Verlag: Knaus Verlag, Publiziert: 2011, Seiten: 432, ISBN/ISSN/EAN: 3-641-05673-X
Schlagwörter: Krimi/Thriller | Fantastik/Fantasy
Die Zeit der Bäume ist vorbei
Leben und Lesen, ohnehin nur durch einen Buchstaben zu unterscheiden, war im ersten Buchhaim-Band eins. Im zweiten Band ist die Stadt der träumenden Bücher vom Medienwandel erfasst worden. Wie perfekt, fragt sich dessen Autor Walter Moers, in den Chor des deutschen Feuilletons einstimmend, kann Simulation sein?
Der Geist und die Materie sind zweierlei Paar Schuhe; so will es die abendländische Denktradition. Das Buch als Trägermedium für Texte, die aus Zeichen, aus Buchstaben gemacht sind, ist vielleicht das einzige Objekt, das Materie und Geist eins werden lässt. Zumindest metaphorisch. «Bücher sind lebendige Wesen», schnauzen Eltern ihre Kleinkinder an, die ihre eigenen Vorstellungen von der Art, wie ein Buch zu bearbeiten ist, ausleben. Und sowohl Bibliophile als auch Bibliomanen, bei denen die Bücher noch im hintersten Küchenschrank wohnen, sind der lebende Beweis dafür.
In seinem grossen Wurf «Die Stadt der träumenden Bücher» liess Walter Moers Körper und Geist in Gestalt von Büchern verschmelzen, nicht nur metaphorisch. Buchhaim ist der Ort, «wo alte Bücher Träume träumen / Von Zeiten, als sie Bäume waren». Was da raunend als Motto geschrieben steht, ist ein wichtiger Hinweis auf die Materialität des Buches. Es ist aus etwas Lebendigem gemacht, und der Verarbeitungsprozess vom Holz zum Papier ist nach Moers’scher Logik kein Tod, sondern eine Verwandlung. Wenn einer mit Büchern spricht, ist das deshalb wörtlich gemeint: Hildegunst von Mythenmetz verbringt eine lange und anregende Zeit bei den Buchlingen, notorischen Lesern, «die ihr Leben komplett der Lektüre gewidmet haben». Moers realisiert mit seinem Bücheruniversum Buchhaim die Utopie der Verschmelzung von Lesen und Leben, von der die deutsche Romantik träumte. Zugleich, das ist das Raffiniert-Teuflische daran, erzählt er von der Medialität der Welt und davon, dass Menschen und Medien so untrennbar zusammengehören wie Körper und Geist beim Buch.
Ein Hohepriester der Buchkultur im Multimedia-Schock
Im neuen Buchhaim-Band «Das Labyrinth der träumenden Bücher» trifft Mythenmetz nun aber auf eine moderne Stadt, die nicht mehr in zahllosen Antiquariaten romantische Träume realisiert, sondern eher an die Frankfurter Buchmesse im 21. Jahrhundert erinnert. Nur wird in Buchhaim nicht das E-Book angepriesen, sondern eine Vielzahl von ebenso fantastischen wie sinnlosen Varianten davon. Ein Buchhändler namens Blasius Fistulator zum Beispiel verkauft ausschliesslich Unbücher in seinem Geschäft und belehrt den Dichter: «Die klassische Form des Buches ist dem Untergang geweiht. […] Wir vertreiben die Avantgarde in der Buchgestaltung. Wir führen Rundbücher, die man auffächern kann! Ich bin der Exklusivhändler der Akkordeonbücher von Ligoretto Loyola!» Mythenmetz nimmt die Position des kulturkritischen Grossschriftstellers ein und denkt Gedanken, die von Alberto Manguel, dem Hohepriester der untergehenden Buchkultur, stammen könnten: «Der Kerl tat mir eigentlich leid. Es war, als würde er das Rad in viereckiger Form anbieten. Oder Schrauben ohne Gewinde und Kerzen ohne Docht.»
Ja, Buchhaim hat sich dem Kommerz verschrieben. Was vor zweihundert Jahren noch lebendig war, ist entweder erstarrt, wie die versteinerten Bücher, aus denen ganze Strassenzüge der Stadt erbaut sind, oder liegt als leblose, wenn auch lebensechte Kopie für Touristen zum Kauf aus. In einem Schaufenster sieht Mythenmetz ein lebendes Buch, das gerade im Begriff ist, «eine Ratte mit seinem Lesebändchen zu verschlingen». Das neue Buchhaim ist nicht mehr ein Ort der Durchdringung von Körper und Geist. Eine Art mediale Revolution, in der die industrielle Revolution und der Medienwandel des 20. und 21. Jahrhunderts zusammenfallen, hat eine Kultur der Simulation entstehen lassen. Ganz Buchhaim frönt dem Puppetismus, strömt ins Puppentheater und lässt sich dort begeistert die Sinne kitzeln. Das Multimedia-Erlebnis geht so weit, dass eine olfaktorische Orgel die Szenerie mit dem Duft von frischem Brot oder dampfendem Kaffee einnebelt. Doch eben, es ist eine Orgel, und wenn sich die doremifasolatischen Musikpuppen aus Dudelstadt selbst bespielen, ist das nur eine Frage der Programmierung. Dabei lässt Moers es bewenden.
Und so landen wir am Ende von «Das Labyrinth der träumenden Bücher» halt nur da, wo wir ohnehin schon sind, wenn wir die Zeitungen lesen – im kulturkritischen Jammertal, wo die alten gegen die neuen Medien ausgespielt werden.
Christine Lötscher
Buch&Maus 4/2011, S. 15
Statt Orm-Rausch Eine Anleitung zur Lanzenpflege
Kinder lieben seine Zwergpiraten, Klabautergeister und Rettungssaurier; Jugendliche begeben sich mit auf die blutige Queste seines Helden Rumo. Und Erwachsene bewundern seine Parodien und Satiren. Schade, dass Walter Moers sie im neuen Zamonien-Roman allesamt verschaukelt.
Wir treffen den angehenden Dichter Hildegunst von Mythenmetz auf der Lindwurmfeste, versunken in ein mysteriöses Manuskript. Es wird das Leben des noch blutjungen Sauriers nachhaltig verändern: weil es einen Rausch auslöst, der nie wieder ganz verfliegt. Wir sehen Hildegunst enthusiastisch auf und ab stolzieren, hören ihn wild deklamieren, hysterisch lachen, hemmungslos schluchzen, japsen und fiepsen. Kurz: Wir erleben den prägenden Moment einer Lesebiografie mit, in dem ein Leser erstmals einem Text begegnet, der sein ganzes Innenleben in Schwingung versetzt: «Gedanken, funkensprühend wie Sternschnuppen, hagelten auf mich herab und verglühten zischend auf meiner Hirnrinde.»
In «Die Stadt der träumenden Bücher» (Piper 2004) hat Walter Moers ein Universum kreiert, in dem ausfabuliert wird, was Literatur mit Lesenden und Lesende mit Literatur zu tun imstande sind, wenn alles stimmt. Und wie mit dem Manuskript, das am Beginn von Mythenmetz’ Reise in die Literaturstadt Buchhaim steht, hat auch mit Moers’ Zamonien-Romanen bisher alles gestimmt: Man kann leben von ihnen, wie die Buchlinge, die sich lesend von Büchern ernähren, von klein auf. Moers’ Welt ist reich an skurrilen Details, bizarren Geschöpfen und brillanten Biographien; dazu kommt die respektlose Art, mit der Kulturgeschichte verfremdet, belebt und aufs Korn genommen wird. Fast nebenbei entwirft Moers noch eine Philosophie des Lesens, der Literatur überhaupt. Und er findet eine Sprache, findet Bilder, die allen gehören können – wie alt, wie belesen auch immer. Für Kinder gibt’s Buntes ohne pädagogischen Unterton: So lässt eine Schifffahrt mit «Käpt’n Blaubär» und den Zwergpiraten «Jim Knopf» alt aussehen, und wer sich mit den Fhernhachenzwergkindern «Ensel und Krete» im Grossen Wald verirrt hat, wird Grimms Märchen nur noch ein müdes Lächeln abringen. Jugendliche, von Goethes «Wilhelm Meister» gequält, entdecken mit der «Stadt der träumenden Bücher» den Bildungsroman neu. Oder sie treten mit der Abenteuerparodie «Rumo» eine Reise an, auf der das Blut spritzt (und das Hirn). Dass Moers seine Satiren, Parodien und Literaturtheorien in gute Storys packt, schätzen alle, die genug haben vom selbst- und sprachverliebten Duktus eines guten Teils der Gegenwartsliteratur. Nie würde Moers wie Gryphius von Odenhobler ein Werk mit «hundert Seiten Anleitung zur Lanzenpflege» beginnen. Niemals! Oder?
«Was zählt, ist das verkaufte Papier»
Leider ist Mythenmetz, Erzähler der «Stadt der träumenden Bücher», in der Fortsetzung «Das Labyrinth der träumenden Bücher» alt geworden. Erfolgreich. Und selbstzufrieden. Das Orm, sagenhafte Inspiration der Dichtkunst, hat er längst verloren: Stattdessen schwelgt er in Fanbriefen und den eigenen Werken. Letzteres tut auch Walter Moers. Seine Ideen sind zuweilen geistreich wie immer, seine Darstellung des zur Kommerz- und Eventkultur verkommenen Buchhaimer Literaturbetriebs recht köstlich. Der ganze Text aber wirkt zugleich selbstzufrieden, ja elitär: An die Stelle von neuen Bildern setzt Moers Vertrautes aus der «Stadt der träumenden Bücher», anstelle einer neuen Geschichte lässt er ein Puppentheater auf nicht weniger als 55 Seiten (!) die Story des Vorgängerbandes nachspielen, und sein 28-seitiger Exkurs über Formen des Puppetismus nimmt es an gepflegter Fadheit mit besagter «Anleitung zur Lanzenpflege» auf. Das Spiel mit Anagrammen treibt er so exzessiv wie nie – geht dabei aber über ein blosses Aufzählen nicht hinaus. Ein neues Publikum gewinnt Moers damit sicher nicht, geschweige denn ein junges. Und wenn er das lahme Werk nach 427 Seiten mit den Worten «Hier fängt die Geschichte an» als blosse Einleitung zu Band 3 deklariert, treibt er ein heikles Spiel mit den Fans.
«Um Geld zu verdienen brauchen wir keine grandiose, makellose Literatur», sagt Impresario Phistomephel Smeik in der «Stadt der träumenden Bücher». «Was wir brauchen ist Mittelmass. (…) Immer dickere, nichtssagendere Bücher. Was zählt, ist das verkaufte Papier.» Ist Moers’ Orm-loses Buch letztlich als konsequente Realsatire auf jene Marktmechanismen zu lesen, die er so gern kritisiert? Doch selbst wenn, der Preis für diesen Scherz wäre zu gross: Weil er auf Kosten der LeserInnen geht. Denen hat Mythenmetz Folgendes versprochen: «Von nun an wollen wir wieder alles teilen, Freude und Leid, Gefahren und Geheimnisse, Abenteuer und Abendbrot. Wir sind wieder eine verschworene Gemeinschaft.» Walter Moers täte gut daran, das im dritten Band zu beherzigen.
Manuela Kalbermatten
Buch&Maus 4/2011, S. 14