufgaben oder die Notwendigkeit des Badens.

Die Geschichten rund um Calvin und seinen Tiger Hobbes leben von der unterschiedlichen Wahrnehmung, die Calvin von seiner Umwelt abgrenzt. Insbesondere die Diskrepanz zwischen Calvins imaginärer Parallelwelt und der Realität der Erwachsenen sorgt für Unterhaltung. Calvins Betrachtungen und auch seine Ausdrucksweise entsprechen oftmals nicht dem Entwicklungsstand eines sechsjährigen Jungen, sondern eher einem Erwachsenen. Einzelne Comicstrips enthalten daher schwierige Begriffe oder politische Anspielungen. Weniger geübte Leserinnen und Leser sollten sich aber davon nicht abschrecken lassen, denn die einzelnen Episoden sind von der Textmenge her gut zu bewältigen. Wie Calvin den Widrigkeiten des Alltags mit viel Fantasie und Humor begegnet, ist darüber hinaus sehr witzig und absolut lesenswert.

Klassenstufen: 5,6,7,8

Kill
Mats Wahl
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Hanser, Publiziert: 2005, Seiten: 246, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20608-6
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Gewalt | Rassismus

Jugendliche Ich-ErzählerInnen stehen im Mittelpunkt von Mats Wahls Büchern, zum Beispiel “Mauer aus Wut”, “Winterbucht” oder “John-John”. In seinen Krimis aber rückt Wahl die Erwachsenenperspektive immer mehr ins Zentrum, will sagen die Perspektive der ermittelnden Behörden und betroffenen Eltern.

Dass in seinem dritten Krimi “Kill” ein fünfzehnjähriger Jugendlicher zum Täter wird, bedeutet nicht, dass das Buch automatisch ein Jugendbuch ist. Im Gegenteil. Die Aufmachung des Krimis (wie auch schon das Cover des vorangegangen Krimis “Kaltes Schweigen”) lässt nicht auf einen Titel für Jugendliche schliessen. Verlag und Autor sprechen damit auch ein erwachsenes Publikum an. (Auch das Cover der schwedischen Originalausgabe lässt offen, an wen sich das Buch richtet.) Dass der Hanser-Verlag Wahls Krimi nicht ins Belletristikprogramm aufnimmt, hängt wohl weniger mit Wahls Büchern zusammen als mit der Tatsache, dass der Sprung eines noch so bekannten Jugendbuchautors auf die Bühne der Belletristik für Erwachsene selten gelingt. Dafür ist Mirjam Presslers Belletristik-Debüt “Rosengift” im Bloomsbury-Verlag der jüngste Beleg.

Das sind äusserliche Details, gewiss, aber sie untermauern den Lektüreeindruck: Wie schon im letzten Wahl-Krimi erfahren wir auch in “Kill” eine ganze Menge über den desolaten Zustand der schwedischen Kriminalpolizei; wir lesen, wie eine Justizministerin auf wackligem Stuhl den dreifachen Mord an einer Schule instrumentalisieren will für eine politische PR-Aktion, und erfahren, warum die schwedischen Sozialdemokraten die Polizei hassen.

Wahl will mit seinem Krimi in die politische Diskussion in Schweden eingreifen und die Behörden aufrütteln, das belegt ein offener Brief, den er zusammen mit einem Exemplar von “Kill” an den schwedischen Justizminister geschickt hat. In diesem Brief heisst es: “Es macht den Anschein, dass auch in Schweden Jugendliche immer öfter mit Schusswaffen auftreten. Um diese gefährliche Entwicklung zu bremsen, muss eine Zusammenarbeit zwischen den betroffenen juristischen Instanzen, der Schule und den Sozialämtern initiiert werden.” “Kill” ist ein Appell an eben diese Instanzen, sich an einen Tisch zu setzen und gemeinsam zu handeln.

Ob der Autor mit der Beschreibung des Zerfalls gesellschaftlicher Werte noch jugendliche LeserInnen erreicht, bezweifle ich. Jedenfalls gibt es in “Kill” keine Figuren mit Identifikationspotenzial für noch nicht erwachsene LeserInnen. Das Buch ist keine Adoleszenzliteratur. Hier werden keine jugendlichen ProtagonistInnen in ihrer Identitätssuche geschildert. Nicht von Jugendlichen, die Probleme haben, wird hier erzählt, sondern in erster Linie von einer Gesellschaft, die Probleme mit Jugendlichen hat.

Die Täter in diesem Krimi kommen alle aus zerrütteten Familien, ihre allein erziehenden Mütter sind überfordert. Diejenigen, denen die Tat gegolten hat, stammen aus der schwedischen Upperclass und werden von den Eltern am Gängelband gehalten. Im Team von Kriminalkommissar Harald Fors werden Rassisten vom Dienst suspendiert, entsprechend ist das Bild, das die Öffentlichkeit von der Polizei hat.

Und noch eine Frage: Würde Wahls Krimi im Erwachsenenprogramm erscheinen, könnte er dann bestehen gegen die starke schwedische Krimiliteratur eines Håkan Nesser, einer Liza Marklund oder eines Hennig Mankell? Wahls Figurenbeschreibungen sind äusserst stereotyp, sein Kommissar Harald Fors hat nicht das Charisma eines Kurt Wallander oder Van Veeteren, darum stellt der Autor Fors im dritten Krimi wohl auch einen jungen Polizisten zur Seite, der seinen Chef bewundert. Dialoge schreiben aber kann Mats Wahl und mit wenigen Details eine Szene umreissen. Wenn er etwa anmerkt, dass vor der Schule, in der die Morde verübt wurden, Fahrräder standen, die alle fast neu wirkten, dann wird klar, dass die Polizei vor allem bei besser betuchten Familien ermitteln wird. Und die Tatsache, dass bei Wahl die Schuldigen nie als Monster erscheinen, wir vielmehr Mitleid mit ihnen haben, hebt sich wohltuend ab von anderen schwedischen Krimis.

Wohin es den sechzigjährigen Mats Wahl treibt, lässt sich an Hand von “Kill” nicht abschliessend beurteilen. Mag sein, wir haben Harald Fors’ letzte Ermittlung vor uns liegen und das nächste Buch wird wieder ein Wahl sein, der näher bei den Jugendlichen ist. Ich würde es mir wünschen.

Christine Tresch

Der Blaubeersommer
Polly Horvath
Aus dem Englischen von Christiane Buchner
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2005, Seiten: 267, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5016-2
Schlagwörter: Natur | Humor/Komik | Tod/Trauer | Identität/Individualität | Generationen

Die beiden 91-jährigen Zwillingsschwestern Tilly und Penpen Menuto leben allein in einer alten Villa an der Küste von Maine, umgeben von Wäldern und hungrigen Bären. Telefonieren können sie nicht, nur Anrufe empfangen – eine Altlast aus der Zeit, ihrer Eltern. Ab und zu fahren sie in die Stadt; das Autofahren haben sie sich, einzige Konzession an die moderne Technik, selbst beigebracht. Deshalb geht es nur ruckartig und mit dreissig Stundenkilometern vorwärts. In diese verwunschene Welt der beiden exzentrischen Schwestern dringen nach Jahrzehnten der Ruhe gleich zwei Teenager ein: die schüchterne Ratsche und die forsche Harper. Ratsche ist ihrer allein erziehenden Mutter beim Versuch, sich einen Mann zu angeln, im Weg, und Harpers Stiefmutter erwartet ein Baby. Das Zuhause, das ihnen die Eltern nicht bieten konnten, finden Ratsche und Harper also bei den alten Schwestern, die statt Chips Hühnerfrikassee servieren und sich liebevoll um Kuh, Bienen und Gartengewächse kümmern.

Das klingt nach konservativer Verherrlichung des unverfälschten Landlebens. Natürlich kann man den “Blaubeersommer” gesellschaftskritisch lesen, als Gegenentwurf zu Fast Food und Broken Families. Doch was Ratsche und Harper beim Melken von Tillys und Penpens Kuh und beim Umgraben des Gemüsegartens finden, ist für sie nichts Traditionelles, sondern eine Neuentdeckung: das Reich der Schwestern, so in sich geschlossen es auch sein mag, bietet ihnen eine Freiheit, die es in der “offenen” Gesellschaft nicht gibt und von der sie bei ihren von Zwängen getriebenen Müttern noch nie etwas gehört haben. Tilly und Penpen aber haben sich ihr ganzes Leben lang nie angepasst; und seit dem blutrünstigen Selbstmord ihrer Mutter brauchten sie die geschützte Welt hinter den Wäldern ohnehin.

Jede Figur hat ihre Verletzungen, doch weder Ratsche und Harper noch Penpen und Tilly wollen auf gefühlsdusslige Art über die Verluste in ihrer Jugend sprechen, sie ziehen den schwarzen Humor bei weitem vor; Selbstironie und geistreiche Dialoge zwischen den beiden Alten machen einen Teil des Leseglücks aus, das bei diesem Roman über einen kommt. Den Selbstmord ihrer Mutter beschreibt Penpen, als ob es um eine Horrorgeschichte ginge, und was Ratsches Mutter über Elternschaft erzählt, ist schwarzer Humor pur: “So ein Baby zu kriegen ist eine stressige Angelegenheit, Ratsche. Kein Mensch erklärt einem, was man damit machen soll, wenn es erst mal aus dem Bauch raus ist. Zack, peng, da ist es und kräht. Deshalb lassen junge Mütter ja auch immer ihre Säuglinge aus Versehen auf öffentlichen Toiletten liegen. Wer kann schon andauernd aufpassen!”

Polly Horvaths Mischung aus makabrem Humor und tief empfundener Menschenliebe ist mehr als die Quadratur des Kreises. Ihre Unzimperlichkeit macht Horvaths Bücher zu einem Glücksfall für Kinder – und für Erwachsene.

CHRISTINE LÖTSCHER

Vinni macht Ferien
Petter Lidbeck
Aus dem Schwedischen von Kathrin Hägele
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2005, Seiten: 153, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85151-3
Schlagwörter: Ferien | Familie/Familienformen

“Vinni, was machst du in diesen wunderbaren Sommerferien”, fragt die Lehrerin und runzelt die Stirn als Vinni erzählt, dass sie zu ihrem Papa auf Sonntag fährt. “Nein, Vinni”, versucht die Lehrerin zu berichtigen, “es heisst am Sonntag und ich habe dich gefragt, was du diesen Sommer machst.”

Doch Vinni weiss sehr genau, wovon sie redet. Ihre Eltern leben getrennt. Die Mutter in Stockholm und der Vater auf einer kleinen Schäreninsel davor. Und die Sommerferien verbringt Vinni nun mal immer bei ihrem Papa “auf” Sonntag.

In 42 kurzen Kapiteln, die Petter Lidbecks erfrischendes Kinderbuchdebüt auch für weniger Lesegeübte empfehlenswert macht, erzählt die neun Jahre alte Vinni von Olle, der auf Sonntag lebt, nur einen Tag älter ist als sie und immer so tut, als sei es ein ganzes Jahr, von Maria, die Vinnis Papa nur “Frau Toll” nennt, weil sie ihm einfach zu perfekt ist (bis er sich doch in sie verliebt). Sie erzählt vom Fischer und von Persson, der nicht viel redet, sondern einfach nur stark ist, von ihrem ersten Kuss – und einem Papa, der zwar so allerlei Macken hat, seine Tochter aber so liebt, wie sie ist, und auch immer wieder dazu ermutigt, ganz sie selbst zu sein und nur das zu tun, wonach ihr auch wirklich der Sinn steht.

Barbara Nascimbenis Schwarzweiss-zeichnungen spiegeln nicht nur die vielfältigen Stimmungen dieser mit zärtlichem Humor erzählten Sommergeschichte wider. Sie fangen auch die Persönlichkeit der pfiffigen Ich-Erzählerin ein, die die Herzen ihrer (Vor-)LeserInnen bestimmt im Sturm erobern wird.

Andrea Duphorn

Du bist ein Witz, Gary Boone!
Louis Sachar
Aus dem amerikanischen Englisch von Klaus Fritz
Verlag: dtv, Publiziert: 2005, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-62222-9
Schlagwörter: Freundschaft | Humor/Komik | Aussenseiter:in/Mobbing

Der zwölfjährige Gary “Hund” Boone glaubt, dass er zum Spassmacher geboren ist und eine grosse Karriere als Entertainer vor sich hat. In der Klasse spielt er auf alle Fälle dauernd den Clown und erzählt von morgens bis abends Witze. Seine MitschülerInnen aber finden seine Sprüche alles andere als lustig, und Gary realisiert nicht, dass ihn eigentlich niemand mag und er dauernd auf die Schippe genommen wird. Als in der Schule ein Talentwettbewerb ausgeschrieben wird, sieht er seine Chance gekommen. Gary erfindet neue Witze und hat nur noch die Talentshow im Kopf. Bis seine Eltern, die es satt haben, mit ihm kein vernünftiges Wort wechseln zu können, Gary eine Woche lang das Witzemachen verbieten. Ohne diese Mauer als Lustigkeit um sich, realisiert der Junge plötzlich, dass er eigentlich ganz alleine ist. Die KollegInnen haben jedes Interesse an ihm verloren, jetzt wo er keine Lachnummer mehr ist, und seine hochbegabte Freundin Angelina, auch eine Aussenseiterin, kann ihn nicht mehr unterstützen. Sie hat in Stipendium an einer Eliteschule erhalten und sieht Gary nur noch übers Wochenende. Ohne diese Mauer von Witzen um sich kommt Gary der Gedanke, dass er selber der grösste Witz sein könnte. Dass er am Schluss doch noch am Talentabend mitmacht und dort zu sich selber findet, ist eine der wunderbaren Fügungen, von denen Louis Sachar in diesem Buch erzählt. Verzweiflung und Erfolg, das zeigt diese Geschichte, sind oft ganz nahe zusammen. Und es braucht immer Freunde, die an einen glauben, auch wenn man das selber nicht mehr so richtig tut.

Christine Tresch

Lucy rettet Mama Kroko
Sharon Doucet, Illustration: Anne Wilsdorf
Aus dem amerikanischen Englisch von Anne Braun
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2005, Seiten: 41, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6412-7
Schlagwörter: Abenteuer | Erwachsenwerden | Familie/Familienformen

Lucy lebt mit ihren Eltern auf einem Hausboot in den Missippi-Sümpfen. Ihre Eltern kommen in einem Hurrikan ums Leben und Lucy findet Unterschlupf in einer freundlichen Krokodilsfamilie. Das Mädchen passt zwar nicht ganz zu ihren Stiefbrüdern und -schwestern, sie kann nicht wie diese stundenlang wie ein Baumstamm im Wasser liegen oder Winterschlaf halten, aber sie schlägt sich tapfer durch. Eines Tages findet sie zufällig auf das Hausboot ihrer Eltern zurück und richtet sich dort ein. Doch Lucy ist einsam, will nicht Mensch sein, fühlt sich aber auch bei den Krokodilen nicht mehr wohl. Als erneut ein Wirbelsturm die Gegend verwüstet, rettet sie ihre Ziehmutter und deren Eier. Jetzt entschliesst sich Lucy für ein Leben in der Menschengemeinschaft und gibt wöchentlich ein Fest für Menschen und Tiere, zu dem auch ihre Krokodilsfamilie kommt. So findet sie ihren Platz.

Die witzige Geschichte hat Anleihen beim „Dschungelbuch“ und beim „Zauberer von Oz“, ist allerdings sehr konstruiert und umständlich erzählt. Sie richtet sich an ältere Kinder. Ebenso die Aquarellzeichnungen der Schweizerin Anne Wilsdorf. Die Künstlerin veranschaulicht in vielen Einzelbildern die Schwierigkeiten des Flusslebens und Lucys Gefühlslagen.

Bruno Blume

Meggie Mond baut wilde Sachen
Elizabeth Baguley, Illustration: Gregoire Mabire
Aus dem Englischen von Ulrike Kaup
Verlag: Coppenrath Verlag, Publiziert: 2005, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-8157-3718-4
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Dieses Buch erzählt von zwei richtigen Jungs: wild, „mit strubbeligen Haaren und Löchern in den Hosen“, dickste Freunde, die sich ständig auf dem vermüllten Hinterhof herumtreiben. Natürlich verachten sie Mädchen. Bis Meggie Mond auftaucht und ungefragt aus dem Schrott ein Rennauto baut. Am nächsten Tag ein Schiff, später eine Bude. Bald haben die Knaben vergessen, wie es vorher war. Da verabschiedet sich Meggie mit einer Schubkarre voll neuem Schrott. Nach dem Leere-Schock bauen die beiden eine Rakete, die sie „Meggie Mond“ nennen.

Meggies Besuche ähneln dem Einsatz einer Sozialarbeiterin: Sie kommt aus dem Nichts, setzt sich für die ihr unbekannten Knaben ein, fragt, ob sie auf ihrem Schiff mitspielen darf. Die Jungs sind gnädig: „Du kannst ja für uns kochen.“ Meggie: „Ich bin lieber euer Wachtposten“. Gespielte Anpassung als Annäherungsstrategie. Bis zum Ende kehrt sich das Verhältnis um und die Jungs salutieren der scheidenden Kapitänin.

Das ist alles wenig differenziert erzählt, aber als Einstiegslektüre für harte Jungs und Mädchenverachter durchaus geeignet. Mädchen ist Meggie nicht unbedingt ein ideales Vorbild, dazu ist sie zu sehr unbeteiligte Überfliegerin, aber sie kann zu einem selbstverständlicheren Umgang mit Jungs anregen.

Die Aquarellzeichnungen mit schnellem Strich sprechen kleine und grosse Kinder an und weisen eine gewisse Political Correctness auf, indem sie Meggie mit Brille, den einen Knaben als Schwarzen, den anderen rothaarig zeigen.

Bruno Blume

Flug in die Nacht
Anita Siegfried, Illustration: Hannes Binder
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2005, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-6040-1
Schlagwörter: Abenteuer | Familie/Familienformen | Traum

Was ist Traum, was Wirklichkeit – oder gibt es auch etwas dazwischen? Wer “Flug in die Nacht” liest, wird erkennen, dass tote Mäuse auch in einer Gewitternacht nicht einfach vom Küchenboden verschwinden, es aber sehr wohl einem Kind möglich ist, das Geschichten liebt und mit reichlich Fantasie ausgestattet ist, in einer Nacht eine Reise zu machen, die unglaublicher nicht sein kann. Worum gehts? Die Mutter lässt Danni alleine zu Hause. Aber da sind die Schritte im Hausgang, das unheimliche Licht der Neonreklame, die Windböen, die den Vorhang aufbauschen, erstes Donnergrollen. Das Kind hat Angst und verkriecht sich unter die Bettdecke. Bis sich auf einmal das Modellflugzeug, das an der Decke hängt, selbstständig macht, auf Dannis Bett landet und der Pilot das Kind auffordert, mitzukommen auf einen Flug über die nächtliche Stadt, das Meer hinweg, unter dem gewaltigen Sternenhimmel hindurch Richtung Neuseeland.

Natürlich ist Danni wieder im Bett, als die Mutter nach Hause kommt. Aber neben dem Bett liegt die Zeichnung einer Maus, die der Pilot für das Kind gezeichnet hat.

Traum und Realität werden miteinander verwoben. Denn die Mutter liest dem Kind aus dem “Kleinen Prinzen” vor, vor dem Weggehen hörte es die Stelle, wo der kleine Prinz einen Flieger bittet, ihm ein Schaf zu zeichnen. Dazu hat Danni im Fernsehen heimlich einen Film über Neuseeland angeschaut.

Traumreisen sind nichts Neues in der Kinderliteratur, und dass der Übergang von der einen in die andere Welt an ein Objekt gebunden ist, hier die Zeichnung, ist ein gängiges Motto. Die Stärke dieses Buches ist also nicht sein Text, der an einigen Stellen unstimmig ist, das Salz dieses Buches sind seine Bilder: Hannes Binder fängt mit seinen nachtblauen Illustrationen den fliessenden Übergang von Realität und (Wunsch)Traum überzeugend ein.

Christine Tresch

Mia und Tante Milda
Karin Gündisch, Illustration: Sabine Wiemers
Verlag: Kerle, Publiziert: 2005, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-451-70626-X
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Eine Babysittergeschichte

Tante Milda ist nicht Mias Tante und Mia möchte nicht, dass Milda auf sie aufpasst, als ihre Eltern abends weggehen. Der Abend verläuft aber ganz anders, als erwartet, denn Tante Milda passt gar nicht auf Mia auf, sondern umgekehrt: Mia muss aufpassen, dass Milda nicht zu viel raucht, dass sie Milch statt Bier trinkt, nicht zu lang ins Ausland telefoniert, schön aufisst und nicht zu früh einschläft. Trotzdem liegt die Babysitterin bald schnarchend im Bett der Eltern, während Mia fernsieht und Eis isst. Als die Eltern nach Hause kommen, beschliessen sie sofort, Mia das nächste Mal mitzunehmen, aber die Kleine sagt entschlossen: „Vergiss es! Ich bleibe zu Hause und passe auf Tante Milda auf.“

Die Umkehr der Babysitting-Aufgabe hat im Bilderbuch Tradition, erfährt hier aber eine Variation durch das reale Fehlverhalten der Babysitterin. Tante Milda nutzt die Freiheiten im fremden Haus, statt dass sie ihre Pflicht wahrnimmt. Aus der kindlichen Perspektive bedeutet das viel Spass und ebenfalls Freiheit, gewissenhafte Eltern schütteln entsetzt den Kopf. Aber immerhin ist Tante Milda eine der wenigen aktuellen Bilderbuchfrauen, die nicht dem mütterlich-weiblichen Klischee entsprechen.

Sabine Wiemers’ Illustrationen sind wie immer mit unzähligen geklebten Mustern kompositorisch etwas überladen, aber frech farbig, mit vielen witzigen Details und Kommentaren.

Bruno Blume

Rosi in der Geisterbahn
Philip Waechter
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2005, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79337-5

Im Angstbilderbuch scheint seit geraumer Zeit ein Paradigmenwechsel stattzufinden: Die ängstlichen Kinder brauchen keine rettenden Eltern mehr, sondern sorgen für Selbsthilfe. So auch Rosi, die es satt hat, jede Nacht von Monstern bedroht zu werden und schweissnass aufzuwachen. Sie beschafft sich ein Buch, das sie lehrt, Monster zu beruhigen, ausser Gefecht zu setzen und im Notfall vor ihnen zu fliehen. Die Anwendung des Gelernten will sie sich auf der Geisterbahn beweisen. Diese Mutprobe gelingt ihr auf so eindrückliche Weise, dass sie den Geisterbahn-Betrieb völlig lahm legt und ein Jahr lang Bahnverbot bekommt. Zu Hause dann, nach einer grossen Portion Eis zur Belohnung, träumt sie wieder von einem Monster, aber wie!

Nicht nur die Angstbewältigungsstrategie überzeugt hier, sondern auch die fröhliche Grundstimmung, die vielen witzigen Details, die liebevolle Gestaltung und überhaupt das ganze grafische Konzept mit kleinen Bildfolgen, einzel- und doppelseitigen Bildern, so lebhaft wie harmonisch mit Filz- und Zeichenstift koloriert. Dass Rosi ein Hase ist, passt zur Angst und steigert wohl die Verkäufe, grenzt aber Rosi als einziges vermenschlichtes Tier unter Menschen auch aus.

Bruno Blume

Wir verstehen uns blind
Franz-Joseph Huainigg, Illustration: Verena Ballhaus
Verlag: Betz, Publiziert: 2005, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 3-219-11198-X
Schlagwörter: Behinderung | Freundschaft

Katharina hat im Winterschlussverkauf ihre Eltern verloren. Niemand bemerkt das weinende Mädchen – nur Matthias mit seinem Blindenhund. Katharinas Verblüffung über Matthias wechselt schnell in Zutrauen, und es entspinnt sich ein intensives und offenes Gespräch, in dem Matthias Katharina als ebenbürtige Partnerin Ernst nimmt. So lernt sie Braille-Schrift, sprechende Computer und Blindenleitsystem kennen und erfährt, dass Blinde auch Ski fahren, fernsehen und besser als manche Sehende „sehen“ können. Da die beiden Katharinas Eltern nicht finden, gehen sie zur Polizei, die sie nach Hause bringt. Dort kann Katharina ihren Eltern stolz den neuen Freund vorstellen.

Nach „Meine Füsse sind der Rollstuhl“ ist dies das zweite gelungene Bilderbuch des österreichisch-deutschen Teams. Huainigg bindet die vielen Erklärungen über den Alltag von Blinden stimmig in die Geschichte ein und umgeht geschickt gängige Klischees, indem er von Männern erzählt, die sich um die letzten Stiefel im Schlussverkauf streiten, von Polizistinnen und einem weinenden Vater. Ballhaus steuert beredte Illustrationen in vielfältiger Mischtechnik zu, zeigt Stadt als Gewusel von Menschen, Autos, Häusern und Lärm, macht das Hören mit stark reduzierten Monotypien sichtbar und fügt allerlei Nonsensdetails ein wie Menschen verschluckende Computer oder spazieren geführte Hühner.

Bruno Blume

Zwei Schwestern bekommen Besuch
Sonja Bougaeva
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2005, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0503-2
Schlagwörter: Emanzipation | Geschwister

Manchmal tut es ja ganz gut, wenn da einer kommt und das vielleicht ganz entspannte, letztlich aber irgendwie auch ziemlich eingefahrene Leben anderer ein bisschen in Schwung bringt. Was der junge Vetter da mit seinen beiden Tanten veranstaltet, ist des Guten dann aber doch zu viel.

Anfangs freuen sich die beiden alten Damen ja noch über den überraschenden Besuch. Und den Enthusiasmus, mit dem Vetter Hans sich in Haus und Garten nützlich macht. Dann lassen sie sich die Neuerungen, die er – selbstredend ohne zu fragen – einführt, mehr schlecht als recht gefallen. Und werden schliesslich krank, als immer weniger von ihrem einst vielleicht nicht sonderlich aufregenden, dafür aber umso gemütlicheren Leben übrig bleibt.

Schon das Titelbild von Sonja Bougaevas Debüt weckt die (kindliche) Neugier: Was die beiden knollennasigen Frauen mit den fleischigen Händen wohl mit der Giesskanne vorhaben? Die russische Illustratorin hat ein wunderbares Gespür für Licht- und Schattenspiele, Räume, Perspektiven – und Bildwitz. Ausserdem versteht die ausgebildete Trickfilmerin es, ihren in gedeckten Farben gestalteten Bildern durch all die kleinen, liebevollen Details, die ein Bilderbuch für Kinder erst so richtig spannend machen, Leben einzuhauchen. Da verzeiht man ihr gerne, dass das Ende ihrer irgendwie auch sehr weisen Geschichte um ein selbstbestimmtes Leben und das persönliche Glück, das eben für jeden anders aussehen kann, mit einem Vetter, der von heute auf morgen seinen Koffer packt und geht, letztlich vielleicht doch ein bisschen zu konfliktscheu ausfällt.

ANDREA DUPHORN

Mama, ich mag dich…
Komako Sakai
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Verlag: Moritz, Publiziert: 2005, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-160-5
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Der Titel täuscht – und doch stimmt er, denn er wird auf den ersten Seiten vervollständigt: … nicht! Das Hasenkind ist verzweifelt, denn die Mutter schläft am Sonntag so lang, während es Hunger hat und Langeweile. Dabei fällt ihm noch so einiges ein, was zu Hause nicht stimmt: Die Mutter schaut ihre Serien, weshalb es seine Zeichntrickfilme nicht gucken kann, sie schimpft zu viel und hetzt und hat seine Lieblingsstrumpfhose nicht gewaschen und ausserdem gesagt, es könne sie nicht heiraten, nie! Es bleibt dem Kind nichts übrig, als die Mutter zu verlassen. Aber es vergisst seinen Ball und muss zurückkommen.

Ein süsses Hasenbuch? Nein! Der japanischen Künstlerin gelingt es, dem Buch allen Kitsch zu nehmen. Stattdessen schafft sie mit malerischen wie grafisch reduzierten Bildern eine wunderbare Stimmung und trifft die kindliche Einsamkeits- und Trotz-Melancholie ganz genau. Das Zimmer ist nur angedeutet, die Einrichtung auf den jeweiligen Handlungsort – den Tisch, das Bett, Fernseher und Sofa – reduziert, der grobe Pinselstrich deckt den Untergrund nur teilweise, lässt schwarze Stellen unter dem milden Hellblau stehen und der feinere Pinsel zaubert wenige bedeutende Details und sprechende Gesichtsausdrücke aufs Papier. So ergänzen sich der knappe Text, die sanften Bilder und der stimmige Wechsel von Vignette, Vollbild und Bildfolge zu einem besonderen kleinen Bilderbuch.

Bruno Blume

Besuche bei Charles
Vincent Cuvellier, Illustration: Charles Dutertre
Aus dem Französischen von Sigrid Laube
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2005, Seiten: 87, ISBN/ISSN/EAN: 3-7026-5764-9
Schlagwörter: Freundschaft

“Und wenn es ihn nicht gäbe, fiele es auch nicht auf”, denkt Benjamin über seinen Mitschüler Charles. Der “heisst wie ein Opa, schaut aus wie ein Opa, zieht sich an wie ein Opa. Aber er ist kein Opa”. So richtig leiden mag ihn jedenfalls niemand. Und “ausser, um sich etwas auszuborgen, einen Radiergummi, einen Stift, Papier, Süssigkeiten, eine Mathelösung, 2 Euro, die Uhrzeit oder sonst irgendwas”, spricht eigentlich auch keiner aus Benjamins Klasse mit ihm. Doch dann hat Charles einen Unfall, und Benjamin muss ihn fast täglich besuchen, um ihm die Hausaufgaben zu bringen. Und das nur, weil er nebenan wohnt – und null Punkte im Mathetest hat…

Wie schon in “Die Busfahrerin” (2003) erzählt auch Vincent Cuvelliers zweites Kinderbuch, das auf Deutsch erscheint, von einem Aussenseiter und dem Beginn einer bereichernden Freundschaft. Jedenfalls dauert es nicht lange, und Ich-Erzähler Benjamin besucht Charles alles andere als widerwillig. Denn so anders sein Leben zunächst vielleicht scheinen mag, besser ist es deshalb noch lange nicht. Im Gegenteil. Benjamins Eltern sind zwar deutlich jünger als die von Charles, entsprechend aktiver und moderner eingestellt, streiten dafür aber häufig miteinander. Benjamin hat Angst, dass sie sich trennen.

Dem französischen Autor gelingt es wieder, eine anspruchsvolle Geschichte so zu erzählen, dass sie sich bereits Siebenjährigen erschliesst. Und die zahlreichen, zum Teil fast schon karikierenden Schwarzweissillustrationen von Charles Dutertre sorgen dafür, dass auch weniger Lesebegeisterte nicht den Spass an der Lektüre verlieren.

Andrea Duphorn

Ich bin Polleke!
Guus Kuijer
Aus dem Niederländischen von Sylke Hachmeister
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2005, Seiten: 85, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4021-X
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Identität/Individualität

„Als ich klein war“, schreibt Polleke, „konnte ich alles / und was ich nicht konnte / konnte ich nicht / weil ich klein war“, aber so einfach ist es natürlich nicht mehr. Das Mädchen, das wir aus vier vorangegangenen Büchern schon gut kennen und sehr mögen, wird dreizehn, und die handfeste und spontane Zuversicht, die ihr in den letzten Jahren die heftigen familiären Herausforderungen bewältigen half, will weniger leicht gelingen. Es ändert sich ja auch so vieles: Die Aufteilung der Klasse steht bevor, Opa ist gestorben und Mimun, in den sie verliebt ist, ist den ganzen Sommer über in seiner marokkanischen Heimat. Und ausserdem verändert sich Pollekes Körper und sie wird zunehmend konfrontiert damit, wie Jungen und Mädchen „nun mal“ sind. Aber wie ist sie? Und woran glaubt sie eigentlich, zum Beispiel, wenn sie an Opas Grab steht? Consuelo, ihre mexikanische Freundin, sieht trotz ihrer traurigen Geschichte weniger Probleme (und pflanzt dem Opa die Lieblingskartoffeln aufs Grab). Aber sie ist ja auch fest verwurzelt in ihrer „Kultur“, wie Polleke grimmig feststellt. Pollekes pubertäre Schübe fallen (noch) sehr moderat aus und ihre Statements wirken gelegentlich etwas zu klug. Dennoch ist sie eine wunderbare Identifikationsfigur.

Verena Stössinger

Im Himmel spricht man Englisch
An Na
Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Krutz-Arnold
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2005, Seiten: 182, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-8028-3
Schlagwörter: Identität/Individualität | Familie/Familienformen | Migration

„Du kannst schon verstehen, dass es wichtig ist, wie ein richtiges Miguk-Mädchen auszusehen“, sagt die Mutter zur vierjährigen Jonghu, als sie ihr, kurz vor der Emigration aus Südkorea in die USA, für viel Geld eine fürchterliche Lockenfrisur machen lässt. Eine traurige Szene. Sie nimmt das Scheitern bereits vorweg. Fünfzehn Jahre später ist die Familie auseinander gebrochen; der Kampf ums Überleben und um die Kinder, die sich von ihrer Herkunft entfernen, hat die Eltern auseinandergebracht; der Vater trinkt und prügelt, die Kinder gehen am Ende ihren eigenen Weg. Und doch ist die Hoffnung auf ein besseres Leben auf jeder Seite des Buches präsent, verkörpert durch Jonghu selbst.

Der Erstling der jungen Autorin An Na geht mit den Eltern und ihrer unterwürfigen Einstellung hart ins Gericht, während die amerikanische Gesellschaft ungeschoren davonkommt. Das passt zwar nicht zum politisch korrekten Bild einer Gesellschaft voller Verständnis und Toleranz, die wir Jugendlichen gern vermitteln würden, bringt einem Jonghus Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung aber auf schmerzliche Weise nahe.

An Na erzählt die Geschichte von Jonghus Jugend sozusagen als Entwicklungsroman in Episoden; zwischen zwei Kapiteln liegen manchmal mehrere Jahre. Was einen für das Buch einnimmt, ist die Sprache und die Auseinandersetzung mit der Zweisprachigkeit; für die kleine Jonghu sind Wörter zunächst magische Wesen, später rückt sie ihnen mit Wörterbüchern zu Leibe und stellt fest, dass es Dinge gibt, die sich nicht nachschlagen lassen.

Christine Lötscher

Tamara und die Liebe
Bruno Blume
Verlag: Altberliner, Publiziert: 2005, Seiten: 135, ISBN/ISSN/EAN: 3-8339-6660-2
Schlagwörter: Freundschaft | Familie/Familienformen | Liebe

Die Liebe vor der Pubertät hat ihre Tücken, zumindest was die Literatur angeht. Neun-, zehn-, elfjährige Kinder wie Tamara in Bruno Blumes Kinderroman “Tamara und die Liebe” sitzen noch bequem im familiären Nest und haben noch nicht den Drang, auszubrechen und eine Beziehung ausserhalb der Familie zu leben. Kommt dazu, dass der Übergang zwischen Freundschaft und Liebesbeziehung fliessend ist.

Bruno Blume Tamara weiss haargenau, dass sie verliebt ist, aber sie kann sich nicht so recht freuen darüber. Erstens, weil sie neben ihrem “Verliebten” Ehab noch einen besten Freund hat, Tom, und den möchte sie nicht verlieren. Und zweitens, weil sie sich vor den Dingen fürchtet, von denen sie glaubt, dass man sie mit dem Verliebten tun muss. Woher sie das weiss? Ihr Bruder und seine Freundin bieten ausgezeichneten Beobachtungsstoff. Auch ihre Eltern sind in Sachen Sex vorbildlich unverklemmt, wie die ganze Familie einem Erziehungsratgeber für das 21. Jahrhundert entsprungen scheint: Als Tamara sie einmal im Bett überrascht, wechseln sie von einer Sekunde zur anderen vom wilden Liebesspiel zum verständnisvollen Zuhören – ein ideales (Eltern-)Paar kann das. Das klingt nach Komik, ist aber nicht nur so gemeint, denn Bruno Blume ist es mit seiner Vision der freizügigen, gleichberechtigten Familie ernst. Das wäre ja auch ganz schön, wenn es nicht so missionarisch daherkäme.

Bruno Blume zeichnet ein normatives Bild von Familie, Liebe, Freundschaft und Sex: Kinder wie Tamara und Ehab (seine Mutter hat fünf Kinder und lebt jetzt mit einer Frau zusammen) sind sozial kompetent, während Tom, dessen Mutter sich als Alleinerziehende abstrampelt, hilflos und unglücklich ist – und Tamara um ihr Glück beneidet: “Ihre Mutter ist wie eine Freundin zu ihr, sie können über alles reden und sie verbietet ihr fast nichts. Wenn er eine solche Mutter hätte, würde er auch gern machen, was sie sagt. Aber seine arbeitet den ganzen Tag und ist abends so geschafft, dass sie nicht mehr reden mag.”

Es gibt viele Arten des Zusammenlebens und viele Möglichkeiten, glücklich zu sein. Es ist schön, dass es Kinder wie Tamara gibt, die das Leben selbstbewusst anpacken, und es ist schön, dass es verträumte, schüchterne Kinder wie Tom gibt. Zu behaupten, die Erziehung der Eltern schlage sich eins zu eins auf den Charakter der Kinder und ihre Beziehungsfähigkeit nieder, geht jedoch weit an der Realität vorbei.

Christine Lötscher

Die Erde, mein Hintern und andere dicke runde Sachen
Carolyn Mackler
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2005, Seiten: 254, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58132-0
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Pubertät | Liebe | Identität/Individualität

„Froggy Welsh der Vierte arbeitete sich langsam unter meinem T-Shirt hoch. Jede Woche gehen wir ein bisschen weiter, und heute, am dreiundzwanzigsten September um 15.17 Uhr, gleiten seine Finger langsam über meinen Bauch in Richtung BH…“ – was wie ein „Bridget Jones“-Roman für Jugendliche beginnt, entwickelt sich in rasantem Tempo zu einem anspruchsvollen, mit viel Witz und Ironie spritzig erzählten Entwicklungsroman. Virginia ist 15 – und fest davon überzeugt, bei der Geburt vertauscht worden zu sein. Während der Rest ihrer Familie – gut aussehend, sportlich, erfolgreich und beliebt – nahezu alle vorherrschenden Ideale erfüllt, fühlt Virginia sich mit ihrem viel zu grossen Hintern und ihrem viel zu kleinem Selbstbewusstsein alles andere als liebenswert. Das ändert sich erst, als sich ihr Bruder angetrunken an einer Kommilitonin vergreift, vom College fliegt, das perfekt erscheinende Familienleben ins Wanken bringt und der Vorfall Virginia in eine tiefe (Sinn-) Krise stürzen lässt: „Was wäre, wenn ich mir ausnahmsweise keine Gedanken darüber machen würde, was andere von mir denken? Was wäre, wenn ich nicht immer alles tun würde, um Mom und Dad zu gefallen? Was wäre, wenn ich mich nicht immer anpassen, mit dem Strom schwimmen, das brave, gehorsame dicke Mädchen sein würde?“

Von ihren Ersparnissen kauft Virginia sich ein Flugticket und reist – gegen den Willen der Eltern zu ihrer besten Freundin nach Seattle. Dort lässt sie sich nicht nur ein Augenbrauen-Piercing verpassen. Sie entdeckt auch ein völlig neues Lebensgefühl. Kurz: Das pummelige, unsichere Mädchen, das sich in der Mittagspause am liebsten auf die Schultoilette verkriecht, mausert sich zu einer jungen Frau, die ihr Leben aktiv in die Hand nimmt. Dass sie Froggy Welsh den Vierten am Ende küsst – „Mitten auf den Mund. Direkt vor allen anderen“ –, scheint da nicht mehr als folgerichtig. Und dass die Wandlung von der grauen Maus zur allseits anerkannten, taffen Organisatorin eines „Online-Webzines“ vielleicht ein bisschen zu schnell vonstatten geht, verzeiht man der Autorin angesichts ihrer so sympathischen Ich-Erzählerin gern.

ANDREA DUPHORN

Entscheidende Tage
Kristina Dunker
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2005, Seiten: 218, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80937-9
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Liebe

„ ‚Patrick!’ – ‚Liebst du mich, Linda?’ – ‚Ich… jjj… ja.’ – ‚Dann tu’s auch!’ – Er bedeckte mein Gesicht mit Küssen, brachte seine Hände in Bewegung und überallhin, wiederholte immer wieder seinen letzten Satz, fing wieder an zu weinen, so lange, bis ich ihn zurückküsste, aus lauter Verzweiflung zurückküsste, und dann ist es passiert. Eben so.“

Linda ist 15. Und schwanger. Von Patrick, in den sie schon lange nicht mehr verliebt ist, vielleicht ja auch nie wirklich verliebt war. Der sie mit seinem Charme, seinem Beschützer-Gehabe, seinen verrückten Ideen umworben und fasziniert hat, sie irgendwann aber auch immer mehr bedrängt und eingeengt hat. Bis Linda sich nur noch gefangen und gejagt gefühlt hat und sich doch nicht von ihm trennen konnte, weil ihr dazu irgendwie die Kraft fehlte.

Linda will kein Kind von Patrick. „Ich habe auch Pläne! Ich will meine Schule fertig machen, Abi machen, studieren, …“ Doch so leicht, wie sie zunächst denkt, fällt es ihr dann doch nicht, sich für – oder gegen – einen Schwangerschaftsabbruch zu entscheiden. Auch nicht, als sie Martin kennenlernt und sich in ihn verliebt. In Rückblenden erzählt Kristina Dunker Lindas Geschichte. Vom ersten Aufeinandertreffen mit Patrick bis zu jenem Morgen, an dem Linda sich unwiderruflich entscheiden muss.

Welchen Weg Linda wählt, lässt sich am Ende nur erahnen. Und gerade das macht „Entscheidende Tage“ auch zu einem Buch, das sich vortrefflich im Schulunterricht einsetzen lässt. Weil es der Autorin gelingt, die Tragweite der Entscheidung die Linda da zu fällen hat zu vermitteln, ohne mit dem moralischen Zeigefinger zu winken. Weil so gut wie alle Argumente für und gegen eine Abtreibung genannt werden, Wertungen aber tunlichst vermieden werden. Weil genau das Diskussionen weckt. Und weil Kristina Dunker eine Sprache für ihre Ich-Erzählerin gefunden hat, die es fast unmöglich macht, ihr Buch wieder aus der Hand zu legen.

Andrea Duphorn

Gefährliche Brandung vor Pea Island
Elisa Carbone
Aus dem amerikanischen Englisch von Klaus Weimann
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2005, Seiten: 205, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79895-4
Schlagwörter: Abenteuer | Rassismus | Historisches

Der zwölf Jahre alte Nathan wünscht sich nichts sehnlicher, als eines Tages auch zu den Rettungsmännern von Pea Island zu gehören, die er fast jeden Tag bei ihren Übungen am Strand beobachtet. Doch die Chancen stehen schlecht. Denn „jeder schwarze Junge auf Roanoke Island wächst heran und will Rettungsmann werden, lernt schwimmen, übt die Manöver und weiss, dass einer von der Pea-Island-Mannschaft krank werden oder sterben muss, bevor er dessen Stelle bekommen kann“.

Mit „Gefährliche Brandung vor Pea Island“ entführt Elisa Carbone ihre LeserInnen ins Nordamerika des späten 19. Jahrhunderts. Eine Zeit, in der es für die meisten Weissen kurz nach Bürgerkrieg und Sklavenbefreiung noch immer keinen besonderen Grund erforderte, einen schwarzen Jungen zu lynchen. Alle Schiffunglücke ihres aufwändig recherchierten Romans beruhen auf Tatsachen: Die Daten der Strandungen, die Namen der Schiffe, Rettungsmänner und Seeleute, das Wetter und die Art, wie die Rettung der in Seenot geratenen Matrosen durchgeführt wurde. Um ein Gefühl für das Leben der „Sturmkrieger“ zu entwickeln, lebte die us-amerikanische Autorin selbst viele Wochen auf einer Insel vor der wilden Küste des Nordatlantiks und liess sich Regen und Wind um die Ohren peitschen.

Entstanden ist so die Geschichte eines schwarzen Jungen, der darauf hofft und darum kämpft, einmal mehr als ein einfacher Fischer zu sein – und gleichzeitig ein spannend erzählter Abenteuerroman, der die Lebensumstände jener Zeit authentisch wiedergibt.

Eine Hommage an jene „Helden der Brandung“, die sich vor mehr als einhundert Jahren todesmutig in tobende Fluten stürzten, um in Seenot geratene Matrosen zu retten. Und eine versteckte Aufforderung, niemals aufzuhören an seine Träume zu glauben. Auch wenn sie manchmal „in einem anderen Gewand“ wahr werden (…) Du musst sie nur erkennen, wenn sie kommen.“

Andrea Duphorn

Wenn die Nacht am tiefsten
Waltraut Lewin
Verlag: Loewe, Publiziert: 2005, Seiten: 293, ISBN/ISSN/EAN: 3-7855-5388-9
Schlagwörter: Historisches

“Durch die Kenntnis der ägyptischen Kultur verlängert sich die Geistesgeschichte der Menschheit um einige Jahrtausende”, schreibt der Ägyptologe Jan Assmann, und tatsächlich scheint das Bedürfnis gross zu sein, mehr über die prunk- und geheimnisvolle Kultur am Nil zu erfahren. Die Grabschätze des Pharaos Tutanchamun, die letzten Sommer in Basel und bis Ende April dieses Jahres in Bonn zu sehen waren, zogen Hunderttausende von BesucherInnen an, wobei “Das goldene Jenseits” durch seitenfüllende Auseinandersetzungen mit der Faszination des alten Ägypten in allen Feuilletons flankiert wurde. Nun greift der Boom offenbar auch auf die Kinder- und Jugendliteratur über. Gleich vier Bücher sind diesen Frühling erschienen, die in die Welt der Pharaonen, der Pyramiden und tierköpfigen Götter entführen wollen. Auf (qualitativ) sehr unterschiedliche Weise allerdings.

Zwei davon sind einer der schillerndsten historischen Frauenfiguren überhaupt gewidmet, der letzten Pharaonin Kleopatra. “Das faszinierende Spiel um Liebe und Macht, das sie, je länger, je besser beherrschte, hat über die Jahrtausende hinweg die Fantasie von Dichtern und Historikern erregt”, schreibt Waldtraut Lewin, und sie meint damit unter anderen keinen Geringeren als William Shakespeare mit seinem Drama “Antonius und Kleopatra”.

Achtung, jetzt erfinde ich!

Waldtraut Lewin ist bekannt für ihre anschauliche Art, historische Zusammenhänge mit erzählerischer Leichtigkeit zu vermitteln. Besonders gut gelingt es ihr in ihrem neuen Jugendbuch “Wenn die Nacht am tiefsten. Caesar und Kleopatra – eine historische Liebe”. Um Liebe geht es dabei auch, Waldtraut Lewin hat sogar sehr schöne und witzige Liebesszenen geschrieben, schliesslich waren Kleopatra und Caesar genauso geistreich wie leidenschaftlich, und zwar nicht nur in der Liebe. In erster Linie ist die Liaison des römischen Imperators mit der Königin von Ägypten ein machtpolitisches Bündnis. Im Mittelpunkt des Romans steht der Versuch der beiden, Ost und West in einem grossen, multikulturellen Reich zu vereinen; ein visionäres Vorhaben, das am Widerstand der konservativen Republikaner in Rom scheitert. Sie halten an der Idee fest, das Weltreich sei genauso zu regieren wie der römische Stadtstaat von einst. Mit ihrer Interpretation der imperialistischen Aneignung Ägyptens durch Rom, die im Feldzug von Octavian-Augustus zum Abschluss kommt, holt Lewin die Geschichte der beiden Liebenden aus der Schublade der schwül-orientalisierenden Exotik heraus und beschreibt sie als fernen Spiegel der heutigen Welt: “Aber Caesars und Kleopatras Traum, ihre Vision von der Verschmelzung des Orients und des Okzidents, harrt der Verwirklichung. Noch immer”, schreibt sie zum Schluss. Abgesehen davon, dass es Lewin vorzüglich versteht, Wissen auf unterhaltende Art zu vermitteln, geht sie sehr sorgfältig mit historischen Quellen um. Ihre Position als Autorin, die es mit Dokumenten, Briefen und narrativer Überlieferung zu tun hat, macht sie transparent; sie weist darauf hin, wenn die Quellen keine Schlüsse zulassen oder sich widersprechen, und sie macht deutlich, dass sich Geschichtsschreibung immer zwischen Fakten und Fiktion bewegt: Achtung, jetzt erfinde ich!

Schminken statt Morden

Schwieriger wird es, wenn Kinder im Vorschulalter als Zielgruppe für Kleopatras Biografie herhalten müssen. Monika Zünd scheitert mit ihrem Bilderbuch gleich auf zwei Ebenen. Erstens ist Kleopatras Leben so blutrünstig (die ständigen Kriege, Caesars Ermordung an den Iden des März, der Bürgerkrieg ihres späteren Ehemanns Marcus Antonius gegen seinen ehemaligen Verbündeten Octavian, die Einverleibung Ägyptens als römische Provinz, Kleopatras Selbstmord durch Schlangengift), dass man eine derart verharmlosende Darstellung wie die von Monika Zünd keinem Kind zumuten darf. Da wird von einem glücklichen Prinzessinnenleben mit viel Schmuck und Tand erzählt, wobei das eine oder andere durchaus historisch verbürgt ist, zum Beispiel, dass Kleopatra sehr belesen war. Die Essenz ihrer Biografie, das Scheitern ihrer machtpolitischen Ziele, kommt in dem Bilderbuch nicht vor. Wenn es heisst: “Als letzte ägyptische Pharaonin gelang es ihr, das Königreich vor Feinden zu schützen und es zu erhalten. Erst nach ihrem Tod wurde das Land erobert und ein Teil des Römischen Reiches”, so ist das schlicht falsch. Kleopatra nahm sich mit Schlangengift das Leben, um nicht als Beutetier in Octavians Triumphzug präsentiert und anschliessend hingerichtet zu werden. Problematisch sind auch die Bilder. Monika Zünd nimmt die Ästhetik der altägyptischen Kunst auf und geht mit dem Kindchenschema-Weichspüler darüber. Die Blütezeit der Kunst, auf die sie sich bezieht, ist allerdings seit über tausend Jahren vorbei. Die Ptolemäer, deren letzte Abkömmlingin Kleopatra ist, sind ursprünglich Griechen, ihre Lebensart ein Synkretismus aus hellenistischen und ägyptischen Versatzstücken.

Glaubwürdigkeitsprobleme

Weiter zurück in die Zeit der Pharaonen geht der französische Ägyptologe und Autor Christian Jacq; sein jugendlicher Protagonist Kamose lebt zur Zeit Ramses’ II., der Zeit also, aus der die Vorbilder für Monika Zünds Bilder stammen. Bei Jacq sind nicht die Fakten das Problem; wie sich die Welt der Handwerker und Schreiber in Theben um das Machtzentrum des Pharaos rankt, ist historisch verbürgt; umso weniger plausibel erscheint vor diesem (mehrheitlich trocken-didaktisch vorgetragenen) Hintergrund die Erfolgsgeschichte von Kamose, der einen atemberaubenden sozialen Aufstieg schafft: vom landlosen Bauernsohn zum Gemahl der noblen Hathor-Priesterin Nofret. Und das ausgerechnet in einer Gesellschaft und einer Zeit, die soziale Mobilität nicht kennt. Jacq hat das Strickmuster des trivialen historischen Romans eins zu eins auf sein Jugendbuch übertragen.

Das alte Ägypten scheint im Trend zu liegen; nicht nur Bildungsromane und Liebesgeschichten, sondern auch Krimis werden in die Welt der Pharaonen verlegt. Die neue Reihe “Die Zeitdetektive” bei Ravensburger beginnt bezeichnenderweise mit einem Mordkomplott, das zur Zeit der Pharaonin Hatschepsut, die als erste bedeutende Frau der Weltgeschichte gilt, geschmiedet wird. Doch wie sollen drei Kinder von heute einen Fall aus dem Jahr 1478 vor Christus lösen? Ganz einfach, sie reisen zurück in der Zeit.

Wenn das alte Ägypten in seiner ganzen märchenhaften Pracht, gepaart mit geheimnisvollen Riten, immer häufiger in Büchern für Kinder- und Jugendliche auftaucht, geht es in den meisten Fällen also nicht darum, die Geistesgeschichte der Menschheit zu verlängern. Pharaoninnen, Götter mit Hunde-, Katzen- und Vogelköpfen, Pyramiden und Mumien bieten einen reichen Fundus, aus dem sich AutorInnen- und LeserInnenfantasien mindestens so gut bedienen lassen wie aus der Mottenkiste der Fantasy-Literatur.

Christine Lötscher

Kleopatra
Monika Zünd
Verlag: Betz, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-219-11195-5
Schlagwörter: Historisches

“Durch die Kenntnis der ägyptischen Kultur verlängert sich die Geistesgeschichte der Menschheit um einige Jahrtausende”, schreibt der Ägyptologe Jan Assmann, und tatsächlich scheint das Bedürfnis gross zu sein, mehr über die prunk- und geheimnisvolle Kultur am Nil zu erfahren. Die Grabschätze des Pharaos Tutanchamun, die letzten Sommer in Basel und bis Ende April dieses Jahres in Bonn zu sehen waren, zogen Hunderttausende von BesucherInnen an, wobei “Das goldene Jenseits” durch seitenfüllende Auseinandersetzungen mit der Faszination des alten Ägypten in allen Feuilletons flankiert wurde. Nun greift der Boom offenbar auch auf die Kinder- und Jugendliteratur über. Gleich vier Bücher sind diesen Frühling erschienen, die in die Welt der Pharaonen, der Pyramiden und tierköpfigen Götter entführen wollen. Auf (qualitativ) sehr unterschiedliche Weise allerdings.

Zwei davon sind einer der schillerndsten historischen Frauenfiguren überhaupt gewidmet, der letzten Pharaonin Kleopatra. “Das faszinierende Spiel um Liebe und Macht, das sie, je länger, je besser beherrschte, hat über die Jahrtausende hinweg die Fantasie von Dichtern und Historikern erregt”, schreibt Waldtraut Lewin, und sie meint damit unter anderen keinen Geringeren als William Shakespeare mit seinem Drama “Antonius und Kleopatra”.

Achtung, jetzt erfinde ich!

Waldtraut Lewin ist bekannt für ihre anschauliche Art, historische Zusammenhänge mit erzählerischer Leichtigkeit zu vermitteln. Besonders gut gelingt es ihr in ihrem neuen Jugendbuch “Wenn die Nacht am tiefsten. Caesar und Kleopatra – eine historische Liebe”. Um Liebe geht es dabei auch, Waldtraut Lewin hat sogar sehr schöne und witzige Liebesszenen geschrieben, schliesslich waren Kleopatra und Caesar genauso geistreich wie leidenschaftlich, und zwar nicht nur in der Liebe. In erster Linie ist die Liaison des römischen Imperators mit der Königin von Ägypten ein machtpolitisches Bündnis. Im Mittelpunkt des Romans steht der Versuch der beiden, Ost und West in einem grossen, multikulturellen Reich zu vereinen; ein visionäres Vorhaben, das am Widerstand der konservativen Republikaner in Rom scheitert. Sie halten an der Idee fest, das Weltreich sei genauso zu regieren wie der römische Stadtstaat von einst. Mit ihrer Interpretation der imperialistischen Aneignung Ägyptens durch Rom, die im Feldzug von Octavian-Augustus zum Abschluss kommt, holt Lewin die Geschichte der beiden Liebenden aus der Schublade der schwül-orientalisierenden Exotik heraus und beschreibt sie als fernen Spiegel der heutigen Welt: “Aber Caesars und Kleopatras Traum, ihre Vision von der Verschmelzung des Orients und des Okzidents, harrt der Verwirklichung. Noch immer”, schreibt sie zum Schluss. Abgesehen davon, dass es Lewin vorzüglich versteht, Wissen auf unterhaltende Art zu vermitteln, geht sie sehr sorgfältig mit historischen Quellen um. Ihre Position als Autorin, die es mit Dokumenten, Briefen und narrativer Überlieferung zu tun hat, macht sie transparent; sie weist darauf hin, wenn die Quellen keine Schlüsse zulassen oder sich widersprechen, und sie macht deutlich, dass sich Geschichtsschreibung immer zwischen Fakten und Fiktion bewegt: Achtung, jetzt erfinde ich!

Schminken statt Morden

Schwieriger wird es, wenn Kinder im Vorschulalter als Zielgruppe für Kleopatras Biografie herhalten müssen. Monika Zünd scheitert mit ihrem Bilderbuch gleich auf zwei Ebenen. Erstens ist Kleopatras Leben so blutrünstig (die ständigen Kriege, Caesars Ermordung an den Iden des März, der Bürgerkrieg ihres späteren Ehemanns Marcus Antonius gegen seinen ehemaligen Verbündeten Octavian, die Einverleibung Ägyptens als römische Provinz, Kleopatras Selbstmord durch Schlangengift), dass man eine derart verharmlosende Darstellung wie die von Monika Zünd keinem Kind zumuten darf. Da wird von einem glücklichen Prinzessinnenleben mit viel Schmuck und Tand erzählt, wobei das eine oder andere durchaus historisch verbürgt ist, zum Beispiel, dass Kleopatra sehr belesen war. Die Essenz ihrer Biografie, das Scheitern ihrer machtpolitischen Ziele, kommt in dem Bilderbuch nicht vor. Wenn es heisst: “Als letzte ägyptische Pharaonin gelang es ihr, das Königreich vor Feinden zu schützen und es zu erhalten. Erst nach ihrem Tod wurde das Land erobert und ein Teil des Römischen Reiches”, so ist das schlicht falsch. Kleopatra nahm sich mit Schlangengift das Leben, um nicht als Beutetier in Octavians Triumphzug präsentiert und anschliessend hingerichtet zu werden. Problematisch sind auch die Bilder. Monika Zünd nimmt die Ästhetik der altägyptischen Kunst auf und geht mit dem Kindchenschema-Weichspüler darüber. Die Blütezeit der Kunst, auf die sie sich bezieht, ist allerdings seit über tausend Jahren vorbei. Die Ptolemäer, deren letzte Abkömmlingin Kleopatra ist, sind ursprünglich Griechen, ihre Lebensart ein Synkretismus aus hellenistischen und ägyptischen Versatzstücken.

Glaubwürdigkeitsprobleme

Weiter zurück in die Zeit der Pharaonen geht der französische Ägyptologe und Autor Christian Jacq; sein jugendlicher Protagonist Kamose lebt zur Zeit Ramses’ II., der Zeit also, aus der die Vorbilder für Monika Zünds Bilder stammen. Bei Jacq sind nicht die Fakten das Problem; wie sich die Welt der Handwerker und Schreiber in Theben um das Machtzentrum des Pharaos rankt, ist historisch verbürgt; umso weniger plausibel erscheint vor diesem (mehrheitlich trocken-didaktisch vorgetragenen) Hintergrund die Erfolgsgeschichte von Kamose, der einen atemberaubenden sozialen Aufstieg schafft: vom landlosen Bauernsohn zum Gemahl der noblen Hathor-Priesterin Nofret. Und das ausgerechnet in einer Gesellschaft und einer Zeit, die soziale Mobilität nicht kennt. Jacq hat das Strickmuster des trivialen historischen Romans eins zu eins auf sein Jugendbuch übertragen.

Das alte Ägypten scheint im Trend zu liegen; nicht nur Bildungsromane und Liebesgeschichten, sondern auch Krimis werden in die Welt der Pharaonen verlegt. Die neue Reihe “Die Zeitdetektive” bei Ravensburger beginnt bezeichnenderweise mit einem Mordkomplott, das zur Zeit der Pharaonin Hatschepsut, die als erste bedeutende Frau der Weltgeschichte gilt, geschmiedet wird. Doch wie sollen drei Kinder von heute einen Fall aus dem Jahr 1478 vor Christus lösen? Ganz einfach, sie reisen zurück in der Zeit.

Wenn das alte Ägypten in seiner ganzen märchenhaften Pracht, gepaart mit geheimnisvollen Riten, immer häufiger in Büchern für Kinder- und Jugendliche auftaucht, geht es in den meisten Fällen also nicht darum, die Geistesgeschichte der Menschheit zu verlängern. Pharaoninnen, Götter mit Hunde-, Katzen- und Vogelköpfen, Pyramiden und Mumien bieten einen reichen Fundus, aus dem sich AutorInnen- und LeserInnenfantasien mindestens so gut bedienen lassen wie aus der Mottenkiste der Fantasy-Literatur.

Christine Lötscher

Die Braut des Nil
Christian Jacq
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2005, Seiten: 189, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5083-X
Schlagwörter: Historisches

“Durch die Kenntnis der ägyptischen Kultur verlängert sich die Geistesgeschichte der Menschheit um einige Jahrtausende”, schreibt der Ägyptologe Jan Assmann, und tatsächlich scheint das Bedürfnis gross zu sein, mehr über die prunk- und geheimnisvolle Kultur am Nil zu erfahren. Die Grabschätze des Pharaos Tutanchamun, die letzten Sommer in Basel und bis Ende April dieses Jahres in Bonn zu sehen waren, zogen Hunderttausende von BesucherInnen an, wobei “Das goldene Jenseits” durch seitenfüllende Auseinandersetzungen mit der Faszination des alten Ägypten in allen Feuilletons flankiert wurde. Nun greift der Boom offenbar auch auf die Kinder- und Jugendliteratur über. Gleich vier Bücher sind diesen Frühling erschienen, die in die Welt der Pharaonen, der Pyramiden und tierköpfigen Götter entführen wollen. Auf (qualitativ) sehr unterschiedliche Weise allerdings.

Zwei davon sind einer der schillerndsten historischen Frauenfiguren überhaupt gewidmet, der letzten Pharaonin Kleopatra. “Das faszinierende Spiel um Liebe und Macht, das sie, je länger, je besser beherrschte, hat über die Jahrtausende hinweg die Fantasie von Dichtern und Historikern erregt”, schreibt Waldtraut Lewin, und sie meint damit unter anderen keinen Geringeren als William Shakespeare mit seinem Drama “Antonius und Kleopatra”.

Achtung, jetzt erfinde ich!

Waldtraut Lewin ist bekannt für ihre anschauliche Art, historische Zusammenhänge mit erzählerischer Leichtigkeit zu vermitteln. Besonders gut gelingt es ihr in ihrem neuen Jugendbuch “Wenn die Nacht am tiefsten. Caesar und Kleopatra – eine historische Liebe”. Um Liebe geht es dabei auch, Waldtraut Lewin hat sogar sehr schöne und witzige Liebesszenen geschrieben, schliesslich waren Kleopatra und Caesar genauso geistreich wie leidenschaftlich, und zwar nicht nur in der Liebe. In erster Linie ist die Liaison des römischen Imperators mit der Königin von Ägypten ein machtpolitisches Bündnis. Im Mittelpunkt des Romans steht der Versuch der beiden, Ost und West in einem grossen, multikulturellen Reich zu vereinen; ein visionäres Vorhaben, das am Widerstand der konservativen Republikaner in Rom scheitert. Sie halten an der Idee fest, das Weltreich sei genauso zu regieren wie der römische Stadtstaat von einst. Mit ihrer Interpretation der imperialistischen Aneignung Ägyptens durch Rom, die im Feldzug von Octavian-Augustus zum Abschluss kommt, holt Lewin die Geschichte der beiden Liebenden aus der Schublade der schwül-orientalisierenden Exotik heraus und beschreibt sie als fernen Spiegel der heutigen Welt: “Aber Caesars und Kleopatras Traum, ihre Vision von der Verschmelzung des Orients und des Okzidents, harrt der Verwirklichung. Noch immer”, schreibt sie zum Schluss. Abgesehen davon, dass es Lewin vorzüglich versteht, Wissen auf unterhaltende Art zu vermitteln, geht sie sehr sorgfältig mit historischen Quellen um. Ihre Position als Autorin, die es mit Dokumenten, Briefen und narrativer Überlieferung zu tun hat, macht sie transparent; sie weist darauf hin, wenn die Quellen keine Schlüsse zulassen oder sich widersprechen, und sie macht deutlich, dass sich Geschichtsschreibung immer zwischen Fakten und Fiktion bewegt: Achtung, jetzt erfinde ich!

Schminken statt Morden

Schwieriger wird es, wenn Kinder im Vorschulalter als Zielgruppe für Kleopatras Biografie herhalten müssen. Monika Zünd scheitert mit ihrem Bilderbuch gleich auf zwei Ebenen. Erstens ist Kleopatras Leben so blutrünstig (die ständigen Kriege, Caesars Ermordung an den Iden des März, der Bürgerkrieg ihres späteren Ehemanns Marcus Antonius gegen seinen ehemaligen Verbündeten Octavian, die Einverleibung Ägyptens als römische Provinz, Kleopatras Selbstmord durch Schlangengift), dass man eine derart verharmlosende Darstellung wie die von Monika Zünd keinem Kind zumuten darf. Da wird von einem glücklichen Prinzessinnenleben mit viel Schmuck und Tand erzählt, wobei das eine oder andere durchaus historisch verbürgt ist, zum Beispiel, dass Kleopatra sehr belesen war. Die Essenz ihrer Biografie, das Scheitern ihrer machtpolitischen Ziele, kommt in dem Bilderbuch nicht vor. Wenn es heisst: “Als letzte ägyptische Pharaonin gelang es ihr, das Königreich vor Feinden zu schützen und es zu erhalten. Erst nach ihrem Tod wurde das Land erobert und ein Teil des Römischen Reiches”, so ist das schlicht falsch. Kleopatra nahm sich mit Schlangengift das Leben, um nicht als Beutetier in Octavians Triumphzug präsentiert und anschliessend hingerichtet zu werden. Problematisch sind auch die Bilder. Monika Zünd nimmt die Ästhetik der altägyptischen Kunst auf und geht mit dem Kindchenschema-Weichspüler darüber. Die Blütezeit der Kunst, auf die sie sich bezieht, ist allerdings seit über tausend Jahren vorbei. Die Ptolemäer, deren letzte Abkömmlingin Kleopatra ist, sind ursprünglich Griechen, ihre Lebensart ein Synkretismus aus hellenistischen und ägyptischen Versatzstücken.

Glaubwürdigkeitsprobleme

Weiter zurück in die Zeit der Pharaonen geht der französische Ägyptologe und Autor Christian Jacq; sein jugendlicher Protagonist Kamose lebt zur Zeit Ramses’ II., der Zeit also, aus der die Vorbilder für Monika Zünds Bilder stammen. Bei Jacq sind nicht die Fakten das Problem; wie sich die Welt der Handwerker und Schreiber in Theben um das Machtzentrum des Pharaos rankt, ist historisch verbürgt; umso weniger plausibel erscheint vor diesem (mehrheitlich trocken-didaktisch vorgetragenen) Hintergrund die Erfolgsgeschichte von Kamose, der einen atemberaubenden sozialen Aufstieg schafft: vom landlosen Bauernsohn zum Gemahl der noblen Hathor-Priesterin Nofret. Und das ausgerechnet in einer Gesellschaft und einer Zeit, die soziale Mobilität nicht kennt. Jacq hat das Strickmuster des trivialen historischen Romans eins zu eins auf sein Jugendbuch übertragen.

Das alte Ägypten scheint im Trend zu liegen; nicht nur Bildungsromane und Liebesgeschichten, sondern auch Krimis werden in die Welt der Pharaonen verlegt. Die neue Reihe “Die Zeitdetektive” bei Ravensburger beginnt bezeichnenderweise mit einem Mordkomplott, das zur Zeit der Pharaonin Hatschepsut, die als erste bedeutende Frau der Weltgeschichte gilt, geschmiedet wird. Doch wie sollen drei Kinder von heute einen Fall aus dem Jahr 1478 vor Christus lösen? Ganz einfach, sie reisen zurück in der Zeit.

Wenn das alte Ägypten in seiner ganzen märchenhaften Pracht, gepaart mit geheimnisvollen Riten, immer häufiger in Büchern für Kinder- und Jugendliche auftaucht, geht es in den meisten Fällen also nicht darum, die Geistesgeschichte der Menschheit zu verlängern. Pharaoninnen, Götter mit Hunde-, Katzen- und Vogelköpfen, Pyramiden und Mumien bieten einen reichen Fundus, aus dem sich AutorInnen- und LeserInnenfantasien mindestens so gut bedienen lassen wie aus der Mottenkiste der Fantasy-Literatur.

Christine Lötscher

Guten Morgen, gute Nacht
Mirjam Pressler, Illustration: Helga Bansch
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2005, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79338-3
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen

Sichtet man die Lyrikneuerscheinungen für Kinder, wird eines schnell klar: Wirklich Innovatives findet man kaum. Gedichte für Kinder im Vor- und Grundschulalter sind fast ausschliesslich gereimt im Unterschied zur modernen Lyrik für Erwachsene. Gedichte für Kinder sind auch immer illustriert und Anthologien häufig ähnlich aufwändig gemacht wie viele Gedichtbände für Erwachsene, die in der Regel eine dezidierte Schönheit ausstrahlen und allein schon über ihr Äusseres die Erhabenheit des Genres über die Prosa demonstrieren.

Ins Genre der Einschlafbücher gehört Mirjam Presslers und Helga Banschs “Guten Morgen, gute Nacht”. Ein Wochenreigen wird durchgespielt. Jeder Tag gehört einem anderen Tier und er beginnt und endet für alle Tiere gleich. So beim Hasenkind: “Morgens, wenn der Tag beginnt, freut sich jedes Hasenkind” – “‘Ja’, sagt das Hasenkind. ‘So ist es fein, so soll ein Hasenleben sein’.” Und “Wenn es draussen langsam dunkelt, der erste Stern am Himmel funkelt…”. Diese Wiederholungen sind reizvoll. Sie geben Kindern, denen die Texte vorgelesen werden, Sicherheit und lassen sie zu MitspielerInnen der Autorin werden, weil sie das Prinzip der Wiederholungen rasch durchschauen. Leider sind die meisten der durchgängigen Paarreime voraussagbar. Das mag dem Vorlesebuch vor dem Einschlafen entsprechen, nimmt Kinder und ihr sprachschöpferisches Potenzial aber nicht ernst. Reime helfen, den Wortschatz zu erweitern, und schulen das Gedächtnis, sie dürfen aber auch von der Alltagssprache abweichen und Normen verletzen, das gehört zum Spiel.

Mirjam Pressler hat ein Fühl-dich-wohl-vor-dem-Schlafengehen-Buch gemacht. Dazu gehört auch, dass alle sieben Tiere von ihren Tiermüttern ins Bett gebracht werden. Nur, wo stecken die Väter, die zumindest am Wochenende häufig das Gutenachtritual übernehmen?

Helga Banschs grossflächige Illustrationen sind in warmen Farben gehalten. Ihre Bilder erzählen immer noch eine eigene Geschichte, und die kleine Maus, die die BetrachterInnen durch das ganze Buch begleitet, muss erst entdeckt werden.

Christine Tresch

Ein Gürteltier mit Hosenträgern
Georg Bydlinski, Illustration: Carola Holland
Verlag: Dachs, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-85191-371-X
Schlagwörter: Humor/Komik | Nonsens

Der Österreicher Georg Bydlinski ist für seine Kindergedichte schon oft ausgezeichnet worden. Nach “Wasserhahn und Wasserhenne” (2002) versammelt er in “Ein Gürteltier mit Hosenträgern” erneut Gedichte und selbst vertonte Liedtexte nach Lesebuchmanier. Das Zielpublikum des Bandes ist klar: KindergärtnerInnen und Lehrpersonen, zumindest signalisiert das der “Leitfaden für Gürteltierbesitzer”, der den Texten vorangestellt ist und in dem einige Tipps für den Unterricht nicht fehlen. Für den Schulgebrauch spricht auch der thematische Aufbau. Zuerst geht es um “Phantasie und Alltag”, im zweiten Kapitel um “Freundschaft und Vertrauen und Streit und Versöhnung”, das dritte Kapitel versammelt Spassgedichte und die Texte des letzten Kapitels wenden sich der Natur zu.

Bydlinski ist ein routinierter Dichter für Kinder, das spürt man jedem dieser Texte an. Er spielt mit Reimschemen, falschen Reimen und Erwartungen an den Fortgang eines Textes und nimmt Alltagserfahrungen von Kindern auf, Ängste, Streit, Umzugs- und Freizeitsituation, die Liebeserklärung per SMS oder das Gamen:

Computerspiel:

Auch das spannendste Spiel
wird mir manchmal zu viel.

Den Fussball her, die Schuhe schnell –
Jetzt bin ich nicht mehr virtuell.

Das ist witzig und locker formuliert, aber auch schnell wieder aus dem Sinn. Auch lässt sich anhand solcher Zeilen die Frage stellen, wem ein Dichter mehr verpflichtet sein soll, dem Sprachspiel oder der Sinnhaftigkeit von Verszeilen? Was reimt sich auf Piraten? Braten! Und erst noch “in der Wüstensonne”! Der Autor hält die Schwelle zum Reimen tief und eröffnet viele Möglichkeiten zum Selberdichten und Sprachbasteln, das ist ein positiver Aspekt solcher lockeren Reime. Und dass er viele Kurzformen verwendet, die auch als SMS vorstellbar sind, bietet sicher einen zusätzlichen Reiz.

“Ein Gürteltier mit Hosenträgern” ist wie schon der Vorgängerband illustriert von Carola Holland. Den kindlichen Bildern gelingt es leider nicht, dem Band die Frechheit zu verleihen, die er bräuchte, um nicht nur von Lehrpersonen wahrgenommen zu werden.

Christine Tresch

Unser König trug nie eine Krone
Gerda Anger-Schmidt, Illustration: Renate Habinger
Verlag: NP-Verlag, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-85326-296-1
Schlagwörter: Nonsens

Nach den “Neun nackten Nilpferddamen”, die auf der diesjährigen Nominationsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis stehen, legt das Duo Gerda Anger-Schmidt und Renate Habinger mit “Unser König trug nie eine Krone” einen neuen Nonsensband vor. Setzten die beiden in den “Nilpferddamen” je einen Buchstaben mit Rätseln, Spielen und Gedichten in Szene, lassen sie im neuen Band die Tierwelt tanzen. Wir treffen auf einen Mops in Schlips und Weste, einen Hummer mit Liebeskummer, ein verliebtes Lamm oder ein Warzenschwein beim Stelldichein. Die Liebe ist also im Spiel und ihre nicht immer ergründbaren Wege. Und auch die Damenwahl kommt nicht zu kurz: “… Etwas später war dann Damenwahl / Und da erschien vor dem kleinen Wal / die schlanke, ranke Frau von Aal – / und er verliebte sich total …”

Gerda Anger-Schmidt lässt sich von Wortklängen und Assoziationsfeldern treiben. Ihre Reime sind humorvoll und nie plump, frech geschüttelt und spielen mit dem Faszinosum fremder Namen und exotischer Szenarien. Sie inszeniert kleine Dramen und Balladenstoffe auf wenigen Zeilen und bravouröse Limericks wie diesen: “Es tanzten die Kurgäste Samba. / Da entfloh eine grüne Mamba. / Sie verkroch sich im Haus./ Grosse Panik brach aus. / Man fand sie nach Tagen. Caramba!” Renate Habingers farbige Zeichnungen stehen diesen Sprachfeuerwerken in nichts nach. Mal sind sie grossformatig und der Text wirkt als Bildzeile, dann wieder sind es kleine Bildergeschichten, die die Gedichte eigenwillig interpretieren. So oder so ergänzen sie die Texte auf eine äusserst sinnliche, kreative Weise. Anspruchsvoll ist aber die Typografie in diesem Buch, die handschriftähnliche Serifenschrift erschwert Kindern die Lektüre. Schade für diesen Prachtsband.

Christine Tresch

Das Gedicht
Herausgeber:in: Anton G. Leitner
Verlag: Anton G. Leitner, Publiziert: 2005, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 3-929433-65-6
Schlagwörter: Biografie | Generationen

Lyrik für Kinder und Lyrik, die Kindheit thematisiert, das versammelt die neuste Ausgabe der Lyrikzeitschrift “Das Gedicht”. In den ersten beiden Teile des Bandes finden sich Erstveröffentlichungen von Gedichten nahmhafter deutschsprachiger LyrikerInnen von Ulrike Draesner über Adolf Endler bis zu Hans Manz oder Hans-Ulrich Treichel. Vielen dieser Texte sind getragen von einem starken Erinnerungsgestus, Erinnerung an die eigene Kindheit, Gerüche, Geschichte. Eine kleinere Gruppe von Texten widmet sich kindlichen Wahrnehmungen. So in “Kinder” von Gerhard Rühm: “kinder sind geschwinder / als erfinder / wenn auch blinder / noch als rinder /selten sieht man sie mit binder / klein sind sie gelinder / grösser werden sie oft schinder / und nicht minder / elternüberwinder”.

Den Kindheitsbildern folgen in einem dritten Teil “Spiel- und Spassverse für Gross und Klein”, verfasst von zahlreichen LyrikerInnen, die hier zum ersten Mal für Kinder dichten.

Den amüsanten und informativen Band beschliesst eine Reihe von Essays, in denen es unter anderem um “Lyrics für Jugendliche” (Ralf Schweikart) oder den “aktuellen Stand einer literarischen Gattung” geht (Kurt Franz).

Christine Tresch

Ich bin Amerika
E.R. Frank
Aus dem amerikanischen Englisch von Heike Brandt
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2005, Seiten: 248, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80940-9
Schlagwörter: Identität/Individualität | Gewalt | Erwachsenwerden | Sucht

“Wenn du im Leben nicht kriegst, was du brauchst, musst du manchmal abhauen. Du kannst dich im Kopf davontreiben lassen (…) oder einen Joint rauchen oder Bier trinken, aber irgendwie musst du für eine Weile weit weg. Auf die Art kriegst du ein bisschen Frieden.” Amerika schiesst sich dann in Gedanken auf den Everest. Der junge Mann, von dem E.R. Frank erzählt, hat es nicht gerade gut getroffen: Seine cracksüchtige Mutter kann nicht für ihn schauen, er kommt in eine Pflegefamilie, die ihn aber nicht mehr betreuen will, als seine Haut dunkler wird. Bei der warmherzigen Mrs. Harper findet er ein liebevolles Zuhause, bis ihn seine Mutter wieder zurückholt und mit seinen Brüdern in ihrer Wohnung in New York verwahrlosen lässt. Amerika sieht nur einen Ausweg: das Leben auf der Strasse. Als er, mit allen Wassern eines jugendlichen Obdachlosen gewaschen, endlich wieder zurückfindet zu Mrs. Harper, wird er von ihrem Halbbruder sexuell missbraucht. Aus Angst, wieder verstossen zu werden, verschweigt er die Übergriffe, bis ein Unfall ihn zur Flucht zwingt. Mit 15 Jahren findet sich Amerika nach einem Selbstmordversuch in einer psychiatrischen Klinik wieder. Wie in “Das Leben ist komisch” erzählt die frühere Sozialarbeiterin E. R. Frank Amerikas Geschichte auf unnachahmliche Weise: Gedankenfetzen, Tag- und Wunschträume zeichnen das gleichermassen berührende wie erschreckende Bild einer traurigen Jugend. Ausgangssituation und Gerüst des Romans sind dabei Amerikas Sitzungen mit seinem Therapeuten Dr. B., dem es mit viel Geduld gelingt, die Mauer aus “Ich bin faul und unanständig und böse”- und “Niemand hält dich lange aus”-Gefühlen zum Bröckeln zu bringen. Am Ende steht kein Happy End. Aber doch so etwas wie die Ahnung von einem besseren, glücklicheren Leben.

Andrea Duphorn

Mit Kindern redet ja keiner
Kirsten Boie
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2005, Seiten: 138, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-80541-4
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Krankheit

Charlotte ist mit ihren Eltern in ein schönes Haus auf dem Land gezogen und hat in Lule schon am Tag des Einzugs eine neue Freundin gefunden. Eigentlich wäre alles in Ordnung, aber Mama benimmt sich in letzter Zeit so komisch. Charlotte kann ihr nichts mehr recht machen, Mama lässt den Haushalt schleifen, mag nicht mehr Einkaufen und Kochen und schafft es nicht einmal mehr, sich die Weihnachtsballettaufführung anzusehen, in der Charlotte eine Solopartie hätte übernehmen sollen. An einem Mittag nach Neujahr öffnet niemand die Tür, als Charlotte von der Schule nach Hause kommt. Ihre Mutter hat einen Selbstmordversuch unternommen, wurde von einer Nachbarin gefunden und liegt auf der Intensivstation.

Kirsten Boie erzählt in diesem Buch, das vor 15 Jahren erstmals erschienen ist und nichts an Aktualität eingebüsst hat, von der Verzweiflung und Wut eines Mädchens, das sich nicht erklären kann, was mit seiner Mutter los ist und sich plötzlich sehr einsam vorkommt. Darf sie mit Lules Mutter offen über die eigene Mutter reden, weil der Vater ihr keine Antworten gibt? Ist sie Schuld an der Krankheit ihrer Mutter, weil sie ständig gemotzt hat. In einem Umfeld, für das Depression immer noch ein Tabu ist und das nur den schönen Schein der Oberfläche gelten lässt, ist es für Charlotte sehr schwierig, zu sich selber zu kommen –und auch der Mutter neu zu begegnen.

Christine Tresch

Meine Mama
Anthony Browne
Aus dem Englischen von Peter Baumann
Verlag: Lappan, Publiziert: 2005, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-8303-1088-9
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Meine Mama ist die stärkste Frau der Welt, eine tolle Malerin und – wen wunderts? – eine wunderbare Sängerin. Sie kann jonglieren, backen, gärtnern, trösten und auch sehr zärtlich sein. Kurz: meine Mama ist eine Supermama. Sie ist immer für mich da und ich liebe sie. Und sie liebt mich.

Die Verherrlichung der Mama wird bis zum verklärten Finale des Buches konsequent durchgezogen. Zum Glück sind da die Bilder. Die stärkste Frau der Welt, die Unmengen von Einkäufen heimschleppt. Sie lächelt zwar, doch man weiss: Mama hat sich ihren lächelnden Mund selbst gemalt. Und was wirbelt Mama durch die Luft? Klar: Haus, Auto, Handtasche, Nahrungsmittel – Symbole, die sich den erwachsenen BetrachterInnen wohl eher erschliessen als Kindern.

Das opulente Blumenmuster, das vom Morgenmantel über den Sessel bis zu diversen Schleifen durch das ganze Buch wuchert, hält als optisch verbindendes Element die einzelnen Statements zusammen. Mama selbst wirkt mit ihren Apfelbäckchen, den Knopfaugen und den süssen rosa Pantoffeln zwar hausbacken, doch ihre offensichtlichen Talente prädestinieren sie ganz natürlich für die oberste Chefetage. Dennoch zieht sie es vor, zu Hause zum kuscheligen Sessel zu werden und ihren Sohn permanent zum Lachen zu bringen. Mama ist eben so. Und natürlich darf der bei Anthony Browne obligate Schimpanse auch nicht fehlen.

Nachdem Browne vor fünf Jahren auf dieselbe Weise den allerbesten Papa gekürt hat, ist es nicht mehr als recht, dass nun auch eine Mama auf den Sockel gestellt wird. Wunschtraum und Verklärung hin oder her: Browne gelingt das Kunststück, dass uns dieses unverschämt sentimentale Bilderbuch nicht in den falschen Hals gerät, sondern uns sogar entzückt. Ein hintersinniges Geschenk für alle Kinder und ihre Mütter.

MAJA MORES

Helenes Familie
Anke Kuhl
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2005, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51646-4
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Familie/Familienformen

Helenes Eltern haben einen Gast und deshalb nicht viel Zeit für ihre Tochter. So reagieren sie auch kaum auf die grosse Katze, die beim Abendessen auftaucht und Helene ihren warmen Atem in den Nacken bläst, sodass ihre Haare wehen. Helenes Fragen nach der Katze verstehen sie völlig falsch und ihren Wunsch, noch ein bisschen im Garten zu spielen, lehnen sie leicht gereizt ab. So entgeht ihnen völlig, dass sich in der Zwischenzeit der Pavillon mit Wasser füllt, dass Fische durch die alte Laube schwimmen und dass die Vögel im Garten eine Fischrettungsaktion starten, nachdem diese in der Hängematte gelandet sind. Erst als die Katze krank wird und der Gast endlich fort ist, nehmen sie Helenes neue Freunde wahr.

Was wie eine typische Bilderbuchgeschichte à la “vernachlässigtes Kind rettet sich in Fantasiewelt” zu beginnen scheint, wandelt sich zunehmend in ein klassisch fantastisches Bilderbuch in bester todorovscher Manier: Scheint sich das wilde Tierleben zunächst nur in Helenes Fantasie abzuspielen, verraten letztlich doch kleine Hinweise in Anke Kuhls überwiegend in Blau- und Grüntönen gehaltenen Bildern, dass Katze und Fische und Vögel tatsächlich da sein könnten. Auf der vorletzten Doppelseite, auf der die kranke Katze dringend mit heissem Kakao versorgt werden muss, bemerkt die Mutter, dass sie viel zu wenig Tassen mitgebracht hat; die letzte Illustration zeigt die ganze Familie in liebevoller Umarmung mit den riesenhaften Tieren aus dem Garten (bloss die Fische sind nicht dabei).

Ob Familienparabel oder ein die Realität durchbrechendes Bilderbuch –, “Helenes Familie” ist auf jeden Fall eine witzig in Bilder umgesetzte Geschichte voller Träume und Fantasie.

MAREN BONACKER

Wahre Freunde
Manuela Olten
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-59-2
Schlagwörter: Freundschaft | Streit/Konflikt | Schule

Nach ihrem preisgekrönten Erstling “Echte Kerle” legt die junge deutsche Illustratorin Manuela Olten dieses Frühjahr gleich zwei neue Bilderbücher vor. “Wahre Freunde” schliesst in seiner Art ziemlich direkt an die zwei kleinen Grosshälse aus dem ersten Buch an. Wiederum sind zwei Jungs die Hauptfiguren. Sie beginnen im Pausenhof einen Streit und schmeissen sich so einiges an den Kopf: Der hat meinen Schulranzen weggeworfen! Der hat meine Mütze geklaut! Der hat mir sein Butterbrot ins Gesicht geschmiert! … Nein, du hast zuerst…! Die Spirale dreht sich weiter, ohne dass wir wirklich wissen, weshalb die zwei aneinander geraten sind. Während die anderen Kinder (und sogar die Lehrerin) zusehends von der Bildfläche verschwinden, wissen die zwei Racker nicht mehr, was sie sich noch an den Kopf werfen könnten. Nachdem sie sich schmollend oder besser ratlos angeschwiegen haben, kippt die Szene. Zuerst noch unsicher, finden sie den Weg aus ihrem Streit und entscheiden sich ganz selbstverständlich für ein gemeinsames Fussballspiel. Der Streit ist so schnell vergessen, wie er aufgetreten ist, und die anderen Kinder tauchen buchstäblich wieder auf der Bildfläche auf. Der Illustratorin gelingt es hier, mit äusserst wenig, dafür zum Teil typografisch überhöhtem Text und grossflächigen, von Erdfarben dominierten Bildern die alltägliche Pausensituation ausdrucksstark wiederzugeben. Sie geht nahe an die Kindergarten-/Schulsituation der Kinder heran, und darin liegt der Unterschied zu David McKees Streit-Klassiker “Du hast zuerst angefangen! Nein du!” Während McKees Streithammel völlig losgelöst von anderen Personen agieren, sind die Freunde bei Manuela Olten auch Teil einer Gruppe, die reagiert: zuerst mit ängstlicher Neugier, dann mit Abwendung, bis zum Schluss der Streit auf zwei andere Kinder übergeht.

In “Wo wächst der Pfeffer?” muss Olten allein schon deswegen neue Wege gehen, weil sie erstmals nicht selbst textet, sondern Brigitte Raabs Frage-und-Antwort-Spiel illustriert, das dem Trend der momentan beliebten Sachbücher für die jüngsten Leser folgt. Das Bauprinzip des Bilderbuchs ist einfach: Auf einer ersten Doppelseite wird eine witzige Antwort auf eine kurze Sachfrage gegeben. Oder hätten Sie vermutet, dass Bären Winterruhe halten, weil sie in keine Winterjacke passen, oder Schnecken ein Haus haben, weil sie gerne Campingurlaub machen?! Auf der darauf folgenden Doppelseite begegnet uns links jeweils ein pfiffiges Kind, das ein fröhliches Nein! zur ersten Aussage gibt, während auf der rechten Seite Bild und Text gemeinsam die sachlich richtige Antwort geben.

Nicht nur die Kinder im Buch haben ihren Spass an dieser Anlage und sind am Schluss umso verblüffter, wenn auf die letzte vermeintlich witzige Antwort nicht ein weiteres Nein!, sondern ein dezidiertes Ja! folgt. Manuela Olten setzt hier auch auf ihre malerische Illustrationsweise, die wenigen Elementen und grösseren Flächen vertraut. Zusätzlich findet sie aber für jene Bilder, die die korrekte Sachinformation wiedergeben müssen, eine für sie neue kleinteilige Art der Bildabfolge. Noch stärker als in den beiden ersten Büchern tritt zudem ihre Fantasie und ihr Humor zu Tage. Alles in allem ist ein fröhliches Sachbuch entstanden, bei dem man das Gefühl hat, Manuela Olten habe mit Wonne daran gearbeitet, und bei dem man zu vielen verrückten Fragerunden ermuntert wird.

BARBARA JAKOB

Immer wieder sonntags
Germano Zullo, Illustration: Albertine
Aus dem Französischen von Edmund Jacoby
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5086-6
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Medien

Lähmendes Entsetzen ist den Personen ins Gesicht geschrieben, die grossen Augen blicken fassungslos auf den dunklen Bildschirm. Familie Sonntags Fernseher ist verstummt. Eine Katastrophe, denn Papa verpasst kein Fussballspiel, Sohn Silvio schaut fürs Leben gern Trickfilme, und Mama weint bei jeder Soap-Opera heisse Tränen. Und nun also Funkstille. Was sollen die Sonntags bloss mit diesem Sonntagabend anfangen?

Da geschieht, was niemand für möglich gehalten hätte. Die drei besinnen sich auf Dinge, die einer fernsehlosen Vergangenheit angehören: ein verstaubtes Radio, die Schätze aus der verschlossenen Spielzeugkiste und ein etwas aus der Mode gekommenes Abendkleid. Schliesslich tanzen Mama und Papa zu einem alten Schlager durchs Wohnzimmer. Mit dem Fernsehtechniker, der an der Haustür klingelt, hat zu diesem Zeitpunkt schon niemand mehr gerechnet.

Die Genfer Illustratorin Albertine hat mit originellen Kompositionen die unterschiedlichen Stimmungen hervorragend in Bilder umgesetzt. Die Figuren überraschen mit ausdrucksstarken Körperhaltungen, welche je nach Stand der Geschichte Langeweile oder Hektik ausdrücken. Oder Zufriedenheit. Und die lässt sich vielleicht mit Hilfe dieses gelungenen Buches auch auf andere Familien übertragen. Der Fernseher muss ja nicht gleich kaputtgehen – man kann ihn auch einfach mal für einen Abend ausschalten.

KATRIN RUCHTI-FEHR

Gehört das so??!
Peter Schössow
Verlag: Hanser, Publiziert: 2005, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20563-2
Schlagwörter: Freundschaft | Tod/Trauer

Die Geschichte von Elvis

Mit grimmigem Gesicht stapft ein kleines Mädchen durch den Park, eine “knallrote Lackleder-Omahandtasche” hinter sich herziehend, dass es nur so staubt. Hier und da bleibt es stehen, ballt die Hände zu Fäusten und brüllt so laut es kann “Gehört das so??!” Sechs ParkbesucherInnen beobachten das seltsame Verhalten der Kieselsteine, Trinkbecher und allerlei mehr vor sich her tretenden Kleinen besonders aufmerksam, folgen ihr auf ihrem Weg durch den Park: über die Wiese, zum Bootssteg, weiter zum Grillplatz… Bis eine Besucherin sich ein Herz fasst, das Mädchen fragt, was denn mit ihm los sei – und natürlich angeschrieen wird. “Elvis ist tot!”, erfahren die sechs. Womit nicht der “King of Rock ‘n’ Roll” gemeint ist, sondern ein Kanarienvogel, dessen sterbliche Überreste das Mädchen in besagter Handtasche spazieren trägt.

Mit viel Humor und ebenso viel Gefühl und doch ohne Sentimentalität erzählt Peter Schössow vom Tod und damit verbundenen Gefühlen. So traurig und wütend die Kleine über den Verlust ihres geliebten Haustieres auch sein mag, so anrührend und zugleich drollig sind die am Computer überarbeiteten Bilder anzuschauen, mit denen der Hamburger Autor und Illustrator seine Geschichte erzählt. Dass Elvis kurz darauf mit Kerze, Weihrauch, Kranz mit Schleife und Bienenstich-mit-Kakao-Leichenschmaus bestattet wird, versteht sich da fast von selbst. “Schön war’s”, heisst es zum Schluss. Und das trifft nicht nur auf die gemeinsame Zeit des kleinen Mädchens mit ihrem Elvis oder seiner stilvollen Beerdigung zu, sondern auch auf Schössows so tröstliches, Herz erwärmendes Bilderbuch.

ANDREA DUPHORN

Rosannas grosses Bruder
Cornelia Funke, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6508-5
Schlagwörter: Humor/Komik | Geschwister

Rosanna könnte gerade jetzt einen wirklich starken Bruder gut brauchen, denn nach der Schule wartet täglich der stärkste Junge der Schule auf sie, um ihr als Wegzoll einen Kuss abzuverlangen. Da droht sie kurzerhand mit ihrem Bruder, auch wenn dieser weder grösser noch stärker ist. Rosannas Situation scheint hoffnungslos, bis sie aus der Zeitung von Professor Doktor Salomon Schwindelfrei erfährt, der aus Lügen Wahrheit machen kann.

Rosannas Schutzlüge wird zur Probe für einen Tag umgesetzt, ihr Bruder wird tatsächlich riesig und bärenstark, nur helfen will er seiner Schwester nicht. Von Professor Schwindelfrei darin bestärkt, eine andere Lüge zu finden, die aber für immer gelten wird, zerbricht sich Rosanna lange den Kopf. Am vierten Tag saust sie erneut zum Professor, präsentiert ihm ihre neue Lüge und lässt danach – frisch gelogen als stärkstes Mädchen der Welt – ihren verdutzten Verehrer am Kragen über den Brennesseln schweben.

Cornelia Funke hat eine witzige Geschichte für starke Mädchen und solche, die es werden wollen, geschrieben. Mit Fantasie und Humor erzählt sie in knappen Zügen und mit viel direkter Rede vom Umgang mit Wahrheit und Lüge. Am Ende steht eine selbstsichere Rosanna, bei der niemand sich trauen sollte, das Selbstvertrauen nur auf eine wahr gewordene Lüge zurückzuführen. Eine wichtige Rolle spielen die Illustrationen von Jacky Gleich. Sie bringt in ihren farblich meist luftig-leichten Bildern eine zusätzliche Ebene ins Spiel, die einen nicht nur für Erwachsene besonderen Reiz ausmachen: Das Haus des Professors ist gespickt mit Versatzstücken aus verschiedenen Märchen, so dass ein Zusammenhang zwischen Märchen, Lügen und Wunschvorstellungen hergestellt werden kann.

BARBARA JAKOB

Das Prinzenkind
Maranke Rinck, Illustration: Martijn van der Linden
Aus dem Niederländischen von Dorothee Haentjes
Verlag: CBJ, Publiziert: 2005, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12928-4
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Tiere

An einem märchenhaften Tag beginnt auf einer märchenhaften Waldlichtung eine märchenhafte Geschichte: Das Prinzenkind soll begrüsst und gefeiert werden, und alle Tiere des Waldes machen sich für dieses Ereignis bereit. Auf zwölf durchgehend kolorierten Doppelseiten wird in elf kurzen Kapiteln erzählt, wie die Tiere das Prinzenkind ehren wollen. Elf kleine Texte, teils humorvoll, teils poetisch, steigern allmählich die Spannung, denn die LeserIn weiss als Einzige nicht, wer das Prinzenkind ist. Erst das zwölfte Kapitel verrät, was man sich zuvor nur auszudenken vermochte – und an prachtvollen Anregungen fehlt es diesem zauberhaften Bilderbuch wahrlich nicht!

Martijn van der Linden bevölkert die europäische Waldlichtung mit Tieren aus der ganzen Welt: Die nordamerikanische Schneekatze ist ebenso unter den Gästen des Prinzenkindes wie die Wüstenmaus oder der afrikanische Marabu. Biber und Affe, der Marder und die Meisen wollen gratulieren.

Sie alle werden in kräftigen Acrylfarben präsentiert. Der Focus liegt jeweils in der Mitte, zum Rand hin verschwimmen die klaren Konturen. Durchbrochen wird der vermeintliche Fotorealismus durch den fantastischen Schmuck, mit dem die Tiere das Prinzenkind ehren wollen. Mit Perlen und Federn, Lederbändern und geschnitzten Knochen muten die Tiere indianisch an – und doch liegt der Ursprung der Geschichte in einem europäischen Märchen. Um welches es sich handelt, kann hier unmöglich verraten werden. Gehen Sie mit den Tieren auf die Reise, halten Sie nach jeder Seite inne und malen Sie in Ihrem Kopf ein Bild vom Prinzenkind. Und lassen Sie sich dann von dieser wunderschönen zwölften Doppelseite überraschen und verzaubern!

MAREN BONACKER

Papa Sumo
Isabel Pin
Aus dem Französischen von Thomas Minssen
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-60-6
Schlagwörter: Familie/Familienformen

So einen Papa wie in Isabel Pins jüngstem Bilderbuch hätte wohl manches Kind gern. Einen, den man nicht lange bitten muss, etwas zu unternehmen, Fussball zu spielen oder Rad zu fahren etwa. Leider weiss der junge Ich-Erzähler das – zunächst – aber gar nicht richtig zu würdigen. Ist sein Papa für ihn doch auch einer, “der dick, aber nicht stark ist, der nicht hinter einem Ball herlaufen kann, ohne wie ‘ne Lokomotive zu keuchen, beim Trampolinspringen die Couch zertrümmert!” – und der von seinen Freunden als Elefant bezeichnet wird. “Wumm! Da hatte ich keine Lust mehr zu spielen, nicht mit den Freunden, nicht mit Papa.”

In perfekt komponierten Bildern, die selbst den superschwergewichtigen “Papa Sumo” luftig-leicht erscheinen lassen, erzählt Isabel Pin mit kräftigen Farben und filigraner Technik eine ebenso fantasievolle wie warmherzige Vater-Sohn-Geschichte mit überraschenden Wendungen. Denn just in dem Moment, in dem der Sohnemann stinksauer im Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzt, wird er Zeuge einer hochinteressanten Reportage. Prompt heisst es für den Bilderbuch-Papa: “Jetzt reisen wir nach Japan! Du wirst Sumoringer!” Am Ende der Spontanreise steht dann zwar eine empfindliche Niederlage. Aber auch die Erkenntnis, dass es gar nicht so schlimm ist, mal nicht der Stärkste, Beste, Klügste zu sein. “Mama hat Recht: Er ist stark, sehr stark sogar! Er ist mein Papa. Und das ist das Wichtigste!” Eine hinreissende Liebeserklärung an alle Väter – vor allem jene, die sich die Zeit nehmen, mit dem Nachwuchs im Wohnzimmer Sumo zu trainieren.

ANDREA DUPHORN

Kritz, Kratz. Schlaf, kleiner Frosch!
Kitty Crowther
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2005, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-6038-X
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen

Mit Einbruch der Dunkelheit befällt den kleinen Frosch Jonas die Angst. Er hört plötzlich ein “Kritz, kratz, zilp, platsch” unter seinem Bett. Da hilft nur noch die Flucht ins elterliche Schlafzimmer. Zweimal wird er vom Vater freundlich, aber bestimmt ins eigene Bett zurückgebracht, beim dritten Mal schläft Jonas in den Armen der Mutter selig ein. Hier gelangt die Geschichte an einen Wendepunkt, denn jetzt kann Vater Frosch neben dem zappelnden Jonas nicht mehr schlafen und zieht aus in Jonas’ Bett. Nun wird er seinerseits von diesem merkwürdigen “Kritz, kratz, zilp, platsch” erschreckt. Er holt Jonas, und sie machen sich gemeinsam auf die Suche nach dem Urheber der Geräusche. Arm in Arm auf einem Seerosenblatt sitzend, hören sie es: das “Kritz, kratz” stammt vom Maulwurf, das “Zilp” vom Nachtvogel und das “Platsch” vom silbernen Fisch. Beruhigt schläft Jonas nun zusammen mit Vater Frosch auf dem Seerosenblatt ein.

Kitty Crowther erzählt mit wenigen Worten die Geschichte von der verflixten Angst, die Kinder und Eltern nächtelang auf Trab halten kann. Ähnlich wie bei Martin Waddells “Kannst du nicht schlafen, kleiner Bär?” wird deutlich, dass ein gutes Mittel gegen die Angst ist, ihr entgegenzutreten. Mit ihren kleinen Farbstiftzeichnungen gelingt es der Illustratorin, Momente gelöster Stimmung und Anspannung einzufangen. Dabei scheut sie sich auch nicht, Nacht wirklich als Nacht, also schwarz darzustellen. Ebenso wichtig sind im Gegenzug dazu auch humorvolle Details; zum Beispiel, dass bei Familie Frosch der Fussboden überschwemmt ist (Frösche haben eben gerne nasse Füsse), oder der Auszug des Vaters aus dem Ehebett. Familienleben pur! Für alle ab vier Jahren mit und ohne Angst.

BARBARA JAKOB

Gesichter
François Robert, Jean Robert
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2005, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5080-7
Schlagwörter: Kunst

Ein alter Kopfhörer, der uns anzugrinsen scheint. Ein Wischmopp, der wie eine langhaarige Soulsängerin wirkt. Zwei Türblätter, die an ein knollennasiges Zwillingspärchen erinnern. Rund 130 Schwarzweiss- und Farbfotografien vereint der Band “Gesichter”: Überraschende Bilder von Gebrauchsgegenständen wie Brief- und Karteikästen, Werkzeug oder Schrubbern, die unsere Blicke mehr oder weniger Tag für Tag streifen und mit deren Aufnahme François und Jean Robert in den frühen 1970er-Jahren begannen, um ihre Art des Sehens mit der Welt zu teilen. Die Brüder sind nicht müde geworden, ihre Sammlung, die zunächst nur im Bekannten- und Freundeskreis für Staunen und Belustigung sorgte, zu erweitern. Mit geschultem Blick haben sie nach weiteren Motiven geforscht, fotografiert und so eine ganz besondere Sehschule geschaffen.

Dem Prinzip von Katy Coupries und Antonin Louchards preisgekröntem Bilderbuch “Eine ganze Welt” folgend, wird ein Foto an das andere gereiht: ein Babyschnuller “Made in Germany”, ein hölzerner Schuhspanner, der an eine schnatternde Ente erinnert, der Griff einer Säge, eine Haarspange aus Metall. Ist man in der anfänglichen Faszination zunächst noch ganz damit beschäftigt, zu entschlüsseln, was genau einen da denn nun so freundlich anlächelt, dauert es nicht lange und man beginnt das lustige Was-verbirgt-sich-dahinter-Spiel umzukehren und die Umgebung selbst nach weiteren “Gesichtern” abzusuchen. Ein Buch voller kleiner und grosser Überraschungen, das zur Hand zu nehmen man so schnell nicht müde wird. Ganz egal, wie alt – oder jung – man ist.

ANDREA DUPHORN

Ein glücklicher Zufall
Ljudmila Ulitzkaja
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
Verlag: Hanser, Publiziert: 2005, Seiten: 78, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20603-5
Schlagwörter: Historisches

Empfindsam, melancholisch und sehr eigenwillig sind sie, Ljudmila Ulitzkajas Figuren. Wer die Erzählungen und Romane der russischen Autorin mag, wird auch ihren Kindergeschichten nicht widerstehen können. Da ist der kleine Unglücksrabe Genja Pirapletschikow (“sein Name war so albern, dass er ihn, seit er schreiben konnte, als Demütigung empfand”), der schliesslich doch Gelegenheit bekommt, zu zeigen, was er kann, und da ist sein Widersacher Kolja Kljukwin, ein finsterer Lausebengel, um den man vier Geschichten später zittern wird, wenn er durch einen glücklichen Zufall den Sturz vom Dach auf den gemeinsamen Hof überlebt. Nicht zu vergessen Dina, die den ganzen Tag zu Hause bleibt, weil sie noch so klein ist, und der “einzigen endlosen Geschichte über Menschen mit ungewöhnlichen Namen” zuhört, die ihr angeblich fast vollkommen blinder Urgrossvater erzählt.

Im russischen Original erschienen die sechs Geschichten unter dem Titel “Kindheit 49”, und tatsächlich sind es die Farben, Gerüche und Gesichter der 50er-Jahre, die Ulitzkaja mit ihren kleinen Episoden aus dem Alltag heraufbeschwört. Grau, oder besser in stockfleckigen Brauntönen, fängt jede Geschichte an, um mit einem goldenen Schimmer zu enden. – wenn jedes Kind, das sich Ulitzkaja in ihren Geschichten vornimmt, auf seine Art einen Weg findet, das ärmliche Leben im Hof etwas schöner und aufregender zu gestalten –, sei es durch Fantasie, durch Mut oder auch einmal durch Unverschämtheit.

CHRISTINE LÖTSCHER

Weissnich
Joke van Leeuwen
Aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2005, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5079-3
Schlagwörter: Freundschaft | Philosophie | Fantastik/Fantasy

Die Mutter hat gerade erst angefangen, eine Geschichte zu erzählen, als der Vater sie ans Telefon ruft. So bleibt der Geschichtenanfang unerfreulich unvollendet: “Es war einmal…” Das Etwas, das daraufhin aus der Geschichte fällt und verdutzt auf dem Bett des Mädchens landet, kann gar nichts über seine Herkunft sagen. “Weissnich” nennt ihn das Mädchen deshalb. Weissnich weiss nichts weiter über seine Geschichte, als dass sie mit “es war einmal…” beginnt. Doch das tun so viele Geschichten. Wie soll Weissnich so jemals nach Hause finden? Mama könnte vielleicht helfen, doch sie muss weitertelefonieren, und so macht sich das Mädchen mit dem kleinen Wesen auf eine spannende Suche quer durch bunte und schwarzweisse Geschichten, Geschichten mit Heden und Geschichten ganz ohne Licht, gefährliche, vergessene, alte und heimliche Geschichten, stets auf der Suche nach dieser einen, in der das Wesen seine Eltern wiederfindet.

Joke van Leeuwen hat ein postmodernes Gesamtkunstwerk geschaffen, das alle LeserInnen begeistern wird, die das Zusammenspiel von Text, Schrift und Illustration lieben. Dabei ist es egal, wie alt sie sind. Kinder haben an den skurrilen, durchgehend farbigen Bildern ebenso ihre Freude wie ihre Eltern – und Erwachsene schliessen das verloren wirkende grossnasige Etwas bestimmt genauso schnell ins Herz wie die jüngsten LeserInnen. Das variantenreiche Spiel mit den Schrifttypen lockert den Text auf, der mit klangmalerischen Einschüben und geradezu philosophisch anmutenden Fragestellungen sicher nicht anspruchslos ist. Ein besonderes Buch – für besondere LeserInnen.

MAREN BONACKER

Herr Bello und das blaue Wunder
Paul Maar, Illustration: Ute Krause
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2005, Seiten: 223, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4251-4
Schlagwörter: Freundschaft | Familie/Familienformen | Schlaf/Einschlafen | Humor/Komik

Kaum ist der sehnliche Wunsch von Apothekersohn Max nach einem Hund in Erfüllung gegangen, passiert es: Bello schlabbert den bläulichen Inhalt jener Flasche auf, die der Vater vor ein paar Tagen von einer alten Frau erhalten hat, und… verwandelt sich in einen Menschen. Oder sagen wir Fast-Menschen. Denn so ganz kann der “Mönsch” Bello seine Hundegewohnheiten nicht ablegen, und immer wieder stolpert er in die Falle menschlicher Verhaltensweisen. Denn woher soll ein Hund Tischmanieren haben oder wissen, wie die Sache mit dem Pinkeln bei den Menschen gehandhabt wird? Richtig knifflig wird es, als es darum geht, den Nachbarn, Papas neuer Liebe oder der Frau vom Jugendamt von der Existenz des doch sehr eigenwilligen Wesens zu berichten. Nach etlichen Irrungen und Wirrungen kommt es zum erhofften Happy End bei Mensch und Tier.

Die Geschichte von Bello und seinem vertrackten Ausflug in die Menschenwelt kommt locker-leicht daher und lebt von einer gehörigen Portion Situationskomik. Die zwei unterschiedlichen Perspektiven von Max und einem Erzähler geben der Behauptung, dass vieles eigentlich nur eine Frage des Standpunktes ist, eine ganz besondere Note. Dieses neue Buch von Sams-Vater Paul Maar wird vielen Kindern gefallen und eignet sich bestens für vergnügliche Vorlesestunden zu Hause und in der Schule. Dass nicht wenige der Sequenzen filmreif daherkommen, kommt nicht von ungefähr: Die Geschichten um Herrn Bello, Max und Papa Sternheim sind in gemütlichen Kamin-Erzählrunden zwischen Paul Maar und dem Drehbuchautor der Sams-Filme entstanden. Glauben Sie mir: Wenn jemand mit so viel Freude am Erzählen ans Werk geht, können alle LeserInnen ab etwa 8 Jahren wirklich ihr blaues Wunder erleben.

BARBARA JAKOB

Winzling
Marion Dane Bauer, Illustration: Ute Martens
Aus dem Englischen von Heike Schlatterer
Verlag: dtv, Publiziert: 2005, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-62208-3
Schlagwörter: Tiere | Erwachsenwerden

Der winzig kleine Wolfssprössling hat wenig Überlebenschancen. Nur wer gross und stark ist wie seine Geschwister aus demselben Wurf kann sich im harten Wolfsleben behaupten. Winzling, wie sie ihn nennen, ist nicht nur klein geraten, nein, er macht auch alles falsch. Er ist ein Träumer, verirrt sich im Wald, verliert bei Balgereien jeden Kampf und kann Gefahren nicht rechtzeitig erkennen. Und das Allerschlimmste: Er wird von Menschen berührt! All die schlechten Erfahrungen lehren ihn jedoch, sich zu behaupten und sich letztlich als nützliches Glied ins Rudel zu integrieren.

Es wird jedem Kind leicht fallen, sich mit Winzling zu solidarisieren, denn mit ihm kann es sich verbünden, kann hoffen, zittern, bangen und sich ins Wolfsabenteuer stürzen. Wie nebenbei erfährt es dabei viel Interessantes über die bedrohte Tierart, denn die Autorin hat den Text mit fundiertem Sachwissen geschrieben. So entstand eine starke Geschichte über ein schwaches Wolfskind, das lernt, sich seinen Platz im Rudel mit Mut und Ausdauer zu erkämpfen. Kleine, eindrückliche Schwarzweisszeichnungen werden zudem ideal eingesetzt, um wichtige Passagen hervorzuheben und somit das Textverständnis zu unterstützen. Die spannende Lektüre kommt ohne anbiedernde Gefühlsduselei aus, sie geht in ihrer Schlichtheit (und in gekonnter Übersetzung) zu Herzen und weiss neugierige Kinder zu fesseln. Mit ausführlicher Sachvermittlung eignet sie sich auch bestens als Klassenlektüre für die Unterstufe.

GIOVANNA RIOLO

Wundertütentage
Mirjam Pressler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2005, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79893-8
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere | Liebe

In Presslers neuem Kinderbuch “Wundertütentage” spürt man die Routine der Autorin, und die Solidität produziert keine Spannung. Erzählt wird die Geschichte des schüchternen Samuel, der fast elf (auf dem Klappentext fast neun) Jahre alt ist und mit den Eltern und der Schwester an den Stadtrand umziehen muss. Samuel mag keine Veränderungen. Aber niemand an der neuen Schule belästigt ihn, ja er glänzt mit seiner Käfersammlung vor der ganzen Klasse. Das erleichtert ihm den Einstieg am neuen Ort genau so wie der zurückhaltende, freundschaftliche Banknachbar Jakob. Und Nicki, das Mädchen aus der Nachbarschaft, das eine trächtige Katze gekidnappt hat, damit die Besitzer der Katze die Katzenbabys nicht umbringen können, wird rasch zu seiner Freundin. Wenn die Eltern nur nicht ständig streiten würden. Samuels Mutter hat genug von Haushalt und Sekretariatsarbeiten und will studieren. Dafür hat ihr Mann kein Verständnis. Als sie für eine Weile weggeht, muss der Vater mit den beiden Kindern alleine zurechtkommen.

Am Schluss wird fast alles gut: Die Mutter wird studieren, die Jungen der Katze bekommen ein Plätzchen, und Samuel findet in einer älteren Nachbarin eine Frau, die ihm ein bisschen Ersatz für die entfernt lebende Grossmutter sein kann. Nicki mag er sehr, und Jakob ist sein Freund.

CHRISTINE TRESCH

Warum wir vor der Stadt wohnen
Peter Stamm, Illustration: Jutta Bauer
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2005, Seiten: 42, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79875-X
Schlagwörter: Philosophie | Familie/Familienformen | Fantastik/Fantasy

Diese Familie hat kein Sitzleder, ständig passt einem Familienmitglied etwas nicht am Ort, wo man gerade wohnt. So wandern sie weiter. Mutter, Vater, Grossvater (der stirbt, als die Familie unter einer Brücke wohnt), Grossmutter, Schwester und der Erzähler ziehen vom blauen Haus in den Trolleybus, aufs Dach einer Kirche, auf den Mond, ins Kino oder in den Traum. Erst am 18. Ort kommen sie wirklich an, im Haus vor der Stadt. Aufbruch und die Sehnsucht, anzukommen, sind zentrale Themen von Peter Stamm. In seinem ersten Kinderbuch hat er sich von der Lust am Surrealen treiben lassen. Die Reise der Familie durch reale und fantastische Räume endet an einem gewöhnlichen Ort. Aber durch die Erfahrungen, die die Umziehenden unterwegs gemacht haben, wird das normale Haus vor der Stadt zu einem besonderen.

Dieser Umzugsreigen erinnert an Geschichten des russischen Surrealisten Daniil Charms, in denen Alltag und Unwahrscheinliches so ineinander verzahnt sind, dass seine Figuren schon gar nicht versuchen, sich dagegen zu wehren.

Stamm beschreibt Gerüche, Geräusche, Wetter- und Lichtverhältnisse an den jeweiligen Wohnorten. Der letzte Absatz jedes Textes bildet eine Art Abzählvers, in dem auch gesagt wird, warum die Familie weiterzieht. So heisst es am Ende von “Als wir im Meer wohnten”: “Der Bruder sah vier Aale, der Grossvater machte drei Purzelbäume, die Mutter fand zwei Perlen. Es reichte nicht für eine Kette, auch nicht, als die Grossmutter noch eine fand. Der Vater aber konnte unter Wasser nichts sehen. Deshalb zogen wir auf den Hut des Onkels.”

Peter Stamm hat diesen Text vor zehn Jahren für ein Hörspiel auf Schweizer Radio DRS1 geschrieben. Einige IllustratorInnen sind angefragt worden, ob sie das Buch bebildern möchten, Jutta Bauer hat sich an die schwierige Arbeit gewagt. Ab und zu sei sie drauf und dran gewesen, das Projekt aufzugeben, erklärte sie an der Buchvernissage in Zürich. Wie lange der Text die Künstlerin beschäftigt hat, kann man an einem Detail ablesen: Jutta Bauer hat der Familie eine Katze beigesellt. Diese wechselt im Verlauf des Buches das Fell, weil Jutta Bauers Katze starb und sie sich nach einiger Zeit wieder eine junge Katze zulegte.

Jutta Bauer nimmt den Text beim Wort, sie greift Details auf, wechselt Blickwinkel und Abstraktionsgrad, so, wie die Familie ihr Zuhause wechselt, und fügt dem umzugsverrückten Haushalt neben der Katze noch einen roten Teppich bei, der den wenig Sesshaften ein Gefühl von Zuhausesein vermittelt. Katze, Teppich und die Abzählverse bilden die Konstanten in dieser ständig sich verändernden Zügelinszenierung. In einem Bild von Jutta Bauer findet sich klein auch das Konterfei von Peter Stamm und darüber “Glück”. Ein Glück, das auch die Hörenden und Schauenden ereilt.

Zum Buch ist eine CD erschienen mit einer hochdeutschen Lesung von Samuel Weiss und dem Mundarthörspiel von Schweizer Radio DRS1, in dem die Gitarrenriffs von Max Lässer das Serielle dieser Geschichte wunderbar hervorheben.

CHRISTINE TRESCH

Erde an Pluto oder Als Mum abhob
Gwyneth Rees
Aus dem Englischen von Katarina Ganslandt
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2005, Seiten: 206, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-34450-8
Schlagwörter: Humor/Komik | Abschied | Krankheit

Psychische Krankheit wurde in der Kinder- und Jugendliteratur lange Zeit nur selten thematisiert. Zum einen war sie (und ist noch immer) tabubehaftet, zum andern schwierig zu vermitteln. Jetzt plötzlich befasst sich eine ganze Reihe von Neuerscheinungen mit psychischen Störungen und Leiden sowohl bei Erwachsenen wie bei Kindern oder Jugendlichen. Gwyneth Rees’ Roman ist eine davon, und um es gleich vorwegzunehmen: “Erde an Pluto” ist kein graues, bedrückendes Buch. Es ist im Gegenteil spannend und vergnüglich zu lesen.

Die Geschichte handelt vom 12-jährigen Daniel, dessen Mutter an der Südküste Englands die lang ersehnte Stelle als Schulleiterin bekommt. Alle freuen sich auf den Umzug – Daniels Vater Malcolm, der Arzt ist, Daniels kleine Schwester Martha und natürlich Isobel, Daniels Mutter. Nur Daniel freut sich nicht, er muss in dem kleinen Ort ausgerechnet in jene Schule, in der Isobel Direktorin wird. Als der Vater nach Neuseeland reist, um seine kranke Mutter zu besuchen, ist Daniels Stimmung auf dem Nullpunkt. An der neuen Schule fällt es ihm schwer, Freunde zu finden. Lediglich mit Abby, die eine alkoholkranke Mutter hat und von allen gemieden wird, scheint Daniel etwas gemeinsam zu haben.

Doch richtig schief beginnen die Dinge erst zu gehen, als Isobel wegen eines Ausschlags das Medikament absetzt, das sie seit Marthas Geburt täglich einnimmt. Zunächst wirkt Isobel einfach etwas aufgekratzt, sie scheint unheimlich viel Energie zu haben und sitzt die halbe Nacht über der Arbeit, dann beschliesst sie, den Bücherbasar in der Schule ein wenig “aufzupeppen”, indem sie das Sofa von zu Hause mitbringen will, sie kauft massenhaft Essen und Kleider, und sie kleidet sich in grellbunte Farben. Isobel leidet an einer manischen Depression, wie Daniel zum Schluss des Buchs erfährt. Dazwischen verfolgt die LeserIn, wie Daniel vergeblich versucht, seine Mutter dazu zu bewegen, in die Klinik zu gehen, wie seine Loyalität zu ihr in der Schule auf die Probe gestellt wird, wie ihn die Verantwortung für Martha überfordert und er schliesslich verzweifelt seinen Vater anruft, als Isobel mit Martha verschwindet.

In diesen glaubhaft beschriebenen Verlauf des Geschehens ist eine Nebengeschichte eingewoben, die viel Spannung erzeugt: Daniel sieht ein Foto von Isobel mit weit aufgerissenen Augen und einem Baby im Arm, das vielleicht gar nicht Martha ist – denn möglicherweise ist Martha gar nicht Martha, sondern Sophie, das Baby von Kate, die mit Isobel in der Klinik war. Die Nebengeschichte entwickelt eine Eigendynamik und scheint sich beinahe aus der dargestellten Wirklichkeit zu lösen – fast wie Isobel, die zunehmend den Boden unter den Füssen verliert und “abhebt”. Insgesamt jedoch ist Rees ein überzeugendes Buch gelungen: Mit Isobel wird eine humorvolle, liebenswerte Figur gezeichnet, das Krankheitsbild und die damit verbundenen Konflikte werden anschaulich geschildert, und in Daniel mit seinen Ängsten, aber auch mit seiner Kraft, sich selber zu helfen, werden sich viele LeserInnen wieder erkennen.

CHRISTINE HOLLIGER

Die Fremde im Garten
Marjaleena Lembcke
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2005, Seiten: 140, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00954-5
Schlagwörter: Freundschaft | Historisches | Identität/Individualität

Für die zwölf Jahre alte Hillevi ist der verwilderte Garten eines seit Jahren verlassenen Hauses in der Nachbarschaft zu einem wichtigen Rückzugsort geworden. Stundenlang kann sie dort sitzen und vor sich hinträumen. Von Tuomo, dem älteren Bruder ihrer besten – und einzigen – Freundin Sonja. Oder Klassenkamerad Pasi, der so gerne einmal nach Neuseeland reisen möchte und in Hillevis Tagträumen auch schon mal zum umschwärmten Sänger einer Rockband oder einem (Märchen-) Prinz wird. Bis mit Viola eines Tages die rechtmässige Besitzerin des verwunschenen Holzhauses auftaucht. Über vierzig Jahre war sie verschwunden. „Weggesperrt“ in eine Nervenheilanstalt, wie es heisst.

Marjaleena Lembckes Geschichte erzählt von einer Kindheit Ende der 1960-er Jahre in Finnland. Gekonnt verknüpft die in Finnland geborene und aufgewachsene, mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen bedachte Autorin Alltagsschilderungen, Gedankenspiele und Gefühle ihrer Protagonistin zu dem warmherzigen Stimmungsbild einer Heranwachsenden, beschreibt in einer ruhigen, präzisen Sprache das liebevolle Verhältnis zwischen Hillevi und ihren recht alten, viel beschäftigten und überängstlichen Eltern, das bange Warten des Mädchens auf die erste Periode, die ersten Kontakte mit dem anderen Geschlecht – und die Versuche mehr darüber zu erfahren, warum Viola damals aus ihrem Elternhaus geflüchtet ist. Ein Buch, in dem sich – auf die eine oder andere Weise – fast jedes junge Mädchen wieder finden kann. So wie Hillevi in jenem Sommer mit Viola, den Begegnungen und Gesprächen mit ihr, ein gutes Stück mehr zu sich selbst findet.

ANDREA DUPHORN

Wolkenpanther
Kenneth Oppel
Aus dem Englischen von Anja Hansen-Schmidt
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2005, Seiten: 550, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80941-7
Schlagwörter: Abenteuer

Wer Kenneth Oppels weltweit erfolgreiche Fantasy-Trilogie um die junge Fledermaus Schatten kennt, weiss, wie spannend der 1967 geborene Kanadier erzählen kann. Auch in seinem jüngsten, auf Deutsch erschienenen Roman “Wolkenpanther” gelingt es ihm, seine LeserInnen bereits mit den ersten Sätzen in eine mitreissende Abenteuergeschichte in bester Jules-Verne-Tradition hineinzuziehen.

Nach dem Tod seines Vaters fühlt sich der 15 Jahre alte Matt, allein an Bord des Luxus-Zeppelins “Aurora”, wirklich wohl. Er träumt davon, schon bald vom Kabinensteward und Schiffsjungen zum Segelmacher aufzusteigen und so in die Fussstapfen seines Vaters treten zu können, der vor drei Jahren auf einem Flug mit der “Aurora” tödlich verunglückt ist. Doch dann wird Matts geliebter Zeppelin von Piraten angegriffen, gerät in einen schlimmen Sturm und nimmt dabei so grossen Schaden, dass er auf einer einsamen, unbekannten Südseeinsel notlanden muss.

Kenneth Oppel lässt seinen Roman in einem fiktiven Zeitalter spielen: Nicht Schnellzüge, Düsenjets und Luxusyachten haben sich als Hauptverkehrsmittel durchgesetzt, sondern die majestätischen Zeppeline. Wie die Trilogie “Silberflügel”, “Sonnenflügel”, “Feuerflügel” (Beltz&Gelberg 2001 – 2004) wird auch “Wolkenpanther” von einer grossen Faszination für das Fliegen und die Verbundenheit mit der Natur getragen, verknüpft mit einer zarten ersten Liebe und der Suche nach einer bislang unentdeckten Flugspezies – den Wolkenpanthern – und so packend erzählt, dass man das 550-Seiten-Werk am liebsten gar nicht mehr aus der Hand legen mag.

ANDREA DUPHORN

Ich bin sexy
Björn Ingvaldsen
Aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2005, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-6043-6
Schlagwörter: Liebe | Humor/Komik

Espen Herberts Aufzeichnungen

Der zwölfjährige Espen Herbert Knutsen freut sich, nach den Sommerferien wieder in die Schule zu gehen. Doch unvermutet trifft ihn dort Amors Pfeil: Er verliebt sich unsterblich in die Tochter seiner neuen Lehrerin. Und wie alles, was Espen macht, vollzieht er auch die Eroberung der umschwärmten Therese umsichtig und mit grossem Nachdruck. Seine Strategien haben aber leider eines gemeinsam: Sie münden in Riesenkatastrophen. Etwa als sich Espen in der Duschanlage der Turnhalle versteckt und sich statt mit Therese plötzlich mit einer Abendklasse reifer, nackter Damen konfrontiert sieht. Oder als er Papas Ziehharmonika manipuliert und sich damit als hochstaplerischer Strassenmusikant produziert. Höhepunkt des Buches ist aber die Szene, wo Espen mit einem verzweifelten Neonröhren-Liebesschwur die Stromversorgung der ganzen Stadt lahm legt. Während man mit seinen Eltern Mitleid verspürt, scheinen seine tollkühnen Taten nicht vergebens gewesen zu sein – Therese ist schwer beeindruckt. Was will man(n) mehr?

Der aufgeweckte Espen hat das Potenzial zu einer neuen Jugendbuch-Kultfigur, das bewies er bereits im ersten Band “Ich bin berühmt” von 2003, in dem er im Übereifer das elterliche Heim in eine Bruchbude verwandelte. Mit seinen Taktiken mag er wohl manchmal übers Ziel hinausschiessen; ihm Absicht oder gar bösen Willen zu unterstellen, wäre aber falsch. Er ist, im Gegensatz zu den Helden von anderen skandinavischen Jungenbüchern, naiv und überaus sympathisch. Mit der extrem lesefreundlichen, sorgfältigen Aufmachung und den witzigen Illustrationen ein Lesegenuss für Jungen (und Mädchen) ab elf Jahren – und natürlich auch für deren Eltern.

MAJA MORES

Das Buch der toten Tage
Marcus Sedgwick
Aus dem Englischen von Friedrich Kur
Verlag: Hanser, Publiziert: 2005, Seiten: 284, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20607-8
Schlagwörter: Historisches | Fantastik/Fantasy | Grusel/Spuk/Horror

Seit er sich erinnern kann, hat sich Boy auf den Strassen der düsteren Stadt durchgeschlagen, bis ihn Valerian, ein verbitterter und harter Theatermagier, aufnahm und zu seinem Gehilfen machte. Nun, da er 15 Jahre alt ist und die “toten Tage” zwischen Weihnachten und Neujahr angebrochen sind, geschieht Grauenvolles, und für Boy, seinen Meister und für das Mädchen Willow beginnt ein gefährlicher und tödlicher Wettlauf mit der Zeit.

Sedgwicks Roman wirkt wie eine Hommage an die Schauerromane des 19. Jahrhunderts. So erhält die Erzählung ihre atmosphärische Dichte durch die für die Gattung typischen Requisiten und ihre Spannung durch das geschickte und zeitgeschichtlich typische Schwanken zwischen rational erklärbarer Wissenschaft und übernatürlichen Geschehnissen. Im Zentrum der Handlung steht jedoch die geheimnisvolle Geschichte des faustischen Gelehrten Valerian, die sich Boy immer mehr erschliesst.

Leider ist der Roman letztlich zu klein, um die bereitgestellte Bühne auszufüllen: Am Ende müssen lange Dialoge die Spannungsbögen einer dann doch recht einfachen Handlung abschliessen, und darüber hinaus hätten manche LeserInnen wohl gerne weiter die grossartig angelegte Stadt erkundet und ihre interessanten BewohnerInnen kennengelernt, anstatt der sich entspinnenden Liebesgeschichte zwischen Boy und Willow folgen zu müssen. Allein die Welt der “toten Tage” lohnt jedoch die Lektüre.

CHRISTIAN KÖLZER

Drachenmeer
Nancy Farmer
Aus dem amerikanischen Englisch von Simone Wiemken
Verlag: Loewe, Publiziert: 2005, Seiten: 478, ISBN/ISSN/EAN: 3-7855-5355-2
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Mythologie/Sage

Als Jack zum ersten Mal die machtvollen Ströme der Erde in sich spürt, kann er diese Gefühle nicht deuten. Erst der Barde hilft ihm zu verstehen, dass er zu Höherem bestimmt ist als zum einfachen Leben eines Bauern oder Handwerkers. Er lehrt ihn, die uralte Erdmagie zu lenken und zu nutzen, und schenkt ihm somit eine Gabe, die ihm später das Leben retten wird.

Nancy Farmers sorgsam recherchierter Fantasy-Roman “Drachenmeer” führt die LeserIn in den Norden Englands, ins 8. Jahrhundert nach Christus; im weiteren Verlauf verlagert sich die Handlung immer mehr in einen zunehmend fantastisch gestalteten Nordosten. Jack wird von Wikingern verschleppt und schliesslich von der grausamen Königin der Nordmänner ins Land der Drachen und Trolle geschickt. Dort muss er beweisen, dass er die Erdmagie ausreichend beherrscht, um Wasser aus Mimirs Brunnen zu schöpfen. Durch Jacks Perspektive lernt man die rauen Männer aus dem Osten anfänglich fürchten; als der Junge aber ihre Sprache lernt, verlieren sie zunehmend ihre Fremdheit. Schritt für Schritt macht Nancy Farmer ihre LeserInnen mit der nordischen Sagenwelt vertraut, die sie im Anhang zusätzlich erläutert.

Nicht nur wegen der wenig vertrauten Szenerie im hohen Norden Skandinaviens und der noch nicht häufig in Romanen verarbeiteten nordischen Mythen fällt dieser Fantasy-Roman wohltuend aus dem Rahmen. Nancy Farmer verzichtet auf eine eindeutige Zuschreibung von Gut und Böse, lässt ihre ProtagonistInnen eine Entwicklung durchmachen und schafft es, einzelne Figuren anziehend und abstossend zugleich zu zeichnen. Spannender, gut geschriebener Lesestoff für eine breit gefächerte Zielgruppe von lesegeübten Kindern über Jugendliche bis hin zu Erwachsenen.

MAREN BONACKER

Schwein gehabt, Zeus!
Paul Shipton
Aus dem Englischen von Stephanie Menge
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2005, Seiten: 264, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00953-7
Schlagwörter: Abenteuer | Humor/Komik | Fantastik/Fantasy | Mythologie/Sage

Der Held in Paul Shiptons “Schwein gehabt, Zeus!” ist faul, gefrässig, feige und überaus dumm: eben ein echtes Schwein, wenn auch ein sprechendes. Gryllus, einst mit seinem grossen Vorbild Odysseus auf Reisen, bevor er von der Zauberin Kirke in ein Borstentier verwandelt wurde, muss als Heros wider Willen der auszubildenden Apollo-Orakel-Priesterin Sibylle auf ihrer göttlichen Mission zur Seite stehen. Dabei wollte er doch nichts weiter als ein ruhiges Leben im Wald des Dörfchens Mikro-Kaffos führen. Doch warum sind plötzlich alle griechischen Götter aus ihren Tempeln verschwunden? Was bedeuten die rätselhaften Weissagungen des Apollo? Und wer hat gleich eine ganze Horde von sagenhaften Ungeheuern auf die Erde losgelassen? Auf der Suche nach Antworten trifft das Duo auf durchgeknallte Philosophen, rachsüchtige Furien und einen geheimnisvollen Ziegenjungen. Sie kommen einer Verschwörung auf die Spur, die nicht nur die antike Welt bedroht, sondern auch deren Zukunft: uns!

Paul Shipton schickt seine LeserInnen auf eine amüsante Reise durch den Kosmos des antiken Griechenlands und bedient sich dabei ungezwungen und überaus kreativ der Mythologie, Philosophie und Literatur der alten Griechen. Dies vermengt er mit einer gehörigen Portion Jetzt-Zeit. Für alle, denen Gustav Schwabs “Sagen des klassischen Altertums” zu “klassisch altertümlich” sind, ist dieses Buch ein gefundenes Fressen. Apropos: Gryllus geht mit seinem ewigen Gejammer (vor allem nach Pasteten) nicht nur seiner Begleiterin Sibylle, sondern auf Dauer auch der LeserIn ein bisschen auf die Nerven. Dennoch liest man gespannt weiter – wird dieser “Saukerl” nach allen Abenteuern doch noch zum strahlenden Helden?

FRANK BÄCKER

Wolfsbruder
Michelle Paver
Aus dem Englischen von Katharina Orgass und Gerald Jung
Verlag: CBJ, Publiziert: 2005, Seiten: 282, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12905-5
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

Nach dem Angriff des Bären kann der 12-jährige Torak nichts mehr für seinen Vater tun. Starr vor Entsetzen bleibt er neben dem schwer Verwundeten sitzen und weiss, dass dieser sterben wird. Auch Toraks Vater weiss es und bittet seinen Sohn um einen letzten Gefallen: Torak soll den Berg des Weltgeistes aufsuchen, den vor ihm nie jemand zu Gesicht bekommen hat. Nur, wenn ihm diese Aufgabe gelingt, kann er das Übel abhalten, das die Wälder und ihre Bewohner bedroht – denn der Bär ist kein gewöhnlicher Bär, sondern eine böse Macht, die einzig in die Welt gekommen ist, um zu töten und zu vernichten.

Schon der Auftakt dieses 6000 Jahre vor unserer Zeit spielenden Romans lässt die Spannung erahnen, die die LeserInnen über die folgenden 280 Seiten nicht wieder loslässt. In Begleitung eines verwaisten Wolfswelpen und eines Mädchens vom Rabenclan macht sich Torak auf den gefahrenvollen Weg nach Norden.

Michelle Paver gibt mit “Wolfsbruder” einen faszinierenden Einblick in ein fiktives vorzeitliches, von Wäldern bedecktes Nordwesteuropa, indem sie archäologisches Wissen mit der Lebensweise von Jägern und Sammlern der jüngeren Zeit verbindet. Mit dem dämonischen Bären fügt sie ausserdem ein spannendes fantastisches Element hinzu. Der erste von insgesamt sechs Bänden der “Chronik der dunklen Wälder” besticht durch seine knappe, klare Sprache und die wechselnden Einblicke in die Gedanken von Torak und dem jungen Wolf. Die kurzen Kapitel enden jeweils mit einem Cliffhanger, so dass man das Buch nur widerstrebend (wenn überhaupt) aus der Hand legt. Im Rahmen der Diskussion um Lesemotivation der Jungen ein absoluter Geheimtipp!

MAREN BONACKER

Mit offenen Augen
Joyce Carol Oates
Aus dem amerikanischen Englisch von Birgitt Kollmann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2005, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20605-1
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Identität/Individualität

Die Geschichte von Freaky Green Eyes

“Augen auf und Mund halten!” Diese Devise bewährt sich im Leben der 15-jährigen Francesca. Wenigstens zu Beginn dieses Jahres, in dem sich die Ereignisse überstürzen und am Ende in ihrem Leben nichts mehr ist wie vorher. Als sie an einer Party beinahe vergewaltigt wird, wehrt sie sich mit plötzlich auflodernder Kraft, um aus der entwürdigenden Situation heil davonzukommen. Dabei entdeckt sie eine völlig neue Seite an sich, sie zeigt Mut und Stärke, die aus der braven, angepassten Francesca die widerspenstige Franky “Freaky Green Eyes” macht. Trotz dieser einschneidenden Erfahrung mogelt sich Franky weiterhin durch ein verlogenes Familienleben, wie es schrecklicher nicht sein könnte.

Schuld daran ist ihr Dad, der beliebte TV-Sportreporter Reid Pierson. Er, der immer im Rampenlicht steht, führt dem Publikum liebend gerne das erstrebenswerte US-amerikanische Statussymbol “Heile Familie” vor. Die Wirklichkeit sieht jedoch ganz anders aus: Mit Zuckerbrot und Peitsche, in einem Klima der Angst voller verführerischen Versprechungen, geheuchelten Liebesbezeugungen und buchstäblich harter Hand tyrannisiert er seine Frau und die drei Kinder. Alle haben sich ihm bedingungslos unterzuordnen, denn wer nicht pariert, wird von ihm gemassregelt oder gar misshandelt. Nur wer tut und denkt, was er befiehlt, wird von ihm geliebt. Franky passt sich an und bewundert ihren starken Vater, verachtet jedoch insgeheim ihre Mutter, weil sie so ängstlich und unsicher ist. Als Mom mit zaghaften Schritten aus dieser vorgetäuschten Bilderbuchfamilie ausbricht, kommt es zur Katastrophe, die ihre Tochter nicht verhindern kann, obwohl sie die verräterischen Vorzeichen instinktiv gespürt und auch die Spuren von Gewaltanwendung bei ihrer Mutter bemerkt hat. Franky zeigt erst wieder Mut und Stärke, als sie das Tagebuch ihrer Mutter findet. Trotz massiven Drohungen ihres Vaters wagt sie endlich zu sprechen und entscheidet sich für die Wahrheit.

Mit spannungsgeladenem Handlungsaufbau und einfacher, aber äusserst subtiler Sprache bietet Joyce Carol Oates Jugendlichen eine packende Lektüre, die betroffen macht. Sie führt uns ein Familiendrama vor Augen, das zwar in den USA angesiedelt ist, das so oder ähnlich jedoch überall vorkommen könnte. Die Autorin deckt gekonnt auf, welche Kräfte in einer Lebensgemeinschaft zum Tragen kommen, wie gefährlich nahe sich Liebe und Gewalt stehen. Seite um Seite wird die Geschichte beklommener, und man möchte losschreien ob des massiven Psychoterrors, der von Frankys Vater ausgeht, ob der Hilflosigkeit und Abhängigkeit, welche die Familienmitglieder von jeglichem vernünftigen Handeln abhalten. Tief bewegt verfolgt man das Schicksal dieser Familie und ist am Ende froh, dass sich nach dem tragischen Geschehen wenigstens für Franky und ihre jüngere Schwester ein Hoffnungsschimmer zeigt. Mit virtuosem Erzählfluss ist der US-amerikanischen Autorin mit ihrem zweiten Jugendbuch erneut ein zeit- und gesellschaftskritisches Werk für ein anspruchsvolles Publikum gelungen.

GIOVANNA RIOLO

Das Meer zeigt seine Zunge
Verlag: Du Verlags AG, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-037-17010-7
Schlagwörter: Fabelwesen

Die schöne bildungsbürgerliche Tradition des Vorlesens erlebt ein Revival unter den Vorzeichen der Leseförderung: Wer früh vorgelesen bekommt, wird später lustvoll selber lesen. Lustvoll sind aber längst nicht alle Vorlesebücher, die jetzt den Markt überschwemmen – ganz im Gegensatz zur Dezember-Januar-Nummer der Kulturzeitschrift “du”. Dort begegnet man 18 AutorInnen aus aller Welt (von John le Carré bis Fatou Diomé), ebenso vielen IllustratorInnen und unzähligen unbekannten Wesen: dem liebenswürdigen kleinen Staubsauger Goscha zum Beispiel (bei Andrej Kurkow), einer Hexe, die ihre Kollegin aus Andersens kleiner Meerjungfrau an Grausamkeit übertrifft (bei Tatjana Tolstaja), dem türkisfarbenen Monster Hans-Jürgen (in Lewis Trondheims Comic), dem noch gefrässigeren Sehrvielfrass von Montreal (in A.L. Kennedys Gedicht) und einem Ausserirdischen, der behauptet, Wott und der Weihnachtsmann in einem zu sein (Peter Adolphsen). Die von der “du”-Redaktion sorgfältig ausgewählten AutorInnen schreiben sonst nur für Erwachsene, und es gelingt fast allen, doppelt adressierte Geschichten zu schreiben, sozusagen von fünf bis fünfundneunzig. Eine Geschichte ist wunderbarer als die andere, was vielleicht daran liegt, dass die AutorInnen gebeten wurden, das zu erzählen, “was sie als Kind selbst eigentlich gern erzählt bekommen hätten”. Ein Vorlese- und Anschauheft für die ganze Familie sollte daraus entstehen – und tatsächlich gibt es Familien, deren Mitglieder einander das Heft aus den Händen reissen. Ganz nebenbei hat dieses “du” ein grosses Verdienst um die Kinderliteratur: Es postuliert selbstbewusst, dass gute Geschichten für Kinder immer auch Geschichten für alle sind.

CHRISTINE LÖTSCHER

Alles ist relativ
Dietmar Strauch
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2005, Seiten: 284, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80944-1
Schlagwörter: Biografie | Wissenschaft

Jeder kennt sie, die Jahrhundertgleichung E = mc2, und den Namen des Mannes, der sie “erfunden” hat: Albert Einstein. Aber vielfach ist das Wissen um Formel und Person, die unser Weltbild auf ein völlig neues Fundament gestellt haben, damit auch schon am Ende. Anlässlich des Einstein-Jahres 2005 sind nun zwei Bücher erschienen, von denen eines die wissenschaftlichen Hintergründe der Arbeiten Einsteins, das andere den Menschen Einstein beleuchten will.

Zunächst die Wissenschaft. “Einstein light” ist schlicht ein tolles Buch, das es vermag, den LeserInnen die Einstein’schen Theorien verständlich zu machen, ohne diesen dabei etwas von ihrer Ungeheuerlichkeit zu nehmen. Der Aufbau des Textes ist ebenfalls mustergültig. Neben der Darstellung der wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhänge, auf denen Einstein aufbaute, und der Wirkungsgeschichte seiner Theorien bis zu ihrer experimentellen Bestätigung und darüber hinaus, hat Martin Kornelius seinen Text mit einer Vielzahl nützlicher Informationen annotiert. So haben die LeserInnen immer die für das Verständnis des Textes notwendigen Informationen zur Hand, seien es Definitionen, Biografien oder wissenschaftliche Fakten. Die Erkenntnisschritte, die sich aus den einzelnen Beobachtungen ergeben, sind noch einmal hervorgehoben, so dass man am Ende dieser grossartigen Einführung Einstein mit gutem Grund bewundern kann.

Doch Albert Einstein ist nicht nur die Formel. Das zeigt auf eindrückliche Weise Dietmar Strauch in seiner Biografie “Alles ist relativ”. Hier werden nicht nur biografische Details aufgelistet, vielmehr wird ein Porträt des Menschen Einstein gezeichnet, das seine Schwächen nicht verheimlicht, aber dennoch glaubhaft zeigt, dass Albert Einstein weder ein “Fachidiot” noch ein rücksichtsloser Pragmatiker war. Dietmar Strauchs Biografie zeigt vielmehr den Pazifisten Einstein, der versucht, seine Popularität für den Frieden und für den verantwortungsvollen Umgang mit der Kernenergie einzusetzen, die durch seine Gleichung entfesselt worden war. Gerade nach dem amerikanischen Atombombenabwurf über Hiroshima am 6. August 1945 nutzt Einstein das Gehör, welches ihm die Welt bereitwillig schenkt, um vor den Gefahren atomarer Waffen zu warnen und politische Strukturen zu fordern, die den Frieden sichern können. Einsteins Sorge ist wohl auch hundert Jahre nach Veröffentlichung seiner Formel noch berechtigt.

Zusammen bilden die Bücher von Martin Kornelius und Dietmar Strauch ein wertvolles “Einsteinpaket”, mit dem man gut für das gegenwärtige Einstein-Jahr gerüstet ist. Doch auch darüber hinaus kann die Person Albert Einstein als Symbolfigur für den guten Umgang mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen weiterwirken – damit wir, die Zauberlehrlinge der Naturwissenschaft, nicht einst von den Geistern heimgesucht werden, die wir riefen.

CHRISTIAN KÖLZER

Wo wächst der Pfeffer?
Brigitte Raab, Illustration: Manuela Olten
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-7067-4
Schlagwörter: Essen | Religion

Nach ihrem preisgekrönten Erstling “Echte Kerle” legt die junge deutsche Illustratorin Manuela Olten dieses Frühjahr gleich zwei neue Bilderbücher vor. “Wahre Freunde” schliesst in seiner Art ziemlich direkt an die zwei kleinen Grosshälse aus dem ersten Buch an. Wiederum sind zwei Jungs die Hauptfiguren. Sie beginnen im Pausenhof einen Streit und schmeissen sich so einiges an den Kopf: Der hat meinen Schulranzen weggeworfen! Der hat meine Mütze geklaut! Der hat mir sein Butterbrot ins Gesicht geschmiert! … Nein, du hast zuerst…! Die Spirale dreht sich weiter, ohne dass wir wirklich wissen, weshalb die zwei aneinander geraten sind. Während die anderen Kinder (und sogar die Lehrerin) zusehends von der Bildfläche verschwinden, wissen die zwei Racker nicht mehr, was sie sich noch an den Kopf werfen könnten. Nachdem sie sich schmollend oder besser ratlos angeschwiegen haben, kippt die Szene. Zuerst noch unsicher, finden sie den Weg aus ihrem Streit und entscheiden sich ganz selbstverständlich für ein gemeinsames Fussballspiel. Der Streit ist so schnell vergessen, wie er aufgetreten ist, und die anderen Kinder tauchen buchstäblich wieder auf der Bildfläche auf. Der Illustratorin gelingt es hier, mit äusserst wenig, dafür zum Teil typografisch überhöhtem Text und grossflächigen, von Erdfarben dominierten Bildern die alltägliche Pausensituation ausdrucksstark wiederzugeben. Sie geht nahe an die Kindergarten-/Schulsituation der Kinder heran, und darin liegt der Unterschied zu David McKees Streit-Klassiker “Du hast zuerst angefangen! Nein du!” Während McKees Streithammel völlig losgelöst von anderen Personen agieren, sind die Freunde bei Manuela Olten auch Teil einer Gruppe, die reagiert: zuerst mit ängstlicher Neugier, dann mit Abwendung, bis zum Schluss der Streit auf zwei andere Kinder übergeht.

In “Wo wächst der Pfeffer?” muss Olten allein schon deswegen neue Wege gehen, weil sie erstmals nicht selbst textet, sondern Brigitte Raabs Frage-und-Antwort-Spiel illustriert, das dem Trend der momentan beliebten Sachbücher für die jüngsten LeserInnen folgt. Das Bauprinzip des Bilderbuchs ist einfach: Auf einer ersten Doppelseite wird eine witzige Antwort auf eine kurze Sachfrage gegeben. Oder hätten Sie vermutet, dass Bären Winterruhe halten, weil sie in keine Winterjacke passen, oder Schnecken ein Haus haben, weil sie gerne Campingurlaub machen?! Auf der darauf folgenden Doppelseite begegnet uns links jeweils ein pfiffiges Kind, das ein fröhliches Nein! zur ersten Aussage gibt, während auf der rechten Seite Bild und Text gemeinsam die sachlich richtige Antwort geben.

Nicht nur die Kinder im Buch haben ihren Spass an dieser Anlage und sind am Schluss umso verblüffter, wenn auf die letzte vermeintlich witzige Antwort nicht ein weiteres Nein!, sondern ein dezidiertes Ja! folgt. Manuela Olten setzt hier auch auf ihre malerische Illustrationsweise, die wenigen Elementen und grösseren Flächen vertraut. Zusätzlich findet sie aber für jene Bilder, die die korrekte Sachinformation wiedergeben müssen, eine für sie neue kleinteilige Art der Bildabfolge. Noch stärker als in den beiden ersten Büchern tritt zudem ihre Fantasie und ihr Humor zu Tage. Alles in allem ist ein fröhliches Sachbuch entstanden, bei dem man das Gefühl hat, Manuela Olten habe mit Wonne daran gearbeitet, und bei dem man zu vielen verrückten Fragerunden ermuntert wird.

BARBARA JAKOB

Essen und Trinken in biblischer Zeit
Miriam Feinberg Vamosh
Verlag: Patmos, Publiziert: 2005, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 3-491-79741-1
Schlagwörter: Essen | Religion

Wenn Menschen an einen Tisch kommen und gemeinsam essen, schliessen sie Frieden: In Miriam Feinberg Vamoshs Bilder-Sachbuch geht es nicht nur um Zubereitungsformen antiker Mahlzeiten, um die Entwicklung von Ackerbau und Ökonomie von 6000 vor bis in die ersten Jahrhunderte nach Christus. Die Autorin vermittelt auch den Alltag, der die biblischen Geschichten und Sprüche zum Leben erweckt. Hier kommen die sozialen Unterschiede wortwörtlich auf den Tisch, wird klar, dass Jesu Ährenraufen eine Frage des Überlebens war und wie die biblischen Gebote versuchten, den Armen zu Brot und Korn zu verhelfen. Feinberg erklärt ebenfalls einfach und gut verständlich die spirituelle Symbolik, die sich an Mannah, Öl und Wein knüpfen. Hinzu fügt sie praktikable Rezepte, etwa für Susannas Zimtbirnen, römische Waffeln oder Ezechiel-Brot. Das anschaulich bebilderte Buch ist ein attraktiver Mix aus Archäologie, unaufdringlicher Bibelkunde und Alltagsgeschichte, wobei die jüdische Autorin behutsam in christliche wie jüdische Essenstraditionen einführt, denn bei Essen und Trinken geht es nicht nur um Nahrungsaufnahme, sondern auch um kulturelle Identität.

Selbst Kinder und Jugendliche, die wenig biblisch sozialisiert sind, werden diesen praktisch-historischen Mix spannend finden. Nicht zuletzt, weil das Buch zum Selberkochen und zu eigenen Bibelerkundungen anregt.

JUDITH WIPFLER

Multimedia
Roland Rosenbauer, Manfred Tophoven
Verlag: Tessloff, Publiziert: 2005, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-7886-0994-X
Schlagwörter: Medien

Dass man Cookies nicht immer essen kann, weiss man spätestens seit dem Erscheinen des Multimedia-Lexikons von Tessloff. Dort findet man Informationen rund um die digitale Welt von ADSL bis ZIP. Die Einträge zu den einzelnen Begriffen sind dicht und präzise, aber zugleich ausführlich genug und verständlich verfasst sowie mit Querverweisen als auch mit vielen farbigen Fotos und Illustrationen versehen. Bei den meisten englischen Begriffen sind die deutsche Übersetzung sowie die Aussprache angegeben.

Es finden sich ausserdem Themen-Doppelseiten zu aktuellen Bereichen wie Computerviren, Drucker, Handy, digitale Bilderwelten u.a. Unter einigen Stichworten finden sich zudem Tipps, so beispielsweise, dass man Cookies (kleine Textdateien auf dem Computer, die einem Server Informationen über die Internetaktivitäten des Users liefern, beispielsweise beim Onlineshopping) auf der Festplatte wieder löschen kann oder dass man E-Mails aus Kostengründen besser offline liest. Es stellt sich natürlich die Frage, wie sinnvoll es ist, ein gedrucktes Lexikon zu einem Thema zu veröffentlichen, das in ständiger Entwicklung begriffen ist und laufend aktualisiert werden muss. Mit der zusätzlich auf der Webpage angebotenen Onlinedatenbank ist aber eine zufrieden stellende Lösung dieses Problems gefunden; nicht zuletzt, weil man auch selber Begriffe, die man im Buch oder online vermisst, einsenden kann.

Das umfangreiche Lexikon ist sowohl für “Newbies” (sprich: njuubii, dt.: Neuling; Bezeichnung für einen Computer- oder Internetneuling) als auch für “Power-User” (noch nicht im Lexikon: versierte Computerbenutzer) eine sinnvolle Anschaffung, da es zum gezielten Nachlesen als auch zum Schmökern animiert.

http://www.wasistwas.de/tessloffs_lexikon_multimedia

MELA KOCHER

Warum wir vor der Stadt wohnen
Peter Stamm, Illustration: Jutta Bauer
Verlag: Hörcompany, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-935036-66-3
Schlagwörter: Philosophie | Familie/Familienformen | Fantastik/Fantasy

Diese Familie hat kein Sitzleder, ständig passt einem Familienmitglied etwas nicht am Ort, wo man gerade wohnt. So wandern sie weiter. Mutter, Vater, Grossvater (der stirbt, als die Familie unter einer Brücke wohnt), Grossmutter, Schwester und der Erzähler ziehen vom blauen Haus in den Trolleybus, aufs Dach einer Kirche, auf den Mond, ins Kino oder in den Traum. Erst am 18. Ort kommen sie wirklich an, im Haus vor der Stadt. Aufbruch und die Sehnsucht, anzukommen, sind zentrale Themen von Peter Stamm. In seinem ersten Kinderbuch hat er sich von der Lust am Surrealen treiben lassen. Die Reise der Familie durch reale und fantastische Räume endet an einem gewöhnlichen Ort. Aber durch die Erfahrungen, die die Umziehenden unterwegs gemacht haben, wird das normale Haus vor der Stadt zu einem besonderen.

Dieser Umzugsreigen erinnert an Geschichten des russischen Surrealisten Daniil Charms, in denen Alltag und Unwahrscheinliches so ineinander verzahnt sind, dass seine Figuren schon gar nicht versuchen, sich dagegen zu wehren.

Stamm beschreibt Gerüche, Geräusche, Wetter- und Lichtverhältnisse an den jeweiligen Wohnorten. Der letzte Absatz jedes Textes bildet eine Art Abzählvers, in dem auch gesagt wird, warum die Familie weiterzieht. So heisst es am Ende von “Als wir im Meer wohnten”: “Der Bruder sah vier Aale, der Grossvater machte drei Purzelbäume, die Mutter fand zwei Perlen. Es reichte nicht für eine Kette, auch nicht, als die Grossmutter noch eine fand. Der Vater aber konnte unter Wasser nichts sehen. Deshalb zogen wir auf den Hut des Onkels.”

Peter Stamm hat diesen Text vor zehn Jahren für ein Hörspiel auf Schweizer Radio DRS1 geschrieben. Einige IllustratorInnen sind angefragt worden, ob sie das Buch bebildern möchten, Jutta Bauer hat sich an die schwierige Arbeit gewagt. Ab und zu sei sie drauf und dran gewesen, das Projekt aufzugeben, erklärte sie an der Buchvernissage in Zürich. Wie lange der Text die Künstlerin beschäftigt hat, kann man an einem Detail ablesen: Jutta Bauer hat der Familie eine Katze beigesellt. Diese wechselt im Verlauf des Buches das Fell, weil Jutta Bauers Katze starb und sie sich nach einiger Zeit wieder eine junge Katze zulegte.

Jutta Bauer nimmt den Text beim Wort, sie greift Details auf, wechselt Blickwinkel und Abstraktionsgrad, so, wie die Familie ihr Zuhause wechselt, und fügt dem umzugsverrückten Haushalt neben der Katze noch einen roten Teppich bei, der den wenig Sesshaften ein Gefühl von Zuhausesein vermittelt. Katze, Teppich und die Abzählverse bilden die Konstanten in dieser ständig sich verändernden Zügelinszenierung. In einem Bild von Jutta Bauer findet sich klein auch das Konterfei von Peter Stamm und darüber “Glück”. Ein Glück, das auch die Hörenden und Schauenden ereilt.

Zum Buch ist eine CD erschienen mit einer hochdeutschen Lesung von Samuel Weiss und dem Mundarthörspiel von Schweizer Radio DRS1, in dem die Gitarrenriffs von Max Lässer das Serielle dieser Geschichte wunderbar hervorheben.

CHRISTINE TRESCH

Einstein light
Martin Kornelius
Verlag: dtv, Publiziert: 2005, Seiten: 126, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-34174-2
Schlagwörter: Biografie

Jeder kennt sie, die Jahrhundertgleichung E = mc2, und den Namen des Mannes, der sie “erfunden” hat: Albert Einstein. Aber vielfach ist das Wissen um Formel und Person, die unser Weltbild auf ein völlig neues Fundament gestellt haben, damit auch schon am Ende. Anlässlich des Einstein-Jahres 2005 sind nun zwei Bücher erschienen, von denen eines die wissenschaftlichen Hintergründe der Arbeiten Einsteins, das andere den Menschen Einstein beleuchten will.

Zunächst die Wissenschaft. “Einstein light” ist schlicht ein tolles Buch, das es vermag, den LeserInnen die Einstein’schen Theorien verständlich zu machen, ohne diesen dabei etwas von ihrer Ungeheuerlichkeit zu nehmen. Der Aufbau des Textes ist ebenfalls mustergültig. Neben der Darstellung der wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhänge, auf denen Einstein aufbaute, und der Wirkungsgeschichte seiner Theorien bis zu ihrer experimentellen Bestätigung und darüber hinaus, hat Martin Kornelius seinen Text mit einer Vielzahl nützlicher Informationen annotiert. So haben die LeserInnen immer die für das Verständnis des Textes notwendigen Informationen zur Hand, seien es Definitionen, Biografien oder wissenschaftliche Fakten. Die Erkenntnisschritte, die sich aus den einzelnen Beobachtungen ergeben, sind noch einmal hervorgehoben, so dass man am Ende dieser grossartigen Einführung Einstein mit gutem Grund bewundern kann.

CHRISTIAN KÖLZER

Lauf um dein Leben
Els Beerten
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2005, Seiten: 248, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-8031-3
Schlagwörter: Sport | Liebe | Identität/Individualität

Noor läuft ihren ersten Marathon kurz nach dem 18. Geburtstag. Sie tut dies, obwohl viele Leute nicht nur in Belgien Ende der 1970-er Jahre noch der Meinung sind, Marathon laufen sei nichts für Frauen, geschweige denn für Mädchen. Während Noor läuft, schweifen ihre Gedanken zurück. Sie erinnert sich an Rosie, ihre ehemals beste Freundin, wie sie ihre Leidenschaft für das Laufen entdeckt hat, einem Verein beigetreten ist und neue Freunde gefunden hat. Und schliesslich auch an jenen Tag vor acht Jahren, an dem beim Spielen im Wald jener folgenschwere Unfall geschah, der nicht nur ihr Leben unwiderruflich verändert hat …

Die Niederländerin Els Beerten verknüpft in ihrem Roman die Leidenschaft für den Laufsport mit dem Metapher der Flucht. Denn Noor läuft nicht um zu gewinnen. Noor läuft um zu vergessen, den Kopf frei zu bekommen von all den belastenden Erinnerungen und traurigen Gedanken, die sie Tag für Tag einholen. „Schneller als der Wind zur Schule, schneller als der Wind zurück. Kurz verschnaufen, essen, Hausaufgaben machen, meine Runden laufen und mit leerem Kopf ins Bett.“

Das Buch ist 2004 mit dem „Gouden Zoen“ für den besten Jugendroman in niederländischer Sprache ausgezeichnet.

Andrea Duphorn

Verliebt um drei Ecken
Katharina von Bredow
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2005, Seiten: 354, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80939-5
Schlagwörter: Geschwister | Sexualität | Liebe | Freundschaft | Familie/Familienformen

Sie hatten es sich so schön ausgedacht, Katrin und ihre beste Freundin Frida: Adam und Frida sollten ein Paar werden, und damit sie und Katrin auch weiterhin so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen können, sollte Katrin sich Andreas angeln. Dumm nur, dass Adam so gar keine Anstalten macht, sich in Frida zu verlieben. Während der Rest der Klasse – egal welchen Geschlechts – sie wie einen Popstar anhimmelt, zeigt der Neue mit den gewitterblauen Augen ihr auch dann noch die kalte Schulter, als sie ihn bei den Proben zu Shakespeares „Romeo und Julia“, das die Klasse aufführen will, geradezu schwindlig küsst. Unterdessen lässt Katrin sich von Andreas erobern. Doch seit sie Adam eines Nachmittags zufällig im Park getroffen hat, geht der ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf. „Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre, würde ich mich in Adam verlieben. Und wie. Explosiv. Wie ein Feuerwerk. Zum Platzen.“ Aber das ist unmöglich, denn „so etwas tut man seiner besten Freundin nicht an“.

Wieder hat Katarina von Bredow („Ludvig meine Liebe“, „Kratzspuren“, „Als ob nichts wäre“) ein Buch geschrieben, das die Gedanken und Gefühle, Hoffnungen, Träume und Ängste von Heranwachsenden beeindruckend authentisch wiedergibt. Hin und her gerissen zwischen Schuldgefühlen gegenüber Frida, nicht vorhandenen Gefühlen für Andreas und „verbotenen“ für Adam, weiss Katrin schon bald nicht mehr ein noch aus. „Wie konnte es soweit kommen? Ich log meinen Freund an, verriet meine beste Freundin und sehnte mich nach dem einzigen Jungen, den ich niemals kriegen würde.“ Dazu kommt, dass die Lebensgefährtin von Katrins Vater von einem Tag auf den anderen auszieht und Katrin daran nicht ganz unschuldig ist. Der jüngere Bruder wird an der Schule gemobbt und die Mutter, die die Familie vor Jahren verlassen hat, um im Ausland Karriere zu machen, sucht auf einmal Kontakt zur Tochter. Ein vielschichtiger, spannend erzählter Roman über Freundschaft, die erste grosse Liebe und allerlei mehr – für den man sich an der einen oder anderen Stelle allerdings eine aufmerksamere Übersetzung gewünscht hätte…

ANDREA DUPHORN

Mein kleiner Pistosaurier
Ester Rota Gasperoni
Aus dem Französischen von Maja von Vogel
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2005, Seiten: 90, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55338-6
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Fantastik/Fantasy

Wenn man mit Vornamen Vercingetorix heisst und mit Nachnamen Römer, hat man echt verloren, findet der derart gestrafte Ich-Erzähler von “Mein kleiner Pistosaurier”. Und auch ansonsten ist sein Leben derzeit alles andere als rosig. Die Eltern verharren in eisigem Schweigen, an der neuen Schule fürchtet er den Spott der MitschülerInnen, und sein Bruder (Cäsar!) ist unglücklich verliebt. Da entdeckt Vercingetorix (auch Versi genannt) im Garten merkwürdige Löcher – und bevor ein Familienstreit darüber ausbricht, wer sie wohl gegraben haben könnte, posaunt er hinaus, dass kein Geringerer als ein prähistorischer Pistosaurier die Ursache dafür sei. Kompletter Blödsinn, auf den weder Eltern noch Bruder Cäsar hineinfallen – doch als Versi mit immer mehr Details aufwartet, wird die Familie unsicher. Sie entdeckt immer deutlichere Hinweise auf die mögliche Existenz des Pistosauriers, und plötzlich wendet sich vieles zum Guten. Die Eltern reden wieder miteinander, Versi findet schnell Freunde an der neuen Schule, dem Vater winkt eine Gehaltserhöhung, und Cäsars Angebetete interessiert sich plötzlich für ihn. Alles wegen einer Notlüge! Aber was passiert, wenn die auffliegt?

Ester Rota Gasperonis Roman lebt von der skurrilen Idee und einem Hauch Fantastik; denn es scheint, als würde Vercingetorix von seiner eigenen Geschichte überholt. Vor allem aber ist es ein positiv stimmender Kinderroman, denn trotz aller anfänglich geschilderter Probleme findet er zu einem guten Ende.

Maren Bonacker

Ein langer Sommer voller Wunder
Polly Horvath
Aus dem amerikanischen Englisch von Heike Brandt
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2005, Seiten: 155, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79900-X
Schlagwörter: Identität/Individualität | Humor/Komik | Familie/Familienformen

“Ist es Ihnen noch nie passiert, dass Sie tief in Ihrem Herzen von etwas überzeugt waren, ohne Grund?” Diese Frage stellt die elfjährige Primrose allen, die sich um sie kümmern wollen. Denn sie glaubt als einzige im verschlafenen Küstendorf auf Vancouver Island daran, dass ihre Eltern noch leben. Die Mutter ging den Vater suchen, der nach einem Sturm auf See vermisst wurde, und kehrte auch nicht zurück. Onkel Jack, der Primrose aufnimmt, weiss nicht recht, was mit dem Kind anfangen. Miss Perfidy, ihr Babysitter, riecht nach Mottenkugeln und mag keine Kinder, und Miss Honeycut vom Schulpsychologischen Dienst ist vor allem mit ihrer Herkunft als englische Adelige beschäftigt. Einzig bei Miss Bowzer, der Wirtin vom “Das Mädchen auf der roten Schaukel”, fühlt sich Primrose geborgen. Ihre ruppige Wärme und ihre handfesten Rezepte sind genau das, was sie braucht. Dass Miss Bowzer all ihre Gerichte auf Waffeln serviert, stört das Mädchen, im Unterschied zu Onkel Jack, überhaupt nicht. Am Ende jedes Kapitels findet sich denn auch jeweils eines von Miss Bowzers Rezepten.

Bis es zum unerwarteten Ende kommt, muss Primrose schwierige Monate überstehen: Sie wird von einem Lastwagen angefahren und verliert einen Zeh, und ertrinkt beim Warten auf ihre Eltern beinahe. Alle glauben, Primrose sei verzweifelt, dabei ist sie einfach verträumt.

Polly Horvath erzählt eine Geschichte voll Ironie und Lebensweisheit. Ihre Primrose gesellt sich zu den verschrobenen Waisenmädchen in der Kinderliteratur, die mit dem Fehlen ihrer Eltern klarkommen müssen, allen voran Pippi Langstrumpf. Die unwahrscheinliche Handlung tut dem Ganzen keinen Abbruch. Ebenso wenig, dass die Protagonistin etwas altklug erscheint und zuweilen an Tante Sally erinnert aus Horvaths nicht minder komischem Roman “Die Trolle”.

Christine Tresch

Wolf sein
Bettina Wegenast
Verlag: Patmos, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-6046-0
Schlagwörter: Freundschaft | Märchen/Fabel | Spiel

“Der Wolf ist tot, der Wolf ist tot” – in Windeseile spricht sich die frohe Kunde überall herum. Auch für die beiden Schafe Kalle und Locke bedeutet die gute Neuigkeit erst eine grosse Erleichterung. Doch bald schon steht die Frage im Raum: Wer wird der neue Wolf? Kalle entdeckt in sich plötzlich ganz neue Facetten und bewirbt sich erfolgreich für die Wolfs-Stelle. Aber Kalles Probezeit als Wolf beginnt schlecht: Er schnappt sich hinterlistig Lockes besten Freund, das intellektuelle Schaf René, und verschluckt es. Locke ist mehr als schockiert und bewirbt sich flugs für die freie Stelle der Jägerin …

“Wolf sein” war das erste Theaterstück der Berner Autorin Bettina Wegenast und erhielt 2004 gleich den Münchner Dramatiker-Förderpreis. Es ist bereits mehrfach in Deutschland und der Schweiz aufgeführt worden und besticht nun auch in der Buchfassung mit Doppelbödigkeit und pechschwarzem Humor. Ob Schafe im Wolfspelz oder Wölfe im Schafspelz – niemand darf ganz sicher sein, ob nicht Macht und die Aussicht auf Geld Charaktereigenschaften zu Tage bringen, die alles andere als sozial verträglich sind. Der trotz vieler Dialoge knappe und präzise Text wird auf jeder Seite von einem Bild der Berliner Illustratorin Katharina Busshoff begleitet. Die witzigen Schwarzweissillustrationen lassen sich entweder fast wie ein Daumenkino durchblättern oder als Textergänzung Seite für Seite geniessen.

Ein Vorlesespass, der zum Diskutieren und Philosophieren animiert – wer weiss, vielleicht sogar zum Aufführen der Geschichte? Dabei lässt sich der Kreis wieder schliessen.

Maja Mores

Die Tochter des Leuchtturmwärters
Iain Lawrence
Aus dem Englischen von Christoph Renfer
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2005, Seiten: 254, ISBN/ISSN/EAN: 3-7725-2247-5
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Familie/Familienformen

Paradies und Hölle liegen nahe beieinander: Wenn der kanadische Autor Iain Lawrence in seinem neuen Roman erzählt, wie das Leben einer autarken, von allen Zwängen befreiten Familie auf ihrer Insel unaufhaltsam ins Unglück gerät, klingt das nicht gerade nach einem Thema für ein Jugendbuch. Und wirklich hätte sich das Buch ebenso gut als Roman für Erwachsene verkaufen lassen können, nicht nur des Themas wegen. Denn auch literarisch macht Lawrence keine Kompromisse: Mit den verschachtelten Erzählebenen, mit dem vorsichtigen Umkreisen der schicksalshaften Ereignisse, aber auch durch die genaue, poetische Sprache versucht er, die Ambivalenz der Beziehungen so weit wie möglich stehen zu lassen. Für Murray, den Leuchtturmwärter, ist das Leben auf der Insel allein mit seiner Frau Hannah und den beiden Kindern Alastair und Krabbe der grösste Traum. Er glaubt daran, dass man die Kinder einfach nur machen lassen muss, damit sie lernen, mit der Natur zu leben; für die wirklichen Gefahren hingegen ist er blind. Auf der anderen Seite sind die Kinder, die das Inselleben genossen haben, solange sie klein waren. Mit der Pubertät wird der Drang, unter die Menschen zu kommen, immer stärker. Doch Murray lässt es nicht zu. Als Alastair eines Tages unter nicht ganz geklärten Umständen ertrinkt, fällt die Familie auseinander.

Erzählt wird die Geschichte mit einigen Jahren Abstand. Krabbe, jetzt 17 Jahre alt, kommt mit ihrer dreijährigen Tochter Tatjana auf die Insel zurück. Sie findet das Tagebuch Alastairs und erlebt die Zeit vor und nach seinem Tod noch einmal. Dabei wird der einigermassen überwunden geglaubte Schmerz wieder wach, und Krabbe erfährt ein paar schwer erträgliche Wahrheiten, von denen sie vielleicht lieber nicht gewusst hätte.

Christine Lötscher

Tim und das Geheimnis von Knolle Murphy
Eoin Colfer, Illustration: Tony Ross
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2005, Seiten: 98, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79898-9
Schlagwörter: Lesen | Geschwister

Tim und sein Bruder Marty sind nicht zu beneiden: Zu Hause nerven drei kleine Brüder rum, und während den Ferien sollen sie täglich in die Bibliothek gehen, das verdirbt die Ferienvorfreude. “‘Bitte nicht in die Bücherei’, flehte Marty. ‘Das ist viel zu gefährlich.’ ‘Zu gefährlich? Wie kann eine Bücherei gefährlich sein?’, fragte Papa. ‘Nicht die Bücherei’, flüsterte Marty. ‘Aber die Bibliothekarin.’” Nichtsdestotrotz müssen die Jungs ihre Ferien in der Bibliothek unter den Augen der mit Stempeln bewaffneten Mrs Murphy verbringen. Deren Bibliotheksregiment ist wahrlich beeindruckend: Kinder dürfen nicht aufmucksen und sich schon gar nicht vom Teppich in der Kinderabteilung wegbewegen. Warum das Ganze dennoch ein gutes, wenn vielleicht auch absehbares Ende nimmt, liegt zum einen am aufkeimenden, pikanterweise über den Kinderteppich hinausführenden Leseinteresse der Kinder, aber auch an der nicht ganz so dickhäutige Mrs Murphy.

Ich habe mich königlich amüsiert über dieses BibliothekarInnenbild – vielleicht gerade weil mir die Erfahrung als ehemalige Bibliothekarin und Referentin im Bereich Bibliothekspädagogik zeigt, dass dieses noch immer sehr verbreitet ist? Süffig und mit vielen Dialogen geschrieben, überspitzt Colfer die gerade für Kinder häufig als starr und irgendwie gefährlich wahrgenommene Atmosphäre in der Bibliothek. Der Zwangsaufenthalt von Tim und Marty führt jedoch am Ende dazu, dass sie sich erstmals Zeit nehmen, fürs Entdecken von Büchern und eigenen Interessen. Insofern ist das kleine Buch ein Plädoyer dafür, sich die Welt der Bibliotheken zu erschliessen. Zum Vorlesen ab sieben und vor allem zum Einstieg in vergnügliche Bibliotheksstunden mit augenzwinkernden BibliothekarInnen besonders geeignet.

Barbara Jakob Mensch

Emil wird sieben
Karin Koch, Illustration: André Rösler
Verlag: Hammer, Publiziert: 2005, Seiten: 47, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0038-8
Schlagwörter: Freundschaft | Identität/Individualität | Familie/Familienformen

Emil ist fast sieben und wohnt mit seiner Mama in der Stadt. Seinen Papa sieht er nicht oft. Immerhin muss er dazu nicht wie sein Freund Juri nach Moskau fliegen. Eines Morgens liegt ein fremder Mann in Mamas Bett. Dass Emil Mama fortan mit Robert teilen soll, der ihm Baby-Geschenke mitbringt und Brokkoli mag, ist ganz und gar nicht in seinem Sinn. Mama aber hält an Robert fest – Emils angedrohtem Hungertod, seiner Verzweiflungsflucht oder des von ihm provokativ hingeworfenen “Früher hat Mama mit Papa geknutscht … Und gefickt!” zum Trotz. Dass auch Papa weniger Zeit für Emil hat, denn da ist jetzt Anna, macht die Sache nicht leichter. Doch Emils aufgewühlte Seele beruhigt sich schnell, und sein siebter Geburtstag wird sogar richtig cool.

Humorvoll greift Karin Koch das Thema Patchworkfamilie auf. Kinder, die sich unverhofft mit dem neuen Mann in Mamas Leben konfrontiert sehen, oder Mütter, die sich für den neuen Partner einsetzen und ihren Kindern die Stirn bieten, sind keineswegs neu in der Kinderliteratur. Selten aber wurde die Gefühlswelt des betroffenen Kindes so erfrischend und mit einem ähnlich idealen Zusammenspiel von Text und Bild dargestellt. Die witzigen Illustrationen von André Rösler widerspiegeln Emils Gefühlswelt in ihrer ganzen Bandbreite: Verlassenheit, Zorn, Coolness, Neugier, Jubel … Man müsste schon ein Herz aus Stein haben, berührte einen Emils Verlorenheit angesichts der verliebt schmachtenden Erwachsenen nicht. Da fällt es auch nicht weiter ins Gewicht, dass sich Emils Probleme in der Realität kaum so einfach lösen lassen dürften.

Die aus der Perspektive von Emil erzählte Geschichte ist auch für LeseanfängerInnen geeignet.

Ursula Kahi

Mein lieber Herr Bellmann
Martine Nijhoff, Illustration: Doesjka Bramlage
Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
Verlag: Fischer, Publiziert: 2005, Seiten: 141, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85167-X
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere | Abschied

Seit Pieter denken kann, leben sie zusammen: Hendrik, Ida, Herr Bellmann, Rosa Hund und er. Und jetzt ist plötzlich alles anders. Hendrik ist weg und mit ihm der Hund, Herr Bellmann. Dabei hätte Pieter Herrn Bellmann dringend gebraucht für die Aufführung eines Ritter-und-Drachen-Kampfs am Schulfest. Als Ida einen Brief von Hendrik erhält, notiert sich Pieter den Absender und schreibt einen ersten Brief an Herrn Bellmann: “Liber Herr Bellmann, warum bist du nach Italien gegangen? Du musst doch Drache sein. Komm wider. Ps. Hendrik braucht nicht mehr wider kommen!!! Nie mer. Der ist ein Schuft. Das sagt Mama auch. Dein Freund Pieter”. Und Herr Bellmann schreibt zurück, erzählt, dass sie jetzt in der Toskana leben und Pieter sich einen anderen Drachen suchen muss.

In den Sommerferien darf Pieter zu Herrn Bellmann in die Ferien. Nach und nach kann er zulassen, dass Hendrik ihn immer noch gern hat, auch wenn er nicht zurückkommen wird.

Das ist die einfühlsam und mit viel Humor erzählte Geschichte einer Trennung und der schwierigen Zeit danach, wie sie Martine Nijhoff in der oberen Hälfte des Buches erzählt. Die untere Buchhälfte ist für Pieters Bildergeschichte über Herrn Bellmann und sein Kuscheltier “Rosa Hund” reserviert. Ihn ihr verarbeitet der Junge das Geschehen auf seine Weise. Doesjka Bramlage hat den Comicstrip mit der linken Hand gezeichnet und macht dadurch die Bilder aus Kinderhand glaubwürdig. Text- und Bildebene können unabhängig voneinander gelesen werden und lassen das Bild eines Jungen entstehen, der nach der tiefen Verletzung, die die Trennung der Eltern für ihn bedeutet, wieder zu sich finden kann. Dank der Bildschiene eignet sich das Buch auch ausgezeichnet für leseschwache Kinder.

Christine Tresch

wie man richtig küsst
Holly-Jane Rahlens
Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Ludwig
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2005, Seiten: 293, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80956-5
Schlagwörter: Freundschaft | Sexualität | Tod/Trauer | Familie/Familienformen

“An jenem Nachmittag, als ich meine Mutter mit Sammy Rosetti im Bett erwischte, wusste ich: Es kann nur noch schlimmer werden.” Wer nun gleich mit dem Peinlichsten rechnet, sei beruhigt: Sammy Rosetti entpuppt sich als Autorin des 744-seitigen Sex-Ratgebers “Wie man richtig küsst”, den sich die 15-jährige Renée Bella Brody, momentan intensiv einverleibt. Ihre Gedanken kreisen folgerichtig nur noch um eines: Sex – und wer wohl “der Erste” sein wird. Die Wahl fällt auf Philipp, der sie mit Unterwasser-Küssen und seiner neonorangefarbenen Weste schmelzen lässt. Doch leider beginnen, bevor es richtig zur Sache geht, die Sommerferien. Noch mehr Pech: statt nach New York zu fliegen, muss sie ihre Mutter, die Kolumnistin Dr. Mom, auf Lesereise durch Deutschland begleiten. Dr. Mom hat die für Renée hochnotpeinliche Angewohnheit, die Entwicklungsschritte ihrer pubertierenden Tochter vierzehntäglich ihrer grossen Fangemeinde zu offenbaren.

Was unterscheidet Renée von den zig anderen Mädchenfiguren mit ähnlichen hormonellen und familiären Nöten? Renée weiss, dank Sammy, rein theoretisch sehr viel über Sex und spricht die ganze Zeit unverblümt davon. Natürlich passiert schliesslich gar nichts – aber nur schon der verpatzten Intimrasur wegen hat das Buch einen bleibenden Platz in den Jugendbuchannalen auf sicher.

Renée ist ausserdem Jüdin, in Deutschland lebende Halbamerikanerin und ihr geliebter Vater ist vor sechs Monaten bei einem Autounfall ums Leben gekommen – ein bisschen viel für 300 Seiten, doch die in Berlin lebende Autorin Holly-Jane Rahlens (“Prinz William, Maximillian Minsky und ich”) umschifft bravourös alle Überfrachtungen und Plattitüden. Ein erfrischend kecker Entwicklungsroman, der gleichzeitig auf Hör-CD erschienen ist und bei Mädchen ab 13 Furore machen wird.

Maja Mores

Boy O’Boy
Brian Doyle
Aus dem amerikanischen Englisch von Sylke Hachmeister
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2005, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3309-4
Schlagwörter: Freundschaft | Historisches | Familie/Familienformen | Gewalt

Es ist ein ganz besonderer Sommer, von dem Brian Doyle in „Boy O’Boy“ erzählt. Vor allem für den dreizehnjährigen Martin, dessen Oma in der Nacht gestorben ist. Der Zweite Weltkrieg ist so gut wie vorüber. Jeden Tag kehren Soldaten, Matrosen und Angehörige der Luftwaffe nach Kanada zurück. Auf den Strassen Ottawas wird ausgelassen gefeiert. Zwei Atombomben fallen auf Japan und Martin muss erfahren, dass im Leben vieles anders ist, als es auf den ersten Blick erscheint: Der aussergewöhnliche Vater zum Beispiel, um den er seinen besten Freund Billy immer so beneidet hat, ist gar nicht im Krieg, sondern seit Jahren in einer Irrenanstalt. Und der nette Mr George, Organist des Kirchenchores, in dem die beiden Jungen sich als Sommerknaben etwas Geld verdienen, erweist sich als „Raubtier“, das den Freunden auf einer Parkbank an die Unterwäsche geht…

In kurzen Sätzen und zuweilen fast nüchterner Sprache lässt der 1935 in Ottawa geborene Autor seinen Protagonisten aus dem Alltag sozial schwacher Familien Mitte der 1940-er Jahre in Kanada erzählen. Dass „Boy O’Boy“ trotz der bedrückenden Verhältnisse, die aus der Ich-Perspektive geschildert werden – Martins Familie ist arm, der Vater Alkoholiker, sein Zwillingsbruder Phil geistig behindert, die Mutter hochschwanger und mit Haushalt, Erziehung und Familie total überfordert, – kein traurig stimmendes Jugendbuch ist, macht das Besondere dieses Romans aus. Denn so viel auch geschieht, das betroffen macht, nachdenklich oder traurig stimmt, mit einem sehr liebevoll charakterisierten, hoffnungsvoll-lebenshungrigen Helden gelingt es Doyle immer wieder, dem Erzählten die Schwere zu nehmen und es einem warm ums Herz werden zu lassen.

Andrea Duphorn

Das muss unser Glückstag sein
Hilary McKay
Übersetzt von Irmela Brender
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2005, Seiten: 220, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4248-4
Schlagwörter: Humor/Komik | Aussenseiter:in/Mobbing | Familie/Familienformen | Geschlechterbilder

Die Cassons sind gewiss keine gewöhnliche Familie. Die Eltern, Bill und Eve, sind Künstler, und die vier Kinder sind nach Farben benannt: Da ist Magenta, kurz Maggy, die Älteste, die fast hundert Fahrstunden braucht, ehe sie die Prüfung besteht, es folgt das bärenstarke Paar Safran und Sarah – Safran ist die adoptierte Tochter von Eves verstorbener Schwester Linda, Sarah, die im Rollstuhl sitzt, ist ihre Freundin und gehört praktisch zur Familie –, dann Indigo, der seine Höhenangst mit Mutproben zu überwinden versucht, und schliesslich Rosa, hinreissende, herzallerliebste Rosa mit dem unbestechlichen Malerauge, die weiss, wie sie ihren Willen durchsetzt.
Bill Casson wohnt in London, wo er seine Bilder erfolgreich vermarktet. Er verlässt sein elegantes Studio nur für kurze Wochenendbesuche, während Eve irgendwo ausserhalb Londons mit den Kindern ein renovationsbedürftiges Haus mit überwuchertem Garten bewohnt, im Schuppen kitschige Auftragswerke von Haustieren und Kindern malt und den Haushalt weitgehend sich selbst überlässt. Im ersten Band begibt sich Safran auf die Suche nach dem steinernen Engel, von dem sie immer wieder träumt, im zweiten taucht Tom auf, der Indigos Leben durcheinander bringt, in einem dritten, noch nicht übersetzten Band steht Rosa im Mittelpunkt.

Die 1959 geborene, in der englischen Grafschaft Derbyshire wohnhafte und mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin Hilary McKay erzielte mit dem 1994 auf Deutsch erschienenen Titel “Vier verrückte Schwestern” ihren Durchbruch. Ihre Bücher stehen in der angelsächsischen Tradition humoristischer Literatur.

Die Geschichten um die Cassons bestechen jedoch nicht nur durch Witz und Humor, sprudelnde Fantasie und den sparsamen Einsatz von Mitteln, mit denen Bilder und Figuren gezeichnet werden, die sich vom Papier lösen und lebendig werden. Was die Bücher darüber hinaus lesenswert macht, sind die Beziehungen der Figuren untereinander. Liebe und Zuneigung sind offen oder versteckt die Triebfeder für ihr Handeln. Maggy beispielsweise braucht deshalb 96 Fahrstunden, weil sie es nicht eher schafft, den attraktiven Fahrlehrer Michael um den Finger zu wickeln; Safran und Sarah tauchen ganz gegen Indigos Willen in der Jungentoilette in der Schule auf und sorgen ein für alle Mal dafür, dass Indigo vor den Übergriffen einer Gang verschont bleibt; Indigo steht für seinen Freund Tom ein, als dieser mit einem Ball eine Scheibe zertrümmert, und Rosa schreibt ihrem Vater beunruhigende Briefchen, weil sie möchte, dass er zu Eve und ihr zurückkehrt, etwa: “Daddy Liebling, das ist von Rosa. Flammen stiegen die ganze Küchenwand hinauf. Safran rief die Feuerwehr und die Polizei kam um zu sehen ob es ein Trick war und die Polizistin sagte zu Safran du schon wieder …” Bill umgekehrt verlässt sich, was seine eigenen Bilder betrifft, einzig auf Rosas Urteil und kann ihr kaum einen Wunsch abschlagen. Kein Wunder, bringt sie ihn dazu, für Indigos Freund Tom, in den sie selbst ganz vernarrt ist, eine sündhaft teure Gitarre zu kaufen. In den Beziehungen der Figuren untereinander wachsen diese Romane über das unterhaltsame Lesefutter hinaus und werden zur positiven Utopie.

Christine Holliger

Mehr von Zackarina und dem Sandwolf
Asa Lind, Illustration: Philip Waechter
Aus dem Schwedischen von Jutta Leukel
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2005, Seiten: 115, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79897-0
Schlagwörter: Freundschaft | Spiel

Natürlich hören wir gerne mehr von Zackarina, dem pfiffigen Mädchen, und ihrem Freund, dem uralten Sandwolf mit dem klugen Herzen und den „weichscharfen“ Pfoten. Er gibt ihr Rückhalt, wenn sie Probleme hat mit ihrem Vater – die Mutter fährt ja morgens immer weg zur Arbeit –, und ist immer da, weiss Antworten auf alle Fragen und kennt sogar den Feuer-Drachen persönlich und den Tod. Zusammen sind sie stark; und es ist tröstlich und schön, ihren freundlichen Gesprächen zuzuhören. Allerdings will sich der Zauber des ersten Bandes nicht mehr einstellen; das liegt wohl daran, dass die Kapitel hier immer deutlicher Episoden sind, die meist ähnlich ablaufen (Problem zuhause, Flucht zum Sandwolf, Verständnis, Rückkehr nach Hause) und sich keine Entwicklung und keine Spannung einstellt. Und auch daran, dass es um Zackarina und den Sandwolf herum inzwischen fast keine Welt mehr gibt, weder andere Menschen noch andere Standpunkte. Selbst die Eltern sind nur noch Stichwortgeber. Und dass sich der Sandwolf zuletzt als Poet erweist („die Geschichten, die Einfälle, die Märchen – sie kommen von mir!“), wirkt aufgesetzt. Ich hätte Zackarina mehr Lebensnähe gewünscht, das heisst: mehr Lebenschaos.

Verena Stössinger

Rutti Berg
Sybille Hein
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2005, Seiten: 34, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-65-7
Schlagwörter: Identität/Individualität | Märchen/Fabel | Intertextualität

Die Bäuerin wär so gerne Königin

Sybille Hein ist bekannt für ihre schrägen Figuren. Unter ihren elf neuen Büchern 2005 nimmt dieses Bilderbuch eine Sonderstellung ein: Es ist das erste mit eigenem, gereimtem Text – und auch der macht Spass. Sie erzählt, wie Rutti Berg sich wünscht, Königin zu werden, König und Schloss bekommt, aber auch ein Monster, das Schloss und Königin auffrisst (während der feige König entkommt).

Der Clou an der Sache: Einige Seiten sind durchgeschnitten, lassen sich erst oben, dann unten umblättern. So ergibt sich zusätzlicher Bildwitz, da sich die Gestalten nach und nach verändern. Als weitere Erzählebene zeichnet die Sybille Hein an der linken Seite die Bauernhoftiere, die ihrer Bäuerin zuerst nachweinen, dann um sie bangen und schliesslich das Monster angreifen und so die verloren geglaubte Rutti Berg retten. Sie kehrt reumütig auf den Hof zurück, doch schon in der nächsten Nacht wünscht sie, Astronautin zu sein …

Mit zahlreichen zeichnerischen Details setzt Hein lustige und liebevolle Kommentare, flicht Nonsens ein und lässt die Tiere – quasi Rutti Bergs Kinder – triumphieren. So finden die lesenden Kinder viele Identifikationsmöglichkeiten, vor allem natürlich in der Bäuerin selbst, die wichtige Eigenschaften wie Tatkraft, Entschlossenheit, Zukunftsorientierung, Flexibilität und Zuversicht auf sich vereint. Und die Skizze zum Schluss zeigt, dass sie noch viele Ideen hat, in welcher Profession sie ihre nächsten Abenteuer bestehen will.

Bruno Blume

Wir alle kennen ihn, den grossen Wunsch nach einem ganz speziellen Dasein. Rutti Berg, die kleine Bäuerin, hat sich gerade für ein Leben als Königin entschieden: Also rasch die Kuh gegen ein Ross ausgetauscht und König mitsamt Untertanen hergezaubert. Alles läuft wunderbar, “Und schon ist das Glück perfekt. Denkste … denn um zehn nach vier … Klopft ein Monster an die Tür”.

Zusammenfassend lässt sich das folgende Geschehen vielleicht als eine Reise in den Monsterbauch und zurück beschreiben. Das haarsträubende Abenteuer geht schliesslich mit Hilfe von Ruttis Freunden vom Bauernhof gut aus. Und zwar so gut, dass man sie abends “zum leisen Kissenknistern” im Tiefschlaf hört flüstern: “‘Astronautin’ wär ich gerne. Und es funkeln 1000 Sterne!”.

Etwas Schwierigkeiten gibt es mit der Klapperei in diesem Buch. Wo steht geschrieben, dass man zuerst die obere Bildhälfte umklappen muss? Je nachdem, wie jemand zu blättern gewohnt ist, und abhängig davon, ob dieser jemand Links- oder RechtshänderIn ist, wird das Buch seinen wirklichen Witz erst beim zweiten Anlauf entfalten können. Nach diesem Stolperstein ist aber die Bahn frei für eine wahrlich fröhliche Lesezeit. Sybille Hein legt zum ersten Mal sowohl Text als auch Illustrationen vor. Beim Text macht sie es sich mit der Wahl von Reimen nicht leicht: Die Reime kommen nicht immer holperfrei über die Lippen, doch sie bieten die Form, die die Idee der zweiteiligen Klappseiten sicher am besten aufnehmen kann. Mal abgesehen von den witzigen Einfällen, die sich in den gewohnt leichten Collage-Bildern weiterentwickeln dürfen. Für aufmerksame LeserInnen gibt es übrigens auf den Umschlaginnenseiten noch mehr Ideen von Rutti Berg zu entdecken.

Barbara Jakob Mensch

Prinzessin Eierkuchen
Franz Zauleck
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2005, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7026-5767-3
Schlagwörter: Armut | Identität/Individualität | Familie/Familienformen

Franz Zauleck sucht und findet das Aussergewöhnliche, das er mit viel Gespür für feinen Nonsens in seine Geschichten einbaut. Fanden sich in früheren Büchern ein wandernder Tannenbaum oder eine fliegende Kuh, sind es im neuen Buch eine Prinzessin aus dem Ei, ein Gedanken lesendes grünes Kaninchen und ein Pinguin in Gestalt eines langnasigen Männchens, das als Rabe die Taxifahrt verhindert. Denn Prinzessin Eierkuchen ist mit ihrem Vater, dem Ei-Finder Balthasar unterwegs, um ein Schloss zu finden. Seine alte Hütte ist schliesslich nicht gut genug für eine Prinzessin. Aber die Suche, auf der auch Lumpensammlerin Katze und Bettler Hund zur lustigen Truppe stossen, führt zurück zum Anfang, nach Hause, wo es immer noch am schönsten ist.

Es sind bekannte Erzählelemente, märchenhafte, biblische, literarische, aus denen die Geschichte gebaut ist. Aber sie sind absolut stimmig zu einem Ganzen gewoben und von Zauleck vielschichtig in Text und Bild erzählt. Neben Fantastischem gibt es Sozialkritik, transportiert über die Figuren am unteren Ende der Gesellschaft. Dabei müssen Kinder das gar nicht so auffassen, denn wie eine Decke darüber gelegt ist die Freundschaft, die alle fünf verbindet, und die (gott-)väterliche Geborgenheit, die vom rührenden alten Balthasar ausgeht. Und die Prinzessin mit ihrer Durchsetzungskraft, ihrer Direktheit und dem herzlichen Verhältnis zum Vater ist eine hervorragende Identifikationsfigur.

Bruno Blume

Die Wölfe in den Wänden
Neil Gaiman, Illustration: Dave McKean
Aus dem Englischen von Zoran Drvenkar
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2005, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51648-0
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Am Anfang ist alles normal: Die Mutter kocht, der Vater arbeitet, der Sohn spielt Videospiele, Tochter Lucy hat Angst und spricht mit ihrem Kuscheltier. Doch Lucy erkennt als Einzige die Gefahr, die von den Geräuschen in der Wand ausgeht. Das sind nicht bloss Mäuse, Wölfe wohnen dort und die brechen eines Nachts aus, nehmen das Haus in Besitz, plündern Kleider- und Vorratschränke und feiern fortan rauschende Partys vor dem Fernseher. Die Familie flieht in den hintersten Winkel des Gartens und überlegt, wohin sie ziehen kann. Am Tag geht die Mutter arbeiten, der Bruder zur Schule. Nur Lucy bleibt standhaft und überzeugt die anderen davon, das Haus zurückzuerobern. Die Taktik der Familie geht auf: Sie greifen aus den Wänden heraus an, so dass die Wölfe heulend das Weite suchen. Nach gemeinsamem, tagelangem Aufräumen ist es wiederum Lucy, die neue Geräusche in den Wänden bemerkt …

Das Buch braucht Vermittlung für Kindergarten- und Unterstufenkinder. Nicht nur, dass die Situationen sehr bedrohlich wirken, auch die künstlerisch originellen Illustrationen erschliessen sich nicht unbedingt auf den ersten Blick. Dave McKean hat Fotos zerschnitten, übermalt und geklebt, bis die Menschen einerseits real, andererseits kubistisch aussehen. Diese Verfremdung lässt die einen den Grusel besser aushalten, die anderen erschreckt sie umso mehr. Die eindrücklichen Wölfe sind schattenartig dazwischengekritzelt. Die Grafik ist wild und aufgeregt, die verschiedenen Schriftarten und -grössen in verschiedenen Leserichtungen bestärken das Chaotische. Und dennoch kommt das ganze Buch kompakt daher, ist gut erzählt und fesselt lange über die Lektüre hinaus.

Bruno Blume

Miss Harriets Reise mit dem Drachen
Sue Scullard
Aus dem Englischen von Hildegard Krahé
Verlag: Lappan, Publiziert: 2005, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-8303-1097-8
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Abenteuer | Reisen

Der bekannten Forschungsreisenden Miss Harriet gelingt es, in Patagonien eine Drachenmutter zu fangen und nach Hause zu bringen. Doch das Ei wird von einem seltsamen Vogel geraubt und ins Erdinnere entführt. Vorbei an sagenhafter Flora und Fauna verfolgt Miss Harriet mit ihrem Papagei den Räuber im Luftballon, bis dieser in einem immer enger werdenden Krater hängen bleibt. So geht’s eben zu Fuss weiter. Miss Harriet wird Zeugin, wie die Vögel Drachen fangen, damit sie den Erdkern flüssig halten. Mithilfe des geschlüpften Drachenbabys und der Drachenmutter gelingt ihr die Flucht durch prächtige, menschenleere Städte, bewacht vom tausendäugigen Panther und der vorzeitlichen Vogelschlange. Zu Hause aber lässt sie schliesslich beide Drachen aus dem Käfig im königlichen Garten frei, denn sie akzeptiert das Heimweh der Drachen, das ihrem Fernweh so ähnlich ist.

So fantastisch dieses rasante Abenteuer ist, so natürlich erscheint die Forschungsreisende Miss Harriet. Kein Wort wird darauf verschwendet, dass sie eine Frau ist. Mut, Entschlossenheit und der Glaube an ihre Ziele führen sie zum Erfolg und zu höchsten Ehren. Die detailreichen Illustrationen lassen die LeserInnen Miss Harriet durch alle Erlebnisse und Gefahren begleiten. Die Bilder folgen einem geschickten dramaturgischen Aufbau, nutzen das Querformat, um mit fast 60 cm langen Bildern die Reise in die Tiefe nachzuzeichnen, und bieten zusätzlich Überraschungseffekte und Spielereien mit einem Papierpapagei, der durch die Stanzungen in den Seiten fliegen kann. So lässt sich das Buch, das 1987 erstmals erschienen ist, ohne Abnützungserscheinungen immer wieder lesen und anschauen.

Bruno Blume

Rotkäppchens List
Ulrike Persch
Verlag: Kinderbuchverlag Wolff, Publiziert: 2005, Seiten: 34, ISBN/ISSN/EAN: 3-938766-02-6
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Intertextualität

Ulrike Persch variiert das Märchen von Rotkäppchen auf sehr subtile Weise. Stellenweise bleibt sie ganz am Originaltext dran, während die Zeichnungen zeigen, dass Rotkäppchen in einer modernen Stadt lebt. Kleine Einschübe zwischendurch verfremden den Text, bis die Geschichte sich völlig verändert: Rotkäppchen findet Grossmutter in deren grossem Haus nicht gleich, hingegen Spuren vom Wolf. Den hatte sie auf dem Weg nicht als solchen erkannt, aber doch seine böse Absicht geahnt. Nun nimmt sie all ihren Mut zusammen und jagt den Wolf mit einem Schattenwurf, der den gefürchteten Jäger darstellt, aus dem Bett. Der Wolf flieht, die Grossmutter kann unter dem Bett hervorkriechen.

Das Buch ist eine gelungene Adaption von „Rotkäppchen“, die ein vorpubertäres Mädchen von heute zeigt, das gleichzeitig naiv, verträumt und clever ist, und dazu über Verhaltensmuster verfügt, die es bei den Erwachsenen abgeschaut hat. Beeindruckend sind die Illustrationen: Sie sind als Bildfolgen und in der Figurenzeichnung an den Comic angelehnt und schwarzweiss gezeichnet. Nur die drei Grundfarben tauchen wie Farbtupfer auf im Käppchen den Mädchens, seinen Kleidern und den gepflückten Blumen. Die kleinen Lektoratsfehler im Text stören nicht sehr und seien dem neuen Verlag nachgesehen, der diesen Herbst sein erstes beachtliches Programm vorlegt.

Bruno Blume

Kunos grosse Fahrt
Klaus Merz, Illustration: Hannes Binder
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2005, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-01433-3
Schlagwörter: Abenteuer | Reisen | Familie/Familienformen

Auf den alten Mofahelm, den er von seiner Schwester erhalten hat, malt Kuno Meere und Kontinente nach der Vorlage auf dem Globus. Nun ist er bereit, die ganze Welt zu erkunden. Mit seinem Kickboard macht er sich auf: über Landstrassen, durch Feld und Wald und vorstädtische Quartiere. Vor seinem inneren Auge rast er zum Nordpol und umrundet den Globus, bis er spät am Abend nach Hause zurückkehrt, wo ihn seine Familie bereits ungeduldig erwartet.

Ungefähr so (vielleicht auch anders) könnte die Geschichte lauten, die sich um den knappen Text von Klaus Merz und die ausdrucksstarken Illustrationen von Han-nes Binder rankt. Merz’ Sprache ist poetisch, voller Metaphern und Anspielungen, die sich wohl nur Erwachsenen erschliessen: der Blick aus dem Stillen Ozean, Atlas mit der Welt auf seinen Schultern oder die Fahrt über die Fontanellennaht beispielsweise. Trotzdem vermögen der klangvolle Rhythmus und die anspruchsvollen Wörter gerade auch Kinder beim Zuhören in ihren Bann zu ziehen.

Hannes Binders doppelseitige schwarzweissen Strichelbilder werden farblich nur durch Kunos roten Pullover akzentuiert. Dies zieht den Blick auf faszinierende Perspektiven, Grössenverhältnisse und Mehrfachdarstellungen, die sowohl Energie, Tempo, Bewegung und Weite glaubhaft suggerieren. Die bei genauer Betrachtung erkennbare Landschaft im Schweizer Mittelland, die Kontinente in den Wolkengebilden, die fantastische Vermischung einzelner Bildelemente lassen Raum für Hintersinn, philosophische Gedankenreisen und psychologische Interpretation.

Das Buch sticht aus der durchschnittlichen Bilderbuchproduktion heraus und zeigt ungewohnte Formen. Gerade darum werden Kinder ihre eigenen Zugänge zu ihm finden.

Beatrix Ochsenbein

Und was kommt nach tausend?
Anette Bley
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2005, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-33070-1
Schlagwörter: Tod/Trauer | Generationen | Familie/Familienformen

Eine Bilderbuchgeschichte vom Tod

Es gibt viele Bilderbücher über den Tod, aber wenige, die das Sterben eines Menschen so deutlich benennen und zeigen und dennoch sensibel und lustig erzählt sind. Lisas Opa Otto ist nicht wie die meisten Bilderbuchopas schon von Anfang an tot oder stirbt pötzlich. Sie verbringt mit ihm einen schönen Sommer mit Kirschsteinspucken und Steinschleuder, lernt von ihm viel über die Zahlen und den Garten. Und sie erlebt, wie der Herbst kommt, wie Otto mehr und mehr Mühe hat, immer dünner wird, im Bett bleibt und nicht mehr viel spricht. „Manchmal hält Lisa jetzt Ottos Hand.“ Dann stirbt er, zu Hause im Bett, Lisa und Oma Olga sitzen am Bett: „Sie sehen ihn lange an. Ob er ein bisschen lächelt? Blass ist er.“ Auf der Beerdigung fühlt sich Lisa unwohl, Opa Otto hätte es bestimmt nicht gern so bedrückend gehabt. Das verstärkt ihre Trauer, aber Oma erklärt ihr, dass Opa noch da ist, auch wenn sie ihn nicht mehr sehen kann – wie eine leckere Kirschtorte, deren Geschmack sie im Mund spürt, obwohl sie sie sich nur vorstellt.

Damit wird das Wesentliche vermittelt: Wie wichtig es ist, mit dem Menschen zu Lebzeiten eine intensive Beziehung zu pflegen und ihn danach im Herzen zu behalten. Unterstützt werden diese Maximen durch heitere Bilder, in denen die Farben bedeutungsvoll eingesetzt sind: Grün ist der Sommer, orange der Herbst, weiss kommt der Tod, grau ist die Beerdigung und rot Lisas Kontrapunkt.

Bruno Blume

Wie schön weiss ich bin
Dolf Verroen
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Hammer, Publiziert: 2005, Seiten: 70, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0039-6
Schlagwörter: Rassismus | Historisches

Maria hat Geburtstag. Mit „weissen Handschühchen“, Lackschuhen und Champagner wird die Tochter aus gutem Hause standesgemäss gefeiert. Die Sklaven tanzen und singen, die Grosseltern schenken ihr eine Bibel mit goldenem Verschluss, die Tanten Parfüm und eine „Fast-Schon-Grosse-Dame-Handtasche“. Und dann, endlich, in einer riesigen silbernen Terrine serviert – Papas Geschenk: „’Koko’, „ein kleiner Sklave für unsere Maria“. Von Tante Elisabeth gibt’s noch eine Peitsche dazu. „Sie war leider etwas zu gross für die Handtasche. Schade.“

In vierzig kurzen Kapiteln, die wie die Strophen eines Prosagedichtes angeordnet sind, lässt Dolf Verroen die zwölf Jahre alte Tochter eines Teeplantagenbesitzers tagebuchähnlich von ihrem Alltag Anfang des 19. Jahrhunderts im südamerikanischen Surinam erzählen. Und der besteht zu grossen Teilen daraus, sich von Sklavinnen und Sklaven von vorne bis hinten bedienen zu lassen, sie – manchmal auch nur aus Langeweile – zu demütigen, schlagen und missbrauchen, wie eine Sache zu verkaufen, für immer zu entstellen oder auch zu töten.

„Geschichte ist etwas, das man behalten und erinnern soll. Geschichte lehrt dich, woher du kommst, und recht verstanden auch, wohin es mit dir gehen soll“, schreibt der niederländische Autor im Nachwort dieses provozierenden, aufrüttelnden Buches. Jeder Mensch sei ein kleiner Teil einer grossen Historie. Und: „Es stimmt ja: Ich lebe in einem Land, das seinen bis heute gewahrten Wohlstand zu grossen Teilen dem Sklavenhandel verdankt.“ Konsequent aus der Sicht eines naiven, verwöhnten Mädchens erzählt, das im Bestreben, eine brave Tochter zu sein, nichts anderes tut, als es den Erwachsenen gleichzutun, zeigt Verroen, dass menschenverachtendes Verhalten und Diskriminierung vor allem durch Nachahmung entstehen – und weist damit jedem einzelnen Verantwortung zu. Ein Buch, das unangenehm berührt und dafür sorgt, dass man sich in seiner (weissen) Haut nicht mehr ganz so wohl fühlt …

Andrea Duphorn

Alles Liebe, deine Sunshine
Paulette Ramsay
Aus dem jamaikanischen Englisch von Christine Holliger
Verlag: atlantis, Reihe Baobab, Publiziert: 2005, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0511-3
Schlagwörter: Migration | Geschlechterbilder | Identität/Individualität | Familie/Familienformen

Sunshine wächst bei ihren Grosseltern auf. Die Mutter, Jen, ist nach England ausgewandert, wie viele andere JamaikanerInnen auch. Sunshine weiss nichts von ihr und beginnt eines Tages, nachdem sie von ihrer Mutter geträumt hat, “Tante Jen” Briefe zu schreiben. Sie erzählt vom Alltag im Dorf, vom kommenden Unheil, das eine Wahrsagerin aus Sunshines Träumen herausgelesen hat. Sie fordert die Mutter auf, ihre gebrechlichen Eltern noch einmal zu besuchen. Aber weder der Tod des jüngeren Bruders von Sunshines Mutter noch der Tod des Grossvaters bringen Jen nach Jamaika zurück. Und Sunshines Briefe bleiben unbeantwortet. Je länger das Bitten um ein Lebenszeichen der Mutter anhält, desto unsicherer wird Sunshine, ob sie sie überhaupt kennen lernen will. Als sich Jen nach dem Tod der Grossmutter plötzlich für Sunshine zu interessieren beginnt und sie auffordert, nach England zu kommen, hat diese andere Pläne.

Die Schicksalsschläge und das Schweigen der Mutter haben Sunshine zu einer selbstbewussten jungen Frau gemacht, die gelernt hat, dass Herkunft viel mehr ist, als von einer Frau geboren werden, und weiss, was sie von ihrem Leben will. Die Form des Briefromans erlaubt es Paulette Ramsay, Sunshines Gedanken und Gefühle offen zu legen. In dem, was das Mädchen der Mutter nach London berichtet, erfahren wir aber auch viel über den Alltag in einem jamaikanischen Dorf in den 70er- Jahren, in dem das einfache Leben getragen wird vom Respekt für die Nächsten und von der Lust am Feiern und Geschichtenerzählen. Ein informatives Nachwort der Autorin sowie ein Register mit der Erklärung vieler Sprichwörter, wie sie vor allem der Grossmutter leicht vom Mund gehen, runden diese anrührende Geschichte ab.

Christine Tresch

Der Tigerprinz
Chen Jianghong
Aus dem Französischen von Erika und Karl A. Klewer
Verlag: Moritz, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-168-0
Schlagwörter: Freundschaft | Märchen/Fabel | Familie/Familienformen

Chen Jianghongs Bilderbuch “Han Gan und das Wunderpferd” steht auf der Auswahlliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2005, “Der Tigerprinz”, eben auf Deutsch erschienen, erhielt den Luchs des Monats September. Bei beiden Büchern liess sich der Künstler von klassischen chinesischen Kunstwerken inspirieren. “Han Gan und das Wunderpferd” ist eine Hommage an den Maler Han Gan, der für seine Darstellung von Pferden berühmt wurde (vgl. das Interview). Chen Jianghong stellt sich vor, wie Han Gan eines Tages für einen berühmten Soldaten das stärkste Pferd malen und ihm Leben einhauchen soll. Wie Phönix aus der Asche wird das Pferd tatsächlich zum Leben erweckt und führt den Soldaten von Sieg zu Sieg. Aber dieser bekommt nicht genug vom Kämpfen, und das Pferd flieht schliesslich – zurück in ein Bild von Han Gan.

Auch in “Der Tigerprinz” nimmt der Künstler eine chinesische Legende auf, die Legende von einem Jungen, der von einer Tigerin aufgezogen wird. In ausdrucksstarken Bildern erzählt sie von einer Tigerin, deren Jungen von Jägern getötet wurde. Sie rächt sich dafür brutal an den Menschen, bis ihr der König seinen jüngsten Sohn als Sühne überlässt. Die Tigerin sieht im kleinen Jungen ihre eigenen Kinder, nimmt ihn an ihrer Stelle auf, zieht ihn gross und lehrt ihn, im Dschungel zu überleben. Bis eines Tages die Soldaten des Königs kommen, um den Jungen zurückzuholen. Dieser aber stellt sich schützend vor seine Tigermutter. Er kehrt zwar in den Königspalast zurück, wird aber jedes Jahr in den Dschungel zurückkommen und seinen ersten Sohn der Tigerin bringen: “Bitte behalte ihn bei Dir, bis er alles gerlernt hat, was ein Tiger können und wissen muss. Dann wird aus ihm, dessen bin ich sicher, ein guter König.” Mal erzählt Chen Jianghong mit grossflächigen, malerischen Bildern, dann folgen Szenen, die im Ausdruck der Figuren und der Dynamik der Bildfolgen an Comic oder Manga erinnern. “Der Tigerprinz” ist ein Bilderbuch über starke Gefühle mit starken, einmaligen Bildern.

Christine Tresch

Skogland
Kirsten Boie
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2005, Seiten: 384, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3159-8
Schlagwörter: Abenteuer | Streit/Konflikt

Weil deutsche Journalisten gern vergleichen, wird die eine spätestens seit ihren Medlevingern als deutsche Astrid Lindgren, die andere spätestens seit “Tintenherz” als deutsche Joanne K. Rowling gefeiert. Nötig sind solche Vergleiche wohl kaum. Sowohl Kirsten Boie als auch Cornelia Funke haben unabhängig von internationalen Schriftstellergrössen bewiesen, dass sie den Buchmarkt mit ihren Romanen für Kinder und Jugendliche auf ihre ganz individuelle Weise geprägt haben. Neben viel Lob blieb dabei auch Kritik nicht aus, und so wird vor allem immer wieder hinterfragt, ob sich die beiden Schriftstellerinnen selbst treu geblieben sind.

So beginnt auch Kirsten Boies aktueller Roman, “Skogland”, sicher für viele LeserInnen, die an die eindrücklichen realistischen Texte der Autorin gewöhnt sind, zu zahm. Weder der Kampf um die Hauptrolle in einem Film noch die Flucht des “merkwürdigen Jungen” überzeugen, erst als die Handlung weiter voranschreitet, packt sie die LeserIn. Politische Intrigen in dem fiktiven Skogland führen dazu, dass Jarven statt einer Filmprinzessin die tatsächliche Prinzessin des Landes verkörpern soll. Ohne die wahren Hintergründe zu kennen, willigt sie ein und stärkt durch einen gemeinsamen Aufritt mit ihrem “Onkel” dessen politische Position. Zu spät erkennt sie, dass sie damit ein Ziel unterstützt hat, das die Menschen im Norden des zweigeteilten Landes vom Wohlstand des Südens ausgrenzt. “Skogland” hat als Abenteuergeschichte mit Entführung, Angst und actionreicher Befreiung nicht den nötigen Biss; sehr wohl aber vermittelt der Roman den Lesern die unheimliche Macht der Medien. Durch unterschiedliche Perspektiven wird hier vermittelt, wie Berichte in Zeitungen und im Fernsehen durch kleine politische “Korrekturen” ein völlig verdrehtes Bild vermitteln können; je mehr man liest, desto stärker beginnt man die aktuellen Nachrichten zu hinterfragen. Wie auf Skogland die Angst geschürt wird, um Krieg gegen einen konstruierten Feind zu rechtfertigen, kommt einem auf beklemmende Weise bekannt vor. So liest man “Skogland” mit Spannung, auch wenn man die angeblich verschleierte Verbindung von Jarven und der Prinzessin schon von Anfang an durchschaut hat – und auch lange nach der Lektüre sieht man die Nachrichten mit anderen Augen. Dieses Buch weckt Interesse an Politik und der Macht der Medien.

Zu viel Pathos wurde Cornelia Funke für “Tintenherz” vorgeworfen, während andere von der fantastischen Idee begeistert waren, den Terminus “durch Lesen lebendig machen” wörtlich umzusetzen. “Tintenblut” knüpft an die Handlung des ersten Teils an, spielt jedoch überwiegend in der von Glasmännern und Feen bevölkerten Welt von “Tintenherz”, dem Buch, um das es im ersten Teil geht. Meggie liest sich selbst in die Geschichte hinein, nachdem sie erfahren hat, dass Staubfingers Leben in Gefahr ist. Statt einer märchenhaften Welt lernt sie jedoch eine düstere und bedrohliche kennen, in der das Böse die Macht an sich gerissen hat. Hilflos muss der ebenfalls in die Geschichte geratene Autor Fenoglio mit ansehen, wie die von ihm entwickelte Handlung aus den Fugen gerät.

Für einen handlungsorientierten Leser ist das Buch fraglos zu lang. Immer wieder reflektieren die handelnden Figuren über ihr Schicksal, die Sprache wirkt unnötig verschnörkelt, die Vergleiche treffen nicht immer das richtige Bild (etwa wenn ein über den Tod seines Sohnes verzweifelter Mann in sich zusammenfällt wie ein Kuchen, der zu früh aus dem Ofen genommen wurde …), und so manche Partizipialkonstruktion erweckt den Anschein, als habe sich Cornelia Funke schon allzu sehr von ihrer neuen, englischsprachigen Heimat beeinflussen lassen.

Gleichzeitig ist alles, was ich hier kritisch ausführe, für den Roman sehr authentisch. Schliesslich spielt er in einem Roman, der schnörkelig und poetisch geschrieben wurde – von Fenoglio, der Vergleiche und Metaphern liebt. Wer sich ganz darauf einstellen kann, wird wie Meggie in eine fantastische fiktive Welt eintauchen, die einen alles um sich her-um vergessen lässt. Wie schon “Tintenherz” ist auch “Tintenblut” ein Buch der Bücher – thematisch zu den Kapiteln passende Zitate aus literarischen Texten für Kinder und Erwachsene regen zum Weiterlesen an. So wird Cornelia Funkes Roman zu dem, was er beschreibt: eine Schatzkiste der Literatur.

Maren Bonacker

Tintenblut
Cornelia Funke
Verlag: Dressler, Publiziert: 2005, Seiten: 736, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-0467-3
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

Für das, was zwischen Mensch und Buch passiert, gibt es nur ein einziges unzulängliches Wort: Lesen. Dabei ist der Unterschied zwischen dem langsamen, im Raum kreisenden Aufnehmen eines Gedichts und dem rasanten, nach dem Horizont preschenden Verschlingen eines Schmökers mindestens so gross wie der zwischen Flanieren und Sprinten. Die Bücher, welche zwei der prominentesten deutschen Autorinnen – die Rede ist von Kirsten Boie und Cornelia Funke – diesen Herbst vorgelegt haben, streben ein Paradox an: Sie möchten ihre LeserInnen zum Nachdenken bewegen, indem sie möglichst viel Spannung und Action zwischen die Buchdeckel packen.

Kirsten Boies “Skogland”, knapp vierhundert Seiten dick, ist eine Art Politthriller. Skogland, ein Fantasiestaat irgendwo im Norden, besteht aus einer Nord- und einer Südinsel. Die BewohnerInnen des Südens sind gross, blond und blauäugig, die BewohnerInnen des Nordens dunkel und gedrungen. Die Südler haben die Macht in der Hand und unterdrücken die Nordler, und allmählich geht der Widerstand in Terror über. Das Land ist gegen aussen völlig isoliert, die Medien senden nur, was vom König und seinen Beratern abgesegnet wird. Genau wie J.K. Rowling im neuen Potter-Band greift Kirsten Boie die Bedrohung durch Terroranschläge auf, vertieft aber die historischen Zusammenhänge in ihrem erfundenen Land auf überzeugende Art: So könnte es wirklich sein und so ist es auch wirklich an verschiedenen realen Orten der Welt.

Im ersten Band der Tintenwelt-Trilogie, dem vor zwei Jahren erschienenen “Tintenherz”, hatte Cornelia Funke die Segnungen des Lesens bis zum Überdruss bemüht, ein Impetus, der im zweiten Band, “Tintenblut” , etwas nachlässt. Und doch ist der pädagogische Furor ungebrochen. Das manifestiert sich darin, dass Meggie ohne Bücher nicht leben kann (was man ihr ja gern glaubt, doch je öfter man es lesen muss, umso geringer die Überzeugungskraft), und, direkter noch, in den Zitaten aus der ganzen Weltliteratur, die Funke als Motti vor jedes Kapitel setzt. Nur in den seltensten Fällen entsteht ein wirklicher Bezug zu den angeführten Werken von Heine bis Philip Pullman. In der Regel dienen sie als Dekoration, um den Fantasyroman mit etwas bildungsbürgerlicher Patina zu veredeln: Schaut, all das habe ich gelesen.

Boie und Funke richten sich mit ihren Romanen an ein breites jugendliches Publikum und nicht nur an jene, die es gerne anspruchsvoll und literarisch haben. Die Absicht an sich ist lobenswert, schliesslich kann man für die Leseförderung nie genug tun. Leider führt sie aber bei Kirsten Boie und Cornelia Funke dazu, dass sie alle Erfindungsgabe und Energie in den Plot stecken, sich jedoch auffällig zurücknehmen, wenn es ums genuin Literarische geht: Sprache, Stil, Erzähltechnik, differenzierte Zeichnung der Figuren. Bei Kirsten Boie zumindest kann man sagen, dass sie, wohl bewusst, hinter ihren Fähigkeiten zurückbleibt. Nach Erscheinen ihres Fantasyromans “Die Medlevinger” (2004) äusserte sie sich in Buch&Maus (2/04) entsprechend über das Genre, das nur einen stark beschränkten psychologischen Bereich zulässt. Für das Thriller-Genre gelten dieselben Einschränkungen wie für Fantasy.

Umso deutlicher schlägt sich die pädagogische Absicht nieder: Mit Hilfe von Spannung und Action soll ein breites Lesepublikum zum differenzierten Nachdenken über politische Themen verführt werden. Hier bestätigt sich eine alte Weisheit: Form und Inhalt lassen sich nicht trennen, ein komplexer Stoff verlangt eine differenzierte ästhetische Umsetzung.

Genau das gleiche Muster findet man bei Cornelia Funke: Auch sie will die bunte, lebenslustige aber auch grausame Tintenwelt nicht einfach als Fantasyreich für sich stehen lassen, sondern lässt ihre Protagonistin Meggie immer wieder über Nutzen und Nachteil der Lektüre für das Leben philosophieren – und zwar so, dass man schnell weiter blättert; dorthin, wo Action und Spannung warten.

Vor lauter PISA, Leseforschung und -förderung vergessen selbst Autorinnen wie Boie oder Funke das Wichtigste: Auf die Aussagekraft der Literatur zu vertrauen, ohne immer auf Botschaften und Zielgruppen zu schielen.

Christine Lötscher

Wo ist Lisa? Wo ist Kai?
Wilfried Gebhard
Verlag: Lappan, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-8303-1094-3
Schlagwörter: Freundschaft | Ferien | Wimmelbuch

Schade, dass Kai und Lisa nicht gemeinsam in die Ferien fahren. Nachdem sie ihre Siebensachen gepackt haben, beginnt die lange Autofahrt ans Meer. Wir begleiten die beiden über einen Mittagshalt, eine Hotelübernachtung, den Besuch einer Burg und eines Amphitheaters bis zum Campingplatz am Meer. Zwischen den beiden Familien liegen oft nur wenige Meter, doch die Kinder haben keine Ahnung davon. Als sie endlich am Meer angekommen sind, passierts: Kai und Lisa purzeln am Strand übereinander und freuen sich riesig. Der Clou der Sache: Die Eltern der beiden hatten die Reise abgesprochen, Kai und Lisa verbringen die Ferien am Meer gemeinsam.

Wilfried Gebhards neues Bilderbuch ist ein witziges, in seiner Art neues “Wimmel”-Bilderbuch: Der erfahrene Illustrator baut die kurzen, den Blick der BetrachterInnen lenkenden Sätze – wie sie typisch sind in seinen früheren “Wimmel”-Bilderbüchern – zu einer zusammenhängenden Geschichte aus. Geschickt spielt er dabei mit dem Umstand, dass wir mehr wissen als die beiden Hauptfiguren in den Bildern. Diese Diskrepanz leitet nicht nur zum Suchen an, sondern birgt auch ein hohes Humorpotenzial. Beim Anschauen versucht man automatisch, Kai und Lisa zu finden und sich auszumalen, was wäre, wenn sie sich wirklich sehen würden. Auf acht grossen doppelseitigen Bildern illustriert Gebhard mit seinem gewohnt farbenfrohen und schwungvollen Stil die zeitgleichen Reisen der beiden Familien und im Sinne der Geschichte die Reisen vieler anderer Familien. Die Bilder bergen neben der Haupthandlung eine Vielzahl witziger Szenen, die genauso entdeckt werden wollen und zum eigenen Geschichtenerfinden auffordern.

Barbara Jakob Mensch

Allerliebster Toddel
Andreas Dierssen, Illustration: Felix Scheinberger
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-01413-9
Schlagwörter: Geschwister | Eifersucht/Neid | Familie/Familienformen

Hasenmütter bekommen bekanntlich viele Kinder. Auch Toddel hat mehrere Brüder und Schwestern. Er ist der Älteste, und die Mutter ist natürlich sehr beschäftigt mit seinen jüngeren Geschwistern. So sehr, dass sie viel zu wenig Zeit für ihn übrig hat, findet Toddel. Sie schimpft bloss mit ihm – und lieb hat sie ihn bestimmt auch nicht mehr. Nach einem Streit läuft Toddel schluchzend von zu Hause weg. Gut, dass die Mama ihn suchen kommt, ihn in die Arme nimmt und dem Hasenkind versichert: “Du bist mein allerliebster Toddel!”

Jedes Kind kennt das Gefühl, zu kurz zu kommen, und wird sich mühelos mit dem frustrierten Hasenjungen identifizieren. Dass sich die Mutter so liebevoll ihrem Sohn zuwendet, ist tröstlich. Doch auch ganz kleine Kinder lassen sich kaum mit oberflächlichen Beteuerungen abspeisen. Da wäre es schön gewesen, wenn Toddel von der Mutter erfahren hätte, warum sie nicht jederzeit für ihn verfügbar ist und weshalb auch er lernen muss, sich in Geduld zu üben.

Sehr lebendig kommen die Illustrationen daher. Die interessanten Perspektiven lassen eine Tiefenwirkung entstehen und überzeugen genauso wie das witzige Vorsatzpapier mit den vielen Karotten, von denen keine der anderen gleicht.

Katrin Ruchti-Fehr

Sori feiert Tschusok
Lee Uk-Bae
Aus dem Koreanischen von Hee Jung Ägerter
Verlag: atlantis, Reihe Baobab, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0510-5
Schlagwörter: Alltag | Kulturen | Feste/Bräuche

Geschäftigkeit herrscht in der koreanischen Stadt. Alle bereiten sich auf Tschusok, das Mond- und Erntefest, vor. Um das wichtige Fest zusammen mit den Verwandten zu feiern, reisen alljährlich Millionen KoreanerInnen zu ihren Familien aufs Land. Auch Sori macht sich mit den Eltern und dem kleinen Bruder im Morgengrauen auf die beschwerliche Reise zur Grossmutter. Kaum sind sie angekommen, geht es an die Festvorbereitungen. Am Abend dankt die Familie der Natur für die reiche Ernte. Am eigentlichen Festtag ehrt sie die Ahnen, geniesst das Festmahl, Tanz und Musik. Reich beschenkt, aber weniger beschwingt als bei der Anreise, kehrt die Familie in die Stadt zurück.

Unaufdringlich erfüllt das Buch den Anspruch Lee Uk-baes, den europäischen LeserInnen die koreanische Kultur näher zu bringen. Die detailreichen Illustrationen gewähren präzise Einblicke in die koreanische Lebensweise. Der Erzähltext fällt aber so knapp aus, dass die Bilder mehr oder weniger für sich sprechen müssen. Einzelheiten dürften einem entgehen oder könnten falsch interpretiert werden. So schlafen die Kinder nicht aus Armut auf dem Boden, sondern weil dies der koreanischen Vorliebe entspricht. Ausführlicher hätten man sich auch das Vor- und Nachwort gewünscht. Schön wäre etwa ein Hinweis auf die Arbeitsweise des Künstlers oder den für die Datierung von Tschusok massgebenden Mondkalender gewesen.

“Sori feiert Tschusok” ist eine liebevoll illustrierte Brauchtumsbeschreibung, die ohne Handlung im klassischen Sinn auskommt. Stark wirkt das Schlussbild: Zu Hause sitzt der Vater neben dem schlafenden Kind auf dem Fussboden, ein Fernseher steht im Hintergrund. Krasser könnte der Gegensatz zwischen medial geprägter, städtischer Lebenswelt und der einfachen, rituellen Dorfwelt kaum ausfallen.

Ursula Kahi

Erik und das Opa-Gespenst
Kim Fupz Aakeson, Illustration: Eva Eriksson
Aus dem Dänischen von Dagmar Brunow
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2005, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6251-5
Schlagwörter: Generationen | Familie/Familienformen | Tod/Trauer

Als sein Opa stirbt, ist Erik furchtbar traurig. Er versucht mit den Erklärungen seiner Eltern umzugehen – doch kann er sich seinen Opa weder als Engel in langem weissem Kleid vorstellen, noch versteht er, wie ein Mensch zu Erde werden kann. Wie ist das, wenn man tot ist? Und ist Opa wirklich tot? Denn plötzlich sitzt er mitten in der Nacht auf Eriks Kommode …

Von da an erhält Erik mehrere Male Besuch von seinem Opa-Gespenst. Dieses geht durch Wände, ruft brav “huhuuuu” und geistert mit Erik durch die Nacht. Erik fühlt sich getröstet und weiss doch, dass ein Gespenst nur dann zum Spuken kommt, wenn es noch etwas zu erledigen hat. Bloss: was? Gemeinsam mit seinem Opa-Gespenst besucht er Orte, an denen Opa lebendig war, um herauszufinden, was Opa fehlt. Und endlich hat das Opa-Gespenst den richtigen Einfall: Opa hat vergessen, sich ordentlich von Erik zu verabschieden, bevor er gestorben ist.

Eva Eriksson setzt Kim Fupz Aakesons Geschichte mit humorvollen Kreidezeichnungen um. Opa mit behaarter Brust und Anker-Tätowierung im Engelsgewand, Erik, breit grinsend, als er sein Opa-Gespenst zum ersten Mal durch die Wand gehen sieht. So entsteht ein berührendes Bilderbuch, das trotz der ernsten Thematik schmunzeln lässt – und das jungen und älteren LeserInnen klar macht, wie viele Wege es gibt, den Tod eines geliebten Menschen zu begreifen und zu verarbeiten. Ein bisschen muss man beim Lesen weinen, besonders als Opa und Erik endlich Abschied nehmen. Und trotzdem fühlt man sich unglaublich getröstet und aufgehoben – so wie Erik, der weiss, dass die Gespensternächte jetzt ein Ende haben. Ein wunderbares Buch.

Maren Bonacker

So schön wie der Mond
Komako Sakai
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Verlag: Moritz, Publiziert: 2005, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-165-6
Schlagwörter: Freundschaft | Spiel | Familie/Familienformen

Akiko bekommt einen Luftballon geschenkt. Ballons sind lustige Spielgefährten, aber man muss besonders gut auf sie Acht geben … Buchillustrationen sind – wie jede Art von Darstellung – auch immer Geschmackssache. Komako Sakai trifft meinen Geschmack nicht: Die graue Farbe, die die Bilder zu ihrer Geschichte dominiert, ist zu schmierig und die Ausführung der Zeichnungen insgesamt zu unrein. Ausserdem fragt man sich, warum die Illustrationen einer japanischen Künstlerin zu einer Geschichte, die in Japan zuerst erschienen ist, lauter EuropäerInnen zeigen.

Die Geschichte selbst besticht zunächst durch ihre Einfachheit und die Fokussiertheit der Momentaufnahmen, die sie erzählt. Die Hoffnung, die durch diese Einfalt (im positiven Sinne) geweckt wird, dass sich nämlich hinter der Schlichtheit grosse Tiefe verbirgt, kann sie jedoch nicht erfüllen: Die Erzählung wird nicht rund, sondern endet zu abrupt, wobei nicht klar ist, was nun aus dem roten Faden der Geschichte wird. Bleibt der Mondballon für immer im Baum? Und ist das nun eine gute Sache? Die Beschränktheit der Momentaufnahme kann die Fantasie beflügeln, wenn die Erzählung über diese Grenzen hinausweist. Wenn jedoch der Erzählausschnitt wie hier eher beliebig gewählt erscheint, bleibt das Leseerlebnis unbefriedigend.

Christian Kölzer

Bevor ich auf die Welt kam
Katerina Janouch
Übersetzt von von Dagmar Brunow
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6701-0
Schlagwörter: Sexualität

Wie Babys entstehen

Wo war ich, bevor ich auf die Welt kam? Wie bin ich überhaupt entstanden? Und wie muss ich mir das Leben in Mamas Bauch vorstellen? Diese und noch viele andere Fragen stellt sich ein Vierjähriger. Schon die erste Frage des kleinen Philosophen macht klar, dass das Abenteuer Kinderkriegen weit vor dem Verschmelzen von Ei und Samen beginnt. Da müssen sich erstmal eine Mama und ein Papa ganz schrecklich nach genau dem kleinen Kerl gesehnt haben. Denn so viel ist schon mal klar, eine Mama und einen Papa braucht es zum Kinderkriegen. Nur müssen sich die erst begegnen. Wenn sie sich dann nach all dem Häuschenbauen und Puzzlespielen zum Kinderkriegen entschliessen, werden die richtig praktischen Fragen geklärt: Wie hat wohl das Kind in Mamas Bauch Platz zwischen all den Würstchen und Spaghetti, und fallen diese dem Baby auf den Kopf? Da ist auch von Mehrlingen die Rede und von der medizinischen Hilfe, wenn Mama und Papa einfach kein Kind bekommen. Munter gehen die Überlegungen des Jungen weiter, bis er für sich nacheinander alle wichtigen Fragen rund um Zeugung, Schwangerschaft und Geburt geklärt hat.

Wer unter Aufklärung ein schnelles Abhandeln von Sachfragen versteht, ist mit diesem Buch sicher nicht richtig bedient. Katerina Janouch hat ein vergnügliches, an keiner Stelle peinliches Aufklärungsbuch geschrieben, in dem man spürt, dass sie Kinder ernst nimmt und sich mit ihrer Logik ernsthaft auseinander gesetzt hat. Die in krakeligem Stil gezeichneten, ganz unterschiedlich grossen Bilder der jungen Illustratorin Mervi Lindman nehmen die Fragen des Knirpses ebenso ernsthaft auf und erweitern die im Text angelegten humoresken Elemente auf der Bildebene.

Barbara Jakob Mensch

Doktor Dodos Weltreise
Ole Könnecke
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51649-9
Schlagwörter: Abenteuer | Reisen

Eines Tages erscheint dem kleinen Doktor Dodo das Leben in seinem Vogelkäfig äusserst langweilig. Kurz entschlossen geht er auf Weltreise. Er packt seinen Rucksack, bestückt ihn mit einem veritablen Eroberer-Fähnchen und zieht los. Von einem beeindruckenden Tausendmeterabstieg (runter von der Kommode) lässt er sich genauso wenig aus dem Konzept bringen wie von der unendlichen Wüste (des wenig möblierten Zimmers). Einen Ozean (in Form des Aquariums) überwindet er zielstrebig, und selbst der Verlust der kompletten Bergsteigerausrüstung auf dem Mount Everest (bzw. Ohrensessel) kann ihn nicht von seiner Entdeckerlust abbringen. Erst an der Nordpolforschungsstation (im Badezimmer) wird es schwierig. Ihm schwant bereits, dass er beobachtet wird, als ihm auch schon ein schrecklicher Schneemensch (aus dem Spiegel) entgegenblickt. Ruck, zuck beendet er die Weltreise, zieht sich auf seinen Sessel im Käfig zurück und beschränkt sich von nun an aufs sichere Träumen von der grossen weiten Welt.

Für die Liebhaber von Ole Könneckes genauso subtilem wie schrägem Humor sei es gleich vorweggenommen: Dieses kleine Buch werden Sie anschaffen müssen. Der schrullige Doktor Dodo, den wir schon aus “Doktor Dodo schreibt ein Buch” kennen, versinkt völlig in seiner Weltreise und evoziert mit seiner nicht zu überbietenden Logik von Seite zu Seite neues Lachen. Oder hätten Sie gewusst, dass man beim Abseilen ein zu kurzes Seil anstatt in wachem Zustand einfach im Schlaf loslassen muss, um sicher auf dem Boden anzukommen? Konsequent bedient sich Könnecke der kindlichen Gabe, sich spielend die Welt nach Hause zu holen, und demonstriert dabei eindrücklich, dass pure Langeweile äusserst kreativ sein kann. Für ganz kleine und grosse EntdeckerInnen.

Barbara Jakob Mensch

Die Weihnachts-Show
Brigitte Schär, Illustration: Jörg Müller
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2005, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-5092-9
Schlagwörter: Medien | Feste/Bräuche | Intertextualität

Das Flugei des Osterhasen passt just in die Parklücke vor der Haustür des Kalendermachers, der in einem Hexenhaus wohnt, das der modernen Grossstadt trutzt. Der Osterhase kommt mit einem Wunsch zum Kalendermacher: Einmal im Leben möchte er mit dem Christkind den Job tauschen und den Stress mit dem Eieranmalen und -verstecken anderen überlassen. Dem Kalendermacher ists recht – nur soll der Rollentausch kein Aufsehen erregen.

Zurück auf der Insel mitten im Ozean, wo der Osterhase mit dem Nikolaus, den Heiligen Drei Königen, den Schutzengeln und anderen, die im christlichen Festkalender eine Rolle spielen, zu Hause ist, trägt er dem Christkind sein Anliegen vor. Dieses willigt, im Liegestuhl liegend und an einer Pinacolada (alkoholfrei) nippend, in den Tausch ein. Als die Zeit zum Bemalen der Ostereier gekommen ist, spannt das Christkind kurzerhand die Schutzengel ein, die ihrer Fantasie freien Lauf lassen und sehr eigenwillige Kreationen zum Abtransport bereitstellen.

Endlich wird auch der Osterhase zum Weihnachtseinsatz abberufen. Er landet mitten auf dem Broadway, wo ihn schon viel Publikum und die Presse erwartet. Die Weihnachts-Show im Studio kann beginnen. Der Osterhase weiss, was die Unterhaltungsbranche von ihm erwartet, und befriedigt mit seiner ungewöhnlichen Interpretation der Christkindrolle (fast) alle Erwartungen.

Die ganzseitigen Illustrationen von Jörg Müller bringen Brigitte Schärs subversive Weihnachtsgeschichte erst richtig zum Leben. Ihr Realismus und ihre Genauigkeit, ihr Witz und ihr Spiel mit Bildern und Motiven aus der christlichen Kulturgeschichte machen daraus einen Augenschmaus für Gross und Klein – und ein Buch, das, entgegen seinem Titel, fürs ganze Jahr taugt.

Christine Tresch

Die Belagerung
Martin Baltscheit, Illustration: Aljoscha Blau
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2005, Seiten: 95, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-64-9
Schlagwörter: Krieg | Essen

Sie sind die ideale Besetzung für gruselige Stimmung in Büchern und Filmen – Wölfe, heulend in der Dunkelheit, die immer näher kommen. Ein unheimlicher Kreis aus Wildheit und Bedrohung. Dass solche Szenen ihren Ursprung in der Realität haben, wollen wir uns meist nicht vorstellen. In seiner Erzählung “Die Belagerung” greift Martin Baltscheit die Angst vor dem Unbezwingbaren auf: Das sibirische Dorf Pilowo erlebt 1927 einen besonders harten Winter. Als das Essen knapp wird, schiesst der junge Milan einen Wolf, den die Familie nach einigem Zögern zu Gulasch verarbeitet und isst. Wenig später fehlt die kleine Minka, das Kind des Nachbarn. Ein Fetzen ihres Kleides wird am Waldrand gefunden, dort, wo die Wölfe hausen. Rächen sich die Tiere für den Tod ihres Rudelmitglieds?

Wegen des schlechten Wetters sind die BewohnerInnen von Pilowo von der Aussenwelt abgeschnitten. Ihnen bleibt nur, zu warten: zermürbendes, banges Warten auf die immer näher kommende Bedrohung aus dem Wald und hoffnungsvolles Warten auf die Schneeschmelze und Rettung von ausserhalb. Es gibt kaum noch Lebensmittel im Dorf; als das Feuerholz ausgeht, verfeuern die Menschen ihre Möbel, schliesslich auch die Dielen. Vor die Tür wagt sich keiner mehr.

Stilistisch an Tschechow erinnernd, erzählt Martin Baltscheit in klarer Sprache, ohne sich zu sehr in der Darstellung von Emotionen zu verlieren. Die Beklemmung der Bewohner von Pilowo überträgt sich dennoch auf die LeserInnen, die gebannt miterleben, wie die Situation immer auswegloser wird. Die Schwarzweissillustrationen von Aljoscha Blau unterstreichen die Stimmung des recht kurzen, aber doch sehr eindringlichen Texts. Ein aussergewöhnliches Buch.

Maren Bonacker

Der verborgene Schatz
Paul Maar
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2005, Seiten: 62, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4250-6
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Die Geschichte um Muhar den Kleinen entführt in ein fernes Land und eine ferne Zeit. Und doch ist der Gegenstand ganz nah: Das Glück liegt nicht in der Fremde, aber die Fremde kann helfen, das Glück vor der eigenen Nase zu erkennen.

Paul Maars Erzählung ist eigentlich eine Collage von bereits bekanntem Stoff im Stil der Märchen aus Tausendundeiner Nacht oder von Wilhelm Hauff, mit deutlichen Anleihen bei diesen klassischen Vorbildern. Genau hier liegt auch das Problem der sprachlich ansonsten schön gestalteten Geschichte. Märchen alter Prägung konzentrieren sich auf einen Erzählstrang, berichten also entweder von einer Schatzsuche oder von der Begegnung mit einer Räuberbande oder von der unerwiderten Liebe zur Tochter des reichen Kaufmanns und erreichen damit eindrückliche Klarheit und Aussagekraft. Maar verarbeitet alle Themen auf einmal und kann am Ende nicht alle Erzählfäden wieder aufgreifen: Die Geschichte-in-der-Geschichte um die Liebe des Räubermädchens hängt seltsam in der Luft und wirkt eher wie ein Fremdkörper innerhalb der übrigen Handlung. So können die vielen interessanten Einzelgeschichten, die Maar andeutet, in ihrer Kombination nicht überzeugen.

Die Illustrationen von Isabel Pin dagegen bieten genau die Beschränkung auf den einzelnen Gegenstand, der der Geschichte fehlt. Ihre Bilder enthalten viel freien Raum, in dem das Auge ausruhen kann, um sich dann auf das Hauptobjekt konzentrieren zu können. Gleichzeitig erzeugt diese Leere eine gewisse surreale Atmosphäre, die das Betrachten zum Genuss macht.

Christian Kölzer

Das Schloss der Frösche
Jostein Gaarder
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Verlag: Hanser, Publiziert: 2005, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-18602-6
Schlagwörter: Abenteuer | Märchen/Fabel

Der kleine Kristoffer findet sich eines Nachts im Schlafanzug am verschneiten Salamanderteich wieder. Er hat keine Zeit, sich Gedanken zu machen, wie er dorthin gekommen ist, denn schon begegnet ihm der Wichtel Umpin, der ihn auf ein Schloss mitnimmt. Dort passieren haarsträubende Dinge. Das Herz des Königs wird gestohlen, und die grausligen Salamander-Wächter sind an einer Hofintrige beteiligt. Wie können Umpin und Kristoffer, der unterdessen ein echter Poffer-Prinz geworden ist, dem König helfen? Und wie können sie sich vor der gehässigen Königin schützen, die sie in den Kerker werfen möchte? Geschicklichkeit und List sind gefordert, um sich aus all den gefährlichen Situationen zu retten. Dabei können die beiden Helden auch nicht auf die Hilfe der Prinzenkinder Aurora und Karolus Rex zählen. Die verhalten sich illoyal und feige und irritieren auch sonst ein wenig.

Doch Prinzessin Aurora entpuppt sich als Kristoffers Kusine Camelia, und der König hat grosse Ähnlichkeit mit dem kürzlich verstorbenen Grossvater. Geneigte LeserInnen ahnen es: Die seltsamen Gestalten im Schloss sind eigentlich Menschen aus Kristoffers Alltag. Mit Fantasie verarbeitet Kristoffer den Verlust des Grossvaters: Bei Sonnenaufgang ist er getröstet und überzeugt davon, dass dieser in seinem Herzen weiterleben wird.

Die Handlung wirkt mit der Aneinanderreihung von Abenteuern und Intrigen manchmal beliebig und unmotiviert; dasselbe gilt für die überbordende Verwendung von intertextuellen Bezügen. Weniger wäre mehr; die Déjà-vu-Erlebnisse entbehren oft jeglicher Spannung.

Trotzdem hat das Buch witzige Elemente und spannende Passagen. Als Vorleselektüre geht “Das Schloss der Frösche” allemal durch, aber “echten Gaarder” hat es schon bessere gegeben …

Trix Bürki

Ein Sommernachtstraum
Barbara Kindermann, Illustration: Almud Kunert
Verlag: Kindermann, Publiziert: 2005, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-934029-14-0
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Intertextualität

Zwei Männer lieben eine Frau, diese ist nur dem einen zugetan – und ihre beste Freundin liebt den anderen verzweifelt und ohne Hoffnung. Dann sind da die Handwerker, die vor dem Wald von Athen ein tragisches Stück für die anstehende Hochzeit der Herrscher vorbereiten und sich mehr schlecht als recht in ihre Rollen finden. Und schliesslich sind da auch noch die Feen, die alles beobachten und mit allen ihren Schabernack treiben – es ist “Ein Sommernachtstraum …”

Die recht komplexe Handlung von Shakespeares Komödie wird von Barbara Kindermann in Anlehnung an die Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel nacherzählt und von Almud Kunert mit vielen liebevollen Details illustriert. So gerät die Rahmenhandlung zur Kulisse, die verliebten Athener zu Marionetten und Spielfiguren kleiner Elfen und Kobolde, die zwischen den Zweigen der Bäume sitzen und die ganze Handlung dirigieren. In leuchtenden Farben fängt Almud Kunert die Geschichte ein, die bei Barbara Kindermann wie ein Märchen klingt und sich wunderbar zum Vorlesen eignet. Die meist ganzseitigen Illustrationen sprengen dabei stets den vom Motiv vorgegebenen Rahmen und spiegeln so die Handlung wider, die sich ebenfalls auf mehr als einer Ebene abspielt. Dabei begeistern die vielen humorvollen Szenen ebenso wie die dem Text hinzugefügten Einzelheiten – etwa ein zottiges Teufelchen, das sich vielleicht nicht bei Shakespeare findet, aber die BetrachterInnen frech grinsend durch die ganze Geschichte begleitet. Shakespeares “Sommernachtstraum” einmal ganz anders – aber nicht minder zauberhaft.

Maren Bonacker

Die Nacht, als Mats nicht heimkam
Martha Heesen
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2005, Seiten: 115, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-8037-2
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Geschwister | Tod/Trauer

Mats ist anders: Nur mit ihm, der die Welt mit einem besonderen Blick betrachtet, kann die Mutter “von den Dingen” reden. Ständig verschwindet er und muss von seinem älteren Bruder Petrus zurückgeholt werden. Er radelt 35 Kilometer durch die Dunkelheit, um sich zu vergewissern, dass Schiffe auch nachts fahren, grübelt darüber nach, ob Pferde ein Ich-Bewusstsein haben, oder lässt sich – nachdem er ins Wasser gefallen ist – auf Grund sinken, im Vertrauen darauf, dass Petrus ihn rettet. Durch den Unfalltod der Mutter wird Mats’ Welt erschüttert, und das an sich schon labile Beziehungsgefüge der Familie gerät aus den Fugen. Mats, Petrus und der Vater reagieren jeder auf seine Weise auf das Unglück. Mats, indem er sich noch mehr isoliert und sich dem Vater noch mehr entzieht. Petrus, indem er sich neben der Verantwortung für den Bruder auch noch jene für den Vater aufbürdet und es zu seiner Lebensaufgabe macht, Vater und Bruder wieder zusammenzuführen. Der Vater, indem er in Passivität und Hilflosigkeit versinkt.

Mit “Die Nacht, als Mats nicht heimkam” gelingt der niederländischen Autorin Martha Heesen nach “Dringend und wichtig” erneut ein aufwühlendes Dokument innerer Not. Heesen lässt Petrus die Ereignisse erzählen. Dadurch werden der Schmerz des 15-Jährigen über die permanente Bevorzugung des Bruders wie auch das letztlich unerklärliche Band, das ihn mit Mats verbindet, besonders spürbar. Vor allem aber tritt seine innere Zerrissenheit angesichts der grossen Verantwortung, die er sich aufgebürdet hat, zutage. Doch auch diesmal bleibt die Autorin ihrer Überzeugung treu: Sie lässt die Lesenden nicht ohne Hoffnungsschimmer zurück. Als Vater und Sohn sich endlich in die Arme fallen, atmen Petrus und wir gleichermassen erschöpft auf.

Ursula Kahi

Kartoffelkäferzeiten
Paul Maar
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2005, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-52264-3
Schlagwörter: Identität/Individualität | Historisches

“… das war der Anfang vom Ende ihrer Macht.” Die Rede ist von Oma Mariechen, als Oma Elsbeth aus dem zerbombten Nürnberg in ihr Haus in einem Dorf im Mainfränkischen zieht. Oma Mariechen herrscht über ihre Töchter Paula und Fanni und ihre Enkelin Johanna. Sie hat einen Garten, ein Schwein und eine Gastwirtschaft; damit kommen sie knapp über die Runden. Denn es sind “Kartoffelkäferzeiten”, Zeiten, in denen die Menschen um das Wenige kämpfen, das ihnen geblieben ist. Die meisten Männer sind im Krieg gefallen, vermisst oder in Gefangenschaft.

Aus der Perspektive von Johanna erzählt der Roman ein Stück Zeitgeschichte: Von Flüchtlingen aus dem Osten, die sich im zweiten Stock des Hauses einmieten; von einem ehemaligen Schlossherrn, der an die deutsche Kriegsschuld erinnert und daher von der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt wird, und von Johannas Freund, mit dem Johanna nicht zusammen sein darf, weil er unehelich geboren ist. Die dörfliche Enge macht sich auch in der Geschichte der Dollen Kuni bemerkbar, die, von der Ausrottungspolitik der Nazis traumatisiert, ihr geistig behindertes Kind versteckt, oder in jener von Fanni, von deren Freundschaft mit einem US-amerikanischen Soldaten niemand wissen darf. Und der Roman erzählt natürlich auch von den ungleichen Grossmüttern: Oma Elsbeth macht Oma Mariechen den Platz im Haus streitig, weil sie die Mutter von Paulas Mann, Johannas Vater ist. Am Schluss des Buches, als Johannas Vater gebrochen aus russischer Gefangenschaft zurückkehrt, wird sie von der Küche, dem Zentrum der häuslichen Macht, unters Dach verbannt. Johanna schliesslich wächst zu einer jungen Frau heran, die weiss, was sie will: weg aus dem Dorf und ein anderes Leben leben als ihre Mutter.

Paul Maar enfaltet in seinem 1990 erstmals erschienenen Roman mit ruhigem Erzählton ein Panorama, das durch eine Fülle von Details besticht und ein mitreissendes Bild der Zeit entwirft.

CHRISTINE HOLLIGER

Fette Fische
Carl Hiassen
Aus dem amerikanischen Englisch von Birgitt Kollmann
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2005, Seiten: 295, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80959-X
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima

Was soll man tun, wenn vor der eigenen Nase ein rücksichtsloser Unternehmer die Abwasser seines Kasinoschiffs ins Meer ablässt? Noah und seine Schwester Abbey, die mit ihren Eltern in den Florida Keys wohnt, wollen nicht tatenlos zusehen. Und da ihr Vater, ein hitzköpfiger Umweltaktivist, gerade im Gefängnis sitzt, müssen sie sich selbst einen Plan ausdenken.

Carl Hiaasen wartet mit einigen mitreissenden Spannungsbögen auf, hat sich aber für das Ende zu viel vorgenommen: Statt die Geschichte nach dem Spannungshöhepunkt ausglühen zu lassen, wirft er noch einmal viel Brennstoff nach, was die Proportionen der Geschichte ins Wanken bringt.

Die Stärke von Hiaasens Buch ist jedoch, dass es die grossen Themen “Umweltverbrechen” und “ziviler Ungehorsam” herunterbricht auf das Greifbare: Kriminelle Umweltverschmutzung geschieht hier nicht irgendwo, sondern an dem Strand, an dem die Hauptfiguren gerne baden. Und es sind nicht anonyme Grosskonzerne und die Regierung, die gemeinsame Sache machen, sondern der Verantwortliche ist in Reichweite. Der Roman entwickelt auf dieser Grundlage die ganz konkrete Frage: “Was kann ich tun?”, rüttelt auf und zeigt das komplexe Problem auf, dass engagierte Umweltaktivisten vielfach ebenso die Gesetze brechen wie die Menschen, gegen die sie vorgehen. Und die Geschichte erzählt auch, wie der konsequente Einsatz für den Umweltschutz das Familienleben und die Ehe von Noahs Eltern belastet.

Hiaasens Roman macht aber auch klar, dass persönlicher und besonnener Einsatz für eine gute Sache sich auszahlt – eine wichtige Aussage.

Christian Kölzer

Harry Potter und der Halbblutprinz
Joanne K. Rowling
Aus dem Englischen von Klaus Fritz
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2005, Seiten: 656, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-56666-6
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy | Identität/Individualität

Fünf Bände lang hat Joanne K. Rowling mehr Geheimnisse geschaffen als gelüftet, Erzählstränge angefangen, Andeu-tungen und versteckte Hinweise verstreut. Jetzt, kurz vor dem Finale, kommt die Zeit der Ernte, denn der siebte Band wird sich mit dem ultimativen Kampf zwischen Harry und Voldemort auf Action konzentrieren müssen. Am Ende des fünften Bandes allerdings konnte man sich noch nicht recht vorstellen, wie dieser Harry einen Widersacher, der von den Toten zurückgekehrt ist, besiegen soll, wenn sein Meister und Beschützer Albus Dumbledore einmal tot ist. Natürlich, er hat Freunde; die stärksten Zauberkräfte bei Rowling sind schliesslich Freundschaft, Teamwork und Fairness. Doch irgendwann muss der Moment kommen, wo er Voldemort angreift.

Die Voraussetzungen werden im sechsten Band “Harry Potter und der Halbblutprinz” geschaffen. Dumbledore wird umgebracht; nicht, weil seine Zauberkräfte nicht mehr stark genug sind; wenn es hart auf hart geht, greifen die Zauberer bei Rowling auf wirksamere und perfidere Mittel zurück: Dumbledore wird Opfer eines ungeheuren Verrats. Erschütternd beschrieben ist das, nur fehlt eine plausible Erklärung dafür, warum sich der weise Zauberer so übers Ohr hauen liess.

Abgesehen von solchen Details liest sich der neue Potter genüsslich wie eh und je; voller Anspielungen und Humor ist er allemal. Gierig verschlingt man die Lebensgeschichte von Lord Voldemort, beziehungsweise Tom Marvolo Riddle, wie man nun endlich erfährt – schliesslich muss Harry ja wissen, mit wem er es zu tun hat. Die Art und Weise, wie die Geschichten aus Voldemorts Jugend in die Gegenwartsebene der Erzählung (wie immer in Hogwarts) eingebaut werden, lässt den Verdacht aufkommen, Rowling habe sich mehr für die erste glückliche Liebe Harrys interessiert als für den Plot.

CHRISTINE LÖTSCHER

Der Kleine Prinz erforscht die Erde
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-8040-8
Schlagwörter: Spiel

Neben der Adaption von Antoine de Saint-Exupérys bezaubernder Geschichte als stimmungsvolle Spielgeschichte mit dokumentarischem Hintergrundmaterial (Tivola 1998) gibt es vom Oetinger Verlag mittlerweile bereits zwei einfach gestrickte Lernabenteuer, in denen der Kleine Prinz zur Erforschung des Weltraums und unseres Heimatplaneten einlädt.

In der vorliegenden Geschichte spielen die Elemente verrückt, weil der König die vier magischen Symbolsteine für Wasser, Feuer, Wind und Erde aus dem Brunnen entfernt hat. Bei seinem Freund, dem Fuchs, und auf Besuchen beim Geografen und beim Laternenanzünder bekommt der Kleine Prinz Hilfe. In vier nicht sonderlich aufregenden Spielen können ihm die Kinder dabei helfen, wieder Ordnung zu schaffen und die launische Rose zu retten. Wahlweise kann die ganze Geschichte auch als Zeichentrickfilm betrachtet werden.

Die Stärke der Spiel- und Sachgeschichte liegt weniger in der erzählerisch eingebetteten Mission des charmanten Helden, der mit der philosophischen Figur der Vorlage nicht mehr so viel gemein hat. Die Produktionen zeichnet sich vielmehr durch eine Fülle wissenschaftlich fundierter Animationen aus. In rund dreissig Beiträgen werden komplexe Sachverhalte verständlich dargestellt und Themen wie die Entstehung der Erde, das Aussterben der Dinosaurier oder die Klimaerwärmung anschaulich erläutert. Anregungen für den schulischen Einsatz liefert zudem eine kleine Handreichung, die von der Website des Verlags heruntergeladen werden kann.

Daniel Ammann

Karlsson vom Dach und die Kuckelimuckmedizin
Astrid Lindgren
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-8036-X
Schlagwörter: Spiel

“Heissa hopsa!”, ruft es fröhlich vom Fenster her, und der pummelige Karlsson mit dem Propeller auf dem Rücken surrt gemächlich in Lillebrors Zimmer hinein. Lillebror langweilt sich, denn es dauert noch drei unendlich lange Tage bis zum Geburtstag. Zum Glück ist Karlsson so frech und unternehmungslustig wie in Astrid Lindgrens Buch und im Spielfilm, und von seinem Rücken aus lässt sich im Stadtviertel so allerhand erleben: Die Spielerin hilft den beiden Jungen, verirrte Miezekatzen ihren Halterinnen zurückzubringen, lässt mit ihnen Wasserballone auf verdutzte Spaziergänger platschen, kegelt auf dem Hausdach und verfolgt Diebe, die das Geld für Lillebrors Geburtstagsgeschenk geklaut haben. Ausserdem ist angeraten, für den stimmungsschwankenden Karlsson ab und zu etwas Kuckelimuckmedizin zu brauen. Dafür benötigt es nebst Kakao noch Himbeerbonbons, saure Drops, lila Lakritzesterne und weitere Leckereien, die man als Belohnung für erfolgreiches Rätsellösen erhält. Die paar Öre, die man beim Staubsaugen von Karlssons chaotischem Stübchen findet sowie im Spiel mit dem Blitzreaktionsapparat erhält, kann man im Krämerladen verputzen oder in einen altmodischen Flipperkasten stecken. Da man für einen Sack Murmeln ziemlich lange spielen und sparen muss, üben sich die Kinder hier bereits im Umgang mit Geld.

“Karlsson vom Dach” glänzt durch eine grosse Anzahl innovativer Spiele, ist liebevoll gezeichnet und weist viele Details und schräge Perspektiven auf. Die Dialoge sind witzig und frech, und der beste Karlsson auf der Welt erfreut mit seiner eminent wichtigen Persönlichkeit wohl jedes Kinderherz. Schade nur, dass (in der getesteten CD-ROM) hie und da der Ton abstellt und man das Spiel neu starten muss.

Mela Kocher

Die Band
Mawil
Verlag: Reprodukt, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-931377-45-8
Schlagwörter: Musik | Biografie | Freundschaft | Identität/Individualität

“Die Band” des jungen Berliner Comicautors Mawil, der 2003 mit “Wir können auch Freunde bleiben” seinen Durchbruch erlebte, erzählt die klassische Geschichte von der Schülerband, die von der grossen Karriere träumt. Die Realität sieht indes etwas anders aus: Die Jugendlichen üben zwar, bis die Finger bluten, aber statt Goldene Schallplatten zu sammeln, fachsimpeln sie über Gitarren und Verstärker, und wenn ihnen der Schritt auf die Bühne eines nicht sonderlich glamourösen kirchlichen Jugendhauses gelingt, kriegen sie vor lauter Lampenfieber vom eigenen Konzert nichts mit. Und irgendwann dämmert ihnen, dass sich dieser Traum so einfach nicht realisieren lässt.

Der 1976 in Ostdeutschland als Markus Witzel geborene Mawil wurde nie Rockstar – dafür wird er heute als das grösste Talent der jungen deutschsprachigen Comic-Szene gehandelt. Mit seinem Sinn für stimmige Dialoge, wahrhaftige Situationen, berührende Selbstironie und lebendige Zeichnungen schildert er in “Die Band”, wie und weshalb es in seinem Fall (und im Fall der meisten Popstar-Anwärter) mit der Rockstar-Karriere nicht so recht klappen wollte. Mawils Geschick ist es, seine eigenen Erfahrungen in kleine Geschichten von allgemeingültigem Wert zu verarbeiten. Seine Band war schlicht “Die Band”. Die Band, in der wir alle mal gespielt oder von der wir alle geträumt haben. Es ist geradezu wohltuend, neben all den von MTV kolportierten Pop-Erfolgsmärchen auch mal die andere, die wahrhaftigere Geschichte zu erfahren, die Geschichte eines Scheiterns. Mawils liebevoller Humor macht aus “Die Band” einen berührenden Blick zurück auf eine an schönen Hoffnungen und wertvollen Illusionen reiche Phase des Heranwachsens, in der alles möglich scheint und die Wirklichkeit noch verdrängt werden kann.

Christian Gasser

Ein Kühlschrank ging spazieren
Margit Sarholz, Werner Meier, Andrea Kretschmar
Verlag: dtv, Publiziert: 2005, Seiten: 92, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-70926-X
Schlagwörter: Spiel | Kreativität | Musik

Wenn sich ein Kühlschrank, gefüllt mit 13 Liedtexten, Spiel- und Bastelvorschlägen, Rezepten und Geschichten, lässig und beschwingt auf die Socken macht, muss mit ungewöhnlichen und turbulenten Szenen gerechnet werden. Begeistert folgen denn auch neugierige Kinder und Erwachsene der Einladung “… zum Spielen, Spinnen, Tanzen, Fantasieren, Basteln und Experimentieren”. Mit Hilfe von leicht nachvollziehbaren Anleitungen wird eine fantasiesprühende Kinderwelt kreiert, animiert durch eine Titelauswahl, die, allein zu lesen, bereits Spass macht: Leckermäuler und Kühlschrankentdecker, lustige Vögel und kleine Gärtner, Weltenbummler und Zeitreisende, Geburtstagssänger und Glückwunschbringer, Dschungelforscher und Gummitwister, Rollerfahrer und Barfussläufer, Scherzkekse und Kichererbsen.

Das farbenfroh und witzig illustrierte Familienspielbuch erstaunt nicht nur durch einen Riesenfundus an Ideen, auch seine sorgfältige Gestaltung fällt auf. Beim Ausarbeiten der leicht spielbaren Notenfassungen, der Unterrichtsmodelle und Lehrermaterialien wurde das Autorentrio von namhaften pädagogischen Fachleuten unterstützt. Die gleichnamige Doppel-CD mit den von Kindern pfiffig vorgetragenen Liedern und den Playbacks macht neugierig auf dieses Werkbuch. Buch und CD sind ein starkes Team, das wohltuend aus dem Wust des gängigen Medienangebots im Spiel-Sach-Bereich herausragt.

Ein Tipp für Lehrpersonen:
Unter www.sternschnuppe.de oder www.dtv.de/lehrer stehen Unterrichtsmaterialien zum kostenlosen Download bereit.

GIOVANNA RIOLO

Kunst-Geschichten
Franziska Dürr Reinhard, Vera Fischer
Verlag: h.e.p.-Verlag, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-039-05117-2
Schlagwörter: Kunst

Will man Kindern Kunst vermitteln, ist es sicher nicht der schlechteste Weg, sie zum genauen Schauen und Nachfragen anzuregen. Franziska Dürr Reinhard und Vera Fischer versuchen dies mit ihren “Kunst-Geschichten” für das Aargauer Kunsthaus in Aarau. Eine Plastikbox enthält sechzehn aufklappbare, thematisch sortierte Kartons, die je einen Ausschnitt aus einem Gemälde der Sammlung zeigen. Rechts und links davon sind Fotografien von KunsthausbesucherInnen zum selben Thema abgebildet. Ganz links stehen themenbezogene Fragen, die mal zum Träumen verleiten, mal zum kritischen Nachdenken anregen. Auf der Rückseite finden sich Stichwortsammlungen je auf Deutsch, Französisch, Englisch, verbunden mit einer Suchfrage (“Was siehst du in dieser Landschaft?”).

Die “Kunst-Geschichten” sind als Arbeitsmaterial zur Vorbereitung schulischer oder privater Museumsbesuche sicher brauchbar. Sie bieten diverse Anregungen, eröffnen erste Zugänge (von einer Internetseite kann man vertiefende Künstlerinformationen herunterladen). Ein Kind wird mit diesem Konvolut aber kaum etwas anfangen können, obwohl die (zu) bunte Aufmachung Kindgerechtheit suggeriert. Ohnehin überzeugt die Gestaltung nicht. So sind etwa die Fotografien, deren Qualität sehr unterschiedlich ist, und Gemäldeausschnitte im gleichen Format nebeneinander aufgereiht. Das wirkt unruhig und unattraktiv. Vielleicht offenbart sich darin sogar ein Problem des Konzepts: Es vernebelt die fürs Kunstsystem zentrale Unterscheidung zwischen Profis und Laien.

Barbara Basting

Evil
Jan Guillou
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Verlag: Hanser, Publiziert: 2005, Seiten: 379, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20646-9
Schlagwörter: Schule | Freundschaft | Gewalt

Das Böse

Wenn Gewalt in Kinder- und Jugendbüchern vorkommt, ist der moralische Rahmen klar: Gewalt kann und darf nie zum Ziel führen. ProtagonistInnen, die ihre Probleme gewalttätig zu lösen versuchen, tun dies aufgrund von familiären, sozialen und psychischen Defiziten: Im Grunde sind sie diejenigen, die Hilfe brauchen – und sie in Jugendbüchern in der Regel auch bekommen. Ein schönes Beispiel dafür ist “Ich bin Amerika”, der neue Roman von E.R. Frank, die früher als Sozialarbeiterin in New York tätig war und heute neben dem Schreiben eine psychotherapeutische Praxis führt. Amerika, der jugendliche Ich-Erzähler, ist schwer traumatisiert, bekommt aber durch die einfühlsame Hilfe eines Psychotherapeuten die Chance, ein neues Leben anzufangen.

Ähnlich geschädigt ist Eric in Jan Guillous bereits 1981 entstandenem, erst jetzt ins Deutsche übersetztem Roman “Evil. Das Böse”. Doch Erik bewegt sich in einem vollkommen anderen sozialen Umfeld, in der gutbürgerlichen schwedischen Mittelschicht, und in einer Zeit, den 1950er-Jahren, in der es eine Selbstverständlichkeit war, dass Eltern und Lehrer ihre Kinder verprügeln. Was Eriks Vater mit seinem Sohn macht, wäre aber auch in dieser Gesellschaft zu weit gegangen, wenn es denn jemand erfahren hätte oder sich die Mühe gemacht hätte, hinter die Kulissen zu schauen. Die “Nachtischprügel” sind ein tägliches Ritual, das der Vater unabhängig von Eriks Verhalten abspult. Mit mathematischer Akribie berechnet Erik die anstehende Zahl von Schlägen und die Schmerzstufe und benutzt seine gesamte mentale Kraft dazu, geistig aus seinem Körper und seinem Schmerz abzuheben. Meistens gelingt es ihm. Guillou beschreibt die Situation in der Familie so bedrückend, dass man es kaum ertragen kann. Erik der Gewalttäter, den wir bald darauf kennen lernen, bleibt in den Augen der LeserIn trotz seiner brutalen Machenschaften als Bandenchef, der die ganze Schule terrorisiert, ein Mensch und kein Monster. Denn Erik ist ein begabter und sensibler Junge, wie uns Guillou immer wieder versichert, er hat nur eines bisher gelernt: dass man entweder zu denen gehört, die schlagen, oder zu denen, die geschlagen werden.

Eines Tages fliegt er mit seiner Bande auf und wird in ein stockkonservatives Eliteinternat geschickt. Er ist wild entschlossen, ein unauffälliges, friedliches Leben zu führen: “Da niemand etwas über ihn wusste, würde er sich nie mehr schlagen müssen, nie wieder würde es einen Grund dafür geben.” Doch es kommt anders. Das Zusammenleben der jungen Männer wird strukturiert von paramilitärischen Initiations- und Gewaltritualen, wie sie Peter Gay in seiner kulturhistorischen Studie “Kult der Gewalt” (C.H. Beck 1996) beschreibt. Die Lehrer halten sich zurück: Strafe und Züchtigung ist Sache der älteren Schüler und des Schülerrats. Sie sind begeisterte Vollstrecker eines totalitären Terrorsystems, in dem es nur eine Art zu überleben gibt: sich ducken, mitmachen und allmählich vom Opfer zum Täter aufsteigen. Auch hier zeichnet Guillou die Logik der Gewalt mit eiskalter Brillanz. Wieder ist Erik zu mehr als hundert Prozent mit der Analyse des Systems und mit der Ausarbeitung einer Gegenstrategie beschäftigt. Er versucht, so wenig wie möglich zuzuschlagen und sich auf eine Kombination von Drohen und Schlagen zu stützen. Das Wissen, dass er mehr Schmerz aushalten kann als alle anderen Jugendlichen, macht ihn beinahe unverwundbar und in den Augen der anderen Jungen wiederum zu einem gefährlichen Monster.

Das Unheimliche und Irritierende an Guillous Buch ist, dass sein Protagonist die Mechanismen der Gewalt bis ins Kleinste durchschaut und, wenn auch widerwillig, von seinem Wissen Gebrauch macht. Erik weiss, dass Gewalt nur durch Gewalt besiegt werden kann, die Frage ist höchstens, wer der bessere Stratege und der mutigere Krieger ist. Anders als in Jugendbüchern sonst üblich, bestätigt der Verlauf der Handlung seine Einstellung: Er geht am Ende als Sieger hervor. Das tiefere Wissen, dass Gewalt etwas Schlechtes ist, muss ihm nicht erst vermittelt werden, es ist ihm von Anfang an klar. Er reagiert nur auf das System, in dem er bestehen will, und legt mit seinem Verhalten die mit Demokratie und Freiheit bemäntelten kriegerischen Strukturen frei.

Christine Lötscher

Oh, wie schön ist Panama
Janosch
Verlag: Tivola, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-89887-093-6
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft | Reisen

Bildschirmbuch

Seit der kleine Bär und der kleine Tiger der berühmten Bilderbuchgeschichte aus dem Jahr 1978 entstiegen sind, um LeserInnen zu finden, haben ihnen viele Medien ein neues Zuhause geboten. In der “Sendung mit der Maus” des WDR erlebte “Oh, wie schön ist Panama” von Janosch bereits ein Jahr darauf die Fernsehpremiere als Trickfilm. Die Geschichte bildete den Auftakt zur 24-teiligen Reihe “Janoschs Traumstunde” (1986–1989) und wurde auf Video vermarktet. Selbstverständlich existieren diverse Hörfassungen, von der szenischen Lesung bis zur musikalischen Erzählung, und im Herbst 2006 soll ein siebzigminütiger Trickfilm in unsere Kinos kommen.

Der Reiz des Klassikers scheint ungebrochen. “Panama”, das wohl klingende und nach Bananen duftende Land der Träume liegt zwar gleich vor der Haustüre der beiden Helden, aber man muss schon gereist sein und den Horizont durch Begegnungen erweitert haben, um Vertrautes neu sehen zu können. Die ironische Geschichte wird gleichsam zur Parabel für das Lesen und die verwandelnde Kraft der Imagination.

Zusammen mit “Komm, wir finden einen Schatz” und “Riesenparty für den Tiger” hat der Tivola-Verlag den Longseller nun auf einer DVD herausgebracht und möchte mit diesem und weiteren Titeln ein “neues Genre in der Kinderunterhaltung” propagieren: das “Schirmbuch”. Abgesehen von der medialen Aufbereitung hält sich das Innovationspotenzial des neuen Formats jedoch in Grenzen. Ein bisschen erinnert die Umsetzung ans Bilderbuchkino – nur dass es sich hier um Heimkino handelt.

Die Bildschirmbücher versammeln jeweils drei oder mehr Episoden auf einer DVD und präsentieren die Geschichten auf abgefilmten Bildtafeln, teilweise unterstützt durch musikalische Untermalung. Das Erzählen wird durchwegs von professionellen SprecherInnen besorgt. Die pädagogische Absicht, Geschichten – im Kontrast zum zappligen Fernsehprogramm – in ruhiger Form und ohne rasante Bildwechsel zu präsentieren, ist sicherlich zu begrüssen. Es mag als Ergänzung zum eigenen Vorlesen dienen (wenn auch mit weniger Interaktivität) oder als Möglichkeit, an das Bilderbuch wie an andere Bildschirmmedien heranzuführen. Herausragende Vorteile gegenüber der auch nicht gerade hektisch anmutenden Trickfilmversion oder einer interaktiven Spielgeschichte bietet so eine DVD jedoch kaum.

Bei der Multimedia-Adaption, die 2003 bei Terzio erschienen ist, können die jungen SpielerInnen die Janosch-Geschichte ebenfalls in gemächlichem Tempo erleben. Der eingeblendete Text wird jeweils vorgesprochen und kann beliebig wiederholt werden. Darüber hinaus bietet die CD-ROM alternative Lesespuren. So kann das animierte Reiseabenteuer mit verschiedenen Spielaufgaben auf eigene Faust bestanden werden und liefert mit ausdruckbaren Bastelvorlagen Material und Anregungen für Anschlussaktivitäten.

Die ersten Bücher für den Bildschirm lassen auch in Sachen Mehrsprachigkeit noch Wünsche offen. Die meisten Spielfilm-DVDs bieten heute alternative Tonspuren mit weiteren Sprachversionen an. Da es das bekannte Janosch-Bilderbuch bereits in Englisch oder Türkisch gibt und Bibliotheken zunehmend angehalten werden, in ihren Beständen Titel verschiedener Herkunftssprachen zu berücksichtigen, hätten zusätzliche Lesungen die Attraktivität der DVD bestimmt erhöht.

Daniel Ammann

Rote Wangen
Heinz Janisch, Illustration: Aljoscha Blau
Verlag: Aufbau, Publiziert: 2005, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-351-04062-8
Schlagwörter: Tod/Trauer | Generationen | Familie/Familienformen

“Grossvater? Ach, der ist doch schon vor einem Jahr gestorben!”, sagen die anderen. Doch wenn der Enkel sich an das erinnert, was er im Laufe der Jahre so alles aus dem Leben des alten Mannes erfahren hat, fühlt er sich ihm so nah wie eh und je.

In den Erinnerungen leben die Toten fort, heisst es. Das Bilderbuch von Heinz Janisch und Aljoscha Blau erzählt sehr eindrucksvoll von einer innigen Grossvater-Enkel-Beziehung, die über den Tod hinausreicht. Wie in ein altes Schulheft geschrieben wirkt der schlichte und doch so berührende Text von Heinz Janisch. Aljoscha Blaus poetisch-skurrile Bilder setzen die verrückten Geschichten des alten Mannes mit Humor und grosser Zärtlichkeit in Szene, zeigen ihn als verspielten Knaben, verliebten Burschen, der aus wackeligen Hölzern Brücken baut, Schneemenschen-Versteher, Kriegsheimkehrer, fremde Arten-Entdecker und alten Mann, der in seinem Bett die Welt umsegelt.

Das letzte Bild gleicht dem ersten: Es zeigt den jungen Ich-Erzähler im Zimmer des Grossvaters, aus dem bis auf den Schemel des Jungen und den geliebten Schaukelstuhl des Alten alle persönlichen Gegenstände verschwunden sind. “Und dann erzählt er mir eine Geschichte. Und noch eine. Und ich krieg rote Wangen vom Zuhören, und wir haben viel Spass.” Und der Grossvater-Schatten, den der leere Schaukelstuhl vor dem weit geöffneten Fenster auf den Boden wirft, wirkt lebendiger denn je …

Ein wunderbares Bilderbuch über die Liebe eines Enkels zu seinem Grossvater, die Kraft der Erinnerung – und der Fantasie. Zum Seufzen schön.

Andrea Duphorn

Herbst-Wimmelbuch
Rotraut Susanne Berner
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5101-3
Schlagwörter: Wimmelbuch

Mit dem “Herbst-Wimmelbuch” schliesst Rotraut Susanne Berner den Jahreszeiten-Wimmelbuch-Zyklus ab. Wie in den Vorgängern folgt auch dieses Wimmelbuch in sieben Panoramen den BewohnerInnen eines Mehrfamilienhauses am Stadtrand auf ihren Gängen ins Stadtzentrum und zum Park auf der anderen Stadtseite. Auch hier treffen wir auf altbekannte Figuren. Wer die vorangegangenen Wimmelbücher kennt, kann Geschichten fortschreiben, etwa die vom Jogger Manfred, der im Frühling unglücklich auf einer Bananenschale ausrutschte und von Elke getröstet wurde. Die beiden sind übers Jahr ein Paar geworden und buchen jetzt im Einkaufszentrum ihre Hochzeitsreise. Und der neue Kindergarten ist fertig gestellt ebenso wie eine neue Ausfallstrasse

Dieses synchrone Lesen macht fast noch mehr Spass als das Anschauen der einzelnen Bände. Gemeinsam lassen sich Geschichten entdecken, die die Künstlerin immer wieder andeutet, und Leerstellen zwischen den Jahreszeitenbüchern füllen. Aber auch das “Herbst-Wimmelbuch” lädt zum Mutmassen und Geschichtenerfinden ein und birgt viele komische Augenblicke. Diesmal bewegen sich die BewohnerInnen des Städtchens zum Laternenumzug Richtung Park. Auch Katze Monika und Kater Mingus sind wieder dabei, jetzt mit Nachwuchs.

In der Zwischenzeit hat man sich auch etwas an die pittoreske Szenerie und die politisch äusserst korrekte Abbildung dieser kleinstädtischen Lebenswelt gewöhnt und kann das Spiel in und zwischen den Büchern geniessen. Wie das Rotraut Susanne Berner gelungen ist, heischt Respekt. Wimmelbuch ist hier für einmal nicht gleich Wimmelbuch und dieses Jahreszeiten-Paket ein Wurf.

Christine Tresch

Genau! Sagt Paul Schlau
Esther Spinner, Illustration: Anna Luchs
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-61-4
Schlagwörter: Sprachspiel

In diesem Herbst sind gleich zwei Bilderbücher erschienen, die auf die Kraft von Sprach- und Wortspielen bauen und dabei ganz unterschiedliche Möglichkeiten ausloten.

Die zwei Schweizerinnen Esther Spinner und Anna Luchs erarbeiten nach “Die Amsel heisst Selma” zum zweiten Mal ein Sprachspielbuch. Ein paar Kinder erhalten Besuch von Paul Schlau, der immer dann kommt, wenn sich jemand langweilt. Nach vielen vergeblichen Vorschlägen zieht er Anna Gans bei, die klipp und klar konstatiert: Bei einer solch grässlich grauenhaften Langeweile hilft nur noch Vokalessen. Erstmal macht Paul A-Essen wie Lauchauflauf, Saubauch, Aalhalssalat, Ananasschwanz usw. Endlich lassen sich die obergelangweilten Kinder motivieren und probieren es: Peter kocht E-Essen, Lilli kümmerst sich ums I-Essen, O- und U-Essen liefern Tom und Rut dazu. So entstehen echte und fragwürdige Leckereien (zum Beispiel Erdbeerleber oder Wildhirnspitz). Sehr bekömmlich sind zu guter Letzt auch die Vokaltausch-Erfindungen, die durch die Benutzung nur eines einzigen Vokals entstehen (zum Beispiel Upfulmus). Die Kinder sind buchstäblich nicht zu bremsen, die Langeweile ist weg, und schon heisst es: “Denn mechen wer schless. EndE.”

Bis die LeserInnen in die Sprachspielereien eintauchen können, ist fast das halbe Buch rum. Dieser langsame Einstieg mag etwas zu tun haben mit der Langeweile, doch wenn das fröhliche Vokalessen und -tauschen seinen fulminanten Lauf nimmt, hätte man gerne etwas mehr davon. Das ist aber schon die einzige Kritik. Anna Luchs lässt ihrer Fantasie freien Lauf – in den immer doppelseitig angelegten Bildern mit ihrer Mischung aus Zeichnung und gezeichneten Collageelementen. Der Text ist einer serifenlosen Typografie jeweils in die linke obere Ecke der Doppelseite gesetzt. Die Ausnahme davon bilden die Seiten mit dem Vokalessen: Hier ist er freier gesetzt und unterstreicht so das spielerische Element.

Während Paul Schlau den LeserInnen das Potenzial von Sprachspielereien gleich mit einer grösseren Anzahl Buchstaben vor Augen führt, beschränkt sich Linda Wolfsgruber auf einen einzigen Buchstaben. Sie erzählt die Geschichte der zwei Zwirnrollen Zampano und Zippo, die Sehnsucht nacheinander haben. Zippo läuft, zack, zack, zu Zippo über Zaun und Ziegelstein über Zabern Zagreb Znaim usw., mitten durchs Zinnoberrot bis hin zum Zornverbot für zehn zottelige Zwerge geht die Reise, bis sie am Ende selig zusammen bei Zippo am Tisch sitzen. Dies allerdings erst nachdem Zippo die Hälfte seines Zwirns an die von der langen Reise abgewickelten Rolle von Zampano abgegeben hat!

Die österreichische Illustratorin ist eine Meisterin der Kombination verschiedener Elemente: Zeichnung, Collage, Fotografie, Radierung etc., alles ist möglich in ihren kunstvollen Bildern. Ein einziges Betrachten reicht nie und nimmer aus, um all die Elemente zu erschliessen. Das verbindende Element ist der Faden von Zampanos Spule. Nur schon das Verfolgen dieses Einzelementes macht Spass. Wenn es dann gilt, all die unerwarteten Stationen der Reise zu passieren, ziehe ich als Leserin den Hut vor in keiner Weise kindertümelnden Fantasie dieser Illustratorin.

Beide Bücher sind eine Fundgrube für einen anregenden Sprachunterricht und sollten in keiner Schulbibliothek fehlen.

Barbara Jakob Mensch

Zwei x Zwirn
Linda Wolfsgruber
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-5079-1
Schlagwörter: Sprachspiel

In diesem Herbst sind gleich zwei Bilderbücher erschienen, die auf die Kraft von Sprach- und Wortspielen bauen und dabei ganz unterschiedliche Möglichkeiten ausloten.

Die zwei Schweizerinnen Esther Spinner und Anna Luchs erarbeiten nach “Die Amsel heisst Selma” zum zweiten Mal ein Sprachspielbuch. Ein paar Kinder erhalten Besuch von Paul Schlau, der immer dann kommt, wenn sich jemand langweilt. Nach vielen vergeblichen Vorschlägen zieht er Anna Gans bei, die klipp und klar konstatiert: Bei einer solch grässlich grauenhaften Langeweile hilft nur noch Vokalessen. Erstmal macht Paul A-Essen wie Lauchauflauf, Saubauch, Aalhalssalat, Ananasschwanz usw. Endlich lassen sich die obergelangweilten Kinder motivieren und probieren es: Peter kocht E-Essen, Lilli kümmerst sich ums I-Essen, O- und U-Essen liefern Tom und Rut dazu. So entstehen echte und fragwürdige Leckereien (zum Beispiel Erdbeerleber oder Wildhirnspitz). Sehr bekömmlich sind zu guter Letzt auch die Vokaltausch-Erfindungen, die durch die Benutzung nur eines einzigen Vokals entstehen (zum Beispiel Upfulmus). Die Kinder sind buchstäblich nicht zu bremsen, die Langeweile ist weg, und schon heisst es: “Denn mechen wer schless. EndE.”

Bis die LeserInnen in die Sprachspielereien eintauchen können, ist fast das halbe Buch rum. Dieser langsame Einstieg mag etwas zu tun haben mit der Langeweile, doch wenn das fröhliche Vokalessen und -tauschen seinen fulminanten Lauf nimmt, hätte man gerne etwas mehr davon. Das ist aber schon die einzige Kritik. Anna Luchs lässt ihrer Fantasie freien Lauf – in den immer doppelseitig angelegten Bildern mit ihrer Mischung aus Zeichnung und gezeichneten Collageelementen. Der Text ist einer serifenlosen Typografie jeweils in die linke obere Ecke der Doppelseite gesetzt. Die Ausnahme davon bilden die Seiten mit dem Vokalessen: Hier ist er freier gesetzt und unterstreicht so das spielerische Element.

Während Paul Schlau den LeserInnen das Potenzial von Sprachspielereien gleich mit einer grösseren Anzahl Buchstaben vor Augen führt, beschränkt sich Linda Wolfsgruber auf einen einzigen Buchstaben. Sie erzählt die Geschichte der zwei Zwirnrollen Zampano und Zippo, die Sehnsucht nacheinander haben. Zippo läuft, zack, zack, zu Zippo über Zaun und Ziegelstein über Zabern Zagreb Znaim usw., mitten durchs Zinnoberrot bis hin zum Zornverbot für zehn zottelige Zwerge geht die Reise, bis sie am Ende selig zusammen bei Zippo am Tisch sitzen. Dies allerdings erst nachdem Zippo die Hälfte seines Zwirns an die von der langen Reise abgewickelten Rolle von Zampano abgegeben hat!

Die österreichische Illustratorin ist eine Meisterin der Kombination verschiedener Elemente: Zeichnung, Collage, Fotografie, Radierung etc., alles ist möglich in ihren kunstvollen Bildern. Ein einziges Betrachten reicht nie und nimmer aus, um all die Elemente zu erschliessen. Das verbindende Element ist der Faden von Zampanos Spule. Nur schon das Verfolgen dieses Einzelementes macht Spass. Wenn es dann gilt, all die unerwarteten Stationen der Reise zu passieren, ziehe ich als Leserin den Hut vor in keiner Weise kindertümelnden Fantasie dieser Illustratorin.

Beide Bücher sind eine Fundgrube für einen anregenden Sprachunterricht und sollten in keiner Schulbibliothek fehlen.

Barbara Jakob Mensch

Das Mädchen mit den Schwefelhölzchen
Hans Christian Andersen, Illustration: Kveta Pacovská
Verlag: Philomel, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 0-698-40027-5
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Wie, wenn nicht kitschig, lässt sich dieses Märchen illustrieren, das von Armut erzählt, vom Eingehen in die Herrlichkeit mit der verstorbenen Grossmutter und schliesslich dem Tod des Mädchens? Indem die Rührseligkeit des 19. Jahrhunderts mit der Abstraktheit der modernen Kunst von Kveta Pacovská kombiniert wird. Die 77-jährige Tschechin zeigt bei aller Abstraktion die extremen Bedingungen, indem sie vor tiefschwarzem Hintergrund mit wenigen Strichen Füsse andeutet, wund gelaufen und blau gefroren. Sie entwirft das schonungslos herangezoomte Gesicht als Skizze und weist das Mädchen mit dem untergelegten Buchhaltungspapier als ihrem Vater ausgeliefert, zu wirtschaftlicher Zweckmässigkeit reduziert aus. Neben Collagen mit kleinsten Schnipselchen gibt es weite Flächen, teilweise in Silberprägedruck, und immer wieder chaotisches, aufgewühltes Durcheinander als Ausdruck der selbstzerstörerischen Verzweiflung. Dazu deutliche Anklänge an frühere Werke der Künstlerin, heiter stimmende Figuren in leuchtendem Rot und mit Blautupfen.

Es steckt Komik drin, mitten im Elend, und Mitleid. Die Gans entflieht ihrem Braten-Dasein mit der Gabel unter dem Arm. Die Grossmutter ist Bedrohung und Errettung zugleich, erinnert dabei an eine Stoffpuppe aus entfernter, vielleicht schönerer Kindheit. Und das alles passt!

Überragend auch die schöne Assoziation von den Streichhölzern, mit denen sich das Mädchen die Wunschbilder entflammt, zu den Pinseln, mit denen dieses herausragende Bilder-Buch entstanden ist. Leider ist die Ausgabe auf 999 Exemplare beschränkt. Den Zuspätgekommenen bleibt nur die englische Kooperationsausgabe “The Little Match Girl”.

BRUNO BLUME

Wenn ich gross bin, werde ich Nobelpreisträger
Isabel Pin
Verlag: Hanser, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20634-5
Schlagwörter: Erwachsenwerden

“Wenn ich gross bin, werde ich meinen Nächsten lieben. Ich werde Menschen unterstützen, die meiner Hilfe bedürfen. Ich werde Ungerechtigkeiten aufdecken. Für all die grossen Taten werde ich mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet werden. Davon träumt der kleine Junge!”

Schaut man jedoch die jeweilige Bildtafel zu jedem schönen Vorsatz an, entdeckt die Betrachterin etliche Kleinigkeiten, welche Ungereimtheiten aufzeigen: Ich werde meinen Nächsten lieben? Im Kinderzimmer liegen Spielzeugsoldaten und Pfeile herum, und unter dem Bett liegt die Schwester des kleinen Jungen gefesselt, während dieser gemütlich eine Geschichte vorgelesen erhält. – Ich werde hilfsbereit sein? Die alte Frau auf dem Markt schleppt mühsam zwei schwere Taschen, während der Junge pfeifend den Kopf abwendet und wegspringt. – Ich werde Ungerechtigkeiten aufdecken? Im Zeichenunterricht nimmt der freche Kollege einem Mitschüler alle Farbstifte weg, und der Junge sitzt betreten daneben. Diese Widersprüche nehmen die BetrachterInnen allmählich wahr und kommen zum Schluss: Es gibt so viel zu tun! Man sollte gleich anfangen. Immerhin befreit der kleine Junge auf dem letzten Bild die unter dem Bett gefangene Schwester.

Das Bilderbuch bietet neben genauer Sehschulung also auch wertvollen Diskussionsstoff. Jedes Kind weiss, wie schwierig es ist, einen gut gemeinten Vorsatz auch umzusetzen und mutig zu unkonventionellen Überzeugungen zu stehen. Die kargen Bilder mit oft ungewohnten Perspektiven und leeren Hintergrundflächen bieten zudem Raum für eigene Überlegungen und lassen unerwartete Details entdecken. Dazu muss man aber genau hinschauen. Das auf den ersten Blick unspektakuläre Bilderbuch ist für Familien, Kindergarten und Unterstufe gleichermassen empfehlenswert.

Beatrix Ochsenbein

Der wunderbarste Platz auf der Welt
Jens Rassmus
Verlag: NP-Verlag, Publiziert: 2005, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-85326-291-0
Schlagwörter: Freundschaft | Reisen

Ein Seerosenblatt auf einem Teich … Was kann es im Leben eines Frosches Schöneres geben? “Der wunderbarste Platz auf der Welt” ist es – aber nur so lange, bis sich eines schönen Tages ein Storch eben dort niederlässt. Die Frösche fliehen – und den Weg eines Frosches erleben Leser- und BildbetrachterInnen hautnah mit. Dabei wird schnell klar, dass es zwar viele Teiche auf der Welt gibt, aber eben keinen, der so richtig froschecht ist. Im ersten Gewässer machen die Karpfen dem Frosch schnell klar, dass sie keine Fremden in ihrem Teich wollen. Der nächste Teich gehört den Kröten. Und als der Frosch endlich wieder einen Teich findet, wollen ihn die Enten von dort vertreiben. Nur mit praktischer Verkleidung – einem Entenschnabel aus Schilf und einer Feder im grünen Froschpopo – kann der Frosch eine Weile verschnaufen. Die Ruhe ist kurz. Eine Ente verliebt sich in ihn, und er muss sich erneut auf Wanderschaft begeben.

Wie er auf seiner weiteren Reise in einem Molch einen wunderbaren Freund findet, mit dem er sogar den grossen Storch vertreiben kann, erzählt Jens Rassmus in diesem wunderbaren Bilderbuch. Kräftige Farben und ganzseitige Bilder zeigen die Irrfahrt des Frosches bis hin zum glücklichen Ende, das nicht ganz so glatt ist, wie man es erwartet. Denn als Frosch und Molch endlich wieder am wunderbarsten Platz der Welt ankommen, ist zwar der Frosch zu Hause – der Molch jedoch gehört nicht in den Froschteich. Oder doch? Zum Glück kann der Frosch allen anderen seine Geschichte erzählen. So bleibt zwar das Ende im Buch offen, doch ist anzunehmen, dass alle – auch die Frösche aus dem Teich – ein bisschen Toleranz gelernt haben.

Maren Bonacker

Die Schlittenfahrt
Jan Koneffke, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79331-6
Schlagwörter: Abenteuer | Familie/Familienformen | Streit/Konflikt

Geschichten über Kinder, die auf Abenteuerreise gehen und abends wieder nach Hause zurückkehren, gibt es viele. Dass während so einer Fantasiereise aber viel Zeit vergeht und die Angehörigen sich Sorgen um die Abenteurer machen, die Spuren hinterlassen, davon erzählt dieses Buch. Dabei bricht das Mädchen, das die Geschichte erzählt, wider Willen zu einer grossen Reise auf. Es hat genug von den (vorweihnachtlichen) Streitereien der Eltern und geht Schlitteln. Als es in der Dämmerung ins Dorf hinuntergleitet, nimmt der Schlitten Fahrt auf, schiesst an den Häusern vorbei übers Land, durch eine Stadt bis ans Meer und von dort übers gefrorene Eis hinaus ins Weltall. Schlitten und Mädchen flitzen an Sonnen und Planeten vorbei, durch Meteoritenhagel und Milchstrassennebel, bis das Mädchen vor lauter Sternen oben und unten einschläft und erst wieder erwacht, als die Bahn des Schlittens zurück zur Erde führt, an den Fuss des Hügels hinter dem Dorf. Hier haben sich inzwischen kleine Dinge verändert: Da hängt eine Satellitenschüssel vor einem Fenster, dort ist ein Baum gefällt worden – und die Eltern sind um Jahre älter geworden. Ob aus Sorge um ihre Tochter oder weil diese mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs war, bleibt offen.

Jacky Gleich zeichnet die Geschichte in gedämpften Erdfarben und mit viel Weiss, die Landschaft ist in diffuses Licht getaucht, nur der rote Schal des Mädchens und die beiden Weltallbilder vermitteln etwas Wärme. Wunderbar, wie sie der festgefahrenen Situation zu Hause die Dynamik der Schlittenfahrt entgegenhält und damit auch signalisiert, dass dieses Mädchen sehr selbstständig und neugierig ist. Ein Buch zum Vorlesen für Kinder, die Lust auf Zwischentöne haben.

Christine Tresch

Der Winterzirkus
Martin Baltscheit
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2005, Seiten: 79, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85184-X
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Abschied

Im Winter gibt es einen besonderen Zirkus, in den nur die Tiere eingeladen werden: den geheimnisvollen Winter-zirkus. Das weiss Anna von ihrer Lieb-lingstante und besten Freundin Ruth. Und obwohl es natürlich Blödsinn ist, daran zu glauben, wird Anna stutzig, als sie kurz vor Weihnachten den singenden Hund mit dem Akkordeon zum ersten Mal sieht.

Gleichzeitig befindet sie sich in innerem Widerstreit. Dass ihre Mama noch an den Weihnachtsmann glaubt, ist ihr peinlich, auch wenn sie weiss, dass die Eltern ihrem kleinen Bruder Paul den Glauben an winterlichen Weihnachtszauber so lange wie möglich erhalten wollen. Die vielen Plätzchen nerven, den Weihnachtsbaum braucht kein Mensch, und die Geschenke sind sowieso immer die gleichen. Nur dem Winterzirkus lässt Anna in ihrer Fantasie einen Platz – und immer wieder wird sie daran erinnert. So versteht sie plötzlich die Sprache der Krähen, und auch mit dem Igel kann sie sich unterhalten. Und da ist der singende Hund, der gerade Anna in den Winterzirkus einzuladen scheint – wie sonst könnte es sein, dass ihn ausser ihr niemand sieht?

Am Weihnachtsabend findet Anna auf ihrem Kopfkissen zwei Zirkuskarten. Zwei? Erst als Tante Ruth lächelnd vor dem Fenster steht, versteht Anna. Als Katze und Maus verwandelt ziehen sie zum Winterzirkus …

Ganz am Ende dieser zauberischen Geschichte erfährt die LeserIn mehr über Anna – und über Ruth. So versteht man rückwirkend Annas Verhärtung gegenüber allem Schönen, versteht, warum einzig der Winterzirkus in Annas Fantasie Bestand haben darf; der letzte Ort, an dem sie der geliebten Tante begegnen kann. Ein sehr poetisches Buch, das sich wunderbar zum gemeinsamen Lesen an langen Winterabenden eignet.

Maren Bonacker

Heute will ich langsam sein
Heinz Janisch
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2005, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 3-7026-5769-X
Schlagwörter: Nonsens | Sprachspiel

Heinz Janisch stellt in seinem neuen Werk Gedichte vor. Die meisten davon hat er selbst geschrieben, andere stammen aus der Feder von Kindern oder sind in Schreibworkshops mit Kindern entstanden. Auf jeder Seite des Buches tritt dabei klar hervor, wie unausschöpfbar gross die Kraft der Sprache ist. Nehmen wir zum Beispiel “Eine Weltreise mit den Fingerspitzen”, eine Erweiterung bekannter Fingerspiele: “Gestern war ich in Australien./ Heute fahr ich nach Korsika und Afrika./ Morgen nach China und Amerika. / Übermorgen hinauf zum Pol./ Und überübermorgen nach Tirol.” Worte können im Kopf Bilder malen, die zeigen, wie es in einem aussieht, aber auch Dinge beschreiben, die es gar nicht gibt. Und Sprache ist selbst ein Kunstwerk, das viele interessante, lustige und verrückte Facetten hat.

Doch Janischs Buch ist weit mehr als ein Buch zum Konsumieren. “Heute will ich langsam sein” ist eine Anleitung. Mit jedem einzelnen Gedicht – gleich, ob es sich um kurze Sinn- oder Unsinnsprüche handelt, ob es um ein ernstes Thema geht oder ob sich die Gedichte an die englische Tradition der Nonsensdichtung anlehnen – zeigt Janisch drei Dinge: Der Alltag steckt voller Zauber, den man sehen kann, wenn man genau hinschaut. Die eigenen Gedanken und Gefühle sind grossartig, und man darf den Mut haben, ihnen Ausdruck zu verleihen. Und Worte sind das Material, mit dem jeder und jede zur KünstlerIn werden kann. Janischs Buch verführt zum Staunen – und zum Selberdichten.

Christian Kölzer

Alva Kuddelmuddel
Johanna Nilsson
Aus dem Schwedischen von Brigitta Kicherer
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2005, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4324-3
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Mit anspruchsvollen Jugendbüchern über Heranwachsende auf der Suche nach sich selbst (“… und raus bist du”, 1998, “Lügennetz”, 2002) ist Johanna Nilsson im deutschsprachigen Raum bekannt geworden. Mit “Alva Kuddelmuddel” legt die junge Schwedin nun ihr erstes Kinderbuch vor.

Alva ist acht. Seit ihre Eltern geschieden sind, leben sie und ihr vier Jahre älterer Bruder Thomas mal bei der Mutter, mal beim Vater. Beide leiden unter der Situation. Und obwohl die Mutter schon seit Jahren mit einem neuen Partner zusammenwohnt und ein Kind mit ihm hat, wünscht Alva sich nichts mehr, als “dass Papa sich wieder in Mama verliebt”. Auch wenn sie genau weiss, “dass daraus nie etwas werden kann … Aber sie will es nicht wissen. Sie will, dass es sich ändern kann.”

Einfühlend und witzig erzählt Johanna Nilsson aus dem komplizierten Alltag von Scheidungskindern und dem Leben in Patchwork-Familien. “Erst hierher ziehen und dann zu Papa ziehen und dann wimmelt es überall von anderen Kindern, von Halbgeschwistern, neuen Geschwistern und echten Geschwistern und dann gibts da einen neuen Papa und garantiert wird Papa sich demnächst eine neue Mama für uns zulegen …” Mit der pfiffigen Alva stellt sie eine Heldin in den Mittelpunkt, die ihre Gefühle und Gedanken eingängig beschreiben und verdammt direkt fragen kann. Schade nur, dass der Erzählton manchmal arg ins Verständnisheischende kippt. Und dass das Ende mit der neuen (Traum-)Partnerin für Papa und Alvas Hoffnung – “dass aus der Familie Kuddelmuddel doch noch Familie Richtig wird. Irgendwie” – doch ein bisschen zu rosarot ausfällt.

Andrea Duphorn

Lauter klare Fälle?!
Jürg Obrist
Verlag: dtv, Publiziert: 2005, Seiten: 183, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-70920-0
Schlagwörter: Rätsel | Krimi/Thriller

Lesen, suchen, entdecken – alles klar? Alles klar, denn schliesslich macht es Spass, in Wimmelbildern nach Details zu forschen. Und die Freude ist gross, wenn dank genauem Beobachten und scharfem Überlegen Schwindlerinnen und Verbrecher zur Strecke gebracht werden. Klar auch, dass sich dabei selbst Lesemuffel keine Blösse geben wollen.

Jürg Obrists Miniratekrimis stellen übersichtliche Leseportionen dar, die leseungeübte Kinder nicht abschrecken, sondern geradezu zum Lesen verführen. Bild und Text bilden dabei eine untrennbare Einheit. Auf jeweils einer Doppelseite gilt es, einen kniffligen Fall zu lösen. Die Lesenden begleiten die beiden Detektive Gitta Gurke und Kalle Bohne bei ihren Ermittlungen: Da wird Mauritius Zähnchens wertvollste Briefmarke, eine rosarote Magdalena, gestohlen, und in der berühmten Teigwarenfabrik Mac Aroni Inc. geht es auch nicht mit rechten Dingen zu und her. Moritz Schräg versucht, gefälschte Dollarscheine zu wechseln, und Professor Buntflügel braucht Hilfe beim Suchen einer gefährlichen Motte. Die Episoden stecken voller witziger Einfälle.

Das Buch enthält die beiden Einzeltitel “Klarer Fall?!” und “Alles klar?!” Eine gelungene Sammlung, goldrichtig für lange Bahnfahrten oder verregnete Ferientage: Für Spürnasen und alle, die es werden wollen. Und für Leseratten und solche, die es werden sollen.

Katrin Ruchti-Fehr

Ein Kaninchen für Alva
Annika Thor, Illustration: Heike Vogel
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2005, Seiten: 111, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55329-7
Schlagwörter: Freundschaft | Liebe | Eifersucht/Neid

“Liebe ist etwas Schönes”, sagt Alva. “Die das nicht verstehen und nicht wissen, wie es sich anfühlt, verliebt zu sein, können es nicht ertragen, andere zu sehen, die verliebt sind. Dann wollen sie ärgern und kaputtmachen. Das ist dumm, finde ich.”

Alvas Vortrag über die Liebe beschert Love (Love ist ein alter schwedischer Kindername), Alvas erster Liebe, rote Ohren. Weshalb muss sie immer alles öffentlich machen? Hat er nicht schon genug unter dem Gespött der anderen Jungen gelitten? Doch, ohne dass es Love richtig realisiert, wendet sich das Blatt. Alle sind ob Alvas Worten gerührt und beschämt: Die bildhübsche Melissa, gesteht, dass sie das obszöne Bild an die Wandtafel gezeichnet hat, die anderen Jungen entschuldigen sich, und sogar Frau Bergh, die neue, strenge Lehrerin, gibt zu, dass sie sich in Love getäuscht hat. Ein Happyend? Nicht ganz. Denn plötzlich das Kribbeln im Bauch verschwunden, wenn sie sich sehen. Andere FreundInnen werden wieder wichtiger. Alva und Love machen Schluss miteinander, bleiben sich aber durch das gemeinsame Interesse an Kaninchen verbunden.

In “Ein rotes Herz, ein blauer Schmetterling” (2003) hatten sich die beiden Kinder am Valentinstag verliebt und erlebten einen wunderschönen gemeinsamen Sommer. In der Fortsetzung erfährt ihre Liebe Prüfungen und geht schliesslich auf eine schon fast abgeklärte Weise mit dem ersten Schneefall zu Ende. Alva und Love, die abwechselnd aus ihrer Perspektive erzählen, sind beides nachdenkliche und sensible Kinder, die sich zum ersten Mal mit so schwierigen Gefühlen wie Liebe, Eifersucht und Scham herumschlagen müssen. Ein von Annika Thor ruhig und mit viel Fingerspitzengefühl erzähltes Kinderbuch über die Liebe, das ab neun Jahren und darüber hinaus bewegt.

MAJA MORES

Miesel und der Kakerlakenzauber
Ian Ogilvy
Aus dem Englischen von Cornelia Krutz-Arnold
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2005, Seiten: 223, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-34471-0
Schlagwörter: Humor/Komik | Fantastik/Fantasy

Wer seinem vierten Cousin zwölften Grades schon lange seine Eisenbahnanlage neidet und sich den Kopf darüber zerbricht, wie ungesund Donuts mit Zuckerguss wirklich sind, wer verzweifelt nach einer Alternative für das Auf-den-Mond-Schiessen lästiger Zeitgenossen sucht und sich Tag für Tag über das schwarze Regenwölkchen über dem Nachbarhaus wundert, wer nicht eher zur Ruhe kommt, als bis er Zauberer, Hexenmeister und Hexer voneinander unterscheiden kann, für den ist die Lektüre des ersten Bandes von Ian Ogilvys Miesel-Trilogie ein Muss. Das Buchcover ist so giftig grün wie Miesels Leben elend. Klein, mager, stinkend, struppig, hungrig, zerlumpt, geplagt und einsam: So lässt sich zusammenfassen, was die “Umstände” – also Miesels Vormund Basil Trampelbone – aus Miesel gemacht haben.

Der grässliche Basil besitzt die grösste und wohl auch schönste Modelleisenbahn der Welt. Eines Tages hat Miesel die Idee, heimlich damit zu spielen. Natürlich wird er erwischt und dazu verdammt, fortan Teil der Eisenbahninszenierung zu sein. Ein Unterfangen, das sich als nicht ungefährlich erweist. Ein Glück nur, dass der nun zwei Zentimeter grosse Miesel nicht Basils einziges Schrumpf-Opfer ist.

Geplagte und von ihren Verwandten tyrannisierte (Waisen-) Kinder in einer mehr oder weniger zauberkräftigen Umgebung bevölkern nicht erst seit “Harry Potter” die Kinder- und Jugendliteratur. Miesels Geschichte wird aber mit so viel Tempo, schrägem Humor und Ideenreichtum erzählt, dass das Lesevergnügen garantiert ist. Wer damit zufrieden ist, wird sich bei “Miesel und der Kakerlakenzauber” bestimmt nicht langweilen.

Ursula Kahi

Mister Macks Missgeschicke
Roddy Doyle, Illustration: Brian Ajhar
Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel
Verlag: CBJ, Publiziert: 2005, Seiten: 175, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12974-8
Schlagwörter: Abenteuer | Humor/Komik

Mr Macks neuste Erfindung – eine Säge – hat fatale Ähnlichkeit mit einem Maschinengewehr. Das finden auch die Bankangestellten, als Mr Mack in aller Unschuld einen Kreditantrag stellen möchte – unversehens sitzt er im Gefängnis. Leider kann er das Missverständnis nicht aufklären, und Mrs Mack ist unglücklicherweise auf Rekordjagd rund um den Erdball. Nun treten die Kinder der Familie in Aktion: Während die beiden Söhne zwecks Vaterbefreiung einen Tunnel zum Gefängnis bauen und gleichzeitig der grässlichen Waisengreiferin ein Schnippchen schlagen, hat sich die jüngste Tochter den blitzgescheiten Hund Rover geschnappt. Dieser soll sie auf dem schnellsten Weg nach China bringen, um die Mutter zu informieren … Das ist der Beginn einer turbulenten Geschichte mit unzähligen Einschüben, Worterklärungen und Ratschlägen zum Mürbemachen von Eltern.

Mag sein, diese Story hat als Gutenachtgeschichte im Doyle’schen Familienkreis Furore gemacht, mag auch sein, dass das Buch vielleicht noch in Irland Fans gefunden hat – dort weiss man wahrscheinlich, wo der Tallaght-Kreisverkehr ist, oder findet es lustig, dass man keinen Umweg über Argentinien zu machen braucht, wenn man von Dublin nach Donegal fährt – aber hier bei uns? Dass es einige lustige Szenen gibt, soll nicht unterschlagen werden: Als sich der Autor eine Tasse Kaffee macht, bleibt die ganze Handlung buchstäblich stehen – ein nicht unwitziger Einfall. Oder die Idee, dass die Mutter als Schreck- und Antriebsmittel irische Folksmusik benötigt. Zudem entsprechen die kauzigen Illustrationen von Brian Ajhar durchaus dem Stil des Buches. Nur sehr robusten, nervenstarken und Irland-erprobten Kindern ab acht zum Vorlesen mit Vorbehalt empfohlen.

MAJA MORES

Joppe
Gunnel Linde, Illustration: Ole Könnecke
Aus dem Schwedischen von Brigitta Kicherer
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2005, Seiten: 125, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5092-0
Schlagwörter: Freundschaft

Was muss dieser arme kleine Stofftier-Maulwurf Joppe nicht alles über sich ergehen lassen, nur weil er mit Ole einen Besitzer hat, der ihn schlichtweg an allem teilhaben lassen will: Joppe bleibt nicht nur mutterseelenallein im Aufzug stecken, landet auf einer Mülldeponie und im Briefkasten. Er wird auch unter Tonnen von Sand begraben und verliert am Ende sogar ein Bein. Und was tut dieser nette Herr Olsson nicht alles, damit Ole seinen Joppe am Ende doch wieder glücklich in die Arme schliessen kann?Er streitet mit Supermarktverkäufern, Handwerkern und Garderobenmännern, schwebt in schwindelerregender Höhe in einer Baggerschaufel, buddelt die ganze Nacht mit einem winzigen Spaten in einer riesigen Grube herum und, und, und …Aber irgendwie hat das alles auch sein Gutes, denn sonst hätte Oles Mama womöglich gar nicht bemerkt, wie nett dieser Per Olsson ist. Und Ole hätte vielleicht keinen neuen Papa bekommen. Und Joppe nicht so einen klasse Opa.

In Schweden sind die Kinderbücher von Gunnel Linde moderne Klassiker. “Joppe” erschien dort bereits 1985 – was der Geschichte um Ole und seinen allerbesten Freund aber nur bedingt anzumerken ist, denn die ist schlichtweg zeitlos. 13 Kapitel erzählen 13 Ole-und-Joppe-Abenteuer, die zwar aufeinander aufbauen, aber auch unabhängig voneinander gelesen werden können. Ein rundum gelungenes, mit den Bildern von Ole Könnecke sehr liebevoll gestaltetes Vorlesebuch für alle, die nur zu gut wissen, warum so ein Kuscheltier manchmal wichtiger als alles andere sein kann …

Andrea Duphorn

WinterWunderWeihnachtsWald
Fredrik Vahle
Verlag: Patmos, Publiziert: 2005, Seiten: 95, ISBN/ISSN/EAN: 3-491-38085-5
Schlagwörter: Feste/Bräuche | Musik

Hausbücher zur Weihnachtszeit kann man gar nicht genug im Bücherschrank haben – und so findet sich sicher noch ein kleiner Platz für Fredrik Vahles “WinterWunderWeihnachtsWald”, das weniger dick und wuchtig daherkommt als manche andere Sammlung von Liedern und Geschichten, aber gerade für die Kleinsten genau die richtige Mischung bietet. Ob Geschichten vom viel zu kleinen Weihnachtsmann oder vom sprechenden Weihnachtsbaum, ob Lieder von der Gänsehaut, die keine mehr sein wollte, oder den Schneeflocken – Vahles Buch ist voll von Weihnachtsvorfreude und Wintervergnügen. Kurze Geschichten voller Herzenswärme eignen sich besonders zum Vorlesen für die ganz Kleinen, längere machen der ganzen Familie Spass. Und auch zum Selberschmökern verlockt das Buch, denn die grosse Schrift ermöglicht es auch den noch Leseungeübten, erste Texte allein zu bewältigen. Mit den durchgehend farbigen Illustrationen von Ute Krause macht auch das Durchblättern und Anschauen grossen Spass – und wenn man dazu noch die CD oder MC hören kann, lernen sich die neuen Weihnachts- und Winterlieder ganz von selbst.

Besonders das zur Melodie eines russischen Wiegenliedes neu gedichtete “Weisser Winter” findet seinen Weg direkt in die Herzen, ebenso wie das verträumt-romantische Lied “Es stand ein Stern am Himmel”.

Heiter und besinnlich, frech und fantastisch sind die Geschichten von Fredrik Vahle – und doch verlieren sie dabei nie den eigentlichen Weihnachtsgedanken aus dem Blick, zu dem der Autor und Liedermacher ein besonderes Nachwort verfasst hat.

Maren Bonacker

Die Nacht, in der meine Schwester den Weihnachtsmann entführte
Zoran Drvenkar, Illustration: Ole Könnecke
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2005, Seiten: 264, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55419-6
Schlagwörter: Geschwister | Feste/Bräuche

Weihnachten mit acht, neun, zehn … fünfzehn Jahren. Wie war das, Heiligabend? Wie habe ich mich gefühlt? Was hat mich beschäftigt, geärgert, bedrückt, traurig gemacht? Vielen fällt dazu bestimmt so manches ein. Aber genug, um acht spannende, atmosphärisch dichte Geschichten zu füllen? Zoran Drvenkar ist es gelungen. Scheinbar mühelos schlüpft der 1967 in Kroatien geborene Autor in sein acht Jahre altes Ich zurück, jenen Zoran, der am Weihnachtstag 1975 nicht nur beschlossen hat, ein Buch zu schreiben, “in dem nur Weihnachten vorkommt. Auf jeder Seite”, sondern auch von zu Hause wegzulaufen, weil nichts mehr so ist, wie noch vor einem Jahr, als der Vater noch bei ihnen lebte und nicht bei der anderen Frau, in die er sich im Sommer verliebt hat. Voller Wärme und Humor erzählt er von jenem Weihnachtsfest, an dem er die ersten grauen Haare an den Schläfen bekam. Und jenem, an dem die kleine Schwester kein Wort mehr mit ihm sprach, weil er “sechs von ihren zehn Hanutas geklaut” hatte – und er zum ersten Mal verliebt war.

Acht Weihnachtsgeschichten (genau genommen sind es sogar zehn), und in jeder begegnet uns ein anderer Zoran. Vertraut, wie die Rühreier mit Paprikaschnipsel, die die Mutter am Morgen brät, das Warten auf Schnee und den Weihnachtsbaum, der seinen Platz bei den Drvenkars selten vor ein Uhr nachts findet – aber auch ein Jahr älter und irgendwie anders. Ein ganz besonderes Weihnachtsbuch, in dem viel Persönliches steckt. Schöne, traurige und nachdenkliche Momente aus Zoran Drvenkars Kindheit und Jugend. Und Weihnachten. Auf jeder Seite.

Andrea Duphorn

Ida B und ihre Pläne, so viel Spass wie möglich zu haben, Unheil zu vermeiden und (eventuell) die Welt zu retten
Katherine Hannigan
Aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: CBJ, Publiziert: 2005, Seiten: 188, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12972-1
Schlagwörter: Krankheit | Familie/Familienformen

Ida B (Eidabee auszusprechen) heisst zum Nachnamen Applewood und lebt mit ihren Eltern auf einer Apfelplantage. Die drei haben sich ein kleines Paradies eingerichtet, in dem sie sich selbst genug sind: Ida B spielt mit dem Bach und den Bäumen, mit denen sie sich nett unterhält, und muss nicht zur Schule, weil die Eltern sie unterrichten. Recht lange geht das gut, bis plötzlich das Realitätsprinzip in die Idylle einbricht: in Form eines Krebsgeschwürs in der Brust der Mutter.

In ihrem Erstling sucht die US-amerikanische Autorin Katherine Hannigan einen ganz anderen Zugang zum Innenleben ihrer Protagonistin, als wir es von thematisch ähnlich gelagerten Büchern kennen, von Jutta Richters “Hechtsommer” etwa. Ida B selbst nimmt uns mit auf eine Reise in die Finsternis einer kindlichen Depression. Realistisch ist das nicht, denn welches zehnjährige Kind ist schon in der Lage, seine Gefühle so genau zu analysieren und vor allem so präzise zu beschreiben, wie es Ida B tut.

Auch wenn die Perspektive nicht völlig überzeugt, gelingt es Katherine Hannigan aufs Eindrücklichste, das Erstarren und später das Tauwetter (ausgelöst durch eine geduldige Lehrerin, die Ida B geschickt und unaufdringlich zum Lesen und schliesslich zum Vorlesen verführt) zu beschreiben, das die Seele des Mädchens befällt. Wunderschön ist ausserdem das Spiel mit dem Paradies-Topos. Das Schönste aber ist Hannigans Ton, eine Mischung von allerherzlichster Wärme und trockenem Humor, die eine angloamerikanische Spezialität zu sein scheint, wenn man an Polly Horvath oder Kate di Camillo denkt.

CHRISTINE LÖTSCHER

Tatanka
Virgil W. Foutz
Aus dem Englischen von Elisabeth Spang
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2005, Seiten: 527, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-17774-6
Schlagwörter: Historisches

Das Tal des Bären

Die Welt der Indianer fasziniert auf ihre ganz eigene Weise: Fremdartig, von Legenden durchdrungen, abenteuerlich – der Stoff für spannende Bücher. In den wenigsten Fällen aber haben die AutorInnen wirklichen Einblick in die Welt, über die sie schreiben. Ganz anders bei “Tatanka – Das Tal der Bären”. Dieser sehr umfangreiche Roman von über fünfhundert Seiten wurde von einem Mann geschrieben, der den Indianern sehr nahe steht, selbst Indianerblut hat und mit seiner Legende vom blauäugigen Krieger Tatanka (Stehender Büffel) mehr wollte, als nur spannenden Stoff zu liefern. “Ich möchte den Indianern etwas geben, auf das sie stolz sein können”, sagt der Autor im Gespräch. Einen Helden wollte er erschaffen – ein Idol, dem nachzueifern sich lohnt. Paradoxerweise wurde sein Roman nun zuerst in Deutschland veröffentlicht; Tatanka, Sohn eines schottischen Händlers und einer Lakota-Frau, wird also zunächst ein sehr unindianisches Lesepublikum begeistern.

Ein typisches Jugendbuch ist “Tatanka” nicht. Der nicht chronologisch aufgebaute Roman über das frühe 19. Jahrhundert erzählt die Geschichte eines erwachsenen Kriegers, gibt Einblick in seine Lebens- und Denkweise. Humorvoll, wenn er feindlichen Kriegern einen Streich spielt, gefühlvoll, als er sich in die Indianerin Bright Heart verliebt. Gewalttätige Auseinandersetzungen mit weissen Trappern werden drastisch geschildert; mit ähnlicher Intensität jedoch erzählt Foutz von Tatankas Nähe zur Natur. Ein ungewöhnlicher Roman, der Authentizität und Legende miteinander verwebt – und ausgesprochen spannender Lesestoff.

Maren Bonacker

Schwedisch für Idioten
Mats Wahl
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2005, Seiten: 336, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00956-1
Schlagwörter: Kreativität | Gewalt

Seit dem Unfalltod seiner kleinen Schwester ist Henkes Leben aus dem Tritt. Seine schulischen Leistungen sacken dramatisch ab, und zu Beginn des 10. Schuljahres findet er sich in der so genannten Idiotenklasse wieder. Dort müht sich eine Junglehrerin verzweifelt ab, die demotivierten Jugendlichen zu unterrichten. Ihr Projekt, zusammen ein Buch mit dem – von den SchülerInnen selbst vorgeschlagenen – Titel “Schwedisch für Idioten” zu schreiben, stösst mindestens bei einigen auf verhaltenes Interesse. Auch Henke beginnt zu schreiben. Unbeholfen, aber in starken Bildern, versucht er den Unfalltod seiner Schwester aufzuarbeiten. Er meldet sich auch bei einem Tanzwettbewerb an und verliebt sich in Elin. Doch Elin besucht die Eliteklasse der Schule und stammt aus einem ganz anderen Milieu als Henke, der mit seiner allein erziehenden Mutter wochenlang von Spaghetti mit Ketchup lebt. Dass diese Liebe keine Chance hat, wissen Henke und seine Umgebung ganz genau. Als dann beim grossen Tanzfest alles brutal endet, kommt dies nicht unerwartet, ist aber nicht weniger erschreckend.

Einmal mehr leiht Mats Wahl den Unterprivilegierten und Hoffnungslosen eine Stimme. Kühl, fast unbeteiligt, gibt er Einblick in Henkes Alltag zwischen Alpträumen, Alkoholexzessen und Schlägereien. Obwohl die Lage für Henke und Elin hoffnungslos ist, gibt es schwache Hoffnungsschimmer am Horizont: Henke beginnt ein Buch zu lesen und schreibend seine Vergangenheit zu bewältigen, und seine Mutter hat sich wieder einigermassen aufgerappelt. Grossartig, wie Wahl diese Fülle von Themen und Schicksalen in einer einzigen Geschichte bündelt, ohne je in Sozialkitsch abzugleiten. Ein atemberaubendes, schonungsloses Werk, dem man sich viele LeserInnen wünscht.

MAJA MORES

Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
Herausgeber:in: Arnhild Kantelhard, Illustration: Kat Menschik
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2005, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5088-2
Schlagwörter: Grusel/Spuk/Horror

Das Hausbuch der Gespenster- und Gruselgeschichten

Die 37-jährige Berliner Illustratorin Kat Menschik brillierte bereits mit Meerjungfrauen aller Art, mit Gespenstern oder mit einer eigenwilligen Interpretation von Andersens Märchen. Besonders gut eignet sich ihr vom Comic inspirierter, lustvoll mit Versatzstücken aus der Popkultur spielender Stil zur Illustration von Gruselgeschichten, wie das neue Gerstenberg-Hausbuch zeigt. Ihre Gespenster, Vampire und Friedhöfe sind Zitate, Stilisierungen und Karikaturen: so schauerlich, wie man sie kennt, also eigentlich harmlos, und deswegen gerade furchtbar genug, um einen kalten Finger über die Wirbelsäule streichen zu fühlen.

Die Texte, die Arnhild Kantelhard ausgewählt hat, sind in den meisten Fällen auch für grössere Kinder erträglich (wie sie im Vorwort warnt, sollte man die Geschichten zuerst selber lesen und je nach Kind entscheiden, wie viel Angstlust man ihm zumuten kann). In einem ersten Teil geht es um “Schreckensnächte”, wobei Klassiker wie Tschechow, E.T.A. Hoffmann und Maupassant neben dem Bestseller-Gruselonkel R.L. Stine stehen. Auch die beiden vielversprechenden Abteilungen “Schaurige Gestalten” und “Aus dem Totenreich” versammeln vor allem Klassiker – Kleist, Dickens, Kipling, Preussler und Hamsun. Es sind nicht unbedingt die ProfihorrorschreiberInnen, die am besten wissen, wie man jemanden das Fürchten lehren kann. Je vielschichtiger, je literarischer ein Text, desto mehr Register gibt es, die er ziehen kann, um dem Unheimlichen, das an der vermeintlich sicheren Grenze zwischen Realität und Fantasie wohnt, zum Ausdruck zu verhelfen.

Christine Lötscher

Echtzeit
Pnina Moed Kass
Aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2005, Seiten: 259, ISBN/ISSN/EAN: 3-827-05102-9
Schlagwörter: Religion | Extremismus/Terrorismus

Sie sind allesamt Versehrte, von Anfang an: der alte Kibbuzgärtner Baruch Ben Tov, der den Naziterror überlebt hat, die junge Vera, die aus Odessa eingewandert ist, der Soldat Dan, der im Westjordanland stationiert ist, die beiden jungen Palästinenser Omar und Sameh und schliesslich der deutsche Jugendliche Thomas Wanniger, der nach Israel kommt, um Gewissheit über die Beteiligung seines Grossvaters an den Naziverbrechen zu erlangen.

Die amerikanische Autorin Pnina Moed Kass, die 37 Jahre in Israel gelebt hat, lässt sie alle zu Wort kommen in ihrem erschütternden Roman. Im Stil von Altmans Film “Short Cuts” erzählt sie ihre Geschichte, die sich über eine Woche erstreckt, aus der ständig wechselnden Perspektive der Figuren, die sich in einem tragischen Moment begegnen werden. Zusammen ergeben diese Stimmen ein differenziertes Panorama der heterogenen israelischen Gesellschaft, auch als Spiegel der jüdischen Geschichte vor 1948. Es gelingt Pnina Moed Kass, sowohl den israelischen als auch den palästinensischen Standpunkt, vor allem aber auch die Ausweglosigkeit der Spirale von Gewalt und Gegengewalt, in der sich Israel seit Beginn der zweiten Intifada befindet, überzeugend darzustellen. Sie schont ihre jugendlichen LeserInnen nicht: Dass die meisten ProtagonistInnen den Selbstmordanschlag im Flughafenbus nach Jerusalem überleben, ist nur ein schwacher Trost, denn der Prozess des Weiterlebens nach dem Trauma wird als ausserordentlich schmerzhaft geschildert. Ein spannendes, sehr ernstes Buch, das zum Nachdenken anregt und sich auch als Diskussionsgrundlage im Oberstufen-Unterricht eignet.

CHRISTINE LÖTSCHER

Das Komplott
Will Eisner
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt, Publiziert: 2005, Seiten: 152, ISBN/ISSN/EAN: 3-421-05893-8
Schlagwörter: Historisches | Rassismus

Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion

Über ihren Einfluss auf Presse und Finanzwesen üben die Juden Druck auf Völker und Regierungen aus – und streben die Weltherrschaft an: Das ist das klassische antisemitische Vorurteil und auch die Kernaussage der “Protokolle der Weisen von Zion”, die angeblich auf geheimen Dokumenten vom zionistischen Kongress in Basel aus dem Jahre 1897 basieren und 1905 erstmals erschienen. In Wahrheit waren die Protokolle eine Fälschung russischer Geheimagenten in Paris. Bereits 1921 bewies ein britischer Journalist ihre Falschheit – doch da war es schon zu spät; sie hatten ihr Gift bereits verspritzt: Die Pogrome in Russland, die Rassentheorien der Nazis, das Pamphlet “Der internationale Jude” des US-amerika-nischen Kapitalisten Henry Ford: Die Protokolle dienen bis heute vielen antisemitischen Strömungen als ideologischer Unterbau.

Mit “Das Komplott” schliesst Will Eisner, der grosse alte Mann der US-amerikanischen Comics, kurz vor seinem Tod im Januar 2005 seine zwanzigjährige Auseinandersetzung mit diesem Propaganda-Machwerk ab. Er zeichnet “Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion” auf und reflektiert ihre Wirkung, die – nicht zuletzt durch ihre Verbreitung im Internet – bis heute anhält. Der wiederholte Beweis ihrer Falschheit tut ihrer Wirkung keinen Abbruch.

Will Eisner zehrt von seiner immensen Erfahrung, um die historischen Fakten und seine Reflexion möglichst klar und unaufgeregt – auf gewissen Seiten allerdings sehr textlastig – zu formulieren. Sein Comic-Essay will eine wichtige Wahrheit möglichst unmissverständlich zum Ausdruck bringen und im besten Fall LeserInnen erreichen, die sich sonst nie bewusst damit beschäftigen würden.

Christian Gasser

Leseknick – Lesekick
Barbara Sträuli Arslan
Verlag: Lehrmittelverlag des Kantons Zürich, Publiziert: 2005, Seiten: 145, ISBN/ISSN/EAN: 3-037-13128-4
Schlagwörter: Lesen

Alle Untersuchungen zur Lesekompetenz zeigen, dass Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Familien, oft sind das Kinder aus Migrantenfamilien, sich in der Regel nicht genügend Lesefertigkeiten aneignen können. Umso erstaunlicher ist es, dass das Handbuch “Leseknick – Lesekick” die erste deutschsprachige Publikation ist, die sich dem Thema annimmt. Sie stützt sich dabei auf Erfahrungen aus dem Projekt “Qualität in multikulturellen Schulen” der Bildungsdirektion des Kantons Zürich.

Das Handbuch geht den Gründen für gescheiterte Lesekarrieren nach und bietet vielfältige Anregungen zum Lesen in und ausserhalb des Unterrichts. Es stellt Leseförderungsprogramme aus multikulturellen Schulen vor, fragt nach der Zusammenarbeit von Schule und Bibliothek, präsentiert lesedidaktische Hilfestellungen und thematisiert den Einbezug von elektronischen Medien im Unterricht. Der Partnerschaft von Eltern und Schule in der Leseförderung wird genau so Platz eingeräumt wie dem Stand der aktuellen Forschung.

Am Anfang jedes Kapitels steht ein Interview mit einer Fachperson. Ihm folgen grundlegende Überlegungen zum jeweiligen Teilgebiet. Tipps für die praktische Arbeit und eine Checkliste, in der Lehrpersonen die Qualität des betreffenden Leseförderungsaspekts in ihrer Schule überprüfen können, schliessen das Kapitel ab. “Leseknick – Lesekick” ist ein Muss für alle Lehrpersonen vom Vorschulbereich bis zur Berufsschule. Schade ist einzig, dass die uninspirierte Gestaltung des Handbuchs dem Inhalt nicht gerecht werden kann.

Christine Tresch

Rothütchen
Geoffroy de Pennart
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Verlag: Moritz, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-161-3
Schlagwörter: Humor/Komik | Märchen/Fabel | Intertextualität

Es erinnert ein bisschen an ein Rotkäppchen in Comic-Form, das kleine Mädchen Rothütchen, das die LeserInnen vom Deckblatt des gleichnamigen Bilderbuchs sonnig anlächelt. Und es erinnert an das Grimm’sche Rotkäppchen, nur dass es sich alsbald als deutlich weniger naiv erweist – und dass die Geschichte von Geoffroy de Pennart immer dann vom literarischen Vorbild abweicht, wenn die LeserInnen gerade glauben, zu wissen, wos langgeht!

Rothütchen soll der Grossmutter Kuchen und Marmelade bringen – aber auf keinen Fall durch den gefährlichen Wald gehen. Folgsam spaziert es also aussen herum und trifft alsbald auf einen grossen, grauen … Wolf? Naja, da er so friedlich schläft, mag es verständlich sein, dass Rothütchen ihn mit einem Hund verwechselt. Der Wolf ist zu perplex, um sofort zu reagieren. Erst nach ein paar Schreckminuten erwacht seine wölfische Wildheit wieder, und er will das impertinente Rothütchen vor dem Haus der Grossmutter abfangen. Er nimmt den kürzeren Weg und rennt durch den Wald – schwerer Fehler, denn der Wald ist gefährlich, wie wir wissen!

Dass der Wolf genau vor das Auto der Grossmutter rennt und ohnmächtig in ihr Bett getragen werden muss, wo ihn das Rothütchen wenig später findet und völlig falsche Schlüsse zieht, ist nur eine der vielen amüsanten Änderungen, die de Pennart an diesem Märchen vornimmt. Das Ergebnis ist ein herrliches Bilderbuch mit plastischen Illustrationen in kräftigen Farben, das Rotkäppchen-KennerInnen mit jedem Umblättern eine neue Überraschung bietet. Zum Vorlesen und gemeinsam Anschauen ebenso geeignet wie zum Selbstgeniessen!

Maren Bonacker

Stell dir vor
Norman Messenger
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2005, Seiten: 29, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-5098-8
Schlagwörter: Rätsel

In Norman Messengers Bilderbuch muss man die Geschichte selbst erfinden, und zwar auf jeder Seite neu. Jede Seite zeigt ein Bild oder Bilder – Men-schen, Tiere, Häuser, Gegenstände, Landschaften – und einen kurzen, in ein Kästchen gesetzten Text. “Stell dir vor…”, wird die Betrachterin, der Betrachter jeweils aufgefordert, und das Bild dazu appelliert an die Fantasie. “Stell dir einen Koffer ohne Griff vor – du müsstest ihn stehen lasse”, heisst es beispielsweise beim Abbild eines braunen Koffers mit Beschlägen, aber ohne Griff. Allerdings wäre es vielleicht ganz gut, den Koffer stehen zu lassen, denn wenn man seinen Deckel aufklappt, sind darin wild durcheinander Kleider, Turnschuhe, eine Zahnbürste, Tennisbälle, ein Apfel, eine Uhr, ein Handy und eine gestreifte Katze zu sehen. Nicht auszudenken, wenn alles herauspurzeln würde! Ein anderes Bild zeigt eine Dame, in deren auseinanderfaltbarem Hut sich ein Kuchenvorrat verbirgt, und bei wieder einem anderen Bild kann man mittels einer beweglichen Scheibe bei einem Kreis von Figuren die Köpfe verändern.

In ihrer dekorativ-surrealistischen Darstellungsweise erinnern die Bilder an den belgischen Maler Magritte, und zuweilen sind die Bilder, wie bei Magritte, auch ein wenig unheimlich. Da ist zum Beispiel das Bild eines Mädchens ohne Mund. “Ein Kuss wäre eine ganz schöne Enttäuschung”, ergänzt die Erzählerstimme die Aufforderung “Stell dir vor …”, doch bleibt einem angesichts solcher Abnormität nicht das Lachen im Halse stecken?

Messengers Bilderbuch fordert nicht nur zum Wundern und zum genauen Hinschauen auf, es enthält auch Rätsel. Da sind einfache Rätsel, zum Beispiel, wenn es auf einer Doppelseite mit einem Landschaftsbild darum geht, vexierbildartig eingebettete, schlafende Riesen zu entdecken. Da sind aber auch ziemlich knifflige Rätsel, jeweils in der oberen linken und rechten Ecke einer Seite. Wüssten Sie, wie Sie ein Schaufelblatt in drei Teile zerschneiden und zu einem Herzen zusammensetzen? Zum Glück finden sich zum Schluss des Buches unter einer Klappe verdeckt die Lösungen. Dennoch stellt sich angesichts dieser Rätsel die Frage, an wen sich das Buch richtet. Vorschulkinder, die traditionellen BilderbuchleserInnen, können die geometrischen Rätsel nicht lösen, und grössere Kinder fühlen sich als Adressaten für Bilderbücher schnell in ihrer Ehre gekränkt, denn schliesslich sind Bilderbücher aus ihrer Sicht für jene gedacht, die noch nicht lesen können. Erwachsene hingegen werden sich nicht nur an der Fülle von Geschichten und Entdeckungen, sondern auch an der technischen Perfektion dieses Bilderbuches freuen – passgenau stimmen gefaltete und geschnittene Bildteile zusammen – und vielleicht, was dem Buch zu wünschen ist, zusammen mit ihren kleineren oder grösseren Kindern die Bilder anschauen und Geschichten erfinden.

Christine Holliger

Unser Haus
Antje von Stemm
Verlag: CBJ, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12956-X
Schlagwörter: Kreativität | Spiel

Ein dreistöckiges Haus mit einem grossen Treppenaufgang fordert auf zum Eintre-ten. Und da beginnt das Abenteuer bereits, denn der Buchdeckel öffnet sich zur Hälfte nach rechts, zur anderen nach links. Man blickt in die offenen Wohnungen der BewohnerInnen und hat unendliche Möglichkeiten weiterzufahren, da das Haus-innenleben – je drei Wohnungen links und rechts – einzeln weiterklappbar ist. In allen Wohnungen verfolgen wir einen Tag und machen gleichzeitig einen Rundgang durch die wirklich individuell gestalteten Zimmer der zum Teil sehr speziellen BewohnerInnen. Oder haben sie schon mal mit einem Kapitän, der eine Meerjungfrau per Post angeliefert bekommt, unter einem Dach gewohnt? Ebenso humorvoll ist ein Tag bei der schrillen Operndiva oder werden die Freuden und Leiden einer alleinerziehenden Mutter dargestellt.

Logisch, dass es für dieses Panorama an Bild-Geschichten keinen Text braucht, sondern neugierige BetrachterInnen, die sich immer wieder neu auf die Suche nach Geschichten und Zusammenhängen machen wollen. Die Spiel- und Suchvarianten, die sich aus den kleinen Illustrationseinheiten ergeben, sind schier unendlich. Die Illustratorin (und Papieringenieurin!) Antje von Stemm versteht es, aus ihrem Flair für Papierarbeiten etwas Neues zu gestalten. Und wer gerne selbst zu Schere und Papier greift, dem sei das grandiose Selfmade-Pop-up-Buch “Fräulein Pop und Mrs. Up”, für das die Illustratorin den deutschen Jugendliteraturpreis erhalten hat, wärmstens empfohlen.

Barbara Jakob

Mein Schutzengel heisst Hubert
Erwin Grosche, Illustration: Karsten Teich
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2005, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-63-0
Schlagwörter: Freundschaft

Das Leben eines Schutzengels ist echt anstrengend; das wissen alle, die sich auch nur vage an die eigene Kindheit erinnern. Wie sehr sich Schutzengel aber abquälen müssen, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden, und dass sie dabei oft sogar grün werden vor Angst, dürfte den meisten neu sein. Nicht aber Hubert. Dieser sorgt sich oft genug um seinen Schutzengel. Hubert stellt sich wiederholt so ungeschickt an, dass der kleine Junge sich zu Recht fragt: “Haben Schutzengel eigentlich auch einen Schutzengel?” Zudem ist Hubert ein Angsthase: Er traut sich nicht einmal, den hohen Berg hinunterzuschlitteln oder die Strasse allein zu überqueren. Nur gut, dass in solchen Situationen der Kleine die Sache in die Hand nimmt. Bisweilen rutscht beiden das Herz in die Hose, etwa beim Fernsehen oder angesichts des entlaufenen Hundes Schmusi. Manchmal aber macht Hubert seine Sache auch richtig gut. Alles in allem sind die beiden wirklich “ein super Team”.

“Mein Schutzengel heisst Hubert” ist weniger eine Engels- als eine Angstbewältigungsgeschichte. Sich als Kind Angst einzugestehen, ist das eine, damit umzugehen, ohne das Gesicht zu verlieren, das andere. Der tollpatschige, schlaksige Hubert und sein Schützling sind diesbezüglich ideale Projektionsflächen. Die beredte Mimik und Körperhaltung der beiden lassen keinen Zweifel an ihrer Gefühlslage; allein Huberts vor Angst gesträubte Flügel beim Anblick von Schmusi sprechen Bände. Der Bildhintergrund unterstreicht auf verschiedene Art und Weise die Befindlichkeit der Figuren – etwa durch seine Farbe oder eine aus “kindlicher” Froschperspektive dargestellte Umgebung. “Mein Schutzengel heisst Hubert” ist ein witziges Bilderbuch, das dazu einlädt, mit Kindern über ihre Ängste zu sprechen.

Ursula Kahi

Neues vom kleinen Nick
René Goscinny, Illustration: Jean-Jacques Sempé
Aus dem Französischen von Hans Georg Lenzen
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2005, Seiten: 640, ISBN/ISSN/EAN: 3-257-01120-2
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft

Er ist klein und pfiffig, hat einen Kumpel, der gern und viel isst, und gemeinsam sind sie oft in Raufereien verwickelt. Wer jetzt an Asterix und Obelix denkt, liegt gar nicht so falsch, zumindest, was den Schöpfer der zwei Freunde betrifft. René Goscinny hat aber, zusammen mit dem Zeichner Jean-Jacques Sempé, noch eine andere Kultfigur geschaffen: “Le petit Nicolas”, dessen Erfolgsgeschichte vor fast einem halben Jahrhundert begann. Kürzlich entdeckte die Tochter des Autors in seinem Nachlass – ziemlich medienwirksam – achtzig bisher verschollen geglaubte Erzählungen, die jetzt in einem umfangreichen Band auf Deutsch vorliegen.

Nun ist der kleine Nick also zurück. Und mit ihm seine Bande: Nicks allerbester Freund Otto, der dauernd irgendetwas futtert, Franz, der gerne dreinschlägt, Adalbert, der Klassenbeste, dem man keins auf die Nase geben darf, weil er eine Brille trägt, und Georg, der immer Chef sein will. Geschildert wird auch Nicks trautes Familienleben, in dem die Rollen klar verteilt sind. Trotz Klischees sind die zeitlosen Geschichten ein Genuss. Die Erwachsenen lassen sich wunderbar manipulieren und ziehen nicht selten den Kürzeren. Die kleinen, alltäglichen Abenteuer werden aus der Sicht von Nick erzählt: mit seinem naiven Kinderblick entlarvt er die Widersprüche der Erwachsenen. Das Zusammenprallen der beiden Welten macht den Witz der Episoden aus. Dies ist auch der Grund, weshalb sie von Kindern ebenso geliebt werden wie von Erwachsenen. Wenn auch nicht immer an den gleichen Stellen. Das ist eben eine Frage der Perspektive.

Wer die Texte im Original kennt, wird sich aber mit der Übersetzung schwer tun. Der Charme der ganz eigenwilligen Syntax, die Goscinny für Nicolas und dessen Freunde erfunden hat, lässt sich kaum adäquat in andere Sprachen übertragen.

Katrin Ruchti-Fehr

Der Himmel soll warten
Katja Henkel
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2005, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5108-8
Schlagwörter: Geschwister | Tod/Trauer | Abschied

Weit weg kann Omalotte nicht sein, denkt Greta: Vor kurzem war sie ja noch hier und einen Ort, der „tot“ heisst, kann sie sich nicht vorstellen. Macht sie dort Ferien? Weil Oma aber fehlt und Mutter jetzt immer mehr mit „diesem Michael“ zusammen ist, hat Greta eine Idee: Julian, der ältere Bruder, und sie werden ab sofort so ungehorsam wie nur möglich sein, um der Grossmutter zu zeigen, dass sie dringend gebraucht wird, dann wird sie schon wiederkommen! Julian willigt ein, und so beginnen die beiden mit ihrem stummen Widerstand, der erst ziemlich komisch ist, dann immer ernster wird und für Julian schliesslich beinahe tödlich endet – Omalotte, die noch immer im „Zwischenhimmel“ sitzt, weil sie das Leben nicht loslassen kann, sieht es genau, kann aber nichts tun: sie ist ja unsichtbar … Die Geschichte, die parallel vom irdischen und (zwischen-)himmlischen Geschehen erzählt, ist leicht und schwer zugleich und berührt trotz der etwas unrealistisch unerschütterlichen Nachsicht der Erwachsenen. Sie zeigt, wie alle Beteiligten das Los-lassen lernen müssen, um Veränderungen nicht nur anzunehmen, sondern (auch) als Chance und Herausforderung zu verstehen. Vielleicht sogar als Gewinn: Denn Michael, stellt sich heraus, ist gar kein so übler Kerl …

Verena Stössinger

Kitty
William Corlett
Aus dem Englischen von Christa Holtei
Verlag: dtv, Publiziert: 2005, Seiten: 238, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-70969-3
Schlagwörter: Liebe | Tiere

Zwei Hunde und die Liebe

Wie ein Kinderbuch sieht es aus, in einem Kinderbuchverlag kommt es daher – und doch ist William Corletts “Kitty – Zwei Hunde und die Liebe” mehr als eine Kindergeschichte.

Erzählt wird von der grossen Liebe zweier Strassenhunde am Strand von Südspanien, die schliesslich gemeinsam ihrem Streunerleben entkommen. “Hund” und “Kleine” nennen sie sich gegenseitig, und es ist “Kleine”, aus deren Perspektive das Geschehen vermittelt wird: Ihre Flucht von zu Hause, ihre erste Begegnung mit “Hund”, dem sie sofort Vertrauen schenkt, ihre immer neuerliche, oft entbehrungsreiche Suche nach einem gemeinsamen Nest, das ihnen genug Schutz und Futter bietet, und schliesslich ihre Begegnung mit Menschen, die ihnen ein neues Zuhause schenken. Hier werden sie zu “Kitty” und “Bailey”, und mit den Namen sind sie auf dem besten Weg, Haushunde zu werden. Doch während diese Sicherheit für Kitty etwas Beruhigendes hat, fühlt sich Bailey zunehmend eingeengt und versucht, so oft wie möglich dem sicheren Garten zu entkommen, um Abenteuer zu erleben. Besonders in die Berge möchte er hinauf, möchte verstehen, was “Schnee” ist.

Eigentlich ist es eine schöne Geschichte. Spannend, wenn es um Leben und Tod geht, rührend, wenn sich alles zum Guten wendet, und schliesslich traurig, wenn Bailey dem Ruf des Abenteuers nicht länger widerstehen kann. Dass sie dennoch nicht vollends überzeugt, liegt daran, dass William Corlett beim Schreiben nicht wirklich in seiner “Hundewelt” bleibt. Zu vermenschlicht wirkt Kitty mit ihren Gefühlen für Bailey, zu sehr wie eine Parabel für eine Liebesgeschichte unter Menschen erscheint der Roman, der sich für Liebende sicher besser liest als für Kinder.

Maren Bonacker

Gullivers Reisen
Jonathan Swift, Illustration: Chris Riddell
Aus dem Englischen von Günter Jürgensmeier
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2005, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-6048-7
Schlagwörter: Reisen

Die Geschichte, die der bissige englische Schriftsteller Jonathan Swift seinen LeserInnen 1726 vorlegte, ist ebenso aberwitzig wie frech. Mit den Worten seiner längst unsterblich gewordenen Figur Gulliver gibt Swift einige fantasmagorisch anmutende Alternativentwürfe menschlicher Gesellschaft zum Besten, deren Zynismus dennoch immer wieder den Weg nach Hause findet – wie Gulliver selbst. Leider trennt jugendliche LeserInnen heute eine immer tiefer werdende sprachliche Kluft von diesem literarischen Leckerbissen. Eben diese Kluft hat Martin Jenkins (und im Deutschen Günter Jürgensmeier) nun überbrückt, wodurch der noch immer aktuelle Stoff aufs Neue zugänglich wird. Die Nacherzählung kommt bei der Schilderung der Reisen, zum Beispiel nach Liliput, Brobdingnag und zu den intelligenten Houyhnhnms, rasch zum Kern der Handlung und ist deshalb nie langatmig. Auch lässt sie einige eher derbe Szenen nicht aus (wie andere Jugendbuchfassungen) und wird dem Originaltext somit weitaus eher gerecht als frühere Versuche. Chris Riddell vermag darüber hinaus mit seinen köstlichen Zeichnungen sowohl den Fantasiereichtum des Erzählten wie auch dessen Aktualität (wer findet Tony Blair?) sehr gut zu unterstreichen, wobei er die Figur von Gulliver etwas ernsthafter hätte zeichnen können. Als Vorgeschmack auf das Original sehr empfehlenswert.

Christian Kölzer

Frostfeuer
Kai Meyer
Verlag: Loewe, Publiziert: 2005, Seiten: 299, ISBN/ISSN/EAN: 3-7855-5441-9
Schlagwörter: Historisches | Fantastik/Fantasy

“Es war zu spät. Zu kalt. Zu draussen.” Das 12-jährige Waisenmädchen Maus droht den Kampf gegen ihre Agoraphobie und die überirdische Kälte zu verlieren, als sie von der Magierin Tamsin Spellwell gefunden und zurück ins Grandhotel Aurora getragen wird. Noch ahnt Maus nicht, dass die Zimmer, Treppenfluchten und labyrinthischen Gänge des Aurora, das sie zuvor noch nie verlassen hat, Schauplatz eines magischen Duells auf Leben und Tod sein werden. Um die tyrannische Macht der Schneekönigin zu brechen, hat Tamsin einen Eiszapfen von deren Herzen gestohlen. Ungehindert fliesst die Kälte des Anbeginns seither aus dem Innern der Königin und entgleitet ihr ebenso wie Macht und Majestät. Die Königin setzt alles daran, den Eiszapfen wiederzuerlangen, und steigt, Tamsin dicht auf den Fersen, wie diese im Aurora ab.

Diese fantastische Handlung spielt nicht in einer Fantasy-Welt, sondern ist im St. Petersburg des ausgehenden 19. Jahrhunderts auf dem Hintergrund des Zwists zwischen Zar und Nihilisten angesiedelt. Bindeglied zwischen Fantasy und Historie ist Maus, Tochter zweier nihilistischer Märtyrer und wichtige Entscheidungsträgerin im magischen Duell.

Souverän verbindet Meyer in Frostfeuer fantastische, historische und magische Elemente, genretypische Versatzstücke und literarische Zitate zu einem überraschend neuen, sorgfältig komponierten Ganzen. Erst bei einer zweiten Lektüre fällt auf, wie konsequent Ereignisse und Verhaltensweisen beziehungsweise innere Konflikte der Figuren in Andeutungen oder Reflexionen vorweggenommen werden. Dass dem Ende dennoch etwas Deus-ex-Machina-Artiges anhaftet, ist ein kleiner Schwachpunkt des Romans, der aber aufgewogen wird durch seine zahlreichen, buchstäblich wunderbaren Szenen.

Ursula Kahi

Das feuerrote Kleid
Martine Murray
Aus dem Englischen von Kattrin Stier
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2005, Seiten: 311, ISBN/ISSN/EAN: 3-499-21348-6
Schlagwörter: Liebe | Identität/Individualität | Migration | Tod/Trauer

Ein Buch wie ein bittersüsses Road Movie – schön, tieftraurig und schräg. Bücher und Filme, die zum Heulen schön sind, vollführen einen Balanceakt, und Martine Murray schrammt zuweilen hart am Kitsch vorbei. Doch wenden wir uns zuerst Heldin und Handlung zu: Die 17-jährige Manon ist vom Leben schon ganz schön gebeutelt worden. Mit einer manisch-depressiven Mutter lebt es sich nicht leicht und ihr Bruder stirbt bei einem Autounfall, bei dem Harry, Manons erste Liebe, überlebt. Trauer und Liebe, zwei so starke Gefühle vertragen sich nicht gleichzeitig, ist die Protagonistin überzeugt. Und hat sie nicht etwas Besseres als den bodenständigen Harry verdient?

Manon trifft die einzig richtige Entscheidung: abhauen von zu Hause, hit the road girl! Auf ihrem Weg trifft sie alle möglichen schrägen Vögel – bis sie am Ende erkennt, dass die Reise sie zu sich selbst und denjenigen führt, die sie verlassen hat. Das Ziel ist die Blackjack Road, ihr Zuhause und Harry, den sie immer noch liebt. Murray serviert uns den vertrauten Plot mit vielen Metaphern und starken Bil-dern. In deren inflationärem Gebrauch liegt die Schwäche des Buches. Die Wucht der Sprache kann nur treffen, wenn sie sparsam eingesetzt wird, sonst droht sie ins Triviale und in Langeweile abzugleiten. Aber die Geschichte vermag zu packen und über die Schwachstellen hinwegzutragen.

“Das feuerrote Kleid” ist sprachlich anspruchsvolle Lektüre für lesegewohnte Jugendliche – diesen aber durchaus zu empfehlen.

TRIX BÜRKI

So B. it
Sarah Weeks
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Verlag: Hanser, Publiziert: 2005, Seiten: 220, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20643-4
Schlagwörter: Behinderung | Identität/Individualität | Familie/Familienformen

Heidis Mutter hat nach langem Üben gelernt, Dosen zu öffnen und Tee zu kochen; und sie kennt genau 23 Worte, darunter “So B. It”, was ihr Name sein könnte. Heidi findet dies lange Zeit normal, ebenso, dass die Nachbarin Bernie liebevoll für die beiden sorgt, obwohl diese an heftigster Agoraphobie leidet und die Wohnung nie verlässt. Nun aber hat Heidi Fragen: Woher kommt sie? Wer ist ihr Vater? Was bedeutet “Soof”, das Wort, das die Mutter so oft anwendet? Auch Bernie weiss darauf keine Antworten, erst eine Fotografie liefert erste Hinweise. So macht sich die 13-Jährige auf eine abenteuerliche Busreise quer durch die USA nach Liberty in ein Behindertenheim, wo sie die Wahrheit erfährt. Diese zu kennen, ist zwar gut, ändert aber nichts an der schmerzlichen Tatsache, dass gerade jetzt ihre Mutter stirbt.

Über dieses Buch wurden bereits viele kompetente Rezensionen geschrieben, und es ist ein Leichtes, in den Lobgesang einzustimmen. Das Werk ist literarisch und sprachlich herausragend, stimmig, schildert die spannende Suche der Protagonistin nach sich selbst und nach der Wahrheit, ist angelegt wie ein Roadmovie, zeichnet lebendige Begegnungen, aus der Norm fallende, besondere Figuren, ist wunderbar übersetzt und wird somit zu einer hintersinnigen philosophischen Kostbarkeit.

Als Vermittlerin aber, die täglich mit jugendlicher Leserschaft in einer öffentlichen Bibliothek Umgang pflegt, drängen sich mir einige kritische Anmerkungen auf. Die Mehrheit der jungen Leserinnen liest keine solchen Bücher – leider! Dieses Buch wird vermutlich eher im Regal stehen bleiben als abgegriffen in Schultaschen zirkulieren. Der einsichtige, kontemplative Einstieg im ersten Kapitel widerspricht dem Titelbild. Dieses verspricht eher ein unkompliziertes, lustiges Kinderbuch als gültige Lebenswahrheiten und erreicht so seine Zielgruppe nicht. Jüngere Leserinnen sind auf den ersten Seiten überfordert, ältere greifen schon wegen des Titelbilds nicht nach dem Buch. Der Klappentext tönt allerdings spannend, und gerade die absurde Familiensituation könnte zur Ausleihe motivieren. Wo das Buch nach der “Themenorientierten Medienpräsentation” in der Bibliothek hingehört, damit es gebührend beachtet wird, muss man sich gut überlegen: Der Schweizerische Bücherdienst reiht es in die Kategorie “Krankheit&Tod” ein, “Unterwegs sein” oder “Lesetipp” wären auch möglich.

AutorInnen machen sich kaum Gedanken über die Vermittlung ihrer Werke (die Sperrigkeit, das Andersartige macht ja oft gerade den literarischen Wert aus), und herausragende Bücher verdienen positive Rezension und sollen in Bibliotheken angeschafft werden. Aber ich frage mich ernsthaft und einmal mehr, wie wir es anstellen, dass nicht nur erwachsene KritikerInnen diese Werke kennen und loben, sondern möglichst viele Jugendliche in den Genuss solcher Lektüre gelangen. Und ich bedaure es sehr, dass gute Titel wie dieser oft sehr schnell wieder verschwinden, weil sie rasch vergriffen sind und keine Taschenbuchauflage erhalten oder bald wieder mangels genügender Ausleihzahlen aus den öffentlichen Buchregalen verschwinden. So B. It!

Beatrix Ochsenbein

Auf der Schwelle zum Glück
Alois Prinz
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2005, Seiten: 392, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80953-0
Schlagwörter: Biografie

Die Lebensgeschichte des Franz Kafka

“Wer heute ein Buch von Franz Kafka zur Hand nimmt, weiss, dass er es mit Weltliteratur zu tun hat. Mehr noch: Man muss das Buch nicht einmal selbst lesen, um zu wissen, dass Kafka grosse Literatur ist. Aber was ist das für ein Wissen? Es verlässt sich grösstenteils auf ein Urteil, das sich über die Jahre verfestigt und Kafka zum klassischen Autor erklärt hat.” Alois Prinz, bekannt für einfühlsame Biografien nimmt das erstarrte Kafka-Bild als Ausgangspunkt, um den schreibenden Versicherungsangestellten aus Prag freizuschreiben von allen Lesarten und Interpretationen, die den Blick verstellen und den Zugang zu seinem Werk so kompliziert machen wie K.s Versuche, das Innere des Schlosses zu betreten – im gleichnamigen Roman “Das Schloss”.

Prinz findet eine klare und schöne Sprache, in der er Kafkas Geschichte erzählt, als ob es das erste Mal wäre. Was Kafka zum Beispiel das Schreiben bedeutet, formuliert er so: “Es lässt sich für ihn nicht von seinem Leben trennen. Im Schreiben kommt er wirklich zu sich. Schreiben heisst Leben. Und Leben entscheidet sich daran, wie es gelingt, die Träume und Bilder seines Innenlebens ans Licht zu holen und in sein Tagleben mit hineinzunehmen.”

Die Biografien von Alois Prinz werden den Ansprüchen junger LeserInnen auf sehr differenzierte Weise gerecht: Was sie brauchen, ist kein cool aufgepeppter Kafka, sondern einer, den jede LeserIn für sich selbst entdecken kann. Prinz biedert sich niemals mit dem an, was Erwachsene unter jugendlichem Ton verstehen, sondern er steht zur poetischen Kraft der Sprache, auch in seinem eigenen Schreiben. Das wiederum ist so universell, dass auch Erwachsene von der Lektüre dieses Kafka-Buches mehr haben als von manch einer gelehrten Abhandlung.

CHRISTINE LÖTSCHER

33 einfache Dinge, die du tun kannst, um die Welt zu retten
Andreas Schlumberger, Illustration: Christoph Fellehner
Verlag: Westend, Publiziert: 2005, Seiten: 76, ISBN/ISSN/EAN: 3-938060-02-6
Schlagwörter: Natur | Tiere | Umweltschutz/Klima

Lena und Tim sorgen sich um die Zukunft der Erde: Das klimatische Gleichgewicht ist gestört, Tier- und Pflanzenarten verschwinden, die Böden sind ausgelaugt. Schuld daran, so haben die Kinder herausgefunden, ist nicht zuletzt unser oft wenig umweltfreundliches Verhalten. Kritisch durchforsten sie deshalb ihre Umgebung, und warten mit überraschend einfachen Alternativen für eine umweltgerechtere Lebensweise auf. Unterstützt werden sie dabei vom Koalabären Yano, der ihre Tipps präzisiert oder durch Hintergrundinformationen ergänzt.

Der Biologe Andreas Schlumberger sensibilisiert seine jungen LeserInnen (und auch deren Eltern) auf kurzweilige Art und Weise für die Umweltprobleme unserer Zeit. Dabei überzeugt sein Buch vor allem durch die Themenbreite, Praxisnähe und kindgerechte Aufmachung. Die angeführten Tipps können von Kindern problemlos umgesetzt werden – wenn auch nicht immer ohne Unterstützung oder vorherige Einwilligung der Erwachsenen. Das Buch ist auf die Situation in Deutschland zugeschnitten; nicht alle Fakten lassen sich 1:1 auf die Schweiz übertragen. Wahre UmweltdetektivInnen werden sich davon aber nicht abschrecken lassen. Auch sind die ökologischen Zusammenhänge bisweilen komplizierter als im Buch dargestellt. So mag es zwar stimmen, dass es im Winter mehr Energie braucht, Wäsche in einem beheizten Raum zu trocknen als mit einem (modernen) Tumbler, aber nachhaltig ist das dennoch nicht.

Dennoch legt Andreas Schlumberger ein anregendes Umweltbuch vor, das als regionalisierte Ausgabe und mit einem einheimischen (Wild-)Tier als Assistenten noch attraktiver geworden wäre.

Ursula Kahi

Expedition ins alte Ägypten
Joanna Sutherland
Aus dem Englischen von Cornelia Panzacchi
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-7607-4838-4
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy | Historisches

In den letzten Jahren ist eine neue Begeisterung für das alte Ägypten aufgeflackert, die sich auch in einer kleinen Flut von Kinder- und Jugendbüchern über das Reich der Pharaonen manifestiert. Das Interesse an Pyramiden, Gräbern und Papyri ist jedoch nur ein fernes Echo der grossen Ägypten-Hysterie, die abenteuerlustige EuropäerInnen zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfasste und auf den Spuren von Howard Carter, der 1922 das Grab des Tutanchamun entdeckt hatte, an den Nil lockte. Das prachtvoll gestaltete Buch “Expedition ins alte Ägypten”, bei arsEdition in der gleichen Fantasy-Sachbuchreihe erschienen wie “Expedition in die geheime Welt der Drachen”, spielt nicht nur mit der Faszination des Pharaonenreichs; es versetzt seine LeserInnen atmosphärisch in die 1920er-Jahre und lässt sie Zeugen einer Forschungsreise werden, deren TeilnehmerInnen auf mysteriöse und nie geklärte Weise in der Wüste verschwunden sind. Fest steht nur, dass sie etwas Wichtiges entdeckt haben …

Fest steht auch, dass die ganze Rahmengeschichte um die englische Hobbyägyptologin Emily Sands aufs Herrlichste frei erfunden ist; die historischen Fakten allerdings sind genau recherchiert. Die Grafikerin und Malerin Joanna Sutherland, die verspielterweise nicht als Autorin, sondern als Grossnichte von Emily Sands auftritt, hat ein Expeditionstagebuch erfunden und gestaltet, in dem es Klappen, Umschläge und ganze kleine Bücher im Buch zu öffnen gibt; Zeichnungen und Skizzen von Gebäuden und Gegenständen aus dem Tal der Könige füllen den grössten Teil der grossformatigen Seiten, begleitet von den “Aufzeichnungen” Emily Sands, die zum Glück nur Hobbyarchäologin war und somit selbst viel lernen musste. Ihre Notizen, Listen und Erklärungen sind deshalb leicht nachzuvollziehen. Das Reisetagebuch liest sich wie ein geheimnisvolles Handbuch einer Unterwelt, von der man ganz vergisst, dass sie wirklich existiert hatte, so fliessend ist bei dieser Gestaltung der Übergang zur Fantasy-Welt.

Christine Lötscher

Ägypten
Stephen Biesty
Aus dem Englischen von Birgit Brandau
Verlag: Hanser, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20627-2
Schlagwörter: Historisches | Kulturen

Eine Reise durch das Pharaonenreich

Stephen Biesty beschäftigt sich in seinem Sachbilderbuch “Ägypten. Eine Reise durch das Pharaonenreich” in bewährt präziser Art (“Burgen”, “Rom”), mit viel Liebe zum Detail und mit Humor mehr mit den geografischen, architektonischen und technischen Aspekten des Lebens im alten Ägypten. Auch sein Buch ist als Reise strukturiert, es spielt aber zur Zeit Ramses II.: Der elfjährige Dedia darf seinen Vater, der als Kapitän den Nil auf- und absegelt, zum ersten Mal begleiten. Die Schiffscrew macht an allen wichtigen Stationen Halt, und so sehen wir in haargenau gezeichnete Tempelanlagen und Städte, in eine Pyramide und den Palast des Ramses hinein. Jede Seite ist ein Universum für sich; je tiefer man in die Bilder einsinkt, umso plastischer und lebendiger werden sie. Ein lehrreiches Wimmelbuch für geduldige BetrachterInnen – auch jenseits des Kinder- und Jugendbuchalters.

Christine Lötscher

Evolution
Johann Grolle
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt, Publiziert: 2005, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-421-05907-1
Schlagwörter: Wissenschaft

Wege des Lebens

In einer Zeit, in der die KreationistInnen in den USA auf dem Vormarsch sind, erscheint es höchst angebracht, dass das Deutsche Hygiene-Institut Dresden eine Ausstellung zum Thema Evolution eingerichtet hat. Im Rahmen dieser Ausstellung ist ein reich bebilderter Band erschienen, in dem sich zahlreiche WissenschaftlerInnen zu einigen einfachen, aber zentralen Fragen der Evolutionsforschung äussern.

Man merkt es den VerfasserInnen an, dass sie alle in den Streit um das Vorrecht der Weltdeutung verstrickt sind: Immer wieder fallen religiöse Begriffe, die dann jedoch auf das wissenschaftliche Weltbild umgebogen werden. Ein Dialog ist das nicht. Dennoch bietet der Band einen interessanten und kurzweiligen Einblick in das, was die moderne Evolutionsforschung über unsere Welt zu sagen hat und welchen Nutzen sie bringen kann, wobei jedoch nie die drohenden Gefahren eines ungehemmten Experimentierdrangs verschwiegen werden – der Genforscher wirkt mitunter wie ein Kind, das seine Hand bedrohlich in die Nähe der Herdplatte bewegt. Ein Wermutstropfen: Trotz der recht saloppen bis reisserischen Sprache ist der Text zum Teil verwirrend, da ein allgemein in die Thematik einführendes Kapitel fehlt und die VerfasserInnen oft wenig präzise formulieren, so dass es an einer Stelle etwa so klingt, als habe der Mensch sein Fell absichtlich verloren. Und das will der Band ja nun gerade nicht sagen.

Christian Kölzer

Kinderfilm
Beate Völcker
Verlag: UVK-Verlagsgesellschaft, Publiziert: 2005, Seiten: 254, ISBN/ISSN/EAN: 3-89669-521-5
Schlagwörter: Medien

Stoff- und Projektentwicklung

Neben Familienkomödien, Animationsfilmen und Fantasy-Abenteuern der grossen US-Studios oder skandinavischen Produktionsperlen kommen im Bereich Kinderfilm zunehmend wieder deutsche Produktionen auf die Leinwand. Zeichentrickfilme wie “Lauras Stern” und “Der kleine Eisbär”, Sams- und Bibi-Blocksberg-Verfilmungen oder die jüngsten Adaptionen klassischer Kästner-Stoffe haben ein Millionenpublikum erreicht. Im laufenden Jahr scheint sich diese Entwicklung mit “Felix 2”, Cornelia Funkes “Herr der Diebe” und ihren “Wilden Hühnern”, einer prominent besetzten Neuauflage des “Räuber Hotzenplotz” und dem aktuellen Kinoabenteuer “TKKG und die rätselhafte Mind-Maschine” fortzusetzen.

Dabei hat es der Kinderfilm, wie Beate Völcker in ihrer umfassenden und gut lesbaren Einführung zeigt, nicht unbedingt einfach. Produktionen sind infolge aufwändiger Castings und längerer Drehzeiten kostspielig, laufen meist nur in der Nachmittagsschiene und müssen nebst einem kritischen Kinderpublikum auch die erweiterte Zielgruppe der (begleiten-den) Erwachsenen ansprechen. Da es eigene Stoffe zudem schwer haben, setzen Kinderfilme vermehrt auf bekannte Vorlagen und die Vermarktung im Medienverbund.

Nach einem geschichtlichen Abriss leuchtet Völcker thematische und dramaturgische Besonderheiten sowie marktwirtschaftliche Bedingungen aus und illustriert sie anhand von Beispielen. Drei ausführliche Filmanalysen sowie Interviews mit einer Psychoanalytikerin und zwei Produzentinnen erfolgreicher Kinderfilme eröffnen einen lebendigen und praxisnahen Einblick in die Mechanismen des filmischen Erzählens für Kinder.

Daniel Ammann

Die geheimnisvolle Insel
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7891-8042-2
Schlagwörter: Reisen | Tiere | Spiel

In der Medienpalette um das jüngste Filmabenteuer (Herbst 2005) mit dem kleinen Eisbären Lars darf natürlich das Computerspiel nicht fehlen. Neben Audio-CDs mit Liedern von der geheimnisvollen Insel oder dem Original-Hörspiel zum Kinozeichentrickfilm vom letzten Herbst können Kinder auch interaktiv am grossen Reiseabenteuer teilnehmen und bei der mutigen Rettungsaktion auf den Galapagos-Inseln mithelfen.

Die Handlung der Spielgeschichte folgt zwar nicht dem Filmplot, aber die «offizielle CD-ROM zum Kinofilm» möchte wohl weniger eine Geschichte erzählen, als den Kindern Gelegenheit bieten, ein paar Stunden mit einer ihrer Lieblingsfiguren zu spielen. Vielleicht regen die spannenden Bildschirmaktivitäten wieder zu neuen Spielszenen mit dem Plüschtier an.

Nach einem kurzen Intro und der Begrüssung der Spieler/innen durch Lars, Greta, Robby und den heimwehkranken Pinguin Caruso wird die heile Welt am Nordpol schon bald durch eine beunruhigende Nachricht gestört. Die Forscher auf der Polarstation bereiten sich für eine weitere Expedition nach Galapagos vor, um dort mit einem neu entwickelten Fischsuchradar den Riesenfisch aufzustöbern. Lars hat schnell einen Plan, wie er und seine Freunde dieses Unterfangen verhindern können. Um sich für die gefährliche Mission vorzubereiten, müssen sie aber vorerst in teilweise anspruchsvollen Spielen ihre Fähigkeiten trainieren. Greta übt fleissig das Anschleichen, Lars verbessert im Schneeballspiel seine Treffsicherheit und lernt beim Tauchen, die Luft länger anzuhalten.

Nachdem die kleinen Freunde das Radargerät erfolgreich in ihren Besitz gebracht haben, fliegen sie als blinde Passagiere auf die Galapagos-Inseln. Auch am äquatorialen Schauplatz finden sich die Spieler/innen dank einer neuen Übersichtskarte schnell zurecht und können die Spielorte direkt ansteuern. Werden in den drei Geschicklichkeitsspielen gute Resultate erzielt, helfen einem die Königskneiferkrabben, Wasserschildkröten und Seehunde anschliessend, den grossen Fisch vor dem Abtransport zu befreien. Gelingt dies nicht auf Anhieb, muss man sich am Krabben- und Schildkrötenstrand sowie beim lustigen Wasserballspiel erneut bewähren, um genug Helfer zur Seite zu haben.

Das Bildschirmabenteuer für Kinder ab vier Jahren ist in Anlehnung an den Zeichentrickfilm ansprechend gestaltet und sorgt mit abwechslungsreichen Herausforderungen für gute Unterhaltung. Leider lässt sich jeweils nur ein Spielstand speichern, aber die kniffligen Aufgaben mit bis zu acht Schwierigkeitsstufen eignen sich dafür ganz gut für das abwechselnde Spielen im Team.

Daniel Ammann

Mama Muh und die Krähe
Jujja Wieslander, Sven Nordqvist
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 3-789-18039-4
Schlagwörter: Spiel

Spiele in Eis und Schnee

Die zweite CD-ROM mit Mama Muh und der Krähe knüpft in der sorgfältigen Ausführung an ihre Vorgängerin an und wartet mit originellen Winterspielen auf. Die Kuh mit den verrückten Ideen ist aus dem dunklen Stall ausgerissen und vergnügt sich mit ihrer Freundin beim Eisangeln oder tanzt mit Ballettröckchen und auf Schlittschuhen elegant übers Eis. Die einfache Navigation erweitert den verschneiten Bauernhof um neue Schauplätze. Bewegt man den Mauszeiger zum rechten oder linken Bildrand, schwenkt der Panoramablick in die umliegende Landschaft und führt zu weiteren Spielorten. Hübsches Detail: Wenn die beiden Figuren nicht im Bild auftauchen, sind auch die Dialoge nur aus der Entfernung zu vernehmen.
Kuh und Krähe liefern sich eine lustige Schneeballschlacht, halten ein rasantes Schlittenrennen ab oder messen sich mit gefrorenen Kuhfladen im Eisstockschiessen. Als Spielgewinne winken unter anderem Raketenteile, mit denen man am nächtlichen Himmmel ein wundervolles Feuerwerk veranstalten kann.

Erfreulich sind bei dieser gelungenen Fortsetzung die narrativen Beigaben. Ein längeres Intro führt bereits mit stimmungsvollen Bildern und einer Erzählung in die kalte Jahreszeit ein, und später bei der Suche nach Puzzleteilen im Stall und auf dem Heuboden wird man für jedes der vier zusammengesetzten Bilder mit einer Hörgeschichte belohnt.

Um die zweite Folge erheblich günstiger anzubieten, hat der Verlag diesmal auf ein Booklet verzichtet. Leider sind auch die Informationen in der Hilfe-Datei knapp ausgefallen und verzichten auf Spielbeschreibungen oder Lösungstipps. Kinder kommen zwar in der Regel mit den Spielen gut zurecht, aber für Eltern oder Lehrpersonen können Übersicht und Erläuterungen der Spielaufgaben sehr hilfreich sein.

Dass die Einträge auf verschiedenen Highscorelisten sich nicht mehr individuell anpassen lassen, erweist sich beim Spielen in der Gruppe ebenfalls als kleiner Nachteil. So erscheint auf der Tafel jeweils automatisch der Name, mit dem man sich eingeloggt hat, während bei der ersten Spielgeschichte jedes Kind seinen Punktestand noch persönlich signieren und so besser mit anderen wetteifern konnte. Vorteilhaft wirkt sich hingegen der Verzicht auf die schrittweise Freischaltung unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade aus. Beim Hindernisrennen mit dem Fahrrad (das in leicht veränderter Form nochmals von der ersten CD-ROM übernommen wurde) sowie in anderen Spielen stehen von Anfang an alle Variationen zur Verfügung. Der Multiplayer-Modus muss also nicht erst durch Bewältigung mehrerer Spiellevels verdient werden.

Daniel Ammann

25 Jahre Löwenzahn
Peter Lustig
Verlag: Terzio, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 90204840243
Schlagwörter: Spiel

Linsen, Laser, Flaschenzüge: Alles über Optik + Mechanik

Zum 25-Jahr-Jubiläum der beliebten Kindersendung des ZDF verspricht die neunte Löwenzahn-CD-ROM wiederum abwechslungsreiche Spiele und Wissenswertes zum neuen Thema Optik und Mechanik. Die Spielerinnen und Spieler erfahren einiges über Linsen, Laser, Flaschenzüge, Kameras, Spiegel, Zahnräder und anderes mehr. Peter Lustig zeigt wie ein CD-Player funktioniert oder wie man sich ein Kaleidoskop bauen kann.

Eine zusätzliche DVD enthält überdies die TV-Folge der ersten Staffel, in der Peter Lustig in seinen legendären Bauwagen einzieht. Als Bonusmaterial bietet sie zudem einen Videoclip des Jubiläumssongs sowie einen informativen Hintergrundbeitrag zur Entstehung einer CD-ROM.

Daniel Ammann

Neues vom Räuber Hotzenplotz
Otfried Preussler
Verlag: Cornelsen Software, Publiziert: 2005, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-464-90098-7
Schlagwörter: Spiel

Neues vom berüchtigten Mann mit den sieben Messern und der Pfefferpistole gibt es gleich in verschiedenen Medien. Eine aktuelle Verfilmung mit prominenter Besetzung packt die Geschichte der beiden ersten Bücher mit einigen Veränderungen in einen kurzweiligen Kinofilm und der Cornelsen Verlag setzt mit «Neues vom Räuber Hotzenplotz» seine gelungene und buchnahe Spieladaption der Kasperlegeschichte fort.

Mit einer List befreit sich der dreiste Räuber in der zweiten Folge aus dem Spritzenhaus und entführt die Grossmutter auf dem Fahrrad des Oberwachtmeisters. Wiederum haben Kasperl und Seppel schnell einen Plan ausgeheckt und nehmen die Verfolgung auf. Eine Flaschenpost mit Schatzkarte soll den Schurken zurück ins Gefängnis locken.

Das interaktive Abenteuer präsentiert sich erneut als virtuelles Kasperletheater mit turbulenten Szenen und kleinen Spielaufgaben. Die farblich frische Umsetzung des zweiten Hotzenplotz-Bandes kommt originell daher und wird dem beliebten Klassiker von Otfried Preussler durchaus gerecht. Wenn die Figuren zur Überleitung vor den Vorhang treten oder sich Hilfe suchend an die Kinder wenden, sind gedämpfte Stimmen aus dem unsichtbaren Zuschauerraum zu vernehmen. Sogar Zwischenrufe des Publikums werden ins Spiel einbezogen und lassen beinahe richtige Theateratmosphäre aufkommen.

Die lustigen, wenn auch nicht herausragenden Denk- und Geschicklichkeitsspiele sorgen nebst den präsentativen Episoden wieder für viel Spass und garantieren ein paar Stunden Unterhaltung. Hat man alle Herausforderungen gemeistert und den Räuber schliesslich hinter Schloss und Riegel gebracht, kann man über dreizehn Bildmotive nach Belieben einzelne Szenen wiederholen und sich nochmals an den Spielaufgaben messen. Ein ausführliches Booklet erklärt die Bedienelemente und gibt Einblick in die verschiedenen Kapitel.

Ob als Buch, Hörkassette, Computerspiel oder in der jüngsten Kinofassung mit Armin Rohde als Räuber und Piet Klocke als Dimpfelmoser – die archetypische Räubergeschichte sollte den Kindern auf keinen Fall vorenthalten werden.

Daniel Ammann

Reif für die Insel
Max Narciso, Marieke Ferrari
Verlag: Mosaik, Publiziert: 2005, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-932667-45-9
Schlagwörter: Abenteuer

Die Abrafaxe in der Karibik

Statt immer vor dem Fernseher zu sitzen und Casting-Shows anzuschauen, beschliesst Abrax, für sich und seine zwei Freunde im Reisebüro einen Abenteuerurlaub zu buchen. Schon die Anreise zum Ferienziel, eine verlassene Insel, ist abenteuerlich. Von einem Mitglied der Schiffsbesatzung werden die Abrafaxe und andere Mitglieder der Reisegruppe von Bord geworfen und gezwungen, sich mit löchrigen Gummibooten auf die Insel zu retten. Auf der Insel angekommen, fängt der Überlebenskampf aber erst richtig an: kein Essen, keine Schlafplätze und eine Reisegruppe, die für nichts zu gebrauchen ist. So ist es vor allem der schlaue Brabax, der für das Überleben der Gruppe sorgt. Die Gummiboote werden zu Zelten umfunktioniert und alle müssen nach Wasser und Nahrung suchen. Ein Gruppenmitglied nach dem anderen verschwindet spurlos. Die Sache wird noch unheimlicher, als Brabax und Califax einen alten Tempel mit Totenköpfen entdecken. Doch die Überraschung kommt erst ganz am Schluss: Der ganze Abenteuerurlaub entpuppt sich als Reality-Show mit den drei Abrafaxen als Hauptkandidaten, und Abrax als geheimem Mitwisser.

Das Album „Reif für die Insel“ ist nur eines von vielen Produkten mit den Abrafaxen. Zu den Comichelden gibt es verschiedene Alben, einen Film „Abrafaxe – Unter schwarzer Flagge“, eine App und verschiedene weitere Medienverbundsprodukte.

Der blonde, mutige Abrax, der rothaarige, schlaue Brabax, und der schwarzhaarige Stubenhocker Califax sind die Hauptfiguren der Comiczeitschrift „Mosaik“, der ältesten deutschen Comiczeitschrift. Die Reihe vermag durch spannende Geschichten und Wortwitz zu begeistern.

Klassenstufen: 4,5,6

Madonna Svensson
Anna-Karin Eurelius
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2004, Seiten: 110, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-62177-X

Eigentlich heisst sie Jasmin, aber weil sie wünscht, so selbstbewusst wie die berühmte Sängerin zu werden, will sie, dass man sie in der Schule Madonna nennt. Jasmins Vater lebt seit zwei Jahren mit einer anderen Frau zusammen, und jetzt haben sie auch noch ein Baby bekommen. Jasmin muss eine Wand um ihr Herz bauen, damit die traurigen Gedanken nicht eindringen. Auch die Mutter leidet immer noch stark, und wenn sie traurig ist, trinkt sie. Wie Madonna und ihre Mutter es schaffen, ihre Probleme zu lösen, wird mit viel Wärme und Gefühl und auch mit feinem Humor erzählt.
MADELEINE AMMAN

Ein ganz gewöhnlicher Montag
Heinz Janisch, Illustration: Sabine Wiemers
Verlag: Betz, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-219-11122-X
Schlagwörter: Fantasie

“Du bist und bleibst ein alter Geschichtenerfinder”, sagt Alfreds Lehrer, nachdem dieser ihm von einem Raumschiff mit einer roten Frau, seinem Salto in der Luft und zwei Indianern erzählt hat, die auf dem Weg zur Schule um die Ecke geritten kamen. Aber Alfred weiss, dass die Welt manchmal anders ist, “besonders am Montag”.
Die Geschichte ist bekannt und doch immer wieder faszinierend. Man muss dazu unterwegs sein, am besten zur Schule, und dort nach dem befragt werden, was man übers Wochenende oder in den Ferien oder einfach an diesem Morgen erlebt hat. Olivia in Ian Falconars “Manege frei für Olivia” wird zur grossen Zirkusartistin, Hans Magnus Deubelbeiss soll in John Burninghams gleichnamigem Bilderbuch das “Riesenwellen-Lügen” in verlernen. Und Alfred begegnet die Welt an diesem Montagmorgen schwerelos – auf alle Fälle aus den Fugen. Die Mutter drängt den Jungen zwar zum Aufbruch von Zuhause, auf dem Schulweg aber ist sie durchaus bereit, sich auf seine Fantasiewelt einzulassen. So verbietet sie ihm den Salto in der Luft und erst noch in Zeitlupe nicht, sondern meint lakonisch, dass er morgen eine Mütze anziehen müsse, wohl weils zieht bei so einem Kunststück.
Sabine Wiemers fängt die Geschichte in surrealen Bildern ein. Kein Haus ist hier im Lot, es wimmelt von barocken Details und gemusterten Flächen. Eine Verspieltheit und Üppigkeit, die nicht immer im Dienst der Geschichte steht, und kleinere Kinder – trotz der Grosszügigkeit der Illustationen – schon mal überfordern kann.
CHRISTINE TRESCH

Johanna Spyri und ihr Werk
Schweizerisches Institut für Kinder- und Jugendmedien
Verlag: Chronos, Publiziert: 2004, Seiten: 289, ISBN/ISSN/EAN: 3-034-00589-X
Schlagwörter: Schweiz

Lesarten

Zum hundertsten Todestag von Johanna Spyri fand im Sommer 2001 ein internationales Kolloquium in Zürich statt, organisiert von der Johanna-Spyri-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Seminar der Universität. Jetzt liegen die Beiträge des Kolloquiums in Buchform vor. Barbara Helbling, Regine Schindler, Alice Ettwein und Verena Rutschmann lassen Johanna Spyri in ihren Texten in einem leicht veränderten Licht erscheinen, indem sie zeigen, wie das konservative familiäre Umfeld indirekt auf Spyris eigentlich unpolitischen Stil einwirkte (Helbling) und dass die Haltung der Heidi-Autorin gegenüber weiblichen Emanzipationsbestrebungen nicht nur ablehnend, sondern vielmehr ambivalent war (Ettwein).

Obwohl, wie Regine Schindler ausführt, sich Johanna Spyri an literarischen Vorbildern wie Goethe, Gottfried Keller und Annette von Droste-Hülshoff orientierte, spielt der Einfluss der von Charles Dickens geprägten englischen Kinderliteratur eine entscheidende Rolle für ihr Schreiben, wie bei Verena Rutschmann nachzulesen ist. So habe die Schweizerin einen neuen Ton in die “überaus gesittete” Kinderliteratur Deutschlands gebracht.

In einem zweiten Teil des Bandes beschäftigen sich die Beiträge mit der Heidi-Rezeption in der Romandie, in Frankreich, im englischsprachigen Raum und in Japan. Anhand von Übersetzungsfragen wird das Bild der Schweiz herausgearbeitet, das durch “Heidi” massgeblich geprägt wurde.

CHRISTINE LÖTSCHER

Kaltes Schweigen
Mats Wahl
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Hanser, Publiziert: 2004, Seiten: 264, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20443-1
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Rassismus

Mats Wahl schreibt die Tradition des sozialkritischen schwedischen Kriminalromans fort. Nach “Der Unsichtbare” ermittelt Harald Fors in “Kaltes Schweigen” erneut in einer anonymen schwedischen Kleinstadt. Wieder ist ein Jugendlicher umgebracht worden. Wieder geht es um Rassismus und Nationalismus. Und wieder sind die Täter im Umfeld des Jugendlichen zu suchen. Fors kämpft nicht nur gegen zunehmende Resignation – wie seine Kollegen Martin Beck (Sjöwall/Wahlöö) und Kurt Wallander (Henning Mankell) –, er hat gelernt, dass Schuld nicht absolut gesehen werden kann, und er passt auch nicht mehr ins postsozialistische schwedische Polizeisystem, in dem lieber einmal weniger ausgerückt wird, wenn es um Fremdenfeindlichkeit geht.
Das “Who Done it” interessiert Fors nicht, der Mord wird fast beiläufig aufgeklärt. Und in einem Fall von Brandstiftung lässt der Kommissar die Täterin sogar laufen. Noch intensiver als in “Der Unsichtbare” beschreibt Wahl aber die Milieus, in denen Fors und seine Leute recherchieren. In einem Klima der zunehmenden Radikalisierung traut keiner mehr dem anderen über den Weg. Die Porträts der Befragten setzen sich so zu einem präzisen Abbild dieser Kleinstadt zusammen. Und Wahl kann Dialoge schreiben wie kein anderer: knapp und genau und so intensiv, dass man zuweilen Herzklopfen bekommt.
“Kaltes Schweigen” ist kein klassisches Jugendbuch wie Wahl viele geschrieben hat. Die Figur des sympathischen Zweiflers Fors erobert den Erwachsenenmarkt. In Schweden wird denn auch schon der dritte Krimi des Autors, “Kill”, bejubelt – auf den Seiten der Feuilletons notabene. Ob Wahl bei dieser Gratwanderung die jugendlichen LeserInnen mitziehen kann, muss sich erst noch weisen. CHRISTINE TRESCH

Josefine will nicht schlafen gehen
Tove Appelgren, Illustration: Salla Savolainen
Aus dem Schwedischen von Dagmar Brunow
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2004, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-78916-270-1

Sichtlich fertig sitzt Mama auf der Leiter zu Josefines Hochbett. “Ich brauche meinen Schlaf. Wenn ich nicht schlafen darf, kann ich nicht arbeiten und mich um die Familie kümmern. Dann werde ich wütend und reg mich auf und …”, erklärt sie ihrer Tochter. Josefine versteht, was Mama meint. Schliesslich hat die schon am Frühstückstisch vor sich hingebrummelt und ausgesehen “wie ein Bär (…) So einer mit schwarzen Augenringen”. Deshalb will sie auch nicht länger zu Mama ins Bett krabbeln, wenn sie nicht einschlafen kann oder mitten in der Nacht aufschreckt, weil sie von der Brunnenhexe träumt. “Ich kann mich schliesslich schon alleine fürchten.” Aber sehen will sie Mama und Papa doch. Und so kommt es, dass sie im Türrahmen des elterlichen Schlafzimmers einschläft – und Mama damit ziemlich erschreckt.
Auch in der zweiten “Josefine”-Geschichte von Tove Appelgren steht ein nahezu alltäglicher Familienkonflikt und dessen liebevolle Lösung im Mittelpunkt: die Angst vor dem Dunkeln, dem Einschlafen und Alpträumen. In stimmungsvollen Blau- und Grautönen fangen Salla Savolainens warmherzige Illustrationen die nächtliche Atmosphäre ein. Und wie in “Josefine findet heute alles doof” (2003) verraten ihre detailreichen, lebensnahen Bilder noch mehr über den zuweilen recht chaotischen Alltag einer fünfköpfigen Familie als der humorvolle Text. So lässt sich nicht nur auf dem Wimmelbild, das den Grundriss der 6-Zimmer-Küche-Bad-Balkon-Wohnung zeigt, in der Josefine mit Mama, Papa, Bruder Paul und Schwesterchen Wendla leben, immer wieder Neues entdecken.
ANDREA DUPHORN

Kathrinchen, was soll bloss aus dir werden?
Antje Damm
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2004, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79872-5

Ständig machen sich die Eltern Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder. Dabei ist es doch ganz einfach, zumindest im vorliegenden Buch. Kathrinchen wird einmal Löwenfrau, Wolkenkratzer-Architektin oder Pommesköchin. Kathrinchens Fantasie kennt keine Grenzen, und die unbeschwerte Lust am Experimentieren und Entdecken verleiht ungeahnte Möglichkeiten. Auf dem Frühstückstisch baut die Kleine einen bedrohlich hohen Turm, auf den sie zuoberst die dampfende Teekanne setzt: Der Beginn eines ganz gewöhnlichen Tages, in dessen Verlauf der Haushalt auf den Kopf und die Geduld der Mutter auf die Probe gestellt werden.
Es gelingt der Autorin, das Mädchen in wenigen Episoden als eigenständige, fantasievolle Persönlichkeit zu charakterisieren. Die schlagfertigen, bisweilen philosophischen Kinderantworten auf das sich stets wiederholende “Was soll bloss aus dir werden?” fallen aber zum Teil allzu abstrakt aus. Die Erwachsenenfrage ist allgegenwärtig und steht buchstäblich immer im Raum – beziehungsweise auf jeder Doppelseite –, typografisch ist der Satz einem Fragezeichen nachempfunden, das sich dem jeweiligen Bild anpasst. Die expressiven Zeichnungen sind mit kräftigen Farben und Mustern unterlegt, welche die Dynamik des umtriebigen Kindes treffend widerspiegeln.
Mag Kathrinchens Alltag noch so voller Einfälle sein, irgendwann schläft auch der kleine Wildfang ein. Der nächste Morgen aber kommt bestimmt, und der Kampf kann von neuem beginnen. So zumindest suggeriert es das allerletzte Bild, das an den Anfang der Geschichte anknüpft. Also: Buch umdrehen und noch einmal von vorn erzählen!
KATRIN RUCHTI-FEHR

Der wildeste Bruder der Welt
Cornelia Funke, Illustration: Kerstin Meyer
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2004, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6507-7
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Geschwister

Von echten Jungs und selbstbewussten Mädchen, von starken Kindern beiderlei Geschlechts, die auch mal traurig oder schwach sein dürfen, erzählen diese drei Bilderbücher. Da ist zunächst Ben. Er wacht manchmal morgens auf und ist ein Wolf, ein mutiger Ritter oder gar ein Ungeheuer. Dann muss er seine grosse Schwester Anna beschützen. Er kämpft gegen Monster, bezwingt Einbrecher und fängt wilde Tiere im Garten. Und Anna spielt mit, fürchtet und versteckt sich oder gibt sich unbeteiligt. Doch abends, wenn die unheimlichen Nachtgeräusche auftauchen, darf Ben zu Anna ins Bett schlüpfen, und es ist wunderbar, eine so grosse, starke Schwester zu haben.

“Der wildeste Bruder der Welt” spricht jedem kleinen Bruder aus dem Herzen. Witzige Details untermalen Bens fantasievolle Erlebnisse – etwa den Kampf gegen das Schrankmonster –, die ausdrucksstarke Gestik und Mimik der Geschwister unterstreicht das Geschehen. Die farbenfröhlichen Tagbilder von Kerstin Meyer stehen in krassem Gegensatz zum nachtblauen Schlussbild. Diese Darstellung von Fantasie, Mut, Wunschträumen und einer gesunden Geschwisterbeziehung macht das Bilderbuch zu einer kleinen Kostbarkeit in jeder Familienbibliothek.

BEATRIX OCHSENBEIN

Im anderen Haus
Siglint Kessler
Verlag: Lappan, Publiziert: 2004, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-8303-1078-1
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft

Lissias Katze Dotty ist verschwunden. Ihre Suche führt Lissia in ein seltsames Haus, in das die Welt wie sie sie kannte, keinen Einlass hat. Aber im Hinterhof dieses verrückten Gebäudes steht das gruselige Haus von Manone, dem sich Lissia wird stellen müssen, um Dotty wiederzubekommen.

Schon von seinem Namen her hat ein Bilderbuch eigentlich zwei Seelen. Da sind zunächst die von der Autorin fantasievoll und reichhaltig gestalteten Bilder, mit denen sie jeweils eindrucksvoll zeigt, was möglich ist, wenn die Wirklichkeit erst einmal ausser Kraft gesetzt ist und das jedes für sich schon eine ganze Geschichte erzählen könnte. Und vielleicht sollte man den Bildern tatsächlich diese Freiheit geben. Denn der Text, der diese Mosaiksteine zu einem Ganzen verbinden soll, ist mit dieser Aufgabe überfordert: Das Potenzial, das in den einzelnen Räumen des Hauses steckt, ist einfach zu gross, als dass man sie durch eine Suche-Aufgabe-Lösung-Happyend-Struktur schlicht aneinander reihen sollte. So jedoch verkommen die wunderbaren Welten, die sich vor Lissias Augen auftun, wenn sie die Türklinke herunterdrückt, zum reinen Beiwerk, das mit der Handlung der Geschichte überhaupt nichts zu tun hat. Mit Fantasie und einer Hand, die den Text verdeckt, kann die Welt dieses Buches aber bestimmt zum Leben erweckt werden und der Zauber seine Wirkung tun. Also, ihr Geschichtenerzähler da draussen: Selbst ans Werk!

CHRISTIAN KÖLZER

Paolos Glück
Sandra Luchsinger
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2004, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0487-7
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Eine Geschichte zum Weinen

Die Geschichte ist einfach, die Botschaft schnell durchschaut: Paolo Piangino ist ein Mann, der von Gefühlen überläuft, und zwar buchstäblich. Wie sein Name sagt, weint er gern: “Er konnte bei fröhlicher Musik weinen, und er vergoss Tränen bei trauriger Musik.” Wo seine Tränen hinfallen, spriessen rote Blumen. Die duften so herrlich, dass sich die ganze gefühlsmässig verkorkste Menschheit darauf stürzt. Alle wollen einen Zipfel von Paolo haben, er wird zum Medienstar, was ihm eines Tages zu viel wird, und so müssen die Menschen wohl oder übel selber lernen, ihre Gefühle auszudrücken – in Tränen- und in Blumenform.

Was einen am Bilderbucherstling der 1971 geborenen Zürcherin Sandra Luchsinger packt, ist die Spannung zwischen Text und Bild, die grösser nicht sein könnte. Während die Moral der Geschichte etwas Hausbackenes hat, sind die Bilder frech, dynamisch und voller Humor. Auf dem ersten Bild schwingt Paolo auf einer Schaukel ausgelassen in den blauen Himmel hinein und um ein Haar wieder aus dem Bild hinaus. Später, als sich alle Welt eine von Paolos Blumen unter den Nagel reissen will, lassen sich die Leute die verrücktesten Verrenkungen einfallen, um an die roten Glücksbringer heranzukommen; ein Mann hält seine Frau sogar an den Füssen zum Fenster hinaus.

Sandra Luchsinger, die für das Buch mit dem Schweizer Bilderbuchpreis der Stiftung Pro Juventute 2003 prämiert wurde, zeichnet mit schnellem Strich und kühlen Farben, spielt mit Elementen aus Comic und Collage. Paolos kontemplative Momente gelingen ihr genauso stimmungsvoll wie die chaotischen Szenen, in denen sie zur Freude der kleinen BetrachterInnen der Lust am Slapstick nachgibt.

CHRISTINE LÖTSCHER

Echte Kerle
Manuela Olten
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2004, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-51-7
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Geschwister

Auch die echten Kerle von Manuela Olten nehmen den Mund manchmal ein bisschen zu voll: Zwei Jungen unterhalten sich vor dem Einschlafen über Mädchen. Die sind voll langweilig, ziehen ständig Puppen an und aus (was in köstlichen grossflächigen Bildern nachgestellt wird), pinkeln vor Angst ins Nachthemd und fürchten sich vor Gespenstern. Bis die aufgerissenen Münder der beiden Protagonisten auf einen Schlag zu kleinen Mündchen werden. Auf dem Schlussbild liegen die Jungs zusammen mit einer Schwester und vielen Kuscheltieren im Bett. Grossartig, wie durch die Beschränkung auf zwei angeberische Kerle so viel ausgesagt wird über Männlichkeitsvorstellungen und Geschlechterrealitäten. Diesem Bilderbuch gelingt es zu zeigen, wie verletzlich “echte Kerle” sind und dass sie sich fürchten dürfen und deshalb noch lange nicht zu Witzfiguren werden.

BEATRIX OCHSENBEIN

Papa nervt
Meir Shalev, Illustration: Jossi Abulafja
Aus dem Hebräischen von N. Niar-Bleimling, V. Loos und A. Schneider
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2004, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-257-00813-9
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Familie/Familienformen

1991 in Israel muss dieses Buch einen Schock ausgelöst haben. Der Schock in der Schweiz (und in Deutschland) müsste sein, dass ein solches Buch heute noch nötig ist. Zehn Jahre nach der deutschen Erstveröffentlichung ist „Papa nervt“ neu aufgelegt worden und trifft noch immer die Ansicht vieler Kinder und Erwachsener: Ein Papa, der den ganzen Tag zu Hause ist, Geschirr spült, auf dem Fahrrad singt und sich im Kino bei Schiessereien die Augen zuhält, so einer ist einfach peinlich. Kindern ist es unglaublich wichtig, dass ihre Eltern sich so verhalten, wie das in ihren Augen alle Eltern tun. Zum Glück ist es heute völlig normal, dass Väter ihre Kinder in den Kindergarten bringen. Aber schon den Elternabend besuchen überwiegend die Mütter… Jonathans Papa aber nimmt als einziger Mann am Kuchenbackwettbewerb des Kindergartens teil, und der Junge schämt sich wieder, bis der scheinbar verbrannte Autoreifenkuchen sich durch einen Trick in eine farbenprächtige Buttercreme-Erdbeertorte verwandelt. – Text und Bild zeigen die sehr unterschiedliche Sichtweise von Kindern und Erwachsenen; letzteren wird der Vater als freundlicher, charakterstarker Mann gezeigt. Leider ist die gereimte deutsche Übersetzung sehr kindertümelnd. Die Bilder sind so freundlich und leicht ironisch wie der Papa.

BRUNO BLUME

Frühlings-Wimmelbuch
Rotraut Susanne Berner
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2004, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5057-2
Schlagwörter: Wimmelbuch

Wimmelbücher sind weit herum beliebt, weil sie Kindern Spass machen, aber auch weil sie “pädagogisch wertvoll” sind: Sie können Sprechanreize fördern, mit ihnen lässt sich die Konzentration üben und die Beobachtungsgabe schulen. Die Wimmelbücher von Rotraut Susanne Berner – letztes Jahr erschien das “Winter-Wimmelbuch” – ermöglichen dies alles und sind noch viel mehr: Mit sparsamem Strich schenkt die Künstlerin jeder Figur eine unverwechselbare Persönlichkeit. Ihr sicheres Gespür für Farben bewirkt, dass die Buntheit nie kitschig wird, und ihr Sinn für Situationskomik lässt auch Erwachsene akribisch nach den Geschichten der einzelnen Figuren forschen. Wann haben sich eigentlich der Velorennfahrer und die Blumenliebhaberin das erste Mal getroffen? Weshalb wird der Fuchs so ärgerlich? Und kriegen sich die verliebten Katzen am Ende doch noch?

Die Orte auf den sieben grossformatigen Bildtafeln entsprechen denjenigen des “Winter-Wimmelbuches”, nur die Jahreszeit hat gewechselt: überall blühende Bäume, bunte Ostereier und turtelnde Paare. Obwohl auch Veränderungen angedeutet werden (eine neue Strasse durchschneidet die Landschaft), bleibt die Szenerie heil – sogar dem Bettler im Bahnhof spielt ein sonniges Lächeln um die Lippen. Anders als der eigentliche Vater des Wimmelbuches, Ali Mitgutsch, tappt Rotraut Susanne Berner zudem weder in die Geschlechter- noch in die ethnische Falle – alles ist schön ausgewogen und korrekt – und auch an den Rollstuhlfahrer hat sie gedacht … Trotz der etwas dick aufgetragenen Idylle: Zu verfolgen, wie Berner Geschichten erzählt, lässt schon jetzt Vorfreude aufkommen auf das “Sommer-Wimmelbuch”, das nächstes Jahr folgt.

MAJA MORES

Zaubermaus und Marzipan
Linard Bardill, Illustration: Jakob Kirchmayr
Verlag: Neugebauer, Publiziert: 2004, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-8519-5294-4
Schlagwörter: Freundschaft

Zaubermaus ist grund- und bodenlos traurig. Todtraurig! Aber alle ihre Versuche, dem Leben ein Ende zu setzen, schlagen fehl. Da kommt dem kleinen Geschöpf in seinem Elend die Idee, sich ins Gras zu legen, einzuschlafen und nie mehr aufzuwachen. Wäre da nicht der Regenwurm Marzipan, den die Maus mutig aus dem Schnabel der Amsel rettet, das lebensmüde Dasein von Zaubermaus würde sich wohl ewig traurig dahinschleppen. Der fidele Marzipan öffnet ihr nun die Augen für die Schönheiten, die das Leben zu bieten hat, und gemeinsam verabschieden sie sich aus der jammervollen Geschichte als Freunde fürs Leben.

Zugegeben, die Kinderwelt besteht beileibe nicht nur aus Freudenmomenten. Wenn Linard Bardill aber die kleine Maus so tief im Elend versinken lässt, dass sie nur noch Suizidgedanken hegt, ist das für Kinder – an die richten sich bekanntlich Bilderbücher – kaum nachvollziehbar. Auch gelingt es dem Autor nicht, echtes Traurigsein plausibel zu machen. Ohne Bardills Stimme – am Radio gelingt es ihm, Marzipan und Zaubermaus geschickt zum Leben zu erwecken – wirken die Figuren blass und leer. Jakob Kirchmayrs grossflächige, farbenprächtige Bilder retten, was zu retten ist. Sie erzählen eine vollkommen andere Geschichte. Bleibt zu hoffen, dass es den (erwachsenen) BetrachterInnen gelingt, mit diesen fröhlichen, humorvollen Illustrationen den Kindern eine eigene Version von Zaubermaus’ Verhalten zu erklären.

GIOVANNA RIOLO-GIAMBONINI

Der kleine Bär und sein kleines Boot
Eve Bunting, Illustration: Nancy Carpenter
Aus dem Englischen von Edmund Jacoby
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2004, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5044-0
Schlagwörter: Abschied | Erwachsenwerden

Loslassen und neu anfangen gehört zu den Dingen im Leben, mit denen sich jeder immer wieder konfrontiert sieht. Im Kleinen wie im Grossen. Der Schnuller, der irgendwann ausgedient hat. Das Kuscheltier, das nicht mehr mit in die Ferien fahren darf. Die Freundin, mit der man sich nicht mehr versteht. Das erste eigene Auto … Eve Bunting und Nancy Carpenter haben mit “Der kleine Bär und sein kleines Boot” eine zauberhafte Parabel zum Thema geschaffen. Geradlinig und mit plakativen, leicht zu erfassenden Bildern in wässrigen Aquarellfarben erzählen sie die Geschichte eines Bärenjungen, für den es nichts Schöneres gibt, als sich die Tage mit seinem kleinen Boot zu vertreiben. Wenn er damit auf dem See rudern, Fische fangen oder auch nur darin liegen und träumen kann, ist er glücklich. “Doch dann geschah etwas: Der kleine Bär fing an zu wachsen. Er wurde grösser und grösser. (…) Und er passte nicht mehr in sein kleines Boot.”

Weil der kleine Bär, der nun ein grosser ist, sich nicht damit abfinden mag, dass sein liebstes Spielzeug für immer verloren ist (“Es geht doch nicht, dass mein kleines Boot keinen Bären mehr hat”), macht er sich auf die Suche nach einem würdigen Nachfolger. Und findet ihn. Zu beobachten, dass der kleine Bär von der anderen Seite des Sees ebenso viel Spass mit dem Boot hat wie er früher, stimmt den grossen Bären zufrieden. Auf der letzten Seite sehen wir ihn ein “Grosses Grosser-Bär-Boot” bauen. Und erkennen: Auch grosse Bären können glücklich sein. Eine ebenso anrührende wie tröstliche Geschichte – für Jung und Alt.

ANDREA DUPHORN

Ich
Philip Waechter
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2004, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79873-3
Schlagwörter: Freundschaft

Mit einem schlichten “Ich …”, stellt sich der Held von Philip Waechters philosophisch-weiser Bärengeschichte vor. Schon auf dem sonnengelben Cover blickt der vorwitzige Braunbär den BetrachterInnen mit verschränkten Armen, Punktaugen, Stupsnase und leicht schiefem Mund so entwaffnend entgegen, dass man eigentlich nicht anders kann, als das kleine Büchlein aufzuschlagen und sich durch die Geschichte zu blättern. Mit cartoonartigem Strich und warmen Farben kommentieren die Bilder den Text mit hintersinnigem Humor und setzen in Szene, was der tierische Protagonist in beeindruckend schlichten Sätzen zu erzählen hat: Dass er sich mag. Dass er Spass am Leben hat und weiss, was er will. Dass er seinen Weg geht – auch wenn sich deshalb der Verkehr auf der Strasse hinter ihm kilometerweit staut … Man muss ihn einfach lieb haben, diesen verspielt-verträumten Typen, der ganz bei sich selbst zu sein scheint. Die sanfte Ironie, die Waechters Bilder unterschwellig begleitet, lässt jedoch bald erahnen, dass das noch nicht die ganze Geschichte ist. An manchen Tagen fühlt sich nämlich auch dieses vor Optimismus nur so sprühende Bärenexemplar “schrecklich einsam und klein”. Zum Glück gibt es dann jemanden, dem er einfach in die Arme fallen und mit dem er dem Sonnenuntergang entgegenspazieren kann. Eine Bärin? Ein guter Freund? Egal. “Schön, dass du da bist!” – Das ideale Geschenk für alle, denen man schon lange mal wieder sagen wollte: “Schön, dass es dich gibt.”

ANDREA DUPHORN

Die grosse Frage
Wolf Erlbruch
Verlag: Hammer, Publiziert: 2004, Seiten: 52, ISBN/ISSN/EAN: 3-8729-4948-9
Schlagwörter: Identität/Individualität

Warum bin ich auf der Welt? Wen man auch fragt, alle wissen eine Antwort: Der Bruder meint, um Geburtstag zu feiern, die Grossmutter, damit das Kind verwöhnt wird, und der Bäcker, um früh aufzustehen. Für den Soldaten bedeutet Lebenssinn zu gehorchen, während der Matrose die Welt bereisen will und die Zahl drei eines Tages bis drei zählen möchte. Gestreichelt werden, kämpfen, sich lieb haben, das Leben lieben, einfach da sein, Geduld haben oder vertrauen, das sind weitere Antworten. Nur die Ente hat überhaupt keine Ahnung …

Durch die Beschränkung auf eine einzige Frage richtet sich Wolf Erlbruchs philosophisches Buch vor allem an jüngste Betrachterinnen und Betrachter. Ein Eindruck, der durch die Einfachheit der Illustrationen noch verstärkt wird. In unverkennbarer Erlbruch-Manier wird jede Antwort meist von einer einzigen markanten Figur begleitet. Leider wirken einige Figuren flach, rasch hingeworfen und gar zufällig. Unsorgfältig sind ausserdem die Übergänge der doppelseitigen Illustrationen im tiefen Falz, welcher durch die soliden Seiten des schmalen, hochformatigen Bändchens entsteht. Schade! Das Nachdenken über diese einfache und doch komplexe Frage nach dem Sinn des Lebens schlechthin würde eine sorgfältigere Gestaltung verdienen – von Wolf Erlbruch ist man sich eigentlich vielschichtigere Illustrationen gewohnt. Dennoch: Als allererstes Bilderbuch bietet “Die grosse Frage” trotzdem mannigfache Gesprächsanlässe und differenziertere Bilder als die üblichen knallfarbigen Pappbände mit Geburtstagstorte, Katze, Flugzeug und Vogel auf je einer Seite.

BEATRIX OCHSENBEIN

Gini und Sambu
Cornelia Hofer, Illustration: Ursula Wolf
Verlag: Edition Fuchs & Hase, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-9055-0165-1
Schlagwörter: Kreativität

Bei der kleinen Gini ist Langeweile programmiert. Ihr Zimmer ist angefüllt mit Spielzeug, doch so allein macht das Spielen überhaupt keinen Spass. Traurig steht sie im Überfluss, alles wirkt auf sie grau und farblos. Da taucht Sambu aus Farbstiftanien auf und entführt sie in seine faszinierende Zauberwelt. Gini ist von der neu entdeckten Fantasiewelt begeistert, so macht das Leben Spass! Sie lernt Lebewesen und Gefühle kennen, die sie in ihren wildesten Träumen nie gekannt hat. Sambu zeigt ihr, wie gute Gefühle und fröhliche Farbenwelten bewahrt werden können, wenn sie sich diese nämlich selber erschafft.

Was sich Ursula Wolf und Cornelia Hofer vorgenommen haben, ist ihnen ausgezeichnet gelungen: ein Buch zu kreieren, das zeigt, wie Farbe, vermischt mit positiven Gedanken, den Alltag aufpeppt. Die Kinder können sich nicht nur über den einfachen, aber ansprechenden Text und die leuchtenden Illustrationen freuen; die vielen schneeweissen Seiten zwischen jeder Bilderbuchszene laden sie förmlich dazu ein, kreativ zu werden und ihre eigene Fantasiewelt zu entwickeln, ihre eigene Geschichte aufzuschreiben. Ein gelungenes kleines Kunstwerk, das mit einer sorgfältigen Gestaltung und Ausstattung mit glitzernden Farbeffekten seinesgleichen sucht.

GIOVANNA RIOLO-GIAMBONINI

Adelheid geht in die Oper
Tatjana Hauptmann
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2004, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-257-01101-6
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Spätestens seit Elke Heidenreichs “Am Südpol denkt man, ist es heiss” wissen wir, dass Pinguine die Oper lieben. Dass auch Schnecken gern Theaterluft schnuppern, erzählt Tatjana Hauptmann in ihrem 1980 erstveröffentlichten Bilderbuch “Adelheid Schleim”, das jetzt als “Adelheid geht in die Oper” wieder erhältlich ist. Auf 32 teilweise ganzseitig mit Buntstift gestalteten Bildern können die LeserInnen erleben, wie sich die Familie Schneck auf einen Opernbesuch vorbereitet, wo Adelheid nicht als Gast, sondern als Hauptdarstellerin in Erscheinung treten wird. Derlei Veranstaltungen fallen bei Mollusken natürlich anders aus als in der Menschenwelt: Wo die Ohren fehlen, ist Pantomime weit mehr gefragt als Gesang. Deswegen legt Adelheid auch besonderen Wert auf ihre äussere Erscheinung und ist entsetzt, als sie ihre aus einem grünen Blatt bestehende Abendstola an den Rändern verwelkt und mittendrin von einer Raupe zerfressen findet.

Schliesslich ist Familie Schneck bereit für den Gang zur Oper und weils pressiert, heften sich Vater, Norbert und Mutter Adelheid kurzerhand an die Radkappe eines Autos, das sie bis zur Oper mitnimmt (woher die Schnecken wissen, wohin das Auto fahren wird, bleibt dabei ein Geheimnis). Die Fahrt hat das Outfit von Adelheid ganz schön zerzaust – die Aufführung wird dennoch ein Erfolg. Die logische Konsequenz dieser Geschichte lässt zuweilen zu wünschen übrig, dennoch erschliessen die einzelnen Bilder einen vergnüglichen Einblick in einen möglichen Schneckenalltag. Und wer Tatjana Hauptmann kennt, der weiss, dass sie zahlreiche amüsante Details in ihre Bilder eingebaut hat, die man erst bei genauerer Betrachtung entdeckt.

MAREN BONACKER

Die kleine Piratin und die neuen 13
Bruno Blume, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2004, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-5968-5149-1
Schlagwörter: Geschlechterbilder

In “Die kleine Piratin und die neuen 13” murren die 13 Piraten, weil sie durch eine Piratin angeführt werden. Sie sind “von gestern” und meutern. Da wechselt die Piratin kurzerhand und erfolgreich die Mannschaft aus. Die kleine Piratin und die neue 13 überwältigen im Seekampf die alte Crew, die “schnell vergessen” wird. Noch eine Starke-Mädchen-Schwache-Jungen-Geschichte? Nicht ganz. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die neue Mannschaft aus fortschrittlich denkenden Mädchen und Jungen besteht und die alte Crew zum Schluss aus 12 sich neu organisierenden (vielleicht einsichtigen?) Jungs und einem Mädchen zusammengesetzt ist. Fröhliche Illustrationen untermalen mit Witz und Überzeichnung das Komplott und die gescheiterte Racheaktion. Während Erwachsene und ältere Kinder eventuell hintersinnige Botschaften entschlüsseln, erfreuen sich die jüngsten BetrachterInnen ganz einfach am temporeichen Geschehen und an den farbenfrohen Bildern.

Beatrix Ochsenbein

Meeres Stille und Glückliche Fahrt
Johann Wolfgang Goethe, Illustration: Peter Schössow
Verlag: Hanser, Publiziert: 2004, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20433-4
Schlagwörter: Intertextualität

Da sitzt ein Männchen in seinem Boot auf dem Meer, orange Zipfelmütze, oranges Segel, gelber Annorak, und wartet auf Wind. Die Sicht ist diffus, kein Hauch über dem Wasser: Meeres Stille. So sehr sich der Schiffer auch umsieht, kein Lüftchen kommt auf. Bis in der Mitte des Buches die Sonne durch die Wolken dringt und Möwen den Einsamen begrüssen. Jetzt bläht sich das Segel, nimmt das Boot Geschwindigkeit auf, hat auch der Schiffer wieder zu tun. Rasant gleitet er durch die Wellen dem Lande zu, wo ein weisser, struppiger Hund den Rückkehrer erwartet. In den letzten zwei Bildern richtet sich der Blick vom Festland aus aufs Meer. Der Schiffer sitzt am Ufer, das Segel des Schiffes ist fein säuberlich aufgerollt, die Ebbe kommt.

Peter Schössow hat Johann Wolfgang von Goethes kurze Gedichte “Meeres Stille” und “Glückliche Fahrt” aus dem Jahr 1795 kongenial umgesetzt. Im ersten verkehrt sich die Idylle der spiegelglatten Meeresoberfläche, der Ruhe und des Einsseins mit sich selber ins pure Gegenteil – “Todesstille fürchterlich!”. Schössow wählt ein Meeresgrün als Hintergrundfarbe, nuanciert es von Seite zu Seite, setzt den Schiffer klein und verloren in diese Fläche hinein und jeweils zwei Verszeilen aus Goethes achtzeiligem Gedicht dazu. Bis in der Mitte des Buches eine Doppelseite ohne Text folgt: die fahle Sonne am Horizont und ein paar Möwen ums Schiff, sichere Zeichen, dass die Rückkehr gelingt. Auf der nächsten Doppelseite greift denn auch der Wind in die Segel, wird „Glückliche Fahrt“ verheissen. Jetzt mischen sich Blautöne ins Grün, spritzt Gischt ans Boot: “Es naht sich die Ferne; / Schon seh‘ ich das Land!” Schössow gelingt es, den Rhythmus von Goethes Versen in Bilder umzusetzen. Eine solche Annäherung an klassische Gedichte machen auch Kinder gerne mit, zumal bei jedem Ansehen dieses Buches wieder neue Geschichten entstehen.

CHRISTINE TRESCH

Ich bin aber noch gar nicht müde
Ralf Schweikart
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2004, Seiten: 254, ISBN/ISSN/EAN: 3-499-21263-3
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen

“Tommy, wo bist du? Es ist sieben Uhr, Zeit fürs Bettchen.” Das darf doch nicht wahr sein, denkt Tommy verzweifelt: “Es gab doch einen Unfall in der Wüste, und ich muss unbedingt Hilfe holen.” Die Uhren der Erwachsenen gehen anders als die der Kinder, ganz besonders, wenn es ums Einschlafen geht. Das gilt nicht nur für Tommy und seine Mutter in Jochen Tills Geschichte “Eine tolle Idee”, sondern für Millionen anderer Kinder und Eltern auf der ganzen Welt. Tommys Eltern denken sich eine raffinierte Strategie aus, um den kleinen Nachtmenschen in den Tiefschlaf zu versenken – doch die erprobteste Art, wache Kinder müde zu machen, ist immer noch die Gutenachtgeschichte.

Ralf Schweikart hat 36 AutorInnen unter dem Titel “Ich bin aber noch gar nicht müde” eine Geschichte “für wache Kinder” schreiben lassen, von Tamara Bach, Martin Baltscheit und Bruno Blume über Adelheid Dahimène und Paul Maar bis Jürg Schubiger und Bettina Wegenast. Die einen halten sich an die Devise, eine Gutenachtgeschichte müsse vor allem eine gut erzählte Geschichte sein, egal, worum es geht, während andere die Kinder mit allerlei Traumwesen in die Grenzzone zwischen Traum und Wachen zu locken versuchen: mit dem Drachen Morfus, der Nixe Ninovee, dem Sandmännchen oder einem blauen Pferd. Eine dritte Kategorie von Geschichten macht den ewigen Konflikt ums Schlafengehen gleich selbst zum Thema, und da gibt es viel zu lachen. Etwa, wenn Erwin Grosche verkehrte Welt spielt und Timmi seinen Papa ins Bett schicken lässt, oder wenn Ludwig, der nie allein schlafen wollte, in Bernhard Hagemanns Geschichte vor den Fusstritten des schlafenden Vaters ins leere Elternbett flüchtet. Nicht alle Texte sind gleich gut, doch die Vielfalt ist so gross, dass es für jede Laune, jedes Alter zwischen vier und acht Jahren und jeden Wachheitsgrad die richtige Geschichte gibt.

CHRISTINE LÖTSCHER

Wunder kann man nicht bestellen
Guus Kuijer, Illustration: Alice Hoogstad
Aus dem Niederländischen von Sylke Hachmeister
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2004, Seiten: 95, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4019-8
Schlagwörter: Generationen | Familie/Familienformen | Religion

Polleke, die Dichterin und Lebenskünstlerin, ist im vierten Band schon zwölf Jahre alt und einige der Probleme, mit denen sie bisher konfrontiert wurde, lösen sich. Polleke geht wieder mit Mimun, ihrem marokkanischen Freund, weil sie ihn mag, auch wenn daraus, wie die Erwachsenen sagen, nichts werden kann; ihre Mutter und Lehrer Walter heiraten (endlich) und Spiek, Pollekes Vater, nimmt keine Drogen mehr, sondern läuft in einem langen Kleid herum und meditiert, weil er in Nepal „sich selbst gefunden“ hat. Polleke schämt sich ein bisschen wegen dem Kleid, vor allem, als sie zusammen Opa im Krankenhaus besuchen, aber dann merkt sie, dass auch andere Männer Kleider anhaben. Der Pastor in der Kirche zum Beispiel, wo die Maria steht, die vielleicht ein Wunder vollbringen kann. Polleke bittet sie, dafür zu sorgen, dass Opa noch nicht stirbt: Er muss sich nämlich am Bauch operieren lassen. Doch Wunder lassen sich nicht bestellen, erfährt Polleke. Opa hat Krebs und wird sterben, er zeigt ihr den Platz auf dem Friedhof, wo er dann liegen wird – fast nicht auszuhalten ist das für Polleke. Zum Glück kann sie aber Gedichte schreiben, es ist ihre Art, sich auszudrücken. Die in den Erzähltext eingefügten Proben geben dem berührenden und unaufdringlich lebensklugen Text eine sanfte Tiefe.

VERNEA STÖSSINGER

Das goldene Herz
Ulf Stark
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2004, Seiten: 93, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55156-1
Schlagwörter: Gefühle | Musik

Eine Sommergeschichte in ruhigen Einzelbildern, die in ihrer Zuversichtlichkeit etwas Märchenhaftes haben (und in einzelnen Motiven deutlich an H. C. Andersens „Schneekönigin“ erinnern); eine Geschichte ohne Umwege und in recht grosser Schrift, die etwas gestreckt wirkt trotz der vielen pfiffigen Illustrationen. Hauptfigur ist Ludwig. Er steht gerade beschäftigungslos im Tor, da bekommt er einen „Sonnenfunken“ ins Auge: Es ist der Reflex eines Schmuckstücks, das Katarina trägt, die dem Spiel zuschaut. Der Schmuck ist ein goldenes Herz und geht gleich darauf im See verloren, aber Ludwig taucht und findet es. Dann stehen die Verliebtheits-Proben an; aber wie beweist man einem Mädchen, dass man es ernst meint? Blumen kaufen, Eis spendieren und Geschenke machen können andere auch, lernt Ludwig – aber als Katarina beim Vorspielwettbewerb auftaucht und ihm das goldene Herz auf den Flügel legt, vergisst er den Beethoven-Satz und spielt aus dem Stand das russische Lied, das sie immer singt. Er spielt nämlich „mit dem Her-zen“; das ist sein Liebes-Beweis und macht ihn glücklich, auch wenn er aus dem Musikwettbewerb ausscheidet, für den ihn Herr Henningsen, der seinerseits in Ludwigs Mutter verliebt ist, so sorgfältig trainiert hat.

VERENA STÖSSINGER

Der Sommer mit Alfred
Jan Slepian
Verlag: Dressler, Publiziert: 2004, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-1953-0
Schlagwörter: Behinderung | Freundschaft

Das Buch hat autobiografische Wurzeln, bekennt die Autorin im Vorwort. Ihr behinderter Bruder war „eine ewige Sorge für die Familie. Wir alle hielten sein Leben für zerstört, verschwendet“, eine Sicht, die durch das Schreiben „auf den Kopf gestellt“ worden sei. Der Text, der 1937 in New York spielt (und 1980 im Original herauskam), ist eine subtile Annäherung an die Lebenswirklichkeit junger Behinderter. Im Zentrum stehen Lester, ein Spastiker mit Sprachstörungen, und Alfred, der hinkt, geistig behindert ist und schliesslich auch epileptische Anfälle bekommt. Die beiden finden Halt aneinander und zusammen mit dem dicken, schüchternen Myron und Claire, dem Mädchen, das aussieht wie ein Junge, erleben sie einen Sommer voll Freundschaft und Abenteuer, was den „Normalen“ allerdings nicht immer nur recht ist. Sie sind selbst auch gefangen in ihren Vorurteilen, Hemmungen und Überlegenheitsgefühlen Behinderten gegenüber. Der Text beschreibt die gegenseitigen Abhängigkeiten sehr sorgfältig und macht dabei nicht nur deutlich, wie fliessend die Grenze zwischen „normal“ und „nicht-normal“ ist, sondern offenbart auch die Kluft zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, etwa indem das Erzählen zwischen Lesters Ich- und der Er-Perspektive hin und her geht.
VERENA STÖSSINGER

Mia Minzmanns Mäusezucht
Sigrid Zeevaert
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2004, Seiten: 140, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5053-X
Schlagwörter: Freundschaft | Arbeit | Tiere

Mia, die Hauptfigur, ist altersmässig schwer einzuschätzen – einerseits schreibt sie in der Schule schon lange Aufsätze, andererseits wirkt sie doch recht naiv: Sie ist nämlich der Überzeugung, dass sie und ihre plötzlich arbeitslose Mutter, die bisher „für eine Agentur malte“, bald verhungern müssen, wenn sie selbst nicht aktiv wird und anfängt, Geld zu verdienen. Und sie hat auch gleich eine Idee, wie das ganz leicht zu machen wäre: mit Mäusen, die sich schnell vermehren und gut verkaufen lassen. Vom Taschengeld ihrer Freundin schafft sich Mia also zwei Mäuse an und eröffnet in ihrem Zimmer eine Mäusezucht. Das geht nicht lange gut. Die Mäuse verstecken sich und schaffen damit neue Probleme; Mia und ihre Mutter müssen sich helfen lassen, lernen so aber einen netten Nachbarn kennen, der Mutters Arbeiten mag und ihr Kontakte verschaffen kann, die neue berufliche Perspektiven eröffnen.

Das Buch erzählt phantasievoll und sehr optimistisch davon, wie Kinder auf plötzliche soziale Verunsicherungen reagieren und sie bannen können. Es wird dabei jedoch kaum je Bedrückung spürbar, Ratlosigkeit oder gar wirkliche Not. Gezeichnet wird eine kindliche, freundliche Welt, in der das Wünschen noch hilft.

VERENA STÖSSINGER

Black Mail
Thomas Feibel
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2004, Seiten: 242, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-7024-5

Erwachsene sind misstrauisch gegenüber Computerspielen; die Jugendlichen lieben sie. Genauso, wie sie gern laute Musik hören und ihre Stars verehren, manchmal bis zum Exzess. Thomas Feibel, der sich als Journalist und Spezialist für Kinder und neue Medien einen Namen gemacht hat, wählt in seinen Jugendromanen bewusst Themen aus der Jugendkultur und nimmt die Begeisterung der Jugendlichen zunächst einmal ernst. In “Play Zone” (Sauerländer 2003) spielte er die Logik des Computerspiels im Genre Sciencefiction bis zur letzten Konsequenz durch.
Konsequent ist auch Johnny, der Protagonist von Feibels neuem Roman “Black Mail”. Er hat sich vorgenommen, der grösste aller Fans des satanistisch angehauchten Rockstars Darlis Diller zu sein. Eigentlich ist Johnny ein ganz normaler Junge, intelligent, vernünftig und sensibel, doch seine Satanistenkluft macht ihn schnell einmal zum Opfer von Vorurteilen – im Verlauf der Geschichte sogar zum Mordverdächtigen. Missverstanden werden ist denn auch das psychologische Grundthema des Romans. Durch einen dummen Zufall verirrt sich eine Mail einer schwedischen Interneterpresserbande in Johnnys Mailbox, und von da an sind die Erpresser hinter ihm her.
Feibel führt drei Erzählebenen ein – Johnny auf der Reise, Darlis Diller auf Tournee, die Internetbande, die Jagd auf ihre Opfer macht – und verwickelt sie geschickt ineinander. Das Buch ist vom ersten Moment an so spannend, dass man es zu Ende lesen muss, ob man will oder nicht – eine Lektüre, die klar auch männliche Jugendliche im Visier hat, die es gern schnell und actionreich haben. “Black Mail” arbeitet mit Krimielementen, ist aber eher ein Thriller; die LeserInnen kennen die Täter von Anfang an. Man fiebert nicht bei der Auflösung mit, sondern zittert mit Johnny, der immer mehr in Bedrängnis gerät.
Was Feibel in seinen Romanen perfekt beherrscht, ist die Kombination von rasender Spannung – dem reinsten Unterhaltungslesen – mit einem moralischen Anliegen. Johnny erkennt bald einmal, wie das Musikgeschäft läuft, doch Feibel vermittelt diese Einsicht nicht mit dem didaktischen Zeigefinger, sondern mit den Mitteln des Erzählers. Anders als in “Play Zone”, das im Alptraum einer von jugendlichen Computermenschen gesteuerten Welt endet, ist am Ende von "Black Mail" alles wieder in den Fugen, wie es sich für einen klassischen Krimi gehört. Die Erwachsenen kapieren endlich, worum es geht, und greifen ein – und Johnny findet seine wahre Bestimmung: nicht als Fan von Darlis Diller, sondern als begabter Gitarrist, der selbst auf der Bühne steht – und auch die grosse Liebe.
CHRISTINE LÖTSCHER

Summertime Blues
Julia Clarke
Aus dem Englischen von Cornelia Stoll
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2004, Seiten: 246, ISBN/ISSN/EAN: 3-4078-0917-4

Sie ist das hübscheste Mädchen, das Alex jemals gesehen hat. Trotzdem ist er vom ersten Moment an fest davon überzeugt, dass er Faye hassen wird. Schliesslich ist diese “kleine Miss Vollkommen” die Tochter des neuen Freundes seiner Mutter. Da hält er sich doch lieber an die burschikose Louie mit den Rastalocken, den grünen Katzenaugen und einem ganzen Stall hilfsbedürftiger Tiere.
Es ist kein unbeschwerter Sommer, den Julia Clarkes 17-jähriger Ich-Erzähler auf dem Land durchlebt. Gegen seinen Willen muss er die Ferien in einem kleinen Cottage in Yorkshire verbringen, weil seine Mutter das Haus in London vermietet hat und bei seinem Vater und dessen hochschwangerer Freundin auch kein Platz für ihn ist. Gegen seinen Willen verliebt er sich in Louies Ziegen, das alte Pferd Fred, die Hunde- und Katzenbabys, das beschauliche Leben auf dem Land –und Faye.
Julia Clarke lässt uns die inneren Kämpfe ihres Helden hautnah miterleben, lässt ihn mal wütend, mal traurig, mal überschwänglich oder verzweifelt, aber immer berührend von den gegensätzlichen Gefühlen erzählen, die ihn “füllen wie eine randvolle Tasse, noch ein Tropfen und ich könnte sie verlieren”. Bis Alex eines Nachts bewusst wird, dass er “auf eine wundervolle, unbegreifbare Art endlich erwachsen geworden” ist – womit die Probleme eigentlich erst richtig anfangen.
Liebenswürdiges “Supergirl” trifft auf jungen Mann, der nach seinem Platz im Leben sucht. Einfühlend und mit leisem Humor erzählt "Summertime Blues" über das manchmal reichlich nervenaufreibende Auf und Ab im Leben von Heranwachsenden.
ANDREA DUPHORN

Asphalt Tribe
Morton Rhue
Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Schmitz
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2004, Seiten: 215, ISBN/ISSN/EAN: 3-4733-5246-2

Sie nennen sich “Asphalt Tribe”. Acht Jugendliche aus New York, die zwischen 14 und 24 Jahren alt sind, haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam die Schwierigkeiten und Gefahren eines vermeintlich freien Lebens auf der Strasse zu meistern. Rainbow hängt an der Nadel, 2Moro und Jewel verkaufen ihren Körper, verbringen die kalten Nächte beim Clubbing, und Maggot träumt von Anarchie. Mit dabei ist auch OG, der kränkliche Altjugendliche, sein Hund Pest, die erst vierzehnjährige Ausreisserin Tears und die Berichterstatterin Maybe. Diese erzählt bildhaft und ansprechend vom mühseligen Alltag – von Essensbeschaffung, Übernachtungsschwierigkeiten und Sauberkeitsaktionen in öffentlichen Waschräumen – von Hilfsbereitschaft und Zusammenhalt, aber auch von Spannungen unter den Mitgliedern des Tribes, vom Rausch der Freiheit und der Unfähigkeit, Hilfsangebote anzunehmen. Sie kommt zur ernüchternden Erkenntnis, dass ein Überleben auf der Strasse auf die Dauer nicht möglich ist. Mit jedem kurzen, in die Kapitel eingestreuten Polizeibericht verschwindet ein weiteres Mitglied durch Mord, Erschöpfung, Alkoholvergiftung oder Rückkehr zur Familie. Maybe beobachtet genau und reflektiert – so gelingt es ihr schliesslich, das Angebot des Jugendamtes zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft anzunehmen.
Im Nachwort schlägt Markus Seidel die Brücke zu deutschen Verhältnissen. Die Erfahrungen von Fachpersonen und die fiktive Schilderung bieten der angesprochenen Zielgruppe ein gutes, recht realistisches und umfassendes Bild über das Leben von obdachlosen Jugendlichen in Grossstädten Europas und der USA.
Beatrix Ochsenbein

Sommerland
Michael Chabon
Aus dem amerikanischen Englisch von Reiner Pfleiderer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2004, Seiten: 478, ISBN/ISSN/EAN: 3-4462-0441-5

Ethan ist ein Loser. In jedem Spiel seiner Baseballmannschaft hofft er inständig, nicht aufs Feld zu müssen, um sich nicht wieder wegen verpatzter Spielchancen zu blamieren. Doch sein Leben und seine Meinung über Baseball ändern sich schlagartig, als er von Chiron Brown als Held angeheuert wird und verhindern soll, dass der böse Kojote das Ende der Welt verursacht. Irgendwie scheint Baseball dabei eine ganz wichtige Rolle zu spielen. Und so muss Ethan auf seinem Weg durch fremde Parallelwelten nicht nur seine Fähigkeiten als Catcher trainieren, wenn er seinen entführten Vater befreien und die Welt retten möchte, sondern vor allem sein Selbstvertrauen …
“Sommerland” ist ein seltsames Buch. Einerseits will Chabons Gestaltung des Universums als Weltenbaum, die auf die nordische Mythologie (die Weltesche) zurückgreift, fantastische Möglichkeiten für einen Fantasyroman bergen. Andererseits wird die vorstellbare Ausgestaltung dieser Grundidee verdorben durch den anderen grossen Pfeiler, auf den Chabon seinen Roman stützt: Baseball. Nicht genug damit, dass der Roman übersättigt ist von Baseballbegriffen (sie werden im Anhang erklärt) – Baseball scheint die Antwort auf alle Fragen der Romanhandlung zu liefern. Schon die Beschreibung von Ethans Patzern auf dem Baseballfeld zu Beginn des Romans erinnert an die “Peanuts”, und “Chiron Brown” klingt verdächtig nach “Charlie Brown”. Und was tut man, wenn man in einer fremden Welt von einem Riesen "wie ein Rightfielder" aus dem Himmel gepflückt wird und verspeist werden soll? Ganz klar: Man spielt Baseball gegen ihn.
Diese oft etwas an den Haaren herbeigezogene Einbindung des US-amerikanischen Nationalsports bewirkt leider, dass die LeserInnen Chabons Welt und die Probleme seiner Figuren nicht so recht ernst nehmen können. Zudem scheint die Geschichte durch die deutsche Übersetzung zusätzlich an Ernsthaftigkeit zu verlieren (das Reisen zwischen den Welten heisst hier “flitzen”, der Kojote will die Welten verbindenden Gallen “durchhauen”).
Auch die Figuren, die Chabon im Laufe der Handlungsentwicklung aus dem Ärmel schüttelt (zum Beispiel “Werfüchse” und die Pygmäenindianerbaseballspieler, die “Ferischer”), haben weniger “authentische” Züge, sondern sind viel eher in einem Disney-Zeichentrickfilm oder – anschliessend – als Merchandisingartikel denkbar.
Die Handlung selbst ist kurzweilig und mit vielen amüsanten Details versehen. Zwar leidet auch sie etwas unter der Beliebigkeit der Autoreneinfälle (die Motivation des Kojoten, das Weltende einzuläuten, scheint schlicht darin zu bestehen, dass “der Kojote so was eben tut”), bietet aber genügend Stoff für einige nicht allzu tiefgründige Schmökerstunden – wenn man Baseball mag.
CHRISTIAN KÖLZER

Nennt mich einfach Tad
Ruth White
Aus dem Englischen von Eva Riekert
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2004, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 3-7725-2249-1
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Identität/Individualität | Familie/Familienformen

Eigentlich heisst er Winston Churchill Birch. Doch seit er gewettet hat, eine lebende Kaulquappe zu verschlucken – und sie eine Stunde später (lebend!) wieder ausgespuckt hat, nennen ihn alle nur noch „Tadpole“ (Kaulquappe) – bis Carolina, die jüngste der vier Collins-Schwestern ihren Cousin eines morgens mit Tad anspricht. „Tad? … Ich glaube, das gefällt mir … Heute ist ein neuer Tag … und die Zeit ist reif für einen neuen Namen … Tad? Ja. Das klingt irgendwie gut.“
Tad ist Vollwaise. Nachdem er Jahre lang von Verwandten zu Verwandten gereicht worden ist, lebt er bei Onkel Matthew und dessen Frau. Einem hartherzigen, verbittertem Ehepaar, für das der musikalisch begabten Jungen nicht mehr als eine billige Arbeitskraft ist. Als der 13-Jährige eines Tages ausgepeitscht wird, läuft er davon – und sucht bei seiner allein erziehenden Tante Serilda und deren Töchtern Zuflucht.
Aus der Ich-Perspektive lässt Ruth White die Jüngste Collins-Tochter von der Zeit mir Tad erzählen. Mit seiner herzlichen, lebensbejahenden Art reisst dieser alle mit, lässt sie so manchen Kummer vergessen – und schon bald mehr Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Der Erzählton dieser in ihrer Schlichtheit sehr poetischen Familiengeschichte, in die die US-amerikanische Erfolgsautorin viele Kindheitserinnerungen einfliessen liess, spiegelt die Atmosphäre der Zeit wider, bezieht schöne und weniger schöne Momente im Leben einer armen Familie ein. Eine warmherzige Hommage an das Kentucky der 50-er Jahre. Und ein Roman, der Mut macht, Träume wahr werden zu lassen…
ANDREA DUPHORN

Ach wie gut, dass niemand weiss
Gabrielle Alioth
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2004, Seiten: 170, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00945-6

Haben Sie Lust, eine Geschichte für Kinder- oder Jugendliche zu schreiben? Etwa so muss die Anfrage gelautet haben, die von der Schweizer Autorin Gabrielle Alioth an 16 KollegInnen ging. Daraus entstanden ist der Geschichtenband “Ach wie gut, dass niemand weiss”, der Texte von erfahrenen Schreiberinnen und Schreibern für Kinder versammelt (Franz Hohler, Brigitte Schär oder Jürg Schubiger), aber auch Beiträge von AutorInnen, die vor allem den Erwachsenenmarkt bedienen, (Martin R. Dean, Thomas Hürlimann, Klaus Merz). Eine illustre Schar also, die einen bunten Geschichtenstrauss abgeliefert hat. Da finden sich fantastische Erzählungen und solche mit fantastischen Elementen, wie die Märchenpersiflage von Gabrielle Alioth oder die Geschichte der Katze, die auf einer Reise gegen Süden zu sprechen anfängt, von Martin R. Dean. Es gibt realistische Beiträge, etwa von Catalin Dorian Florescu über einen Jungen in Rumänien oder Klaus Merz’ Erzählung von zwei jungen Wildbeobachtern, die einen Hasen zu Tode hetzen. Und zweimal nutzen Autorinnen (Anita Siegfried und Verena Stössinger) das Genre Tagebuch, um über Sehnsüchte von flügge werdenden Mädchen zu berichten.
Nicht jede Geschichte überzeugt gleichermassen, und auch nicht jede ist für ein Lese- oder Vorlesebuch geeignet. Wirklich ärgerlich an dieser Publikation aber ist das Label, unter dem sie verkauft wird: Nichts Schweizerisches lässt sich hier festmachen, weder in der Themenwahl noch in der literarischen Umsetzung. Und auch was Herkunft und Wohnort der beteiligten AutorInnen betrifft, ergibt sich kein einheitliches Bild. Bleibt einmal mehr als Erklärung das Marketingdenken eines Verlages, der glaubt, mit einer solchen Zuschreibung auch in Deutschland LeserInnen zu finden.
CHRISTINE TRESCH

Das visuelle Lexikon der Weltreligionen
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2004, Seiten: 439, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-4591-9

Auf den ersten Blick eine tolle Idee: Erklär mir die Welt der Religionen anhand von bunten Menschenbildern, geheimnisvollen Schriftzeichen, Symbolen und heiligem Kultgerät. Tatsächlich beginnt, wer dieses Lexikon in die Hand bekommt, sofort interessiert zu blättern. Fotos aus Tausendundeiner Nacht, Piktogramme aus Tempeln und Pyramiden, aktuelle Statistiken und Landkarten – sie alle ziehen das Auge magisch an. Und dann?

Nach der ersten Faszination stellen sich viele Fragen, die in knappen Bildunterschriften nur ausschnittweise Beantwortung finden. Zwar versuchen die AutorInnen in einleitenden Kapiteln, den Gesamtkontext der jeweiligen Religion oder Epoche herzustellen, doch sind die Bilder in ihrer Anziehungskraft und auch Verwirrungsmacht einfach stärker als die wenig ausführlichen Texte. Das visuelle Lexikon der Weltreligionen hat also seine “schönen Seiten” und entspricht auch dem visuellen Zeitgeist; wer aber vertiefte Information und Einführung in das Geheimnis von Veden, Thora und Koran erwartet, fängt irritiert zu blättern an.

Immerhin hilft das Glossar bei einem systematischeren Suchgang. Eher unsystematisch gestalten sich die Bildseiten: wie Buttons auf dem Kühlschrank hängen hier die Abbildungen herum. Da fällt es schwer, Zitate und Erklärungen richtig zuzuordnen: Zwischen der Erklärung zum buddhistischen “Rad der Lehre” und dessen bildlicher Darstellung quetscht sich zum Beispiel die Hand Buddhas ins Bild. So werden die Seiten eher überfrachtet als denn klar in ihren Aussagen.
Gerstenbergs Lexikon ist eine schönes Zweit- oder Drittbuch zum Thema Weltreligionen; es “illustriert” im wahrsten Wortsinn andere Infobücher, die ihrerseits oft zu textlastig sind. Als alleiniges Wissensbuch reicht es allerdings nicht.

JUDITH WIPFLER

Aufklärung für Kinder
Walter Benjamin
Verlag: Hoffmann und Campe, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-4553-0343-9

“Habt ihr schon mal beim Apotheker warten müssen und zugeschaut, wie der ein Rezept macht? Auf einer Waage mit ganz feinen Gewichten wiegt er Gramm für Gramm oder Zehntel für Zehntel all die Stoffe und Stäubchen ab, die das fertige Pulver ausmachen. So wie dem Apotheker geht es mir, wenn ich euch im Radio etwas erzähle. Meine Gewichte sind die Minuten. Und ganz genau muss ich abwiegen, wie viel von dem, wie viel von jenem, damit die Mischung auch richtig wird.”
So altmodisch beginnt die Doppel-CD mit Texten, die Walter Benjamin Ende der Zwanziger-, Anfang der Dreissigerjahre für die “Stunde der Jugend” des Südwestdeutschen Rundfunks geschrieben hat. 29 Kinder-Sendungen sind in dieser Zeit entstanden. Der Wortlaut der Beiträge war lange verschollen, erst 1985 sind sie erstmals veröffentlicht worden unter dem Titel “Aufklärung für Kinder”. Der Journalist Harald Wieser hat nun sechs Sendungen ausgewählt und aufgenommen, über E.T.A Hoffmann und Kaspar Hauser, über die Bastille und den Untergang Pompejis, über hilfreiche Hunde und Zigeuner. Walter Benjamin sprach nur sehr abschätzig über seinen Brotjob beim Radio. Dennoch: Die Texte haben ihre Leuchtkraft bis heute behalten.
Wie hier aus Miniaturen Wundersames entsteht, wie es Benjamin immer wieder gelingt, Beobachtung mit Beschreibung zu verquicken, in einem Detail, in einem Augenblick das ganze Leben aufscheinen zu lassen, das ist nicht anders als in seinen Hauptwerken für erwachsene LeserInnen.
Wenn nun in diesem Frühling die deutsche Integrationsbeauftragte Marieluise Beck in einem Schreiben den Verlag Hoffmann und Campe aufforderte, die CD vom Markt zu nehmen, ist das mehr als eine Posse. Stein des Anstosses für das Integrationsamt war der Beitrag “Die Zigeuner”. Er enthalte eine “quasi mythische Darstellung der Situation von so genannten ‘Zigeunern’ in der Zeit Benjamins” und sei geeignet, Stereotype und Vorurteile eher zu betonen, als zu hinterfragen. Offenbar hat das Integrationsbüro noch nie vom Philosophen Walter Benjamin gehört, der sich 1940 auf der Flucht vor den Nazis über die Pyrenäen das Leben genommen hat und dessen Werk zum Zentrum des aufgeklärten Denkens im 20. Jahrhundert geworden ist.
CHRISTINE TRESCH

Reisender mit schwerem Gepäck
Frederik Hetmann
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2004, Seiten: 276, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80924-7

Hetmann versteht es wie kaum ein anderer, die Lebensgeschichte von Intellektuellen und PolitikerInnen für Jugendliche nachzuerzählen. Walter Benjamins Leben entfaltet er von dessen Ende her, den letzten Stunden an der französisch-spanischen Grenze. Von da geht der Blick zurück in dessen Kindheit. Von dort aus schreitet Hetmann in kurzen, klar gegliederten Kapiteln dieses Leben ab, erzählt von Benjamins Arbeit, seinen vielen Reisen, von seinen Lieben und Freundschaften. Auch die umfangreiche Forschungsliteratur über Walter Benjamin hat Hetmann aufgearbeitet und bringt Erkenntnisse daraus sparsam ein. Eine äusserst gelungene Annäherung an Benjamins Leben und sein Werk für erfahrene und interessierte jugendliche LeserInnen und Erwachsene.
CHRISTINE TRESCH

Jo im roten Kleid
Jens Thiele
Verlag: Hammer, Publiziert: 2004, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-87294-949-7
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Emanzipation

Der Autor und Illustrator dieser Geschichte spürt, es ist ein Tabu, über dieses Thema ein Bilderbuch zu machen. Also wählt er eine unverfängliche Rahmenhandlung: Ein Opa erzählt seinem Enkel von früher. Zu sehen sind die beiden nur in Schattenrissen, so dass es genauso gut eine erzählende Frau sein könnte, das Gegenüber auch ein Mädchen. Die Binnengeschichte wird im Konjunktiv gehalten – eine mögliche Geschichte. Am Schluss aber folgt die Auflösung: Gar nichts ist erfunden in dieser Geschichte, sie ist wahr.
Die rote Farbe, die sich von Anfang an durch Grafik und Typografie zieht, wird auf die Erzählerin, den Erzähler zurückgeworfen: Sie oder er hat das selbst erlebt. Hat als Junge das Kleid der Mutter angezogen, sich Fantasien hingegeben und ist damit auf die Strasse gegangen. Ein Coming-out also. Geoutet als was? Als Homosexueller? Als Transsexuelle? Als Frau im männlichen Körper? Das bleibt offen. Angedeutet wird der Leidensweg zum Outing, die Gewalt, die der Junge erfahren hat, seine Isolation. Angedeutet wird durch eine der Rahmenhandlung voran- und nachgestellte Serie von Vignetten aber auch, dass das Coming-out eine Befreiung war.
Die Bilder fügen sich der kühlen Ästhetik der Computerillustration, die dargestellten Körper und das rote Kleid, Collagen aus Zeitungs- und Fotoschnipseln, können die schwarz-graue Hintergrund-Glätte nur teilweise aufreissen. Die Figurenzeichnung überzeugt nicht.
Dieses höchst komplexe Bilderbuch erfordert intellektuell eine hohe Leistung und emotionell eine ebenso grosse Bereitschaft, sich dem Thema und der Figur, die so anders ist, zu öffnen. Für Kinder im Bilderbuchalter ist das Buch deswegen nicht geeignet, ältere Kinder werden sich an der Unbestimmtheit der Figuren stören. Jugendliche, die sich von der Grafik am ehesten angesprochen fühlen könnten, dürften wegen der fehlenden inneren Entwicklung der Figuren unbefriedigt bleiben. Dennoch ist „Jo im roten Kleid“ in seiner Art einzigartig und lässt sich in der Vermittlung gezielt einsetzen.
BRUNO BLUME

Angstmän
Hartmut El Kurdi, Illustration: Karsten Teich
Verlag: Patmos, Publiziert: 2004, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-6019-3

Eine panische Heldengeschichte

Zuerst war das Theaterstück, dann kam die Hörspielfassung – sie erhielt 2002 den Deutschen Kinderhörspielpreis – und jetzt liegt „Angstmän. Eine panische Heldengeschichte“ als Buch vor. Es ist eine rasante Action-Story um die „fast neunjährige“ Jenny, die abends manchmal alleine ist, weil ihre Mutter arbeiten muss. Jenny macht dann alles, was sonst verboten ist – an jenem Abend aber entgleitet ihr das Geschehen. In ihrem Schrank sitzt nämlich Angstmän, „der begab-teste Schisshase des Universums“, der sich vor Pöbelmän versteckt, der hinter ihm her ist. Jenny und Angstmän verbarrikadieren die Tür und nageln die Fenster zu, doch Pöbelmän findet einen Zugang und erweist sich tatsächlich als „ein echtes Superhelden-Schwein“. Er fesselt und plagt auch „Jennifermän“, indem er sie etwa zwingen will, Popel zu essen. Zum Glück beginnt er bei verbaler Gegenwehr zu schrumpfen und versöhnt sich schliesslich mit Angstmän. Die beiden ziehen ab ins All, und Jenny weiss, dass ihr die Mutter wieder nicht glauben wird, was sie erlebt hat…
Der Text erzählt handfest, komisch und sprachlich ziemlich salopp von Angst, Brutalität und Ohnmacht, wobei die extremen Verhaltensweisen der comicartig gezeichneten Figuren mit frühen Prägungen erklärt werden: das wirkt plausibel, wenn auch etwas einfach.
VERENA STÖSSINGER

Rückwärts durch die Luft
Hermine Landvreugd
Aus dem Niederländischen von Anna Blankenburg
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2004, Seiten: 125, ISBN/ISSN/EAN: 3-8910-6427-6

Ein recht drastischer Text, der provoziert und mit dem man Kinder nicht allein lassen sollte. Im Zentrum stehen Willem, ein Primarschüler, sein grosser Bruder Mick, den er bewundert, und des-sen Freundin Nathalie: Drei wilde Stadtkinder, denen niemand Grenzen setzt und die deshalb den Unterschied zwischen Streich, Unfug, Gefährdung und Straftat nicht kennen und ständig nur Spass und Action suchen. Sie klemmen Luftballons an Auspuffrohre, klauen und lügen, fahren zu dritt Mofa oder mit einem „ausgeliehenen“ Rollstuhl im Verkehr herum und denken sich schreckliche Mutproben aus: Mick zum Beispiel soll in einen Wäschetrockner klettern, in dem er dann auch prompt fast umkommt. Die Eltern der drei Kinder sind schwach, überfordert oder selbst gewalttätig (wie Nathalies Vater, der im Gefängnis sitzt). Wenn sie einmal reagieren und die Kinder zur Verantwortung ziehen oder strafen, dann geschieht das so übertrieben und inkonsequent, dass es wirkungslos bleibt.
Erzählt wird aus der Perspektive des „Babys“ Willem, der neben seinen Werwolf-Fantasien wenigstens ab und zu noch Ängste und Hemmungen hat. Weil sich die LeserInnen wohl am ehesten mit ihm identifizieren werden, verlieren sie (hoffentlich) die kritische Distanz zum Erzählten nie ganz.
VERENA STÖSSINGER

Eichhörnchenzeit oder Der Zoo in Mamas Kopf
Brigitte Minne, Illustration: Marja Meijer
Aus dem Niederländischen von Andrea Khuitmann
Verlag: Patmos, Publiziert: 2004, Seiten: 103, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-6021-5
Schlagwörter: Krankheit

Am liebsten hätte Amber „eine ganz normale Mutter“, dann könnte sie sich dem Fussball spielen widmen und käme endlich in die Jungenmannschaft hinein. Aber ihre Mama verwandelt sich ständig in irgendwelche Tiere, ist einmal Schmusebärin und einmal Giftschlange, dann wieder Zirkusaffe oder Hase, und da solche Wesen natürlich keinen Haushalt führen können, muss Am-ber aufräumen, kochen, den kleinen Bruder versorgen und gelegentlich auch kräftig lügen. Papa sagt abends dann zwar „mein tapferes Mädchen“ zu ihr, aber das macht die Probleme nicht klei-ner und auch nicht den Schmerz, wenn etwa ein Nachbarskind die Mama „Dorfidiotin“ nennt, weil sie aufgetakelt wie Miss Piggy am Fussballplatz aufkreuzt. Wenigstens hat Amber einen Freund, der zu ihr hält – aber erst, als die Familie sich dazu durchringt, Mutters Verhalten als psychische Krankheit zu sehen und ärztlich behandeln zu lassen, wird eine Entspannung möglich und Amber kann sich endlich voll auf das Fussballtraining konzentrieren.
Das Buch erzählt feinfühlig und in sehr eingängigen Bildern von psychischen Problemen, von kindlicher Überforderung und der Notwendigkeit, akzeptieren zu lernen, dass „die Dinge sind, wie sie sind“. Denn dann werden sie erst veränderbar.
VERENA STÖSSINGER

Mit und ohne Hotte
Sigrid Zeevaert, Illustration: Charlotte Panowsky
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2004, Seiten: 155, ISBN/ISSN/EAN: 3-5221-7627-8
Schlagwörter: Gefühle

Lino ist zehn Jahre alt, lebt bei der Mutter und findet das ganz gemütlich und in Ordnung, jedenfalls, wenn sie nicht verliebt ist und kein Mann um sie herumscharwenzelt. Sobald das aber passiert, wird Lino zum „kleinen Ekel“, bis er den Eindringling vergrault hat. An dieses Rezept hält er sich auch bei Hotte, Mamas Neuem. Der benimmt sich zwar anders als die Bisherigen und sieht anders aus, und ausserdem spielt er E-Gitarre, war in einer Band, fuhr zur See und kann dreiköpfige Drachen bauen. Er verkörpert also genau das, was Lino bewundert, weil er zunehmend auch männliche Vorbilder sucht und Ratschläge, nicht zuletzt für das Verhalten Mädchen gegenüber. Bald hat er jedenfalls keine Lust mehr, eklig gegen Hotte zu sein, sondern wünscht sich ihn geradezu als neuen Vater, und deshalb fühlt er sich betrogen, als die Beziehung zwischen Mama und Hotte zu Ende ist. „Was ist eigentlich immer so schwierig an dieser Liebe, die kommt und wieder geht?“, fragt er sich. Das Buch zeigt, wie ein Junge sich zurechtzufinden versucht im aufbrechenden Durcheinander von Gefühlen, Wünschen und Rollen und bietet eine Lösung, die allen Beteiligten gerecht wird: Lino kann Hotte nämlich durchaus als Freund und Gitarrenlehrer behalten, auch wenn Mama ihn nicht mehr liebt.
VERENA STÖSSINGER

Rosie in Wien
Monika Helfer, Illustration: Brigitta Heiskel
Verlag: NP-Verlag, Publiziert: 2004, Seiten: 55, ISBN/ISSN/EAN: 3-85326-283-X
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie | Freundschaft

Rosie ist allein, aber nicht einsam. Sie durchstreift die Wiener Innenstadt, ist aber nicht auf der Suche nach Sehenswürdigkeiten: Sie sucht nach einem Saxophon, das die hundertjährige Lucia verloren hat. Oder ist es ihr gestohlen worden? Ohne das Instrument kann Lucia, ehemals Artistin, jetzt artistische Saxophonspielerin, kein Geld mehr verdienen. Also erzählt sie Geschichten aus ihrem Leben, für die Rosie ihre letzten Reservedollars hergibt. Unterwegs findet sie praktischerweise ihre FreundInnen wieder: Loisl, der schwarze Junge aus New York, und Ruta, das litauische Mädchen aus ihrem Buch. Zusammen erkunden sie auch Wiens Extreme: Kanalisation, Obdachlose, McDonalds. Den entscheidenden Tipp in Sachen Saxophon erhalten sie aber von der goldenen Statue von Johann Strauss, und Lucia spielt endlich wieder Saxophon.
„Rosie in Wien“ ist genau so schräg und aussergewöhnlich, wenn auch nicht mehr ganz so dicht wie sein Vorläufer „Rosie in New York“. Erzählt wird ohne Rücksicht auf Kinderbuchkonventionen, die Illustrationen mit Pinsel, Kleber und Wiener Schnickschnack spielen auf der Kante zwischen Kitsch und Plakatkunst. Vom Genre lässt sich das Buch zwischen Reiseliteratur und Fantastik ansiedeln. Verlockend für jene, die Wien noch nicht kennen, amüsant für die anderen, die die Stadt schon lieben oder hassen.
BRUNO BLUME

Das Tagebuch der Daffodil
Debora Zachariasse
Aus dem Niederländischen von Eva Schweikart
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2004, Seiten: 180, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-7021-0
Schlagwörter: Freundschaft | Freundschaft

Daffodil zu heissen, ist schon schwer genug. Aber mit dreizehn Jahren bereits achtzig Kilo zu wiegen und mit einer gertenschlanken Mutter zusammenzuleben, die ob der Vorliebe für indische Philosophien den Liebsten ziehen liess und für ihre Tochter bislang nur sehr beschränkt Zeit hatte, da ist man wirklich vom Schicksal getroffen. Als Daffodils Mutter ihre Krebserkrankung vertuscht und ihre Tochter damit in grosse Ängste und Schuldgefühle stürzt, ist es Zeit für Daffodil, den Dingen ins Gesicht zu schauen. Denn eigentlich hat ihre Mutter keine Liebe und Fürsorge für sie übrig. Das erkennt die Protagonistin nach und nach, und sie lernt auch, ihren Vater nicht mehr nur aus der Sicht der Mutter zu verurteilen. Als er ihr anbietet, fortan bei ihm und seiner neuer Familie ein wirkliches Zuhause zu finden, nimmt sie den Vorschlag an. Ohne ihre Freundin Athe und die Turnlehrerin, die sich jeden Morgen mit ihr über die Runden quält, hätte Daffodil den Weg zu sich selber nicht gefunden.
Daffodil ist eine sympathische, offene Hauptfigur, der man gerne folgt auf ihrem Selbstfindungsprozess. Der Autorin gelingt es aber auch, das Tabu der herzlosen Mutter glaubwürdig darzustellen und ihrem lieblosen, sterilen Alltag andere Lebensentwürfe gegenüber zu stellen, die weniger geordnet sind, aber dafür mit viel mehr Zuneigung versehen. Lesefutter pur für Mädchen.
CHRISTINE TRESCH

Kleiner Drache grosse Wut
Thierry Robberecht, Illustration: Philippe Goossens
Aus dem Niederländischen von Andrea Khuitmann
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2004, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-5046-5
Schlagwörter: Identität/Individualität

Alltagssituation im Kinderzimmer: “Nein heisst nein!”, sagt die Mutter mal wieder, und das Söhnchen schmollt. Und steigert sich zusehends in einen wahrhaften Wutanfall hinein, der aus ihm einen alles zerstörenden, Feuer schnaubenden Drachen macht. Doch irgendwann ist die Wut verraucht, das Kind schämt sich ein bisschen und ist froh, wenn Mama und Papa ihm versichern: “Wir haben dich doch lieb!”.
Kann man Wut malen? Der belgische Zeichner Philippe Goossens findet mit dem immer mächtiger werdenden, Seiten sprengenden Drachen eine sehr treffende Umsetzung. Und das Schmollen in Brauntönen entwickelt sich nach und nach zu einem feuerroten, hochexplosiven Farbgemisch. Die Typografie steht den Bildern in nichts nach: regelmässige Buchstaben zu Beginn und beim versöhnlichen Ende, dazwischen Wutausbrüche in Riesenlettern, unkontrolliert und wild herausgespuckt – so sieht die Wut in Wort und Bild aus.
Ein starkes Buch über ein schwieriges Gefühl und dessen Zähmung – ideal zum Gemeinsamansehen und Darübersprechen. Vorbildlich ist auch die Rolle der Eltern: abwartend, liebevoll und verständnisvoll. Hier können tatsächlich alle etwas lernen.
MAJA MORES

Im Schatten der Wächter
Graham Gardner
Aus dem Englischen von Alexandra Ernst
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2004, Seiten: 199, ISBN/ISSN/EAN: 3-7725-2251-3
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Der dreizehnjährige Elliot hat aus den Erfahrungen gelernt: Nur wer nicht auffällt, Mittelmass verkörpert, hat eine Chance, zu überleben. Der Umzug der Familie in eine andere Stadt muss sein Leben verändern. Elliot kauft sich eine neue Schuluniform, lässt sich die Haare schneiden, legt sich eine Maske zu, die verbergen soll, dass er immer noch Angst hat davor, in den Toiletten oder versteckten Ecken der Pausenhöfe zusammengeschlagen zu werden, nur weil er Elliot ist. Der neue Elliot gibt sich abgeklärt, cool, unnahbar. “Inventing Elliot” heisst denn auch der englische Originaltitel.
Elliots zweite Haut ist so perfekt, dass die Clique, die an der neuen Schule das Sagen hat – die drei Jungs aus der Abschlussklasse nennen sich “Wächter” –, sich für Elliot zu interessieren beginnt. Die Bibel der Wächter ist George Orwells “1984”, ihre Leitfigur Dr. Mabuse, ihr Credo: “Der Zweck der Kontrolle ist die Kontrolle. Der Zweck der Folter ist die Folter.” Die Wächter führen Strafaktionen durch, nicht zu viele, damit die Schaulust und Neugier der Schüler (Mädchen machen keine mit) erhalten bleibt. “Der wahre Henker ist die Masse”, hat Elias Canetti in “Masse und Macht” geschrieben.
Elliot findet sich über Nacht in der Rolle derjenigen wieder, die ihm bislang schlaflose Nächte bescherten. Er soll den alten Elliot endgültig tilgen, jenen Elliot, der den invaliden Vater liebt, der die Mutter in die Arme nehmen und Louise, seine erste Liebe, nicht verlieren möchte.
Graham Gardner ist ein beklemmendes Debüt gelungen über Mobbing, die Mechanismen der Macht und die unterschiedlichen Lesarten eines Buches. Elliot erfährt nämlich, dass man “1984” auch anders lesen kann als es die Wächter tun. Das ist der erste Schritt zurück zu sich selber.
CHRISTINE TRESCH

Wer ist der Grösste?
Paul Maar, Illustration: Peter Gut
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2004, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6862-9
Schlagwörter: Eifersucht/Neid

Der Mond prahlt, der grösste zu sein. Als er sich in einer Pfütze spiegelt, schliesst die Pfütze daraus, dass sie grösser sein müsse, da er ja Platz in ihr hat. Dasselbe denkt der Hase, der die Pfütze austrinkt. Voller Begeisterung verkündet er seine neue Selbsterkenntnis durch die Nacht. Das ist aber sein Verderben, denn der Fuchs hört ihn. Der Mond hingegen gibt noch nicht auf und prahlt weiter – bis die Sonne ihn vertreibt. Diese Geschichte erzählt die Grossmutter der beiden Brüder, die sich darum streiten, wer der Grössere sei, und erklärt, dass beide genau gleich gross sind. Diese Schlichtung freut die Brüder, hindert sie aber nicht daran, sich nun darum zu streiten, wer der Stärkere sei.
Das brüderliche Verhalten ins Licht der Gleichstellungsfragen zu rücken ist ein Trend im Bilderbuch. Paul Maar benötigt dafür nicht mal mehr eine Schwester, dafür eine weise Oma. Er lässt die Geschichte bei den Inuits spielen, denn dort „hört man noch sehr auf die Alten“. Dem Trend entspricht Maar auch, indem er die Jungen nur für den Moment bändigt und ihnen ihre Eigenheit lässt, was beim kindlichen Publikum einen klaren Aha-Effekt auslöst. Peter Gut illustriert die Geschichte mit prallen Kindern und plüschigen Tieren in schönen Nachtlandschaften, beschienen von einem eindrucksvollen Mond.
BRUNO BLUME

In den Wald hinein
Anthony Browne
Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Baumann
Verlag: Lappan, Publiziert: 2004, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 3-8303-1082-X
Schlagwörter: Fantasie

Nach einer lärmigen Nacht ist Papa weg, und Mama weiss nicht, wann er wiederkommt. Der Junge vermisst ihn. Am nächsten Tag soll er Oma einen Kuchen bringen, weil es ihr schlecht geht. Um rechtzeitig daheim zu sein, falls Papa wiederkommt, nimmt der Junge die Abkürzung durch den verbotenen Wald. Hier begegnen ihm verschiedene Figuren aus der Märchenwelt, und als er endlich bei Oma ankommt, findet er bei ihr auch Papa, der jetzt mit dem Jungen nach Hause kommt.
Wiederum gelingt es dem englischen Illustrator Anthony Browne, eine Handlung so mit einprägsamen Bildern zu verknüpfen, dass vielfältige Deutungsmuster sichtbar und zahlreiche Interpretationen mehr oder weniger bewusst erahnt werden können. Warum ist Papa weg? War die Ursache des nächtlichen Lärms ein Ehestreit? Ein notfallmässiger Aufbruch zur todkranken Oma? Während die häuslichen Szenen, die Leere am Frühstückstisch, die Zettelbotschaften “Komm nach Hause, Papa”, Oma im Bett, Abschieds- und Willkommensszenen farbig gestaltet sind, bewegt sich der Junge, eine farbig gezeichnete Gestalt, durch den schwarz-
weiss gehaltenen Wald mit gespenstischen Bäumen und Schatten, auch auf einer Reise ins Innere. Die Märchengestalten – Hans im Glück, Pechmarie, Hänsel und Gretel – versuchen den Jungen zu verführen. Den Kuchen eintauschen gegen eine Kuh? Den Kuchen gierig aufessen? In der Angst um seinen Vater verzweifeln? Soll er da verführt werden, seine Verantwortung für die Familie selbstsüchtig abzutreten? Soll er sein Urvertrauen verlieren? Jedenfalls wirkt der Junge ganz schutzlos, nur mit Jeans und Pulli gekleidet. Als er aber im zunehmenden Schneegestöber den roten Kapuzenmantel überzieht, erinnert er sich seines Auftrags und begibt sich intuitiv auf den vorbestimmten Pfad – die roten Schuhe verwiesen immer schon auf Rotkäppchens Spur. Er findet schliesslich eine Erklärung für Papas Verschwinden – und die BetrachterInnen eventuell auch.
Wer Anthony Browne kennt, ist es gewohnt, seine Bilder genau zu betrachten, Erklärungen zu suchen und vielschichtige Deutungen zuzulassen. Ja, man kann das Buch analysieren, was vielleicht eine Herausforderung für den Unterricht ist, man darf aber auch einfach Bilder und Geschichte erzählen und für sich sprechen lassen, ohne sie zu zerreden. Das ist die Stärke dieses Buches.
BEATRIX OCHSENBEIN

Ein Apfel für den lieben Gott
Hermann Schulz
Verlag: Hammer, Publiziert: 2004, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0009-4
Schlagwörter: Religion

Als Kind war Oma Gretchen ein freches Mädchen – in den Augen der Autoritäten. Dabei war sie einfach neugierig und wollte wissen, ob die angedrohte Strafe Gottes sie wirklich treffen wird. Also ist das Mädchen extra böse, schneidet ihrer Freundin Paula den Zopf ab, ist beim Beten unaufmerksam und lässt an fremden Fahrrädern die Luft aus den Schläuchen. Just als sie sich mit gestohlenen Erdbeeren hinter die Scheune verzieht, und die Früchte in aller Ruhe essen will, fährt eine Pferdefuhre vorbei. Das Pferd zieht die Fuhre in den Graben – der Karrenführer schläft hinten auf dem Fuhrwerk – um dem unachtsamen Mädchen auszuweichen. Da ist das Geschrei gross, Gretchen aber nimmt in ihrer kindlichen Logik an, dass das Pferd selbst der liebe Gott ist – und bedankt sich bei ihm mit einem gestohlenen Apfel.
Bilderbücher über den lieben Gott spielen meist in der Vergangenheit. Ob sie heutige, gottferne Kinder erreichen, ist ungewiss. Zumindest können sie aber Anlass zu religiösen Gesprächen sein. Stärker ist hier der Eindruck von Gretchens Streichen und ihrer Unerschrockenheit. Sie durchbricht als Einzige die von Gesellschaft und Kirche zugewiesene Rolle. Auch in der Illustration, die dezent humorvoll und von Patina überzogen die Vergangenheit präsent hält, ist Gretchen die sympathische Figur, während die anderen Figuren cartoon-artig überzogen wirken.
BRUNO BLUME

Das Haus zwischen Himmel und Meer
Anne Herbauts
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-79-415048-9

Wo beginnt der Himmel, wo endet das Meer? Ist das Haus klein oder gross? Alles eine Frage der Sichtweise. Der Reisende, der am Ende der Welt angelangt ist und sich dort am Ufer des Meeres ein grosses Haus baut, ist stolz auf sein Werk. Drei Vögel, die sich das Gebäude aus dem Wipfel eines Baumes ansehen, halten es hingegen für jämmerlich klein und lachen den Mann aus. Diesem kommt sein Haus nun plötzlich auch unbedeutend vor. “Vielleicht liegt es an der Farbe, dass es so klein wirkt?”, überlegt er und unternimmt allerlei Anstrengungen, das Haus optisch zu vergrössern.
Gross oder klein – dieses Thema beschäftigt alle Kinder im Laufe des Heranwachsens immer wieder. Es ist wünschenswert, wenn Bilderbücher Anreize schaffen, mit Kindern darüber zu philosophieren, auch wenn – oder gerade weil – es auf viele Fragen keine endgültigen Antworten gibt: Kann das Haus zugleich gross und klein sein? Weshalb will der Mann unbedingt ein grosses Haus? Was bedeutet überhaupt gross, was klein? Mehr als einen solchen Gesprächsanlass vermag die vorliegende Geschichte jedoch kaum zu bieten. Auch die grossformatigen Illustrationen sind unspektakulär und variieren wenig. Die Grundstimmung in Blau-Orange und die Figuren – es sind das Haus, der Mann, ein Baum und die drei Vögel – wiederholen sich praktisch auf jeder Seite. Die Bilder erinnern an Kinderzeichnungen, und erst beim genauen Hinsehen erkennt man an den Details die Handschrift der Künstlerin. Auch hier also: Die Sichtweise ist es, die entscheidet.
KATRIN RUCHTI-FEHR

Paul und die seltsamen Leute im Altenheim
Matthias Preuss
Verlag: Lappan, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-8303-1056-0

So ein Altenwohnheim ist schon ein seltsamer Ort. Erst recht, wenn man ihn mit Kinderaugen betrachtet. Matthias Preuss' Bilderbuch nähert sich dem Thema mit erfrischender Fantasie. Aus Sicht von Paul, der seinen Opa sehr mag, weil der immer so tolle Geschichten erzählt, wird von einem Besuch im Pflegeheim erzählt, bei dem der Enkel den Grossvater fragt, was es mit all diesen weisshaarigen komischen Leuten auf sich hat, “die nach ihm schauten (…) und verschrumpelt grinsten”. Zum Glück ist der Opa um Erklärungen nicht verlegen: Warum Frau Schwarzfelder-Kirsch “sooo dick” ist? Na, weil sie früher die talentierteste Pralinen- und Schokotortentesterin war! Baronesse von Pinke wird gefüttert, weil sie es schon immer gewohnt war, bedient zu werden. Und der alte Johnny Segelmann mit dem Schlauch im Bauch war der erste Mann, der zum Saturn geflogen ist. “Unterwegs gabs nur Nahrung aus der Tube.” Und als er wieder zu Hause war, hatte er keine Lust mehr, mit Messer und Gabel zu essen.
Die plakativen, zuweilen in verwegenen Farbkombinationen kolorierten Illustrationen des 23-jährigen Autors stehen dem witzig-ironischen Text in nichts nach: Mit cartoonartigem, leicht wackeligem Konturenstrich fängt Preuss die einzelnen Szenen ein, spielt karikierend mit den Proportionen seiner ProtagonistInnen und setzt ungewohnten, vielleicht auch beunruhigenden Bildern von gebrechlichen alten Menschen pfiffige “So war es früher”-Entwürfe gegenüber. Ein freches Bilderbuchdebüt, das Kindern nicht nur die Angst vor alten, kranken Menschen nimmt, sondern auch zum munteren Geschichtenerfinden anregt.
ANDREA DUPHORN

Willi wünscht sich einen Bruder
Bernhard Lins, Illustration: Alenka Sottler
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-8558-1407-4
Schlagwörter: Geschwister | Eifersucht/Neid

Wenn man sich Geschwister aussuchen könnte, würde Willi einen Bruder nehmen. Und zwar einen grossen. Er stellt sich vor, was er mit ihm alles unternehmen könnte: Fussball spielen, auf Bäume klettern und mit dem Schlauchboot fahren. Doch dann bekommt er eine Schwester – eine kleine. Willis Enttäuschung ist riesig, und bald beginnt sich auch der Neid zu regen: Die Kleine steht im Mittelpunkt, bei ihr wird alles toleriert, alles erlaubt, alles verziehen. Willi muss sich lange gedulden, bis Lisa alt genug ist, ihm den grossen Bruder zu “ersetzen”. Das Warten wird jedoch belohnt, denn auch mit einer kleinen Schwester kann man wunderbar spielen.
Dieses Buch zum leidigen Thema Eifersucht ist zwar mit wenigen Worten erzählt. Den einfach gehaltenen Sätzen steht aber eine anspruchsvolle Bildsprache gegenüber, die über den Text hinausweist.
Die Figuren sind mit Kugel-, Kegel- oder Zylinderelementen aufgebaut. Dadurch wirken die Formen plastisch, und die Menschen sehen ein bisschen wie mechanische Puppen aus, während die Landschaften an Seurat erinnern. Die Farben sind als feine Pinselstriche nebeneinander gesetzt und verschmelzen für das Auge beim Betrachten zu einer Farbfläche. Mit dem Begriff Pointillismus können die Kinder wahrscheinlich noch nicht allzu viel anfangen. Die Ruhe und die verträumte Stimmung, die diese Illustrationen ausstrahlen, werden sie aber ganz sicher spüren.
KATRIN RUCHTI-FEHR

Doris Zauberbein
Franz Fühmann, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Hinstorff, Publiziert: 2004, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-3560-1046-8
Schlagwörter: Freundschaft

Doris’ Ziel ist das Zaubern, einfach so, weils lustig sein soll. Vom Storch lernt sie, dass man nach mindestens einer Stunde reglos auf dem linken Bein stehend bis nach Afrika sehen kann. Und dass es das linke Bein sein muss, da es näher beim Herzen liegt. Mit ihrem unbändigen Willen schafft Doris weitere Tricks: Der grosse Zeh rechts herumgedreht erzeugt fürchterliche Kälte, das Ganze linksherum Hitze, und der kleine Zeh auf- und abgewippt lässt Gedanken laut werden.
Mit Hilfe dieser Fähigkeiten avanciert Doris zur Beschützerin der Schwachen. Plötzliche Hitze verhilft dem kleinen Dagobert im Supermarkt dazu, dass er endlich an die Reihe kommt, und festgefrorene Autos und ihre völlig unterkühlten Fahrer müssen notgedrungen einen Rollstuhlfahrer die Strasse passieren lassen. Doris zögert auch nicht, der Polizei ein Schnippchen zu schlagen. Zugunsten der Schwachen verzichtet sie sogar darauf, mit den Störchen in den Süden zu ziehen.
Fühmann hat sich dieses Märchen 1982 zum sechzigsten Geburtstag geschenkt. Obwohl es auf die Einschränkungen des Lebens in einem sozialistischen Staat anspielt (Annett Gröschner kommt im Nachwort darauf zu sprechen), ist das Märchen von Doris eine zeitlose Geschichte über Gerechtigkeitssinn, Ausdauer und den Mut, aufzubegehren. Sehr deutlich wird dies im doppelten Schluss, bei dem die traurige Variante zugunsten einer optimistischeren revidiert wird. Wie schon bei Fühmanns Erzählungen “Anna, genannt Humpelhexe” und “Von der Fee, die Feuer speien konnte” stammen auch hier die Illustrationen von Jacky Gleich. Die mehrheitlich doppelseitigen Bilder bleiben meist sehr nahe am Text. Pointiert werden sie durch die für Gleich so typischen Perspektiven und Verzerrungen.
BARBARA JAKOB

Sultan und Kotzbrocken
Claudia Schreiber, Illustration: Sybille Hein
Verlag: Hanser, Publiziert: 2004, Seiten: 84, ISBN/ISSN/EAN: 3-4462-0435-0
Schlagwörter: Erwachsenwerden

“Als der Sultan noch klein war, trugen ihn fünf seiner Diener jeden Morgen auf die Terrasse des prächtigen Palastes. Einer trug sein linkes Bein, ein anderer sein rechtes. Der dritte hielt den einen Arm hoch, der vierte den anderen, und der fünfte Diener stützte den sultanesischen Popo.” So beginnt die Geschichte vom dicken Sultan und seinem mageren Diener Kotzbrocken, und so geht sie weiter – nur sind es bald nicht mehr fünf Diener, die den Dickwanst tragen, sondern massenweise Frauen, die ihn zu Bett bringen. Mit verteilten Rollen, versteht sich, denn “das Knutschen und Knuffeln der ungefähr hundert Frauen war eher eine Schlägerei, von der er blaue Flecken behielt.”
Frauen hin oder her: Erwachsen wird dieser Sultan nie. Er lebt das kleinkindliche Lustprinzip radikal aus, lässt sich von vorn bis hinten bedienen und schreit lauthals, wenn etwas nicht nach seinem Kopf geht. Auch Kotzbrocken, der den Sultan, mehr schlecht als recht, an einer Seilwinde auf seinen monumentalen Kissenberg befördert, spielt die Rolle der Eltern nur. In Wirklichkeit ist auch er ein Kind mit lauter Flausen im Kopf.
Atemlos liest man sich durch dieses Kinderbuch, laut lachend und voller Bewunderung für Claudia Schneiders verrückte Einfälle. Sybille Hein hat das Buch nicht nur illustriert, sondern fast jede Seite mit grösseren und kleineren Bildelementen gestaltet. Ihre Bildsprache ist genauso ausgelassen wie die Geschichte selbst. Das rasante Erzähltempo, das so ganz im Widerspruch zum ewig stillsitzenden Sultan steht, nimmt sie auf, indem sie einen Wind durch die Bilder wehen lässt – ein Wind, der den langen Schnurrbart des Sultans flattern und den Kissenberg gefährlich schwanken lässt.
CHRISTINE LÖTSCHER

Der Held aus der letzten Reihe
Jerry Spinelli
Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Steinhöfel
Verlag: Dressler, Publiziert: 2004, Seiten: 215, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-7359-X
Schlagwörter: Schule | Aussenseiter:in/Mobbing

„Rülpsen, wachsen, werfen, laufen – alles ist ein Wettrennen. Überall gibt es Gewinner.“ Schon auf den ersten Seiten seines Romans wird deutlich, aus welchem Gegensatz Jerry Spinellis Roman seine Spannung bezieht. Denn es ist die Geschichte eines etwas zurückgebliebenen, dafür umso liebenswerteren Jungen, der eines Tages über sich hinauswächst und vom kaum noch wahrgenommenen Niemand zum Helden wird, die „Der Held aus der letzten Reihe“ erzählt. Donald Zinkhoff ist alles andere als ein Gewinner. Der klassische Antiheld, der den nahezu täglichen Demütigungen durch MitschülerInnen und Lehrpersonen mit unerschütterlicher Naivität, Fröhlichkeit und Lebensfreude begegnet – auch wenn er für diese stets ein „stinkender, kleiner Versager“ bleibt, „der Junge, der zuviel lacht und der sich (…) ständig übergibt“. Bemitleidens- und bewundernswert zugleich, ist David doch nicht in der Lage, echte Freude und Anerkennung von Hohn und Spott zu unterscheiden und gewinnt stattdessen – in schier grenzenlos erscheinender Gutmütigkeit – jeder Verletzung noch etwas Gutes ab. Die Geschichte eines sympathischen Aussenseiters, der sich am Ende als der wahre Sieger entpuppt. Denn Donald Zinkhoff ist vor allem eines: ein zutiefst glücklicher Mensch.
Ein leises, anrührendes und nachdenklich stimmendes Buch, das Andreas Steinhöfel einfühlend ins Deutsche übertragen hat und das von der ersten Seite an durch das Mitfühlen und die Sorge um seinen empfindsamen und auf seine Weise einzigartigen Protagonisten gefangen nimmt.
ANDREA DUPHORN

Die Kurzhosengang
Victor Caspak, Yves Lanois, Illustration: Ole Könnecke
Aus dem kanadischen Englisch von Andreas Steinhöfel
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2004, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 3-5515-5328-9
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft

Die Geschichte des kanadischen Autorenduos mutet nicht weniger abenteuerlich an als das von ihnen verfasste Buch: Victor Caspak soll als Eisrink-Ratte, Krankenwagenfahrer, Briefträger und Schneeschieber gearbeitet haben, ehe er Yves Lanois kennen lernte, der bereits im Alter von zehn Jahren einen Horrorclub gründete und für seine originellen Auftritte in Geisterbahnen und auf Geburtstagen bekannt gewesen sein soll. Auf einer Angeltour hätten beide von der Kurzhosengang erfahren und diese noch im selben Jahr getroffen. Beeindruckt von der Begegnung, schrieben sie deren Geschichte auf – und schufen damit einen Bestseller, den in Kanada wohl jedes Kind kennt. So weit die Pressemitteilung des Carlsen-Verlages, für den Andreas Steinhöfel die aberwitzigen Abenteuer von Rudolpho, Island, Snickers und Zement ins Deutsche übertragen und mit nicht minder verschrobenen Anmerkungen versehen hat.
In einem Fernsehstudio berichten vier elf Jahre alte Jungs, was an dem Tag geschah, “an dem sich die Welt veränderte und die Kurzhosengang zu ihrem Namen kam” – und überbieten sich dabei im Erzählen verrückter Geschichten: Da stiehlt ein Wolf während eines Eishockeymatches das Spielgerät, die vier werden als Geburtshelfer gefordert, überwältigen einen Grislibären und verhindern mit übersinnlicher Unterstützung eine Zugkatastrophe. Ein spassiger, spannender und in jeder Hinsicht bezaubernder Roman für Kinder ab zehn, den Ole Könnecke mit lakonischem Witz illustriert hat und den man einfach gelesen haben muss!
ANDREA DUPHORN

Wind im Mond
Eric Linklater
Aus dem Englischen von Peter Gan
Verlag: dtv, Publiziert: 2004, Seiten: 366, ISBN/ISSN/EAN: 3-4236-2181-8
Schlagwörter: Abenteuer

“Wind im Mond”, 1944 englisch und 1947 erstmals in deutscher Übersetzung erschienen, war lange ein Geheimtipp unter Leuten mit einer Vorliebe für widerspenstige Kinderbuchheldinnen. Ähnlich wie die gleichaltrige Pippi Langstrumpf stellen Dinah und Dorinda durch ihr Benehmen die Normalität der Erwachsenen immer wieder in Frage.
Als ihr Vater, Major Palfrey, mit einem gefährlichen Auftrag ins Ausland geschickt wird, warnt er die beiden beim Abschied vor dem Wind im Mond: Wenn Dinah und Dorinda nicht ungezogen sind, weht ihnen ein Wind ins Herz, und sie bleiben es ein Jahr lang. Kaum ist ihr Vater fort, beschliessen die Mädchen, sich schlecht zu benehmen. Nach Konflikten mit der Dorfbevölkerung besorgen sie sich ein Zaubermittel: Sie verwandeln sich in Kängurus und erschrecken die Leute, werden dann aber eingefangen und in einen Zoo gesperrt. Bis sich Dinah und Dorinda zurückverwandeln können, erleben sie unglaubliche Abenteuer. Zusammen mit den aus dem Zoo befreiten Puma und Silberfalken und ihrem Klavierlehrer retten Dinah und Dorinda danach ihren Vater aus der Gefangenschaft eines blutrünstigen Tyrannen.
Abenteuerliche Spannung und slapstickartige Episoden wechseln sich ab und machen die Lektüre unterhaltsam. Die Entstehungszeit ist im Text zwar überall spürbar, dennoch sind die beiden Heldinnen Dinah und Dorinda in ihrer Widerborstigkeit auch für heutige Leserinnen und Leser anziehend.
VERENA RUTSCHMANN

Hechtsommer
Jutta Richter
Verlag: Hanser, Publiziert: 2004, Seiten: 124, ISBN/ISSN/EAN: 3-4462-0518-7
Schlagwörter: Freundschaft | Tod/Trauer

“Es war so ein Sommer, der nicht aufhört. Und dass es unser letzter werden würde, hätte damals keiner geglaubt.” Schon in “Der Tag, als ich lernte, die Spinnen zu zähmen” hat Jutta Richter vom schmerzhaften Herauswachsen aus der Geborgenheit der Kindheit erzählt. In ihrem neuen Buch macht sie das noch einmal, diesmal nicht mehr auf dem Hintergrund der Fünfzigerjahre, sondern mit einer Geschichte aus der Gegenwart.
Da sind Anne, die Ich-Erzählerin, Daniel und Lukas. Sie leben in einem Wasserschloss, umgeben von einem grossen Park mit vielen Tieren. Von einem Prachtsommer wird berichtet, zumindest was das Wetter betrifft. Am Ende dieses Sommers weiss Anna aber, dass sich Freundschaft nicht erkaufen lässt, und die drei Kinder haben ihr naives Gottesverständnis verloren. Der Hecht, den sie den ganzen Sommer über fangen wollten, liegt im Staub neben dem Schlossteich, denn Gisela, die Mutter von Daniel und Lukas ist an diesem Nachmittag an Krebs gestorben.
Und trotzdem lautet der Schlusssatz des Buches: “Es war alles wie immer, es war so, als wäre gar nichts geschehen.” So hält es auch die Pfauenhenne, die zur Humpelhenne wird, weil ihr der Fuss, der sich in einer Angelschnur verhedderte, abgestorben ist: Ihre Verletzung hindert sie nicht daran, im Jahr darauf vier Küken zur Welt zu bringen
Jutta Richter ist eine grosse Poetin, eine Künstlerin im Auslassen, Antönen von Stimmungen und Gefühlen. Kein Wort ist hier zu viel gesetzt, und es fehlt dem Buch dennoch an nichts. Die Bilder der Wonne und der Trauer gehören zusammen, genau so wie der Zauber erinnerter Kindheit und das Recht jedes Kindes, die Welt mit all ihren Facetten, also auch dem Tod, verstehen zu wollen.
CHRISTINE TRESCH

Kater Ziku lebt gefährlich
Emily Nasrallah
Aus dem Arabischen von Doris Kilias
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2004, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0499-0

“Katze darf man nicht sein im Libanon.” Elke Heidenreichs Beobachtung im heutigen Beirut, gilt erst recht für die Zeit des libanesischen Bürgerkriegs von 1975 bis 1990. Ziku, der kleine, blauäugige Siamkater, hat es da anfänglich noch vergleichsweise gut: Das Mädchen Muna, in dessen Zimmer er sich hauptsächlich aufhält, liebt ihn von ganzem Herzen. Sie sorgt für ihn, erklärt ihm die Welt, nimmt ihn mit in die Ferien in die Berge, behütet ihn vor den allgegenwärtigen Tierquälern und den anderen lauernden Gefahren. Nicht beschützen kann sie Ziku, als er sich vom Tierarzt sämtliche Krallen ziehen lassen muss, weil er in Panik Munas Vater gekratzt hat. Bald danach beginnt der Bürgerkrieg, und die Gefahr für Mensch und Tier wird lebensbedrohlich, vor allem weil Munas Familie mitten in einem heftig umkämpften Viertel Beiruts wohnt. Immer wieder muss die Familie in den Luftschutzkeller flüchten, doch Muna vergisst nie, Ziku mitzunehmen. Und als die Familie flüchten muss, will sie Ziku natürlich auch nicht zurücklassen. Doch der Kater bleibt allein zurück und wird den Krieg nicht überleben.
Anlässlich des Schwerpunkts “Arabische Literatur” an der Frankfurter Buchmesse 2004 ist das Kinderbuch aus Libanon neu aufgelegt worden. Es hat dabei gegenüber der Erstausgabe von 1998 nur unwesentliche Änderungen erfahren. Neu sind die Kapitelüberschriften, aus dem Mädchennamen Mona wird Muna, und der Umschlag der Neuauflage entspricht mehr dem Inhalt des Buches. Nicht verändert hat sich die Erzählperspektive: Die leicht distanzierte Optik von Kater Ziku lässt die Geschehnisse noch unfassbarer und sinnloser erscheinen.
MAJA MORES

Des Kaisers Gruckelhund
Kathryn Cave, Illustration: Philip Waechter
Aus dem Englischen von Irmela Brender
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2004, Seiten: 110, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3209-8

Man nehme ganz gewöhnliche Hundezwillinge und lasse sie an Orten aufwachsen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Anna, die Tochter eines einfachen Kesselflickers, nimmt Schmuddel in ihre vom Vater nur ungern geduldete Tiertruppe auf. Der andere Hund, Sam, landet unter dem Vorwand, dass es sich dabei um das letzte Exemplar eines so genannten Gruckelhundes handle, als Geburtstagsgeschenk beim Kaiser. Als Sam dann zum ersten Mal seinen buchstäblich goldenen Käfig verlässt, kommt es zur genauso erwarteten wie folgenschweren Verwechslung: Schmuddel landet im Palast, Sam bei Anna. Und los geht die Komödie, die von den Macken der Hunde und den eigenwilligen Handlungsweisen der Erwachsenen lebt. Eine Geschichte, die von Seite zu Seite turbulenter wird und in einer fulminanten Jagd durch die Stadt kulminiert. Dass am Ende alle wieder ihren mehr oder weniger angestammten Platz einnehmen, ist dem kleinen Fred zuzuschreiben, der allerdings mit seiner anfänglichen Gruckelhund-Flunkerei alles ins Rollen gebracht hatte.
Mit viel Witz gibt die Autorin zum Besten, dass nicht nur Menschen durch ihre Umwelt zu dem werden, was sie sind. Und sie wählt dafür die Form einer klassischen Verwechslungskomödie mit amüsanten Komplikationen. Im vorliegenden Fall braucht es dazu ein selbstbewusstes Mädchen, einen ideenreichen Jungen, einen äusserst leichtgläubigen Herrscher und einen grenzenlos opportunistischen Kaiserberater. Die schrägen Bemerkungen der Hunde tragen dabei ebenso zur höchst vergnüglichen Lektüre bei wie der luftig leichte, manchmal wunderbar ironische Ton von Philip Waechters Schwarzweissillustrationen. Auch zum Vorlesen bestens geeignet.
BARBARA JAKOB

Spiel mit dem Feuer
Martin von Aesch, Illustration: Anna Luchs
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2004, Seiten: 200, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0498-2
Schlagwörter: Freundschaft | Krimi/Thriller

Im Mehrfamilienhaus an der Torgasse wohnen die unterschiedlichsten Leute. Zentrale Figur ist der zehnjährige Kuku, der nach einem Beinbruch zu Stift und Papier greift und zu schreiben beginnt. In seinem ersten Fall steht die drohende Kündigung von Familie Giusto im Zentrum, im zweiten verschwindet Kim, um seine Eltern vom Umzug in ein Einfamilienhaus abzubringen. Im dritten Buch gibt es einigen Wirbel um Kukus Schwester Lala und im brandneuen vierten Fall wird es sogar für Kuku selbst richtig gefährlich.
Martin von Aesch erzählt ganz aus der Kinderperspektive, ziemlich schnoddrig und grossmaulig. Die Abenteuer um Kuku sind irgendwo zwischen Freundschaftsgeschichte und Kinderkrimi anzusiedeln und für Kinder ein witziges und vor allem leicht lesbares Lesevergnügen. Und bestens zum Vorlesen geeignet!
BARBARA JAKOB

Die geheime Tür
Joachim Friedrich
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2004, Seiten: 319, ISBN/ISSN/EAN: 3-5221-7606-5
Schlagwörter: Abenteuer | Krimi/Thriller | Fantastik/Fantasy

Dieser Sommer verspricht spannend zu werden – beginnt er doch gleich mit mehreren Rätseln. Warum vererbt der reiche Industrielle Carl Steinmüller der Grossmutter von Chris ein urgemütliches Ferienhaus? Immerhin ist es über vierzig Jahre her, dass Chris’ Grossvater für Steinmüller gearbeitet hat. In dessen Firmengebäude ist der Grossvater auch bei einem Grossbrand ums Leben gekommen.
Gibt es in dem Haus tatsächlich eine geheime Kammer, in der sich ein Hinweis auf die Antwort versteckt? Und was hat es mit dem merkwürdigen Anrufer auf sich, der behauptet, Chris’ Grossvater wäre noch am Leben?
Zwischen Renovierungsarbeiten und ersten mehr oder weniger erfreulichen Bekanntschaften mit anderen Jugendlichen in dem kleinen Ort versucht Chris Antworten auf diese Fragen zu finden. Keine leichte Aufgabe, zumal jetzt auch noch die Gefühle verrückt spielen. Seit ihrer ersten Begegnung geht Chris die Sängerin Eva nicht mehr aus dem Kopf. Ist das jetzt Liebe? Völlig falscher Zeitpunkt!
Obwohl die BewohnerInnen sich sehr verschlossen und zum Teil beinahe feindselig geben, findet Chris in quälender Puzzle-Arbeit immer mehr über die Geschichte der Steinmüllers und des von der reichen Familie abhängigen Dorfes heraus – und über das Ferienhaus, das tatsächlich ein Geheimnis birgt. Hinter einer zutapezierten Tür befindet sich ein winziger Raum – in dem neben einigem Gerümpel auch ein paar alte, angesengte Schuhe versteckt sind. Die Schuhe des Grossvaters? Als weitere anonyme Anrufe kommen und Chris sogar einen Drohbrief erhält, ist klar, dass etwas geschehen muss. Nur, wo mit den Nachforschungen über einen Tod beginnen, der über vierzig Jahre zurückliegt?
Joachim Friedrich ist mit seinem Jugendroman ein wirklich beeindruckendes Werk gelungen, in dem sowohl vorwärts- als auch rückwärtsgerichtete Spannungsbögen dafür sorgen, dass man sich unweigerlich festliest. Je mehr Rätsel aus der Vergangenheit gelöst werden, desto mehr neue Fragen tauchen auf. Wenn der Grossvater tatsächlich noch lebt, wo ist er dann? Die Spur führt schliesslich nach Litauen – und Chris und Eva machen sich mit dem Zug auf den Weg in ein ihnen völlig unbekanntes Land, um der quälenden Ungewissheit ein Ende zu bereiten. Was sie in Vilnius erfahren, erschüttert nicht nur die Protagonisten, sondern auch die LeserInnen bis ins Mark. Hier wird eine unglaubliche und doch glaubhaft vermittelte Geschichte aufgedeckt, die an Tragik und Perfidie kaum zu überbieten ist.
Doch “Die geheime Tür” ist nicht nur spannend wie ein Krimi, in dem der Autor zum Teil in gewagter (und bewundernswert gelungener) Weise mit der Erwartungshaltung seiner LeserInnen spielt, Joachim Friedrich behandelt ausserdem auf vollkommen unaufdringliche Weise das Thema Homosexualität und führt darüber hinaus mit Litauen eines der neuen EU-Länder ein, wieder wunderbarerweise ohne den pädagogisch-wertvollen Zeigefinger. Ein Wahnsinns-Schmöker, der einen nicht mehr loslässt, wenn man einmal mit dem Lesen begonnen hat.
MAREN BONACKER

Der Pakt der Blutsbrüder
Werner J. Egli
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2004, Seiten: 250, ISBN/ISSN/EAN: 3-8000-5099-4
Schlagwörter: Abenteuer

Die 16-jährige Manuela lebt mit ihrer allein erziehenden Mutter in einer deutschen Kleinstadt. Ihr Vater, ein US-Amerikaner indianischer Abstammung, hat sich noch vor ihrer Geburt aus dem Staub gemacht. Unerwartet meldet er sich und lädt seine Tochter zu einem Besuch im Indianerreservat in Arizona ein. Nach anfänglichem Sträuben willigt sie ein, wenn ihre Mutter sie begleitet. Die beiden geraten in eine Welt, die fremder nicht sein könnte. Und der Vater entpuppt sich als heruntergekommener Säufer. Die meisten Menschen im verwahrlosten Wüstenreservat scheinen sich nicht gegen ihren eintönigen Lebensstil aufzulehnen. Und über allem hängt eine Gluthitze.
Gleich zwei Indianerjünglinge velieben sich in Manu. Das Mädchen fühlt sich zu beiden hingezogen, will sich aber weder für den verwegenen Clint noch für den besonnenen Jeff entscheiden. Und sie kann nicht verhindern, dass die Hitzköpfe einen Pakt mit dem Tod schliessen, der zu einem bösen Ende führt.
Manuela erzählt in einem emotional aufgeladenen, packenden Stil über das Geschehen und ihren inneren Aufruhr. Durch verschiedene Ereignisse entwickelt sie sich zu einer Persönlichkeit, die lernt, mit ihren Gefühlen umzugehen. Unglaubwürdiger gerät die Rolle der Mutter, die es als Aussenstehende schafft, alte Probleme im Reservat scheinbar mühelos zu lösen. Auffallend auch die pikanten Seitenhiebe gegen Amerikas Lebensstil.
Werner J. Egli streift viele Themen, die jedes für sich ein Buch füllen könnten. Es bleibt einer aufgeweckten LeserInnenschaft überlassen, sich eingehender über die angeschnittenen Probleme zu informieren. Wie auch immer, dieses Buch mit seiner knisternden Mischung aus Sex und Abenteuer garantiert Lesespass pur für Mädchen und Jungs, die an der Schwelle zum Erwachsenwerden stehen.
GIOVANNA RIOLO

Despereaux
Kate DiCamillo, Illustration: Timothy Basil Ering
Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Ludwig
Verlag: Dressler, Publiziert: 2004, Seiten: 256, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-2799-1
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Lesen | Liebe

Von einem der auszog das Fürchten zu verlernen

Als eines Tages ein winziges, kränkliches Mäusekind mit übergrossen Ohren das Licht der Welt erblickte, hätte niemand geahnt, dass es länger als ein paar Tage überleben würde, geschweige denn, dass ihm wahres Heldentum bevorstehen sollte. So taufte es seine Mutter Antoinette in all ihrer Hoffnungslosigkeit auf den Namen Despereaux – und wartete ab.
Schon bald stellte sich heraus, dass Despereaux nicht so war, wie man es von einer anständigen Maus erwartete. Anstatt herumzuhuschen und Krümel zu sammeln, sass er lieber stundenlang in der Bibliothek und liess sich von Geschichten verzaubern. “Es war einmal …” – welche Kraft steckte in diesen Worten. Despereaux liebte das Licht, das durch die bunten Glasfenster fiel, er liebte Musik – und als er eines Tages die Prinzessin Erbse erblickte, da wusste er sofort, dass er auch sie von Herzen liebte. Eine Liebe so stark, dass er alle Mäuseregeln brach und sich der Prinzessin nicht nur zeigte, sondern sich von ihr sogar auf die Hand nehmen liess. Als Strafe für seine Andersartigkeit lassen ihn die Mäuse ins Verlies werfen, zu den Ratten. Und wieder ahnt niemand, dass der kleine Mäuserich überleben wird.
“Despereaux” erzählt jedoch nicht nur die Geschichte einer verliebten Maus, sie erzählt auch von der Verzweiflung einer Ratte, die der Finsternis des Verlieses zu entkommen versucht und mit ihrem
plötzlichen Erscheinen im Palast gegen ihren Willen nur Unheil anrichtet. So wie die Liebe den kleinen Despereaux zu Grossem ermutigt, so verändern Entsetzen und Abscheu den Charakter der Ratte: Ihre Gedanken werden schwärzer als die lichtlosen Gänge des Kerkers.
Und noch eine dritte Geschichte ist mit denen von Maus und Ratte verwoben: Die einer blumenkohlohrigen Magd, die niemals gefragt wird, was sie gerne möchte – und die in ihrem Leben nichts lieber sein will als Prinzessin.
Kate DiCamillo zeigt uns in ihrem Märchen, dass wahres Heldentum nichts mit Grösse oder Stärke zu tun hat. Sie erzählt uns von der wahren Liebe, vom Hunger nach Macht und von der wohltuenden Wärme einer guten Suppe. Und so, wie sie immer wieder die Kraft der Sprache erwähnt, so kraftvoll sind auch die Worte, mit denen sie die Geschichte erzählt. Sabine Ludwig findet in ihrer Übersetzung genau den richtigen Tonfall, so wie auch die zarten Bleistiftzeichnungen von Timothy Basil Ering wunderbar zu einem gelungenen Gesamtkunstwerk beitragen.
“Despereaux” ist eines der Bücher, das man immer wieder in die Hand nehmen und dessen Zauber man – laut oder leise lesend oder auch lauschend – immer wieder erfahren möchte. Die ganz besondere Geschichte einer ganz besonderen Maus.
MAREN BONACKER

Die Crew
Bali Rai
Aus dem Englischen von Jacqueline Csuss
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2004, Seiten: 253, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-8023-2
Schlagwörter: Krimi/Thriller

In “Bloss (k)eine Heirat” (Sauerländer 2002), seinem fulminanten Erstling, erzählte der indischstämmige Brite Bali Rai mit viel Spannung, Drive und Humor vom Spagat zwischen den Kulturen, den der Ich-Erzähler Manny zu leisten hat – zwischen der indischen, die in seiner Familie gelebt wird, und der westlichen, zu der er sich zugehörig glaubt. Als der Vater ihn mit einer Inderin, die er für den Sohn ausgesucht hat, verheiraten will, kommt es zum offenen Konflikt, der in einem slapstickartigen Showdown endet. Dafür, dass es ihm gelungen ist, ernste Themen unverkrampft und mit augenzwinkernder Distanz zu beschreiben, wurde Bali Rai mit Preisen nur so überhäuft.
Man durfte sich also auf sein zweites Buch freuen – doch die Enttäuschung könnte grösser nicht sein: “Die Crew” ist ein verkrampftes Buch, das sich in jedem Augenblick ängstlich um politische Korrektheit und gebührende Coolness für die jugendlichen LeserInnen bemüht – eine fatale Mischung aus Moralinsäure und Anbiederung. Der Ich-Erzähler Sleepy lebt mit seiner Mutter und deren Partner im Rotlichtdistrikt einer englischen Stadt; Drogen, Prostitution und Kriminalität gehören zum Alltag. Mit seiner Crew, die in Sachen Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht mustergültig zusammengesetzt ist, führt sich der Teenager als eine Art edler Ghettoritter auf, rettet entführte Mädchen, bringt fiese Dealer und korrupte Polizisten zur Strecke. Dies alles ist viel zu schön, um wahr zu sein, und die Mischung von Sozialstudie und Krimi misslingt gründlich; die Figuren bleiben papieren, Spannung will sich nicht einstellen. Wer etwas über Jugendbanden lesen will, hält sich zum Beispiel besser an Zoran Drvenkars Bücher, “Cengiz und Locke” oder “Niemand so stark wie wir” .
CHRISTINE LÖTSCHER

Marek und Maria
Waltraut Lewin
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2004, Seiten: 232, ISBN/ISSN/EAN: 3-4078-0922-0
Schlagwörter: Nationalsozialismus

13. Februar 1945. Als der 16 Jahre alten Maria am Morgen Oma Elses Tageshoroskop in die Hände fällt, kann sie nur darüber lachen: “Achtung! Unheilvolle Planetenkonstellation … Schwarzer Tag mit … Mars in Konjunktion mit …” Was für ein Blödsinn! Heute ist ein wunderschöner Tag, denn heute wird sie Marek wiedersehen, ihre grosse Liebe.
In zahlreichen Rückblenden und parallel auf mehreren Zeitebenen erzählt Waldtraut Lewin in “Marek und Maria” von jener Kriegsnacht, in der die Dresdener Altstadt nahezu flächendeckend bombardiert und dem Erdboden gleichgemacht wurde. Und von einer verbotenen Liebe zwischen einem jungen, deutschen Mädchen und einem polnischen Zwangsarbeiter. Von versteckten Botschaften und heimlichen Treffen, flüchtigen Küssen und hastigen Umarmungen. “Manchmal bestand das ganze Treffen nur darin, dass sie sich kurz sahen, aneinander vorbeigingen und, falls gerade keiner hinguckte, sich an den Händen berührten.”
Vermisste Väter, lange Warteschlangen vor den Lebensmittelgeschäften, Kommissbrot, Margarine und Muckefuck – der Krieg ist allgegenwärtig in jenem sechsten Kriegswinter in Dresden, von dem Waldtraut Lewin so anschaulich und fesselnd erzählt. Und doch weit entfernt, bis die ersten Bomben fallen. Mit viel Glück findet Maria, die vor einigen Wochen zu ihren Grosseltern aufs Land evakuiert wurde,
ihren Marek. Hand in Hand fliehen sie in der Nacht durch die brennende Stadt, in der Luftschutzkeller zu tödlichen Fallen werden und der Asphalt zu kochen beginnt. Sie reihen sich ein in den langen Strom von umherirrenden, häufig schwer verletzten und vor Schmerzen schreienden Menschen, von nach ihren Eltern suchenden Kindern und in panischer Angst flüchtender Tiere.
Eindringlich schildert Lewin die abenteuerliche Flucht der Liebenden durch die brennende Stadt, bringt ihren Lesern die Schrecken jener Nacht nahe. Marek und Maria gelingt es, sich auf die andere Seite der Elbe durchzuschlagen. Ein glückliches Ende findet ihre Liebesgeschichte aber nicht. Ein spannender, gut recherchierter Roman, der unter die Haut geht.
“Als ich am 30. Mai 1945 aus dem Radio erfuhr, dass Hitler tot sei, weinte ich verzweifelt”, schreibt Gudrun Pausewang im Nachwort ihrer Anthologie “Ich war dabei – Geschichten gegen das Vergessen”. Ein ebenso ehrliches wie mutiges Bekenntnis der renommierten Autorin, die sich in den zwanzig, zum Teil auf eigenem Erleben basierenden, bislang unveröffentlichten Texten gleichfalls der Zeit des Zweiten Weltkrieges widmet. In einer Mischung aus Aufklärung und Abrechnung wird von der Deportation einer jüdischen Familie erzählt, den Schrecken der Reichskristallnacht oder der “Treibjagd” auf einen Menschen. Eine wahre Fundgrube vor allem für Lehrerinnen und Lehrer, die nach Texten suchen, die einen erzählerischen Zugang zu zahlreichen Themen rund um die Zeit des Nationalsozialismus bieten und zeigen, wie die NS-Ideologie seinerzeit über Jugendorganisationen, Schule und Medien, aber auch die Familien transportiert wurde. Aufrüttelnd, authentisch und erschreckend. Zuweilen aber auch ein wenig zu appellativ, anklagend und moralisch.
Andrea Duphorn

Ich war dabei
Gudrun Pausewang
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2004, Seiten: 152, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-8022-4
Schlagwörter: Nationalsozialismus

Geschichen gegen das Vergessen

13. Februar 1945. Als der 16 Jahre alten Maria am Morgen Oma Elses Tageshoroskop in die Hände fällt, kann sie nur darüber lachen: “Achtung! Unheilvolle Planetenkonstellation … Schwarzer Tag mit … Mars in Konjunktion mit …” Was für ein Blödsinn! Heute ist ein wunderschöner Tag, denn heute wird sie Marek wiedersehen, ihre grosse Liebe.
In zahlreichen Rückblenden und parallel auf mehreren Zeitebenen erzählt Waldtraut Lewin in “Marek und Maria” von jener Kriegsnacht, in der die Dresdener Altstadt nahezu flächendeckend bombardiert und dem Erdboden gleichgemacht wurde. Und von einer verbotenen Liebe zwischen einem jungen, deutschen Mädchen und einem polnischen Zwangsarbeiter. Von versteckten Botschaften und heimlichen Treffen, flüchtigen Küssen und hastigen Umarmungen. “Manchmal bestand das ganze Treffen nur darin, dass sie sich kurz sahen, aneinander vorbeigingen und, falls gerade keiner hinguckte, sich an den Händen berührten.”
Vermisste Väter, lange Warteschlangen vor den Lebensmittelgeschäften, Kommissbrot, Margarine und Muckefuck – der Krieg ist allgegenwärtig in jenem sechsten Kriegswinter in Dresden, von dem Waldtraut Lewin so anschaulich und fesselnd erzählt. Und doch weit entfernt, bis die ersten Bomben fallen. Mit viel Glück findet Maria, die vor einigen Wochen zu ihren Grosseltern aufs Land evakuiert wurde,
ihren Marek. Hand in Hand fliehen sie in der Nacht durch die brennende Stadt, in der Luftschutzkeller zu tödlichen Fallen werden und der Asphalt zu kochen beginnt. Sie reihen sich ein in den langen Strom von umherirrenden, häufig schwer verletzten und vor Schmerzen schreienden Menschen, von nach ihren Eltern suchenden Kindern und in panischer Angst flüchtender Tiere.
Eindringlich schildert Lewin die abenteuerliche Flucht der Liebenden durch die brennende Stadt, bringt ihren Lesern die Schrecken jener Nacht nahe. Marek und Maria gelingt es, sich auf die andere Seite der Elbe durchzuschlagen. Ein glückliches Ende findet ihre Liebesgeschichte aber nicht. Ein spannender, gut recherchierter Roman, der unter die Haut geht.
“Als ich am 30. Mai 1945 aus dem Radio erfuhr, dass Hitler tot sei, weinte ich verzweifelt”, schreibt Gudrun Pausewang im Nachwort ihrer Anthologie “Ich war dabei – Geschichten gegen das Vergessen”. Ein ebenso ehrliches wie mutiges Bekenntnis der renommierten Autorin, die sich in den zwanzig, zum Teil auf eigenem Erleben basierenden, bislang unveröffentlichten Texten gleichfalls der Zeit des Zweiten Weltkrieges widmet. In einer Mischung aus Aufklärung und Abrechnung wird von der Deportation einer jüdischen Familie erzählt, den Schrecken der Reichskristallnacht oder der “Treibjagd” auf einen Menschen. Eine wahre Fundgrube vor allem für Lehrerinnen und Lehrer, die nach Texten suchen, die einen erzählerischen Zugang zu zahlreichen Themen rund um die Zeit des Nationalsozialismus bieten und zeigen, wie die NS-Ideologie seinerzeit über Jugendorganisationen, Schule und Medien, aber auch die Familien transportiert wurde. Aufrüttelnd, authentisch und erschreckend. Zuweilen aber auch ein wenig zu appellativ, anklagend und moralisch.
Andrea Duphorn

Bartimäus
Jonathan Stroud
Aus dem Englischen von Katharina Orgass und Gerald Jung
Verlag: Bertelsmann, Publiziert: 2004, Seiten: 540, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12775-3
Schlagwörter: Abenteuer | Fantastik/Fantasy

Das Amulett von Samarkand

Als Nathanael mit Bartimäus seinen ersten Dämon beschwört, hat er zunächst nur vor, seinem Meister einen Streich zu spielen. Der Dschinn soll einem Zauberer das sagenumwobene Amulett von Samarkand stehlen und es im Zimmer von Nathanaels Lehrmeister verstecken. Weder der Junge noch Bartimäus können ahnen, wie wertvoll das magische Artefakt ist – und dass sie mit ihrem “Streich” den mächtigsten Magiern des Landes empfindlich in die Quere kommen. Eine Kettenreaktion mit tödlichen Folgen wird in Gang gesetzt – und es bleibt lange ungewiss, ob das ungleiche Duo die Geschehnisse aufhalten kann.
Was hier klingt wie ein weiteres Werk immer gleicher Fantasy, mit dem ewigen Kampf von Gut und Böse, ist in Wahrheit ein vielschichtiger Roman von exzellenter literarischer Qualität. Zum einen wechselt die Erzählperspektive, je nachdem ob Nathanael oder Bartimäus im Zentrum des Geschehens stehen, und – was das Buch zu einem richtigen Lesevergnügen macht – mit dem Perspektivenwechsel ändert sich auch der Tonfall. So wird in der personalen Erzählweise deutlich, wie unsicher Nathanael sich zunächst fühlt, wie wenig er weiss, wohin er eigentlich gehört. Die Ich-Erzählung hingegen präsentiert Bartimäus als gewitzten, scharfzüngigen Dschinn, der nicht nur innerhalb der Romanwelt über alles Bescheid weiss, sondern sich darüber hinaus auch seiner LeserInnenschaft sehr wohl bewusst ist, die er in zynischen Fussnoten immer wieder direkt anspricht.
Ein wunderbarer Schmöker, der die LeserInnen in ein alternatives London entführt – und ein spannender Auftakt zu einer etwas anderen Fantasy-Trilogie.
Maren Bonacker

Doing It
Melvin Burgess
Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2004, Seiten: 345, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58131-2
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft | Sexualität

Es ist, als ob sich eine Tür aufgetan hätte, eine Tür, die in ein bislang unbekanntes Land führt. Drei befreundete Teenager, Dino, Jon und Ben, machen sich auf zu einer Entdeckungsreise, und das Land, das sie erkunden wollen, heisst Sexualität. Ihre Ausgangspunkte sind dabei ganz unterschiedlich: Dino, ein gut aussehender, beliebter Beau, hat nur ein Ziel vor Augen: Er will endlich seine Jungfräulichkeit verlieren, und zwar am liebsten (aber nicht unbedingt) mit seiner Freundin Jackie, die ihn immer wieder hinhält. Für Jon wäre dies ein Leichtes – aber Deborah ist etwas dicklich, und er hat Angst, zum Gespött seiner Kumpels zu werden. Ben schliesslich hat seit langem eine geheime Affäre mit seiner Lehrerin, die ihn zunehmend vereinnahmt und ihn so von den Erfahrungen seiner gleichaltrigen Freunde ausschliesst. Alle drei haben jedoch das gleiche Ziel: sich in diesem aufregend neuen, aber auch verwirrenden Neuland zurecht zu finden.
Burgess zeigt in seinem Roman Teenager auf der Schwelle zwischen plump-pubertären Schulhofspielchen und dem Märchenland der Sexualität, eine Schwelle, die gleichzeitig den Übergang von der Kindheit zum Jugendalter markiert. Die teils kruden, teils rührenden Erlebnisse seiner Figuren zeigen einerseits, dass Sexualität etwas grundsätzlich Schönes ist. Andererseits wird hier auch die negative Seite dieses neuen Lebensabschnitts deutlich: Sexualität ist auch kompliziert,
bedeutet Verantwortung, und die neu entdeckte Lust kann auch auf Abwege führen, die verletzen und die die dunklen Seiten des eigenen Charakters zutage fördern. So müssen die drei Freunde jeweils für sich auch Entscheidungen treffen, die sie bisher in die Welt der Erwachsenen verbannt hatten. Der häufige Wechsel zwischen den Erzählern und den Innen- und Aussenperspektiven der Figuren können die hier entstehenden Gewissenskonflikte, Gedankenprozesse und Wachstumsschmerzen eindrücklich darstellen, und da auch die weiblichen Figuren zu Wort kommen, ist “Doing It” auch nicht nur ein Buch für Männer und solche, die es werden wollen.
Vielmehr ist Melvin Burgess’ Buch für Teenager ungefähr das, was Nick Hornbys “High Fidelity” für die Fraktion der Dreissigjährigen ist: eine packende Geschichte über ein paar Leute irgendwo in England, die aber zugleich eine Geschichte ist über mich und hier und jetzt.
Dass es ein Happyend gibt, darf verraten werden. Und es ist gerade dieses positive Resümee, das das Buch so liebenswert macht. Mit den richtigen Freunden, so wird klar, steht man auch die herzzerfetzendsten Erfahrungenen durch, und aus dem neu entdeckten Land will keiner der drei angehenden Männer wieder fort. Es hat eben alles: Es ist “fleshy, filthy and holy”, wie es in der eingängigen Originalfassung heisst. Bei Burgess klingt Jugendsprache nicht nach “wiedergegebener Jugendsprache” – und Andreas Steinhöfel versteht es mit seiner Übersetzung, diese Qualität des Buches auch im Deutschen aufscheinen zu lassen.
Christian Kölzer

Philo fabelhaft
Michel Piquemal, Illustration: Philippe Lagautière
Aus dem Französischen von Christine Balkhdar und Radouane Balkhdar
Verlag: Moses, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-8977-7200-0
Schlagwörter: Philosophie

Gibt es Situationen, in denen man sich dem Gesetz oder den gängigen Regeln des Zusammenlebens widersetzen soll, um anderen zu helfen? Was bedeutet wahre Liebe? Sind reiche Menschen glücklicher als arme? Und: Worin besteht der eigentliche Sinn des Lebens? Michel Piquemal hat Texte aus Orient und Okzident zusammengetragen, die den Dialog zwischen Kindern und Erwachsenen fördern und dazu anregen wollen, über ethische, politische oder religiöse Fragen nachzudenken und zu diskutieren. “Es sind Geschichten aller Art und aus den unterschiedlichsten Bereichen, aus der Mythologie, der antiken Geschichte und den verschiedenen Lehren des Orientes”, erläutert der Autor im Vorwort. Er habe versucht, die philosophischen Erzählungen, die ihm einst geholfen hätten, erwachsen zu werden und die Welt zu begreifen, in einem Buch zu vereinen und so etwas wie eine Anthologie zusammenzustellen, mit der junge Philosophen und Philosophinnen wie mit einem “Werkzeugkasten” arbeiten könnten.
Auf jeweils einer Doppelseite werden Themen wie Gerechtigkeit und Protest, Alter und Weisheit, Solidarität, Sein oder Liebe angesprochen. Gross gedruckte Schlüsselwörter am Kopf der Seiten und ein umfangreiches Schlagwortregister machen die Orientierung leicht. Zudem finden sich Querverweise auf Texte, die gleiche oder ähnliche Themen behandeln. Und: “In der Philosophenrunde”, einem kurzen, reflektierenden Absatz, der jedem Text folgt, finden sich Anregungen zum Einstieg ins Gespräch. Ein aussergewöhnliches und wunderschön gestaltetes (Vor-)Lesebuch, das sich wunderbar zur Gruppenarbeit eignet.
AndreaDuphorn

Despereaux
Kate DiCamillo
Verlag: Hörcompany, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-9350-3652-3
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Liebe

Von einem der auszog das Fürchten zu verlernen

Als eines Tages ein winziges, kränkliches Mäusekind mit übergrossen Ohren das Licht der Welt erblickte, hätte niemand geahnt, dass es länger als ein paar Tage überleben würde, geschweige denn, dass ihm wahres Heldentum bevorstehen sollte. So taufte es seine Mutter Antoinette in all ihrer Hoffnungslosigkeit auf den Namen Despereaux – und wartete ab.

Schon bald stellte sich heraus, dass Despereaux nicht so war, wie man es von einer anständigen Maus erwartete. Anstatt herumzuhuschen und Krümel zu sammeln, sass er lieber stundenlang in der Bibliothek und liess sich von Geschichten verzaubern. “Es war einmal …” – welche Kraft steckte in diesen Worten. Despereaux liebte das Licht, das durch die bunten Glasfenster fiel, er liebte Musik – und als er eines Tages die Prinzessin Erbse erblickte, da wusste er sofort, dass er auch sie von Herzen liebte. Eine Liebe so stark, dass er alle Mäuseregeln brach und sich der Prinzessin nicht nur zeigte, sondern sich von ihr sogar auf die Hand nehmen liess. Als Strafe für seine Andersartigkeit lassen ihn die Mäuse ins Verlies werfen, zu den Ratten. Und wieder ahnt niemand, dass der kleine Mäuserich überleben wird.

“Despereaux” erzählt jedoch nicht nur die Geschichte einer verliebten Maus, sie erzählt auch von der Verzweiflung einer Ratte, die der Finsternis des Verlieses zu entkommen versucht und mit ihrem plötzlichen Erscheinen im Palast gegen ihren Willen nur Unheil anrichtet. So wie die Liebe den kleinen Despereaux zu Grossem ermutigt, so verändern Entsetzen und Abscheu den Charakter der Ratte: Ihre Gedanken werden schwärzer als die lichtlosen Gänge des Kerkers.

Und noch eine dritte Geschichte ist mit denen von Maus und Ratte verwoben: Die einer blumenkohlohrigen Magd, die niemals gefragt wird, was sie gerne möchte – und die in ihrem Leben nichts lieber sein will als Prinzessin.

Kate DiCamillo zeigt uns in ihrem Märchen, dass wahres Heldentum nichts mit Grösse oder Stärke zu tun hat. Sie erzählt uns von der wahren Liebe, vom Hunger nach Macht und von der wohltuenden Wärme einer guten Suppe. Und so, wie sie immer wieder die Kraft der Sprache erwähnt, so kraftvoll sind auch die Worte, mit denen sie die Geschichte erzählt.

Die von Rosemarie Fendel gelesene Hörbuch-Fassung ist wärmstens zu empfehlen. Ob komisch oder bewegend, bedrohlich oder versöhnlich – mit immer anderen Stimmen für die einzelnen Protagonistinnen und Protagonisten vermittelt die Schauspielerin den ganzen Charme der Geschichte und liest dabei so fesselnd, dass man beim Zuhören jede Nebentätigkeit vergisst.

MAREN BONACKER

Was ich vergessen habe
Edward van de Vendel
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2004, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55236-3
Schlagwörter: Freundschaft | Liebe | Familie/Familienformen | Generationen | Diversität

Für Soscha ist es Liebe auf den ersten Blick. Der elfjährige Elmer muss sich erst noch daran gewöhnen, dass sich die Neue in der Klasse vom ersten Moment an auf ihn gestürzt hat und nicht mehr lockerlässt in ihrer Zuneigung. Dabei ist Soscha so anders. Sie kommt aus einer Grossfamilie, hat halb polnische Wurzeln, Temperament, Witz und einen megacoolen grossen Bruder. Elmer aber ist sich Stille gewohnt. Er hat sich mit seiner Mutter, der Schuldirektorin, im Leben zu zweit eingerichtet. Und er teilt mit ihr die Ansicht, dass es besser ist, nicht in Erinnerungen zu kramen, also nichts zu erfahren vom Vater, den Elmer nicht kennt, nicht an Grossvater zu denken, der in einem Pflegeheim vor sich hin dämmert. “Wir reden nicht. So machen wir das, meine Mutter und ich. Wir sind zwar zusammen, aber wir reden nicht.” Soscha aber redet pausenlos. Und mit ihr gerät Elmers Welt ins Wanken. Ist er wirklich ein glücklicher Einzelgänger? Warum fürchtet er sich vor dem Grossvater, und was an verborgenen Erinnerungen gilt es zu bergen, um diesen Grossvater trotz seiner Hinfälligkeit annehmen zu können?

Wenn Elmer Apparate auseinander nimmt und wieder zusammensetzt, passen am Schluss alle Teile zusammen. Im Leben, muss der Junge erkennen, ist das anders. Nach “Spring, wenn du dich traust”, einer Liebesgeschichte zwischen zwei Jungen, ist “Was ich vergessen habe” das zweite aussergewöhnliche Buch des vierzigjährigen holländischen Autors, das auf Deutsch erschienen ist. Ein Buch voller Herzlichkeit und Zugewandtheit.

Van de Vendel gelingt es, die Liebe zwischen Soscha und Elmer, die noch ganz kindliche, aber auch schon sehr reife Züge besitzt, nuancenreich und glaubwürdig zu schildern. Etwa, wenn die beiden auf dem Fussballplatz herumtollen und mittels Bauchwalzen ihre Namen ins nasse Gras schreiben. Oder wenn Elmer zu einem Treffen mit der ehemaligen Französischlehrerin des Grossvaters seine Ajax-Amsterdam-Socken anzieht, weil die ihm Glück bringen sollen. Zuneigung heisst aber auch, den anderen sein lassen können, wenn er das wünscht. Und man muss sie auch teilen können mit andern – zumindest bis zu einem gewissen Grad –, auch die Zuneigung zum Grossvater.

Dem Autor gelingen überraschende Bilder. So klingen Elmers Worte im ordentlich aufgeräumten Wohnzimmer der besagten Französischlehrerin so, “als steckten sie noch in einem Briefumschlag”.

Nicht zuletzt ist dieses Buch eine Hommage an die Kraft der Worte. Auf die Spur der Französischlehrerin kommen Elmer und Soscha über ein Tonband, auf dem eine weibliche Stimme dem Grossvater ein Gedicht widmet. “Ehlamär ehlamur …”, so tönt der Anfang des Gedichts für die beiden. Und Elmer ahnt instinktiv, dass dieses Gedicht – “Et la mer et l’amour …” ein Sonett von Pierre de Marbeuf – mehr ausdrückt als nur Grossvaters Vorliebe für Gedichte.

So viel Freundschaft, Heiterkeit und Menschenliebe, strahlt selten aus einem Buch, auch nicht aus einem Kinderbuch. Dabei erzählt es eine Alltagsgeschichte und macht das Leben nicht leichter, aber auch nicht schwerer, als es ist. “Ich bin ein Kleiderständer”, sagt Soschas grosser Bruder zu Elmer. Das ganze Buch ist ein Kleiderständer. Es trägt Gewichtiges leicht.

CHRISTINE TRESCH

Gorilla Hobelia und langer Schatten
Helena Olofsson, Illustration: Jacky Gleich
Aus dem Schwedischen von Maike Dörries
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2004, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5064-5
Schlagwörter: Abenteuer

Sowohl engagierte Sozialgeschichte wie auch Abenteuerbuch will dieser Text sein, der „vor ein wenig mehr als hundert Jahren ganz weit oben im Norden“ spielt, an der Grenze zwischen Schweden und Norwegen. Da wird an der Eisenbahnlinie gebaut und es entstehen aus zugezogenen Arbeitern, Geschäftsleuten und Abenteurern neue Städtchen wie Malmberg. Der Vater von Gorilla Hobelia, die eigentlich Torilda Josefa Henriksson heisst, verdient als Ladenbesitzer ganz gut an den Schienenarbeitern, und natürlich erregt er damit auch Neid. Jedenfalls hat es der skrupellose Meisterdieb Evigald Petterson, „Langer Schatten“ genannt, längst auf den Vorrat und die Kasse des Ladens abgesehen. Doch Torilda bringt ihn furchtlos und auf beinahe märchenhafte Weise zu Fall. Und da sie über ihre Freundin Maria, die im Armenviertel lebt und die sie eigentlich gar nicht treffen dürfte, weil sie nicht standesgemäss ist, viel mehr weiss über die „Wirklichkeit“ als ihre Eltern, wird sie schliesslich auch zu einer Vermittlerin zwischen den sozialen Klas-sen. Das ist spannend, nachvollziehbar und tröstlich erzählt, auch wenn die Märchenhaftigkeit der dramatischen Handlung nicht ganz auf Klischees und Vereinfachungen verzichten kann.
VERENA STÖSSINGER

Mira reicht’s
Alexa Hennig von Lange, Illustration: Julia Kaergel
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2004, Seiten: 142, ISBN/ISSN/EAN: 3-499-21297-8
Schlagwörter: Identität/Individualität

Die elfjährige Mira hat es nicht leicht. Manchmal fällt ihr die Welt fast auseinander. Die Mama lebt mit dem neuen Partner ein braves Familienleben, sauber und überschaubar, wogegen ihr Vater Leo, der „Freak“, in einer WG herumgammelt und verrückte Wünsche erfüllt. Jede Seite macht die andere schlecht und natürlich gibt es jedes Mal Krach, wenn die Parteien sich begegnen – da kommt Mira die Klassenfahrt ins Landschulheim gerade recht. Endlich entgeht sie dem Zank und dem Druck für eine Weile, und ausserdem hofft sie, Moritz ein bisschen näher zu kommen, den sie bewundert. Aber alles läuft schief. Mira gerät auch in der Klasse zwischen die Gruppen, wird ausgelacht und fühlt sich bald allein, will nur noch heim. Die Rückfahrt mit Leo in dessen lotterigem Lieferwagen gerät zum Horrortrip. Zur Panne kommen Streit, Sturm, Nacht, Angst, Kälte und schliesslich Leos Unfall. Erst im letzten Moment schafft es Mira, Hilfe zu ho-len. Der zunächst sensibel psychologisierende Text kippt damit ins grell Abenteuerliche; Miras inneres Chaos wird zu einem äusserlichen, was zwar nichts klärt, ihre Not aber sichtbarer macht und dazu führt, dass sie endlich entlastet wird. Wenigstens für einen Moment.
VERENA STÖSSINGER

Verzaubert von Milena
Per Nilsson, Illustration: Sabine Kraushaar
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2004, Seiten: 84, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4318-9
Schlagwörter: Freundschaft | Gefühle

Der Titel passt nicht zum Stand der Dinge. Oder gerade wieder einmal nicht mehr. Den eigentlich findet David Milena schon toll und hat ein komisches Gefühl im Bauch, wenn er mit ihr zusammen Boppel ausführt: aber „diese ganze Sache mit der Liebe hab ich ordentlich satt“, sagt er. Sie ist ihm einfach zu kompliziert; immer gibt es Probleme. Zum Beispiel gerade wieder in der Woche, von der er uns erzählt: Milena geht ihm aus dem Weg, kommt nicht einmal mehr zur Schule, und David soll schuld sein, dabei hat er doch nur zu Fredrik gesagt, dass er „das“ jeden Tag mit Milena macht – Hund ausführen meinte er, „schmusen“ interpretiert Fredrik bösartig. Zum Glück hat David einen Freund, der da ist, wenn er ihn brauchen kann, und rundherum sind kluge Erwachsene, die vermitteln.
Das schmale Buch erzählt von den Schwierigkeiten einer zaghaften ersten Liebe. Von Gerüchten und ihrer bösen Kraft, von Konflikten, denen man sich stellen muss, auch wenn man sie gar nicht recht durchschaut, und davon, dass die Welt wieder schön sein kann, sobald sie sich geklärt haben. Recht einfach, schnell und glatt geht das vor sich, doch Per Nilssons lakonische Sprache und die unsentimentalen Alltagsszenen erden die Geschichte und machen sie glaubhaft.
VERENA STÖSSINGER

Franziska und die Elchbrüder
Pija Lindenbaum
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Moritz, Publiziert: 2004, Seiten: 34, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-158-3
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Geschwister | Identität/Individualität | Humor/Komik

Franziska wünscht sich dringend einen Bruder oder eine Schwester. Da kommen ihr die drei Elchbrüder vor der Haustür gerade recht. Doch mit der Zeit stellt sich heraus, dass die drei Elche nicht ganz Franziskas Idealvorstellung von Brüdern entsprechen: Die Legosteine wollen sie auffressen, das Malen langweilt sie rasch, die Spieltiere werden als Wurfgeschosse missbraucht, und das Wasser wird direkt aus der WC-Schüssel gesoffen – kurz: Franziska ist froh, als sich die Elche schliesslich wieder in den Wald trollen.

Einzelkinder (wie ich) können sich in Franziskas Situation sehr gut einfühlen. Doch Brüder um jeden Preis, das will niemand – auch die beherzte Franziska nicht, denn ein einigermassen kompatibler Erfahrungshintergrund kann nicht in Abrede gestellt werden, vor allem wenn es sich um Elche handelt. Auch der dritte Band von Franziskas Abenteuern ist wieder von überwältigender Komik und umwerfendem Charme. Ob sie sich wie in “Franziska und die dussligen Schafe” bemitleidenswerter Schafe annimmt, wie in “Franziska und die Wölfe” ein Rudel Wölfe bestens unterhält oder wie hier langsam einsehen muss, dass ihre Vorstellung von Spass derjenigen der Elche diametral entgegenläuft – immer bleibt Franziska souverän und eigenständig. Dazu gehören natürlich auch die köstlichen Bilder, die die Gemütslage jeder einzelnen Figur, von Franziska bis hin zu ihrem Spielzeughund, treffend widerspiegeln. Ein liebenswertes und witziges Bilderbuch – nicht nur für Einzelkinder.

MAJA MORES

Es war einmal eine Ente
Harmen van Straaten
Aus dem Niederländischen von Arnica Esterl
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2004, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 3-7725-1129-5
Schlagwörter: Fantasie | Freundschaft

„So geht das nicht!“, sagt das Schulkind zum Kindergartenkind, das kritzelnd behauptet, es schreibe. Frosch ist da rücksichtsvoller, aber er steht selber unter Druck, behauptet er doch von sich, er könne lesen. Als ihn Ente bittet, ihre zu Papier gebrachten Gedanken den Freunden vorzulesen, liest Frosch eine prima Geschichte von Ente und ihrer Not im Winter. Das Publikum ist begeistert von Entes Schreibkünsten und bittet um weitere Geschichten. Ente sagt unter der Bedingung zu, dass Frosch sie wieder liest: „Denn er kann Gedanken lesen.“
Dem Niederländer Harmen van Straaten ist eine feine Geschichte über die Ernsthaftigkeit des kindlichen Spiels gelungen. Er zeigt, wie im sensiblen Umgang miteinander etwas kreativ Neues entstehen kann und welchen Vorteil es hat, wenn ein Wichtigtuer nicht verspottet, sondern in die Gemeinschaft eingebunden wird. Die Aquarellbilder sind dabei weniger aussagekräftig als der pointierte und sprachspielerische Text. Sie bebildern ihn und versuchen, eine Sommerstimmung einzufangen, bleiben dabei aber etwas eintönig.
BRUNO BLUME

Beste Freunde, kapiert!
Endre Lund Eriksen
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Verlag: Dressler, Publiziert: 2004, Seiten: 203, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-2852-1
Schlagwörter: Krankheit | Aussenseiter:in/Mobbing

Jim ist in der Schule immer mit Kurt und Roger, den zwei coolsten Jungen der Klasse, zusammen und hält sie für seine besten Freunde. Dass sie ihn nur ausnutzen, um Zigaretten für sie zu besorgen, will er nicht wahrhaben, obwohl er die Situation glasklar analysiert: Seine anhaltende Leidenschaft für Playmobil und seine Mutter, die vor Angst keinen Schritt aus dem Haus macht, behält er besser für sich. “Das passt nicht, wenn man mit Kurt und Roger befreundet ist.” Jim ist ein kluger Kopf, und er hat Humor. Galgenhumor: So, wie seine Mutter über ihre psychische Krankheit lacht, lacht er darüber, dass er noch nicht in der Pubertät ist.
Knapp, witzig und beklemmend ist die Sprache, die der junge norwegische Autor Endre Lund Eriksen für seinen Ich-Erzähler Jim gefunden hat. Die kalte, dunkle Vorweihnachtszeit im Norden ist ein atmosphärisch starker Hintergrund für die anstrengende alltägliche Aufgabe Jims, das Schwere leicht zu nehmen.
Was wäre wohl mit Jim passiert, wenn Pitbull-Terje nicht aufgetaucht wäre? Terje ist dick wie ein Sumoringer und beinahe so ängstlich wie Jims Mutter, doch davon lässt er sich nichts anmerken. Ständig droht er mit einem Kampfhund, den es nicht gibt. Dass es Jim nicht besser geht als ihm selbst, erfasst er auf einen Blick, also gibt er den Tarif durch: “Beste Freunde, kapiert?” Bis die beiden wirklich beste Freunde werden, dauert es noch, und Eriksen spart nicht mit selbstironisch-schrägen Szenen aus dem heldenhaften Leben pubertierender Jungen auf dem Weg zum starken Mann. Das Buch endet mit einer wunderbar skurrilen Idylle: Die beiden sitzen mit ihrem Playmobil unter dem Weihnachtsbaum und schmieden Pläne, wie sie Jims ängstliche Mutter und Terjes kolossalen, trinkenden Vater verkuppeln könnten.
CHRISTINE LÖTSCHER

Ich bin’s, Francesca!
Melina Marchetta
Aus dem Australischen von Cornelia Holfelder-von der Tann
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2004, Seiten: 251, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-35249-7
Schlagwörter: Freundschaft | Schule

Als Francescas Mutter Mia eines Morgens nicht mehr aufsteht, versteht Francesca die Welt nicht mehr. Ausgerechnet jetzt würde sie Mia dringend brauchen, wo sie auf ein College gehen muss, das bisher keine Mädchen aufgenommen hat, und wo sich jetzt 30 Mädchen 750 Jungs gegenübersehen. Aber die starke, engagierte, erfolgreiche Mutter, die auf fast alle Fragen eine Antwort wusste und Francesca eine ganze Menge abforderte, kann nicht mehr. Und damit wird das Familienleben auf den Kopf gestellt. Der Vater ist mit der Situation überfordert, Francesca gibt ihm und sich wechselweise die Schuld an Mutters Kranksein und wird immer verzweifelter. Und auch die Freundinnen aus der alten Schule sind ihr keine Hilfe. Ihr tussiges Gehabe geht Francesa zunehmend auf den Geist. Vor allem, weil sie allmählich erkennt, dass es auf ihrem neuen College nicht nur eine Menge doofe Jungs und wenige, schräge Mädchen gibt. Will, den Schulsprecher, so weit zu haben, dass er ihr seine Zuneigung gesteht, ist aber ein hartes Stück Arbeit. Als Francesca nach einem Riesenkrach mit dem Vater davonläuft – er hat sogar ihren Geburtstag vergessen – und wieder aufgegriffen wird, können Vater und Tochter endlich einander zuhören. Als sie nach Hause kommen, weiss Francesca endgültig, dass sie an der neuen Schule nicht mehr alleine ist.
Nach “Josy sucht Josy” überzeugt auch der zweite Roman der australischen Autorin rundum. Melina Marchetta erzählt einfühlsam und präzise von den Ängsten Heranwachsender. Sie zeigt sie in ihrem Zwiespalt zwischen dem Wunsch, ein Zuhause zu haben, und dem Drang, ins eigene Leben aufzubrechen.
Francesca bewegt sich eigentlich ganz in den Stapfen ihrer selbstbewussten Mutter, nur kann sie das nicht richtig zulassen. Auch wie die Autorin das Thema “Depression” aufgreift und klar macht, dass auch starke Persönlichkeiten von einem Tag auf den anderen nicht mehr können, wie sie sollten, überzeugt. Dazu kommt die ganz ungewöhnliche Beziehung zwischen der intellektuellen Mia und dem Handwerker Bob, die innige Liebe Francescas für ihren kleineren Bruder. Und nicht zuletzt ist dieser Roman auch eine Hommage an die italienische EmigrantInnenszene in Sydney. Wer aus Europa kommt, wird im Schulhof von den anderen Secondos und Secondas selbstverständlich aufgenommen. Und sogar in Australien streiten sich Nonnas darüber, wer die besseren Guetsli bäckt.
Die Autorin lässt Francesca erzählen. Aber weil sich in diesem Buch eine Hand voll eigenständiger, schräger Jungenfiguren findet und auch ihre zum Teil äusserst komischen Verrenkungen auf der Schwelle zum Erwachsensein präzis geschildert werden, ist dieses Buch eines von wenigen, das definitiv nicht in die Mädchenbuchecke gehört, sondern von männlichen und weiblichen Jugendlichen mit Lust gelesen werden kann.
Christine Tresch

Löwenzahnlied
Hilde Hagerup
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2004, Seiten: 237, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00946-4
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Gegensätzlicher könnte ein Schwesternpaar nicht sein: die sanfte, hilfsbereite Siv ist ein Engel, die rotzige, jungenhaft-wilde Gerd ein Bengel. Die beiden wachsen allein mit ihrer Mutter in einem norwegischen Hafenstädtchen auf; ihr Vater ist bei einem Angelausflug von einem Sturm überrascht worden und ist seither verschollen. Siv, die mit dabei war, erzählt davon keinen Ton. Stattdessen singt sie unkontrolliert und gilt bald einmal als verrückt. Gerd, die Ich-Erzählerin, wird noch frecher und bezeichnet sich selbst stolz als „übellaunige, ewig saure Rotzgöre“. In wunderbar rauem, leidenschaftlichem Ton denkt sie darüber nach, warum sie niemand leiden kann und beginnt zu begreifen, wie abweisend sie auf andere wirkt. Siv und Gerd gelingt es mit der Zeit, aus ihren seit dem Tod des Vaters erstarrten Rollen auszubrechen und auf ganz unterschiedliche Arten selbstbewusste Mädchen zu sein. Erst dann kann die Familie wieder neu zusammenwachsen.
CHRISTINE LÖTSCHER

Fuchsfrau
Nicola M. Browne
Aus dem Englischen von Klaus Weimann
Verlag: dtv, Publiziert: 2004, Seiten: 362, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-70847-6
Schlagwörter: Freundschaft | Identität/Individualität | Tod/Trauer | Fantastik/Fantasy

Wegen eines Jungen wird Karen von einer Mädchengang gejagt und brutal zusammengeschlagen. Sie fällt ins Koma. Während die Grosseltern im Krankenhaus um ihr Leben bangen, streift Karen in Gestalt einer Füchsin durch eine mittelalterliche Welt. Der junge Mowl erkennt in ihr einen so genannten Arl. Ein magisches, hoch verehrtes Wesen zwischen den Welten. „Eine Seele, die gefangen und irgendwie verletzt ist.“
Meisterhaft verknüpft Nicola M. Browne die beiden Erzählebenen. Kurze Einschübe vermitteln, wie Karen den Unmut der Mädchen auf sich gezogen hat, während sie in einer an J.R. Tolkien erinnernden mystischen Welt voller Soldaten, Heiler und weisen Frauen mehr und mehr in ein lebensgefährliches Spiel um Macht verwickelt wird. 24 Tage bleiben ihr, um sich zu verwandeln, ihren tierischen Körper zu verlassen und wieder menschliche Gestalt anzunehmen. Gelingt ihr das nicht, ist sie für immer verloren. Und jeder Augenblick, den sie als Fuchs lebt, schwächt ihre Seele.
Mit Hilfe ihrer neu gewonnenen Fähigkeiten unterstützt Karen Mowl im Kampf um Rehabilitation und Gerechtigkeit. Am Ende muss sie sich für eine der beiden Welten entscheiden. Und für die Grosseltern, die das Mädchen, das „immer irgendwo anders“ war, nach dem frühen Tod der Eltern bei sich aufgenommen und aufgezogen haben, gilt es loszulassen…
Ein fesselnder Fantasyroman, der gelungen mit verschiedenen Bewusstseinsebenen operiert, eine starke Protagonistin zeigt und auch zur Auseinandersetzung mit Themen wie Seelenwanderung oder Telepathie anregt.
ANDREA DUPHORN

Mary Ann Alice
Brian Doyle
Aus dem kanadischen Englisch von Cornelia Krutz-Arnold
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2004, Seiten: 183, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-8019-4
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft

Kanada, 1926: Der Bau des Gatineau-Staudamms verändert das Leben einer ganzen Region. Aus der sehr persönlichen Sicht von Mary Ann Alice, die mit ihren Eltern auf einer Farm am Fluss lebt, Dichterin werden möchte und zum ersten Mal verliebt ist, erzählt Brian Doyle von der Aufbruchstimmung, die die Farmer rund um den Gatineau River erfasst, als bekannt wird, dass die Regierung einen riesigen Staudamm bauen lassen will, um die Bevölkerung mit Elektrizität zu versorgen.Wie alle lässt sich auch Mary Ann Alice zunächst von der allgemeinen Euphorie mitreissen. Doch schon bald erkennt die junge Frau, die in einem der grossen Speisesäle drei Mal am Tag Essen an die Bauarbeiter ausgibt und so unmittelbar am Geschehen teil nimmt, dass das ehrgeizige Projekt auch mit zahlreichen Opfern verbunden ist. Ein fesselnder, atmosphärisch dichter Roman, der von der impulsiven, zuweilen fast ungestümen und doch sehr einfühlsamen Art seiner temperamentvollen Ich-Erzählerin bestimmt wird. Mit einem Wort: unwiderstehlich.
ANDREA DUPHORN

bad girls – stories
Joyce Carol Oates
Aus dem amerikanischen Englisch von Birgitt Kollmann
Verlag: dtv, Publiziert: 2004, Seiten: 269, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-62187-7
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Identität/Individualität

Mit ihrem Buch „Gute Mädchen kommen in den Himmel – böse überall hin. Warum Bravsein uns nicht weiterbringt“ hat Ute Ehrhart 1994 für ziemlichen Wirbel gesorgt. Fast zwei Millionen Mal wurde ihr Leitfaden zu einem erfüllten, selbstbestimmten Frauenleben verkauft – und hat eine wahre Flut ähnlicher Titel ausgelöst. Joyce Carol Oates hat ihr zweites Jugendbuch allen „bad girls“ gewidmet. Es vereint zehn „Stories“ der preisgekrönten US-amerikanischen Autorin; Erzählungen um junge Frauen, die zwischen Kindheit und Erwachsensein stehen, voller Lebenshunger und Fantasien, und um ein eigenes Leben jenseits von vorgegebenen Rollen kämpfen. So vermischen sich in den einmal aus der Ich-Perspektive, dann wieder auktorial erzählten Geschichten zuweilen auch kindliche Fantasie und gegenwärtige Realität. Wie in der Erzählung „Der himmelblaue Ball“, in der sich die Protagonistin daran erinnert, wie ihr als 14-Jährige von der anderen Seite einer Backsteinmauer plötzlich „ein sphärisches Objekt“ entgegen geflogen kam – ein himmelblauer Ball – und sich in der Folge ein munteres „Ball über die Mauer“-Spiel entwickelte. Oder die Geschichte, die von Claire handelt, die bei einem Bummel durch die Stadt in ihrem eigenen Spiegelbild plötzlich das Gesicht ihrer toten Grossmutter erkennt und einer ganz besonderen Nacht ihrer Kindheit nachspürt.
Ein Buch für Vielleserinnen. Junge Frauen und Mädchen, die sich von anspruchsvollen Texten nicht schrecken lassen und Anregungen zur Auseinandersetzung suchen. Mit dem Leben literarischer Figuren oder dem eigenen.
Andrea Duphorn

Sandor slash Ida
Sara Kadefors
Aus dem Schwedischen von Maike Dörries
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2004, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58102-9
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Identität/Individualität | Geschlechterbilder

Auf den ersten Blick hat Ida alles, was sich ein 15 Jahre altes Mädchen wünschen kann: Sie sieht aus wie ein Model, ist cool und hat gleich zwei beste Freundinnen, mit denen sie in Stockholm von Fete zu Fete zieht, um jede Menge Spass zu haben. Von den Mädchen bewundert und beneidet, von den Jungs heiss begehrt – und irgendwie doch eine Aussenseiterin, denn dass ihre Mutter nach der Trennung vom Vater schwer depressiv ist, tagelang im Bett liegt und die Wand anstarrt, erzählt Ida ihren Freundinnen nicht.
Auch Sandor, der in einem Vorort von Göteborg lebt, fühlt sich einsam. Weil er Ballett tanzt, halten ihn seine Mitschüler für schwul und demütigen ihn, wann immer sich ihnen die Gelegenheit dazu bietet. Und dann weiss er noch nicht einmal, ob er für sich oder seine Mutter, eine ehemalige Primaballerina aus Ungarn, tanzt.
In einem Internet-Chatroom lernen Sandor und Ida sich kennen – und verlieben sich ineinander. Mit kurzen, schnellen Schnitten, wechselnden Erzählperspektiven und Emails – ein paar Zeilen Sandor, ein paar Zeilen Ida –, erzählt Sara Kadefors ihre ungewöhnliche Liebesgeschichte voll überraschender Wendungen. Denn weil Ida und Sandor in ihren Mails mächtig drauflos flunkern, kommt es fast zum Bruch, als er sie mit seinem Besuch überrascht.
Kadefors Jugendbuchdebüt, in Schweden mit dem renommierten Augustpreis ausgezeichnet, ist eine der schönsten Liebesgeschichten der vergangenen Jahre. Spannungsreich und vielschichtig, flott geschrieben und sehr nah dran, am Leben heutiger Jugendlicher.
ANDREA DUPHORN

Heim
Mirijam Günter
Verlag: dtv, Publiziert: 2004, Seiten: 301, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-70884-0
Schlagwörter: Biografie

Es gibt Bücher, bei denen versetzt man sich in andere Lebenswelten und versucht, diese zu verstehen. Und dann gibt es Bücher, die führen einen in frühere Lebenswelten zurück. So erging es mir mit dem Buch von Mirijam Günter. Bin ich heute Beraterin, Autorin und Buchrezensentin, war ich früher Heimerzieherin und hatte genau mit diesen Jugendlichen zu tun, die Mirijam Günter in ihrem Buch beschreibt. Es gab Nachtdienste, Wochenenddienste, Jugendliche, die ausgestiegen und abgehauen sind und die ich mit meinen KollegInnen in dunklen Gassen, heruntergekommenen Hinterhöfen und Spelunken nächtens suchte. Streit auf der Strasse, Machtgebärden, Bedrohung, Beschimpfung, Teambesprechungen, Gruppenabende und immer wieder der Versuch, die Jugendlichen zu erreichen und sich nicht von ihren seelischen Verletzungen abschrecken zu lassen. Ausbildungen, Weiterbildungen, Supervisionen begleiteten diesen Weg. KollegInnen, die sich gegenseitig unterstützen, Nachtdienste miteinander teilten und die sich Raum für Aussprache gaben. Wie mühevoll der Zugang zu solch gestrandeten Kids und Jugendlichen ist, wie brutal die Umgangssprache, wie langwierig der Weg zu manchem Herzen, hat Mirijam Günter gut beschrieben. Die ErzieherInnen, die mir darin begegnen, wären allerdings keine KollegInnen von mir gewesen. Man hätte ihnen gekündigt.
Dennoch ermöglicht “Heim” Einblicke in die Arbeitswelt von Polizisten, Sozialarbeiterinnen und Heimerziehern. Es sind aber Facetten, vorzugsweise dunkel gefärbt. Ich erfahre, was es heisst, mit einem sperrigen, unmotivierten und selbstbezogenen Jugendlichen zu arbeiten. Nichts wird bewegt, nichts verändert sich, alle sind “Deppen”, nur die Jugendlichen nicht. Allein, wer will das wissen? Natürlich könnte man das Buch sehr gut verwenden, um Menschen, die vor der Ausbildung als ErzieherInnen stehen, zu fragen: “Seid ihr euch über diesen Beruf im Klaren?”, doch als Inhalt für ein Jugendbuch erscheint mir die launige Perspektivlosigkeit der Protagonistin zu schwach und darüber hinaus zu einseitig. Natürlich gibt es immer wieder Jugendliche, die keinen Kontakt zu ihren Erziehern finden – doch das Bild, das in diesem Buch von den HeimpädagogInnen gezeichnet wird, stimmt nicht. Genau so, wie auch das Bild der Jugendlichen nicht stimmig ist. Es sind wenige, die stur und steif auf ihrem Weg bleiben und keinen Zugang zulassen. Zum Glück – denn wenn das passiert, haben letztlich alle versagt. Die Eltern, die Lehrpersonen, die SozialpädagogInnen und die Jugendlichen selbst. Auch Letztere haben ja mit ihrem Leben “etwas zu tun”.
In “Heim”, das für jugendliche LeserInnen gedacht ist, fehlt die Einsicht, die Reflexion, das Hineindenken in andere Lebenswelten – in die der Jugendlichen und in die der Pädagog-Innen. Die Aussage “Ich will nicht und ich zeigs euch”, gespickt mit ein paar Hintergrundinformationen über die Strassenszene, hinterlässt den Eindruck, als würde man hinter die Zäune eines ganz besonderen, etwas sehr verwahrlosten Zoos blicken. Der Zustand des Zoos verändert sich durch diesen Blick aber nicht.
Die Zustandsbeschreibung ist der Autorin, wenn auch überzeichnet, geglückt. Doch wieso ein Jugendbuch? Jugendlichen würde dadurch ermöglicht, einen Standpunkt zu beziehen, sagt der Verlag. Dieser Transfer mag bei den Jugendlichen glücken, die in der Geborgenheit eines interessierten Elternhauses, mit ausreichend Schulbildung und fairer Auseinandersetzung aufwachsen. Für Jugendliche, wie sie in dem Buch beschrieben werden, ist diese literarische Konfrontation zu hoch, zu mühsam, zu gewollt. Es setzen sich also die mit dem “Zoo” auseinander, die mit der beschriebenen Randgruppe kaum in Berührung kommen.
Manchmal besuche ich das Heim, in dem ich vor 15 Jahren gearbeitet habe. Ich treffe KollegInnen, die noch immer dort sind, und zolle ihnen meinen Respekt. Und ich treffe Jugendliche von früher. Sie sind Väter und Mütter geworden, arbeiten im Supermarkt, sind gerade auf Knasturlaub oder sind heute selbst Erzieher und Sozialpädagogin. Nicht jede Heimgeschichte ist eine Einbahnstrasse. Und nicht jedes Heimkind wird mit Preisen und Stipendien für gefärbte und unreflektierte Lebensausschnitte belohnt. Mancher Lebensweg eines Heim- oder Strassenkindes endet ohne grelle Effekte, Drogen und Beleidigungen. Einfach Alltag, der bestanden sein will. Vielleicht sollte darüber mal jemand ein Buch schreiben.
CHRISTINE WEINER

Kommt er bald?
Bjarne Reuter
Aus dem Dänischen von Bernhard Oberdieck
Verlag: Patmos, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-491-24099-9
Schlagwörter: Geschwister

Eine aussergewöhnliche Adventsgeschichte

“Kommt er bald?” ist eine geheimnisvolle Adventsgeschichte, die eigentlich jeder kennen sollte, ganz besonders wenn es in der Familie jüngere Brüder gibt … Nach den Printausgaben bei Sauerländer (Hardcover) und bei Fischer Schatzinsel (Taschenbuch) gibt es jetzt für alle, die eine Geschichte lieber hören als lesen, das Hörbuch auf MC oder CD bei Patmos. Unter der Regie von Karin Lorenz liest Boris Aljinovic hier die Erlebnisse des zehnjährigen Wilhelm Mortensen, seines Zeichens älterer Bruder und somit ein abgeklärter, nicht an den Weihnachtsmann glaubender junger Mann. Sein unerschütterlicher Unglauben gerät heftig ins Wanken, als der sechsjährige Bruder Hugo mit Beginn der Adventszeit merkwürdige Briefe erhält, in denen ihn ein mysteriöser “St. N.” um ein Treffen bittet. Sollte sich hinter dem Absender etwa der Heilige Nikolaus verbergen? Das Treffen wird immer wieder hinausgeschoben – und mit jedem neuen Brief wächst Wilhelms Unsicherheit. Gibt es den Weihnachtsmann vielleicht doch? Bjarne Reuter hat mit “Kommt er bald?” eine unvergleichliche Adventsgeschichte voller Situationskomik geschaffen, die schon jetzt ohne Zweifel zu den unvergessen bleibenden Klassikern der Weihnachtsliteratur zählt.
Maren Bonacker

Vom General, der singen lernte
David McKee
Aus dem Englischen von Susanne Zeller
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-85581-416-3
Schlagwörter: Freundschaft | Krieg | Musik

Ein Antikriegsbuch ist immer auch ein Kriegsbuch. Krieg spielen und Macht ausspielen ist beliebt bei Kindern, sie lassen sich faszinieren von Kriegsdarstellungen, auch von der oft immanenten technischen Höchstleistung. Dagegen kommt auch David McKee, Schöpfer des karierten Elefanten Elmar, nicht an, obwohl er eine hoffnungslos antiquierte Schlachtaufstellung zeichnet – was im Übrigen das Verständnis von Kriegsmechanismen nicht fördert. Aber immerhin zeigt er eine smarte Umkehrung der kriegerischen Eroberung auf: Der mächtige General überfällt mit seiner Armee das letzte freie Land, in dem sie aber freundlich empfangen werden. Statt es einzunehmen, übernehmen die Soldaten die Bräuche des kleinen Landes, die sich langsam im Stammland des Generals ausbreiten. Als der zu Hause seinem Sohn etwas vorsingen soll, singt er die einzigen Lieder, die er kennt: die Lieder des kleinen Landes. McKee bietet aber kein Happyend, denn der General wandelt sich nicht wirklich, er hat nur nicht gemerkt, was vor sich geht. Der nächste Krieg lässt sicher nicht lang auf sich warten.

Der aktuelle Hintergrund wird in den sehr einfachen, lebendigen Farbstiftzeichnungen durch dezente Hinweise auf die islamische Kultur bestätigt. Damit eignet sich das Buch sehr für das familiäre oder schulische Gespräch über Krieg und Zeitgeschehen. Allerdings müsste da auch die problematische Darstellung der Frauen zur Sprache gebracht werden: Die werden in passiven Rollen dargestellt, sind in der Unterzahl und ihre Welt ist auf Küche und Familie reduziert. Der “Kampf der Geschlechter” ist also noch ergebnislos.

Bruno Blume

Ein Märchen ist ein Märchen ist ein Märchen
Marjaleena Lembcke, Illustration: Sybille Hein
Verlag: NP-Verlag, Publiziert: 2004, Seiten: 124, ISBN/ISSN/EAN: 3-85326-285-6
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Als die königliche Familie merkt, dass nichts mehr so recht klappen will, beschliesst sie, ihr Märchen zu verlassen und ihren Schriftsteller zu suchen. Der steckt in einer Schaffenskrise und weiss nicht, wie er das angefangene Buch beenden soll. Eine Reise beginnt, der sich immer mehr “angefangene” Romanfiguren anschliessen – sie alle fordern einen anständigen Handlungsrahmen.

Die eigenwilligen Romanfiguren, die sich den Ideen ihrer Autoren nicht mehr fügen wollen, nehmen überhand. Es mag dies ein Grund sein, warum man Marjaleena Lembckes postmodernes Kinderbuch mit weniger Vergnügen liest als etwa “Die wunderbare Welt der Sylvie” von Roderick Townley (Fischer Schatzinsel 2003). Ein weiterer Grund liegt in der recht zähen Handlung. “In jeder Geschichte, auch in einem Märchen, muss etwas geschehen”, sagen die Märchenfiguren auf Seite 42. Richtig! Doch ist bis dahin leider herzlich wenig passiert – König, Königin und Prinzessin stehen meistens unentschlossen in der Gegend herum und diskutieren, was sie wohl als Nächstes tun sollen.
Etwas spannender wird es mit dem Auftauchen des Grafen, der angefangene Handlungsstränge in einem “Keller der unfertigen Geschichten” (ähnlich Jasper Ffordes Idee vom “well of lost plots”) sammelt – doch der Bösewicht bleibt leider nur etwa über fünf Seiten böse und möchte dann von den Romanfiguren und von den LeserInnen gemocht werden…

Da können auch die zauberhaften Aquarelle von Sybille Hein und die aufwändige Aufmachung des Buchs nicht mehr viel retten – dieses Märchen wäre besser im Keller des Grafen von Eselsbrück geblieben.

Maren Bonacker

ZOO-ologie
Joëlle Jolivet
Aus dem Französischen von Anke Knefel
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2004, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51644-8
Schlagwörter: Fantasie | Tiere

Was für ein Buch! Das riesige Format (aufgeschlagen misst es stattliche 63 mal 45 cm) beeindruckt nicht weniger als das genial-einfache Konzept: Mehr als 300 Tiere hat Joëlle Jolivet – unterstützt von Emmanuelle Grundmann, Zoologin am Französischen Nationalmuseum für Naturkunde – ausgewählt und in ihre “ZOO-ologie” gepackt. Auf 14 prallgefüllten Doppelseiten werden Haus- und exotische, grosse und kleine Tiere bis hin zu Insekten in ungewöhnlichen Gruppierungen zusammengefasst, abgebildet und benannt. Wie Bastelbögen zum Ausschneiden wirken die jede noch so kleine Lücke nutzend angeordneten Zwei-, Vier- und Mehrbeiner, deren Konturen die französische Künstlerin mit sicherem schwarzem Strich eingefangen hat. Tiere, die in heissen oder kalten Regionen zu Hause sind, in den Bäumen, auf dem Meeresboden oder “dem Menschen nahe” leben, tümmeln sich dort dicht gedrängt. Kleine und Grosse, Schwarze, Weisse und Schwarzweisse, Gefleckte und Gestreifte, Gefiederte und Gehörnte. Solche die ihr Leben lang “bauen, graben, wühlen” oder in der Nacht aktiv sind.
Das umfangreiche Register am Ende des Buches führt sie alle, von Aal bis Zwergwal, noch einmal auf und verrät dazu noch das eine oder andere Geheimnis. Dass die Kiwi-Henne jedes Jahr nur ein einziges Ei legt etwa, jede Zebraart eine andere Fellzeichnung besitzt oder Lemminge sich alle drei bis vier Jahre auf Wanderschaft begeben und dabei ausschliesslich geradeaus marschieren. Vom Gemeinen Sperling über den Azurblauen Pfeilgiftfrosch, den Tasmanischen Teufel, die Sardelle und Fliege bis hin zu Blauwal, Elefant und Giraffe – in diesem in jeder Hinsicht prachtvollen Bildersachbuch, das bereits bei den Allerjüngsten (ab zwei Jahren) Begeisterung und Neugier weckt, gibt es jede Menge zu entdecken.
An etwas ältere Kinder wendet sich Lila Praps Spass-Sachbuch “Warum?”, in dem es nicht nur darum geht, die einzelnen Tiere zu identifizieren, sondern auch Neues über sie zu erfahren. Warum haben Löwen Mähnen? Damit sie wissen wo ihr Kopf ist? Oder damit man sie nicht mit Kühen verwechselt? Und warum lachen Hyänen? Weil bei ihnen eine Schraube locker ist? Oder weils kitzelt, wenn sie barfuss durch das Gras laufen? – 14 exotische Tiere, vom Affen über das Känguru und den Wal bis hin zum Zebra, stehen im Mittelpunkt dieses Buches. Zu jedem Tier stellt die slowenische Künstlerin Lila Prap eine Frage, auf die sie selbst mehrere Antworten zur Auswahl bietet – die meist nicht allzu ernst gemeint sind. In einer Spalte am rechten Rand wird erklärt, wozu Nashörner ihre Hörner wirklich brauchen, was es mit den Höckern der Kamele auf sich hat, warum Krokodile “weinen” oder Flusspferde “gähnen” – und nebenbei noch so manch anderes interessante Detail über die entsprechende Tierart verraten.
Ein humorvolles Mitmach-Sachbilderbuch, das Kinder anregt, Fragen zu stellen, selbst ausgefallene Antworten zu finden oder – wie von der Autorin gefordert – auch mal neue Tiere zu erfinden. Ein Kamkäng (Kamel-Känguru) zum Beispiel, ein Löwhorn oder eine Walräne. Prädikat: besonders fantasie- und wertvoll. Insbesondere für die Arbeit in Kinderkrippen, Horten und Kindergärten.
ANDREA DUPHORN

Warum?
Lila Prap
Aus dem Englischen von Thomas Minssen
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2004, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-56-8
Schlagwörter: Tiere

Was für ein Buch! Das riesige Format (aufgeschlagen misst es stattliche 63 mal 45 cm) beeindruckt nicht weniger als das genial-einfache Konzept: Mehr als 300 Tiere hat Joëlle Jolivet – unterstützt von Emmanuelle Grundmann, Zoologin am Französischen Nationalmuseum für Naturkunde – ausgewählt und in ihre “ZOO-ologie” gepackt. Auf 14 prallgefüllten Doppelseiten werden Haus- und exotische, grosse und kleine Tiere bis hin zu Insekten in ungewöhnlichen Gruppierungen zusammengefasst, abgebildet und benannt. Wie Bastelbögen zum Ausschneiden wirken die jede noch so kleine Lücke nutzend angeordneten Zwei-, Vier- und Mehrbeiner, deren Konturen die französische Künstlerin mit sicherem schwarzem Strich eingefangen hat. Tiere, die in heissen oder kalten Regionen zu Hause sind, in den Bäumen, auf dem Meeresboden oder “dem Menschen nahe” leben, tümmeln sich dort dicht gedrängt. Kleine und Grosse, Schwarze, Weisse und Schwarzweisse, Gefleckte und Gestreifte, Gefiederte und Gehörnte. Solche die ihr Leben lang “bauen, graben, wühlen” oder in der Nacht aktiv sind.

Das umfangreiche Register am Ende des Buches führt sie alle, von Aal bis Zwergwal, noch einmal auf und verrät dazu noch das eine oder andere Geheimnis. Dass die Kiwi-Henne jedes Jahr nur ein einziges Ei legt etwa, jede Zebraart eine andere Fellzeichnung besitzt oder Lemminge sich alle drei bis vier Jahre auf Wanderschaft begeben und dabei ausschliesslich geradeaus marschieren. Vom Gemeinen Sperling über den Azurblauen Pfeilgiftfrosch, den Tasmanischen Teufel, die Sardelle und Fliege bis hin zu Blauwal, Elefant und Giraffe – in diesem in jeder Hinsicht prachtvollen Bildersachbuch, das bereits bei den Allerjüngsten (ab zwei Jahren) Begeisterung und Neugier weckt, gibt es jede Menge zu entdecken.

An etwas ältere Kinder wendet sich Lila Praps Spass-Sachbuch “Warum?”, in dem es nicht nur darum geht, die einzelnen Tiere zu identifizieren, sondern auch Neues über sie zu erfahren. Warum haben Löwen Mähnen? Damit sie wissen wo ihr Kopf ist? Oder damit man sie nicht mit Kühen verwechselt? Und warum lachen Hyänen? Weil bei ihnen eine Schraube locker ist? Oder weils kitzelt, wenn sie barfuss durch das Gras laufen? – 14 exotische Tiere, vom Affen über das Känguru und den Wal bis hin zum Zebra, stehen im Mittelpunkt dieses Buches. Zu jedem Tier stellt die slowenische Künstlerin Lila Prap eine Frage, auf die sie selbst mehrere Antworten zur Auswahl bietet – die meist nicht allzu ernst gemeint sind. In einer Spalte am rechten Rand wird erklärt, wozu Nashörner ihre Hörner wirklich brauchen, was es mit den Höckern der Kamele auf sich hat, warum Krokodile “weinen” oder Flusspferde “gähnen” – und nebenbei noch so manch anderes interessante Detail über die entsprechende Tierart verraten.

Ein humorvolles Mitmach-Sachbilderbuch, das Kinder anregt, Fragen zu stellen, selbst ausgefallene Antworten zu finden oder – wie von der Autorin gefordert – auch mal neue Tiere zu erfinden. Ein Kamkäng (Kamel-Känguru) zum Beispiel, ein Löwhorn oder eine Walräne. Prädikat: besonders fantasie- und wertvoll. Insbesondere für die Arbeit in Kinderkrippen, Horten und Kindergärten.

ANDREA DUPHORN

Yellow Submarine
The Beatles, Illustration: Heinz Edelmann
Aus dem Englischen von Edmund Jacoby
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2004, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5066-1
Schlagwörter: Kunst | Musik

80000 Meilen unter dem Meeresspiegel liegt es, das fröhliche Pepperland, wo die Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band unentwegt für gute Laune sorgt. Logisch, dass das den unmusikalischen Blaumiesen missfällt. Ihr Plan, das Pepperland wegzupusten, scheint zu funktionieren, insbesondere weil auch Glove, der furchtbare fliegende Handschuh, auf ihrer Seite ist. Für Fred und den Bürgermeister ist klar, dass es nur einen Ort auf dieser Welt geben kann, von dem Hilfe zu erwarten ist: Liverpool. Fred im gelben Unterseeboot kann Ringo von den Beatles überzeugen, dass er und seine Freunde dem Pepperland helfen müssen. Auf der Unterseebootsreise zurück treffen sie lauter bekannte Gestalten wie den Nowhere Man und müssen im Meer der Löcher das genau richtige Ausgangsloch finden. Im Pepperland angekommen, schlüpfen sie in die Uniformen der Pepperband selig und schmettern ihre wohlbekannten Ohrwürmer so lange in die Welt, bis alle Blaumiesen zu glücklichen Blumenkindern konvertiert sind und es überall laut erschallt: “Love is all you need”.
Zugegeben, die auf dem Zeichentrickfilm “Yellow Submarine” (1968) basierende Geschichte ist leicht überdreht – wie die ganze Flower-Power-Epoche es war. Sie wirkt aber nicht nur als moderner Klassiker und kulturgeschichtliches Dokument überzeugend, sondern besteht auch allein als fantasievolles Märchenabenteuer. Gemalt im Pop-Art-Stil der Sixties, grell-bunt bis zum Gehtnichtmehr, lässt das Buch die Zeit um 1968 auf übermütige Weise lebendig werden. Die Anspielungen und der Wortwitz richten sich zwar eher an ältere Fans, dennoch ist das Ganze eine perfekte Gelegenheit, die Enkel mit den Bildern dieser Zeit bekannt zu machen: eine ideale Vor- oder Nachbereitung für den Genuss des Filmes oder der wunderbaren Musik.
MAJA MORES

Die Katze des Bäckers
Posy Simmonds
Aus dem Englischen von Erica Ruetz
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2004, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-257-01109-1
Schlagwörter: Freundschaft | Tiere

Die renommierte englische Karikaturistin Posy Simmonds erzählt in ihrem neuen Bilderbuch von einem faulen Bäcker-Ehepaar, das die Arbeit gerne andern überlässt – in diesem Fall einer Katze. Eine tapfere Katze ist das. Sie läuft auf zwei Beinen, die Bäckerschürze umgebunden, und schuftet rund um die Uhr. Mehlsäcke buckeln, Teig kneten, Brot backen, die Backstube putzen, den Laden abschliessen und immer nebenher Mäuse jagen, weil die Bäckersfrau eine Mäusephobie hat. Und der Lohn für diese Plackerei? Dass der Bäcker die Katze abends in die Vorratskammer einschliesst, wo sie weiter Mäuse jagen muss. Je mehr Mäuseschwänze sie am Morgen vorweisen kann, desto voller ist der Fressnapf.

Nur, wer sich tagsüber derart ins Zeug legt, mag nachts nicht mehr. So tanzen denn die Mäuse im Lagerraum der Katze vor der Nase herum, und am Morgen bekommt sie kein Futter. Kein Wunder, dass sie immer dünner und schwächer wird. Da bekommen selbst Mäuse Mitleid. Eine Friedensbotin wird ausgesandt, eine kleine weisse Fahne zwischen den Pfoten: “Hör zu, Katze! Wir wollen Dir helfen …” Natürlich ist Katze hoch erfreut. Während sie sich zum wohlverdienten Schlaf zusammenrollt, plündern die Mäuse das Wollgeschäft auf der gegenüberliegenden Strassenseite und häkeln mit selbst gefertigten Strickpilzen (wie man das macht, zeigt Posy Simmonds in einer fast filmischen Sequenz) Mäuseschwänze. Am Morgen kann die Katze dem Bäcker fünf Mäuseschwänze vorzeigen, und ihr Fressnapf wird gefüllt. Mit jedem Morgen werden es mehr Mäuseschwänze – und die Katze wird wieder richtig dick. Aber natürlich hat die Geschichte einen Haken. Denn auch den Mäusen geht es blendend. Sie feiern rauschende Feste in der Speisekammer und laden dazu die ganze Verwandtschaft ein. So ist eines Tages die Vorratskammer leer gefressen, und die Bäckersleute wollen der Katze den Pelz endgültig über die Ohren ziehen. Wieder ist Mäuseintelligenz gefragt. Dieses Mal ist der Streich so effektiv, dass die Katze und die Mäuse das Bäckerehepaar für immer loswerden.

Die Katze des Bäckers hat das Zeug, so berühmt zu werden wie Fred, der nächtliche Star der Hinterhofkatzenszene in Posy Simmonds gleichnamigem Bilderbuch “Fred” (die Verfilmung des Buches war für den Oscar nominiert). Man merkt, dass die Künstlerin von der Karikatur herkommt. Ihre Figuren sind ausdrucksstark, die Bilderfolgen äusserst lebendig und temporeich: Vom doppelseitigen Bild bis zum Cartoon findet sich jede Erzählform. Text und Bild ergänzen sich hinreissend. Und wie in ihren Cartoons, die regelmässig in der englischen Tageszeitung “The Guardian” erscheinen, liegt auch in Posy Simmonds Bilderbüchern der Teufel im Detail begraben.

Christine Tresch

Der König der Dinge
Tarik A. Bary
Aus dem Arabischen von Doris Kilias
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2004, Seiten: 182, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0497-4
Schlagwörter: Freundschaft | Aussenseiter:in/Mobbing

“Nun, mein lieber Karim, heissts Abschied nehmen. Ich hoffe, dass du allein zurechtkommst und fleissig lernst. Bestimmt wirst du dich mit deinen neuen Kameraden gut verstehen, und wenn du irgendetwas brauchst, wende dich an Herrn Umran, den Direktor.” So spricht der Vater zum Sohn, bevor er ihn in einem neuen Internat zurücklässt. Wenn das so weitergeht – den Gedanken kann man sich nicht verkneifen, nachdem der Sohn ebenso wortreich geantwortet hat –, wird das eine langfädige Angelegenheit… Doch schon auf der nächsten Seite geht es zur Sache; in der Abschiedsrede des Vaters, erkennt man später, liegt schon der ganze Zündstoff versteckt. Denn unter den neuen Kameraden gibt es brutale Rüpel und einen gemeinen Verräter, die es allesamt auf Karim abgesehen haben. Das von Mobbing und Gewalt geprägte Klima an der ägyptischen Schule spiegelt die korrupte Welt der Erwachsenen, und dem Direktor geht es ebenso schlecht wie Karim.

Karim besitzt die seltene Gabe, mit den Dingen zu sprechen. Diese klagen ihm ihr Leid – die Mauern, die Stühle, die Schulbänke –, und er verspricht, ihnen zu helfen. Das führt zu Auseinandersetzungen unter den Schülern und schliesslich zum kathartischen Chaos mit Rebellion, aus dem eine neue, bessere Gesellschaft hervorgehen kann.

“Der König der Dinge” ist politische Allegorie, realistische Geschichte über Freundschaft und Verrat, Krimi und Märchen zugleich. Das Schönste daran ist die Zärtlichkeit, mit der der Autor selbst sich den Dingen – und seinen Figuren – zuwendet. Im Nachwort erfahren wir, woher die Liebe zur vermeintlich toten Materie stammt: “Meine Mutter war immer mit den Dingen in Kontakt. Sie kümmerte sich um sie wie um ihre Kinder… und behandelte sie wie neugeborene Babys, die man behutsam in die Wiege legt.”

CHRISTINE LÖTSCHER

Die furchtbar hartnäckigen Gapper von Frip
George Saunders, Illustration: Lane Smith
Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2004, Seiten: 92, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5033-2
Schlagwörter: Fantastik/Fantasy

Schon mal was von Gappern gehört? Nein? Die sind so gross wie Tennisbälle, leuchtend orange, mit vielen kleinen Augen und winzigen, spitzen Zähnen – und lieben Ziegen so sehr, dass sie sich mit Gebrüll auf sie stürzen und sich wie Kletten an sie hängen. Die Ziegen wiederum sind von diesen Liebesbekundungen alles andere als angetan, können dann weder fressen noch schlafen, geschweige denn Milch geben. Und deshalb müssen die Kinder von Frip, deren Ziegen unter den Gappern besonders zu leiden haben, die Tiere achtmal am Tag bürsten, um sie von den hartnäckigen Parasiten zu befreien, in Säcken zu sammeln und ins Meer zu werfen. Von wo die Gapper dann prompt die nächste Ziegenattacke starten – bis einer feststellt, dass von den drei Häusern in Frip das rötliche Haus Serenas ungefähr fünf Meter näher am Meer steht…
Was für eine herrlich skurrile Geschichte! Mit lakonischem Witz und in umwerfend komischen Dialogen erzählt George Saunders von selbstgefälligen Erwachsenen, fadenscheiniger Moral und unterlassener Nachbarschaftshilfe. Und einem kleinen Mädchen, das mutig genug ist, mit quälenden Gewohnheiten zu brechen und neue Weg zu gehen. Lane Smith, in den USA ein “Superstar” unter den Kinderbuch-Illustratoren, hat kraftvolle Bilder dazu geschaffen, die voller Anspielungen auf berühmte Kunstwerke stecken. Ein ganz besonderes Kinderbuch – auch wenn es aufgrund des ungewöhnlich schmalen Formats, der kleinen, enggesetzten Schrift und des teuren Kunstdruckpapiers auf den ersten Blick wirkt, als sei es eher für bibliophile Erwachsene als für Kinder ab neun gedacht.
ANDREA DUPHORN

Zaubermärchen
Henriette Sauvant
Verlag: Hanser, Publiziert: 2004, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20163-7
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Die Tage sind kurz geworden, der Wind weht ums Haus. Da kann man es sich drinnen auf dem Sofa gemütlich machen und beim Vorlesen verzauberte Prinzen, Hexen, Geister und Zauberer lebendig werden lassen. Winterzeit ist Märchenzeit. Und mit Henriette Sauvants Zaubermärchen noch mal so schön.

Gibt es nicht schon mehr als genug Märchenbücher? Mag sein, doch in den wenigsten finden sich so magisch-mystische Bilder wie jene, mit denen Henriette Sauvant ihre Auswahl im wahrsten Sinne des Wortes verzaubert hat. 14 Märchen hat die in Hamburg lebende Künstlerin, der vor allem durch ihre märchenhaft gestalteten Buchumschläge und zwei Märchen-Bilderbücher (“Die sieben Raben”, 1995, und “Allerleirauh”, 1997) der Durchbruch gelungen ist, ausgewählt und mit viel Liebe zum Detail mit Vignetten, ganz- und doppelseitigen Illustrationen sowie kleineren Bildern in unterschiedlichen Formaten illustriert.

Neben so bekannten Märchen wie “Der Froschkönig”, “Die Bremer Stadtmusikanten” oder “Frau Holle” aus der Sammlung der Brüder Grimm, Charles Perraults “Der Gestiefelte Kater” und “Aschenputtel” oder “Jack und die Bohnenranke” aus der Feder des Engländers Joseph Jacobs stehen weniger bekannte Grimm-Texte wie “Der Eisenofen”, “Der Trommler”, “Das Mädchen ohne Hände” oder “Das Meerhäschen”. Gerade diese aussergewöhnliche Mischung macht neben den atmosphärischen Illustrationen – deren leuchtenden Blau- und Grüntöne zuweilen an Bühnenbilder erinnern und einen unweigerlich ins Träumen geraten lassen – den besonderen Reiz dieses Familien- und Hausbuchs aus.

ANDREA DUPHORN

Der Baum des Lebens
Peter Sis
Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Schickert
Verlag: Hanser, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20523-3
Schlagwörter: Biografie | Wissenschaft | Natur

Charles Darwin hat immer bedauert, nicht zeichnen zu können. Aber er war ein ausgezeichneter Schriftsteller. Seine Tagebücher, Notizen, Briefe und Publikationen sind ein grosses Vermächtnis, Peter Sís hat es in Bilder umgesetzt. Er führt mit viel Respekt und Sorgfalt durch das Leben des englischen Naturwissenschafters, und es gelingen ihm Bilder, die einen auf einer einzigen Seite auf eine Reise um die halbe Welt mitnehmen.

Dabei interessiert sich Sís nicht nur für die Evolutionstheorie. Ihn fasziniert das Leben von Charles Darwin: Wie dieser als junger Mann lieber reitet und jagt als dem Studienweg folgt, den sein Vater für ihn vorgesehen hat (auf der Reise um die Welt wird er dann als guter Jäger für die Beagle-Mannschaft manches Wild erlegen). Wie er dennoch nicht ohne die Einwilligung des Vaters an Bord der Beagle gehen will und einen Onkel beizieht, der ihm hilft, den Vater vom Sinn des Unterfangens zu überzeugen.

Peter Sís hat Darwins Aufzeichnungen genau gelesen und zeigt an vielen Stellen einen äusserst humorvollen Menschen, einen Menschen aber auch, der sich der verheerenden Folgen der Kolonisation für die indigenen Völker, auf die er unterwegs trifft, bewusst ist. Da ist etwa die Geschichte mit den drei Feuerländern, die der Kapitän der Beagle, Fitzroy, von einer früheren Ausfahrt zurück nach London gebracht hatte, um sie dort zu zivilisieren. Nun fahren sie mit Darwin in ihre Heimat zurück und haben den Auftrag, Feuerland zu christianisieren. Als die Beagle Monate später noch einmal vor Feuerland ankert, macht einer der Feuerländer der Beagle einen Abschiedsbesuch: “Er ist ganz nackend, mit langem wirrem Haar. Bringt Geschenke – Otterfelle für Fitzroy und Pfeilspitzen für mich”. Nichts mit dem viktorianischen Way of Life. Die Londonreisenden haben schnell wieder heimische Gepflogenheiten angenommen.

Ein andermal isst Darwin Straussenfleisch und realisiert während der Mahlzeit, dass das ein besonderer Vogel gewesen sein muss. Er rennt in die Kombüse, um die Knochen des Strausses sicherzustellen. Sís’ Buch ist voll solcher Episoden und versteckten Geschichten.

“Der Baum des Lebens” führt ebenfalls eindrücklich vor Augen, dass mit dem Ende der fünfjährigen Reise von Darwin die grossen evolutionstheoretischen Erkenntnisse noch nicht vorlagen, sondern dass es Jahre brauchte – und den Kampf gegen viele Widerstände –, bis Darwin seine Resultate publizieren konnte und endlich Anerkennung fand. Jahre, in denen er seine Einsichten zum Beispiel über die Tauben- und Pflanzenzucht zu verifizieren versuchte – und über 15 000 Briefe an Kollegen schrieb. Der Veröffentlichung “Der Entstehung der Arten” im Jahr 1859 widmet Sís denn auch eine aufklappbare Doppelseite voller Dynamik und Aufbruch.

Landkarten, Schaubilder, Skizzen von Tieren und Skeletten und Querschnittzeichnungen führen uns Darwins reichhaltige Arbeit vor Augen. Ordnungselemente wie kreisförmige und rechteckige Textfelder helfen, Biografisches und Forschungsaspekte zu unterscheiden.

“Der Baum des Lebens” ist ein Buch mit Tiefenwirkung. Hommage an einen aussergewöhnlichen Mann, Sehschule und Sachbuch in einem. Und weil es auf so vielen Ebenen funktioniert und mit jedem Anschauen neue Entdeckungen gemacht werden können, kann es LeserInnen (fast) jeden Alters ansprechen.

CHRISTINE TRESCH

Meine Safari
Hudson Talbott
Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Knecht
Verlag: Dressler, Publiziert: 2004, Seiten: 60, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-2000-8
Schlagwörter: Abenteuer | Reisen | Kulturen

Zuerst ist der zwölfjährige Carey aus New York City alles andere als begeistert von der Idee, während zweier Wochen seine Tante Elaine bei einem Modeshooting in Afrika zu begleiten. Doch in Kenya angekommen, freundet sich der gewitzte Junge mit ihrem Fahrer an, dem Massai Mutongai, der zufälligerweise auch gleich noch Wildhüter ist, und kommt durch ihn in den Genuss von täglichen Privatsafaris. Mit Mutongai und seinem Sohn kann er bei Angehörigen des Massai-Stammes wohnen und lernt deren Anliegen und Probleme hautnah kennen. Am Ende wird es ganz und gar abenteuerlich: Die beiden Jungen stellen einen gefährlichen Nashornwilderer und retten auch gleich noch ein Elefantenbaby.

Das Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck; einerseits ist es attraktiv und liebevoll aufgemacht: Fotos, Skizzen, Karten und Souvenirs geben einen sehr guten Eindruck von Careys Erlebnissen wieder. Sie bieten viele Sachinformationen und sind auf spielerische Weise informativ und anregend. Andererseits wird uns eine schwer verdauliche Mischung von Widersprüchen, westlichen Wertvorstellungen und Wichtigtuerei zugemutet: Herablassend schaut der Junge auf die gewöhnlichen TouristInnen in ihren Bussen, während er doch das wahre Massai-Leben kennt und sich gleich salopp über elementare Verhaltensregeln (Fotografieren!) hinwegsetzt. Der Gipfel der Überheblichkeit schliesslich ist der Kriminalfall mit den Nashornwilderern, die von den zwei Zwölfjährigen gestellt werden – ein Kinderspiel?

Schade um den guten Willen, das schöne Layout und die Tier- und Menschenwelt Afrikas, die Besseres verdient hätte.

MAJA MORES

Stop the Train
Geraldine McCaughrean
Aus dem Englischen von Karlheinz Dürr
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2004, Seiten: 355, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80932-8
Schlagwörter: Historisches

Vielleicht gibt es irgendwo so gesegnete Orte wie Florence, Oklahoma, in “Stop the Train” – wahrscheinlich ist es nicht. Entstanden ist Florence 1893, am Tag, an dem die US-Regierung Land zum Siedeln freigegeben hat. Weisse und Schwarze, KatholikInnen, ProtestantInnen und Juden kommen an diesem Tag in Florence an, um sich ein Stück Land abzustecken. Alle sind sie arm und fest entschlossen, sich hier eine Existenz aufzubauen, an der Eisenbahnlinie, dank der Florence ein aufstrebender Ort werden soll. Weil sie ihr Land dem Eisenbahnbesitzer nicht abtreten wollen, darf der Zug in Florence nicht mehr anhalten.

In schöner Einmütigkeit über alle kulturellen Unterschiede hinaus kämpfen die Leute um ihre Stadt. Sogar eine Lehrerin finden sie, Miss Loucien, Witwe indianischer Abstammung. Nachdem Frank Tate aus seinem Erbe, einer grossen Anzahl Särge von hervorragender Qualität, Schulbänke hergestellt hat, unterrichtet Miss Loucien die Kinder in den wichtigen Überlebenstechniken, gesundem Menschenverstand und Naturkunde. Dass sie selbst nicht lesen kann, wird erst am Schluss bekannt. Aber da haben die Leute von Florence ihren Kampf gegen die Eisenbahn mit List und einer geschickten Politik schon zu einem glücklichen Ende gebracht.

Wer mehr Wert auf Lesespass als auf historische Zuverlässigkeit legt, wird sich mit der skurrilen und grösstenteils liebenswerten Bevölkerung von Florence bestens amüsieren.

VERENA RUTSCHMANN

Mein stiller Freund
Lois Lowry
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2004, Seiten: 178, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58122-3
Schlagwörter: Behinderung | Freundschaft | Historisches

Juni 1987: Eine alte Frau erzählt von ihrer Kindheit vor fast einhundert Jahren. Einer Zeit, in der sie ihren Vater, den Dorfarzt, bei den Patientenbesuchen aufs Land begleitete. Einer Zeit, in der Telefone und Autos noch etwas ganz Besonderes waren, das Getreide in einer grossen Dorfmühle gemahlen wurde und ein uneheliches Kind grosse Schande bedeutete. Und sie erzählt von Jacob, der ihr Leben für immer verändert hat.

Jacob ist “gestört”. Die meisten Leute im Dorf halten ihn für einen “Idioten”. Für Katy ist er schlicht anders. Rasch lernt sie die seltsamen Töne und Bewegungen, mit denen er sich verständigt, zu deuten, fühlt sich ihm nah und erkennt schliesslich als Einzige, was in jener Nacht, in der er unter einen schrecklichen Verdacht gerät, wirklich geschah.

Lois Lowry hat jedem Kapitel eine nostalgische Schwarzweissaufnahme vorangestellt. Ihrer berührenden, traurig-schönen Ich-Erzählung über eine “merkwürdige, aber besondere” Freundschaft verleiht das einen sehr authentischen Charakter. “Ich schaue mir unglaublich gern Fotos an. Mich fasziniert die Vorstellung, Einblick in ein anderes Leben zu bekommen, es in Augenblicken eingefangen und festgehalten zu sehen, die noch lange fortdauern, wenn die Umstände dieses Augenblicks längst vorüber sind”, erklärt die Autorin im Vorwort. Ihr Roman vermittelt viel über das Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts – und ist so einfühlend erzählt, dass es schwer fällt, am Ende Abschied zu nehmen. Von Katy, ihrer Familie, ihren Freunden, vor allem aber von Jacob…

ANDREA DUPHORN

Thuras Tagebuch
Thura Al-Windawi
Aus dem Englischen von Karen Nölle-Fischer
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2004, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-5120-3
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Krieg

Eine Neunzehnjährige erlebt den Krieg in Irak

“Thuras Tagebuch” schildert aus der Optik einer neunzehnjährigen Frau den Ausbruch des Krieges im Irak und die Bewältigung des Alltags unter US-amerikanischer Besatzung.
Die Autorin entstammt einer irakischen, eher privilegierten Mittelstandsfamilie, die einige Zeit im Ausland verbracht hat. Das Buch setzt ein kurz vor Beginn des Krieges; wir erleben Thuras Abschied von ihren StudienkollegInnen als symbolischen Akt für einen Abschied vom normalen Leben. Die nachfolgenden Schilderungen sind vor allem dokumentarischer Art und folgen der Chronologie der äusseren Ereignisse: der Ausbruch der gewalttätigen Auseinandersetzungen, die Nächte voller Angst vor den Bombenangriffen, die Flucht der Familie aus Bagdad aufs Land, der Sturz Saddams und die auftauchenden Probleme während der Besatzung der Amerikaner.
Die Autorin ergreift weder Partei für die Amerikaner noch für die Iraki, sondern wirbt ganz im Sinne von Friedensarbeit für Verständnis für beide Seiten.
Die gewählte Form des Tagebuchs suggeriert Intimität – Zugang zu Thuras Innenwelt suchen wir aber vergebens. Fast schockierend ist die Distanziertheit und Aufgeklärtheit, mit der uns die Erzählerin begegnet. Selten schimmert die Gedankenwelt eines normalen Teenagers durch, zu offensichtlich sind die Aufzeichnungen schon für ein Publikum verfasst worden. Schade.
Als authentisches Stück Zeitgeschichte ist “Thuras Tagebuch” lesenswert – mehr dürfen wir nicht erwarten.
TRIX BÜRKI

Goethe
Waltraut Lewin
Verlag: CBJ, Publiziert: 2004, Seiten: 380, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12796-6
Schlagwörter: Biografie

Bildung hat Konjunktur, deshalb wird das Leben der beiden grossen Klassiker Schiller und Goethe nun schön gleichzeitig in zwei Biografien für Jugendliche aufbereitet. Manfred Mai (Schiller) und Waldtraut Lewin (Goethe) haben die Annäherung auf ganz unterschiedliche Art gesucht, wobei es Manfred Mai mit Schiller etwas leichter hatte – erstens, weil der Schwabe ganz einfach nicht so lange gelebt hat wie der Dichterfürst, zweitens, weil er, rebellisch, selbstausbeuterisch für seine Kunst brennend und immer am Rand der Armut, aus der Sicht von Jugendlichen naturgemäss die spannendere Figur ist als der saturierte geheime Rat.

Waldtraut Lewin hat zu angestrengt versucht, Goethe zu einer kultigen Figur (das Buch erscheint denn auch in einer Reihe von “Kult-Biografien”) zurechtzuschreiben. Leider meint sie (oder der Verlag), sich dauernd bei den jugendlichen LeserInnen entschuldigen zu müssen: “Was bedeutet es, wenn man an einem Text ‘feilt’? … Wem diese Neugier abgeht, der möge einfach die folgenden Seiten umblättern.” Oder, als es um Goethe und seine Einstellung zur Französischen Revolution geht: “Ein bisschen Geschichte muss her, wenn wir das Folgende verstehen wollen.” Solche Beispiele finden sich zuhauf, als ob Textinterpretation und Geschichte nicht etwas vom Spannendsten wären, das es gibt. Doch um bei jungen Lesern das Interesse dafür zu wecken, braucht es zunächst einmal die eigene ungenierte Begeisterung.

Waldtraut Lewin zeichnet einen Goethe der Saufgelage und der Liebesgeschichten, lässt aber wichtige Stationen wie seine frühe Leidenschaft fürs Theater aus. Und als es um seine schönsten Werke geht, die “Wahlverwandtschaften” und den “Wilhelm Meister”, schreibt sie, das sei zu schwierig für junge LeserInnen, zu weit von ihren Interessen entfernt – eine vertane Chance.

Zum Glück sind da noch die Frauengeschichten. Da lässt Waldtraut Lewin die Zügel fahren und tut, was sie als Romanautorin am besten kann: Sie lässt ihrer Fantasie freien Lauf und erfindet Szenen voller Zartheit und Humor. Frau von Stein, die Kalte, mag sie gar nicht, dafür bricht sie eine literarische Lanze für Christiane Vulpius, das ewige Aschenbrödel der Goethe-Forschung. Die erste Begegnung der beiden, aber auch die grosse Liebe zu Marianne von Willemer schildert sie so sinnlich, dass einem erotische Blitze durchs Rückgrat schiessen.

Manfred Mais Sachbücher für Jugendliche sind (auch bei Erwachsenen) besonders beliebt, weil sie etwas leisten, was man sonst vergebens sucht: Im Erzählton kommen sie schnell zur Sache, beschränken sich aufs Wesentliche und erklären die grossen Zusammenhänge, die in Büchern für Erwachsene normalerweise vorausgesetzt werden.

Im Fall der Schiller-Biografie verfährt Manfred Mai traditionell, wie man es sich von Biografien gewöhnt ist. Er beginnt mit dem Elternhaus, malt die soziale und politische Kulisse des Herzogtums Württemberg und arbeitet von Anfang an die bestimmenden Motive von Schillers Leben heraus: Literatur und Rebellion, Krankheit und Willenskraft. Mai biedert sich bei den jungen LeserInnen niemals an, im Vertrauen darauf, dass Schillers Biografie spannend genug ist. In die jeweiligen Lebens- und Schaffensphasen baut er grosszügig Textauszüge ein, die Lust auf mehr machen, er nimmt die LeserInnen ernst und führt sie auf intelligente Art ans Eigentliche, nämlich an Schillers Werk, heran.

CHRISTINE LÖTSCHER

Friedrich Schiller
Manfred Mai
Verlag: Hanser, Publiziert: 2004, Seiten: 304, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20520-9
Schlagwörter: Biografie

Was macht den Mensch zum Menschen?

Bildung hat Konjunktur, deshalb wird das Leben der beiden grossen Klassiker Schiller und Goethe nun schön gleichzeitig in zwei Biografien für Jugendliche aufbereitet. Manfred Mai (Schiller) und Waldtraut Lewin (Goethe) haben die Annäherung auf ganz unterschiedliche Art gesucht, wobei es Manfred Mai mit Schiller etwas leichter hatte – erstens, weil der Schwabe ganz einfach nicht so lange gelebt hat wie der Dichterfürst, zweitens, weil er, rebellisch, selbstausbeuterisch für seine Kunst brennend und immer am Rand der Armut, aus der Sicht von Jugendlichen naturgemäss die spannendere Figur ist als der saturierte geheime Rat.

Waldtraut Lewin hat zu angestrengt versucht, Goethe zu einer kultigen Figur (das Buch erscheint denn auch in einer Reihe von “Kult-Biografien”) zurechtzuschreiben. Leider meint sie (oder der Verlag), sich dauernd bei den jugendlichen LeserInnen entschuldigen zu müssen: “Was bedeutet es, wenn man an einem Text ‘feilt’? … Wem diese Neugier abgeht, der möge einfach die folgenden Seiten umblättern.” Oder, als es um Goethe und seine Einstellung zur Französischen Revolution geht: “Ein bisschen Geschichte muss her, wenn wir das Folgende verstehen wollen.” Solche Beispiele finden sich zuhauf, als ob Textinterpretation und Geschichte nicht etwas vom Spannendsten wären, das es gibt. Doch um bei jungen Lesern das Interesse dafür zu wecken, braucht es zunächst einmal die eigene ungenierte Begeisterung.

Waldtraut Lewin zeichnet einen Goethe der Saufgelage und der Liebesgeschichten, lässt aber wichtige Stationen wie seine frühe Leidenschaft fürs Theater aus. Und als es um seine schönsten Werke geht, die “Wahlverwandtschaften” und den “Wilhelm Meister”, schreibt sie, das sei zu schwierig für junge LeserInnen, zu weit von ihren Interessen entfernt – eine vertane Chance.

Zum Glück sind da noch die Frauengeschichten. Da lässt Waldtraut Lewin die Zügel fahren und tut, was sie als Romanautorin am besten kann: Sie lässt ihrer Fantasie freien Lauf und erfindet Szenen voller Zartheit und Humor. Frau von Stein, die Kalte, mag sie gar nicht, dafür bricht sie eine literarische Lanze für Christiane Vulpius, das ewige Aschenbrödel der Goethe-Forschung. Die erste Begegnung der beiden, aber auch die grosse Liebe zu Marianne von Willemer schildert sie so sinnlich, dass einem erotische Blitze durchs Rückgrat schiessen.

Manfred Mais Sachbücher für Jugendliche sind (auch bei Erwachsenen) besonders beliebt, weil sie etwas leisten, was man sonst vergebens sucht: Im Erzählton kommen sie schnell zur Sache, beschränken sich aufs Wesentliche und erklären die grossen Zusammenhänge, die in Büchern für Erwachsene normalerweise vorausgesetzt werden.

Im Fall der Schiller-Biografie verfährt Manfred Mai traditionell, wie man es sich von Biografien gewöhnt ist. Er beginnt mit dem Elternhaus, malt die soziale und politische Kulisse des Herzogtums Württemberg und arbeitet von Anfang an die bestimmenden Motive von Schillers Leben heraus: Literatur und Rebellion, Krankheit und Willenskraft. Mai biedert sich bei den jungen LeserInnen niemals an, im Vertrauen darauf, dass Schillers Biografie spannend genug ist. In die jeweiligen Lebens- und Schaffensphasen baut er grosszügig Textauszüge ein, die Lust auf mehr machen, er nimmt die LeserInnen ernst und führt sie auf intelligente Art ans Eigentliche, nämlich an Schillers Werk, heran.

CHRISTINE LÖTSCHER

Sie bauten eine Moschee
David Macaulay
Aus dem Englischen von Cornelia Panzacchi
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2004, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5065-3
Schlagwörter: Religion

Was bedeutet Türbe, Sadirvan oder Imaret? Welche Funktion hat eine Qiblawand, und weshalb gehört zu einer Külliye eine Medrese? Alle diese Begriffe haben mit dem Bau und dem Umfeld eines islamischen Gotteshauses zu tun, und in diese Welt – genau: ins Istanbul des ausgehenden 16. Jahrhunderts – entführt uns David Macaulay in seinem Sachbilderbuch. Mit Hilfe einer fiktiven Rahmenhandlung beleuchtet er die Blütezeit des Osmanischen Reiches und lässt vor unseren Augen eine Moschee entstehen. Angefangen beim Kauf des Grundstückes über das Setzen der Fundamente bis hin zur Spitze des Minaretts erläutert er Schritt für Schritt die Verrichtungen der Handwerker und Künstler. In dezenter Farbgebung und präzisem Strich präsentieren sich die meisterhaften Illustrationen eines absoluten Könners.

Ein gewisses Abstraktionsvermögen wird jedoch vorausgesetzt, denn die Darstellungen auf den Skizzen, Bauplänen und Zeichnungen werden aus wechselnden Perspektiven gezeigt. Trotzdem sind die Etappen des aufwändigen Baus für Kinder gut nachvollziehbar, denn sowohl Bild und Text gehen ins Detail.

Während sich Stein an Stein, Balken an Balken und Fliese an Fliese fügt, wendet man fasziniert Seite um Seite und ist am Ende des Buches fast ein wenig enttäuscht, dass die Bauarbeiten nun abgeschlossen sind. David Macaulay weckt mit seinem Sachbuch neben Interesse an osmanischer Baukunst auch Verständnis für die orientalischen Traditionen und hat somit nicht nur eine Moschee, sondern gleich noch eine Brücke zwischen den Kulturen gebaut.

KATRIN RUCHTI-FEHR

Gütersloher Erzählbibel
Diana Klöpper, Kerstin Schiffner
Verlag: Gütersloher, Publiziert: 2004, Seiten: 399, ISBN/ISSN/EAN: 3-579-05466-X
Schlagwörter: Religion

Die “Gütersloher Erzählbibel” erzählt spannende Mädchengeschichten aus Wüsten und Zelten, sie lässt Namenlose wie die Schwester Jesu oder die Seherin von En-Dor zu Wort kommen, und sie zeigt den Helden David auch mal als Jungen, der Angst hat und weint.

Diese Bibel für kluge Kinder ab neun Jahren ist ein ambitioniertes Projekt: Die Autorinnen wollen Biblisches in geschlechtergerechter Sprache und Auswahl präsentieren und ferner respektvoll mit der jüdischen Bibeltradition umgehen. Feminismus und christlich-jüdischer Dialog haben hier Pate gestanden, und das Projekt scheint gelungen.

Die intellektuelle Anstrengung ist den Erzählungen kaum anzumerken, es sind spannende Geschichten, sorgsam illustriert von Juliana Heidenreich. Sie hat jede Seite individuell gerahmt und gestaltet, mal als Buchrolle, mal mit hebräischen und griechischen Buchstaben. Und die Eltern, die mit diesem Buch auch jede Menge Fragen werden beantworten müssen, erhalten im Anhang diesen und jenen erhellenden Tipp.

Zwar ist es schon gewöhnungsbedürftig, wenn von Gott und ihrer Torah oder ihrer Geistkraft die Rede ist, aber insgesamt sind die Autorinnen mit ihrem Feminismus recht wenig penetrant, eher ausgewogen, denn sie sprechen über Gott mal von IHM und mal von IHR. So auch in der Geschichtenauswahl: Die Frauengeschichten mussten nur gefunden und dann auch ehrlich erzählt werden, etwa die Vergewaltigung Dinas oder die tragische Opferung der Tochter Jiftachs.

Die beiden Autorinnen gehen den unbequemen Themen nicht aus dem Weg, sie benennen die antike Unterdrückung der Frauen, Kriegsunrecht und den verbreiteten “Aberglauben” im Gottesvolk. Wenn etwa Jesus die bisher so genannt “blutfüssige” Frau heilt, benennen sie das ganz realistisch als Dauerblutung der Gebärmutter. Die “Gütersloher Bibel” ist eben keine kitschige Kinderbibel, sondern ein genaues Buch für mündige Kinder. Die können hier erfahren, wie die ersten ChristInnen sich mit Briefen trösteten und was Brotbrechen für die Gemeinschaft bedeutet. Und sie lesen auch, dass die biblischen Kinder allesamt jüdische Jungs und Mädchen waren, Jesus inklusive.

Die Autorinnen stellen so immer wieder die Kontinuität von biblischer Erzählung und heutiger jüdischer Lebenswelt her: vom Buch Ester zum Purimfest, vom Exodus zum Matzenessen an Pessach. Die ehrliche Anerkennung, dass die Bibel eben zuerst ein jüdisches Buch ist, hat die “Gütersloher Erzählbibel” den meisten anderen Jugendbibeln voraus. Und sie bietet Anknüpfungspunkte zur Identifikation für Jungs und Mädchen.

JUDITH WIPFLER

Lafcadio
Shel Silverstein
Aus dem amerikanischen Englisch von Harry Rowohlt
Verlag: Kein & Aber, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-036-91326-2
Schlagwörter: Humor/Komik | Fantastik/Fantasy

Ein Löwe schiesst zurück

Als eines Tages die Jäger in den Urwald kommen, um Löwen zu schiessen, hat der junge Löwe keine Lust, vor ihnen davonzulaufen. Er bleibt sitzen und unterhält sich mit einem von ihnen. Als der ihn jedoch partout erschiessen will, frisst ihn der junge Löwe kurzerhand auf. Die Flinte frisst er nicht. Mit der lernt er zu schiessen – und schon bald ist er der beste Schütze weit und breit. So wird eines Tages der Zirkus auf ihn aufmerksam und holt ihn in die grosse Stadt. Der junge Löwe wird gebadet, manikürt und chic gekleidet und gerät alsbald zum Star. Doch obwohl er alles hat, was man sich nur wünschen kann, ist er doch tieftraurig. Denn eigentlich weiss er nicht mehr so recht, wer er eigentlich ist…

Der junge Löwe ist eigentlich schon ein ganz alter Löwe, der im Jahr 1963 in New York das Licht der literarischen Welt erblickte. Im Fischer-Verlag wurde er in diesem Frühjahr wiedergeboren – und Harry Rowohlt verleiht der Geschichte im Hörbuch knurrigen Charme. Davon, dass man mit einem kräftig gebrüllten “GRAUGRRRR” im alltäglichen Leben viel mehr erreicht als mit zurückhaltender Höflichkeit, von der Liebe zu Marshmallows in allen Lebenslagen und vom Genuss, ohne Ziel mit dem Fahrstuhl rauf- und runterzufahren, wird hier erzählt, und dabei spart der Autor nicht mit Humor. Trotzdem ist “Lafcadio” keine rein witzige Geschichte, sondern auch eine, die nachdenklich macht. Tragikomisch ist vielleicht die beste Beschreibung dieser durch ihre szenischen Wiederholungen an ein Märchen erinnernden Erzählung. Wer könnte diese Stimmung besser vermitteln als Harry Rowohlt, der mit Leichtigkeit und Melancholie vorliest – und einfach wunderbar knurren kann.

MAREN BONACKER

De Wind i de Wide
Kenneth Grahame, Heinz Stalder
Verlag: Tudor, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-037-76236-5
Schlagwörter: Freundschaft | Natur | Tiere

Der Kinderbuchklassiker “The Wind in the Willows” von Kenneth Grahame, 1908 erschienen, hat im deutschsprachigen Raum nie die Beliebtheit erhalten wie in der angelsächsischen Welt, obwohl er immer wieder neu aufgelegt und von KennerInnen der Kinderliteratur heiss geliebt wird.

Nun sind gleich drei Ausgaben des Klassikers auf den Markt gekommen, von denen die eine oder andere vielleicht dazu beitragen kann, den “Wind in den Weiden” endlich auch hierzulande aus der Reihe der Geheimtipps zu entlassen. Der Bassermann-Verlag hat das Buch mit Illustrationen von Eric Kincaid in der Übersetzung von Sybil Gräfin Schönfeld aufgelegt. Bei Kein&Aber erscheint es in der unübertroffenen Übersetzung von Harry Rowohlt, versehen mit den Illustrationen von Ernest H. Shepard, die eine eigene Editionsgeschichte haben. Ein informatives Nachwort des englischen Kulturkritikers und Autors Brian Sibley ergänzt den bibliophilen Band. Und dann ist da, last but not least, die Hörspieladaptation des Kinderbuchklassikers von Heinz Stalder, produziert von der Hörspielabteilung von Schweizer Radio DRS1.

Der in Luzern und London lebende Autor Heinz Stalder hatte die schwierige Aufgabe, einen Text, der genauso von philosophischen Passagen und Naturbeschreibungen lebt wie von der Handlung, in eine radiophone Form zu bringen, in der das Dialogische im Zentrum steht. Und das erst noch auf Mundart.

Da wird aus dem Leben von drei liebenswerten, verschrobenen, ehrenswerten vierfüssigen Gentlemen – Maulwurf Kauki (Michael Neuenschwander), Ratte Nik (Bettina Stucki), dem Fischotter (Ernst Sigrist) und Dachs Jussi (Frank Demenga) – erzählt und ihrem Freund, dem Kröterich (Hans Schenker), der auf Abwegen wandelt und zur Vernunft gebracht werden muss. Das Leben am Fluss beinhaltet nicht nur Idylle und Abenteuer, es wird auch angetrieben von der Sehnsucht nach der fernen Welt und den Errungenschaften der Technik.

Stalder hält sich im Grossen und Ganzen ans Original, Freiheiten nimmt er sich vor allem in der Gestaltung der Details heraus und in der sprachlichen Umsetzung. So etwa geben die Tiere immer wieder träfe Sätze zum Besten. “Mi Grossvatter het gseit, eigentli sig es Wort wo eigentli nüt sägi”, meint Nik einmal. Und “Es Picknick isch meh als es Zvieri” könnte glatt als Sentenz des Jahres durchgehen. Auch Zeitkritik hat in dieser Version Platz: “Ich ha gmeint, alli Dachs heisset Dominik”, wirft der Maulwurf einmal ein – “Und alli Pinguine Pingu. Mängisch macht das Donnersfärnseh scho chli dumm”, entgegnet darauf die Wasserratte gar nicht maulfaul. Womit auch gesagt ist, dass Stalder vor Aktualisierungen nicht zurückschreckt. Dass er allerdings den Automobil versessenen Herr Chrott nach Monza und Monaco fahren lassen will (zu den berühmten Formel-1-Stätten) und ihn am Schluss mit der Aviatik eine neue Leidenschaft ins Auge fassen lässt, mag nicht richtig überzeugen. Grahames Text wirkt noch so unverstaubt, dass er dieses Aufpeppen mit Modernität gar nicht nötig hat.

Ueli Jäggi mimt den Erzähler mit fast schon gotthelfschem Einschlag, wenn es etwa heisst: “Und de isch dr Winter ufsmal z grächtem cho – und blibe.” Und Kinder werden das Spiel mit schwierigen Fremdwörtern lieben, das auch in dieser DRS1-Produktion seinen Platz hat.

Ein Höhepunkt der Aufnahme ist sicher “Der Gesang über die Enten” der Wasserratte. Nik sitzt am Ufer und klimpert vor sich hin, ein bluesiger Groove begleitet seine Liedzeilen (die Musik stammt von der Genfer Band Dead Brothers). “Bürzel hoch und die Köpfe runter” heisst es bei Harry Rowohlt, Heinz Stalder lässt die Enten ihre Hecks präsentieren.

Die Aufnahme wirkt in der ersten Hälfte kompakter, gegen Schluss ein bisschen hastig und unfertig. Nichtsdestoweniger bietet diese Hörspielfassung beste Unterhaltung.

CHRISTINE TRESCH

Heidi
Johanna Spyri
In Deutsch, Englisch und Französisch
Verlag: Tivola, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-89887-055-3

Deine Welt sind die Berge

“Heidi – Deine Welt sind die Berge” ist die erste interaktive Umsetzung des Kinderbuchklassikers von Johanna Spyri. Grafisch orientiert sich das Spiel an der (noch immer populären) japanischen Trickfilmserie aus den 70er-Jahren und mag daher manch offene Tür zu Kinderherzen einrennen. Die Adaption rafft die Geschichte zu fünfzehn Szenen zusammen, was Spyri-LiebhaberInnen schmerzen mag, obschon die dramatischen Höhepunkte grösstenteils gut gewählt sind. So wechseln sich Erzähl- und Spielsequenzen linear ab, vermittelt durch einen Erzähler und die ProtagonistInnen.
Als Spiel für Vorschulkinder bietet “Heidi” eine Reihe an abwechslungsreichen Spielaufgaben. Training von Gedächtnis und räumlichem Vorstellungsvermögen, Erkennen und Zuordnen von Farben und Formen, musikalisches und motorisches Geschick und Zahlenspiele sind hübsch in Aufgaben verpackt und für die jungen RezipientInnen gewiss ansprechend: So soll die Spielerin beispielsweise Heidi durch die Gassen von Frankfurt lotsen, ein Ziegenglockenspiel nachspielen, Puzzlesteine der einzelnen Spielszenen zusammensetzen oder sich an den Inhalt von Grossmama Sesemanns Picknickkorb erinnern.
Die Benutzerführung – Navigation per Patschhändchen, klare Aufgabenerklärung sowie einfache Menügestaltung – ist kindgerecht gestaltet. Während der erste Spieldurchgang etwas kurz erscheint (für erwachsene SpielerInnen kaum mehr als zwei Stunden), können die einzelnen Szenen durchaus zum Verweilen einladen, da viele durch Mausklick auslösbare Animationen zu entdecken sind.
MELA KOCHER

Die Wilden Hühner
Cornelia Funke
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-8031-9

Gestohlene Geheimnisse

Dass Cornelia Funke vom amerikanischen Magazin «Time» als eine der hundert einflussreichsten Menschen des Jahres 2005 aufgeführt wird (im Vorjahr nahm J.K. Rowling einen Platz in der Bestenliste ein), verdankt sie wohl ihren auch im angelsächsischen Raum erfolgreichen Romanen wie «Drachenreiter» und «Herr der Diebe». Richten sich diese an Mädchen und Jungen, ist ihre Erfolgsserie «Die Wilden Hühner» beliebtes Lesefutter für Mädchen. Die Welt dieser fünf unterschiedlichen Freundinnen kann nun auch am Bildschirm spielend erkundet werden. Als «halbes Huhn» wird man probehalber in die Bande aufgenommen. Um die Urkunde zur Vollmitgliedschaft zu erlangen, muss man etliche Bewährungsproben bestehen. Es gilt, das Bandenbuch, das alle «Hühnergeheimnisse» enthält, von der Jungenbande der «Pygmäen» zurückzuerobern. Das erfordert List, Fantasie und Geschicklichkeit. Will man etwa die Intimfeinde einladen, muss man sich erst bei Oma Slättberg mit deren fabelhaften Keksen eindecken und sich ihre Kaffeebüchse borgen, ohne die schlafende Grossmutter zu wecken. Zuvor will aber Omas Möhrenfeld gejätet sein, wobei man schön ins Schwitzen kommt. Denn neben Glück braucht es Übung und Kombinationsgeschick, damit man nicht Möhren statt Unkraut beseitigt. Neben fünfzehn Spielen, die einen in der Handlung vorwärts bringen, bietet das Spielabenteuer auch einige Extras, die den Reiz dieser CD-ROM steigern, etwa die Möglichkeit, Geheimschriften zu generieren oder Briefpapier zu gestalten und auszudrucken.
Thomas Hermann

Klicken, lesen und spielend lernen
Daniel Ammann, Thomas Herrmann
Verlag: Pestalozzianum, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-037-55022-8
Schlagwörter: Spiel

Interaktive Spielgeschichten für Kinder

Die Auswahl an Computerspielen für Kinder ab vier Jahren ist gross. Und es gibt CD-ROMs, da geht es nur ums Spielen, und solche, da soll spielend gelernt werden. Irgendwo dazwischen sind die interaktiven Spielgeschichten angesiedelt, auch Adventures genannt, ein hybrides Genre zwischen Erzählung und Spiel. Letzteren ist die Handreichung “Klicken, lesen und spielend lernen” gewidmet. Sie stellt 15 Spielgeschichten exemplarisch vor und analysiert die Spielaufgaben, die im Verlauf des Spiels gelöst werden müssen. So etwa wird eines der gelungensten CD-ROM-Spiele der letzten Jahre, “Mit wem spielst du, Willi Wiberg” (Oetinger-Verlag 2002), zuerst ausführlich beschrieben. In einem zweiten Teil gehen die Autoren auf die Besonderheiten des Spiels ein. Zuletzt werden die einzelnen Spiele kategorisiert und die Kompetenzen aufgeführt, die den SpielerInnen zur Lösung einer Aufgabe abgefordert werden.

Nicht nur diese Ausführlichkeit spricht für die Publikation, auch der informative Einführungsteil. In ihm stellen die Herausgeber zuerst das Spiel-Genre anschaulich vor und fragen nach seiner Nutzung durch die angesprochenen Zielgruppen. Judith Mathez und Mela Kocher (Mitarbeiterinnen am Forschungsschwerpunkt Interaktive Kinder- und Jugendmedien im SIKJM) setzen sich mit spezifischeren Aspekten des Spielens am Computer auseinander. Judith Mathez ergründet die Erfolgsgeschichte von Spieladaptationen aus dem Hause Walt Disney. Und Mela Kocher geht den verschiedenen Erzählweisen von Computerspielen nach.

Diese Handreichung bietet nicht nur wertvolle Tipps für den Kauf dieses “Patchwork-Mediums”, sie hilft auch Lehrpersonen und Eltern, das Genre im Kontext von literarischen Traditionen und neuen Medien besser zu verstehen.

CHRISTINE TRESCH

Flosse, Fell und Federbett
Nadia Budde
Verlag: Hammer, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-7795-0010-8
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen

Wir alle wissen es: Die Sache mit dem Schäfchenzählen beim Einschlafen funktioniert nicht immer. Deshalb macht der Teddy dem kleinen Jungen auf der Bettkante den Vorschlag, es zur Abwechslung mit einem anderen Tier zu versuchen. “Du kannst mit Hummeln schummeln, oder mit Hummern schlummern. Du könntest mit Meisen verreisen oder mit Ziegen fliegen.” Der Teddy strengt sich wirklich an, seine Ideen bewegen sich quer durchs ganze Tierreich und sind zuweilen wunderbar skurril. (Oder haben Sie schon mal “Forellen bellen” gehört?) Der Junge wird in jedes Tier-Vers-Bild integriert und gibt dabei seiner Stimmung Ausdruck, bis er am Ende tatsächlich in seinem Bett schläft.
Wenn Nadia Budde einen traditionellen Einschlaftipp hinterfragt, kann kein Nullachtfünfzehn-Vorschlag hinzukommen. Nach “Trauriger Tiger toastet Tomaten”, “Morgens früh um sechs” und “Eins, zwei, drei” legt die Autorin-Illustratorin ein weiteres Buch vor, das Ausdruck ihrer Freude am Spiel mit der Sprache ist. Da ist es (fast) verzeihbar, dass die Reime nicht immer ganz holperfrei sind. Ein Buch nicht nur für die Bettkante: weniger weil die Illustrationen zuweilen auch leicht gruselige Elemente beinhalten, sondern weil es so gar nicht zum Einschlafen, sondern zum Schmunzeln ist. Ausserdem kann das Einschlafen prima hinausgezögert werden, wenn kleine und grosse SprachentdeckerInnen die Reime gemeinsam nachsprechen und neue dazuerfinden.
BARBARA JAKOB

Floh will schlafen
Eric Battut
Aus dem Französischen von Susanne Zeller
Verlag: Bohem Press, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-85581-418-X
Schlagwörter: Freundschaft

Kleiner Floh (“Petite Puce” im Original) sucht sich nach langer Wanderschaft eine wohlverdiente Übernachtungsmöglichkeit. Auf einem Bauernhof, so denkt er klug, sollte sich doch ein ruhiges Plätzchen unter Freunden finden. Doch weit gefehlt! Keines der Tiere ist erpicht darauf, sein Fell oder Gefieder mit einem Floh zu teilen. Floh hüpft vergebens vom Pferd zur Kuh, zum Ziegenbock, zum Schwein, aufs Schaf, zum Hund, zur Katze, zum Huhn und zu den Enten – überall begegnet ihm Ablehnung und ein Riesengezeter. So ist Floh mit einem Heuhaufen mehr als gut bedient, umso mehr, als sich da bereits eine Floh-Frau wohnlich eingerichtet hat.
Wie ein kleines Gummibällchen, teuflisch rot koloriert, hüpft der mit Wanderstock und Bündel bestückte Floh von Tier zu Tier. Zusätzliche Bilddynamik erzielt der französische Künstler Eric Battut durch die Hervorhebung der Floh-Route mittels einer gestrichelten Linie. Dagegen sind die Tiere des Bauernhofes in gedämpften Erdfarben gehalten, wirken aber durch ihr Grossformat sehr präsent.
Ein vergnügliches Bilderbuch mit einer einfachen, bereits Kleinkindern gut zugänglichen Geschichte, die sich perfekt lautmalerisch umsetzen lässt – jedes Tier tut seine Ablehnung ja mit seinen eigenen Mitteln kund. Einsetzbar auch im Logopädieunterricht und als Anreiz zum Reden für Kinder von MigrantInnen.
MAJA MORES

Das Mohrrübensuppen-Abenteuer
Julia Friese
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2004, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-90-758852-9
Schlagwörter: Essen

Die Kindergartenkinder hoffen beim Mittagessen auf Fischstäbchen, Puddingsuppe mit Erdbeeren oder ähnliche Leckereien. Aber nein, auf dem Tisch steht ein riesiger Mohrrübeneintopf. Wie eine Abneigung die Fantasie beflügeln kann, zeigen die folgenden Seiten: Sue sieht plötzlich eine Trapezkünstlerin über ihrem Suppenteller turnen, Moritz rettet aus seinem Teller einen klitschnassen Engel, Pauline benutzt die orange Suppe zum Malen, während Mathilda (eine Referenz an Roald Dahls wilde Mathilda!?) die Suppe gleich ausschüttet. Nur Leander freut sich, und wir können ihm zuschauen, wie er sich am Ende genüsslich über alle Teller hermacht.

Auch wenn wir es als Erwachsene immer wieder zu vergessen scheinen: Kindermägen haben ganz spezielle Vorlieben. Da wird sogar das Knallorange der Suppe mehr zum Warnsignal als zur fröhlichen Aufmunterung zum gemeinsamen Essen. Der jungen Illustratorin Julia Friese gelingt ein wunderbar unpädagogisches, dafür umso fantasievolleres Bilderbuch. Sie benutzt dazu eine holzschnittartige Technik auf der Grundlage von Orange und Schwarz und wenigen zusätzlichen Farben. Und sie scheut sich nicht, den Text sehr zu verknappen und ihre Bildideen in einem extremen Querformat auszuführen. So hat sie nicht nur die Möglichkeit, wichtige Bildelemente wie den übergrossen Topf beängstigend gross darzustellen, sondern kann innerhalb einer Doppelseite auch zeitliche Abfolgen umsetzen.

BARBARA JAKOB

Gute Freunde
John Kilaka
Aus dem Englischen von Anna Katharina Ulrich
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0495-8
Schlagwörter: Freundschaft | Streit/Konflikt

Ratz Ratte ist der Einzige in der friedlichen Gesellschaft, der Feuer machen kann, und deshalb bei allen Tieren sehr beliebt. Sein bester Freund, der Elefant, macht am liebsten nichts. Er überredet Ratz Ratte, dass er ihm alle gesammelten Vorräte zur Aufbewahrung im Speicher überlässt. Als eine Hungersnot ausbricht, rückt der Elefant die Vorräte nicht mehr heraus. Enttäuscht geht Ratz Ratte weg. Als die Tiere wie gewohnt Feuer holen wollen, vermissen sie den Nager und befürchten, dass ihre Häuser aus Rache in Brand gesteckt würden. Schliesslich macht sich der Elefant auf die Suche nach Ratz Ratte und will sich entschuldigen.
Diese einfache Fabel um Freundschaft, Streit und Versöhnung wird in farbigen Bildern, mit lustigen, klar umrissenen Tiergestalten erzählt. Fremdländische Tiere und ungewohnte Details (Brettspiel, Tongefässe, farbige Kleiderstoffe) zeigen, dass der Illustrator aus Tansania stammt. Gute Freunde gibt es allerdings überall, bewusste Irreführung, Enttäuschungen erleben, ein schlechtes Gewissen haben und Erleichterung nach einer Versöhnung spüren sind Gefühle und Handlungen, die jedes Kind kennt. Die Geschichte ist deshalb weltumspannend wichtig und gültig, und die fröhlichen Illustrationen werden Kinder überall gleichermassen ansprechen. Das zweite Werk von Kilaka ist ein solides, unkompliziertes Bilderbuch zum Erzählen und selber Betrachten. Es reicht allerdings nicht an den witzigen und überzeugenden Erstling “Frische Fische”, ebenfalls in der Reihe Baobab, heran.
BEATRIX OCHSENBEIN

Sinclair Sofokles der Baby-Saurier
Friederike Mayröcker, Illustration: Angelika Kaufmann
Verlag: NP-Verlag, Publiziert: 2004, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-85326-287-2
Schlagwörter: Freundschaft | Fantastik/Fantasy

Als Willi Einwärts, Sohn des Museumswärters im Museum für Urzeittiere, den neu eingetroffenen kleinen Baby-Saurier Sinclair Sofokles streichelt, wird dieser plötzlich lebendig und reisst mit dem begeisterten Jungen aus, in Richtung Stadt. Auf ihrer Entdeckungsreise treffen die beiden Freunde den sprechenden Fernseher Fabrizius, der ihnen seine Tarn-Blümchenmütze leiht. Dank dieser können sie sich weiterhin frei in der Stadt bewegen, denn der Saurier wird bereits polizeilich gesucht. Gegen Abend erfährt Willi, dass Sinclair Sofokles von den Urzeitgeistern einen einzigen Tag in der heutigen Welt geschenkt erhalten hat und nun wieder in die Vergangenheit zurückmuss. Als Geschenk gibt ihm Willi seine geliebte Taschenlampe. Traurig sieht er um Mitternacht Sinclairs Abschiedsgruss: eine mit der Lampe gezeichnete liegende 8, das Zeichen für die Unendlichkeit.

Anlässlich ihres 80. Geburtstages im Dezember 2004 wurde das bereits 1971 erschienene Märchen von Friederike Mayröcker neu herausgegeben. Es überzeugt immer noch mit seiner leicht melancholischen, poetischen Sprache, obwohl man die 70er-Jahre deutlich spüren kann: Fernsehgeräte hatten noch dienstfreie Tage, Taschenlampen waren noch ein Luxusartikel und der Grossstadtverkehr bewegte sich in erträglichem Rahmen. Nicht zuletzt dank den zierlichen, ornamentalen Schwarzweisszeichnungen (plus fünf Farbbilder) von Angelika Kaufmann, die voller charmanter Details sind, werden sich sogar kleinere Kinder dem eigentümlichen, leicht verstaubten Reiz des Bilderbuches nicht entziehen können – auch wenn sich die philosophischen Finessen rund um Freundschaft, Abschied und Unendlichkeit eher den älteren LeserInnen erschliessen. Ein literarischer Leckerbissen, der entfernt an Spielbergs E.T. erinnert, für Kenner und Kinder.

MAJA MORES

Hans Christian Andersen Märchen
Hans Christian Andersen, Illustration: Nikolaus Heidelbach
Aus dem Dänischen von Albrecht Leonhardt
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2004, Seiten: 375, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79879-2
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Am Anfang war das Vorurteil, Hans Christian Andersen sei ein sentimentaler Dichter, der in seinen kitschigen Märchen weinende Kinder zeige. Die Liebe von Nikolaus Heidelbach zu Andersen erwachte erst allmählich, mit der genauen und wiederholten Lektüre der Märchen und der damit verbundenen Überraschung, dass fast in jedem Märchen literarische Highlights verborgen sind. Andersen, sagt Nikolaus Heidelbach anlässlich eines Pressegesprächs zur Lancierung der Andersen-Märchen in Zürich, sei ein “Luxusschriftsteller”, der Ideen produziere, wo sie überflüssig seien. Im Herbst 2001 wurde Heidelbach vom Beltz & Gelberg-Verlag angefragt, ob er die Andersen-Märchen illustrieren wolle. Die ökonomische Sicherheit und die Herausforderung, gegen das Andersen-Klischee anzuzeichnen, haben den Künstler bewogen, den Auftrag anzunehmen. Über mehr als zwei Jahre hat er sich in der Folge mit Andersen beschäftigt, viel über den Autor gelesen und sei dabei das Gefühl nicht losgeworden, dass jedes Märchen von ihm selbst handle.
Heidelbach hat aus Andersens über 150 “Märchen und Geschichten” knapp einen Drittel ausgewählt, bekannte und auch einige wenig publizierte. 120 Illustrationen sind dazu entstanden, Bilder, die die Märchen mehr als nur ergänzen: Sie laden sie auf, legen ihren Hintersinn offen und nehmen dabei Andersen immer beim Wort. Nicht jedes Bild erschliesst sich unmittelbar, aber wer den heidelbachschen Gestalten in die Augen schaut, weiss, wem die Stunde geschlagen hat. Und wo der Augen-Blick nicht reicht, helfen Spiegel und Vergrösserungsgläser, die Dinge ins richtige Licht zu rücken. Heidelbach gelingt es, das Schräge, Verrückte und Poetische der Märchenwelt von Hans Christian Andersen kongenial herauszuarbeiten. Hier sind zwei Künstler aufeinander getroffen, die sich beide in die kindliche Gefühlswelt einfühlen können.
Ein Hörbuch, auf dem auch Heidelbach Andersen-Märchen vorliest, ergänzt die äusserst gelungene Sammlung.
CHRISTINE TRESCH

Esmeralda, Froschprinzessin
E. D. Baker
Aus dem Englischen von Susanne Härtel
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2004, Seiten: 230, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79883-0
Schlagwörter: Abenteuer | Märchen/Fabel

Als Prinzessin Esmeralda ungeschickt durch den königlichen Sumpf stapft, will sie eigentlich nur dem selbstverliebten Prinzen Jorge entgehen, mit dem ihre Mutter sie partout verheiraten will. Sie stolpert über Wurzeln und landet der Länge nach im Morast und macht auf diese ungewöhnliche Art und Weise die Bekanntschaft eines gewitzten sprechenden Frosches. Letzterer stellt sich als Seine Königliche Hoheit Prinz Eadric von Ober-Montevista vor und hat – als er von Esmeraldas königlichem Geblüt erfährt – nur noch ein Ziel: Sie zu küssen, um wieder seine menschliche Gestalt zu erlangen. Doch Esmeraldas sprichwörtliches Pech lässt sie auch in dieser Situation nicht im Stich, und so sitzen plötzlich zwei verdatterte Frösche im Sumpf. Rettung kann es nur geben, wenn es ihnen gelingt, die böse Hexe zu finden, die Eadric seinerzeit verwandelt hat. Nur sie kann den Zauber rückgängig machen. Leichter gesagt als getan: Für einen Menschen wäre der anstehende Weg quer durch den Wald weder weit noch gefährlich, doch aus der Froschperspektive gilt es, ein nahezu unüberwindbares Abenteuer zu bestehen. Doch die Geschichte ist nicht nur wegen der Frösche spannend, denn, so ahnen die LeserInnen bald, die beiden sind nicht die einzigen unfreiwillig Verwandelten, die im Schlossgarten auf Rettung hoffen.
“Esmeralda, Froschprinzessin” ist der erste Roman der englischen Lehrerin E. D. Baker – und eine so herrlich gelungene Märchenadaption, dass man aus dem Lachen nicht mehr herauskommt.
MAREN BONACKER

100 Geschichten
Peter Maiwald, Illustration: Leonard Erlbruch
Verlag: Hanser, Publiziert: 2004, Seiten: 245, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20515-2
Schlagwörter: Schlaf/Einschlafen

Ein Lese- und Vorlesebuch

Was für eine Fabulierlust! Hundert Geschichten von zwei bis drei Seiten Länge und alle vom selben Autor versammeln sich zu einem richtigen Schmökerbuch. Keine thematische Einteilung leitet die LeserInnen, sondern die simple Nummerierung von 1 bis 100 beziehungsweise die einzelnen Titel. Man kann sich treiben lassen in diesem bunten Gemisch aus nachdenklichen und humorvollen Geschichten mit ihren höchst unterschiedlichen ProtagonistInnen und immer wieder unerwarteten Wendungen. Wir lernen Nasanin kennen, die sich jeden Tag eine neue Haut aus dem Schrank holt, wir sind Augenzeugen beim fatalen Besuch des Nässers (alias Schneemann), und wir lernen, dass das Schwierigste beim Bärenauffinden der Bär selbst ist. Während im einen Teil der Geschichten das Sprachspiel, zum Beispiel eben das Wörtlichnehmen von Redewendungen oder stark repetitive Elemente, im Vordergrund stehen, widmen sich andere Geschichten Zwischenmenschlichem. So leiden und freuen wir uns mit Irmel Pepper, von der alle meinen, sie sei nicht ganz klar im Kopf, oder wir folgen gebannt Herbert Kleefischs Problem mit seinem Namen.

Die Geschichten können alle bestens einzeln bestehen und werden so zum idealen Fundus für kurze Vorlesesituationen in Familie und Schule. Und doch entdecken wir beim Lesen zwischen einigen von ihnen verbindende Elemente, zum Beispiel eine kleine Personengruppe, die immer mal wieder in unterschiedlicher Besetzung auftaucht. Allen Texten gemeinsam ist die sorgfältig rhythmisierende Sprache, die sich zum Vorlesen bestens eignet. Der Verlag kündigt den Band als Erstlesebuch an. Dazu ist es aber seiner kleinen Schrift wegen wenig geeignet.

BARBARA JAKOB

Hexengeflüster
Anna Dale
Aus dem Englischen von Michaela Kolodziejcok und Monika Schmalz
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2004, Seiten: 285, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5032-4
Schlagwörter: Abenteuer

Kurz vor Weihnachten ist Joe ausgesprochen schlechter Laune. Anstatt die Feiertage gemeinsam mit seinem Vater verbringen zu können, wird er zu seiner Mutter und deren neuem Mann geschickt. Grässliche Langweile, kommt auf ihn zu, da ist Joe sich sicher. Doch schon die Zugfahrt nach Canterbury verläuft viel aufregender, als Joe es sich hätte vorstellen können: Was hat es mit der Dame auf sich, die mit unsichtbarer Tinte Kreuzworträtsel löst? Wer ist der Bonbon kauende Mann im Nadelstreifenanzug? Und warum wird die Atmosphäre im Zugabteil so bedrohlich, als eine hoch gewachsene Frau mit Katzenkorb zusteigt? Ehe Joe so recht weiss, was geschieht, ist er eine Bahnstation zu früh ausgestiegen und steckt im dicksten Abenteuer. Und schon bald erfährt er, dass er sich die Nähe von bedrohlichen Mächten nicht nur eingebildet hat: Er ist mitten in eine Auseinandersetzung unter Hexen und Zauberern geraten und ist damit selbst in grosser Gefahr.
Was so klingen mag wie ein weiteres Trittbrettbuch auf der “Harry-Potter”-Erfolgswelle, ist in Tat und Wahrheit ein wunderbarer Hexenkrimi und ausgesprochen spannendes Lesefutter voller kurioser Ideen und skurriler Figuren. Mit “Hexengeflüster” hat Anna Dale die literarische Zauberwelt um Erinnerungen in Marmeladegläsern, gefangene Windgeister und die geheimnisvolle Seite 513 eines magischen Buches bereichert. Dass ihr Roman ausserdem in blauer Tinte auf cremefarbenem Papier daherkommt, verstärkt den Eindruck, dass man hier ein ganz besonderes Buch in Händen hält – mit Potenzial zum Lieblingsbuch von hexen- und zaubererbegeisterten LeserInnen ab acht.
MAREN BONACKER

Zackarina und der Sandwolf
Asa Lind, Illustration: Philip Waechter
Aus dem Schwedischen von Jutta Leukel
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2004, Seiten: 116, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79878-4
Schlagwörter: Fantasie | Freundschaft

Zackarina wohnt mit ihren Eltern am Meer. Die Mutter fährt zum Arbeiten weg, der Vater sitzt zu Hause am Schreibtisch und kocht und hat wenig Lust zum Spielen. Zum Glück trifft Zackarina eines Tages am Strand den Sandwolf, ein seltenes, weises Tier mit „glitzergelbem“ Fell, das mindestens so alt ist wie die Sterne. Der Sandwolf „weiss alles“: Dass Papa immer Zeitung liest, weil er verzaubert ist, dass blaue Flecken „eine Art Mutmedaillen sind“, dass man schon etwas war, bevor man auf die Welt kam, und dass man manches erst weiss, wenn man es ausprobiert hat, ob es möglich ist. Mit dem Fahrrad von der Klippe herunter zu fahren, zum Beispiel. Und natürlich probiert Zackarina, die feinfühlige, unzimperliche Heldin es deshalb aus. Überhaupt wird vieles viel spannender und anderes ganz unwichtig, wenn sie mit dem Sandwolf herumzappelt, Geheimsprache spricht oder Sandkuchen isst. Auch Ärger und Langeweile. Åsa Linds Buch erzählt genau und fantasievoll vom Weg eines (vielleicht siebenjährigen) Kindes in die Welt hinein, und dabei kommt Alltägliches direkt neben Wunderbares zu stehen, Naives neben Weises. Schade nur, dass die deutsche Übersetzung gelegentlich harzt und Philip Waechters Figuren weniger eigen sind als die der Originalausgabe.
Verena Stössinger

Lilly unter den Linden
Anne C. Voorhoeve
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2004, Seiten: 255, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-35251-9
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Vom Leben in der DDR und der BRD erzählt “Lilly unter den Linden”, und zwar aus der Sicht eines 13-jährigen Mädchens. Eingebettet ist die Erzählung in eine Rahmenhandlung, in der die mittlerweile erwachsene Protagonistin einem Arbeitskollegen ihre Lebensgeschichte schildert. In Hamburg, Ende der 1980er-Jahre, ist Lilly mit 13 Jahren Vollwaise geworden. Die einzigen Verwandten, die sie hat, wohnen in der DDR, und dass sie nicht einfach dorthin fahren kann, ist ihr aufgrund der eigenen Familiengeschichte wohl bekannt. Lillys Eltern lernten sich in Berlin “unter den Linden” kennen und lieben, der Vater aus dem Westen, die Mutter aus dem Osten. Sie flüchteten in die BRD, nicht ohne Konsequenzen für die zurückbleibenden Angehörigen der “Republikflüchtigen”. Von diesen Konsequenzen ahnt Lilly nichts. Als sie an der Beerdigung der Mutter ihre Tante Lena trifft, ist es “Liebe auf den ersten Blick”, sie reist zu ihrer Familie in die DDR und wirbelt damit gehörig Staub auf.
Durch die Verschränkung der Zeitebenen – die Jugendzeit von Lillys Mutter sowie Lillys Kindheit in den 80er-Jahren – erfahren die LeserInnen einiges über den Alltag in der DDR. Leider bleiben diese Informationen zuweilen in den bekannten Klischees stecken: Episoden über das Schlangestehen in Läden, den Umgang mit Stasispitzeln und die Beschreibung der altmodischen Wohnungseinrichtungen transportieren die üblichen Bilder; Lillys Mutter verkörpert als Fotomodell die westliche Konsumgeilheit, während ihre Schwester Lena der Welt der Bücher zuneigt. Neben dem zeitweiligen Hang zur Trivialität, geht Anne C. Voorhoeve die schweren Themen Verlust der Eltern, Umgang mit dem Tod, Traumatisierungen und Verlustängste aber mit virtuoser Leichtigkeit an. Es ist diese Leichtigkeit, die den Dingen dennoch ihre Schwere lässt, die das Buch lesenswert macht.
CHRISTIAN KÖLZER

Verloren im Labyrinth
Patrice Kindl
Aus dem amerikanischen Englisch von Ingrid Weixelbaumer
Verlag: dtv, Publiziert: 2004, Seiten: 202, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-70871-9

Der Mythos vom Menschen mordenden Minotaurus, die Heldensagen des Theseus, der todbringende Flug des Ikarus – all diese Geschichten sind Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Alle sind, trotz einiger starker Frauenfiguren, männlich dominiert. In “Verloren im Labyrinth” erzählt Patrice Kindl den antiken Sagenstoff aus weiblicher Perspektive. Wie einst Marion Zimmer Bradley dem Sagenkreis um König Artus das Matriarchat der Hohepriesterinnen von Avalon entgegensetzte, lässt jetzt Kindl das antike Kreta nicht von König Minos regieren, sondern von seiner Frau Pasiphaë. In dieser Staatsform erhalten die Frauen grössere Bedeutung – und die Distanz zum männlich dominierten Athen scheint unüberbrückbar. Auf Geheiss der Königin, die dem König der Athener den von ihm verursachten Tod ihres ältesten Sohnes nicht verzeihen kann, müssen jedes Jahr zwölf junge Athener ins Labyrinth des Minotaurus gebracht werden. Statt dort jedoch einem Monster zum Frass vorgeworfen zu werden, finden die Athener einen missgestalteten jungen Mann, halb Mensch, halb Stier, dessen bedrohliches Verhalten aus seiner Einsamkeit resultiert. Xenodike, aus deren Perspektive die LeserInnen den antiken Sagenstoff völlig neu erleben, versucht Theseus daran zu hindern, ihren Halbbruder, das vermeintliche Monster, zu töten. Doch nicht nur der junge Athener will den Minotaurus töten – auch im Palast der Kreter gibt es Menschen, die seinen Untergang wünschen.
In “Verloren im Labyrinth” findet Kindl zum nachdenklich-melancholischen Ton des früheren Romans “Anna in der Wand” zurück. Eine ungewöhnliche Bearbeitung des antiken Stoffes, aber eine zweifellos lesenswerte, die das Interesse an den antiken Sagen generell wecken wird.
MAREN BONACKER

Das Glück bis in die Zehen spüren
Patricia Reilly Giff
Aus dem amerikanischen Englisch von Irmela Brender
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2004, Seiten: 159, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3611-5
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft

Das künstlerisch begabte Findelkind Hollis Woods bleibt nie lange bei einer Pflegefamilie und ist überzeugt davon, immer “einen Berg Schwierigkeiten mitzubringen”. In jenem Sommer bei Familie Regan ist die zwölfjährige Hollis zum ersten Mal glücklich. Den gleichaltrigen Sohn Steven erlebt sie als liebevollen Bruder, die Pflegeeltern vermitteln ihr das Gefühl, wertvoll zu sein. Aber auch von den Regans flüchtet sie nach einem dramatischen Unfall, weil sie sich allein schuldig fühlt. Bei der alten Künstlerin Josie fühlt sich Hollis wiederum wohl und übernimmt mehr und mehr Verantwortung für die zunehmend verwirrte Frau. Weil sie erneut den Pflegeplatz wechseln soll, flieht sie mit Josie vor dem Jugendamt. Schliesslich findet Steven seine Wunschschwester und bringt sie zurück in seine Familie.
Die Geschichte könnte leicht kitschig werden, wäre sie nicht meisterhaft aufgebaut: Zwischen die Szenen der aktuellen Handlung mit Josie werden immer wieder Rückblenden auf Hollis’ wunderbaren Sommer mit den Regans und ihre vorangehenden, frustrierenden Erlebnisse in Schule und Pflegefamilien eingefügt. Und zwar geschieht dies durch die Beschreibung von Hollis’ Zeichnungen, welche sie in ihrem Rucksack mitträgt. Diese führen ihr schliesslich auch die Wahrheit vor Augen, dass sie es selbst ist, die ihrem Glück so lange im Wege gestanden ist. Die Reihenfolge dieser Bilder, angefangen mit dem W – Wunschbild von einer eigenen Familie – aus dem ersten Schuljahr bis zum letzten Familienbild, zeigt voller Symbolik die emotionale Befangenheit und die Entwicklung des Mädchens. Die unaufdringliche Symbolik, die diesem Stilmittel zugrunde liegt, zeugt von hoher literarischer Qualität dieses Romans, der für anspruchsvolle LeserInnen sehr zu empfehlen ist.
BEATRIX OCHSENBEIN

Switch!
Christian Bieniek
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2004, Seiten: 218, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85161-0
Schlagwörter: Identität/Individualität

“Ich kann mich gut in dich hineinversetzen” – für den grüblerischen Marvin wird dieser Satz mit einem Mal viel mehr als eine freundliche Floskel, als er merkt, dass er wirklich in die Körper anderer Menschen schlüpfen kann. Was nun beginnt, ist eine Achterbahnfahrt zwischen Abenteuer und Alptraum. Immer wieder muss er sich auf neue Situationen und neue Perspektiven einstellen, und immer bekommt er dabei eine ganz neue Sicht auf sein altes Ich.
Von dem Augenblick an, als das Bewusstsein von Christian Bienieks Helden sich auf die Reise macht, hat der Roman ein Allmachtsproblem: Zu grenzenlos sind die Möglichkeiten der Handlungsentwicklung, zu komplex die moralischen Fragen, die sich eröffnen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Geschichte letztlich einen wenig befriedigenden Abschluss findet. Am Ende des mitunter recht turbulenten und kurzweiligen “Körperhoppings” sind alle wieder dort, wo sie hingehören, wenn auch reichlich verwirrt – ebenso die LeserInnen. Sie sind zwar mit Marvin durch verschiedene Inkarnationen gestolpert und haben miterlebt, wie er sich selbst von aussen bewertet. Letzten Endes aber erscheint der “neue alte Marvin” nicht viel empathischer als der alte, und die Zukunftsperspektive mit dem Mädchen seiner Träume hat er auch nicht sich selbst, sondern dem “Zwischen-Marvin” zu verdanken (wo auch immer der hergekommen sein soll). Und so wäre ein Held wertvoller gewesen, der bei seinem Leisten bleibt und die Welt durch seine eigenen Augen neu entdecken lernt.
Christian Bieniek ist im Januar 2005, 48-jährig, gestorben. “Switch!” ist das letzte von über neunzig Büchern, die der Autor in den letzten zwölf Jahren veröffentlicht hat.
CHRISTIAN KÖLZER

Ein Meer dazwischen, eine Welt entfernt
Lensey Namioka
Aus dem amerikanischen Englisch von Anna Blankenburg
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2004, Seiten: 210, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80923-9
Schlagwörter: Emanzipation | Geschlechterbilder | Identität/Individualität

China im Jahr 1921: Die selbstbewusste Yanyan ist von traditionell chinesischer und westlicher Medizin fasziniert. Anders als die meisten gleichaltrigen Mädchen denkt sie nicht ans Heiraten, sondern möchte, unterstützt vom aufgeschlossenen Vater, Medizin studieren. Der attraktive, aber rebellische Liang Baoshu bringt ihre Pläne aber ins Wanken und der Familie Unannehmlichkeiten. Yanyan steht vor einer schmerzhaften Entscheidung. Sie begreift, dass sie ihre Träume ganz aufgeben muss, wenn sie dem jungen Mann nachfolgt – und entscheidet sich für ein Medizinstudium in den USA.

Die Autorin, selber eine in die USA ausgewanderte Chinesin, versteht es meisterhaft, anhand zahlreicher Kleinigkeiten nachvollziehbar zu machen, was es heisst, sich in einer total fremden Kultur zurecht zu finden – in einer Kultur, wo Essen, Verhaltensweisen und Lebensstil so ganz ungewohnt und vorerst unverständlich sind. Yanyan wird konfrontiert mit Vorurteilen gegenüber Ausländerinnen, sie wehrt sich gegen die zugewiesene Rolle als Frau (auch in den USA) und kämpft um Anerkennung unter Gleichaltrigen. Wichtige Stütze dabei sind ihr ein chinesischer Kommilitone, eine Mitbewohnerin und ein ständiger Briefwechsel mit Ailin, ihrer engsten Schulfreundin, die aus China ausgewandert ist, um der Tradition des Füsseeinbindens zu entfliehen (bekannt aus Namiokas Buch “Ailins Weg”). Als Leserin lässt man sich gerne fesseln von der Geschichte, die Einblick gibt in eine Mittelstandfamilie aus China zu Beginn des letzten Jahrhunderts und in den differenzierten Entwicklungsprozess einer beherzten und zielstrebigen Protagonistin. Die Situation des “Fremdseins im anderen Land” ist, unabhängig von Nationalitäten, heute aktueller denn je.

TRIX BÜRKI

ich dachte. an ihn
Katarina Kieri
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2004, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4018-X
Schlagwörter: Freundschaft

Laura und Lena haben sich fest vorgenommen, ihr Herz nicht dem erstbesten Jungen zu schenken, weil man das in diesem Alter eben nun mal so macht. “Wenn man sich ernsthaft für einen Jungen interessiert, muss es der Richtige sein. Richtiger Stil, richtiges Aussehen, richtiges Alter”, finden die beiden 15-Jährigen. Doch dann verliebt Laura sich in den neuen Mathematiklehrer. Und ist darüber so verwirrt, dass sie selbst mit ihrer besten Freundin nicht über ihre Gefühle sprechen kann. Lauras Leben steht Kopf. “Nichts war mehr, wie es einmal war.” Und Lena zieht sich mehr und mehr von ihr zurück.
“ich dachte. an ihn” – in Schweden für den renommierten August-Strindberg-Preis nominiert – ist mehr als eine weitere Variation des altbekannten Schülerin-liebt-Lehrer-Themas. Katarina Kieri gelingt es, die Befindlichkeiten junger Frauen auf der Schwelle zum Erwachsensein beeindruckend genau einzufangen, ohne ihr Jugendbuchdebüt zu überfrachten. In ruhigem, ernstem Erzählton lässt sie ihre LeserInnen an Lauras Gedanken und Emotionen teilhaben: An ihren Sehnsüchten und der Unsicherheit den eigenen Gefühlen gegenüber, als sie begreift, dass sie sich in einen Mann verliebt hat, der ungefähr doppelt so alt ist wie sie; an der inneren Zerrissenheit und den nagenden Schuldgefühlen der besten Freundin gegenüber; an den zermürbenden Auseinandersetzungen mit der Mutter.
Ein vielschichtiges, in sich stimmiges und sehr emotionales Buch, in dem sich viele junge Leserinnen wiederfinden werden. Auch wenn sich Lauras Probleme am Ende vielleicht fast zu leicht zu lösen scheinen.
ANDREA DUPHORN

etwas bleibt.
Inge Barth-Grözinger
Verlag: Thienemann, Publiziert: 2004, Seiten: 447, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-17655-3
Schlagwörter: Nationalsozialismus | Religion

Erich und seine Familie müssen als Juden in einer deutschen Kleinstadt die Machtergreifung Hitlers und die daraus resultierende Eskalation der Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Mitmenschen erleben. Der Roman zeigt die persönliche Seite dieser Entwicklungen, die anfänglichen Hänseleien, die in Hassparolen und Gewalt ausarten und die Familie letztlich zur Flucht in die USA zwingen.

Die Fakten sind aus dem Geschichtsunterricht bekannt, die Verantwortlichen auch. Keinem anderen Abschnitt deutscher Geschichte ist wohl so viel Aufmerksamkeit geschenkt worden wie der dunklen Zeit des Nationalsozialismus. Und doch umgibt die historische Faktizität dieser Schreckenszeit ein Schleier der Unglaublichkeit – das ohnmächtige, bleierne, lähmende Grauen der Opfer eines ideologischen Rassenhasses, der keine Gnade kennt und die eiskalte und zielgerichtete Effizienz der Täter – all das scheint einfach zu bizarr, um sich wirklich zugetragen zu haben. Deshalb ist es so wichtig, die kleinen Geschichten innerhalb der grossen Geschichte zu erzählen, weil nur sie der Anonymität des Grauens ein Gesicht verleihen – und damit eine Brücke beginnenden Verstehens schlagen können, hinein in den Gräuel der staatlich organisierten Judenverfolgung. Inge Barth-Grözinger vermag es sehr gut, die Gefühle und Gedanken ihres Protagonisten mit der nötigen Authentizität zu schildern. Deshalb stellt ihr Roman nicht lediglich eine von vielen Bearbeitungen desselben Themas dar, sondern eine empfehlenswerte und wichtige Auseinandersetzung mit ihm.

CHRISTIAN KÖLZER

Bodytalk
Andrea Hauner, Elke Reichart
Verlag: Hanser, Publiziert: 2004, Seiten: 204, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-62203-2
Schlagwörter: Identität/Individualität | Körper

Der riskante Kult um Körper und Schönheit

“Noch nie in der Geschichte der Menschheit war Schönheit so sinnlos wie heute und dennoch wird darum ein beispielloser Kult geschrieben.” Zu Beginn von “Bodytalk” wird nach der Schönheit an sich gefragt und aufgezeigt, dass die Vorstellung von Schönheit geprägt ist von den Wertvorstellungen einer Zeit. So war ein fülliger Körper lange Zeit Zeichen für materiellen Wohlstand. Heute ist Übergewicht zu einem Stigma der Unterschicht geworden.

Nach diesem Einstieg, der dem zeitgenössischen Schönheitskult historische Bilder von Schönheit gegenüberstellt, führt “Bodykult” mitten in die heutige Schönheitshysterie, auf die reale und digitale “Baustelle Körper”, wo Lippen aufgespritzt, Brüste aufgepumpt, Körper in Fitnessstudios über ein vernünftiges Mass hinaus gequält werden.

Jugendliche, ÄrztInnen, PsychologInnen und WissenschafterInnen erzählen von den Problemen junger Menschen, sich mit der eigenen Körperidentität anzufreunden und ihren sozialen Status nicht nur über den Körper zu definieren. So berichtet ein Schönheitschirurg von angehenden Stewardessen, die das Schwitzen in den Achselhöhlen beseitigen oder sich die Lippen aufspritzen lassen wollen, um der Vorstellung, wie eine Hostess auszusehen hat, besser entsprechen zu können.

Essstörungen, Bodybuilding, der Körperkult in der Pop-Kultur, Tatoo und Piercing, aber auch Körperbilder in Computerspielen: “Bodykult” leuchtet viele Facetten um den Kult um Körper und Schönheit aus. Das reich bebilderte, gut verständliche Sachbuch lässt auch Betroffene zu Wort kommen und zeigt Auswege aus dem Labyrinth von zwanghafter Körperkontrolle und -inszenierung.

CHRISTINE TRESCH

Mediennutzung und Schriftlernen
Andrea Bertschi-Kaufmann, Wassilis Kassis, Peter Sieber
Verlag: Juventa-Verlag, Publiziert: 2004, Seiten: 263, ISBN/ISSN/EAN: 3-7799-1354-2
Schlagwörter: Medien

Analysen und Ergebnisse zur literalen und medialen Sozialisation

Was geschieht im Laufe einer Lesekarriere von Kindern und Jugendlichen? Welchen Einfluss hat der Konsum von Medien und Literatur auf das eigene Schreiben? Kann ein Kind, das zwar in der Schule zum Lesen angehalten wird, zu Hause aber ein bildungsfernes Umfeld hat, zur Leseratte werden? Welche Unterschiede bestehen zwischen Mädchen und Jungen in Bezug auf Lesen, Schreiben und Medienumgang? Schliessen sich das Spielen am Computer und das Lesen von Büchern aus? Diese und mehr Fragen stellten sich Andrea Bertschi-Kaufmann, Wassilis Kassis, Peter Sieber und ihre MitarbeiterInnen im Projekt “Lernen im Kontext neuer Medien. Wirkungszusammenhänge für die Entwicklung von Schriftlichkeit”. Der nun erschienene Band ist das Resultat ihrer mehrjährigen Forschungsarbeit.

Für die Beantwortung der Fragen im Zusammenhang mit der Lese-, Schreib- und Mediensozialisation gingen die ForscherInnen interdisziplinär und mit einem “mehrspurigen” Untersuchungsdesign vor. Das Herzstück der Analysen sind die so genannten “Medientagebücher”, die über den Zeitraum von drei Jahren entstanden. In diesen Tagebüchern dokumentierten knapp sechzig Jugendliche vom 6. bis zum 8. Schuljahr ihre Medien- und Leseerlebnisse. Die beteiligten Klassen hatten im Schulzimmer Zugang zu einer Reihe von Büchern und CD-ROMs sowie zu Online-Computern. Während mindestens einer Wochenstunde hatten sie Zeit, sich mit diesem Angebot auseinander zu setzen. Je nach Fragestellung ergänzten die AutorInnen die Tagebuchtexte durch klinische Interviews, Fragebogen für Jugendliche, Eltern und Lehrpersonen sowie Leitfadeninterviews mit diesen drei Gruppen.

Das Buch umfasst detaillierte Untersuchungen zur Besonderheit von Lese- und Schreibaktivitäten in multimedialen Umgebungen, zur Korrelation von Buch- und Bildschirmlektüre, zum Verhältnis von Lesepraxis und Schreibkompetenz sowie zum Einfluss von Schule und Familie auf die Lese- und Schreibsozialisation, jeweils unter Berücksichtigung des Geschlechts. Dieses Zusammenführen der drei Bereiche, Lese-, Schreib- und Medienkompetenz, macht eine der besonderen Qualitäten der Untersuchung aus. Besonders anschaulich wird diese bereichsübergreifende Vorgehensweise in einem Kapitel mit Fallbeispielen. Vier Jugendliche mit mehr oder weniger geglückten Lese- und Schreibkarrieren stehen da im Mittelpunkt. Die Frage nach Faktoren, welche die literale Sozialisation (mit)bestimmen, stellt sich an Hand dieser Fallbeispiele ganz konkret.

Die AutorInnen haben zwar keine Rezepte bereit; die Resultate der gross angelegten Studie sind aber durchaus auch für die pädagogische und bildungspolitische Praxis nutzbar. So zeigt der Band deutlich, dass sich Print und Bildschirmmedien, wenn es um den Erwerb von Lese- und Schreibkompetenz geht, nicht konkurrieren müssen, sondern vielmehr ergänzen. Eine Tatsache, um die die künftige Bildungsarbeit nicht herumkommt.

JUDITH MATHEZ

Das Sams
Paul Maar
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-8030-0

Abenteuer mit der Wunschmaschine

Ein halbes Dutzend Sams-Bücher, dazu diverse Tonträger, Theater- und Musicalfassungen, zwei Kinofilme sowie eine beschauliche erste CD-ROM mit einfachen Spielaufgaben haben Paul Maars rüsselnasiges, rotschopfiges und rund um die Uhr reimendes Wesen seit 1973 bereits zum Medienstar gemacht. Höchste Zeit also für ein neues interaktives Sams-Abenteuer. Hierzu haben sich die Macher einiges einfallen lassen. Eine spassige Geschichte sowie 19 ausgefallene und mit der Handlung eng verknüpfte Denk- und Geschicklichkeitsspiele sorgen für turbulente Unterhaltung.
Für Unordnung und Verstörung sorgt diesmal nicht das Sams, sondern die verschwundene Wunschmaschine. Sie ist in falsche Hände geraten und richtet mit allerhand Nebenwirkungen in der ganzen Stadt ein Chaos an. Das Wetter spielt verrückt und lässt das Freibad zufrieren, Kühe schweben an Ballons durch die Luft, aus Hydranten quillt klebriger Himbeersaft, Autos verwandeln sich in fahrende Betten und im Stadtpark wächst das Gestrüpp so schnell, dass die Besucher nicht mehr raus können. Dank tatkräftiger Mithilfe der Spielerinnen und Spieler gelingt es dem Sams natürlich, alles wieder ins Lot zu bringen. Die abwechslungsreichen und originell gestalteten Herausforderungen für Kinder ab sechs Jahren verlangen einiges an Geschick und Konzentration, garantieren aber auch länger anhaltendes Vergnügen. Die meisten Spiele können beliebig oft wiederholt werden. Bei den sieben Punktespielen kann zudem der Schwierigkeitsgrad gewählt und über einen direkten Link lässt sich der Spielstand zum Vergleich sogar auf eine Highscoreliste im Internet übertragen.
Daniel Ammann

Der Räuber Hotzenplotz
Otfried Preussler
Verlag: Cornelsen Software, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-464-90095-9

Zwischen Buchdeckeln, im Hörspiel oder Realfilm (mit Gert Fröbe) treibt der berüchtigte Räuber Hotzenplotz nach wie vor sein Unwesen. Der «Mann mit den sieben Messern» zählt zu den beliebtesten Unholden der Kinderliteratur und macht neuerdings die Computerbildschirme unsicher. Auf der CD-ROM dürfen Kinder ab etwa sechs Jahren dem mutigen Kasperl und seinem Freund Seppel zur Seite stehen, wenn es gilt, Grossmutters melodiöse Kaffeemühle wiederzubeschaffen und den Übeltäter hinter Schloss und Riegel zu bringen. Im Verlaufe dieses abenteuerlichen Unterfangens wird natürlich auch die Fee Amaryllis gerettet und der böse Zauberer Zwackelmann findet sein verdientes Ende.
Die erste multimediale Umsetzung verhilft dem Kinderbuchklassiker von Otfried Preussler aus dem Jahr 1962 zu neuer Frische und präsentiert die turbulente Geschichte als gelungenes Kasperletheater mit originalgetreuen Zeichentrickszenen. Um die Handlung zu raffen, treten immer wieder Figuren als Erzähler vor den Vorhang und leiten zur nächsten Episode über. An insgesamt acht Schauplätzen müssen Klickpunkte gefunden und verschiedene Spielaufgaben in zwei Schwierigkeitsstufen bewältigt werden. Die sieben Denk- und Geschicklichkeitsspiele verlangen genaues Zuhören, Beobachtungsgabe, Sachwissen sowie Geduld und schnelles Reaktionsvermögen. Die musikalische Einbettung der Erzählung sowie professionelle Sprecherstimmen lassen die Spielgeschichte auch zum Hörvergnügen werden.
Daniel Ammann

Der tunesische Torwart
Lars Mæhle
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2004, Seiten: 168, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5058-0

Den ganzen Sommer hindurch haben Jo und seine Freunde Jagd auf WM-Fussballbilder gemacht. Nun sind alle Sammelalben gefüllt – nur der tunesische Torwart fehlt. Doch Jo hat noch andere Sorgen. Er ist in der neuen Schule mit den ärgsten Schlägern des Dorfes in einer Klasse, die Zahnspange nervt und das Schlimmste: Er muss Plattfusseinlagen tragen. Als wäre das alles nicht schon genug, wird seinem Opa eine wertvolle Elvis-Single gestohlen, und der Junge glaubt genau zu wissen, wer der Dieb ist. Ausserdem ist Jo verliebt.

Teenie-Geschichten, die aus der Ich-Perspektive von den Nöten eines Heranwachsenden erzählen, haben natürlich ihre Berechtigung, weil sich die jungen Lesenden darin wiederfinden. Auch das vorliegende Buch lotet die Gefühlslagen Jugendlicher auf sensible Weise aus. Die philosophischen Gedankengänge, die der 13-Jährige in den inneren Monologen ausbreitet, wollen jedoch nicht so recht zu einem ganz normalen Jungen passen. Seltsam blass bleibt auch Jos Familie. Nur gerade der schrullige Opa mit dem Elvis-Tick und die jüngere Schwester Hedvig bekommen richtige Konturen. Das Vertrauensverhältnis zu Hedvig hat sogar etwas Anrührendes. Identifikationsmomente bieten auch die Hochs und Tiefs der sich anbahnenden Liebe zur Ferienbekanntschaft Bettina.

In diesem Roman, in dem es immer wieder um Täuschung und Selbsttäuschung geht, sind Hedvig und Bettina die sicheren Werte, die Jo zwar gefühlsmässig umtreiben, ihm aber die nötige Bestätigung geben. Die bringt ihn letztlich wieder ins Gleichgewicht – trotz Plattfusseinlagen und fehlendem tunesischem Torwart.

KATRIN RUCHTI-FEHR

Mama Muh und die Krähe
Jujja Wieslander, Sven Nordqvist
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-8034-3

Wenn wir uns auf dem Bauernhof von Mama Muh auf Anhieb heimisch fühlen, liegt das womöglich daran, dass die charmanten Zeichnungen von Sven Nordqvist, dem Schöpfer von Pettersson und Findus, stammen. Allerdings ist Mama Muh auch sonst kein unbeschriebenes Blatt, denn ihre lustigen Abenteuer gibt es für Kinder unterschiedlicher Altersstufen bereits als Hörmedien, Bildergeschichten oder illustrierte Vorlesebücher.

Auch die erste CD-ROM nach Büchern von Jujja und Tomas Wieslander ist bis ins Detail liebevoll gestaltet und wartet mit elf einfallsreichen und witzigen Denk- und Geschicklichkeitsspielen auf. Wenn die Krähe ihre Flugkünste demonstriert, Mama Muh mit dem Fahrrad auf einem hindernisreichen Parcours eine neue Bestzeit aufstellen soll oder im Kuhstall zu heissen Discorhythmen tanzt, sind gute Beobachtungsgabe, Reaktionsschnelligkeit und ein flinker Umgang mit den Pfeiltasten von Vorteil. Vorstellungsvermögen, Orientierungssinn oder Merkfähigkeit sind hingegen bei der Schatzsuche im Dunkeln, auf der Jagd nach verborgenen Bildausschnitten oder dann gefragt, wenn die aussergewöhnliche Kuh vom Ein-Meter-Sprungbrett Kapriolen schlägt. Einige der abwechslungsreichen Aufgaben weisen gleich mehrere Schwierigkeitsstufen auf und fordern die Spieler/innen mit Abzeichen oder einem Eintrag auf der Punkteliste zu Höchstleistungen heraus. Beim Fahrradfahren, im kniffligen Krocketspiel oder beim Angeln im See bietet der Multiplayer-Modus zudem die Möglichkeit, sich nicht nur mit dem Computer zu messen, sondern einmal gegen einen Freund oder eine Freundin anzutreten.

Daniel Ammann

Oscar der Ballonfahrer entdeckt Afrika
In Deutsch und Englisch
Verlag: Tivola, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-89887-064-2

Die Savanne

Oscar, der kleine Junge mit grossem Entdeckergeist, hat auf früheren CD-ROMs die Tierwelt der Berge, der Wiese und des Waldes erkundet. Seine jüngste Entdeckungsreise, zu der er Kinder ab 4 Jahren einlädt, führt in die Savanne Afrikas.

Oscars Neugier wird geweckt, als ihm sein Freund Balthasar Pumpernickel eine Diashow über Tiere der Savanne zeigt. Oscar will von den Elefanten, Giraffen, Pavianen, Straussen, Löwen, Krokodilen und Hyänen direkt erfahren, wie sie wirklich leben und fliegt mit seinem Heissluftballon nach Afrika.

Wir landen in der Savanne, die mit detailreichem Screendesign und authentisch anmutenden Tierlauten und Naturgeräuschen überzeugend evoziert wird. Nun können wir wählen, welches der sieben Tier-Habitate wir mit Oscar zuerst besuchen. Die Schauplatzabfolge bestimmen wir selber, und dank der auf dem Bildschirm stets verfügbaren Hilfestellung gelingt die Navigation durch die Szenerie problemlos.

Um die Tiere und ihre Lebensweise zu dokumentieren, können wir Oscar mit der stets griffbereiten Kamera Fotos schiessen lassen und diese im Reisetagebuch einordnen, kommentieren und ausdrucken.

An jedem Schauplatz testen verschiedene Spiele Geschicklichkeit und Merkfähigkeit, und am Schluss gelangt Oscar nur zu seinem Ballon, wenn er mit unserer Hilfe Fragen zur Lebensweise der Tiere richtig beantwortet.

Diese interaktive Wissenssafari lässt sich auf Deutsch oder Englisch spielen, wobei sich die beiden Sprachversionen vom sprachlichen Niveau her je an muttersprachliche Kinder richten.

Susan Gürber

Schach im schwarzen Schloss
Verlag: Terzio, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-89835-390-7

Nachdem Folge 1 der preisgekrönten Lernsoftware Anfängerinnen und Anfänger ab 8 Jahren mit den Grundlagen des Schachs vertraut gemacht hat, wendet sich der gelungene Nachfolgetitel weiteren Finessen des anspruchsvollen Königsspiels zu. «Schach im schwarzen Schloss» stellt unter anderem verschiedene Eröffnungsarten vor, trainiert die Taktik des Mittelspiels und führt in die heissen Phasen des Endspiels ein. Auch diesmal sorgt eine Rahmenhandlung für Abwechslung. Die originelle Geschichte ist gespickt mit witzigen Dialogen und ironischen Anspielungen.

Aus dem Fernsehen erfahren Prinz Fritz und Cousine Bianca, dass ihr persönlicher Schachcoach, Kanalratte Fred Fertig, spurlos verschwunden ist und deshalb der unliebsame König Schwarz als bester Schachspieler des Landes gehandelt wird. Selbstverständlich wurde Fred von seinem Widersacher entführt und muss aus dessen Fängen befreit werden. Auf der Kutschfahrt zum Schloss werden die wichtigsten Regeln und Spielzüge nochmals repetiert und können anhand von Biancas Tagebuch stets nachgeschlagen werden. Prompt landen die beiden Freunde dann ebenfalls im Kohlekeller des Schurken und müssen sich Stockwerk für Stockwerk hocharbeiten. Haben sie an den unzähligen Automaten mit 21 Übungen und Prüfungsaufgaben genug Gripsenergie gesammelt und die Zahlenkombination auf den Papierschnipseln geknackt, ist Fred wieder frei und man kann mit virtuellen Gegnern weiterüben oder im Zwei-Spieler-Modus sogar gegen einen Freund antreten.

Daniel Ammann

Der Kleine Prinz erforscht die Sterne
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-8033-5

Anders als «Der Kleine Prinz» vom Tivola Verlag aus dem Jahr 1998 geht diese neue Spiel- und Sachgeschichte völlig frei mit Antoine de Saint-Exupérys Buchvorlage um. In Anlehnung an die Illustrationen des Autors wird nicht mehr die Geschichte wundersamer Begegnungen und Freundschaften erzählt. Statt metaphysischer und menschlicher Fragen rücken dafür ein naturwissenschaftliches Interesse an Himmelskörpern oder das Staunen über die geheimnisvollen Vorgänge im Weltraum ins Zentrum.

In der vorliegenden Episode besucht der Kleine Prinz seinen Freund, den türkischen Astronomen, und soll ihm dabei helfen, sein Teleskop zu reparieren. Auf der Suche nach dem fehlenden Teil erfahren die Kinder einiges Wissenswertes über Sterne und Planeten und werden in der Begegnung mit dem Astronomen, dem Fuchs und dem Geografen mit jeweils unterschiedlichen Betrachtungsweisen des Himmels vertraut gemacht. Insgesamt 26 wissenschaftliche Animationen erklären anschaulich und kindgerecht Phänomene des Himmels und führen in die Geschichte der Raumfahrt ein.

Eine farbig illustrierte Lehrerhandreichung (als PDF-Download unter www.oetinger-interaktiv.de) gibt eine thematische Übersicht für die Arbeit mit der CD-ROM und vermittelt in vier kleinen Einheiten Unterrichtsanregungen in Form von Fragebögen und weiterführenden Arbeitsaufträgen.

Daniel Ammann

Toggolino Vorschule
Verlag: Terzio, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-89835-348-6

Sachabenteuer

Gemeinsam mit dem Kalb Toggolino und seinen Freunden Florina, Monti und Carlito aus dem Super-RTL-Vorschulprogramm lösen die Kinder in der einfachen Lernumgebung kleine Spielaufgaben zu Alltagsthemen (Berufe, Verkehrsschilder, Geräusche erkennen, Tagesablauf, Abfall sortieren). Als Belohnung winken weitere Spiele oder Ausdrucke zum Basteln. Die Elterninfo zeigt an, worum es in den 13 Spielen jeweils geht und was die Kleinen schon absolviert haben. «Toggolino Vorschule» gibt es auch zu den Fächern Deutsch («Buchstabenteuer») und Mathe («Zahlenabenteuer»). Ab 4 Jahren.

Daniel Ammann

Lauras Stern
Klaus Baumgart
Verlag: Tivola, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-89887-071-5

Nach der Spielgeschichte «Lauras Sternenreise» (Tivola 2003) erscheint die zweite Laura-CD-ROM als Spielesammlung zum deutschen Zeichentrickfilm, der im Herbst 2004 in die Kinos kam. Hinter den Planeten in Lauras Universum verbergen sich neben zahlreichen Filmausschnitten 7 Denk- und Geschicklichkeitsspiele in zwei Schwierigkeitsstufen sowie 10 Bastelbögen mit Lauramotiven zum Ausdrucken. Ausserdem gibt es verschiedene Bildschirmhintergründe, den Kinotrailer und medienkundliche Informationen in Form von 5 kurzen Making-of-Clips, mit denen die Vierjährigen wohl noch nicht viel anfangen können.

Daniel Ammann

Der Teufel mit den drei goldenen Haaren
Verlag: Cornelsen Software, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-464-90000-2

In märchenhaft illustrierten Landschaften können Spieler/innen ab etwa 5 Jahren den Märchenklassiker der Brüder Grimm nun auch interaktiv und in zwei Schwierigkeitsgraden am Computer kennen lernen. Nur wenn die Rätselaufgaben gelöst und die abwechslungsreichen Herausforderungen bewältigt werden, kann das Glückskind seinen Auftrag erfüllen und bekommt die Königstocher zur Frau. Als Extra liegt dem Spiel eine Audio-CD mit der Hörbuchfassung des Märchens bei. 5–10 Jahre.

Daniel Ammann

Löwenzahn
Verlag: Terzio, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-932992-37-7
Schlagwörter: Natur | Technik

Geschichten aus Natur, Umwelt und Technik

Wie ihre erfolgreichen Vorgängerinnen bietet auch die achte Löwenzahn-CD viel Wissenswertes aus Natur, Umwelt und Technik. Der aus dem gleichnamigen TV-Kindermagazin bekannte Moderator Peter Lustig präsentiert rund um seinen Bauwagen Filmausschnitte aus der Sendung, Spiele, Bastelanleitungen und Lehrreiches zu den Themen Kriminalistik, Telefon, Hunde und Wölfe, Segeln, Berge und Metall. Kinder ab 6 Jahren gehen mit Peter auf Ganovenjagd und testen ihr neues Wissen in einem Hundequiz oder im Umgang mit einem virtuellen Hündchen. Die CD-ROM bietet eine attraktive Mischung aus Unterhaltung und altersgerechter Sachinformation. Ab 6 Jahren.

Daniel Ammann

Findus bei den Mucklas
Sven Nordqvist
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-8035-1

Die Pettersson-und-Findus-Bücher haben Sven Nordqvist weit über die Grenzen Schwedens bekannt gemacht. Inzwischen wurden verschiedene Hörbücher, eine TV-Serie und ein Kinozeichentrickfilm produziert. Die beliebten Kinderbuchfiguren gibt es seit 1997 auch auf CD-ROM. Nordqvist entwickelt dafür die Spielideen und Illustrationen. Erst kam die Werkstatt, dann der Garten. Die dritte [grosse] Pettersson-und-Findus-CD-ROM führt jetzt ins Haus. In Diele, Küche, Wohn- und Schlafzimmer und auf dem Dachboden gibt es zehn abwechslungsreiche Spiele, verrückte Erfindungen und eine Geschichte zu entdecken.
Beim «Pflaumenpflücken» und «Nicht-den-Boden-Berühren» werden Geschicklichkeit, Auge-Hand-Koordination und das Reaktionsvermögen trainiert. Um den «Lastofanten» der Breite und dem Gewicht entsprechend zu beladen, die Fotoschnipsel zusammenzusetzen oder Einzelteile aus dem Werkzeugkasten zu einer Erfindung zusammenzubauen, braucht es Ausdauer und ein gutes Vorstellungsvermögen. Wenn die Uhren von «Krocka, Panga und Prilla» so eingestellt werden müssen, dass diese sich bei unterschiedlicher Wegstrecke zur gleichen Zeit treffen, gilt es zudem geschickt zu kombinieren. Lustig wird es beim «Monsterflitschen», wo wir mit einer Wurfvorrichtung aus Petterssons Hosenträgern die Monster auf dem Dachboden jagen. Sind alle Spiele einmal gespielt, gibt es den goldenen Schlüssel zur «Mucklawelt». Aber erst durch geschicktes Verschieben der Steinbrocken wird das Schlüsselloch freigelegt. Das Knobeln lohnt sich. In der «Mucklawelt» können wir mit unserem Spielgewinn Häuser einrichten und Gegenstände verschenken.
Was bereits die Vorgänger-CD-ROM «Neues von Pettersson und Findus» (1999) und jetzt auch «Findus bei den Mucklas» auszeichnet, ist eine Spielumgebung, die nie hektisch, aber dennoch sehr abwechslungsreich und verspielt ist. Durch liebevolle Details wirkt die Atmosphäre im Haus sehr stimmig. So sitzt Pettersson am Küchentisch und liest die Zeitung und das Radio in der Küche wird leiser, wenn wir uns mit Findus von dort wegbewegen. Das Navigieren im Spiel ist recht einfach, die Spiele fast auf Anhieb verständlich. Die meisten Spiele bieten zwei, manche sogar drei Schwierigkeitsstufen und stellen völlig unterschiedliche, teilweise recht knifflige Aufgaben an die Spieler/innen. Der Spielstand kann gespeichert werden, so dass wir jederzeit wieder da einsteigen können, wo wir aufgehört haben. Da die Lust am Spielen mit der Lust am Denken zusammenhängt, wird diese CD-ROM Kindern und Erwachsenen nachhaltig Spass machen. Einziger Nachteil: Jüngere Kinder brauchen bei den schwierigeren Aufgaben etwas Hilfestellung, was dazu führen kann, dass sich Kinder und Erwachsene darum streiten, wer jetzt spielen darf. Ab 6 Jahre.
Cornelia Biffi

Janosch für die Vorschule 4
Verlag: Terzio, Publiziert: 2004, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89835-119-5

Englisch

Trotz Interaktivität ersetzt der Computer natürlich weder den Englischlehrer noch das Gespräch mit richtigen Menschen. Über ein Dutzend Lernspiele, Lieder und Gedichte auf dieser CD-ROM schaffen hingegen eine anregende Umgebung, in der sich Kinder ab fünf Jahren ungezwungen an die Fremdsprache herantasten können. Dabei erweisen sich die beliebten Janosch-Figuren als motivierende Lernbegleiter. Tiger und Bär führen durchs Programm und laden an ihren Lieblingsplätzen zu kleinen Spielen und Übungen mit dem Grundwortschatz ein. Im Wohnzimmer dreht sich alles um Spielsachen, in der Küche um Essen und Getränke, am Meer um Zahlen, im Wald um Farben und auf der Wiese geht es ums Thema Tiere. Ein Spielprotokoll zeigt den Eltern laufend an, welche Bereiche die Kleinen schon absolviert haben.

Daniel Ammann

Der Herr der Nussknacker
Iain Lawrence
Aus dem Englischen von Christoph Renfer
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2004, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-7725-2246-7
Schlagwörter: Krieg

«Walter wollte sprechen, aber der Krieg hatte ihm keine Sprache gegeben.» Walter, der 19-jährige Soldat, lernt von seinem Kriegsdolmetscher fleissig russische und polnische Ausdrücke – aber es sind immer nur Fragen, immer nur Befehle, kein Wort für Freund, kein Wort für «Guten Tag». Er kann keine Worte finden für die Grausamkeiten dieses Krieges.
Wie Walter hatte auch die deutsche Jugendliteratur lange kaum eine Sprache für den Krieg, in den die jungen Männer 1914 noch freudig zogen – «Spätestens zu Weihnachten sind wir zurück!» – und der dann vier lange Jahre dauern sollte und von einer Grausamkeit war, die ihn zur grössten Menschenschlacht der neueren Geschichte machte. Jetzt, 100 Jahre später, besinnt man sich zurück. Und plötzlich sind sie hier, die Jugendbücher, die bisher gefehlt haben.
Der junge Walter entstammt einer Kurzgeschichte von Anja Tuckermann, die in der Anthologie «Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen» neben 14 anderen Texten von teils sehr renommierten Jugend­autorInnen erschienen ist. Beson­ders hervorzuheben ist an der sorgfältig gestalteten Sammlung die Geschichte «Briefe von Isabelle» von Karl Rühmann, die eine Schweizer Perspektive vertritt, und den «Fluch» der Neutralität zu fassen versucht. Viele verschiedene Milieus, Schau­plätze und Blickwinkel bietet die Anthologie und lässt so vor allem eines deutlich hervortreten: Dass der Krieg alle zu Opfern gemacht hat, sei es in den Schü­t­zengräben oder zu Hause, seien es Kinder oder Erwachsene, in Frankreich, England, Palästina, Estland oder Deutschland.
Walter fehlen die Worte und auch Paul, der Protagonist in Herbert Günthers Ro­man «Zeit der gros­sen Worte», sucht nach der richtigen Spra­che. Jener literarischen, schönen Sprache nämlich, für die ihn die Buchhändlerin der Kleinstadt zu begeis­tern versucht, wäh­rend die grossen Worte der Zeit Paul zum Kriegsdienst überreden wollen: Vaterland, Pflicht, Ehre. Paul verliert in diesem Krieg Vater und Bruder; der Alltag ist in den Händen starker Frauen, und diese machen ihm auch Eindruck: Sei es die alte Buchhändlerin, die eigenstän­dige Verlobte des grossen Bruders, oder das junge Hausmäd­chen, das ihn, der in diesen schwierigen Jahren auch noch erwachsen werden muss, die Liebe erkun­den lässt.
Auch Johnny in Iain Lawrences «Der Herr der Nussknacker» findet einen Zugang zu einer anderen Sprache. Sein Vater ist Spielzeugmacher. An der Front schnitzt er kleine Holzsoldaten und schickt sie Johnny mit seinen Briefen zu. Damit stellt Johnny die Kriegsverläufe nach und wird selbst zum Gott, der die Geschicke beeinflussen kann. Auf drei Ebenen – im rich­tigen Krieg an der Westfront, unter den Holzsoldaten in Tante Ivys Garten und in den Gesprächen mit dem Lehrer über die Willkür der griechischen Götter in der Illias, die die Welt als Spiel betrachten – wird hier ein Motiv vorgeführt: die Sinnlosigkeit des Krieges, bei dem die Men­schen nur Puppen sind, die nach dem Willen der Mächtigen herumgeschoben werden.
Somit sind alle drei Bücher auch 100 Jahre nach dem Attentat von Sarajewo vor allem eines: Plädoyers für den Frieden.

Elisabeth Eggenberger
Buch&Maus 1/14, S.33

«OMPS!»
Hanna Johansen, Illustration: Klaus Zumbühl
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2003, Seiten: 156, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00936-7
Schlagwörter: Fantasie

Ein Dinosaurier zu viel

Zwei ungewöhnliche „Haustiere“ treten in dieser fantastischen Geschichte auf und wirbeln den Alltag ihres menschlichen Gefährten namens Zawinul durcheinander: Ein Dinosaurier der Sorte Compsognathus longipes und ein blauer Hase, beide aus alten Ostereiern ausgeschlüpft. Wie zwei Geschwister tollen die beiden durch Zawinuls Mietwohnung und streiten miteinander, was das Zeug hält. Die Unternehmungen dieser „Familie“ – der Futterkauf in der Tierhandlung, ein Ausflug ins Freibad und ein Besuch beim Tierarzt zum Beispiel – sind mit köstlichem Humor erzählt und geben den Lesenden viele Anknüpfungsmöglichkeiten zu ähnlichen Unternehmungen im menschlichen Alltag. Insbesondere die Begegnungen mit anderen Menschen, die mit einer Mischung aus Neugier und Misstrauen auf die beiden Tiere und ihre Betreuungsperson reagieren, verweisen auch auf menschlichen Reaktionen, die Erziehende und ihre Kinder in der Öffentlichkeit erfahren. Neben vielen dynamischen Szenen gibt es auch leisere Momente, wie etwa den Abschied vom Dinosaurier, der beschliesst, ins Mesozoikum zurückzukehren. Literarisch ausgezeichnet gelungen sind die lebendig-spritzigen Dialoge wie etwa Szenen, in denen der Dinosaurier seine Betreuungsperson mit nicht enden wollenden Frageketten bedrängt und sich auch nicht scheut, unmögliche Fragen zu stellen. Ist es zum Beispiel logisch, dass ausgestorbene Tiere, die lebendig geworden sind, keinen Zutritt zum Freibad erhalten wie gewöhnliche Haustiere? Sprachlicher Humor und philosophische Nachdenklichkeit verbinden sich hier zu einer Erzählung, die Kindern und Erwachsenen gleichermassen ein ausserordentliches Lesevergnügen bietet.
ELISABETH STUCK

Unter Verdacht
Joyce Carol Oates
Aus dem amerikanischen Englisch von Birgitt Kollmann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2003, Seiten: 284, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20302-8
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft

Die Geschichte von Big Mouth und Ugly Girl

Der 16-jährige Matts ist ein Sprücheklopfer. Dass er in der Mittagspause etwas von einer Bombe faselt, wird ihm zum Verhängnis. Matts wird aus dem Unterricht abgeführt und verdächtigt, ein Attentat auf seine Hight School geplant zu haben. Obwohl der Verdacht schnell entkräftet wird, zieht ihm dieser Zwischenfall und die Tatsache, dass sich seine Freude von ihm abgewendet haben, den Boden unter den Füssen weg. Einzig Ursula Riggs, die sich selber in die Rolle der aggressiven, unbeliebten Mitschülerin geflüchtet hat – sie nennt sich "Ugly Girl“ – bringt genug Zivilcourage auf und setzt sich für Matts ein.
Die berühmte amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates erzählt abwechslungsweise aus der Sicht von Matts und Ursula, rollt deren Familiengeschichten auf, legt ihre inneren Konflikte auf dem Weg zum Erwachsenensein offen, verleiht ihren anfänglich sehr klischiert dargestellten Figuren im Verlauf des Buches mit viel psychologischem Gespür immer mehr Plausibilität. Ein immer dichteres Gewebe entsteht, das diese jungen Leute als Teil einer verlogenen Gesellschaft zeigt, die rasch mit Verurteilungen zur Hand ist – aber Unrecht nicht wirklich zur Kenntnis nimmt. Aus der kumpelhaften Freundschaft entwickelt sich allmählich Respekt, später sogar eine erste Liebe, die sich gegen viele Widerstände beweisen muss. Matts und Ursula gehen als andere aus dieser Geschichte hervor. Sie sind reifer geworden, ein bisschen gefestigter in ihren Gefühlen und auch ein gutes Stück illusionsloser über den Gang der Welt.
CHRISTINE TRESCH

Das Rätsel der Feuerberge oder die Geschichte aus der Schachtel Nummer sieben
Susanne Vettiger, Illustration: Audrey Marti-Pichard
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2003, Seiten: 67, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0470-2
Schlagwörter: Fantasie | Freundschaft

Carla erzählt ihrem Teddy ein weiteres Märchen (das dritte) aus ihrem Geschichtenfundus, der in den 46 (!) Streichholzschachteln unter der fünften Treppenstufe im Keller versteckt ist. Es handelt von Hugo, der Landschildkröte mit Spitznamen Ferrari.

Hugo, klug, aber schwächlich, verlässt die Familie und will sich einen starken Schildkrötenfreund suchen. Er trifft den hinkenden Henry, der ihn vor einer Schlange rettet, und gemeinsam ziehen die beiden weiter. Von den gefährlichen Monster-Sandegeln erhalten sie den Auftrag, das Rätsel der Feuerberge zu lösen, d.h. zu erkunden, ob dort immer noch Feuerschlangen hausen. Also ziehen sie zum erloschenen Vulkan und erfahren von der Echse Lydia, wie das damals beim Ausbruch war. Schlau erkennen sie, dass die glühenden Lavaströme den Sandegeln wie Feuerschlangen vorgekommen sein müssen, und mit dieser Botschaft verhelfen sie den Egeln zur Rückkehr in ihre Heimat. Ausserdem verbindet Hugo und Henry jetzt eine tiefe Freundschaft. – Mit Neugier habe ich den dritten Band der Schachtelgeschichten gelesen, haben mir doch die beiden ersten recht gut gefallen. Hier bin ich aber enttäuscht worden. Obwohl auch eine Phantasiegeschichte vorliegt, scheinen mir nun verschiedene Elemente (Ferrari, Engel von Henry…) allzu unmotiviert verwendet worden zu sein, sie haben keine oder nur eine aufgesetzte Bedeutung für einen schlüssigen Handlungsstrang und sind ausserdem zu wenig ausgefallen, um als abwegiger Nonsens aus reiner Fabulierlust evident zu sein. Störend und nicht dem kindlichen Auffassungsvermögen angepasst finde ich die manierierte Erzählstruktur, die irgendwo in der Mitte der Handlung einsetzt und dann erst den Anfang aufarbeitet – sowohl in der Geschichte selber als auch in der Rahmenhandlung über Carla und Teddy, wo ebenfalls ein

„Freundschaftsproblem“ angedeutet wird. Ob da absichtlich ein neues Element gesucht werden musste, damit sich der dritte Band von den andern abhebt? Das vermittelte Jungenbild (klug, beziehungsfähig) ist sicher erstrebenswert, verbraucht sich hier aber in der Fülle aufeinander folgender Ereignisse und in altklugen Gesprächen der Tiere. – Auch die Illustrationen unterscheiden sich von denjenigen in den früheren Bänden. Zwar werden immer noch Steine auf farbig gestaltetem Hintergrund zu einer Einheit zusammengestellt. Weil jedoch die Schildkrötensteine sehr lebendig und detailliert bemalt worden sind, verschwinden sie meist in der ausgefüllten Szenerie – und der tolle Effekt von Kargheit und witziger, präziser Platzierung der Steine (besonders schön im ersten Band) geht verloren. Schade!

Erikas Geschichte
Ruth Vander Zee, Illustration: Roberto Innocenti
Aus dem amerikanischen Englisch von Gabriele Haefs
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-5005-8
Schlagwörter: Historisches

„Ins Leben geworfen sein.” Hier stammt der Satz nicht aus einem existenzialistischen Traktat, hier geht es um die nackte Existenz. Eigentlich weiss Erika, die Erzählende, nur Eines: Sie wurde aus dem Zug geworfen, ins Leben. Der Zug rollte weiter, ins KZ.
Von Roberto Innocenti kennt man ungewöhnliche Bilderbücher und einmal mehr erfüllt er diese Erwartung. Der Text wird als wahre Geschichte vermittelt. Zögernd und fragend erzählt eine Frau von ihrer Herkunft. Ruth Vander Zee bringt sich als ihre Zuhörerin und Autorin in der Rahmengeschichte ein. Diesen Rahmen akzentuieren zwei farbige Bilder, die umso bunter wirken, als Erikas Bericht fast nur braungrau illustriert wird; natürlich in Innocentis realistischem Stil, minutiös ohnegleichen, nun aber farblich verfremdet. Die Bildspannung funktioniert, das Bedrückende der historischen Realität kommt zum Tragen. Nur das Bündel, das aus dem Güterwagen geworfen wird, die erinnerte Erika, ist leicht rosa und die David-Sterne an den Kleidern sind gelb. Die Künstlichkeit schafft so auch Distanz und doch ist sie wirkungsvoll; sei es, indem Innocenti keine Gesichter zeigt und so die Erinnerung nicht zum Einzelfall macht, sei es, dass Zurückhaltung und farbliche Reduktion letztlich mehr auslösen als das Abgebildete. Kinder werden die atmosphärische der Eigenart der Illustrationen verstehen und Erwachsene haben genug Bilder im Kopf, um wie Erika Zügen nachzuschauen und zu wissen, was war.
HANS TEN DOORNKAAT

Harry Potter and the Order of the Phoenix
Joanne K. Rowling
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2003, Seiten: 766, ISBN/ISSN/EAN: 0-7475-5100-6
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie | Freundschaft | Pubertät

Das Warten hat sich gelohnt: Im fünften Harry-Potter-Band, Ende Juni auf Englisch erschienen, ist alles anders als gewohnt. Vor allem ist das Zwischenmenschliche wichtiger als die Zauberei.
„Harry Potter and the Order of the Phoenix“ ist das bisher düsterste Potter-Buch – und das literarisch anspruchsvollste. Seit Voldemort, Harrys abgrundtief böser Gegenspieler, wieder körperliche Gestalt angenommen hat, lebt der unterdessen 15jährige Junge in ständiger Anspannung. Nicht genug: das Ministerium für Zauberei, politisch die höchste Instanz im Reich der Magier und der Hexen, verleugnet die Rückkehr des Bösen. Wer auf die Faktenlage hinweist, wird gnadenlos verfolgt. Die politische Ausgangslage für Harry und alle Hexen und Zauberer, die sich im Phoenix-Orden um den mächtigen Weissmagier Dumbledore scharen, ist mehr als ungemütlich. Dass Harry mitten in der Pubertät steckt, macht die Sache für ihn nicht einfacher. Mit viel psychologischem Feingefühl erzählt Joanne Rowling im ersten Teil des Buches, wie Harry im Zaubererinternat Hogwarts in eine Aussenseiterrolle gerät, wie er ausgelacht und richtig gemobbt wird – ausgerechnet in einem Alter, in dem die Peer-Gruppe mehr zählt als Eltern, Lehrer und alle anderen Vorbilder zusammen.
Anders als in den bisherigen Bänden hat Harry jetzt mit Problemen zu kämpfen, die viele andere Jugendliche auch kennen und die nicht mit Magie aus der Welt zu schaffen sind. So wandelt er sich vom kleinen Helden zur verletztlichen Identifikationsfigur. An die Stelle der Abenteuer, die Rowling bisher getreu dem Kinderbuchschema aneinander gereiht hatte, treten Konflikte, für die Harry mit seinen unkontrollierten Wutausbrüchen oft selbst verantwortlich ist. Jetzt, wo ihre Leser zusammen mit Harry älter geworden sind, zeigt Rowling, dass sie viel mehr kann, als überraschende Plots zu erfinden.
Die Geschichten um den neuen Harry, der unter seinen Sorgen fast erstickt und der erkennt, dass er sich seine Fähigkeiten bei allem Talent hart erarbeiten muss, sind nicht nur vielschichtig, sondern mindestens so spannend wie die Action-Episoden der früheren Bände. Das liegt daran, dass Rowling bei der Beschreibung von psychischen Vorgängen genauso einfallsreich verfährt wie wenn es um ein neues Fabelwesen geht, das im verbotenen Wald auftaucht. Ein grosses Thema im fünften Band ist Harrys Ablösung – von seinen Ersatzvätern, die sich auf sehr unterschiedliche Weise von ihm zurückziehen. Schon im letzten Band hatte Rowling das Motiv des missratenen, rebellischen Sohnes eingeführt, und nun zieht sich die Spur durch das ganze Buch. Manchmal verwendet Rowling etwas Magie, zum Beispiel, damit sich Harry auch gegen seinen toten Vater auflehnen kann. Er erfährt, dass James Potter sich ein Vergnügen daraus machte, andere Schüler zu quälen – genau das, was Harry (zusammen mit der Autorin) am meisten hassen und worunter er selbst gerade leidet.
In Zukunft wird es für Harry nicht leichter werden. Für die Leser ist das ein Grund zur Vorfreude auf die letzten zwei Bände, denn je komplexer sich die Welt für den heranwachsenden Jungen auftut, umso differenzierter und vielschichtiger werden Joanne Rowlings Bücher.
CHRISTINE LÖTSCHER

Hüter der Erinnerung
Lois Lowry
Aus dem amerikanischen Englisch von Anne Braun
Verlag: Hörcompany, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-935036-35-3
Schlagwörter: Gefühle

Jonas wächst in einer Gesellschaft auf, die Not, Emotionen und Risiko verbannt hat. Er aber soll “Hüter der Erinnerungen” werden, der Einzige der Gemeinschaft, der Erfahrungen und Wissen aus andern Lebensformen bewahrt. So erfährt Jonas von Gefühlen, die ihn bewegen und bald auch bedrohen. Was geschieht mit den alten Menschen und kranken Kindern, die “freigegeben” werden? Geregeltes Töten passt in eine Gesellschaft, die ihren aseptischen Zustand als Wohlstand versteht. Jonas beginnt zu begreifen.
Monica Bleibtreu liest, als wäre sie mit dem Leben dieser Gemeinschaft einverstanden, formt die zunehmende Beunruhigung, macht allmählich Jonas’ Mut, zu leben und Leben zu retten, spürbar.
Ein ungewöhnlicher Roman und ein atypisches Hörbuch. Story und Umsetzung sind ein Thema für alle Heranwachsenden; eine einmalige Aufforderung, die eigene Lebensqualität zu befragen und Vielfalt ernster zu nehmen als Einheitlichkeit. „Hüter der Erinnerungen“ ist auch als Hörbuch eine Klasse für sich.
HANS TEN DOORNKAAT

D’ Bremer Stadtmusikante und d’Gschicht vom föifte Bremer
Max Huwyler
Verlag: Radiokiosk, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-038-40081-5
Schlagwörter: Märchen/Fabel

„Von nun an getrauten sich die Räuber nicht mehr in das Haus, den vier Bremer Musikanten gefiles aber so wohl darin, dass sie nicht wieder herauswollten.“ Der Zuger Kinderbuchautor und Pädagoge Max Huwyler spinnt in seinem Hörspiel das Grimm’sche Märchen von Esel, Hund, Katze und Hahn weiter, die auf ihrem Weg Richtung Bremen eine Räuberbande aus einem Anwesen vertreiben und es sich daselbst gemütlich machen. Huwyler erzählt zunächst das Original nach, durch viel Wortkomik und zahlreichen Slapsticks ergänzt. Er berichtet davon, wie die alten Tiere dem Markt weichen mussten, der nach jungen Krästen schreit, und wie sie sich in ihre Schicksalsgemeinschaft fügten, bis – und hier beginnt der zweite Teil der Geschichte – sie der Cafard ereilt und sie doch noch nach Bremen aufbrechen. Kaum aus dem Haus, stossen die vier auf einen Langbeiner, der aus dem Zoo abgehauen ist, weil ihn die Kommentare der BesucherInnen nervten. Er mischt die Truppe schnell auf, und die viel beschworene Solidarität ist dahin. Warum schliesslich nur einer der fünf nach Bremen kommt und welches Schicksal ihn dort ereilt, sei hier nicht verraten.
Der Erzähler Max Huwyler versteht es einmal mehr, den Leuten (Tieren) genau aufs Maul zu schauen und Wirklichkeit und Fantasie zu verweben. Dazu kommt eine hervorragende Besetzung: Den Schauspielcracks Peter Brogle, Stephanie Glaser, Trudi Gerster, Paul Felix Binz und Vincenzo Biagi jedenfalls scheinen die Rollen auf den Leib geschnitten. Ein Hörvergnügen für Gross und Klein. Und etwas vom Besten aus der Hörspielproduktion von Radio DRS.
CHRISTINE TRESCH

Heidi
Johanna Spyri
Verlag: Kein & Aber, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-036-91324-6
Schlagwörter: Freundschaft | Schweiz

Heidis Lehr- und Wanderjahre und Heidi kann brauchen, was es gelernt hat

„Seit ich in den 80er-Jahren die TV-Serie ‚Heidi’ gesehen habe, bin ich ein grosser Fan von Heidi.“ Die Liebe zu Heidi ist dem Multitalent Fabienne Hadorn geblieben, das zeigt ihre Lesung der vollständigen Originalfassung von Johanna Spyris Kinderbuchklassiker. Hadorn hat sich für einen leicht Schweizerdeutsch angehauchten Sprechduktus entschieden, mit mundartlichen Einsprengseln in den Dialogen. Das klingt forciert künstlich – und HörerInnen aus Deutschland oder Österreich könnte sogar das Gefühl beschleichen, hier werde richtig Schweizerdeutsch gesprochen. Eine empathische Leseweise, die kaum Raum lässt, das „eigene“ Heidi mitzuhören.
CHRISTINE TRESCH

Karlchen geht einkaufen
Rotraut Susanne Berner
Verlag: Hanser, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20260-9
Schlagwörter: Alltag

Wie jeden Samstag gönnen Karlchen und sein Papa der Mama ein paar ruhige Minuten zum Zeitunglesen und gehen einkaufen. Doch mit der gemütlichen Hasenpost-Lektüre für Mama wird leider nichts. Obwohl rein äusserlich eindeutig der Hasengattung zuzuordnen, entpuppt sich das Vater-Sohn-Gespann als vergesslich, wie man es nur von Hühnern oder noch besser von Menschen wie du und ich gewohnt ist. Als am Ende die Mama die beiden noch aus der allerpeinlichsten Situation retten muss, bleibt auf der letzten Seite dann doch Platz für eine kleine Rehabilitation…

In neun starken Bildern wird eine witzige Geschichte direkt aus den Abgründen des Alltags gezeigt, deren Realismus bereits Kindern ab 3 unter die Haut geht. Zumal der Betrachter das Unheil Seite für Seite voraussehen kann…. Kein Zweifel: auch das vierte Pappbilderbuch über Karlchen wird die Herzen der Kinder und ihrer Eltern im Sturm erobern.

MAJA MORES

Karlchen-Geschichten
Rotraut Susanne Berner
Verlag: Hanser, Publiziert: 2003, Seiten: 61, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20330-3
Schlagwörter: Alltag

Ein Vorlese-Bilder-Buch

Nach den vier kurzen Papp-Bänden blieb der Ruf nach einem „richtigen“, dicken Karlchen-Buch nicht unerhört. Das wunderbar dicke, 64-seitige Vorlesebuch „Karlchen-Geschichten“ mit den 29 Vorlesegeschichten eignet sich ideal zum abendlichen Kurz-Erzählen – keine dauert nämlich länger als eine Minute. Doch die einzelnen Geschichten, die alle auf einer Doppelseite Platz finden und mit vielen Bildern köstlich illustriert sind, sind dermassen aus dem (Kinder-)Leben gegriffen, dass sich vor dem Einschlafen sicher noch spannende Gespräche entwickeln werden. Ein fabelhaftes Vorlesebuch für Kinder ab vier Jahren.

MAJA MORES

Grossvater und die Wölfe
Per Olov Enquist, Illustration: Leonard Erlbruch
Verlag: Hanser, Publiziert: 2003, Seiten: 115, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20345-1
Schlagwörter: Abenteuer

Es war ein schrecklicher Traum, den die sechsjährige Mina hatte, von einem Krokodil, dass sie in den Po biss. Und niemand will ihr anderntags glauben, obwohl das Krokodil auf Vaters Pullover fehlt. Einzig der Grossvater – er ist Dichter von Beruf und auch sonst eine ziemlich schräge Person – weiss Abhilfe: Mina braucht einen Wohltäterhund zum Schutz gegen Krokodile und eine Exkursion gegen die Angst auf den Dreihöhlenberg. So fährt denn der Grossvater mit Mina und ihrer kleinen Schwester Moa, mit der mutigen Cousine Ia und dem kleinen Cousin Marcus, der ebenfalls Dichter werden will, ins Sommerhaus nach Värmland – und vergisst nicht, Mina unterwegs das versprochene Hundewelpen zu besorgen. Die Bergwanderung wird zur Katastrophe, Grossvater bricht sich am zweiten Tag unterhalb des Gipfels das Bein, die neunjährige Ia muss durch Regen und Schnee Hilfe holen. So wird die "Mannschaft", ganz anders als von Grossvater geplant, zusammengeschweisst. Mina wird nie mehr Angst vor Traumkrokodilen haben, denn sie hat auf dem Dreihöhlenberg dem Leben ins Gesicht geschaut und ist dabei ein Stückchen erwachsener geworden.
Der grosse schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist hat mit viel Augenzwinkern ein Buch für seine Enkel geschrieben. Darin erzählt er von einem grossen Abenteuer, von wilden Tieren, von der Freiheit in der Natur und den Gefahren, denen man sich in ihr aussetzt. Enquist hat einen wunderbaren Blick für das, was passiert, wenn Erwachsene schwach werden und Kinder plötzlich die starken sein müssen. Er zeigt, dass Alter nicht vor Torheit schützt, aber auch, wie wichtig es ist, Grosseltern zu haben, wenn die eigenen Eltern vor lauter Arbeit keine Zeit mehr haben für die Nöte ihrer Kinder.
CHRISTINE TRESCH

Das unheimliche Auge
Peter Zeindler
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2003, Seiten: 140, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00944-8
Schlagwörter: Abenteuer | Krimi/Thriller | Kunst

Kinderkrimi

In Nicos Zimmer hängt ein altes Gemälde, eine grüne Landschaft mit ein paar Bäumen und einer Wasserburg halb im Vordergrund. Je nachdem, aus welchem Blickwinkel Nico das Bild betrachtet, sieht er im Wasserwirbel vor der Burg ein Auge. Ein unheimliches Auge, findet Nico, es sieht ihn an und verfolgt ihn bis in die Träume. Nico hat das Bild von seinem Vater bekommen, der vor kurzem von zu Hause ausgezogen ist und der das Gemälde für wenig Geld gekauft hat. Doch etwas muss an dem Bild dran sein. Auch Nicos Freund Moritz kann das Auge erkennen, und ein fremder Mann will das Bild kaufen. Aber warum, wenn es ja nichts wert ist? Nico will das Erinnerungsstück behalten. Eines Tages ist auf der Wand bloss ein grauweisser Fleck zu sehen und das Bild ist verschwunden. Nico und Moritz, die Sanja und Lisa – Lisa „mit den grünen, strahlenden Augen“ – in ihre Nachforschungen einweihen, verfolgen gemeinsam die Spuren. In Peter Zeindlers Kinderkrimi folgen Figurenzeichnung, Handlungsgefüge und Erzählweise einem durchaus konventionellen Muster, und der Weg zur Aufdeckung des Rätsels ist zuweilen ein wenig lang. Das Geheimnis selbst – das unheimliche Auge – ist dagegen ein wirklich raffiniertes, schönes Sujet für einen Kinderkrimi. CHRISTINE HOLLIGER

Mama ist gegangen
Christoph Hein
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2003, Seiten: 145, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79853-9

Die Mutter, eine erfolgreiche Fernsehautorin, der Vater ein Bildhauer von Format, zwei geistreiche Söhne (Karel und Paul) und ein Nesthäkchen (Ulla), das sich in seiner Rolle wohl fühlt. Eine heile Familie wird auf den ersten dreissig Seiten dieses Buches gezeichnet, eine Familie, der wir alle angehören möchten. Bis die Mutter schwer krank wird und innerhalb von wenigen Wochen stirbt. Wie weiter leben? Wie das Schreckliche ertragen?
Das Essen schmeckt nicht mehr so wie früher, der Vater ist ungelenk und wird nur mit Hilfe seiner Kinder die alten Freundinnen los, die ihn heimsuchen und trösten möchten. Niemand mehr ist da, der Ulla sagt, ob die Kleider, die sie anziehen will, zusammenpassen. Alle müssen sie lernen, dieses Leben neu zu leben. In den Sommerferien auf Hiddensee – eigentlich hätte man mit Mama nach Island fahren wollen –, wächst die leise Zuversicht, dass Mama nicht vergessen geht, auch wenn das Leben fortschreitet. Karel findet eine Freundin, der Kirschschokoladenkuchen schmeckt wieder, und da ist die tröstende Gegenwart des Meeres.
Christoph Hein hat ein ganz unspektakuläres Buch über den Tod geschrieben, ein Buch, das einen bei aller Trauer auch ein bisschen froh zurücklässt. Und nicht zuletzt geht es in "Mama ist gegangen" auch um das Glück, das ein Kunstwerk vermitteln kann. Der Vater arbeitet nämlich in den Monaten nach dem Tod seiner Frau an einer Pietà. Je weiter das Werk gedeiht, desto mehr erhält die trauernde Maria das Lächeln der Verstorbenen, "Sie trauert, aber sie ist nicht verzweifelt", sagt der Vater am Schluss.
Christine Tresch

Das Glück kommt wie ein Donnerschlag
Guus Kuijer, Illustration: Alice Hoogstad
Aus dem Niederländischen von Sylke Hachmeister
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2003, Seiten: 103, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4015-5
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft

Man kann diesen dritten Band der Geschichte von Polleke natürlich auch mit Genuss lesen, ohne die beiden ersten zu kennen: zusammen mit den Vorgängern „Wir alle für immer zusammen“ und „Es gefällt mir auf der Welt“ jedoch ergibt sich eine differenzierte, spannende und einfühlsam erzählte Entwicklungsgeschichte. Im dritten Band wird Polleke, eben zwölf Jahre alt geworden, vom ungestümen Mädchen zu einer pubertierenden Jugendlichen, die auch beginnt, gesellschaftliche und politische Konfliktfelder und Ungerechtigkeiten wahrzunehmen und zu reflektieren. Die körperliche Veränderung macht ihr Sorge, ein versuchter sexueller Übergriff wirft sie für eine Weile aus der Bahn und die Freundschaft mit Mimun, der aus Marokko stammt, zerbricht endgültig: für seine Landsleute sind holländische Mädchen nur Flittchen. Etwas entspannter wird dagegen das Verhältnis zur Mutter, die Lehrer Walter nun doch heiraten wird, und auch Spiek, Pollekes Vater, der Dealer und „Lebenskünstler“, findet (hoffentlich) zurück ins „normale“ Leben. In Consuelo, die aus Mexiko geflohen ist, nachdem ihr Vater erschossen wurde, findet Polleke nicht nur eine wunderbare neue Freundin, sondern auch ein beunruhigend neues Mass für die Welt. Und da braucht sie dann schon manchmal wieder Sub, den alten Teddy, und die Grosseltern mit ihrer Gelassenheit und den stabilen Ritualen.

VERENA STÖSSINGER

Boris mit Brille
Peter Cohen, Illustration: Olof Landström
Aus dem Schwedischen von Anu Stohner
Verlag: Hanser, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20259-5
Schlagwörter: Alltag

Nein, nicht der Fernsehapparat ist Schuld am verschwommenen Bild, sondern Boris' Augen. Der kleine Nager erhält vom Augenarzt eine Brille verschrieben. Fast ein bisschen stolz auf den neuen Titel "Astigmatiker" entdeckt Boris sein Umfeld neu. Plötzlich fällt ihm auf wie hübsch Grudrun aus der Bäckerei ist. In der Fabrik erhält er einen wichtigen Überwachungsposten, an dem er seine neue Sehkraft bestens einsetzen kann. Bald lernt er aber auch unangenehmere Seiten des scharfen Blicks kennen: er bekommt einen steifen Nacken und zuhause entdecken seine Augen die Spinnweben und halbaufgegessene Butterrübenbrote. Vielleicht war die Sache mit der Brille doch keine so gute Idee. Auf Spinnweben kann Boris prima verzichten, aber die Schönheit von Gudrun möchte er nicht mehr missen. Die Lösung ist so einfach wie einleuchtend: Boris setzt die Brille nur auf, wenn es ihm passt!
Aus Boris und seinem Problem erwächst eine kleine Philosophiestunde rund ums Sehen bzw. Sehen-Wollen und -Verweigern. Alle, die den einschneidenden Moment der ersten Brille kennen, können von den zuweilen erstaunlichen Veränderungen der Welt bzw. der Sicht auf sie berichten. Boris schafft mit einer Portion naiver Spitzbübigkeit Zuversicht für die neue Situation. Die Illustrationen in warmen Farben, zum Teil grossflächig, zum Teil in kurze comicartige Sequenzen aufgelöst zeugen von der Leichtigkeit, mit der Autor und Illustrator an das Problem herangehen. Ein subtil witziges Buch für kleine (und grosse) Brillenträger ab 4 Jahren.
BARBARA JAKOB

Die Kinder-Uni
Ulrich Janssen, Ulla Steuernagel, Illustration: Klaus Ensikat
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt, Publiziert: 2003, Seiten: 223, ISBN/ISSN/EAN: 3-421-05695-1
Schlagwörter: Wissenschaft

Forscher erklären die Rätsel der Welt

In speziellen Vorlesungen gaben verschiedene Professoren vergangenes Jahr an der Uni Tübingen Einblick in brennende Fragen aus ihren Wissensgebieten. Die 8-12jährigen Kinder-StudentInnen (ausgerüstet mit Studi-Ausweisen und Testatbüchern!) hatten dabei immer die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Nicht nur, dass die Kinder in Scharen kamen, nein auch die Erwachsenen liessen sich von der ungewöhnliche Lernsituation anziehen. Was lag also näher, als daraus ein Buch zu machen und die Vorlesungen weiterzuführen?

Die Initianten des Projekts, zwei Journalisten, haben aus den Vorlesungen und Nachfragen bei den Professoren ein unterhaltsam-lehrreiches Buch gemacht. In ausführlichen Kapiteln werden Fragen aus den unterschiedlichsten Fachbereichen behandelt und die Auskünfte der Professoren in gut verständlicher Form verschriftlicht. Konkrete Fragen werden beantwortet und in einen grösseren Zusammenhang gestellt: Warum sind die Dinosaurier ausgestorben? Warum gibt es Arme und Reiche? Warum müssen Menschen sterben? Warum lachen wir über Witze? und Warum beten Muslime auf Teppichen? Ergänzt werden die Kapitel mit spannenden Informationen wie die Professoren zu ihren Fachgebieten fanden und von einem Glossar mit Aisrücken aus dem Universitätsleben.

Die zahlreichen filigranen Illustrationen von Klaus Ensikat passen zum Ansatz des Buches: Zum einen geben sie Sachverhalte milimetergenau, präzise wieder, zum anderen wiederum erweitern sie den Text um manche humorvoll-nachdenkliche Dimension.

Ein Buch, das weit über das Doppelseiten-Kurzfutter vieler Sachbücher hinausgeht und die Kinder mit ihren Fragen ernst nimmt. Für Kinder mit offenen Sinnen und brennenden Fragen ab 10 Jahren, aber eigentlich ein Familienbuch… und ein Projekt, das zurzeit viele Nachahmer an anderen Universitäten findet.

BARBARA JAKOB

Der Aufsatz
Antonio Skármeta, Illustration: Jacky Gleich
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Verlag: Dressler, Publiziert: 2003, Seiten: 62, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-1910-7

Als Pedro seinen Eltern beim Abendessen von dem Hauptmann erzählt, der die Kinder in der Schule gebeten hat, einen Aufsatz zum Thema „Bei uns zu Hause“ zu schreiben, fällt dem Vater glatt der Löffel aus der Hand. Nun klingt das, was Pedros Eltern seit einiger Zeit jeden Abend tun – nämlich Essen, Radio hören und dann schlafen gehen – nicht besonders spektakulär. Doch wenn man in einem Land lebt, das von Militärs beherrscht wird, ist vieles anders. Gudrun Pausewang erklärt im Nachwort dieses reichlich bebilderten Kinderbuches in einfachen Worten, was das eigentlich ist, eine Diktatur. Und was es heisst, in einer solchen zu leben: „Jeder, der (…) in Verdacht gerät, gegen die Diktatur zu sein, kann (…) festgenommen werden.“ So wie der Vater von Pedros Freund Daniel, der eines Tages mit einem Jeep abgeholt und ins Gefängnis gesteckt wird.
Die Geschichte des Chilenen Antonia Skármeta, wurde mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem mit dem „UNESCO-Preis für Kinderliteratur im Dienst der Toleranz 2003“. Sie beschreibt das Leben in einer Militärdiktatur aus Sicht eines neun Jahre alten Jungen. Die deutschsprachige Ausgabe ist nicht mit den Originalillustrationen des Spaniers Alonso Ruano erschienen, die der Dressler-Verlag für den deutschsprachigen Markt für nicht sehr geeignet hielt, sondern mit Bildern von Jacky Gleich. Wie in Skármetas Text stellen auch ihre stimmungsvollen, in bedeckten Farben gehaltenen Illustrationen Szenen, in denen Pedro ausgelassen Fussball spielt neben solche, in denen Angst, Mut- und Hilflosigkeit spürbar werden. Auf fast allen Bildern lässt sich ein Hinweis auf die allgegenwärtige Bedrohung finden: ein Trupp Soldaten, die Scheinwerfer eines Militärjeeps, ein paar schwarze Stiefel. Dazu geben auch die Kohlezeichnungen die Ereignisse aus der Perspektive eines kindlichen Betrachters wieder. Wenn der Offizier in der Schule direkt vor Pedros Pult steht, ist von ihm zum Beispiel nur die Uniformjacke mit der harten, goldenen Gürtelschnalle, drei Knöpfen und zwei Brusttaschen zu sehen.
Pedro ist der Kleinste in seinem Viertel, „dafür aber schnell im Kopf und mit den Beinen“. Ein aufmerksamer Beobachter ist er ausserdem. Der blaue Papierdrache, der sich in den Ästen eines Baumes verfangen hat, entgeht ihm ebenso wenig wie das Wort „Widerstand“, das eines Tages mit roter Farbe auf die Schulmauer gepinselt steht. Oder dass der Jeep wieder kommt, um den Lehrer abzuholen. Er ist clever genug, nichts davon in seinem Aufsatz zu schreiben. Auch nicht, dass die Eltern leise Radio hören, oft mit Freunden, „die sich dann auf den Boden hockten, wie die Schlote rauchten und die Ohren aufsperrten“. Das „Bravo!“, das der Hauptmann mit grüner Tinte in Pedros Heft vermerkt, hat sich der pfiffige kleine Kerl also durchaus verdient. So wie dieses Kinderbuch, das seine Geschichte in Wort und Bild gleichermassen eindrucksvoll erzählt.
ANDREA DUPHORN

Au weia
Vera Eggermann
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-39-8

Au weia – der unschuldige Blick Lenas, ihr erhobener Mahnfinger und das kleine Teufelchen auf ihrer Schulter verraten bereits auf dem Umschlagbild, dass hier eine vergnügliche, mehrdeutige Geschichte erzählt wird.
Lena verspricht der Tante, während deren Abwesenheit keinen Unsinn anzustellen. Aber die grosse Schere inspiriert halt doch zu einem flotten Lied und schneidet erst in die Serviette, dann auch ins Tischtuch ein Loch. Da nützt es dem gestreiften Kater gar nichts, böse zu schauen. Immer mehr Teufelchen tauchen auf und möchten gar mit dem Beil den Tisch entzwei hauen. Das allerdings gelingt nicht. Au weia – jetzt fühlt sich Lena klein und reuig und zusammen mit der Tante versucht sie den Schaden so gut als möglich zu beheben. – Grad extra etwas Verbotenes ausprobieren, besonders wenn man allein ist und sich langweilt, sich im Spiel total vergessen bis der Schaden zu gross ist – welches Kind kennt das nicht! In „Au weia“ Buch wird dieser Teufelskreis humorvoll und überzeichnet dargestellt. Das Geschehen ist gut nachvollziehbar, dem Alltag entnommen. Dass es (hoffentlich) nicht zu sehr zur Nachahmung anregt, ist wohl den fröhlichen, farbigen Illustrationen zu verdanken. Diese lassen typische Details aus einer (kinderlosen) Tantenwohnung erkennen und unterwandern mit überspitzten Grössenverhältnissen und Perspektiven sowie durch ausdrucksstarke Gestik und Mimik Lenas Missetat. Ausserdem stecken sie voller versteckter Hinweise auf die kindliche Gemütslage: die zahlenmässige Vermehrung der winzigen Teufelchen, deren Jubel bei Lenas Aktionen, die überstürzte Flucht bei ihrem „Vernünftigwerden“ zum Beispiel. Und der Kater, der sich zwar misstrauisch abwendet, gleichwohl interessiert dem Geschehen zuschaut und zum Schluss wohlig auf dem Schoss der Tante schläft, bietet sich als Gegenpol zu Lenas verzücktem Blick förmlich als Personifizierung ihres schlechten Gewissens an. Au weia, solch tiefenpsychologische Deutungen dürfen doch beim Betrachten mit Kindern gar nicht aufgedeckt werden! Dies ist auch überhaupt nicht nötig, denn die Details bieten sich auch so für genaue BeobachterInnen als Grundlage für gemeinsame Gespräche an.
BEATRIX OCHSENBEIN

Stomatenpaghetti oder wie Oscar auf dem Piratenschiff richtig sprechen lernt
Susanne Vettiger, Illustration: Marie-Anne Räber
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0477-X
Schlagwörter: Behinderung | Mut/Selbstbewusstsein

Wie Oscar, der Kindergartenkrebs, Selbstvertrauen gewinnt und allmählich seine Sprachfehler verliert.

Der Kindergartenkrebs Oscar kann kein R aussprechen, verdreht Wörter, kommt vor Aufregung ins Stottern und wird deshalb ausgelacht. Als er sich in eine dunkle Höhle verzieht, führt ihn die freundliche Welsdame aufs Piratenschiff zu Doktor Oktopus.
Hier lernt Oscar auf spielerische Weise unbeschwert sprechen; er gewinnt bald Selbstvertrauen und verliert allmählich seine Sprachfehler. So schmettert er zum Schluss ausgelassen seinen Lieblingsvers über die Stomatenpaghetti in die Kindergartenrunde. –Das Bilderbuch richtet sich an Kinder mit Sprachschwierigkeiten und will ihnen Mut machen. Ich finde es schade, dass dabei so intentional erzählt werden muss mit umfangreichem, belehrenden Text, einer wenig spannenden Erzählung und einem unmotiviert raschen Erfolgserlebnis des Protagonisten (Neubearbeitung des 1997 bei Ch. Merian erschienen Textes). In den sattfarbenen, plakativen Illustrationen gelingt es leider auch nicht, genügend spritzige Details in die „Unterwasserwelt“ zu bringen, welche den pädagogischen Inhalt ausreichend brechen und entschärfen könnten. Die Absicht ist lobenswert, die Aussage korrekt: Aufmunterndes Lob, vielfältige Spiele, welche gleichzeitig verschiedene Sinne ansprechen, sind erfolgreiche Rezepte. Sie werden hier klar für eine konsequente und erfolgreiche Sprachförderung bei Kindern mit Sprachschwierigkeiten propagiert und in der Begleitbroschüre den Erwachsenen mitgeliefert. Das Bilderbuch aus der Reihe Atlantis-Thema erreicht dennoch nicht die Qualität anderer Bände dieser Reihe (Buchstabenmonster, Über Land und durch die Luft) und ist eindeutig eher themenspezifisches Begleitbuch denn kinderliterarisches Meisterwerk.

BEATRIX OCHSENBEIN

GloriaFuria und die schlimme Marie
Lukas Hartmann, Illustration: Anna-Lea Guarisco
Verlag: Hanser, Publiziert: 2003, Seiten: 203, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00934-0
Schlagwörter: Fantasie | Gefühle

Marie muss ihre Wut beherrschen lernen. Dabei erhält sie überraschende Hilfe.
„Wenn Marie wütend wird, kann sie nichts dagegen tun.“ Und Marie wird oft wütend. Über ihren kleinen Bruder Robert, der eine richtige Nervensäge sein kann. Über ihre Eltern, die Familienferien auf Elba planen, obwohl die zehnjährige Marie viel lieber mit den Schulfreunden ins Zeltlager möchte. Doch ihr letzter Wutausbruch erschreckt sogar Marie selbst so sehr, dass sie in einem Brief an eine fiktive „Frau Wut“ um Hilfe bittet. Von nun an wird’s – wie so oft in Lukas Hartmanns Jugendbüchern – fantastisch: ein Schatten (Eule? Fledermaus?) flattert herbei und entschwindet mit dem Brief. Marie entschliesst sich, ohne Einwilligung der Eltern ins Zeltlager zu reisen. Als sie nachts ausreisst, helfen ihr Bäume galant beim Hinausklettern, und wie um 03.33 Uhr ein feuerroter Zug auf Gleis 7 einfährt, wo sie auf ihre Klassenkameraden wartet, ist sonnenklar, dass Marie hier einsteigen muss. Prompt trifft sie auf die Briefadressatin, Fee GloriaFuria. Die Fee will dem Mädchen tatsächlich helfen, ihre Wut in produktivere Bahnen zu lenken und nimmt sie zu sich ins Schloss. Nun überstürzen sich die Ereignisse, denn Marie ist ein äusserst begabtes Mädchen, sie kann mit ihrer Wut ohne viel Unterricht Funkenregen und Feuerbälle nur so aus dem Ärmel schütteln. Und Marie ist ebenfalls ein neugieriges Kind, das gleich noch einen Schicksalsgenossen, den gleichaltrigen Jungen Timon, aufstöbert und sich mit ihm anfreundet.
Schwieriger wird es, wieder aus dem Zauberland nach Hause zu kommen. Da müssen sich die beiden Kinder nicht nur mit der widerspenstigen Fee und ihrem Gefolge, sondern auch noch mit deren Todfeind und seinen Vasallen herumschlagen – ein lebensgefährliches Unterfangen, dessen Ausgang auf keinen Fall verraten werden soll. Bloss soviel: Nur ein Traum kann das alles nicht gewesen sein, denn als Marie ihren nächsten Wutanfall nahen spürt, geschieht Erstaunliches!
Eine reichhaltige, fantasiesprühende Geschichte, bei der mich gewisse Elemente stark an die Filme von Walt Disney erinnern: das bunte Sammelsurium an Bösewichten (Blitzfritz, das Flammenkalb, der Wolfsmann), die malerischen Elemente wie die rollenden Kürbisse, die skurillen Nebenfiguren wie der englisch sprechende Empfangsfrosch („Ai äm Mister Frog“), die beiden Wachkatzen italienischer Abstammung oder Millesimo, der zapplige Tausendfüssler. Und da ist natürlich auch der obligate Running Gag bei Lukas Hartmann, das liebreizende Stofftierchen Nils, dessen nilpferdischen Zwischenbemerkungen („Willa frussafressa!“) für Heiterkeit sorgen. Und wie bei Walt Disney kann eine Geschichte natürlich nicht nur reines Vergnügen sein, eine gehörige Portion Moral gehört dazu: Sinnlose Wut in etwas Produktives zu verwandeln, das stände uns allen sehr gut an, gerade in der heutigen Weltlage… Ein grosses Plus gegenüber dem Kino hat „GloriaFuria und die schlimme Marie“: Es wird ohne den dort üblichen Musiksirup geliefert und ist deshalb wesentlich leichter verdaulich. Zum Vorlesen sehr zu empfehlen!
MAJA MORES

Fritz Frosch
Bruno Hächler
Verlag: Neugebauer, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-85195-077-1
Schlagwörter: Alltag

Fritz Frosch muss immer pupsen. Seine Umgebung schätzt das gar nicht, bis ein veritabler Pupser ein grosses Problem löst.
Strahlend empfängt Fritz, der kleine Frosch, die Leser in seinem Teich inmitten von lustigen Luftblasen. Seine Freunde haben jede Menge Spass mit ihm, nicht zuletzt wegen seiner ganz speziellen Eigenschaft. Fritz muss nämlich dauernd pupsen. Die Erwachsenen haben daran wenig Freude. Sie schicken ihn zum Arzt, der meint, es sei alles in Ordnung, rennt aber ganz grün im Gesicht aus dem Zimmer. Der Lehrer wiederum schätzt es gar nicht, wenn Fritz statt mit Worten immer mit einem Pupser antwortet. So spricht die Mutter eine wirklich grosse Drohung aus: Wenn Fritz nicht aufhört, will sie ihn nirgendwohin mehr mitnehmen. Fritz gibt sein Bestes und lässt keinen einzigen Pupser mehr entweichen. Doch nun bekommt er Bauchschmerzen, sein Bauch wird grösser und grösser bis die viele Luft im Bauch in schliesslich davonfliegen lässt. Das haben seine Eltern nun aber doch nicht gewollt. Papa Frosch hat die erlösende Idee: Fritz soll das tun, was er am besten kann. Er lässt einen gigantischen Pups entweichen, worauf er wie ein losgelassener Luftballon zurück zur Erde saust. Nach der abendlichen Bohnensuppe(!) ist es dann ausnahmsweise nicht Fritz, der eine Duftnote verbreitet…
Kleine Leser sind hellbegeistert von Fritz. Die netten Düfte sind ihnen vertraut, die Reaktion der Erwachsenen meist auch. Sie können direkt mitfühlen mit Fritz, angefangen vom fröhlichen Geblubber im Froschteich über den drohenden Liebesentzug der Familie bis hin zum buchstäblichen Entweichen der Anspannung. In luftigleichten Farben setzt Birte Müller den Bruch einer Konvention um und fängt die Gemütslage der Beteiligten mit prägnanten Perspektiven und Grössenverhältnissen ein. Die einfachen, kindgerechten Sätze von Bruno Hächler steuern ihren Teil zu diesem fröhlichen "Problembuch" bei.
BARBARA JAKOB

Die fliessende Königin
Kai Meyer
Verlag: Hörcompany, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-935036-44-2
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie

Die Schauspielerin Nina Petri liest Kay Meyers Trilogie über das Venedig einer magischen Epoche, „Die Fliessende Königin“, indem sie kleine Spannungsbogen gekonnt aufbaut und selbst in breiten Schilderungen Merles Emotionen hörbar macht. Zu Recht verzichtet die Regie darauf, das Hörbuch altersmässig „nach unten“ zu modulieren. Kai Meyer hat für historischfantastische (Frauen-)Romane längst ein erwachsenes Stammpublikum. Auch das wird es schätzen, dass das Monumentale der Geschichte die Zwischentöne nicht erstickt. Wenn die Fliessende Königin, die Seele der Lagune, als Merles innere Stimme Rat und Wissen einbringt, spricht Katharina Talbach. So gewinnt die innere Zwiesprache gegenüber der Druckfassung an Gewicht, das Hörbuch intensiviert den Wandel des Waisenmädchens zur mutigen Retterin der Stadt.

In Wolle wickelt sich das Schaf
Margaret Klare, Illustration: Claudia Schmid
Verlag: Hammer, Publiziert: 2003, Seiten: 43, ISBN/ISSN/EAN: 3-87294-926-8
Schlagwörter: Fantasie | Tiere

Lauter Gedichte

Reimen kann kunstvoll einfach sein – und wenn die Illustrationen die Wortspiele noch frech und eigenständig umsetzen, steht dem Spass nichts mehr entgegen.

Nach „Schabernack“ legen Margaret Klare (Text) und Claudia Schmid (Illustration) ihr zweites gemeinsames Buch vor, keine durchgehende Geschichte diesmal, sondern einen Band mit Versen rund ums tierische Dasein, Versen, die nur so purzeln und zum Weiterspinnen anregen. Und wo Claudia Schmid Raum für ihre Fabelwesen erhält, entwickeln diese eine wunderbare Eigendynamik.

CHRISTINE TRESCH

Ich kann zaubern, Mami!
Karoline Kehr
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5020-3
Schlagwörter: Kreativität

„Mami, ich kann zaubern!“ – stolz zeigt das Kind seine Verwandlungskünste. Mit dem Kuschelfrosch auf dem Haupt wird es selber zum Frosch. Allerdings scheinend dies die Erwachsenen nicht so richtig zu würdigen, da muss es sich halt ganz wegzaubern. Schon reagieren die Frauen etwas wachsamer. Richtige Aufmerksamkeit erhält das Kind aber erst nach seiner Verwandlung in ein Monster – „… das mach ich besser ungeschehen“. Und auf dem Heimweg möchte das Kind dann doch genau wissen, ob Mama wirklich glaubt, dass es zaubern kann – und ihre Antwort überrascht es.

Karoline Kehr zeichnet in prallvollen, farbenfröhlichen Bildtafeln das Geschehen im Coiffeursalon nach. Da lassen sich allerhand Kundinnen verschönern und geniessen es, da arbeiten selbstbewusste, schicke Coiffeusen, und da langweilt sich ein Kleinkind. Mittels seiner Fantasie vermag es sich und die öde Umgebung zu verwandeln – nicht immer zur Freude der Erwachsenen. Meisterhaft abgebildet sind viele perfekte Details, die auf jeder Seite veritable Geschichten eröffnen: berufstypische Gegenstände, Spiegelansichten, Überraschungen beim Umblättern und vor allem Gestik und Mimik der Personen. Einen oft überraschenden Denkanstoss für die Erzählenden bietet ein einziger Satz am untern Bildrand jeder Seite.

Tipp: Nicht nur ein köstliches Familienbuch – auch ein Geschenk an Ihre Coiffeuse zum Aufstocken der Kindermedienecke, der neben Petzi, Pitschi, Globi und Dornröschen dieses freche, kinderfreundliche Buch gut anstehen wird.

BEATRIX OCHSENBEIN

Gefunden
Johann Wolfgang Goethe, Illustration: Verena Ballhaus
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-45-2
Schlagwörter: Natur

Gedicht von Johann Wolfgang Goethe

Ein Kleinod! Als Gedicht, als Buchidee, als Geschenk. Ich entdeckte Goethes „Gefunden“ in der 3. Klasse im Lesebuch und stellte mir einen Herrn in taubenblauem Gehrock vor Tomi Ungerer hat die Strophen ähnlich imaginiert, wobei er den Lichteinfall im Wald betont („Das grosse Liederbuch“, 1973). Die Liebesgeschichte hat er übersehen. Und jetzt dieses Bilderbuch von Verena Ballhaus!
Gleich mahnen zwei Zeilen aus dem Gedicht: „… und nicht zu suchen/das war mein Sinn“. Das ist Kunst jeder Kritik: Ziellos schauen, entdecken, was da ist. Aber Ballhaus’ krakliger Strich zu diesem Text? Goethe lässt die Blumen keinen Knaben stechen, noch diesen wüten. Hier lässt sich der Icherzähler vom Blümchen überreden, es "mit allen den Würzlein" auszugraben. Ballhaus zeichnet sie reich bestückt mit winzigen Möbeln, Geschirr und unübersehbar mit Büchern, Gitarre und so weiter. Die Pflanze wächst aus dem Tun und braucht auch das Lassen; wie die Liebe das Nehmen und Geben. Wenn die Blume weiter zweigt, blühen wiederum Bücher auf, scheinen Witz und Kunst das Leben des Ichs zu durchwirken. Das klingt bedeutungsvoll, und zum Glück hat die Bildsymbolik auch eine surreale Seite. Wenn etwa die Äuglein der Blume zu süss geraten, dann ist da auch ein Augenspiel des Ichs von der Partie, das den Literaturwissenschafter Peter von Matt ins Schwärmen bringen müsste. Denn stets weist dieser darauf hin, dass Goethe ein Augenmensch war, einer, dem Anschauung das Höchste ist. Überhaupt, man verfolge einfach mal die Augen quer durch die Bilder. Ballhaus’ Inszenierung bietet ein wunderbares Interpretationsspiel für offene und verträumte Betrachter aller Alter.
HANS TEN DOORNKAAT

Auf dem Weg zur Schule
Kolet Janssen, Illustration: Nina Spranger
Aus dem Niederländischen von Anna Blankenburg
Verlag: Anrich, Publiziert: 2003, Seiten: 82, ISBN/ISSN/EAN: 3-89106-430-6
Schlagwörter: Geschwister | Abenteuer | Alltag | Schule

Der siebenjährige Marnik kennt seinen Schulweg genau, und doch ist heute alles neu. Zum ersten Mal geht er ohne seine Mutter, erst ganz allein und dann zusammen mit seiner Klassenkameradin Kinza. Der Weg wird zum Aktionsraum für zahlreiche Ereignisse und Begegnungen. In ruhigem Ton, gespickt mit vielen Dialogen erzählt die Autorin von den kleinen Abenteuern auf dem Schulweg: die Rettung einer in Not geratenen Katze gehört dazu genauso wie ein kurzer Aushilfsdienst beim Kaffeekiosk. Wieder zuhause freut sich Marnik sogar auf seine kleine Babyschwester, da er ihr nun jede Menge zu erzählen hat.
BARBARA JAKOB

Sieben Sätze und ein Kuss
Do van Ranst, Illustration: Barbara Scholz
Aus dem Flämischen von Sylke Hachmeister
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2003, Seiten: 93, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4608-0
Schlagwörter: Fantasie

Zuerst ist Dina sehr enttäuscht, als sie erfährt, dass sie in der Theateraufführung zum Dorfjubiläum nur eine kleine Rolle bekommt: bloss "Sieben Sätze und einen Kuss" hat sie, während Maluis mit der Zahnspange die Hauptrolle spielen darf. Dabei hat Dina doch das genau richtige Alter für die Hauptfigur, sie wohnt in der Strasse, in der ein Teil der Handlung spielt, und später will sie sowieso Schauspielerin werden, und ihre Schwester hat doch schon "Schauspiel studiert" und gibt ihr gute Ratschläge, was wirkungsvolles Auftreten und die gute Aussprache betrifft. Dann jedoch merkt Dina, wie schwierig ihre kleine Rolle ist; vor allem der Kuss. "Wie geht küssen?" fragt sie sich, und wie soll sie auf der Bühne einen Jungen "richtig" küssen können? Und zwar nicht irgendeinen Jungen, sondern Martin Abel, den Schönsten in der Klasse, der von allen Mädchen angehimmelt wird.
"Sieben Sätze und ein Kuss", das sich für die jüngsten LeserInnen der Alterskategorie eignet, erzählt witzig und einfühlsam, wenn auch etwas knapp, von einem Lernprozess: davon, wie Dina lernt, dass Wunsch und Wirklichkeit nicht dasselbe sind und dass auch kleine Aufgaben den vollen Einsatz brauchen – und sich schliesslich lohnen.
VERENA STÖSSINGER

Die Geschichte von Wilhelm Tell
Jürg Schubiger
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2003, Seiten: 93, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00942-1

Der Icherzähler verbringt die Sommerferien bei den Grosseltern in Altdorf. Vater und Mutter leben seit geraumer Zeit getrennt, die Mutter ist froh um ein paar Wochen ohne das Kind. Eigentlich ist der neunjährige Knabe gerne bei seinen Grosseltern. Wären da nur nicht die Nächte, in denen ihn das Heimweh und die Sehnsucht nach dem Vater umtreiben. Tagsüber aber vergeht die Zeit im Nu, dann erzählt ihm der Grossvater nämlich die Geschichte von Wilhelm Tell. Er schildert das Leben im Mittelalter im Urnerland – eine Zeit, die "vor allem ohne" war –, er zeigt die Ängste der Menschen vor der Obrigkeit, ihre einfache Sicht auf das Leben, den ständig präsenten Hunger, die Bedrohungen durch die Natur. Tell ist in dieser Fassung ein herzensguter, aber etwas langsam denkender Mann, Walter ein vorlauter, kluger Kerl, der den Vater in die Apfelschussszene drängt, bevor dieser richtig mitbekommt, was überhaupt läuft.
Jürg Schubiger entstaubt den Tell-Mythos. Ihm gelingt eine intensive und farbige Geschichte um einen Knaben, der – wie der Erzähler – um seinen Vater bangt, und der – wie der Ferienbub – mit seinen Ängsten umgehen lernen muss. Dass die Grossmutter ihm zeigt, wie man mit einem Sackmesser dem Heimweh-Toggeli beikommt, gehört mit zum Glück dieses Sommers, ebenso wie die Ansichtskarte vom Vater, die ihn am Schluss der Ferien erreicht. Demnach müssen Vater und Mutter zusammen telefoniert haben: "Mindestens mal telefoniert".
Christine Tresch

Die Meerjungfrau in der Badewanne
Koos Meinderts, Illustration: Annette Fienig
Aus dem Niederländischen von Andrea Khuitmann
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2003, Seiten: 85, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-6008-8

Der 8-jährige Philipp wohnt mit seinem Vater, der Hutmacher ist, in einem Haus gleich hinter den Dünen. Die Mutter hat er nie gekannt, sie ist, als der Junge ein Jahr alt war, von einem Gang ans Meer nicht mehr zurückgekommen. Auf seine Fragen nach ihr hat der Vater begonnen, ihm die Geschichte von der Meerjungfrau zu erzählen: Diese lag eines Tages verletzt am Ufer. Der Vater hat sie gepflegt, die beiden verliebten sich, sind ein Paar geworden und haben ein Kind gezeugt, Philipp eben. Aber die Sehnsucht der Meerjungfrau nach dem Meer war zu gross, deshalb ist sie ins Wasser zurückgekehrt. An einem geheimen Ort in den Dünen redet Philipp jetzt ab und zu mit dieser Geschichten-Mutter oder er schickt ihr eine Flaschenpost. Obwohl der Junge weiss, dass ihm der Vater nur ein Märchen erzählt hat, hilft es ihm, die Abwesenheit der Mutter zu ertragen.
Koos Meinerts Erzählung kommt ohne viel Handlung aus. Wir begleiten den aufgeschlossenen Jungen durch die Tage, lernen seine Freunde kennen, erfahren, in wen er verliebt ist und warum diese Liebe nicht gut kommen kann. Ganz unspektakulär wird hier von einer Vater-Sohn-Beziehung berichtet, von der schmerzhaften Trauerarbeit, die für beide nie abgeschlossen ist. Einfach und bezaubernd sind die Geschichten, die Philipp dem Vater abbettelt. Ein leises Buch ist das, in dem es der Autor versteht, mit wenigen Sätzen eine dichte Atmosphäre zu schaffen und uns diesen Philipp ans Herzen zu legen.
CHRISTINE TRESCH

Der Himmel glüht
Gloria Cecilia Díaz
Aus dem Kolumbianischen von Ilse Layer
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2003, Seiten: 111, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0485-0
Schlagwörter: Geschwister | Tod/Trauer | Schule | Generationen | Familie/Familienformen

„Ich glaube, dass alles, was ich schreibe, auf irgendeine Weise mit meiner fernen Heimat zu tun hat, mit ihren Landschaften, den Menschen, den Gerüchen und Gaumenfreuden, der Musik“, sagt Gloria Cecilia Díaz. In „Der Himmel glüht“ lässt die in Frankreich lebende Autorin das Kolumbien ihrer Kindheit in einer kleinen Stadt am Fusse der Anden lebendig werden. Die zehn Jahre alte Jana erzählt von der Schule, in der sie von der Mathematiklehrerin traktiert wird, weil sie etwas nicht verstanden hat. Dem Leben mit fünf Geschwistern, die alle zu Hause mithelfen müssen. Der Grossmutter, die mal hier, mal da bei Verwandten unterschlüpft. Dem Grossvater, der wundervoll erzählen kann.

Gloria Cecilia Díaz hat für ihre Icherzählerin eine einfache und offenherzige Sprache gefunden, die kindliche Naivität und Weisheit verbindet. Wenn Jana erzählt, wie es bei einem Wolkenbruch in ihrer Wohnung überall von der Decke tropft, kann man beinahe hören, wie das Wasser auf den Boden platscht. Und wenn sie die atemberaubenden Sonnenuntergänge beschreibt, ist es fast, als sässe man neben ihr und ihrem besten Freund Ismael auf dem Gehweg vor dem Haus.

Janas Erzählung schliess auch erschütternde Ereignisse ein. Die Ermordung von Ismaels Vater etwa, der am helllichten Tag auf offener Strasse erschossen wird, weil er politisch anderer Meinung war. Oder den plötzlichen Tod der Mutter nach der Geburt des siebten Kindes.

Unterkriegen lassen Jana, ihre Familie und ihre Freunde sich aber nie. „Wir mussten wachsen. Mama würde es bestimmt nicht gern sehen, wenn wir klein blieben“, erklärt sie am Schluss. „Der Himmel glüht“ vermittelt eine Menge, an dem Kopf und Herz von Kindern ab zehn Jahren wachsen können. Und eine ganze Menge lateinamerikanisches Lebensgefühl.

ANDREA DUPHORN

Song für einen Schmetterling
Maria Küchen
Aus dem Schwedischen von Dagmar Brunow
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2003, Seiten: 159, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4012-0
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Irgendwo in Schweden gibt es eine Abschlussklasse wie mancherorts sonst auf der Welt. Mit Rina, die sich für zu dick hält und Hass-Songs schreibt, mit Gustaf, der seinen Motorradhelm als Tarnung braucht, mit Zac und Pepsi, die beide von Elsa Marie träumen, der tüchtigen Schwimmerin, der Klugen und Schönen, die schon sehr genau weiss, was sie will. Dann ist da auch noch Madeleine, das Schattengewächs in der Klasse, deren bedürftiger Blick von Elsa Marie gefürchtet und gehasst wir, weil er sich für sie stets zu einer Anklage verkehrt. Als Madeleine sich in der Schule umbringt, geraten die sonst schon aufgewühlten Emotionen der Jugendlichen noch mehr aus dem Lot. Und für Elsa Marie, die von ihrem Vater für den Tod Madeleines verantwortlich gemacht wird, kommt erst mal nur eines in Frage – abhauen nach London.
Mit wechselnden Perspektiven wird hier von den grossen Verunsicherungen erzählt, die Jugendliche im Übergang zum Erwachsensein auszuhalten haben, und die sich bedrohlich verstärken, wenn Aussergewöhnliches passiert, wie ein Suizid in der eigenen Klasse. Eindrücklich wird auch das Dilemma eines starken Mädchens gezeigt. Tüchtig sein und Erfolg haben ist nicht nur einfach. Da entsteht schnell ein heikles Gewirr von Schuldgefühlen und Aggressionen.
LISBETH HERGER

Mumins lange Reise
Tove Jansson
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Hörverlag, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-89940-094-1
Schlagwörter: Fantasie

Von Mumins zu schwärmen, das verbindet Erwachsene mit andern Kindern von damals und mit Kindern und Kennern von heute. Und doch, Achtung, alles ist anders. In dem Fall besser. Die Mumin-Bücher erscheinen ab 1954 auf Deutsch, in verwirrender Reihenfolge und in einer kindertümelnden Übertragung. Die Figurennamen haben sich aber per Puppenkiste-TV so eingebürgert, dass sich Brigitta Kicherer veranlasst sah, in den Neuübersetzungen weiterhin von Hatifnatten, Schnupferichen und so weiter zu reden. Der Einsatz für Originaltreue zeigt sich aber schon darin, dass die deutsche Wiederentdeckung mit einer früher nicht zugänglichen Geschichte begann, mit „Mumins lange Reise“ (Arena-Verlag 1992 ff). Die ungekürzte Ur-Episode eröffnet auch die Hörbuchausgabe, gelesen von Barbara Auer. Offenkundig macht es ihr Vergnügen, die Marabu-Passagen staksig vornehm zu sprechen. Sonst moduliert die Schauspielerin die Rollenstimmen eher zurückhaltend und macht so die freundliche Ernsthaftigkeit des Textes hörbar. Bei aller Fantastik, Drolligkeit der Trolle und Betonung ihres Glücks, hat Janson nämlich einen psychologisch modernen Kosmos geschaffen: Es geht da um individuelle Freiheit, um Abgrenzung und Respekt in einer Patchwork-Gesellschaft. Ob das der Grund ist, dass einstige Muminfans auch als Erwachsene die Klassiker nicht nur nostalgisch lieben? Etwa der Konzertsänger Christian Panse, der sein Schwärmen verwandelt hat in hilfreichen Informationsfleiss: www.cepe.de. Ein Lesetipp für Erwachsene, wenn Kinder – zu Recht – immer wieder Mumin hören.
HANS TEN DOORNKAAT

Einer, der nichts merkte
Robert Walser, Illustration: Käthi Bhend
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0467-2
Schlagwörter: Alltag

Die Kürzestgeschichten von Robert Walser spinntisieren aus dem Alltag heraus – wie Kinder – , denken ihn weiter, erzählen von seiner Brüchigkeit und berichten doch von realen Kleinigkeiten. Die Begebenheiten aber sind nicht nur unscheinbar, sie sind auch unfassbar. Kopfgeburten. Kann man solche Imaginationen illustrieren, das heisst neu imaginieren und inszenieren?
Käthi Bhend war immer schon Walser-Leserin. Sie hat jährlich eine Illustration zu einem Walser-Text realisiert; als Neujahrsgruss für Freunde. Ihr neustes Bilderbuch – in Original-Flachdruck-Grafik hergestellt – ist also der Ertrag langjähriger Auseinandersetzung und zugleich ein persönlicher Neuanfang, ein wunderbares Comeback nach einigen Jahren des “Schweigens”.
“Vor kurzer oder langer Zeit lebte einer, der nichts merkte.” Ein Anfang, versponnener als jede Märchenformel. Das “Es war einmal” schwingt mit, zugleich geht es nicht nur um ein fantastisches Damals, es geht auch um ein poetisches Vielleicht. Das Eröffnungsbild stellt den Mann in seinen Alltag, in das übervolle Wohnzimmer mit Frau und Kindern. Wie bei Walser erfahren wir auch hier nicht, was der Mann arbeitet. Wir sehen aber seine Familie. Dass der Mann auch sie nicht bemerkt, steigert sein eigentümliches Aus-der-Welt-Fallen. Das Bild konkretisiert: Ein Kind zerschnipselt das Tischtuch, der Mann zündet mit seiner Zigarre die Zeitung an, die er gerade liest. “Auf nichts achtete er, alles war ihm sozusagen schnuppe.” Ja, Walser braucht diesen saloppen Begriff. Er erzählt nicht von einem vergeistigten Mann, sondern von einem, der einfach “gedankenlos und leer” war. Das ist wichtig, denn Käthi Bhend nutzt den Bildtext nicht für abgehobene Symbolik. Sie gibt der Geschichte den Alltag, in dem sich der Mann erratisch bewegt. Und doch ist es keine Inkonsequenz, dass die Kulissen teils altmodisch wirken, teils aktuelle Signale setzen. Vielmehr verdeutlicht die Spannung die Zeitungebundenheit der Episode.
Als Herr Binggeli – auch über diesen Namen sinniert Walser – schliesslich den Kopf verliert, nicht bildlich gesprochen, sondern wirklich und im Bild, ist das inhaltlich völlig logisch. Dass die Illustration die Spannung hält zwischen Ungewöhnlichem und Selbstverständlichem, das belegt, wie stimmig Käthi Bhends Inszenierung ist. Zum Schluss lässt sie den Mann im Schneegestöber verschwinden: Die Räumlichkeit ist nebulös aufgehoben. Die Sinne werden sinnlos. Ein Tod, wie derjenige des Dichters selbst? Binggelis Nase schaut noch aus dem Schnee, und eine Katze beschnuppert sie. Käthi Bhend bringt hier das “für die Katz” ins Spiel, eine durch und durch walsersche Wendung. Sie setzt die Formel an den Beginn des Buches, und sie lässt die Katze quasi als Erzählerin auftreten, in dem sie ihr die Schlussfrage unterschiebt: “Glaubst du das?” Ein genialer Einfall, denn während Walser sich mit einem ironischen Schlenker aus der Affäre zieht, wirft die Illustration andere Fragen auf. Käthi Bhend wagt es, ihre Konkretisierung weiterzutreiben. Frau Binggeli näht ihrem Mann den Kopf wieder an. Eine Szene so lapidar und abstrus wie Walsers Einfälle. Und ein Bild, das den Mann, der nichts merkte, noch einmal intensiv zeigt. Er starrt wie immer entgeistert in die Welt. Oder doch nicht? Ist da nicht eine Spur von Röte in seinem Gesicht?
HANS TEN DOORNKAAT

Die Schnecke und der Buckelwal
Julia Donaldson, Illustration: Axel Scheffler
Aus dem Englischen von Mirjam Pressler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79310-3
Schlagwörter: Reisen | Tiere

Die kleine Seeschnecke möchte hinaus in die weite Welt. Mit einer auf einen Fels gemalten Schneckenschrift-Spur fragt sie nach einer “Mitreise”-Gelegenheit, die ihr prompt ein Buckelwal offeriert. Die Schnecke steigt auf dessen Schwanzflosse, und das Meer trägt die beiden ungleichen Partner durch die unterschiedlichsten Regionen der Erde. Sie erleben Eis und Sturm und begegnen vielerlei Tieren. Sie lernen aber auch das Gefühl der Verlorenheit in der Welt kennen. Als der Wal zu nahe an die Küste schwimmt und strandet, kommt die Stunde der kleinen Schnecke. Mit einer Schneckenschrift-Spur, dieses Mal an der Wandtafel der Schule, ruft das kleine Tier zahlreiche Helfer zusammen, die ihren grossen Freund in einer beispielhaften Aktion retten. Als die beiden ins Schneckenland zurückkehren, ist die Neugier der anderen Schnecken geweckt und … Schnecke um Schnecke kriecht aufs Buckelwalheck.
In Versen, wunderschön übersetzt von Mirjam Pressler, tritt den kleinen Betrachterinnen und Betrachter eine Geschichte voller Entdeckerlust und einer grossen Freundschaft entgegen. Nicht nur die Versform, die in ihren Wiederholungen die Kinder zum Mitsprechen auffordert, auch die Illustrationen wirken rhythmisierend. Grossflächige Bilder, die intensiv die Stimmungen wiedergeben und zugleich witzige Suchspiele sind, wechseln sich ab mit kurzen, comicartigen Bildfolgen. Ein Bilderbuch, das kleinen und grossen Entdeckern und solchen, die noch auf der Suche nach dem Mut dazu sind, wärmstens zu empfehlen ist.
BARBARA JAKOB

Das runde Rot
Katja Kamm
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-44-4

Die Sonne wird zum Ball wird zum Apfel wird zum Autorad wird zur Schallplatte wird zum Teller wird zum Lollipop wird zum Jojo wird zur Sonne wird zum …
Das runde Rot verwandelt und verändert sich von Seite zu Seite. Und dabei erlebt es allerlei: Es wird angebissen, weggeworfen, weitergereicht von Person zu Person. Es begegnet dem Mädchen, dem Priester, dem Hund, dem Autofahrer, der Clownin, dem Japaner, dem Mädchen … Diese reizende Kreislaufgeschichte lebt allein durch die aussagekräftigen Illustrationen, in welchen mit äusserst sparsamen Mitteln erzählt wird. Konsequent leiten einzelne Details von Doppelseite zu Doppelseite, erhöhen die Spannung und leiten in die nächste Episode über: Ins Bild hineinragende Mädchenhände verwandeln die Sonne in einen Ball, ein vom Ast herabfallendes Blatt den Ball in einen Apfel, ein weggeworfenes Essstäbchen den Teller in einen Lutscher und dessen Drehung nach unten diesen in ein Jojo …
Mit den satten Farben, den klaren Figuren und Gegenständen, dem kreisrunden roten Blickfang und vor allem dank der gradlinigen Geschichte, welche die Fantasie anregt und geradezu zum Fabulieren auffordert, ist das kleinformatige Bilderbuch für die jüngsten BetrachterInnen, aber auch für die erwachsenen Erzähler ein Genuss. BEATRIX OCHSENBEIN

Lakritzbonbons
Sylvia van Ommen
Aus dem Niederländischen von Willy de Wanten
Verlag: Moritz, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-146-X
Schlagwörter: Tod/Trauer

Mit schwarzweissen Strichzeichnungen ist “Lakritzbonbons” stark reduziert. Häsin Jule und Kater Oskar treffen sich zum Lakritzpicknick. Einige der Bonbons sind blau wie der Himmel – und mit dieser Bemerkung kippt der anfängliche Smalltalk in witzig-philosophische Betrachtungen über das Jenseits: Wie es dort ist und ob sie sich wieder treffen werden. Bald dreht sich die Frage darum, ob es dort auch Lakritze gibt, womit sowohl kindliche Gedanken als auch die Einstellungen der modernen Spassgesellschaft eingefangen sind. Ein witziges Büchlein, das Michèle Lemieux’ “Gewitternacht” (Beltz & Gelberg, 1996), dem grossartigen Werk der Fragen nach Tod und Leben, Angst und Schutz, ähnlich ist und einen prima Gesprächseinstieg ins Thema bietet.
BRUNO BLUME

Vater und Tochter
Michael Dudok de Wit
Aus dem Niederländischen von Arnica Esterl
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-7725-2238-6

Das traurige “Vater und Tochter” ist –wie im gleichnamigen, Oscar-prämierten Kurzfilm – fast ganz in Sepia und Schwarz gemalt, nur die Tochter, die vergeblich auf die Rückkehr ihres Vaters wartet, der weggerudert ist, trägt blaue Sachen. Sie kehrt immer wieder an den Deich zurück, wartet ihr Leben lang, bis sie – nachdem ihre eigenen Kinder erwachsen sind und sie selbst alt geworden ist – dem Vater nachfolgt. Wuchtige Trauer trifft hier auf den bedingten Trost des Lebens. “Das Leben hat ihr viel gegeben. Nur der Vater ist nicht zurückgekommen …” Der Text beschränkt sich auf einzelne knappe Sätze und sagt leider doch zu viel. Denn oft wird lapidar benannt, was im Bild schön zu sehen ist. Der Film funktioniert ohne Worte, und im Buch wäre Text nur dort nötig, wo zwischen den nun stehenden Bildern Übergänge geschaffen werden müssen.
BRUNO BLUME

Adieu, Herr Muffin
Ulf Nilsson, Illustration: Anna-Clara Tidholm
Aus dem Schwedischen von Ole Könnecke
Verlag: Moritz, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-148-6
Schlagwörter: Freundschaft

Das Meerschweinchen Herr Muffin ist sehr alt. Seine Besitzerin taucht nur kurz im Bild auf, bleibt namenlos (könnte also auch ein Junge mit langen Haaren sein). Sie erscheint aber in den Briefen, die sie ihrem geliebten Herr Muffin schreibt. Ob er sie lesen kann, bleibt offen – er isst sie auf. Tröstend sind die Gedanken über den Tod und das Danach so oder so: "Ich glaube, entweder ruht man sich nur aus und davor muss man keine Angst haben. Oder man kommt in den Himmel und alles wird gut." Derweil denkt der alte Herr Muffin zufrieden über sein Leben nach. Er hatte Familie, immer genug Futter und Zuwendung sowie ab und zu ein bisschen Abenteuer. Aber jetzt ist er krank, hat Schmerzen. Schliesslich stirbt er .
Bisher einmalig im Bilderbuch wird der Tod aus der Sicht des Sterbenden geschildert. Und auch über den Tod hinaus bleibt das Geschehen ganz an Herrn Muffin dran: Die imaginierte landesweite Trauer, das Abschiednehmen, die Beerdigung im Garten – wie wir das früher auch mit Meerschweinchen und Vögeln gemacht haben. So kann das ganze auch als reine Imagination des Mädchens gelesen werden: Nach dem Tod stellt es sich vor, wie gut es ihrem Meerschweinchen ging und dass es ihm auch jetzt noch gut geht. Das ist glaubhaft, sensibel und ungemein tröstlich.
BRUNO BLUME

Der König von Capri
Jeannette Winterson, Illustration: Jane Ray
Aus dem Englischen von Monika Schmalz
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5001-4
Schlagwörter: Armut | Fantasie | Märchen/Fabel | Liebe

Fantastische Welten ist man sich von der britischen Schriftstellerin Jeannette Winterson gewohnt, im postmodernen Spiel oder im Cyberspace. In ihrem ersten Kinderbuch, “Der König von Capri”, geht es ebenfalls fantastisch zu. Der König ist so gierig, dass ihm ein Mund nicht reicht, um all die Leckereien zu verschlingen, die seine Diener aufgetragen. Und Frau Juwel ist, trotz des Namens, so arm, dass sie hungern muss. Doch dann kommt der Wind, das himmlische Kind, und bringt die Welt in (Un-)Ordnung: Alle Reichtümer landen bei Frau Juwel im Garten, und sie verteilt mit vollen Händen an die Armen. Am Ende, man hats geahnt, landet auch der nunmehr bedürftige König bei ihr, und die beiden – jawohl – heiraten.
Moral und Didaktik sind offensichtlich die Hauptfiguren des Märchens, das Jeannette Winterson erzählt, was sie aber so poetisch und im Detail so originell tut, dass man die Handlung beinahe vergisst. Über Seiten hinweg wirbelt der Wind den Text und die Bilder von Jane Ray durcheinander, was Bewegung und subversive Verspieltheit in die etwas starre Anlage der Geschichte bringt: “Als Siebtes blies der Wind den Höflingen die Schlafanzüge zum Fenster hinaus. Und als Achtes blies der Wind den Kühen die Milch um die Ohren.” Ein Verdienst des Bilderbuches aus dem ersten Bloomsbury-Programm des Berlin-Verlags ist es jedenfalls, dass Text und Bild am Ende genauso verheiratet sind wie Frau Juwel und der König.
CHRISTINE LÖTSCHER

Kwatsch (Julius P.)
Jon Scieszka, Illustration: Lane Smith
Aus dem amerikanischen Englisch von Sophie Birkenstädt
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51569-7
Schlagwörter: Fantasie | Rätsel | Schule

Als Julius P. Kwatsch zum wiederholten Mal zu spät zur Schule kommt, ist es um die Geduld der Lehrerin geschehen: “Jetzt blüht dir lebenslanges Nachsitzen… es sei denn, du hast eine überzeugende und glaubwürdige Erklärung.” Die Geschichte von Julius P. ist alles andere als das. Der kleine grüne Ausserirdische mit den lustigen Spok-Ohren fantasiert vielmehr wild drauflos. Aber das so gekonnt, dass Frau Bachstälze nicht umhinkommt, erneut beide Augen zuzudrücken.
Alles habe damit angefangen, dass er seinen treuen Zimulis verlegt habe, berichtet Julius P. Während er ihn auf seinem Deski suchte, geriet er auf einen Torakku und schliesslich auf eine Razzo-Abschussrampe. Er landete auf dem Planeten Astrosus, dessen gefrässige Bewohner ihm und der ganzen Schule nach dem Leben trachten. Alles “Kwatsch”? Ja und nein. Denn das erprobte amerikanische Duo Scieszka / Smith spielt in der “Geschichte von einer Lebensform (…), die der vieler Erdlinge ähnelt”, auf so aussergewöhnliche, unkonventionelle Art mit Sprache, Typografie und collageartigen Illustrationen, dass es eine wahre Freude ist. Begriffe aus 17 Sprachen lässt Jon Scieszka in den Text einfliessen, verdreht Wörter und fordert so zum Entschlüsseln, munteren Begrifferaten, vielleicht auch neu Hinzuerfinden auf. Ein “Decoder” am Ende des Buches weist die “korrekten” Übersetzungen der unbekannten, im Text orange gesetzten Vokabeln aus.
Lane Smith hat am Computer ebenso kühne Illustrationen geschaffen, die das Tempo und die Dynamik der Geschichte widerspiegeln und vom Aufbau her – mal ganzseitig, mal in kleinen Bildsequenzen – an anspruchsvolle Comics erinnern. Experimentell, gewagt und von der ersten bis zur letzten Seite faszinierend.
ANDREA DUPHORN

Die Busfahrerin
Vincent Cuvellier, Illustration: Candice Hayat
Aus dem Französischen von Sigrid Laube
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2003, Seiten: 85, ISBN/ISSN/EAN: 3-7026-5752-5
Schlagwörter: Freundschaft | Alltag

Sie stinkt, sie ist eklig, und sie hat eine grosse Nase. Ich sehe sie jeden Tag, und jeden Tag habe ich Lust, ihr zu sagen: “Du stinkst, du bist eklig, und du hast eine grosse Nase.” – Wer könnte ein Buch, das so frech beginnt, wieder aus der Hand legen? Mag sein, dass die sperrigen Schwarzweissillustrationen von Candice Hayat nicht gerade dem entsprechen, was der Markt für weniger geübte LeserInnen ab sieben Jahre sonst bereithält. Aber gerade das macht “Die Busfahrerin” so interessant.
Alles fängt damit an, dass Benjamin aufwacht und sich gar nicht gut fühlt: “Ich war grässlich müde und hatte noch weniger Lust als sonst, in die Schule zu gehen.” Benjamin ist krank. Er hat hohes Fieber und Schüttelfrost, und kaum sitzt er im Schulbus, schläft er auch schon wieder ein und wacht erst im Busdepot wieder auf. Von der Fahrerin, über die “eigenartige Dinge” gemunkelt werden, nicht besonders liebevoll geweckt. Was wie ein Alptraum beginnt, wird für Benjamin zu einem ganz besonderen Tag. Denn Yvette nimmt ihn nicht nur mit zu sich nach Hause, sondern auch ans Meer, besucht mit ihm einen alten Mann und eine Bar. Dass sich die beiden dabei näher kommen, drückt sich auch in den eigenwilligen Bildern von Candice Hayat aus, die “das Monstrum” Yvette zunehmend weiblicher zeichnet. Ein aussergewöhnliches Kinderbuch aus Frankreich, das mutige Eltern und Lehrer braucht. Auch weil es davon erzählt, dass Menschen oft anders sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen.
ANDREA DUPHORN

Im Schutz des kleinen Volkes
James Heneghan, Illustration: Kerstin Meyer
Aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael-Gutzschhahn
Verlag: Dressler, Publiziert: 2003, Seiten: 254, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-0822-9
Schlagwörter: Fantasie | Tod/Trauer | Sucht

Bei einem Unglück verliert der elfjährige Andy Mutter und Stiefvater. Ausgerechnet bei seiner Tante soll er leben, dabei ist ihr anzusehen, dass sie nicht an Kinder gewöhnt ist. Doch Andy ist nicht allein, als er von Vancouver nach Halifax geholt wird: Ohne es zu ahnen, befindet er sich im Schutz des Kleinen Volkes. Eine kleine Gruppe von Sheehogue, Schabernack liebenden Feen, begleitet ihn auf seiner Reise und will so lange bei ihm bleiben, bis es ihm wieder richtig gut geht.
Das scheint schneller zu geschehen als geglaubt. In Halifax angekommen, erfährt Andy, dass sein tot geglaubter Vater noch am Leben ist. Bei ihm will er ein Zuhause finden – und in seiner Freude über das Wiedersehen ist er zunächst blind für alle Fehler. Weder stört er sich an der vergammelten Wohnung noch an den merkwürdigen Freunden des Vaters. Wohnungen kann man ändern, glaubt Andy. Gewohnheiten leider nicht, stellt er bald darauf fest. Vinny lebt von Tee und Whiskey, verkauft gestohlene Zigaretten und ist nicht in der Lage, für seinen Sohn zu sorgen.
Es sind die Sheehogue, die den Jungen immer wieder vor Unglück bewahren. Für Protagonisten und LeserInnen unsichtbar greifen sie ins Geschehen ein; erst ihre Gespräche erklären manche Merkwürdigkeiten, die sich vorher nur erahnen lassen. Es entsteht so ein Gegengewicht, das dieses Kinderbuch nicht rührselig macht, sondern anrührend – in genau der richtigen Mischung.
MAREN BONACKER

Schlappohr
Graciela Montes, Illustration: Nina Spranger
Aus dem Argentinischen von Ilse Layer
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2003, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79859-8
Schlagwörter: Abenteuer

Abenteuer eines Strassenhundes

Wenn seine Mutter zwei Zitzen mehr gehabt hätte, wäre ihm sein ganzes Unglück erspart geblieben … den LeserInnen allerdings auch die Abenteuer von Schlappohr. Und diese sind ziemlich interessant. Aus der Perspektive des Tieres wird erzählt, wie Hund sich mit viel Einfallskraft gegen zehn Hundegeschwister durchsetzt, wie es sich im vermeintlichen Hundeparadies (als Familien- bzw. Schosshund) lebt oder was die Vorteile von Hunger in Kombination mit Freiheit und Freunden sind. Spätere Kapitel geben Einblick in die Freuden und Leiden eines Zirkushundes und in die schreckliche Zeit als Versuchstier in einem Labor. Am Ende der Hunde-Memoiren lesen wir zwar von nahrungstechnisch unsicheren Zeiten, doch was für Schlappohr weitaus mehr zählt, ist die Freiheit und die Liebe zu einer bestimmten Hundedame.
Die Argentinierin Graciela Montes führt uns mit Schlappohr vor Augen, welch spezielles Verhältnis Menschen zuweilen zu Tieren entwickeln. Sie lässt den Köter in seiner unverkennbaren Art die Gesellschaft, konterkarierend und unendlich naiv zugleich, quasi von unten kommentieren. Auch wenn der Ton streckenweise etwas didaktisch ausfällt, ist “Schlappohr” ein lesenswertes Buch nicht nur für Tierliebhaber.
BARBARA JAKOB

Dem König klaut man nicht das Affenfell
Hermann Schulz
Verlag: Hammer, Publiziert: 2003, Seiten: 127, ISBN/ISSN/EAN: 3-87294-942-X
Schlagwörter: Abenteuer | Reisen | Ferien

Temeo, ein gewitzter Junge aus Tansania, bekommt von seinem älteren Bruder die Aufgabe aufgehalst, einer kleinen Gruppe von “netten Europäern” die Insel Ukerewe im Victoriasee zu zeigen. Obwohl er seinen besten Freund Jackson mitnehmen darf, fühlt sich der Zwölfjährige überfordert – was soll er mit den anspruchsvollen Fremden auf einer Insel, wo es weder Kino noch den sonst üblichen Hotelkomfort gibt? Zu seinem grossen Erstaunen ist es aber gerade die einfache afrikanische Lebensweise, die von den unkomplizierten Touristen geschätzt wird. Um ihnen dennoch einen richtigen Höhepunkt nach seinem Geschmack bieten zu können, heuert Temeo für fünf Dollar einen Einheimischen als Schlossgespenst an.

Natürlich kommt alles anders als geplant: Der Ende des 19. Jahrhunderts herrschende König Rukonge erscheint der Gruppe nun in verschiedenster Gestalt und Aufmachung. Afrikanischer Zauber oder nur Bluff? Den Europäern gefällts, Temeo selbst verlässt die Insel nachdenklich und stolz zugleich.

Temeo, bereits bekannt aus “Wenn dich ein Löwe nach der Uhrzeit fragt”, meistert die schwierigen Situationen jeweils mit Bravour und – natürlich – einem Bündel Dollar seines Bruders in der Hand. Doch während er im ersten Buch mit viel Mutterwitz und afrikanischem Improvisationstalent die Herzen der LeserInnen für sich einnimmt, wirkt er in diesem Band eine Spur zu überlegen. Köstlich sind aber die Stellen, in denen er sich für die nicht vorhandene touristische Infrastrukur auf der Insel schämt, ohne zu realisieren, dass das gerade die Art von Erlebnisferien sind, die diese merkwürdigen Fremden schätzen. Die langen geschichtlichen Passagen hemmen zwar den Erzählfluss, geben aber Einblick in eine bisher mehrheitlich unbekannte Epoche Afrikas.

MAJA MORES

Monis Jahr
Kirsten Boie
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2003, Seiten: 255, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3153-9

Deutschland, 1955: Mit Mutter und Grossmutter lebt die zehn Jahre alte Monika in einer kleinen Zweizimmerwohnung in Hamburg. Ihren Vater hat sie nie kennen gelernt. “Mein Vati, das ist ja eigentlich der grosse Junge mit der Strähne”, sagt sie und meint damit das Foto, das zu Hause auf dem Küchenschrank steht.
“Monis Jahr” erzählt von einer Zeit, die noch greifbar nahe scheint, für heutige Jugendliche aber unvorstellbar fern ist. Eine Zeit, in der es noch etwas ganz
Besonderes war, fernzusehen oder ein Gymnasium zu besuchen, Telefon oder Auto zu besitzen. In der “der blonde Hans” im Radio “La Paloma, olé” sang und ein Pferdeschwanz “so was Amerikanisches” war, ein Paar Rollschuhe oder Stelzen Mädchenherzen höher schlagen liessen und leere Jackenärmel und Hosenbeine, in der Mitte hochgefaltet und festgesteckt, ebenso zum Alltag gehörten wie lange Strümpfe, die mit Pfennigstücken oder kleinen Steinchen von Strumpfbändern an Leibchen gehalten wurden.
Monis Vater wird vermisst. “Vermisst kann man immer erzählen, (…) das ist gut und anständig”, findet Moni. Auch wenn Harald, der Flüchtlingsjunge aus den Wellblechhütten gegenüber, sagt: “Gefallen ist besser. (…) Da weiss man Bescheid.” Doch dann verliebt Monis Mama sich in einen anderen Mann. Und Moni fühlt sich hin und her gerissen, zwischen der Loyalität dem unbekannten Vater gegenüber, dem Wunsch, der mal wütenden, mal traurigen Grossmutter, die so herrlich Dithmarscher Platt spricht, so nah zu sein wie bisher und der Mutter doch auch ein bisschen Glück zuzugestehen.
Kirsten Boie, 1950 geboren, gelingt mit “Monis Jahr” ein feines Stimmungsbild jener von Sparsamkeit, Fleiss und Hoffnung bestimmten Jahre, in denen es statt Cornflakes und Nutella zum Frühstück noch Haferflockensuppe und Lebertran gab. Beginnend mit dem Silvesterabend 1954 lässt die Hamburger Autorin ihre Leser exakt zwölf Monate an Monis Leben teilhaben.
Moni schafft die Aufnahmeprüfung zur Oberschule, findet neue Freunde und muss von alten Abschied nehmen. Zeitgeschichtliches – der Staatsbesuch der persischen Kaiserin Soraya, die Bundesrepublik Deutschland erhält wieder volle Souveränität, die letzten Soldaten kehren aus russischer Gefangenschaft zurück – fliesst in die Handlung ein. Letztlich jedoch sind es die vielen, kleinen Alltagsdetails und der treffende Erzählton, in dem Monis Gefühle und Gedanken, ihre Ängste und Unsicherheiten, aber auch kleinen Glücksmomente wiedergegeben werden, die die Atmosphäre jener Zeit nicht nur nachvollziehbar, sondern nachfühlbar macht. Genau so war es wohl, das Leben im Deutschland der Fünfzigerjahre.
ANDREA DUPHORN

Die Zeit der schlafenden Hunde
Mirjam Pressler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2003, Seiten: 270, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80912-3
Schlagwörter: Nationalsozialismus

Wie geht eine deutsche Jugendliche mit der nationalsozialistischen Vergangenheit ihres Grossvaters während des Zweiten Weltkriegs um? Mirjam Pressler greift diese Frage in ihrem flüssig geschriebenen Jugendbuch auf und beantwortet sie auf problematische Weise.
Die 18-jährige Johanna Riemenschneider trifft auf einer Studienreise nach Israel Frau Levin. Meta Levins Familie gehörte das Modehaus Riemenschneider, als es noch Heimann & Compagnie hiess. Johanna hat den Namen Heimann nie gehört, und als Frau Levin Johannas Grossvater als “verdammten Nazi” bezeichnet, wird ihr übel. Zu Hause versucht Johanna mehr über die Vergangenheit ihres Grossvaters in Erfahrung zu bringen. Johannas Vater bestreitet zwar nicht, dass sein Vater ein Nazi war. Aber das Modehaus hat der Grossvater 1938 redlich erworben, sagt er, 110 000 Reichsmark war viel Geld damals, der Grossvater musste sich hoch verschulden, und er hat das Geschäft “mit seiner Hände Arbeit” zu einem blühenden Unternehmen aufgebaut.
“Ein Apfel und ein Ei”, das hat er dafür bezahlt, sagt Frau Fachinger, die Lehrerin, und das Geschäft hat er nur bekommen, weil er seit 1935 NSDAP-Gemeinderat war; er war “Nutzniesser des Unrechts” wie viele andere auch. “Er hat uns bestohlen”, sagt Frau Levin, von dem Geld haben sie und ihre Eltern nie etwas zu sehen bekommen. Was stimmt denn nun? Johanna ist zutiefst verunsichert. Mit den Eltern, die sich im Geschäft abarbeiten, kann sie kein sachliches Gespräch über dieses Thema führen. Auch die Recherchen bei Verwandten tragen nichts zur Klärung bei. Johanna will es jedoch genau wissen, denn durch den plötzlichen Tod des Grossvaters erbt sie 250 000 Mark – Geld, das auf ein Verbrechen zurückgeht? Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann Johanna – und Menschen, die sich und ihre Geschichte hinterfragen – niemand abnehmen. Johanna beginnt in ihrer Erinnerung das Gesicht der feindseligen Frau Levin umzuzeichnen, bis es einen freundlichen Ausdruck zeigt, sie träumt von der Schönheit des Landes Israel, legt, jüdischem Brauchtum folgend, Steine auf die Gräber unbekannter jüdischer Verstorbener, um sie vor dem Vergessen zu bewahren, bereitet mit Freunden traditionelle jüdische Speisen zu, und sie versucht Daniel, ihrem Freund, zu erklären, dass sie während der Studienreise vielleicht nur deshalb mit Doron schlief, um zu beweisen, “dass nicht alle Deutschen antisemitisch sind”. Dass Johanna mit Schuldgefühlen kämpft, erschliesst sich dem Leser, der Leserin bei der Fantasie um Meta Levins Gesicht und wird bei der Episode mit Doron angetönt; ihre Schwärmerei für das Land Israel und für jüdisches Brauchtum hingegen bleibt unkommentiert, so dass der Roman über weite Strecken um Interesse und Sympathie für alles Jüdische und auch für Israel zu werben scheint.
Zur ernsthaften Auseinandersetzung gehört jedoch auch der kritische Blick auf die Gegenwart. Dieser wird vollkommen ausgespart. Die Handlung des Romans wird ohne inhaltliche Begründung ins Jahr 1995 verlegt – ins Jahr nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an Yassir Arafat, Shimon Peres und Yitzhak Rabin und in die Zeit vor der Ermordung Yitzhak Rabins im November 1995, als Israel in ungleich geringerem Masse internationaler Kritik ausgesetzt war als heute.
Mirjam Pressler weicht unbequemen Fragen offensichtlich aus. Das Verständnis für den modernen Staat Israel setzt sicher die Kenntnis der Geschichte der Juden und des Judentums und ganz besonders des Holocaust voraus. Eine einseitige Darstellung der Gegenwart vermag die Hoffnung auf einen Dialog zwischen Menschen, die einen unterschiedlichen Hintergrund und eine unterschiedliche Auffassung haben, indessen nicht zu nähren.
CHRISTINE HOLLIGER

Marsmädchen
Tamara Bach
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2003, Seiten: 286, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3152-0
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft | Pubertät

Rauchen auf der Schultoilette, am Wochenende auf irgendeine Fete oder in die Diskothek in der Nachbarstadt. Die Mutter nervt, die Schule langweilt, die Nachmittage zu Hause ziehen sich wie Kaugummi. “Fünfzehn ist ein komisches Alter. Fünfzehn ist so … gar nichts. (…) so mittendrin”, findet Miriam und träumt davon, einmal so zu sein wie eine aus der Zwölften: “So. Schön. Aber nicht, weil ich die richtigen Klamotten anhabe. Oder Make-up. Sondern einfach, weil ich schön bin.”
Tamara Bach weiss noch genau, wie es sich anfühlt, 15 zu sein. Ihrem beeindruckenden Jugendbuch-Debüt hat sie einige Zeilen aus einem Lied der Sängerin Björk vorangestellt: “This small town hasn’t got room for my big feelings.” Immer wieder nutzt die junge Autorin Songzeilen, um die Gefühls- und Seelenlage ihrer Ich-Erzählerin auszuleuchten, ihre emotionale Einsamkeit, den Wunsch, der Enge der Kleinstadt, in der sie aufwächst, zu entfliehen: “Es ist immer dasselbe: zu gleich, zu klein.”
Bis Laura auftaucht. Miriam ist von dem selbstbewussten, mal sehr spontanen, dann wieder rätselhaft verschlossenen Mädchen fasziniert, das mit der Mutter, die häufig auf Reisen ist, aus Köln zugezogen ist. Die Blicke, mit denen die neue Mitschülerin sie zuweilen taxiert, nehmen sie gefangen, verunsichern sie aber auch.
“Marsmädchen” – das Manuskript wurde 2002 mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet – ist Tamara Bachs erster Roman für Jugendliche. Es ist die Geschichte einer ersten Liebe, die die 27-jährige Wahlberlinerin in einer Sprache erzählt, die Gedanken und Lebensgefühl heutiger Jugendlicher treffend wiedergibt, ohne aufgesetzt zu wirken: “Laura und ich nebeneinander auf dem Weg in die Klasse. Schritt, einatmen, Schrittschritt, ausatmen, Rhythmus, bin ich zu schnell? Etwas sagen. Schweigen. Atmen. Vielleicht doch etwas sagen? (…) Schwierig.” Keine Liebe auf den ersten Blick. Eher totale Verwirrung. Eine heimliche, letztlich unerfüllte Liebe, die vieles in Frage stellt, Raum für Neues schafft. Dass es ein Mädchen ist, in das Miriam sich verliebt, ist dabei – fast – sekundär. Zumal Laura nach einer ähnlichen Erfahrung in ihrer früheren Schule der Mut fehlt, ihre Gefühle offen zu zeigen.
“Girl from Mars” heisst das Lied, zu dem Laura zum Abschluss eines herrlich verrückten Discoabends tanzt. Und Miriam fühlt sich wie auf einem anderen Planeten. Ein Spaziergang. Ein Joint. Ein “kleiner Kuss” – und nichts ist mehr, wie es einmal war. “Es gab mal Lösungen, es war alles mal einfach und hatte ein System oder so, als ich klein war vielleicht, und plötzlich weiss ich nichts mehr, dreht sich in mir alles wie noch nie vorher.”
So plötzlich Laura aufgetaucht ist, so schnell verschwindet sie nach der ersten (und letzten) gemeinsamen Nacht auch wieder aus Miriams Leben. “Das mit meiner Mutter und mir hat einfach nicht mehr geklappt”, schreibt sie, nachdem sie ohne Lebewohl zu ihrem Vater zurück nach Köln gezogen ist. “Ich wollte dir das alles (…) sagen, aber das ging einfach nicht. Es ging einfach nicht.”
Ein besonderes Buch. Emotional. Direkt. Mutig. Einfach anders.
ANDREA DUPHORN

Die Hexenfalle
Alex Shearer
Aus dem Englischen von Barbara Küper
Verlag: Arena, Publiziert: 2003, Seiten: 300, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-05227-6
Schlagwörter: Fantasie

Carly bekommt eine Gänsehaut, als ihr die Grossmutter der neuen Mitschülerin Meredith eine haarsträubende Geschichte erzählt: Sie, Grace, sei eigentlich gar keine alte Frau, sondern ein junges Mädchen, dem die Hexe Meredith mit einem schrecklichen Trick den Körper gestohlen habe. Sicherlich ist die alte Dame nicht mehr ganz beieinander, beschliesst sie. Doch wenige Tage später wird sie Zeugin eines Gesprächs, das sie an ihrer Meinung zweifeln lässt. Was, wenn die Geschichte stimmt? Und nur niemand der vermeintlich wirren Alten glauben will? Und nur Carly ihr helfen könnte?
Als sie mit Grace einen Plan schmiedet, wie man den Tausch der Körper rückgängig machen kann, weiss sie nicht, dass es noch eine zweite Hexe gibt, die ihr Leben durch den Raub eines jungen Körpers verlängern will …
“Die Hexenfalle” ist eines dieser Bücher, die man in einem Rutsch lesen muss. Zu quälend und zu spannend ist der Alptraum, in den Carly durch ihre Hilfsbereitschaft hineingerät. Alex Shearer spielt nicht nur mit unserer Angst, das Leben zu versäumen, sondern auch mit unserem Unvermögen, mit dem Alter umzugehen. Dadurch, dass er Carly zur Sprecherin der Erzählung macht, erleben die Leser ihre hilflose Verzweiflung unmittelbar mit – ebenso wie ihre Entschlossenheit, sich trotz aller Widrigkeiten den Hexen zu stellen. Doch ob Entschlossenheit hier reicht? Ein im wahrsten Sinne des Wortes “fantastisches” Buch!
MAREN BONACKER

Rennschwein Rudi Rüssel
Uwe Timm
Verlag: Hörverlag, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-89940-219-7

Beim Hörbuch Rennschwein Rudi Rüssel wird Musik reingeklotzt. Das Sekundärverwerten lässt grüssen! Alljährlich wirbt die Allianzversicherung mit einer Roadshow; heuer zu Uwe Timms erfolgreichem Buch. Die Musik sei reduziert, der Textanteil gegenüber den Liveauftritten deutlich länger, heisst es auf Anfrage. Schlecht ist das Hörbuch nicht, doch wirft es die Frage auf, ob Musik als Erholungspause, Ablenkung oder Intensivierung wirkt? Die Kombination von Lyrik und Musik kann beiden Künsten gut tun. Ein präziser Prosatext – selbst Timms pointierte Erzählung – aber verliert oft den Zusammenhalt.
HANS TEN DOORNKAAT

Gott und die Götter
Gerhard Staguhn
Verlag: Hanser, Publiziert: 2003, Seiten: 213, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20340-0
Schlagwörter: Religion

Die Geschichte der grossen Religionen

“Man kann alles glauben, sogar an den Kopf einer Ölsardine, wie ein japanisches Sprichwort sagt.” – Auch diesen Satz zitiert Gerhard Staguhn in seinem Sachbuch über die Weltreligionen, aber eigentlich ist das nicht repräsentativ für sein Schreiben. Er geht nämlich mit grossem Respekt an religiöse Traditionen heran und versucht, sie gleichwertig nebeneinander stehen zu lassen.
Chronologisch beschreibt er Hinduismus, Buddhismus, chinesischen Universismus und die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Vorangestellt wird Grundsätzliches: “Im Zentrum jeder Religion steht die grosse Frage nach dem Unfassbaren” und “Alle Religionen sind etwas Menschliches”. Vom Humanismus geleitet ist auch Staguhns Schreiben, denn er versucht jeweils, das Menschenbild und den philosophischen Kern der Religionen herauszuarbeiten. Er betont “das Gemeinsame” der Religionen sowie die Friedenstraditionen und meint es dabei manchmal allzu gut mit allen.
Die Einzeldarstellungen sind historisch aufgebaut, was ihnen gut folgen lässt. Der historische Blick ermöglicht dann dem Autor – bei allem Wohlwollen – auch Kritik, insbesondere am religiösen Fundamentalismus und an der Unterdrückung von Frauen in den Weltreligionen. Den Frauen widmet er eigene Kapitel und demonstriert daran gleichzeitig wieder positiv die Wandlungsfähigkeit der Religionen und Kulturen.
Für all dies hat er vom Verlag zweihundert Seiten zugebilligt bekommen, was eine Herausforderung für sich darstellt. Dennoch geht Staguhn den Fragen nicht aus dem Weg: Was ist Metaphysik, was ist Mythos, wer war Jesus. Und der Autor verirrt sich auch nicht im “Dschungel des Hinduismus”. Kompetent macht er auch deutlich, dass das Judentum nicht mit dem so genannten Alten Testament gleichzusetzen ist, sondern eine lebendige Tradition für heute und morgen darstellt. Sympathisch werden auch die ethischen und poetischen Schätze des Islam beschrieben, wie sie unser europäisches Erbe bereichern.
Der Verfasser möchte den Religionen mit Wohlwollen begegnen, was ihm lediglich bei seiner eigenen Religion, dem katholischen Christentum, etwas abgeht, denn hier ist er mehr als (selbst-)kritisch. Verkürzungen sind bei der gebotenen Kürze vorprogrammiert. Dennoch zeichnet sich das Sachbuch durch fundiertes Wissen und gut verdauliche Stringenz aus.
Darauf befragt, welches Vorwissen er bei seinen jungen Leserinnen und Lesern ansetze, antwortet der Autor desillusioniert: Er fürchte, es könnten wieder nur die Erwachsenen sein, die – das haben Untersuchungen bereits gezeigt – immer häufiger zum Jugendsachbuch greifen, um sich die Welt erklären zu lassen. Aber Staguhn meint, es sei ehrlicher, die Jugendlichen eher zu überfordern als zu unterfordern. Deshalb ist seine Sprache auch nie betulich oder dümmlich, was dem Ernst der Sache gut tut. Jedoch versucht er, die “fremden Religionen” immer wieder mit Hilfe von Vergleichen mit dem Christentum zu erklären, was aber erneut die Frage aufwirft, ob dem Lesepublikum das Christentum nicht mittlerweile eine ebenso “fremde Religion” ist. Aber, wovon sollen wir heute überhaupt noch ausgehen?! Gerhard Staguhn ist jedenfalls kein Autor, der sich der Jugend anbiedert – ein Pluspunkt.
Ein Minus erhält der Hanser-Verlag, der sich leider nicht die Mühe machte, ein ordentliches Register zum Nachschlagen anzuhängen oder weiterführende Literatur anzugeben. Schade, denn eigentlich kann das Buch mündigen jungen Menschen die Tür in die Welt der Religionen aufstossen helfen.
JUDITH WIPFLER

Christophs Experimente
Christoph Biemann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2003, Seiten: 150, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20339-7

Das Beste gleich voraus: Der neue Band ist zurzeit das Experimentebuch mit dem geringsten Frustfaktor. Die Versuche sind einfach und oft lustvoll zu machen, und das Material dazu ist praktisch in jedem Haushalt vorhanden. Man nehme Brausepulver (leichter zu finden als das sonst meist genannte Natron), fülle es mit Wasser in ein Filmdöschen, und fertig ist die Brausepulverrakete.
Es geht aber um mehr als nur um Knallen, Fliegen und Wasserspritzen. Christoph Biemann, bekannt als “der Christoph aus der Sendung mit der Maus”, erzählt auch, wie Menschen immer schon experimentierten, und bietet so eine kleine Geschichte der wissenschaftlichen Entwicklung. Dazu gehören, im Kapitel “Körper, Geist und Seele”, auch Erklärungen über das Lachen, über Hirnleistungen und Sinneseindrücke. Wenn also Lesende vom Sofa aufspringen, ein Kissen nehmen und sich draufstellen, dann turnen sie ein Experiment nach zum Thema “Balance”. Die physiologische Erklärung dazu ist allerdings sehr knapp geraten. Der Akzent liegt eindeutig beim Ausprobieren, während die Erläuterungen nicht immer ausreichen. Zudem schreibt Biemann nicht so direkt wie Hans-Jürgen Press in “Spiel, das Wissen schafft”. Gerade die Sprache der kurzen Erklärungen entspricht nicht der Einfachheit der Experimente. Die Mischung aber, die stark auflockernde Grafik und der Bogen vom experimentellen Basteln bis zu Gedankenexperimenten, das alles ist gelungen und macht den Band zu einem Spielbuch mit guter Nebenwirkung auf Verstehen und Wissen.
HANS TEN DOORNKAAT

Film ab!
Verlag: Tivola, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-89887-045-6
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Rätsel | Spiel

Die CD-ROM-Abenteuergeschichte mit dem Titel “Film ab!” ist bereits die elfte Folge der TKKG-Jugendserie aus dem Hause Tivola. Die Geschichte beginnt damit, dass Gaby auf dem Schulhof von ihrem umschwärmten TV-Star eine vermeintliche Vitamintablette annimmt. Als ihr kurze Zeit danach übel wird, wittern ihre Freunde Tim, Karl und Klösschen einen Drogenfall und nehmen die Fährte auf. Diese führt sie von Klösschens Villa aus über ein Castingbüro und eine Apotheke zum Hauptschauplatz, einem Filmdrehort für Seifenopern. Dort werden nicht nur beliebte TV-Serien wie “Liebe macht Laune”, sondern auch krumme Dinger im Zusammenhang mit Designerdrogen wie Ecstasy gedreht.

Um dem Dealer auf die Schliche zu kommen, schlüpft die Spielerin abwechslungsweise in die Rolle der vier Spürnasen und besucht die unterschiedlichen Schauplätze, sucht Indizien, befragt Zeugen und erhält auf ihrem Weg einige Informationen zum Thema Ecstasy.

Den Spielspass mindert leider die eine oder andere technische Unwegsamkeit. Die Tonausgabe ist gelegentlich so ruckelig, dass Satzanfänge zweimal beginnen; ebenfalls sind Bild und Ton bei weitem nicht synchron. Was weiterhin stört, ist die stereotype Geschlechterdarstellung und die etwas faden Dialoge. Die Rätsel, Quizrätsel, Geschicklichkeits- und Denksportaufgaben sind jedoch abwechslungsreich und in die Geschichte optimal integriert. Insgesamt ein kurzweiliger Spass.

MELA KOCHER

Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer
Michael Ende
Verlag: Terzio, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-932992-16-4
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie | Freundschaft | Reisen

Jim Knopf ist ein Fixstern am Kinderbuchhimmel. Der Terzio-Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, ihn auch auf dem Computer erstrahlen zu lassen. Die CD-ROM stellt eine Kombination des allseits bekannten ersten Teils der Geschichte mit interaktiven Spielen dar.
In “Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer” verlassen also Jim, Lukas und die Lokomotive Emma ihre Heimatinsel Lummerland und reisen übers Meer, um zahlreiche Abenteuer zu erleben. Michael Endes Buchvorlage eignet sich hervorragend für eine interaktive Umsetzung, weil die Erlebnisse der Freunde problemlos in Spiele umgesetzt werden können. So müssen die Kinder dafür sorgen, dass Lukas und Jim auf hoher See mit Hilfe eines Krans Seegurken von den Korallenbäumen pflücken, sie müssen die Bonzen des Kaisers von Mandala austricksen oder Emmas Kessel nach der atemberaubenden Fahrt durch das Tal der Dämmerung reparieren. Fast dreissig solcher Denk- und Geschicklichkeitsspiele beinhaltet diese CD-ROM. Nach dem Lösen jedes Spiels wird ein weiteres Stück der Geschichte durch einen Erzähler und eingestreute Animationssequenzen geschildert.
Die Spiele haben allerdings recht unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Ein Schiebepuzzle der Meisterklasse oder ein Labyrinth, das sich über mehrere Bildschirme erstreckt, stehen schlichten Aufgaben wie dem Einsammeln von Utensilien auf der Drachenmüllhalde gegenüber, mit denen Emma dann in einen Drachen verwandelt werden muss. Neunjährige werden auch die schwierigen Aufgaben lösen können, sich bei den einfacheren aber langweilen.
Die Fahrten mit Emma durch Mandala, die Wüste am “Ende der Welt” oder das Land der tausend Vulkane erleben die Kinder aus der Perspektive des Führerstands. Mittels 3-D-Technologie steuern sie die Lokomotive über Brücken und an Hindernissen vorbei. Richtig märchenhaft ist die Fahrt durch die Region der “Schwarzen Felsen”, wo schmelzende Eiszapfen zu Schneeflocken werden und auf diese Weise den Weg durch die Dunkelheit weisen. Die Mischung von herkömmlicher, aus CD-ROMs für Kinder bekannter 2-D- mit 3-D-Grafik führt allerdings dazu, dass eine einheitliche visuelle Umsetzung misslingt. Überhaupt ist die grafische Gestaltung, im Gegensatz zu anderen Titeln des Terzio-Verlags, nicht sehr innovativ. Hinzu kommen ärgerliche Fehler in Animation und Programmierung: Lukas, eigentlich ein bedächtiger Charakter, gestikuliert beim Sprechen so heftig, als ob er von einem Bienenschwarm belästigt würde, und die Figuren bewegen sich an verschiedenen Stellen durch andere hindurch, statt vor oder hinter ihnen durchzugehen.
Die sorgfältig gemachten Teile der CD-ROM-Umsetzung machen diese Nachteile fast wett. Musik, Dialoge und Geräusche sind nämlich bemerkenswert gelungen, und auch die Navigation mit Hilfe des “Lok-Buchs” ist schön gelöst.
Fazit: Die CD-ROM bietet eine mehrstündige, nicht immer überzeugende Umsetzung des Ende-Klassikers zu moderatem Preis.
JUDITH MATHEZ

Die Königin der Farben
Jutta Bauer
Verlag: Hörcompany, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-935036-42-6
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Gefühle | Musik

Ein musikalisches Märchen

Die Königin der Farben tönt – und wie!

Eine “trockene” Bilderbuch-Lesung ab Tonträger, das geht nicht. Wer kauft drei Minuten gesprochenen Text von Jutta Bauer? Ihre Bilderbücher sind so verdichtet in der Aufgabenverteilung zwischen Schrift und Bild, dass eine Wortlesung nicht mal die halbe Kunst wäre. Dennoch ist gerade Jutta Bauers “Die Königin der Farben” mehrmals fürs Kindertheater umgesetzt worden. Das liegt wohl daran, dass Bauers Storyboards Trickfilmqualitäten haben. Da sind etwa Bewegungen enthalten, die im Bilderbuch nur als winzige Speedlines präsent sind. Und da sind ganze Szenen drin, von der versierten Cartoonistin in einer Pointe zusammengefasst. Für die Bühne wird der Text ausgebaut, werden die Szenen ausgespielt. Und für Hörfassungen?

Die Schauspielerin Katharina Thalbach modelliert das Emotionen-Esperanto, jene Palette aus Silben-Gebabbel, Lach-Lauten und Weinen-Wimmern, genial, etwa wie Gardi Hutter als wortreich wortlose Hanna. Der Text zur “Königin der Farben” kann deshalb kurz und bündig bleiben wie im Original, die “Textspur” behält dennoch 40 Minuten lang ihre Präsenz; selbst als hörbares Staunen in die Musik hinein. Und da ist eben die Instrumentalmusik, die den Part der Farben übernimmt. Im Buch ruft Königin Malwida nach dem Blau. Das kommt sanft und mild daher. Dann kommt das Rot. Ungestüm und gefährlich. Es wird zu einem Pferd, wird wild und wilder und verbleibt – als das Gelb auftaucht – noch kurz als Rosa.

Die Gruppe Ougenweide und der Theatermusiker Henning Stoll versuchen sich nicht in Mitsingsongs. Sie spielen eine faszinierende Mischung aus Programmmusik nach den Atmosphären der Bilder und akkustischen Assoziationen à la Weltmusik. Entstanden ist ein musikalisches Märchen auf der Grundlage des Buches, keine fade Zweitverwertung, sondern ein raffiniertes Kunstwerk. So eigenständig, dass es neben dem Buch stehen kann, dass man das Buch im Tempo der Tongemälde anschaut. Oder dass man nur die CD hört, als reichhaltigen Hörgenuss.

Wichtige Details: Die CD “Königin der Farben” hat auch einen CD-ROM-Teil mit einer “kleinen Instrumentenkunde”, mit Bildern und Tonbeispielen zu Nyckelharpa, Drehleier etc. Bilanz: Eine Audioproduktion nach einem Bilderbuch verlangt deutlich mehr Kreativität als die Vertonung textlastiger Kinderbücher. Wenn da nicht beste Kräfte ihren ganzen Kunstverstand mobilisieren, geraten Hörbücher nach Bilderbüchern garantiert schlechter als die Vorlage. Wenn aber Möglichkeiten und Grenzen des jeweiligen Mediums wirklich bedacht werden, sind Spartenspringer gegenseitig Instruktion und Inspiration.

HANS TEN DOORNKAAT

Die Rache des Hans-Heinerich
Werner Holzwarth
Verlag: Patmos, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-491-88790-9
Schlagwörter: Alltag | Tiere

Ein Musical

Werner Holzwarths Text “Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat” erzählt eine frappant einfache Geschichte; attraktiv nicht nur für Zweibeiner in der Analphase. Seinen Grosserfolg verdankt das Buch dennoch vor allem den Bildern. Sie haben es und Wolf Erlbruch berühmt gemacht. Die Popularität eines Produktes fördert den Rechteverkauf. Zynische Verleger sagen: “Wenn 100000 Bücher weg sind, hat so ziemlich jede Zweitverwertung eine Chance.” Was bleibt aber von einem Bilderbuch, wenn bei der Umsetzung das Bild wegfällt?
Alle haben den Maulwurf per Buch kennen gelernt; haben die stur lineare Dialogfolge als witzige Story wahrgenommen, weil Erlbruchs Tierfiguren vielschichtige Charaktere sind; weil ihre bildnerische Überhöhung das Fehlen einer Handlung im Raum überspielt. Dafür visualisieren die Bilder Kackeformen aller Art.
Häufchen, Böhnchen und andere halbweiche Kleinigkeiten kann die Musik auch “zeigen”. Der Taubenschiss etwa fällt im Glissando zu Boden. Ein Ton für das aufspritzende Plitsch fehlt. Dafür beginnt die Taube zu singen, zur Melodie von “La Paloma”. Das ist als Anspielung unter Erwachsenen ganz nett, die Lakonie des Bilderbuchs aber ist hin. Statt der immer wiederkehrenden Abfolge von Frage (“Hast du mir auf den Kopf gemacht?”) und Antwort mit Bild (“Ich mach so.”) bietet das Musical eine Schlagerparade. Die Texte von Werner Holzwarth enthalten zwar teilweise gute Wortspiele und eigenen Witz, sie berichten aber vorwiegend vom singenden Tier und entfernen sich so jedes Mal neu von der eigentlichen Handlung. Diese wird – typisch für viele dramatisierte Hörfassungen von Büchern – mit einer Erzählstimme repräsentiert. Hier als Chor von summenden-brummenden Fliegen; bekanntlich Experten für Kacke.
Und jetzt gibt es also einen zweiten Teil: “Die Rache des Hans-Heinerich”. Der Hund macht sich auf, den Täter zu suchen. Die Grundidee wird nochmal durchgespielt. Wiederum nutzt Holzwarth bekannte Melodien. Man kann ihn sich vorstellen, wie er Songs studiert, von American Folk bis Ingo Insterburg, um den eingängigen Melodien einen neuen Subtext unterzuschieben. Wenn etwa der Fliegenchor die Moral der Geschichte im Walzertakt singt, so bewegt sich das Ganze gekonnt zwischen Bänkelsang und Zirkusfinale.
Der Reigen ist gelungen, Arrangements und Regie haben die Ideen des Autors gut gehätschelt. Ob Erlbruch überhaupt vor der Frage stand, daraus ein Bilderbuch zu machen? Die Illustrationen hätten verdeutlicht, dass es nicht mehr ist als eine Wiederholung (wenn auch mit anderem Vorzeichen und musikalisch origineller). Hört man sich allein die beiden Maulwurf-Musicals an, dann sind sie swing-schunkelpoppig unterhaltend. Lässt man den Vergleich mit dem Bilderbuch zu, muss man über Verluste sinnieren; Verluste, die beim Wechsel des Mediums passierten.
HANS TEN DOORNKAAT

Das Formenspiel
Anthony Browne
Aus dem Englischen von Peter Baumann
Verlag: Lappan, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-8303-1069-2
Schlagwörter: Rätsel | Kunst

Vom englischen Illustrator Browne liegt bereits “Willi der Maler” vor; ein etwas albernes Buch, in dem bekannte Gemälde von einem Maler-Affen kopiert und statt der Menschen jeweils Affen eingefügt werden. Die Verulkung beruhte auf Vorurteilen, die im “Formenspiel” ausdrücklich benannt werden: Das Museum ist ein unnahbarer Ort, es “sah vornehm aus”, “ich war ein bisschen nervös”, heisst es von einem Besucher. Durch Witzeleien wird es zugänglicher, das scheint offenbar die Annahme des Autors zu sein. Zu anderen Klischees, gegen die er antritt, gehört die Unverständlichkeit der modernen Kunst (als etwas angejahrtes Beispiel dient Henry Moore) und dasjenige der schimpfenden Aufseher. Geboten wird auch, neben ein paar Bilderrätseln (“Erkenne die zehn Unterschiede”), die sehr schlichte Ausdeutung eines Bildes vom völlig unbekannten viktorianischen Maler Augustus Egg, das miserabel reproduziert ist. Die Frage, warum ausgerechnet dieses Bild näher angeschaut werden soll, bleibt offen. Auch das zweite Buch von Browne kommt alles in allem nicht sehr weit über die Ebene der mässig lustigen Witzeleien hinaus.
BARBARA BASTING

Maler Moll
Joachim Rönneper, Illustration: Norman Junge
Verlag: Kindermann, Publiziert: 2003, Seiten: 16, ISBN/ISSN/EAN: 3-934029-20-5
Schlagwörter: Kunst

Mit “Maler Moll” können nur Erwachsene wirklich etwas anfangen. Die karikaturartigen Zeichnungen – der Künstler ist hier ein Hase – nehmen Stile und Motive der zeitgenössischen Kunst aufs Korn. Dazu werden Knittelverse im Stil von Buschs Maler Klecksel gereicht. Da wird Günther Ueckers Nagelkunst verhöhnt: “Moll hängt sich ein Bild ins Zimmer/doch krümmen sich die Nägel immer./Vor lauter Wut nimmt er den Nagel/und schlägt ins Bild’nen Nagelhagel.” Das ist zum Teil lustig, wird ästhetisch ansprechend präsentiert, funktioniert aber nur, wenn man die Anspielungen versteht. Die Doppelseite mit Erläuterungen zu den parodierten Stilen respektive Künstlern hat eher die Funktion eines kunstpädagogischen Alibis.
BARBARA BASTING

Tatort Leinwand
Herausgeber:in: Kunsthaus Zürich
Verlag: Benteli, Publiziert: 2003, Seiten: 51, ISBN/ISSN/EAN: 3-7165-1321-0
Schlagwörter: Kunst

Eine Reise mit den Augen

Einen ähnlichen Weg geht “Tatort Leinwand – Eine Reise mit den Augen” vom Kunsthaus Zürich für “Kinder und jung gebliebene Erwachsene”. Auch dieses Buch bietet eine Reihe von Einzelbildbetrachtungen, die jeweils auf einer Doppelseite – rechts das Kunstwerk, links locker der Text – entfaltet werden. Die Grafik ist noch eine Spur reduzierter und frischer. Grosszügige Leerräume, ein breiter Satzspiegel signalisieren, dass es hier ums langsame Lesen, Schauen, Innehalten geht.

Das Buch folgt einer raffinierten Erzählstruktur mit fünf Leitthemen: Dinge, Räume, Natur, Tiere, Geschichten. Es schreitet von den Dingen zu den Geschichten fort, zunächst mit einer Reihe älterer, gegenständlicher Werke: vom Stillleben aus dem 17. Jahrhundert zum Drachenkampf. In der Buchmitte gibt es ein Kapitel, das sich den Menschen und besonders dem Künstler (und sogar einer Künstlerin) zuwendet und einen kleinen Ausflug ins Handwerk macht.

Von der Buchmitte aus geht es dann rückwärts “von den Geschichten zu den Dingen” – aber dieses Mal mit lauter abstrakten Werken. Der Clou: Das erste Bild (ein Früchtestillleben) und das letzte Bild (eine Blumen-Collage von Meret Oppenheim) werden miteinander kurzgeschlossen. Denn neben dem Bild des Früchtestilllebens ist links briefmarkengross das Werk Oppenheims abgebildet. Ist man hinten bei Oppenheim angelangt, sieht man links klein das Früchtestillleben. Auf diese Weise wird durch das ganze Buch hindurch ältere und neuere Kunst miteinander verzahnt. Der Bruch zwischen der Gegenständlichkeit und der Abstraktion, der oft Verständnisprobleme aufwirft, wird so hervorgehoben und zugleich ein Stück weit überbrückt. Das Buch ist ein kleiner Parcours durch die Kunstgeschichte. Es kommt aber ganz ohne Etiketten und Stilschubladen aus. Offenbar geht es nicht darum, Bilder stur zuzuordnen, sondern sie durchs Erkennen von Differenzen oder Ähnlichkeiten genauer zu charakterisieren.

Ähnlich subtil und durchdacht wie die Gliederung sind die Texte. Noch stärker als beim ZKM-Buch wird die direkte Ansprache gewählt. Sorgfältige Bildbeschreibungen verleiten zum Hinschauen. Etwa bei Robert Zünd: “Wir können mit unseren Augen dem Weg entlang in das Bild hineingehen. Eine Frau mit einem Kind kommt uns entgegen.” Es folgen Fragen, die vom Sujet wegführen: “Was denkst du, wie lange brauchte der Maler Robert Zünd, bis er jede Blume in der Wiese und jeden einzelnen Getreidehalm gemalt hatte?” Das sind Fragen, die mit einem Hinweis auf die Machart des Bildes aufgelöst werden. Selbst die problematischen Seiten der Kunst des Heimatmalers werden geschickt eingeführt: “(Robert Zünd) interessierte sich mehr für alte Bauernhöfe und ruhige Landschaften als für das, was in seiner Zeit modern war.” Das kann Stoff für weitere Gespräche bieten: Warum hat er so gemalt? Warum haben ihn Bauernhöfe mehr interessiert als Fabriken? So werden die Bilder weder verstellt noch kaputtinterpretiert. Es geht darum, sich (allein oder gemeinsam) in ein Bild zu vertiefen. Die Botschaft der Texte ist: Es braucht zur Auseinandersetzung mit Kunst kein Experten-Geheimwissen, sondern vielmehr Mut und Neugierde, sich auf sie einzulassen.

BARBARA BASTING

Mein Opa hat die Taschen voller Bundstifte
Wilhelm Schlote
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2003, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-77051-0
Schlagwörter: Kunst

Der Opa mit den Buntstiften wird von der kleinen Charlotte vorgestellt. Das Buch folgt dem Schema des verkannten Genies (“Seine Pflegeeltern haben seine Kritzeleien nicht verstanden – und haben sie weniger bewundert”). Man versteht schlecht, an wen sich das Buch wendet. Sollen Kinder zum Kritzeln ermutigt werden? Dafür braucht es keine Bücher, sondern Malsachen. Sollen Eltern ermutigt werden, ihre Kinder kritzeln zu lassen? Dafür braucht es kein mit eher langweiligen Erwachsenenkritzeleien übersätes Kinderbuch.
BARBARA BASTING

Peters Engel und die Geheimsprache der Bilder
Alexander Sturgis, Illustration: Lauren Child
Aus dem Englischen von Nicola T. Stuart
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-5034-3
Schlagwörter: Kunst

Bei “Peters Engel” fragt man sich zuerst, ob man Kindern ein Buch zur Kunst geben soll, das so unästhetisch, unruhig aufgemacht ist, wo doch eine hohe Qualität der Grafik der grundlegendste Schritt sein müsste, um Kinder visuell zu sensibilisieren. Einmal mehr gibts einen Museumsbesuch, diesmal in einem fiktiven Museum mit Meisterwerken von Fra Angelico bis Jackson Pollock. Das einzige Kriterium der Auswahl ist ein Rundumschlag durch die Kunstgeschichte. Diese Bilder werden in scheusslichen, zum Teil gezeichneten Rahmen innerhalb einer kunterbunten Seite mit den derzeit modischen Zeichnungen im flachen Karikaturstil präsentiert. Die Geschichte handelt von Peter, der – mit dem Skateboard! – durchs Museum rauscht und Erklärungen zu den Bildern haben möchte, die er vom Engel, der aus Fra Angelicos Bild ausgestiegen ist, auch prompt bekommt. An diesen Erläuterungen ist im grossen Ganzen nichts auszusetzen, aber sie bleiben auf der Ebene der Bildbedeutung. Fragen, die selber zum Weiterdenken und Weiterschauen anregen, sind hier nicht vorgesehen. Das Lernziel: Bilder erzählen verschlüsselte Geschichten, man muss nur den Schlüssel dazu finden.

BARBARA BASTING

Mia im Museum oder wie der Hausmeister zu seinem Mond kam
Oliver Wenniges
Verlag: Fischer, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85138-6
Schlagwörter: Abenteuer | Reisen | Kunst

“Mia im Museum” ist eine Paraphrase von “Alice im Wunderland”. Beim Betrachten eines blauen Bildes von Yves Klein und der Frage “Was ist das eigentlich, Kunst?” wird es Mia schwindlig, ein Hase läuft an ihr vorbei, der auf der Suche nach “Joseph” (natürlich Beuys) ist – und dann kommt der Sprung ins Kaninchenloch und eine wilde Abenteuerreise. Allerdings ist nur für KennerInnen des Frankfurter Museums für Moderne Kunst klar, dass sich die Reise dort abspielt. In dem comicartig gezeichneten Buch taucht immer wieder eine “Preisfrage” auf: Was ist eigentlich Kunst? Antworten lauten: “Und so ist es mit fast allen Dingen im Leben: Es kommt immer darauf an, wie man sie betrachtet”, oder “Verlass dich nur auf dein Gefühl.” Auch dabei kommt nicht sehr viel heraus; vermittelt wird bestenfalls, dass das Museum ein Ort für komische Abenteuer ist, die aber nicht wirklich aus dem Seherlebnis heraus entwickelt werden. Insofern handelt es sich um ein etwas abstruses Meta-Buch, für kunstvertraute Insider amüsant, aber kaum für pädagogische Zwecke geeignet.
Barbara Basting

Salvator Dali
Angela Wenzel
Verlag: Prestel, Publiziert: 2003, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 3-7913-2871-9
Schlagwörter: Kunst | Biografie

Rätselhafte Bilderwelt

Differenzierter sind in der Regel die Bücher aus der Serie “Abenteuer Kunst”, mit der der Prestel-Verlag sich profiliert hat und die in keinem Museumsshop fehlt. Das Patentrezept lautet: Kleine Geschichten rund um eines oder mehrere Bilder eines bestimmten Künstlers. Das Konzept ist sinnvoll, die einzelnen Bände sind aber unterschiedlich gelungen. Eher unbefriedigend ist etwa der vergriffene Band über Altdorfers Alexanderschlacht von Heinz Kähne aus dem Jahr 1998. Das Bild wird nur einmal, viel zu klein, ganz abgebildet, dann folgen lauter Bildausschnitte, die auch wegen des fast etwas lieblosen Layouts nicht wirklich zu näherer Betrachtung einladen. Die Geschichte folgt der Fiktion des Malers, der sein eigenes Bild vorführt. Dabei gibt er aber fast nur Banalitäten von sich: “Über dem Kampfplatz herrscht ein Höllenlärm”, “Krieg ist grausam. Es gibt Tote und Verwundete.” Nirgends erfährt man Genaueres über den Maler, über die Malweise, an keiner Stelle etwas über das originale Bildformat.
Andere Bände, etwa jener über Monet (Stephan Koja und Katja Miksovsky, 1996), bieten mehr: Sie erzählen relativ trocken die Geschichte des Malers, betten seine Kunst in den Kontext seiner Zeit ein, halten sich mit Wertungen zurück. Brauchbar ist auch der Band zu Salvador Dalí (Angela Wenzel, 2003), der das Thema “Wie wird man ein Superstar” ebenso einführt wie Erläuterungen zur Entstehung von Dalís Traumbildern. Aber auch hier sind die Texte nicht über alle Zweifel erhaben: Sehr verzichtbar etwa die küchenpsychologische Interpretation (Dalí ist ein Narziss, weil seine Eltern ihn verwöhnt haben). Die Qualität der einzelnen Bände hängt stark von den jeweiligen VerfasserInnen ab, und auch die Grafik ist in manchen Fällen zu verspielt, zu wenig klar: Vorsicht Bilderflut, Vorsicht visueller Müll, Vorsicht Bildungsmüll. Man will vereinfachen, die Dinge auf vermeintliches Kinderniveau bringen, und richtet damit eher Schaden an. Denn statt einen unbefangenen Zugang zu eröffnen, die kindliche Neugierde auszunutzen, werden die Kinder sofort mit zum Teil absurden Informationen abgespeist.
BARBARA BASTING

Nimm Anlauf und spring
Andreas Schendel
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2003, Seiten: 106, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00940-5
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Gefühle

Vielschichtig geht dabei Andreas Schendels kurze Erzählung “Nimm Anlauf und spring” vor. In der Nacht seines dreizehnten Geburtstages beschliesst Ben, erwachsen zu werden. Von nun an soll alles anders werden. Aber wie? Der Willensakt bringt ihn auch nicht näher zu Bettina, dem bewunderten Mädchen aus einer Klasse über ihm. Um seiner wachsenden Unruhe Herr zu werden, plündert er gezielt den Underbergvorrat im Keller und macht des Nachts kleine Ausflüge in den angrenzenden Wald, wo er ein mittlerweile verlassenes Haus aufsucht. Bis er bemerkt, dass er dort nicht allein ist. Es ist der Treffpunkt für Bettina und ihren Freund, die er dort beobachtet. Eine einschneidende Erfahrung, genauso wie die Erkenntnis, dass es im Leben seines Vaters noch eine andere Frau gegeben haben muss, damals, als seine Mutter mit ihm schwanger war.
Diese in einer nicht benannten Zeit, schätzungsweise
den späten Sechzigerjahren, angesiedelte Geschichte ist eine sprachlich genau durchkomponierte Abschiedserklärung an die unbeschwerte Kindheit. Wie Ben sich durch seine bewussten Grenzüberschreitungen aus dem Zimmer der Kindheit befreit, sich selbst und die Sexualität erkennt, die tatsächlich auch Teil des Lebens seiner Eltern ist, wird auch und gerade durch sein Handeln deutlich. Dieser Prozess ist nach aussen getragen im Erobern eines Raumes ausserhalb des Elternhauses. Die im Ende der Geschichte angelegte Erkenntnis, dass hinter der Oberfläche des normal funktionierenden Lebens Geheimnisse stecken, bleibt eine Feststellung, alles Weitere bleibt offen.
RALF SCHWEIKART

Eulen
Carl Hiaasen
Aus dem amerikanischen Englisch von Birgitt Kollmann
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2003, Seiten: 352, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80913-1
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Krimi/Thriller | Umweltschutz/Klima

In “Eulen”, eine Art Umweltkrimi, steht eine eher zufällig zusammengewürfelte Kindergruppe im Mittelpunkt, die den Bau einer Filiale von Mama Paulas Pfannkuchenhaus verhindern will, weil auf dem Baugelände streng geschützte Kanincheneulen leben. Es kommt zum slapstickreichen Showdown beim offiziellen Spatenstich.
Mit kleineren Normüberschreitungen arbeitet auch Carl Hiaasen. Der in einem intakten und gut situierten Elternhaus aufwachsende Roy scheint einer dieser schlauen, aber körperlich zurückhaltenden Kinderbuchhelden zu sein. Nicht ganz. Seinem Gegenspieler Dana, ihm körperlich weit überlegen, verpasst er im Schulbus einen wirkungsvollen Schlag auf die Nase.
Roy, Dana und ein fremdartiger Junge, der sich Fischfinger nennt, repräsentieren in dieser temporeichen Geschichte drei unterschiedliche Stereotypen. Zweimal schwierige Eltern, einmal Musterfamilie. Einmal Konfrontation mit den Eltern bei Fischfinger. Richtiger: Konfrontation mit der Mutter, denn der Vater “schiebt sich bloss den ganzen Tag gefüllte Sandwiches in die Mikrowelle und glotzt Sport.” Einmal elterliches Abbild bei Dana und einmal die Entwicklung von Eigenständigkeit und Abgrenzung bei Roy, der im Laufe der Geschichte immer wieder gezwungen ist, zu Notlügen zu greifen, obwohl er in einem echten Verhandlungshaushalt gross wird und Über-alles-reden-Können ein Erziehungsziel ist. Sich daraus zu lösen und selbstständig Entscheidungen zu treffen, die den heimischen Vorstellungen nicht immer ganz entsprechen, ist eine der für ihn wichtigen Erkenntnisse.
Das Buch von Carl Hiaasen hat neben seinen interessanten männlichen Hauptfiguren zusätzliche, auf das männliche Lesepublikum zielende Eigenheiten: Figuren, die sich schnell erschliessen, ein paar nachvollziehbare Familienkrisen und schon auf den ersten Blick unsympathische Erwachsene, viel Witz und einen Plot, der mit grossem handwerklichem Können und mit dramaturgischen Kniffen stringent bis zum Finale durcherzählt wird.
RALF SCHWEIKART

Jede Menge Sternschnuppen
Martina Wildner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2003, Seiten: 213, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80910-7
Schlagwörter: Freundschaft | Identität/Individualität | Krimi/Thriller

“Jede Menge Sternschnuppen” spielt mit detektivischen Motiven, zwei Kinder versuchen herauszufinden, wer im Mietshaus anonyme Briefe verteilt hat und für den Tod des Rassecockers im Hof verantwortlich ist. Dass das Mädchen Deborah dahintersteckt, ahnen weder Ich-Erzähler Viktor noch die LeserInnen, obwohl Viktor ein Musterbeispiel eines zwischen Kind- und Früherwachsenheit hin und her pendelnden, cleveren Jungen ist.
Das Geld ist knapp im 2-Männer-Haushalt mit dem taxifahrenden Vater. Weil der vor allem nachts fährt, muss sich Viktor nicht nur ums Essen kümmern. Die Umstände erzwingen ein gleichberechtigtes Miteinander, bei dem die Rolle des Alphamännchens ständig wechselt. Deborah, das Mädchen, das Viktor im Schwimmbad kennen gelernt hat, heisst in Wirklichkeit Dagmar. Sie lebt mal bei der Nachbarin, mal bei schrecklichen Verwandten, weil die Mutter Alkoholikerin ist – und ist wie Viktor ein auf sich selbst angewiesenes und damit teilselbstständiges Kind. Über die geschilderten Verhältnisse hinweg wächst eine Freundschaft auf ähnlichem Erfahrungsschatz heran.
Diese Geschichte ist ein gutes Beispiel dafür, wie Identität innerhalb eines Prozesses – in diesem Fall der Annäherung an Deborah, des Zusammenlebens mit dem Vater, der ab und an auftauchenden Mutter – ständig neu erfunden werden muss, als eine Art von permanentem Update. Bleibt Literatur wirklichkeitsnah, dann kann sie weniger Lösungen anbieten als Fragen aufwerfen und Ansätze diskutieren. Literatur ist damit ein offenes Konzept, das Spielräume fiktional auslotet.
RALF SCHWEIKART

Bradley – Letzte Reihe, letzter Platz
Louis Sachar
Aus dem amerikanischen Englisch von Klaus Fritz
Verlag: Hanser, Publiziert: 2003, Seiten: 187, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20336-2
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Bradley Chalkers hat sich ausgekoppelt. In seiner Klasse sitzt er in der letzten Reihe, mit grimmiger Abwehr, wild entschlossen, sich selbst und der Welt zu beweisen, dass er tatsächlich das ist, was alle von ihm behaupten: ein Monster. Das gelingt ihm mehr und mehr, bis Jeff kommt, ein neuer Schüler, und Carla, die Schulpsychologin. Der Neue setzt sich neben ihn auf den freien Platz, das weckt Wünsche nach Freundschaft. Und Carla, die Psychologin, zu der Bradley hingeschickt wird, weigert sich entschieden, sein böses Monsterspiel mitzuspielen. Sie lässt ihn wissen, dass sie ihn mag, sie macht keinen Druck, keine falschen Tricks. So wird ein Fundament ausgelegt, auf dem Bradley neue Zugänge findet, zu sich und der Welt.
Die Erzählung setzt die Beziehung zwischen der Psychologin und dem Jungen ins Zentrum. Ein heikler, aber gelungener Versuch. Da wird ein Wegstück Therapie vorgeführt, aber gleichzeitig illustriert das Buch, wie sehr verunsicherte Jugendliche Vertrauen und freundschaftliche, also nicht bevormundende Begleitung brauchen. Erzählt wird dies alles äusserst spannend und wohltuend witzig.
LISBETH HERGER

Tintenherz
Cornelia Funke
Verlag: Dressler, Publiziert: 2003, Seiten: 573, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-0465-7
Schlagwörter: Fantasie | Lesen

Doch finden so mancherlei phantastische Gestalten ihren Weg in die Bücher und Geschichten hinein, gibt es andere, die plötzlich und unerwartet herauskommen. Das ist das Thema vom bereits anfangs zitierten Roman „Tintenherz“, dem bisher düstersten Werk aus der Feder von Cornelia Funke. Stellenweise wird dieses Buch so unerträglich spannend, dass man das Lesen tunlichst vermeiden sollte, wenn man hinterher noch etwas vorhat! 565 Seiten lassen sich nicht mal eben so nebenbei bewältigen. Dabei geht die Geschichte um Meggie und ihren Vater Mo zunächst beinahe etwas zu brav los. Vor allem die grosse Liebe der beiden zu ihren Büchern wird thematisiert und zeichnet sich ausserdem in den jedem Kapitel vorangestellten Zitaten aus Klassikern und Lieblingsbüchern von Cornelia Funke ab. Mo ist so etwas wie ein Bücherdoktor – er repariert und restauriert beschädigte, oft kostbare Bände. Die Liebe zur Literatur hat Meggie von ihm geerbt – wenn sie verreisen muss, dann nie ohne ihre rot lackierte Bücherkiste, in der sie immer ihre Lieblingsgeschichten transportiert. „Wenn du ein Buch mit auf eine Reise nimmst,“ erklärt ihr Mo auf Seite 24, „dann geschieht etwas Seltsames: Das Buch wird anfangen, deine Erinnerungen zu sammeln.“ Auch er hat ein besonderes Buch, von dem er sich niemals trennt – den wahren Grund dafür erfahren Meggie und der zu diesem Zeitpunkt schon angspannt an ihren Fingern herumkauenden Leserinnen und Leser jedoch erst beinahe hundert Seiten später. Der Titel dieses besonderen Buches lautet „Tintenherz“ …
Doch bis sich dieses Geheimnis lüftet, das lediglich den Ausgangspunkt zu zahlreichen weiteren Rätseln und Aufgaben darstellt, ist schon einiges geschehen: Mo und Meggie müssen fliehen, nachdem ein merkwürdiger, leicht heruntergekommen aussehender Mann mit dem ungewöhnlichen Namen Staubfinger ihnen mitten in der Nacht einen Besuch abgestattet hat, um sie vor Capricorn zu warnen. Vor Capricorn, dem zweifellos bösartigsten Übeltäter, den sich Conelia Funke jemals ausgedacht hat. Sind ihre Schurken sonst Mitleid erregend unbeholfen oder doch zumindest nicht durch und durch böse, fehlt Capricorn jeglicher Sinn für Menschlichkeit. Er will ein bestimmtes Buch, seit Jahren schon – und er ist zu allem bereit, um es in seinen Besitz zu bringen. Und natürlich trägt auch dieses Buch den Titel „Tintenherz“. So kalt ist Capricorn in seinem Vorgehen, so schwarz und grausam seine Seele, dass man sich beim Lesen wider besseres Wissen bei jedem Geräusch unbehaglich umsieht, denn schliesslich befindet man sich selbst auch im Besitz dieses einzigartigen Buches. Wer zu viel Phantasie besitzt, sollte unbedingt überall das Licht brennen lassen!
Zum Glück wissen die Leserinnen und Leser von „Tintenherz“ jedoch auch, dass der Dressler-Verlag die jetzige Ausgabe des Buches mit einer gross angelegten Werbeaktion so breitflächig streut, dass Capricorn, sollte er denn tatsächlich aus den Seiten schlüpfen, es schwer haben wird, sich für ein bestimmtes Opfer zu entscheiden. Zum einen erscheint der phantastische Roman am 13. September zeitgleich in Deutschland, England, Australien, Kanada und den USA, zum anderen wird bereits die hiesige Startauflage mit grandiosen 150.000 Exemplaren angekündigt.
Mit der grössten und aufwändigsten Werbekampagne, an die sich Dressler jemals gewagt hat, ist die Leserschaft schon einen Monat vor Erscheinen des Romans neugierig gemacht worden. Plakate und Leseproben kündigten das Erscheinen von „Tintenherz“ in einer zweistufigen Werbeaktion an und verlockten zu Vorbestellungen. Deckenfahnen und weitere Plakate haben unübersehbar auf das Erscheinen des Romans hingewiesen. Klickte man sich im Sommer durch die internationalen Webseiten, liess sich beobachten, wie sich „Inkheart“ auf der Vorab-Verkaufsrangliste stetig nach vorn kämpfte. Nun haben vergleichbare Kampagnen im letzten Jahr gezeigt, dass ganz sprichwörtlich nicht immer alles Gold ist, was glänzt. So „glänzte“ sich im wahrsten Sinne des Wortes ein grünäugiges Waisenmädchen auf silbernem Hintergrund ganz vorne in die Regale („Molly Moon“), erfüllte aber nur selten die Erwartungen der Kritikerinnen und Kritiker. Auch jetzt lockt wieder ein phantastischer Roman mit silbernem Glitzercover und intensiv blickenden Augen – ob er die Rezensenten besser von sich zu überzeugen vermag, wird sich in der nächsten Zeit zeigen.
Cornelia Funkes „Tintenherz“ glitzert und glimmert nicht – stattdessen lockt das Cover mit einem bunten Teppich aus von der Autorin selbst gemalten, wunderbar verzierten Majuskeln, wie man sie an den Kapitelanfängen kostbarer Bücher findet. Florale Ornamente und phantastische Wesen bilden einen wirkungsvollen Blickfang. Nur eines der Bilder auf dem aufwändig gestalteten Buchcover hebt sich von den anderen ab: Hier stehen dunkle, bewaffnete Gestalten vor einer orangerot lodernden Flammenwand und deuten bereits den Höhepunkt des Romans an.
MAREN BONACKER

Lieber wütend als traurig
Alois Prinz
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2003, Seiten: 330, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80905-0
Schlagwörter: Biografie | Extremismus/Terrorismus

Die Lebensgeschichte der Ulrike Marie Meinhof

“Also, sich erarbeiten + erkämpfen und immer, täglich, andauernd.” Worte von Ulrike Meinhof. Dem so genannten führenden Kopf der RAF hat Alois Prinz, Literaturwissenschaftler, der bereits die Lebensgeschichten von Georg Forster, Hannah Arendt und Hermann Hesse (auf)geschrieben hat, sein neuestes Buch gewidmet. Nein, gewidmet hat er es Matthias und Mirjam.
Erinnern wir das Jahr 1968 als Synonym für Studentenbewegung, Vietnamkrieg: eine US-Einheit vernichtet das südvietnamesische Bauerndorf My Lai. 507 Menschen werden erschossen, darunter 173 Kinder und 76 Säuglinge. Brandanschläge auf zwei Frankfurter Kaufhäuser. Rudi Dutschke wird in West-Berlin niedergeschossen. 400 000 Menschen demonstrieren in 27 bundesdeutschen Städten, zwei Tote, Hunderte Verletzte, 600 Festnahmen. Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg erhält die NPD 9,8% der Wählerstimmen. Im Irak übernimmt die arabisch-sozialistische Baath-Partei die Macht. Rassenunruhen in Cleveland/Ohio: zehn Tote. Papst Paul VI. spricht sich in der Enzyklika “Humanae vitae” gegen jede künstliche Geburtenkontrolle aus. Täglich verhungern in Biafra zwischen 3000 und 6000 Menschen. Die Notstandsgesetze werden in Deutschland verabschiedet, der Prager Frühling findet ein jähes Ende. Es geschieht viel in diesem Jahr, in diesen Jahren. Von den sozialen Bewegungen abgekoppelt erheben sich in der Bundesrepublik Deutschland Menschen mit der Waffe gegen den Staat, definieren sich elitär als Avantgarde der Revolution, üben Gewalt aus als epochales Moment auf dem revolutionären Weg zur Befreiung des Menschen.
Aber Alois Prinz erzählt uns auf den ersten zweihundert Seiten seines Buches von der Kindheit und Jugend der Ulrike Meinhof (“Einmal soll sie sogar vom Baum gefallen sein und sich das Nasenbein gebrochen haben.”), ihrem Studium, von ihrer Arbeit als Journalistin bei „konkret“ ebenso wie von ihr als Mutter zweier Kinder.
Dann bleiben einhundert Seiten, um nachzuerzählen, wie Ulrike Meinhof mit einem Sprung aus dem Fenster einer Berliner Bibliothek in den Untergrund abtauchte. Zwei Jahre später schon, 1972, ist Ulrike Meinhof in Haft. Am 9. Mai 1976 wird sie tot in ihrer Zelle aufgefunden. Ein Internationaler Untersuchungsausschuss kommt zu einer gegenteiligen Lesart ihres Todes, konträr der offiziösen Sprachregelung des Todes durch Suizid.
Alois Prinz verfehlt die Lebensgeschichte Ulrike Meinhofs, und er ist sich dessen bewusst. Er zitiert indirekt am Schluss des Buches Horst Herold, den Präsidenten des Bundekriminalamts von 1971 bis 1981: “67 Tote und 230 zum Teil schwer verletzte Menschen auf beiden Seiten (…) viele Milliarden Mark Kosten zur Bekämpfung der RAF (…) elf Millionen Blatt Ermittlungsakten (…).” Hier schimmert der Wahnsinn der Zeit durch. Im Buch von Prinz ist davon nichts wiederzufinden, weder atmosphärisch noch inhaltlich. Es bleibt seltsam oberflächlich, unbeteiligt, alles wird erwähnt, nichts ausgeführt. So bleibt der Leser, zumal der unbedarfte, allein gelassen. Und das gewollt.
Die für eine Biografie unabdingbare wertneutrale Faktenwiedergabe mag Alois Prinz gelungen sein. Die historisch-kritische Würdigung des Werdeganges einer Frau, die den Kampf aufnahm, sich scheiden liess, die Knarre in die Hand nahm, ihre Kinder verliess, und deren eingeäschertes Gehirn am 19. Dezember 2002 (!) um 7 Uhr 30 in ihrem Grab auf dem Dreifaltigkeitsfriedhof in Berlin beerdigt wurde – also, so etwas wie eine Zusammenschau von deutscher Vergangenheit und deutscher Gegenwart – geht diesem wertneutralen Buch ab. Und jugendlichen Leserinnen und Lesern wird es nicht auf die Sprünge helfen.
VOLKER FRICK

Die Braut meines Bruders
Nava Semel
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2003, Seiten: 340, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80907-7
Schlagwörter: Krieg

Die jüdische Autorin Nava Semel verlegt ihren Roman «Die Braut meines Bruders» in die Zeit um 1935, als Palästina unter Britischer Besatzung stand. Araber und aus Osteuropa nach Erez-Israel eingewanderte Juden hatten die Engländer als gemeinsamen Feind. Der zwölfjährige Protagonist Usik spielt den Seiltänzer zwischen den Juden, den englischen Soldaten und dem arabischen Freund Mohammed. Mohammed und seine Schwester Fatma liefern das Wissen, das die Einwanderer benötigen, um im für sie unwirtlichen heissen Land Bienen und Hühner, die als Einnahmequelle dienen, zu ziehen, und stehen auch sonst bei allen möglichen Problemen hilfreich zu Diensten. Allerdings trauen ihnen manche nicht so recht.
Mit der Figur von Usik will die Autorin beweisen, dass ein Zusammenleben auch mit Menschen unterschiedlichster Herkunft möglich ist. Er wächst ohne Eltern mit seinem um einiges älteren Bruder Imri bei der Tante auf, die sich mit Kindererziehung eher schwer tut. Die kleine Dorfgemeinschaft Moschawa, Usiks Zuhause, bietet dem Jungen ein soziales Gefüge, das ihm die Kraft gibt, auch als Waise stark zu werden.
Sein Bruder soll im Ausland vier Mal durch Scheinheirat junge Frauen nach Erez-Israel schmuggeln. Schon die erste Frau, Anna, bringt das Vorhaben in Schwierigkeiten, denn die beiden verlieben sich ineinander. Aus Pflichtbewusstsein lässt sich Imri trotzdem scheiden und reist ein zweites Mal ab. Die zweite Frau willigt erst in die Scheidung ein, als Anna aus Verzweiflung bereits zurückreisen will.
Erzählt wird aus Usiks Sicht, kursiv gedruckte Passagen informieren über Geschehnisse aus der Sicht Erwachsener. Die Autorin schildert in freundlicher Rückblende ein stimmungsvolles, nostalgisch gefärbtes friedliches Zeitbild, in dem allerdings unterschwellig eine Veränderung durch kommendes „Blutvergiessen“ und grosse Schwierigkeiten angekündigt wird. Humor- und liebevoll werden die Menschen mit ihren Schwächen und Eigenheiten gezeichnet, auch der englische Befehlshaber, auch der arabische Bienenlieferant. Schade, dass er von Blutrache spricht und dass er aus seiner Heimat nicht etwa von Engländern oder Juden vertrieben wird, sondern von seinen eigenen Landsleuten. Auch wenn sich dies in der offenbar auf einer wahren Begebenheit beruhenden Geschichte so zugetragen haben mag, zementiert es hier Vorurteile und versetzt die arabische Seite in ein negatives Licht. Blutrache war auf arabischer und jüdischer Seite ein Thema und Araber wurden mehrheitlich von Israelis vertrieben.
HELENE SCHÄR

Wir wollen beide hier leben
Amal Rifa'i, Odelia Ainbinder
Übersetzt von Julia Kühn und Sylke Tempel
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2003, Seiten: 174, ISBN/ISSN/EAN: 3-87134-475-3
Schlagwörter: Krieg

Eine schwierige Freundschaft in Jerusalem

In «Wir wollen beide hier leben» organisiert die deutsche Journalistin Sylke Tempel, die über längere Zeit Berichterstatterin aus Israel war, einen Briefwechsel zwischen zwei Teenagern, einer Israelin und einer Palästinenserin. Beide wohnen in Jerusalem, kaum fünf Minuten voneinander entfernt, und doch trennen sie Welten. Der Anlass zum Briefwechsel ist eine von «Piece Child» organisierte gemeinsame Schweizreise vor ein paar Jahren, wo palästinensische und israelische Jugendliche sich auf neutralem Territorium kennen und verstehen lernen sollten. Einiges an Missverständnissen und Spannungen, die schon vor der Reise zu Konflikten geführt hatten, weil auf die Bedürfnisse der arabischen Jugendlichen nicht Rücksicht genommen wurde, kann im Briefwechsel relativiert werden.

Die Briefe sind im Grunde Statements, Erklärungen zu gesellschaftlichen und politischen Sachverhalten, die auf beiden Seiten Fragen aufwerfen und nach Antworten heischen. Unterteilt in verschiedene Themengebiete geben sie recht aufschlussreichen Einblick in die schwierige, ja schier ausweglose Situation, in der sich die Menschen in Israel/Palästina heute befinden. Obwohl die Texte konstruiert und wenig spontan wirken, regen sie zum Nachdenken an und lassen einen keineswegs kalt.

Auffallend ist das starke, beinahe an Arroganz grenzende Selbstbewusstsein der Israelin Odelia. Sie schildert ihre Situation und Haltung in weitschweifigeren und auch längeren Briefen. Die Palästinenserin Amal erscheint jedoch merkwürdig schemenhaft und undifferenziert. Gegen das Ende des Buches wiederholt sie immer wieder, dass das palästinensische Volk, das seines Landes und seiner Rechte beraubt worden sei, nur eines wünsche: Gleichberechtigt und anerkannt im eigenen Land leben zu dürfen, dort, wo auch die Vorfahren gelebt haben, wo ihre Heimat sei.

Aus Angst vor Repressalien wollte Amal anonym bleiben; im Vergleich mit Odelia entsteht der Eindruck, sie habe die Briefe vielleicht gar nicht selber geschrieben. Der Zweifel, ob es Amal überhaupt gibt, wird durch den Buchumschlag verstärkt. Im Gespräch der beiden Schreibenden mit der Herausgeberin, das den Briefen folgt, nimmt die israelische Perspektive den weitaus grösseren Raum ein, das Glossar enthält wesentlich mehr Informationen über das Judentum und die Chronologie des Nahostkonflikts ist eindeutig aus jüdischer Sicht zusammengestellt worden. Obschon Odelia immer wieder betont und auch bedauert, dass sie sehr wenig von den Arabern weiss und dass man auch in der Schule leider kaum mehr erfährt, zeigt sie im Austausch mit Amal kein Interesse an deren Kultur.

Das Buch fordert von den Lesern und Leserinnen ausserdem einiges an Durchhaltevermögen. Sylke Tempel behauptet zwar in ihrer Einleitung, dass die beiden jungen Frauen bei den gemeinsamen Treffen immer viel gelacht und geschwärmt hätten, doch davon spürt man im Buch nichts. Die Herausgeberin schreibt auch, dass es leider wenig Literatur von palästinensischen Autoren gäbe, die Aufschluss geben könnten über die Situation in den besetzten Gebieten. Immerhin hätte sie die Biografie von Sumaya Farhat-Naser «Thymian und Steine. Eine palästinensische Lebensgeschichte» nennen können, die von Jugendlichen problemlos gelesen werden kann, und die nicht nur wertvolle, differenzierte Informationen aus erster Hand liefert, die im Briefwechsel fehlen, sondern auch noch spannend zu lesen ist.

HELENE SCHÄR

Der Herr Albert
Frank Vermeulen
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2003, Seiten: 412, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-4977-9
Schlagwörter: Wissenschaft | Natur

Ein Roman über Einsteins Gedankenexperimente

Das neuste Wagnis in Sachen Sachroman: Ein Roman über Einsteins Gedankenexperimente.

Warum einen ganzen Roman lesen, um von einer Sache zu erfahren? Zwei, drei Seiten in einem Sachbuch mit instruktiven Illustrationen müssten doch ausreichen und wären praktischer. Das stimmt für das Nachschlagen von Fakten. Aber dann stehen wir vor der Frage, was „Verstehen“ heisst. Der Verlag Gerstenberg beschönigt nicht. Auf der Buchrückseite von „Der Herr Albert“ steht: „Keine leichte Lektüre, aber eine Herausforderung für alle, denen Denken Spass macht.“

Der Roman beginnt damit, dass Esther ein Foto zum Geburtstag bekommt, ein Foto von Albert Einstein. Aber der Grossvater, ihr „Privatlehrer“ am Tag, und Herr Nils, die nächtliche Stimme aus dem Foto, erzählen der Fünfzehnjährigen zuerst vom Wissenschaftstheoretiker Karl Popper und seinen Überlegungen, was eine gute Theorie ausmacht. Dann ist vom Unterschied von Masse und Gewicht die Rede, dann von Gödel, dem revolutionären Mathematiker, den nur die Fachleute kennen. Natürlich kommen auch die Ideen von Galilei und Newton zur Sprache. Jedes seriöse Sachbuch erwähnt die Letztgenannten auch und erläutert, dass Einstein seine Theorie nicht mir Experimenten bewies, sondern aus den Gedankengebäuden früherer Forscher entwickelte. Aber nur der Sachroman, dessen Textstruktur und Dialoge Einsteins Denkschritte nachbilden, macht diesen Prozess erlebbar.

Effektiv ist Frank Vermeulens Romankonstruktion noch dünner als diejenige in Sophies Welt (das übrigens erwähnt wird). Aber die Langsamkeit der Instruktion bietet die einmalige Möglichkeit, Überlegungen nachzuvollziehen. Wir haben es also mit dem extremen Gegenteil von „Zusammenfassung“ oder „grober Vereinfachung“ zu tun. Vermeulens Roman ist eine blanke Zumutung. Er mutet Interessierten zu, dass sie den Reiz des Einkreisens geniessen. Bei aller Abstraktion, bei aller Theorie-Debatte statt Action ist „Der Herr Albert“ so gesehen doch ein sinnliches Buch über theoretische Physik und eine selten ehrliche Einführung in das, was naturwissenschaftliches Denken bedeuten kann.

HANS TEN DOORNKAAT

Play Zone
Thomas Feibel
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2003, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-7012-1
Schlagwörter: Abenteuer | Zukunft | Medien | Spiel

Das letzte Spiel

Spielt es eine Rolle, ob ein Kind sich am Computer durch ein narratives Spiel klickt oder ob es eine ähnliche Geschichte in einem Buch liest? Der Computerspiel-Spezialist und Journalist Thomas Feibel, Herausgeber eines Kinder-Software-Ratgebers, hat mit „Play Zone“ einen Jugendroman geschrieben, der den fundamentalen Gegensatz zwischen Spielen und Lesen auf raffinierteste Weise offen legt.

Thomas Feibel erzählt die packende Geschichte der beiden Jugendlichen Soni und Kenjo, die mit einer geheimen Mission betraut werden und dabei die schreckliche Wahrheit erfahren über das, was hinter den Kulissen ihres Spiel-Paradieses läuft. Dabei handhabt Feibel die populären Genres Science-Fiction, Abenteuer- und Spionageroman virtuos.

Der Traum von einem Land, in dem das Leben aus lauter Spielen besteht, ist so alt wie der Traum vom Paradies. Doch alles hat seinen Preis; das Paradies kippt um in eine negative Utopie. Feibels Romanhandlung setzt an einem Punkt ein, wo die Play Zone bereits zur real existierenden Diktatur des Spiels korrumpiert ist. Dort zählt nur eins: gewinnen. Und zwar buchstäblich um jeden Preis. Wer keine Gints besitzt, so heissen die Punkte, die man bei den allgegenwärtigen Games gewinnen oder eben auch verlieren kann, wird bald einmal zum Sozialfall. Die Elite der Play Zone dagegen setzt alles aufs Spiel, auch das Leben – und hat deshalb gute Chancen, in der Zone der Atemlosigkeit zu landen, einer Art Gaskammer, in der die Verlierer hingerichtet werden. Überall spiegelt sich in Feigels Roman die blutige Geschichte der Ideologien im 20. Jahrhundert.

Feibel tut alles, um seinen Lesern klar zu machen, dass die Werte des „alten Europa“ in der Play Zone nichts zu suchen haben. Der Herrscher der Zone sagt zu Soni, die als begabteste Nachwuchsspielerin gilt: „Du gehörst zu einer neuen Generation. Denn du weisst nichts mehr von der alten Welt, bist frei von ihren verlogenen Werten.“ Wir wären eigentlich gewarnt. Doch wider besseres Wissen schlägt beim Lesen die Kraft des literarischen Erzählens durch, und Feibel hat uns da, wo er uns haben wollte: Plötzlich glauben wir, dass Erkenntnis und Entwicklung möglich sind, und wir drücken Soni und Kenjo die Daumen, dass es ihnen gelingt, die Diktatur des Spiels zu besiegen. Wir vergessen, dass unsere Protagonisten Spielfiguren sind, getrimmt aufs Gewinnen. Und so endet Feibels Roman nicht wie ein Buch, sondern wie ein Computerspiel. Die beiden Jugendlichen nutzen ihren Informationsvorsprung nicht, um daraus moralische Konsequenzen zu ziehen, sondern um zu gewinnen.

Und doch bleibt ein Hoffnungsschimmer. Auf der Metaebene behauptet sich neben dem apokalyptischen Ende ein dialektischer Widerpart: Schliesslich ist es Thomas Feibel gelungen, mit Hilfe der Literatur die Beschränktheit der digitalen Welt zu entlarven – und, umgekehrt, das Genre des Zukunftsromans durch die Logik des Computerspiels um neue Impulse zu bereichern.

CHRISTINE LÖTSCHER

Timo setzt sich durch
Patricia Schröder
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2003, Seiten: 111, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-80429-9
Schlagwörter: Rassismus

Gut, dass es Melly gibt. Sie beschützt Timo auf dem Schulweg vor Sören und seiner oberfiesen Bande. Die machen Timo fertig, wann immer sie können. Melly ist nur zwei Jahre älter als Timo, aber sie scheint vor nichts und niemandem Angst zu haben. Doch eines Tages ist Melly selbst in Gefahr. Sören findet nämlich, dass die «Schokotorte», wie er das dunkelhäutige Mädchen mit den krausen Haaren nennt, hier nichts zu suchen hat. Timo weiss, dass er seiner Freundin helfen muss. In dieser Notlage gelingt es ihm, seine Angst zu überwinden und zu handeln. Eine spannend erzählte Geschichte über Mobbing unter Schulkindern, in der typische Verhaltensmuster von Opfern und Tätern aufgezeigt werden. Gleichzeitig wird hier auch eine liebevolle Vater-Sohn-Beziehung geschildert: Der allein erziehende Vater und auch der Sohn gelangen zur Erkenntnis, dass sie über ihre Probleme reden müssen.
Madeleine Amman

Die Welt steht Kopf
Renate Ahrens-Kramer
Verlag: Omnibus, Publiziert: 2003, Seiten: 173, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-26145-X

Karo lebt bei ihrer Mutter in Hamburg. Dort taucht auf einmal Martin auf und behauptet, ihr Vater zu sein – wo die Mutter doch immer erzählt hat, der sei tot! Ausserdem sieht er blöd aus, ist zu alt und spricht komisch. Karo wehrt sich mit fast unglaublicher Sturheit dagegen, dass der Fremde sich in ihr Leben drängt, obwohl sie merkt, wie die Mutter sich freut, ihn wiederzusehen, und ihn noch immer liebt. Erst als sie zu verstehen beginnt, dass und weshalb die Liebesgeschichte ihrer Eltern an politischen Gegebenheiten – der Teilung Deutschlands durch die Mauer – scheiterte, an der Unüberwindbarkeit dieser Mauer, kann sie sich Martin und dem neuen «Familienleben» langsam öffnen. Dass sich Martin dann als Filmregisseur entpuppt, der (auch) über seine Liebesgeschichte einen Film gedreht hat, der «Verloren» heisst und gerade jetzt in Hamburg läuft, so dass Karo ihn sehen kann, gibt der Geschichte, die von einem schmerzlichen Kapitel deutscher Geschichte handelt, noch besonderen Reiz: Es erhöht nicht nur die Attraktivität des Themas, sondern auch die des neuen Vaters, der aus einem unattraktiven Land kommt. «Die Höhle am Strand» und «Katzenleiter Nr. 3» heissen zwei weitere Bücher von Renate Ahrens-Kramer mit starken Mädchenfiguren.
VERENA STÖSSINGER

Ganz schön blauäugig
Mats Berggren
Aus dem Schwedischen von Maike Dörries
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2003, Seiten: 150, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-78910-6
Schlagwörter: Rassismus

Sara beschliesst, den Alptraum, der sie über Wochen in Beschlag hielt, aufzuschreiben: Wie sie sich in den blauäugigen Johan verliebt; wie sie sich nicht dagegen wehrt, schon beim ersten Treffen mit ihm zu schlafen; wie Johan ihr vorprahlt, in der letzten Nacht einen Kanaken verprügelt zu haben. Als Sara in der Zeitung liest, dass in eben dieser Nacht ein junger Kurde spitalreif geschlagen wurde, zeigt sie ihren Freund an. – «Ganz schön blauäugig» erzählt von einer Fünfzehnjährigen, die kein Unrecht zulassen will und der daraus selber viel Unrecht erwächst. Den Freund verpfeift man nicht, das bekommt sie in der Schule bitter zu spüren. Anonyme Anrufe halten die Familie wach, und als auch noch ihr Hund vergiftet wird, fragt sich Sara, ob Schweigen nicht besser gewesen wäre. Der Autor schildert realitätsnah den Alltag in einer schwedischen Kleinstadt, den latenten Rassismus der Bevölkerung. Die Figur Saras und die fürsorglichen, aber nicht aufdringlichen Eltern sind schlüssig gezeichnet. Warum Sara aber in ihrem weiteren Umfeld keine Unterstützung erhält, das ist nicht überzeugend vermittelt.
CHRISTINE TRESCH

Muschelkind
Rudolf Herfurtner
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2003, Seiten: 217, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-62122-2
Schlagwörter: Fantasie | Umweltschutz/Klima

Die alte Bernmüllerin ist in Besitz eines alten Buches mit einer Muschelprägung auf dem Einband. Über Jahrhunderte haben Frauen darin Geschichten über den Bach mit den Flussperlmuscheln zusammengetragen. In den alten Geschichten, die in verschiedenen Formen Ausbeutung (der Natur), Krieg, Unrecht thematisieren, kommt immer auch ein rothaariges Mädchen vor. Grit, Gretl, Margrete nannte man die Findelmädchen mit der blassen Perlmutthaut. Die Bernmüllerin weiss, dass auch ihre Zeit naht, das Buch weiterzugeben, doch sie hat keine Nachkommen. Da schwemmt ihr eines Tages der Bach ein rothaariges Mädchen vor die Füsse. Ihr Name ist Margarete. Von der Bernmüllerin erfährt die zwölfjährige Margarete viel über die Flussperlmuschel. Als die Muschelbänke durch eine neue Fabrik gefährdet sind, setzt Margarete sich für deren Schutz ein. Das Buch ist reizvoll und atmosphärisch durch die zwei Erzählebenen: Eingebettet in die realistisch erzählten Alltagserlebnisse der Lehrerstochter Margarete sind fünf Sagen und Chronikerzählungen, deren geheimnisvolle Logik immer wieder auf die Gegenwart verweist.

Ailins Weg
Lensey Namioka
Aus dem Englischen von Anna Blankenburg
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2003, Seiten: 188, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-78897-5

Ailin ist stolz, dass sie ihren Weg in die USA gemacht hat. Als sie eines Tages einem Freund aus Jugendjahren gegenübersteht, kommen Erinnerungen hoch: Ailin wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts in eine hoch angesehene chinesische Familie hineingeboren. Schon bald zeigt sie sich als willensstarkes Mädchen, sie wehrt sich erfolgreich gegen das in ihrer Gesellschaftsschicht traditionelle Einbinden der Füsse und verbaut sich somit eine Zukunft als Ehefrau eines reichen Mannes. Stattdessen geniesst Ailin eine moderne Erziehung in einer englischsprachigen Missionsschule. Nach dem Tode des aufgeschlossen denkenden Vaters verliert sie dieses Privileg und zieht, von den eigenen Leuten verbannt und von den AusländerInnen verachtet, als Kindermädchen zu einer US-amerikanischen Familie. Als diese in die USA zurückkehrt, geht Ailin mit und baut sich dort mühsam eine eigenständige Existenz auf. – «Ailins Weg» zeigt eine tolle Identifikationsfigur und erzählt spannend vom Alltag in einer fremden Kultur und von einer ganz anderen Mädchenerziehung.
BEATRIX OCHSENBEIN

Die Regentrinkerin
Nina Petrick
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2003, Seiten: 300, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-78920-3
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft

Dieses Buch erzählt von der schmerzhaften Erfahrung, dass die erste Liebe nicht den «Bravo»-Boy bringt. Dass nicht haselnussbraune Augen einer Beziehung Standfestigkeit geben, sondern die Kunst, Mandelkuchen zu backen oder ohne Floskeln zu reden. Es ist eine ganz und gar alltägliche Geschichte, die jedem und jeder auf dem Weg zum Erwachsenwerden passieren kann und die gerade daraus ihren Reiz zieht. Erzählt wird sie von Anna und dem Kameramann in ihrem Kopf. Dieser filmt alles, was Anna tut und lässt, seine Bilder kann Anna abrufen: eine Art Seelenspiegel. Dieser Spiegel ist dringend nötig, denn Anna hat Probleme: Ihre beste Freundin ist in die USA ausgewandert und Briefeschreiben dauert so lange; ihr Vater ist ausgezogen, und die Mutter, die sonst ganz in Ordnung ist, ist zurzeit ungeniessbar; und dann sind da noch zwei Jungen, die Anne das Leben schwer machen: der ruhige, unauffällige Tim und der aktive, hübsche Florian. Sie muss sich entscheiden, nur für welchen von beiden?
CHRISTINE TRESCH

Die seltsame Alte
Adelheid Dahimène, Illustration: Heide Stöllinger
Verlag: NP-Verlag, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-85326-273-2

Das Mädchen ist mürrisch und nörgelig, auch wütend, aber vor allem einsam. Es will niemand mehr mit ihr spielen, weil sie dabei immer ausflippt, ihr Spielzeug hat sie satt, ihre Eltern sind abwesend. Nur die seltsame alte Frau, die am Donnerstagnachmittag kommt, schafft es, das Mädchen aus seiner Abwehrhaltung herauszulocken. Sie spielen das Faden-Abnehme-Spiel und verwickeln sich dabei in einen so intensiven Austausch, dass sich das Mädchen (es bleibt namenlos) vorbehaltlos auf den nächsten Donnerstag freut.

Das neue Bilderbuch des österreichischen Duos Dahimène/Stöllinger ist wie die früheren wieder geheimnisvoll, reduziert und ungeheuer bildstark. Vor immer gleich unbestimmtem braunem Hintergrund sind nur die Alte und das Mädchen zu sehen, einzige Utensilien sind der Faden und ein Eimer Wasser, den das Mädchen für die müden Füsse der Alten bringt. Das scheinbar Wenige ist aber Kulisse für so viel Zwischenmenschlichkeit, wie bisher kaum im Bilderbuch gezeigt wurde. Ein so heiteres und achtungsvolles Verhältnis zwischen Alt und Jung wäre allen zu wünschen.

BRUNO BLUME

Bertie, der Wachhund
Rick Walton, Illustration: Arthur Robins
Aus dem Englischen von Sophie Birkenstädt
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51579-4
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein

Bertie ist ein Wachhund – weder gross noch gemein noch furchteinflössend – aber schlau!
Als eines Nachts ein schlimmer Räuber durchs Haus schleicht, fordert der winzig kleine Bertie diesen zum Zweikampf auf, indem er behauptet, besser beissen, rennen und bellen zu können. Natürlich ist der Räuber kräftiger und schneller. Auch kann er lauter bellen als Bertie, was allerdings jetzt die Polizei anlockt, welche dem gesuchten Einbrecher sofort Handschellen anlegt und Bertie mit einer Siegermedaille ehrt.
Klein, aber schlau! Die Botschaft spricht den Kindern aus dem Herzen, und der zerzauste kleine Hund mit seinen köstlichen Grimassen gewinnt sofort die Sympathie der BetrachterInnen. Berties Mimik und Gestik verdeutlichen perfekt seine Entschlossenheit und List. Dümmlich-fiese Gesichtszüge und klare, grelle Farben innerhalb schwarzer Umrandung prägen den überheblichen Räuber, der mit seiner Grösse oft gar die Buchseiten sprengt. Der gross gedruckte, äusserst spärliche Text zeichnet sich deutlich vor den einfarbigen, detaillosen Hintergründen ab. Das Bilderbuch lebt von seiner schwungvollen Gestaltung und der hintergründigen Komik. Es wird bestimmt überall Liebhaber finden – sowohl bei den ErzählerInnen als auch bei den Immer-wieder-BetrachterInnen.
BEATRIX OCHSENBEIN

Julia wünscht sich ein Tier
Barbro Lindgren, Illustration: Eva Eriksson
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2003, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6840-8

Es gibt wenige Bilderbücher mit Schauplatz in der Mietskasernenvorstadt. Julia wohnt dort, und wenn Leute vorbeikommen, sagen sie: "Himmel, wie ist das hier hässlich!" Aber Julia weiss sich zu helfen: Der grosse Stein vor dem Haus ist das Reitpferd, die erleuchteten Fenster sieht sie als Adventskalender. Nur gegen ihre Einsamkeit kommt sie nicht so leicht an. Mama arbeitet, Papa ist weg, ein Tier bekommt sie nicht. Dabei würde ein kleines reichen, ein Frosch etwa oder eine Maus. Also zieht sie mit ihrem Puppenwagen los, um einen Inhalt dafür zu finden. Aber die Vögel fliegen weg, den Hund, der vor dem Laden angeleint war, holt sich die unfreundliche Besitzerin gleich zurück und der kleine Nachbarjunge, den sie ersatzweise in den Wagen stopft, spielt nicht mit. Als sie den Kopf hängen lässt, entdeckt sie einen grünen Käfer, den sie spazieren fährt, "bis er seine Augen schliesst und einschläft."
Die Geschichte ist witzig und temporeich, das soziale Elend bleibt im Hintergrund, hervorragend eingefangen in den Zeichnungen auf braunem Packpapier und kontrastiert von der pfiffigen Julia im Ballettkleid, die mit acht Jahren, so der Ausblick, doch noch eine Katze bekommt.
BRUNO BLUME

Seltsame Abenteuer des Don Quijote
Jürg Schubiger, Illustration: Jassen Ghiuselev
Verlag: Aufbau, Publiziert: 2003, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 3-351-04046-6
Schlagwörter: Abenteuer

Wer kennt sie nicht, die Geschichte vom fahrenden Ritter von La Mancha und seinem Knappen Sancho Pansa? Auch wenn die wenigsten Miguel Cervantes Klassiker tatsächlich gelesen haben dürften, von seiner Liebe zur schönen Dulcinea, seinen Kämpfen gegen Windmühlen und Schafherden, Löwen und geheimnisvolle Ritter hat wohl fast jeder schon einmal gehört.

Zwei Bücher füllen die Abenteuer und Reisen des betagten, armen Landedelmannes, den das Lesen und seine Fantasie völlig verwirrten, im Original. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts als Parodie verfasst, um “den Abscheu aller Menschen gegen die fabelhaften und ungereimten Geschichten der Ritterbücher zu wecken”. Jürg Schubiger (Text) und Jassen Ghiuselev (Illustrationen) haben die bekanntesten Episoden auf 32 Seiten zusammengefasst.

“Die Geschichte des tollkühnen Don Quijote ist vierhundert Jahre alt. Erfunden hat sie der Spanier Miguel de Cervantes, ein armer Edelmann, der Soldat, Sklave, Kaufmann, Beamter, Gefangener und vieles mehr gewesen war, bevor er zu schreiben anfing.”

Schubiger kennzeichnet seine “Seltsamen Abenteuer des Don Quijote” gleich zu Beginn als kommentierende Nacherzählung, in die er auch in der Folge die eine oder andere Information über Autor und Werk einfliessen lässt. Mit einem Augenzwinkern gibt er das Antihelden-Epos in kurzweiligen Szenen und Dialogen wieder, die Lust darauf machen, auch einmal im Original zu schmökern.

Ghiuselevs kunstvolle Bilder erwecken Don Quijotes Visionen zum Leben, machen jene bösen Zauber, Geister und Gespenster sichtbar, von denen dieser sich fortwährend umgeben sah. Wenn der selbst ernannte Ritter im gestreckten Galopp und mit gezückter Lanze auf eine Gruppe Windmühlen zureitet, zeigen die sepiafarbenen Illustrationen des bulgarischen Künstlers auch die furchterregend mit den Augen rollenden, muskelbepackten Kolosse mit freiem Oberkörper, gegen die der verwirrte Junker zu kämpfen glaubte.

Wie Folien überlagern die Fantastereien und (Wahn-)Vorstellungen Don Quijotes die detailfreudig, in weichen Schattierungen abgebildete Realität. Zwei Schafherden verwandeln sich in schwer bewaffnete Krieger auf Schlachtrossen, “alle Heere und alle Helden, von denen er (Don Quijote) je gelesen hatte”. Aus keifenden Bäuerinnen auf störrischen Eseln werden edle Damen auf rassigen Pferden, eine gewöhnliche Herberge erscheint als prachtvolle Burg, und in seinen letzten Kampf reitet Don Quijote mit dem Bild seiner Herzensdame vor Augen.

Mehr als zehn Jahre hat der 1964 in Sofia geborene Künstler an seinem surreal-klassischen Mal- und Zeichenstil gefeilt. Interpretationen von Märchen und Klassikern wie “Pinocchio” (1997) oder “Alice im Wunderland”, haben ihn international bekannt gemacht. Insbesondere Letzteres – 2000 gleichfalls in der Aufbau-Bilderbücher-Reihe erschienen – sorgte für Furore. Mit seinem Don Quijote ist Ghiuselev ein würdiger Nachfolger gelungen. Mit Sancho Pansas (alias Schubigers) Worten gesprochen: “blitzgescheit und donnerstark, ein Ritter wie ein Gewitter!”.

ANDREA DUPHORN

Die aufregendste Sache der Welt
Bettina Wegenast, Illustration: Julia Kaergel
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0480-X
Schlagwörter: Abenteuer | Reisen

Die Mutter arbeitet auf der Bank, der Vater ist Lehrer; so weit – so normal. Kommen die Eltern von der Arbeit nach Hause, erzählen sie den beiden Kindern, was sie früher alles erlebt haben. Diese Abenteuer sind nun derart aussergewöhnlich, dass die Kleinen aus dem Staunen nicht mehr herauskommen: Ist es möglich, dass Mutter und Vater früher durch den Weltraum kurvten und auf die höchsten Berge kletterten?
Was in den geschilderten Erlebnissen entgegen aller Logik geschieht, widerspiegeln auch die originellen Illustrationen in raffinierter Mischtechnik. Sie zeigen die Kinder als Zuschauende, die verwundert die wilden Reisen ihrer Eltern beobachten. Bis sie irgendwann die unvermeidliche Frage stellen: Warum habt ihr mit den Abenteuern aufgehört? Die Antwort der Eltern ist einfach und bedeutungsvoll zugleich: Die aufregendste Sache der Welt ist das Kinderkriegen!.
Diese fantasievolle Geschichte, die liebevoll aufzeigt, was für eine Bereicherung Kinder im Leben von Erwachsenen sein können, fordert die Erzählenden. Sowohl die Bilder als auch der knappe Text verlangen ergänzende Ausführungen, lassen aber gleichzeitig viel Raum für eigene Interpretationen.
Aus Erwachsenensicht könnte man die Botschaft dieses Buches auch so sehen: Piraten jagen und wilde Tiere zähmen ist natürlich kein Pappenstiel. Das faszinierendste, aber zugleich schwierigste Unterfangen ist jedoch das Erziehen von Kindern.
KATRIN RUCHTI-FEHR

Nussknacker
E. T. A. Hoffmann, Susanne Koppe, Illustration: Lisbeth Zwerger
Verlag: Neugebauer, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-85195-292-8
Schlagwörter: Freundschaft | Märchen/Fabel | Liebe

Der Text, viel zu lang für ein Bilderbuch, wurde von Susanne Koppe nicht nur gekürzt, sondern trotz Sinn fürs Lautmalerische (klingling, klingling) von allem Unheimlich-Dämonischen befreit, das E. T. A. Hoffmanns Texte ausmacht.

Im Original ist der Nussknacker so hässlich wie der Pate Drosselmeier, der grosse Mechaniker, und Marie muss ihn erst lange betrachten, bis sie seinen freundlichen Gesichtsausdruck erkennt. Damit ist die geheimnisvolle Liebesgeschichte zwischen Marie und dem Männchen schon ganz zu Beginn angedeutet.

In der vermeintlich kindergerechten Neubearbeitung findet sich anstelle von Hässlichkeit und versteckter Erotik eine altmodische Beschaulichkeit: “Sein Kopf war fast so gross wie der zierliche Körper, das sah ein wenig seltsam aus, aber dafür trug er ein hübsches Jäckchen und einen wunderschön leuchtenden weissen Bart. Aus den hellgrünen Augen sprach nichts als Freundlichkeit.” In diesem Kontext gehen die hellgrünen Augen, die einen bei Hoffmann wie Katzen anspringen, schlicht unter. Lisbeth Zwerger dagegen ist es gelungen, mit ihren Bildern (es ist bereits das zweite Mal, dass sie den „Nussknacker“ illustriert hat) etwas Wesentliches aus Hoffmanns Welt einzufangen. Die Perspektiven sind verzerrt, alles ist wie hinter Glas und oszilliert haarscharf an der Grenze zwischen Realismus und Surrealismus.

CHRISTINE LÖTSCHER

Der gestiefelte Kater
Ludwig Tieck, Bruno Blume, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Kindermann, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-934029-21-3
Schlagwörter: Märchen/Fabel

“Sehr die Flügel beschneiden”, schrieb Kant in seiner “Kritik der Urteilskraft”, müsse der Verstand der Einbildungskraft, auch in der Kunst. Ludwig Tieck, der Verrückteste unter den Frühromantikern, sah das ganz anders; für ihn musste ein Buch voller “widersprechendem Unsinn” sein, ein “Spectaculum um Nichts”. Seiner Poetik des Unsinns wird der “Gestiefelte Kater” (1797), ein Kindermärchen für die Bühne, basierend auf dem Märchen von Charles Perrault, in vollkommenster Weise gerecht.

Vor, auf und hinter der Bühne herrscht lustvolles Chaos: Theater im Theater im Theater, ein gefundenes Fressen für Theoretiker der romantischen Ironie an den germanistischen Instituten dieser Welt. Aber ein Stück für Kinder? Doch eher nicht, würde man denken. Bruno Blume und Jacky Gleich haben ein Bilderbuch für grössere Kinder und für Erwachsene gemacht, das den Stoff von zeitgenössischem Ballast befreit und den Kern der Geschichte freilegt: die Welt als ein grosses Theater.

Jacky Gleich greift Tiecks Verspieltheit auf, schaut mal von der Bühne ins Publikum, mal vom Publikum auf die Bühne, wobei durch die Technik immer klar ist, wo wir uns befinden – auch wenn es geradeso gut umgekehrt sein könnte. Für Erwachsene ist das Buch allein schon deshalb ein Leckerbissen, weil Blume in seiner Textbearbeitung die satirische Ebene nicht nur stehen lässt, sondern geradezu auf aktuelle Entwicklungen hin zuspitzt: Die Leute in der Stadt, in der das Stück aufgeführt wird, sind misstrauisch, “Sie wollen im Theater ernsthafte Stücke und keine Kindereien sehen. Kinder sind unfertige Menschen, meinen sie.” Und wenn sie schreien: “Wir wollen kein Stück, wir wollen guten Geschmack!”, kommt einem das doch irgendwie bekannt vor.

CHRISTINE LÖTSCHER

Die Geschichte meines Opas
Philip Waechter
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79315-4
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie

Opas sind aus Kinderoptik grundsätzlich tolle Typen! In bunten Comicfolgen führt uns der Autor und Illustrator Philipp Waechter ein Prachtsexemplar mit Superman-Qualitäten: Die kurzen Episoden zeigen Opa mal beim Karaoke-Singen, mal beim fantasievollen Badehosenschneidern aber auch mal bei einem wilden Krokodilfangabenteuer. Dieser Opa lässt bei seinen Aktivitäten mit dem jungen Ich-Erzähler rein gar nichts aus, was Erwachsene im Normalfall garantiert nicht tun, und macht ihn Kindern sicher speziell sympathisch. Ein lustvolles Lesevergnügen für ComicliebhaberInnen.

BARBARA JAKOB

Ein rotes Herz, ein blauer Schmetterling
Annika Thor, Illustration: Heike Vogel
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2003, Seiten: 123, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55237-1
Schlagwörter: Freundschaft | Gefühle | Ferien

“Loves Mama sagt, dass Liebe wichtiger ist als Fussball und Geld.” Deshalb meldet sie ihren Sohn im Fussballcamp krank und fährt mit ihm noch einmal aufs Land, ins Sommerhaus, in dem Alva mit ihrer Familie die Ferien verbringt. Das ist eigentlich schon das Ende dieser zauberhaften Geschichte über eine erste Liebe.

“Ein rotes Herz, ein blauer Schmetterling” beginnt mit Filippas Idee, für die Klassenkameraden Danne und Love zwei rote Herzen zu basteln und sie ihnen am Valentinstag heimlich in die Rucksäcke zu stecken. Während Alvas kecke Freundin ihrer Eroberung schon bald wieder überdrüssig wird, verbringen Alva und Love bald so gut wie jede freie Minute miteinander. Dann kommen die Sommerferien, und die beiden sehen sich lange nicht. Und als Love Alva an ihrem Geburtstag auf dem Land besucht, läuft alles, aber auch alles schief: Beim Fussballspielen vergisst er die Zeit und kann vor der Abfahrt nicht mehr das schöne Hemd anziehen, in dem Alva ihn so gerne sieht. Sein Geschenk lässt er zu Hause auf dem Schreibtisch liegen, und auch “in ihm drinnen läuft etwas falsch”. Doch zum Glück gibt es ja Telefone – und Loves Mama.

Mal aus der Perspektive von Alva, mal aus der von Love lässt Annika Thor uns an der schüchternen Annäherung zweier Neunjähriger teilhaben, ihrem vorsichtigen Umgang miteinander, den zerbrechlichen Emotionen, Unsicherheiten. Vielleicht wirken die “Hier ist Alva und hier ist Love”-Konstruktionen der schwedischen Autorin zuweilen etwas bemüht. Doch bringt sie uns die Gefühle und Gedanken der beiden mit einfachen Worten so nah, dass man sich dem Zauber dieses behutsam erzählten Kinderbuches einfach nicht zu entziehen vermag.

ANDREA DUPHORN

Augenblicke
James Howe
Aus dem amerikanischen Englisch von Mirjam Pressler
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2003, Seiten: 141, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-35243-8

Für den jungen Rettungsschwimmer Chris ist sie “die Beobachterin”. Die sieben Jahre alte Callie nennt sie “Harriet, die Spionin”. Und ihrer Mutter erscheint das sonderbare Mädchen, das das bunte Treiben am Strand Tag für Tag von einem “sicheren” Platz aus auf der Treppe verfolgt, wie “eine zerbrochene Muschel”. Still sitzt sie auf den Stufen, macht sich Notizen, reagiert kaum, lächelt nie.
Doch wie Chris, Callie und ihre Mutter, die das Verhalten jenes bis auf Seite 109 namenlosen Mädchens immer wieder beschäftigt, spinnt sich auch die dreizehn Jahre alte Margaret ihre ganz eigene Geschichte über die von ihr beobachteten Menschen zusammen. Realität und Fantasie beginnen sich dabei mehr und mehr zu vermischen.
In Margarets kursiv gesetzten Aufzeichnungen wird Chris zu einem Engel, der die Prinzessin Miranda aus den Fängen jener Bestie befreit, die sie seit Jahren gefangen hält. Callies älterer Bruder Evan wird zu Prinz Evario, dem Bruder der verschollenen Prinzessin, seine kleine Schwester, Mutter und Vater werden zur königlichen Familie. Doch so vollkommen, mutig, strahlend schön und stark Margaret die HeldInnen ihres Märchens auch erscheinen mögen, im realen Leben werden sie von grossen Zweifeln, Ängsten und Unsicherheiten gequält.
Evan fürchtet als “totaler Versager” zu gelten, hat Angst, dass seine Eltern sich nicht mehr lieben, die Familie auseinander fällt. Und Chris kämpft seit Jahren erfolglos um die Liebe seines Vaters, der den Tod des ältesten Sohnes nicht überwinden kann, der als Vierjähriger in einem Pool ertrunken ist – lange bevor Chris auf die Welt kam.
“Augenblicke” heisst Howes psychologisch fesselndes Jugendbuch. Und aus solchen setzt es sich auch zusammen. In lose aneinander gereihten Episoden gewährt der US-amerikanische Autor Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt seiner ProtagonistInnen, fügt so die Lebens- und Leidensgeschichten dreier Jugendlicher Stück für Stück zusammen. Das erschreckende Geheimnis, das das “Mädchen auf der Treppe” umgibt, wird erst in den beiden letzten Kapiteln gelüftet: Seit Jahren ist sie der unberechenbaren Wut ihres gewalttätigen Vaters ausgesetzt.
Die Strafe, die folgt, als er das Märchen-Tagebuch seiner Tochter entdeckt und eine Aufnahme von Evans “glücklicher” Familie, in die Margaret ihr eigenes Foto eingefügt hat, droht diese nicht zu überleben. “… diesmal war sie zu weit gegangen, zu böse gewesen. Und das Biest wird mich töten.” Evan und Chris sind zufällig in der Nähe, als der Vater sie im Spülbecken zu ertränken droht. Sie retten Margaret das Leben – und damit irgendwie auch sich selbst.
“Mein Vater (…) tut mir weh.” Mit Prinzenbruder und Schutzengel an ihrer Seite findet Margaret die Kraft, das Unaussprechliche auszusprechen und sich so aus dem Bann des Biestes zu befreien. Eine einfühlsam erzählte, spannende und zugleich tiefgründige Geschichte um die seelischen Nöte, Ängste und Hoffnungen von Heranwachsenden. Über das Einsam- und Anderssein, die Suche nach Liebe und Geborgenheit – und: Gewalt in der Familie.
Andrea Duphorn

Die Zauberlaterne
Wolfheinrich von der Mülbe, Illustration: Rotraut Susanne Berner
Verlag: Büchergilde Gutenberg, Publiziert: 2003, Seiten: 475, ISBN/ISSN/EAN: 3-936428-21-2
Schlagwörter: Abenteuer | Märchen/Fabel

Nur widerwillig brechen Kunibert und sein treuer (und etwas schusseliger) Diener Schorse zu einer Queste auf, nachdem Kuniberts Mutter Schute ihren lieben Sohn regelrecht hinausgeworfen hat, damit er das väterliche Anwesen wieder zu Ehren und Ansehen bringt. Auf ein Abenteuer brauchen die beiden nicht lange zu warten: Derjenige, der die Prinzessin unter allen Frauen bei Hofe erkennt, darf sie heiraten und König werden. Keine schwere Aufgabe für den vom Glück begünstigten Kunibert! Doch bevor er die Prinzessin tatsächlich heiraten kann, möchte sich der alte König rasieren – und zwar ausschliesslich mit dem verzauberten Rasierzeug der Fee Süffisande. Das jedoch ist über die ganze Welt verstreut …

Die Abenteuer, die jetzt erst richtig losgehen, führen Kunibert und Schorse durch die ganze Welt, wobei sie selbst im entferntesten Südostasien noch bodenständigen Franken begegnen. Jedes Kapitel birgt eine eigene Aufgabe, und mehr noch: Jedes Abenteuer scheint einem anderen literarischen Vorbild zu entsprechen. Satire, Schelmenroman, Märchen, Mythen, Schauererzählung und Kindergeschichte lassen die fast fünfhundert Seiten umfassende Lektüre nie langweilig werden.

Die 1937 zum ersten Mal veröffentlichte “Zauberlaterne” ist zweifelsohne ein zeitloser Klassiker für erfahrene LeserInnen, die Märchen lieben. Mit den wunderbaren, ganzseitigen Vierfarbillustrationen von Rotraut Susanne Berner wird die Ausgabe der Büchergilde darüber hinaus zu einem bibliophilen Kleinod, das in keiner guten Bibliothek fehlen sollte.

MAREN BONACKER

Zurück nach Kilimatinde
Hermann Schulz
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2003, Seiten: 236, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58117-7
Schlagwörter: Reisen

Seit 25 Jahren lebt der Missionar Geldermann in Kilimatinde, Tansania. Doch der einstige “stolze Hüne vom Niederrhein” ist ein gebrochener Mann: von Frau und Kindern verlassen, von den US-amerikanischen Missionaren mit ihren spektakulären Gottesdiensten ausgestochen, vegetiert er krebskrank dahin, depressiv und dem Gin verfallen in einer Hütte. Doch Geldermann hat einen Schutzengel in Deutschland: seinen einstigen Studienkollegen Haferkamp, der ihn immer wieder grosszügig unterstützt. Beunruhigt, weil er schon lange keine Nachrichten
aus Afrika erhalten hat, beaufragt Haferkamp Geldermanns neunzehnjährigen Sohn Nick, nach seinem Vater zu suchen.
Dies ist der Ausgangspunkt für eine intensive Vater-Sohn-Geschichte und für die Entwicklungsgeschichte des jungen Nick. Dieser, naiv und unsicher, nimmt das Reisegeld zum Anlass, mit seiner ersten Liebe, Valerie, einen exotischen Urlaub zu verbringen. Nur zögernd macht er sich auf den Weg nach Kilimatinde; immer noch empört, dass sein Vater die Familie im Stich gelassen und sich gar mit schwarzen Frauen verlustiert hat. Die Wiederbegegnung endet zunächst in einem Fiasko. Doch in den fünf langen Nächten voller Beschimpfungen, Geständnisse und Diskussionen nähern sich die beiden an.
Dichte Passagen wechseln ab mit trivialsten Schilderungen, subtil gezeichnete Charaktere (Vater) mit holzschnittartigen (Mutter, Stiefvater), zudem handelt Nick nicht wie ein Neunzehnjähriger von heute. Der Erzählstil wirkt altväterisch und betulich; Jugendliche wird dies – und der unattraktive Umschlag – kaum veranlassen, sich auf das Buch zu stürzen. Schade, denn ungewöhnliche Lebensentwürfe und Reifeprozesse sind Themen, die auf grosses Interesse stossen. Hermann Schulz hat grossartige Bücher geschrieben. “Zurück nach Kilimatinde” gehört nicht dazu.
MAJA MORES

Der weite Weg nach Hause
Sharon Creech
Aus dem amerikanischen Englisch von Adelheid Zöfel
Verlag: Aare, Publiziert: 2003, Seiten: 287, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85114-9
Schlagwörter: Geschwister | Reisen

Florida und Dallas wachsen in einem Waisenhaus auf. Unter der Herrschaft des korrupten Mr. Trepid und seiner überforderten Frau sind die beiden Geschwister einander die einzigen Verbündeten. Obwohl sie entschlossen den Widrigkeiten ihres Lebens die Stirn bieten, merkt man ihnen die seelischen Narben an, die ihre Erfahrungen im Heim und mit verschiedenen Pflegefamilien hinterlassen haben.
An einem anderen Ort kämpfen Sairy und Tiller, ein älteres Ehepaar, ebenfalls gegen die Resignation vor dem Leben. Die Wege der beiden ungleichen Paare kreuzen sich, als Sairy und Tiller Florida und Dallas zu sich holen, um für eine getrennt geplante Reise Begleitung zu haben. Die neue Lebensgemeinschaft ist nicht einfach, und zudem verfolgen Mr. Trepid und sein Komplize Z aus der Ferne ihre eigenen düsteren Pläne …
Eine Geschichte über die “Was wäre wenn?”-Fragen– Wenn ich ein anderes Leben führte? An einem anderen Ort lebte? Anders wäre? – kann nicht einfach sein. “Der weite Weg nach Hause” ist nicht einfach. Ihre Hauptfiguren sind mal Sympathieträger, mal Nervensägen, und sogar die dunklen Charaktere haben allzu menschliche Motive. So folgt man den beiden Expeditionsteams gerne auf ihrem Weg in die Fremde, der sie letztlich doch zum Vertrauten führt: zur Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit, den eigenen Ängsten, dem Selbstwertgefühl. Und man verzeiht der Autorin, dass einige Szenen etwas Disney-artig ausfallen.
Insgesamt bewirkt die Zwiespältigkeit der Figuren jedoch, dass man sie nicht leichtfertig einordnen und “abhaken” kann, sondern kritisch mit ihnen in Zwiesprache tritt und sich bis zuletzt fragt, ob diese Menschen zu sich und zueinander finden. Die schnellen Szenenwechsel tun ihr Übriges, um die Lektüre zu einer kurzweiligen, bewegenden Reise zu machen.
Christian Kölzer

Stefanos weite Reise
María Teresa Andruetto
Aus dem argentinischen Spanisch von Jochen Weber
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2003, Seiten: 95, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0466-4
Schlagwörter: Reisen | Migration

Zu Tausenden entfliehen in den Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts junge Menschen dem Elend ihrer Heimat in Italien und versuchen ihr Glück in Amerika. Unter ihnen auch der Junge Stefano aus einem kleinen Dorf im Piemont. Eine Farm in Argentinien ist das Ziel von ihm und seinem Freund Pino. Die Überfahrt verläuft tragisch: Während eines heftigen Sturms beginnt das Schiff zu sinken. Nur mit viel Glück werden die Jungen gerettet und auf argentinischen Boden gebracht.

Das Leben auf der abgelegenen Farm ist hart; die Liebe zu Lina und sein neu erworbenes Saxofon sind die einzigen Lichtblicke in Stefanos Leben. Dank seiner Musikalität kann er das Farmerleben gegen die schillernde Zirkusluft eintauschen, die viel ältere Trapeztänzerin Teresa wird seine erste richtige Geliebte. Zwanzigjährig, müde und verbraucht, löst sich Stefano vom Zirkusmilieu und wird sesshaft.

Seine Geschichte, die immer wieder von wehmütigen Erinnerungen an seine Heimat und seine Mutter unterbrochen wird, erzählt er seiner jetzigen Frau Emma, die er in seiner Erzählung immer wieder direkt anspricht. Diese Mischung aus Ich-Erzählung, aus distanzierten Betrachtungen seiner dramatischen Lehr- und Wanderjahre, der Reise zu sich selbst und den Rückblenden geben der Geschichte einen eigentümlichen Reiz, dem man sich nur schwer entziehen kann. Die argentinische Autorin, deren Vater aus dem Piemont nach Argentinien ausgewandert ist, erzählt aber nicht nur von den Erfahrungen ihres Vaters, sondern verknüpft geschickt die Schicksale einiger der Millionen Einwanderer Argentiniens zu einer anspruchsvollen Erzählung für Jugendliche.

MAJA MORES

12 Dinge, die ich noch erledigen muss, bevor die Welt untergeht
Bjørn Sortland
Aus dem Norwegischen von Maike Dörries
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2003, Seiten: 142, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4720-6
Schlagwörter: Behinderung

1. Ehrlich sagen, was man will und denkt. – 4. Einen Liebsten suchen. – 9. Ein berühmtes Kunstwerk ansehen. – 12. Versuchen, ein bisschen netter zu Randi-Irene zu sein.
Eigentlich fand die dreizehnjährige Therese das Leben bisher ganz in Ordnung. Nun aber wollen sich ihre Eltern scheiden lassen, und sie sehnt sich nach dem ersten Kuss von Jan, dem zugezogenen Pastorensohn. Natürlich ist auch die behinderte grosse Schwester Randi-Irene immer zugegen; und das erfundene Referat über den Weltuntergang – durch welches sie Jans helfende Nähe gewinnen wollte – führt sie immer weiter in grundsätzliche philosophische und religiöse Lebensfragen. Da ist eine Liste mit “12 Dingen, die zu erledigen sind, bevor die Welt untergeht” allemal hilfreich! Mit ihrer Wochenendreise nach Rom, zusammen mit Jan und Randi-Irene, können einige der Punkte auf der Liste abgehakt werden – andere bleiben offen.
Der norwegische Autor Bjørn Sortland versteht es meisterhaft, die Probleme eines pubertierenden Mädchens und seine Auseinandersetzung mit essenziellen Fragen ernsthaft und zugleich heiter darzustellen. Dass er es vermeidet, eindeutige Antworten zu geben, ist ein weiteres Plus des Romans, ebenso wie der Schluss, der zwar ein Happyend andeutet, aber dennoch nicht alle offenen Fragen klärt. Dies scheint ein Trend und Merkmal vieler aktueller Kinder- und Jugendbücher zu sein.
Besonders ansprechend und lesefreundlich sind die kurzen, szenischen Kapitel, die vielen Dialoge und gelungenen Alltagsszenen, die klaren, nachvollziehbaren Überlegungen der Ich-Erzählerin und das Neugier weckende Titelbild. Aktuell und rundum gelungen!
BEATRIX OCHSENBEIN

Du bist zu schnell
Zoran Drvenkar
Verlag: Klett-Cotta, Publiziert: 2003, Seiten: 287, ISBN/ISSN/EAN: 3-608-93623-8
Schlagwörter: Tod/Trauer

Alles scheint mit dem seltsamen Verhalten von Val zu beginnen, die Marek plötzlich nicht mehr erkennt und diesen in einer Panikattacke mitten in der Nacht aus seiner Wohnung wirft. Tatsächlich aber haben diese temporären Aussetzer einen weiter zurückliegenden Ursprung. Es gab eine Zeit, in der Val und ihren Freunden nichts erstrebenswerter schien, als möglichst lange ohne Schlaf, mit wenig Essen und einer Menge Dope auszukommen. Der ultimative Kick sollte es sein – der Rekord im “Guinness-Buch”. Dass nicht jeder gut mit diesem Lebensstil zurechtkam, zeigt lediglich ein Nebensatz. Einer aus der Gruppe kehrte nicht zurück.
Auch Val wäre besser ausgestiegen, merkt dies aber viel zu spät. Bei einem spontan-verrückten Ausflug nach Hamburg sieht sie zum ersten Mal Dinge, die anderen verborgen bleiben. In einer Welt, die sich für Val plötzlich nur noch in Zeitlupe zu bewegen scheint, laufen “die Schnellen” mit normaler Geschwindigkeit weiter. Für das menschliche Auge zu schnell, werden sie nur von Val entdeckt. Doch das Gefühl, auserwählt zu sein, weicht schnell quälender Angst. Es folgen Aufenthalte in psychiatrischen Anstalten, Medikation und die Drohung der “Schnellen”, sich aus ihrer Welt herauszuhalten. Kurz darauf stirbt Vals bester Freund.
Marek lernt Val erst viel später kennen. Er weiss nichts von ihrer Psychose, kennt weder ihre Ängste noch ihre Schuldgefühle. Ihr unkontrollierbares Verhalten irritiert ihn, doch anstatt sich zurückzuziehen, will er Val helfen. Er bleibt selbst dann noch an ihrer Seite, als er in ihrer Wohnung die verstümmelte Leiche ihrer besten Freundin findet.
“Du bist zu schnell” ist ein atemberaubender Thriller, der aus drei unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Marek macht den Anfang, dann erzählt Val, schliesslich kommt Theo hinzu, der Freund des ermordeten Mädchens. Val allein kennt die Wahrheit – und nach dieser Wahrheit sind “die Schnellen” die Mörder. Als auch sie mit Schnittwunden aufgefunden wird, die an diejenigen ihrer toten Freundin erinnern, können Marek und Theo nicht mehr an dieser Wahrheit zweifeln – bis das Geschehen kippt und theoretisch auch Marek einer der “Schnellen” sein könnte. In einem abgelegenen, eingeschneiten Bauernhaus spitzt sich die Situation zu. “Die Schnellen” sind da, ohne Zweifel – aber sind sie real, oder existieren sie nur in Vals Kopf? Da geschieht ein weiterer Mord …
Zoran Drvenkars Roman handelt nicht nur von der Sucht, er macht auch süchtig. Einmal in die Geschichte eingetaucht, ist es unmöglich, sich von ihr zu lösen – zu kunstvoll sind die Spannungsbögen miteinander verwoben, zu drastisch ist das dargestellte Geschehen. Sicher nichts für schwache Nerven!
MAREN BONACKER

Iqbals Geschichte
Francesco D'Adamo
Aus dem Italienischen von Julia Riesz
Verlag: Hammer, Publiziert: 2003, Seiten: 155, ISBN/ISSN/EAN: 3-87294-941-1
Schlagwörter: Armut | Arbeit

Iqbal ist dreizehn, als er auf offener Strasse erschossen wird. Aus einem vorbeifahrenden Auto heraus feige ermordet, weil er sich nicht damit abfinden wollte, dass in seinem Heimatland Tag für Tag mehr als sieben Millionen Kinder zu härtester Arbeit gezwungen werden. Weil er den Mut und die Kraft besass, aufzubegehren und für seinen Traum zu kämpfen: “Ich will ein berühmter Anwalt werden und sämtliche Kinder von Pakistan befreien!”
Francesco d’Adamo ist nie in Pakistan gewesen. Iqbal Masih ist er nie begegnet. Ein paar unscharfe Zeitungsfotos waren alles, was der italienische Autor von dem aussergewöhnlichen pakistanischen Jungen besass, dessen Schicksal vor einigen Jahren auch durch die Presse ging.
Es ist Fatima, die “Iqbals Geschichte” aus der Ich-Perspektive erzählt. Wie die anderen Kinder in der Teppichweberei ist auch sie von ihren Eltern nach einer verlorenen Ernte verkauft worden, um das Darlehen beim Wucherer abzuarbeiten. An einen Webstuhl gefesselt, Teppiche zu knüpfen, gehört auch für sie “zu jenen Schicksalsschlägen im Leben, die sich nicht vermeiden liessen”. Bis Iqbal auftaucht.
D’Adamos Buch wühlt auf. Es macht deutlich, was Kinderarbeit bedeutet: Von früh morgens bis spät abends unter menschenunwürdigen Bedingungen in einem Bergwerk, einer Teppichweberei oder Ziegelei für ein paar Löffel Brei und etwas Wasser Akkord zu arbeiten, “bis ich erschöpft auf den Boden aus gestampfter Erde sinke” – grausamer Alltag für mehr als 250000 Millionen Kinder in Asien, Afrika und Lateinamerika.
ANDREA DUPHORN

Skelly und Jake
Barbara Park
Aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: Bertelsmann, Publiziert: 2003, Seiten: 125, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12699-4

Solange Jake sich erinnern kann, war Skelly für ihn da. Nun hat der geliebte Grossvater Alzheimer. „Keine grosse Sache“, denkt Jake zunächst, das ist die Krankheit, die alte Leute vergessen lässt, wo sie ihre Autoschlüssel hingelegt haben. Schon bald weiss er: „Alzheimer hat drei Phasen. (1) traurig, (2) noch trauriger und (3) das Traurigste, was du je erlebt hast.“ Die Krankheit des Grossvaters verändert auch Jakes Leben völlig. Obwohl er seinen Grossvater sehr liebt und alles tut, um ihm zu helfen, beginnt er sich mehr und mehr für ihn zu schämen, lädt keine Freunde mehr zu sich ein, hört auf Sport zu treiben und zieht sich auch sonst immer mehr aus dem „normalen“ Leben zurück.
Einfühlend, emotional und bewegend lässt Barbara Park ihren Protagonisten aus der Ich-Perspektive von den Stadien jener Krankheit berichten, die die Erinnerung eines Menschen binnen kurzer Zeit völlig zerstören kann. Vom Moment der Diagnose und ersten, harmlos erscheinenden Vergesslichkeiten über „Das ist nicht der Wäschekorb“-Zetteln auf Telefonhörern und am Hemdsaum angenähten Listen mit Gedächtnisstützen bis hin zur völligen Verwirrtheit. Situationen, die Schmunzeln lassen wechseln mit ernüchternden Momenten, die die ganze Tragweite jener Erkrankung erahnen lassen. Dennoch ist „Skelly und Jake“ kein trauriges, sondern ein warmherziges, Trost und Hoffnung spendendes Buch. Mit einem Ende, bei dem es einem noch einmal richtig warm ums Herz wird…
ANDREA DUPHORN

Zwerg Nase
Wilhelm Hauff
Verlag: Cornelsen Software, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-464-90045-2
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Rätsel

Ein interaktives Märchen

“Zwerg Nase” ist eine getreue, aber biedere Adaption des gleichnamigen Märchenklassikers von Wilhelm Hauff. Die Vorgeschichte von der Verzauberung des hübschen Jakob durch die Hexe Kräuterweiss wird von einem animierten Sternchen erzählt, das den SpielerInnen auch während des Spielverlaufs beratend zur Seite steht.
Das Spielziel ist schnell erklärt: Es gilt, das Kräutlein Niesmitlust zu finden, um den armen Jakob wieder zu entzaubern. Im linear gestalteten Spiel führt die SpielerIn Jakob zum gräflichen Schloss, hilft ihm, unter anderem eine Kochprüfung zu bestehen, und rettet die ebenfalls verzauberte Gans, die der Hauptfigur von nun an bis zum glücklichen Ende als Helferin zur Seite steht.
Das interaktive Märchen erinnert durch seine opulente Grafik und schräge Perspektivik ein wenig an die beliebte Bilderbuchumsetzung von Friedrich Hechelmann. Aufgrund der kargen Animation, aber auch wegen der monotonen Hintergrundmusik sowie der sehr rigiden Spielstruktur wirkt das Spiel insgesamt jedoch etwas langatmig.
Über die zwei Schwierigkeitsstufen wird dafür eine abwechslungsreiche Palette an mitunter kniffligen Rätseln geboten. Die von Lernsoftware-Hersteller Cornelsen produzierte Scheibe genügt pädagogischem Anspruch: Denksportaufgaben, Geschicklichkeits- und Worträtsel stellen besonders für die jüngere, im Lesen noch nicht sattelfeste Spielerschaft eine spannende Herausforderung dar.
Mela Kocher

Schneewittchen und die 7 Hänsel
Verlag: Tivola, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-89887-050-2
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Was passiert, wenn Hänsel und Gretel im Wald die falsche Abzweigung erwischen und statt zum Knusperhäuschen zum Haus der sieben Zwerge gelangen? Diese Frage beantwortet die neu aufgelegte CD-ROM “Schneewittchen und die 7 Hänsel”.

Die Grundidee ist bestechend: Drei Grimm-Märchen sollen ihrem richtigen Ende zugeführt werden. Aber mindestens ebenso viel Spass macht es, den “falschen”Spuren zu folgen, die Geschichten anders enden zu lassen oder zu vermischen. So kann es passieren, dass die ausgehungerten Eltern von Hänsel und Gretel den Kuchen und Wein verputzen, der eigentlich für Rotkäppchens Grossmutter bestimmt gewesen war.

Diese Verwechslungen und Verwirrspiele machen bereits Vierjährigen Spass. Und die Figuren, die visuellen Einzelheiten und die Dialoge, welche mit grosser Liebe zum Detail und offensichtlichem Spass an der Sache gestaltet sind, bringen auch Erwachsene zum Schmunzeln. So stürzt sich der affektierte Prinz je nach Wahl der Spielerin mit den Worten “So was Schönes! Mitten im Wald!” nicht auf Schneewittchen, sondern auf einen Federhut und lässt die Prinzessin auf alle Ewigkeit in ihrem Glassarg liegen.

Audio-Spur und grafische Umsetzung sind gut gelungen; die Navigation ist übersichtlich. Einziger Wermutstropfen: Die CD ist, auch wenn man allen Nebensträngen der Märchen nachgeht, bereits nach ungefähr zwei Stunden ausgespielt.

Der 1996 erstmals erschienene Titel gilt als eigentlicher “Klassiker” unter den deutschsprachigen CD-ROMs für Kinder, und dieses Prädikat ist angesichts der Qualität und relativen Zeitlosigkeit des Spiels wohl auch gerechtfertigt.

JUDITH MATHEZ

Guten Morgen, Theo
Marie-Louise Gay
Aus dem Englischen von Sophie Birkenstädt
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51567-0
Schlagwörter: Geschwister

Sich anziehen, das ist ein Abenteuer für jedes Vorschulkind. So geht es auch Theo, der eines Tages die Hilfe seiner grossen Schwester Sophie zurückweist und zur Tat schreitet. Nur, der Schlafanzug scheint über Nacht enger geworden zu sein und der Kopf passt nicht mehr durch, die Unterhosen haben sich in Luft aufgelöst, der Pullover wird zum Labyrinth und die zweite Socke lässt sich nicht mehr auftreiben. Endlich ist Theo so weit: „Sophie, fertig! Ganz alleine!“ Aber da fehlt noch die Hose. Sophie macht das Anziehen zum Verstecken-und-Finden-Spiel und lässt ihrem Bruder genau den Raum und die Zeit, die er braucht, um den Spass an der Eigeninitiative nicht zu verlieren. Als die beiden das Haus verlassen wollen, merkt Theo, das etwas immer noch nicht stimmt: Sophie hat ob all dem Mithelfen vergessen, sich selber anzuziehen.
Die kanadische Illustratorin Marie-Louise Gay zeigt auch in ihrem fünften Sophie-Band auf Deutsch einen kleinen Ausschnitt eines Kindertages. Ihre Illustrationen leben ganz von der Dynamik zwischen den beiden Geschwistern, von Sophies orange flammenden Haaren und Theos gelbem Wuschelkopf. Gays Bilder in ausgewaschenen Wasserfarben, denen ein schmaler Bleistiftstrich Kontur gibt, lassen viel Weissraum offen und laden, genau so wie die wenigen, repetitiven Sätze, die BetrachterInnen zum eigenen Philosophieren über die Kunst des Selbstständigwerdens ein.
CHRISTINE TRESCH

Josefine findet heute alles doof
Tove Appelgren, Illustration: Salla Savolainen
Aus dem Schwedischen von Dagmar Brunow
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6267-1

Josefine weiss, dass es klüger wäre, sie würde sich einfach anziehen, Mama anlächeln, und alles wäre wieder in Ordnung. Stattdessen rutscht ihr heraus: "Du bist doof." Der Anlass für den Streit? Nichtig und vergessen. Aber Mutter und Tochter schaukeln sich gegenseitig hoch, anfängliche Friedensangebote schlagen fehl, bis Josefine ausziehen will, aber nach heftigem Weinen erschöpft auf dem Teppich einschläft. Ihre Mutter, ebenso erschöpft vom Streit und vom Wäsche-Baby-Einkauf-Alltag, sitzt kraftlos in der Küche und fühlt sich als schlechteste Mama der Welt. Erst als der Vater und Paul nach Hause kommen und das Baby sowie das Aufräumen übernehmen, schaffen es Mutter und Tochter, sich gegenseitig zu entschuldigen und zu sagen, dass sie sich gern haben.
Sehr subtil werden hier heutige Familienrealität sowie die Gründe für Streit und Missverständnisse erfasst. Situationskomik und die liebevoll witzigen und detailreichen Illustrationen machen daraus ein ebenso ernstes wie lustiges und nützliches Buch.
BRUNO BLUME

Alles steht oben geschrieben
Claudine Desmarteau
Aus dem Französischen von Thomas Minssen
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-40-1

Philipp denkt nach: Warum heisst er ausgerechnet Philipp? Warum liebt sein Vater Bier, der Grossvater Wein, der Urgrossvater Whisky? Und was bedeutet das für ihn selbst? Seine Mutter weiss auf alle Fragen nur eine Antwort: Alles ist vorausbestimmt. Auf sehr kindliche Art versucht Philipp, diese Anschauung zu seinen Gunsten anzuwenden. Das bringt ihm aber letztlich nur eine Reihe von Ohrfeigen ein, so dass er beschliesst, sein Schicksal – falls es das gibt – selbst zu bestimmen.
Alkoholismus, Gewalt von Autoritäten, Fatalismus: Dieses Bilderbuch hat es in sich! Es steht aber ganz auf der Seite der Kinder und vereint Humor und Ernsthaftigkeit zu Tragikomik mit Tiefgang. Auch für Erwachsene ist das Buch eine Herausforderung, etwa wenn die Schicksalsergebenheit der Mutter oder philosophische Gedankenwindungen erklärt werden müssen. Die Bilder aber fangen die hohe philosophische Dichte malerisch auf und bieten äusserst probate Schlüssel zum Verstehen. Sie sind fast ganz in den Grundfarben Rot, Blau, Gelb gehalten und die Figuren stellen mehr Typen als Charaktere dar: der aufgeweckte Junge, die hilflose Mutter, der strafende und sonst abwesende Vater – der sich zu einem grässlichen Riesen verzerrt, wenn er betrunken ist.
BRUNO BLUME

Pia will ein Baby
Thierry Lenain, Illustration: Delphine Durand
Aus dem Französischen von Alexandra Rak
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6839-4
Schlagwörter: Sexualität

Pia weiss, wie das geht mit dem Kindermachen: Sich auf dem Bett ganz fest drücken. Sehr lang. Danach eine Kleinigkeit naschen und dabei als Frau innere Zufriedenheit ausstrahlen. So macht sie das mit Paul, der sich nachher fragt, "ob er eine grosse Dummheit gemacht hat", denn am nächsten Tag schon hat Pia einen dicken Bauch, der nicht mehr weggeht und auch gegen die schimpfende Lehrerin besteht. Nach drei Tagen ist der Bauch weg und das Baby da – ein wirklich echtes! Und Pia umarmt Paul und nennt ihn Schatz, "wie bei einem echten Liebespaar." Da findet Paul es genial, ein Baby zu haben – bis die Mutter von Pia kommt und deren Babybruder abholt …
Nach "Hat Pia einen Pipimax" ist auch das zweite Bilderbuch mit Paul und Pia aus Pauls Sicht erzählt. Die Heldin ist aber klar Pia. Sie ist die Aktive, hat die Ideen und wirbelt Pauls Emotionen ganz schön durcheinander. Das Buch sprüht nur so von lustigen Einfällen und genauen Beobachtungen, Text und Illustrationen ergänzen sich dabei ideal. Die karikierten Figuren, die Farben und Formen strahlen unbändige kindliche Freude und Lebenslust aus.
BRUNO BLUME

Meine Füsse sind der Rollstuhl
Franz-Joseph Huainigg, Illustration: Verena Ballhaus
Verlag: Betz, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-219-11097-5
Schlagwörter: Behinderung | Emanzipation | Freundschaft

Margit empfindet sich als ein Kind wie jedes andere auch. Aber wenn sie in ihrem Rollstuhl heranfährt, gehen Eltern mit ihren Kindern rasch weiter. Auf dem Weg zu ihrem ersten Einkauf ohne Mutter bemitleidet eine Oma Margit, ein Mann starrt sie an, beim Zebrastreifen die Trottoirkante nicht abgeflacht und im Laden gehen ihr alle zur Hand, obwohl sie die Dinge gut selber aus dem Gestell nehmen kann. Margrit beginnt vor Ärger zu weinen. Da kommt Sigi dazu, ein dicker Junge, der ebenfalls diskriminiert wird, und tröstet sie. Die beiden debattieren darüber, ob sie normale Kinder sind oder, wie Sigi meint, besondere. Auf dem Rückweg vom Supermarkt lernt Margit, sich zu wehren: Sie bedauert die Oma ihrer Griesgrämigkeit wegen und schenkt ihr einen Lolly, die Trottoirkante beanstandet sie beim Polizisten, einem Mädchen erklärt sie, was Behinderung bedeutet, und am Mann, der ihnen immer noch nachguckt, fahren sie und Sigi, der hinten auf dem Rollstuhl steht, in rasantem Tempo vorbei: damit er wirklich etwas zum Gucken hat.
Die Geschichte vereinfacht zwar, überzeugt aber durch das Exemplarische. Leider wird die Lösung von aussen, vom Jungen an das Mädchen herangetragen. Der Text erschien zuerst 1993 und ist zum Jahr der Behinderung kunstvoll neu illustriert worden. So ist richtig schön mit anzusehen, wie sich die beiden Kinder bei ihrer Selbstbefreiung gegenseitig in Fahrt bringen, wie sie von Lebensfreude gepackt werden und Margit sich als besonderes Mädchen zu begreifen beginnt.
BRUNO BLUME

Ein Geräusch, wie wenn einer versucht, kein Geräusch zu machen
John Irving, Illustration: Tatjana Hauptmann
Aus dem amerikanischen Englisch von Irene Rumler
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2003, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-257-01102-4

Nachts lauern überall unbekannte Gestalten und Geräusche, und je mehr Fantasie ein Kind hat, desto mehr Dinge glaubt es hinter diesen zu entdecken. Tom weiss eine ganze Reihe von Erklärungen für das Rascheln, das ihn aus dem Schlaf geholt hat und weckt seinen Vater: "Wie ein Monster mit ohne Arme und ohne Beine", sagt er, und: "wie wenn ein Gespenst in der Mansarde Erdnüsse fallen lässt, die es aus der Küche stibitzt hat". Der Vater erklärt ihm, dass das nur Mäuse zwischen den Wänden sind, die hin- und herlaufen, und bleibt am Bett sitzen, bis Tom wieder einschläft. Dafür liegt jetzt der kleine Tim wach und stellt sich bei jedem Rascheln das Monster mit ohne Arme und ohne Beine vor …
Der Text stammt aus John Irvings Roman "Witwe für ein Jahr" und sein Manko ist in erster Linie, dass er als Bilderbuchtext zu belanglos ist. Aber dank der grossartigen Illustrationen von Tatjana Hauptmann ist "Ein Geräusch, wie wenn einer versucht, kein Geräusch zu machen" dennoch ein besonderes Buch. Hauptmann fängt die Nacht in blauschwarzer Schattenstimmung ein und zeigt Tom ziemlich mutig, nämlich allein durch Haus und Garten streifend. Der Vater wird nicht visualisiert, was dem Jungen und damit dem betrachtenden Kind Autonomie in geschütztem Rahmen bietet.
BRUNO BLUME

Schenk mir Flügel …
Heinz Janisch, Illustration: Selda Soganci Marlin
Verlag: NP-Verlag, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-85326-275-9
Schlagwörter: Fantasie

Dass eine Kinderzeichnung lebendig wird und aus dem Papier steigt, ist im Bilderbuch schon oft und in unterschiedlicher Qualität passiert. Hier ist es ein Engel, der (auch das ist üblich) sich gegen die altmodische Standardausrüstung wehrt: „Aber mal mir jetzt nicht diese Flügel. Du weisst schon, die mit den grossen Federn.“ Was das Kind ihm dann als Flügel aus verschiedenstem Material malt, ist pure Poesie: Flügel aus Wasser, aus Sonnenlicht, aus blühenden Zweigen und aus Papier, Flügel aus einer Handvoll Schatten, aus Buchstaben, aus Gras und Glas.
Text und Bild entfalten ein prächtiges Bouquet aus Fantasie und Lebensfreude, während der Nachmittag ruhig und besinnlich vergeht. Der sich wiederholende schöpferische Akt als Geschenk ist das Thema, um nichts anderes geht es, und das unterscheidet das Buch dann doch von anderen. Auch die Illustrationen sind besonders: Auf Holz gemalt und dessen Struktur dekorativ nutzend entstehen warme, freundliche Illustrationen, die an der Grenze zum Kitsch grosse Eigenständigkeit bewahren. Der Engel ist eine Vertrauensfigur und das Kind so gezeichnet, dass offen bleibt, ob es ein Junge oder Mädchen ist.
BRUNO BLUME

Käpten Knitterbart und seine Bande
Cornelia Funke, Illustration: Kerstin Meyer
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6506-9
Schlagwörter: Abenteuer

Titel und Titelbild deuten nicht darauf hin, was dem schrecklichen Knitterbart und seinen Piraten passiert, schon gar nicht, dass in diesem Buch ein Mädchen und ihre Mutter die Hauptrolle spielen. Molly ist allein unterwegs zu ihrer Oma, als fünf Mann plus Schildkröte ihr Segelboot entern und sie gefangen nehmen. Aber Molly fürchtet sich nicht, und sie verrät auch nicht, wer ihre Eltern sind, von denen die Piraten Lösegeld fordern wollen. Stattdessen verschickt sie heimlich eine Flaschenpost. Schon bald kommt ein anderes Piratenschiff herangebraust – und darauf die Wilde Berta, die ihre Tochter befreit. Eine Strafe für das feige Mannsvolk ist schnell gefunden: Fortan müssen sie auf Bertas Schiff all die Arbeiten erledigen, die sie der gefangenen Molly aufgehalst hatten: Kartoffeln schälen, Deck schrubben sowie Bertas Stiefel polieren.
Die Geschichte funktioniert so gut, weil das Auftauchen von noch wilderen Piratinnen wirklich überrascht, wobei das Ende eine einfache Umkehrung der üblichen Machtverhältnisse darstellt. Vielschichtiger sind die Illustrationen, die in witzigen Details zum genauen Schauen verleiten (etwa die Unterschiede zwischen Piraten und Piratinnen) und in unzähligen Blautönen die Meeresstimmung einfangen.
BRUNO BLUME

Olga mit dem Gummipropeller
Franz Zauleck
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2003, Seiten: 31, ISBN/ISSN/EAN: 3-7026-5746-0

Die Kuh Olga erzählt die Geschichte, warum Kühe bunt gefleckt sind, in bester Märchentradition. In ihrer Kindheit gab es nämlich nur einfarbige Kühe, und die waren sich spinnefeind. Deswegen war es für Olga als schwarzes Kalb einer weissen Kuh in mitten lauter anderer weisser Kühe sehr schwer. Auch der Gummipropeller, den sie von ihrer Mutter geschenkt bekam, half ihr in ihrem Anderssein nicht weiter, zumal dieser auch noch von einer Fee auf einer Wolke weggeschnappt wurde. Die Fee liess Olga, die zu ihr auf die Wolke geklettert war, aber drei Wünsche frei. Natürlich wünschte Olga sich als erstes, weiss zu sein. Nur war die Wolke mit Olga inzwischen zum Schwarzkuhdorf getrieben…
Wie aus einer anderen Welt erscheint dieses Bilderbuch, und tatsächlich ist Franz Zauleck, in der DDR bekannter Bühnenbildner und Illustrator, seinem Stil – aquarellierte Tuschezeichnungen mit geklebten Flächen und Gegenständen – treu geblieben. Er erzählt in seinen Bildern die Geschichte in viele Richtungen weiter. Die alte Fabel vom Anderssein wird hier alles andere als platt variiert und erweitert, ist so witzig wie tiefsinnig, dazu mit einer absolut liebenswürdigen Protagonistin ausgestattet. Nur die Mutter, die an Marie aus Büchners Woyzeck erinnert, macht keine gute Figur, erkennt auch ihr Kalb nicht wieder. Umso tröstlicher ist es, dass Olga sich selbst durchsetzt und den letzten Wunsch sehr klug einsetzt. Ein Buch zum immer wieder Anschauen.
BRUNO BLUME

Hast Du Angst vor Gespenstern?
Peter Geissler, Illustration: Kat Menschik
Verlag: Hanser, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20295-1

Natürlich hat Papa keine Angst vor Gespenstern und Paul auch nicht, er will doch eins basteln, aus einem alten Tuch, mit zum Fürchten dunkler Farbe, mit einem Lampion, der grell aufleuchtet, und mit Ketten, die grauslich rasseln. Aber wohin mit dem fertigen Gespenst? An die Decke, in die Kammer, in die Küche, ins Bad? Da könnte es Paul Angst machen, vielleicht auch Papa? Besser, man sperrt es in ein Gespensterhaus, eins mit schwarzen Wänden und knarrender Tür, die natürlich mit einem Schlüssel verriegelt sein muss. Bloss, wohin mit dem Schlüssel, damit ihn die kleine Schwester nicht findet und das Gespenst womöglich raus lässt? Überhaupt, können Gespenster zum Schüsselloch rausfliegen? Fragen über Fragen. Im Hintergrund denkt Papa mit. Beim Einschlafen gesteht ihm Paul ganz leise, dass er sich manchmal ein bisschen fürchtet, und Papa sagt, es gehe ihm genau so. Fürchten ist manchmal sogar ein kleines Bisschen schön, vor allem, wenn Papa dabei ist.
Mit der genau richtigen Nähe und Distanz ist hier ein Verhältnis zwischen Vater und Sohn geschildert, in dem ohne plumpes Anbiedern, ohne moralisches Besserwissen mit viel Einfühlungsvermögen und augenzwinkerndem Einvernehmen das Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit und Verständnis vermittelt wird.
Die ausdrucksstarken und mit sicherer Hand gestalteten Bilder unterstreichen den humorvollen Umgang mit einem ernsten Thema. Dies gelingt nicht zuletzt auch durch die Farbgebung, die sich auf jeder Doppelseite nach der augenblicklichen Stimmung richtet.
HELENE SCHÄR

Ich trau mich, ich trau mich nicht
Angela Gerrits
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2003, Seiten: 152, ISBN/ISSN/EAN: 3-499-21256-0
Schlagwörter: Freundschaft | Pubertät

“Freche Liebesgeschichten zum Taschengeldpreis” inklusive Glitzertattoo verspricht die neue Teeniereihe “Chaos, Küsse, Katastrophen”. Coole Girls drängen auf den Buchmarkt, die versuchen, mit Humor, Selbstbewusstsein und intensivem Bereden in verwirrten Liebesgeschichten die Oberhand zu behalten.
Warum verliebt man sich ausgerechnet dann zum ersten Mal, wenn das Leben ohnehin schon kompliziert genug ist? Da sind die Eltern, die Berge von Büchern über Pubertät und Ablösung gelesen haben, ohne dass die Kinder etwas davon hätten, und da ist, besonders bei den Mädchen, der Körper, der sich vor aller Augen verändert. Schule und Berufswahl machen die Sache auch nicht gerade leichter. Wie das Leben in der Pubertät auf die schiefe Bahn gerät, ist Stoff für viele Jugendbücher; nicht nur für literarische wie Karlijn Stoffels’ “Rattenfänger” (Beltz&Gelberg 2003), sondern für ganze Reihen von eindeutig pädagogisch ausgerichteten zu Themen wie Magersucht, Angstzuständen oder Drogen – etwa die dokumentarischen Romane von Jana Frey im Loewe-Verlag.
Immer mehr Pubertätsreihen erzählen aber nicht von ernsthaft grübelnden Teenagern, sondern von coolen Girlies – entsprechend dem Trend, den es in der Literatur für Erwachsene schon seit Jahren gibt: freche Bücher für wilde Frauen. Rotfuchs hat im Herbst eine neue Reihe mit Mädchenbüchern lanciert, die unter dem Titel “Chaos, Küsse, Katastrophen” viel Unterhaltung und viel Humor bei geschlechts- und altersspezifischer thematischer Ausrichtung verspricht. Dass der Verlag damit nicht in erster Linie leidenschaftliche Leserinnen anpeilt, verraten die aufklebbaren Glitzertattoos, die mit jedem Buch zu haben sind.
“Chaos, Küsse, Katastrophen”: Der Titel ist Programm. Die Autorinnen der ersten drei Bücher (diesen Sommer doppeln alle drei gleich noch einmal mit je einem Roman nach) halten sich streng an die Vorgabe und lassen ihre Girls in (gemässigt) chaotischen Verhältnissen aufwachsen, schicken sie in komplizierte Liebesverstrickungen, die immer haarscharf an der Katastrophe vorbeischlittern. Eine ordentliche Katastrophe muss man sich so vorstellen: Bonnie verliebt sich in Frank, erzählt ihrer besten Freundin Vivian davon – nur damit diese Zicke in Ledermini und Glitzertop ihr den hübschen Jüngling vor der Nase wegschnappt. Doch es geht den Autorinnen nicht nur um Klamauk. Das Selbstvertrauen von Mädchen in der Pubertät – nach Aussagen von PädagogInnen bekanntlich ein höchst zerbrechliches Gut – soll gestärkt werden, und so findet sich schliesslich für Bonnie eine glückliche Lösung.
Angela Gerrits spielt für Bonnie in jeder Situation zwei Möglichkeiten durch: A. Ich trau mich, B: ich trau mich nicht. Realistischerweise ist Mut nicht immer der Schlüssel zum Erfolg, aber am Ende hilft er Bonnie herauszufinden, dass der begehrte Jüngling wirklich in sie verliebt ist und nicht etwa in die intrigante Schlange Vivian. Es ist gar nicht so leicht, ein lustiges Buch über die Irrungen und Wirrungen der weiblichen Pubertät zu schreiben und dabei die Sorgen der Mädchen ernst zu nehmen. Da der Humor in allen drei Büchern von den Elementen der (Fernseh-) Komödie lebt, also von Missverständnissen, Situationskomik und berechenbaren Figurentypen, ist wenig Platz für eine differenzierte Darstellung der Protagonistinnen. Bonnie entspricht einem bestimmten Typus Mädchen, einem, mit dem sich jede Leserin identifizieren kann: Sie sind hübsch, aber nicht übertrieben schön und ganz bestimmt nicht glamourös aufgedonnert, sie sind ein bisschen mutig und ein bisschen schüchtern, klug, einfühlsam, sozial kompetent, und ihr Selbstbewusstsein ist zwar in Ordnung, wenn auch nicht über alle Zweifel erhaben. Und noch etwas: Sie sind ausgesprochen kommunikativ.
Da setzt denn auch die versteckte Pädagogik der “Chaos, Küsse, Katastrophen”-Reihe ein: die Mädchen machen zwar öfter Dummheiten, doch sie kommen gleich wieder zur Besinnung und diskutieren die Sache in allen Einzelheiten aus, entweder mit der besten Freundin oder häufig auch mit der Mutter. Da haben sie nämlich Glück: Ihre Mütter sind zwar unglaublich chaotisch – “Manchmal müssen Töchter auch für ihre Mütter da sein, besonders bei Liebeskummer, und bei Mamas drei Lovern seit Papa hatte ich ganz gute Übung bekommen”, sagt Bonnie einmal seufzend –, sie sind aber dennoch moderne Powerfrauen, die Beruf, Kinder und Liebesleben irgendwie unter einen Hut bringen und dabei immer ein offenes Ohr für die Sorgen der Tochter haben. Die Bücher bestehen zum grossen Teil aus Dialogen, was ihnen Tempo und Drive gibt – und die harmlos-heitere Botschaft zwischen den Zeilen ist deutlich genug: Es gibt für alles Lösungen auf der Welt, wenn man nur darüber redet – und öfter mal über sich selber lacht.
CHRISTINE LÖTSCHER

1000 Gründe sich nicht zu verlieben
Hortense Ullrich
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2003, Seiten: 185, ISBN/ISSN/EAN: 3-499-21236-6
Schlagwörter: Freundschaft | Pubertät

“Freche Liebesgeschichten zum Taschengeldpreis” inklusive Glitzertattoo verspricht die neue Teeniereihe “Chaos, Küsse, Katastrophen”. Coole Girls drängen auf den Buchmarkt, die versuchen, mit Humor, Selbstbewusstsein und intensivem Bereden in verwirrten Liebesgeschichten die Oberhand zu behalten.
Warum verliebt man sich ausgerechnet dann zum ersten Mal, wenn das Leben ohnehin schon kompliziert genug ist? Da sind die Eltern, die Berge von Büchern über Pubertät und Ablösung gelesen haben, ohne dass die Kinder etwas davon hätten, und da ist, besonders bei den Mädchen, der Körper, der sich vor aller Augen verändert. Schule und Berufswahl machen die Sache auch nicht gerade leichter. Wie das Leben in der Pubertät auf die schiefe Bahn gerät, ist Stoff für viele Jugendbücher; nicht nur für literarische wie Karlijn Stoffels’ “Rattenfänger” (Beltz&Gelberg 2003), sondern für ganze Reihen von eindeutig pädagogisch ausgerichteten zu Themen wie Magersucht, Angstzuständen oder Drogen – etwa die dokumentarischen Romane von Jana Frey im Loewe-Verlag.
Immer mehr Pubertätsreihen erzählen aber nicht von ernsthaft grübelnden Teenagern, sondern von coolen Girlies – entsprechend dem Trend, den es in der Literatur für Erwachsene schon seit Jahren gibt: freche Bücher für wilde Frauen. Rotfuchs hat im Herbst eine neue Reihe mit Mädchenbüchern lanciert, die unter dem Titel “Chaos, Küsse, Katastrophen” viel Unterhaltung und viel Humor bei geschlechts- und altersspezifischer thematischer Ausrichtung verspricht. Dass der Verlag damit nicht in erster Linie leidenschaftliche Leserinnen anpeilt, verraten die aufklebbaren Glitzertattoos, die mit jedem Buch zu haben sind.
“Chaos, Küsse, Katastrophen”: Der Titel ist Programm. Die Autorinnen der ersten drei Bücher (diesen Sommer doppeln alle drei gleich noch einmal mit je einem Roman nach) halten sich streng an die Vorgabe und lassen ihre Girls in (gemässigt) chaotischen Verhältnissen aufwachsen, schicken sie in komplizierte Liebesverstrickungen, die immer haarscharf an der Katastrophe vorbeischlittern. Eine ordentliche Katastrophe muss man sich so vorstellen: Sanny ist dreizehn und war noch nie verliebt. Nun nimmt sie sich fest vor, sich in Rob zu verlieben, was gründlich schief geht, doch immerhin entsteht so eine Reihe von vergnüglichen Missverständnissen.
Doch es geht den Autorinnen nicht nur um Klamauk. Das Selbstvertrauen von Mädchen in der Pubertät – nach Aussagen von PädagogInnen bekanntlich ein höchst zerbrechliches Gut – soll gestärkt werden, und so findet sich schliesslich für Sanny eine glückliche Lösung. Sanny gibt es auf, sich um jeden Preis verlieben zu wollen – und verliebt sich, wie das Leben so spielt, als sie es am wenigsten erwartet.
Es ist gar nicht so leicht, ein lustiges Buch über die Irrungen und Wirrungen der weiblichen Pubertät zu schreiben und dabei die Sorgen der Mädchen ernst zu nehmen. Da der Humor in allen drei Büchern von den Elementen der (Fernseh-) Komödie lebt, also von Missverständnissen, Situationskomik und berechenbaren Figurentypen, ist wenig Platz für eine differenzierte Darstellung der Protagonistinnen. Sanny entspricht einem bestimmten Typus Mädchen, einem, mit dem sich jede Leserin identifizieren kann: Sie sind hübsch, aber nicht übertrieben schön und ganz bestimmt nicht glamourös aufgedonnert, sie sind ein bisschen mutig und ein bisschen schüchtern, klug, einfühlsam, sozial kompetent, und ihr Selbstbewusstsein ist zwar in Ordnung, wenn auch nicht über alle Zweifel erhaben. Und noch etwas: Sie sind ausgesprochen kommunikativ.
Da setzt denn auch die versteckte Pädagogik der “Chaos, Küsse, Katastrophen”-Reihe ein: die Mädchen machen zwar öfter Dummheiten, doch sie kommen gleich wieder zur Besinnung und diskutieren die Sache in allen Einzelheiten aus, entweder mit der besten Freundin oder häufig auch mit der Mutter. Da haben sie nämlich Glück: Ihre Mütter sind zwar unglaublich chaotisch – “Manchmal müssen Töchter auch für ihre Mütter da sein, besonders bei Liebeskummer, und bei Mamas drei Lovern seit Papa hatte ich ganz gute Übung bekommen”, sagt Bonnie einmal seufzend –, sie sind aber dennoch moderne Powerfrauen, die Beruf, Kinder und Liebesleben irgendwie unter einen Hut bringen und dabei immer ein offenes Ohr für die Sorgen der Tochter haben. Die Bücher bestehen zum grossen Teil aus Dialogen, was ihnen Tempo und Drive gibt – und die harmlos-heitere Botschaft zwischen den Zeilen ist deutlich genug: Es gibt für alles Lösungen auf der Welt, wenn man nur darüber redet – und öfter mal über sich selber lacht.
CHRISTINE LÖTSCHER

Paulas Tage Buch
Ulrike Kuckero
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2003, Seiten: 189, ISBN/ISSN/EAN: 3-499-21255-2
Schlagwörter: Freundschaft | Pubertät

“Freche Liebesgeschichten zum Taschengeldpreis” inklusive Glitzertattoo verspricht die neue Teeniereihe “Chaos, Küsse, Katastrophen”. Coole Girls drängen auf den Buchmarkt, die versuchen, mit Humor, Selbstbewusstsein und intensivem Bereden in verwirrten Liebesgeschichten die Oberhand zu behalten.
Warum verliebt man sich ausgerechnet dann zum ersten Mal, wenn das Leben ohnehin schon kompliziert genug ist? Da sind die Eltern, die Berge von Büchern über Pubertät und Ablösung gelesen haben, ohne dass die Kinder etwas davon hätten, und da ist, besonders bei den Mädchen, der Körper, der sich vor aller Augen verändert. Schule und Berufswahl machen die Sache auch nicht gerade leichter. Wie das Leben in der Pubertät auf die schiefe Bahn gerät, ist Stoff für viele Jugendbücher; nicht nur für literarische wie Karlijn Stoffels’ “Rattenfänger” (Beltz&Gelberg 2003), sondern für ganze Reihen von eindeutig pädagogisch ausgerichteten zu Themen wie Magersucht, Angstzuständen oder Drogen – etwa die dokumentarischen Romane von Jana Frey im Loewe-Verlag.
Immer mehr Pubertätsreihen erzählen aber nicht von ernsthaft grübelnden Teenagern, sondern von coolen Girlies – entsprechend dem Trend, den es in der Literatur für Erwachsene schon seit Jahren gibt: freche Bücher für wilde Frauen. Rotfuchs hat im Herbst eine neue Reihe mit Mädchenbüchern lanciert, die unter dem Titel “Chaos, Küsse, Katastrophen” viel Unterhaltung und viel Humor bei geschlechts- und altersspezifischer thematischer Ausrichtung verspricht. Dass der Verlag damit nicht in erster Linie leidenschaftliche Leserinnen anpeilt, verraten die aufklebbaren Glitzertattoos, die mit jedem Buch zu haben sind.
“Chaos, Küsse, Katastrophen”: Der Titel ist Programm. Die Autorinnen der ersten drei Bücher (diesen Sommer doppeln alle drei gleich noch einmal mit je einem Roman nach) halten sich streng an die Vorgabe und lassen ihre Girls in (gemässigt) chaotischen Verhältnissen aufwachsen, schicken sie in komplizierte Liebesverstrickungen, die immer haarscharf an der Katastrophe vorbeischlittern. Eine ordentliche Katastrophe muss man sich so vorstellen: Die weibliche Intuition sagt Paula, dass sie demnächst zum ersten Mal ihre Tage bekommen wird – ausgerechnet auf Klassenreise. So kommt es tatsächlich, und noch schrecklicher (und schöner): sie verliebt sich in Elias, der ihr tief in die Augen schaut, eine Sekunde später aber bereits mit einer gross gewachsenen Blondine flirtet. (Ulrike Kuckero: “Paulas Tage Buch”). Doch es geht den Autorinnen nicht nur um Klamauk. Das Selbstvertrauen von Mädchen in der Pubertät – nach Aussagen von PädagogInnen bekanntlich ein höchst zerbrechliches Gut – soll gestärkt werden, und so findet sich schliesslich für Paula eine glückliche Lösung. Paula hat schliesslich Glück mit Elias. Dass sie sich zwischendurch zurückgezogen hat, um sich mit ihren Freundinnen über ihre ersten Erfahrungen mit der Menstruation auszutauschen, hat sich offensichtlich positiv auf ihre Ausstrahlung ausgewirkt.
Es ist gar nicht so leicht, ein lustiges Buch über die Irrungen und Wirrungen der weiblichen Pubertät zu schreiben und dabei die Sorgen der Mädchen ernst zu nehmen. Da der Humor in allen drei Büchern von den Elementen der (Fernseh-) Komödie lebt, also von Missverständnissen, Situationskomik und berechenbaren Figurentypen, ist wenig Platz für eine differenzierte Darstellung der Protagonistinnen. Paula entspricht einem bestimmten Typus Mädchen, einem, mit dem sich jede Leserin identifizieren kann: Sie sind hübsch, aber nicht übertrieben schön und ganz bestimmt nicht glamourös aufgedonnert, sie sind ein bisschen mutig und ein bisschen schüchtern, klug, einfühlsam, sozial kompetent, und ihr Selbstbewusstsein ist zwar in Ordnung, wenn auch nicht über alle Zweifel erhaben. Und noch etwas: Sie sind ausgesprochen kommunikativ.
Da setzt denn auch die versteckte Pädagogik der “Chaos, Küsse, Katastrophen”-Reihe ein: die Mädchen machen zwar öfter Dummheiten, doch sie kommen gleich wieder zur Besinnung und diskutieren die Sache in allen Einzelheiten aus, entweder mit der besten Freundin oder häufig auch mit der Mutter. Da haben sie nämlich Glück: Ihre Mütter sind zwar unglaublich chaotisch – “Manchmal müssen Töchter auch für ihre Mütter da sein, besonders bei Liebeskummer, und bei Mamas drei Lovern seit Papa hatte ich ganz gute Übung bekommen”, sagt Bonnie einmal seufzend –, sie sind aber dennoch moderne Powerfrauen, die Beruf, Kinder und Liebesleben irgendwie unter einen Hut bringen und dabei immer ein offenes Ohr für die Sorgen der Tochter haben. Die Bücher bestehen zum grossen Teil aus Dialogen, was ihnen Tempo und Drive gibt – und die harmlos-heitere Botschaft zwischen den Zeilen ist deutlich genug: Es gibt für alles Lösungen auf der Welt, wenn man nur darüber redet – und öfter mal über sich selber lacht.
CHRISTINE LÖTSCHER

Klara Kauganzlang ist eine Kuh
Rotraut Greune, Michaela Heitmann
Verlag: Tivola, Publiziert: 2003, Seiten: 25, ISBN/ISSN/EAN: 3-936313-30-X
Schlagwörter: Natur

Oscars lustiges Kuhbuch

Mit welchen Massstäben schauen wir Sachbücher an? Was erwarten wir von ihnen? Peppige Bilder oder genaue Informationen? Informationen, die die LeserInnen ernst nehmen oder plumpe Anmache? Die Probe aufs Exempel an hand von zwei Büchern zur Kuh.

Nein, ein Buch missfällt mir nicht einfach, weil es populär daherkommt. Es interessiert jedoch, ob es eine Sache erklärt oder vernebelt. Wenn aber eine Sachbuchreihe alle Themen nach dem gleichen Schema abhandelt, ist Skepsis angebracht. Und weil sich Fakten relativ leicht im Internet finden lassen, sind argumentativer Stil und innere Logik eines Buches wichtiger denn je. Erst ein Aufbau, der Informationen einleuchtend gliedert, gibt dem Buch seine Existenzberechtigung neben Datenbanken und lohnt überhaupt das Dranbleiben.

“Ist das so wichtig? Sachbücher werden doch oft nur angeschaut”, erwidern BibliothekarInnen oft. Tatsächlich gehören einfaches Durchblättern und gelegentliches Verweilen zum Einüben der Buchnutzung. Und der Lehrer, der einen offenen Unterricht pflegt, sagt entschieden: “Es darf doch unterschiedliche Sachbücher geben.” Beide Überlegungen entbinden aber eigentlich nicht davon, gute und schlechte Sachbücher zu unterscheiden.

Während beim Reden über populäre Fiction Bezeichnungen wie “trivial” oder “Kitsch” rasch zur Hand sind, gelten Fakten als objektiv und sind folglich kaum zu beeinträchtigen durch schlechte Darstellung. Wir haben uns zwar angewöhnt, zwischen “Blick” und NZZ zu differenzieren, aber das Kuhbuch aus der Reihe “Oscar der Ballonfahrer” (Tivola) steht einträchtig neben dem Band aus “Meine erste Tier-Bibliothek” (Esslinger). Im erstgenannten finden wir die Antwort auf die Titelfrage: “Das sind keine Äste, das sind Hörner”. Im zweiten werden Vierjährige (und ihre Eltern) soweit ernst genommen, dass der Begriff Horn einfach vorausgesetzt wird.

Nehmen wir die läppische Frage im Oscar-Buch als Aufforderung, genauer zu lesen. Unter dem Bild einer Alpweide findet sich die Erklärung: “Die weissen Steine sind Salzsteine. Daran leckt Klara, wenn sie zu viel schwitzt. Denn beim Schwitzen verliert der Körper Salz.” Aber der abgebildete Stein ist nicht weiss, sondern grünlich gelb, im Ton der gepinselten Wiese. Und er hat scharfe Kanten, als hätte noch nie ein Tier daran geleckt. Und schliesslich erfährt man nicht, ob Salz nur bei Zu-viel-Schwitzen wichtig ist oder ob Schwitzen an sich natürlich und der Salznachschub darum selbstverständlich ist. Dann wäre der Begriff “zu viel” falsch. Das Vergleichsbuch sagt dazu Folgendes: “Bauern müssen auch daran denken, den Kühen Salz zum Lecken zu geben.” Die physiologische Begründung fehlt, dafür ist klar, der Stein liegt nicht zufällig in der Wiese. Das Foto dazu zeigt effektiv das Lecken, während das ersterwähnte Grossbild von Unverbindlichkeiten strotzt.

Ja, man kann, wenn man Stil und Didaktik von Sachbüchern beurteilen will, einfach einige Titel genauer anschauen: Sind die Bilder reine Aufmacher? Geht es um Sensation oder um Erklärung? Das Beispiel mit dem Salzstein ist dabei kein Einzelfall. Es ist erstaunlich, wie oft schon das Lesen der Bilder und der zugehörigen Texte Fragwürdiges sichtbar macht. Natürlich wäre eine Portion Veterinärwissen gut, um die erwähnten Bände zu prüfen. Der Hinweis auf die eigene Laienhaftigkeit dient aber oft als Ausrede, sich der Qualitätsdiskussion nicht stellen zu müssen. Aber naiv sorgfältiges Lesen reicht fürs Erste aus. Und wenn man so in “Die Kuh” die Aussage entdeckt: “Ob sie liegen oder laufen, die Kühe verändern das Bild einer Landschaft”, dann fühlt man sich bestätigt, dass der Autor sich nicht anbiedert, sondern Denken und Nachdenken wagt – und kann sich sogar damit abfinden, dass die deutschsprachige Lizenzausgabe durchwegs französische Viehwirtschaft zeigt.

Den “Hornochsen” werden hier bewusst keine Namen gegeben, das heisst, Fehlleistungen und Schwachstellen nicht einzelnen AutorInnen zugewiesen. Der Druck der Marktverhältnisse ist enorm. Dass eine schlecht bezahlte Illustratorin nicht die Musse hat, gründlich zu recherchieren, liegt nahe. Deswegen aber auf das Bewerten von Sachbüchern zu verzichten, wäre unsinnig. Ganz abgesehen davon, dass kritische Lektüre zusammen mit Kindern und Jugendlichen diesen nicht nur Vergnügen macht, sondern auch ihre Mündigkeit als KonsumentInnen stärkt. Im Übrigen ist die Faustregel, dass Einzeltitel meist interessanter sind als Serienprodukte, erst noch zu widerlegen.

HANS TEN DOORNKAAT

Die Kuh
Christian Havard
Aus dem Französischen von Anne Brauner
Verlag: Esslinger, Publiziert: 2003, Seiten: 29, ISBN/ISSN/EAN: 3-480-21904-7
Schlagwörter: Natur

Mit welchen Massstäben schauen wir Sachbücher an? Was erwarten wir von ihnen? Peppige Bilder oder genaue Informationen? Informationen, die die LeserInnen ernst nehmen oder plumpe Anmache? Die Probe aufs Exempel an hand von zwei Büchern zur Kuh.
Nein, ein Buch missfällt mir nicht einfach, weil es populär daherkommt. Es interessiert jedoch, ob es eine Sache erklärt oder vernebelt. Wenn aber eine Sachbuchreihe alle Themen nach dem gleichen Schema abhandelt, ist Skepsis angebracht. Und weil sich Fakten relativ leicht im Internet finden lassen, sind argumentativer Stil und innere Logik eines Buches wichtiger denn je. Erst ein Aufbau, der Informationen einleuchtend gliedert, gibt dem Buch seine Existenzberechtigung neben Datenbanken und lohnt überhaupt das Dranbleiben.
“Ist das so wichtig? Sachbücher werden doch oft nur angeschaut”, erwidern BibliothekarInnen oft. Tatsächlich gehören einfaches Durchblättern und gelegentliches Verweilen zum Einüben der Buchnutzung. Und der Lehrer, der einen offenen Unterricht pflegt, sagt entschieden: “Es darf doch unterschiedliche Sachbücher geben.” Beide Überlegungen entbinden aber eigentlich nicht davon, gute und schlechte Sachbücher zu unterscheiden.
Während beim Reden über populäre Fiction Bezeichnungen wie “trivial” oder “Kitsch” rasch zur Hand sind, gelten Fakten als objektiv und sind folglich kaum zu beeinträchtigen durch schlechte Darstellung. Wir haben uns zwar angewöhnt, zwischen “Blick” und NZZ zu differenzieren, aber das Kuhbuch aus der Reihe “Oscar der Ballonfahrer” (Tivola) steht einträchtig neben dem Band aus “Meine erste Tier-Bibliothek” (Esslinger). Im erstgenannten finden wir die Antwort auf die Titelfrage: “Das sind keine Äste, das sind Hörner”. Im zweiten werden Vierjährige (und ihre Eltern) soweit ernst genommen, dass der Begriff Horn einfach vorausgesetzt wird.
Nehmen wir die läppische Frage im Oscar-Buch als Aufforderung, genauer zu lesen. Unter dem Bild einer Alpweide findet sich die Erklärung: “Die weissen Steine sind Salzsteine. Daran leckt Klara, wenn sie zu viel schwitzt. Denn beim Schwitzen verliert der Körper Salz.” Aber der abgebildete Stein ist nicht weiss, sondern grünlich gelb, im Ton der gepinselten Wiese. Und er hat scharfe Kanten, als hätte noch nie ein Tier daran geleckt. Und schliesslich erfährt man nicht, ob Salz nur bei Zu-viel-Schwitzen wichtig ist oder ob Schwitzen an sich natürlich und der Salznachschub darum selbstverständlich ist. Dann wäre der Begriff “zu viel” falsch. Das Vergleichsbuch sagt dazu Folgendes: “Bauern müssen auch daran denken, den Kühen Salz zum Lecken zu geben.” Die physiologische Begründung fehlt, dafür ist klar, der Stein liegt nicht zufällig in der Wiese. Das Foto dazu zeigt effektiv das Lecken, während das ersterwähnte Grossbild von Unverbindlichkeiten strotzt. Ja, man kann, wenn man Stil und Didaktik von Sachbüchern beurteilen will, einfach einige Titel genauer anschauen: Sind die Bilder reine Aufmacher? Geht es um Sensation oder um Erklärung? Das Beispiel mit dem Salzstein ist dabei kein Einzelfall. Es ist erstaunlich, wie oft schon das Lesen der Bilder und der zugehörigen Texte Fragwürdiges sichtbar macht. Natürlich wäre eine Portion Veterinärwissen gut, um die erwähnten Bände zu prüfen. Der Hinweis auf die eigene Laienhaftigkeit dient aber oft als Ausrede, sich der Qualitätsdiskussion nicht stellen zu müssen. Aber naiv sorgfältiges Lesen reicht fürs Erste aus. Und wenn man so in “Die Kuh” die Aussage entdeckt: “Ob sie liegen oder laufen, die Kühe verändern das Bild einer Landschaft”, dann fühlt man sich bestätigt, dass der Autor sich nicht anbiedert, sondern Denken und Nachdenken wagt – und kann sich sogar damit abfinden, dass die deutschsprachige Lizenzausgabe durchwegs französische Viehwirtschaft zeigt.
Den “Hornochsen” werden hier bewusst keine Namen gegeben, das heisst, Fehlleistungen und Schwachstellen nicht einzelnen AutorInnen zugewiesen. Der Druck der Marktverhältnisse ist enorm. Dass eine schlecht bezahlte Illustratorin nicht die Musse hat, gründlich zu recherchieren, liegt nahe. Deswegen aber auf das Bewerten von Sachbüchern zu verzichten, wäre unsinnig. Ganz abgesehen davon, dass kritische Lektüre zusammen mit Kindern und Jugendlichen diesen nicht nur Vergnügen macht, sondern auch ihre Mündigkeit als KonsumentInnen stärkt. Im Übrigen ist die Faustregel, dass Einzeltitel meist interessanter sind als Serienprodukte, erst noch zu widerlegen. HANS TEN DOORNKAAT

Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone
Mark Haddon
Aus dem Englischen von Sabine Hübner
Verlag: Blessing, Publiziert: 2003, Seiten: 282, ISBN/ISSN/EAN: 3-89667-228-2
Schlagwörter: Behinderung | Erwachsenwerden | Krankheit | Krimi/Thriller

Ein behinderter Detektiv als Hauptfigur. Fallgeschichte oder aktionsgeladenes Drama? Oder beides in einem? Eine kritische Hinterfragung.
Der Originaltitel von Mark Haddons Buch “The Curious Incident of the Dog in the Night-Time” zitiert einen Satz aus einer Sherlock-Holmes-Geschichte und verspricht einen spannenden Krimi. Genau so beginnt der Roman: “Es war 7 Minuten nach Mitternacht. Der Hund lag mitten auf dem Rasen … Er war tot.” Christopher John Francis Boone ist gerade fünfzehn Jahre, drei Monate und zwei Tage alt, als er sich aufmacht, den Hundemörder zu finden und wie sein Vorbild, Arthur Conan Doyles berühmter Detektiv, darüber zu berichten.
Die Figur des Detektivs bei Haddon ist Schüler einer Sonderschule für geistig Behinderte, mit hohem mathematischem Talent begabt, jedoch durch hirnorganisch bedingte Wahrnehmungs- und Angststörungen so stark belastet, dass er Schutzräume und ständige Betreuung braucht. Christopher sieht seine Umwelt übergenau, ohne die Informationen automatisch selektionieren oder einordnen zu können. Um sich vor dem Chaos zu schützen, greift er auf die geordnete Welt von logischen Reihen und Zahlen zurück und bildet eigene Bewältigungsstrategien. Wenn alles nichts nützt, klinkt er aus oder versteckt sich in dunkle kleinräumige Winkel.
Es ist dieser fremde, nach eigenem Bewältigungsmuster geordnete Alltag des Protagonisten, der die LeserInnen fasziniert. Es sind die Aussagen eines Fünfzehnjährigen, der die Milchstrasse erklären, die Primzahlen berechnen, die höhere Mathematikprüfung bestehen kann und nicht merkt, dass seine für tot erklärte Mutter nie beerdigt worden ist. Es ist die Darstellung eines Verstandes, der Regeln und Ordnungssysteme erkennen und aufbauen, Handlung, Raum und Zeitablauf genau beschreiben, Fakten und Daten kombinieren kann, jedoch unfähig ist, Veränderungen, Widersprüchlichkeiten, Symbolhaftes, Emotionales, kurz menschliches Verhalten auszumachen oder gar auszuhalten.
Mark Haddon hat mit behinderten Menschen gearbeitet und weiss, wovon er spricht. Dennoch erzählt er keine der üblichen Fallgeschichten. Für sein erstes Erwachsenenbuch wählt er die Form eines Krimis und dessen Erzählperspektive. Seinem fiktiven Detektiv kann der Autor viele Erklärungen in den Mund legen, die die Wissenschaft über Hirnleistungsstörungen herausgefunden hat.
Dass er dabei die Erzählperspektive nie verletzt und Christopher so über sich reden lässt, wie es seine Ohren von Ärzten, BetreuerInnen und Eltern vernommen haben könnten, ist eine der sprachlichen Leistungen dieses Buches. Die bildhafte Darstellung einer verschobenen Realität, die Schilderung komischer Situationen macht die Lektüre bekömmlich und spannend, lenkt aber auch vom zutiefst traurigen Inhalt ab.
Wie weit, muss man sich fragen, reagieren Kritik und sensationeller Erfolg dieses Buches auf das Spektakuläre, die aktionsgeladene Konstellation, die sich aus der Doppelbesetzung der Hauptfigur (Detektiv und Behinderter) ergibt? Wie sehr lädt dabei der Autor die LeserInnen dazu ein, die Spannung zwischen Fiktivem und Authentischem zu geniessen und gleichzeitig daran zu glauben, in Christopher den Prototyp eines bestimmten Krankheitsbildes zu erkennen, schlimmer noch, das Ausmass seiner Behinderung verstanden zu haben? Haddon hat die Krankheit von Christopher nie benannt, die RezensentInnen tun es ausnahmslos.
In den letzten Sätzen des Buches sieht sich Christopher als zukünftiger Wissenschafter: “Ich weiss, dass ich das schaffe, weil ich tapfer war, ganz allein nach London gefahren bin und das Rätsel ‘Wer hat Wellington umgebracht?’ gelöst habe. Ausserdem habe ich Mutter gefunden und ein Buch geschrieben, und das heisst, dass ich alles schaffen kann.” An diesen hoffnungsvollen Schluss halten sich viele: Ein Meilenstein sei die Reise nach London, die ersten Schritte ins Erwachsenenleben. Welches Erwachsenenleben ist hier gemeint? Das ganz “normale”, so scheint es mir. Dort, wo ein so aussergewöhnlicher Charakter wie Christopher Boone doch hingehört! Notabene zusammen mit Holden Caulfield, Salingers “Fänger im Roggen”, zu dessen Nachfahre er ernannt wird.
So paradox dies klingt: Man wünscht sich, dass der Autor es seinen LeserInnen nicht allzu leicht gemacht hätte, in die “kuriose” Gedankenwelt von Christopher einzutauchen, sie als etwas Besonderes zu entdecken und zu mögen. So, als ob sie ganz nahe der unseren läge und mit etwas Humor und Verständnis integriert werden könnte. Mehr noch, die geneigte Leserschaft holt sich das Versprechen, dass es für Christophers Lebensform irgendwann einen öffentlichen Ort geben wird, an dem seine Fähigkeiten erkannt und geschätzt werden. Wie hat Peter Härtling, der Autor von “Das war der Hirbel”, kürzlich in einem Radiointerview gesagt: “Literatur muss die Erfahrung genau machen, sonst ist sie ein Kunstprodukt.”
ROSMARIE TSCHIRKY

Ein Sommer in Frenchtown
Robert Cormier
Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Krutz-Arnold
Verlag: Bertelsmann, Publiziert: 2003, Seiten: 122, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12723-0
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Eine Kindheit zwischen den Weltkriegen schildert der amerikanische Autor Robert Cormier in seinem Buch "Sommer in Frenchtown“. Es ist der Sommer, in dem der Erzähler Eugene zum ersten Mal die Zeitung austrägt und das Leben in der Stadt und zuhause mit anderen Augen wahrzunehmen beginnt, nicht zuletzt darum, weil er dank einer neuen Brille die Dinge erstmals scharf sehen kann. Frenchtown ist ein Stadtteil der fiktiven Stadt Monument, hinter der sich Leominster in Massachusetts verbirgt, die Stadt, in der Robert Cormier sein ganzes Leben verbracht hat. In diesem verschlafenen Nest spiegelt sich die ganze Welt: die Toten auf dem Friedhof hinterlassen ihre Geschichten genau so wie der Onkel, der sich umbringt. Die Züge, die durchfahren, ohne anzuhalten, erzählen von einem Leben, das an ganz anderen Orten stattfindet. Vor allem aber ist dieser schmale Band die Geschichte der Liebe eines Sohnes zu seinem Vater, der in einer Kammgarnfabrik hart arbeitet, abends stumm sein Bier trinkt und Zeitung liest. Nichts wünscht sich der Junge sehnlicher, als von seinem Vater, der letztlich ein Fremder bleibt, in die Arme genommen zu werden. Ein oranges Flugzeug, das in einem Garten steht, bringt die beiden am Ende des Sommers näher.
Dieses Buch erzählt in der Form eines Prosagedichts vom Abschied von der Kindheit. Cormiers metaphernreiche Sprache schafft es, in wenigen Sätzen, dichte, berührende Bilder aus einer Zeit hervorzurufen, die weit zurückzuliegen scheint. Wie ein träger Fluss erscheint der Text – aber die Sorgen und Ängste von Eugene haben sich bis heute nicht verändert. Diese Tatsache und die poetische Sprache machen „Sommer in Frenchtown“ zu einem äusserst lesenswerten Buch.
CHRISTINE TRESCH

Dringend und wichtig
Martha Heesen
Aus dem Niederländischen von Silke Schmidt
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2003, Seiten: 126, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85132-7
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Kein ganz einfaches Buch, aber eins, das "dringend und wichtig" ist. Es zeigt Bilder aus dem Alltag dreier Familien: Da ist die elfjährige Anastasia und ihre Mutter, da ist Anstasias Tante und ihre Töchter Livia und Iris und schliesslich Adam und seine Eltern im Nachbarhaus. Überfordert und ratlos sind eigentlich alle. So kommt die Tante nach der Trennung von ihrem Mann mit den pubertierenden Töchtern nicht mehr zurecht. Anastasias Mutter bietet an, diese tagsüber zu betreuen, scheitert aber am erbitterten Kleinkrieg, der zwischen den beiden Cousinen herrscht. Dabei hat sie sich so sehr gewünscht, dass Anastasia mit den Cousinen endlich "Mädchensachen" macht. Anastasia aber hängt an Adam, dem verschlossenen, egozentrischen Dreizehnjährigen, der nur deshalb nicht in ein Internat muss, weil seine Eltern nicht das Geld dafür haben. Anastasia hat das Gefühl, "alles um sie herum ging kaputt"; ihre Hilflosigkeit und die unterdrückte Aggression zeigen sich in den gruseligen "Martelmonstern" aus Ton und in den Verletzungen, die sie sich selber zufügt.
Das Buch macht Anastasias Not bedrängend deutlich, ohne jedoch sentimental zu werden oder bei Erklärungen, schnellen Lösungen oder gar Schuldzuweisungen Schutz zu suchen; und das Fragmentarische des Erzählens entspricht dabei dem Nicht-(mehr)-Zusammenhängenden der Welt, wie Anastasia sie erlebt.
Verena Stössinger

Ricky rennt
Sis Deans
Aus dem amerikanischen Englisch von Karen Nölle-Fischer
Verlag: Dressler, Publiziert: 2003, Seiten: 191, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-2793-2
Schlagwörter: Armut

Der elfjährige Ricky weiss, wenn er sich noch einmal auf einen Streit mit Bugsy einlässt, wird der Schuldirektor seine Mutter orientieren – und das darf er ihr nicht antun. Schliesslich hat sie schon genug Sorgen, sich und die drei Kinder durchzubringen. Der Vater, ein stadtbekannter Trinker und Schläger, ist vor wenigen Wochen im Vollrausch tödlich verunfallt. Seine Leiche konnte noch nicht begraben werden, weil der Boden immer noch gefroren ist. Die Familie wartet auf die Beerdigung, die Mutter hat keine Geld, um den Sarg zu bezahlen, das Haus, in dem sie wohnen, ist in einem desolaten Zustand, nichts als Schulden, Angst und Verletzungen hat dieser Vater zurückgelassen. Und jetzt noch die Geschichte mit Bugsy. Ricky kann dem hänselnden Bugsy nur aus dem Weg gehen, wenn er nicht mehr mit dem Schulbus fährt, sondern den Schulweg zu Fuss zurücklegt. Das heisst: in alten Strassenschuhen zweimal pro Tag die fünf Meilen (acht Kilometer) laufen, über Felder, durch den Wald, entlang der Strasse, wo ihn irgendwann der Schulbus überholt, vorbei an der Einfahrt des Schreck-Hauses, in dem vor Jahren ein Mord begangen wurde. Aber Ricky ist hart im Nehmen und hat Ausdauer. Das Laufen macht ihn auch psychisch stärker. Als ein Leichtathletiktrainer Ricky zufällig bei seinem Lauf zur Schule beobachtet, ihm richtige Laufschuhe schenkt und viele gute Lauftipps gibt, ist der Junge bereit, sich auf einen Wettlauf mit dem Bus einzulassen. Der Sohn des Säufers schneller als der Schulbus. Da hat auch Bugsy nichts mehr zu berichten.
"Ricky rennt" erzählt davon, wie ein Junge seine Aggressionen in sportliche Aktivität umsetzen kann und davon, wie eine Mutter und ihre Kinder versuchen, das Trauma, das der Mann/Vater verursacht hat, zu überwinden. Eindringlich schildert die Autorin die kindlichen Ängste und Sorgen eines Jungen, der früh Verantwortung übernehmen muss, und dem, zum Glück, auf seinem harten Weg ein paar Erwachsene beistehen. Der Text eignet sich zum Vorlesen und zum Selberlesen für bereits geübte Leserinnen und Leser.
CHRISTINE TRESCH

Preiselbeersommer mit Oskar
Maja Hjertzell
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2003, Seiten: 108, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-55243-6
Schlagwörter: Freundschaft

Josefin freut sich nicht sehr auf die Sommerferien: Sie wird nur eine Woche zu Mama und deren neuem Freund fahren können, der Rest wird wohl langweilig werden, weil der Papa arbeiten muss und Janna, ihre Freundin, auf einmal lieber mit Klara zusammen ist. Dann aber bekommt sie einen Spielkameraden vermittelt, Oskar, der in der Nähe bei seiner Oma Ferien macht. Der gleichaltrige Junge ist allerdings sehr schüchtern und eher ängstlich. Da beschliesst Josefin, ihn zu "heilen". Sie denkt sich kleine Mutproben aus, Oskar besteht sie und taut ein wenig auf, aber erst, als auch er von Josefin eine Mutprobe verlangt, realisiert sie, dass es verschiedene Temperamente gibt und auch geben darf, und Oskars besondere Talente werden für sie sichtbarer: Er zeichnet beispielsweise sehr gerne und gut.
"Preiselbeersommer mit Oskar" eignet sich für die jüngsten LeserInnen der Altersstufe. Es entwickelt seine Geschichte unspektakulär und kleinräumig und setzt sie in eine recht heile Alltagswelt hinein, die allerdings von angenehm untypischen Erwachsenen bevölkert ist: Oskars Mutter ist eine toughe Berufsfrau, Josefins allein erziehender Vater ein witziger, wacher, sanfter Busfahrer und die bäuerlichen Nachbarn Ronny und Anna ein auf originelle Art gleichberechtigtes kinderloses Paar.
VERENA STÖSSINGER

Die Schildkröte, die Shakespeare liebte
Silvana Gandolfi
Aus dem Italienischen von Bettina Dürr
Verlag: Bertelsmann, Publiziert: 2003, Seiten: 189, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12762-1
Schlagwörter: Fantasie

Dass Menschen die Möglichkeit haben, sich zu verwandeln, anstatt zu sterben, davon ist Elisas Grossmutter Eia überzeugt. Aber Eia ist ohnehin eine ungewöhnliche Frau: Sie lebt allein in einem Gartenhäuschen ohne Strom, malt und spielt mit der Enkelin Shakespeare-Szenen nach – und so merkt Elisa auch erst ziemlich spät, dass sie sich in eine Schildkröte zu verwandeln beginnt. Nicht in irgendeine Kröte, sondern in eine der majestätischen Riesenschildkröten, wie sie nur auf der Insel Aldabra im Indischen Ozean vorkommen. Elisa ist ratlos, wie sie Eias Verwandlung geheim halten kann; Mutter fragt sie ja ständig nach ihr aus, besucht sie aber selbst niemals. Die Grossmutter weigert sich, ihre Tochter zu sehen, weil diese sie vor Jahren zum eigenen Schutz, wie sie sagte, in eine psychiatrische Klinik einweisen liess. Die Frage, was normal ist und was nicht (mehr), beginnt auch Elisa zu beschäftigen.
Das Buch (für reifere LeserInnen der Altersstufe) weiss keine Antwort, zeigt aber in einer berührenden Mischung aus Psychorealismus und Psychiatriekritik, Phantasie und Zoologie, Abenteuerroman und Märchen eine Welt, in der Anderssein nicht sanktioniert wird und das Unmögliche einen Lebensraum bekommt: Im letzten Kapitel nämlich begleiten Mutter und Tochter die Oma-Schildkröte auf ihrer (letzten) Reise nach Aldabra.
VERENA STÖSSINGER

Das kommt in den besten Familien vor
Gisela Karau
Verlag: Dressler, Publiziert: 2003, Seiten: 282, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-1105-X
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Ein "richtiger Rabauke“ sei er, sagt die Nachbarin zu Eddy, dem Elfjährigen, der lügt und klaut und im Treppenhaus an die Lifttür pinkelt, wenn der Lift nicht schnell genug kommt. Eddy selbst findet sich cool und dass er die Klasse wiederholen muss, stört ihn auch nicht weiter – schliesslich, meint er, hat er für sein Verhalten Grund genug. Seine Mutter hat vor Jahren den Vater vor die Tür gesetzt, weil er als Arbeitsloser nur noch trank, und Eddy wünscht sich (ausser einem Natel) nichts heftiger, als dass die beiden wieder zusammenwohnen. Er vergrault alle neu auftauchenden möglichen Partner und steuert grossmäulig und fantasievoll auf sein Ziel zu.
Der witzig erzählte Roman lässt denn auch bald durchblicken, dass dieser Wunsch nicht abwegig ist – der Arbeiter-Vater ist inzwischen ein Muster an Seriosität und bedächtiger Feinfühligkeit, die attraktive Mutter hat das Alleinerziehen und Alleinleben satt, und beide mögen einander eigentlich immer noch. Das etwas märchenhaft-heile Happy End wird jedoch durch ein paar dramatische Abenteuer, Eddys erste Knutscherfahrungen inklusive "Weiberstress“ und Exempel für (nicht nur in den neuen deutschen Bundesländern) sehr real existierende Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit noch eine Weile hinausgezögert.
VERENA STÖSSINGER

Die Abenteuer der Jimmy Scar
Jeanne Willis
Aus dem Englischen von Catrin Frischer
Verlag: Klopp, Publiziert: 2003, Seiten: 222, ISBN/ISSN/EAN: 3-7817-2305-4
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie | Natur

Dieses Buch beginnt als sozialrealistischer Roman: Es erzählt vom sehr bescheidenen Leben des Bauarbeiters Jim Diamond, der mit seiner Tochter Gemma den Schikanen eines durchtriebenen Vermieters ausgesetzt ist und den Launen seiner Auftraggeber. Bald jedoch wird das Buch zum Abenteuerroman. Nachdem Jim als vermeintlicher Einbrecher verhaftet und gefangen gesetzt worden ist, flieht Gemma – als "Jimmy Scar“ verkleidet – in den Wald und trifft dort auf Monti, eine schrullige, zähe Alte, die sie in ihrer Hütte aufnimmt und ihr Überlebenstechniken beibringt. Schliesslich wird die Geschichte richtig märchenhaft: Monti entpuppt sich nämlich als Herzogin, die freiwillig abgedankt und Goldbarren in der Lichtung vergraben hat, mit denen ein Anwalt bezahlt werden kann, der den unschuldigen Jim befreit. Der Anwalt ist eine Anwältin und verliebt sich in Jim, und der arme Jim erweist sich als längst verloren geglaubter Sohn von Monti … So fantastisch das klingt, so rasant ist es zu lesen (und dabei gefallen vor allem die wilden Frauen, Monti und "Jimmy“). Und man lernt ausserdem einiges über Pflanzenheilkunde, Spurenlesen und Nahrungsbeschaffung – wie man mit Ohrenschmalz, beispielsweise, die Sauberkeit von Wasser prüfen kann.
VERENA STÖSSINGER

In Afrika war er nie
Marjaleena Lembcke
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2003, Seiten: 105, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00938-3
Schlagwörter: Freundschaft

Eine Geschichte, die zurückführt ins Finnland der 60er-Jahre, in eine kleinstädtische, sozial abgesicherte Umgebung, wo die Leute noch Zeit haben und aufeinander Rücksicht nehmen. Erzählt wird vom Sommer, in dem der dreizehnjährige Juhani lernt, seinen Vater in anderem Licht zu sehen, und die ersten Schritte tut weg vom Kinderleben.
Juhanis Vater Lasse hat sich vor vier Jahren auf einer Harley-Davidson aus dem Staub gemacht. Seither führt die Mutter das gemeinsame Bestattungsunternehmen mit Umsicht und hat das Trauern um das Verschwinden ihres Mannes aufgegeben. Da ist auch ein anderer Mann, kein Hallodri wie ihr Ex, und den sie sofort heiraten würde, wenn er nicht schon verheiratet wäre – und ihre Ehe besteht ja auch noch, wenn nur auf dem Papier. In diesem Sommer entdeckt Juhani in der Nachbarschaft eine Harley Davidson und die Vater-Sehnsucht flammt neu auf. Er macht sich auf die Suche nach dem Besitzer des Motorrads und findet die wahre Geschichte seines Vaters, des Tangosängers, der nie bis nach Afrika gekommen ist, wie es sich sein Sohn vorgestellt hat. In diesem Sommer erwacht aber auch Juhanis Liebe zu Milja, die mit ihm die Sommerferien bei den Grosseltern verbringt.
Lembcke erzählt in einer einfühlsamen, leichten Sprache von der Sehnsucht des Jungen nach seinem Vater, von der Traurigkeit der Mutter über die verlorenen Jahre und vom kleinen Glück, das beide nicht gewillt sind, preiszugeben. In genauen Schilderungen und mittels Dialogen, die nie aufdringlich wirken, offenbart Lembcke, was in den Leuten vorgeht. Ein Buch, das durch seine schöne Schlichtheit überzeugt und Buben und Mädchen gleichermassen in Bann ziehen kann.
CHRISTINE TRESCH

Brando
Mikael Engström
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Hanser, Publiziert: 2003, Seiten: 253, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20303-6
Schlagwörter: Freundschaft

Brando heisst eigentlich Marlon und ist zwölf Jahre alt.
Er lebt mit seinem Vater in Förvaltarvägen, einer Arbeitersiedlung am Rand von Solna. Die Mutter ist an Krebs gestorben. Am Anfang des Sommers, von dem dieses Buch erzählt, ist Brandos Welt überschaubar: die Sackgasse am Ende der Strasse und der anschliessende Spielplatz, der Kiosk mit der Bushaltestelle etwas oberhalb davon, ein riesiger Schrottplatz, eigentlich verbotenes Terrain, das Kino des Vaters, in dem Brando viel Zeit verbringt. Aber in diesem Sommer wird durch einen Penaltygoal von Brando gegen die Tottvägen-Clique alles anders. Gegen Perra, den Chef der Clique, ein Tor zu erzielen, das bedeutet Krieg. Ein Krieg, den Brando und seine Freunde Larsa und Ola – letzterer hält sich am liebsten unter dem Bretterboden bei der Bushaltestelle auf und stinkt nach Katzenpisse – nur mit viel Glück und Geschick überleben.
In diesen Buch riecht man nicht nur die Katzenpisse, man bekommt auch das Elend und die Wunschträume der Leute von Förvaltarvägen hautnah mit. Da ist Larsas Vater, ein Säufer, der dank eines Pilzgericht, das Larsa kocht, vielleicht vom Alkohol loskommt. Da ist der Kriegsveteran Koskela, der den Knaben verseuchte Fische abkauft. Da ist Ola, der davon träumt, einen Wettbewerb zu gewinnen und magische Kräfte besitzt. Und da ist mit Brando eine Hauptfigur, die versucht, das raue Leben draussen zu verstehen, in der „Welt der Wissenschaft“ liest und wenn es eindunkelt am Fenster sitzt und seiner verstorbenen Mutter den Tag erklärt. Am Ende dieses Sommers müssen die drei Freunde keine Angst mehr haben vor denen aus Tottvägen, aber die Welt ist deshalb nicht einfacher geworden.
Bergström erzählt eine realistische Geschichte von Jugendlichen, deren Eltern keine Zeit haben, sich darum zu kümmern, was ihre Kinder den ganzen Tag lang tun. Und von Kindern, die rasch lernen, wo man besser auf die Zähne beisst und abhaut. Ein tragischkomisches Buch über eine ungewöhnliche Jungenfreundschaft und die Entdeckung, dass die Welt noch viel mehr Fragen bereit stellt als nur die, was es mit den Mädchen auf sich hat.
CHRISTINE TRESCH

Eine Schublade voller Briefe
Kazumi Yumoto
Aus dem Englischen von Gabriele Haefs
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2003, Seiten: 172, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-8014-3
Schlagwörter: Emanzipation | Freundschaft

Chiaki ist gut zwanzig Jahre alt und steckt in einer Lebenskrise. Sie hat ihre Stelle aufgegeben und spielt mit Selbstmordgedanken. Da erreicht sie die Nachricht, dass Frau Yanangi verstorben ist. Sie war die Besitzerin der Wohnung, in der sie nach dem Tod ihres Vaters mit der Mutter drei Jahre lang lebte; eine schrullige Alte, die grossen Respekt einflösste. In der Stube dieser alten Frau lag das siebenjährige Mädchen monatelang, weil es krank war und die Mutter zur Arbeit musste. Damals sind sich die beiden näher gekommen. Und Frau Yanagi war es auch, die Chiaki half, die Haut, die sich nach dem Tod des Vaters um ihr Herz gelegt hatte, nicht dicker werden zu lassen. Der alten Frau stand nämlich eine grosse Aufgabe bevor: Sie hortete Briefe von Freunden und Bekannten an Verstorbene, die sie nach ihrem Tod ins Jenseits mitzunehmen versprach. So begann auch Chiaki Briefe zu schreiben an ihren toten Vater, die die Alte in ihre Briefschublade steckte, und lernte die Wut über sein plötzliches Ableben und die harsche Trauer ihrer Mutter leichter hinzunehmen.
Die erwachsene Chiaki fährt zur Beerdigung von Frau Yanagi und trifft alle jene, denen die alte Frau auch geholfen hat. Und sie erfährt endlich die Wahrheit über den Tod ihres Vaters.
Kazumi Yumoto erzählt in intensiven Bildern die Geschichte eines Mädchens, das den Tod des Vaters nur mit einem Willensakt überlebt. Die Autorin schildert das Leben im Mietshaus der Frau Yanangi in farbenreichen, intensiven Bildern. Sie lässt den BewohnerInnen ihre Kantigkeit und zeichnet ihre Schicksale trotzdem mit grosser Liebe. Das Buch erzählt nicht nur von den Ängsten und Verletzungen der kleinen Chiaki, es berichtet auch vom Einbruch der Emanzipation in den japanischen Alltag in den Siebzigerjahren und von den unterschiedlichen Lebensauffassungen und Glückserwartungen einer zusammen gewürfelten Wohngemeinschaft.
CHRISTINE TRESCH

Der Neue
Anne Fine
Aus dem Englischen von Ursula Kösters-Roth
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2003, Seiten: 187, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-0715-8
Schlagwörter: Eifersucht/Neid

Helen kommt völlig von der Rolle zur Schule. Die Englischlehrerin, eine Frau mit eigenen Unterrichtsmethoden, schickt Kitty nach, als sie weinend aus dem Schulzimmer stürmt. Kitty erfährt rasch, was mit ihrer Kollegin los ist: Helens Mutter will den neuen Freund heiraten. Eine Situation, für die Kitty, Expertin in Sachen neue Lebenspartner, wirklich die richtige ist. Die beiden Mädchen ziehen sich in die Garderobe zurück, und Kitty beginnt Helen von den Männern ihrer Mutter zu berichten. Vor allem von "Glubschauge", den sie über Monate mit Hass und Verachtung bedacht hat. Einen Morgen lang dauert diese Beichte – am Schluss haben wir eine ganz und gar köstliche Geschichte mitbekommen über das schwierige Familienleben in Patchworkfamilien, über neue Männer, die ihre Qualitäten nur gegen handfesten Widerstand unter Beweis stellen dürfen, und über Mütter, die vor lauter Arbeit, pubertierender Töchter und Haushalt das Wesentliche manchmal aus den Augen verlieren. Auf alle Fälle scheint Helen am Schluss von Kittys Schilderung getröstet. Vielleicht ist er ja gar nicht so übel, dieser "Krötenfuss", den ihre Mutter heiraten will.
Das Buch der englischen Autorin Anne Fine eignet sich vorzüglich für Jugendliche, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie Kitty und Helen. Es gibt aber auch allein erziehenden Eltern profunden Einblick in die Psyche ihrer Töchter. Und es gehört zur grossen Kunst dieser Erzählerin, dass sie niemandem die Schuld für die schwierige Situation zuschiebt.
CHRISTINE TRESCH

Fest dran glauben
Virginia Euwer Wolff
Aus dem amerikanischen Englisch von Birgitt Kollmann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2003, Seiten: 242, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20304-4
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft

LaVaughn ist fünfzehn, lebt in einer jener dreckigen Gegenden, wo nachts auch Schüsse fallen. Sie wohnt hier mit ihrer Mutter auf engem Raum, ihr Vater ist längst tot. LaVaughn ist klug, tüchtig, besucht Förderkurse und will aufs College. Ihr Weg, um hier rauszukommen! Doch die Anforderungen sind hart. In der Schule, beim Jobben, zu Hause mit der strengen Mama, die neuerdings einen Liebhaber nachhause bringt. Zudem driften ihre zwei besten Freundinnen langsam in einen Jesus-Club ab, eine Trennung, die weh tut. Und all dies geschieht genau jetzt, wo die erste Liebe sie in ungeahnte Höhen und Tiefen treibt.
Der kleine Entwicklungsroman um LaVaughn zeigt glaubhafte Schritte aus der tiefen Krise einer jungen Frau. Nicht als individualisierte Sololeistung, sondern im Wechselspiel mit wachen und wohlwollenden Erwachsenen. Erzählt wird in einer rhythmisierten poetischen Sprache, die die Geschichte für Jugendliche, aber auch für Erwachsene, die mit Jugendlichen zu tun haben, zu einem nährenden Genuss werden lässt. „Fest dran glauben“ ist die Fortsetzung des Bandes „Wenn dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade draus“, für den Virginia E. Wolff zahlreiche Preise erhalten hat.
LISBETH HERGER

Crash
Jerry Spinelli
Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Steinhöfel
Verlag: Dressler, Publiziert: 2003, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-1961-1
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Freundschaft | Gefühle

Das Leben ist Football

John Coogan wird Crash genannt, und dieser Name passt gut zum sportlichen Dreizehnjährigen. Er fegt nämlich auf dem Football-Feld alles weg, was sich ihm in den Weg stellt, ist ehrgeizig, sehr selbstbewusst und cool, misst die Menschen nach Muskeln und Markenklamotten und verachtet alle, die weicher sind als er oder anders leben. Webb, den Nachbarsbub, etwa: Der isst kein Fleisch, hat kein Spielzeug, keinen Fernseher, trägt Secondhand-Klamotten und wehrt sich nicht, wenn man ihn plagt. Crash plagt ihn gern – das bestätigt ihn wie Trainieren und Gewinnen, und vor Schwächen wie Scham, Zweifel oder Mitleid schützt ihn seine „Rüstung“, der Männlichkeitspanzer. Der Text, der Crash als schlagfertigem Ich-Erzähler das Wort überlässt, zeigt überraschend, aber durchaus nachvollziehbar, wie dieser Panzer im Laufe eines entscheidenden Jahres durchlässig wird. Es ist ein Prozess, der vom Grossvater, dem ehemaligen Schiffskoch, und Crashs kleiner Schwester, der Naturschützerin, ausgeht und schliesslich die ganze Familie verändert: Die Eltern arbeiten in Zukunft etwas weniger, man lebt etwas bewusster, der Garten darf unordentlicher sein und Crash lernt zu verlieren. Und findet in Webb einen Freund.
VERENA STÖSSINGER

Fuchs
Matthew Sweeney
Aus dem Englischen von Cornelia Krutz-Arnold
Verlag: Bloomsbury, Publiziert: 2003, Seiten: 216, ISBN/ISSN/EAN: 3-8270-5005-7
Schlagwörter: Freundschaft

Gerard ist neu in der Stadt. Freunde hat er noch nicht gefunden. Und seine Eltern haben wenig Zeit für ihn. Mit dem Fahrrad beginnt der Zehnjährige die Umgebung seines neuen Zuhauses auf eigene Faust zu erkunden – und begegnet einem Obdachlosen, der einen lebenden Fuchs wie einen Schal um den Hals trägt. Fasziniert sucht Gerard immer wieder die Nähe des seltsamen Paares und findet sich schon bald nahezu täglich in jenem Hauseingang eines leer stehenden Geschäftes ein, in dem sich die beiden häufig niederlassen. Nach und nach gibt der alte Mann, der sich Clint nennt, weil er seinen Namen „schon längst vergessen“ hat, seine ablehnende Haltung gegenüber dem sensiblen Jungen auf und beginnt aus seinem Leben zu erzählen. Seiner Zeit als Seemann, dem Tod seiner Frau… Als er schliesslich tagelang verschwunden bleibt, macht Gerard sich besorgt auf die Suche – und findet den alten Mann todkrank in seiner Bleibe auf der Müllhalde.
Matthew Sweeney legt mit „Fuchs“ ein Kinderbuch vor, das ohne falsche Rührseligkeit vom Leben am Rand der Gesellschaft erzählt. In kurzen Kapiteln und einer einfachen, klar strukturierten Sprache zeichnet der vielfach preisgekrönte englische Autor ein realistisches Bild vom Leben auf der Strasse. Dabei meidet er Wertungen und Klischees, lässt seinen jungen Ich-Erzähler vielmehr mit wachem Blick beobachten und ihn Fragen stellen, die so manches Kind, vielleicht aber auch der eine oder andere Erwachsene immer schon einmal gerne gestellt hätte.
ANDREA DUPHORN

Handbuch Kinderliteratur
Herausgeber:in: Jens Thiele, Jörg Steitz-Kallenbach
Verlag: Herder, Publiziert: 2003, Seiten: 246, ISBN/ISSN/EAN: 3-451-28140-6
Schlagwörter: Lesen

Grundwissen für Ausbildung und Praxis

“Literatur kann Wegbegleiter sein, Hilfe bei der Suche nach der eigenen Identität, sie kann aber auch einfach nur unterhalten, zerstreuen und Freude bereiten. Wer mit solchen literarischen Erfahrungen aufwächst, weiss um die Kraft der Worte und auch der Bilder, die die Texte oft begleiten. Mag man als Kind auch manche Formulierung und manche Symbolik gar nicht oder nur unbewusst verstanden haben, so blieb die Lektüre doch als eine ungewöhnliche Erfahrung in der eigenen Biografie bestehen.”

Wer Jens Thiele bisher vor allem als Anwalt experimenteller Bilderbücher kannte, ist vielleicht erstaunt ob diesen Tönen. Nun, zum einen zeichnet er zusammen mit seinem Kollegen Jörg Steitz-Kallenbach verantwortlich für das “Handbuch Kinderliteratur”, und zum andern sprechen beide Herausgeber und auch die weiteren Beitragenden ihr Publikum so an, dass sie es wirklich erreichen, um dann Sehgewohnheiten und Medienwahrnehmung zu diskutieren.

Angesprochen werden angehende KindergärtnerInnen, HortnerInnen und andere Erwachsene, die Vorschulkinder betreuen. Entsprechend bietet das “ Handbuch Kinderliteratur” Informationen und Orientierung in Sachen Schauen und Lesen für Kinder bis etwa acht Jahre, der Begriff “Literatur” ist dabei aber weiter gefasst. Es werden etwa Fernsehbilder miteinbezogen, Tonträger (Renate Hinz) und Literaturverfilmungen (Sabine Wallach) gar in speziellen Kapiteln erläutert. Die Kapitel Kinderlyrik (J. Steitz-Kallenbach) und Märchen als frühes literarisches Erlebnis (Irmhild Wragge-Lange) ergänzen das Konzept der umfassenden literarisch-medialen Bildung bzw. der Auseinandersetzung mit dem Angebot. Sie sind als Resümee brauchbar, jedoch nicht so kenntnisreich und pädagogisch engagiert wie die erste Hälfte des praktisch gegliederten und übersichtlich gestalteten Buches.

Da wird sehr schön gezeigt, dass der Zugang zu Literatur sowohl für Erwachsene wie für Kinder keineswegs “kinderleicht” ist. Allein schon Erfahrungen mit Literatur als Kunstform setzen ein Hineinwachsen in einen gesellschaftlichen Kontext voraus, der Kindern erlaubt, Fiktionales und Nicht-fiktionales zu unterscheiden. Ebenso einflussreich auf den Umgang mit kulturellen Produkten ist die Frage nach dem Erwerb bildnerischer Vorlieben und Abneigungen. Dass hier das Bilderbuch im Zentrum steht, liegt nicht einfach an Jens Thiele. Vielmehr wird der Schwerpunkt bei jenem komplexen Literaturangebot gesetzt, das Erziehenden ein besonderes Anliegen und andererseits wie kein Medium im Vorschulunterricht präsent ist.

Das “Handbuch Kinderliteratur” ist die zurzeit beste Anleitung, um eigene Bilderbuch-Erfahrungen zu reflektieren und den Umgang mit aktuellen Bilderbüchern bewusst anzugehen. Damit richtet sich der Band nicht nur an SpezialistInnen. Im Gegenteil: Gudrun Kallenbach hat eine entwicklungspsychologische Minimalration zusammengestellt, die hilft, über Fantasietätigkeit und Symbolisierfähigkeit nachzudenken und innerpsychische Konflikte und ihre Thematisierung in Bilderbüchern zu verstehen (zum Beispiel Angstbewältigung). Was das “Handbuch Kinderliteratur” voraussetzt, ist denn auch nicht Vorwissen, sondern die Bereitschaft, sich auf Beispiele einzulassen, sei es im Umgang mit ungewohnter Bildsprache und Thematik (Jens Thiele), sei es, um aus Rezeptionssituationen im Kindergarten (Claudia Blei-Hoch) zu lernen.

Der Band ist aber keineswegs nur für den Vorschulbereich wichtig. Er setzt sich mit den Voraussetzungen des Lesenlernens und einer umfassenden Literaturerziehung auseinander und skizziert damit die Grundlagen, die jeder Vermittlung von Leselust und Lesekunst zu Grunde liegen.

Hans ten Doornkaat

Engel verzweifelt gesucht
Hilary McKay
Aus dem Englischen von Irmela Brender
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2003, Seiten: 219, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4232-8
Schlagwörter: Behinderung | Humor/Komik | Familie/Familienformen

Die Cassons sind gewiss keine gewöhnliche Familie. Die Eltern, Bill und Eve, sind Künstler, und die vier Kinder sind nach Farben benannt: Da ist Magenta, kurz Maggy, die Älteste, die fast hundert Fahrstunden braucht, ehe sie die Prüfung besteht, es folgt das bärenstarke Paar Safran und Sarah – Safran ist die adoptierte Tochter von Eves verstorbener Schwester Linda, Sarah, die im Rollstuhl sitzt, ist ihre Freundin und gehört praktisch zur Familie –, dann Indigo, der seine Höhenangst mit Mutproben zu überwinden versucht, und schliesslich Rosa, hinreissende, herzallerliebste Rosa mit dem unbestechlichen Malerauge, die weiss, wie sie ihren Willen durchsetzt.

Bill Casson wohnt in London, wo er seine Bilder erfolgreich vermarktet. Er verlässt sein elegantes Studio nur für kurze Wochenendbesuche, während Eve irgendwo ausserhalb Londons mit den Kindern ein renovationsbedürftiges Haus mit überwuchertem Garten bewohnt, im Schuppen kitschige Auftragswerke von Haustieren und Kindern malt und den Haushalt weitgehend sich selbst überlässt. Im ersten Band begibt sich Safran auf die Suche nach dem steinernen Engel, von dem sie immer wieder träumt, im zweiten taucht Tom auf, der Indigos Leben durcheinander bringt, in einem dritten, noch nicht übersetzten Band steht Rosa im Mittelpunkt.

Die 1959 geborene, in der englischen Grafschaft Derbyshire wohnhafte und mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin Hilary McKay erzielte mit dem 1994 auf Deutsch erschienenen Titel “Vier verrückte Schwestern” ihren Durchbruch. Ihre Bücher stehen in der angelsächsischen Tradition humoristischer Literatur.

Die Geschichten um die Cassons bestechen jedoch nicht nur durch Witz und Humor, sprudelnde Fantasie und den sparsamen Einsatz von Mitteln, mit denen Bilder und Figuren gezeichnet werden, die sich vom Papier lösen und lebendig werden. Was die Bücher darüber hinaus lesenswert macht, sind die Beziehungen der Figuren untereinander. Liebe und Zuneigung sind offen oder versteckt die Triebfeder für ihr Handeln. Maggy beispielsweise braucht deshalb 96 Fahrstunden, weil sie es nicht eher schafft, den attraktiven Fahrlehrer Michael um den Finger zu wickeln; Safran und Sarah tauchen ganz gegen Indigos Willen in der Jungentoilette in der Schule auf und sorgen ein für alle Mal dafür, dass Indigo vor den Übergriffen einer Gang verschont bleibt; Indigo steht für seinen Freund Tom ein, als dieser mit einem Ball eine Scheibe zertrümmert, und Rosa schreibt ihrem Vater beunruhigende Briefchen, weil sie möchte, dass er zu Eve und ihr zurückkehrt, etwa: “Daddy Liebling, das ist von Rosa. Flammen stiegen die ganze Küchenwand hinauf. Safran rief die Feuerwehr und die Polizei kam um zu sehen ob es ein Trick war und die Polizistin sagte zu Safran du schon wieder …” Bill umgekehrt verlässt sich, was seine eigenen Bilder betrifft, einzig auf Rosas Urteil und kann ihr kaum einen Wunsch abschlagen. Kein Wunder, bringt sie ihn dazu, für Indigos Freund Tom, in den sie selbst ganz vernarrt ist, eine sündhaft teure Gitarre zu kaufen. In den Beziehungen der Figuren untereinander wachsen diese Romane über das unterhaltsame Lesefutter hinaus und werden zur positiven Utopie.

Christine Holliger

Darby, der Drache
Verlag: USM-junior, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-8032-4306-8

Mit einem gefundenen Zauberstab hat der kleine Drachenprinz Darby aus Versehen seine Schwester Fünkchen klein gezaubert. Nun sollen die beiden den Zauberer Tugtar um Hilfe bitten. Nachdem sie ihm sein Zauberbuch gebracht haben, schickt er sie auf die Suche nach drei Zutaten, um daraus den erlösenden Zaubertrank zu brauen.
Das herzige und preisgünstige Spielabenteuer bietet auf rund drei Dutzend Bildschirmszenen sehr viel an Abwechslung und Unterhaltung, läuft aber leider nicht auf dem Mac.

Ganz im Stil der ersten interaktiven Bilderbücher (Living Books) kann man sich gleich zu Anfang in der Schlossbibliothek drei kurze Geschichten (mit Texttafeln zum Mitlesen) erzählen lassen, deren Hauptfiguren im weiteren Verlauf des Abenteuers wieder eine Rolle spielen. Auch die einfachen Spiele auf dem Marktplatz sowie die lustigen Animationen, Lieder und Musikeinlagen, die es an den zahlreichen Schauplätzen zu entdecken gibt, erinnern an diese frühen Spielgeschichten. Auf ihrer abenteuerlichen Reise durch das weitläufige Drachenland haben die mutigen beiden Drachen schliesslich aber doch noch ein paar kniffligere Aufgaben und Hindernisse zu bewältigen. Das verlangt den kleinen Spielerinnen und Spielern einiges an Geschick, Konzentration, Orientierungs- und Erinnerungsvermögen ab. Bis sie die nötigen Zutaten beisammen haben, müssen unter anderem diverse Gegenstände beschafft und an bestimmte Orte gebracht werden. Dabei vollbringen die beiden Helden immer wieder gute Taten und werden dafür auch gebührend entschädigt – so etwa, wenn sie dem Bettler eine Goldmünze schenken, dem Riesen Bodo helfen oder einen wichtigen Brief überbringen und dadurch zwei einsame Brüder wieder vereinen.

Wer gut hinhört und etwas Ausdauer beweist, wird mit ein paar Stunden Spielspass und einem märchenhaften Happyend belohnt. Ab 5 Jahre.

Daniel Ammann

Neues von Pettersson und Findus
Sven Nordqvist
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-8029-7

Vor dem Schlafengehen werden die neu gewonnenen Samen und Setzlinge in die leeren Beete verteilt, der Garten noch einmal schön säuberlich mit der Unkrauthacke gejätet und mit der Giesskanne gewässert. Wenn die Zeit reicht, wird die Wassertonne nachgefüllt, indem man mit der Steinschleuder die von Bienen transportierten Wasserbeutel genau über der Tonne abschiesst, bis der Pegelstandanzeiger andgibt, dass das Fass voll ist. Ein kurzer Blick auf den Miststock zeigt, dass noch genügend Hühnermist vorhanden ist, sodass wir Prillan, das vornehmste Huhn, nicht mehr für die Mitproduktion bemühen müssen. Nun kann man getrost die Zähne putzen und im Bett von den feinen Karotten, Fleischklösschen und Läckerlibüschen träumen, die in Pettersons Garten wachsen und sich vorstellen, wie weit all diese herrlichen Pflanzen bis morgen schon gediehen sein werden.
Zugegeben, ein interaktives Handbuch für junge Gärtnerinnen und Gärtner ist die CD-ROM «Neues von Petterson und Findus» nicht. Sie soll auch nicht den Besuch auf einem richtigen Bauernhof ersetzen. Viel eher regt sie dazu an, eigene Betrachtungen anzustellen, was in der Natur alles abläuft. Kein Kind wird aufgrund dieser CD-ROM annehmen, dass Birnen tatsächlich aus dem Boden wachsen oder dass unter der Erde ein Gärtner dafür sorgt, dass es oben spriesst. Denn wie ein Vierjähriger einmal sagte, sind Geschichten, in denen Tiere auf zwei Beinen gehen und Kleider tragen, immer erfundene Geschichten. Findus, der quirlig-freche und liebenswürdige Katzenheld geht aufrecht und trägt grüne Shorts, hat also seine Heimat vor allem in der fiktionalen Wirklichkeit. Dennoch identifiziert sich manch ein Kind mit Petterssons Katze, weil es in ihr mehr oder weniger eigene Wesenszüge entdeckt.
Wenn einem Kind diese Parallelen einmal auffallen (zum Beispiel «Der Findus quengelt ja, wie ich das manchmal tue»), dann ist damit eine wesentliche Funktion von Literatur realisiert: nämlich sich selbst via Geschichten besser kennen zu lernen. Aber wie alle guten Fiktionen, bietet auch «Neues von Petterson» mehr: Man erfährt etwas über die Welt. Im Fall dieser CD-ROM erfährt man etwas übers Gärtnern und bekommt Lust darauf, ein eigenes Beet zu bepflanzen. Man lernt, dass Gärtnern Geduld und Arbeit erfordert. Auch in der simulierten Spielsituation will der Garten über mehrere Tage hinweg gepflegt werden, bis das Gemüse wächst. Unkraut beeinträchtigt das Wachstum, Wasser und Dünger begünstigen es. So weit, so real – daneben überwiegen jedoch die spielerischen Elemente auf dieser CD-ROM eindeutig. Als Belohnung für erfolgreich absolvierte Spiele kann man Gartenwerkzeuge oder Setzlinge gewinnen, die anschliessend im Gartenschuppen versorgt beziehungsweise in den Beeten gesetzt werden können. So ist das Entdecken der überall im Hof versteckten Spiele und das Spielen nicht reiner Selbstzweck, sondern dient immer dem übergeordneten Ziel, den Garten zu bestellen und – im fortgeschrittenen Stadium – die Geheimnisse in der Unterwelt zu lüften.
Auch wenn jedem Kind überlassen bleibt, welche Aufgaben es am häufigsten lösen will, so müssen bis zum Ziel alle Stationen gefunden und absolviert werden. Dies erfordert die verschiedensten Fähigkeiten und Fertigkeiten: Reaktionsvermögen, räumliches Denken, Rechnen, kreatives Gestalten und konstruieren, virtuelle Schallplatten auflegen usw. Es findet sich auch ein guter Mix von bereits bekannten (Brett-)Spielen (zum Beispiel Solitär) und solchen, die computerspezifisch sind, etwa ein Wettrennen zwischen einer vom Anwender oder der Anwenderin gesteuerten Biene und einer «Schurkenbiene». Unterschiedlich ist auch der Grad der Interaktion. So lassen sich bei vielen Spielen die Schwierigkeitsstufen einstellen, und bei zwei Stationen ist den Kindern grösstmögliche Freiheit gewährt, etwa beim kreativen Gestalten einer Fantasieblume oder beim Bauen einer virtuellen Modelleisenbahn samt Landschaft; beide Resultate lassen sich mittels E-Mail an Freund/innen weiterleiten. Ab 6 Jahren.
Thomas Hermann

Der Zahlenteufel
Hans Magnus Enzensberger
Verlag: Terzio, Publiziert: 2003, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-89835-581-0

«Im Traum ist alles ganz anders als in der Schule oder in der Wissenschaft», heisst es in Hans Magnus Enzensbergers «Kopfkissenbuch für alle, die Angst vor der Mathematik haben». In der gelungener Umsetzung der preisgekrönten Buchvorlage als lustvolle Spiel- und Lerngeschichte werden die Träume vom Zahlenteufel zum interaktiven Computerabenteuer.

Während Roberts Mathelehrer mit seinen langweiligen Rechenaufgaben ein Albtraum für jeden Schüler ist, zeigt der Zahlenteufel bei seinen nächtlichen Besuchen und mit pfiffigen Spielen, Rätseln, Zaubertricks und Experimenten, dass das Jonglieren mit Zahlen richtig Spass machen kann. Hat man sich in zehn Nächten mit Robert bewährt und genug Punkte gesammelt, lädt der Zahlenteufel im Finale zum grossen Magischen Masterspiel ein.

Daniel Ammann

Allein in der Wildnis
Gary Paulsen
Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Lindquist
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2003, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-35224-8
Schlagwörter: Abenteuer

Nach der Scheidung seiner Eltern lebt der dreizehnjährige Brian bei seiner Mutter. Die Sommerferien soll er bei seinem Vater verbringen, der als Ingenieur auf den Ölfeldern im Norden Kanadas arbeitet. Doch es kommt alles anders. Auf dem Flug in den Norden erleidet der Pilot des Kleinflugzeugs einen Herzinfarkt und stirbt. Brian überlebt die Notlandung und findet sich an einem See mitten in den kanadischen Wäldern wieder. Auf sich allein gestellt, beginnt für ihn der Kampf ums Überleben in der Wildnis.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten lernt er nach und nach wie man Feuer macht, Fische fängt und sich vor wilden Tieren schützt. Er gewinnt neues Selbstvertrauen und verlässt sich mehr und mehr auf seine Instinkte. Obwohl die Natur ihm alles abverlangt, kann sich Brian zunehmend für Ihre Schönheit begeistern. Die Zeit allein in der Wildnis schärft seinen Blick für das Wesentliche und verändert seine Einstellung zum Leben nachhaltig.

Einige Textstellen hätten zugunsten des Erzählflusses etwas kürzer ausfallen dürfen. Die abenteuerlichen Umstände und die ständig neuen Herausforderungen, die jedes Kapitel für den Protagonisten bereithält, entschädigen aber für diese Längen.
„Allein in der Wildnis“ ist als Klassensatz bei Bibliomedia Schweiz sowie als E-Book und als Hörbuch erhältlich. Zum Titel gibt es eine Lesequiz und Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“.

Klassenstufen: 7,8

Beschützer der Diebe
Andreas Steinhöfel
Verlag: Cornelsen, Publiziert: 2003, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-464-60174-7
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Ein Leseprojekt nach dem Jugendroman von Andreas Steinhöfel

Dags, Guddie und Olaf müssen die Ferien Zuhause in Berlin verbringen. Dabei geraten sie unbeabsichtigt in ein gefährliches Abenteuer. Guddie beobachtet, wie ein Mann von einem glatzköpfigen Typ entführt wird. Da die Polizei Guddie nicht glaubt, müssen die drei den Fall in die eigenen Hände nehmen. Durch mutige Aktionen, Verstand und Glück kommen sie den Verbrechern immer näher: Kem 5018 ist ein Zimmer im Hotel Kempinski, der Glatzkopf ist der Leibwächter von Mervyn Griffith, einem amerikanischen Modeschöpfer und die geheimnisvolle Zickzack-Linie hängt mit dem Markttor von Milet zusammen. Die Entführer haben tatsächlich vor, das berühmte Markttor von Milet aus dem Museum zu stehlen. Mit einer Fotokamera ausgerüstet, schleichen die drei den Dieben nach. Sie können die Männer auf frischer Tat fotografieren. Aber da werden diese auf Dags und Guddie aufmerksam. Zum Glück kann sich Guddie in Sicherheit bringen und die Polizei alarmieren.

In der Reihe „einfach lesen!“ des Cornelsen Verlags werden bekannte Jugendbücher so gekürzt und vereinfacht, dass sie auch von weniger geübten Leserinnen und Lesern bewältigt werden können. Zur Unterstützung des Textverständnisses beginnt jedes der kurzen Kapitel mit einer Illustration. Als optische Lesehilfe sind die Texte zudem mit Zeilenzählern versehen Verschiedene Aufgaben am Kapitelende dienen der Überprüfung des Textverständnisses. Ein Lösungsheft liegt bei. Falls der Roman als Klassenlektüre eingesetzt wird, bietet es sich an, die weniger geübten Schülerinnen und Schüler das vereinfachte Leseprojekt und die fortgeschrittenen Leserinnen und Leser die Originalausgabe lesen zu lassen. Das kollektive Leseerlebnis bleibt somit trotz unterschiedlicher Leseniveaus erhalten.
Auf dem Online-Portal „Antolin“ können Quizfragen zum Titel beantwortet werden. Es ist auch eine gekürzte Fassung als Hörbuchausgabe erhältlich.

Klassenstufen: 7,8,9,10 L

Die Schatzinsel
Robert Louis Stevenson
Verlag: Cornelsen, Publiziert: 2003, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-464-60160-0

Ein Leseprojekt zu dem gleichnamigen Abenteuerroman von R.L. Stevenson

Wer kennt sie nicht, die berühmte Abenteuergeschichte um die gefährliche Suche nach dem Schatz des Piratenkapitäns Flint? Der Junge Jim Hawkins gerät durch einen Zufall in den Besitz einer Schatzkarte dieses berüchtigten Kapitäns. Die Karte übergibt er einem Richter und einem Arzt, und die beiden lassen unverzüglich das Schiff Hispaniola ausrüsten. Jim soll sie als Schiffsjunge begleiten. Auch ehemalige Kumpane des Piratenkapitäns haben auf der Hispaniola angeheuert. Das Schiff sticht in See, und so kommt es, dass sich Jim zusammen mit Halunken und Seeräubern der gefährlichsten Sorte an Bord befindet. In einer Apfelkiste versteckt, belauscht er die Verräter und erlebt den gefährlichen Kampf der meuternden Piraten. Mit Glück, Jims Hilfe und einem vor Jahren auf der Insel ausgesetzten Matrosen wird der Schatz gehoben, und Jim kehrt als reicher Mann nach Hause zurück.

In der Reihe „einfach lesen!“ des Cornelsen Verlags werden bekannte Jugendbücher so gekürzt und vereinfacht, dass sie auch von weniger geübten Leserinnen und Lesern bewältigt werden können. Zur Unterstützung des Textverständnisses beginnt jedes der kurzen Kapitel mit einer Illustration. Als optische Lesehilfe sind die Texte zudem mit Zeilenzählern versehen Verschiedene Aufgaben am Kapitelende dienen der Überprüfung des Textverständnisses. Ein Lösungsheft liegt bei. Falls der Roman als Klassenlektüre eingesetzt wird, bietet es sich an, die weniger geübten Schülerinnen und Schüler das vereinfachte Leseprojekt und die fortgeschrittenen Leserinnen und Leser die Originalausgabe lesen zu lassen. Das kollektive Leseerlebnis bleibt somit trotz unterschiedlicher Leseniveaus erhalten.
Der Text enthält einige Fremdwörter sowie fachspezifische Ausdrücke aus der Seefahrt.
Zur ungekürzten Fassung können Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“ beantwortet werden. Es sind Hörbücher, diverse Verfilmungen sowie eine Adaption als Brockhaus Literaturcomic des Romans erhältlich.

Klassenstufen: 5,6,7,8 L

Tom Sawyers Abenteuer
Mark Twain
Verlag: Cornelsen, Publiziert: 2003, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-464-60173-0
Schlagwörter: Abenteuer

Ein Leseprojekt nach dem gleichnamigen Roman von Mark Twain

Tante Polly zieht neben ihrem eigenen Sohn Sid ihren Neffen Tom Sawyer gross. Tom hält seine Tante auf Trab, er nascht gern, schwänzt hie und da die Schule und er hat immer eine passende Ausrede. Richtig böse kann ihm Tante Polly dennoch nicht sein, dafür mag sie ihn viel zu sehr. Eines Nachts beobachten Tom und sein Freund Huckleberry Finn wie zwei Männer, Indianer Joe und Muff Potter, dem Doktor helfen, eine Leiche auszugraben. Unter den Männern bricht Streit aus, es kommt zu einem Kampf, bei dem der Doktor erstochen wird. Das Messer gehört zwar Potter, aber der Täter war Indianer-Joe, das haben die Jungen genau gesehen. Dank ihrer Aussage vor Gericht entgeht Potter der Verurteilung. Indianer-Joe aber kann fliehen. In dieser Anthologie finden sich weitere Geschichten rund um Tom Sawyer, etwa die von einer Flossfahrt zu einer unbewohnten Insel oder die von der Gefangenschaft in einer Höhle. Die Geschichten werden von Tom erzählt, einem Jungen, der es faustdick hinter den Ohren hat! Eine höchst vergnügliche Lektüre.

In der Reihe „einfach lesen!“ des Cornelsen Verlags werden bekannte Jugendbücher so gekürzt und vereinfacht, dass sie auch von weniger geübten Leserinnen und Lesern bewältigt werden können. Zur Unterstützung des Textverständnisses beginnt jedes der kurzen Kapitel mit einer Illustration. Als optische Lesehilfe sind die Texte zudem mit Zeilenzählern versehen Verschiedene Aufgaben am Kapitelende dienen der Überprüfung des Textverständnisses. Ein Lösungsheft liegt bei. Falls der Roman als Klassenlektüre eingesetzt wird, bietet es sich an, die weniger geübten Schülerinnen und Schüler das vereinfachte Leseprojekt und die fortgeschrittenen Leserinnen und Leser die Originalausgabe lesen zu lassen. Das kollektive Leseerlebnis bleibt somit trotz unterschiedlicher Leseniveaus erhalten.
Einen weltberühmten Kinderklassiker zu lesen, kann eine besondere Motivation sein. Im Anschluss an die Lektüre können Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“ gelöst werden. Die ungekürzte Fassung liegt bei Bibliomedia Schweiz als Klassensatz vor. Von der Originalfassung sind Hörbücher und DVDs erhältlich.

Klasse 6, 7,8, L

Nicht Chicago. Nicht hier
Kirsten Boie
Verlag: Cornelsen, Publiziert: 2003, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-464-60175-4
Schlagwörter: Schule | Aussenseiter:in/Mobbing

Ein Leseprojekt nach dem Jugendroman von Kirsten Boie

Nur wenn der 13-jährige Niklas den Hörer abnimmt, spricht der anonyme Anrufer. Er bedroht Niklas und macht ihm Angst. Niklas weiss, dass es sich beim Anrufer um den ein Jahr älteren Mitschüler Karl handelt. Seit er in der Klasse ist, hat Niklas es schwer. Als dann plötzlich Niklas’ Kaninchen gestohlen wird, begreift auch seine Familie, dass Niklas ernsthaft bedroht wird. Da beschliesst der Vater, die Polizei einzuschalten. Doch für die handelt es sich bloss um einen Bagatellfall. Karl mobbt inzwischen ungehindert weiter. Ausserdem kann er immer alles so darstellen, dass niemand Niklas glaubt. Auch andere Mitschüler fangen an, Niklas zu belügen und zu bestehlen. Als Niklas sich weigert, Geld zu bezahlen, um seine eigenes Handy zurückzubekommen, schlägt Karl zu. Niklas ist ihm wehrlos ausgeliefert und auch die Lehrerin hat die Lage völlig falsch eingeschätzt.

In der Reihe „einfach lesen!“ des Cornelsen Verlags werden bekannte Jugendbücher so gekürzt und vereinfacht, dass sie auch von weniger geübten Leserinnen und Lesern bewältigt werden können. Zur Unterstützung des Textverständnisses findet sich am Anfang jedes der kurzen Kapitel eine Illustration. Als optische Lesehilfe sind die Texte zudem mit Zeilenzählern versehen. Verschiedene Aufgaben am Kapitelende dienen der Überprüfung des Textverständnisses. Ein Lösungsheft liegt bei.
Falls der Roman als Klassenlektüre eingesetzt wird, bietet es sich an, die weniger geübten Schülerinnen und Schüler das vereinfachte Leseprojekt und die fortgeschrittenen Leserinnen und Leser die Originalausgabe lesen zu lassen. Das kollektive Leseerlebnis bleibt somit trotz unterschiedlicher Leseniveaus erhalten.
„Nicht Chicago. Nicht hier.“ ist eine eindrückliche Geschichte über die Spirale von Mobbing und Gewalt, in die auch Kinder geraten können. Sie verzichtet auf Erklärungen und einfache Lösungen. Dank der mitreissenden Erzählweise und des aufwühlenden Stoffs vermag der Roman auch weniger routinierte Leserinnen und Leser zu fesseln. Die ungekürzte Fassung liegt bei Bibliomedia Schweiz als Klassensatz vor und ist auch als Hörbuch erhältlich. Es existieren Unterrichtsmaterialien zum Titel und auf dem Online-Portal „Antolin“ können Quizfragen beantwortet werden.

Klassenstufen: 7,8,9,10 L

Die Insel
Armin Greder
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4930-0
Schlagwörter: Gewalt

Das neue Bilderbuch des Schweizer Künstlers Armin Greder ist ein düsteres und dunkles Buch. Ein Buch, das Abgründe des menschlichen Seins und Handelns zeigt. Ein Buch, das aufschreckt und die Psyche fordert. Schwarz-Töne und erdige Braun-Töne dominieren.

Auf einem Floss wird ein Mann auf einer Insel angeschwemmt: nackt. Ein Mensch ohne Identität, ohne Vergangenheit, ohne persönliche Geschichte, ohne all das, was ein Menschsein ausmacht. Seine Physiognomie kann als «fein» bezeichnet werden, wenn man die Kolosse betrachtet, die tumben Inselbewohner, denen er sich am Strand gegenübersieht. Nicht von ungefähr sind sie alle männlich. Die Frauen gehen all dem nach, was Frauen in einer solchen Gesellschaft tun müssen: sie kochen, servieren, waschen ab. In seiner Nacktheit ist der Gestrandete verletzlich. Die spitzen und scharfkantigen Geräte, die die bulligen und massigen Männer in den Händen halten, sind eine Bedrohung, tun fast spürbar weh und sind schon ein Hinweis darauf, was für den Neuankömmling noch kommen wird. Auch steht es den Männern ins Gesicht geschrieben, dass sie gleich geschaltet sind und voller Abwehr gegenüber allem, was fremd und damit vermeintlich bedrohlich ist. Einzig der Fischer, der den Gestrandeten entdeckt, übernimmt Verantwortung und wird damit zum Gewissen dieser Inselgemeinschaft. Dem Mann wird jede menschliche Würde genommen. Er wird von den Menschen der Insel gedemütigt, indem sie ihn in einen Käfig sperren und somit sein Dasein auf das eines wehrlosen und abhängigen Tieres reduzieren. Sogar die Kinder wiederholen in den Bildern von Armin Greder diese endlose Geschichte der Alten. Am Ende des Buches haben sich die Inselbewohner des Neuankömmlings entledigt und ihr Gewissen, den Fischer, gleich mit entsorgt. Was bleibt, ist die Isolation nach aussen hinter hohen Inselmauern, ist der Rückzug in die dumpfe, bierheimelige, kleine Welt. Alles bleibt, wie es war. Arme Inselkinder! Dies ist mit Sicherheit kein Buch für die Zartbesaiteten unter den Kleinen. Eher ein Buch für Kinder und junge Erwachsene, die mehr erfahren und erfragen wollen über die Schattenseiten des Lebens. Ihren Ansprüchen wird es gerecht: in der sprachlich präzisen Darstellung des Themas ebenso wie in der eindeutigen künstlerischen Umsetzung.

STEFANIE KAPPUS

Leander
Gaëtan Dorémus
Aus dem Französischen von Thomas Minssen
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-9075-8829-0

Ebenfalls deutlich und klar in der Aussage, jedoch hell und freundlich in der Farbgebung ist dagegen das Buch des jungen französischen Autors und Illustrators Gaëtan Dorémus. Es weckt sehr viel Hoffnung, dass es auch in unserer Welt noch Gerechtigkeit gibt und richtet sich eher an eine ganz junge Leserschaft.
Im Dorf lebt Leander, ein grellgelber Tiger mit Streifen, ein aussergewöhnlicher Tiger. Nicht nur backt er köstliches Brot, nein, er hält für seine Kunden noch mehr bereit: Den Kindern erzählt er beim Einkauf in der Bäckerei Geschichten und abends strömt die Dorfgemeinschaft in seine Theateraufführungen. Verkleidet entführt er dann sein Publikum in andere Länder und andere Zeiten. Alle lieben ihn. Aber nur bis zu dem Tag, als er im Theater als Tiger auftritt und damit als das, was er wirklich ist. So löst er im Dorf aus, was nicht mehr aufzuhalten ist: Ein Wort gibt das andere, und am Ende landet der Tiger im Käfig. Tierisch unglücklich, versteht sich. Doch einzig die Herzen der Kleinsten im Dorf kann er mit seinen Tigertränen erweichen. Sie haben eine Idee, die letztlich auch die Eltern überzeugt und den Tiger aus der Gefangenschaft befreit. Seiner starken Persönlichkeit hat der Käfigaufenthalt keinen Abbruch getan, und so hat die Dorfgemeinschaft bald wieder zurück, was ihr zwischenzeitlich gefehlt hat: knuspriges, gestreiftes Brot und magische Geschichten. Reiche Dorfkinder!
STEFANIE KAPPUS

Geborgen
Benny Lindelauf, Illustration: Karina Mucek
Aus dem Niederländischen von Eva Grambow
Verlag: Omnibus, Publiziert: 2002, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 3-5701-2610-2
Schlagwörter: Krankheit

Für Johannes hat sich das Leben drastisch verändert. Seit mehreren Wochen liegt der an Leukämie erkrankte Junge im Krankenhaus, wo sich Ärzte, Pfleger und seine beiden Väter liebevoll um ihn kümmern, und wo er sich nichts sehnlicher wünscht, als bald wieder heim zu gehen.
Endlich ist es soweit, er darf für immer längere Zeitabschnitte nach Hause. Doch was er sich so schön ausgedacht hat, nämlich weg von den vielen Medikamenten und den schmerzhaften Behandlungen in seine gewohnte, sichere und liebevolle Umgebung zurückzukehren, wird schliesslich ein Schritt ins beängstigende Ungewisse. Nicht nur, dass er von den Medikamenten unmöglich dick geworden ist und alle seine Haare ausgefallen sind, auch seine Freunde kommen ihm verändert vor, behandeln ihn wie ein rohes Ei. Zur Schule wagt er sich anfangs nicht, und für lustige Spiele ist er auch selten aufgelegt. Es braucht viel Zeit und fürsorgliche Rücksichtnahme von Seiten der Erwachsenen, bis Johannes seine neue Situation akzeptieren und seine Ängste und Traurigkeit loswerden kann.
Eine wunderschöne Geschichte, die gerade durch ihre Einfachheit und den humorvollen Erzählstil überzeugt. Wichtig scheint dem Autor und der talentierten Illustratorin, Johannes’ vielfältige Ängste (und somit Kinderängste ganz allgemein) ernst zu nehmen, gleichzeitig aber Zuversicht und Lebensfreude aufzubauen. Dass die ungewohnte Familienstruktur – zwei Väter, keine Mutter – nicht hochgespielt wird, ist ebenfalls positiv zu werten. Die lebensbedrohende Krankheit wird im Buch auf keine Weise verharmlost, ist immer präsent und führt zu einem positiven Ende. Johannes’ Geschichte regt die jungen LeserInnen ab acht Jahren zu Offenheit und Mut gegenüber aussergewöhnlichen Lebenssituationen an und bietet Diskussionsstoff zum Thema Krankheit und Tod.
GIOVANNA RIOLO

Ganz anders als du denkst!
Herausgeber:in: Dieter Bongartz
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2002, Seiten: 183, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4772-3
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Eine Generation meldet sich zu Wort

120 Jugendliche aus drei deutschsprachigen Ländern haben sich mit dem Autor auf das Abenteuer «Schreibwerkstatt» eingelassen. Es sind dabei kurze, prägnante Texte entstanden, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lassen.

Was uns diese junge multikulturelle Generation zu sagen hat, ist sehr vielschichtig. Manchmal scheint es uns oberflächlich und ihrem «Null Bock»-Ruf gerecht, meistens aber gehen die Aussagen unter die Haut. Genau so vielseitig sind auch die Themen, zu denen sie sich äussern: Hoffnung und Angst, Gegenwart und Zukunft, Eltern und Fremde, Liebe und Gewalt und immer wieder sehr zentral das eigene Ich. Wir vernehmen Erstaunliches oder Erschreckendes von den Heranwachsenden: «In der Schule fühle ich mich wie zu Hause», «…meinem Computer kann ich alles anvertrauen», «Mein grösster Albtraum wäre eine Begegnung mit mir selbst…» oder «…damals habe ich mich über alles gefreut, war ich glücklich, zufrieden und geborgen. Jetzt auf dem Weg zum Erwachsenwerden habe ich mich an das Leben gewöhnt». Die Fülle an Texten, die uns in ihrer naiven Einfachheit die Augen öffnen für eine uns oftmals unbekannte junge Generation, wird begleitet von diskreten schwarz-weissen Fotos von aussergewöhnlicher Qualität.

Sollen wir glauben, was uns Statistiker wahr machen wollen, wenn sie uns eine PISA-Studie vorlegen? Nach der Lektüre dieses hervorragenden Gemeinschaftswerkes von Jugendlichen aus allen sozialen und kulturellen Schichten bin ich versucht, die Unkenrufe als blosse Sensationsmache abzutun und gehe mit dem Herausgeber einig, der sich im Vorwort zu den Texten äussert: «Sie geben ein Mosaik von Wirklichkeit, ein für mich neues und überraschendes Bild von Jugend heute». Ein Bild eben, das so ganz anders ist als man denkt! Ein Buch, das ich jedem jungen Menschen in die Hand drücken möchte und noch viel lieber allen Erwachsenen, denen die Gegenwart und die Zukunft dieser Generation wichtig sind.

GIOVANNA RIOLO

Der Mond ist ein blöder Pudding
Jon Ewo
Aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt
Verlag: Bertelsmann, Publiziert: 2002, Seiten: 412, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12600-5
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft | Krankheit

"Die Sonne ist eine geniale Göttin". "Der Mond ist ein blöder Pudding". Vorläufig sind die beiden ersten Bände der Trilogie in deutscher Sprache erschienen: Genial ist die verwegene Darstellung von Adams ersten Entwicklungsschritten hin zum Erwachsensein. Und keineswegs blöde die darauf folgende Ernüchterung.
1. Teil: Adam (16), von seiner Geliebten versetzt (weil zu kindisch), schliesst auf einem Silodach in Oslo mit der Sonne einen Pakt: In diesem Sommer will er erwachsen werden. Er lernt Frank kennen, der seine Jugend wiederfinden will, und Claudia, die er erobern und lieben wird. Er grenzt sich ab von seiner verständnisvollen Familie, setzt sich mit Vaters Krankheit auseinander und ist v.a. auf der Suche nach sich selber und eigenen Lebensvorstellungen. Im Juli zeichnet er minutiös Fort- und Rückschritte seiner Gratwanderung zum Erwachsensein auf. John Ewo, der Autor, gestaltet dies in selten witziger Art und Weise und spannend mit verschiedenen Stilmitteln wie unterschiedlicher Typographie, Listen und Aufzählungen, Zitaten aus Ibsens Peer Gynt oder Texten norwegischer Punkgruppen. Köstlich und überzeugend, jedoch niemals anbiedernd ist Adams beobachtende und bewertende Darstellung der Personen und deren Beziehungen untereinander, die Wiedergabe der Dialoge sowie das Lachen über seine eigenen Misserfolge.
2.Teil: Im folgenden Frühling nimmt Adam während zweier Wochen den Kampf mit dem Mond auf. Er will beweisen, dass das Leben auch als Erwachsener sinnvoll und lebenswert ist. Quasi als Don Quichotte rettet er Frank, den Freund seiner Schwester, der sich seiner Verantwortung als zukünftiger Vater entziehen möchte. Seinen deprimierten, sich vor den Realitäten des Erwachsenseins fürchtenden Schulfreunden verschafft er neuen Lebensmut und mit jugendlicher Abgeklärtheit beobachtet er die Midlife-Krise seiner Eltern, die als ehemalige Mitglieder einer bekannten Punkband einem Revival-Gig entgegenfiebern. Und beinahe gewinnt der Mond, als Adams Liebe zu Claudia die erste Feuerprobe bestehen muss. Auch hier überzeugen die tagebuchähnlichen Aufzeichnungen des intelligenten Protagonisten, die Protokolle der «Lunatic Society zur Erhaltung des Kindischseins», die kuriosen Listen und Anmerkungen, lakonisch kommentierten Dialoge, Drehbuchfragmente und Romanentwürfe. Sie alle bringen Witz, Leichtigkeit, Vielschichtigkeit und jugendliche Überlegungen zum Lebenssinn temporeich und leicht nachvollziehbar zum Ausdruck.
Die ersten beiden Bände dieser Trilogie sind ein Kleinod für junge und jung gebliebene Erwachsene und heben sich deutlich von der grossen Masse jugendliterarischer Ent-wicklungsromane ab. Der letzte Teil "Die Erde ist nackt und hart" ist auf Frühling 2003 angekündigt.
BEATRIX OCHSENBEIN

Das Hotel zur Sehnsucht
J. Patrick Lewis, Illustration: Roberto Innocenti
Aus dem Englischen von Hans ten Doornkaat
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2002, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4945-9
Schlagwörter: Fantasie | Reisen | Kunst

Da sitzt er nun deprimiert an seinem Pult, der Künstler, und kann nicht mehr malen. Es fehlt ihm an Inspiration. Seine Fantasie ist ihm abhanden gekommen, und er entschliesst sich, nach ihr zu suchen.
Er packt seine Siebensachen, reist auf einer Einbahnstrasse der Einsamkeit, vorbei an Abgründen des Vergessens in Richtung WEISSDERHIMMELWO. Sein Auto findet wie von selbst den Weg zu einem einsamen Haus in den Dünen. Es ist ein Hotel, wo ihm Leute begegnen, die er irgendwie zu kennen glaubt. Das eigenartige Treiben im und ums Haus lässt ihm keine Ruhe; das Benehmen der Gäste und ihre Worte scheinen aus einer fremden Welt zu stammen und doch weckt dies in ihm immer wieder Erinnerungen an Bekanntes. Alle scheinen sie auf der Suche nach irdischen Schätzen oder verlorenem Glück. Der Künstler kommt schlussendlich zu der Einsicht, dass sie ihm etwas zeigen wollen, was ihm den Weg zu sich selbst weist und ihm seine Fantasie zurückbringt.
Eine wunderbare Bildergeschichte, surrealistisch aufgebaut und voller skurriler Ideen! Fertig gelesen und betrachtet, zieht sie einem gleich wieder an den Anfang zurück, denn man ist sich nicht sicher, ob man richtig gelesen – und verstanden – hat. Und dann passiert das Wunderbare: die Geschichte liest sich immer wieder anders, denn was uns beim Lesen und Betrachten der faszinierenden Zeichnungen leitet, ist reine Fantasie. Wir sind frei in der Interpretation des Textes und können die Figuren nach eigenem Gutdünken einordnen. Der Maler (Innocenti himself!) trifft auf Figuren der Weltliteratur verschiedener Epochen und lässt sie agieren, als ob sie ins gleiche Werk gehörten. Geschickt werden Schicksale miteinander verknüpft und zu einer geheimnisvollen Handlung vernetzt. Wenn man meint, endlich einen roten Faden gefunden zu haben, entwickelt sich die Geschichte wieder in eine völlig andere Richtung. Ein Buch, das verloren geglaubte Fantasie aufs Wunderbarste aufleben lässt, mit kunstvoll komponierten und arrangierten Bildern und Texten, die alle Sinne ansprechen. Leute jeden Alters mit Interesse an fantastischer Literatur und Sinn für Comic-Kunst werden sich gerne im «Hotel zur Sehnsucht» einquartieren.
GIOVANNA RIOLO

Gefangene des Meisters
William Nicholson
Aus dem Englischen von Stefanie Mierswa
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2002, Seiten: 406, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-70704-6
Schlagwörter: Fantasie | Gewalt

Wer den wunderbaren Windsänger gelesen hat, wird es kaum glauben: die Gefangenen des Meisters stammen aus den Tasten desselben Autors! Im Gegensatz zum lebendigen Erzählton des Romans Windsänger stolpert der Erzähler hier von einem Klischee ins nächste, lässt keine Peinlichkeit aus und trägt den Kitsch so dick auf, dass es kaum zu ertragen ist. Die Frauen sind allesamt wunder-wunderschön und die Männer natürlich stolz, heldenhaft und immer zum Kämpfen aufgelegt. Kostprobe: «Er selbst (ein Kämpfer; M.J.) hatte viele Narben auf seiner mächtigen gewölbten Brust, doch dieses Mal würde der Gegner keine Chance bekommen, weitere hinzuzufügen.» Natürlich stirbt dann der arme Gegner qualvoll, indem sich die Klinge «mit einem knirschenden Geräusch» in seine Brust bohrt. Mag sein, dass hier einiges der Übersetzerin anzulasten ist. Doch wie sollte sie sich bei dieser Vorlage zu Besserem inspiriert fühlen?!
Wo das Gute auftaucht, kommt es «oberlehrerhaft» daher. Das Böse hingegen bemüht sich, dämonisch zu wirken. Aber ohne Erfolg: Es ist bloss lächerlich. Man liest und wartet stets auf ein Zeichen, dass es sich um eine Parodie handelt. Doch das Zeichen bleibt aus. Und das ist das eigentlich Unglaubliche an dieser schwachen, einfallslosen Geschichte.
MLADEN JANDRLIC

Die dreizehnte Fee
Nikolaus Heidelbach
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79289-1
Schlagwörter: Fantasie | Identität/Individualität

Märchen sind wie tiefe Seen, in denen sich unser Inneres spiegelt. Heidelbach spielt mit diesem unbewussten Inneren in seinem neuen Bilderbuch. Die Lehrerin hat der Klasse soeben das Märchen vom Dornröschen – das auf dem Vorsatz abgedruckt ist – vorgelesen. Den meisten Kindern hat es gefallen. Aber kann es stimmen, dass ein König nur 12 goldene Teller hat? Ist es nicht merkwürdig, dass die Eltern ausgerechnet an Dornröschens 15. Geburtstag weggehen und pünktlich wieder zurück sind, wenn’s ums 100-jährige Einschlafen geht? Und überhaupt, wer kann schon 100 Jahre schlafen? Von jetzt an erscheint jede Nacht einem der Schulkinder eine Fee im Traum und verwandelt es: eines in eine Wachtel, Fatima in einen starken Kampfstier. Eines hat verkehrt herum fliegen gelernt, und alle haben seine Unterhose gesehen. Eine Fee liess Jonas am ganzen Körper Haare wachsen und eine andere verwandelte sich in einen Mantel, der sich schützend um Konrad legte… 12 Kindern erschienen Feen im Traum, dem 13. aber die Lehrerin!

Die Kinder erzählen ihre Träume als real erlebte Ereignisse – die Illustration nimmt sie detailgetreu auf, allerdings mit surrealistischer Aussage. Dargestellt sind jeweils nur die geträumte Fee und das träumende Kind mit den entsprechenden Requisiten, und doch steckt in jedem Bild viel mehr – genauso wie in den Träumen, die viel mehr aussagen, als uns bewusst ist. Die Metaebene wird bildlich eingefangen, und die BetrachterInnen können sich träumend darin verlieren.

Unser Kochbuch. Mit uns um die Welt
Verlag: Pinkelefant, Publiziert: 2002, Seiten: 115, ISBN/ISSN/EAN: 3-952240-90-7
Schlagwörter: Schule

Lieblingsrezepte einer multikulturellen Oberstufenklasse

Hauswirtschaft, Deutsch, Zeichnen – in einem sechsmonatigen, fächerübergreifenden Projekt schufen die Oberstufenschülerinnen und -schüler der Berner Manuel-Schule ein ganz besonderes, beachtenswertes Kochbuch – ein ungekünsteltes «Kulturbuch».

21 Jugendliche aus 16 Herkunftsländern besuchen die gleiche Klasse und sind Mitgestaltende an diesem Kochbuch: Zu Beginn «ihres» Kapitels stellen sich die Jungen und Mädchen mit einem kurzen Steckbrief vor. Sie erzählen, warum sie in Bern sind, von ihrer Beziehung zum Herkunftsland und zur Schweiz, von ihren Hobbies und Zukunftswünschen. Darauf folgt ein typisches Menü des Heimatlandes, liebevoll versehen mit persönlichen Bemerkungen wie «Das kocht mein Grossvater sehr gut», «Man macht das Gericht, wenn man nicht viel Zeit hat» oder «Diese Vorspeise isst man mit der Hand». Die von der Klasse getesteten 60 Rezepte sind nun handschriftlich festgehalten und illustriert. Alle Abläufe sind klar und logisch beschrieben, die meisten Zutaten (oder ein Ersatzprodukt) hier erhältlich. Varani aus Albanien, Sambus aus Somalia, Khoretsch Ghemeh aus Iran oder Kalbsbratwurst mit Rösti aus der Schweiz? Mit Vergnügen lässt man sich durch diesen handlichen Ringhefter dazu verführen, die schmackhaften Gerichte nachzukochen. (Jugendliteratur)

Die grosse Suche des kleinen Blidfinn
Thorvaldur Thorsteinsson, Illustration: Gudjon Ketilsson
Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig
Verlag: Omnibus, Publiziert: 2002, Seiten: 122, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12609-9
Schlagwörter: Fantasie | Freundschaft | Natur

Der kleine Blidfinn lebt in einem Garten, am Rand von einem wunderschönen Wald. Das menschenähnliche Wesen mit Flügeln hat sich in seiner kleinen Welt gemütlich eingerichtet, jeder Tag gleicht dem andern. Dass seine Eltern vor langer Zeit ins Lichtreich entschwunden sind, hat Blidfinn verwunden; und zum Trost und als Erinnerung an seine einzige Freundin Kirsa, die ebenfalls weg ist, bleibt ihm deren Stoffpuppe Lump. Doch eines Morgens sitzt ein Kind in seinem Garten. Im Nu entwickelt sich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden. Spannend, witzig und wortspielerisch («die grundlose Grube», «Klumpatsch») vergehen die Jahre der Freundschaft im Flug – bis Blidfinn mit dem plötzlichen Verschwinden des Kindes erneut die Erfahrung macht, dass nichts von Dauer ist, dass das Leben auch Veränderung, Verlust und Aufbruch bedeutet. Am Ende findet Blidfinn das Kind wieder «und seine dicken Gläser beschlagen von innen». Während Blidfinn (und die Leserschaft) Kind geblieben ist, ist «das Kind» zum Greis gealtert und während wir eine in sich geschlossene Welt der Fantasie und der Mythologie durchreist haben, in grosser Nähe zur Natur, ist das Buch schon zu Ende. Wer die Musik der isländischen Sängerin «Björk» kennt und mag, wird auch dieses Buch wärmstens weiterempfehlen.
STEFANIE KAPPUS

Das Notizbuch des Zeichners
Mohieddin Ellabbad
Aus dem Ägyptischen von Burgi Roos
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2002, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0473-7

Es ist aufgemacht wie ein grosses, altes Notizbuch, mit grünschwarz marmoriertem Papier, verstärkten Ecken und eingefasstem Rücken. Aber drinnen sind keine Bleistiftkritzeleien, sondern farbenprächtige Bilder, und man liest es nicht von vorn nach hinten, sondern der arabischen Tradition entsprechend von rechts nach links. „Das Notizbuch des Zeichners“ des Ägypters Mohieddin Ellabbad ist ein Bilderbuch. Aber was für ein Bilderbuch! Jede Seite fesselt das Auge, jede Seite entwickelt einen Sog, der den Betrachter, die Betrachterin in die Darstellung hineinzieht und eine Fülle von Inhalten entdecken lässt. Die Fantasie entzündet sich zum Beispiel an der Kombination einer antiken Heldendarstellung mit dem Bild Supermans, an der expressiven Zeichnung eines Strassenbahnfahrers oder an der Gegenüberstellung einer Ferienpostkarte vom Genfersee mit einer schwarzweissen ägyptischen Ansichtskarte um die Jahrhundertwende, die einen alten Baumbestand hinter einer Parkmauer zeigt. Ihren ästhetischen Reiz beziehen die Bilder auch aus dem Zusammenspiel von Zeichnung oder Collage mit dekorativer arabischer Schrift. Der Text – der Kommentar des Zeichners – ist in den Marginalien in deutscher Übersetzung wiedergegeben. Die Summe der Seiten zeichnet anhand von Andenken, Erinnerungen und Reflexionen den Weg eines Jungen nach bis zum erwachsenen Mann und Illustrator, Schriftsteller und Buchhersteller, der Ellabbad heute ist. „Das Notizbuch des Zeichners“ ist ein Fund und ein Glücksfall – für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.
CHRISTINE HOLLIGER

Das Leben ist komisch
E.R. Frank
Aus dem amerikanischen Englisch von Heike Brandt
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2002, Seiten: 280, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80898-4
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft | Sexualität

New York. Brooklyn. Elf Jugendliche berichten. Von ihren Müttern und Vätern, falls es irgendwo welche gibt. Von ihrer Kindheit, die ihnen schon so manches abverlangt hat. Von ihrem Alltag, der sie zwischen Pflichten und Träumen, zwischen Anpassung und Rebellion hin- und herpendeln lässt. Und von den Glückseligkeiten erster Erfahrungen von Sex und Liebe. Da die Wege dieser jungen Menschen sich kreuzen – ohne dass sie sich etwa alle kennen – entstehen spannende Porträts im Wechsel von Fremd- und Selbstbetrachtung.
Diese feinen Milieustudien erzählen in literarischer Intonation von einer multikulturellen Gesellschaft, in der die Hautfarbe noch immer eine gewichtige Rolle spielt. Und wir erfahren viel von den Anstrengungen des Erwachsenwerdens, jenem Entwicklungsprozess, bei dem die Frage des Dazugehörens erst recht wichtig wird. Es sind kräftige junge Menschen, die man hier kennen lernt, mutige, die etwas vom Leben wollen, auch wenn es sich noch so widerwärtig zeigt.
LISBETH HERGER

Warum fallen Katzen immer auf die Füsse?
Gerhard Staguhn, Illustration: Joachim Widmann
Verlag: Hanser, Publiziert: 2002, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20192-0
Schlagwörter: Wissenschaft | Alltag | Rätsel

… und andere Rätsel des Alltags

Schon gewusst, dass fast nur Männer vom Blitz getroffen werden? Mehr als 80 Prozent, um genau zu sein. Noch nie gehört? Dann hilft wohl nur ein rascher Blick in Gerhard Staguhns neuestes Sachbuch-Faszinosum.
«Warum ist die Banane krumm?» – Mit dieser Frage pflegten vor noch gar nicht allzu langer Zeit entnervte Eltern auf bohrende Fragen ihrer Sprösslinge zu reagieren, wenn sie keine rechte Antwort wussten. Was dann so viel bedeutete wie: «Weil’s halt so ist.» Oder auch schlicht: «Darum». Gerhard Staguhn gibt in Warum fallen Katzen immer auf die Füsse? …und andere Rätsel des Alltags Antwort darauf: Zu Beginn wachsen die Früchte unter schützenden Hüllbättern nach unten. Irgendwann fallen die Schutzblätter dann ab und ein pflanzliches Hormon bewirkt, dass die Bananen dem Licht entgegen wachsen – und sich dabei ordentlich verbiegen. Nach Das Rätsel des Universums (1998), das für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde, Die Jagd nach dem kleinsten Baustein der Welt (2000) und Die Suche nach dem Bauplan des Lebens (2001) legt Staguhn diesmal einen Frage- und Antwort-Band vor, wie sie im Sachbuchbereich zur Zeit ja etwas in Mode gekommen sind. Wie der renommierte Wissenschaftsjournalist Fragen à la «Warum ist der Himmel blau?», «Warum fällt ein Gecko niemals von der Decke?» oder «Warum leuchten Glühwürmchen?» beantwortet, ist allerdings alles andere als «Main-stream»: fundiert, kompetent, auf dem aktuellsten Stand der Wissenschaft und dennoch bereits für Zehnjährige verständlich, nur zu gerne auch mit einem kleinen Augenzwinkern oder einem Schuss Philosophie dargeboten. Antworten auf exakt 70 «Warum-Fragen» bietet Staguhns pfiffiges Kompendium, das eigentlich in jede Hausbibliothek gehört. Von «Warum gibt es die Welt?» bis «Warum müssen wir sterben?» reicht der Bogen, den er – gegliedert in acht übergreifende Themenblöcke – spannt: Fragen, deren Antworten wir zwar irgendwie kennen, uns mit dem Erklären aber schwer tun, sind darunter. Solche, deren Lösung Generationen von Wissenschaftlern in Atem hielten. Und solche, die bis heute noch nicht vollständig beantwortet werden können. Prädikat: besonders wertvoll.
ANDREA DUPHORN

Was wisst ihr denn schon
Brock Cole
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2002, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 3-5515-8077-4

Linda (13) berichtet der Polizei bereitwillig die ihr bekannten Fakten über den Tod zweier Männer. Später im Kinderheim allerdings erzählt sie ihre Lebensgeschichte, die weitaus erstaunlicher und vielschichtiger ist als zuerst angenommen. Als indio-weisses Mädchen durchlebte sie die verschiedensten Wechselbäder in ihrem kurzen Leben: in verschiedenen Städten der USA, bei der depressiven und selbstzerstörerischen Mutter und deren wechselnden Freunden, bei den ablehnenden Grosseltern, verantwortlich für die jüngeren Brüder, pflichtbewusst verbleibend beim reichen und senilen Liebhaber der Mutter – und schliesslich als Lolita für Mutters Arbeitsgeber, bei welchem sie erstmals Wertschätzung und Liebe erfährt. – Lindas Lebensbericht liest man mit angehaltenem Atem: Die spärlichen heiteren und häufig düsteren Erlebnisse werden mit kindlicher Naivität und absolut wertfrei geschildert. Man erschrickt ob der Absurdität der Ereignisse, ob der Unfähigkeit der Mutter und ihrer Möglichkeiten, immer wieder durch das Netz der Gesellschaft zu schlüpfen. Man staunt über Lindas ungebrochene Fähigkeit zur vorurteilsfreien Anpassung (Moral, Alltag, Lebensinhalte…) und freut sich über ihre positive Lebenseinstellung und den guten Kern, die trotz aller Widerwärtigkeiten ihr Wesen bestimmen. – Ein bemerkenswerter, herausragender Roman: Sprachlich knapp, in Ich-Form, inhaltlich realistisch und gleichzeitig (hoffentlich…) fern von persönlichen Erlebnissen der Leserschaft, äusserst spannend und gerade durch den Widerspruch von argloser Kindersicht und brutaler Realität äusserst nachhaltig. Für versierte als auch für ungeübte LeserInnen jeden Alters!
BEATRIX OCHSENBEIN

Die Tollen Hefte
Herausgeber:in: Armin Abmeier
Verlag: Büchergilde Gutenberg, Publiziert: 2002, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-936428-06-9

Aussergewöhnliche kulturelle Leistungen haben mit Engagement und Engagement hat wiederum mit Liebe zu tun. In dieser Geschichte geht es um mehr als eine Liebe. Armin Abmeier liebte als Junge Bilder – so sehr, dass er in seinem Zimmer alle Wände mit Zeitungspapier tapezierte, auf die er mit Nadeln Kunstpostkarten steckte. Am meisten liebte er Bilder in Heftchen. Sein letztes Taschengeld gab er für Science-Fiction-Hefte und andere Comics aus. Später wählte er einen Beruf, der ihm erlaubte, von morgens bis abends mit Bildern und Büchern zu tun zu haben, und natürlich verliebte er sich in eine der hervorragendsten Illustratorinnen, in Rotraut Susanne Berner. Jetzt konnte er an den Schaffensprozessen teilhaben, seine Frau profitierte von seinen künstlerischen Vorlieben und Anregungen.

Benno Käsmayr mit seinem Maro-Verlag war für Armin Abmeier und seine Idee der Tollen Hefte ein wirklicher Glücksfall: Ein Verleger, der von der Idee begeistert war und selbst eine Druckerei hatte. Und so erschien 1991 das erste Heft von Volker Pfüller. Es hatte schon alles, was in der Folge für Die Tollen Hefte charakteristisch bleiben sollte: es war mit Sonderfarben in Original-Offset gedruckt, fadengeheftet mit einem eingefalteten biegbaren Karton-Umschlag und es enthielt keine Reklame und Klappentexte, dafür lag ein Blatt mit Angaben über die Autoren und Künstler und einer Originallithographie bei.

Die bei illustrierten Büchern oder Heften regelmässig strapazierte Frage «Für Kinder oder Erwachsene?» lässt sich auch hinsichtlich dieser Reihe nicht beantworten. Über das Halten von Eichhörnchen heisst das letzte Heft. Der Text ist einer englischen Kinder-Enzyklopädie von 1910 entnommen, die Übersetzung besorgte Harry Rowohlt. Lakonisch und mit freundlichem Humor begleiten Axel Schefflers Zeichnungen Ratschläge wie «Die Füsse müssen sauber sein» oder «es ist nicht nett, wenn man ein Tier fängt, das ein so aktives und unbehindertes Leben führt». Liebenswürdige Titel wie Rotraut Susanne Berners Nudelsuppe und ihre Leib- und Magengedichte von Artmann bis Zürn richten sich durchaus an Erwachsene, sind aber auch für Kinder eine inhaltliche und gestalterische Fundgrube.

Werfen wir einen kurzen Blick auf die letzten Hefte, die in der Büchergilde Gutenberg erschienen sind:

Ein spröder, härterer Stil, in dem Sex, Pubertätsfantasien und Tod in stark expressionistischem Ausdruck eine grosse Rolle spielen, kennzeichnet Hefte wie Skorbut von Peter Wawerzinek und Moritz Götze oder – witziger und bunter – Thomas Müllers Illustrationen zu T. Coraghessan Boyles Hard-Rock-Himmel. Die glatten, martialischen, an Lego-Bauanleitungen erinnernden Zeichnungen von Wagenbreth werden Jugendliche durchaus ansprechen. Mit Stilelementen der Trivialkultur erzählt er das Geheimnis der Insel St. Helena, wo ein madenzerfressener Napoleon eine neuerliche Eroberung der Welt vorbereitet.

Einige, wie Axel Schefflers Eichhörnchen-Heft oder Rotraut Susanne Berners Nudelsuppe sollte man Kindern unbedingt schenken, damit auch sie ein Gefühl für gute Grafik bekommen.

INGE SAUER

Brunos grosse Liebe
Silvia Jacobi, Matthias Lühn, Illustration: Jutta Bückner
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-30-4

Die Liebe zum falschen Objekt

Bruno hat in seinem bisherigen Hasen-Leben noch nie eine Möhre gegessen und sieht folglich sehr schlecht. Denn Mohrrüben wirken sich ja bekanntlich positiv auf das Sehvermögen aus. Seine Kurzsichtigkeit ist somit der Grund für seinen Missgriff in Sachen erster Liebe: was Bruno für ein besonders entzückendes Häschen hält, entpuppt sich als eine gutgewachsene – Möhre! Von den andern Hasen neidisch beobachtet, zieht sich Bruno mit seiner Liebe in die Zweisamkeit seiner Höhle zurück. Doch während des Winters macht sich bei Bruno der Hunger immer stärker bemerkbar… – Zwingend in seiner Logik und bewundernswert in seiner konsequenten Haltung, erweist sich Bruno als echtes Vorbild in Liebesdingen. Dazu passend die luftig-leichten Hasenbilder in frühlingshaften Farbtönen. Ein perfekter Einstieg schon für die Kleinsten in das komplizierte Universum der Liebe und die Schwierigkeit der richtigen Partnerwahl. Ab 5 J. (Jugendliteratur)

Zusammen sind wir Eins und Eins
Sverre Henmo
Aus dem Norwegischen von Kerstin Hartmann-Butt
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2002, Seiten: 270, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58063-4
Schlagwörter: Pubertät | Liebe

Die Liebe und die coolen Jungs
«AMNADREIRAS» – Anders und Marias Vornamen ineinander verschlungen – Auftakt zu einer romantischen Liebesgeschichte? Weit gefehlt! Obwohl sich Anders gleich am ersten Tag seiner dreijährigen Gymnasialzeit Hals über Kopf in seine Mitschülerin verknallt und auch Maria nicht abgeneigt zu sein scheint, verpatzt Anders in den entscheidenden Momenten immer wieder alles. Mal ist es seine mühsam aufgesetzte Coolness, die ihm einen Streich spielt, manchmal die verrückt spielenden Hormone, oft ist es auch schlicht eine der häufig stattfindenden Alkoholexzesse, die eine Verständigung und ein Näherkommen unmöglich machen. Dabei ist Anders im Grunde ein vernünftiger, ernsthafter Junge, überdurchschnittlich begabt in Mathematik, beliebt bei seinen Mitschülern. Jahre später, als Erwachsene, treffen Anders und Maria wieder aufeinander. – Anders Liebesgeschichte ist eine wundervolle, ganz typische Jungengeschichte von heute. Sie gibt einen wahrhaft authentischen Einblick in die Psyche männlicher Jugendlicher – mit deren Männlichkeitsritualen, der ängstlich aufgesetzten Coolness und dem ausgeprägten Rudelverhalten. Für männliche Leser tröstlich, für alle Mädchen, die etwas über das seltsame Verhalten des männlichen Geschlechtes wissen möchten, ein unbedingtes Muss. (Ab 14).

Lilian und ich
Ninne Olsson
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2002, Seiten: 142, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4421-5
Schlagwörter: Eifersucht/Neid | Liebe

Die Liebe in den Sixties
Im Schweden der 60er-Jahre, der Zeit der Jazzklänge, besorgter Eltern und der klaren Unterscheidung zwischen guten und schlechten Mädchen, schreibt Kristina ihrem geliebten Anders in Deutschland sehnsüchtige Briefe. Sie schreibt ihm von ihren Sommerferien, von ihren Gesangserfolgen und vor allem von ihrer aufregenden, neuen Freundin Lilian. Lilian ist so ganz anders als die stille, musisch begabte Kristina: umwerfend attraktiv, energiegeladen und tollkühn. Dass Lilian aber auch berechnend, sprunghaft und oberflächlich ist, muss Kristina im Laufe der Zeit selbst erfahren. Am härtesten wird die Freundschaft zwischen den Mädchen auf die Probe gestellt, als Anders nach dem einjährigen Auslandaufenthalt zurückkommt und Lilian sich ganz unverfroren an ihn heranmacht. – Kristina beobachtet haarscharf; ihre Kommentare sind ehrlich und reif, während sie in ihren Liebesbriefen (bewusst?) viel mädchenhafter wirkt. Mehr anspruchsvolles Stimmungsbild einer Generation in Aufbruchstimmung, denn eine herkömmliche Liebesgeschichte, wie sie das sehr ansprechende Titelbild suggerieren könnte.

Eine Liebe in New York
Kéthévane Davrichewy
Aus dem Französischen von Anne Braun
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2002, Seiten: 92, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-80373-X
Schlagwörter: Liebe

Voller Träume und grosser Erwar-tungen beginnt für die 17-jährige Juliette der einjährige Aufenthalt in New York, wo sie ein Kunststipen-dium erhalten hat. Sie lernt interes- sante Menschen kennen, stürzt sich in ihre Arbeit, doch so richtig glücklich fühlt sich die Pariserin nicht – bis sie in einem Jazzclub dem Musiker Taddei begegnet. Obwohl dieser um einiges älter als sie ist, verlieben sich die beiden rettungslos ineinander. Die leidenschaftliche Lovestory endet abrupt, als Juliette erkennen muss, dass Taddei bereits liiert ist und sie angelogen hat. Doch zwei Jahre später, in Paris begegnen sie sich wieder… – Herz und Schmerz, «Amour fou», grosse Leidenschaften, auch das ist zur Abwechslung ganz schön zu lesen, vor allem wenn es mit so viel französischem Charme geschrieben ist wie hier. Der Zeilenabstand ist riesig, der Druck gross, die eingestreuten Songtexte (Sinatra, Piaf…) auflockernd – so richtig für einen kuscheligen Leseabend prädestiniert! (Ab 13)

Eintausend Sommersprossen
Josee Hussaarts
Aus dem Niederländischen von Monika Götze
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2002, Seiten: 213, ISBN/ISSN/EAN: 3-89106-424-1
Schlagwörter: Freundschaft | Musik

Eine Liebesgeschichte

Die Liebe und der Schmerz
Micha, Leadsänger einer Schülerband, hat sich zum ersten Mal richtig verknallt. Und zu seinem Erstaunen wird er von der sommersprossigen Iris wiedergeliebt und schon bald schlafen die beiden miteinander. Die neuen Gefühle verleihen Michas Output als Songwriter seiner Band einen Riesenschub – die Aufnahme zum Grossen Preis der Schülerbands ist schon fast gesichert. Der einzige, aber dafür umso grössere Wer-mutstropfen in der ganzen Situation ist Iris’ Vater, Schuldirektor van Benthem. Im Alkoholrausch schlägt er regelmässig Frau und Tochter. Iris flieht nach Utrecht zu ihrer Tante und geht fortan dort zu Schule. – Die zarte Liebesgeschichte, aus der Sicht des Jungen erzählt, entpuppt sich nach und nach als Schilderung einer Familientragödie. Während dies alles für Micha eine zusätzliche Bewährungsprobe für seine noch junge Liebe bedeutet, die er aber mit Bravour meistert, ergibt sich für den Leser ein aufschlussreicher Blick hinter die Fassaden gepflegter Eigenheime.

Stargirl
Jerry Spinelli
Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Steinhöfel
Verlag: Dressler, Publiziert: 2002, Seiten: 206, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-1960-3
Schlagwörter: Liebe

Die Liebe und die Zivilcourage
Stargirl! In der ganz gewöhnlichen High School in Arizona fällt das Mädchen schon nur durch seine äussere Erscheinung auf. Mit ihrem scheinbar unerschöpflichen Fundus an bizarren Kleidern, dem langen sandfarbenen Haar und der Ukulele am Rücken zieht sie wie ein Paradiesvogel durch die Schulhausgänge. Auch mit ihrem Verhalten macht sich die neue Mitschülerin ganz schnell zur belächelten Aussenseiterin: hemmungslos extravertiert, voll überschäumender Liebe für alles und jeden, ohne Gespür für Distanz und bar jeglicher Coolness ist Stargirl schlicht anders als alle. Der Ich-Erzähler Leo, ein allseits beliebter Schüler, beobachtet Stargirls Einstand, aber auch seine wachsen-den Gefühle für das Mädchen mit zunehmender Besorgnis. Die Lage eskaliert, als Stargirl, in ihrer Funktion als Cheerleaderin, für die falsche Mannschaft jubelt und die bisherige Amüsiertheit der Mitschüler in blanken Hass umschlägt. Da sie zudem aus ihrer Liebe zu Leo keinen Hehl macht, wird auch er plötzlich von allen anderen ausgegrenzt… – Ungemein packend wird hier das Dilemma eines bisher angepassten Jungen erzählt. Für wen entscheidet er sich? Für die Liebe und Stargirl – mit der Gewissheit, dass er dadurch von allen geächtet wird? Oder lässt er Stargirl im Stich? Das zauberhafte Ende macht diese Geschichte über Zivilcourage und Anpassertum definitiv zu einem der wunderbarsten Jugendbücher der letzten Zeit. (Ab 13)

Arena Bildatlas für Kinder
Julia Gorton, Illustration: Nicholas Price
Verlag: Arena, Publiziert: 2002, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-05289-6
Schlagwörter: Geografie

Bunt gespickt mit Abbildungen von Menschen und ihren Lebensweisen und Tätigkeiten sowie Pflanzen und Tieren in ihrem Lebensbereich sind die Landkarten im Arena Bildatlas für Kinder. Nach gründlicher Einführung mit «Was ist eine Karte?», «Heisse und kalte Gegenden» sowie dem Aufbau und der Bedeutung der angewandten Symbole werden die Länder der Erde auf Doppelseiten unter «Westeuropa, Osteuropa, Skandinavien» usw. in Text und Bild besprochen. In der Schweiz sind die Städte Bern und Zürich vermerkt, und eine goldene Uhr mit der Bezeichnung «Schweizer Uhren» ist abgebildet. Unter der Rubrik «Schon gewusst?» gibt es weitere Informationen und eine Quizfrage zu der jeweiligen Region. Diese Rubrik ist sicher für das eigentliche Zielpublikum (ca. 6 J.) zu schwierig. Erfreulich und auffallend sind die extra ausgesuchten, kindergerechten Fotos mit den dazugehörenden erklärenden Texten. Leider fehlen die in der Einleitung angekündigten Abbildungen der Flaggen hinten und vorne im Atlas.

Flieg, Flengel flieg!
Brigitta Garcia López
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2002, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0468-0
Schlagwörter: Fantasie

Auf der Umschlagseite strahlt er uns schon entgegen: Flengel! Eine äusserst sympathische Figur, mollig, mit Fliegerkappe und Sonnenbrille. Die Backen ganz rot. Eingequetscht in ein rotes Rennauto, begeistert und glücklich die Hände am Steuer – los gehts oder fährt er schon? Hinter dem Rücken blitzt es weiss hervor: Soll dies ein Flügel sein? Denn Flengel ist ein Engel, ein Begleitengel. Die Figur, wenn auch puttengleich rund und rosig, aus Knetmasse modelliert, entspricht in keiner Weise der gängigen Vorstellung eines Engels. Flengel heisst es im Titel, aber was ist ein Flengel?
Verärgert, dass er von Max, dem Jungen den er begleitet, nie bemerkt wird, beschliesst Flengel, sichtbar zu werden. Eine liebevolle Freundschaft beginnt, in der Max durch Flengel lernt im Traum zu fliegen. Fliegen kitzelt im Bauch und gemeinsam kann man bis ans Ende der Welt fliegen. Flengels Leidenschaft für Schokolade setzt jedoch seiner Möglichkeit, sichtbar zu bleiben, ein Ende: die kleinen Flügel vermögen den immer runder werdenden Körper nicht mehr zu tragen. Flengel muss wieder unsichtbar werden. Doch manchmal spürt Max ganz deutlich einen Windhauch mitten im Zimmer. Wie von einem Flügelschlag. Dann lächelt er und isst ganz schnell ein Stück Schokolade.
Figuren und Kulissen sind aus Knetmasse gefertigt. Farbig und lustvoll inszeniert. Die Szenen, von Felix Streuli fotografiert, verblüffen in ihrer plastischen Darstellung und animieren dazu, selber wieder mal Geschichten zu „modellieren“.
„Flieg, Flengel flieg!“ ist das erste Bilderbuch der in Zürich lebenden Illustratorin und Autorin Brigitta Garcia López und verdient nur schon seiner Unkonventionalität wegen eine Anerkennung.
Loretta van Oordt

Der Schneerabe
Bruno Hächler
Verlag: Neugebauer, Publiziert: 2002, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 3-85195-699-0

Drei Raben auf einem knorrigen Baum. Äusserlich gleicht einer dem anderen; doch einer ist anders: sanfter, verträumter, engelhafter. Wenn die Kollegen über Winter und Kälte krakelen, bleibt er stumm. Wenn sie über den Schnee lamentieren, der auf ihre Köpfe rutscht, lächelt er, träumt sich eine Königskrone. Und wenn die Kinder mit Armen und Beinen rudernd Schnee-Engel in die verschneite Wiese malen, möchte er es ihnen am liebsten sofort gleichtun. Birte Müllers Illustrationen fangen die Atmosphäre eines heiteren Winternachmittags, von rot glühenden Sonnenuntergängen und frostigen Vollmondnächten ein, spielen mit Perspektiven und Lichtreflexen. Die kräftigen, leuchtenden Farben, mehr getupft als gepinselt übereinander aufgetragen, machen warm ums Herz – und der fantasievoll-verspielten Geschichte vom Raben, der durch ein bisschen Schnee zu einem wundervollen Engel wird, gelingt dies sowieso.

Luzi, mein Schutzengel
Klaus Heilmann, Illustration: Sabine Kranz
Verlag: Arena, Publiziert: 2002, Seiten: 134, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-05248-9

Wie das Sams in das Leben des angepassten Herrn Taschenbier platzt, so schlittert Luzi in das des neun Jahre alten Tim. Klaus Heilmanns himmlischer Protagonist mischt das Image vom braven Engel im weissen Rüschenhemdchen kräftig auf. Luzi – von Illustratorin Sabine Kranz mal Seiten füllend und in leuchtenden Farben, mal in pointierten Schwarzweiss-Zeich-nungen in Szene gesetzt – ist so etwas wie der Prototyp einer neuen Schutzengel-Generation: Mit knallrotem Handy, Mini-Düsenantrieb, Radarpeilung und Infrarotsender ausgestattet, mit schwarz gefärbtem Lockenkopf und von Kopf bis Fuss in schwarzes Leder gehüllt, will er aus Tim einen «ganzen Kerl» machen. Nicht ganz im Sinne von «Boss» Petrus, aber dieser sympathische «Hells Angel» hat eben seine ganz eigene Auffassung von himmlischer Hilfe – und von den zehn Geboten. Clever, keck und pfiffig, aber auch eitel, faul und gefrässig – ein «enfant terrible» des Himmels, dessen turbulente Abenteuer einfach Spass machen. (Ab 8)

Ein Schutzengel aus heiterem Himmel
Sylvia Heinlein, Illustration: Ute Krause
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2002, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4734-0
Schlagwörter: Fantasie

Engel sind da, wenn wir sie brauchen. Schicken frohe Gedanken, wenn wir traurig sind, beruhigen durch ihre Anwesenheit, bewahren vor Unheil. «Helferblitz, Beschützerblitz… Meistens funktioniert das. Aber nicht immer.» In Sylvia Heinleins fantasievoller Geschichte ist es der Schutzengel, der Hilfe braucht. Hella, der sich im Gewitter verflogen hat und in Berrys Zimmer notgelandet ist, hat das Fliegen verlernt. Und nun hat er Heimweh und sehnt sich ganz schrecklich nach seiner Mama («Ja, auch Engel haben eine Mama!»). Unterstützt von Tante Irmi, Besitzerin eines wundersamen Süssigkeitenladens, helfen Berry und Freundin Line dem Engel aus der Patsche. Geradezu himmlisch: Ute Krauses cartoonistisch angelegte Aquarellillustrationen in satten, prallen Farben. (Ab 8)

Sag mir, was du siehst
Zoran Drvenkar
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2002, Seiten: 272, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58097-9
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie | Liebe

Seit Alissa am Weihnachtsabend in eine Gruft gestürzt ist und eine seltsame Pflanze aus der Brust eines toten Jungen gepflückt hat, ist nichts mehr so, wie es mal war. Sie sieht Dinge, die für andere unsichtbar bleiben: Raben, die sich in Frauen und Männer verwandeln, übernatürliche Wesen, die Leben retten, Sterbenden Beistand leisten und von denen Alissa sich magisch angezogen fühlt. Zoran Drvenkar ist ein brillanter Erzähler. Einer der es versteht, Spannung aufzubauen und von Kapitel zu Kapitel zu steigern. Im Jugendbuch bislang eher der eindringlichen, realistischen Darstellung sozialer Milieus verschrieben, wendet er sich mit Sag mir, was du siehst dem fantastischen Genre zu. Die Geschichte von Alissa –
aus sieben mehrfach wechseln-den Ich-Perspektiven erzählt – ist die einer besonderen Mädchen-Freundschaft, einer Liebe, die über den Tod hinaus reicht, sowie der Sehnsucht nach dem Jenseits. Ein mystischer, atmosphärisch dichter Thriller. Beklemmend, unheimlich, überraschend – bis zum tragisch-versöhnlichen Ende. (Ab 14)

Engel und Ungeheuer
Mario Giordano
Verlag: Aufbau, Publiziert: 2002, Seiten: 63, ISBN/ISSN/EAN: 3-351-04029-6
Schlagwörter: Kunst

«Viele Künstler malten Engel. Oder Ungeheuer. Oder beides.» Mit diesen Worten leitet Mario Giordano sein jüngstes Werk ein. Eine Engel & Ungeheuer-Anthologie, die eigentlich ein reines Engelbuch werden sollte. Aber weil der Autor «Ungeheuer schon immer interessanter fand und die Übergänge oft fliessend sind», ist ihm bei der Auswahl der Werke auch das eine oder andere Ungeheuer durch gerutscht. Von opulenten Ölgemälden vergangener Jahrhunderte über Bleistift-Arbeiten des 20. Jahrhunderts bis hin zur «Schutzengel»-Plastik im Züricher Hauptbahnhof reicht die Palette. Neben Sachinformationen zu den 21 Bildern, vereinzelten Zitaten ihrer Erschaffer, steht der auf ein Minimum reduzierte Text Giordanos. Er schlägt Brücken von Bild zu Bild, vermeidet Interpretationen, lässt die Werke für sich sprechen. Ein kostbares Engel- (und Ungeheuer-) Buch voller Magie. (Ab 5)

Den Himmel berühren
Michaela Schwarz
Verlag: Rütten & Loening, Publiziert: 2002, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 3-352-00642-3
Schlagwörter: Kunst

Alles über Engel

Himmelblauer Satin, Goldlettern und ein kleines Foto, das an Abziehbilder fürs Poesie-Album erinnert – ein Cover zwischen Romantik und Kitsch. Engel in der Werbung, im Kino, im Krankenhausalltag und in der (biblischen) Geschichte. Bibel- und geschichtskundig, unterhaltsam und leicht verständlich informiert Martina Schwarze im ersten Teil über Schutzengel, moderne und gefallene Engel, Engel in anderen Kulturen… Es folgen «Die schönsten Texte über Engel». 14 an der Zahl. Von Goethes Faust-Prolog im Himmel bis hin zu Leonid Andrejews Der kleine Engel. Eine kleine Engelkunde für Einsteiger.

Schwanensee
Peter Tschaikowsky, Lisbeth Zwerger
Verlag: Neugebauer, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-85195-739-3
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Liebe

Wer wünschte sich nicht, dass am Ende einer Liebesgeschichte der Prinz seine Prinzessin küssend in den Armen hält? Leider enden die klassischen Geschichten oft nicht im Kuss, sondern im Tod, sei es nun bei Romeo und Julia, Penthesilea oder Schwanensee. Um diesen tränenreichen literarischen Schlüssen etwas entgegenzusetzen und dem eigenen Herzenswunsch nachzugeben, hat sich Lisbeth Zwerger vorgenommen, Schwanensee neu zu erzählen und zu illustrieren. Dabei entführt sie die BetrachterInnen in eine so feinzart gestaltete Märchenwelt und lässt in Haltung und Gesichtern der ProtagonistInnen Sehnsucht mit solcher Anmut entstehen, dass man der Illustratorin das glückliche Ende nicht verdenken kann. Die Begründung dafür liefert sie im Epilog. Diesem Buch gelingt es, sowohl im Text wie auch im Bild die LeserInnen in eine Parabel der Liebe zu entführen. Und je nach augenblicklicher Verfassung erträgt man das unglückliche Ende – oder man schlägt noch die letzte Seite auf und wird mit dem heissersehnten Kuss verabschiedet. (Ab 5 J.)

Caruso
Ricardo Alcántara, Illustration: Chiara Carrer
Aus dem Spanischen von Dorothea Löcker und Alexander Potyka
Verlag: Picus, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-85452-862-0
Schlagwörter: Musik

Armer Hahn Caruso! Seine Freunde haben ihm den Schnabel zugebunden, weil sie seinen Gesang nicht mehr ertragen können. Darauf wird es still auf dem Bauernhof. Aber die Stille macht die Tiere traurig, und so beschliessen sie, eine Gesangslehrerin für Caruso zu engagieren, damit er lernt, richtige Töne zu singen. Doch leider stellt sich schnell heraus, dass aus Caruso nie ein Meistersänger werden wird. Aber was macht das schon! Eine leise Geschichte, die dazu aufruft, aufeinander zu achten und gemeinsam Lösungen zu finden und die dabei keinen Moment lang pädagogisch wirkt. Untermalt wird Carusos musikalischer Ausflug im Bild mit Collagen, die mit den unterschiedlichsten Blattstrukturen spielen, und mit geschwindem Pinselstrich, der auch nicht vor Grobheit scheut und dabei so lebendig daherkommt, dass man gerne das Schwein in diesem Bilderbuch wäre, das so herzallerliebst staunen kann. (Ab 3 J.)

Die Kuh Gloria
Paul Maar, Illustration: Tina Schulte
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6857-2

Wenn eine Kuh ein Tanzröckchen trägt, was will sie dann sein? Eine Tänzerin. Wenn das Tanzröckchen aber so gross ist, «dass man daraus bequem sieben Tischtücher hätte machen können», dann bedeutet das wohl, dass die Kuh besonders üppig ist, sprich: eine dicke Tänzerin. Und genau das ist Gloria. Sie ist dick, unbeweglich und unmusikalisch, finden die anderen Kühe, deren Köpfe fast menschenähnliche Zü-ge tragen. Zuerst kommen Gloria deswegen die Tränen, dann packt sie die Koffer.
Es geht in diesem Bilderbuch nicht um Unmusikalität, sondern um das Anderssein und darum, dass dieses nicht akzeptiert wird. Dabei gelingt es dem bekannten Kinderbuchautor Paul Maar, auf ganz wunderbare Weise davon zu erzählen, warum Gloria keine normale Milchkuh werden kann, sondern im Land der Nilpferde Berühmtheit erlangt. Glorias Tanzkünste sind eben eine Sache der Perspektive. (Ab 3 J.)

Wer macht denn da Musik?
Marko Simsa, Illustration: Katja Schmiedeskamp
Verlag: Betz, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-219-11027-4
Schlagwörter: Musik | Tiere

Unterschiedliche Instrumente werden von verschiedenen Kindern gespielt; dabei werden sie von ihren Tierfreunden begleitet. Die sich reimenden Verse, die die Bilder begleiten, kommen ein wenig plump anbiedernd daher, wie der Elefant, der gemeinsam mit Jakob trompetet. Wären da nicht Katja Schmiedeskamps leichtfüssig daherkommende, einfache Illustrationen, die den Text mit Lust, Gewitztheit und kleinen Nebenhandlungen bereichern – man müsste sich bloss ärgern. (Ab 3 J.)

Das Orchester zieht sich an
Karla Kuskin, Illustration: Marc Simont
Aus dem amerikanischen Englisch von Saskia Heintz
Verlag: Hanser, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20185-8
Schlagwörter: Alltag | Musik

Karla Kuskin hat sich in die Figur einer Maus hineinversetzt und erzählt auf verschmitzte Weise, was in den Stunden passiert, bevor MusikerInnen ihren Auftritt haben. Wie sie sich waschen, was sie unter ihren schwarzen Anzügen tragen, ob Sockenhalter gebraucht werden oder nicht, warum die Damen keine Armbänder umlegen, wie ein Fliege gebunden wird und wem sie «Auf Wiedersehen» sagen, wenn sie ihre Wohnungen verlassen. Unterstrichen werden diese menschlichen Alltagshandlungen von Marc Simonts Bildern, die dies mit viel Liebe zum Detail tun. Ein Muss für alle, die gerne ins Konzert gehen. (Ab 4 J.)

Wie der Klavierling sich verliebte
Lotte Kinskofer, Illustration: Verena Ballhaus
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2002, Seiten: 207, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-33-9
Schlagwörter: Freundschaft | Musik

Wenn man liebt, wächst man. Die Menschen wachsen seelisch und geistig, ein Klavierling wächst auch noch körperlich. Es ist dies eine bizarre Geschichte einer Familie von Winzlingen, die im Flügel eines Klavierlehrers lebt und sich von Tönen ernährt. Dass sich ihr Sohn Crescendo in das Menschenmädchen Daniela verliebt, bringt nicht nur die Gefühlswelten durcheinander, sondern macht auch das Leben Crescendos im Flügel unmöglich. Lotte Kinskofer erzählt auf zärtliche Weise vom ersten Verliebtsein (mitsamt seiner Unwägbarkeiten) und gibt dabei behutsam auf manch existenzielle Frage Antwort. (Ab 9 J.)

Der Karneval der Tiere
Marko Simsa, Illustration: Doris Eisenburger
Verlag: Betz, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-219-11015-0
Schlagwörter: Musik | Tiere

Der Karneval der Tiere ist ein Klassiker, der keinem Kind vorenthalten werden sollte. Insbesondere dann nicht, wenn er so lustvoll bebildert ist wie hier von Doris Eisenburger. Ihr gelingt es auf spannende Weise, sich die bunte Tierwelt auszumalen. In den Gesichtern widerspiegelt sich die Freude der Tiere. Unterstützt werden die Bilder von dem einfühlsamen Text Marko Simsas. Der Autor kann sich in die besondere Art des Feierns hinein versetzen und spricht seinen Text auf der CD zwischen der Musik von Camille Saint-Saëns. Eine weitere Bereicherung liegt darin, dass die Kinder die Möglichkeit haben, die Komposition zu hören. Am Ende singt der Schwan, und zwei erschöpfte, glückliche Affenkinder sind im engelweissen Gefieder des Vogels eingeschlafen. (Ab 4 J.)

Zapp Zerapp
Heinz Meister, Klaus Zoch
Verlag: Ebersbach Edition, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN:

Der Spielplan zeigt den verwunschenen Berg Oropetl, einen Weg und vier von Mauern umgebene Städte. Diese als erste zu erreichen, ist das Ziel der mitspielenden Zauberlehrlinge. Wie weit sie auf ihrem Weg gehen können, entscheiden Gehör, Fingerspitzengefühl und Pfiffigkeit. Zwei Würfel geben eine Zahl vor. Dann greifen alle Zauberlehrlinge zu den grünen Rappelfässern. Die sind mit bis zu dreizehn magischen Steinen gefüllt, stehen auf dem Bergplateau und sorgen mit ihrem Gerappel dafür, dass sich der Bannfluch der Bewegungslosigkeit für eine kurze Zeit brechen lässt.

Nach den Regeln des grossen Schüttelzauber-Gesetzbuches schütteln, hören und versuchen alle auf einmal, ein passendes Rappelfass für sich zu finden. Mehr Steine im Fass als die gewürfelte Zahl bringt Zauberpech. Weniger oder genau so viele Steine sorgen für einen wirksamen Schüttelzauber – genauer gesagt für das Vorwärtskommen der Zauberlehrlinge. Wer das Spiel gewinnt, erhält den Ehrentitel Zapp Zerapp.

Ein schön solide ausgestattetes Würfel- und Hörspiel, das mit wenig Regelwerk viel Spass macht. Klappern, hören, raten und taktieren – ein richtiger Spielezauber.

SYLVIA NÄGER

Die Mini-Mäuse
Verlag: Cornelsen Software, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-464-90042-8
Schlagwörter: Rätsel | Spiel | Musik | Kreativität

Rote Nasen und riesige Segelflieger-Ohren – eine neue Gattung Mäuse samt einem eigenwilligen Maus-Roboter namens Flip-Flap sorgen auf dieser CD-ROM für eine aktivierende und motivierende Spiel- und Lernatmosphäre.

Professor Maximaus ist ein genialer Erfinder. Nicht alles, was er erfindet, funktioniert, und deswegen benötigt er die Hilfe der Kinder. Durch das Lösen der Aufgaben und Rätsel können sie ihm helfen, die Erfindungen funktionstüchtig zu machen. Supimaus ist die ständige Wegbegleiterin durch das Programm. Und das bietet ungefähr 20 Übungen und Spiele: vom Puppentheater, in dem Wortpaare gereimt werden, über das Mausikom, in dem kleine Kompositionen aufgenommen werden, bis zum Labyrinth reicht die Auswahl. Ein breites Spektrum von Aufgaben, die sich um Buchstaben und Wörter ranken, andere, die Zahlen, Farben und Formen oder Logik und Raum-Lage-Beziehungen behandeln, ist in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden zu erspielen und zu lösen. Die Mal- und Musikwerkstatt bietet Raum für eigene Kreativität und Unterhaltung. Eine übersichtliche Navigation und ein ausgeklügeltes Rückmeldesystem, das bei einer falschen Antwort schrittweise zur richtigen Lösung verhilft, sorgen dafür, dass sich Kinder im Programmaufbau spielend zurechtfinden. Für seine Aktivitäten wird das Kind immer wieder belohnt, und Supimaus spricht es mit dem anfänglich eingegebenen Vornamen persönlich an. Für Eltern gibt es einen Überblick über die Fortschritte, die das Kind gemacht hat. Insgesamt also eine gelungene Produktion, die Kinder auf unterhaltsame Art unterstützt, sich weiterzuentwickeln und ihre Lust an Wissen zu pflegen. Auch die sorgfältige ästhetische Gestaltung in Verbindung mit pfiffigen Figuren und Bemerkungen zeigt: so macht Spielen und Lernen am PC Spass!

Mit den Mini-Mäusen werden auch CD-ROMs für 3-4 sowie 4-5jährige Kinder angeboten.

Sylvia Näger

Der kleine Professor erforscht den Körper
Britt Sternehäll, Illustration: Maria Zetterlund
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-8026-2

Gemeinsam mit dem Professor, seiner Frau Ragnhild, der Eule und Moby Dick erforschen wir den Körper. Themenbereiche wie Skelett und Muskeln oder Fortpflanzung informieren, dass wir aus über 200 Knochen bestehen oder dass Eizelle plus Sperma gleich Baby ergibt. Wer sich in den neun Kategorien erst einmal Grundwissen verschafft hat, weiss beispielsweise, wie unsere fünf Sinne funktionieren, oder hat sich angeschaut, wie ein Apfel verdaut wird. Damit hat er auch Zugang zum Aktenkoffer des Professors und kann dort nachsehen, was der alles zu dem jeweiligen Thema gesammelt hat. Da wartet ein Spiel, in dem Spermien ein Geschicklichkeits-Wettrennen absolvieren, ein Film, der detailliert erklärt, was vor der Geburt in Mamas Bauch passiert, oder eine Nahrungsmaschine, mit der wir die Ernährung des Professors per Hebelzug bestimmen. Ziemlich deutlich zeigt er uns dann, wie es ihm geht, wenn er das Ausgewählte verspeist hat. In Experimenten wird der Professor geröntgt oder werden seine inneren Organe wieder an die richtige Stelle gesetzt. Nervensysteme und unsere fünf Sinne sind zu testen, oder es sind per Mausklick unterschiedliche persönliche Empfindungen zu einer Situation zu erleben.
Zusammen mit Eule und Professor wird ein Diavortrag über Bakterien betrachtet. Die Eule meckert ganz gerne und findet es genauso doof, wenn Bakterien keinen Schnabel haben, wie sie sich über die Verliebtheit des Professors in seine Frau Ragnhild mokiert. Mit viel
Witz kann man in dieser CD-ROM in reichlich Sachwissen stöbern, kann spielen, experimentieren und gelungen präsentierte Antworten auf viele Fragen rund um Körper und Körperlichkeit finden. Ganz Wissbegierige können sich aus dem Forscherbuch Handreichungen ausdrucken, die zu eigenen Projekten und Experimenten anregen. Beschwingte Musik und der witzige Illustrationsstil machen die CD-ROM zur unterhaltsamen Quelle für Hirne, die Sachwissen und Humor zu schätzen wissen.
SYLVIA NÄGER

Ali Baba
Gunter Baars
Verlag: Ravensburger Spieleverlag, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Spiel

Jahrhundertelang war Ali Babas Schatzschatulle verschwunden. Jetzt ist sie wieder aufgetaucht und wir versuchen, sie zu öffnen und ihre Schätze zu bergen.
Die Spieleschachtel ist die Schatztruhe, in der sowohl die begehrten Schatzkarten als auch die weniger glückbringenden Schlangenkarten liegen. Verdeckt sind sie durch einen Spielplan mit neun Schlüssellöchern, unter denen sich unterschiedliche Symbole befinden. Durch Drehen von Knöpfen bewegen sich diese Symbole. Karten zeigen die unterschiedlichen Kombinationen der Symbole, die die Spieler in den Schlüssellöchern auftauchen lassen sollen. Wem das gelingt, der darf sich beliebig viele Schatzkarten aus der Truhe nehmen. Leider sind alle Reichtümer dahin, sobald jemand bei dieser Aktion eine Schlangenkarte aufdeckt. Manchmal besteht also das Glück auch darin, seine Lust auf die Schätze rechtzeitig zu zügeln…
Aufwändig und schön gestaltet ist dieses dreidimensionale Spiel, das sowohl im Hort als auch in der Familie seinen Platz finden wird.
Erinnerungsleistung und geschicktes Taktieren sind gefragt, um mit den wertvollsten Schätzen das Spiel zu gewinnen. Ali Baba garantiert eine Menge Spielspass und Unterhaltung für Viel- und Wenigspieler, insbesondere für alle Freunde des Memoryspiels – und das ist fast jedes Kind.
Sylvia Näger

Twig im Dunkelwald
Paul Stewart
Aus dem Englischen von Wolfram Ströle
Verlag: Patmos, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-491-24073-5
Schlagwörter: Fantasie | Identität/Individualität

Klippenland bietet zwar archaische Kulissen, die beste Fantastik aber steckt in skurrilen Figuren wie Banderbär und Schleimschleicher. Und da Twig, der schmächtige Kerl, seinen Vater sucht, verwickelt er diese stets in eigenartige Gespräche. Ein Fall fürs Hörspiel? Eigentlich schon. Doch die Regisseurin Karin Lorenz hat einen Vorleser gewählt, dessen junge Stimme sie mit sparsamen Tonkulissen und Perkussionselementen unterlegt. Volker Niederfahrenhorst verbreitet kein Fantasy-Pathos, sondern bringt Bewegung in die gekürzte Hörfassung. Das tut gut, zumal Christ Riddells geniale Zeichnungen nur im Booklet auftauchen können.

Drachenthal
Wolfgang Hohlbein, Heike Hohlbein
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-8000-8006-0
Schlagwörter: Fantasie | Grusel/Spuk/Horror

Die Entdeckung

Für Mitglieder des „WoHo-Fan-clubs“ haben Livesendungen von Wolfgang Hohlbein Kultcharakter. So gehört es zur Marktlogik, dass der Buchverlag Ueberreuter das Drachenthal-Hörbuch gleich selbst produziert, mit dem Autor als Sprecher. In quasi originellem Stil verlangsamt und entschärft Wolfgang Hohlbein den Schrecken. Das Hörbuch des deutschen Fantasy-Stars erzeugt so kaum den Eindruck von Fantastik. Vielmehr verliert das Ganze seinen letzten Reiz, wenn man erkennt, wie Hohlbein seine Ur-Traumwelt „Märchenmond“ für ein vordergründig moralisierendes Märchenabenteuer zum Thema „Gewalt unter Schülern“ missbraucht. Und die akustischen Effekte sind nur peinlich, etwa, wenn knisterndes Feuer ertönt, obschon Drachenfeuer die Augenbrauen des Magiers versengt.

Le tigre bleu
Nicolas Robel
Verlag: Éditions la joie de lire, Publiziert: 2002, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 2-882-58221-8
Schlagwörter: Fantasie | Freundschaft

Zum Westschweizer Comic bietet sich ein bequemer Vergleich an: Paul, der kleine Held von “Le Tigre bleu”, ist ungefähr gleich alt wie Titeuf; müssen wir speziell erwähnen, dass das, zusammen mit der geografischen Verwurzelung ihrer Schöpfer, wohl der einzige Punkt ist, der die beiden Schlingel miteinander verbindet? Tatsächlich ist Titeuf keine Reihe für Kinder, sondern eher für junge Erwachsene, während “Le Tigre bleu” auch den Kindern in Pauls Alter eine Botschaft zu übermitteln hat.
Dieser Comic unterwirft sich nämlich in keiner Weise einer verfälschten Definition des modernen Kindes, das angeblich durch Videospiele, Fernsehen und Coca-Cola abgestumpft ist, sondern setzt im Gegenteil auf die Verantwortlichkeit seines Helden und die ihm gebotene Möglichkeit, echte Entscheidungen zu treffen.
Zweifellos ist es die Verbindung einer einfachen und direkten Erzählform mit einem feinsinnigen erzieherischen Hintergrund, was “

Palästina
Randa Ghazy
Aus dem Italienischen von Nicola Bardola
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2002, Seiten: 213, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-35242-X
Schlagwörter: Krieg

Träume zwischen den Fronten

Mit «Palästina. Träume zwischen den Fronten» versucht die Tochter ägyptischer Einwanderer Randa Ghazy, die in Italien geboren und aufgewachsen ist, gegen ihre Ohnmacht zu schreiben. „Ich träume von einem Palästina, das neben Israel existieren kann, und von einer Welt, die aufmerksamer und gerechter ist und dem Leid der Israelis und Palästinenser endlich ein Ende setzt“, sagt die 16-Jährige. Ihre Erzählung will Einblick geben in eine Gruppe von jungen Palästinensern, die durch die pausenlosen Angriffe und Bombardierungen der israelischen Armee aus ihren Häusern vertrieben wurden, ihre Angehörigen verloren hatten und nun versuchen, sich gegenseitig Halt und ein Zuhause zu geben.
Die jungen Protagonisten handeln und unterhalten sich zwar wie die jungen Italiener und Italienerinnen im Umfeld der Autorin, doch der Schauplatz ist ein Kriegsschauplatz, wie ihn die Autorin zweifellos aus Berichten in Zeitungen und im Fernsehen und aus Erzählungen ihrer arabischen Eltern kennen gelernt hat und erstaunlich realitätsnahe wiedergibt. Daher kommt bestimmt auch ihr Engagement für die Palästinenser: Ihr Vater erlebte den Sechs-Tagekrieg mit.
Das Buch ist zunächst in Italien erschienen, später in Deutschland und Frankreich und hat vor allem dort viel Aufsehen erregt und Kritik geerntet. Ein Jugendbuch, das Partei ergreift für Palästina ist suspekt, es müsste ausgewogen sein, wie alle bis jetzt erschienenen Jugendbücher, die sich an dieses heikle Thema heranwagen. Aber es ist gerade diese Direktheit, die nicht versucht, es allen recht zu machen, die das Buch eindrücklich macht. Randa Ghazy bezieht Stellung und zeigt die Sinnlosigkeit eines Krieges deutlich auf, sie verteufelt aber nie.
„Palästina. Träume zwischen den Fronten“ ist ein Erstling und steckt noch in sprachlichen und stilistischen „Jugendschuhen“. Dennoch meldet sich hier eine engagierte junge Frau zu Wort, die versucht, gegen die Ungeheuerlichkeiten im Nahen Osten anzuschreiben, die ihre Meinung hinausschreit, die etwas unternimmt. So wie dies die vielen demonstrierenden Jugendlichen auf der ganzen Welt auch getan haben während des Irak-Krieges. Sie nehmen eine klare Haltung ein, keine konturenlosen, wohlabgewogenen Verlautbarungen, die niemandem zu nahe treten. Auch in Ghazys Buch geht es um eine Stellungnahme gegen Krieg und gegen Krieg führende Mächte.
Helene Schär

Ella, verzaubert
Gail Carson Levine
Aus dem amerikanischen Englisch von Janka Panskus
Verlag: Omnibus, Publiziert: 2002, Seiten: 249, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-21137-1
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Fantasie

Märchen ziehen ihre Faszination bekanntlich nicht aus überraschendem Personal und einem unerwarteten Schluss. Das ist in der wundersamen Geschichte um Ellas Verzauberung nicht anders. Da spinnen Feen, Elfen, Gnome und Riesen ihre je eigenen Schicksalsfäden, da gibt es die böse Stiefmutter und die noch bösere Stiefschwester, und natürlich fehlt auch der Prinz nicht – und den wird Ella auch kriegen. Spannend aber wird diese moderne Fantasie mit ihren witzigen Versatzstücken aus unserem Märchenschatz, weil die kluge Ella mit einem grausamen Bann belegt ist. Auf ihr lastet der als Gabe gedachte Fluch, stets gehorchen zu müssen, wer immer ihr befiehlt und was immer ihr auch befohlen wird. Ein Fluch, der die Eigenwillige mehr und mehr an ihrem Glück hindert, so sehr, dass sie unbedingt einen Weg finden muss, sich davon zu befreien. – Die vielschichtige Märchenparodie schafft mit der Anlage des Grundkonflikts zwischen Gehorsam und Widerstand einen guten Spannungsbogen und verknotet Heiteres und Kluges mit Witz und einem Schuss Psychologie.
LISBETH HERGER

Marie
Renate Günzel-Horatz
Verlag: Fischer, Publiziert: 2002, Seiten: 201, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-80416-7
Schlagwörter: Identität/Individualität | Krieg

Marie lebt bei ihrer Grossmutter Greti und nicht bei ihrer allein stehenden Mutter Elisabeth. Greti erhält kurz vor ihrem Tod einen geheimnisvollen Brief und ändert darauf ihr Testament. Marie bekommt als Alleinerbin auch Gretis Elternhaus, das seit dem Krieg niemand mehr betreten hat. Nun verfolgt sie die Spuren ihrer Grossmutter in die Vergangenheit und entwirrt die Fäden: Totgeschwiegene Episoden aus der Nazi-Zeit treten hervor, die schicksalhafte Freundschaft zwischen der arischen Greti und der jüdischen Sarah, die unselige Verquickung von politischen Wirren und persönlichen Gefühlen wie Liebe, Eifersucht, Stolz und Rache, die bis in die heutige Generation reichen. Zum Schluss reist Marie mit Elisabeth zur leiblichen Grossmutter und Mutter Sarah nach Israel. – «Marie» ist ein ungemein spannender und berührender Roman, mit einer sympathischen Protagonistin. Das Buch ist ein Stück Vergangenheitsbewältigung, eingebettet in das zeitlose Thema der Beziehung von Mutter und Tochter. Und eine tolle Schilderung von impulsiven, eigenständig denkenden, aber auch beeinflussbaren und gefühlsbetonten Frauen damals und heute.
Lisbeth Herger

Laetitias langer Weg
Merle Hodge
Aus dem Englischen von Barbara Müller
Verlag: Omnibus, Publiziert: 2002, Seiten: 217, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-21045-6

Lacey hat es geschafft: Als Erste ihrer Familie wird sie die Oberschule in La Puerta auf Trinidad besuchen. Der Wechsel stellt hohe Anforderungen an die Zwölfjährige. Sie muss unter der Woche statt bei ihrer Grossmutter bei ihrem Vater in der Stadt leben, den sie kaum kennt, weil er gewalttätig war und sich die Mutter von ihm getrennt hat. Und in der Schule bekommt sie zu spüren, dass Kinder wie sie nicht gerade willkommen sind, Kinder mit leerem Geldbeutel und ärmlichen Kleidern und einer abwesenden Mutter – sie verdient im fernen New York als Putzfrau ihr Geld. Lacey gibt ihr Bestes, passt sich an, ist fleissig und zuerst äusserst erfolgreich. Doch dann häufen sich die Konflikte an der Schule und mit dem Vater. Und als ihre beste Freundin – eine wie sie – aus Verzweiflung Gift trinkt, verliert Lacey das letzte Stück Boden unter den Füssen. Die Geschichte erzählt schlicht und eindringlich von den Schwierigkeiten eines sozialen Aufstiegs. Besonders eindrücklich wird die ambivalente Rolle der Familie gezeigt. Gerade die Frauen wissen aus eigener Mangel-Erfahrung, wie wichtig Bildung ist. Entsprechend unterstützen sie die ambitiöse Lacey und merken nicht, wie sehr sie sie mit ihren Hoffnungen auch überfordern.
LISBETH HERGER

Sommerfalken
Deborah Savage
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2002, Seiten: 314, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-80398-5

Melissa alias Taylor lebt mit ihrem Vater im abgelegenen Hunter’s Gap. Am Ende des Sommers will sie eine Karriere als Reporterin beginnen. Ihr Vorbild: die als Anwältin tätige, erfolgreiche, aber ständig abwesende Mutter. Da lernt sie Rhiannon kennen, die vitale Leiterin der Greifvogel-Station – und bei ihr viel Neues und Unbekanntes über Vögel, über AussenseiterInnen, über eigenständige Lebensentwürfe. Ausserdem ist da noch Rail, der von allen verachtete Schulkollege, in den sie sich allmählich verliebt – auch er ein Aussenseiter mit aussergewöhnlichem Schicksal und eigenwilliger Lebensauffassung. Am Ende des Sommers ist alles anders, und Fehler gehören nun mal zum Leben, und das ist gut so. – Die hellen Sommerabenteuer, die Dynamik um den Weiterbestand der Vogelschutzstation, die nonkonformistischen Charaktere aller Personen und die nachvollziehbare Entwicklung Taylors mit allem Auf und Ab sind die Ingredienzien eines lesefreundlichen Werks.
Beatrice Ochsenbein

So schön, dass es wehtut
Mats Wahl
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2002, Seiten: 139, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-62102-8

Seit der Scheidung der Eltern wohnt Daniel mit dem neuen Freund seiner Mutter und dessen Tochter Emma in Stockholm. – Wie das kam, ist im Band «Emma und Daniel» nachzulesen. – Emma und Daniel sind ineinander verliebt, gesagt haben sie es bis jetzt aber niemandem. Als die beiden die letzten Ferientage zusammen mit Daniels Vater und dessen Freundin auf den Schären verbringen, möchte Daniel endlich mit Emma schlafen, erst dann glaubt er, sind sie wirklich ein Paar. Emma aber ist noch nicht bereit. – Mats Wahl erzählt in einer einfachen, verständlichen Sprache von der erwachenden Sexualität, von pubertären Fantasien, Eifersucht und der Angst, einander nicht gewachsen zu sein. Er thematisiert das Leben in Patchworkfamilien, das für die Kinder nicht immer leicht ist, weil kaum feste Regeln existieren. So gibt sich Daniels Vater unkompliziert und offen. Als Daniel aber mit Emma im selben Zimmer schlafen will, stellt er sich quer. Besonders gelungen ist die Figur von Daniel, der sich in seiner Haut als junger Mann überhaupt noch nicht wohl fühlt, Gefühle kaum artikulieren kann und erst allmählich begreift, was es heisst, in einer Beziehung Verantwortung zu übernehmen.
CHRISTINE TRESCH

Katarína
Kathryn Winter
Aus dem amerikanischen Englisch von Klaus Weimann
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2002, Seiten: 301, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-78889-4
Schlagwörter: Religion

Ein Roman vom Überleben

Die achtjährige Waise Katarína lebt bei Tante und Onkel in einem slowakischen Dorf. Wir schreiben das Jahr 1942. Bald kann Katarína nicht mehr in die öffentliche Schule gehen, weil sie Jüdin ist. Und in der jüdischen Schule bezeichnet sie der Rabbiner als Heidin, weil sie keine Ahnung hat vom Judentum. Doch in ihrem Herzen ist Katarína katholisch. Rosenkranz und Heiligenbildchen sind ihr grösster Schatz. Als Tante und Onkel untertauchen müssen, ist es ein Leichtes, Katarína als «katholisches» Mädchen in die Obhut einer Bauernfamilie zu geben. Bald aber bringen eifrige NachbarInnen ihre wahre Herkunft in Erfahrung. Katarína kann fliehen, schlägt sich in ständiger Angst und vom Hunger gequält von Dorf zu Dorf durch. Schliesslich schmuggelt die ehemalige Dienstfrau ihres Onkels sie in ein protestantisches Waisenhaus. Katarína überlebt den Krieg dank der Zivilcourage von BetreuerInnen und in der Hoffnung, dass Onkel und Tante zu Hause auf sie warten. – Die Autorin weiss, wovon sie erzählt: Sie ist als Jüdin in der Slowakei aufgewachsen und hat die Schoah überlebt. Sie lässt Katarína die Geschichte ihres Überlebens in einfachen Sätzen berichten. Die Stimme eines trotzig wachen Mädchens ist da zu vernehmen, das sich an die Wahrheiten hält, die es zu verstehen glaubt, und dem das Vertrauen in den lieben Gott bis zuletzt nicht zu nehmen ist.
CHRISTINE TRESCH

Kann doch jeder sein, wie er will
Kirsten Boie, Illustration: Stefanie Scharnberg
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2002, Seiten: 62, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-0584-8
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Freundschaft | Liebe

BrieffreundInnen sind eigentlich eine schöne Sache. Wenn da nur nicht das Problem mit den Namen wäre: Alex kriegt einen Brieffreund namens Robin. Da liegt es nahe, einen richtig mutigen Jungen zu erwarten, etwa so wie Robin Hood halt. Aber nein, der komische Kerl findet doch tatsächlich Ballett toll und Ponys süss. Alex wird diesen Jungen niemals besuchen. Was Alex nicht weiss: Robin ist ein Mädchen. Sie findet eine Brieffreundin inakzeptabel, die Alex heisst und sich für Fussball und Elektronik interessiert. Der gegenseitige Besuch bringt die Namensverwechslung an den Tag.

Überraschenderweise ist dann diese Robin gar nicht so doof und Alex‘ nordseegraue Augen sind eigentlich wunderschön…

Eine begeisternde Geschichte um Geschlechterrollenstereotypen und die Suche nach der eigenen Identität. Geschickt aufgebaut, werden die Reaktionen der beiden BrieffreundInnen jeweils fast identisch geschildert – nur ihre Interessen sind geschlechtertypisch. So wird die Botschaft von Gleichberechtigung ohne Gleichmacherei vermittelt und die 68er-Generation auf die Schippe genommen: Denn die Kinder wollen partout nicht jene Toleranz an den Tag legen, die die emanzipierten Erwachsenen von ihnen erwarten. Die Illustrationen greifen den ironischen Ton auf und verleihen den Vorstellungen von Geschlechterrollen Gestalt.

TRIX BÜRKI

Linnea macht Sachen
Kirsten Boie, Illustration: Silke Brix-Henker
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2002, Seiten: 103, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3147-4
Schlagwörter: Geschwister

Linnea sitzt allein mit ihrer Puppe Linni im Garderobenschrank. Nur ein paar sandige Turnschuhe und ein bisschen nach Füssen riechende Stiefel leisten ihr Gesellschaft. Es ist sehr dunkel im Schrank. Weit weg in einer anderen Welt – im Wohnzimmer – sitzt Mama mit Linneas Freundin Ronja und deren Mutter und unterhält sich bestens. Linnea fühlt sich allein. Dabei ist sie ein winziges bisschen selber schuld an ihrem Unglück. Mama wollte nämlich unbedingt, dass Linnea ihr Zimmer aufräumt. Das geht doch nicht, wo Linnea so viel Wichtigeres zu tun hat. Deshalb hat sie sich versteckt. Aber wenn die Mama erst merkt, dass Linnea verschwunden ist, dann wird sie sich grosse Sorgen machen und weinen und nie wieder ihre Tochter zu so hässlichen Sachen zwingen….
Die in diesem Band versammelten fünf Geschichten um Linnea beschreiben treffend, witzig und unprätentiös alltägliche Situationen in einer Einelternfamilie. Wie es ist, wenn die Mutter abends weg geht und die grosse Schwester Gruselgeschichten erzählt, wie an einem Regentag der Wohnungsschlüssel verloren geht und die nachbarschaftliche Solidarität plötzlich funktioniert und wie sich Linnea anlässlich der Hochzeit ihrer Tante mit Imaginationen von Weiblichkeit auseinandersetzt. Starke Mädchen- und Frauenfiguren dominieren die Geschichten und machen Mut zu eingeständigem Handeln und Denken.
TRIX BÜRKI

Die verpatzten Zaubersprüche
Kurt Kemal, Illustration: Wolfgang Slawski
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2002, Seiten: 63, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-00947-X
Schlagwörter: Abenteuer | Reisen

Der Zauberer Ben Guzzi hat ein Problem. Seine Tricks misslingen immer. Anstatt Vanilleeis zieht er zum Beispiel heisse Kastanien aus dem Zauberhut. Das Mädchen Viola mag Ben Guzzi gerade deswegen. Nur verliert er trotzdem seine Arbeit beim Zirkus. Zusammen gehen sie zum Grossmeister der Zauberkunst. Nicht auf direktem Weg, denn Ben kann ja nicht richtig zaubern. Rund um die Welt geht die Reise – von Afrika über Paraguay und China bis zum Kaukasus. Überall tauscht Viola mit einem Kind etwas Wertvolles: eine Kaurimuschel gegen eine Halskette, ein Glöckchen gegen eine Murmel. Endlich beim Grossmeister angekommen, erfahren die beiden des Rätsels Lösung: Ben Guzzis Zauberspruch war verkehrt rum. Viola kommt dann sogar rechtzeitig zum Abendessen wieder nach Hause. Die Erinnerungsstücke aus den fernen Ländern behält sie fest in der Hand.
Das streckenweise poetische Buch macht Lust zum Spiel mit Buchstaben und Wörtern. Die Idee mit dem Gütertausch wirkt allerdings unmotiviert; die Eindrücke der fremden Länder sind in ihrer Flüchtigkeit klischeehaft. Schön geschildert ist die Beziehung zwischen dem liebenswürdig-tolpatschigen Ben und der bodenständig-praktischen Viola, die sich mit Neugierde und Mut in Abenteuer stürzt.
TRIX BÜRKI

Jakob und der grosse Junge
Paul Maar, Illustration: Philip Waechter
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2002, Seiten: 63, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-0573-2
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Mut/Selbstbewusstsein

Jakob hat Angst. Er hat Angst vor dem grossen Jungen, der ihm jeden Tag nach der Schule auflauert, ihn demütigt und verhaut. Zusammen mit seinem Freund Mehmet und Mama denkt sich Jakob Lösungen aus. Er versteckt sich beim Nachhausegehen hinter einem dicken Mann; er schiebt sich eine fremde Mütze auf den Kopf; Mehmet und die Mama begleiten ihn und Jakob fantasiert sich einen starken Bruder – nichts hilft so richtig. Die Angst bleibt. Erst als Jakob ein unscheinbares Mädchen trifft, das den grossen Jungen einfach zu Boden haut, begreift er: Es ist möglich, dass auch kleine, ängstliche Leute sich gegen Grosse wehren können – auf ihre Weise. Das Mädchen machts mit Karate und Jakob denkt sich ein schlagkräftiges Argument aus: Wenn der Junge ihn noch einmal anrührt, erzählt er allen, dass dieser sich von einem Mädchen hat verprügeln lassen. Das hilft.

Eine auf den ersten Blick etwas bieder anmutende Geschichte, die ihre Botschaft „Köpfchen statt Gewalt“ aber glaubwürdig vermittelt. Das freche Mädchen und der höfliche Junge bilden ein eigentümliches Gespann, das beide Geschlechter gleichermassen zur Suche nach wirkungsvollen Problemslösungsstrategien ermuntert.

TRIX BÜRKI

Mimi
Doris Dörrie, Illustration: Julia Kaergel
Verlag: Diogenes, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-257-00893-7
Schlagwörter: Fantasie

Eines Morgens will Mimi Müller eine andere sein. Sie verkleidet sich, schleicht aus dem Haus und klingelt gleich wieder an der Tür. Mama Müller spielt mit und auch Papa ist bereit, seine Mimi als „Anna Anders“ zu begrüssen. Es entwickelt sich ein amüsantes Rollenspiel, in dem der Alltag zur Bühne wird. Jeder Satz zwischen Mimi und ihren Eltern ist doppeldeutig und doch eindeutig ein Spiel. Analog dazu sind die Proportionen in den Bildern nicht immer realistisch gehalten, sondern richten sich auch nach der emotionalen Bedeutung der jeweiligen Szene. Und die Räume sind so verfremdet, dass die Doppelbödigkeiten von Spiel und Wirklichkeit noch intensiver wirken. Nach einem gemeinsamen Spaziergang führt Anna den Vater zum Kinderbett. Mimi – so enthüllt Anna – hat das Leintuch bemalt. Ein starkes Stück, aber eine schöne Zeichnung. Die Eltern lassen sich nicht beirren und spielen weiter mit. Sie schneiden das Bild aus, hängen es an die Wand … und stehen bald schon an der Tür, um Mimi zu empfangen, die leider Annas Besuch verpasst hat.
Mimis fantasiebetonte Lösung dieser Konfliktsituation zeugt von ihrem Selbstbewusstsein. Das Rollenspiel zeigt ein Mädchen, das einen souverän Weg zur Schuldbewältigung findet.
Wie weit diese Konfliktstrategie oder das Vergnügen am Spiel ins Zentrum rücken, mag das Vorlesen nuancieren. Die Geschichte selbst bietet eine höchst attraktive Verbindung von Psychologie und Komödie.
HANS TEN DOORNKAAT

Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte
Martin Baltscheit
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-36-3

“Einer Dame schreibt man Briefe.” Das hat vor langer Zeit ein Missionar erklärt. Und daran erinnert sich der Löwe wieder, als er eine schöne Löwin sieht. Normalerweise zeigt er seine Zähne oder brüllt vor sich hin. Jetzt will er sich anders bemerkbar machen. Er bittet einen Affen, für ihn einen Liebesbrief zu schreiben. Doch dieser lädt die Löwin zum Klettern ein und preist seinen Bananenvorrat an. So geht das weiter. Jedes Tier, das der Löwe beauftragt, schreibt Liebeserklärungen nach seinem Erleben, und der Löwe ärgert sich immer mehr. Verzweifelt schreit er seine Gefühle heraus. „Warum haben sie denn nicht selbst geschrieben?“, fragt da die Löwin auf der andern Seite.
Das Buch schliesst mit dem Satz „A wie Anfang“ und das Bild zeigt den Löwen, der seinen ersten Buchstaben schreibt; eng an die Löwin geschmiegt. In Sachen Lesen und Schreiben sind Mädchen den Knaben meist überlegen. Davon zu erzählen tut gut. In den cartoon-artigen Illustrationen und dem pointierten Text geht es aber noch um mehr. Es geht um, die Einsicht, dass man mit Imponiergehabe nicht weiter kommt, und dass differenzierte Gefühle auch differenzierte Kommunikationsformen brauchen.
HANS TEN DOORNKAAT

Mein Schwonster
Ivo Habermacher
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0461-3
Schlagwörter: Geschwister | Erwachsenwerden | Identität/Individualität

Cleo ist super. Sie klettert auf die höchsten Bäume und mag alles, was andere Mädchen zum Kreischen bringt. Sie geht schon lang zur Schule und mit ihr ist es nie langweilig, findet der kleine Bruder Jonathan. Doch plötzlich verändert sie sich, kriegt Punkte im Gesicht, rote Krallen an den Fingern und riecht werkwürdig. Sie schreit Jonathan grundlos an und er fürchtet sich vor ihrem Eisengebiss – sie wird zur Monster-Schwonster. Doch Jonathan mag sie immer noch. Er klopft an Cleos Zimmertür und da freut sie sich!
Mit knappem Text, aber vielen Zwischentönen auch an die Adresse Erwachsener, wird hier ein besonderes Geschwisterverhältnis dargestellt: Jonathan, noch ganz der kindlichen Fantasiewelt verhaftet, die Schwester am Anfang der Adoleszenz. Die lebendigen, grossflächig und in starken Farben gemalten Bilder widerspiegeln ebenso die Gefühle des 'draussen gelassenen' Bruders wie jene der pubertierenden Schwester. Und: Auf humorvolle Weise wird in diesem Bilderbuch eine Zahnspange eingebaut, ein Objekt, das in unseren Breitengraden fast in jeder Familie irgendwann mal zu einem wichtigen Thema wird.
HELENE SCHÄR

Dieda oder Das fremde Kind
Renate Welsh
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2002, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-5112-2

Sie heisst natürlich nicht wirklich "Dieda", die Achtjährige, die während der Endphase des Zweiten Weltkriegs vom Papa zu den Verwandten aufs Land geschickt wird. Sie lässt aber nur diesen Namen noch zu, denn sie ist ein "fremdes Kind" am neuen Ort. Die neue Frau ihres Vaters kann sie nicht Mutti nennen, so kurz nach dem Tod ihrer Mama, und dem "Alten" will sie nicht gehorchen, dem harten Mann, der an Hitler glaubt, Eichhörnchen jagt und Schläge austeilt. Sie gilt deshalb als schwierig und trotzig, dabei hat sie nur Hunger, Sehnsucht, Angstträume und ein grosses "Durcheinander im Kopf", die familiäre und politische Situation ist schliesslich undurchsichtig genug. Aber die Erwachsenen sind selbst unsicher und erklären nichts.
Renate Welsh beschreibt die Not ihrer kleinen Protagonistin in starken Szenen, einfühlsam und unsentimental, sie zeichnet sie stark und mutig, und der Schluss der Geschichte – Dieda fährt mit der "Frau" zurück ins zerstörte Wien, sieht ihren Papa und die Grosseltern wieder und bekommt ein Schwesterchen – ist nur ein zaghafter, wenig zuversichtlicher Neubeginn. Aber Dieda findet dabei doch eher wieder ihren Platz im Leben und will deshalb auch ihren richtigen Namen wieder haben: Sie heisst nämlich Ursel.
VERENA STÖSSINGER

Annabella Klimperauge
Jutta Richter, Illustration: Ulrike Möltgen
Verlag: Hanser, Publiziert: 2002, Seiten: 147, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20186-6
Schlagwörter: Fantasie | Freundschaft

Geschichten aus dem Kinderzimmer

Für Kinder sind Spielsachen lebendige Kameraden, um die sie sich kümmern und mit denen sie sich unterhalten. In den Geschichten von Jutta Richter wird diese Perspektive umgedreht: hier sind die Spielsachen selbst wie Kinder, die geliebt werden wollen und wissen möchten, wo sie hingehören. Und es zeigt sich, dass der stolze Stofflöwe Leo, Puppe Annabella Klimperauge, Klaus Teddy und die Zwillinge Hanni und Nanni es nicht immer leicht haben: sie durchschauen Lenas Spiele oft nicht, sind manchmal traurig und einsam, werden vergessen, ausgeliehen oder fallen in Ungnade, wenn "ein Neuer" kommt. Nicht zuletzt deshalb halten sie auch aneinander fest und fürchten sich gemeinsam vor Weihnachten…
Die gut zwanzig Einzelgeschichten zeigen turbulente, witzige und traurige Kapitel aus Lenas Kinderzimmer und damit aus ungewohnter Sicht auch die Entwicklung des Mädchens vom Spielkind zum Schulkind (das zuletzt ein Computerspiel geschenkt bekommt). Einfühlsam und genau werden Emotionen und Einsichten vermittelt – die zum Beispiel, dass "nie etwas wieder wie früher" wird. Gestützt wird der Text, der sich an die jüngsten LeserInnen der Alterskategorie wendet, von wunderschönen Illustrationen: Bildern von naivem Charme und phantastischer Zuversicht.
VERENA STÖSSINGER

Von wegen Elfen gibt es nicht!
Marie-Aude Murail
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2002, Seiten: 223, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85120-3
Schlagwörter: Fantasie

Madeleine hat es wirklich nicht leicht: ihr Mann hat sie verlassen, sie ist mit dem zwölfjährigen Constantin alleine zurückgeblieben, einsam und vorwurfsvoll. Weder in ihrer Arbeit als Schulbibliothekarin noch im ritualisierten Umgang mit Mutter und Schwester fühlt sie sich verstanden und aufgehoben. Da kommt ihr die Welt der "Nichtnennbaren" zu Hilfe. Es ist zunächst ein Elf, der sich bei ihr einnistet, eine Art geflügelter Pumuckl, dann sind es die handfest handwerklich begabten Gremlins und zuletzt auch noch ein trauriges Gespenst, das keine Ruhe mehr findet. Madeleine zweifelt zwar gelegentlich an ihrem Verstand, macht sich zusammen mit Constantin die Zauberkräfte der Wesen aber bald zunutze. Sie schafft sich mit ihrer Hilfe neuen Spielraum, wird selbstbewusster, offener und flexibler und findet zuletzt sogar einen neuen Mann und gewinnt das Vertrauen ihrer Schwester. Der Text ist somit auf beiden Ebenen gleich gut lesbar: als phantastischer Gespensterroman und als (weibliche) Selbstfindungsgeschichte. Und er zeigt auch – nicht ganz nebenbei –, wie es Madeleine als Bibliothekarin versteht, lesefaule und vorwitzige SchülerInnen Texten und ihrer Umgebung gegenüber etwas neugieriger und zugänglicher zu machen.
Verena Stössinger

Die Trolle
Polly Horvath
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2002, Seiten: 151, ISBN/ISSN/EAN: 3-499-21129-7
Schlagwörter: Geschwister | Fantasie | Identität/Individualität

Tante Sally, Vaters Schwester, ist eine Notlösung: weil der Babysitter krank geworden ist, soll sie herkommen und in der Woche, die die Eltern in Paris verbringen wollen, Melissa, Amanda und den kleinen Piwi hüten. Die Kinder kennen Tante Sally kaum, doch sie erweist sich bald als "die annehmbarste Erwachsene, die den Kindern je untergekommen war": sie ist unkonventionell, spontan und voller Fantasie, sie kocht Gemüse so, dass man es richtig gerne isst, und erzählt fast Tag und Nacht Geschichten. Diese Geschichten machen den grössten Teil des Textes aus und seinen Reiz, und sie sind so lebendig und spannend, dass die Tatsache, dass Tante Sally von der Autorin etwas ideal gezeichnet ist und die Woche mit ihr glatt und ganz konfliktfrei abläuft, gern in Kauf genommen wird. Es sind Geschichten aus Sallys (und Vaters) Kindheit in Kanada; sie erzählen von Abenteuern und prägenden Erlebnissen, in denen Wölfe, Hexen und Trolle vorkommen, Verliebte, Verstörte, Verschrobene und auffallend viele eigenwillige, starke (alte) Frauen – erfrischende Geschichten aus einer Welt, in der das Skurrile normaler zu sein scheint als das Alltägliche, das Besondere häufiger als das Übliche, und sie schenken den Geschwistern ein Stück Familienidentität.
VERENA STÖSSINGER

Anna, genannt Humpelhexe
Franz Fühmann
Verlag: Hinstorff, Publiziert: 2002, Seiten: 39, ISBN/ISSN/EAN: 3-356-00938-9
Schlagwörter: Behinderung | Identität/Individualität

Eine kurze, rasante Geschichte über Anna, ein ungewöhnliches Mädchen. Sie wird "Humpelhexe" genannt, weil sie verschieden lange Beine hat. Sie weigert sich, das längere "kürzer hobeln zu lassen", auch wenn das angeblich nicht wehtut, und übt stattdessen heimlich fleissig das Laufen auf jedem Bein einzeln. Schliesslich läuft sie mit dem langen Bein am schnellsten von allen, und mit dem kurzen am langsamsten, und wenn sie auf den Händen geht, sieht sie die Welt nicht nur verkehrt herum, sondern dann "wird die Welt tatsächlich verkehrt" -schliesslich ist Anna ein Hexenkind.
Fühmanns Text ist zwar gute zwanzig Jahre alt, verdient aber die Neuausgabe. Er erzählt so unwiderstehlich von einer zähen, phantasievollen Behinderten, die sich durchsetzt, und er ist in dieser Ausgabe von zahlreichen kontrastreichen, schrägen Bildern begleitet, die der Geschichte jeden sentimentalen Ansatz nehmen und alles, was nach krank aussehen könnte oder nach pastellfarbenem Idyll.
VERENA STÖSSINGER

Es gefällt mir auf der Welt
Guus Kuijer, Illustration: Alice Hoogstad
Aus dem Niederländischen von Sylke Hachmeister
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2002, Seiten: 101, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4014-7

Die Fortsetzung von „Wir alle für immer zusammen“ zeigt, wie stark die elfjährige Polleke mit ihren Problemen umgehen lernt: Sie bringt ihren Vater, den drogensüchtigen Spiek, der inzwischen auf der Strasse lebt, dazu, einen Entzug zu beginnen. Sie geht mit ihm sogar mit in die Entzugsklinik, „sonst halt ich’s nicht mehr aus!“ – „Und wenn es nichts nützt“, hat ihr der Opa gesagt , „kann es niemand ändern.“ So bekommt Polleke auch ein bisschen Abstand von ihrer chaotischen Mutter, die immer noch nicht weiss, ob sie den Lehrer wirklich heiraten will, und von Mimun, dem marokkanischen Jungen, in den sie verknallt ist, der sich aber nicht mit ihr zeigen soll, weil er später ein marokkanisches Mädchen heiraten muss.

Trotz der grossen Schwierigkeiten jedoch ist Polleke kein Trauerkloss und ihre Geschichte wird nicht zur dunklen Tragödie. Guus Kuijer geht so nah an seine Figuren heran, dass sie differenziert, vielschichtig und sehr alltagsgebunden erscheinen. Seine Erzählweise ist direkt, liebevoll und manchmal auch umwerfend komisch.

VERENA STÖSSINGER

Die geheime Schachtel
Angélique de Waard, Illustration: Sterre Süderfeld
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2002, Seiten: 138, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4775-8
Schlagwörter: Geschwister

Die witzigen Illustrationen zu diesem sehr berührenden Text stammen von Sterre Süderfeld, und das ist die "fast 11"-jährige Protagonistin, die Hauptfigur des Buches. Aus ihrer Perspektive erleben wir den langsamen Zerfall ihrer Familie: Die Mutter trinkt, der Vater trifft sich immer öfter mit Tine, und Sterre muss auf Jockel aufpassen, den kleinen Bruder. Dabei zeichnet sie so gern, mag Zierfische und sammelt Bilder in einer Geheimschachtel – aber dafür bleibt kaum Zeit, die anstrengenden Tage verbrauchen sie ganz, ohne dass es zuhause wieder würde wie früher. Und dann zieht der Vater ganz zu Tine und die Mutter schluckt alle ihre Tabletten gleichzeitig. Sterre findet sie zum Glück gerade noch rechtzeitig und ruft den Arzt an, aber dann ist ihre Kraft zu Ende; die Kraft zu helfen, zu schützen und so zu tun, als sei alles in Ordnung; und auch die Kraft, die Geheimschachtel für sich zu behalten.
Das Buch erzählt ungeschönt von einer düsteren Kindheit: von Erwachsenen, die so viel mit sich selbst zu tun haben, dass sie nichts anderes mehr wahrnehmen können; von Sucht, Einsamkeit, Sprachlosigkeit und von einem Kind, das überfordert wird von einem Geschehen, das es nicht durchschaut.
VERENA STÖSSINGER

Wo der Mangobaum singt
Amy Bronwen Zemser
Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Krutz-Arnold
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2002, Seiten: 162, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4592-5
Schlagwörter: Freundschaft

Es wäre sicher spannend für Sarina, das Leben in Liberia, wohin die Familie für eine Weile aus den USA gezogen ist, wenn sie es wirklich entdecken dürfte – aber der Vater ist immer weg, er arbeitet "im Busch", die Mutter hat massive psychische Probleme und klammert sich an ihrer Tochter fest und Te Te, die schwarze Haushälterin, muss verhindern, dass Sarina den Garten ums Haus verlässt. Aber da taucht Boima im Garten auf, ein einheimischer Junge, und Sarina bittet ihn, ihr sein Land zu zeigen. Er tut es gern, sie freundet sich mit ihm an und obwohl sie ihn bald verliert, hat sie gelernt, dass es sehr grosse Unterschiede gibt zwischen arm und reich, schwarz und weiss, aber auch, dass "alles nicht so einfach ist", wie Te Te sagt – nicht einmal der Unterschied zwischen richtig und falsch ist immer eindeutig. Das Buch erzählt berührend von einem Kind, das überfordert ist und einsam, es erzählt von einer Freundschaft, von Schuld, Glück und Trauer und von der Notwendigkeit zu differenzieren, und es macht die afrikanische Welt lebendigauch durch die Geschichten und die eigenwillige musikalische Sprechweise der Einheimischen, die der Text sorgfältig abbildet.
VERENA STÖSSINGER

Bloss (k)eine Heirat!
Bali Rai
Aus dem Englischen von Jacqueline Csuss
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2002, Seiten: 286, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4950-5
Schlagwörter: Rassismus

Manny ist dreizehn und sagt nein. Er will kein anständiger Pandschabi werden, wie es der Vater, ein indischer Migrant, von ihm erwartet. Er will auch keine arrangierte Heirat mit einem unbekannten Mädchen aus Vaters ferner Heimat. Manny lebt in England, ist Fan vom FC Liverpool und träumt von einer Karriere als Popstar. Doch der Druck seiner Familie, die ihm das westliche Denken austreiben, ihn in die Knie zwingen will, ist enorm und gewalttätig. Aber Manny rüstet seine Rebellenkräfte, dabei wird er von seinem Freund Ady unterstützt, vom dissidenten Onkel Jag und einer befreundeten Familie. So wagt er den grossen Schritt zum selbstbestimmten Leben, auch wenn der Preis hoch ist.
Der Autor, selber Sohn indischer EinwanderInnen, erzählt eine packende Geschichte über Widerstand, über die Abwehr von engstirnigem Traditionalismus in einer Migrantenfamilie und – ganz grundlegend – auch über die ersten Schritte zu Autonomie und Eigenständigkeit. Es lässt seinen jugendlichen Erzähler mit schnörkelloser Sprache sprechen, einen Erzähler, der eine Menge abbekommt, der seine Wut in kräftige Worte packt, ohne die leisen Töne zu verlernen. Und der weiss, dass Autonomie ohne Verbündete nicht zu haben ist.
LISBETH HERGER

Gut geflunkert, Zilo!
Yasar Kemal
Aus dem Türkischen von Nevfel Cumart
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2002, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0464-8
Schlagwörter: Armut

Zilo, das Strassenmädchen aus Istanbul, wird für einmal ernst genommen. Sie wird befragt und sie erzählt. Zum Beispiel davon, wie die Mutter sie vor die Tür gesetzt hat, oder wie sie auf dem grossen Platz der Moschee Vogelfutter verkauft hat. Und sie berichtet von kalten Nächten, von Freundschaften und Gewalt, und von der Überlebenskunst des Klauens, die sie immer dann erprobt, wenn es nicht anders geht. Schliesslich hat sie ja über dem Koran geschworen, dass sie das Klauen bleiben lässt, und so was meint sie ernst. Zilo geniesst das offene Ohr ihres Zuhörers, des türkischen Schriftstellers Yasar Kemal, der sie in einem staatlichen Kinderheim besucht und interviewt. Später schreibt er die Gespräche nieder, nicht als protokolliertes Interview, sondern als dokumentarische Erzählung. So kann er das Flunkern und das magische Denken von Zilo als Ausdruck einer grossen Stärke zeigen, als die Kunst des Überlebens eines Mädchens, das sonst längst an der Härte seiner Welt zerbrochen wäre.
Der Autor Yasar Kemal kennt Armut und Not aus seiner eigenen Biografie, vielleicht ist er deshalb ein so guter Partner im Flunker- und Wünschespiel der starken Zilo – und ein so guter Nacherzähler ihrer Geschichte.
LISBETH HERGER

Die andere Wahrheit
Beverly Naidoo
Aus dem Englischen von Salah Naoura
Verlag: Klopp, Publiziert: 2002, Seiten: 334, ISBN/ISSN/EAN: 3-7817-1382-2

Schreckliches Unglück verändert das Leben von Sade und ihrem kleinen Bruder Femi. Ein Anschlag tötet ihre Mutter. Aus Sicherheitsgründen organisiert der Vater für die beiden die schnelle Flucht von Lagos nach London, dorthin, wo sein Bruder wohnt. Er selbst will nachkommen, schliesslich galt der Anschlag ihm, dem unbequemen Journalisten, der mit den Waffen des Wortes und der Wahrheit gegen die nigerianische Militärregierung kämpft. Die Flucht der Kinder klappt, doch dann lässt die Schlepperin die illegal eingereisten Kinder im fremden London einfach stehen, und Onkel Dele ist nicht auffindbar. Unter Schock und im Kokon der Verheimlichung ihrer Identität stranden die Flüchtlingskinder schliesslich bei liebevollen Pflegeeltern. Sie bangen um ihren Papa, der bei seiner illegalen Einreise geschnappt wird und deshalb abgeschoben werden soll. Schliesslich hat die mutige Sade einen rettenden Einfall…
Die südafrikanische Autorin Beverley Naidoo, einst selber als Dissidentin ihres Landes verwiesen, erzählt einfühlsam von den Lähmungen durch traumatische Erlebnisse und den Härten eines plötzlichen Exils. Gleichzeitig wirft sie grundlegende Fragen zu Gerechtigkeit und Widerstand auf. Der spannende Aufbau der Geschichte lässt über den etwas gar kitschigen Schluss hinweglesen.
LISBETH HERGER

Für Isabel war es Liebe
Mirjam Pressler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2002, Seiten: 322, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80891-7
Schlagwörter: Krankheit

Liebe und Tod sind die grossen Themen, denen sich dieser Text, in dem es beinahe nur Frauen gibt, leise, sensibel und in sehr genauen Beobachtungen annähert. In Isabels Leben scheinen die beiden nämlich untrennbar miteinander verknüpft zu sein: In jenem Sommer, als ihre Mutter an Brustkrebs erkrankt, begegnet die Siebzehnjährige auch ihrer ersten grossen Liebe, der gleichaltrigen Daniela – und während Isabels Familie verstummt, weil es auf einmal nur noch ums Überleben geht, wird Isabel in ihrer Beziehung zu Daniela überschwemmt von der Intensität ihrer Gefühle, von sexuellem Glück und auch von der zunächst verwirrenden Tatsache, dass sie lesbisch ist.
Die Geschichte jenes Sommers und dessen, was auf ihn folgte – die Mutter überlebt, die grosse Liebe zerbricht – wird aus der Distanz einiger Jahre in der Rückschau erzählt, und die Klammer um die beiden grossen Themen bildet ein drittes: die Kunst. Isabel entdeckte damals den Maler Modigliani für sich, wurde sich ihrer Begeisterung für die Malerei bewusst und fand ihren beruflichen Weg: Sie ist jetzt Kunststudentin.
VERENA STÖSSINGER

Siehst du den Horizont?
Herausgeber:in: Stephanie von Selchow, Illustration: Stefanie Harjes
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2002, Seiten: 191, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4760-X
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Identität/Individualität

Ein anregendes und sehr schön gemachtes Buch, das stückweise gelesen werden kann und immer wieder. Es enthält eine lockere Sammlung von (Selbst-)Porträts und Artikeln von 25 Frauen und zwei Männern. Berühmte Frauen wie Franziska von Almsick oder Franka Potente, besonders erfolgreiche (die MTV-Chefin) oder solche mit aussergewöhnlichen Berufen – eine Modedesignerin etwa, eine junge Forscherin und eine „Preiswärterin“ – erzählen darin, wie sie wurden, was sie heute sind. Mobbing und Bulimie kommen zur Sprache, das Leben mit einer Behinderung, Nachdenken über Rassismus und die „Freudlosigkeit“ vieler Mütter, die entweder nur noch an ihrem Äusseren arbeiten oder resigniert zu haben scheinen.

„Siehst du den Horizont?“ fragt das Buch in seinem Titel und bietet jungen LeserInnen Mitreisegelegenheiten dorthin an: informative, appellative und emotionale; keine Patentrezepte und Regeln, aber Denkanstösse, Ermutigungen, Lebenslusthäppchen und den entschiedenen Hinweis, dass ein Selbstbewusstsein nur dort wachsen kann, wo eine Frau sich ihrer selbst auch bewusst ist.

VERENA STÖSSINGER

Helle Sonne, dunkler Schatten
Ruth White
Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Riekert
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2002, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 3-7725-1840-0
Schlagwörter: Krankheit

Lyrik hat ihrer kranken Schwester Sonne versprochen, irgendwann einmal ein Buch über sie zu schreiben. Aus dem Versprechen ist eine feine und vielstimmige Erzählung geworden über das Leben in einer armen Bergarbeiterfamilie, mit einer Mutter, die früh an Schwindsucht starb und einem Paps, der sich liebevoll um seine Mädels kümmert. Die drei haben es gut, und oft wird bei ihnen gesungen und gelacht – bis der erträumte Umzug nach Michigan endlich klappt, wo die Autoindustrie bessere Arbeit bietet und ein kleines Stadtleben lockt. Doch am neuen Ort beginnt Sonne, die schon immer ein wenig sonderbar war, sich in beängstigender Art zu verändern. Sie hört Stimmen, fühlt sich von Wölfen verfolgt, will das Haus nicht mehr verlassen. Sonne erkrankt an Schizophrenie. Lyrik und ihr Paps versuchen, sie so lange wie möglich bei sich zu behalten. Doch schliesslich wird es zu gefährlich und die beiden müssen ihre geliebte Sonne in eine Klinik weggeben.
Der Text erzählt überzeugend von den grossen Verunsicherungen einer Familie, in der plötzlich jemand psychisch erkrankt. Er zeigt dies aus der Perspektive eines lebenshungrigen Mädchens, das trotz der Erkrankung der Schwester nicht in Selbstaufgabe und Depression verfällt. Und gleichzeitig lässt dieses poetische Vermächtnis uns teilhaben an einer liebevollen, kräftigenden Vater-Tochter-Beziehung. LISBETH HERGER

Manege frei für Olivia
Ian Falconer
Aus dem amerikanischen Englisch von Monika Osberghaus
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2002, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6505-0
Schlagwörter: Fantasie | Schule

Olivia, das kecke Schweinchen-Mädchen blüht auf, als sie in der Schule von ihren Ferienerlebnissen erzählen darf. Davon, wie sie mit ihrer Mutter und dem kleineren Bruder in den Zirkus ging und wie es dazu kam, dass sie alleine die ganze Vorstellung rettete. Der US-amerikanische Illustrator Ian Falconer erzählt in verspielten Bildern von den kindlichen Allmachtsfantasien und der lästigen Alltagswelt. Der Lehrer kann Olivias Show nichts entgegen halten. Und selbst Olivias Mutter hat das Nachsehen. Als diese sie am Abend fragt, was sie denn in der Schule gemacht hätten, meint Olivia cool „nichts“.
CHRISTINE TRESCH

Löwenzahn
Verlag: Terzio, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-932992-35-0
Schlagwörter: Natur | Technik

Geschichten aus Natur, Umwelt und Technik

Peter Lustig, der sympathische und kompetente Moderator der Sendung «Löwenzahn», ist für viele Kinder eine Institution. In jeder Folge vertieft er sich in ein bestimmtes Thema, beleuchtet die Sache von verschiedenen Seiten und versteht es dabei immer wieder, einen greifbaren Bezug zur Lebenswelt und zum Alltag von Kindern herzustellen. Schon 3- bis 6-Jährige beginnen sich für das legendäre Kindermagazin zu interessieren, und bei den 7- bis 12-Jährigen gehört es eindeutig schon zu den bekanntesten und beliebtesten Wissenssendungen. Auch auf der «Löwenzahn 6» führt Peter Lustig durch alle Bereiche der CD-ROM, kommentiert die verschiedenen Spiele und gibt Anleitungen zu weiteren Aktivitäten. Auf anschauliche und unterhaltsame Weise werden den Kindern wiederum spannende Themen aus Natur, Umwelt und Technik näher gebracht. Diesmal geht es um Flüsse und Staudämme, Strom und Energie, Herbst und Winter, Frösche, Fledermäuse, Malerei und Haare. Im Gegensatz zu den Fernsehbeiträgen kommt die CD-ROM allerdings ohne den Spannungsbogen einer durcherzählten Rahmenhandlung aus. Wie immer kann man sich im Innern und rund um den blauen Bauwagen frei bewegen und selbständig auf Entdeckungsreise gehen. Hinter anklickbaren Objekten stösst man nämlich überall auf Peter Lustigs informative Ausführungen, Filmbeiträge aus seinem Videomaten, Rate- und Geschicklichkeitsspiele sowie zahlreiche Bastelanleitungen, Rezepte und Freizeittipps zum Ausdrucken.

Die überaus reizvoll gestalteten Spiele weisen durchwegs einen Bezug zu den behandelten Themenbereichen auf. In einem kniffligen Schleusenspiel gilt es zum Beispiel, mit zwei Schiffskähnen bestimmte Frachtgüter schnell an ihren Bestimmungsort zu befördern. Einmal heisst es, eine Fledermaus geschickt durch den dunklen Höhlengang zu manövrieren und den Nachtjäger im Flug mit Motten zu verpflegen, ein andermal soll man als Frosch entweder mit flinker Zunge nach Fliegen (aber nicht Hornissen) schnappen oder auf dem gefährlichen Weg zum Froschweibchen die Noten für ein Liebeslied sammeln. Bis zu sechs Spielerinnen und Spieler können sich gleichzeitig anmelden und ihre Trophäen im eigenen Stromkasten zusammentragen oder ihre Rekorde sogar in einer Highscore-Liste verewigen. In der Regel stehen zwei Schwierigkeitsstufen zur Verfügung und bieten auch für ältere Spieler spannungsreiche Herausforderungen. Da werden selbst den Erwachsenen volle Aufmerksamkeit, schnelles Reaktionsvermögen und natürlich eine ordentliche Portion Frustrationstoleranz abverlangt. So ist es gar nicht so einfach, bei der virtuellen Schneeballschlacht mit Hilfe von Pfeiltasten und Leertaste den tanzenden Schneemann zu treffen oder im Kabelsalat einer gestressten Hausfrau sofort den richtigen Stecker zum gewünschten Elektrogerät zu finden.

Die Navigation auf der sechsten Löwenzahn-CD-ROM ist gut durchdacht, gewährt den jungen Computerusern viel Spielraum und erschliesst sich auf intuitive Weise. Mittels einblendbarer Bedienleiste am unteren Bildschirmrand lässt sich jederzeit in den vorigen Bereich oder zur Anfangsseite mit dem Bauwagen zurückspringen. Über eine Schublade an der Aussenwand des Bauwagens erhält man über die vollständige Inhaltsübersicht zudem direkten Zugriff auf die Hauptthemen, die 7 Spiele sowie ein Dutzend weitere Angebote – darunter etwa der ausführliche interaktive Lexikonteil, ein Malwettbewerb oder Stefan Aufenangers medienpädagogische Hinweise für Lehrkräfte und Erzieher/innen.

Daniel Ammann

Lauras Sternenreise
Pia Blessing, Vincent Andreas
Verlag: Tivola, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-89887-025-1

Eine Abenteuerreise durch das Weltall

Die bezaubernde Geschichte von Laura und ihrem geheimnisvollen Stern dürfte durch die Bücher von Klaus Baumgart oder aus der Gutenachtgeschichte auf SF DRS schon vielen bekannt sein. Seit Anfang März sind die Episoden der 13-teiligen deutschen Zeichtrickserie nun jeweils am Sonntagnachmittag im Kinderkanal zu sehen. Am Anfang der Spielgeschichte wird in lieblichen Bilderbuchillustrationen erzählt, wie Laura ihren Stern kennen lernt. Als sie eines Abends aus dem Fenster schaut, sieht sie, wie ein Stern vom Himmel direkt vor ihr Haus fällt. Mit Hilfe der Spielerinnen und Spieler verarztet sie ihn. Weil er aber schon bald Heimweh bekommt, beschliessen Laura und Tommy, ihn gemeinsam zurückzubringen. Bis zum Ziel müssen insgesamt 6 einfache Spiele gemeistert werden, die in jeweils zwei Schwierigkeitsstufen vor allem Wahrnehmung und Reaktionsvermögen ansprechen. Zuerst muss nach einer gezeichneten Vorlage aus Kartons eine Rekete gebaut werden. Auf dem Flug durchs All gibt es allerlei Hindernisse, denen man mittels Pfeiltasten ausweichen kann, und im Sockenspiel sollen die passenden Paare eingefangen und in den Wäschekorb gelegt werden. Das Spiel setzt keine Lesefertigkeiten voraus und lässt sich schon im Vorschulalter gut einsetzen. Aufgrund des linearen Aufbaus und der eher begrenzten Spielmöglichkeiten düfte es für ältere Kinder jedoch bald an Reiz verlieren. Ab 4 Jahre.

(Siehe auch: «Ein kleines Mädchen greift nach den Sternen.» In: Ammann, Daniel; Hermann, Thomas. Klicken, lesen und spielend lernen: Interaktive Spielgeschichten für Kinder. Zürich: Verlag Pestalozzianum, 2004. S. 75–78.)

Daniel Ammann

Mit wem spielst du, Willi Wiberg?
Gunilla Bergström
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-8027-0

Willi Wiberg (im schwedischen Original eigentlich Alfons Åberg) ist im Gegensatz zu vielen Heldinnen und Helden der Kinder- und Jugendliteratur kein ungewöhnliches oder exzentrisches Kind. Gegenstand der rund zwanzig Bilderbuchgeschichten von Gunilla Bergström sind stets einfache Alltagsbegebenheiten und häusliche Probleme wie kindliche Ängste, Fantasieabenteuer, Auseinandersetzung mit der Erwachsenenwelt oder Freundschaft und Konflikte unter Gleichaltrigen. Auch die vorliegende CD-ROM, die in enger Zusammenarbeit mit der Autorin entstanden ist, greift diese Themen auf. Die liebevoll gestaltete Scheibe versammelt über ein Dutzend originelle Spiele und Aktivitäten und bettet diese durch Erzählübergänge, kurze Dialoge sowie regelmässige Ess- und Schlafenszeiten in einen Tagesablauf ein.
Am Tisch soll man zwar nicht mit dem Essen spielen (wie sich Vater und Sohn gegenseitig immer wieder ermahnen), aber mit Witz und Ironie setzt sich die kindliche Einbildungskraft über diese Vorschrift hinweg. Schon beim Frühstück gilt es, die in Seenot geratenen Preiselbeeren aus dem Milchteich zu retten, am Mittag verwandelt sich der Spinat im Teller in einen riesigen Sumpf, der nur mit einem langen Steg aus Fischstäbchen überbrückt werden kann, und während des Abendessens müssen sich Willi und sein Papa gar als Fleischbällchenseeräuber bewähren und wertvolle Rubinen in Sicherheit bringen – unversehens wird der Kartoffelstock zur Festung, die braune Sauce bildet das Meer und die Erbsen haben sich in gefährliche Piranhas verwandelt.
Für zusätzliche Abwechslung sorgen Willis Besuche bei der Grossmutter oder seine Freunde Milla und Viktor, die er anrufen und zu sich nach Hause einladen kann. Die beiden bringen jeweils ein eigenes Spiel mit, dürfen natürlich zum Essen bleiben und leisten Willi bei seinen Abenteuern als Feuerwehrmann, Kranführer oder auf wundervollen Fantasiereisen in selbst gebauten Flug- und Fahrzeugen Gesellschaft. Wenn Willi allein bleibt, tritt er, wie etwa beim Schiffe-Versenken, gegen seinen Papa an oder begnügt sich mit seinem Phantasiegefährten Alfons, der als Spielleiter auch die Gewinne überreicht oder Willi beim Einschlafen die Angst vor Gespenstern nimmt. Ab 4 Jahre.
(Siehe auch: «Ein Tag im Leben von Willi Wiberg.» In: Ammann, Daniel; Hermann, Thomas. Klicken, lesen und spielend lernen: Interaktive Spielgeschichten für Kinder. Zürich: Verlag Pestalozzianum, 2004. S. 102–112.)
Daniel Ammann

Die Pfefferkörner
Verlag: Terzio, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-932992-56-3
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Abenteuer im Internet: Cem unter Verdacht

Wie viele Episoden der beliebten Kinderkrimiserie des NDR greift auch das erste Abenteuer der Pfefferkörner auf CD-ROM ein aktuelles Thema auf. Cem, der Computer-Crack der Pfefferkörner, wird nämlich verdächtigt, im Chatraum der Schule mit illegalen Computerspielen zu handeln. Um seine Unschuld zu beweisen, tauchen seine Freunde Fiete, Jana und Natascha selber in die digitale Welt ein und begeben sich im Internet auf die Suche nach dem wahren Softwarepiraten. Dabei merken sie bald, dass Virtualität eigene Gesetze und Gefahren kennt. Um den Fall zu lösen, müssen Passwörter geknackt, E-Mails verschickt, kodierte Botschaften entschlüsselt, Virenattacken abgewehrt und heisse Spuren in der virtuellen Bilbiothek verfolgt werden.

Präsentiert wird das interaktive Abenteuer in einer Mischung aus Comicstil mit gezeichneten Figuren und 3-D-Animationen. Als wichtigste Ausrüstung steht den Spielerinnen und Spielern ein Personal Digital Assistant (PDA) zur Verfügung. Er dient als Navigationsinstrument sowie zur Aufbewahrung wichtiger Beweisstücke und Hilfsmittel. Ein spezieller Dialog-Cursor erlaubt es zudem, die Protagonisten je nach Situation entweder emotional, rational oder mit einer Handlung reagieren zu lassen. Ausserdem gilt es im linear aufgebauten Spiel drei Highscore-Games zu bestehen, die je unterschiedlichen Genres angehören: Labyrinth, Ego-Shooter und Jump-and-Run. Der Punktestand kann dabei im Internet gespeichert werden.

Für die Fans der TV-Serie bietet die CD-ROM kurze Filmausschnitte sowie Steckbriefe der Darsteller/innen, Miniposter und Briefpapier zum Ausdrucken.

Daniel Ammann

Alles Theater!
In Deutsch und Englisch
Verlag: Tivola, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-934789-75-7

Anders als bei der ersten Spielgeschichte mit dem Kleinen Raben Socke («Alles wieder dran!») ist hier die Ausgangslage kein Missgeschick, das es auszubügeln gilt, sondern die Idee, eine Bühne zu bauen, auf der Socke mit seinen Freunden Theater spielen kann. Abgesehen davon ist das narrative Muster identisch, d.h. der Kleine Rabe zieht von Freund zu Freund und ergattert gegen eine entsprechende Leistung oder Hilfe die notwendigen Werkzeuge, Bühnenteile und Requisiten. Sind die sechs Stationen bei Maulwurf, Schaf, Hase, Wolf, Dachs und Eichhörnchen (in beliebiger Reihenfolge) absolviert, gilt es, die Bühne nach einem vorgegebenen Plan zu konstruieren. Anschliessend muss der Kleine Rabe aus dem Kostüm- und Requisitenkorb die richtige Verkleidung für seine Traumrolle, die der Prinzessin, aussuchen. Nach diesem Such- und Anziehspiel bekommt man zur Belohnung ein kurzes Theaterstück vorgeführt, in dem der Maulwurf als tapferer Held dem König einen Drachen überbringt und als Belohnung um die Hand der Prinzessin anhält.

Was die ersten sechs zu bewältigenden Spiele betrifft, so sind die Aufgabenstellungen der jungen Zielgruppe (ab vier Jahren) entsprechend einfach und Variationen von bereits weitgehend bekannten Spielen. Räumliches Vorstellungsvermögen ist im dunklen Labyrinth gefordert, wo es Requisiten zu sammeln gilt; eine gute Auge-Hand-Koordination ist beim Einsammeln von Nägeln und Schrauben mittels Computermaus notwendig; Alltagswissen ist Voraussetzung für das Suchen und Sammeln von Werkzeugen; eine schnelle Wahrnehmung und ein genaues Erkennen von geometrischen Formen ist beim Lotsen einer Schubkarre über unwegsames Gelände nötig; Reaktionsfähigkeit ist schliesslich beim Steuern des fliegenden Raben in einem Hindernisflug überlebenswichtig, und beim Stapeln von verschieden grossen Kissen ist für die richtige Reihenfolge gute Kombinationsgabe erforderlich.

Das im Vergleich zur ersten Raben-CD-ROM bescheidenere Booklet sowie der Verzicht auf die dritte Sprache (Französisch) verstärken den Eindruck, dass bei der Entwicklung dieses Titels der Aufwand stark eingeschränkt wurde. 4 bis 8 Jahre.

(Siehe auch: «Rabenstarker Dreikäsehoch.» In: Ammann, Daniel; Hermann, Thomas. Klicken, lesen und spielend lernen: Interaktive Spielgeschichten für Kinder. Zürich: Verlag Pestalozzianum, 2004. S. 88–93.)

Thomas Hermann

Die Schöne oder das Biest
Verlag: Cornelsen Software, Publiziert: 2002, ISBN/ISSN/EAN: 3-464-90070-3
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Ein Abenteuer, zwei Schicksale, zwei Wege zum Ziel

Bereits die Titelvariante (mit «oder») deutet an, dass es sich bei dieser CD-ROM nicht um eine herkömmliche Spieladaption des romantischen Kunstmärchens aus dem Jahre 1757 handelt. Das interaktive Abenteuer bietet die Möglichkeit, die Geschichte nach der Vorlage von Jeanne-Marie Leprince de Beaumont aus zwei sehr unterschiedlichen Blickwinkeln zu erleben. Je nachdem, ob man in die Rolle der reizenden Belle oder des verwunschenen Schlossherrn schlüpft, eröffnen sich andere Facetten des Plots und die Rätsel- und Geschicklichkeitsaufgaben warten mit neuen Herausforderungen auf. So kehrt Belle im Verlauf der Handlung beispielsweise ins Elternhaus zurück, um ihrem kranken Vater beizustehen. Gegen den Widerstand der bösen Schwestern muss sie das Rezept für eine Medizin finden und mithilfe der Spielerinnen und Spieler einen rettenden Heiltrunk brauen. Unterdessen – wie die Version der anderen Hauptfigur zeigt – sucht das Biest nach dem Schlüssel zum Verlies, befreit sich aus einem Kerkerloch und führt uns unter anderem in die Schlossbibliothek und das Planetarium, wo es weitere Prüfungen zu bestehen gilt.

Obgleich einige der rund dreissig Schauplätze in beiden Handlungssträngen eine Rolle spielen, sorgen die jeweiligen Denk- und Geschicklichkeitsspiele durch Variationen in der Aufgabenstellung für ausreichende Abwechslung. Während das Biest beispielsweise zu Fuss durch den unterirdischen Fluss watet und darauf achten muss, dass seine Fackel nicht erlischt, ist Belle mit einem Boot unterwegs und muss dabei Objekte aus den vorbeitreibenden Kisten bergen, damit sie die später folgende Aufgabe überhaupt in Angriff nehmen kann.

Die multimediale Umsetzung des geheimnisvollen – und als Zeichentrickfilm von den Disney-Studios bereits 1991 und 1997 erfolgreich vermarkteten – Märchenstoffes bezaubert vor allem durch eine stimmungsvolle 3-D-Grafik mit eindrücklichen mittelalterlichen Kulissen, prunkvoll ausgestatteten Gemächern, gespenstischen Gruften und Geheimgängen. Die zahlreichen Cut-Scenes (computeranimierte Videosequenzen) mit kinoreifen «Kamerafahrten», die passende musikalische Untermalung und professionelle Sprecherstimmen muten geradezu cineastisch an.

Die gelungene Lokalisierung der französischen Produktion für den deutschsprachigen Markt dürfte Spielerinnen und Spielern ab acht Jahren ein kurzweiliges und länger anhaltendes Abenteuer bescheren und kommt dabei erst noch ohne Gewaltszenen aus.

Daniel Ammann

(Siehe auch: «Klassischer Stoff in märchenhafter Kulisse.» In: Ammann, Daniel; Hermann, Thomas. Klicken, lesen und spielend lernen: Interaktive Spielgeschichten für Kinder. Zürich: Verlag Pestalozzianum, 2004. S. 163–174.)

Kleiner Werwolf
Cornelia Funke
Verlag: Dressler, Publiziert: 2002, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-0463-6
Schlagwörter: Fantasie | Freundschaft | Humor/Komik

Nach einem Kinoabend mit seiner Freundin Lina wird Moritz, genannt Motte, von einem wolfsähnlichen Tier mit gelben Augen angefallen und gebissen. Der Biss schmerzt kaum und die Wunde blutet auch nicht, doch bald zeigen sich andere, verheerendere Folgen. Mottes Augen verfärben sich gelb, abends ist seine Stimme rau, sein Gesicht wird pelzig und sein Geruchs- und Sehsinn sind äusserst scharf. Kein Zweifel, Motte verwandelt sich allmählich in einen Werwolf. Zwar hat das Wolfsein auch seine Vorteile, etwa gegenüber dem Boxerhund des Nachbars, und auch die Stärksten in der Klasse fürchten sich vor Mottes gelben Augen. Aber Motte ist auch Gefahren ausgesetzt. Er wird von den Wolfstrieben gelenkt und muss sich zudem von Herrn Faulwetter, dem Biologielehrer, in Acht nehmen. Dieser interessiert sich nämlich für seinen Fall und folgt Motte auf Schritt und Tritt.
Zum Glück findet Motte bei seiner Freundin Lina und der Klassenlehrerin, Frau Puschke, Hilfe. Gemeinsam beschaffen sie im Völkerkundemuseum ein Amulett, das gegen den bösen Zauber wirken soll. Aber aufgepasst: Die Vollmondnacht steht vor der Tür …

„Kleiner Werwolf“, eine aufregende Mischung aus Realität und Fantasie, liegt bei Bibliomedia Schweiz als Klassensatz vor. Das Buch ist auch als Taschenbuch, als E-Book und als Hörbuch erhältlich.

Klassenstufen: 4,5,6

Ronja Räubertochter
Astrid Lindgren
Verlag: Cornelsen, Publiziert: 2002, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-464-60171-6
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft

Ein Leseprojekt zu dem gleichnamigen Roman von Astrid Lindgren

In der Nacht als Ronja geboren wird, wütet ein fruchtbares Gewitter über dem Mattisberg. Ein Blitz spaltet den Berg und die uralte Burg entzwei. Aber das kümmert Mattis, den mächtigen Räuberhauptmann, herzlich wenig, denn er hat ja eine Tochter bekommen, das prächtigste Kind, das je in einer Räuberburg geboren wurde. Jetzt ist das Fortbestehen der Mattissippe gesichert – im Gegensatz zur Borkasippe, die jenseits der Räuberschlucht ihr Unwesen treibt und die mit der Matissippe verfeindet ist. Aber da irrt Mattis. Denn in derselben Nacht wird Birk geboren, der Sohn von Borka, Mattis’ Erzfeind. Doch bevor Birk und Ronja der Hass zwischen den Familien eingeimpft werden kann, freunden sie sich an. Als Mattis Birk gefangen nimmt, gelingt es Ronja, ihren Vater so unter Druck zu setzen, dass er Birk freilässt. Um die Streithähne Mattis und Borka zur Vernunft zu bringen, beschliesst Ronja, von zu Hause auszuziehen. Mit Birk zusammen verbringt sie eine lange, glückliche Zeit im Wald – eine lange, schlimme Zeit für Mattis auf der Burg –, bis sie sich mit ihrem Vater versöhnt.
Eines der schönsten Bücher von Astrid Lindgren, voller Weisheit, Poesie und Humor.

In der Reihe „einfach lesen!“ des Cornelsen Verlags werden bekannte Jugendbücher so gekürzt und vereinfacht, dass sie auch von weniger geübten Leserinnen und Lesern bewältigt werden können. Zur Unterstützung des Textverständnisses beginnt jedes der kurzen Kapitel mit einer Illustration. Als optische Lesehilfe sind die Texte zudem mit Zeilenzählern versehen. Verschiedene Aufgaben am Kapitelende dienen der Überprüfung des Textverständnisses. Ein Lösungsheft liegt bei.
Falls der Roman als Klassenlektüre eingesetzt wird, bietet es sich an, die weniger geübten Schülerinnen und Schüler das vereinfachte Leseprojekt und die fortgeschrittenen Leserinnen und Leser die Originalausgabe lesen zu lassen. Das kollektive Leseerlebnis bleibt somit trotz unterschiedlicher Leseniveaus erhalten.
Das Buch thematisiert Liebe und Gewalt, sowohl im menschlichen Zusammenleben als auch in der Natur. Gleichzeitig ist „Ronja Räubertochter“ ein Entwicklungsroman mit starken Identifikationsfiguren. Der Titel ist in ungekürzter Fassung als Klassensatz bei Bibliomedia Schweiz erhältlich. Zur ungekürzten Fassung sind ausserdem Hörspiele und eine DVD auf dem Markt. Es gibt ein Lesequiz, Unterrichtsmaterialien und auf dem Online-Portal „Antolin“ können Fragen zum Titel beantwortet werden.

Klassenstufen: 4,5,6 L

Eine Woche voller Samstage
Paul Maar
Verlag: Cornelsen, Publiziert: 2002, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-464-60172-3
Schlagwörter: Fantasie | Humor/Komik

Ein Leseprojekt zum gleichnamigen Roman von Paul Maar

Herr Taschenbier ist ein ängstlicher Mensch. Nichts fürchtet er mehr als Leute, die schimpfen und befehlen – bis ihm an einem Samstag ein seltsames Wesen über den Weg läuft. Das Sams hat feuerrote Haare, einen kurzen Rüssel und viele grosse blaue Punkte im Gesicht. Ausserdem ist das Sams rotzfrech und lässt sich von niemandem einschüchtern. Das Sams will bei Herrn Taschenbier bleiben, aber diesem ist es peinlich, wenn das Sams freche Bemerkungen macht und zurückschimpft. Er versucht das Sams loszuwerden, doch je länger das Sams bei Herrn Taschenbier bleibt, desto besser mag er es. Am Schluss wird aus dem Braven und ängstlichen Herrn Taschenbier ein selbstbewusster Mensch, der sich behaupten kann. Eine sehr witzige Geschichte, die ängstliche Kinder stärkt.

In der Reihe „einfach lesen!“ des Cornelsen Verlags werden bekannte Jugendbücher so gekürzt und vereinfacht, dass sie auch von weniger geübten Leserinnen und Lesern bewältigt werden können. Zur Unterstützung des Textverständnisses beginnt jedes der kurzen Kapitel mit einer Illustration. Als optische Lesehilfe sind die Texte zudem mit Zeilenzählern versehen. Verschiedene Aufgaben am Kapitelende dienen der Überprüfung des Textverständnisses. Ein Lösungsheft liegt bei.
Falls der Roman als Klassenlektüre eingesetzt wird, bietet es sich an, die weniger geübten Schülerinnen und Schüler das vereinfachte Leseprojekt und die fortgeschrittenen Leserinnen und Leser die Originalausgabe lesen zu lassen. Das kollektive Leseerlebnis bleibt somit trotz unterschiedlicher Leseniveaus erhalten.
Zur ungekürzten Fassung sind ein Hörbuch, ein Hörspiel, eine E-Book-Ausgabe und eine Verfilmung auf DVD erhältlich. Der Roman liegt in der Originalausgabe bei Bibliomedia Schweiz als Klassensatz vor.
Es gibt ein Lesequiz; zudem können Quizfragen auf dem Onlineportal „Antolin“ beantwortet werden.

Klassenstufe: 4 L

Moby Dick
Herman Melville
Verlag: Cornelsen, Publiziert: 2002, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-464-60169-3
Schlagwörter: Abenteuer

Ein Leseprojekt nach dem gleichnamigen Roman von Herman Melville

Dieser Klassiker der Weltliteratur spielt um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Er handelt von Kapitän Ahab, der nur eine Leidenschaft kennt: die Rache an einem Wal. Die Geschichte beginnt damit, dass Ismael und Quiqueg auf demselben Walfängerschiff anheuern. Schon bald werden die beiden Freunde. Doch Ismael vergeht die Lust am Walfang, als er feststellt, dass Kapitän Ahab es nur auf einen ganz bestimmten Wal abgesehen hat. Kapitän Ahab sucht Moby Dick, einen weissen Wal, der grösser und gefährlicher ist als alle anderen Wale. Er will sich an Moby Dick rächen, weil er einst in einem Kampf mit ihm ein Bein verloren hat. Nach einem fürchterlichen Sturm stossen sie endlich auf Mob Dick, doch dieser reisst alle bis auf Ismael mit in die Tiefe. Als einziger Überlebender treibt Ismael drei Tage lang im Meer, bis er gerettet wird.

In der Reihe „einfach lesen!“ des Cornelsen Verlags werden bekannte Jugendbücher so gekürzt und vereinfacht, dass sie auch von weniger geübten Leserinnen und Lesern bewältigt werden können. Zur Unterstützung des Textverständnisses steht am Anfang jedes Kapitels eine Illustration. Als optische Lesehilfe sind die Texte zudem mit Zeilenzählern versehen. Verschiedene Aufgaben am Kapitelende dienen der Überprüfung des Textverständnisses. Ein Lösungsheft liegt bei.
Falls der Roman als Klassenlektüre eingesetzt wird, bietet es sich an, die weniger geübten Schülerinnen und Schüler das vereinfachte Leseprojekt und die fortgeschrittenen Leserinnen und Leser die Originalausgabe lesen zu lassen. Das kollektive Leseerlebnis bleibt somit trotz unterschiedlicher Leseniveaus erhalten.
Melville schrieb „Moby Dick“ für ein erwachsenes Publikum, doch ist der Text in veränderter Form auch als Kinderbuch veröffentlicht worden. Die Leserinnen und Leser erfahren in dieser Freundschafts- und Abenteuergeschichte viel über das Leben der Matrosen und über den Walfang in der damaligen Zeit. Zum Titel sind Hörbücher in ungekürzter Fassung und Hörspiele erhältlich. Es gibt diverse Verfilmungen. Zur ungekürzten Ausgabe als Jugendroman können Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“ beantwortet werden.

Klassenstufen: 7,8,9,10 L

Die Sonne ist eine geniale Göttin
Jon Ewo
Aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt
Verlag: Bertelsmann, Publiziert: 2001, Seiten: 318, ISBN/ISSN/EAN: 3-5701-2586-6
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft | Krankheit

"Die Sonne ist eine geniale Göttin". "Der Mond ist ein blöder Pudding". Vorläufig sind die beiden ersten Bände der Trilogie in deutscher Sprache erschienen: Genial ist die verwegene Darstellung von Adams ersten Entwicklungsschritten hin zum Erwachsensein. Und keineswegs blöde die darauf folgende Ernüchterung.
1. Teil: Adam (16), von seiner Geliebten versetzt (weil zu kindisch), schliesst auf einem Silodach in Oslo mit der Sonne einen Pakt: In diesem Sommer will er erwachsen werden. Er lernt Frank kennen, der seine Jugend wiederfinden will, und Claudia, die er erobern und lieben wird. Er grenzt sich ab von seiner verständnisvollen Familie, setzt sich mit Vaters Krankheit auseinander und ist v.a. auf der Suche nach sich selber und eigenen Lebensvorstellungen. Im Juli zeichnet er minutiös Fort- und Rückschritte seiner Gratwanderung zum Erwachsensein auf. John Ewo, der Autor, gestaltet dies in selten witziger Art und Weise und spannend mit verschiedenen Stilmitteln wie unterschiedlicher Typographie, Listen und Aufzählungen, Zitaten aus Ibsens Peer Gynt oder Texten norwegischer Punkgruppen. Köstlich und überzeugend, jedoch niemals anbiedernd ist Adams beobachtende und bewertende Darstellung der Personen und deren Beziehungen untereinander, die Wiedergabe der Dialoge sowie das Lachen über seine eigenen Misserfolge.
2.Teil: Im folgenden Frühling nimmt Adam während zweier Wochen den Kampf mit dem Mond auf. Er will beweisen, dass das Leben auch als Erwachsener sinnvoll und lebenswert ist. Quasi als Don Quichotte rettet er Frank, den Freund seiner Schwester, der sich seiner Verantwortung als zukünftiger Vater entziehen möchte. Seinen deprimierten, sich vor den Realitäten des Erwachsenseins fürchtenden Schulfreunden verschafft er neuen Lebensmut und mit jugendlicher Abgeklärtheit beobachtet er die Midlife-Krise seiner Eltern, die als ehemalige Mitglieder einer bekannten Punkband einem Revival-Gig entgegenfiebern. Und beinahe gewinnt der Mond, als Adams Liebe zu Claudia die erste Feuerprobe bestehen muss. Auch hier überzeugen die tagebuchähnlichen Aufzeichnungen des intelligenten Protagonisten, die Protokolle der «Lunatic Society zur Erhaltung des Kindischseins», die kuriosen Listen und Anmerkungen, lakonisch kommentierten Dialoge, Drehbuchfragmente und Romanentwürfe. Sie alle bringen Witz, Leichtigkeit, Vielschichtigkeit und jugendliche Überlegungen zum Lebenssinn temporeich und leicht nachvollziehbar zum Ausdruck.
Die ersten beiden Bände dieser Trilogie sind ein Kleinod für junge und jung gebliebene Erwachsene und heben sich deutlich von der grossen Masse jugendliterarischer Entwicklungsromane ab. Der letzte Teil "Die Erde ist nackt und hart" ist auf Frühling 2003 angekündigt.
BEATRIX OCHSENBEIN

Die ganze Welt
Katy Couprie, Antonin Louchard
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-4954-X
Schlagwörter: Fantasie | Natur | Kunst

Auf erstaunliche Art und Weise wird „Die ganze Welt“ von Katy Couprie und Antonin Louchard zur Wahrnehmungsschulung und vermittelt dem kindlichen Betrachter einen kognitiven und zugleich spielerischen Zugang zur Entdeckung von Welt.

Fotografie, Malerei, Drucktechnik und Collage sind die künstlerischen Mittel, mit denen ein raffiniertes Spiel von Assoziation und Wiedererkennen im Kleinen wie im Grossen in Gang gesetzt wird. Von Bild zu Bild lässt sich Gleiches in veränderter, aber sinnverwandter Form wiedererkennen. So führt die Grossaufnahme des Magnolienbaums im Park zur Nahaufnahme der gefallenen Blütenblätter; diese werden auf der nächsten Seite auf ihre Form hin untersucht. Solch genaues Hinsehen führt zur Betrachtung der einzelnen Blüte, mehrerer Blüten, eines ganzen Blumenfeldes… Auf der nächsten Doppelseite wird der Blick vom gemalten Feld auf die fotografierte Strasse mit Bahnübergang gelenkt. Mit viel Humor werden überraschende optische Verwandtschaften künstlerisch überzeugend inszeniert. Zu diesem faszinierenden Angebot an inhaltlich lose zusammenhängenden Bildern lassen sich endlos und immer wieder neu Geschichten erzählen: Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt!

RUTH FASSBIND-EIGENHEER

Frische Fische
John Kilaka, Anna Katharina Ulrich
Aus dem Kisuaheli von Christine Hatz
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0451-6

Sokwe hat viele Fische gefangen. Er freut sich auf das fette Sümmchen, das er dafür einlösen wird. Aber Hund hat Lust auf diese Fische. Immer wieder will er zuschnappen. Auf dem Markt gelingt es ihm schliesslich, mit den Fischen abzuhauen. Löwe hat ihn beobachtet, doch fällt er über einen Korb, bricht sich das Bein und muss ins Krankenhaus gebracht werden. Dort kann Frau Häsin gerade noch verhindern, dass Doktor Frosch eine Amputation vornimmt. Später wird Hund mit vollem Bauch im hohlen Baobab-Baum entdeckt und vor Gericht gebracht. Zur Strafe muss er ein grosses Feld Bäume pflanzen. Danach wird Friede geschlossen und ein Fest gefeiert.

Der Einblick in eine – hier afrikanische – Gesellschaft wird über die Tierwelt gegeben. Beim Betrachten der farbenfrohen, in naivem Stil, aber sehr lebendig gemalten Figuren entdeckt man, dass die Frauen das Geschehen lenken und bestimmen. Die Männer, obschon in leitender Stellung als Ärzte, Richter, Wagenheber wirken eher tolpatschig. Die feine Satire spielt nicht nur auf die afrikanische Gesellschaft an.

HELENE SCHÄR

Mami hat mich nicht mehr lieb
Ruth Huggenberger, Illustration: Liliane Steiner
Verlag: Zytglogge, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-7296-0628-X
Schlagwörter: Geschwister | Eifersucht/Neid | Familie/Familienformen

Für Lisa ist das Leben nur noch doof. Dabei hat sie sich so auf ihren kleinen Bruder gefreut. Doch als Baby Max endlich da ist, hat Mama nur noch Augen für ihn. Und weil er oft Bauchschmerzen hat, muss Mama sich ständig um ihn kümmern. Für Lisa bleibt da wenig Zeit, sie fühlt sich ausgegrenzt und allein.

Sie täuscht Bauchschmerzen vor, die immer schlimmer werden, und endlich sind die Eltern auch um sie besorgt. Doch der Ärztin kann Lisa nichts vormachen. Schliesslich erfährt Lisa in den Armen von Mama, dass Max zwar im Moment die Hauptrolle spielt, dass die Eltern aber Lisa kein bisschen weniger lieb haben.

Eine einfache, alltägliche Geschichte vom Kummer eines Kindes, das seinen Platz in der neu formierten Familie erst wieder finden muss. Ein Bilderbuch, dessen klare Sätze mit dem Bildaufbau korrespondieren. In leuchtenden Farben strahlen die zauberhaften Bildcollagen aus Malerei, Papiermustern und Fotografieschnipseln. Sie verleiten dazu, viele Details in den Bildern zu entdecken: Etwa die fernöstlichen Dekors in Kleidung und Frisuren oder einzelne Gegenstände, die an anderer Stelle im Buch wieder auftauchen. Ebenso wie sich Distanz und Nähe zwischen Lisa, Max und den Eltern verändern, ändern sich auch die Perspektiven und Bildgrössen und sorgen dabei für Spannung. Am Ende ist es schön, im grossen Bild von Lisas Gesicht zu erkennen, dass das Leben mit dem kleinen Bruder Max eben doch glücklich macht.

STEFANIE KAPPUS

Artemis Fowl
Eoin Colfer
Aus dem Englischen von Claudia Feldmann
Verlag: List, Publiziert: 2001, Seiten: 239, ISBN/ISSN/EAN: 3-471-77251-0
Schlagwörter: Fantasie

Die Hauptfigur ist ein 12jähriger Computerfreak, blitzgescheit, elegant, abgrundtief böse: Man freut sich schon auf ein originelles Buch, in dem das Gute für einmal nicht von einem besonders reinen Kind vertreten wird. Doch die Ernüchterung lässt nicht lange auf sich warten. Bald hat der Leser den Eindruck, ein Drehbuch für einen billigen, mit abgedroschenen Öko-Floskeln aufgepeppten Actionfilm in den Händen zu halten und nicht einen spannenden Kinderroman. Bereits nach vier Seiten werden gleichsam beiläufig Finger gebrochen. Bald folgen geplatzte Lungen, zerschmetterte Glieder, zerfetzte Sehnen und zersplitterte Wirbelsäulen. Schade! Die Handlung ist in der Welt der «Unterirdischen» – der Elfen, Zwerge und Kobolde – angesiedelt. Braucht es tatsächlich so viel blutige «Action», damit diese Welt interessant wird? Und muss der Polizeichef der «Unterirdischen» so sehr einem beliebigen Chief einer beliebigen TV-Polizeiserie gleichen? Wer aus dem Potential an Schauplätzen und Figuren nicht mehr als abgelutschte, unerträglich affektierte Machosprüche und grelle Gewaltdarstellungen herausholen kann, hat sich am guten Stoff versündigt. Artemis Fowl ist weder der moderne Pinocchio, als den ihn manche sehen wollen, noch eine «Antwort auf HP», wie die Werbestrategen uns suggerieren wollen. Es ist ein unbeholfener Versuch, von einem Trend zu profitieren, indem man ihn nur scheinbar unterläuft.
MLADEN JANDRLIC

Mach mir Angst!
Malika Ferdjoukh
Verlag: Arena, Publiziert: 2001, Seiten: 238, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-02615-1
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Rassismus

«Sie sind schuldig. Wir haben die Beweise. Der schwarze Rächer.» Ein anonymer Brief, von einem kleinen Jungen geschrieben, um seine Nachbarn zu ärgern, löst eine Kettenreaktion ungeahnten Ausmasses aus. Monsieur N. fühlt sich ertappt und will die vermeintlichen Mitwisser seiner Missetaten zum Schweigen bringen.

Atemlos folgen wir dem unheimlichen Monsieur N., der seit seiner Kindheit ein Doppelleben führt. Seine sadistische Neigung lässt ihn immer schlimmere Taten begehen. Ohne jeden ersichtlichen Grund und völlig kaltblütig hat er eben seinen Hund umgebracht und ermordet kurz darauf auch den vermeintlichen Zeugen, einen harmlosen Clochard. Der Täter fühlt sich ertappt, als ihm der Brief des kleinen Barnabé Mintz in die Hände gerät, und er will die Mitwisser seiner Mordtaten finden.

Die Autorin versteht es meisterhaft, uns in den Bann der spannenden Geschichte zu ziehen, indem sie in direkten Dialog mit uns tritt. Sie führt uns an die Orte des Geschehens, um uns dann, allein gelassen, mit Handlungen zu konfrontieren, die uns als Beteiligte berühren. So verspüren wir dauernd den Drang in uns, den Verlauf der Geschichte aus unserer Sicht und mit unserem Vorwissen zu beeinflussen. Wir tauchen ein in ein Wechselbad der Gefühle, wenn wir zunächst eingeweiht werden in die schauerlichen Gedanken des Monsieur N. und gleich darauf am lustig überbordenden Treiben der Geschwister Mintz teilnehmen, die an diesem Abend ohne Eltern zu Hause rumtoben. Die Gefahr kommt immer näher und lässt den gemütlichen Abend der Kinder entgleisen, als Monsieur N. das Haus betritt. Dieser packende Thriller bietet Jugendlichen mit starken Nerven und – so unglaublich dies klingen mag – mit Sinn für Humor Unterhaltung auf höchstem Niveau.

GIOVANNA RIOLO

Bauer Beck fährt weg
Christian Tielmann, Illustration: Daniel Napp
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2001, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4701-4
Schlagwörter: Ferien

Auf dem idyllischen Bergbauernhof hängt der Hausfrieden schief. Toni, die Magd, will ans Meer, in die Ferien. Aber der Bauer sieht das nicht ein: Wer melkt dann, wer mistet aus, wer füttert die Hühner? «Mach’s doch allein», sagt die Magd und rattert auf ihrem Roller den Berg hinunter. – So hatte sich’s der Bauer nicht vorgestellt. Was die kann, kann ich auch, beschliesst er kurzerhand, packt alle seine Tiere auf den Anhänger und fährt los. Alles geht gut, bis es Abend wird. Am Strand zu zelten ist nicht erlaubt, auf dem Campingplatz sind Hunde verboten, im Hotel gibt es nur im Dachstock ein leeres Zimmer und wie soll Bauer Beck die Tiere da hinaufkriegen? Also packt er seine Sippschaft wieder auf den Anhänger, fährt aus dem Dorf raus – und was entdeckt er da? Ein Schild: Ferien auf dem Bauernhof. Dahin geht er, und da gibt’s Platz für alle.
Das fröhliche Bilderbuch ist gerade richtig für die Ferien. Eine kurze, lustige, witzig illustrierte und leichte Geschichte, die auch noch ein bisschen was zum Nachdenken anbietet: 1. Kann die Frau machen, was sie will, und 2. kann der Mann zeigen, dass er nicht nur stur ist und dass sich Hindernisse mit etwas Fantasie überwinden lassen – manchmal.
HELENE SCHÄR

Herr Fuchs mag Bücher!
Franziska Biermann
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-499-21149-1
Schlagwörter: Lesen

Herr Fuchs liebt Bücher so sehr, dass er sie nach dem Auslesen auffrisst. Finanzielle Engpässe «zwingen» ihn zum Buchmissbrauch in der Bücherei, zum Vertilgen von minderwertigem Zeitungsfutter und zu einem Überfall auf die Buchhandlung. Im Gefängnis wird Herr Fuchs auf Entzug gesetzt. Da hat er die Idee, selber einen dicken Schinken zu schreiben. Der Wärter liest das Manuskript und findet es so spannend, dass er es im eigens gegründeten Verlag herausgibt. Der Roman wird verfilmt und der Fuchs könnte sich nun als Millionär genug Lesefutter kaufen. Aber weil er seine eigenen Bücher am liebsten mag, schreibt er immer wieder neue.
Die junge Autorin hat die erheiternde Geschichte gleich selbst illustriert. Schwarz umrandete Figuren, Buchstaben-Collagen, sorgfältig gestaltete Hintergründe und Farbgebung würzen die Handlung zusätzlich mit Salz und Pfeffer und schaffen ebenso wie die variierende Typographie emotionale Anreize. Aufmachung, Illustration und Thema dürften wohl eher erwachsene BuchliebhaberInnen ansprechen; die Kinder ihrerseits werden beim Vorlesen ihre eigenen vergnüglichen Details entdecken.
BEATRIX OCHSENBEIN

Ein Hauch von Vanille
Liina Talvik
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2001, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4716-8
Schlagwörter: Freundschaft | Tod/Trauer | Generationen | Familie/Familienformen

Ein Buch, das vom Abschiednehmen handelt und vom Glauben(lernen) an die eigenen Kräfte. Es erzählt poetisch und dabei ganz unsentimental von Siri, deren Grossmutter Krebs hat und immer schwächer wird. Nur «die Kraft der Gedanken und ein Wille aus Stahl» können sie noch retten, meint Bebe, Siris unerschrockener Freund, der komische Aussenseiter. Er überredet sie zu gefährlichen Mutproben, die die Grossmutter auf magische Art retten sollen. Aber Siri muss schliesslich lernen, Grossmutters Krankheit zu akzeptieren und ihre eigene Hilflosigkeit und Trauer. Bebe verliert dabei seine Macht über sie. Das Buch besticht durch die differenzierte Art der Problembeschreibung, trotz der «Mutproben»-Passagen dominiert ein nachdenklicher Ton. Es lässt die LeserInnen (mit Siri) darüber nachdenken, «warum manche Sachen so werden, wie sie werden, obwohl man wollte, dass sie anders werden sollten», und es zeichnet ein sehr inniges Verhältnis eines Kindes zu seiner Grossmutter: Kurz vor ihrem Tod fährt Siri sie und ihren Stuhl im Taxi ans Meer, damit sie von ihrem Lieblingsort Abschied nehmen kann.

VERENA STÖSSINGER

Sophies Geheimnis
Sharon Creech
Aus dem amerikanischen Englisch von Adelheid Zöfel
Verlag: Fischer, Publiziert: 2001, Seiten: 197, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-80405-1
Schlagwörter: Natur | Reisen

Die 13-jährige Sophie will unbedingt die Fahrt mit dem Segelschiff über den Ozean machen. Starrköpfig setzt sie sich gegen jeden Widerstand durch und begibt sich mit ihren drei Onkels und zwei Cousins auf eine abenteuerliche Reise nach England zu Grossvater Bompie.
Im immer wiederkehrenden Traum lockt das Meer und bricht gleichzeitig als dunkle Wassermasse über sie herein. Jetzt will sie das überwältigende Gefühl wirklich erleben. Mit ihrem (ernsthaften) Logbuch und dem ihres leichtsinnigen Cousins nähert man sich dem dunklen Geheimnis von Sophie. Die Spannung wiegt sich auf im Rhythmus der Wellen und der immer rauer werdenden See, spitzt sich zu im Drama des zerstörenden Sturms und beruhigt sich im sicheren «Hafen» bei Grossvater Bompie.
Die Autorin versteht es ausgezeichnet im Rhythmus des Meeres zum Höhepunkt des Spannungsbogens und zurück zu einem beruhigten Ende zu führen. Ebenso facettenreich sind auch ihre Schilderungen der Naturerlebnisse. Vor allem aber gelingt ihr eine Mädchenfigur mit der sich junge Leserinnen identifizieren können. Mag kommen was will, Sophie bleibt stark und hält durch auf der Reise übers Meer und zu sich selbst.
GIOVANNA RIOLO

Kleiner.com
Ralph Steadman
Aus dem Englischen von Edmund Jacoby
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-4935-3
Schlagwörter: Kunst

Er ist zwar nur ein winziger Punkt unter vielen, doch einer, der’s in sich hat! Und gerade uns weiht er in sein Geheimnis ein: Wenn sein Computerzuhause ausgeschaltet ist, hält ihn nichts davor zurück, seinen speziellen Tintenvergnügungen nachzugehen. Er zippt, zappt und zoomt sich zu seiner Freundin, der Herzogin von Amalfi. Da kann er endlich dem technisierten grauen Einerlei der Computerwelt entfliehen und sich in einer wilden farben- und tintensprühenden Fantasiewelt austoben. Er verwandelt sich in die bizarrsten Wesen und verspritzt dabei seine Tinte auch gegen den vermeintlichen Feind, gegen die Armee in sauberstem Weiss.

Nicht nur Kinder werden liebend gern in dieses Kunstbilderbuch des Farben- und Formenfestivals eintauchen. Die verspielte «Kleckserei» des bekannten walisischen Cartoonisten und Bilderbuchkünstlers lädt zum Nachahmen ein, der Begleittext hingegen ist stellenweise ziemlich überflüssig (ob dies an der Übersetzung liegt?), und die Aussage «Tinte – sprich Kreativität – gegen grauen Alltag und Gewalt» bleibt als schwache Andeutung leider etwas auf der Strecke.

GIOVANNA RIOLO

Damals…
Herausgeber:in: Felix Werner
Verlag: Merian, Publiziert: 2001, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 3-85616-143-0
Schlagwörter: Schweiz

Geschichten von Jugendlichen zum Geschichtenwettbewerb «Die Basler Eule»

Aus Anlass der 500-jährigen Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft beider Basel wurde ein Schreibwettbewerb zum Thema «Geschichte» ausgeschrieben. Die 21 besten Einsendungen von Autorinnen und Autoren zwischen 11 und 19 Jahren sind nun in einem Buch zu lesen.

Vorgegeben waren nur die Hauptfiguren der zu schreibenden Geschichten – Edith und Simon mit ihren Kindern Anna, Lukas und Frida – und das Thema. Den Ort und die Zeit ihrer Handlung konnten die Jugendlichen selbst bestimmen. Mal leben Anna und ihre Geschwister in der Steinzeit, mal im Mittelalter, während des Zweiten Weltkriegs oder auch in der heutigen Zeit. In einigen Geschichten begeben sie sich gar auf phantastisch anmutende Zeitreisen.

Einige der ca. vier Seiten langen Geschichten sind erstaunlich gut geschrieben. Recht viele aber sind etwas banal, oberflächlich, von Klischees geprägt und wirken eher langweilig. Und ich bezweifle, dass andere Jugendliche es spannend finden, solche Erzählungen zu lesen.

MICHEL GUEX, 19 Jahre

Mille chemins / Viele Wege führen zum Ziel
Freie Volksschule SO & École de la Grande Ourse
Verlag: Freie Volksschule Solothurn, Publiziert: 2001, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Liebe

zweisprachiger Pyramiden-Roman

Lucie und ihr Bruder Junior rennen von zu Hause weg, da es dort nicht mehr auszuhalten ist. Sie treffen Ali, der sich kurz zuvor mit seiner Freundin Krai gestritten hat.

Ali versteht die Welt nicht mehr: Warum hat Krai seinen Heiratsantrag abgelehnt? Liebt sie ihn nicht mehr? Zum Glück trifft er auf Lucie und Junior. Diese trösten den traurigen Mann, der ein bisschen zu viel Pastis getrunken hat. Zusammen beschliessen sie Krai zu suchen …

Von hier an kann der Leser aussuchen, wie die Geschichte weitergehen soll, da dieses Buch ein sogenannter Pyramidenroman ist, bei dem verschiedene Texte zur Auswahl stehen. Es ist von zwei Schulklassen, die eine in der Romandie, die andere in der Deutschschweiz, geschrieben worden und ist deshalb zweisprachig. Es bietet 23 mögliche Buchenden an, 12 auf Französisch und 11 auf Deutsch. In „Mille chemins – Viele Wege führen zum Ziel“ sind verschiedene Bücher in einem Buch versammelt, da die Geschichte auf viele verschiedene Arten, traurig aber auch lustig, enden kann. Die Sprache ist sehr jugendlich und fröhlich, auch wenn manchmal traurige Stellen vorkommen. Da dieses Buch so vielseitig ist, kann man es mehrmals lesen, ohne dass es langweilig wird.

LEONORE HÄLG, 13 Jahre

Herr Müller und Herr Meier
Birte Müller
Verlag: Neugebauer, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-85195-619-2
Schlagwörter: Streit/Konflikt

Eines Tages zieht sich eine rote Linie durch das Haus von Herrn Müller und Herrn Meier. Diese Unterteilung in zwei Teilbereiche gibt zunehmend Anlass zu Neid und Streit bis hin zur Zerstörung des Hauses. Andauernder Regen, der nun beide gleichermassen bedroht, bringt die Freunde gerade noch rechtzeitig zur Besinnung. – Die aussagekräftigen farbigen Bildtafeln stehen im Wechsel mit den durch eine rote Linie durchbrochenen weissen Textseiten, sprechen mit einfachsten Mitteln äusserst klar die Gefühlsebene von kleinen und grossen BetrachterInnen an und fordern erste Gespräche zum Thema Streit und Versöhnung geradezu heraus. Ab 4 (Jugendliteratur)

Der Kern
Isabel Pin
Verlag: Neugebauer, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-85195-643-5
Schlagwörter: Krieg | Streit/Konflikt

Genau auf die Grenze zwischen den Carabus und Bicornis fällt ein Ding, das beide Käfervölker als Kirschkern identifizieren und für sich allein beanspruchen möchten. Die beiden Oberhäupter diffamieren das gegnerische Volk und lassen gewaltig zum Krieg aufrüsten. Am Tag der Schlacht hat sich der Kern in einen Baum verwandelt, der Äste voller Kirschen auf beiden Seiten der Grenze herabhängen lassen wird. – Die leicht skurrilen farbigen Käferbilder führen drastisch vor Augen, wie sinnlos das hektische Forschen und Aufrüsten erscheint angesichts der ordentlichen Reihen ratloser und überflüssiger Krieger. Das Bilderbuch zeigt für jedes Alter zahlreiche hintersinnige sozialkritische Anspielungen in Wort und Bild. Ab 6 (Jugendliteratur)

Fünf kleine Teufel
Sarah Dyer
Aus dem Englischen von Alexandra Rak
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6408-9

In jeder der fünf Steinfiguren wohnt ein kleiner Teufel, und gemeinsam bewundern diese täglich die Welt. Jeder beansprucht nun aber die ihm liebste Sache – Sonne, Meer, Mond, Land, Himmel – zur Betrachtung für sich allein, bis allen bewusst wird, dass die Pracht der Welt nur dank dem Zusammenspiel aller Elemente garantiert ist. – Die fünf liebenswürdigen Bilderbuchgestalten zeigen auf einfachste Weise und in sparsamen Bild- und Textsequenzen den kleinen BetrachterInnen deutlich, dass eine Ganzheit oft mehr ist als die Summe der entsprechenden Teilmengen, dass «Miteinander am gleichen Strick ziehen» effektiver ist als «Nebeneinander hergehen» – sicher auch in Sachen Friedenspolitik. Ab 4 (Jugendliteratur)

Aller Menschen Würde
Herausgeber:in: Urs M. Fiechtner
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2001, Seiten: 287, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4580-1

Ein Lesebuch

Amnesty International wird 40 Jahre alt: 45 Autorinnen und Autoren aus 21 Ländern dokumentieren hier ihre persönlichen Erfahrungen mit AI als Mitarbeitende oder als Opfer. Die Anfänge der Bürgerrechtsorganisation, die Sicht der Verfolgten, alltägliche Schranken der Intoleranz (auch bei uns), die kleinen Erfolgsschritte und ein hoffnungsvoller Ausblick in die Zukunft werden anhand sehr unterschiedlicher Berichte, Gedichte, Szenen, Erzählungen und Fakten dokumentiert und ergeben zusammen ein anspruchsvolles und sehr informatives Lesebuch zum Thema – auch für den Unterricht. Ab 13 (Jugendliteratur)

Mit Kindern für den Frieden beten
Hans Hentschel, Hille Hentschel
Verlag: Kreuz, Publiziert: 2001, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-7831-2091-8
Schlagwörter: Religion

Das kleinformatige Bändchen sei stellvertretend erwähnt für all jene Schriften, die sich aus religiösen Überlegungen – hier nach christlicher Auffassung – um Friedenserziehung bemühen. Drei Geschichten und mehrere ganz kurze Gebete versuchen, eine Sprachhilfe zu sein in der Hilflosigkeit und Ohnmacht, die Kinder und Erwachsene angesichts von Terror, Krieg und Friedlosigkeit empfinden. Sie ermuntern dazu, mit einfachen, alltäglichen Sätzen Fragen zu stellen, Machtlosigkeit zu formulieren, Hoffnung und Trost auch in kleinen Taten zu erkennen. (Jugendliteratur)

Die Sonne im Gesicht
Deborah Ellis
Aus dem Kanadischen von Anna Melach
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2001, Seiten: 126, ISBN/ISSN/EAN: 3-7026-5735-5
Schlagwörter: Krieg

Parvana (12) lebt mit ihrer Familie in Kabul unter dem Taliban-Regime. Nach der Verhaftung ihres Vaters verkleidet sich das Mädchen als Junge, damit es sich überhaupt auf der Strasse bewegen und so als Schreiber und Verkäufer etwas Geld für den Unterhalt der Familie verdienen kann. Ungewohnt ist für Parvana nicht nur die Sonne im Gesicht, sondern sind auch die traurigen Beobachtungen, die sie machen muss – und von denen wir diesen Herbst immer wieder in den Medien hörten (z.B. Rolle der Frau, Musikverbot, «Fussballveranstal-tungen»). Sehr eindrücklich wird hier ein Alltag beschrieben, der geografisch weit weg von unserem stattfindet, uns als Mitmenschen aber trotzdem angehen und berühren sollte. Das Buch bietet anschauliche Bilder, gut recherchierte Verständnishilfen sowie starke Frauenbilder und formuliert die stetige Hoffnung auf friedlichere Zeiten. Ab 12 (Jugendliteratur)

Malka Mai
Mirjam Pressler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2001, Seiten: 324, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80879-8

Malka und die ältere Minna leben bei ihrer Mutter, die als Ärztin in der polnischen Provinz arbeitet, der Vater ist nach Erez-Israel ausgewandert. Bis die Nazis mit Deportationen beginnen und die drei zur überstürzten Flucht nach Ungarn zwingen. Unterwegs wird die siebenjährige Malka krank und muss bei einer ungarisch-jüdischen Familie zurückbleiben. Sie soll Mutter und Schwester nachfolgen, sobald sie wieder gesund ist. Aber Malkas Gastfamilie fürchtet Razzien der Polizei und schickt Malka fort. Sie wird aufgegriffen, nach Polen abgeschoben und schliesslich ins Ghetto gebracht. Ganz auf sich gestellt, entwickelt Malka einen ungeheuren Lebenswillen. Instinktiv entgeht sie allen Säuberungsaktionen. Als sie ihre Mutter, die ungeachtet aller Gefahr nach Polen zurückgekehrt ist, in einem Krankenhaus im Ghetto findet, hat Malka verdrängt, was sie mit dieser Frau verbindet. – Malka Mai gibt es wirklich, sie hat Mirjam Pressler von ihrer Odyssee berichtet, Mirjam Pressler erzählt ihr Leben wahrheitsgemäss nach. Sie tut dies abwechselnd aus der Perspektive von Malka und ihrer Mutter und lässt so die Abgründe aufscheinen, die sich zwischen den beiden in der Zeit ihrer Trennung aufgetan haben. Ein ergreifendes Buch über ein Mädchen, das sich das Kindsein austreiben musste, um überleben zu können – und über eine jüdische Mutter, deren Stolz auf ihr selbstbestimmtes Leben gebrochen wird wie Ähren im Sturm.
CHRISTINE TRESCH

Winn-Dixie
Kate DiCamillo
Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Ludwig
Verlag: Dressler, Publiziert: 2001, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-2791-6
Schlagwörter: Freundschaft

Opal (10) findet Winn-Dixie, den zerzausten, herrenlosen Hund, im Supermarkt und bietet ihm ein Heim. Dem freundlich lächelnden, sturen Riesenviech kann keiner
böse sein, und so findet Opal bald die unterschiedlichsten Freunde. Die einsame Bibliothekarin, der ehemalige Häftling, die Hexe, die überhebliche Gleichaltrige und weitere Aussenseiter des Ortes feiern zum Schluss eine fröhliche Party. Mit Herzenswärme und Humor weist diese Geschichte auf eine Möglichkeit hin, friedlich miteinander umzugehen: dem Mitmenschen zuhören, ihn so akzeptieren, wie er ist, und aktiv an einer Gemeinschaft mitwirken. Ab 8 zum Vorlesen.

Sally Tomato und die Sache mit den Hormonen
Jean Ure
Aus dem Englischen von Dorothee Haentjes
Verlag: Klopp, Publiziert: 2001, Seiten: 149, ISBN/ISSN/EAN: 3-7817-2100-0
Schlagwörter: Pubertät | Liebe

Wenn man Salvatore D’Amato heisst, in London wohnt, 12-jährig und ungeküsst ist, ist das alles in allem eine sehr unbefriedigende Situation. «Sally Tomato», wie ihn seine Schulkameraden grässlicherweise rufen, nimmt sich vor, bis ans Ende des neuen Schuljahres wenigstens die Sache mit dem Küssen ins Lot zu bringen. Seine (vor-)pubertären Gedicht-Ergüsse, die er von «A» wie Achsel bis «Z» wie Ziel auf Papier bringt, ergänzt durch die Schilderungen seiner grotesken Misserfolge beim anderen Geschlecht, sind der Inhalt dieses vergnüglichen Jugendbuches. Es erinnert nicht von ungefähr an Sue Townsends unvergesslichen Adrian Mole. Auch wenn man als LeserIn bald ahnt, dass sich die unscheinbar-kluge Harmony irgendwann als Mrs. Right herausstellen wird, sind die Irrungen und Wirrungen eines männlichen Teenagers immer wieder amüsant zu lesen. Ein Lob gilt der Übersetzerin, die die hier wirklich nicht einfache Aufgabe mit Lockerheit und Humor bewältigt hat.

Mein erster Atlas der Welt
Nicholas Harris, Illustration: Nicki Palin
Aus dem Englischen von Cornelia Panzacchi
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2001, Seiten: 31, ISBN/ISSN/EAN: 3-7607-4701-9
Schlagwörter: Geografie

Ein Mädchen aus dem Volk der Massai mit bunten Halsreifen und fantasievollem Kopfschmuck begrüsst uns auf der Titelseite von Mein erster Atlas der Welt. Dem Bild werden wir später auf der Doppelseite «Südliches Afrika» noch-mals begegnen. Nachdem wir auf der 2. Seite nebst Inhaltsverzeichnis erfahren, dass die Erde rund ist und wie man sie auf einem Blatt Papier festhält, wird uns erklärt, wie die Landschaft in diesem Atlas dargestellt ist. Die Bilder von Wald, Wüsten, Ackerland, Gebirgen, Polar- gebieten, Grasland und Sümpfen sind deutlich erkennbar. Eindrücklich die Flüsse und Seen. Jede Seite besteht aus Karte, Bildern und den entsprechenden Texten. Auf jeder Doppelseite ist eine kleine Weltkarte abgebildet, auf der die jeweilige Region rot markiert ist. So können wir uns gut orientieren und wissen, wo auf der Welt wir uns gerade befinden. Auf den Karten sind die wichtigsten Städte eingetragen. Die umrahmenden Bilder stellen Eigenheiten der betreffenden Länder dar. Der Atlas ist sehr schön gestaltet und dank der wenigen Bilder klar und übersichtlich. Einzig der Text ist für die kleinen Leserinnen und Leser (ab ca. 7 J.) oft etwas schwierig geraten. Doch bleibt wohl unvergesslich, dass der Amazonas mehr Wasser führt als alle anderen Flüsse der Erde.

Der grosse Weltatlas
Philip Steele
Aus dem Englischen von Karl Euker
Verlag: Loewe, Publiziert: 2001, Seiten: 94, ISBN/ISSN/EAN: 3-7855-4033-7
Schlagwörter: Geografie | Politik

Entdecke Menschen, Länder und Kulturen

Fondue und Matterhorn stehen für die Schweiz in Der grosse Weltatlas: entdecke Menschen, Länder und Kulturen. Auf jeder Doppelseite des übersichtlich und sehr informativ gestalteten Atlas wird uns ein passendes Nationalgericht aus der besprochenen Region vorgestellt. Rund um die Kartenausschnitte sind Bilder und gut verständliche Textblöcke angeordnet. Wir bekommen Einblick in die geografische Beschaffenheit, Kultur, Wirtschaft und Politik der verschiedenen Länder. Eine gute Einführung und ein umfangreicher Anhang mit Zahlen und Fakten zu jedem Land zeichnen dieses Werk aus. So finden wir Angaben zur Grösse, zu der Bevölkerungsdichte, der jeweiligen Hauptstadt, der Sprache und Währung (Euro erwähnt) und Landesprodukte in einer übersichtlichen Aufstellung. Nicht nur für vortragsgeplagte Schülerinnen und Schüler eine wahre Fundgrube! (Ab ca. 10 J.)

3D Atlas
Sean Connolly, David Munro
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2001, Seiten: 56, ISBN/ISSN/EAN: 3-7607-4715-9
Schlagwörter: Geografie

Mit grossen Ausklapp-Tafeln

«Stell dir vor, du würdest mit einer eigenen Raumfähre rund um die Erde fliegen und alle Kontinente und Meere von oben betrachten.» Dies ist der erste Satz in der Einführung des 3D Atlas mit grossen Ausklapp-Tafeln. In diesem kleinen Wunderwerk werden wir als BetrachterIn und BenutzerIn immer wieder direkt mit «du» angesprochen. Vom ersten Kapitel «Die Erforschung unserer Erde» an, werden wir hineingezogen in interessante Themenbereiche wie Plattentektonik, Vulkane, Erdbeben und Wirbelstürme. Die faszinierende Welt von oben, mit im Computer hergestellten Panoramakarten, vermittelt uns eine neue Sichtweise der Landschaften unserer Erde. Nach der Einleitung ist der Atlas eingeteilt in «Nord- und Südamerika», «Europa und Afrika», «Asien und Australien». Weiter wird unterteilt in «Berge und Täler», «Ebenen und Wüsten», «Seen und Flüsse». Sehr interessant sind die Kapitel über «Polargebiete» sowie «Ozeane und Ozeanien». Karten mit Klimazonen, die die Durchschnittstemperaturen und Niederschlagsmengen angeben sowie Fotografien und Texte sind rings um die Karten der Kontinente angeordnet. Ein Kompass sorgt für zusätzliche Orientierung. Die Texte sind gut verständlich. Ein Glossar mit Worterklärungen und ein Register mit Bildnachweisen runden die Informationsfülle ab. Der Atlas wirkt dennoch nicht überladen und ist ein reines Vergnügen für Jugendliche (ab ca. 11 J.) und Erwachsene.

Opas Engel
Jutta Bauer
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2001, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51543-3

Wie sehen Engel aus? Klein, halbnackt und pausbäckig? Gross, schmächtig und in ein weisses Flatterhemd gehüllt? Kann man Engel überhaupt «sehen»? Jutta Bauer stellt uns Opas Engel als korpulente, ältere Dame mit grossem Busen und Dutt vor. «…Junge, mir konnte keiner was…», erzählt der Grossvater seinem Enkel auf dem Sterbebett. Jutta Bauers Illustrationen kommentieren den Text mit feinem, pointiertem Tusche-Strich und gedämpfter Farbigkeit. Wir sehen, wie Opas Engel einen Bus mutig zum Stoppen bringt, NS-Soldaten von den Blödeleien eines Kindes ablenkt oder Ziegelsteine im Sturzflug abfängt. Wer wollte nicht ein Leben lang von einer so patenten Vertreterin ihrer Zunft beschützt werden? Ein tröstliches, zärtliches Bilderbuch, das uns mit der wohligen Gewissheit zurücklässt, nie wirklich allein zu sein. (Ab 5)

Aròmas tsiganes & occitans
Musique Simili
Verlag: Musique Simili, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN:

Die CD Aròmas tsiganes & occitans von Musique Simili, den Trägern des Schweizer KleinKunstPreises Goldener Thunfisch 2001, ist ein wahrer Hörgenuss. Doch sie ist nicht nur das.
Die Violine klagt herb und hellgrün, der Kontrabass tritt rotbraun dazu, die würzige Akkordeonstimme schlängelt sich dunkelblau vor. Die Musik lässt die Eindrücke verschmelzen, bringt die Sinne so wunderbar durcheinander, dass es einem genussvoll schwindlig wird. Schon nach kurzer Zeit ist man bereit, Marc Hänsenberger, Juliette Du Pasquier, Line Loddo und Roli Kneubühler zu glauben, dass es so etwas wie baS© – «bioakustische Similisierung»! – wirklich gibt: «Ein Verfahren zur Speicherung nicht nur der Klänge, sondern auch der Düfte». Zigeunermusik mit Elementen der südfranzösischen und der ungarischen Folklore, unüberhörbar auch die slawische Note, sorgfältig mit eigenen Einfällen gewürzt – was Simili spielen, lässt sich kaum klar definieren. Mit ihrer unglaublichen Spielfreude «similisieren» sie die Volksmusik und befreien sie von jeglichem lästigen Pathos. So geben sie ihr das Schönste wieder, was sie zu bieten hat: die Sinnlichkeit. Es ist eine Musik, die den Beweis liefert, dass Freude und Wehmut keine Gegensätze sein müssen.
Mladen Jandrlic

Schöne Ferien
Javier Marías
Verlag: Hörverlag, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-89584-872-7
Schlagwörter: Reisen | Ferien

Urlaubsgeschichten

Von pfiffigen Schaffnern, heimtückischen Zimmernachbarn und von der einzig richtigen Art, falsch zu reisen – unterhaltsame Geschichten über Menschen im Urlaub.
Zehn Geschichten auf zwei Tonbandkassetten – die Auswahl ist so bunt und kurzweilig wie eine gelungene Ferienreise. In Roda Rodas Le Sud Express schwankt ein wehrloser, dem skrupellosen Zugpersonal ausgelieferter Reisender zwischen Aufbegehren und Aufgeben. Ludwig Thoma erzählt von einer Familie, deren gespielte Reiseidylle einen schmunzeln und schaudern lässt, und Kurt Tucholskys Tipps zur Kunst, falsch zu reisen bieten dank ihrer leicht zugänglichen Ironie eine köstliche Unterhaltung für Gross und Klein.
Enten und Knäckebrot von Brigitte Kronauer und Dorothy Parkers blutarme Geschichte Da wären wir sind deutlich schwächer. Leider werden ausgerechnet diese beiden Texte von Marietta Maede auch noch recht uninspiriert vorgelesen.
Die beste Geschichte ist zweifellos Greasy Lake von T.C.Boyle, von Michael Mendl virtuos vorgetragen. Insgesamt eine ausgewogene Sammlung, die sicher auch jugendlichen, noch keinesfalls «abgebrühten» Globetrottern gefallen wird.
MLADEN JANDRLIC

Engelchens Weihnachtslexikon
Erwin Grosche, Illustration: Dagmar Geisler
Verlag: Patmos, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-491-24062-X
Schlagwörter: Feste/Bräuche

Die Idee ist schön: Ein Engel plaudert aus der Schule und lüftet manches kleine und grosse Geheimnis über Weihnachten und dies von A wie Abenteuer bis Z wie Zuckerwatte. Der verblüffte Flügellose – so werden wir Menschen von den Engeln genannt! – hört erstaunliche Details über die Arbeit des Weihnachtmannes, erfährt, wie ein Wunschzettel aussehen soll, damit ein Engel ihn ganz sicher findet, und auch, warum Melchior «zweiter Dreiheiligerkönig» ist. Die «Lexikon-Einträge» sind erfrischend witzig (Kitzelengel), verspielt (Krümelplätzchen), stellenweise sogar leicht skurril (Heiligenschein). Neben Informationen, die wir in einem Weihnachtslexikon auf jeden Fall erwarten würden, hören wir auch einiges über Nasenwärmer, Yorkshirepudding und sogar Überraschendes über den Buchstaben Ypsilon. Dank seinem schrägen Witz gelingt es Erwin Grosche, stets auf sicherer Distanz zu Betulichkeit und Kitsch zu bleiben, die bei ähnlichen Produktionen oft unvermeidbar scheinen. Toto Blankes Musik trägt die Stimmung wunderbar mit. Wunderbar ist der Einfall mit dem Lied, das nicht gesungen, sondern geküsst wird! Und für einmal kann man sogar hören, wie mehrere bekannte Weihnachtslieder klingen würden, würde man sie alle in einem Lied vereinigen. Geistreich, unterhaltsam, originell: eine rundum gelungene Produktion!

MLADEN JANDRLIC

Carcassonne
Klaus-Jürgen Wrede
Verlag: Schmidt, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN:

Carcassonne heisst nicht nur die Stadt in Südfrankreich mit den berühmten mittelalterlichen Stadtmauern, sondern auch das diesjährige Spiel des Jahres: Aus 72 Legekarten entwickeln die Spieler eine Landschaft, die stetig wächst und deren Städte, Wege und Wiesen sich ständig verändern. Dabei gilt die Grundregel: Wird eine neue Karte angelegt, muss immer wenigstens eine Seite an die bisher gelegten Teile passen. Kleine Holzfiguren sind die eigenen Gefolgsleute. Ihr geschickter Einsatz als Wegelagerer, Bauer, Ritter oder Mönch bringt Punkte, und wer die meisten davon hat, gewinnt. Das Spiel schafft es, mit einem auf das Minimum reduzierten Regelaufwand gleichzeitig einen grossen spielerischen Reiz zu bieten. Carcassonne ist ein publikumsnahes Spiel, das zum Spielen verführt, und mit den wachsenden Landschaften auf dem Tisch wächst auch die Freude und der Spass am gemeinsamen Spiel.
SYLVIA NÄGER

Claude Monet
Claude Monet, Herausgeber:in: Pierre Oser
Verlag: Tympano, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-933663-12-1
Schlagwörter: Kunst | Biografie

Briefe, Gespräche, Erinnerungen

Heute gehören die Bilder der Impressionisten zu den beliebtesten und teuersten Kunstwerken. Zu deren Lebzeiten war ihre Malerei jedoch verpönt; in Paris wurden sie von den Ausstellungen des Salons ausgeschlossen. Zu einem der bedeutendsten von ihnen, Claude Monet, ist ein Hörbild erschienen. Anhand von Briefen, Gesprächen und Erinnerungen wird erzählt, unter welchen Bedingungen seine Bilder entstanden sind: Viele Jahre seines Lebens waren von finanziellen Schwierigkeiten, mangelndem Verständnis von Seiten der Familie und fehlender Anerkennung in der Pariser Gesellschaft bestimmt. Sein Spätwerk, die berühmten Seerosenbilder, wurde erst Mitte des 20. Jahrhunderts entdeckt – nicht zuletzt von amerikanischen Künstlern, die sich in ihrer abstrakten Malerei mit Monet auseinandersetzten. Die aktuelle Ausstellung in der Fondation Beyeler zeigt den Bezug zu Leben und Werk des grossen Malers in den Werken späterer KünstlerInnen.

Kann Malerei in einem Hörbild nur über das gesprochene Wort vermittelt werden? Auf die Beschreibung von Monets Bildern wird verzichtet. Es wird vielmehr versucht, der Hörerin und dem Hörer durch seine Äusserungen ein Bild seiner Intentionen und Vorstellungen von Kunst zu vermitteln.

REGINE HELBLING

Die CD-ROM mit der Maus
Verlag: Tivola, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-89887-003-0
Schlagwörter: Rätsel | Spiel | Kreativität | Medien

Kinder sind grundsätzlich neugierig und lernbereit; ihr Interesse erstreckt sich quer durch alle Wissensgebiete. Werden sie dazu von einer Maus begleitet, lassen sie sich besonders gern durch Neuland führen. Die unbestrittene Königin unter den pädagogischen Nagern heisst ganz einfach «Maus», wurde vor 31 Jahren im Fernsehen geboren, wo sie immer noch heimisch ist. Mittlerweilen ist sie auch in neuen Lebensräumen anzutreffen, so etwa in einer ansprechenden Klavierschule für kleine Tastenlöwen oder – bereits zum dritten Mal – auf einer CD-ROM.

Auf der jüngsten Scheibe empfängt uns die Maus in ihrem Filmstudio, wo sich hinter den Requisiten und technischen Apparaten Spiele, Bastelanleitungen, eine Sach- und eine Spielgeschichte sowie das eigentliche Kernstück dieser CD-ROM verstecken, das «Maus Fernsehstudio».

Schleckmäuler werden sich erst einmal auf die im Vordergrund stehende Bonboniere stürzen und eine farbige Zuckerkugel schnappen. Prompt wird man mit einer Quizfrage konfrontiert; für die richtige Antwort gibt es ein Element fürs Maus-Filmstudio. Da kann man schon auf den Geschmack kommen und wird als Wiederholungstäter abermals belohnt – allerdings hört der Punktesegen schnell auf, denn die anderen Teile des Pappkinos, das als Gewinn in Aussicht gestellt wird, sind selbstverständlich anderswo versteckt. Zum Beispiel am Ende der Sachgeschichte, in der ein Filmbeitrag veranschaulicht, wie die Mine in den Bleistift kommt. Hier sitzt man nun nicht einfach staunend und Bonbons lutschend vor der Glotze, sondern ist eingeladen, aktiv an der Entstehung eines Bleistiftes teilzunehmen, indem man etwa die richtigen Zutaten für die Mine in einen Trichter schüttet. Fürs Aufpassen und Mitdenken gibt es am Schluss wieder ein Bauteil für das Maus-Filmstudio.

Dieselbe Belohnung winkt uns, wenn wir Nulli und Priesemut besuchen und ihnen beim Warten die Zeit verkürzen. Hase und Frosch harren nämlich darauf, dass die Karotten wachsen, damit sie sich einen feinen Möhrenkuchen backen können. Nach drei Runden «Zeitvertreibespiel» (das man zu zweit oder gegen den Computer spielen kann) und dem Basteln einer Vogelscheuche ist es dann soweit: Rezept ausdrucken und ab in die Küche.

Die auf der Entdeckungsreise durch die CD-ROM gefundenen Spiele werden übrigens in einer Spielkiste abgelegt und können – in zwei Schwierigkeitsstufen – jederzeit wieder gespielt werden. Neben Varianten von bekannten Spielen wie dem Zeitvertreibespiel («Vier gewinnt») sticht vor allem ein pfiffiges Reimspiel hervor, bei dem man ein Dichterdiplom erwerben kann.

Wer selbst eine Theater- oder Zirkusvorführung inszenieren möchte, findet in der Bastelkiste Tipps fürs Gestalten von Eintrittskarten oder Programmheften bis hin zu Anleitungen für das Herstellen von Jonglierbällen oder Popcorn.

Wagt man den Klick ins Fernsehstudio, tut gut daran, dies nicht fünf Minuten vor dem Abendessen zu tun. Um in der Animationswerkstatt oder im Trickatelier ein ansprechendes Kurzfilmchen zu gestalten, braucht man schon etwas Übung und ausreichend Zeit. Eine kurze Einstimmung ins Metier bietet das Filmpuzzle, in dem eine Anzahl Bilder in der richtigen Reihenfolge in einen Filmstreifen eingelegt werden müssen. Das Resultat kann vor- und rückwärts oder in einer Endlosschlaufe betrachtet werden.

Schwieriger wird es beim Herstellen von Zeichentrickfilmen (Trickatelier) oder von vertonten Bewegungsabläufen (Animationswerkstatt). Hier will jedes Bild aufgebaut und gestaltet werden und zwar unter Einbezug verschiedener Elemente wie Hintergrund, Figuren mit ihren Bewegungen, Tönen und Geräuschen. Die zahlreichen angebotenen «Fertigelemente», die in Grösse und Ausrichtung variiert und mit eigenen Zeichnungen und Schriftelementen ergänzt werden können, erlauben unzählige Kombinationsmöglichkeiten. Technisches Know-how alleine genügt aber nicht. Um einen stimmigen Trickfilm zu gestalten, sind auch Vorstellungskraft und Geduld gefragt. Auch wer schon tausend Trickfilme gesehen hat, wird überrascht sein, wie schwer es ist, nur schon 50 Bilder so zu gestalten, dass daraus ein sehenswertes Filmchen entsteht. Wer dann mit dem Resultat zufrieden ist, kann sein Werk in einem Kino abspielen und es vom bequemen Kinosessel aus betrachten. Die eigenen Filme können abgespeichert und jederzeit wieder abgespult werden.

Einmal mehr gelingt es dem Moderator und Spielleiter Armin Maiwald mit seiner unkomplizierten, zupackenden Art kleine und grosse Maus-Fans an die unterschiedlichen Aufgaben zu fesseln.

Thomas Hermann

East End, West End und dazwischen Maniac Magee
Jerry Spinelli
Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Steinhöfel
Verlag: Hörcompany, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-935036-17-5
Schlagwörter: Rassismus | Tod/Trauer

Viele Hörbücher werden quasi als Drittverwertung von Populärem produziert. Zu viele. Ernsthafter Umgang mit hoher Qualität ist da noch rarer als in Buchform. Empfehlungen gegen den Anbiederungstrend sind notwendig, dabei soll nicht primär nach Neuheiten gefragt werden, sondern dem Herausragenden Platz geboten werden. Wer so sucht, landet bald beim Programm der Hörcompany. Das 2-Frau-Unternehmen hat etwa Jerry Spinellis genialen Roman über Maniac Magee lesen lassen. Die Erlebnisse des irrwitzigen Sprinters, legendären Ballwerfers und radikalen Antihelden Jeffrey Magee hätten zu einem jugendlich saloppen Ton verführen können. Es liest Gerhard Garbers mit geradezu weiser Stimme, anfänglich eher reserviert, dann zunehmend engagiert für Magees Einsatz gegen Rassismus. Die seriöse Stimme täuscht nie hinweg über Magees Situation. Er ist ein Held und bleibt doch am Rand. Garbers kann diese Spannung über die volle Textlänge (4 h 48 min) halten. Eine Höchstleistung für einen Spitzentext.
HANS TEN DOORNKAAT

Mamma mia! geh nicht weg
Gardi Hutter, Illustration: Catherine Louis
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2001, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-01007-9

Lore, die Hexenmutter, und Leila, ihre ganz normale Tochter, geben sich Mühe, ihr gemeinsames Leben so zu gestalten, dass beide zufrieden sind. Doch eines Tages wirbelt ein Brief alles durcheinander. Lore soll den höchsten Hexenpreis erhalten und ist eingeladen, ihn in Honkytonky entgegenzunehmen! Vor lauter Begeisterung merkt Lore gar nicht, dass Leila sich in ihr Zimmer verzogen hat und weint. Sie will weder mit Lore nach Honkytonky, noch, dass Lore weggeht und sie allein lässt. Alles gute Zureden hilft nichts, bis sich Lore entscheidet abzusagen. Aber da spürt sie, dass sie das nicht kann. Eine andere Lösung muss gefunden werden. Leila darf bei ihrer Freundin schlafen und jeden Tag bei anderen Leuten im Haus essen, bis Lore wieder da ist. Das Essenwandern gefällt dann auch allen anderen im Haus. Als Lore zurückkommt, sitzen sie auf der Treppe und essen. Eine schön erzählte Geschichte übers «Organisieren», wenn Eltern oder allein Erziehende Verpflichtungen nachgehen müssen, die Kinder aus dem gewohnten Alltag reissen. Die neue Situation, mit der sie konfrontiert werden, und der Konflikt, in den die Bezugspersonen geraten, wenn sie ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse realisieren und auch den Kindern gerecht werden möchten, sind gut geschildert und bieten Identifikationsmöglichkeiten. Autorin und Illustratorin wissen, wovon sie sprechen, und ergänzen sich gut. Vom selben Team: «Mamma mia! lass das Zaubern» und «Mamma mia! was haben wir geweint».
HELENE SCHÄR

Sei doch mal still!
Hanna Johansen, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Hanser, Publiziert: 2001, Seiten: 29, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-19970-5
Schlagwörter: Geschwister

Das Mädchen will, dass der Junge still ist, damit es leise Dinge hören kann: eine Fliege am Fenster, den Regen dahinter, den Baum auf der Strasse, den Vogel auf ihm, die kleinen Vögel im Nest, den Regenbogen. Aber kann man das alles überhaupt hören? fragt und zweifelt der Junge. Ihn interessieren andere Dinge, zum Beispiel der Herzschlag des Mädchens, wenn er sein Ohr an dessen Bauch hält. Und jetzt möchte auch das Mädchen das Herz des Jungen schlagen hören. Der Ruf nach Stille und die Frage nach dem Wie und Warum der Stille sind gleichzeitig auch eine Annäherung der beiden Kinder aneinander. Die Bilder verstärken die Intensität dieses Zwiegesprächs. Sie machen Dinge klar, etwa das Geschlecht der Kinder, die der knappe Text nicht aufgreift. Eine faszinierende Auseinandersetzung zwischen Geschwistern oder FreundInnen und ihre friedliche Lösung. Jede Doppelseite bietet Ansporn zum Nachdenken und hält eine eigene kleine Geschichte bereit.
HELENE SCHÄR

Als Mama noch ein braves Mädchen war
Valérie Larrondo, Claudine Desmarteau
Aus dem Französischen von Thomas Minssen
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2001, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-25-8

Auf jeder Doppelseite wird links eine Tugend der Mutter erwähnt und rechts demontiert: Als deine Mama so alt war wie du, hat sie immer alles aufgegessen. Unter dem Teller des Mädchens im Bild daneben sind Erbsen und Hähnchen versteckt. Und nie hat sie sich die Finger in die Nase gesteckt. Oh nein! Im Bild daneben bohrt sie gleich in beiden Nasenlöchern und macht eine fürchterliche Grimasse dazu. So reiht sich Doppelseite an Doppelseite. Am Ende des Büchleins steht, dass man immer glauben müsse, was einem die Mama erzählt, und die Mama vis-à-vis lächelt freundlich. Über ihrem Kopf ist ein Heiligenschein angedeutet. Ein freches und entlarvendes Mutterbild – ganz nach den Vorlagen der Neinsagen-Bücher nach 1968 –, das Kinder und Eltern zum Schmunzeln bringt.

HELENE SCHÄR

Das Monster in der Badewanne
Jürgen Banscherus
Verlag: Arena, Publiziert: 2001, Seiten: 66, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-04956-9
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Paul, das ist der allein erziehende, allerliebste Vater der Welt, und Paule ist sein nicht minder liebenswerter Sohn. Seit Mama sie wegen der Bohnenstange Herbert verlassen hat, führen sie zusammen eine Männerwirtschaft, und eigentlich sind sie ein richtiges Dream-Team. Doch manchmal geht es auch chaotisch zu, wie hier, im dritten Band der humorvoll erzählten Vater-Sohn-Serie. Ein Truthahn quartiert sich in der Badewanne ein und ist durch nichts mehr zu bewegen, diese auch wieder zu verlassen. Normalerweise kriegt der Vater die schwierigsten Probleme in den Griff. Der Truthahn entpuppt sich aber als richtiges Monster und bringt den Alltag ganz schön durcheinander. Mit Augenzwinkern wird geschildert, wie ein allein erziehender Vater und sein Sohn den Alltag meistern und wie sie sehr liebevoll miteinander umgehen.
MADELEINE AMMAN

Mascha Marabu
Ingrid Uebe
Verlag: ars Edition, Publiziert: 2001, Seiten: 106, ISBN/ISSN/EAN: 3-7607-3838-9
Schlagwörter: Abenteuer

Klassenfahrt ins Hexental

Mascha Marabu geht in eine Schule für gewöhnliche Kinder. Niemand dort, ausser ihrem Freund Philipp, weiss, dass sie eine Hexe ist. Natürlich wundern sich LehrerInnen und SchülerInnen manchmal, wenn die verrücktesten Dinge passieren, weil Mascha das Hexen nicht lassen kann. Im dritten Band der beliebten Reihe führt die Klassenfahrt ausgerechnet ins Hexental, wo Maschas grässliche Tante, die böse Eulalia Seidelbast, gerade eine wilde Hexenhochzeit feiert. So gibt es für Philipp und Mascha wieder gefährliche Abenteuer zu bestehen.

MADELEINE AMMAN

Phantom hinter der Bühne
Kristina Dunker
Verlag: Arena, Publiziert: 2001, Seiten: 126, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-02203-2
Schlagwörter: Abenteuer | Krimi/Thriller | Schule

Jil und Jana – das «starke Team», das sich schon in «Der Klassenfahrt-Krimi» und in «Allein gegen den Rest der Welt» zu behaupten wusste – erleben ein neues Abenteuer. An ihrer Schule soll ein Theaterstück aufgeführt werden, und obwohl sich alle auf die Probenarbeit mit dem jungen Lehrer freuen, gibt es zunächst Konflikte wegen der Rollenverteilung. Bald scheinen aber alle DarstellerInnen zufrieden mit ihrer Aufgabe. «Der gestiefelte Kater» nimmt langsam Gestalt an, doch dann werden die Proben immer wieder gestört, die Hauptdarstellerin erscheint nicht und wird umbesetzt, Requisiten werden kaputtgemacht, und schliesslich ist die Aufführung ganz in Frage gestellt, weil eines Morgens die neu gemalten Kulissen zerschnitten sind… Ob Yvonne hinter den Sabotageakten steckt, die, wie Jil und Jana herausfinden, nur durch Intrigen zur Hauptrolle kam? Die beiden Detektivinnen und ihre KollegInnen entdecken jedoch in einer nicht ganz ungefährlichen Nachtaktion, dass es ein neidischer Erwachsener ist, der ihnen (und ihrem Lehrer) den Erfolg nicht gönnt. Das Buch überzeugt durch den spannenden Plot, erzählt einiges über Neid, Konkurrenz und die Schwierigkeiten der Teamarbeit, auch unter Erwachsenen, und zeigt zwei mutige, pfiffige Mädchen bei ihrer Aufklärungsarbeit.

VERENA STÖSSINGER

Gib mir einen Kuss, Larissa Laruss
Lukas Hartmann
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2001, Seiten: 124, ISBN/ISSN/EAN: 3-499-20863-6

Larissa ist die neue Freundin von Veras Vater, und, wie Vera (11) gleich bemerkt hat, eine Berghexe! Vera fürchtet um ihren Vater (und die gewohnte Zweisamkeit) und versucht, Larissa loszuwerden. Doch die wehrt sich mit Hexenkräften. Veras Lehrerin macht Vera klar, dass auch sie, Vera, ein bisschen eine Hexe ist und ungeahnte Kräfte hat. Nach einem handfesten Kräftemessen stehen sich die beiden als ebenbürtige, starke Frauen gegenüber und beschliessen, sich in Zukunft zu vertragen.

Starker Sohn und Schwester
Kirkpatrick Hill
Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Koppe
Verlag: Stolz, Publiziert: 2001, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 3-89778-192-1
Schlagwörter: Geschwister

Nach dem Tod der Mutter fahren Starker Sohn (10) und Schwester (8) allein mit dem Vater ins Sommerlager am Yukon, um für den Winter Lachse zu fangen und zu räuchern. Als auch der Vater stirbt (am Alkohol), sind die beiden Kinder ganz auf sich gestellt. Zum Überleben in der Wildnis trägt das ängstlichere, aber oft einfallsreichere Mädchen ebenso viel bei wie der ältere Bruder, der zwar glaubt, die männliche Beschützerrolle übernehmen zu müssen, aber damit immer wieder an Grenzen stösst. Erzählt in einer starken, schönen und unsentimentalen Sprache, vermittelt diese spannende Geschichte auch ein authentisches Bild vom Leben der Athapasken-IndianerInnen in Alaska.
Im Fortsetzungsband «Indianerwinter» nimmt die Indianerin Natascha Starker Sohn und Schwester mit ins Winterlager. Sie zeigt ihnen, wie man in der eisigen Wildnis überlebt. Und sie erzählt ihnen von den alten Bräuchen und Legenden ihrer Vorfahren.

Eine neue Familie für Marie
Annika Holm
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Hanser, Publiziert: 2001, Seiten: 131, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-19895-4

Maries Mutter ist gestorben, jetzt lebt Marie mit Runo, ihrem Vater, dem Musiker. Der mag sie zwar sehr, hat aber Mühe mit seiner neuen Funktion und der Reduktion der Kunstarbeit auf Familienformat. Manchmal bleibt er zum Beispiel nachts weg, ohne Marie Bescheid zu sagen – da fährt Marie eben auch einmal heimlich weg. Runo sucht sie, ist traurig, aufgeregt und gelobt Besserung. Dann aber trifft er eine Jugendfreundin wieder, die auch Musikerin ist, er verliebt sich in sie, sie heiraten und ziehen in ihre Stadt – mit Marie. Die fühlt sich in Göteborg aber nicht wohl, kommt sich vor, als sei sie endgültig verlassen worden. Mathilda und ihre Eltern bieten ihr an, zurück nach Stockholm zu kommen und bei ihnen zu wohnen, aber Mathildas Familie ist doch nicht die ihre, denkt Marie, und Runo mag sie inzwischen doch auch! Das Buch erzählt davon, wie ein Kind versucht, mit seiner schwierigen Familiensituation fertig zu werden; von Einsamkeit, Trotz und Aufbruch, von der Sehnsucht nach Nähe und zu früher Selbstständigkeit; in einer Sprache, die Gefühle nicht nur benennt, sondern auch evoziert, und mit Figuren, die individuell und sehr differenziert gezeichnet sind, auch in ihren Schwächen. Mehr von Marie und Mathilda in den Büchern «Hau ab, sagt Mathilda» und «Hilf mir, Mathilda».
VERENA STÖSSINGER

Wir alle für immer zusammen
Guus Kuijer, Illustration: Alice Hoogstad
Aus dem Niederländischen von Sylke Hachmeister
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2001, Seiten: 95, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4011-2

Pollekes Vater ist «Lebenskünstler» und wohnt bei einer neuen Frau. Pollekes Mutter wechselt die Liebhaber sehr schnell – diesmal ist es sogar Pollekes Lehrer, und sie will ihn heiraten, aber das geht auch bald vorbei –, und Mimun, ihr marokkanischer Freund, schreibt ihr einen Abschiedsbrief, weil seine Familie nicht will, dass er mit ihr geht: Er wird später eine marokkanische Frau heiraten müssen. Polleke versucht, ihr Leben zwischen den vielen Unwägbarkeiten im Griff zu behalten, obwohl sie zu realisieren beginnt, dass ihr Vater ein Dealer ist, ein Tagträumer und Versager und die Mutter ziemlich rücksichtslos und egoistisch. Ein rasantes Buch über haltlose Erwachsene, chaotische Familienverhältnisse und die Versuche einer Elfjährigen, sich zu behaupten in einer Umgebung, in der verschiedene Sinn- und Wertsysteme aufeinander treffen, auch solche von ausländischen MitbürgerInnen. Ernst genommen fühlt sich Polleke am ehesten von den Grosseltern, die auf ganz altmodische Weise auf dem Land wohnen – da gibt es Beständigkeit, Wärme und viele Tiere, unter anderem ihr Lieblingskalb, das auch Polleke heisst. Und Halt findet sie, wenn sie Gedichte schreibt: Sie will nämlich Dichterin werden. Das Buch ist denn auch durchsetzt mit Pollekes kleinen Gedichten in witzigen Vignetten.

VERENA STÖSSINGER

Alles so verdammt ungerecht!
Erna Osland, Illustration: Ulrike Selders
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Verlag: Elefanten Press, Publiziert: 2001, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-14610-3
Schlagwörter: Geschwister

Was ist Gerechtigkeit? Und wann wird Recht zu Unrecht? Erna Osland greift ein brisantes Thema auf und entfaltet es bedrängend und nachvollziehbar. Hauptfigur ist Sören, der entdeckt, dass Erle, seine ältere Schwester, klaut, und zwar im grossen Stil: Kosmetika, Kleider, lauter Dinge, die sie doch selber gar nicht braucht! Sören bringt die Sachen zurück, er verbrüht der Schwester die Hand, damit sie nicht mehr klaut, aber das hält sie nicht ab, sie lacht sogar über Sörens Skrupel, findet ihn naiv und nimmt ihn mit zu Tchikao, dem Mann aus Südamerika, dem sie die gestohlenen Waren schenkt, damit er sie verkaufen kann. Sie findet ihre Handlungsweise notwendig und gerecht, eine Art Umverteilung unverdienten (westlichen) Reichtums, wichtiger und wirklicher jedenfalls als alles, was Schule, Familie und Moral von ihr fordern. «Nichts zu tun, wäre das nicht schlimmer?», fragt sie Sören. Er weiss es nicht, weiss immer weniger, was richtig ist und was falsch und wer einem das sagen könnte. Sören wird dabei vom Mitwisser immer mehr zum Mittäter, gerät in grosse innere Konflikte und leidet auch unter dem ahnungslosen «Verständnis» der Eltern – das Buch endet offen. Es bietet viel Diskussionsstoff.
VERENA STÖSSINGER

Weiberkram?
Sigrid Zeevaert
Verlag: Dressler, Publiziert: 2001, Seiten: 134, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-2571-9

Ein leichtes und doch ernsthaftes Buch über die Liebe, über die erste und die sogenannte richtige Liebe, die der Erwachsenen zum Beispiel, über das Mögen und Ablehnen, über Erwartungen, Hoffnungen und Rollen und darüber, wie schwer es sein kann, eigene Gefühle ernst zu nehmen und darüber zu sprechen, wenn man, wie Jasper, ein eher zurückhaltender Junge ist. Er muss sich zwischen den drei Schwestern und ihren Freundinnen, «dieser Anhäufung von Weibern», schwer behaupten und beneidet oft Ben, seinen Freund, der Einzelkind ist. Bens Eltern streiten zwar viel, aber das gibt sich wohl wieder, wogegen Pille nur eine Mutter hat. Und Jasper weiss, dass Pilles Bruder in seine älteste Schwester verliebt ist, es werden nämlich Briefchen transportiert und Verabredungen getroffen. Er selbst ist gern in der Nähe von Bele, der Freundin seiner zweiten Schwester, und das irritiert ihn. Aber viel Zeit zum Nachdenken hat Jasper nicht; er muss Fussball trainieren und spielen. Und auf einmal ist Bens Mutter doch ausgezogen, die Liebe vorbei, Pilles Mutter dagegen hat einen neuen Freund, Schwester Lina ist wieder solo, und seine Eltern bekommen noch ein Baby. Hoffentlich bloss nicht wieder ein Mädchen! denkt Jasper.
VERENA STÖSSINGER

Magische Schwestern
Francesca Lia Block
Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Koppe
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2001, Seiten: 265, ISBN/ISSN/EAN: 3-499-21153-X

Drei ebenso schräge wie märchenhafte Adoleszenzromane, angesiedelt in der alternativen (Film-)Szene von Los Angeles. Die leicht verrückte Hausgemeinschaft, in der die exzentrische Weetzie Bat nach einigen Wirrungen lebt und liebt, besteht aus einem heterosexuellen und einem schwulen Paar. Dazu kommen nach einiger Zeit die beiden Mädchen Cherokee und Hexenkind, gezeugt in unterschiedlichen Konstellationen. Für LiebhaberInnen exzentrisch-experimenteller Leseerlebnisse.

Ein Brief für Miss Woods
Ann Cameron
Aus dem amerikanischen Englisch von Sybil Gräfin Schönfeldt
Verlag: Gabriel, Publiziert: 2001, Seiten: 173, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-30000-9
Schlagwörter: Freundschaft

Die 12-jährige Amanda hat es nicht leicht. Ihre ältere Schwester Margaret verachtet sie. Lyle, der Busenfreund, der immer wusste, was zu tun war, ist eben mit seiner Familie fortgezogen. Zur Schule muss sie in die Stadt; und als sie dort endlich eine Freundin findet, ist sie der Mutter nicht gut genug. Die Mutter mäkelt sowieso ständig an ihr herum, findet ihre Schwester viel intelligenter und hübscher. Aber da ist die neue Lehrerin, die weiss, was Amanda kann, und ihr sagt, dass sich sogar Mütter manchmal täuschen können. Da ist der Vater, der ihrer Freundin und ihr ein Zimmer in seinem Hotel überlässt, damit sie in Ruhe ihre Hausaufgaben erledigen können – und den Pakt vor der Mutter verschweigt. Und da ist ein Brieffreund in Frankreich, der seine Briefe an Miss Amanda K. Woods richtet und glaubt, die Adressatin sei viel älter. – Die Autorin erzählt in einer bilderreichen, sinnlichen Sprache vom Wunsch Amandas, geliebt zu werden. Es gelingen ihr wunderbar handfeste Porträts der ehrgeizigen, harschen Mutter und des etwas linkischen, aber verständnisvollen Vaters. Und natürlich von Amanda, die in den Sommermonaten 1955, um die es hier geht, flügge wird und beginnt, sich mit sich selber wohl zu fühlen. Für jüngere LeserInnen.
CHRISTINE TRESCH

Francie
Karen English
Aus dem amerikanischen Englisch von Fred Schmitz
Verlag: Dressler, Publiziert: 2001, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-2850-5
Schlagwörter: Rassismus

Die Ich-Erzählerin Francie und ihr kleiner Bruder Prez warten sehnlichst darauf, dass ihr Vater, der in Chicago arbeitet, sie nachholt. Alabama zur Zeit der Rassensegregation, das ist für ein kluges zwölfjähriges Mädchen wie ein Gefängnis. Francie weiss, dass sie sich als Schwarze devot zu verhalten hat, sonst ist sie dran, aber alles in ihr ist Rebellion: Rebellion gegen die properen Häuser der weissen Upperclass, in denen ihre Mutter sieben Tage die Woche lang schuftet; Rebellion gegen die Töchter aus diesen Häusern, die sie wie Dreck behandeln; Rebellion gegen die Mutter, die Francie am Abend nicht mehr zuhören mag. Zum Glück kann Francie manchmal wegschleichen, in ein Buch eintauchen und den Zügen nachwinken, die in die Ferne fahren. Als nach ihrem grossen Freund Jesse gesucht wird – sie hat ihm in der Schule das Lesen beigebracht –, weil er einen weissen Farmer erschlagen haben soll, bleibt Francie keine Zeit mehr für Mussestunden, sie muss Jesse helfen. Stimmungsvoll wird hier von einer schwarzen Kindheit in den Südstaaten erzählt. Mit Francie gelingt der Autorin eine Figur, in der kindliche Naivität, flammender Gerechtigkeitssinn und stiller Widerstand glaubwürdig zusammenkommen. Und in Francies Mutter zeichnet sie eine Frau, die mit ihren Kindern einen entschlossenen Aufbruch wagt.
CHRISTINE TRESCH

Steingesicht
Karen-Susan Fessel
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2001, Seiten: 175, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3505-4

Ihre Tante nennt sie nur «Steingesicht». Denn Leontine ist das Lachen in den ersten fünfzehn Lebensjahren abhanden gekommen. Die Mutter war drogensüchtig und starb an Aids. Den Vater, ebenfalls ein Junkie, bekam Leontine kaum zu Gesicht. Jetzt hat sie ihre Tante von Berlin nach Braunschweig geholt, hier soll Leontine ein neues Leben beginnen. Aber das ist schwierig: Plötzlich vertrauen ihr die Leute, Klauen ist out, und Freundinnen rennen nicht mehr einfach weg, wenn sie schlecht drauf ist. Allmählich bekommt Leontine Boden unter die Füsse. Und als sie eines Tages entdeckt, dass ihre Tante eine Liebesbeziehung mit einer Frau hat, weiss auch sie endlich, was mit ihren Gefühlen los ist. Sie wird Malin ihr Verliebtsein eingestehen. – Eine Coming-out-Geschichte mit Happyend auf der ganzen Linie, süffig geschrieben und trotzdem genau in der Zeichnung der Figuren. Leider gibt es im wirklichen Leben immer noch zu wenig Tanten und Freundinnen wie in diesem Buch, für die Lesbischsein eine Selbstverständlichkeit ist.
CHRISTINE TRESCH

Wohin du mich führst
David Grossman
Aus dem Hebräischen von Vera Loos und Naomi Nir-Bleimling
Verlag: Hanser, Publiziert: 2001, Seiten: 437, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-20021-5

Endlich bekommt Assaf während seines Ferienjobs in der städtischen Verwaltung einen wirklichen Auftrag. Er soll einem aufgefundenen Hund folgen und ausfindig machen, wem das Tier gehört. Und so jagt der junge Mann durch Jerusalems Strassen, atemlos, der Hündin hinterher, die Dinka heisst, wie er erfährt, und ihn zu unbekannten Orten und eigenwilligen Menschen führt. Sie alle kennen das Mädchen, dem die Hündin gehört, sie alle sind von Tamar äusserst angetan und sorgen sich um sie. Doch was genau Tamar umtreibt und sie untertauchen liess und warum Assaf auf ihren Spuren plötzlich verfolgt wird, das muss der schüchterne Junge selber herausfinden. Seine unbeirrbare Suche führt ihn schliesslich nicht nur zu Tamar, sondern auch zu sich selbst. Und zu einer wunderbaren ersten Liebe. – Dieser Roman ist eine Liebesgeschichte besonderer Art, atemlos in seiner Spannung und bezaubernd poetisch. Faszinierend ist unter anderem die geschickte Verknotung verschiedenster Geschichten, die Menschen und ihre sperrigen Geheimnisse lebendig werden lassen. In diesem Text werden Schlagworte wie «Selbstfindung» oder «Mut» nicht nur definiert und behauptet, sondern mit kräftigem Leben und wunderbaren Bildern gefüllt.
LISBETH HERGER

Das Mädchen am Kanal
Thierry Lenain
Aus dem Französischen von Anne Braun
Verlag: Fischer Generation, Publiziert: 2001, Seiten: 73, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-80337-3

Die Geschichte einer Verletzung

Sarah ist nach den Weihnachtsferien ganz verändert: Kurzhaarschnitt, Unkonzentriertheit, trauriger Blick, ein seltsamer Aufsatz. Der jungen Lehrerin fällt Sarahs Verhalten auf, und sie erinnert sie vage an ihre eigene Kindheit. Sarah wird von ihrem Zeichenlehrer missbraucht. Sie zieht sich zurück an den zugefrorenen Kanal und misshandelt ihre Puppe. Die Eltern sind unfähig, diese Zeichen zu erkennen. Nur die Lehrerin erspürt zunehmend die wahren Hintergründe von Sarahs Veränderung. Sie muss aber zuerst ihrer eigenen, verdrängten Vergangenheit in die Augen schauen – auch sie wurde vergewaltigt, von ihrem Onkel –, bevor sie Sarah helfen kann. – Grossartig, mit welcher Klarheit und Knappheit Sarahs Geschichte und die ihrer Lehrerin (mit eingeschobenen Tagebucheinträgen) auf wenigen Seiten verdichtet zum Tragen kommt. Ein literarisches Kunstwerk, gestochen scharf formuliert, ohne annähernd voyeuristisch zu sein. Etwas vom Besten zum Thema sexueller Missbrauch, über dessen unmittelbare und späte Folgen und die Angst und Einsamkeit der Opfer.
Beatrice Ochsenbein

Alice im stummen Land
Graham McNamee
Aus dem amerikanischen Englisch von Yvonne Hergane
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2001, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-8000-2687-2
Schlagwörter: Behinderung

Alice schreibt wunderschöne Songtexte. Singen jedoch kann sie nicht. Denn ihre Stimme ist kaputt, wurde abgewürgt, damals, als sie noch Alice im Wunderland hiess, von ihrem Vater zärtlich so gerufen. Es war dieser Vater, der zupackte, mit zornigen Händen ihren Hals umfasste, Mutter stand gelähmt daneben. Seit damals läuft Alice mit krächzender Stimme und viel Hass durchs Leben. Zum Glück trifft sie Eric mit seiner tiefen Liebe und lernt Rachel kennen, die Freundin mit der reinen Stimme und den paar Kilos zu viel. So findet sie die Kraft für eine letzte Begegnung mit diesem Täter-Vater, den sie seit damals nicht mehr gesehen hat und der im Sterben liegt. Wenigstens einmal soll er ihre kaputte Stimme hören, soll er seiner für immer versehrten Tochter ins Auge sehen! Die Begegnung fordert Alice bis ins Letzte, aber sie bringt Heilung, lässt den Hass langsam verrauchen. – Das Buch erzählt in schlichter Sprache und mit überzeugenden Bildern von den Verletzungen einer von Gewalt traumatisierten jungen Frau. Und es deutet den möglichen Weg einer – langwierigen – Heilung an.
LISBETH HERGER

Tuchfühlung
Doris Meissner-Johannknecht
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2001, Seiten: 206, ISBN/ISSN/EAN: 3-87294-728-1
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Zeno muss sich selber helfen. Die ältere Schwester weilt für ein Jahr in den USA. Die Mutter lebt seit der Trennung vom Vater in Amsterdam. Der Vater hat seinen Sohn längst aufgegeben und ist sowieso mit einer neuen Freundin beschäftigt. Und dann ist da noch die neue Schule, die letzte Chance für den Siebzehnjährigen, einen Abschluss zu machen. Seit dem Kindergarten spürt Zeno, dass er sich zu Knaben hingezogen fühlt. Nur, wenn er dieses Gefühl einmal ausdrückte, kam gleich der Hammer. Jetzt läuft er mit einem Panzer herum. Niemand soll erkennen, wer er wirklich ist – und niemand soll ihn wieder zum Weinen bringen. Dank Leon, einem Stricherjungen, den er am Bahnhof kennen lernt, merkt er, dass er keinen schnellen Sex will. Die neuen Mieter im Haus helfen Zeno, aus seinem Cocon auszuschlüpfen und seine Talente zu pflegen. Zeno will nicht mehr Verstecken spielen, und er findet sich selber gut. Eine locker erzählte Coming-out-Geschichte, die Identität stiften kann, obwohl die Autorin ihrem Helden ein paar Probleme zu viel mit auf den Weg gibt.
CHRISTINE TRESCH

Unternehmen Halbmond
Monika Pelz
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 2001, Seiten: 110, ISBN/ISSN/EAN: 3-7026-5732-0
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Krimi/Thriller

In Wien herrscht Ausnahmezustand. Am ersten Tag des neuen Jahres sind mehrere hundert Jugendliche mit vertauschtem Geschlecht erwacht. Schnurrbart statt Brüste, Menstruationssymptome statt vertraute Autorität mit tiefer Stimme. Der Schock treibt eine Gruppe betroffener Türken und Türkinnen in den Untergrund. Dort beginnen sie ihre Suche nach dem offensichtlich gefährlichen Täter, der die üble Verwandlung verantwortet und der sich inzwischen mit einem Erpresserbrief bei der Regierung gemeldet hat. Geschickt nutzen die scharfsinnigen Jugendlichen Handys, Chatgruppen und Internet. Schliesslich gelingt es ihnen, das Geheimnis um die merkwürdige Zauberei zu lösen und den Täter zu stellen. – Der Roman nutzt auf witzige Art die Motive des Geschlechterwandels, um eingespielte Rollen und Verhaltensmuster kritisch aufzuspüren. Zudem werden Theorien rund um Wahrnehmung und Bewusstsein, um Wirklichkeit und Imagination spielerisch in eine kriminalistisch aufgebaute Abenteuergeschichte verwoben.

LISBETH HERGER

Hexenkind
Celia Rees
Aus dem Englischen von Angelika Eisold-Viebig
Verlag: Arena, Publiziert: 2001, Seiten: 267, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-05217-9
Schlagwörter: Historisches | Religion

Vieles, was Celia Rees in «Hexenkind» erzählt, findet sich auch in anderen Zeugnissen über das Schicksal von Frauen, die als Hexen verurteilt wurden. Was «Hexenkind» zur besonderen Lektüre macht, ist die Verknüpfung der Geschichte einer Hexenverfolgung mit dem Schicksal von MigrantInnen in die Neue Welt um 1660. – In einen Quilt eingenäht hätten die Tagebücher der Mary Newbury die Jahrhunderte überlebt, lässt uns die Erzählerin wissen, sie habe diese einzig in eine heute lesbare Form gebracht. So erfahren wir, dass die Grossmutter von Mary der Hexerei bezichtigt und hingerichtet worden ist. Als frommes Waisenkind getarnt, gelingt der Enkelin die Flucht von England in die USA. In der pietistischen Kommune, in der sie Unterschlupf findet, fängt in der amerikanischen Wildnis ein hartes, devotes Leben an. Mary, die gehofft hat, endlich ihre Vergangenheit vergessen zu können, muss bald einsehen, dass dem nicht so ist. Als ein Unglück nach dem anderen die Gemeinde trifft, ist die Schuldige schnell gefunden. – Die Autorin legt mehr Wert auf lebendige, glaubhafte Charaktere als auf einen ausführlichen theologischen und historischen Hintergrund. Diese Tatsache und die überhaupt nicht antiquierte Sprache der Tagebücher bewirken, dass die Geschichte unter die Haut geht.
CHRISTINE TRESCH

Tomomis Traum
Kazumi Yumoto
Aus dem japanischen Englisch von Ulli und Herbert Günther
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2001, Seiten: 190, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00912-X
Schlagwörter: Geschwister | Erwachsenwerden

Die letzten Monate waren hart für Tomomi. Zuerst starb die Grossmutter, dann fingen die Alpträume an; die Aufnahmeprüfung für eine gute Mittelschule hat sie verpatzt – und jetzt kommt auch der Vater nur noch nach Hause, um seine Wäsche zu wechseln. Kein Wunder, fühlt sich Tomomi am Ende des Schuljahrs ausgepumpt und leer. Die ungezwungenen Kindertage sind vorbei, das spürt sie, und vor dem, was auf sie wartet, hat sie Angst. Die Frühlingsferien werden zu einer Art Reifeprüfung, die sie zusammen mit ihrem Bruder Tetsu, einem kleinen Klugscheisser und Gerechtigkeitsfanatiker, bestehen muss. Tomomi lernt in dieser Zeit zum ersten Mal, wirklich Verantwortung zu übernehmen. Das ist anstrengend bis zur Erschöpfung. Aber als es Sommer wird, ist sie um einige Erfahrungen reicher geworden und ein wenig erwachsen auch schon. Das Buch erzählt unangestrengt und sorgfältig zugleich von der Zeit des Noch-Nicht: nicht mehr Kind und noch nicht gross sein; das ganze Leben vor sich haben und schon um seine Endlichkeit wissen. Mit Tetsu und dem kauzigen Grossvater hat Tomomi zwei Gefährten um sich, die alle Jugendlichen brauchen könnten.
CHRISTINE TRESCH

Linnea macht Sperrmüll
Kirsten Boie, Illustration: Silke Brix-Henker
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2001, Seiten: 31, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-1151-1
Schlagwörter: Familie/Familienformen

In dieser Alltags-Geschichte um die charmant-pfiffige Linnea geht es um die Trennung von lieb Gewonnenem, Altbewährtem. Die Hauptrolle spielt die Stoffkuh Milchmieken. Milchmieken ist riesengross, wurde auf dem Jahrmarkt ergattert und schläft eigentlich schon lange unter Mamas Bett. Bis Mama eines Tages beschliesst, Milchmieken auf der Strasse auszusetzen. Einfach so am Sperrmülltag. Magnus und Linnea sind entsetzt, auch wenn sie als Trost Eis kriegen. Magnus kann seines sowieso nicht essen, weil ihm das Schicksal der Stoffkuh auf den Magen schlägt. Linnea aber hat eine Idee: Warum nicht Milchmieken beim Nachbarn und Freund Erdem unterbringen – so lange, bis Mama die Kuh vergessen hat?

Linnea ergreift die Initiative und trifft – in Abgrenzung zum Willen ihrer Mutter – als eigenständige Persönlichkeit, eine Entscheidung. Die liebevoll-witzigen Illustrationen von Silke Brix widerspiegeln die Befindlichkeiten der ProtagonistInnen – und als Zückerchen für die vorlesenden Erwachsenen gibts augenzwinkernde Anspielungen auf Leid und Freud im Leben getrennter Eltern.

TRIX BÜRKI

Ein richtig schöner Tag
Bruno Blume, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-51554-9
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Alltag | Familie/Familienformen

Mama und Papa haben sich extra frei genommen für einen Familienausflug in den Garten. Am Abend zuvor nehmen sie sich vor alles Notwendige am Morgen zu erledigen, damit ab ein Uhr der Tag frei ist zum Spielen. Erst verschlafen sie, dann läuft hier was schief und dort wird etwas komplizierter als geplant. Kurz der ganze zeitplan gerät total aus den Fugen. Wunderbar schräg und doch mit viel Realitätssinn erzählen Bruno Blume in knappen Worten und Jacky Gleich in ihren den Text noch um viele Details ergänzenden Illustrationen vom ganz normalen Wahnsinn des Familienalltags. Toll zum Schauen und Entdecken.
BARBARA JAKOB

Siehst du Gespenster?
Antje Damm
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0448-6
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Angst vor irgendwelchen Dingen haben alle Kinder – und manchmal auch die Erwachsenen. In diesem Bilderbuch geht Antje Damm verspielt mit solchen Ängsten, hinter denen sich oft Bedürfnisse verbergen, um.

Das kleine Mädchen sieht nämlich überall irgend ein Gespenst – auf dem Schrank, in der Waschmaschine, unter der Badematte… Es ruft sofort seine Mama herbei. Geduldig versucht die immer wieder klarzustellen, dass sie nichts Verdächtiges sieht und dass es gar keine Gespenster gibt. Ob allerdings wirklich ein Gespenst den Kuchen angeknabbert hat, bleibt offen, denn Gespenster sind eben – meistens – unsichtbar. Aber dass Gespenster manchmal praktisch sind, um Fantasien auszuleben und die Mutter auf Trab zu halten, das kommt im Bilderbuch gut heraus.

Jede Doppelseite ist eine gelungene Einheit von handschriftlichem Text und Bildcollagen. Die vielen Details sprechen eine eigene Sprache und erlauben manche Interpretationen. Das Buch zeigt ein humorvolles Mutter-Tochter-Verhältnis mit viel Verständnis und Witz auf beiden Seiten.

HELENE SCHÄR

Der geheimnisvolle Ritter Namenlos
Cornelia Funke, Illustration: Kerstin Meyer
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85094-0
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Geschwister

Drei Söhne hatte König Wilfried. Er liess ihnen alles beibringen, was Königssöhne können müssen. Dann gebar die Königin eine Tochter, Violetta, und starb bei der Geburt. Der König aber wusste nicht, was man einer Tochter beibringt, und liess sie dasselbe lernen wie die Söhne. Sie war viel zarter und kleiner als ihre Brüder, konnte das Schwert kaum halten und hatte Mühe, mit der schweren Rüstung aufs Pferd zu steigen. Die drei Brüder prahlten und lachten sie aus. Die Dienerin, bei der sich Violetta beschwerte, dass sie nicht so stark war wie ihre Brüder, tröstete sie: Nicht stark sein ist wichtig, sondern klug. Das merkte sich Violetta. Zu ihrem 16. Geburtstag veranstaltete der Vater ein Turnier. Der Sieger sollte Violetta zur Frau bekommen. Das passte Violetta nicht. Niemals wollte sie so einen Blechkopf heiraten. Am nächsten Tag begann das Turnier und niemand wusste, dass neben dem König die Kammerzofe in Violettas Kleidern sass. Sieger des Tourniers wurde der unbekannte Ritter Namenlos. Als der König ihm den Siegeskranz übergeben wollte, nahm der Ritter den Helm ab: Es war Violetta. Da fand der König zum ersten Mal in seinem Leben keine Worte. Violetta aber wählte sich den Preis selber, heiratete den Rosengärtner und wurde glücklich.
Eine jener emanzipierten starken Mädchengeschichten, déjà vu, déjà lu? Keinesfalls. Nicht nur sind die ironischen, detailreichen Zeichnungen ein Augenschmaus, auch der Verlauf der Geschichte nimmt eine unerwartete Wendung.
Helene Schär

Der durch den Spiegel kommt
Kirsten Boie
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2001, Seiten: 236, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3145-8
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie | Freundschaft

Eigentlich will Anna nur noch schnell Brot holen im Supermarkt, aber da sitzt ein Kaninchen im Rasen zwischen den Hochhäusern und neben ihm liegt ein Handspiegel – und sobald Anna hineingeschaut hat, ist sie schon im Land-auf-der-anderen-Seite, in einem archaischen Märchenland, das fest im Griff von Evil dem Schrecklichen ist. Und die wenigen Menschen, die der noch nicht unterjocht hat, begrüssen sie erfreut: Anna ist für sie der seit langem prophezeite 'Retter', obwohl sie ein Mädchen ist und erst zehn Jahre alt. Kirsten Boies spannender Abenteuerroman erzählt, wie Anna und ihre Helfer – das Kaninchen, der Junge Rajún und Alin, der Schmied, der Zauberutensilien herstellen kann, – das verzauberte Land schliesslich befreien: Sie tun es ohne Waffen, bloss mit ihrer Zuversicht und mit der Kraft von Musik und Freundschaft. Der Roman zeigt dabei auch ausgiebig das Zögern und die Angst der kleinen Heldin vor ihren Prüfungen und macht deutlich, dass auch "die Falsche manchmal die Richtige sein kann" für eine Aufgabe – denn: "Nur wenn es schwer wird, sehen wir, was in uns steckt".
VERENA STÖSSINGER

Hund im Himmel
Hanne Kvist
Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle
Verlag: Klopp, Publiziert: 2001, Seiten: 121, ISBN/ISSN/EAN: 3-7817-1020-3
Schlagwörter: Freundschaft

Wahrscheinlich ist es ja ein Glück, dass Lora in dem "grossen weissen Haus" unterkommt, wo fünf Nonnen für hundert Mädchen sorgen, die wohl alle keine Eltern mehr haben – aber Hund ist weg, der bisher alles mit Lora geteilt hat, den Hunger, die Kälte und die Heimatlosigkeit; man hat ihn ihr weggenommen. Nick sagt zwar, Hund sei jetzt im Himmel und habe es dort gut, aber das ist kein Trost in einer Umgebung, die nichts als fremd ist; und deshalb wird Lora selbst zum Hund. Sie schweigt, schläft auf dem Boden, bellt und beisst, flieht schliesslich aus dem weissen Haus und spürt erst mit der Zeit, dass es doch auch "gute Dinge auf der Welt (gibt), obwohl es so aussieht, als beanspruchten die dummen den ganzen Platz."
Hanne Kvist zeichnet ein trauriges Kinderschicksal auf (auch für erwachsene LeserInnen) ergreifende Art nach. Die Geschichte ist konsequent aus Loras Kinder-Perspektive und Weltverständnis heraus erzählt, sachlich, ungeschönt und ohne künstliche Dramatisierung. Lora erscheint als starkes und tapferes Mädchen, das sich einem schwierigen Leben stellen lernt, ohne deswegen zu einer Heldin oder einer kleinen Heiligen zu werden.
VERENA STÖSSINGER

Anna-Barbie
Thomas Schmid
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2001, Seiten: 174, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4718-4
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Sucht

Die Anna-Barbie ist eine komische Puppe: Auf einem Barbie-Körper hat sie einen geschnitzten Holzkopf. Franziska findet sie gleich im Haus in dem „blöden Dorf“, in das sie mit Anna, ihrer Mutter, gezogen ist – weg vom Vater, der mit seiner neuen Frau in der Stadt zurückbleibt. Franziska vermisst ihren Papa und verschliesst sich der neuen Umgebung, die sich jedoch bald mit Annas Geschichten zu beleben beginnt; sie ist nämlich in diesem Haus aufgewachsen. Es war keine unbeschwerte Kindheit: Die Familie war arm, die Eltern stritten viel, der Vater trank, die Mutter hatte einen Liebhaber und drohte immer damit, den Vater zu verlassen. Zwischen Annas ernüchternder Familiengeschichte, dem Herzstück des Textes, und Franziskas Situation ergeben sich jedoch zahlreiche Parallelen und die Vergangenheit wird schliesslich geradezu zum hilfreichen Exempel: Denn sie zeigt, dass es nicht gut ist, wenn Familien um jeden Preis zusammenbleiben. Franziska – die allerdings neben der Figur ihrer Mutter etwas blass bleibt – kann sich jedenfalls mit der Zeit der neuen Lebenssituation eher stellen, auch wenn sie sich nach wie vor komisch fühlt – so wie eine Barbie mit Holzkopf etwa.

VERENA STÖSSINGER

Sprich
Laurie Halse Anderson
Aus dem amerikanischen Englisch von Birgitt Kollmann
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2001, Seiten: 274, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80886-0

Melinda wird an einer Sommerfete vergewaltigt. Sie ruft die Polizei, flüchtet jedoch, noch vor einer Aussage. Niemand erfährt, was wirklich geschehen ist, ihre Freundinnen glauben gar, sie hätte die Party extra platzen lassen. So wird das folgende Jahr an der High School zum Horror. Von allen gemieden, flüchtet die junge Frau mit "zugenähten Lippen", mit "zerfetztem Mund" in ein eisiges Schweigen, versteckt sich in ihrem Kabuff, gequält von Schuldgefühlen, Angst und Ekel. Zudem entpuppt sich die neue Schule als ein Ort der Lügen und falschen Autoritäten. Eine Ausnahme macht Freeman, der eigenwillige Kunstlehrer. Er macht ihr Mut, begleitet sie verhalten auf ihrem schmerzhaften Weg zurück zu sich selbst. Langsam befreit sich Melinda von der quälenden Schuld, findet ihre Kraft und ihre Stimme wieder.
In diesem Erstlingsroman hören wir die Stimme einer Verletzten, die zwar Opfer ist, die zeitweilig verstummt, die aber gleichzeitig stark bleibt, in ihrer Widerborstigkeit, in ihrem respektlosen Blick auf die Lügen der Welt. Und wir bekommen eine Ahnung von der öden Langeweile einer amerikanischen High School, gespiegelt im gnadenlosen Blick einer klugen jungen Frau.
LISBETH HERGER

Nirgends zuhause
Cynthia DeFelice
Aus dem Englischen von Eva Riekert
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 2001, Seiten: 172, ISBN/ISSN/EAN: 3-7725-1894-X
Schlagwörter: Armut | Freundschaft | Historisches

Ein Buch, das Sozialgeschichte und Abenteuer zu mischen weiss und das einiges erzählt über die Kluft zwischen arm und reich und das schwere Leben gesellschaftlicher AussenseiterInnen.

Frances‘ Vater hat sich erschossen, weil er bankrott ist: Wir befinden uns in den USA zur Zeit der grossen Depression. Frances, die ohne Mutter, aber reich und wohlbehütet aufgewachsen ist, soll jetzt zu einer Tante, die sie nicht kennt. Die Zwölfjährige will das nicht, reisst aus und schliesst sich einem „Hobo“ an, der sich Stewpot nennt, einem im Land herumziehenden Jungen, der seine Arbeitskraft für Almosen verkaufen muss. Frances kleidet sich wie ein Junge und lernt von Stewpot sich durchzuschlagen und zu überleben. Sie hungert, friert und fällt bald kaum mehr auf in der erschreckend grossen Schar Heimatloser, von denen manche auch klauen und betrügen. Frances findet ihr neues Leben eine ganze Weile aufregend, es zeigt ihr nämlich die Welt sehr anders, als sie sie bisher wahrgenommen hat. Bevor der Text aber in Sozialkitsch abgleitet, nimmt er eine tragische Wende: Stewpot stirbt an Lungenentzündung und Frances, die ihn nicht einmal mit ihren heimlichen Geldreserven retten kann, entschliesst sich, nun doch zu ihrer Tante zu ziehen.

VERENA STÖSSINGER

Ein Jahr mit sieben Wintern
Louise Erdrich
Aus dem amerikanischen Englisch von Sylke Hachmeister
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2001, Seiten: 225, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4770-7
Schlagwörter: Historisches | Identität/Individualität

Ein interessanter Text und ein lehrreicher, der auch erwachsenen LeserInnen einiges bietet. Die Autorin, als Tochter eines Deutschen und einer Indianerin in North Dakota geboren, beschreibt das Alltagsleben in einer kleinen indianischen Siedlung Mitte des 19. Jahrhunderts nämlich aus sehr genauer, engagierter Kenntnis: die Wechsel zwischen Winter- und Sommerbehausung, die anfallenden Arbeiten im Wechsel der Jahreszeiten und in steter Achtung vor Tieren und Pflanzen, das familiäre Leben, Traditionen und Feste, die zunehmende Bedrohung durch die Kultur der Weissen, Konflikte in der Sippe selbst, materielle Sorgen, Träume und Hoffnungen.
Im Zentrum steht die zu Beginn der Erzählung erst siebenjährige Omakayas ("Kleiner Frosch"), die seherische Fähigkeiten hat, und die Entwicklung ihrer Identität. Ruhig werden die detailreichen Episoden aneinandergereiht, unterbrochen gelegentlich von den Erzählungen der weisen Grossmutter und von dramatischen Geschehnissen: Die Pocken werden ins Dorf eingeschleppt, und Omakayas erfährt, dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen Eltern sind.
VERENA STÖSSINGER

Die Wüstentöchter
Roni Givati
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Verlag: Gabriel, Publiziert: 2001, Seiten: 191, ISBN/ISSN/EAN: 3-522-30006-8
Schlagwörter: Geschwister | Historisches

Eine "Wüstentochter" erzählt das Geschehen in der Ich-Form: Avital, die auf der Schwelle vom Mädchen zur jungen Frau steht. Sie lebt mit ihrer Familie im Dorf El Gedi im jüdischen Palästina, in einer kleinen, überschaubaren Welt, die mit ihren Freuden und Sorgen, den Hoffnungen, Konflikten und Enttäuschungen viel Zeitloses hat und doch sehr genau in einer historischen Welt angesiedelt ist: im ersten vorchristlichen Jahrhundert, einer Zeit drohender politischer Umwälzungen. Avitals grosser Bruder schliesst sich einer Sekte an, die Schwester heiratet und der kleine Bruder stirbt; dem Vater werden von der Regierung die Balsampflanzungen weggenommen, die Mutter entschliesst sich, künftig Mädchen zu unterrichten, und Avital, die ihr dabei wohl helfen wird, verliebt sich und findet zu einer eigenen Lebensperspektive. Sie ist lebhaft, hilfsbereit und couragiert, neugierig und herzlich und man folgt ihr gern durch die Kapitel, die trotz ihrer Fülle an Figuren, Motiven und kulturhistorischem Wissen spannend und anschaulich sind (im Gegensatz zum Umschlag, der leider viel zu lehrbuchhaft wirkt).
Ein hilfreiches Nachwort situiert die Handlung zusätzlich historisch und erläutert Fachbegriffe aus der jüdischen Kultur.
VERENA STÖSSINGER

Die Tage der Bluegrass-Liebe
Edward van de Vendel
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Carlsen, Publiziert: 2001, Seiten: 191, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58073-1
Schlagwörter: Eifersucht/Neid | Sexualität

In Edward van de Vendels Romanen sind die Jungen zugleich sensibel und wild, nachdenklich und cool. „Die Tage der Bluegrass-Liebe“ erzählt die Liebesgeschichte zwischen zwei 18jährigen Jungen. Tycho und Oliver kommen aus den Niederlanden beziehungsweise aus Norwegen als Leiter in ein Feriencamp in die USA, wo sie sich zunächst selbst nicht bewusst sind, wie weit ihre Freundschaft geht. Bis ihre Körper sich selbstständig machen und ihnen zeigen, was richtig ist. Van de Vendel nimmt seine Metaphern für die Liebesszenen aus der Gedankenwelt der Jugendlichen und vermeidet so jede Gefahr von Sentimentalität: „Und alle Stellen ihrer Körper, an denen sie sich berührten, wurden zu Hyperlinks – ihr gesamter Körper eine Homepage: Informationsübertragung, und das ganz ohne Kabel und Technik. Sogar ohne Worte.“ Das Problem der verbotenen Liebe, die Frage nach der sexuellen Ausrichtung und alle Probleme, die sich für Tycho und Oliver als schwules Paar stellen, treten zunächst in den Hintergrund; Liebe ist Liebe, meint Oliver. Das sehen die Erwachsenen, besonders die Leiter des Camps, aber anders; die beiden müssen das Camp verlassen. Doch auch bei Oliver in Norwegen, wo das Liebespaar ein paar Wochen verbringt, ist die Welt nicht anders. Besonders die Fussball-Welt, in der Oliver zuhause ist. Überzeugend zeigt van de Vendel, wie sich Tycho und Oliver trotz heftigster sexueller Anziehung voneinander entfernen und wie die Liebe am Ende zerbricht.
Christine Lötscher

Max ist los!
Anita Siegfried, Illustration: Claudia de Weck
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2001, Seiten: 68, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0443-5
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie | Alltag

Im Affentempo durch Zürich

Der kleine Affe Max wohnt seit langem im Zürcher Kunsthaus in einem Gemälde. Auf die Dauer ist ihm das zu langweilig und er nimmt einen liegen gebliebenen Rucksack zum Anlass, sein Bild zu verlassen. Sein Abenteuer wird zum veritablem Stadtrundgang quer durch Zürich: Kehrichtverbrennungsanlage, Lindenhof und See spielen dabei genauso eine Rolle wie Rote Fabrik, Bahnhof und Kanzleischulhaus. Mit Hilfe verschiedenster Leute und einer Portion Zufall gelingt es ihm schliesslich, den Rucksack seiner kleinen Besitzerin zurückzugeben. Müde aber zufrieden kehrt er in sein Bild zurück.
Kleine Bildsequenzen nehmen das Tempo der Erzählung auf, grossformatige Illustrationen laden zum Verweilen und genauen Schauen ein. Die versteckten Ausschnitte aus Kunsthaus-Gemälden sind ein speziell attraktives Spielelement der Züricher Illustratorin Claudia de Weck. Zusammen mit einer Vielzahl von Infos zu den Schauplätzen und Gemälden im Anhang wird das Ganze zu einem Kinderstadtführer der besonderen Art.
BARBARA JAKOB

Artus jagt das Kunst-Phantom
Verlag: Cornelsen Software, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-464-90016-9
Schlagwörter: Kunst

Spielerisch die Kunst entdecken

Dieses grafisch ansprechende Lernadventure führt auf spielerische Weise in die Welt der Malerei ein. Zur Rettung bekannter Meisterwerke gilt es in sechs Abenteuern 20 ausgeklügelte Spiele sowie verschiedene Rätselaufgaben zu bewältigen. Um die vom Phantom beschädigten Gemälde zu reparieren, taucht man mit der frechen Museumsmaus Artus hinein in die Welt der Bilder. Neben Denk-und Geschicklichkeitsspielen (z.B. Memorys, Suchbilder und Kombinationsaufgaben) wird in mehreren einfachen Actionspielen auch gutes Reaktionsvermögen abverlangt.

Im Atelier lassen sich aus fertigen grafischen Elementen, Figuren und Buchstaben eigene Postkarten, Bilder und Collagen kreieren. Zudem kann man sich Kommentare zu 26 Meisterwerken und berühmten Malern anhören und mit weiteren Informationen ausdrucken. Ab 7 Jahre.

Daniel Ammann

Carolina, die Kometenjägerin
Martin Baltscheit
Verlag: Terzio, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-932992-78-4
Schlagwörter: Abenteuer | Rätsel

... und die Reise zum Mittelpunkt der Erde

Mädchen brauchen keine andere Software als Jungs. Allerdings haben sie genauso das Recht auf eine weibliche Identifikationsfigur wie Jungs auf eine männliche. Ihre Interessen werden ihnen jedoch derzeit von CD-Rom-Herstellern vorgeschrieben: Neben Pferden sind Anziehen, Umziehen und Erziehen die Hauptthemen.
Carolina dagegen, entstanden aus der Zeichenfeder von Martin Baltscheit, ist aktiv, lebenslustig und eigensinnig. Eine etwas andere CD-Rom für alle jene Mädchen, die eben auch mal gerne ein Abenteuer erleben. Carolina hat feuerrote Haare, Stress in der Schule und eine Rakete im Keller. Mit der macht sie sich auf und davon. Sie will zum Mars. Statt bei den Sternen landet sie im Innern der Erde. Die ist hohl und beherbergt allerhand Planeten. Auf jedem beweist Carolina nun, was alles in ihr steckt: sie findet Antworten auf seltsame Fragen, sammelt Herzmonde und hat es mit skurrilen Gestalten zu tun. Sie löst Rätsel, findet Gesuchtes, hilft, schimpft, beweist Mut und Logik. Carolina, die Eigenwillige, jongliert so selbstverständlich wie Pippi Langstrumpf mit Normen und Vorgaben von weiblichem und männlichem Verhalten.
Sylvia Näger

Alice im Wunderland
Lewis Carroll
Verlag: Cornelsen Software, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-464-90030-4

Abenteuer im Reich der Herzkönigin

In Anlehnung an den skurrilen Literaturklassiker von Lewis Carroll entführt dieses multimediale Spielabenteuer ins geheimnisvolle Reich der Herzkönigin. Mit einer gelungenen Kombination aus Videoszenen und animierter 3-D-Grafik präsentiert sich die Geschichte wie eine Theatervorstellung in zehn verschiedenen Bühnenbildern.
Die Spielerinnen und Spieler sollen Alice dabei helfen, wieder in die reale Welt zurück zu finden. Um diese Mission zu erfüllen, werden sie an den phantastischen Schauplätzen des Wunderlandes immer wieder mit verzwickten Rätseln, anspruchsvollen Denkaufgaben und ausgefallenen Geschicklichkeitsspielen auf die Probe gestellt. Unter anderem müssen bekannte Sprichwörter richtig zusammengesetzt, Korinthen über einen Keks in die richtige Position balanciert oder die Uhr des verrückten Hutmachers repariert werden. Wenn dann am Schluss auch die erforderlichen Beweisstücke gesammelt sind, kann Alice in einem Prozess endlich die Unschuld des Herzbuben beweisen und in ihren langweiligen Alltag zurückkehren. Die zahlreichen Spiele stehen natürlich weiterhin zur Verfügung und können über die Navigationsleiste direkt angewählt werden. Ab 8 Jahre.
(Siehe auch: «Kuriositäten und Abenteuer im Wunderland.» In: Ammann, Daniel; Hermann, Thomas. In: Ammann, Daniel; Hermann, Thomas. Klicken, lesen und spielend lernen: Interaktive Spielgeschichten für Kinder. Zürich: Verlag Pestalozzianum, 2004. S. 182–189.)
Daniel Ammann

Die Mutprobe
Verlag: Tivola, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-934789-71-4

In der ersten Computer-Folge mit dem Titel «Die Mutprobe» muss sich Wickie dreimal bewähren, damit er mit den Wikingern auf grosse Fahrt gehen darf. Die kleinen Spielerinnen und Spieler sollen ihm bei seinen Prüfungen helfen und dabei ihr Können in vier Konstruktionsaufgaben und drei (eher bescheidenen) Geschicklichkeitsspielen unter Beweis stellen. Das Motto lautet natürlich auch diesmal: «Klugheit geht vor Muskelkraft». Wenn es gilt, mehr Fische zu fangen als der beste Angler, den schnellsten Schwimmer im Wettkampf zu besiegen oder mehr Steine zu schleppen als der starke Halvar, muss sich Wickie jedesmal etwas Besonderes einfallen lassen. So konstruiert er mit Hilfe des Spielers eine raffinierte Fisch-Auffang-Maschine, bastelt einen Flugdrachen oder legt eine Wasserleitung. Um gar seinen Vater im Steinetragen zu übertreffen, baut Wickie eine riesige Steinschleuder, die es ihm erlaubt, die schweren Brocken rasch und ohne Anstrengung von einem Ort zum anderen zu transportieren (vgl hierzu auch die erste Folge der TV-Zeichentrickserie). Das väterliche Lob hält sich angesichts dieser Konstruktion allerdings in Grenzen: «Was hast du denn da wieder für einen Unsinn gebaut!» Dass es in Wirklichkeit trotzdem einiges an Muskelkraft bräuchte, um die Birkenstämme umzubiegen und am Boden festzuzurren, tut der Genialität des fixen kleinen Kerls hier keinen Abbruch. Immerhin bewegen wir uns in einer fiktionalen Wikingerwelt und geniessen auch im digitalen Erzählmedium alle poetischen Freiheiten. Für einen realistischen Einblick in die faszinierende Welt der Wikinger sei deshalb eher auf einen fachkundigen Museumsbesuch oder das Kindersachbuch «Die Leute von Birka: So lebten die Wikinger» (Oetinger, 2002; ab 10 Jahren) verwiesen. Mats Wahl und der Pettersson-und-Findus-Zeichner Sven Nordqvist entwerfen darin ein detailgenaues Bild der Kultur der Wikinger. Ergänzt wird die Geschichte durch Erläuterungen von Björn Ambrosiani, dem Leiter der Ausgrabungen in Birka.

Die Wickie-CD-ROM richtet sich an Kinder ab vier Jahren. Lesefertigkeiten sind dabei noch keine gefragt, da durchwegs mit Bildsymbolen und Audiokommentaren gearbeitet wird. Die Spiele (in jeweils 3 Schwierigkeitsstufen) werden von Wickie genau erklärt und bei den Knobelaufgaben bekommt man hin und wieder einen Tipp. Das Spiel kann man nach einem Unterbruch zwar an der gleichen Stelle fortsetzen und dank eines Übersichtsbuttons auch jederzeit zu bereits besuchten Schauplätzen zurückkehren, aber diese Funktionen sowie ein direkter Zugriff auf die einzelnen Spiele ist nach Beendigung des Abenteuers nicht mehr möglich. Da alles in eine Geschichte mit Anfang und Ziel eingebettet ist, findet man dafür die unterschiedlichen Örtlichkeiten und Figuren je nach Spielstand nicht immer genau gleich vor – was für ein wenig Abwechslung in den Dialogen sorgt und den Reiz des narrativen Geschehens (abgesehen von ein paar Unstimmigkeiten) durchaus erhöht. Insgesamt ist «Wickie und die starken Männer» für die kleinen Computerfreunde sicher ein kurzweiliges, wenn auch einigermassen kurzes Spielabenteuer.

(Siehe auch: «Klugheit geht vor Muskelkraft.» In: Ammann, Daniel; Hermann, Thomas. Klicken, lesen und spielend lernen: Interaktive Spielgeschichten für Kinder. Zürich: Verlag Pestalozzianum, 2004. S. 94–101.)

Daniel Ammann

Das grosse Gewitter
In Deutsch und Englisch
Verlag: Tivola, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-89887-074-X

Sie lebt zwar, wie Karel Gott im eingängigen Titelsong beteuert, in einem unbekannten Land, aber für Gross und Klein ist «die kleine, freche, schlaue Biene Maja» längst keine Unbekannte mehr. Schon seit 1976 summt sie mit anhaltendem Erfolg über unsere Fernsehbildschirme und erlebt dort mit ihren Freunden Willi und Flip in 104 Episoden immer wieder heikle Abenteuer. Mit bislang zwei CD-ROMs knüpft Tivola an diese Geschichten an und lässt Kinder ab 4 Jahren nun auch am Computer in die bunte Zeichentrickwelt der beliebten Biene eintauchen.

«Das grosse Gewitter» ist eine harmlose Erlebnisreise durchs Pflanzendickicht, bei der es rund acht Spiele zu entdecken gibt. Das Unheil fängt damit an, dass Willis Mütze, ein Geschenk von Fräulein Kassandra, von einem Windstoss fortgeweht wird. Auf der Suche nach dem kostbaren Stück begegnen Maja und Willi zahlreichen Krabbelfreunden, die es in Reaktions- und Geschicklichkeitsspielen aus unangenehmen Situationen zu befreien gilt. Meist kann hier zwischen zwei oder drei Schwierigkeitsstufen gewählt werden. Um den auf dem Rücken liegenden Mistkäfer Marius wieder auf die Beine zu bringen, müssen die beiden Bienen zum Beispiel einen Hebel konstruieren und zur Verstärkung genügend Speckkäfer einfangen. Als eine ganze Käferfamilie wegen des Unwetters auf einem Stein mitten im Fluss festsitzt, soll Maja ihr Boot zu ihnen manövrieren, ohne dabei von den schwimmenden Gegenständen getroffen zu werden. Eine besondere Herausforderung stellt sich für Willi, als die Spinne Thekla seine beste Freundin in ihrem Netz gefangen hält. Hat man sich erst mal für den richtigen Weg durchs Fadenlabyrinth entschieden, braucht es aber noch eine ruhige Hand, um auch sicher ans Ziel zu gelangen. Beim Leiterspiel schliesslich, das man gegen eine der Hauptfiguren spielen kann, handelt es sich um einen einfachen Ziellauf. Analog zum konventionellen Brettspiel rückt man durch Würfeln vor und bekommt hin und wieder Gelegenheit, ein paar Felder zu überspringen, falls man die Wissensfragen aus dem Reich der Insektenwelt richtig beantwortet.

Die zweisprachige CD-ROM zeichnet sich insgesamt durch eine frische und farbenfrohe Gestaltung aus und übernimmt durchaus den Charme der niedlichen Fernsehfiguren. Erwähnenswert ist sicher, dass Eberhard Storeck erneut als Sprecher gewonnen werden konnte und Willi somit auch nach 25 Jahren seine typisch näselnde Stimme behält. Wer nach dem virtuellen Wiedersehen mit den abenteuerlustigen Bienen noch nicht genug hat, für den hält der Markt bereits die weitere Spielgeschichte mit der starken Serienheldin bereit.

Daniel Ammann / Christina Hohl

Die CD-ROM mit der Maus
Verlag: Tivola, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 3-934789-06-4

Wer kennt sie nicht, die selbstbewusste orange Maus mit den grossen Augen und genau sechs Schnauzhaaren? Wenn sie über den Bildschirm spaziert, hört man schnüff-schnüff, die Schritte werden vom Geräusch zweier Kokosnusshälften untermalt, und das berühmte Augenklackern besorgen Kastagnetten. Wie der blaue Elefant und die Ente spricht die beliebte Figur aus der Feder von Friedrich Streich zwar kein einziges Wort, aber vielleicht haben die Kinder sie und ihre Freunde gerade deshalb ins Herz geschlossen.

2001 ist die Heldin des Kindermagazins mit den «Lach- und Sachgeschichten» 30 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass erscheint die zweite «CD-ROM mit der Maus» mit Geschichten, Konzentrations- und Geschicklichkeitsspielen rund ums Thema Geburtstag und liefert dazu viele Bastel- und Geschenkideen, Kochrezepte und Anregungen für Partyspiele aus verschiedenen Ländern.

In der liebevoll gezeichneten Lachgeschichte dürfen wir Max bei den Vorbereitungen zu seiner Geburtstagsparty behilflich sein und am Fest dann unser Geschick beim Jonglieren mit virtuellen Bällen beweisen oder einen lustigen Gespenstertanz choreografieren. Vor allem Musik und Geräusche spielen auf dieser CD immer wieder eine wichtige Rolle. Mit der Musik-Maschine lassen sich Melodien komponieren und malen. Ausserdem gibt es ein Memory mit Musikinstrumenten sowie ein Ratespiel mit Klangbeispielen und Hintergrundinformationen. Die Sachgeschichte zeigt einem sogar, wie man sich aus einer gewöhnlichen Plastiktüte, ein paar Blockflöten und Klebeband selbst einen Dudelsack basteln kann.

«Die Sendung mit der Maus» hat Fernsehgeschichte geschrieben. Unter anderem haben hier berühmte Bildergeschichten wie Janoschs «Oh, wie schön ist Panama» (1979) oder «Der kleine Eisbär» von Hans de Beer (1992) ihre Fernsehpremière erlebt. Die erfolgreiche WDR-Reihe entstand bereits Anfang der 1970er-Jahre und sollte – wie die für deutsche Verhältnisse adaptierte «Sesamstrasse» – einem steigenden Bedürfnis nach unterhaltend-didaktischen Kinderprogrammen nachkommen. Die Mischung aus Magazinform und erzählten Geschichten scheint sich bis heute bestens zu bewähren und erfährt auch auf der vorliegenden «CD-ROM mit der Maus 2» eine ansprechende Umsetzung.

Daniel Ammann

Der Fall Fox
Stephan Brülhart
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2001, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907588-24-6
Schlagwörter: Abenteuer | Spiel

Das Geheimnis um den Berg des Lichts

In einem attraktiven Schuber vereint «Der Fall Fox» ein Bilderbuch, eine CD-ROM und ein «Werkbuch». Damit wird das klassische narrative Leitmedium Buch mit der neuen, interaktiven Erzähl- und Spielform der Spielgeschichte kombiniert. Buch und CD-ROM ergänzen sich: Ohne vorgängige Lektüre des Buches macht die Spielgeschichte auf CD-ROM weniger Sinn und für das Lösen gewisser Aufgaben muss das Buch konsultiert werden.
Neben der eigentlichen Spielgeschichte, die eine Fortsetzung der im Buch als Exposé skizzierten Erzählung darstellt, enthält die CD-ROM auch eine «Spielkiste» mit sieben Spielen, die thematisch unabhängig von der Geschichte sind und auch losgelöst davon gespielt werden können.
Das Buch führt die beiden Hauptfiguren ein, den tüftlerischen Erfinder Fox und seinen besten Freund, phlegmatischen Hund Robydog. Sie leben zusammen in Foxtown. Assistiert werden sie von den beiden Service-Robotern Blitz und Blank. Letztere finden beim Reinmachen eine Postkarte, die Fox’ Grossvater, ein berühmter Forscher, seinem Enkel aus Ägypten geschickt hatte. Darin fordert er Fox auf, sich auf die Suche nach dem Geheimnis vom «Berg des Lichts» zu machen, dem grössten Diamanten der Welt, der einst von englischen Piraten versteckt wurde. Sofort wird das neu entwickelte Flugzeug startklar gemacht und die Suche beginnt. Als Widersacher fungiert Katz, ein finsterer einäugiger Schurke, der dem Geheimnis ebenfalls auf der Spur ist und dem alle Mittel recht sind, um seine Konkurrenz auszuschalten.
Die Geschichte im Buch führt die beiden Helden bis zur Sphinx, die den Diamanten versteckt hält. Um sich aber Zutritt zur Schatzkammer zu verschaffen, müssen Fox und Robydog noch acht Steine finden, die in der richtigen Reihenfolge ins Tor der Schatzkammer gesetzt werden müssen.
Nun beginnt die Suche nach den überall in Europa versteckten Steinen, wofür im Buch die Leserinnen und Leser explizit zur Mithilfe aufgerufen werden. «He du, Leser oder Leserin! Wir brauchen deine Hilfe. Leg schnell die CD-ROM ein und los geht die Jagd nach den acht Steinen».
So setzt man sich am Computer ins Cockpit des Flugzeugs, tippt seinen Namen ein und los geht die Reise. Mit dem Steuerknüppel lassen sich acht verschiedene Destinationen in Europa, sowie Foxtown anfliegen. Dort erwarten einen unterschiedliche Suchaufgaben. Sobald ein Stein gefunden ist, geht die Reise im Flugzeug weiter. Sind alle Steine gefunden, fliegt man automatisch nach Ägypten, wo man vor dem ominösen Tor landet, das mittels der richtig kombinierten Steine geöffnet werden kann. Hinweise dazu erhält man aus dem Buch. Kaum hat man das geschafft, erscheint schon die Zeitung «Mondopost», die über den spektakulären Fund berichtet. Diese Seite kann auch ausgedruckt werden.
Thomas Hermann
(Siehe auch: «Spurensuche mit Buch und Maus.» In: Ammann, Daniel; Hermann, Thomas. Klicken, lesen und spielend lernen: Interaktive Spielgeschichten für Kinder. Zürich: Verlag Pestalozzianum, 2004. S. 156–162.)

Emil und die Detektive
Erich Kästner
Verlag: Cornelsen, Publiziert: 2001, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-464-60166-2
Schlagwörter: Abenteuer | Freundschaft

Ein Leseprojekt zu dem gleichnamigen Roman von Erich Kästner

Das erste Buch des berühmten Autors – und zugleich der erste Kinderkrimi in der deutschsprachigen Kinderliteratur überhaupt – zählt zu den weltweit bekanntesten und beliebtesten Kinderbuchklassikern. Die Geschichte erzählt von Emil, der zum ersten mal allein nach Berlin fahren darf, um seine Grossmutter zu besuchen. Als er im Zug einschläft, wird ihm sein ganzes Geld gestohlen. Nur einer kann der Dieb sein: der Herr mit dem „steifen Hut“, der im selben Zugabteil sass. Emil nimmt die Spur des Diebes auf, doch wie soll er ihn allein zur Strecke bringen? Zum Glück begegnet Emil Gustav mit der Lampe und dessen Freunden, und eine turbulente Verfolgungsjagd quer durch die grosse fremde Stadt beginnt. Zum Schluss gelingt es Emil und „seinen Detektiven“ den Dieb dingfest zu machen. Ein echter Lesespass für alle Krimifans. Für Tempo und Spannung ist gesorgt!

In der Reihe „einfach lesen!“ des Cornelsen Verlags werden bekannte Jugendbücher so gekürzt und vereinfacht, dass sie auch von weniger geübten Leserinnen und Lesern bewältigt werden können. Zur Unterstützung des Textverständnisses eröffnet jedes der kurzen Kapitel eine Illustration. Als optische Lesehilfe sind die Texte zudem mit Zeilenzählern versehen. Verschiedene Aufgaben am Kapitelende dienen der Überprüfung des Textverständnisses. Ein Lösungsheft liegt bei.
Falls der Roman als Klassenlektüre eingesetzt wird, bietet es sich an, die weniger geübten Schülerinnen und Schüler das vereinfachte Leseprojekt und die fortgeschrittenen Leserinnen und Leser die Originalausgabe lesen zu lassen. Das kollektive Leseerlebnis bleibt somit trotz unterschiedlicher Leseniveaus erhalten.
In „Emil und die Detektive“ steht die Welt der Kinder im Mittelpunkt; sie agieren selbständig, die Erwachsenen treten nur am Rande in Erscheinung. Die Freundschaft zwischen den Kindern und spontane Hilfsbereitschaft sind zentrale Werte in dieser Geschichte. Zur Originalausgabe sind ein E-Book, Hörbücher, DVDs, ein Comic und Unterrichtsmodelle erhältlich. Zur ungekürzten Fassung können Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“ gelöst werden.

Klassenstufen: 4,5,6 L

Im Reich der Mammuts
Mary Pope Osborne
Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Rahn
Verlag: Loewe, Publiziert: 2001, Seiten: 90, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7855-4005-3
Schlagwörter: Geschwister | Abenteuer

Das Baumhaus von Philipp und Anne ist voller Bücher – und erst noch verzaubert! Mit diesem Baumhaus können die Geschwister zu all den Orten reisen, die sie in den Büchern sehen. In der vorliegenden Geschichte verschlägt es die beiden in die Eiszeit. Um sie herum ist nichts als Schnee, Eis und karge Felsen. Doch dann entdecken sie eine geheimnisvolle Höhle mit seltsamen Zeichnungen an der Wand. Was mögen sie bedeuten? Philipp und Anne folgen der Spur – und befinden sich plötzlich mitten in einem spannenden Abenteuer. Sie begegnen den Urzeittieren Mammut und Säbelzahntiger und lösen ein Rätsel.
Eine abenteuerliche Reise in eine fremde Welt und eine längst vergangene Zeit.

Die Reihe „Das magisch Baumhaus“ ist mit ihrer grossen Schrift und dem Flattersatz besonders lesefreundlich. Die fantastischen Geschichten spielen jeweils in vergangenen oder zukünftigen Welten und motivieren dank der spannenden Ausgangslage zum Lesen weiterer Bände derselben Reihe. Viele Titel sind auch als Hörbuch erhältlich und es können Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“ beantwortet werden.

Klassenstufe: 4 L

Rennschwein Rudi Rüssel
Uwe Timm
Verlag: Cornelsen, Publiziert: 2001, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-464-60163-1
Schlagwörter: Humor/Komik | Familie/Familienformen

Ein Leseprojekt nach Uwe Timm

Zuppi möchte das niedliche Ferkel unbedingt behalten, das sie beim Dorffest der Feuerwehr gewonnen hat. Und wieder einmal kann sie ihren Vater überreden, zuzustimmen. Doch was fängt man in einer Stadtwohnung mit einem Schwein an? Zumal Herr Buselmeier, der Hausbesitzer, den seltsamen Mitbewohner bald entdeckt. Da erweist es sich als Glück, dass Rudi Rüssel zu einem Rennschwein heranwächst. Ein Lesepass für die ganze Familie – mit und ohne Haustier.

In der Reihe „einfach lesen!“ des Cornelsen Verlags werden bekannte Jugendbücher so gekürzt und vereinfacht, dass sie auch von weniger geübten Leserinnen und Lesern bewältigt werden können. Zur Unterstützung des Textverständnisses beginnt jedes der kurzen Kapitel mit einer Illustration. Als optische Lesehilfe sind die Texte zudem mit Zeilenzählern versehen Verschiedene Aufgaben am Kapitelende dienen der Überprüfung des Textverständnisses. Ein Lösungsheft liegt bei. Falls der Roman als Klassenlektüre eingesetzt wird, bietet es sich an, die weniger geübten Schülerinnen und Schüler das vereinfachte Leseprojekt und die fortgeschrittenen Leserinnen und Leser die Originalausgabe lesen zu lassen. Das kollektive Leseerlebnis bleibt somit trotz unterschiedlicher Leseniveaus erhalten.
Im Anschluss an die Lektüre können Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“ beantwortet werden. Die ungekürzte Fassung liegt bei Bibliomedia Schweiz als Klassensatz vor. Zur ungekürzten Fassung des Titels sind Hörbücher, ein DVD und Unterrichtsmodelle erhältlich.

Klassenstufen: 4,5,6 L

Faszinierend …
Zep
Aus dem Französischen von Joachim Kaps
Verlag: carlsen comics, Publiziert: 2001, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-551-73334-4
Schlagwörter: Pubertät | Humor/Komik | Schule

Held der Comicserie ist der 10-jährige Titeuf. Titeuf und seine Freunde Franz und Hugo versuchen, Antworten auf Fragen des Lebens zu finden. Wie ist es, wenn man sich zum ersten Mal verliebt? Wie funktioniert ein Zungenkuss? Warum will Nadia Titeuf nicht heiraten? Weshalb sind die Väter arbeitslos, und warum muss man Kräutertee trinken, wenn man krank im Bett liegt? Um diese Fragen zu beantworten, muss sich Titeuf allerhand einfallen lassen, und manchmal sind seine Einfälle ganz schön verrückt. Titeuf ist unwiderstehlich, wenn er mit seiner steil aufragenden Haartolle und seinen dünnen Beinen den Kampf gegen den Schulalltag aufnimmt. Man muss ihn einfach gern haben!

Der Band umfasst verschiedene kurze Geschichten, die jeweils auf einer Seite Platz finden. Der Schulhof wird nicht als heile Welt beschrieben, auch Probleme werden aufgegriffen, jedoch ohne moralisierenden Fingerzeig. Die Geschichten von Titeuf sind ausgesprochen lustig. Bislang sind 12 Bände auf Deutsch erschienen. Es ist zudem ein Film von Titeuf aus dem Jahr 2011 erhältlich. Die alltagsnahen Episoden rund um die sympathische Identifikationsfigur Titeuf bieten kurzweilige Unterhaltung in gut zu bewältigenden Portionen.

Klassenstufen: 5,6,7,8,9,10

Grosser Ozean
Herausgeber:in: Hans-Joachim Gelberg
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2000, Seiten: 267, ISBN/ISSN/EAN: 3-4077-9818-0
Schlagwörter: Alltag | Spiel | Kreativität

Gedichte

Bereits mit der 1986 erschienenen Kinderlyrikanthologie Überall und neben mir hat Hans-Joachim Gelberg Massstäbe gesetzt. Mit Grosser Ozean legt er nun wiederum eine spannende Sammlung von alten und neuen Gedichten vor, die sich entweder speziell an Kinder richten oder die Fragen, die auch Kinder beschäftigen, zum Thema haben.

Die in vier Abteilungen gegliederte Gedichtsammlung enthält neben Originalbeiträgen Gedichte, die der Herausgeber aus den Werken bekannter Dichter ausgewählt hat. Neben spielerischen, leichtfüssig daherkommenden Texten finden sich Gedichte, die zum Nachdenken über Lebens- und Alltagsfragen anregen wollen. Wort- und Sprachspielereien sowie Nonsense-Texte regen Gross und Klein zu kreativem Umgang mit geformter Sprache an. Damit erweist sich die schön gestaltete Anthologie als wahres Familienbuch!

Während Hans-Joachim Gelberg in die 1986 erschienene Anthologie Überall und neben dir vor allem Gedichte, die in den Jahrbüchern des Verlages Beltz & Gelberg erschienen waren, aufnahm, bezog er für Grosser Ozean Texte aus dem Bereich der modernen Lyrik und der Weltpoesie mit ein. So findet man neben dem «Abzählreim» von Paul Celan Gedichte von Rose Ausländer, Ernst Jandl, Karl Krolow, Franz Hodjak, Robert Walser oder Pablo Neruda. Damit bietet sich der Leserin und dem Leser eine spannungsvolle und reichhaltige Gedichtsammlung, in der er, den vier als «Flaschenpost» bezeichneten Kapiteln folgend, auf Reisen gehen oder aber sich nach Lust und Laune im «grossen Lyrik-Ozean» treiben lassen kann. Begleitet wird die Sammlung von einem Nachwort, in dem der Herausgeber kurz und prägnant seine Überlegungen zur Bedeutung von Lyrik für Kinder zusammenfasst.

Einen kleinen Wermutstropfen in diesem sprach/phantasieanregenden Ozean bildet der Umstand, dass ein Teil der Bilder, die das Buch zur Augenweide werden lassen, dem passionierten Leser von «Gelberg-Anthologien» seltsam vertraut vorkommen. Im 1997 erschienenen Geschichten-, Bilder-, Märchen- und Gedichtband Oder die Entdeckung der Welt wird er schnell fündig. Eigentlich schade!

RUTH FASSBIND-EIGENHEER

Kein Verleger hat mehr für die moderne deutschsprachige Kinderlyrik getan als Hans-Joachim Gelberg. Seine Anthologie «Grosser Ozean», erstmals zur Jahrtausendwende erschienen, ist das Flaggschiff der deutschsprachigen Kinderlyrik schlechthin. In vier Abteilungen gegliedert, finden sich hier alle Spielformen von Vers und Reim, verfasst von bekannten Lyriker:innen und solchen, die Gelberg zum Gedichteschreiben für Kinder animiert hat. Eine Fundgrube an Texten zum Vorlesen und Verweilen.

Willi der Maler
Anthony Browne
Aus dem Englischen von Peter Baumann
Verlag: Lappan, Publiziert: 2000, ISBN/ISSN/EAN: 3-8303-1012-9
Schlagwörter: Kunst

Was Anthony Browne in seinem neuesten Bilderbuch vorführt, ist ein raffiniertes Spiel mit Bildern und Bildinhalten. Hier werden berühmte Gemälde augenzwinkernd zitiert und – im Anhang – sehr persönlich reflektiert.

Bei der Gestaltung des Buchumschlags geht es schon los: Der Betrachter greift zu einer in Pergament und Leder eingeschlagenen Mappe (auch diese Kostbarkeit ist gemalt!). Von deren Vorderseite aus blickt ihm Willi der Maler entgegen, der im Begriffe ist, Anthony Brownes Porträt zu malen. Im Rollentausch wird die vom Künstler Anthony Browne geschaffene Bilderbuchfigur zum Porträtisten ihres Erfinders! Damit ist implizit gesagt, dass der reale Künstler in diesem Buch in der Rolle des malenden Affen zu Worte kommt. Willi, der auf dem Frontispiz mit der Mappe, die der Bildbetrachter in Händen hält, ins Buch hineinläuft, greift die Doppelexistenz denn auch explizit auf: «Dieses Buch ist all den grossen Künstlern gewidmet, die mich zum Malen inspiriert haben.» In der Folge erzählt Affe Willi malenderweise, im Rückgriff auf berühmte Bilder der Kunstgeschichte, Geschichten, in denen er selbst, das Affenmädchen Lilli und Affe Raufbold-Ralf als Akteure eingesetzt sind. So wird Botticellis Venus zur duschenden Affenschönheit, die, vom Bildbetrachter überrascht, entsetzt ihre Blösse bedeckt. Affe Willi steht mit farbenprächtigen Gewändern hilfsbereit parat. Selbstverständlich darf auch Mona Lisa nicht fehlen! Als Erklärung für das rätselhafte Lächeln der Affen-Lady hat der Bilderbuchkünstler boshafterweise ein künstliches Gebiss in die Landschaft im Hintergrund gesetzt! Auf der letzten Doppelseite erwischt der Bildbetrachter Willi den Maler gerade beim Verlassen des Ateliers; auf dem Tisch bleibt eine Affenmaske liegen. Wer sich auf dem angehängten Faltblatt zu Worte meldet, ist demnach der Bilderbuchkünstler Anthony Browne selbst, der nun die Originalbilder und seine persönliche Beziehung zu ihnen vorstellt. Das künstlerische Verwirrspiel entpuppt sich am Ende als spielerisch lustvoller Spaziergang durch die Kunstgeschichte!

RUTH FASSBIND-EIGENHEER

Das grosse Glück in der kleinen Schachtel
Susanne Vettiger, Illustration: Audrey Marti-Pichard
Verlag: Atlantis, Publiziert: 2000, Seiten: 75, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0435-4
Schlagwörter: Liebe

Weil Carlas Teddy nicht einschlafen kann, erzählt ihm das Mädchen die «Geschichte vom grossen Glück», die in der Streichholzschachtel Nummer 27 im Geheimversteck unter der fünften Kellertreppenstufe aufbewahrt wird.
Der eigenbrötlerische Rabe Viktor und die freundliche Kuh Charlotte verlieben sich ineinander. Ihre gemeinsamen Träume werden erfüllt, als Charlotte Zauberflügel erhält und die beiden nach Venedig fliegen, wo sie den schönsten Sommer ihres Lebens verbringen. Nach ihrer Rückkehr aber werden sie von der Wirklichkeit eingeholt.
Skurril und schräg die Handlung, warmherzig und unbeschwert die Atmosphäre, bedeutsam und sinnbildlich die Botschaft, realistisch und feinsinnig der Schluss: Die einfache Geschichte dieser unmöglichen und doch so entscheidenden Liebe hätte mich auch ohne Rahmenhandlung wahrhaft bezaubert. Die klangvolle Sprache und die sich auf wenige Einzelheiten beschränkenden, wirkungsvollen Farbtafeln lassen das Buch der in Basel lebenden Autorin und der Künstlerin zu einem wunderbaren Familien-Erzählbuch voller versteckter Lebensweisheiten werden.
BEATRIX OCHSENBEIN

Vom Weinen kriegt man Durst
Anke Kranendonk, Illustration: Saskia Halfmouw
Aus dem Niederländischen von Andrea Khuitmann
Verlag: Patmos, Publiziert: 2000, Seiten: 51, ISBN/ISSN/EAN: 3-491-37425-1

Eigentlich hat Onkel Hugo versprochen, dem kleinen Joris beizubringen, wie man ein guter Torwart wird. Und jetzt soll er plötzlich krank sein, und zwar, wie Mama sagt, so krank, dass er nie mehr gesund wird. Mit grosser Offenheit und altersgemäss wird beschrieben, wie Joris die Zeit der Krankheit (Aids) und den Tod des geliebten Onkels erlebt. Der Junge stellt viele Fragen, die die Erwachsenen ehrlich beantworten. Einfühlsam werden die wechselnden Gefühle wie Trauer, Angst, Hoffnung, aber auch Wut – weil der Onkel sein Versprechen, ihn zum Torwart zu machen, nicht einhalten kann – angesprochen. Joris erfährt auch, wie nahe Trauer und Freude, Tod und Leben beisammen sind. Denn kurz nach Onkel Hugos Tod bekommt er eine kleine Schwester und ihr will er, wenn sie grösser ist, alles über den geliebten Onkel erzählen.
MADELEINE AMMAN

East End, West End und dazwischen Maniac Magee
Jerry Spinelli
Aus dem amerikanischen Englisch von Andreas Steinhöfel
Verlag: Dressler, Publiziert: 2000, Seiten: 188, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-1979-4
Schlagwörter: Rassismus | Tod/Trauer | Streit/Konflikt | Aussenseiter:in/Mobbing

Jeffrey Lionel Magee wird allzu früh aus seinem behüteten Dasein gerissen, als seine Eltern bei einem Unfall umkommen und er fortan bei seinen nächsten Verwandten leben muss. Dieses Leben zwischen den zwei verfeindeten Fronten von Tante Dot und Onkel Dan wird zur Hölle und er reisst aus. Er rennt buchstäblich davon, vom hasserfüllten Zuhause mitten hinein in eine andere Welt von Fronten: von Schwarz und Weiss, von East End und West End. Maniac Magee wird er genannt, der Wahnsinnige, der vor nichts und niemandem Angst hat, als er sich als weisser Junge ins East End, den Stadtteil der Schwarzen, wagt. Dort findet er ein neues Zuhause. Doch die Gesellschaft, die auf Rassenhass eingestellt ist, heisst ihn nicht willkommen. Er rennt weiter, versteckt sich, findet Freunde und Verständnis, macht sich Feinde und wird unbarmherzig weitergejagt. Doch unterdessen kennt er beide Seiten, kennt die Stärken und Schwächen der Schwarzen und Weissen und macht sich diese geschickt zunutze, um beide zusammenzubringen.

Unpathetisch, jedoch voller Poesie und starker Gefühle weiss der preisgekrönte Autor die Rassenproblematik in amerikanischen Vorstadtquartieren anzugehen. Rasant lässt er seinen Protagonisten durch die Geschichte rennen und wir verfolgen das Geschehen atemlos, niemals aber gedankenlos. Jeder Junge, jedes Mädchen wird versuchen, ihm auf den Fersen zu bleiben und das Buch erst wieder aus der Hand legen, wenn der stürmische Lauf zu Ende ist.

Fast überall
Azouz Begag
Aus dem Französischen von Regina Keil
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2000, Seiten: 190, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00523-X
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Rassismus

Die Geschichte eines algerischen Jungen in Frankreich

In der Geschichte von Béni, dem algerischen Jungen in Frankreich, geht es um den ganz alltäglichen Rassismus. Sie wäre tieftraurig, wenn sie nicht Azouz Begag geschrieben hätte.
Eigentlich heisst er Ben Abdallah, aber er nennt sich Béni. Beim Namen Ben Abdallah weiss jeder gleich, dass er Ausländer ist, Béni dagegen könnte eine Abkürzung sein, etwa für «Bénédict», ein gut französischer Name. Béni will Schauspieler werden, denn dann könnte er so tun, als wäre er nicht der, der er in Wirklichkeit ist: Sohn algerischer Einwanderer aus einem Lyoner Bidonville. Béni gerät nicht nur zwischen Stuhl und Bank, weil er zwischen zwei gegensätzlichen Kulturen aufwächst und weil er seine Herkunft jeden Tag in irgendeiner Weise zu spüren bekommt, er ist mit 15 Jahren auch in einem Alter, in dem er eine Vorstellung über sein künftiges Leben entwickelt. Davon machen sich seine Eltern ein ganz anderes Bild: am liebsten sähen sie ihre Kinder in Algerien.
Begag zeigt das Aufeinanderprallen der Kulturen in Familienszenen, in Sitten und Gebräuchen, denen sich in unseren Breitengraden niemand entziehen kann, etwa Weihnachten. Und vor allem in Bénis Versuch, nach dem Umzug der Familie in ein anderes Viertel neue Freunde zu gewinnen. Seine Wahl verrät Anpassung an oder Protest gegen die Verhältnisse, und beim blonden und blauäugigen Mädchen, das er zu erobern hofft und das den sinnigen Namen France trägt, endet das Rendez-vous in einer Katastrophe. Denn der alltägliche Rassismus ist fast überall anzutreffen, auch vor dem Eingang einer gewöhnlichen Disco.
Seine Qualität bezieht der Roman, der sich stark an Begags eigene Geschichte anlehnt, durch die Darstellung der quicklebendigen Hauptfigur und durch eine Erzählweise, die dichten Ausdruck, Tempo und Lockerheit miteinander verbindet. Zwar spürt man Begags didaktische Absicht, aber dem Charme des unverwüstlichen Béni, der mit Selbstironie und Witz seine traurige Geschichte erzählt, kann man sich nicht entziehen.
CHRISTINE HOLLIGER

Nermin wird ausgeschafft
Simon Hugi, Beat Hugi
Verlag: Zytglogge, Publiziert: 2000, Seiten: 183, ISBN/ISSN/EAN: 3-7296-0611-5
Schlagwörter: Politik | Schule

«Wir wollen ihn zurück!», schreibt die Klasse 3d aus Langenthal, die hilflos mit ansehen muss, wie ihr Kamerad Nermin mitten aus der Schulstunde von der Polizei abgeholt wird, um mit seiner Familie nach Bosnien abgeschoben zu werden.

Zusammen mit betroffenen Lehrern und Eltern kämpfen Nermins Klassenkameraden mit allen Mitteln darum, bei den Behörden ein Umdenken herbei zu führen, damit dem Jungen erlaubt wird, seine Schulzeit in der Schweiz zu verbringen. Doch die Ämter verschanzen sich hinter Paragraphen aus Angst, einen Präzedenzfall zu schaffen. Das Gesuch wird nach langem bürokratischem Hin und Her abgelehnt.

Sehr gut herausgearbeitet wird das Befinden der Schulkameraden und das Verarbeiten von zwiespältigen Gefühlen, Ängsten und Hilflosigkeit in der Schule. Es werden dabei politisch gangbare Wege aufgezeigt, wie Kinder ihr Rechtsempfinden ausdrücken können und sich gegen Ungerechtigkeit zur Wehr setzen sollen. Andererseits versteigt sich der protokollarisch geschriebene Bericht (Januar bis September 2000) auch mal in fragwürdige, selbstgerechte Aussagen, wenn beispielsweise erwähnt wird, dass Nermin es «verdient» hätte, in der Schweiz zu bleiben, dass er in Bosniens Schulsystem kaum eine Chance hat und niemand freiwillig zurück in eine Heimat will, wo alles zerstört ist und alles neu aufgebaut werden muss. Ist für junge Ausländer alles so viel besser in der Schweiz, allem voran das Schulsystem? Gehören sie nicht eigentlich in ihre Familie, ihr Land, ihre Kultur, wo sie mithelfen können, an der Zukunft mitzubauen?

Voller zwiespältiger Gefühle legt man die minutiös geführte Recherche aus der Hand und ist sich sicher: die aufgeworfenen Fragen verlangen nach einer weiterführenden Diskussion.

GIOVANNA RIOLO

Märchen von weisen Frauen
Burleigh Mutén, Illustration: Siân Bailey
Aus dem Englischen von Julia D. Cremer
Verlag: Urachhaus, Publiziert: 2000, Seiten: 79, ISBN/ISSN/EAN: 3-8251-7303-8
Schlagwörter: Märchen/Fabel

Weise Frauen sind in unseren Volksmärchen oft als heimtückische Alte oder gar böse Hexen verschrien. Dass dieses Bild äusserst unzutreffend ist, wird in diesen alten Märchen über weise Frauen, die in vergangenen Zeiten und verschiedenen Kulturen bedeutenden Einfluss auf die Gesellschaft hatten, eindrücklich aufgezeigt.

Ob die Geschichten in Senegal, Mexiko, Deutschland oder an einem beliebigen Ort auf der Welt spielen, eines ist allen gemeinsam: in jeder Kultur gibt es sie, die kluge, alte Frau. Mit selbstverständlicher Selbstsicherheit tritt sie auf. Die gütige, einfallsreiche, helfende Weise, die die Tradition hochhält und von ihrer Gemeinschaft in jeder Zeitepoche immer geschätzt wird. Burleigh Mutén weiss sie Kindern und Erwachsenen in ihren acht phantasievollen Nacherzählungen eindrücklich näher zu bringen, und die wunderschönen Bilder in starken Farben, die Seiten übergreifend jedes einzelne Märchen in einen eigenen Rahmen einbinden, vermögen zusätzlich das Geschehen geschickt zu unterstreichen. So gelingt es Siân Bailey, besondere Akzente zu setzen, die es auch kleineren Kindern ermöglichen, die erzählte Handlung mitzuverfolgen. In weite Ferne gerückt sind die böse Stiefmutter, die zahnlose alte Hexe oder das habgierige Weib. Beim Betrachten, Lesen, Vorlesen und Zuhören entstehen vor unseren Augen starke Frauenbilder, märchenhaft realistisch.

Zum besseren Textverständnis werden verschiedene Ausdrucksweisen phonetisch erklärt. Und wer sich weiter zu den einzelnen Märchen informieren möchte, kann dies im Anhang bei den Quellenangaben tun.

GIOVANNA RIOLO

Papas Geheimnis
Jürgen Banscherus
Verlag: Arena, Publiziert: 2000, Seiten: 66, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-04783-3
Schlagwörter: Alltag

Vater Paul und sein Sohn Paule bilden samt Kater Johannes Paul ein richtiges Dream Team! In ihrer gut eingespielten Männerwirtschaft funktioniert alles auch ohne weibliche Unterstützung wie am Schnürchen – meistens jedenfalls!
Welches Kind wünschte ihn sich nicht genau so: Einen Papa zum Pferdestehlen, der sich den heutigen Gepflogenheiten entsprechend «cool» benimmt und der auch im grössten Chaos die Übersicht nicht verliert? Schon fast selbstverständlich, wie Paul und Paule ihren gemeinsamen Haushalt managen, ohne grössere Pannen immer rechtzeitig überall hinkommen und es selbst im Kochen zu meisterhaften Ergebnissen bringen. So ganz nebenbei schaffen sie es auch noch, die stets schrecklich neugierige Hausmeisterin Frau Dünnebacke, von beiden liebevoll «Dickebacke» genannt, von ihren unschlagbaren Qualitäten zu überzeugen!
Die beiden Bände vom Schulkind Paule in der Ich-Form und somit in ausgesprochen kindgerechter, leicht verständlicher Sprache erzählt, berühren junges und älteres Lesepublikum gleichermassen. Wir erleben eine Vater-Sohn-Beziehung, die uns nicht mit den Problemen und Schwierigkeiten allein erziehender Väter konfrontiert, die uns weder traurig noch nachdenklich stimmt, sondern die –frei von jeglichem moralisierenden Unterton – im Alltag spielt und Situationen beschreibt, wie sie jeder kennt, allerdings mit einem gelegentlichen Abstecher ins Phantastische!
Es ist Jürgen Banscherus aufs beste gelungen, die Thematik der Ein-Eltern-Familie vorurteilsfrei und humorvoll aufzugreifen, ohne dabei auf Gefühle und Herzensangelegenheiten zu verzichten.
SABINE SANER

Ein Hauptgewinn für Zwei
Jürgen Banscherus
Verlag: Arena, Publiziert: 2000, Seiten: 65, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-04840-6
Schlagwörter: Alltag

Vater Paul und sein Sohn Paule bilden samt Kater Johannes Paul ein richtiges Dream Team! In ihrer gut eingespielten Männerwirtschaft funktioniert alles auch ohne weibliche Unterstützung wie am Schnürchen – meistens jedenfalls!
Welches Kind wünschte ihn sich nicht genau so: Einen Papa zum Pferdestehlen, der sich den heutigen Gepflogenheiten entsprechend «cool» benimmt und der auch im grössten Chaos die Übersicht nicht verliert? Schon fast selbstverständlich, wie Paul und Paule ihren gemeinsamen Haushalt managen, ohne grössere Pannen immer rechtzeitig überall hinkommen und es selbst im Kochen zu meisterhaften Ergebnissen bringen. So ganz nebenbei schaffen sie es auch noch, die stets schrecklich neugierige Hausmeisterin Frau Dünnebacke, von beiden liebevoll «Dickebacke» genannt, von ihren unschlagbaren Qualitäten zu überzeugen!
Die beiden Bände vom Schulkind Paule in der Ich-Form und somit in ausgesprochen kindgerechter, leicht verständlicher Sprache erzählt, berühren junges und älteres Lesepublikum gleichermassen. Wir erleben eine Vater-Sohn-Beziehung, die uns nicht mit den Problemen und Schwierigkeiten allein erziehender Väter konfrontiert, die uns weder traurig noch nachdenklich stimmt, sondern die –frei von jeglichem moralisierenden Unterton – im Alltag spielt und Situationen beschreibt, wie sie jeder kennt, allerdings mit einem gelegentlichen Abstecher ins Phantastische!
Es ist Jürgen Banscherus aufs beste gelungen, die Thematik der Ein-Eltern-Familie vorurteilsfrei und humorvoll aufzugreifen, ohne dabei auf Gefühle und Herzensangelegenheiten zu verzichten.
SABINE SANER

Der Fluch des Lachens
Jules Feiffer
Aus dem amerikanischen Englisch von Werner Leonhard
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2000, Seiten: 182, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-4931-0
Schlagwörter: Abenteuer | Humor/Komik | Märchen/Fabel | Intertextualität

Der Hofzauberer und König Dingsda sind sich einig, Prinz Roger, der zu nichts anderem fähig ist als seine Umwelt in Lachanfälle zu versetzen, muss zur Räson gebracht werden. Kurzerhand schickt man ihn auf eine abenteuerliche Reise, um den Sinn des Lebens zu suchen.

Der Autor versteht es raffiniert, altbekannte Märchenelemente weiterzuspinnen, mit viel Sprachwitz und seinen treffenden schwarz-weissen Illustrationen zu arrangieren und uns in einer modernen Neuinszenierung zu präsentieren. Beim etwas seichten Vorspann fragt man sich noch ungeduldig, wann das Theater endlich losgeht. Doch dann kommt Bewegung ins fantastische Geschehen: Prinz Roger macht sich auf seine geheimnisvolle, skurrile Suche, findet in Tom einen (anfänglich) echten Kumpel und kann sich und andere dank dem Reiseproviant, den der königliche Zauberer ihm mitgegeben hat, in alles Mögliche, meist Rettende, verwandeln.

Spontan sucht der Autor das Gespräch mit uns, wenn er verschiedene Szenen erläutert, die nicht immer in seinem Sinn gespielt werden. Die oftmals doppelsinnige Situationskomik und Anspielungen auf Klassikerliteratur setzen ein etwas «reiferes» Publikum voraus.

Fasziniert liest und lacht man sich durch die unglaublichsten, schrägsten Abenteuer, die der suchende Prinz bestehen muss bis er endlich erkennt, dass er hinter dem falschen Happy End her ist.

GIOVANNA RIOLO

Leo Schmetterling
Lukas Hartmann, Illustration: Julia Kaergel
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2000, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00888-3

Die Kinder in der Schule nennen ihn «Leo Stolperbein», weil er zwei linke Hände und zwei linke Füsse hat. Aber über Schmetterlinge weiss keiner besser Bescheid als Leo!
«Leo ist ungeschickt, ein richtiger Tollpatsch.» Wir schliessen den unglücklichen Knaben schon nach den ersten Zeilen ins Herz. Er aber erlebt jegliche Zuwendung als Mitleid. Er empfindet sich für sein Alter ein bisschen zu klein, ein bisschen zu dick und von allen Seiten verspottet. Besonders von dem Mädchen, das er mag, fühlt er sich unbeachtet. «Sie schaut einfach durch ihn hindurch…». Es ist gut zu verstehen, dass Leo nichts sehnlicher wünscht als sich wie ein Schmetterling in die Luft zu schwingen. Ein wunderschöner blauer Leonide möchte er sein! Für einen Jungen reicht es aber nicht, sich einfach wie eine Raupe vollzufressen und zu verpuppen. Leo muss mit anderen Mitteln für seine Flügel kämpfen. Und wie es sich für ein Kinderbuch gehört, darf ihm dabei etwas Märchenhaftes, Wunderbares, helfen.
Einfühlend und begeisternd erzählt Lukas Hartmann die Geschichte eines Aussenseiters und greift damit ein Thema auf, dem wir immer wieder eher hilflos gegenüberstehen. Er ermutigt kleinere und grössere Tollpatsche, sich Flügel zu besorgen, Flügel, die tief drinnen versteckt sind, die einem niemand nehmen kann. Satzbau und Wortwahl sind einfach gehalten. Die verständliche Sprache lädt auch weniger lesefreudige oder lesebegabte Kinder zum Lesen ein.
Julia Kärgel versteht es, mit ihren Bildern die Stimmung des Textes noch zu verstärken. Mit fröhlichen, lichten Farben schafft die Künstlerin eine positive, leichte, «schmetterlingshafte» Atmosphäre. Wie die Sache ausgeht? Leo bleibt Leo, aber er weiss: «Wer einmal ein Schmetterling war, kann innerlich schweben vor Glück.»
Mit seinem ersten Werk, das farbig illustriert und in einem etwas grösseren Format gehalten ist, hat sich auch der Verlag Nagel & Kimche bunte Flügel wachsen lassen.
ESTHER SCHICKER

Seni und Isi
Luis Breitenbach, Illustration: Christine Seiterle
Verlag: Oratio, Publiziert: 2000, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-7214-4516-3
Schlagwörter: Tiere | Kulturen | Geschlechterbilder | Natur

Eine Geschichte aus dem brasilianischen Urwald

Seni und Isi sind zwei kleine Indianermädchen, Zwillinge um genau zu sein. Ihre Geschichte hat mit weit mehr als «nur» dem brasilianischen Urwald zu tun…

Mit den leuchtend blauen Augen und dem kohlrabenschwarzen Haar müssen die beiden Mädchen sehr hübsch aussehen, anders als die anderen Indianer der Arara. Der friedliche Stamm ist tief in Amazonien zuhause, bekriegt von den Tuwatu, die «viele Tagesmärsche entfernt leben».

So beginnt Luis Breitenbachs in 24 freundliche Lese- bzw. Vorlese-Etappen gegliederte Südamerika-Geschichte. Der Autor, Jahrgang 1915, hat selbst eine Zeit lang in Amazonien gelebt, weiss, wovon er spricht. Langsam tastet er sich in die fremde Welt hinein, lässt seinen kleinen LeserInnen und ZuhörerInnen Zeit, sich an die Umgebung zu gewöhnen. Dann wird sorgsam Tempo und Dramatik der Geschichte gesteigert.

Um was es geht? Isi läuft ihrem Lieblingshündchen Bubu hinterher und verirrt sich im Wald. Ihre Schwester Seni und der gesamte Stamm suchen das Mädchen. Dass es wohlbehalten gefunden wird, hat damit zu tun, dass die Zwillinge die Sprache der Tiere und Pflanzen verstehen. Manta, der Ameisenbär, die Schildkröte Tartaruga und viele andere helfen den Kindern.

So mischt diese Geschichte aus dem brasilianischen Urwald die Lebensrealität der Indianer mit fantastischen Einsprengseln, öffnet eine ferne Welt und macht zugleich den Umgang mit der eigenen Umgebung bewusst – unterstützt von einem Nachwort Bruno Mansers.

Christine Seiterle illustriert mit farbigen Bildtafeln, die das Licht des Urwalds einzufangen scheinen. Ein Licht, das einen im Unklaren lässt über das, was man wirklich sieht und was der Fantasie entspringt. Geheimnisvolle, erdig-starke Wirkung! Dazu schwarz-weisse Tuschzeichnungen, die wie Schattenbilder aussehen, vor allem Tiere zeigen, Einzelszenen aufgreifen. Hübsch gemacht, das alles, wohlüberlegt und attraktiv!

Anna rennt
Elisabeth Zöller
Verlag: Gabriel, Publiziert: 2000, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 3-5223-0010-6
Schlagwörter: Tod/Trauer | Streit/Konflikt

Ein aussergewöhnliches Thema: Tod, genauer Totschlag, auf dem Schulhof. Es für Jugendliche zu literarisieren heisst, die «Schuld und Sühne»-Problematik verinnerlicht zu haben. Und da muss sich die Autorin Elisabeth Zöller ziemlich abrackern, um diese bewegende Geschichte glaubwürdig herüberzubringen.
Breslau, 1953. Anna ist Quinta-Schülerin, die einzige Zeugin von dem Geschehen in der Pause. Wieder einmal haben Georg und Helmut etwas auszufechten. Wie immer ist Georg der Starke und Angesehene, Helmut als Flüchtlingskind hingegen arm und verachtet. Muss er sich deshalb «Wollhosenscheisser» gefallen lassen? Sind Flüchtlinge wirklich «Maden im Speck»?
Lange steckt Helmut vieles weg, doch eines Tages will er es dem Georg zeigen. Und so kommt es zu dem folgenschweren Streit hinten in der Ecke des Schulhofes, wo schliesslich Helmut reglos am Boden liegt. Dass die kindlichen Gehässigkeiten so dramatisch enden, ist nicht vorherzusehen. Auch für Anna nicht, die sich schon die ganze Zeit Gedanken macht um den gewalttätigen Umgang in der Klasse. Weil also nur Anna gesehen hat, wie Georg noch kräftig nach Helmuts Kopf tritt, muss sie die ganze Last der Wahrheit tragen: «Sie ist mit den Worten so allein».
Und so liegt die Tragik des Buches weniger im Hass der «besseren» Gesellschaft auf die «minderen» Mitmenschen, als vielmehr auf dem sorglos-feigen Verhalten der Erwachsenen allgemein. Lehrer, Eltern, ja sogar die Väter von Täter und Opfer, Rechtsgelehrte beide, geben ein Bild zum Schämen ab. Von ihrer Seite kommen Sprüche wie: Wahrheit ist biegsam, nur ja nicht auffallen, sondern sich raushalten, schäm dich für deine Gefühle… Anna merkt, dass sie rennen muss, bis die Wahrheit klar heraus ist.
Mir scheint, Elisabeth Zöller möchte mit ihrem Buch den Erwachsenen den Spiegel vorhalten und den Jugendlichen unbedingten Mut lehren, hellwach gegenüber vermeintlich legitimierten Reden zu sein. Stilistisch hat die Autorin in kurzatmiger Sprache Unruhe und Unbehagen der Protagonistin trefflich eingefangen. Der Leser fühlt sich dadurch in Annas Befinden eingebunden – wenngleich «Anna rennt» natürlich nicht «Lola rennt» ist.
CLAUDIA THEINER

Ich
Lieselotte Schwarz
Verlag: Neugebauer, Publiziert: 2000, ISBN/ISSN/EAN: 3-8519-5647-8
Schlagwörter: Fantasie | Reisen | Märchen/Fabel | Traum

Parallel zur Ausstellung, die zum 70. Geburtstag von Lieselotte Schwarz im Bilderbuchmuseum der Stadt Troisdorf stattfand, hat die Künstlerin nochmals ein Bilderbuch geschaffen. Der Titel des kleinen Kunstwerks für Kinder lautet kurz und bündig: Ich.
Nach 25 Jahren liegt erstmals wieder eine Arbeit dieser Künstlerin für Kinder vor. Schon in den 50er und 60er Jahren schuf sie Bilderbücher, in denen sie mit verschiedenen Bildtechniken experimentierte. So entwickelte Lieselotte Schwarz z.B. in Leiermann dreht goldne Sterne (Ellermann, 1959) noch vor Leo Lionni eine eigene Collagetechnik mit gerissenem Papier. Im nun eben erschienenen Bilderbuch Ich greift Lieselotte Schwarz den traumtänzerischen Charakter dieser frühen Bilderbücher auf. Der Text, auf der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit angelegt, erzählt die Geschichte eines Ich, das auf Entdeckungsreise geht, und den Weg zu einem Du findet. Die einfache Geschichte verwebt sich mit zahlreichen Anspielungen auf Motive aus Romantik, Märchen und Kindervers zu einem poetischen Phantasiegebilde. In den Bildern findet dann eine Materialisierung dieser schwebenden Poesie statt, hier wird das Traumhafte in eine Farb- und Formrealität hineingehoben. Die in kostbaren Farben leuchtenden Aquarellbilder greifen die entgrenzende Kraft der Sprache auf und machen sie für Gross und Klein sichtbar und erlebbar.
RUTH FASSBIND-EIGENHEER

Lieber Philip
Imme Dros
Aus dem Niederländischen von Verena Kiefer
Verlag: Middelhauve, Publiziert: 2000, Seiten: 148, ISBN/ISSN/EAN: 3-7876-9712-8
Schlagwörter: Rassismus

Philip und Roger sind Freunde, meinen sie. In ihrer Freizeit bessern sie den Vita Parcours aus. Das Zusammensein macht Spass, bis Roger seinem Freund eines Tages offenbart, dass er homosexuell ist. Von da an will Philip nichts mehr wissen von Roger. Die Briefe, in denen Roger ihn zum Gespräch auffordert, liest Philip heimlich und legt sie dann wieder zurück. Mit seiner Wut auf Roger kann er nicht umgehen. Er fühlt sich betrogen und weiss nicht warum. Bis Roger ihm einen letzten Brief hinterlegt, in dem steht, dass er ihn mag. Jetzt muss Philip handeln, wenn er Roger noch einmal sehen will. – Imme Dros erzählt eine ganz unaufgeregte Liebesgeschichte zwischen einem niederländischen und einem aus Surinam emigrierten Jungen. Wie Philip lernt, zu seinem Schwulsein zu stehen, ist behutsam und glaubhaft geschildert. Und wie er die Familie in sein Geheimnis einweiht, das ist ganz grosse Klasse. Die Autorin gestaltet in diesem Buch auch das Porträt einer niederländischen Mittelstandsfamilie, ihre Vorurteile und ihre Ängste.
CHRISTINE TRESCH

Peter und der Wolf
Serge Prokofieff, Loriot, Illustration: Jörg Müller
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 2000, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4735-9
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Musik | Tiere

Ein musikalisches Märchen

Der Klassiker unter den bekanntesten Musikmärchen kommt neu mit einer Musik-CD daher. Wie eh und je begeistert er dank der aufliegenden modernen Aufmachung im Comic-Stil und der auf alle Figuren passenden Musikparts, gespielt vom English Chamber Orchestra unter der Leitung von Daniel Barenboim.

Halb Märchen, halb Fabel führt die Geschichte vom schlauen Peter durchs grossformatige Bilderbuch. Jedes Kind freut sich, wenn ein kleiner Junge es mit Hilfe eines flinken Vogels mühelos schafft, den bösen Wolf zu fangen, ihn dann aber grossmütig wieder frei lässt. Auf der Strecke bleibt nicht nur der gefrässige Wolf mit der frechen Ente im Bauch, auch die Erwachsenen – der dauermüde Grossvater oder die dümmlichen Jäger – kommen nicht gut weg. Hat die Geschichte gar eine Moral? Oder sollen wir uns ganz einfach an der Handlung mit dem gewitzten Kind, den realistischen Bildern in satten Farben oder der eindrücklichen Begleitmusik von Prokofieff erfreuen? Und wer erliegt nicht gar dem Charme von Loriots pointierter Erzählkunst? Lassen wir uns einfach unvoreingenommen auf das buchmusikalische Abenteuer ein.

GIOVANNA RIOLO

Eine Liebe in Bagdad
Sami Michael
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Verlag: Gabriel, Publiziert: 2000, Seiten: 230, ISBN/ISSN/EAN: 3-7072-6621-4
Schlagwörter: Liebe

Eine überaus feinsinnig gebaute Geschichte einer Liebe: Romantik und Realität in ausgewogenem Verhältnis. «Herzverstand» könnte man diese Balance zwischen Erleben und Handeln nennen.
Schauplatz ist Bagdad um 1950. Es leben hier Kurden, Juden, Araber, Fellachen. Unter ihnen herrscht Angst vor einem neuen Pogrom. Die Familien von Said und Louise, so verschieden im Status, so ähnlich in der Haltung, möchten jüdisch bleiben. Deshalb wird Louise von ihrem reichen Grossvater in einen Palast nach Teheran gebracht, Said sucht auf abenteuerlichen Wegen eine Fluchtmöglichkeit nach Israel. Das Happy-End ist kein bequemes … Der Autor bedient den Leser nämlich nicht mit gängigen Mustern.
Es ist erstaunlich, wie gut nachvollziehbar das Schicksal von Said und Louise, beide knapp 17, für den Leser geschildert ist! Nicht von ungefähr: Der Autor Sami Michael stammt selbst aus Bagdad, den Stoff für seine Bücher schöpft er aus den Erlebnissen der eigenen Kindheit. Von Mirjam Pressler wissen wir, wie einfühlsam sie in der Übersetzungsarbeit vorgeht.
Der Roman ist höchst sensibel aus der Erzählweise der beiden Hauptfiguren gestaltet. Er ist zudem eine Fundgrube an überlieferten Volksweisheiten aus einem der frühen Kulturländer. Das Buch kann für Jung und Alt rundum wärmstens empfohlen werden.
CLAUDIA THEINER

Verliebt hoch zehn
Caja Cazemier
Aus dem Niederländischen von J. Oidtmann van Beek und P. Oidtmann
Verlag: Kerle, Publiziert: 2000, Seiten: 143, ISBN/ISSN/EAN: 3-451-70311-4
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Liebe

Die Liebe zu sich selbst
Liebesgeschichten zwischen Schülerinnen und Lehrern gibt es einige und ihre Beliebtheit bei den jungen Leserinnen spricht Bände. Oft bewegen sie sich hart am Rande der Wirklichkeit und sind mehr Wunschtraum denn Realität (aktuell das schlechteste Beispiel dieses Frühjahrs ist Nina Schindlers Filmreif verknallt, Arena). Da hebt sich die unspektakuläre Geschichte von Clara und Matthias, ihrem Holländisch-Lehrer, wohltuend ab. Für das vereinsamte Mädchen bedeutet ihre (einseitige) Liebe gleichzeitig die Ablösung von ihrer Kindheit, den ersten Schritt zu sich selbst. Auch ihr enges, fast inzestuöses Verhältnis zu ihrem älteren Bruder lockert sich und macht Platz für eine neue, distanziertere Beziehung. – Sensible Beschreibung des Erwachsenwerdens, bei der die handelnden Personen durch ihre Ernsthaftigkeit und Reife beeindrucken. Claras Notizen, Gedichte und Fantasien widerspiegeln ihre Gefühle auf eindringliche und sehr poetische Weise und geben so Einblick in die Gefühlswelt eines jungen Mädchens. (Ab 13)

Ravensburger Weltatlas
Cornelius Retting, Illustration: Remo Berselli
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2000, Seiten: 95, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-35937-8
Schlagwörter: Geografie

Was erachten wir in unserem Land als erwähnenswert und was würden wir als wichtiges Element in unsere Landeskarte einzeichnen? Die auf den Karten des Ravensburger Weltatlas direkt eingezeichneten Menschen, Sehenswürdigkeiten sowie Fauna und Flora der jeweiligen Gegend geben nicht immer das wieder, was wir auf den ersten Blick vielleicht erwarten. So sind in der Schweiz Alpensteinbock, Alpendohle und – nein, nicht das Edelweiss, sondern, erfreulich, eine Silberdistel als Besonderheiten abgebildet!
Verständlich, dass Beduinen, Inuits (mit Kajak und Motorschlitten!), Aborigines, Lappen und Indianer auf- treten. Aber: Wenn schon Schlan- genbeschwörer, Stierkämpfer, Rodeo usw., wo bleiben denn unsere Schwinger, unsere Wetter-macher aus dem Muotatal und unsere Goldsucher aus dem
Napfgebiet?!
Der Atlas vermittelt eine Wissensfülle, die grafisch und textlich optimal gestaltet ist: Die Karten sind nach Kontinenten geordnet.
Der jeweilige Einleitungstext enthält Informationen über Geografie, Politik, Wirtschaft und Kultur. Am linken Seitenrand sind die Landesflaggen und die Länderkennzeichen dargestellt. Auf jeder Seite finden wir Bilder zu Völkern, Sehenswürdigkeiten und Naturwundern. Zu jeder Karte ist ein Massstab abgebildet. Der Kompass zeigt die Ausrichtung der Karte. Auf einem kleinen Globus ist der jeweilige Teil des Kontinentes rot eingezeichnet. Eine übersichtliche Aufstellung enthält Angaben über Hauptstädte, Einwohnerzahlen usw.
Dem Verlagsvermerk: «Ein kompetentes Nachschlagewerk für die ganze Familie» kann voll zugestimmt werden!

Weltentdecker-Atlas
Martin Oliver, Illustration: Tim Hutchinson
Aus dem Englischen von Brigitte Beier
Verlag: Dorling Kindersley, Publiziert: 2000, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-8310-0023-9
Schlagwörter: Geografie | Rätsel

In Rätseln um die Welt

Findet Frank Finder das geheimnisvolle Monster? Der Weltentdeckeratlas: In Rätseln um die Welt erzählt in Bildern und mit wenig Text eine Rätsel-Abenteuergeschichte. Wir können nun mit Frank Finder mit den verschiedensten Fortbewegungsmitteln, die wir immer zuerst herausfinden müssen, möglichst schnell durch die ganze Welt rasen und das Monster suchen. Oder wir planen grössere Halte ein und suchen auf den Doppelseiten in den dortigen Landesteilen die Standorte von Franks’ Fotos. In Franks Notizbuch sind unter «Entdeckst du?» einige Besonderheiten und Sehenswürdigkeiten aufgeführt. Es ist gar nicht immer so einfach, die dafür verwendeten Symbole in den reich bebilderten Karten zu finden. Es wimmelt eben! Wenn wir aber die Einführung mit den «Überlebenstipps» gut gelesen haben, dann kommen wir heil und erfolgreich durch! Und wenn wir bei dieser Gelegenheit auch noch Wissenswertes über Kontinente, Länder, Städte, Sehenswürdigkeiten, Natur und Menschen mitbekommen haben, dann ist das gesetzte Ziel nicht nur erreicht, sondern übertroffen! (Ab ca. 6 J.)

Atlas der Erlebniswelten
Louise Van Swaaij, Jean Klare
Aus dem amerikanischen Englisch von K.G. Erdbrügger und O.T. Domzalski
Verlag: Eichborn, Publiziert: 2000, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 3-8218-3569-9
Schlagwörter: Fantasie | Geografie | Gefühle

In bekannter Kartographie sind Kontinente wie «Frühling», «Sommer», «Herbst» und «Winter» abgebildet. Wir reisen in Gegenden mit den Namen «Genuss», «Herbstwald», «Vergänglichkeit», «Abenteuer», «Kreativität», «Sumpf der Langeweile» und «Wissen» – und wir kommen «Zuhause» an! Dabei haben wir «Schwindelnde Höhen», «Berge von Arbeit» und über «die Quelle der Eingebung» «die Konzentration» erklommen. Wer hat noch Mut, sich in die Riesenstadt «Wandel» zu begeben? Ein Besuch lohnt sich! Wie bei den herkömmlichen Atlanten gibt uns eine Bildlegende und ein Inhaltsverzeichnis eine Übersicht über das aussergewöhnliche Buch. Jedes der Kapitel wird mit einem Einführungstext eingeleitet. Text und Karten können aber unabhängig voneinander gelesen und betrachtet werden. Der Atlas regt zum Fantasieren und Philosophieren an. Wir können aber auch rein geografische Reisen unternehmen, können Spiele dazu erfinden, können Geschichten schreiben, Bilder malen, wir können …

Prinz Tamino
Michael Sowa
Verlag: Aufbau, Publiziert: 2000, Seiten: 31, ISBN/ISSN/EAN: 3-351-04002-4
Schlagwörter: Fantasie | Märchen/Fabel

Märchen und Papiertheater nach Mozarts Zauberflöte

Man nehme ein Sofa, Sowas Prinz Tamino und einen Vorleser. Dann ist alles gut. Selten hat ein Buch die ganze Familie so erfreut. Ob es die märchenhaft-abstrusen Figurinnen Sowas sind oder seine Interpretation des allseits bekannten Stoffes, der Zauberflöte – das Buch beglückt. Entstanden ist es aus dem Bühnenbild und den Kostümen, die Michael Sowa für eine Frankfurter Zauberflöte-Inszenierung von Alfred Kirchner 1998 entworfen hat. Ein Papiertheater liegt bei; nach dem Vorlesen können sich die Kinder dem Papiertheater widmen und selbst inszenieren, während sich die Erwachsenen als Nachwort das Capriccio von Eckhard Henscheid genüsslich zu Gemüte führen. (Ab 5 J.)

Milli-Methas Abenteuerreise in den Baum
Maren Barber, Hans Schödel
In Deutsch, Englisch und Französisch
Verlag: Tivola, Publiziert: 2000, ISBN/ISSN/EAN: 3-931372-81-2
Schlagwörter: Natur

Eine Naturspursuche

Fehlende Erfolgserlebnisse

Wer viel Geduld und Zeit aufwenden will, kann sich mit Milli-Methas Abenteuerreise in den Baum – vom Produzenten für Kinder ab vier Jahren konzipiert – auf Spurensuche wagen. Nach jedem Klick folgt unweigerlich eine langatmige Erklärung, die sich nicht unterbrechen lässt. Die verspielte, kleinkindliche Aufmachung spricht einerseits Kinder ab vier an. Was jedoch den Lerninhalt anbelangt, sind Kinder unter zehn Jahren völlig überfordert. Was sollen sie mit chemischen Formeln oder gar mit einer hochschulreifen Erklärung zur Fotosynthese anfangen?!

Als besonders frustrierend empfand die Rezensentin den spielerischen Teil, da sie auch mit Hilfe mehrerer Familienmitglieder keines der allzu gut «versteckten 6 tollen Spiele» finden konnte …!

Ideal sind hingegen die Experimente, die sich auch ausdrucken lassen. Mit geduldigem Forschermut ausgerüstet, erfährt man letztendlich immerhin einiges über das Leben der Bäume und es gelingt, die zehn gewünschten Fotos von Baumbewohnern zu knipsen, um zum eigentlichen Ziel zu gelangen, nämlich: Die Eiche vor dem Fällen zu retten.

GIOVANNA RIOLO

Sommerlieder
Margit Sarholz, Werner Meier
Verlag: Sternschnuppe, Publiziert: 2000, ISBN/ISSN/EAN: 3-932703-62-6
Schlagwörter: Musik

Hits für heisse Tage

Ist es erst so weit, spürst du es genau: «Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, die Luft so lau… – nananana! Der Sommer ist da!» Jawoll, und dann wird das Leben leichter. Kinder können badengehen, Papa und Mama trinken Cappuccino, und Tante Gerdi schreibt Ansichtskarten vom Gardasee … Die Sternschnuppe – Sommerlieder bieten satte Rhythmen und augenzwinkernde Milieustudien aus der Jahreszeit, in der die meisten Gemüter kräftig aufleben. Da gehts ab in die Welt der Barfussläufer und nach Hitzefrei stöhnenden Schulkinder, da wird musikalisch abgetaucht in den Mikrokosmos Baggersee. Wasserwelt ist Trumpf: Es planscht das Schwimmflügel-Geschwader, Bikini-Girls stehen Schlangen am Eis-Kiosk.

So ein «Jambalaya am Baggawaya» braucht natürlich sommerheisse Musik: Gitarren klingen afrikanisch, Salsa, Reggae und Hip-Hop bringen selbst lahme Wasserenten kräftig zum Flügelschlagen. Die musikalische Qualität ist genauso ein Genuss wie die Texte, die durchweg Filme im Kopf ablaufen lassen. Samt und sonders gibt es hier Sommer-, Spass- und Badelieder, die absolut familientauglich sind.

Was müssen das für Bäume sein …
Füenf
Verlag: Patmos, Publiziert: 2000, ISBN/ISSN/EAN: 3-491-88770-4
Schlagwörter: Spiel | Musik

Kanons für Kinder von Mozart bis Fredrik Vahle

Kanon: eine Stimme ahmt die andere nach, vielstimmige Singversuche – mehr geprägt durch den Lehrplan und den Eifer des Musiklehrers als durch den Willen der Kinder… Von solchen Erinnerungen sind Kinder im Kindergartenalter noch unbelastet. Trotzdem ist es nicht an der Tagesordnung, dass jeder Mensch diese Art von Gesangsdarbietung mit lustvollem Zuhören und echtem Musikerlebnis verbindet.
Das aber könnte sich jetzt schlagartig ändern.

Das Vokalensemble «Füenf» präsentiert eine Sammlung, die den Kanon von seiner kindertauglichen Seite zeigt. Ihre aussergewöhnlichen stimmlichen Fähigkeiten nutzen die drei Mitglieder des Ensembles intensiv, um dichtbesiedeltes zoologisches Gelände zu Gehör zu bringen: es blökt und meckert, quakt und brummt, dass es eine Lust ist! Zu diesen «tierischen» Kanons stossen tickende Uhren, die Dickmadam, Handstand übende Zwerge, Schlangen beschwörende Fakire. Das Quintett hat einen A-capella-Zauberkasten für Kinder geschaffen, gefüllt mit allem, was Kinder anregt zum Singen, Sprechen und Experimentieren mit Stimme und Tönen. Eine rundum rappende, swingende musikalische Spielerei, in der geklatscht und gepfiffen, gespielt und geschnipst wird, dass es keine Sekunde Langeweile gibt.

SYLVIA NÄGER

Kid Pix Studio Deluxe
Verlag: Mattel, Publiziert: 2000, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Kunst | Kreativität

Zeichen- und Bildbearbeitungsprogramm

Magischer Pinsel, Farbeimer, Radiergummi und sprechende Buchstabenstempel – alles für kleine Künstler. Und wenn so viel Werkzeug wie in diesem digitalen Studio zur Verfügung steht, kann das jeder werden, der mitmacht. Kid Pix ist ein speziell für Kinder entwickeltes Zeichen- und Malprogramm. Per Mausklick zeichnen sie Bilder oder ziehen Motive aller Art auf den Bildschirm. Aber nicht nur die zeichnerische Vielfalt, die dieses sehr einfach zu handhabende Programm bietet, begeistert, sondern auch die Experimentierlust, die es herausfordert. Das liegt daran, dass alles, was vorgegeben ist, auch vielfältig zu verändern oder gar neu zu gestalten ist. Ein Reiz, dem sogar Malmuffel nicht widerstehen können.

Wer so erlebt, wie man selbst für Bewegung sorgt, ist auf dem besten Wege, medial gestalten zu lernen. Akustisch werden reichlich Soundtracks geliefert: vom Meeresrauschen über Bambuswälder bis hin zum Bauernhof reicht das Angebot. Wer mitmacht, wird sich auf einem riesigen Kreativspielplatz wiederfinden und kann sich handlungsorientiert und spielerisch Medienkompetenz verschaffen. Und zu alledem ist diese Software ein hochwertiges und zugleich preisgünstiges Programm.

Sylvia Näger

Weihnachten unter dem Zuckerhut
Anita Siegfried
Verlag: Universal Music, Publiziert: 2000, ISBN/ISSN/EAN: 3-8291-1134-7
Schlagwörter: Armut | Freundschaft | Feste/Bräuche

In einer «Berliner Radiogeschichte» der Schweizer Autorin Anita Siegfried findet Weihnachten unter dem Zuckerhut statt. Aber wie ist es eigentlich, wenn man das mitten im Sommer feiert?

Anja kann sich Weihnachten ohne Schnee und Zimtsterne nicht vorstellen. Die Überraschung ihrer Eltern, die Feiertage bei Onkel Georg in Rio de Janeiro zu verbringen, begeistert sie überhaupt nicht. Die – wie alle Titel dieser Sendereihe – original für den Ohrenbär des Senders Freies Berlin geschriebene Geschichte erzählt in ebenso einfühlsamem wie nüchternem Ton von unseren Bedürfnissen nach Ritualen und Traditionen, die gerade Kindern oft noch heiliger sind. Sie berichtet aber auch davon, wie man – wenn leichte Modifikationen wie hochsommerliche Temperaturen unterm Plastiktannenbaum zugelassen werden – zu neuen Erfahrungsräumen vorstossen kann.

Anja stellt nicht nur fest, dass sich an der Copacabana unter Zuckerhut und Christusstatue mit Cousine Lisa doch fröhliche Weihnachten feiern lassen. Sie begegnet durch Marcella aus der benachbarten Favela auch der Armut und den sozialen Unterschieden des Landes. Die Autorin schildert diese Thematik sparsam und unaufdringlich. Ebenso lässt sie die Geschichte dann auch enden: Mit Geschenken und Gebäck vermittelt Anja Marcella einen Eindruck von dem Weihnachtsfest, wie sie es zu Hause feiert.

Dem Text gelingt es, die fremde Welt mit all ihren Sinneseindrücken atmosphärisch dicht einzufangen. Die mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin Nina Hoss gibt dem allem mit ihrer Stimme echtes brasilianisches Flair und trifft die heiteren wie die ernsten Töne.
Die Radiogeschichten für kleine Leute, die der SFB (koproduziert von WDR und NDR) jeden Abend in zehnminütigen Folgen für Kinder zwischen 4 und 8 Jahren sendet, werden stets von namhaften SchauspielerInnen gelesen. Anita Siegfried ist nicht die einzige Schweizer Autorin im Ohrenbär-Programm. Vertreten wird diese Region der deutschsprachigen Literatur auch durch Jacqueline Crevoisier, Peter Stamm, Lukas Hartmann oder Robert Tobler; sie alle bringen hier eine ganz eigene Farbe ein.

Durch die Kooperation des SFB mit der Deutschen Grammophon ist Anita Siegfried nun – wie inzwischen über dreissig andere Titel auf MC und CD – auch andernorts zu hören. Die aktuellen Ohrenbär-Geschichten können seit diesem Jahr weltweit im «livestream» auf der Internetseite unter www.ohrenbaer.de abgerufen werden.

Veronika Roller

Warum haben wir nichts gesagt?
Jan de Zanger
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Hörcompany, Publiziert: 2000, ISBN/ISSN/EAN: 3-935036-05-1
Schlagwörter: Schule

Ebenso gelungen ist das Hörbuch “Warum haben wir nichts gesagt?”, das auch von einem Aussenseiter erzählt. Pieter Vink erinnert sich an die traumatischen Schulerfahrungen von Sigi Boonstra, dem Prügelknaben der Klasse, der sich kurz vor dem Abitur unter den Zug wirft. Jan de Zangers Geschichte einer Klassenzusammenkunft, die zum Gerichtstag wird, ist ein eindrücklicher Roman. Wie nun der Schauspieler Max Eipp das behutsame Vortasten in Verdrängtes hörbar macht, und wie er dazwischen einzelne, quasi lustige, aber menschenverachtende Schulszenen mit Rollenstimmen liest, das ist ein grossartiger Dienst am Text – und vielleicht auch eine Möglichkeit, Jugendlichen, die lieber Actionbücher lesen, das Erlebnis dieser eindrücklichen Geschichte zugänglich zu machen.
Hans ten Doornkaat

Neue Kunst für junge Augen
Herausgeber:in: Götz Adriani
Verlag: Museum für Neue Kunst, Publiziert: 2000, Seiten: 63, ISBN/ISSN/EAN: 3-928201-25-5
Schlagwörter: Kunst

Werke von 1960 bis heute im Museum für Neue Kunst ZKM Karlsruhe

Das ZKM-Buch, das nur Werke von 1960 bis heute vorstellt, thematisiert das gleich im ersten Kapitel. Zunächst zeichnet es sich durch einen sympathischen, anbiederungsfreien Ton aus. Die klare Gliederung, der gute Druck auf festem Papier und – leider eher selten im Kinderkunstbuchsektor – die recht gediegene Grafik tragen zum positiven Eindruck bei.

Auf jeweils einer Doppelseite wird ein Werk vorgestellt. Die Erläuterung unverzichtbarer Fachwörter sowie die Kurzbiografien der Künstler sind in den Anhang ausgelagert. Die Texte enthalten neben Informationen (etwa wie ein Bild gemacht ist) und Geschichten zur Entstehung der Werke auch Fragen oder, sparsam, Anregungen. So heisst es in einem kleinen Abschnitt zu den Datumsbildern von On Kawara: “Auch der Tag, an dem du diesen Text liest, hat für einige Menschen und vielleicht auch für dich eine besondere Bedeutung. Wie mag es sein, wenn du in zehn Jahren an diese Zeit zurückdenkst?”

Diese Art Text regt zu genauen Beobachtungen und zum Nachdenken an. Die Texte zeigen, wie man mit den oft als schwer zugänglich empfundenen Werken zeitgenössischer Kunst unverkrampft und doch nicht respektlos umgehen kann. Das macht das Buch über Karlsruhe hinaus interessant.

Barbara Basting

Das ist das Haus am krummen Baum
Imme Dros, Illustration: Harrie Geelen
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Middelhauve, Publiziert: 2000, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 3-7876-9616-4
Schlagwörter: Geschwister

«Das ist das Haus am krummen Baum, von dem ich träume in meinem Traum. Und dann kommt die Wiege von Rosilein, darum ist das Haus zu klein und wir müssen ausziehen… » Die poetisch erzählte Geschichte, in der immer ein Element hinzukommt und alles Vorangegangene wiederholt wird, gibt das zwiespältige Gefühl wunderbar wieder, das den kleinen Jungen beschleicht, als seine Familie ins Haus der verstorbenen Oma umzieht, weil durch die Geburt des Schwesterchens kein Platz mehr im alten Haus war. Der Kleine fürchtet sich zwar vor der Veränderung, kennt aber das neue Haus schon ein wenig, und mit der Schwester kann er sich arrangieren. Die Nass in Nass gemalten Aquarellbilder unterstreichen die unsichere Zukunft, nehmen ihr aber alles Bedrohliche.
Helene Schär

Schreimutter
Jutta Bauer
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2000, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79264-6

An diesem Morgen schreit die Mutter Klein Pinguin so laut an, dass es ihn in tausend Stücke zerreisst. Kopf, Flügel, Bauch, Schwanz, jeder Körperteil fliegt in eine andere Richtung, nur die Füsse bleiben stehen. Wohin sollen sie gehen, um die Teile wieder zu finden? Die Füsse rennen und suchen, bis sie am Abend in die Wüste gelangen. Da legt sich ein Schatten über sie: Mutter Pinguin! Sie hat alle anderen Glieder eingesammelt und näht sie wieder zusammen, nur die Füsse haben noch gefehlt. Entschuldigung, sagt sie. Und die Sonne geht hinter den beiden leuchtend unter. – Ein wunderbares Buch, das allen Müttern (und auch Vätern) aus dem Herzen spricht! Wer hat nicht schon sein Kind angeschrien und zusehen müssen, wie es, zu Tode erschrocken, erstarrt. Mit dieser kleinen, feinen Geschichte und den einfachen, aber aussagekräftigen Bildern wird wieder gutgemacht, um Entschuldigung gebeten. Was für eine wichtige Erfahrung für Kinder und Eltern!

Helene Schär

Mein Papa
Anthony Browne
Aus dem Englischen von Peter Baumann
Verlag: Lappan, Publiziert: 2000, Seiten: 26, ISBN/ISSN/EAN: 3-89082-235-5
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Familie/Familienformen

Mein Papa ist der Grösste, der Beste, der Begnadetste, hat einen Riesenhunger, schwimmt wie ein Fisch und singt wie ein toller Sänger, ist kuschelig wie ein Bär, hilft zu Hause, ist klug: Ich hab ihn lieb! – Er hat mich auch lieb. Anthony Browne zeigt uns Vater als Superhelden, und eigentlich wartet man von Seite zu Seite auf die Pointe, die ihn vom Sockel herunterholt. Sie kommt nicht, dafür stellt das Kind am Ende fest, dass es den Vater gern hat, und natürlich liebt auch der Vater seinen Sohn für immer und ewig. Die Darstellungen sind witzig und ironisch genug, um die Heldenhaftigkeit nicht für bare Münze zu nehmen. Ein lustiges und liebevolles Buch. Jetzt fehlt nur noch ein Band mit dem Titel «Meine Mama», damit sich auch alle Mütter einmal im heissen Glück des Einfach-Superseins sonnen können. Von Anthony Browne stammen die ebenfalls äusserst witzigen Willi-Bände, zum Beispiel «Willi der Träumer» oder «Willi der Weichling».

Helene Schär

Der verlorene Wackelzahn
Cornelia Funke, Illustration: Julia Kaergel
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2000, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6503-4
Schlagwörter: Geschwister | Eifersucht/Neid

Stolz zeigt Anna dem kleinen Bruder Benni ihren Wackelzahn. Fällt er raus, bekommt sie etwas von der Zahnfee. Bennis Zähne sind noch nicht locker, trotzdem möchte auch er von der Zahnfee beschenkt werden. Und schon fliegen die Fetzen. Plötzlich ist Annas Zahn weg. Wo nur liegt er bloss? Die Mutter hilft suchen. Benni schaut zu, aber der Zahn bleibt verschwunden. Lässt sich die Zahnfee mit einem Plastikzahn aus dem Monstergebiss überlisten? Da öffnet Benni seine Hand. Hier ist der Zahn! Nach einer Versöhnungspraline von der Mutter kann Benni den Plastikzahn unters Kissen legen. Die Zahnfee macht mit, der nächste Morgen bringt für beide Kinder eine Überraschung. Eine Geschichte mit gut dargestellter Geschwisterbeziehung, etwas harmonisierender Mutter, aber für Kinder (und Eltern) nachvollziehbar. Der Text könnte weniger ins Detail gehen und den Kindern dafür die Chance geben, zwischen den Zeilen – oder in den stimmungsvollen Illustrationen – zu lesen.
Helene Schär

König und König
Linda de Haan, Illustration: Stern Nijland
Aus dem Niederländischen von Edmund Jacoby
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2000, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-4938-8

Die alte Königin ist das Regieren leid, darum befiehlt sie ihrem Sohn, das Zepter zu übernehmen. Zuvor soll er aber heiraten. So kommen die Prinzessinnen von überall her und stellen sich vor. Aber keine vermag die Königin und ihren Sohn zu überzeugen. Bis ganz zum Schluss noch eine Prinzessin in Begleitung ihres Prinzen-Bruders anklopft. Es ist Liebe auf den ersten Blick: Der Bruder gefällt dem Königssohn so gut, dass er ihn auf der Stelle heiraten will. Und sie regieren fortan als König & König. Das Märchen mit dem verblüffenden, gänzlich unerwarteten Schluss legt sich quer zu den vertrauten und üblichen Bildern und versucht, das gängige, den Kindern von klein auf eingeflösste Weltbild durcheinander zu wirbeln. Es eignet sich gut, um schon mit jüngeren Kindern über Rollenbilder und AussenseiterInnen zu diskutieren. Der kecke Erzählton und die frechen Illustrationen deuten nicht direkt auf das überraschende Happyend hin, vermögen aber die Neugierde zu schüren, die dahin führt.
Helene Schär

Das weite Feld
Oddmund Hagen, Illustration: Akin Düzakin
Aus dem Norwegischen von Anja Lewe
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 2000, Seiten: 34, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-4308-8
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Nickel möchte nach Hause. Aber das Feld auf dem Weg dorthin ist gross und weit. Der kleine Hase traut sich nicht, es zu überqueren. So wartet und wartet er auf den günstigen Augenblick, bis es dämmert. Dabei gehen ihm tausend Gedanken durch den Kopf. Ob er zu Hause schon vermisst wird? Was wohl der kleine Bruder macht? Und – war er nicht letztes Jahr mit seinem Vater in Windeseile über eben dieses Feld gehoppelt? Endlich, als es schon dunkel ist, kommt die Mutter, nimmt ihn in die Arme und trägt ihn über das Feld heim. – Stimmungsvolle Bilder sekundieren den Text und illustrieren das Warten auf den günstigen Augenblick, die Furcht vor dem grossen Feld und den Gefahren, die lauern könnten. Auf der rechten Buchseite werden die Gedanken bildnerisch umgesetzt, die im Kopf des kleinen Hasen kreisen. Sie zeigen die Hasenfamilie am Tisch, beim Zubettgehen, in der Stube. In der realen Welt auf der linken Buchseite ringt Klein Hase mit sich und quält sich, weil er den Sprung nicht wagt. Das wird gut nachvollziehbar wiedergegeben. Ein leises Bilderbuch, dem es gelingt, Grundängste unspektakulär zu formulieren, ohne einen Helden zu kreieren.

Helene Schär

Wenn ich mir etwas wünschen könnte
Franz Hohler, Illustration: Rotraut Susanne Berner
Verlag: Hanser, Publiziert: 2000, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-19819-9

Barbara kann alles weniger gut als die anderen, hat weder FreundInnen, noch ist sie schön. Eines Nachts erscheint eine Fee und schenkt ihr einen Wunsch. Ein paar blaue Schuhe! Am nächsten Morgen sind in der Schachtel nicht die braunen Schuhe, die ihr die Mutter am Vortag gekauft hat, sondern ein Paar blaue. Mit diesen kann Barbara plötzlich schnell rennen, kriegt bewundernde Blicke und wird sogar nach Hause begleitet. Eines Nachts kommt die Fee wieder. Barbara weiss sofort, dass sie einen roten Kugelschreiber haben will. Der Wunsch geht in Erfüllung, und Barbara kann plötzlich schön und richtig schreiben. Als die Fee zum dritten Mal auftaucht, wünscht sich Barbara einen Papagei. Und siehe da, der Postbote steht am Morgen mit einem Papagei vor der Haustüre. Die Mutter ist nicht begeistert. Aber der Papagei singt viele Lieder, und Barbara kann in der Schule plötzlich viel besser singen. Und weil der Papagei der Mutter und Barbara jeden Morgen «Guten Morgen, ihr Schönen» sagt, sind die beiden tatsächlich viel schöner geworden, und die Mutter hat sich mit dem Vogel arrangiert. – In Anlehnung an das Märchen mit den drei Wünschen und viele andere Märchenelemente erzählt Franz Hohler hier eine moderne Geschichte von einem Mädchen, das allmählich lernt, sie selber zu sein und an sich zu glauben. Die Geschichte birgt viele subtil beobachtete Feinheiten; die fröhlichen und farbigen Illustrationen ergänzen den Text auf fantasievolle Weise und sprechen Kinder zweifellos an.
HELENE SCHÄR

Ich! Marleen die Mittelmaus
Doris Lecher
Verlag: Bajazzo, Publiziert: 2000, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 3-907588-15-0
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Geschwister | Familie/Familienformen

Mal zu gross, mal zu klein – Marleen die Mittelmaus ist wirklich zu bedauern. Allerdings hat nur gerade sie für Zuckerwatte das richtige Alter! Dieses Bilderbuch wird nicht nur Mittelmäuse begeistern.

Marleen, die mittlere von drei Geschwistermäusen, hat es schwer: Sie ist zum Biken zu klein, für Papas Schultern zu schwer, Maximaus kann immer alles besser und Minimaus ist niedlich und süss. So zieht die unverstandene Mittlere über die Strasse zur Oma, wo sie ganz allein alle Aufmerksamkeit geniesst. Und Oma erzählt aus ihrer Kindheit, von ihrer Situation als Mittelmaus Nummer 39, wo immer ältere Geschwister da waren, die sie verteidigten, oder jüngere, denen sie was beibringen konnte. Da merkt auch Marleen, wie vorteilhaft es sein kann, ein älteres und ein jüngeres Geschwister zu haben.

Die mit Liebe zum Detail gemalten Bilder sind ein Augenschmaus für alle kleinen und grossen Mittelmäuse (aber nicht nur!), denn sie erzählen eigenständig, mit Hintersinn und Augenzwinkern von der scheinbar ungerechten Situation der Mittelkinder. Dieses aus dem Leben gegriffene Bilderbuch könnte realistischer und witziger nicht sein und ragt eindeutig aus dem Mittelmass heraus.

Beatrix Ochsenbein

Kein Kuss für Tante Marottel
Thierry Lenain, Illustration: Stéphane Poulin
Aus dem Französischen von Michaela Kolodziejcok
Verlag: Altberliner, Publiziert: 2000, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 3-357-00940-4

Die kleine Ich-Erzählerin erfährt in der Schule, dass ihr Körper nur ihr gehört: Niemand darf sie einfach so küssen und berühren, wenn ihr das nicht passt, auch nicht Tante Marotte. Als sie das nächste Mal bei Tante Marotte zu Besuch ist, verweigert unsere kleine Protagonistin den ekligen Kuss, sehr zum Missfallen von Mutter und Tante, die ihr kein Geldstück mehr zum Abschied gibt. Die Mutter macht ihrem Ärger auf dem Rückweg Luft. Nun wird die Tante ihnen das Haus bestimmt nicht vererben. Der Vater vermittelt, und die Mutter entschuldigt sich: Es ist richtig, die kleine Tochter muss sich nicht alles gefallen lassen! Am Abend sitzt die Familie auf dem Sofa und schaut fern. Unsere Protagonistin kuschelt und schmust mit ihren Eltern: So passt es ihr. – Stimmungsvolle und aussagekräftige Bilder illustrieren, was es heisst, Mut zum eigenen Handeln aufzubringen. Die Geschichte besticht, weil ihre Botschaft klar ist. Dass die Eltern aus materiellen Überlegungen von ihrer Tochter etwas erwarten, das dieser zuwider ist, kann realistisch sein. Obwohl die Rollen innerhalb der Geschichte den gängigen Vorstellungen entsprechen – die reiche Erbtante, an die man sich heranschleicht; der Vater, der für das Waschen seines Autos Sackgeld zahlt, ausnahmsweise auch mal die Mutter ans Steuer lässt und sich auf die Seite der Tochter gegen die Mutter stellt –, überzeugt sie mehr als andere zu ähnlichem Thema.
Helene Schär

Das geht doch nicht!
Brigitte Schär, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2000, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-62035-8
Schlagwörter: Abenteuer

Die Jüngste in der Familie «hat ja immer schon gemacht, was sie wollte». Aber als das Sägen und Hämmern im verschlossenen Wohnzimmer kein Ende nimmt, wundert sich die ausgesperrte Familie (und mit ihr die neugierigen LeserInnen) doch sehr. Die Weihnachtsüberraschung sprengt denn auch deutlich die üblichen Bastelarbeiten, und dank der Durchsetzungskraft und Abenteuerlust der Kleinsten bricht die ganze Familie buchstäblich zu neuen Ufern auf. Spannend und gekonnt erzählt aus der Wir-Perspektive der übrigen Familie, die sich an so viel Mädchenpower erst gewöhnen muss.

Die Prinzessin kommt um vier
Wolfdietrich Schnurre, Illustration: Rotraut Susanne Berner
Verlag: Aufbau, Publiziert: 2000, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-351-04000-8

Heute macht er einen Ausflug in den Zoo. Löwe, Affen, Bären, Krokodil, Giraffe, was riecht denn plötzlich so? Die Hyäne, mein Gott, wie sie stinkt. Sie kommt näher an den Käfig, will etwas mitteilen: Sie sei verzaubert, eine Prinzessin, und würde sich verwandeln, wenn sie nur jemand einladen würde. Warum nicht, denkt der Zoobesucher und bittet zum Kaffee, heute um vier Uhr. Zu Hause bereitet er alles vor, zieht sich schön an und wartet. Pünktlich um vier klingelt es, und die Hyäne steht da, lässt sich zu Tisch bitten, isst, was das Zeug hält, geifert und kaut und schlürft Kaffee. Plötzlich wird sie traurig und schluchzt und entdeckt dem Gastgeber die Wahrheit: Sie ist keine Prinzessin. Das hat dieser schon lange gemerkt, und es macht auch nichts. Er begleitet sie freundlich wieder zurück. – Eine wundersame Liebesgeschichte, die durch die Illustrationen von Rotraut Susanne Berner noch eindrücklicher zum Tragen kommt. Die direkt auf den Film gezeichneten Farbauszüge erzeugen den besonderen Effekt einer einfachen Farbzeichnung und untermauern den Eindruck von der Selbstverständlichkeit, mit der die verrückte Geschichte erzählt wird.
Helene Schär

Molly, die kleine Monsterin, schläft nicht in ihrem Bett
Andrea Sieger, Ted Sieger
Verlag: Lappan, Publiziert: 2000, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 3-8303-1011-0

Die kleine Monstermolly will nicht in ihrem Bett schlafen, sondern trippelt regelmässig zu den Eltern hinüber. Die geben sich alle Mühe, das Kind in seinem Bett zu halten: Sie machen mehr Licht im Zimmer, machen dunkler, bringen ihm zu essen, zu trinken…, aber alles nützt nichts. Endlich fällt ihnen eine Lösung ein. Abwechselnd schläft der Vater oder die Mutter neben dem Kinderbett. Jeden Abend bewegen sie sich ein bisschen weiter davon weg, bis sich das kleine Monster damit angefreundet hat, dass es sich im eigenen Bett auch gemütlich schlafen lässt. – Mit vielen witzigen Details in den Illustrationen und augenzwinkernden Anspielungen an die Adresse erzählender Erwachsener wird hier eine Situation geschildert, die viele Kinder schon erfahren haben. Schön, dass sich die Eltern abwechseln und überhaupt in der ganzen Geschichte absolut gleichberechtigt handeln.

Helene Schär

Madlenka
Peter Sis
Aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: Hanser, Publiziert: 2000, Seiten: 46, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-19887-3
Schlagwörter: Abenteuer

Irgendwo im Universum, in einer Grossstadt – sie erinnert an New York – gibt es ein Mädchen, Madlenka, dem der Zahn wackelt. Welch ein Ereignis! Alle Leute sollen es erfahren. Madlenka rennt die vielen Treppen ihres Hauses hinunter, um die Ecke zum Bäcker, zum Gemüsehändler, zum Zeitungshändler, zum Eisverkäufer, zum Früchteladen…, bis sie den Häuserblock umrundet hat und zu den besorgten Eltern zurückfindet. In der Grossstadt gehört fast jeder Laden einem Händler aus einer anderen Gegend der Welt: aus Frankreich, Indien, Costa Rica, Italien. Madlenka hat schnell eine Weltreise gemacht. – «Madlenka» bietet einen echten Einstieg für Kinder in eine multikulturelle Welt. Auch wenn die ersten Begegnungen des Mädchens mit anderen Kulturen selbstverständlich nicht über gewisse Klischees hinausgehen (die verschiedenen Händler sind ja alle in der fremden Stadt und bieten die Dinge an, die von ihnen erwartet werden: Südfrüchte aus Costa Rica, Baguettes und Brioches aus Frankreich usw.), wird dieser Mikrokosmos in der Grossstadt doch vielfältig vorgestellt. Er will die Kinder dazu anregen, die Augen zu öffnen für neue, fremde und verlockende Eindrücke und Abenteuer. Witzig sind die Gucklöcher, die jeweils Einblick in die nächste Buchseite geben oder auf der linken Seite an Madlenka erinnern, die mit ihrer Wackelzahn-Botschaft unterwegs ist.
Helene Schär

Meret braucht Geld
Susanne Vettiger, Illustration: Audrey Marti-Pichard
Verlag: Orell Füssli, Publiziert: 2000, Seiten: 38, ISBN/ISSN/EAN: 3-7152-0421-4
Schlagwörter: Abenteuer | Emanzipation

Meret hat eine Idee, und darum muss sie ganz schnell zu Tante Bruna in die Stadt fahren. Sie will nämlich mit ihr einen fahrenden Kiosk kaufen. Nur woher das Geld nehmen? Vom Geldautomaten geht nicht, weil die Tante kein solches Plastikkärtchen besitzt. Aber sie können einen Flohmarkt veranstalten und alte Sachen vom Dachboden verkaufen und Kuchen anbieten – und dann hat Tante Bruna auch noch ein Sparbüchlein. An diesem Abend träumen sie vom Kiosk, mit dem sie durch Stadt und Land fahren. Eine fröhliche Geschichte ohne viel Tiefgang, mit keiner besonderen Moral und dafür voller Abenteuer, in denen immer wieder die Welt kleiner Kinder reflektiert wird: der Bahnhof, der Kiosk mit den Pfefferminzbonbons, der Estrich mit den vielen Sachen usw. Die beneidenswert unternehmungslustige Tante ist gerade die richtige Person für die draufgängerische kleine Meret, und zusammen stellen sie ein eigenständiges, emanzipiertes Team dar.
Helene Schär

Bruder Bär und Schwester Bär
Hanna Johansen, Illustration: Käthi Bhend
Verlag: Edition Bücherbär, Publiziert: 2000, Seiten: 79, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-07675-2

Zwei kleine Bärenkinder, Schwester und Bruder, wachsen völlig gleichberechtigt auf und lernen von ihrer Mutter alles, was sie zum eigenständigen Überleben im Wald brauchen. Die (zoologisch korrekte) Schilderung der schrittweisen Ablösung von der Mutter lässt erkennen, dass auch die alte Bärin (die ihrer Art entsprechend allein erziehend ist) eigene Bedürfnisse hat. Erzählt in sparsamer, rhythmischer Prosa, mit feinem Humor. Schöne Buchgestaltung mit präzisen und stimmigen Federzeichnungen.

Lola und die Piraten
Ole Könnecke
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 2000, Seiten: 76, ISBN/ISSN/EAN: 3-499-20980-2
Schlagwörter: Abenteuer

Lola, die bei ihren Grosseltern in den Ferien ist, wird von ihrem Grossvater, einem alten «Seebären», zu einer Partie Dame herausgefordert. Sie willigt ein, aber nur unter der Bedingung, dass er sie nicht absichtlich gewinnen lässt. Der Grossvater behauptet, er verliere nie. Als ihn Lola trotzdem besiegt, verlässt er beleidigt das Haus, und der Zufall will es, dass er vom Piraten Kapitän Schultz, der mit ihm noch eine Rechnung zu begleichen hat, entführt wird. Nur gut, dass die beherzte Grossmutter und die furchtlose Lola sich sofort auf den Weg machen, um den Grossvater aus den Fängen des Piraten zu befreien. «Lola und die Piraten» ist ein in einfacher Sprache geschriebener, witziger Text, der comicähnlich durch viele Zeichnungen aufgelockert wird.

Madeleine Amman

Eine kleine Beule mit Folgen
Christine Kliphuis, Illustration: Charlotte Dematons
Verlag: NordSüd, Publiziert: 2000, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-01101-6

Annika war drei Jahre alt, als der Vater starb. Erinnerungen hat sie keine mehr, sie besitzt aber eine Foto von ihm und vermisst ihn manchmal. Eines Tages wird die Mutter in einen Autounfall verwickelt. Sie streitet sich mit dem anderen Autofahrer darüber, wer schuld ist. Am nächsten Tag steht dieser Mann, er heisst Robert, mit einem Blumenstrauss vor der Haustüre. Mama und er können jetzt über das Ganze lachen. Robert taucht immer öfter auf. Mal mag ihn Annika, dann auch wieder nicht, weil sie spürt, dass da mehr ist als blosse Freundschaft. Annika braucht keinen neuen Vater und zeigt das auch deutlich. Die Erwachsenen reagieren sehr einfühlsam. Annika lernt die Situation akzeptieren, weil sie merkt, dass Robert sich nicht als Vater aufdrängt, er will ganz einfach ein Freund sein. Und einen väterlichen Freund zu haben, das ist eigentlich mit vielen Vorteilen verbunden.
Madeleine Amman

Küssen verboten!
Frauke Nahrgang
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2000, Seiten: 90, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-78396-5
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Der siebenjährige Miki findet Mamaküsse eigentlich sehr schön, und in Tanja aus seiner Klasse ist er verliebt. Aber ab sofort muss damit Schluss sein, denn Robby behauptet: «Richtige Männer lassen sich nicht von ihrer Mutter küssen, spielen auch nicht mit Mädchen und weinen liegt schon gar nicht drin.» Robby muss es ja wissen, denn er geht schon in die dritte Klasse. Frauke Nahrgang kann sich sehr gut in die Gefühlswelt von Kindern hineinversetzen. Sie beschreibt in einfacher Sprache und mit einem Augenzwinkern, wie Miki darunter leidet, den «richtigen Mann» spielen zu müssen, und wie er schliesslich ohne Gesichtverlust einen Weg findet, Gefühle und Zärtlichkeit wieder zuzulassen. – Weiter empfehlenswert von dieser Autorin sind die Bücher «Celles ganz geheim» und «Doppelpass und Limonade».
Madeleine Amman

Hej, Milena
Per Nilsson
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2000, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4312-X
Schlagwörter: Liebe

David ist in Milena aus seiner Klasse verliebt und kann an nichts anderes mehr denken. Aber Milena beachtet ihn nicht. Jungen wie der freche Frederik scheinen da bessere Chancen zu haben. Am Wochenende beschliesst David, dass sich die Situation bis zum Ende der nächsten Woche ändern muss. An jedem Tag probiert er etwas anderes aus. Einmal versucht er, besonders witzig zu sein, dann so kluge Antworten zu geben wie Milena, oder er ist ganz frech zu seiner Lehrerin. Aber mit seinem Verhalten bewirkt er einzig, dass ihn alle auslachen und er Probleme mit der Lehrerin bekommt. Am Freitag muss er sich eingestehen, dass die Sache hoffnungslos ist und dass, wer verliebt ist, sich oft ziemlich dumm benimmt. Traurig geht er mit seinem Hund in den Park – und trifft zufällig Milena. Jetzt, wo er wieder ganz er selber ist, beginnt sich eine Freundschaft zwischen den beiden zu entwickeln.

Madeleine Amman

Anne löst das Gespenster-Geheimnis
Sabine Rahn, Illustration: Birgit Rieger
Verlag: Loewe, Publiziert: 2000, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 3-7855-3745-X

Sobald die Eltern abends aus Annas Zimmer gehen, kommen die Bettgespenster. Sie tuscheln und kichern und verstecken sich im Schatten der Gardinen. Auch wenn Mama die gute Idee hat, die Gespenster in den Staubsauger zu saugen, am Abend sind sie wieder da. Jetzt lachen sie über Anne, verraten aber in ihrem Übermut, dass es bei ihnen ist wie im Märchen vom Rumpelstilzchen. Endlich weiss Anne, was zu tun ist. Clever, wie sie ist, findet sie schnell heraus, wie die Gespenster heissen, und kann sie so für immer aus ihrem Zimmer bannen. Eine lustige Geschichte über die Angst im Dunkeln; in grosser Fibelschrift.

Madeleine Amman

Anna in der Wand
Patrice Kindl
Verlag: Gabriel, Publiziert: 2000, Seiten: 191, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-70596-5
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Fantasie | Identität/Individualität

Ein fantastisches Zaubermärchen, mitten im Alltagsleben angesiedelt, konkret wie ein Traum, dessen Geschehen psychologisch und metaphorisch begründet ist. Ein Märchen, das in starken, poetischen Bildern und grossen Bogen eine ungewöhnliche Initiationsgeschichte erzählt. Hauptfigur ist Anna, die sich direkt an das LeserInnen-«Du» wendet. Anna, die ein Gesicht hat wie ein «Glas Wasser», schüchtern ist und so unsichtbar zwischen ihren lebhaften, lauten Schwestern, dass sie (nicht nur psychisch, sondern auch physisch) immer kleiner wurde, statt zu wachsen. Eines Tages zieht sie sich schliesslich unter die Treppe zurück, wo sie sich einen Verschlag baut, in dem sie wohnt. Man vergisst sie, während sie sich im riesigen Haus ein System von Gängen erstellt und darin leise herumgeht, ohne bemerkt zu werden. Dabei pflegt sie ihre auffallenden Talente, unter anderem viktorianische Perlenstickerei, und beschenkt heimlich ihre Familie. «Auf seine Art war es ein gutes Leben», meint Anna im Rückblick. Die Wende kommt in der Pubertät, der Ausbruch, Aufbruch mit einer ersten Verliebtheit und dem zunehmenden Wunsch, auch vor den anderen sie selbst sein zu können und akzeptiert zu werden. Das Buch erzählt berührend und glaubhaft von Annas Weltverweigerung, indem es sie poetisch umsetzt, und macht doch auch deutlich, dass diese nicht von Dauer sein kann und sein soll.
Verena Stössinger

Mein Onkel, meine Tante und der Sommer mit Talja
Hana Livne, Illustration: Anja Reichel
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2000, Seiten: 94, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4139-9
Schlagwörter: Familie/Familienformen | Freundschaft | Tod/Trauer

Weil Abigails Mutter gestorben ist, hat der Vater Abigail zur Tante und zum Onkel in die Stadt gebracht. Sie fühlt sich sehr fremd in dem steifen kinderlosen Haushalt, sie ist traurig, hat Heimweh nach dem Vater und nach dem Hof, und es plagt sie die Frage, wie der Vater jetzt allein mit der grossen Trauer umgeht. Erträglich werden die Tage erst, als Abigail auf der Strasse Talja trifft, eine quirlige Rothaarige, die bei der Grossmutter wohnt, weil ihre Eltern geschieden sind. Mit ihr kann sie spielen und lachen, bei ihr auch still und wütend sein. Und Abigail merkt, wie wichtig es ist, die eigenen Gefühle und Wünsche ernst zu nehmen und zu äussern, und wie gut das tut. Sie stellt sich vor, wie es wäre, wenn ihr Vater Taljas Mutter kennen lernen und sich in sie verlieben würde: Dann wären sie und Talja Geschwister! Das Buch, das in der Zeichnung der Figuren sehr differenziert ist – Tante und Onkel beispielsweise sind nicht nur reich und kühl, sondern auch stolz auf Abigail und einfach unerfahren im Umgang mit Kindern – und Abigails Trauerarbeit gut nachvollziehbar macht, leistet sich zwar einen etwas unwahrscheinlichen Schluss: Taljas Mutter lernt ihren Vater tatsächlich kennen und bringt ihn sogar zum Lachen. Doch dieser Trost tut gut, nicht nur Abigail.

Verena Stössinger

Hinter kleinen Türen eine grosse Welt
Beatrice Masini, Illustration: Serena Riglietti
Aus dem Italienischen von Nicola Bardola
Verlag: Bertelsmann, Publiziert: 2000, Seiten: 111, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12496-7
Schlagwörter: Fantasie

Eine fantastische Geschichte, die von der Einsamkeit eines reichen und überbehüteten Mädchens erzählt, dessen Mutter sich gerade ein altes und sehr wertvolles Puppenhaus gekauft hat. Marianna darf nicht damit spielen, sie darf es nur anschauen, und nur, wenn die Mutter zuhause ist. Das kommt selten vor, die Mutter ist als Modejournalistin viel auf Reisen, und so ist natürlich die Versuchung gross, es doch zu tun. Erst schaut Marianna auch nur; dann aber entdeckt sie in dem Haus eine kleine Puppenfigur, einen Jungen im Matrosenanzug. Er ist lebendig, hat Hunger. Sie bringt ihm ein Nutellabrot und erfährt, dass er genauso allein ist in seiner kleinen, perfekten Welt wie sie. Sie nennt ihn Puh, unterhält sich mit ihm und schimpft mit ihm, wenn er etwas zerbrochen oder verlegt hat – wofür sie dann von der Mutter geschimpft wird. Durch den «Ungehorsam» wird Marianna für ihre Mutter aber sichtbarer, und es bahnt sich in ihrem Verhältnis zuletzt eine Veränderung an. Der Text, der eine Familiensituation beschreibt, der man in Kinderbüchern wenig begegnet, spiegelt die Probleme eines Kindes geschickt in einer Spielanordnung. Und durch die Märchenhaftigkeit des Geschehens wird der sehr einfache Plot vielschichtiger und spannend.

Verena Stössinger

Die Fährte des Bären
Doris Meissner-Johannknecht
Verlag: Ellermann, Publiziert: 2000, Seiten: 117, ISBN/ISSN/EAN: 3-7707-3114-X
Schlagwörter: Geschwister | Abenteuer

«Um acht sind wir zurück», hat Vater versprochen, als sie am letzten Tag der Winterferien in die Berge losfuhren – doch dann wird die Familie eingeschneit und muss zwei Nächte in einem Häuschen ausharren, in dem es nur Kartoffeln gibt und einen offenen Kamin zum Heizen. Zunächst ist das noch abenteuerlich, dann aber kommt im Radio die Nachricht von einem streunenden Bären, der in dieser Gegend gesehen worden ist. Sind vor der Hütte nicht deutliche Bärenspuren? fragt sich Benno beunruhigt, während seine ältere Schwester Janna den Akku leer telefoniert und Kiki, die Kleine, um ihr Schmusetier Hasi jammert, das verschwunden ist. Bis die Familie vom Hund des Nachbarn entdeckt und von der Schneeräumungsmannschaft befreit wird, haben Furcht, Abgeschiedenheit und die erzwungene Bescheidenheit alle einander etwas näher gebracht. Eine herzliche Geschichte über eine ganz «normale Familie», die in eine ungewöhnliche Situation gerät und diese überwiegend solidarisch und unzimperlich meistert; spannend und mit mehr Interesse an Alltagskomik denn an Konflikten und Konfrontationen, überzeugend aus der Perspektive eines Jungen erzählt, der sich zwischen zwei eigensinnigen Schwestern behaupten muss.

Verena Stössinger

Der Tag, als ich lernte, die Spinnen zu zähmen
Jutta Richter
Verlag: Hanser, Publiziert: 2000, Seiten: 87, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-19896-2
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Freundschaft

Rainer, «der Furchendackel», spielt wildere Spiele, provoziert die Kameraden und die Erwachsenen, ist aggressiv und struppig und scheint vor nichts Angst zu haben. Die Quartierclique schliesst ihn aus, nachdem er einen von ihnen zusammengeschlagen hat – und die Ich-Erzählerin wird ebenfalls gemieden, weil sie gezeigt hat, dass sie Rainer mag: Er weiss nämlich immer Rat und hat ihr die Furcht vor der gefährlichen Kellerkatze und den Spinnen genommen. Aber ohne die Gruppe fühlt sie sich bald unwohl, und der Druck, auch der der Eltern, auf sie wächst; sie merkt, dass sie sich entscheiden muss. Und sie entscheidet sich nach einer heroischen Hausarrestzeit gegen Rainer, auch wenn sie dann, wie er sagt, ein «doofes Weib» ist. Die Geschichte, die wohl in den Fünfziger- oder Sechzigerjahren spielt – die Erziehungsmethoden sind noch «handfest», es gibt einen Milchmann usw. –, erzählt berührend von Freundschaft, Zwang und Ausgrenzung unter Gleichaltrigen und davon, wie ein Mädchen lernt, auch Jungen gegenüber (nur) das zu tun, was sie möchte, auch wenn das wie Feigheit aussieht.
Verena Stössinger

Väter und Sohn
Nina Schindler, Illustration: Christiane Pieper
Verlag: Bertelsmann, Publiziert: 2000, Seiten: 121, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12562-9
Schlagwörter: LGBTQ* | Familie/Familienformen

Der zehnjährige Paul fliegt alleine von Bremen nach New York, um Ben, seinen Vater, den er nur von Fotos und aus Briefen kennt, kennen zu lernen. Er geniesst die Wochen in der riesigen Stadt, fühlt sich gleichzeitig gross und klein darin und findet auch erstaunlich schnell einen Draht zu Ben. Schwer zu akzeptieren ist für ihn aber die Tatsache, dass sein Vater schwul ist und mit Chuck, einem Schwarzen, zusammenlebt – Paul schämt sich, hofft, dass niemand «denken würde, dass ich zu denen gehörte», wenn sie «Schwitzehändchen» halten oder sich öffentlich küssen. Er ist wütend auf Ben und unsicher, bis er merkt, dass die Lebensform des Vaters gar nichts ändert an seiner Beziehung zu ihm, dass er dadurch aber vielleicht gleich zwei Väter aufs Mal bekommen hat. – Ein schöner, genauer Text, humorvoll, direkt, nie belehrend in seiner Absicht, Toleranz zu stiften, und angenehm unangestrengt in der Beschreibung des «Problems». Er ist durchsetzt von Pauls Einträgen in sein New-York-Tagebuch und den Postkartengrüssen, die er schreibt (und bekommt): Hier doppelt seine eigene Stimme das von ihm Erzählte und bearbeitet es ein erstes Mal, und schliesslich gibt es viele kleine, witzige Illustrationen, die den Text illuminieren.

Verena Stössinger

Ich hätte nein sagen können
Annika Thor
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2000, Seiten: 160, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-78411-2

Sabina war immer schon Noras Freundin – jetzt aber schliesst sie sich der reichen und schönen Fanny und ihrer Clique an und interessiert sich wie diese für Jungs. Nora möchte Sabina zurückgewinnen und zu der Clique dazugehören, obwohl sie sich «verkleidet als Jugendliche» eigentlich nicht wohl fühlt; und es stört sie, dass die dicke Karin mit den altmodischen Kleidern sich an sie «heranmacht». Karin ist allein und wird von allen gehänselt, zum Beispiel wegen ihrer grossen Brüste. Nora wehrt sie vor allem deshalb ab, weil die Nähe zu Karin sie vor Sabinas Clique endgültig heruntersetzen würde. Deshalb hilft sie auch mit, Karin zu demütigen, und sie treiben es so weit, dass Karin die Klasse wechselt. «Ich hätte nein sagen können» ist ein schmerzhaft genaues Buch über (Mädchen-) Freundschaften, Opportunismus und über die Schwierigkeit, mit Ablehnung umzugehen – in dem allerdings die Jungen erstaunlich ungeschoren davonkommen. Und es zeichnet in Karin eine berührende Aussenseiterin. Dadurch, dass sie nicht die Ich-Erzählerin ist, wird deutlicher, wie jede Gruppe sich primär über ihre Grenzen definiert und festigt und unerbittlich Feindbilder schafft und braucht, um sich zu beweisen.

Verena Stössinger

Das Mädchen im Eukalyptusbaum
Barbara Veit
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2000, Seiten: 156, ISBN/ISSN/EAN: 3-8000-2660-0
Schlagwörter: Freundschaft | Rassismus

Sarah ist schwarz und eine Aborigine, und Kim ist weiss. So verschieden dadurch ihre Stellung in der australischen Gesellschaft ist, so ähnlich sind doch ihre Probleme: Beide Familien sind arm, und die Männer sind Trinker und gewalttätig. Sarahs Grossmutter und Kims Mutter sind zwar starke Frauen, die die Familien zusammenhalten, doch sie sind passiv, haben sich ergeben. Sarah und Kim freunden sich an und geben einander Schutz und Halt – was für Kim, den weissen Jungen, schwieriger ist als für Sarah. Sie reisst von zuhause aus, nachdem ihr betrunkener Onkel an ihr herumgegrabscht hat. Kim bietet ihr sein Baumhaus als Versteck an und versorgt sie mit Essen, bis endlich auch die Erwachsenen merken, dass mit Zuschauen und Zureden allein sich nichts ändert. Sarahs Grossmutter beschliesst, mit ihrer Grossfamilie aus der Stadt in die Berge zurückzukehren, um dort (wenigstens) die eigenen Traditionen wiederzufinden. Barbara Veit zeichnet ein drastisches Bild von sozialem und menschlichem Elend und setzt dagegen die Utopie einer Freundschaft, die trotz ihrer beinahe märchenhaften Vollkommenheit tröstlich wirkt. Die beiden Kinder sind sensibel gezeichnet und erscheinen nicht nur als hilflose Opfer auch struktureller Gewalt.
Verena Stössinger

Wer ist Frances?
Gina Willner-Pardo
Verlag: Altberliner, Publiziert: 2000, Seiten: 175, ISBN/ISSN/EAN: 3-357-00914-5
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Freundschaft | Identität/Individualität

Jetzt, wo die Oma Alzheimer hat, nennt sie Abigail manchmal «Frances», aber niemand weiss, wer je so hiess. Die Mutter möchte, dass ihre Tochter Aerobic macht und sich vorteilhafter anzieht. Und für Travis, der doch immer Abigails Freund war, mit dem sie alles besprechen konnte und der sogar ihren Geheimnamen weiss, sind auf einmal Jungen wichtiger, jedenfalls wenn andere dabei sind. Gilt Freundschaft nicht für immer und überall? Und wer hilft Abigail herauszufinden, wer «Frances» war, wenn Travis kein Interesse daran hat? Der Roman erzählt von den Identitätsproblemen eines Einzelkindes, das seinen eigenen Ort sucht in dem Geflecht von Forderungen, Sehnsüchten und fertigen Bildern, die ihm bekannt sind. Er tut das auf nachvollziehbare Weise und lässt seine Hauptfigur dann ein paar wichtige Entdeckungen machen. Die erste betrifft die untypische Biografie der Grossmutter, die ein für ihre Zeit ungewöhnlich aktives Leben führte (Frances war ihr Freund, der im Krieg umkam), die zweite betrifft den eigenen Berufswunsch – Meeresbiologin – und die dritte die Freundschaft zu Travis. Vielleicht kann sie ja doch weiterbestehen, obwohl sie sich verändert?
Verena Stössinger

Unterwegs mit Mrs. Gladstone
Joan Bauer
Aus dem amerikanischen Englisch von Marion Schweizer
Verlag: Bertelsmann, Publiziert: 2000, Seiten: 221, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12442-8
Schlagwörter: Identität/Individualität | Sucht

Jenna passt nicht in die Norm. Sie ist überdurchschnittlich gross, verblüffend lebenstüchtig und ein umwerfendes Talent im Verkaufen von Schuhen. Und sie hat eine Menge Probleme mit dem Alkoholismus ihres Vaters. Als Mrs. Gladstone, die Besitzerin der Schuhgeschäfte, wo Jenna arbeitet, ihr einen Job als persönliche Fahrerin anbietet, packt Jenna die Chance. So findet die Sechzehnjährige sich hinter dem Steuer eines Cadillac wieder und fährt mit der alten Dame Richtung Texas. Die Reise wird für sie nicht nur wegen ihrer Fahrkünste zum Prüfstein. Jenna sieht sich bald einmal in der Rolle der persönlichen Beraterin von Mrs. Gladstone, deren Sohn sie gerade aus dem Geschäft mobben will. In diese Rolle muss Jenna aber erst noch hineinwachsen. Doch schliesslich bewährt sie sich sogar im knallharten Pokerspiel einer Aktionärsversammlung. Und sie schafft es auch, aus dem Schatten des trinkenden Vaters hervorzutreten und diesen in harter Tonlage mit seiner Krankheit zu konfrontieren. – Der Roman gefällt als spannende Entwicklungsgeschichte, die in einer ganz konkreten Berufswelt spielt und in der das Wechselspiel von fremder Erwartung und eigenem Wachstum überzeugend ausgestaltet wird.

Lisbeth Herger

Der Fall Mary-Lou
Stefan Casta
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2000, Seiten: 230, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3205-5
Schlagwörter: Behinderung | Erwachsenwerden | Freundschaft

Jahr für Jahr verbrachte Adam die Ferien im Sommerhaus am Meer. Jahr für Jahr freute er sich darauf, mit Mary-Lou zusammen zu sein. Sie spielten im Wald, träumten von einer gemeinsamen Zukunft, hatten sich gern. Als Adam zwölf Jahre alt wurde, zerbrach die Idylle. Mary-Lou verletzte sich beim Sturz von einem Baum schwer. Ein Unfall oder war sie absichtlich gefallen? Seither sitzt sie im Rollstuhl. Drei Jahre später folgt Mary-Lou Adams Einladung ins Sommerhaus. Er trifft auf eine unnahbare junge Frau, die sich nicht helfen lassen will. Schritt für Schritt erkämpfen sich die beiden in diesen Ferien eine neue Vertrautheit, lernen sie, mit den gegenseitigen Stärken und Schwächen umzugehen. Dennoch ahnt Adam, als Mary-Lou in die Stadt zurückkehrt, dass er sie nicht mehr sehen wird. – Der Autor schildert die Beziehung zwischen den beiden mit Ernsthaftigkeit und Humor zugleich, und er entgeht der Gefahr, sie einem unglaubwürdigen Happyend auszusetzen. Adam und Mary- Lou haben sich einen Sommer lang «gebraucht», jetzt müssen sie, beide schon sehr selbstständig und mit vielen Talenten gerüstet, ihren eigenen Weg gehen.

Christine Tresch

Das eiskalte Paradies
Jana Frey
Verlag: Loewe, Publiziert: 2000, Seiten: 189, ISBN/ISSN/EAN: 3-7855-3569-4
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Identität/Individualität | Religion

Hannah wächst als Mitglied der Zeugen Jehovas auf. Als kleines Kind findet sie in der allgegenwärtigen Religionsgemeinschaft Geborgenheit, aber auch Trost nach dem frühen Verlust ihrer Mutter. Gehorsam folgt sie ihrer Familie in die Versammlungen und zu den Strassenmissionierungen. Vor den Sticheleien ihrer SchulkameradInnen rettet sie sich mit Endzeit-Visionen, wo die Bösen bestraft und die Guten – also auch sie selbst – mit dem Paradies belohnt werden. In der Pubertät allerdings werden kritische Fragen lauter, die Nöte mit den eigenen verbotenen Wünschen drängender. Hannah versucht auszubrechen, wird gewaltsam zurückgeholt, geschlagen, gedemütigt. Der ungeheure Druck lässt sie krank und depressiv werden. Schliesslich schafft sie, unterstützt von ihrem Freund Paul, den Ausstieg aus der Glaubensgemeinschaft und erprobt zaghaft ein Leben in eigener Regie. – Hannahs Geschichte ist die dokumentarische Nacherzählung eines wirklichen Ausstiegs, ohne grosse literarische Ambitionen. Die Aufzeichnung öffnet den Blick ins Innenleben einer strengen Grosskirche, zeigt eindrücklich, unter welch enormem Druck die Mitglieder stehen, erst recht dann, wenn sie beginnen, Widerstand zu leisten. Das Buch sensibilisiert und kann vielleicht Ausstiegshilfe sein.
Lisbeth Herger

Mary Wolf
Cynthia D. Grant
Aus dem amerikanischen Englisch von Wolfram Sadowski
Verlag: Middelhauve, Publiziert: 2000, Seiten: 263, ISBN/ISSN/EAN: 3-7876-9706-3
Schlagwörter: Armut | Familie/Familienformen

Der Vater der sechzehnjährigen Mary verlor seine gut bezahlte Arbeit als Versicherungsvertreter vor zwei Jahren, seither tourt die Grossfamilie in einem Wohnmobil durch die USA. Wenn er einen Gelegenheitsjob findet, gehen die drei älteren Mädchen für eine Weile vor Ort zur Schule. Wird das Geld knapp, klaut die Mutter Gebrauchsgegenstände und verkauft sie auf Flohmärkten. Sozialhilfe beantragen wollen die Wolfs nicht, dazu ist der Vater zu stolz und die Mutter, eine verträumte, naive Frau, zu schwach. Mary durchschaut das Blendwerk ihres Vaters, seine endlosen Versprechungen, dass das grosse Glück bald eintrifft, und konfrontiert ihn immer wieder mit der ausweglosen Situation. Aber sie kann die Dynamik aus Selbsttäuschung und Sturheit nicht stoppen. Auf einem heruntergekommenen Campingplatz in Kalifornien kommt es zur Katastrophe. – Ein realistischer Roman über das Schicksal einer Familie, die aus wirtschaftlichen Gründen an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird. Mit einer Hauptfigur, die erwachsen sein muss, weil es ihre Eltern überhaupt nicht sind, und die deshalb um mehr als nur ihre Jugend gebracht wird.

Christine Tresch

Abschied vom roten Haus
Marjaleena Lembcke
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 2000, Seiten: 153, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00906-5

Leena ist achtzehn Jahre alt, hat fünf jüngere Geschwister und einen grossen Bruder, der auswärts studiert. Zuhause müssen alle mithelfen, denn Geld ist immer knapp. Manchmal geht Leena ihre Familie ganz schön auf den Wecker, vor allem ärgert sie sich über ihre Mutter, die sich nicht um den Volksmund kümmert und tut und lässt, was ihr gefällt. Und dann ist da noch der langweilige Mikko, der ihr vor der ganzen Familie gesteht, dass er sie gern hat. Alles in allem der ganz normale Alltag in einer finnischen Grossfamilie nach dem Krieg. So hat ihn Marjaleena Lembcke schon in früheren Leena-Büchern beschrieben («Mein finnischer Grossvater», «Als die Steine noch Vögel waren», «Und dahinter das Meer»). Aber «Abschied vom roten Haus» setzt einer behüteten Zeit ein hartes Ende. Leenas Eltern werden bei einem Autounfall schwer verletzt. Nach ihrer Rückkehr aus dem Krankenhaus ist nichts mehr so wie früher. Vater und Mutter streiten sich ständig. Mutter fühlt sich fremd und müde. Eines Tages läuft sie vor einen Zug. – Marjaleena Lembcke lässt Leena von ihrem Abschied von der Mutter und vom Herauswachsen aus einer geborgenen Kindheit erzählen. Sie tut dies in einer einfachen Sprache und mit gutem Gespür für die Gefühle einer Jugendlichen, die sich selber finden muss. Auch was es heisst, füreinander zu schauen, erfährt man in diesem schnörkellosen Entwicklungsroman.
Christine Tresch

Die Suche nach der zehnten Frau
Susanne Lütje
Verlag: Dressler, Publiziert: 2000, Seiten: 157, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-1202-1

«Julica ist andersrum» hat jemand auf die Mädchenklotüre in der Schule gekrakelt. Kurz vor ihrem siebzehnten Geburtstag trifft diese Wahrheit Julica wie ein Schlag ins Gesicht. Das ist es also, was sie nicht in Worte fassen konnte: Sie gehört dazu, zu den zehn Prozent Frauen, die Frauen lieben. Zuhause plappert die kleine Schwester gleich aus, was schon die ganze Schule weiss. Der Vater braucht eine Weile, bis er akzeptiert, dass seine Tochter eine Lesbe ist; Mutter ist traurig, dass ihr Julica nie etwas von ihren Gefühlen erzählt hat. Mit den Hochs und Tiefs, die folgen, lernt Julica leben. Vor allem aber trifft sie auf Gleichgesinnte: Im Buchladen versorgt sie die Verkäuferin mit guter Lesbenliteratur. Im Café, in dem sie jobbt, freundet sie sich mit zwei Frauen an, die zusammenleben, und auf ihrer ersten Lesbenparty bekommt sie einen Zettel mit einer Telefonnummer zugesteckt, Pfand für eine zukünftige Liebe. Susanne Lütje erzählt dieses Coming-out mit viel Tempo und der Absicht, kein Problembuch schreiben zu wollen. Das tut gut. Manchmal aber vergisst sie, dass ihre Heldin sich erst noch richtig finden muss, und lässt sie über das Anderssein referieren wie eine Frau mit Lebens- und Liebeserfahrung. Auch ohne solche Klugheiten glaubt man Julica und ihrem Werden.
Christine Tresch

Lawandas Leben
George Ella Lyon
Aus dem amerikanischen Englisch von Monika Osberghaus
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2000, Seiten: 274, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80869-0
Schlagwörter: Krieg

Um Geld für den Besuch eines Colleges aufzutreiben, vermittelt Lawanda Zeitungsabonnemente. So lernt sie Mr. Garland kennen, einen alten Mann, der seine quälenden Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg im Alkohol ertränkt. Zwischen der klugen und vorausschauenden Lawanda und dem von allen gemiedenen, unberechenbaren Aussenseiter entsteht eine zarte Freundschaft. Diese droht zu zerbrechen, als Lawanda sich für ein auswärtiges College einschreibt. Der Ruhestörer Garland kommt ins Gefängnis und auf- grund seiner illegal konfiszierten, wirren Tagebucheinträge entstehen Gerüchte, dass er sich an Lawanda vergangen haben soll. Diese sucht Hilfe bei ihrer spirituellen Grossmutter und auch bei Garlands Tochter. Erst als Garlands Wohnstätte angezündet wird und Lawanda dabei beinahe mit ihrem Leben bezahlt, gelingt es allen Beteiligten, kriegsbedingte Wunden und Hass aufzuarbeiten. – Ein eindrücklicher Roman mit starken und faszinierenden Frauengestalten. Vielseitige Lebensformen und religiöse Ansichten werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln wertfrei geschildert und zu einem grossartigen Spannungsbogen zusammengefügt.
Beatrice Ochsenbein

Im Wespennest
Bart Moeyaert
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2000, Seiten: 148, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-78891-6
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Ein glühend heisser Sommertag: Das Dorf bereitet sich aufs Dorffest vor, die Jugendlichen suchen Holz fürs Feuer zusammen, gleichzeitig sammeln die rechtschaffenen Bürger Unterschriften gegen die lästig kläffenden Hunde eines Paares, das am Rande der Dorfgesellschaft lebt. Suzanne registriert mit Akribie den unterschwelligen Hass unter den DorfbewohnerInnen und die falschen, aber aufrechtzuhaltenden Fassaden, ganz besonders in ihrem Verhältnis zur Mutter. Als sie im Wald auf den fremden, attraktiven, jungen Puppenspieler Wolf trifft, der sie unvermittelt mit der unverarbeiteten Vergangenheit konfrontiert – dem Unfalltod ihres Vaters, welcher ihre Beziehung zur Mutter prägt –, weiss sie, dass etwas geschehen muss. Sie löst ein gefährliches Szenarium aus, so dass am Fest viele Wunden endlich «sichtbar» gemacht werden. – Ein unbeschönigendes und beklemmendes Werk mit einer Vielzahl unterschiedlicher Charaktere, in welchem extremste Gefühle aufeinander prallen. Die Ereignisse am Festtag werden im Wechsel mit Suzannes Erinnerungen an ihre Jugendzeit erzählt, so bleibt die Spannung und die Ungewissheit bis zum Schluss erhalten.
Beatrice Ochsenbein

Bonsai
Christine Nöstlinger
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2000, Seiten: 246, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-78821-5
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Identität/Individualität

Bonsai, der eigentlich Sebastian heisst, lebt mit seiner Mutter in einer «Schrumpf-Familie». Er ist fünfzehn, auffällig klein gewachsen, sehr klug. Und Bonsai hat ein paar Probleme. Zum Beispiel in der Schule, oder mit dem fernen Vater, der für ihn nicht mehr als sein Erzeuger ist, und natürlich mit seiner «Alleinerzieherin», eine Altachtundsechzigerin mit klaren Meinungen und dennoch unberechenbaren Reaktionen. Vor allem aber treibt den Jungen die Liebe um. Ist er nun hetero, homo oder bi? Wie kann man solche Unsicherheiten überhaupt klären? Mit wem lässt sich reden? Und wie geht das genau mit dem Verlieben? Bonsai macht sich mutig auf den langen Weg der realen Erkenntnisse und protokolliert seine Erfahrungen nach einer Bruchlandung. Er spart dabei nicht mit Witz und genüsslicher Ironie, vor allem auf die merkwürdige Erwachsenenwelt und ihre seltsame Sprache. – Der direkte und humorvolle Zugang zum noch immer tabuisierten Thema der sexuellen Orientierung ist wohltuend und befreiend. Auch wenn der pralle Humor hie und da die Erwachsenen vermutlich mehr zu amüsieren vermag als einen verunsicherten Jugendlichen.
Lisbeth Herger

Der Schatten im Norden
Philip Pullman
Aus dem Englischen von Reinhard Tiffert
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2000, Seiten: 279, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-78414-7
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Eine Klientin verliert durch den mysteriösen Untergang eines baltischen Handelsschiffes ihr ganzes Vermögen. Der Vorfall weckt das Interesse ihrer jungen Finanzverwalterin Sally Lockhard, die sich auch als Amateurdetektivin betätigt. Zusammen mit zwei Freunden geht Sally den Hintergründen des Unglücks nach und stösst bald auf üble Machenschaften, in welche vor allem der reichste Mann Europas, Bellmann, verwickelt ist. Als Bellmann merkt, dass er verfolgt wird, setzt er alles daran, das Trio unschädlich zu machen, und er lässt seine Macht, die bis in höchste Regierungskreise reicht, spielen. Sally und ihre Freunde geraten nun in viele abenteuerliche und äusserst gefährliche Situationen, bevor es ihnen doch gelingt, die skrupellosen Verbrecher zu stellen. – Wie ein klassischer englischer Krimi führt uns dieser Roman ins England des 19. Jahrhunderts. Das Buch bietet spannende Unterhaltung mit einer unerschrockenen, mutigen und klugen Detektivin.

Beatrice Ochsenbein

Löcher
Louis Sachar
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2000, Seiten: 296, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-78568-2
Schlagwörter: Freundschaft | Krimi/Thriller

Die Geheimnisse von Green Lake

Den Yelnats klebt seit Generationen Pech an den Füssen. Auch der jüngste Spross, Stanley, ist nicht frei davon. Er hat keine Freunde und kommt in der Schule ständig an die Kasse, weil er übergewichtig ist. Als ihm eines Tages ein Paar stinkige Turnschuhe auf den Kopf fallen, hält man natürlich ihn für den Dieb dieser Turnschuhe. Wirklich dumm, dass sie einem Basketballstar gehörten, der sie einem Kinderheim zur Versteigerung geschenkt hat. Stanley kommt vor Gericht und wird in die Besserungsanstalt Camp Green Lake in Texas eingewiesen. Dort muss er jeden Tag tiefe Löcher in den Wüstenboden graben. Was als erzieherische Massnahme getarnt wird, hat einen geheimen Zweck: Einst war Green Lake wirklich ein See – und auf seinem ausgetrockneten Grund harrt ein grosses Geheimnis. Stanley kommt der Sache auf die Spur, zusammen mit Zero, einem Strassenjungen, mit dem er sich angefreundet hat. Und es gelingt ihm, den Fluch, den sein Ururgrossvater über die Familie gebracht hat, zu bannen. – «Löcher» ist ein wunderbar schräges Buch über einen Jungen, der widerwillig zum Helden wird, über die Freundschaft zwischen zwei ungleichen Buben und über die Präsenz von Vergangenem in der Gegenwart. Herausragend erzählt, voller Spannung und witziger Dialoge.
Christine Tresch

In eisiger Kälte
Sherry Shahan
Aus dem amerikanischen Englisch von Annemarie Bruhns
Verlag: Bertelsmann, Publiziert: 2000, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12444-4
Schlagwörter: Abenteuer

Spätsommer in Südostalaska. Cody lässt sich von ihrem Cousin Derek zu einer heimlichen Kajak-Tour überreden. Auf dem nahen Fjord paddeln sie Richtung Hubbard-Gletscher und geniessen die Kostbarkeiten der einsamen Eiswelt. Für einmal aber verhält sich die Natur nicht wie üblich, ein Gletschervorstoss staut das Wasser und verhindert die Rückfahrt. So wird aus dem kleinen Abenteuer hinter Mutters Rücken ein eisiger Überlebenskampf, in dem erst einmal alle Naturkräfte gegen die beiden arbeiten. Doch Cody und Derek geben nicht auf. Unbeirrt sucht die ältere Cody nach Rettung, getrieben von einem trotzigen Lebensmut und dem brennenden Schmerz nach der Scheidung ihrer Eltern. Und der störrische Derek wandelt sich zum verlässlichen Jungen, fürsorglich bemüht, als seine Cousine schneeblind vor sich hin fiebert. Doch ohne die Unterstützung von geheimnisvollen «Wilden» würden die beiden sich nicht retten können. – Der Roman verarbeitet die von der Autorin eigens recherchierten Natur- und Lebensbedingungen rund um den alaskischen Russell-Fjord zu einer spannenden Abenteuergeschichte, in der Sachkenntnisse und klare Gedanken eine entscheidende Rolle fürs Überleben spielen. Das Mädchen Cody beeindruckt mit ihrem Mut und mit ihrem erstaunlichen Wissen über Überlebensstrategien in einer kargen Eiswüste.
Lisbeth Herger

Der Junge meiner Träume
Dyan Sheldon
Aus dem Englischen von Andreas Nohl und Liat Himmelheber
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 2000, Seiten: 203, ISBN/ISSN/EAN: 3-8000-2631-7
Schlagwörter: Freundschaft | Identität/Individualität

Natürlich wird sie ihn finden, den Jungen ihrer Träume, da ist Michelle sich sicher. Mit diesem Blick sondiert sie neuerdings die Welt. Als der Traumboy dann auftaucht und sogar Interesse zeigt an ihr, scheint das Glück vollkommen. Ausser dass Bill genau jene Filme liebt, die Michelle verabscheut, dass er auf Basketball steht, was ihr absolut nichts bedeutet, und dass der Traummann für Bone, ihren besten Freund, nur Verachtung zeigt. Michelle kneift die Augen zu, schwelgt weiter im Glück und verliert sich mehr und mehr. Bis von unerwarteter Seite die Notbremse gezogen wird. – Der Roman beschreibt eingängig die schmerzhaften Verwirrungen, in die Jugendliche bei ihren ersten Verliebtheiten oft geraten. Dann nämlich, wenn Fantasien und Wünsche mit der Realität des Partners, der Partnerin kollidieren. Die Geschichte erzählt vom möglichen Selbstverlust und illustriert die schwierige, aber dennoch wichtige Rolle von alten FreundInnen in diesem Wachstums- und Identitätskonflikt.
Lisbeth Herger

Komplizinnen
Margret Steenfatt
Verlag: Elefanten Press, Publiziert: 2000, Seiten: 140, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-14589-1
Schlagwörter: Abenteuer | Gewalt | Freundschaft

Susa, die Vollwaise, wohnt nach dem Unfalltod ihrer Eltern bei ihrer Tante und fühlt sich dort mehr als nur fremd; Alex ist die Tochter eines Workaholics und einer unzufriedenen Hausfrauen-Mutter. Es ist der Zufall, der das ungleiche Paar zusammenführt, es ist ein gemeinsames Interesse, das sie für ein Wegstück Partnerinnen werden lässt. Beide wollen ihr Taschengeld auf leichte Art aufbessern, beide lieben den Kitzel im Bauch, wenn sie sich auf eine ihrer Touren begeben: Kleine Überfälle, mit frechem Auftritt und falscher Pistole, das Geld fliesst. Aber eines Tages wird es für Alex gefährlich, und Susa holt für die entführte Freundin Hilfe bei der Polizei. Ein Schritt, den Alex weder versteht noch verzeiht. Der Bruch zeigt, wie sehr die beiden Komplizinnen, wie wenig sie Freundinnen waren. – Die Geschichte erzählt von den feinen Unterschieden zwischen Zweckgemeinschaft und Freundschaft. Sie illustriert aber auch den Reiz, sich ausserhalb der Legalität zu bewegen, und zeigt – ohne moralisches Beiwerk – mögliche Grenzen dieser Verführung.

Lisbeth Herger

Voll ins Herz und voll daneben
Liina Talvik
Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch
Verlag: Oetinger, Publiziert: 2000, Seiten: 97, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4715-X
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Liebe

Die vierzehnjährige Anna steckt in einer Krise: Die Schule ödet sie an, sie fühlt sich unverstanden von ihren Eltern und ihrer besten Freundin, und alles ist im Umbruch. Dies ändert sich, als Anna den sechs Jahre älteren Henrik kennen lernt. Mit ihm kann sie über alles reden, er hilft ihr, das Zimmer neu zu tapezieren und gleichsam Zukunftsperspektiven sichtbar zu machen. Und Anna und Henrik verlieben sich… – Was vorerst wie ein weiterer Allerweltsroman zu pubertären Schwierigkeiten aussieht, entwickelt sich zunehmend zu einer differenzierten und gelungenen Schilderung der Entwicklung Annas vom unsicheren Mädchen zu einer verantwortungsvollen jungen Erwachsenen, die ihr Leben zukunftsgerichtet in die Hand nimmt und sich ganz bewusst mit den Schwierigkeiten ihrer Liebe, bedingt durch den Altersunterschied, auseinander zu setzen lernt. Besonders erwähnenswert ist auch die Haltung des jungen Mannes, der sich seiner Freundin gegenüber äusserst rücksichtsvoll verhält.

Beatrice Ochsenbein

Nicht sprechen, nicht schweigen, nicht gehen, nicht bleiben
Anja Tuckermann
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 2000, Seiten: 116, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-58190-9
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Sexualität

Rinka kennt nur noch die Angst. Sie kämpft dagegen an, zwingt sich durch nächtliche Strassen und Parkanlagen, feiert ausgelassene Partys, den Schrecken im Nacken, das Schweigen in der Kehle. Sie will weder leben noch sterben, sie kann sich nicht mehr annehmen und fühlt sich weit fort von allem, was sie früher mit ihrem Leben anfangen wollte. Rinka ist vergewaltigt worden. Erst als sie lernt, darüber zu sprechen, findet sie Solidarität unter Frauen. Nach und nach, aber immer wieder mit Rückschlägen verbunden, kann sie wieder zu ihrem Körper, zu ihrer Sinnlichkeit stehen. – Die Autorin erzählt in einer drängenden, staccatoartigen Sprache von Rinkas Hang zur Selbstverarbeitung und Selbstjustiz nach der Vergewaltigung, von ihrem schmerzhaften Weg aus der Erstarrung, von ihrem neu erwachten Selbstbewusstsein: Rinka will nicht mehr aufgeben und lernt im Karatetraining, sich auch physisch zu behaupten. Das Buch wirft Fragen auf zum Rollenbild der Frau allgemein, setzt sich mit Macht und Ohnmacht auseinander und zeigt unterschiedliche Facetten von Sexualität, puzzleartig zusammengesetzt.
Beatrice Ochsenbein

Mauer aus Wut
Mats Wahl
Aus dem Schwedischen von Maike Dörries
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 2000, Seiten: 297, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-78840-1

Wenn Marie angegriffen und bedrängt wird, schlägt sie zu. In der neuen Schule für «Sonderfälle» soll sie lernen, mit ihrer Aggressivität umzugehen. Doch als sie glaubt, aus Notwehr ihren Ziehvater Thorsten getötet zu haben, zieht sie sich ganz in sich zurück. Da trifft sie auf Katrin, die Wohlstandsverwahrloste, die Marie in vielem sehr ähnlich ist. Mit dem Auto von Katrins Mutter und in abenteuerlicher Autostoppaktion reisen die beiden nach Nordschweden und spüren dort Maries leiblichen Vater auf. Auf der Rückreise verunfallt Katrin tödlich vor den Augen Maries, und Maries Mauer aus Wut bekommt Risse. Nur stockend findet sie Worte, um ihre Probleme aufzuarbeiten. – Viele Ereignisse aus Maries Kindheit belasten die Protagonistin. Erst die einschneidenden Erfahrungen an der Schwelle zum Erwachsenwerden zwingen sie, sich damit auseinander zu setzen. Das bedrückende Milieu und die Sprachlosigkeit, die gerade auch in dialogreichen Auseinandersetzungen, zum Beispiel mit der Mutter oder unter SchulkameradInnen, vorherrscht, konkretisieren die kalte Atmosphäre der Umgebung. Im Gegensatz zu Katrin gibt es für Marie nun eine Zukunft.
Beatrice Ochsenbein

Max und der Zauberer
Barbara Landbeck
In Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch
Verlag: Tivola, Publiziert: 2000, ISBN/ISSN/EAN: 3-89887-079-0

Max aus Neuhundland, den es für Kinder ab 3 Jahren inzwischen auch in Buchform gibt, hat in interaktiven Spielgeschichten schon so manches Abenteuer bestanden. Auf dieser viersprachigen CD-ROM (Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch) bricht er im Auftrag seines einfallsreichen Onkels auf, um dem guten Zauberer Zottelzopf (bzw. Mervin the Magician, l'enchanteur Farfolet, el mago Coletón) eine neue Spezialerfindung zu überbringen. Aber wie sich herausstellt, hat die böse Hexe Zippelzuppel den Zauberer in eine Klobürste verwandelt und Max soll ihn nun aus dieser misslichen Lage befreien. Dazu muss er nach 7 gut versteckten Papierschnipseln suchen und daraus den nötigen Zurückverwandlungszauberspruch zusammensetzen.
Natürlich wimmelt es in allen Räumen des Zaubererhauses von magischen Gegenständen und Überraschungen. Unter anderem gilt es ein begehbares Zauberbuch, eine riesige Zauberspruchmaschine und eine Sammlung höchst ausgefallener Flugbesen zu erkunden. Erst wenn Max seine Aufgabe erfüllt hat, können er und Zauberer Zottelzopf sich auf einem halsbrecherischen Besenflug zur Hexe Zippelzuppel aufmachen, um ihr ein für allemal das Handwerk zu legen. Die Reise ist allerdings nicht ganz einfach, denn das Fly-and-Jump-Spiel erfordert – je nach Schwierigkeitsstufe und Rechnertempo – ein bisschen Geschick im Umgang mit den Cursortasten. Damit das Ganze auch beim zweiten und dritten Mal spannend bleibt, sind die Zettel nicht bei jedem Spieldurchgang am gleichen Ort versteckt. Dennoch haben vor allem geübtere Geschichtenspieler die 12 Bildschirmseiten relativ schnell durchgespielt.
Wie für Kinder angemessen, ist die Benutzerführung durchwegs sehr übersichtlich und wird durch einfache Bildsymbole und erklärenden Sprechtext gut unterstützt. Auch während des Spiels kann die Sprache über Länderflaggen jederzeit gewechselt werden. Die kurzen Erzählpassagen (hingegen nicht die Dialoge der Figuren) werden jeweils auf kleinen Texttafeln eingeblendet, die man sich, sooft man will, vorlesen lassen kann.
Wie andere Max-Folgen ist auch diese Geschichte in attraktiver ‹Bilderbuchmanier› illustriert. Die Figuren sind mit ausgezeichneten Sprecherstimmen besetzt, wenn auch der grosse Zauberer (Monty Arnold) eine Spur zu hysterisch wirkt. Als deutscher Erzähler ist diesmal der aus zahlreichen TV-Auftritten bekannte Schauspieler Andreas Mannkopff zu hören, der unter anderem schon John Candy oder der Zeichentrickfigur Lucky Luke seine unverkennbare Synchronstimme geliehen hat.
(Siehe auch: «Max aus Neuhundland.» In: Ammann, Daniel; Hermann, Thomas. Klicken, lesen und spielend lernen: Interaktive Spielgeschichten für Kinder. Zürich: Verlag Pestalozzianum, 2004. S. 64–74.)
Daniel Ammann

Alles wieder dran!
Verlag: Tivola, Publiziert: 2000, ISBN/ISSN/EAN: 3-89887-053-7

Der kleine Bilderbuch-Rabe mit der rot-weissen Ringelsocke am linken Fuss hat die Kinderherzen als launiges Rauhbein mit Hang zum Egoismus im Sturm erobert. So hinterlistig, skrupellos und fies wie er etwa einen Kameraden nach dem anderen seiner Spielsachen entledigt, so zerknirscht gibt er am Schluss alles wieder zurück, weil er sich mit seinem Benehmen isoliert hat und niemand mehr mit ihm spielen will.

Ähnlich ist die Ausgangslage bei der vorliegenden Spielgeschichte: Der kleine Rabe hat sich Eddi-Bärs Dreirad «ausgeliehen» und in voller Fahrt einen Totalschaden produziert, weil sich so ein «blöder Baum» einfach mitten in den Weg gestellt hat. Nun sind die kleinen Spielerinnen und Spieler – von denen nicht wenige eine textile Variante des Gelbschnabels in ihrem Bett haben dürften – am Computer gebeten, ihrem Freund aus der Patsche zu helfen und mit ihm zusammen die im ganzen Wald verstreuten Fahrradteile zu suchen und am Schluss zusammenzusetzen. Denn es gilt, Eddi-Bär zu besänftigen, bevor er richtig wütend wird. Zur Belohnung darf man dann eine Runde mit Eddis Dreirad im Fahrsimulator absolvieren – im Wettstreit mit dem kleinen Schaf, das auf seinem Rollbrett nicht schlecht mithalten kann.

Nun wäre das Ganze etwas trivial, wenn die Teile einfach so im Wald herumlägen und gefunden werden müssten. Auf wundersame Art ist offenbar jedes Fahrradfragment bei einem Freund gelandet: beim Dachs, beim Hasen oder beim Schaf usw. – und diese rücken das natürlich nicht einfach so heraus. Um an die Hinterräder, den Lenker oder die Hupe zu gelangen, müssen wir bzw. muss der Rabe jeweils eine kleine Aufgabe erledigen oder eine gute Tat vollbringen, etwa die verschütteten Käfer aus der Sammlung des Hasen wieder ins Glas zurück bugsieren.

Während sich die narrative Struktur an jener der Raben-Bücher orientiert, ist auf der CD-ROM die Reihenfolge der Episoden frei wählbar, d.h., man klickt sich an den Wegweisern im Wald entlang, bis alle Freunde besucht und alle Teile gefunden sind. Die sieben Spiele umfassen ein Memory, ein Labyrinth, zwei verschiedene Suchspiele, ein Mausgeschicklichkeitsspiel, eine Konzentrationsübung und ein einfaches physikalisches Experiment und sind jeweils in zwei Schwierigkeitsstufen spielbar. Die Schauplätze und die putzigen Tierfiguren sind eng an die Bilderbuchillustrationen angelehnt. Die CD-ROM eignet sich gut für junge Computereinsteiger/innen, die mit ihrer Lieblingsfigur zusammen ein Problem lösen wollen und dabei im Sog der linearen Geschichte erste Spielerfahrungen machen können.

(Siehe auch: «Rabenstarker Dreikäsehoch.» In: Ammann, Daniel; Hermann, Thomas. Klicken, lesen und spielend lernen: Interaktive Spielgeschichten für Kinder. Zürich: Verlag Pestalozzianum, 2004. S. 88–93.)

Thomas Hermann

Vorstadtkrokodile
Max von der Grün
Verlag: Cornelsen, Publiziert: 2000, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-464-60165-5

Eine Geschichte vom Aufpassen - Ein Leseprojekt zu dem gleichnamigen Roman von Max von der Grün

Hannes gehört seit kurzem zu den Krokodilern, einer Jugendbande. Um aufgenommen zu werden, muss man sich einer Mutprobe unterziehen. Hannes musste beispielsweise die Feuerleiter der alten Ziegelei besteigen, was beinahe schiefgegangen wäre. Eines Tages trifft Hannes den im Rollstuhl sitzenden Kurt. Kurt wohnt in der Nachbarschaft, und seinen Augen entgeht nichts. Kurt und Hannes werden Freunde. Hannes’ Vorschlag, Kurt bei den Krokodilern aufzunehmen, stösst bei den Mitgliedern nicht auf Anklang. Als ihre Stadt von einer Reihe von Diebstählen heimgesucht wird, beobachtet Kurt die Diebe und die Krokodiler zeigen sich bereit, zusammen mit Kurt den Dieben nachzuspüren. Aber es gibt ein kleines Problem: Unter den Einbrechern befindet sich der Bruder des Bandenmitgliedes Egon.

In der Reihe „einfach lesen!“ des Cornelsen Verlags werden bekannte Jugendbücher so gekürzt und vereinfacht, dass sie auch von weniger geübten Leserinnen und Lesern bewältigt werden können. Zur Unterstützung des Textverständnisses eröffnet jedes der kurzen Kapitel eine Illustration. Als optische Lesehilfe sind die Texte zudem mit Zeilenzählern versehen. Verschiedene Aufgaben am Kapitelende dienen der Überprüfung des Textverständnisses. Ein Lösungsheft liegt bei.
Falls der Roman als Klassenlektüre eingesetzt wird, bietet es sich an, die weniger geübten Schülerinnen und Schüler das vereinfachte Leseprojekt und die fortgeschrittenen Leserinnen und Leser die Originalausgabe lesen zu lassen. Das kollektive Leseerlebnis bleibt somit trotz unterschiedlicher Leseniveaus erhalten.
„Vorstadtkrokodile“ ist eine Geschichte über Mut und Freundschaft. Der Titel ist auch als Hörbuch erhältlich und es gibt eine Verfilmung in drei Teilen. Zum Film ist auch eine Hörspielfassung erhältlich. Zudem können Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“ gelöst werden.

Klassenstufen: 5, 6 L

Arinos grosse Reise
Lars Lepperhoff, Illustration: Rosmarie Wüthrich
Verlag: Blaukreuz, Publiziert: 1999, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-85580-393-5
Schlagwörter: Natur

Ein Papagei kommt nach Europa

Ein Bilderbuch, das sich mit «fremden Federn schmückt», ist im Berner Blaukreuz Verlag erschienen. Es behandelt ein Thema, das in dieser Form noch nie zu einer Kindergeschichte verarbeitet wurde.
Eine echte Papageienfeder? Ist denn das tierisch korrekt? «Aber ja», beruhigt Lars Lepperhoff vom Berner Blaukreuz-Verlag. Lepperhoff arbeitet nämlich seit einigen Jahren halbtags in einer Papageienzuchtanlage, wo er rund 65 der gefiederten Tiere betreut. Dort hat er auch die Federn, die während der Mauser anfallen, sorgsam zusammengetragen, so dass sie nun als kleines kostbares Geschenk dem Bilderbuch Arinos grosse Reise beiliegen.
Der Blaukreuz-Verlag wurde 1884 gegründet und legte stets ein besonderes Augenmerk auf das «gute Kinderbuch» von Schweizer Autoren und Illustratoren. Für Lepperhoff eine ideale Voraussetzung, sein seit der Kindheit gewecktes Interesse für Tiere und Pflanzen mit seiner Verlagsarbeit zu kombinieren. Denn die Geschichte von Arino stammt aus seiner Feder, illustriert hat sie Rosmarie Wüthrich.
«Die Vernichtung des tropischen Regenwaldes und die verheerenden Folgen für Mensch und Tier beschäftigen mich zutiefst», sagt Lepperhoff. Zudem ist ihm der Artenschutz in den Herkunftsländern sowie die artgerechte Haltung von Tieren – insbesondere natürlich von Papageien – ein grosses Anliegen.
Dies alles findet seinen Platz in Arinos grosse Reise: das Leben im tropischen Regenwald, die Indianer, die Zerstörung des Ökosystems, der Tierhandel und natürlich Haltung und Zucht von Papageien in Europa. Besonders eindrücklich sei es, Papageien in freier Natur zu beobachten, sagt Lepperhof. «Es hat mich tief bewegt, als ich im Waldland von Burkina Faso, nahe des Mou Houn oder Schwarzen Voltas, der sich trübe durch die Ebene schängelt, plötzlich auf Mohrenkopfpapageien stiess, die ich seit meiner Kindheit halte und heute züchte. Unvermittelt tauchte auch eine Gruppe von Elefanten mit Jungen auf. Diese Kombination der kleinen Mohrenkopfpapageien und der grossen Rüsseltiere in der afrikanischen Wildnis war für mich ausserordentlich eindrucksvoll.»
Um so schöner, dass jetzt kleine LeserInnen die Heimat Arinos im südamerikanischen Regenwald durch Lars Lepperhoffs Bilderbuch kennen lernen können – und erst noch etwas lernen: Ein kleines Glossar ergänzt das Buch. (Jugendliteratur)
Martin Walker

Fräulein Pop und Mrs. Up und ihre grosse Reise durchs Papierland
Antje von Stemm
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 1999, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 3-499-20963-2
Schlagwörter: Reisen | Kreativität

Ein Pop-Up-Buch zum Selberbasteln

Ein Fräulein namens Pop flüstert einer spitzen Schere zu: «Ach bitte, schneide mich aus!» Gehen wir mal davon aus, dass die Leserin dies als Aufforderung begreift. Ein solcher Fall kann der Beginn einer grossartigen Freundschaft zu den Damen Pop und Up werden.
Eine Bedingung vorausgesetzt: frau oder kind liebt Bastelerlebnisse, hat keine Angst vor wild bedruckten Papierteilen und neigt zum virtuosen Umgang mit der Schere. Wer also bereit ist zu schnippeln, zu falzen und zu kleben, dem wird sich per Pop-up ein Reiserlebnis der aktiven Art auftun. In der launigen Geschichte durchstreifen wir Dschungel und Wüste, erschaffen und zähmen Drachen und Tiger. Löcher, Schlitze, und Tempotaschentücher sorgen in der papiernen Welt für Sonnenaufgang, Fata-Morgana und Schneeflocken.
Wundern wird Sie sicher nicht, dass das Motto dieses etwa zwölfstündigen Papier-Adventures heisst: Falzfreude und Geduld bitte mitbringen. Dazu sollten ins Gepäck: Linien beachten und Lust zum akkuraten Ausschneiden. Wer mitmacht, wird mit dem herrlichen Gefühl belohnt, diese dreidimensionale Bilderwelt selbst erschaffen zu haben. Und bekommt die witzig-bewegte Reisegeschichte zweier tatendurstiger Damen gratis dazu. Antje von Stemm sei Dank für dieses verwegene und mädchenfreundliche Papier-Ingenieurinnenwerk. (Jugendliteratur)
Sylvia Näger

Eine Welt für Madurer
Roberto Piumini
Aus dem Italienischen von Maria Fehringer
Verlag: Hanser, Publiziert: 1999, Seiten: 104, ISBN/ISSN/EAN: 3-4461-9740-0
Schlagwörter: Freundschaft | Tod/Trauer

Kann das Sterben eines Kindes schöner erzählt werden? Kann die Kunst als bildendes Element näher die Liebe zum Leben erklären als in diesem Buch, wo es um eine Freundschaft zwischen einem Kind und einem Erwachsenen geht?
Die letzte Seite ist gelesen. Und noch bleibt es eine Weile in den Händen, das Buch. Noch einmal blättern wir zurück, suchen da oder dort einen Gedanken, der zu tief ging, um ihn schnell von der Alltagswelt überdecken zu lassen. Es ist eine fast ehrfurchtsvolle Geste, dieses Zurückblättern. Ehrfurcht vor einem Autor, der hier ein grossartiges Werk geschrieben hat; Ehrfurcht vor einer Geschichte, die so unendlich tief in die ethischen Massstäbe unseres Daseins eindringt.
Der italienische Kinderbuchautor Roberto Piumini (Matti und sein Grossvater) hat nun mit Eine Welt für Madurer eine Erzählung geschrieben, die das Leben eines kleinen Jungen wie Jahreszeiten an uns vorbeiziehen lässt. Madurer ist krank, todkrank. Keine Hoffnung. Aber der Tod entwertet nicht das Leben, nicht hier, wo eine Freundschaft zwischen einem alternden Künstler und dem todkranken Kinde alles aufzeigt, was das Leben als sinnvoll erscheinen lässt. Und da ist auch der liebevolle Vater, der dieser todbringenden Krankheit seines Kindes mit Weisheit begegnet. Madurer ist zu krank, um den Palast seines Vaters noch verlassen zu können, das Fenster in die Welt bleibt ihm verschlossen. Darum ruft der Vater den Maler Sakumat ins Schloss. Was für ein Auftrag! Das Leben soll er malen im Angesicht des Todes? Doch dann legt er Farbe an die Wände. Eine imaginäre Welt entsteht, die hinüberweist ins Ungenannte, Unbekannte.
Ein wunderschönes Jugendbuch (wohl erst ab 14-Jährig), aber ein Buch auch, das in seiner Achtung vor dem Tod tröstlich den unendlichen Kreislauf des Lebens betont. Das den kurzen Moment «Leben» der Poesie, den Farben und Bildern überlässt. Ein Märchen wie aus Tausend und einer Nacht, und so wahr wie das Leben. (Jugendliteratur)
Hannes Schmid

Mütter und Töchter
Josephine Evetts-Secker
Aus dem Englischen von Julia D. Cremer
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 1999, Seiten: 79, ISBN/ISSN/EAN: 3-8251-7239-2
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Familie/Familienformen

Märchen aus aller Welt

Mütter, Väter, Töchter und Söhne – ihre Beziehungen zueinander, ihre Geschichten und ihre unterschiedlichen Lebenswege – 40 Märchen aus aller Welt in vier wunderschön illustrierten und gehaltvollen Bänden entführen uns in ein mystisch-magisches Leseabenteuer.

«Vernehmt diese Geschichte …» oder «Es war einmal …» – wer möchte angesichts solcher Worte nicht gemütlich zurücklehnen und die Augen schliessen, um sich der folgenden Erzählung aufmerksam und entspannt hinzugeben? Dieses ganz besondere Bücherquartett führt uns in eine bislang wenig bekannte Märchenwelt, die Einblick in Länder wie Nepal, Sibirien, Japan, Griechenland und die Fidschi-Inseln und deren Sitten und Gebräuche gestattet.

Mit Sorgfalt und Liebe zum Detail erzählt Josephine Evetts-Secker in jedem Band zehn Märchen. Dabei werden die jeweiligen Hauptfiguren mit grosser Aufmerksamkeit bedacht: Wir erleben die ganze Bandbreite familiärer Bindungen und Verflechtungen, hören von Liebe und Anerkennung, von hingebungsvoller Unterstützung und Fürsorge genauso wie von Neid, Niedertracht, falschem Stolz und blinder Machtgier. Wir tauchen ein in die Unterwelt, begegnen Göttern, Zauberwesen und unzähligen dienstbaren Geistern, durchwandern gemeinsam mit den Helden finstere Wälder und Schluchten. Wir erleben die wundersamen Kräfte der Symbolik und erfahren ein weiteres Mal, dass der menschliche Respekt vor der Natur nicht gross genug sein kann – oder können Sie sicher sein, dass Ihr Wellensittich im Käfig oder die Katze zu Ihren Füssen nicht vielleicht doch verzaubert sind und auf Erlösung warten?

Obwohl es sich bei diesen Geschichten um Märchen handelt, lassen sie sich in ihrer tieferen Bedeutung problemlos ins Jahr 2000 transferieren! Es wird uns bewusst, dass Mütter und Väter den Ursprung aller menschlichen Beziehungen verkörpern und in ihrer Ausprägung ganz entscheidend auf die Entwicklung eines jungen Menschen einwirken. Eltern lassen los, schicken Kinder auf ihre eigene Lebensreise, begleitet von guten Wünschen und rettenden Zaubergaben, oft aber auch im Sinne einer schmerzlichen und boshaften Trennung, wie uns das immer wiederkehrende Auftauchen der bösen Stiefmutter verdeutlicht.

Eltern sind manchmal ihren Kindern gegenüber unvernünftig und ungerecht und erfüllen ihre erzieherischen Aufgaben nicht oder nur mangelhaft. Aber – und das ist ja das Einzigartige am Märchen – hier endet alles gut und jeder ist mit seinem Schicksal im Einklang!

Beim Lesen der einzelnen Geschichten und beim Anschauen der von Helen Cann wunderschön gezeichneten, harmonisch in den Text eingearbeiteten Farb-Bilder darf sich jeder seine eigenen Gedanken zum Thema «Familienbindung» machen. Genau da liegt die zeitlose Aktualität dieser Bände.

Sabine Saner

Väter und Töchter
Josephine Evetts-Secker
Aus dem Englischen von Sylvia Sokolowski
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 1999, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 3-8251-7237-6
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Familie/Familienformen

Märchen aus aller Welt

Mütter, Väter, Töchter und Söhne – ihre Beziehungen zueinander, ihre Geschichten und ihre unterschiedlichen Lebenswege – 40 Märchen aus aller Welt in vier wunderschön illustrierten und gehaltvollen Bänden entführen uns in ein mystisch-magisches Leseabenteuer.

«Vernehmt diese Geschichte …» oder «Es war einmal …» – wer möchte angesichts solcher Worte nicht gemütlich zurücklehnen und die Augen schliessen, um sich der folgenden Erzählung aufmerksam und entspannt hinzugeben? Dieses ganz besondere Bücherquartett führt uns in eine bislang wenig bekannte Märchenwelt, die Einblick in Länder wie Nepal, Sibirien, Japan, Griechenland und die Fidschi-Inseln und deren Sitten und Gebräuche gestattet.

Mit Sorgfalt und Liebe zum Detail erzählt Josephine Evetts-Secker in jedem Band zehn Märchen. Dabei werden die jeweiligen Hauptfiguren mit grosser Aufmerksamkeit bedacht: Wir erleben die ganze Bandbreite familiärer Bindungen und Verflechtungen, hören von Liebe und Anerkennung, von hingebungsvoller Unterstützung und Fürsorge genauso wie von Neid, Niedertracht, falschem Stolz und blinder Machtgier. Wir tauchen ein in die Unterwelt, begegnen Göttern, Zauberwesen und unzähligen dienstbaren Geistern, durchwandern gemeinsam mit den Helden finstere Wälder und Schluchten. Wir erleben die wundersamen Kräfte der Symbolik und erfahren ein weiteres Mal, dass der menschliche Respekt vor der Natur nicht gross genug sein kann – oder können Sie sicher sein, dass Ihr Wellensittich im Käfig oder die Katze zu Ihren Füssen nicht vielleicht doch verzaubert sind und auf Erlösung warten?

Obwohl es sich bei diesen Geschichten um Märchen handelt, lassen sie sich in ihrer tieferen Bedeutung problemlos ins Jahr 2000 transferieren! Es wird uns bewusst, dass Mütter und Väter den Ursprung aller menschlichen Beziehungen verkörpern und in ihrer Ausprägung ganz entscheidend auf die Entwicklung eines jungen Menschen einwirken. Eltern lassen los, schicken Kinder auf ihre eigene Lebensreise, begleitet von guten Wünschen und rettenden Zaubergaben, oft aber auch im Sinne einer schmerzlichen und boshaften Trennung, wie uns das immer wiederkehrende Auftauchen der bösen Stiefmutter verdeutlicht.

Eltern sind manchmal ihren Kindern gegenüber unvernünftig und ungerecht und erfüllen ihre erzieherischen Aufgaben nicht oder nur mangelhaft. Aber – und das ist ja das Einzigartige am Märchen – hier endet alles gut und jeder ist mit seinem Schicksal im Einklang!

Beim Lesen der einzelnen Geschichten und beim Anschauen der von Helen Cann wunderschön gezeichneten, harmonisch in den Text eingearbeiteten Farb-Bilder darf sich jeder seine eigenen Gedanken zum Thema «Familienbindung» machen. Genau da liegt die zeitlose Aktualität dieser Bände.

Sabine Saner

Väter und Söhne
Josephine Evetts-Secker
Aus dem Englischen von Julia D. Cremer
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 1999, Seiten: 79, ISBN/ISSN/EAN: 3-8251-7238-4
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Familie/Familienformen

Märchen aus aller Welt

Mütter, Väter, Töchter und Söhne – ihre Beziehungen zueinander, ihre Geschichten und ihre unterschiedlichen Lebenswege – 40 Märchen aus aller Welt in vier wunderschön illustrierten und gehaltvollen Bänden entführen uns in ein mystisch-magisches Leseabenteuer.

«Vernehmt diese Geschichte …» oder «Es war einmal …» – wer möchte angesichts solcher Worte nicht gemütlich zurücklehnen und die Augen schliessen, um sich der folgenden Erzählung aufmerksam und entspannt hinzugeben? Dieses ganz besondere Bücherquartett führt uns in eine bislang wenig bekannte Märchenwelt, die Einblick in Länder wie Nepal, Sibirien, Japan, Griechenland und die Fidschi-Inseln und deren Sitten und Gebräuche gestattet.

Mit Sorgfalt und Liebe zum Detail erzählt Josephine Evetts-Secker in jedem Band zehn Märchen. Dabei werden die jeweiligen Hauptfiguren mit grosser Aufmerksamkeit bedacht: Wir erleben die ganze Bandbreite familiärer Bindungen und Verflechtungen, hören von Liebe und Anerkennung, von hingebungsvoller Unterstützung und Fürsorge genauso wie von Neid, Niedertracht, falschem Stolz und blinder Machtgier. Wir tauchen ein in die Unterwelt, begegnen Göttern, Zauberwesen und unzähligen dienstbaren Geistern, durchwandern gemeinsam mit den Helden finstere Wälder und Schluchten. Wir erleben die wundersamen Kräfte der Symbolik und erfahren ein weiteres Mal, dass der menschliche Respekt vor der Natur nicht gross genug sein kann – oder können Sie sicher sein, dass Ihr Wellensittich im Käfig oder die Katze zu Ihren Füssen nicht vielleicht doch verzaubert sind und auf Erlösung warten?

Obwohl es sich bei diesen Geschichten um Märchen handelt, lassen sie sich in ihrer tieferen Bedeutung problemlos ins Jahr 2000 transferieren! Es wird uns bewusst, dass Mütter und Väter den Ursprung aller menschlichen Beziehungen verkörpern und in ihrer Ausprägung ganz entscheidend auf die Entwicklung eines jungen Menschen einwirken. Eltern lassen los, schicken Kinder auf ihre eigene Lebensreise, begleitet von guten Wünschen und rettenden Zaubergaben, oft aber auch im Sinne einer schmerzlichen und boshaften Trennung, wie uns das immer wiederkehrende Auftauchen der bösen Stiefmutter verdeutlicht.

Eltern sind manchmal ihren Kindern gegenüber unvernünftig und ungerecht und erfüllen ihre erzieherischen Aufgaben nicht oder nur mangelhaft. Aber – und das ist ja das Einzigartige am Märchen – hier endet alles gut und jeder ist mit seinem Schicksal im Einklang!

Beim Lesen der einzelnen Geschichten und beim Anschauen der von Helen Cann wunderschön gezeichneten, harmonisch in den Text eingearbeiteten Farb-Bilder darf sich jeder seine eigenen Gedanken zum Thema «Familienbindung» machen. Genau da liegt die zeitlose Aktualität dieser Bände.

Sabine Saner

Wärst du mal ich und ich mal du
Sheree Fitch, Illustration: Darcia Labrosse
Verlag: Gabriel, Publiziert: 1999, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7072-6593-5
Schlagwörter: Sprachspiel | Tiere

Ein Buch über Kinderrechte

Schau… Sähest du das Ich von mir und ich wüsst mehr vom Du von dir, vielleicht käm raus – man weiss ja nie – wir mögen beide Broccoli.

Auf solch witzige Weise ist es Martin Auer gelungen, die Wortspiele ins Deutsche zu übertragen, die in der Originalfassung unter dem Titel If you could wear my sneakers das Thema Kinderrechte einmal auf ganz andere Art und Weise Kindern verständlich machen möchten. Und weil diese Verse weit entfernt sind von trockenem, theoretischem Papierwissen, können auch schon kleine Kinder sehr viel damit anfangen.

«Denk nicht, dass du mich kränkst, wenn du sagst, was du denkst, und du denkst, dass ich stink», sagt der Skunk. «Ich sag stets, was ich mein, und ich mein», sagt das Schwein, «für ‹nen Skunk› machst du wirklich gut Stunk!»

Vielleicht entschärft der Umweg über die Tiere auch die mit diesem Thema nicht zu umgehende pädagogische Botschaft etwas.
In der Regel lieben Kinder das Spiel mit den Wörtern, und hier sind sie wirklich bedient. Und nicht nur sie, auch Jugendliche oder gar Erwachsene können spasseshalber eine Menge tiefschürfende Wahrheiten erlesen.

Wer schliesslich wirklich wissen will, wie die Rechte der Kinder lauten, findet auf den beiden letzten Seiten dieses Bilderbuchs jene 15, die die AutorInnen als die wichtigsten erachten, im Originaltext.

Der Geier und das Mädchen
Álvaro del Amo
Aus dem Spanischen von Katharina Baumeister
Verlag: Middelhauve, Publiziert: 1999, Seiten: 92, ISBN/ISSN/EAN: 3-7876-9695-4
Schlagwörter: Tiere

Geschichten von Kindern und seltsamen Tieren

Kinder und Tiere unterhalten sich über seltsame Verehrer und merkwürdige Etikette, den geltenden geschwätzigen Plauderton, das Affige in der Gesellschaft, einen schmerzvollen Abschied – zu Hause auf dem schwarzen Samtsofa, im Zimmer mit dem grünen Bett, auf dem geheimnisvollen Dachboden, der frisch gebohnerten Treppe … ungewohnte Themen und Orte für ein Kinderbuch!

Die meisten Dialoge beinhalten das Zu-Ende-bringen einer Etappe, sind gescheit vorgeführt von höchst interessanten Gesprächspartnern wie Maulwurf, Gorilla, Nashorn, Echse, Fliege – allesamt beseelte Mitbewohner einer bizarren Kinderwelt. Zusammen entwickelt man Diskurse, die sogar (oder nur?) Erwachsenen den Blick verwesentlichen helfen. Die Tierperspektive, wir wissen es, ermöglicht Einblick in die menschliche Psyche. Álvaro del Amo verpackt das Symbolische in surreal-melancholische Bilder, die irritieren, aber vielleicht gerade deshalb zeitgemäss und plausibel sind.

Überhaupt durchweht ein Hauch von E. T. A. Hoffmann das bibliophile Bändchen. Eindeutig herausragend der visuelle Eindruck: Papier, Schrift, Format, Bindung – sehr ästhetisch. Die statischen Illustrationen in Übereinstimmung mit dem knappen Erzählstil, die die Kapitel einführenden Initialen in markanter Federführung, die Tierköpfe darin ernsthaft und lieblich zugleich. Middelhauve wird wissen, dass man dieses Buch nicht gleich weglegt: Mit dem gelben Seidenmarkerband fixieren wir das Wiederlesen …

Claudia Theiner

Mädchen
Ditta Rudle
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 1999, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 3-8000-1528-5
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Pubertät | Alltag

Ein Fotoband

Was ist jungen Mädchen heute wichtig? Auf der Grenze zwischen Kind und Frau bewegen sie sich in eigenen Räumen. Der Fotoband von Nora Schoeller mit assoziativen Texten von Ditta Rudle zeigt die konkreten Räume genauso auf wie die ideellen.
Klappenbroschur, einfühlsame Alltagsbilder und verschiedene Textarten: So spricht der Band junge Mädchen von 12 bis 16 Jahren an. Die im Mittelpunkt stehenden Bilder laden zum Verweilen und Nachdenken ein. Aus jedem Foto ist die Nähe Nora Schoellers zu den Portraitierten ersichtlich. Ob beim Kochen, beim Einkaufen, mit dem Freund, in Gemeinschaft mit Freundinnen, allein und nachdenklich – immer sind die Abgebildeten sie selbst, natürlich und lebendig, unabhängig von der gewählten Perspektive. Harmonisch und doch spannungsvoll sind Bildausschnitte, Bildformate und Texte so zusammengefügt, dass jede (Doppel-)Seite eine in sich geschlossene Einheit bildet.
Im Text greift Ditta Rudle verschiedene Themen auf, die sie durch Gedichte und Zitate bekannter Persönlichkeiten ergänzt. Philosophische Überlegungen zu Schönheit (nicht immer auf Anhieb nachvollziehbar) und Freundschaft, das Werben um Verständnis für die Mütter, ein grossmütterlicher Brief zum Thema Sexualität – sie alle sind durchwirkt von Optimismus: «Der Ernst des Lebens steckt voller Spass, man muss ihn nur entdecken». Fazit: Es ist schön, ein Mädchen zu sein. (Jugendliteratur)
Sylvia von Piechowski

Mythen visuell
Neil Philip
Aus dem Englischen von Margot Wilhelmi
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 1999, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-4275-8

Was wie ein Kunstbuch für höhere Ansprüche daherkommt, ist ein vielseitiges, farbenprächtiges Nachschlagewerk im Grossformat der neuen Gerstenberg Sachbuchreihe «visuell» für Jugendliche. Ein Kompendium über die Mythen der Welt, mit aussergewöhnlicher Sorgfalt geschrieben und wunderschön bebildert und gestaltet, kurz: ein riesiger Wissensschatz für mehr Toleranz gegenüber anderen Kulturen. Seit Menschengedenken interessieren sich alle Völker für mythische Begebenheiten, Abenteuergeschichten von Göttern und Helden und Geschehnisse mit übernatürlichen Kräften. «Mythen spiegeln die Seele eines Volkes,» schreibt der Autor dieses Bandes. Auf 128 reich bebilderten Seiten erklärt er nach der Kurzeinführung die Entstehung von Mythen und Sagen in den verschiedenen Kulturen und die Verbindung zu anderen Völkern. Der Übergang zu den einzelnen Mythenkulten erfolgt in einer zeitlichen Abfolge nach Ländern und Kontinenten geordnet. Eine einzige unverständliche Abweichung der übersichtlichen Gliederung fällt auf, wenn als Abschluss – vor dem detaillierten Register – plötzlich der Familienstammbaum der griechischen Götter, den man eher bei den griechischen Mythen sucht, erscheint. Hervorzuheben ist, dass der kompetente und umfangreiche Inhalt dieses Sachbandes unbedingt dem Reihentitel «visuell» entspricht, denn das Bild steht in ausgewogenem Verhältnis zum Text.
Kurzer, prägnanter Text begleitet die prächtigen, farbigen und meist grossformatigen Illustrationen, die auf brillantem Glanzpapier besonders gut zur Geltung kommen. Ein ansprechender Bildsachband erster Güte; informativ und sachgerecht ist er eine Fundgrube des Wissens. (Jugendliteratur)

In sicherer Ferne
Carolyn Coman
Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Krutz-Arnold
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 1999, Seiten: 96, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4222-5
Schlagwörter: Gefühle

«Nur» 96 Seiten stark, fesselt diese Geschichte einer Kindsmisshandlung nicht durch die Darstellung und Aufarbeitung von Gewalt, sondern durch den einfühlsam geschilderten Versuch, die seelischen Verletzungen zu überwinden.
Erstaunlich, wie viele literarische Kinder- und Jugendbücher zu ernsten Themen aus den USA kommen. Bücher, die in Stil, Plot und Charakterisierung beeindrucken und dabei unterhalten. Bücher, die nicht mit Moralin und dem berühmten Zeigefinger daherkommen. Der Sauerländer Verlag hat sich im Aufspüren solcher Titel besonders verdient gemacht. Dazu gehört dieses literarische Kleinod von Carolyn Coman. Neugierde und Aufmerksamkeit weckt schon der Titel In sicherer Ferne, von Cornelia Krutz-Arnold hervorragend übersetzt.
Behutsam wird aus der Sicht des kleinen Jamie Gewalt und Kindsmisshandlung beschrieben. Doch nicht die Darstellung der Tat als solcher steht im Vordergrund, sondern die Emotionen Jamies und der Betroffenen. Gegenstand der Erzählung sind eher die Auswirkungen der Gewalt auf die Psyche von Opfer wie Täter – und die Frage, wie die Opfer lernen können, sich zu wehren.
Van ist der Mann, mit dem Jamies Mutter zusammenlebt. Als er die gemeinsame Tochter, ein Baby, gegen die Wand wirft, zieht Jamies Mutter die Konsequenzen. Sie verlässt ihren Lebensgefährten – was schwierig ist, wenn man arm ist – und bittet einen Freund um Hilfe. Ein Wohnwagen wird das neue Zuhause; Jamie und seine Mutter müssen lernen, sich emotional aus ihrer Abhängigkeit zu befreien.
In sicherer Ferne ist ein atmosphärisch dichtes Buch, eines das differenzierend beschreibt und Mut macht. (Jugendliteratur)
Ursula Mich

Kurz vor morgen
Irma Krauss
Verlag: Aare, Publiziert: 1999, Seiten: 136, ISBN/ISSN/EAN: 3-7260-0538-2
Schlagwörter: Freundschaft | Alltag | Tod/Trauer

«Als ich Uropa im Sommer neunundneunzig kennen lernte, hatte er hundert Jahre und eines auf dem Buckel.» Mit diesen Worten beginnt die 16-jährige Senta ihren klarsichtigen und doch anrührenden, in der Ich-Form abgefassten Bericht über die kurze, intensive Zeit, die sie mit ihrem Urgrossvater verbringen wird.
Seltsam, sich vorzustellen, dass das junge Mädchen einen so nahen Verwandten, der zudem keine drei Autostunden weit weg wohnt, erst wenige Monate vor dessen Tod kennen lernt. Seltsam auch, dass der Rest der Familie ihr den alten Herrn bis anhin verschwieg. Der 76-jährige Grossvater Manfred beispielsweise, der brav im komfortablen Seniorenheim «seine dicke Pension als Oberregierungsrat» verlebt. Oder auch Sentas geschiedene Mutter, der – Zug der Zeit? – Arbeit und Freund präsenter zu sein scheinen als ihre Tochter.
Wie dem auch sei: Senta ist neugierig auf einen, dessen Existenz so vollkommen ignoriert wird, als wäre er schon seit Jahren tot. Als ihre Jazzband per Zufall auf Probenreise in Biberau Station macht, nimmt sie die Gelegenheit beim Schopf und besucht den Unbekannten, Geheimnisumwitterten.
Irma Krauss – Peter-Härtling-Preisträgerin 1999 – entwickelt hier eine eigenartig zeitlose und vielleicht genau darum den dahinfliessenden Jahren tief verbundene Erzählung. Die Geschichte spielt zudem im Bayerischen, da, wo die Autorin selbst zu Hause ist. Wirkt das Ambiente deshalb so lebendig, so echt? Ohne sich in blumigen Details zu verlieren, fixiert Irma Krauss den Rahmen ihrer Handlung. Sie hat, scheint´s, vor Augen, was sie beschreibt: Uropas heimeliges Häuschen am Rand eines Dörfchens, den hölzernen Pavillon, den Gemüsegarten, die Rosen in Rot und Gelb, den Kiesweg, die Erdbeerbeete, die meist verschlossene Gartentüre.
Mit der gleichen Sorgfalt wird die eigenwillige, zwei Generationen überspringende Freundschaft zwischen Urgrossvater und Urenkelin aufgebaut. Das heisst, eigentlich wird Senta da ungefragt in etwas hineingeworfen, das für sie anfangs nur den Reiz des Mysteriösen hat. Stein um Stein, wie in einem Puzzle, entdeckt das Mädchen dann die Wahrheit hinter einer Geschichte, die sich als ihre eigene entpuppt – und gewinnt zugleich das Vertrauen von Uropa Erich. Ihrer keineswegs offen benannten, zwischen den Zeilen jedoch sehr präsenten Liebe gelingt es, den Greis aus seiner 43 Jahre dauernden Lethargie zu wecken und ihm zumindest für Augenblicke das Hier und Jetzt aufzuzeigen. Damit verschafft sie ihm unbewusst die Möglichkeit zur Reflexion, gibt ihm die Chance Abschied zu nehmen und – «Kurz vor morgen» des 1. Januars 2000 – loszulassen.
Schön und schlüssig ist diese Expedition zurück ins Dunkel eines langen Lebens erzählt. Keine dramatische, sondern eine ganz sanfte Faszination geht von ihr aus. Das Geheimnis des scheinbar «Normalen» zieht hier in seinen unprätentiösen Bann. So bleibt man, obwohl sich der rätselhafte Inhalt des Romans wie Morgennebel in der Sonne löst, sinnierend zurück. (Jugendliteratur)

Hundert Jahre und ein Sommer
Klaus Kordon
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 1999, Seiten: 392, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-80857-7
Schlagwörter: Historisches

Schon wieder ein Jahrhundertbuch! So denkt man, wenn man Kordons neuen Wälzer zur Hand nimmt. Doch eh’ man sich versieht, ist der 392 Seiten starke Band gelesen. Denn: Es geht kurzweilig zu.
Ein buntes Kaleidoskop von Personen und Schicksalen zieht an uns vorüber: das geschwängerte Dienstmädchen, die Kriegswitwe, der verratene Jude, der durch die Havel schwimmende Flüchtling, der Obdachlose im besetzten Haus. Zusammengehalten wird das alles durch ein baufälliges Gebäude in Berlins Mitte und die Erzählerin, Eva Seemann. Die junge Studentin kommt in dieses Haus, um den Grossvater zu besuchen und der Geschichte ihrer Ururgrossmutter nachzuspüren, die als erste der Familie hier wohnte. Anhand vergilbter Fotografien und übriggebliebener Schriftstücke rekonstruiert Eva das Leben jener Hermine Stagraff, geb. Seemann.
In Form eines langen Briefes an ihre Urahnin lässt uns Kordon an den Gedanken Evas teilhaben. Wir erfahren aber auch die Geschichte einer ganzen Familie, die so oder ähnlich typisch ist für Deutschland im 20. Jahrhundert. Denn die Politik und die Zeit prägte das Schicksal aller Angehörigen, liess sie sich bewähren – oder scheitern. Allen voran jenes Minchen, die grosse Liebende, die Rabenmutter und Denunziantin. Dann ihr Enkel Robert, einst gefeierter DDR-Schriftsteller, der keine Wahrheiten mehr kennt und zu Weisheiten «grosser Freunde» Zuflucht nimmt. Sein Sohn hält ihn für den grössten Lügner aller Zeiten, flüchtet nach Westdeutschland und verliert dabei den besten Freund. Die Vergangenheit verdrängt er, baut sein beschauliches Familienidyll auf – bis die Wende das Begrabene wieder lebendig werden lässt. Und Eva, als letzte dieser Kette, entdeckt in Berlin nicht nur die Gebrochenheit menschlicher Biografien, sondern auch die Facetten ihrer eigenen Persönlichkeit.
Der Tonfall des jungen Mädchens liest sich erfrischend, herrlich die Einsprengsel im Berliner Jargon. Das Beste des Buches ist aber, dass es keine Antworten gibt, nicht belehrt und nicht verurteilt. So wie Eva stehen wir jedes Mal vor der Frage: Was hätte ich in der jeweiligen Lebenssituation getan? (Jugendliteratur)
Rita Busch

Lauf, Lilly, lauf!
Helga Hegewisch
Verlag: Atrium, Publiziert: 1999, Seiten: 320, ISBN/ISSN/EAN: 3-8553-5932-6
Schlagwörter: Kunst | Gewalt

Die Autorin Helga Hegewisch legt mit Lauf, Lilly, lauf! nicht nur ein Jugendbuch, sondern einen eigentlichen Entwicklungsroman vor.
Als der Krieg beginnt, ist Lilly ein unbeschwertes Schulkind; als er zu Ende geht, ist sie zwar noch immer ein Schulmädchen, hat aber in den Kriegsjahren so viel erlebt, dass sie weit über ihre Jahre hinaus gereift ist. Nach den Bombardierungen von Hamburg zieht die Familie auf die Domäne Staaken in Mecklenburg. Und hier beginnt die eigentliche Geschichte. Lilly freundet sich mit einem Mädchen aus ganz anderen Kreisen an. Isabellas Vater ist Künstler. Als er sich über ein Malverbot hinwegsetzt, wird er in ein Lager für «Volksschädlinge» deportiert. Lilly erlebt zum ersten Mal Kritik am geliebten Führer, Kritik am NS-Staat, am Krieg. Vorerst kümmert sie das wenig. Sie bewundert die eigenwillige Freundin und sieht ihr vieles nach.
Doch der Krieg kommt näher. Die deutschen Siege sind längst vorbei. Auch auf dem abgeschiedenen Staaken wird das Leben schwierig. Die beiden Mädchen verstecken einen britischen Kriegsgefangenen in ihrer Waldhütte, mehr aus romantischen Motiven als aus Widerstandsgeist. Dass sich der Flüchtling schliesslich als Deutscher erweist, während der hochdekorierte Onkel Jupp, Offizier und der Waffen-SS nahestehend, heimlich Widerstand geleistet hat, gehört mit zu den sich überstürzenden Ereignissen dieser turbulenten Zeit. Die beiden Mädchen, altklug und doch naiv, geraten immer wieder in gefährliche Situationen. Sie werden verhaftet, verdächtigt und verhört. Ein andermal entgeht Lilly nur knapp einer Vergewaltigung.
Die dramatischen Situationen häufen sich in einem Mass, dass sie nur noch aufgezählt, nicht mehr dicht in die Geschichte eingearbeitet sind, wodurch die Spannung leidet. Schade. Das Buch beginnt sehr schön, mit langem Atem, der gegen Schluss gelegentlich in Atemlosigkeit übergeht. Trotz dieses Einwandes ist der Autorin ein überaus interessantes Zeitbild gelungen. Der attraktive Einband wird zusätzliche LeserInnen gewinnen. (Jugendliteratur)
Ingeborg Rotach

Balaban Neumann, der Hund
Sheila Och, Illustration: Sabine Wiemers
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 1999, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4556-9
Schlagwörter: Humor/Komik | Tod/Trauer

Sheila Ochs Bücher faszinieren durch die Leichtigkeit des Schreibens. Bisher beeindruckte sie vor allem mit aussergewöhnlichen Jugendbüchern, die mehrfach und mit höchsten Ehren ausgezeichnet wurden. Mit ihrem neuen Buch, das vielleicht ihr witzigstes und hintergründigstes ist und das nicht nur Hundefans begeistern wird, wendet sie sich zum ersten Mal an jüngere LeserInnen ab acht Jahren.
Familie Neumann ist sehr traurig, weil Opas Stuhl am gemeinsamen Tisch für immer leer bleiben wird. Die Jüngste der Familie meint, dass ein Hund Leere und Trauer mildern könne. Bedenken werden beiseite gewischt, und die Familie holt sich einen mittelgrossen schwarzen verwaisten Hund aus dem Tierheim. Nur der Ich-Erzähler erkennt die Andersartigkeit dieses Hundes, der zu grinsen scheint. Balaban entpuppt sich als ein Wesen, das alles und jeden auf den Kopf stellt und der Familie viel Kummer macht – sie aber auch zum Lachen bringt. Umso grösser ist das Entsetzen, als er verschwindet. Aber Balaban hiesse nicht Balaban, wenn er nicht einen besonderen Grund dafür hätte …
Das Thema «Verlust und Tod» wird hier tiefsinnig, lebensnah und gleichzeitig humorvoll bearbeitet. Ein Hund als Ersatz für den verstorbenen Opa, der durch sein Verhalten Trauer erträglich macht und der schliesslich gekonnt für einen Ersatzopa sorgt, zeigt, wie geschickt die Autorin Ernst und Humor ineinander verwebt. Sheila Och plädiert in diesem Buch für ein Miteinander von Mensch und Tier; ein gutes Rezept, um Einsamkeit zu bekämpfen. So ganz nebenbei verrät sie auch eine Menge Wissen über das Verhalten von Hunden. Die Erzählung wird kongenial von Sabine Wiemers Schwarz-Weiss-Illustrationen unterstützt. Balaban wirkt ausgesprochen frech und selbstbewusst und lädt doch zum Knuddeln ein. (Jugendliteratur)
Ursula Mich

In einem tiefen, dunklen Wald …
Paul Maar, Illustration: Verena Ballhaus
Verlag: Oetinger, Publiziert: 1999, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4221-2
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Humor/Komik

Obwohl Paul Maars Geschichte In einem tiefen, dunklen Wald… nicht mit den Worten «Es war einmal» beginnt, lässt das witzige Stück keinen Zweifel daran, dass es sich hier um ein prachtvolles Exemplar der Gattung «Märchen» handelt.
«Früher gab es viele Könige. Sehr viele Könige. Und da jeder König ein Königreich hatte, gab es auch viele Länder. Sehr viele Länder. Kein Wunder, dass manche kaum grösser waren als ein Badezimmerteppich.» Womit wir schon beim ersten Problem wären. Doch halt, es geht noch weiter: «Da viele der Könige Kinder hatten, gab es natürlich auch viele Prinzen und Prinzessinnen. Denn die Kinder von Königinnen und Königen werden nun mal Prinzessinnen und Prinzen, ob sie es wollen oder nicht.»
Was macht nun so ein Herrscherpaar mit Badezimmer grossem Reich und einer «ziemlich schönen», aber auch «ein bisschen verwöhnten» Tochter namens Henriette-Rosalinde-Audora, die keinen der reichen Prinzen zum Mann nehmen will, die um sie werben? Ganz einfach: Man erinnert sich der klassischen Märchenlösung, schickt die nicht einmal unwillige Tochter in die Einöde und hofft, dass sie
a) von einem Untier gefangen genommen,
b) von einem tapferen Prinz wieder aus dessen Klauen befreit werden wird. Zwecks Heirat selbstverständlich. Unter Verlust, nun ja, des halben Badezimmer grossen Reichs und in der stillen Hoffnung, ein vorzeigbares Herrschaftsgebiet dazu zu gewinnen.
Paul Maar hat sich das alles sehr hübsch ausgedacht. Mit sprühend herzerfrischendem Humor erzählt er seine Schmunzelgeschichte, die sich ganz fest an bekannte Märchenbilder anlehnt, um sie am Laufmeter umzukehren oder spielerisch abzuwandeln und zu guter Letzt mit einem wirklich verblüffenden Schluss aufzuwarten. Auch zum Schauen gibt’s etwas in diesem Buch. Die muntere Story ist nämlich von Verena Ballhaus in zarter, ganz typischer Bilder-Handschrift, dem Text absolut ebenbürtig, illustriert worden. Die teils farbigen, teils schwarz-weissen vignettenartigen Bildchen erweitern sich am Anfang und am Ende des Buches sogar zu einem mehrseitigen Comic. Das ist nicht nur reizvoll gemacht, sondern verleiht dem Märchen eine eigene unverwechselbare Note. (Jugendliteratur)

Nacktschnecken – Auf leisen Sohlen um die Welt
Ludger Buse, Illustration: Robert Meyer
Verlag: Edition liberación, Publiziert: 1999, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-923792-44-1
Schlagwörter: Natur | Tiere

Salatpflanzerinnen und Basilikumliebhaber hassen sie, für liebe Bilderbücher fehlen ihnen Kulleraugen und Kuschelpelz, und selbst Naturschützer mögen die «Mit-den-schönen-Häuschen» weit mehr: Ein Sach-Bilderbuch erzählt über Nacktschnecken.

Nach dem evolutionären Weg vom Wasser ans Land war den Nacktschnecken der harte Schutz eben hinderlich und so hat er sich zurückgebildet. Kalkkörner unter dem Mantelschild sind letzte Spuren davon. Das erläutert der Text der ersten Doppelseite; das Bild dazu zeigt schlicht, aber in frappant ästhetischem Nebeneinander Muschel, Häuschenschnecke und Nacktschnecke. Sonst jedoch geht es um Fressen und Gefressen werden: Natürlich schmälern diese Weichtiere den Gartenertrag, aber sie leisten auch ihren Teil bei der Humusbildung, denn sie putzen auf dem abgeernteten Kohlrabibeet das Blattzeug weg, fressen auch Hundekot und tote Artgenossen.
Das interessiert Kinder nicht? Oh doch! Nicht nur, weil ihre Augen näher am Boden sind, sondern weil das «Igitt» der Erwachsenen das Hinschauen noch spannender macht. Und weil die spontane Faszination zu Staunen und Erkenntnis führt, dafür gibt es – nach dem erfolgreichen Bilderbuch Regenwürmer – jetzt diese Neuerscheinung: So unspektakulär aufgemacht, wie es zu diesen Tieren passt, so sachlich, wie es das Verstehen fordert, und mit Bildtafeln wie Stillleben – so dass

Hans ten Doornkaat

Falsche Spiele
Per Knutsen
Aus dem Norwegischen von Lothar Schneider
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 1999, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00832-8
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Gewalt

«Wozu denn?, fragte sie. Wozu, Boss?
Kapierst du das nicht?, fragte er.
Nein.
Freiheit, sagte er.
Meine Füsse sind nass, sagte sie. Das ist wohl die Freiheit, oder?
Die Welt ist voller Geld, sagte Boss. Man muss es nur holen. Dann murmelte er: Möglich ist alles … »

Während eines Ferienlagers berauben die drei Freunde, Boss, Lillian und Geisha ihre Erzieherin und reissen aus dem Jugendheim aus. Doch ihr Traum vom unabhängigen Leben scheitert bald an der übermächtigen Realität: Immer stärker verstricken sich die drei auf ihrer Flucht in ein Netz von Gewalttaten. Nur kurze Momente nähren die Illusion der eigenen Träume von Freiheit und Geborgenheit.

Die Erzählung orientiert sich genremässig am amerikanischen Gangsterfilm und verbindet die knappen Szenen zu einer rasanten Handlungsfolge, die rasch in ihren Bann zieht. Die Geschichte verzichtet weitgehend auf Hintergründe und Erklärungen, notiert nüchtern und plausibel die Ausweglosigkeit ihrer Helden. Knutsen zeigt dabei keine skrupellosen Gewalttäter, sondern unsichere und sensible Charaktere an der schmalen Grenzlinie zwischen den eigenen, oft unfreiwillig naiven Träumen und Sehnsüchten einerseits und dem Absturz in sinnlose Gewalttaten andererseits. Behutsam bringt die Erzählung die Stimmungen und Befindlichkeiten ihrer Figuren zur Sprache und sensibilisiert für die Mechanismen der Jugendkriminalität. Dank seiner differenzierten Figurenzeichnung und der gleichwohl prägnanten wie lapidaren Erzählweise gibt der Krimi über seinen Unterhaltungswert hinaus Einblick in die widersprüchliche Gefühlswelt seiner HeldInnen und entlässt den Leser/die Leserin nachdenklich und fragend.

Klaus Gasperi

22 kecke Kinder
Tjibbe Veldkamp, Illustration: Philip Hopman
Aus dem Niederländischen von Hans ten Doornkaat
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 1999, Seiten: 27, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4364-7
Schlagwörter: Spiel

Kinder brauchen Freiraum zum Spielen. Wie Waisenkinder dieses Recht verteidigen und die Erwachsenen überzeugen, erzählt das Buch 22 kecke Kinder in schwerelosen Bildern und wunderbar einfacher Sprache.

Seit die schwarzgekleidete, strenge Erzieherin da ist, dürfen die Kinder nicht mehr wie früher spielen, weil das viel zu gefährlich sei, die Kinder sich wehtun könnten: «Ein Elefant, der hält was aus. Aber ein Kind ist kein Elefant.». Also packt die dicke Erzieherin alle 22 Kinder und bringt sie ins Bett, wo sie sich sehr langweilen. Eines Morgens sind die Kinder verschwunden, dafür sitzt ein karierter Elefant im Schlafsaal! Gemeinsam suchen Elefant und Erzieherin die Verschwundenen, bis der Oberaufseher für Waisenhäuser kommt, der gleich wittert, dass was in der Luft (f)liegt . . .

Vor der grossartigen Kulisse eines Schlosses im gelbgrauen Lichtspiel von Nebel und Sonne sind die 22 farbigen, mit lockerem Strich gezeichneten Kinder das pure Leben. Spielen ist für sie so selbstverständlich, dass sie auch die steifen Erwachsenen dazu bewegen können. Dabei geht Spielen nicht ab ohne Rumoren und Jauchzen, die gesamte Einrichtung wird einbezogen (und wenn nötig vorher demontiert), Piratenschiffe und Kutschen werden gebaut und alles gleicht einem einzigen Durcheinander.

Die fantasievollen und lustigen Bilder (besonders gelungen z.B. der Schlafsaal aus der Vogelperspektive) sind raffiniert mit Zitaten versetzt: Die Kinder üben den Apfelschuss und brauchen die Freiheitsstatue als Galionsfigur, Pippi Langstrumpf, Tarzan und Superman spielen mit Figuren aus Les Misérables, Oliver Twist u.a.

Bruno Blume

Wenn die Zeit stehen bleibt
Jacqueline Woodson
Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Riekert
Verlag: Klopp, Publiziert: 1999, Seiten: 177, ISBN/ISSN/EAN: 3-7817-2360-7
Schlagwörter: Rassismus | Tod/Trauer | Liebe | Familie/Familienformen

Jacqueline Woodson lässt ihre Protagonistin rückblickend in rhythmisch wechselnder Erzählperspektive die tragische Liebesgeschichte zwischen ihr und dem schwarzen Miah erzählen.

«Wenn du kommst so leise wie Blätter rascheln im Wind, dann hörst du, was ich höre, weisst, wo der Schmerz beginnt.» Diese bittere Erfahrung vom Kommen und Gehen geliebter Menschen verbindet die beiden 15-jährigen Ellie und Miah. Aufgrund familiärer Instabilitäten, symbolisiert durch die vielen unbewohnten Räume in beiden Familien, fühlen sich Ellie und Miah einsam: Ellie, die durch den wiederholten Ausbruch ihrer Mutter aus der scheinbaren «Heile-Welt-Familie» in ihrem Vertrauen zu anderen Menschen erschüttert ist, und Miah, der von seinem Vater emotional vernachlässigt wird. Beide lernen sich an der neuen Schule kennen und finden im Anderen einen Gegenpol zur eigenen Realität. Ihre Zweisamkeit lässt sie über ihre eigene und die fremde Hautfarbe reflektieren. Gleichwohl wird Miah Opfer eines antrainierten Verhaltensmusters. Als er in weisser Umgebung rennt, erschiesst man ihn.

Woodson zeigt nicht nur authentisch auf, dass das friedvolle Zusammenleben Schwarzer und Weisser auch am Ende des 20. Jahrhunderts noch immer aussteht. Es gelingt ihr zugleich, eine ebenso dramatische wie gefühlvolle Liebesgeschichte zu erzählen, die ohne Gefühlsduselei auskommt und einen mitten ins Herz trifft. In Gedanken wird man es nicht so leicht wieder los, dieses Buch.

Britta Kannengiesser

Tage mit Eddie oder Was heisst schon normal
Janet Tashjian
Aus dem amerikanischen Englisch von Harald Tondern
Verlag: Dressler, Publiziert: 1999, Seiten: 172, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-1995-6
Schlagwörter: Geschwister | Behinderung | Medien

Janet Tashjian erzählt voller Sprachwitz die Geschichte einer bedingungslosen Geschwisterliebe und einem produktiven Umgang mit Wünschen.

Traumwelten sind Medienwelten für die 12-jährige Tru, die sich sehnlichst eine eigene Fernsehshow wünscht. Neben diesem scheinbar illusorischen Traum steht auf ihrem medialen Wunschzettel noch die Heilung ihres geistig behinderten Zwillingsbruders Eddie, für den sie innige Geschwisterliebe empfindet. Motiviert und zuversichtlich, beide Träume verwirklichen zu können, dreht Tru einen Film über ihren Bruder. Ausserdem sucht sie für ihn per Internet ein Heilmittel, da sie glaubt, irgendwie an Eddies Behinderung schuld zu sein. Obwohl schon früh davon überzeugt, dass es keine Norm für das Menschsein gibt – «Was heisst schon normal?» –, sperrt sie sich unbewusst gegen die schmerzhafte Wahrheit. Erst durch ihren tatsächlich im TV ausgestrahlten Film und einer oneline-Unterhaltung mit «dee-dee», alias ihre Mutter, wird ihr bewusst, dass Eddie so bleiben wird, wie er ist. Indem Janet Tashijan Trus Geschichte in Form eines Computer-Tagebuchs anbietet und internetgängig würzt, bearbeitet sie die berührende Problematik auf hochaktuelle Art. Doch sie geht nicht nur mit den neuen Medien stilsicher und kompetent um. Sie erzählt mit ganz viel Herz – und das zählt!

Britta Kannengiesser

Nicht Chicago. Nicht hier.
Kirsten Boie
Verlag: Oetinger, Publiziert: 1999, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3131-8
Schlagwörter: Gefühle | Gewalt

«Ich mach ihn tot. Ich bring ihn um, ich schwör, ich mach ihn tot, ich tret ihm so die Fresse ein, dass er niemals mehr… Ich mach ihn tot. Ich bring ihn um, ich schwör.»
Sackgassenstimmung. Hilflosigkeit. Masslose Wut. Bloss liegende Nerven, schon bevor es losgeht. Mit der aus dem Zusammenhang gelösten Gedankenkette empfängt einen Kirsten Boie gleich auf der ersten Seite ihres neuen Romans. Dann bricht der Sturm los. Gewusel im nächtlichen Dunkel des Gartens. Vier Personen – Niklas, seine Eltern, seine Schwester – rennen wild durcheinander, rufen: «Rex! Rexo!», das Kaninchen, wie sich im Wirrwarr herausstellt. Das Tier ist nicht da, kann gar nicht da sein, denn die Stalltür ist aufgebrochen. Man ahnt das Schlimmste, auch wenn die Bestätigung bis zur vorletzten Seite wartet. Da steht dann wortwörtlich dasselbe wie auf der ersten. Nur, dass – als Zusatz zum programmierten Kreislauf der Geschichte – endgültig klar ist, wer’s war: «Karl hat es also getan.»
Ja, Kirsten Boie lässt ihre Leserschaft nicht rätseln. Karl, der Neue in Niklas’ Klasse, zeigt vom ersten Auftritt an, was er von sich und dem Rest der Welt hält: «Ich bin Karl, und Karl ist Gott». In Kürzestformeln kommandiert er, diktiert die Spielregeln: «Lass mal. Hol mal. Die. Tu rein.». Er nimmt sich, was er will, duldet keinen Widerspruch. Und falls doch einer aufbegehrt, wird das Messer gezückt, geklaut, zerstört. Wie geht man als zivilisierter Mensch mit solchen Erscheinungsformen um? Richtig, man schaltet die Eltern ein. Und wenn auch das nichts hilft? Die Polizei. «Ein Bagatell-Fall. Ziehen Sie die Anzeige zurück.» Und nun?
Kirsten Boie zeigt keine Angst vor Fragen, die ohne Antwort bleiben. Nach «Ich ganz cool», 1992, und «Erwachsene reden. Marco hat was getan», 1994, deckt die engagierte Schriftstellerin in «Nicht Chicago. Nicht hier» die mörderische Spirale von Mobbing und Gewalt auf, in deren Schraubstock heute weit mehr Kinder geraten, als die Statistik glauben machen will. Und wie sie diese Zwänge aufdeckt! Stringent legt sie den brutalen, in paralleler Doppelspurigkeit geführten Handlungsfaden aus, entwickelt im rasanten Schnellzug-Tempo – Sprachstakkato inklusive – ihre zwingende Idee. Erzählt wird, auch typographisch unterschieden, aus zwei Blickwinkeln. Der eine zeigt Niklas Sicht der Dinge, seine Erlebniswelt, ohne jedoch die Ich-Perspektive einzusetzen. Der andere schaut aus noch weiterer Entfernung aufs Geschehen und bindet die Hauptperson mit den anderen Protagonisten zusammen. Auf diese Weise bleibt trotz aufwühlendem Inhalt die Distanz gewahrt, die man so dringend braucht, um Entwicklungen zu beobachten und mitzudenken. Denn hineingezogen wird man unweigerlich, beginnt selbst, die masslose Wut im Bauch zu fühlen, die Hilflosigkeit, die Sackgassenstimmung. «Kein Mensch ist einfach nur böse», sagen Niklas’ Eltern. Wie gern möchte man ihnen zustimmen. (Jugendliteratur)

Tanz auf dünnem Eis
Pernilla Glaser
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Carlsen, Publiziert: 1999, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58042-1
Schlagwörter: Krankheit | Tod/Trauer | Liebe

«Ich bin zwei.
Ich bin davor und danach.
Ich bin zweiundzwanzig, und mein Mann ist vor drei Monaten gestorben. Das wiederhole ich mir immer wieder, immer wieder. Aber ich glaube es nicht.»
So beginnt der erschütternde Debut-Roman der schwedischen Autorin Pernilla Glaser. Sie, die junge talentierte Theaterregisseurin, erzählt autobiographisch über die Zeit, die zwischen dem «Davor» und dem «Danach» liegt: die Zeit ihrer Freundschaft und Liebe zu Rob-son und den verzweifelten Kampf gegen den Krebs. Vom August 1992 bis zum März 1994 reicht das Dokument, das weit mehr darstellt als den Versuch, sich von diesem fast über menschliche Kräfte gehenden Leid zu befreien.
Mit dem Tanz auf dünnem Eis ist ein grosser literarischer Wurf gelungen. Die Bildhaftigkeit der im Titel gewählten Metapher belegt bereits eindringlich, dass es hier um Un-mögliches geht. Dünnes Eis reagiert auf jede noch so vorsichtige Bewegung, es trägt nicht, bricht, auch wenn es stark erscheint. So weiss man, noch bevor die erste Seite gelesen ist, was einen erwartet. Doch alle innere Vorbereitung nützt nichts: Das Erzählte trifft einen so schmerzlich, dass man sich ganz überrumpelt fühlt und fassungslos fragt, wie so etwas möglich ist. Da wird in glasklarer Sprache, nüchtern, ja unsentimental, über die letzten Monate eines jungen Mannes berichtet, über seinen Alltag, der ihn in immer enger werdenden Bahnen hält, und über die ganz einfachen Dinge des Lebens, die in immer reduzierterem Mass möglich sind. In sparsamem Stil fügt die Ich-Erzählerin Satz an Satz. Nie wird auf die Tränendrüse gedrückt – obwohl die Tränen reichlich fliessen, nie dramatisch nach Worten geschöpft – obwohl die Ereignisse wahrlich dazu geschaffen wären. Ist es die schonungslose Ehrlichkeit, die einen so anrührt? Die Offenheit, die gar nicht des Dazu-Erfindens bedarf? Ist es der ganz im Präsenz widergegebene Handlungsablauf, der einen direkt neben die Liebenden stellt, so dass man beider Gedanken meint lesen zu können, beider Qualen hautnah spürt? Wahrscheinlich fragt sich Pernilla Glaser derlei gar nicht. Sie schreibt, was sie schreiben muss, sagt, was zu sagen ist, und findet dabei in ihrer zunehmenden Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit so viele wunderbare Bilder, dass man Seite um Seite weiter lesen muss, zwanghaft beinah, süchtig nach dieser schlichten, tiefen Art zu beobachten und zu dokumentieren. Dass Pernilla Glaser dabei weit hinter das Sichtbare schaut, ohne sich in Emotionen zu verlieren, hilft zu begreifen, was da wirklich passiert. Mit Robson und mit ihr selbst. Denn es geht hier keineswegs «nur» um den Sterbenden und sein Schicksal, sondern vielmehr um die Frage, wie soviel Schmerz zu «überleben» ist. Gut zu wissen, dass es für die Autorin ein «danach» gibt. Tröstlich auch, dass daraus ein unvergleichliches literarisches Kunstwerk entstanden ist. (Jugendliteratur)

Das Taubengeheimnis
Louise Erdrich, Illustration: Jim LaMarche
Aus dem amerikanischen Englisch von Sylke Hachmeister
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 1999, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4329-9
Schlagwörter: Fantasie | Reisen

Louise Erdrich und Jim LaMarche erzählen eine fotorealistische Traumfantasie.
Die alte Dame sieht nicht wie eine typische Bilderbuch-Oma aus. Eher wie eine weise Frau, ein bisschen indianisch vielleicht. Mit ihrem langen Flatterhaar und der südamerikanischen Kopfbedeckung. Kinder und Enkel sind jedenfalls allerhand seltsame Sachen von ihr gewohnt. Da passiert etwas, das selbst für ihre Verhältnisse aussergewöhnlich ist: In den Sommerferien schwingt sich Grossmutter auf den Rücken eines Delphins und ruft der staunenden Familie zu, sie wolle auf diese Art nach Grönland reisen.
Als sie nach einem Jahr nicht zurückgekehrt ist, geht die Familie in ihr bis anhin unberührtes Zimmer – und findet dort ein Nest mit drei eben schlüpfenden Tauben. Die Vögel gehören zu einer seit langem ausgestorbenen Art, wie eine Vogelforscherin bestätigt. Viele neugierige Journalisten bringen nun Durcheinander ins Haus – bis, ja bis die beiden Kinder die Vögel heimlich fliegen lassen. Und dann wird das Buch erst richtig fantastisch: Aus Grönland trifft ein Brief von Grossmutter ein, die sich für die «Taubenbotschaft» bedankt und ihre Rückkehr ankündigt …
Das alles gehört so genau erzählt, weil man die Atmosphäre der Geschichte spüren muss, um sich in die Absurdität und gleichzeitige Realität der Ereignisse hineinfühlen zu können. Letztlich fragt man sich nämlich ganz verwirrt, was denn nun stimme an diesem Bilderbuch. Die zauberhaften Illustrationen unterstützen den Verwirrungseffekt. Fotorealistisch genau zeigen die Bilder das, was die kleine Enkelin über ihre Oma berichtet. Das heisst, etwas Wesentliches ergänzen sie natürlich doch: die Gesichter der Protagonisten. In diesen hat Jim LaMarche so präzis Staunen und Unverständnis, Fragen, Trauer und Überraschungsmomente dokumentiert, dass man direkt von Portrait-Aufnahmen sprechen kann. Haarscharf nachgezeichnete Mimik, in ungewohnter Perspektive beobachtet, dazu die vielen minuziös ausgearbeiteten Bilddetails, lassen Das Taubengeheimnis zu einem effektvollen Bilderbuch für Gross und Klein werden. (Jugendliteratur)

Tunnelkids
Werner J. Egli
Verlag: Bertelsmann, Publiziert: 1999, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12244-1
Schlagwörter: Freundschaft | Liebe | Gewalt | Migration

Ausgezeichnet beobachtete Charaktere, harte action und ein zarter Hauch von Freundschaft sind die drei Eckpfeiler von Werner J. Eglis neuem Roman.

Erzählt wird die Geschichte von Santjago, dem 15-jährigen Tzotzil-Indianer aus Chiapas, Mexiko. Der muss zusehen, wie regierungstreue Soldaten seinen Vater erschiessen, die Familie zerbricht. Er selbst will über die Grenze in die USA, wird jedoch beraubt, gequält, vergewaltigt. Santjago rächt sich, muss untertauchen. So gelangt er zu den Tunnelkids, jungen Outlaws, die im Abwassersystem der Stadt Nogales hausen. Wer dort landet, hat vom Leben nichts mehr zu erwarten. Dass diese Endstation für Santjago einen Neubeginn bereithält, signalisiert nach Härte und Gemeinheit zumindest ein wenig ausgleichende Gerechtigkeit. Das alles ist packend geschrieben, motzig-frech bis derb im Stil – und doch voller Gefühl, denn auch für Freundschaft und Liebe bleibt Platz. Kurz: Die Tunnelkids knistert vor Hochspannung!

Wenn Dir das Leben eine Zitrone gibt, mach Limonade draus
Virginia Euwer Wolff
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Verlag: Hanser, Publiziert: 1999, Seiten: 189, ISBN/ISSN/EAN: 3-4461-9637-4
Schlagwörter: Armut

Die vierzehnjährige Halbwaise La Vaughn will sparen, damit sie aufs College gehen und später aus dem heruntergekommenen Stadtteil wegziehen kann, in dem sie mit ihrer Mutter lebt. Babysitting, glaubt sie, ist genau das Richtige. Als sie das erste Mal bei Jolly, der siebzehnjährigen, allein erziehenden Mutter, vorbeigeschaut hat, weiss sie, dass das mehr wird als ein Kinderhüte-Job. Ihre strenge Mutter willigt ein, einzige Bedingung: Die Schulnoten dürfen nicht leiden. La Vaughn fühlt sich bald nicht nur für die beiden Kinder verantwortlich, sondern auch für Jolly, die ihre Arbeit verliert, weil sie sich gegen sexuelle Belästigung gewehrt hat. Es gelingt La Vaughn nach harten Fights die stolze Jolly dazu zu bewegen, noch einmal zur Schule zu gehen und einen Abschluss zu machen. – Die Autorin lässt La Vaughn aus der Erinnerung heraus erzählen. Kapitel wie Schnappschüsse sind das, in einer poetischen, rhythmisierten Sprache. Die Episoden mit den Kindern von Jolly sind herzzerreissend, die schwierige Beziehung zwischen der ehrgeizigen, selbstbewussten La Vaughn und der verunsicherten jungen Mutter ist absolut glaubwürdig. Das Besondere dieses Buches besteht nicht zuletzt darin, dass es der Fantasie der LeserInnen überlassen ist, ob es sich um afroamerikanische oder weisse Protagonistinnen handelt.
Christine Tresch

10 Jahre Calvin und Hobbes
Bill Watterson
Aus dem amerikanischen Englisch von Alexandra Bartoszko
Verlag: Krüger, Publiziert: 1999, Seiten: 208, ISBN/ISSN/EAN: 3-8105-0370-3
Schlagwörter: Humor/Komik

Das Jubiläumsalbum

Schwarzweiss gezeichnete Comicstrips, die in der Regel aus zwei bis vier Bildern bestehen, sollen die mehrheitlich düsteren Meldungen in Tageszeitungen auflockern. Sowohl diese Vorgabe als auch der knapp bemessene Platz ermöglicht kaum die Vertiefung eines Themas. Deshalb enthalten die allermeisten Comicstreifen sehr einfache und entsprechend harmlose Gags. Nicht so Calvin und Hobbes, der mit Abstand schönste und beste Comicstrip, der in jüngerer Zeit in den USA entstand. Bill Watterson, Autor und Zeichner in einem, legt seinen Hauptfiguren immer wieder Worte in den Mund, die kleine wie grosse Leser nicht nur zum Schmunzeln, sondern auch zum Nachdenken anregen.Calvin ist ein kleiner Lausebengel, der eine blühende Fantasie hat. Immer wenn er alleine mit seinem Plüschtiger Hobbes spielt, wird dieser lebendig und doppelt so gross wie Calvin. Unglaublich, was Watterson mit diesem schlichten Themenrahmen alles anzufangen weiss. Die Variationen, die ihm dazu einfallen, sind so vielfältig, überraschend und vor allem zutiefst menschlich, dass man nicht genug von den herzerwärmenden Geschichten bekommen kann. Zum zehnjährigen Jubiläum der Serie hat Watterson eine Auswahl seiner Lieblingsstreifen zusammengestellt und um einige längere, farbige Episoden, die in amerikanischen Sonntagszeitungen publiziert wurden, ergänzt.
Merchandising – nein danke!
Das Besondere an dieser Sammlung sind Wattersons erhellende Kommentare. Immer wieder staunt man darüber, wie viele Gedanken sich der Autor für einen einzelnen Comicstrip von vier Bildern gemacht hat, einen Strip, der in wenigen Sekunden gelesen und angeschaut wird. Watterson hat die Comics eben nicht einfach zum Geldverdienen gezeichnet, sondern sie von allem Anfang an als künstlerisches Ausdrucksmittel betrachtet. In dieser Beziehung bleibt er bis heute unbestechlich und weigert sich standhaft, seine weltweit beliebten Figuren vermarkten zu lassen. Kaum vorstellbar, aber man kann nirgends auf der Welt in einen Laden gehen und den Stofftiger Hobbes kaufen! Dadurch verzichtet Bill Watterson auf ein Vermögen. Zum Vergleich: Charles M. Schulz, der die Peanuts auf Hunderte von Arten vermarkten lässt, soll ein Jahreseinkommen von 62 Millionen Dollar haben. Watterson findet aber: «Wenn man alles, was Spass macht und voller Zauber steckt, in etwas Käufliches verwandelt, wird die Welt des Strips entwertet. (…) Wer würde an die Unschuld eines kleinen Jungen und seines Tigers glauben, wenn sie aus ihrer Popularität Kapital schlagen, um überteuerten Schnickschnack zu verkaufen, den kein Mensch braucht?» Liest man solche Bekenntnisse, wird einem der Zeichner so sympathisch, dass man fast glaubt, ihn persönlich zu kennen. Und man bekommt seine herrlichen Comics noch lieber. Schade, dass er keine Calvin- und Hobbes-Strips mehr zeichnet. (Jugendliteratur)

Amphibien und ihre Lebensräume
Verlag: Media Konzept, Publiziert: 1999, ISBN/ISSN/EAN: 3-907061-00-4
Schlagwörter: Natur | Tiere

Grosser Blick auf kleine Dinge

„Amphibien und ihre Lebensräume“ bringt auf besonders spannende und ausgeklügelte Art ein Stück Natur ins Haus oder in die Schule. 22 Amphibienarten Mitteleuropas werden in Bild, Ton und Film von höchster Qualität vorgestellt. Zusätzlich erklären kommentierte Diashows schrittweise Fortpflanzung, Metamorphose, Atmung oder Ernährung.

Durch einfaches Eintippen wird wie im Internet jedes gewünschte Thema aufgerufen. Das Kind kann selber auf spannende Entdeckungsreisen gehen, Erfahrungen sammeln und gleichzeitig mit interaktiven Spielen seine Kenntnisse trainieren. Alle Texte lassen sich leicht ausdrucken, und das Auflisten der Themen und Arbeitsblätter ist dabei äusserst hilfreich (vor allem für Lehrpersonen im Natur- oder Sprachunterricht).

Dieses Programm öffnet auf spektakuläre Weise die Türe zur Welt der Amphibien, gibt den Blick frei für die kleinen Dinge in der Natur und lädt ein, den Lebensraum der Tiere und ihre Eigenart zu respektieren. Warnung: Wer sich auf diese CD-ROM einlässt, kommt garantiert stundenlang nicht mehr von ihr los!

Tonia Riolo

Oscar der Ballonfahrer und die Abenteuer der Wiese
Rotraut Greune, Heike Burghardt
Verlag: Tivola, Publiziert: 1999, ISBN/ISSN/EAN: 3-931372-59-6
Schlagwörter: Natur | Tiere

Hit verdächtige CD-ROM-Reihe

Auch im vierten Oscar-Titel, Abenteuer der Wiese, stimmt das Konzept für Primarschulkinder voll und ganz. Das Programm installiert sich beinahe von selbst und kann schon von kleinen Kindern alleine bedient werden. Mit pfiffiger Musik und klaren Anweisungen (im Ton hin und wieder etwas allzu gönnerhaft lobend) werden sie ins Wiesenabenteuer geführt. Wissenswertes zu Fauna und Flora im Jahreswechsel ist locker in eine einfache Rahmengeschichte eingepackt.

Informationen erhält das Kind beim Anklicken der fröhlichen Illustrationen und Fotos oder bei den Spielen zu den einzelnen Themen. Egal, ob da für den an verschiedenen Krankheiten leidenden Tierforscher Balthasar Tees aus der Kräuterauswahl gebraut werden sollen (Achtung: Giftpflanzen sind mit im Spiel!) oder die richtigen Tiere zum Winterschlaf ins Bett gelegt werden müssen, Spass macht dieses Natur-Lernspiel alleweil – auch den über die Schulter der Kinder guckenden Erwachsenen.

Und gelernt wird dabei fast unbemerkt und ganz nebenbei. Wer will, klickt sich auf Englisch oder Französisch durch das Programm und nimmt so zusätzlich an einem amüsanten Sprachkurs teil.

Tiere wie ich und du
Robert Metcalf
Verlag: Deutsche Grammophon, Publiziert: 1999, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Musik | Tiere

Die schönsten Lieder für kleine und grosse Tiere

Wenn ein «alter Hase» wie Robert Metcalf animalischen Charakteren nachspürt, liefert er selbst in diesem viel besungenen Feld Originelles und Ausgefallenes. Gute alte Bekannte erscheinen dabei in neuem Licht. Roberts Maulwurf buddelt nicht nur, sondern er singt auch. Mit kräftiger Freude an lautmalerischen Silben swingt sich das grabende Tier durch den Acker. Und weil die anderen Viecher ihren Neid auf so viel Musikalität doch noch überwinden können, gibts letztendlich ein wunderbar schräges Swing-Konzert.

Die Texte über Hasen, Stinktiere, Kängurus und weitere Mehrbeiner bestechen durch Wortwitz und Skurrilität. Wenn sich der Hund in Ichform und Tangorhythmen über die Macken und Tücken der Menschheit auslässt, ahnt man schon, was Mensch und Tier gemeinsam haben. Dass aus Zweibeinern ab und an Einbeiner werden, vermittelt ein Flamingo mit Freejazz-Feeling und bringt zudem Bewegung in jede Kinderrunde. Musikalisches Können ist das andere grosse Plus dieser Produktion: Die sorgfältigen Arrangements bestechen und Robert Metcalf interpretiert variantenreich – ein Hörgenuss auch für ältere Ohren.

Ping Pong Pinguin
Fredrik Vahle, Renate Zimmer
Verlag: Patmos, Publiziert: 1999, ISBN/ISSN/EAN: 3-491-88763-1
Schlagwörter: Spiel

Spiel- und Bewegungslieder

Da kommt Bewegung rein …

Wie der Ping Pong Pinguin im Liedtext so dahin watschelt und schlurft, mal traurig ist und mal tanzt, gibt der Song Kindern Impulse, vielfältige Bewegungs- und Ausdrucksmöglichkeiten zu erproben. Im Spiellied oder im Tanzreigen können sie schweben und springen, sich an den Händen fassen und im Kreise drehen. Die charaktervoll gezeichneten Figuren der Liedgeschichten tragen Sorge dafür, dass Kinder Lust bekommen, als Indianer, Seiltänzerin und Pinguin auf bewegende Entdeckungsreisen zu gehen, deren typischen Gebärden nachzuspüren und in andere Rollen zu schlüpfen. Die einfachen Melodien können bald auch die kleineren Kinder mitsingen. Die im Booklet abgedruckten Texte ermöglichen die Vermittlung der Liedtexte.

Wie viele andere Bewegungslieder-Sammlungen von Fredrik Vahle bietet auch diese gepflegte Instrumentalisierung, einprägsame Melodien und bildhafte Texte. Gemischt mit Phantasie und Humor gibt das Hörkost von hohem Gebrauchswert – geeignet für alle diejenigen, die wirklich etwas in Bewegung bringen möchten.

Die gleichnamige Buchausgabe bietet Texte und Noten an. Zudem werden Bewegungsspielideen zur psychomotorischen Förderung von Kindern ausführlich beschrieben.

Sylvia Näger

Du wirst schon sehen, es wird ganz toll
Kirsten Boie, Illustration: Peter Knorr
Verlag: Oetinger, Publiziert: 1999, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6318-X
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Familie/Familienformen

Morgen ist im Kindergarten ein Verkleidefest angesagt. Tinka will eine Prinzessin sein. Doch Kostüme kosten Geld. Mutters Freundinnen haben bestimmt Kleider älterer Kinder zum Nachtragen. Das Indianerkostüm, das Tinka schliesslich erhält, ist überhaupt nicht nach ihrem Sinn. Mit Pippi-Langstrumpf-Kleidern oder einem Marienkäfer hätte sie leben können, aber nicht mit einem Indianer! Nicht am Verkleidefest! Am anderen Morgen muss sie trotzdem als Indianer in den Kindergarten und verschwindet sofort auf dem Klo, damit sie keiner sieht. Doch da ist sie nicht allein. Ausgerechnet der streitsüchtige Ole hält sich auch versteckt, ein unglücklicher Marienkäfer. Die Idee liegt auf der Hand: Die beiden tauschen ihre Kleider und erleben einen tollen Tag. Am Abend meint Tinkas Mutter, sie hätte ja gewusst, dass sich Tinka auch als Indianer amüsieren würde. Na ja, Mama braucht nicht immer alles zu wissen. – Bild und Text geben detailreich eine Situation wieder, die sowohl Erziehenden wie Kindern vertraut ist. Die Geschichte um Erziehungsvorstellungen von Erwachsenen und die ganz anderen Wünsche der lieben Kleinen würde sich auch mit anderen Familienkonstellationen ähnlich abspielen. Und dass für einmal – ohne dies explizit zu thematisieren – der Alltag einer allein erziehenden Mutter mit ihrer Tochter geschildert ist, widerspiegelt zusätzlich eine Realität, in der sich viele Kinder wiedererkennen können.

Helene Schär

Linnea geht nur ein bisschen verloren
Kirsten Boie, Illustration: Silke Brix-Henker
Verlag: Oetinger, Publiziert: 1999, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-6335-X
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Einmal im Monat geht Linnea mit ihren Geschwistern zu Papa. Nun ist es wieder so weit. Papa muss nur noch schnell ein neues Autoradio kaufen, und die Kinder sollen auf ihn warten. Aber Linnea will Papa begleiten, da ist nichts zu machen, und langweilig wird ihr bestimmt nicht dabei. Im Warenhaus redet Papa lange, und Linnea fängt an, sich alles anzugucken, kriecht in die Waschmaschine, probiert verschiedene Betten aus. Plötzlich weiss sie nicht mehr, wo Papa ist, und muss weinen. Die Verkäuferin nimmt sie mit zum Lautsprecher und ruft «Anna-Maria» aus, Linnea möchte ihren richtigen Namen nämlich nicht preisgeben. Der gestresste Papa findet sie dann doch, und auch die Puppe Linni kommt wieder zum Vorschein, sie hat inzwischen in einem Bett geschlafen. – Linneas Erlebnis gehört zum Erfahrungsschatz von fast jedem Kind. Das Wiedersehen ist besonders gut geschildert. Der entnervte Vater empfängt die Tochter nicht gerade überschwänglich, das kommt der Realität wesentlich näher, als wenn er sie glücklich in die Arme genommen hätte. Die Erzählung birgt viel Humor und Verständnis für alle Parteien, und die sehr lustigen Illustrationen ergänzen und veranschaulichen die im Grunde alltägliche Szene und machen sie zu etwas Besonderem.

Helene Schär

Kleiner Zizi
Thierry Lenain, Illustration: Stéphane Poulin
Aus dem Französischen von Michaela Kolodziejok
Verlag: Altberliner, Publiziert: 1999, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-357-00844-0
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Sexualität

Bis Adrien die Tür der Ankleidekabine öffnete und schrie, alle sollten sich Martins kleinen Zizi anschauen, hatte sich Martin noch nie Gedanken über seinen Penis gemacht. Nun lachen ihn alle aus. Martin schluckt die Tränen hinunter, er will tapfer sein. Am Abend im Bett schaut er mit der Taschenlampe unter die Decke. Adrien hat behauptet, mit diesem kleinen Zizi würde er keine Babys machen können. Das ist ihm egal. Aber wie alle anderen auch mag er Anaïs sehr, und sie will zehn Kinder! Adrien organisiert einen Wettkampf im Weitpinkeln. Wer gewinnt, darf Anaïs Freund sein.
Adrien schafft es, doch Anaïs macht nicht mit. Sie schreibt Martin eine Botschaft, und er wird rot und freut sich. Sie haben sich gern und werden vielleicht später viele Kinder kriegen, denn die Liebe fragt nicht nach der Grösse des Zizi.
Welche Jungen, aber auch welche Mädchen beschäftigt dieses Thema nicht? Die eigenwillige Anaïs, die sich über alles hinwegsetzt, der grossmäulige Anführer Adrien, der seine Bestrafung erhält, und der scheue, etwas linkische Martin, dem Gerechtigkeit widerfährt und das grosse Glück winkt. Diese drei wichtigsten Charaktere runden eine liebevolle, witzig illustrierte und humorvolle Geschichte ab, in der die Stärken und Schwächen eines jeden Kindes angesprochen werden.
Helene Schär

Ich will eine Schwester
Tony Ross
Aus dem Englischen von Peter Baumann
Verlag: Lappan, Publiziert: 1999, Seiten: 28, ISBN/ISSN/EAN: 3-89082-231-2
Schlagwörter: Geschwister | Eifersucht/Neid

Die kleine Prinzessin erfährt, dass es bald Familienzuwachs gibt. Sie freut sich, hat sie sich doch schon lange einen kleinen Hund gewünscht. Gross ist die Enttäuschung, als man ihr erklärt, dass es sich um eine Schwester oder einen Bruder handeln wird. Wenn schon, will sie nur eine Schwester. Der gesamte Hofstaat bemüht sich, der kleinen, selbstsicheren Prinzessin alle Vorurteile gegenüber einem möglichen Bruder auszureden. Ohne Erfolg, sie will keinen Prinzen, sondern eine Prinzessin. Erst als man ihr klar macht, dass sie die einzige Prinzessin bleibt, ihren Platz im Herzen der Eltern behält, kann sie den Bruder akzeptieren und ihm ganz am Schluss sogar ihr Töpfchen anbieten. – Die Aussicht auf Konkurrenz in der Familienkonstellation ist für jedes Kind beunruhigend. Tony Ross gelingt es, auf humorvolle, aber Kinder durchaus ernst nehmende Weise den Weg für das kommende Geschwister etwas zu ebnen. Auf feine und nicht allzu moralische Art kann er deutlich machen, dass der Nachwuchs nur einen Teil der elterlichen Zuwendung in Anspruch nehmen wird. Sehr stimmig ist die Demontage aller Vorurteile gegenüber einem Bruder durch die Mitglieder des Hofstaats. Da wird versucht, ein gleichberechtigtes Bild von Mädchen und Jungen zu schaffen.

Helene Schär

Laura
Binette Schroeder
Verlag: NordSüd, Publiziert: 1999, Seiten: 30, ISBN/ISSN/EAN: 3-314-01002-8
Schlagwörter: Fantasie | Freundschaft

Laura wacht auf und schaut aus dem Fenster. Etwas schimmert zwischen den Bäumen durch, sie geht hinaus und findet in einem Nest ein Ei mit einem Gesicht und einer langen Nase, ein echter Humpty Dumpty! Er fürchtet sich erst vor Laura, doch dann schliessen sie Freundschaft und spielen zusammen. Am Abend muss Laura nach Hause, sie merkt dass der Humpty Dumpty vor der Nacht Angst hat. Ein Gewitter kommt, Laura geht hinaus, damit der neue Freund nicht allein ist. Am Morgen erwacht sie, neben ihr liegen nur ein paar Eierschalen. Plötzlich steht ein Paradiesvogel vor ihr und fragt, ob Laura wieder mit ihm spielen möchte? Sie fliegen zusammen fort. – Das poetische Bilderbuch, in dessen Zentrum ein selbstständig handelndes Mädchen steht, besticht vor allem durch die wunderschönen surrealistischen Illustrationen. Diese wecken unterschiedliche Gefühle von Einsamkeit, Sehnsucht bis zu Geborgenheit.
Helende Schär

Der unsichtbare Vater
Amelie Fried, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Hanser, Publiziert: 1999, Seiten: 42, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-19737-0

Seit sich die Eltern vor drei Jahren getrennt haben, hat Paul keinen Kontakt mehr zu seinem Vater. Eines Tages teilt die Mutter dem Jungen mit, dass Ludwig, ihr neuer Freund, zu ihnen zieht. Paul muss das unbedingt verhindern, denn Papa ist noch immer in der Wohnung, zwar unsichtbar, aber er spricht mit Paul. Und Papas Stimme befiehlt ihm, Ludwig zu vertreiben. Paul versucht dies auf alle möglichen Weisen, aber es gelingt nicht, denn Ludwig hat viel Verständnis für das Kind. Für Paul wird es immer schwieriger, die Sache durchzuziehen, weil man Ludwig einfach mögen muss. Erst als Paul seinem Vater wirklich begegnet, merkt er, dass es kein Verrat an Papa ist, wenn er Ludwig akzeptiert. Sensibel werden Gedanken und Gefühle aufgezeigt, die Kinder beim Akzeptieren von neuen Partnerschaften der Eltern durchmachen.
Madeleine Amman

Was der Wind in Ellens Ohr flüstert
Brigitte Minne
Aus dem Niederländischen von Manfred Schmeing
Verlag: Patmos, Publiziert: 1999, Seiten: 110, ISBN/ISSN/EAN: 3-491-37409-X
Schlagwörter: Fantasie

Kaninchenzähne, Tomatensuppenhaare und sehr schüchtern, das ist Ellen. Sie wäre gern wie Pippi Langstrumpf, denn die hat Mut. Ellens Mutter arbeitet ständig, trägt wilde Klamotten, hat ein freches Mundwerk, sie raucht zu viel und ist vor allem sehr lieb. Seit die Mutter beim Fragebogen für den Schularzt beim Namen des Vaters «heiliger Geist» hingeschrieben hat, traut sich Ellen nicht mehr, nach dem Vater zu fragen. Sehnsüchtig wünscht sich das Mädchen einen Bruder, damit sie nicht mehr so oft allein ist. Die Mutter erklärt ihr, dass das ohne Mann nicht möglich ist. In Ellens Tagträumen flüstert der Wind: «Warum denkst du dir nicht einfach einen Bruder aus.» Mit Hilfe dieses erfundenen Bruders lernt Ellen wagemutig zu sein, wo sie sonst zögerte, und wandelt sich in ein selbstbewusstes Mädchen. Eines Tages kann sich der Bruder beruhigt verabschieden, Ellen braucht ihn nicht mehr. Ein stilles, poetisches Buch, in dem mit feinem Humor auf die Gefühle des Mädchens eingegangen wird.
Madeleine Amman

Niklas ist doch keine Strebersau
Sören Olsson, Anders Jacobsson
Aus dem Schwedischen von Dagmar Brunow
Verlag: Oetinger, Publiziert: 1999, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-4418-5
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein | Geschlechterbilder

Nach «Niklas ist doch kein Weichei» und «Niklas ist doch nicht vom Affen gebissen» ein weiterer Band mit witzigen Schulgeschichten von Niklas, dem etwas anderen, sympathischen Jungen. Niklas geht fürs Leben gern in die Schule, nicht nur weil er dort viel lernen kann, sondern auch weil es im Schulhaus nur so von Mädchen wimmelt: grosse, kleine, dicke, dünne, liebe, wütende, gefährliche und listige Mädchen. Auch wenn ihn die anderen Jungen manchmal auslachen, weil er all diesen «Mädchenkram» mitmacht, lässt sich Niklas nicht verunsichern und geht selbstbewusst seinen Weg. Ein Buch, das zum Lachen anregt, aber auch zum Nachdenken, was denn überhaupt einen «richtigen Jungen» ausmacht.

Madeleine Amman

Mit Luise ganz geheim
Eva Polak
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 1999, Seiten: 82, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4482-1
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Jonathan findet Luise nett, aber da ist Gerrit, der Oberbestimmer in der ersten Klasse, und wenn der einen Jungen mit einem Mädchen sieht, macht er dumme Sprüche und alle Knaben lachen mit. So treffen sich Luise und Jonathan nur heimlich in der Freizeit. Auf dem Schulweg und in den Pausen spielt Jonathan den Coolen und tut so, als ob er nichts mit Luise zu tun hat. Luise akzeptiert dieses Spiel nicht mehr und nennt ihn einen Feigling. Jonathan muss sich entscheiden, ob er und Luise richtige Freunde werden wollen. In der humorvoll, mit feiner Beobachtungsgabe erzählten Geschichte wird aufgezeigt, dass es manchmal Mut braucht, zu den eigenen Gefühlen zu stehen und sich in einer Gruppe zu behaupten.
Madeleine Amman

Hallo Lukas – sagt der Vater
Grete Randsborg-Jenseg, Illustration: Turi Frantze-Lauenborg
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Verlag: Gabriel, Publiziert: 1999, Seiten: 76, ISBN/ISSN/EAN: 3-7072-6595-1
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Lukas hat nichts von seinem Vater als eine Kassette, auf der er ihm Geschichten erzählt. Der Fünfjährige hört sich jeden Abend eine an – und als sein Freund Freddy ihm zeigt, wie er seinem Vater auch antworten kann, ist er begeistert. Erst zu spät merkt er, dass er dadurch Vaters Stimme überspielt hat, und seine Traurigkeit ist so gross, dass sich die Mutter mit dem Vater, der irgendwo «lange sitzen muss», in Verbindung setzt. Am Ende des Buches steht Vaters Besuch bevor. Das Buch schaut konsequent und sehr liebevoll aus der Kinderperspektive auf eine noch schwer verständliche Welt, in der die Mütter berufstätig sind und der Kindergärtner ein Mann ist.
Verena Stössinger

Wölfchen Wolfs schaurig-schöne Schule
Ian Whybrow
Aus dem Englischen von Irmela Brender
Verlag: Dressler, Publiziert: 1999, Seiten: 142, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-2335-X
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Dass Wölfchen Wolf so lieb und brav ist und sogar freiwillig die Zähne putzt, gefällt Vater Wolf überhaupt nicht. Er schickt seinen missratenen Sohn auf die Schule von Onkel Bitterbös, wo er lernen soll, ein richtiger Wolf zu werden. Wölfchen aber schafft es, sich selber zu bleiben und den bösen und gefährlichen Onkel auszutricksen. Im dritten «Wölfchen Wolf»-Band eröffnen Wölfchen und sein Cousin Heuler nun selber eine Schule. Die wird nicht ganz im Sinne von Onkel Bitterbös betrieben, deshalb macht ihnen dessen Geist gehörig zu schaffen. Ein vergnüglicher Briefroman, in dem der liebenswerte Held alles, was er erlebt, denkt und fühlt, seinen Eltern mitteilt. Wölfchen geht seine Probleme mit innerer Stärke statt mit Muskelkraft an und kann so eine Vorbildfunktion ausüben.
Madeleine Amman

Ein Stern namens Mama
Karen-Susan Fessel
Verlag: Oetinger, Publiziert: 1999, Seiten: 159, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3504-6
Schlagwörter: Freundschaft | Tod/Trauer

Vor drei Monaten ist ihre Mutter an Brustkrebs gestorben – im Rückblick erzählt die elfjährige Louise die letzten beiden Jahr nach: Wie die Mutter, die doch immer gesund gewesen war, einen Knoten herausoperieren lassen musste; wie sie sich erholte, dann der Rückfall kam, die verschiedenen Therapien, die unaufhaltsame Verschlimmerung und schliesslich das lange Sterben. Louise erlebt diese Phasen – im Gegensatz zum kleinen Bruder – sehr intensiv mit, hofft mit den Eltern, hat Angst, ist traurig. Der Text gibt ihrem Erleben viel Raum und ermöglicht durch die Form des persönlichen Berichts auch eine ganz unangestrengte Innenschau. Die Autorin zeichnet Louises Familie mit Wärme, und sie gibt dem Mädchen in Janni, Mutters schwulem Freund, auch einen klugen, starken Begleiter. Er muntert Louise nicht nur auf, von ihm lernt sie auch einiges: wie auch sie anderen Kraft geben kann, zum Beispiel, oder dass man nicht spekulieren soll, sondern fragen, und dass schliesslich auch das Schwerste erträglicher wird, wenn man nicht allein ist. Zuletzt bleibt Louise die Gewissheit, dass die Mutter nicht ganz verschwunden ist: «Mama ist jetzt ein Stern», sagt auch der Vater.

Verena Stössinger

Manchmal werden Wünsche wahr
Patricia Reilly Giff
Aus dem amerikanischen Englisch von Irmela Brender
Verlag: Oetinger, Publiziert: 1999, Seiten: 169, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3605-0
Schlagwörter: Freundschaft | Krieg | Historisches

Im Sommer 1944, den die Halbwaise Lily wie immer mit der Grossmutter im Sommerhäuschen verbringt, ist der Zweite Weltkrieg auch an der amerikanischen Ostküste präsent: Auf dem Meer kreuzen Militärschiffe, Lilys Vater geht als Ingenieur zur Armee, der Sohn der Nachbarsfamilie wird eingezogen und wird bald «in Europa vermisst», und Albert, der blasse Junge, den Lily noch nie gesehen hat und der nicht einmal schwimmen kann, sei aus Ungarn nach Amerika gekommen, heisst es, «um vor dem Krieg sicher zu sein». Zwischen Lily und Albert beginnt eine Freundschaft zu wachsen. Albert erzählt Lily von seinen Eltern, die tot sind, abgeholt wurden von den Nazis, weil sie im Widerstand waren, und von seiner Schwester Ruth, die er in Frankreich zurücklassen musste. Der Einbruch der (politischen) Wirklichkeit auch in das Leben der selbstbewussten Lily ist heftig. Sie schützen sich beide mit Lügen, die sie einander schliesslich aber gestehen können. Die Autorin zeichnet ihre Figuren einfühlsam, aber sachlich, und sie schafft es, die tiefe Verunsicherung spürbar zu machen, die undurchschaubares (Kriegs-)Geschehen bei Kindern auslösen kann. Die einzige Hilfe dagegen: Nähe, Verständnis, Vertrauen (und Sicherheit).

Verena Stössinger

Das Zeichen in meiner Hand
Kevin Henkes, Illustration: Carolin Beyer
Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Riekert
Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag, Publiziert: 1999, Seiten: 111, ISBN/ISSN/EAN: 3-423-70535-3

Ein schmales Buch, das mit wenig Figuren und wenig Handlung auskommt – die unspektakuläre, aber berührende Geschichte einer kleinen Entwicklung. Sie erzählt vom zehnjährigen Frederick, der Spoon genannt wird und das mittlere Kind einer freundlichen Familie ist. Frederick ist ein stiller, nachdenklicher Junge und sehr traurig, denn seine Grossmutter ist gestorben; er hing an ihr und mochte sie, war viel bei ihr. Jetzt hat Frederick «Angst, sie zu vergessen», und schreibt deshalb seine Erinnerungen an sie auf – dass sie gern Kartenspiele machte, zum Beispiel, oder laut lachte, wenn er mit den Ohren wackelte. Und er möchte gern etwas besitzen, das ihr gehörte. Er klaut die Spielkarten, mit denen sie am liebsten spielte, bringt sie aber zurück, als er merkt, dass der Grossvater sie sucht. Erst, als Spoon über seine Trauer sprechen kann und über seine Angst, wird sie etwas kleiner: Langsam kommt er dadurch auch dem verschlossenen Grossvater näher und entdeckt schliesslich, dass die Linien in seiner Hand ein M bilden: Grossmutter hiess Martha – und die Tatsache, dass sie bei ihm bleibt, weil sie sich «eingeschrieben» hat in seinen Körper, macht ihn glücklich.
Verena Stössinger

Kurt, der Fisch, und die weite Welt
Erlend Loe, Illustration: Volker Kriegel
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Verlag: Arena, Publiziert: 1999, Seiten: 92, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-04910-0
Schlagwörter: Reisen | Familie/Familienformen

Eine humorvolle, fantastische Geschichte vom Glück und wie man es packen kann. Kurt, der Gabelstaplerfahrer, bekommt einen riesengrossen Fisch geschenkt. Das ist genug zu essen für lange Zeit, findet er, und Anne-Lise, seine Frau, die Architektin, schlägt vor, eine Familienreise zu machen: «Wir nehmen einfach den Fisch und die Kinder und das Sparschwein und verreisen.» «Und den Gabelstapler», sagt Kurt. Sie brechen gleich auf mit ihren Kindern, der dünnen Helena, Limo-Kurt und Bud, dem Nachzügler, und fahren und schwimmen rund um die Welt, sehen New York und Brasilien, kommen auf dem Weg nach Afrika in der Antarktis vorbei, später in Indien, Ägypten, Spanien, bis sie wieder daheim sind. Sie erleben Spannendes, treffen eigenartige Menschen und lernen vor allem einander besser kennen. Erlend Loe erzählt wunderbar unangestrengt und leicht (er hat in Norwegen Kultstatus, nicht nur bei Kindern). Die Figuren sind eigenwillig und doch offen für Unbekanntes und für Veränderungen. Die dünne Helena, zum Beispiel, wird unterwegs immer dicker und findet es «gut, dass man sich verändern kann». Und schliesslich gefällt das unübliche Elternpaar, das zwar nicht immer harmoniert, aber entschieden glücklich ist. Das Buch eignet sich für die jüngsten LeserInnen dieser Alterskategorie. Weitere Abenteuer von Kurt sind nachzulesen in «Kurt, der Diamant und ein Haufen Geld».

Verena Stössinger

Bruder zu verschenken
Nina Schindler, Illustration: Christiane Pieper
Verlag: Omnibus, Publiziert: 1999, Seiten: 119, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12457-6
Schlagwörter: Geschwister | Freundschaft

Bisher war Paul Einzelkind, aber jetzt bekommt Uschi, seine Mutter, ein Baby und will ihren Freund, den Paul nur «Bernd Froschmaul» nennt, auch noch heiraten! Paul fühlt sich überrumpelt von der neuen Situation und fürchtet um die Nähe zur Mutter, aber für Sorgen ist bald keine Zeit mehr. Die Schwangerschaft birgt Komplikationen, und der kleine Bruder ist, kaum auf der Welt, «nur laut und schlimm». Wenigstens hat Paul noch den Schwimmclub, Marlene «mit Grübchen», in die er verknallt ist, und seine toughe Freundin Riki, bei der er Sorgen abladen und gelegentlich auch heulen kann. Riki kennt sich nämlich aus; sie hat schon etwas länger einen kleinen Bruder, «Klaas das Aas». Schliesslich merkt Paul, dass auch Uschi und Bernd Mühe haben mit dem neuen Familienleben… Nina Schindler schreibt sehr direkt, irdisch, komisch und ungeschminkt. Sie nimmt die Konflikte, in denen ihre Personen stecken, nicht nur ernst, sondern sie lässt sie auch austragen, selbst wenn sie nicht gelöst werden können. Besonders gelungen ist die Annäherung, die zwischen Paul und Bernd stattfindet, dem sensiblen Stiefvater, der zuletzt ein «spitzenmässiges Breitmaul» ist.
Verena Stössinger

Bad Girls
Cynthia Voigt
Aus dem amerikanischen Englisch von Sylke Hachmeister
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 1999, Seiten: 215, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4447-3

Das Buch erzählt vom Schulalltag in einer fünften Klasse, und zwar ausschliesslich: Keine Szene spielt ausserhalb des Schulgeländes. Diese Konzentration macht das Thema sehr deutlich: Es geht um gruppendynamische Prozesse innerhalb des Systems Klasse, um Aggression und Feigheit, Koalitionen und Hierarchien, List, Ehrgeiz und Konkurrenz. Im Zentrum des Geschehens stehen zwei «bad girls», die freche Mikey, die am liebsten Fussball spielt und dabei mit den Jungen nicht nur mithalten kann und die sich mit jedem prügelt, der ihr in die Quere kommt, und Margalo, die zwar brav und unauffällig wirkt, aber ziemlich hinterhältig und intrigant sein kann. Die beiden tun sich schnell zusammen, weil sie sich als Ergänzung brauchen. Gemeinsam sind sie in der Lage, die ganze Klasse aufzumischen. Die Autorin zeichnet die beiden Freundinnen (und ihre KameradInnen) genau und nüchtern, ihr Verhalten wird nicht gewertet, und es gibt am Ende des Textes auch keinen Schluss, keine «Lösung» oder eine einsichtige totale «Besserung» der Protagonistinnen. Das macht den Text, der nachdenken lässt über den Unterschied zwischen Selbstbewusstsein und Egoismus, beunruhigend wirklichkeitsnah. – Im Folgeband «Bad Girls – unzertrennlich» stellen Mikey und Margalo ihre junge Freundschaft unter Beweis.
VERENA STÖSSINGER

Fledermaussommer
Sarah Withrow
Aus dem Englischen von Anna Melach
Verlag: Jungbrunnen, Publiziert: 1999, Seiten: 174, ISBN/ISSN/EAN: 3-7026-5708-8
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft | Geschlechterbilder

Eigentlich hat Terence befürchtet, dass der Sommer langweilig wird ohne den grossen Bruder, wo die Mutter doch immer weg ist und eine Kusine ihn «hüten» soll, die er nicht kennt – aber dann trifft er auf Lucy, die ihn sehr beschäftigt. Lucy ist anders als die Mädchen, die er kennt: Sie ist ausgeflippt, klaut, baut Drachen und behauptet, eine Fledermaus zu sein und die Fledermäuse auf der ganzen Welt retten zu wollen. Dann ist da noch Rico, sein Schulfreund, der erwachsen tut, ihn zum Rauchen verleitet und ihm Hefte mit Bildern von nackten Frauen aufdrängt. Und schliesslich ist Lucy plötzlich verschwunden, lebt in einer Höhle und baut einen Riesendrachen. Terence hat ihr versprochen, sie nicht zu verraten, aber er weiss immer weniger, ob sie nicht doch ein bisschen verrückt ist oder einfach nur ziemlich kaputt und allein. Das Buch erzählt von Familienproblemen und Alltagsfluchten und davon, dass es nicht nur cool ist, unwiderruflich erwachsen zu werden. Und dass Hilfe meist von unerwarteter Seite kommt: Elys etwa, die Hüte-Kusine, erweist sich als mutige, toughe Stütze (besonders stark ist ihre Reaktion auf die Sexhefte unter Terences Bett).

Verena Stössinger

Mehr als ein Spiel
Sigrid Zeevaert
Verlag: Dressler, Publiziert: 1999, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-2569-7
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Gewalt

Das Buch erzählt von Bandenkriminalität und Gewalt unter Jugendlichen. Es diskutiert sein Thema nicht, aber es zeigt seine Gefährlichkeit, und der Versuch, dieses brisante Thema in Form eines kriminalistischen Abenteuerromans zu behandeln, ist durchaus gelungen – auch wenn der glückliche Ausgang etwas herbeigezaubert erscheint: Es kann so auch LeserInnen, die keine «Problembücher» lesen, erreichen und sensibilisieren. Hauptfigur ist Frieda, die das Fernglas ihres Bruders einem unbekannten Jungen ausgeliehen hat. Der bringt es nicht zurück und behauptet sogar, nichts von einem Fernglas zu wissen. Das kann Frieda nicht auf sich sitzen lassen. Zusammen mit ihrer Freundin Lisa beobachtet sie den Jungen, sieht andere (auch) klauen, entdeckt Verbindungsmänner und denkt nach über mögliche Motive. Die beiden Mädchen werden im Lauf der Geschichte zu kombinationsstarken und mutigen Detektivinnen und geben ihr Vorhaben nicht auf, obwohl sie vor den Folgen gewarnt werden und auch Angst haben. Sie finden heraus, dass hinter dem organisierten Klauen massive Erpressungsmethoden stecken, und wollen das Versteck der Diebesbande stürmen. Erst zuletzt greift die Polizei ein, beinahe zu spät…

Verena Stössinger

So ein alberner Satz wie Ich liebe dich
Martin Casariego Córdoba
Aus dem Spanischen von Katrin Fieber
Verlag: Hanser, Publiziert: 1999, Seiten: 155, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-19745-1
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Der fünfzehnjährige Juan hat die feste Absicht, sich gar nicht zu verlieben, weil – wie er bei seinen Freunden beobachtet – die Liebe einen zum kompletten Idioten macht. Aber dann kommt Sara in seine Klasse, und alles wird anders. Er ertappt sich bei eindeutigen Träumen und ungewohnten Selbstgesprächen, er lässt sich von Sara zum Klauen von Prüfungsfragen verführen. Und er liebt unbeirrt weiter, als sie die begehrten Blätter – ohne sie vorher gelesen zu haben – in Asche verwandelt. Bis Juan allerdings seine Angst, die er Feigheit nennt und mit einer Kakerlake vergleicht, überwunden hat und einen ersten Kuss wagt, vergehen noch lange neun Monate. Wunderbare Wochen voll von prallem Leben, eingepackt in wichtige und unwichtige Schulgeschichten, dekoriert mit ernsthaften Lebensweisheiten. – In Juans Notizen finden wir eine Stimme, die man so im richtigen Leben nie zu hören bekommt. Denn welch schüchterner junger Mann, der sich verliebt, findet schon eine Sprache für die inneren Reisen und turbulenten Höhen- und Sturzflüge seiner ersten Liebe! Erzählt wird diese Geschichte mit viel Sinn für poetische Feinheiten und mit einer wohltuenden Portion Humor. Ein Lesegenuss für Jungen und Mädchen gleichermassen.
Lisbeth Herger

Fee
Monika Feth
Verlag: Bertelsmann, Publiziert: 1999, Seiten: 187, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-25044-X
Schlagwörter: Behinderung

Fee ist nach fünfzehn langen Krankheitsjahren gestorben. Claire, ihre Schwester, treibt es täglich auf den Friedhof, doch die Verstorbene kehrt nicht zurück. Schliesslich macht sie sich auf eine Reise nach Edinburgh, in der Tasche die Tagebücher der Mutter, an ihrer Seite Jost, der Geliebte, feinfühliger Begleiter auf ihrer Trauerreise. In Schottland sucht Claire Trost im einzigartigen Licht, von dem sie weiss, wie sehr es Fee gefallen hätte. Und sie nimmt Abschied von ihrer Schwester, die selbst auf ihre Art Licht war, eine Strahlende, seit der Kindheit geschlagen mit einer todbringenden Krankheit. Claire stellt sich ihren eigenen Erinnerungen, ihrem Alltag mit der behinderten Schwester in all seinen Facetten von Glück und Schmerz. Und sie wagt – trotz Widerständen und Abwehr – den Blick in die Tagebücher ihrer Mutter, wie diese es sich gewünscht hat, und findet darin eine andere Version dieses langen Abschieds, aufgeschrieben von einer Frau, die hin und her pendelt, zwischen zwei Töchtern, zwischen Krankheit und Gesundheit, zwischen Leben und Sterben. – Subtil und mit präzisen Sprachbildern wird hier ein Trauerprozess nachgezeichnet, einer Todeserfahrung nachgespürt. Gleichzeitig aber entsteht das kräftige Bild einer Schwesternbeziehung, die, von Krankheit geprägt, alles andere als einfach war, aber in einzigartiger Weise dem Leben zugewandt blieb.
Lisbeth Herger

Söhne der Freiheit
Adele Griffin
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Verlag: Carlsen, Publiziert: 1999, Seiten: 176, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58043-X
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Gewalt | Geschwister | Familie/Familienformen

Manchmal fährt der Vater von Rock und Cliff knallhart ein. Dann holt er seine Söhne mitten in der Nacht aus dem Bett und beordert sie bei Kälte und Regen aufs Dach ihres Hauses, wo sie vermoderte Schindeln ersetzen müssen. Der Vater meint es gut, so glaubt zumindest Rock: Er will einfach nicht, dass sie verweichlichen, und er verlangt absoluten Gehorsam. Die Mutter hat keine Kraft, sich gegen den Vater zu stellen, auch nicht, als er die Puppe der kleinen Brontie in den Windfang wirft, weil diese schon wieder ins Bett gemacht hat. Nachdem die beste Freundin der beiden Brüder abgehauen ist, weil auch ihr Vater einmal mehr brutal zugeschlagen hat, weiss Cliff, dass auch er handeln muss. Er wird mit Mutter und Schwester für unbestimmte Zeit zu einer Tante ziehen. Rock ist hin- und hergerissen. Soll er seinen Vater oder seinen Bruder verraten? Und was ist mit seinem Traum, ein grosser Historiker zu werden? – Eine packende Geschichte über den Alltag in einer weissen US-amerikanischen Unterschichtsfamilie; über die Schwierigkeit von Kindern, sich von der elterlichen Autorität zu lösen und eigene Wege zu gehen. In einer tragfähigen, bilderreichen Sprache erzählt und mit Figuren, die so genaue Konturen erhalten, dass man sie am Schluss gut zu kennen glaubt.

Christine Tresch

Wenn aus Prinzen Frösche werden
Christina Herrström
Aus dem Schwedischen von Regine Elsässer
Verlag: Arena, Publiziert: 1999, Seiten: 292, ISBN/ISSN/EAN: 3-401-02601-1
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Erwachsenwerden | Sexualität | Freundschaft

Ella und Josefin sind selbstständige, unternehmungslustige junge Frauen. Selbstbestimmung und Anerkennung sind oberstes Credo des Manifests, nach dem sie leben wollen. Aber auch perfektes Aussehen und Männer spielen eine wichtige Rolle. Mit der Bekanntschaft zu zwei wohl situierten Herren aus besserer Gesellschaft glauben sie, ihrem Ideal nahe zu kommen. Bald müssen sie aber erkennen, dass sich hinter dem lauten Beifallquaken der Prinzen nur selbstsüchtige Frösche verbergen. – Ein differenzierter, ereignisreicher und humorvoller Roman über die neuen Frauen. Er zeigt den unterschiedlichen Weg der beiden Freundinnen auf, schildert verschiedene männliche und weibliche Charaktere und spricht viele Facetten der gesellschaftlichen Realität von Frau und Mann an. Ein Buch, das sich aktuell und akribisch genau im Umfeld von Schule, Freizeitgesellschaft und Familie bewegt und das emotionale Spannungsfeld von Teddybärknuddlerinnen und Kreditkartenbenutzerinnen eindrücklich schildert. Ein Aufsteller für lebenshungrige junge Frauen!

Beatrice Ochsenbein

Wohin ich gehöre
Maria Regina Kaiser
Verlag: Bertelsmann, Publiziert: 1999, Seiten: 222, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12320-0
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Identität/Individualität | Religion

Die sechzehnjährige Gülten lebt an der Schnittstelle verschiedener Welten. Ihr Vater ist Deutscher, die Mutter Türkin. Sie wohnt in Frankfurt, fährt jeden Urlaub nach Ulumur und hat neuerdings auch ihr Herz dort gelassen, bei ihrem Cousin Mesut. So beginnt sie sich auf neue Art für den Islam zu interessieren, geht zum Freitagsgebet in die Moschee, lässt sich von Grossvater Dede in ihrer Kultur unterweisen und bindet sich – auch in Deutschland – ein Kopftuch um. Dennoch wird sie nicht jene Muslima, die der streng gläubige Mesut sich wünscht, und ihr Herz schlägt nicht nur zu Urlaubsbeginn höher, sondern auch dann, wenn es wieder heim nach Frankfurt geht. – Der Roman erzählt – fern von Klischees – von der schwierigen Zugehörigkeit zu zwei Kulturen, gerade dann, wenn diese in Religion und Geschlechterverhältnissen so verschieden sind. Der Text verarbeitet viel Sachwissen rund um den Islam und zeigt, wie sehr der kulturelle Grenzgang gerade für jugendliche MigrantInnen der Zweitgeneration eine Gratwanderung ist.
Lisbeth Herger

Bittersüsser Sommer
Rivka Keren
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Verlag: Gabriel, Publiziert: 1999, Seiten: 107, ISBN/ISSN/EAN: 3-7072-6597-8
Schlagwörter: Armut | Liebe | Historisches | Geschlechterbilder | Freundschaft

Der Sommer in diesem israelischen Dorf ist drückend heiss und voller Gerüche. Avigail hält es kaum aus in der Wohnung. Ihre Eltern reden nicht mehr miteinander, seit die Nähmaschine der Mutter gepfändet wurde. Der Vater verdient zwar mit Nachtwachen etwas Geld, meistens aber schläft er. Nur bei der Grossmutter fühlt sich Avigail wohl. Von ihr erfährt sie die Geschichten all ihrer toten Verwandten. Als der ruhige, kluge Jonathan Avigail seine Liebe gesteht, kann sie es kaum glauben. Und dass ausgerechnet Tanja, das Mädchen aus der Stadt, um ihre Freundschaft wirbt, erscheint ihr als grosses Glück. Aber am Ende des Sommers weiss Avigail, dass nichts beständig ist, weder die Liebe noch das Leben. –«Bittersüsser Sommer» ist ein Buch wie ein impressionistisches Gemälde. Vieles bleibt im Ungefähren: Avigails Erwachsenwerden; die Sehnsucht der Jugendlichen nach einem ganz normalen Leben; die Lethargie der DorfbewohnerInnen, fast alles aus Europa geflohene Jüdinnen und Juden; der Anspruch des palästinensischen Volkes auf sein Land, von dem die Klänge arabischer Musik erzählen, die der Wind ab und zu ins Dorf trägt. All diese Stimmungen zusammen formen diese stille, poetische Erzählung. Für geübte LeserInnen.

Christine Tresch

Blueprint Blaupause
Charlotte Kerner
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 1999, Seiten: 186, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-78853-3
Schlagwörter: Identität/Individualität

Die erfolgreiche Pianistin Iris Sellin beschliesst, sich zu klonen, als Antwort auf die Diagnose einer tödlichen Krankheit. Den Klon bringt sie als ihre eigene Tochter zur Welt, aus Iris wird Siri – und diese soll mindestens so erfolgreich werden wie ihre Mutter. Eine ungeheuerliche Mutter-Tochter-Konstellation, geprägt von narzisstischer Liebe und kaltem Kalkül, von Symbiose und Hass und dem verbissenen Kampf um eine eigene Identität. Siri, die Kopie, die «Blaupause», wie sie sich nennt, versucht verzweifelt dem Masterplan der mütterlichen DNS zu entkommen. Erzählt wird dieses moderne Drama mit klassischen Anklängen von der Tochter, die nach dem Tod ihrer Mutter gnadenlos abrechnet. – Charlotte Kerners Roman ist ein Stück Science-Fiction mit beunruhigender Realitätsnähe. Auch wenn die Protagonistinnen passagenweise etwas gar steril und laborartig agieren, so werden hier doch wichtige psychologische und ethische Dimensionen im Zusammenhang mit der Gentechnologie ausgelotet. Zudem nimmt man so nebenbei ein paar Brocken Fachwissen zum Thema mit. Und nicht zuletzt haben Konflikte rund um die Abgrenzung von der eigenen Mutter ja nicht nur bei Klontöchtern ihre Dringlichkeit.
Lisbeth Herger

Carolina
Iva Prochazkova
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 1999, Seiten: 175, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4496-1

Ein knapper Lebenslauf

Am Ende ihres ersten Jahres an der Prager Schauspielschule schreibt die sechzehnjährige Carolina ihren gar nicht knappen Lebenslauf auf. Prägende Einflüsse und Ereignisse sind die enge Beziehung zur Prager Grossmutter, der Wegzug von Prag aufs Land, ihr Engagement in Ballettschule und Schultheatergruppe, der Sturz vom Kirchendach, welchen sie mit dreizehn Jahren tat und mit Glück überlebte, ihre lange Genesungszeit in Spital und Rehabilitationsklinik und ihre erste, heftige und schwierige Liebe zum deutlich älteren Lev. – Mehrmals hat Carolina schwere Enttäuschungen zu verkraften, wie die Erkenntnis, dass sie nie zu den besten Tänzerinnen gehören wird oder dass Lev nach Kanada auswandert. Doch sie ist eine eigenwillige, begeisterungsfähige und kreative Persönlichkeit, die sich mit unerschütterlichem Glauben an das Positive immer wieder neue Ziele setzt und diese dickköpfig verfolgt. Nicht nur Carolina, sondern auch die lebensfrohe und direkte Grossmutter, die verständnisvollen Eltern und der sensible Lev sind attraktive Identifikationsfiguren für aufmerksame LeserInnen.
Beatrice Ochsenbein

100’000 Megabyte Herz
Justine Rendal
Aus dem amerikanischen Englisch von Uta Szyszkowitz
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 1999, Seiten: 178, ISBN/ISSN/EAN: 3-8000-2577-9
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Mutters Tod bei einem Autounfall brachte Pollards Leben in Schieflage. Über seine Trauer reden will der Junge nicht. Genauso wenig wie über die schulische Talfahrt, die seinen Übertritt an die High School gefährdet. Doch dann taucht unerwartet Hilfe auf. Als Pollard eine Sprachlerndiskette in den PC schiebt, meldet sich ein gewisser Conner am Bildschirm. Conner ist Pollards ganz persönliches Kompensationsprogramm! Ein virtueller Freund, der zuhört, nachfragt, insistiert, Ratschläge gibt. Und ab und zu gar auf Wunsch ein virtuelles Date arrangiert. Kurz, Conner macht das, was Pollard jetzt braucht und sonst keiner tut, und so gelingt es ihm, den trauernden Jungen aus seiner Versteinerung ins Leben zurückzulocken. Erzählt wird diese Jungenfreundschaft mit einer «künstlichen Intelligenz» von Pollard selbst, im Rückblick, mit Charme und Witz und vielen kleinen Vertrautheiten von du zu du. Das Buch ist keineswegs eine blinde Verherrlichung von Hightech, sondern ein sensibler Entwicklungsroman aus dem Computerzeitalter, gewürzt mit einer Prise Science-Fiction.

Lisbeth Herger

Anna am Freitag
Helene Uri
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs
Verlag: Carlsen, Publiziert: 1999, Seiten: 152, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-58036-7
Schlagwörter: Fantasie | Freundschaft

Ein Roman über Sprache

Anna hat rotes Haar, Augen, deren Farbe sich verändert, und immer eine Tüte Himbeerbonbons bei sich, und Anna ist die neue Babysitterin, die am Freitagabend auf die kleine Helle aufpassen soll, weil Mutter arbeitet. Björn-Oskar, dem grossen Bruder von Helle, passt das gar nicht. Er will seine Ruhe haben. Aber die ist hin. Denn kaum hat Anna ihren Job angetreten, steht schon ein waschechter Wikinger in der Stube, und Björn-Oskar erfährt an einem Abend mehr über die Herkunft der norwegischen Sprache als aus jahrelangem Schulunterricht. So geht das fortan jeden Freitagabend. Anna führt Björn-Oskar durch die Wunderwelt Sprache, ihr (Zauber-)Fundus ist unergründlich, wenn es darum geht, dem Jungen das Verständnis für das Wesen der Worte näher zu bringen. Nur, wer ist diese Anna? Und warum hat sie nichts als Sprache im Sinn? Björn-Oskar hat für uns aufgeschrieben, was er herausbekommen hat. – Es gibt kaum ein staubigeres Thema für ein Jugendbuch. Hier aber wird es facettenreich, spielerisch und in einer einfachen, fast poetischen Sprache umgesetzt. Und es ist plausibel, dass ein Junge wie Björn-Oskar für ein paar Wochen seine Freunde und Anniken, die er sehr mag, hängen lässt. Denn eine junge Frau wie Anna, die setzt sich nicht in jede Stube.
Christine Tresch

Louise, Hinterhof Nord
Waltraut Lewin
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 1999, Seiten: 214, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-35186-5
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Ein Haus in Berlin 1890

Schauplatz dieser dreiteiligen Familiensaga ist ein Vorder- und Hinterhaus im Norden von Berlin. Im ersten Band begegnet man gegen Ende des 19. Jahrhunderts der aufstiegswilligen Luise Sander, die es forttreibt aus der dunklen Tristesse im hinteren Souterrain. Sie liebt Bertram aus dem jüdischen Vorderhaus, sie kämpft um ihn und gewinnt.
Hundert Jahre deutsche Geschichte finden sich in dieser Trilogie, erzählt über die Lebenswege von Frauen aus sechs Generationen. Dabei packt die Autorin nicht etwa historisches Material in Menschenhüllen ab, sondern sie schafft eindrückliche und eindringliche Charaktere, deren verworrene Lebenswege berühren. Waldtraut Lewin arbeitet dokumentarisch und nutzt gleichzeitig das Prinzip des «unglaublichen Zufalls» zur dramaturgischen Belebung. So wird bei ihr Geschichte zum packenden Erlebnis.
Die drei Teile der Trilogie lassen sich auch einzeln lesen.
Lisbeth Herger

Paulas Katze
Waltraut Lewin
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 1999, Seiten: 253, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-35187-3
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Ein Haus in Berlin 1935

Schauplatz dieser dreiteiligen Familiensaga ist ein Vorder- und Hinterhaus im Norden von Berlin. Im zweiten Band der Trilogie wird die Geschichte in den faschistischen Dreissigerjahren fortgesetzt: Da wagt sich wieder eine Sander mit ihrer Liebe ins Vorderhaus: Katharina, die Mittellose, genannt «Katze», entflieht bei ihrem Gerolf der Härte des Alltags. Doch Gerolf ist ein fanatischer Nazi. Und alles, was Katharina liebt – ihr Malen, die Künstlerin Paula, ihre grosse Liebe –, geht schliesslich am völkischen Wahn kaputt. Was ihr bleibt, ist ihr nacktes Leben, ist die Emigration.
Hundert Jahre deutsche Geschichte finden sich in dieser Trilogie, erzählt über die Lebenswege von Frauen aus sechs Generationen. Dabei packt die Autorin nicht etwa historisches Material in Menschenhüllen ab, sondern sie schafft eindrückliche und eindringliche Charaktere, deren verworrene Lebenswege berühren. Waldtraut Lewin arbeitet dokumentarisch und nutzt gleichzeitig das Prinzip des «unglaublichen Zufalls» zur dramaturgischen Belebung. So wird bei ihr Geschichte zum packenden Erlebnis.
Die drei Teile der Trilogie lassen sich auch einzeln lesen.
Lisbeth Herger

Mauersegler
Waltraut Lewin
Verlag: Ravensburger Buchverlag, Publiziert: 1999, Seiten: 189, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-35188-1
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Ein Haus in Berlin 1935

Schauplatz dieser dreiteiligen Familiensaga ist ein Vorder- und Hinterhaus im Norden von Berlin. Im dritten Band der Trilogie lernen wir ein halbes Jahrhundert später Karol kennen, eine Sander aus dem Vorderhaus, das inzwischen gleich an der Mauer auf DDR-Boden steht, mit zubetonierten Fenstern zum weissen Grenzwall hin. Nun ist die Mauer gefallen, Karol, die Vollwaise, kommt zum ersten Mal ins Hinterhaus im Westen und macht dort unglaubliche Entdeckungen, auch über ihre bis anhin unbekannte Familie.
Hundert Jahre deutsche Geschichte finden sich in dieser Trilogie, erzählt über die Lebenswege von Frauen aus sechs Generationen. Dabei packt die Autorin nicht etwa historisches Material in Menschenhüllen ab, sondern sie schafft eindrückliche und eindringliche Charaktere, deren verworrene Lebenswege berühren. Waldtraut Lewin arbeitet dokumentarisch und nutzt gleichzeitig das Prinzip des «unglaublichen Zufalls» zur dramaturgischen Belebung. So wird bei ihr Geschichte zum packenden Erlebnis.
Die drei Teile der Trilogie lassen sich auch einzeln lesen.
Lisbeth Herger

Die Stadtgartenschnecke
Max Huwyler, Illustration: Dieter Leuenberger
Verlag: Zytglogge, Publiziert: 1999, Seiten: 24, ISBN/ISSN/EAN: 3-7296-0585-2
Schlagwörter: Philosophie | Tiere

Endlich regnet es wieder und eine Schnecke, die im Vorgarten einer Liegenschaft an der Schaffhauserstrasse in Zürich lebt, streckt den Kopf aus ihrem Schneckenhaus und macht sich auf einen Ausflug. Er führt sie auf gefährliches Terrain, aufs Trassee der Tramlinie 7. So gleitet sie – es hat aufgehört zu regnen – auf kühlen Geleisen stadtauswärts. Ein rücksichtsvoller Tramführer hält ungeachtet empörter Passagiere und des Verkehrsstaus, den er damit produziert, an, steigt aus und beginnt mit der Schnecke zu reden.

Max Huwyler erzählt eine philosophische Geschichte über städtische Hast und tierische Langsamkeit, über Alltägliches und Surreales. Dieter Leuenberger hat sie mit gross formatigen, fotorealistischen Bildern illustriert, die vor allem von ihren Lichteffekten und überraschenden Perspektiven leben. Ein Bilderbuch zum Erzählen und gemeinsamen Schnecken-Philosophieren.

Christine Tresch

Das Piratenschwein
Cornelia Funke
Verlag: Dressler, Publiziert: 1999, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7915-0458-2
Schlagwörter: Humor/Komik

Eines Morgens entdecken der dicke Sven und sein Schiffsjunge Pit am Strand ein Fass, in dem ein grunzendes Schwein sitzt. Jule ist aber kein gewöhnliches Schwein. Sie weiss nämlich wie man Schätze findet – Jule ist ein Piratenschwein! So kommen der dicke Sven und Pit zu Geld und Edelsteinen. Leider bleibt das aber nicht unbemerkt. Als Jule entführt wird, müssen sich Sven und Pit mit wüsten Piraten anlegen, um ihr Schwein zurückzubekommen. Eine sehr witzige und turbulente Geschichte, die grossen Lesespass bereitet.

Dank Flattersatz und grosser Schrift ist die Geschichte gut lesbar. Die vielen fantasievollen Bilder erleichtern das Textverständnis zusätzlich. „Das Piratenschwein“ ist auch als Hörbuch erhältlich. Auf dem Online-Portal „Antolin“ können Fragen zu Geschichte beantwortet werden.

Klassenstufe: 4

Mütter und Söhne
Josephine Evetts-Secker
Aus dem Englischen von Sylvia Sokolowski
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 1998, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 3-8251-7236-8
Schlagwörter: Märchen/Fabel | Familie/Familienformen

Märchen aus aller Welt

Mütter, Väter, Töchter und Söhne – ihre Beziehungen zueinander, ihre Geschichten und ihre unterschiedlichen Lebenswege – 40 Märchen aus aller Welt in vier wunderschön illustrierten und gehaltvollen Bänden entführen uns in ein mystisch-magisches Leseabenteuer.

«Vernehmt diese Geschichte …» oder «Es war einmal …» – wer möchte angesichts solcher Worte nicht gemütlich zurücklehnen und die Augen schliessen, um sich der folgenden Erzählung aufmerksam und entspannt hinzugeben? Dieses ganz besondere Bücherquartett führt uns in eine bislang wenig bekannte Märchenwelt, die Einblick in Länder wie Nepal, Sibirien, Japan, Griechenland und die Fidschi-Inseln und deren Sitten und Gebräuche gestattet.

Mit Sorgfalt und Liebe zum Detail erzählt Josephine Evetts-Secker in jedem Band zehn Märchen. Dabei werden die jeweiligen Hauptfiguren mit grosser Aufmerksamkeit bedacht:

Wir erleben die ganze Bandbreite familiärer Bindungen und Verflechtungen, hören von Liebe und Anerkennung, von hingebungsvoller Unterstützung und Fürsorge genauso wie von Neid, Niedertracht, falschem Stolz und blinder Machtgier. Wir tauchen ein in die Unterwelt, begegnen Göttern, Zauberwesen und unzähligen dienstbaren Geistern, durchwandern gemeinsam mit den Helden finstere Wälder und Schluchten. Wir erleben die wundersamen Kräfte der Symbolik und erfahren ein weiteres Mal, dass der menschliche Respekt vor der Natur nicht gross genug sein kann – oder können Sie sicher sein, dass Ihr Wellensittich im Käfig oder die Katze zu Ihren Füssen nicht vielleicht doch verzaubert sind und auf Erlösung warten?

Obwohl es sich bei diesen Geschichten um Märchen handelt, lassen sie sich in ihrer tieferen Bedeutung problemlos ins Jahr 2000 transferieren! Es wird uns bewusst, dass Mütter und Väter den Ursprung aller menschlichen Beziehungen verkörpern und in ihrer Ausprägung ganz entscheidend auf die Entwicklung eines jungen Menschen einwirken. Eltern lassen los, schicken Kinder auf ihre eigene Lebensreise, begleitet von guten Wünschen und rettenden Zaubergaben, oft aber auch im Sinne einer schmerzlichen und boshaften Trennung, wie uns das immer wiederkehrende Auftauchen der bösen Stiefmutter verdeutlicht.

Eltern sind manchmal ihren Kindern gegenüber unvernünftig und ungerecht und erfüllen ihre erzieherischen Aufgaben nicht oder nur mangelhaft. Aber – und das ist ja das Einzigartige am Märchen – hier endet alles gut und jeder ist mit seinem Schicksal im Einklang!

Beim Lesen der einzelnen Geschichten und beim Anschauen der von Helen Cann wunderschön gezeichneten, harmonisch in den Text eingearbeiteten Farb-Bilder darf sich jeder seine eigenen Gedanken zum Thema «Familienbindung» machen. Genau da liegt die zeitlose Aktualität dieser Bände.

Sabine Saner

Religionen visuell
John Bowker
Aus dem Englischen von Margot Wilhelmi
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 1998, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-4212-X
Schlagwörter: Religion | Kulturen

Was wie ein Kunstbuch für höhere Ansprüche daherkommt, ist ein vielseitiges, farbenprächtiges Nachschlagewerk im Grossformat der neuen Gerstenberg Sachbuchreihe «visuell» für Jugendliche. Ein Kompendium über die Religionen der Welt, mit aussergewöhnlicher Sorgfalt geschrieben und wunderschön bebildert und gestaltet, kurz: ein riesiger Wissensschatz für mehr Toleranz gegenüber anderen Kulturen. Ein Interessensgebiet, das die Menschen seit eh und je beschäftigt, ist das der Religionen. Der Religionen sind viele, die einzig «richtige» aber gilt es zu finden, und dahinter steht die ewige Frage nach dem Sinn des Lebens. John Bowker, Theologe und profunder Kenner der grossen Religionen der Welt, führt in seinem Werk in die uralten bis zu den heute gelebten Glaubensrichtungen ein. Kurzer, prägnanter Text begleitet die prächtigen, farbigen und meist grossformatigen Illustrationen, die auf brillantem Glanzpapier besonders gut zur Geltung kommen. Ein ansprechender Bildsachband erster Güte; informativ und sachgerecht ist er eine Fundgrube des Wissens.

Der Mond isst die Sterne auf
Dilek Zaptcioglu
Verlag: Thienemann, Publiziert: 1998, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 3-5221-7195-0
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Was als Kriminalgeschichte daherkommt, ist weit mehr als das. Subtil und eindringlich wird in Dilek Zaptcioglus Roman die innere Zerrissenheit von Menschen geschildert, die von zwei Kulturen geprägt sind.
An einem frühen Morgen klingelt die Polizei an der Tür der türkischen Familie Gülen in Berlin. Der Vater sei in die Spree gefallen und liege nun im Krankenhaus, wird dem Abiturienten Ömer und seiner Mutter mitgeteilt. Auf dem Polizeirevier erwarten Ömer mehr Fragen als Antworten. Er erkennt, dass er nichts über seinen Vater, der nicht mehr aus dem Koma erwacht, weiss. Der Fall Seyfullah Gülen ist ein gefundenes Fressen für die Medien. Türkische und deutsche Zeitungen schlachten die Ereignisse aus, denn in der Nähe des Unglücksortes sind Skins gesehen worden. Wenn die Polizei auch einen Unfall vermutet, für die Öffentlichkeit ist der Fall klar: wieder eine ausländerfeindliche Tat. Da die Ermittlungsarbeit nicht weiterkommt, macht sich Ömer mit Freunden auf die Suche nach der Wahrheit. Er findet am Ende mehr, als er gesucht hat. Nichts ist so, wie es ausschaut. Seyfullah Gülen, der als Gastarbeiter nach Deutschland kam, litt darunter, dass er «mehrere Menschen» war, eine Trennung, die er nicht reparieren konnte. Seinem Sohn Ömer wird es vielleicht gelingen, denn er und seine multikulturellen Freunde sind sich einig: «Wir sind alle irgendein Gemisch, oder?»Die in Istanbul wohnende Journalistin Dilek Zaptcioglu weiss, wovon sie schreibt. Lange genug hat sie in Deutschland, in Berlin, gelebt. Der Roman transportiert ihr persönliches Credo, dass die Welt zu einer einzigen wird, in der kulturellen Unterschiede an Bedeutung verlieren. Obwohl ihr Erstlingswerk schon einige Monate auf dem Markt ist, hat es nichts von seiner Aktualität eingebüsst. Dass es sich dabei auch um ein vielschichtiges, interessantes Buch handelt, beweisen die Auszeichnungen, die ihm zuteil wurden. (Jugendliteratur)
Rita Busch

Jahrtausendwende
Burkhard Wehner
Verlag: Anrich, Publiziert: 1998, Seiten: 500, ISBN/ISSN/EAN: 3-89106-380-6
Schlagwörter: Politik

Roman über die Demokratie

Ein «Roman über die Demokratie»? Burkhard Wehner hält, was er im Untertitel seines gewichtigen Werks verspricht: Er vermittelt Wissen und Zusammenhänge – und das auch noch spannend!
Um das Nachdenken über die «beste aller schlechten Staatsformen» an den Leser zu bringen, bedient sich Wehner eines Tricks, mit dem schon Jostein Gaarder das Thema Philosophie verdaubar gemacht hat: Ein geheimnisvoller Autor erörtert in dialogisierenden Briefen an eine junge Frau den Ursprung, das Wesen, die Bedingungen, die Vorteile, Gefahren und die Zukunft der Demokratie. Sprachlich und gedanklich klar und mit Beispielen veranschaulicht wird man zusammen mit der Hauptfigur Leonie von der athenischen Polis bis zur politischen Intrige der Gegenwart geleitet.
Leonie erfährt das alles an einem entscheidenden Punkt ihres Lebens. Sie hat eben die Matur bestanden und verlässt ihre Heimatstadt, um in Berlin Politik zu studieren. Dort verfolgt sie zudem auf fast kriminalistische Weise die Spuren eines politischen Skandals, der einen ihr bekannten Politiker um Ehre und Einfluss gebracht hat. Die geheimnisvollen Briefe eines gewissen E.S. schärfen ihr Bewusstsein für das, was Politik ist und was sie sein könnte – und sie eröffnen ihr den Weg zu einer ersten politischen Aufgabe. Während Leonie und alle anderen Protagonisten eher farblose Statisten bleiben, wird jener Politiker E.S. zur eigentlichen Hauptperson des Romans. Es geht letztlich um nichts anderes als um seine Gedanken – und die sind spannender und anregender als der konstruiert wirkende Handlungsrahmen. (Jugendliteratur)
Rita Busch

Bitte, eine neue Welt, Herr Ober!
Sheila Och
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 1998, Seiten: 180, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4420-1
Schlagwörter: Freundschaft

Genau das wünscht sich der 19-jährige Karl, als er mit dem ersten Liebeskummer nach Hause zurückkehrt. Wer hätte gedacht, dass er diese neue Welt genau in Vaters dampfender Küche finden würde …
Vor 13 Jahren kamen Karel/Karl und sein Vater aus Prag nach Deutschland. Während der bodenständige, herzensgute Vater sich selbst treu bleibt, beginnt für den Jungen ein schwieriger Anpassungsprozess. Der intelligente Karl leidet anfangs unter der «Zeit der grossen Sprachlosigkeit» – und lernt doch schnell. So registriert sein Kopf alles, was er für typisch deutsch hält, und eifert dem bedingungslos nach. Ob im zuckerfreien Kindergarten oder in der Schule, Karl passt sich an. Wenn das Leben ihm zu sehr mitspielt, flüchtet er sich an Vaters «Zufluchtsbäuchlein». In der tüchtigen Maria und dem starken Rudi findet er treue Freunde, mit denen er bis zur Matur durch dick und dünn geht.
Sheila Och verschmilzt gekonnt Karls individuelles Schicksal mit der Zeit der 70-iger Jahre. Bis ins kleinste Detail lässt die Autorin das Jahrzehnt mit seinen antiautoritären Kindergärten, emanzipierten Frauen, besserwisserischen und spiessigen Amtspersonen lebendig werden. Mit Leichtigkeit findet sie für alles die passenden Worte, oder erfindet diese eben selbst. Man legt das Buch jedenfalls nicht aus der Hand, bis die letzte Seite gelesen ist. Diese wunderbare Mischung aus Humor und Ernsthaftigkeit fasziniert. Man weint und lacht mit Karl auf seinem Weg durch die fremde deutsche Welt – und zu sich selbst. (Jugendliteratur)
RITA BUSCH

Hüte dich vor Drachen
Norbert Landa, Illustration: Claudia de Weck
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 1998, Seiten: 100, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00823-9
Schlagwörter: Freundschaft | Märchen/Fabel | Ferien

Drachen haben sich längst als liebe Tiere im kindlichen Symbolrepertoire eingebürgert. Norbert Landa greift auf die uralte Idee des Bestiariums, hilfreich gegen das Bedrohliche, zurück und baut eine muntere Geschichte drumherum.
Ein «Hustibus bello», von dem König Leopold geplagt ist, kann nur in Italien, am Meer, kuriert werden. Das ist Prinz Leos Glück, denn er wird ein paar Tage ohne elterliche Aufsicht im Schloss schalten und walten dürfen. Trotzdem fürchtet er sich vor langweiligen Ferien. Doch es kommt alles anders: Im Schlosshof findet Leo ein «grosses grünes Osterei», das – wie sollte es anders sein – als echtes Drachenei erkannt wird. Als «ernst zu nehmende Bedrohung» müsste das Ei, so beschliesst der Kronrat, eliminiert werden. Prinz Leo aber findet einen Weg, der Natur ihren Lauf zu lassen. Der Drache darf ausschlüpfen – und wird sein Freund. Natürlich sind zum Schluss Königsfamilie und Kronrat mit dem vormals verachteten Tier einverstanden.
Die wirkliche Spassigkeit der Geschichte liegt jedoch in ihrem Realitätsbezug. Da redet man von Codes und Internet, Bio-Müll und Zivildienst – der Prinz bewegt sich in der Welt der Buchadressaten. So entsteht ein modernes Schmunzel-Märchen, das einen problemlos die manchmal oberflächlich-ulkige Ausdrucksweise schnell hergeholter Italianitá (die Pizza-Karte von nebenan lässt grüssen!) vergessen macht. (Jugendliteratur)
Claudia Theiner

Gideons Welt
Gabriel Zoran
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 1998, Seiten: 204, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00829-8
Schlagwörter: Geschwister | Krieg | Tod/Trauer | Schule

Kinder sehen unsere Welt anders als Erwachsene. Das zeigt Gabriel Zorans Roman auf zwingende und bewegende Art.
Gideon lebt in Haifa mit Vater und Mutter, Grosseltern und Bruder. Er ist Schüler, dementsprechend dreht sich alles um Schulalltag und Kollegen. Man springt Hüpfseil, spielt Münzwerfen, misst sich im Hahnenkampf, unterwirft sich der strengen Disziplin. Weil Gideon der Sohn deutscher Eltern ist, wird er beauftragt, sich der neuen Mitschüler aus der Schweiz anzunehmen; ab jetzt ist «Silvia Imponieren» einer von Gideons geheimen Träumen. Doch auch der Tod von Schwesterchen Dina, das Warten auf das neue Baby, Vaters Moralpredigten, die israelische Armee, die in Ägypten kämpft – das alles erlebt Gideon intensiv, in gewissermassen feierlicher Angst und erwartungsvollem Hoffen.
Gideons Welt scheint auf Anhieb mehr ein Eltern- als ein Kinderbuch zu sein, denn Gabriel Zoran reflektiert Kindheit aus der Erwachsenen-Perspektive. Ist das Lesestoff für Kinder von heute? Ja, denn die innere Welt ist die gleiche, damals wie heute. Ursächlich geht es um nichts anderes als kindliche Erinnerungen, scheinbar banal wie jener Traum vom Besitz eines Kiosks mit Bett und Toilette, um Rituale, wie das andächtige Kramen in der Fotografienschachtel. Zorans Ich-Figur schöpft ihre Lebendigkeit aus Wahrnehmungen von meist zarten Geräuschen und Tönen. Die literarische Darstellung reflektiert stimmig diese Befindlichkeit. Erstaunlich, wie Kinder die Welt so ganz anders sehen als Erwachsene! Diese «andere» Dimension macht die Qualität dieses Buches aus. (Jugendliteratur)
Claudia Theiner

Himmel, Herrgott und Seline
Markus Limacher
Verlag: Rex, Publiziert: 1998, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-7252-0674-0
Schlagwörter: Religion | Ferien | Liebe

Oliver ist wütend. Sein Vater verordnet ihm eine Woche Wanderferien mit Jugendseelsorger Himmel. Derweil macht es sich Papa mit seiner Freundin am Meer gemütlich. Das darf doch einfach nicht wahr sein!
«Du willst mich ja nur los sein!» schreit Oliver. Aber Vater lässt sich nicht erweichen. In seiner Verzweiflung bittet Oli seinen Freund Stoffel, ihn zu begleiten. Die beiden beschliessen, auf den Putz zu hauen, so dass dem Betverein das Halleluja im Halse stecken bleibt.
Witzig ist das Buch geschrieben, und frech sind die schwarz-weissen Zeichnungen von Roland Limacher. Die Erzählung ist in einzelne, abgeschlossene Geschichten gegliedert, die sich zu einem fesselnden Roman zusammenfügen. Die Handlungsstränge sind einfach zu verfolgen und eignen sich auch für Leserinnen und Leser, die weniger geübt sind. Erzählt wird aus der Sicht von Oliver, der am Lagerfeuer und unter dem Zeltdach viel über das Leben, die Liebe und deren Grenzen erfährt. Vor allem Seline hat es ihm angetan, deren Anerkennung er beinahe verliert, als er sich nach einer nächtlichen Saufrunde völlig daneben benimmt. So sieht das jedenfalls Seline und auch Himmel – und, wenn Oli ganz ehrlich ist, … aber Herrgott! Dass die Liebe so kompliziert sein muss!
Markus Limacher, Katechet und Jugendarbeiter, kennt sein Metier. Ohne erhobenen Moralfinger nimmt er die Gefühle Jugendlicher ernst. Sein Buch macht einfach Spass und verbalisiert doch Themen wie Sexualität, Alkoholmissbrauch und Auflehnung. Limacher versteht es auch, das Thema Religion auf humorvolle, unverkrampfte Weise an seine Zielgruppe heranzubringen. Sicher bietet Himmel, Herrgott & Seline Anlass für spannende Diskussionen und kann beim Nachdenken über sich und höhere Mächte helfen. (Jugendliteratur)
Rahel Imboden

Die Geranie auf dem Fensterbrett stirbt und sie machen einfach weiter, Frau Lehrerin!
Albert Cullum
Verlag: Inhauser, Publiziert: 1998, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-59507-0
Schlagwörter: Schule

Die Geranie auf dem Fensterbrett stirbt… zum ersten Mal. Jetzt liegt das Buch erneut vor – im ersten eigenen Programm von Rolf Inhauser, dem lang-jährigen Sauerländer-Lektor.
…und was kann die arme Lehrerin dafür, dass die Blume stirbt? Da sitzen Kinder an ihren Schulpulten, mal geknebelt und an Ketten, dann Efeu überwachsen, nackt oder zu Stein erstarrt. Als kleine Teufel an brennendem Tisch, gedemütigte oder aufmüpfige Kreaturen. Sie schlagen sich mit verzwickten Aufgaben und Klassenarbeiten herum, machen sich klein und unscheinbar und fühlen sich kaum ernst genommen. Erwartungsfroh und guten Willens Neues zu lernen und zu entdecken, sind sie in die Schule (die Welt der Erwachsenen) gekommen, wo sie sich nicht anpassen können und oft kläglich versagen, weil sie nicht den an sie gestellten Erwartungen und der Norm entsprechen. Freude, Begeisterung, Initiative, Lernwille und Kreativität bleiben auf der Strecke und die zarte, knospende Pflanze kindlicher Lernbegierde stirbt.
Elf Illustratorinnen und Illustratoren zeigen uns mal naturgetreu detailliert – man muss schon zweimal hinschauen, um sich erstaunt zu vergewissern, dass es sich nicht um Fotos handelt! – mal comicartig und augenzwinkernd, wie Kinder sich in der von Erwachsenen geschaffenen Welt fühlen. Nämlich unverstanden und unterlegen, wogegen sie ihre einzige Waffe, die Phantasie, gekonnt einsetzen. Die bunten Bilder sagen deutlich: Die Welt der Kinder ist voller Überraschungen und Farbe. So verstärken sie auf ideale Weise den knappen, prägnanten Text von Albert Cullum, welcher stark an bekannte Aussagen von Jürg Jegge erinnert (Dummheit ist lernbar, Erfahrungen mit Schulversagern, Zytglogge) und von Rolf Inhauser trefflich aus dem Amerikanischen übersetzt wurde. Illustrationen wie Text sind zwar überwiegend witzig und humorvoll gehalten, trotzdem macht dieses Buch betroffen, passt es doch gar nicht in unsere Vorstellung von einer «coolen» Kindheit! Der Verlag warnt denn auch: «Vorsicht! Es kann Sie der Schock der Erinnerung treffen!» Erinnerung an unsere eigene Kindheit oder die unserer Kinder heute?…
Der Autor Albert Cullum ist Professor für frühkindliche Erziehung und Autor vieler Bücher und wissenschaftlicher Veröffentlichungen. Sein vorliegendes Werk kann wunderbar als «Aufklärungsbuch für alle Autoritätspersonen und ihre Kinder» dienen, denn die Botschaft ist klar: Gemeinsam sind wir stark! Stark ist auch die Schlussillustration, wo die Lehrerin unsicher und wackelig mit ihren Rollerblades auf einem Tisch mit Rollerblades-Füssen balanciert, untertitelt mit dem versöhnlichen Text: «Sie müssen keine Angst haben, Frau Lehrerin! Ich nehm Sie an der Hand! Ich bring es Ihnen bei! Sie werden sehen, Sie können das lernen!» Ein Buch, welches nicht kalt lässt und das man immer wieder mit neuer Entdeckungsfreude zur Hand nimmt. (Jugendliteratur)
Giovanna Riolo

Zoë und Rea
Maja Gerber-Hess
Verlag: Rex, Publiziert: 1998, Seiten: 180, ISBN/ISSN/EAN: 3-7252-0677-5
Schlagwörter: Eifersucht/Neid | Erwachsenwerden | Identität/Individualität | Pubertät

Einmal mehr ist es Maja Gerber-Hess gelungen, uns mit einem brisanten Thema zu fesseln. Klar und schnörkellos erzählt die Autorin die Geschichte von Zoë und Rea.
Mit «Zoë und Rea» trifft Maja Gerber-Hess ein zentrales Thema im Leben der Sechzenjährigen. Die beiden Hauptpersonen könnten unterschiedlicher nicht sein. Rea, die Tochter aus gutem Hause, adrett und fleissig, lebt in einer heilen Welt. Sie besucht Klavier- und Tennisstunden, ihr Freund Oliver ist ebenfalls ein begehrter Junge. Eigentlich wäre alles in bester Ordnung – wenn da nicht plötzlich Zoë auftauchen würde und Reas Welt total auf den Kopf stellte. Zoë ist schrill und schroff, und die schrägen Klamotten, die sie klaut, erregen Aufmerksamkeit. Klar, dass sich die beiden auf Anhieb unsympathisch sind.
Aber Maja Gerber-Hess bleibt nicht an Klischees haften. Langsam lernt Rea Zoë besser kennen. Sie bewundert die überdurchschnittliche Intelligenz ihrer neuen Klassenkameradin, macht die schockierende Bekanntschaft mit Zoës fresssüchtiger Mutter und sie lernt hinter Zoës dicker Make-up-Schicht zu lesen. Die beiden Teenies werden enge Freundinnen, sehr zum Missfallen von Reas Eltern. Sie fürchten, dass sich ihre Tochter mit diesem «Sozialfall» mehr Probleme auflädt, als sie bewältigen kann. Doch Rea ist nicht die einzige in der Familie, die von Zoë hingerissen ist. Auch ihr um zehn Jahre älterer Bruder Gregor bändelt mit Zoë an. Nun beginnen sie erst recht, die Verwirrungen in der Gefühlswelt der pubertierenden Rea. Sie ist eifersüchtig auf ihren Bruder, muss sich von ihren Eltern abgrenzen und spürt zugleich eine wachsende psychische Abhängigkeit von Zoë. Rea wird aus ihrer vorprogrammierten Lebensbahn katapultiert und muss sich auf die Suche nach ihrer Identität machen. Doch die Freundschaft der beiden Mädchen dauert nicht länger als ein Jahr. Sie werden auf einer Diebestour ertappt, und einmal mehr wechselt Zoë mit ihrer Mutter den Wohnort.
Die reale Problematik wird von Maja Gerber-Hess durch unterschiedliche Erzählstile und -formen literarisch umgesetzt. Basis des Romans ist Reas Bericht über die gemeinsam verbrachte Zeit mit Zoë. In diesen durch viele Dialoge lebhaft strukturierten Rückblick schachteln sich Reas Tagebucheintragungen, die den Haupttext inhaltlich relativieren und emotional abgrenzen. Lesend entwickelt sich eine Art Puzzle, das die Fakten und Hintergründe der ungleichen Freundschaft begreifbar macht. Ein spannendes Buch für alle Generationen. (Jugendliteratur)
Rahel Imboden

Abwärts in den Himmel
Anne-Grethe Dahms
Aus dem Dänischen von Gabriele Haefs
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 1998, Seiten: 276, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4333-7

Ein Mädchen im Bann einer Sekte

Die ersten Seiten von Anne-Grethe Dahms’ Jugendroman Abwärts in den Himmel klingen wie ein Psychothriller. Dabei wird nichts anderes als eine Kindheitsgeschichte erzählt – allerdings eine der nicht alltäglichen Art.
Mit blutigen Bildern und unheilverkündenden Metaphern steigt die niederländische Autorin in diesen schwierigen Roman ein. Wenn aus Furcht vor dem «zweibeinigen Fuchs» alle Fenster verschlossen werden, deutet dies auf ein Problemthema hin. Einmal auf diese Spur gesetzt, liest sich die Geschichte einer Kindheit und Jugend als Aneinanderreihung von psychischer und physischer Gewalt, wenn auch nicht im herkömmlichen Sinn. Die Mutter der anfangs knapp 6-jährigen Gitte schliesst sich den Zeugen Jehovas an. Damit ändert sich das gesamte Familienleben radikal. Alles, was Gitte (und auch ihrem Vater) bisher wichtig war, wird dem religiösen Eifer der Mutter geopfert. An Stelle der alten Freuden treten verhasste Bibellektionen, peinliche Missionierungsgespräche, ständige Kontrolle, körperliche «Zucht». Obwohl Gitte zunehmend von Ängsten gequält wird, bleibt ihr Inneres der alten Welt verhaftet. Am Ende des Buchs steht das bittere Aufbegehren gegen die Mutter und der Aufbruch in eine selbstbestimmte Zukunft.
Das Ganze ist wie eine persönliche Abrechnung mit Insiderwissen in Struktur und Ideengehalt der Zeugen Jehovas geschrieben. Doch gerade diese Art der Aufarbeitung lässt einen faden Geschmack zurück. Zu einseitig ist die Darstellung. Die Zeugen sind allesamt unsympathische, bigotte Leute, ihr religiöses Streben ist fanatisch und zerstörerisch. Das erschwert eine differenzierte gedankliche Auseinandersetzung, ein ablehnendes Urteil wird dem Leser förmlich aufgezwungen. Damit provoziert der Roman gerade das, was er in so drastischer Weise blossstellen möchte: Intoleranz gegenüber religiös Andersdenkenden. Für junge Leute ab 13 (wie der Verlag empfiehlt), die auf der Suche nach Orientierung und Werten sind, ist dieses Stück Literatur ohne relativierende Folie noch nicht geeignet. (Jugendliteratur)
RITA BUSCH

Mojsche und Rejsele
Karlijn Stoffels
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 1998, Seiten: 200, ISBN/ISSN/EAN: 3-4077-9786-9
Schlagwörter: Abenteuer

Was uns Karlijn Stoffels in ihrem gleichnamigen Debut-Roman vorlegt, ist eine Art Liebesgeschichte, die sich im Waisenhaus des Janusz Korczak in Warschau abspielt.
Mojsche, ein zu Beginn missmutiger 13-jähriger Junge, verliebt sich in Rejsele, die ihm als Betreuerin zugeteilt ist. Für sie will er auch den Text des gleichnamigen Liedes von Mordechaj Gebirtig suchen. In Krakau, wohin ihn ein Auftrag der polnischen Partisanen führt, wird er fündig. Auf abenteuerliche Weise kehrt er mit dem gefundenen Lied nach Warschau zurück. Rejsele hat aber unterdessen den Text bereits erhalten. Jahre später treffen sich die beiden wieder in einem Radiostudio in Tel Aviv.
So verdienstvoll der Versuch ist, Jugendlichen Korczaks Ideen näherbringen zu wollen, so schwierig ist es auch, diesen Anspruch einzulösen. Karlijn Stoffels gelingt es, wesentliche Elemente von Korczaks Haltung in ihrer Geschichte unterzu-bringen: das Recht des Kindes auf Achtung und auf eigene Erfahrungen, ebenso Korczaks Witz und einige Beispiele, wie sich seine Haltung etwa in den Urteilen des Kindergerichtes äusserte. Sehr hilfreich ist auch das umfassende Glossar, das die jüdischen Begriffe gut erklärt.
Die einzelnen Episoden wirken aber – vor allem im ersten Teil des Buches – wenig zusammenhängend. Erst mit der Zeit wird der Handlungsstrang sichtbar. Holprig ist mitunter auch die Übersetzung aus dem Holländischen: „Sieg Heil“ tönt für Mojsche dann wie „Schicke Hölle“.
Etwas Spannung entsteht im zweiten Teil der Geschichte, wo Mojsche sich als Marek und mittels zahlreicher Notlügen von Krakau nach Warschau durchschlägt. Der ganzen Geschichte fehlt aber der Spannungsbogen, der auch durch die Tel Aviver Rahmengeschichte nicht entsteht. Eigentlich schade für die gute Grundlage der Geschichte! (Jugendliteratur)
GERARD KAHN

Im Mond der Wölfe
Werner J. Egli
Verlag: Ueberreuter, Publiziert: 1998, Seiten: 211, ISBN/ISSN/EAN: 3-8000-2557-4
Schlagwörter: Umweltschutz/Klima | Zukunft | Technik

Werner J. Eglis neuster Jugendroman Im Mond der Wölfe spielt in einer technisierten Zukunft, die alles andere als erstrebenswert scheint.
Die Erde ist in einem desolaten Zustand. Der Boden und die Luft sind verseucht, Tiere und Flora beinahe ausgerottet, die Natur ist zum Feind des Menschen geworden. Die Technik regiert die Welt, und wer überleben will, passt sich resigniert dieser kalten, hartherzigen Diktatur an oder lässt sich mit der nächsten Raumfähre auf den Mond schiessen.
Doch da gibt es noch ein paar unangepasste Menschen und Tiere: Der Autor Hark Desmeth, der sich immer mehr in seinen Romanhelden Captain Hawthorne verwandelt und sich bis zum bitteren Ende an der herrschenden Ordnung rächt, ein paar Randexistenzen in tiefer Armut, die nichts zu verlieren haben, und eine Handvoll Wölfe, welche mit dem winzigen Rest verbliebenen Instinkts versuchen, ins letzte tiersichere Territorium in den Bergen zu fliehen. Werner J. Egli erzählt seine Zukunftsvisionen düsterster Art auf gewohnt packende Weise, jedoch in ungewohnt zynischem Stil. Es werden haufenweise Umwelt- und Gesellschaftsprobleme angegangen, die uns bereits heute beschäftigen oder uns zumindest
beschäftigen sollten. Diese wirken auf den ersten Blick recht undifferenziert, doch sind sie jeweils geschickt in die spannende Handlung eingebettet. Auf diese Art wird die Leserschaft immer wieder aufgerüttelt und wird dadurch angestiftet, sich tiefer mit den brisanten Themen zu beschäftigen.
Der aussergewöhnliche utopische Roman ist ungemein aufregend geschrieben. Werner J. Eglis Seitenhieb auf die Technik hörige Menschheit ist nicht zu überlesen: Tiere – in diesem Buch die Wölfe – sind die besseren Menschen. (Jugendliteratur)
Giovanna Riolo

Da kichert der Elefant
Hans Manz
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 1998, Seiten: 100, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00817-4
Schlagwörter: Geschwister | Fantasie

Die Grossvaterstunden liebt Eva besonders. Er hat dann Augen und Ohren nur für Sie. Und er kann die schönsten Geschichten erzählen. Manchmal erfinden sie auch zusammen Geschichten: Vom kichernden Elefanten zum Beispiel und von tanzenden Mücken. Das neue sprachverspielte Buch von Hans Manz wendet sich an Leseanfänger: die kurzen, klaren Texte, die grosse Schrift, die Zeichnungen sind eine ideale Verbindung eingegangen. (Jugendliteratur)

Joram und der Zauberhut
David Grossman
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Verlag: Hanser, Publiziert: 1998, Seiten: 78, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-19256-5

Gutenachtgeschichten

Wenn Papa seinen kleinen Joram Abends ins Bett bringt, müssen beide lachen. Papa weiss: die geheimen Ängste und Nöte, die sich so im Laufe des Tages bei Joram eingeschlichen haben, müssen weggezaubert werden. Papa erzählt eine Geschichte, verwunschen und liebevoll, einfach zum gut schlafen und träumen. (Jugendbuchliteratur)

Der rote Seidenschal
Federica de Cesco
Verlag: Aare, Publiziert: 1998, Seiten: 186, ISBN/ISSN/EAN: 3-7260-0508-0
Schlagwörter: Abenteuer

Das erste Buch der 15-jährigen Federica de Cesco ist eine 40-jährige Erfolgsgeschichte: Ann, emanzipierte und couragierte Heldin, kämpft an der Seite der Indianer um deren Freiheit. Ein Nachdruck der Erstausgabe von 1958 für alle älteren und jungen Federica de Cesco-Fans. (Jugendliteratur)

Frei und gleich geboren
Herausgeber:in: Urs M. Fiechtner, Reiner Engelmann
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 1998, Seiten: 288, ISBN/ISSN/EAN: 3-551-37039-7
Schlagwörter: Politik | Gewalt

Lesebuch Menschenrechte

Kinderrechte sind Menschenrechte

In der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen von 1989 werden viele Rechte genannt, praktiziert werden sie längst nicht in jedem Land, z.B. das Recht auf Gleichheit, auf Gesundheit, Bildung, Ernährung, Schutz vor Ausbeutung, Frieden… Paragraphen ändern noch nicht die Welt. Selbst nach Jahren Menschenrechte werden sie schamlos mit Stiefeln getreten. Reportagen, Berichte, Erzählungen, Gedichte, Sachtexte über Schicksale, über Hintergründe und Zusammenhänge, die zu Menschenrechtsverletzungen führen, spiegeln den Zustand der Welt wider. Ein besonderes Kapitel ist den Kindern gewidmet. Bleibt ein Lichtblick: Menschenrechtsorganisationen, die sich aktiv für die Würde des Menschen einsetzen. Auch sie werden in diesem traurig aktuellen Lesebuch vorgestellt.

Im Herzen des Tals
Nigel Hinton
Aus dem Englischen von Hilde Linnert
Verlag: Hanser, Publiziert: 1998, Seiten: 290, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-19339-1
Schlagwörter: Natur

Vom Leben und Überleben
Die Heckenbraunelle, eine nahe verwandte vom Spatz, lebt scheu in einem Tal in Südengland. Man könnte sie für langweilig halten, wäre ihr Überlebenskampf nicht von gleicher Dramatik gekennzeichnet, wie er doch eher den grossen Tieren zugemutet wird.
Ein winziger Vogel, jung, hungrig, im eiskalten Winter. Er verlässt das Nest und sein angestammtes Revier, um in einer Scheune zu überleben. Wie dann die kleine Braunelle den Frühling begrüsst und sich mit einem Männchen vereinigt, um vier Eier auszubrüten, dieses Wunder der Natur hat schon viele SachbuchautorInnen zu Bildern und Geschichten angeregt. Das Buch Im Herzen des Tals ist anders: kein Sachbuch, aber von wissenschaftlicher Genauigkeit; kein schönes Naturbuch und doch wunderschön! Nicht aus der Sicht des Menschen, dafür den Menschen tief berührend. Nigel Hinton hat einen spannenden Roman über Leben und Überleben irgendwo in einem abgelegenen Tal geschrieben, wo Mensch und Natur unspektakulär und im Rhythmus der Jahreszeiten leben.
Die kleine Braunelle sorgt inzwischen für ihre Jungen, nur der Fuchs beunruhigt sie, wie er auf Futterjagd für seine Jungen durch die Wiese streift. Dabei hat es die Ratte auf die Vogeleier abgesehen und zerstört das Nest des Singvogels. Ihr Dasein ist in die Möglichkeiten und Grenzen der Natur ebenso eingebunden wie der dramatische Rückflug des Kuckuckweibchens aus Afrika und die Geburt ihres Kuckuckjungen ins fremde Nest (der Braunelle). 290 Seiten liest und staunt die Leserin über das unwiderstehliche Natur-erleben und die Liebe des Autors für das kleinste Detail seiner natürlichen Umwelt. Am Ende gibt es nur ein Wort: atemberaubend. (Jugendliteratur)

Mit Liebe
Jane Goodall, Illustration: Alan Marks
Aus dem Englischen von Barbara Petri
Verlag: Neugebauer, Publiziert: 1998, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 3-85195-583-8
Schlagwörter: Natur | Tiere | Wissenschaft

10 herzerfrischende Geschichten über Schimpansen in der Wildnis

Schimpansen wie du und ich

Viele Monate Geduld brauchte Jane, bis David Grybeard dem weissen Geschöpf sein Vertrauen schenkte. Jane Goodall, weltbekannte Verhaltensforscherin der Schimpansen in den Wäldern von Tansania, erinnert sich an die erste Berührung mit Davids Hand: «Ich musste ihn ganz einfach gern haben:» David öffnete Jane die Tür zu der geheimnisvollen Welt der Schimpansen. In dem Bilderbuch Mit Liebe erzählt sie zehn herzerfrischende Anekdoten aus dem Schimpansenalltag. Da ist Spindler, ein Schimpansenmännchen, das den mutterlosen Mel adoptiert. Und das Affenmädchen Pom zeigt, wie es taktisch und mutig seinen Bruder Prof vor einer Schlange rettet. Während Gremlins und Gimbles sich sputen und vor einem Zeckenschwarm fliehen. Stimmungsvolle Illustrationen von Alan Marks begleiten die Kurzporträts individueller Persönlichkeiten, mit denen Menschen verblüffende Ähnlichkeiten haben.

Lexikon berühmter Tiere
Karen Duve
Verlag: Eichborn, Publiziert: 1998, Seiten: 670, ISBN/ISSN/EAN: 3-8218-0505-6
Schlagwörter: Fantasie

Vom Aussterben kann bei ihnen keine Rede sein. Im Gegenteil, in Bilderbüchern, Erzählungen, Filmen und ganz klar auch in CD-ROMs überleben sie, besser noch: werden sie verewigt: die (Königs) Frösche und (Micky) Mäuse, die (Oster) Hasen, (Balu) Bären, (Babe) Schweinchen, (Lassie) Hunde und all die fabelhaften Tiergestalten, die seit Menschengedenken eng zu den Menschen gehören. 1 200 Tiere, eine stattliche Anzahl, die da im Lexikon der Tiere versammelt sind, die erinnern lassen an einstige vierbeinige Weggefährten. Berühmte Tiere aus Literatur, Mythologie, Werbung, wir haben sie wieder: den Kalif Storch, das Lacoste-Krokodil, Urmel und – wer will ihn verleugnen – Globi – alphabetisch geordnet, sachkundig, köstlich beschrieben und zum Teil illustriert dargestellt. Man kommt ins Schwärmen, ein unterhaltsames Lexikon. (Jugendliteratur)

Was wollt ihr machen, wenn der Schwarze Mann kommt?
Jörg Steiner, Illustration: Jörg Müller
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 1998, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4305-1
Schlagwörter: Rätsel

Das Kinderspiel vom Schwarzen Mann kennen in der Schweiz wohl alle. Wenn der Schwarze Mann kommt, dann gibt es nichts – da muss man ausreissen und fliehen. Aber was macht man bloss, wenn der Schwarze Mann schon da ist?
Denn eines Tage ist er einfach da, der Schwarze Mann. Überall hinterlässt er seine Spuren – quer über die Strasse führen geheimnisvolle schwarze Fussabdrücke, und überhaupt geht plötzlich Merkwürdiges in der grauen Stadt vor sich…
Bloss die Kinder scheinen Bescheid zu wissen. Sie jedenfalls erzählen von einem Schwarzen Mann, der ihnen die Rollbretter repariert. Oder er hilft bei den Hausaufgaben. Manchmal macht er ihnen auch Angst und hindert sie daran, pünktlich zuhause zu sein. Ziemlich undurchsichtig, die ganze Angelegenheit.
Und weil man ja nie genau weiss, was da vor sich geht und man vor allem nicht wissen kann, was noch daraus wird, fangen die Erwachsenen an, überall Sicherheitsvorrichtungen zu installieren. Hier eine Warnlampe, da ein hoher Zaun und eine Videokamera – die Überwachung wird total.
Aber vor dem Schwarzen Mann und vor allem vor der Angst vor ihm schützt die Erwachsenen nichts…
Eine verzwickte Geschichte haben sich da die beiden Jörgs ausgedacht!
Das Zeichner/Autoren- Team Müller/ Steiner greift diesmal das Problem der immer wieder vehement gefordeten Sicherheit auf – einer Scheinsicherheit, die so zwangsläufig im Überwachungsstaat mündet (der allerdings auch nicht weiterhilft – das Leben ist nun mal lebensgefährlich. Aber wem sage ich das).
Ihre Parabel ist höchst raffiniert angelegt – und ist nebst der inhaltlich immer wieder aktuellen, gesellschaftskritischen Aussage gleichzeitig ein höchst geschickt konstruiertes, unterhaltsames Rätselbuch (was haben die immer wieder auftauchenden Kaugummipapiere zu bedeuten?
Wie es so Müllers/Steiners Art (und unser Pläsier) ist, haben sie das Buch in Bild und Text gespickt mit Zitaten und höchst aktuellen Anspielungen, von denen manche für Kinder, viele für Erwachsenen funktionieren.
Dieser Schwarze Mann – sind das nicht die Kinder selber? Unsichere Faktoren im scheinbar wohlgeordneten Erwachsenenleben, die sich einen Spass daraus machen, die Grossen an der Nase herumzuführen?
Und weil Erwachsene ja ziemlich beschränkt sind, merken sie das hier auch nicht, sondern sitzen verbiestert in ihren Überwachungszentralen und kontrollieren, was das Zeug hält.
Ach, wir armen Erwachsenen! Wir haben keinen Spass – wir stecken so voller Ängste und Mauern im Kopf, dass wir nur das sehen, was wir auch sehen wollen. Dass wir auch mal Kinder waren und uns des Lebens gefreut haben, haben wir vergessen. Und so sitzen wir nun fest, gefangen in unserem grauen Erwachsenenalltag und sehnen uns nach… Wonach wissen wir nicht so genau. Aber wir sehnen uns. Und weil wir mit dem «Wonach» nicht ganz sicher sind und uns doch an etwas festhalten müssen, richten wir Mauern auf. Und Zäune und Überwachungskameras. Und sperren uns damit ein.
So sind wir. Und deshalb lacht auch keiner von uns in dem Buch.
Um der Geschichte eine weitere Erzähldimension hinzuzufügen, lassen die Autoren auch einen wirklichen, zwar nicht ganz schwarzen, aber doch recht grauen Mann im Buch umgehen. Er hat einen Koffer in der Hand und trägt Trench und Hut. Meist begnügt er sich damit, überraschend durchs Bild zu gehen und einmal liegt er, mit einer leeren Flasche neben sich, schlafend hinter dem Reiterdenkmal. Überwacht er seinerseits die Geschichte – oder hat er etwa eine ganz andere Funktion?
So klug und pfiffig die Geschichte auf all den verschiedensten Ebenen auch erzählt und durch Bild und Text miteinander verflochten wird, so bedrückend eindimensional erscheint sie auf der menschlichen.
Erwachsene sind hier durchwegs graue, verunsicherte Wesen ohne Lebensfreude. Spass macht allenfalls das Entschlüsseln des Buches, der grosszügig komponierten, realistischen Bilder, die ihrerseits die Vorgänge im Buch überwachen.
Das Buch ist von A-Z durchdacht – weder Titelbild noch Impressum sind dem Zufall überlassen worden. Alles ist Teil eines eindrücklich konsequent ausgeführten Konzepts.
Nur die Kinder wissen hier eine Anwort auf die Frage – «Was macht ihr, wenn der Schwarze Mann kommt?» «Ausfliegen!» rufen sie dann und «heben die Arme wie Vögel, die sich gleich in die Luft schwingen und vom Wind davongetragen werden.»
Und wenn sie ihrerseits erwachsen sind? Wohin fliegen sie dann?
Bettina Wegenast

Sex komplex
Aids Info Docu Schweiz
Verlag: Aids Info Docu, Publiziert: 1998, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Sexualität | Pubertät | Liebe

Die wahre Soap über Liebe, Lust und safer sex

«Sex Komplex» verfolgt eine ähnliche Strategie wie vor einigen Jahren Ravensburgers «Bitte nicht stören». Im Gegensatz zur Jugendclique werden Teenager in eine WG eingeladen und können so die unterschiedlichsten Charaktere kennenlernen. Neben den animierten – und von Jugendlichen sicher als «cool» empfundenen – Comics erscheint jeweils eine Spalte mit Fragen zu den unterschiedlichsten Themen. Über die Tagebücher erfährt man die Beziehungsgeschichten der einzelnen WG-Bewohner. So bleibt der spielerische Charakter erhalten. Wichtiger ist ohnehin, dass das Thema Sex offen und absolut jugendgerecht aufgegriffen wird.

Goethes Garten
Johann Wolfgang Goethe, Herausgeber:in: Pierre Oser, Eberhard Köhler
Verlag: Tympano, Publiziert: 1998, ISBN/ISSN/EAN: 3-933663-01-6
Schlagwörter: Natur

Ein sinnlicher Hörweg durch die inneren und äusseren Pflanzungen des berühmten Botanikers und Geheimen Rates

Die reizvolle Collage von tiefschürfenden Sentenzen und ganz alltäglichen Gartennotizen ergibt ein ungewohnt persönliches Bild des Dichters und Universalgenies Goethe. Man möchte ihm gerne die Hand schütteln und fragen: Ach, Herr Geheimrat, wie geht es Ihren Früherbsen? Goethes Satz «Über Rosen kann man dichten, in die Äpfel muss man beissen» könnte der Untertitel dieser CD sein. Das Dichten und das Beissen hat darin gleichermassen seinen Platz: Wir erfahren, dass Goethe gegen die Kegelbahn der benachbarten Gastwirtschaft protestiert, dass er den Schatten der Bäume geniesst, die er vor vierzig Jahren eigenhändig gepflanzt hat oder dass er nach Tische «gefürstenkindert». Sein sächselnder Gärtner Ferdinand Herzog rapportiert über die Abdeckung der «Aprikousenwand» oder das Säubern des Graslandes von «Mouse». Goethes Gedanken zur Natur, die in diesem Garten reifen, sind von wunderbarer, endgültiger Einsicht: «Auch das Unnatürlichste ist Natur. Wer sie nicht allenthalben sieht, sieht sie nirgendwo recht». Oder: «Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff viel Leben zu haben.»

Für eine allzu jugendliche Zuhörerschaft ist Goethes Garten kaum begehbar, denn Knappheit um der Ästethik willen macht das Abhören der dichten Textfolge manchmal verwirrend. Was spricht da für ein Kind? Warum hat Eckermann eine Frauenstimme? Wer war schon wieder Ottilie? Und wenn es lediglich heisst: «8. Juni 1816, Meine Frau früh um vier begraben… im Garten», dann zeichnet diese Knappheit sogar ein falsches Bild. Goethes Frau wurde auf dem Weimarer Jakobsfriedhof beerdigt, und Goethe war nicht dabei. Er floh vor dem Tod – in den Garten.

Angelika Bucher Waldis

Vom Vater mit den 10 Kindern
Benedicte Guettier
Aus dem Französischen von Markus Weber
Verlag: Moritz, Publiziert: 1998, Seiten: 44, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-077-3

Es war einmal ein Vater, der hatte zehn Kinder… und für die tat er alles: waschen, kochen, Söckchen und Hosen anziehen, in den Kindergarten fahren und vieles mehr. Wenn sie abends endlich schliefen, baute er an seinem Schiff, und als es fertig war, brachte er die Kinder zur Grossmutter und stach in See, ganz allein. Er ruhte sich aus, angelte und schlief. Am zehnten Tag wachte er auf, machte Frühstück und deckte zehn Tassen, zehn Löffel, dann kehrte er zurück und rief seine Kinder zum Frühstück. Und sie kamen alle an Bord und reisten gemeinsam weiter. – Ein modernes Märchen, kurz erzählt. Die sehr farbigen, ausserordentlich einfachen, aber fröhlichen Bilder ergänzen den Text und nehmen ihm jegliche Idylle. Schön, dass mal ganz unprätentiös ein Vater die Hauptrolle einnimmt. Ohne Frau scheint er aber dennoch nicht auszukommen, die Grossmutter kommt gerade zur rechten Zeit.
Helene Schär

Bist du schon wach?
Hanna Johansen, Illustration: Rotraut Susanne Berner
Verlag: Hanser, Publiziert: 1998, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-19323-5

Wenn Dodo döst, weiss sie nicht, wo, was und wer sie ist. Sobald sie richtig erwacht, erkennt sie alles genau, entdeckt ihr Zimmer, den Fisch im Aquarium, die Lichtstreifen durch die Ritzen der Fensterläden… Dodo wartet, die Zeit vergeht. Alles ist still. Sie steht auf, geht ins Elternschlafzimmer. Vater und Mutter schlafen. Die Treppe hinunter, zur Grossmutter! Schläft sie? Nein. Sie wird Dodo vorlesen, die Geschichte von Dodo, die döste, aufwachte… Plötzlich schaut die Mutter herein. Sie hat Dodo überall gesucht. Doch die Grossmutter liest weiter, von Dodo, die zu den Eltern ins Schlafzimmer geht und schliesslich bei der Grossmutter im Bett landet, und dann ist die Geschichte zu Ende. Das allmähliche Erwachen aus dem Dämmerschlaf in die Wirklichkeit wird hier sehr genau beobachtet und nachgezeichnet. Das Immerwiederkehrende ist ein Grundelement menschlichen Daseins. Und es ist gut vorstellbar, dass Kinder diese Geschichte am liebsten wieder und wieder erzählt haben möchten. Die Illustrationen mit den vielen lustigen und jedem Kind vertrauten Details bereichern die Erzählung und laden zum Eintauchen und Verweilen in Dodos sehr intakter Welt ein.
Helene Schär

Wie die Geschichten auf die Welt kamen
Gcina Mhlophe, Illustration: Silke Tessmer
Aus dem Englischen von Susanne Koehler
Verlag: Hammer, Publiziert: 1998, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-87294-809-1
Schlagwörter: Fantasie

Vor langer, langer Zeit lebte Mazanendaba glücklich mit ihrem Mann und ihren Kindern. Nur etwas fehlte: Geschichten. Mazanendaba machte sich auf den Weg und fragte bei verschiedenen Tieren nach. Als sie beim Delphin landete, tauchte dieser mit ihr auf den Grund des Ozeans zu einem Geistervolk. Dessen König und die Königin waren bereit, ihr alle Geschichten zu schenken, die sie sich nur wünschte. Als Gegengeschenk sollte Mazanendabas Mann ein Bild seiner Familie schnitzen. Die Holzplatte gefiel dem Königspaar so gut, dass sie Mazanendaba eine Muschel schenkten: Jedes Mal, wenn sie diese Muschel ans Ohr hielt, hörte sie eine Geschichte. Jeden Abend unterhielt sie von nun an ihre Familie und alle Leute im Dorf mit einer Geschichte, und ihre ZuhörerInnen erzählten diese weiter: So kamen die Geschichten zur Welt. – Die unterhaltsame und ansprechend illustrierte Erzählung über die Entstehung von Geschichten vermittelt ein Bild von einer selbstbewussten afrikanischen Mutter, die initiativ ist und die Fäden in den Händen hält. Die Legende von der Entstehung der Geschichten kann – typisch afrikanisch – immer weiter und weiter erzählt werden. Silke Tessmer hat mit einfachen, grosszügigen Pinselstrichen atmosphärische Bilder dazu gemalt. Das Buch eignet sich zum Vorlesen und ist für Kinder und Jugendliche eine aufregende Lektüre.
Helene Schär

Rosine die Schrumpfhexe
Dagmar Geisler
Verlag: ars Edition, Publiziert: 1998, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7607-3781-1

Wieder einmal flüchtet Fritz vor der Kaosbande in sein Versteck. Dort trifft er zufälligerweise auf Rosine die Schrumpfhexe. Sie hat Probleme mit ihrem Besen und bittet Fritz um Hilfe. Dazu muss sich Fritz aus dem Versteck wagen. Er nimmt seinen ganzen Mut zusammen und hilft der Hexe. Zum Dank gibt sie ihm Tipps, wie er den frechen Jungen begegnen kann. Jetzt, wo Fritz keine Angst mehr hat, ist es für die anderen gar nicht mehr spannend, ihn zu hänseln. In diesem Comic für ErstleserInnen gelingt es einem sensiblen Jungen sich aus der Opferrolle zu lösen, bis er schliesslich keine gute Zielscheibe mehr abgibt für Quälereien.
Madeleine Amman

Meta und die ausserordentliche Tante
Sylvia Heinlein
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 1998, Seiten: 72, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4301-9
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Fantasie

An Saubermachtagen ist Mama immer schlecht gelaunt. Sie verlangt, dass Meta mithilft und ihr Zimmer aufräumt. Trotzig verkriecht sich Meta in der Räuberhöhle im Zimmer und beschliesst, für immer dort drinzubleiben, sie die Räuberin und Beschützerin der Schwachen. Im Traum wird sie von ihrer superstarken Tante und Seefahrerin zu einer abenteuerlichen Schiffsreise abgeholt. Auf einer Insel lernen sie eine Frau kennen, die alles pingelig sauber hält und die wegen ihres Lebensmottos «Ordnung ist das halbe Leben» ein langweiliges Leben führt. Natürlich kann es die Tante nicht lassen, ihr einige kleine Abenteuer anzuzaubern. Am nächsten Morgen erwacht Meta in ihrem Bett. Die Mutter erklärt, dass sie keine Lust hat, weiter über Unordnung zu streiten. Ab jetzt, so einigen sie sich, ist die eine Hälfte des Lebens Ordnung, die andere Hälfte Abenteuer und Vergnügen. – Eine lustige und abenteuerliche Geschichte rund um das leidige Thema Aufräumen. Alle handelnden Personen sind weiblich und auf ihre Weise stark und selbstbewusst. Witzig ist, wie sich die Tante im fantastischen Teil über sämtliche Konventionen hinwegsetzt.
Madeleine Amman

Vom Hühnchen, das goldene Eier legen wollte
Hanna Johansen
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 1998, Seiten: 57, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00819-0

Auf engstem Raum leben auf einer Hühnerfarm 3333 Hühner zusammen. Ein kleines Hühnchen gibt sich mit diesem Leben nicht zufrieden und sagt: «Wenn ich gross bin, werde ich goldene Eier legen.» Von den anderen verlacht und verspottet, steckt sich das Hühnchen immer neue Ziele. Auch wenn es am Ende ganz normale Eier legt, so kann es doch durch seine Ausdauer und Unbeirrbarkeit für sich und alle anderen Hühner die Lebenssituation verändern und verbessern. Eine poetische, tiefsinnige Geschichte, die Mut macht, in einer misslichen Situation nicht zu resignieren. Die Federzeichnungen, zart, mit viel Liebe zum Detail und hervorragend in den Text integriert, machen das Buch zu einem kleinen Kunstwerk.
Madeleine Amman

Die besten Rabeneltern der Welt
Sabine Ludwig
Verlag: Dressler, Publiziert: 1998, Seiten: 120, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-1230-7
Schlagwörter: Geschwister | Eifersucht/Neid

Im Schulalter noch einen kleinen Bruder zu bekommen, das ist nicht ganz einfach für Charlotte, die bis jetzt die Liebste und Einzige ihrer Eltern war. Das Monster, wie sie den kleinen Moritz nennt, beansprucht nämlich viel Zeit, Liebe und Aufmerksamkeit. Von Charlotte wird Verständnis erwartet. So muss sie auf den Ballettunterricht verzichten, weil die Mutter sie nicht hinfahren und eine Stunde auf sie warten kann. Und dass die Mutter zur Schulaufführung den brüllenden Bruder mitnimmt, ist wirklich das Letzte. Deshalb beginnt Charlotte, die Eltern von Freundinnen und Freunden zu testen. Dabei erlebt sie einiges. In der mit viel Humor erzählten Geschichte lernt das von Eifersucht geplagte Mädchen, dass trotz des kleinen Bruders für sie nicht weniger Liebe abfällt und dass sie eigentlich die besten Rabeneltern der Welt hat.
Madeleine Amman

Maja und Lena sind Flüsterweltmeister
Bettina Obrecht
Verlag: Oetinger, Publiziert: 1998, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-1127-9

Die sechsjährige Maja und ihre vier Jahre ältere Schwester Lena flüstern jeden Abend noch lange zusammen. Jetzt findet Mama, Lena sei so gross, dass sie ein eigenes Zimmer brauche. Am ersten Abend kann Maja so ganz allein im Zimmer nicht einschlafen, alles ist so ruhig, sie hört nur die Gespenster wispern. Immer wieder schleicht sie sich in Lenas Zimmer, wird aber wieder weggeschickt. Als sie endlich am Einschlafen ist, kriecht Lena in ihr Bett und sagt, heute sei sie noch nicht so gross, ab morgen vielleicht. Eine liebevolle Geschichte um zwei Schwestern, in grosser Fibelschrift.
Madeleine Amman

Pauline Spürnase
Peter Slabbynck
Aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 1998, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-8067-4272-3
Schlagwörter: Mut/Selbstbewusstsein

Paulines Eltern haben einen Fischladen. In der Freizeit hilft sie dort gerne mit, sogar an der Kasse, denn im Rechnen hat sie die besten Noten. In der Schule wird sie oft gehänselt, vor allem vom dicken Bert. Der sitzt neben ihr, und als er eines Tages behauptet, er könne sich nicht konzentrieren, weil Pauline nach Fisch stinke, darf er den Platz wechseln. Aber das Einzelkind Pauline hat ein gutes Selbstvertrauen und lässt sich nicht unterkriegen. Dank ihrer witzigen Ideen und ihrer überbordenen Fantasie ist sie allen eine Nasenlänge voraus und schafft es so, sich unter den Kindern ihren Platz zu sichern. Pauline verliert nie den Glauben an sich selbst und erreicht deshalb ihr Ziel.

Madeleine Amman

Igraine Ohnefurcht
Cornelia Funke
Verlag: Dressler, Publiziert: 1998, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 3-7915-0455-X
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie

Ein märchenhaftes Abenteuerbuch voller Action und witziger Einfälle, tröstlich in seinem unerschütterlichen Vertrauen auf den einfachen Unterschied zwischen Gut und Böse und den Sieg des Guten. Zu empfehlen ist es vor allem wegen der Titelfigur, einer Art literarischer Lara Croft, die allerdings nicht mit Gewalt, sondern mit List, Zähigkeit und Fantasie zum Ziel kommt. – Die Geschichte spielt auf Burg Bibernell und erzählt von Igraine, die in einer Zaubererfamilie aufwächst, selbst aber Ritterin werden will. Zum Geburtstag bekommt sie von den Eltern und vom Bruder eine Zauberrüstung geschenkt, die sogar wasserdicht ist – und zwar gerade rechtzeitig, denn die Burg wird angegriffen vom bösen Gilgalad von Düsterfels, der die kostbaren Zauberbücher klauen will. Da ausgerechnet jetzt die Eltern einen Zauberfehler machen und zu Schweinen werden und der Bruder weder gut reiten noch fechten kann, muss Igraine die Rückzauberung der Eltern mit Hilfe spezieller Riesenhaare, die Befreiung der drei Jungfrauen (!), den Kampf mit Gilgalad und seinen Männern und die Befreiung der Burg selber in die Hand nehmen. Der Traurige Ritter hilft ihr dabei: Er wird sie lehren, eine richtige Ritterin zu werden.
Verena Stössinger

Maika bleibt bei mir!
Elin Ørjasaeter
Aus dem Norwegischen von Christel Hildebrandt
Verlag: Patmos, Publiziert: 1998, Seiten: 174, ISBN/ISSN/EAN: 3-491-37395-6

Mariannes Familie hat es nicht leicht. Der Vater ist arbeitslos, das Geld knapp, und in das enge Haus zieht auch noch der Urgrossvater, weil er nicht mehr allein sein will. Verglichen mit Evas Situation aber ist das noch das reine Glück. Eva, Mariannes Freundin, muss nämlich für Maika, ihre kleine Schwester, sorgen, weil die Mutter drogensüchtig ist und ihr neuer Freund gewalttätig. Mariannes Familie nimmt Eva und Maika auf – auf die Dauer aber ist ihr das weder finanziell noch räumlich möglich. Und der Freundschaft der Mädchen tut die neue Situation auch nicht nur gut. Eva will ihre «Macht» über Maika an niemanden abtreten und reagiert, jetzt, wo sie in Sicherheit ist und ihrem Alter gemäss leben könnte, gelegentlich aggressiv. Die Geschichte zeigt, wie eine Dreizehnjährige liebevoll ein wenig aus ihrer Überforderung befreit wird. Sie enthält zwar eine fast unglaubwürdige Häufung von familiärem Unglück und Zufällen, ist in ihrer Problemstellung aber realistisch genug. Dabei zeichnet die Autorin eher untypische Figuren – Mariannes Vater beispielsweise ist trotz Arbeitslosigkeit ein starker und sensibler Mann und Evas neue amerikanische Grossmutter eine skurrile Überlebenskünstlerin.
Verena Stössinger

Hörst du den Fluss, Elin?
Gudrun Pausewang
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 1998, Seiten: 154, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00818-2
Schlagwörter: Geschwister

Seit nicht nur die Mutter, sondern auch Elins Vater arbeitslos ist, muss die Familie noch mehr sparen – doch diese Einschränkungen sind weniger schmerzhaft, findet Elin, als die Missachtung, die ihr von den SchulkameradInnen entgegenkommt, und Vaters zunehmende Stummheit und Verzweiflung. Er ist Buchhalter und findet einfach keine neue Stelle. Während die Mutter Kurse gibt und in der Altenpflege arbeitet, geht der Vater nur spazieren, am liebsten an den Fluss. Elin hat ihr Zimmer geräumt, darin wohnt jetzt eine Studentin, aber das reicht nicht als eigener Beitrag, findet sie. Zusammen mit dem älteren Bruder Mario denkt sie sich aus, wie der Vater einen anderen Beruf finden könnte, und heimlich und zäh beginnen sie ihre Idee zu realisieren. Der mobile Kinderparty-Service, der Vaters Unterhaltungstalent nutzt und auch Mutters Mitarbeit braucht, wird schliesslich sogar zu einem kleinen Erfolg. Dieser Optimismus trägt das sensible Buch, das sich mit einem gesellschaftlichen Problem befasst, das auch Kinder massiv belastet. Der Text zeigt vor allem die psychischen Auswirkungen – die depressiven Verstimmungen des Vaters etwa – und ermuntert die LeserInnen, solche schwierigen Situationen unkonventionell anzugehen.
Verena Stössinger

Sterne im Bauch
Ahima Beerlage
Verlag: Krug & Schadenberg, Publiziert: 1998, Seiten: 293, ISBN/ISSN/EAN: 3-930041-15-4
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Ulli lebt im Ruhrpott, ist Studentin und kommt mit sich und der Welt so gar nicht klar. Während ihre Freundinnen sich verlieben und fast nur mehr Jungs im Kopf haben, wird sie immer verwirrter in ihren Gefühlen, fühlt sich «wie ne Birne am Apfelbaum», ohne sagen zu können, wo das Problem genau liegt. Sie merkt zwar, dass ihre Sportlehrerin sie weit mehr interessiert als die Jungs, doch das bringt keine Klarheit, sondern Verunsicherung. Ulli rettet sich in eine Bärenhaut, stürzt sich in politische Arbeit, greift zu Alkohol oder Schreibstift, um von ihren Depressionen abzulenken. Erst als sie von Zuhause auszieht und an der Uni die Lesbenszene entdeckt, erfährt sie, wie normal Frauenliebe sein kann. – Der autobiografische Roman ist zwar manchmal etwas gar dokumentarisch gehalten und in den Dialogen ausschweifend, trotzdem empfiehlt sich das Buch als Zeugnis der Nöte unterdrückter sexueller Identität; und als ein Zeitdokument, das die Enge eines kleinstädtischen Milieus genauso präzise spiegelt wie den feministischen Aufbruch an deutschen Universitäten in den Achtzigerjahren.
Lisbeth Herger

Nachts zogen die Zigeuner fort
Daniella Carmi
Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer
Verlag: Hanser, Publiziert: 1998, Seiten: 181, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-19260-3
Schlagwörter: Identität/Individualität

Seit dem ersten Tag im Waisenhaus verbindet die zwölfjährige Talia eine tiefe Freundschaft mit Becki. Diese versteht es, aus dem Alltag eine fantastische Abenteuerreise zu machen, und erzählt die farbigsten Geschichten über ihre Herkunft als Zigeunerin. Als Becki glaubt, in einem palästinensischen Eisverkäufer ihren Vater gefunden zu haben, und nachts immer wieder verschwindet, häufen sich für Talia die Sorgen. Sie träumt selber von Wunscheltern, und neue, unbekannte Gefühlen gegenüber dem Jungen Iggy beschäftigen sie. Aber die Realität ist um einiges schwieriger zu ertragen. Mit wunderschönen Bildern und sprachlich kunstvoll wird hier von einer beständigen und tiefen Mädchenfreundschaft erzählt und vom eher ungewohnten Alltag in der Ersatzfamilie Heim. Die verschiedenen Mädchen, die sich im Schlafsaal zusammenfinden, sind überzeugend dargestellt, besonders beeindruckt natürlich die begabte, geheimnisumwobene, selbstbewusste und feinfühlige Becki.
Beatrice Ochsenbein

Die Watsons fahren nach Birmingham
Christopher Paul Curtis
Aus dem amerikanischen Englisch von Gabriele Haefs
Verlag: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Publiziert: 1998, Seiten: 205, ISBN/ISSN/EAN: 3-499-20894-6
Schlagwörter: Geschwister | Rassismus

1963

Weil bei ihnen öfters Ungeplantes passiert, werden sie nur die «komischen Watsons» genannt: die resolute und zärtliche Momma Wilona; Dad Daniel, der nie um einen Spruch verlegen ist; die Brüder Byron (der ältere, freche, starke, der viel Quatsch macht) und Ken (der jüngere, sensible) und die kleine Joetta – eine schwarze Familie in den USA der frühen Sechzigerjahren. Als Erzähler dieser Familiengeschichte voller Wärme und Humor fungiert Ken, der es als zarter Junge und Liebling der LehrerInnen in der Schule nicht leicht hat. Da hat es gerade noch gefehlt, dass sich der «Neue» mit dem Südstaatenakzent und den schäbigen Kleidern ausgerechnet ihn als Freund aussucht… Mit Feingefühl eingefangen ist auch die Beziehung zwischen dem unterschiedlichen Brüderpaar Byron und Ken. Als Ken nach dem Bombenanschlag auf eine schwarze Kirche traumatisiert ist, ist es Byron, dessen geduldige Zuwendung dem Bruder ins Leben zurück hilft.

Wo der Hund begraben liegt
Martina Dierks
Verlag: Altberliner, Publiziert: 1998, Seiten: 271, ISBN/ISSN/EAN: 3-357-00832-7
Schlagwörter: Krimi/Thriller

Der Clan von Lampedusa

Die fünf Weiber des Blumenstock-Clans sind alle sehr beschäftigt. Schliesslich ist das Leben in dieser Patchworkfamilie kompliziert. Vier Halbschwestern mit vier verschiedenen Vätern, eine mit allen feministischen Wassern gewaschene Frau Mama, divergierende Weltanschauungen, wechselnde Liebhaber – und der allen gemeinsame Traum von der grossen Liebe. Das geht nicht ohne Chaos ab, auch nicht ohne Eifersüchteleien und entsprechende Gemeinheiten. Doch als der schöne Pjotr, die grosse Liebe von Beatrice, einem unbekannten Küchenmesser zum Opfer fällt und bald einmal klar wird , dass hier mehr als nur einiges nicht stimmt, finden die Frauen zum gemeinsamen Gegenschlag zusammen. – Der Roman ist ein Lesespass für alle, die Komödien mögen und nicht zurückschrecken vor operettenartiger Dramatik. Ein luftiger Sommerkrimi aus der alternativen Berliner Szene, mit manchmal etwas gar schrägen Sprachspielereien, frech dekoriert mit allen nur möglichen Klischees. «Wo der Hund begraben liegt» ist augenzwinkernd montiert, eine Persiflage auf die Liebe – auch die zwischen Schwestern, Töchtern und Müttern. Ebenfalls aus der Reihe «Der Clan von Lampedusa» stammt das Buch «Baby Bellissimo».
Lisbeth Herger

Jenseits der Lügen
Paula Fox
Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Krutz-Arnold
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 1998, Seiten: 109, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4318-3

Liams Vater hat Aids. Als Folge einer verseuchten Blutkonserve, meint die Mutter. Liam aber weiss es besser, er hat den Vater drei Jahre zuvor in eindeutiger Umarmung mit einem Mann gesehen. Der Vater zieht sich in ein Häuschen in Springfield zurück, wo er seinen ebenfalls aidskranken Freund bis zu dessen Tod begleitet. Trotz unterdrücktem Zorn und ohnmächtiger Enttäuschung besucht Liam den Vater. Zuerst überwiegen stumme und ausgesprochene Anklagen, Schuldgefühle und falsche Zukunftsversprechen, aber die beiden kommen sich in ernsthaften Gesprächen und scheinbar nebensächlichen Alltagshandlungen schrittweise näher. Liam erkennt die Hilflosigkeit des Vaters und versucht ihn zu verstehen. An Weihnachten stirbt der Vater, und Liam hat gelernt, mit der Wahrheit umzugehen und sie zu verteidigen. – Paula Fox schildert eine ausserordentliche Vater-Sohn-Beziehung, eingepackt in die gesellschaftlichen Vorurteile um Homosexualität und Aids (besonders in den USA). Beeindruckend dargestellt ist auch die Reaktion der Mutter und deren unspektakuläre Annäherung an den trauernden Sohn.
Beatrice Ochsenbein

Die Zeit des langen Regens
Helen Kim
Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Krutz-Arnold
Verlag: Fischer Schatzinsel, Publiziert: 1998, Seiten: 329, ISBN/ISSN/EAN: 3-596-85034-7
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Emanzipation

Südkorea Ende der Sechzigerjahre: Die elfjährige Tschunhi nimmt uns für ein paar kurze Sommerwochen mit in ihren unscheinbaren Kinderalltag. Sie lebt hier in einer von traditionellen Strukturen bestimmten Normalfamilie, zusammen mit ihren drei Schwestern, unter dem Regiment der strengen Grossmutter und eines abwesenden, aber nicht minder autoritären Vaters. Ihre Mutter hat, genau wie sie und ihre Schwestern, nur zu gehorchen und zu dienen und pendelt in dieser Rolle zwischen depressiver Resignation und Widerstand hin und her. Der schwelende Konflikt bricht auf, als plötzlich der Waisenknabe Pjongsu im Haus auftaucht. Tschunhi erlebt, wie sehr die Frage nach seiner Zukunft die Familie spaltet, und sie wird zur stillen Komplizin, als die stets übergangene Mutter sich zu einem entscheidenden Schritt des Widerstands aufrafft. – Der Roman gewährt Einblick in die harten Realitäten einer patriarchalen und militarisierten Gesellschaft, wo die Achtungstellung von Töchtern auch in der Privatheit feiner Reispapierwände eingefordert wird. Und er ist das präzise gezeichnete und wunderbar poetische Zeugnis einer leisen, aber elementaren Emanzipationsbewegung von einer Mutter zusammen mit ihrer Tochter.
Lisbeth Herger

Der Schatten des Schmetterlings
Marjaleena Lembcke
Verlag: Omnibus, Publiziert: 1998, Seiten: 158, ISBN/ISSN/EAN: 3-570-12432-0
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Freundschaft | Identität/Individualität | Krankheit | Familie/Familienformen

Katja ist magersüchtig. Lange hat ihr Umfeld erfolgreich weggesehen, doch nun, nach ihrem zeitweiligen Verschwinden, lässt sich die Krankheit nicht mehr vertuschen. Statt ihr Abitur abzuschliessen, geht Katja in eine Klinik. Die Therapien dort entsprechen ihr nicht, doch sie beginnt wieder zu schreiben, unter anderem Briefe an Michael, ihren Kindheitsfreund – und sie entdeckt das Malen als heilende Therapie. Beschrieben werden die dichten Wochen dieses Übergangs abwechselnd aus der Perspektive von Katja und Michael. Dies ermöglicht den doppelten Blick. Da ist der unbeteiligte junge Mann, der sich eher unwillig an die alte Freundschaft erinnert und dann mit wachsendem Interesse auf das Besondere dieser Katja reagiert. Und da ist die Kranke selber, die mit ihren Sprach- und Farbbildern von ihrem Leiden erzählt und sich allen einfachen Erklärungsmodellen gegenüber widerständig zeigt. Auch wenn die Heilung etwas gar schnell vorangeht, der Schluss etwas zu harmonisch ist, bietet das Buch doch anregenden Einblick in die Dynamik dieser verheerenden Krankheit. Zudem kommt es ohne versimplifizierende Schuldzuweisungen aus und erfreut zusätzlich mit einer erfrischend klugen und witzigen Mutter des jungen Michael.

Lisbeth Herger

Aber ich vergesse dich nicht
Peter Pohl
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Verlag: Hanser, Publiziert: 1998, Seiten: 146, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-19263-8
Schlagwörter: Erwachsenwerden

Jörgen ist stolz darauf, das Vertrauen der Familie Green gewonnen zu haben. Jetzt darf er in den Sommerferien in ihrem Haus wohnen und auf ihren Hund aufpassen. So kann er auch für eine Weile seiner alkoholsüchtigen, überforderten Mutter aus dem Weg gehen. Als Jörgen im Park Sally kennen lernt, fühlt er sich sofort zu diesem geheimnisvollen Mädchen hingezogen. Die beiden Kinder fassen langsam Vertrauen zueinander, und Sally erzählt Jörgen ihre Geschichte, die einiges schrecklicher ist als alles, was Jörgen bisher erlebt hat. Als Sally wieder untertauchen muss, nachdem irrtümlicherweise Jörgen von Sallys Verfolgern entführt wurde, weiss er, dass er das Mädchen nie mehr vergessen wird. Durch diese einschneidende Begegnung und seinen unerschütterlichen Glauben an das Gute im Menschen ist Jörgen schliesslich imstande, seine eigene Situation selbstbestimmt zu verbessern. – Auf der Schwelle zum Erwachsenwerden ist Jörgen ein sensibler Beobachter, er überprüft seine Gedanken mit Erfahrungen und Wünschbarem und versucht, sich im Dschungel von Recht und Unrecht zurechtzufinden.
Christine Tresch

Der blaue Schal
Anita Siegfried
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 1998, Seiten: 151, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00825-5
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Fantasie

Nach drei Wochen Ferien in Amsterdam ist Fanny dem Rätsel um den blauen Schal auf die Spur gekommen, und sie hat ihre erste Liebe, Laurens, gefunden. Atemlose, aufregende und stressige Tage liegen hinter ihr, in ihrer Tante und ihrer Cousine hat sie aber auch zwei Frauen kennen gelernt, für die Zärtlichkeit und Fürsorge keine Fremdwörter sind wie für ihre Eltern. Mit diesem gestärkten Selbstbewusstsein wird es Fanny wagen, zu Hause das Schweigen zu brechen und Fragen zu stellen. Wie in anderen Geschichten bedient sich die Autorin auch hier fantastischer Elemente: Ein junger Mann kreuzt ständig Fannys Wege und löst sich in Luft auf, wenn sie ihn ansprechen will; Gegenstände, die sie kennt, tauchen bei anderen Leuten wieder auf; im Museum lockt sie die Gestalt eines kleinen Mädchens auf dem Bild eines holländischen Meisters in die Leinwand hinein. Die Lebenswelt des 17. Jahrhunderts und Fannys Gegenwart fliessen immer wieder ineinander. – Anita Siegfried erzählt stimmungsreich und mit viel Gespür für die Lebenssituation von Teenagern. Die Suche nach dem blauen Schal wird für Fanny zur Suche nach sich selber. Dass dabei Geheimnisse aufgedeckt werden und neue entstehen, macht mit den Reiz der Lektüre aus.
Christine Tresch

Das war der Hirbel
Peter Härtling
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 1998, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-407-79789-6
Schlagwörter: Behinderung

Wie Hirbel ins Heim kam, warum er anders ist als andere und ob ihm zu helfen ist

Der Hirbel ist anders als andere, denn bei seiner Geburt ist etwas schiefgegangen. Hirbel hat oft Kopfschmerzen, er ist oft krank und manchmal schreit er. Weil Hirbels Mutter ihn weggegeben hat, wohnt er bei Pflegeeltern und in Heimen. Trotzdem kann Hirbel auch lustig sein. Die Psychologinnen führt er auf falsche Fährten, denn die Tests kennt er schon alle auswendig. Er hat eine wunderbare Stimme und singt fürs Leben gern. Und immer wieder läuft der Hirbel fort, weil ihn niemand richtig versteht und weil er in ein anderes Land möchte. Peter Härtling erzählt in diesem berührenden Buch, wie sich ein behindertes Kind trotz allen Schwierigkeiten aufgehoben fühlen kann.

Im Nachwort beantwortet Peter Härtling Fragen von Kindern zum Buch. Die Geschichte ermöglicht Gespräche über Behinderung und Anderssein und gibt Einsicht in die Realitäten eines Kinderheimes. „Das war der Hirbel“ ist auch als Taschenbuchausgabe erhältlich. Dieser Titel kann als Klassensatz bei Bibliomedia Schweiz bestellt werden und es gibt ein Begleitheft für Lehrpersonen. Auf dem Online-Portal „Antolin“ können Quizfragen beantwortet werden.

Klassenstufen: 5,6

Es bleibt einem nichts erspart
Liz Sutter
Verlag: Edition Moderne, Publiziert: 1998, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907055-10-6
Schlagwörter: Humor/Komik | Schule

Die Klasse Muheim ist eine Schulklasse, wie sie überall vorkommen könnte. Melchior Muheim, der Lehrer, gibt Sätze von sich, die direkt aus dem Schulalltag stammen. Muheim glaubt zwar an das Gute, aber hat es nicht immer leicht. Manchmal zweifelt er an sich und an seinen Fähigkeiten, doch die Kinder mag er trotzdem gern. Im vorliegenden Band steht eine neue Schülerin vor der Tür: Daisy Roquefort, eine Französin. Den Jungen gefällt die modisch gekleidete Neue, den Mädchen dagegen könnte sie gestohlen bleiben, Daisy selber ist über beide Ohren verliebt. Nicht etwa in einen Jungen der Klasse, sondern in den grossen Schwarm aller Mädchen: Jambo aus Afrika. Der Comic spielt in Schulzimmern, Schultoiletten, Lehrerzimmern und auf Pausenplätzen, er erzählt von den Problemen der Schülerinnen und Schüler und zeigt humorvoll das Verhältnis eines Lehrers zu seiner Schulklasse.
Ein lustiges Comicabenteuer, nicht zuletzt auch für Lehrpersonen.

Die Hauptfiguren sind als verschiedene Tiere dargestellt. Die „Klasse Muheim“ erschien zuerst in der Jugendzeitschrift „Spick“. Neben „Es bleibt einem nichts erspart“ liegen noch zwei weitere Bände vor. Die in sich geschlossenen Episoden sind meist nur ein bis zwei Seiten lang und können somit gut als kurze Texteinheiten gelesen werden.

Klassenstufen: 5,6,7,8,9,10

Fussballgeschichten
Franz Sales Sklenitzka
Verlag: Aare, Publiziert: 1997, Seiten: 64, ISBN/ISSN/EAN: 3-7260-0497-1

Eine ganze Geschichte alleine lesen zu können, das ist toll für einen Leseanfänger. Ein Erfolgserlebnis.
Die Reihe «zweimaleins macht 8» bietet sich an: In jedem Buch stehen zwei Geschichten, die Buchstaben etwas grösser gedruckt und die ganzen Texte mit vielen Bildern versehen. Themen? Zum Beispiel Fussball. «Konrads Supertor» ist zum Lachen, auf der einen Seite rettet Konrad seiner Mannschaft den Meistertitel, auf der anderen Seite kann er keine Schnürsenkel binden, was ihm beim Spielen den letzten Nerv raubt. – Dafür spielt Laura leidenschaftlich gern und bestens Fussball und zettelt mit ihren Freundinnen eine «Fussballverschwö-rung» an. Zwei fetzige Fussball-
geschichten, die spannend zu
lesen sind und zweifellos zum
Weiterlesen animieren. (Jugendliteratur)

Ein Buch für Bruno
Nikolaus Heidelbach
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 1997, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-79194-1
Schlagwörter: Abenteuer | Fantasie

Die beherzte Ulla Herz weiss, wie man einen Lesemuffel wie Bruno ködert: mit einem Abenteuerbuch. Und schon sind die beiden ins Buch eingestiegen, ganz ohne Worte, und fliegen in eine wolkige Unendlichkeit, zu einem Drachen, auf eine Insel… wie im Märchen. Nikolaus Heidelbachs bodenständige Kinder Ulla und Bruno sind neugierig und schon mitten drin in ihrer fantastischen Geschichte. Man möchte sie noch eine Weile länger weitererzählen und allen, die lesefördernd aktiv sind, weiterempfehlen. (Jugendliteratur)

Waldkinder
Rudolf Herfurtner, Illustration: Antoni Boratynski
Verlag: Gabriel, Publiziert: 1997, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-85264-544-1
Schlagwörter: Freundschaft | Natur

Vier Freunde und eine Puppe

Ein Gartenkind und drei Waldkinder begegneten einander. Sie hatten nicht die gleiche Sprache, aber die Puppe des Gartenkindes konnte alle Kinder verstehen. So lernten sie Wort für Wort, sich zu verständigen und wurden Freunde. Rudolf Herfurtners Botschaft ist wunderschön: Freunde werden. Antoni Boratynski hat sie in seine eindringlichen, dichten Bilder gekleidet.

Kunterbunte Hexengeschichten
Sigrid Gregor
Verlag: ars Edition, Publiziert: 1997, Seiten: 60, ISBN/ISSN/EAN: 3-7607-3745-5
Schlagwörter: Fabelwesen | Märchen/Fabel

Lesen: Abenteuer im Kopf! Doch erst einmal will es gelernt sein! Leichter geht’s, das lehrte das Prinzip des Orbis pictus, mit Bildern. «Mit Bildern lesen lernen» heisst denn auch eine Leselern-Buchreihe aus dem Verlag arsEdition, die spielerisch vorgeht: Fünf kurze Geschichten mit sehr wenig Text in Grossdruck, alle prägnanten Wörter stehen als Bilder an ihren Plätzen, zum Mitdenken, zum Benennen oder ganz einfach auch zum Betrachten. Die Lust auf Lesen wecken, das ist der Hintergedanke, verstärkt durch gewisse Lieblingsthemen der Kinder wie beispielsweise Hexengeschichten: Wenn Hexe Filibelli kalte Füsse hat, heizt ihr der Drache mit seinem Feuer ein. Zauberer Rabenalt und Hexe Walburga kriegen sich so lange in die Haare, bis sie beide schrecklich lachen müssen.

Sieben kleine Hexlein machen ein Besen-Rennen… Das ist ansprechend und optisch reizvoll.

Venedig anders gesehen
Mario Grasso
Verlag: Reinhart, Publiziert: 1997, Seiten: 140, ISBN/ISSN/EAN: 3-7245-0961-8
Schlagwörter: Rätsel | Kunst

Nein, es handelt sich nicht eigentlich um ein Kinder-Bilderbuch. Die dem Bilderrätsel nahestehenden Kompositionen, das Bühnenhafte, das in den architektonischen Papierkulissen «leibhaftiges» Spielzeug auftreten lässt, neben Commedia-dell'Arte-Figuren, Requisiten aus Karneval und Künsten (von Tizian zu Mozart, von Goldoni zu Goethe, die ihrerseits als gemalte Bilder auftauchen) sowie als Wahrzeichen die Löwen und Katzen sind aber unverkennbar mit der
Illustrationskunst verknüpft, die Grasso als Kinderbuchkünstler bekannt gemacht haben. Er ist – auch hier – der vielleicht sprachspielerischste, sprachbesessenste moderne Kinderbuchgrafiker seit den 70er-Jahren.
Im Text zu den Bildtafeln und im Anhang – fast ein Venedig-Lexikon – teilt er die Fülle der in den Bildern assoziierten Fakten mit akribischer Genauigkeit mit. Gerade diese Begeisterung für das Detail hat etwas im besten Sinn «Kindliches»: Die Begeisterung für Sachwissen und die der «Logik» scheinbar zuwiderlaufende Umsetzung in surrealistische Fantasie scheinen mir das Buch zu einer Trouvaille für Kinder, sagen wir ab zehn, zwölf, zu machen. (Jugendliteratur)
Anna-Katharina Ulrich

Fritzi Fisch und das Flossengespenst
Verlag: Ravensburger Spieleverlag, Publiziert: 1997, ISBN/ISSN/EAN: 3-473-65082-X
Schlagwörter: Abenteuer | Spiel | Grusel/Spuk/Horror

Fritzi Fisch, das Fischmädchen, und ihr Freund Lukas sind einem Gespenst auf der Spur. Das Flossengespenst hat den Schulfischen das Spielzeug geklaut, und die beiden möchten es wiederfinden. Aber: Gibt es Gespenster, oder trägt das schreckliche Monster nur eine Verkleidung? Die Spieler (oder Spielerin) wird es herausfinden. Sie begleiten die beiden Fische durch das Meer, bestehen einige Abenteuer mit ihnen und sammeln Gegenstände, die für die Lösung des Geheimnisses wichtig sind. Neben der Jagd auf das Gespenst stehen drei kurzweilige Spiele zur Verfügung. Die Animationen sind witzig, oft verbergen sich auch mehrere hinter einem Klickpunkt. Kurzweilig.

Fliegen, Flattern, Flugmaschinen
Stefan Gaffke
Verlag: Tivola, Publiziert: 1997, ISBN/ISSN/EAN: 3-931372-04-9
Schlagwörter: Fantasie

Abenteuer und Wissenswertes rund ums Fliegen

Alles was fliegt
Natürlich geht es bei «Fliegen, Flattern, Flugmaschinen» in erster Linie um Flugzeuge. Nick und seine Freundin Charly erkunden den Hangar und stossen dabei auf allerlei Entdeckenswertes. Zur Welt des Fliegens gehört nicht nur die Luftfahrt, sondern auch die Flugkünste der Vögel und Insekten, das Wetter – und natürlich die Phantasie. Denn auch die Fabelwesen wurden bei dieser CD-ROM nicht vergessen. Ein Engel führt die beiden Freunde zu einem küssenden Liebespaar in den siebten Himmel, wo Bildergeschichten auch Vampire, Hexen oder das geflügelte Pferd Pegasus vorstellen. Zum Abheben.

Vögel im Siedlungsraum
Jürg Fraefel, Stefan Fürst, Kurt Bollmann
Verlag: Media Konzept, Publiziert: 1997, ISBN/ISSN/EAN: 3-907061-03-9
Schlagwörter: Natur | Tiere

Spielerisches Lernen ganz ohne Drill wird uns mit Vögel im Siedlungsraum geboten. Klar, wir wissen alle, wie eine Amsel aussieht oder was ein Specht ist. Aber wie und wo leben diese Vögel eigentlich?

Per Mausklick tauchen wir ein in die Welt von 40 Siedlungsvögeln und beobachten diese getrennt nach ihrem Lebensraum. Entscheiden wir uns für einen Vogel, gelangen wir anhand von leicht verständlichen, aber fundierten Texten, lebensechten Bildern wie auch über gesprochene Intros zu Informationen über sein Umfeld, seine Lebensgewohnheiten bis hin zu seiner (täuschend echt) ertönenden Stimme. Zusätzlich lassen sich gut strukturierte Arbeitsblätter (beispielsweise zum Bau eines Vogelhauses) ausdrucken.

Ein Naturprogramm, das sich für interessierte Kinder ab zehn Jahren zu Hause oder in der Schulstunde bestens eignet.

Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat
Werner Holzwarth
Verlag: Patmos, Publiziert: 1997, ISBN/ISSN/EAN: 3-491-24021-2
Schlagwörter: Alltag | Tiere

Musical

Werner Holzwarths Text “Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat” erzählt eine frappant einfache Geschichte; attraktiv nicht nur für Zweibeiner in der Analphase. Seinen Grosserfolg verdankt das Buch dennoch vor allem den Bildern. Sie haben es und Wolf Erlbruch berühmt gemacht. Die Popularität eines Produktes fördert den Rechteverkauf. Zynische Verleger sagen: “Wenn 100'000 Bücher weg sind, hat so ziemlich jede Zweitverwertung eine Chance.” Was bleibt aber von einem Bilderbuch, wenn bei der Umsetzung das Bild wegfällt?
Alle haben den Maulwurf per Buch kennen gelernt; haben die stur lineare Dialogfolge als witzige Story wahrgenommen, weil Erlbruchs Tierfiguren vielschichtige Charaktere sind; weil ihre bildnerische Überhöhung das Fehlen einer Handlung im Raum überspielt. Dafür visualisieren die Bilder Kackeformen aller Art.
Häufchen, Böhnchen und andere halbweiche Kleinigkeiten kann die Musik auch “zeigen”. Der Taubenschiss etwa fällt im Glissando zu Boden. Ein Ton für das aufspritzende Plitsch fehlt. Dafür beginnt die Taube zu singen, zur Melodie von “La Paloma”. Das ist als Anspielung unter Erwachsenen ganz nett, die Lakonie des Bilderbuchs aber ist hin. Statt der immer wiederkehrenden Abfolge von Frage (“Hast du mir auf den Kopf gemacht?”) und Antwort mit Bild (“Ich mach so.”) bietet das Musical eine Schlagerparade. Die Texte von Werner Holzwarth enthalten zwar teilweise gute Wortspiele und eigenen Witz, sie berichten aber vorwiegend vom singenden Tier und entfernen sich so jedes Mal neu von der eigentlichen Handlung. Diese wird – typisch für viele dramatisierte Hörfassungen von Büchern – mit einer Erzählstimme repräsentiert. Hier als Chor von summenden-brummenden Fliegen; bekanntlich Experten für Kacke.
Hans ten Doornkaat

Hey! Ja?
Chris Raschka
Aus dem amerikanischen Englisch von Uwe-Michael Gutzschhahn
Verlag: Hanser, Publiziert: 1997, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-18897-5
Schlagwörter: Rassismus

Zwei Jungen begegnen sich. Der eine in Baseballschuhen mit offenen Schnürsenkeln, der andere in gewöhnlichem Schuhwerk, der eine dunkelhäutig, der andere hell. Einer ruft: «Hey!», der andere antwortet unsicher «Ja?», und so, Schritt für Schritt abwägend, gehen sie aufeinander zu… Eine Freundschaftsgeschichte, die Geschichte einer Annäherung. Auf jeder Doppelseite der farbige und der weisse Junge, der sportliche Forsche und der eher zurückhaltende Scheue – in lebendigen ausdrucksstarken Farben mit wenig Strichen und Flecken angedeutet. Seite für Seite wird in einfacher Dramaturgie ein Zwiegespräch erzählt, das jedem Betrachter, jeder Betrachterin viele Möglichkeiten der Interpretation zulässt. Die einzige Kulisse der beiden Protagonisten sind das feine Hellblau, das langsam zum wärmeren Rosarot und schliesslich zum hellen, alles umfassenden Gelb wechselt. Langsam geht die Sonne auf, und im Augenblick, als die Freundschaft besiegelt ist, strahlt sie.
Themen wie Annäherung, Freundschaft, Anderssein, Gefühle beim Kontakt mit einer fremden Person, das Überwinden von Hemmungen können mit diesem vielschichtigen Bilderbuch gut behandelt werden. Das Fehlen eines Erzähltextes lässt viel Spielraum für Fantasie.
Helene Schär

Man darf mit dem Glück nicht drängelig sein
Kirsten Boie, Illustration: Jutta Bauer
Verlag: Oetinger, Publiziert: 1997, Seiten: 174, ISBN/ISSN/EAN: 3-7891-3114-8
Schlagwörter: Geschwister

Das Ferienhäuschen entspricht genau Annas Träumen. Für ihren Papa allerdings, der Anna und ihre Geschwister in die Ferien begleiten muss, weil die Mutter eine Weiterbildung macht, liegt es am «Arsch der Welt». Er zeigt deutlich, wie ungern er mit seinen Kindern weggefahren ist: Seine neue Frau ist schwanger und er müsste und möchte bei ihr sein. Und dann taucht auch Friedrich noch auf, der «Scheisskerl», der Sohn von Papas neuer Frau! Anna reibt an ihrem Glücksstein und träumt sich weg, sie trotzt, trickst und weint, doch zuletzt ahnt sie, dass es manchmal wohl «gar nicht so einfach ist im Leben», weil jeder Mensch etwas anderes unter Glück versteht und Widersprüche und Schmerz nicht immer zu umgehen sind. Und niemand es allen recht machen kann. Der Text ist witzig und unzimperlich geschrieben. Besonders hervorzuheben ist die Zeichnung der kindlichen Charaktere: Anna ist eine fantasievolle und selbstbewusste Elfjährige, ihr Bruder Magnus ein verspielter, zärtlicher Träumer und Friedrich ein etwas frühreifer Vermittler. Das Buch ist sehr schön illustriert mit Stempelbildern, die künstlerisch umsetzen, was Anna vom Leben erwartet: handliche und eindeutige Bilder, die aber ziemlich vereinfachen. – Noch immer eine Leseperle ist ebenfalls Kirsten Boies 1986 erschienenes Buch «Mit Jakob wurde alles anders».

Verena Stössinger

Das Nashornspiel
Zehra Ipsiroglu
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 1997, Seiten: 138, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00512-4

Zusammen mit der zehnjährigen Enkelin Zeynep schreibt Grossmutter Selma ein Buch. Es soll von einem Mädchen erzählen, das auch Zeynep heisst – diese Konstruktion ermöglicht die Verquickung von «Realität» und Kommentar. Die reale Zeynep kann ihre Erlebnisse einbringen, zum Beispiel die fraglose Unterordnung der Frau unter den Mann, wie sie sie im «Grosser-Bruder-Spiel» schon einüben soll. Die beiden sprechen ausserdem über Texte und Lektüren, etwa über Eugène Ionescos «Nashörner» – und damit ist das Thema des Buches umrissen: Es geht um Courage, Eigenständigkeit und um einen souveränen Umgang mit den gesellschaftlichen Normen, die in manchen Gegenden der Türkei sehr andere sind als bei uns, frauenfeindlicher und hierarchischer. Diese Tatsache wird durch das Erzählte exemplarisch vermittelt und besprochen und im Nachwort, das ein (Selbst-?) Interview mit der Autorin ist, auch noch explizit benannt. Hier wird dann auch verwiesen auf die Rolle, die die Literatur im Hinblick auf eine Liberalisierung spielen könnte. Das Buch soll von Kindern und Erwachsenen gelesen werden, wünscht sich Zehra Ipsiroglu im Vorwort.
Verena Stössinger

Der Sommer, als alle verliebt waren
Marjaleena Lembcke
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 1997, Seiten: 127, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00806-9
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Freundschaft

Der ältere Bruder Matti steht auf einmal ständig vor dem Spiegel, die Köchin singt, und die Mutter redet auffallend viel von dem Künstler, den der Vater nicht leiden kann, lädt ihn ein und hängt ein Bild von ihm auf. Was ist die Liebe, und wie viel Macht hat sie über die Menschen, fragt Leena sich beunruhigt. Sie registriert dabei auch ihre Gefühle Juhani gegenüber, dem Neuen in der Klasse, der ein Einzelgänger ist und der Sohn des Professors, der vorübergehend an Leenas Schule arbeitet. Am Ende des Sommers hat Matti einige Mut- und Liebesproben hinter sich, die Köchin ist glücklich und verlobt, die Eltern haben sich versöhnt und Juhani ist in die Hauptstadt zurückgekehrt. Aber er hat Leena einen Brief geschrieben! Da ist es vielleicht doch gut, bald eine Frau zu sein, denkt sie, und hat wieder Lust zu essen. – Ein lebendiger, sensibler Text über ziemlich übliche Probleme, gesehen und erlebt aus der Perspektive eines klugen Mädchens. Überraschend fällt die Zeichnung der unkonventionellen Familie aus, in der Leenas Mutter dominiert: Sie betreibt im Familienwohnzimmer eine Kindertagesstätte und wird dabei unterstützt von der zupackenden, herzlich-sentimentalen Köchin. – «Der Sommer, als alle verliebt waren» bildet den Abschluss der Trilogie um Leenas finnische Kindheit, die ersten beiden Bände heissen «Mein finnischer Grossvater» und «Die Zeit der Geheimnisse».
Verena Stössinger

In der Nacht über die Berge
Mahmut Baksi, Elin Clason
Aus dem Schwedischen von Christine Holliger
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 1997, Seiten: 129, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00510-8
Schlagwörter: Krieg

Alltag und Erziehung sehen für die kurdischen Zwillinge Azad und Hêlîn ganz unterschiedlich aus. Während sich der Junge alle Freiheiten herausnehmen darf und von allen bewundert wird, muss Hêlîn schon früh im Haushalt mithelfen und vor allem die jüngeren Brüder beaufsichtigen. Ihr Vater ist Lehrer und engagiert sich für das kurdische Volk. Als türkische Soldaten ins abgelegene Bergdorf eindringen, zerstören sie die Häuser, misshandeln die Bevölkerung und verhaften den Vater. Von nun an wird die Familie zunehmend schikaniert, bis ihr nichts anderes übrig bleibt als fortzugehen. In mühsamer Flucht überqueren Erwachsene und Kinder die Berge nach Syrien und gelangen nach einem längeren Zwischenhalt in einem andern kurdischen Dorf schliesslich nach Schweden ins Exil. – Das Buch schildert eindrücklich die grenzübergreifende Solidarität unter KurdInnen, die grausame Unterdrückung der KurdInnen in der Türkei, die angst- und gefahrenvolle Flucht. Hêlîn zeichnet sich als Erzählerin durch ihre wache Beobachtungsgabe und ihr analytisches Interesse am gesellschaftlichen und politischen Geschehen aus.

Beatrice Ochsenbein

Mamas Laden
Robert Lehrman
Aus dem Englischen von Mirjam Pressler
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 1997, Seiten: 168, ISBN/ISSN/EAN: 3-86042-182-4
Schlagwörter: Emanzipation | Rassismus

Eine jüdische Familie in den USA der Zwanzigerjahre. Die Mutter, die bisher alle wichtigen Entscheidungen dem Vater überlassen hatte, ist nach dem Tode ihres Mannes gezwungen, sich und die sechs Kinder alleine durchzubringen. Existenzgrundlage soll ein kleiner Laden sein. Obwohl ihr alle abraten, gibt sie den schwarzen Familien des Nachbarquartiers Kredit. Auch aufgrund der eigenen Ausgrenzungserfahrungen als Jüdin versucht sie, allen Vorurteilen zum Trotz, den Schwarzen zu vertrauen. Dank der schwarzen Kundschaft gelingt es ihr, den Laden in Schwung zu bringen und damit sich und ihre Familie unabhängig zu machen. Erzählt wird dieser Entwicklungs- und Emanzipationsprozess aus der Sicht der Tochter, die am Ende des Buches ein neues Bild der Mutter formuliert.

Daheim bin ich ein Held
Harry Mazer
Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas A. Merk
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 1997, Seiten: 193, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-4266-7
Schlagwörter: Krieg

Jack Raab ist ein jüdischer Junge aus New York, der gerne Football spielt und der davon träumt, im heldenhaften Luftkampf den bösen Hitler zu besiegen. Seine Fantasien drängen ihn zur Tat. Unter dem Namen seines älteren Bruders schmuggelt er sich in die US-amerikanische Luftwaffe ein und fliegt gegen Kriegsende tatsächlich Bombenangriffe auf Hitlers Berlin. Dabei werden seine Heldenträume durch die Schrecken des realen Kriegs gnadenlos zerstört. Da ist die Einsamkeit in der Truppe, da ist die nackte Angst, die bei jedem Angriff grösser wird, und da ist das Horrorbild seines von Granatsplittern zerfetzten Freundes, das sich in sein Herz einbrennt für immer. Nach kurzer Gefangenschaft kehrt Jack zurück in die Heimat. Nicht als wirklicher Sieger, auch nicht als Held, sondern als kriegstraumatisierter Veteran von sechzehn Jahren. – Der Roman strapaziert am Anfang mit etwas gar krass gezeichneten Heldenfantasien, trotzdem überzeugt er in seinem Versuch, pubertäre Kriegsfantasien an der bitteren Kriegsrealität zu messen. In den präzisen Beschreibungen des Kriegsalltags spürt man die Erfahrungen des Autors, der im Zweiten Weltkrieg selber bei Flugangriffen dabei war. Das Buch zeigt zudem, wie sehr jeder Krieg, auch der «gerechte», ein Wahnsinn ist.
Lisbeth Herger

Floris und Maja
Elzbieta
Aus dem Französischen von Barbara Haupt
Verlag: Moritz, Publiziert: 1996, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 3-89565-006-4
Schlagwörter: Freundschaft | Krieg

Krieg ist unverständlich. Selbst Kinder dürfen sich nicht mehr kennen. Der Krieg verbietet Floris & Maja, miteinander zu sprechen oder gar zu spielen. Der Krieg setzt einfach neue Grenzen, er beherrscht alle, er zerstört alles. Nur eines nicht: echte Freundschaft. Floris & Maja vermag der Krieg nicht zu zerstören. Ein Antikriegs-Bilderbuch, fast ohne Worte, in sehr feinen, sehr aussagestarken Bildern. (Jugendliteratur)

Monsterbesuch!
Brigitte Schär, Illustration: Jacky Gleich
Verlag: Hanser, Publiziert: 1996, ISBN/ISSN/EAN: 3-446-18713-8

Was tut frau, wenn nachts unverhofft zwanzig grüne Monster zu Besuch kommen? Die unerschrockene kleine Ich-Erzählerin tut, «was wir immer tun, wenn Gäste kommen». Sie schüttelt jedem die Tatze, serviert Limonade und Salznüsschen, bemüht sich um freundliche Konversation und darum, den Mundgeruch der Monster zu ignorieren. Dass der Rest der Familie am Morgen von Polizei und Feuerwehr aus dem oberen Stock «gerettet» wird, findet sie «wirklich schwer übertrieben», auch wenn sie nichts dagegen hat, dass «mal was los ist». Wirkungsvoller Kontrast zwischen dem lakonischen Erzählstil der «Heldin» und den unerhörten Ereignissen.

Hesters Geheimnis
Klaas van Assen
Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 1996, Seiten: 192, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00794-1
Schlagwörter: Emanzipation

Hester ist eine lebende Puppe. Die Welt kennt sie nur durch ein Guckloch des Puppenkastens. Der Puppenmann, der sie hergestellt hat, ist grob zu ihr. Er nennt sie nur «Häkchen B» nach ihrem Platz im Puppenkasten. Von Hesters Ausbruch aus Enge und (männlicher) Bevormundung und ihrer Sehnsucht, nicht wie ein Ding behandelt zu werden, frei zu sein und unabhängig, erzählt diese fantastische Geschichte in poetischer Sprache. Hesters Verwandlung von einer lebenden Puppe zu einem Menschen ist in zärtlichen Bildern beschrieben. Auf ihrer abenteuerlichen Flucht begegnet sie Menschen, die sich liebevoll um sie kümmern (darunter zum Beispiel dem buckligen Geschichtenerzähler Jocriss und der warmherzigen Bäuerin Frau Maaike) und ihr die Entwicklung zu einem selbstständigen, selbstbewussten Mädchen ermöglichen. Die auf mehreren Ebenen lesbare Erzählung kann auch interpretiert werden als feinfühlige Beschreibung des Heilungsprozesses nach erlebter Gewalt.

Ein Schmetterling in der Vorstadt
Gisèle Pineau
Aus dem karibischen Französisch von Annemarie Berger
Verlag: Altberliner, Publiziert: 1996, Seiten: 126, ISBN/ISSN/EAN: 3-357-00716-9

Mit zehn Jahren zieht Félicie von der karibischen Insel Gouadeloupe, wo sie mit ihrer Grossmutter gelebt hat, zu ihrer Mutter in eine Vorstadt von Paris. Alles ist anders hier. Es gibt Kinder, die das Meer nie gesehen haben. Zum Glück sind da Mohamed und dessen (arabische) Grossmutter, bei denen Félicie das Gefühl der alten Heimat wiederfindet. Differenzierte Darstellung von Félicies Gefühlen gegenüber der (fast) unbekannten Mutter, die mit der geliebten Grossmutter zerstritten ist.

Alinors Lied
Anita Siegfried
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 1996, Seiten: 240, ISBN/ISSN/EAN: 3-7260-0443-2
Schlagwörter: Historisches

Burgund im Jahr 1189: Alinor, erst sechzehn Jahre alt, ist schon Witwe und hat soeben ihr erstes Kind verloren. Als sie vom Aufruf des Papstes zu den Kreuzritterzügen hört, bricht sie, in Begleitung ihrer Magd Jeanne und deren Zwillinge, auf nach Jerusalem. Alinor versteht viel von Pferden, der Falkenjagd und kann ausserdem lesen und schreiben. Sie glaubt an Gott und die Kirche, Jerusalem zu befreien, scheint ihr ein lohnendes Ziel. Unterwegs kommt sie in Kontakt mit den «Andersgläubigen», lernt die Sarazenen kennen und bildet sich ihre eigene Meinung aufgrund dieser persönlichen Erlebnisse. Sie stellt die Gräuelgeschichten über die Sarazenen und den Absolutismus in Frage, mit dem die ChristInnen Gut und Böse unterscheiden. Ein historischer Roman, der einen andern Blick auf die Geschichte des Mittelalters erlaubt und eine junge Frau mit vielseitigen Fähigkeiten ins Zentrum stellt, die die gängigen Wertvorstellungen nicht einfach fraglos akzeptiert.

Unter dem Manukabaum
Patricia Grace
Aus dem neuseeländischen Englisch von Christine Holliger
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 1995, Seiten: 128, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00505-1
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Geschichten der Maori

In den zehn Erzählungen aus dem Leben der Maori in Neuseeland treten eine Reihe eindrücklicher Mädchen- und Frauenfiguren auf. Zum Beispiel die Freundinnen Jeanie und Mereana, die zusammen die unheimliche, düstere Kirche auskundschaften und, in einer Anwandlung von Verwegenheit und Neugier, das Ewige Licht ausblasen («Die Lampe»). Oder in «Es war früher mal grün», die grossartige Schilderung einer Mutter aus der Perspektive der Kinder: Hin- und hergerissen zwischen Scham und Stolz, erzählen sie, wie die Mutter das Auto ohne Bremsen mit selbstverständlicher Souveränität zum wöchentlichen Grosseinkauf pilotiert und nichts anderes erwartet, als dass der Schulbus und alle anderen Fahrzeuge ihr Platz machen. Patricia Grace, selbst eine Maori, erzählt diese oft autobiografisch inspirierten Geschichten in einer aussergewöhnlich präzisen, anschaulichen Sprache und greift auch Diskriminierungserfahrungen auf.

Lola
Bjarne Reuter
Aus dem Dänischen von Gabriele Haefs
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 1995, Seiten: 174, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-3786-8

Lola hat Schuhgrösse 42, Zahnklammern und einen Aushilfsjob als Totengräberin. Lola möchte einen Freund, und bald findet sich ein erster Kandidat. Doch Niller, der Hobbybotaniker, ist zu langweilig für die wilde Lola. Und auch der geheimnisvolle Gilbert mit seiner glänzenden Harley ist nicht der letzte Mann in ihrem Leben… Während Lola die Liebe ausprobiert, zeigen die Nebenhandlungen, dass auch die übrige Lebensplanung wichtig ist: Lola lebt mit ihrer Schwester Gina und der Mutter zusammen. Gina ist schwanger von ihrem Freund, den sie nicht liebt. Die Mutter (die ihre Töchter auch ohne Mann grossgezogen hat) möchte, dass die beiden heiraten, was Anlass zu grossen Krächen zwischen Gina und der Mutter gibt. Die Schwester jedoch bleibt sich treu und beschliesst, ihre Zwillinge alleine aufzuziehen, das Abitur nachzuholen und eine Ausbildung als Hebamme zu machen. – Liebevoll und mit Humor porträtiert der Autor Lola und ihre sympathischen bis schrulligen Mitmenschen in einer dänischen Kleinstadt.

Das Lied in der Weide
Ruth White
Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Riekert
Verlag: Freies Geistesleben, Publiziert: 1995, Seiten: 212, ISBN/ISSN/EAN: 3-7725-1441-3
Schlagwörter: Erwachsenwerden | Gewalt

West Virginia, Ende der Fünfzigerjahre, Bergarbeitermilieu. Die Mutter der vierzehnjährigen Tiny Lambert zeigt depressive Züge, der Stiefvater, Bergarbeiter, ersäuft sein Elend im Alkohol. Doch mit dem Eintritt in die High School öffnet sich der Horizont, Tiny gewinnt Freundinnen, schwärmt für ihren Musiklehrer, erbt das Haus auf dem Berg, wo die Weide steht, die für sie die Geborgenheit der frühsten Kindheit darstellt. Eine glückliche Entwicklung, wären da nicht die sexuellen Übergriffe ihres Stiefvaters. Tiny versucht, diese Erfahrungen wegzuschieben, aber als ihrer jüngeren Schwester dasselbe droht, schweigt sie nicht länger. – Dem Thema zum Trotz gelingt der Autorin eine warme und zarte Erzählung, die auch dadurch überzeugt, dass Tiny nicht auf das Opfersein reduziert wird, sondern (nicht zuletzt durch ihre reiche Fantasiewelt) als facettenreiche, entwicklungsfähige junge Frau gezeigt wird.

Lydia, Königin von Palästina
Uri Orlev
Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
Verlag: Elefanten Press, Publiziert: 1994, Seiten: 144, ISBN/ISSN/EAN: 3-88520-534-3

Lydia, Tochter einer jüdischen Familie in Rumänien, hat von klein auf ihren Willen durchgesetzt. Egal, ob es um den Besuch des Kindergartens oder um das Wegekeln von ungeliebten Gouvernanten ging. Doch als auch in Rumänien die Bedrohung der Jüdinnen und Juden durch Hitler zu gross wird, wird Lydia 1943 mit einem Flüchtlingstransport allein nach Palästina geschickt. Sie spürt, dass die Mutter, die später nachkommen will, dieses Mal nicht nachgeben wird. Doch das ist nur der Anfang. In Israel, in der kollektiven Ordnung des Kibbuz, geht vieles nicht nach ihrem Willen. Sie bleibt sich selber treu, kämpft mit Selbstbewusstsein für alles, was ihr wichtig ist, muss aber auch lernen, mit Unabänderlichem zu leben. Dazu gehört die Scheidung der Eltern und deren Entscheidung für eine neue Lebenspartnerin, einen neuen Lebenspartner. Auf dem geschichtlichen Hintergrund des Zweiten Weltkriegs und der Gründung Israels zeichnet der Autor eine willensstarke Mädchenfigur, die gerade auch durch die Ambivalenzen ihres starken Charakters fasziniert.

Sombo, das Mädchen vom Fluss
Nasrin Siege
Verlag: Beltz & Gelberg, Publiziert: 1994, Seiten: 108, ISBN/ISSN/EAN: 3-407-78165-2

Sombo lebt in einem kleinen Dorf im afrikanischen Sambia. Sie erzählt, wie sie für ihre jüngeren Geschwister sorgt, am Fluss Wasser holt, badet und fischt und wie sie am Abend heimlich zuhört, wenn die Männer von der Jagd erzählen. Aber Sombo geht auch jeden Tag zur Schule, sie bewundert den Lehrer und die Krankenschwestern im Hospital des weissen Doktors, die mit neuem Wissen ins Dorf zurückgekehrt sind. Und sie hat viele Fragen: Warum wird die Grossmutter ihrer Freundin als Hexe aus dem Dorf vertrieben? Warum ist die traditionelle Elefantenjagd plötzlich verboten? Als sie ihre erste Blutung bekommt, muss sie in die Mädchen-Buschschule, wo sie ins Leben der erwachsenen Frauen eingeweiht wird. Die Autorin erzählt mit Selbstverständlichkeit und Klarheit, wie ein neugieriges afrikanisches Mädchen einen eigenen Weg sucht zwischen Tradition und neuer Zeit. – Im Fortsetzungsband «Wie der Fluss in meinem Dorf» geht Sombo in die Oberschule in der Stadt, wo alles anders ist.

Yoruba-Mädchen, tanzend…
Simi Bedford
Aus dem Englischen von Ulla Neckenauer
Verlag: Sauerländer, Publiziert: 1994, Seiten: 306, ISBN/ISSN/EAN: 3-7941-3774-4
Schlagwörter: Rassismus

Mit sechs Jahren wird Remi aus dem farbigen Kosmos ihrer wohlhabenden nigerianischen Grossfamilie gerissen und nach England in ein Internat geschickt. Denn ihr Vater legt Wert auf eine gute Bildung, soll doch seine Tochter «einmal dabei mithelfen, Nigeria aufzubauen». Zum Schock und zum Heimweh kommen die Ignoranz und die rassistischen Vorurteile der neuen (weissen) Umgebung, die Remi als «kleine Wilde» behandelt. Doch Remi ist einfallsreich und zäh und lernt sich zu wehren, für sich und für ihre Kultur. Pointierte Beobachtungen der afrikanischen ebenso wie der englischen Gesellschaft (insbesondere der Frauen) und ein lakonischer Humor zeichnen diesen autobiografischen Roman der nigerianischen Autorin aus.

Lelee, das Hirtenmädchen
Abdouta Kanta
Aus dem Französischen von Annelies Burckhardt und Anna K. Ulrich
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 1994, Seiten: 116, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00502-7

Eine afrikanische Geschichte

Lelee gehört zum afrikanischen Hirtenvolk der Fulbe. Sie liebt die Ziegen, die Kühe, die Kamele der Herde, die sie hütet, die wilden Tauben und die Gazellen in der Ebene. Sie hat Angst vor den Schlangen, den Hyänen, den Löwen. Um Milch und Käse zu verkaufen, muss sie allein den weiten Weg durch den Wald ins nächste Dorf gehen. Die Sitten ihres Volkes, über die die Grossmutter wacht, sind streng. Lelee ist die Erstgeborene, und als solcher dürfen ihr die Eltern weder gute Worte noch Zärtlichkeiten zukommen lassen. So beweisen sie, dass sie ihre Gefühle beherrschen können. Wenn sie sich darüber hinwegsetzen, droht Unglück. Lelee will ein gutes Fulbe-Mädchen sein, aber sie leidet unter den vorgeschriebenen Trennungen. – Die Episoden aus dem Alltag der elf- bis vierzehnjährigen Lelee, deren Autor selbst zu den Fulbe gehört, geben Einblick in eine afrikanische Kultur, ohne deren Fremdheit zu verwischen. Dazu gehört auch der für hiesige LeserInnen etwas irritierende «Zufall», dass der Junge, in den sich Lelee verliebt, zugleich der ihr vorbestimmte Verlobte ist. – Mit einem informativen Nachwort.

Die Ilse ist weg
Christine Nöstlinger
Verlag: Langenscheidt bei Klett, Publiziert: 1991, Seiten: 103, ISBN/ISSN/EAN: 3-468-49720-2
Schlagwörter: Familie/Familienformen

Ilse und Erika sind Scheidungskinder. Sie leben mit ihrer Mutter, deren neuem Mann Karl und den Halbgeschwistern Tatjana und Oliver unter einem Dach. Das Zusammenleben ist schwierig. Ilse leidet darunter. Sie lügt, geht nicht zur Schule und kommt abends nicht nach Hause. Die gespannte Atmosphäre wird aus der Sicht der jüngeren Erika geschildert. Es herrscht ein aggressiver Umgangston, oft kommt es zum Streit, klärende Gespräche sind nicht möglich. Der Konflikt zwischen Ilse und ihrer Mutter spitzt sich zu. Als Ilse bestraft wird, beschliesst sie abzuhauen. An einem Freitagnachmittag verlässt sie heimlich die Wohnung und steigt in einen roten BMW, der vor der Haustür auf sie wartet. Nur ein Mensch glaubt zu wissen, wohin sie fährt: Erika, Ilses jüngere Schwester. Erika verfolgt die Spur. Allmählich lernt sie ihre Schwester wirklich kennen, und sie findet auch heraus, weshalb Ilse lügt. Erika stellt mit Hilfe eines Freundes fest, dass Ilse nach Florenz gereist ist, und es gelingt der Familie schliesslich, Ilse zurückzuholen.
Eine abwechslungsreiche, aber auch tragische Familiengeschichte.

Die Erzählung ist als leichte Lektüre für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache konzipiert. Die vorliegende, vereinfachte Fassung wurde von der Autorin selbst adaptiert. Leider wurde der Text in einem zu kleinen Schriftgrad gesetzt. Er ist jedoch übersichtlich gegliedert, und die Illustrationen lockern den Text auf. Das Buch diente auch als Grundlage für eine dreiteilige Verfilmung.
In der gleichen Reihe sind noch weitere Titel erhältlich. Zur Originalausgabe liegen Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“ vor.

Klassenstufen: 9,10

Babas grosse Reise
Eveline Hasler, Illustration: Maren Briswalter
Verlag: Nagel & Kimche, Publiziert: 1989, Seiten: 94, ISBN/ISSN/EAN: 3-312-00728-3
Schlagwörter: Reisen

Das Schweinemädchen Baba will in die Welt hinaus. Anders als die anderen in der Familie will sie wissen, was hinter den Hügeln ist, und zieht los. Sie lernt, was Angst ist und wie ein Stadt aussieht, reist mit einem Zirkus herum und erlebt auch sonst noch allerlei. Als sie beim häuslich orientierten Schweinebub Bobo vorbeikommt und dort zu Schokopudding eingeladen wird, kommt sie in Versuchung, ihre Reisepläne aufzugeben und bei Bobo zu bleiben, aber dann sagt sie sich: "Ich habe Mutter, Bruder und Schwester zurückgelassen, soll ich jetzt bei Bobo bleiben und die Welt verpassen?" – Eine mit zartem Bleistiftstrich illustrierte Geschichte, in der Wissbegierde, Reiselust und Häuslichkeit nicht nach den üblichen Mustern verteilt sind.

Das Vamperl
Renate Welsh
Verlag: dtv, Publiziert: 1985, Seiten: 112, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-07562-6
Schlagwörter: Humor/Komik

Eines Tages entdeckt Frau Lizzi einen winzig kleinen Vampir in ihrer Wohnung. Zuerst erschrickt sie, aber dann beschliesst Frau Lizzi, das Vamperl mit der Flasche aufzuziehen – natürlich mit Milch und nicht mit Blut! Der kleine Vampir wächst heran, und Frau Lizzi gewinnt den neuen Mitbewohner immer lieber. Das Vamperl entwickelt auch eine besondere Eigenschaft. Wenn nämlich ein Mensch böse oder zornig wird, ist es sofort zur Stelle und saugt dem Menschen das Gift aus der Galle.
Das spassige Buch weckt Lust auf die Folgebände.

„Das Vamperl“ ist als Klassensatz bei Bibliomedia Schweiz, als E-Book und als Hörbuchausgabe erhältlich. Es gibt auch eine App dazu. Zum Titel gibt es zudem ein Lesequiz sowie Quizfragen auf dem Online-Portal „Antolin“. Zurzeit liegen drei weitere Bände vom Vamperl vor.

Klassenstufe: 4 L

Elf Freunde müsst ihr sein
Sammy Drechsel
Verlag: Thienemann, Publiziert: 1955, Seiten: 264, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-522-10170-7

Mit einer speziellen Berufskollegin verbindet den Bibliothekar die Liebe zum Fuss­ball – eine Liebe ohne Ende, wie man weiss. Der Frühling ist vorbei, und die Euro 2012 in vollem Gange; ohne die Schweizer, dafür wie immer mit den Deut­schen.

Dass deren Nationalelf je­weils so er­folgreich spielt, liegt vielleicht auch an dem unerschöpflichen Reservoir an Fussball-Weisheiten, die deutsche Trai­ner und Funktionäre geprägt haben: «Der Ball ist rund» (noch gültig); «Ein Spiel dau­ert 90 Minuten» (noch begrenzt gültig) oder «Elf Freunde müsst ihr sein» (nur in der Lite­ratur noch anzu­tref­fen). Der letzte Spruch ist auch Titel des Klassikers aller Fussballbücher schlechthin, verfasst von Sam­my Drechsel. Von Beruf Journalist und Sportreporter, hat Drechsel den packen­den Ju­gendroman bereits 1955 geschrie­ben, man findet ihn aber in Neuauflage bis heute in der örtlichen Jugendbibliothek – und neu auch als Taschenbuch. Weshalb?

Der Roman ist mehr als eine au­then­­ti­sche Fussballer-Geschichte: Neben der his­­­­torischen Lesart (Berlin 1935-1936) ist für uns vor allem die unterhaltungsorien­terte von Belang. Dass die Spannung, die auf dem Fussballplatz herrscht, sprachlich vermittelt werden kann, ist das Verdienst des Autors und – betrachtet man neuere Fussballbücher – nicht selbstverständlich. Bisweilen kommt es vor, dass sich der Spielverlauf über 15 Seiten zieht: von Langeweile keine Spur.

Langweilig wird es sicher auch nicht, wenn der Bibliothekar mit der Lieb­lings­biblio­the­karin das nächs­te Mal ein Spiel anschaut – vielleicht gar das EM-Finale?

Roger Meyer
Buch&Maus 2/2012, S. 34

ErZähl mir etwas
Amanda Mijangos
Aus dem Spanischen von Eva Roth.
Verlag: Baobab Books, Publiziert: 999999, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-907277-32-4
Schlagwörter: Kreativität

Zählen und Erzählen liegen ganz nah beieinander in diesem mexikanischen Bilderbuch, das Spanische nutzt dafür sogar dasselbe Wort: «contar». Bei einer Null fängt es an, dann werden von Seite zu Seite die Zahlen grösser, bis zu über einer Milliarde Lichter in der Nacht. In einer vielfältigen Kombination von Zahlen, Illustrationen und Text öffnet sich ein Universum an kleinen Geschichten und Anregungen zum kreativen Nachdenken. Die Freude der Illustratorin an Zahlen, am Spielen mit diesen und auch am Potenzial für Geschichten macht dieses eigenwillige Buch spannend für viele Zusammenhänge.

Agate, Alpakas und mein neues Leben
Erin Bow
Aus dem Englischen von Sylke Hachmeister
Verlag: dtv Reihe Hanser, Publiziert: 999999, Seiten: 400, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-423-64124-1
Schlagwörter: Wissenschaft | Freundschaft

Das Dorf, in das der elfjährige Simon mit seinen Eltern zieht, liegt in der strahlungsfreien Zone. Hier treffen Wissenschaftler:innen, die nach Signalen aus dem All Ausschau halten, und Aussteiger:innen aufeinander – und mittendrin Simons Familie, die ins Beerdigungsinstitut Gemetzel & Co einzieht. Gemeinsam mit Agate und Kevin aus seiner Klasse tüftelt Simon an einem Apparat, um den Forschenden am Radioteleskop endlich Erfolgserlebnisse zu bescheren… Ein Kinderroman prallvoll mit skurrilen Begebenheiten, eigenständigen Figuren und psychologischer Tiefe.

Am Ende der Welt
Anna Desnitskaya
Verlag: Gerstenberg, Publiziert: 999999, Seiten: 48, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8369-6259-9

16ʼ000 Kilometer trennen Vera auf der Halbinsel Kamtschatka von Lucas an der Küste von Chile. Von einer Seite des Wendebilderbuchs lernen wir Vera kennen, die Kapitänin werden will, von der anderen Lucas, der am Strand Ammoniten sucht. Beide sind manchmal einsam. Beide beherrschen das Morsealphabet und besitzen eine Taschenlampe. Und so durchbricht ein heller Lichstrahl über mehrere Doppelseiten die unendliche Weite des Meeres zwischen ihnen. Du bist nie alleine, sagt dieses Bilderbuch für ältere Kinder – denn die Welt ist riesengross!

Und dann klingelst du bei mir
Herausgeber:in: Christoph Keller
Verlag: Limmat, Publiziert: 999999, Seiten: 224, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-03926-060-7
Schlagwörter: Alltag | Sprachspiel

Geschichten in Leichter Sprache

Diese Anthologie versammelt kurze Texte in einfacher Sprache von bekannten, in der Schweiz lebenden Autor:innen und Überraschungen wie eine Fabel von Franz Kafka oder ein Gedicht von Günter Eich. Angeregt hat die Publikation der St. Galler Autor Christoph Keller. «Und dann klingelst du bei mir» belegt, dass literarische Qualität nicht an komplizierte Sätze gebunden sein muss. Wer in einfacher Syntax und mit reduziertem Wortschatz einen kleinen Roman erzählen will, muss verdichten und in jedem Satz den Rhythmus suchen – so entstehen sprachliche Eleganz und inhaltliche Dichte.

Bluey
Herausgeber:in: Disney+
Publiziert: 999999, ISBN/ISSN/EAN:
Schlagwörter: Geschlechterbilder | Geschwister

In dieser Animationsserie über die Hundefamilie werden sich Familien mit Kleinkindern wiedererkennen. Mutter und Vater von Bluey und ihrer kleinen Schwester Bingo sind gleichermassen involviert in die Erziehung und die liebevolle Begleitung ihrer Kinder durch Alltag, Spiel und Entwicklungsaufgaben. Die beiden Hundekinder haben weibliche Pronomen, können aber ebenso gut männlich gelesen werden.

Talking History
Joan Dritsas Haig, Joan Lennon, Illustration: André Ducci
Aus dem Englischen von Katharina Herzberger
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 999999, Seiten: 80, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95728-705-2
Schlagwörter: Diversität | Politik | Mut/Selbstbewusstsein

Reden, die die Welt veränderten

«Rechte erhalten nur die, die ihre Stimme erheben», wird im Vorwort von «Talkinig History» der US-amerikanische Bürgerrechtler Harvey Milk zitiert. 16 Reden von Menschen, die wie er daran glaub(t)en, mit Worten die Welt verändern zu können, werden in diesem abwechslungsreich und sorgfältig gestalteten Buch in Auszügen wiedergegeben und kontextualisiert: von Abraham Lincoln über Emmeline Pankhurst bis zu Barack Obama und Greta Thunberg. Die Porträts und Reden laden dazu ein, sich vertieft mit den jeweiligen historischen Ereignissen und gesellschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen.

 

Kompostfranzi
Simona Smatana
Übersetzung aus dem Slowenischen von Michael Stavarič
Publiziert: 999999, Seiten: 40, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7011-8272-5
Schlagwörter: Natur | Arbeit

Regenwurm Franzi lebt im Komposthaufen. Im Gegensatz zu seinen emsigen kriechenden und fliegenden Freund:innen im Garten weiss er allerdings nicht, wie er sich nützlich machen kann. Darum besucht er sie alle und entdeckt nebenbei sein für den Garten so wichtiges Talent. Nach einem erzählenden Teil folgen auf vier Doppelseiten Informationen zum Lebensraum von Regenwürmern und wie man selbst einen Kompost anlegen kann. Die Illustrationen zeigen eine liebevoll ausgearbeitete Pflanzen- und Tierwelt, die bereits den Kleinsten das Thema mühelos näherbringt.

putzmunter
Dagmar de Mendieta, Illustration: Cynthia Häfliger
Verlag: SJW, Publiziert: 999999, Seiten: 36, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7269-0361-9

Gedichte für Kinder

Alltagsbeobachtungen, Träumereien, Wortspiele und Absurditäten. Dagmar de Mendieta gelingt es in 22 Gedichten, den Blick von Kindern auf die Welt, die sie umgibt – die alltägliche, die rätselhafte und angstmachende – einzufangen. Und sie lässt die Sprache tanzen, etwa wenn es um die Miene einer Cousine beim Anblick einer Biene hinter einer Gardine geht, die mit einer Rosine quatscht. Cynthia Häfligers Illustrationen spielen auf luftige Weise mit Motiven aus den Texten.

Lupus Noctis
Melissa C. Hill, Anja Stapor
Verlag: Dressler, Publiziert: 999999, Seiten: 416, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7513-0085-8
Schlagwörter: Spiel | Krimi/Thriller

Theo und seine Freund:innen haben das Kartenspiel «Die Werwölfe vom Düsterwald» in ein perfektes Live-Rollenspiel verwandelt. Der Ablauf einer Nacht ist in Fünf-Minuten-Slots unterteilt, in der jeweils nur eine Figur agieren darf. Die Spielidee: möglichst viele der Mitspielenden auszuschalten. Das Ziel: selbst zu überleben! Den besonderen Reiz aber macht die Location aus, und für die hat Theo immer neue faszinierende «Lost Places» im Blick.

Im aktuellen Spiel treffen sich die sechs in einem unterirdischen Bunkerkrankenhaus, was für Marcel schwer zu ertragen ist. Unter der Erde zu sein, ohne Kontakt zu Licht und Luft, erfüllt ihn mit Panik. Doch davon weiss nicht einmal sein engster Freundeskreis etwas. Und es scheint noch mehr zu geben, das die jungen Leute, die es seit dem Studium an verschiedene Orte verschlagen hat, nicht voneinander wissen sollten. Um ihr eigenes Geheimnis zu wahren, folgt Lena der ungewöhnlichen Spielanweisung, den Schlüssel aus dem Schloss zu ziehen und die Gruppe eingeschlossen zu lassen. Doch wer hat sie dazu aufgefordert? Und warum? Als das Spiel endet, ist der Schlüssel unauffindbar – und es scheint, als wäre mindestens eine weitere Person mit ihnen in den weit verzweigten unterirdischen Gängen eingeschlossen …

Aus den wechselnden Perspektiven der einzelnen Protagonist:innen geschrieben, setzt sich dieses «Spiel» wie ein Puzzle zusammen. Leider kommt es nur sehr langsam in Gang, sodass der packende Teil der Geschichte erst ab Seite 150 beginnt. Grundsätzlich eine tolle Idee und ein faszinierender Handlungsort, aber man muss den Roman wirklich lesen wollen, um lang genug dabei zu bleiben.

Maren Bonacker
Buch&Maus 1/2023, S. 34

El Taubinio
Cece Bell
Aus dem Englischen von Harriet Fricke
Verlag: Loewe, Publiziert: 999999, Seiten: 237, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-7432-0660-1
Schlagwörter: Behinderung | Mut/Selbstbewusstsein | Schule | Identität/Individualität

Mit vier Jahren erkrankt Cece an einer Meningitis. Ihr Gehör wird geschädigt, die Welt, die gerade noch laut und froh war, wird still. Die US-amerikanische Illustratorin Cece Bell erzählt in dieser Graphic Novel aus ihrer eigenen Kindheit. Wie sie in den 1970er-Jahren in einem Spezialkindergarten Lippenlesen lernt und sich an ein klobiges Hörgerät gewöhnen muss. In der Regelklasse versucht sie, ihr «Phonic Ear» unter dem T-Shirt zu verstecken, die Lehrerin trägt ein Funkmikrofon. Ab und zu vergisst sie, dieses auszuschalten, dann bekommt Cece die Gespräche im Lehrerzimmer mit oder kann die Mitschüler:innen informieren, wenn die Lehrerin wieder im Anzug ist: «So wie sich Bruce Wayne mit seiner irren Technik-Ausrüstung in Batman verwandelt, verwandle auch ich mich mit meiner Ausrüstung in eine Superheldin! Was ich kann? Super hören!»

Ihre imaginierte Superheldin und eine gehörige Portion Selbstironie sind starke Strategien der Selbstermächtigung. Die braucht das Mädchen, damit sie den Alltag prästieren und Rückschläge verdauen kann, etwa wenn sie an einer Pyjamaparty buchstäblich ins Dunkle fällt, weil ihre Freundinnen weitertuscheln und nicht an sie denken.

Cece Bells Coming-of-Age-Comic vermittelt einen eindringlichen Einblick in das Leben eines schwerhörigen Kindes. Ihre Figuren sind mit überdimensionierten Ohren ausgestattet, eine Metapher für die Wichtigkeit des Auditiven in unserem Alltag. Vor allem aber erzählt «El Taubinio» von einem Mädchen, das nicht aufgibt und sich die Freunde sucht, die es braucht. Auf Apple TV kann die ebenso überzeugende Verfilmung des Buches angesehen werden.

Christine Tresch
Buch&Maus 3/2022, S. 41

Cece verliert mit vier Jahren ihr Gehör. Als sie in eine Regelklasse eingeschult wird, schämt sie sich für ihr neues, klobiges Hörgerät. Aber mit dem Gerät kann sie die Lehrerin nicht nur im Klassenzimmer hören, sondern überall in der Schule. Das macht sie zur Superheldin. Zumindest phasenweise. Ein berührender autobiografischer Coming-of-Age-Comic mit wenig Text und einer Protagonistin, die eine grosse Kraft entwickelt, sich das zu holen, was sie braucht.

Kleiner Pinguin
Franziska Jaekel, Illustration: Rachael Hare
Verlag: Dorling Kindersley, Publiziert: 999999, Seiten: 14, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-8310-4366-8
Schlagwörter: Tiere

Am Südpol ist der kleine Pinguin verschwunden. Doch Robbe, Albatros, Wal und Sturmvogel helfen bei der Suche, und die kleinen Betrachter:innen sind aufgefordert mitzutun. Gucklöcher laden zum Entdecken ein, und ganz nebenbei lernen die Kinder verschiedene Tiere der Antarktis kennen.

Julian feiert die Liebe
Jessica Love
Aus dem Englischen von Tatjana Kröll
Verlag: Knesebeck, Publiziert: 999999, Seiten: 32, ISBN/ISSN/EAN: 978-3-95728-471-6
Schlagwörter: Geschlechterbilder

Als Julian in der Stadtbahn drei als Nixen gekleidete Frauen sieht, möchte er selbst eine sein. Als ihn Oma beim Verkleiden überrascht, geht sie mit ihm in rührender Selbstverständlichkeit an den Meerwesen-Umzug. Im ebenso poetischen Folgeband tauschen Julian und Marisol am Hochzeitsfest zweier Frauen ihre Kleider. Die beiden Kinder erfahren auch diesmal die wohlwollende Unterstützung ihrer Omas.